Czytaj książkę: «3 a.m.»

Copyright © 2013 by Edition Roter Drache.
Edition Roter Drache, PF 100147, D-07391 Rudolstadt.
email: edition@roterdrache.org; www.roterdrache.org.
Lektorat: Katrin Spohar.
Titelbild- & Umschlaggestaltung: Gerhard Simader.
Buchgestaltung: Edition Roter Drache.
Gesamtherstellung: Booksfactory
Alle Rechte der Verbreitung in deutscher Sprache und der Übersetzung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Ton- und Datenträger jeder Art und auszugsweisen Nachdrucks sind vorbehalten.
ISBN 9783944180397

Edie Calie lebt als selbst ernannte Prokrastinationskünstlerin im wunderschön morbiden Wien, ein Ort der nicht nur Einfluss auf ihre Geschichten, sondern auch auf ihren Humor hat. „Wenn H.P. Lovecraft Providence ist, dann bin ich Wien“, lacht die Sammlerin von Quietscheenten, deren Interesse am Chaos (vor allem am Chaos zur linken Hand) ein Desinteresse an der Wahrheit vermuten lässt. Stattdessen bevorzugt sie gute Geschichten, welche sie auch gerne in Flughafenankunftshallen liest. Ihr Erstlingsroman 3 a.m. entstand aus einer Mischung aus zweifelhaftem psychischen Zustand und öffentlichen Verkehrsmitteln.
Kapitel
Cover
Titel
Impressum
Über die Autorin
Zitat
Lust
Das Universum
Der Mond
Der Eremit
Der Turm
Die Hohepriesterin
Das Æon
Glück
Der Gehängte
Der Narr
Weitere Bücher
»In a real dark night of the soul it is always
three o’clock in the morning, day after day«
F. Scott Fitzgerald
Lust
Sie fing an, wie wild zu lachen. Nein, nicht wild: verrückt. Offensichtlich vom Wahnsinn gepackt, schwoll es zu laut kreischender Hysterie an, wie man es eigentlich nur aus dem Inneren einer Gummizelle erwarten würde.
Kurz zuvor hatte sie ihm noch die willige Liebhaberin gespielt: »Oh ja, komm, mach’s mir! Du bist so geil, dein harter Schwanz gibt es mir so, wie ich es brauche!« Doch jetzt lachte sie über ihn und dieses bemitleidenswerte, schrumpelige Etwas, das an ihm herunterhing und angeblich die pure Männlichkeit verkörpern sollte. Irritiert starrte er sie an. Er hätte es niemals für möglich gehalten, dass in dieser engelsgleichen rothaarigen Schönheit solch grausame Geräusche stecken könnten. Ein Schauer lief ihm über den Rücken, doch sein Ego schützte ihn davor, in sich selbst den Auslöser für das Ganze zu erkennen.
»Der hab’ ich offensichtlich den Orgasmus ihres Lebens beschert«, redete er sich ein.
Armer Johnny. Allein diese Episode verdeutlichte, dass er es allein wohl nie aus dem Aquarium herausschaffen würde und zum Dasein als Goldfisch verdammt war, ohne sich je seiner Gefangenschaft bewusst zu werden.
Während sie noch immer vor Lachen kreischte, zog er sich rasch an und verließ das kleine Apartment. Bis auf den Parkplatz hörte er sie, nicht ahnend, dass dieser Ausbruch einzig und allein seinem Schwanz galt.
Während sie vor Lachen Tränen in den Augen hatte, liefen dicke Krokodilstränen über die Wangen jenes Mannes, der mit dem Kopf in meinem Schoß lag.
»Wenn das wahr ist, dann bin ich verrückt«, schluchzte er. »Nein wirklich, dann bin ich verrückt. Sag’ mir, ob das wirklich wahr ist.«
Ich war in einer Zwickmühle: Die Wahrheit sagen, was impliziert hätte, dass er verrückt war, oder alles zurücknehmen, damit seinen vorangegangenen Wutausbruch rechtfertigen und mich selbst als verräterischen Lügner darstellen, ihn aber der Verrücktheit freisprechen. Ich strich ihm durchs Haar und sah ihn verständnisvoll an.
»Sag’ mir, ob das stimmt!« Ihm war es ernst und er würde nicht eher locker lassen, bis er eine Antwort bekam.
Während ich zaghaft nickte, überlegte ich, welches der sieben Biere mich in diese Situation gebracht hatte. Es musste das fünfte gewesen sein, es war immer das verfluchte fünfte Bier. Er vergrub seinen Kopf noch tiefer in meinem Schoß und heulte auf.
»Dann bin ich verrückt! Du musst mich sofort einweisen. Ich bin verrückt, ich muss in die Klapse.« Nur ein Verrückter verlangt danach, eingeliefert zu werden. Kurz zögerte ich, ob es nicht doch besser wäre zurückzurudern und ein Verräter zu sein. Immer noch angenehmer, als einen weinenden Mann im Schoß liegen zu haben, der mit zunehmender Ernsthaftigkeit darum flehte, so schnell wie möglich ins Irrenhaus eingeliefert zu werden.
Zeitgleich wandelte in Jerusalem ein anderer Verrückter, lediglich mit einem Tuch bekleidet, barfuß und sich an einem Stock festhaltend, durch die Straßen. Selbst in dieser Stadt, die bereits zahlreiche Wahnsinnige kommen und gehen gesehen hatte, passte er nicht ins Bild und erregte Aufmerksamkeit. Die Tatsache, dass er sich nicht ausweisen konnte und auf die Frage nach seinen Personalien jedes Mal selbstbewusst behauptete, Jesus von Nazareth zu sein, weckte das Interesse der Behörden und von denen ‚ganz oben‘. Es war für sie zwar nicht der erste Kontakt mit einem offensichtlich Geisteskranken, der behauptete die Reinkarnation von Jesus Christus zu sein, doch dieser Mitte 30-Jährige war irgendwie anders. Vielleicht lag es daran, dass er keinerlei äußerliche Ähnlichkeit mit dem Jesus aufweisen konnte, der seit Jahrhunderten das Innere von Kirchen schmückte.
Von der Statur her war er groß und breitschultrig, seine Haut dunkel, fast schwarz, sein krauses lockiges Haar stand wie elektrisiert von ihm ab und sein Gesicht ließ jegliches Anzeichen eines Bartes vermissen. Es handelte sich so offensichtlich nicht um Jesus, dass man ihm schon fast wieder Glauben hätte schenken können.
Nicht nur in Jerusalem wandelten die Verrückten durch die Gegend. Mitten in der Nacht ließ jemand draußen auf der Straße alle lautstark an seinen Gedanken teilhaben.
»Das Problem ist, dass sich niemand mehr fragt, wie es einem geht!«, brüllte er so laut er konnte, »Keiner weiß mehr, was im eigenen Kopf vor sich geht, alle sind nur noch gestresst. Menschen, wir werden irgendwann noch alle am Strick baumeln, wenn –«
»Ruhe!«, schrie jemand aus dem Fenster.
Obdachlose haben keine Zuhörer und so zog er sich wieder in seinen Pappkarton zurück.
Der Strick von dem der Obdachlose geredet hatte existierte wirklich, allerdings am anderen Ende der Welt, in Japan.
Wie genau dieser dürre Grufti-Teenager in diese Situation gekommen war, wusste er nicht. Gerade war er noch mit einer Flasche Sake in der Hand auf seinem Bett im Kinderzimmer gelegen und hatte Bands zugehört, die mit ihren Songs dieselbe Aussichtslosigkeit zum Ausdruck brachten, die er fühlte. Jetzt stand er mitten in einem Wald. The trees are closing in. Das Laub der Bäume verdeckte die hochstehende Sonne, was wesentlich zur seltsamen, unheimlichen Atmosphäre beitrug, für die es im Englischen den schönen Ausdruck ‚eerie‘ gibt.
Die typischen Waldgeräusche fehlten, kein Vogelgezwitscher, kein Rascheln, kein Wind, der in den Blättern wie Meerrauschen klingt. Lediglich das Brechen der Äste unter seinen Schuhsohlen war zu hören. Ein gottverlassener Ort, an dem er dennoch nicht das Gefühl hatte, allein zu sein. Er kam sich beobachtet vor und die zahlreichen Seile, die in den Bäumen hingen, zeugten von Besuchern vor ihm. Fast wäre er über einen am Boden liegenden Schuh gestolpert, dem die Witterung bereits ordentlich zugesetzt hatte. Als er aufblickte, starrte er dem früheren Besitzer geradewegs ins Gesicht, von dem lediglich ein fleischloser Schädel übrig geblieben war. Aokigahara, Suicide Forest und die Frage, was war zuerst da: die Selbstmörder oder der Name? Baum oder Strick? Huhn, Ei, Schlachter? Vielleicht musste er zurück zum Anfangspunkt und vielleicht war er genau dort und das war es, was für Verwirrung sorgte. The trees are closing in, alles begann sich zu drehen.
Vielleicht teilte er unwissend genau das gleiche Problem wie der Typ, der sich für Jesus hielt: Er besaß keine roten Socken und Menschen ohne rote Socken waren schon immer zum Scheitern verdammt.
Sie atmete tief ein und begann sich langsam zu entspannen, obwohl die Metallbank auf der sie saß, nicht nach Erholung aussah. Die Maschine aus New York war 18,5 Minuten zuvor gelandet und nun traten die ersten Ankömmlinge durch die automatische Tür in den Ankunftsbereich: ein paar Business(wo)men in Anzug oder Kostüm, ein paar Touristen und viele Heimkehrer. Sie beobachtete, wie sich die Menschen um den Hals fielen und spürte, wie deren Stimmung auf sie überschwappte. Wo gibt es mehr Glück zu finden als in der Ankunftshalle eines Flughafens?
Nach dem hemmungslosen Lachanfall, der sie nach dem One Night Stand überkommen hatte, konnte sie positive Gefühle und Normalität dringend gebrauchen. Offensichtlich steckte irgendetwas Dunkles, Animalisches in ihr, das heraus wollte und sie völlig verunsicherte. Dieser Ort war bislang immer der richtige für sie gewesen, um wieder aufzutanken. Fremde Menschen, die sie unwissend zurück in die Realität holten. Interaktion war nicht nötig. Sie saß anonym und unscheinbar auf der Bank, die sie zurück auf die Erde holte, weit weg von der geistigen Welt der Bücher, in der sie sonst lebte. Es genügte ihr, für ein paar Stunden einen Blick auf das triviale Leben der ‚normalen‘ Menschen zu erhaschen, das mit ihrem so gar nichts zu tun hatte. Doch sie fühlte sich weder überlegen noch erleuchtet, nur (wo)anders.
Die Zeit kroch in der grell erleuchteten großen Halle vor sich hin, Leute kamen und gingen, ein paar enttäuschte Gesichter, weil niemand wartete, aber größtenteils herrschte Wiedersehensfreude. Sie ließ die Stimmung auf sich wirken und nach einiger Zeit fiel ihr eine ältere Dame auf der anderen Seite des Raumes auf, die ihre Anwesenheit zu bemerken schien.
Reflexartig wandte sie den Blick ab, sie wollte verhindern, wahrgenommen zu werden. Bislang war ihr das auch immer ohne Probleme gelungen. Doch als sie nach einer Weile wieder in die Richtung der Alten blickte, sah sie, dass diese sie nach wie vor zu beobachten schien. Es war zu spät, das altbekannte ‚Wenn ich dich nicht sehe, siehst du mich auch nicht‘-Spiel funktionierte eben nur bei Kindern. Auf Grund der Entfernung konnte sie das Gesicht der Alten nicht erkennen, nur die altmodische Kleidung: ein langer, schwarzer, weiter Rock und eine langärmelige, dunkelviolette Bluse. Die weißen, langen Haare lugten unter einem breitkrempigen, schwarzen Hut hervor und sie konnte sich des Gedankens nicht erwehren, dass diese Frau bereits seit langer Zeit wartete, so untypisch war sie für diese Zeit gekleidet. Sie versuchte ihre Gedanken und Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu lenken, schließlich war sie zur Beruhigung ihrer Nerven hierhergekommen. Doch so wirklich wollte es ihr nicht mehr gelingen, sie fühlte sich beobachtet.
Die Situation wurde noch unangenehmer, als die Alte plötzlich verschwunden war. Obwohl ihre Vernunft ihr sagte, dass die Person, auf die die alte Frau gewartet hatte, wahrscheinlich eingetroffen war und sie die Halle verlassen hatte, rutschte sie unruhig auf der Bank hin und her. Sie fühlte immer noch ihre Präsenz. Ihr rutschte das sprichwörtliche Herz in die Hose, als sie sie plötzlich neben sich sitzend entdeckte. Wie der Jäger an seine Beute, hatte sie sich lautlos angeschlichen, vielleicht hatte auch sie das Animalische in ihr bemerkt. Doch die Fremde ignorierte sie und langsam beruhigte sich ihr Herzschlag wieder. Verstohlen betrachtete sie die Fremde von der Seite.
Miss Le Fay Morgan schoss ihr der Name in den Kopf und entlockte ihr ein Lächeln. Tatsächlich erinnerte die Frau sie an die Romanfigur von Dion Fortune. Die äußerlichen Unterschiede waren zwar offensichtlich, aber so stellte sie sich die Aura und Ausstrahlung dieser fiktiven Person vor. Der Gedanke erheiterte sie kurzzeitig, bis ihr auffiel, dass auf einmal mehr Menschen auf sie aufmerksam wurden. Ein Mann regte sich darüber auf, dass er fast über ihre Füße gestolpert wäre, ein Security-Mitarbeiter schaute sie argwöhnisch an, ein Kind fragte sie nach ihrem Namen und ganz allgemein schien man sie auf einmal zu beachten, was ihr gar nicht recht war.
Die angenehme Stimmung, die sie so in der Ankunftshalle schätzte, war dahin. Sie gehörte nicht dorthin und plötzlich schienen es alle zu wissen. Sie war der festen Überzeugung, dass die Alte irgendwas damit zu tun hatte, auch wenn diese bewegungslos neben ihr saß und Richtung Ausgang blickte. Schließlich fasste sie den Entschluss, nach Hause zu fahren. Der Ort war für diesen Tag zerstört und sie beschlich das Gefühl, dass er das für immer sein würde. Kurz bevor sie die Halle verließ, warf sie noch einen letzten, verstohlenen Blick auf die Fremde. Wie ein Geist saß sie noch immer bewegungslos da, trotz ihres auffallenden Äußeren schien niemand von ihr Notiz zu nehmen. Alea iacta est, die Veränderungen waren nicht mehr aufzuhalten.
Es dauerte nicht lange, bis auch ich mich zu den Verrückten zählen lassen musste. Vielleicht war der Wahnsinn von D. auf mich übergesprungen, contact high quasi, aber ich glaube eher, dass die allgemeine Stimmung der Welt daran Schuld hatte. Die psychiatrischen Einrichtungen quollen über, Kinder redeten ehrfürchtig von der bevorstehenden Ankunft der roten Frau und zuhauf saßen die Leute morgens um 3 Uhr aufrecht im Bett und brabbelten Unverständliches vor sich hin.
Genau zu denen gehörte auch ich. Als mir D. am nächsten Morgen erzählte, dass ich mitten in der Nacht irgendwas von der Zahl 23 gefaselt hatte, ärgerte es mich, dass er es genauso wenig aufgeschrieben hatte, wie all die anderen, die Zeugen ähnlicher Tiraden geworden waren. Wer weiß, hätten wir alle Aufzeichnungen zum Vergleichen gehabt, hätten sie vielleicht Sinn ergeben und der Menschheit den Aufstieg zur nächsten Evolutionsstufe ermöglicht. Aber D. war erwartungsgemäß anderer Meinung.
»Dieses Illuminatus-Buch steigt dir gehörig zu Kopf.«
»Zu Kopf steigen? Bist du komplett durchgedreht? Alkohol steigt mir zu Kopf, vorzugsweise in 0,75 l Flaschen mit der Aufschrift ‚Grüner Veltliner‘. Dieses Buch wirkt langsamer als LSD, hält aber länger an.« Nicht, dass ich es jemals ausprobiert hätte, mein Bedürfnis Blut an den Wänden runterlaufen zu sehen, hält sich bis dato in Grenzen.
»Mir egal, ob die Wirkung wie die von Alkohol oder LSD ist, Fakt ist, du redest nur noch Blödsinn! Es kann dir keiner folgen, wenn du von sprechenden Eichhörnchen erzählst.«
»Aber warum denn nicht? Der Zusammenhang ist doch vollkommen klar!«
Er stöhnte entnervt auf. Ich weiß, dass er mich liebte, aber zurzeit war ich einfach zu viel – selbst für ihn. »Hauptsache du schreibst, dann bist du noch nicht ganz verloren,« sagte er, bevor er den Raum verließ. Er kannte mich zu gut. Kindisch streckte ich ihm die Zunge heraus, was er ohnehin längst nicht mehr –.
»Scheiße, was ist das? Dieses dickflüssige rote Zeug an der –«
»Nak nak nag naag nack.« Nur ein Verrückter verlangt danach eingewiesen zu werden – das Schnattern der Ente interessierte niemanden.
»Nak naag!« – 23!
Nichts ist wahr, alles ist erlaubt. Nichts ist wahr, alles ist erlaubt. Nichts war alles.
»1984 war nicht als Gebrauchsanweisung gedacht«, prangte mittlerweile auf allem und jedem in dieser Stadt. Doch zu spät. Schon längst interessierte es niemanden mehr, als was das Buch ursprünglich mal gedacht war, es wurde so gebraucht und fertig. Johnny zog sich seinen dunkelblauen Pullunder über sein kariertes Hemd, was ihn noch vor 23 Jahren wie einen Opa hätte aussehen lassen, doch jetzt ein unmissverständliches Zeichen dafür war, dass er zu den ‚coolen‘ Hipstern gehörte, über die sich alle anderen genauso lustig machten, wie die Hipster selbst, wenn sie ihre Zugehörigkeit abstritten. Wie auch immer, es scheint klar zu sein, welche Art Mensch Johnny war. Er nahm sein Tofubrot und steckte es zu seinem GurkenLaptop in die Tasche. Anschließend stöpselte er sich seinen GurkenPod in die Ohren und irgendeine unbekannte Britpop-Band begann in seine Ohren zu plärren. Insgeheim bevorzugte er die Musik von Rihanna, aber das hätte er natürlich niemals zugegeben. Dabei hätte er eigentlich wissen müssen, dass man auch mit Britpop keine Revolution gewinnen kann, obwohl ihm die doch angeblich so wichtig war. Wer auch immer sie ausgerufen hatte, jetzt wo sie unaufhaltsam schien, wollte jeder davon profitieren.
Dabei waren die Fronten so undurchsichtig und widersprüchlich, dass kaum noch jemand den Überblick hatte. Manche schrien nach mehr Freiheit, manche schrien nach mehr Geld und Macht, manche schrien nach mehr Überwachung und Sicherheit und manche schrien schlicht und einfach nach Mehr. Schließlich waren sie von klein auf alle darauf konditioniert mehr zu wollen und niemand wäre auf die Idee gekommen, weniger zu verlangen. Weniger machte Angst, es musste mehr werden, nur Wachstum würde etwas bringen, alles andere den Untergang.
Mittlerweile war der Typ, der sich als Jesus bezeichnete, so was wie ein Internet-Star geworden. Es existierten bereits unzählige Videos von ihm und immer mehr Menschen sämtlicher Glaubensrichtungen hefteten sich an seine Fersen und filmten jeden Schritt von ihm mit ihren GurkenPhones. Ihm selbst schien der Rummel um seine Person langsam etwas zu viel zu werden, aber dennoch stand er ihnen jeden Tag Rede und Antwort, wenn auch ziemlich launisch. Aber launisch war genau das, was die Fangemeinde wollte: Ein liebe- und verständnisvoller Jesus hätte ohnehin nicht in diese Zeit gepasst.
»Jesus, kannst du uns sagen, ob die Welt irgendwann untergehen wird?«, fragte einer der Fans.
»Die Frage ist nicht ob, sondern wann und selbst das ist relativ«, antwortete er, »Aber mir ist schon klar, dass ihr minderbemittelten Menschen noch immer nicht die lineare Zeitrechnung aufgegeben habt. Ihr zieht nicht mal in Betracht, dass der Weltuntergang möglicherweise bereits stattgefunden hat. Wenn ihr irgendwann entdeckt, dass auch die Zeit dreidimensional ist, werdet ihr euch alle in die Hosen scheißen.«
Keiner der Anwesenden war sich sicher, was sie mit dieser ‚Antwort‘ anfangen sollten, ein einfaches ‚Ja‘ oder ‚Nein‘ wäre allen lieber gewesen. Aber was erwarten die Leute, wenn sie Jesus um Rat fragen? Die Frage nach dem Weltuntergang wurde ihm schließlich nicht zum ersten Mal gestellt. Online gab es ein Video, in dem sich Jesus so anhörte, als ob er jederzeit die Apokalypse mit vier Reitern im Schlepptau – oder umgekehrt – erwarten würde.
»Sohn Gottes, bitte sage mir –«
»Götter«, unterbrach Jesus sie.
»Bitte?«
»Es heißt ‚Sohn der Götter‘!«
»Aber Herr, es gibt doch nur einen wahren Gott.«
»Wer behauptet denn sowas?«
»Die Bibel«, schrie jemand aus der Menge.
»Wurde schlecht übersetzt, dieses Buch! Eigentlich ist es auch egal, ob es ‚Sohn Gottes‘ oder ‚Sohn der Götter‘ heißt. Es ist sowieso nur eurer jämmerlichen Sprache zu verdanken, dass es überhaupt einen Unterschied gibt. Hättet ihr Menschen den verdammten Turm damals nicht zu hoch gebaut, hätten wir dieses Problem jetzt nicht.«
Ein Raunen ging durch die Menge – Blasphemie!
»Was wolltest du fragen?«, richtete er das Wort wieder an jene Frau, die er zuvor unterbrochen hatte und die ihn nun eingeschüchtert ansah.
»Ich wollte fragen, welchen Teil in der Bibel –«
»Vergesst die Bibel«, unterbrach er sie erneut und setzte noch eins obendrauf. »Eure so genannten Heiligen Schriften sind maximal dazu geeignet, einen Kamin anzuheizen und zwar von jeder Religion. Die Idee von einer grundlegenden Schrift war ja im Prinzip nicht schlecht, aber dann wurden es mehrere und die waren voll mit Missverständnissen und Fehlern. Man hätte von Anfang an nur mathematische Formeln in Steintafeln hauen sollen, dann würdet ihr mich jetzt nicht anschauen wie ein Auto und die Menschheit hätte sich in der Zwischenzeit vielleicht etwas weiterentwickelt.«
»Soll das ernsthaft heißen, dass du der Selbe bist, der vor über 2000 Jahren gekreuzigt wurde?«, meldete sich ein anderer.
»Ja. Und nein.« Er seufzte, das war mühsamer, als er gedacht hatte. »Für mich findet all das gleichzeitig statt und es gibt keinen Unterschied zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Der Unterschied ist nur für euch da, aber wie gesagt, dreidimensionale Zeitrechnung würde eure Köpfe wahrscheinlich zum Platzen bringen. In eurer linearen Denkweise kann man sagen, dass ich immer mal wieder aufgetaucht bin, in der einen oder anderen Gestalt. Von jedem Mal habe ich das Wissen, oder – wie ihr es nennen würdet – die Erinnerung, was jedoch nicht heißt, dass es immer ich war.«
Den Gedankengang konnte nun wirklich kein Anwesender nachvollziehen.
»Aber was erzähl’ ich euch das, die ihr noch immer glaubt, der Golem sei eine Sagenfigur, anstatt zu verstehen, dass Wahrheit in euren Lügen steckt und umgekehrt.«

Dieses unscheinbare Symbol tauchte nach und nach in der ganzen Stadt auf: als Graffiti auf Hauswänden und S-Bahnzügen der ÖBB, als Aufkleber auf Klowänden, vorzugsweise in Lokalen am Gürtel, auf Flyern und Postern von Partys, auf Mülleimern, in der U-Bahn – außer in der U5 –, selbst als Annonce in Zeitungen. Es verbreitete sich schleichend, tauchte mal hier auf, mal dort. Niemand schien es bewusst wahrzunehmen, keiner fragte, was es damit auf sich hatte und welche Bedeutung dahinter steckte.
Mit dem Symbol breitete sich ebenso allmählich eine andere Stimmung über Wien aus, diese sollte nicht lange unbemerkt bleiben, der Auslöser dafür jedoch schon.
Der Wasserrohrbruch riss mich wieder in die Realität zurück. Aber der Reihe nach:
Vom Film ‚23‘ lief gerade der Abspann und ich war in einer Mischung aus Paranoia und Kopfschmerzen gefangen – positive Kopfschmerzen. »Scheiße, langsam glaube ich auch, ich werde verrückt.« Der verdammte Wilson war wirklich in meinem Kopf.
»Nur ein Verrückter verlangt danach – Nak nak nag.« »Halt die Klappe, Ente!«
Plötzlich ertönte die Türklingel. Eine Begebenheit, die selten vorkam und deswegen jedes Mal einen Schauer durch meinen gesamten Körper jagte. Dieses durchdringende Geräusch, das mir jedes Mal körperlich schmerzend bewusst machte, dass andere Menschen in meinen persönlichen Lebensbereich eindringen können und das mit nur einem Knopfdruck.
Da, schon wieder! Nochmal, nochmal, nochmal... hartnäckig. »Verdammt, ich öffne die Tür nicht, so ein Klingeln kann nichts Gutes bedeuten!« Drrrrr.... Jetzt war die Person auch noch im Haus! Direkt vor der Tür! Nicht weit entfernt auch wenn – Drrrr.
»Hör’ auf«, flüsterte ich leise, während ich mir die Ohren zuhielt. »Wir sind im 21. Jahrhundert, niemand den man kennt, steht unangemeldet vor einer Haustür.« Drrr... Ich hatte Angst, meine Hände begannen zu schwitzen, ein vollkommen unbekanntes Gefühl. Drrrr... »Verdammt, es ist die Polizei! Wer sonst? Sie wollen mich zum Schweigen bringen, obwohl ich gar nichts weiß, aber das werden sie mir nicht glauben.«
Gong, gong, gong. Jetzt war er wieder unten.
Ich erspare Ihnen jetzt den Rest der folgenden qualvollen Minuten, in denen ich bewegungslos mit aufgerissenen Augen verharrte.
Nak naag – 23.
Wasserrohrbruch! Die eine Last fiel von mir ab, eine neue tauchte auf. In diesem zweifelhaften Geisteszustand musste die Abstellkammer ausgeräumt werden. »Funktioniere! Realität!« Was zur Hölle das auch immer sein sollte. War der Schweiß an meinen Händen weniger real?
Nak. Die Ente stirbt an dieser Stelle, ein notwendiges Übel um in Ruhe weiterschreiben zu können. Der Abschied bricht mir das Herz, aber gedanklich höre ich sie noch immer quaken: »Nag!« 13? Was hatte das nun schon wieder zu bedeuten? Und woher stammte die akustische Gitarre in der Abstellkammer, an die sich niemand erinnern konnte?
Wer hätte schon ahnen können, dass mit den vier Reitern der Apokalypse ein Computervirus gemeint war? Der bekackte Dylan hatte Recht: ‚The times they are a-changin’.
Doch auch dieses Wissen hätte Johnny in dem Moment nicht davon abgehalten, seinen aktuellen Aufenthaltsort online zu posten. Anrufen oder gar SMS schreiben, hätte er nie gewagt. In diesem Staat las und hörte der große Bruder alles mit. Wie süß, dass Johnny davon ausging, das wäre im Internet nicht der Fall. Auf jeden Fall fand er es wesentlich sicherer seine Daten einem großen Unternehmen anzuvertrauen, als der Regierung, an deren Wohlwollen Johnny schon seit 12 Jahren nicht mehr glaubte. Genau 12 Jahre waren nämlich vergangen, seitdem er zum ersten Mal hätte wählen können und genau 12 Jahre war es her, dass er beschlossen hatte, es nicht zu tun. Wer konnte schon von sich behaupten, in so jungen Jahren so lange an einer Einstellung festzuhalten und das ungeachtet der Tatsache, dass sie sich mittlerweile als dumm und falsch herausgestellt hatte? Es ging ums Prinzip!
»Demo vor dem Parlament. In einer Stunde geht’s los, bringt Transparente und Gummibärchen.« Ein kurzer, prägnanter Post, den Johnny vor 5 Minuten online gestellt hatte und der bereits mit 15 Likes und 8 Kommentare versehen war. Zwei Leute diskutierten, ob es im 1. oder 5. Wiener Bezirk die besseren veganen Gummibärchen gab und andere drückten mit ‚Ich komme‘ ihre Teilnahme aus. 50 Jahre zuvor hatte man ebenfalls protestiert, ganz fleischlich und spontan, allerdings galten ‚Ich komme‘-Rufe damals nur der Person, in der man gerade drinsteckte oder auf der man draufsaß.
Johnny war schon etwas früher zum Parlament gefahren, um alles vorzubereiten und kniete mittlerweile auf dem kalten Steinfußboden, um ‚1984 war nicht als Gebrauchsanweisung gedacht‘ auf ein weißes Bettlaken zu malen. Er fühlte sich unglaublich freigeistig und anarchisch dabei, denn er spürte die Gefahr im Nacken, dass sie ihn dafür theoretisch jederzeit hopsnehmen konnten. Schließlich galt seine Gesinnung als ‚öffentliches Ärgernis‘ und er verstieß mit der Aktion gegen die Gesetze des ‚öffentlichen Malens‘ und des ‚öffentlichen Hintern einem staatlichen Gebäude Entgegenstreckens‘.
Doch unserem ‚Helden’ war es egal, er fühlte sich unbesiegbar. Gewissermaßen war er das auch, schließlich handelte es sich bei seinem Vater um Walter Haslinger, den Oberstaatsanwalt des Bundesgerichts. Allein das Erwähnen seines Namens beschützte Johnny davor, verhaftet zu werden. Punkt 16:07 Uhr – die Uhrzeit war so gewählt worden, dass niemand auf die beliebte Nachmittagssendung verzichten musste – setzte sich der Protestzug in Bewegung. Blöderweise hatten sowohl diejenigen, die mehr Freiheit wollten, als auch diejenigen, die mehr Überwachung und (vermeintliche) Sicherheit wollten, zur selben Zeit am selben Ort eine Demonstration organisiert. Doch das fiel niemanden von den Teilnehmenden auf und beide Gruppen freuten sich über die rege Teilnahme. Schließlich teilte man sogar ein Ziel – ‚Auf keinen Fall weniger‘ –, auch wenn das die einzige Gemeinsamkeit der beiden Gruppen war. Angeführt wurde das Spektakel von abwechselnd schreienden Personen auf einem Truck, deren Stimmen durch das Megaphon unverständlich verzerrt klangen und dadurch lediglich zum Mitgrölen und Mitmarschieren animierten – deswegen hatten sie sich schließlich versammelt. Johnny war in seinem Element, während er brav marschierte und voller Inbrunst schrie – vorausgesetzt, er stopfte sich nicht gerade verklebten Fruchtsaft in Bärenform in den Mund.
Nur ein Polizist kratzte seinen Kollegen um genau 17:06 Uhr verwirrt am Kopf und fragte: »He, wenn das die Leute sind, die für uns sind, wie sehen dann die Verrückten aus, die gegen uns sind?« Tatsächlich war keine Gruppe von der anderen zu unterscheiden und nach einer Weile hatte man das Gefühl, dass die Leute selbst nicht mehr wussten, wofür oder wogegen sie eigentlich waren.
Alles, was um 17:50 Uhr nach der Abschlusskundgebung am Ballhausplatz vor dem Bundeskanzleramt noch übrig blieb, war ein lautes Piepen in Johnnys Ohren. Der Arzt würde ihn später mit den Worten aufmuntern, seine Ohren wenigstens für einen guten Zweck weggeworfen zu haben. Nicht, dass der Herr Doktor eine Ahnung von Johnnys Zweck gehabt hätte, aber das war der Standardspruch für alle Tinnitus-Patienten, die sich an diesem Tag bei ihm einfanden und damit einen erheblichen Anteil zu seinem neuen BMW beisteuerten.
»Bauen Sie den Abstandhalter doch ein, ich habe es mir anders überlegt«, erklärte er telefonisch seinem Autohändler, während er in einer Pause genüsslich an seinem Kaffee nuckelte. Dann stand auch schon der nächste arme Irre auf der Matte, dem ebenfalls die überteuerten, aber ‚einzig wirksamen‘ Präparate angedreht wurden.
Die Tatsache, dass Johnny noch am Vortag für Revolution und Chaos auf die Straße gegangen war, um sich anschließend vom Arzt Anti-Verkrampfungs-Mittel verschreiben zu lassen, empfand niemand als Diskrepanz.
Sex hätte Johnnys Verkrampfungen mindestens genauso gut lösen können. Nicht umsonst redeten Kinder von der Ankunft der roten Frau, die sich langsam auch in männliche Träume einschlich. Dem alten Herbert war in dieser Nacht bereits zweimal einer abgegangen.
»Gar nicht schlecht für 83«, hätte er sich am nächsten Morgen vielleicht gedacht, hätte er nicht an Alzheimer gelitten. Doch so freute sich Schwester Susanne gar nicht, da sie die Flecken für Urin hielt. Niemand war da, um Herbert zu gratulieren, oder ihm seine Träume zu erklären.
Stattdessen starrten alle auf ihre Gurken Bildschirme. Die Nerds freuten sich in Internetforen, denn es hatte sich mittlerweile herumgesprochen, dass ein neuartiges Virus auf dem Weg war.
»Das Netz wird nie wieder das Gleiche sein. Vergesst fbileaks, anonymous und 4chan. Was Großes ist auf dem Weg – Apokalypse ;)«, postete xS54non Dienstag, 6:25 Uhr UTC und ein paar Nerds furzten vor Aufregung.
Wo ein Hype, da sind die traditionellen Medien nicht weit. Uh, welch’ schlechter Reim, dabei war das nicht einmal beabsichtigt. Es dauerte nur wenige Tage, bis auch die traditionellen Medien auf den Jesus-Internethype aufmerksam wurden und anfingen, darüber zu berichten. Angefangen von den Videos, die in grauenvoller Qualität im Fernsehen gezeigt wurden, um zu zeigen, was für ‚crazy Shit‘ gerade im Internet angesagt war, über Diskussionen, ob es sich um einen Fake oder eine Werbeaktion handeln könnte, bis hin zu Interviews mit Kirchenvertretern und Gläubigen über die Authentizität des Mannes. Fernsehteams mischten sich unter die Fans, die ihrem Star täglich auflauerten und keine ruhige Minute mehr gönnten, Reporter reisten ins Land um ein Interview mit ihm zu ergattern und Medienberater witterten ihre Chance, jede Menge Geld mit Jesus zu verdienen.
Die katholische Kirche kam immer mehr in Zugzwang. Alle warteten auf ein offizielles Statement zu dem wiedergekehrten Messias, dessen direkte und ehrliche Art zu reden überwiegend Sympathie auslöste.
Der alte Sepp war ebenfalls in Aufregung, allerdings aus anderen Gründen, war es doch schon eine Weile her, seitdem er und seine Frau das letzte Mal so durchs Bett gerobbt waren. Noch nie in den letzten 23 ½ Jahren Ehe hatte Sepp das Bedürfnis verspürt seine Frau ‚Baby‘ zu nennen – bis jetzt. Während er in der üblichen Missionarsstellung auf ihr schnaufte, zischte er das Wort immer wieder zwischen seinen zusammengepressten Lippen hervor. Elfriede wunderte sich nur kurz über die Anwandlungen ihres Mannes, schließlich hatte er sie seit dem Faschingsfest vor zwei Jahren, auf dem eine, als Pippi Langstrumpf verkleidete, Anfang 40-Jährige Sepp schöne Augen gemacht hatte, nicht mehr so rangenommen. Doch sie hatte keine Lust sich den Kopf zu zerbrechen oder sich zu fragen, was in seinem Kopf wohl vor sich gehen musste, damit seine Augen so lustvoll entflammt leuchteten. Sie wollte jede Sekunde genießen, denn erfahrungsgemäß blieb ihr nicht viel Zeit, um auf ihre Kosten zu kommen.
In Sepps Gedanken wurde Katz und Maus gespielt. Ein Wort, dessen Bedeutung ihm unbekannt war, leuchtete immer wieder auf, genauso wie das Bild der verführerischen Rothaarigen von vor zwei Jahren. »Babalon«, hätte er am liebsten herausgebrüllt, doch sein psychischer Zensor funktionierte noch zu gut, lediglich ein ‚Baby‘ blieb übrig. Immer wieder stieß er sich und Elfriede in Ekstase, unwissend, dass genau das Gleiche gerade weltweit in unzähligen Schlafzimmern ablief.
Das Universum
Es war 3 Uhr morgens, als im Schutz der Dunkelheit jemand versuchte, unbemerkt das Haus zu verlassen. »He, das ist doch Jesus!«, schrie einer der Anhänger, die mittlerweile Tag und Nacht vor seiner Unterkunft campierten. Innerhalb weniger Sekunden waren alle auf den Beinen. Erwischt!
Jesus war das Ganze gar nicht recht. Er wollte weg und das möglichst schnell. Er hatte sie nicht darum gebeten so viel Aufheben um seine Person zu veranstalten. Er wollte nicht in Talk Shows gehen, hatte keine Lust mit Journalisten zu reden, oder einfachen Bürgern immer wieder dieselben dämlichen Fragen zu beantworten. Sie verstanden ohnehin nicht, wovon er redete, auch wenn sie ihn mit noch so großen Augen anstarrten.
»Jesus, wo willst du denn hin?«
Dieser ging einfach los, man könnte auch sagen, er flüchtete. Doch so einfach ließ man ihn nicht entkommen, die Anwesenden rafften schnell ihre Sachen zusammen und folgten ihrem Messias.
Sie gingen, die Sonne ging auf. Sie gingen, die Mittagssonne brannte auf sie herunter. Sie gingen, langsam senkte sich die Sonne wieder. Sie gingen, es war Nacht und begann kalt zu werden. Vereinzelt hatten die Leute bereits aufgegeben ihm zu folgen, ohne Rast stundenlang durch die Wüste zu laufen ist nichts für schwache Beine und Nerven. Als Jesus endlich stehen blieb und sein Gefolge anblickte, bestand dieses noch aus 12 Christen, 5 Juden, 3 Moslems – die sich jedoch gedanklich und gegenseitig einredeten, es würde sich um den wiedergekehrten Propheten Mohammed handeln – 1 buddhistischer Mönch, der nur zufällig vorbeigekommen war, als sich der Tross in Bewegung setzte und einen Faible für meditatives Gehen hatte – und 2 Prostituierte, deren Religion sich auf den Glauben ans Geld beschränkte und die sich unter den Männern dauerhafte ‚Geschäftspartner‘ erhofften.
Ohne ein Wort zu sagen, ging Jesus in die Höhle, vor der sie zum Stehen gekommen waren. Man hatte das Gefühl, dass er das Sprechen mittlerweile aus Trotz eingestellt hatte, Perlen vor die Säue und so. Es war sicher interessanter, Uyulàla zu lauschen als den Menschen.
Während sich die einen mit dem Schweigen Jesus’ herumschlugen, versuchten Leute wie Johnny gleich die Probleme der gesamten Menschheit zu lösen. Dieser stand auf einer kleinen Bühne und leitete von einem Rednerpult aus die hitzige Diskussion.
»Was soll das heißen, die letzte Demo war nicht erfolgreich?«
»Mann, Johnny, die Presse wusste nicht mal, ob wir für oder gegen die Revolution sind«, schrie jemand aus der Menge.
»Die Presse. Die haben doch sowieso keine Ahnung. Es waren tausende Menschen da, das ist es, was zählt, nicht was irgendwelche Idioten in der Zeitung schreiben. Wir dürfen jetzt nur nicht aufgeben!«
Die Stimmung im Raum ließ jedoch die notwendige Euphorie vermissen.
»Vielleicht sollten wir uns langsam mal einen anderen Werbeslogan einfallen lassen«, versuchte Johnny die Diskussion wieder etwas ins Rollen zu bringen.
»Was hast du gegen Orwell?«, fragte eine blasse Schwarzhaarige.
»Ich hab’ nichts gegen Orwell! Aber überlegt doch mal, vielleicht sind Orwell, Huxley, Philip K. Dick und die ganzen anderen Verrückten schuld an der ganzen Misere.«
»Woran sollen die denn schuld sein? Die waren sich mit ihren Zukunftsprognosen doch nicht mal einig«, konterte sie.
»Nicht einig? Sie gehen alle von einer totalitären Kontrolle und Steuerung aus, in welchem Punkt sind sie sich bitte uneinig? In Wirklichkeit sind die Kausalzusammenhänge verdreht. Es ist nicht so geworden wie Orwell et al es geschrieben haben, sondern weil Orwell et al es geschrieben haben. Oder was glaubt ihr, warum wir seit den 90ern eine Fernsehsendung namens Big Brother haben? Wir werden schon seit Jahrzehnten darauf konditioniert, dass wir komplett überwacht und kontrolliert werden. Und anstatt was dagegen zu tun, fordern wir das auch noch, zu unserer eigenen Sicherheit.« Johnny war ganz in seinem Element. Etliche Male hatte er Diskussionen wie diese schon geführt und noch immer halfen sie ihm, sich überlegen und gut zu fühlen.
»Aber wir machen ja was dagegen!« Sie wusste, dass Johnny Widerspruch hasste, aber wofür war eine Diskussion sonst da? »Die da draußen machen nichts und um die geht es doch! Uns wird so viel Angst gemacht, dass wir uns schon beim Aufwachen in die Hose scheißen und das den ganzen Tag lang, bis wir mit Hilfe von Schlaftabletten abends wieder selig einschlummern können. Mit Angst machen sie uns gefügig!«
»Mit Essen und Konsum machen sie uns gefügig!«, mischte sich ein Dritter ein. »Ist doch offensichtlich. Wir alle müssen essen. Und was passiert, wenn man uns die Möglichkeit nimmt, uns gesund und selbstbestimmt zu ernähren? Wir werden fett, träge und depressiv.«
Dieser Diskussionsverlauf war nichts Neues. Früher oder später landeten sie immer bei der Gutheißung von gesundem, veganen Essen und der Verteufelung von allem anderen. Das Thema kam so sicher wie das Amen in der Kirche, (Nicht-)Essen war ihre Religion.
»Und wer profitiert davon? Die da oben! Im Umkreis von meiner Wohnung befinden sich 13 Burgerläden, 10 Pizzadienste und etliche andere Takeaways, aber kein einziger Bio-Supermarkt.«
»Allerdings«, stimmte sie ihm zu. »Sie machen uns zu Komplexhaufen, damit wir ihnen jeden Scheiß abkaufen, der uns angeblich besser fühlen lässt und wir weder Zeit noch Energie haben, ihr Handeln in Frage zu stellen. Vergesst die prophezeiten Drogen im Trinkwasser, der Scheiß, der im Essen schwimmt, ist viel schlimmer! Gesundes Essen aufzutreiben ist schwieriger, als an neue Brüste zu kommen.«
Johnny mochte die Art, mit der sie ‚Brüste‘ gesagt hatte. »Und was können wir, abgesehen von Demos, dagegen tun?«, fragte er direkt an sie gewandt.
»Chaos! Wir müssen das Chaos zu unserer Waffe machen und die muss so mächtig sein, dass all ihre Überwachungs- und Kontrollmechanismen versagen.«
»Chaos«, kritzelte Johnny auf einen Zettel, eine Idee, die er in Zukunft sicher klauen würde.
Verdammter Orwell, hätte er nicht weiterhin über Tiere schreiben können?
27 Jahre zuvor wären Paul harmlose Tiere auch lieber gewesen, aber er hatte es mit einer wildgewordenen Frau zu tun, die er hilflos zu besänftigen versuchte.
»Jetzt beruhig’ dich erstmal wieder und schlaf ’ nochmal eine Nacht drüber. Morgen können wir über alles in Ruhe bereden, aber mach’ nichts Unüberlegtes.«
»Ich bin ruhig, ruhiger als du! Aber wo zur Hölle hab’ ich die große Reisetasche hingeräumt?« Während sie aufgeschreckt durch die Wohnung lief, redete er weiter gebetsmühlenartig auf sie ein.
»Ich bin nicht gegen deinen Entschluss, aber so was muss doch gut überlegt und geplant werden. Ich will nicht, dass du am Ende wegen einer Kurzschlussreaktion alles bereust.«
»Ich will auch nicht, dass ich etwas bereue, deswegen muss ich auch hier weg. Verstehst du denn nicht? Das hier ist das Ende! Die Welt ist kurz davor unterzugehen, es ist jetzt oder nie.«
»Aber du kannst doch nicht wegen irgendeiner blöden Vorahnung Hals über Kopf abhauen und Matthias und mich zurücklassen!« Er hoffte, das Erwähnen ihres Sohnes würde sie wieder zur Vernunft bringen.
»Glaubst du ernsthaft, ich hab’ Lust den Weltuntergang mit dir und einem schreienden Baby, das ich nie wollte, zu verbringen? Wir sind hier nicht bei Melancholia, wo das Ende der Welt Händchen haltend auf einer Wiese erwartet wird. Es sterben sowieso alle und die kurze Zeit, die uns noch bleibt, will ich frei und glücklich sein und mit einem Lächeln auf den Lippen zugrunde gehen. Ich werde mich mit Burgern und Schokolade vollstopfen, mit jedem ficken, der mich nimmt und an all die Orte reisen, die ich schon immer sehen wollte.«
Paul blickte nervös in den Spiegel, während er auf seinen Lippen herumkaute. Verdammt, selbst im Spiegel war die Optik verzerrt.
Während das Speed Sarah offensichtlich eine Offenbarung geschenkt hatte, sorgte Sarah für seinen Horrortrip. Seine Pupillen waren übernatürlich groß und das Gift in seinem Körper ließ ihn nicht in Ruhe nachdenken, während Sarah unaufhaltsam Sachen zusammenraffte. Matthias fing im Nebenzimmer an lauthals zu schreien, was genauso zur langsam aggressiv werdenden Stimmung beitrug, wie die Hip Hop Musik, die aus der Nachbarwohnung drang.
»Sarah, Liebling. Schau’ mich an! Ich bin es, Paul.« Er hatte Schwierigkeiten seine Beherrschung zu bewahren und liebevoll zu klingen. »Das bist nicht du, das ist das bekackte Speed. Matthias und ich lieben dich, wir sind doch eine Familie. Wenn du mehr reisen willst, können wir doch darüber reden.«
Scheinbar drangen seine Worte zu ihr durch, denn mitten in ihrem Wahn blieb sie plötzlich stehen und starrte ihn an. Doch anstatt sich zu besinnen, packte sie ihn an den Schultern und schüttelte ihn heftig, während sie schrie: »Die beschissene Welt geht unter! Es gibt keine Moral mehr! Du kannst machen, was du willst, verstehst du? Und genau das mache ich. Ich hab’ keine Lust mehr allen etwas vorzuspielen, also hör’ auf mit diesem Scheiß von wegen Liebe und Familie. Jetzt zähl’ nur noch ich!«
Wie vom Blitz getroffen fiel sie plötzlich um und schlug sich den Kopf an der Tischkante auf. Sie war bereits tot, als sie den Boden erreichte. Die Obduktion würde später ‚Herzstillstand auf Grund übermäßiger Ausschüttung von Glückshormonen‘ als Todesursache feststellen.
7 Monate, 8 Tage, 4 Stunden, 1 Minute und 3 Sekunden später entfuhr Paul neben einem Furz auch ein ehrfurchtsvolles: »Sie hatte recht.«
Recht hatte auch Robbie mit seiner Forderung. Der Pinguin, der sich für eine Robbe hielt und deswegen auf diesen Namen hörte, beschwerte sich zum wiederholten Mal, dass er/sie keine Hauptrolle in der Geschichte spielte. Doch was taugen die Identitäts- und Genderkrisen eines Stofftieres, das abwechselnd in einem Schlafzimmer und einer Handtasche lebt, schon als Hauptthema?
Hätte er sich für Jesus gehalten, hätte die Sache anders ausgesehen, doch diese Rolle war bereits an einen Menschen vergeben.
»Jedes Kunstwerk ist eine Zumutung«, stand auf der Treppe und fiel ihr an diesem Morgen zum ersten Mal bewusst auf.
»Ja, weil das meiste langweilig, unnötig und schlecht ist, was hier als ‚Kunst‘ fabriziert wird«, dachte sie, während sie die Stufen in Richtung Hörsaal 5 erklomm. Sie konnte Kunst nicht ausstehen, weshalb sie die Wahl ihrer Studienrichtung als äußert originell empfand.
»He! Was für einen Mist schreibst du denn da? Ich hasse Kunst nicht, mir gefällt nur 99 % von dem nicht, was als Kunst bezeichnet wird.« Sie störte sich am Kunstbegriff.
»Eher an der Gesellschaft, die allen einredet, kreativ und künstlerisch sein zu müssen.«
Bitte, meinetwegen auch das. Eigentlich ist es ja auch egal, es interessiert sich sowieso niemand für deine Meinung über Kunst.
»Aha, und warum schreibst du es dann? Das heißt ja auch, dass sich niemand für deine Geschichte interessiert.«
Stille. Tick tack, tick tack, tick –
»Hallo? Hier ist deine Romanfigur und will mit dir reden!«
Ich aber nicht mit dir. Hier kann doch nicht jeder schizoide Anwandlungen haben, glaub mir, meine psychische Verfassung ist fraglich genug.
»Blödsinn, so schlimm ist es doch gar nicht. Aber ich versteh’ schon, du willst halt auch wichtig und was Besonderes sein.«
Whatever. Und jetzt?
»Jetzt muss die Geschichte weitergehen, aber nicht mit mir. Ich komm’ erst später wieder vor.«
Und mit wem dann?
»Mit Johnny?«
Nein, Johnny ist ein Hipster-Trottel, dem das Müsli aus den Ohren rauskommt. Unter uns gesagt, ich kann ihn nicht ausstehen.
»Du hast ihn erfunden!«
Nein, hab’ ich nicht. Etliche von denen laufen in Echt da draußen rum, die Stadt ist voll von denen. Außerdem muss ich nicht jeden meiner Charaktere mögen, oder?
»Hm, dann schreib über dich.« Das interessiert doch niemanden.
»Mit der Einstellung kannst du gleich wieder mit dem Schreiben aufhören.«
Vielleicht ein andermal.
»Wie wär’s mit einem neuen Kapitel?«
Ich hörte ihr schon gar nicht mehr zu, sondern sah gelangweilt aus dem Fenster. Die Uhr zeigte 3:20, es wäre ohnehin Zeit gewesen ins Bett zu gehen, doch zwei schreienden Katzen im Innenhof erregten meine Aufmerksamkeit. Wenn Katzen schreien, dann klingen sie wie menschliche Babys, erst beim Wurf gegen die Wand zeigen sich Unterschiede.
Offensichtlich hatte die eine keine Lust mehr das dämliche Spiel der Menschen mitzuspielen und hatte sich selbst aus dem Sack gelassen.
Warum man die Katze auch sprichwörtlich aus dem Sack lassen kann, habe ich nie verstanden (und zugegebenermaßen auch nie recherchiert). Vielleicht hat es was mit der im Sack gekauften Katze zu tun. Ist das eigentlich die selbe?
Ich habe generell wenig Verständnis für das Vorkommen von Tieren in Redewendungen, oder für Tiere im Allgemeinen for that matter.
Wahrscheinlich hat meine Abneigung Viechern gegenüber ihren Anfang genommen, als ich zwischen 6 und 8 Jahre alt war und auf dem Schulweg etliche Nacktschnecken zertreten habe, die den Weg bevölkerten, sobald ein Tropfen vom Himmel fiel. Pfitsch. Pfitsch. Das Knirschen unter den Schuhsohlen fand ich schon damals nicht sonderlich sexy und ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass andere Tiere besser klingen, wenn sie zermalmt werden.
Wie auch immer, ich wollte eigentlich nicht über mich, sondern über die entlaufene Katze schreiben, die später in der Geschichte noch eine Rolle spielen wird, wenn auch keine große. Hätte diese Katze wenigstens Schrödinger gehört, so wäre sie, in einer Kiste verschlossen, lediglich ein theoretisches Problem geblieben und fünf Männer hätten sich erspart, wie verrückt nach diesem Biest zu suchen. Aber ‚verrückt sein und handeln‘ lag, wie man mittlerweile schon mitbekommen haben müsste, immerhin im Trend und in der Luft.
Die Natur war von dem Aufruhr, der unter den Menschen herrschte, ebenfalls betroffen. Die Blätter und Äste der Bäume hatten plötzlich aufgehört sich zu bewegen. Nicht, weil es windstill war – im Gegenteil, die Medien würden am nächsten Tag von heftigen Stürmen berichten – sondern, weil die Bäume, ähnlich wie die Katze knapp 30 Jahre später, gemeinschaftlich beschlossen hatten, das Spiel nicht mehr mit zu spielen und sich nur noch aus eigener Motivation heraus zu bewegen. Es war 3 Uhr morgens und die Population dieser Stadt würde sich bei Sonnenaufgang um ein paar Prozent verringert haben. Ebenso wie die Bäume, beschlossen nämlich auch die Herzen von Säuglingen aufzuhören, sich zu bewegen. Die Bestattungsunternehmen profitierten davon und verdoppelten ihre Preise für Babysärge. Eine Laune der Natur.
In launiger Stimmung befand sich auch Paul. »Jetzt hör’ mal genau zu. Ich habe gerade meine Frau und mein Kind verloren. Weißt du eigentlich, was das bedeutet? … Was soll das heißen, das ist schon mehr als 24 Stunden her? Ich muss Matthias’ Beerdigung planen. Ich hab’ wirklich Besseres zu tun, als eine bekackte Schlampe zu vögeln, um das neue Zeitalter einzuleiten. … Ich weiß, dass morgen der 30. ist. Ja, ich weiß … Nein, ich will nicht, dass alles umsonst war, aber –« Paul gab auf. »Okay, verdammt, hol mich morgen wie besprochen ab. … Vertraust du mir nicht? Für einen 4° bist du ganz schön frech, du solltest dir mal überlegen, mit wem du gerade redest. … Ist schon okay, manchmal braucht der Bär einen Schlag auf den Kopf. … Mach mit den Vorbereitungen weiter, ich lern’ jetzt den Text und verschieb’ die Beerdigung um zwei Tage. Parvum addas parvo, magnus acervus erit.« Paul legte auf und wählte eine andere Nummer.
»Ich muss die Katze aus dem Sack lassen: 2-BAx2LON-2«, sprach er auf den Anrufbeantworter, um anschließend das Bestattungsunternehmen über die Terminverschiebung zu informieren.
Im Vorbeigehen schniefte er noch schnell eine Line, Schlaf würde ihn ansonsten wertvolle Zeit kosten und schrieb dann auf einen Notizzettel: 5+8=13=4, 5x8x4=160=7, 5-8-4-7=-14=-5.
Das Besondere an dieser einen Nacht im Jahr ist nicht die angeblich alte Hexentradition, die dafür sorgt, dass sich alle ohne schlechtes Gewissen der Leidenschaft hingeben können. Das Besondere ist weder der Ritt zum Blocksberg, noch Goethes romantische Schriften darüber. Das Besondere dieser Nacht ist der Glaube an diese Nacht. Tausende Teenager kommen sich mystisch und verrucht vor, wenn sie bei Kerzenschein ihre Finger über ein Ouija-Board kreisen lassen, dessen historische Geschichte erst 1890 als Gesellschaftsspiel begann. Etliche naturanbetenden Wicca-Leute treffen sich in dieser Nacht, um Hexe zu spielen und im Kreis um ein Lagerfeuer zu hüpfen.
Kurz, von Hausfrau bis Satanist, ist in dieser einen Nacht im Jahr jeder auf dem gleichen, spirituellen Trip und der gemeinschaftliche Glaube macht die Nacht real. Die Energie, die durch die Luft schwirrt, funktioniert, der Boden und die Körper vibrieren, ein Narr, der dies nicht für seine eigenen Zwecke gebraucht.
Und ein Narr auch, wer den Tod seiner Frau und seines Kindes vorschiebt, um nicht daran teilnehmen zu müssen. Paul hatte keine Wahl, es gab wichtigere Dinge an diesem 30. April und trauern könnte er genauso gut später.
Aber kehren wir von der Vergangenheit zurück in die Gegenwart. Dort ließ nämlich ein lauter Knall Monica Catherow zusammenfahren. Vor Schreck erweiterten sich ihre Pupillen und ihr Körper zuckte instinktiv zusammen. Sie hasste dieses Gefühl mehr als alles andere auf der Welt und das ein oder andere »Oh oh« verdeutlichte, dass das ihren Mitarbeiter Innen ebenso bewusst war.
»Cut!«, schrie sie laut, ihr Herz schlug wie wild.
Während sie sich auf die Suche nach der Ursache für den Knall machte, begaben sich Kameramann und Schauspielerinnen wieder auf Anfangsposition, um die Szene von vorne zu drehen. Monicas Herzschlag beruhigte sich zwar langsam, ihre Wut hingegen wuchs.
»Wer zur Hölle war das?« Das umgestoßene Lichtstativ war längst wieder aufgerichtet, nervöse Blicke wurden ausgetauscht, der Schuldige traute sich nicht, sich dazu zu bekennen.
»Valerie?«
»Keine Ahnung. Tut mir leid, ich weiß nicht, wer es war.«
Argwöhnisch schaute sie von einer Person zur anderen, auf der Suche nach verräterischer roter Gesichtsfarbe – alle waren rot im Gesicht vor Anspannung.
»Okay, das nächste Mal verlierst du deinen Job, wenn du nicht weißt, wer es war. Du bist meine Assistentin und es ist dein bekackter Job dafür zu sorgen, dass ich mich in Ruhe konzentrieren kann! Ist das klar?«
Sie nickte eifrig, froh mit einer Verwarnung davongekommen zu sein. Es mochte lächerlich erscheinen, aber wer es wagte, die berühmte Regisseurin Monica Catherow aus ihrer Konzentration zu reißen oder sie zu erschrecken, verlor in der Regel nicht nur seinen Job, sondern bekam eine halbstündige Standpauke mit auf den Weg zum Arbeitsamt.
Dabei war sie gar nicht so eine Furie wie ihr Ruf behauptete, sie litt lediglich unter Ligyrophobie – Angst vor lauten Geräuschen.
»Alles okay?«, fragte der Kameramann, als Monica wieder auf ihrer Position war.
»Ja, ja. Ich hasse es, wenn irgendwas knallt, ich muss mich in Ruhe konzentrieren können.« »Ich weiß.« Der Kameramann hatte bereits so viele Filme abgedreht, er hatte sich daran gewöhnt, dass die meisten Regisseure irgendeine seltsame Eigenart hatten, je berühmter desto schlimmer. Was er für sich behielt war, wie sonderbar er es fand, dass ausgerechnet sie, in deren Filme der Weltuntergang, Meteoriteneinschläge, Aliens und Monster für Krach und Lärm sorgten, so empfindlich auf ein bisschen Gepolter reagierte.
Tja, one woMans dream is another woMans nightmare und umgekehrt.
Aus einem (Alp)traum gerissen wurde sie um 4:19 Uhr. Das Vogelgezwitscher drang laut durchs gekippte Fenster und in ihre Nachtruhe, sodass Schlaf unmöglich wurde. Eine Weile blieb sie im Bett liegen, bevor sie sich erhob, die Vorhänge beiseite zog und hinausstarrte. Der Mond hing noch immer voll und rund am Himmel, bedroht von der Morgendämmerung, die nicht mehr weit sein konnte.
Seth befand sich gerade im Kampf mit der Schlange Apophis um den Sonnenaufgang zu sichern und den Tag zu retten – ein Schauspiel, welches sich Nacht für Nacht wiederholte.
Doch diese Nacht war anders, sie konnte es nicht wirklich benennen, es war mehr ein tiefsitzendes Gefühl. Die Vögel klangen falsch. Die Töne, die sie von sich gaben, waren eher ein Kreischen als Gesang, Aufbruch und Panik schienen in der Luft zu liegen.
Sie schloss das Fenster und setzte sich wieder aufs Bett. Ihre Augen geschlossen versuchte sie, das Schreien der Vögel einzusaugen und deren Panik zu fühlen.
Wasser schwappte über ihre Gedanken, sie konnte Salz riechen und schmecken. Weit entfernt sah sie eine hügelige Landschaft, auf die sie sich wankend zubewegte, obwohl sie saß. Sie fand sich, in einer Decke eingehüllt, auf einem kleinen Boot wieder, das mit ruckartigen Stößen angetrieben wurde. Vor ihr befanden sich sechs Schwerter, die mit der Spitze im Holz steckten und wie Friedhofskreuze aussahen. Hinter ihr stand ein Mann, der mit regelmäßigen Bewegungen einen Stab ins Wasser stach und damit das Boot antrieb. Sie kannte weder den Mann, noch das vor ihr liegende Land und in ihrem Magen machte sich ein mulmiges Gefühl breit. Offensichtlich war sie auf dem Weg zu etwas Neuem, auch wenn ihr das Ziel unbekannt war. Doch als Passagierin hatte sie darauf keinen Einfluss, alles, was sie tun konnte, war vertrauen und abwarten.
Als sie die Augen öffnete, umspielte ein Lächeln ihre Lippen, sie hatte die Szene erkannt. Die 6 Schwerter hatten in ihrer Vergangenheit noch nie etwas Schlechtes bedeutet, im Gegenteil. Alles, was sie tun musste, war loszulassen und sich auf eine neue Reise zu begeben. Sie ging zurück zum Fenster, der Mond verschwand gerade hinter den gegenüberliegenden Häusern, Seth hatte gewonnen. »Ich vertraue euch«, flüsterte sie den Vögeln zu, »Aber es wäre mir trotzdem lieber, ihr würdet nicht so einen Krach machen und mich schlafen lassen.«
Wieder im Bett kuschelte sie sich in ihre Bettdecke, bereit jemand anderen das Steuer übernehmen zu lassen.
Während sie meditierend auf dem Bett saß, konnte auch 1985 km entfernt an der nordenglischen Ostküste jemand nicht schlafen. Kundalini wandelte schlaftrunken, nur mit einem dünnen Nachthemdchen bekleidet, durch das kleine Örtchen Tynemouth. Der Wind blies eine leichte Salzwasserbrise durch die Straßen und der Mond kämpfte am Himmel verzweifelt gegen die Sonne und tauchte die Häuser in ein weiches, traumähnliches Licht.
Sie ging die menschenleere Front Street entlang, an der Kirche, die mittlerweile als Geschenkartikelladen genutzt wurde, und den zahlreichen kleinen Cafès, Pubs und Fish&Chips Ständen vorbei, Richtung Priory. Vögel lärmten am Himmel, Möwen flogen in großen Scharen in Kreisen und Spiralen. Je näher sie der Küste kam, desto bewusster wurden ihr die großen, dunklen Wolken, die bedrohlich vom Meer landeinwärts zogen – ein ungewöhnlicher Anblick, zogen doch normalerweise die Wolken aufs Meer hinaus.
Als sie am Ende der Straße angelangt war, verharrte sie einen Moment und starrte in die Ferne. Zu ihrer Rechten konnte sie die Leuchttürme von Tynemouth und South Shields erkennen, direkt vor ihr lag die Priory, ein zerstörtes Kloster, dessen Ruinen nach wie vor majestätisch auf dem Felsen thronten.
Sie ging links an der Priory vorbei und stieg die zahlreichen Steinstufen zum Strand hinunter. Obwohl die Sonne den Mond immer weiter verdrängte, verdunkelte sich der Himmel zusehends. Die leichte Brise verwandelte sich mit jedem Schritt, den sie dem Meer näher kam, mehr in einen scharfen Wind und die Wolken schienen die aggressive Stimmung der Vögel zu teilen. Während alles landeinwärts zu ziehen schien, ging das Meer den entgegengesetzten Weg und zog sich zurück. Ebbe.
Kundalini spürte den Sand unter ihren bloßen Füßen, kalt und feucht knirschte er laut, während sie auf das Wasser zuging. Über ihr begann es zu donnern und die Wolken schienen sich vortexartig über ihr zusammen zu ziehen. Obwohl sie keine Ahnung hatte, was gerade vor sich ging und warum sie überhaupt mitten in der Nacht zum Strand gekommen war, spürte sie keinen Zweifel.
Es fühlte sich richtig an und sie wusste, dass es einen Sinn und sie, im Grunde genommen, keine Wahl hatte. In dem Moment, als ihre Füße das Wasser berührten, fuhr ein Energiestrom wie ein elektrischer Schlag durch sie hindurch, schoss von den Füßen ausgehend durch ihren ganzen Körper nach oben und weiter darüber hinaus, bis in die Wolken.
Ihr Körper zuckte, während vor ihrem geistigen Auge Bilder in rasender Geschwindigkeit abliefen. Bilder aus ihrem Leben, aus dem Leben davor und davor und davor und davor, bis zu jenem Punkt zurück, der für die menschliche Psyche normalerweise unzugänglich ist. Und sie verstand.
Sie verstand den Grund ihrer Existenz, die Bedeutung ihres Namens, das große Ganze, den Sinn, 42. Keinerlei Emotionen waren mehr in ihr, sie stand über dem Menschlichen.
»Es ist an der Zeit. My time is now!« Sie fing an zu laufen, geradewegs in die Weiten des Meeres hinein.
Räusper. Der prachtvolle Tisch, um den die Herren versammelt waren, wirkte etwas unangebracht, Bierbänke hätten besser zu dem Spektakel gepasst. Die höchsten Vertreter dieser längst überflüssigen Religion wirkten wie Karikaturen ihrer selbst, die sich zur Faschingsfeier versammelt hatten. All that singing and dancing.
»Was machen wir wegen dem verdammten Neger?«
Ach ja, der Typ der sich für Jesus hielt und es mittlerweile zu beträchtlicher Berühmtheit gebracht hatte, war der Grund für diese Zusammenkunft. Schwerfällig hob der Papst seinen Kopf, um ihn sogleich wieder auf den gefalteten Händen, die vor ihm auf dem Tisch ruhten, abzulegen. Die Tatsache, dass er bei solchen Sitzungen nach wie vor anwesend sein musste, machte sein Leben zur Tortur. Wie schön wäre es gewesen, wie alle anderen alten Männer irgendwo in einem tristen Zimmer zu sitzen und mit der Krankenschwester zu flirten. Sie dürfte sogar Papa zu ihm sagen, wie sich das bei einer Audienz gehört.
»Neger!« wiederholte der Sprecher provokant das politisch unkorrekte Wort, um die Konzentration auf das Thema zu lenken und so schnell wie möglich eine Lösung zu finden. »Also?«
»Das ist komplett lächerlich, wir wissen doch alle, dass wir diesen Kerl unmöglich als Jesus anerkennen können.« Hätte es sich bei dem Antwortenden um einen aufrichtigen Christen gehandelt, hätte er noch ein ‚Und wir uns nur zum Wein trinken versammelt haben‘ hinzugefügt, aber um Aufrichtigkeit ging es schon seit Jahrhunderten nicht mehr.
»Ich schlage vor, wir stimmen ab. Ich hab’ wirklich keine Lust auf so ein elendig langes Hickhack wie 2007, als wir die Vorhölle abgeschafft haben,« meldete sich ein Dritter.
Uhhh, damit traf er den wunden Punkt der Versammelten. Obwohl das Gefecht damals an anderer Stelle ausgetragen worden war und keiner der Anwesenden die, extra angefertigte, Streitschrift mit den Pro und Contras gelesen hatte, bevor sie per anonymen Handzeichen abgestimmt hatten, hatten sie alle den Aufwand, der damals betrieben wurde, als furchtbar anstrengend und kostspielig in Erinnerung. Limbo Baby. They just wanted to get it over with. Nach acht Flaschen Rotwein und fünf leeren Schachteln Oblaten (davon zwei mit Vanille und drei mit Schokogeschmack) endete die Abstimmung einstimmig gegen Jesus. »Sonst behauptet irgendwann noch eine Asiatin, Maria, die Mutter Gottes zu sein.« Einvernehmliches Gelächter. Das konnte nun wirklich niemand gebrauchen.
Am nächsten Morgen herrschte Katerstimmung im Vatikan, scheinbar war die Party, äh, Versammlung doch wieder etwas ausgeartet. Während viele die Morgenmesse ausfielen ließen, um sich auszuschlafen, entdeckten andere bereits den Schaden, den sie in der Nacht noch angerichtet hatten. Offensichtlich hatten sie zu irgendeinem Zeitpunkt beschlossen, den Typen, der sich für Jesus hielt, am Kreuz baumeln zu lassen.
Im Prinzip war der Gedankengang gar nicht so unlogisch, schließlich war die Kreuzigung einer der Grundsteine ihrer Religion und in Anbetracht der Sündenanhäufung der letzten Jahrhunderte konnte eine zweite Kreuzigung sicher nicht schaden. Die Tatsache, dass sich niemand mehr an den Beschluss erinnern konnte, machte die Sache allerdings etwas ominös.
Aber es war zu spät, um einen Rückzieher zu machen, ihr Urteil war bereits mitsamt den Unterschriften als offizielles Statement der katholischen Kirche herausgegeben worden, Schadensbegrenzung war angesagt.
Darmowy fragment się skończył.