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Eileen Schlüter

Die erste Legende von Ashamur

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Die erste Legende von Ashamur

Es gibt viele Legenden im Königreich der vier Himmel, doch die erste prophezeit großes Unheil...

Karte des Vierhimmelreichs

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

GLOSSAR

Eileen Schlüter 2021

Die erste Legende von Ashamur

Impressum neobooks

Die erste Legende von Ashamur

© by Eileen Schlüter 2021

Es gibt viele Legenden im Königreich der vier Himmel, doch die erste prophezeit großes Unheil...

Karte des Vierhimmelreichs


Prolog

Reich der vier Himmel,

Westreich - Hauptstadt Aracon

Bei dem köstlichen Duft des frischen mit Ziegenkäse gefüllten, gedämpften Hefebrötchens, lief ihm das Wasser im Mund zusammen. Wie lange war es her, seit er das letzte Mal etwas gegessen hatte? Zwei Tage, vielleicht sogar drei?

Zumindest hatte er in den vergangenen zwei Tagen hart arbeiten und allerlei Beschimpfungen und grobe Behandlungen der anderen Hafenarbeiter über sich ergehen lassen müssen, um sich das Geld für diese köstliche Mahlzeit zu verdienen. Sein Körper schmerzte noch immer von den schweren Lasten, die er von den Schiffen an Land geschleppt hatte. Die nächste Mahlzeit war nicht absehbar, denn er war bei weitem nicht der einzige Straßenjunge, der um Arbeit rund um den Hafen von Aracon bettelte. Die Aussichten, ein zweites Mal als Hilfsarbeiter angeheuert zu werden, standen ziemlich schlecht. Die anderen Jungen waren älter und wesentlich kräftiger gebaut, sodass sie mehr Säcke auf ihre, um einiges breitere Schultern hieven konnten als er. Dementsprechend hatte er sich so manche Beleidigung angesichts seiner schwächlichen Konstitution anhören müssen. Und dann hatte ihm der backenbärtige Hafenmeister doch glatt noch die Hälfte des verabredeten Lohns vorenthalten, mit der Begründung, seine gehbehinderte Schwester habe mehr Mumm in den Knochen und hätte in der Zeit dreimal mehr Säcke schleppen können.

Zu seinem Glück hatte der freundliche Turban tragende Straßenstandverkäufer, der seinem Aussehen nach einem Wüstenvolk angehörte, ein Auge zugedrückt und dem Jungen die zwölf Cuan erlassen, die ihm zum Erwerb des gefüllten Dampfgebäcks eigentlich gefehlt hatten. Der gute Mann schien großes Mitleid gehabt zu haben, beim Anblick des hungrigen Kindes mit den flehenden grauen Augen.

Er könne den Rest des Geldes einfach nächstes Mal bezahlen, hatte der Wüstenmann freundlich lächelnd gesagt und ihm das warme, duftende Hefebrötchen in die Hand gedrückt.

Sein Magen gab ein grollendes Geräusch von sich, das dem Knurren eines wütenden Wolfes nicht unähnlich war. Der Junge schob sich eine Haarsträhne aus den Augen. Unter der feinen Staubschicht wirkte das zerzauste, honigbraune Haar, das an seiner verschwitzten Stirn und den Wangen klebte, stumpf.

Es war Mittag. Die Mitsommersonne brannte ungnädig auf die stickigen Gassen der Stadt herab, während der beißende Gestank vom Hafen erbarmungslos in seine Nase kroch und einen Würgreiz auslöste. Er packte den Kragen seines zerschlissenen Leinenhemdes und zog den groben Stoff schützend über Mund und Nase. Nur weg von diesem Ort. Er hastete um eine Hausecke und folgte dem Weg in Richtung Stadtzentrum. In einiger Entfernung konnte er bereits den großen Marktplatz erkennen. Die grellbunten Planen der unzähligen Marktstände stachen ihm sofort ins Auge und er beobachtete einen Augenblick lang die Menschenscharen, die sich in der flimmernden Hitze eilig darunter herschlängelten.

Der Junge ließ sich unter einer von hunderten Spatzen bevölkerten, Schatten spendenden Zelkove auf dem weichen Untergrund nieder. Das fröhliche Zwitschern in der Baumkrone hoch über seinem Kopf wirkte auf eine unerklärbare Art tröstlich und zum ersten Mal seit vielen Tagen fiel diese innere Anspannung, die ihn stets begleitete, von ihm ab.

Das Dampfbrötchen in seiner Hand war immer noch angenehm warm. Er sog den Duft mit geschlossenen Augen tief in seine Lunge ein und wollte gerade den ersten Bissen nehmen, als ihn ein wütendes Grölen fast zu Tode erschreckte. Er riss die Augen auf, da traf ihn augenblicklich ein heftiger Schlag am Kopf. Im selben Atemzug flog seine Mahlzeit in hohem Bogen durch die Luft und landete im Dreck. Mit geweiteten Augen starrte der Junge auf das Brötchen, das von Schmutz und Staub bedeckt vor seinen Füßen lag, dann auf den Übeltäter, der es ihm auf brutalste Weise aus der Hand geschlagen und dabei seine rechte Gesichtshälfte gestreift hatte. Tränen brannten in seinen Augen, doch der, in seiner Brust anschwellende Zorn über den Angriff, der den Verlust seiner langersehnten Mahlzeit bedeutete, überlagerte den pochenden Schmerz an seinem Wangenknochen.

„Na wen haben wir denn da. Ist das nicht Kel – der kleine Schwächling?“ Ein großer Junge mit strähnigen, schwarzen Haaren und massigem Körper beugte sich bedrohlich über ihn. Eine tiefe dunkle Narbe zierte seine linke Schläfe. Doch vor allem an seinen auffallenden tiefschwarzen Augenbrauen, die über der Nasenwurzel übergangslos miteinander verbunden waren, erkannte Kel den Jungen sofort wieder. Er war einer der Hilfsarbeiter, die ihn während der Arbeit bei den Schiffen ständig drangsaliert hatten. Er war mindestens drei Jahre älter als Kel und wies schon eine ordentliche Gesichtsbehaarung auf. Seine Zähne waren braun und sein Atem roch sauer. Angeekelt wich Kel ein Stück zurück. Die zerklüftete Rinde des Baumes an dem er lehnte, bohrte sich in sein Fleisch.

Aus dem Augenwinkel sah er, wie sich zwei weitere Jungen näherten was seinen Herzschlag panisch in die Höhe trieb.

„Was willst du, Ocai?“, fragte er und versuchte seine zitternde Stimme unter Kontrolle zu bringen.

„Na, was denkst du wohl, Kel?“

Die anderen Jungen hatten ihn mittlerweile umzingelt. Er saß in der Falle.

Ocai zog seine mandelförmigen Augen zu Schlitzen zusammen. „Her mit deinem Lohn!“, grunzte er. „Wir haben uns den Rücken krumm gebuckelt und mindestens das Doppelte an Säcken und Kisten an Land geschleppt. Während du dich stundenlang an einer einzigen Kiste zuschaffen gemacht hast. Nächstes Mal solltest du dir besser Weiberarbeit suchen.“ Er lachte grimmig. Einer der anderen stemmte seine Fäuste in die Hüften und bäumte sich vor ihm auf. „Sozusagen haben wir deine Arbeit erledigt, daher steht uns auch der Lohn dafür zu. Also rück gefälligst das Geld raus!“

Kels Blick wanderte vorsichtig zu Boden, wo das gefüllte Brötchen mittlerweile unter den Füßen der Jungen platt getrampelt und gänzlich ungenießbar war.

Ocai fletschte seine fauligen Zähne. „Sag bloß, du hast den ganzen Lohn für dieses Entenfutter verschwendet? Da hat der Wüstenmann dich aber gehörig über den Tisch gezogen.“ Wütend zermalmte Ocai ein weiteres Stück des Brötchens unter seiner Schuhsohle, an der der zerbröselte Ziegenkäse kleben blieb.

Kel schluckte schwer. Sein Hals war staubtrocken. Seit wann hatte er eigentlich nichts mehr getrunken?

„Der Hafenmeister hat mir nur einen Targesh und zwanzig Cuan gezahlt. Das Brötchen kostete sogar einen Targesh und zweiunddreißig Cuan, doch der Mann hat mir den Rest erlassen.“

„So, hat er das?“ knurrte Ocai. „Da hast du aber Glück gehabt, an einen so freundlichen Mann geraten zu sein. Nur Pech für dich, dass wir nicht so nett sind wie der Turbanträger!“ Er packte Kel mit einer Hand an den lockeren Schnüren seines Hemdes und mit der anderen umfasste er seinen schlanken Hals. Kels von Natur aus blasse Haut wurde kalkweiß. Die zarte Haut unter seinen Augen begann bläulich violett zu schimmern. Lähmende Angst schnürte ihm zusätzlich die Kehle zu. Er rang nach Luft und starrte in die finsteren Mienen seiner drei Angreifer, die allmählich vor seinen Augen verschwommen.

Nein, du wirst nicht sterben, nicht hier und nicht jetzt, schien ihm eine seltsam vertraute Stimme in seinem Kopf zuzuflüstern. Es war nicht die Stimme seiner verstorbenen Großmutter. Diese Stimme klang wesentlich jünger. Vielleicht war es die Stimme seiner Mutter. Er wusste es nicht. Seine Mutter war vor zwölf Jahren gestorben. Nur wenige Sekunden nachdem er den ersten Atemzug seines Lebens genommen hatte.

Schwindel erfasste ihn. Er presste die Augen zusammen.

Seine Gedanken begannen wie Quellwolken am Himmel auseinander zu driften. Nein- bleib stark!

Plötzlich spürte Kel etwas, das sich wie ein Windstoß anfühlte. Windstoß...? Wohl eher ein Taifun, der an ihnen vorbei peitschte. Panisch riss Kel die Augen auf und beobachtete voller Erstaunen, wie Ocai, der eben noch mit seinen riesigen Händen versucht hatte, seine Kehle zuzudrücken, nun von dem Sturm meterweit davon geschleudert wurde. Eine weitere gewaltige Böe riss die beiden anderen Jungen davon. Rückwärts purzelten alle drei zu Boden und blieben scheinbar erstarrt vor Schreck liegen. Das Geäst über Kel zitterte und knackte, Blätter wirbelten wie wild herum und wurden davongetragen, bevor sie in einiger Entfernung sanft zu Boden segelten. Einen Wimpernschlag später war der rätselhafte Sturm ebenso schnell vorbei, wie er erschienen war. Kel rappelte sich auf und flüchtete so schnell er konnte. Im Vorbeirennen warf er einen neugierigen Blick auf seine am Boden liegenden Angreifer. Erschrocken wich er zurück, als er in allen drei Gesichtern rätselhafte rote Striemen entdeckte, einige waren blutig, als hätte ihnen jemand mit einer mehrsträngigen Peitsche ins Gesicht geschlagen. Allmählich kamen Ocai und seine Kumpane zu Bewusstsein und begannen zu stöhnen. Ohne sich noch einmal umzudrehen, hastete Kel davon, erfüllt von der Furcht, der mysteriöse Sekundensturm wolle auch ihn noch einholen.

***

Hungrig und ziellos taumelte Kel durch die Gassen der Hauptstadt des Westreichs. Dieser exklusive Teil der Stadt, mit seiner feinen Gesellschaft war ihm unbekannt. Er konnte sich weder erinnern, wie er hierher gelangt war, noch was er hier eigentlich wollte. Hier fiel er jedenfalls auf, wie ein geblümtes Kamel, zwischen all den kostspielig gekleideten Menschen, die sich mit bunten –aus dem entfernten Reich der aufgehenden Sonne – importierten Seidenfächern Luft zuwedelten und den tadellos uniformierten, privilegierten Schuljungen, die die angesehene Akademie von Aracon besuchten. An ihren unterschiedlich gefärbten Gürtelschärpen konnte Kel ihre Graduierungen erkennen. Auch sein Vater hatte oft eine Uniform getragen, als er noch lebte und als Söldner im Krieg gekämpft hatte, bevor er eines Tages nicht mehr heimkehrte. Da war Kel sechs Jahre alt gewesen. Die grüne Söldnerschärpe seines Vaters war eine der wenigen Habseligkeiten, die Kel noch besaß. Die meisten Dinge aus seiner Vergangenheit waren ihm in den Jahren auf der Straße gestohlen oder vom Hochwasser zerstört worden.

Seit Nona, seine geliebte Großmutter, vor fast zwei Jahren gestorben war, lebte Kel ohne ein Dach über dem Kopf im schäbigsten Viertel Aracons. Dort herrschte das Gesetz der Straße und die meisten Bewohner hausten in windschiefen Hütten und ärmlichen Baracken.

Er suchte sich mal hier, mal dort Unterschlupf vor der brütenden Hitze, wie sie jetzt in der Mitte des Sommers herrschte. Während der eisigen Winter, die im Westreich keine Seltenheit waren, fand er meist Zuflucht in verlassenen Ställen, die er mit vielen anderen Straßenkindern teilen musste.

Von irgendwo strömte der Duft namenloser Köstlichkeiten in seine Nase und nagte an seinem Verstand. Wenn er es wagte, in einer Gegend wie dieser zu betteln, bestand die Gefahr, verhaftet zu werden, doch der quälende Hunger raubte ihm jegliche Vernunft. Zögerlich näherte er sich einer Gruppe Männer, die vor einem imposanten pfirsichfarbenen Gebäude mit roten Ziegeln eine rege Unterhaltung führten. Einige trugen reich verzierte Kopfbedeckungen, die man Kausia nannte und die sie als angesehene Bürger klassifizierten. Ein Mann jedoch trug auffälligen Schmuck und weitaus prächtigere Gewänder in dunklen Blautönen als alle anderen. Schon auf den ersten Blick erkannte man, dass er ein hohes Amt bekleidete oder zumindest eine überaus wichtige Persönlichkeit war.

Mit geöffneten Händen trat Kel auf die Männer zu. „Habt erbarmen...“, stammelte er, „...ich habe solchen Hunger, nur ein paar Cuan für eine Schale Getreidebrei würden mir genügen...bitte...“

Die Männer mit den Kausias musterten Kel von Kopf bis Fuß, die Empörung stand ihnen ins Gesicht geschrieben. Die Zeit schien einen Moment stehen zubleiben und Kel überlegte, ob er lieber die Beine in die Hand nehmen und von diesem Ort flüchten sollte. Das unergründliche Schweigen und die erbosten Mienen der Männer ließen nichts Gutes erahnen. Dann ergriff einer der Männer endlich das Wort: „Betteln ist hier verboten! Mach dass du in dein Viertel verschwindest, Bengel, bevor wir die Stadtwachen rufen!“ Der Mann wurde ganz rot unter seiner hellbraunen Kausia. Verängstigt wich Kel vor dem Mann zurück.

Unerwartet spürte Kel jedoch eine sanfte Berührung. Es war der Edelmann, der Kel seine Hand auf die Schulter gelegt hatte. Mit der anderen Hand hantierte er an seinem Geldbeutel, der an seinem prunkvoll verzierten Gürtel hing, und nach ein Paar Handgriffen förderte er eine Silbermünze zu Tage. Bei dem Anblick schluckte Kel seinen trockenen Speichel so heftig herunter, dass es in seinem Hals schmerzte. Das Silberstück musste mindestens dreißig Targesh wert sein.

„Udris, mein lieber Freund“, wandte er sich an den Mann, der Kel zuvor so grob zurechtgewiesen hatte. „Der arme Junge hat doch nur Hunger. Hunger ist wahrlich ein qualvolles Gefühl, das Ihr – mein lieber Udris – sicher nicht kennt. Bedenkt, dass niemand etwas dafür kann, in welche Gesellschaftsschicht er hineingeboren wird. Niemand kann sich seine Eltern aussuchen. Allein das Schicksal entscheidet darüber.“ Die sanfte Stimme des Edelmannes wirkte seltsam beruhigend auf Kel, dessen nervöser Herzschlag sich daraufhin normalisierte. Die anderen Männer schienen den Worten nur widerwillig zuzustimmen, doch milderte sich ihre geringschätzige Mimik ein wenig.

„Wie Ihr meint, ehrenwerter Stadtverwalter Vardan“, murmelte der Mann namens Udris.

Die Münze landete in Kels Handfläche.

Seine Augen begannen zu glänzen und wurden so riesig, dass der Wohltäter beinahe befürchten musste, sie könnten jeden Moment aus ihren Höhlen fallen. Kel wiederholte mehrmals hektische Gesten der Dankbarkeit und verbeugte sich immer wieder, als handele es sich hier um eine Begegnung mit dem König des Reichs der vier Himmel. Er umschloss die Münze fest mit seinen schlanken Fingern und entfernte sich, noch immer verneigend, von der Gruppe. Als sie außer Hör- und Sichtweite waren, stieß Kel einen Jubelschrei aus und rannte in die Richtung aus der die verführerischen Düfte strömten. An der nächsten Straßenabbiegung blieb er wie erstarrt stehen. Gegenüber lauerten Ocai und seine Kameraden. Sie waren in Begleitung eines uniformierten Mannes, der zweifellos der Stadtwache angehörte.

„Da, das ist er!“, hörte Kel Ocai brüllen. „Das ist der Kerl, der uns so zugerichtet hat. Er muss ein Magieträger sein, der seine Kräfte missbraucht hat, um uns zu verletzten!“

Kel gefror bei diesen Worten das Blut in den Adern. Magieträger? Unmöglich!

Die anderen Jungen zeigten mit wilden Gebärden auf Kel, worauf der Wachmann schnurstracks die Straße überquerte und auf Kel zueilte.

„Hier geblieben Bürschchen!“, brüllte der Gesetzeshüter. Doch Kel war schon in die entgegengesetzte Richtung losgeprescht. Die Straßen waren ihm unbekannt, aus Angst in einer Sackgasse zu landen, wie es sie in seinem Viertel massenhaft gab, wählte er die Richtung aus der er zuvor gekommen war. Von weitem erkannte er die Männer, die noch immer vor dem imposanten Gebäude standen und debattierten. Doch noch bevor er die Gruppe erreichte, packten ihn kräftige Hände bei den Schultern. Kel geriet ins Straucheln. Weitere Arme ergriffen ihn von hinten und hielten ihn fest. Er presste seine Faust mit der Silbermünze fest zusammen, damit sie nicht verloren ging.

„Ich habe nichts getan!“, kreischte er in Panik. „Lasst mich los!“ Unsanft zerrte der Wachmann an Kels Arm, sodass dieser sich unfreiwillig zu ihm umdrehten musste, während Ocai seinen Körper noch immer fest im Griff hatte. Kel wand sich vor Schmerzen, was Ocai jedoch nur dazu veranlasste, noch brutaler zuzupacken.

„Was versteckst du da?“ Der Wächter ergriff Kels Faust und versuchte sie gewaltsam zu öffnen. Kel presste seine Finger so fest er konnte zusammen, doch der Mann war viel stärker, sodass er schließlich nachgab. Sobald die Münze zum Vorschein kam, untersuchte der Wachmann sie zwischen seinen wulstigen Fingern, dann verzog er seine Augen zu schmalen Schlitzen. „Was haben wir denn da, Bürschchen? Nicht nur, dass du ein gewissenloser Magieträger bist, obendrein noch bist du noch ein Dieb!“

„Ich bin kein Dieb und auch kein Magieträger!“

„Ach nein? Und wie erklärst du dann das hier?“ Ocai verzog zornig sein von purpurroten Striemen entstelltes Gesicht.

„Ich war das nicht, bitte lasst mich gehen!“, flehte Kel. In seinem Inneren spürte er eine brodelnde Hitze bis zur Brust aufsteigen.

Befreie dich!

Wieder diese vertraute sanfte Stimme, die ihm Mut zusprach und die ihm plötzlich eine unbegreifliche Stärke verlieh. Mit einem Ruck befreite sich Kel aus dem Griff des Wachmanns. Eine weitere flinke Bewegung und er entwischte auch Ocai, doch dieser reagierte ungeahnt schnell und schnappte nach Kels Handgelenk. Ohne darüber nachzudenken, wirbelte Kel im Halbkreis herum, riss sein Bein in voller Länge in die Höhe und verpasste seinem Gegner einen kräftigen Hieb mit seinem Fuß, der ihn an der vernarbten Schläfe traf. Eine solch außergewöhnliche Fußtechnik beherrschten für gewöhnlich nur Kämpfer, welche die traditionelle Kampfkunst in einem der fünf Ausbildungstempel erlernt hatten. Doch Kel hatte als Kind lediglich den Kämpfern bei ihren Übungen zugeschaut, denn als er noch mit seiner Großmutter im Apfelblüten-Viertel gewohnt hatte, gab es direkt gegenüber ihrer Wohnstätte ein großes freies Feld, das die Krieger des araconischen Heeres gerne für Kampfübungen nutzten. Während Nona beharrlich mit Körbe flechten beschäftigt war, beobachtete Kel am liebsten die waffenlosen Kämpfer, die unermüdlich ihre anmutigen, kraftvollen und blitzschnellen Bewegungen perfektionierten. Stundenlang hatte er ihre Kampftechniken studiert, sie sogar versucht zu imitieren, doch seit er auf der Straße lebte, hatte er keine Kämpfe mehr gesehen, geschweige denn selbst Techniken trainiert. Umso überraschter war er über seinen präzisen Fußtreffer in Ocais Gesicht. Kel ergriff erneut die Flucht, doch die beiden anderen Jungen waren ihm auf den Fersen und holten ihn bald ein. Sie kamen schnell näher und versuchten ihn einzukreisen. Kels Herz raste wie wild in seiner Brust, sein Atem ging hastig und brannte in seiner Lunge. Doch da stieß Kel unerwartet zum Angriff vor, was ihn beinahe mehr überraschte als den Jungen, dem er eine pfeilschnelle Faust in den Magen rammte. Dann wirbelte Kel herum und brachte den anderen mit einem gezielten Fußtritt zu Fall. Beide blieben regungslos am Boden liegen, lediglich ihr schmerzvolles Stöhnen offenbarte Kel, dass er sie nicht umgebracht hatte. Dennoch zitterte er am ganzen Körper, die Schuldgefühle drohten ihn zu überwältigen, doch er musste hier so schnell wie möglich verschwinden.

Von weitem waren die wütenden Rufe des Wächters zu hören. „Haltet den Burschen, lasst ihn nicht entkommen!“

Verzweifelt suchte Kel nach einem Fluchtweg aus diesem Viertel. Passanten hatten sich in einigem Abstand versammelt und das ganze Geschehen beobachtet. Doch ihren Blicken war nicht zu entnehmen, ob sie nun Abscheu oder Bewunderung empfanden, für den schmutzigen Straßenjungen, der soeben drei wesentlich stärkere Gegner überwältigt hatte.

Inmitten der vielen fremden, sauberen Gesichter entdeckte Kel plötzlich das einprägsame Gesicht des Stadtverwalters – Vardan. Diese warmen braunen Augen und die freundlichen Wangengrübchen würde er nie mehr vergessen. Vardan war sein Retter in der Not gewesen. Wehmütig blickte Kel in seine leere Handfläche. Die Silbermünze war verloren.

Den kurzen Augenblick der Unachtsamkeit hatte der Wachmann genutzt, um sich an Kel heranzuschleichen. Brüllend stürzte er sich mit seinem ganzen Gewicht auf ihn. „Hab ich dich endlich, Bürschchen!“

„Was geht hier vor, Wachmann Aidan?“

Es war die Stimme des Stadtverwalters, die Kel sogleich erkannte, obwohl er fast vollständig unter dem massigen Körper des Wachmannes begraben lag.

Der Wachmann rappelte sich auf und zerrte Kel unsanft auf die Füße. „Präfekt Vardan...“, stammelte er, während er Kels Handgelenke hinter dessen Rücken zusammenquetschte, sodass er schmerzvoll aufschrie.

„Ich habe der Stadt soeben einen großen Dienst erwiesen, ehrenwerter Präfekt. Diese kleine Ratte hier ist ein niederträchtiger Dieb und außerdem ein Magieträger, der seine Gabe auf höchst kriminelle Weise eingesetzt hat...doch dank meiner Wenigkeit, wird er seine gerechte Strafe bekommen und im Kerker schmoren!“

Mit einer erhabenen Geste bedeutete der Präfekt dem Wächter zu schweigen. Er kam näher, hob Kels Kinn an und sah ihm direkt in die Augen. Mit gerunzelter Stirn wandte er sich an den Wachmann.

„Werter Aidan, dieses Kind soll ein Krimineller sein?“

„Der Bursche hat einen großen Silber-Kuzyn bei sich gehabt. Ein eindeutiger Beweis, dass es sich hier um einen Dieb handelt...“ Er quetschte Kels Handgelenke noch fester mit seinen kräftigen Händen.

„Das Geld hab ich von ihm bekommen. Bitte, Präfekt... sagt es ihm!“ flehte Kel den Stadtverwalter an.

„Er sagt die Wahrheit. Das Geld bekam er von mir. Lasst den Jungen los!“

Verwunderung breitete sich auf Aidans Gesicht aus. „A...aber...aber... was ist mit den drei Burschen, die er verletzt hat, seht sie Euch an!“ Er deutete auf die drei angeschlagenen Angreifer.

„Ich habe keinerlei unerlaubte Magie gesehen. In meinen Augen hat der Junge sich nur sehr geschickt und noch dazu ziemlich stilvoll verteidigt. Für sein Alter scheint er großes kämpferisches Talent zu haben. Derartige Anlagen sollte man unbedingt fördern. Mit einer guten Ausbildung könnte er eines Tages als Kämpfer im königlichen Heer erfolgreich sein.“ Der Präfekt musterte Kel mit mildem Gesichtsausdruck.

Vor Empörung fielen dem Wachmann beinahe die Augen aus dem Kopf.

„Er hat einen Peitschensturm heraufbeschworen, der die Jungen verwunden sollte ...seht doch in ihre Gesichter, Präfekt...“

„Ein Peitschensturm?“ Der Präfekt bedachte den Wächter mit einem ungläubigen Blick. „Welche Art von Magie soll so etwas bewirken? Nicht einmal die großen Meister der Tempel beherrschen derartige Fähigkeiten!“ Vardan kratzte sich an der Schläfe, bevor er anfügte: „Es gibt allerdings Gerüchte, dass vor dreihundert Jahren Großmeister Utheon vom Tempel des Südens versuchte, den Wind zu beschwören. Allerdings nicht allzu erfolgreich.“

„Na...vielleicht...ist der Bengel...äh... Utheons Reinkarnation...“, stotterte der Wachmann.

„Nun hört aber auf mit solchem Unsinn, werter Aidan. Lasst den armen Jungen gehen, er hat nichts verbrochen, wofür man ihn in den Kerker werfen müsste. Ich werde schon dafür sorgen, dass dieser kampflustige Knirps eine angemessene Strafe für seine Vergehen erhält.“ Kel atmete erleichtert auf, als er Vardans freundliches Augenzwinkern bemerkte.

„Aber ehrenwerter Präfekt...“

„Nun schweigt endlich!“

Sogleich ließ Aidan von Kel ab, der sich rasch die schmerzenden Handgelenke rieb.

„Zeig mal her, Junge.“ Vardan begutachtete die bläulich verfärbten Hautstellen.

„Zuhause habe ich eine exzellente Kräutersalbe dagegen. Mein Sohn, Jard, übt sich schon seit er acht Jahre alt ist in der Kräuterkunde. Er will mal ein Magieheiler werden und im Westtempel die Heilkunst studieren, weißt du. Jard ist nicht viel älter als du, du wirst ihn mögen. Willst du mich begleiten?“

Kapitel 1

Reich der vier Himmel, Westreich

Hauptstadt Aracon

- Drei Jahre später-

Das durchdringende Klirren der Schwerter begleitete die Frühjahrssonne bei ihrem Untergang und begrüßte die Dämmerung und den blassen Mond, der im Osten aufstieg. Die zunehmende Anstrengung machte sich durch heiseres Stöhnen der beiden jungen Kämpfer bei jedem Schwerthieb bemerkbar.

Blitzschnell schwang Jard sein Schwert und stürmte auf Kel zu, der jedoch unmittelbar reagierte und den

Hieb erfolgreich abwehrte. Kel überraschte die Wucht des Schwerthiebes seines Gegners, der ihm für gewöhnlich bei den allabendlichen Übungskämpfen unterlag. Er sprang zur Seite und holte zum Gegenangriff aus, aber Jard konterte geschickt. In temporeicher Abfolge folgten mehrere Schlagabtausche. Kel war außer Puste. Sein Leib schmerzte und seine Gedärme verkrampften sich bei jeder Bewegung. Jard verstand es blendend, diese Schwäche und seine eigene körperliche Überlegenheit auszunutzen. Er holte aus und traf Kel mit seinem Übungsschwert an der Schulter. Kel ächzte.

„Genug für heute!“, beendete Vardan das Gefecht, der wie jeden Abend, seit Kel vor drei Jahren zu der Familie des Präfekten kam, am Rand des Kampfplatzes stand und Anweisungen gab.

Die beiden jungen Männer verbeugten sich nach dem geltenden Codex mit einer entsprechenden Geste der Ehrerbietung. Erleichtert löste Kel seinen mit Bronze beschlagenen, ledernen Brustharnisch und schnappte nach Luft.

„Was ist nur los mit dir, Junge? Beinahe hätte Jard dich erledigt, dabei will er doch Heiler werden und kein Krieger“, erkundigte sich Vardan stirnrunzelnd.

Die Worte des Präfekten klangen freundlich, was die vielen Lachfältchen um seine Augen noch unterstrichen. Und doch meinte Kel, eine gewisse Sorge in seinem Unterton zu erkennen.

„Es ist nichts, Meister Vardan, ich bin nur... nur ein wenig unkonzentriert heute!“, erwiderte Kel und verbannte den wahren Grund für seine schlechte körperliche Verfassung in den hintersten Winkel seines Verstandes. Allmählich ließen die Krämpfe in seinem Leib nach. Warum hatte ihn dieser schreckliche Fluch bloß getroffen?

„Lass dir heute ein ordentliches Stück Fleisch geben, damit du endlich was auf die Knochen kriegst. Du weißt, es mangelt dir nicht an Geschick und Kampfgeist, es ist lediglich die Kraft, die dir noch fehlt“, sagte Vardan, und klopfte Kel aufmunternd auf den Rücken.

Kel brachte ein gequältes Lächeln zu Stande.

Jard, der in den vergangen drei Jahren für Kel wie ein Bruder geworden war, näherte sich mit strahlender Miene.

„Deine Abwehr war heute wirklich übel, scheint so, als hätte ich dir einen ordentlichen Hieb verpasst. Zum Glück sind es nur Übungsschwerter.“ Er legte ihm freundschaftlich den Arm um die Schultern. Kel zuckte kaum merklich zusammen, doch Jard schien es trotzdem aufzufallen.

„Ist deine Schulter in Ordnung? Soll ich mal nachschauen? Du weißt doch, ich habe heilende Hände.“ Er machte sich sofort daran, Kel aus dem Brustpanzer zu schälen, um die Verletzung zu inspizieren. Doch Kel machte erschrocken einen Satz zur Seite. „NEIN...!“, rief er und schüttelte Jards Hände ab. „...Äh... ich meine... nein, ich hab nichts.“ Hastig rückte Kel die ledernen Platten seines Rüstzeugs wieder zurecht und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Lass uns einfach gehen“, forderte er Jard auf, während er sein Schwert in die Scheide steckte.

Jard nickte und packte ebenfalls seine Sachen zusammen. „Wolltest du nicht noch Wolfsnesselkraut sammeln?“, erinnerte ihn Jard. „Wenn wir uns beeilen, finden wir noch welches, bevor es stockdunkel ist.“

Ja, richtig, Wolfsnessel! Das hatte Kel beinahe vergessen. Sein Vorrat an Wolfsnessel ging allmählich zur Neige und er brauchte dringend Nachschub. Die beiden Jungen hatten vorigen Sommer begonnen, täglich einen Aufguss aus Wolfsnessel aufzubrühen und diesen zu trinken, auch wenn dieser Sud grauenhaft und bitter schmeckte und noch dazu ein unangenehmes Kratzen im Hals und Heiserkeit verursachte. Doch dieses Übel nahmen sie in Kauf, versprach der Konsum dieses Tees doch einen kräftigen Muskelaufbau sowie besonders lang anhaltende Manneskraft. Und auch ein üppiger Bartwuchs war nach regelmäßiger Einnahme zu erwarten. Doch im Gegensatz zu Jard, der für seine siebzehn Jahre schon breite Schultern und einen ansehnlichen Körperbau aufwies, war Kel meilenweit entfernt von derartigen Ergebnissen. Auch war er in den vergangenen drei Jahren nicht mehr sonderlich gewachsen, sodass Jard ihn mittlerweile um mehr als einen Kopf überragte. Kürzlich hatte Kel die Dosis erhöht, doch bis auf Halsschmerzen und eine kratzige Stimme, hatte sich an seinem schmalen Körperbau nichts geändert. Kel seufzte.

„Irgendwann muss das Zeug doch auch bei dir wirken!“, versuchte Jard ihn aufzuheitern. Zumindest hatte er Kel schon mehrmals hoch und heilig versichert, dass die ersten Anzeichen von Stimmbruch schon deutlich zu erkennen waren, wenn auch nur sporadisch.

„Wart´s ab, Kel, spätestens im Spätsommer wirst du den Mädchen auch endlich auffallen!“ Er grinste breit, wobei er seinem Vater sehr ähnelte, der die gleichen Grübchen auf den Wangen aufwies und ebenso warme braune Augen hatte. Kel zog eine Grimasse.

Mögen die Allmächtigen mich davor bewahren.

***

Jard und sein Ziehbruder, Kel verließen das weite Stoppelfeld, das als Übungsplatz diente und sie traten ihren gewohnten Heimweg an. Bis zur Residenz seiner Familie, war es ein zwanzig minütiger Fußmarsch. Sein Vater war indes den Rückweg zu Pferde angetreten.

An den Wegrändern wucherte in üppigen Büscheln das Wolfsnesselkraut. Kel bückte sich und pflückte die besten Stängel mit den schmalen pfeilförmigen Blättern. Jard hockte sich neben seinen Freund, dabei fiel ihm auf, wie winzig dessen Füße eigentlich waren. Derart kleine Stiefel hatte Jard zuletzt getragen, als er ungefähr zwölf gewesen war. Diese seltsame Entwicklungsverzögerung seines Freundes rührte anscheinend noch immer von den leidvollen Jahren her, die er hungernd auf der Straße verbracht hatte. Er begann ebenfalls noch etwas von dem Kraut für Kels Vorrat zu pflücken, dabei musste er höllisch aufpassen, da die Stacheln, die sich an den Stängeln befanden, sich schmerzhaft in seine Fingerspitzen bohrten, als er in der falschen Richtung an ihnen entlangfuhr.

„Soll ich dir eine Neuigkeit erzählen?“ Jard ließ seine Stimme absichtlich geheimnisvoll klingen. Kel wandte seinen Kopf zu Jard und blickte ihn voller Neugier an.

„Ist es das, was ich glaube?“, fragte Kel, seine Augen schienen vor Aufregung regelrecht zu glühen.

Jard versuchte sein freudiges Grinsen zu verbergen, indem er seine Lippen zusammenpresste.

„Nun sag schon!“, drängte Kel.

Jard strich sich mit einer gemächlichen Handbewegung sein leicht gewelltes, dunkelbraunes Haar zurück, so als müsse er erst darüber nachdenken.

„Wir dürfen endlich nach Eriu gehen. Vater hat entschieden, dass wir beide so weit sind. Du und ich, wir werden bald Schüler des großen Tempels des Westens sein. All die Zeit, die wir zusammen auf diesem verfluchten Stoppelfeld trainiert haben, ist also nicht umsonst gewesen, denn nun hast du die Aussicht, eines Tages ein bedeutender Kämpfer zu werden und ich ein erfolgreicher Magieheiler... oder wer weiß... vielleicht entpuppen sich meine Fähigkeiten als so außergewöhnlich, dass ich sogar selbst ein Großmeister des Tempels werde.“ Wieder grinste Jard, diesmal so breit, dass seine geraden weißen Zähne aufblitzten. Kels Gesicht begann zu strahlen.

Jard blickte Kel in die Augen. Diese schönen, dämonisch- grauen Augen. Verblüfft von diesem eigenartigen Gedanken, wich er einen Schritt von ihm zurück und drückte Kel das Kraut in die Hände.

„Lass es uns besiegeln!“, sagte er und zog unvermittelt seinen Dolch.

„Besiegeln?“ Kel blickte perplex auf die scharfe Klinge des Dolches.

Ohne zu Zögern öffnete Jard seine Hand und schnitt einmal quer durch seine Handfläche. Der sogleich einsetzende, stechende Schmerz entfachte eine seltsame Euphorie. „Los, gib mir deine Hand!“, rief er und griff nach Kels freier Hand. Ein paar Blätter fielen dabei zu Boden. Kel zog erschrocken seine Hand zurück, doch Jard ließ sie nicht los.

„Dieser Blutschwur wird uns zusammenschweißen wie echte Brüder, Kel. Eine solche Verbindung kann nicht einmal der Tod auflösen. Wir werden gemeinsam lernen und kämpfen und wenn nötig auch für den anderen sterben. Du bist mir in den vergangenen Jahren immer wie ein Bruder gewesen, deswegen will ich dir mit meinem Blut ein Stück meiner Stärke schenken!“

Kel riss die Augen auf. „N...nein, Jard, tu das nicht... ich... kann das nicht tun...!“, stotterte Kel, seine Stimme klang ganz heiser.

Jard bedachte Kel mit einem verständnislosen Blick. „Warum stellst du dich so an? Seit Jahrhunderten ist es Tradition im Reich der vier Himmel, dass Männer Bluteide leisten. Was ist nur los mit dir? Erzähl mir nicht, du kannst kein Blut sehen!“

Jard hatte den Eindruck, Kel starrte geradezu panisch auf die feine hellrote Linie in seiner Handfläche.

„Nein. Das ist es nicht. Ich... ich kann nur nicht. Einen Bluteid leisten, meine ich...“, sagte Kel in abwehrender Haltung.

„Kannst du nicht oder willst du nicht?“ Jard setzte eine gekränkte Miene auf.

„Ich kann es einfach nicht...“

„Oder liegt es daran, dass wir aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Rängen stammen? Komm schon, Kel. Bruder. Du weißt, dass mir... und meiner Familie das egal ist. Du gehörst zu uns.“ Er zog Kels Hand wieder fester zu sich, denn er war sich sicher, dass Kel keinen triftigen Grund hatte, seinen Großmut zu verschmähen. Die Ehre, die Kel in diesem Moment zuteil wurde, konnte dieser unmöglich ablehnen. Er musste doch wissen, welche Kränkung eine solche Ablehnung bedeutete. Jard versuchte in Kels Augen den wahren Grund für seinen Widerwillen zu finden. Er sah seinen Freund schwer schlucken. Dann entkrampfte Kel endlich seine Hand. Sie zitterte.

***

Die kühle Klinge fühlte sich an wie Feuer, als sie durch seine Handfläche glitt. Kel sog geräuschvoll die Luft durch seine zusammengepressten Zähne. Als Jard fertig war, drückte er seine blutige Hand in seine. Eine Wärme schoss durch Kels Arm und strömte durch seinen gesamten Körper.

„Hiermit schwöre ich - Jarden Amatris Sohn des Vardan- dir, Kel, Sohn des...“ Jard hielt inne, „...erinnerst du dich an den Namen deines Vaters?“

Kel nickte. „Avias. Er kämpfte vor neun Jahren als Söldner in der Schlacht von Ivadyn. Dort starb er.“

Jard hielt noch einen Moment inne, so als gönne er Kel noch einen stillen Moment des Gedenkens.

Dann setzte er fort: „Kel, Sohn des Avias, dem tapferen Krieger von Ivadyn, in diesem Leben bedingungslos und mit unerschütterlicher Treue und unerschöpflicher Kraft zur Seite zu stehen. Von diesem Tag an sind wir Brüder für die Ewigkeit!“, flüsterte Jard mit funkelnden Augen.

Kel schluckte schwer. Seine Kehle war trocken.

„Hiermit schwöre ich, Kel, S...Sohn des Avias dir, Jarden Amatris, Sohn des Varden in diesem Leben bedingungslos und mit unerschütterlicher Treue und unerschöpflicher Kraft zur Seite zu stehen. Von nun an sind wir Brüder“, wiederholte Kel und unterdrückte das Zittern in seiner Stimme. Es war eine Lüge. Er log während eines geheiligten Rituals. Wenn ihn dafür nicht die ewige Verdammnis erwartete.

Kapitel 2

Kel schloss die Tür zu seiner behaglichen Kammer im ersten Stock der herrschaftlichen Residenz, die in der Nähe des belebten Stadtzentrums von Aracon lag. Er warf das Bündel Wolfsnesselkraut auf das Kirschholztischchen in der Ecke. Natürlich würde dieses Kraut ihm niemals zu einem stählernen, männlichen Körper verhelfen, geschweige denn zu einem Bart. Es war einfach unmöglich. Erschöpft ließ Kel sich aufs Bett sinken und rollte sich wie ein Embryo zusammen. Die Schmerzen im Leib waren wieder stärker geworden. Verzweiflung brach über ihn herein. Tränen brannten in seinen Augen und wanden sich wie winzige Flüsse durch das vom Übungskampf verstaubte Gesicht. Nun war der Fluch des Blutes nicht mehr das einzige Problem, dachte er mutlos und betrachtete seine Handfläche und die deutlichen Spuren des Blutschwurs, den er und Jard abgelegt hatten.

Niemals hätte ich diesen Bluteid mit Jard besiegeln dürfen, warf Kel sich vor, denn Kel war kein Mann. Nein, Kel war nicht einmal ein richtiger Junge. Ein Mädchen, das war sie. Kelestra. Und wie jede Frau, hatte auch sie der Fluch des Blutes getroffen. Der Fluch, der auf allen Frauen lag. Ein Merkmal von Schwäche. Der Grund, warum Mädchen und Frauen in dieser Welt weniger wert waren als Männer. Genau genommen hatte sie es nicht einmal verdient hier zu sein, denn sie würde niemals die Erwartungen erfüllen können, die Vardan hatte, als er Kel damals, in der Annahme, einen kampftalentierten Jungen vor sich zu haben, mit zu seiner Familie genommen hatte.

Sie war wertlos. Abschaum! Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Wahrheit ans Licht kam. Heute war es nicht das erste Mal gewesen, dass die monatliche Blutung mit den verbundenen Unterleibskrämpfen sie beinahe verraten hätten. Und mehr als einmal, hatte sich das Hauspersonal über ihre nächtlichen Wanderungen in die Küche gewundert, wo sie die blutgetränkten Beweisstücke ihrer Weiblichkeit im Ofen verschwinden ließ.

Plötzlich musste sie an ihre Großmutter denken.

Nona hatte sie schon früh gewarnt, vor dem Fluch aller Frauen, und dass die Welt da draußen eine Welt der Männer war. Die Männer waren es, die die Macht besaßen und auch die Magie.

Als es ihrer Nona immer schlechter ging und ihr Ende nahte, hatte sie Kel einen Rat gegeben, dessen Beherzigung Kel letztendlich vor großem Übel bewahrte, wie ihr Jahre später klar geworden war.

„Kelestra, meine Kleine, als Waise wirst du nicht länger hier wohnen dürfen. Sie werden dich holen und dich an eines der roten Häuser verkaufen, wo jungen Mädchen wie dir widerliche Dinge angetan werden. Das darfst du niemals zulassen, hörst du. Lass niemals zu, dass diese Männer dir wehtun.“

Als zehnjährige hatte Kel nicht recht verstanden, was ihre Großmutter meinte, bis zu dem einen Tag, in ihrer Zeit als Straßenkind, als sie unfreiwillig Augenzeugin eines Vorfalles geworden war, der genau das wiedergab, was Nona ihr zu erklären versucht hatte. Sie würde nicht zulassen, dass ein Mann ihr jemals auf so brutale Weise wehtat, wie es dem armen Straßenmädchen ergangen war, das nicht so gescheit gewesen war wie Kelestra, die sich zu ihrem eigenen Schutz als Junge ausgab, wie Nona es ihr geraten hatte.

Mit ihren letzten Kräften hatte Nona ihrer Enkelin das lange honigbraune Haar raspelkurz geschoren und ihr alte Kleider ihres verstorbenen Vaters gegeben, die sie einige Jahre zuvor in weiser Voraussicht umgenäht hatte, damit sie dem schmalen Mädchen wenigstens ansatzweise passten.

Trotz des Gesetzes, welches Frauen verbot, Männerkleider zu tragen, tat Kel wie ihr geheißen. Als sie mit zwölf, kurz bevor sie zu der Familie des Präfekten kam, auch nur andeutungsweise ein Brustwachstum an ihrem Körper bemerkte, hatte sie sogleich begonnen, sich mit Leinenstreifen flach zu binden. Ihre Angst entdeckt zu werden und an ein rotes Haus verkauft zu werden, war zu übermächtig.

Das Leben eines Jungen war hart, aber doch so viel freier und sicherer, als das eines Mädchens. Sie wollte sich gar nicht ausmalen, was Ocai und seine Kumpane ihr zu jener Zeit angetan hätten, hätten sie geahnt, wer sich in Wirklichkeit hinter dem schmutzigem Gesicht, den kurzen Haaren und den zu weiten Hosen verbarg.

Und dann war da noch diese Sache mit der Magie. Frauen trugen keine Magie in sich. Sie konnte es sich nicht erklären, warum sie. War sie vielleicht wirklich verflucht? Immer wieder hatte sie alte Geschichten gehört, die von einer längst vergangenen Zeit erzählten, als Frauen ebenso Magie in sich trugen. Ihre magischen Kräfte sollen viel stärker gewesen sein, als die der Männer, so hieß es, doch der Fluch eines boshaften Herrschers hatte alle Magieträgerinnen ihrer Magie beraubt. Doch man munkelte, dass eines Tages die Magie der Frauen zurückkehren würde. War sie eine von ihnen? Gab es vielleicht andere Mädchen und Frauen, die ihre Magie verheimlichten und sich ebenso wie Kel versteckten vor der Strafe, die sie dafür erwartete?

Als Kel ungefähr acht Jahre alt gewesen war, waren zwei Frauen aus der Nachbarschaft mit dem Vorwurf verhaftet worden, angeblich Magie heraufbeschworen zu haben. Kel hatte die Frauen gekannt, die nur harmlose Tinkturen und Pulver für die Nachbarschaft herstellten, um kleine Unpässlichkeiten zu lindern, doch auch die Kunst des Heilens war allein den Männern vorbehalten.

Bei Kel war es anders. Sie spürte, dass sich etwas viel Mächtigeres in ihr verbarg, als ein gutes Gespür für Heilkräuter.

Anfangs hatte sie es kaum wahrgenommen, dachte an Zufälle, doch seit dem Tag, als Ocai und seine Freunde von dem Peitschensturm entstellt worden waren, glaubte sie nicht länger an Zufälle. Sie war es gewesen. Diese Erkenntnis hatte sie zu zutiefst verängstigt. Sie würde sich niemals als Magie besitzendes Mädchen zu erkennen geben können, nicht einmal bei dem freundlichen Präfekten, der sie vor dem Wachmann beschützt hatte. Sie konnte sich die Strafe, die sie erwarteten würde, lebhaft vorstellen. Es war widernatürlich. Sie war widernatürlich. Und sie war dazu verdammt, ein Leben als Mann zu führen.

Die blutverkrustete Linie in ihrer Handfläche brannte, als eine Träne von ihrer Wange hineintropfte.

Ich habe Jard entehrt, fuhr es ihr durch den Kopf. Ich bin Schuld, wenn ihm etwas passiert!

Ein Blutschwur zwischen einem Mann und einer Frau brachte großes Unheil hervor und zog einen qualvollen Tod nach sich, so hieß es. Frauen war es grundsätzlich verboten, sich geheiligten Ritualen zu unterziehen, selbst wenn sie nur unter Frauen stattfanden.

Allein der Gedanke, dass Jard und sie elendig zu Tode kämen, wie die Menschen in den alten Sagen, ließ ihr Blut in ihren Adern gefrieren.

Aber sie hatte keine Wahl gehabt. Sie musste es tun. Vielleicht war es ja etwas anderes, weil niemand wusste, dass sie gar kein echter Junge war und sie selbst sich in all den Jahren auch nie als etwas anderes gesehen hatte.

Möglicherweise würden Jard und sie vor dem grausamen Schicksal eines verbotenen Blutschwurs verschont bleiben. Dieser Gedanke beruhigte sie ein wenig, als die Glocke zur Abendmahlzeit sie aus ihrer Trübsal riss.

***

Als Tochter des Präfekten von Aracon standen Liva bedeutend mehr Privilegien zu, als den einfachen Bürgerstöchtern. Doch das reichte Liva nicht. Missmutig, wie so häufig, saß sie mit ihrer Familie an der reichlich gedeckten Tafel aus Olivenholz und nahm das Abendessen ein. Doch während ihr Vater, ihr älterer Bruder und ihr Ziehbruder rege Unterhaltungen führten, schwiegen sie und ihre Mutter, nickten hier und da, wenn sie etwas gefragt wurden und schauten die meiste Zeit des Abends mit niedergeschlagenen Augen auf ihre Teller. Allerdings schien auch ihr Ziehbruder, Kel, heute nicht allzu gesprächig. Zudem war er überaus blass. Nicht, dass er sonst einen kräftigeren Teint aufwies. Sie musterte für einen Augenblick den Jungen, der im selben Alter war wie sie, und der nun schon seit drei Jahren bei ihnen lebte. Kel hatte sich nicht außerordentlich verändert, bis auf sein Haar, das bei seiner Ankunft wild und verfilzt von seinem Kopf abgestanden hatte. Jetzt waren die Seitenpartien kahl geschoren und das kinnlange Deckhaar, das von goldenen Strähnen durchzogen war, zu einem Zopf am oberen Hinterkopf zusammengebunden.

Diese Kriegerfrisur stand ihm ausgezeichnet, befand Liva. Sie betonte sein hübsches, eher weiches Gesicht, mit – für einen Jungen – etwas zu großen Augen und zu langen Wimpern, auf die sie so manches Mal neidisch war. Seit damals war Kel nur mäßig gewachsen und gerade einmal eine handbreit größer als Liva, während ihr Bruder sich tagtäglich mehr zum Mann entwickelte. Er hatte sogar schon ein paar Stoppeln im Gesicht, die er rasieren musste. Jard trug sein dunkles Haar in der gleichen Art wie Kel. Allerdings war es genau – wie ihre eigenen rabenschwarzen Haare – wellig und nur schwer zu bändigen.

„Kel und ich haben heute einen Blutschwur geleistet, Vater“, sagte Jard mit vollem Mund kauend.

Das hätte mir einfallen sollen, dachte sie grimmig und biss wütend, aber sittsam – wie es sich geziemte – in ein mit Hühnerfleisch gefülltes Dampfbrötchen.

„Jetzt sind wir Blutsbrüder, für die Ewigkeit. Das Schicksal wird es gut mit uns meinen und zusammen wird uns nichts geschehen. Nicht wahr Kel?“

Kel hatte sich bei Jards Worten an seinem Kürbissalat verschluckt. Er hustete und bekam einen knallroten Kopf. Hastig tastete er nach seinem Becher, doch er griff daneben und stieß den Becher um. Voller Erstaunen beobachtete Liva, wie der Becher kippte, doch plötzlich stockte er auf halber Höhe und sprang zurück auf seine Ausgangsposition, ohne dass ein Tropfen Wasser überschwappte. Ja, sie hatte ganz richtig gesehen, der Becher sprang einfach zurück, anstatt seinen vollen Inhalt über Kels blütenweißes Seidenhemd und die geschnürte dunkelblaue Weste, ein Erbstück von Jard, zu ergießen. Kel schien sich von Liva, die das Geschehene mit angesehen hatte, ertappt zu fühlen, sofort lief er wieder rot an und wich ihrem Blick aus. Dabei wusste doch jeder in diesem Haus, dass Kel, genau wie ihr Bruder, ein Magieträger war, warum nur machte er so ein Geheimnis daraus?

„Ich kann es kaum erwarten, dass wir endlich aufbrechen zum Tempel des Westens. Die Insel Eriu soll ja die schönste im ganzen Reich der vier Himmel sein...“, plapperte Jard mit leuchtenden Augen weiter und merkte nicht einmal, dass ein Stück krümeliger Büffelkäse an seinem Mundwinkel klebte.

„Ich bin froh, dass ich die Entscheidung, euch schon diesen Sommer zur Ausbildung in den Tempel zu schicken, getroffen habe und ich hoffe, ich werde sie nicht bereuen“, sagte ihr Vater. Dann blickte er Kel streng an. „Kel, mein Junge, ich hoffe, dein kleiner Schwächeanfall von heute wird nicht zur Regel. Der Ruf unseres Hauses steht auf dem Spiel. Und von dir, mein Sohn, erwarte ich exzellente Erfolge im Erlernen der Heilmagie unter Großmeister Nakoro. Aracon braucht endlich einen fähigen Magieheiler. Es wird Zeit, dass diese ganzen Scharlatane, die es kaum schaffen, Wasser für einen Teeaufguss mit Magie zu erhitzen, das Haus der Heiler räumen. Wenn du erst zurück bist aus dem Tempel, wirst du die Führung des Heilerhauses von Aracon übernehmen.“

Liva kaute mürrisch auf einem Stück Fleisch. Jetzt reichte es ihr. Wieder einmal stieg ein unbeschreiblicher Neid den beiden Jungen gegenüber in ihr auf. Immer ging es nur um Jard und Kel. Und was war mit ihr?

Die beiden durften alle erdenklichen Dinge tun, von denen Liva nur träumen konnte. Sie konnten sich überall frei bewegen, durften auf Pferden reiten, raufen, kämpfen oder einfach in der Gegend herumrennen, während sie das Haus nur in Begleitung eines männlichen Familienmitgliedes verlassen durfte. Ihre Aufgabe war es in erster Linie, sich auf die Rolle einer Söhne gebärenden, demütigen Ehefrau vorzubereiten, die sich um den Haushalt kümmerte und hin und wieder Harfe für erlesene Gäste spielte, was ihr allerdings gehörig widerstrebte. Ihr Glück war es, dass Liva zur gesellschaftlichen Oberschicht gehörte, die mehr Privilegien besaßen, als einfache Bäuerinnen, dennoch war sie eingeschränkt und sie erwartete ebenso harte Strafen für ungebührliches Verhalten, wie die Frauen der unteren Schichten.

Sie sah nicht länger ein, dass man ihr kaum Beachtung schenkte, schließlich war sie, im Gegensatz zu Kel, ein echtes Familienmitglied. Sie schäumte vor Wut. Diese ständige Benachteiligung der Frauen musste doch irgendwann ein Ende haben. Allein schon, dass nur männliche Magieträger geboren wurden, empfand sie als entsetzliche Ungerechtigkeit.

„Ob ich wohl auch ein Magieträger geworden wäre, wenn ich nicht als Mädchen geboren wäre?“

Sie blickte fragend in die Runde. Sofort stellte sie fest, dass ihre Mutter einer Ohnmacht nahe war, zumindest hechelte diese angestrengt nach Luft und fuchtelte mit ihrem bunt bestickten Seidenfächer herum. Ihr Vater verengte die Augen und sah sie an, als wolle er sagen: „Wer hat dich aufgefordert zu sprechen?“ Liva hielt dem strengen Blick ihres Vaters stand. Zu ihrer Überraschung schwieg er und schlürfte stattdessen einen Löffel voll Fischsuppe.

„Du bist aber ein Mädchen, Schwesterlein, also hör auf, dir unnötige Gedanken über Dinge zu machen, die man nicht ändern kann“, sagte Jard und stopfte sich ein süßes Hefebällchen in den Mund.

Wütend presste Liva ihre Lippen aufeinander. Ihr Blick fiel wie zufällig wieder auf Kel, der sich ganz klein auf seinem Stuhl gemacht hatte.

„Ich bin mir sicher, ich könnte als Magieträger viel mehr als nur Teewasser zum Kochen bringen und im Übrigen halte ich auch Kel für talentierter, als jeden einzelnen Magieheiler in ganz Aracon.“

Kel blickte sie perplex an. Er öffnete den Mund, als wolle er etwas sagen, doch dann schloss er ihn wieder, da Jard zu sprechen begann: „Kel will Kämpfer werden, kein Heiler.“

„Ich habe ja auch nicht gesagt, dass er sich zum Heiler eignet oder einer werden soll. Ich sagte nur, dass seine Fähigkeiten, meiner Meinung nach, unterschätzt werden. Mit seinem Talent könnte er doch zur königlichen Armee gehen. Ich habe mal gehört, die suchen ständig begabte Magieträger.“

„Seit wann kennst du dich mit derartigen Dingen aus? Kriegsführung ist nicht gerade ein Thema für Frauenohren“, sagte Jard mit hochgezogener Braue, worauf Liva empört ihre Zähne aufeinander presste. „Und woher weißt du überhaupt, welche Fähigkeiten Kel besitzt? Er wendet selten Magie an.“ Um sich zu vergewissern, ob er in Kels Sinne gesprochen hatte, wandte Jard seinen Kopf zu ihm. Kel war indes noch blasser geworden als zuvor. Es schien gerade so, als würde er jeden Augenblick in Ohnmacht fallen.

***

Kel war ganz übel geworden. Ihre zitternden Hände hatte sie für den Rest des Abends unter der Tischplatte versteckt und kaum noch einen Bissen herunter bekommen. Livas Blicken war sie so gut es ihr gelang ausgewichen, dennoch hatte sie sie auf ihrer Haut gespürt wie Nadelstiche.

Nun atmete sie tief ein und wieder aus. In der Sicherheit ihrer Kammer fiel die Anspannung allmählich von ihr ab.

Sie war durcheinander, einerseits freute sie sich wahnsinnig auf Eriu und den Tempel. Doch nun hatte sie plötzlich Zweifel. Seit drei Jahren hatte sie darauf hingearbeitet. Nichts hatte sie sich mehr gewünscht, als dort die alte Kampfkunst zu erlernen. Aber, war es wirklich ihr Wunsch gewesen? Oder hatte Vardan sie – seit sie bei ihm war – so sehr manipuliert, mit seinen Lobreden über ihr Kampftalent, dass sie nur dachte, es sei das einzig Richtige. Aber welche Alternativen blieben ihr schon? Seit mehr als fünf Jahren gab sie nun schon vor, ein Junge zu sein, hatte unermüdlich die Bewegungen von Männern beobachtet, ihre Art zu gehen, mit den weit schwingenden Armen und ihre Sprechweise imitiert. Sie hatte keine Ahnung was Frauen und Mädchen taten oder wie sie lebten, aber das wenige, was sie über deren Lebensweise wusste, gefiel ihr nicht. Es gab kein zurück.

Kapitel 3

Ein unbeschreiblicher Schmerz in ihrer Brust ließ ihren Atmen stocken. Ihr Herzschlag donnerte in ihren Ohren. Sie öffnete ihre Lippen zum Schrei, aber sie blieb stumm. Das Letzte was sie sah, war ihre kalkweiße Hand, die sie flehend von sich streckte, bevor sich ein schwarzer Schleier vor ihre weit aufgerissenen Augen legte. Dann war alles still, doch ihre unausgesprochenen Worte drangen an die Ohren des Mannes, der einen Dolch in ihr Herz gerammt hatte. „Dhakur nes ourih!“

Kel fuhr aus dem Schlaf hoch und unterdrückte in letzter Sekunde einen Schrei. Sie rieb sich übers Gesicht und bemerkte, dass es nass war. Tränen rannen über ihre Wangen und tropften auf ihr Nachtgewand. War es dieser seltsam reale Traum, der diese melancholische Stimmung ausgelöst hatte, die sich in ihrer Brust ausbreitete? Kel war sich sicher, diesen Traum nicht zum ersten Mal geträumt zu haben.

Doch sie konnte die Zusammenhänge nicht einordnen. Ergaben die rätselhaften Worte einen Sinn oder handelte es sich nur um wirres Zeug, wie es in Träumen häufig vorkam? Am Ende entschied sie sich, dem Traum keine große Bedeutung beizumessen und legte sich wieder schlafen. Doch Schlaf stellte sich nicht ein. Die Gedanken schwirrten in ihrem Kopf herum. Was, wenn die Männer des Westtempels erkannten, das Kel ein Mädchen war? Noch dazu eine Magieträgerin! Was würden sie wohl mit ihr tun? Sie verhaften, wie die Nachbarsfrauen, die nur harmlose Tinkturen hergestellt hatten? Oder würde man sie in eines der roten Häuser verkaufen, wo Männer ihr alle erdenklichen Abscheulichkeiten antun würden, um ihren eigenen Befriedigungen nachzugehen?

Oder war der Tod die gerechte Strafe für eine Frau, die Kräfte besaß, die nur Männer besitzen durften?

Sie nahm sich vor, nie wieder diese verfluchte Gabe anzuwenden, doch sie wusste, dass sie nicht immer Einfluss darauf nehmen konnte. Manchmal beschwor sie unbewusst Magie, wie damals bei Ocai und seinen Kumpanen. Oder heute beim Essen, als sie ihren Trinkbecher vom Umkippen abgehalten hatte. Sie müsste lernen, ihre Magie unter Kontrolle zu bringen.

Niemand durfte davon erfahren. Sie würde Jard irgendwie dazu bringen müssen, dass er es für sich behielt, wenn sie erst im großen Ausbildungstempel des Westens waren, wo sie sich ausschließlich auf das Erlernen der traditionellen Kampfkunst konzentrieren wollte, während Jard seine heilerischen Fähigkeiten voll entfalten würde.

In zwei Wochen würden sie aufbrechen. Ihr Herz klopfte aufgeregt, bei dem Gedanken, endlich die schöne Insel Eriu zu sehen und sogar für einige Zeit dort zu leben. Ihre Großmutter hatte ihr einmal erzählt, dass es der große Traum ihres Vaters gewesen war, in einem der fünf Tempel ausgebildet zu werden. Er war ein talentierter Schwertkämpfer und außerdem ein ausgezeichneter Bogenschütze gewesen. Doch war alles anders gekommen. Seine Frau, Xora, war bei Kelestras Geburt gestorben. Er musste für das kleine hilflose Bündel sorgen und vergrub seinen Traum von den Ausbildungstempeln, auch wenn Nona ihn immer ermuntert hatte, für einige Zeit zu gehen. Sie würde mit dem Geld, das sie mit ihren Flechtkörben und Keramikarbeiten verdiente, schon auskommen für sich und Kel. Doch Avias hatte sich lieber für das schnelle Geld entschieden und sich für die Schlacht von Ivadyn, gegen Herzog Rahol aus dem Südreich, rekrutieren lassen, von der er nie zurückkehrte.

***

„Geht es dir besser?“, erkundigte sich Jard. Kel war immer noch blass und hatte dunkle Schatten unter den Augen. Im Unterbewusstsein plagte Jard ein schlechtes Gewissen. Hatte er seinen Freund vielleicht zu sehr gedrängt, ihn am Ende sogar genötigt, den Bluteid zu schwören?

„Tut mir Leid, wegen gestern. Ich hoffe, du kommst damit zurecht.“ Er knabberte nervös auf seinen Lippen herum, den Blick vorsichtig auf Kel gerichtet, der eines der Pferde, die sie für die Reise nach Eriu benötigten, mit einer groben Bürste, vom letzten Winterfell befreite.

Kel nickte. „Schon gut, ich hätte mich nicht so anstellen sollen. Ich weiß, dass dir diese Blutsbrüderschaft viel bedeutet. Mir auch, Jard. Ich hätte mir keinen anderen Bruder wünschen können.“

Seine Stimme klang erstickt, doch Jard war erleichtert, dass Kel nicht länger mit sich haderte.

Kel räusperte sich. Irgendetwas lag ihm scheinbar noch auf dem Herzen. Jard wechselte die Seite seines Pferdes und stand nun dichter an Kel. Er schrubbte den Rücken seines Fuchses und schielte hinüber zu ihm.

„Jard, ich muss dich um was bitten“, murmelte Kel, die Stirn in Falten gelegt.

„Klar, Bruder!“, schoss Jard übereifrig hervor.

„Du weißt, dass ich nicht gerne Magie gebrauche. Ich bin auch nicht... nicht gut darin, so wie du. Ich meine, ich könnte meine Hände stundenlang auf eine schmerzende Schulter legen, es würde nichts geschehen, außer, dass meine Hände dabei höchstwahrscheinlich einschlafen.“

Jard musste Grinsen. „Das ist reine Übungssache“, explizierte er.

„Ich wünschte mir, ich besäße keine Magie“, sagte Kel schwermütig.

Überrascht brach Jard die Putzbewegung mit der Pferdebürste ab. Der Wallach gab ein feuchtes Schnauben von sich.

„Ich verstehe dich nicht, Kel. Uns Magieträgern wurde diese besondere Gabe von unseren Ahnen, den Allmächtigen, geschenkt, also sollten wir sie auch nutzen. Weißt du eigentlich, wie viele Menschen uns darum beneiden? Einschließlich Liva!“

Kels Schimmelstute schlug nervös mit dem Schweif und gleichzeitig mit dem Hinterhuf. Scheinbar hatte Kel sie zu grob an der Flanke geschrubbt.

„Sie wäre nicht lange glücklich, schätze ich. Als einzige Magieträgerin der Welt.“ Bei diesen Worten nahm Kels Miene geradezu schmerzliche Züge an.

Was war nur los mit ihm?

„Ich wäre dir dankbar, wenn du es für dich behältst, dass ich ein Magieträger bin, wenn wir im Tempel sind. Ich will mich dort nur auf das Kämpfen konzentrieren und habe nicht vor, Magie zu benutzen. Frag nicht nach Gründen, ich habe mich einfach dazu entschieden! Ich habe auch deinen Vater gestern Abend gebeten, dass er mich in seinem Schreiben an Großmeister Nakoro nicht als Magieträger bezeichnet. Ich glaube, er war verwundert, aber letztendlich hat er meinen Wunsch respektiert. Bitte tu du es auch!“

Kels Stimme klang heiser. Das einzige Resultat, das die Wolfsnessel offenbar bei ihm bewirkte.

Jard nahm einen tiefen Atemzug durch die Nase.

„Du kannst dich auf mich verlassen, Bruder. Niemand erfährt von mir irgendwas. Du bist nur ein ganz normaler Junge, der es auch ohne Magie schaffen will, der beste Kampfschüler aller Zeiten zu werden und sich die begehrte Lotusmandala- Tätowierung zu verdienen.“ Jard versuchte ein lockeres Lächeln zustande zu bringen. Möglicherweise überlegte es Kel sich ja im Tempel noch einmal anders, wenn er erst mit vielen anderen Magieträgern zusammen war, dachte Jard zuversichtlich und setzte die Fellpflege seines Pferdes fort.

***

Sie brachen im Morgengrauen auf. Es war ein warmer Frühsommertag und die Pferde hielten ein angenehmes Tempo. Bis Sonnenuntergang wären sie unterwegs zur Westküste, von wo aus sie mit einer Fähre zur Insel Eriu fahren würden. Die kurze Überfahrt war für die Pferde weniger nervenaufreibend, als die mehrstündige Schiffsfahrt von Aracons Hafen aus. Überdies war Kel noch nie aus Aracon herausgekommen und war neugierig auf die Dörfer und kleinen Städte, die sie auf der Reise durchqueren würden.

Das erste Dorf, das sie am Vormittag erreichten war bekannt für seine wunderbaren Obstplantagen. Hier wurden insbesondere die einheimischen rosafarbenen Chamshi und die herrlich süßen Nashiri gezüchtet, doch auch exotische Früchte von fernen Kontinenten wie Äpfel, Birnen, Kirschen und Pflaumen gab es hier. Kel und Jard kauften bei einem Straßenhändler jeweils einen Beutel Obst, das sie mit ihren Pferden teilten.

Sie pausierten am Rand eines Kürbisfeldes, als ein Wagen, vor den ein klappriger Wasserbüffel gespannt war anhielt. Der Mann auf dem Bock schien sichtlich erschöpft. Zwischen der Fracht auf dem hinteren Teil saßen eine zum Teil verschleierte Frau und zwei kleine Kinder. Die Kinder schliefen. Offenbar war die Familie lange Zeit unterwegs gewesen.

Kel und Jard begrüßten den Mann mit einer freundlichen Geste, als dieser von seinem Wagen sprang.

„Ihr seht hungrig aus“, sagte Jard und bot dem Mann sofort etwas von seinem Obst an.

Der Mann half seiner Frau herunter. Die schlafenden Kinder deckte er mit einigen leeren Säcken zu.

Kel bot der Frau von ihrem Obst an. Dankbar griff sie zu einem Apfel und biss genussvoll zu.

„Setzt Euch zu uns“, sagte Kel und hockte sich wieder ins Gras. Der Mann breitete einen weiteren leeren Sack aus und bedeutete seiner Frau, sich darauf nieder zu lassen. Kel verfolgte den Mann irritiert, der plötzlich einen länglichen hölzernen Gegenstand unter seinem schmuddeligen Hemd hervorzog, der an einer groben Schnur um seinen Hals hing. Sie kniff die Augen zusammen, um den Gegenstand besser zu erkennen, den der Mann gegen die Sonne hielt und dabei unverständliche Worte murmelte. Dann drehte er sich in jede Himmelsrichtung, streckte das hölzerne Artefakt in die Höhe und wiederholte die geheimnisumwobenen Worte. Rituale jeglicher Art waren nichts Ungewöhnliches im Reich der vier Himmel. Sie gehörten zum Alltag vieler Männer, dachte Kel und wurde prompt wieder an den Blutschwur mit Jard erinnert. Allerdings hatte Kel noch nie so einen fingergroßen Gegenstand gesehen, der aussah, wie eine geschnitzte Pfeilspitze mit einem Drachenkopf am anderen Ende. Auch die fremdartigen Worte kamen ihr nicht bekannt vor. Rituale und Schwüre wurden schon seit über dreihundert Jahren üblicherweise in der heutigen Sprache gesprochen. Es gab nur wenige Worte, die aus der Uraltsprache in den gegenwärtigen Sprachgebrauch übernommen worden waren und meistens nur in der Heil- sowie in der Kampfkunst verwendet wurden.

Als der Mann fertig war, küsste er die kleine Figur dreimal und ließ sie wieder unter seinem Hemd verschwinden. Dann setzte er sich neben seine Frau und biss gierig in eine saftige Chamshi.

„Was war das für ein Brauch?“, fragte Jard interessiert. „Mir scheint, Ihr seid nicht von hier.“

Der Mann berührte die Stelle auf seiner Brust, wo die Figur unter seiner Kleidung lag.

„Wir sind aus Ashamur. Seit sechs Tagen sind wir unterwegs. Wir wollen zur Insel Katuri, denn dort sind wir sicher!“ Der Mann war sichtlich aufgeregt, während er sprach; zudem blickte er ständig in den Himmel, als suche er dort etwas.

„Sicher wovor?“, erkundigte sich Kel.

„Vor der Prophezeiung, Junge!“, zischte die Frau unter ihrem Halbschleier hervor.

„Ruhe Weib! Wer hat dich gefragt?“, brummte der Mann.

Die Frau blickte rasch zu Boden.

„Es wird zurückkehren und nichts als Verwüstung hinterlassen. Ich spüre es. Ich bin kein großer Magieträger, aber ich habe es in den schwarzen Wolken gelesen, die über die Königsstadt zogen. Es wird kommen! Ich habe es den anderen gesagt, doch sie glaubten mir nicht. Sie sind verdammt! Daraufhin haben wir unser Hab und Gut gepackt und sind losgefahren. Katuri ist ein sicherer Ort, denn die Insel gehört nicht zum Reich der vier Himmel. Dort wird diese Kreatur uns nicht finden.“ Wieder starrte der Mann in den Himmel, offenbar fürchtete er, die düsteren Wolken könnten ihn bis hierher verfolgt haben.

„Eine Prophezeiung sagt Ihr?“ Jard kratzte sich am Kinn. „Von welcher Prophezeiung genau sprecht Ihr? Es gibt dutzende, dreiviertel davon wurden erfunden, um Kindern das Fürchten zu lehren.“ Kel bemerkte, dass Jard die Geschichte des Mannes genauso wenig ernst nahm wie sie selbst. Doch der Aberglaube war fest verankert in den Köpfen vieler Menschen.

Eine Prophezeiung, von der sie immer wieder gehört hatte, offenbarte beispielsweise, dass die Sonne nie wieder scheinen werde und die Menschen in ewiger Dunkelheit leben sollten, wenn sie nicht vor Mitternacht in ihren Betten lagen. Aus diesem Grunde war vor Jahrhunderten die Sperrstunde eingeführt worden, an die sich weniger als die Hälfte der Menschen hielt. Angst, dass die Sonne nie wieder scheinen würde, hatte sie längst nicht mehr.

„Ihr glaubt mir nicht?“, fuhr der Mann die beiden an. „Ich sehe es in euren Augen! Ich sage euch, flieht solange ihr noch könnt, Burschen!“ Er sprang auf die Füße und zerrte seine Frau sogleich mit sich. Er schob sie unsanft auf den Karren, stopfte dem Büffel den Rest seiner Chamsi ins Maul und schwang sich auf den Kutschbock.

„Unser aller Untergang naht!“, rief er mit mahnender Stimme und knallender Peitsche. Der Karren setzte sich in Bewegung. Kel und Jard verfolgten ihn mit skeptischen Blicken, bis er um eine Kurve verschwunden war.

„Wen meinte er mit es?“, fragte Kel. Achselzuckend kramte Jard in seinem Beutel nach einer Pflaume.

„Ich glaube, er sprach von einer Kreatur. Was auch immer man darunter versteht. Ich glaube zwar an Magie, immerhin sind wir selbst Magieträger, aber alles hat seine Grenzen. Zum Beispiel kann niemand – nicht einmal der beste Magieheiler – jemanden wieder vom Tode erwecken. Genau deswegen, glaube ich auch nicht, dass es etwas so Mächtiges gibt, das die Welt einfach zerstören kann.“

„Du hast sicher Recht“, erwiderte Kel und blickte in den Himmel. Für eine Schreckenssekunde meinte sie, eine Düsternis über ihnen zu erkennen, doch als sie den Blick schärfte war dort oben nichts als ein tiefblauer Sommerhimmel.

Kapitel 4

Insel Eriu, Ausbildungstempel des Westens

Aris liebte die traditionelle Kampfkunst, ebenso wie den Schwertkampf. Sein Ziel war es, beides so weit zu perfektionieren, um eines Tages als bedeutendster Kämpfer des Vierhimmelreichs in die Geschichtsbücher einzugehen. Und diesem Ziel kam er stetig näher. Zwei Jahre lang hatte er im Ausbildungstempel des Nordens täglich viele Stunden den Schwertkampf unter Großmeister Seki trainiert. Kein anderer Schwertkämpfer konnte ihm das Wasser reichen. Niemand war so schnell und wendig wie Aris. Die Tätowierung einer sich um ein Schwert windenden Schlange, auf seinem rechten Unterarm, zeugte von seiner ausgezeichneten Leistung und der abgeschlossenen Ausbildung. Nun wollte Aris sich voll und ganz auf den traditionellen, waffenlosen Kampf konzentrieren. Großmeister Nakoro vom Westtempel war nun sein neuer Lehrmeister. Seit einem Jahr und neun Monaten lebte Aris nun im Tempel des Westens. Er fühlte sich wohl auf der Insel Eriu. Nicht umsonst wurde sie die schönste Insel des Reiches genannt, mit ihren vielen uralten Bäumen, die im Frühling in allen erdenklichen Farben erblühten und deren Sommerlaub eine Farbenvielfalt zwischen zartem Rosa und kräftigem Azurblau aufwies. Nirgendwo sonst war die Natur so außergewöhnlich und schillernd wie auf Eriu. Das Klima war das ganze Jahr über mild und hier nahm man die alten Kräfte der Natur sehr intensiv wahr, insbesondere wenn man sich der Meditation hingab. Doch auch etwas Mystisches war hier spürbar. Den alten Sagen nach, waren auf dieser Insel, fernab der Königsstadt Ashamur, angeblich die Überreste eines alten Herrschergeschlechts von gefürchteten Halbwesen verscharrt worden, nachdem das Reich vor über viertausend Jahren von der ersten Dynastie und Herrscher Od-Khato übernommen wurde. Auch wenn Aris nicht wusste, wie viel von den althergebrachten Erzählungen der Wahrheit entsprach und wie viel Einfallsreichtum und Aberglaube sich im Lauf der Jahrhunderte darunter gemischt hatte, so spürte er doch eine gewisse Mystik.

Aris saß auf einem Gras bewachsenen Hügel über der sandigen Meeresküste und meditierte. Er trug ein traditionelles senfgelbes, knielanges Meditationsgewand, das um die Taille herum mit einer schwarzen Seidenschärpe gebunden wurde. Darunter lockere Hosen derselben Farbe. Sein dunkelblondes Haar hatte er mit einem Stirnband fixiert, sodass es ihm nicht ins Gesicht und die Augen fiel. Die warmen Strahlen der untergehenden Frühsommersonne tauchten die hügelige Landschaft in ein schimmerndes Rot-Orange während das Wasser des Ozeans wirkte, als hätte jemand Blut hineingemischt. Er verharrte noch ein wenig gelöst im Lotussitz, als er in der Ferne zwei dunkle Punkte bemerkte, die sich näherten. Dem aufgewirbelten Staub nach, musste es sich um Reiter handeln. Neuankömmlinge?

Neugierig schärfte Aris den Blick, doch die beiden waren noch zu weit entfernt. Ein paar Meter neben ihm hatte ein anderer Lehrling gerade seine Abendmeditation im Sonnenuntergang beendet.

„He, Navar!“, rief Aris dem dunkelgelockten jungen Mann zu, der durch die unerwartete Unterbrechung der Stille erschrocken zusammenfuhr.

„Wusstest du, dass wir Neue bekommen?“, wollte Aris wissen.

Navar legte die Stirn in Falten und nickte. „Ja, hab gehört, dass zwei Schüler aus Aracon kommen sollen. Eigentlich wurden sie erst im Herbst erwartet. Sie sollen aus einem der angesehensten Häuser des Westreiches stammen, deswegen wurde wohl eine Ausnahme gemacht. Ich wette, dass da wohl ein paar großzügige Zuwendungen für Eriu und den Tempel im Spiel waren, die letztendlich zu der übereilten Aufnahme geführt haben.“

Aris kaute nachdenklich auf seiner Unterlippe. „Aber es sind keine Betten mehr frei!“

Wieder nickte Navar und beobachtete nun ebenfalls die sich nähernden Punkte. „Also, mein Zimmer ist voll. Wir sind schon zu fünft. Die anderen Zimmer sind ebenfalls überfüllt.“

Aris´ Augen weiteten sich sorgenvoll.

„Scheint so, als müsstest du das Privileg eines Einzelzimmers aufgeben und zwei Beistellbetten aufstellen, Aris. Dein Zimmer ist das einzige, wo die zwei noch reinpassen!“

„Auf gar keinen Fall!“, protestierte Aris.

Navar kräuselte die Stirn. „Die anderen und ich fragen uns schon die ganze Zeit, warum du eigentlich ein Einzelzimmer hast. Sagtest du nicht, deine Familie züchtet Wasserbüffel in Nord-Bego?“

Aris schob den Ärmel seines rechten Armes hoch. Die Schlangentätowierung blitzte hervor. „Noch Fragen?“, zischte er in Navars Richtung. Ehrfürchtig blickte Navar auf die Tätowierung, die im Schimmer des blutigen Abendrots wirkte, als würde sie sich bewegen.

„Ich war der beste Schwertkampfschüler, den Großmeister Seki je unterrichtet hat. Und als nächstes wird das Lotusmandala des Westtempels auf meinen Rücken tätowiert werden, sobald ich im Spätsommer die Meisterprüfung bestanden habe“, verkündete Aris stolz. „Wie du siehst, kann sich auch der Sohn eines Büffelzüchters Privilegien verdienen und deswegen lasse ich nicht zu, dass zwei dahergelaufene Schnösel so einfach in mein wohlverdientes Einzelzimmer einziehen!“

„Willst du etwa gegen die Entscheidung der Tempelvorsteher angehen?“, fragte Navar mit großen Augen.

Aris seufzte. Selbstverständlich würde er das niemals wagen. Angespannt kniff er die Lippen zusammen. Aber wie wurde er diese beiden Eindringlinge, die soeben das große Vordertor des Tempels erreicht hatten, bloß schnell wieder los?

Es war nun fast dunkel. Er beobachtete angestrengt, wie die zwei Gestalten und ihre Pferde das Tor passierten. Im Innenhof nahm ihnen jemand die Pferde ab. Bis auf diese gepflegten, gut genährten Rassepferde, wirkten die beiden auf den ersten Blick nicht sehr besonders, stellte Aris fest. So winzig, wie der eine war, musste es sich bei ihm offensichtlich noch um ein Kind handeln. Den anderen schätzte Aris höchstens eineinhalb Jahre jünger als er selbst war. Ob sie wohl Magieträger waren, so wie er und Navar? Na gut, Navars magische Fähigkeiten waren nicht der Rede wert und an einer Hand abzuzählen. Aris´ Magie dagegen war, wenn man den Worten des Großmeisters Glauben schenkte, außergewöhnlich und äußerst viel versprechend. Denn während Navar die selten nutzlose Fähigkeit besaß, mit einer magischen Berührung Pflanzen zum Welken zu bringen, gelang es Aris mit der gleichen Berührung, Gliedmaßen anderer Menschen für kurze Zeit zu lähmen.

Unter den derzeitigen Tempellehrlingen gab es nicht ausnehmend viele Magieträger. Die meisten von ihnen zeigten lediglich heilerische Fähigkeiten. Navar besaß die Fähigkeit sich vor Angriffen zu schützen, indem er blitzschnell eine unsichtbare Schutzwand vor seinem Körper aufbauen konnte, die allerdings nur für wenige Sekunden bestehen blieb. Auch Aris besaß diese Fähigkeit, hatte sie jedoch schon so weit optimiert, dass er mehr als nur einem Wurfgeschoss standhalten konnte. Auch hatte er erkannt, dass er durch die Spiritualität, die er durch die tägliche Meditation erlangte, immer wieder stärkere magische Kräfte entwickelte. Schon als Kind hatte Aris orakelhafte Vision gehabt. Er sah Bruchstücke von Ereignissen, die kurz darauf geschahen. Zuerst hatte er sich diese zu Nutze gemacht, indem er sich bei Versteckspielen auf die Person konzentriert hatte, die es zu suchen galt und sogleich erschien vor seinem inneren Auge splitterartig der Ort, an dem sie sich versteckt hatte. Eine derartige Fähigkeit war natürlich in jeder Lebenslage von erheblichem Vorteil.

Aris und Navar standen von ihren Meditationsstätten auf und stiegen den Hügel hinab. Sie begaben sich zum hinteren Eingang des Tempels.

„Der Ältere ist ein Magieträger“, sagte Navar.

„Woher weißt du das?“, erkundigte sich Aris nun interessiert.

„Das habe ich zufällig Großmeister Nakoro zu Meister Asak sagen gehört, als sie zusammen durch den Korridor gingen. Er will Heiler werden.“

Heiler?

Enttäuschung machte sich auf Aris´ Gesicht bemerkbar.

„Als gäbe es nicht schon genug Heiler im Reich der vier Himmel!“, brummte er. Navar zuckte nur mit den Achseln.

Bei den Allmächtigen. Ein Kind und ein Heiler, dachte Aris. Schlimmer hätte es ihn nicht treffen können!

Doch Aris wollte sich seinen Unmut keinesfalls äußerlich anmerken lassen. Schon gar nicht vor dem Großmeister. In den vergangenen Jahren im Tempel hatte er gelernt, wie er seine innere Mitte fand und schlechte Energien verbannte und so konzentrierte er sich darauf, ruhig Blut zu bewahren und den Dingen seinen Lauf zu lassen.

***

Mit pochendem Herzen trat Kel vor Großmeister Nakoro. Dass Jard nur ein paar Zentimeter neben ihr stand, bereitete ihr aber kaum das Gefühl von Sicherheit. Wenn dieser weise alte Mann auch nur den kleinsten Verdacht schöpfte, was sie in Wahrheit war, war es nicht gut um sie bestellt. Prompt offenbarte sich ihr mahnend ein kirschrot angestrichenes Haus vor ihrem inneren Auge. Hastig schüttelte sie diesen entsetzlichen Gedanken ab.

Großmeister Nakoro war ein kleiner, leicht untersetzter Mann, mit grauem Haar, das er zu einem strengen Knoten auf seinem Kopf gebunden trug. Seine freundlichen mandelförmigen Augen glänzten beinahe schwarz. Er hatte einen schmalen Kinnbart, der bis zur Mitte seines Brustbeins reichte und trug eine knöchellange Robe aus schwarzem Brokat, die mit prachtvollen bunten Mustern verziert war und in der Taille mit einer goldenen Schärpe gebunden war.

Er legte seine Faust in die Handfläche vor seiner Brust und empfing die beiden mit einer würdevollen Verneigung. „Willkommen im Tempel des Westens, dem größten im ganzen Reich der vier Himmel!“, sagte er mit einem fremd klingenden Akzent. Vermutlich hatte er in jungen Jahren noch eine der älteren Sprachen erlernt, die seit Jahrhunderten immer mehr in Vergessenheit gerieten und nur noch von sehr wenigen Familien besonders im Ostreich gesprochen wurden.

Kel und Jard erwiderten die Begrüßung auf die gleiche Weise. Kel atmete innerlich auf. Der Großmeister schien sie für einen ganz normalen Jungen zu halten.

Ein paar Schritte hinter dem Großmeister stand ein langer, dürrer Bursche von etwa siebzehn Jahren, mit raspelkurz geschorenen rötlichen Haaren. Sein Gesicht war mit Pickeln und roten Pusteln übersäht und seine wimpernlosen, hellblauen Äuglein waren rosa umrandet, außerdem hatte er ungewöhnlich große Nasenlöcher, insgesamt erinnerte sein Anblick verblüffend an ein Ferkel.

Er trug die typische Kleidung eines Heilers – weißes, knielanges Gewand mit Stoffknotenleiste über dunkeln Hosen – allerdings mit einer roten Gürtelschärpe, was ihn als ranghohen Schüler auswies.

„Koho Kel, Koho Jarden, darf ich euch Taik vorstellen, er ist der ranghöchste Lehrling der Heilkunst und wird euch euer Quartier zeigen und euch über alles, was ihr wissen müsst, informieren“, sagte Nakoro und trat einen Schritt zur Seite, sodass der Junge vortreten konnte. Taik verneigte sich ehrfürchtig vor dem Großmeister, bevor dieser lautlos den Gang entlang verschwand. Dann wandte Taik sich Kel und Jard zu. Zur Begrüßung deutete er eine wenig manierliche Verneigung an, seine Arme und Hände hatten kaum Spannung während der vollführten Geste.

Ohne ein weiteres Wort ging er den Korridor hinab. Kel und Jard wechselten fragende Blicke und folgten ihm eilig mit ihrem Gepäck.

Nachdem sie um eine Ecke gebogen waren, blieb Taik stehen und musterte Jard von Kopf bis Fuß.

„Ich bin jetzt dein Sempo und da du nur ein unbedeutender Koho bist, verlange ich, dass du mich auch so ansprichst, verstanden!“, zischte er.

Jard schien perplex über den schroffen Ton des Schülers, dennoch verneigte er sich demütig. „Ja, Sempo Taik!“

„Also, es läuft hier so. Ich entscheide, ob und wann du gut genug bist, für den Unterricht bei den Lehrmeistern. Ob ich dich allerdings für die Teilnahme an Großmeister Nakoros Unterricht vorschlage, steht in den Sternen!“ Er grinste herablassend. Dann setzte er den Weg durch den mit Fackeln beleuchteten Gang fort. Kel begegnete Jards entgeisterten Blick mit einem Augenrollen.

Armer Jard, dachte Kel. Mit diesem Wichtigtuer an der Backe, würde er es ganz sicher nicht leicht haben.

Vor einer dunklen Holztür machte Taik halt. „Hier werdet ihr schlafen und lernen!“

Er klopfte kurz an die Tür und öffnete sie sofort, ohne ein Zeichen von drinnen abzuwarten.

***

Nicht nur, dass ohne sein Wissen bereits zwei schmale zusätzliche Betten in seinem Zimmer aufgestellt worden waren, während er auf dem Hügel meditiert hatte, ließ Aris´ Laune auf einen Tiefpunkt sinken. Jetzt standen diese beiden Schnösel mit ihrer mondänen Stadtkleidung mitten in seinem Quartier und glotzten auf seinen nackten Oberkörper. Nicht, dass er sich für seinen wohlgeformten Schulter- und Brustbereich hätte schämen müssen. Und auch seinen flachen Bauch und die muskulösen Arme musste er nicht verstecken. Zum Glück hatte er die Hosen im gleichen Moment hochgezogen, als es geklopft hatte und Taik – dieser Wichtigtuer – mit den beiden Neuankömmlingen ohne seine Einwilligung hereinplatzte.

Alle drei machten große Augen. Aber der Kleine schien geradezu verlegen, denn seine Wangen färbten sich rot. Er senkte eilig den Blick auf die gewienerten Holzdielen.

Aris griff hastig nach seinem Hemd und zerrte es über den Kopf. Dann warf er den unwillkommenen Gästen missbilligende Blicke zu.

„Schon mal was von Höflichkeit gehört?“, murrte er und funkelte Taik an. Er konnte diesen blasierten Heilkunstlehrling vom ersten Tag an nicht besonders leiden.

„Ich hab doch angeklopft!“, rühmte Taik sich. „Hier bringe ich dir deine Zimmergenossen. Koho Kel und Koho Jarden. Wie ich gehört habe, bist du vorerst für diesen Knirps verantwortlich, bis er die Grundlagen der Kampfkunst beherrscht. Und wenn er soweit ist, wird Meister Asak ihn in seinen Unterricht aufnehmen.“ Mit diesen Worten machte Taik auf dem Absatz kehrt. „Ach und...Koho, ich erwarte dich vor Sonnenaufgang zur täglichen Meditation auf dem Ahnenhügel!“, brummte er im Vorbeigehen dem älteren Neuankömmling zu.

„Ja, Sempo!“, antwortete dieser und deutete eine hastige Verneigung an. Die Tür schwang zu und Aris war allein mit den beiden Neuen, die sich gegenseitig so unbeholfen anschauten, als befänden sie sich in einem gefährlichen Labyrinth, dessen Ausgang es zu finden galt, wenn sie allerdings den falschen Weg einschlugen, konnte sie dieser womöglich ins Verderben führen.

Aris fand seinen Vergleich äußerst passend.

„Was steht ihr hier so dämlich herum?“, unterbrach Aris die andauernde Passivität der beiden. „Los, packt eure Sachen aus und beeilt euch ein bisschen. In einer halben Stunde ist Nachtruhe.“

Er wies auf eine Wand. „Dort im Wandschrank könnt ihr eure Sachen verstauen!“ Dann setzte er sich auf sein Bett, das, im Gegensatz zu den Pritschen der beiden, breiter und bequemer war. Der größere begann sofort seinen Reisebeutel zu entleeren, während der Kleine noch zögerte. Er war wirklich noch sehr jung, befand Aris, als er in dessen pfirsichglatten Gesicht vergeblich nach Spuren von Bartwuchs suchte. Er versuchte, sich an seinen Namen zu erinnern, doch er fiel ihm nicht ein.

„He du... hab deinen Namen vergessen. Mach ein bisschen schneller, gleich müssen wir die Lichter löschen!“, heischte er den Jungen an, der nervös an den Schnüren seines Bündels hantierte.

„...Kel..., mein Name ist Kel!“, antworte er kaum hörbar. Seine helle Stimme bestätigte Aris´ Verdacht. Der Bursche konnte nicht älter als dreizehn sein.

„Also, Kel. Was ist nun?“

Sofort griff Kel in den Beutel und förderte seine Habe zu Tage. Der andere, Jarden, an dessen Namen erinnerte er sich, hatte schon alles in den Schrank geräumt. Für hoch angesehene Sprosse aus Aracon hatten sie erstaunlich belanglose Dinge im Gepäck, dachte Aris gelangweilt, als sein Blick plötzlich auf allerlei Grünzeug stieß, das die beiden aus ihren Taschen räumten.

„Wolfsnessel? Euer Ernst?“, brachte Aris erstaunt hervor und bedachte die beiden mit einem spöttischen Lachen. Er musterte sie von Kopf bis Fuß. „Scheint ja hervorragend zu wirken“, gluckste er und konnte dabei dem Drang nicht widerstehen, seinen Worten eine großzügige Portion Ironie beizumischen.

„Stählerne Muskeln wachsen nicht von einem Tee“, sagte er in belehrendem Ton und nahm einen der rauen Krautstängel zwischen Daumen und Zeigefinger, wobei er prompt ein Brennen an den Fingerspitzen spürte, was er sich jedoch nicht anmerken ließ.

„Dafür braucht es hartes Training und vernünftige Techniken!“ Er legte das Kraut zurück auf die Pritsche und stieß einen theatralischen Seufzer aus. „Ich sehe schon, das wird harte Arbeit – für beide Seiten!“

Kapitel 5

D ie Schlaflosigkeit hatte Aris fest im Griff. Unruhig wälzte er sich in seinem Bett, stieß die Bettdecke mit wilden Fußtritten von sich, nur um sie Sekunden später wieder bis unter sein Kinn zu ziehen.

Beim besten Willen würde er keine weitere Nacht mit einem schnarchenden und einem wimmernden Mitbewohner überstehen. Kurz hatte er überlegt, Jard die Nasenlöcher zu verstopfen, während er Kel am liebsten direkt vor die Tür gesetzt hätte. Anscheinend hatte der Junge Albträume, die ihn im Schlaf immer wieder aufheulen ließen. Irgendwie war der Junge seltsam. Er hatte kaum ein Wort gesagt, nachdem er seine Sachen verstaut hatte. Und während Aris und Jard sich entkleideten und ihre Nachtgewänder überzogen, hatte Kel sich nur seiner fein gewebten Weste entledigt und sich in Hemd und Hosen, mit der Begründung, es sei ihm hier zu kalt, unter seiner Decke verkrochen. Kein Wunder, dass er fror, dachte Aris, der Junge war dürr wie eine Bohnenstange. Aber gut, hinter den kühlen Tempelmauern wurde es trotz der milden Nächte nie wirklich warm in den Zimmern. Heizöfen, Kamine oder Kohlebecken suchte man in der ganzen Tempelanlage vergeblich.

Kel drehte sich auf die Seite, sodass Aris sein Gesicht sehen konnte, das in dem fahlen, herein scheinenden Mondlicht aussah, als hätte man es in Milch getaucht.

„Milchgesicht!“, murmelte er schläfrig. „Mal sehen, ob du morgen immer noch ein Lehrling im Tempel des Westens sein möchtest.“

***

Noch bevor die Sonne aufging, verließ Jard das Zimmer, um der täglichen Morgenmeditation beizuwohnen. Keinesfalls wollte er zu spät am Ahnenhügel sein, die Strafe, die sein aufgeblasener Sempo ihm dafür auferlegen würde, konnten Jard und Kel sich lebhaft vorstellen. Am Abend zuvor hatte Aris Jard den Weg zum besagten Hügel erklärt und Kel beordert, sich auf selbigem vor Sonnenuntergang einzufinden, da sie – als sein zugeteilter Koho – nun jeden Abend mit ihm dort meditieren würde. Außerdem solle sie zur Meditation sowie zu den Trainingeinheiten in zweckentsprechender Kleidung erscheinen, weshalb er sie anwies, sich noch vor dem Frühstück vom Meister der Kleiderkammer im Westflügel ausstatten zu lassen. Kel saß in der Kleidung vom Vortag auf ihrer Schlafliege und wippte nervös mit dem Fuß. Sie musste sich dringend erleichtern. Sie stellte fest, dass es keine Nachttöpfe im Zimmer gab, was bedeuten musste, dass es irgendwo eine Abortanlage oder zumindest eine Grube zur Verrichtung der Notdurft gab. Des Weiteren musste sie einen Ort finden, wo sie ungestört die Kleidung wechseln konnte. Keinesfalls konnte sie sich im Zimmer vor Aris´ Augen umziehen. Da sie noch ihr Hemd und die dunklen Hosen trug, zog sie einfach ihre Weste darüber und war fürs Erste vollständig gekleidet. Abwartend blieb sie auf dem Bett sitzen. Ihr Sempo würde ihr sicher gleich weitere Anweisungen für den Tag geben. Doch stattdessen entkleidete er sich seelenruhig direkt vor ihren Augen. Kel war wie erstarrt. Schon gestern, als sie ohne Ankündigung das Zimmer betreten hatten, war sie wie vom Donner gerührt gewesen, bei seinem Anblick. Genau wie gestern stieg ihr nun wieder eine entsetzliche Hitze ins Gesicht. Nie zuvor hatte sie so einen athletischen Körper gesehen, der auf unfassbar verführerische Weise schimmerte. Kel hatte urplötzlich das Verlangen mit ihren Fingern über diese glatte, von der Sonne gebräunte Haut zu fahren.

Was war in sie gefahren?

Hin und wieder hatte sie auch Jard ohne Hemd gesehen, allerdings hatte dessen Anblick weder Hitze noch diesen eigenartigen Drang, ihn berühren zu wollen, ausgelöst.

Kel wollte den Blick abwenden, doch irgendetwas schien sie zu lähmen und so starrte sie mit hochrotem Kopf unentwegt auf die stählerne Brust ihres Sempo, bis diese endlich von einem schwarzen Hemd bedeckt wurde. Darüber zog er eine schwarz-rot abgesetzte ärmel- und knopflose Jacke, aus feinem Baumwollstoff, die bis zur Mitte seiner Oberschenkel reichte. Zusammengehalten wurde die traditionelle Kampfkleidung mit einer Schärpe, Aris´ Schärpe war rot, was bedeutete, dass er dem Meistergrad schon äußerst nahe war. Über seine knielangen Unterhosen, die er zu Kels Erleichterung nicht ausgezogen hatte, zog er eine schwarzbraune Hose.

Kel schluckte, endlich konnte sie sich wieder bewegen. Hastig wirbelte sie herum und starrte aus dem Fenster, geradewegs in den Sonnenaufgang.

Innerlich flehte sie, dass Aris ihr eigenartiges Verhalten nicht aufgefallen war.

„He, ich hab doch gesagt, du sollst deine Kleidung aus dem Lager holen. Sobald du damit zurück bist, wirst du als Erstes lernen, die Sachen auf traditionelle Weise zu falten. Wenn du das geschafft hast, darfst du frühstücken. Und danach findet deine erste Kampfeinheit statt.“ Aris klang ungeduldig.

Kels Bein zitterte erneut. Sie hielt es nicht länger aus.

„Sempo“, sprach sie ihn vorsichtig an. „Gibt es hier... ähm... einen Ort... äh...wo man...“

Aris warf ihr einen mürrischen Blick zu. „Was stammelst du denn so? Hast du einen Sprachfehler?“

Kel biss sich in die Innenseite ihrer Backe.

„Zum Pinkeln geht’s links den Gang entlang, die letzte Tür führt nach draußen auf eine Außentreppe, dann folgst du dem gesäumten Kiesweg. Am Ende stehen zwei kleine gelbe Gebäude mit roten Pagodendächern. Das größere ist das Badehaus und im kleinen Gebäude kannst du pinkeln und alles, was du sonst noch tun musst.“ Er setzte ein anzügliches Grinsen auf. Sofort sprang Kel vom Bett auf und schlüpfte in ihre Stiefel. Dann eilte sie hinaus zu der rettenden Abortanlage.

Kel machte sich auf den Weg zur Kleiderkammer. Meister Dakin, der sich um die Ausstattung der Tempellehrlinge kümmerte, war ein Mann von muskulöser Statur, dunkler Hautfarbe und mit dichten, schwarz gelockten Haaren, wie viele Bewohner des Südreiches sie besaßen, deren Vorfahren vor einigen hundert Jahren aus dem fernen Wüstenreich Ghami als Sklaven eingeführt worden waren. Er erinnerte sie ein wenig an den freundlichen Wüstenmann, nur dass Meister Dakin keinen Turban trug. Sklaverei gab es nur noch im Südreich, trotz des Gesetzes, welches der Urgroßvater des amtierenden Königs erlassen hatte, um sie abzuschaffen; doch die Gewalthaber des Südens hielten sich nicht daran, stattdessen erschufen sie ihre eigenen Gesetzte, was immer wieder zu Streitigkeiten und zuletzt zu Kriegen mit der Königsstadt Ashamur geführt hatte.

„Kommen herein, Junge!“, sagte Meister Dakin mit dem fremd klingenden Akzent seiner Wüstenheimat und musterte sie von Kopf bis Fuß. „Heilkunst oder Kampfkunst?“

Kel verneigte sich zur Begrüßung mit einer formvollendeten Geste. „Kampfkunst“, antwortete sie mit tief verstellter Stimme. Der Meister umrundete sie und blieb dann vor ihr stehen, sein bartloses Kinn in seine Hand gestützt. „Schwierig“, murmelte er „hoffen ich, dass du bekommen noch mehr Muskeln und wachsen noch.“ Mit diesen Worten verschwand er in einen Nebenraum und kehrte kurz darauf mit einem Stapel verschiedener Kleider und Stoffe zurück.

„Für Kämpfen...“, sagte er und legte ihr die gleiche schwarz-rote Jacke, die Aris vorhin angezogen hatte, in den Arm. Dazu ein schwarzes, langärmeliges Hemd und eine passende Hose in derselben Farbe sowie eine einfache Gürtelschärpe.

Als nächstes gab er ihr ein gelbes Gewand mit einer schwarzen Seidenschärpe. „Für Meditation!“

Außerdem folgten ein knöchellanges, graues Nachtgewand aus Leinen, beigefarbene und braune Hosen und ein hüftlanger graublauer Kittel für allgemeine Tätigkeiten, die im Tempel verrichtet werden mussten, wie Kel erfuhr. Mit knurrendem Magen und dem Berg frischer Kleidung im Arm verließ sie Meister Dakin.

Sie eilte den Gang entlang nach draußen zum Badehaus. Denn zuvor hatte sie dort eine kleine Kammer entdeckt, die man von innen verschließen konnte. Es war der perfekte Ort, sich ungestört umzukleiden. Schnell entkleidete sie sich, vergewisserte sich, dass die Bandagen um ihre Brust noch fest geschnürt waren und schlüpfte in die schwarze Kampfmontur. Glücklicherweise war der Kragen bis zur Halsmitte hoch geschnitten, sodass sie sicher gehen konnte, dass die Bandagen nicht hervorschauten, was gewiss Fragen aufwerfen würde.

Vor ihrer Zimmertür atmete sie nervös. Ihr Herzschlag trommelte in ihren Ohren. Sie konnte diesen Aris nicht genau einschätzen. Er war nicht besonders nett, allerdings auch nicht so ein Fiesling wie Taik. Im Übrigen schien Aris jede Menge Spaß daran zu haben, sich über die Neuankömmlinge lustig zu machen oder sie auf etwas herabwürdigende Art zu belehren.

Sie trat ein.

„Da bist du ja endlich, Milchgesicht!“, schallte ihr prompt Aris´ Stimme entgegen. Kel blickte auf den blonden Jungen, der längs auf dem Fußboden beugte und Übungen zur Kräftigung seiner Schulter-, Brust- und Armmuskulatur machte. Diesmal hatte Kel einen uneingeschränkten Ausblick auf die glatte nackte Haut seines Rückens, dessen angespannte Muskeln mit winzigen Schweißperlen überzogen waren. Kel riss sich zusammen, um nicht schon wieder zu starren. Sie schloss die Tür und tappte hinüber zu ihrem Bett, wo sie die Kleider ablegte.

Während Aris seine Eigengewichtsübung fortsetzte hörte Kel ihn leise zählen. Als er bei einhundertsiebzehn angelangt war, sprang er ohne Vorwarnung auf die Füße. Er musterte sie in ihrer neuen Kampfkleidung, die etwas zu locker an ihrem Körper saß und an Ärmeln und Beinen etwas zu lang ausfiel.

„Kleinere Sachen gab es nicht“, sagte Kel, als müsse sie sich dafür entschuldigen.

Aris nickte mit hochgezogenen Brauen. „ Wen wundert´s? Frauen und Kinder gehören üblicherweise nicht zur Körperschaft eines Ausbildungstempels“, spöttelte Aris. Vor Empörung riss Kel ihren Mund auf. Er ahnte ja nicht, wie nahe er der Wahrheit damit gekommen war.

Sie hätte ihm am liebsten ihre Meinung, hinsichtlich seiner ständigen Beleidigungen an den Kopf werfen. Doch sie riss sich zusammen. Sie konnte ihrer Stimme nicht vertrauen, vor allem, wenn sie erregt war, klang sie zu schrill und ganz und gar nicht männlich. Sie musste dringend wieder einen Wolfsnesselaufguss zubereiten und trinken, denn wenigstens sorgte dieser zuverlässig für eine heisere Stimme. Zumindest für ein paar Tage.

„Ich bin kein Kind. Ich bin fünfzehn!“, sagte sie und blitzte ihn an. Dabei fiel ihr auf, dass er tiefgrüne Augen besaß, die wie zwei Smaragde wirkten, die man zur Zierde in seinem attraktiven Gesicht platziert hatte.

Er sah sie zweifelnd an. „Und du bist sicher, dass du kein Eunuch bist?“

Kel verdrehte die Augen. Nicht dass sie Jard am Ende noch um dessen Sempo beneiden würde.

***

Aris hielt Wort und ließ seinen Koho erbarmungslos die neuen Kleider in einer speziellen Technik falten, die der Junge zwar schnell lernte, dennoch mangelte es ihm, seiner Meinung nach, an den Feinheiten.

„Noch mal, da ist eine Falte zu viel!“, rügte Aris ihn und entfaltete das Kleiderpaket, sodass Kel von vorne beginnen musste. Er hörte den Magen des Jungen knurren. „Solange du die Technik nicht ordentlich beherrschst wird es leider nichts mit Frühstück!“, mahnte er Kel, der ihn aus einem leidenden Milchgesicht ansah. Er wird doch wohl nicht anfangen zu heulen, dachte Aris. Weichei!

Aris war ebenfalls hungrig, doch als Kel es endlich geschafft hatte, ordentliche Kleiderpakete zu packen, war es bereits zu spät fürs Frühstück. Die nächste Mahlzeit gab es erst zur Mittagsstunde.

Ungeduldig ging er zu Tür. „Es wird Zeit für dein Training. Großmeister Nakoro erwartet täglich meinen Bericht über deine Leistungen.“

Sie betraten den riesigen Innenhof der Tempelanlage, der in mehrere Bereiche abgesteckt war. Einige Felder waren mit gelbem Sand bedeckt, andere waren mit Gras bewachsen und wieder andere mit steinernen Bodenplatten ausgelegt. Die meisten Felder waren besetzt. Meister Asak trainierte mit sieben Lehrlingen der Mittelstufe eine Kampftechnik, die sehr viel Konzentration erforderte, während Meister Nakoro mit zwei Oberschülern auf einer Grasfläche saß und ihnen schwere Bewegungsabläufe anhand von Zeichnungen erklärte.

Aris schob seinen Lehrling auf eine freie Steinfläche.

„Zieh deine Schuhe aus!“, diktierte er. Kel tat, wie ihm geheißen. Beim Anblick der kleinen Füße seines Schülers hätte Aris sich vor Schreck beinahe an seiner eigenen Spucke verschluckt. Unvermittelt überkam ihn ein Anflug von Mitleid für den Jungen. „Wie kommt ein unterentwickelter Knabe wie du eigentlich auf die Idee, diese anspruchsvolle Form des Kämpfens erlernen zu wollen? Jemand wie du wäre besser in irgendeinem Amt aufgehoben“, sagte er in seiner üblichen unsensiblen Art und erkannte erst, als Kel betrübt auf seine Füße sah, dass der Junge gekränkt sein könnte. Schließlich konnte der arme Kerl ja selbst nichts für seine körperlichen Defizite. Wenn er Glück hatte, war er vielleicht wirklich nur ein Spätzünder. Aris wünschte es ihm. Dennoch, Kel hatte sich für die Ausbildung im Tempel entschieden, was bedeutete, dass er genauso hart arbeiten musste, wie jeder andere, dessen körperliche Voraussetzungen Erfolg versprechender waren.

„Eines solltest du dir merken, Milchgesicht. Das Leben hier im Tempel ist völlig anders, als das Leben in deiner feinen Stadt in einer luxuriösen Residenz. Harte Arbeit und Spiritualität gehen hier Hand in Hand. Neben dem Kämpfen ist die Meditation ein wichtiger Teil des Tempellebens. Ziel ist es mit den allmächtigen Geistern, unseren Ahnen, in Verbindung zu treten. Einige Großmeister sind schon auf der höchsten Stufe angelangt. Unter anderem auch Großmeister Nakoro. Ich habe ihn selbst schon im Lotussitz ein Stückchen über der Erde schweben sehen.“

Kel machte große Augen.

„Hast du schon mal meditiert?“

Kel schüttelte den Kopf. „Nein, Sempo!“

Das fing ja gut an.

„Aber kämpfen kannst du?“

„Ja, Sempo!“

„Wo hast du das Kämpfen gelernt?“

„Den Schwertkampf habe ich erst vor drei Jahren bei meinem Vormund, Präfekt Vardan in Aracon gelernt. Er hat Jard und mich selbst unterrichtet.“

„Also bist du gar nicht der echte Sohn des Präfekten?“

„Nein. Ich bin Waise. Ich ... habe bis vor drei Jahren auf der Straße gelebt!“

Die Erinnerung daran schien dem Jungen zu schaffen zu machen.

„Und der traditionelle Kampf? Wo hast du den gelernt? Nicht etwa auf der Straße?“ Allein dieser entsetzliche Gedanke sorgte dafür, dass sich Aris´ Nackenhaare aufstellten.

„Nein, ich habe die Kämpfer des Heeres in Aracon bei ihren Trainings beobachtet, seit ich ein kleines... kleiner Junge war“, erwiderte Kel. „Die traditionellen Kämpfe haben mich fasziniert.“

Er hat die Kämpfe beobachtet? Aris schüttelte ungläubig den Kopf. „Also, kannst du nun kämpfen oder träumst du nur davon?“, heischte er ungeduldig.

„Ja, ich schätze ich kann es...“

„Also, dann fang endlich an. Heuschreckenstellung, los!“, rief Aris.

Sofort nahm Kel die gewünschte Position ein, doch Aris befand, dass seine Fußpositionen nicht exakt waren.

„Welches sterbende Insekt versuchst du gerade darzustellen?“, bellte er und gab Kel einen Schubs, sodass dieser das Gleichgewicht verlor und zu Boden ging. Der kurze, schrille Aufschrei seines Lehrlings stimmte ihn noch ärgerlicher. Er wusste selbst nicht genau, warum seine Laune urplötzlich so mies war, vielleicht lag es am Hunger. Doch irgendwie hatte er das Gefühl, dass es an Kel selbst lag. Er konnte den Jungen nicht einschätzen. Jedenfalls fand er ihn seltsam. Nicht einmal die einfachste Grundstellung beherrschte er. Was wollte er also hier? Warum sollte er mit jemandem wie Kel seine Zeit verschwenden? Viel lieber hätte er jetzt für sich alleine trainiert und sich auf die baldige Abschlussprüfung vorbereitet.

Kel rappelte sich auf und rieb sich den Unterarm, auf den er gestürzt war, dabei entging Aris nicht, wie er versuchte, die Tränen zu unterdrücken.

Waschlappen.

„Los noch mal!“

Sofort stellte Kel sich wieder in Position.

„Beine weiter auseinander. Tiefer stehen! Arme seitlich ausstrecken und Körperspannung...“, brüllte Aris so laut, dass die Gruppe, die im Nebenfeld trainierte verdutzt hinüberschaute.

Aris drückte Kel mit seinen Händen tiefer, sodass dieser sich weiter in die Knie hocken musste. Aris wusste aus eigener Erfahrung, dass das Brennen in den Beinen eine höllische Qual war, was sich kurz darauf in Kels schmerzverzerrter Miene widerspiegelte.

„Gut so! Und jetzt bleib so stehen, bis die Sonne direkt über dir steht!“

Kapitel 6

K el hatte keinen Mucks von sich gegeben. Reglos stand sie in der Heuschreckenstellung, während die Mittagssonne erbarmungslos auf sie herab brannte. Der Schweiß rann in Strömen über ihren Leib und löste das unerbittliche Verlangen aus, sich überall zu kratzen. Ihr Körper schmerzte bis in die Haarspitzen. Sie hatte das Gefühl den Verstand zu verlieren. Doch sie wagte es nicht einmal, ihre Augäpfel zu bewegen, um ihren Peiniger, Sempo Aris, anzusehen, der ein Stück neben ihr seine eigenen Übungen praktizierte.

Fast drei Stunden waren vergangen, seit sie diese Stellung eingenommen hatte. Mit einem sterbenden Insekt, hatte Aris sie verglichen. Zutreffender hätte er es nicht beschreiben können!

Er regte sich neben ihr. „Shukui, Koho!, raunzte er in ihre Richtung, was soviel bedeutete wie „Du bist erlöst, Schüler“.

Sie ließ ihre brennenden Arme sinken, die sofort zu zittern begannen. Sie versuchte, sich aufzurichten und hätte am liebsten aufgeschrien vor Schmerzen.

„Gewöhn dich schon mal dran, Milchgesicht. Das hier ist nicht der Spielplatz von Aracon!“

Eines Tages würde sie sich an ihm rächen.

Er packte sie am Oberarm und zog sie unsanft hoch, sodass sie aufrecht vor ihm stand. Er sah ihr ins Gesicht, das von der Sonne gerötet war. „Und, willst du immer noch die traditionelle Kampfkunst lernen? Bedenke, das hier war erst der Anfang. Du kannst es dir noch überlegen, ob du uns nicht lieber verlassen möchtest.“

Kel fletschte die Zähne. Sogar ihr Gesicht schmerzte.

„Ich werde diesen Tempel verlassen und zwar als bester Kampfschüler mit einer Lotusmandalatätowierung.“

Aris´ Gesicht verzog sich zu einer Grimasse. Dann fing er lauthals an zu lachen, sodass sich die anderen Trainingsgruppen wieder neugierig zu ihm umschauten.

„Was ist so lustig?“, fragte Kel verbissen.

„Du, Nicht-Magieträger-Milchgesicht!“, gackerte Aris. Er kriegte sich kaum ein. „Los, komm. Die nächste Mahlzeit will ich nicht noch mal deinetwegen mal verpassen!“

Kel setzte einen Fuß vor den anderen und schwankte, ihr war schwindelig, schlagartig wurde ihr schwarz vor Augen. Ihr Körper gab nach, jegliche Spannung war aus ihren Gliedern entwichen. Sie spürte, wie sie fiel. Doch der erwartete Aufschlag blieb aus. Das Blut schoss in ihren Kopf zurück, sie konnte wieder sehen und was sie sah, erstaunte sie. Aris stand einige Meter von ihr entfernt und streckte seine gespannten Arme nach ihr aus, doch er berührte sie nicht. Sie spürte etwas unter ihr, etwas, das sie scheinbar in der Luft hielt. Aber da war nichts. Erstaunt starrte sie Aris an, seine grünen Augen glimmten förmlich vor Anstrengung. Er war es, der sie vor dem Sturz abgefangen hatte, so wie sie kürzlich den Wasserbecher aufgehalten hatte.

Aris war also ein Magieträger!

Kel stellte sich auf die Füße. Ihre Stiefel ließ sie am Rand des Feldes stehen. Sie würde sie einfach später holen. Stattdessen folgte sie Aris so schnell es ihr auf den wackeligen Beinen gelang. Ihr Durst war übermächtig und auch ihr Magen meldete sich mit einem lauten Knurren.

***

Das Klirren und Klappern der mit Gemüsesuppe und Getreidebrei gefüllten Keramikschalen erfüllte den Speisesaal. Dicht an dicht saßen die Tempellehrlinge an den langen schmalen Tischen.

Kel und Jard hatten sich am Rand eines Tisches in der hintersten Ecke niedergelassen, an dessen anderen Ende nur ein einziger Schüler – vermutlich ein Einzelgänger – hungrig seine Schale leerte.

„Wie war dein Morgen?“, erkundigte Kel sich.

„Frag nicht!“, murmelte Jard während sich sein grimmiger Blick unauffällig auf Taik richtete, der drei Tische weit entfernt saß.

„Dieser Taik ist der Rachegott in Person. Wenn es nach ihm ginge, werde ich niemals in Großmeister Nakoros Magieunterricht aufgenommen“, klagte er. „Er hat mich dazu verdonnert, das Buch der magischen Heilmittel abzuschreiben. Und zwar in Feinschrift! Wenn ich damit fertig bin, werde ich wahrscheinlich einen weißen Bart haben, der mir bis zu den Knien hängt. Du weißt ja, wie unansehnlich meine Handschrift ist.“

Er stocherte deprimiert in seinem Essen herum.

Kel sah ihren Freund bedauernd an und musste selbst an das qualvolle Morgentraining mit Aris denken, dabei setzte sie so eine verbissene Miene auf, dass Jard ihren Unmut offenbar bemerkte. „Dein Sempo scheint es auch nicht gut mit dir gemeint zu haben, Kel.“

Kel gab ein zustimmendes Schnauben von sich. Ihr Arm schmerzte noch immer, sodass sie eine Schonhaltung einnahm. So hatten sie sich das Tempeldasein beide nicht vorgestellt. Jard blickte auf ihren Arm und schob den Ärmel ein Stück hoch. Die Stelle, wo sie auf den harten Boden aufgeprallt war, hatte eine dunkelblaue Färbung angenommen. Jard schüttelte fassungslos den Kopf.

„Mein Sempo ist auch ein Rachegott!“, offenbarte Kel finster.

Jard blies mit aufgeplusterten Backen langsam die Luft aus. „Den alten Legenden nach, gibt es eigentlich nur eine Rachegöttin“, bekundete Jard.

Kel zuckte mit den Achseln. „Es gibt zu viele Legenden. Wer weiß das schon...“

„Wenn du willst, kann ich heute Abend versuchen, deinen Arm zu heilen. Ich besorge in der Kräuterkammer ein paar Dinge, die ich dafür brauche“, sagte Jard in zuversichtlichem Ton.

Kel betrachtete den schillernden Bluterguss, der sich bis zum Ellenbogen ausdehnte. Zuerst hatte Aris sie gestoßen und sie dennoch später mit seiner Magie vor einem Sturz bewahrt. Ob er es aus Edelmut getan hatte oder ob er nur seine Macht demonstrieren wollte, war fraglich. Wahrscheinlich traf eher letzteres zu.

In ihrer Phantasie stellte sie sich Aris als schutzloses Insekt vor. Wenn ich wollte könnte ich ihn einfach zertreten, dachte sie und stopfte sich grimmig ein Reisbällchen in den Mund.

„Uuaahhh...“, hörte sie plötzlich Jard rufen. „Siehst du das?“ Er starrte angewidert auf den Boden. Direkt neben dem Tischbein saß eine große schwarze Spinne. Im nächsten Moment huschte das Krabbeltier davon. Kel zuckte und wich eilig mit ihrem Fuß aus, doch da war die Spinne auch schon verschwunden.

Jard schüttelte sich, doch widmete sich dann rasch wieder seiner Mahlzeit, während Kel nachdenklich die Stelle am Boden untersuchte. Zuerst dieser Gedanke an Aris, den sie am liebsten in Form eines widerlichen Krabbeltiers am Boden zertreten wollte, und dann war da im selben Augenblick diese Spinne. War es Zufall gewesen? Und wie konnte sie so abrupt verschwinden? Als hätte sie sich in Luft aufgelöst.

***

Aris hatte seinen Lehrling und dessen Ziehbruder während des Essens beobachtet. Wie vertraut die beiden waren. Aris hatte nie richtige Freunde gehabt. Sein Leben war nicht darauf ausgerichtet, Freunde zu finden. Er war schon viel im Vierhimmelreich herumgekommen, kannte entsprechend zahlreiche Leute. Aber Freunde? Besaß er nicht!

Navar saß Aris gegenüber.

„Warum starrst du die beiden Neuen eigentlich die ganze Zeit so an?“, erkundigte er sich.

„Tu ich nicht!“, knurrte Aris.

„Tust du doch!“

Aris drehte Navar sein Gesicht zu. „Warum sollte ich das tun? Die beiden sind die reinsten Waschlappen. Besonders der Kleine. Es ist pure Zeitverschwendung, ihm etwas beizubringen. Ich wette, dass er spätestens in drei Tagen seine Sachen packt und zurück in sein feines Stadtleben flüchtet.“

Navar verdrehte die Augen. „Das hast du bei mir auch behauptet!“

„Du bist ja auch ein Waschlappen. Aber die beiden sind noch größere Waschlappen. Und dieser Kel ist irgendwie sonderbar.“

„Was meinst du mit sonderbar?“, wollte Navar wissen und warf einen verstohlenen Blick auf Kel. „Bis auf seine zu großen Sachen, scheint er mir recht normal zu wirken. Bisschen unterentwickelt vielleicht, aber du hättest mich mal vor drei Jahren sehen sollen.“

„Das meine ich nicht, Navar. Er verhält sich einfach irgendwie eigenartig... ich kann es nicht beschreiben, dafür kenne ich ihn noch nicht gut genug, aber ich werde herausfinden, was mit ihm nicht stimmt.“

„Dein Interesse an ...wie heißt er...? Kel?... Also, mir scheint, dein Interesse an Kel ist viel größer, als es einem Waschlappen gebührt... aber was weiß ich schon. Du bist ja auch an mir Waschlappen hängen geblieben. Man könnte beinahe behaupten, wir zwei seien Freude!“

Aris setzte ein unbeeindrucktes Gesicht auf. Natürlich war Navar so eine Art Freund und einer der wenigen Schüler im Tempel, denen er sich anvertraute, doch das würde er ihm niemals unter die Nase reiben.

„Hab gehört, Taik hat den anderen, Jard, unter seinem Kommando. Der arme Kerl tut mir leid. Taik ist so ein Eckenpisser, der hätte mal eine ordentliche Abreibung verdient.“

Aris nickte gemächlich mit dem Kopf. Auch wenn Aris nicht gut auf seine beiden Zimmergenossen zu sprechen war, dass Taik sie drangsalierte, würde er zweifellos nicht zulassen. Dieses Vergnügen gönnte er seinem größten Kontrahenten im Kampf um den Rang des besten Lehrlings und desjenigen, der das Lotusmandala verdiente, auf gar keinen Fall. Hinter einem Magieheiler nur auf dem zweiten Rang zu landen, war eine Vorstellung, die Aris einen eisigen Schauer über den Rücken jagte.

In diese verdrießlichen Gedanken vertieft, drückte er seine Nägel tief und fest in die Tischkante, als seine Keramikschale unversehens begann zu vibrieren. Die heiße Suppe schwappte über und verbrühte seine Hand. Erschrocken zog Aris seine Hand an sich und begutachtete die gerötete Stelle.

Navar hatte das ganze beobachtetet. „Jetzt könntest du wohl einen Magieheiler gebrauchen!“, sagte er neckisch.

Aris bedachte ihn mit einem schmählichen Blick.

„Aris, mein Freund. Ich glaube, heute Abend bei der Meditation, solltest du sehr tief in dich gehen. Du neigst in letzter Zeit sehr zu Überreaktionen!“

Darmowy fragment się skończył.

Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
281 str. 2 ilustracji
ISBN:
9783753191638
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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