Czytaj książkę: «In die Transitzone»

ELENA MESSNER
IN DIE TRANSITZONE
ROMAN

INHALT
NEUIGKEITEN
ANSICHTEN
WASSERRINGE
TRANSPORT
ABMACHUNG
TEILNAHME
ZUSPRUCH
ANSAGE
RATTENGIFT
HOTEL
HINWEISE
KOTZGAS
ZUSAMMENHÄNGE
BEOBACHTUNG
TAUSCH
AHNUNG
BLUT
VERPFLICHTUNG
ANFANG
ZERSIEDELUNG
VERANKERUNG
BEISETZUNG
ZELLEN
MOBILISIERUNG
RÜCKZUG
ÜBERTRETUNG
FEHLER
RECHTSLÜCKEN
RICHTUNGEN
PROZESSE
DOKUMENTATION
KONTROLLE
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NEUIGKEITEN
Die Straße vor dem Lokal war überfüllt. Eine große Lust am Reden war zu spüren, Aufforderungen und Fragen wurden in den Beginn und das Ende anderer Sätze gerufen, Teile daraus aufgegriffen, abgewandelt, neu kombiniert – nichts blieb ohne Einschub oder Gegenargument. Wie viele Gespräche fanden da zugleich statt, schnitten sich gegenseitig ab, griffen ineinander? Das gedämpfte Rauschen der Klospülung im Inneren des Lokals war zu hören, dann das Knallen einer Tür, das Zurren, als eine Frau den Reißverschluss ihres Anoraks öffnete, Möwengeschrei und immer wieder das kurze Zischen beim Öffnen der Bierdosen oder das Knackgeräusch, wenn jemand eine Dose zerknüllte und in die Straßenecke warf. Ein paar Straßen weiter waren Felsenbuchten zu sehen, Häuser direkt auf Stein gebaut, eins ans andere gedrängt, dazwischen die Haustore oder Durchgänge zu kleinen Innenhöfen, verbunden durch nur halb asphaltierte, buckelige Wege, Hunde schliefen vor der Bar, die Mauern daneben waren von Sprayern eingefärbt worden, da hingen auch Werbeblätter für einige Bücher.
Eine Frau, offenbar die Besitzerin, kam auf die Straße hinaus, rauchte vor der Bar, nahm zwischendurch kleine Schlucke aus ihrem Glas, sie hatte ein dunkles Gesicht, ursprünglich weiße Haut, die von der Sonne verbrannt war. Aus ihrer kurzen Hose ragten die nackten Beine hervor. Danach kehrte sie mit einer kleinen Kreisbewegung zurück hinter die Theke, wo eine Karaffe Wasser und mehrere Tassen Espresso standen, jemand hatte sie wohl zubereitet, aber dann vergessen. Mehrere kleine Löffel lagen am Serviertablett daneben. Kurz stand sie im Duft des kalten Kaffees, ging wieder hinaus, um jemandem etwas zuzuschreien, stellte sich dann mit dem Telefon in der Hand in den Lokaleingang. Andauernd zerrte sie an ihren Locken, schob sie hinters Ohr, zog an einem ihr angebotenen Joint, blieb mitten in einem Witz stecken, den sie hustend ausstieß, gemeinsam mit dem weißen Rauch aus ihrem Mund. Sie wurde bloß mit »Nat!« angesprochen, ohne Beiwerk, ohne lange Anrede, ohne Grußwort, als wäre mit ihrem Namen alles gesagt, niemand schien sich an sie wenden zu können, ohne gleich lauter werden zu müssen, und auch sie richtete sich fast ausschließlich mit kurzen Ausrufen an die Leute, die alles um sie herum am Laufen zu halten schienen: »Ha!«, schrie sie, »Du!«, »Weg da!«, »Komm her!«, »Lass das!«, »Stopp!«, »Komm schon!«, »Sicher nicht!«, »Los!«
Die Frauen gingen von der Straße ins Lokal, setzten sich kurz auf die aufgestellten Hocker, stellten sich an das verstimmte Pianino in der Ecke, spielten darauf, tanzten ein paar Schritte, wollten wieder hinaus und drängten sich an der Besitzerin vorbei. Wein, kalte Pizzastücke und eine Plastikschale mit Chips und Erdnüssen wurden herumgereicht. Auf der Straße spuckte eine Frau, nachdem sie sich eine der Erdnüsse in den Mund gesteckt hatte, auf den Boden und warf ihr Haar zurück. Tiefe Falten führten von ihren Augen bis zu den Mundwinkeln.
Ein junger Mann sah ihr zu, stand eine Zeit lang unentschlossen vor der Bar herum, dann noch unentschlossener im Bareingang, den die Besitzerin gerade wieder freigemacht hatte.
»Heiß? Angst, reinzukommen?«
Man schubste ihn in das schwüle Innere des Lokals.
Sein Akzent und die höflich gewählten Worte, auch die Unsicherheit in der Stimme erregten sofort leises Kichern, als er fragte: »Bekommt man hier etwas zu trinken, ich bitte Sie sehr?« Kommentarlos drückte man ihm ein Bier in die Hand, und er setzte sich, legte seinen Rucksack zu seinen Füßen ab, danach bekam er Wein von einigen Frauen, die bald zu dritt um seinen Tisch herumstanden, auf ihn hinuntersahen: »Zigarette? Noch ein Bier?« Eine beugte sich nah zu ihm: »Massage?« Die Besitzerin wollte sie wegscheuchen: »Lasst ihn in Ruhe.«
Zu spät, zwei der Frauen hatten sich schon neben ihn gesetzt, auf Hocker, die sie unter seinem Tisch hervorgezogen hatten. Eine packte eine Stange Slim-Zigaretten aus und sagte: »Kann ich die gegen etwas eintauschen. Magst du?« Sie riss ein paar Zigarettenpackungen aus der Stange, wie man das Ende eines Baguettes abreißt, und er reichte ihr nach einem kurzen Wortwechsel ein paar Münzen, danach steckte er seine Gelbörse wieder in die Hosentasche. Die andere sah zu, schüttelte den Kopf, meinte zu ihrer Freundin, dass sie den Jungen nicht ausrauben solle: »Der kommt sonst nicht wieder«, daraufhin warf ihm die Erste genervt eine weitere Packung zu, ließ sie hoch durch die Luft fliegen: »Zufrieden?«
Er reagierte zu langsam, die Zigaretten fielen zu Boden, und er musste sie aufheben.
Wie konnte man so schmutzige Hände haben?
Die Frauen versuchten, den Mann zum Lachen zu bringen, sagten ihm immer mal wieder ein paar Schmeicheleien und Schweinereien. Zwischendurch ignorierten sie ihn und redeten nur miteinander. Andere Gäste kamen, und sobald sie den Jungen entdeckt hatten, sahen alle zu ihm herüber. Die Frauen, die ihn als Erste gesehen hatten, bauten aber mittlerweile mit ihren Körpern eine Art Mauer um ihn auf, und es war nicht klar, ob dies seinem Schutz dienen oder ihn mit Gewalt in ihrer Mitte halten sollte.
Ein Mann mit Gitarre kam ins Lokal, spielte ein Lied, die Musik aus den kleinen, scheppernden Lautsprechern war verstummt, und es war ruhiger geworden.
Mehrere Uniformierte waren durch den Lokaleingang zu sehen, sie drängten sich auf der Straße, kamen dann ebenfalls herein, scherzten mit einigen der Frauen, die sie zu kennen schienen. Sobald sie ihnen den Rücken zuwandten, verdrehten diese die Augen, eine sagte flüsternd zu ihrer Freundin: »Mit einem von denen, würdest du?« – »Sicher nicht, und wenn er’s mir zahlen würde.« Sie lachten, stießen sich gegenseitig an; eine sagte zu dem jungen Mann, der sie beobachtet hatte: »Das Klo ist da hinten.«
Die zu einem Haufen zusammengedrückten Schleifpapierstücke, die er in der kleinen Toilette im Nebenraum vorfand, waren unbrauchbar, feiner Sand bröselte aus der rauen Oberfläche des nass gewordenen und danach getrockneten Papierklumpens, als er einige Schichten voneinander zu lösen versuchte. Durch die dünnen Wände und das kleine Klofenster hindurch war die Gitarrenmusik zu hören. Die Spülung im Klo war falsch eingestellt, er wurde mit Wasser bespritzt, wusch sich lange die Hände, ging zurück in den Gastraum, da applaudierte man gerade heftig: »Bravo, bravo!« Der Gitarrist ging wieder nach draußen, stellte sich etwas abseits, hin zu ein paar jungen Frauen, die mitsangen, während eine immer wieder ausrief: »Schön ist das, als ob es dir die Brust und dahinter das Herz zerreißt.«
Es gab sofort viel Gerede, als der junge Mann seinen Platz am Tisch wieder einnahm. Einer der Uniformierten, ein hochgewachsener, schwarzer Mann, der als Einziger nüchtern schien, sah zu dem Neuen herüber, aber der merkte es zunächst nicht, es waren schon viele Blicke auf ihn gerichtet, und die Leute prosteten ihm von überall her zu.
Eine der Frauen schenkte ihm nach, fragte: »Heute erst in der Stadt angekommen?«, und es folgten Zurufe und Fragen, die sofort weitergetragen wurden: »Neu in Makrique?« – »Das ist ja was.« – »Daniel heißt er.« – »Wie?« –»Daniel.« – »Ist der wirklich neu in der Stadt?« – »Was macht er hier?«
Der große Mann in Uniform hatte, als er den Namen des Fremden mitbekam, ein, zwei Schritte auf sie zu gemacht. Sein Ton vertrieb sofort ein paar der Frauen, als er fragte: »Auf Durchreise, Daniel?« Er wartete kurz und schob dann nach: »Bleibst du, Daniel?«
Etwas in seiner Stimme oder etwas in seiner Frage klang hart nach, außerdem betonte er den Namen des Fremden zu stark.
Der Angesprochene sah sich um, oder eigentlich sah er bloß weg vom Mann, und da war ein plötzliches Misstrauen, mit dem ihn viele betrachteten. Der Schwarze fragte wieder nach, diesmal auf Englisch: »Passing by?« Er wartete, probierte andere Phrasen: »Staying? Just Passing? Going through?«, und noch einmal: »Do you stay?«, sprach in der Landessprache weiter: »Warum bist du gekommen?«, bis endlich eine kurze Antwort kam, etwas in der Art wie: »Ich soll es mir ansehen«, auch die Worte »Information« und »Zusammenarbeit« fielen, und dann noch: »Küstenwache« und »Hafenamt«, was wieder Gemurmel und Gerede auslöste: »Schscht, der redet so leise.« – »Verstehst du ihn?« – »Hey, Kleiner, verstehst du uns? – »Versteht ihn irgendwer?« – »Sollen wir langsamer reden?« – »Understand?« – »Lasst ihn in Ruhe!«
Der Uniformierte beugte sich weit hinunter, schob seinen kahlrasierten Kopf vor den des Fremden und forderte ihn wie zur Strafe, weil er weiterhin keine eindeutige Antwort gab, auf: »Zeig uns deine Papiere.«
Kurz gab es einen Aufruhr, dann Scherze und Lachen, der Schwarze wurde zur Seite geschoben, während er feierlich, als hätte er diese Entdeckung als Erster gemacht, verkündete: »Hmnagut. Der versteht nicht gut, ist neu in der Stadt. Er hat hier etwas zu tun.« Seine Stimme war nun fast besorgt, als täte es ihm leid, dass er zuvor einen falschen Ton angeschlagen hatte.
Das machte die Sache auch nicht mehr gut, Daniel war verunsichert, während ihn einige weiter ausfragten: »Kommst du aus Überzeugung?« – »Kennst du jemanden hier?« – »Gefällt dir, was der neue EU-Kommissar beschlossen hat?« – »Was interessiert dich an Makrique?« Er zuckte als Antwort auf alle Fragen nur mit den Schultern oder sagte ab und zu etwas Ausweichendes.
Er fühlte sich schon erschöpft, bevor er richtig angekommen war. Warum fragten sie ihn gleich solche Dinge, offen und aggressiv? So wie sie schnatterten, blieb kein Platz für ein echtes Gespräch.
Aber sie ließen ihn nicht in Ruhe, es ging ständig so weiter, und alles, was er widerwillig über sich erzählte, wurde multipliziert und diskutiert: »Er ist nur auf Besuch?« – »Auf Besuch ist er!« – »Kooperation sagt er.« – »Na, dann.« – »Du willst wirklich in der Stadt bleiben?« – »Der will bleiben und mittun.« – »Gefällt’s dir bei uns in Makrique?« – »Das Meer mag er!« – »Aus dem Norden? Ihr habt doch auch im Norden Zugang zum Meer.« – »Ich geh nur noch ans Meer, um mich auszufurzen.« – »Deswegen ist er gekommen?« – »Er meint doch wegen der Meeresgrenze.« – »Hab’s nicht verstanden.« – »Er sagt, Makrique taugt ihm.«
Auf jeden Kommentar folgte zumeist noch eine Beleidigung oder ein Schimpfwort, an niemand Bestimmtes gerichtet, sondern an die Anwesenden insgesamt. Die waren zueinander nicht gerade höflich, warum sollten sie es dann zu ihm sein, tröstete er sich selbst.
Die Besitzerin stellte sich neben ihn, stand mitten im Geschnatter und den Rufen, holte eine zerknitterte Visitenkarte aus ihrer Hosentasche: »Nimm!« Auf der schwarzen Karte war in pinker Kursivschrift ihr Vorname geschrieben, Nathalie, darunter in Gelb einige Zahlen und in Blau eine Adresse, all dies war durchgestrichen worden, darüber handschriftlich ein anderer Straßenname und andere Zahlen eingefügt. Daniel steckte die Visitenkarte ein.
Der Uniformierte hatte sich endlich weiter abseits hingestellt, er nickte ihm aus der Entfernung mehrmals aufmunternd zu, merkte dabei genau, dass seinem Blick ausgewichen wurde, und rief durch den Raum: »Nat, du solltest Tassioni Bescheid geben!«
Ihre Antwort blieb knapp, über mehrere Köpfe hinweg: »Die wird es schon noch erfahren«, aber der Schwarze schrie, wieder nur an sie gerichtet, als sei der, um den es ging, gar nicht da: »Wissen Malika und Hakim schon von ihm?«
Auch diesmal blieb Nat kurz angebunden: »Die Mokaddems werden es herausfinden, wenn sie es herausfinden.«
Die Fragen gingen derweilen weiter im Kreis, richteten sich an alle und an den Neuen: Wie er die derzeitige Situation in Europa einschätzte, was er von der Welt dachte, in der sie leben mussten, warum er allein, ob er überhaupt allein hergekommen war?
Immer wieder wehrte Daniel die Fragen der Umstehenden lächelnd ab und sagte mehr als einmal: »I’m just visiting«, und dann später etwas Gegenteiliges, als sei er sich selbst nicht sicher. Auch zuckte er weiterhin mit den Schultern und versuchte, nicht zum Uniformierten hin zu schauen, der ihm zuzwinkerte und dreimal eine Geste wie zum Gruß – oder als Warnung?, als Drohung? machte: Er tippte sich mit zwei Fingern an die dunkle Stirn, formte mit dem Mund den Namen: »Daniel«, und deutete mit beiden Daumen nach oben.
Wie konnte es sein, dass sie einfach nicht von ihm abließen?
Seine Antworten blieben recht allgemein: dass er aus dem Norden gekommen war, dass die Lage sich auch bei ihnen nicht verbessert hatte, aber auch nicht verschlechtert, dass er mit der lokalen Küstenwache seit Längerem in Kontakt war. Er nannte einen Namen, niemand reagierte darauf. »Zwecks Zusammenarbeit!«, das Wort wiederholte er noch einmal, als ob er nun doch Lust hatte, sich darüber auszutauschen, aber keiner reagierte darauf. Er unterbrach sich beim Reden mehrmals selbst, um hastig zu trinken, und kniff dabei die Augen zusammen, als ob er sich nur schwer konzentrieren konnte.
Nachdem er nun doch, wenn auch stockend, zu sprechen begonnen hatte, ließ die allgemeine Neugierde rasch nach. Nur wenige Leute ließen sich von seiner Art zu reden, von seinen langen Pausen und seinem Akzent nicht abschrecken und blieben bei ihm sitzen. Die Frauen waren bald wieder draußen, sie lachten und sangen.
So leicht war das also?
ANSICHTEN
Eine Wendeltreppe aus Stahl führte nach oben, in eine kleine Wohnung über der Bar. Daniel stand in einer Küche, die mit Geschirr vollgestellt war. Durch eine Tür sah er ins Badezimmer, dort waren überall Gläser und Fläschchen aufgestellt, die matt glitzerten, als wären sie mit Schleim oder Öl gefüllt. Nur wenig Licht fiel durch ein kleines Fenster herein, er trat näher und sah auf die Straße. Eine der Frauen, die mit ihm geredet hatten, stieg gerade in einen quer neben dem Lokal geparkten Laster, der über und über mit Sprüchen besprayt war.
Nat zog ihn ins Wohnzimmer, warf ein paar Bücher und Socken vom Sofa und setzte ihn dorthin. Vor der großen Fensterfront, von der aus man auf die Dächer der Häuser gegenüber schaute und dahinter das Meer im Dunkeln erahnen konnte, stand ein breiter Abstelltisch. Er entdeckte einen großen Haufen Fotografien von Menschen auf Schiffen, die mit geschlossenen Augen auf die Welle warteten und just in der Sekunde, bevor sie ihnen ins Gesicht platschen würde, eingefangen worden waren, Bilder von Ruder-, Segel-, Motorbooten mit Werbeaufschriften, Fahnen in Rot, Blau, Weiß, kleine Gestalten, die unter ihnen herauswuchsen. Immer wieder war Wasser abgelichtet, das gegen Holz, Metall, gegen die gläsernen Windschutzscheiben der Motorboote schlug, viele Schnappschüsse von Menschen, die an Segeln zerrten. Hunderte, wenn nicht Tausende Fotografien musste sie gemacht oder zusammengetragen haben, einige mit dem gleichen Motiv. Sie wühlte in ihnen, deutete auf eine, zog eine andere hervor, tauchte mit beiden Händen in den Haufen, um ein neues Bild herauszufischen, während sie mit ihm sprach, ihn fragte: »Schön, oder?«, auf eines der Fotos deutete: »Fest des Windes«, oder: »Von der Regatta letztes Jahr« und ihm vorschwärmte: »So ein Wochenende hast du noch nicht erlebt«, »Das war vielleicht was«, »Das sieht man einmal und nie wieder.«
Dabei zog sie ihn kurz an sich. Die enge Berührung tat ihm gut, aber sie sagte gleichzeitig mit strenger Stimme: »Denk bloß nicht, dass alle in der Stadt mit unserem Aktionsplan einverstanden waren. Viele haben uns im Stich gelassen und sind in den letzten Wochen einfach ausgereist.«
Nach einer Pause ließ sie ihn wieder los und führte die Bierflasche an die Lippen: »Was ja nichts Neues ist«, fast pfiff sie den Satz in ihr Bier, zog weitere Fotografien hervor, scheinbar wahllos, aber jedes Mal war doch etwas darauf zu sehen, was sie ihm zeigen wollte. Eine Serie schob sie achtlos beiseite: Sie zeigte eine Frau, die sich ein schwarzes Tuch um den Kopf geknotet hatte, sich damit zugleich den Mund verband. Dieselbe Frau auf anderen Fotos, wie sie sich – offensichtlich am selben Tag – das Tuch um die Augen gebunden oder um den Hals gelegt hatte und eine Grimasse schnitt, als wäre sie am Ersticken. Sie stand an einem Hafen, auf manchen Fotos war im Hintergrund eine Menschenmenge zu sehen. Mal hatte sie sich das Tuch um die Schultern gelegt und lächelte, mal hielt sie es in der zur Faust geballten Hand.
Als Nat bemerkte, dass Daniel gerade diese Bilder genauer betrachtete, hielt sie inne und meinte: »Das ist Marguerite Tassioni. Musst sie unbedingt kennenlernen, wenn dir an Kooperationen gelegen ist. Die sieht recht daneben aus, ist sie aber nicht.« Dabei deutete sie auf eine Nahaufnahme, auf der die Frau das Tuch in den Wind hielt, eine kleine schwarze Fahne, im Hintergrund das Meer. Andere Fotos zeigten sie als schmalen Strich in einer Menge, umringt von Menschen, und dahinter Boote, die im Hafen lagen.
Sie stand auf, holte und öffnete ein zweites Bier, obwohl sie das erste noch nicht ausgetrunken hatte.
»In letzter Zeit sind viele weggegangen. Und du kommst uns also besuchen?«
Jetzt gingen die Fragen wieder los, ähnliche wie die, die ihm die Menschen unten im Lokal gestellt hatten: Wie er hergekommen sei, ob er zu Fuß unterwegs sei, ob sie ihn an den Grenzen einfach durchgelassen hätten. Hatte sie ihm nicht zugehört, als er den anderen schon so vieles zu erklären versucht hatte? Sie fragte immer weiter, drängte ihm das geöffnete Bier auf: »In der Nacht gereist? Und den ganzen Tag? In der Hitze?«
Bevor er antworten konnte, lachte sie über die Nahaufnahme eines vom Kreischen verzerrten Kindergesichtes, das von einer Welle erwischt worden war, und er ahnte, dass sie ihm keine echten Fragen stellte, nur höflichkeitshalber vorgab, etwas über ihn erfahren zu wollen, denn zu Wort ließ sie ihn nicht wirklich kommen. Als sie sich einen Joint drehte, bot sie ihn auch ihm an, er lehnte ab. Sie deutete wieder auf ein Foto. Darauf war ein Surfer zu sehen, der ins Wasser gefallen war und sich an seinem an der Meeresoberfläche schwimmenden Segel festhielt. Die Fotografin hatte genau in dem Moment abgedrückt, als er auftauchte und Wasser spuckte.
Noch einmal servierte sie ihm kalten Couscous und Käse und fragte, ob er einen Kaffee dazu wolle. Er nickte.
»Echten Kaffee gibt’s nicht, nur Pulver. Willst du?«
Er schüttelte den Kopf, sie zuckte mit den Schultern: »Dann eben nicht.« Und gleich darauf sagte sie, sie sei müde.
Vor der Haustür standen sie kurz herum, sie redete, er schulterte den Rucksack, sie küsste ihn auf beide Wangen, erklärte ihm den Weg in die Innenstadt, steckte sich dabei eine Zigarette in den Mund und redete nuschelnd weiter darüber, wie er am besten zum Hafenamt käme, wobei sie noch sagte, dass er überall schlafen könnte, denn viele Häuser stünden leer.
Den Weg zur Küstenstraße fand er leicht, dankbar für das Halblicht, das den Morgen ankündigte.
Wo er auch hinsah, saßen Männer auf der Straße – sofort war er sich sicher, dass es die Hafenarbeiter sein mussten, über die so viel in der europäischen Presse geschrieben worden war. Ihre Blicke waren ihm unangenehm, sie sahen ihn mit eingeübtem Gleichmut an und wirkten gebrechlich, waren wahrscheinlich schon pensioniert oder nach jahrzehntelangem Schuften früh gealtert. Er ging an einem Monument vorbei, zu dessen Füßen besonders viele saßen, ein Triumphbogen für die Orienttruppen im Großen Krieg, dahinter der blaue Abgrund, das Meer. Die Männer hockten auf den Bänken unter den steinernen Figuren, die im Morgenlicht wie erstarrte Schatten aussahen, Daniel musste die Augen schließen; vom Blick in die Sonne, die hinter den Dächern hervorkam, wurde ihm schwindelig.
Jetzt nicht schon den ersten Fehler begehen, der dann den nächsten und wieder nächsten nach sich ziehen würde.
Das Gemurmel klang kehlig, tief aus dem Hals hervorgepresst. Zwar sahen die Männer, zumindest empfand er das so, alle gleich aus mit ihrer dunklen Haut, aber im Vorbeigehen merkte er, dass sich hier mehrere Sprachen mischten. Waren das Nordafrikaner, Italiener?, Spanier?, Griechen vielleicht? Sahen in Makrique alle alten Männer so aus? Die Gesichter blieben weiterhin auf ihn gerichtet, sie sahen ihm von den Sitzbänken aus zu, einer deutete mit seinem Spazierstock auf ihn und schüttelte den Kopf. Sie beobachteten ihn, nippten an ihren mitgebrachten Teebechern. Als wären sie einfach sitzen geblieben in ihrem Ruhestand, der vielleicht nicht gerade großartig war, so als Lebensabschnitt, danach kam ja nicht mehr viel, der aber sicher auch viel schlimmer hätte sein können, und außerdem: Das Leben davor konnte auch nicht viel besser gewesen sein. Auf staubigen Autobahn-Baustellen und in Bussen, das Übliche, man kannte das ja, auf Gerüsten und in Kränen, ständig mit dem Ziel, etwas zur Seite zu legen, damit man bald nach Hause zurückkehren konnte, und dann war man dennoch in dem Blech oder Beton der Arbeitersiedlung geblieben. Anfangs das Übermaß an Arbeit, das späte Nachhausekommen, und jetzt das Übermaß an freier Zeit, das Sitzen vor dem Glas Tee, vielleicht ein Domino- oder Kartenspiel, ein Spaziergang entlang der Küstenstraße.
Die Alten waren wirklich überall, und das um diese frühe Uhrzeit schon. Sie wirkten anders als die Uniformierten, die er in der Bar kennengelernt hatte, diese von Alkohol und Witzen aufgeblasenen Kerle, die sich ständig auf die Schultern und den Rücken geschlagen hatten, dabei die weit offen stehenden Münder in ihren Gesichtern. Mit Ausnahme des großen Schwarzen, der nicht getrunken hatte, der ihm diese seltsamen Blicke und Grußgesten zugeworfen hatte und ihn genau so beobachtet hatte wie jetzt die Männer, an denen er vorbeiging.
Da war er wieder, der leichte Verfolgungswahn, der auch schon in ihm hochgestiegen war, als er den Blick des Uniformierten gefühlt hatte. War das nur der Rest von Alkohol in seinem Blut oder die Folge des Schlafmangels?
Vor ihm lag der Stadtstrand, von dem Nat ihm erzählt hatte. Der Weg stimmte zumindest, der Stadtkern konnte also nicht mehr weit sein. Er sprang über das Gerüst und landete im weichen Sand, der bei jedem Schritt nachgab, was ihn beim Gehen ziemlich anstrengte.
Das Meer sah aus der Nähe ruhig aus, es hatte keinen richtigen Schwung, wirkte aber angenehm frisch. Sich hineinwerfen, um den Schmutz von seinem Körper zu waschen? Er konnte sich nicht dazu überwinden, obwohl der Morgenwind warm war, und vergrub die Hände in den Taschen seines Kapuzenpullovers. Der Wind trieb weiße und blaue Plastiksäcke über den Sand, ließ die Türen zu den Umkleidekabinen hin- und herschwenken, bunte Blasen ploppten vor Daniels Augen auf, Kinder im Sand und ihre Eltern, die barfuß umherliefen, Plastikspielzeug und farbige Badehandtücher, aber das verging schnell wieder. Neben dem Sandstrand ragten Felsen aus dem Meeresboden, und darauf war eine Betonformation gesetzt, die an einen Pilz erinnerte, Metalldrähte und aufgerissenes Plastik ragten aus der Platte hervor. Auf der anderen Seite erkannte er die Ruine eines Gebäudes, das zu einem Schwimmklub gehört haben musste, halb abgerissen, mitten in den Renovierungsarbeiten hatte man gestoppt. In Beton eingelassene Glasfronten, auf mehreren Terrassen umgestoßene Liegestühle, die Pools waren lange nicht mehr frisch aufgefüllt oder gereinigt worden, es sammelte sich schimmliger Belag auf den Böden, und in einigen stand dreckiges Regenwasser, das nicht abgeronnen war.
Im Grunde ein schöner Strand. Und doch gab es wahrscheinlich nicht viele Orte, an denen man sich fremder fühlen konnte.
Ob es an ihm lag?
Die allgemeine Verlassenheit erinnerte ihn an die Zollstation und den Kontrollposten, wo er gestern auf dem Weg in die vom Binnenland abgetrennte Stadt aufgehalten worden war. Diese letzte Grenze, die er hatte passieren müssen, war kaum gesichert gewesen, und große Teile des Drahtzaunes waren zerschnitten, man merkte rasch, dass die Grenzanlage aus noch andauernden Konflikten hervorgegangen war, dass sie provisorisch hochgezogen und dann vernachlässigt worden war. Obwohl sie sicher von irgendwelchen Kartographen noch nicht fertig berechnet und endgültig festgelegt worden war, standen da zwei Kontrolleure in Uniform neben einer rot-weiß-gestreiften Schranke vor der Hinweistafel: »You are entering a border area!«, über das jemand den Spruch: »You are leaving our free international area to defend!« gesprüht hatte.
Man hatte ihm abgeraten, sich vom Norden her zu nähern und am Atomzentrum vorbeizugehen, wegen der Polizei, der Feuerwehr und dem Militär. Vom Süden her sei es leichter, da wurden die Stadtgrenzen weniger streng bewacht. Beide waren aber nichts im Vergleich zu den Grenzen zum Mittelmeer hin, die schon durch ihre Erscheinung deutlich machten, dass es ihre Funktion war, die Küstenabschnitte, die man für »sensibel« hielt, komplett abzuriegeln.
Das Meerwasser und der moosige Belag in den Pools riefen ihm mehr und mehr Bilder der letzten Tage ins Gedächtnis. Viele Male war er von Polizisten aufgehalten worden, die sein Gepäck kontrollierten, noch bevor er auch nur in die Nähe der Stadt gekommen war. Niemand hatte aber ernsthaft versucht, ihn von der Einreise abzuhalten, wahrscheinlich, weil er aus dem Landesinneren kam, nicht vom Meer her, und obendrein einen gültigen europäischen Pass hatte. Ein dicker Kontrolleur, der einen gutmütigen Witz machen wollte, hatte zwinkernd auf seinen großen Rucksack gedeutet: »Ihre Geldbörse, nehme ich an?«, und danach beinahe mitleidig geseufzt: »Sind Sie sicher, dass Sie nach Makrique weiterreisen wollen?«
Im Sand steckte eine Spielzeugschaufel, daneben eine kleine Plastikgießkanne. Mit den Füßen schob er sie leicht an, spürte den Sand in seinen Schuhen, die brennende Blase, die aufgeplatzt war und in die das zermahlene Gestein eindrang.
Die Umgebung wirkte durch das sich ausbreitende Licht wie ausgebleicht und beruhigte ihn, denn es passte nicht zu den Eindrücken der letzten Monate, dem ganzen Mischmasch aus offiziellen Empfängen, Besprechungen mit Inlands- und Auslandsgeheimdiensten, gehetzten Verhandlungen und Deklarationspapieren, Hoffnungen auf eine endlich gültige Strategievereinbarung, auf die nächste positive Evaluation oder sonst was. Und hier dagegen diese Sanftheit vor seinen Augen, welch ein Widerspruch.
Warum hatte er »Ja!« gesagt zur vorgeschlagenen Dienstreise? Die vielen entnervten Berater, die Vertreter von Menschenrechts- und Entwicklungshilfebehörden, Beamte, die zu ihnen in die Büros kamen, Fragen stellten, überflüssige Debatten anzettelten, Berichte einforderten oder als Vorschläge getarnte Befehle weitergaben, da begann man sich eben für die Vorgänge zu interessieren.
Als die Idee eines Vernetzungstreffens im Süden Europas in der Sitzung aufgekommen war, hatte er – und zwar als Einziger! – seinem Vorgesetzen erklärt, er habe die nötigen Sprachkenntnisse und das Know-how dafür, nämlich Erfahrung im Umgang mit Kommunikationssoftware für internationale Behörden. Obschon er rasch gemerkt hatte, dass man ihm ohnehin von allen Seiten zunickte, hatte er noch hervorgehoben, die Koordination des Austausches von Feuerwehren und Wasserwachten sei zu Ausbildungszeiten sein Schwerpunkt gewesen und das Wissen über integrierte Datenbanken sowie das Sammeln von Informationen zu technischen Fragen solcher Projekte mittlerweile sein Spezialgebiet. Am Ende bedrängte er den Chef und betonte mehrmals, er sei der Richtige für den Job.
Seine Erinnerungen lösten sich auf, jetzt bemerkte er auch den Uringeruch, den der Wind mit sich trug. Am Strand stehen zu bleiben schien ihm nun doch ein wenig lächerlich, so auf halbem Weg, nur weil der Ausblick schön war. Er musste das Gebäude der Küstenwache finden beziehungsweise das der Schifffahrtsbehörde, oder wie auch immer die Kollegen sich hier nannten. Auf einem Papier hatte er sie als »Kompanie für maritime Sicherheit«, auf einem anderen als »Meeresgendarmerie« gelistet gefunden, gemeint war wohl beide Male dieselbe Freiwilligenbrigade, die sich in der Stadt in den letzten Monaten formiert hatte. Man kam ja mit den vielen Namen ebenso durcheinander wie mit den neuen Gesetzen.
Zurück auf der Küstenstraße verscheuchte er mehrere magere Katzen, die ihn mit gesträubtem Fell anfauchten und den Weg freimachten, um sich, sobald er vorbei war, wieder zusammenzurollen und zu Füßen der Mauer in Schatten zu verwandeln.
Daniel war überrascht, als der Hafen vor ihm lag, leerstehende Imbissbuden, kleine Cafés, Fast-Food-Ketten, auf dem Uferbeton übereinandergestapelte Plastikstühle und Plastiktische, wie ineinander verkrochen; Tische um Tische gruppiert, Stühle um Stühle, als hätten sie sich von ihren früheren Ordnungen zu befreien versucht. Die Vitrinen und Fensterfronten der Bistros, Pubs und Restaurants glitzerten schon in der Morgensonne, überall lag Müll.
Etwas weiter weg sah er eine Festungsanlage, und daneben endlich den ehemaligen Yachtklub, in dem, zumindest seinen vielleicht schon wieder veralteten Informationen nach, die Küstenwache untergebracht sein sollte. Er betrachtete die Boote, schon überfielen ihn weitere Erinnerungen, immer schwerer fiel es ihm, auseinanderzuhalten, was Gegenwart und was Vergangenheit war und was vielleicht schon Bilder im Schlaf. Er hatte das Gefühl, die Stadt in einem computergenerierten Raster zu sehen, als kleinen Punkt darauf sich selbst an diesem Kai, markiert in einem Viereck, auf digitalen Karten, die nur dem Handel und dem Militär bekannt waren.
Das Gebäude schien verlassen, wo waren die Kollegen? Wo waren überhaupt Menschen in dieser Stadt? Die ja im Grunde keine echte Stadt mehr war, sondern genau genommen nur noch ein Grenzstreifen, jedenfalls auf den Landkarten. Lebte niemand mehr hier? In der Presse waren so viele Gerüchte über diesen Ort verbreitet worden, es konnten doch nicht alle Zeitungsartikel so stark übertrieben oder gelogen haben, als sie berichteten, dass es hier zuging wie nirgendwo sonst.
Er ging über einen kleinen Holzsteg, um ins Gebäude zu treten, aber die Tür war verrammelt, deswegen warf er seinen Rucksack in eines der daneben angelegten Boote, stieg danach selbst hinein und wollte sich kurz ausruhen.
Man würde ihn schon nicht verhaften deswegen.
Sofort verhedderte er sich beim Hinlegen in einem Fischernetz, das zum Trocknen ausgelegt war, er spürte die Knoten und kleinen Gewichte in den Schnüren – oder waren es Schwimmer, eingenähte Korkstücke?, jedenfalls zwickten und piksten sie ihn, bohrten sich in seinen Rücken und, als er sich umdrehte, in seinen Bauch. Das Stechen und Scheuern an seinen Wangen, als er den Kopf tiefer in das Netz vergrub, um sein Gesicht vor der Sonne zu verstecken, das Kratzen auf der Haut, der leichte Geruch von Salz und Moder, auch das Morgenlicht, das ihn weiter blendete, obwohl er die Augen geschlossen hatte, das war ihm nun alles schon gleich.
WASSERRINGE
Die Haut des Mannes, der sich über ihn beugte, glänzte in der Sonne. Einige hellere kleine Flecke bildeten Muster auf den dunklen Wangen, vielleicht Narben aus der Kindheit. Nur seine Stirn war frei von Farbschattierungen oder Unreinheiten. Der Gesichtsausdruck war misstrauisch.
»Ich bitte …«, murmelte Daniel auf die Frage, was er da mache, »… bitte Sie sehr, ich will weiterschlafen, ich bitte Sie.«
»Was machst du hier?«, fragte der Mann erneut, und: »Wer bist du?« Der Schatten, den er über Daniel warf, schien riesig, jetzt rüttelte er ihn sogar an den Schultern, und Daniel gab ein flehendes Geräusch von sich. »Please …«, murmelte er, »… please …«, und wiederholte in mehreren Sprachen das Wort »Schlaf!«
Als der andere endlich verstand, dass es sich bei dem Eindringling um einen Ausländer handelte, legte er den Kopf schief, skeptisch, nicht mehr böse, sein Blick wurde weicher. Er blieb aber weiterhin so nah vor ihm stehen, als wolle er ihn nicht aus den Augen lassen. Zwei andere Kerle hüpften ins Boot, sie versuchten, Daniel hochzuziehen und vom Boot zu drängen, aber er wehrte sich, redete auf sie ein, langsam kam er zu sich.
Man wusste nicht Bescheid, sein Kontakt hatte offensichtlich niemanden vorab informiert, keiner wusste von etwas; auch nicht, als er seinen Namen sagte und erklärte, dass er eigentlich schon vor mehreren Tagen hätte eintreffen sollen, dass sich aber seine Abreise ständig verzögert hatte. Er richtete Bestellungen, Grüße, Nachrichten aus und betonte, dass es um Informationsaustausch ging, vielleicht sogar um eine künftige Zusammenarbeit, nannte noch einige Namen, aber das sagte denen alles nichts. Nach dem fruchtlosen Wortwechsel sprangen die zwei wieder an Land.
Der Mann, der ihn geweckt hatte und während des Gesprächs stumm daneben gestanden war, fragte nur: »Dann willst du also mit? Um es dir anzuschauen?«, und ging dann ans andere Ende des Bootes. Daniel lag nun wieder in der prallen Sonne und legte sich, halb aufgerichtet, schützend den Arm über den Kopf. Der Tag trug keine Spur des frühen Morgens mehr, es war bereits sehr heiß. Das Motorengeräusch ließ ihn zusammenzucken, er richtete sich noch weiter auf, rieb sich ein paar schmerzende Körperstellen, jetzt war es aber zu spät, um noch vom Boot zu springen.
Der Mann bediente beiläufig einige Knöpfe, Hebel und Schalter, zog an ihnen, verschob sie, stellte sie anders ein. Das Boot bewegte sich an anderen vorbei. Daniel wartete ab, ob ihm übel würde, und betrachtete seine in Seile und Netze verhedderten Beine. Es dauerte noch, bis er sich wirklich sicher fühlte, dann stellte er sich aufrecht hin, das ging ganz gut, er löste einige Schnüre, die sich in seinem Pullover verfangen hatten.
»Der Rucksack!«, das fiel ihm jetzt auf. »Der Rucksack ist weg!«
Es dauerte nur eine Sekunde, bis er verstand, dass er, während er geschlafen hatte, bestohlen worden war, und in dieser Sekunde erfasste ihn unvermittelt ein kalter Schauder. Zunächst dachte er an die schmutzige Wäsche, dann an sein Handy, gleich darauf fielen ihm die Geldbörse und dann der Pass ein, er griff sich an beide Hosentaschen – zum Glück hatte er die eingeschoben, alles da, alles gut! –, sein Notizheft allerdings, dachte er, war futsch, und auch die Infobroschüren, die man ihm beim Briefing letzte Woche überreicht hatte. Das war ihm aber egal, kein Gefühl des Bedauerns kam nach diesem Schreckmoment in ihm auf. Wenn er jetzt an das Telefon, das Heft und die Mappe dachte, war er sogar erleichtert und spürte, dass die Gänsehaut auf seinen Unterarmen bereits vergangen war.
Weil ihm nach dem kurzen Schock, die Hitze umso mehr zu schaffen machte, zog er seinen Pullover aus und warf ihn aufs Fischernetz. Das Baumwollhemd darunter hing zerknittert und schmutzig an seinem Oberkörper, er stopfte es in die Jeans und krempelte die Ärmel hoch. An seinen Ellbogen war die Haut an manchen Stellen wieder frisch aufgerissen, an anderen noch blutverkrustet.
Das Geräusch des Motors hatte ein paar Möwen aufgeschreckt, die laut und rhythmisch loskreischten, als riefen sie sich gegenseitig Warnungen zu. Die ganze Zeit über beobachtete ihn der Kapitän, und irgendwann stellten sie sich einander mit Namen, Lächeln und Händedruck vor. »Bakary«, wiederholte der andere mehrmals, nachdem er über Daniels Akzent gelacht hatte, und Daniel ahmte ihn nach, bis er mit der Aussprache zufrieden war. Er erzählte ein paar Witze, lachte und redete, sie wechselten öfters von der Landessprache ins Englische, es ging fast freundschaftlich zu. Das Boot tuckerte aus dem Hafen, an den kleinen Ausflugsbooten, an den Festungsmauern und an der Mole vorbei, weiter hinaus, immer mehr steigerte Bakary jetzt die Geschwindigkeit.
So also sah die Stadt vom offenen Meer her aus.
Daniel entdeckte in der Ferne die Küstenstraße, später die kleine Bucht mit der Bar, in der er gestern Abend getrunken hatte. Die Häuser waren winzige Farbpunkte, ocker, rosa, weiß, hinter dem Blau, das zwischen ihm und der Küste lag. Sie waren nicht größer als die über ihnen Kreise ziehenden Möwen. Er hielt sein Gesicht in den Wind und versuchte breitbeinig sein Gleichgewicht zu halten, wenn das Motorboot schwankte.
Bakary deutete übers Meer hin zur Stadt, kommentierte die Küstenabschnitte, plapperte: Der Strand dort, »einer der schönsten, glaub mir!«, da könne man hingehen und nichts tun als herumliegen, ins Wasser gehen, wieder in der Sonne liegen oder im Schatten unter den kleinen Sonnenschirmen. »Früher jedenfalls!«, oder drüben, noch weiter abseits, »genau dort!«, er deutete auf einen Teil der Stadt, der vom Meer aus wie ein Farbstreifen am Ufer wirkte, nein, »noch weiter links!«, das sei der Industriehafen, der vom Wasser aus nur klein zu sehen war, obwohl er eigentlich riesig sei.
Als sie sich nach längerem Schweigen wieder etwas dem Ufer näherten, lösten sich die Schatten, die Daniel aus der Entfernung für Spiegelungen von Wolken gehalten hatte, in ein Dutzend kleinerer und größerer Boote auf. Im Hintergrund war ein weiterer Stadtstrand zu erkennen, mit Bars, Duschen und Toiletten, die Farben von der Sonne aufgehellt. Mehrere der Boote gehörten wohl, ihren Farben und Aufschriften nach zu urteilen, zur Küstenwache, andere schienen Ausflugsboote oder private Kähne zu sein. Zwei Gummiboote wurden mitgezogen. Beim Näherkommen konnte er an Deck Menschen ausmachen, die sie zu erwarten schienen. Nicken, Winken, scherzhaftes Salutieren, man sprang zu ihnen ins Boot herüber, man beredete etwas mit Bakary, man wusste ebenfalls nichts von alten oder neuen Vereinbarungen.
Angeblich war Daniels Kontakt schon seit Wochen nicht mehr in der Stadt.
Rufe flogen hin und her, Anleitungen und Befehle, die Boote wurden in Formation gebracht, das Netz, in dem Daniel eben noch geschlafen hatte, wurde ausgeworfen, Ziehen, Loslassen, Wieder-Anziehen, es war riesig, die Glaskugeln und Eisengewichte glitzerten in der Sonne, einige versanken, andere schwammen. Menschen in Neoprenanzügen und mit Tauchermasken warfen sich rittlings ins Wasser, und ihr Strampeln hinterließ kleine schäumende Ringe an der Meeresoberfläche. Eines der Boote hatte einen Krahn eingebaut, der mehrfach neu eingestellt wurde, er schien nicht zu funktionieren. Auch aus den anderen Booten warf man kleinere Netze aus.
An manchen Stellen wirkte das Meer wie von der Sonne durchleuchtet, als wäre es teils weiß, teils türkis gefleckt, an anderen warfen Steinformationen am Meeresboden Kühle und Dunkelheit herauf, und auch die Spiegelungen der Boote schwärzten vereinzelt das Wasser.
Einige Schwimmer tauchten auf, riefen den anderen etwas zu, eine Frau an Bord des größten Bootes warf ihnen Leinen und Werkzeug zu. Die im Wasser nur noch als Schatten sichtbaren Menschen versuchten etwas mit Händen einzufangen, es festzubinden?, anzuschieben?, die Sicht unter Wasser musste schlecht sein, es dauerte alles seine Zeit. Man spannte Schnüre, dunkel und schwer wurde der Fang mithilfe einer schwimmenden Trage aus dem Meer gehoben, das Wasser bildete glitzernde Perlen, die von Haut und Kleidung tropften.
Daniel merkte erst nach einigen Sekunden, dass er aufgeschrien hatte; Bakary rief in Richtung der verwunderten Gesichter auf einem nahen Boot: »Er ist neu. Er hat das noch nie gesehen«, und wandte sich danach vorwurfsvoll Daniel zu: »Ich habe es dir doch gesagt.«
Die anderen nahmen ihre Arbeit wieder auf, ließen sich wieder ins Wasser fallen und tauchten ab. Wenige der Toten, die sie aus dem Wasser holten, waren unversehrt, da gab es alles: zertrümmerte Kiefer, zerquetschte Schädel, entstellte Gliedmaßen.
Er kenne das doch bestimmt, erklärte Bakary Daniel mit angespannter Stimme, die Stadtufer müssten von den Angetriebenen freigehalten werden, denn wenn sie auf den Stränden verwesten, breiteten sich Krankheiten aus. Außerdem reagierten die Menschen unterschiedlich, wenn sie auf sie stießen. »Die hier sind höchstens dreißig Stunden im Wasser gelegen.« Am Anfang habe es bei den Aktionen noch Schaulustige gegeben, aber heute interessiere das niemanden mehr. Einige Freiwillige von der Küstenwache versuchten weiterhin jeden Tag, Überlebende zu finden, aber zumeist erfolglos. Etwas freundlicher im Ton meinte er dann, manchmal kämen auch ihm beim Arbeiten noch die Tränen. Daniel wünschte sich, er würde wegschauen und aufhören, ihm all das zu erklären, was er ohnehin wusste, weil der andere aber immer weiter redete, wohl um ihn zu beruhigen, bekam er das Gefühl, es an Bord nicht mehr auszuhalten. Er stürzte sich bekleidet ins Wasser, nachdem er Bakary seine Geldbörse und seinen Pass in die Hand gedrückt hatte.
Das Meer war kalt, und die Nasenschleimhäute, das Zwerchfell und die Lunge reagierten sofort darauf. Durch die halbgeöffneten Augen sah er die Boote und den Himmel darüber. Seine Augen brannten, und es ekelte ihn, im Wasser zu schwimmen, in dem auch die Leichen lagen. Aber es tat zugleich gut, also tauchte er noch tiefer hinab und blickte in das schaumige Weiß um ihn herum. Es war schön, als versuche die Helligkeit im Wasser zunächst mit ihm zusammen abzutauchen, würde aber nach oben getragen, wo sie sich in Bläschen verwandelte, die in verschiedene Richtungen auseinandertrieben, der Oberfläche entgegen und zum Sonnenlicht hin.
Mit Armen und Beinen schob er kurz darauf seinen Körper wieder nach oben, vom Meer niedergedrückt, aber mit heftigen Bewegungen dagegenhaltend. Dann griff er nach den Händen, die ihm vom Boot aus entgegengestreckt wurden.
TRANSPORT
Der LKW war von einem pulvrigen Grau überzogen, einer Mischung aus getrocknetem Schlamm und Staub. Die Toten wurden in den Laderaum gelegt, und bald war dessen Boden vom Meerwasser nass, man ging behutsam vor, wenn es ging, und gehetzter, sobald die nächste Leiche herbeigetragen wurde. Den Tauchern half man aus den Anzügen, zwei Bootsfrauen stritten sich leise mit ihnen, Schnalzgeräusche und Surren, sie überprüften ihre Ausrüstung und die Masken, diskutierten miteinander, einer wischte sich die Augen, schüttelte immer wieder den Kopf, andere klopften ihm auf den Rücken. Die Toten wurden mit braunen Tüchern zugedeckt, und da sich die Körperreste durch den Stoff abzeichneten, wurde noch deutlicher, wo ein Kopf, ein Arm oder ein Bein fehlte. Daniel strich mehrmals über sein Hemd und seine Hose, sie trockneten bereits im Wind und in der heißen Sonne. So wie die anderen ihn mit Blicken maßen, wurde ihm klar, dass er rote Augen haben musste. Es war ihm peinlich.
»In den Wagen!«, rief Bakary durchs Seitenfenster in seine Richtung, und er stieg auf einen der Vordersitze. Zwei Typen quetschten sich neben ihn, einer der beiden zog an der Tür, die zunächst knirschte und dann mit einem Knall zufiel, daraufhin drehte er gleich die Fensterscheibe hinunter und rief, während der Wagen losfuhr, einigen Leuten am Ufer Aufforderungen zu.
Die anderen schienen sich untereinander nicht zu kennen, stellten sich der Reihe nach vor. Zu beiden sagte Bakary: »Was für ein hübscher Name.«
Niemand fragte Daniel, was er hier mache, und er war dankbar, nicht reden zu müssen.
Dem LKW fuhren ein paar Autos hinterher, die am Strand auf sie gewartet hatten, Verstärkung?, dahinter reihten sich Fahrräder und Motorroller ein. Der Beifahrer kurbelte jetzt die Scheibe des Autofensters wieder nach oben, weil der Wind ihm die schulterlangen Haare ins Gesicht warf, und danach war es, als hätte sich die Stimmung im Wagen mit einem Mal verändert. Permanent spuckten die beiden Männer in Richtung Bakary Sätze aus wie: »Was wir uns schon wieder antun müssen!«, »Hundsarbeit!« Der eine seufzte darüber, dass »es« auf die Art nicht weitergehen könnte, der andere meinte, dass »es« von Anfang an schiefgelaufen war, auch waren sich beide darin einig, dass man »es«, weil es aussichtslos war, sein lassen sollte. »Wir sind doch keine Viecher!« Es fielen auch ein paar Namen und Flüche.
Stritten die, oder war das ihre Art zu reden?
Bakary hielt die ganze Zeit über den Kopf schief, wie alt der wohl war, er hatte überall feine Falten in der dunklen Haut, nicht nur am Ellbogen, auch am Hals oder an den Knöcheln der Finger, mit denen er auf das Lenkrad trommelte. Eine Zeit lang hörte er nur zu, dann unterbrach er die beiden doch, das Gespräch schien ihm keinen Spaß zu machen, sogar aufzuregen, er meinte, es seien nicht die Hafenarbeiter, sondern es sei die Regierung gewesen, die den Hafen gesperrt habe.
Das ließ man nicht gelten: »Keineswegs die Regierung, auch nicht die Hafenarbeiter. Die Flüchtlinge, die waren es. Die haben blockiert. Und zu uns haben sie immer so schön gesagt …«, der Mann verstellte seine Stimme spöttisch, »… die Flüchtlinge werden uns näher zusammenbringen.«
Konzentrierte Ruhe in Bakarys Gesicht, der immer schneller fuhr, er sagte nur: »Nein, das ist so nicht korrekt«, was schon ausreichte, um den anderen aufzuregen: »Was aber ist mit –?«, er brach ab, begann wütend einen nächsten Satz: »Müsste man nicht –?«, und setzte noch einmal neu an: »Haben nicht gerade –?« Bakary ermahnte ihn lächelnd, er solle in ganzen Sätzen sprechen, daraufhin schwieg der Mann demonstrativ, aber auch das nur kurz, dann redete er gleich weiter, in der für Daniel schwer verständlichen Sprache der Stadt. »Naaa, ist es nicht so? Das mit den Flüchtlingen ist doch nur die Ausrede gewesen.« – »Und der Lolly-Garche? Hat der nicht mitgetan?« – »Was mitgetan?« – »Er hat erklärt, dass es keine Alternative gab, zu dem –!« – »Dem brauchst du nichts zu glauben.« – »Und der Charbonnier erst!« – »Ist doch unwichtig, mir ganz egal, was der sagt. Es wär’ besser gewesen, wenn die Gewerkschaft den Hafen nicht zuzumachen begonnen hätt’!« – »Die haben ihn nicht zugemacht, das war ja nur denen ihr Streik; zugemacht hat die Stadtregierung das Meer; oder du weißt schon, die Grenze hin zum Meer.«
Ein Weg hinaus aus dem gereizten Wortwechsel, den ungehaltenen Gesten und angespannten Mienen wurde immer schwerer. Was Daniel aus allem, was die drei redeten, heraushörte, war, dass der Zugang zum Meer jedenfalls unmöglich geworden war, jede Verbindung zu anderen Häfen gekappt, die Routen nach Afrika geschlossen. Die Marine hielt jedes Schiff an, egal aus welcher Richtung, unter welcher Flagge, mit wie vielen Menschen darauf es in die Stadt unterwegs war.
Immerhin habe es zum angedrohten Militäreinsatz nicht gereicht, meinte Bakary trotzig, aber auch das ließen die anderen beiden so nicht gelten: »Weil die Grundlage dafür noch nicht gegeben ist. Nach dem, was bislang in den Verordnungen steht, ist ein Einsatz dann möglich, wenn Makrique gegen die neuen Regelungen verstößt. Absurd, das musst du zugeben: Das Militär hindert uns dran, die Boote bei uns anlegen zu lassen. Deswegen können wir nicht anders, als uns an die Gesetze zu halten, und so bewahren die uns vor ihrer Bestrafung, immerhin. Aber so wird es nicht bleiben, da arbeiten sie längst daran. «
Der Laster polterte mit zu hoher Geschwindigkeit durch ein Schlagloch.
Einer der Mitfahrenden ergriff wieder das Wort, nachdem sich alle aneinandergeklammert hatten, jetzt schimpfte er darüber, dass die Fischerboote und Motoryachten in den Bootstankstellen oder an den hölzernen Anlegestellen in den Stadthäfen geplündert worden waren, und als Bakary wieder beschwichtigend dazwischengehen wollte, hieß es: »Red’ nicht! Ich hab’s ja selbst gesehen.« Der andere nickte bestätigend, beschwerte sich über die von Schlamm und Algen überschwemmten Uferbänke, dann redeten sie über den Industriehafen, über seinen Untergang, die verwaisten Container, die stillgelegten Kräne, die aus dem Beton ragten wie riesige gebrochene Mittelfinger, vor allem aber über die Kolonnen von Lastern, die die Einfahrten zu den Depots blockierten, weil sie seit Wochen niemand wegbrachte.
Der Wagen war in eine Straße eingebogen, die vom Meer weg und einen eng bebauten Hügel hinauf führte. Einige Autos, Fahrräder und Motorroller fuhren ihnen noch immer hinterher, die Fahrräder fielen wegen der Steigung der Straße zurück. Daniel versuchte sie durch den Seitenspiegel zu beobachten, aber Bakarys Hände am Lenkrad versperrten ihm die Sicht. Die Fahrt dauerte insgesamt nicht lange. Bevor die kurvenreiche Straße wieder abwärts führte, hielten sie an. Die Männer sprangen aus dem Wagen, Bakary klopfte an die Glastür eines Lokals, die zwei anderen schlugen sachte gegen die Fenster. Niemand reagierte.
Hinter ihnen trafen die ersten Mopeds, dann weitere Autos ein.
Wie springlebendig die Männer wirkten, während sie versuchten, auf sich aufmerksam zu machen, alles an ihnen war beweglich und kraftvoll. Das fiel Daniel jetzt besonders auf, weil er sich beim Aussteigen wieder an die Ladung im LKW erinnert hatte. Wie konnte es sein, dass ihn die Erinnerung an die Toten in diesem Moment, obwohl er noch kurz davor geglaubt hatte, ihren Anblick nicht verkraften zu können, so wenig in Schock versetzte?
Bakary schlug heftiger gegen das Glas, einige der Männer fingen an, »Hallo!«, »Hey«, »Jemand da?« zu rufen, zunächst immer noch sachte, vorsichtig, fast steif, dann immer lauter, geradezu rücksichtslos. Erst nach einiger Zeit erhob sich im Inneren des Lokals eine Frau hinter einem der Tische.
ABMACHUNG
»Was willst du?« Hinter ihr standen mehrere Frauen, sie alle hatten ihr Haar streng zurückgebunden und tauschten mit den Besuchern Wangenküsse aus, ohne dabei zu lächeln, kaum dass sie überhaupt eine Miene verzogen. Mit einigen Männern, die verspätet hereinkamen, stießen sie zum Gruß nur die Fäuste kurz aneinander. Es stank nach Schweiß und Zigaretten. Bakary hob die Arme, abwehrend, fast entschuldigend: »Etwas mit dir besprechen, Malika.«
Er sah sich um, einige der Frauen folgten seinem Blick: »Ist Hakim hier?«
Eine Zeit lang blieb es still. Eine der Frauen, die weit auseinanderliegende Augen hatte, trat zur Seite, als Malika einen Schritt zurück machte, ihre Arme ausbreitete und in mehrere Richtungen deutete: »Siehst du ihn irgendwo?«
Sie schaukelte ihren dünnen, leicht gekrümmten Oberkörper dazu, unruhig. Als sie ihnen kurz den Rücken zukehrte, war an ihrem Hinterkopf das zu vielen Zöpfen geflochtene Haar zu sehen und eine kleine kahle Fläche dazwischen, wo die braune Haut hervorblitzte, die sich dann in ihrem Nacken und auf den Schultern fortsetzte, nur abschnittsweise von einem T-Shirt verdeckt. Irgendetwas störte Daniel an ihr, vielleicht bewegte sie sich auch nur zu viel.
»Siehst du nicht, dass wir Besuch haben?«, Bakary deutete auf ihn. »Der da ist neu in der Stadt.« Ihr Nicken war schamlos gleichgültig, statt ihn zu begrüßen, sagte sie nur gelangweilt zu Bakary: »Hab ich nicht gesehen«, dann ungeduldig: »Lass mich raten? Es ist wieder wegen einer Verabschiedung?«
Es folgten Berichte, Einwände und Bitten, ein paar Fragen: Wie viele Tote? Hinweise auf deren Herkunft? Darauf, woher das Boot kam. Wie es zum Schiffbruch gekommen war. Während sie die Details ausmachten, brachte man ihr einen Kaffee, und gerade als Bakary ein Problem mit dem Transport ansprach, fragte sie, wo der Zucker sei, dabei sah sie an ihm und auch an Daniel vorbei, der sich auf einen Barhocker gesetzt hatte und über der Theke lehnte. Fast direkt vor seiner Nase stand ein Basilikumstrauch in einer bunten Keramikschale, einzelne Blätter waren verwelkt, gräulich und trocken, andere immer noch hellgrün. Er beobachtete von seinem Platz aus alles reglos. Auch Bakary sah jetzt verärgert über Malika hinweg auf etwas an der Decke, als wüsste er, dass es während der Unterbrechung keinen Sinn habe, weiter nachzufragen. Und so schwiegen alle. Nachdem man ihr ein einzelnes Stück Zucker gebracht hatte, rührte sie langsam im Kaffee, danach erst reagierte sie auf die ihr gestellte Frage, abweisend und knapp: Den Transportweg werde sie freihalten. Sie diktierte einer der Frauen den Text für eine kurze Presseaussendung, dann ging es hin und her: Das Material vom letzten Mal?, sei noch im Keller, Musik oder nicht bei der Verabschiedung?, wie viele Reden?, das sei zu viel, das werde kaum möglich sein, sie könne für nichts garantieren.
Die Frauen hinter ihr schauten abweisend drein. Die mit den auseinanderstehenden schwarzen Augen trat immer wieder einen Schritt näher an Daniel heran, verschränkte die Arme, trat wieder zurück. Selbst im dunklen Licht des Lokals zog sie alle Blicke auf sich. Im Hintergrund hingen die Bilder zerstörter Städte, daneben einige an den Rändern klebrig wirkende, abblätternde Plakate, eines davon halb auseinandergerissen, das andere teilweise übermalt; eine Afrika-Karte mit eingezeichneten Routen, darauf das Logo einer Organisation, dem jemand zwei rot ausgemalte Teufelshörner aufgesetzt hatte. Aus den Lautsprechern hinter der Theke war eine Arabisch sprechende Radiostimme zu hören, ein Ventilator drehte sich neben schmutzigen Gläsern auf der Theke im Kreis.
Bakary sagte jetzt etwas an dem Ort unpassend Zärtliches zu Malika, sie rührte sich nicht, wirkte zerstreut, unkonzentriert, es war eine Spannung zwischen den beiden, fast als sähe man ein Flimmern. Zum Glück kicherte niemand, auch wenn einige der Frauen es sich kaum verkneifen konnten. Erst einige Augenblicke später, als hätte sie sich tatsächlich in Gedanken an diese Zärtlichkeit verloren, meinte Malika, das klinge zwar nett, bringe ihr aber nichts, dazu streckte sie ihre Hand aus und machte eine auffordernde Geste, gleich mehrmals hintereinander.
Man holte Flaschen, Gemüse- und Obstkörbe, einige Schachteln Aspirin, weitere Plastiksäcke und einen Karton mit mehreren Stangen Zigaretten aus den vor dem Lokal geparkten Autos und übergab alles den Frauen. Die schienen zufrieden, es gab nichts zu kommentieren. Als das Telefon auf der Theke klingelte, reichte man Malika den Hörer, sie sagte: »Ja?« Ein Augenblick kurzer Stille trat ein, bis sie fragte: »Was?« Dann schwieg sie erneut, antwortete nur: »In Ordnung« und legte auf.
Alle redeten jetzt durcheinander, bis Bakary unterbrach: »Das ist wirklich nicht wichtig, wir müssen los!«, und Malika zum Abschied betont beiläufig auf beide Wangen küsste. Beim Hinausgehen drehte er sich aber noch mal zu ihr um und sagte: »Du weißt doch: Die Leute erwarten etwas.« Als rumorte doch die Angst in ihm, nachlegen zu müssen, wandte er sich kurz vor der Tür an Daniel, der mit ihm hinausgehen wollte: »Du bleibst hier und hilfst ihnen.«
Danach ging er weg.
Daniel ließ sich befehlen, ohne viel zu fragen und ohne viel gefragt zu werden. Mikrofonständer, Verstärker und mehrere Kabelrollen trug er aus dem Keller des Lokals hoch und stellte sie im Raum ab. Er stieg sicher mindestens dreimal die Holztreppe hinab und wieder hinauf, setzte sich dann auf die Couch im hinteren Teil des Barbereichs, um durchzuschnaufen. Das gesamte Lokal war schon vollgestellt mit Geräten, er und ein paar Frauen warteten eine Zeit lang, bis ein paar der Schlepper zurückkamen, um die Boxen und Ständer wegzubringen. Man befahl, diktierte, rief sich zu, redete durcheinander, mehrere Telefone läuteten gleichzeitig: »Den Gerichtsmediziner informieren und einen Polizeifotografen vorbeischicken!« – »Wir sollten herausfinden, wer sie waren.« – »Das Boot ist in Sirte gestartet, so viel wissen wir bislang.« – »Die Behörden in Libyen haben wir in der Datenbank. Und dreizehn Organisationen kooperieren dort mit uns. An Amnesty auch? Das Flüchtlingswerk? Wer ist dort aktiv?« – »Vielleicht waren sie davor woanders.« – »Haben wir Kontakt zu einem Antirassismusbüro oder einem betreuten Lager?« – »Die Fotos sollten trotzdem hingemailt werden.« – »Da musst du telefonieren.« – »Ans Innenministerium schreibst du persönlich?« – »Heute nachmittag.« – »Fotografiert werden sie noch, bevor sie hingebracht werden.« – »Man hat keine Pässe und Ausweise gefunden.«
Die Stimmen um ihn herum wurden langsam zu einem unverständlichen Murmeln, das er nur noch an der ihm fremd gewordenen Oberfläche seines Bewusstseins wahrnahm, es vergingen Stunden oder Minuten.
Diese Müdigkeit, dazu die Schwüle, er musste wohl eingeschlafen sein.
Man zog ihn von der Couch hoch. Was sollte dieses Drängeln, er stand ja schon, er ging ja schon, er konnte das schon selbst, »Verstehst du uns?«, der Geschmack in seinem Mund war unangenehm, und er spürte seine Arme nicht, sie waren taub geworden, als sein Kopf darauf lag. »Der versteht uns nicht.«
Nach einem Türknallen auf einmal die große Helligkeit. Er stand wieder auf der Straße, die Sonne brannte, der LKW und die Autos waren fort, man klopfte ihm auf den Rücken, und aus den grellen Bildern vor seinem Auge entstand die heiße Stadt, durch die ihn eine Gruppe von Menschen mitzog. Jemand reichte ihm Wasser, er trank im Gehen.
Einmal gut essen und dann ausschlafen wäre fein gewesen.
Sie gingen an einstöckigen Häusern und kleinen Stadtvillen vorbei, eine Steintreppe hoch, bis sich der Blick auf einen Hügel und eine Kathedrale öffnete. Kinder kletterten auf den Stufen herum und wurden von Frauen in schwarzen Kopftüchern angetrieben: »Lasst den Blödsinn!«
Der Hügel war mit Hunderten Menschen gefüllt, Motorroller und Fahrräder standen dazwischen oder waren ins Gras gelegt worden, da war auch der Laster mit den Toten, er hätte ihn fast nicht wiedererkannt, so übertrieben bunt geschmückt mit Tüchern, Blumenimitaten aus Plastik und kleinen Palmenzweigen. Die Reifen rollten über Straßenunebenheiten, dann über Gras, das zu dieser Jahreszeit einen Gelbstich hatte; die Erde auf dem Hügel war trocken. Im LKW sah er Bakary sitzen, der jetzt eine große Sonnenbrille trug und ein paar Worte in seine Richtung schrie.
Daneben gingen mehrere Frauen in langen weiten Gewändern, auch sie bunt geschmückt, mit Blumen und Zweigen im Haar, sie trugen große Körbe mit noch mehr Blumen und Tücher um den Hals. Bei dieser Hitze? Der Schweiß tropfte ihnen von Wangen und Kinn. Unter ihnen entdeckte er auch Malika, sie lief umher und gab Anweisungen. Dem improvisierten Leichenwagen hinterher ging eine weitere kleine Gruppe mit Blasinstrumenten, und hinter ihren Füßen rollten Kiesel den Weg hinab, sie wurden schneller und schneller, das erweckte den Eindruck, als löste sich die steinerne, heiße Oberfläche von der Erde ab.
Der Laster stoppte neben einer kleinen Bühne, und die Frauen machten sich daran, die Tür zum Laderaum zu öffnen. Wie erwartet lagen darin die Toten unter den braunen Decken, noch genauso aufgestapelt, wie er es an der Küstenstraße zuletzt gesehen hatte. Die Menge wuchs weiter an, Daniel wurde weggedrängt, mehrere Frauen positionierten sich neben den offenen Ladetüren, blieben fast bewegungslos stehen, sie sahen mit ihren Blumenkörben wie bewaffnete Wächterinnen aus.
Säuglinge, die über ihre Mütter und Väter krabbelten, oder kleine Kinder, die übereinanderkugelten, übermütig, niemand hinderte sie daran. Ein Mann fächelte sich mit seinem Hemd Luft zu, eine Frau verteilte Werbezettel für dieselben Buchtitel, die schon am Vorabend in der Bar beworben worden waren, »Erschlagt die Armen!«, »Die bleichen Füchse« und noch einige mehr. Mehrere Uniformierte spazierten zwischen den Menschen umher, nickten allen zu, jetzt erkannte er den kahlköpfigen Schwarzen, ein Gewehr hing ihm über der Schulter. Der hatte gestern in der Bar aber viel finsterer ausgesehen. Er schwitzte stark, schaute ernst drein, begrüßte nur ab und an einige Bekannte, tippte sich mit zwei Fingern an die Stirn, nickte, stellte ein paar Fragen oder wurde etwas gefragt. Er war groß in der Menge.
Der Lärm stieg rasch an, die Hitze auch, alles schien zu glühen, die Menschen, die Gegenstände, der felsige Grund. Daniel arbeitete sich wieder näher zur Bühne und zum LKW vor, doch die Menge hielt ihn weiterhin von den Ladetüren fern. Ein älterer Mann drückte ihm mehrere Anstecker in die Hand, dazu eine Schildkappe mit Aufdruck. Strengte ihn das alles nur so sehr an, weil er nicht ausgeschlafen war? Dieser Säugling auf dem Rücken seines Vaters, wie nervtötend er unweit von ihm loswimmerte, auf der Holzbühne trampelten Frauen und Männer hin und her, zerrten an Kabeln, riefen durcheinander, drehten an Knöpfen. Die Welt dröhnte grässlich, bis jemand ein Kabel umsteckte.
Ein Mann rief Malika eine Bitte zu, sie rief von der Bühne herab zurück: »Darum kann ich mich jetzt wirklich nicht auch noch kümmern«, und bekam als Antwort ein wütendes: »Knastschwester«, dann unterdrückte Flüche und böses Kichern, woraufhin sie die Lippen zu einem schmalen Strich zusammenpresste und in seine Richtung rief: »Verschwinde!«
Ihr Körper bog sich vor und zurück. Sie schien sich zu ärgern, oder war es etwas anderes?, jedenfalls blickte sie immer wieder unruhig in die Menge und vor allem zum LKW, schaute sich dann erneut um, als warte sie auf etwas oder könne sich nicht entscheiden, anzufangen.
TEILNAHME
Von oben hatte sie zwar einen besseren Überblick, aber dafür Schwierigkeiten, die vielen Menschen auseinanderzuhalten. War der Charbonnier schon da? Wenn er es sich bloß nicht im letzten Moment noch anders überlegt hatte. Lief alles nach Plan? Die Mädels mit den Blumenkörben schauten nicht zu ihr herüber, es schien gut zu gehen. Bakary stand nah an der Bühne, biss dort unten in eine Feige, die Lippen zum gleichen braunroten, auffordernden Grinsen geformt, das er in ihrer Jugend auch immer schon aufgesetzt hatte, wenn er im Schatten liegend abgewartet hatte, bis eine Stechmücke auf ihrer Haut lag, um kurz bevor die Mücke stach, so fest zuzuschlagen, dass es wehtat. Bloß dass sein Gesicht mittlerweile zu alt für Schelmisches geworden war, er sah furchteinflößend aus, wenn er sie so anschaute.
Als wüsste sie nicht, auch ohne Hinweis seinerseits, dass die Menschen etwas erwarteten, als hätte sie nicht selbst mit den Im-Stich-Lassern dieser Stadt genug zu kämpfen. Schlimmer noch, mit der Angst, einmal selbst die zu sein, die alle im Stich lassen würde, gerade weil sie es irgendwann satt haben könnte, ständig gegen das Desinteresse der Menschen vorzugehen, das besonders groß war, wenn es um die gemeinsame Sache ging. Von Verbesserungen war nämlich keine Rede mehr, nur vom Durchhalten. Man konnte sich jeden Tag fragen: »Was haben wir falsch gemacht?«, auch wenn man überhaupt nichts falsch gemacht hatte, und wenn man sich das nicht selbst fragte, tat es ein anderer.
Sie fände es auch schöner, vor jemandem zu stehen, sich die Bluse aufzuknöpfen, die Hose herunterzuziehen, sich streicheln zu lassen – und nichts weiter. Vielleicht hätte das für ein gutes Leben gereicht, verschwitzte Boxershorts, ihr BH daneben, die Finger im Mund, Lecken und Kratzen auf Hintertreppen. Man hätte sich die Jugend leichter machen sollen, fand sie jetzt. Gleich gar keine allzu großen Hoffnungen hegen, sich stattdessen auf das Genießen und nicht auf das Drumherum konzentrieren. Warum hatte sie überhaupt studiert? Im Rückblick waren das verlorene Jahre, überflüssige Vormittage auf der juristischen Fakultät, Nachmittage, an denen man dafür Parkplätze bewacht und alte Kleider und Schuhe verscherbelt hatte, Blinden oder Kindern Märchen vorgelesen, auf der Straße Sonnenbrillen an Touristen verkauft, im Hochsommer Massagen am Hafen angeboten hatte. Nicht eben angenehm, die schwitzenden Touristenrücken. Wozu? Für die Demütigung nach dem Studium, fast zehn Jahre ohne feste Anstellung, die kurzfristigen Honoraraufträge und schlecht bezahlten Praktika, die Aushilfsstellen?
Lauter überflüssige Gedanken, dachte sie sich, man kann es ja nicht mehr ändern. Sie hatte eben weitergemacht, geplant, hatte betreut und beraten, hatte zu allem »Ja« gesagt, zu Ideen, zu Ansinnen, zu fast jedem Projekt, auch zu jeder angebotenen Freundschaft, niemand, für den sie sich nicht Zeit genommen hatte. Dass sie in dem schlecht subventionierten Sozialzentrum die Anstellung bekommen hatte, wodurch wenigstens zwanzig Stunden Arbeit nunmehr entlohnt wurden, änderte nichts daran, dass das Wort Ehrenamt immer noch weit hinein in den Alltag reichte. All das Hickhack, nur um »unsere gute Malika« zu werden, »Malika-Bitte-Sehr«, »Malika-Danke-Schön«, die im kleinen Büro einer Zwei-Personen-Rechtsberatung hockte, Anlaufstelle für drei Initiativen, vier Vereine und für das Forschungsinstitut, kurzum für alles, was am Sozialzentrum dranhing. Dort lernte man sie kennen, die Menschen, kamen ja so einige vorbei, Nervensägen und Großmäuler, Arme und Idioten; manchmal schliefen sogar welche dort.
Es gab schönere Arbeitsplätze.
Die Eingangstür klemmte, und die Häuserfassade, die Innenwände, auch die Einrichtung waren schäbig, außer die der Gemeinschaftsküche und der Bar, wohin jeder etwas mitgebracht hatte: einen Stuhl, ein altes Sofa, Sträucher in Keramikbehältern oder selbstgemalte Bilder. Hakim, den sie persönlich vor ein paar Jahren hinzugeholt hatte, weil es – seit das Zentrum unter der neuen Leitung, die auch sie angestellt hatte, gewachsen war – mehr und mehr Schlägereien gegeben hatte, stand von da an mit verschränkten Armen und abwesendem Blick vor dem Eingang. Zu Stoßzeiten hatte er mit zwei anderen Aufsicht, und draußen drängte die anwachsende Menschenmenge gegen die Tür, die kaum schloss. Wenn jemand laut wurde, war er da, um traurige oder wütende Menschen fest an sich zu drücken und zu flüstern: »Alles gut?« Manchmal, wenn sie sich nicht mehr konzentrieren konnte wegen des Lärms, hängte sie mit ihm gemeinsam ein großes Transparent über den Eingang: »Politische Gespräche heute verboten«, und Hakim rief jedes Mal, wenn sie damit fertig waren, mit dem gleichen Gesichtsausdruck: »Na also, wir haben die Lösung! Sehr schön.«
Während Malika jetzt in die Menge am Hügel vor sich sah, auf die gedrängten Menschen und wie sie sich verhielten, erinnerte sie sich plötzlich wieder an ihre Zeit im Gefängnis, die Zelle, der Gang, das Schlüsselklirren, normiertes Essen, normiertes Weiß der Wände, normierte Überbelegung, normiert auch die Wechselsprechanlagen, die automatisch schließenden Türen, die Gemeinschaftsduschen ohne Luftabzug; es gab nur Metallbetten und Betontische – keine Weichheit gegen die Täter! –, und selbst die ethnischen Hierarchien wirkten wie vorab festgelegt, die weißen Beamtinnen und Psychologinnen blieben eine sichtbare Minderheit. Man regte sich in Makrique nicht über Haftbedingungen auf, manche in der Stadt lebten schlechter. Warum eigentlich bei den Klagen nichts weitergegangen war? Weder bei der Klage gegen die Stadtverwaltung noch bei jener der Korruptionsstaatsanwaltschaft gegen den Polizeipräfekten, in die sie ebenfalls involviert war. Ein reines Hinhalten. Hatten sie etwas ausgerichtet? Die Ausweitung des Grenzschutzes verhindert – oder die Umwandlung der staatlichen Geheimdienste zu Ausbildungsinstituten, die Verwaltungs- und Kontrollsysteme für Grenzagenturen erarbeiteten, auf die sich wiederum der Staat stützen konnte, wenn er neue Gesetze beschloss? Hatten sie dagegenhalten können, wie sie gehofft hatten? Was hatten sie gegen Gesetzesbrüche und schäbige internationale Abkommen gemacht? Gegen ein Denken, das den Einsatz von Gewalt rechtfertigte, wenn es darum ging, Menschen an der Flucht zu hindern?
Kein Wunder, dass diese Gewalt jetzt überall war, mitten unter ihnen, in der Nachbarwohnung, auf der Straße, am Strand, im Wasser, auf den vorgelagerten Inseln, wohin sie früher mit kleinen Kähnen gefahren waren, um unbeobachtet nackt zu schwimmen.
Sie hatten sie alle auf die Schiffe steigen lassen, die der Lolly-Garche herangeschafft hatte, sie hatten sie fotografiert beim Wegfahren und ihnen gewunken, hatten die neuen Verträge vielleicht nicht gebilligt, sie aber auch nicht ausgehebelt, beschränkt und begrenzt bis zur Unwirksamkeit.
Malika zwang sich, um ihre Wut zu dämmen, stattdessen an den Moment zurückzudenken – ein guter Moment –, als sie aus dem Gefängnis getreten war. Die Leute, die gekommen waren, um sie vor dem Gebäude abzuholen, überall Fotoapparate und Videokameras, die Wagen und ein paar Transparente mit ihrem Namen. Die Videos kannte jeder, sie waren leicht im Netz auffindbar: Malika in Jeans und T-Shirt, neben ihren Schultern die beiden Wärter, deren Münder fest geschlossen blieben, während sie ihrerseits beim Gehen andauernd in die kleine Menge rief, ins Auto zu Hakim stieg – und weg war sie –, direkt zur Kundgebung am Hafen gefahren wurde. Was für ein Anblick war das, als sie nach ihrer Freilassung mitten in die bis dahin größte Demonstration geriet. Die volle Ladung politischer Kraft. Und jetzt? Nur so wenig später? Wo war da die Bewegung? Die Hoffnungen waren wie aufgepeitschtes Wasser, das gegen die Felsen klatscht, hochgeschnellt, hatten sich dabei zuerst in Gischt verwandelt – die spritzte nur so in alle Richtungen –, um sich dann ganz in Luft aufzulösen.
So war das, dachte sie sich.
Die Menschen unten im Gras starrten und tuschelten, redeten durcheinander, überall sah sie nur schwitzende Passivität, aufgedunsene Gesichter alter Männer, ein fast faulig wirkendes Kleinkind. Als wäre die Schwüle eine Krankheit, der die Stadt erlegen war. Sie hatte vorhin unter die Decken im LKW geschaut, und bei einem der oben liegenden Toten hatte das halbe Bein gefehlt. Daher das Bild ihres Vaters, ein kurz vor ihren Augen waberndes Bild seiner Finger, wie er seinen Stumpf mit der Spezialcreme einschmierte, an der Stelle, wo die Haut so abstoßend über den Knochen hing.
Konzentrier dich!
Sie ließ jetzt doch von den Kabeln ab und strich sich über den Hinterkopf, über die kleine kahle Stelle, die klebrig war vom Schweiß. Man reichte ihr ein Megafon, sie hob es an den Mund: »Ihr da!«
Da der Ton viel zu leise gedreht war, wiederholte sie noch einmal lauter: »Hey, ihr!«
Der Mikroständer, ohne Strom nutzlos, aber direkt vor ihr aufgestellt, stand ihr im Weg. Sie redete und redete, ohne genau zu wissen was, bedankte sich bei allen, dass sie gekommen waren, sagte ein paar Worte über das Wieder-einmal-zusammengekommen-Sein, dann etwas über die Menschen, die namenlos bleiben würden, und über den letzten Dienst, den es den Toten zu erweisen galt, die gemeinsame Aufgabe, sie in Würde zu verabschieden, und noch Sonstiges in die Richtung.
Nun begannen die Frauen neben dem LKW endlich, ihre Blumen an die Umstehenden zu verteilen, diese Ansprache war das vereinbarte Zeichen. Die Menschen griffen zu, warfen die Blumen in den Laderaum des Lasters und entfernten sich angemessen betroffenen Blickes wieder. Das führte zu ständiger Unruhe in der Nähe der Bühne.
Malika verzettelte sich, was ihr aber auch egal war, denn sie dachte noch immer über die Beschränktheit ihrer Arbeit, die Oberflächlichkeit ihres Beitrags zu alledem nach. Es war eine Schande, eine große Schande, anders konnte man das nicht nennen, und müsste diese Schande nicht eigentlich an ihnen allen sichtbar sein? Sie verfing sich immer mehr in bloßen Anfängen von Gedanken, »Hätten wir gewusst …«, »Wir haben niemals befürchtet, dass es so schlimm …«, »Und wenn es doch eine Falle …?«
Einige Male kam sie deswegen beim Reden durcheinander, verlor dann endgültig den Faden, weil sie anderes im Kopf hatte, und kündigte, um es sich nicht anmerken zu lassen, abrupt die erste Rednerin an. Sie lobte sie als »Freundin der Wahrheit!«, die in den Ring gestiegen sei mit den »Gierigen und Korrupten!«, und forderte am Ende laut und feierlich: »Begrüßt mit mir Marguerite Tassioni, die letzte Matadorin der Gerechtigkeit!«
ZUSPRUCH
Von unten hob, von oben zog man die Rednerin, die von dieser Ankündigung überrumpelt war, umständlich auf die Bühne, und Daniel hatte sofort die Fotografien vor Augen, die er am Vorabend gesehen hatte. Mit dem Widerschein der Sonne auf ihrem Gesicht hatte sie fast das Aussehen eines Mädchens, aber der Stiernacken, ihre hängenden Brüste, die spröden Haare passten nicht dazu, und auch nicht das Gesicht, ganz von Falten überzogen. In der Menge streckten viele die Hände in die Luft, man begrüßte sie mit lauten Rufen: »Tassi-ooo-ni, Tassi-ooo-ni!«, »Margue-rite! Mar-gue-rite!«
Das Stromproblem war behoben, das Mikrofon funktionierte jetzt, nun begrüßte auch Marguerite die Leute, indem sie mehrmals »Freunde und Freundinnen!« rief und dann zweimal: »Wie geht’s euch?« Die Lautsprecher übertrugen ihre Stimme, sie war aus mehrere Richtungen zu hören, wodurch die Feier einen offiziellen Anstrich bekam.
Man wollte nicht aufhören zu winken.
Tatsächlich hatte sich die Stimmung mit ihrem Auftritt verändert, bisher war eher eine unbestimmte Anspannung spürbar gewesen, nun lag Stolz in dem ansteigenden Lärm, den der Tonfall von Marguerite noch befeuerte: »Zum wievielten Mal in den letzten Wochen sind wir zusammengekommen, um Abschied von Toten zu nehmen? Ich weiß, ich weiß, ihr fühlt die Traurigkeit um uns, so ist das, aber nicht allein wollen wir sein, und traurig, sondern gemeinsam, und wütend.«
Daniel schaute sich um, Malika, die inzwischen von der Bühne weggetreten war, stand jetzt neben Bakary.
Sonst keine vertrauten Gesichter.
Marguerite setzte noch einmal an, machte mit den Armen beschwichtigende Gesten in Richtung des Publikums, als wolle sie die Aufregung, die sie selbst hervorgerufen hatte, dämpfen: »Wisst ihr noch, wie es angefangen hat? Als sie uns erklärt haben, dass der Industriehafen geschlossen wird. Sie haben uns erzählt …«, endlich wurde es ruhiger, »… wir wären nicht mehr gewesen als eine ineffiziente Transportstation, finanziert auf Kosten der Stadt.«
Das Publikum hörte ihr nicht mehr nur zu, es gehörte ihr. Daniel sah, dass sich mehrere Männer nach vorne zur Bühne drängten, deren Kleidung und Gesichter ihn sofort an die Alten erinnerten, die er in der Früh an der Küstenstraße gesehen hatte. Marguerites Sätze wirkten, wenn auch auf verschrobene Weise, magisch, sie redete über den Arbeitsalltag, Löhne und Arbeitszeiten, und erntete Begeisterung; nur vereinzelt mischten sich in den Beifall freche Zwischenrufe, eine Gruppe skandierte: »Genug! Genug!«, und ein paar andere betätigten die Hupen ihrer Mopeds oder ließen kurz die Motoren aufröhren, um zu stören. Sie wurden sofort beschimpft. Marguerite, ohne sich darum zu kümmern oder es überhaupt zu bemerken, hatte keine Hemmungen, die Schlüsselworte, die ihren Alltag bestimmten, immer wieder in den Mund zu nehmen. Sie sprach von Arbeitgebern, Arbeitnehmern, Arbeitslosen, deutete in Richtung des Alten Hafens, wo kleine Lichtflecke glänzten, weil das Wasser und das weiße Plastik der Boote die Sonnenstrahlen zurückwarfen: »Warum wollten sie den Industriehafen schließen? Wegen ein paar Hunderttausend Menschen, die in unserem Land verteilt kaum aufgefallen wären, hätte man nicht ständig mit Geschrei immer wieder auf sie hingewiesen. Warum wollten sie zugleich neue Gesetze für die Hafenverwaltung aufstellen, Schifffahrtsgesetze und Handelsgesetze und Arbeitsgesetze festlegen, die ihr alle kennt, und ihr kennt ebenso die Folgen, die das für die Stadt gehabt hätte? Darauf hat man nicht hingewiesen, und darum wäre es auch fast keinem aufgefallen.«
Sie kletterte, weitaus eleganter, als sie hinaufgestiegen war, von der Bühne herunter in die Menge, nahm das Mikrofon mit und zog mit dem Kabel eine schwarze Spur im Gras hinter sich her. Manchmal musste sie fest am Kabel ziehen oder es über einen Menschen heben, denn überall saßen sie in Gruppen oder hockten, knieten und lagen im Gras.
Nur um den LKW herum war viel Bewegung, die Menschen kamen hin, warfen weiterhin die Blumen in den Laderaum, die ihnen die Frauen in die Hand gaben, und waren dann wieder weg.
Marguerite ging wie eine Priesterin umher, ihr freundliches, faltiges Gesicht schien immer weniger zu dem zu passen, was sie sagte: »Du?«, so trat sie an einen jungen Mann heran. »Was ist mit dir passiert?« Sie riss seinen Arm in die Höhe, drehte die Handinnenfläche zur Gruppe hin: »Wie lange hast du in deine Versicherung eingezahlt?« Sein Flüstern, seine Antwort wiederholte sie: »Monatlich. Hört ihr? Monatlich hat er in die Versicherung eingezahlt. Wer hat ihm den Aufenthalt im Krankenhaus bezahlt, als er von einem Gerüst gefallen ist?« Die Menschen, die um den Angesprochen herum saßen, begannen ihm über den Kopf zu streichen, ihm auf den Rücken zu klopfen, sie betrachteten die hochgehaltene, von Verletzungen überzogene Handinnenfläche.
Marguerite beugte sich über den Jungen, es war so ruhig, dass man ihre Stimme auch ohne Mikrofon gehört hätte: »Und deine innere Stimme? Was sagt sie?« Auf das Murmeln hin, das vom Mann am Boden kam, der schwer atmete, den Blick gesenkt hielt, ließ sie seinen Arm los, ging vor ihm auf die Knie, hob seinen Kopf, sah ihn zärtlich an, beugte sich zu seinem Ohr und flüsterte ihm etwas zu. Nickte er? Sie schnellte wieder in die Höhe: »Ja, das sagt ihm seine innere Stimme: dass es nicht gerecht ist.«
So ging das dahin: »Und du?« Sobald sie das Wort an einen der versammelten Menschen richtete, zitterte dieser, oder er nickte, oder er schaute erwartungsvoll drein, mancher schluchzte sogar auf. »Wo bist du geboren? Hast du dir ausgesucht, gerade dort geboren zu sein? Du da? In einer Lehmhütte? Hast du darum gebettelt, in die ärmste Familie deines Dorfes hineingeboren zu werden? Hast du mit abgestimmt, als entschieden wurde, dass deine Eltern die und die Hautfarbe haben sollten? Dass deine Eltern mit dir auf dem Rücken aufbrechen würden, um ihr Glück zu suchen? Du da! War es gewollt, dass die Mutter von dem dort bei seiner Geburt gestorben ist? Weshalb hört ihr nicht auf eure innere Stimme? Was sagt sie euch?«
Große Sonnenbrillen waren auf sie gerichtet, in manchen der schwarzen Gläser spiegelte sich das Licht, man konnte nicht sehen, wen oder was die Träger musterten, ob sie Marguerite ansahen oder jemand anderen, der es gar nicht merkte.
Es gab ja viel zu schauen: die Leute, ihre Kleidung, die Fäden in den Turbanen, die Flecken auf Baskenmützen und Stoffbändern, die Ränder der Schatten, die ihre Kappen mit den Schutzschirmen auf Nasen und Wangen warfen. Hatten sie absichtlich ihre Gesichter vermummt? Nur wegen der Sonne oder aus anderen Gründen? Kapuzenpullis, Hüte, fettiges Haar, Gel in den Borsten eines Irokesenschnitts, die Muster der Stoffe, und dazwischen Marguerite, die auf und ab ging, sie selbst unverhüllt, ohne das schwarze Tuch, das er von den Fotos kannte.
Die Möwen schrien immer wieder auf, wenn zwischendurch der Applaus anschwoll, beruhigten sich danach wieder, zogen weiterhin stumm ihre Kreise über der Menschenansammlung und dem LKW, aus dem immer mehr Buntes von den braunen Decken her blinkte. Die Blüten und Blätter hatten sich teils ineinander verhakt.
»Wir bleiben dabei!«, rief die Rednerin plötzlich besonders laut, und dann dieser Lautstärke entsprechend heftige Dinge, die begannen mit: »Ihr wisst es doch!«, die weitergingen mit »Die Freiheit des Menschen, sein Leben zu lieben!«, die sich noch steigerten: »Die Freiheit, sein Leben zu retten!«, bis zu einem letzten Ausruf: »Diese Freiheit ist die elementarste und gilt für alle gleichermaßen!«
Daniel bekam gegen seinen Willen eine Gänsehaut, dabei war ihm die Aussage in ihrer Banalität, vor allem aber die Leidenschaft, mit der sie vorgetragen wurde, peinlich. War das nicht bloß die Bestätigung der offiziellen Losung des Landes, die auf Ausweise, auf Briefmarken und Münzen, sogar auf Eintrittskarten öffentlicher Museen gedruckt war?
Fehlt nur noch die Hymne.
Als Marguerite an ihm vorbei wieder in Richtung Bühne spazierte, sah er die kleinen Wunden, die sie sich in die Lippen gebissen hatte, die rissig gewordene Haut, die sie wahrscheinlich mit den Zähnen abgezogen hatte.
Sie sprang zurück auf die Bühne, jetzt geradezu leichtfüßig, von dort aus verkündete sie: »Und wir sind stolz!«, der Ausruf wurde von Rufen unterbrochen. »Stolz!«, wiederholte sie, aber es war immer noch zu viel Lärm um sie herum, sodass sie wieder mit beiden Armen die Menschen zu beruhigen versuchte, was nicht klappte, weshalb sie schließlich schreien musste, um den Satz zu beenden: »Stolz darauf, was wir hier machen!« Danach berief sie sich auf nichts Geringeres als das Herz, sich selbst und die Verfassung, stand dann im Applaus auf der Bühne, aber nicht lange, bald stieg sie ein letztes Mal herunter – schon war sie wieder Teil der Menge.
Das war’s?
Der Lautsprecher knackte, etwas im Inneren des Lautsprechers – oder seine Abdeckung? – war lose geworden und schlug gegen die Membran, oder man hatte die Bässe falsch eingestellt. Daniel war noch immer nicht klar, warum die Menschen hier zusammengekommen waren. Wollte man bloß nicht allein bleiben, hoffte auf ein bisschen Trost, vielleicht auf Rechtfertigung oder, warum nicht, auf Unterhaltung? Der Lastwagen mit den Blumen, was bedeutet es schon, Blumen zu werfen, und die Toten, dachte er sich, was hatten sie mit den Toten vor?
Er war enttäuscht, dass die Rede schon vorbei sein sollte.
Darmowy fragment się skończył.