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Eike Stern
Die Ehre der Stedingerin
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Inhaltsverzeichnis
Titel
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
Impressum neobooks
1. Kapitel
Ein Trupp von neun Reitern sprengte durch die Waldlaube am Brookdeicher Holz. Sie kamen von Burg Lechtenberg und es trieb sie zum Markt zu Berne. Ein leises Klirren begleitete sie, das Stampfen ihrer schweren Rösser ließ die Vögel in dem Bruchwald aus Weiden, Erlen und Birken verstummen.
Der Anführer trug ein blutrot auf die Knie fallendes Seidengewand und einen rostroten Mantel mit einem Kragen aus Bärenfell, der seine mächtigen Schultern unterstrich; dazu Handschuhe mit eisernen Schuppen. Eine Kettenhaube engte das rotwangige Gesicht ein und hob das starke Kinn mit dem grauweißen Vollbart hervor. Wer von hier stammte, hätte an den kalten blauen Augen Graf Moritz von Oldenburg erkannt. Ihm zur Seite ritten der barhäuptige Vogt in einem langen Kettenhemd und ein schwarzlockiger junger Herold mit einem goldbestickten, rötlichen Barett. Sechs Reisige in gelbrotem Wappenrock und Eisenkappe folgten, lange Lanzen in der Faust - in den Steigbügel gestellt wie zu einer Parade. Sie redeten wenig miteinander, bis sie aus der Waldlaube hervorbrachen.
Wo ein Feldweg abzweigte, breitete sich eine Wiese aus, goldgelbe Kornfelder wogten im Wind. „Der Roggen ist reif für die Sense“, bemerkte der Vogt und zog irritiert den Zügel an. Sein Pferd warf unwillig die Mähne zurück. Er stand auf einmal aufrecht im Steigbügel, als müsse er genauer hinsehen. Ein Gefühl beschlich ihn, sein Lehnsherr könnte hinter seinem Rücken Dinge veranlasst haben, von denen er bislang nicht in Kenntnis gesetzt wurde.
Da auch Graf Moritz sein Pferd zum Stehen brachte und verständnislos die Stirn runzelte, machte er sich Luft. Ärgerlich entfuhr ihm, „es ist schwül. Morgen oder übermorgen gibt es ein Gewitter. Auf was warten die Bauern? In drei Tagen ist Erntedank. Die Zeit drängt, die Ernte einzuholen. Wer jetzt zaudert, dem bleibt die Scheune dieses Jahr leer.“
Der Graf von Oldenburg war ein Willensmensch. Ungern hielt er sich mit Nebensächlichkeiten auf oder mit kleinlichen Empfindsamkeiten. Unterwürfige Menschen und Leisetreter verabscheute er. Eine mühsam unterdrückte Erregung war ihm anzumerken. „Unter uns gesagt: Dem schob ich einen Riegel vor. Die Knechte sind anderswo beschäftigt.“
„Ihr sprecht in Rätseln“, versetzte Konrad, der blutjunge Vogt von Burg Lechtenberg. „Heißt das, Ihr habt sie von der Feldarbeit abgezogen?“
Konrad war immerhin sein Neffe, ein Schützling, der sich nie beschwerte in den zwei Jahren, die er ihm schon gute Dienste leistete. Allerdings forderte er ihn bisher auch nicht besonders. „Das heißt“, entgegnete der Graf breit grinsend, „einigen Großbauern fehlen die Knechte. Ich teilte sie gestern für die Rodung des Hemmelskamper Waldes ein.“
Konrad stutzte. „Da habt Ihr mich übergangen… und wozu Holz schlagen? Doch wohl kaum für den Burgkamin.“
„Damit die Knechte bei der Ernte fehlen, und der Bau einer neuen Burg steht an. Mir wurde vom Erzbischof aufgetragen, aus dem Stedinger Land Erträge zu ziehen, und wir brauchen jetzt Holz. Im Osten des Hemmelskamper Waldes gibt es beachtliche Eichen.“
Konrad holte tief Atem und klopfte leidlich lächelnd dem Pferd den Hals, um es zu beruhigen. Seit der Graf mit Hofstaat und Falkner in der Burg eintraf, fühlte er sich in den Schatten gestellt, klein, unbedeutend und austauschbar. Der Graf gab den Ton an, und er hatte diesen selbstherrlichen Menschen beständig um sich, dem zu jeder Sache ein gutgemeinter Ratschlag einfiel. Wie die meisten von Kind auf verwöhnten Vertreter seines Standes bestimmte er einfach und war gewohnt, alle folgten, wenn er pfiff.
„Der Bardenflether Deichgraf wird sich das kaum bieten lassen“, hielt ihm Konrad vor. „Stedingen ist nach dem Holler Recht von jeder Fron befreit, und er ist ein Starrkopf und Neunmalklug.“
Es klang gekränkt, aber der Graf gab sich unnahbar. „Er wird es schlucken. Seit dem Sturz Heinrich des Löwen ist der Erzbischof von Bremen unser Landherr, mir wurde der Raum um Berne als Lehen zugesprochen. Es kostete mich viel Geduld, Hartwich zu überreden, mir die Vogteirechte für den Süden Stedingens zu überlassen. Und den Bauern Frondienst aufzudrücken ist Aufgabe des von mir eingesetzten Vogtes. Den aber bestimme ich, solange ich das will.“
Konrad bewies genügend Feingefühl, an diesem Punkt auf seinen Ton zu achten und seinen Gönner nicht zu erzürnen. Trotzdem kannte er die Verhältnisse in Stedingen zu gut, es stumm zu schlucken. „Wir schneiden uns ins eigene Fleisch. Verhagelt die Ernte, wird der Bauer keine Steuern entrichten.“
Der selbstbewusste Widerspruch imponierte Graf Moritz. „Ich schulde Euch wohl eine Erklärung. Nun gut. Ich habe eine mündliche Vereinbarung mit dem Prior vom Kloster Rastede. Es hapert an Ackerflächen im Raum Bremen, und hier gibt es genug. Bauernlegen nennt man das. Das Kloster Rastede fördert das. Es geht darum, im richtigen Moment die Knechte zum Frondienst zu rufen. Der Erzbischof erteilte mir Macht und Befugnis dazu. Die Forderung nach Ernteabgaben zu erneuern, bedeutet lediglich den ersten Schritt. Wir opfern zwar eine Jahresernte dem Gewitter, doch die Bauern sind dadurch gezwungen, einen Großteil ihrer Ackerfläche aufzugeben. Und den Preis dafür wird das Kloster Rastede bestimmen.“
Konrad nickte einsichtig. „Ah ja, ich beginne zu begreifen. Und in wie weit lohnt sich das für Euch?“
„Jedes dritte Gut fällt an mich. Wir sprechen uns ab, wer wofür bietet. Und für die unter den Hammer fallenden Ländereien bin ich selbst der Landherr. Im Übrigen ist ein Bauer, der den Acker auf Zeit pachtet, umgänglicher als einer, der seine eigene Scholle bestellt.“
Nach der Holzbrücke über die Hunte war es noch ein kurzer Ritt. Über den Deich an der Olle gelangten sie in den inselartigen Bereich der Warft, auf der Berne lag, umfriedet von angespitzten Palisaden, eine Ortschaft mit reetgedeckten Fachwerkhäusern und einer ansehnlichen Steinkirche. Am Rande des freien Platzes, wo lebhaftes Markttreiben herrschte und sich seit kurzem ein Rathaus aus Backsteinmauerwerk erhob, saßen sie ab von ihren Pferden. Graf Moritz stemmte die Arme in die Hüften, als ob er mehr Aufmerksamkeit erwartet hätte und spähte zu dem Steingiebel mit dem Wetterhahn hinauf. Sein Herold erstieg die Sandsteinstufen des Portals, um sich zu räuspern und vernehmbar eine Bulle zu verlesen. „Wohl sieben Jahre habt ihr keinerlei Abgaben mehr entrichtet. Ihr gehört seit drei Jahren zum Lehen der Grafen von Oldenburg“, verkündete der Herold und zwinkerte dem Grafen vertraut zu. „Jeder, der im Grundbuch des Rathauses zu Berne erfasst ist, wird hiermit aufgefordert den Zehnten zu entrichten… Das gilt ebenso für die Habenichtse, die hinten im Buch stehen“, ging es weiter.
„Euer aller Lehnsherr, Graf Moritz von Oldenburg, teilt euch ferner mit: Dank dem Schutz der jüngst errichteten Burgen Lechtenberg und Liene ist heute das gesamte Land zwischen Weser, Hunte und der Olle trockengelegt.“
„Reisige kosten Geld“, gab Graf Moritz seinem Ausrufer zu verstehen. Der wiederholte es laut und vernehmlich: „Sie schützen euch, ihr habt dafür den Preis zu bezahlen.“
Alle den Markt bevölkernden Bürger fühlten sich angesprochen, immer mehr blieben bei dem Spektakel stehen und hörten ungläubig zu. Jeder wusste, Graf Gerbert von Versfleth starb ohne männlichen Erben; nach seinem Tod kümmerte sich niemand mehr um die Eintreibung des Zehnten, und man hatte sich daran gewöhnt. Es ging ja auch ohne die Edlen. Eine Stimme aus dem Volk rief empört: „Herrgottsakra! Was furzt dieser Puderarsch da herum von Sümpfe trockenlegen? Entwässert haben wir die Marschen, indem wir Kanäle aushoben.“
Vielfaches Raunen unterstützte ihn. Der zornige Ruf: „Schelmenpack!“ brachte die Stimmung zum Überlaufen. „Und zuvor“, meldete sich der Erste erneut, diesmal laut und vernehmlich, „haben wir die Binsenwiesen auf der Brookseite, die heute Weideland sind, mit dem Spaten dem Moor abgerungen. Im Sommer arbeiten wir am Torfstich, dass uns der Schweiß aus den Holzpantinen spritzt… um im Winter unsere Stube heizen zu können. Was haben Eure Zwingburgen damit zu tun, frage ich mich.“
Ein stattlicher Mann, eine abgewetzte Lederschürze vor dem Bauch, trat aus der Menschenmenge vor und blickte dem Grafen kühn ins Gesicht. „Das Holler Recht sicherte unseren Vätern zu, für das Anlegen eines Deiches sind wir für sieben Jahre vom Zehnten entbunden, und der Deich, angelegt für das Abschneiden der Olle vom Weserlauf, wurde aufgeschüttet im Jahr 1200.“
Noch jemand zog die Blicke auf sich: Ein dürrer Mann mit einem hageren Gesicht und ernstem Mund schlug dem Schmied begeistert auf die breite Schulter. „Gut getroffen, Lüder.“
Zu ihm gesellten sich vier seiner Freunde und beklatschten die ehrlichen Worte. Dem Grafen von Oldenburg trieb es das Blut in die Wangen. „Wer bist du - leichtfertig als Fürsprecher deinen Hals zu riskieren?“
„Der Zunftmeister der Steinmetze… Arnold van Veen.“
„Das ist alles Rechtens“, bestätigte Graf Moritz mit heiser klingender Stimme. „Vor sieben Jahren erlosch die Linie der Versflether Grafen, und so lange durftet ihr ohne jede Abgabe euer Vieh mästen.“
Er rieb sich beeindruckt das weiß behaarte Doppelkinn und zog die Brauen zusammen. Über dem Rathaustor war das Wappen der Stedinger in einen Steinquader eingemeißelt. Zwei Figuren aus Stein bewachten das Portal, aber keine Löwen, sondern geflügelte Pranken mit Löwenkopf. Das verriet mehr Kunstverständnis, als er einem Mann dieses Standes zutraute. „Ist das dein Werk?“ Er bedachte den tüchtigen Steinmetz mit einem lobenden Blick. „Ich könnte einen wie dich für den Bau der Burg gebrauchen.“
Arnold van Veen wirkte leicht verlegen, aber er ließ sich auf nichts ein. Graf Moritz mochte das ärgern, auch das brachte ihn nicht aus der Ruhe. „Was sich hier entwickelt hat, zeugt nicht von Armut“, bemerkte er, um das letzte Wort zu behalten, und sein Herold las weiter aus der Bulle: „Dies gilt ab heute für alle unter euch, die bei der Besiedelung einen Wiesenstreifen von 48 Hektar an Ackerland zugeteilt erhielten. Das entspricht nach Hollerrecht einer Hufe: Die Pacht beträgt pro Kopf und Jahr einen Silberpfennig, fällig am Martinstag. Außerdem muss jedes zehnte Schaf alljährlich dem Vogt ausgeliefert werden, ebenso jedes zehnte Tier an Ziegen, Schweinen und Gänsen und jeder zehnte Teil an Honig und Flachs, sowie jeder elfte Scheffel an Hafer, Gerste, Roggen oder Bohnen. Für jedes Füllen, das bis zum Martinstag aufgezogen ist, bezahlt ihr in Zukunft einen Silberpfennig. Kälber sind mit einem halben Pfennig zu versteuern. Das wurde so geregelt, als die ersten Siedler aus Utrecht und Groningen kamen und gilt für ihre Kinder und Kindeskinder. Ferner entging uns nicht: Dort, wo ihr alle Sommer euren Torf abgebaut habt, erstrecken sich heute Fettweiden, auf denen ihr Kühe haltet. Die Abgabe ist überfällig. Für Kühe gilt, heute noch ist auf zehn Tiere eines dem Grafen zu überbringen. Ihr seid verpflichtet, das Viehzeug eigenhändig nach Burg Lechtenberg zu treiben, und zwar bis Sonnenuntergang. Bei Nichtbefolgen droht die Tötung des gesamten Viehbestandes, ebenso der Schweine und des Federviehs. Gebt dem Grafen, was ihm vor Gott gebührt… sonst Gnade euch Gott!“
Der Herold mit der gelbroten Burg auf dem scharlachroten Wappenrock zog einen zierlichen Schusterhammer aus der Gürteltasche und schlug selbstgefällig die Proklamation an das Rathaustor aus Eichenholz. Beklommenes Schweigen trat ein, der Graf und sein Gefolge bestiegen die Pferde und trabten davon, um in Elsfleth ähnlich zu verfahren.
Lüder, der Schmied mit dem immer leicht traurigen Ausdruck um den Mund, ballte eine Faust, während sie über die Brücke der Warft verschwanden. „Das hat gerade gefehlt“, bemerkte er zerknirscht. Seine Augen begegneten dem hohlwangigen Gesicht des Zunftmeisters. Der zog den Ratsherrenmantel um die Kragenrüschen zusammen, als würde ihn frösteln.
Der Schmied schüttelte grimmig den Kopf. „Bei Gott, ist das ein widerwärtiger Mensch! Sie wollen ihren Anteil an dem, was auf dem Feld steht und ziehen im letzten Moment dem Sibo die Knechte ab, damit er mit seiner Familie allein vor der Arbeit steht. Na, wir werden es ihm zeigen; soviel ich weiß, brach vor einer Stunde der Deichgraf und eine Gruppe Freiwilliger mit Sensen auf zum Aumundhof.“
Seine Worte sorgten für neuere Betroffenheit, obwohl er für die Sache warb, keine Frage. Ein kleines Mädchen in grobem Leinenkleid, das sich an ihn drückte, schaute zu ihm auf und zupfte an seiner Schürze. „Ich will auch helfen, Vater… und Ulrike auch, glaube ich.“
Die ältere Schwester war kurz bevor die Reiter kamen zum Waagehaus gelaufen, um bei den Bänken der Knochenhauer eine Grützwurst für den Mittagstisch zu besorgen. Lüders vorwitzige jüngste Tochter erhob sich auf die Zehen und überschaute ungeduldig die sich allmählich zerstreuende Menge. „Rike soll sich beeilen, Vater, ich will mit zum Aumundhof.“ Sie lächelte verschmitzt. „Ich kenne mich an den Huntewiesen nicht aus. An der Brücke wurde mir immer unheimlich, und ich bin umgekehrt.“
Der Schmied strich seiner Kleinen liebevoll über das zu Zöpfen geflochtene dunkle Haar und nickte. „Bist ein gutes Mädchen und denkst mit… wie Rike. Deine Mutter wäre stolz auf dich.“
Keine Minute verging, da erschien forschen Schritts die ältere Schwester und übergab ihm die Grützwurst. Ihre vergnügten Augen erstarrten angesichts der Stimmung am Platz. Ulrike war vor kurzem 16 geworden. Ihr abgetragenes Kleid entsprach dem einer Tochter aus armen Verhältnissen; was für sie nicht zählte. Bei der Geburt der heute fünfjährigen Timke starb ihre Mutter im Kindbett, und sie war seitdem die sorgende Seele in Lüders Heim und versuchte, den kleineren Geschwistern die Mutter zu ersetzen. Sie verzichtete auf manches, was anderen ihres Alters selbstverständlich erschien, weil es an ihr lag, ob das Geld zum Leben reichte. Ein melancholischer Zug um den Mund verriet, wie früh sie erwachsen werden musste; das Aufrichtige in ihren tiefen dunklen Augen konnte es ihr nicht nehmen, und sie trug das wie Mahagoni glänzende Haar bis auf ein paar wirre Locken über der Stirn im Nacken zu einem langen Zopf geflochten.
Ulrike begriff, um was es ging, nahm die kleine Schwester an die Hand und machte sich mit ihr auf den Weg über den Deich an der Olle. Mit ihrem Vater verband sie etwas sehr Tiefes. Manchmal nahm er sich nach dem Gottesdienst ein paar Stunden für sie, und sie hörte ihm gern zu, sprach er über ihre Mutter, die sie nie richtig kennenlernte. Dann saß sie auf dem Schemel der Schmiede und beobachtete ihn, während er geduldig einem Pferd zuredete, bis es ihm brav den Fuß hinhielt, damit er ihm ein neues Hufeisen setzen konnte. Die schönsten Erinnerungen blieben die Abende, die sie in seiner Gesellschaft am Herdfeuer verbrachte, wenn die kleinen Geschwister schliefen. Lüder vermochte wunderbar Geschichten zu erzählen. Es kam vor, dass sie darüber einschlief und er sie ins Bett tragen musste.
Den größten Teil der Strecke rannten Ulrike und Timke. Als sie die Binsenwiese an der Hunte erreichten, wo gelb das Hahnenklee blühte, betraten sie die Holzbrücke und hielten an, um nicht so außer Atem zu wirken bei den Aumunds. Unter ihnen rauschte der Fluss, und Ulrike fiel am abgewandten Ufer der Hunte ein Reiher auf, der auf seiner beschaulichen Jagd durchs Schilf stelzte. „So nahe am Ufer lässt sich selten ein Reiher blicken“, bemerkte sie und zeigte ihn Timke. „Im Bereich der Binsen findet er keine Frösche mehr.“
Timke hob den Kopf, als könne sie das in der Luft liegende Gewitter spüren, und Ulrike erinnerte sich: Vor Monaten versprach sie Birte Aumund in die Hand, sie demnächst zu besuchen. „Weißt, wir liefen uns einmal nach der Kirche über den Weg, und da war mir, als würden wir uns schon ewig kennen. Birte hat so eine Art sich zu bewegen und versteht es, sich blendend anzuziehen. Man kann sich mit ihr so ungezwungen unterhalten, und Vater sagt, ich brauche jemanden in meinem Alter, zu dem ich Vertrauen habe… zum Reden und so. Und eigentlich kann ich mir ja meine Freundin aussuchen... Aber sie sind schrecklich vornehm, die Aumunds.“
Auch Timke verfügte schon über einen regen Verstand und war auf ihre Art ein kleiner Naseweis. Des Öfteren verblüfften ihre Anmerkungen die Ältere. „Na jetzt hast du ja einen Grund, die Aumunds zu besuchen.“
„Ich verstehe mich selbst nicht, Timke. Ich mag Birte, die ist kein wenig hochnäsig. Sie soll mich bloß nicht für aufdringlich halten.“
Timke stutzte. „So ein Unfug. Der Deichgraf rief zur Nachbarhilfe auf... Wir sind sicher nicht die Einzigen, die bei der Ernte helfen wollen.“
Das Doppeldachhaus aus Fachwerk, in dem die Aumunds lebten, beeindruckte in seiner Größe. Die Scheune eingeschlossen fasste es eine parkähnliche Grünfläche ein, Blumenbeete verliefen längs der Fassade. Auf dem First mit den sich kreuzenden Pferdeköpfen stach ein Nest aus grobem Reisig ins Auge. Ein Storch stopfte mit ruckhaften Schnabelstößen die Hälse seiner gierenden Jungen. Niemals zuvor betrat Ulrike einen derart riesigen Hof, und so gepflegt. Nur an der Scheune erstreckte sich staubiger Lehm, ein vertrauter Anblick, nach Wochen ohne den geringsten Schauer. Die drei Türen und die Rahmen der kleinen Fenster unter dem überhängenden dicken Reetdach des Wohnhauses waren blau gestrichen, und ein Laden stand offen - im Sonnenlicht blinkte ein Glasfenster. Das konnten sich höchstens betuchte Gutsherren leisten. Am großen Doppeltor fehlte auch nicht die charakteristisch in das Fachwerk eingefügte Zeile aus Sandstein - mit dem Datum der Erbauung und einem Namen. Ulrike ärgerte sich, sie konnte nichts davon lesen, und als Timke an einer stattlichen Trauerweide vorbeikam, verstand sie nicht, was den Gang der großen Schwester hemmte. Über ein Dutzend Hühner trieben sich zwischen dem Misthaufen und dem hofeigenen Brunnen herum, und ein Mädchen in einem weißen Linnenkleid hockte daneben und fütterte das Federvieh.
Ulrike erkannte das blonde Mädchen an den schulterlangen, vollen Locken und zwinkerte der kleinen Schwester beruhigt zu. „Das ist Birte.“
Birte wirkte gesund und wohlgenährter als die meisten Mädchen, ohne deshalb dick zu sein und tat, was zu tun war mit einem feinen, sinnigen Lächeln. Grübchen und klare, kornblumenblaue Augen erfüllten ihr Gesicht mit nahezu engelhafter Milde. Eine bemerkenswert gerade gewachsene Nase machte sie zu einer der Schönheiten von Berne.
Die Freude, mit der Birte sie begrüßte, war echt, doch wirkte sie nicht halb so fröhlich wie bei ihrer letzten Begegnung. Ulrike weihte sie ein in die Forderung des Grafen, da zuckte es um ihre Mundwinkel. Birte nestelte verunsichert an ihrem Kleid. „Du lieber Gott, jetzt wird’s heikel. Der Vogt zog uns alle Knechte ab.“
„Ja weißt du denn nicht von der Nachbarhilfe?“, platzte Ulrike vergnügt heraus. „Halb Berne ist auf den Beinen, euch zur Hand zu gehen.“
Birte musterte sie scheel von oben bis unten. „Eine Sense zu schwingen, will gelernt sein und erfordert Männerarme. Uns fehlen Knechte, keine Mädchen.“ Ihre Augen schweiften über die verdunkelten Gehöfte am Deich. „Es ist ohnehin zu spät... Seit gestern Abend ziehen Wolken über die Weser. Das Wetter schlägt um.“
Über so viel Kleinmut erschrak Ulrike und schüttelte den Kopf dazu. „Du hast mich falsch verstanden. Sicher, Timke und ich wollen helfen. Aber doch nicht bloß wir beide! Der Deichgraf steckt dahinter. Alle wollen alb erneH helfen. Da gibst du doch nicht auf, oder? Der Deichgraf ist mit vierzehn Leuten aus Berne auf eurem Feld, euch bei der Ernte zu helfen.“
Birte schluckte und strich sich die Haare aus der Stirn „Die Schweine sind unruhig. Es riecht nach Gewitter.“
Während sie redeten, nahte ein Ochsengespann, auf dem vier Mägde des Gutes saßen. Der älteste Sohn des Hauses, nicht ganz 10 Jahre alt, führte die Zügel und lud die Mädchen ein, aufzusteigen. Er zog eines nach dem anderen hinauf, und man rückte auf der Ladefläche des Fuhrwerks dichter aneinander, um den Wettlauf mit der Zeit aufzunehmen. Hitzewellen flimmerten über den Roggenähren, und das morsende Gezirp der Grillen wurde übertönt vom Dengeln der Sensen. Die Linie der Männer rückte in schräger Formation Schritt um Schritt vor und hatte die halbe Ackerfläche schon in ein wüstes Stoppelfeld verwandelt. Die Mädchen trafen rechtzeitig ein, das gefällte Korn zu Garben zu schnüren und die zusammenzustellen. Über ihnen bewölkte es sich. Ein frischer Wind kündete schon den Wolkenbruch an, und der von der Stirn tropfende Schweiß brannte in den Augen. Einmal musste sie lachen, Birte stolperte in ein Mauseloch und warf ihre aneinander gelehnten Korngarben um. Aber Birte war nicht der Mensch, ihr das krumm zu nehmen, sondern lachte von Herzen mit. Ulrike half, den Schaden zu beheben, damit war es gut für sie. Überhaupt lachten sie viel und hatten viel Spaß, während sie mit anderen Mädchen Halme aufklaubten und Garben zusammenstellten, die gemeinsame Arbeit machte sie zu Freundinnen. Plötzlich zeigte Timke aufgeregt zum Feldweg. Sie hielten inne und gewahrten den schwankenden Erntewagen, der bereits den oberen Feldweg nach Berne erreichte, doch ein unheilvolles Grummeln schien alles zunichte zu machen. Ein greller Blitz zerriss die schwüle Witterung. „Zu spät“, stöhnte Birte und zählte laut bis fünf. Und ein Donner rollte über die Äcker und Wiesen an der Hunte. Ulrikes Augen streiften erschrocken himmelwärts, dann blickte sie Birte mitfühlend an - und eigentlich grundlos. Es war, als hätte die Hand Gottes eingegriffen. Der Fluss hielt das Gewitter auf; es wanderte nicht über die Weser. Der Wolkenbruch entlud sich über Osterstade. Bei ihnen fiel wie durch ein Wunder kein Tropfen. Sie hörten an der Front des Stoppelfeldes die Männer fluchend die Sensen ins Korn werfen und dann trotzdem in Jubel ausbrechen. Birte lachte, als hätte es Geld geregnet.
Alle, die halfen, fanden sich gegen Abend auf dem Hof der Aumunds ein. Ein halbes Dutzend längliche Tische und Sitzbänke in Form grober Bretter, nicht einmal gründlich von der Borke befreit, boten vor der Fachwerkfassade ausreichend Platz für eine Dankesfeier. Mancher brachte eine Schwester oder den kleinen Bruder mit, damit sich die ebenfalls den Bauch vollschlugen, niemanden störte, dass bei Ulrike neben Timke auch ihre andere Schwester Wibke saß. Weiße Decken verliehen der Tafel ein festliches Gewand, und in großen Töpfen stand Getreidegrütze bereit. Drei Mägde stellten flache Holzschalen mit grobkörnigen Hirsebroten und Semmeln ab, und man tischte eine Auswahl an Fisch auf, von Stör über Aal bis hin zum Hering. Dem Deichgrafen fiel es zu, den Abend formell mit ein paar starken Worten zu eröffnen. „Wen ich hier sitzen sehe, der darf sich, solange ich lebe, mein Freund nennen. Sibo Aumund sagte mir eben, die ganze Ernte ist in der Scheune! Und das wäre ohne euer Zutun undenkbar gewesen. Er dankt euch!“
Es entsprach seiner Art, Einsatz zu loben, und er förderte den Gemeinschaftssinn mehr, als die meisten jemals begriffen. Sibo Aumund fügte mit strahlender Miene hinzu: „Lasst es euch schmecken… meine Freunde!“
Ulrike verspürte Herzklopfen, bei Birte und ihr nahm der redegewandte Sohn des Deichgrafen Platz, den sie bisher nur von ferne zu Gesicht bekam. Manche der einfachen Leute stopften die Sachen in sich hinein wie die Kesselflicker, er ließ sich Zeit beim Schmausen. Während sich auf dem Grätenteller Häufchen bildeten, betrachtete Ulrike verunsichert ihre von Fett triefenden Hände und orientierte sich an Birte, die sich die Finger am Rock abwischte. Andere benutzten einfach das Tischtuch. Sie vermisste Bolkes Bruder Eike. Seit der Lüder in die Schmiede schneite und bat, ihm Angelhaken anzufertigen, schätzte sie ihn als Freund, begleitete ihn oft auf seinen Fischzügen und half ihm Heuschrecken zu fangen – als Köder. Gewöhnlich trafen sie sich in einer Laubhütte, und sie liebte diese gemeinsame Heimlichkeit und die Farbe, die Eike in ihr Leben brachte. Niemals zum Hof der Bardenfleths mitgenommen worden zu sein, betrübte sie nicht, bis sie kürzlich bei brütender Sommerhitze baden gingen, im warmen Wasser der Hunte. Hinterher klebte die Kleidung am Leib, sie lagen im Halbschatten einer Birke, und Eike ritt aus heiterem Himmel der Teufel. Ihm fiel ein, ihr den Rock hochzuschlagen. Sie zierte sich und stellte ihm in Aussicht, ihm alles gern zu geben, um den Preis, endlich seinem Vater vorgestellt zu werden. Daran zerbrach die Beziehung. Im Grunde war es eine lässliche Sünde. Sie verbrannten sich aneinander und wussten beide nicht recht damit umzugehen. Er blieb der Sohn eines Ministeralen, wie man es drehte. Ulrike ärgerte bloß, wie wenig er zu ihr stand. Eike war trotzdem in Ordnung. Lediglich Bolke gab sich so anders, unnahbar und erhaben wie ein Aristokrat. Unterdessen verteilte eine gutbeleibte Magd Steingutkrüge. Hausgebrautes Bier wurde ausgeschenkt. Die Bäuerin schöpfte mit einer Zinnkanne aus dem Fass, bald löste das Gebräu auch die verklemmten Zungen und witzige Trinksprüche der Männer riefen schallendes Gelächter hervor, während sich der Deichgraf in Richtung der Ställe absetzte, um bei Einbruch der Dämmerung in Berne zu sein. Es hielt den Sohn des Deichgrafen nicht ab, sich weiterhin als Hahn im Stall zu fühlen. „Sechzehn Leute aus Berne trugen zu diesem glücklichen Ende bei“, warf er den Mädchen aufmunternd zu. „Ein Zusammenhalt, auf den mein Vater stolz sein darf.“
Birte strahlte ihn mit rosa Wangen an. Ulrike gefiel Bolkes klare, tiefe und zugleich sanfte Stimme. „Dein Vater verfügt über eine Gabe, die wenigen eigen ist.“
Sie betrachtete den bartlosen jungen Mann mit dem kinnlangen Pagenschopf und dem sinnlichen Mund genauer. Offensichtlich warf er ein Auge auf Birte Aumund. In Dingen, die jeden angingen, kannte er sich außerordentlich gut aus und führte gern das erste Wort. „Weilt der Graf von Oldenburg in der Lechterburg, so bestimmt nicht grundlos“, stellte er fest. „Der wird auf seinen Vogt einwirken, hart durchzugreifen, der will Erträge aus dem Lehen ziehen. Unser Erzbischof ist krank, erzählen sich die Leute in Bremen… er leidet an andauerndem Geldmangel.“
„Oh“, seufzte Birte und strich sich über die Stirn, unschlüssig, was sie geistreiches erwidern sollte. Für solche Dinge fehlte Ulrikes neuer Freundin jedes Interesse. Oder es ging Birte wie ihr, sie fand schließlich auch keine Worte. „Ich bin übrigens Lüders Tochter“, brachte sie verlegenen lächelnd vor. „Und ich wüsste zu gern, um was er sich mit dem Grafen gestritten hat, heute Morgen.“
„Ah ja“, raunte Bolke und nickte verstehend. „Du hast einen mutigen Vater, Mädchen. „Er machte sich zum Sprachrohr aller und erinnerte den Grafen, durch das Aufwerfen des Deiches an der Olle wären wir nach Holler Recht für 7 Jahre vom Zehnten befreit.“
Ulrike spürte plötzlich ihren Herzschlag, so erschrak sie.
„Nun mach‘ dir mal keine Sorgen“, beruhigte Bolke sie. „Moritz von Oldenburg gehen andere Dinge im Kopf herum. Das hat der längst vergessen. Außerdem stimmt, was Lüder gesagt hat. Dafür kann man ihn schwerlich belangen.“
Sie äugte ihn ungläubig an. So leicht wollte sie sich nicht von ihren Ängsten lösen. Dann blinzelte sie einlenkend. „Man merkt, Bolke, dein Vater ist unser Deichgraf. Du weißt es ganz genau.“
„Nun ja, sagen wir, ich bekomme einiges mit. Damals beschlossen die Gemeinden der Brookseite und der Lechterseite, die drei Mündungsarme der Olle durchzudämmen. An den Mündungen wurden drei dicht beieinanderliegende Siele angelegt. Das machte die alten Deichabschnitte beidseitig der Olle zu Schlafdeichen und bedeutete eine erhebliche Verbesserung des Küstenschutzes, eigentlich genial. Wisst ihr, die Hunte verfügt in Sturmnächten über ungeheure Stoßkraft. Eine Sturmnacht überschwemmte gewöhnlich für Wochen das Hinterland. Früher mussten die Deiche durchstochen werden, sonst wäre das Wasser kaum abgelaufen.“ Er nickte bekräftigend. „Deswegen heißt die neue Ortschaft bei Bettingbühren Dreisielen.“
Ein verwundertes Lächeln spielte um Birte Lippen nach dieser erschöpfenden Auskunft, aber Ulrike reizte die Gelegenheit, sich in einer zuhause oft unter den Tisch gekehrten Angelegenheit schlau zu machen. Leise bemerkte sie: „Alle reden oft und gern vom Holler Recht. Was ist damit eigentlich gemeint? Mein Vater hat versucht, es mir zu erklären, aber ich glaube, der weiß es auch nicht richtig.“
Schmunzelnd erwiderte Bolke, „die erste Welle Einwanderer stammte aus Holland. Der damalige Erzbischof, ich weiß seinen Namen nicht mehr, holte sie wegen ihrer Erfahrung im Deichbau. Ihnen folgten Friesen, Flamen und Westfalen, aber für alle galt die Kolonisationsurkunde von 1106, und die steht für das Holler Recht. “
„Und…“, warf ihm Ulrike in fragendem Tonfall zu. „Stimmt es? Waren die ersten Siedler zeitlebens vom Zehnten befreit? Mein Vater lässt sich nicht beirren, es sei ein verbrieftes Recht. Man sollte darauf bestehen.“
Er strich sich amüsiert die Haare von der Wange und nickte anerkennend. „Na du weißt Fragen zu stellen. Alle Achtung. Aber egal, was unseren Vorvätern früher zugesichert wurde… das betraf sie, nicht ihre Kindeskinder.“
„Sag‘ mal, zu wem hältst du eigentlich?“, mischte sich Eike von Bardenfleth ein. Gegen den älteren Bruder wirkte sein Gesicht grob geschnitten, eine Warze über den buschigen Brauen störte Ulrike nie besonders, und er sorgte für Aufregung und Stühle rücken, weil er über die Sitzbretter und Tische geklettert kam und sich unaufgefordert zu ihnen gesellte. „Das ist alles eine Riesenlüge. Wer seinen Hund hängen will, findet immer einen Strick“, raunte er Bolke zu und spannte selbstbewusst neben Ulrike die Schultern aus.
Nachdenklich betrachtete Bolke ihn und schüttelte den Kopf über seinen zynischen Bruder. „So ist es ja nicht, Eike. Die wollen uns nicht umbringen. Wir sollen für sie den Knecht spielen, das ist der Zweck.“
„So, meinst du? Na, ich kann dir was erzählen. Der Ritter der Lieneburg hat den Werther-Hof heimgesucht. Udo Werther hätte zwei Kühe bis zum Sonnenuntergang bei der Burg abliefern müssen, aber er war nicht zugegen, heute Morgen auf dem Markt. Die Schergen veranstalteten in seiner Diele ein Schlachtfest und stachen ihm die Schweine ab. Ein junger Friese, den du kennen dürfest, sorgte für heftiges Handgemenge. Sie suchen ihn überall.“
Bestürzt nickte Bolke. „Ich wüsste in Berne wenige Leute bei denen ich annehme, sie können lesen. Die schriftliche Proklamation an der Tür vom Rathaus gleicht einer billigen Posse!“
„Der Ocko ist ein Teufelskerl“, flüsterte Eike ihm zu. „Einem der Leute des Vogts brach er den Arm und soll einen anderen mit einem Fleischermesser erstochen haben. Dann verschwand er wie ein Spuk über die Mauer im Stall auf den Dachboden. Du kannst dir vorstellen, dass der Ritter schäumte vor Wut. Der alte Werther und vier seine Knechte hängen dafür jetzt in den Birken am Moorbach. Von wegen, die wollen uns nicht umbringen.“
Bolke nickte und schloss die Augen. „Ein bockiger Esel sollte damit rechnen, geschlachtet zu werden… und stirbt der Bauer, muss seine Witwe selbst dafür eine Abgabe leisten an die Burg. Das beste Stück im Viehbestand fällt dann an den Vogt. Aber das ist ja ebenso fällig, will jemand heiraten. Anderswo war das ewig so. Wir werden uns an diese Schikanen gewöhnen.“
Eike stöhnte. Ulrike holte beunruhigt Atem; der Name Ocko fiel und in ihr flackerten Erinnerungen auf, an die Tage, in denen sie noch ein Kind sein durfte. Sie besann sich auf einen jungen Friesen mit einem verwegenen Zug um den Mund und wachen, hellblauen Augen. Der hieß auch Ocko und führte eine Bande Halbwüchsiger an, die früher die geheimnisvolle Wildnis hinter den Moorweiden unsicher machte. Er duldete keine fremden Kinder auf dem Gut der dortigen Meierei. Später geriet er ins Gerede, da er sich mit jeder einließ, die ihm schöne Augen machte, und fiel in Ungnade bei allen. Dafür rächte er sich in denkwürdiger Art und Weise. Zur Lindenblüte stiegen die Jungfrauen der Gemeinde nach alter Sitte an der Leiter in die Äste hinauf und pflückten ein Körbchen Lindenblüten, und es hieß, ein Handwerksbursche auf Wanderschaft passierte die große Linde, die voller Weibsleute saß und nahm sich in seiner Bettlerfreiheit heraus, die Leiter zu entfernen. Hinterher sprach sich freilich herum, wem der Streich zuzuschreiben war, aber Ocko scherte das wenig, weil für ihn damals die Wanderjahre anbrachen. Ulrike versuchte, sich auf Einzelheiten zu besinnen, doch ehe betretene Stimmung aufkam, fiel Bolke von Bardenfleth in einen Plauderton. „Gestern besuchte mich Elmer der Fuhrmann“, besann er sich. „Der Alte beschwerte sich entrüstet, jemand habe ihm das Pferdegespann gestohlen, während er in der Schänke saß und zechte.“
Begeistert stieß Ulrike die Freundin mit dem Ellbogen an, er hatte ihre Neugierde geweckt. Bolke lächelte sinnig, und Birte, sich neugierig über den Tisch beugend, folgerte: „Klingt nach dem Streich eines Spaßvogels.“
Bolke schickte trocken die Erklärung hinterher. „Sagen wir, er hat kluge Pferde, der Elmer. Er wankte heim und traute seinen Augen kaum, da ihn Fuhrwerk und Gespann bereits erwarteten. Er hat seine Pferde über Gebühr warten lassen, und die Tiere fanden allein den Weg nach Haus.“
Birte prustete ein helles Lachen heraus. Ulrike belächelte es. Sie ärgerte sich, offenbar hielt selbst ein Mann wie Bolke es für unangebracht, sie und Birte an einem Männergespräch teilhaben zu lassen. Seit sie sich als eine Erwachsene begriff, stieß es ihr übel auf, kam dieser ungeliebte Wesenszug an den Tag. Ulrike war kein Kind mehr und spürte genau wie die Männer, der Graf von Oldenburg streckte vor dem Rathaus zu Berne eindeutig die Hand nach Stedingen aus; unruhige Jahre bahnten sich an. Sie hob aufbegehrend das Kinn, da empfahlen sich die Bardenflether schon. Eike nickte Ulrike zu, niemand sollte von ihm sagen, er habe sie wie Luft behandelt. Die beiden tauchten in der Menge unter, da flüsterte Birte: „Der Bolke ist nach meinem Geschmack.“
„Er scheint verliebt“, fiel ihr ein. „In dich, Birte. Hast du das nicht gemerkt?“
Birtes Züge erstarrten. „Ach was, du hörst das Gras wachsen.“
Einen Moment überraschte Ulrike ihr ungläubiges Gesicht, dann zuckte es um ihren Mundwinkel, als bereite ihr Birtes Verlegenheit Vergnügen. Sie zwinkerte schelmisch. „Meinst du, es ist Zufall, wenn der höchste Deichgraf sich so eurer Sache annimmt? Hat dir noch nie ein Mann so richtig von Herzen nachgestellt und dir so wie er eben, in immer länger werdenden Reden zu verstehen gegeben, wie du ihm gefällst?“
Es überraschte Birte, dass sie verdattert die Lippen kräuselte. „Hat er das?“
„Ja, er sah meistens dich an. In sechs Tagen feiern wir Erntedank in Berne. Lass uns hingehen. Ich kann dir flüstern, wer dich zum Tanz auffordern wird.“
„Na, wir werden sehen.“ Birte freute sich, und in Ulrikes Zügen setzte sich ein breites Schmunzeln durch. „Während der Rede des Deichgrafen betrachtete dich sein Sohn mit einem verträumten Ausdruck… richtig lange… verstehst du, Birte? Und dieser Mann, das darfst du mir glauben, der weiß, was er will.“
In dem Augenblick näherte sich vom Feldweg, der zur Huntebrücke führte, trommelnder Hufschlag, eine Handvoll Reiter steuerten den Hof an. „Wir bekommen Besuch“, bemerkte Birte leise.
Ulrike nickte ihr zu. „Sie suchen Ocko. Ob es nun der ist, an den ich bei diesem Namen denke, weiß ich nicht, aber dem ist einiges zuzutrauen. Womöglich feiert er flott hier mit, während die Schergen des Vogtes Ställe, Scheunen und Wäldchen durchkämmen nach ihm. Der mit der Kettenhaube ist Graf Moritz. Ich sah ihn vormittags in Berne, als sie die Bulle verlasen und das Blatt an die Rathaustür genagelt haben.“
Der Graf wäre fast in die feiernde Gesellschaft hinein galoppiert und riss bei der Trauerweide heftig die Zügel an, sein Ross bäumte sich vor den Tischen auf. „Was ist denn hier los?“, rief er gehässig. „Ich schätze, ihr feiert zu früh.“
Zum zweiten Mal an diesem Abend fiel Ulrike der junge Bardenflether auf. Der war nämlich abseits der gedeckten Tafel noch in ein Gespräch gezogen worden und lachte dem ungeladenen Besuch beherzt ins Gesicht. „Auch, wenn Ihr unser Lehnsherr seid… Ihr stört, werter Herr Graf! Für Euren Stand wirft es schlechtes Licht auf Euer Ansehen im Land, in der Art in eine Feier hinein zu poltern!“
„Schweig, stehst du vor deinem Lehnsherren, befahl ihm Graf Moritz. „Ich habe euch Wichtiges zu sagen, womit sich die Feier erübrigen dürfte.“
„Lasst hören, werter Herr Graf“, gab Bolke von Bardenfleth frech zurück. Ein Klappern lief durch die Sitzreihen der Festtafel. Alle, die bis eben unbeschwert an ihrem Bier nippten, stellten den Krug auf den Tisch und hielten den Atem an.
„Sollte einer unter euch einen heimlichen Gast auf dem Heuboden beherbergen, empfehle ich, das zu melden. Wer Ocko Unterschlupf gewährt, wird gehängt… wie der Gesuchte selbst. Ist das klar? Niemand kann sich hinterher herausreden“, drohte der Graf ausdrücklich und erinnerte sie mit gesenkter Stimme: „Noch etwas: Ich schickte eure Knechte zum Hemmelskamper Wald um Eichen zu schlagen für ein Herrenhaus. Ich will, dass es vorangeht auf der Baustelle, und ich erwarte von jedem, den ich hier sitzen sehe, morgen ab dem Sonnenaufgang bei der Rodung zu helfen. Wer fehlt, den lasse ich in Ketten nach Burg Lechtenberg schleifen.“
Sein Herold mochte sich überflüssig fühlen, doch der Graf formulierte es kurz und bündig selbst und preschte mit seinen Reisigen davon, ehe der junge Bardenflether mehr erwidern konnte. Entsetzen ergriff die Feiernden, und Bolke von Bardenfleth räusperte sich. „Ihr habt es gehört. Nicht einmal der Deichgraf kann von euch verlangen, euch dieser Anordnung zu widersetzen. Es wäre einfach unklug; tut mir leid um die, die der Schuh drückt, wo er Sibo Aumund drückte. Wir hätten euch ebenso geholfen, aber das wird schwierig. Man stellt uns ein Bein.“
Schräg gegenüber saß Renke van Hartjen, ein graubärtiger Mann mit geröteten Wangen, die Augen glasig vom vielen Bier. Es betraf ihn. Er hob aufhorchend den Kopf und zog gefasst die Unterlippe hoch. „Herrjemine“, stieß er verdrossen hervor, „das schmeckt nach einem abgekarteten Spiel. Der Graf weiß, das Korn ist reif und muss schleunigst in die Scheune. Wie kann er von mir verlangen, auf der Rodung zu helfen? Ich bin nicht der Heiland, vermag nicht, an zwei Stellen zugleich zu sein und weigere mich, meinen Sohn bei der Ernte im Stich zu lassen?“
„Sie wollen billiges Ackerland einsammeln“, erklärte Bolke ernst. „Diese Menschenschinder. Mir sind wie jedem der hier Anwesenden die Hände gebunden. Ich rate euch: Geht nach Warfleth. Fragt nach Detmar tom Dieke. Es gibt noch mehr, die sich nicht einschüchtern lassen. “
„Was wollen sie mit den brachliegenden Äckern?“, flüsterte Birte der Freundin zu. „Die werden doch nicht ihre Schergen vor den Pflug spannen.“
Ulrike fuhr sich nervös um den Hals. „Dein Vater besitzt ein Gut. Das gefällt ihnen nicht. Die wollen Leibeigene, die sich nicht mucken.“
Sie hob wie unterbrochen das Kinn - am anderen Ende der Bank sprang Eike von Bardenfleth auf, die Hände in den Nachthimmel gestreckt. „Heda Freunde… auf ein Wort. Wartet noch!“ Er nickte allen zu, als hätte sein besonnener großer Bruder etwas Wichtiges außer Acht gelassen. „Renkes Roggenfeld gehört zum Gemeinschaftsacker Altenesch. Wer sich beim Besuch des Grafen unauffällig verhielt, sollte über den Mumm verfügen, sich wie ich morgen zum Sonnenaufgang am südlichen Feldrain einzufinden… im Schatten der größten Eiche! Ich hörte soeben, Sibo Aumunds Knechte sind nicht länger für Hemmelskamp eingeteilt. Sie brennen darauf, mitzuhelfen! Je mehr erscheinen, desto besser…! Dem Grafen wird die Spucke wegbleiben. Der hütet sich, einen Aufstand zu entfesseln und wird anders sein Gesicht wahren. Nach Holler Recht sind wir und unsere Kindeskinder unmissverständlich von jeder Fron befreit, darauf können wir pochen.“
Sein Auftritt sorgte für Beifall und erhitzte Gemüter. Manchen reizte es auf einmal, das Ganze morgen früh mit Eike von Bardenfleth auf die Spitze zu treiben. Es wurde stockdunkel, ehe Ulrike den Heimweg antrat. Von der Festtafel aus nahm sie wahr, in Sichtweite blühte Wiesenschaumkraut, und sie widerstand nicht, einen üppigen Strauß für die Vase zu pflücken. Danach überlegte sie ernüchtert, ob es im Sinn ihrer Mutter wäre, morgen den Männern bei der Ernte zu helfen. Bei der Rodung zu fehlen bedeutete ein Wagnis einzugehen, und die Vorstellung, Udo Werther am Moorbach erhängt, ließ sie erschauern und machte ihr Angst. Die Nachbarhilfe am Altenescher Feld könnte ähnlich enden, und die Tatsache, die Verantwortung für die Schwestern zu tragen, nagte an ihrem Gewissen. Timke war noch keine sechs Jahre alt und die würde mithelfen wollen…
Müde von der Arbeit auf dem Stoppelfeld kamen die drei Schwestern zur Mitternachtsstunde zu einer finsteren Laube, die Berne mit Elsfleth verband und sich einen Steinwurf entfernt im Waldesdunkel verlor, da näherte sich von hinten humpelnder Hufschlag.
„Nanu“, bemerkte Wibke. Für die Tochter eines Schmieds stand sofort fest: „Das klingt nach einem lahmenden Gaul.“
„Stimmt“, bestätigte Ulrike, um sich neugierig umzudrehen und mit den Augen die nächtliche Dorfstraße nach einem kommenden Reiter abzusuchen. In der Tat zeichnete sich schattenhaft ein Pferd im Dunkel ab, und die Gestalt, die es am Zügel führte, war ihr nicht geheuer. Sie warteten, und es handelte sich um einen Edlen, wie an seinem Barett im näher kommen zu sehen war. Im Licht des Mondes wirkte sein langes Gesicht gutmütig und seine Augen ausdrucksvoll. Solch einen Mund verleiht einem Gott, wenn man gern und viel lacht, sagte sich Ulrike. Sie knickste höflich vor ihm, und er erfasste, ihren groben Leinengewändern nach zu urteilen waren sie nicht seines Standes. Um diese Stunde und mit ihnen unter sich, verbeugte er sich trotzdem wie unter Ebenbürtigen und zog sich zum Gruß höfisch das Barett mit der Straußenfeder ab. „Gott sei gelobt, dass ihr mir über den Weg lauft“, sagte er. „Ich habe einen scharfen Ritt hinter mir, und mein Rappe hat irgendwo in einem Vorort einen Huf verloren.“
Ulrike schmunzelte. „Wie sich das trifft, Herr von und zu…“
„Keyhusen“, ergänzte der Junker. „Dirk von Keyhusen. Ich werde auf Burg Lechtenberg erwartet. Ich habe allerdings keine Ahnung, wohin nun…“ Er lächelte breit und rieb sich das Kinn. „Ich kehrte mit einem Freund in einem Gasthaus vor Oldenburg ein, und mein Freund machte bei der Gelegenheit der Tochter eines bei Tisch schlafenden Tuchhändlers den Hof, um das Mädchen dreist auf unsere Kammer zu entführen. Ich verdrückte mich, ritt allein weiter. Selber schuld, könnte man sagen: Wer meint, seinen besten Freund erziehen zu müssen und nur an den eigenen Bauch denkt, den bestraft Gott auf seine Art.“
Ulrike streichelte dem Ross, das durch die Nüstern unwillig schnaubte, das harte Stirnfeld. Die Pferdeschnauze schnüffelte an ihr, und sie hielt den Strauß aus Wiesenschaumkraut nicht gleich weg. Das Tier verleibte sich mit schneller Zunge alle Blüten ein. „Was hast du ihm gegeben?“
Ulrike starrte mit halboffenem Mund auf den Rest Wildkraut in der Hand. Sie lachte hell auf. „Meinen Blumenstrauß.“
Er schloss schuldbewusst die Augen. „Das wollte ich nicht. Ich hätte dich warnen müssen. Adalbert frisst alles, was ihm vors Maul kommt.“
Ulrike nahm es leicht. „Macht ja nichts“, sagte sie, um ihm das schlechte Gewissen zu nehmen. „Na ja, so konnte ich wenigstens das für Euch tun. Denn heute noch zur Lechterburg? Entschuldigt bitte, hoher Herr, Euch dahin zu bringen, ist es wohl zu spät. Ich wüsste höchstens eine Herberge in Berne, bei der meist eine Kammer leer steht.“
„Na das nehme ich doch gerne an.“ Sein Lächeln wirkte flüchtig, aber nur, weil er über ein Problem nachsann. „Wisst ihr einen tüchtigen Schmied in Berne?“
„Sicher, unseren Vater“, entgegnete Ulrike freudig. „Der repariert Deichseln, stellt Scharniere her und vermag obendrein ein Schwert zu schmieden. Wenn wir Euch nicht zu geringen Standes sind, begleitet uns nach Berne.“
So brauchten sie den weiten Weg durch die finstere Waldschneise nicht allein zu gehen, und obwohl außer ihnen um diese Stunde keine Seele mehr unterwegs war, außer einem Marder, der vom Wald her seine nächtliche Runde begann, fand Dirk von Keyhusen noch zu einem Schmied, der seinem Pferd ein frisches Hufeisen unternageln konnte. Ulrike ahnte nicht, wie sehr dieser Akt christlicher Nächstenliebe sich auszahlen sollte.
2. Kapitel
Bis zum Erntedankfest wären noch zwei Tage gewesen, und schon gegen Morgen blies von der Weser her ein heftiger Wind, der die bei den Van Hartjens erwachten Hoffnungen verwehte. Graue Wolken zogen über Osterstade auf, wie am Vortag, und diesmal blieb Stedingen nicht verschont. Eike von Bardenfleth und seine Helfer fingen an, mit Sensen gerüstet das reife Feld abzuernten, doch nach knapp einer Stunde empfahl es sich, schleunigst zu einem Unterstand zu fliehen. Bei Hemmelskamp fielen vereinzelt erste große Tropfen auf den trockenen Sandweg. Dann entlud sich die Schwüle in einem Unwetter; über Stunden stürmte es, Regen peitschte über die reifen Felder. Der Wolkenbruch knickte die Ähren um und drückte alles in den Matsch. Und es regnete einen vollen Tag weiter. Wen die Umstände hinderten, die Ernte einzufahren, für den bedeutete die leer gebliebene Scheune den Ruin. Hinterher hob sich ein Regenbogen ab von dem diesigen Himmel über dem Huntedeich, und das war der Hohn. Aber die Sonne kehrte zurück, und der Spätsommer begann. Vor allen Türen hingen Ährenkränze oder Kränze mit Herbstblumensträußen.
Ulrike versuchte, ein wenig die Stimmung der Jahreszeit einzufangen. Sie stellte eine Bastschale auf den Tisch in der Essecke am Herd, die überquoll von saftigen Früchten, polierte die Äpfel, bis sie appetitlich glänzten, legte goldgelbe Birnen dazu, Quitten und blaue Zwetschgen. Ein darüber rankender Hagebutten-Zweig rundete das Bild ab. Mit dem Eindruck, es könnte Gefallen finden, betrachtete sie ihr Werk. Plötzlich betrat ihr Vater den Raum, das Gesicht verbissen, und Ulrike erschrak. „Was ist Vater? Hat einer mit Haller Pfennigen bezahlt?“
Lüder zog einen festen Mund, und das kündigte stures Schweigen an. Er rieb sich die Nase, dann warf er ihr einen wilden Blick zu, um seinem Ärger doch Luft zu machen. „Du weißt, in Berne soll eine Burg… oder sagen wir ein Herrenhaus für den Oldenburger Grafen erbaut werden.“
Ulrike hantierte noch mit den Händen an den Birnen und nahm die Finger von der Schale. Sie nickte ihm zu. „Ja, ich weiß.“
Lüder stieß einen dumpfen Seufzer aus. „Dann will ich mal ganz offen sein, du lässt ja doch nicht locker“, erwiderte er. „Gestern, als du kurz zum Knochenhauer warst, haben sie bekannt gegeben, dass wir neuerdings zum Lehen der Grafschaft Oldenburg gehören. Und wie dieser Puderarsch den Inhalt der Bulle heruntergeleiert hat, hat mich zur Weißglut gebracht. Vielleicht hast‘ den Rest ja noch mitgekriegt. Jedenfalls habe ich das Maul aufgerissen und bin davon angefangen, dass wir sieben Jahre von jeder Steuer befreit sind, nämlich durch die Verlängerung des Alten Deiches an der Olle.“
Ein Zucken um ihren Mund verriet, wie heftig sie genau das beunruhigte. „Du bist und bleibst ein Hitzkopf. Das war unklug, Vater. Und du weißt das.“
„Das muss ich mir von meiner Tochter sagen lassen“, seufzte er, setzte sich vor die hübsch hergerichtete Obstschale an den Küchentisch und vergrub den Kopf in die schwieligen Hände.
„Ärgere dich doch nicht…Vater. Das Gewitter mag so manchen teuer zu stehen kommen, trotzdem ist es nun einmal geschehen… und es trifft uns ja nicht selbst."
Ulrike blickte ihm forschend in die traurigen Augen - runzelte die Stirn, und er schnitt ein wütendes Gesicht, die Brauen erhoben, den Atem angehalten. Dann atmete er schnaufend durch. „So? meinst du? Ja, wenn das schon alles wäre, was mir im Magen liegt“, entfuhr ihm. „Hier, in dem Haus, in dem ihr geboren wurdet, dürfen wir nicht bleiben. Alles ist hin, das tut so weh. Seit zwanzig Jahren verbringe ich in der Schmiede meine Tage, beschlage den Leuten die Pferde und bessere ihnen die Pflüge aus, und das war es nun.“
Entgeistert starrte Ulrike ihn an. „Was?“
„Ja“, raunte er. „Eben war Ehlert da, des Grafen rechte Hand. Du kennst ihn, den Mann mit dem goldbestickten Barett, der am letzten Sonntag die Bulle anschlug und die Erneuerung des Zehnten bekannt gab. Er stellte mich vor die Wahl: Entweder ich bin bereit, der Burgschmied des Oldenburger Grafen zu werden, oder wir verlieren Heim und Herdstelle. Sie benötigen den Platz für den Bau des Herrenhauses, das Haus wird abgerissen.“
Ulrike unterdrückte einen Aufschrei. „So bringt der Graf die zum Schweigen, die sich herausnehmen, ihm die Meinung zu sagen. Gott, ist das mies. Ja, ja, die Burgen bringen nichts Gutes, das sagtest du oft.“ Dann dachte sie nach. „Und was willst du tun, Vater? Wollen wir uns eine andere Bleibe suchen? Ich bin befreundet mit Birte, der Tochter der Aumunds, und der Deichgraf bewirkte bei den Aumunds ein Wunder. Allen in Berne und Elsfleth führte er vor, was es ausmacht, helfen wir uns gegenseitig und unterstützen einander. Vielleicht hilft Birtes Vater uns.“
„Ich weiß nicht, ob ich das möchte“, erwiderte Lüder. Die große Erleichterung verschaffte es ihm nicht. Es klang eher knurrig und unzufrieden, ohne wirklich Hoffnung zu schöpfen.
Dann öffnete sich die Küchentür, Wibke erschien, die kleine Timke an der Hand. „Was zieht ihr für Gesichter?“
„Wir werden von hier vertrieben“, erklärte Ulrike.
Lüder verbesserte sie. „Entweder ich füge mich, künftig für den Grafen zu arbeiten, oder sie zerren uns mit Gewalt aus dem Haus und wir schauen ohnmächtig zu, während sie vor unseren Augen die Schmiede abreißen.“
Auch Wibke schluckte heftig auf die böse Neuigkeit. Timkes Hand verkrampfte sich in die der Schwester, ihre Augen nahmen einen nassen Schimmer an. Sie barg das Gesicht an der Schürze von Ulrike und schluchzte. Ulrike strich ihr über das Haar und versuchte, sie zu trösten. „Vater malt schnell den Teufel an die Wand. Ob es uns so schlimm trifft, wie es sich in seinem Brass anhört, wollen wir mal sehen.“
„Vielleicht noch schlimmer“, bellte Lüder. „Oh wie ich ihn hasse - diese Ratte mit Sporen.“ Er schüttelte den Kopf über die fatale Lage und bekam offenbar selbst feuchte Augen.
„Also ich gehe jetzt zu Birte“, entschied Ulrike und beschloss, das nicht lange aufzuschieben. Die Augen streiften von Wibke zu Timke, wie eine Aufforderung, ihr zu folgen. Die beiden Schwestern nickten einander zu, und sie ließen den Vater allein in seinem Groll. „Wir müssen uns danach sputen und schleunigst zum Hemmelskamper Wald“, gab Wibke der Älteren zu bedenken. „Alle helfen auf der Rodung, fällen Bäume und beladen die Fuhrwerke.“
„Jeden Tag verspätet sich der eine oder andere“, beruhigte Ulrike sie. „Hauptsache wir sitzen mit am gemeinsamen Mittagstisch. Gewöhnlich geht dann der Konrad mit dem Ehlert durch die Bänke und kontrolliert, wer fehlt.“
Auf der hölzernen Huntebrücke erzeugten ihre Schritte ein dumpfes Poltern. Sie hielten einen Augenblick inne. Der heftige Regen hatte die Hunte über Nacht wieder in einen reißenden kleinen Fluss verwandelt, und den Bauch ans Geländer gelehnt, bebte die Brücke spürbar unter der schäumenden Flut. Die überschwemmte Wiese am abgewandten Schilffeld glänzte wie sonst im April; es stank nach dem Regen wie aufgefrischt nach Kuhmist, wenn die verrotteten Felder auch nicht mehr sichtlich dampften. Drei Reiher pirschten verstreut durch das gelb gemusterte Feuchtgebiet mit den Binsen und einer Badebucht. In der Ferne vor dem Birkenwald entdeckte Ulrike auch den Storch, der auf dem Dach der Aumunds wohnte. „Weißt du, was das Unwetter für die Bauern bedeutet?“, fragte sie Timke.
Der fiel spontan auf, „sämtliche Gräben sind voll und die Kornfelder böse zugerichtet. Na und die Apfelbäume drüben, sehen ganz schön gerupft aus.“
Wibke zog die Nase kraus. „Eben. Den meisten ist die Ernte verdorben…“
Erschüttert blickten Timkes Augen ins Leere. Wibke nickte verbissen. „Sonntag ist Erntedank. Alle müssen eine halbe Fuhre Weizen dem Speicher der Lechterburg abgeben. Bei manchen reicht‘s Korn kaum, für Herbst und Winter bei Aumunds Brot backen zu lassen. Etliche dürften bald auf der Straße hocken – ohne eine Bleibe.“
„So wie wir? Och Mensch. Was wird nun aus uns? Wo schlafen wir überhaupt, wenn die uns auf die Straße jagen?“, bemerkte die Kleine ängstlich.
Ulrike seufzte betrübt, mehr nicht, auch wenn sie sich das Selbe fragte. Und doch wehrte sie sich dagegen, den Kopf hängen zu lassen. „Es gilt jetzt, zu tun, was in unserer Macht liegt, damit es gar nicht so weit kommt. Ich weiß was ich tue und hoffe auf Birte. Wenn’s klappt, ist das Problem umschifft. Unsere Mutter sagte gerne, Aufgeben ist Schwäche - nur der Schwache verzagt.“
Pfützen glänzten auf dem Aumundhof. Sie brachen barfuß auf und trugen nicht, wie das Gesinde hier, Trippen aus Holz. Mit nassen Füßen ließen sie den Stall links liegen, wo sich eine stattliche Trauerweide erhob, und Ulrike dachte darüber nach, wie es auf ihre neue Freundin wirkte, wenn sie derartige Sorgen bei ihr ablud. Unversehens öffnete sich knarrend die Stalltür. Birte hatte die Schweine gefüttert, und die Freundinnen schlossen einander in die Arme. „Mein Vater“, begann Ulrike, „hat sich am letzten Sonntag um Kopf und Kragen geredet…“
Nie vorher begegnete die Freundin Ulrike feinfühliger. Birte streichelte ihr die Schultern, schaute sie bewegt an. „Wir haben ausreichend Platz. So viel sage ich dir jetzt schon zu. Unsere Magot, die Küchenmagd, hat als einzige vom Gesinde eine eigene Kammer gehabt, und seit Mariä Namen wohnt und arbeitet sie nun zu aller Überraschung am Almershof, weil sie Nachwuchs gekriegt hat und uns weggeheiratet wurde. Übel, dass sie ausfällt, aber hat ja nun auch etwas Gutes. Die Kammer liegt seitdem verlassen, ungenutzt… Ich rede mit Vater. Er hat ein Herz für Lüder. Der ist so aufrecht, betont er, so oft er auf den denkwürdigen Auftritt vor dem Rathaus zu sprechen kommt, und dann kriegt er sich gar nicht wieder ein und lacht sich scheckig darüber, wie der werte Graf Lüder einen Augenblick angeglotzt hat.“
Das Giebeldreieck des Gutshauses trug ein kleines Dwalm, und es hatte drei Türen, in der Mitte ein großes Doppeltor und zwei kleine, die zum Kuh- und Pferdestall führten. Ulrike folgte Birte durch den großen Eingang auf die festgeklopfte Diele, wo im Winter das Korn gedroschen wurde. Auf einer Seite drängten sich in Pferchen die Kühe, auf der anderen reihten sich die Raufen und Krippen des Pferdestalls. Es raschelte im trockenen Stroh, eine braune Glucke mit Küken flüchtete vor der einfallenden Sonne hinter die Pferdekrippe. Da Ulrike sich aufmerksam umschaute, hielt es Birte für angebracht, sie auf den Bretterboden über der Diele hinzuweisen: „Das ist der Balken. Der Raum dient der Aufbewahrung des frisch vom Feld kommenden Getreides. Unter der Schräge über den Ställen bewahren wir unser Brennholz auf und natürlich Torf und Stroh.“
Die Herdstelle lag im hinteren Teil der Diele, mit der Rauchfangluke darüber, doch Sibo Aumund suchten sie vergebens. Birtes Mutter war darin vertieft, einen Berg von Wurzelgemüse in feine Scheiben zu schneiden. „Zur Hölle soll er fahren, dieser Scheißkerl von Herold“, schimpfte sie und legte ärgerlich das Messer aus der Hand. „Wie der unseren Vater zur Sau gemacht hat, na hättest mal hören sollen. Sibo sei jung genug für den Frondienst, er solle sich nicht erdreisten, seine Knechte vorzuschicken. Ist deinem Vater ganz schön gegen den Strich gegangen. Aber Gott sei Dank, er lässt sich ja was sagen. Herrgott, wenn der… Na grüß ihn schön.“
Dann wandte sie sich wieder dem Zwiebelbrett zu, und sie mussten einen kurzen Spaziergang auf sich nehmen, um mit ihm zu sprechen, und auf der langen Wegstrecke über den Ochtumsdeich dachte Ulrike über ihren Vater nach. Lüder vermochte zu schweigen wie ein Grab, aber den Mund ließ er sich nie verbieten, und sie liebte ihn dafür. Was könnte einem solchen Menschen bitterer schmecken, als hinterher klein beizugeben? Alle, die ihn für seine Unbeugsamkeit bewunderten, würden bald heimlich mit dem Finger auf ihn zeigen.
Es stank nach einem Exempel, ganz ohne Daumenschrauben und Peitsche. Seine gereizte Art und die nassen Augen passten nicht zu ihm, das ließ ihr keine Ruhe. Ihr Blick streifte mit klammem Herzen die überschwemmten Ufer der Ochtum, und sie fühlte sich an eine gruselige Geschichte erinnert. Eike erwähnte kürzlich, in Friesland erzählten die Eltern ihren Kindern gern vom Drängler, damit sie rechtzeitig vom Spielen den Heimweg antraten. Ein gespenstisches Wesen mit nassen Armen geisterte plötzlich durch ihre Gedanken. Es lauere an den entlegenen Deichstrecken dem späten Spaziergänger auf, und auch in Stedingen war schon so mancher Wandergeselle auf rätselhafte Weise von heute auf Morgen spurlos von der Bildfläche verschwunden. Zeugen gab es nicht. Wem er begegnete, der endete ja in der Ochtum. Der Drängler zieht und drängt sein Opfer unbarmherzig zum Wasser, und wen es trifft, der fühlt sich entsetzlich beengt, wie mit schweren Ketten umschlungen. Vergebens klammert das Opfer sich an Baum und Strauch, wehrt und sträubt sich. Ein Rangeln auf Leben und Tod wird daraus, ehe die Kraft schwindet und das grässliche Wesen den Erschöpften ersäuft. Was der Graf ihrem Vater antat, lief auf das Selbe hinaus, er brach seinen Lebensmut und trieb ihn in die Verzweiflung.
Nach dem überfälligen Wolkenbruch kam die Sonne wieder durch, da erschienen die vier Mädchen auf der Rodung am Hemmelskamper Wald. Die hübsche Birte Aumund sorgte für Pfiffe und anzügliche Sprüche unter den Männern.
„Das ist die Tochter von Sibo“, tuschelte einer der breitschultrigen Burschen, die sich um Eike von Bardenfleth scharten.
„Heda, Rike“, rief Eike sie an, und Ulrike hob das Kinn. Sie ahnte, was ihm das Herz schwermachte und wandte sich Birte zu, als sei sie anderswo gefordert, da stemmte er enttäuscht die Arme in die Hüften.
Überall lagen Birkenstämme im Heidekraut, und fleißige Hände befreiten sie von den Zweigen. Während Ulrike mit Wibke und Timke darüber hinweg stelzte und Birte Ausschau nach ihrem Vater hielt, klang wieder das Hämmern der Äxte über die Heidefläche an dem immer ansehnlicher werdenden Kahlschlag am Birkenwald. Sibo reckte lächelnd den Kopf und ließ die Axt sinken. Seine Tochter und drei junge Mädchen steuerten ihn an. Der Mann, der einen der zwanzig reichsten Höfe im Stedinger Land besaß, ähnelte oberflächlich Birtes kleinem Bruder Klaas, doch das Leben hatte ihn gezeichnet, sein Haar war schon grau und schütter wie das Seggegras am Weserstrand. Eine kurze Erklärung genügte, ihm Einblick in den Sachverhalt zu vermitteln. Er schlug Ulrike vor: „An deines Vaters Stelle würde ich das Angebot des Grafen annehmen. Auf einer Burg sind ständig Pferde zu beschlagen und Rüstungen auszubessern.“
„Er will das ums Verrecken nicht“, beteuerte Ulrike hastig.
Davon wollte Sibo Aumund nichts hören und redete gelassen weiter. „Bestelle ihm einen gut gemeinten Gruß. Ich bin gewillt, euch und auch Lüder unterzubringen, und ich helfe gern. Aber ihr müsst einsehen, ich kann euch nicht auf Dauer umsonst durchfüttern. Darum werdet ihr euch nützlich machen auf dem Hof. Unser Großknecht wird euch einweisen. Und Lüder soll mir, so oft die Schmiede etwas abwirft, ein paar Silberpfennige abgeben, das ist billig.“
„Ich will es ausrichten“, versprach Ulrike erleichtert, aber sie wusste um den Starrsinn des Vaters.
„Gut Mädchen. Und mach‘ ihm klar: Andernfalls wird Graf Moritz einen fremden Schmied auf die Burg holen, und der wird fett werden im Dienst des Oldenburgers. Er aber wird als zweiter Schmied von Berne leben wie ein Bettelmann. Es ist ein Gebot der Klugheit, solch ein Angebot nicht abzulehnen.“
Erleichtert nickte Ulrike. Nun lag an Lüder wie es weiterging mit ihnen… und ihr selbst mangelte es nicht an der nötigen Einsicht.
Wibke entgegnete für sie: „Er braucht doch bloß seinen Männerstolz einmal hintenan zu stellen. Meine Güte, für uns, uns zu Liebe. Das wird er sich von mir zumindest anhören müssen.“
„Von mir auch“, fügte die Kleine bei, und Sibo stimmte es vergnügt. Seine Worte fielen bei den Mädchen auf fruchtbaren Boden, und ihr Vater war alt genug, zu begreifen, er konnte sich bei drei aufgeweckten Töchtern nicht einfach in Schweigen hüllen.
Aber ihr Vater tat sich schwer, eine Entscheidung zu fällen. Wenigstens zeigte er sich so weit einsichtig, Ulrike nahe zu legen, sie sei alt genug, aus dem Haus zu gehen. Den alten Hausstand zu räumen wollte er sich nicht durchringen. Lüder stellte es Wibke und Timke frei, ob sie bis zum letzten Tag in der Schmiede wohnen wollten, oder es vorzogen, sich mit seiner Ältesten bei den Aumunds einzuquartieren.
So ergab es sich, dass Birte die Freundin nach dem gemeinsamen Mittagstisch zu sich winkte und einlud, in ihr kleines Gemach neben der Diele. Ulrike offenbarte sich eine ihr bisher fremd gebliebene Welt. Sie fühlte verunsichert über die Oberkante der fein gedrechselten Kommode. Ein ebenso vorzüglich gearbeiteter, turmartiger Schrank nahm die Ecke an der Tür ein. Sie konnte den Blick gar nicht wieder davon losreißen; hinter kleinen Glastürchen schimmerte feines, blau marmoriertes Geschirr, und obendrauf eine Elfenbeindose mit einer zierlichen Gravur um den Deckel.
„Sag‘ mal Rike“, fragte Birte sie unter vier Augen, „hast du schon eine Vorstellung, was du anziehst, morgen nach dem Kirchgang, wenn der Festplatz geschmückt wird?“
Überrascht blinzelte Ulrike. „Warum fragst du? Na den Kittel hier.“
Die Freundin betrachtete sie kopfschüttelnd und zeigte auf eine runde Eichenholzscheibe, die zum Backen diente und auf der Kommode stand. „Nimm dir. Es ist gewöhnlicher Butterkuchen, aber aus unserem eigenen Backofen, ich bin stolz darauf.“
Das ließ sich Ulrike nicht zweimal sagen. Butterkuchen bot sich sonst bloß auf Hochzeiten oder Beerdigungen. Ungehemmt langte sie zu und merkte, Birte musterte sie von oben bis unten.
„Also so nehme ich dich nicht mit zum Tanz morgen“, gab ihr die schon ein wenig vertraute Freundin fassungslos zu verstehen.
Ulrike verzog trotzig die Stirn. „Was hast du denn?“
„Guck dich doch mal an“, empfahl ihr die Freundin und verschränkte nachdrücklich die Arme. „Du kannst doch nicht mit diesem lumpigen Kittel zu einer Feier gehen, wo auch Burschen sind. Also ich würde mir in so einem Zottel vorkommen wie eine Gänsemagd. Du bist erstaunlich, da fehlen mir ja die Worte.“
Es stimmte Ulrike betroffen. Eben noch mit vollen Backen kauend, stand ihr Mund ernüchtert still. „Du bist gemein. Ich habe‘ doch nur diesen Kittel.“
„Gemein ist, dich so losziehen zu lassen auf ein Fest, zu dem sich jede andere in deinem Alter fesch herausputzt.“
Was Birte meinte, war Ulrike durchaus bewusst. Ihr Kittel wirkte schäbig und fleckig, auch wenn sie das nicht störte. Oft wischte sie beim Kochen die Finger daran ab. Sie nahm sich ein zweites Stück vom Butterkuchen, biss ab und kaute wieder. Aus dem Gefühl, sich wehren zu müssen, brachte sie undeutlich hervor: „Ich weiß gar nicht, was du hast...“
„Zunächst - rede nicht, so lang du noch kaust, Rike, sonst hält dich jeder brauchbare Mann für ein Trampel.“
Ulrike schluckte. „Ja? Weißt du, auf so etwas habe ich nie geachtet“, entfuhr ihr, aber Birte überging es und als sie ihren Kleiderschrank aus hellem Buchenholz aufschlug, war das schon nicht mehr wichtig. Angesichts ihrer Kleidersammlung staunte Ulrike sie überwältigt an. Da hing eine tiefblaue Surkotte, die sie allenfalls in ihrem Zimmer anziehen durfte. So etwas zu tragen, blieb den Hofdamen von Adel vorbehalten; ein wenig erwachte bei Ulrike der Neid. Birte hatte selbst für derart eitle Anwandlungen genügend Geld.
Doch Birte ging es um sie. Die zeigte ihr ein friesisches Trachtenkleid, mit zierlicher Stickerei längs des Ärmels und der Säume. „Das ist von meiner Muhme. So laufen sie im Wangerland herum. Aber hat doch was, oder?“
Obendrein boten sich in Birtes Sammlung einige dezent bestickte Röcke und Kleider in hellblau, weiß und violett, jedes Stück aus weichem Linnen. Alles war gefällig und erweckte einen gepflegteren Eindruck als das, was sie am Leib trug, und Birte schob alles beiseite und empfahl ihr ein blütenweißes Sommerkleid. „Wir sind etwa gleich groß. Probiere es einfach an.“
Sie riss sich ihr abgetragenes Kleid über den Kopf, warf es auf Birtes Bett und zog sich das Sommerkleid über, strich es um sich glatt. Nie trug sie etwas Vergleichbares. Weich und sehr leicht und luftig fühlte es sich an, war nicht aus kratziger Wolle gewebt, sondern bestand aus feinstem Linnen. Auch einen passenden Gürtel in hellem Blau reichte ihr Birte, der die Taille unter ihren Busen verlagerte und sie gertenschlang machte, als sie den mit einer Schleife zuband.
„Na schau mal an“, lobte Birte und nickte zufrieden. „So kannst du dich sehen lassen, Rike.“
Sie waren unter sich in Birtes Kammer. Also stopfte sich Ulrike ungeniert den letzten Bissen ihres Butterkuchens in den Mund, und nachsichtig lächelnd deutete die Freundin auf den Standspiegel neben der Zimmertür. Ulrike hob entzückt das Kinn und strich beeindruckt das Kleid um sich glatt. „Du hast ja Recht, Birte. Ich kenne mich selbst nicht mehr. Nur… wie stehe ich vor dir da, wenn ich das annehme?“
„Meinst du, ich werde gerade das Kleid vermissen? Willst du es nicht geschenkt, leihe ich es dir.“
Auf ihr Augenzwinkern wandte sich Ulrike der Tür zu, um sich den wartenden Schwestern zu präsentieren. Sie streckte kaum die Hand aus nach der Tür, da blickte sie Birte erneut beschwörend an. „Du wirkst noch immer wie eine Fünfzehnjährige.“
Langsam wurde es Ulrike zu bunt, beständig von der Freundin belehrt zu werden. Sie drehte sich hochfahrend um und betrachtete sich gekränkt noch einmal ganz kritisch in dem großen Wandspiegel, ehe die Freundin hinter sie trat und sich herausnahm, ihr den Zopf zu öffnen. „So muss mich jeder Mann für eine Walküre halten“, scherzte sie, und es klang verletzt.
„So sollst du ja auch nicht zum Tanz gehen.“ Birte wandte sich mit kreativ gespitzten Sinnen der Eichenkommode zu und überflog den Inhalt der kleinen, bunt bemalten Steinschale, die neben dem Butterkuchen ihren Platz hatte. Ein Kamm fand sich darin, scheinbar aus Silber, sowie eine Haarspange aus dunklem Horn und eine Perlenkette. Birte kämmte energisch ihr Haar durch, egal wie grausig das ziepte, bis es geschmeidig glänzte, dann entnahm sie die Perlenkette und wies die Ulrike. „Halte dir mal die Haare hoch. Nur um zu sehen, wie das aussieht.“
Ulrike raffte das Haar im Nacken zusammen, und Birte verschlang es ihr zu einem kunstvollen Knoten, dem sie mit dem Perlenband Halt verlieh. Ihre ungewöhnlich geschickten Finger wirkten gepflegt wie die einer Burgdame, und hinterher war der Haarbausch zierlich mit silberweißen Perlen umbunden und konnte durchaus einen Windstoß überstehen.
„Siehst du, wie recht ich habe? Oder möchtest du dich wieder umziehen und lieber zum Tanz gehen wie ein kleines Mädchen?“
Je mehr Ulrike Gefallen an ihrem verwandelten Äußeren fand, desto mehr taute sie auf in Birtes Gesellschaft und fing an, sich mit ungeübten Händen die ungewohnte Frisur mit dem Perlenband zurechtzurücken. „Du bist meine erste richtige Freundin“, gestand sie Birte.
Die zwinkerte ihr vergnügt zu. „Und du meine Beste.“
Für einen guten Bürger hatte es Tradition, den Sonntag des Erntedankes mit einem Kirchenbesuch zu beginnen. Für Lüder und seine Töchter lag die Kirche von Berne mit ihrem großen freien Platz, auf dem zwei alte Linden standen, auf der gleichen Warft, eigentlich um die Hausecke. Die Glocke rief auch an diesem Sonntag zum Gottesdienst wie zu einer Pflicht, der jeder gern nachkam, und sie klang weithin über das Land. Jeder in Berne lebende Stedinger war stolz auf die zum Großteil aus Stein bestehende Kirche. Durch das bunte Mosaikfenster im Hintergrund der Eichenholzkanzel, flutete gedämpftes Sonnenlicht in das Kirchenschiff. Bestieg Pfarrer Wilke Holms die hohe Kanzel und überschaute mit einem feierlichen Ausdruck im hageren Gesicht die Köpfe seiner Schäflein, erhob sich die über zwanzig Bankreihen verteilte Gemeinde zum Singen. Ulrike hielt heimlich Umschau, wer fehlte. Eigentlich widerte sie die sonntägliche Heuchelei an. Freilich, jeder ging in die Kirche, allerdings zur Unterhaltung, weniger wegen des Gottesdienstes. Wilke Holms war ein begnadeter Redner, ein Talent, das fesseln konnte. Seine Predigten sorgten für Gesprächsstoff und Abwechslung nach all der Plackerei und Mühsal, die den Alltag füllte - mehr nicht. Wer außer ihr hörte schon richtig hin?
Heute schmückten alle Nischen bunte Blumengebinde. Zu Füßen der Kanzel bildeten Astern, Levkojen, Studentenblumen, Sommerrittersporn und Löwenmäulchen eine farbenprächtige Augenweide. Auf dem Altar war eine Auswahl aus 16 geweihten Heilkräutern angeordnet, und zwar so, dass in dessen Mitte eine majestätische Königskerze mit einer leuchtend gelben Blütensäule thronte, um welche man die anderen Pflanzen büschelweise gruppiert hatte, vornean Johanniskraut, Schafgarbe, Kamille, Wermut, Beifuß, Baldrian und Arnika.
Ulrike richtete es ein, dass sie bei Birte Aumund sitzen konnten, rechts von ihr die Schwestern und der Vater, links von Birte deren Brüder Klaas und Herse sowie Sibo Aumund, das Familienoberhaupt. Dann erfüllte frommer Gesang die Kirche, und in die einkehrende Stille hinein sprach Wilke Holms über Weisheit und darüber, alles habe seine Zeit. „Es gibt den Herbst, um zu pflügen, den März, um zu säen und den späten Sommer, um zu ernten. So wie es eine Zeit gibt, zu trösten und die Momente, in denen wir Trost brauchen. Wir geben, damit andere uns geben, sind wir in Not“, beschloss es der Pfarrer und segnete die Gemeinde.
Erneut galt es, sich von der harten Bank zu erheben und nach weiterem Lobgesang auf den Herren breitete sich Unruhe im Hauptschiff aus. Während Birte in der Beichtkammer verschwand und die Leute lautstark schwatzend aus der Kirche schwärmten, hob Ulrike den Blick zu der Madonna, die in Kerzenschein gehüllt milde zu ihr herab lächelte, und sie vertiefte sich in ein stilles Gebet. Ein Luftzug von der Kirchenpforte ließ die Kerzenflamme am Marienaltar zittern, und Ulrike dachte an die schwere Entscheidung, die der Graf von ihrem Vater forderte. Sie fühlte sich dem lieben Gott an diesem Ort nahe. Glaube kann Berge versetzen, klang es zuweilen von der Kanzel. Sie wusste das zu deuten, so sehr, niemals einzuschlafen, ohne ihr Nachtgebet. Da der liebe Gott bekanntlich alles sah, bemühte sie sich von Herzen, ein guter Mensch zu sein, aber ähnlich erging es wohl den meisten. Nur heimlich, ohne es jemals vor Timke oder Wibke zuzugeben, glaubte sie daran, für Gott eine gewisse Rolle zu spielen, und sie fügte mit feierlichem Nachdruck das „Amen“ hinzu. Hinter den Pfeilern, am Rand der Sitzreihen, steckten die Frauen mit Haube leise tratschend die Köpfe zusammen. Die schwer über den Steinboden schlurfenden Schritte eines Handwerksmeisters nahmen sich wie ein Poltern aus im Gemurmel. Nach der Andacht fühlte sie sich wundersam befreit und mit sich im Reinen, ganz so, als sei ein heimliches Abkommen aufgefrischt, welches ihr von klein auf viel bedeutete. Die meisten verließen die Kirche hingegen, ohne ihr schweres Herz erleichtert zu haben. Die Masse strebte schiebend, in winzigen Schritten dem Ausgang zu, um sich draußen auf die festgetretene, freie Lehmfläche und die Wege mit Buden und Ständen zu verteilen, wo nur zum Rand hin noch Gras gedieh.
Draußen flötete eine Amsel in der Linde, und sie musste an Eike denken. Wie früher ärgerte sie seine ungestüme Art, die Dinge anzupacken. Die Freundin stieß eben wieder zu ihr, und Ulrike bemerkte leise: „Eike regt mich auf. Bolke stellt klar, es sei gefährlich, Renke van Hartjen zu helfen, und der lässt es glatt darauf ankommen, will beweisen, was er für ein Kerl ist. Das war dumm, ich frage mich, was geschehen wäre, hätte das Unwetter nicht alles umgeworfen.“ Sie ahnte, Birte würde es nur missverstehen; eigentlich fand sie es anfangs ja auch tapfer, wie Eike seinem Vater nacheiferte. Und Birte blinzelte überrascht. „Durch dich steige ich nicht durch. Uns hast du begeistert geholfen, bei Renke van Hartjen nennst du es dumm. Weshalb?“
Ulrike lachte trocken. „Das Gerangel auf dem Wertherhof hätte sich Ocko besser verkniffen. Der Werther könnte noch leben, und es hat den Vogt verärgert. Sowas tönt man doch nicht heraus wie Eike und treibt es noch toller.“
„Na gut, Eike handelt mitunter unüberlegt. Aber das trifft auf die meisten Kerle zu.“
Ulrike schnitt ein leidgeprüftes Gesicht und seufzte, als sei es ihr zu unwichtig, sich deswegen zu streiten. „Schon, aber sicher ist, der Bessere der beiden will dich.“
Lüder trug zur Feier des Tages ein Hemd mit dem Ansatz eines Kragens, darüber einen langen braunen Leinenmantel mit Ledermanschetten; man hätte ihn für einen Zunftmeister halten können. Ulrike war stolz auf ihren Vater. Ihre Augen streiften hinüber, zu dem Bühnengerüst mit Stiege, an dem zwei Zimmerleute ihre letzten Handgriffe ausführten und noch gehämmert wurde. Davor reihten sich Sitzbänke und acht Fuß lange Schanktische. Nahe dem Halbschatten der Linde errichteten kräftige Burschen einen Erntebaum, fast so hoch wie das Rathaus. Ein aus Ähren gebundener Kranz schmückte die Spitze, umweht von bunten Bändern. Die Umstehenden jubelten und beklatschten heftig die aufgepflanzte Erntekrone aus Rogge, Gerste und Hafer, die einen Vergleich mit der von Elsfleth nicht zu scheuen brauchte. Für Ulrike war es diesmal mehr als nur der übliche Rummel, der alle Jahre wiederkehrte, fand sich unter der Erntekrone die Jugend zusammen. Schausteller und ein dressierter Bär waren angekündigt, ein Barde sollte zum Tanz aufspielen. Vor allem aber hatte sie heute ein wunderschönes Kleid an. Diesmal würde sie nicht allein hingehen und freute sich, eine Freundin gefunden zu haben. Plötzlich bemerkte sie, ihr Vater fehlte, und das ließ ihr keine Ruhe. Timke wollte unbedingt am Sackhüpfen teilnehmen, überlegte sie und sah sich beunruhigt nach dem Vater um. Wibke machte sie im Gedränge des Standes aus, der heiße Pfannkuchen mit Marmelade anbot, und sie zog Birte mit sich, um nach Lüder zu suchen. In Gedanken überflog sie den Kreis der Freunde, zu denen es ihn verschlagen haben könnte. Der Kreis begrenzte sich auf einen eigenbrötlerischen Köhler, den sie aber nicht antrafen, und einen Freund, den er schon vor der Auswanderung aus Westfalen kannte. Der machte kürzlich von sich reden, durch den Bau einer Gerberhalle, die allen anderen Gerbern das Wasser abgrub. Sie mussten durch das wenig vornehme Westviertel, wo Fischer, Gerber und Färber ihrem anrüchigen Handwerk nachgingen. Auf ihrem Weg scheuchten sie in einem engen Durchgang ein entlaufenes Schwein auf, das im Schweinsgalopp vor ihnen her zuckelte und sich, als sie schneller ausschritten, durch ein Hundeloch unter einem Bretterzaun verdrückte. Früher oder später würde es in einem Vorgarten beim Räubern im Rübenbeet erwischt werden und doch noch auf dem Tisch landen. Ulrike seufzte - so war es nun einmal in der Welt. Ein Feldweg, von dem aus man die Hunte hörte, führte zu Fordolts Mühle, von der die Aumunds ihr Korn mahlen ließen. Die Grillen zirpten, und wo sich klappernd das Wasserrad der Mühle drehte und es immerzu plätscherte, tollten einige Kinder auf der Badewiese umher. Das Brausen vom Wehr wurde lauter und schwoll an, während sie sich langsam Eikes Angelstelle näherten. Sie entdeckte Eike schon von weitem. Keinen Steinwurf entfernt saß er am Ufer, und Ulrike rief die vorausgepreschte Freundin vom Wehrgang zurück, um ein paar Worte mit ihm zu wechseln und ihn nicht völlig zu übergehen. Eike von Bardenfleth lehnte an seinem Stammplatz an der Weide und beschäftigte sich gerade mit der Angel. „Nein, dein Vater ist hier nicht vorbei gekommen“, klärte er sie auf, wickelte Schnur ab, tat ein kleines Schrotkorn daran und ließ forschend die Augen über das sie umgebende hohe Hafergras schweifen, auf der Suche nach einem Köder. Flink fasste er zu und erwischte eine grüne Heuschrecke, die er dann konzentriert auf den kleinen Haken spießte. Erst dann widmete er sich den Mädchen. „Setzt euch zu mir“, forderte er, und als Ulrike sich zu ihm hockte, lachten seine Augen anzüglich. „Ich finde Lüder großartig. Der traut sich was“, gab er zu. „Aber was hat jemand wie er mit diesem Gnatterpott von Gerber zu schaffen? Das wüsst‘ ich gern.“
Von den in der Sonne verrottenden Feldern her lag dumpfer Heu- und Öhmdgeruch auf dem Land, und Ulrike rieb sich die Nase, eigentlich schien es wichtiger, ihren Vater aufzustöbern, aber sie bezähmte sich und erklärte es ihm geduldig. „In Soest, wo Vater aufwuchs, arbeiteten sie zusammen in der Saline. Salinen sehen aus wie riesige hölzerne Bienenhäuser mit Türmen, hoch wie unser Erntebaum und vollgestopft mit Reisig. Im Reisig sammelt sich Sudsalz, und im Eifer des Gefechts stieß Hinnerk oder Lüder einen vollen Sack um. Auf wessen Kerbholz es tatsächlich ging, darüber haben sie sich nie einigen können. Hinnerk nahm es auf seine Kappe, und das verbindet.“ Sie wollte ihm nicht die Fische verscheuchen und ließ sich nicht länger aufhalten, warf aber ein Auge auf den Melkbottich am Schilf. Drei Rotfedern schwammen darin, die hin und wieder leise plätscherten. Eike deutete mit dem Kinn stumm auf das klare Wasser. Die Weißfische, auch die ältesten und größten lockte die Wärme empor, um sich zu sonnen, und einige umkreisten die in der Strömung wippende Federpose.
„Wie ich Lüder einschätze“, gab Eike ihr auf den Weg, „hockt der in der Schmiede und hadert mit sich und der Welt. Ich will eine Nacht in einem Bett voll Brennnesseln schlafen, sollte ich mich irren. Aber Lüder wirkte nie wie jemand, der sich bei Freunden ausweint.“
Ulrike wunderte, warum ihr das nicht selbst einfiel. „Danke“, warf sie ihm zu, und auf einmal zog es sie unwiderstehlich zur alten Herdstelle. Von dieser Stunde an mochte sie Eike wieder irgendwie; der nüchterne Wink zeugte von gesundem Menschenverstand und bewies, Eike machte sich Gedanken. Durch ihn wieder zuversichtlich gestimmt, wandte sie sich der überschaubaren Dorfstraße zu, und der Himmel über Berne war enzianblau wie Birtes Augen. Die Freundin sah sie zwinkernd an. „Ist doch ein Lieber, der Eike… musst du zugeben. Außerdem könnte ich mir dann leicht Bolke angeln. Einen für dich, einen für mich.“
Die klappernde Mühle und das tosende Wehr blieben hinter ihnen – es zog Ulrike mit beschleunigten Schritten zur alten Schmiede. Dort fanden sie ihren Vater. Lüder rieb sich grüblerisch den Stoppelbart und konnte sich nicht entschließen, seinem Leben eine neue Richtung zu geben. Die Stirn gesenkt, stierte er aus glasigen Augen auf den Pott mit Most, zu dem er sonst eher selten griff. Wie viel von dem scharfen Obst er sich bereits einverleibte, zeigte die rote Nase. Er lallte hörbar, mit ihm zu reden, hätte sie sich sparen können. Er schob sich eine triefende Pflaume in den Rachen und kaute langsam und genießend. Vom Rummel wollte er nichts wissen - bevor Birte die Geduld verlor und empfahl, sie könne vorausgehen.
Endlich machte Lüder sich Luft. „Dieser aufgeblasene Hundsfott wird mich schikanieren“ stellte er brummig in den Raum. „Du kennst mich als Gemütsmensch, Rike, mir fällt es verdammt schwer, dann nicht gereizt zu klingen.“ Er schlug krachend die Faust auf den Tisch, die Augen sprühten vor Zorn. „Ich bin keiner, der katzbuckelt… und das hier aufzugeben, das heißt, einem Hund gleich den Schwanz einzukneifen.“
„Vater, nimm das Gute mit, das dir der Graf anbietet. Arbeite vorläufig am alten Amboss, dann an dem, den er dir hinstellt und komme zu uns, mit auf den Aumundhof, die Kammer ist allemal so groß wie das hier. Obendrein hättest du stets was zu tun. Ich erinnere mich, oft fehlte uns das Geld fürs Brot. Vergiss nicht, wie dir zumute war… hast du in der Schmiede gesessen und die Daumen gedreht.“
Es traf den Punkt, den er in seiner Verzweiflung vergessen hatte. Lüder erhob sich unbedarft, wankte heftig, und grinste als sie ihn stützte. „Du bist so klug wie deine Mutter war, Rike“, lobte er sie mit mühsam gebändigter Zunge. “Was soll aus uns werden… hält Eike auf einmal um dich an?“
Sie schüttelte den Kopf dazu und schmunzelte hintergründig. Er hütete sich, noch ein Wort darüber zu verlieren. Dann hakte sie sich bei ihm ein, und sie kehrten mit ihrem heftig schwankenden Vater auf den freien Platz am Rathaus zurück. Den Einzug der mit Blumengirlanden geschmückten Erntewagen hatten sie verpasst, ebenso das Ritual, in dem ein Junge die letzte Garbe vom Stoppelfeld bringt, und das Sackhüpfen der Kinder. Auf dem Stuhl des Bühnengerüsts saß ein grün und gelb gekleideter Barde. Er griff kraftvoll in die Saiten, und der Klang der Laute fuhr ihr in die Knie. Sie sang gern und genoss den Zauber des ihr fremden Instruments. Es war ein trauriges Lied von einem edelmütigen Ritter, dem die Geliebte schmollte, weil er ihr einen Freund erschlug. Wurde zum Tanz aufgespielt, war üblich, eine Seite der Bankreihen den Männern zuzuordnen, die andere Hälfte, von den Linden bis zum Tor mit der Bernebrücke blieb den Frauen. Scheue Blicke wechselten von hier nach dort, ehe ein mutiger Jüngling sich der weiblichen Gemeinde näherte.
Vor der Bühne tanzten bereits einige, da stieß Birte Ulrike an. Ihr Blick zielte auf Eike von Bardenfleth, der sein Angelzeug bei sich hatte und quer durch die Sitzreihen gezielt auf sie zu steuerte. „Birte… nein“, raunte sie. Bisher gelang ihr, sich vor dem Tanzen zu drücken; sie fürchtete, sich zu blamieren, und seine Absicht war klar.
„Du bleibst“, verlangte Birte. „Zeig‘ Courage, Rike. Der Eike ist ein brauchbarer Kerl. Stoß ihm nicht vor den Kopf. Hörst du?“
Also ließ sie sich auffordern, brachte mit Eike ihren ersten Reigen hinter sich und floh schleunigst wieder an ihren Platz. Erneut beschwor er sie, mit ihm den Heuschober aufzusuchen, ja drängte sie, und die strengen Regeln von Sitte und Anstand geboten, unberührt zu bleiben, bis die Glocke von Berne in den Hafen der Ehe rief. Die Bitte nach einem zweiten Tanz schlug sie barsch ab und blieb auch hart, als er sich verstohlen entschuldigte. Jedenfalls zog Eike traurig ab. Birte weigerte sich, das stumm hinzunehmen. Ihr Gespräch wurde lebhafter. Birte klang vorwurfsvoll, und Ulrike sträubte sich, noch einmal auf Eike zuzugehen. Ja, sie behauptete kühn, sie könne auf Eike verzichten, ebenso auf jeden anderen Kerl. Lüder sorge für genug Aufregung. Sie übertrieb, aber es tat gut, danach über das zu reden, was sie wirklich belastete, und die Zeit verging darüber wie im Flug.
Als ein kunterbunter Gaukler die Bühne betrat und eine lohende Feuerlanze in die Luft spie, hielt Ulrike fasziniert wie alle den Atem an. Es dämmerte allmählich, ein Häscher im Oldenburger Wappenrock entzündete Talglichter und steckte am Rand des Festplatzes einige Fackeln in den festgetretenen Lehm. Ulrike blies ungeduldig über ihre dampfende Schale mit Biersuppe, da erschien jemand in hohen Reitstiefeln vor der Bank, an der Ulrike mit ihren Schwestern und der Freundin saß. „Ist der Platz neben dir frei?“
Ein freudiger Schreck spiegelte sich in ihren Zügen. Sie erkannte das fein geschnittene Gesicht des humorvollen Edelmanns wieder, der ihnen zu nächtlicher Stunde am Brookdeicher Gehölz begegnet war, weil sein Pferd lahmte. Wieder lächelte er sein breites, unbefangenes Lächeln. Auch er hatte nicht vergessen, wer ihn damals zu später Stunde zu einem Schmied brachte. In seinen wachen, dunklen Augen blitzte ehrliche Wiedersehensfreude. Ulrike brauchte einen Moment, ehe ihr unsicher „äh… ja“ heraus rutschtet.
Schon saß er bei ihr, stellte seinen Bierkrug bei ihnen auf den Tisch. „Meine Freunde nennen mich Dirk“, stellte er sich vor. „Weißt du noch…?“
Sie registrierte das Wappenbild, ein goldener Schild mit zwei roten Balken. Im Vordergrund glänzten matt zwei gekreuzte silberne Schlüssel. Ansonsten schimmerte das Hemd in der Bleiche eines Kohlweißlings und ließ sich durch Bänder enger schnüren, bei kühler Witterung. Als sie stumm blieb und vor Verlegenheit rot anlief, fragte er leise: „wie heißt du?“
„Ulrike“, brachte sie tonlos vor.
„Wie geht es deinem Vater?“
Sie musste überlegen, wo sie anfangen sollte… und wollte ihm von den vielen erzählen, die in den letzten Tagen Hab und Gut verloren, da lockten Fiedel und Sackpfeife mit frischer Kraft zum Tanz. Als die Laute einstimmte forderte er sie mit einem feurigen Blick auf, die Hemmungen über Bord zu werfen und sich zu beteiligen. Die Paare fanden sich gerade und Schwung kam auf, sie wirbelten im Kreis, dass die Röcke flogen, und Ulrike genoss es wie in einem Taumel, bis sie völlig außer Atem abbrach. Glücklich wieder am Tisch und völlig aus der Puste, wagte sie endlich, ihn offen anzuschauen. „Seid Ihr ein Ritter, Herr von Keyhusen?“
Er nickte bloß, für ihn schien es nichts, vor dem sie Ehrfurcht haben müsste. „Hör zu, Ulrike, ich bin letztlich ein Mensch wie du“, gab er zu verstehen, und sie griff schweratmend nach ihrer Bierschale und strahlte ihn vergnügt an, gespannt auf seine Geschichte.
„Meine Burg steht nahe Rastede, bei dem gleichnamigen Kloster, weißt du. Hast du schon vom Zwischenahner Meer gehört?“
Ulrike schüttelte den Kopf. Sein Gesicht gefiel ihr, und seine Wesensart zog sie an wie kein Mann vor ihm. Doch wie sollte sie es ihm zeigen? Ihn offen anzulächeln wäre aufdringlich bei einer ihres Standes. Abweisen wollte sie ihn auch nicht, und sie ahnte, wie verstockt sie auf den angenehmen Junker wirkte. Zum Glück hielt ihn ihre Schüchternheit nicht ab, gesprächig zu werden. „Ich bin mit einem Freund hier in Berne. Ein Waffenbruder aus früheren Tagen lud uns ein auf Burg Lechtenberg, doch geriet ich im Rittersaal mit Graf Moritz von Oldenburg aneinander. Er ist ein Welfe, und ich bin ein Staufer... und gut über Philipp von Schwaben zu reden, genügte einem selbstherrlichen Protz wie ihm, mich nicht länger zu mögen. Graf Moritz ekelte mich von der Burg, könnte man sagen. Ich sah keinen Anlass, mich deshalb dem Erntedankfest fern zu halten. Du brachtest mich ja derzeit im Gasthof Bunter Hahn unter, und die alte Absteige war noch frei.“
Sie seufzte. Endlich wagte sie vorsichtig zu fragen: „Woher kennt Ihr den Grafen von Oldenburg?“
Dirk rieb sich andächtig das Kinn und beschloss ehrlich zu sein. „Dieser Schweinehund ist seit einem halben Jahr mein Lehnsherr. Nach dem Fall Heinrichs des Löwen hielt man es für klug, das Lehen Sachsen zu beschneiden, und Moriz von Oldenburg war zur Stelle, um den Erzbischof zu umgarnen. Heinrich hätte ihm beinahe den Garaus gemacht, aber bei Hartwich scheint er gute Karten zu haben. Jedenfalls überließ ihm sein neuer Landherr aus dem ehemaligen sächsischen Lehen Zwischenahn und Stedingen, und ich habe das hinzunehmen.“ Er blickte ihr tief in die unruhigen Augen.
Sie wich ihm irritiert aus.
„Und… wenn wir uns so unterhalten“, flüsterte er über den Tisch. „Sag‘ bitte Du zu mir. Ich hasse Standesdünkel.“
Ulrike schmunzelte verlegen, wusste nicht mehr, wie sie sich zu verhalten hatte. Sie rang sich zu einem Blinzeln durch, um ihn wenigstens zu ermuntern, es nicht aufzugeben. Warum, fragte sie sich befangen, vertiefte er das Gespräch so? Der Standesunterschied forderte, nach diesem Abend unterschiedliche Wege zu gehen…
Er schien sie ohne Worte zu verstehen. „Ich kenne Konrad von Burg Lechtenberg“, erklärte er. „Wir tranken auf einem Turnier in Lüneburg einige Maß Burgunder zusammen und schlossen Freundschaft. Er lud mich ein nach Berne, und nachdem Graf Moritz überraschend abgereist ist, wohne ich wieder bei ihm, auf Lechtenberg.“
Ulrike nickte zögernd.
„Du bist eine sehr stille, habe ich den Eindruck. “
„Warum?“
„Na, ich erzähle dir aus meinem Leben, und du guckst mich an, als hättest du deine Zunge verschluckt. Wortkarg ist gar kein Ausdruck dafür. Oder ist es, weil ich Graf Moritz von Oldenburg kenne?“
„Möglich“, gestand sie. Dann brach heraus, was sie für sich behalten wollte. „Mein Vater hat dem Grafen von Oldenburg öffentlich widersprochen, und es ist besser, dem nicht aufzufallen.“
„Das kommt nun etwas überraschend für mich“, gestand ihr der junge Ritter.
„Ja“, sagte Ulrike gedämpft. Ihr Vater würde ihr dazu den Spruch auftischen, eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus, und seine Freundlichkeit wunderte sie. Dirk ließ sich nicht beirren, schaute ihr aus ehrlichen Augen in das Gesicht, das ihn so seltsam anzog. Sie hob vorsorglich die Hand und fing damit seine Hand ab, die ihr zärtlich über die Schläfe streichen wollte, wie einem kleinen Mädchen, um dessen Vertrauen er kämpfte. „Bitte glaube mir, Ulrike, ich mag dich und will das Beste für dich.“
Ulrike presste die Lippen aufeinander wie unter Schmerzen, überlegte – und nickte ihm einverstanden zu. Nicht, weil ihr sein Gesicht gefiel, sondern weil seine Stimme angenehm klang und etwas in ihr bewegte.
„Warum hast du solche Angst vor dem Grafen von Oldenburg?“ Der Ton, in dem er fragte, klang vertraut, und sie erzählte ihm endlich, was ihr das Blut in Wallung brachte. „Ich frage mich, was muss das für ein Mensch sein, der so mit seinem Volk umspringt. Da beobachten die Bauern mit Argwohn das Wetter, um im richtigen Augenblick die Ernte in die Scheune zu holen, und ist es so weit, erklärt der Vogt, es gäbe wichtigeres und käme nun auf jeden Arm an, ganz schnell würden Unmengen an Holz benötigt. In meinen Augen ist das hundsgemein und schäbig, da beißt die Maus keinen Faden ab. Für ein Herrenhaus in Berne, heißt es…“
Dirk räusperte sich. „Hmmn“, brummte er. „Dazu kann ich dir was erzählen, das die Sache für dich verständlicher macht. Worum es dem Mann geht, ist nämlich für mich kein Geheimnis. Da ist zum einen ein Handelsweg… der verbindet Bremen mit Friesland und verläuft genau durch Berne. Die Bernebrücke ist der Knotenpunkt, an dem sich leicht ein ergiebiger Zoll erheben lässt. Begreifst du, Ulrike?“
Sie hob die Brauen. „Na und ob.“
Dirk lächelte, und er ahnte, wie heftig ihr das Herz schlug. „Zum anderen“, fuhr er fort, „besteht über die Olle eine Verbindung mit der Weser, und ein Herrenhaus, oder besser, eine Burg aus massivem Stein, wie es Graf Moritz vorschwebt, dient einem Zweck. Steht die, kontrolliert sie die Weser und wird von jeder Kogge, die nach Bremen will, Zoll verlangen. Der Witz ist, ein Teil davon fließt in die Kasse des Erzstifts, und er nimmt es den Bremer Kaufleuten ab.“
Ulrike stutzte. „Sagt ihr das jetzt, weil ihr das tätet?“
„Nein“, entgegnete er entschieden. „Ich musste mir nur anhören, er möchte zu Weihnachten seinen neuen Sitz in Berne beziehen… und Unmengen Geld aus diesem Land herausholen. Mir ist das zuwider. Jeder, der Zoll erhebt, treibt die Preise in die Höhe. Das trifft immer die Ärmsten.“
Ulrike fragte sich, ob er ernsthaft so denken könnte. Bolke von Bardenfleth wollte eigentlich Birte zum Tanz auffordern und ließ sich neugierig an ihrem Tisch nieder. „Und das erzählt Ihr hier ganz unverhohlen, Herr Ritter?“
Dirk hob lächelnd das Kinn. „Ich weiß nicht, wie Euch das geht, werter Herr. Ich rede über das, was mich empört, und es tut wenig zur Sache, ob ich ein Edelmann bin.“ Seine Gelassenheit sagte Bolke von Bardenfleth zu. „Ich auch“, raunte der. „Und doch werdet ihr nie und nimmer verstehen, was ein armer Bauer fühlt, wird der Nachbar über Nacht von seinem Hof vertrieben.“
Dirk nickte, ohne es als Angriff zu werten. „Und doch bin ich auf eurer Seite“, erwiderte er leise. „Ob Ihr mir das nun glauben wollt oder nicht.“
„Habt Ihr eine Burg, Herr Ritter?“
„Ja, warum sollte ich das bestreiten. Aber bei uns in Zwischenahn und Elmendorf leben nicht annähernd so viele Menschen wie hier. Das Ammerland besteht aus Moor, Erlenbruch und Birkenwald. Große Weiden und Höfe wie hier gibt’s da nicht. Aber mein Vater handhabt das mit den Steuern äußerst ungezwungen. Der Graf von Oldenburg lebt in dem Glauben, wir hätten 54 Untertanen und 37 Hunde.“
Dirk grinste. Er strich sich andächtig über das Kinn und fühlte sich als Hahn im Korb, da ihm inzwischen alle am Tisch atemlos zuhörten. „Wird es euch hier allzu ungemütlich, wandert doch aus. Wir haben einen Aufruf in Groningen und Utrecht aushängen, dass wir Siedler suchen. Auf ein paar mehr kommt es nicht an. Zehn Jahre totale Steuerfreiheit und dann… na ja, jeder das, was er erübrigen kann. Ist ein Unwetter Schuld an der Misere, geht es auch mal ohne Abgabe. Der gute Wille zählt mit… Mein Vater zeigte sich nie versessen auf Geld. Ich werde es so beibehalten… versprochen. So kriegt der Graf von Oldenburg wohl nicht ganz, was ihm zustünde, aber fragt unsere Leute, die sind zufrieden.“
Plötzlich erhob sich Dirk. „Komm“, sagte er sanft zu Ulrike, „es ist angenehm lau. Lass uns über den Rummel gehen, mal sehen, was die Buden so anbieten.“
Sie blickte misstrauisch hoch, und es war ihr nach Lachen zumute. In seinen Augen lauerte ein Glanz, der ihr galt; und sie hob die Nase - der Abendwind trug Düfte von den Garküchen am Palisadenzaun herüber.
Er versuchte, sie an der Hand mitzuziehen, und Ulrike musste sich beherrschen, nicht zuzugreifen. Doch sah es besser aus, ohne seine Hand zu halten, an den Ständen entlang zu bummeln, die sich am Palisadenzaun der Warft reihten. Über einen Tisch bot ein orientalisch gekleideter Händler mit verwittertem Gesicht und blankem Hinterkopf Öllampen feil, und bei einem hellblauen Zelt in Form eines Hausdaches handelte es sich um eine Garküche. Es gab gebrannte Mandeln und kandierte Früchte vom Rost. Dirk kaufte für zwei Kupferpfennige zwei Bratwürste. Ulrike machte einen Knicks, als er ihr eine abgab und biss im Weitergehen vorsichtig ab, bemüht, sich nicht anmerken zu lassen, wie heiß der Bissen im Mund brannte. Sie hatte den Eindruck, er wollte ihr etwas kaufen, da er bei einem Händler aus Flandern auf ein blütenweißes Leinenkleid mit fantasievoller blauer Stickerei auf den Borten aufmerksam machte. Nie hätte sie sich dazu überreden lassen, aber die Bratwurst aß sie mit sichtlichem Appetit und schlang, ausgerechnet, als er sie ansah, das letzte Stück herunter. Dadurch verschluckte sie sich. Dirk klopfte ihr sachte die Schulter, führte sie zu einem sechseckigen Zelt, das wirkte wie ein Pavillon aus weißem Leinen, wo ein Paar junger Leute Lederarbeiten ausstellte: Taschen, Schnürmanschetten, Lederbeutel, Gürtel in hellem Rindleder oder auch in dunkel eingefärbtem, und dazu Eisenschnallen. Ulrike fragte sich, um was es ihm hier ging, und er eröffnete ihr: „Ich werde morgen früh auf Burg Keyhusen erwartet – zu einer Saujagd. Und es ist ein Mordsritt zur Burg. Ich muss mich dringend auf den Weg machen.“
Sie schmeckte die Rostbratwurst noch auf der Zunge und glaubte, aus allen Wolken zu fallen. „Oh“, rutschte ihr betrübt heraus.
„Ich möchte dich wiedersehen“, beruhigte er sie galant. „In einem Monat ungefähr könnte ich wieder nach Berne. Ich klopfe einfach an und bringe dann ein wenig mehr Zeit mit.“
„In der Schmiede würdest niemanden mehr antreffen. Wir sind umgezogen zum Aumundhof. Der rückt in Sicht, sobald man die große Huntebrücke überquert.“
„Führst du mich hin, zeigst mir das Haus der Aumunds? Ich weiß nicht, ob ich es andernfalls finde, verstehst du?“
Ulrike fühlte sich in ein wahr gewordenes Märchen versetzt. Es war dunkel geworden. Hinter dem letzten der Stände am Palisadenzaun brannte ein heftig räucherndes Lagerfeuer. Zahllose Fackeln und Talglichter erleuchteten die von Blumengirlanden überhangene Festtafel, während die beiden sich über die Holzbrücke entfernten in Richtung Deich. Dort wollte er sie in den Arm nehmen, und sie entwand sich ihm. So ziemlich jeder Edelmann wäre eingeschnappt gewesen, nicht so Dirk von Keyhusen. „Ich stamme aus dem Ammerland“, ging Dirk im Plauderton darüber hinweg. „Bei uns gibt es einen See, der ist einfach riesig, deshalb nennen wir ihn das Zwischenahner Meer. Sehe ich im Sommer zum Abendrot aus dem Kaminzimmer, schaue ich auf eine Bucht, die ist blau, zugewuchert von blauen Lilien. Du wärest entzückt. Aber was rede ich. Nächstmal nehme ich dich einfach mit, du wirst schon sehen, was ich meine.“
„Du willst mich mitnehmen nach Rastede?“
„Nach Burg Keyhusen“, berichtigte er sie. „Ja, das nächste Mal möchte ich dich meinen Freunden Godeke und Ekhard vorstellen und dir die Burg zeigen… eine Burg aus Stein, mit einem Bergfried, zwischen zwei Auen. Das Dorf Zwischenahn vor unserer Haustür hieß früher einmal Zwischenauen.“
Lange verweilten sie auf der Huntebrücke, hörten den Fluss unter sich rauschen. Über allem blinkten die Sterne, und bei den Feuchtwiesen des anderen Ufers wurde es merklich finsterer. Ulrike konnte kaum noch die eigene Hand erkennen und wies ihm das im blauen Mondlicht liegende Gehöft der Aumunds.
Er hielt Wort und brachte sie zum Festplatz am Rathaus zurück. Wenn er nun seinen Rappen bestiegen hätte, wäre ihm einiges an Ärger erspart geblieben. Doch beschlich ihn das Gefühl, sie damit im Stich zu lassen. „Ulrike“, sagte er leise und wartete geduldig, bis sie den Mut aufbrachte, ihm noch einmal in das Gesicht zu schauen. „Gerne lasse ich dich nicht allein, ohne zu wissen, wie es mit deinem Vater weitergeht. Unser Heiland hat einmal gesagt, wer Zeuge wird bei einem Unrecht und einfach wegsieht, ist ebenso verantwortlich wie die, die es begehen. Wer das begreift, hat nie mehr das Recht, einfach wegzusehen. Und das behaupte ich nicht, um zu gefallen. Ich habe durchaus meine Fehler und Schwächen, aber, wenn ich meinen Schutz anbiete, stehe ich dazu, egal welche Kreise das zieht. Ich muss zwar jetzt zur Burg, aber wir sehen uns wieder - bin ein Edelmann mit Grundsätzen, das halte ich mir zugute.“
Er zog sich einen Goldring mit einer filigran umrankten Blüte aus Granatsplittern vom Finger. „Gib mal deine Hand“, forderte er.
Ulrike schüttelte abwehrend den Kopf, immerhin warf sie ein Auge darauf. „Bitte, kein Geschenk“, sagte sie mit Nachdruck.
„Kein Geschenk?“, wiederholte er enttäuscht. „Gut, bewahre ihn für mich auf. Und sende ihn mir, falls du einmal Hilfe brauchst.“
Sie rang mit sich, lächelte ihn darauf an. „Also gut, aber ich stecke ihn erst auf den Ringfinger, wenn wir uns wiedersehen“, stellte sie zur Bedingung. Keine Frage, dieser Junker meinte es gut mit Ulrike, und er machte sie traurig, weil er es plötzlich eilig hatte. Wenigstens versprach er: „Ich werde in etwa einem Monat auf dem Hof der Aumunds erscheinen. Versprochen. Leb‘ wohl.“ Zum Abschied gab er ihr aus dem Sattel einen Handkuss und sprengte über die Bernebrücke davon, denn das Ross des Freundes, mit dem er in Berne weilte, fehlte mittlerweile und ihn trieb ein ungutes Gefühl nach Burg Keyhusen. Ulrike schluckte trocken, als sie ihn nicht mehr sah. Dann fuhr sie sich verwirrt über die Stirn und fragte sich, ob sie die Stunden mit ihm geträumt hatte.
Der volle Mond war unterdessen ein gutes Stück gewandert, leuchtete in seinem unheimlichen Glanz zwischen dem Kirchturm und dem Rathaus. Ulrike fühlte sich auf einmal allein wie ewig nicht. Sie musste sich eingestehen, sie hatte ihre Schwestern, den Vater und die neue Freundin über diesen jungen Mann vergessen - an den zu denken ihren Puls schneller schlagen ließ. Timke wenigstens nach dem Ausgang des Sackhüpfens zu fragen, wäre das Mindeste gewesen. Niemals zuvor geriet ihre Fürsorge für die jüngeren Geschwister so gründlich in Vergessenheit, und sie beschleunigte beschämt ihren Schritt. So kam sie mit beunruhigt umherstreifenden Blicken am Lagerfeuer vor dem Palisadentor vorbei, wo die Holzbrücke über den kleinen Wasserlauf führte, der hieß wie die Ortschaft Berne. Hier, wo viel junges Volk ihres Alters in die Flammen stierte und Männlein und Weiblein zu fortgeschrittener Stunde noch miteinander scherzten und lachten, traf sie Birte wieder. Die saß bei Eike von Bardenfleth in einer bunten Runde, aus der Ulrike sonst niemand kannte, und freute sich, die Freundin in den Feuerschein treten zu sehen. „Dein Vater ist mit Wibke und Timke zu unserem Hof aufgebrochen“, beruhigte Birte sie, und für den Rest des Festes blieb Ulrike bei Eike und der Freundin. Ein hochbetagter Knecht, der einmal ein Auge verlor, weil eine Kuh gedeckt werden sollte und der Bulle wild wurde, brachte unversehens Neuigkeiten vom Nachbarhof. „Gestern besuchten Renke van Hartjen Waffenknechte. Sie haben ihn vom Gut gescheucht wie einen Bettler und drohten dem Gesinde, jeden in den Turm der Lechterburg zu sperren, den es zurückzieht.“
Eike ballte eine Faust, so erschütterte es ihn. „Renke van Hartjen verlor vor zwei Monaten seine Frau. Und jetzt das… Das hat er nicht verdient“, raunte er. „Ach, was rede ich… Insgesamt 17 Bauern brachte es um Haus und Hof, was unser Graf da in Stedingen veranstaltet hat. Das ist eine Sauerei.“
Ulrike bekreuzigte sich bei der Vorstellung, wie rasch man alles verlieren konnte. Sie widerstand nicht lange, der Freundin von ihrem ritterlichen Verehrer und einer fernen Burg bei Rastede zu berichten und flüsterte nicht leise genug. Offenbar hatte Eike sie beobachtet. Er biss sich auf die Lippe und sprang unvermittelt auf. Ein Blick aus anklagenden Augen, dann hob er hochmütig das Kinn, als habe er Besseres vor. In ihrem inneren Konflikt schaute Ulrike ihm nach und begegnete den heiteren Augen einer zierlichen Frau, ihr gegenüber am hochschlagenden Feuer, die sie für gleichaltrig einschätzte. Sie verbarg sich unter einer Decke aus Katzenfellen, die sie fröstelnd über Kopf und Schulter zog. Ein Gesicht mit Lachgrübchen, herzförmigen Lippen und hellen, forschenden Augen schaute unter der Felldecke vor, während das Mädchen knackend von einer Möhre abbiss und gedankenvoll kaute. Birte stellte sie vor. „Das ist Geldis, meine Freundin im Kreis unserer Mägde.“
Ein Gefühl wie Eifersucht schlug bei Ulrike an, doch machte es Birte eher liebenswürdiger, pflegte sie eine freundschaftliche Beziehung zum Gesinde. Allerdings ergab sich keinerlei Unterhaltung mit Geldis, als ob für die andere Dinge zählten. Wie sie waren die meisten Menschen und wendeten scheu das Gesicht ab, begegnete man ihnen in Augenhöhe, oder sie brachen blinzelnd den Blick ab. Birte hingegen lachte die Welt an. In der Kirche hatte sie die Freundin beim Beten beobachtet. Die nahm das wichtig wie sie, und genau wie sie vergaß sie niemals ihr Gebet vor dem Einschlafen, als wären ihre Seelen aus einem Holz. Auch Birte überlegte nie lange, ehe sie antwortete, war offen, so wie Lüder, so wie sie. Kein Wunder, wenn sie sich zu ihr hingezogen fühlte. Sie erwog, Birte anzuvertrauen, wie schäbig sie sich wegen Eike fühlte, aber sie wusste genau, was die ihr dazu sagen würde. So wirkte Ulrike auf alle, als wäre sie einfach nicht zu einer Nacht am Feuer aufgelegt. Ihr ging Dirk nicht aus dem Kopf. Sie hätte sich nicht träumen lassen, ihn wiederzusehen... Während des Tanzes schlug ihr das Herz bis in den Hals, sie verspürte eine eigenartige Erregung in seinen Armen, die ihr noch fremd war. Wie er sehnsüchtig auf den Ausschnitt ihres Kleides äugte, ging ihr durch und durch. Nie fühlte sie sich einem Mann körperlich näher. Es weckte beunruhigende Fantasien. Und sie fragte sich, ob sie ihn bloß mochte oder sich verliebt hatte. Sie seufzte schwermütig, die Einsicht folgte, wie wenig das ihrem stolzen Vater gefiele. Dirk war ein Blaublütiger, und ihr Vater hasste alle Edelleute, Grafen und Ritter. Der hatte sich ja längst darauf versteift, Eike von Bardenfleth solle sein Schwiegersohn werden.
3. Kapitel
Jeden Sonntag läutete die Kirchenglocke, ob sie zur Predigt in Elsfleth rief oder zu Pfarrer Wilke Holms – es war immer so. Wer zu Haus blieb, bekam es daheim mit dem Gefühl zu tun, etwas unaufschiebbar Wichtiges zu versäumen. Fehlte tatsächlich jemand beim Gottesdienst, so gewöhnlich eine Frau, um auf den sonntäglichen Kohltopf aufzupassen.
Die meisten Menschen strömten zu Fuß zum Gottesdienst. Die Familien der großen Höfe brachen am Sonntagmorgen nach dem Erntedankfest mit dem Fuhrwerk auf. So auch die Aumunds, und vorn auf den Kutschbock setzte sich breitbeinig Schorse, der Großknecht. Klaas, der zehnjährige Sohn des Hauses, trieb mit der Peitsche die beiden vorgespannten Ackergäule an. Wie ihre Schwestern und Geldis gab sich auch Ulrike mit einem Platz auf dem hinteren Leiterwagen zufrieden, denn zu laufen wäre mühsamer. Schließlich war sich auch Birte nicht zu gut dafür.
Als die Huntebrücke eben hinter ihnen blieb, kaute Geldis in Gedanken versunken an einer Mohrrübe, da brach das Gefährt seitwärts aus und rammte mit dem Radlager eine einsame Birke. Ulrike wurde mit dem Schwung der jäh unterbrochenen Fahrt zu Birte und Geldis nach vorn geschleudert, und den alten Schorse überraschte der Unfall total. Er wurde vom Sitz katapultiert, überschlug sich in der Luft, und stürzte halsüberkopf auf die Deichsel. Dann erst krachte die Achse einseitig zu Boden und der Wagen kippte, während das Vorderrad in ein Eichgebüsch am Feldweg rollte.
Birte, Geldis und Wibke hatten instinktiv Halt am Leiterrahmen gefunden und Wibke mit der freien Hand nach der kleinen Schwester gefasst, sonst wäre die in hohem Bogen auf die Binsenwiese am Fluss geworfen worden. Soweit kamen die Mädchen mit einem Schreck davon, aber Klaas, nach dem Tod des Knechts der einzige Mann in der Schar, sprang behände vom Sitz, da wurde er den verrenkt von der Deichsel hängenden Knecht gewahr. Die abgestürzte Achse hatte ein Stück weit die Grassoden umgepflügt, und sein langes Haar berührte soeben das Erdreich. Mit einem Schreckenslaut schauderte der Junge vor dem Verunglückten zurück, wurde blass und senkte erschüttert die Stirn. Ulrike vermied es, dem Mann ins Gesicht zu sehen und begutachtete mit Herzklopfen den Schaden.
„Heute wird Wilke Holms auf uns vergeblich warten“, bemerkte sie halbwegs gefasst, als sie die Tragweite des Unfalls überschaute.
Birte, die im ersten Schreck die Hand in den Ausschnitt des Kleides krallte, wirkte wie gelähmt und brachte so schnell kein Wort über die Lippen. Lediglich Ulrike bewahrte einen kühlen Kopf. „Niemand stiehlt eine Kutsche, der das Vorderrad fehlt, und für Schorse kommt eh jede Hilfe zu spät. Wir sollten langsam zu Fuß aufbrechen nach Berne. Irgendwer hilft uns schon weiter“, schlug sie vor.
„Ja“, raunte Birte tonlos. Also schirrten sie die Gäule ab und machten sich mit denen im Geleit zu Fuß auf den Weg zur Kirche, in der Hoffnung, im Ort einen hilfreichen Mann zu treffen.
Gewöhnlich verfügte Birte über ein lebhaftes Wesen, das Ulrike guttat, und es lag eine Leichtigkeit in ihren Schritten, als würde sie auf Wolken wandeln. Nach dem Unfall zog sie eine grantige Miene. „Tut mir leid, das hat Schorse verbockt“, rechtfertigte sie sich kleinlaut und bedachte den kaum noch zurechnungsfähigen kleinen Bruder mit einem stechenden Blick. Ulrike wunderte sich, verzichtete jedoch darauf, ihr auf die Nase zu binden, für wie überflüssig sie Schuldzuweisungen hielt, ist ohnehin nichts mehr zu retten.
Durchhaltevermögen war der Freundin nicht in die Wiege gelegt, und sie ließ sich das ungehemmt anmerken, aber Ulrike sah es ihr nach, wenn sie der Umstand launisch machte. Birte gehörte zu denen, die ihre Gefühle auskosteten bis zur Neige, nicht nur die guten. Ein geringer Rückschlag genügte, sie in ein Stimmungstief zu stürzen, schnell und überraschend wie zuweilen das Wetter umschlägt. Ulrike mochte sie dennoch, ihres flatterhaften, lebensfrohen Gemüts wegen, das dem der blauen Schmetterlinge glich, die in Wolken aufstiegen, sobald man in den reifen Roggen eindrang und in die Hände klatschte, wo rot der Klatschmohn unter den Halmen blühte. An diesem Sonntag zeugte von dem wogenden Kornfeld, das vor einer Woche noch von der Anhöhe am Brookdeicher Holz überschaubar war, bloß noch ein abgeräumtes Stoppelfeld, und die Stämme der Birken schimmerten weiß im grellen Licht der Vormittagssonne. Als sich die fünf jungen Mädchen und ein zehnjähriger Knabe über den zerfurchten Feldweg näherten, marschierte Ulrike mit Birte voran und hielt plötzlich inne wie vom Donner gerührt. „Hört ihr das Getrappel?“ hielt sie die anderen mit erhobener Hand an. „Aus dem Wald kommen Pferde.“
Birte hob das Kinn, die Hand hinter das Ohr gelegt. „Na du hast gute Ohren.“
„So klingt es, nahen Reiter“, bekräftigte Ulrike beunruhigt.
Auch Birte begann heftig das Herz zu klopfen. Der Gedanke an die hohen Herren, die zur Lechterburg gehörten, blitzte in ihr auf und weckte Ängste. Seit langem war davon die Rede, es sei von Seiten der Burgbesatzungen zu Übergriffen auf Frauen gekommen, und sie blickte ratlos in die Runde. Ulrike nickte alarmiert. „Los wir verschwinden ins Gehölz.“
„So weit kommt es noch“, widersprach Birte, weil es dafür eigentlich zu spät war. „Ich bin die Tochter von Sibo Aumund. Das wollen wir mal sehen.“
Ernüchtert fasste sich Ulrike an den Kopf. „Wie alt bist du, Birte?“ Sie erschrak selbst über den ungeduldigen Ton, den sie gegenüber der Freundin anschlug.
Der Wortwechsel dauerte zu lange. Im gleichen Augenblick sprengten acht Reiter aus der Weglaube. Ein Ritter führte sie an, über seinen Knieplatten glänzten goldene Spangen, und sein Ross trug eine scharlachrote Schabracke mit dem rotgelben Burgwappen von Oldenburg. Er riss am Zügel und wäre fast abgeworfen worden, so steil stieg das Tier auf die Hinterbeine. Der gelbrote Helmbusch auf seinem Silberhelm wippte mit, und kaum berührten die Vorderhufe wieder den Feldweg und das Pferd schüttelte wiehernd die Mähne, betrachtete der Ritter des Zuges prüfend die Mädchenschar und den Jungen.
Der neuere Schreck saß tief – auch bei Ulrike. Plötzlich umringten sie acht Gewappnete und zwei Ritter. Konrad von der Lechterburg fasste Birte in die Augen und fragte mit kehliger Stimme: „Na Täubchen, wollt ihr zur Kirche?“
Der andere Ritter hob sich durch einen blau und gelb schimmernden Seidenrock farblich von den übrigen ab, der schwarze Löwe auf gelbem Grund wies ihn als flämischen Edelmann aus, und Häme lachte in seinem Narbengesicht. „Ich hätte einen Gegenvorschlag“, fügte er in einem unheilvollen Unterton hinzu. „Wie wäre es mit einem Abstecher nach Burg Lechtenberg?“
Ulrike merkte, auf was es die Reiter anlegten und stemmte aufbegehrend die Fäuste in die Hüften. Durch das Leinenkleid, das sie Birte verdankte, wirkte sie vornehmer als sie war; das steigerte ihr Selbstbewusstsein vor den Männern, und sie versuchte, sich entsprechend zu verkaufen. „Werte Herren“, drückte sie sich aus. „Könntet ihr uns behilflich sein? Wir erlitten einen Achsenbruch und verloren ein Rad… unweit von hier, nahe der Hunte.“
„Von so etwas verstehe ich nichts“, erwiderte der Ritter mit dem flämischen Löwen auf der Brust und kraulte sich verunsichert den blonden Kinnbart.
„Meinst du, ich?“, erwiderte Konrad lachend, ritt kurzentschlossen zu Ulrike hin und hob sie mit einem Griff unter ihre Achseln zu sich auf das Ross, mochte sie auch quietschen und nach ihm schlagen. Er setzte sie vor sich, langte ihr um den Bauch und wickelte sich geschickt den Lederzügel ums Handgelenk, während die Hand Ulrike eisern festhielt. Der flämische Ritter folgte seinem Beispiel und setzte Birte vor sich auf den Sattel. Zwei der Reisigen übernahmen Wibke und Geldis. An Timke und Klaas zeigten sie so wenig Interesse wie an den Ackergäulen, ließen sie einfach zurück, wo sie die Mädchen aufgegabelt hatten und ritten mit den Jungfrauen zu dem neuen Deich, der an Dreisielen und Bettingbühren vorbeiführte, um über eine Holzbrücke die Olle zu überqueren, die Ulrike noch nie überschritten hatte.
In einer Schleife der Hunte, die nach dem Bau des neuen Deiches eins wurde mit dem Flussbett der Olle, erhob sich die Zwingburg der Lechterseite: Burg Lechtenberg. Ein fünf Schritt breiter Brettersteg umgab kreisrund wie ein Kragen die Fachwerkfestung mit dem eckigen Aussichtsturm in der Mitte, von dem aus sie das Land beherrschte. Eine scharlachrote Flagge mit dem Oldenburger Wappen flatterte über den Zinnen, die den höchsten Punkt des Gebäudekomplexes krönten.
Eine Seite vom geräumigen Innenhof der Festung nahm ein Pferdestall ein, zum gepflasterten Platz hin bis auf vier Stützen offen, der in der Ecke an einen mächtigen Fachwerkbau mit Schieferdach und Regenrinne stieß. Das war der Palas, in dem die Vornehmen wohnten, gegenüber erhob sich der kleinere Bau mit dem Schlafsaal der Reisigen und Knechte. Hier ließ man die verschleppten Mädchen vom Ross gleiten. Ulrike fühlte sich gefangen inmitten der sie umschließenden Mauern und hohen Gebäude und drehte sich beängstigt im Kreis. Bis vor einer Stunde leitete sie der Glaube, ein gerechter Gott sei heimlich mit ihr, aber es sah eher nach einer Prüfung aus, und sie sagte sich, der liebe Gott würde das Ungeheuerliche nicht zulassen, falls sie das ihre tat. Sie fasste unwillkürlich nach der Hand ihrer Schwester. Auch Geldis und Birte versuchten auf die Weise einander Halt zu geben, während Knechte die Pferde zum Stall führten und die Tiere mit Stroh trockenrieben. Die um sie versammelten Männer tuschelten und lachten über ihre unschuldigen Gesichter. Birte glaubte, ihr müsse das Herz zerspringen. Mit vor Angst flatternden Wangen richteten sich die Hoffnungen auf den einzigen Ritter im Burghof. „Was habt ihr mit uns vor?“
„Na, was meinst du?“, antwortete für den einer der Gewappneten. Konrad, der Herr der Burg, griente sie an, ohne einen Versuch zu unternehmen, sie zu beruhigen. Ein Gewappneter zeigte auf die Tür zum Haupthaus, und als Wibke und Geldis nicht reagierten, sondern stattdessen die Arme verschränkten, knuffte und schubste man sie unsanft nach dort. Ulrike als Mutigste hob tapfer ein wenig den Saum ihres Kleides und stieg voran, die Treppe ins Obergeschoss hinauf, in den Rittersaal der Burg, der über einen in die Ecke eingemauerten, schwarzgeräucherten Kamin verfügte. An einem eisernen Dreifuß hingen ein schwarzer Schürhaken, eine Feuerzange und ein Blasebalg, und ein Korb voll mit kleingehacktem Brennholz fehlte auch nicht.
Den oberen Bereich füllte so ziemlich ein langer, eckiger Eichentisch aus, darunter geschoben zwölf Stühle mit gedrechselten Beinen. Ein Gemälde in verlockenden Farben, schmückte die Wand, zum Teil vergoldet: Vor einem Kruzifix kniende Ritter. Unterhalb des Bildes hob sich eine Truhe mit kunstvoll geschnitztem Deckel von der Wand ab, und das breite Bett in der tiefer gelegenen Hälfte des kleinen Saals gab Ulrike Rätsel auf. Es handelte sich um eine Augenweide von Baldachin, mit einem hellblauen Himmel und Kissen in einem tieferen Blau hinter den zarten Schleiern. Punktum stellte diese Räumlichkeit offensichtlich den Rittersaal der Burg dar, und das Himmelbett passte irgendwie nicht hinein.
Sie fand es beunruhigend, und auch Birte und Geldis nestelten sich ahnungsvoll mit den Fingern am Kleid, während sie sich ihre Gedanken machte zu dem herrschaftlichen Tisch mit an sich blanker Eichenplatte, die strotzte von den Spuren auftrumpfender Becher. Eine Zinnkanne und darum gruppierte Zinkpokale zeugten von einem geselligen Umtrunk vor nicht allzu langer Zeit, mit ein paar Tropfen Wein auf dem Grund. Ulrike zog einen Stuhl unter dem Tisch hervor, um sich zu setzen, da verlangte der blondbärtige Fläme: „Wenn ihr sitzen wollt, setzt euch beim Kamin auf den Teppich. Der Tisch ist nicht für euch da.“
Man schien sie nicht als Gäste zu betrachten. Geldis, Birte und ihre Schwester nahmen gehorsam mit dem Teppich vorlieb, und Ulrike atmete tief durch, bevor sie sich fügte. Schon flog die Tür auf, und Konrad, der Vogt des Grafen erschien, mit ihm die meisten der Burgmannschaft. Diese rekrutierte sich größtenteils aus Habenichtsen, zu faul, auf dem Gehöft des ältesten Bruders als Knechte ihr Leben zu fristen. Andere, wie der beleibte Bruno, hatten sich in der Gemeinde als Schlitzohren entpuppt. Zu den Schlimmsten dieser Sorte zählte Knut, den sie Knolle nannten, und das aus gutem Grund: Eine Faust hinterließ ein zertrümmertes Nasenbein, und das sah scheußlich aus. Windige Charaktere waren sie einer wie der andere, aber unter den kalten Augen des Flämen überkam sie ein inneres Frieren, denn eine wulstige Narbe verunstaltete seine Züge, und seine harsche Stimme jagte Ulrike jedesmal Angst ein.
Konrad warf gleich ein Auge auf Birte, nebenbei ließ er klackernd zwei Würfel über die Eichenplatte kullern. Mit einem Zwinkern auf seine Männer kündete er vollmundig an: „Erstmal um die Blonde, die ist heute die Sahne.“
Alle außer den Mädchen mussten wohl eingeweiht sein, in das Spiel, das damit begann. Der Vogt setzte sich an den Kopf der Tafel, die Waffenbrüder folgten seinem Beispiel und nahmen ihre Plätze ein. Einer nach dem anderen machte hohle Hände und warf, die zwei Würfel wanderten durch die Tafelrunde. „Sie gehört dir, Wendel“, entschied der Burgherr.
Ein pickeliger Bursche im Oldenburger Rock zog mit einem unverschämten Lächeln durch die Nase hoch und reichte Birte die Hand. „Kommst du?“
Birte hob kess das Kinn und schüttelte störrisch den Kopf, ohne ihn einer Antwort zu würdigen. Und er packte sie grob am Handgelenk, riss sie hoch und zerrte sie zum Himmelbett. „So. Nun heb‘ mal das Kleid“, befahl Wendel. „Aber schön hoch.“
Natürlich dachte Birte nicht daran. „Oh nein“, erwiderte sie, in einem Ton, als würde sie bei der ersten Annäherung beißen und kratzen. Ein Blick an die an der Tafel sitzenden Gefährten genügte, der dicke Bruno rückte wie gerufen mit dem Stuhl vom Tisch ab, um ihm zu helfen. Birte ahnte nicht, wie abgebrüht solche Kerle mit Frauen umsprangen. Bruno bückte sich zuvorkommend nach ihrem eben die Knöchel streifenden Kleid und riss es hoch über ihre Brust und höher. Es schien, er wollte sie an die Decke hängen, und die Zuschauer am langen Eichentisch johlten bei diesem Anblick. Wendel hatte einen Strick zur Hand und band Birte das Kleid mitsamt ihrer hochgefegten Arme über dem Kopf zusammen. Ihre schon reifen Brüste kamen zum Vorschein, darunter das enge Mieder aus Ziegenleder. Es wirkte routiniert, wie der Mann einen zierlichen Dolch zückte und die kalte Klinge flach zwischen Rücken und Schnürung schob. Sie schrie spitz auf, ein Ruck, und das Mieder fiel Birte vor die Füße. Womit sie bis an die Brüste splitternackt war und gefangen im eigenen Kleid, als hätte man ihr einen Leinenbeutel übergestülpt.
Eine quakende Stimme, die nicht zu einem der jüngeren Knechte gehörte, bemerkte kaltschnäuzig, „bleich wie ein Mondkalb. Entblättert sehen die sich ähnlich wie ein Ei dem anderen. Aber sie hat schöne gerade Schultern für eine Eva aus Berne, die ist gut gewachsen.“
Der, den sie Knolle neckten, raunte: „Jo. Reizende Hüften und pralles Sitzfleisch, keine von den mageren Dorfkühen.“
Das Gehabe, wenn in Männern viehische Gelüste erwachen, konnte Ulrike kaum schocken, doch es befremdete. Knolle grabschte Birte in den Speck, dass sie vom Gesäß bis an die Füße zusammenzuckte, und Wendel platzte ein wieherndes Lachen heraus. Alle außer den Mädchen lachten mit, und Wendel schubste Birte auf das Bett, packte nach ihren Füßen. Sie fing an, sich in seinem Griff zu winden wie ein Aal und hatte in ihrem muffigen Verschluss keine Chance. Als sie endlich stilllag und ihr Atem zur Ruhe kam, hatte sich Wendel derweil von seiner streng müffelnden Bruche befreit und rückte ihr zu Leibe, dass Birte losschrie wie ein Iltis, und das Geschrei schlug um in ein leise quengelndes Wimmern.
Die Freundinnen, zum Zusehen verurteilt, rangen um Atem. Ulrike wurde vom Zuschauen übel, und was sie der Freundin antaten, drohte ihr selbst. Die heimlich gehegte Zuversicht, die Tür müsse gleich auffliegen und Dirk von Keyhusen erscheinen, war abgebrannt wie ein Strohfeuer, und sie schaute gebannt zum Tisch. Wieder klackerten die Würfel über die Eichenplatte. „Würfel richtig Knolle“, befahl Konrad.
„Tu ich doch.“
„Nein, du schummelst. Du musst die Würfel werfen, nicht fallen lassen“, wies ihn sein Nebenmann zurecht. Konrad fasste ihn tadelnd in die Augen. „Nun aber anständig, Knut. Hier wird es auch anderen langsam eng in der Bruche.“
Er warf erneut, und Ulrike wurde angst und bange. Diesmal gewann Bruno, und der Fettwanst unter den Gewappneten rückte stürmisch den Stuhl zurück, um sich Ulrike zu holen. Ihr Vorsatz, die Flucht nach vorn anzutreten und sich freiwillig auf das Bett zu werfen, um es schnell hinter sich zu bringen, wurde von einem Sturm des Widerwillens hinweggefegt. Nein, lieber wollte sie sterben!
„Wie ihr Mund zuckt“, hörte sie Knolle raunen. „Muss die eine Angst haben…“
Alle am Tisch verfielen in grölendes Gelächter über ihre entgeistert herabfallende Miene. Bruno packte Ulrike derb am Handgelenk und schleuderte sie in Richtung Bett, wo sie an dem Pfosten Halt fand, der das schleierartige Dach trug. Schwankend wie ein Halm im Wind weigerte sie sich, den Pfosten loszulassen und spürte die Bettkante an den Kniekehlen. Der Dicke schubste sie mit dem Bauch auf das zerwühlte Lager. Sie riss die Knie an sich und schlang die Arme darum.
„Soll ich dir auch das Kleid bündeln?“, drohte er.
Sie zog eine Flappe, als wollte sie sagen, kommt doch…
„Setz dich mal vernünftig hin“, forderte Konrad.
Ulrike hatte das unbestimmte Gefühl, es könnte besser sein, ihm zu gehorchen und ließ die Beine vom Bett baumeln, sodass ihre Pantinen leicht den Holzboden schabten, als sie sich aufsetzte und trotzig den Kopf hob. Wie ein armer Sünder sah sie Konrad in die Augen. „Helft mir doch. Ihr seid doch ein Mann von Ehre, Herr Vogt.“
Konrad schüttelte stur das Haupt. „Pech gehabt Mädchen. Sei tapfer“, riet er ihr.
„Los, raff dein Kleid, mein Täubchen“, verlangte Bruno.
Als sie trotzig die Unterlippe hochzog, schubste er sie um. Natürlich strampelte sie nach Kräften, aber viele Hände streckten sie lang auf das Bett. Unbarmherzig schlug Bruno ihr Kleid hoch. Sie glühte vor Scham, weil sie einen Anblick bot, der die Herzen der im Rittersaal versammelten Männer höher schlagen ließ. Schlimmer als die Scham vor all den Gaffern war seine tölpelhafte Grobheit. Mit seiner ganzen Masse warf er sich auf sie und quetschte ihr die Brust, dass sie fürchtete, ihre würden die Rippen brechen. Und das war noch erträglich, gegen das Gefühl, gewaltsam geöffnet zu werden. Ein weißglühender Schmerz durchpflügte ihren Leib und sie versteifte sich, riss atemlos den Mund auf. Doch der Laut erstickte in Kehle und Rachen. Wie besessen rührte sie mit dem Kopf auf den Kissen, während ihr Peiniger unablässig in der brennenden Wunde herumfuhrwerkte, so weh tat es. Speichel triefte auf ihren Hals, und schlotternd vor Ekel wünschte sie ihm den Teufel an den Hals. Etwas in ihrem Herz zerbrach in einer Wolke aus Qual und Enttäuschung.
Sich von der Notzucht zu erholen, blieb wenig Zeit. Ulrike rang um Atem, fühlte sich hundeelend und beschmutzt. Durch die verfliegenden Schleier des Schmerzes klang erneut das Klappern von über Holz rollenden Würfeln an ihr Ohr. Die quakende Stimme von Knolle meldete sich wieder. „Jetzt um die Kleine?“
„Um die Kleine“, bestätigte Konrad vom Kopf der Tafel.
Eben noch wünschte Ulrike, der Boden möchte sie gnädig verschlingen, da ging das Temperament mit ihr durch. In blinder Raserei sprang sie vom Bett, griff nach dem rußgeschwärzten Schürhaken und stellte sich vor die Schwester, am ganzen Leib bebend. „Meine Schwester ist keine zwölf!“, schrie sie den Burgvogt an. „Wage es nicht… du wirst es büßen! Mein Freund ist dein Freund, und ich werde Himmel und Hölle in Bewegung setzen, dass er erfährt, was sich hier abgespielt hat. Dirk wird dich richten, du Dreckskerl von einem Kükenschänder… das schwöre ich dir bei der Jungfrau Maria, dem heiligen Valentin und dem heiligen Georg!“
„Dirk?“ Der bartlose Junker mit den adretten, kurzen, schwarzen Locken und dem schmalen aber schönen Gesicht blickte sie aufhorchend an.
„Dirk von Keyhusen…“, bekräftigte sie. „Er wird Euch auf den Topf setzen, darauf könnt Ihr Gift nehmen!“
„Ach“, sagte der Junker und winkte verächtlich ab. „Eine Frau ist kein Stück Seife, ihr nutzt euch nicht ab.“ Sein Gesicht wirkte wie versteinert, ehe Unmut über Ulrikes Fluch erwachte, und er herrschte seine Leute an. „Fürchtet ihr, die kleine Hexe könnte euch beißen, die ist ja noch eine halbe Göre.“
Vielleicht wollte er herauskehren, er habe vor Dirk von Keyhusen keinen Respekt. Jedenfalls packte ein vierschrötiger Waffenknecht Ulrike grob am Handgelenk und kugelte ihr fast den Arm aus. Brutal in die Ecke gestoßen, stürzte sie quer über Geldis und Birte hinweg und schrammte sich am Kamin die Schulter. Der bittere Kelch wanderte dennoch an der jüngeren Schwester vorüber, allerdings aus einem anderen Grund. Alle starrten Atem holend zur Tür: Die wurde von außen aufgerissen, und mit hochrotem Kopf stolperte ein Waffenknecht herein. „Kommt zum Burgtor!“ forderte er, und von einem Augenblick zum anderen ließ man die Mädchen allein.
Auf dem Bergfried der Lechterburg hielten zwei graubärtige Gewappnete müde die Stellung, als ein kräftig gebauter Mann mit Stirnglatze übermütig durch das nasse Wiesenland am Schilf der Hunte stapfte und sich der Flussschleife näherte. Seine jüngste Tochter und ein zehnjähriger Knabe mussten an der Laube des Brookdeicher Waldes nicht lange warten, ehe ein Planwagen mit Ochsen den Feldweg hochzuckelte und sie mitnahm nach Berne. So war Lüder bald im Bilde, was sich ereignete. Auch eine Woche nachdem seine Töchter ihn verließen, umgezogen zum Hof der Aumunds, übernachtete er noch in der alten Heimstätte und brach unverzüglich auf, um Ulrike und Wibke aus den Fängen des Vogtes zu befreien. Ohne zu wissen, wie er das anstellen wollte, erschien er vor der eingeholten Zugbrücke. Seine Augen flogen hinauf zu den Zinnen, und er schnaubte vor Wut. „Lasst meine Töchter frei!“ schrie er und schüttelte den Reisigen die Faust.
Eine halbe Minute später erstieg Konrad die Leiter zur Aussichtsplattform, in seiner Gesellschaft ein Ritter in einem knielangen Kettenhemd, mit dem flämischen Löwen auf blaugelbem Waffenrock - Wilhad von Brügge, der aus Flandern fliehen musste. Auf Burg Lechtenberg fand er Zuflucht und lebte gut im Land seines Waffenbruders und Freundes aus Turniertagen.
„Geh‘ Heim“, rief Konrad von oben. „Wir schicken dir deine Töchter, sobald wir mit ihnen fertig sind!“
Es traf Lüder an der empfindlichsten Stelle. Er schlug die Augen nieder und wurde fuchsteufelswild. „Seid ihr Männer… oder feige Ratten mit Sporen?“
„Das genügt“, bemerkte Wilhad von Brügge. „Dem werde ich Beine machen.“
„Spare dir die Mühe die Treppe hinab“, riet ihm Konrad. „Ein Armbrustbolzen erfüllt denselben Zweck.“
„Oh nein, ich lasse mich nicht derart beleidigen von einem Bauerntölpel.“
Fünf Minuten später senkte sich die Zugbrücke, und der Ritter mit dem Narbengesicht betrat den Außensteg der Burg. Die Eisenschuppen auf seinen Handschuhen blinkten in der Mittagssonne, er hielt ein langes Schlachtschwert in der Faust.
Lüder biss die Zähne zusammen und schritt kraftvoll auf ihn zu, bewaffnet mit einem Schmiedehammer. Der Ritter lachte ihn aus, fegte mit einem Hieb seinen schweren Hammer aus dem Weg. Der klatschte in die Hunte, und der Fläme schlug ihm die Klinge von oben herab in die Schulter. Lüder kippte tödlich erwischt ins hohe Gras und brachte nicht einmal mehr einen Schrei über die Lippen. Der Ritter trat dem Erschlagenen in die Hüfte, um sich zu vergewissern, ob der wirklich tot sei, und zwei Reisige übernahmen es, die Leiche hundert Meter vor der Flussschleife in die Hunte zu werfen.
So sinnlos, wie Lüder in der letzten Sekunde glaubte, war sein Tod doch nicht. Es hielt die Knechte des Vogtes davon ab, auch Wibke zu schänden. Die Mädchen blieben ungefähr eine halbe Stunde unter sich. Geldis bebte vor Angst, sie wäre an der Reihe gewesen. Sie betrachtete Birte mitleidig, die am Kamin hockte und sich ununterbrochen in die Arme weinte - sah auch Ulrike, die sich wie gerädert fühlte und gleichgültig auf dem Himmelbett ausgestreckt hatte. Wibke lief vor dem Gobelin auf und ab und rüttelte verzweifelnd am schmiedeeisernen Gitterornament, welches das Fenster sicherte, weil sich zwar ein Ausblick auf die Huntewiesen bot, der jedoch vergittert war.
„Wir müssen hier verschwinden“, jammerte Wibke. „Die kommen zurück, und dann…“
„Sicher“, stöhnte Geldis. „Aber wir befinden uns auf einer Burg. Hier sind nun einmal alle Fenster vergittert.“
Nur für einen Augenblick lag Ulrike auf dem Bett. Auch sie ertrug das sinnlose Warten nicht länger, sprang auf und warf ebenfalls einen Blick auf das Umland der Burg. Hätte ihr das Torhaus mit der Zugbrücke nicht die Sicht versperrt, sie wäre Zeuge geworden, wie der flämische Ritter ihren Vater erschlug. Das sich dahinter im roten Licht der Abendsonne erstreckende Ipweger Moor wirkte trostlos und irgendwie unheimlich. Trübe, halbdurchsichtige Schwaden wallten träge über den Wasserlöchern, und ihr wurde von dem Anblick klamm ums Herz. Aber dann gab sie sich einen Ruck, das Problem anzupacken. „Kommt, wir versuchen, ob wir das Gitter gemeinsam herausbrechen können.“
Von Birte hörte sie bloß ein atemloses Schluchzen, und der Schürhaken, den Ulrike einmal gegen die Edelmänner zu ihrer Waffe machte, fehlte seit kurzem. So waren Geldis und sie allein nicht stark genug und hätten es sowieso bald aufgegeben, als die Tür aufschlug und die beiden Edelleute mit drei Waffenknechten den Rittersaal betraten.
„Da sind wir wieder“, sagte Konrad gut gelaunt. Johann, der graubärtige Hauptmann und Stellvertreter der Ritter, blickte bedeutungsvoll auf Geldis, die bei Ulrike am Fenster lehnte und eine betretene Miene zog. „Überlasst ihr sie mir, ohne zu würfeln?“
„Ungern… na ja in Ordnung, weil du es bist, Johann.“
Ulrikes Augen sprühten vor Zorn, da er forsch auf Geldis zu schritt und sie am Handgelenk ergriff. „Lass sie los“, fauchte sie, „oder ich zerkratze dir das Gesicht, dass du glaubst, du hättest mit einer Katze gerungen.“
Er bedachte sie mit einem spöttischen Blick, wollte Geldis zum Bett ziehen. Die suchte entsetzt Halt am Gitter, worauf Ulrike handelte. Ihr Knie schnellte mitten in seinen Schritt. Johann stierte sie aus großen Augen an, dann sackte er zusammen und krümmte sich am Boden.
Für Konrad genügte das, sich in die Balgerei einzumischen. „Das sollst du bereuen“, herrschte der Burgherr Ulrike an. Und sie bot ihm aus zusammengekniffenen Augen die Stirn, während sich sein Hauptmann aufrappelte und vor ihr in die Schultern legte, sodass sich knirschend das Kettenhemd spannte. Geldis zählte nicht mehr, sie zogen Ulrike mit sich, jeder an einem Arm und warfen sie ein zweites Mal auf das Himmelbett. Ein zweites Mal stieg ein Mann über sie hinweg, diesmal Johann. Sein Haar war grau und über der Stirn längst verschwunden. Als sie ihm voll Abscheu ins Gesicht spuckte, setzte es Ohrfeigen rechts und links und säuerlich bitterer Altmänneratem brandete ihr entgegen, bis man ihr Kleid hochwarf und ihr Gesicht zudeckte.
In ihrem Vorsatz, einfach die Realität auszublenden, machte sie sich schwer wie ein nasser Sack und versuchte, sich an das Erntedankfest zu erinnern, denn das war bislang der schönste Tag in ihrem Leben. Aber dafür fehlte Ulrike die nötige Einbildungskraft. Der Mann verschlang sie wie eine Hure, die er nicht zu bezahlen brauchte, und kaum hatte er sich erleichtert, sodass sie erlöst Atem holte, packte er ihr blitzschnell in den Nacken und drehte sich den Zopf ums Handgelenk. Es ziepte und zwang sie, ihn anzusehen. Fassungslos starrte sie auf seine rabiaten Finger, und als sie instinktiv hinter sich langte, kappte er den Zopf. Ulrike langte ins Leere und schluckte ernüchtert.
Wie ein Andenken stopfte Johann das lange Ende in seine Gürteltasche und scherte sich nicht darum, ob Ulrike hinter ihm die Hände übers Gesicht schlug. Danach war ihr Stolz gebrochen. Sie fühlte sich benutzt und zog angeekelt das hochgebauschte Kleid über ihre Schenkel, dann ließ sie den Tränen freien Lauf und weinte leise schluchzend vor sich hin. Für einen Augenblick stellte sie sich Dirks Gesicht vor, das sie dann ganz seltsam und doch vorwurfsvoll betrachtete. Wer konnte schon ermessen, was ihr dieser Zopf bedeutete? Als könne sie es noch immer nicht glauben, tastete sie wieder über die Haarstoppeln am Ohr, und gab sich dem öden Gefühl hin, wohl nie wieder lachen zu können, da schien ihr, sie würde in ihrer Seele die Stimme der Mutter wahrnehmen, die ihr in solchen Momenten, die sie kein Licht mehr sehen konnte, riet, verzage nicht. Nur die Schwachen verzagen. Ulrike gehörte zu den Starken, daraus keimte frischer Lebensmut. Immerhin würde Johann für heute Geldis in Frieden lassen, und der Burgvogt war jetzt selbst scharf auf Geldis, dachte sie plötzlich schadenfroh. Dem jedoch schlug die Rangelei auf den Magen, und da er sie seinen Leuten nicht gönnte, räumten die Männer überraschend das Feld. Dadurch blieben die Mädchen geraume Zeit unter sich, die sie zu Ulrikes Ärger unter Jammern vertändelten, ehe gegen Abend wieder die Burgmannschaft in den Rittersaal einkehrte. Die traurig und demoralisiert vor dem Kamin kauernden Weibsbilder fanden kaum noch Beachtung. Konrad saß am Kopf der Tafel und Wilhad von Brügge am Ende. Auf den anderen Stühlen nahmen die gewappneten Knechte ihre Stammplätze ein.
„Die hübsche Blonde ist eine Vornehme“, stellte der Vogt klar. Der Blick richtete sich auf Birte. „Wie heißt du mit vollem Namen?“
„Birte Aumund“, flüsterte sie und fing erneut an zu weinen, weil sie eine Heidenangst bekam.
„Die Aumunds“, wiederholte Konrad und schnippte mit den Fingern. „Das ist doch dieses riesige Gut an der unteren Huntebrücke. Für die gibt es Lösegeld.“
„Somit sind die anderen bloß Mägde, schade“, folgerte vom anderen Ende der Tafel Wilhad.
„Dafür ist die Tochter vom Aumundhof allemal 30 Mark wert, und die werden wir auch für sie fordern. Sönke – das übernimmst du. Hol‘ dir den Rappen aus dem Pferdestall und mache dich auf den Weg, damit du zum Abendessen zurück bist.“
„Was soll ich sagen?“
„Was du immer sagst. Sie sind aufmüpfig gewesen und in Gewahrsam genommen. Ein Auge zudrücken ist möglich. Sie sollen dir das Geld in einem Ledersäckchen aushändigen, dann lassen wir die Frauen morgen bei Sonnenaufgang frei.“
Ohne mehr zu fragen verließ der junge Mann im Wappenrock den Kaminsaal. Konrad schlug die flache Hand auf den Tisch. „Ich habe drei Punkte, die ich mit euch besprechen möchte“, eröffnete er ihre Unterredung. „Zunächst geht es darum, dem Sägewerk weitere Arbeitskräfte zuzuführen. Ich schlage vor, wir heben in Elsfleth zwanzig Leute aus und zehn in Dreisielen.“
Alle nickten es ab, es geschah ohnedies, was der Burgvogt im Namen des Grafen beschloss. „Graf Moritz möchte zu Weihnachten seine Burg in Berne beziehen“, erklärte Konrad der Burgmannschaft. „Um das zu bewerkstelligen, müssen wir für mehr brauchbares Holz sorgen. Es gibt zwar Wälder, aber die bestehen größtenteils aus Birken, Erlen und Weiden… kein Baumaterial also. Deshalb haben wir den Auftrag, uns anderweitig mit Holz einzudecken. Die Sägerei an der Olle verfügt über die nötigen Verbindungen. Große Mengen sind erforderlich. Das müssen wir in die Wege leiten. Es bietet sich an, die Fleete als Schifffahrtswege zu nutzen, um das Holz zur Baustelle zu befördern.“
„Was für Verbindungen sollen das sein?“, fragte Johann, der Hauptmann der Reisigen, der gern alles genau wusste.
„Ich war im Auftrag des Grafen bei der Sägerei und kann dazu verraten: Man bezieht seit Jahrzehnten regelmäßig Bauholz über einen Holzkaufmann aus Arhus.“
„Arhus? Sind das nicht Wikinger?“
„Sagen wir, Dänen. Heute steht dort ein Dom. Außerdem… wen stört es?“
Er warf einen Blick auf die Frauen in der Kaminecke und musterte die kratzbürstige Ulrike, als würde er ihr am liebsten den Hals umdrehen. Dann räusperte er sich. „Lärche oder Eiche bietet sich an. Ich bin für Eiche…“
„Alles neu für mich“, warf einer der Reisigen ein.
„Darum erzähle ich es euch… aber das nur nebenbei. Eure Aufgabe besteht darin, bei der Rodung Hemmelskamp minderwertiges Holz auszusortieren, damit es wie die aus dem Boden gepuhlten Wurzelstümpfe als Brennholz auf der Burg landet. Hat noch jemand eine Frage?“
„Sicher, die hätte allerdings nichts mit der Holzversorgung zu tun“, meldete sich der mitdenkende Hauptmann. „Wer regiert eigentlich zurzeit das Deutsche Reich? Frederico, der Enkel Barbarossas?“
„Der ist kaum zehn Jahre alt.“ Konrad wischte sich nervös über die juckende Nase und überdachte seine letzten Informationen dazu. „Viele würden Otto, den Sohn Heinrich des Löwen, ihren König nennen. Doch seine Mutter stammt aus Burgund, er mag tausendmal ein Welfe sein, er bleibt dennoch ein halber Engländer. Philipp der Schwabe hingegen ist ein Meister politischer Schlichen, und ich werde ihm das nicht absprechen, egal ob ich welfisch eingestellt bin. Um ein Gegengewicht zum welfisch-englischen Bund zu schaffen, erneuerte er das staufische Bündnis mit den Franzosen, und bekanntlich unterlag England den Franzosen. Dadurch gewann Philipp die Oberhand, und niemand wird ihn daran hindern können, auch noch Kaiser zu werden.“
Der Flame begehrte auf. „Eher friert die Hölle zu. Nicht, solange Innocenz Papst ist. Man hört, er ist nicht in Aachen gekrönt worden und auch nicht vom richtigen Prälaten, sondern lediglich durch den Bischof von Tarenteise. Der Heilige Vater in Rom bevorzugt darum Otto.“
„Sicherlich“, gab Konrad in so weit nach. „Aber sogar der machtgierige und wetterwendische Erzbischof von Köln, der am meisten für die Wahl Ottos getan hat, bekannte, im Ernstfall sei der Sohn des Löwen bloß ein zu Rotz und Tränen aufgeweichtes Bürschchen und gäbe eine erbärmliche Figur als Regent ab. Philipp im Vergleich machte sich in den Jahren, die er Stellvertreter des Kaisers war, einen Namen und sichert sich die Krone im Grunde für den unmündigen Frederico, damit sie seiner Familie nicht verlustig geht. Das nötigt mir Respekt ab.“
Die beiden Ritter rieben sich und verfielen, ohne es zu merken, in einen lauteren Ton. Der Flame lachte trocken. „Ach, jeder weiß, der Heilige Vater schürt die antistaufische Unruhe wo er kann. Auch Ottos Krönung verlief nicht ordnungsgemäß, seine Einmischung in den Thronstreit ist schlichtweg eine staatsrechtliche Frechheit!“
Ulrike hockte in eingeknickter Haltung am toten Kamin und kam sich verloren vor in ihrem lichtarmen Winkel am Fuße des schweren Eichentisches. Sonst redete Birte über alles, was sie bewegte, jetzt zeichnete sich ab, wie wenig sie tatsächlich gemeinsam hatten. Die Freundin blies Trübsal und bedauerte sich selbst. Mit anderen Worten, sie flennte vor sich hin und saß das Problem aus, und das ging Ulrike total gegen den Strich. Die Stille, die sich unentrinnbar und leise einschlich, drückte auf ihr Gemüt; das Männergespräch über Politik ließ sie lauschen und rührte empfindlich an ihrem Selbstvertrauen. Es bewirkte, dass sie sich wie eine dumme Gans fühlte, denn sie musste sich eingestehen, sie wäre in nicht geringe Verlegenheit geraten, hätte man sie nach dem Namen ihres Königs gefragt, den Reisigen erging es ja ähnlich. Wenige begriffen die Hintergründe des Machtkampfes, der die Obrigkeit in Atem hielt. Seltsam, überlegte Ulrike, wenn sie Konrad so betrachtete, fiel ihr ein südländischer Einschlag auf, der Frauen ansprach, und doch verdiente er nicht, von irgendeinem Weib geliebt zu werden.
Der Ritter schmunzelte sinnig und drückte sich bestechend genau aus. „Eigentlich geht es um die Frage, wer ist mächtiger, Papst oder König. Im Jahr 1202 protestierten 30 staufische Reichsfürsten gegen die Einmischung der Kirche. Wir beide, Wilhard, kannten uns derzeit noch nicht, aber ich befand mich unter den Zuschauern - und nun scheint Phillip von Schwaben den unseligen Machtkampf ums Königtum zu gewinnen … leider.“
Ulrike wurde klar, wie rechthaberisch der Burgherr sein konnte. Er sonnte sich geradezu selbstverliebt in seiner bräsig hochgespielten Überlegenheit, und unter den Männern war keiner in der Lage, seinem Monolog ein Ende zu bereiten.
„Also sind die Staufer am Ruder?“, fragte Johann verwirrt.
„Leider“, wiederholte Konrad dumpf und fügte versöhnlich bei: „Allerdings sind wir abhängig vom Erzbisstift Bremen, und Hartwich ist ein Welfenfreund. Aber vor ihm war Waldemar von Schleswig unser Erzbischof, der seit über zehn Jahren in dänischer Gefangenschaft schmort. Innocenz verlangt, er solle sich vor einem päpstlichen Gericht verantworten und hat den dänischen König und seine Freunde aufgefordert, ihn nach Rom zu senden. Das bedeutet, Waldemar könnte demnächst seinen Bischofstitel zurückerhalten.“
„Was soll das denn?“, stöhnte der Hauptmann kopfschüttelnd. „Die können doch nicht einfach Hartwich in die Wüste schicken.“
Konrad nickte beipflichtend. „Genau das wird geschehen, und Philipp wird sich die Hände reiben.“
All das rauschte an Birtes Ohr vorbei. So oft Ulrike in ihre rot geschwollenen Augen sah, seufzte sie. Birte fiel am tiefsten durch die überzogene Lösegeldforderung und schien nicht mehr, wer sie war. Ebenso Geldis und ihre Schwester. Beide sonst nicht mundfaul, starrten blicklos und mit tränenverschmierten Gesichtern in das Kaminfeuer.
Ulrike war aus anderem Holz. Auf der Suche nach einem Ausweg hielt sie sich vor Augen, wie sehr Sibo Aumund an seiner einzigen Tochter hing, und zu wissen, der war kein Knauser, beruhigte sie. Ihr schien auferlegt, allein mit allem fertig zu werden, und im Herzen haderte sie mit ihrem Schicksal, weil sie nicht wusste, womit sie diese Schande verdient hatte. Warum, in Gottes Namen, musste der Leiterwagen eine Birke rammen, fragte sie sich. Aber ihr Glaube an einen guten Herrgott, der ein Auge auf sie hatte, war wie etwas, das verschüttet wurde und sie in der Not einfach wieder ausgrub. Das tägliche Abendgebet erfüllte sie wie eine Heimkehr, und sie verfluchte die dummen Knechte des Vogtes, die ihr das wenige nicht gönnten, dass sie für Männer zu einer begehrenswerten Mauerblume machte. Sie hing an ihren Haaren wie an ihrem Leben, Birte hatte sie darum beneidet, und sie machte sich nichts vor. Dirk deutete einmal an, für einen Edelmann war es eine anrüchige Sache, eine aus dem Dorf zur Frau zu nehmen. Er schob schleunigst ein, es sei ihm einerlei, doch das zerstreute nicht die Zweifel, ob er sie überhaupt noch anziehend finden würde? Männer waren da ja anders eingestellt als Frauen. Nun, sie hoffte dennoch. Dirk vermittelte ihr das Gefühl, sie sei vom Wesen her ein besonderer Mensch für ihn, daraus erwuchs die Kraft, andere aufzurichten, und gegen alle Vernunft klammerte sie sich an diesen Strohhalm und döste darüber ein.
„Wacht auf, Mädchen“, weckte sie am Morgen der Hauptmann der Burgmannschaft. Ein Waffenknecht betrat mit ihm das Kaminzimmer, und der Burgvogt warf voll Vorfreude einen Blick auf die zierliche Geldis, die es spürte und betreten hochschaute.
„Es wird euch freuen, zu hören, der Unterhändler vom Aumundshof ist eingetroffen. Die 30 Mark für eure Auslösung sind bezahlt.“
Birte atmete vernehmlich aus, Ulrike seufzte erlöst. „Wir sind frei?“, fragte Wibke ungläubig. Geldis spürte, es war für sie zu früh, sich zu freuen. Johann, der Hauptmann der Burgmannschaft sah sie unverfroren höhnisch an.
„Aber…“, protestierte Ulrike und richtete sich auf wie eine Königin. „Ihr wolltet Geld für unsere Freilassung, und das habt ihr erhalten. Habt ihr nicht den Anstand, zu eurer Abmachung mit Sibo Aumund zu stehen?“
Der dünne, strenge Mund des ergrauten Hauptmanns zuckte unterschwellig, die Augen hefteten sich auf Geldis. „Sie meint, uns zum Narren halten zu können.“
Als der Vogt auf Geldis zu hielt, schluckte Ulrike trocken herunter.
„Danach könnt ihr gehen“ gab Konrad ihnen zu verstehen. „Warum so widerspenstig, Täubchen? Du kannst stolz darauf sein, wenn ich der Erste bin. Schluss mit dem Getue…Ich will meinen Spaß haben.“
„Nein“, schrie Geldis entsetzt. Sie hatte erlebt, was diese Kerle unter Spaß verstanden und dachte nicht daran, ihm diesen Dienst zu erweisen. Sie starrte ihn mit bebenden Lippen an. „Wer mich anfasst wird wenig Freude an mir haben. Ich kann beißen wie ein Schwein…“
„Du gefällst mir zu sehr“, raunte der Burgherr, „um mir das Vergnügen zu verkneifen.“ Er griff nach ihrem Handgelenk und zog sie an sich. Allein Geldis hörte, was er ihr flüsterte, aber als man sie anhielt, sie könnten gehen, blieb die Freundin noch. Außerhalb der Zugbrücke, wo eine Hecke blauer Schlehen Schutz versprach, warteten sie geduldig auf Geldis.
„Hätte ich mich gesträubt“, erklärte sie anschließend mit heißen Wangen und rot verheulten Augen, „sie hätten am Aumundhof erzählt, wir wären erhängt in unserer Kammer aufgefunden worden. Tod durch eigene Hand hätte es geheißen, zu bestatten am Rande der Friedhofsmauer.“
Jedenfalls stieß Geldis nach einer Stunde wieder zu ihnen. Ihr zitterten noch die Knie, aber sie brachen hastig auf und gönnten sich keine Rast, ehe sie nicht die Huntebrücke hinter sich wussten und die Turmwachen sie aus den Augen verloren.
4. Kapitel
Gegen Mittag kehrten die vermissten Mädchen müde und verzweifelt zum Aumundhof zurück. Ulrike quälte der Gedanke an Timke, die sie am Unfallort der Obhut Klaas überlassen mussten. Antje, die Herrin vom Aumundhof, nahm sich ihrer rührend an, ja bemutterte sie förmlich, und brachte sie vorübergehend in der Kammer von Schorse unter. Was aber nach anfänglicher Wiedersehensfreude aus Timke hervorsprudelte, ließ Ulrike erstarren.
„Er schnaufte… verdrehte die Augen, war außer sich und hat sich nach dem Hammer gebückt, als wolle er gleich wem den Kopf einschlagen“, berichtete Timke.
Ulrike fühlte das Bedürfnis, sich bei ihrem Vater auf den Schoß zu setzen, sich anzulehnen und bei ihm Trost zu holen. Nun begriff sie, von Lüder fehlte jede Spur. Sie sah in die hilflosen Augen ihrer kleinen Schwester, die auf den Versuch, mehr aus ihr herauszuschütteln, erst einmal schlucken musste. Timke fügte mit belegter Stimme hinzu, „nicht einmal die Schürze nahm er ab… und sagte nicht wohin er wollte…“
„Zur Burg doch sicher“ folgerte Ulrike.
Timke nickte. „Ja, glaube ich auch…“
Ulrike drängte es, in der alten Schmiede nach ihm zu sehen. Im Schritt brannte es wie eine unsaubere Wunde, aber versäumte sie das, würde sie es sich hinterher ewig vorwerfen. Noch blieb ein Funken Hoffnung, obwohl ihr der gesunde Menschenverstand flüstertet: Ihr Vater war ein vernünftiger Mann, und ein vernünftiger Mann hätte sich zuerst vergewissert, ob es Timke gut ging, nachdem man ihn an der Burg vermutlich abgewiesen hatte. Allerdings wäre genauso denkbar, er bezog Prügel, und die Burgbesatzung warf ihn hinterher achtlos vor die Schmiede. Die Unordnung um Amboss und Arbeitsplatz sprach dagegen. Ulrike hockte anschließend mit ihren zerschlagenen Hoffnungen trübsinnig an dem kleinen Tisch an der alten Herdstelle - bis es schummrig wurde und sie den Herd anzünden musste, wollte sie nicht im Dunkeln sitzen. Sie konnte sich nicht aufraffen, mit dieser Enttäuschung gleich wieder zum Aumundhof zu gehen, die Ängste um ihren Vater lähmten sie. Mit aufgestütztem Kinn versuchte sie, sich vorzustellen, wohin ihr Vater sonst gegangen sein könnte, falls nicht zur Burg… aber ihr Vater schäumte vor Wut und nahm den Hammer mit… Und erneut meldete sich ein unangenehmes Ziehen im Unterleib. Egal, wie sie sich hinsetzte, diesmal hielt das an, und sie konnte nicht normal gehen, so weh tat es. Jeder Atemzug erinnerte sie an den Mann, dem sie es verdankte, ein atemberaubend ekeliger Geruch umfing sie wie eine Wolke und haftete an ihr, dass ihr schlecht darüber wurde. Beim Aumundhof floh sie auf ihre Kammer und wusch sich sorgfältig, und kaum streckte sie befreit die Füße übers Bett und faltete die Hände zum Nachtgebet, grübelte sie erneut über der Frage, wo ihr Vater steckte. Vielleicht hatten sie ihn verprügelt oder gefoltert, und er kroch gerade übel zugerichtet irgendwo an einem Deich aus den Büschen und brauchte Hilfe. Sie wollte ihn suchen… beschloss sie, doch es war drei Tage her seit Lüder sich zornig auf den Weg machte! Ulrike witterte, es musste einiges geschehen sein. Was könnte sie tun, schmachtete ihr Vater wirklich im Turm der Lechterburg? Sie zog das ernsthaft in Erwägung, da setzten Krämpfe im Unterleib ein, die alles Erlebte in den Schatten stellten. Ihr Blick fiel auf eine hellrote Spur an ihrem Bein, die darauf schließen ließ, ihr Schoß war nicht nur wund, es blutete sogar - und sie bekam Angst. Ähnlich war es, als mit viel Unwohlsein und Beschwerden die Regelblutungen über sie hereinbrachen. Wie vermisste sie damals die Mutter. Aber das jetzt musste eine andere Ursache haben, das war ein Krampf.
Es ging auf elf zu, da hatte Ulrike eine halbwegs schmerzfreie Haltung herausgefunden, saß mit auf die Knie gestütztem Kinn auf dem Bett und wünschte mit jeder Faser ihres Körpers, sie wäre als Junge auf die Welt gekommen.
Endlich schien der Schmerz sich zu verflüchtigen, sie untersuchte sich mit stockendem Atem genauer. Unten wirkte alles bedrohlich geschwollen und entzündet, und sie fühlte sich mit dieser peinlichen Geschichte überfordert, allein und hilflos… Bei dem bloßen Gedanken an die Notzucht durchlief sie ein Schaudern, bei dem sie mit den Zähnen klapperte und aufheulte. Es überkam sie wie ein Anfall und hinterließ heiße Wangen, so regte sie sich auf. Der nächste Krampf überraschte sie kaum noch, dauerte dafür umso länger, und das Brennen beim Wasserlassen brachte sie schier um den Verstand. Sie ahnte langsam, sie durfte es nicht auf die leichte Schulter nehmen, aber in Betracht zu ziehen, die Freundin deshalb aufzusuchen, verursachte rasendes Herzklopfen. Der Mond leuchtete schon durchs Fenster, und Birte wäre imstande, ihr scharfe Worte an den Kopf zu werfen – um diese fast schon frühe Stunde. Während ihr das im Kopf herumging, schlich sie im spärlichen Licht der Mondsichel über den nächtlichen Hof, und in der Heimlichkeit mit dem kleinen Herzfenster hustete jemand. Ihr zitterten die Finger, mit blind vorgestreckten Händen ertastete sie im Halbdunkel der Diele die Tür, hinter der sich Birtes Kammer befand. Ehe ihr der Mut schwand, klopfte sie an.
Es dauerte, bevor Birte öffnete. Sie rieb sich müde die Augen. „Was ist denn geschehen?“
Ein Blick in Ulrikes angestrengte Miene weihte sie augenblicklich ein, und sie holte schwer Luft, weil sie aus dem gleichen Grund noch wach war. „Hast du auch solche Unterleibschmerzen?“
Ulrike fasste bedrückt nach ihrem Schoß. Das nasse Glitzern in ihren Augen verriet, wie nahe sie daran war, jede Selbstbeherrschung zu verlieren. „Bei mir ist alles wund. Das halte ich nicht aus. Ich kann nicht mehr richtig laufen, so glüht das. Jede Haarspitze tut mir weh. Was ist das?“
„Ob Geldis schon schläft?“, überlegte Birte. Sie stand im Nachthemd vor Ulrike und strich es fahrig herab auf die Knie. „Die Tür zur Schlafstube vom Gesinde ist die letzte auf dem Flur. Also... kein Laut, verstanden? Nicht, dass auf einmal das ganze Haus auf den Beinen ist. Oh Gott, ich mag nicht daran denken. Sei bloß ruhig.“
Barfuß, wie sie war, ging Birte voraus, um zu nachtschlafender Stunde lautlos die Tür zur großen Gesindekammer aufzuziehen. Sie knarrte dennoch, und Geldis saß gleich mit zurückgeschlagener Leinendecke senkrecht im Bett. Ansonsten erfüllte das leise Schnarchen von etlichen Mägden die Kammer. Geldis hüpfte auf die Bretter und schlich um ihr Bett zur Tür, drückte die Tür sachte in den Rahmen zurück und stand dann mit ihnen auf dem Flur. „Was ist passiert?“
Ulrike und Birte empfingen sie mit angespannten Zügen. Ulrike atmete tief durch, bemüht ruhig zu bleiben. „Mir tut unten alles weh, als müsste ich sterben. Birte auch… und du? Alles in Ordnung, Geldis?“
Verwundert nickte Geldis. „Nun ja. Besonders gut fühle ich mich nicht“, flüsterte sie. „Da ist so ein inneres Kneifen, ähnlich dem nach saurer Milch, und es juckt so heiß. Ich dachte, das geht von allein wieder weg. Außerdem, wer kann uns da schon helfen?“
Birte fühlte sich angesprochen und schlug betreten die Augenlider nieder. Man sah ihr an, es kostete sie Überwindung, die Initiative zu übernehmen. „Meine Mutter... muss helfen. Ich wecke sie. Bei Gott, ich weiß ja, es ist spät, und auch wie nötig sie ihren Schlaf braucht. Aber außer ihr fällt mir niemand ein.“
„Sollen wir mitkommen?“, fragte Ulrike.
„Ja“, verlangte Birte. „Wartet draußen, lasst mich vorgehen.“
Birte schlich auf Zehenspitzen voraus, sie kannte sich aus, und eine Stunde nach Mitternacht suchten alle drei die Schlafkammer der Bäuerin auf. Es genügte, ihrer Mutter behutsam an den Fuß zu fassen, und die schlug die Augen auf. Kein Vorwurf, kein Geschrei. Ulrike beneidete sie um ihre Mutter.
Antje Aumund mochte einmal schön gewesen sein wie Birte. Heute war sie eine behäbige Frau mit breitem Becken und rotbackigen, gutmütigen Zügen, die durchaus auch streng aussehen konnte. Meistens trug sie das ergraute Haar zu Zöpfen geflochten. Unter den besonderen Umständen fiel es ihr lang, dicht und ungekämmt auf die Schulter, wirre Strähnen über der breiten Stirn, und sie blinzelte verschlafen. „Du machst mir Sorgen“, seufzte sie kopfschüttelnd, ehe sie mit einem Zunderhalm und kurzem Pusten ein Flämmchen aus dem Ofen barg. Damit entzündete sie die auf der Kommode stehende Öllampe, worauf ein diffuser Schummer die Räumlichkeit erfüllte. Das Bett ächzte, sie ließ sich mit ihrem Gewicht nieder, und Birte wies Ulrike und Geldis zu deren Erleichterung endlich die beiden am Fenster und in der Ecke befindlichen Stühle, während sie gleich dichter an ihre Mutter heranrückte.
„Oh Gott-oh-Gott.“ Antje stöhnte, weil sie ihrer Tochter an der Nasenspitze ansah, die lehnte sich nicht von ungefähr so bei ihr an. Sie drückte Birte die Hand aufs Knie, um sie zum Reden zu ermutigen. „Was ist so wichtig, mich um die Nachtruhe zu bringen?“
Es war an Birte, ihr die grässlichen Nachwirkungen zu schildern, von dem, was man im Rittersaal der Lechterburg mit ihnen anstellte. „Ach Mutter, es tut so weh, und ich… halte es einfach nicht länger aus“, jammerte die Freundin.
Antje, die schon bessere Zeiten auf dem Aumundhof erlebte und auf ein erfülltes Dasein schaute, ließ betroffen den Kopf hängen. „Erinnerst du dich an Liese, unsere frühere Gänsemagd? Die kam eines Morgens auch an und klagte über solche Unterleibschmerzen.“
Birte blinzelte verunsichert. „Ich war noch sehr klein, als sie in die Weser gegangen ist. Aber ich sehe sie noch vor mir, so eine ganz leise und sehr verschlossen.“
Es traf Ulrike wie ein aufkommendes Frieren im Spätsommer, und Antje schlug mit Daumen und Zeigefinger ein Kreuz vor der Brust. „Heilige Mutter Gottes, alle haben sich den Mund darüber zerrissen“, flüsterte sie. „Sie wurde von einem Bettler in die Büsche am Alten Deich gezogen, beteuerte sie, aber wenige nahmen ihr das ab.“
„Und dann…?“ Erschrocken blickte Birte die Mutter an, da sie die Geschichte derzeit tief berührte.
Antje kratzte sich um milde Worte verlegen die gefurchte Stirn. Sie seufzte, statt fortzufahren, doch Birte wollte es genauer wissen. „Weshalb nahm sie sich das Leben?“
Gern kam die Bäuerin nicht zur Sache. „Hauke war damals der jüngste Knecht am Hof und half früher oft am Torfstich aus. Der ist mit ihr ins Moor gegangen“, erklärte sie und verfiel ins Flüstern. „Tief im Herzen des Huder Moores lebt in einer kleinen Kate die alte Agnes, bekannt als die Hexe vom Maybusch. Die bereitete ihr eine Salbe aus Kräutern. Das linderte die Schmerzen, doch die Schande, Mädchen… die Schande brachte die arme Liese um.“
Sie schloss mit einem dumpfen Seufzer. „Hütet eure Zunge und weicht jeder Frage aus“, riet Birtes Mutter. „Seid auf der Hut, was Männer angeht. Es gibt rücksichtlose, denen der eigene Bauch über alles geht, und die Blender. Eitel daherreden, das können sie, behalten nichts für sich, und sind schuld am Tod unserer Liese.“
Es war eine Hoffnung am Rande des Möglichen. Ulrike, Geldis und Birte wechselten betretene Blicke; die Vorstellung, sich ins Moor zu wagen, machte ihnen Angst. „Ob der Hauke den Weg wiederfinden würde?“, wagte Birte leise zu fragen.
Ihre Mutter zog angestrengt Atem ein, fuhr sich über Nachthemd und Busen und senkte betrübt die Stirn. „Ich frage ihn“, versprach sie, und kaum wich Birte aus der Schlafkammer und schloss hinter Geldis die Tür, hörte Ulrike die Alte dahinter vernehmlich schluchzen. Es war wie ein Urteilsspruch, und jedes der Mädchen stahl sich mit bedrückenden Gefühlen auf seine Kammer. Ulrike wälzte sich im Bett herum, bis der Hahn krähte.
Mit dem Moment des Erwachens, als sie die Decke abwarf, um sich zu recken und den neuen Tag anzugehen, meinte sie, sich auf einen Ameisenhaufen gesetzt zu haben, und die scheußliche Entzündung verdrängte mit Macht alles Wohlbefinden aus ihrem Bewusstsein. Sie schüttelte sich - ging ja nie gerne mit, brachen alle zum Torfstich auf. Etwas trostloses, gruseliges, lastete auf dem Gelände, das hinter dem Erlenbruch begann, wo der Grund federte unter jedem Schritt und nichts gedieh, es sei denn Wollgras und Binsen.
Zum Frühstück gab es wie jeden Morgen Biersuppe. Geldis wartete zwischen den anderen Mägden und Knechten am langen Tisch in der Diele. Gerade wurde der Deckel von einem Fass abgehoben. Der ältesten Magd fiel es zu, eine Steingutkanne voll zum Trinken abzuschöpfen, und an jedem Platz stand eine gedrechselte, tiefe Holzschale. War so weit gedeckt, brachte die Bäuerin einen schweren Topf voll dampfender Suppe. In Stücke geschnittenes Altbackenbrot und Mehlklöße wurden mit aufgekocht. Hielt einer die Schale hoch, bekam er eine Schöpfkelle voll. Dazu stand eine Bastschale mit grobkörnigem Brot aus Dinkel und Gerste und Semmeln griffbereit. Wer zum Gesinde vom Amundhof zählte, hatte das Glück, sich alle Tage satt essen zu dürfen. Vor dem Essen sprach die Bäuerin am Kopfende der Tafel ein Gebet, bevor alle hungrig nach der Schale fassten, und ein vielschichtiges, genussvolles Schlürfen einsetzte. Hinterher stellte ihnen die Bäuerin Hauke vor. Das flachsblonde Haar, längst nicht ergraut, umspielte ein starkes, leicht vorspringendes Kinn, doch war er hagerer geworden und ließ sich einen feinen, dünn gebliebenen Bart stehen. Hauke verweilte mit tonlos bewegten Lippen und suchte krampfhaft eine Ausflucht, bevor er Antje Aumund ein schiefes Lächeln entbot, weil er nicht nein sagen durfte. „Sicher, sicher… ich habe ja oft genug beim Torfstich ausgeholfen, und von dort zur Kate ist ein Katzensprung.“
Er klatschte sich die Reste Stroh von den Händen und hob das Kinn. „Das ist ein gehöriger Marsch, bis zum Abend kaum zu bewältigen. Ich kann da nichts versprechen.“
„Nehmt euch Zeit, und ist die Agnes zugänglich, schlaft eine Nacht in ihrer Kate“, empfahl ihnen Antje Aumund. Sie schnürte ihnen ein Bündel. Darin befand sich eine geräucherte Mettwurst und eine Seite Speck als Zugabe für die Kräuterfrau, um sie milde zu stimmen, ebenso Schmalz, und ein Stück Gekochte zum Verzehr unterwegs. „Deine Hand“, forderte sie von Hauke, und da er sie öffnete, legte sie ihm ein Markstück und einen Kupferpfennig darauf.
„Du weißt, Hauke, das ist viel Geld“, gab sie ihm auf den Weg. „Aber wir wollen was von der Agnes, und ich lasse mich nicht lumpen. Den Backofen heize ich jetzt nicht an. Kaufe für den Kupferpfennig auf dem Markt einen ofenfrischen Laib Brot und gebe das Silberstück dem Kräuterweib, dann wird es sein Bestes geben.“
Somit führte sie der Weg über Berne, um am Backkarren ein heißes Brot zu kaufen. In der Nacht fiel reichlich Regen, und sie wanderten auf einem zu Matsch aufgeweichten Weg, der neben dem Bächlein verlief, das hieß wie die Ortschaft Berne. Die Tage wurden schon spürbar kürzer, und sie kamen im Halbdunkel des grauenden Tages an Weiden vorbei, auf denen Rinder gelassen wiederkäuten. HHinter einem Graben erhob sich der Neuenkooper Wald aus Birken und hintergründigen Buchen und Eichen. Das hell- und vollgelbe Herbstkleid der Birken hob sich in der aufgestiegenen Sonne malerisch ab vom flammenden Rot der hohen Buchen, und der Wald wirkte bunt wie niemals vorher im Jahr. Den Wegesrand säumten halb verrottete Überbleibsel eingezogener Stauden sowie kreuz und quer geknickte Stängel und Schäfte. Krause, braungelbe Reste der Blütenkerzen des Blutweiderichs ragten heraus und deuteten an, das Jahr neigte sich dem Winter zu. Ulrike spürte die Vergänglichkeit an allem, was sie umgab und besann sich schmerzlich des vermissten Vaters. Sie wünschte, der stumm voraus trottende Knecht könnte sich zu einem Gespräch ermannen. Als der sein brütendes Schweigen brach, klang es vorwurfsvoll. „Auch, wenn ich bloß ein Kerl zweiten Ranges für euch bin, fände ich es angebracht, mir für den Weg wenigstens einen Kupferpfennig zuzustecken, wirft man schon der Hexe nobel eine Mark in den Rachen. Überhaupt frage ich mich, wofür eine Mark…?“
Ulrike verzog herablassend den Mund. „Für was braucht ein Knecht einen Kupferpfennig? Du isst den gleichen Gerstebrei wie dein Bauer und lebst sorglos auf dem Hof.“
Die Entgegnung machte Hauke erst recht unzufrieden. „Es sind zehn Jahre ins Land gegangen, seit ich ein Weib zur Huder Hexe führte. Damals war es die Liese. Ihr mögt für euch behalten, um was es geht, aber dann gehe ich davon aus, bei euch ist es aus dem gleichen Grund.“
„Na du folgerst allerhand“, versetzte Geldis flapsig. „Und warum zügelst du dann nicht deine Schritte? Wir sind nicht mit den Waffenknechten des Kaisers unterwegs. Es verursacht Schmerzen, muss ich so große Schritte machen.“
„Aha“, raunte Hauke und nickte bei sich. Ulrike fuhr sich entsetzt durchs Haar, über Geldis Dummheit. Die trieb es auf die Spitze, indem sie trotzig anhielt und sich unter Haukes ernst werdender Miene mit einem Schmollmund an den Feldrain setzte.
„Berne ist ja noch in Sicht“, bemerkte er ärgerlich. „Wir können nicht so früh rasten. Ich dachte eigentlich, gegen Mittag bei der Kate zu sein.“
„In meinem Unterleib ist die Hölle los“, klagte Geldis und streckte die Füße von sich, die Augen schweiften in den Himmel, wo Krähen flatterten und das auf sie wartende Birkenwäldchen anflogen. Hauke musterte sie mürrisch und blies sich eine Strähne aus der Stirn. „Ich habe es mir ja gedacht.“
Ulrike spitzte die Ohren. „Was?“, warf sie ihm zu. „Hast du dir gedacht?“
Ein leises Beben um die Mundwinkel verriet, es rutschte ihm heraus, und er war verlegen um eine Ausrede. „Ich weiß vor allem, seit Sonntag bin ich verantwortlich für alle vom Gesinde, ob Kerle oder Weib. Schorse ist verunglückt…“
Nachzuhaken wirkte auf Geldis kleinlich. Ulrike gefiel es, wie Birte sich einschaltete. „Du folgerst, wo es wenig zu folgern gibt“, gab sie dem frischgebackenen Großknecht Wind von vorn. Ihre Hände fingerten über das Kleid, um sich zu fangen, ehe sie die in die Hüften stemmte und das Kinn richtete wie ihre Mutter, galt es, Schelte zu verteilen.
„Ich will es dir nicht verübeln. Männer denken ja selten über die eigene Hutschnur hinaus. Doch ein gestandener Mann sollte eines wissen: Erreicht ein Weibsbild das heiratsfähige Alter, verändert es sich, reift zur Frau und lernt, damit umzugehen, wenn es in den Tagen, die der Mond wechselt, blutet. Das ist bei manchen kaum der Rede wert, bei anderen schlimmer… Und damit genug. Das muss dir genügen, um deine Neugierde zu stillen.“
Das weckte bei Ulrike Bewunderung für die Freundin. Geldis hatte sich eine Möhre als Wegzehrung mitgenommen, biss den Wurzelfaden ab wie ein Hase und erhob sich widerstrebend. Hinter dem Birkengehölz öffnete sich das Gelände zu einer überschwemmten Wiese, gelb gesprenkelt von Hahnenklee, bis an ein Schilffeld, das früher ein Teich war. So sah es aus, nahe der Schlenken, die dem Moor anheimfielen. Frühnebel wallten über Sonnentau und hellgrünen Torfmoospolstern, ein buntes Gemisch aus flockigem Wollgras und Zwergsträuchern schwebte über der Landschaft wie ein filigranes Muster. Für Ulrike ein eher vertrauter Anblick, sie hatte den Eindruck: Birte wollte dem Knecht noch mehr dazu sagen und gesellte sich ihrerseits mit ein paar schnelleren Schritten zu Geldis. „Du hast wie ich von der Liese gehört“, hielt sie die an. „Auch Liese hat Hauke derzeit ins Moor geführt. Welche Schuld sie trifft, dass ein Bettler am helllichten Tag über sie herfiel, und warum sie das entehrte, geht für mich über den Verstand. Aber ein Schandmaul ist schuld an der Tragödie. Von irgendwem bekamen die Leute in Berne Wind davon, weshalb sie bei der Hexe gewesen ist. Es liegt nahe, sie verdankt es Hauke.“
Geldis zuckte unbekümmert mit den Schultern. „Ach was… Jeder könnte getratscht haben.“
„Unfug, die Liese sah zwar irgendwie komisch aus, mit ihren mädchenhaften Zöpfen, aber redselig war die weiß Gott nicht und wird die Peinlichkeit für sich behalten haben. Es sei denn, sie hat‘s dem Pfaffen im Beichtstuhl geflüstert.“
„Na dann war’s der eben“, bemerkte Geldis schnippisch und zog belustigt die Brauen hoch. „Ist doch wurscht.“
„Bist du arglos“, zischte Ulrike sie an. Bald erreichten sie den Erlenbruch in der Nähe des Torfstichs. Hohe Birken mit Buschwerk beschatteten eine Sandkuhle und einen Hang mit hellbraun in der Sonne leuchtendem Torfmull. Zwei davor gestapelte Pyramiden aus frisch gestochenen Torfstücken muteten noch feucht an, und ein leises Rascheln aus den Birken verriet den aufkommenden Wind von der Weser. Hauke spähte suchend umher, tat einige halbherzige Schritte am Torfhang und blieb wie angewurzelt stehen.
„Was ist?“, fragte Ulrike verwundert. Hauke atmete tief durch, der kleine Finger deutete warnend auf die halbdurchsichtigen, silbrig in der Sonne schillernden Schlangenhäute zu seinen Füßen. „Hier sonnen sich sonst die Kreuzottern, aber scheinbar halten die schon Winterschlaf.“
Er erstieg ohne Umschweife die Höhe mit den Birken, und Ulrike fragte irritiert, „was suchst du?“
„Irgendwo befand sich ein kleines Gestrüpp“, erklärte er, so leise als sei ihm egal, ob er verstanden wurde. „Ich meine, es war ein Busch mit roten Beeren. Eine Matte aus Ästen beginnt an der Stelle, und über den Pfad erreichen wir gefahrlos den Torfstich.“
Geldis folgte ihm neugierig auf den Hang und wies ihm eine Eberesche, gut acht Schritt hoch und schwer von Vogelbeeren. „Dort vielleicht?“
Sie hatten Glück, und es ging weiter auf diesem dünnen Pfad, der einen Bogen um den Hang mit Brombeergeflecht schlug. Geldis fühlte sich froh über ihre Entdeckung und raffte vor ihnen das Kleid, um hüftschwingend den Hang zu nehmen. Hauke sah ihr sehnsüchtig aufs Hinterteil und heftete sich leichtfüßig an ihre Fersen.
Ulrike bemerkte es durchaus und sah sich an Eikes Aussetzer erinnert. In der Hinsicht schienen die Männer alle gleich zu sein. Außer Dirk, überlegte sie, oder erweckte sein höfisches Benehmen bloß den Anschein, er könnte anders sein? Nein, einmal wollte er sie umarmen und ging brav auf Distanz, bei ihrer Reaktion. Sie sehnte sich auf einmal nach ihm…
Oben erstreckte sich ein mit blühender Erika bewachsener Damm. Vereinzelte Birken leuchteten schneeweiß im Sonnenlicht, und zahlreiche Wespen kreisten aufgeregt um eine von gelbem Blattwerk verhangene Astgabel. Im Nachhinein kam Ulrike in den Sinn, Hauke könnte es demnächst darauf anlegen, Geldis auf dem Flur zu begegnen, der zum Schlafraum des Gesindes führte. Soviel Stärke, seiner Schmeichelei mit der nötigen Kühle entgegen zu treten, also Sillschweigen über ihr Geheimnis zu bewahren, traute sie ihr früher zu, heute weniger, nachdem sie Geldis besser kannte.
„Seltsam“, bemerkte Hauke. „Warum ist hier niemand?“ Überall fand sich zu Pyramiden gestapelt, feuchter Torf, um in der Sonne zu trocknen, und Ulrike registrierte, von der hiesigen Heide, zuletzt mit sechs gesehen, blieben einzig und allein diese Dämme im Moorsee übrig. Sie setzte tapfer den nackten Fuß an die Kante und blickte hinab, da glänzte unten tiefbraunes Kolkwasser. Am Gegenufer des Kanals begann ein weites Feld mit Schilf und Rohrkolben. „Wir sollten uns auf dem Rückweg ein paar Lampenputzer mitnehmen“, überlegte Birte.
„Ich kann mir denken, weshalb hier niemand arbeitet, obwohl gar nicht Sonntag ist“, fiel Ulrike ein. „Der Frondienst ist schuld. Alle sind auf der Rodung am Hemmelskamper Wald, oder bei der Säge am Berne-Kanal, um Holz zu verladen.“
Die letzte Meile über den Torfdamm forderte Ulrike das Äußerste an Willenskraft ab. Bei jedem Auftreten fuhr der Schmerz durch ihren Leib wie ein Messer und trieb ihr Tränen in die Augen, und eine befremdende Angst stieg in ihr auf, angesichts der sie umgebenden kargen Moorlandschaft mit ihren Birken und Sträuchern und den unwirtlichen Wasserlöchern. Ein Rudel Rehe hob sich zwar anmutig, fern und reglos lauschend aus weißen Schleiern ab, aber die nahm sie nur oberflächlich wahr, so heiß war ihr im Kopf, und so hundeelend fühlte sie sich von innen her.
Wenigstens gelangten sie über eine lückenlose Astmatte zu einem Wäldchen aus herbstlichen Birken und Erlen, wo sich unter welk gekräuseltem Blattwerk ein mit Schindeln gedeckter Schuppen verbarg, auf dessen Schattenseite Knöterich wucherte. Die Kate und der angebaute kleine Pferch umschloss ein Kleid aus Ranken, überschneit mit weißen Blütenrispen, ein Dutzend bunte Hühner suchten empört gackernd vor den Besuchern das Weite. Es war längst noch nicht Mittag, und sie bereits am Ziel, doch Ulrike klopfte das Herz zum Zerplatzen, und Birte, als würde ihr Mut schwinden, zog betreten die Unterlippe über die Zähne. „Wer geht vor?“, fragte Geldis. Sie schauten verzagend den Knecht an.
„Auch das noch“, knurrte Hauke, klopfte derbe an und erblasste, kaum öffnete sich tatsächlich die Tür. Ein uraltes Weib mit eingefallenen Wangen schaute sie aus Triefaugen misstrauisch an und forschte in Ulrikes Gesicht. Die schluckte einen Kloß herunter.
„Was wollt ihr?“, fragte die alte Agnes unwirsch, und Ulrike verfiel ins Stottern.
„Es ist… wir sind Frauen.“
Fast hätte sie sich verplappert - Hauke wurde gleich hellhörig. Und die Hexe lachte meckernd. „Hast du deine Zunge verschluckt?“ Sie ließ die Mädchen durch die halb geöffnete Tür in ihre Kate schlüpfen und verwehrte dem mitgekommenen Mann mit einem Schlag auf die Brust resolut den Einlass. „Du bleibst draußen.“
Für sie war ohne Belang, wie der Knecht sich draußen die Zeit vertrieb. Von Männern drohte ihr Unheil, was Besuche aus der Zivilisation angeht, hatte sie üble Erfahrungen sammeln müssen. Allerdings protestierte Hauke. „Ich führte sie... Das ist nicht dein Ernst, Alte.“
Sie schlug kurzerhand die Tür zu, hob mit ihrer verknöcherten Hand einen Eisenhaken auf, um die Rundplatte von ihrem Ofen zu hebeln, entnahm mit einem Splitter Holz eine Flamme aus der Glut und entzündete die Öllampe, die über dem alten Tisch in der Mitte des Raumes hing. Birte stieß Ulrike sanft an, und sie schnappte nach Luft, als von draußen Hauke mit den Fäusten an die Tür trommelte. Die Alte antwortete mit einem heftigen Gegenschlag von innen. Darauf kehrte Totenstille ein. Ulrike bemerkte einen getigerten Kater, der Agnes schnurrend um die Beine strich, ehe sie mit einem gedehnten Seufzer in den Schaukelstuhl am Ofen sank und anfing, knarrend hin und her zu wippen. Ohne Aufforderung setzte sich Ulrike auf einen der tristen Stühle am Tisch. Birte entschied sich für den anderen mit gedrechselter Lehne, während Geldis sich nörglerisch an die Bretterwand lehnte und die Arme verschränkte.
Verunsichert schaute Ulrike sich um. An Fäden befestigt reihten sich Trockensträuße über dem Ofen, verwelkte Molche, grobe Säckchen mit verblassten Blüten und gedörrte Pilze. Ihr wurde ganz schwumrig von dem intensiven Kräutergeruch, der in dem kleinen Raum hing, und Ehrfurcht erfüllte sie, bei dem Versuch, in dem verwitterten Gesicht der Alten zu lesen.
Die Katze lag schnurrend auf Agnes Schoß, und die kraulte ihr mit Daumen und Zeigefinger Hals und Nacken. Dann neigte sie sich aus dem Sitz über den Ofen, um vorsichtig das kleine Türchen zu öffnen und ein Stück Torf in die Glut zu schieben, schloss die Ofenklappe geschwind wieder und ließ sich ermattet in die Lehne zurück sinken. Ein unheimliches Funkeln wohnte ihren Augen inne, das von einem wachen Geist zeugte. „Wir sind unter uns“, stellte sie fest, was darauf anspielte, ihr Führer und männlicher Zaungast wäre ausgesperrt. Wie meist übernahm Ulrike es, alles zu erklären. „Vor etwa drei Jahren ließen die Grafen von Oldenburg bei uns Burgen erbauen. Wir duldeten das, obwohl keiner verstand, warum, und die Rittersleute, die einzogen, wurden immer unverschämter und zudringlicher. Was uns widerfuhr ist sicher schon anderen vor uns passiert, aber das ist kein Trost. Wir befanden uns auf einem Fuhrwerk und wollten zum Sonntagsgottesdient, und ein Achsenbruch zwang uns, den halben Weg nach Berne zu Fuß zu gehen. So sind wir den Leuten von Burg Lechtenberg genau in die Arme gelaufen. Sie hoben uns auf ihre Rosse und…“
Agnes verstand sie besser, als die Mädchen ahnten. „Sie haben um euch gewürfelt sagst du?“
„Ja, im Rittersaal der Lechterburg, und es verfolgt mich in den Schlaf, was sie taten, denn…“ In Ulrikes Augen erwachte der Hass, als sei es eben geschehen. Die Alte musste sie mit abwiegelnder Hand bremsen. Mit einem Seufzer, der eigene Erfahrungen der gleichen Art verriet, nickte Agnes.
„Wenn sich ein lieber Kerl in der Ehe als Scheusal erweist und nur noch grob ist, das ist auch ein hartes Los, das glaub‘ mal. Die meisten Männer sind plump und selbstsüchtig, bevor sich ein Weibsbild die Mühe macht, ihnen Anstand beizubringen... aber ich bin an einen geraten, der sich irgendwann in ein selbstsüchtiges Scheusal verwandelt hat.“
Ihre Lebensgeschichte war erfüllt von Bitterkeit, Traurigkeit und Enttäuschungen, und sie verfügte über ein großes Herz. Was man gern über die böse Hexe mit dem Buckel berichtete, die im Maybusch, dem entlegensten Winkel des Huder Moores, ihr Unwesen trieb, waren alles Lügen und Märchen. Die Alte kochte Wasser und bereitete ihnen einen Badezuber vor. In den mussten sie nacheinander steigen und für eine volle Stunde ein Sitzbad nehmen. Zuvor zerrieb sie eine Handvoll Alantblätter, streute Eichenrinde und Brombeerblätter in das heiße Wasser, gemahlenes Mutterkorn, Gartenraute und eine Handvoll Rosenblätter für den Duft, und sie tat viel Salbei hinzu.
Die Alte nutzte die Zeit, in einer Pfanne Speck auszulassen. Mit einem Pistill und einer Tonschale zerstampfte sie Schafgarbe und Bockshorn und tat Johanniskrautöl und Bienenwachs dazu, sowie drei Eigelb. Ein Pilz, der nach nächtlichem Regen unter Weiden nur so aus dem Boden schießt, verfügte über die nötige Betäubungskraft, und sie rührte das Ganze und schlug es, bis eine Salbe daraus entstand. Die füllte sie in drei runde Kupferdöschen. „Das führt ein, wo es brennt, und reinigt zuvor eure Hände. Dann lindert es den Schmerz und entspannt den Muskel in der Scheide. Wiederholt die Behandlung jeden Abend vor dem Einschlafen, bis es völlig abgeklungen ist.“
Danach ging es Ulrike nicht nur spürbar besser, sie fühlte sich auf eine befremdende Art und Weise vital - bereit, die Welt wieder anzulachen; Geldis und Birte mochten es ebenso empfinden. Birte weinte hemmungslos, weil es alle Erwartungen in den Schatten stellte, und ihr dafür eine Mark auf den Tisch zu legen, war billig. Agnes schmunzelte und sagte mit einem zwinkernden Auge: „Täglich zwei Spülungen, und achtet auf das Leinensäckchen, verliert es nicht. Von jeder Sorte eine Handvoll. Die Alantblätter gehören ordentlich zerrieben.“
Mit gründlichem Nachdenken hielt sich weder Birte noch Geldis allzu lange auf, aber Ulrike sagte sich, Sibo Aumund würde sicherlich Stillschweigen bewahren über den Vorfall auf der Burg. Sie durften sich bloß nicht selber in Verruf bringen und keinem davon erzählen. Anschließend grübelte sie über diesem Problem; und hatte sich der Floh im Ohr erst mal festgesetzt, packte sie das für sie notwendige in ihrer bestimmenden Art an. „Noch sind wir unter uns“, stellte sie fest. „Was meint ihr, wollen wir gemeinsam bei Gott und allen Heiligen schwören, niemandem ein Sterbenswörtchen von der Widrigkeit im Rittersaal zu verraten?“
Geldis war bei dem Gedanken nicht geheuer, auf Gedeih und Verderb an so etwas gebunden zu sein. „Kindisch, sowas“, schnarrte sie verdrossen und gab sich aufreizend desinteressiert. Auch Birtes Lachgrübchen reflektierten eine abweisende Haltung, weil sie schwerwiegende Entschlüsse gewöhnlich auf den Sankt Nimmerleinstag zu verschieben pflegte.
„Sie denkt weiter als ihr“, bemerkte Agnes und wies mit dem Kinn auf Ulrike. „Haltet ihr den Mund, bleibt alles unter euch. Das ist so.“
Also beschworen sie das zu dritt und ritzten sich, um den Schwur vor Gott zu bekräftigen, mit einem kurzen, blutigen Schnitt den Handrücken, und Birte, froh, sich durchgerungen zu haben, fiel Ulrike spontan um den Hals und fächerte Geldis weitere Bedenken leichter Hand hinweg. Ulrike ahnte, sollte es kritisch werden, würde Geldis voraussichtlich eine hartnäckig sture Haltung beziehen und sich eigenwillig darüber hinwegsetzen. Hinterher konnte sie sich leicht herausreden, man habe sie einfach überstimmt und gezwungen, mitzumachen. Ein oberflächlicher Mensch wie Geldis fühlte sich an nichts gebunden, solange sich eine Ausrede finden ließ, das bereitete Ulrike Magendrücken und Kopfzerbrechen, aber Geldis hatte sich nicht ausgeschlossen, und die Anwesenheit der Hexe erhob den Schwur zu einer feierlichen Angelegenheit. „Eigentlich habt ihr es selber in der Hand, ob sich die Sache herumspricht“, ermahnte die greise Agnes sie und beschloss, was sie den Mädchen mitgab auf den Weg ins Leben zurück, mit der Bemerkung: „Versucht unter die Haube zu kommen und sprecht mit keinem über die Sünde, an der ihr so unschuldig seid wie ein Baby am Tod seiner Mutter.“
Im Schatten des Erlenbruchs wucherten Wildkräuter, und sie traten ins Freie, da nahm Ulrike zum ersten Mal in ihrem Leben wahr, wie angenehm würzig Brennnesseln duften.
Der ausgesperrte Knecht hatte es sich bequem gemacht. Er lag, die Hände unter dem Hinterkopf gefaltet, im Schatten einer Weide und schnarchte leise, als sie ihn weckten, um gemeinsam den Heimweg anzutreten.
5. Kapitel
Burg Keyhusen erhob sich im sumpfigen Uferbereich eines großen Sees, den man das Zwischenahner Meer nannte, anzusehen wie eine umgedrehte Kommode mit ihren vier Ecktürmen. Die Dorfstraße reichte bis an das Wasser, und ein breites Steggerüst führte an verblühten Schwertlilien, Schilf und Rohrkolben vorbei zur Zugbrücke. Die Bucht, an der sich die versteckte Ortschaft Zwischenahn ausbreitete, war fast zugewuchert. Nach Westen hin, unter dem Steg beginnend, erstreckte sich davor im Sonnenuntergang ein Sumpf voll blauer Lilien, mit Libellen, grünen Fröschen und vielen Mücken. Wenn es im April viel regnete, schimmerte der See dort bis Ende Juli wie mit blauer Tinte gefüllt.
Es war bis nach Bremen bekannt, der greise Burgherr Jürke von Keyhusen machte sich wenig aus Geld. Fiel die Ernte schlecht aus, verzichtete er manchmal sogar auf seinen Teil. Die Bauern von Zwischenahn und Elmendorf liebten ihn dafür. Ebenso war bekannt, ihm bereitete sein einziger Sohn Kummer, da der sich meistens in der Fremde herumtrieb. Am Tag nach Erntedank zog es ihn früh auf den Söller des Burgtores, obwohl die Lilienbucht noch unter Dampf lag – und tatsächlich näherte sich durch die Nebelschleier bald ein Ritter in den Hausfarben gelb und weiß langsam über die Dorfstraße dem Torhaus. Hinter der Zugbrücke, auf dem Kopfsteinpflaster des Innenhofs, saß der Reiter ab und warf die Zügel seines Rosses einem Stallknecht zu. Er hörte es noch befreit wiehernd die anderen Pferde begrüßen, während der Vater erstaunlich schnell die Stufen herab stürmte, um ihm zur Begrüßung die Hände auf die breiten Schultern zu legen. Dirk lächelte breit. „Da bin ich Vater, du kannst die Meute antreten lassen und zum Halali blasen.“
„Die Saujagd fällt ins Wasser“, klärte ihn sein Vater ohne Umschweife auf. „Drei unserer Knechte klagten gestern über Schwindelgefühl und haben gekotzt bis Rotz und Galle kam. Unser Bader ist auch krank, und ein Quacksalber, den ich vom Markt holen ließ, meinte bloß, Blattern oder Typhus schließe er aus. Himmelherrgott, so klug ist selbst mein jüngster Stallknecht. Nur gut, dass wenigstens du gesund und munter bist, mein Junge. Was sagt Konrad?“
Dirk lächelte erlöst, er sehnte die Saujagd nicht unbedingt herbei. „Ich überbringe gutgemeinte Grüße, aber er ist nicht mehr der Draufgänger, mit dem ich zu Lüneburg auf den Turniersieg des Wittelsbachers anstieß. Keine Spur mehr von dem, was seinen Witz ausmachte, sag ich bloß. Es befriedigt ihn, ein Lakai von Graf Moritz zu sein. Dass der selbst ein Speichellecker ist und allein deshalb beim Kirchenfürsten so gute Karten hat, scheint ihn kaum zu stören, dabei schwatzen es die Spatzen von den Dächern. Der reist nie ab, ehe er nicht durchgekriegt hat, was er wollte.“
„Du bist zu streng Dirk, oder sollte ich sagen, zu schrullig“, belehrte ihn sein Vater. „Du findest an den Besten bloß Tadel. Wer einen Freund ohne Fehler sucht, bleibt ohne Freunde.“
„Ich bin alles andere als allein in meinem Denken. Godeke ist ein Freund, wie man ihn sich wünscht. Der steht zu mir, wie eine Portalsäule zur anderen.“
„Das ist gut. Lass‘ uns das Gespräch im Großen Saal fortsetzen. In der Kühlkammer hängt ein Hirsch. Der Koch ist zum Glück noch wohlauf und weiß Bescheid. Ich lasse den Kamin anfeuern, damit es gemütlich ist, wenn wir speisen können.“
Der Holzboden war gründlich ausgefegt und mit Binsenstroh bestreut worden, und ein Knecht im hellen Wappenrock kniete sich vor den Kamin. Die Flammen prasselten und knackten, als sie einander am Eichentisch des Großen Saals gegenüber saßen. Eine Weile betrachtete Dirk bewegt den neuen Brokatteppich aus Flandern, der im Grünstich gehalten eine Jagdgesellschaft darstellte und seit kurzem die Wand über der balkonartigen Empore schmückte.
„Ich schätze ich weiß jetzt, wie Graf Moritz es hingekriegt hat“, begann Dirk seinen Bericht, „dass ihm der Erzbischof von Bremen Stedingen als Lehen zuerkannte. Er ist ein Neffe der letzten Gräfin von Versfleth. Der alte Tunichtgut sieht übrigens schon einen Weg, dem Bistum aus der anhaltenden Geldknappheit zu helfen. Bekanntlich führt die Handelsstraße von Friesland durch Berne; eine Burg aus Stein ist geplant und eine Zollschranke. Er will dort seinen Sitz aufschlagen.“
Jürke von Keyhusen erschrak erwartungsgemäß bei diesem Bericht, und Dirk beschloss es mit einem Kopfnicken, das unterstrich, wie sehr ihn das aufregte. „Wer Menschenkenntnis sucht, lernt nie aus.“
Sein Vater lehnte sich zurück, als sei er den weiten Weg von Berne geritten und nicht sein Sohn. „Na die Bremer werden sich freuen. Das wäre ja dreist… und dazu aus Stein. Damit kommt er nicht durch.“
„So sehen jedenfalls seine Pläne aus, und glaube mir, ich bin enttäuscht von Konrad. Vogt und Richter über tausende von Bauern zu sein, hat ihn hartherzig und überheblich gemacht.“
„Mag sein“, wechselte der Alte unvermittelt das Gesprächsthema. „Du wirst einen Tag vor Weihnachten 26 Jahre alt, und ich möchte den Leuten in Zwischenahn und Elmendorf endlich ihren zukünftigen Burgherren vorstellen. Du hattest ausreichend Zeit, dir die Hörner abzustoßen, aber jetzt zähle ich auf dich. Ich habe Arnd zum neuen Truchsess bestimmt und mit einem der Burgmannschaft zu Heinrich von Hoya geschickt, um in deinem Namen um die Hand von Heinrichs ältester Tochter Adelheid vorzusprechen. Ihre Mutter ist eine von Wölpe, sie soll mehr Verehrer haben als wir uns Bedienstete leisten können, überbrachte Arnd, aber sie kennt dich vom Lüneburger Stadtfest Letztjahr und ist dir geneigt.“
Sein Vater schien glücklich, ihn bei sich sitzen zu haben. Wie, um sich zu vergewissern, ob nichts schieflaufen konnte, äugte er nach Dirks Ringfinger. Dirk streckte mit einem gedehnten Seufzer die Beine unter den Tisch. Auf einmal verstummte Jürke. Ihm schwoll die Ader über der starken Nase, sein ohnehin fleischiges Gesicht glühte vor Zorn. Die Hand schlug auf den Tisch, es krachte und Dirk zuckte zusammen.
„Gütiger Himmel, was hast du wieder verbockt“, wetterte er los. „Wo ist der Rosenring, den ich dir zum letzten Geburtstag auf den Finger schob?“
Dirk schluckte betreten. „Ich gab ihn einem Mädchen in Berne.“
„Wem?“, wollte Jürke von Keyhusen wissen. „Der Tochter von Graf Moritz?“
„Nein, der gewiss nicht.“
„Wem?“
„Vater, gib mir einen Moment, es zu erklären.“
„Wem??“
„Ich habe mich auf einem Erntedankfest in Berne…“
„Wem???“
„Sie ist die Tochter des Schmieds von Berne, einem einfachen doch ehrbaren Mann. Nach einem scharfen Ritt verlor Adalbert einen Huf. Ich musste absteigen, und in meinen neuen Stiefeln lief ich mir Blasen an die Füße, ehe ich in Berne ankam. Stockdunkel war’s, außer Katzen und einem Marder niemand mehr unterwegs, da traf ich drei Mädchen. Die wiesen mir einen brauchbaren Schmied.“
„Interessiert mich nicht“, fuhr ihn sein Vater an. Jürke zeigte sich fassungslos über so wenig Einsichtsvermögen. „Der Tochter eines Schmieds gabst du meinen Rosenring, den Ring den mir deine Mutter in ihrer Sterbestunde vermachte? Habe ich das richtig verstanden, Dirk?“
Aus Dirks Gesicht wich alle Farbe, er zog tief über die Zähne Atem ein. Doch fiel ihm keine vernünftige Erklärung ein, den Vater zu beschwichtigen.
„Wir beide, mein Sohn, wir speisen jetzt“, sagte Jürke von Keyhusen, und es klang wie eine Drohung. „Wir speisen zusammen, weil der Koch bereits den Hirsch zubereitet und sich viel Mühe gibt mit diesem Essen, und weil du lange auf dem Ross gesessen hast. Doch morgen früh, mein Guter, lässt du dir den Adalbert erneut satteln und reitest schleunigst noch einmal nach Berne, um das zu richten. Und komme mir ohne den Rosenring nicht wieder unter die Augen.“
Dirk hätte einiges mehr berichten können, doch die Stimmung gefror zu Eis. Der Hirschbraten mit Weinsoße schmeckte bitter, obgleich der Koch bei der Zubereitung nicht mit Würze geizte oder sonst etwas die Speise verdarb. Es war mehr als eine Laune für seinen Vater, und Dirk nahm allen Mut zusammen, um noch einmal nach dem Stein des Anstoßes zu treten: „Vater, du erwähnst gern den Ball auf Burg Stotel, an dem du Mutter kennenlerntest: Der Herzog von Lüneburg, dem sie ursprünglich angetraut werden sollte, goss ihr vor versammelter Gesellschaft gehässig Wein über die Brust. Mutter entschuldigte sich artig und immer noch freundlich, sie müsse sich kurz umkleiden - der Stoteler brüllte vor Lachen. Du bist heut‘ noch stolz darauf, dich eingemischt zu haben. Oft belehrtest du mich, Heiratsabreden wären eine Unsitte. In solchen Ehen gebärdet sich der Mann wie ein Auerhahn, es ist Uso, seine Angetraute grün und blau zu schlagen, wenn es einem beliebt... Das waren deine Worte.“
„Sicher Dirk. Doch ich verschwieg nicht, deine Mutter entstammt dem Grafenhaus Stotel. Es endete mit einem bösen Krach, aber die Verlobung ließ sich abbrechen, und für mich war sie standesgemäß.“
„Stellen wir klar“, wehrte sich Dirk. „Du hast mir empfohlen, auf meine innere Stimme zu hören. Nichts Anderes tat ich zum Erntedank, als ich die zum Tanz einlud, die mir in der Not geholfen hat. So Vater, prüfe ich ein Herz.“
„Du wirst den Ring von ihr zurück fordern, mein Sohn, sonst…“
„Was sonst, Vater?“ Ein Lächeln umspielte Dirks Lippen. Ulrikes Gesicht im Geiste vor Augen verzog er träumerisch das Gesicht, und er wusste, was er zu tun hatte. „Wenn ich täte, was du mir aufträgst, könnte ich nie wieder in einen Spiegel sehen. Ich kann Rike nicht einfach sagen, das war ein Versehen, ich habe das nicht so gemeint.“
„Kannst du es nicht“, gab ihm der Vater zu verstehen, „hast du das zu lernen. Selbstzucht, mein Sohn beginnt, wo wir uns selbst etwas auferlegen. Gefühle sind ein Luxus, den wir uns bei Mädchen aus dem Bauernstand nicht erlauben dürfen. Kein Ritter, welcher etwas auf sich hält, würde die Tochter eines Schmieds an deiner Seite wie eine Hofdame grüßen. Da ist eine Barriere, die gab es schon, bevor du geboren wurdest. Wir haben das zu respektieren.“
„Mir kommen da Zweifel“, gestand Dirk. „Wir sind doch alle Menschen aus Fleisch und Blut. Reicht dir ein Bauer die Hand, fühlt sich die kaum anders an als die eines Edelmannes. Zur Jahreswende trieb es mich zum Kloster. Ich war in Rastede und habe Frederik besucht, der den Benediktinern beitrat. Er beherrscht das Latein der Bibel wie die Pfaffen und behauptet, im neuen Testament steht geschrieben: Vor unserem Heiland, der für die Christenheit starb, sind alle Menschen gleich. Wer sich für besser hält, wird tief fallen. Was den Adel ziert, ist reiner Hochmut und verächtliches Getue, eine eitle Sünde. Mir dämmert allmählich, was er meinte.“
„Die, die sich ins Kloster verkriechen, leiden an derlei Grillen, ich weiß. Dabei ist es verboten, bei privaten Zusammenkünften aus der Bibel zu lesen. Auch wenn das Frederik behauptet, lass dir keinen Bären aufbinden, von wegen, es ist aus der Bibel!“
„Grillen? Du kennst ihn. Er verstand schon gut Latein, bevor er ein Benediktiner wurde.“
„So ein Unfug!“ gab sein Vater ruppig zurück, und der Streit schaukelte sich erneut hoch, sodass Dirk Zähne knirschend aufsprang und ohne ein weiteres Wort aus dem Rittersaal floh, um ausgeschlafen zu sein am nächsten Morgen. Nichts schien weniger reizvoll, als später wie sein Vater auf der Burg zu versauern. Er nahm sich vor, den Sonderling ihrer Familie im Kloster Rastede aufzusuchen. Die Sache um Ulrike bewegte ihn mehr als sein Vater es sich vorstellen konnte. Der Einblick in das sorgenvolle Leben im Schatten der Burgen führte zu dem Schluss, rückständigen Ansichten anzuhängen. Er kam nicht mehr damit zurecht, bei der Schwertleite geschworen zu haben, den Bedrängten beizustehen, fing an, sich für seinen Stand zu schämen und kämpfte mit dem unbestimmten Gefühl, den Mund kürzlich in Berne sehr voll genommen zu haben.
Für seine neuen Freunde in Berne war er ein Edelmann, der für das, was er sagte, einstand… und Ulrike glaubte an ihn. Das erfüllte ihn mit Stolz. Er mochte sie nicht enttäuschen. Die heimliche Hoffnung, Lüder zum Burgschmied der Keyhuser zu machen, konnte er vergessen. Vor dem Tischgespräch hätte er es anschneiden müssen… und was das Leben anging, musste er sich eingestehen, er hatte die Karre übel in den Dreck gefahren. Der einzige Mensch, mit dem er darüber reden konnte, war Frederik. Erinnerungen an eine gemeinsam durchgefochtene Fehde stiegen auf, dachte er an den guten alten Frederik. Es ging damals um einen Turm auf der Straße von Oldenburg nach Leer, die durch Elmendorf ins Östringer- und Rüstringerland reichte. Die Ritter von Specken hausten am nördlichen Ende des Zwischenahner Meeres auf ihrer Burg und fädelten es schlau ein, indem sie einige entlegene Güter mit Landwirtschaft erwarben, und zwar zwei Häuser mit Weiden und Äckern und eine Mühle nahe dem Moorpass, der durchs Ammerland führte, mitsamt dem Haus des Meiers. Sie gaben den Ländereien den Namen Loie und pochten auf ihre Zuständigkeit, um eine Zollschranke zu errichten. Das hielt die Händler aus Aurich, Leer und Jever ab, weiterhin auf dem Markt von Zwischenahn ihre Stände aufzubauen, darum schritten die Keyhuser Ritter ein und steckten zur Nachtzeit den Turm bei Loie in Brand. Huno von Specken kam um bei diesem Handstreich, und Frederik musste sich auf Betreiben der erbosten Sippe vor dem zuständigen Gericht zu Godensholt wegen Landfriedensbruch rechtfertigen. Er überraschte die Kläger auf seine Weise, denn er fand zwei Zeugen, und die reichten aus, um Huno von Specken Wegelagerei nachzuweisen und ihn in drei Fällen posthum des Mordes schuldig zu sprechen; die Ländereien von Loie wurden der Ortschaft Elmendorf eingemeindet. Dirk bewunderte Frederik dafür, bewies er doch, es lohnt sich, für sein Recht einzutreten, und er vermisste seine abgeklärte Art. Ausschlaggebend für sein Untertauchen im Kloster war ein Strafgericht, eingeleitet vom Grafen von Hoya. Er durfte nicht ablehnen und verachtete sich selbst dafür, seine Hände mit dem Blut von Frauen und Kindern besudelt zu haben. Darum versteckte er sich seit Jahren im Kloster Rastede. Dirk konnte das nie verstehen. Nun war er selbst so weit, alles in Frage zu stellen... Seine beiden Freunde erreichten Tage vor ihm Burg Keyhusen, und es trieb ihn zu dem Haus aus Backstein, das dem Bau, in dem der Rittersaal lag, gegenüberstand. Der Abstecher zum Kloster dürfte unterhaltsam werden in der Gesellschaft von Godeke und Ekhard.
Godekes Gesicht wirkte nackt, ohne den gewohnten Vollbart. Er war ein Schwerenöter, und Dirk brannte es auf der Zunge, ihm von Ulrike zu berichten. Seine Kammer sah erbärmlich aus, enthielt zwei Stühle, einen winzigen Ecktisch aus Buchenholz und ein Bett. An Einrichtung im feineren Sinne enthielt sie noch eine Truhe aus Eichenholz, in deren rundem Deckel Ornamente eingeschnitzt waren, mehr nicht. Das unaufgeräumte Schreibpult wies von der Nacht her etwas Verstörtes und Wüstes auf. Der Freund schrieb mitunter Briefe, bis er darüber einnickte, die er aber niemals absandte; damit überbrückte er die Einsamkeit, wenn er gern mit einem Menschen reden wollte und niemand sich fand. „Ich glaube“ eröffnete Dirk ihm, „ich habe mich verliebt.“
Godeke amüsierte es, wie er von Ulrike schwärmte. „Na wunderbar Dirk. Genieße das Gefühl, höre auf dein Herz. Du musst nur wissen, wie weit du gehen darfst, bei einem Bauernmädchen.“
Dirk ärgerte es, sich ihm anvertraut zu haben, doch Godeke klopfte ihm schmunzelnd die Schulter. „Koste es aus. Lass dich von deinem Vater nicht einschüchtern. Jürke hat keinen Erben außer dir. Ich würde einfach ein Jahr nichts von mir hören lassen. Dann wird dich der Alte mit offenen Armen wiederaufnehmen.“
Ekhard war zwar ein Ritter, so wie Dirk und Godeke, allerdings vor allem ein Spaßvogel, und nebenbei ein Spielmann aus Freude an der Sache. Er hatte Talent, kannte einige Strophen des Nibelungenliedes und die geläufigen Volkslieder, dazu einiges vom Kürenberger und den Künstlern der Minne: Dietmar von Aist, Walther von der Vogelweide, Hartmann von Aue und Hinrich von Veldeke. Und er beherrschte die Laute, als wäre sie ein Teil von ihm. Manchen, der sein Brot so verdiente, hätte er auf dem Instrument an die Wand gespielt. In seinen grünen Augen lauerte immer ein wenig der Schalk, brünette Locken flossen ihm füllig auf die Schulter, und mitunter, wenn er überlegte, zwirbelte er unbewusst an seinem Schnurrbart. Es brauchte einen trefflichen Grund, ihn zu überzeugen. Was er nicht wollte, dazu ließ er sich nicht herab. Aber ein Grund war gegeben, galt es doch, den an das Kloster verlorenen Freund von früher aufzusuchen. Nur was voranging warf einen düsteren Schatten auf ihr Vorhaben, Dirk litt an dem Bruch mit seinem Vater. Wutentbrannt wie er sich nach dem Speisen zurückzog, tat er kein Auge zu in dieser Nacht. Auch Jürke mied ihn seinerseits und hielt sich vom Pferdestall fern, während die drei Freunde die Sattelgurte ihrer Schlachtrösser überprüften und sich gemeinsam aufmachten, über den langen Bretteranleger von Burg Keyhusen. Sein Vater blickte ihm vom südlichen Eckturm aus traurigen Augen nach.
Eine Woche lag der erste Nachtfrost zurück, und die Moorwälder des Ammerlandes, die sich vor dem Kloster Rastede erstreckten, verloren ihre letzten, gelblich verfärbten Blätter. Die meisten Vögel fehlten in Wald und Flur - es trieb sie nach Italien; obwohl durchaus hier und da eine Amsel flötete, ein Eichelhäher schnarrte, ein Raubvogel schrie, oder das lautstarke Hämmern eines Buntspechts die Stille zerriss. Dirk spürte die eigenartige Stimmung des Herbstes, während Godeke und Ekhard hinterher trabten. Sie folgten dem sonnigen Feldweg, auf dem sie immer ritten, wenn sie von Zwischenahn in die Welt aufbrachen - Anlass genug, sich plaudernd alter Zeiten zu besinnen, in denen Frederik bei keiner ihrer Unternehmungen fehlte.
Nahe der Klosterpforte stand ein hoher Kastanienbaum, den vor einem halben Jahrhundert ein Pilger in Form einer Frucht aus dem Heiligen Land mitbrachte, auch der trug schon bräunlich welke Blätter. Zu seinen Füßen lagen verstreut im Gras und am Wegesrand hunderte von stacheligen Früchten, wo Dirk leichtfüßig aus dem Sattel seines breiten Schlachtrosses sprang und an das Eichentor klopfte. Ein pausbackiger Mönch in Kutte und Strick blinzelte den Junker aus dem Schatten der Kapuze forschend an, und Dirk riss sich das Barett von den krausen Locken und verneigte sich höfisch.
„Edelmänner?“, stellte der Benediktiner in fragendem Ton fest und schien zu überlegen, ob er sich an einen aus der Gruppe erinnerte. „Was treibt euch her? Wollt ihr dem Kloster beitreten?“
Dirk schmunzelte, nichts lag ihm ferner. „Vier Jahre gingen ins Land, seit ein Freund von uns der Welt entsagte und ein Benediktiner geworden ist.“
„Hat er das getan, weiß er sicherlich weshalb und möchte nichts mehr mit weltlichen Sorgen zu schaffen haben“, belehrte sie der Mann und schlug sich die Kapuze aus der Stirn. Er war ein Geschorener und sein Schädel glänzte zur Mitte hin, wie üblich bei denen, die sich Gott verschrieben.
„Er wird den Wunsch äußern, uns sehen zu wollen. Erzählt ihm, drei Keyhuser Ritter möchten ihn besuchen, die einmal seine Freunde waren. Dirk sei um den Rat eines Schriftgelehrten verlegen und braucht Hilfe.“
Den Namen zu nennen genügte. „Ach der Frede“, sagte der Klostervorsteher, zog quietschend die Eisenpforte auf und geleitete sie in den Innenbereich im Schatten der Klostermauer. Dirk fielen Volieren mit Rotdornsträuchern auf - darin umher hüpfende Buchfinken schlugen aufgeregt an, als vier Menschen nahten. Sie betraten einen Weg, der durch eine Laube aus blutroten Rosen führte. Am Ende des Klostergartens erhob sich vor der Bibliothek eine uralte Linde mit einem mächtigen, aufgerissenen Stamm. Wein gedieh üppig auf der Sonnenfassade, und eine mit Eisenlilien beschlagene Eichentür öffnete einen kühlen, gekalkten Flur, der in das Empfangszimmer mündete. Drei Stühle mit gedrechselten Lehnen standen an der Außenwand, die anderen Wände nahmen volle Bücherregale ein. Sie blickten vertröstet auf ein leeres Schreibpult, während der Bruder in grauer Kutte sie warten ließ. „Er ist in der Messe. Bitte geduldet euch, ich melde euch Bruder Frede.“
Die Messe war längst zelebriert. Lange brauchten sie nicht zu warten. Frederik, früher schon ein herzlicher Geselle, nahm einen nach dem anderen die Freunde in den Arm, klopfte jedem die Schulter und setzte sich ihnen gegenüber an das Pult. Sein breites Lächeln deutete an, wie wohl Frederik ihr Besuch tat. „Erst erzählt, was euch herführt, sagte er im altvertrauten, tiefen Bass. „Dann habe ich euch auch etwas mitzuteilen.“
Dirk berichtete ihm von seiner Reise ins Stedinger Land und der Woche auf Burg Lechtenberg… und natürlich von Ulrike: Dass er Godeke vorausritt und sein Rappe mitten in der Nacht mit einem Huf nicht mehr auftreten wollte… „Sie hat so eine Art zu reden und zu lachen, und ich muss immer an sie denken. Es zieht mich zu ihr zurück, selbst wenn Jürke mich dafür verstößt.“
„Ja, das klingt nach einer kessen Maid“, bestätigte Frederik. Schöne Augen genügten bekanntlich nicht, um Dirk den Kopf zu verdrehen, und er freute sich, weil er schon dachte, der wolle als ewiger Junggeselle durchs Leben gehen. „Was mich nun hellhörig macht“, fügte er hinzu, „du erwähntest Graf Moritz von Oldenburg. Mir fällt dazu eine Vereinbarung ein, zwischen ihm und Meinrich, unserem Abt, der übrigens aus Elsfleth stammt…“
Dirk strich sich die Locken aus der Stirn, fasste ihn neugierig werdend in die Augen. „Lass hören.“
Ein hintersinniges Lächeln um Frederiks Mund verriet eine grenzenlose Bereitschaft, sich auf das, was Dirk zaghaft ankündete, einzulassen. Er war sich bewusst, als Mönch hatte er Einsicht in die hiesige Chronik und saß an der Quelle, wollten sie mehr erfahren über die gegebenen Vorfälle.
„Unser Kloster besitzt Ländereien im Ammerland, in Rüstringen, Lüneburg und sogar im westfälischen Lüdenscheid und Soest, und das auch im Umland von Bremen und in dem von dir erwähnten Land der Stedinger. Es werden immer mehr, ebenso wie jedes Jahr mehr Bauern um ihr Land gebracht werden. Schuld daran ist ein Gesetz, das auf Barbarossa zurückgeht, danach kann ein Vogt in seinem Lehen nach Bedarf Bauern zum Frondienst heranziehen. Die stedingischen Siedler sind nach dem Hollerrecht davon ausgenommen, aber Graf Moritz setzt es neuerdings mit brutaler Härte ein.“
„Ähm“, raunte Dirk. „Von wem geht das aus?“
Frederik zog eine leidgeprüfte Miene. „Ich weiß nicht, wer die Befreiung vom Frondienst aufhob. Aber ein Abt, der zweiunddreißig Brüdern ein Vorbild sein sollte, findet es offenbar wenig verwerflich, sich an dem Hab und Gut seiner eigenen Landsleute zu bereichern! Die Klöster saugen sich mit Ländereien voll und treiben das Tun munter voran dadurch. Mir kommen da erhebliche Zweifel, ob so jemand im Sinne Gottes handelt… und ich fühle mich mitschuldig, bin schließlich auch ein Benediktiner.“
Ekhard strich sich mit dem Handrücken übers Kinn, nahm sich die geschulterte Laute ab, legte sie vorsichtig über sein Knie und zupfte prüfend an den Saiten, als langweile ihn derlei Konversation. Ihr Freund in der Kutte blickte Ekhard an, bis der die Finger streckte und ihm mit aufgestütztem Kinn auf die Lippen schaute. „Ende August kommt es manchmal auf jede Woche an, die das Korn noch reift, und jeder Vogt hat schnell den Bogen heraus, im letzten Augenblick die Arbeitskräfte von der Ernte wegzuholen für das Roden einer Waldung, das Ausheben von Entwässerungskanälen, oder - wenn sonst nichts geht - wird zum Neubau einer Brücke gerufen.“
Dirk nickte hastig. „Und zu Erntedank ist dann der Zehnte fällig. Graf Moritz lässt die enteigneten Familien vom Hof scheuchen und überwacht selbst den Verkauf der Ländereien. Kaufen tun es dann die Klöster.“
Frederik hob die Braue. „So leicht kann ein Lehnsherr einen Bauern ruinieren.“
Ekhard strich wie aus Beifall geräuschvoll über die Saiten der Laute, und Frederik holte tief Luft. „Willst du mich ärgern, Ekhard?“
„Nein, aber ist etwas Wahres an dem Gerücht, ihr hättet unter dem Speisesaal des Abtes einen Weinkeller im Kloster Rastede?“
„Es gibt einen Vorratsraum und eine Räucherkammer. Die zweite Tür des Flurs führt hinab in ein kaltes Kellergewölbe.“ Frederik zeigte auf seine Füße. „Das liegt genau unter uns. Dort hängt viel Schinken, unter der Treppe lagern haufenweise pralle Säcke voll Gerste und Roggen, und um das Gerücht zu entzaubern, von dem du hörtest: Ja, wir bewahren außerdem ein paar Fässer guten Burgunder in dem Gewölbe auf.“
Ekhard griff wie erlöst in die Saiten und sang ein Lied, das dem Wein gewidmet war und in Gastsälen oft gewünscht wurde.
„Ich geh‘ ja schon“, gab ihm Frederik zu verstehen. Dirk nutzte die Gelegenheit, sich Einblick zu verschaffen, was dieses Kloster einem bildungshungrigen Mönch bieten konnte. Bei der Buchreihe, deren Titel er überflog, handelte sich um den Nachlass eines Siward - des 4. Abtes: Amtsbücher für Bischöfe, ein Messbuch und ein Morgengesangbuch in einem Band und ein liturgisches Gesangbuch. Auszüge aus dem Kirchenrecht, die vier Evangelien einzeln, ein Kräuterbuch und ein Steinbuch. Ein Edelstein der Seele, und die Regeln des heiligen Benedikt, daneben ein Buch über den Streit der Laster und der Tugenden, von Plato und ferner die Werke des Arator, Juvencus, Sedulius und Prosperus. Dirk fragte sich, ob Frederik all das gelesen hatte, und schreckte ertappt hoch, als der alte Haudegen mit einer Kanne Wein unter dem Arm und vier Silberpokalen wieder zu ihnen stieß, die er von plötzlicher Ruhe überkommen auf seinem Schreibpult füllte und jedem einen Pokal in die Hand drückte. „Trinken wir also auf diesen Tag und den Sinn des Lebens“, stellte er in den Raum. „Was darunter zu verstehen ist, lasst uns klären.“
„Denke ich so über das alles nach“, fiel Dirk auf, „sind das für einen ausverschämten Lehnsherren wie Graf Moritz jedesmal zwei Fliegen mit einem Schlag. Er hat die Ländereien nicht länger zum Lehen, sondern wird selbst der Landherr. Obendrein verlieren die Enteigneten ohne ihren Besitz alle Rechte, werden zu Leibeigenen. Ja jetzt, wo es in Stedingen die fettesten Weiden gibt und das Moor zurückgedrängt ist, wurmen sie die fetten Weiden der freien Bauern.“
Dirk senkte finster die Stirn und blickte unentschlossen auf den halbvollen Pokal. „Ich möchte einschreiten, dagegen vorgehen, und ich frage mich wie.“
Beipflichtend nickte Godeke. „Ja, was können Bauern tun… dagegen?“
Ekhard hob andächtig das Kinn und zwirbelte sich den Bart. „Wäre ich ein Bauer und hätt‘ nichts mehr zu verlieren, würde ich nach Goslar oder Gelnhausen pilgern.“
Dirk schlug sich lachend auf den Schenkel. „Zum Philipp? Also ich weiß nicht, wo der gerade residiert. Auch in Eger, Kaiserslautern, Wimpfen und Hagenau ließ Barbarossa prächtige Pfalzen erbauen. Also ich würde auf eine so vage Hoffnung hin nicht spornstreichs nach Goslar reisen?“
Frederik, der Älteste und Klügste in ihrer Runde, seufzte vernehmlich. „Freunde, eine Reise nach Schwaben ist auf alle Fälle zu weit für einen verarmten Bauern. Und an wen sollten sie sich wenden, wenn nicht an Philipp von Schwaben? Der jedoch hat andere Sorgen. Seid ihr im Bilde? Otto zieht im Raum Köln ein Heer zusammen.“
Verblüfft sah Dirk ihn an. „So ein Kind“, war alles, was ihm dazu einfiel. Lächelnd hob er den Kelch und nippte vom Wein. „Ein guter Tropfen, Frederik. Ich komme zu dem Schluss, je tiefer ich die Nase in die Angelegenheit stecke, desto mehr stinkt sie“, kehrte er sogleich zum Thema zurück. „Es juckt mir in den Fingern, dem Moritz eins auf die Finger zu geben. Könnte sein, ich sympathisiere für einen angehenden Burgherren mit der falschen Seite, aber etwas in mir sträubt sich hartnäckig, ihn als unseren neuen Lehnsherren anzuerkennen, und den Stedingern ergeht es ja ebenso.“
Dirk betrachtete den fein ziselierten Rand des Kelches, ehe er trank und ihn leer neben seinen hohen Lederstiefeln abstellte, und Frederik hob anerkennend die Brauen. „Weißt du“, riet er Dirk, „ich habe die Bibel gelesen und Verstand genug, Gottes Wort selbst zu deuten. Wollen die Pfaffen Gerechtigkeit, wie sie so gern beteuern, dürfte kein Dorfpfarrer aus dem Alten Testament seine Predigt zusammenstellen. Das Testament beruht auf der Kabbala der Juden und dem noch älteren Talmud, und der geht zurück auf das alte Babylon und den König Hamurabi. Auge um Auge, Zahn um Zahn ist seine Botschaft. Das Neue Testament hingegen ist die Lehre von Jesus Christus, die uns auffordert, liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Wir sollen barmherzig den Gescheiterten die Hand reichen, so wie der Heiland es uns vorgelebt hat.“
„Mir schwirrt der Kopf“, unterbrach ihn Ekhard und fing an, wüst seine Laute zu schlagen. „Fass‘ dich kurz Frederik.“
Der bemühte sich ernsthaft, es allgemein verständlich auszudrücken. „Gilt das Alte Testament und auch das Neue, haben wir in Wahrheit zwei sich gegenseitig wiedersprechende Religionen. Das Alte Testament ist eigentlich überholt, durch das, was unser Heiland uns vorlebte, denn Jesus lehrte uns, zum Guten in das Schicksal einzugreifen. Genau das tat er nämlich, wenn er Kranke heilte, oder übereifrige Leute dazu aufrief, Mitleid für Menschen mit einem verfehlten Leben zu zeigen. Darum geht es: Sich verantwortlich zu fühlen, für das, was um einen her geschieht und sich einzumischen. Das Übel zu erkennen genügt nicht. Wahrhaftigkeit heißt, ernst zu machen, mit unseren schönen Worten.“
„Du fängst ja schon wieder an“, fiel ihm Ekhard ins Wort. „Langsam begreife ich, warum du ins Kloster gegangen bist.“
Gelassen winkte Frederik ab. „Ach, die hier leben, sind meist nicht besser als die Menschen außerhalb der Klostermauer. Ein Mensch kann nur mit Würde sterben, ist er mit sich und seinen Taten im Reinen. Man muss das leben und sich stets bemühen, den Schwachen beizustehen, ob hier drinnen, oder draußen. Es erspart den Katzenjammer auf dem Sterbebett. Das, sagt dir Bruder Frede vom Kloster Rastede, ist nicht der Papst oder ein Kirchenfürst, das ist die Stimme in deinem Herzen, auf die du lernen musst zu hören. Es geht um Wahrhaftigkeit. Dahin zu kommen, ist ein weiter Weg zu sich selbst. Seltsam, das wird mir soeben selbst erst richtig bewusst.“
Dirk, Godeke und Ekhard wechselten erstaunt Blicke. Ekhard schüttelte erneut den Kopf über Frederik. „Das klingt mir immer noch, als wolltest du uns bekehren.“
Andächtig nickte Frederik. „Es ist an der Zeit, euch etwas von hier zu erzählen. Bei uns verschwanden spurlos Dinge wie eine silberne Halskette, Silberlöffel, eine Brosche und zuletzt sogar Meinrichs Siegelring. Und, ist es nicht seltsam? Obgleich alle im Rahmen der Klostermauer ihr Leben Gott widmen und über jeden Verdacht erhaben sein sollten, verfiel man auf den Gedanken, unter uns müsse ein Dieb sein.“
Dirk und Godeke wunderten sich, Ekhard zuckte mit den Achseln und wusste nicht so recht, auf was der alte Freund hinaus wollte. Und Dirk entgegnete zögernd: „Na ja, die Folgerung ist eigentlich logisch.“
Frederik lächelte in sich hinein, als hätte er ihm eine Falle gestellt. „Stimmt Dirk, doch die Geschichte geht weiter. Einer von uns, Bruder Ansgar, blieb stets ein Sonderling. Einige beschuldigten ihn bald, er habe sich den Schmuck angeeignet. Immerhin hatte er oft Gelegenheit, im Namen des Klosters nach Bremen zu reisen. Es hieß, er habe die hier verschwundenen Dinge versilbert und in Minnehöfen verjubelt … mit Weibern, will ich mal vorsichtig sagen.“
„Das ist traurig für einen Mönch“, warf Godeke ein.
„Nein“, belehrte ihn Frederik. „Traurig ist, nachdem August und September trocken blieben wie selten, gab es ein Unwetter, das die Wahrheit ans Licht brachte, und niemand fand das sonderlich beschämend. Das war in der Nacht vor Erntedank. Der Sturm tobte bis in den Morgen und riss manchem die Kapuze vom Kopf. Er wirbelte Zweige, Laub und sogar Äste über den Klosterhof, und zu Füßen der Linde, genau vor der Tür der Bibliothek, ging ein richtig großer abgebrochener Ast mit einem Elsternnest nieder, in dem fanden wir zwei silberne Halsketten und den Siegelring unseres Abtes…“
„Für den jener Ansgar verstoßen wurde“, bemerkte Dirk und die Freunde nickten beeindruckt.
„So ist es“, sagte der Älteste, der das Kettenhemd gegen die Mönchskutte eintauschte. „Darum verlasse ich dieses Kloster.“
„Du trittst aus?“, fragte Dirk ungläubig.
„Ja“, bekräftigte Frederik. „In gewisser Hinsicht ist das Kloster nur eine Flucht. Misstrauen gibt es hier wie da, und der Versuchung aus dem Weg zu gehen, bewirkt am wenigsten.“
Er faltete die Hände auf dem Pult und heftete den Blick auf Ekhard. „Was sagt der Poet? Sollte nicht ein Ritter von altem Schrot und Korn den Schwachen beistehen? Was fällt dir dazu ein?“
„Kennt ihr die britannische Sage um den Hof von König Arthus? Manches vornehme Fräulein bat um die Hilfe eines seiner Ritter, der dann für sie die Sache durchgefochten hat. Den Schwachen zu helfen, das war der Sinn des Rittertums.“
„Gut gesprochen, Spielmann.“ In Frederiks Augen trat ein gerührter Glanz. „Unter Barbarossa galt das ebenso in den deutschen Landen. Ritterlichkeit ist mehr als Lehen zu verwalten, sage ich. So viel zu der Frage, was ich an deiner Stelle täte, Dirk.“
Dirk blickte ihn überrascht an. Das in etwa sinngemäß auf Burg Lechtenberg zu äußern, genügte Konrad, ihn vor dem Flamen als Hinterwäldler bloßzustellen. Dirk schlug sich an die Stirn. „Wie meinte Konrad doch gleich? Solang ich mein Schlachtschwert habe, nehme ich den Bauern ab, was dem Grafenhaus gebührt. Wisst ihr was, Freunde? Ich werde mir ein Schwert schmieden lassen, gegen das sich seines wie ein Handstock ausnimmt. Zum Martinstag wollen sie für jedes hochgezogene Kalb einen Silberpfennig und jede zehnte Mastgans für die Burgküche. Und ich werde Konrad in die Suppe spucken.“
„Ohne mich“, entfuhr Godeke verständnislos.
Dirk schloss enttäuscht die Augen und überlegte, wie sich dem Grafen von Oldenburg, der einzig und allein vor dem Erzbischof von Bremen kuschte, Angst einjagen ließe.
„In den südlichen Gauen“, besann er sich dunkel, „gibt es Bünde, die knöpfen sich Menschen vor, die gegen alle Menschlichkeit verstoßen, sogenannte Feme-Gerichte. Alle, die zu dieser Bruderschaft gehören, sind schwarz gekleidet und vermummt. Die Leute, die sonst kaum bestraft werden könnten, werden geladen durch einen Boten, der nachts dreimal kräftig an das Burgtor klopft und einen Brief annagelt, in dem sie schriftlich eingeladen werden, zu einer Ruine oder auf eine Waldlichtung. Richter ist ein Freigraf, der als Zeichen seiner Macht ein Schwert und einen Strick vor sich ins Gras legt. Ein anderer ist der Henker.“
Die meist heiteren Züge von Ekhard verhärteten sich, er runzelte die Stirn. „Damit begeben wir uns auf dünnes Eis. Wer sich an so etwas beteiligt, endet früher oder später vor dem Scharfrichter.“
Frederik rieb sich den Hals und blinzelte, als sei ihm eine Mücke ins Auge geflogen. „Wir müssten uns gut vermummen… sollten uns Mützen nähen lassen, die nur ein paar Sichtlöcher offen lassen.“
Dirk hob den Weinkelch. „Wer trinkt darauf mit mir?“
Frederik blickte auf seine Hand, die schon über den Tisch fingerte, um mit ihm anzustoßen. „Wir würden Angst säen unter denen, die sonst keinem Rechenschaft schulden. Und genau das fehlt..., aber lasst uns zunächst nach Stedingen reiten. Sie haben mächtige Deichgrafen, denen die Raffgier der Oldenburger sicherlich die Gemüter erhitzt wie uns.“
Dirk wartete unbewegt ab, den Weinkelch erhoben, bis Frederik nachfüllte, ihm den Kelch bot und Dirk klirrend anstieß. „Dann so… wir werden sehen, was sich ergibt. Auch das ist besser als gemach die Hände im Schoß zu falten.“
Das klang weniger spektakulär, und es überzeugte auch Godeke und Ekhard. Dirk grinste Frederik zu. „Mir geht es einzig und allein darum, dem unmenschlichen Treiben des Oldenburgers Grenzen zu setzen. Klären wir, ob er aus persönlicher Habsucht die Befreiung vom Frondienst aufgehoben hat oder ob unser Erzbischof dahinter steht.“
Er war der Erste, der sich vom Stuhl erhob. Seine Augen streiften von einem zum anderen und begegneten erneut dem unsicheren Blick von Godeke. Als Dirk freundschaftlich zwinkerte, zog er die Lippe hoch. „Es wird das Beste sein, für das ich im Leben eingetreten bin.“
6. Kapitel
An einem sonnigen Nachmittag im Herbst 1204 nach der Fleischwerdung des Herrn erschienen vier Ritter in Berne und erregten Aufsehen. Sie waren als Eigenbrötler verschrien unter den Edlen, ungern und argwöhnisch geduldete Neue am Rande der Bremischen- und Oldenburger Ritterschaft. Sie blieben Sachsen, die im Sprachschatz sächsisches beibehielten. Deshalb nannten sie sich hinsichtlich der Schlüssel im Wappen die Keyhuser, und man erzählte sich, sie spielten den Junkern von Specken vor Jahren übel mit. Auch äußerlich stachen sie ab von ihren Standesgenossen. Ockerfarbene Reitstrümpfe aus feinem Leinen hatten sie an, besetzt mit kleinen Eisenringen, und darüber anschmiegsame Kettenhemden in kurzem Schnitt.
Dirk zügelte vor dem Kirchturm das verschwitzte Ross und warf sich selbstbewusst in die Brust, da sich ein Ausblick auf den freien Platz bot, in dessen Mitte an diesem Morgen ein kleiner Markt stattfand, wie an jedem Dienstag. Wo sich beim Erntedankfest noch das Bühnengerüst ausbreitete, reihten sich die zahllosen Buden, Stände und Zelte der fahrenden Händler längs des Palisadenzaunes. Das Gras am Zelt einer Garküche wirkte gelblich.
Für Frederik hatten sie einen Abstecher in Kauf genommen, zu einem Gestüt im Raum Hannover; der ritt auf einem Hengst mit dunkelbraunem Fell, das gepflegt glänzte. Um den Schnitt mit der inselhaften Glatze zu vergessen, rasierte er sich den ganzen Schädel und versteckte das unter einer losen Kapuze, die er einfach von der Kutte abtrennte. Er trug das Kettenhemd, das ihm früher gute Dienste leistete, darüber einen Wappenrock wie Godeke, Ekhard und Dirk. „Und nun - ? Ich kenne mich hier nicht aus, Dirk.“
Er zog nachhaltig den Zügel straff, und der stattliche Hannoveraner, dem sein Reiter noch fremd war, schnaubte auf dem Fleck tretend aus und schüttelte störrisch die Mähne.
Dirk konnte den Blick nicht von dem anderen Teil der Warft lösen, den neuerdings ein Wassergraben von der Hauptinsel abgrenzte. Stapel von Bauholz und Backsteinen erhoben sich drüben, abgedeckt mit Planen.
„Man erkennt schon den Rahmen der geplanten Burg“, stellte er fest und wies mit dem Kinn hinüber. Nach wie vor stand der kleine klotzige Fachwerkbau der alten Schmiede mit dem Schornstein, unter dem sich die Ässe der Schmiede befand. Sich im Wind kräuselnder Rauch stieg auf; man hörte das helle Klingen von geschlagenem Erz. Dirk sagte sich, Lüder sei letztlich wohl einsichtig gewesen und arbeite schon im Dienste des Grafen. Langsam ließ er das Pferd hin traben und die anderen Reiter folgten gemächlich, bis er absprang und an dem Gatter neben der Tür den Zügel festzurrte.
An der Stelle von Lüder schwang ein stiernackiger Geselle in blanker Lederweste den Schmiedehammer. Die Muskeln leicht angespannt, hielt er mit einer Zange ein Stück rotwarmes Eisen auf den Amboss gestreckt, und der handliche Schmiedehammer schlug den Takt und formte es, dass es hell und heiter durch die offenstehende Tür in den Morgen hinaus klang. Der Satz, den er sich im Geiste für Lüder zurechtgelegt hatte, blieb Dirk im Hals stecken. „Sei mir gegrüßt, Schmied“, begrüßte er den Mann ganz profan, während Godeke hinter ihm die von stickiger Hitze erfüllte Werkstatt betrat.
Ärgerlich brummte der Mann vor sich hin, ehe er sich umdrehte und sie mit einem scharfen Blick musterte, wer ihn da wohl störte. Sein Gesicht wirkte gewöhnlich, ein grob geschnittenes Bauerngesicht mit hohlen Wangen, die Stirnglatze übersät mit den Spuren verblasster Sommersprossen. Die ruppige Nase erinnerte Dirk seltsam an einen Habicht. „Was wollt ihr von mir?“, fragte er, ohne richtig die Lippen auseinander zu bekommen. „Ist ein Ross zu beschlagen?“
„Wo finde ich Lüder, der vorher diese Schmiede bestellt hat?“
Der neue Schmied zuckte gleichgültig mit den Schultern. „Ob er tot ist? Ich weiß nicht“, erwiderte er kurzsilbig.
„Tot?“ Dirk wiederholte ihn ungläubig. „Seit wann?“
„Fragt mich nicht, ich frag Euch ja auch nicht. Für mich war’s ein Schlendrian. Der ist aus der Schmiede, ohne aufgeräumt zu haben und hat’s auch nicht nachgeholt. Kein guter Mann rennt so von der Arbeit weg.“
„Lüder war ein tüchtiger Schmied“, belehrte ihn Dirk. Ihn ärgerte dieses vorschnelle Urteil.
Der Mann leckte sich unzugänglich die Zähne. „Langweilt mich nicht, auch wenn ihr ein Ritter seid. Langweilt mich nicht.“
„Wie starb Lüder?“, fragte Dirk ihn und blickte Godeke zerknirscht an. „Eigentlich wollte ich mir bei ihm ein Schlachtschwert schmieden lassen.“
Der neue Schmied betrachtete die Edelleute aus zusammengekniffenen Augen, kalt, starr und feindselig und kam zu dem Schluss, lieber zu schweigen.
„Du weißt nicht, was mit Lüder geschehen ist?“, folgerte Dirk.
„Ich bin meinem Grafen verpflichtet und werde mir nicht die Zunge verbrennen oder so.“
„Na das ist ja eine Auskunft“, sagte Dirk und überlegte, ob sich dem Mann nicht ein wenig mehr aus der Nase ziehen ließe. „Auf einem Turnier in Hannover fiel mir ein dänischer Edelmann auf. Der trug geschultert ein blankes Schwert, das war das gewaltigste und furchterregendste, das man sich vorstellen kann… gut vier oder sogar fünf Fuß lang... Kannst du mir eine solche Waffe herstellen, mit einer ungewöhnlich langen Klinge… drei Hand breit der Griff?“
Dirk schätzte ihn richtig ein. Es weckte geschäftliches Interesse an dem Fall und seinen Ehrgeiz. „Bis wann? Sicher… das will ich tun. Ihr habt Glück, ich verfüge über einen Schleifstein und habe lange Jahre bei einem Schwertfeger gearbeitet.“
„Das trifft sich. Der Griff sollte mit schwarzem Leder überzogen sein. Die Klinge muss perfekt ausbalanciert werden, damit das Schwert in der Hand liegt wie ein gewöhnliches. Das setzt Können voraus. Als Knauf nimm ein hübsches Medaillon mit irgendeiner Gravur, in die Klinge arbeite bitte eine Blutrille ein.“
Dirk hielt sich die Hand flach an die Brust. „Das Ganze in etwa so groß, vom Erdboden gemessen.“
Der Schmied furchte skeptisch die Stirn. „Über vier Fuß hinaus geht auf Kosten der Qualität. Also Ihr habt Wünsche, Herr Ritter. Na ja, ein wenig länger als vier Fuß oder so, das ist machbar. Ich habe noch einen halbfertigen Rohling liegen… Trotzdem. Kostet Schweiß und ist mühsam, so ein langes Ding. 20 Mark muss Euch das wert sein, sonst stehlt mir nicht die Zeit.“
Dirk holte vernehmlich Luft. Der, für den der Rohling war würde sich gedulden müssen, und das machte es für ihn teuer. Die Vorstellung, Lüder sei tot, rief Erinnerungen an Ulrike wach. Es war heiß am Schmiedefeuer, und er wischte sich über die Brauen. „Ich schwitze wie ein Bulle, aber ich gehe nicht, ehe ich nicht weiß, was hier los war nach Erntedank.“
Überlegend blickte er Godeke an, und der schüttelte den Kopf über ihn. „Das ist ein Vermögen, Dirk. Bedenke, was du tust.“
Für 20 Mark hätte Dirk einen Bauernhof kaufen können, aber das schien ihm egal. Adalbert gönnte er sich damals ebenso aus einer Laune heraus für viel Geld. Dieses Schlachtschwert war ein lang gehegter Traum, gut genug für einen König. Er hatte sich entschlossen, seinem Leben einen Sinn zu geben, und dieser Leichtsinn würde ihn beflügeln zum nächsten Schritt, gleichgültig, ob es ihn um die gesamte Barschaft brachte und er danach den Freunden auf der Tasche lag. Die unsichere Hoffnung, vermutlich bei den Aumunds unterzukommen, tröstete ihn darüber hinweg. „Gut, Schmied. Der Auftrag gilt. Brauchst du Geld im Voraus?“
„Die Hälfte“, bellte der Schmied begeistert.
„Wohlan, wir werden uns einig. Vorausgesetzt, du verrätst uns, was oder wer Lüder umbrachte.“
„Ich weiß es bloß ungefähr. Sicher ist, seine Töchter brachen vom Gutshof der Aumunds am Sonntag nach dem Erntefest auf zur Kirche von Berne und kamen nie an. Die Pferde gingen durch oder so, hab‘ ich gehört. Der Großknecht des Hofes fand sich tot an der Unfallstelle, und die Fräulein, in dem Versuch, zu Fuß die Kirche zu erreichen, wurden von den Rittern der Lechterburg verschleppt. Daraufhin brach Lüder zur Burg auf, und man munkelt, er wurde umgebracht.“
Dirk schlug sich an die Stirn. „Mein Gott, so starb er. Und Rike?“
„Rike kenne ich nicht“, gab ihm der Schmied zu verstehen, nahm aber gern den Auftrag an, da Dirk ihm zuvorkommend zehn Markstücke auf die offene Hand zählte. „Gebt mir sechs Tage, und Ihr habt Euer Ungetüm von Schwert.“
Als Dirk nach draußen kam, sahen auch Frederik und Ekhard ihm an, ihm wühlte eine schlechte Neuigkeit im Magen. „Arme Rike“, sagte er traurig vor sich hin, setzte den Stiefel in den Steigbügel und warf mit Schwung das Bein über den breiten Pferderücken, um dann, fest im Sattel verankert, Godeke ernst in die Augen zu fassen. „Und das verdankt Lüder unserem werten Freund Konrad. Was sagst du dazu?“
„Wir sollten uns anhören, was deine Liebste dazu zu erzählen weiß.“
„Ja. Und ich bereue nicht länger, mich mit meinem Vater überworfen zu haben. Ulrike braucht mich jetzt.“
Die vier Ritter brachten den Alten Deich in wildem Galopp hinter sich und bogen mit flatterndem Haar ab zur Huntebrücke, um bald darauf vor der Fachwerkfassade des Gutshofes, bei einer schrundigen Trauerweide abzusitzen. Geldis trieb es gerade zu den Kühen, in jeder Hand einen Holzeimer. Sie staunte angesichts der Reiter. Auf dem Erntedankfest sah sie Ulrike mit diesem jungen Ritter ausgelassen tanzen. Sie stellte die Eimer ab, strich sich freudig am grünlich blassen Leinenrock die Hände trocken und knickste. „Hoher Herr, Euch schickt der liebe Gott. Etwas Schreckliches ist geschehen.“
„Ich weiß…“ Dirk wirkte plötzlich nervös. „Führst du mich zu ihr, zeigst mir ihre Kammer?“
Geldis schüttelte halsstarr den Kopf. „Ihr würdet sie nicht antreffen.“
„Wo dann?“
„Sucht sie auf dem Kirchhof… Sie wird sich freuen, schätze ich. Aber bitte nur, wenn Ihr es ernst meint mit ihr. Sie ist so anders seit Tagen und will sich nicht mit dem Tod ihres Vaters abfinden.“
Dirk nickte überlegend. „Hat man seine Leiche gefunden?“
„Nein.“
„Siehst du, darum hofft sie. Und das kann ich verstehen.“
Sie lächelte bitter, als die Ritter wieder der Dorfstraße zustrebten. Hohles Geklapper klang vom Fluss her an ihr Ohr, als sie über die Huntebrücke abzogen, nun den weiten Weg nach Berne noch einmal zurück. Denn seit fast hundert Jahren beerdigten die Stedinger der Lechterinsel ihre Toten auf dem Friedhof hinter der Kirche zu Berne, weil die Warft, auf der sich Kirche und Rathaus erhob, mit Sicherheit niemals überschwemmt wurde.
Wieder blieben Dirks Freunde bei den Pferden und Dirk zog die quietschende Pforte im Schatten der Friedhofslinde auf und holte tief Luft, als er den christlichen Gottesacker betrat. Das Gefühl, das ihn beschlich, streiften die Augen über das Gräberfeld, war nie schön, aber diesmal schauderhaft, obwohl ein Friedhof in der kalten aber hellen Herbstsonne kaum unheimlich zu nennen wäre. Ziegen weideten das hohe Gras, wo die Vergessenen schliefen. Kinder spielten Verstecken hinter kostspieligen Granitskulpturen, verwildertem Gestrüpp, Füllhörnern und dicken posaunenden Engeln. Freche Phantasiegeschöpfe wie pausbäckige Seraphsköpfe, Nasentrompeter und Figuren, die ihren nackten Hintern in die Luft strecken, lockerten die Idylle der zahllosen mit Namen und Alter gravierten Denkmäler, Säulen und Kreuze auf. „Ewig… Oh ist das lang…“ las Dirk über einem kleinen Heidebeet.
Ein knurrender Hund tauchte über den mit Tannenzweigen bedeckten Gräbern auf, einen Kinderschädel in den Lefzen. Dirk stockte der Atem und er besann sich, hier wie in Zwischenahn, gebührte keinem außer den Vornehmen, Geistlichen und Betuchten eine bepflanzte Ruhestätte... Der Köter wies ihm den Weg zu der hübschen kleinen Kapelle mit der nie voll werdenden Grube der Namenlosen. Hier, unter dem ausladenden Schirm einer stattlichen Eiche, traf Dirk auf eine Schar Trauernder, die sich mit gefalteten Händen um einen frischen Erdaufwurf mit Kränzen und Blumengebinde versammelt hatte, einen Anverwandten zu verabschieden. Einiges war geschehen, von dem sich Dirk keine Vorstellung machte, aber auch sonst verging selten eine ganze Woche, ohne dass man in dieser Gruft wühlte und Zuwachs beisetzte. Von einem zünftigen Grab konnte in dem Fall kaum die Rede sein: Leichnahm wurde auf Leichnahm gebettet, und wenig dazwischen geschüttet, die Erdschicht blieb stets dünn. Starke Regenfälle spülten dann und wann auch eine widerliche Hand oder einen Fuß frei, und die unseligen Toten der Armen fanden eigentlich nie wirkliche Ruhe.
Als die Trauergesellschaft wich und es alle zum Leichenschmaus zog, schmückten zahllose Kränze das Armengrab, ein Gärtner krempelte die Ärmel hoch und machte sich daran, es ansehnlich zu haken.
Dirk wollte eben die Suche aufgeben, da kam hinter den einen Augenblick länger ausharrenden Anverwandten Ulrike zum Vorschein - in eingesunkener Haltung an einem Grab kniend, auf dem sich Kriechwachholder ausbreitete. Lüder hatte seine Frau abgöttisch geliebt, und den Rest des Geldes, das noch aus den Tagen des westfälischen Hausstandes stammte, für einen Stein geopfert. Einen Batzen Silber musste er berappen für diesen Luxus. Fremdes Getier, nämlich winzige rot gemusterte Feuerwanzen krabbelten im Grün und auch auf dem verwitterten Grabstein, wo zwei Rosenstöcke einen Sonnenfleck offenließen. Sie hockte verneigt davor und merkte nicht, wer hinter ihr stand. Und er war unschlüssig, ob er sie sinnlos erschreckte, sollte er sie so ansprechen.
Endlich richtete sie sich auf, betete und wandte sich zu gehen. Sie zuckte zurück, als Dirk ihr in die geröteten Augen schaute. „Du…? Hier?“
Er atmete tief durch angesichts ihres burschikos gestutzten Haars, da vergrub Ulrike vor Scham ihr Gesicht in den Händen und weinte. „Wer?“, fragte er, und die Frage kam wie ein Aufschrei. „… hat dir das angetan?“ Das lange Haar gehörte zu ihr wie die Himmelfahrtsnase, und sie wirkte schlimm zugerichtet, da Johann den Zopf oben am Haaransatz kappte.
„Der Hauptmann… von der Lechterburg“, brachte sie verstört hervor und wagte nicht mehr, Dirk in die Augen zu schauen. Sie fühlte sich so wertlos, und je länger sie weinte, desto hemmungsloser flossen die Tränen.
Für Dirk lag auf der Hand, die rauen Gesellen auf der Burg zerschnitten ihr brutal die Haare… Deshalb wirkte sie ungewohnt verschüchtert. Aber es waren Tränen der Freude. Jeden Tag hatte sie um dieses Wiedersehen gebetet, so oft sie Zeit fand, den Kirchhof aufzusuchen – und er war gekommen. Was die beiden füreinander empfanden, kam an einen Punkt, an dem sich Standesunterschiede erübrigten, zumal sie unter sich waren. Für Ulrike zählte über allem anderen, er kam früher zurück als vorhergesagt, und für ihn, dass sie plötzlich an seiner Schulter hing und schluchzte, als wäre der Einzige erschienen, der ihr noch helfen konnte.
„Sie haben Vater… in der Lechterburg… und ich fürchte, die foltern ihn. Er ist verschwunden, seit er von Berne aufbrach, Wibke und mich nach Hause zu holen.“
Stockend berichtete sie, und Dirk nahm sich heraus, ihr über das Haar zu streichen, um sie zu beruhigen. Doch ob er seinen ehemaligen Waffenbruder Konrad bewegen könnte, Lüder frei zu lassen, bezweifelte er. Dafür lag dem zu viel am Wohlwollen des Flamen, der in Bauern nur Kreaturen zwischen Mensch und Tier sah. „Du meinst, dein Vater lebt?“
Sie zog einen wehmütigen Mund und blickte ihn aus flackernden Augen an, mit dem Gefühl, er könnte nicht richtig zugehört haben.
„Was ist denn, mein Täubchen?“, fragte er, weil er das spürte.
Sie kniff eine Braue an, machte ein schiefes Gesicht wie Lüder, lief dem eine Sache gründlich gegen die Hutschnur. „Täubchen?“, wiederholte sie ärgerlich und glaubte Konrad zu hören. Aufgebracht stieß sie mit dem Zeigefinger auf ihn ein. „Nenn‘ mich nie wieder so. Hörst du?“
„Nie wieder“, versprach er.
Sie war so durcheinander, und was sie quälte saß tiefer: Da waren die Einsamkeit, die jeden am Grab der Mutter befällt, und der Gedanke, künftig allein für ihre Geschwister sorgen zu müssen, schnürte ihr beengend das Herz ein. Den Vater niemals wieder um Rat fragen zu können, überstieg ihre Kraft, und die Hoffnung, sein Verschwinden könnte andere, nebulose Gründe haben, die bislang unbeachtet blieben, entsprang eher einer kindlichen Sehnsucht, das eigentlich schmerzende so lange wie möglich nicht an sich heranlassen zu wollen. Zu denen, die zeitlebens Wünsche, Träume und Wirklichkeit in einen Topf warfen und alles so drehten, wie es sich leichter ertragen ließe, wollte sie nie gehören.
Er sah ihr den Kummer an und drückte sie ein wenig unbeholfen an sich, aber sie wähnte sich in die Arme Lüders versetzt und sah gerührt zu ihm hoch. „Warum tut uns Gott das an?“, klagte sie mit wehleidiger, leicht zitternder Stimme, und was sie seit Tagen um den Schlaf brachte, platzte heraus wie Wasser aus einem brechenden Krug. „Ich habe immer versucht, gut zu sein… Das ist nicht gerecht.“
„Nicht gerecht?“, wiederholte Dirk und lächelte dazu genau das Lächeln, das ihr so gut tat. „Das kann man wohl sagen.“
„Glaubst du an Gott?“, fragte sie, als sei es ihr wichtig.
Er strich sich nachdenklich durchs Haar und nickte gelassen. „Na sicher, nur stelle ich mir unter dem Begriff vermutlich etwas Anderes vor als du.“
Es zauberte ein überraschtes Lächeln in ihr trauriges Gesicht. „Na hör mal“, gab er ihr verwundert zu verstehen, „die meisten Menschen glauben doch.“
„Sie mögen zum Gottesdienst erscheinen, sicherlich.“ Soweit gab sie ihm vorbehaltlos recht. „Aber ihre Gesichter, lauschen sie Wilke Holms, sind wie Masken, ohne einen Funken Ehrfurcht vor dem Geist, der dem Gotteshaus innewohnt. Sie lieben den Holms für seine Predigten, aber sie wissen die Botschaften nicht zu deuten, die er aus dem Leben einstreut. Drei von vier Leuten sind Lästermäuler, es ist wie die Kirche mit zwei Zugängen. Zu der einen führt eine breite Straße, zur anderen ein holperiger Pfad. Alle wählen sie den leicht begehbaren Weg, den des geringsten Widerstandes, aber der andere Weg führt in den Himmel.“
Dirk nickte beifällig. „Meine Güte, das klingt nach einem großen Herzen. Aber das gefällt mir.“
„Ich glaube“, erklärte sie, wischte sich wie erlöst die Tränen von den Wangen. „Jeder Mensch hat eine Aufgabe in seinem Leben.“
„Sagt das Lüder?“
„Nein, Wilke Holms, und zwar mit genau den Worten.“
„Ein weiser Mann“, raunte Dirk.
Ulrike, eben noch zu Tode betrübt, erweckte von einem Moment zum anderen den Eindruck, innerlich wieder aufzublühen, und sie gestand ihm, „ich weiß wohl, es ist ein törichter Kindertraum, aber ich bete jeden Abend vor dem Schlafengehen und könnte ohne nicht einschlafen.“
„Ich auch. Allerdings leise, ohne die Lippen zu bewegen. Es ist eine Stimme in uns, auf die man hören sollte.“
Ulrike nagte an ihrer Unterlippe, als würde sie darüber nachdenken. Und so sehr sie sich freute, wie sie sich auch in der Hinsicht glichen, kam sie unweigerlich wieder auf den unseligen Tag zu sprechen, der im Rittersaal der Lechterburg endete, da sie nicht einsehen wollte, warum der liebe Gott, der doch allmächtig ist, alles sieht und alles weiß, zulassen konnte, wie ihr mitgespielt wurde. Nur brachte sie das wirklich Ungeheuerliche beim besten Willen nicht über die Zunge, und als sie ins Stocken geriet, beschlich ihn der Verdacht, dass Johann ihr wahrscheinlich nicht aus Gehässigkeit, sondern auf Order von Konrad den Zopf genommen hatte, um sie für ihn unattraktiv zu machen. Mit dem Hintergedanken, er würde dadurch das Interesse an ihr verlieren. Seine Art, Weiber nur nach Schönheit zu beurteilen, regte ihn früher schon auf.
„Ach Ulrike, Haare wachsen nach…“, beruhigte er sie. „Mich hält das nicht davon ab, dich zu mögen. Es ist etwas ungewohnt, ohne den Zopf, aber ich fange schon an, mich daran zu gewöhnen. Na komm, ich lade dich ein, auf einen Becher Wein im Bunten Hahn.“
So erschienen die beiden munter plaudernd im Steintor des Kirchhofs. Ekhard lehnte am weißen Steinpfosten, die Beine auf den Feldweg gestreckt, die Laute auf dem Schoß, während die Rosse zufrieden waren mit dem saftigen Gras am Wegesrand. Da es nahelag, nun gemeinsam zum Gut der Aumunds zu reiten, erhoben sich Frederik und Godeke wie gerufen. Ekhard zog sogar das Barett und verneigte sich mit wedelndem Hut vor ihr.
„Das sind meine Freunde“, stellte Dirk sie vor, und sie schauten den beiden unschlüssig nach, weil Dirk ihnen zwar zunickte, aber ohne mehr Worte zu vergeuden, vorbeiging.
Wo Tische und Stühle vor der Tür standen, kehrten die beiden in das Wirtshaus ein, das gleich neben dem Fachwerkhaus der Herberge lag. Dirk bestellte einen guten Jahrgang Burgunder und jeder am Kelch nippend, saßen sie sich in einer Ecke bei Kerzenschimmer gegenüber, obwohl es draußen taghell war und sonnig.
„So“, sagte Dirk, „nun heraus mit der Sprache: Was haben sie euch getan? Hast du dich gewehrt… und sie haben Lüder eine Klinge an den Hals gehalten…? Du schämst dich, das merke ich dir an.“
Sie senkte die Stirn und starrte auf die Tischplatte, ohne darauf einzugehen. Doch ihm lag zu viel an ihr, um es dabei bewenden zu lassen. „Ich habe mich mit meinem Vater überworfen“, übertrieb er. „Möglicherweise verstößt er mich. Ist mir gleichgültig. Ich suche keine gute Partie, sondern eine Lebensgefährtin, die mich versteht. Und ich nehme dich so wie du bist zum Weib, egal ob da etwas ist, das du mir heute noch nicht erzählen möchtest. Ich verzeihe es dir einfach und gut. Gott weiß, von was wir leben, aber ich stehe zu dir.“
Verwundert zog Ulrike die Brauen zusammen. „Was willst du verzeihen? Ich gab nichts… sie haben es sich genommen.“
Wie auf dem Kirchhof vergrub sie das Gesicht entsetzt in die Hände, anders hätte sie die Schande nicht ertragen. Nie sah er ihr ernster in die Augen, aber Dirk spürte, er musste Geduld haben mit ihr. Ihr fehlte nur das nötige Vertrauen in ihn, um sich wirklich mit Leib und Seele bei ihm anzulehnen und dafür konnte er ihr nicht böse sein. Wie es aussah, hätte er anhand von Taten zu beweisen, zu was er fähig war, und er schreckte nicht davor zurück, gegen den eigenen Stand anzutreten. Seine Augen nagelten sie fest, ein wildes, gegen ihre Sturheit rebellierendes Aufbegehren blitzte darin.
„Ulrike, was wollen wir nun tun? Mich reizt es, mit dir nach Burg Lechtenberg zu reiten. Ich möchte den Vogt zur Rede stellen.“
Ulrike traute ihm das zu, und der unbändige Hass, der sie im Rittersaal nach dem Schürhaken greifen ließ, kochte erneut hoch. Sie erzählte ihm haarfein alles, was in ihr wühlte und sie schon so lange beschäftigte.
Dirk knirschte mit den Zähnen. Unverzüglich weihte er seine Vettern ein, weshalb es ihn nun dringlich zur Lechterburg trieb und bat sie, im Gasthof abzuwarten, was bei diesem Besuch herauskäme. Sein Rappe graste bei den Pferden seiner Vettern auf dem Grünstreifen vor der Friedhofsmauer und scharrte mit den Hufen, als er seinen Reiter erkannte. Dirk saß geschwind im Sattel und klopfte dem Rappen beruhigend den Hals.
„Heb das Bein, so hoch du kannst, bis du den Fuß in den Steigbügel kriegst“, riet er Ulrike und reichte ihr lächelnd die Hand. Als sie hinter ihm zu sitzen kam stieg ihr der herbe Geruch von Pferdestall und Mannsbild in die Nase. Sie wusste nicht, wohin mit den Armen, doch setzte sich Adalbert sogleich in Bewegung, und der breite Rücken schaukelte heftig, so dass sie erschrocken Halt suchte, anfangs an seiner Schulter, dann umschlang sie beherzt seine Hüften und schloss die Hände um seinen Bauch.
Beritten war es bloß ein kurzer Ausritt zu den Huntewiesen, und an dem kragenförmigen Steg zog er vor der hochgekurbelten Zugbrücke innerlich aufgerührt den Zügel an und ließ den Rappen halten. „Meldet dem Burgherren“, rief Dirk den Turmwachen zu, „Dirk von Keyhusen bittet um Einlass!“
Lange brauchten sie nicht warten, da zeigte sich auf dem Bergfried Konrad. Wilhad von Brügge stellte sich gleich neben ihn, und Dirk beging den Fehler, mit zu wenig Feingefühl an die Sache heran zu gehen. „Was habt ihr mit Lüder gemacht?“, fragte er ganz konkret.
Natürlich erkannten die Ritter Ulrike; was Wilhad mit dem Vogt tuschelte, verschluckte der Wind. Aber der schien sich nicht im Unrecht zu fühlen. „Wir rieten ihm heimzugehen, und das tat er.“
Es klang banal und stank nach einer Lüge, das störte Dirk. „Weißt du was“, gab er kaltschnäuzig zurück, „das glaube ich dir nicht!“
Leider hielten sie sich zu nahe am Torhaus der Burg auf. Das lud dazu ein, von oben einen Kübel Wasser über den Steg zu schütten. Ein ungünstiger Windstoß verstreute den Guss, und Dirk und Ulrike bekamen genug ab, dass danach die Kleider kalt am Leib klebten. „Verdammt“, bemerkte Dirk, „ich bin nass wie eine Katze.“
„Das soll euch noch leidtun“, drohte er den beiden Rittern, und Ulrike flüsterte er zu, „jetzt glaube ich auch, sie haben Lüder in den Turm gesperrt. Und ich schwöre dir bei Gott, wir holen ihn da heraus.“
„Aber wie?“ fragte sie neugierig und schüttelte sich, so fror sie in ihrem nassen Kleid.
„Du wirst schon sehen. Gib mir eine Woche, es vorzubereiten. Deine Freundinnen und du, ihr müsst zu mir stehen und zugeben, was euch angetan wurde.“
„Ich verstehe immer noch nicht, was du tun willst. Aber du solltest den Deichgrafen einweihen. Das ist ein Mann der Tat, willensstark wie ein Ritter.“
„Gut, bringe mich zu ihm.“
„Du musst nach dem Hof der Bardenfleths fragen.“
„Ich möchte ein Treffen aller aufrechten Männer von Stedingen“, erklärte ihr Dirk und ritt mir ihr schnurstracks zum Marktplatz von Berne, um seine Freunde aus dem Gasthof zu holen. „Wir reiten zu dem Bardenflether, den sie in dieser Gegend den Deichgrafen nennen“, gab er ihnen zu verstehen, und Ulrike zeigte ihnen den Weg.
Am frühen Nachmittag erschienen vier Junker in weißgelben Waffenröcken auf dem Deich, in dessen Schutz das Gehöft Bardenfleth lag, ein langgestreckter Fachwerkbau mit bäuerlich gekreuzten Pferdeköpfen über der Giebelfront, weiß gekalkt, Eingangstüren und Rahmen der Fenster grün und über allem ein tief herunterhängendes, wulstiges Reetdach. Ein Stück abseits hob sich die Scheune vom blauen Himmel ab. Unzählige Hühner und sich herumtreibende Schweine bevölkerten das Gut, eine Drossel sang auf dem Giebel der Scheune, und einige Mägde vom Gesinde hoben neugierig die Köpfe, als die fremden Edelleute ihre Rosse anhielten.
Ulrike ließ sich elegant zu Boden gleiten und lachte, als sie auf ihren Füßen zu stehen kam und ihr nicht länger ihr Sitzfleisch weh tat. Jemand rief wohl nach dem Gutsherrn. Aus der größten Tür des Fachwerkhauses, durch welche die vollen Erntewagen in die Diele fuhren, betrat Rainald von Bardenfleth den Hof. Das schulterlange, graue Haar wirkte sehr gepflegt, und sein brauner Mantel mit Fellkragen entsprach der Kleidung der Wohlhabenderen. Aus wachen grauen Augen musterte er argwöhnisch Dirks junges Gesicht. „Was verschafft mir die Ehre?“
Dirk stieg gelassen ab und stemmte neben Ulrike die Arme in die Hüften. „Ich bin Dirk, der Sohn des Vogtes von Burg Keyhusen. Ich bin hier, weil ich mit dem Vogt von Burg Lechtenberg ein Hühnchen zu rupfen habe.“
Der oberste Deichgraf empfing sie bewusst reserviert, galten doch die Keyhuser Ritter als Lehnsmänner des Grafen von Oldenburg. Er schnitt ein entsetzlich abweisendes Gesicht und zog die Brauen an, eine steile Falte zog die Stirn hinauf. „Ein übermütiger Bursche wiegelte kürzlich auf der Rodung am Hemmelskamper Wald die Bauern auf, und das ging böse aus. Ich bemühe mich seitdem, Hetzer zu überhören. Haltet mich aus eurem Händel mit dem Vogt heraus. Mich quälen andere Sorgen und davon genug.“
Dirk dämmerte bereits, was weiter passierte. „So etwas beginnt man nicht aus Starrköpfigkeit, sondern überlegt sich zuvor genauestens wie, wo und wann…“
„So ist es. Acht Männer aus Bettingbüren und Ranzenbüttel, die ihn gut kannten und sich mitreißen ließen, sind dafür gehängt worden. Sie haben bei der Kapelle auf dem Kirchhof einen Platz gefunden, wo sie frei sein können.“
Energisch bot ihm Dirk die Stirn. „Hört mich erst einmal an.“
Er langte mit ausholendem Arm nach Ulrike und zog sie fürsorglich an sich. „Das ist Ulrike, die Tochter von Lüder, dem Schmied. Sie war an dem Sonntag nach Erntedank mit einem Fuhrwerk unterwegs nach Berne, zum Gottesdienst. Bei ihr war Birte Aumund, die Ihr kennen dürftet, sowie ihre Geschwister und eine Magd, die ich Euch gern als Zeuginnen bringe, falls ihr darauf besteht. Ein Trupp Reisiger unter Führung des Vogtes von der Lechterburg fing sie am Brookdeicher Holz ab. Die Waffenkechte haben im Rittersaal um die Frauen gewürfelt und sich an ihnen vergangen, und ich will nicht mehr und nicht weniger als Rache dafür.“
Der Deichgraf nickte begreifend. „Das kam schon öfter vor, kann ich Euch verraten.“
Dirk las in den Mienen, er war überzeugend. Rainald hielt ihm die Hand hin, und er schlug freudig ein. Seine Freunde sprangen von den Rossen und schüttelten dem Deichgrafen einer nach dem anderen kraftvoll die Hand.
„Ganz Stedingen wird aufstehen, wenn ich das will“, sagte Rainald von Bardenfleth. „Ich habe meine Leute, um ein Thing einzuberufen und das bekannt zu machen. Einer wird es dem anderen flüstern. Am nächsten Sonntag… da wo die Ritter die Gespanne abzufangen pflegen, am Brookdeicher Holz. Diese Raubritter gehören bestraft. Und der Siedlungsvertrag des Jahres 1106 ermächtigt uns, mit den zur Verfügung stehenden Mitteln den Landfrieden aufrecht zu halten und die Übeltäter zur Verantwortung zu ziehen. In der Kolonisationsurkunde wird klar erwähnt, auch in der niederen Gerichtsbarkeit ist die Aburteilung von Landfriedensbrechern möglich. Niemand kann uns vorwerfen, wir hätten zum Aufruhr angestiftet. Wir treffen uns zur Abenddämmerung. Ich hoffe, auf Euch ist Verlass!“
Bis dahin war es noch eine Woche hin, und als Ulrike sich an Dirks Rücken schmiegte und sie die Hände vor seinem Bauch faltete, sprengten sie zum Gehöft der Aumunds. Er hieb frohlockend die flache Hand auf den Oberschenkel und genoss die Vorfreude, wie er sich einst auf die Schwertleite freute. Alles war in die Wege geleitet und erfüllte ihn mit Stolz. Er dachte bereits nach, wie sie ohne große Verluste die Burgen einnehmen könnten, doch wie er sich das genau vorstellte, verriet er nicht einmal Ulrike. Seit sie sich ihm auf dem Friedhof geöffnet hatte, war er mit keinem anderen Menschen lieber zusammen und genoss es, ihr nahe zu sein. „Wie stehst du zu Birtes Vater, Rike? Weiß er, was geschah? Es wäre günstig, sollte sich eine Kammer auf dem Aumundhof für uns finden.“
Ulrike blies der Wind durch die Haare, während sie sich bei ihrem dritten Ritt durchaus geborgen an seinem Rücken fühlte und sich ungehemmt von hinten an ihn klammerte. „Der alte Aumund weiß, wer ich bin, und er mag mich, glaub‘ ich, aber mit ihm über das zu sprechen, was uns widerfuhr, das bringe ich nicht fertig. Ich möchte eigentlich mit keinem darüber reden…“ Das Hufgetrappel der Freunde begleitete sie, und etwas fehlte plötzlich, weil das Geräusch fehlte.
Dirk warf einen kurzen Blick über die Schulter und sah Godeke an, dessen Gesicht rot war vor Anstrengung. Der Freund grinste, als wollte er sagen: So leicht wären sie nicht abzuschütteln. Dirk gab Ulrike unverhofft einen sehr vertraulichen Kuss hinter das Ohr - schneller als sie den Kopf wegdrehen konnte.
„Ich bin stolz auf dich“, flüsterte er. „Du hättest es leicht verderben können, eben beim Bardenflether. Zum Glück hast du mich nicht dafür getadelt, dass ich dich an mich zog. Das hätte mich unglaubhaft gemacht vor eurem Deichgrafen. Jetzt nimmt die Sache ihren Lauf. Weißt du, vieles wollen wir, und wenig wird in die Tat umgesetzt. Nach diesem Thing im Brookdeicher Holz lässt sich nichts mehr zurückpfeifen…“
Sie hätte ihm gern anvertraut, wie unangenehm es für sie auf einmal wurde. Ein Mädchen mochte hässlich sein, hübsch aussehen, oder zu den Schönheiten zählen, wichtig war allein, unbefleckt zu bleiben, bis es zum Altar geführt wurde. Die alten Wertevorstellungen machten leider keinen Unterschied, ob der gefallene Engel früher schon als schwaches Geschöpf für Tratsch sorgte, oder ob verwahrloste Mannsbilder im Schergenrock ihr fleischliches Verlangen an ihnen ausgetobt hatten. Auch ein schuldlos in Schande gefallenes Mädchen sollte so klug sein, sich nicht selbst ins Gerede zu bringen. Dirk machte keinen Hehl daraus, genau dazu würde er sie drängen. „Hat Birte ebenso viel Rückgrat wie du?“
Ulrike stöhnte, als hätte er einen wunden Punkt berührt. „Was heißt hier Rückgrat?“, fragte sie unwillig. „Auf mich wirkt Birte, als wären ihr kürzlich Mutter und Vater verstorben. Seit ein paar Tagen zerreißen sich die Leute auf dem Markt den Mund über sie und ihr Missgeschick auf Burg Lechtenberg. Gott weiß, wer sich da verplappert hat - sicher ist: Birte mag den Sohn des Deichgrafen, und für Bolke von Bardenfleth ist sie nicht mehr gut genug… Der wird kalte Füße bekommen, denkt sie, und ich kann es ihr nicht ausreden. Daran wird sich nichts ändern, so lange sie sich in ihr Kämmerlein verkriecht. Und genau das tut sie… leider.“
Er spürte, Ulrike litt auch darunter, doch das Problem, das Birtes Zustand mit sich brachte, lenkte seine Gedanken in eine andere Richtung. Hinter der Huntebrücke näherte sich der große, von Pfützen starrende Gutshof der Aumunds, mit dem Bauernhaus aus Fachwerk und dem Storchennest auf dem Reetdach, und Ulrike fiel etwas ein, das alles veränderte. „Geldis ist wetterwendig und leicht zu beeinflussen, die kriege ich rum. Und die hat es besser als Birte verwunden. Du wirst keinen roten Kopf bekommen bei der Versammlung am kommenden Sonntag“, rutschte ihr über die Lippen, und das war unüberlegt, da sie seinen Eifer anheizte und sie es eigentlich lieber nicht darauf angelegt hätte, alles an die große Glocke zu hängen. Aber auf dem Aumundhof herrschte Antje Aumund, mehr noch als vielleicht Sibo Aumund, und deren Fürsprache rückte alles in ein anderes Licht. Zufällig hielt sie sich am großen Dielentor auf. Da sie Ulrike längst in ihr Herz geschlossen hatte und sich herausstellte, die vier Edelleute brachten sie lediglich heim, bekreuzigte sie sich erleichtert. Freudig knickste Ulrike vor Birtes Mutter, und die sah sie an, als wäre ihr diese Geste der Unterwürfigkeit zuwider.
„Du bist ja eine kleine Heldin“, lobte sie Antje Aumund. Die Augen ruhten mit Wohlgefallen auf Ulrike. Sie dagegen fand es peinlich.
„Rike hat dem Vogt mit dem Schürhaken gedroht“, erklärte Antje. „Himmel und Hölle hat sie beschworen, wenn sie ihrer Schwester ein Leid zufügen.“
Dirk hob anerkennend die Brauen. „Alle Achtung, Rike, du bist ein starker Mensch.“
Sie schnappte nach Luft, erwägte sie doch eben noch, einen Rückzieher zu machen, aber seine Hochachtung bedeutete ihr viel. An diesem löblichen Bild wollte sie ungern rütteln. Tröstlich blieb die Hoffnung, Geldis könne sich durchaus weigern, zur Notzucht im Rittersaal öffentlich Stellung zu beziehen. Und Ulrike fragte sich, ob es wirklich so wichtig war, die Sache ruchbar zu machen. Am liebsten hätte sie Birtes Mutter festgehalten, die in ihrem schwerfälligen, leicht wackelnden Gang bereits zur Nebentür in der Fachwerkfassade zuckelte, um sie zu Geldis zu bringen.
Abseits der geräumigen Diele reihten sich die Kühe im Halbdunkel. Eine Magd schaute hochgeschreckt vom hellen Licht von ihrem Schemel auf, die sich gerade die Hände mit Melkfett einrieb. Geldis strahlte sie an, als könne kein Wässerchen ihre Laune trüben und hätte fast den halbvollen Holzkübel umgekippt.
„Den Burgen an Hunte und Olle droht ein Sturm“, berichtete Dirk ihr. „Hast du den Mut, zuzugeben auf welche Weise ihr drei entehrt wurdet?“
Geldis beeilte sich aufzustehen und vollzog den üblichen Knicks. „Sicher Herr Ritter.“
„Herr Ritter…“, wiederholte Dirk mit leiser Belustigung. „Das ist gut, Mädchen, eure Aussage ist unsere einzige Handhabe, um diese Schweinehunde zur Rechenschaft ziehen zu können.“
Ulrike und Geldis tauschten einen beklommenen Blick aus, und er wandte sich Birtes Mutter. zu. „Gute Frau, habt ihr eine Kammer für meine Freunde und im Stall Platz für vier Pferde?“
Sie lächelte matt. „Ich habe von Euch gehört, Ritter Dirk, willkommen bei Aumunds.“
Ulrike wunderte sich, was er vorhatte, und er drückte der Hausherrin ungesehen drei Markstücke in die Hand. „Damit ich immer eine offene Tür in Berne finde“, gab er ihr leise zu verstehen. Es war überreich gegeben, auch wenn es die Unterbringung von Lüders Töchtern begleichen sollte, aber er hatte beizeiten gelernt, sich rechtzeitig Verbündete zu suchen und wusste, auf kernige Menschen wie Antje Aumund konnte man bauen.
7. Kapitel
Das Brookdeicher Holz war berüchtigt für den im Halbschatten der Birken wuchernden Eisenfuß, der Grundwasserstand dort ganzjährig außergewöhnlich hoch. Wer in das finstere Unterholz eindrang, holte sich nasse Füße und musste bei jedem Schritt damit rechnen, in ein von Quellmoosen übergrüntes, tückisches Wasserloch zu treten. Als kleines Mädchen hatte Ulrike mit ihrer Mutter an diesem Ort Johannisbeeren gepflückt, um selbst auf dem Herd Marmelade zu kochen, und sie kannte sich hier aus, aber je länger ihre Gedanken um die Frage kreisten, ob es wirklich ratsam war, ihre Klage gegen die Herren von der Lechterburg öffentlich vorzutragen, desto törichter kam sie sich vor. Auch die Liese sorgte einst für viel Klatsch, und nicht für einen Fehltritt. Die Nachbarn zeigten mit dem Finger auf sie und spuckten vor dem armen Mädchen aus. Ulrike, damals noch eine hilflose Göre an der Mutter Hand, hatte die Eingeschüchterte vor Augen als wäre sie ihr gestern auf der Straße begegnet, mit ihrem kranken Gesicht und den strohblonden Zöpfen. Unmöglich, in dem zarten Alter zu verstehen, wieso Menschen, die sie als gutmütig kannte, einander leise ermahnten, die Unglückliche nicht zu grüßen. Heute, fast zehn Jahre später, schwante ihr, warum die Liese den Freitod wählte. Aber ging sie ehrlich mit sich selbst ins Gericht, musste sie sich eingestehen, sie hatte sich leichtfertig anstecken lassen von Dirks Glauben an eine höhere Gerechtigkeit, und sie fand es anfangs auch notwendig, ja unumgänglich, was der oberste Deichgraf auf die Beine stellte. Ohne Dirks Beitrag zu schmälern, dachte sie nur etwas weiter, aber sie hielt sich tapfer. Dirk und die anderen Keyhuser folgten ihr mit ungebrochenem Gottvertrauen, ebenso Geldis, Birte und Ulrikes Schwester Wibke. Die Köpfe geduckt, wegen der tiefhängenden Zweige, stiegen sie langsam durch das Gehölz. Besonders Dirk fand es mühsam, denn das Schlachtschwert, das er sich anfertigen ließ, stellte sich immer wieder zwischen Jungbirken und Büschen quer oder hakte anderswo fest.
Sie waren nicht die Ersten, die sich auf der Lichtung einfanden. Im kalten Blaulicht des Mondes schimmerte das Heidekraut lila, den Rand säumten Adlerfarn und Brombeerhecken. Dirk stolperte ins Freie, da sah er schattenhaft an die hundert Gestalten, in geselligen Gruppen zusammenstehen. Rainald von Bardenfleth begrüßte sie gleich mit Handschlag. „Ritter Dirk?“
Dirk nickte bestätigend. „Ja, und die anderen Keyhuser.“
Daraufhin betrachtete der Deichgraf zunächst den Begleiter von Dirk. Der Glanz des Wappenrocks verriet, er trug Seide und Wappen, war bloß vom Wuchs her derber und breiter gebaut als Dirk. Aus den grauen, sicheren Augen, die Rainald aus einer Kapuze musterten wie er ihn, sprachen besonnene Männlichkeit und nüchterne Ruhe. Erst jetzt zeichnete sich echte Freude im Antlitz des Deichgrafen ab, angesichts der schmächtigeren Gestalten, die sie wie versprochen begleiteten. Ohne eine Aufforderung abzuwarten, schoben sie sich die Kapuzen vom Kopf. Ihre hervorquellenden vollen Haare beseitigten alle Zweifel, sie brachten wie angekündigt einige Mädchen mit. Rainald tuschelte ihnen zu, „wir rechnen mit bedeutend mehr Leuten.“
Über eine Stunde verhielt sich die beständig wachsende Menge ruhig wie bei einer Bestattung, bevor der Pfarrer erscheint. Wibke mochte sich im Stillen fragen, ob sie nicht besser im Bett liegen sollte, und Geldis überkam schon häufig ein unkontrolliertes Gähnen. Über vierhundert Menschen fanden sich schließlich auf der Heidefläche im Birkenwald ein.
Die Nacht war klar, die Sterne am graublauen Himmel ähnelten fernen Funken, und Dirk fühlte sich plötzlich von Ulrike angestoßen, warf einen raschen Blick in den Himmel. Eine aus dem Nichts fallende Sternschnuppe glühte auf und erlosch.
Dirk wusste gar nicht, um was es ihr ging, aber Ulrike war mulmig bei dem Gedanken, sich und Geldis auch noch ins Gerede zu bringen. Doch stand die Zeugenaussage unumstößlich an, und sie wünschte sich angesichts der Sternschnuppe innig die nötige Kraft, das Ungeheuerliche in aller Unschuld an den Pranger zu stellen, für Birte und alle, die vor ihnen in Schande fielen und wie Vogelfreie das Licht der Straße scheuen mussten.
Unterdessen erstieg Rainald von Bardenfleth den einsamen Hügel, wo eine Gruppe Moorbirken in die Heidelichtung hineinragte und eine mächtige Trauerweide ihre Schirmkrone wie in Andacht versunken der murmelnden Menge zuneigte. Der schorfig verknorpelte Stamm sprach für sich: zwei große Männer hätten ihn nicht umfassen können. Der Deichgraf wartete noch, bis der nahezu volle Mond sich in einem Wolkenfenster zeigte und für ein wenig mehr Helle sorgte, um dann das Wort zu ergreifen. „Es macht mich froh, wie viele tatsächlich den Weg hierher gefunden haben!“
Der Beifall klang eher gedämpft, aber es war eben eine Aktion unter dem Deckmantel der Heimlichkeit, und er kam gleich zur Sache. „Seit Graf Moritz die Lechterburg und Burg Liene erbauen ließ, kommt es an der Stelle, die ihr alle kennt, wo die Felder beginnen und der Weg in das Brookdeicher Holz mündet, zu Übergriffen der Burgbesatzungen. Nach der Kolonisationsurkunde aus dem Jahre 1106, die für das Holler Recht steht, ist es unsere Pflicht, die Übeltäter dingfest zu machen.“
Es war der Augenblick, in dem Ulrike vom Deichgrafen auf die Anhöhe unter der Trauerweide gebeten wurde. Da alle sie beobachteten, strich sie gehemmt die Sitzfalten aus ihrem Arbeitskittel und trat nervös von einem Fuß auf den anderen. „Ja… ähm…was wollt ihr denn nun hören?“
Ein magerer Mann mit halb ergrauten Schläfen und Stirnglatze, der die Lebensmitte deutlich überschritten hatte, zählte zu den Vorständen der Meiereien. Der baute sich breitbeinig vorn in der Menschenmasse auf und verschränkte herrisch die Arme. „Na, wenn du das nicht selber weißt...“
Bei den Rittern hielt sich Bolke von Bardenfleth auf und maßregelte ihn mit einem vernichtenden Blick. „Ach Wige, du förderst die Sache nicht, machst du die Zeugen unglaubwürdig.“
„Kann man das denn…? Sie unglaubwürdig machen?“
„Lass sie ausreden und basta“, brachte der Deichgraf ihn zum verstummen. Das hin und her bot Anlass genug für eine Ansprache, die ein heikles Thema anschnitt. „Um eines klar zu stellen, ein Weibsbild hat das Recht, jeden Freier abzuweisen, um sich aufzuheben für den Mann ihres Lebens. Dafür verdient sie Hochachtung. Doch wehe dem, der sich über unsere Töchter den Mund zerreißt, die gezwungen wurden, zu dem, was untrennbar zur Ehe gehört und zu dem keiner ein Weib zwingen darf! Diese als unehrenhaft zu verstoßen, ist heuchlerisch und verwerflich, wie einem Blinden ein Bein zu stellen. Sollte ein Weibsbild unter euch durch ein unbelehrbares Schandmaul in Verruf geraten, soll sie zum Hof der Bardenfleths gehen. Ich selbst richte den Kerl. Er soll im Moor ersäuft werden wie ein toller Hund! Gott helfe mir dabei!“
Ulrike atmete erleichtert aus, um sich zu sammeln. „Ich bin Ulrike, die Tochter des Schmieds von Berne. Die Fuhrleute unter euch kennen Lüder, und die, die zum Frühling den Pflug erneuert brauchen, ebenso... oder die, denen er die Eisenstifte für den Schuppen hergestellt hat.“
„Und wenn…?“ Es war derselbe Mann wie eben, der aus den Umstehenden unangenehm hervorstach. „Ob wir ihn kennen… oder nicht, ist doch egal.“
Sie fuhr sich gekränkt über die Stirn. „Na gut. Seit einer Woche wohne ich jedenfalls auf dem Gut der Aumunds.“
Ihre Stimme bebte vor Aufregung, und einem Greis mit einem ausgehärmten Fuchsgesicht, der sich an Wige Harms hielt, riss der Geduldsfaden. „Herr Gott, Weib, komme zu dem Punkt, um den es uns geht.“
Dirk hatte den Eindruck, es sei verabredet, sie ständig zu unterbrechen, und Eike von Bardenfleth wies den Alten scharf zurecht. „Mach dir ins Hemd, Käsebauer, das kühlt ab – so viel Zeit haben wir!“
Es tat Ulrike gut, Fürsprache zu hören. Als Stille einkehrte und Dirk ihr zuzwinkerte, hob sie würdevoll das Kinn und verschränkte die Arme. „So kam es, dass ich am Sonntag nach Erntedank mit Birte Aumund, meinen beiden Schwestern und einer Freundin mit auf dem Leiterwagen der Aumunds saß und zum Gottesdienst wollte. Wir verloren ein Rad und mussten zu Fuß weiter, und unterwegs fingen uns die Reiter der Lechterburg ab. Meine jüngste Schwester und des Bauern Jungen ließen sie in Ruhe, uns Frauen nahmen sie mit. Wir schliefen im Rittersaal, wo ein Bett für ganz bestimmte Anlässe steht… Der flämische Ritter Wilhad von Brügge und der Burgvogt selbst waren zugegen, als sie um uns würfelten. An mir kühlten sogar zwei ihr Mütchen… so nennt man ja wohl diese Art, Kinder zu zeugen.“
Zum Ende ihrer Rede schluckte Rainald und schnitt ihr das Wort ab, weil Ulrike außer sich geriet, während sie alles schilderte und es im Geiste erneut durchmachte. „Das genügt, Ulrike.“
Sie fiel aus Gewohnheit in einen Knicks vor der versammelten Menschenmenge. Hinterher wurde sie sich bewusst, ihre Schande öffentlich heraus posaunt zu haben und senkte mit hochroten Wangen die Stirn.
Aber Geldis gesellte sich zu ihr und bestätigte den Bericht. „Ich bin Geldis. Bitte, verdammt Ulrike nicht für ihre Ehrlichkeit. Was hätten wir wohl tun sollen gegen die ganze Burgmannschaft? Ulrike stellte sich immerhin vor ihre Schwester, den Schürhaken in der Faust. Nur gegen den starken Hauptmann der Lechterburg kam sie natürlich nicht an.“
Auch Birte Aumund bewies Schneid, da sie gut über Ulrike sprach und sie bestätigte. Der Deichgraf sorgte mit abwiegelnder Hand für Ruhe auf der Lichtung. Die Leute fingen an zu diskutieren, und es lief darauf hinaus, die Menschenmenge hätte sich bald zerstreut. „Wartet“, rief der alte Bardenflether den Leuten zu. „Jetzt kommen wir doch erst zu dem, wofür wir uns hier versammelt haben.“
Erneut kehrte atemlose Stille ein, nur irgendwo im Birkenholz heulte eine Eule. „Das war jetzt das vierte Fuhrwerk, und das vierte Mal wiederfuhr Frauen auf der Burg Gewalt. Für Birte Aumund forderten sie zudem 30 Mark Lösegeld, ehe man die Weiber laufen lassen hat. Ist irgendwer unter euch, der Einzelheiten über die früheren Vorkommnisse weiß, oder vielleicht ein Weib zugegen, das auch auf die Burg verschleppt worden ist?“
Außer Birte Aumund, Geldis, Wibke und Ulrike hatte sich kein weibliches Wesen überwinden können, zu später Stunde die Männer zum Treffen im Brookdeicher Holz zu begleiten. Zu dieser Zeit, in der die meisten die Jahre nach der Zahl ihrer Kinder zählten, hielt eine Frau es einfach nicht für wichtig genug, die Kinder allein zu Haus zu lassen, um gemeinsam auf den Adel zu schimpfen.
Ein Knecht mit einer ärmellosen Lederweste und kräftigen Oberarmen drängte sich aus der Menge vor und schielte unschlüssig nach rechts und links, als wollte er es sich noch anders überlegen. Rainald verhinderte, dass er sich einfach wieder zurückzog. „Sprich Mann. Oder hast du weniger Mut als die Frauen, die sich eben selbst ins Gerede brachten, um ein Beispiel zu geben?“
Der Mann senkte widerwillig die Stirn, ehe er mit einem trockenen Husten herausplatzte. Weißer Pflaum sprießte an seiner faltigen Kehle und das Doppelkinn verlieh ihm ein ungepflegtes Äußeres, doch daran mochte eine Krankheit schuld sein. „Meine Tochter wollte zum Markt, sich beim Backkarren ein Brot holen...“, sein Mund zitterte, als weigere er sich, den Rest herauszurücken.
„Mach jetzt keinen Rückzieher“, half ihm Rainald über die Hürde.
Aber da es dem Armen an Zähnen haperte, war alles, was er zu erzählen hatte, bloß undeutlich und mit genauerem Hinhören zu verstehen. Es trug sich vor der halbverfallenen Huntebrücke zu, wo der Holunder blühte. Zwei Schergen der Lieneburg kamen wohl aus dem Nichts über den Alten Deich an der Olle und ritten sie fast um. Dafür schalt er sie eine Satansbande, und sie schlugen ihn grün und blau. Seiner Tochter schnürten sie das Kleid über dem Kopf zusammen, warfen das hilflose Ding ins Gras und fielen über sie her. Seitdem blieb das Mädchen stumm und nichts konnte es dazu bringen, zu sprechen.
„Mir bleibt nur der Hass auf die, die das taten“, schloss er. „Wir sollten uns wehren. Ich mache mit, egal was ihr beschließt. Das habe ich meinem Weib geschworen.“
Seinem Beispiel folgte ein zottelbärtiger Schafhirte in einem Wollwams, der drückte sich den Leib wie unter Schmerzen. „Bei jeder schnellen Bewegung ist es wie ein Nadelstich, hier über der Hüfte…“ Verbissen zeigte er die Zähne und rieb sich über die unteren Rippen. „Es tut weh, so oft ich mich unbedacht bewege. Ich verdanke es den Bütteln des Grafen.“
Eike von Bardenfleth warf ihm einen mitleidigen Blick zu. „Wurdest du zusammengeschlagen?“
„Und getreten. Ich trieb vor einer Woche und einem Tag meine Herde zur Kate zurück… unweit von Ranzenbüttel. Meine fünfzehn Jahre alte Tochter Imke begleitete mich und wies mir drei Schergen zu Pferd, die vom Deich aus ein Auge auf uns warfen. Ich bekam Angst und befahl meinem Mädchen, nicht die Kate zu verlassen und den Riegel vorzulegen. So tobten sie ihre Wut an mir aus, und unserem Hütehund, der mir helfen wollte, schlugen sie den Kopf ab, als sei er toll, stießen mich um und traten mir in den Leib, bis ich mich nicht mehr rührte. Ich will die Burg an der Hunte brennen sehen.“
„Das geht vielen hier so“, sagte Eike und klopfte ihm die Schulter, da er keuchend den Bericht abbrach. Aber einige, die sein Schicksal erschütterte, beruhigten den armen Hirten, und es gab noch mehr, die nicht länger schwiegen, auch was sie erzählten waren keine Bagatellen.
„Es musste nur jemand den Anfang machen“, tuschelte Rainald von Bardenfleth der Gruppe Keyhuser Ritter zu.
Frederik nickte grimmig und sagte noch einiges zu dem, was er aus der Rasteder Chronik wusste… „Ich war ein Bruder in Kutte und Strick und kann euch die Ländereien aufzählen, die das Kloster Rastede die letzten Jahre schluckte, in Rüstringen, im Ammerland, um Lüneburg und im westfälischen Lüdenscheid, und ebenso in Stedingen, gewöhnlich zum Martinstag oder nach Erntedank. In jedem Fall lief es gleich ab. Galt es, die Ernte einzuholen, wurde dieser oder jener Bauer mitsamt Gesinde zum Frondienst an einer Rodung gerufen oder zum Bau einer neuen Burg. Es gibt einen Kuhhandel zwischen dem Abt des Klosters Rastede und dem Grafenhaus zu Oldenburg.“
Darmowy fragment się skończył.