Czytaj książkę: «Edgar Wallace: 69 Kriminalromane & Detektivgeschichten in einem Band»

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Edgar Wallace

Edgar Wallace: 69 Kriminalromane & Detektivgeschichten in einem Band

Gangster in London + Der Doppelgänger + Das indische Tuch + Das geheimnisvolle Haus…


Books

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musaicumbooks@okpublishing.info

2017 OK Publishing

ISBN 978-80-272-0416-8

Inhaltsverzeichnis

Die Schuld des Anderen

Die drei von Cordova

Das geheimnisvolle Haus

Der Derbysieger

A.S. der Unsichtbare

Der Doppelgänger

Das Gesicht im Dunkel

Die blaue Hand

Töchter der Nacht

Der Frosch mit der Maske

Die seltsame Gräfin

Der Rächer

Der Mann von Marokko

Die Millionengeschichte

Penelope von der ›Polyantha‹

Der viereckige Smaragd

Die Bande des Schreckens

Geheimagent Nr. 6

Die gelbe Schlange

Gucumatz

Louba der Spieler

Der Mann, der seinen Namen änderte krimi

Das Verrätertor

Überfallkommando

Hands up!

Der Redner (Kriminalgeschichten):

Der Redner

Die Gedankenleser

Die zwei ungleichen Brüder

Mord in Sunningdale

Die Privatsekretärin

Der geheimnisvolle Nachbar

Im Banne des Sirius

Geschmuggelte Smaragde

Der Fall Freddie Vane

Der Verbrecher aus Memphis, USA

Die Lektion

Arsen

Der Dieb in der Nacht

Ein gerissener Kerl

Der unheimliche Mönch

Die Abenteuerin (Kriminalgeschichten):

Die Abenteuerin

Der betrogene Betrüger

Die Privatsekretärin

Der Herr im dunkelblauen Anzug

Der Goldene Hades

Turfschwindel

Der Teufel von Tidal Basin

Der leuchtende Schlüssel

Die Gräfin von Ascot

Feuer im Schloß

In den Tod geschickt

Gangster in London

Der Mann im Hintergrund

Das indische Tuch

Das Juwel aus Paris

Wer ist Nicodemus?

Und nichts als die Wahrheit

Mr. Simmons Beruf

Planetoid 127

Der übereifrige Sergant

Die Unterschrift

Das Geheimnis der gelben Narzissen

Neues vom Hexer

John Flack

Mary Ferrera spielt System

Der Fall Stretelli

Das Diamantenklavier

Der Lügendetektor

Bei den drei Eichen

Die Schuld des Anderen

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Inhaltsverzeichnis

Monsieur Trebolino, der Chef der französischen Kriminalpolizei, saß in seinem Büro und tat genau das, was von ihm erwartet wurde – er dachte nach. Den Schreibtischsessel hatte er an das lodernde Kaminfeuer geschoben; es war unangenehm kalt an diesem Märznachmittag, ganz Paris lag unter einer dichten Schneedecke begraben.

Eigentlich hätte sich Monsieur Trebolino nicht den Kopf zu zerbrechen brauchen. Der Tatkraft dieses klugen Italieners, der schon als junger Mann die französische Staatsbürgerschaft angenommen hatte, war es zu verdanken, daß in Frankreich kaum noch Verbrechen größeren Ausmaßes begangen wurden.

Aber gerade weil Monsieur Trebolino nicht viel zu tun hatte, kümmerte er sich zur Zeit auch um kleinere Dinge, die er früher seinen Untergebenen überlassen hatte. Einen solchen Fall ließ er sich gerade durch den Kopf gehen, und merkwürdigerweise schien ihm verschiedenes daran durchaus nicht klar zu sein.

Er drückte auf einen Klingelknopf neben dem Kamin, und gleich darauf klopfte es. Monsieur Lecomte, der dazu ausersehen war, einmal der Nachfolger seines Vorgesetzten zu werden, trat ins Zimmer und wurde von seinem Chef mit einem wohlwollenden Lächeln begrüßt.

»Setzen Sie sich bitte«, sagte Monsieur Trebolino und wies auf einen Ledersessel in seiner Nähe. »Eine Frage – haben Sie schon einmal von dem ›Klub der Verbrecher‹ gehört, der hier in Paris bestehen soll?«.

Lecomte nickte.

»Dieser Klub mag ja ganz interessant sein«, fuhr Trebolino fort. »Meiner Meinung nach sollte man aber doch daran denken, damit Schluß zu machen – Studenten sind nun einmal unruhige Leute.«

»Ich glaube, daß der Verein bald ganz von selbst eingehen; wird – wie es meist in solchen Fällen ist«, entgegnete Lecomte verwundert.

Trebolino zog die Stirn in Falten.

»Was wissen Sie überhaupt davon?«

»Nicht mehr, als Sie selbst«, sagte Lecomte achselzuckend. »Eine Anzahl von Studenten hat einen Verein gegründet. Bei ihren Zusammenkünften befolgen Sie feierliche Rituale, gebrauchen Kennworte, leisten Eide – kurz, treiben all den Unsinn, der bei Geheimbruderschaften und Logen nun einmal üblich ist. Ihre Treffen finden jeweils an irgendeinem anderen geheimen Platz statt – der der Polizei aber jedesmal schon mindestens eine Woche vorher bekannt ist.«

Lecomte amüsierte sich, und Trebolino nickte ihm verständnisinnig zu.

»Jedes Klubmitglied schwört, irgendein französisches Gesetz zu übertreten«, fuhr Lecomte dann fort. »Bis jetzt haben sich ihre Gesetzwidrigkeiten allerdings darauf beschränkt, daß sie einen Polizisten belästigten.«

»Sie haben ihn in die Seine geworfen, nicht wahr?« warf Trebolino ein.

»Ganz richtig – und zwei der bösen Buben wären beinahe ertrunken, als sie ihn wieder herausfischten. Wir haben sie zwei Tage lang eingesperrt und ihnen außerdem noch zweihundert Franc Geldstrafe aufgebrummt. – Was sie sonst noch anstellen, kann man übrigens nur als Kindereien und den üblichen Studentenulk bezeichnen.«

Der Chef der Kriminalpolizei schien trotzdem nicht befriedigt zu sein.

»Das klingt alles sehr harmlos«, meinte er nachdenklich, »aber es wäre mir trotzdem lieber, wenn diesem Unfug ein Ende gemacht würde. Es gibt immerhin einige Klubmitglieder, die mir durchaus nicht so harmlos zu sein scheinen – ich denke zum Beispiel an diesen Willetts.«

Lecomte nickte.

»Soviel ich weiß«, fuhr Trebolino fort, »ist Mr. Willetts eine Art Künstler. Er wohnt mit einem jungen Amerikaner – ich glaube, er heißt Comstock Bell – zusammen.«

»Das heißt, er wohnte«, verbesserte Lecomte. »Mr. Bell ist sehr reich und lebt ganz seinen Neigungen. Er ist ein Mann von Geschmack – Mr. Willetts dagegen trinkt ziemlich viel.«

»Dann haben sie sich also getrennt«, entgegnete Trebolino überrascht. »Das wußte ich noch gar nicht. Bis jetzt wurde ich nur darüber informiert, daß die beiden sich vorgenommen hatten, uns einige ziemlich unangenehme Überraschungen zu bereiten. Überraschungen, die keine Lausbubenstreiche mehr gewesen wären, sondern die man unter die Kategorie schwerer Verbrechen – bis zum Mord – hätte einreihen müssen.«

Er stand auf und trat ans Fenster.

»Also, Monsieur Lecomte«, sagte er dann nach einigen Minuten nachdenklichen Schweigens, »sorgen Sie dafür, daß dieser ganze Unfug ein Ende findet. Studenten schlagen manchmal über die Stränge, gewiß – aber hier scheint sich etwas anzubahnen, was man durchaus nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte. Berichten Sie mir dann bitte, was Sie unternommen haben!«

Lecomte verließ das Büro seines Vorgesetzten und war eigentlich ein wenig belustigt. Lohnte es sich wirklich, dieser Sache so viel Bedeutung beizumessen? Noch dazu, da er alle Mitglieder des ›Klubs der Verbrecher‹ sehr gut kannte und sogar von Zeit zu Zeit zu ihren Zusammenkünften eingeladen wurde. Na, man würde sehen … Noch am gleichen Abend ging Monsieur Lecomte nach Dienstschluß in das ›Café der Barbaren‹, einen der Treffpunkte der Studenten.

Er wurde mit Hallo begrüßt, ein Student machte ihm sofort an einem großen Tisch einen Platz frei, während ein anderer, ein gutaussehender junger Mann, ein Glas Wein für den Beamten bestellte. Lecomte betrachtete ihn interessiert. Er war groß und schlank, dabei aber sehr kräftig gebaut. Seine grauen Augen blickten so freundlich und unbekümmert in die Welt, wie man es bei einem jungen Mann seines Alters erwarten konnte.

»Sie sind gerade zur rechten Zeit gekommen, um einer Unterhaltung beizuwohnen, die Sie persönlich besonders interessieren dürfte«, sagte der Student lachend und deutete auf einen seiner Kommilitonen, einen bärtigen, hageren Jüngling. »Mein Freund hier vertritt eben die Ansicht, daß die Ermordung eines Polizeispitzels nach der Lehre des Aristoteles durchaus entschuldbar wäre. Was halten Sie davon?«

»Nicht viel, wie Sie sich denken können«, entgegnete Lecomte grinsend und leerte sein Glas zur Hälfte. »Aber wenn Sie unbedingt die Probe aufs Exempel machen wollen – der Staatsanwalt wird bestimmt gerne mit Ihnen debattieren.«

»Vielleicht wäre das am besten«, rief der Bärtige trotzig. »Mein Freund Willetts jedenfalls …« Er fuhr fort, seine Theorie durch allerhand Erlebnisse und Erfahrungen zu bekräftigen, die sein Freund Willetts – ein blasiert dreinschauender Mann mit bleichem Gesicht, der etwas älter als seine Kommilitonen zu sein schien – angeblich gemacht hatte.

»Ist dieser Willetts auch Ihr Freund, Mr. Bell?« fragte Lecomte leise.

Der Student mit den grauen Augen, an den die Frage gerichtet war, machte eine abwehrende Handbewegung.

»Wie meinen Sie das?« erkundigte er sich kühl.

Lecomte zuckte die Schultern.

»In meinem Beruf hört man so allerlei«, sagte er leichthin. »Besonders was den ›Klub der Verbrecher‹ angeht.«

Comstock Bell sah ihn argwöhnisch, fast ängstlich an.

»Die ganze Angelegenheit ist doch nur ein Scherz …«, begann er, verstummte aber sofort wieder. Lecomte gab sich vergeblich Mühe, ihn noch einmal zum Reden zu bringen.

Plötzlich erhob sich allgemeines Stimmengewirr. Lecomte gebot mit einer Handbewegung Schweigen und beantwortete die Frage, die ein Student aufgeworfen hatte.

»Nein – gestorben ist er nicht, bloßes Untertauchen genügt nicht, um einen richtigen Polizisten ins Jenseits zu befördern. Aber da Sie gerade diese Sache erwähnen, meine Herren, möchte ich Ihnen auch gleich sagen, daß es höchste Zeit ist, Ihren ›Klub der Verbrecher‹ aufzulösen. Der Chef der Kriminalpolizei persönlich hat mich beauftragt, Ihnen dies mitzuteilen!«

»Und wir sollen natürlich brav gehorchen!« rief Willetts mit schriller Stimme. Es war das erstemal, daß er sich in die Unterhaltung mischte.

Lecomte beobachtete ihn. Er sah ungesund aus, jeder Zug in seinem Gesicht zeugte von einem sehr unsoliden Lebenswandel.

»Na schön«, fuhr Willetts mit lauter Stimme fort. »Wir werden den Klub schließen – aber sein Geist soll wenigstens in einigen Mitgliedern weiterleben.«

Lecomte sah Comstock Bell an, dem diese Worte offensichtlich galten. Der Student wurde blaß, als der anscheinend ziemlich betrunkene Willetts weitersprach.

»Mr. Bell natürlich ist fahnenflüchtig geworden. Noch vor kurzem war er mein Komplice – aber jetzt vertragen wir uns nicht mehr richtig. Er ist eben Amerikaner – und außerdem ein Kapitalist! Vielleicht ist er aber auch nur ein Feigling …!«

Die letzten Worte hatte er laut über den Tisch gerufen. Willetts war in betrunkenem Zustand zu allem fähig, das wußte jeder.

Comstock Bell antwortete nicht.

»Wir haben nämlich …«, wollte Willetts eben fortfahren, als ein Herr das Café betrat, sich suchend umschaute und auf Lecomte zuging.

»Entschuldigen Sie mich einen Augenblick, meine Herren«, sagte der Polizeibeamte, stand auf und trat zu dem Fremden. Sie unterhielten sich leise miteinander. Die Studenten sahen, daß Lecomte die Stirn runzelte und hörten einen unterdrückten Ausruf. Nach einer Zeit kam er zurück.

»Meine Herren«, sagte er, und seine Stimme klang durchaus nicht mehr freundlich. »Heute nachmittag wurde in Cooks Reisebüro eine englische Fünfzigpfundnote gewechselt – und diese Note war gefälscht!«

Niemand sprach. Es herrschte tödliches Schweigen.

»Der Geldschein wurde von einem Studenten gewechselt, und auf der Rückseite standen die Buchstaben ›K. d. V.‹. Hier hört der Spaß auf, und ich möchte den Verantwortlichen ersuchen, morgen früh auf das Polizeipräsidium zu kommen!«

Am nächsten Morgen kam niemand in Trebolinos Büro. Willets wurde noch am selben Abend telegrafisch nach London zurückgerufen, und Comstock Bell verließ Paris mit demselben Zug.

Die beiden wußten nicht, daß sie hei der Abfahrt von Lecomte beobachtet wurden. Drei Tage später erhielt er eine englische Fünfzigpfundnote in einem Briefumschlag. Es war kein Absender angegeben, und außer dem Geldschein befand sich in dem Kuvert nur noch ein Stück Papier, auf dem in Maschinenschrift stand: »Bitte leiten Sie dieses Geld an die Firma Cook weiter.«

Lecomte berichtete seinem Vorgesetzten von dieser Sache. Trebolino nickte.

»Wir wollen die Angelegenheit damit erledigt sein lassen. Es hat keinen Zweck, die Öffentlichkeit deswegen zu alarmieren.«

Er legte die gefälschte Banknote in seinen Schreibtisch und vergaß sie bald. –

Einige Jahre später wurde Monsieur Trebolino, der Chef der französischen Kriminalpolizei, bei der Festnahme eines Verbrechers erschossen. Ein Beamter, der seinen Schreibtisch aufräumte, fand in einem Fach eine englische Fünfzigpfundnote, die offensichtlich gefälscht war. Unschlüssig hielt er sie eine Zeitlang in der Hand und gab sie dann seinem Sekretär mit dem Auftrag, den Geldschein an die Bank von England zu schicken.«

»Vielleicht können sie etwas damit anfangen«, meinte er achselzuckend.

Lecomte hätte erklären können, wie diese Banknote in Trebolinos Besitz gekommen, war, aber er befand sich zu dieser Zeit in Lyon.

Im Terriers-Klub fand ein großer Empfang statt – vor dem vornehmen Gebäude stand eine lange Reihe chromblitzender Wagen. ›Terriers‹ ist einer der vornehmsten Klubs, und dieser große Empfang bedeutete wie jedes Jahr den Beginn der Saison.

Zahlreiche der alten Klubmitglieder fühlten sich ziemlich ungemütlich. Es war ihnen gar nicht recht, daß die Räume, in denen sie sich sonst wie zu Hause fühlten, heute von einer plaudernden, eleganten Gesellschaft belebt waren. Am meisten störten sie die vielen Damen – ein ganz ungewohnter Anblick in einem Herrenklub.

Draußen regnete es, und Wentworth Gold stieg schnell die Marmortreppen hinauf, um in die große Empfangshalle zu gelangen. An der Garderobe legte er Hut und Mantel ab und ordnete vor dem Spiegel seine Krawatte.

Wentworth Gold war ein außergewöhnlicher Mann – und er hatte auch außergewöhnliche Interessen. Von mittlerer Größe, mit buschigen Brauen, unter denen seine grauen Augen durch einen Klemmer lebhaft in die Welt blickten, konnte man ihn. nicht gerade einen gutaussehenden Mann nennen. Er war eher häßlich, übte aber doch auf Frauen eine faszinierende Wirkung aus. Als Amerikaner hatte er sich außerdem eine gewisse Unbekümmertheit des Auftretens bewahrt, die fast schon an Frechheit grenzte.

In England lebte Mr. Gold schon seit langer Zeit. Er hatte die Engländer gern – und sagte das mit einem liebenswürdigen, mitleidigen Lächeln und einem Ton, als ob er arme Mitmenschen darüber trösten wollte, daß sie nicht das Vorrecht mit ihm teilten, in Amerika geboren worden zu sein. Im übrigen fand ihn jedermann sympathisch, gerade weil er so offen und typisch amerikanisch war.

Welchen Beruf Mr. Gold eigentlich hatte, wußte niemand so richtig. Ein-oder zweimal in der Woche machte er dem amerikanischen Konsulat seinen Besuch, »um seine Post abzuholen«. Merkwürdigerweise holte er diese Post manchmal um drei Uhr morgens ab, und Seine Exzellenz der Konsul kam dann im Pyjama zu einer Unterredung ins Büro herunter.

Solch ein Gespräch fand auch statt, als der Präsident einer kleinen südamerikanischen Republik, die als sehr aggressiv bekannt war, einer benachbarten größeren Republik den Krieg erklären wollte. Die wichtigsten darauffolgenden Ereignisse dieses Tages kann man folgendermaßen zusammenstellen:

5.00 nachmittags. Senor de Silva (Privatsekretär des Präsidenten von Furina) kommt ins Carlton-Hotel.

5.30 nachmittags. Monsieur Dubec (Generalvertreter der Vereinigten Belgischen Waffen-und Munitionsfabriken) erscheint ebenfalls im Carlton-Hotel und führt eine geheime Besprechung mit dem vorerwähnten Privatsekretär.

8.00 abends. Beide essen zusammen in einem Einzelzimmer.

9.00 abends. Monsieur Dubec reist nach Belgien ab.

2.00 nachts. Wentworth Gold kommt in das amerikanische Konsulat.

5.00 morgens. Senor de Silva erhält den Besuch des Polizeiinspektors Grayson (Spezialabteilung der Interpol).

9.00 vormittags. Senor de Silva verläßt London in größter Eile und offensichtlicher Verwirrung, um sich nach Paris zu begeben.

11.00 vormittags. Inspektor Grayson und Wentworth Gold begegnen sich zufällig am Themseufer und grüßen einander sehr formell und höflich.

Wentworth Gold hatte überall zu tun. Anscheinend war es sein Beruf, alles zu wissen – und tatsächlich wußte er auch alles. Das meiste, was er erfuhr, behielt er für sich, denn er vertraute niemand. Er hatte kein Büro, keine Angestellten und bekleidete keine offizielle Stellung. Aber in seiner Westentasche trug er einen kleinen silbernen Stern, der einen überwältigenden Eindruck auf gewisse Leute machte. Er verkehrte in den ersten Kreisen der Gesellschaft, doch sah man ihn auch häufig mit Leuten aus der Unterwelt. Gerade deshalb wußte er alles.

Gold ging zur Eingangshalle zurück, stieg eine große breite Treppe empor, lehnte sich über die Brüstung und beobachtete das farbenprächtige Schauspiel, das sich seinen Augen bot.

Unten stand der spanische Botschafter mit seiner hübschen Tochter und nickte dem italienischen Geschäftsträger zu. Es entging Gold auch nicht, daß Mrs. Granger Collok in die große Halle trat, gefolgt von einer Schar junger Herren. Manche Frauen besaßen eben eine außerordentliche Gabe, sich über die Meinung ihrer Mitmenschen hinwegzusetzen, und erschienen auch nach einem aufsehenerregenden Scheidungsprozeß unbefangen in der Öffentlichkeit.

2

Inhaltsverzeichnis

Jetzt sah er unten in der Menge auch Comstock Bell und behielt ihn im Auge, denn er interessierte sich zur Zeit sehr für diesen jungen Amerikaner. Comstock Bell war ein auffallend gutaussehender Mann, hochgewachsen und bis auf einen kleinen Schnurrbart glattrasiert. Man erzählte sich, daß er sehr reich sei und trotzdem noch nicht geheiratet habe. So war es nur natürlich, daß sich die Damenwelt auffallend viel und eingehend mit ihm beschäftigte.

Gold stützte sich mit den Ellbogen auf die Brüstung. Er ließ den jungen Mann nicht aus den Augen. Comstock Bell erwiderte nur nachlässig die Zurufe der anderen und machte keinen besonders glücklichen Eindruck.

Der junge Mann hatte sich soeben an eine kleine Gruppe von Herren gewandt, die ihn sehr zuvorkommend begrüßten. Aber die Unterhaltung dauerte nicht lange, gleich darauf ging er zum Empfangssalon.

»Sehr merkwürdig«, sagte Mr. Gold in Gedanken versunken vor sich hin.

»Was ist merkwürdig?« fragte jemand.

Dicht neben Gold stand ein Herr an der Brüstung.

»Hallo, Helder! Interessieren Sie sich auch für gesellschaftliche Ereignisse?«

»Eigentlich nicht besonders«, antwortete der andere nachlässig. Teilweise finde ich sie sogar furchtbar langweilig. Aber Sie sagten doch eben, daß etwas sehr merkwürdig sei. Was meinten Sie damit?«

Gold lächelte, nahm seinen Klemmer ab und schaute Helder aufmerksam an.

»Die Jagd nach Vergnügen, Ehrgeiz, Modetorheiten, all das ist vom Standpunkt eines vernünftigen Menschen aus ungewöhnlich und merkwürdig, finden Sie nicht auch?«

Helder war offenbar auch Amerikaner. Er war groß, aber viel fülliger als Comstock Bell und sah aus, als ob er Essen und Trinken zu schätzen wüßte. In London war er bekannt als ein Mann, der immer Bescheid über den neuesten Klatsch wußte.

»Haben Sie schon gesehen, daß Comstock Bell da ist?« fragte Helder plötzlich.

Gold nickte.

»Finden Sie nicht, daß er einen merkwürdigen Gesichtsausdruck hat – so, als ob ihm etwas Sorgen machen würde?«

Gold streifte Helder mit einem schnellen Seitenblick.

»Ist Ihnen das aufgefallen?« fragte er dann gleichgültig.

»Meiner Meinung nach steht ihm die Nervosität auf der Nasenspitze geschrieben. Das ist bei einem reichen und unabhängigen jungen Mann ziemlich seltsam.

»Es gibt noch seltsamere Dinge.«

»Neulich habe ich mit Villier Lecomte gesprochen«, sagte Helder, der nicht lockerließ.

Gold wurde aufmerksam. Es war klar, daß sich Helder nicht nur mit ihm unterhalten wollte, sondern daß er etwas ganz Bestimmtes, das Comstock Bell betraf, an die richtige Adresse bringen wollte.

»Mit wem haben Sie gesprochen?«

»Mit Villier Lecomte – Sie kennen ihn doch?«

Gold kannte Lecomte sehr gut und wußte, daß er ein hoher französischer Kriminalbeamter war. Ohne zu übertreiben, konnte man sagen, daß er mit ihm so gut bekannt war wie mit seinem eigenen Bruder – aber es gab viele Gründe, aus denen er es nicht gern sah, daß das jemand wußte.

»Nein«, antwortete er deshalb, »nur den Namen muß ich schon irgendwo gehört haben.«

»Er ist ein hohes Tier bei der Pariser Kriminalpolizei. Neulich war er hier, und ich sprach mit ihm.«

»Sehr interessant«, entgegnete Gold. »Und was hat er Ihnen denn erzählt?«

»Ob, er wußte einiges über Comstock Bell«, erwiderte Helder und beobachtete Gold dabei scharf.

»Und wie kommt es, daß Mr. Bell die Aufmerksamkeit der französischen Polizei auf sich gelenkt hat? Er hat doch niemand ermordet?«

»Aber wissen Sie denn wirklich nicht, daß Comstock Bell früher einmal Mitglied des ›Klub der Verbrecher‹ war?«

›Klub der Verbrecher‹? Noch nie etwas davon gehört«, sagte Gold lachend.

Helder zögerte. Es standen außer ihnen noch andere Leute in der Nähe der Brüstung und schauten auf die Leute hinunter. Eine junge Dame zum Beispiel, die sich neben ihnen über das Geländer lehnte, konnte ohne weiteres jedes Wort ihres Gesprächs verstehen.

»Gut, ich will es Ihnen sagen; selbst auf die Gefahr hin, daß es nichts Neues für Sie ist. Meiner Meinung nach kann man Ihnen überhaupt nichts Neues erzählen! Also – vor einigen Jahren, als Bell in Paris studierte, gründete er mit einer Anzahl anderer Studenten den ›Klub der Verbrecher‹. Es war so eine Idee, wie sie querköpfige junge Leute manchmal haben, jedes Klubmitglied legte ein Gelübde ab, irgendwie das Gesetz zu übertreten, und zwar mußte es ein Verbrechen sein, das bei Entdeckung mindestens eine Gefängnisstrafe eintrug.«

»Sehr lustig! Wie viele der Mitglieder sind denn schon aufgehängt worden?«

»Niemand, soviel ich weiß. Der Klub wurde rechtzeitig aufgelöst, ohne daß man jemand festgenommen hätte. Die Mitglieder hatten übrigens Decknamen angenommen, die in den Geheimakten des Klubs vermerkt waren. Ein einziges schweres Verbrechen hätte man dem Klub eventuell zur Last legen können, gerade dieses Verbrechen wurde aber niemals ganz aufgeklärt, da man den mutmaßlichen Verbrecher nicht überführen konnte.«

»Es handelte sich doch nicht etwa um Falschmünzerei?« erkundigte sich Gold harmlos.

Helder lächelte.

»Sie wissen also doch von der Sache?«

»Wenn Sie die Geschichte von dem Studenten meinen, der eine Fünfzigpfundnote fälschte und sie in Zahlung gab – ja«, erwiderte Gold. »Ich erinnere mich jetzt ganz genau. Aber was hat denn das alles mit Comstock Bell zu tun?«

»Es ist mir zufällig bekannt, daß er Mitglied des ›Klubs der Verbrecher‹ war«, sagte Helder leichthin. »Ich weiß auch, daß die französische Polizei im Zusammenhang mit der Falschgeldgeschichte zwei Personen verdächtigte.«

Gold wandte sich ihm zu und sah ihm gerade ins Gesicht.

»Wenn Sie so viel wissen, können Sie mir vielleicht auch sagen, wer die beiden Leute sind?« fragte er in ungewöhnlich scharfem Ton.

Helder schaute sich nervös um.

»Wenn Sie es unbedingt wissen wollen – einer der beiden ist Comstock Bell.«

»Und der andere?«

»Den kenne ich nicht. Er soll aber auch in London leben – ein Börsenmakler oder so etwas Ähnliches.«

»Ihre Mitteilungen sind wirklich interessant«, meinte Gold spöttisch und ging lächelnd die Treppe hinunter.

Comstock Bell war inzwischen in den Empfangssalon getreten. Er schien wirklich nicht in der besten Laune zu sein, als er auf die Frau des Klubpräsidenten zuging. Vom Billardzimmer drangen die Klänge einer Musikkapelle herüber. Jemand sprach ihn an. Er wandte sich halb um und erkannte Lord Hallindale.

»Bell, ich habe gerade nach Ihnen gesucht«, sagte der Lord. »Ich mache nächsten Monat eine Reise zum Mittelmeer und möchte Sie fragen, ob Sie keine Lust haben mitzukommen?«

Comstock Bell lächelte.

»Es tut mir leid, aber ich habe andere Pläne.«

»Werden Sie London verlassen?«

»Ja, ich habe die Absicht, nach den Vereinigten Staaten zu gehen. Meine Mutter fühlt sich nicht recht wohl, und ich möchte sie wieder einmal besuchen.«

Er ging weiter. Diese Ausrede hatte er schnell erfunden. Er beabsichtige keineswegs, England zu verlassen, bevor nicht eine gewisse Angelegenheit endgültig geregelt war.

Langsam schlenderte er zum Speisesaal, wo der Vortrag eines bekannten Pianisten eine Menge Zuhörer angelockt hatte.

Bell stand in der hintersten Reihe, aber da er sehr groß war, konnte er ohne Schwierigkeit über die Köpfe der anderen hinwegsehen. »Sie haben es gut«, flüsterte jemand neben ihm.

Als er sich umschaute, bemerkte er Mrs. Granger Collaks bewundernden Blick. Auch er war von der Schönheit dieser lebenslustigen Frau beeindruckt.

»Soll ich Sie ein wenig hochheben?« fragte er lächelnd.

Er hatte bis jetzt noch nie versucht, näher mit ihr bekannt zu werden, obwohl er wußte, daß sie ihn gerne sah.

»Sie können mich in eine ruhige Ecke führen«, sagte sie. »Dieser Trubel hier ist mir unangenehm.«

Er brachte sie zu einer Nische in der äußersten Wandelhalle und nahm neben ihr Platz.

Sie seufzte erleichtert auf.

»Comstock«, begann sie, »ich möchte, daß Sie mir helfen.«

Ihre Blicke begegneten sich, und sie las in seinen Augen Zuneigung, aber auch ein wenig Mitleid.

»Sie brauchen mich nicht wie einen armen Sünder anzuschauen«, sagte sie abwehrend. »Daß an mir nicht viel Gutes dran ist, weiß ich selbst – und es stimmt auch, daß ich fast am Ende meiner Kraft bin. Ich müßte Geld haben, um einmal weit fortzugehen, einige Jahre auf Reisen zu sein. Die Leute halten mich für schamlos, weil ich mich hier wieder sehen lasse nach all dem – aber Sie wissen es ja.

Für einige Jahre verschwinden, allein sein – das möchte ich, Comstock. Und doch bin ich an Händen und Füßen gebunden.«

Er hörte, wie jemand in ihre Nähe kam. Als er aufschaute, sah er Helder, der vor sich hinlächelte, dann aber sofort nach der anderen Seite schaute.

»Besuchen Sie mich morgen in meiner Wohnung am Cadogan Square«, entgegnete er freundlich und stand auf. Vielleicht kann ich etwas für Sie tun.«

Sie legte leicht ihre Hand auf seinen Arm.

»Das ist sehr lieb von Ihnen«, sagte sie leise. »Ich könnte Ihnen das Geld aber nicht zurückgeben, wenn Sie mir damit aushelfen wollten … Wie soll ich Ihnen danken?«

Er schüttelte lächelnd den Kopf und verabschiedete sich mit einer Verbeugung von ihr. Langsam ging er zur Garderobe, um Hut und Mantel zu holen. Dort traf er Gold, der sich ebenfalls seinen Mantel hatte geben lassen.

»Wollen Sie schon gehen?«

Bell nickte.

»Ja, diese gesellschaftlichen Verpflichtungen langweilen mich – ich glaube, ich werde alt. Aber Sie scheinen es doch auch ziemlich eilig zu haben, von hier fortzukommen?«

»Ich habe zu tun, meine Geschäfte lassen mir keine Ruhe«, erwiderte Gold freundlich. »Gehen wir ein Stück zusammen?«

Comstock nickte, und die beiden traten, auf die Straße. Neugierig verfolgte sie jemand mit den Augen.

Schweigend, gingen sie ein Stück zu Fuß, dann wurde der Regen stärker, und als ein Taxi vorbeifuhr, hielt es Gold an.

»Fleet Street!« rief er laut.

Sie waren noch nicht weit gefahren, als er dem Chauffeur auf die Schulter klopfte und ihm eine andere Instruktion gab.

»Bringen Sie mich zur Victoria Station. Fahren Sie durch den Park.«

»Haben Sie Ihre Absicht geändert?« fragte Bell.

»Nein, aber ich bin leider für viele Leute so interessant, daß sie ihre Zeit anscheinend nicht besser verwenden können, als mich zu beobachten. Haben Sie nicht bemerkt, daß wir verfolgt wurden?«

»Nein«, erwiderte Bell erstaunt.

»Ich möchte Sie etwas fragen« – der Wagen bog in den Park ein –, »kennen Sie einen gewissen Willetts?«

»Willetts?«

»Er ist Börsenmakler und hat ein Büro in der Nähe der Moorgate Street. Aber ich habe eigentlich noch nie gehört, daß er Aktien gekauft oder verkauft hätte.«

»Ich kenne ihn nicht«, sagte Bell kurz.

Eine lange Pause trat ein. Gold lehnte sich vor, schaute zum Fenster hinaus und bewegte in unregelmäßigen Zwischenräumen die Lippen.

»Ich glaube, ich muß hier aussteigen«, sagte er dann plötzlich und bat den Chauffeur zu halten.

Sie verabschiedeten sich, und Gold stieg aus. Nachdenklich folgte ihm Bell mit den Augen. Der Motor des Taxis war abgestorben, und der Chauffeur mühte sich mit dem Anlasser ab. Bell sah, wie ein Mann aus einer dunklen Seitenstraße auf Gold zutrat. Er kurbelte das Fenster herunter und hörte zu.

»Sind Sie Mr. Gold?« fragte der Mann.

»Ja.«

»Sie sind hier verabredet?«

»Woher wissen Sie denn, daß ich mich hier verabredet habe?« entgegnete Gold ärgerlich.

»Das muß ich Ihnen wohl nicht erst erklären!« rief der Fremde böse.

Gleich darauf hörte man einen scharfen Schuß.

Bell sprang aus dem Wagen. Gold stand unverletzt an der Ecke der Seitenstraße. Der Mann, der geschossen hatte, war davongelaufen und in der Dunkelheit verschwunden.

»Das war nur einer meiner Freunde«, sagte Gold liebenswürdig. Er bückte sich und hob die Pistole auf, die der Mann hatte fallen lassen.

3

Inhaltsverzeichnis

Wentworth betrat an diesem Abend um elf Uhr die Victoria-Station und löste eine Fahrkarte nach Peckham Rye.

Er steckte sich eine Zigarre an, ging langsam den Bahnsteig entlang und stieg in den wartenden Zug ein. Im Abteil schloß er die Tür, schaute durchs offene Fenster und beobachtete aufmerksam alle Leute, die vorbeikamen.

Die Theater-und Kinovorstellungen waren um diese Zeit noch nicht zu Ende, und der Zug fuhr deshalb nur mäßig besetzt aus dem Bahnhof. Gold holte einen Brief hervor, den er erhalten hatte, bevor er an diesem Abend seine Wohnung verließ. Er las ihn mehrere Male sorgfältig durch, bis er den Inhalt auswendig kannte. Dann zerriß er ihn in kleine Fetzen, die er in Abständen zum Fenster hinauswarf.

Das Attentat, das heute abend auf ihn verübt worden war, beunruhigte ihn wenig. Aber er wunderte sich darüber, daß der Mann, den er im Park hatte treffen wollen, nicht gekommen war.

In Peckham Rye verließ er den Zug und ging zu Fuß zur Christal Palace Road. Vor einer größeren Villa blieb er stehen. Das Haus lag im Dunkeln, aber er wußte, daß man ihn erwartete. Er ging zur Tür, drückte auf die Klingel, und gleich darauf wurde ihm geöffnet.

»Sind Sie Mr. Gold?« fragte eine weibliche Stimme.

»Diese Frage wurde mir heute abend schon einmal gestellt«, sagte er und lachte.

Die junge Dame schloß die Tür hinter ihm und half ihm beim Ausziehen seines Mantels.

»Sie kommen spät«, sagte sie, und er hörte die Besorgnis aus ihrer Stimme.

»Nun ja, ich wurde aufgehalten«, entgegnete er. »Wo ist Ihr Onkel?«

Sie antwortete nur mit einem Seufzer, und er schüttelte den Kopf. Maple war zwar ohne Zweifel ein genialer Mann, aber auch bei ihm bestätigte sich wieder einmal die alte Wahrheit, daß Genialität nicht weit von Verrücktheit entfernt ist.

Sie führte ihn durch einen dunklen Gang zu einer kleinen Küche, die an der Rückseite des Hauses lag.

Ein großer, nachlässig gekleideter Mann saß vor einem Tisch. Er hatte die Hände in die Hosentaschen vergraben und starrte mit glanzlosen Augen vor sich hin. Die Tischplatte war mit Reagenzgläsern, Mikroskopen und wissenschaftlichen Apparaten bedeckt.

Als die Tür geöffnet wurde, fuhr der Mann zusammen und hob abwehrend die Hand. Dann, nachdem er einen Blick auf seinen Besucher geworfen hatte, stand er auf.

»Treten Sie doch bitte näher«, sagte er höflich. »Hol einen Stuhl, Verity.«

Das Mädchen gehorchte.

Gold folgte ihr mit den Augen – sie war wirklich, sehr hübsch. Ihr Haar glänzte wie Gold, und die feinen, geschwungenen Augenbrauen gaben ihrem Gesicht einen ganz besonderen Reiz. Etwas Schwermütiges, eine leichte Melancholie beschattete ihre großen graublauen Augen. Gold wandte sich ab, als er bemerkte, daß sie unter seinen prüfenden Bücken errötete.

Maple sah ihn unsicher lächelnd an. Er las eine Frage in seinem hageren, verwüsteten Gesicht, das die Spuren vieler Ausschweifungen trug. Dieses Mädchen, das erst seit kurzem bei Maple wohnte, war die Tochter seines älteren Bruders, die einzige Verwandte, die er auf der Welt besaß. Sie hatte einen guten Einfluß auf ihn, ja, er hatte geradezu eine merkwürdige Zuneigung zu ihr gefaßt. Es war erschütternd, die unausgesprochene Bitte in seinen Augen zu lesen. Gold nickte ihm kaum merklich beruhigend zu.

»Maple, ich glaube, daß Sie Ihre Nichte in der bewußten Angelegenheit ins Vertrauen gezogen haben«, begann Gold das Gespräch und rückte einen Stuhl näher an den Tisch.

»Ja, ich habe kein Geheimnis vor ihr.«

Auf dem Tisch lag eine Brieftasche aus Leder, Maple nahm sie mit seinen zitternden Händen, öffnete sie und holte einen Pack länglicher Banknoten heraus. Es waren amerikanische Fünfdollarscheine, im ganzen zwanzig Stück. Sie alle zeigten grüne, rote und gelbe Flecken, als ob jemand mit ihnen experimentiert hätte.

»Ihrer Meinung nach sind das also alles Fälschungen?« fragte Gold.

Maple nickte.

»Ich habe jede genau untersucht. Sie kennen doch das Geheimzeichen des Schatzamtes der vereinigten Staaten – das Zeichen, das eine Fälschung fast unmöglich macht –, es fehlt bei allen.«

Maple sprach jetzt offensichtlich über sein Lieblingsthema. Müdigkeit und Stumpfheit waren vollständig von ihm abgefallen, seine Stimme klang klar und deutlich.

»Und wie steht es mit der Druckfarbe?«

»Die ist tadellos«, entgegnete Maple bewundernd. »Ich möchte fast annehmen, daß die Farbe verwandt wurde, die in den staatlichen Druckereien gebraucht wird.«

»Die Wasserzeichen?«

»Ohne jeden Fehler! Vor allem muß ich Ihnen aber etwas berichten, das Sie sicher in Erstaunen setzen wird.«

Er zeigte, mit einer gewichtigen Geste auf die Banknoten, die vor ihm lagen.

»Der Mann, der diese Scheine gefälscht hat, bediente sich nicht – wie üblich – der Fotografie als Hilfsmittel. Alle diese Scheine wurden mit richtigen Druckplatten hergestellt! Ich weiß es, weil – doch das tut nichts zur Sache. Auf jeden Fall weiß ich es ganz genau. Die Banknoten wurden sogar auf einer Presse gedruckt, die ganz speziell für diese Zwecke hergestellt wird; sogar das Papier, auf das sie gedruckt wurden, ist von derselben Sorte, wie es das Schatzamt verwendet.«

Er nahm die Banknoten und steckte sie in die Brieftasche.

»Banknotenfälschungen sind schon immer mein Spezialstudium gewesen«, meinte er nach einer Pause mit einem schiefen Lächeln. »Ich habe sowohl in der französischen als auch in der deutschen Staatsdruckerei gearbeitet – und in Frankreich sollte ich eigentlich heute noch eine gute Stellung einnehmen, wenn nicht …« Mit einer abrupten Handbewegung hielt er inne. »Kurz und gut, Mr. Gold, ich kann Ihnen versichern, daß jeder ungestraft diese Noten in Umlauf bringen kann – und nicht nur die kleinen Scheine, sondern auch die Hundertdollarnoten, die ich untersucht habe.«

»Es gibt also wirklich keine Möglichkeit, sie zu erkennen?« fragte Gold. Maple schüttelte den Kopf.

»Nur das Schatzamt der Vereinigten Staaten könnte sie an Hand des fehlenden Geheimzeichens als Fälschungen identifizieren.«

Gold schob seinen Stuhl zurück, stützte das Kinn in die Hand und dachte angestrengt nach. Das junge Mädchen, das sich in der Nähe des Herdes auf einen Hocker gesetzt hatte, schaute von ihm zu ihrem Onkel hinüber. Plötzlich blickte Gold wieder auf.

»Es ist nur ein Glück, daß die Banknotenfälscher ihrer Sache nicht so sicher sind wie Sie. Ich hatte mich mit einem von ihnen heute abend im Green Park verabredet, aber er muß Verdacht geschöpft haben. Statt seiner erwartete mich …«

»Wer?« fragte Maple, als Gold verstummte.

»Spielt keine Rolle«, knurrte Gold und versank wieder in Nachdenken. Er war ernstlich beunruhigt. Bis jetzt hatte er gehofft, daß Maple, ein Spezialist für Banknotenfälschungen, irgendein einfaches Mittel finden würde, durch das man die Überschwemmung mit falschem amerikanischem Papiergeld verhindern könnte. Er war auf Maple angewiesen, und diese Feststellung war ihm nicht angenehm.

Tausende von falschen Banknoten waren bereits in Umlauf gesetzt worden, vielleicht sogar Hunderttausende – alles Scheine von geringem Wert, bei denen sich niemand die Mühe machte, sie genau zu prüfen.

»Ja, dann kann ich im Augenblick wohl nichts weiter tun«, sagte Gold und stand auf. Er reichte Maple die Hand zum Abschied und nickte dem Mädchen freundlich zu.

Als er gerade die Küche verlassen wollte, hielt ihn Maple zurück.

»Ich wollte Sie noch etwas fragen, Mr. Gold. Kennen Sie einen Mr. Cornelius Helder?«

»Ja«, sagte Gold, dessen Interesse erwachte.

»Ich dachte es mir doch. Er ist ein Landsmann von Ihnen, und ich muß ihn schon irgendwann getroffen haben!«

»Helder ist ein ziemlich häufiger Name.«

»Er hat meine Nichte gebeten, bei ihm als Sekretärin zu arbeiten.«

Gold runzelte unwillkürlich die Stirn, was Maple nicht entging. »Ist mit Helder etwas nicht in Ordnung?« fragte er ängstlich. »Er hat ihr ein gutes Gehalt angeboten.«

»Woher wußte er denn, daß Ihre Nichte ohne Stellung ist?«

Maple schob seinem Besucher nochmals einen Stuhl hin.

»Nehmen Sie doch noch einen Augenblick Platz, ich möchte Ihnen gern mehr darüber erzählen. Die Sache ist etwas merkwürdig. Meine Nichte war nämlich Sekretärin beim alten Lord Dellborough, der neulich starb. Sie hatte eigentlich nicht die Absicht, sich nach einer neuen Stellung umzusehen, da ihr Lebensunterhalt bei mir gesichert ist. Nun kam letzte Woche ein Brief von einer Agentur, in dem ihr dieses Angebot gemacht wurde, obgleich sie sich gar nicht beworben hatte.«

»Das ist allerdings ein seltsames Zusammentreffen«, sagte Gold trocken. Er glaubte unter keinen Umständen an einen Zufall und konnte sich ziemlich genau vorstellen, wie die Sache zustande gekommen war.

Er schaute Verity wieder an. Höchstwahrscheinlich wußten gewisse Kreise, wer die frühere Sekretärin von Lord Dellborough war, und man konnte ohne weiteres einer Agentur den Auftrag geben, ihr eine Stellung anzubieten. Es kam noch dazu, daß sie außergewöhnlich hübsch war, und Helder interessierte sich stets für gutaussehende junge Damen.

»Ich möchte Ihnen raten, die Stelle anzunehmen«, sagte er plötzlich, nahm sein Notizbuch aus der Tasche und schrieb etwas auf einen Zettel.

»Hier haben Sie meine Telefonnummer. Sie werden immer jemand erreichen, wenn Sie anrufen. Ich möchte Ihnen aber noch den Rat geben, Helder nicht zu sagen; daß Sie mich kennen – auch wäre es gut, wenn Sie mir mitteilten, ob Sie die Stelle angenommen haben.«

Mit diesen geheimnisvollen Worten verabschiedete er sich.

4

Inhaltsverzeichnis

Für Verity Maple bedeutete die Christal Palace Road das traurige Erwachen aus einem schönen Traum. Es war ihr seither immer gut gegangen, obwohl ihre Mutter schon früh gestorben war; ihr Vater, George Maple, hatte zwölfhundert Pfund im Jahr verdient – leider aber stets fünfzehnhundert ausgegeben. Der Augenblick kam, an dem seine finanziellen Verhältnisse hoffnungslos zerrüttet waren; schließlich gab es nur noch zwei Wege für ihn: Bankrotterklärung oder Selbstmord. Ein Autobus, dem er nicht rechtzeitig auswich, enthob ihn der Entscheidung. Als Verity aus einem belgischen Pensionat heimgekehrt war, fand sie ihr Vaterhaus bereits im Besitz einer Anzahl von Gläubigern, die rücksichtslos versteigern ließen, was nicht niet– und nagelfest: war. Verity saß auf der Straße. Sie wußte nicht was tun, doch da tauchte Tom Maple auf.

Sie hatte früher schon von Onkel Tom gehört und hatte auch Briefe von ihm aus den verschiedensten Städten erhalten, dabei war ihr seine merkwürdige Angewohnheit aufgefallen, gleichzeitig mit dem Aufenthalt auch den Namen zu wechseln.

Er war wirklich ein sonderbarer Mensch, aber ihr gegenüber zeigte er sich von seiner liebenswürdigsten Seite. Verity hatte alle Ursache, ihm dankbar zu sein.

Sie zogen zusammen in das Haus in der Christal Palace Road. Bald genug hatte sie entdeckt, daß er ein Trinker war. Auch daran gewöhnte sie sich und lebte bald glücklicher mit ihm, als sie jemals zu hoffen gewagt hatte.

In finanziellen Dingen war Tom Maple sehr großzügig; er stellte ihr genügend Geld zur Verfügung, und sie war eigentlich durchaus nicht gezwungen, eine Stellung anzunehmen. Es trieb sie mehr der Wunsch nach Unabhängigkeit zu einem Beruf.

Für die Tätigkeit ihres seltsamen Onkels interessierte sich Verity sehr. Stundenlang konnte sie neben ihm sitzen und beobachten, wie er mit sicherer Hand feine, schöngeschwungene Linien in Stahlplatten grub. Tom Maple wurde von einer Gravieranstalt, die Banknoten herstellte, sehr gut bezahlt. Seine Auftraggeber kannten ihn und wußten seine Arbeit zu schätzen. Sie schienen ihn so notwendig zu brauchen, daß sie selbst seine üblen Gewohnheiten übersahen.

An dem Abend nach Golds Besuch hielt sich Verity noch im Wohnzimmer auf. Sie saß am offenen Kamin und las in einem Buch, als sie plötzlich den leichten Schritt ihres Onkels draussen auf dem Gang hörte. Er ging an der Tür vorbei, blieb dann zögernd stehen und kam zurück. Die Tür wurde geöffnet, und er kam herein. Sie sah ihn an.

»Kann ich etwas für Dich tun, Onkel?«

Sein Gesicht war noch bleicher als sonst. Die Wangen schienen ihr noch eingefallener, die Augen von noch dunkleren Rändern umschattet. Er schaute sie eine Weile wortlos an, dann nahm er einen Stuhl und setzte sich ihr gegenüber.

»Verity«, sagte er schließlich ernst, »ich habe über dich nachgedacht und mir überlegt, ob es nicht besser wäre, wenn ich dir etwas über mich erzählte.«

Er seufzte schwer und sah ihr dann fest in die Augen.

»Mein Leben war sehr merkwürdig«, begann er langsam. »Du weißt nicht so richtig Bescheid über meine Vergangenheit, wie?«

Sie sah ihn lächelnd an und schüttelte den Kopf.

»Ich weiß nur, daß du mir ein guter Onkel bist.«

Er machte eine abwehrende Handbewegung.

»Du darfst nicht so gut von mir denken. Ich bin nicht ganz der, für den du mich hältst.« – Er sah sie ernst, fast traurig an. – »Wenn mir etwas zustoßen sollte«, fuhr er dann fort, »so möchte ich, daß du einen bestimmten Herrn in London aufsuchst.« Mit diesen Worten zog er seine Brieftasche hervor.

»Ich will dir etwas geben. Ich habe dich neulich um deine Unterschrift gebeten, weil ich dir ein Konto in der Londoner Nordwestbank eröffnet habe. Es ist kein großes Vermögen«, sagte er schnell, als er ihre Freude bemerkte, »aber es wird dich vor Not schützen, wenn mir etwas passieren sollte.«

»Was sollte dir denn passieren?« fragte sie ihn ängstlich und bestürzt.

Er zuckte nur die Schultern.

»Das kann man nie wissen«, meinte er melancholisch.

Er nahm ein Scheckbuch aus der Brieftasche, auf dem der Name der Bank stand.

»Hebe es gut auf«, sagte er, als er es ihr überreichte. »Übrigens mußt du doch langsam auch ans Heiraten denken.«

Sie schüttelte nur lachend den Kopf.

»Die meisten Mädchen schütteln den Kopf, wenn sie ein solches Ansinnen hören«, meinte er, plötzlich wieder vergnügt, »und dann heiraten sie doch alle!«

Er nickte ihr zu und wollte eben aus dem Zimmer gehen, als sie sich an seine Worte von vorhin erinnerte.

»Onkel, du hast mir noch nicht den Namen des Mannes gesagt, an den ich mich wenden soll.«

Er gab nur zögernd die Antwort.

»Ich meine Comstock Bell – später werde ich dir einmal mehr von ihm erzählen.«

Im nächsten Augenblick war er gegangen. Sie folgte ihm nachdenklich mit den Blicken.

Was mochte er mit den Andeutungen über sein früheres Leben gemeint haben? Sie war nun alt genug, um zu wissen, daß seine häufigen Namensänderungen eine ernstere Bedeutung gehabt haben könnten. Fast wünschte sie jetzt, daß sie ihm zugeredet hätte, offen zu sprechen.

Sie schaute auf die Uhr. Um sechs sollte sie sich bei Mr. Cornelius Helder vorstellen. Es kam ihr ein wenig seltsam vor, daß er sie in seine Privatwohnung in der Curzon Street gebeten hatte.

Helder bewohnte mehrere Räume in dem Haus Nr. 406.

Das Gebäude gehörte einem Hausmeister, der sich zur Ruhe gesetzt hatte und hier nun eine gutgehende Pension unterhielt. Die Mieter bekamen im allgemeinen zwar nur das Frühstück, konnten auf Wunsch aber auch größere Mahlzeiten bestellen.

Verity Maple wurde sofort ins Wohnzimmer geführt. Als sie eintrat, saß Helder vor einem großen Schreibtisch, der mit Druckproben und Zeitungen bedeckt war.

Er erhob sich und gab ihr die Hand.

»Nehmen Sie bitte Platz, Miss Maple. Es tut mir leid, daß ich Sie hierherbitten mußte, aber ich konnte Sie aus Zeitmangel nicht in meinem Büro empfangen.«

Er sprach kurz und geschäftsmäßig, so daß der unangenehme Eindruck, den sie von ihm hatte, rasch wieder verflog.

»Ich habe eine interessante Arbeit für Sie. Können Sie französisch?«

»Ja«, sagte sie und nickte.

»Ich bin nämlich Mitherausgeber einer kleinen Zeitschrift, für die Sie sich in Zukunft interessieren müssen.«

Die Gehaltsfrage wurde besprochen, und Verity wunderte sich, mit welcher Bereitwilligkeit Mr. Helder auf ihre Wünsche einging. Sobald die rein geschäftliche Seite der Unterhaltung beendet war, erhob sie sich.

»Bis morgen früh also«, sagte er und begleitete sie zur Tür.

Verity Maple war sich nach dieser ersten Unterredung mit ihrem neuen Chef nicht ganz klar darüber, ob sie richtig gehandelt hatte, diese Stellung anzunehmen. Als sie sich schon ein Stück von Mr. Helders Haus entfernt hatte, hörte sie, wie jemand ihren Namen rief. Sie drehte sich um. Es war Mr. Helder, der ihr nachgelaufen kam.

»Ich muß zur Oxford Street«, sagte er atemlos. »Da haben wir doch denselben Weg, nicht wahr?«

Sie hätte ihm gern gesagt, daß dies nicht der Fall sei, aber er beachtete sie gar nicht weiter, sondern erzählte munter von den Annehmlichkeiten eines neuen Motorbootes, das er sich kaufen wollte, und nannte als Kaufpreis eine Summe, vor der ihr schwindelte. Dann sprach er über sonstige Geldgeschäfte, ohne jedoch auf Einzelheiten einzugehen.

In der Oxford Street trennten sie sich, und sie seufzte erleichtert auf, als er sich von ihr verabschiedet hatte.

Auf Helder hatte das hübsche Mädchen großen Eindruck gemacht. Er hatte zwar schon viel von ihr gehört, aber nicht gedacht, daß sie so gut aussah.

Er schaute ihr nach, bis sie in der Menschenmenge verschwunden war, dann winkte er einem Taxi und fuhr zum Klub.

Als Verity zur Victoria Station kam, war ihr Zug schon abgefahren, und sie mußte sich nun die Zeit vertreiben, bis der nächste kam.

An einem Bücherstand betrachtete sie aufmerksam die Auslagen und las die Titel der neuen Bücher. Dabei stieß sie mit einem Herrn zusammen, und ihre Handtasche fiel auf den Boden. Er bückte sich schnell, hob die Tasche auf und überreichte sie ihr mit einer Entschuldigung.

Sie sah sich einem hochgewachsenen jungen Mann gegenüber, der sie einen Augenblick bewundernd anschaute. Dann grüßte er höflich und ging.

Es war die erste Begegnung Veritys mit Comstock Bell.

Sie betrat einen Erfrischungsraum, um eine Tasse Tee zu trinken. Als sie wieder aufstand, entdeckte sie, daß sie auch den nächsten Zug versäumt hatte. Eigentlich war sie ja gar nicht in Eile, und so schlenderte sie gemütlich zum Marble Arch und besuchte noch eine Kinovorstellung.

Als sie in Peckham ankam, war es schon neun Uhr. Der Himmel war wolkenbedeckt, und es regnete in Strömen. Sie bog in die Christal Palace Road ein und bemerkte einen Mann, der an einem Laternenpfahl auf der anderen Seite der Straße lehnte. Sein Gesicht konnte sie nicht sehen, denn er wandte ihr den Rücken zu.

Vor ihrer Haustür kramte sie die Schlüssel heraus und wollte gerade aufschließen, als sie hinter der Tür Stimmen hörte. Es war sehr ungewöhnlich, daß ihr Onkel Besuch hatte, und erstaunt trat sie einen Schritt zurück. Die Stimmen näherten sieb, und gleich darauf öffnete sich die Tür. Einem Impuls gehorchend, trat sie in das Dunkel des Gebüsches zurück, das vor dem Eingang angepflanzt war.

Ihr Onkel kam heraus, in seiner Begleitung waren zwei Herren. Der eine war robust und untersetzt, der andere groß und schlank.

»Hoffentlich haben Sie uns jetzt verstanden!« sagte der Kleinere drohend; er sprach mit stark amerikanischem Akzent.

Maple antwortete leise etwas, das Verity nicht verstehen konnte.

»Damit wäre also alles klar«, schnitt ihm der andere das Wort ab. »Wir wollen nur von Ihnen haben, daß Sie kein Spielverderber sind. Es liegt jetzt an Ihnen, Ihre verschiedenen Fehler wieder gutzumachen. Er weiß das ganz genau …«, dabei deutete er auf die Straße.

»Warum kommt er denn nicht selbst?« brummte Maple vorwurfsvoll.

Die beiden lachten höhnisch.

»Weil er sich bei dieser Angelegenheit nicht sehen lassen will. Außerdem wohnen Sie doch nicht allein hier im Hause, nicht wahr? Kurz und gut, Sie werden sich auf jeden Fall verantworten müssen, wenn Sie noch einmal etwas gegen uns unternehmen.« Seine Stimme klang so kalt und scharf, daß Verity ein Schauer über den Rücken lief. »Diesmal wollen wir ein ganz großes Ding drehen – und wer sich uns dabei in den Weg stellt, wird erledigt. Verstanden?«

Tom Maple nickte, und es trat eine kleine Pause ein.

»Wo ist er eigentlich?«

»Er wartet an der nächsten Straßenecke. Wollen Sie mit uns kommen und ihn begrüßen?«

Maple schüttelte den Kopf.

»Nein, ich weiß schon, daß er dort ist – das bezweifle ich nicht«, sagte er bitter.

Ohne ein weiteres Wort drehten sie ihm den Rücken zu und verschwanden durch das Gartentor. Tom Maple wandte sich seufzend um und ging ins Haus zurück.

Verity war überrascht und bestürzt. Was hatte das alles zu bedeuten? Welchen Einfluß hatten diese Leute auf ihren Onkel? Wer war dieser geheimnisvolle Mann, der das Haus nicht betreten wollte? Einen Augenblick zögerte sie, dann lief sie schnell zur Gartentür und folgte den beiden Männern, die noch keinen großen Vorsprung hatten.

Als sie das Ende der Straße erreichten, kam der Mann, der unter der Laterne gewartet hatte, von der anderen Straßenseite zu ihnen herüber. Die drei blieben stehen. Klopfenden Herzens ging Verity weiter; das Gespräch der drei verstummte, und als sie die Männer passierte, drehte sich einer von ihnen nach ihr um. Zu ihrem Schrecken sah sie, es war – Mr. Helder. Hastig eilte sie weiter und hoffte, daß er sie nicht erkannt habe.

Als sie in die nächste Seitenstraße einbog, warf sie einen Blick zurück. Helder folgte ihr! Schnell bog sie um die Ecke und schlüpfte in den nächsten Hauseingang. Eine Zeitlang stand sie dort atemlos und horchte angespannt. Zu ihrer größten Beruhigung näherten sich aber keine Schritte, und als sie nach einigen Minuten vorsichtig auf die Straße spähte, war kein Mensch zu sehen. So schnell sie konnte, lief sie nach Hause.

Als sie in die Küche trat, saß ihr Onkel wie gewöhnlich am Tisch, sie bemerkte aber sofort, daß ihn irgend etwas beunruhigte. Er begrüßte sie so geistesabwesend, daß sie immer besorgter wurde; trotzdem schien es ihr ratsam, vorerst nichts von dem zu sagen, was sie gesehen und gehört hatte. Sie bereitete das Abendessen, und erst als sie den Tisch deckte, sah er auf.

»Verity, ich werde es doch tun, was auch immer geschehen mag!«

Sie wartete, daß er ihr jetzt alles erzählen würde, doch er sagte noch einige wenige Sätze halb zu sich selbst: »Sie glauben, daß sie mich in ihrer Gewalt haben. Aber ich werde es ihnen schon zeigen – sie sollen noch ihr blaues Wunder erleben!«

Als sie sich nach dem Essen erhob und abräumen wollte, drehte er sich nach ihr um.

»Vergiß den Mann nicht, von dem wir gesprochen haben«, sagte er mit eigenartiger Betonung.

»Mr. Comstock Bell?«

»Ja, Comstock Bell.«

5

Inhaltsverzeichnis

Cornelius Helder war ein widerspruchsvoller Charakter, und Gold liebte solche Leute nicht. »Ein Mann muß einen festen Standpunkt haben«, sagte er, »sonst kann man ihn nicht für voll nehmen.«

Nach Golds Meinung war es unvereinbar, daß Helder auf der einen Seite gern Witze machte, gut lebte und eine ausgesprochene Vorliebe für Luxus hatte, andererseits aber den revolutionären Helden spielte und zum Widerstand gegen die Kapitalisten aufrief.

»Vielleicht ist es auch nur Effekthascherei, Exzellenz«, sagte Gold. »Irgendeine Pose – die meisten Menschen geben sich anders, als sie sind.«

Gold unterhielt sich mit dem amerikanischen Konsul in dessen Arbeitszimmer.

»Ich möchte eigentlich Mr. Helder solche Dummheiten nicht Zutrauen. Er ist doch wirklich nicht mehr der jüngste.«

Gold lächelte. Er hatte eine kleine achtseitige Zeitschrift in der Hand. Sie war zweispaltig gedruckt, und die eine Hälfte zeigte ausländische Worte. Die Zeitschrift trug den Titel: »Die Tarnung.« Als Herausgeber zeichnete Mr. Helder.

»Ich muß Ihnen gestehen«, sagte der Konsul, »daß mir diese Art von Landsleuten hier allmählich lästig wird. Ich hätte nie gedacht, daß ein Mann wie Helder, der doch immerhin der höheren Gesellschaftsschicht angehört, solche umstürzlerischen Ansichten hegt.«

»In dieser Nummer sind ja keine besonderen Angriffe enthalten«, entgegnete Gold. »Ich habe die Zeitschrift bisher aufmerksam verfolgt, auch in den anderen Nummern konnte ich nichts dergleichen entdecken.«

Gold überflog flüchtig den Leitartikel.

»Es ist doch reiner Unsinn«, sagte der Konsul ärgerlich: Diese Zeitschrift soll heimlich unter den Kommunisten verteilt werden. Ebensogut könnte Helder doch sein Geld dafür ausgeben, zweisprachige Ausgaben von Gedichten zu vertreiben!«

Gold wartete auf eine Erklärung, warum ihn der Konsul so dringend zu sich gerufen hatte. Man sprach noch eine Zeitlang über allgemeine Dinge. Als Gold merkte, daß er keine näheren Aufschlüsse erhielt, entschloß er sich zu einer direkten Frage.

»Was gefällt Ihnen denn an dieser Nummer der ›Warnung‹ nicht, Exzellenz?«

Der Konsul rieb sich die Hände und lehnte sich in seinen Sessel zurück.

»Sie kennen Helder doch sehr gut«, sagte er. »Vor einigen Tagen erklärte er mir im Terriers-Klub, daß Sie der einzige Amerikaner in London seien, vor dem er Hochachtung und sogar einen gewissen Respekt habe.«

Gold lächelte.

»Ich traue ihm nicht, und wenn er mich lobt, traue ich ihm am allerwenigsten.«

»Mag sein«, entgegnete der Konsul, »aber zuerst einmal müssen Sie beweisen, daß Ihre Ansicht über ihn richtig ist. Fordern Sie ihn vor allen Dingen auf, daß er mit der Herausgabe dieser blödsinnigen Zeitschrift aufhört. Die englische Regierung sieht so etwas durchaus nicht gern! Ich möchte nur wissen, warum er soviel Zeit und Geld in diese Angelegenheit steckt. Man könnte geradezu meinen, daß er einen Staatsstreich vorbereitet! Und dann dieser Unsinn, das ganze Personal seines Schmierblättchens, aus Ausländern zusammenzusetzen. Das Auswärtige Amt in London ist sehr ungehalten über die Geschichte, und ich glaube, daß es nicht mehr lange dauert, bis man dagegen einschreitet. Dann wandert Heider ins Gefängnis, und das wäre doch außerordentlich fatal.«

»Ich werde mein möglichstes tun«, sagte Gold.

Er nahm ein Taxi und ließ sich zum Terriers-Klub fahren. Helder war noch nicht dort, aber in einer Nische sah er Comstock Bell vor seinem Mittagessen sitzen. Gold ging zu ihm und ließ sich ihm gegenüber gemütlich nieder.

Bell sah schlecht aus; seine rechte Hand war bandagiert.

»Hallo, was ist Ihnen denn passiert?«

»Nicht so schlimm. Ich habe mir die Hand in einer Tür geklemmt – wahrscheinlich ist ein Finger angeknackst.«

»Das tut mir aber leid.«

»Wirklich nicht der Rede wert. Unangenehm ist nur, daß ich jetzt mit der linken Hand essen und – vor allem – mir eine Sekretärin engagieren muß, die mir meine Briefe schreibt. Wie geht es denn Ihnen? Sie tun geradeso, als ob Sie es gewohnt seien, für fremde Leute als Zielscheibe zu dienen.«

Gold lächelte grimmig.

»Ganz so ist es nun auch wieder nicht. Hören Sie zu, Comstock – ich möchte Ihnen gegenüber mit offenen Karten spielen. Der Mann, der mir neulich abends im Park begegnete, wollte mich allen Ernstes umlegen.«

»Tatsächlich?« meinte Bell ironisch. »Ich dachte, er wollte Ihnen eine Einladung in den Buckingham Palast überbringen.«

»Spaß beiseite«, entgegnete Gold ernst. »Die Sache geht Sie übrigens genauso an wie mich. Ich bekam also einen Brief von einem meiner Vertrauensleute, daß er sich mit mir im Park treffen wolle. Ein Platz zwischen der dritten und vierten Laterne war vereinbart worden. Leider wurde mein Mann selbst beobachtet. Zwei Leute, die sich als Kriminalbeamte auswiesen, nahmen ihn wegen versuchten Raubüberfalls fest; mein Vertrauensmann, der natürlich nicht das geringste auf dem Kerbholz hatte, wollte sich gegen das Gesetz nicht auflehnen und folgte den beiden. Sie brachten ihn zu einem Wagen und fuhren mit ihm in einen Außenbezirk. Dort ließen sie ihn wieder laufen.«

Er mußte lachen.

»Die Leute haben die Sache gut gemacht. An Stelle meines Agenten erwartete mich jemand, der den Auftrag hatte, mit mir abzurechnen. – Ah …, bitte entschuldigen Sie mich einen Augenblick.«

Gold hatte eben Helder den Speisesaal betreten sehen. Er nickte Comstock zu, ging quer durch den Raum und verschwand im Rauchsalon, den Helder aufgesucht hatte. Er saß dort und blätterte in einer illustrierten Zeitung. Als Gold zu ihm trat, schaute er auf.

»Ich hätte gern einmal mit Ihnen gesprochen, Sie aufrührerischer Geist.«

Helder lachte.

»Soll ich des Landes verwiesen werden?«, fragte er und machte auf dem Sofa Platz, damit Gold sich neben ihn setzen konnte. »Oder will man mich wegen Hochverrats anklagen?«

»Soweit ist es noch nicht. Es besteht nur die Gefahr, daß Sie hier unangenehm auffallen. Ich habe neulich mit unserem Konsul gesprochen, und da er weiß, daß ich Sie gut kenne, bat er mich, Ihnen etwas zu erklären: Er kann Sie nämlich nicht mehr in die Botschaft einladen, wenn Sie derartige Veröffentlichungen nicht einstellen.«

Helder wurde dunkelrot. »Es wäre mir lieber, wenn sich der Botschafter mit einem solchen Ansinnen direkt an mich wenden würde«, sagte er ärgerlich.

Gold beobachtete ihn interessiert. Es war das erstemal, daß sich Helder von einer unangenehmen Seite zeigte. Sein Mund war verkniffen, und seine Augen funkelten böse.

Es hatte Helder einige Mühe gekostet, seine gegenwärtige Stellung in der Gesellschaft zu erobern. Sein Vater hinterließ ihm nur ein kleines Vermögen, das gerade zu einem bescheidenen Leben ausreichte. Ein Geschäft, das er in Paris eröffnet hatte, mußte er später wieder aufgeben. Jetzt lebte er schon seit Jahren in London, und man erzählte sich, daß er allein mit Eisenbahnaktien ein Vermögen verdient hätte.

Und nun, da er endlich am Ziel war, drohte man, ihn gesellschaftlich zu schneiden. Er schaute deshalb Gold wütend an?

»Ich möchte, daß man meine Rechte als amerikanischer Staatsbürger respektiert. Ich kann mir mein Leben nach meinen eigenen Wünschen einrichten, solange ich nicht mit dem Gesetz in Konflikt komme. Und in der ›Warnung‹ ist nichts erschienen, was über das gesetzmäßig Erlaubte hinausginge.«

»Es liegt aber gar kein Grund vor, eine solche unnütze Zeitschrift überhaupt herauszugeben«, erklärte Gold.

»Jetzt werden Sie beleidigend.« Helder erhob sich. »Ich glaube, wir können die Unterhaltung abbrechen.«

Gold nickte.

»Es kommt ja doch nichts dabei heraus. Ach, da fällt mir gerade ein, daß ich meinem Neffen ein Geburtstagsgeschenk schicken muß.« Er schaute auf die Uhr und kramte in seiner Brieftasche herum, fand aber anscheinend nicht das Gewünschte. »Haben Sie etwas amerikanisches Geld bei sich, Mr. Helder? Ich brauche zwanzig Dollar.«

Comstock Bell war ins Zimmer getreten und hatte die letzten Worte Golds gehört.

Helder schüttelte den Kopf.

Bell mischte sich in die Unterhaltung.

»Ich habe genügend Dollar bei mir«, sagte er, zog seine Brieftasche heraus und entnahm ihr zwanzig Dollar, die er Gold überreichte. Helder beobachtete ihn dabei scharf.

Er sah, wie Gold die Banknoten, scheinbar nur oberflächlich betrachtete.

»Du lieber Himmel«, sagte Gold plötzlich. Sein Gesicht war blaß geworden.

6

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Gold starrte Bell einen Augenblick lang fassungslos an.

»Was ist denn los?« fragte Bell verwundert.

»Nichts«, entgegnete Gold kurz, drehte sich um und verließ den Raum, ohne sich zu verabschieden.

Comstock Bell sah ihm kopfschüttelnd nach.

»Wissen Sie, was er hat?« fragte er Helder, dem gegenüber er sich stets einer sehr kühlen Höflichkeit befleißigte.

»Keine Ahnung, Mr. Bell. Gold scheint heute ein wenig nervös zu sein – mit mir hat er sich vorher auch fast gestritten.« »Warum sagten Sie denn, daß Sie keine amerikanischen Banknoten hätten? Sie haben doch einige in der Tasche.«

Vor dem Mittagessen hatten die beiden eine kleine Meinungsverschiedenheit wegen Washingtons Bild auf den Fünfdollarscheinen gehabt. Sie verglichen verschiedene Banknoten miteinander, und Helder war mit einigen Scheinen Comstocks zum Fenster gegangen, um sie genauer zu betrachten.

»Hatte ich ganz vergessen«, brummte Helder. »Abgesehen davon war ich sowieso nicht in der Stimmung, Gold eine Gefälligkeit zu erweisen.«

Bell zuckte die Achseln und wollte sich verabschieden, als Helder ihn zurückhielt.

»Sagen Sie, Mr. Bell, kennen Sie einen gewissen Willetts?«

»Nein«, entgegnete Bell. »Wie kommen Sie darauf?«

Helder rieb sich das Kinn.

»Ach, ich habe keinen besonderen Grund«, sagte er dann. »Aber wenn Sie einmal etwas Zeit übrig haben, würde ich mich gern mit Ihnen unterhalten.«

»Über diesen Mann?« fragte Bell scharf.

»Ja, auch über ihn – und über andere Dinge.«

Comstock Bell zögerte.

»Schön, ich werde an einem der nächsten Tage in Ihr Büro kommen.«

Mit einem Kopfnicken verabschiedete sich Bell und verließ den Klub. Er überquerte die Pall Mall und schlenderte dann ziellos durch den Park.

Es war ein herrlicher Frühlingstag, ganz dazu gemacht, alle Sorgen zu vergessen, doch Bell nahm keine Notiz von seiner Umwelt; er hatte einen Plan gefaßt, einen schrecklichen Plan, wie er sich selbst immer wieder sagte – trotzdem wollte er ihn unter allen Umständen ausführen, wer auch immer der Leidtragende sein würde. Einmal mußte er zur Ruhe kommen und endlich diesem schrecklichen Zustand ein Ende machen.

Es war ein Plan, der in allen Einzelheiten genau durchdacht war. Tag für Tag und Nacht für Nacht hatte er ihn immer wieder durchkalkuliert und jeden Zug festgelegt.

»Wer auch immer der Leidtragende sein wird …«, murmelte er vor sich hin und seufzte.

Als er zum Victoria Memorial kam, überquerte er die Straße und nahm seinen Weg entlang Constitutional Hill. In seinem Plan fehlte noch ein einziges Glied – er brauchte noch einen Helfer. Zuerst hatte er an Gold gedacht, diesen Gedanken aber sehr bald wieder aufgegeben. Gefühlsmäßig wußte er, daß sich Gold für keine noch so hohe Summe für so etwas hergeben würde.

Er ließ gerade im Geist alle seine Freunde und Bekannten Revue passieren, als neben ihm ein Taxi hielt. Gold sprang aus dem Wagen, bezahlte den Chauffeur und kam dann auf ihn zu.

»Ich bin Ihnen vom Klub aus gefolgt, Mr. Bell. Könnte ich einen Augenblick mit Ihnen sprechen?«

»Alle Leute scheinen das Bedürfnis zu haben, sich mit mir zu unterhalten«, entgegnete Bell freundlich. »Ich habe mich übrigens in Gedanken gerade sehr intensiv mit Ihnen beschäftigt.«

Sie verließen die Hauptstraße und bogen in eine Nebenstraße ein, die zu einer kleinen Parkanlage führte.

»Ich möchte ganz offen mit Ihnen reden«, sagte Gold nach einigen Minuten nachdenklichen Schweigens. »Sie haben sich wahrscheinlich gewundert, warum ich Sie vorher im Klub einfach stehenließ und fortging?«

»Ein wenig seltsam fand ich das schon«, gab Bell zu.

»Meine Eile war durchaus gerechtfertigt. Ich habe jemand aufgesucht, um ihm einen Verdacht mitzuteilen – dieser Verdacht hat sich bestätigt.«

»Ich verstehe Sie gar nicht, was soll denn das alles bedeuten?« entgegnete Bell ein wenig ärgerlich.

»Zwei der Fünfdollarnoten, die Sie mir gaben, waren gefälscht.«

»Gefälscht?«

»Ja, es besteht gar kein Zweifel«, erklärte Gold. »Tausende von gefälschten Scheinen sind schon seit einiger Zeit im Umlauf. Von wem haben Sie die Banknoten bekommen?«

»Ein Mann, den ich im Savoy-Hotel traf, brauchte englisches Geld – ich habe ihm einige Scheine gewechselt.«

Gold sah ihn scharf an.

»Stimmt das wirklich?«

»Was wollen Sie damit sagen?« fragte Bell. Er wurde immer ärgerlicher. »Glauben Sie vielleicht, ich würde Ihnen etwas vorlügen?«

»Und wie hieß der Mann?«

In diesem Augenblick erinnerte sich Bell daran, wie die Scheine in seinen Besitz gekommen waren – er hatte sie ja von Helder erhalten! Der hatte ihm unter einem fadenscheinigen Vorwand die falschen Noten untergeschoben. Schon wollte er es Gold sagen, als ihm plötzlich ein Gedanke kam – hier war sine günstige Gelegenheit, die er für die Ausführung seines Planes benutzen konnte.

»Der Mann hieß Willetts«, sagte Bell langsam.

»Willetts? Sie haben mir doch neulich erzählt, daß Sie ihn überhaupt nicht kennen?«

»So? Nun, wahrscheinlich habe ich den Herrn, von dem Sie sprachen, nicht mit dem Mann in Verbindung gebracht, den ich im ›Savoy‹ traf«, erklärte Bell.

Gold schüttelte den Kopf.

»Na schön«, meinte er. »Ich werde diesen Willetts ausfindig machen. Eine Ahnung sagt mir, daß mir große Unannehmlichkeiten erspart bleiben, wenn ich dieses Rätsel gelöst habe.«

»Und mich werden Sie dadurch von noch größeren Schwierigkeiten befreien«, murmelte Comstock Bell.

Gold verabschiedete sich von Bell, der seinen Spaziergang fortsetzte, stieg in ein Taxi und war gleich darauf mitten in der City.

In der Thread Needle Street stieg er aus und kam schließlich durch viele enge Gäßchen zur Little Painter Street. An einem alten Haus entdeckte er das Schild, das er suchte: »Harald S. Willetts, Börsenmakler.«

Er stieg bis zum dritten Stock empor und klingelte an einer Tür, die auf einem Messingschildchen die gleiche Aufschrift trug.

Niemand antwortete. Auch auf sein energisches Klopfen hin blieb alles stumm.

Er ging die Treppe wieder hinunter und fragte den Hausmeister. »Wissen Sie, wann Mr. Willetts anzutreffen ist?

»Bin ich ein Hellseher?« entgegnete der Hausmeister mürrisch. Erfahrung hatte ihn gelehrt, nicht allzu mitteilsam zu sein.

Gold steckte eine Hand in die Tasche, zog eine Pfundnote heraus und wedelte damit dem Hausmeister vor der Nase herum.

»Haben Sie wirklich keine Ahnung?«

Das war das richtige Mittel; in weniger als zehn Minuten hatte Gold alles in Erfahrung gebracht, was der Hausmeister selbst wußte – leider war das nicht viel.

»Ich habe den Herrn nur immer bei Dunkelheit kommen und gehen sehen. Er arbeitet nie hier und läßt wohl nur seine Post hierher schicken.«

»Wie lange hat er das Büro schon gemietet?«

»Ungefähr seit zwei Jahren. Soviel ich weiß, hält er sich meistens außerhalb Londons auf, manchmal fährt er wohl sogar nach Amerika.«

»Ist er Amerikaner?« fragte Gold hastig.

»Das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich weiß nur, daß er die Miete regelmäßig bezahlt und daß er sein Büro nur selten betritt. Wenn Sie es sehen möchten, zeige ich es Ihnen gern.«

Sie stiegen die Treppe hinauf, und der Hausmeister öffnete die Tür. Gold trat in einen kleinen Raum, in dem ein Rollschreibtisch, ein Sessel und ein Schreibtischstuhl standen. Außerdem gab es noch ein Regal mit Büchern über Finanzwesen und Börsenjahrbüchern. Das war die ganze Einrichtung.

»Ein merkwürdiger Schreibtisch«, sagte Gold sehr liebenswürdig. »Ich würde mir dieses Modell gerne einmal ansehen.«

Der Hausmeister, der ein sehr geschäftstüchtiger Mann war, konnte an dem Schreibtisch durchaus nichts Besonderes entdecken. Er verstand aber auch so gut genug, was der Besucher wollte. Schließlich war eine Pfundnote keine Kleinigkeit und erforderte eine gewisse Gegenleistung. Also murmelte er vor sich hin, daß er schnell etwas im Treppenhaus nachschauen müsse, und ließ Gold allein.

Innerhalb einer Minute hatte Gold an einem großen Schlüsselbund, den er aus der Tasche zog, den richtigen Schlüssel ausgewählt und den Schreibtisch geöffnet.

Er war leer, vollständig leer. In keiner Schublade konnte er auch nur ein einziges Stück Papier entdecken. Welchem Beruf Willetts auch nachgehen mochte – und Gold hatte hierüber seine ganz besonderen Ansichten –, jedenfalls übte er ihn nicht in diesem Büro aus.

»Wie oft kommt Mr. Willetts eigentlich hierher?« fragte er den Hausmeister, als er mit ihm zusammen die Treppe wieder hinunterging.

»Wenigstens einmal im Monat – aber ich weiß nie vorher an welchem Tag.«

»Können Sie ihn mir ungefähr beschreiben?«

»Er hat eine dunkle Gesichtsfarbe und dunkles Haar, meistens hält er sich etwas gebückt …«

»Ist er groß und schlank?«

»Nein. Ich würde ihn als mittelgroß bezeichnen. Diesen Eindruck hatte ich wenigstens, als ich ihm auf der Treppe begegnete.«

»Wie ist seine Stimme?«

»Gut, daß Sie danach fragen – er spricht mit einem ausländischen Akzent, ungefähr so wie ein Franzose.«

»Schön, sagen Sie Mr. Willetts bitte, wenn er wieder herkommt, daß ich ihn gern gesprochen hätte.«

»Und wie ist Ihr Name?«

»Comstock Bell«, entgegnete Gold seelenruhig.

Der Hausmeister sah ihn erstaunt an.

»Sie sind doch nicht Mr. Comstock Bell!«

Gold lächelte.

»Na ja, ich wollte sagen, daß mich Mr. Bell hierhergeschickt hat«, erklärte er freundlich. »Aber woher wollen Sie eigentlich wissen, daß ich nicht Mr. Bell bin?«

»Weil Mr. Bell erst vor zwei Tagen hier war, um mit Mr. Willetts zu sprechen«, erwiderte der Hausmeister.

7

Inhaltsverzeichnis

Comstock Bell bewohnte ein Haus am Cadogan Square. Die Einrichtung seiner Wohnung zeugte von feinem künstlerischem Geschmack. Eine Reihe von Gemälden moderner Meister bewies sein eigenes Interesse, das er allem entgegenbrachte, was mit Kunst zusammenhing.

Um sechs Uhr abends kam Bell nach Hause und ging sofort in sein großes Arbeitszimmer, das auf der Rückseite des Gebäudes lag. Auf dem Rauchtischchen lagen ein Dutzend Briefe für ihn, die er gleich durchsah; meistens handelte es sich um Einladungen zu gesellschaftlichen Veranstaltungen.

Nachdenklich setzte er sich dann an den Schreibtisch und strich mit der Hand über die Tasten einer Reiseschreibmaschine, die vor ihm stand. Schließlich drückte er auf einen Klingelknopf und wartete, bis der Diener hereinkam.

»Ich habe doch gestern einen Gummistempel in Auftrag gegeben. Ist er schon gekommen?« fragte Bell.

»Jawohl, Sir. Vor einer Stunde wurde er abgeliefert«, entgegnete der Diener, lief hinaus und. kam gleich darauf mit einem Päckchen wieder zurück.

»Öffnen Sie es.«

In dem Päckchen lagen ein kleiner Gummistempel und ein Stempelkissen. Bell nahm den Stempel heraus und besah ihn eingehend von allen Seiten. Es war ein Faksimile seiner eigenen Unterschrift, und er hatte es bei seiner Bank durchgesetzt, daß ein Scheck ausgezahlt wurde, wenn er so gestempelt war. Es hatte lange Zeit gedauert, bevor sich die Bank damit einverstanden erklärte, und der Bankdirektor hatte ihm auseinandergesetzt, daß das ein großes Risiko sei.

Bell legte den Gummistempel in eine kleine Kassette, schloß ab und steckte den Schlüssel in seine Westentasche.

»Parker«, wandte er sich dann wieder an den Diener, »ich werde England in einigen Wochen verlassen, und ich möchte, daß Sie auf das Haus achtgeben. Selbstverständlich habe ich dafür gesorgt, daß Ihr Gehalt regelmäßig ausgezahlt wird. Einige andere Instruktionen erhalten Sie dann noch.«

»Werden Sie lange fortbleiben, Sir?«

Bell zögerte mit der Antwort.

»Es ist möglich, daß ich – einige Jahre im Ausland bin.«

»So lange, Sir?«

Wenn Bell erklärt hätte, daß er für den Rest seines Lebens fortbleiben wollte, hätte Parker auch nicht mehr gesagt.

Bell trat ans Fenster und schaute geistesabwesend hinaus. Der Diener machte eine Bewegung, als ob er gehen wollte. »Warten Sie noch einen Augenblick, Parker«, sagte Bell ohne sich umzudrehen. Er stand unentschlossen da, als ob er nicht wüßte, was er tun sollte. Irgendein Entschluß schien ihm schwerzufallen. »Ich werde mich verheiraten.«

Jetzt hatte er es gesagt und schien sich erleichtert zu fühlen. Vielleicht würde er jetzt den Mut finden, es auch allen seinen Bekannten mitzuteilen.

»Ich bin im Begriff, mich zu verheiraten«, wiederholte er halblaut.

»Darf ich mir erlauben, Ihnen mit allem Respekt zu gratulieren«, entgegnete Parker ein wenig kleinlaut.

»Wegen Ihrer Stellung brauchen Sie sich keine Gedanken zu machen. Für Sie wird sich nicht viel ändern, da ich mit meiner Frau im Ausland leben werde.«

Es trat eine Pause ein.

»Darf ich mir die Frage gestatten, ob ich die Dame kenne?«

»Das ist anzunehmen«, antwortete Bell und biß sich nervös auf die Lippen. »Wahrscheinlich kennen Sie sie.«

Wieder trat eine Pause ein, bis er plötzlich sagte: »In etwa einer Stunde erwarte ich Mrs. Granger Collak. Führen Sie die Dame herein.«

Parker machte eine Verbeugung und ging hinaus.

Bell setzte sich in einen Sessel.

Er dachte an Mrs. Granger Collak und an das, was über sie geredet wurde. Ihr Ruf war wirklich nicht der allerbeste. Diese ungewöhnlich schöne Frau führte einen Lebenswandel, den auch großzügige Leute als ziemlich unmoralisch bezeichneten.

Er schaute sich in dem Zimmer um und mußte trotz seiner Sorgen, die ihn bedrückten, lächeln. Sollte er sie heiraten, dann würde sie das Haus vollständig auf den Kopf stellen. Mit seinem großen Vermögen würde sie höchstwahrscheinlich auch bald fertig sein – oder zumindest in aller Harmlosigkeit versuchen, ihn finanziell zu ruinieren. Die Leute würden hinter seinem Rücken lachen und ihn bemitleiden – aber was brauchte das ihn schließlich zu kümmern. Wenn nur seine Mutter nichts davon hörte; doch die wohnte in den Vereinigten Staaten und lebte so zurückgezogen, daß der Londoner Klatsch kaum zu ihr dringen konnte. Sicher, ein wenig bestürzt wäre sie bestimmt über die leichtlebige Schwiegertochter; schließlich gab es aber noch schlimmere Dinge auf der Welt.

In gewisser Weise war Mrs. Granger Collak eine sehr kluge Frau, vor allem hatte sie es auch verstanden, bei allen ihren Eskapaden stets einen gewissen Stil beizubehalten. Er wußte zum Beispiel, daß sie schweigen konnte wie das Grab, wenn es not tat. Das hatten selbst die schlauesten Rechtsanwälte erst kürzlich während ihres skandalösen Ehescheidungsprozesses erfahren.

Jetzt wollte sie reisen und brauchte Geld. Das konnte er ihr geben. Er wollte dafür nur von ihr verlangen, daß sie sich so anständig wie möglich betrug.

Um sieben Uhr geleitete Parker die Dame in das Arbeitszimmer.

Sie trug ein Schneiderkostüm, das in seiner Einfachheit ihre extravagante Erscheinung unterstrich.

»Bitte nehmen Sie hier Platz.«

Er schob einen großen, bequemen Klubsessel an die Seite seines Schreibtisches, so daß sie ihm schräg gegenübersaß.

»Nun, Mrs. Collak, was kann ich für Sie tun?«

»Sie meinen, wieviel Geld nötig ist, um meine Sorgen zu verjagen?« fragte sie lächelnd. »Ich denke, dreitausend Pfund würden genügen. Natürlich könnte ich auch mit weniger verreisen«, fügte sie hinzu, »und am liebsten würde ich Sie überhaupt nicht darum bitten.«

Er öffnete eine Schublade seines Schreibtisches und holte ein Scheckbuch heraus. Mit der nicht verbundenen Hand riß er einen Scheck heraus.

»Füllen Sie ihn bitte aus«, sagte er und reichte ihn ihr. »Und machen Sie ihn zahlbar für den Überbringer.«

Erst jetzt sah sie, daß seine rechte Hand verbunden war.

»Haben Sie sich verletzt?« fragte sie erschrocken.

»Nicht so schlimm.« Bell gab ihr seinen Füllfederhalter, holte dann aus einer anderen Schublade die Kassette und öffnete sie. Sorgfältig drückte er den Stempel auf das Farbkissen, nahm den Scheck und stempelte seine Unterschrift darunter.

»Man wird Ihnen diesen Scheck einlösen«, sagte er. »Und nun möchte ich noch kurz mit Ihnen sprechen.«

Sie faltete den Scheck zusammen, steckte ihn in ihre Handtasche und lehnte sich in ihren Sessel zurück.

»Bitte, glauben Sie nicht, daß ich Ihnen Ermahnungen mit auf den Weg geben will, die dreitausend Pfund wert sind«, begann er lächelnd. »Ich möchte über eine Angelegenheit mit Ihnen sprechen, die mich angeht.« Er rutschte nervös auf seinem Stuhl hin und her. »Ich will mich nämlich verheiraten.«

»Das freut mich aber«, sagte sie erstaunt. »Wer ist denn die Glückliche?!«

»Ich weiß es noch nicht.«

Sie beugte sich etwas vor und runzelte die Stirn.

»Das wissen Sie nicht? Mein lieber Comstock, was soll denn der Unsinn?«

Er schüttelte den Kopf.

»Es ist kein Unsinn«, erwiderte er. »Ich habe mich noch nicht entschieden, ich wollte Sie fragen…«

Er machte eine Pause. Irgend etwas hinderte ihn daran fortzufahren.

»Nun?«

»Ach, ich kann es Ihnen nicht sagen.«

Sie schaute ihn aufmerksam an, dann lachte sie.

»Wirklich, Comstock, Sie sind zu komisch – sagen Sie mir doch, wer es ist, und ich werde Sie sehr gern beraten.«

»Ich muß mir alles noch einmal gründlich überlegen«, gestand er verlegen und erhob sich.

Sie zuckte die Schultern, stand ebenfalls auf und gab ihm die Hand.

»Es tut mir wirklich leid, daß Sie sich mir nicht anvertrauen wollen. Ich gehe jetzt wohl am besten. Haben Sie vielen Dank, Comstock.«

Er machte eine abwehrende Handbewegung.

»Sprechen wir vorerst nicht mehr darüber«, meinte er. »Ich werde Sie in den nächsten Tagen noch einmal aufsuchen. Sie werden die Stadt doch nicht sofort verlassen?«

»Nein, ich bleibe bis Ende der Woche in London.«

Er begleitete sie bis zur Haustür und öffnete diese.

»Leben Sie wohl – und meinen herzlichsten Dank«, sagte sie noch einmal.

»Auf Wiedersehen also!« verabschiedete sich Comstock Bell. »Vielleicht komme ich schon morgen zu Ihnen, wenn ich mehr Mut habe.«

Sie dachte über seine Worte nach, als sie zu ihrer Wohnung in der Nähe von Knightsbridge zurückfuhr, und konnte sich sein sonderbares Benehmen nicht erklären.

Als Bell allein war, setzte er sich in einen Sessel und schaute gedankenverloren vor sich hin.

Er ließ sich ein einfaches Abendessen in die Bibliothek bringen, und nachdem er gegessen hatte, verschloß er die Tür. Parker, der vorbeiging, hörte das Klappern der Schreibmaschine.

Um neun Uhr öffnete Bell die Tür wieder und ging nach oben in sein Zimmer. Dort klingelte er nach Parker.

»Wer ist noch im Haus?« fragte er.

»Thomas sitzt in der Küche, Sir.«

»Sagen Sie ihm, daß er warten soll, bis ich nach ihm klingle. Ich möchte, daß Sie zur Charing Cross Station fahren und fragen, um wieviel Uhr die Nachtpost vom Kontinent ankommt.«

»Soll ich nicht telefonieren, Sir?«

»Nein, gehen Sie bitte selbst«, entgegnete Bell ungeduldig. »Ich möchte, daß Sie sich persönlich ganz genau erkundigen. Sollte ich nicht mehr zu Hause sein, wenn Sie zurückkommen, rufen Sie mich bitte im Klub an.«

Er wartete, bis Parker das Haus verlassen hatte, dann begann er sich hastig umzuziehen. Aus einem gut verschlossenen Schrank holte er einen abgetragenen Anzug heraus und zog ihn an. Ein weicher Filzhut und ein Regenmantel vervollständigten seine Kleidung. Aus einer Schublade seines Schreibtisches nahm er ein dickes Paket Banknoten und ließ es in seine Tasche gleiten. Prüfend sah er sich im Zimmer um – der Anzug, den er ausgezogen hatte, fiel ihm ein. Er hängte ihn über einen Bügel in seinem Kleiderschrank und verschloß die Tür. – Gleich darauf eilte er die Treppe hinunter, öffnete vorsichtig die Haustür und trat auf die Straße.

Sein ganzes Handeln war zielbewußt und energisch. Ohne nach rechts und links zu sehen, machte er sich in schnellem Tempo auf den Weg. Er vermied belebte Straßen, machte verschiedene Umwege und gelangte schließlich zur Kings Road in Chelsea. Gleich darauf bog er in eine Gasse ein, die zum Themseufer führte.

Es hatte zu regnen begonnen; der Fluß lag schwarz vor ihm, Nebelschwaden trieben über die Wasseroberfläche. Das grüne und das rote Licht eines Schleppdampfers schimmerten schwach durch den milchigen Dunst. Bell ging am Ufer entlang, bis er zu einer kleinen Treppe kam, die direkt zum Fluß hinunterführte.

Ein kleines Ruderboot hatte dort angelegt. Zwei Leute in glänzendem Ölzeug saßen auf den Ruderbänken.

»Lauder!« rief Bell.

»Jawohl, Sir«, antwortete eine Stimme, und das Boot wurde durch einen Ruderschlag bis unmittelbar an den Fuß der Treppe gebracht.

»Geben Sie mir Ihre Hand, Sir.«

Bell packte die Hand, die sich nach ihm ausstreckte, und sprang gewandt in das Boot. Die beiden Männer ruderten mit weitausholenden, kräftigen Schlägen auf die Mitte des Flusses zu.

»Wir sind da! Hier liegt die ›Seabreaker‹.«

Der eine der Männer zeigte auf einen Schlepper, der direkt vor ihnen lag. Es war ein großes, starkgebautes Schiff, das durchaus auch auf offener See fahren konnte.

Das Boot legte an der Steuerbordseite an und machte an einem Tau fest. Bell kletterte eine Strickleiter hinauf und schwang sich, oben angelangt, über die Reeling.

»Sie müssen unbedingt ein ordentliches Fallreep beschaffen, Captain«, sagte er.

Ein kräftiger, untersetzter Mann mit dichtem, graumeliertem Vollbart legte die Hand zum Gruß an den Südwester.

»Ich habe es schon in Auftrag gegeben, Sir.«

»Es wäre mir lieb, wenn Sie dafür sorgten, daß es schon morgen angebracht wird«, erklärte Bell. »Ich werde jetzt das Schiff inspizieren.«

Der Dampfer war ganz neu und für einen Schlepper wirklich ein Muster an Sauberkeit und Ordnung. Eine ganze Anzahl von Lampen beleuchteten das Oberdeck. Achtern, wo sich sonst bei einem solchen Schiff die Vorrichtungen zur Befestigung der Schleppseile befinden, war das große, breite Deck mit Glaswänden abgeschlossen und zu einem geschmackvoll eingerichteten Raum umgewandelt. Auch hinter dem Kartenzimmer lag noch eine andere große Kabine. Comstock stieg die Leiter zu der kleinen Kommandobrücke hinauf und begab sich in diesen Raum.

Die geräumige Kabine war in zwei Einzelräume unterteilt und mit schönen Möbeln ausgestattet worden. Ein Bett stand unter dem einen Fenster und ein wertvoller Schreibtisch unter dem andern. Auf dem Fußboden lag ein hübscher Teppich. Außer durch die Seitenfenster erhielt die Kabine auch noch von oben Licht, sie war mit Milchglas abgedeckt. Eine Tür führte in ein kleines, ebenfalls luxuriös ausgestattetes Badezimmer.

Auch dieses inspizierte Bell kurz und ging dann in den nebenan liegenden Raum. Dort stand an einer Wand ein großer Bücherschrank; ein breites Sofa und ein Teppich vervollständigten die Ausstattung.

»Kommen Sie herein, Captain Lauder«, sagte Bell durch die geöffnete Tür zu dem Mann, der draußen wartete.

Lauder trat näher.

»Bitte nehmen Sie Platz. Sie kennen also genau Ihre Instruktionen?«

»Jawohl, Sir.«

»Sind Sie mit dem Schiff zufrieden?«

»Vollkommen. Ich bin letzte Woche damit bei starkem Südwest in die Nordsee gefahren, und das schlechte Wetter hat ihm nicht im geringsten geschadet.«

»Wie steht es mit der Besatzung?«

»Sie ist unbedingt zuverlässig, Sir. Ich habe meine beiden Söhne mit an Bord genommen. Sie haben vor einiger Zeit ihr Steuermannsexamen gemacht. Unten im Maschinenraum arbeitet mein Bruder Georg mit seinem Sohn und einem andern mit ihm befreundeten jungen Mann.«

»Dann haben wir ja fast die ganze Familie beisammen.« Bell lächelte. »Aber letzten Endes hängt doch alles von Ihnen ab, Lauder.«

»Mir können Sie völlig vertrauen«, entgegnete der Kapitän ruhig. »Ich werde niemals vergessen, was ich Ihnen verdanke.« »Ich selbst bin Ihnen zu Dank verpflichtet, aber darüber wollen wir nicht mehr reden. Wenn Sie Ihr Fallreep angebracht haben, fahren Sie nach Gravesend hinunter und warten dort weitere Befehle ab. Sie können ruhig an Land gehen, bis ein Telegramm von mir eintrifft. Dann tun Sie alles, was in dem versiegelten Brief steht, den ich Ihnen gegeben habe. Und bedenken Sie immer, daß ich nichts von Ihnen verlange, was gegen die Gesetze verstößt. Weder Sie noch die Mannschaft brauchen sich die geringste Sorge zu machen.«

»Davon bin ich überzeugt.«

»Legen Sie dieses Geld in Ihren Safe.« Bell holte ein kleines Paket Banknoten aus der Tasche. »Es reicht einige Zeit für alle Ausgaben und Löhne.«

Ohne ein weiteres Wort zog er dann seinen Mantel wieder an, stieg in das Boot hinunter und ließ sich an Land rudern.

8

Inhaltsverzeichnis

Helder klingelte, und die junge Dame, die gerade einen Artikel ins Englische übersetzte, unterbrach ein wenig ungehalten ihre Arbeit und ging in sein Büro. Er hatte sie heute schon zweimal gerufen und war jedesmal sehr liebenswürdig zu ihr gewesen.

Als sie eintrat, blätterte er in einem Katalog über Druckereimaschinen.

»Ach, Miss Maple«, sagte er freundlich. »Ich habe nach Ihnen geklingelt, um Ihnen zu sagen, daß ich mit Ihrer Arbeit wirklich sehr zufrieden bin.«

Es waren erst drei Tage vergangen, seit sie ihre neue Stellung angetreten hatte, und sie ärgerte sich fast über dieses Lob.

»Nehmen Sie doch bitte Platz.« Er legte den Katalog beiseite. »Ich habe einiges mit Ihnen zu besprechen.«

»Danke, ich bleibe lieber stehen«, entgegnete sie.

»Wie Sie wünschen. Es stört Sie doch hoffentlich nicht, daß ich sitzen bleibe? Also – erstens möchte ich Ihnen sagen, daß ich Ihnen statt der vereinbarten drei Pfund vier Pfund wöchentlich zahlen werde.«

»Ich denke, Sie zahlen mir genug für meine Arbeit. Es ist doch wirklich nicht viel zu tun.«

»Mit der Zeit wird es mehr Arbeit geben. Wir befinden uns augenblicklich in der stillen Saison. Nebenbei – sind Sie nicht die Nichte einer sehr bekannten Persönlichkeit?«

Sie wurde rot.

»Ich meine das nicht ironisch«, fügte er hastig hinzu. »Thomas Maple hat tatsächlich einen außerordentlichen Ruf. Soviel ich weiß, hat er die neuen österreichischen Banknoten graviert?«

»Ich kümmere mich wenig um die Geschäfte meines Onkels«, erwiderte sie. »Es ist mir nur bekannt, daß er früher Platten für Banknoten graviert hat.«

»Früher?«

»Er lebt jetzt ganz zurückgezogen. Aber wenn es Ihnen nichts ausmacht, Mr. Helder, möchte ich lieber nicht über meinen Onkel sprechen.«

Er lächelte wohlwollend.

»Meine liebe Miss Maple, ich wollte mich nicht in Ihre Privatangelegenheiten einmischen, aber interessante Leute beschäftigen mich nun einmal.«

Er schaute sie an. Sie war wirklich außerordentlich hübsch, und er betrachtete es als einen persönlichen Erfolg, daß er sie für sein Büro hatte gewinnen können.

»Ich werde Sie Verity nennen«, sagte er plötzlich.

Sie wurde rot und sah zur Seite.

Er ging auf sie zu und legte ihr seine Hände auf die Schultern, während sie ihn starr vor Schrecken anblickte.

»Verity, wir müssen gute Freunde werden. Aber – zuvor möchte ich, daß Sie mich besser kennenlernen.«

Bevor sie eine abwehrende Bewegung machen konnte, legte er den Arm um sie. Sie stieß einen Schrei aus.

»Seien Sie doch ruhig«, flüsterte er aufgeregt. »Sie machen ja die Leute im ganzen Haus aufmerksam!« Er war wütend über sich selbst. Wie hatte er nur so die Beherrschung verlieren können.

Ohne ein weiteres Wort rannte sie zur Tür, doch bevor sie diese öffnen konnte, hatte er sie eingeholt und gepackt.

»Lassen Sie sich ja nicht einfallen, irgend jemandem etwas zu erzählen – auch Ihrem Onkel nicht! Verstehen Sie mich?« Er schüttelte sie wild hin und her. »Und morgen früh kommen Sie wie gewöhnlich wieder hierher. Wenn Sie es nicht tun, werde ich Sie finden – und dann gnade Ihnen Gott! Ich brauche nur gewisse Dinge, die ich weiß, den Leuten zu erzählen …«

»Lassen Sie mich gehen«, bat sie leise.

Er riß sie wieder an sich; es war ihm anzusehen, daß er nicht mehr richtig wußte, was er tat.

Sie schrie, so laut sie konnte – in diesem Augenblick öffnete sich mit einem Ruck die Tür, und Comstock Bell kam herein.

Helder ließ Verity sofort los. Er war jetzt so blaß wie sie und zitterte an allen Gliedern. Der Blick, mit dem Bell die Szene überflog, sagte ihm, daß er durchschaut war.

»Das Mädchen hat sich mir in die Arme geworfen«, begann er keuchend. »Wirklich …«

Bell sah von ihm zu Verity hinüber, die totenbleich und mit geschlossenen Augen an der Wand lehnte.

»Helder, Sie sind ein dreckiger Lügner. Glauben Sie vielleicht, Sie könnten mich hinters Licht führen? Sie haben sich wie ein Schuft benommen, und das sind Sie ja schließlich auch. Jeder weiß das.«

Verity öffnete die Augen und sah ihn an; einen Augenblick lang begegneten sich ihre Blicke, dann schwankte sie und machte einige taumelnde Schritte auf ihn zu. Bell fing sie auf trug sie in das Nebenzimmer und setzte sie in einen Sessel. Sie fühlte sich bald wieder wohler und dankte ihm für seine Hilfe. Er sah sie nachdenklich und interessiert an.

»Erholen Sie sich hier ein wenig«, sagte er dann freundlich. Ich werde Helder solange beschäftigen. Wenn Sie sich wieder besser fühlen, verlassen Sie schnell das Haus, nehmen ein Taxi und fahren heim.«

Sie nickte, und er ging in Helders Büro hinüber, wo Helder ärgerlich und wütend an seinem Schreibtisch saß. Comstock Bell schloß die Tür hinter sich und schaute ihn verächtlich an.

»Sie sind doch wirklich ein elender Schuft«, sagte er. »Eigentlich sollte ich Sie am Kragen packen und Zum Fenster hinauswerfen.«

Helder erwiderte nichts. Er schaute Bell nur von unten herauf mit einem haßerfüllten Blick an.

Comstock Bell zog sich einen Stuhl in die Nähe des Schreibtisches und setzte sich.

»Da ich nun einmal hier bin, möchte ich doch noch die Sache besprechen, wegen der ich herkam.«

Helder nahm sich zusammen. Obwohl er wußte, daß Bell der letzte war, der solche Geschichten weitererzählte, kam ihm doch zum Bewußtsein, daß ihn dieser Mann jetzt völlig in der Hand hatte. Es würde einen Skandal ohnegleichen geben.

»Über das, was ich gerade gesehen habe, will ich mit Ihnen nicht mehr reden«, begann Bell. »Wenigstens vorerst nicht… Jetzt erzählen Sie mir vor allem, was Sie über Willetts wissen …«

»Interessiert Sie das wirklich so sehr?« entgegnete Helder mißmutig.

»Ich möchte alles wissen, was mit Willetts zusammenhängt«, entgegnete Comstock Bell ruhig.

Helder stand auf und ging in seinem Büro auf und ab. Er mußte versuchen, unter allen Umständen Herr der Situation zu bleiben. Plötzlich drehte er sich um.

»Willetts war der Mann, der unter Umständen, die Ihnen bekannt sind, eine Fünfzigpfundnote fälschte. Das ist allerdings schon lange Zeit her, aber die Polizei hat jetzt einen Haftbefehl gegen ihn erlassen.«

»Das ist mir bekannt.«

Bell verriet keinerlei Erregung.

»Außerdem habe ich Grund zu der Annahme, daß Sie von den Fälschungen wußten oder sogar daran beteiligt waren.«

»So, nehmen Sie das an?« fragte Bell.

»Sie haben Willetts finanziert – und jetzt beabsichtigen Sie aus irgendeinem Grund, ihn anzuzeigen.«

»Wer erzählte Ihnen denn das?«

»Ich habe es zufällig herausgebracht und erhielt vorige Nacht den Beweis dafür.«

»Was ist das für ein Beweis?«

»Sie waren doch gestern im Terriers-Klub, nicht wahr?«

»Stimmt, ich hielt mich einige Zeit dort auf.«

»Sie schrieben einen Brief, trotz Ihrer angeblich verletzten Hand.«

Er zog ein Fach seines Schreibtisches auf und holte ein Löschblatt heraus.

»Damit haben Sie den Brief abgelöscht«, sagte er triumphierend. »Soll ich Ihnen sagen, was darin steht?«

»Machen Sie sich keine Mühe«, erwiderte Bell kühl.

»Sie schrieben folgendes an Morrison von Scotland Yard: Der Mann, den Sie in Verbindung mit der Fälschung einer Fünfzigpfundnote bringen können, ist Harold Willetts. Er arbeitet augenblicklich als Börsenmakler in der Little Painter Street. In acht Tagen wird er vermutlich in die Stadt zurückkommen, und Sie werden in seinem Büro und bei ihm selbst genug Belastungsmaterial finden, um ihn des Verbrechens überführen zu können.«

Helder faltete das Löschblatt zusammen, das er gegen das Licht gehalten hatte, und legte es in die Schublade zurück.

»Haben Sie das geschrieben?«

»Vielleicht.«

»Es war wirklich ein Glückszufall, daß ich in den Besitz dieses ›Duplikats‹ kam. Und Sie«, fuhr er fort, »wagen es, mir Vorschriften darüber zu machen, was ich tun und lassen soll. Ein Mensch, der einen anderen verrät, um sich selbst zu retten! Mr. Bell« – er lehnte sich über den Schreibtisch, und seine Stimme zitterte vor Wut – »ich könnte Sie ruinieren, wenn ich wollte!«

Comstock Bell schwieg einen Augenblick.

»Das wiederholen Sie besser nicht noch einmal«, sagte er dann langsam und betonte jedes Wort.

Helder ließ sich in seinen Stuhl zurückfallen und starrte ihn an. Bell nahm seinen Hut und ging zur Tür.

»Das Fälschen von Geldscheinen scheint in unseren Kreisen allgemein beliebt zu sein«, sagte er und sah Helder verächtlich an. »Die einen machen sich ein Vergnügen daraus – andere betreiben es kaltblütig aus Profitgier.«

Er wählte alle seine Worte mit großer Überlegung.

»Ich habe erfahren, daß Sie eine kleine Druckerei in Shropshire besitzen. Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, so schließen Sie dieses Geschäft und bringen Ihre Zeichner und Graveure in eine weniger gefährliche Umgebung.«

9

Inhaltsverzeichnis

›John B. Wanager, ein Sprecher des Finanzministeriums, teilt mit, daß falsche Banknoten im Wert von zwanzig Millionen Dollar im Umlauf sind. Diese Nachricht hat größte Bestürzung in Bankkreisen hervorgerufen. Wallstreet zeigte sich sehr beunruhigt. Die Geldscheine sind so vorzüglich gefälscht und gedruckt, daß man nur mit Spezialgeräten in der Lage ist, die Fälschung zu entdecken. Sie müssen irgendwo in riesigen Mengen gedruckt werden, und verschiedenerlei Umstände deuten darauf hin, daß dies in Europa geschieht. Auf irgendeine Weise werden die Scheine unter Umgehung der Zollkontrolle ins Land gebracht und mit Hilfe eines glänzend organisierten Verteilersystems auf den Markt geworfen.‹

Wentworth Gold las diesen Absatz in einer New Yorker Zeitung, aber er regte sich nicht so sehr darüber auf, wie er es noch am Tage vorher getan hätte. Ursache seiner Zuversicht war ein Telegramm, das er in aller Frühe von Maple bekommen hatte. Er war im Begriff gewesen, der Aufforderung nachzukommen, die in dem Telegramm enthalten war, als ihm vom amerikanischen Konsulat ein Brief mit dem Zeitungsausschnitt zugeschickt wurde. Die Sache war nun also allgemein bekannt. Lieber wäre es ihm gewesen, wenn er die Angelegenheit hätte aufklären können, ohne daß viel davon in die breite Öffentlichkeit gedrungen wäre.

Er fuhr zu dem Haus in Peckham und war überrascht, als ihm die Tür von Verity Maple geöffnet wurde. Sie sah kränklich aus, doch bevor er sie danach fragen konnte, stürzte Maple auf ihn zu.

»Kommen Sie herein, Mr. Gold. Ich hab’s herausgebracht!«

Erregt packte ihn Maple am Arm und zog ihn in die Küche. Wie gewöhnlich war der Küchentisch bedeckt mit allen möglichen Apparaturen. Maple griff zielsicher in das Durcheinander und nahm ein kleines Schälchen in die Hand, das mit einer farblosen Flüssigkeit gefüllt war. Vorsichtig stellte er es neben ein Häufchen neuer Banknoten.

»Geben Sie genau Obacht!« flüsterte er heiser.

Er tauchte den Finger in die Flüssigkeit und befeuchtete eine Banknote nach der andern jeweils an der linken Ecke. Die erste Note zeigte außer einem kleinen nassen Fleck kein Ergebnis; bei der zweiten war es nicht anders.

»Echte Scheine – echte Scheine«, stieß Maple hervor. Ein triumphierendes Lächeln lag über seinem Gesicht.

Bei dem dritten Geldschein, den Maple mit der Flüssigkeit in Berührung brachte, zeigte sich eine Reaktion, mit der Maple gerechnet haben mußte: Die Stelle, auf die er seinen Finger gedrückt hatte, verfärbte sich lila.

»Das ist die Einwirkung der Flüssigkeit auf das Wasserzeichen«, sagte Maple und probierte es noch mit einem andern Schein. Wieder zeigte sich die gleiche Verfärbung.

Als er alle Banknoten untersucht hatte, breitete er sie auf dem Tisch aus. Ein Teil hatte sich verfärbt, ein Teil nicht.

»Verstehen Sie?« sagte er dann stolz. »Das ist meine Entdeckung, Mr. Gold – die Flüssigkeit hier hat die Eigenschaft, das Wasserzeichen der gefälschten Banknoten zu verfärben.« Er kicherte leise. »In jeder Bank, in jedem Geschäft Amerikas wird eine Zeitlang so ein Schälchen stehen müssen, mit dessen Hilfe man jede Fälschung sofort kenntlich machen kann.«

Gold erkannte sofort die Bedeutung von Maples Entdeckung. Die Methode war ein wenig umständlich, aber sie war wirksam. Mit ihrer Hilfe konnte man in Kürze jede falsche Banknote identifizieren.

»Geben Sie mir das Rezept Ihrer Wundertinktur, es muß sofort an die zuständigen Stellen weitergeleitet werden«, sagte Gold eifrig.

»Nicht so hastig, lassen Sie mir Zeit bis heute abend. Dies hier ist das erste Ergebnis meiner Versuche, ich muß die Rezeptur jetzt noch genau ausarbeiten.«

Gold sah auf seine Uhr; er hätte gern gewartet, bis es soweit war. Jetzt sah er das Ende der Falschmünzerbande vor sich, die ihm so viel Sorge gemacht hatte, und ärgerte sich über jeden Zeitverlust.

»Ich fahre gleich aufs Konsulat. Wann soll ich zurückkommen?«

»Gegen neun Uhr«, sagte Maple.

Verity war bei dieser Unterredung nicht anwesend. Er sah sie im Vorübergehen in dem kleinen Wohnzimmer. Sie saß am Fenster und blickte nachdenklich auf die Straße hinaus.

»Ich möchte mich noch ein wenig mit Ihrer Nichte unterhalten«, sagte er zu Maple und ging in das Wohnzimmer.

Sie sah auf, als er eintrat.

»Wie ich höre, haben Sie Ihre Stelle bei Helder wieder aufgegeben?«

Sie nickte. »Ja, ich bin weggegangen.«

Er wartete, ob sie ihm mehr erzählen würde.

»War er mit Ihnen nicht zufrieden?«

Sie wurde rot.

»Bitte sprechen wir nicht mehr darüber«, bat sie.

»Hm!« meinte Gold. »Es tut mir leid, daß ich Ihnen geraten habe, zu ihm zu gehen.«

Er verließ das Haus und ging zur Peckham Rye Station.

Seine Laune hatte sich sichtlich gebessert, und er schritt aus wie jemand, der keine Sorgen kennt. Er merkte nicht, daß ihm zwei Männer gefolgt waren, die ihn beobachteten, bis er den Bahnhof betrat und auf dem Bahnsteig verschwand.

Der eine hatte dunkle, kurzgeschnittene Haare und eine Narbe am Kinn. Der andere hätte seinem Aussehen nach ohne weiteres für einen Engländer gelten können, doch als er einen Passanten nach der nächsten Telefonzelle, fragte, sprach er mit stark ausländischem Akzent.

Die beiden Männer gingen die High Street hinunter, fanden eine Telefonzelle, und während der eine telefonierte, betrachtete der andere aufmerksam die Auslage eines Geschäfts.

Um sechs Uhr abends erhielt Verity Maple ein Telegramm mit der Aufforderung, nach London zu kommen. Sie ging weg und ließ ihren 0»kel allein bei seiner Arbeit zurück. Einige Stunden später benutzte sie auf dem Rückweg denselben Zug wie Wentworth Gold.

Er traf sie auf dem Bahnsteig der Victoria Station.

»Schön, daß ich Sie getroffen habe«, sagte er. »Ich verspreche Ihnen auch, nicht mehr über Ihren Chef zu reden. Ich weiß einiges über ihn und kann mir vorstellen, daß er Sie belästigt hat.«

»Es scheint mein Schicksal zu sein, daß ich von allen möglichen Leuten belästigt werde«, entgegnete sie mit einem schwachen Lächeln.

»Warum, was ist denn passiert?« fragte er, als sie zusammen in einem Abteil saßen.

Sie nahm das Telegramm aus ihrer Handtasche und gab es ihm. »Ich muß Sie sofort sprechen«, stand dort. Den unterzeichneten Namen kannte Gold nicht.

»Wer hat es geschickt?«

»Einer der Nachlaßverwalter Lord Dellboroughs. Ich dachte natürlich, daß man von mir als seiner früheren Sekretärin eine Auskunft haben wollte – aber ich fuhr ganz vergeblich hin.«

»Warum denn?«

Sie faltete das Telegramm wieder zusammen und steckte es in ihre Tasche zurück.

»Man hatte gar nicht nach mir verlangt. Das Telegramm war nur ein Vorwand.«

»Ein Vorwand?« fragte Gold verwundert. Da stimmte doch etwas nicht … Aus irgendeinem Grund hatte sie jemand von zu Hause fortgelockt.

Sobald der Zug in den Bahnhof eingefahren war, sprang er heraus und lief mit Verity zum nächsten Taxistand.

»Cristal Palace Road – und fahren Sie so schnell wie möglich.«

Verity sah ihn verwundert an.

»Warum haben Sie es denn so eilig?«

»Oh, nichts …«

Der Wagen bremste vor dem Haus, und Gold stieg aus. Er nahm sich kaum die Zeit, Verity herauszuhelfen. Dem Chauffeur warf er ein Geldstück zu und lief sofort zur Haustür.

»Warten Sie hier«, rief er Verity über die Schulter zu. »Geben Sie mir den Schlüssel.«

Sie gab ihm den Schlüssel und blieb stehen. Er öffnete und machte einen Schritt in den dunklen Hausgang – sie sah gerade noch, daß er eine Pistole aus der Hüfttasche zog, dann war er verschwunden.

Vorsichtig tastete sich Gold den finsteren Gang entlang, bis er an die Küchentür stieß. Er drückte auf die Klinke und versuchte vorsichtig, die Tür zu öffnen – irgend etwas setzte ihm Widerstand entgegen. Mit aller Kraft stemmte er sich gegen die Tür, bis sie langsam nachgab.

Er fand den Lichtschalter und übersah gleich darauf die Situation. Maple lag betrunken auf dem Boden, eine leere Whiskyflasche erklärte seinen Zustand hinreichend.

Gold lief zum Tisch.

Das Schälchen war verschwunden, ebenso die Banknoten, mit denen Maple experimentiert hatte.

Gold fluchte zusammenhanglos – genau das war es, was er befürchtet hatte.

Er versuchte Maple aufzuheben, aber das war zwecklos. Der Mann hing so schlaff in seinen Armen wie ein Mehlsack. Ärgerlich ging er zu dem Mädchen zurück, das ihn ängstlich ansah.

»Ihrem Onkel geht es nicht gut«, erklärte er. »Haben Sie Freunde, zu denen ich Sie bringen kann?«

Es war nicht notwendig, ihr zu erklären, was mit ihrem Onkel los war. Sie hatte ähnliche Situationen schon oft genug erlebt.

»Ich – ich habe ein paar Bekannte in der Stadt …«, flüsterte sie.

Er nickte, schloß die Tür und begleitete sie zum Bahnhof. Erst als er sie sicher in einem Abteil untergebracht hatte, kehrte er zu dem Haus zurück.

Als sein Taxi in die Christal Palace Road einbog, fuhr ein anderes Auto in entgegengesetzter Richtung schnell an ihm vorbei.

Er erreichte das Haus, schloß wieder auf und ging hinein. Im Gang stieß er mit dem Fuß an einen Gegenstand und hob ihn auf. Es war ein feiner Stahlstichel, wie ihn Graveure verwenden.

Er steckte ihn in die Tasche und ging in die Küche.

Aber der Raum war leer – Tom Maple war verschwunden.

10

Inhaltsverzeichnis

Es war neun Uhr abends, die Dämmerung legte sich langsam über das Häusergewirr Londons, als ein schlanker Mann eilig durch die Little Painter Street schritt. An einem alten Haus machte er halt, öffnete die Tür, trat in das Treppenhaus und blieb eine Weile lauschend stehen. Kein Laut war zu hören. Der Mann wußte, daß der Hausmeister um diese Zeit nicht da war.

Er zögerte noch ein wenig, dann lief er schnell die Treppe hinauf, bis er zu der Tür kam, die die Aufschrift »Willetts« trug. Er öffnete sie und trat ein.

Hastig schloß er den Schreibtisch auf, nahm ein Blatt Papier aus einer Schublade und begann zu schreiben, nachdem er zuvor das Licht angeknipst hatte.

Er schrieb fast eine Stunde lang und hielt nur einmal inne, um sich eine Zigarette anzustecken. Sorgfältig war er darauf bedacht, die Asche in dem Papierkorb abzuklopfen; als er die Zigarette zu Ende geraucht hatte, warf er den Stummel durch das offene Fenster in den Hof.

Er beschrieb verschiedene Blätter. Als er fertig war, las er sie noch einmal genau durch und verbesserte an einigen Stellen etwas. Dann zog er seine Brieftasche heraus, entnahm ihr drei amerikanische Banknoten im Werte von je tausend Dollar, schob sie in einen länglichen Umschlag und schrieb eine Adresse darauf.

Er steckte das Kuvert in die Brusttasche seines Jacketts, drehte das Licht aus und saß lange mit gesenktem Kopf vor seinem Schreibtisch. Erst als er hörte, wie eine Uhr in der Stadt elf schlug, erhob er sich mit einem leisen Seufzer, trat ans Fenster, schaute hinaus und schloß es dann vorsichtig.

Nach einem letzten Blick durch den dunklen Raum ging er Zur Tür, öffnete sie und lauschte. Das Haus war totenstill.

Schnell huschte er die Treppe hinunter, öffnete lautlos die Haustür und trat auf die Straße. Erst am nächsten Briefkasten hielt er an, um seinen Brief einzuwerfen. Er war an Comstock Bell, Terriers-Klub adressiert. Über seine Züge glitt der Schimmer eines Lächelns, als er ihn einwarf.

Am nächsten Tag kam Comstock Bell zum Lunch in den Terriers-Klub. Der Portier übergab ihm einen Brief, dessen Adresse in einer sehr merkwürdigen Handschrift geschrieben war. Ein Sachverständiger hätte sofort erkannt, daß hier jemand seine Schrift verstellt hatte.

Helder, der Bell am Eingang getroffen hatte, beobachtete scharf, wie der junge Mann das Kuvert von allen Seiten betrachtete, in der Hand wog und die Briefmarke untersuchte. Schließlich riß er es auf und zog fünf engbeschriebene Blätter heraus – und drei Banknoten.

»Ein unbekannter Wohltäter?« fragte Helder verbindlich.

Bell warf einen schnellen Blick auf den Brief, runzelte die Stirn und legte das Geld wieder in den Umschlag zurück.

»Nein«, entgegnete er kurz.

Nach dem Lunch ging Bell in das Schreibzimmer. Helder folgte ihm scheinbar gleichgültig, setzte sich an einen der Schreibtische und begann in seinem Notizbuch zu blättern. Niemand außer ihnen war im Raum.

Helder war von Natur aus neugierig; außerdem gehörte es zu seinen Plänen, so viel wie möglich über Comstock Bell in Erfahrung zu bringen. Als Bell schließlich das Zimmer verließ, ging Helder wie zufällig an dem Tisch vorbei, an dem Bell gesessen hatte. Man konnte nie wissen – vielleicht fand er etwas, das für ihn von Interesse war.

Seine Hoffnungen hatten nicht getrogen – auf der Schreibtischunterlage lag der Brief, den Bell vorher erhalten hatte.

Helder ging schnell zum Fenster, von dem aus man auf die Straße sehen konnte. Wenn Bell den Brief tatsächlich vergessen hatte und fortgegangen war, mußte er in einigen Sekunden unten vorbeigehen. Er wartete ungeduldig, dann grinste er zufrieden – Comstock Bell überquerte unten die Straße.

Jetzt zögerte Helder nicht länger – er trat an den Tisch, nahm den Umschlag und zog einige engbeschriebene Seiten heraus. Dann stellte er sich wieder ans Fenster, um zu sehen, ob Bell eventuell zurückkehren würde.

Immer wieder auf die Straße spähend, überflog er die Zeilen. Es war dieselbe unregelmäßige Handschrift, die er auf dem Kuvert gesehen hatte. Ein sonderbarer Brief – er drückte Reue und Bedauern aus. Man konnte daraus entnehmen, daß der Schreiber Bell etwas schuldete und ihm das geliehene Geld zurückgeben wollte. Helder suchte nach der Unterschrift – es verhielt sich so, wie er angenommen hatte –, der Brief stammte von Willetts. Das ganze Schreiben machte einen zusammenhanglosen Eindruck, Immer wieder wurde Bell gebeten, Willens nicht zu verraten. Einige nichtssagende Bemerkungen über das Schicksal und die Vorsehung veranlaßten Helder, verächtlich die Brauen hochzuziehen.

Rasch faltete er dann den Brief zusammen und schob ihn mit den Banknoten wieder in den Umschlag zurück. Er legte ihn genau auf die Stelle der Schreibtischunterlage, wo er ihn weggenommen hatte. Als er noch einmal einen Blick durch das Fenster warf, sah er, daß Bell eben mit schnellen Schritten zurückkam – anscheinend hatte er den Brief jetzt doch vermißt. Helder verließ eilig, den Raum und war schnell genug in der Empfangshalle, um Bell an sich vorbeigehen zu sehen.

Helder wartete.

Bell kam zurück, in seiner Hand hielt er den Brief. Er sah weder nach rechts noch nach links und war gleich darauf im Straßengewühl verschwunden.

Die Entdeckung, die Helder gemacht hatte, verstärkte seinen Verdacht noch. Willetts, der Banknotenfälscher, nach dem die Polizei suchte, war also tatsächlich in London!

Nachdenklich machte sich Helder auf den Heimweg. In seiner Wohnung setzte er sich an den Schreibtisch und holte aus einer gutverschlossenen Schublade ein kleines Notizbuch heraus. Zwei Stunden lang war er eifrig damit beschäftigt, eine Nachricht in eine Geheimschrift zu verschlüsseln; am Nachmittag sandte er sie dann mit Eilboten an drei verschiedene Adressen.

Als Helder dies erledigt hatte, setzte er sich in einen Sessel und döste ein wenig, bis es fünf Uhr schlug. Er klingelte und bestellte Tee; in wenigen Minuten würde er Besuch bekommen.

Der Besucher, der gleich darauf hereingeführt wurde, war ein kräftiger, etwas unbeholfener Mann, der sich in der vornehmen Umgebung anscheinend nicht sehr wohl fühlte.

»Setzen Sie sich, Tiger«, sagte Helder freundlich und wies mit der Hand auf einen Stuhl.

Der Fremde setzte sich behutsam auf die äußerste Stuhlkante und legte seinen Hut neben sich auf den Boden.

»Mr. Helder – wir müssen einen neuen Weg suchen.«

Helder nickte.

»Ich weiß, unsere Leute beklagen sich darüber, daß es sehr schwierig wird, amerikanische Banknoten abzusetzen. Wir müssen etwas unternehmen.«

Tiger Brown nickte heftig.

»So ist es«, sagte er mit einem Seufzer der Erleichterung. »Ich befürchtete schon, Sie hätten eine andere Meinung. In den Vereinigten Staaten war die Sache so fein in Schuß – aber jetzt sind unsere Leute ängstlich geworden. Es geht das Gerücht, daß die Polente eine neue Prüfungsmethode gefunden hat. Unser Agent in Philadelphia, dem wir für gewöhnlich fünfhundert Scheine im Monat sandten, nimmt nur noch hundert. Ich glaube, wir sollten das amerikanische Geschäft langsam auslaufen lassen und uns mehr auf das französische konzentrieren.«

Helder ging im Zimmer auf und ab. Er war zur Tür gegangen und hatte sie verschlossen, nachdem Brown gekommen war. Geistesabwesend probierte er jetzt die Klinke noch einmal.

Tiger Brown beobachtete ihn aus zusammengekniffenen Augen.

»Sie sind selbst schon ein wenig unruhig, nicht wahr?« fragte er lauernd.

»Nein, nein«, entgegnete Helder rasch. »Ich bin nicht nervös, nur vorsichtig – das ist alles. Wie funktioniert es eigentlich mit den französischen Noten, die wir wegschickten?«

»Ich weiß nicht, ich habe nicht viel Vertrauen dazu. Es fehlt ihnen einfach die Qualität der amerikanischen Scheine. – Wie steht es denn mit diesem Maple?« fragte er dann.

Helder verzog ärgerlich den Mund.

»Ich glaube nicht, daß wir den kriegen – er arbeitet für Gold.«

»Hm, da haben Sie also kein Glück gehabt? Kann man da nicht ein wenig nachhelfen?«

Helder schüttelte den Kopf.

»In diesem Land ist das nicht so einfach«, entgegnete er grimmig. »Immerhin sollte man sich doch überlegen …«

Wieder ging er unruhig im Zimmer auf und ab.

»Maple«, murmelte er vor sich hin, »ich bin gespannt, ob –« unvermittelt brach er wieder ab.

»Überlegen Sie sich doch mal«, drängte Brown. »Es muß doch ein Mittel geben, ihn unter Druck zu setzen. Hat er nicht eine Tochter?«

»Eine Nichte«, verbesserte Helder. »Aber die lassen wir lieber aus dem Spiel.«

»Ganz egal, ob Tochter oder Nichte«, erwiderte Tiger ungeduldig. »Wir müssen etwas unternehmen, ganz gleich was!«

Helder entgegnete nichts.

»Was ist mit Gold?« fragte Tiger.

»Er ist eine große Gefahr«, antwortete Helder ernst, »weil ich nicht genau weiß, wie weit seine Macht reicht und was er vorhat. Schließlich ist er der Mann, der durch das Konsulat Washington über die Vorgänge in London informiert.«

Nachdenklich sah er Brown an.

»Tatsächlich, wir müßten Maple auf unsere Seite bringen«, sagte er dann. »Er ist der beste Fachmann in ganz Europa! Man könnte es jedenfalls noch einmal versuchen. Als ich das letztemal mit ihm sprach, schien er sich allerdings nicht bluffen lassen zu wollen.«

»Na, vielleicht ist es jetzt möglich«, meinte Brown lächelnd. »Ich erinnere mich an Leute – es war, als ich für Harragon arbeitete –, die sich weder beim ersten noch beim zweiten Versuch kaufen ließen. Aber wenn man sie richtig angefaßt hatte, fraßen sie einem beim drittenmal aus der Hand.«

Sie machten einen Treffpunkt für eine neue Besprechung miteinander aus und verließen dann Curzon Street. Zuerst ging Brown, fünf Minuten später folgte ihm Helder.

Am Picadilly Circus trafen sie sich wieder. Helder wollte zum Ostend, und Brown begleitete ihn. In der Station der Untergrundbahn lösten sie Fahrkarten und stiegen dann in den Lift, der zu den Bahnsteigen führte. Es befanden sich ungefähr ein Dutzend Menschen in dem Aufzug. Der Fahrstuhlführer schloß die Tür, als plötzlich eine Dame aufschrie.

»Ich bin bestohlen worden!« rief sie hysterisch und zeigte auf ihre offene Handtasche.

Zwei kräftige, gutgekleidete Männer standen neben dem Aufzugführer. Einer von ihnen trat zu der Dame und sprach mit ihr, dann wandte er sich an die anderen Fahrgäste.

»Diese Dame ist bestohlen worden«, sagte er im Amtston. »Ich bin Sergeant Halstead von Scotland Yard. Der Dame fehlen ihr Geldbeutel und ihr Scheckbuch – ich muß die Anwesenden bitten, sich entweder gleich hier durchsuchen zu lassen oder aber mich zur nächsten Polizeiwache zu begleiten.«

Helder war zuerst nur ärgerlich, aber bald mischte sich in seinen Ärger Bestürzung. Die anderen unterzogen sich willig einer raschen Durchsuchung, bis nur noch Helder und Brown übrig waren. »Ich weigere mich ganz entschieden, Sie in meinen Taschen herumkramen zu lassen«, erklärte Helder energisch.

Der Beamte wandte sich achselzuckend an Tiger.

»Rühren Sie mich nicht an!« rief Brown.

»Schön, dann bleibt mir nichts anderes übrig, als Sie festzunehmen.«

Fünf Minuten später befanden sich die beiden in Begleitung der Kriminalbeamten in einem Taxi, das sie zur nächsten Polizeiwache brachte. Unterwegs fluchte und schimpfte Helder fürchterlich.

Die Durchsuchung der anderen Leute in dem Aufzug war nur oberflächlich gewesen, aber diese beiden Männer wurden gründlich vorgenommen. Man prüfte ihre Brieftaschen, und Helder bemerkte mit Schrecken, daß die Fünfzigdollarnoten eingehend betrachtet wurden.

»Es tut mir leid, meine Herren«, sagte der Beamte, als er seine Arbeit getan hatte und ihnen ihre Sachen zurückgab.

Helder äußerte sich sehr unfreundlich über die Fähigkeiten der Londoner Polizei.

»Sie werden noch von mir hören«, sagte er.

»Es ist Ihre eigene Schuld«, erwiderte der Beamte unbeirrt. »Jemand wurde bestohlen, und Sie weigerten sich, eine Durchsuchung vornehmen zu lassen. Was hätten wir denn sonst tun sollen?«

Helder gab keine Antwort. Er ging mit Brown schnell aus dem Büro und eilte die Treppen hinunter. Plötzlich hielt er aber an, denn unten promenierte, eine Zigarre im Mund, Wenthwort Gold auf und ab.

Er grüßte seinen grimmig dreinschauenden Landsmann mit einem unschuldigen Lächeln.

»Hallo, Helder«, sagte er gemütlich, »ich bin anscheinend zu spät gekommen. Man telefonierte mir, daß Sie verhaftet seien, und ich kam hierher, um die Sache richtigzustellen.«

»So!« knurrte Helder. »Ich habe die Angelegenheit schon ohne Ihre Hilfe richtiggestellt. Es wird Sie vielleicht interessieren, daß man bei mir nichts fand.«

Gold zog die Augenbrauen in die Höhe.

»Was sollte man denn finden?« fragte er kühl.

Helder sagte nichts. Er drehte sich um und ging rasch mit seinem Begleiter fort.

Jetzt erst durchschaute er den ganzen Plan: ein vorgetäuschter Diebstahl und ein Kriminalbeamter, der wie zufällig anwesend war, um ihn zu durchsuchen.

Es wurde ihm ein wenig ungemütlich bei dem Gedanken, daß noch gestern einige Banknoten in seinem Besitz gefunden worden wären …

Er hatte einen Bekannten auf der Redaktion des ›Post Journal‹, den er bitten wollte, die Geschichte von der Verhaftung und der ungerechtfertigten Durchsuchung zu veröffentlichen.

Golds Laune war am nächsten Morgen ausgesprochen schlecht, als er den Artikel über die »Belästigung von Amerikanern« und über »ungewöhnliche polizeiliche Maßnahmen« las.

Scotland Yard würde das nicht angenehm sein. Die Leute dort waren überempfindlich gegen alles, was ein schlechtes Licht auf ihre Diskretion und Unparteilichkeit warf. Sie hatten erst nach einigem Widerstand eingewilligt, ihm bei seiner Aktion zu helfen, und würden gewiß Schwierigkeiten machen, wenn er das nächstemal ihre Hilfe brauchte.

Aber dann zuckte er gleichgültig die Schultern. Er hatte ein gefährliches Spiel gewagt und verloren – doch hoffentlich nicht endgültig.

11

Inhaltsverzeichnis

Comstock Bell legte die Zeitung hin, in der er gelesen hatte, und nahm einen Brief vom Tisch, der von Mrs. Granger Collak aus Neapel angekommen war. Unwillig mußte er beim Gedanken an sie ein wenig lächeln.

Es klopfte, und Parker kam herein.

»Miss Maple möchte Sie sprechen«, meldete er.

Comstock erhob sich und ging ihr entgegen. Sie sah leidend aus und hatte verweinte Augen.

»Ich bin froh, daß Sie gekommen sind«, sagte er. »Darf ich fragen, was für Pläne Sie haben?«

»Ich weiß nicht, was ich machen soll«, erwiderte sie. »Mr. Gold war so liebenswürdig, mir etwas Geld zu leihen und hat mir versprochen, daß sich seine Regierung für meinen Onkel einsetzen wird.«

»Sehr schön – seine Regierung ist auch die meine«, antwortete er lächelnd.

Sie schaute überrascht auf.

»Sie sind auch Amerikaner?«

»Natürlich. Sie dachten wohl, daß jeder Amerikaner einen Cowboyhut trägt?«

Er lachte wieder, hielt aber plötzlich inne, als er ihr trauriges Gesicht sah.

»Wenn ich nur wüßte, ob mein Onkel noch am Leben ist«, flüsterte sie.

Er nickte.

»Ich kann mir denken, wie Sie das bedrücken muß«, meinte er ernst. »Ich habe vorher den Bericht in der Zeitung gelesen. Demnach besteht doch immerhin Hoffnung, daß die Leute, die ihn entführt haben, ihm nicht direkt ans Leben wollen …«

Sie schaute zu ihm auf. Er hatte so warmherzig und freundlich gesprochen, daß sie sich immer mehr zu ihm hingezogen fühlte. Was war er wohl für ein Mensch? Er hatte soviel Geld und macht doch einen so niedergeschlagenen Eindruck.

Comstock war im Zimmer auf und ab gegangen. Jetzt blieb er ihr gegenüber stehen und sah ihr fest in die Augen.

»Miss Maple, haben Sie noch irgendwelche andere Verwandte?«

»Nein.«

»Oder gute Bekannte?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Nur einige ganz flüchtige Bekanntschaften. Früher war ich in einem Pensionat in Belgien, und meinen Onkel lernte ich ja erst nach dem Tode meines Vaters vor einigen Jahren kennen.« Er nickte, sah zu Boden und gab sich dann einen Ruck.

»Ich möchte Ihnen etwas sagen, Miss Maple, das Sie wahrscheinlich sehr verwirren wird. Vorausschicken will ich, daß ich mir meiner Verantwortung durchaus bewußt bin und für Sie die größte Hochachtung und Bewunderung hege. Bitte glauben Sie mir also.«

»Ich weiß nicht, was Sie mir sagen wollen – aber ich kann Ihnen versichern, daß ich Ihnen Vertrauen schenke«, entgegnete Sie ruhig.

»Schönen Dank, Miss Maple. Es handelt sich um folgendes – ich möchte Sie heiraten.« Sie sah ihn fassungslos an und wich unwillkürlich einige Schritte zurück.

»Bitte, regen Sie sich nicht auf«, sagte er lächelnd. »Und vermuten Sie vor allem nichts Schlimmes. Hier ist die Klingel, und mein ganzes Personal ist in Rufweite.«

»Aber – Mr. Bell …!« rief sie bestürzt.

Er hob beschwichtigend die Hand.

»Verstehen Sie mich richtig, Miss Maple. Ich möchte, daß Sie mir einen großen Gefallen tun – mir ein Opfer bringen: Sie würden Ihre volle Freiheit behalten, wenn Sie eine Ehe mit mir eingehen, ganz abgesehen von den materiellen Vorteilen, die dieser Schritt zur Folge hätte.«

»Aber wir kennen uns doch erst seit kurzem – lange nicht genug, um einen solch schwerwiegenden Entschluß zu fassen erwiderte sie leise und schaute ihn ein wenig vorwurfsvoll an. »Eine solche Ehe wäre ganz gegen meine Anschauungen. Ich kann nur einen Mann heiraten, den ich liebe.«

Sie erhob sich.

»Bitte bleiben Sie noch und hören Sie mir zu.«

Sie setzte sich wieder. Seine Stimme klang eindringlich und fast verzweifelt.

Unbeweglich saß sie da, während er redete. Nur einmal stand sie auf und ging erregt hin und her. Er sprach voll Hoffnung, aber auch voll Bitterkeit. Es wurde dunkel, und sie konnte nur noch undeutlich seine Umrisse vor dem Fenster sehen. Schließlich brach er ab – und da hatte sie endlich begriffen …

Als er sie später zur Haustür brachte und mit ihr auf die Straße trat, war es völlig dunkel geworden. Er begleitete sie zu einem Taxi und half ihr beim Einsteigen. »Bis morgen also?«

»Ja, bis morgen«, wiederholte sie und reichte ihm die Hand.

Gold betrat den Terriers-Klub und erhielt vom Portier einen mit der Maschine geschriebenen Brief ausgehändigt, der von Comstock Bell stammte.

Er las den Brief aufmerksam durch, blieb auf dem Weg zum Schreibzimmer stehen und nahm ihn noch einmal vor. Dann steckte er ihn in die Tasche und ging sehr erstaunt in den Speisesaal, um zu Abend zu essen.

Hastig aß er, denn er war augenblicklich sehr beschäftigt. Er hatte auch nicht die geringste Lust, sich mit Helder, den er nach dem Essen im Korridor traf, zu unterhalten.

»Schön, daß ich Ihnen begegne, Mr. Gold. Ich möchte Sie nämlich dringend sprechen.«

Gold seufzte tief.

»Was wollen Sie denn von mir?«

»Ich glaube, ich kann Ihnen etwas sehr Wichtiges mitteilen – Willetts wird morgen verhaftet!«

Gold schaute ihn scharf an.

»Wer hat Ihnen denn das gesagt – und was wissen Sie überhaupt von Willetts?«

»Es tut nichts zur Sache, von wem ich es erfahren habe. Von Willetts aber weiß ich, daß er der Anführer der Bande ist, die falsches Geld in Umlauf bringt. Es sind dieselben Verbrecher, die Ihren Freund Maple entführt haben.«

»Was Sie nicht sagen!«

Wentworth Gold schaute Helder mit einem merkwürdigen Blick an.

»Die Sache ist ganz klar. Willetts wird bereits seit längerer Zeit von der Polizei wegen Falschmünzerei gesucht. Er hat ein Büro in der Stadt, das aber nur dazu dient, seine wirkliche Beschäftigung zu vertuschen.«

»Sie scheinen ja mächtig genau Bescheid zu wissen. Kennen Sie ihn denn?«

»Ich habe ihn ein paarmal gesehen und kann mich noch recht gut an ihn erinnern. Er war seinerzeit mit mir in Paris.«

»Haben Sie dort auch Comstock Bell kennengelernt?«

»Ja. Bell und Willetts gingen beide auf die Kunstakademie und haben im gleichen Atelier gearbeitet. Willetts war auf den ersten Blick ein ruhiger, recht unscheinbarer junger Mann. In Wirklichkeit hat er aber ein ziemlich unsolides Leben geführt und sich allerhand Ausschreitungen zuschulden kommen lassen. Nach jener, letzten skandalösen Geschichte, über die Sie ja Bescheid wissen, verschwand er aus Paris.«

»Und Sie behaupten, daß er der Chef einer Fälscherbande ist?«

»Ich bin mir völlig sicher, daß er mit einer solchen Bande zumindest zusammenarbeitet. Und ebenso gewiß ist es für mich, daß Bell hinter ihm steht.«

»Aber das ist doch ganz absurd! Bell besitzt ein großes Vermögen, er ist Millionär! Vielleicht hat. er in seiner Jugend einmal über die Stränge geschlagen – schließlich ist das aber noch lange kein Grund, daß er jetzt mit einem derartigen Verbrechen in Zusammenhang gebracht werden kann. Woher wissen Sie denn überhaupt, daß Willetts verhaftet werden soll?«

Helder schüttelte lächelnd den Kopf.

»Das müssen Sie selbst herausbringen«, sagte er. »Auf jeden Fall bin ich meiner Sache sicher.«

Ein Mann, der durch seine krumme Haltung und den etwas linkischen Gang auffiel, überquerte spät abends langsam den Pinsbury Square.

Es waren nur wenige Passanten auf der Straße. Ein Polizist an der Ecke folgte dem Mann mit den Blicken, allerdings weniger aus Pflichtbewußtsein als aus Langeweile.

Der Mann sah aber auch wirklich recht auffallend aus. Er trug einen langen, schwarzen Mantel und einen breiten, weichen Filzhut. Seine dunklen Haare, die sich hinten zu Locken rollten, hingen ihm bis auf den Mantelkragen. Allem Anschein nach war er ein Musiker oder sonst irgendein verkommenes Künstlergenie.

Langsam ging er auf der Broad Street entlang und bog dann in eine dunkle Seitenstraße, die zum Themseufer führte.

Wenn sich jemand die Mühe gemacht hätte, ihm zu folgen, so wären ihm wohl die vielen Umwege aufgefallen, die der Mann machte.

Als eine Kirchenuhr in der City elf schlug, schritt er gerade über den großen freien Platz hinter der Börse. Ein Mann, der langsam auf dem Gehsteig in der Thread Needle Street auf und ab ging, kam ihm halbwegs entgegen.

»Nun, Clark«, redete ihn der Mann in dem schwarzen Mantel an, »haben Sie einen Brief?«

Er sprach französisch.

»Nein, Mr. Willetts«, entgegnete der andere. »Irgendwelche Aufträge für mich?«

Auch er sprach französisch, doch mit einem deutlichen englischen Akzent.

Der Mann, der mit Willetts angeredet worden war, schüttelte den Kopf.

»Nein, heute abend nicht«, entgegnete er.

»Es sind Leute dagewesen, die nach Ihnen gefragt haben«, sagte Clark. »Man wollte von mir wissen, wo Sie wohnen.«

»Ach, es wird schon nicht so wichtig gewesen sein«, erwiderte der andere sorglos. »Sagen Sie in solchen Fällen einfach, daß ich im Ausland bin. Noch etwas?«

»Nein, Sir.«

Mit einem kurzen Kopfnicken verabschiedete sich der Mann in dem schwarzen Mantel von dem andern und entfernte sich in der Richtung nach Cheapside.

Zwei Leute folgten ihm vorsichtig. Es war nicht schwierig, ihn im Auge zu behalten; die Straßen waren menschenleer, und er ging sehr langsam.

Nach einiger Zeit hielt er ein vorbeifahrendes Taxi an.

Einer der beiden Verfolger, die sich ziemlich dicht hinter ihm hielten, machte ein paar schnelle Schritte und passierte den Mann gerade in dem Moment, als er das Fahrtziel angab.

Der Wagen fuhr ab, und die beiden blieben aufgeregt zurück.

»Er will zum amerikanischen Konsulat«, sagte der eine. »Schnell, wir müssen ein Taxi finden und ihm folgen!«

Sie liefen die Straße entlang und hatten das Glück, einem leeren Taxi zu begegnen, noch ehe die Schlußlichter des Wagens, den sie verfolgen wollten, verschwunden waren.

Sie stiegen ein, drückten dem Chauffeur einen größeren Geldschein in die Hand und konnten nach fünf Minuten mit Befriedigung konstatieren, daß es ihnen gelungen war, den Wagen, der an einer Kreuzung hatte warten müssen, einzuholen.

Als sie den Piccadilly Circus entlangfuhren, klopfte einer der Verfolger dem Chauffeur auf die Schulter.

»Halten Sie etwa fünfzig Meter vom amerikanischen Konsulat entfernt, wenn der vordere Wagen nicht weiterfährt.«

Tatsächlich verringerte der erste Wagen kurz vor dem Konsulat sein Tempo und fuhr an den Bordstein, als ob er dort parken wolle.

Es war ein schlaues Manöver. Das zweite Auto hielt gemäß, den Instruktionen, die sein Chauffeur empfangen hatte, und die beiden Männer sprangen heraus. Als sie aber auf dem Gehweg standen, sahen sie, daß der vordere Wagen plötzlich wieder anfuhr und mit quietschenden Reifen um die nächste Ecke verschwand.

Fluchend stiegen sie wieder ein und nahmen die Verfolgung von neuem auf. Diesmal hatten sie aber kein Glück; soviel sie auch kreuz und quer fuhren, der Wagen war und blieb verschwunden.

Sie bezahlten den Chauffeur und schlenderten durch die nächtlichen Straßen. Gegen helle, erleuchtete Plätze schienen sie eine Abneigung zu haben. Meistens hielten sie sich, so gut es ging, im Dunkeln.

»Er hat uns doch tatsächlich an der Nase herumgeführt!«

Der andere knurrte nur etwas Unverständliches vor sich hin. Er war viel schweigsamer als der Untersetzte, der gesprochen hatte. Auch äußerlich bildete er mit seiner großen, kräftigen Figur und der Narbe quer über dem Kinn einen Gegensatz zu ihm.

»Es ist besser, wenn wir uns jetzt wieder trennen«, sagte der Kleinere schließlich und gab seinem Begleiter nachlässig einige Geldscheine. »Ich werde jetzt versuchen, den Chef zu erreichen.«

Eine halbe Stunde später schlenderte Cornelius Helder durch die Upper Brook Street, als plötzlich der untersetzte Mann neben ihm auftauchte und mit ihm weiterging.

»Wir haben leider seine Spur verloren«, entschuldigte, er sich.

»Sie sind ein Idiot«, entgegnete Helder wütend. »Sagen Sie nur noch, Sie haben sich so auffällig betragen; daß alle Polizisten Londons auf Sie aufmerksam wurden!«

»Ich würde Ihnen raten, ein wenig freundlicher mit mir zu reden. Schließlich habe ich in der letzten Zeit sehr viel für Sie getan – viel zuviel! Meinen Sie vielleicht, es macht mir Spaß, daß in allen Zeitungen mein Steckbrief erschienen ist?«

»Deswegen brauchen Sie sich keine grauen Haare wachsen zu lassen«, entgegnete Helder. »Kein Mensch würde Sie nach der Beschreibung erkennen.«

»Na, das ist auch das einzige Gute an der Sache. Wäre ja noch schöner, wenn mich die Polente schnappte.«

»Auf jeden Fall hätten Sie es sich selbst zuzuschreiben. Vergessen Sie nicht, daß Sie lediglich den Auftrag hatten, mit dem alten Mann zu verhandeln. Sie sollten ihn nur dazu veranlassen, daß er uns seine Entdeckung gegen ein entsprechendes Honorar zur Verfügung stellt.«

»Na ja, ich bin nervös geworden«, gab der andere zu. »Sagen. Sie mal« – er packte Helder am Arm –, »Sie lassen uns doch nicht im Stich? Nehmen wir an, man würde uns verhaften – dann könnten Sie die Sache drehen, daß wir freikommen?«

»Ich glaube nicht«, entgegnete Helder kühl.

»Dann kann ich Ihnen versichern, daß wir Sie mit in die Sache hineinziehen werden!«

»Das wird Ihnen kaum gelingen, mein Lieber, In einem solchen Fall weiß ich von gar nichts, verstehen Sie? Sie sind verrückt, wenn Sie versuchen wollen, mir zu drohen. Glauben Sie bloß nicht, daß mich das auch nur im geringsten berührt. Es gibt keinerlei Beweise dafür, daß ich irgendwie mit der Entführung des alten Maple in Verbindung stehe. Wenn Sie mich hereinlegen wollen, geraten Sie also nur selbst in die Patsche.«

Als sie an die nächste Straßenlaterne kamen, schaute Helder dem anderen ins Gesicht. Der Untersetzte schwitzte vor Angst und Aufregung, seine Mundwinkel zuckten nervös.

»Ich habe mit der Sache nichts zu tun«, sagte er hartnäckig, »Carl hat das Ding gedreht, weil Sie ihm den Auftrag dazu gaben. Und er hat es aus demselben Grund getan, aus dem ich Gold umlegen sollte. Aber damit wollen Sie natürlich auch nichts zu tun haben, wie?«

Seine Stimme wurde immer lauter; es war ein Glück für die beiden, daß weit und breit kein Mensch zu sehen war.

»Ich habe es jetzt wirklich satt – am besten wird es sein, ich werfe den ganzen Krempel hin und fahre mit dem nächsten Schiff zurück.«

»Das werden Sie nicht tun«, entgegnete Helder bestimmt.

»Und ich sage« Ihnen, daß ich es tue«, drohte sein Partner. »Mir hängt die Geschichte zum Hals heraus.«

Helder lachte laut und klopfte dem andern auf den Rücken.

»Ihnen schlägt wohl das Gewissen? Das paßt gar nicht zu Ihnen. Was sollen denn Ihre Chikagoer Freunde von Ihnen denken, Billy? Also, seien Sie vernünftig. Denken Sie daran, daß wir bald noch viel mehr Geld verdienen werden. Zwei weitere Jahre in diesem Stil, dann können Sie sich das schöne Lokal in New York kaufen und jeden Sonntag nachmittag nach Coney Island fahren.«

Aber der Mann ließ sich nicht so leicht beruhigen. Zu Hause in Chikago hätte er sich sicher gefühlt, aber, hier, in einem fremden Land mit einer unangenehm rührigen Polizei!

Erst als Helder ihn in einer stillen, verschwiegenen Bar in Soho zu einigen Gläschen Whisky eingeladen hatte, fand er seine Ruhe und Selbstbeherrschung wieder. Ja, er wurde sogar wieder ganz fröhlich und mitteilsam.

12

Inhaltsverzeichnis

Im Leben jedes Durchschnittsmenschen gibt es Monate und Jahre, in denen das Leben gleichmäßig dahinfließt. Aber dann kommen ganz unerwartete Tage, in denen sieh Schicksalsschläge und Abenteuer zusammendrängen. Solch ein Tag war für eine Reihe von Personen der 15. Mai.

Cornelius Helder verließ um sieben Uhr morgens sein Haus in der Curzon Street.

Es war ein herrlicher Frühlingstag mit wolkenlosem, zartblauem Himmel. Helder sah aus, als ob er nicht geschlafen hätte. Sein Gesicht zeigte die merkwürdige, aufgedunsene Blässe der Leute, die sich ihre Nächte in Bars um die Ohren schlagen. Bei Helder war das durchaus nicht der Fall; er war ausserdem glatt rasiert und peinlich sauber gekleidet.

Langsam ging er in Richtung der City. Die Straßen waren um diese Zeit von Händlern, Milchautos und Straßenkehrern belebt; einige kleine Läden hatten bereits die Jalousien hochgezogen. In der Regent Street geriet er in den dichten Strom der ins Geschäft eilenden Angestellten.

Verärgert dachte Helder darüber nach, was für eine Nacht Comstock Bell wohl zugebracht hatte und wo sich jetzt gerade Verity aufhalten würde. Höchstwahrscheinlich saß sie in einem Vorortzug in einem Abteil dritter Klasse und fuhr in die Stadt, um sich mit einem der reichsten Männer Londons zu verheiraten.

Er kaufte eine Morgenzeitung, die für gewöhnlich alle sensationellen Neuigkeiten brachte, und überflog sie. Von einer Verhaftung Willetts’ stand nichts darin.

Comstock Bell wartete also, bis er verheiratet und im Ausland war, bevor er Willetts endgültig an den Kragen wollte. Helder vermutete das wenigstens. Und welchen Einfluß mochte wohl dieses Mädchen auf ihn haben? Was für ein Geheimnis steckte hinter dieser plötzlichen Heirat? Bell hatte Verity doch erst in seinem Büro kennengelernt – und war doch sicher nicht der Mann, der wegen eines hübschen Gesichts gleich die Fassung verlor. Diese Heirat mußte irgendeinen andern Grund haben – aber welchen? Mit sorgenvollem Gesicht drängte sich Helder durch das Menschengewühl der Regent Street.

Um acht Uhr war er im Green Park. Noch immer dachte er über diese merkwürdige Heirat nach und versuchte, sich eine Erklärung dafür zurechtzuzimmern. Für gewöhnlich war Helder sehr gut informiert. Ohne große Schwierigkeiten hatte er zum Beispiel herausgebracht, daß der Millionär, den er schon lange beobachten ließ, zu heiraten beabsichtigte. Auch daß die kirchliche Zeremonie gleich im Anschluß an die standesamtliche Trauung in der Marylebone Parish Church um neun Uhr vormittags stattfinden sollte, wußte er. Comstock Bell und Verity wollten dann mit Gold im ›Great Central Hotel‹ frühstücken und um elf Uhr London in Richtung Frankreich verlassen.

Verity Maple war Helder jetzt ziemlich gleichgültig geworden. Er war weder eifersüchtig noch aufgebracht darüber, daß sie ihn verschmäht hatte und Bell nach so kurzer Bekanntschaft heiraten wollte. Bells Erfolg erklärte er sich einfach damit, daß Bell eben, ein viel reicherer Mann als er selbst war. Schließlich hatte er auch nie die Absicht gehabt, Verity zu heiraten; er wollte Junggeselle bleiben.

Helder erwartete, daß er Gold begegnen würde. Er wußte, daß der Beamte ganz bestimmte Gewohnheiten hatte und morgens meistens einen kleinen Spaziergang zu einem Teich im Green Park machte.

Er hatte recht mit seiner Vermutung; als die Uhren in der Stadt Viertel nach acht schlugen, kam ihm Gold auf seinem Spaziergang rund um den Teich entgegen.

Wie immer schien sich Gold über nichts zu wundern und war nicht im geringsten erstaunt, Cornelius Helder vor sich zu sehen. Sie blieben beide stehen und unterhielten sich miteinander. Gold holte während des Gesprächs aus seiner Tasche eine Handvoll Brotkrumen, die er teils den Spatzen, teils den Enten und Schwänen im Teiche hinstreute.

»Vermutlich spielen Sie heute den Brautführer?« fragte Helder nach einiger Zeit und sah Gold lächelnd an.

»Ja so etwas Ähnliches«, entgegnete Gold, ohne sich in seiner Beschäftigung stören zu lassen.

»Was hat denn eigentlich diese ganze Sache zu bedeuten?«

»Was für eine Sache? Etwa die Trauung?«

»Natürlich, das kam doch schließlich recht unerwartet.«

»Oh, eine Hochzeit kommt meistens für irgend jemand unerwartet.«

»Glauben Sie, daß sie glücklich miteinander werden?«

»Um Himmels willen, wie soll ich das wissen«, entgegnete Gold. »Nicht einmal bei Adam und Eva war das völlig sicher, soviel ich weiß – aber das liegt ja auch schon ein wenig vor meiner Zeit. Übrigens entwickelt sich das zum ehelichen Glück notwendige Anpassungsvermögen sowieso erst bei Leuten, die schon lange miteinander verheiratet sind.«

Helder amüsierte sich.

»So kann nur ein hartgesottener Junggeselle sprechen! – Hatten Sie übrigens Gelegenheit, festzustellen, daß alles, was ich Ihnen über Willetts sagte, den Tatsachen entspricht?«

Gold nickte.

»Ja heute abend wird er verhaftet.«

»Aha, also erst dann, wenn Comstock Bell England verlassen hat und in Sicherheit ist«, meinte Helder ironisch. »Ich bin nicht gerade sehr stolz darauf, daß er mein Landsmann ist.«

Gold sah ihn von der Seite an.

»Ich habe auch niemals gehört, daß er besondere Freude darüber geäußert hätte, daß Sie sein Landsmann sind.«

Er schaute auf seine Uhr.

»Ich muß jetzt gehen. Übrigens sehen Sie gar nicht gut aus.«

»Keine Sorge, ich fühle mich wohl – nur leide ich in letzter Zeit etwas an Schlaflosigkeit.«

»Dann sollten Sie Ihre Nächte dazu benützen, nützliche Bücher zu lesen. Ich möchte Ihnen den Rat geben, mit einem kleinen Buch, das ich neulich wieder einmal in der Hand hatte, den Anfang zu machen.«

»Und was war das für ein Buch?«

»Die Polizeivorschriften Londons. Es ist ein Buch, das Anweisungen für Polizeibeamte enthält – und deshalb besonders eingehend in Verbrecherkreisen studiert wird.«

Gold lachte vergnügt, und Helder machte ein dummes Gesicht. Er wußte nicht, ob er grinsen oder ärgerlich sein sollte.

Comstock Bell und Verity kamen beide fast zur gleichen Zeit in dem Hotel an. Er begrüßte sie mit einem freundlichen Lächeln. Sie war sehr ernst und sah so hübsch aus, daß es ihm fast den Atem verschlug. Er mußte sich selbst darüber wundern, daß er von ihrer Schönheit zum erstenmal in diesem Augenblick, als er sie in der Empfangshalle des ›Great Central Hotel‹ sah, tiefer berührt wurde.

Comstock Bell war in Verity nicht verliebt – und trotzdem heiratete er sie. Jetzt mußte er sich eingestehen, daß es ihm Freude machte, bald eine so hübsche Frau zu haben. Bewundernd sah er sie an. Das einfache weiße Kleid und der breitrandige weiße Hut mit schwarzem Band standen ihr ausgezeichnet.

»Wir haben noch ungefähr fünf Minuten Zeit für uns, bevor die anderen kommen«, sagte er und führte sie zu einem Sessel.

»Werden Sie diesen Schritt auch nicht bereuen?«

»Nein ich bereue nichts«, entgegnete sie mit fester Stimme. »Der Entschluß, den ich gestern gefaßt habe, ist unwiderruflich.«

»Ich …«, begann er zögernd.

»Bitte seien Sie ruhig! Ich weiß, daß Sie mir jetzt irgend etwas sagen wollen, das mich trösten soll – und das doch nicht der Wahrheit entsprechen würde. Ich heirate Sie, weil ich weiß, daß ich Ihnen damit helfen kann. Es ist mir auch völlig klar, daß Sie mich nicht lieben – auch ich liebe Sie nicht. Wenn wir trotzdem diesen Entschluß gefaßt haben, dann nur deshalb, weil die Gründe, die Sie dazu zwingen, sehr schwerwiegend sind. Gebe Gott, daß alles gut ausgeht!«

»Ja wir wollen es hoffen«, entgegnete er ernst. »Dort kommt Gold.«

Der Beamte betrat in diesem Augenblick die Halle – ein ungewöhnlicher Anblick im Zylinder und feierlichem schwarzem Mantel. Er legte ab, begrüßte das Brautpaar und ging mit ihnen in den Speisesaal, wo an einem Ecktisch bereits ein Imbiß für sie bereitstand.

Verity rührte kaum etwas an, und auch Comstock Bell aß nicht viel. Aber Gold, der weiter keine Sorgen hatte – schließlich war es ja nicht er, der heiraten sollte –, langte tapfer zu. Abgesehen von seinem immer erstaunlich guten Appetit war er an diesem Tag schon seit in der Frühe auf den Beinen – was allerdings keiner der Anwesenden wußte.

»Wohin werden Sie Ihre Hochzeitsreise machen?« erkundigte er sich.

»Wir bleiben zuerst ein wenig in Paris«, erklärte Comstock Bell, »von dort aus fahren wir nach München, später nach Wien und vielleicht auch noch nach Rom. Weitere Pläne habe ich vorerst keine.«

»Unangenehm für Sie, daß Ihre Hand noch verbunden ist«, meinte Gold und deutete auf den Verband.

Comstock Bell lächelte.

»Tatsächlich, daran habe ich noch gar nicht gedacht! Ich habe mich jetzt schon daran gewöhnt, mit der linken Hand auf der Schreibmaschine zu schreiben, daß ich mich in Zukunft wahrscheinlich nie wieder entschließen kann, Briefe handschriftlich abzufassen.«

»Nehmen Sie Ihre Schreibmaschine mit?« fragte Gold.

»Selbstverständlich. Ich habe mir bereits eine Reiseschreibmaschine mit Spezial-Tastatur anfertigen lassen.«

»Nun, Ihre Gattin wird Ihnen vermutlich als Sekretärin ganz gute Dienste leisten können.«

»Da wird nicht viel daraus werden. Die Tastatur der Maschine ist ziemlich kompliziert.«

Die Unterhaltung stockte, und Bell winkte dem Kellner.

»Bringen Sie mir bitte ein Telegrammformular.«

Einige Minuten später lagen eine Schreibunterlage und ein Formular vor ihm.

»Soll ich es für Sie schreiben?« fragte Gold.

»Sehr freundlich, aber ich komme schon zurecht«, erwiderte Comstock Bell ein wenig verlegen. Umständlich malte er mit der linken Hand die Buchstaben. Das Telegramm war an Captain Lauder in Landview Cottage, Gravesend, gerichtet und bestand nur aus dem einzigen Wort: »Vorwärts!«

Auch Gold hätte gar zu gerne den Inhalt des Telegramms gekannt, das Bell ausgerechnet an seinem Hochzeitsmorgen abschickte. So sehr er sich den Hals verrenkte, Bell hielt das Formular so, daß er nichts lesen konnte. Als Bell fertig war, steckte er das Telegramm in ein Kuvert und gab es zusammen mit einem Fünfshillingstück dem Kellner.

»Lassen Sie dies sofort zur Post bringen, und geben Sie mir dann die Rechnung.«

Gleich darauf brachen sie auf. Sie hatten sich entschlossen, die kurze Entfernung bis zum Standesamt und anschließend zur Kirche zu Fuß zurückzulegen.

Mit Ausnahme des Kirchendieners und des Küsters war niemand in der Kirche. Ihre Schritte hallten hohl wider, als sie den breiten Mittelgang entlangschritten und vor dem Altar auf den Geistlichen warteten. Dumpf drang das Summen und der Lärm der erwachenden Großstadt durch die Mauern. Hätte Comstock Bell jemals früher an eine künftige Trauung gedacht – so hätte er sie sich bestimmt nicht vorgestellt. Auch Verity, die sich dem bedeutungsvollsten Ereignis ihres Lebens gegenübersah, war wie betäubt von der Unwahrscheinlichkeit der Situation.

Der Geistliche trat aus der Sakristei und näherte sich ihnen langsam. Feierlich sprach er die Worte, die sie fürs Leben verbanden. Die bekannten Fragen und Antworten hallten seltsam durch den hohen, leeren Raum. Ein schmaler Goldreif wurde Verity auf den Finger gestreift.

Alle zusammen gingen sie dann in die Sakristei, um ihre Unterschriften unter das Heiratsprotokoll zu setzen. Der Geistliche meinte, daß es ein schöner Tag sei und daß er hoffe, dieses Jahr endlich wieder einmal einen richtigen englischen Sommer zu erleben. Comstock erwiderte einige konventionelle Worte. Gold zahlte die Kirchengebühren und vergaß auch nicht, dem Kirchendiener, der obendrein noch den zweiten Trauzeugen gemacht hatte, ein respektables Trinkgeld zu geben. Dann trat das junge Paar als, Mr. und Mrs. Comstock Bell in das grelle Sonnenlicht des Frühlingstages hinaus.

Bell schaute auf die Uhr.

»Wir haben noch eine Stunde Zeit«, sagte er. »Dein Gepäck hast du doch schon auf den Bahnhof bringen lassen?«

Sie nickte.

Er lächelte sie freundlich an.

»Ich werde dich von jetzt ab Verity nennen, ja?«

»Das ist lieb von dir«, entgegnete sie leise.

Wentworth Gold, der zugehört hatte, schüttelte heimlich den Kopf. Auch ihm kam diese merkwürdige Stimmung des Unwirklichen, die über der ganzen Zeremonie gelegen hatte, immer mehr zum Bewußtsein.

Was sollte das Ganze nur bedeuten, fragte er sich schon zum hundertstenmal. Der Mann ein Millionär, das Mädchen arm wie eine Kirchenmaus – aber das wäre ja gar nicht so außergewöhnlich gewesen. Viel seltsamer war es, daß sie miteinander sprachen, als ob sie sich eben erst vorgestellt worden wären; nicht anders, als ob sie nur die Bande einer oberflächlichen Bekanntschaft zusammenhielten.

Wie lange kannte Bell überhaupt seine Frau schon?

Plötzlich kam ihm ein merkwürdiger Gedanke – er wußte doch, daß Verity verhältnismäßig wenig persönlichen Besitz hatte, wie stand es denn dann mit ihrer Aussteuer? Bells nächste Worte verschafften ihm Klarheit.

»Du kannst alles, was du brauchst, in Paris kaufen.«

»Ich stelle keine großen Ansprüche«, entgegnete sie schüchtern.

Comstock Bell schaute wieder auf die Uhr und sah Verity lächelnd an.

»Für die nächste Stunde haben wir nichts zu tun«, sagte er. »Ich schlage vor, wir machen noch einen Spaziergang durch den Park. Begleiten Sie uns doch bitte, Gold.«

Wentworth Gold verkehrte zwar nicht sehr viel in der Gesellschaft und wußte über Trauungen auch herzlich wenig Bescheid, aber soviel war ihm doch klar, daß er sich jetzt zu verabschieden hatte und das glückliche Paar sich selbst überlassen mußte. Er hatte sich als Entschuldigung auch schon eine Verabredung zurechtgelegt, als Bell ihm zuvorkam.

»Falls Sie noch eine Stunde Zeit haben, würde es uns sehr freuen, wenn Sie uns dann zum Zug bringen – nicht wahr, Verity?«

Mit einem Taxi fuhren sie zum Regents Park. Sie spazierten die wunderschönen Wege entlang und sprachen über alles mögliche, nur nicht über die nächsten Pläne Comstock Bells. Als die Zeit immer weiter vorrückte, wurde Bell immer unruhiger und zerstreuter – plötzlich wandte er sich unvermittelt an Gold.

»Vermutlich hat Ihnen Helder gesagt, daß ich Willetts angezeigt habe, wie?«

Gold war verblüfft. Er konnte sich nicht erklären, woher Bell dies wüßte.

»Ja er hat mir so etwas Ähnliches mitgeteilt«, gab er zu. »Aber ich habe noch nie viel von dem gehalten, was Helder mir erzählte.«

»In diesem Falle hatte er aber recht«, entgegnete Bell ruhig, »Ich habe Willetts angezeigt und habe auch allen Grund dafür.«

»Ist er schon verhaftet worden?«

»Noch nicht. Ich habe es so eingerichtet, daß er erst dann festgenommen wird, wenn ich England verlassen habe.«

Gold war mehr als erstaunt. Wie sollte er diese Handlungsweise mit dem sonst so vornehmen Charakter und Benehmen Bells in Einklang bringen? Er hatte ihn immer seiner Anständigkeit wegen geschätzt und fühlte sich jetzt fast ein wenig abgestoßen. Jemanden verhaften zu lassen und sich selbst allen möglichen Unannehmlichkeiten, die diese Verhaftung mit sich bringen konnte, durch die Abreise zu entziehen, war wenig schön.

»Ich freue mich, daß Sie mir das gesagt haben«, entgegnete er kühl.

Comstock sah ihn ernst an. Er fühlte, daß Gold sein Verhalten durchaus nicht billigte.

»Denken Sie nicht zu schlecht über mich!«

Wortlos machten sie sich dann auf den Weg zur Victoria Station. Ein Abteil erster Klasse war für das junge Paar reserviert.

Mit oberflächlichem Geplauder verstrichen die letzten Minuten bis zur Abfahrt. Der Zug setzte sich in Bewegung.

»Auf Wiedersehen!!« sagte Gold und reichte Bell zum Abschied die Hand.

Bell drückte sie herzlich.

»Wir werden uns doch wiedersehen?«

»Ich hoffe es«, entgegnete Bell.

Gold entging es nicht, daß Bell immer noch zerstreut war und offensichtlich an etwas ganz anderes dachte. Heimlich warf er einen Blick auf die junge Frau, die neben ihrem Mann am geöffneten Fenster stand. Sie sah ein wenig angegriffen aus. Schatten unter ihren Augen deuteten darauf hin, daß sie in der letzten Nacht wenig geschlafen hatte.

Gold lief neben dem Zug her und schüttelte auch Verity noch einmal die Hand. Dann blieb er stehen und schaute dem Zug nach, bis er am Ende des Bahnsteigs verschwand.

»Wirklich eine merkwürdige Hochzeit«, murmelte er vor sich hin.

Er wandte sich um und wäre beinahe mit Helder zusammengestoßen, der sich auch eingefunden hatte.

Gold sah ihn mißmutig an.

»Man könnte fast meinen, daß Sie uns nachspioniert haben«, knurrte er unwillig.

Helder lächelte.

»Damit haben Sie völlig recht«, gab er offen zu. »Ich habe Sie beobachtet, weil ich mich für die Hochzeit Comstock Bells ebensosehr interessiere wie Sie selbst; komisch dabei ist nur, daß mir nicht klar ist, warum ich mich eigentlich dafür interessiere!«

»Das überrascht mich aber wirklich«, entgegnete Gold trocken. »Leute wie Sie tun doch nichts, wenn sie nicht einen sehr triftigen Grund haben.«

Helder lachte.

»Ich komme mir ja selbst schon ganz merkwürdig vor.«

Er hätte gern Gold begleitet, aber der Beamte gab ihm ziemlich deutlich zu verstehen, daß er allein zu sein wünsche. Sie trennten sich, und Gold ging in sein Büro, um dort verschiedene Aktenstücke durchzuarbeiten und einen Bericht an das Schatzamt in Washington anzufertigen.

Später suchte er dann den Klub auf, um dort sein Abendessen einzunehmen. Der Portier gab ihm zwei Telegramme, die an ihn gerichtet waren. Beide stammten von Comstock Bell – das eine kam aus Dover und drückte noch einmal Bells herzlichen Dank für Golds freundschaftliche Hilfe aus, das zweite war in Calais um drei Uhr nachmittags aufgegeben worden.

Er schüttelte verwundert den Kopf, als er las: »Bitte besuchen Sie morgen meinen Diener Parker – ich hatte ihn für heute beurlaubt – und sagen Sie ihm, er soll mir meine Post nachsenden.«

Gold legte das Telegramm vor sich auf den Tisch. Warum hatte Bell nicht direkt an Parker telegrafiert? Wie konnte es überhaupt vorkommen, daß er vor seiner Abreise sein Personal nicht entsprechend instruiert hatte?

Wahrscheinlich steckte auch dahinter irgend etwas. Aber Gold war schon müde, sich nutzlos den Kopf zu zerbrechen.

Er notierte sich die Sache und beendete dann in aller Ruhe seine Mahlzeit. Bei einem Glas Wein las er anschließend einige Briefe durch, die ihm vom Konsulat geschickt worden waren – keine sehr angenehme Beschäftigung, denn sie waren nicht sehr höflich. Gold nahm sie sich aber anscheinend nicht besonders zu Herzen, denn er steckte sie nach der Lektüre ziemlich gleichgültig in die Tasche.

An einem andern Tisch in der Nähe saß Helder und las ostentativ in einer Abendzeitung. Gold wußte ganz genau, daß dies nur ein Vorwand war, um ihn unauffällig beobachten zu können. Was wollte Helder eigentlich? Er war doch sonst kein Mann, der kostbare Zeit vergeudete, nur um seine Neugier zu befriedigen. Gold erhob sich und schlenderte zu Helder hinüber.

»Ich möchte einen kleinen Spaziergang machen – hätten Sie keine Lust, mich zu begleiten?«

»Mit Vergnügen«, entgegnete Helder bereitwillig und stand auf.

Es war Gold eingefallen, daß er für den folgenden Tag eine Verabredung hatte und daß es ihm kaum möglich sein würde, mit Parker persönlich zu sprechen. Er entschuldigte sich für einen Augenblick bei Helder, holte sich im Schreibzimmer einen Briefumschlag, steckte das Telegramm hinein und adressierte das Kuvert an den Diener. Bei ihrem Spaziergang konnte er es dann gleich in den Briefkasten an Bells Haus werfen.

Die beiden Herren verließen den Klub und gingen in gemächlichem Tempo in Richtung Cadogan Square.

»Darf ich Sie einmal etwas ganz offen fragen«, begann Gold die Unterhaltung, »und eine ebenso offene Antwort erwarten?«

»Hm – ich werde mich bemühen, Ihren Wunsch zu erfüllen. Was wollen Sie von mir wissen?«

»Warum interessieren Sie sich so sehr für Comstock Bell?«

»Oh, ich interessiere mich für alle Leute.«

»Aber nicht so, daß Sie ihnen einen Großteil Ihrer Zeit widmen! Hinter Ihrem Interesse für Comstock Bell steckt doch irgend etwas …«

Eine Zeitlang gingen sie schweigend nebeneinander her.

»Sie sind mit Bell befreundet, und ich möchte Ihnen nichts Unangenehmes über ihn sagen«, antwortete Helder.

»Viel unangenehmer ist es für mich, wenn Sie immer nur dunkle Andeutungen machen, ohne mir einfach einmal reinen Wein einzuschenken.«

»Schön, ich werde Ihnen meine Meinung sagen«, begann Helder nach einer weiteren Pause. »Ich bin der Überzeugung, daß Comstock ein betrügerischer, gemeiner Schuft ist.«

»Das ist alles?« erkundigte sich Gold, ohne eine besondere Erregung zu verraten.

»Ist denn das nicht genug?«

»Die bloße Tatsache, daß Sie sagen, er sei ein Schuft, genügt noch lange nicht, um auch mich davon zu überzeugen. Wenn ein Mann nur deswegen verurteilt würde, weil irgend jemand eine schlechte Meinung von ihm hat, dann wären die Gefängnisse dieses Landes nicht groß genug, um alle Verurteilten unterzubringen. Können Sie mir denn nichts Genaueres sagen?«

»Ich glaube, daß er sich seine eigene Freiheit und persönliche Sicherheit dadurch erkauft hat, daß er Willets anzeigte«, entgegnete Helder mit Nachdruck.

Gold lächelte.

»Manchmal kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, daß der wahre Grund für all Ihre Redereien der ist, daß Bell etwas von Ihnen weiß, das Ihnen furchtbar unangenehm ist – und daß Sie nicht eher zufrieden sind, bis Sie mit Sicherheit wissen, daß er für immer im Ausland bleibt.«

Es war schon sehr dunkel, Gold konnte nicht sehen, daß Helder rot wurde.

»Eine sehr sonderbare Vermutung!«

Die beiden waren inzwischen am Cadogan Square angekommen, und als sie sich dem Haus Comstock Bells näherten, holte Gold das Kuvert für Parker aus der Tasche.

»Einen Augenblick, ich möchte das hier nur in Bells Briefkasten werfen. Eine Instruktion für sein Personal.«

Das Haus, das Comstock Bell noch bis vor kurzem bewohnt hatte, war ein altes Gebäude. Es war noch zu einer Zeit errichtet worden, als die Hausfrauen ein Haus nur dann für bewohnbar hielten, wenn sie vom Fenster des Wohnzimmers aus die ganze Treppe beobachten konnten, die zum Eingang führte.

»Auf den Stufen wartet jemand«, sagte Helder plötzlich.

Gold blickte auf.

Vor der Haustür stand tatsächlich ein junger Mann, der anscheinend auch gerade erst angekommen war, denn er drückte auf den Klingelknopf. Als er die beiden Männer sah, drehte er sich schnell um.

»Ist einer der Herren Mr. Comstock Bell?« fragte er höflich.

Gold schüttelte den Kopf.

»Nein, Mr. Bell hält sich für längere Zeit im Ausland auf.«

»Sind Sie ein Freund von ihm?« fragte der Fremde weiter.

»Warum interessiert Sie das?« entgegnete Gold.

Der junge Mann reichte ihm eine Karte.

»Mein Name ist Jackson – ich bin Reporter beim ›Post Journal‹. Wir sind darüber informiert worden, daß Mr. Bell heute geheiratet hat. Seit einer Viertelstunde klingle ich hier schon vergebens.«

Gold steckte den Briefumschlag in den Kasten, bevor er antwortete.

»Nun ja«, meinte er gutgelaunt. »Ich heiße Gold, und Sie können auch von mir erfahren, was Ihnen Mr. Bell gesagt hätte. Er hat heute morgen tatsächlich geheiratet und ist anschließend nach Paris gefahren.«

»Würden Sie so freundlich sein und mir auch den Namen der Dame verraten? Der ist doch schließlich das Wichtigste in meinem Bericht«, meinte Jackson lächelnd. »Sie wissen ja, unsere Leser interessieren sich sehr für Millionäre und ihre Frauen.« Gold zögerte. Seiner Meinung nach war es besser, wenn die Presse nichts davon erfuhr, auf der andern Seite konnte der Reporter den Namen jederzeit im Standesamtsregister finden.

»Er hat sich mit Miss Verity Maple verheiratet.«

Der Reporter pfiff leise vor sich hin.

»Das ist doch nicht etwa die Nichte des Mannes, der …?«

Gold nickte. »Diese Geschichte können Sie bei Ihrem Bericht aber ruhig vergessen.«

Der Journalist steckte sein Notizbuch wieder in die Tasche.

»Mein Gedächtnis läßt mich selten im Stich, und an Miss Maple erinnere ich mich noch sehr deutlich«, sagte er trocken.

»Ich habe sie an dem Tag gesehen, an dem ihr Onkel auf so geheimnisvolle Weise verschwand.«

Sie standen immer noch auf der Treppe. Helder ging inzwischen auf und ab und wartete ungeduldig auf das Ende der Unterhaltung.

»Ich danke Ihnen sehr für Ihre liebenswürdige Auskunft«, sagte der Reporter und wollte eben die Treppe hinuntergehen, als er durch einen erstaunten Ausruf überrascht wurde.

Helder starrte an ihm vorbei in Richtung des Wohnzimmers. »Sehen Sie – dort«, flüsterte er aufgeregt.

Gold folgte seinem Blick und war starr vor Staunen.

Am Fenster stand Verity Bell – ihr Gesicht drückte Angst, fast Schrecken aus.

Sie schaute geistesabwesend auf die Straße hinunter. Das Licht einer Straßenlaterne fiel voll auf ihr verstörtes Gesicht. Dann bemerkte sie die drei Männer und verschwand schnell im Dunkel des Zimmers.

13

Inhaltsverzeichnis

»Haben Sie das gesehen?« fragte Helder atemlos. Er schien durch diese Entdeckung tief betroffen zu sein. Auch Golds Atem ging schneller, und kalter Schweiß trat auf seine Stirn. Es lag etwas Unheimliches in der plötzlichen Erscheinung dieser Frau, die seiner Ansicht nach längst auf dem Kontinent sein mußte.

Er stand unentschlossen am Fuß der Treppe und machte eine Bewegung, als ob er wieder hinaufsteigen wolle, ließ es aber dann doch sein.

Der Reporter blickte von einem zum andern, und Gold sah; daß seine Augen vor Erregung blitzten. Er witterte eine interessante Geschichte für seine Zeitung, und kein Mensch hätte ihn davon abbringen können, über diese Sache ausführlich zu berichten.

Trotzdem legte Gold seine Hand auf den Arm des Journalisten.

»Mr. Jackson, diese Angelegenheit sollte nicht in die Zeitung kommen. Ich bin davon überzeugt, daß es eine plausible Erklärung für das plötzliche Auftauchen von Mrs. Bell gibt.«

»Sicher wird sich eine finden lassen«, erwiderte Jackson höflich. Er schaute auf die Uhr, und Gold war aufs äußerste beunruhigt.

»Ich mache Sie noch darauf aufmerksam, daß Mr. Bell gerichtlich gegen jeden vorgehen wird, der etwas Nachteiliges über ihn berichtet«, versuchte Gold es nochmals.

»Das glaube ich Ihnen gern«, antwortete der durch nichts zu erschütternde Reporter. »Aber ich kann Ihnen versichern, daß mein Bericht im liebenswürdigsten Plauderton abgefaßt sein wird.«

Er verabschiedete sich von den beiden Männern mit einem kurzen Kopfnicken, und Gold wußte, daß weitere Versuche, ihn von seinem Vorhaben abzubringen, hoffnungslos waren.

Sie schauten dem Reporter nach, bis er außer Sicht war, und gingen dann langsam weiter.

»Was hat das nur zu bedeuten?« brach Helder schließlich aufgeregt das Schweigen. »Dahinter steckt doch etwas! Ich sage Ihnen, das ist eine ganz faule Sache. Comstock Bell ist zu allem fähig. Aber ich werde es schon herausbringen!«

Gold packte ihn am Arm.

»Was wollen Sie denn tun?« fragte er ärgerlich.

»Ich werde sofort zur Polizei gehen.«

»Die Mühe können Sie sich sparen«, erwiderte Gold kurz. »Ich nehme an, die Polizei wird bald genug alle Informationen, die sie braucht, in der Zeitung finden. Und ich sehe gar nicht ein«, fügte er trocken hinzu, »warum gerade Sie an den persönlichen Angelegenheiten Mr. Bells so großes Interesse haben sollen.«

Er sprach eindringlich, und Helder konnte die Drohung, die in seinen Worten lag, nicht überhören.

»Was soll das heißen?« entgegnete er heiser.

»Das werden Sie in den nächsten Tagen schon erfahren. Ich gebe Ihnen nur den Rat, sich gefälligst um Ihre eigenen Angelegenheiten zu kümmern.«

Helder schaute den Beamten böse an.

»Gold«, stieß er zwischen den Zähnen hervor, »ich weiß, daß es Ihnen Vergnügen macht, überall herumzuspionieren. Wenn Sie jetzt etwa versuchen wollen, mir gesellschaftlich zu schaden, dann werde ich dafür sorgen, daß Sie sich in keinem Londoner Klub mehr sehen lassen können. Verstehen Sie mich?«

Gold lachte.

»Ich weiß, daß Sie ein Gauner sind«, sagte er dann ruhig. »Und ich weiß auch, daß Sie in Verbindung mit der Bande stehen, die die Vereinigten Staaten mit nachgemachten Fünfzigdollarnoten überschwemmt. Bis jetzt habe ich keine Beweise gegen Sie in der Hand, aber ich sage Ihnen offen, daß ich nicht ruhen werde, bis ich meine Ansicht beweisen kann. Ihre Druckerei ist wahrscheinlich nichts anderes als eine raffiniert angelegte Fälscherwerkstatt. So, jetzt wissen Sie, was ich von Ihnen halte, und Sie können unternehmen, was Sie wollen.«

»Vergessen Sie nicht, Sie haben keine Beweise«, entgegnete Helder giftig.

»Beweise!« lachte Gold höhnisch. »Glauben Sie denn, daß ich mit Ihnen anders als durchs Gefängnisgitter sprechen würde, wenn ich Beweise hätte? Aber verlassen Sie sich darauf, ich werde noch welche finden.«

Sie standen sich unter einer Straßenlaterne gegenüber. Golds Gesicht war blaß vor Ärger – zum erstenmal in seiner beruflichen Laufbahn hatte er sich dazu hinreissen lassen, einen Gegner zu warnen. Seine Nerven waren eben nicht mehr die besten, seitdem ihm seine Vorgesetzten in Washington jeden Tag einen bitterbösen Brief mit ungerechten Vorhaltungen schickten.

»Aha, so steht es also«, sagte Helder nach einer langen Pause. »Gut, daß Sie mich gewarnt haben – ich werde mich in acht nehmen.«

Gold nickte.

»Tun Sie, was Sie wollen. Was Mrs. Comstock Bell betrifft, so steht es Ihnen ja frei, zur Polizei zu gehen. Ich könnte mir nur denken, daß es in Ihrem eigenen Interesse besser wäre, wenn Sie die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit nicht zu sehr auf sich lenkten!«

Ohne einen Gruß trennten sie sich.

Gold hätte sich selbst ohrfeigen können, daß er so unvorsichtig gewesen war. Dieser letzte Vorfall würde seine Schwierigkeiten noch bedeutend vermehren. Völlig falsch war er vorgegangen – selbstverständlich hätte er die Druckerei in Shropshire von der Polizei durchsuchen lassen müssen, bevor das Emigrantenblatt sein Erscheinen einstellen und die Belegschaft sich in alle Himmelsrichtungen zerstreuen würde. Jetzt war es für diese Aktion zu spät.

Verärgert machte er sich auf den Heimweg. Zu Hause erinnerte er sich plötzlich, daß sein eigener Diener mit Parker bekannt war, und klingelte ihm sofort.

»Cole«, sagte er hastig, »sind Sie nicht mit Parker, dem Diener Mr. Bells, bekannt?«

»O ja, Sir, wir sind gute Freunde.«

»Mr. Bell hat ihm heute freigegeben – wo glauben Sie wohl, daß man ihn finden könnte?«

»Meinen Sie jetzt gleich?« fragte Cole erstaunt.

»Noch heute Nacht, ja.«

»Wahrscheinlich ist er zu seiner Schwester gefahren; sie ist die einzige Verwandte, die er in London hat.«

»Wo wohnt sie?«

»In Dalston, Sir. Ich kenne das Haus.«

Gold hatte seinen Plan bereits gemacht.

»Nehmen Sie ein Taxi, fahren Sie hin und bringen Sie Parker hierher. Wie Sie ihn überreden, ist mir gleichgültig – aber bringen Sie ihn her.

Es wäre gut, wenn ich die Angelegenheit möglichst bald regeln könnte«, murmelte Gold vor sich hin, als Cole gegangen war. »Morgen wird die ganze Geschichte in allen Zeitungen stehen …«

Er setzte sich in einen Sessel und versuchte zu lesen, aber immer wieder sah er das schreckensbleiche Gesicht Veritys hinter der Fensterscheibe vor sich. Er warf sein Buch in eine Ecke und ging ruhelos im Zimmer auf und ab.

Endlich hörte er die Haustür zuschlagen, und gleich darauf stand Parker vor ihm.

»Sie haben doch einen Schlüssel von Mr. Bells Haus?« fragte Gold sofort, nachdem er ihn begrüßt hatte.

»Ja, Sir.«

»Dann kommen Sie bitte gleich mit mir in das Haus Mr. Bells.«

»Ist etwas passiert?« fragte Parker bestürzt.

»Nichts – hm, nichts von Bedeutung«, entgegnete Gold ungeduldig. Er hielt es nicht für richtig, den Mann ins Vertrauen zu ziehen.

In einem Taxi fuhren sie zum Cadogan Square. Es war schon lange nach Mitternacht, der Platz lag einsam und verlassen da. Parker öffnete die Haustür.

»Einen Augenblick, Sir«, sagte er und knipste das Licht an.

»Gehen Sie zuerst nach oben und klopfen Sie an die Tür Mr. Bells – sehen Sie nach, ob er zu Hause ist.«

»Aber, Sir …«

»Tun Sie, was ich Ihnen gesagt habe«, knurrte Gold in einem Ton, der keinen Widerspruch zuließ.

Parker gehorchte und eilte die Treppe hinauf. Nach einigen Minuten kam er wieder zurück.

»Waren Sie im Zimmer von Mr. Bell?«

»Jawohl, Sir, es war niemand dort.«

»Was ist das hier für ein Raum?« fragte Gold und zeigte auf eine Tür.

»Das Wohnzimmer, Sir.«

»Bitte öffnen Sie es.«

Die Tür war nicht verschlossen.

»Das ist merkwürdig«, murmelte Parker. »Ich weiß bestimmt, daß die Tür verschlossen war, als ich das Haus verließ.«

»Hat außer Ihnen noch jemand einen Schlüssel?«

»Soviel ich weiß nur Mr. Bell.«

Gold öffnete die Tür, trat ein und drehte das elektrische Licht an. Das Zimmer war leer.

Der Beamte atmete tief und zog die Luft durch die Nase ein.

»Riechen Sie nichts, Parker?«

»Ja, es riecht ganz merkwürdig.«

Ein schwerer Veilchenduft lag in der Luft.

Gold prüfte den Raum eingehend. Die Möbel standen an der gewohnten Stelle und auch sonst schien alles in Ordnung zu sein. Nur auf der Fensterbank entdeckte er einen kleinen, flachen Gegenstand. Er nahm ihn und steckte ihn in die Tasche. Es war einer der Umschläge, die man von den Reisebüros zusammen mit den Fahrkarten bekommt. Offensichtlich hatte Comstock Bell seine Reise nach Wien bei Cook gebucht.

Die Durchsuchung des übrigen Hauses brachte keinen Erfolg. Das ganze Gebäude war leer, und Mrs. Comstock Bell war spurlos verschwunden.

»Ich glaube, das genügt, Parker«, sagte Gold, als er fertig war.

»Es ist doch nicht eingebrochen worden?« fragte Parker. ängstlich.

Gold schüttelte nur den Kopf, verabschiedete sich und fuhr zu seiner Wohnung zurück. Seine Hoffnung, daß Verity während seiner Abwesenheit vielleicht dagewesen wäre, erfüllte sich aber nicht.

Nur ein Telegramm und ein Eilbrief warteten auf ihn. Es war jedoch keine Nachricht von Comstock Bell. Der Brief kam von Scotland Yard und enthielt nur die kurze Mitteilung:

»Wir haben Willetts heute abend um elf Uhr verhaftet.«

Gold nickte. Er hatte Scotland Yard gebeten, ihn über alles, was Willetts betraf, auf dem laufenden zu halten.

Das Telegramm aber war von seinem unmittelbaren Vorgesetzten in Washington und enthielt die folgende Aufforderung:

»Sofort nach Washington kommen – Aussprache notwendig – reisen Sie mit der ›Turanic‹.«

Gold fluchte leise, als er erfuhr, daß die ›Turanic‹ schon am nächsten Tag abdampfte. Er verbrachte die Nacht mit Packen und verließ London morgens um sechs Uhr.

Helder hörte im Klub von der Verhaftung; einer seiner Agenten teilte ihm die Neuigkeit telefonisch mit. Er ging ins Lesezimmer, setzte sich in einen Sessel und dachte gerade über die Ereignisse des Abends nach, als ihm ein Telegramm überreicht wurde, das zwei Stunden zuvor in New York aufgegeben worden war. Er öffnete den Umschlag und las:

»Dringend. Kommen Sie mit der ›Turanic‹ nach New York.«

Das Telegramm stammte von einem Mann, dessen Aufforderung Helder unter allen Umständen nachkommen mußte. Er eilte nach Hause und traf seine Vorbereitungen. Und am nächsten Morgen begegnete Gold auf dem Euston-Bahnhof dem Mann, den er jetzt am wenigsten zu sehen wünschte. Die beiden fuhren zusammen über den Atlantik, ohne auf der ganzen Reise ein Wort miteinander zu sprechen.

Während Gold und Helder in Amerika ihren Geschäften nachgingen, fragte man sich in London: Wo sind die Comstock Bells geblieben?

Das ›Post Journal‹ brachte diese Frage fettgedruckt als Überschrift eines Artikels, und natürlich machte die Zeitung aus der ganzen Sache eine Sensation. Sie erging sich in geheimnisvollen Vermutungen, die darin gipfelten, daß das Ehepaar heimlich nach London zurückgekehrt sei, um dort seine Flitterwochen zu verleben. Schließlich hatten ja Reporter das junge Paar überall auf dem Kontinent ohne den geringsten Erfolg gesucht. Und hatte nicht Jackson Mrs. Verity Bell in ihrem Haus gesehen?

Die Konkurrenzblätter des ›Post Journal‹ gaben natürlich ihrer Ansicht Ausdruck, daß Mr. Jackson sich getäuscht hätte oder daß die Geschichte überhaupt erfunden worden wäre, um die Auflagenhöhe zu steigern. Daraufhin versuchte Jackson die beiden Männer wiederzufinden, die mit ihm zusammen Verity Bell gesehen hatten; aber er konnte nur feststellen, daß sie sich nicht mehr in London aufhielten.

Am sechsten Tag nach dem Erscheinen der aufsehenerregenden Story traf in der Redaktion des ›Post Journal‹ ein Brief ein, der in Luzern aufgegeben worden war. Er war mit Maschine auf einem Briefbogen des Swizerhof-Hotels getippt und lautete:

»Sehr geehrte Herren,

wir haben mit großem Interesse, aber auch mit großer Verwunderung die Ausführungen Ihres Berichterstatters gelesen, der sich den Kopf darüber zerbricht, wo wir unsere Flitterwochen verbringen – obwohl wir eigentlich nicht ganz verstehen können, warum sich die Öffentlichkeit so mit unseren Privatangelegenheiten beschäftigt.

Sehr dankbar wären wir Ihnen, wenn Sie uns in Zukunft nicht mehr mit solchen Veröffentlichungen belästigen würden. Als Privatpersonen legen wir Wert darauf, in Ruhe gelassen zu werden, und erwarten, daß Sie dies unseren vielen Freunden in London bekanntgeben. Wenn Sie schon so sehr um unser Wohlergehen besorgt sind, dann bitten wir Sie, sich um uns und unsere Reise nicht weiter zu kümmern.«

Unterschrieben war der Brief mit »Comstock Bell«. Unter diesem Namen stand in einer weicheren Handschrift »Verity Bell.«

Der Chefredakteur des ›Post Journal‹ gab das Schreiben dem sehr niedergeschlagenen Jackson. Die unhöflichen Begleitworte dazu strömten wie ein gewaltiger Sturzbach auf das Haupt seines Untergebenen.

»Ihr Bericht hat uns ja in eine schöne Situation gebracht! Jetzt stehen wir als die Dummen da!«

Jackson war klug genug, nichts zu erwidern. Der Chefredakteur zitierte den Lokalredakteur herbei und gab ihm den Brief.

»Machen Sie irgendeinen Artikel daraus! Schreiben Sie vor allem, daß wir jetzt beruhigt sein können, daß sich das junge Paar bei guter Gesundheit und wohlauf befindet – unser Interesse wäre ja nur durch die Sorge um das Wohlergehen der beiden bedingt gewesen …«

»Aber wäre es nicht doch ratsam«, unterbrach ihn Jackson, »zunächst einmal bei unserem Korrespondenten in Luzern anzufragen, ob die Bells tatsächlich dort im Hotel gewohnt haben?«

Der Chefredakteur wurde um noch einige Grade böser.

»Ich wüßte nicht, warum wir noch mehr Zeit und Kraft auf diese Sache verschwenden sollen«, sagte er energisch. »Wenn die Bells herausbekommen, daß wir hinter ihnen herspionieren, können sie recht unbequem werden. Außerdem ist es jetzt acht Uhr, nach Schweizer Zeit also neun Uhr. Ich fürchte, die Antwort würde sowieso nicht mehr rechtzeitig für unsere Abendausgabe da sein.«

»Trotzdem können wir es versuchen.«

Um elf Uhr dreißig kam der zweite Redakteur in das Büro seines Vorgesetzten.

»Es ist wirklich bedauerlich, daß die Geschichte von dem geheimnisvollen Verschwinden Comstock Bells jetzt aufgeklärt ist«, sagte er und setzt sich seinem Chef gegenüber. »Wir haben heute auch nicht eine einzige interessante Nachricht, die eine effektvolle Schlagzeile abgeben könnte.«

»Das habe ich mir schon gedacht. Ist denn bei Gericht in Old Bailey nichts los?«

»Nur ein oder zwei Fälle«, entgegnete der andere gelangweilt. »Ein gewisser Willetts wurde wegen Fälschung einer Fünfzigpfundnote angeklagt.«

»Na, da haben wir wenigstens etwas – das ist doch auch ein außergewöhnlicher Fall! Können Sie denn daraus nichts machen?«

Der zweite Redakteur schüttelte den Kopf.

»Die Sache war schon vor zehn Jahren, und der Mann hat seine Schuld glatt eingestanden. Außerdem wurde die Fälschung in Paris begangen, und es handelte sich nur um eine einzige Banknote.«

»Wie lautete das Urteil?«

»Ein Jahr Gefängnis.«

»Warten Sie mal«, meinte der Chefredakteur und rieb sich nachdenklich die Stirn. »War das nicht zu der Zeit, als eine Anzahl junger Leute den ›Klub der Verbrecher‹ gründete?«

Der andere nickte.

»Stimmt. Bei der Gerichtsverhandlung ist aber nichts davon erwähnt worden. – Am besten wird es sein, wenn wir die Vorgänge in der heutigen Parlamentssitzung zu einer guten Geschichte verarbeiten.«

In diesem Augenblick wurde ihm ein Telegramm gebracht. Er las es aufmerksam durch und reichte es dann schweigend seinem Vorgesetzten.

»Hm!« machte der Chefredakteur. »Das ist allerdings äußerst merkwürdig!«

Das Telegramm hatte folgenden Wortlaut:

»Weder Mr. noch Mrs. Comstock haben im Hotel ›Swizerhof‹ gewohnt. Sie sind in Luzern auch nicht gesehen worden.«

»Wer hat uns das geschickt?« fragte der Chefredakteur.

»Einer unserer Mitarbeiter, der gerade seinen Urlaub in Luzern verbringt.«

Der Chefredakteur klingelte.

»Das ist ein ausgezeichnete Geschichte. – Rufen Sie Mr. Jackson – ich möchte ihn gleich sprechen« – dies galt seiner Sekretärin, die inzwischen eingetreten war. »Jackson soll diese Sache ausarbeiten. Also liefert uns das Verschwinden von Mr. Bell doch wieder glänzendes Material.«

Jackson kam herein, und der Chefredakteur gab ihm das Telegramm.

»Machen Sie einen guten Artikel daraus; aber schnell!«

14

Inhaltsverzeichnis

Wentworth Gold kehrte Ende Mai nach England zurück. Er hatte seine Angelegenheiten aufs beste geordnet; seine Vorgesetzten sahen jetzt endlich ein, wie schwierig seine Aufgabe war, und behandelten ihn äußerst zuvorkommend.

Helder war ihm während seines Aufenthalts in Washington nicht begegnet. Er wußte auch nicht, daß Helders Besuch einen sehr dringenden Grund hatte. Die große Falschmünzerorganisation war durcheinandergeraten. Nachrichten, nach denen die dringende Gefahr der Entdeckung bestand, hatten alarmierend gewirkt, und es wurde jetzt versucht, die Arbeitsmethoden von Grund auf zu ändern.

Helder fuhr einige Tage früher als Gold zurück.

Auf der Rückreise nach England hatte Gold genügend Zeit, über Comstock Bell und dessen Frau nachzudenken. Die amerikanischen Zeitungen, die sich in großer Aufmachung mit dem Fall beschäftigt hatten, waren nicht zuletzt die Ursache gewesen, daß er jeden Tag an seinen merkwürdigen Freund erinnert wurde.

Vor allem war es der Fund, den Gold in Comstocks Haus am Cadogan Square gemacht hatte, an dem er herumrätselte. Es handelte sich um die Papphülle des Cookschen Reisebüros. Zwei Fahrkartenhefte waren darin gewesen, auf denen jeweils nur die Billetts von London nach Dover und von Dover nach Calais fehlten. Für die übrige Reise bis nach Wien waren noch alle Fahrkarten vorhanden. Nun wäre es ja möglich gewesen, daß Bell die Fahrkarte nach Dover und die Schiffskarte nach Calais vorher herausgenommen und die übrigen Fahrkarten zu Hause liegengelassen hätte. Seltsamerweise aber war die Karte von Calais nach Amiens gelocht, und das wiederum stand im Gegensatz zu der Vermutung, daß Bell die Fahrkarten bei seiner Abreise vergessen hatte.

Gold erwartete mit Sicherheit, bei seiner Ankunft in London zu erfahren, daß Comstock Bell von seiner Hochzeitsreise zurückgekehrt sei – sehr erstaunt war er, statt dessen einige Briefe von ihm vorzufinden. Einer war in Paris am Tag nach der Ankunft des Brautpaares aufgegeben worden, ein anderer, auf das Briefpapier des Swizerhof-Hotels geschrieben, kam aus Luzern. In beiden Briefen berichtete Bell von der Reise, erzählte von kleinen Erlebnissen, beschrieb das Wetter, und drückte die Hoffnung aus, daß es in London besser sei. Der dritte Brief stammte aus Wien und machte das Geheimnis nur noch undurchsichtiger. Vor allem stand in keinem der Schreiben ein Wort über den Verlust der Fahrkarten – und gerade über solche kleinen Unannehmlichkeiten ärgern sich Reisende für gewöhnlich, selbst wenn sie noch so reich sind.

Gold mußte sich eingestehen, daß er die Zusammenhänge in keiner Weise verstand. Er wußte nicht mehr ein noch aus. War es möglich, daß diesmal sein kriminalistischer Spürsinn so versagt hatte? Er mußte Licht in diese dunkle Angelegenheit bringen! Und es war ihm dabei ganz gleichgültig, daß er mit Comstock Bell befreundet war – er wäre der Sache jetzt nachgegangen, auch wenn es sich um seinen eigenen Bruder gehandelt hätte.

Am Tag nach seiner Ankunft erhielt Gold einen Brief von Scotland Yard, in dem er aufgefordert wurde, zu Chefinspektor Symons zu kommen.

Dieser Beamte galt als äußerst tüchtig. Er war ein hagerer, großer Mann mit einer beginnenden Glatze. Seine blauen Augen konnten so durchdringend blicken, daß schon mancher Verbrecher vor ihnen kapituliert hatte.

Als Gold das Büro des Chefinspektors betrat, begrüßte ihn der Beamte freundlich und schob ihm einen Stuhl hin.

»Setzen Sie sich bitte Mr. Gold«, sagte er. »Ich habe nach Ihnen geschickt, weil ich Sie bitten möchte, uns bei dieser Comstock-Bell-Affäre zu helfen. Die Zeitungen können sich ja nicht beruhigen – und sie würden noch sensationellere Überschriften drucken, wenn sie das wüßten, was wir wissen.«

Gold trat ans Fenster und schaute auf das Themseufer.

»Ich kann eigentlich nicht ganz einsehen«, sagte er dann ein wenig ärgerlich, »warum man so viel Wesens um die Sache macht.«

Der Beamte lächelte ironisch.

»Kommt Ihnen denn an der Geschichte nichts seltsam vor?«

»Natürlich, sie ist recht merkwürdig – aber auf was wollen Sie hinaus?«

»Bringen Sie Bells Verschwinden nicht auch noch mit anderen Dingen in Zusammenhang, die gerade Sie sehr viel angehen?«

»Sie denken an die Banknotenfälschungen?« fragte Gold überrascht. »Nein – warum denn?«

»Für gewöhnlich halte ich nicht viel von anonymen Briefen«, entgegnete Symons nachdenklich, »aber die Briefe, die ich kürzlich in dieser Angelegenheit erhielt, gingen so ins Detail und enthielten so viel schlüssige Beweise, daß ich sie in gewisser Weise ernst nehmen muß. Es werden Vermutungen darin ausgesprochen, die man nicht von der Hand weisen kann.«

»Zum Beispiel?« fragte Gold.

»Ist es vielleicht nicht merkwürdig, daß ausgerechnet die beiden Menschen, die das Mittel zur Entdeckung der Fälschungen kannten, spurlos verschwanden? Der eine war Maple …«

»Und der andere?«

»Natürlich seine Nichte.«

»Aber sie …«

»Sie kannte wahrscheinlich die Zusammensetzung der geheimnisvollen Flüssigkeit ganz genau. Es ist kaum anzunehmen, daß sie in demselben Haus wie ihr Onkel lebte, ohne von ihm ins Vertrauen gezogen worden zu sein. Und sieben Tage nach Maples Verschwinden heiratete Comstock Bell ausgerechnet Verity Maple – ein Mädchen, das ganz außerhalb seines Bekanntenkreises stand.«

Gold war betroffen.

»Es ist wirklich seltsam«, gab er zu, »aber vielleicht läßt sich doch eine einleuchtende Erklärung finden.«

»Das wünschte ich auch. Auf alle Fälle müssen wir der Sache nachgehen. Die Zeitungen berichten, daß das Paar London an seinem Hochzeitstag verlassen hat und auch in Paris eingetroffen ist – aber Mrs. Bell wurde doch gleichzeitig hier in London gesehen, nicht wahr?«

Er sah Gold scharf an.

Der Beamte nickte.

»Ja, sie war in London«, entgegnete er ernst.

Die Sache hatte sich jetzt so verwickelt, daß freundschaftliche Rücksichten auf Bell nicht mehr in Frage kamen.

»Wir haben also jetzt zwei Aufgaben vor uns«, meinte der Chefinspektor. »Einmal müssen wir den Aufenthaltsort von Verity Bell ermitteln und zum andern ihren Onkel wieder auffinden. Wenn wir wissen, wo sich die beiden aufhalten, sind wir bestimmt ein Stück weiter gekommen. Ich habe mir gedacht, daß es am besten ist, wenn wir Sie von allen unseren Schritten in dieser Angelegenheit unterrichten, und ich hoffe, daß wir mit Ihrer Mitarbeit rechnen können.«

Gold nickte höflich.

»Ich stehe selbstverständlich zu Ihrer Verfügung, nur muß ich Sie bitten, mir noch zwei Mitarbeiter zu überlassen.«

»Sie können so viel Leute haben, wie Sie brauchen«, entgegnete Chefinspektor Symons.

»Am besten schicken Sie die beiden zu mir nach Hause«. Ich möchte nämlich einen gewissen Helder beobachten lassen.«

»Helder?«

Symons runzelte die Stirn.

»Ja«, sagte Gold ruhig. »Er ist der Absender der anonymen Briefe.«

Der Chefinspektor schaute seinen Besuch einen Augenblick lang erstaunt an, dann begleitete er ihn bis zur Tür und verabschiedete sich von ihm.

Gold trat auf die belebte Straße hinaus. Er hatte jetzt einen bestimmten Plan und wollte keine Zeit verlieren, ihn auszuführen. Die beiden Beamten würden bestimmt gut auf Helder aufpassen. Aber Comstock Bell – sollte er tatsächlich auch mit dieser Falschmünzerbande in Verbindung stehen? Gold verzog grimmig den Mund.

Er gab eine Reihe von Telegrammen auf, und seine Agenten, die an allen möglichen Orten arbeiteten, schickten ihm nacheinander ihre Berichte.

Um neun Uhr abends verließ Gold seine Wohnung in Begleitung zweier Herren. Es blies ein scharfer Ostwind, und alle drei fröstelten, als sie rasch in eine Nebenstraße einbogen, wo ein Wagen auf sie wartete.

»Haben Sie den Haftbefehl?« wandte sich Gold an seinen Begleiter. Der Kriminalbeamte nickte.

»Ist es auch der Mann, den ich meinte?«

» Ja, Sir. Man konnte ihn nicht verwechseln. Er hat eine Narbe am Kinn und war offensichtlich betrunken. Ich folgte ihm von Soho zur Great Central Station. Dort traf er mit dem Amerikaner zusammen.«

»Und von dort aus sind Sie den beiden bis zu ihren Wohnungen nachgegangen?«

»Nein. Den Amerikaner haben wir aus den Augen verloren.«

Der Wagen fuhr jetzt die belebte High Street und die Comercial Road entlang. Als sie die Sidney Street hinter sich gelassen hatten, hielten sie in einer engen Straße.

»Ich habe absichtlich diese Stelle gewählt«, erklärte Gold, »weil hier der Bühnenausgang eines Konzertsaals ist, vor dem dauernd Autos parken.«

Der eine Beamte übernahm die Führung. Sie gingen an dem Bühnenausgang vorbei, bogen in eine andere Straße ein, überquerten sie und befanden sich dann in einer der verkehrsreichen Straßen des östlichen Stadtteils. Die Umgebung war armselig und wenig einladend. Obwohl es schon spät war, trieben sich noch eine Menge Kinder vor den Haustüren herum.

Die drei Männer erregten weiter keine Beachtung; Polizeibesuche waren in dieser Gegend ziemlich häufig.

Sie schritten schnell aus und kamen in ein Gäßchen, das noch ärmlicher und verfallener wirkte als die andern, die sie schon passiert hatten. Hier war kaum jemand zu sehen, nur ab und zu huschte eine dunkle Gestalt an den Häuserwänden entlang. Vor einer der Haustüren stand ein Mann, der offensichtlich auf sie wartete.

»Hier ist es«, sagte einer der Beamten.

Gold öffnete die Tür und trat ein, die anderen folgten dicht hinter ihm. Er hatte kaum einen Schritt gemacht, als ihm im Hausgang ein Mann begegnete.

»Was gibt’s?« fragte er argwöhnisch.

Gold leuchtete ihm mit seiner Taschenlampe ins Gesicht.

»Wo ist der Russe?« erkundigte er sich scharf.

»Eine Treppe hoch«, entgegnete der Mann bereitwillig. Offensichtlich war er froh, daß der Polizeibesuch nicht ihm galt.

»Nach vorn oder nach hinten?«

»Hinten hinaus. Gleich das erste Zimmer von der Treppe aus.«

Gold eilte hinauf, so schnell er konnte. Die Kriminalbeamten hielten sich hinter ihm.

Er hatte die Tür erreicht und versuchte, sie leise zu öffnen. Sie war verschlossen. Vorsichtig klopfte er, doch es meldete sich niemand. Erst als er mit der Faust dagegenschlug, hörte man jemand auf die Tür zuschlurfen.

»Wer ist draußen?« fragte eine rauhe Stimme.

Gold sagte etwas in einer Sprache, die die Beamten nicht verstanden.

Sie warteten gespannt. Endlich drehte sich ein Schlüssel im Schloß, und die Tür wurde einen Spalt breit geöffnet.

Gold stieß sie ganz auf und trat über die Schwelle. Auf den ersten Blick sah er, daß der Mann, den er suchte, vor ihm stand. Er erkannte ihn genau nach der Beschreibung, die Narbe am Kinn war nicht zu übersehen. Offensichtlich hatte er getrunken und wollte gerade seinen Rausch ausschlafen.

»Wer sind Sie?« fragte er und blinzelte in den grellen Strahl der Taschenlampe.

»Machen Sie Licht«, wandte sich Gold an einen Begleiter.

Der Beamte schaute sich im Zimmer um, entdeckte auf dem Tisch eine kleine Petroleumlampe und zündete sie mit einem Streichholz an.

Der Raum war nicht mehr als ein elendes Loch; außer einem schmutzigen Bett und einem Stuhl enthielt er nichts.

»Sie sind verhaftet«, sagte Gold auf russisch zu dem Mann. »Hände hoch, los!«

Der Lauf seiner Pistole zielte auf die Magengrube des Russen, und der hob widerwillig die Hände. Gleich darauf schnappten ein Paar Handschellen über seinen Handgelenken zusammen.

»Setzen Sie sich auf den Stuhl dort«, befahl Gold. »Wenn Sie uns alles erzählen, was Sie wissen, wird Ihnen nicht viel passieren.«

»Ich werde Ihnen nichts erzählen«, erwiderte der Mann verdrossen.

Sie durchsuchten den Raum gründlich und revidierten auch alle Taschen des Verhafteten. Leider fanden sie nichts, was ihnen irgendeinen Aufschluß hätte geben können – weder Briefe noch Papiere und selbst keine noch so kleine Notiz. Nur aus der hinteren Hosentasche zogen sie einen Browning heraus. Während der Untersuchung hatte sich einer der Beamten entfernt, und als Gold die Lampe ausblies und seinen Gefangenen nach unten führte, wartete schon der Wagen vor der Tür.

Schnell schoben sie den Russen hinein, und bevor noch die Bewohner der Little John Street merkten, was vorgefallen war, fuhr das Auto in westlicher Richtung davon.

15

Inhaltsverzeichnis

Der Raum war groß und langgestreckt. Früher hatte eine Möbeltischlerei ihre Werkstatt darin untergebracht, doch jetzt saßen an kleinen Tischen und Pulten Leute, die im Schein starker Lampen fleißig und schweigsam arbeiteten. Vom einen Ende des Raumes hörte man durch eine Holzwand das eintönige Stampfen einer Maschine.

Die Leute, die hier beschäftigt waren, setzten sich fast ausschließlich aus Ausländern zusammen. Es waren Druckereifacharbeiter, Lithographen und Graveure, und sie beschäftigten sich mit Arbeiten, die es durchaus nicht nötig hatten, sich vor dem Auge des Gesetzes zu verbergen. Es handelte sich hauptsächlich um die Herstellung von Kunstdrucken, für die auf dem Kontinent eine verhältnismäßig große Nachfrage bestand.

Nachfrage bestand auch für die Produkte, die die kleine Maschine im Hintergrund in gleichmäßigen Abständen auswarf – es waren vollendet gedruckte Fünfdollarnoten.

Die Druckmaschine war kleiner als die üblichen Banknotenpressen, doch waren die Scheine, die sie lieferte, tadellos. Auch ein geübtes Auge konnte keinen Fehler an ihnen entdecken.

Ein untersetzter Mann saß auf einem Stuhl neben der Maschine. Er kaute auf dem erloschenen Stummel einer Zigarre herum, seinen weichen Filzhut hatte er in den Nacken geschoben, die Hände tief in die Hosentaschen vergraben.

So lässig er dasaß, so scharf beobachtete er doch den Gang der Druckmaschine und jede Bewegung des Druckers, der die ausgeworfenen Scheine in kleine Bündel ordnete und sie dann sachgemäß mit einem Streifband versah. Als hundert solcher Bündel verpackt waren, legte der Mann auf dem Stuhl einen Schalter um, und die Maschine kam zum Stillstand.

»Genug für heute abend«, sagte er.

Mit einigen Handgriffen löste der Drucker die Platte, von der die Banknoten gedruckt worden waren, reinigte sie sorgfältig mit einer scharfriechenden Flüssigkeit und wickelte sie dann in Seidenpapier. Der Mann auf dem Stuhl streckte die Hand aus, nahm die Platte und steckte sie in seine Brusttasche. Er wartete noch, bis der Drucker eine Platte in die Maschine gespannt hatte, von der Etiketten für Lagerbier abgezogen wurden. Dann nahm er das übriggebliebene Banknotenpapier unter den Arm, schob die fertig gedruckten Noten in eine Aktentasche und öffnete die kleine Tür, die früher in das Büro des Möbeltischlers geführt hatte.

Dort schloß er einen Geldschrank auf, legte Banknotenpapier und Aktentasche hinein und verschloß die große Stahltür sorgfältig.

Von einem Tischchen nahm er eine Flasche Whisky und ein Glas. In letzter Zeit war er sehr nervös geworden. Verschiedentlich hatte es falschen Alarm gegeben, und besonders seit einigen Wochen mußte er ständig in der Furcht leben, daß die Polizei überraschend an die Tür klopfte.

Er goß sich einen kräftigen Schluck ein, trank aus und seufzte befriedigt. Morgen würden alle Banknoten sauber verpackt in zweihundert verschiedenen Briefumschlägen an die zweihundert Agenten in den Vereinigten Staaten abgeschickt werden, und so weiter jeden Tag dieser Woche.

Es war jetzt ein größerer Vorrat an Banknoten gedruckt worden, und die Platten würden trotzdem noch eine ganze Menge aushalten. Außerdem waren schon wieder neue in Vorbereitung, die einer der ersten Spezialisten auf diesem Gebiet graviert hatte – allerdings ganz gegen seinen Willen.

Er sah nach der Uhr – Viertel nach acht. Gemächlich schlenderte er durch den kleinen Maschinenraum zu der großen Werkstatt.

»Sie können für heute abend Schluß machen«, sagte er zu dem Meister, einem älteren Mann, der mit einer starken Lupe gerade eine Autotypie untersuchte.

Die Arbeitsstunden hier waren ganz unregelmäßig. Er richtete es immer so ein, daß die mit ehrlicher Arbeit beschäftigten Leute auch an ihren Pulten saßen, wenn die kleine Notenpresse in Betrieb war. Als weiteres Mittel, das dem ganzen Unternehmen einen harmlosen Anstrich geben sollte, diente die kleine Zeitung Helders, die in einem angrenzenden Nebengebäude gedruckt wurde.

Außer ihm und seinem Chef waren nur noch zwei Leute in das Geheimnis eingeweiht. Einer von beiden war der Drucker, der vormittags noch in einer anderen Stellung arbeitete. Er war ein verschwiegener Mann, auf den man sich verlassen konnte. Helder hatte ihn mit größter Sorgfalt ausgewählt.

Über den zweiten dagegen machte sich Tiger Brown Sorgen: Die Tatsache, daß dieser Mann ein Trinker war, hatte ihm schon manche schlaflose Nacht bereitet.

Es klopfte leise an die Hintertür des Büros, in das Brown inzwischen wieder zurückgegangen war. Tiger drehte das Licht aus und öffnete vorsichtig. Diese zweite Tür führte direkt in einen Schuppen und von dort ins Freie.

»Schon gut, ich bin’s.«

Mit diesen Worten trat Helder ein und schloß die Tür.

»Haben Sie bis jetzt gedruckt?«

»Vor zehn Minuten sind wir fertig geworden«, entgegnete Brown.

»Sehen Sie zu, daß Sie noch heute nacht alles fortsenden können.«

Helder war äußerst aufgeregt und nervös.

»Was ist denn los?« fragte Brown scharf.

»Ich weiß es selbst nicht genau«, war die mürrische Antwort. »Ich werde das Gefühl nicht los, daß mir jemand auf Schritt und Tritt folgt.«

»Dann ist es ausgesprochen blödsinnig, daß Sie hierherkommen«, fuhr Tiger ihn ziemlich respektlos an.

»Ich mußte aber noch heute abend mit Ihnen sprechen«, entgegnete Helder hastig. »Brown, die Sache wird im höchsten Grade brenzlig. Verbrauchen Sie so schnell wie möglich alles vorrätige Notenpapier, und vernichten Sie dann die Platten. Wir müssen die Druckerei hier schließen, verstanden?«

Tiger Brown nickte; offensichtlich fiel ihm ein Stein vom Herzen.

»Je eher, desto besser! Wir haben schon viel zu lange gewartet. Seitdem Iwan verhaftet worden ist, brennt mir der Boden unter den Füßen.«

»Verhaftet worden?« Helder taumelte fast. »Warum ist er verhaftet worden? Und wann ist das passiert?« Sein Gesicht war kreidebleich geworden, seine Hände zitterten. »Wenn er nicht die Klappe hält, sind wir verloren. Und es sollte mich wundern, wenn ihn Gold nicht zum Sprechen bringt! Wo ist er?«

»Das weiß ich selber nicht. Glauben Sie vielleicht, daß es zu meinen Lieblingsbeschäftigungen gehört, in den einzelnen Polizeigefängnissen nachzufragen? Was seine Schweigsamkeit betrifft, so können wir übrigens ziemlich beruhigt sein. Reden tut er eigentlich nur, wenn er besoffen ist – und zu einem Rausch wird ihm die Polizei ja wohl kaum verhelfen.«

»Warum haben Sie mich denn nicht benachrichtigt?« fragte Helder und fluchte leise, »jetzt können wir nur hoffen, daß Iwan dichthält – dann kommen wir vielleicht noch einmal mit einem blauen Auge davon. Glücklicherweise ist die Polizei halb davon überzeugt, daß Comstock Bell mit der ganzen Geschichte zusammenhängt. Man sucht ganz Europa nach ihm ab! Und solange man hinter ihm her ist, läßt man uns hier hoffentlich in Ruhe.«

»Aber nehmen Sie doch einmal an, er taucht plötzlich wieder auf«, meinte Brown.

»Ich glaube kaum, daß das geschieht«, entgegnete Helder lächelnd. »Der Verdacht, den ich habe, scheint sich zu bestätigen; morgen werde ich mich vergewissern können, ob ich richtig vermute. Übrigens sind tatsächlich fast alle amtlichen Stellen in London der Ansicht, daß Comstock Bell in Zusammenhang mit der Falschgeldaffäre steht.«

»Was sagt man denn in London sonst noch über die falschen Banknoten? Ich habe schon seit Tagen keine Zeitung mehr gelesen.«

Helder sah ihn erstaunt an.

»Na, das sollten Sie aber tun, mein Lieber. Die amerikanische Regierung hat … «

Er brach plötzlich ab, weil er sich überlegte, daß es eigentlich gar nicht klug sei, diesem Mann zu erzählen, daß eine Belohnung von einer Million Dollar für denjenigen ausgesetzt war, der entscheidend zur Festnahme der Falschgeldbande beitrug.

»Was hat die, amerikanische Regierung getan?« erkundigte sich Brown neugierig.

»Sie hat eine große Belohnung ausgesetzt«, entgegnete Helder ruhig. Tiger würde es ja auf irgendeine Weise doch erfahren. »Diese Belohnung wird an jedermann ausgehändigt, mit Ausnahme der Leute, die direkt an den Fälschungen beteiligt sind.« Er betonte jedes Wort des letzten Satzes. »Das heißt, zwei bekommen diese Belohnung unter keinen Umständen – nämlich Sie und ich.«

Tiger Brown schenkte sich ein neues Glas Whisky ein. Helder beobachtete ihn, und plötzlich kam ihm der Gedanke, daß Brown sehr gefährlich werden konnte. Nun, dann würde es Mittel und Wege geben, ihn für allemal loszuwerden.

»Was werden Sie denn mit Maple anfangen?« fragte Brown plötzlich.

»Darüber wollte ich mich gerade mit Ihnen unterhalten«, entgegnete Helder, der unruhig in dem kleinen Raum hin und her ging. »Wir müssen noch heute mit ihm reden –« Er brach mitten im Satz ab und lauschte. »Was war das?«

»Ich habe nichts gehört«, erwiederte Brown. »Die Leute nebenan machen Schluß, da gibt es natürlich allerhand Lärm.«

Helder schlich zu der Tür, durch die er hereingekommen war, und horchte angespannt.

»Dort draußen steht jemand«, flüsterte er Brown zu.

»Sie sind wirklich übernervös – es ist bestimmt niemand da.«

Helder knipste das Licht aus, schloß die Tür auf und öffnete sie mit einem Ruck.

Niemand. Der Strahl seiner Taschenlampe wanderte durch den leeren Schuppen bis zur Tür – sie war angelehnt.

Die beiden Männer sahen sich an und liefen dann zu der Schuppentür. Helder spähte vorsichtig hinaus – er sah eine Gestalt, die sich im tiefen Schatten der Rückwand des Gebäudes zu einem kleinen Tor zuschlich, das einen Zugang durch die hintere Umfassungsmauer bildete. Brown riß einen Revolver aus der Tasche, aber Helder packte ihn am Arm.

»Sie sind wohl ganz verrückt! Wollen Sie uns die Polizei unbedingt auf den Hals hetzen? Los, schnell, hinter ihm her!«

Die beiden rannten hinter der Gestalt drein, die gerade durch das Tor schlüpfte. Sie hörten das Schnappen des Schlosses und eilige Schritte, die sich auf der Straße entfernten.

»Haben Sie einen Schlüssel? Ich habe meinen oben gelassen.«

Brown durchsuchte nervös seine Taschen, fand den Schlüssel endlich und schloß mit zitternder Hand auf.

Sie traten auf die Straße, und wieder war es Helder, der den Fliehenden zuerst entdeckte. Es war jemand von sehr kleiner Statur. Beide sahen ihn deutlich, als er an einer Straßenlaterne vorbeieilte.

»Wir müssen ihn erwischen! Laufen Sie, so schnell Sie können!«

Die Gestalt verschwand um eine Ecke, und gleich darauf hörten sie einen Motor aufheulen. Als sie in die Nebenstraße einbogen, sahen sie, wie sich ein Wagen mit abgeblendeten Lichtern entfernte.

»Schnell!« rief Helder. »Mein eigenes Auto steht dort drüben.«

Er stürzte zu dem Wagen, beide sprangen hinein, Helder gab Gas, und sie nahmen die Verfolgung auf.

»Ein Glück, daß mein Wagen hier stand«, keuchte Helder. »So haben wir noch eine Chance, ihn zu erwischen. Ich hatte den Eindruck, daß es kein Erwachsener, sondern ein Junge ist …«

»Glauben Sie wirklich, daß er was gehört hat?«

»Ganz bestimmt. Er muß unmittelbar an der Tür gelauscht haben.«

»Na, viel gehört hat er ja nicht«, meinte Brown.

»Die Tatsache allein, daß er uns belauschte, genügt mir«, entgegnete Helder grimmig.

Helder war ein guter Fahrer und hatte einen so starken Wagen, daß die beiden roten Schlußlichter, denen sie folgten, immer näher kamen.

Sie sausten durch die City, die Queen Victoria Street und dann das Themseufer entlang. Helders Nerven vibrierten, als sie sich dem Ende der breiten Uferstraße näherten. Auf der rechten Seite hob sich der große Gebäudekomplex ab, der in der ganzen Welt berühmt ist.

»Wenn er bei Scotland Yard hält, müssen wir noch diese Nacht England verlassen – und hoffentlich gelingt es uns dann noch.«

Er atmete auf, als der Wagen an dem großen Torbogen! des Polizeipräsidiums vorbeiraste, rechts einbog und über die Westminster Brücke fuhr. Am ändern Ufer bremste das Auto scharf, jemand sprang heraus, und als die Verfolger eben anhielten, lief der Unbekannte bereits eine lange Treppe hinunter, die zum Fluß führte.

»Jetzt haben wir ihn!« rief« Helder triumphierend.

Er eilte hinterher, so schnell er konnte, doch auf den untersten Stufen machte er erschrocken halt. Ein kleiner Landungssteg lag vor ihm, grell beleuchtet vom Scheinwerfer eines Motorboots, in dem zwei Leute saßen. Und unmittelbar vor ihm stand – Mrs. Verity Bell.

»Gehen Sie ruhig wieder fort, Mr. Helder«, sagte sie und richtete so nebensächlich eine langläufige Pistole auf ihn, als ob es ein Sonnenschirm sei. »Sie haben meinen Mann eines Verbrechens beschuldigt, das Sie selbst begehen«, fuhr sie fort. »In Ihrem eigenen Interesse kann ich Ihnen nur raten, sich jetzt in acht zu nehmen.«

16

Inhaltsverzeichnis

Der Kassierer von Cooks Reisebüro an der Place de l’Opera in Paris hatte wie immer einen arbeitsreichen Tag. Gerade wurden ihm von einem Kunden fünf französische Banknoten zu je tausend Franc und acht amerikanische Hundertdollarscheine mit dem Ersuchen eingehändigt, sie in englisches Geld umzuwechseln.

Er zählte die Scheine sorgfältig, berechnete den derzeitigen Kurs und entnahm einem Geldschrank, der in seiner Reichweite stand, die erforderliche Menge englischer Banknoten. Zwei Pfund und einige Schillinge legte er auf Wunsch des Reisenden in Kleingeld dazu.

Bevor er die ganze Summe aushändigte, zählte er die französischen und amerikanischen Scheine, wie er es gewohnt war noch einmal nach. Dabei fiel ihm auf, daß die Worte ›Banque Nationale‹ nicht die tiefviolette Färbung hatten, die er sonst zu sehen gewohnt war. Diese Eigentümlichkeit entdeckte er nur auf einer der Noten. Er hielt den heller gefärbten Schein neben die anderen und sein Verdacht verstärkte sich.

Jetzt prüfte er auch die amerikanischen Banknoten genauer. Sie unterschieden sich zwar in keiner Weise voneinander, aber um ganz sicher zu gehen, verglich er sie mit einem Hundertdollarschein, den er aus dem Geldschrank nahm. Wieder schien ihm etwas nicht ganz zu stimmen. Zeichnung und Druck waren zwar gleich, aber ein sicheres Gefühl sagte ihm, daß trotzdem irgend etwas nicht in Ordnung war.

Kurz entschlossen drückte er auf einen unter der Tischplatte seines Schalters verborgenen Klingelknopf, und der mittelgroße Herr, der ungeduldig auf sein Geld wartete, sah plötzlich neben sich zwei Bankdetektive auftauchen.

»Würden Sie so liebenswürdig sein, Monsieur, uns in das Büro des Direktors zu folgen?«

Diesen Wunsch hatte der Herr aber durchaus nicht. Laut und erregt sprach er auf die beiden ein und protestierte energisch gegen die Belästigung, wie er es nannte. Seiner Aussprache war unverkennbar der Amerikaner anzumerken. Schließlich drehte er sich um und wollte den Raum verlassen, und das war in dieser Situation das Dümmste, was er nur tun konnte. Welcher vernünftige Mann würde einen so hohen Betrag, auch wenn er sich noch so ärgerte, ohne weiteres im Stich lassen?

Die beiden Beamten, die bis jetzt höflich neben ihm gestanden hatten, packten plötzlich fest zu. Einen Augenblick lang gab es eine etwas turbulente Szene, doch dann wurde der Mann ohne weiteres in einen Nebenraum geschoben, dessen Tür sich schnell hinter ihm schloß. Eine Viertelstunde später verließ er das Gebäude durch einen Hinterausgang, eskortiert von den beiden Beamten, die ihn in die Mitte nahmen.

Gold, der gerade dabei war, sich vom Polizeipräsidium einen Haussuchungsbefehl für die Heldersche Wohnung zu verschaffen, verließ auf ein Telegramm hin London mit dem nächsten Zug und fuhr nach Paris.

Ein hoher Beamter der französischen Kriminalpolizei holte ihn an der Gare du Nord ab und begleitete ihn zur Präfektur. Auf dem Weg dorthin erklärte ihm der französische Kollege, was sich ereignet hatte.

»Ob die amerikanischen Dollarnoten gefälscht sind, konnten wir noch nicht genau feststellen – die französischen Scheine sind auf jeden Fall sehr gute Fälschungen. Der Mann, den wir verhaftet haben, ist Amerikaner. Er kam am letzten Samstag in Le-Havre an und hatte eine ganze Menge Empfehlungsbriefe an die verschiedenen amerikanischen Konsulate in Europa dabei. Wenn er sich durch sein ungeschicktes Benehmen nicht verdächtig gemacht hätte, wäre er bestimmt nicht festgenommen worden. Wahrscheinlich hätten wir ihn eben für das unschuldige Opfer irgendeines Gauners gehalten.«

»Wie heißt er denn?«

»Er nennt sich Schriener und gibt an, daß er in New York ein Versandhaus für Porzellanwaren hat und sich auf einer Erholungsreise in Europa befindet. Die New Yorker Polizei war auch schon hinter ihm her, wie wir bereits erfahren haben. Sein Gepäck wurde natürlich sorgfältig durchsucht.«

»Und haben Sie dabei etwas Besonderes gefunden?«

»Nichts, das ihn belasten könnte«, sagte der französische Beamte zögernd. »Wir haben Sie hergebeten, damit Sie sich einmal mit ihm unterhalten. Im übrigen hat er sich bereits mit dem amerikanischen Konsulat in Paris in Verbindung gesetzt.«

Gold nickte. Die meisten Amerikaner wandten sich sofort an ihre diplomatischen Vertretungen, wenn sie in Schwierigkeiten gerieten.

Gold unterhielt sich mit dem Mann in einem kleinen Büro auf der Präfektur, wo man ihn vorläufig untergebracht hatte. Er war mittelgroß, grauhaarig und gut angezogen. Man konnte ihn auf ungefähr fünfzig Jahre schätzen.

»Guten Tag«, sagte Gold und reichte ihm die Hand.

Er bemerkte dabei sofort, daß die Hand des anderen ziemlich rauh war. Der Mann sah im übrigen auch nicht so aus, als ob er sein Leben als reicher Müßiggänger verbracht hätte. Auf Golds Fragen gab er nur zögernde Antworten, und Gold brach das Verhör bald ab, um im Büro des Polizeipräfekten die amerikanischen Banknoten zu untersuchen. Das kleine Päckchen Hundertdollarscheine wurde ihm überreicht. Er besah sie sorgfältig von allen Seiten, dann gab er sie wieder zurück.

»Es besteht gar kein Zweifel«, sagte er, »daß sie alle gefälscht sind – und zwar meisterhaft gefälscht. Darf ich mir einmal alles ansehen, was der Mann bei sich trug?«

»Die Schriftstücke, die wir bei ihm fanden, liegen hier«, antwortete der französische Beamte und breitete eine Anzahl von Briefen und Papieren vor Gold aus.

Meistens waren es Kreditbriefe auf kleinere Beträge und Empfehlungsschreiben an verschiedene Konsulate, die von einflußreichen Persönlichkeiten in New York ausgestellt worden waren. Gold interessierte sich nicht sehr dafür, weil er wußte, wie leicht so etwas zu bekommen war.

Er entdeckte unter den Briefen auch ein Notizbuch mit Eintragungen, die sich in der Hauptsache auf Hotels und Pensionen bezogen. Noch wichtiger erschien ihm eine Liste von Firmen, von denen ihm bekannt war, daß sie große Geldgeschäfte machten.

Am aufschlußreichsten für Gold war jedoch ein Kuvert, das die Adresse des festgenommenen Mannes trug; er wohnte im Palace-Hotel. Die Adresse war deutlich mit der Hand auf einen länglichen Briefumschlag geschrieben, der eine englische Briefmarke trug und in London aufgegeben worden war.

Gold wandte sich an seinen französischen Kollegen.

»Haben Sie das Hotel unter Bewachung gestellt?« fragte er.

Der Beamte nickte.

»Ich glaube zwar nicht, daß viel dabei herauskommt«, meinte Gold. »Die Leute arbeiten eigentlich immer nach derselben Methode. Die gefälschten Noten werden in kleinen Mengen an die Agenten geschickt, die sie innerhalb einer bestimmten Zeit unterbringen müssen. Dann schickt der Agent einen Teil seines Erlöses an die Zentrale der Organisation zurück, die sich meist nicht an dem Ort befindet, von dem die gefälschten Banknoten abgesandt wurden. Nach einiger Zeit erhält er dann wieder ein kleines Paket.«

»Glauben Sie, daß wir eine neue Sendung an diese Adresse erwarten dürfen?« fragte der französische Beamte.

»Nein, das glaube ich unter keinen Umständen. Jeder Agent dieser Fälscherbande wird bestimmt von einem andern Agenten überwacht, den er gar nicht kennt. Dieser zweite Mann gibt natürlich die Nachricht von einer Verhaftung sofort an die Zentrale weiter. Sie brauchen also nicht zu hoffen, daß noch Sendungen folgen.«

Gold nahm die gefälschten Scheine wieder in die Hand und betrachtete sie noch einmal ganz genau.

»Ein hervorragender Druck«, sagte er. Plötzlich wurde seine Aufmerksamkeit erregt, und er starrte auf die eine Ecke des Scheins.

»Entschuldigen Sie einen Augenblick!« rief er und trat schnell ans Fenster.

Paris lag unter einem grauen Himmel, und das Licht war schlecht. Trotzdem sah Gold jetzt, daß von der einen Schmalseite der Banknoten zur anderen eine merkwürdige Linie lief, die nur auf den ersten Blick zu der verschlungenen Gravierung gehörte.

»Kann ich eine helle Lampe und ein Vergrößerungsglas haben?« fragte Gold.

Der französische Beamte knipste eine an einem Schwenkarm befestigte Schreibtischlampe an und drehte sie so, daß ihr Lichtkegel direkt auf die Tischplatte fiel. Aus einer Schublade holte er ein starkes Vergrößerungsglas und reichte es Gold.

Der Amerikaner strich die Note sorgfältig glatt und untersuchte sie genau.

Plötzlich pfiff er leise vor sich hin, das Blut schoß ihm ins Gesicht, und seine Augen glänzten.

»Hier – sehen Sie mal her«, sagte er triumphierend.

Der Franzose nahm ihm das Glas aus der Hand und fixierte die Stelle, die ihm Gold mit dem Fingernagel bezeichnete – in eine Linie, die sich neben vielen anderen quer über die ganze Banknote zog, war mit unglaublicher Geschicklichkeit eine Schriftzeile eingraviert worden. Er las:

»Verity Maple, 942 Christal Palace Road, London. Banknote Nr. 687642 – 687653. Milch anwenden.«

Sie sahen einander verblüfft an.

»Was soll das heißen?« fragte der Franzose aufgeregt.

Gold war ans Fenster getreten und schaute hinaus. Langsam wiederholte er für sich die Worte, die auf der Banknote standen.

»Ich glaube, ich verstehe den Sinn«, sagte er nach einiger Zeit. »Wenigstens hoffe ich es.«

»Aber wer hat denn dies geschrieben, um Himmels willen?«

»Dafür kommt nur ein Mann in Frage – Tom Maple!« antwortete Gold. »Ich glaube, wir werden uns in der nächsten Zelt noch über verschiedenes sehr wundern!«

17

Inhaltsverzeichnis

Von Cambridge führen drei Verbindungsstraßen nach Waltham Cross: eine Autostraße erster Ordnung, der kürzeste Weg, eine Straße zweiter Ordnung, die den Reisenden über Newmarket führt, und eine dritte, staubige und ungepflasterte Landstraße, die meist nur von Bauernfuhrwerken befahren wird. Sie windet sich in vielen Biegungen nach Süden, und die Straßenbaubehörde beachtet sie so wenig, daß nicht einmal Wegweiser angeben, wohin sie führt.

Immerhin ist der Name dieser Straße, der Collett Street, von einiger lokaler Bedeutung. Sie legt Zeugnis ab von der Existenz des alten Collett, eines eigentümlichen, etwas extravagant veranlagten Landwirts. Sein Name wird in England mit der Reform gewisser landwirtschaftlicher Methoden in Verbindung gebracht. Ja, er gilt in diesem Land geradezu als ein Pionier der Agrarwissenschaft.

Seine Eigentümlichkeiten kosteten ihn ziemlich viel Geld, und beinahe wäre er – wie so mancher berühmte Mann – bettelarm gestorben. Schließlich hatte er dann aber doch das Glück; seine Arbeiten zu einem gewissen Abschluß zu bringen, der für ihn auch mit einem finanziellen Erfolg verbunden war.

Mr. Collett hinterließ unter anderem eine kleine Farm von ungefähr hundert Morgen minderwertigem Ackerland. Ein Bauernhaus stand darauf, das nach seinen eigenen Plänen gebaut worden war. Dieses Grundstück samt dem Haus wollten die Erben begreiflicherweise möglichst schnell loswerden. Sie beauftragten einen Grundstücksmakler, der zu seiner, größten Überraschung schon in Kürze ein recht gutes Angebot erhielt. Der Käufer, dem das Haus und die brachliegenden Felder unbegreiflicherweise sehr zu gefallen schienen, kaufte denn auch das Gut auf Anhieb mit allem lebenden und toten Inventar.

Der Grundstücksmakler erzählte später, daß der Käufer ein sehr höflicher Amerikaner sei, der sich ausgerechnet hier ein Wochenendhaus einrichten wolle. Um die Felder kümmerte er sich gar nicht, sondern ließ nur das Haus reparieren, neu streichen und mit Möbeln ausstatten.

Die Idee, ausgerechnet aus diesem Gebäude ein Wochenendhaus zu machen, konnte natürlich nur einem Amerikaner kommen. Die unverhältnismäßig dicken Mauern, der düstere Gesamteindruck, der von den vergitterten Fenstern unterstrichen wurde, trugen dazu bei, daß das Ganze eher den Eindruck eines Gefängnisses machte. Auch innen war das Haus nicht gerade einladend. Das Wohnzimmer reichte vom Fußboden bis zu den Dachsparren, ringsherum zog sich in halber Höhe eine Art Galerie. Das einzige Schlafzimmer befand sich zu ebener Erde.

Im Obergeschoß gab es noch ein Zimmer, das viel Ähnlichkeit mit einem überdimensionalen Geldschrank hatte – eisenbetonierte und mit Stahlplatten verkleidete Wände machten es diebes-und feuersicher. Keinem Einbrecher würde es gelingen, dort hineinzukommen. Diesen Raum konnte man nur vom Schlafzimmer aus über eine steile Stiege erreichen.

Der eigentliche Geldschrank, in dem der alte Collett sein Geld aufbewahrt hatte, weil er es niemals Banken anvertrauen wollte, war in die Mauer dieses Zimmers eingebaut, und der neue Besitzer fand ihn sehr nützlich. Er kam unregelmäßig, wie die Nachbarn beobachteten, und beschäftigte keine Arbeiter auf seiner Besitzung. Nur eine alte Frau, die vermutlich aus London stammte, hielt das Haus in Ordnung, und auch sie wurde öfter beurlaubt. Niemals blieb der neue Herr länger als eine Nacht auf der Farm.

Eines Tages aber bemerkte man, daß das Haus bewohnt wurde. Ein verdrießlich dreinschauender Mann zeigte sich auf den Feldern, und täglich stieg Rauch aus dem Schornstein auf. Fast jeden Tag kam jetzt ein Besucher aus London, blieb ein oder zwei Stunden und fuhr dann wieder nach der Stadt zurück. Manchmal war es der Besitzer selbst, manchmal ein anderer Mann.

Helder fuhr durch den prasselnden Regen zu seinem Landhaus. Er steuerte den Wagen selbst, Tiger Brown saß neben ihm. Keiner sprach während der ganzen Fahrt ein Wort.

Um zwei Uhr Morgens verringerte Helder die Geschwindigkeit, bog in eine holprige Zufahrt ein und hielt gleich darauf vor dem düsteren Haus. Ein Mann hatte den ankommenden Wagen gehört, öffnete die Tür und kam heraus. Er verschwand wieder, um den Schlüssel für einen Schuppen zu holen, in dem Helder sein Auto abstellte.

In dem großen Wohnzimmer brannte ein Feuer, obwohl es Juni war und die beiden fröstelnden Männer standen einen Augenblick schweigend vor dem Kamin, um sich zu wärmen. Der dritte beobachtete sie aufmerksam.

»Wir werden wohl einige Zeit hier zu tun haben«, sagte Helder plötzlich.

Der Verwalter nickte mürrisch und verschwand.

Helder ging in sein Zimmer, zog sich rasch um und kam ins Wohnzimmer zurück, wo Tiger einen Whisky getrunken hatte.

Sie sprachen leise miteinander. Der Verwalter des Gebäudes, den sie wieder hereinriefen, sagte nur wenig und gab lakonische Antworten auf die Fragen, die an ihn gestellt wurden. Er war ein kleiner Mann mit dichtem grauem Bart. Seine buschigen Augenbrauen verdeckten fast ganz die Augen, die mit vogelhafter Geschwindigkeit von einem zum andern huschten.

»Was macht er jetzt?« fragte Helder.

Der Verwalter deutete an seine Stirn.

»Spielt verrückt«, sagte er nur.

»Inwiefern verrückt?« fragte Helder ungeduldig.

Der bärtige Mann zuckte die Schultern.

»Er zeichnet und trinkt. Wollen Sie ihn sehen?«

Helder nickte.

Der Mann – Helder nannte ihn Clinker – zog einen Schlüssel aus der Tasche und führte sie die Treppe hinauf zu dem Zimmer, in dem sich der Geldschrank befand. Er schloß auf und trat ein; Helder und Brown folgten ihm.

Das Zimmer wurde von einer großen Lampe erleuchtet, die von der Decke herunterhing. Es war nur spärlich mit einem Tisch, einem Stuhl und einem Feldbett möbliert.

An dem Tisch saß ein Mann in Hemdsärmeln. Er wandte sich halb um, als sie eintraten. Stahlinstrumente lagen herum, und auf dem Zeichenbrett vor ihm war eine halbfertige gravierte Platte befestigt.

»Nun, Maple, wie geht’s?« begrüßte ihn Helder.

Tom Maple lächelte schwach und erhob sich.

»Wollen Sie mich jetzt endlich freilassen?« fragte er mit zitternder Stimme. »Ich habe alles getan, was Sie von mir verlangten, und die Sache ist mir nun in höchstem Grade zuwider!«

Helder klopfte ihm auf den Rücken.

»Ich werde Sie zu gegebener Zeit gehen lassen«, erwiderte er. »Sie sind selbst schuld daran, daß Sie hier sind.«

Man konnte auf den ersten Blick sehen, daß der Gefangene krank gewesen war. Seine Hände zitterten, und über sein Gesicht lief ab und zu ein nervöses Zucken. Nur wenn er sich über seine Arbeit beugte, schien er von einer merkwürdigen Ruhe und Sicherheit.

Helder begutachtete die Platte, die Maple vor sich liegen hatte, und schüttelte den Kopf.

»Sie brauchen das nicht fertigzumachen – wir werden die Produktion von französischen und amerikanischen Banknoten ganz einstellen. So langsam kommt uns jetzt die Polizei doch auf die Schliche. Einen großen Coup müssen wir allerdings noch machen, und dann ist ein für allemal Schluß. Maple, hören Sie gut zu: Sie müssen uns jetzt Platten für englische Banknoten gravieren – gleichsam als Krönung Ihrer Arbeit und Ihres Lebens!«

Maple steckte die Hände in die Taschen und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Mit entschlossenem Gesichtsausdruck schüttelte er den Kopf, ein verkniffener, bösartiger Zug lag um seinen Mund. Helder sah ihn betroffen an.

»Maple, was haben Sie denn?« fragte er. »Wollen Sie etwa wieder anfangen, uns Schwierigkeiten zu machen? Ich dachte das wäre vorbei. Natürlich sind Sie wütend, weil wir Sie hierhergebracht haben und Sie hier gefangenhalten – aber ich versichere Ihnen, daß das nur zu Ihrem eigenen Besten war! Übrigens – Sie tun doch schließlich nichts Schlimmeres als das, was Sie schon früher getan haben.«

Er steckte sich eine Zigarre an und sah nachdenklich vor sich hin – wie jemand, der seinen Erinnerungen nachhängt.

»Wann war denn das?« redete er dann halb in Gedanken weiter. »Ganz richtig – vor sechs Jahren hatte ich erfahren, daß Sie einer der geschicktesten Graveure in der österreichischen Staatsdruckerei waren. Ihre Begabung war so groß, daß Sie jedes noch so verwickelte Ornament aus dem Gedächtnis wieder zu Papier bringen konnten. – Ihr erster illegaler Versuch war eine Hundertschillingnote, wie?« Er beachtete es gar nicht, daß Tom Maple bei der Frage zusammenzuckte. »Daraufhin wurden Sie hinausgeworfen, und Sie konnten von Glück sagen, daß man einen Skandal vermeiden wollte und Ihnen nicht den Prozeß machte! In Frankreich, wohin Sie auswanderten, erhielten Sie ebenfalls eine gute Stellung beim Münzamt. Aber dort erkannte Sie jemand, und Sie mußten ebenfalls wieder gehen. – Wo haben Sie eigentlich Gold kennengelernt? Na ja, ist ja auch egal…«

Helder lachte höhnisch. Maple schaute ihn von unten herauf an.

»Lachen Sie nicht«, sagte er mit unsicherer Stimme. »Sie sprechen von einer Zeit, in der ich verantwortungslos handelte und mir meiner Vergehen gar nicht bewußt war – heute ist das anders!« Plötzlich warf er den Kopf zurück! »Ich war ein Trinker, bin es auch heute noch – und darauf haben Sie gebaut. Ich kenne Sie. Und ich kenne auch mich selbst.«

Sein Kopf sank wieder auf die Brust, und er starrte scheinbar teilnahmslos vor sich hin.

Helder und Tiger Brown wechselten einen schnellen Blick und sahen dann Clinker an, aber der schüttelte den Kopf, als ob damit eine unausgesprochene Frage beantwortet wäre.

»Los, Maple, kommen Sie«, sagte Helder freundlich. »Wir wollen zusammen einen trinken und dabei die ganze Angelegenheit besprechen.«

Maple erhob sich und stützte sich mit den Händen auf die Tischplatte. Helder beobachtete erstaunt, wie sich seine Haltung plötzlich verändert hatte, wie entschlossen und ruhig er aussah.

»Ich werde nichts trinken«, sagte er dann bestimmt. »Das ist ein fester Entschluß – ich will nüchtern bleiben, ein für allemal. Daß ich tief gesunken bin, weiß ich – aber jetzt will ich wieder aufwärts!«

Helder schoß das Blut ins Gesicht.

»Reden Sie keinen Unsinn, Maple. Für Sie gibt es keine Reue und kein Zurück mehr – weder für Sie noch für mich. In dieser Sache hier hängen Sie genauso drin wie wir, und Sie müssen jetzt so lange bei uns aushalten, bis wir unser Schäfchen im Trockenen haben.«

Maple schüttelte nachdrücklich den Kopf.

»Hören Sie« – Helder trat dicht auf ihn zu –, »glauben Sie vielleicht, ich würde Sie jetzt freilassen, damit Sie zur Polizei rennen und mich anzeigen? Meinen Sie, ich hätte Lust, zu lebenslänglichem Gefängnis verurteilt zu werden? Bilden Sie sich bloß keinen Augenblick ein, daß ich meine Freiheit und meine Stellung in der Gesellschaft aufzugeben gedenke!« Er lachte, diese Vorstellung schien ihn geradezu zu belustigen. »Nein, mein Lieber, wenn ich je Pech haben sollte und entdeckt werde, dann mache ich selber Schluß – dafür habe ich vorgesorgt. Aber eines will ich Ihnen sagen – und schreiben Sie sich das hinter die Ohren –; wenn ich bereit bin, mich selbst umzubringen, dann bin ich auch imstande, jemand anderes ins Jenseits zu befördern! Ich habe betrogen, gelogen und gestohlen, um mein Vermögen zusammenzubringen – und es soll mir auf einen Mord nicht ankommen, wenn zwischen mir und dem Gelingen des letzten großen Coups jemand steht. Kapiert?«

Maple sah ihn gleichgültig an und schüttelte den Kopf.

»Sie haben mich anscheinend nicht verstanden«, sagte Helder wütend. »Ich wiederhole noch einmal, daß ich keine Rücksicht nehme, wenn Sie sich nicht fügen. Sie müssen diese englischen Noten in Angriff nehmen – und zwar sofort! Zur Zeit befaßt sich die Polizei eingehend mit den amerikanischen Scheinen, und es wird nicht mehr lange dauern, bis sie hinter den französischen Banknoten her sind.«

Maple zeigte plötzlich Interesse an der Unterhaltung.

»Sind die französischen Scheine schon auf den Markt gekommen?« fragt er erregt.

Helder nickte.

»Die erste Lieferung ist bereits hinausgegangen. Wollen wir uns nicht lieber wieder vertragen, Maple?« fragte er dann und zwang sich zu einem freundlichen Lächeln. »Werden Sie das tun, was ich Ihnen gesagt habe?«

Maple zuckte schwach die Schultern.

»Vielleicht«, antwortete er. »Es wird mir nichts anderes übrigbleiben. Ich habe eine gewisse Verantwortung – meine Nichte ist nicht versorgt.«

Helder unterdrückte ein Lächeln.

»Machen Sie sich um Ihre Nichte keine Sorgen – es geht ihr gut.«

Clinker hob plötzlich warnend die Hand. Alle lauschten angestrengt.

»Es kommt jemand die Straße entlang; ich will mal nachschauen, wer es ist.«

Mit diesen Worten ging er hinaus und schloß die Tür hinter sich. Sie hörten, wie kurz darauf die Haustür geöffnet und nach einer Weile wieder geschlossen wurde.

Einige Minuten später war Clinker wieder oben und brachte ein Telegramm.

»Es war nur der Postbote«, sagte er. »Für Sie.«

Brown nahm den Umschlag, öffnete ihn und las aufmerksam.

»Was gibt es?« fragte Helder.

»Schriener wurde in Paris verhaftet, als er versuchte, Tausendfrancnoten zu wechseln.«

Seine Stimme war unsicher.

Die beiden sahen einander an. Browns Gesicht zuckte nervös, und Helder war blaß geworden. Clinker blieb auch jetzt völlig gleichgültig.

Bei den Worten Browns hatte Maple den Kopf gehoben.

»Eine Tausendfrancnote, sagten Sie? War das etwa eine, die von Platten gedruckt wurde, die ich graviert habe?« fragte er lauernd.

Helder nickte bestätigend.

»Hm«, machte Maple, um dann wieder in seinen alten Zustand der Lethargie zurückzufallen.

Helder und Brown fuhren in der Abenddämmerung nach London zurück. Beide schwiegen. Erst als sie in die Nähe von Waltham Cross kamen, begann Brown plötzlich: »Finden Sie nicht, daß sich Maple ziemlich merkwürdig benommen hat?«

Helder saß wieder am Steuer und schaute vor sich hin auf die Straße.

»Er glaubt, daß es mit uns zu Ende geht«, sagte er nach einer Pause.

Tiger wartete, ob Helder fortfahren würde, aber da dieser hartnäckig schwieg, sprach er weiter.

»Ihre Drohungen Maple gegenüber waren wohl nicht so ernst gemeint?«

»Ich wollte ihn durchaus nicht bluffen«, entgegnete Helder scharf. »Es würde mir nichts ausmachen, ihn oder jeden andern, der mir ins Gehege kommt, umzulegen.«

Weiter wurde kein Wort mehr gesprochen. Helder setzte seinen Begleiter in der City ab und fuhr zu einer Garage, wo er seinen Wagen abstellte. Von dort ging er zur Curzon Street. Er fühlte, daß das Netz um ihn enger gezogen wurde. Der Russe saß bereits im Gefängnis, Schriener befand sich in den Händen der französischen Polizei, und Maple wollte auch nicht mehr mitmachen. Besonders in Maple hatte er sich schwer geirrt; er hatte doch zu sehr auf seine Trunksucht gebaut.

Helder ging in sein Arbeitszimmer, wo ein kleiner Stapel Post auf ihn wartete. Gerade in der letzten Zeit hatte er in der vornehmen Gesellschaft Londons richtig Fuß gefaßt, und die Einladungen häuften sich. Er zitterte bei dem Gedanken, was passieren würde, wenn sein Plan mißglückte.

Schnell sah er die Briefe durch, stutzte aber plötzlich, als er ein Schreiben des Chefredakteurs des ›Post Journal‹ geöffnet hatte:

»Würden Sie die Liebenswürdigkeit haben, uns möglichst umgehend aufzusuchen? In der Comstock-Bell-Sache ist eine neue Entwicklung eingetreten, und da Sie uns schon vor einiger Zeit so viele wertvolle Informationen gegeben haben, nehmen wir an, daß Sie uns auch hier helfen können. Wir haben nämlich allen Grund zu der Vermutung, daß Mrs. Verity Bell tot ist.«

Helder ließ den Brief sinken und schaute aus dem Fenster.

Er hatte einmal gehofft, diese mysteriöse Angelegenheit aufklären und für seine Zwecke ausnützen zu können – jetzt schien es ihm aber doch, als ob die Sache seinen Händen entglitten wäre.

18

Inhaltsverzeichnis

Ein Taxi brachte Helder zum ›Post Journal‹. Der Chefredakteur war gerade nicht da, dafür konnte er aber mit Jackson sprechen.

Der Journalist begrüßte ihn lächelnd und führte ihn in das Konferenzzimmer.

»Was gibt es denn Neues?« erkundigte sich Helder, nachdem er Platz genommen hatte.

»Glauben Sie nicht, daß ich mir einen Vers darauf machen kann!« entgegnete Jackson. Er ging mit tief in den Hosentaschen vergrabenen Händen im Zimmer hin und her und war offensichtlich durch die letzten Ereignisse etwas aus der Fassung gebracht worden.

»Nachdem Comstock Bell London verlassen hatte«, begann er schließlich, »und nachdem ich Mrs. Verity Bell in einer so merkwürdigen Situation gesehen hatte, setzte das ›Post Journal‹ alles daran, den Aufenthaltsort der beiden festzustellen. Obwohl wir einen Brief erhielten, der in Luzern aufgegeben worden war, wissen wir ganz genau, daß sich das Pärchen damals nicht dort aufhielt. Später bekamen wir dann noch einen weiteren Brief aus Wien …«

»Wie sah er aus?« unterbrach ihn Helder.

»Genau wie der andere – mit der Maschine geschrieben und mit einem Gummistempel statt einer Unterschrift versehen. Außerdem stand noch der Name von Mrs. Bell darunter. Unser Korrespondent in Wien hatte bald herausgebracht, daß Comstock Bell und seine Frau zu der angegebenen Zeit nicht in Wien gewesen waren. Wir haben dann alles nur Menschenmögliche getan, um Licht in diese dunkle Sache zu bringen. Ohne Erfolg. Bis – ja, bis gestern abend.«

»Was ist passiert?«

»Einer unserer Leute hatte den Auftrag, die Schiffe zu beobachten, die nach Boulogne abgehen. Nachdem der Dampfer, der abends dorthin zurückfährt, den Hafen gestern verlassen hatte, machte er sich auf den Weg in ein Lokal, um sich dort ein wenig auszuruhen. Als er am Kai entlangschlenderte, überholte er eine Dame. Zufällig drehte er sich in dem Augenblick nach ihr um, als sie an einer hellen Straßenlaterne vorbeiging – er erkannte Mrs. Bell, die Frau, die er finden sollte.

Er blieb stehen, und im gleichen Augenblick bog sie nach links auf die Landungsbrücke ab. Er begnügte sich damit, anstatt ihr nachzugehen, am Anfang der Landungsbrücke zu warten. Schiff lag keines dort, also mußte sie ja schließlich wieder zurückkommen. Es war ziemlich neblig an diesem Abend, und nach zehn Minuten wurde er unruhig und ging vorsichtig den Steg entlang, bis er an dessen Ende angelangt war. Mrs. Bell war verschwunden, kein Mensch auf der Landungsbrücke zu sehen.«

»Und dann?«

»Heute morgen«, fuhr Jackson fort, »erhielten wir einen Brief aus Boulogne, vor drei Tagen unterschrieben von Comstock Bell und seiner Frau. In dem Schreiben wurde dagegen protestiert, daß sich das ›Post Journal‹ immer noch mit den Privatangelegenheiten der Bells beschäftigte. Hier ist der Brief.«

Er gab ihn Helder, aber dieser machte sich nicht die Mühe, ihn genauer anzusehen.

»Ich glaube, ich verstehe die Sache jetzt«, sagte er. »Comstock Bell hat Ihr Reporter wohl nicht gesehen?«

»Nein. Wir müssen fast annehmen, daß die Dame ertrunken ist«, erwiderte Jackson. »Es war eine ziemlich stürmische Nacht, und sie konnte auf keinem andern Weg zurückkommen als auf der Landungsbrücke, die unser Reporter nicht aus den Augen ließ.«

Helder erhob sich und schaute aus dem Fenster.

»Würden Sie mir einen Gefallen tun?« fragte er.

»Wenn es irgend möglich ist– gern«, entgegnete der andere.

»Vor einigen Wochen«, führ Helder langsam fort, »wurde ein Russe verhaftet, der sich verdächtig gemacht hatte.«

»Ich erinnere mich an den Fall«, entgegnete Jackson. »Soviel ich weiß, wurde er zu drei Monaten Gefängnis verurteilt und soll ausgewiesen werden.«

»Das stimmt«, sagte Helder ruhig. »Dieser Mann könnte vielleicht zur Aufklärung der Angelegenheit beitragen. Ich muß ihn unbedingt sprechen. Glauben Sie, daß es Ihnen möglich ist, mir eine Besuchserlaubnis bei den Behörden zu verschaffen?«

Jackson kniff die Lippen zusammen.

»Ich zweifle zwar daran, werde es aber immerhin versuchen. Sobald der Chefredakteur kommt, wollen wir beraten, was sich tun läßt.«

Helder verabschiedete sich und kehrte in seine Wohnung in der Curzon Street zurück. Gold war nicht in London, wie er durch einen Telefonanruf feststellte.

»Um so besser«, sagte Helder zu sich selbst. »«Wenn man mich in Ruhe läßt, könnte noch alles gut werden.«

Er ging in sein Schlafzimmer, um sich einige Stunden auszuruhen.

Um fünf Uhr nachmittags wurde er von seinem Diener geweckt, der ein Telegramm brachte. Es kam von der Redaktion und lautete:

»Unterredung mit Russen genehmigt. Der Mann sitzt im Chelmsford-Gefängnis. Kommen Sie aufs Büro wegen Erlaubnisschein.«

Jackson war bei Helders Ankunft nicht mehr da. Dafür erwartete ihn der zweite Redakteur und überreichte ihm die für den Besuch des Gefangenen notwendigen Papiere.

»Es würde mich wirklich interessieren, weshalb Sie den Mann aufsuchen wollen«, erkundigte sich der Redakteur noch. »Bringen Sie Comstock Bell etwa mit diesen Banknotenfälschungen in Verbindung?«

Helder nickte bedeutungsvoll.

»Genau das tue ich.«

Kurz erzählte er die Geschichte vom ›Klub der Verbrecher‹ und in welcher Beziehung Comstock Bell zu den Leuten gestanden hatte.

»Hm«, meinte der Redakteur, als Helder fertig war. »Ich habe auch schon so etwas gehört, aber das alles scheinen mir doch nur vage Vermutungen zu sein. Sie behaupten also, daß Willetts von Bell angezeigt wurde?«

»Das weiß ich ganz bestimmt«, sagte Helder. »Bell zeigte Willetts an, damit er sich besser aus der Affäre ziehen konnte.«

»Und womit erklären Sie sich sein plötzliches Verschwinden?«

Helder zögerte. Er war sich noch nicht ganz klar darüber, wie er Bell direkt verdächtigen konnte.

»Ich kann im Augenblick nichts Genaues sagen. Meiner Ansicht nach hat er dieses Mädchen nur geheiratet, um im Fall seiner Entdeckung einen Zeugen hinter sich zu haben. Ich glaube, daß er zur Zeit einen letzten verzweifelten Versuch macht …«

»Entschuldigen Sie«, rief der Redakteur, »wenn ich Sie hier unterbreche! Sie wissen doch ganz genau, daß Comstock Bell ein außerordentlich reicher Mann ist. Durch eine Erbschaft hat sich sein Vermögen jetzt sogar noch beträchtlich erhöht.«

Helder sah ihn erstaunt an.

Der Redakteur nickte.

»Ja«, fuhr er fort. »Letzte Woche starb seine Mutter. Haben Sie denn die Notiz in den Zeitungen nicht gelesen? Sie setzte ihn zum alleinigen Erben ein. Er muß jetzt mehrfacher Millionär sein – und in diesem Fall wären Banknotenfälschungen doch eine recht sonderbare Angelegenheit. Es fehlte ja jedes Motiv!«

»Nun, auf den ersten Blick fehlt auch jedes Motiv für diese ungewöhnliche Heirat«, erwiderte Helder schnell.

»Für Heiraten finden sich immer Gründe«, entgegnete der Redakteur ein wenig kurz angebunden. »Wirklich, Mr. Helder, es gibt keinen einzigen Grund, warum um alles in der Welt Comstock Bell sich mit Banknotenfälschungen hätte abgeben sollen. Aber trotzdem«, sagte er lächelnd und gab Helder die Hand, »kann Ihnen Ihr Russe vielleicht etwas Neues erzählen. Berichten Sie uns darüber – und auf Wiedersehen!«

Am nächsten Morgen fuhr Helder mit dem ersten Zug nach Chelmsford. Um neun Uhr wurde er in das düstere Gebäude eingelassen und in das Zimmer des Direktors geführt.

Colonel Speyer, ein älterer Mann mit grauem Bart, empfing ihn sehr liebenswürdig.

»Sie wollen mit dem Russen sprechen?« fragte er, »Ich wäre froh, wenn wir ihn wieder loshätten. Kein Mensch hier spricht russisch, und wir haben die größten Schwierigkeiten, uns mit ihm zu verständigen.«

»Wie kommt es eigentlich«, fragte Helder, als ihn der Direktor zum Besuchszimmer führte, »daß dieser Mann ausgerechnet in Chelmsford seine Strafe absitzen muß? Ich dachte, Gefängnisse wie dieses hier wären nur für Leute aus der näheren Umgebung bestimmt.«

»Oh, wir haben alle möglichen Leute hier. In dieser Anstalt sind vor allem Sträflinge, die keine gar so schlimmen Sachen ausgefressen haben – das heißt also Leute, die sich noch bewähren können. Übrigens, sprechen Sie denn eigentlich russisch?«

Helder nickte, und der Direktor sah ihn etwas argwöhnisch an.

»Dann müßte ich eigentlich jemanden mitschicken, der die Sprache auch versteht«, sagte er und sah sich den Erlaubnisschein des Ministeriums noch einmal an. »Aber, na ja – ich hoffe, daß ich Ihnen trauen kann.«

Sie waren inzwischen in einem einfachen, fast leeren Raum angelangt, in dem ein langer Tisch aus Fichtenholz und einige Stühle standen. Einige Minuten später wurde der Russe hereingeführt. Er trug die übliche gestreifte Gefängniskluft und zwinkerte vergnügt mit den Augen, als er sich plötzlich seinem früheren Chef gegenübersah.

Der Sträfling saß an dem einen Ende des Tisches, und Helder bot man einen Stuhl am anderen Ende an. Zwischen ihnen, an jeder Längsseite saßen zwei Gefängniswärter, die sich offensichtlich bei der ihnen unverständlichen Unterhaltung furchtbar langweilten; Helder beobachtete, daß der eine eifrig las, während der andere irgend etwas in sein Notizbuch kritzelte.

Sein Gespräch mit dem Russen dauerte nicht lange. Er gab ihm nachdrücklich zu verstehen, daß er unter allen Umständen schweigen müsse und versprach ihm bei seiner Entlassung eine sehr hohe Summe, wenn er weisungsgemäß den Mund hielte.

Der Russe war damit völlig einverstanden. Er hätte auch ohne dieses Gespräch nichts gesagt, und als sich Helder von ihm verabschiedete, waren seine Befürchtungen nach dieser Richtung hin vollständig zerstreut.

Der Direktor wartete draußen auf dem. Gang auf ihn. Stolz auf die Sauberkeit und Ordnung, die in seiner Anstalt herrschten, fragte er Helder, ob er das Gefängnis einmal besichtigen wolle.

»Sehr gerne – für Gefängnisse habe ich mich immer besonders interessiert.«

Er folgte dem Direktor bis zur großen Halle, wo sich ein Stockwerk mit Zellen über dem anderen bis zu dem Glasdach emportürmte. Vergitterte Galerien gaben dem Ganzen das Aussehen eines Bienenkorbs.

Auf den Wunsch Helders zeigte ihm der Direktor auch eine Zelle und schloß hinter ihm die Tür. Er wollte unbedingt einmal feststellen, wie man sich in solch einem kleinen Raum fühlte. Aber er sah ein wenig bleich aus und machte einen sehr erleichterten Eindruck, als die Tür wieder geöffnet wurde.

»Wir legen auch großen Wert darauf, daß die Sträflinge genügend Bewegung haben«, erklärte ihm der Direktor und führte ihn auf den von hohen Mauern umgebenen Hof.

Eine Gruppe von Gefangenen machte gerade ihren täglichen Spaziergang; in drei mit weißer Farbe vorgezeichneten Kreisen gingen sie immer rund herum. Helder beobachtete sie interessiert. Es waren alte und junge Leute, von denen ihn einige neugierig ansahen, andere ihre Gesichter ärgerlich abwandten.

Einer der Häftlinge, schlanker und größer als die anderen, fiel Helder besonders auf – etwas an seinem Gang kam ihm bekannt vor, und er mußte einen Aufschrei unterdrücken, als er das Gesicht des Mannes sah.

Es war Comstock Bell.

»Was haben Sie?« fragte der Direktor erstaunt.

»Wer ist das – dieser Mann dort?«

»Ein gewisser Willetts – er hat Banknoten gefälscht.«

19

Inhaltsverzeichnis

Helder kehrte nach London zurück. In seinem Kopf wirbelten die Gedanken durcheinander. Es wurde ihm jetzt manches klar. Comstock Bell und Willets waren also ein und derselbe. Möglicherweise lebte Willetts nicht mehr, und aus irgendeinem Grund hatte Bell seinen Namen angenommen und führte ein Doppelleben. Unter diesem falschen Namen hatte er sich dann festnehmen lassen.

Bell mußte seinen ganzen Einfluß aufgewendet haben, um sowohl ihn als auch Gold während des Prozesses aus England fernzuhalten. Dadurch hoffte er, daß sein Geheimnis gewahrt bleiben würde. Willetts war zu zwölf Monaten Gefängnis verurteilt worden, von denen er aber vermutlich nur einen Teil absitzen mußte. Helder war es nun klar, daß Comstock Bell die größte Gefahr für ihn bedeutete.

Ein Telegramm rief Tiger Brown in die Curzon Street; Helder erklärte ihm dort kurz die Situation.

»Jetzt wissen wir also, warum Comstock Bell heiratete und ständig mit einer verbundenen Hand herumlief, die es ihm nur noch erlaubte, seine Briefe mit der Schreibmaschine zu schreiben! Ein Beauftragter konnte so die Korrespondenz während seiner Abwesenheit ohne weiteres für ihn führen. Natürlich mußte er jemanden finden, dem er unter allen Umständen trauen konnte, und heiratete deshalb Verity Maple. Sie hat dann auch alle Briefe aus den verschiedensten Orten geschrieben; überall reiste sie hin, verbrachte ein paar Stunden in einem Hotel und nahm einige Briefbogen mit dem Aufdruck des Hotels an sich.«

»Mir erscheint das alles ziemlich verworren«, entgegnete Tiger Brown. »Warum sollte denn Bell freiwillig ins Gefängnis gehen? Das ist die verrückteste Idee, von der ich je gehört habe.«

Helder antwortete nicht sofort. Er kannte die Qualen eines schlechten Gewissens und die Furcht vor der Entdeckung gut genug. Und er ahnte auch, daß der Gedanke Bells an seine Mutter, die sehr stolz auf ihren Sohn war, ihn schließlich dazu bewogen hatte, sich selbst der Polizei zu stellen.

»Mir erscheint das gar nicht so verrückt«, fuhr er nach einer Pause fort. »Auf jeden Fall müssen wir unseren Vorteil aus der Sache ziehen. Wir haben zwei gute Waffen in der Hand.«

»Wie meinen Sie das?« fragte Tiger.

»Einmal wissen wir jetzt Bells Geheimnis und können es gegen ihn verwenden; zum zweiten ist der alte Tom Maple in unserer Hand. Es hängt also nur von uns ab, den Vorsprung, den uns der Zufall verschafft hat, richtig auszuwerten.«

Jetzt konnte ihnen nur noch Gold gefährlich werden, und Helder unterschätzte die Fähigkeiten dieses Mannes gewaltig.

Er war deshalb auch in keiner Weise besorgt, als er zwei Tage später ein höfliches Schreiben erhielt, in dem er gebeten wurde, Gold im Savoy-Hotel aufzusuchen.

Der Beamte war inzwischen wieder nach London zurückgekehrt. Sein Gepäck stand noch in der Hotelhalle, als Helder eintraf. Gold kam ihm entgegen und führte ihn auf sein Zimmer.

»Nehmen Sie bitte Platz, Helder«, sagte er.

Er selbst blieb während der ganzen Unterhaltung stehen.

»Ich habe Sie gebeten, mich zu besuchen«, begann er dann nach einer etwas unbehaglichen Pause, »weil ich ganz offen mit Ihnen sprechen möchte.«

»Wenn jemand sagt, daß er offen sprechen will«, erwiderte Helder, »so bedeutet das für gewöhnlich, daß er beleidigend wird.«

Gold schaute ihn ernst an.

»Sie haben gar nicht so unrecht – es könnte mir schon passieren, daß ich Ihnen gegenüber aus der Rolle falle. Aber vorerst möchte ich Sie bitten, ruhig anzuhören, was ich Ihnen zu sagen habe.«

Er ging in dem kleinen Zimmer auf und ab.

»Seit zwölf Monaten bin ich einer Bande auf der Spur, die gefälschte Banknöten herstellt und in Umlauf bringt.«

»Nichts Neues«, unterbrach ihn Helder. »Sie hatten sogar die Freundlichkeit, mich selbst in Verbindung mit dieser Fälscherbande zu bringen.«

»Ganz richtig – und ich bleibe heute mehr denn je bei meiner Behauptung. Ich weiß jetzt sogar, daß Sie sich bei Ihren Gaunereien der Hilfe von Maple bedienten.«

Gold hatte ins Schwarze getroffen, und Helder zuckte zusammen. Trotzdem versuchte er, möglichst gleichgültig zu reagieren.

»Sie machen mir direkt Spaß!«

»Maple hat die Platten zu den französischen Banknoten hergestellt«, fuhr Gold fort, »und das kann ich sogar beweisen! Warum glauben Sie eigentlich, daß ich Sie hierherbestellt habe? Nur um Ihnen klipp und klar zu sagen, daß Sie Ihre ertragreiche Tätigkeit einstellen oder aber im gegenteiligen Fall damit rechnen können, daß Sie Ihre Tage im Kittchen beschließen.«

Helder lachte.

»Auf diese Weise können Sie mit mir nicht reden, mein Lieber«, entgegnete er höhnisch. »Ich kann es mir leisten, über Ihre geradezu ungeheuerliche Anklage hinwegzugehen. Glauben Sie denn im Ernst, ich ließe mich von Ihnen bluffen? Romane hätten Sie mit Ihrer Phantasie schreiben sollen, Gold! Aber, im Ernst gesprochen – Sie wissen doch ebensogut wie ich, daß alles das, was Sie mir in die Schuhe schieben wollen, Ihr feiner Freund Comstock Bell getan hat – den Sie natürlich decken wollen!«

In diesem Augenblick klopfte es leise an die Tür, Helder hatte aber so laut gesprochen, daß die beiden es nicht hörten.

»Sie wissen es ganz genau – Comstock Bell ist der Gauner, der die Fälscherbande finanziert hat!« schrie Helder noch einmal.

»Ich würde eher behaupten, daß Mr. Helder ein ganz ausgekochter Lügner ist«, sagte plötzlich eine liebenswürdige Stimme hinter ihm.

Sie drehten sich beide um. Eine elegante Dame stand in der Türöffnung.

Helders Gesicht wurde dunkelrot, und er mußte seine ganze Frechheit zusammennehmen, um vor den schönen grauen Augen dieser Frau seinen Blick nicht zu senken.

»Gestatten Sie, daß ich Platz nehme?« fragte sie freundlich.

Gold schob ihr einen Stuhl hin und schloß die Tür wieder.

»Es tut mir leid, daß ich Ihre interessante Unterhaltung unterbrochen habe.«

Helder lachte häßlich.

»Oh, ich kann es durchaus verstehen, Mrs. Collak, daß Sie sich auf die Seite Mr. Bells schlagen. Ich nehme an, daß er sehr großzügig zu Ihnen war, wie?«

Die Beleidigung war nicht mißzuverstehen.

Mrs. Granger Collak holte ein goldenes Etui aus ihrer Handtasche, öffnete es, zündete sich eine Zigarette an, lehnte sich ein wenig zurück und sah Helder aus halbgeschlossenen Augen an.

»Ja, Mr. Comstock Bell hat sich mir gegenüber sehr freundlich verhalten. Ich habe in ihm einen ehrenhaften Charakter kennengelernt.«

»Nun, auf diesem Gebiet ehrenhafter Handlungen sind Sie ja eine unbestrittene Autorität, Mrs. Collak.«

»Allerdings. Deswegen ist es mir auch völlig klar, daß Sie nicht zu dieser seltenen Spezies gehören. Aber zur Sache – ich bin hierhergekommen, um Mr. Gold etwas zu bringen.«

Sie nahm aus ihrer Handtasche einen Zeitungsausschnitt und reichte ihn Gold.

»Haben Sie dies in die Zeitung gesetzt?« fragte sie ihn.

Gold nickte verwundert.

»Ein reiner Zufall, daß ich es gesehen habe. Es stand in einer italienischen Zeitung, und ich muß schon sagen, daß es eine der merkwürdigsten Zeitungsannoncen ist, die ich je gesehen habe. Viele von uns hätten schließlich gerne Tausendfrancnoten, aber danach zu inserieren …?«

Helder beobachtete sie mißtrauisch. Welche Bewandtnis hatte es mit diesem Inserat? Auch Gold war es unbehaglich zumute, wenn auch aus einem ganz anderen Grund.

»Kann ich den Zeitungsausschnitt einmal sehen?« fragte Helder schnell.

Gold reichte ihm widerwillig das Blatt. Das Inserat war in italienischer, englischer und französischer Sprache abgefaßt und ersuchte alle Leute, in deren Hände Tausendfrancscheine mit den Nummern 687642 bis 687653 gerieten, sich mit der französischen Polizei oder über das amerikanische Konsulat in London mit Wentworth Gold in Verbindung zu setzen.

Helder las mit steigender Bestürzung. Wenn er auch die Zusammenhänge noch nicht durchschaute, war ihm doch klar, daß diese Annonce nichts Gutes bedeutete.

»Und warum interessieren Sie sich gerade für diese Banknoten?« fragte er.

Mrs. Granger Collak überhörte seine Frage. Sie holte aus ihrer Handtasche eine zusammengefaltete Banknote und überreichte sie Gold.

»Zufällig habe ich eine der Nummern in die Hände bekommen – hier ist sie.«

Gold nahm den Schein, hielt ihn gegen das Licht, drehte ihn hin und her und untersuchte besonders genau die Rückseite.

»Es tut mir sehr leid, Mrs. Collak, aber ich muß Ihnen leider mitteilen, daß diese Banknote gefälscht ist. Den Gegenwert werde ich Ihnen übrigens gerne ersetzen, da ich sie behalten will.«

Er gab sich Mühe, ruhig zu sprechen, aber man hörte seiner Stimme doch an, wie erregt er war.

Helder, der ihn genau beobachtet hatte, erschrak. Natürlich war dies eine der gefälschten Banknoten, die er in Umlauf gebracht hatte; es war nur nicht klar, wodurch sich gerade dieser Schein von den anderen unterschied. Zweitausend solcher Banknoten waren gedruckt worden! Auf jeden Fall war Gefahr im Verzug, und er mußte dieser Angelegenheit sofort nachgehen. Hastig stand er auf und ging zur Tür.

»Wir werden uns später noch weiter unterhalten, Mr. Gold.«

Der Beamte nickte. Er sah ihn mit einem so triumphierenden Blick an, daß Helder nur noch unruhiger wurde.

»Tiger, strengen Sie Ihr Gedächtnis an!« sagte Helder.

Er hatte seinen Komplicen im Hyde Park getroffen, und sie schlenderten zusammen in der Richtung nach Kensington Gardens. Ein leichter Regen fiel, und wenige Spaziergänger begegneten ihnen.

»Berichten Sie mir genau«, fuhr Helder fort, »unter welchen Umständen die französischen Banknoten gedruckt wurden.«

»Was soll damit los sein?« brummte Tiger und erklärte ihm, wer die Platten gemacht hatte und wieviel Scheine an jedem Tag produziert worden waren.

»Hat die Banknoten außer Ihnen jemand in der Hand gehabt?«

Tiger verneinte.

»Ich habe sie aus der Maschine genommen und fortgeschickt.«

»Hat sie wirklich nie jemand anders in die Finger bekommen?« Helder war hartnäckig.

Tiger Brown zögerte.

»Einige habe ich allerdings Maple gezeigt. Erinnern Sie sich noch, daß er darum bat, ein paar Scheine aus der Produktion nachprüfen zu dürfen?«

»Das weiß ich«, entgegnete Helder nachdenklich. »War er allein, als er sie untersuchte?«

»Ja, dabei hat ihm niemand zugesehen.«

»Und später wurden ihm die Banknoten wieder abgenommen?«

»Ich habe sie selbst wieder geholt und mit der ersten Auslieferung fortgeschickt. Gerade bei diesen Scheinen, die Maple selbst untersucht hatte, war ich besonders sicher, daß sie einwandfrei waren.«

»Wieviel Banknoten haben Sie Maple gegeben?«

»Zwölf Stück.«

Helder fluchte grimmig vor sich hin.

»Genausoviel wie in der Zeitungsannonce«, knurrte er. »Wenn Maple uns da einen Streich gespielt hat, dann gnade ihm Gott!«

Aber was hätte Maple mit den Banknoten denn anfangen können? Er dachte lange und angestrengt nach, ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Sicher war auf jeden Fall, daß Gold einen ganz bestimmten Grund gehabt hatte, sich über die Banknote, die ihm Mrs. Collak gebracht hatte, so zu freuen.

Helder nahm ein Taxi und fuhr mit Tiger Brown zu seiner Wohnung. Während Tiger einen Whisky trank, setzte sich Helder an den Schreibtisch und schrieb in größter Eile etwa ein Dutzend Telegramme. Sie waren an Adressen in den verschiedensten Teilen Europas und Amerikas gerichtet und alle in einem Geheimkode abgefaßt. Als er fertig war, händigte er die Formulare Tiger Brown ein.

»Bringen Sie die Telegramme. sofort zur Post und erwarten Sie mich in ungefähr einer Stunde am Haupteingang zum Finsbury Park.«

Zu der verabredeten Zeit hielt ein schwerer Wagen am Parkeingang, und Brown stieg ein.

Es war dunkel geworden, als sie den Privatweg erreichten.

Als Gold mit Mrs. Granger Collak allein war, verlor er keine Zeit. Er erklärte ihr in kurzen Worten, was er selbst wußte. Von dem Verschwinden Comstock Bells hatte sie natürlich in den Zeitungen gelesen, aber sie wußte noch nicht, daß man versuchte, ihn mit Fälschungen in Verbindung zu bringen.

Gold besaß Menschenkenntnis genug, um zu wissen, daß er dieser Frau, die außerdem Comstock Bell sehr viel zu verdanken hatte, unbedingt trauen durfte.

Er zündete einen kleinen Gasofen an und ließ sich von seinem Diener ein Kännchen mit Milch bringen. Dann nahm er ein Vergrößerungsglas und zeigte Mrs. Collak die feinen Schriftzüge auf der Rückseite der Banknote.

»Milch anwenden?« fragte sie verblüfft. »Was, um Himmels willen, hat denn Milch mit der Sache zu tun?«

»Das werden wir gleich sehen«, entgegnete Gold.

Er legte die Banknote in die flache Schüssel und goß die Milch darüber. Nach einigen Minuten nahm er sie wieder heraus, ließ sie abtropfen und trocknete sie an dem Gasofen.

Schweigend beobachtete sie ihn, bis er aufstand und ihr den Geldschein auf der flachen Hand entgegenhielt.

»Nun?« fragte sie.

Auf der Rückseite der Note waren wie durch Zauberei einige Schriftzeilen erschienen. Sie lasen sie gemeinsam, und Gold griff gleich darauf nach dem Telefonhörer.

»Jetzt ist die Sache klar«, sagte er, als sie vor der Haustür auf den Wagen warteten, der die Beamten von Scotland Yard bringen sollte. »Übrigens ist diese Art von Geheimschrift eine längst bekannte, primitive Angelegenheit – Sie nehmen eine neue Schreibfeder, feuchten sie mit Speichel an und schreiben damit auf ein Stück Papier. Die Schrift bleibt unsichtbar, bis man das Papier in Milch legt und dann vor dem Feuer trocknen läßt. Ist das nicht ein feiner Trick?«

Helder und Brown hatten die Farm erreicht und klopften an die Tür. Es dauerte lange, bevor der Riegel zurückgeschoben wurde. Clinker erklärte die Verzögerung.

»Maple geht es sehr schlecht«, sagte er brummig.

»Kann sein, es geht ihm bald noch viel schlechter«, entgegnete Helder bedeutungsvoll.

Zusammen mit den anderen ging er schnell in das Zimmer, wo Maple halb angezogen auf dem Bett lag: Sein Gesicht war kreidebleich und verzerrt, die Augen eingesunken und die Lippen blau angelaufen. Mit einem gleichgültigen Blick sah er Helder an, ohne ein Wort zu sagen.

»Seit wann liegt er schon so da?« fragte Helder, dem klar wurde, daß Maple nicht mehr lange zu leben hatte.

»Seit gestern abend. Sein Zustand muß damit zusammenhängen, daß er tatsächlich zu saufen aufgehört hat – eine Entziehungserscheinung.«

Helder setzte sich auf einen Hocker neben das Bett.

»Maple«, sagte er grob, »erinnern Sie sich noch an die französischen Banknoten, die Sie untersuchten, bevor sie fortgeschickt wurden? Was haben Sie damit gemacht?«

Maple bewegte seine Hand – eine Geste, die besagen sollte, daß diese Dinge für ihn kein Interesse mehr hatten.

»Was haben Sie damit gemacht?« wiederholte Helder. »Ich muß es wissen, verstanden!«

Er beugte sich über das Bett und schüttelte den Schwerkranken mit aller Kraft. Auch jetzt hielt Maple die Lippen fest zusammengepreßt.

»Ich werde …!« schrie Helder rasend vor Wut.

In diesem Augenblick packte ihn Tiger Brown, der bisher schweigend dabeigestanden hatte, am Arm.

»Ruhig – ein Auto …«, flüsterte er. Sie lauschten und hörten deutlich Motorengeräusch.

»Schnell nach unten«, zischte Brown.

Sie liefen die Treppe hinunter und schlichen sich an die Haustür. Der Wagen hielt, jemand schritt auf die Tür zu und klopfte energisch dagegen.

Eine Zeitlang Stillschweigen, dann hörten sie eine klare Stimme: »Öffnen Sie – im Namen des Gesetzes!«

Brown wich zurück.

»Die Polizei!«, sagte er leise und schaute, sich nach einem Ausweg um.

Helder war der einzige, der den Kopf nicht verlor. Sein Wagen stand in dem großen Geräteschuppen hinter dem Gebäude. Leise liefen sie in die Küche, an die sich der Schuppen anschloß, und spähten durchs Fenster hinaus. Niemand war zu sehen. Geräuschlos öffneten sie die Hintertür und waren mit einigen Sätzen in dem Schuppen und im Auto.

Natürlich war sich Helder im klaren darüber, daß die Polizei hinter ihm her sein würde, sobald er auf den Anlasser drückte – aber das mußte riskiert werden, einen anderen Weg gab es nicht.

Zu seinem Glück sprang der Motor sofort an, er gab Gas, raste über den holperigen Hof zu dem Eingangstor, vor dem der Polizeiwagen parkte, und gleich darauf auf der Straße nach London.

Tiger Brown, der mit seiner Pistole in der Hand auf dem Rücksitz kauerte, sah noch, wie die Polizisten zu ihrem Wagen stürzten – es würde ihnen nicht viel nützen, denn Helder hatte schon einen ganz beträchtlichen Vorsprung.

Ein grimmiges Lächeln spielte um Helders Mundwinkel. Noch einmal hatte er Glück gehabt – wenn die Polizei jetzt auch alle Beweismittel gegen ihn in Händen hatte. Vor allem mußte er nun versuchen, die eigene Haut zu retten. Sein Plan dazu lag fest.

20

Inhaltsverzeichnis

Gold rief die Polizisten zurück, die Helder verfolgen wollten. Er war sich durchaus dessen bewußt, daß er das Gebäude hätte umstellen lassen sollen, doch hatte ihm ein sicheres Gefühl gesagt, daß er sich mit nichts aufhalten durfte, wenn er Tom Maple noch einmal sehen wollte.

»Wir werden ihn schon noch erwischen«, sagte, er und wandte sich wieder dem Gebäude zu, dessen Tür von einem der Beamten inzwischen mit einem Dietrich geöffnet worden war.

Hastig durchsuchten die Beamten die Räume und standen gleich darauf vor Tom Maples Bett.

Der Kranke wälzte sich unruhig in den Kissen hin und her und murmelte unzusammenhängende Worte.

Gold sah sich im Zimmer, um und fand eine ganze Reihe halbfertiggestellter Platten und Druckstöcke, die Beweis genug dafür waren, daß von hier aus das ganze Unternehmen geleitet worden war.

Er hatte seine Nachforschungen eben beendet, als der Arzt eintraf, den einer der Beamten telefonisch verständigt hatte.

»Ich fürchte, er ist nicht transportfähig«, sagte der Doktor nach einer kurzen Untersuchung. »Das Herz ist sehr schwach – ich glaube nicht, daß er noch eine Chance hat.«

Gold sah auf seine Uhr.

»Ich erwarte seine Nichte – glücklicherweise hat sie sich ganz unerwartet mit mir in Verbindung gesetzt, kurz bevor wir hierherfuhren. Ich teilte ihr die Adresse mit und sagte, daß sie umgehend zu diesem Haus kommen soll.«

Vor allem mußte Gold jetzt Scotland Yard Bescheid geben; um einen Haftbefehl gegen Helder zu erwirken: Er setzte sich an einen kleinen Tisch und schrieb einen Bericht; als er aber mitten in der Arbeit war, hörte er, wie ein Wagen vor der Haustür hielt.

»Ob das schon Mrs. Bell ist?« murmelte er vor sich hin und lief die Stiegen hinunter.

Unten stand er vor einem Mann, der ihm merkwürdig bekannt vorkam.

»Mr. Bell!« rief er erstaunt.

Mit einem stummen Händedruck begrüßten sie sich. Gold sah, daß Bells Gesicht blaß und eingefallen war.

»Wo ist meine Frau?« fragte er.

»Ich erwarte sie schon seit einiger Zeit«, entgegnete Gold.

Bell sah ihn erschrocken an.

»Das ist doch nicht möglich!« rief er. »Ich habe den Wagen meiner Frau auf der Straße gesehen, etwa vier Kilometer von hier entfernt. Er hatte eine Reifenpanne, und der Chauffeur, der eben das Rad auswechselte, erzählte mir, daß Mrs. Bell wohl zu Fuß weitergegangen wäre. Er war im nächsten Dorf gewesen, um ein Ersatzteil zu besorgen, hatte Mrs. Bell aber nicht mehr vorgefunden, als er zurückkehrte.«

»Vielleicht ist sie aus irgendeinem Grund mit dem Zug nach London zurückgefahren? Wir müssen sofort nachforschen.«

»Wo ist Maple??

»Er liegt oben in einem Zimmer«, entgegnete Gold ernst.

»Ist er tot?«

»Nein, noch nicht – aber er wird nicht mehr lange leben.«

»Ich muß mit ihm sprechen«, erklärte Bell bestimmt. »Kommen Sie mit!«

Sie stiegen zusammen die Treppe hinauf. Maple, dem der Arzt ein herzstärkendes Medikament gegeben hatte, war noch einmal zum Bewußtsein gekommen. Er lächelte schwach, als er Gold sah, der zuerst das Zimmer betrat. Doch als er hinter ihm Comstock Bell erkannte, öffneten sich seine Augen weit, und seine Lippen zitterten vor Erregung.

»Comstock Bell?« flüsterte er kaum hörbar.

Bell nickte, ging langsam auf das Bett zu und setzte sich dicht neben den Sterbenden.

»Wo kommen Sie her?« fragte Maple mit schwacher Stimme.

Der andere zögerte, aber dann antwortete er ernst: »Ich bin eben aus dem Gefängnis entlassen worden.«

»Gefängnis?« wiederholte Maple.

Comstock Bell nickte. Ein tödliches Schweigen herrschte in dem Raum. Gold stand wie gebannt, er fühlte, daß dies die Krisis im Leben Comstock Bells war.

»Ja, ich komme aus dem Gefängnis«, begann Bell mit klarer Stimme. »Was gibt es dazu viel zu sagen? Die Vorgeschichte kennt ihr alle – vor Jahren wurde in Paris eine Banknotenfälschung begangen; auf zwei Studenten fiel der Verdacht, und beide entzogen sich durch ihre Abreise weiteren Nachforschungen. Die Polizei hatte richtig vermutet, sie hatten sich beide strafbar gemacht. Eigentlich sollte es nur ein Scherz sein, und der eine der beiden hätte auch nie gedacht, daß Ernst daraus würde. Dabei war er es, der überhaupt auf den Gedanken gekommen war, zum Spaß eine Banknote zu fälschen; als aber sein Freund, ein geschickter Graphiker und Graveur, Ernst machte, hatte er nicht den Mut, seine eigene Schuld einzugestehen, obwohl er an der Ausführung der Fälschung überhaupt nicht mehr beteiligt war. Die beiden verschwanden also aus Frankreich, dem einen gelang es unterzutauchen, dem anderen war keine Schuld nachzuweisen.«

Tom Maple starrte auf die Decke und bewegte die Lippen, als ob er sprechen wollte.

»Vor einigen Monaten«, fuhr Comstock Bell fort, »habe ich mich der Polizei gestellt, weil ich wußte, daß Willetts wieder gesucht wurde. Fragt mich nicht, warum ich es getan habe … Ich kann nur sagen, daß ich es nicht mehr aushielt, im Bewußtsein dieser Schuld weiterzuleben. Willetts hatte die Fälschungen begangen und wurde gesucht, sicher, aber wenn ich. ehrlich war, mußte ich mir eingestehen, daß mich selbst genau soviel Schuld traf. Kurz und gut, ich hatte schon seit einiger Zeit ein Doppelleben geführt, um Willetts zu decken. – Jetzt hielt ich den Augenblick für gekommen, ihn – also mich selbst – anzuzeigen und damit diese Sache ein für allemal aus der Welt zu schaffen. Als Willetts wurde ich verurteilt und kam ins Gefängnis. Ein Teil der Strafe wurde mir erlassen – und jetzt bin ich wieder frei.«

»Und dabei ist es gar nicht sicher, ob Willetts noch lebt«, rief Gold. »Warum haben Sie denn so etwas nur getan?«

»Willetts lebt«, sagte Comstock Bell.

Maple lächelte schwach.

»Ja«, murmelte er dann, »er lebt – ich bin Willetts.«

Er legte seine Hand auf den Arm Bells und sah ihn lange an.

»Ich danke dir«, sagte er kaum hörbar. »Willetts. – ja, ich bin der arme Tom Willetts. Ich dachte nicht, daß ich diesen Namen noch einmal hören würde.«

Lange Zeit schwieg er; die andern glaubten, er wäre eingeschlafen. Schließlich beugte sich der Arzt über ihn und berührte sein Gesicht.

»Er ist tot.«

Eine Stunde später befanden sich Comstock Bell und Gold auf dem Weg nach London. Sie hatten sich viel zu erzählen.

»Ich verließ Chelmsford heute morgen«, sagte Comstock Bell. »Meine Strafe wurde aufgehoben, weil sich die französische Kriminalpolizei für mich eingesetzt hatte – Lecomte selbst hat sich um die Sache bemüht. Vom Gefängnis aus fuhr ich sofort nach Southend, wo sich meine Frau aufhielt.«

Gold war nicht wenig verwundert. Comstock Bell erklärte ihm kurz die Zusammenhänge.

»Als ich mich entschlossen hatte, unser gemeinsames Verbrechen zu sühnen, mußte ich vor allem jemand finden, auf den ich mich unbedingt verlassen konnte. Keinesfalls wollte ich, daß meine Mutter oder sonst jemand erfuhr, daß ich im Gefängnis saß – also brauchte ich eine Person, die für die Dauer meines Gefängnisaufenthalts an meine Stelle trat. Glücklicherweise lernte ich Verity kennen. Ich erklärte ihr alles, und sie war bereit, mich zu heiraten. – Meinen Plan hatte ich bis ins letzte Detail ausgearbeitet. Ich kaufte einen Schleppdampfer, damit mein Stellvertreter unbeobachtet London verlassen oder besuchen konnte, denn das war aus vielen Gründen notwendig. Als ich aus England abreiste, um meine Flitterwochen im Ausland zu verbringen, fuhr ich nicht weiter als bis nach Boulogne. Mein Schiff brachte mich wieder zu einem kleinen Hafen Englands, und von dort reiste ich mit meiner Frau nach London zurück. Am Abend stellte ich mich der Polizei. Durch einen unglücklichen Zufall wurde Verity aber in meinem Haus gesehen – ich hatte sie dorthin geschickt, um einen Gummistempel mit meiner Unterschrift zu holen, den ich dummerweise vergessen hatte. Natürlich war meine Handverletzung nur vorgetäuscht. Ich mußte ja dafür sorgen, daß sich niemand darüber wunderte, wenn ich – das heißt mein Vertreter – nur noch mit der Maschine schrieb.«

»Jetzt verstehe ich«, sagte Gold. Die vielen unerklärlichen Einzelheiten fügten sich endlich zu einem verständlichen Ganzen zusammen.

»Der Zeitpunkt meiner Entlassung aus dem Gefängnis wurde meiner Frau mitgeteilt«, fuhr Comstock Bell fort, »und es war ausgemacht, daß sie mich in Southend erwarten sollte. Gleichzeitig sollte sie Ihnen ihre eigene Adresse mitteilen.«

»Das hat sie getan.«

»Zu meinem Erstaunen war sie nicht in Southend. Ich fand dort nur eine Nachricht vor, mit der sie mich aufforderte, nach dem Farmhaus zu kommen.«

»Wir können jetzt nichts anderes tun«, meinte Gold, »als in London so schnell wie möglich die Polizei benachrichtigen und dann zu Ihrem Dampfer fahren. Möglicherweise finden wir Ihre Frau dort.«

Comstock Bell zögerte. »Vielleicht ist sie aber auch in Ihre Wohnung gegangen, um dort Näheres zu erfahren.«

»In diesem Fall brauchten wir uns keine Sorgen zu machen«, sagte Gold. »Auf jeden Fall wird es am besten sein, wir fahren jetzt nach Southend, wo Ihr Schiff liegt.«

Den Rest der Fahrt legten sie schweigend zurück, bis sie in Southend am Ufer der Themse angekommen waren. In einiger Entfernung sahen sie die ›Seabreaker‹ vor Anker liegen, und auf dem Landungssteg stand Captain Lauder, dem es offensichtlich an Bord seines Schiffes zu langweilig geworden war:

Leider hatte er keine guten Nachrichten – Mrs. Bell war nicht zurückgekehrt.

»Gehen wir doch an Bord«, sagte er. »Ich habe so eine Ahnung …«

Sie ließen sich zur ›Seabreaker‹ hinüberrudern? und in der Kajüte erklärte ihnen der Kapitän, was ihm eingefallen war.

»Ich muß vorausschicken, daß es nur ein Verdacht ist«, begann er, »aber irgendwie habe ich das Gefühl, daß meine Beobachtung mit dem Verschwinden Mrs. Bells zusammenhängt. Es handelt sich um folgendes: Wie Sie sich denken können, kenne ich durch meine ständigen Fahrten so ziemlich jedes neue Gebäude, das am Themseufer errichtet wird. Vor drei Monaten nun habe ich gesehen, daß zwischen Tilbury und Barking ein neues Bootshaus gebaut wurde. Ich fand das seltsam, da meiner Meinung nach dieser Liegeplatz für ein Vergnügungsboot nicht sehr günstig gewählt ist.«

»Was verstehen Sie unter einem Vergnügungsboot?« erkundigte sich Gold.

»Nun, eben ein Motorboot, das nur für Vergnügungsfahrten benutzt wird. Dieses Motorboot ist aber etwas Besonderes. Es hat einen ungewöhnlich starken Motor und ist meiner Meinung nach auf kürzeren Strecken ohne weiteres seetüchtig. Ich will damit sagen, daß das Boot für irgendeinen bestimmten Zweck gebaut worden sein muß. Einmal habe ich es im Wasser gesehen – der Besitzer machte eine Probefahrt damit; seit dieser Zeit aber liegt es in einem Schuppen an Land und wird nur ab und zu von einem Mann kontrolliert. Eines Tages lagen wir in der Nähe, um auf Mrs. Bell zu warten, und mein Sohn unterhielt sich ein wenig mit diesem Mann, einem arbeitslosen Mechaniker, Dabei erfuhr er, daß das Boot genügend Brennstoff und Vorräte an Bord hat, um sich einige Wochen lang auf hoher See zu halten.«

»Ich verstehe, worauf Sie hinauswollen«, meinte Gold nachdenklich. »Das wäre für Helder eine Möglichkeit, England zu verlassen, wenn er eine Katastrophe für sich herannahen sieht. Ich muß sagen, ich halte es für sehr wahrscheinlich, daß Helder jetzt auf diese Weise zu entkommen versucht.«

»Ganz richtig«, warf Captain Lauder eifrig ein. »Der Mann, der mit meinem Sohn sprach, erzählte nämlich noch, daß der Besitzer des Bootes ein Amerikaner sei.«

»Schön«, sagte Bell. »Dann wird es am besten sein, wir fahren sofort zu diesem geheimnisvollen Bootshaus. Finden wir dort nichts Verdächtiges vor, dann lassen wir einen Beobachtungsposten zurück und dampfen nach London.«

Der Kapitän lief zur Kommandobrücke, und einige Minuten später hatte die ›Seabreaker‹ die Anker gelichtet und keuchte den Strom hinauf.

Die Nacht war sehr dunkel. Drei große Schiffe passierten sie, die mit der Ebbe zur offenen See hinausfuhren, aber sie sahen nichts von dem Motorboot, bis sie an Tilbury vorbeikamen.

Captain Lauder hatte die schärfsten Augen. Er stieß einen lauten Ruf aus und legte gleichzeitig das Steuer herum, sodaß der Schlepper eine scharfe Kurve beschrieb.

»Dort!« rief der Kapitän und deutete auf den Fluß. Ein langgestrecktes, schnittiges Motorboot war in voller Fahrt an der ›Seabreaker‹ vorübergeglitten. Deutlich hörten sie das Dröhnen seiner schweren Maschine.

Die kleine hintere Kabine des Motorbootes war hell erleuchtet, aber plötzlich erloschen die Lichter.

»Es fährt ein wenig zu schnell für unser Schiff«, knurrte der Kapitän, »Wenn wir aufs offene Meer hinauskommen, wird sich das aber schon ändern – wir haben ziemlichen Wellengang.«

Bell hatte sich einen Feldstecher geholt und schaute unentwegt zu dem schwarzen Schatten hinüber, der vor ihnen dahinglitt. Captain Lauder ließ das Letzte aus den Maschinen herausholen, und die ›Seabreaker‹ brachte es fertig, daß sich die Entfernung etwas verringerte.

»Natürlich könnte es auch irgendein anderes Fahrzeug sein«, meinte Gold. »Eigentlich glaube ich das aber nicht – es ist schon verdächtig genug, daß es mit vollständig abgeblendeten Lichtern fährt.«

»Ich glaube …«, begann Comstock Bell eben, als über das Wasser herüber zwei schrille Schreie drangen. Sie konnten von dem Motorboot kommen«.

In der Kabine flammte plötzlich wieder Licht auf, und zwei Gestalten hoben sich einen Augenblick silhouettenhaft gegen die Kabinenfenster ab.

Comstock Beil konnte durch sein Fernglas deutlich einen Mann und eine Frau unterscheiden, die an der Reeling miteinander rangen – im nächsten Augenblick trennten sie sich, und die eine Gestalt fiel mit einem Aufschrei in das dunkle Wasser.

»Es ist eine Frau …«, sagte er mit heiserer, erstickter Stimme.

21

Inhaltsverzeichnis

Auf einer verlassenen Strecke der Cambridge Road mußte Helder die Geschwindigkeit seines Wagens abbremsen. Vor sich auf der Straße sah er ein Auto, das offensichtlich Panne gehabt hatte. Mit dem Vorderteil stand es quer zur Fahrbahn, so daß Helder gezwungen war, einen Bogen um das Hindernis zu machen und ganz langsam zu fahren. Seine Scheinwerfer leuchteten dabei in das Innere des Wagens – einer Frau direkt ins Gesicht; die allein auf dem Rücksitz saß; offensichtlich war der Chauffeur fortgegangen, um Hilfe zu holen.

Die Frau war Mrs. Bell.

Helder bremste scharf, sprang aus dem Wagen und riß die Tür des andern Autos auf. Soviel Glück hatte er nicht erwartet.

»Sie werden mich begleiten müssen, Mrs. Bell«, sagte er hastig.

Sie gab ihm keine Antwort, sondern schaute schnell die Straße entlang, ob niemand in der Nähe sei, den sie um Hilfe bitten konnte. Weit und breit war kein Mensch zu entdecken. Ihr war klar, daß sie sich in großer Gefahr befand.

Helder hielt bereits die Tür seines Wagens auf und befahl ihr mit einer drohenden Geste, einzusteigen.

»Ich fahre auf keinen Fall mit Ihnen«, erklärte sie entschlossen.

»Steigen Sie sofort ein!« schrie Helder wütend.

Sie schrak zurück, aber er packte sie roh am Arm und zerrte sie in den Wagen.

»Nehmen Sie Mrs. Bell in die Mitte«, befahl er seinen Begleitern, »und wenn sie schreit, dann bringen Sie sie zum Schweigen!«

Der Wagen fuhr an den ihm entgegenkommenden Fahrzeugen in einem Höllentempo vorbei. Spät am Abend erreichten sie London. Helder vermied die verkehrsreichen Gegenden und suchte seinen Weg hauptsächlich durch die stillen Vororte. Er fuhr immer weiter nach Osten, bis die Stadt wieder hinter ihnen lag und sie durch das Flachland von Essex kamen.

Helder hatte sich schon seit langer Zeit auf eine Flucht vorbereitet. Er kaufte und mietete an allen möglichen Orten kleine Landhäuser, denn er kannte den Wert eines sicheren Schlupfwinkels.

Zehn Meilen von Barking entfernt zieht sich ein öder, flacher Landstrich bis an die Flußufer hin. Einige düster aussehende Fabriken, ein Flugplatz und große Kohlenlager befanden sich an der Flußseite.

Helder lenkte seinen Wagen dorthin. Er schien den Weg genau zu kennen.

»Hier steigen wir aus«, sagte er plötzlich.

Es war kein Haus in der Nähe zu entdecken. Sie schienen die einzigen lebenden Wesen in dieser feuchten, unwirtlichen Gegend zu sein. Verity konnte nur noch die aufgeschichteten Kohlenhaufen sehen. Einen Augenblick fürchtete sie für ihr Leben.

Helder packte sie am Arm und zog sie hinter sich her.

»Es geschieht Ihnen nichts, wenn Sie vernünftig sind«, flüsterte er.

Sie ließen das Kohlenlager links liegen und gingen ungefähr eine Viertelstunde lang über unebenes Gelände; Verity stolperte mehrmals.

In der Dunkelheit erkannte sie schließlich die Umrisse eines niedrigen Gebäudes, das dicht am Wasser stand.

Einen Augenblick machte sich Helder an dem Vorhängeschloß zu schaffen, dann öffnete er die Tür des Schuppens und schob sie vor sich her in das Innere. Ein schwacher Geruch von Öl und Petroleum schlug ihr entgegen.

Helder knipste eine Taschenlampe an, und sie sah nun, daß sie sich in einem geräumigen Bootshaus befand. In der Mitte stand ein großes Motorboot auf einer Gleitbahn, die direkt ins Wasser führte. Die Ausfahrt war durch ein Tor versperrt.

Helder sah sie triumphierend an.

»Das ist mein Rettungsboot«, sagte er. Er schien auf einmal wieder guter Stimmung zu sein. »Es wartet darauf, mich vor dem allgemeinen Schiffbruch zu retten. Ich glaube, es ist jetzt höchste Zeit, daß wir dieses Land verlassen.«

Seine beiden Begleiter betrachteten das große, starke Fahrzeug mit lebhaftem Interesse.

Besonders Tiger Brown zeigte sich beeindruckt von der klugen Voraussicht seines Chefs.

»Es ist ein gutes Boot. Ich habe es mit ausreichenden Vorräten auch für eine längere Fahrt versorgt«, bemerkte Helder. Er öffnete das Tor, das zum Fluß führte, und sie konnten die dunkle Wasserfläche sehen.

»Einsteigen«, sagte er dann und zeigte auf eine Leiter, an einer Wand des Bootshauses hing.

Brown holte sie, lehnte sie gegen das Heck des Motorboots und stieg hinauf. Helder wandte sich an Verity und zeigte nach oben.

»Ich denke nicht daran, mit Ihnen zu gehen!« rief sie ängstlich. »Machen Sie, was Sie wollen – ich bleibe hier.«

»Sie werden es sich noch überlegen, Mrs. Bell. Glauben Sie, daß ich Lust habe, Ihrem Mann im Chelmsford-Gefängnis zu begegnen?«

Sie wurde blaß und taumelte einige Schritte zurück.

Helder lachte triumphierend.

»Das haben Sie nicht gedacht, daß ich Ihr Geheimnis kenne, wie? Und verlassen Sie sich darauf, ich werde nicht davor zurückschrecken, den Gebrauch davon zu machen, den ich für richtig halte. Was meinen Sie, wie sich das ›Post Journal‹ über einen kleinen Artikel von mir freuen würde! Also – ersparen Sie sich und Ihrem Mann diese Blamage und fügen Sie sich meinen Anordnungen.«

»Mein Mann ist unschuldig«, sagte sie leise. »Er ist für jemand anders ins Gefängnis gegangen.«

Helder verbeugte sich spöttisch.

»Natürlich, wie Sie wollen! Das behaupten die meisten Leute, die hinter Gittern sitzen. Und jetzt – einsteigen! Aber ein wenig schnell, wenn ich bitten darf.«

Sie wußte, daß weiterer Widerstand zwecklos war. Wenn sie ihm nicht gehorchte, würde er das Geheimnis, das sie mit so viel Opfern und Mühe gehütet hatte, der Öffentlichkeit preisgeben.

Verzweifelt sah sie sich nach den Begleitern Helders um, aber sie wußte, auch von dort war keine Hilfe zu erwarten. Die beiden hatten jetzt nur einen Wunsch – zu entkommen.

Mühsam faßte sie sich und kletterte die Leiter hinauf. Helder folgte dicht hinter ihr.

Oben löste Helder sofort die Sperren, die das Boot an seinem Platz festhielten. Rasch glitt es auf den leicht geneigten Holzschienen, auf denen es ruhte, ins Wasser. Gleich darauf begann der Motor dumpf zu rattern, und mit spritzender Bugwelle fuhren sie stromabwärts, der offenen See zu.

Clinker war nach vorne gegangen, und Tiger Brown stand am Steuer. Helder blieb mit Verity allein in der kleinen hinteren Kabine. Er knipste das Licht an und ging auf Verity zu, die entsetzt vor ihm zurückwich.

»Wie wäre es, wenn wir ein wenig miteinander plauderten?« fragte er höhnisch. »Schließlich könnten Sie mir erzählen, ob Sie in Ihrer jungen Ehe glücklich sind oder nicht.«

Sie hatte die Lippen fest aufeinandergepreßt und sah ihn verächtlich an. Ihr Blick brachte ihn in Wut. Wie damals in seinem Büro war er nahe daran, jede Selbstkontrolle zu verlieren.

Mit einer raschen Bewegung knipste er das Licht aus und versuchte sie zu fassen. Doch sie stand bereits am anderen Ende der Kabine.

»Wenn Sie mir zu nahe kommen, springe ich über Bord.«

»Keine Angst«, entgegnete er zynisch. »Sie sind mir viel zu wertvoll, als daß ich nicht ganz besonders um Ihr Wohlergehen besorgt wäre. Comstock Bell wird ganz bestimmt dumm genug sein, eine anständige Summe als Lösegeld für Sie zu bezahlen.«

Während der letzten Worte hatte er sich ihr im Dunkeln leise genähert. Bevor sie ausweichen konnte, war er mit einem Satz bei ihr und packte sie an den Schultern. Sie schrie laut um Hilfe.

»Halten Sie den Mund!« zischte er sie wütend an.

»Lassen Sie mich in Ruhe«, schrie sie, so laut sie konnte. Sie hoffte, daß wenigstens Tiger Brown oder Clinker hereinschauen würden.

Es wurde ihm jetzt selbst unbehaglich, und er ließ sie wieder los.

»Machen Sie sofort das Licht an« – sie nützte ihren Erfolg aus.

Tatsächlich ging er zum Schalter, und im nächsten Augenblick war die Kabine wieder hell erleuchtet. Außer sich vor Aufregung wandte sie ihm den Rücken zu und schaute durch das kleine Fenster auf den Strom hinaus – plötzlich fuhr sie zusammen.

»Gott sei Dank«, flüsterte sie, »die ›Seabreaker‹.«

Er war neben sie getreten und sah zu seinem Schrecken einen kleinen Dampfer, der mit höchster Fahrt direkt auf sie zu hielt. Einen Augenblick lang war er fassungslos, und diesen Moment benützte sie. Bevor er sie festhalten konnte, war sie durch die Kabinentür gerannt und an die Reling gestürzt. Er konnte sie zwar noch einholen, doch mit der Kraft der Verzweiflung riß sie sich los und sprang ins Wasser.

Fluchend stand er an der Reling, doch dann sah er die Lichter des Dampfers immer näher kommen – es blieb ihm nichts übrig, als so schnell wie möglich das Weite zu suchen.

Tiger Brown, der das Steuer für einen Augenblick Clinker übergeben hatte, kam gerade auf ihn zu.

»Was ist denn los, zum Teufel?« fragte er.

Helder stieß ihn zur Seite.

»Schnell, wir müssen das Letzte aus der Maschine herausholen. Wenn wir die belgische Küste vor Tagesanbruch erreichen, haben wir es geschafft!«

Nach fünf Minuten drehte er sich wieder um und atmete erleichtert auf. Der Zwischenraum zwischen ihrem Boot und dem verfolgenden Schiff wuchs von Sekunde zu Sekunde, denn die ›Seabreaker‹ hatte beigedreht. Helder zweifelte nicht daran, daß man Boote aussetzte, um nach Verity Bell zu suchen.

22

Inhaltsverzeichnis

In der Kabine der ›Seabreaker‹ lag Verity Bell. Sie fühlte sich noch sehr schwach, lächelte aber zufrieden, als sie die Augen aufschlug. Comstock saß neben ihr. Der Dampfer hatte die Fahrtrichtung geändert und fuhr jetzt den Strom hinauf. Gold, der neben dem Kapitän auf der Brücke stand, sprach kein Wort. Er hatte alle Küstenstationen benachrichtigt und war gespannt, ob es noch gelingen würde, das Motorboot aufzuhalten. Auch die französischen und belgischen Küstenstationen waren bereits alarmiert.

Draußen heulte ein starker Nordwestwind.

Verity hatte Comstock schon seit einiger Zeit aus halbgeschlossenen Augen betrachtet, noch bevor er merkte, daß sie wieder zum Bewußtsein gekommen war. Sie sah die harten Linien, die der Gefängnisaufenthalt in sein Gesicht gezeichnet hatte, las aber auch Befriedigung und Erleichterung in seinem Blick.

Was sollte nun werden? Sie war bereit, auch der schlimmsten Möglichkeit entschlossen entgegenzutreten. Was mochte ihr die Zukunft bringen? Irgendeine Lösung mußte man finden – so oder so.

Mit einem Lächeln öffnete sie die Augen.

»Nun?« fragte sie freundlich.

»Du warst wohl sehr überrascht, mich hier wiederzusehen?« begann er. Eine merkwürdige Scheu hielt ihn davon ab, sie bei ihrem Namen zu nennen.

»Nein«, erwiderte sie ruhig.

Ein langes Schweigen trat ein.

»Mein Onkel …«, fuhr sie schließlich fort, »ist er – tot?«

Comstock Bell nickte traurig.

»Ich habe es befürchtet«, sagte sie leise. »Er war so gut zu mir.« Ihre Augen standen voll Tränen. »Jetzt bin ich –« sie brach ab und weinte fassungslos.

»Du wolltest sagen, daß du jetzt ganz allein bist.« Comstock Bell nahm ihre schlaff herabhängende Hand in die seine. »Und doch hast du kein Recht dazu – wir sind verheiratet.«

Sie sah ihn bedrückt an.

»Es wäre mir lieber gewesen, du hättest es jetzt nicht erwähnt«, erwiderte sie traurig. Ihr Blick ging an ihm vorbei. »Was ist das schon für eine Ehe, die wir führen!«

Er nickte. Es war totenstill im Raum, nur das gleichmäßige Stampfen der Maschinen ließ ab und zu die Fensterscheiben erzittern.

»Du hast recht«, entgegnete er schließlich. »Aber glaubst du denn, eine Scheidung wäre der einzige Weg für uns? Sicher, du wärst damit einverstanden, weil du denkst, ich wollte dich wieder loswerden … Denkst du das denn wirklich?«

Sie wurde rot.

»Nein, eigentlich nicht«, entgegnete sie leise. »Und doch, ich kann nicht einfach deine Frau bleiben, nur weil ich einmal Gelegenheit hatte, dir zu helfen. Reden wir doch ganz offen darüber – schließlich ist es uns beiden klar, daß wir einander nicht aus Liebe geheiratet haben. Du hast mich schon öfter gefragt, warum ich überhaupt mit dieser Ehe einverstanden war. Nun, als ich erfuhr, daß du für Willetts ins Gefängnis gehen wolltest, um euer beider Schuld zu sühnen, dachte ich mir, daß auch ich meinen Teil dazu beitragen könnte. Anstelle meines Onkels wollte auch ich etwas gutmachen … Und jetzt, jetzt muß ich daran denken, daß einmal eine Zeit kommen könnte, in der ich mich richtig in jemand verliebe …«

Sie senkte den Blick, doch er nahm ihren Kopf zwischen die Hände und sah sie voll an.

»So darfst du nicht reden! Vielleicht haben wir uns nicht geliebt, als wir uns heirateten – inzwischen ist aber viel Zeit vergangen, und ich wußte schon im Gefängnis, daß ich nicht mehr ohne dich leben kann. Du sagst, es könnte sein, daß du dich einmal verliebst – willst du dich nicht in mich verlieben?« Sie erwiderte nichts, mußte aber doch ein wenig lächeln.

»Du hast ein großes Risiko für mich auf dich genommen«, fuhr er mutiger geworden fort. »Willst du noch ein wenig mehr riskieren – daß du dich in mich verliebst, wenn du dich einmal verliebst?«

Sie sah ihn lange an, dann drückte sie fest seine Hand.

»Ja, ich will es tun.«

*

In der Nordsee kämpfte sich ein Motorboot durch einen Sturm voran, der dauernd heftiger wurde.

Die drei Männer an Bord taumelten hin und her. Helder und Tiger Brown hielten beide krampfhaft das Steuerruder umklammert.

»Schauen Sie sich die Wellen an! Das Wetter wird immer schlimmer!« brüllte Brown. Der Sturm riß ihm die Worte vom Mund.

Helder schüttelte grimmig den Kopf.

»Wir sind alle drei keine Seeleute – wenn es so weitergeht, bleibt uns nichts übrig, als umzudrehen.«

Das Motorboot zitterte in allen Fugen, als eine mächtige Welle den Bug in einen gischtenden Schaumberg verwandelte.

Verzweifelt schaute Helder zurück. Am Horizont sah er gerade noch den gelben Lichtstreifen des Leuchtschiffes, das sie an der Themsemündung passiert hatten.

Eine neue Welle traf das Boot von der Seite, so daß es sich schwer überlegte. Es hatte keinen Sinn, sie konnten die Fahrt über den Kanal jetzt nicht wagen.

»Wir müssen umkehren«, sagte Helder achselzuckend. »Am besten, wir versuchen irgendeine einsame Stelle an der Küste anzulaufen. Die Themse wieder hinaufzufahren, wäre viel zu gefährlich. – und in vier Stunden wird es hell.«

Tiger Brown und Clinker nickten schweigend. Es blieb ihnen keine andere Wahl.

Das Glück war ihnen wenigstens so weit günstig, daß es ihnen gelang, eine verhältnismäßig versteckte Bucht zu finden, in der sie eine Landung wagen konnten. Um fünf Uhr morgens knirschte der Kiel des Bootes im Sand.

»Was soll aus dem Kahn werden?« fragte Tiger Brown.

Helder zögerte; er trennte sich nicht gern von dem Boot, das für ihn fast die letzte Hoffnung darstellte, England unbemerkt zu verlassen. Aber dann machte er sich klar, daß es im Laufe des Tages doch von der Küstenwache entdeckt werden würde. Er mußte das Boot opfern.

Sie drehten es mühsam mit dem Bug zur See, laschten das Steuer fest und stellten den Motor auf volle Fahrt. Nach wenigen Minuten war es ihren Blicken hinter einem Regenvorhang entschwunden. Stumm sahen sie ihm nach.

Helder und seine Begleiter waren bis auf die Haut durchnäßt. Niedergeschlagen machten sie sich auf den Weg landeinwärts. Kein Mensch begegnete ihnen, und nach einer halben Stunde erreichten sie das Dorf Little Clacton.

Hier trennten sie sich. Jeder von ihnen hatte in der Brieftasche eine Geldsumme, die ein kleines Vermögen darstellte.

»Wohin gehen Sie?« fragte Brown.

»Nach London«, entgegnete Helder. »Vielleicht gelingt es mir, mich doch noch zum Kontinent durchzuschlagen.«

»Gut. Wir werden uns zunächst einen Schlupfwinkel suchen. Auf Wiedersehen in Amerika – oder im Kittchen.«

Helder kehrte ihnen den Rücken und machte sich auf den Weg zur Bahnstation. Wieder blieb ihm sein altes Glück treu – als er dort ankam, verließ eben ein Güterzug den Bahnhof in Richtung Colchester. Er lief nebenher und schwang sich mit letzter Kraft auf einen der Güterwagen.

Seine Zähne klapperten vor Kälte, doch er achtete nicht darauf. Würde ihm die Flucht gelingen?

Wenn der Zug unterwegs nicht anhielt, mußte er in einer Stunde in Colchester sein. Und es war ziemlich unwahrscheinlich, daß er auf kleineren Stationen haltmachte.

Er hatte mit seiner Vermutung recht; nach nicht allzulanger Zeit stand der Zug vor einem Haltesignal außerhalb von Colchester. Vorsichtig sprang er aus dem Wagen, ging querfeldein und erreichte ohne Zwischenfall die Stadt.

Einige Leute, die auf dem Weg zu ihren Arbeitsstätten waren, begegneten ihm. Der Morgenwind blies heftig, und Helder war bis auf die Knochen durchfroren. Die Leute würden aussagen, daß sie ihn hier gesehen hatten.

Etwas später traf er einen Mann, der rasch ausschritt und dabei ein Liedchen pfiff. Helder hielt ihn an.

»Entschuldigen Sie …«, begann er.

Der Mann wartete und betrachtete Helder argwöhnisch.

»Wollen Sie sich etwas verdienen?« fragte Helder.

»Sicher«, sagte der Mann. Aber es klang nicht gerade begeistert.

»Ich hatte eine Havarie an meinem Motorboot«, erzählte Helder. »Mußte landen und fünf Meilen querfeldein gehen. Was ich brauche, ist eine Unterkunft und trockene Kleider.«

»Es gibt genug Hotels in der Stadt«, antwortete der Mann brummig.

Helder zerstreute seine Bedenken.

»Ich möchte aber in kein Hotel gehen. Man soll nicht wissen, daß ich hier bin. Ich habe meine Gründe dafür. Irgendwelche trockene Kleider genügen mir.«

Er zog seine Brieftasche heraus und zeigte dem Mann zwei Fünfpfundnoten.

»Kommen Sie mit in meine Wohnung«, sagte dieser, plötzlich höflicher geworden.

Er führte Helder ein Stück zurück in eine kleine Nebenstraße zu einem einzeln stehenden Haus. Sie traten ein, und Helder wurde in ein Wohnzimmer geführt.

»Ich sage rasch meiner Frau Bescheid. Sie wird bestimmt einen passenden Anzug für Sie finden.«

Der Raum war nicht geheizt, aber Helder fühlte sich hier behaglich im Gegensatz zu seinem Aufenthalt im Eisenbahnwaggon und auf freiem Feld. Der Mann kam nach einiger Zeit mit einem Bündel Kleider unter dem Arm zurück, die er auf dem kleinen Sofa ausbreitete.

»Bitte suchen Sie sich aus, was Sie brauchen. Meine Frau macht gerade eine Tasse Tee für Sie.«

Er ging wieder hinaus, und Helder zog rasch einen noch recht gut erhaltenen Anzug an, den ihm der Mann gebracht hatte.

Helder sah in seiner neuen Kleidung vollkommen verändert aus. Der Anzug paßte besser, als er gedacht hatte. Er band sich noch einen wollenen Schal um den Hals, und man konnte ihn nicht mehr von einem gewöhnlichen Arbeiter unterscheiden. Seine Brieftasche und die anderen kleinen Gegenstände, die in seinem eigenen Anzug steckten, nahm er heraus und suchte noch einmal alle Taschen durch, um nicht später der Polizei einen Hinweis zu geben. Inzwischen brachte die Frau den Tee und machte Feuer an.

»Ich möchte nicht, daß über die Sache gesprochen wird«, sagte Helder zu dem Mann. »Man glaubt allgemein, ich sei in London, und es wäre mir unangenehm, wenn bekannt würde, daß ich mich hier in der Gegend herumtreibe.«

Der Mann nickte und zwinkerte verschmitzt mit den Augen.

»Sie können sich auf mich verlassen«, erwiederte er. »Was soll mit Ihren Kleidern geschehen?«

»Die können Sie behalten.«

Helder trank Tee und aß zwei dicke Scheiben Toast.

Es war inzwischen hell geworden, und er ging rasch zum Bahnhof und löste eine Arbeiterfahrkarte nach Romford. Dort stieg er in einen Vorortzug Richtung London.

Um acht Uhr kam er auf dem Liverpool-Street-Bahnhof an. Die Straßen waren von Arbeitern bevölkert, die zu den Fabriken strömten.

Es war ihm klar, daß er die City möglichst vermeiden mußte; er ging also in östlicher Richtung weiter und kaufte in einem Laden für Gebrauchtwaren einen dicken Mantel und einen Hut, wie er sie früher nie getragen hatte. Auf Umwegen erreichte er New Cross, die Station, auf der die Personenzüge in Richtung Dover halten.

Wieder hatte er Glück. Es war alles einfacher, als er gedacht hatte. Er war auf einmal todmüde von den Anstrengungen der vergangenen Nacht.

Bis Ashford schlief er ein wenig und stieg dann aus dem Zug, der hier einige Minuten Aufenthalt hatte. Er aß am Eisenbahnbüfett eine Kleinigkeit und kaufte sich rasch eine Zeitung.

Es war die neueste Morgenausgabe, die mit großen Schlagzeilen von dem Ende der Fälscherbande berichtete.

Helder biß die Zähne zusammen, als er seinen Namen las. Und dann erschrak er – das Motorboot war von einem Küstenwachschiff aufgefischt worden, und die Polizei kombinierte richtig, daß die drei Verbrecher wieder aufs Festland zurückgekehrt waren.

Alle Zugs wurden überwacht, sämtliche Kanalhäfen kontrolliert – jetzt war seine Lage katastrophal.

Während er versuchte, zu einem Entschluß zu kommen, hielt ein Zug nach London vor seiner Nase. Er faßte es als einen Fingerzeig des Schicksals auf und stieg ein, obwohl er wußte, daß der Zug erst am Waterloo-Bahnhof halten würde.

Seine ganze Hoffnung bestand darin, daß die Polizei ihre Aufmerksamkeit wahrscheinlich eher auf die Züge konzentrierte, die nach den Küstenstationen fuhren.

Das Glück blieb ihm treu. Der Bahnhof wurde zwar von einem halben Dutzend Kriminalbeamten bewacht, aber keiner entdeckte ihn.

Mit der Untergrundbahn fuhr er quer durch London und erreichte High Gate. Hier kaufte er verschiedenes ein, vor allem einen Koffer und einen zweiten Anzug. Mit diesen Sachen fuhr er wieder nach Südlondon zurück und stieg dort in einen Vorortzug Richtung Sydenham. In einem leeren Eisenbahnabteil wechselte er seine Kleider und veränderte mit einer dicken Hornbrille sein Aussehen so sehr, daß man ihn kaum wiedererkennen konnte.

Wentworth Gold und ganz Scotland Yard waren ihm auf den Fersen. Er wußte, daß seine Chancen hundert zu eins standen.

Am Nachmittag um fünf Uhr wurden Tiger Brown und Clinker in Brentford verhaftet. Bei ihrem Verhör kam wenig heraus, was die Polizei nicht schon wußte. Natürlich hatten sie keine Ahnung, wohin Helder flüchten wollte.

»Ich möchte wetten, daß er in London war«, erklärte Gold. »Wir müssen jetzt nur aufpassen, daß er sich nicht wieder bis zur Küste durchschlägt.«

Helder ging sehr geschickt vor. Er benützte nie einen Schnellzug, sondern entfernte sich durch kleine Fahrten mit Vorortzügen immer weiter von der Hauptstadt. Mit einem Bummelzug erreichte er Reading, führ dann nach Fishguard und kam gerade Zur rechten Zeit in diesem Hafenort an, um noch den Dampfer nach Irland zu erreichen.

Wieder erkannte ihn niemand, als er an Bord ging. Zwei Kriminalbeamte, die die einsteigenden Passagiere beobachteten, wendeten gerade im richtigen Moment ihren Verdacht einem völlig unbescholtenen Reisenden zu.

Dann aber ließ Helder das Schicksal, das ihm bisher immer noch weitergeholfen hatte, endgültig im Stich. Die Art und Weise, wie er verhaftet wurde, waren ein Witz, den jeder spaßig fand – außer Helder selbst.

Gold wurde in den frühen Morgenstunden durch ein Telegramm geweckt, das ihm von Scotland Yard gesandt worden war. Es lautete kurz: »Helder in Queenstown verhaftet.«

Gold nahm den nächsten Zug und traf am Vormittag in der Hafenstadt ein. Auf der Polizeiwache wurde er bereits erwartet, und man führte ihn sofort in eine Zelle, in der Helder mit resigniertem Gesichtsausdruck auf einer Pritsche hockte.

»Na, Gold, jetzt haben Sie mich also doch erwischt!«

Gold nickte.

»Ich habe es Ihnen vorausgesagt.«

Helder lachte bitter.

»Hat man Ihnen schon erzählt, wie man mich verhaftete?«

»Nein«, entgegnete Gold erstaunt. Er wunderte sich, daß der Gefangene ausgerechnet darauf zu sprechen kam. Helder lehnte sich zurück, steckte die Hände in die Taschen und sah an Gold vorbei auf die Gitterstäbe des Fensters.

»In einem Reisebüro kaufte ich mir eine Schiffskarte nach Amerika«, sagte er. »Unter den Banknoten, mit denen ich bezahlte, war auch eine Fünfpfundnote. Mein Geld war echt, und ich dachte schon, ich hätte es geschafft, als man mir die Schiffskarte aushändigte – doch an der Tür verhaftete mich ein Kriminalbeamter.«

»Nun ja, man hat Sie sicher erkannt«, meinte Gold.

»Nein, das war es nicht«, entgegnete Helder mit erstickter Stimme. »Aber die Fünfpfundnote, mit der ich bezahlte, war gefälscht.«

»Aber Sie haben doch niemals Fünfpfundnoten gefälscht!«

»Nein, das ist es ja gerade. Gefälscht hat sie irgendein anderer – ein Stümper! Und ich habe sie zufällig in die Hand bekommen!«

23

Inhaltsverzeichnis

Mrs. Verity Bell saß auf der breiten, sonnenüberfluteten Terrasse des Hotels ›Cecil‹ beim Frühstück. Vor ihr lag Gibraltar, ein großer grauer Felsblock, links zog sich die sanft gewellte Hügelkette des spanischen Festlandes hin, und hinter ihr schlossen die weißen Häuser von Tanger das Panorama ab.

Verity war glücklich. In den letzten drei Monaten hatte sie ein Leben geführt, wie sie es früher nur aus Romanen gekannt hatte. Sie war in der Schweiz gewesen, in Italien, Spanien und Ägypten – und was in der Zukunft vor ihr lag, würde genauso sorgenlos und schön sein.

Schritte näherten sich, und als sie sich umwandte, stand Comstock vor ihr.

»Hallo, schon so früh auf?«

Sie lächelte ihn an, und er setzte sich ihr gegenüber an den Tisch.

»Das Frühstück kommt gleich«, sagte er. »Hast du Hunger? Diese Hitze schon am frühen Morgen verschlägt mir jedesmal den Appetit.«

Sie blickte ihn besorgt an.

»Du bist doch nicht etwa krank?« fragte sie ängstlich.

»Aber keine Spur!«

»Der Portier hat mir erzählt«, erklärte sie hastig, »daß in Tanger eine Typhusepidemie ausgebrochen ist. Glaubst du nicht, daß es besser wäre, wenn wir gleich abreisten?«

Er schüttelte lachend den Kopf.

»Mach dir doch keine Sorgen um mich! Paß nur auf dich selber auf – hm, allerdings – ich möchte nicht, daß du dich ansteckst. Das wäre entsetzlich!«

Plötzlich war er ernst geworden und schaute sie unruhig an.

Sie mußte laut lachen, und er stimmte ein, als er das Humorvolle der Situation erkannte.

Ein Kellner brachte auf einem Tablett die Post, und Comstock schaute sie flüchtig durch. Einen Brief, auf dem er die Handschrift Wentworth Golds erkannte, öffnete er und überflog ihn schnell.

»Gib es etwas Neues?« fragte sie.

»Ja – Helder ist tot«, entgegnete er. »Merkwürdig – Gold, der doch wirklich nicht romantisch veranlagt ist, glaubt, daß er an gebrochenem Herzen gestorben ist.« Er schob seinen Stuhl zurück und schaute nachdenklich aufs Meer hinaus.

»Er war ein Verbrecher«, sagte er. »Aber wer kann sich die Versuchungen vorstellen, denen ihn sein unbändiger Ehrgeiz aussetzte? Sicher hatte er gute Anlagen, die wie bei so vielen anderen durch schlechte äußere Einflüsse immer mehr verschüttet wurden.«

Er öffnete einen anderen Brief, ließ ihn aber gleich wieder sinken, »jeder stellt sich unter seinem Glück etwas anderes vor«, meinte er nachdenklich.

Sie schaute schnell auf.

»Bist du denn glücklich?« fragte sie schüchtern.

»ja, Verity – das bin ich«, entgegnete er mit einem leichten Zögern in der Stimme. »Nur manchmal mache ich mir Sorgen um die Zukunft. Ich habe Gewissensbisse. Ich fühle, daß zwischen uns noch nicht alles so ist, wie es sein sollte.«

»Du weißt, daß auch ich manchmal fürchte, zwischen dir und deinem Lebensglück zu stehen«, erwiderte sie ernst.

»Du bist mein Lebensglück«, sagte er leise. »Was immer auch die Zukunft bringen mag, das ist eine Tatsache. Es ist so leicht, dich lieb zu haben, Verity.«

Seine Worte klangen so einfach und selbstverständlich, daß sie errötend die Tasse hob, um ihre Verwirrung zu verbergen.

»Vielleicht denke ich schon lange das gleiche und wollte es dir nur nicht sagen.«

»Das wäre schön, sehr schön, Verity. Vielleicht bist du dir aber doch noch nicht ganz im klaren, so klar wie ich mir heute bin. Wir haben ja soviel Zeit – und du kannst noch lange warten, bevor du dich entscheidest. Ich werde trotzdem immer bei dir bleiben …«

Die Tasse, die Verity in der Hand hielt, hatte schon die ganze Zeit bedenklich gezittert. Jetzt fiel sie auf den Marmorfußboden und zerbrach in hundert Stücke. Verity lachte, lief um den Tisch herum und lehnte sich an ihren Mann.

»Aber ich will doch gar nicht mehr warten«, sagte sie glücklich.«

Die drei von Cordova

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An einem der Marmortische des ›Café del Gran Capitán‹ in Cordova saß ein Herr, der viel Zeit zu haben schien. Er war von großer Gestalt und hatte einen gepflegten Bart. Die Blicke seiner ernsten grauen Augen schweiften scheinbar absichtslos die Straße entlang. Ab und zu nippte er an seinem Kaffee und trommelte mit seinen schlanken weißen Händen einen Wirbel auf der Tischplatte.

Er trug einen schwarzen Anzug; sein gleichfalls schwarzer Mantel hatte einen Samtkragen. Die Krawatte war von schwerer schwarzer Seide, die gutgeschnittenen Beinkleider wurden durch Lederstege unter den spitzauslaufenden Schuhen gestrafft, wie es in gewissen Kreisen der Caballeros beliebt war.

Er hätte Spanier sein können, denn graue Augen traf man dort unten häufig an. Die ausgelassenen Irländer, die damals mit den Besatzungstruppen Wellingtons ins Land gekommen waren, hatten sich ja gar nicht so selten mit den feurigen Mädchen von Andalusien verheiratet.

Er sprach ein tadelloses Spanisch, und auch die Art, wie er den wehleidig flehenden Bettler behandelte, der auf ihn zuhumpelte und ihn mit ausgestreckten verkrüppelten Fingern um ein Almosen bat, zeugte von seiner südländischen Abstammung.

»Im Namen der Jungfrau und der Heiligen und des allmächtigen Gottes flehe ich Sie an, Señor, geben Sie mir ein paar Céntimos.«

Der Herr an dem Tisch richtete seine Blicke auf die ausgestreckte Hand.

»Gott wird dir helfen«, sagte er dann in dem Küstenarabisch, das in Spanisch-Marokko gesprochen wird.

»Wenn mir der Himmel ein Leben von hundert Jahren schenken sollte«, erwiderte der Bettler mit monotoner Stimme, »so will ich doch niemals aufhören, für Ihr Wohl zu beten.«

Der Herr in dem Mantel betrachtete jetzt den Alten.

Der Bettler war ein Mann von mittlerer Größe und hatte scharfgeschnittene Gesichtszüge. Sein Kopf war durch einen großen Verband entstellt, der auch das eine Auge bedeckte. Seine Füße waren unförmige Klumpen, mit vielen Bandagen umwickelt. In seinen schmutzigen Händen hielt er einen Stock.

»Señor«, wimmerte er, »ein paar Céntimos können mich von den schrecklichen Hungerqualen befreien. Sie werden diese Nacht keinen Schlaf finden, wenn Sie an den armen, kranken Greis denken, der sich hungrig auf seinem Lager wälzt.«

»Geh in Frieden«, sagte der vornehme Herr geduldig.

»O Erhabener«, seufzte der Bettler wieder, »bei dem Knäblein, das auf dem Schoß der Mutter ruhte« – bei diesen Worten bekreuzigte er sich –, »bei allen Heiligen und dem wundertätigen Blut der Märtyrer, ich flehe Sie an, lassen Sie mich nicht am Wege verhungern, wenn ein paar Céntimos, die Ihnen nicht soviel bedeuten wie der Rand unter dem Fingernagel, mir den Magen mit Essen füllen könnten.«

Der Herr an dem Marmortisch ließ sich nicht erschüttern; ruhig trank er seinen Kaffee aus.

»Geh mit Gott«, sagte er nur.

Aber der Alte zögerte immer noch. Hilflos sah er die Straße auf und ab, dann blickte er in den dunklen, kühlen Raum des Cafés. Am anderen Ende saß ein Kellner nachlässig an einem Tisch und las den ›Heroldo‹.

Der Bettler beugte sich vor und streckte langsam die Hand aus, um einige Kuchenkrümel vom nächsten Tisch aufzulesen.

»Kennst du Doktor Essley?« fragte er plötzlich in perfektem Englisch.

Der andere schaute nachdenklich auf.

»Nein, ich kenne ihn nicht. Warum?« entgegnete er in der gleichen Sprache.

»Du solltest seine Bekanntschaft machen, er ist interessant.«

Weiter sagte der Bettler nichts; er drehte sich um und schlurfte langsam davon.

Der vornehme Herr beobachtete neugierig, wie er sich dem nächsten Café zuwandte. Dann klatschte er laut in die Hände. Der Kellner, der inzwischen über seiner Zeitung eingenickt war, fuhr in die Höhe und nahm die Zahlung und das übliche Trinkgeld entgegen.

Obgleich sich der Himmel wolkenlos zeigte und die Sonne schien, war es in den blaugrauen Schatten der Straße noch empfindlich kalt in diesen ersten Vorfrühlingstagen.

Der Herr erhob sich vom Tisch, ergriff einen Zipfel seines faltigen Mantels und warf ihn sich leicht über die Schulter. Dann ging er langsam hinter dem Bettler her.

Sein Weg führte ihn durch winklige Straßen, die so eng waren, daß die Wagennaben tiefe Rinnen in die Mauern der Häuser gegraben hatten, wenn sich zwei Fuhrwerke begegnet waren.

In der Calle Paraíso holte er den alten Mann ein; er ging an ihm vorüber und bog in eine der Gassen ein, die zu der San-Fernando-Kirche führten. Gemächlich ging er dort hinunter; dann wandte er sich der Carrera del Puente zu und gelangte bald in den Schatten der Kathedrale, die ursprünglich als Moschee errichtet worden war.

Unentschlossen blieb er vor den offenen Toren zu den Höfen stehen; er schien im Zweifel zu sein, wohin er sich wenden sollte. Schließlich drehte er sich um und ging zur Calahorrabrücke hinunter, die den Fluß mit ihren sechzehn Bogen schnurgerade überspannte. Sie stammte noch aus der Zeit der Mauren und war von diesen erbaut. Als er die Mitte der Brücke erreicht hatte, lehnte er sich über das Geländer und schaute lässig auf die angeschwollenen gelben Fluten des Guadalquivir hinab.

Heimlich aber beobachtete er, wie der Bettler auf ihn zuhumpelte. Es dauerte sehr lange, denn der Alte kam nur langsam von der Stelle. Endlich stand er an seiner Seite und hielt ihm die Hand entgegen. Seine Haltung war die eines gewöhnlichen Bettlers, aber seine Sprache die eines gebildeten Engländers.

»Manfred«, sagte er ernst, »du mußt diesen Essley sehen. Ich bitte dich aus einem ganz bestimmten Grund darum.«

»Wer ist denn das?« Der Bettler lächelte.

»Ich muß mich zum größten Teil auf mein Gedächtnis verlassen. Die Bibliothek in meiner armseligen Wohnung ist etwas beschränkt. Aber ich habe die dunkle Erinnerung, daß er Arzt in einer Vorstadt Londons ist. Scheint ein kluger Kopf zu sein.«

»Und was macht er hier?«

Gonsalez, der sich hinter der Maske dieses unscheinbaren Bettlers verbarg, lächelte wieder.

»Hier in Cordova lebt ein Doktor Cajalos. In die vornehme Umgebung des Paseo del Gran Capitán, wo du deine luxuriöse Wohnung hast, dringt natürlich kein Gerücht aus der Unterwelt von Cordova. Hier«, – er zeigte auf die baufälligen Dächer und die schmutzigen, schiefen Häuser am anderen Ende der Brücke – »im Campo de la Verdad, wo die Leute mit zehn Peseten die Woche zufrieden leben können, kennt man den Doktor Cajalos. Er wird in allen Häusern und Familien verehrt – ein bewunderungswürdiger Mensch, der mit seiner Kunst Wunder vollbringt. Er macht die Blinden sehend, entlarvt durch seine Macht die Schuldigen, bereitet unfehlbare Liebestränke, bespricht Warzen und Geschwüre.«

»Selbst in der Gegend des Paseo del Gran Capitán wird er geachtet.« Manfred zwinkerte mit den Augen. »Ich habe ihn selbst aufgesucht und um Rat gefragt.«

Der Bettler war ein wenig erstaunt.

»Du bist tüchtiger, als ich dachte«, sagte er bewundernd. »Wann warst du bei ihm?«

Manfred lachte leise.

»Vor einigen Wochen stand in einer bestimmten Nacht ein Bettler vor der Haustür des Arztes auf der Straße und wartete geduldig auf das Wiedererscheinen eines geheimnisvollen Besuchers, der sich bis zur Nasenspitze in seinen Mantel eingehüllt hatte.«

»Ja, ich kann mich besinnen.« Gonsalez nickte. »Es war ein Fremder aus Ronda, und ich war neugierig. Hast du beobachtet, daß ich ihm folgte?«

»Ich sah dich von der Seite«, entgegnete Manfred ernst.

»Warst denn du der Fremde?« fragte Gonsalez, aufs höchste überrascht.

»Ja. Ich verließ damals Cordova, um nach Cordova zurückzukommen.«

Gonsalez schwieg einen Augenblick.

»Ich gebe mich geschlagen«, sagte er dann. »Du kennst also Doktor Cajalos. Begreifst du nun, warum ein gewöhnlicher englischer Arzt nach Cordova kommt? Essley ist auf dem schnellsten Wege und ohne Aufenthalt mit dem Algeciras-Expreß gereist. Morgen früh bei Tagesanbruch wird er Cordova auf dieselbe eilige Weise wieder verlassen. Er ist hierhergekommen, um Doktor Cajalos zu konsultieren.«

»Poiccart ist hier; er interessiert sich auch für diesen Essley – und zwar so sehr, daß er sich, den Reiseführer in der Hand, friedlich von Fremdenführern umherführen läßt, die ihm ja doch nur ungenaue Auskunft geben können.«

Manfred strich seinen kleinen Bart, und seine klugen Augen hatten wieder denselben ernsten, nachdenklichen Ausdruck wie vorher, als er Gonsalez von seinem Platz im ›Café del Gran Capitán‹ aus nachgesehen hatte.

»Ohne Poiccart würde das Leben langweilig sein«, sagte er.

»Ja, da hast du recht – o Señor, mein ganzes Leben soll Ihrem Lobe geweiht sein, und meine Gebete für Sie sollen wie Weihrauchwolken zum Throne des Allmächtigen emporsteigen.«

Er verfiel plötzlich wieder in seinen jammernden Tonfall, denn ein Polizist der Guardia Municipal näherte sich ihnen und warf einen mißtrauischen Blick auf den Bettler, der mit ausgestreckter Hand erwartungsvoll dastand.

Manfred schüttelte den Kopf, als der Polizist herankam.

»Geh in Frieden.«

»Du Hund«, rief der Polizist und packte den Bettler mit rauher Hand an der Schulter, »du Sohn eines Diebes, mach, daß du fortkommst, damit deine übelriechende Gegenwart nicht die Nase dieses hohen Herrn beleidigt!«

Er stemmte die Arme in die Seite und sah dem davonhinkenden Krüppel nach, dann wandte er sich an Manfred.

»Wenn ich diesen Lumpen nur eher gesehen hätte, Señor, hätte ich Sie schon längst von ihm befreit.«

»Es ist nicht der Rede wert«, erwiderte Manfred in herkömmlicher Weise.

Der Polizist strich sich mit der einen Hand den kleinen Schnurrbart.

»Ich habe es nicht leicht, die reichen und freigebigen Caballeros vor diesen Kerlen zu bewahren…«

Manfred ließ ein Geldstück in die Hand des Polizisten gleiten.

Der Mann ging bis zum Ende der Brücke neben ihm her. Sie blieben dann plaudernd an dem Hauptportal der Kathedrale stehen.

»Sie sind wohl nicht aus Cordova, Señor?«

»Aus Malaga«, erwiderte Manfred ohne Zögern.

»Meine Schwester war mit einem Fischer in Malaga verheiratet«, erzählte der Polizist. »Ihr Mann ist ertrunken. – Sind Sie schon einmal in Gibraltar gewesen?«

Manfred nickte. Er blickte interessiert auf eine Gesellschaft von Touristen, denen die Pracht der Puerta del Perdón gezeigt wurde.

Einer der Fremden löste sich von der Gruppe der übrigen und kam auf sie zu. Er war ein Mann von mittlerer Größe und kräftiger, untersetzter Gestalt. In seinem Wesen lag eine sonderbare Zurückhaltung, und in seinem Gesicht drückte sich eine gewisse melancholische Ruhe aus.

»Können Sie mir den Weg zum Paseo del Gran Capitán sagen?« fragte er in schlechtem Spanisch.

»Ich gehe selbst dorthin«, erklärte Manfred höflich. »Wenn Sie mich begleiten wollen…«

»Ich wäre Ihnen zu großem Dank verpflichtet«, entgegnete der andere.

Manfred dankte dem Polizisten nochmals, dann gingen die beiden Männer davon.

Sie sprachen über die verschiedensten Dinge, über das Wetter und den schönen Anblick der Kathedrale.

»Du mußt mitkommen und Essley sehen«, sagte der Tourist plötzlich unvermittelt in perfektem Spanisch.

»Erzähle mir doch etwas von ihm«, erwiderte Manfred. »Im Vertrauen gesagt – du hast meine Neugierde geweckt.«

»Es ist eine wichtige Angelegenheit«, entgegnete Poiccart ernst. »Essley ist Arzt in einer Vorstadt von London. Ich habe ihn seit Monaten beobachtet. Er hat nur eine kleine, recht unbedeutende Praxis; augenscheinlich ist das nicht sein Hauptberuf. Außerdem hat er eine merkwürdige Vergangenheit. Er hat in London studiert und ist gleich nach dem Examen mit einem gewissen Henley nach Australien gegangen. Henley war ganz heruntergekommen und im Examen durchgefallen, aber die beiden waren gute Freunde. Das erklärt wahrscheinlich auch, daß sie zusammen auswanderten, um ihr Glück in der Fremde zu suchen. Essley stand völlig allein, und Henley hatte nur einen reichen Onkel irgendwo in Kanada, den er aber niemals gesehen hatte. Sie kamen in Melbourne an und gingen ins Innere des Landes. Sie wollten in den neuen Goldfeldern ihr Heil versuchen, die damals gerade erschlossen wurden. Drei Monate später kam Essley allein dort an – sein Freund war unterwegs gestorben!

Er scheint in den nächsten drei oder vier Jahren keine Praxis begonnen zu haben. Ich habe seine Wanderungen von einem Goldsucherlager zum anderen verfolgen können. Er arbeitete ein wenig und verspielte dann wieder alles. Er wurde allgemein ›Doktor S.‹ genannt – wahrscheinlich eine Abkürzung für ›Essley‹. Erst als er nach Westaustralien kam, machte er den Versuch, sich als Arzt niederzulassen. Seine Praxis war nicht gerade groß, aber sie brachte ihm doch etwas ein. Nach einiger Zeit verschwand er jedoch aus Coolgardie, und erst acht Jahre später tauchte er in London wieder auf.«

Inzwischen hatten sie den Paseo del Gran Capitan erreicht. Die Straßen waren jetzt belebter.

»Ich habe ein paar Zimmer hier gemietet«, sagte Manfred. »Komm mit und trink eine Tasse Tee bei mir.«

Seine Wohnung lag über einem Juwelierladen in der Calle Morería. Die Räume waren schön ausgestattet.

»Besonderen Wert habe ich auf Bequemlichkeit gelegt«, erklärte Manfred, als er aufschloß. Gleich darauf setzte er einen silbernen Kessel auf eine elektrische Kochplatte.

»Der Tisch ist ja für zwei gedeckt?« fragte Poiccart erstaunt.

»Ich erwarte Besuch«, erwiderte Manfred lächelnd. »Manchmal wird unserem lieben Leon das Bettlerleben lästig, dann kommt er als repräsentables Mitglied der Gesellschaft mit der Bahn in Cordova an, um den Luxus des Lebens wieder einmal zu genießen – und mir seine Geschichten zu erzählen. Aber ich möchte gern noch mehr von Essley hören, lieber Poiccart, ich interessiere mich sehr für ihn.«

Der ›Tourist‹ setzte sich in einen tiefen und bequemen Sessel.

»Wo war ich doch gleich stehengeblieben? Ach ja – Doktor Essley verschwand aus Coolgardie und tauchte dann acht Jahre später in London wieder auf.«

»Unter außergewöhnlichen Umständen?«

»Nein, das gerade nicht. Er wurde damals von einem neuen Gewaltigen der Londoner Geschäftswelt lanciert.«

»Etwa von Oberst Black?« fragte Manfred stirnrunzelnd.

»Ja. Diesem Mann verdankt Essley seine Praxis. Er erregte zum erstenmal meine Aufmerksamkeit –«

Es klopfte an der Tür, und Manfred hob warnend den Finger. Er ging hin und öffnete. Der Portier stand draußen, die Mütze in der Hand. Hinter ihm, ein wenig weiter unten auf der Treppe, war ein Fremder zu sehen – anscheinend ein Engländer.

»Señor, ein Herr möchte Sie sprechen.«

»Ich stehe zu Ihren Diensten«, antwortete Manfred, indem er den Besucher auf spanisch anredete.

»Ich kann leider nicht gut Spanisch«, sagte der Mann auf der Treppe.

»Wollen Sie bitte näher treten?«

Manfred sprach nun englisch.

Der Fremde stieg langsam herauf.

Er war etwa fünfzig Jahre alt, hatte langes graues Haar und buschige Augenbrauen. Sein stark hervortretender Unterkiefer machte sein Gesicht nicht gerade einnehmend. Er trug einen schwarzen Anzug und hielt einen breitkrempigen, weichen Filzhut in der behandschuhten Hand.

Als er eingetreten war, blickte er forschend von einem zum andern.

»Mein Name ist Essley«, stellte er sich dann vor.

Er zögerte etwas bei dem doppelten S, so daß das Wort zischend und hart klang.

»Essley«, sagte er noch einmal, als ob er eine besondere Genugtuung bei der Wiederholung seines Namens empfände.

Manfred wies mit der Hand auf einen Stuhl, aber der Fremde schüttelte den Kopf.

»Ich möchte mich nicht setzen«, sagte er schroff. »Wenn ich geschäftlich verhandle, stehe ich lieber.«

Er sah argwöhnisch auf Poiccart.

»Ich möchte Sie in einer privaten Angelegenheit sprechen«, sagte er mit einer gewissen Betonung.

»Mein Freund genießt mein volles Vertrauen«, entgegnete Manfred.

Essley nickte unwillig.

»Ich habe gehört, daß Sie Kriminalwissenschaftler sind und auch eingehende Kenntnisse über Spanien besitzen.«

Manfred zuckte die Schultern. In der Rolle, die er augenblicklich spielte, genoß er einiges Ansehen als wissenschaftlicher Schriftsteller. Er hatte unter dem Namen ›de la Monte‹ ein Buch ›Modernes Verbrechertum‹ veröffentlicht.

»Als ich dies erfuhr, reiste ich nach Cordova«, erklärte Dr. Essley. »Ich habe hier zwar noch andere Dinge zu erledigen, aber die sind nicht so wichtig.«

Er sah sich jetzt doch nach einem Sessel um. Manfred bot ihm einen an, und sein Besucher nahm Platz, indem er sich mit dem Rücken zum Fenster setzte.

»Mr. de la Monte, Sie besitzen eine umfassende Kenntnis des Verbrechens.«

Der Doktor lehnte sich vor und faltete seine Hände über dem Knie.

»Ich habe ein Buch darüber geschrieben, aber das besagt noch nicht unbedingt, daß ich große Kenntnisse besitzen muß«, erwiderte Manfred.

»Das habe ich befürchtet«, entgegnete der andere barsch. »Ich war auch besorgt, daß Sie vielleicht nicht Englisch sprächen. Nun möchte ich eine offene Frage an Sie richten, und ich erwarte von Ihnen eine ebenso offene Antwort.«

»Soweit ich dazu imstande bin, will ich sie Ihnen gerne geben.«

Das Gesicht des Arztes zuckte nervös.

»Haben Sie jemals etwas von den ›Vier Gerechten‹ gehört?«

Es trat eine kurze Pause ein.

»Ja, ich habe von ihnen gehört.«

»Sind sie in Spanien?« fragte der Doktor mit schriller Stimme.

»Das weiß ich nicht genau. Warum fragen Sie?«

»Weil ich…« Der Arzt zögerte. »Nun, ich interessiere mich für die Leute. Man sagt, daß sie Verbrechen aufspüren, die die Gerichte nicht bestrafen. Sie… sie… töten ihre Opfer auch – wie?«

Seine Stimme war noch schärfer geworden, und er kniff die Augenlider so weit zusammen, daß er nur noch durch Schlitze zu sehen schien.

»Es ist bekannt, daß eine solche Organisation besteht«, antwortete Manfred, »und man weiß auch, daß die ›Vier Gerechten‹ sich mit ungesühnten Verbrechen beschäftigen – und daß sie Strafen verhängen.«

»Auch – die Todesstrafe?«

»Sie wenden auch die Todesstrafe an«, erwiderte Manfred ernst.

»Und dabei laufen sie frei herum?« Dr. Essley sprang erregt auf und gestikulierte heftig mit den Händen. »Sie laufen frei herum und werden nicht bestraft? Bei allen modernen Methoden der Polizei kann man sie nicht fassen? Sie wagen es, sich selbst zu Richtern aufzuwerfen und andere Leute zu verurteilen? Wer hat ihnen das Recht dazu gegeben? Es gibt doch noch Gesetze, und wenn sich jemand gegen sie vergeht –«

Er hielt plötzlich inne, zuckte die Schultern und sank schwer in seinen Sessel zurück.

»Soweit ich erfahren habe«, fuhr er nach einer Weile fort, »bilden sie keine Macht mehr. Sie sind in allen Ländern geächtet – alle Polizeibehörden haben Steckbriefe gegen sie erlassen.«

Manfred nickte.

»Das stimmt«, sagte er höflich, »aber ob sie keine Macht mehr haben, das kann nur die Zeit lehren.«

»Es sind drei.« Der Doktor schaute bei diesen Worten schnell auf. »Für gewöhnlich finden sie noch einen vierten – einen Mann, der großen Einfluß hat.«

Manfred nickte wieder.

»Das habe ich auch gehört.«

Dr. Essley rückte unruhig in seinem Sessel hin und her. Man sah deutlich, daß er nicht die gewünschte Auskunft oder Versicherung erhalten hatte und nun stark beunruhigt war.

»Und sie sind in Spanien?« fragte er.

»Man sagt es.«

»Sie sind nicht in Frankreich, nicht in Italien, nicht in Deutschland, in keinem der skandinavischen Länder«, rief Dr. Essley. »Sie müssen in Spanien sein.«

Eine Weile brütete er schweigend vor sich hin.

»Verzeihen Sie«, sagte Poiccart, der bis dahin still zugehört hatte, »Sie scheinen sich außerordentlich für die ›Vier Gerechten‹ zu interessieren. Nehmen Sie bitte meine Frage nicht übel – warum liegt Ihnen soviel daran, ihren Aufenthaltsort zu erfahren?«

»Es ist reine Neugierde«, erwiderte der Arzt schnell. »In gewisser Beziehung studiere ich nämlich auch das Verbrechen – wie Mr. de la Monte.«

»Da sind Sie aber ein erstaunlich eifriger Student«, meinte Manfred.

»Ich hatte gehofft, daß Sie in der Lage sein würden, mir zu helfen«, fuhr Essley fort, ohne Manfreds anzügliche Bemerkung zu beachten. »Aber ich habe nur von Ihnen erfahren, daß die ›Vier Gerechten‹ in Spanien sind, und auch das ist weiter nichts als eine Vermutung.«

»Vielleicht sind sie auch gar nicht in Spanien«, sagte Manfred, als er seinen Besucher zur Tür begleitete. »Vielleicht existieren sie nicht einmal. Ihre Furcht ist wahrscheinlich völlig unbegründet.«

Der Doktor fuhr herum. Er war kreidebleich geworden.

»Furcht?« Essley atmete schnell. »Sagten Sie etwas von Furcht?«

»Es tut mir leid«, antwortete Manfred lachend, »vielleicht kann ich mich englisch nicht so korrekt ausdrücken.«

»Warum sollte ich sie denn fürchten?« fragte der Doktor gereizt. »Ihre Worte waren wirklich unglücklich gewählt. Ich brauche mich weder vor den ›Vier Gerechten‹ noch vor sonst jemand zu fürchten.«

Er stand keuchend in der offenen Tür. Mit sichtlicher Anstrengung riß er sich zusammen; er zögerte noch einen Augenblick und verabschiedete sich dann mit einer steifen Verbeugung.

Er ging die Treppe hinunter, trat auf die Straße und eilte zu seinem Hotel hinüber. An der Ecke stand ein Bettler, der müde die Hand hob.

»Um Gottes und der Heiligen willen«, wimmerte er.

Fluchend schlug Essley mit seinem Stock nach der Hand, traf sie aber nicht, denn der Bettler war außergewöhnlich schnell. Gonsalez war zwar bereit, alle mögliche Unbill auf sich zu nehmen, aber Narben und Striemen wünschte er keinesfalls an seinen zarten Händen zu haben.

*

Als Essley in seinem Zimmer angekommen war, schloß er die Tür ab und ließ sich in einen Sessel fallen, um nachzudenken. Er verwünschte seine eigene Torheit – es war ein wahnsinniger Fehler, die Fassung zu verlieren, selbst in Gegenwart eines so unbedeutenden Menschen wie dieses spanischen Dilettanten, der etwas von Kriminalwissenschaft verstehen wollte.

Der erste Teil seiner Aufgabe war beendet – er mußte sich eingestehen, daß er keinen Erfolg gehabt hatte. Aus der Tasche seines Mantels nahm er einen Reiseführer für Spanien und blätterte darin, bis er den Stadtplan von Cordova fand. An der gleichen Stelle lag noch ein anderer Plan in dem Band; er war anscheinend von jemand gezeichnet worden, der besser mit der Örtlichkeit selbst als mit der Kunst des Kartenzeichnens vertraut war.

Von Dr. Cajalos hatte er zum erstenmal durch einen spanischen Anarchisten gehört, den er auf seinen merkwürdigen nächtlichen Streifzügen durch London getroffen hatte. Nachdem er mit dem Mann eine Flasche Wein getrunken hatte, erzählte dieser von den ans Wunderbare grenzenden Kräften des Hexenmeisters von Cordova und erwähnte dabei Dinge, die das lebhafteste Interesse des Arztes fanden. Er hatte daraufhin einen Briefwechsel mit Dr. Cajalos begonnen, und nun war er hier, um ihn persönlich aufzusuchen.

Essley schaute auf die Uhr. Es war beinahe sieben. Er wollte erst zu Abend speisen und sich dann umziehen. Schnell wusch er sich, doch drehte er trotz der hereinbrechenden Dunkelheit das Licht nicht an. Dann ging er in den Speisesaal.

Er saß an einem Tisch für sich allein und vertiefte sich sofort in eine englische Zeitschrift, die er mitgebracht hatte. Ab und zu machte er bei der Lektüre Notizen in ein kleines Buch, das neben seinem Teller lag. Seine Aufzeichnungen standen aber weder in Beziehung zu dem Artikel, den er las, noch zu den medizinischen Wissenschaften; sie handelten vielmehr von der finanziellen Seite eines Plans, der ihm eben in den Sinn kam.

Nach dem Essen bestellte er noch Kaffee. Dann erhob er sich, steckte das kleine Notizbuch in die Tasche, nahm die Zeitschrift und ging auf sein Zimmer zurück. Dort drehte er das Licht an und zog die Vorhänge zu. Er stellte einen kleinen Tisch unter die Lampe und holte aus seinem Koffer eine Menge engbeschriebener Blätter, die er vor sich ausbreitete. Auch sein Notizbuch holte er wieder hervor. Er arbeitete mehrere Stunden. Dann hielt er plötzlich inne, als ob er von einem unsichtbaren Wecker an seine Verabredung erinnert worden wäre.

Schnell packte er die Papiere fort, zog einen Mantel an und drückte sich den weichen Filzhut tief ins Gesicht. Er verließ das Hotel und schlug den Weg nach der Calahorrabrücke ein. Die Straßen, die er durchschritt, lagen einsam und verlassen da; er zögerte nicht im geringsten, denn er hatte seinen Plan vorher eingehend studiert.

Er tauchte in einem Gewirr von engen Straßen unter, und erst am Eingang einer dunklen Sackgasse hielt er einen Augenblick an. Eine düstere Straßenlampe im Hintergrund machte die Gasse noch unheimlicher. Zu beiden Seiten erhoben sich hohe, fast fensterlose Häuser, deren Türen in finsteren Nischen lagen. Nach kurzem Zaudern klopfte Essley zweimal an eine Tür zur Linken.

Sie öffnete sich sofort geräuschlos.

Wieder zögerte er.

»Treten Sie ein«, sagte eine Stimme auf spanisch, »Sie brauchen sich nicht zu fürchten.«

Essley ging hinein, und die Tür schloß sich hinter ihm.

»Kommen Sie mit.«

Der Doktor konnte in der Dunkelheit nur undeutlich die Gestalt eines kleinen alten Mannes wahrnehmen. Er ging weiter und wischte sich dabei den Schweiß von der Stirn.

Der alte Mann knipste eine Lampe an, und Essley betrachtete ihn nun genauer. Er war zwergenhaft klein. Ein ungepflegter, langer weißer Bart bedeckte seine Brust; der Kopf war völlig kahl, so glatt wie eine Kugel. Das schmutzige Gesicht, die unsauberen Hände, die ganze Erscheinung zeugten davon, daß er kein Freund von Wasser war.

Ein paar schwarze, tiefliegende Augen funkelten den Doktor an. Die vielen kleinen Lachfältchen um die Augenwinkel deuteten an, daß er auch lustig sein konnte. Das war also Dr. Cajalos, ein Mann, der in Spanien berühmt war.

»Nehmen Sie Platz«, sagte Dr. Cajalos. »Wir wollen in Ruhe miteinander sprechen. Für später hat sich eine vornehme Dame angemeldet, die mich konsultieren will.«

Essley ließ sich nieder, und Dr. Cajalos setzte sich auf einen hohen Schemel. Er bot einen sonderbaren Anblick mit seinen herunterhängenden kleinen Beinen, seinem steinalten Gesicht und seinem kahlen, glatten Schädel.

»Ich schrieb Ihnen über gewisse toxikologische Experimente –«, begann Essley, aber Dr. Cajalos unterbrach ihn.

»Sie kommen wegen eines Mittels, das ich bereitet habe«, sagte er. »Es ist ein Präparat aus…«

Essley sprang auf. »Ich… ich habe… Ihnen davon nichts geschrieben«, stammelte er.

»Der grüne Teufel hat mir das erzählt; ich unterhalte mich oft mit den Bettlern, und da erfahre ich vieles von Bedeutung«, erwiderte Dr. Cajalos ernst.

»Ich dachte –«

»Sehen Sie her!«

Der Alte kletterte behende von seinem hohen Schemel herunter und ging in eine dunkle Ecke des Zimmers, wo einige Kisten standen. Essley hörte ein scharrendes Geräusch. Nach einiger Zeit kam Dr. Cajalos mit einem zappelnden Kaninchen zurück, das er an den Ohren gepackt hatte.

Mit der freien Hand entkorkte er eine kleine grüne Flasche und stellte sie auf den Tisch. Dann nahm er eine Feder, tauchte sie bedächtig in die Flüssigkeit und berührte mit ihrer Spitze vorsichtig die Nase des Kaninchens, die jedoch kaum benetzt wurde.

Sofort wurde das Tier ohne irgendwelchen Krampf steif, als ob durch die Berührung plötzlich alles Leben aus dem Körper gewichen sei. Cajalos verschloß die Flasche und warf die Feder in den Ofen, der in der Mitte das Raumes stand und mit Holzkohle geheizt wurde.

»Es ist ein Gift«, sagte er zu Essley, »das ich entdeckt habe.«

Er legte das vergiftete Kaninchen seinem Besucher vor die Füße.

»Señor«, sagte er stolz, »nehmen Sie das Tier und untersuchen Sie es; stellen Sie alle nur irgend möglichen Proben damit an – Sie werden nicht die geringste Spur des Alkaloids entdecken können, durch das es getötet wurde.«

»Das stimmt nicht«, entgegnete Essley, »denn es bleibt eine Zusammenziehung der Pupille, und die ist ein absolut sicheres Zeichen.«

»Suchen Sie doch danach! Sehen Sie sich doch die Augen des Tieres an!« rief der Alte triumphierend.

Essley untersuchte das Kaninchen, aber er konnte selbst dieses sonst so untrügliche Merkmal nicht finden.

*

Eine dunkle Gestalt drückte sich draußen dicht an die Wand und lauschte. Der Mann stand an dem Fensterladen und hielt ein Hörrohr ans Ohr. Das andere Ende, das von einer Gummihülle umgeben war, preßte er gegen den hölzernen Fensterladen.

Eine halbe Stunde stand er fast reglos dort, dann zog er sich leise zurück und verschwand im Schatten der Orangensträucher, die in der Mitte des langen Gartens standen.

Gleich darauf wurde die Haustür aufgeschlossen; Dr. Cajalos geleitete seinen Besucher wieder auf die Straße.

»Die Teufel sind mächtiger als je«, sagte der Alte und kicherte unheimlich. »Es werden sich bald verschiedene Dinge ereignen, mein Lieber!«

Essley erwiderte nichts. Er war begierig, wieder ins Freie zu kommen, und zitterte vor Ungeduld, als der Alte die schwere Tür öffnete. Nachdem sie sich endlich aufgetan hatte, eilte er auf die Straße.

»Leben Sie wohl!« sagte er.

»Sie auch, mein Freund!« entgegnete der Alte und schloß lautlos die Tür.

2

Inhaltsverzeichnis

Die Firma Black & Gram genoß in der Londoner City ein gewisses Ansehen. Was Gram betraf, so war er ein Mensch ohne Tadel – ein edelmütiger Mann und ein großzügiger Wohltäter. Aber Black beklagte sich mit einiger Entrüstung, daß Gram ihn durch seine verrückte Freigebigkeit eines Tages noch ruinieren werde.

Gram erlaubte seinem guten Herzen, seinen Verstand zu regieren; er war zu weich und nachgiebig als Geschäftsmann. In der City beurteilte man Gram daher skeptisch; man verglich ihn mit einer gutmütigen alten Dame. Aber Black kümmerte sich nicht weiter darum, sondern lächelte nur geheimnisvoll zu all den Anzüglichkeiten, die er zu hören bekam, und fuhr fort, über seinen Kompagnon zu klagen. Er mißbilligte Grams offensichtliche Anstrengungen, trotz der vielen Gerüchte, die über Oberst Black im Umlauf waren, für einen guten Ruf der Firma zu sorgen.

Diesen Titel hatte sich Black selbst beigelegt, obgleich er in der Rangliste des Heeres nicht geführt wurde. Auch in den umfangreichen Verzeichnissen von Ehrentiteln der amerikanischen Armee fand man seinen Namen nicht.

Die Firma Black & Gram hatte sich ursprünglich auf den Handel mit Effekten und Aktien beschränkt. Sie empfahl ihren Kunden bestimmte Papiere, und die Leute kauften oder verkauften je nach dem Rat, den die Firma gab. Nach einer gewissen Zeit erhielten sie dann von Black & Gram ein höfliches Schreiben, worin bedauert wurde, daß ihr bei der Firma hinterlegter Betrag erschöpft sei. Gleichzeitig wurden die Kunden dringend aufgefordert, ihre Verbindlichkeiten, die auf nicht näher erklärte Weise entstanden waren, so schnell wie möglich zu regeln.

Aus diesen bescheidenen Anfängen erwuchs eine Firma, die es noch zu bedeutender Größe bringen sollte. Gram trat aus. Er war überhaupt niemals Teilhaber gewesen – um die Wahrheit zu sagen. Manche bezweifelten sogar, daß dieser Mann wirklich existiert hatte. Aber Black war jedenfalls weiter erfolgreich, und sein Name erlangte in gewissen Kreisen einen fast magischen Klang.

In anderen Gesellschaftskreisen wurde er allerdings niemals erwähnt, und die großen Finanzleute der City, die Faring, die Wertheimer, die Scott-Teason, hatten von seiner Existenz vielleicht keine Kenntnis genommen. Sie betrieben ihre Geschäfte vornehm und zurückhaltend, verliehen ihre Millionen zu einem lächerlich geringen Zinssatz, legten Anleihen auf, finanzierten große staatliche Unternehmungen, kauften Goldvorräte. Um elf Uhr vormittags wurden diese wirklich großen Herren in ihren eleganten Autos zur Threadneedle Street gebracht, und um vier Uhr nachmittags wurden sie wieder abgeholt.

Natürlich lasen sie in der Presse von Oberst Black, denn an manchen Tagen waren die Handelsteile der Zeitungen voll von Berichten über seine Geschäfte. Sie erfuhren von seinen außerordentlich großen Umsätzen am Effektenmarkt, von seinen Engagements in argentinischen Elektrizitätspapieren, von seinen Gummiplantagen und seinen kanadischen Kupferminen, aber sie drückten weder Zustimmung noch Mißbilligung aus. Sie betrachteten diesen Mann mit demselben leidenschaftslosen Interesse, das eine große, schwere Schnellzuglokomotive für ein kleines, leichtes Auto zeigen würde.

Als Oberst Black diesen Finanzgrößen an einem denkwürdigen Tag einen Plan unterbreitete, der großen Gewinn versprach, antworteten sie nur, sie seien zu ihrem Bedauern nicht in der Lage, ›auf die interessanten Ausführungen Oberst Blacks näher einzugehen‹. Etwas bestürzt und verärgert wandte er sich an einen großen amerikanischen Konzern, denn er mußte in seinen Prospekten unbedingt klangvolle Namen vorweisen können, wenn er erfolgreich sein wollte. Die Amerikaner sind doch tüchtige Geschäftsleute, dachte Oberst Black und machte ihnen Angebote, die in ihrer Form sehr verlockend, im Grunde aber unverschämt waren. Er mußte nicht lange auf Antwort warten.

›Sehr geehrter Herr‹, schrieb man ihm – es handelte sich um eine dieser amerikanischen Firmen, die Millionenobjekte bearbeiten, ohne sich in der Art ihrer Korrespondenz irgendwie verbindlich zu zeigen –, ›wir haben Ihre Vorschläge aufs genaueste überprüft und sind fest überzeugt, daß Sie bei der Durchführung derartiger Geschäfte viel verdienen; es erscheint uns jedoch weniger sicher, daß wir in gleichem Maß dabei profitieren würden.‹

*

Eines Nachmittags kam Black nach London zurück, um einer Aufsichtsratssitzung beizuwohnen. Er war einige Tage auf dem Lande gewesen, um neue Kräfte für den bevorstehenden Kampf zu sammeln, wie er den übrigen Sitzungsteilnehmern halb zynisch, halb humorvoll mitteilte.

Er war ein breitschultriger Mann von mittlerer Größe. Sein hageres Gesicht hatte eine bleiche Farbe, die ins Gelbliche spielte. Aber nicht nur dieser eigentümliche gelbliche Teint, die geraden schwarzen Augenbrauen, die dünnen, zusammengekniffenen Lippen waren auffallend, sondern die ganze Persönlichkeit Oberst Blacks prägte sich unvergeßlich ein.

In seinem Wesen lag etwas Hastiges, fast Abruptes; seine Antworten waren mitunter verletzend und schroff. Wenn er eine Entscheidung getroffen hatte, so war sie endgültig. Obwohl die Finanzgrößen der City nichts von ihm wissen wollten, kannten ihn doch viele Leute, ja sein Name war eigentlich in ganz England populär. Es gab kaum einen Ort, nach dem er nicht schon Aktien verkauft hätte. Die kleinen Börsenspekulanten hörten auf ihn, und wenn er Aktien zur Emission brachte, so wurden sie doppelt überzeichnet. Fünf Jahre zuvor hatte er als ein fast Unbekannter begonnen, und es war ihm gelungen, sich in dieser kurzen Zeitspanne zu solcher Höhe emporzuarbeiten.

Pünktlich auf die Minute betrat er den Sitzungssaal, der zu seinen Geschäftsräumen in der Moorgate Street gehörte.

Die Sitzung drohte recht stürmisch zu werden. Wieder einmal handelte es sich um eine Fusion, und wieder einmal hatte der Führer einer beteiligten Gruppe von Eisenmagnaten allen Drohungen und Schmeicheleien Blacks widerstanden.

»Die anderen geben ja nach«, sagte der große, kahlköpfige Fanks. »Sie versprachen uns doch, daß Sie Sandfords Widerstand brechen würden.«

»Ich werde mein Versprechen auch halten«, erwiderte Black.

»Widdison wehrte sich damals auch, aber dann starb er«, fuhr Fanks fort. »Wir können nicht erwarten, daß die Vorsehung uns immer hilft.«

Black runzelte die Stirn und zog die Augenbrauen zusammen.

»Solche Scherze liebe ich nicht! Sandford ist ein eigensinniger Mann; man muß sehr behutsam und vorsichtig mit ihm umgehen. Überlassen Sie das nur mir.«

Nach dieser etwas lahmen Erklärung Blacks vertagte sich die Versammlung. Als der Oberst den Sitzungssaal verlassen wollte, winkte ihn Fanks zu sich heran.

»Ich habe gestern einen Herrn getroffen, der Ihren Freund Doktor Essley in Australien gekannt hat.«

»So?«

Oberst Blacks Gesichtszüge verrieten keinerlei Erregung.

»Ja, er lernte ihn in seiner ersten Zeit dort kennen und fragte mich, wo er ihn hier treffen könne.«

Black zuckte die Schultern.

»Essley ist im Ausland, soviel ich weiß. – Sie können ihn doch nicht leiden?«

Augustus Fanks schüttelte den Kopf.

»Ärzte, die ihre Krankenvisiten mitten in der Nacht machen, die man niemals finden kann, wenn man sie braucht, und die ständig ins Ausland verreisen, sind mir nicht sonderlich sympathisch.«

»Doktor Essley ist ein vielbeschäftigter Mann«, entschuldigte ihn Black. »Wo wohnt eigentlich Ihr Freund?«

»Er ist nicht mein Freund. Es ist ein gewisser Weld, der in London eine Konzession zum Verkauf anbieten will. Er wohnt zur Zeit im ›Hotel Valet‹ in Bloomsbury.«

»Ich werde es Essley mitteilen, wenn er zurückkommt«, entgegnete Black.

*

Nachdenklich kehrte er in sein Privatbüro zurück. In der letzten Zeit ging alles verkehrt. Obwohl er in dem Ruf stand, viele Millionen zu besitzen, befand er sich doch in derselben Lage wie mancher andere Finanzmann: Sein Vermögen stand eigentlich nur auf dem Papier. Er hatte zwar die größten Finanztransaktionen durchgeführt, aber das hatte auch ungeheure Mittel verschlungen. Millionen waren durch seine Hände gegangen, für ihn selbst war jedoch kaum etwas geblieben. Merkwürdige Widersprüche vereinigten sich in ihm: Obwohl er verbrecherische Anlagen hatte, arbeitete er doch mit einwandfreien Methoden. Seine Pläne waren in finanzieller Hinsicht durchaus logisch und gesund, aber es hatte ihn fast übermenschliche Anstrengungen gekostet, sie durchzusetzen.

Ein Klopfen weckte ihn aus seinen unerfreulichen Gedanken. Gleich darauf trat Fanks ein.

Black runzelte die Stirn, aber der andere nahm sich ohne Aufforderung einen Stuhl und setzte sich.

»Ich möchte einmal ein paar Worte mit Ihnen sprechen, Black«, begann er.

»Fassen Sie sich so kurz wie möglich.«

Fanks nahm eine Zigarre aus seinem Etui und steckte sie an.

»Sie hatten einen wunderbaren Aufstieg, Oberst. Ich kann mich noch auf die Zeit besinnen, als Sie in einem obskuren kleinen Geschäft als Börsenmakler anfingen. – Ich meine damit nichts Abschätziges«, sagte er schnell, als er sah, daß Blacks Züge sich verfinsterten. »Jedenfalls waren Sie ein Makler, der keinen Zutritt zur Börse hatte. Sie hatten so einen Menschen – ich meine, einen unerfahrenen Partner, der Ihnen das Geld besorgte.«

»Ja.«

»Das war doch wohl dieser geheimnisvolle Mr. Gram, wie?«

»Sein Nachfolger. – An Gram war übrigens nichts Geheimnisvolles.«

»Ein gewisser Mr. Flint?«

»Ja.«

»Starb der nicht ganz plötzlich?«

»Ich glaube«, erwiderte Black schroff.

»Wieder ein Akt der Vorsehung«, sagte Fanks langsam. »So kamen Sie in den Alleinbesitz der Firma. Sie verlegten sich dann auf die Gründung von Gesellschaften, erwarben große Gummiplantagen und hatten Erfolg damit. Die Sache schlug ein. Nachher haben Sie eine Zinnminengesellschaft oder etwas Ähnliches gegründet. – Auch damals ereignete sich ein Todesfall.«

»Ja, ich glaube, es war einer der Direktoren – ich habe seinen Namen vergessen.«

Fanks nickte.

»Er hätte die Gründung verhindern können – er drohte mit seinem Rücktritt und wollte einige Ihrer Geschäftsmethoden bekanntgeben.«

»Er war ein starrköpfiger, eigensinniger Mensch.«

»Und da starb er.«

»Ja – er starb.«

Fanks sah den Oberst bedeutungsvoll an.

»Doktor Essley behandelte ihn.«

»Da haben Sie recht.«

»Und er starb.«

Black beugte sich vor.

»Was wollen Sie denn damit sagen? Bringen Sie etwa meinen Freund damit in Zusammenhang?«

»Ich wollte nur bemerken, daß die Vorsehung Ihnen einigermaßen zu Hilfe gekommen ist. All Ihre großen Erfolge treffen irgendwie mit dem Tod beteiligter Leute zusammen. – Auch mir haben Sie Doktor Essley einmal geschickt.«

»Sie waren krank.«

»Das stimmt«, entgegnete Fanks grimmig, »aber ich machte Ihnen damals auch allerhand zu schaffen.« Er klopfte die Asche seiner Zigarre in eine Bronzeschale. »Black, ich bin zu einem Entschluß gekommen. Ich werde meine sämtlichen Aufsichtsratsposten bei Ihren Gesellschaften niederlegen.«

Der Oberst lachte mißvergnügt.

»Lachen Sie meinetwegen, aber ich will kein Geld haben, das um einen zu teuren Preis erworben ist.«

»Mein Lieber, Sie können jederzeit von Ihren Posten zurücktreten. Aber darf ich Sie fragen, ob Ihr außergewöhnlicher Verdacht von anderen Leuten geteilt wird?«

»Im Augenblick noch nicht.«

Sie schauten, einander einige Zeit schweigend an.

»Ich möchte ordnungsgemäß ausscheiden«, sagte Fanks dann. »Den Wert meiner Anteile schätze ich auf etwa hundertfünfzigtausend Pfund – ich biete sie Ihnen zum Kauf an.«

»Sie setzen mich in Erstaunen.«

Black öffnete eine Schublade seines Schreibtisches und nahm eine kleine grüne Flasche und eine Feder heraus.

»Der arme Essley«, meinte er lächelnd. »Er reist in Spanien herum und will die Geheimnisse der maurischen Parfüme kennenlernen. Wenn er wüßte, was Sie von ihm denken, würde er völlig fassungslos sein.«

»Es ist besser, daß Essley die Fassung verliert, als daß ich mein Leben verliere. – Was haben Sie da eigentlich?«

Der Oberst entkorkte die Flasche und tauchte die Feder ein. Dann zog er sie wieder heraus und hielt sie dicht an seine Nase.

»Was ist das?« fragte Fanks neugierig.

Statt einer Antwort hielt ihm Black die Feder hin.

»Ich kann nichts riechen«, sagte Fanks.

Blitzschnell senkte Black die Feder und berührte die Lippen des anderen.

Mit einem Aufschrei stürzte Fanks zu Boden und rührte sich nicht mehr.

3

Inhaltsverzeichnis

»Konstabler Fellowe!«

Frank Fellowe verließ eben den Amtsraum der Polizeistation, als ihn der wachhabende Sergeant scharf anrief.

»Ja?« antwortete er mit fragender Stimme. Er ahnte schon, daß etwas Unangenehmes kommen würde.

Sergeant Gurden ließ selten eine Gelegenheit vorübergehen, ohne ihn zu ermahnen oder ihm Vorhaltungen zu machen, wenn er mit ihm sprach. Er hatte ein hageres, vertrocknetes Gesicht und die üble Angewohnheit, seine Zähne zu zeigen, wenn er sich ärgerte. Der Gegensatz zwischen ihm und dem schlanken jungen Mann war denkbar groß. Während der Sergeant zusammengesunken auf seinem Stuhl saß, stand Frank Fellowe, dem die Uniform wie angegossen paßte, in tadellos aufrechter Haltung vor seinem Vorgesetzten und sah ihn aufmerksam an.

Gurdens bleiche Gesichtsfarbe wurde noch besonders betont durch einen struppigen schwarzen Schnurrbart. Obwohl der Sergeant körperlich gut entwickelt war, saß seine Uniform schlecht, und er machte auch sonst einen unausgeglichenen, abstoßenden Eindruck.

Als er sich Fellowe zuwandte, zeigte er seine Zähne.

»Es ist schon wieder eine Beschwerde über Sie eingelaufen. Wenn das nicht aufhört, werde ich die Sache dem Inspektor melden.«

Frank nickte respektvoll.

»Es tut mir sehr leid, Sergeant – aber weshalb hat man sich denn über mich beschwert?«

»Das wissen Sie ganz genau«, fuhr ihn Gurden an. »Sie haben Oberst Black wieder belästigt!«

Ein schwaches Lächeln glitt über Frank Fellowes Gesicht. Er wußte, daß der Oberst bei Gurden eine bevorzugte Stellung einnahm.

»Zum Teufel, was fällt Ihnen ein, auch noch darüber zu lachen!« schrie der Sergeant. »Ich warne Sie – werden Sie nicht unverschämt! Ich glaube, ich muß die Sache doch dem Inspektor melden.«

»Ich hatte nicht die Absicht, unhöflich zu sein, Sergeant. Mir sind diese Beschwerden ebenso unangenehm wie Ihnen. Aber ich habe Ihnen ja schon berichtet, und ich werde es auch dem Inspektor sagen, daß Oberst Black in einem Haus an den Serrington Gardens wohnt und daß er mich außerordentlich interessiert. Das müssen Sie zu meiner Entschuldigung gelten lassen.«

»Der Oberst beklagt sich darüber, daß Sie dauernd seine Wohnung beobachten.«

Frank Fellowe lächelte wieder.

»Sein Gewissen läßt ihm keine Ruhe. In allem Ernst, Sergeant, ich weiß zufällig, daß der Oberst nicht gerade sehr menschenfreundlich ist –«

Er machte eine Pause.

»Nun, was wollten Sie sagen?«

»Ich glaube, es ist besser, wenn ich meine Meinung für mich behalte.«

Der Sergeant nickte böse.

»Wenn Sie sich Unannehmlichkeiten machen, haben Sie das nur sich selber zuzuschreiben. Oberst Black ist ein sehr einflußreicher Mann, einer unserer größten Steuerzahler, vergessen Sie das nicht! Diese Leute zahlen gewissermaßen unser Gehalt, sorgen für unsere Uniformen und unseren Unterhalt. Da sind Sie ihnen doch etwas schuldig!«

»Auf der anderen Seite ist Oberst Black ein Steuerzahler, der mir in gewisser Weise zu Dank verpflichtet ist.«

Bei diesen Worten legte er den Umhang über den Arm, verließ das Amtszimmer und trat auf die Straße hinaus.

Der diensttuende Beamte am Eingang rief ihm einen freundlichen Gruß zu.

*

Die meisten Freunde Frank Fellowes kannten weder seine Herkunft noch seine Eltern. Er hatte eine außergewöhnlich gute Erziehung erhalten, sein Wesen war ruhig, zurückhaltend und höflich, seine Stimme klar und klangvoll – kurz, er besaß alle Eigenschaften eines Gentlemans.

In Somers Town bewohnte er allein ein kleines Haus, aber keiner seiner Bekannten, die ihn gelegentlich besuchen wollten, hatte jemals das Glück, ihn während seiner dienstfreien Zeit zu Hause anzutreffen.

Womit er sich beschäftigte, ließ sich erst erraten, als die großen Polizeiboxkämpfe abgehalten wurden, denn er errang in überragender Form den ersten Preis. Er hatte einen harten Schlag, war schnell, gewandt und aufs beste trainiert.

Die schlechten Elemente von Somers Town hatten freilich schon vorher von seinem Können im Boxen erfahren. Ein gewisser Grueler hatte sich nach seiner Verhaftung auf dem Weg zur Polizeistation zur Wehr gesetzt. Dieser Mann erzählte später seinen interessiert lauschenden Zuhörern von den raffinierten Tricks des Polizisten.

Fellowes schneidiges Auftreten hatte ihm schon viele Freunde gewonnen, aber er hatte sich auch manchen Feind geschaffen. Während er nachdenklich die Straße entlangging, Sagte er sich, daß er in Sergeant Gurden einen persönlichen Gegner von mehr als durchschnittlicher Gehässigkeit besaß.

Er wunderte sich, warum dieser ihm so feindlich gesinnt war. Schließlich tat er doch nur seine Pflicht. Daß er ab und zu seine Amtsbefugnisse überschritt, erschien ihm nicht als ausreichender Grund für die Abneigung seines Vorgesetzten, denn er stand in dem glücklichen Alter, in dem Untätigkeit das größte Übel bedeutet.

Was Oberst Black mit seinen Beschwerden beabsichtigte, konnte er ebensowenig verstehen. Er zuckte die Schultern. Es lag nicht in seiner Art, argwöhnisch zu sein, und er suchte in dem Verhalten des Sergeanten kein anderes Motiv als den vollkommen verständlichen Wunsch aller eingebildeten Vorgesetzten, ihre etwas zu impulsiven Untergebenen im Zaum zu halten.

Frank Fellowe gestand sich ein, daß er in gewisser Weise Anstoß erregen mußte und daß Gurdens Groll gegen ihn vielleicht in seinem eigenen sonderbaren Benehmen begründet war. Er beschloß, nicht weiter darüber nachzudenken, und machte sich auf den Weg zur Croome Street, wo sein Haus lag.

Als er dort ankam, schloß er die Haustür auf und ging in das Wohnzimmer.

Die Wände waren mit einem modernen Muster bemalt. Auch die Möbel ähnelten der üblichen Einrichtung solcher Häuser nur wenig. Allein der alte, kostbare Stich, der über dem Kamin hing, mußte das Jahreseinkommen eines Polizisten gekostet haben. Der kleine, mit hübschen Schnitzereien verzierte Tisch, der in der Mitte des Teppichs stand, war zweifellos ein echtes Stück, ebenso die Sessel, Stühle und das Büfett. Obwohl sie aus verschiedenen Stilperioden stammten, paßten sie doch sehr gut zusammen.

Ein helles Feuer brannte im Kamin, denn der Abend war bitter kalt. Fellowe blieb vor dem Kamin stehen und betrachtete die beiden Briefe, die dort auf ihn warteten, legte sie aber wieder zurück und trat durch eine Schiebetür in sein Schlafzimmer.

Er hatte einen sehr angenehmen Hauswirt. Im allgemeinen waren die Hauseigentümer in Somers Town, besonders, wenn sie eins der kleinen Häuser auf diesem teuren Grund und Boden besaßen, nicht leicht dazu zu bewegen, Reparaturen und Verbesserungen an den Gebäuden vornehmen zu lassen, wie Frank Fellowe sie gewünscht hatte. Ein anderer Hauswirt würde kein so geräumiges Badezimmer eingebaut haben, aber Franks Hauswirt war eben ein außergewöhnlicher Mann.

Nachdem Frank Fellowe ein Bad genommen hatte, legte er Zivilkleidung an, kochte sich eine Tasse Tee, zog einen langen, warmen Mantel über und verließ das Haus, nachdem er sich eine halbe Stunde dort aufgehalten hatte.

Er wandte sich nach Westen. Am King’s-Cross-Bahnhof rief er ein Auto an und ließ sich zum Piccadilly Circus fahren. Bevor er aber diesen historischen Platz erreicht hatte, klopfte er an das Fenster und ließ sich absetzen, um zu Fuß weiterzugehen.

*

Am gleichen Abend um elf Uhr verließ Sergeant Gurden die Polizeistation. Obgleich er äußerlich ruhig schien, kochte er doch innerlich vor Ärger und Wut.

Seine Abneigung gegen Frank Fellowe war während der letzten Wochen noch besonders gesteigert worden durch die Haltung, die der junge Mann gegenüber Oberst Black, seinem besonderen Schützling, eingenommen hatte.

Gurden erschien den Beamten seines Bezirks ebenso rätselhaft wie Frank Fellowe, ja vielleicht sogar noch rätselhafter, denn das Geheimnis seines Lebens schien düsterer zu sein als das des jungen Polizisten.

Gurden wurde von maßlosem Ehrgeiz gequält. Zu Beginn seiner Laufbahn hatte er gehofft, sich bei der Polizei rasch auszuzeichnen; da ihm aber die nötige Schulbildung fehlte und sein Wesen allzu abstoßend und schroff war, hatte er trotz seines Eifers nicht recht vorwärtskommen können.

Er hatte schließlich die Grenzen seiner Fähigkeiten erkannt und eingesehen, daß ihm keine Hoffnung auf Beförderung zum Polizeiinspektor oder zu einem höheren Rang blieb, die jedem Polizisten winkt. Man sagt ja auch, daß jeder Soldat den Marschallstab im Tornister trägt – obwohl selten genug aus einem Soldaten ein Feldmarschall wird.

Gurdens gekränkter Ehrgeiz suchte sich nun ein anderes Feld: Gelderwerb. Der Sergeant konzentrierte all sein Sinnen und Trachten darauf, ein Vermögen anzuhäufen. Seine Sparsamkeit, sein Geiz und seine unersättliche Habgier waren in der Londoner Polizei bald sprichwörtlich geworden.

Oberst Black war sehr liebenswürdig zu ihm gewesen, und Geldgier und Habsucht stimmten Gurden den moralischen Eigenschaften seines Wohltäters gegenüber nachsichtig. Der Sergeant gehörte nicht zu den Beamten, die Gesetzesübertretern mit Vorbedacht und Absicht helfen; aber man konnte auch nicht behaupten, daß ein nicht konzessionierter Börsenmakler, dem sich kein Betrug nachweisen ließ, in seinen Augen ein minderwertiges Mitglied der menschlichen Gesellschaft war.

Die beiden hatten sich miteinander verabredet, und Gurden war jetzt auf dem Wege zu Blacks Wohnung. Das Haus des Obersts lag an einem der früher sehr geschätzten Plätze von Camden Town; er war sichtlich wohlhabend, denn er besaß eine luxuriös eingerichtete Wohnung an den Serrington Gardens.

Gurden hatte keine Zeit, sich umzuziehen. Aber das war auch nicht notwendig, wie er sich sagte, denn seine Beziehungen zu Oberst Black waren derart, daß es sich erübrigte, gesellschaftliche Regeln zu beachten.

*

Um diese Zeit des Abends lag der Platz verlassen da. Gurden ging zum Kücheneingang von Blacks Haus und klingelte.

Die Tür wurde sofort von einem Diener geöffnet.

»Sind Sie es, Sergeant?« hörte der Beamte eine Stimme aus dem Dunkel, als er zu der finsteren Diele hinaufstieg.

Gleich darauf drehte Oberst Black das elektrische Licht an und streckte seinem Besucher die Hand zur Begrüßung entgegen.

»Ich bin sehr froh, daß Sie gekommen sind.«

Gurden nahm Blacks Hand und schüttelte sie herzlich.

»Ich bin hier, um mich zu entschuldigen«, begann er. »Ich habe diesen Konstabler Fellowe ernstlich verwarnt.«

Der Oberst machte eine abwehrende Handbewegung.

»Ich möchte nicht, daß einer Ihrer Leute durch mich Unannehmlichkeiten bekommt, aber das Benehmen dieses Menschen ist wirklich unentschuldbar und unerträglich.«

»Ich kann Ihren Ärger wohl verstehen. Aber Sie wissen ja auch, daß diese jungen Beamten immer etwas übereifrig sind und dazu neigen, ihre Befugnisse zu überschreiten.«

Gurden sprach sehr höflich, fast bittend, da er den Oberst davon überzeugen wollte, daß er das Verhalten seines Untergebenen in jeder Weise mißbilligte.

Das schien ihm auch gelungen zu sein, denn Black nickte ihm wohlwollend zu.

»Wir wollen nicht weiter darüber sprechen. Ich bin ganz sicher, daß der junge Polizist mich nicht absichtlich verletzen oder beleidigen wollte.«

Er führte seinen Gast in ein geräumiges Wohnzimmer, das in dem hinteren Teil des Hauses lag. Auf dem Tisch standen Whisky und Zigarren bereit.

»Bedienen Sie sich, Sergeant.«

Mit einigen Dankesworten ließ sich der Beamte in dem behaglichen Sessel nieder, den der Oberst ihm zurechtrückte.

»In einer halben Stunde muß ich wieder auf dem Revier sein – wenn Sie mich dann entschuldigen wollen.«

»Bis dahin haben wir sicher alles besprochen. Zunächst möchte ich Ihnen noch für alles danken, was Sie schon für mich getan haben.«

Black nahm zwei Banknoten aus seiner Brieftasche und legte sie auf den Tisch in Reichweite des Sergeanten.

Gurden protestierte schwach, aber seine Augen leuchteten bei dem Anblick der Scheine auf.

»Ich fürchte, ich habe nicht so viel für Sie tun können, daß ich das verdiene.«

Der Oberst lächelte und schob die Zigarre von einem Mundwinkel in den anderen.

»Ich zahle selbst für kleine Dienste gut, Sergeant. Ich habe viele Feinde – Leute, die meine Absichten falsch auslegen –, und es ist wichtig, daß ich vor ihnen gewarnt werde.«

Nachdenklich ging er im Zimmer auf und ab.

»Für Leute, die nun einmal das Pech haben, sich mit Finanzgeschäften abgeben zu müssen, ist es nicht leicht, in England zu leben«, fuhr er fort.

Gurden murmelte ein paar zustimmende Worte.

»In unserem Geschäft, mein lieber Sergeant, kömmt es häufig vor, daß Leute enttäuscht sind, wenn sie nicht so viel verdienen, wie sie sich einbilden. Die bringen dann die merkwürdigsten Beschuldigungen gegen die Leiter der Firmen vor, bei denen sie ihr Geld investiert haben. – Erst heute habe ich wieder einen Brief bekommen«, sagte er achselzuckend, »in dem ich beschuldigt werde – ausgerechnet ich –, daß ich betrügerische Geschäfte mache.«

Der Sergeant konnte diese Einstellung der Spekulanten wohl verstehen.

»Ich spreche nicht nur von mir. Ich habe auch Bekannte, die ich gegen ähnliche Anschuldigungen in Schutz nehmen möchte. – Nehmen Sie zum Beispiel meinen Freund Doktor Essley.« Er buchstabierte den Namen langsam. »Haben Sie schon von ihm gehört?«

Gurden wußte zwar nichts von ihm, gab aber durch Kopfnicken zu verstehen, daß er ihn kenne.

»Das ist ein Mann, der auf der Höhe seines Berufes steht. Und doch wäre ich nicht erstaunt, wenn ich eines schönen Tages erfahren würde, daß auch über ihn in der übelsten Weise geklatscht wird.«

Der Sergeant murmelte wieder ein paar Worte der Zustimmung.

»Man muß immer damit rechnen, daß gemeine Menschen sich an Leute heranmachen, die in der Öffentlichkeit stehen. Aber ich weiß, daß Ihnen derartige Dinge gewöhnlich zuerst zu Ohren kommen und daß Sie mir dann – ganz privatim – Gelegenheit geben, solchen Gerüchten entgegenzutreten. Deshalb fühle ich eine gewisse Sicherheit, und dafür bin ich Ihnen aufrichtig dankbar.«

Bei diesen Worten klopfte er dem Sergeanten auf die Schulter.

Gurden fühlte sich hochgeehrt.

»Ich kann Ihre Lage durchaus verstehen. Seien Sie sicher, daß ich alles tun werde, was in meinen Kräften steht. Ich werde mich glücklich schätzen, wenn ich Ihnen irgendwie behilflich sein kann.«

Oberst Black klopfte ihm wieder freundlich auf die Schulter.

»Und ich möchte Sie bitten, sich ebenso meines Freundes Doktor Essley anzunehmen. Bitte merken Sie sich diesen Namen genau. – Heute abend habe ich nach Ihnen geschickt –« Black zuckte die Achseln. »Das heißt, wenn ich sage, ich habe nach Ihnen geschickt, so ist das natürlich eine gewisse Übertreibung. Denn wie kann ein gewöhnlicher Sterblicher wie ich einem Polizeibeamten etwas befehlen wollen?«

Gurden drehte selbstbewußt an seinem Schnurrbart.

»Ich mache vielmehr von Ihrer unschätzbaren Freundschaft Gebrauch und frage Sie um Ihren Rat.«

Black zog jetzt einen Stuhl heran und setzte sich dem Sergeanten gegenüber.

»Der Konstabler Fellowe, über den ich mich beschwerte, hat der Tochter von Mr. Theodore Sandford einen großen Dienst erweisen können. – Wie ich sehe, kennen Sie Mr. Sandford.«

Gurden nickte. Wer hätte nicht von Theodore Sandford gehört, dem Stahlkönig und vielfachen Millionär, der sich in Hampstead einen feenhaften Palast gebaut und den echten Velazquez aus dem Besitz der Familie Dennington gekauft und der Nationalgalerie geschenkt hatte.

»Miss Sandford fuhr mit ihrem Wagen eine abschüssige Straße hinunter, und Frank Fellowe sprang in dem Augenblick, in dem sie die Herrschaft über den Wagen verloren hatte, weil die Bremsen versagten, auf das Auto. Mit nicht geringer Gefahr für sich selbst gelang es ihm, den Wagen durch den lebhaften Verkehr hindurchzusteuern.«

»So, so – das war also Fellowe?« fragte der Sergeant verächtlich.

»Ja, er war es«, bekräftigte der Oberst wenig freundlich; »Und nun haben sich die beiden jungen Leute, anfangs sogar ohne Wissen des Vaters, mehrfach wiedergetroffen. Sie verstehen, was ich meine …«

Gurden verstand zwar nicht, aber er sagte auch nichts.

»Ich will gerade nicht behaupten, daß daran etwas Unrechtes wäre – aber ein gewöhnlicher Polizist, mein lieber Sergeant, nicht einmal ein Beamter Ihres Ranges – ein ganz gewöhnlicher Polizist!«

»Es ist einfach unverzeihlich!«

Gurdens ganze Haltung drückte Mißbilligung aus.

»Mr. Sandford duldet jetzt aus einem mir unverständlichen Grund die Besuche des jungen Mannes. Dagegen können wir natürlich nichts tun. Aber ich möchte Sie doch bitten, Ihren Einfluß auf den jungen Fellowe geltend zu machen.«

Gurden erhob sich, um sich zu verabschieden. Er wußte sehr wohl, daß er keinen Einfluß auf seinen Untergebenen hatte, aber er besaß immerhin eine gewisse Amtsgewalt. Er verstand ganz gut, worauf Black anspielte.

»Wenn Fellowe also irgendwie Unannehmlichkeiten bekommt, würde ich es gerne wissen«, sagte der Oberst und reichte Gurden die Hand. »Also, vergessen Sie nicht: Ich möchte alles erfahren, was sich in dieser Angelegenheit tut.«

»Er ist ein äußerst energischer und begabter Mensch, dieser Fellowe«, erwiderte der Sergeant ernst. »Er verkehrt in den ersten Gesellschaftskreisen. Wie er dazu kommt, ist mir unbegreiflich. Ich möchte behaupten, daß er sich in das Vertrauen dieser Leute eingeschlichen hat. Ich habe immer gesagt, daß die Küche der richtige Platz für einen Polizisten ist, und wenn ich einen gewöhnlichen Konstabler im Wohnzimmer oder gar im Salon sehe, dann werde ich argwöhnisch, Es sind in letzter Zeit sehr viele Bestechungen vorgekommen –«

Er hielt inne, denn ihm wurde plötzlich bewußt, daß er sich selbst in einem Wohnzimmer befand und sich auch nicht gar so sehr über die Bestechlichkeit anderer Leute aufregen durfte.

Oberst Black begleitete ihn bis zur Tür.

»Es wäre leicht möglich, Sergeant, daß dieser Fellowe über Ihren Kopf hinweg einen Bericht an Ihre vorgesetzte Behörde macht. Bitte achten Sie besonders darauf und teilen Sie mir sofort den genauen Wortlaut des Berichtes mit, wenn dieser Fall eintreten sollte. Ich möchte nicht durch unangenehme Dinge überrascht werden. Wenn ich mich gegen Anschuldigungen verteidigen soll, muß ich alles so bald als möglich erfahren. Das macht dann die Sache bedeutend leichter. Ich bin ein vielbeschäftigter Mann und habe auch noch an anderes zu denken.«

Mit diesen Worten verabschiedete er sich von Gurden und brachte ihn noch bis zur Haustür.

Der Sergeant ging mit langen, schnellen Schritten zur Polizeistation zurück. Er war erfüllt von dem angenehmen Bewußtsein, daß sich sein Besuch gelohnt hatte.

4

Inhaltsverzeichnis

In der Zwischenzeit hatte Frank Fellowe eine Weinstube in der Nähe der Regent Street erreicht.

Er trat ein, ließ sich in einer Ecke des geräumigen Lokals nieder und bestellte sich ein Glas Whisky-Soda. Außer ihm waren nicht viele Gäste zugegen. Zwei oder drei auffällig gekleidete Leute standen an der Bar und unterhielten sich. Jeden Neuankömmling musterten sie verstohlen. Frank wußte, daß es gewöhnliche Verbrecher waren, wie man sie in derartigen Lokalen vielfach antraf. Ihnen galt seine Aufmerksamkeit nicht; er hatte andere Absichten.

Er saß wartend in seiner Ecke, scheinbar in die Lektüre einer Abendzeitung vertieft.

Es war nicht das erstemal, daß er sich in diesem Lokal aufhielt, und es war auch nicht das erstemal, daß er hier ohne Erfolg gewartet hatte. Aber er war geduldig und zäh in der Verfolgung seiner Ziele.

Die große Wanduhr zeigte Viertel nach zehn; als die Schwingtür aufgestoßen wurde und zwei Männer hereintraten.

Ungefähr zwanzig Minuten lang unterhielten sich die beiden leise miteinander. Frank konnte über den Rand seiner Zeitung hinweg das Gesicht von Sparks sehen, der für Black arbeitete und in gewisser Weise das Faktotum des Obersts war. Black übertrug diesem Mann, der ihm blindlings ergeben war, die Ausführung der gemeinsten Aufträge. Auch den anderen kannte Frank. Es war ein gewisser Jakobs, ein gewöhnlicher Dieb, der eine Art Pension von Black bezog.

Die Unterhaltung wurde ab und zu unterbrochen, wenn sie auf die Wanduhr über der Bar schauten oder wenn Sparks seine Taschenuhr zog. Um Viertel vor elf erhoben sie sich und gingen fort.

Frank folgte ihnen auf die Straße; er ließ das Glas Whisky-Soda fast unberührt stehen.

Die beiden bogen in die Regent Street ein und gingen eine kurze Strecke die Straße entlang. Dann riefen sie ein Auto heran.

Frank gab dem nächsten Taxi, das vorüberfuhr, ein Zeichen.

»Folgen Sie dem Wagen dort«, sagte er dem Chauffeur. »Halten Sie sich in einigem Abstand hinter ihm; falls er hält, fahren Sie an ihm vorbei und lassen mich in einiger Entfernung davon aussteigen.«

Der Chauffeur langte an die Mütze, und die beiden Wagen setzten sich in Bewegung.

Sie fuhren auf den Victoria-Bahnhof zu, ließen ihn dann zur Linken liegen und wandten sich nach rechts zur Grosvenor Road. Bald darauf bogen sie in das Labyrinth der Straßen von Pimlico ein.

Der erste Wagen hielt schließlich vor einem hohen, schmalen Haus in einer Straße, die früher einmal ansehnlich gewesen sein mußte, jetzt aber einen heruntergekommenen Eindruck machte.

Frank sah, wie die beiden Männer ausstiegen, und ließ sein Auto etwa achtzig Meter weiter auf der anderen Seite der Straße halten. Er hatte sich das Haus gemerkt; es war leicht zu unterscheiden.

Sparks und Jakobs waren schon in dem Haus verschwunden, bevor Frank die Stelle erreichen konnte. Er überquerte die Straße und wählte einen Beobachtungsposten, von dem aus er die Haustür überschauen konnte.

Eine Kirchturmuhr in der Nähe hatte schon halb eins geschlagen, ehe sich irgend etwas ereignete.

Ein Polizist war auf seinem Streifengang an Frank vorbeigekommen und hatte ihn mißtrauisch von der Seite angesehen, und die wenigen Fußgänger, die zu dieser Zeit noch die Straße passierten, betrachteten ihn nicht weniger argwöhnisch.

Die Glockenschläge waren kaum verklungen, als ein Privatauto mit ziemlicher Geschwindigkeit die Straße entlangfuhr und plötzlich vor dem Hause anhielt.

In dem Herrn, der aus dem Auto stieg, konnte Frank von seinem Posten aus ohne Schwierigkeiten Oberst Black erkennen. Man erwartete ihn offenbar, denn die Tür wurde sofort geöffnet.

Drei Minuten später fuhr ein anderer Wagen die Straße herunter und hielt in einiger Entfernung von dem Haus, als kenne der Chauffeur sein Ziel nicht genau.

Ein elegant gekleideter Herr stieg aus, und Frank sah in dem ungewissen Licht einer Straßenlaterne, daß es Sir Isaac Tramber war.

Als sich der Fremde zu seinem Chauffeur wandte, um ihm einen Auftrag zu geben, blitzte kurz eine weiße Hemdbrust unter einem dunklen Mantel auf.

Er zögerte am Fuß der Treppe, die zu der Haustür emporführte, stieg dann langsam hinauf und tastete nach der Klingel. Bevor er sie aber berührte, öffnete sich die Tür bereits, und nach einer kurzen Unterhaltung trat er ein.

Frank, der geduldig auf der anderen Seite der Straße wartete, sah plötzlich im ersten Stock Licht.

Er wußte allerdings nicht, daß dort oben die ›Aufsichtsratssitzung‹ einer Gesellschaft abgehalten wurde, deren Aktienkapital größer war als das der angesehensten Firmen in der City, einer Gesellschaft, deren Zweigniederlassungen und Agenten man in den verschiedensten Teilen der Welt antreffen konnte. Es wurden sogar Bücher geführt – man mußte sie nur finden und ihre chiffrierten Eintragungen entziffern können.

*

Oberst Black und der Herr, der eben gekommen war, saßen sich an einem langen Tisch gegenüber. Sir Isaac Tramber war ein gutaussehender junger Mann von sechsundzwanzig Jahren, mit einem schwachentwickelten Kinn und einem dünnen blonden Schnurrbart. Das Gesicht des sportliebenden Baronets war allen Rennstallbesitzern oder an Pferderennen interessierten Zuschauern wohlvertraut.

Aus einem bestimmten Grund wurde Sir Isaac von den Angehörigen der guten Gesellschaft gemieden, obwohl er aus einer Familie stammte, die in der Geschichte Englands eine Rolle gespielt hatte und Anfang des 17. Jahrhunderts geadelt worden war.

Er führte einen stolzen Namen, und viele seiner Vorfahren hatten ihn fleckenlos rein erhalten und stolz getragen. Trotzdem sprach man nicht von Sir Isaac; seine Einladungen wurden mit größter Höflichkeit abgelehnt und niemals erwidert.

Er war einmal in einen Skandal verwickelt gewesen, der nie ganz aufgeklärt worden war. Die gute Gesellschaft ist ihren Angehörigen gegenüber sehr nachsichtig; es gibt Verbrechen und Sünden, die sie, wenn auch nicht gerade bereitwillig, aber doch schließlich entschuldigt und verzeiht. Aber gewisse Vergehen können nie vergeben werden, und die Tore der Gesellschaft schließen sich mitleidslos vor jedem, der mit solcher Schuld beladen ist.

Sie hatten sich auch vor Sir Isaac Tramber geschlossen nicht, weil sein Name mit Skandalaffären verquickt war, sondern wegen eines Midland-Rennens, bei dem er sein eigenes Pferd geritten hatte. Sein Pferd war damals Favorit gewesen.

Die genaueren Umstände dieses Rennens sind in den Akten des ›Jockei Club‹ verzeichnet. Die erregte Menge stürmte die Barrieren und versuchte an diesen Amateurjockei heranzukommen. Auch die Sportjournalisten hatten das außergewöhnliche Ereignis in ihren Zeitungen genau geschildert.

Sir Isaac wurde vor die Rennleitung zitiert, und später wurde der Fall dem Vorstand des ›Jockei Club‹ unterbreitet. Als der Rennkalender des nächsten Jahres erschien, enthielt er die kurze, schwerwiegende Bemerkung, daß Sir Isaac Tramber wegen der Vorkommnisse in Newmarket Heath die Rennlizenz entzogen worden sei.

Erst nach vier Jahren wurde dieser Bann von ihm genommen.

Er konnte nun wieder auf Rennen erscheinen und eigene Pferde laufen lassen. Er tat auch beides. Aber die Ächtung der guten Gesellschaft, deren ungeschriebene Gesetze er verletzt hatte, blieb bestehen, und die Türen aller maßgebenden Häuser schlössen sich vor ihm.

In der vornehmen Welt besaß Sir Isaac Tramber nur einen einzigen Freund. Aber viele Leute behaupteten, daß Lord Verlond, dieser unliebenswürdige und verbitterte alte Herr, die Bekanntschaft mit ihm nur aus Eigensinn aufrechterhielt. Diese Behauptung mochte vielleicht auch der Wirklichkeit entsprechen, denn Lord Verlond hatte die schärfste Zunge in ganz England.

Der Weg zur Hölle ist leicht, wie das Sprichwort sagt, und er war besonders leicht für Isaac Tramber, der schon so früh dekadente Neigungen gezeigt hatte und diese auch eifrig weiterentwickelte.

Nun saß er an dem einen Ende des Tisches, hatte beide Hände in die Hosentaschen gesteckt und den Kopf etwas auf die Seite gelegt wie ein kecker Vogel. Er war ein tüchtiger Geschäftsmann, wie Black schon während der ersten Zeit ihrer Bekanntschaft hatte feststellen können.

»Ich glaube, wir sind vollzählig«, sagte Black und sah seinen Partner belustigt an.

Sparks und seinen Freund hatten sie in einem der unteren Räume zurückgelassen.

»Ich habe Sie heute abend hergebeten, um Ihnen einen Bericht über unsere Geschäfte zu geben, und ich freue mich, Ihnen sagen zu können, daß wir im letzten Jahr mehr verdient haben als jemals zuvor.«

Dann machte der Oberst noch genauere Angaben über seine Tätigkeit als ›Geschäftsführer‹, und er tat es mit dem Auftreten und Gebaren eines Mannes, der eine große Versammlung abhält.

»Man könnte einwenden«, fuhr Black geheimnisvoll fort, »daß das Geschäft eines nicht an der Börse zugelassenen Maklers mit meiner anerkannten Stellung in der Finanzwelt nicht vereinbar wäre. Aber der nichtkonzessionierte Börsenmakler ist eine sehr nützliche Persönlichkeit, besonders wenn er Tausende von Kunden an der Hand hat. Er kann zum Beispiel große Posten unserer Aktien seinen Klienten zum Ankauf empfehlen, ohne daß er in Verdacht kommt, selbst daran interessiert zu sein. Und gerade augenblicklich bin ich stark darauf angewiesen, daß der Ankauf dieser Aktien dem Publikum nahegelegt wird.«

»Haben wir durch Fanks’ Tod irgendwelche Verluste gehabt?« fragte der Baronet sorglos. »Der arme Mann hatte Pech. Er war aber auch zu korpulent.«

Der Oberst betrachtete Sir Isaac mit ruhigen, kalten Blicken.

»Wir wollen nicht von Fanks sprechen«, erwiderte er ausweichend. »Sein Tod ist mir sehr an die Nieren gegangen – ich möchte nicht gern daran erinnert sein.«

Sir Isaac nickte.

»Ich habe ihm auch niemals richtig getraut, ebensowenig wie dem anderen, der hier im vergangenen Jahr eine so große Szene machte – ich glaube, es war im Februar.«

»Ja«, entgegnete der Oberst kurz.

»Und es ist gut für uns, daß auch er starb«, bemerkte Sir Isaac taktlos, »denn –«

»Wir wollen jetzt weiter vom Geschäft sprechen.«

Oberst Blacks Stimme klang beinahe heftig.

Aber Sir Isaac hatte noch etwas zu sagen. Er war um seine eigene Sicherheit besorgt, und als Oberst Black sich dem Ende seines Vortrags näherte, beugte er sich ungeduldig vor.

»Da ist aber noch ein Punkt, den wir nicht besprochen haben, Black«, begann er.

Der Oberst wußte sehr wohl, woran Sir Isaac dachte; er hatte es sorgfältig vermieden, diese Sache zu erwähnen.

»Wir werden doch von diesen Leuten bedroht – oder vielmehr Sie werden von ihnen bedroht. Wissen Sie eigentlich, wer der Manager dieser Gruppe ist?« sagte Sir Isaac beunruhigt.

Black schüttelte lächelnd den Kopf.

»Ich glaube nicht. Sie sprechen natürlich von den ›Vier Gerechten‹«

Sir Isaac nickte kurz.

»Ich erhielt einen anonymen Brief von diesen Leuten«, fuhr Black – scheinbar gleichgültig – fort, »aber ich zweifle nicht im mindesten daran, daß die ganze Geschichte ein großer Bluff ist.«

»Was verstehen Sie in diesem Fall unter Bluff?«

Black zuckte die Schultern.

»Ich glaube, daß es eine Organisation wie die ›Vier Gerechten‹ überhaupt nicht gibt. Das Ganze ist ein Märchen; in Wirklichkeit sind sie gar nicht vorhanden! Stellen Sie sich doch einmal vier Männer vor, die sich zusammentun, um Englands Justiz zu verbessern! Das klingt doch mehr nach einem sensationellen Roman als nach realen Tatsachen.«

Er lachte, scheinbar sorglos.

»Derlei passiert hier in Pimlico nicht«, fuhr er dann fort. »Ich vermute vielmehr, daß der Polizist, von dem ich Ihnen neulich erzählte, dahintersteckt. Diese ganze romantische Gemeinschaft der ›Vier Gerechten‹ setzt sich wahrscheinlich nur aus ihm zusammen.«

Er lachte wieder.

Aber Sir Isaac drehte nervös an seinem Schnurrbart.

»Das ist alles Unsinn, daß Sie sagen, die ›Vier Gerechten‹ existieren nicht. Wir wissen doch ganz genau, was sie vor sechs Jahren taten. – Und auch diesen anderen Menschen kann ich auf den Tod nicht leiden«, fügte er ärgerlich hinzu.

»Welchen anderen?«

»Diesen Polizisten, der seine Nase in alles steckt«, antwortete Sir Isaac gereizt. »Können Sie dem nicht den Mund stopfen?«

»Dem Konstabler?«

»Ja. Wenn Sie mit einem Sergeanten fertig werden, können Sie einen gewöhnlichen Konstabler doch wohl erst recht zur Ruhe bringen.«

Sir Isaac Tramber konnte manchmal sehr sarkastisch sein.

Black strich nachdenklich über sein Kinn.

»Merkwürdigerweise habe ich daran noch gar nicht gedacht. Man müßte es wirklich einmal versuchen.« Er sah auf seine Taschenuhr. »Nun möchte ich Sie bitten zu gehen. Ich habe um halb zwei eine Verabredung, die ich einhalten muß.«

Sir Isaac lächelte langsam.

»Sonderbare Zeit für eine Verabredung.«

»Unser Geschäft ist überhaupt sonderbar – da kommt dergleichen manchmal vor«, erwiderte der Oberst.

Sie erhoben sich beide.

»Was ist denn das für eine Verabredung?«

»Das ist ein ganz besonderer Fall –«, begann er, hielt aber plötzlich inne.

Es kam jemand eilig die Treppe herauf. Im nächsten Augenblick wurde die Tür aufgerissen, und Sparks stürzte in das Zimmer.

»Das Haus wird beobachtet«, rief er atemlos.

»Wer beobachtet es denn?«

»Ein Detektiv, drüben auf der anderen Seite.« Sparks gestikulierte heftig mit den Händen. »Ich entdeckte ihn, aber als er sah, daß ich ihn beobachtete, ging er fort. Jetzt ist er wieder auf seinem Posten. Wir haben ihn gesehen.«

Black und Tramber folgten dem aufgeregten Mann nach unten, wo sie von einem niedrig gelegenen Fenster aus den Menschen unauffällig beobachten konnten, der es wagte, hier zu spionieren.

»Wenn das tatsächlich die Polizei ist«, brauste Black auf, »dann hat mich dieser Gurden im Stich gelassen. Er hat mir noch vor kurzem versichert, daß Scotland Yard nichts gegen mich habe.«

*

Frank hatte wohl erkannt, daß die Bewohner des Hauses unruhig geworden waren. Er hatte gesehen, daß plötzlich oben das Licht ausgegangen war. Frank war fest davon überzeugt, daß sie ihn nun durch die Glasscheiben der Haustür beobachteten. Er konnte jetzt nicht mehr viel herausfinden. Sein Erkundungsgang war erfolglos gewesen, denn daß Sir Isaac Tramber Blacks Partner war, hatte er auch vorher schon gewußt; ebenso, daß Jakobs und der ehrenwerte Sparks irgendwie an seinen Geschäften beteiligt waren.

Er war sich nicht klar darüber, was er zu finden hoffte oder was er eigentlich erreichen wollte.

Als er schon die Richtung nach dem Victoria-Bahnhof eingeschlagen hatte, wurde seine Aufmerksamkeit plötzlich auf die Gestalt eines jungen Mannes gelenkt, der langsam die Straße auf der anderen Seite entlangkam und von Zeit zu Zeit stehenblieb und auf die Hausnummern sah.

Neugierig beobachtete er ihn, und plötzlich kam ihm der Gedanke, daß er Nummer 63 suchen könnte. Der Fremde blieb auch tatsächlich vor dem Hause stehen.

Frank überquerte die Straße und ging auf ihn zu. Der junge Mann wandte sich erschrocken um, als er den plötzlich auftauchenden Frank sah.

Fellowe erkannte ihn.

»Sie brauchen sich nicht zu fürchten, ich bin Polizeibeamter. Wollen Sie in dieses Haus?«

Einen Augenblick sah ihn der andere schweigend an.

»Ja«, sagte er dann mit unsicherer Stimme.

»Sie wollen Oberst Black bestimmte Informationen über das Geschäft Ihres Chefs geben?«

Der junge Mann war fast gelähmt vor Schrecken, aber er nickte.

»Weiß Ihr Chef davon?«

Langsam schüttelte der Fremde den Kopf.

»Hat er Sie geschickt?« fragte er entsetzt.

»Nein«, erwiderte Frank lächelnd und überlegte, wer wohl mit dem ›er‹ gemeint sein könnte. »Ich bin aus eigenem Antrieb hier, und ich möchte Sie davor warnen, Oberst Black Ihr Vertrauen zu schenken.«

Der junge Mann warf den Kopf zurück, und Frank sah, daß er rot wurde.

»Sie sind Konstabler Fellowe«, sagte er plötzlich.

Frank war verblüfft.

»Ja, ich bin Konstabler Fellowe«, wiederholte er dann.

Während er sprach, hatte sich die Haustür geöffnet. Frank konnte dies jedoch nicht sehen, da er dem Hause den Rücken gekehrt hatte. Oberst Black trat leise aus der Tür und kam die Treppe herunter. Er hatte den lebhaften Wunsch, festzustellen, wer der Mann war, der ihn beobachtete, und er stand nahe genug, um Franks Worte zu hören.

»Fellowe!« rief er laut. »Sie mischen sich also schon wieder in meine Angelegenheiten!«

»Wenn Sie es so ausdrücken wollen, ja«, entgegnete Frank kühl und wandte sich wieder an den jungen Mann.

»Ich warne Sie«, sagte er nachdrücklich. »Sie werden es bis ans Ende Ihres Lebens bereuen, wenn Sie in dieses Haus gehen oder sich mit diesem Mann einlassen.«

»Das sollen Sie mir büßen«, fuhr Black auf. »Ich werde dafür sorgen, daß Sie die Uniform ausziehen müssen! Ich werde Sie anzeigen! Ich werde … ich will …«

»Sie haben eine ausgezeichnete Gelegenheit dazu«, erwiderte Frank. Sein geübtes Auge hatte auf der anderen Seite der Straße die Gestalt eines Polizisten entdeckt, der langsam auf sie zukam. »Dort drüben geht ein Schutzmann. Rufen Sie ihn doch her und zeigen Sie mich sofort an! Es ist kein Grund vorhanden, warum Sie das nicht tun sollten – kein Grund, warum Sie die Öffentlichkeit scheuen sollten.«

»Ach nein! Nein!« rief der junge Mann. »Oberst Black, ich werde ein andermal wiederkommen.« Dann drehte er sich wütend zu Frank herum. »Was aber Sie anbetrifft –«, begann er, da er in Blacks Gegenwart mutig wurde.

»Was Sie anbetrifft«, fiel ihm Frank ins Wort, »so meiden Sie schlechte Gesellschaft!«

Der junge Mann zögerte noch einen Augenblick, dann entfernte er sich schnell und ließ die beiden allein vor dem Hause zurück.

Die drei Leute im Hausflur beobachteten die Szene neugierig, und wenigstens zwei von ihnen glaubten, daß Black ihnen Instruktionen geben würde, die nicht gerade sehr günstige Folgen für Frank haben konnten.

Aber der Oberst unterdrückte seine Aufregung bald. Auch er hatte den Polizisten auf der anderen Seite der Straße gesehen.

»Hören Sie einmal zu, Konstabler«, sagte er mit gezwungener Freundlichkeit. »Ich weiß, daß Sie unrecht haben, obwohl Sie vom Gegenteil überzeugt sind. Kommen Sie mit mir herein; wir wollen einmal in aller Ruhe über die ganze Angelegenheit sprechen.«

Während er auf die Antwort wartete, dachte er über einen Plan nach, wie er mit diesem gefährlichen Feind fertig werden könnte. Er glaubte keinen Augenblick, daß Frank die Einladung annehmen würde, und war aufs äußerste erstaunt, als dieser wortlos die Treppe emporstieg.

5

Inhaltsverzeichnis

Frank hörte ein leises Geräusch im Flur und wußte, daß sich die Leute, die ihn beobachtet hatten, hier versteckt hielten. Er fürchtete sich nicht, obgleich er keine Waffe bei sich trug; er vertraute auf seine Stärke und Klugheit.

Black trat nach ihm ein und schloß die Tür. Im Dunkel wurde ein Riegel vorgeschoben, dann drehte der Oberst das Licht an.

»Wir führen nichts Böses im Schilde, Mr. Fellowe«, sagte er mit einem liebenswürdigen Lächeln. »Sie sehen, wir versuchen keine Tricks mit Ihnen, es geht offen und ehrlich bei uns zu.«

Er ging auf einer mit einem dicken, weichen Läufer belegten Treppe voran, und Frank folgte ihm.

Das Haus war luxuriös ausgestattet. Kostbare Radierungen hingen an den Wänden, schwere seidene Vorhänge bedeckten die Fenster im Treppenhaus; kleine Glasvitrinen mit chinesischem Porzellan schmückten die Nischen.

Black führte ihn in ein kleineres Zimmer im ersten Stock; es lag neben dem Raum, in dem er vorhin die Besprechung mit Sir Isaac Tramber abgehalten hatte.

Hier war die Einrichtung weniger verschwenderisch. Zwei Schreibtische standen in dem Raum; auf dem Boden lag ein einfacher Teppich, wie man ihn häufig in Büros findet. Ein großer Gobelin, der eine Wand bedeckte, war der einzige Luxusgegenstand. Von der Decke hing ein Kronleuchter herab und erhellte das Zimmer.

Im Kamin brannte ein kleines Feuer, und auf einem Tischchen in der Nähe der Schreibtische stand ein Abendessen für zwei Personen bereit. Frank sah es sofort, und Black, der sich wegen seiner Unvorsichtigkeit innerlich verwünschte, zwang sich zu einem Lächeln.

»Es sieht fast so aus, als ob ich Sie erwartet hätte«, sagte er leichthin. »Aber ich sehe heute abend noch einige Freunde bei mir, und einer von ihnen wird mit mir speisen.«

Frank nickte. Die Bedeutung des gedeckten Tisches und der gebrauchsfertigen Blocks auf den Schreibtischen war ihm klar.

»Nehmen Sie bitte Platz«, sagte der Oberst; er selbst setzte sich an einen der Schreibtische.

Frank ließ sich langsam in einiger Entfernung von ihm nieder und wandte das Gesicht dem Manne zu, den er überführen wollte.

»Nun wollen wir einmal geschäftlich miteinander reden«, begann Black. »Ich sehe nicht ein, warum wir nicht zu einer Verständigung kommen sollten. Ich bin ein vernünftiger Mensch, Sie auch. – Und außerdem sind Sie sehr tüchtig«, fügte er anerkennend hinzu.

Frank erwiderte nichts. Er wußte, was jetzt kommen würde.

»Nehmen wir einmal an«, fuhr Black nachdenklich fort, »wir kämen zu folgender Verständigung: Sie bilden sich ein, ich machte unsaubere Geschäfte. Ich weiß es ganz genau! Sie stehen unter dem Eindruck, daß ich die Leute auf schändliche Art betrüge. Ich brauche Ihnen wohl kaum zu sagen, wie sehr es mich verletzt, daß Sie so niedrig von mir denken.«

Seine Stimme klang jedoch in keiner Weise verletzt oder empört. Im Gegenteil – er sprach so gelassen, als ob es ihm Genugtuung bereitete, seine Methoden zu erörtern.

»Ich bin ganz damit einverstanden, wenn Sie meine Geschäftspraktiken einmal nachprüfen wollen. Sie wissen, daß wir eine große Zahl von Aufträgen aus allen Teilen des Kontinents erhalten und daß wir ungeheure Summen an unsere Kunden auszahlen, die – wie soll ich es gleich nennen? – auf Hausse spekulieren.«

»Sie können es ruhig so nennen«, erwiderte Frank.

»Nun, nehmen wir einmal an, Sie gehen nach Paris. Sie könnten doch leicht Urlaub bekommen. Oder Sie gehen in die Provinz, in eine der großen Städte Englands, wo Kunden von uns wohnen. Sie besuchen die Leute und fragen sie aus, um festzustellen, ob unsere Geschäftsprinzipien ehrlich sind. Das können Sie ruhig tun. Ich werde Ihnen eine Liste mitgeben. Natürlich sollen Sie diese Reise nicht auf Ihre eigenen Kosten machen.« Black streckte die Hände abwehrend aus. »Ich glaube nicht, daß Sie viel Geld für solche Ausflüge haben. Ich werde Ihnen also heute abend, wenn Sie wollen, ein paar hundert Pfund aushändigen, und Sie können dieses Geld nach eigenem Gutdünken verwenden, um Nachforschungen über mich und meine Geschäfte anzustellen. Was sagen Sie dazu?«

»Das kommt mir verteufelt genial vor. Ich nehme die paar hundert Pfund, und es steht mir frei, sie entweder für den angedeuteten Zweck oder für mich privat zu verwenden. Und ich brauche darüber niemand Rechenschaft abzulegen. Habe ich Sie richtig verstanden?«

Oberst Black lächelte und nickte. Er war mit dem Erfolg der Unterredung durchaus zufrieden.

»Sie besitzen wirklich eine gute Auffassungsgabe.«

Frank erhob sich.

»Daraus kann nichts werden.«

Black runzelte die Stirn.

»Ganz entschieden. Sie können mich nicht mit zweihundert Pfund bestechen, auch nicht mit zweitausend, Oberst Black. Ich bin nicht käuflich. Es ist meine Überzeugung, daß Sie einer der gefährlichsten Menschen sind, die die menschliche Gesellschaft je gekannt hat, und ich glaube, daß Sie sowohl hier in diesem Hause als auch in der City auf verbotenen Wegen wandeln. Ich werde nicht eher ruhen, als bis ich Sie hinter Schloß und Riegel habe!«

Black erhob sich langsam.

»So, so – das ist also Ihre Absicht?«

Blacks Stimme klang jetzt feindlich und boshaft, und er sah Fellowe mit einem haßerfüllten Blick an.

»Das wird Ihnen noch leid tun«, sagte er dann schroff. »Ich habe Ihnen eine Chance gegeben, die die meisten anderen jungen Leute mit Freuden ergriffen hätten. Ich könnte Ihnen ja auch dreihundert Pfund –«

»Und wenn Sie die Summe auf dreitausend oder dreißigtausend erhöhten«, erwiderte Frank ungeduldig, »würden wir uns doch nicht verständigen können. Ich kenne Sie zu gut. Ich weiß viel mehr von Ihnen, als Sie selbst für möglich halten.«

Er griff nach seinem Hut und sah sich gedankenvoll in dem Raum um.

»In Frankreich wird ein Mann gesucht – ein genialer Mensch, der im ganzen Lande, besonders im Süden, Gesellschaften gegründet hat, durch die man schnell reich werden kann. Er ist unter dem Namen ›Olloroff‹ bekannt«, sagte Frank langsam. »Auf seine Ergreifung ist eine hohe Belohnung ausgesetzt. Er hatte auch einen Partner, der plötzlich starb …«

Blacks Gesicht wurde weiß, und seine Hände zitterten plötzlich.

»Sie wissen zuviel für mich.«

Schnell wandte sich der Oberst um und verließ das Zimmer. Frank eilte ihm nach, denn er fürchtete eine Falle. Aber bevor er die Tür erreichen konnte, fiel sie schon ins Schloß.

Er drückte die Klinke herunter und zog an ihr, aber die Tür ließ sich nicht mehr öffnen.

Schnell sah er sich in dem Raum um. Auf der anderen Seite befand sich noch eine Tür. Er ging auf sie zu, aber plötzlich verlosch das Licht, und er stand in vollkommener Dunkelheit. Vorher hatte er ein Fenster in der Wand bemerkt, aber er mußte bald erkennen, daß es ein blindes Fenster war. Er hatte sich durch geschickt drapierte Vorhänge und Gardinen täuschen lassen. Das einzige wirkliche Fenster, das auf die Straße hinausführte, war schwer vergittert und mit Fensterläden versehen.

Die Dunkelheit machte ihm keine besonderen Schwierigkeiten, da er mit seiner Taschenlampe den Raum ableuchten konnte. Es war ein taktischer Fehler gewesen, Black zu warnen, aber er hatte der Versuchung nicht widerstehen können, diesen selbstbewußten Mann ein wenig zu erschrecken.

Es wurde ihm klar, daß er sich in einer gefährlichen Lage befand. Mit Ausnahme des jungen Mannes, mit dem er auf der Straße gesprochen und der ihn seltsamerweise erkannt hatte, wußte niemand, daß er sich in diesem Hause aufhielt.

Er durchsuchte das Zimmer rasch und lauschte angestrengt nach beiden Türen, aber er konnte kein Geräusch wahrnehmen.

An der Wand des Treppenabsatzes hatten mehrere asiatische Waffen gehangen, und Frank hoffte, daß dieser Raum vielleicht ähnlich dekoriert war. Aber seine Hoffnung war vergeblich.

Dann wandte er seine Aufmerksamkeit dem Fußboden zu und untersuchte ihn genau nach Falltüren und Versenkungen. Zum Glück fand er nichts Beunruhigendes. Schließlich setzte er sich auf die Ecke eines der beiden Schreibtische und wartete.

Eine halbe Stunde verging, ohne daß sein Feind sich bemerkbar gemacht hätte.

Dann ertönte plötzlich dicht über ihm eine barsche Stimme.

»Wollen Sie jetzt vernünftig sein?«

Frank leuchtete mit seiner Lampe in die Richtung, aus der der Schall kam, und sein Blick fiel auf den Kronleuchter.

Schon vorher hatte er beobachtet, daß dieser an einer außergewöhnlich starken Stange befestigt war, und nun wurde ihm klar, daß in dem glockenförmigen Beleuchtungskörper ein Lautsprecher verborgen war.

Er vermutete, wahrscheinlich mit Recht, daß auch ein Mikrophon eingebaut war und daß die Anlage Black mehr dazu diente, zu hören, was in dem Zimmer gesprochen wurde, als den Anwesenden Mitteilungen zukommen zu lassen.

»Kommen Sie herein und sehen Sie selbst nach.«

Während er im Dunkeln wartete, teilte er seine Aufmerksamkeit zwischen den beiden Türen. Jeden Augenblick glaubte er, ein Lichtschein müsse von außen in die Dunkelheit fallen.

Merkwürdigerweise dachte er gar nicht daran, daß auch draußen das Licht gelöscht sein konnte.

Er ging in der Mitte des Zimmers auf und ab, als er plötzlich ein leises Geräusch hinter sich hörte. Als er sich halb umdrehte, fiel eine Schlinge über seinen Körper, Arme griffen im Dunkel nach seinen Füßen, und mit einem heftigen Ruck wurde er auf den Boden geschleudert.

Er setzte sich zur Wehr, aber in diesem ungleichen Kampf mußte er unterliegen. Die Schlinge, die ihm übergeworfen war, hinderte ihn am freien Gebrauch seiner Arme. Er lag mit dem Gesicht nach unten auf dem Teppich. Ein Taschentuch wurde ihm in den Mund gestopft, kaltes Metall umgab seine Handgelenke, die nach hinten gezogen waren. Er hörte das Einschnappen eines Schlosses und wußte, daß man ihm Handschellen angelegt hatte.

»Heben Sie ihn vom Boden auf«, hörte er Blacks Stimme.

Im gleichen Augenblick wurde es wieder hell im Zimmer. Frank richtete sich mit Jakobs Hilfe unsicher auf.

Auch Sparks und Sir Isaac waren im Raum. Der junge Aristokrat hatte jedoch die untere Hälfte seines Kopfes mit einem seidenen Taschentuch bedeckt, und Frank konnte nur die obere Hälfte eines frischen, blühenden Gesichtes und ein paar hellblaue, lebhafte Augen sehen.

»Bringen Sie ihn zu dem Sofa dort«, sagte Black.

»So, nun werden Sie wohl endlich Vernunft annehmen«, wandte er sich an Frank, nachdem sein Befehl ausgeführt war.

Fellowe konnte nichts erwidern. Das Taschentuch in seinem Mund würde jeden Laut ersticken, den er hätte von sich geben wollen, aber in seinen Augen war eine unzweideutige Antwort zu lesen.

»Mein Vorschlag ist sehr einfach«, sagte Black. »Ich verlange weiter nichts von Ihnen, als daß Sie Ihren Mund halten und sich um Ihre eigenen Angelegenheiten kümmern. Dafür bekommen Sie heute ein paar hundert Pfund als Anzahlung und werden nicht weiter belästigt werden. Wenn Sie mein Angebot aber ablehnen, dann muß ich um meiner eigenen Sicherheit willen anders mit Ihnen verfahren.« Er lächelte höhnisch. »In diesem Hause sind fünf Keller. Wenn Sie sich, wie ich, für Geschichte interessieren, Mr. Fellowe, dann möchte ich Ihnen raten, einmal die Geschichte der Ritterburgen am Rhein zu lesen. Sie werden dann bald einsehen, daß ich einen ausgezeichneten Ersatz für die alten Burgverliese habe. Sie werden dort angeschmiedet werden, und ein mir treuergebener Wärter wird Ihnen zu essen bringen. Aber ich kann Ihnen schon jetzt versichern, daß er sehr zerstreut ist und Sie manchmal vergessen wird. Dort bleiben Sie so lange, bis Sie froh sind, meine Bedingungen annehmen zu können, oder bis Sie verrückt geworden sind, so daß man Sie ohne große Sorge in eine Irrenanstalt bringen kann, wo niemand Ihre Beschuldigungen ernst nimmt.«

Black wandte sich um.

»Nehmen Sie ihm den Knebel aus dem Mund. Wir wollen ihn jetzt in das andere Zimmer bringen. Ich glaube nicht, daß man dort seine Stimme von draußen hören kann, so laut er auch schreien mag.«

Jakobs riß das Taschentuch aus Franks Mund und stieß ihn zur Tür des nächsten Raumes.

Black ging voraus und faßte nach dem Lichtschalter, während die anderen an der Tür stehenblieben.

Als das Licht anging, taumelte Black einen Schritt zurück und schrie entsetzt auf.

Vier Fremde saßen an dem Tisch, der in der Mitte des Zimmers stand – vier Männer mit Masken.

Auch Blacks Komplicen, die den Gefangenen zwischen sich führten, packte tödlicher Schrecken.

Die vier am Tisch sprachen nicht; es herrschte eisige Stille.

Black war der erste, der sich wieder erholte. Er ging auf die Fremden zu, blieb aber plötzlich wieder stehen. Seine Gesichtsmuskeln arbeiteten heftig, sein Mund bewegte sich, aber er fand keine Worte. »Wie … was?« keuchte er nur atemlos.

Der Mann, der am Ende des Tisches saß, sah ihn durchdringend an.

»Sie haben mich wohl nicht erwartet, Mr. Olloroff?« fragte er scharf.

»Mein Name ist Black«, rief der Oberst wild. »Was haben Sie hier zu suchen?«

»Das werden Sie bald sehen. Setzen Sie sich dorthin.«

Black bemerkte, daß am unteren Ende des Tisches Stühle für sie aufgestellt waren.

»Zuerst werde ich Ihnen einmal Ihren Gefangenen abnehmen. Lösen Sie die Handschellen, Sparks!«

Der Angeredete fuhr mit der Hand in die Tasche – scheinbar, um den Schlüssel zu suchen; er faßte aber nicht in die Westentasche, sondern griff tiefer.

»Nehmen Sie Ihre Hand da weg!« sagte der Mann mit der Maske laut.

Er machte eine kleine Bewegung, und Sparks sah plötzlich eine Pistole auf sich gerichtet.

»Sie brauchen keine Angst zu haben. Unser kleiner Besuch wird keine tragischen Folgen für Sie haben. – Heute jedenfalls noch nicht«, setzte er bedeutungsvoll hinzu. »Sie haben schon drei Warnungen von uns erhalten, und heute sind wir gekommen, um Ihnen die letzte Warnung persönlich zu überbringen.«

Black hatte seine Fassung allmählich wiedergewonnen.

»Warum zeigen Sie mich denn nicht an, wenn Sie glauben, daß ich unrecht tue?« fragte er wütend.

»Das werden wir auch noch tun, wenn die Zeit dazu gekommen ist«, war die höfliche Antwort. »Aber ich warne Sie persönlich, Black. Sie haben jetzt die äußerste Grenze erreicht.«

Der Oberst war kein Feigling. Mit einem Fluch zog er plötzlich seinen Revolver und sprang auf die maskierten Männer zu.

Sofort ging das Licht aus, und Frank wurde von ein paar kräftigen Händen gepackt und fortgezogen.

Eine Tür schlug hinter ihm zu, dann taumelte er die Treppe hinunter in den Hausflur. Schnell wurden ihm die Handschellen abgenommen. Die Haustür öffnete sich – sein Führer mußte mit der Örtlichkeit des Hauses auf das genaueste vertraut sein. Schließlich fand sich Frank etwas verwirrt und bestürzt auf der Straße. Zwei Herren in Gesellschaftskleidung standen neben ihm.

Sie trugen noch ihre Masken, aber sonst unterschieden sie sich durch nichts von anderen Menschen.

»Sie müssen dort hinuntergehen, Mr. Fellowe«, sagte der eine und zeigte in die Richtung des Victoria-Bahnhofs.

Frank zögerte, er hätte gar zu gern das Ende dieses Abenteuers miterlebt. Wo mochten die beiden anderen sein? Warum waren sie noch zurückgeblieben? Was machten sie noch in dem Hause?

Seine Befreier mußten wohl seine Gedanken erraten haben.

»Unsere Freunde befinden sich in Sicherheit«, sagte der eine. »Machen Sie sich keine Sorgen um sie. Sie tun uns einen großen Gefallen, wenn Sie jetzt schnell fortgehen.«

Nachdem er sich bedankt hatte, schritt Frank Fellowe rasch die Straße hinunter. Einmal sah er sich noch um, aber die beiden Männer waren bereits in der Dunkelheit verschwunden.

6

Inhaltsverzeichnis

Oberst Black war in einer sonderbar gereizten Stimmung. Er wußte nicht recht, was er von diesen Ereignissen halten sollte. Einerseits war er wütend über den Vorfall, auf der anderen Seite mußte er darüber lachen.

Diese geheimnisvollen Männer, die über ihn zu Gericht sitzen wollten, hatten seine Papiere und Geschäftsbücher durchstöbert. Sie waren aus dem Nichts gekommen und wieder ins Nichts verschwunden, sie hatten ihn beunruhigt – ihm einen furchtbaren Schrecken eingejagt, wenn er ehrlich sein sollte. Aber für gewisse Charaktere ist Mut in erster Linie eine Frage der Beleuchtung. Black war im hellen Morgensonnenschein wieder kühn geworden, denn er hatte die Überzeugung, daß sie nichts Greifbares gegen ihn hatten entdecken können.

Er saß in seinem Hausmantel am Frühstückstisch; Sir Isaac Tramber leistete ihm Gesellschaft.

Oberst Black liebte die guten Dinge des Lebens, vor allem die Annehmlichkeiten der modernen Technik und delikate Speisen. Der Tisch war reich gedeckt.

Sir Isaac lebte einfacher. Ein Cognac mit Sodawasser und ein Apfel bildeten sein ganzes Frühstück.

»Was ist denn eigentlich los?« brummte er schlecht gelaunt. Er war in der letzten Nacht spät zur Ruhe gekommen und hatte schlecht geschlafen.

Black schob ihm einen Brief über den Tisch zu.

»Was halten Sie davon? Hier ist ein niederträchtiger Brief von der Firma Tangye – die Leute wollen zehntausend Pfund von uns haben und schreiben, daß sie mich in der Öffentlichkeit als vertragsbrüchig brandmarken wollen, wenn sie die Summe nicht umgehend erhalten.«

»Dann zahlen Sie doch«, erwiderte Sir Isaac müde.

Der Oberst lachte auf.

»Reden Sie doch kein dummes Zeug! Woher soll ich denn plötzlich zehntausend Pfund nehmen? Ich bin nahezu bankrott, das wissen Sie doch, Tramber. Wir sind beide in derselben Lage. Auf dem Papier habe ich ein Vermögen von zwei Millionen Pfund, aber ich glaube kaum, daß ich auch nur ein paar Tausend Pfund auftreiben könnte, selbst wenn ich es versuchte.«

Sir Isaac schob seinen Teller zurück.

»Sie sprechen doch nicht etwa im Ernst?« fragte er brüsk.

»Meinen Sie wegen des Geldes?«

»Ja. Ich hätte eben beinahe einen Schlaganfall bekommen. Mein lieber Freund, wir säßen aber ganz elend in der Patsche, wenn uns gerade jetzt das Geld ausgehen sollte.«

Black lächelte.

»Das ist ja gerade das, was passiert ist. Aber ob wir nun in der Klemme sind oder nicht, wir müssen der Situation ins Auge sehen. Ich habe mein Bankkonto überzogen; im Hause habe ich ungefähr hundert Pfund, und ich vermute, daß Sie etwa ebensoviel bei sich haben.«

»Ich habe nicht einmal hundert Schilling.«

»Unsere Spesen sind ungeheuer«, fuhr Black fort. »Sie wissen, wie sich alles summiert. Wir haben ein oder zwei Geschäfte in Aussicht, aber außerdem nichts. Wenn wir nur die Fusion der großen Eisenhütten im Norden zustande brächten! Dann hätten wir Geld in Hülle und Fülle und könnten beide Schecks über Hunderttausende von Pfund ausstellen.«

»Können Sie denn in der City kein Geld auftreiben?«

Der Oberst schlug die Spitze eines gekochten Eis ab, ohne zu antworten. Tramber kannte die Lage dort genausogut wie er selbst.

»Hm«, meinte Sir Isaac schließlich, »aber irgendwie müssen wir doch jetzt Geld beschaffen.«

»Wie steht es denn mit Ihrem Freund?«

Die Frage klang gleichgültig, war aber wohlüberlegt.

»Welchem Freund?« Sir Isaac lachte heiser. »Allerdings – ich habe nicht so viele Freunde, daß es notwendig wäre, einen genauer zu bezeichnen. Sie meinen natürlich Lord Verlond?«

Black nickte.

»Verlond ist der einzige Mann auf der Welt, den ich nicht um Geld angehen darf.«

»Er besitzt doch aber ein großes Vermögen«, sagte Black spöttisch.

»Das stimmt«, erwiderte Sir Isaac grimmig. »Und womöglich muß er mir noch einmal sein Geld hinterlassen.«

»Hat er keinen Erben?« fragte der Oberst interessiert.

»Früher war einer vorhanden – ein Neffe, der hoch hinauswollte. Aber der lief von zu Hause fort, und man nimmt an, daß er auf einer Ranch in Texas ums Leben gekommen ist. Auf jeden Fall beabsichtigt Lord Verlond, ihn für tot erklären zu lassen.«

»Das war allerdings ein Schicksalsschlag für den alten Mann.«

Diese Äußerung schien Sir Isaac zu belustigen, denn er lehnte sich zurück und lachte laut auf.

»Was sagen Sie da – ein Schicksalsschlag? Er hat seinen Neffen gehaßt wie die Pest! Lord Verlond entstammt der jüngeren Linie, und der Junge war ein wirklicher Verlond. Deshalb haßte ihn doch der Alte so sehr. Ich bin überzeugt, daß er ihm das Leben zur Hölle gemacht hat. Er ließ ihn immer am Wochenende zu sich kommen, um ihn zu schikanieren, bis der junge Mensch schließlich verzweifelte, seine geringen Ersparnisse nahm und auf und davon ging.

Einige Freunde seiner Familie haben nachgeforscht, wo er geblieben war, aber der Alte hat sich nicht im geringsten um ihn gekümmert. Die anderen haben ihm dann eine Stelle in einer Druckerei in London verschafft. Schließlich wanderte er nach Amerika aus.

Ein paar interessierte Leute haben seine Spur verfolgt. Er ging nach Texas und kam auf eine ziemlich verwahrloste Ranch. Später erfuhr man, daß ein Mann, auf den seine Beschreibung paßte, bei einer Schießerei getötet wurde. Es muß eine jener üblen Gegenden gewesen sein, die man in den Wildwestfilmen sehen kann.«

»Wer ist denn jetzt der Erbe?«

»Den Titel erbt niemand. Das Vermögen geht an die Schwester des Jungen. Sie ist ein recht hübsches Mädchen.«

Black sah ihn unter halbgeschlossenen Augenlidern hervor an.

Sir Isaac drehte nachdenklich an seinem Schnurrbart und wiederholte noch einmal: »Wirklich – ein hübsches Mädchen.«

»Dann haben Sie also … Aussichten?« fragte Black langsam.

»Was meinen Sie damit?« Sir Isaac richtete sich auf.

»Genau das, was ich sage. Der Mann, der sie einmal heiratet, bekommt einen ganz schönen Sack voll Geld. So ist es doch?«

»Ja, so ähnlich«, antwortete Sir Isaac düster.

Der Oberst stand auf und faltete seine Serviette sorgfältig.

Er brauchte so notwendig bares Geld, daß er sich nicht viel darum kümmern konnte, was die City dazu sagte. Wenn Sandford seinen Plänen wegen der Fusion der Hütten im Norden entgegentrat, so war das allerdings eine andere Sache; aber er hoffte, mit ihm fertig zu werden, obwohl er schwer zu beeinflussen war.

Er schaute seinen Geschäftspartner nachdenklich an.

»Ikey«, sagte er dann, »in letzter Zeit legen Sie wenig Wert auf unsere gegenseitigen Beziehungen, ja Sie fangen sogar an, sich ihrer zu schämen. Ich habe plötzlich einen tugendhaften Charakterzug an Ihnen entdeckt, und ich muß sagen, daß mir das leid tut.«

Er sah Sir Isaac gerade in die Augen.

»Ach, Unsinn!« sagte der Baronet sorglos. »Sie wissen doch ganz genau, daß ich meine Stellung in der Gesellschaft wahren muß.«

»Sie sind mir aber auch verschiedenes schuldig.«

»Es sind nur viertausend Pfund. Und die sind gedeckt durch eine Lebensversicherung über fünfzigtausend Pfund, die für mich abgeschlossen ist.« »Die Prämie muß ich aber selbst zahlen«, brummte der Oberst bissig. »Ich dachte freilich im Augenblick nicht an Geld.«

Er maß Sir Isaac von Kopf bis Fuß mit seinen Blicken.

»Fünfzigtausend Pfund«, sagte er dann belustigt. »Mein lieber Ikey, wenn man Sie ermordet, sind Sie mehr wert als lebendig.«

»Machen Sie doch nicht so gräßliche Witze!«

Der Oberst nickte.

»Nun gut, wir wollen nicht weiter darüber sprechen«, sagte er.

Er schlug seinen Hausmantel zusammen, ging durch die Wohnung zu seinem Arbeitszimmer und schloß die Tür hinter sich.

*

Die tugendhaften Anwandlungen seines Geschäftspartners gaben Oberst Black zu denken. Diese Symptome waren mehr als unangenehm, sie begannen ihn zu beunruhigen. Black gab sich keinen Illusionen hin. Er traute Sir Isaac Tramber ebensowenig wie anderen Menschen, ja vielleicht noch weniger.

Der Baronet hatte sich nur durch Blacks Geld bis zu einem gewissen Grade in der Gesellschaft rehabilitieren können; mit Blacks Geld hatte er wieder Rennpferde gekauft.

Der Oberst hatte jedoch auch hier nicht etwa aus dem menschenfreundlichen Grund gehandelt, einem anderen zu helfen, den die Gesellschaft geächtet hatte und mit dem anständige Leute nichts mehr zu tun haben wollten.

Als Ausgestoßener konnte Sir Isaac ihm nicht nützlich sein.

Black hatte seine Ansicht über sein Verhältnis zu dem Baronet einmal in einem Satz von epigrammatischer Kürze zusammengefaßt: ›Er war das heruntergekommenste Werkzeug, das mir jemals unter die Hände kam; aber ich habe ihn wieder auf die Beine gestellt und schön herausgeputzt, und heute ist er, wenn auch gerade keine anziehende Schönheit, so doch ein ganz erträglicher Gentleman.‹

Und Sir Isaac hatte sich wirklich als nützlich erwiesen. Das Geld, das Black auf ihn verwandt hatte, rentierte sich, ebenso der Anteil des Baronets an dem Geschäft, das er offensichtlich verachtete.

Sir Isaac Tramber fürchtete Black. Hauptsächlich aus diesem Grunde konnte der Oberst seine Macht über den schwächeren Partner ausüben. Tramber hatte schon in mancher schlaflosen Nacht überlegt, wie er sich von Blacks Tyrannei befreien könnte; seine Versuche waren jedoch alle mißglückt. Im Laufe der letzten Woche hatte sich nun aber etwas ereignet, was den Baronet schlechterdings zwang, sich von dem Oberst zu trennen. Sir Isaac hatte nämlich Aussicht, seine gesellschaftliche Lage in jeder Beziehung zu verbessern.

Eine Verlobung mit Lady Mary Cassilirs war in greifbare Nähe gerückt. Und diese Dame hatte, wie Oberst Black so vulgär sagte, ›einen ganz schönen Sack voll Geld‹.

Ihr Onkel, Lord Verlond, hatte ihm zu verstehen gegeben, daß er seinen Antrag nicht ungern sehen würde. Lady Mary war sein Mündel; allerdings ließ sie sich von dem alten Mann keineswegs terrorisieren. In Anfällen von Wut und Launenhaftigkeit konnte dieser grimmige Herr nämlich manchmal unausstehlich sein, und vielleicht bekam er wenigstens einen gewissen Respekt vor ihr, wenn sie seine Zornesausbrüche und Vorwürfe unbeachtet ließ.

Sir Isaac begab sich nachdenklich in seine Wohnung. Es war ihm klar, daß er sich von Black lösen mußte, und da er skrupellos war, fragte er nicht danach, daß er seine ganze jetzige Stellung eigentlich dem Oberst verdankte.

Der Gedanke, daß er bald frei sein würde, brachte ihn in gute Stimmung. Er hatte sich zu einem Spaziergang im Hydepark umgezogen und war in der besten Laune, als er Lord Verlond und seine schöne Nichte traf.

Es gab böse Leute, die Lord Verlond und Lady Mary nur ›die schöne Dame mit dem häßlichen Alten‹ nannten.

Lady Mary war schlank und eine typische Engländerin von vornehmer Haltung. Ihre Schönheit wurde betont durch einen zarten Teint und strahlende, lebensvolle Augen. Reiches kastanienbraunes Haar umrahmte ihr ebenmäßiges Gesicht; hochgeschwungene Brauen und ein entschlossenes, schöngeformtes Kinn gaben ihren Zügen darüber hinaus besondere Anziehungskraft.

Sie überragte ihren Begleiter fast um Haupteslänge. Verlond war niemals eine schöne Erscheinung gewesen, und das Alter hatte seine scharfen Züge noch kantiger und eckiger gemacht. Sein Gesicht sah so hart und unnahbar aus, als ob es aus Granit gemeißelt wäre.

Er grüßte Sir Isaac kurz.

»Setzen Sie sich, Ikey«, sagte er mit einem Lächeln.

Lady Mary hatte dem Baronet nur kaum wahrnehmbar zugenickt und ihre Aufmerksamkeit sofort wieder der vorbeiflutenden Menschenmenge zugewandt.

»Sind Sie heute nicht zu Pferd?« fragte Sir Isaac.

»Aber ganz gewiß«, erwiderte der Lord. »Ich reite im Augenblick auf meinem grauen Streitroß an der Spitze meiner Kavalleriebrigade.«

Sein Humor erschöpfte sich darin, unnötige Fragen durch solche Antworten lächerlich zu machen.

Aber plötzlich verfinsterte sich sein Gesicht wieder. Nachdem er sich durch einen kurzen Seitenblick vergewissert hatte, daß Marys Aufmerksamkeit durch andere Dinge in Anspruch genommen war, lehnte er sich zu Tramber hinüber.

»Ikey, ich fürchte, Sie werden Schwierigkeiten mit ihr haben«, sagte er leise.

»Ich bin es gewohnt, Schwierigkeiten zu überwinden«, entgegnete Sir Isaac leichthin.

»Aber mit derartigen Schwierigkeiten werden Sie nicht so leicht fertig – täuschen Sie sich nicht, Ikey, und halten Sie sich nicht für zu klug. Ich kenne ihren eigensinnigen Charakter ich muß ja mit ihr im selben Hause leben. Sie ist ein verflucht aufsässiger kleiner Teufel. Ich finde keinen anderen Ausdruck.«

Sir Isaac sah sich vorsichtig um.

»Meinen Sie, daß jemand zwischen uns steht?«

Sir Isaac sah, daß sich die Augenbrauen des Lords zusammenzogen, und folgte den Blicken des anderen. Ein junger Mann, der freudig überrascht lächelte, näherte sich ihnen.

Sein Lächeln galt jedoch weder dem Lord noch dem Baronet, es galt zweifellos Lady Mary, die ebenfalls sehr erfreut schien, denn ihre Augen leuchteten auf, und sie winkte den Herrn zu sich heran.

Sir Isaacs Züge verdüsterten sich.

»Dieser verfluchte Bursche«, sagte er ärgerlich zu sich selbst.

»Guten Morgen.« Horace Gresham begrüßte den Lord. »Auch ein wenig spazierengegangen?«

»Nein«, brummte der alte Mann. »Ich bade, ich bin auf Tiefseefischfang, ich fliege! Sehen Sie denn nicht, was ich tue? Ich sitze hier und muß alle albernen Fragen dummer Leute über mich ergehen lassen, die des Weges kommen.«

Horace lachte. Er ließ sich durch den bissigen Humor des Lords nicht abschrecken. Ohne sich weiter mit ihm einzulassen, wandte er sich an Mary.

»Ich freue mich, Sie hier zu treffen.«

»Was macht Ihr schöner Rappe?« fragte sie.

Horace warf einen lächelnden Blick auf Tramber.

»Oh, er wird beim Rennen schon seinen Mann stehen. Jedenfalls wird er ›Timbolino‹ hart zusetzen.«

»Mein Pferd wird dem Ihren turmhoch überlegen sein, wo sie sich auch immer im Rennen begegnen«, sagte Sir Isaac ärgerlich. »Ich wette tausend Pfund darauf.«

»Ich habe nicht die Absicht, Ihnen dieses Geld abzunehmen«, entgegnete Gresham. »Ich halte so sicher gewonnene Wetten Ihnen und – Ihrem Freund gegenüber für unfair.«

Die letzten Worte waren ganz gleichgültig gesprochen, aber Sir Isaac Tramber hatte doch einen gewissen Unterton herausgehört. Die kleine Pause, die Horace beim Sprechen gemacht hatte, sagte ihm, daß dieser liebenswürdige junge Mann mehr von seinen persönlichen Verhältnissen wußte, als ihm im Augenblick lieb war.

»Wenn ich wette, so geht das meinen Geschäftsfreund gar nichts an«, fuhr er zornig auf. »Ich habe Ihnen eben eine faire und offene Sportwette angetragen. Wenn Sie nicht annehmen wollen – nun ja …«

Er zuckte die Schultern.

»Oh, wenn Sie wollen, nehme ich die Wette auch an«, erwiderte Horace, wandte sich dann aber wieder an Mary.

»Was will denn Gresham?« fragte Verlond hämisch, als er den Verdruß des Baronets sah.

»Ich wußte nicht, daß Sie Freunde sind«, sagte Sir Isaac. »Wo haben Sie ihn denn kennengelernt?«

»Wo man die meisten unliebsamen Bekanntschaften macht – im Rennclub. Aber der ganze Rennbetrieb wird jetzt so verdammt vornehm, Ikey, daß ein wirklicher Rennwetter von altem Schrot und Korn kaum noch zu treffen ist. Als ich das letztemal zum Rennen ging, war ich sehr enttäuscht. Der Teesalon war gesteckt voll, so daß man kaum die Türen öffnen konnte. Aber draußen war es trostlos leer. Pferderennen gehen in England vor die Hunde, Ikey.«

Er war nun bei seinem Lieblingsthema angekommen. Sir Isaac fühlte sich wenig behaglich, denn man konnte den Lord schwer ablenken, wenn er in Erinnerungen schwelgte.

»Heutzutage kann man überhaupt nicht mehr wetten wie früher«, fuhr der Lord fort. »Einmal habe ich fünftausend Pfund auf ein Pferd gesetzt, bei zwanzig zu eins, ohne daß sich nachher die Quote auch nur im geringsten änderte. Wo kann man das heute noch machen?«

»Wir wollen ein wenig Spazierengehen«, sagte Mary. Lord Verlond war so in seine Anklagen gegen den modernen Rennbetrieb vertieft, daß er gar nicht merkte, wie sich die beiden jungen Leute erhoben und fortgingen.

Sir Isaac sah es wohl und hätte den Redefluß des Lords gern unterbrochen; aber er unterließ es, weil er die schlechte Stimmung und die bissigen Worte des alten Mannes fürchtete.

*

»Es ist mir unbegreiflich, daß sich Ihr Onkel mit einem solchen Menschen überhaupt abgeben mag«, sagte Horace.

Mary lächelte.

»Ich bin nicht besonders erstaunt darüber, daß er zu ihm hält«, erwiderte sie trocken. »Onkels Geduld mit zweifelhaften Leuten ist sprichwörtlich.«

»Mir gegenüber ist er nicht sehr zuvorkommend.«

»Sie haben sich eben in der Gesellschaft noch nicht genügend unbeliebt gemacht«, meinte sie lachend. »Sie müssen sich erst mit allen anderen Menschen überworfen und verfeindet haben, bevor er sie schätzt.«

»Das ist aber doch nicht meine Art, nicht wahr?«

Sie wurde ein wenig rot.

»Nein, ich glaube, nicht«, sagte sie und sah ihn unter halbgeschlossenen Lidern hervor von der Seite an. »Ich bin überzeugt, daß Sie ein sehr netter und liebenswürdiger junger Mann sind. Sie müssen viele gute Freunde haben. Ikey dagegen hat sehr seltsame Bekanntschaften. Er speiste neulich in einem Lokal mit einem ganz unmöglichen Menschen – kennen Sie ihn vielleicht?«

»Es tut mir leid, ganz unmögliche Menschen kenne ich überhaupt nicht«, entgegnete er prompt.

»Es war ein gewisser Oberst Black.«

Er nickte. »Ich habe von ihm gehört.«

»Wer ist denn das eigentlich?«

»Ein Oberst.«

»Von der Armee?«

»Nicht von der englischen«, erwiderte Horace lächelnd. »In Amerika gibt es viele Höflichkeitstitel, und er ist – nun ja, er ist mit Sir Isaac befreundet …«

»Daraus kann ich nur entnehmen, daß er keinen besonders guten Charakter haben wird.«

Er sah sie dankbar an.

»Ich bin so froh, daß Sie das gesagt haben. Ich fürchtete schon –« Wieder machte er eine Pause.

»Was fürchteten Sie?«

Sie hatte den sonst so selbstsicheren Horace Gresham noch nie in solcher Verlegenheit gesehen.

»Nun ja – ich meine«, fuhr er ein wenig zusammenhanglos fort, »man hört allerhand Gerüchte. Ich weiß, daß er ein häßlicher Mensch ist, und ich weiß, wie gut und lieb Sie sind – Mary, ich liebe Sie mehr als alles andere auf der Welt!«

Sie wurde blaß, und ihre Hand zitterte. Sie hatte niemals gedacht, daß ihr jemand inmitten einer großen Menschenmenge eine Liebeserklärung machen könne. Die unerwartete Situation machte sie sprachlos und verwirrt. Sie schaute ihn an. Auch er war bleich geworden.

»Das hätten Sie nicht tun sollen«, sagte sie dann leise, »so am frühen Morgen …«

7

Inhaltsverzeichnis

Oben auf dem Dachboden bearbeitete Frank Fellowe seinen Punchingball und ließ an ihm all seinen Ärger über die Unannehmlichkeiten des Lebens aus.

Sergeant Gurden machte ihm in jeder Weise das Dasein schwer. Er gab ihm den unangenehmsten Dienst und ermüdende, langweilige Arbeit, auch packte er ihm außergewöhnliche Pflichten auf, wo er nur konnte. Und außerdem hatte sich Frank doch selbst die Aufgabe gestellt, die Tätigkeit Oberst Blacks und seiner Leute zu beobachten. Wenn er gewollt hätte, wäre es ihm ein leichtes gewesen, alle Hemmnisse mit einem Schlag zu beseitigen, aber das war nicht seine Art. Frank wollte unter allen Umständen Blacks Pläne durchkreuzen und zunichte machen. Andere Interessen, die ihn ebensosehr hätten in Anspruch nehmen können, stellte er zurück – wenigstens für eine Weile.

*

Die Tochter des Millionärs Sandford, die Frank Fellowe zufällig bei der Verhütung eines Unfalls kennengelernt hatte, traf ihn nach einiger Zeit wieder. Klopfenden Herzens hatte sie der Begegnung entgegengesehen. Als er damals beim Versagen der Bremsen auf den Wagen gesprungen war, hatte sie Dankbarkeit und Bewunderung für ihn gefühlt. Und dieser Eindruck vertiefte sich, als sie mit ihm zusammen im Zoo spazierenging. Sie hatte ihn nämlich zu einem gemeinsamen Zoobesuch eingeladen, weil sie gern genauer wissen wollte, wer eigentlich ihr Retter war.

Sie hatte gefürchtet, daß sie sehr enttäuscht sein würde. Denn ein stattlicher Polizist in Uniform konnte in Zivilkleidung recht kläglich aussehen. Wer wußte denn, was für einen vulgären Geschmack er vielleicht bei der Wahl seines Anzugs zeigen würde, ganz zu schweigen von Krawatte und Schuhen!

Sie hatte daher vorsichtshalber beschlossen, nur die entlegensten Wege mit ihm zu gehen. Als ihr nun ein hübscher, tadellos gekleideter Herr entgegentrat, war sie außerordentlich überrascht. Er sah gar nicht wie ein Polizist in Zivil aus.

Nachdem sie bei zwei Käfigen gewesen waren, übernahm er die Führung und erzählte ihr Dinge über wilde Tiere, von denen sie noch nie etwas gehört hatte. Er machte ihr die feinen Unterschiede zwischen fünf verschiedenen Arten von Luchsen klar und erzählte ihr kleine Anekdoten von der Jagd im Dschungel. Sie hörte ihm atemlos vor Bewunderung zu. Dann führte er sie zu einem ihr bisher ganz unbekannten Gebäude, in dem die kranken Tiere wieder gesund gepflegt wurden.

Aber es war unmöglich, an einem Tag alles zu besichtigen, und so mußten sie sich immer wieder dort treffen.

Außerdem ritten sie manchmal in den frühen Morgenstunden miteinander über die Heide von Hampstead. Sie vermutete natürlich, daß er sein Pferd gemietet hätte, obwohl er nicht immer dasselbe Tier ritt.

»Wie viele Pferde haben Sie eigentlich in Ihrem Stall?« fragte sie eines Tages neckend.

»Sechs«, sagte er prompt. »Während der Saison reite ich viele Jagden mit –«

Aber dann hielt er plötzlich inne. Seine Voreiligkeit hatte ihn wieder einmal in böse Verlegenheit gebracht.

»Aber Sie sind doch Beamter – Polizist?« sagte sie erstaunt. »Ich meine – ach, verzeihen Sie, wenn ich eben unhöflich war.«

Er wandte sich im Sattel zu ihr.

»Ich besitze ein kleines Privatvermögen«, erwiderte er und zwinkerte ein wenig mit den Augen. »Ich bin erst seit zwölf Monaten Polizist. Vorher war ich … war ich kein Polizist.«

Er drückte sich nicht verständlich genug für sie aus; da er aber sehr verlegen zu sein schien, wechselte sie das Gesprächsthema. Im stillen wunderte sie sich freilich über seine Äußerungen, obwohl sie sich sonderbar angenehm berührt fühlte.

Seltsamerweise tauchte nach diesem Ritt der Gedanke in ihr auf, daß sie nicht mehr mit ihm zusammenkommen dürfe. Aber dann hätte sie ihn doch auch früher nicht treffen dürfen? War es denn schicklicher, mit einem einfachen Polizisten auszureiten als mit einem Mann, der zu ihrer eigenen Gesellschaftsklasse gehörte? Trotz dieser Überlegung sah sie ihn wieder, und mit der Zeit nannten sich Konstabler Fellowe und Miss Sandford in ihren Unterhaltungen ›May‹ und ›Frank‹.

Theodore Sandford, ein energischer, unbeugsamer Mann, war sehr demokratisch gesinnt. Er scherzte mit seiner Tochter über ihren Polizisten, machte Andeutungen über ›heimliche Besuche in der Küche‹ und fragte auch, ob sie ihm etwas Gutes zu essen gegeben habe. Schließlich aber sprachen sie miteinander über Franks Zukunft. Mußte er wirklich bei der Polizei bleiben? Er hatte doch selbst zugegeben, daß er über Vermögen verfügte. Warum sollte er die untergeordnete Stellung eines gewöhnlichen Polizisten beibehalten?

Diese Unterhaltungen nahmen allmählich ernste Formen an, und eines schönen Tages setzte sich May hin und schrieb Frank einen Brief, der eigentlich mehr ein Ultimatum war. In ihrem Eifer schickte sie das übereilte Schreiben ab, aber sie bereute es gleich darauf heftig.

Theodore Sandford sah mit einem gutmütigen Lächeln von seinem Schreibtisch auf.

»Du bist jetzt also wirklich böse mit deinem Polizisten?«

Aber May faßte die Sache nicht scherzhaft auf. Auf ihren hübschen Zügen zeigte sich Entschlossenheit.

»Mr. Fellowe kann natürlich tun, was er will«, sagte sie achselzuckend. »Ich habe keinerlei Einfluß auf ihn.« Sie wußte sehr wohl, daß sie nicht die Wahrheit sprach. »Aber man hat doch wenigstens das Recht, von seinen Freunden zu verlangen …«

Vor Ärger und Verdruß traten ihr die Tränen in die Augen. Ihr Vater sah sie prüfend und fast ängstlich an. Seine Frau war gestorben, als seine Tochter noch ein kleines Kind gewesen war, und er fürchtete immer, die Anzeichen der Krankheit, die seine über alles geliebte Frau so früh dahingerafft hatte, auch bei May zu entdecken, obwohl diese bis jetzt immer gesund gewesen war.

»Mein Liebling«, sagte er zärtlich, »du mußt dich nicht über deinen Polizisten aufregen. Ich bin sicher, daß er alles für dich tun wird, wenn er nur halbwegs menschlich denkt und fühlt. – Du siehst übrigens schlecht aus«, fügte er besorgt hinzu.

»Ich bin heute abend sehr müde.« Sie umarmte ihn.

»Du siehst in der letzten Zeit immer so matt aus. Auch Black sagte es neulich, als er dich sah. Er empfahl mir einen sehr tüchtigen Arzt – ich habe mir auch seine Adresse aufgeschrieben.«

Sie schüttelte energisch den Kopf.

»Ich brauche keinen Arzt«, sagte sie bestimmt.

»Aber–«

»Bitte – quäle mich nicht«, bat sie und lachte wieder. »Du mußt mich nicht zwingen wollen.«

In diesem Augenblick klopfte es, und ein Diener trat ein.

»Mr. Fellowe möchte seine Aufwartung machen.«

Sie schaute sich schnell um.

»Wo ist er denn?« fragte sie.

Mr. Sandford sah, daß sie errötete, und schüttelte lächelnd den Kopf.

»Er wartet unten im Empfangszimmer.«

»Ich werde hinuntergehen«, wandte sie sich an ihren Vater.

»Er wird sicher sehr liebenswürdig und nett zu dir sein – er ist hoffentlich ein Gentleman.«

»Wie, daran wagst du zu zweifeln?« rief sie aufgeregt. »Natürlich ist er ein Gentleman!«

»Verzeih, daß ich davon sprach«, entschuldigte sich Theodore Sandford.

Als May in das Empfangszimmer trat, las Frank in ihrem Brief, der ihn so eilig hergeführt hatte.

Er gab ihr die Hand und hielt sie einen Augenblick, kam dann aber sofort auf den Grund seines Besuches zu sprechen. Es fiel ihm schwer genug, denn niemals war May ihm so schön erschienen wie an diesem Abend.

May Sandford gehörte zu den Frauen, deren Schönheit so ungewöhnlich ist, daß man sie schwer beschreiben kann.

Nicht ein einzelner Zug macht ja die Erscheinung einer Frau aus; ihre Schönheit ergibt sich aus vielen charakteristischen Einzelheiten – aus der Form des Mundes, der Haltung des Kopfes, der Frisur, dem Teint, der Art, die Schultern zu tragen, den Linien des Körpers, dem beschwingten Gang.

May Sandford war wirklich eine Schönheit. Schon als Kind war sie bezaubernd gewesen, und als sie älter wurde, verlor sie nichts von ihrem Charme, sondern war zu immer vollkommenerer Schönheit herangereift. »Sie können doch nicht im Ernst meinen, was Sie mir geschrieben haben – das ist doch nicht Ihre Überzeugung?«

Sie neigte den Kopf.

»Ich … ich … hielt es für das beste«, sagte sie mit leiser Stimme. »Ich fürchte, wir werden uns über gewisse Dinge nicht verständigen können. Sie waren in der letzten Zeit recht schroff, Mr. Fellowe.«

Sein Gesicht war sehr blaß.

»Ich kann mich nicht darauf besinnen, daß ich besonders unliebenswürdig zu Ihnen gewesen wäre«, erwiderte er ruhig.

»Sie können unmöglich Polizist bleiben!« Sie ging zu ihm und legte ihre Hände auf seine Schultern. »Sehen Sie denn das nicht ein – selbst Papa scherzt über Ihre Stellung. Es ist einfach schrecklich. Ich bin sicher, daß auch die Dienstboten darüber reden. Ich bin ja nicht hochmütig, wirklich nicht, aber …«

Frank warf den Kopf zurück und lachte.

»Aber May, begreifen Sie denn nicht, daß ich bestimmt kein Polizist wäre, wenn nicht ein zwingender Grund dazu vorläge? Ich tue diesen Dienst weiter, weil ich es meinem Vorgesetzten versprochen habe.«

»Aber … aber …« Sie war völlig verwirrt. »Wenn Sie Ihren Abschied von der Polizei nehmen, haben Sie doch gar keinen Vorgesetzten mehr?«

»Ich kann meine Stellung nicht aufgeben«, sagte er schlicht. Er dachte einen Augenblick nach, dann schüttelte er langsam den Kopf. »Sie fordern von mir, daß ich mein Wort brechen soll, daß ich ein größeres Unrecht begehen soll als das, was ich sühnen will. Das können Sie doch nicht wollen!«

Sie trat enttäuscht von ihm zurück.

»Ich verstehe – Sie wollen es nicht tun.« Sie streckte die Hand aus. »Ich werde Sie auch nie wieder darum bitten.«

Er nahm ihre Hand, drückte sie einen Augenblick und ließ sie dann sinken. Ohne ein weiteres Wort ging sie aus dem Zimmer. Frank wartete noch ein paar Sekunden – hoffte wider alle Vernunft, daß sie ihr Verhalten bereuen werde. Aber die Tür blieb geschlossen.

Niedergeschlagen verließ er das Haus.

8

Inhaltsverzeichnis

Dr. Essley machte in seinem Studierzimmer eine sorgfältige mikroskopische Untersuchung. Der Raum lag im Dunkeln, nur die sehr starke Lampe des Mikroskops verbreitete einiges Licht.

Offenbar war er mit dem Resultat zufrieden, denn er nahm das Präparat langsam aus dem Instrument und warf es ins Feuer. Dann drehte er das Licht im Zimmer wieder an.

Gleich darauf griff er nach einem Zeitungsausschnitt, der auf dem Tisch lag, und las ihn. Der Artikel interessierte ihn, denn es war der Bericht über den plötzlichen Tod von Mr. Augustus Fanks.

›Der Verstorbene‹ hieß es darin, ›besprach gerade mit dem bekannten Finanzmann Oberst Black die Einzelheiten einer geplanten Fusion, als er plötzlich zusammenbrach. Er starb, bevor noch ärztliche Hilfe geholt werden konnte. Man nimmt allgemein an, daß er einem Herzschlag erlegen ist.‹

Es wurde keine gerichtliche Leichenschau abgehalten, denn Fanks war in der Tat herzkrank gewesen und dauernd von einem Spezialisten behandelt worden.

Das war also das Ende von Augustus Fanks. Dr. Essley nickte langsam. Das war das Ende – und nun?

Er nahm einen Brief aus der Tasche, der seine Adresse trug, geschrieben in den großen Schriftzügen Theodore Sandfords.

Essley hatte den Millionär kennengelernt, als dieser noch mit Oberst Black auf gutem Fuß stand. Er war Sandford von Black empfohlen worden und hatte ihn schon mehrfach behandelt. Sandford nannte ihn stets den ›Doktor aus der Vorstadt‹.

›Ich stehe mit unserem Freund Black augenblicklich zwar auf etwas schlechtem Fuß, doch hoffe ich, daß unsere Beziehungen dadurch in keiner Weise beeinflußt werden, besonders, da ich Sie bitten möchte, einmal nach meiner Tochter zu schauen.‹

Essley erinnerte sich, daß er das schlanke junge Mädchen mit den lachenden blauen Augen schon gesehen hatte.

Er steckte den Brief wieder in die Tasche, ging in sein kleines Laboratorium und schloß die Tür. Als er wieder heraustrat, hatte er einen Mantel an und trug eine kleine Ledertasche.

Es gelang ihm gerade noch, einen Zug zur Stadt zu erreichen, und er kam um elf Uhr in dem Hause Mr. Sandfords an.

»Sie sind wirklich ein geheimnisvoller Arzt«, sagte der Eisenmagnat lächelnd, als er den Doktor begrüßte. »Besuchen Sie Ihre Patienten immer zu so nachtschlafender Zeit?«

»Die vornehmen Patienten, ja«, erwiderte Essley kühl.

»Es ist doch recht schade um den armen Fanks«, meinte Sandford. »Vor einigen Wochen habe ich noch mit ihm gespeist. – Hat er Ihnen übrigens erzählt, daß er einen Mann traf, der Sie in Australien kannte?«

Ein Schatten des Unmuts ging über das Gesicht des Arztes.

»Wir wollen lieber über Ihre Tochter sprechen«, erwiderte er wenig liebenswürdig. »Was fehlt ihr denn?«

Mr. Sandford lächelte verlegen.

»Es ist wahrscheinlich nichts von Bedeutung. Aber Sie wissen ja, daß sie mein einziges Kind ist. Manchmal bilde ich mir vielleicht nur ein, daß sie bleich aussieht. Mein Hausarzt in Newcastle sagt, daß sie völlig gesund ist.«

»So, so. Wo ist sie denn?«

»Sie ist im Theater«, gestand Mr. Sandford. »Sie müssen mich für einen Narren halten, daß ich Sie herrufe, um nach meiner Tochter zu sehen, wenn sie ins Theater gehen kann. Aber sie hatte gestern ein unangenehmes Erlebnis, das sie sehr mitgenommen hat, und ich bin froh, daß sie heute soviel Interesse am Leben zeigte, eine Operette zu besuchen.«

»Die meisten Väter sind töricht. Ich werde warten, bis sie zurückkommt.«

Er trat ans Fenster und schaute hinaus.

»Warum haben Sie sich eigentlich mit Black überworfen?« wandte er sich plötzlich wieder an Sandford.

Der Millionär runzelte die Stirn.

»Aus geschäftlichen Gründen!« antwortete er kurz. »Er will mich zu einer Sache zwingen, die gegen meine Interessen geht. Und ich habe ihm doch vor vier Jahren geholfen –«

»Er war Ihnen aber auch nützlich«, unterbrach ihn der Arzt.

»Das stand in gar keinem Verhältnis dazu«, entgegnete Mr. Sandford hartnäckig. »Ich gab ihm damals eine Chance. Ich habe dabei natürlich verdient, aber er hat mehr verdient. Das Geschäft hat sich inzwischen so entwickelt, daß es ein Unding wäre, eine Fusion mit anderen Firmen der Eisenindustrie einzugehen. Von diesem Standpunkt lasse ich mich durch nichts abbringen.«

»Ich verstehe.« Dr. Essley pfiff leise vor sich hin und ging wieder zum Fenster zurück.

Dieser Eigensinn muß gebrochen werden, dachte er. Und es gab nur einen sicheren Weg, das zu erreichen: die Tochter. Heute abend konnte er allerdings noch nichts tun, darüber war er sich klar.

»Vielleicht dauert es doch zu lange. Ich komme lieber morgen wieder.«

»Es tut mir sehr leid –«

Aber Essley unterbrach ihn sofort.

»Sie haben es nicht nötig, sich zu entschuldigen«, sagte er bissig. »Sie werden meinen Besuch schon auf der Rechnung finden.«

Mr. Sandford lachte, als er ihn zur Tür begleitete.

»Sie sind ein ebenso guter Geschäftsmann wie Ihr Freund.«

»Beinahe«, erwiderte Essley trocken.

*

Das Taxi, das er hatte warten lassen, brachte ihn zum Charing-Cross-Bahnhof. Er ging sofort in die nächste Telefonzelle und rief das ›Hotel Valet‹ in Bloomsbury an.

Er hatte allen Grund, mit einem gewissen Mr. Weld zusammenzukommen, der ihn von Australien her kannte.

Mr. Weld war im Hotel. Es dauerte nicht lange, bis der Portier ihn an den Apparat gerufen hatte.

»Hier ist Weld – Sie wollen mich sprechen?« meldete sich der Fremde.

»Ja. Mein Name ist Cole. Ich kenne Sie von Australien her und habe Ihnen von einem gemeinsamen Freund etwas auszurichten. Kann ich Sie heute abend noch sprechen?«

»Ja – wo wollen wir uns treffen?«

Dr. Essley hatte sich das schon sehr genau überlegt.

»Vor dem Haupteingang des Britischen Museums«, sagte er. »Dort ist es jetzt ruhig, und wir werden uns kaum verfehlen.«

Er erhielt erst nach einer kleinen Pause Antwort.

»Gut. In einer Viertelstunde?«

»Das wäre mir sehr angenehm. Auf Wiedersehen.«

Essley hängte den Hörer an, gab seine Tasche bei der Gepäckaufbewahrung im Bahnhof ab und ging dann zu Fuß zur Great Russell Street. Absichtlich nahm er keinen Wagen, denn er wollte alles vermeiden, wodurch man ihn hätte wiedererkennen können. Vor allen Dingen wäre Black nicht damit einverstanden gewesen. Bei diesem Gedanken lächelte er. Die Great Russell Street lag vereinsamt da, nur ein Strom von Autos passierte die Straße in beiden Richtungen. Fußgänger waren kaum zu sehen.

Mr. Weld wartete schon vor dem Britischen Museum. Er war jung, groß und schlank und hatte intelligente, feine Gesichtszüge.

»Doktor Essley?« fragte er und ging auf den Arzt zu, als dieser stehenblieb.

»Das ist mein –«, erwiderte der Arzt, unterbrach sich aber sofort. »Mein Name ist Cole«, sagte er rauh. »Wie kommen Sie denn darauf, mich für Essley zu halten?«

»Ich erkannte Sie an der Stimme«, entgegnete Mr. Weld ruhig. »Es ist auch ganz gleich, welchen Namen Sie sich beilegen. Ich wollte Sie sprechen.«

»Das war auch mein Wunsch.«

Sie gingen nebeneinander her, bis sie zu einer Seitenstraße kamen.

»Was wünschen Sie denn?« fragte der Arzt.

Der andere lachte.

»Ich sagte Ihnen, daß ich Sie sprechen wollte. Aber Sie gleichen dem Essley, den ich kannte, kein bißchen. Er war größer und schlanker. Ich war auch immer der Meinung, daß der Essley, der in Australien ins Landesinnere ging, dort starb.«

»Das ist wohl möglich«, entgegnete der Doktor nachdenklich. Er wollte vor allem Zeit gewinnen. Die Straße war leer. Ein kleines Stückchen weiter wußte er eine Einfahrt, wo ein Mann eine ganze Weile liegen konnte, bis ihn eine Polizeistreife fand.

In einer seiner Taschen befand sich eine angefeuchtete Feder, sorgfältig in Pergamentpapier gewickelt. Er zog sie heimlich heraus, verbarg sie hinter seinem Rücken und nahm die Umhüllung ab.

»… wirklich, Doktor Essley«, sagte Mr. Weld gerade, »ich habe den Eindruck, daß Sie unter falschem Namen auftreten.«

Essley betrachtete ihn.

»Sie denken zuviel«, sagte er leise. »Und außerdem – ich kann nicht einmal erkennen, wer Sie sind. Schauen Sie mir doch einmal ins Gesicht.«

Der junge Mann wandte sich ihm zu. Blitzschnell hob der Doktor die Feder.

Aber im gleichen Augenblick wurde sein Handgelenk mit stahlhartem Griff gepackt. Zwei Männer erschienen plötzlich, als ob sie aus dem Boden aufgetaucht wären. Es wurde ihm etwas ins Gesicht geworfen, und ein muffiger Geruch betäubte ihn. Er wehrte sich verzweifelt, aber die Übermacht war zu groß. Er hörte noch die Trillerpfeife eines Polizisten, dann fiel er zu Boden.

*

Als er wieder zu sich kam, sah er in das Gesicht eines Polizisten, der sich über ihn neigte. Instinktiv fühlte er mit der Hand an den Kopf.

»Sind Sie verletzt?« fragte der Beamte.

»Nein.«

Essley erhob sich mühsam, aber er stand noch sehr unsicher auf den Füßen.

»Haben Sie die Leute gefaßt?«

»Nein, sie sind entwischt. Wir haben sie erst in dem Augenblick entdeckt, als Sie zu Boden geschlagen wurden. Aber dann waren sie so plötzlich wieder verschwunden, als ob die Erde sie verschlungen hätte.«

Der Doktor sah sich nach der Feder um, aber sie war verschwunden.

Widerwillig nannte er seinen Namen und seine Adresse, und der Polizist rief ein Taxi heran.

»Sind Sie auch sicher, daß Sie nichts verloren haben?« fragte er.

»Nichts«, entgegnete Essley kurz.: »Sie täten mir einen großen Gefallen, wenn Sie diesen Vorfall nicht melden würden.« Bei diesen Worten steckte er eine Pfundnote in die Hand des Mannes. »Ich möchte nicht, daß die Sache in die Zeitung kommt.«

Der Polizist gab ihm das Geld zurück.

»Es tut mir leid, Sir, das kann ich nicht annehmen; selbst wenn ich wollte, könnte ich es nicht.« Er sah sich schnell um und sprach dann leise weiter. »Ein Beamter von Scotland Yard begleitet mich – ein hoher Beamter …«

Essley folgte der Richtung seines Blickes und sah, daß ein Mann im Schatten der Mauer stand.

»Er hat Sie zuerst gesehen«, sagte der Polizist, der noch sehr jung und redselig war.

Essley gehorchte einer Regung, die er sich selbst nicht erklären konnte, und ging auf den Fremden zu.

»Ich bin Ihnen zu großem Dank verpflichtet und hoffe, daß Sie auch noch die Freundlichkeit haben, diese Sache unerwähnt zu lassen. Es wäre mir äußerst peinlich, wenn in der Presse darüber berichtet würde.«

»Das kann ich mir denken«, erwiderte der Unbekannte. Er war in Gesellschaftskleidung; der Doktor konnte sein Gesicht nicht erkennen. »In dieser Angelegenheit müssen Sie schon alles uns überlassen, Doktor Essley.«

»Woher wissen Sie meinen Namen?« fragte der Arzt.

Der andere lächelte im Dunkeln und wollte fortgehen.

»Einen Augenblick!« Essley trat einen Schritt vor und schaute ihm ins Gesicht. »Ihre Stimme kommt mir bekannt vor!«

»Das ist möglich«, entgegnete der Fremde und schob ihn höflich, aber bestimmt beiseite.

Essley staunte. Er war selbst kein Schwächling, aber die Arme dieses Mannes waren hart wie Stahl.

»Ich glaube, Sie fahren jetzt am besten nach Hause«, sagte der Polizist ängstlich. Er wollte es sich weder mit dem offenbar einflußreichen Herrn noch mit seinem Vorgesetzten verderben diesem geheimnisvollen Mann von Scotland Yard, der plötzlich bei den verschiedensten Abteilungen auftauchte und ebenso schnell wieder verschwand. Manchmal entdeckte er Unregelmäßigkeiten, und es gab nachher Schwierigkeiten und Bestrafungen. »Ja, ich werde fahren«, erwiderte der Doktor, »aber ich würde gern den Namen dieses Herrn wissen.«

»Der kann Sie doch nicht interessieren«, meinte der Polizist.

Essley zuckte die Schultern. Er mußte sich damit zufriedengeben.

*

Während er nach Forest Hill zurückfuhr, dachte er über seine seltsamen Erlebnisse nach, ohne aus ihnen klug zu werden. Wer mochten diese drei gewesen sein? Welche Absicht hatten sie verfolgt? Wer war der Mann, der im Schatten der Mauer gestanden hatte? War es möglich, daß die Leute, die ihn überfallen hatten, im Einverständnis mit der Polizei handelten?

Als er seine Wohnung erreicht hatte, war er der Lösung noch nicht näher gekommen. Er schloß die Haustür auf und trat ein. Außer ihm und der alten Frau im ersten Stock war niemand im Hause.

Sein Kommen und Gehen war unregelmäßig, und er hatte seinen Haushalt so eingerichtet, daß er die größte Bewegungsfreiheit besaß.

Er kam zu dem Entschluß, daß es mit Dr. Essley ein Ende haben mußte. Essley mußte aus London verschwinden. Oberst Black brauchte er nicht zu benachrichtigen – der würde Bescheid wissen. Nur die Sache mit Mr. Sandford und dessen Tochter mußte er noch regeln, dann wollte er Schluß machen.

Er ging in sein Arbeitszimmer und drehte das Licht an.

Auf dem Schreibtisch lag ein dünnes graues Kuvert. Er nahm es auf und betrachtete es. Der Brief mußte persönlich abgegeben worden sein. Sein Name und seine Adresse waren mit fester Handschrift geschrieben.

Zufällig streifte sein Blick die Schreibunterlage, und er schrak zurück.

Der Brief war hier in seinem Zimmer geschrieben, die Schrift mit seinem Löschpapier getrocknet worden!

Es konnte gar kein Zweifel bestehen. Das Löschblatt war frisch aufgezogen worden, und die Spiegelschrift der Adresse zeigte sich deutlich auf dem schneeweißen Papier.

Wieder sah er auf den Umschlag.

Ein Patient konnte es nicht gewesen sein; Patienten ließ er nie in seine Wohnung kommen. Seine Praxis war ohnehin ganz unbedeutend, sie diente ihm ja eigentlich nur als Vorwand. Außerdem war die Tür doch verschlossen gewesen, und er allein besaß einen Hausschlüssel. Zögernd riß er das Kuvert auf. Er fand nur einen halben Bogen darin, auf dem drei Zeilen standen:

Heute abend sind Sie uns entkommen. Sie haben nur noch zehn Tage Zeit, um sich auf das Schicksal vorzubereiten, das Sie erwartet.

Die vier Gerechten.

Er sank vernichtet in einen Stuhl.

Es waren die ›Vier Gerechten‹ gewesen – und er war ihnen entkommen!

Die ›Vier Gerechten‹! Er verbarg sein Gesicht in den Händen und versuchte, seine Gedanken zu sammeln. Zehn Tage gaben sie ihm noch. In zehn Tagen konnte er noch manches tun. Und doch packte ihn Todesangst, ihn, der ohne die geringsten Gewissensbisse so viele andere Menschen in den Tod geschickt hatte. Aber jetzt handelte es sich um ihn – um ihn selbst! Er faßte krampfhaft mit den Händen an seinen Hals und sah sich angsterfüllt im Zimmer um. Ihm, dem Spezialisten für Gifte, der immer so leicht mit dem Tode umgegangen war, der die alte Kunst der Borgias wieder zum Leben erweckt hatte und der der Justiz bisher stets entkommen war – ihm blieben nur noch zehn Tage! Nun gut, er wollte wenigstens diesen Mr. Sandford noch fassen. Das mußte um Blacks willen geschehen!

Seine Gedanken arbeiteten fieberhaft, denn es galt, genaue Pläne für die Zukunft zu machen. Papiere und Dokumente brauchte er nicht zu vernichten, denn er besaß keine. Er eilte in sein Laboratorium und goß drei Flaschen in den Ausguß. Die vierte nahm er mit, die würde er noch brauchen. Sie war auch Black schon nützlich gewesen, diese kleine grüne Flasche mit dem Glasstöpsel, die er jetzt in seine Tasche gleiten ließ.

Dann drehte er den Wasserhahn auf, um alle Spuren der Gifte zu entfernen, die er ausgeschüttet hatte. Die Flaschen selbst zerschlug er und warf sie in den Abfallkasten.

Nachdem dies geschehen war, ging er in sein Schlafzimmer, das sich im Obergeschoß befand, aber er konnte keine Ruhe finden. Nach einiger Zeit stand er wieder auf, schloß die Tür ab und stellte außerdem noch einen Stuhl unter die Türklinke. Mit einem entsicherten Revolver in der Hand durchsuchte er den Kleiderschrank und schaute unter das Bett. Schließlich beruhigte er sich etwas, legte den Revolver unter sein Kissen und versuchte zu schlafen.

*

Am nächsten Morgen fühlte er sich elend und zerschlagen. Seine Wangen waren eingefallen, und schwere, schwarze Schatten lagen um seine Augen. Trotzdem kleidete er sich mit der gewohnten Sorgfalt an.

Gegen Mittag erschien er bei Mr. Sandford; er wurde sofort in das Empfangszimmer geführt.

Miss Sandford war allein im Raum, als er eintrat. Mit Befriedigung sah er, wie schön sie war.

Allerdings erkannte er auch sofort, daß er ihr unsympathisch war. Ihre Züge verfinsterten sich, als er sich ihr näherte.

»Mein Vater ist nicht zu Hause.«

»Das trifft sich ja vorzüglich. Dann können wir uns einmal ein wenig miteinander unterhalten.«

Er setzte sich, ohne dazu aufgefordert worden zu sein.

»Die Befürchtungen meines Vaters wegen meiner Gesundheit sind wirklich völlig grundlos.«

In diesem Augenblick trat Mr. Sandford ein und schüttelte dem Doktor herzlich die Hand.

»Nun, wie finden Sie meine Tochter?«

»Das Aussehen allein sagt noch gar nichts«, erwiderte Essley.

Jetzt konnte er die Manipulation mit der Feder nicht vornehmen. Er mußte auf der Hut sein. Er plauderte noch eine Weile mit den beiden und erhob sich dann.

»Ich werde Ihnen eine Medizin schicken.«

May verzog das Gesicht.

»Sie brauchen sie ja nicht zu nehmen«, sagte er ironisch.

»Darf ich Sie für Dienstag zum Essen einladen?« fragte Sandford.

Dr. Essley überlegte: Heute war Sonnabend – also in drei Tagen. Sieben Tage hatte er dann noch. Inzwischen konnte sich vieles ändern …

»Ja, ich werde kommen.«

Er nahm sich ein Taxi und fuhr zu einem Haus in der Nähe des Embankments. Er hatte dort Räume, die ihm schon oft nützlich gewesen waren.

9

Inhaltsverzeichnis

Mr. Sandford hatte eine entscheidende Unterredung mit Oberst Black.

In der City kursierten viele Gerüchte. Man raunte sich zu, daß Oberst Black finanziell sehr schlecht stehe – die Fusion der Hüttenwerke, von der so viel abhing, war nicht zustande gekommen.

Black saß an diesem Nachmittag an seinem Schreibtisch und spielte mit dem Brieföffner. Seine Stimmung war noch düsterer als sonst; die Hand, die das Messer hielt, zitterte nervös.

Er sah auf die Uhr – Sandford mußte gleich erscheinen. Dann drückte er auf eine Klingel an der Seite des Schreibtisches, und gleich darauf kam ein Angestellter herein.

»Ist Mr. Sandford noch nicht hier?« fragte er.

»In diesem Augenblick ist er gekommen.«

»Führen Sie ihn herein.«

Die beiden begrüßten sich förmlich, und Black forderte seinen Gast durch eine Handbewegung auf, Platz zu nehmen.

»Setzen Sie sich, Sandford«, sagte er kurz. »Nun lassen Sie mich einmal wissen, wie wir miteinander stehen.«

»Wie früher«, erwiderte Sandford wenig zuvorkommend.

»Wollen Sie bei der Fusion wirklich nicht mitmachen?«

»Nein.«

Black klopfte mit dem Brieföffner leicht auf den Schreibtisch. Sandford betrachtete ihn. Der Oberst sah gealtert aus, sein gelbliches Gesicht war von Falten und Runzeln durchzogen. »Das bedeutet den Ruin für mich«, sagte der Oberst. »Ich habe mehr Gläubiger, als ich zählen kann. Wenn die Fusion zustande käme, könnte ich alles in Ordnung bringen. Und mit mir stehen und fallen viele andere – zum Beispiel Ikey Tramber. Sie kennen doch Sir Isaac? Er ist ein Freund von – Lord Verlond.«

Blacks Worte machten jedoch auf Sandford keinen Eindruck.

»Es ist Ihre Schuld, wenn Sie in Verlegenheit gekommen sind. Sie haben sich eben übernommen – oder vielmehr, Sie haben alles schon für Wirklichkeit genommen, was Sie erst planten.«

Black erhob den Blick und sah Sandford ins Gesicht.

»Es ist sehr leicht, sich hierherzusetzen und mir Moralpredigten zu halten.« Das Zittern in seiner Stimme verriet dem Millionär die Erregung, die Black zu verbergen suchte. »Ich brauche keinen guten Rat und auch keine tröstenden Worte – ich brauche Geld. Beteiligen Sie sich an meinem Plan und stimmen Sie der Fusion zu oder –«

»Oder?« wiederholte Sandford ruhig.

»Ich drohe Ihnen nicht«, erwiderte Black düster. »Ich warne Sie nur – Sie riskieren mehr, als Sie wissen.«

»Ich will das Risiko auf mich nehmen.« Sandford stand auf. »Haben Sie mir sonst noch etwas zu sagen?«

»Nein, nichts.«

»Dann auf Wiedersehen.«

Die Tür schloß sich dröhnend hinter ihm, aber Black rührte sich nicht. Er saß vor seinem Schreibtisch, bis es dunkel geworden war, und kritzelte geistesabwesend Figuren auf das Löschpapier.

Schließlich raffte er sich auf und fuhr in seine Wohnung.

»Ein Herr wartet auf Sie«, sagte der Diener, der herbeieilte, um ihm beim Ablegen des Mantels zu helfen.

»Was für ein Herr?«

»Ich weiß es nicht genau, aber er könnte Detektiv sein.«

»Ein Detektiv?« Blacks Hände zitterten, und er fluchte über seine Schwäche. Er blieb eine Minute in der Diele stehen, bis er sich wieder in der Gewalt hatte; dann trat er in den Empfangsraum.

Ein Herr erhob sich und kam ihm entgegen.

Black hatte den Eindruck, daß er diesem Fremden früher schon einmal begegnet war. Es war eines dieser Gefühle, die so schwer zu beschreiben sind.

»Sie wollten mich sprechen?«

»Ja«, sagte der Besucher höflich. »Ich bin hierhergekommen, um einige Nachforschungen anzustellen.«

Es lag Black schon auf der Zunge zu fragen, ob er Privatdetektiv sei; seltsamerweise fand er jedoch nicht den Mut dazu.

Aber der andere gab ihm gleich darauf Aufschluß.

»Ich bin von einer Rechtsanwaltsfirma beauftragt worden, den Aufenthalt Doktor Essleys festzustellen.«

Black sah ihn scharf an.

»Nun, das ist doch nicht schwer – sein Name steht doch im Adreßbuch.«

»Ja, gewiß, aber trotzdem habe ich die größten Schwierigkeiten, ihn anzutreffen. Eigentlich wollte ich ja auch nicht seine Wohnung feststellen, sondern ihn identifizieren.«

»Da kann ich Ihnen nicht folgen.«

»Ich weiß nicht recht, wie ich mich ausdrücken soll. Wenn Sie Doktor Essley gut kennen, werden Sie wissen, daß er einige Jahre in Australien gelebt hat.«

»Das stimmt. Wir kamen zusammen von dort zurück.«

»Sie waren auch einige Zeit dort?«

»Ja, wir verbrachten einige Jahre in Australien, obgleich wir nicht ständig zusammen waren.«

»Ich verstehe; Sie sind wohl auch gemeinsam hinübergefahren?«

»Nein«, sagte Black scharf, »wir sind zu verschiedenen Zeiten ausgereist.«

»Haben Sie ihn in letzter Zeit einmal gesehen?«

»Nein, aber ich habe ihm häufig wegen der verschiedensten Dinge geschrieben.«

Black gab sich alle Mühe, seine Fassung nicht zu verlieren. Der Mann durfte nicht merken, wie sehr ihn diese Fragen beunruhigten.

Der Fremde schrieb einige Bemerkungen in sein Notizbuch, schloß es und steckte es in die Tasche. »Sind Sie sehr erstaunt, wenn ich Ihnen mitteile, daß der wirkliche Doktor Essley in Australien gestorben ist?«

Black griff nach der Tischkante, um sich zu stützen.

»Das war mir nicht bekannt«, sagte er dann scheinbar gleichgültig. »Das ist alles, was Sie’ zu fragen haben?«

»Ja, ich denke, das genügt mir.«

»Darf ich erfahren, auf wessen Veranlassung Sie diese Fragen gestellt haben?«

»Das kann ich Ihnen leider nicht sagen.«

Nachdem der Detektiv gegangen war, ging Black, tief in Gedanken versunken, im Zimmer auf und ab.

Als er wieder ruhiger geworden war, nahm er einen Reiseführer aus dem Bücherregal und arbeitete eine Reiseroute für seinen Rückzug aus. Die abschlägige Antwort Sandfords hatte all seinen Schwierigkeiten die Krone aufgesetzt.

Er ging quer durch den Raum zu dem Safe, der in einer Ecke stand, und öffnete ihn. In dem mittleren Fach lagen drei Pakete Banknoten; er nahm sie heraus und legte sie auf den Tisch. Es war französisches Geld – lauter Tausendfrancnoten.

Er mußte nun auf alles gefaßt sein und durfte nichts mehr riskieren. Sorgfältig steckte er die Scheine in eine Innentasche seines Jacketts. Wenn alles mißglückte, konnte er mit Hilfe dieses Geldes immer noch den Weg in die Freiheit finden.

Essley? Er lächelte. Der mußte eben auch irgendwie verschwinden.

Black verließ seine Wohnung und fuhr in den Osten der Stadt. Aber er bemerkte nicht, daß ihm zwei Männer ständig folgten.

Die prahlerische Behauptung Oberst Blacks, daß seine Firma keine Bücher führe und keine Akten besitze, bestätigte sich in der Nacht, in der die ›Vier Gerechte‹ ihm einen ungebetenen Besuch abstatteten. Sie hatten systematisch alle Schränke nach Beweismaterial durchsucht, das sie bei einem ordentlichen Gericht gegen ihn verwenden wollten, doch war all ihre Mühe umsonst geblieben.

In Wirklichkeit bewahrte Black jedoch eine ganze Reihe von Geschäftsbüchern auf; allerdings waren sie in einer Geheimschrift verfaßt, die nur er allein entziffern konnte. Den Schlüssel dazu hatte er niemals aufgeschrieben.

An diesem Abend nun war er damit beschäftigt, auch diese Geheimbücher dem drohenden Zugriff der ›Vier Gerechten‹ zu entziehen. Er hatte guten Grund für seine Unruhe, denn die ›Vier Gerechten‹ waren in der letzten Zeit sehr rührig gewesen und hatten ihm noch eine andere Warnung zukommen lassen.

Von neun bis elf Uhr war er ununterbrochen tätig, zerriß scheinbar harmlose Briefe und verbrannte sie. Als es elf schlug, sah er auf seine Taschenuhr und verglich die Zeit. Er hatte in dieser Nacht noch sehr wichtige Dinge vor.

Dann entwarf er ein Telegramm, in dem er Sir Isaac Tramber bat, ihn noch in der gleichen Nacht aufzusuchen. Er brauchte jetzt jeden Freund, jeden Vorteil und jedes Hilfsmittel, deren er habhaft werden konnte.

10

Inhaltsverzeichnis

Eines Nachmittags besuchte Lord Verlond Mr. Sandford. Er kam aus verschiedenen Gründen – den wichtigsten vermutete allerdings niemand. Er besaß ein großes Aktienpaket der Sandford-Hüttenwerke, und die Gerüchte über eine Fusion, die in der City kursierten, boten Anlaß genug zu einer persönlichen Aussprache.

Lord Verlond mußte diese Gerüchte um so ernster nehmen, als Black der erste war, der ihm im Hause Sandfords begegnete. Mit fast kriecherischer Liebenswürdigkeit kam der Oberst ihm entgegen. Lord Verlond gefiel es wenig, daß er sofort eine Unterhaltung mit ihm begann.

»Ich habe schon viel von Ihnen gehört, Mylord.«

»Um Himmels willen, nennen Sie mich nicht Mylord!« erwiderte der alte Herr grimmig. »Sie zwingen mich sonst, unhöflich zu Ihnen zu sein!«

Aber auch ein Mann von Verlonds Art konnte den Oberst, der stets so verbindlich lächelte und die Leute mit freundlichen Blicken zu fangen wußte, nicht kurz abspeisen.

»Ich kenne einen Ihrer Freunde«, sagte Black in einschmeichelndem Ton.

»Sie wollen wohl sagen, daß Sie Ikey Tramber kennen, was nicht dasselbe ist.«

Oberst Black faßte die Äußerung als Scherz auf und lächelte.

»Er erzählt immer –«, begann er.

»Ich weiß schon, daß er immer sehr gut von mir spricht und sagt, was für ein feiner Mensch ich sei. Die ganze Erde verliert ihren Reiz für ihn, wenn er mich einen Tag lang nicht sieht.« Er sah Black spöttisch an. »Er erzählt Ihnen wahrscheinlich auch, was für ein guter Sportsmann ich sei, welch ein treues und edles Herz in dieser rauhen Schale stecke und daß die Leute mich alle gern haben würden, wenn sie das nur wüßten. Solche Redensarten führt er doch, nicht wahr?«

Der Oberst verneigte sich leicht.

»Na, nichts für ungut!« meinte Lord Verlond. Dann betrachtete er den anderen eine Weile. »Sie könnten eigentlich heute abend bei mir speisen – Sie werden eine Menge Leute treffen, die Sie auf den Tod nicht leiden können.«

»Es wird mir ein großes Vergnügen sein«, entgegnete der Oberst höflich.

Er hoffte, zu der Besprechung zugezogen zu werden, die Lord Verlond mit Sandford zu haben schien. Hierin täuschte er sich jedoch.

Er hätte sich nun verabschieden können, doch zog er es vor zu bleiben und sprach mit May über Kunst, wovon er nicht viel verstand. Sie war aber zerstreut und dachte an andere Dinge.

Am liebsten hätte sie die Unterhaltung auf die Polizei gebracht – in der Hoffnung, daß Oberst Black vielleicht einen gewissen jungen Polizisten erwähnen würde. Sie hätte ja selbst nach ihm fragen können, aber ihr Stolz war zu groß. Oberst Black wechselte jedoch das Thema nicht.

Er sprach immer noch von verlorenen Gemälden, als Lord Verlond und Sandford aus dem Arbeitszimmer zurückkamen.

»Lassen Sie doch Ihre Tochter auch kommen«, sagte Lord Verlond.

Sandford zögerte. »Ich bin leider heute abend nicht mehr frei – und ich sehe es nicht gern, daß sie allein geht.«

Oberst Black sah plötzlich eine Chance für sich.

»Wenn es sich um die heutige Abendgesellschaft handelt«, meinte er scheinbar gleichgültig, »so werde ich mich glücklich schätzen, wenn ich Ihnen mit meinem Wagen zur Verfügung stehen darf.«

Sandford konnte sich noch nicht entschließen. May sollte selbst entscheiden.

»Ich denke, die Abwechslung wird mir guttun, Vater.«

Sie war zwar nicht sonderlich erfreut über die Aussicht, sich von Oberst Black begleiten lassen zu müssen, aber die Fahrt war ja zum Glück nur kurz.

»Es wird mir eine große Ehre sein, bei der jungen Dame Vaterstelle zu vertreten«, scherzte Black.

Er fing einen eigentümlichen Blick Lord Verlonds auf, der ihn scharf beobachtete, und plötzlich überkam ihn eine unerklärliche Furcht.

»Ausgezeichnet«, murmelte der Lord, der den Blick nicht von ihm wandte. »Es ist ja nicht weit, und ich glaube, daß Sie die Fahrt gut überstehen werden.«

May lächelte, aber der harte Ausdruck im Gesicht des alten Mannes verschwand nicht.

»Da Sie krank sind, meine junge Dame«, fuhr er fort, obgleich May lachend protestierte, »werde ich Sir James Bower und Sir Thomas Bigland bitten, auch bei mir zu speisen. Sie kennen doch diese beiden hervorragenden Ärzte, Oberst? Ihr Freund Doktor Essley kennt sie sicher. Sie sind beide Kapazitäten auf dem Gebiet der pflanzlichen Gifte.«

Schweißtropfen traten auf Blacks Stirn, aber sein Gesicht blieb beherrscht. Angst und Wut mischten sich in seinen Augen, aber er begegnete dem Blick des Lords herausfordernd und trotzig, ja er lächelte sogar – ein langsames, gequältes Lächeln.

»Dann wäre die Sache also beschlossen«, sagte er fast fröhlich. Lord Verlond verabschiedete sich und lachte auf dem ganzen Weg zur Stadt in sich hinein.

Der Lord war die Pünktlichkeit selbst. Man sagte in der Gesellschaft, daß die Sturheit dieses Mannes sich in seinem Gesicht spiegele und daß man auch die Geschichte seines Lebens in seinen Zügen wiederfinden könne. Im übrigen hatte seine scharfe Zunge ihm auch bei seinen Freunden Respekt verschafft. Allerdings war es nicht immer wirkliche Achtung. Manchmal war es eher Furcht.

›Freunde‹ war im Grunde auch nicht die richtige Bezeichnung für die Bekannten des Lords, denn außer Sir Isaac Tramber besaß er offenbar keinen Freund.

›Es gibt Leute, mit denen ich ab und zu speise‹ hatte er einmal zynisch gesagt, als die Frage der Freundschaft in seiner Gegenwart aufgeworfen wurde.

Am Abend wartete er in der großen Bibliothek seines Hauses am Carnarvon Place. Er gehörte zu den Menschen, die jeden Tag ihres Lebens nach einer bestimmten Einteilung verbringen.

Er sah auf seine Uhr – in zwei Minuten würde er auf dem Weg zum Empfangssalon sein, um seine Gäste zu begrüßen.

Eine merkwürdige Einladung, dachte Sir Isaac Tramber, als er Horace Gresham erblickte. Da er sich für einen Freund des Lords hielt, wagte er es sogar, zu dem Hausherrn eine diesbezügliche Bemerkung zu machen.

»Wenn ich Ihren Rat für meine Einladungen wünsche, Ikey«, erwiderte Verlond bissig, »werde ich Ihnen vorher ein Telegramm mit Rückantwort senden.«

»Ich dachte, Sie könnten ihn nicht ausstehen«, sagte der junge Baronet vorwurfsvoll.

»Selbstverständlich nicht! Ich hasse ihn sogar. Ich hasse alle Menschen. Ich würde Sie auch hassen, wenn Sie nicht so ein unbedeutender armer Teufel wären. – Haben Sie jetzt Ihren Frieden mit Mary gemacht?«

»Ich weiß nicht, was Sie damit sagen wollen«, entgegnete Sir Isaac beleidigt. »Ich habe versucht, liebenswürdig zu ihr zu sein, doch schien das nur den Erfolg zu haben, daß ich mich in ihren Augen lächerlich machte.«

»Aha!« Der Lord lachte. »Sie hat Sie eben durchschaut.«

Sir Isaac sah ihn böse an. »Sie wissen doch, daß ich die feste Absicht habe, Mary zu heiraten.«

»Es ist mir bekannt, daß Sie gern Geld erwerben möchten, ohne dafür zu arbeiten. Sie haben mir das früher schon zweimal erzählt – ich vergesse das nicht. Über solche Dinge pflege ich nachts nachzudenken.«

»Ich wünschte, Sie würden mich nicht immer zum besten haben«, murrte Sir Isaac. »Warten Sie noch auf andere Gäste?«

»Nein«, antwortete der Lord hämisch. »Ich sitze auf dem Gipfel des Montblanc und esse Reispudding.«

Tramber schwieg.

»Ich habe auch einen alten Freund von Ihnen eingeladen«, sagte Verlond plötzlich, »aber es sieht fast so aus, als würde er nicht kommen.«

Sir Isaac runzelte die Stirn.

»Einen alten Freund von mir?«

Lord Verlond nickte.

»Ihren militärischen Freund, den Oberst. Er muß allerdings Oberst einer Armee sein, die nirgendwo bekannt ist.«

Sir Isaac machte ein betroffenes Gesicht.

»Doch nicht etwa Black?«

Der Lord nickte mehrmals, und eine heimliche Freude leuchtete in seinen Augen auf.

»Sie haben ganz recht geraten. Es ist Black.«

Verlond erwähnte jedoch nichts von Miss Sandford. Er sah auf die Uhr und verzog das Gesicht.

»Bleiben Sie hier«, befahl er. »Ich werde telefonieren.«

»Kann ich nicht –«

»Nein, Sie können nicht!« fuhr ihn der Lord an.

Es dauerte einige Zeit, bis er zurückkam. Ein sonderbares Lächeln lag auf seinen Zügen.

»Ihr Freund kommt nicht«, sagte er zu Sir Isaac, gab aber keine Erklärung dafür, warum der Oberst nicht erschien und warum er selbst so vergnügt war.

Bei Tisch saß Horace Gresham neben der Dame seines Herzens. Sie war äußerst liebenswürdig und in gehobener Stimmung, und er war so selig, daß er die ganze Welt und vor allem die Gäste vergaß, die sich um Lord Verlonds Tafel versammelt hatten. Aber sein Gastgeber gönnte ihm offenbar dieses Glück nicht.

»Ich habe heute einen Ihrer Freunde getroffen«, sagte er plötzlich zu Horace.

»Ach, wie interessant«, erwiderte Gresham höflich.

»Mr. Sandford, diesen unheimlich erfolgreichen Mann aus Newcastle.«

Horace nickte.

»Er ist doch auch ein Freund von Ihnen?« wandte sich der Lord an Sir Isaac. »Ich hatte seine Tochter für heute abend eingeladen. Ihr Vater konnte leider nicht annehmen – aber sie ist nun auch nicht gekommen.«

Er ließ seine Blicke über die Tafelrunde schweifen, als ob er Miss Sandford doch noch zu entdecken hoffte.

»In gewisser Weise kann ich wohl sagen, daß Mr. Sandford mein Freund ist«, erklärte Tramber vorsichtig, da er antworten mußte, ohne zu wissen, was der Lord von den abwesenden Gästen hielt. »Wenigstens ist er der Freund eines meiner Freunde.«

»Damit meinen Sie wohl Black, den Börsenschwindler? Sind Sie auch in diese Sachen verwickelt?«

»Ich habe meine Beziehungen zu ihm praktisch abgebrochen«, erwiderte Sir Isaac hastig.

Verlond lachte spöttisch.

»Das bedeutet also, daß er erledigt ist.« Er wandte sich wieder an Horace. »Sandford hat mir gegenüber einen Polizisten himmelhoch gelobt, der seiner Tochter den Hof zu machen scheint. Ist das nicht ein Freund von Ihnen?«

Horace nickte.

»Ein sehr guter Freund sogar«, antwortete er ruhig.

»Wer ist es denn?«

»Ach, er tut Dienst bei der Polizei.«

»Und ich vermute, daß er zwei Beine, einen Kopf und ein Paar Arme hat. Sie sind wirklich sehr mitteilsam! Daß er Polizist ist, weiß ich auch. Alle Leute scheinen sich augenblicklich mit ihm zu beschäftigen. Was macht er denn eigentlich – was soll das alles bedeuten?« »Es tut mir leid, daß ich Ihnen darüber keine Auskunft geben kann. Ich bin mir aber vollkommen sicher, daß er ein Gentleman ist.«

»Ein Gentleman und – Polizist?« fragte der Lord ungläubig.

Horace nickte wieder.

»Das ist wohl ein neuer Beruf für die nachgeborenen Söhne des Hochadels«, bemerkte Verlond sarkastisch. »Heutzutage brauchen sie also nicht mehr von daheim wegzulaufen, um in der Armee zu dienen. Man geht nicht mehr als Schiffsjunge zur Marine und fristet sein Leben nicht mehr auf den Farmen in Wildwest, wo man als Cowboy die Rinderherden auf den Steppen hütet –«

Lady Marys Blick trübte sich.

»Es tut mir leid – ich dachte dabei nicht an deinen Bruder. Aber wie gesagt, heute haben es diese jüngeren Söhne nicht mehr nötig, bis ans Ende der Welt zu gehen, in wilden Gegenden einen schönen Soldatentod zu sterben oder gerade im richtigen Augenblick mit prallgefüllten Taschen zurückzukehren, um die Familie vor dem Ruin zu retten. Heute ist die Sache ganz einfach man geht zur Polizei. Sie müßten eigentlich einen Roman darüber schreiben, Gresham. Wer wie Sie Artikel für die Sportpresse schreibt, ist sicher auch dazu in der Lage. – Übrigens komme ich nächsten Dienstag nach Lincoln, um zu sehen, wie Ihr Rennpferd verliert.«

»Dann werden Sie wohl eine vergebliche Reise machen – mein Pferd gewinnt nämlich todsicher!«

Später wartete Gresham auf eine Gelegenheit, mit dem alten Herrn allein zu sprechen.

»Ich hätte Sie gern in einer dringenden Privatangelegenheit gesprochen«, sagte er scheinbar gleichgültig.

»Brauchen Sie Geld?« fragte der Lord und sah ihn argwöhnisch unter seinen buschigen Augenbrauen hervor an.

Horace lächelte.

»Ich wußte gar nicht, daß ich in dem Ruf stehe, mir Geld zu leihen«, antwortete er.

»Dann wollen Sie wohl meine Nichte heiraten?« fragte Verlond mit brutaler Offenheit.

»Ja, das ist meine Absicht«, entgegnete Horace kühl. Er konnte sich dem Ton des Alten vollkommen anpassen.

»Das geht nicht«, sagte der Lord. »Sie haben es so eingerichtet, daß Ihr Pferd gewinnen soll, und ich habe es so eingerichtet, daß sie Ikey heiraten soll. Wenigstens«, verbesserte er sich, »hat Ikey das so mit mir arrangiert, und ich bin darauf eingegangen.«

»Wenn sie aber nicht damit einverstanden ist?«

»Wahrscheinlich ist sie nicht einverstanden.« Lord Verlond grinste. »Ich kann mir jedenfalls nicht denken, daß jemand Ikey gern haben könnte. Meiner Meinung nach ist er ein unausstehlicher Kerl. Er zahlt seine Schulden nicht, er hat keinen Sinn für Humor und ist in keiner Weise dezent; seine Bekannten, mich mit einbegriffen, sind die schlechtesten Menschen von London.« Er schüttelte mißbilligend den Kopf. »Er will sich jetzt ändern, hat er mir im Vertrauen gesagt. Ein sonderbares Geständnis für einen Mann seiner Art. Ich traue dieser bußfertigen Stimmung nicht.«

Plötzlich sah er Horace voll ins Gesicht.

»Gehen Sie doch hin und stechen Sie ihn aus!« Seine Augen leuchteten ironisch auf. »Übrigens eine gute Idee. Ist mir doch tatsächlich aufgefallen, daß Mary Sie gern sieht. Dieser verfluchte Ikey! Also los!«

Damit ließ er den erstaunten jungen Mann stehen.

Horace fand Mary im Wintergarten. Er sprudelte über vor Freude. Niemals hatte er erwartet, daß der alte Herr so leicht zu gewinnen sei. Oder hatte Lord Verlond in seiner sarkastischen Art vielleicht die Absicht, ihn später nur um so mehr zu demütigen?

Horace erzählte Mary alles, was sich zugetragen hatte.

»Ich kann es kaum glauben – er war so bereitwillig und entgegenkommend. Natürlich auch brutal, aber das ist er ja immer.«

Sie sah ihn schelmisch an.

»Ich glaube nicht, daß du Onkel wirklich kennst«, erwiderte sie ruhig.

»Aber … aber …«

»Ich weiß, daß fast alle schlecht von ihm denken und ihn für den unausstehlichsten Mann auf der Welt halten. Manchmal habe ich ihre Meinung sogar geteilt. Ich habe nie begreifen können, warum er meinen armen Bruder Con fortgeschickt hat.«

»Ach, war das dein Bruder?« fragte er.

Sie nickte, und ihre Augen wurden feucht.

»Der arme Junge«, sagte sie leise, »er hat den Onkel auch nicht verstanden. Zuweilen versteht sich Onkel wahrscheinlich selber nicht.« Sie lächelte traurig. »Wenn man bedenkt, was für schreckliche Dinge er über die Leute erzählt und wie er sich überall Feinde schafft …«

»Und doch möchte ich glauben, daß er das alles gar nicht so meint«, rief Horace begeistert. »Er ist ein großartiger Mensch, ein wirklicher Philanthrop!«

»Übertreibe nur nicht zu sehr.«

Sie legte ihre Hand auf seinen Arm und führte ihn an das andere Ende des großen Wintergartens.

Sir Isaac teilte Greshams Begeisterung für den Lord keineswegs.

Verlond sagte ihm bald etwas Schmeichelhaftes, bald ärgerte er ihn wieder. Er schien ein teuflisches Vergnügen daran zu finden, den Baronet außer Fassung zu bringen. Es war ihm völlig gleichgültig, ob die Ansichten, die er um zehn Uhr äußerte, in direktem Gegensatz zu denen standen, die er um acht Uhr vorgebracht hatte. Er hätte seine Meinung zwölf mal am Tage ändern können, wenn es ihm Spaß gemacht hätte.

Sir Isaac war in der denkbar schlechtesten Stimmung, als ihm ein Diener einen Brief brachte. Er schaute sich nach einem stillen Platz um, wo er die Nachricht ungestört lesen konnte. Sie kam wahrscheinlich von Black. Es war ihm aber nicht klar, warum der Oberst eine so glänzende Gelegenheit versäumte, mit Lord Verlond zusammenzukommen. Vielleicht würde ihm das Schreiben nähere Auskunft geben.

Er ging langsam in den großen Empfangssalon und las den Brief sorgfältig durch. Er las ihn noch ein zweites Mal, faltete ihn dann und steckte ihn in die Westentasche. Kurz darauf zog er seine Uhr aus dieser Tasche, ohne an den Brief zu denken. Das gefaltete Papier fiel auf den Boden.

Der überglückliche Horace entdeckte es, als er etwas später ins Spielzimmer gehen wollte. Er hob es auf und übergab es dem Lord.

Verlond zog sich in sein Arbeitszimmer zurück und las die Mitteilung ohne die geringsten Gewissensbisse. Sein Gesicht verzog sich wahrend der Lektüre zu einem breiten Lachen.

11

Inhaltsverzeichnis

In Somers Town wohnte zu der Zeit Willie Jakobs, ein Mann, der in mancher Beziehung Charakter besaß, obwohl er eine gewisse Vergangenheit hatte. Diese Vergangenheit bestand aus. dreimonatigen Gefängnisstrafen, die er des öfteren verbüßt hatte. Aber im Zuchthaus hatte er noch nicht gesessen.

Er war klein, hatte ein schmächtiges Gesicht und scharfe schwarze Augen. Er konnte sich gewandt bewegen und ging immer ordentlich gekleidet. Man hatte von ihm den Eindruck, daß er gerade einen Tag auf Urlaub sei; soweit es sich um ehrliche Arbeit handelte, hatte Mr. Jakobs allerdings dauernd Urlaub.

Willie Jakobs bezog seit einigen Jahren eine ›Rente‹ von Oberst Black, und seither führte er das Leben eines Gentlemans, das heißt, er glaubte wenigstens, wie die Vornehmen zu leben.

Manchmal fühlte er sich sogar wie ein Lord – auch hier hatte er sein eigenes Ideal –, aber diese Extravaganz leistete er sich nicht allzu häufig, denn von Natur aus war er enthaltsam und sparsam. Immerhin lebte er wie ein Gentleman, das konnten alle Bewohner von Somers Town bestätigen. Er ging zu Bett, wann es ihm paßte, stand manchmal mit den Hühnern – die nicht da waren – auf oder blieb im Bett liegen und las seine Lieblingszeitung.

Mr. Jakobs war ein glücklicher Mensch. Niemals fehlte ihm das Kleingeld zu einem Glas Ale, und er überlegte sich nicht lange, ob er einen Schilling mehr oder »weniger beim Rennen setzen sollte. Manchmal leistete er sich sogar das Vergnügen, das Frühstück im Bett einzunehmen.

Jeden Sonnabendmorgen erhielt er mit der Post fünf Pfund von einem Wohltäter, der nichts weiter von ihm verlangte, als daß er glücklich lebte und sich nicht daran erinnerte, wie er einmal einen bekannten Finanzmann die Taschen eines Toten durchsuchen sah.

Das hatte Willie Jakobs nämlich gesehen.

Er selbst hatte sich seit seiner Jugend als Dieb betätigt, und er war nicht wenig stolz auf seine Vorfahren, die dasselbe Handwerk betrieben hatten. Eigentlich war er auch nicht mit der Absicht in die Firma Black & Co. eingetreten, sich eine zwanzigjährige Pension zu verschaffen; vielmehr hatte er nur auf eine günstige Gelegenheit gehofft, einmal schnell eine große ›Dividende‹ einstreichen zu können. Aber Oberst Black hatte ihn in der ersten Zeit scharf beobachtet.

Damals gehörte ein unangenehmer Mann dem Aufsichtsrat der Firma an – das heißt, er war nur dem genialen Oberst Black unangenehm. Er starb denn auch eines plötzlichen Todes. Der Arzt, der den Toten untersuchte, kam zu dem Schluß, daß ein Kollaps die Ursache gewesen sein müsse.

Auch Mr. Jakobs wußte es nicht besser. Er hatte sich eines Tages heimlich in das Büro von Oberst Black geschlichen; das war nichts Außergewöhnliches, denn Willie Jakobs stahl in aller Heimlichkeit, aber mit gutem Erfolg. Er war gerade auf der Suche nach Briefmarken und Kleingeld, die häufig im Büro des Obersts herumlagen; es war allgemein bekannt, daß Black in diesen Dingen sorglos und nachlässig war. Jakobs hatte allerdings erwartet, das Büro leer zu finden, und als er sah, wie der große Oberst Black persönlich sich über eine hingestreckte Gestalt beugte, war er vor Schreck wie gelähmt.

Der Oberst war eifrig damit beschäftigt, die Taschen des Toten nach einem Schreiben zu durchsuchen, denn der auf dem Boden liegende Mann war zu ihm gekommen, um ihm seine Rücktrittserklärung zu überreichen, und unvorsichtigerweise hatte er alle Gründe hineingeschrieben, die ihn zu diesem Schritt bestimmten. Die größte Torheit freilich war es gewesen, Oberst Black dies alles zu erzählen.

Willie Jakobs wußte natürlich nichts von diesem Brief und konnte sich deshalb auch nicht richtig erklären, warum Black die Taschen des Toten durchwühlte. Sein primitiver Verstand fand die Lösung darin, daß Oberst Black nach Geld gesucht hätte. Das sagte er Black sogar ins Gesicht, ohne sich um etwaige Folgen zu kümmern.

Bei der später angeordneten gerichtlichen Leichenschau trat Mr. Jakobs nicht als Zeuge auf. Offiziell wußte er überhaupt nichts von der Angelegenheit. Gleichzeitig aber zog er sich von seiner Tätigkeit bei der Firma zurück, und seither lebte er ohne irgendeine Beschäftigung in seinem Hause in Somers Town. Er war glücklicher Pensionär auf Lebenszeit, dessen einzige Pflicht darin bestand, über gewisse Dinge den Mund zu halten.

Zwei Jahre später erhielt er am Weihnachtsmorgen durch die Post eine prachtvolle Bonbonniere. ›Mit den besten Wünschen für ein frohes Fest‹, stand auf einer Begleitkarte. Aber der Absender hatte es nicht für nötig gehalten, seinen Namen anzugeben. Mr. Jakobs, der sich wenig aus Schokolade machte, wunderte sich über die teure Aufmachung des Geschenks und wünschte, daß der gütige Spender lieber Bier geschickt hätte.

»Heda, Spot, fang!« rief er und warf seinem Hund, der Süßigkeiten liebte, ein Stück Schokolade hin. Spot knabberte es auf und wedelte mit dem Schwanz. Aber plötzlich ging ein Zittern durch seinen Körper, er legte sich hin und war gleich darauf tot.

Es dauerte allerdings einige Zeit, bis Willie Jakobs den Zusammenhang zwischen dem toten Tier und dem Weihnachtsgeschenk entdeckte.

Er versuchte mit demselben Erfolg das Experiment bei dem Hund seines Hauswirts und dem Kanarienvogel eines anderen Mieters, ja er hätte allmählich alle Tiere von Somers Town ins Jenseits befördert, wenn ihn nicht sein Hauswirt durch eine Anzeige wegen Mordversuchs daran gehindert hätte. Dann kam die Wahrheit ans Tageslicht: Die Schokolade war vergiftet. Willie Jakobs sah sich mit Genugtuung als Held einer dunklen Vergiftungsaffäre in den Zeitungen. Diese Sache verlief zwar im Sande, sie hatte aber unangenehme Folgen für ihn, denn sein Bild wurde von einem kleinen Kaufmann erkannt, den er einst bestohlen hatte. Auf diese Weise wurde er in derselben Woche zum zweitenmal verhaftet.

Als Mr. Jakobs wieder aus dem Gefängnis kam – er hatte die bei ihm übliche Zeit von drei Monaten abgesessen –, erwartete er nun, eine ›Rente‹ für diese ganze Zeit zu bekommen. Statt dessen erhielt er nur zwanzig Pfund und einen maschinegeschriebenen Brief mit der Mitteilung, daß es dem Absender leid tue, ihn in Zukunft nicht mehr unterstützen zu können.

Mr. Jakobs schrieb an Black und empfing als Antwort ein Schreiben, in dem der Oberst erklärte, daß er das Ansinnen Jakobs nicht verstehen könne; er habe ihm niemals Geld geschickt und wisse auch gar nicht, warum er ihm Geld schicken sollte.

Willie Jakobs packte angesichts dieser Undankbarkeit und Niedertracht seines früheren Chefs die Wut; er trug den Brief zu einem Rechtsanwalt und erzählte ihm die ganze Geschichte. Aber der lehnte die Sache mit einem einzigen Wort ab: »Erpressung!«

Von da an war Mr. Willie Jakobs trotz seines Widerwillens gezwungen, wieder zu arbeiten; das heißt, er ›arbeitete‹ auf seine Weise. Er spekulierte gelegentlich an der Börse, wenn er einen guten Tip bekam, und betätigte sich wieder als Dieb. Glücklicherweise hatte er seine Geschicklichkeit im Taschendiebstahl noch nicht eingebüßt. So hatte er bald recht ansehnliche Erfolge. Den ›Vertrieb‹ der Beute übernahm ein Hehler, der sich vor kurzer Zeit in der Eveswall Road niedergelassen hatte. Willie Jakobs ging es dabei gut, sogar so gut, daß er Oberst Blacks Verhalten wieder milder beurteilte.

An dem Abend, an dem Lord Verlond seine Gesellschaft gab, machte sich Willie Jakobs auf den Weg, um, wenn möglich, noch ein paar ›Geschäfte‹ zu machen.

Nachdem er über den engen Hof und durch die schmalen Gassen gegangen war, die ihn von der Stibbington Street trennten, wandte er sich südwärts zur Euston Road. Dann passierte er gemächlich die Tottenham Court Road, um zur Oxford Street zu gelangen.

Die Tottenham Court Road war zu dieser Abendstunde sehr belebt. Die Leute interessierten sich für die glänzenden Auslagen, flanierten auf und ab und begafften sich gegenseitig. An der Autobushaltestelle herrschte lebhafter Verkehr. Das war für Willie Jakobs das rechte Milieu. Er schätzte Leute, die ihre Aufmerksamkeit auf einen Punkt konzentrierten und keine Gedanken für andere Dinge hatten. In gewisser Weise war er ein guter Psychologe. Er sah sich also nach einem Menschen um, dessen Aufmerksamkeit so abgelenkt war, daß er Nutzen daraus ziehen konnte.

An einem eben haltenden Autobus drängte sich eine kleine, ungeduldige Schar von Leuten, die es kaum erwarten konnten, daß die anderen Fahrgäste ausgestiegen waren. Unter diesen erspähte er mit schnellem Blick sein Opfer.

Es war ein untersetzter Herr in mittleren Jahren; nach seiner Kleidung taxierte Jakobs ihn als vermögend.

Jakobs hatte durchaus nicht die Absicht, eine Autobusfahrt zu unternehmen, aber er begann plötzlich, sich mit den Ellenbogen einen Weg zur Tür zu bahnen.

Er kam auch gut durch die Menge, dann strengte er sich jedoch nicht mehr an, tat so, als ob er sich an eine wichtige Verabredung erinnerte, und suchte wieder einen Ausweg aus dem Menschenknäuel. Nachdem es ihm gelungen war, aus dem Gedränge herauszukommen, wandte er sich um und wollte sich schnell aus dem Staube machen.

In diesem Augenblick legte sich jedoch eine feste Hand auf seine Schulter. Er schaute sich rasch um – ein gutgekleideter, schlanker junger Mann stand hinter ihm.

»Hallo – wollen Sie denn nicht mit dem Autobus fahren?«

»Nein, Mr. Fellowe. Ich wollte zwar eigentlich mitfahren, aber eben fiel mir ein, daß ich zu Hause das Gas habe brennen lassen.«

»Dann wollen wir zusammen zurückgehen und es ausdrehen«, meinte Fellowe, der sich für diesen Abend eine ganz spezielle Aufgabe gestellt hatte.

»Wenn ich es mir genau überlege«, meinte Jakobs nachdenklich, »so ist die ganze Sache den Weg nicht wert. Ich habe nämlich einen Gasautomaten – da geht ja dann das Gas von selbst aus.«

»Nun, dann begleiten Sie mich ein wenig. Wir wollen einmal sehen, ob bei mir das Gas noch brennt«, sagte Fellowe gutgelaunt.

Er hatte Jakobs nur leicht am Arm gefaßt; als dieser sich aber zu befreien suchte, wurde der Griff plötzlich stahlhart.

»Was ist denn los?« fragte Jakobs ganz unschuldig.

»Es ist immer wieder das alte Spiel«, erwiderte Frank lächelnd. »Hallo, Willie, Sie haben etwas fallen lassen.«

Er bückte sich schnell, ohne Jakobs loszulassen, und hob eine Brieftasche auf.

Der Autobus wollte gerade abfahren, als sich Frank umwandte und dem Schaffner ein Zeichen gab zu halten.

»Ich glaube, einer der Fahrgäste, die eben eingestiegen sind, hat seine Brieftasche verloren. Wahrscheinlich ist es der korpulente Herr, der gerade nach hinten gegangen ist.«

Der ›Wohlhabende‹ stieg schnell aus dem Autobus und entdeckte auch sogleich seinen Verlust. Als er seine Brieftasche zurückerhalten hatte, war der Vorfall zur allgemeinen Zufriedenheit erledigt.

»Sie sind eben Polizist, da ist nichts zu machen«, sagte Jakobs mit philosophischer Ruhe. »Ich hatte Sie vorher gar nicht bemerkt, Mr. Fellowe.«

»Das dachte ich mir, obwohl ich doch groß genug bin.«

»Und häßlich genug«, fügte Willie hinzu, der nicht im mindesten eingeschüchtert war.

Frank lächelte.

»Sie sind noch lange keine Autorität als Schönheitsrichter, Willie«, sagte er scherzend, als sie zusammen zur nächsten Polizeistation gingen.

»Sagen Sie einmal, Mr. Fellowe«, begann Willie plötzlich, »warum macht sich denn die Polizei nicht daran, einen Mann wie Olloroff zu fangen? Warum werden immer bloß so kleine Leute wie ich gefaßt, wenn ich mir mit viel Mühe und Arbeit meinen Lebensunterhalt verschaffen will? Der Olloroff macht doch Tausende, und er hat Hunderte von Menschen ruiniert. Warum kommt denn der nicht ins Zuchthaus?«

»Ich hoffe schon, daß wir ihn noch dorthin bringen.«

»Na, und da ist dann noch dieser andere, der die kleinen Leute anlockt. Wenn zum Beispiel ein Verkäufer dessen Prospekte liest, wird er dazu verleitet, fünf Pfund herzugeben, um damit einen Goldminenanteil zu kaufen. Natürlich gibt der dumme Verkäufer das Geld – das heißt, er muß es sich aus der Ladenkasse nehmen. Das tut er sozusagen nicht in unehrlicher Absicht, denn er bildet sich ein, eines Tages als reicher Mann in das Büro seines Chefs treten zu können. ›Sehen Sie mal, hier ist Ihr langvermißter Longfellow!‹ wird er dann sagen. – Verstehen Sie, was ich meine?«

Frank nickte.

»›Sehen Sie‹«, ließ Jakobs begeistert den Verkäufer weitersprechen, »›Das ist aus Ihrem früheren Angestellten geworden, der sich den kleinen Fehler zuschulden kommen ließ und sich damals fünf Pfund aus der Ladenkasse lieh.‹«

Es war nicht weiter merkwürdig, daß sie auch von Oberst Black sprachen, denn gerade an diesem Tag war vor Gericht gegen ihn verhandelt worden. Ein allzu vertrauensseliger Kunde Blacks, der sein Geld verloren hatte, hatte auf Rückerstattung der Summe geklagt. Der Oberst hatte sich jedoch nicht einmal die Mühe genommen, sich durch einen Rechtsanwalt vertreten zu lassen.

»Früher habe ich auch für Black gearbeitet«, sagte Jakobs. »Wissen Sie, als Bote für neununddreißig Schilling die Woche also nicht viel mehr, als ein Leichenträger verdient.«

Plötzlich sah er Frank gerade ins Gesicht.

»Haben Sie schon einmal zusammengezählt, wie viele ›Freunde‹ Blacks plötzlich gestorben sind? – Sie werden noch so lange warten, bis die ›Vier Gerechten‹ ihn sich holen«, warnte Mr. Jakobs liebenswürdig. »Die werden nicht viel Federlesens mit ihm machen.«

Er schwieg eine Weile, dann wandte er sich wieder an Frank.

»Denken Sie einmal an, Mr. Fellowe, nun haben Sie mich schon zum dritten Male geschnappt«, sagte er.

»Ich habe auch gerade daran gedacht.«

»Warten Sie einmal einen Augenblick.« Jakobs blieb stehen. »In der Tottenham Court Road haben Sie mich erwischt, in der Charing-Cross-Road und in Cheapside. Stimmt es?«

»Sie haben ein blendendes Gedächtnis«, erwiderte Frank lächelnd. »Niemals in seinem Revier«, sagte Jakobs halb zu sich selbst. »Und stets in Zivil. Immer beobachtet er mich. Ich möchte nur wissen, warum?«

Frank überlegte einen Augenblick.

»Wir wollen eine Tasse Tee zusammen trinken«, sagte er dann. »Dabei kann ich Ihnen eine schöne Geschichte erzählen.«

»Ich fürchte, wir werden sehr bald zu den Tatsachen kommen«, meinte Willie kritisch.

Als sie sich in dem Café gegenübersaßen, sagte Fellowe: »Ich werde ganz offen zu Ihnen sein, Willie.«

»Wenn Sie nichts dagegen haben, möchte ich Sie bitten, mich lieber nicht beim Vornamen zu nennen. Es wäre nicht gut, wenn bekannt würde, daß ich mit Ihnen befreundet bin.«

Frank lachte wieder. Willie hatte ihm schon viel Vergnügen bereitet.

»Ich habe Sie jetzt schon dreimal gefaßt«, begann er, »aber dies ist das erste Mal, daß Sie von unserem Freund Black gesprochen haben. Wenn Sie das vorher schon getan hätten, wäre es Ihnen nicht so schlecht gegangen.«

Willie Jakobs schaute zur Decke empor.

»Jaja, ich erinnere mich, Sie haben früher schon einmal auf den Busch geklopft.«

»Wollen Sie mir nicht sagen, warum Black Ihnen fünf Pfund wöchentlich zahlt?«

»Das tut er nicht«, fuhr Willie auf. »Weil er ein ganz gemeiner Halunke ist – ein Schieber, ein Lügner –«

»Wenn Sie noch mehr zu sagen haben, erleichtern Sie ruhig Ihr Herz. Schießen Sie los!«

Willie zögerte.

»Was hilft es denn, wenn ich das tue? Sie sagen hinterher doch nur, daß ich Sie angelogen habe.«

»Versuchen Sie es doch einmal.«

Willies Zurückhaltung schwand allmählich. Eine Stunde lang saß der Polizist mit dem Dieb zusammen, und sie sprachen eifrig miteinander.

Dann trennten sie sich.

Mr. Jakobs machte sich auf den Heimweg nach Somers Town.

Er war dankbar, daß er mit einem blauen Auge davongekommen war, aber er war doch auch ein wenig eingeschüchtert.

Frank nahm sich ein Taxi und fuhr zu Blacks Haus, und als er ihn dort nicht antraf, nach Hampstead. Er wies den Chauffeur an, so schnell wie möglich zu fahren und sich um keine Verkehrsregeln zu kümmern.

May Sandford erwartete im Wohnzimmer den Oberst. Sie stand in der Nähe des Kamins, knöpfte ihre Handschuhe zu und bemühte sich, ihre Freude darüber zu verbergen, daß ihr früherer Freund sie besuchte.

»Wohin wollen Sie gehen?« war die erste hastige Frage Franks.

Sie sah ihn verletzt an.

»Sie haben kein Recht, mich in diesem Ton zu fragen«, sagte sie ruhig. »Aber ich will es Ihnen sagen – ich gehe zu einem Abendessen.«

»Mit wem?«

Sie errötete, denn sie war wirklich empört über ihn.

»Mit Oberst Black.«

Es kostete sie große Anstrengung, den aufwallenden Zorn zu unterdrücken.

»Ich fürchte, das kann ich nicht zugeben«, sagte Frank kühl.

Sie starrte ihn an.

»Ich möchte Ihnen ein für allemal sagen, Mr. Fellowe, daß ich meine eigene Herrin bin und tue, was mir gefällt. Sie haben nicht das mindeste Recht«, – sie stampfte ärgerlich mit dem Fuß auf –, »mir zu sagen, was ich tun oder lassen soll. Ich gehe, wohin ich will und mit wem ich will.«

»Heute abend werden Sie jedenfalls nicht ausgehen«, erwiderte Frank ungerührt.

»Wenn es mir paßt, heute abend auszugehen, dann werde ich es tun!«

»Nein, Sie werden das bleibenlassen.« Er hatte sich jetzt wieder ganz in der Gewalt. »Ich werde vor Ihrem Hause warten. Wenn Sie mit diesem Mann ausgehen, verhafte ich Sie.«

Sie trat entsetzt einen Schritt zurück.

»Ich werde Sie ganz bestimmt verhaften«, fuhr er entschlossen fort. »Ich kümmere mich nicht darum, welche Folgen das für mich hat. Ich werde irgendeine Beschuldigung gegen Sie erheben, werde Sie durch die Straßen auf die Polizeistation bringen und in eine Zelle sperren, als ob Sie eine gemeine Diebin wären. – Das alles werde ich tun, weil ich Sie liebe«, sagte er leidenschaftlich, »weil Sie für mich das Höchste und Wertvollste auf dieser Welt sind – weil ich Sie mehr liebe als mein Leben, mehr, als Sie jemals ein anderer Mann lieben kann. – Und wissen Sie, warum ich Sie auf die Polizeistation bringen werde?« fuhr er dann ernst fort. »Weil Sie dort sicher sind! Die Frau, die Sie dort betreut, steht dafür ein, daß Sie nicht mit einem solchen Schuft in Berührung kommen – dorthin darf er Ihnen nicht folgen, wie unverschämt er auch sonst sein mag.«

Er wandte sich wütend um, als Oberst Black in tadellosem Abendanzug das Zimmer betrat.

Der Oberst blieb plötzlich stehen, als er Franks Gesichtsausdruck sah, und ließ seine Hand in die Tasche gleiten.

»Nehmen Sie sich vor mir in acht!« rief Frank.

Black erblaßte.

May fand endlich ihre Sprache wieder.

»Wie können Sie nur! Was erlauben Sie sich!« sagte sie tonlos. »Sie wollen mich verhaften – wie können Sie nur an so etwas denken? Und obendrein erzählen Sie noch, daß Sie mich lieben!« Sie sah ihn zornbebend an.

Er nickte langsam.

»Ja, ich liebe Sie«, erwiderte er ruhig, »ich liebe Sie so sehr, daß ich um Ihrer Sicherheit willen Ihren Zorn auf mich ziehe. Kann ich Sie noch mehr lieben?«

In seiner Stimme lag ein bitterer und zugleich rührend hilfloser Ton, aber seine Entschlossenheit war nicht mißzuverstehen.

Er verließ sie nicht eher, als bis sich Black nach einer scharfen Auseinandersetzung mit ihm verabschiedet hatte. In seiner erklärlichen Aufregung hatte er seine ursprüngliche Absicht, dem Oberst eine kleine, grüne Flasche mit Glasstöpsel abzunehmen, vollständig vergessen.

Als Black an diesem Abend in seine Wohnung zurückkehrte, fand er untrügliche Anzeichen, daß sie systematisch durchsucht worden war. Er könnte jedoch nicht entdecken, wie sich die Leute Zutritt verschafft hatten. Die Türen waren alle geöffnet, obwohl sie mit den kompliziertesten Sicherheitsschlössern versehen waren und er selbst sie mit einem Schlüssel verschlossen hatte, von dem kein Duplikat existierte. Die Fenster waren alle geschlossen, es war auch kein Versuch gemacht worden, Geld oder Wertsachen aus dem Schreibtisch zu entwenden. Als einziges Zeichen ihrer Anwesenheit hatten die Einbrecher ein Siegel zurückgelassen, das in das Löschpapier auf dem Schreibtisch eingedrückt war.

In dem sauberen runden Wachssiegel stand nur eine römische Vier. Aber die Schlichtheit dieser Mahnung erschreckte ihn um so mehr. Es schien, als ob die ›Vier Gerechten‹ all seiner Bemühungen, sich ihnen zu entziehen, spotteten. Sie öffneten ohne Mühe seine sichersten Patentschlösser, wußten mehr und besser über seine Tätigkeit Bescheid als seine vertrautesten Freunde und kamen und gingen, wann es ihnen paßte.

Diese Erkenntnis hätte einen Mann, der nicht die Zähigkeit Blacks besaß, sicher völlig verwirrt und hilflos gemacht. Aber der Oberst hatte schon einen jahrelangen harten Kampf geführt. Wie viele fürchterliche Drohungen hatte er schon erhalten! Ständig hatte er im Schatten der Vergeltung gelebt, und doch hatte ihn die angedrohte Rache nie ereilt.

Mit Stolz rühmte er sich, daß er noch nie die Ruhe verloren oder sich zu übereilten Handlungen hatte hinreißen lassen. Aber nun wurde, vielleicht zum ersten Male in seinem Leben, seine Handlungsweise nicht von persönlicher Habgier diktiert, sondern von einer größeren Leidenschaft – er wollte sich rächen.

Diese Einstellung ließ ihn weniger sorgfältig vorgehen, als er es sonst zu tun pflegte. Er achtete nicht darauf, ob man ihn an diesem Abend beobachtete, und doch waren ihm ›Schatten‹ gefolgt – nicht nur einer, sondern mehrere.

12

Inhaltsverzeichnis

Sir Isaac Tramber war in einer bösen Stimmung, als er sich nach Lincoln begab. Er hatte sich ein Zugabteil reservieren lassen und verwünschte das unglückliche Zusammentreffen, als er entdeckte, daß das nächste von Horace Gresham belegt war.

Er war auf dem Bahnsteig auf und ab gegangen und hatte auf seine Gäste gewartet. Lord Verlond hatte versprochen, ihn zu begleiten und auch Lady Mary mitzubringen. Um so größer war sein Ärger gewesen, als er am Fenster des nächsten Abteils das Schild entdeckt hatte: ›Reserviert für Mr. Horace Gresham‹.

Horace kam ungefähr fünf Minuten vor Abfahrt des Zuges. Er war, im Gegensatz zu Sir Isaac, zufrieden und gut gelaunt; er erwiderte den kaum wahrnehmbaren Gruß des Baronets durch ein leichtes Kopfnicken.

Tramber sah nervös auf seine Uhr und fluchte innerlich auf Verlond und sein verschrobenes Wesen. Drei Minuten vor Abfahrt des Zuges tauchten die Gestalten des jungen Mädchens und des alten Mannes endlich in der Ferne auf.

»Sie dachten wohl, wir würden überhaupt nicht kommen?« fragte der Lord, als sie herangekommen waren. »Sie scheinen etwas nervös zu sein.«

Sir Isaac half Lady Mary etwas verlegen beim Einsteigen.

»Aber nein, ich hatte nur nicht damit gerechnet, daß Sie so spät kommen würden.«

»Wir sind doch gar nicht spät daran.«

Verlond ließ sich gemächlich auf dem Eckplatz nieder, den Sir Isaac für die junge Dame vorgesehen hatte.

Bekannte gingen vorbei und grüßten; ein paar Neugierige traten näher.

»Fahren Sie auch zu den Rennen nach Lincoln, Lord Verlond?« fragte ein junger Mann.

»Nein«, erwiderte der Lord mit gespielter Liebenswürdigkeit, »ich bin eben im Begriff, mich mit Mumps ins Bett zu legen.«

Nach dieser Antwort verzog sich der andere schleunigst.

»Sie können sich zu mir setzen, Ikey – lassen Sie Mary nur allein«, sagte der Alte mürrisch. »Ich möchte zunächst einmal alles über Ihr Pferd wissen. Hundertfünfzig Pfund habe ich darauf gesetzt. Es ist viel wichtiger, daß Sie mir über das Pferd Aufschluß geben, als daß Sie nichtssagende Fragen an meine Nichte stellen.«

»Das war aber doch gar nicht meine Absicht«, entgegnete Sir Isaac vorwurfsvoll.

»Doch! Sie wollen wissen, ob sie heute nacht gut geschlafen hat, ob sie es auch nicht zu warm im Wagen findet, ob sie lieber mit dem Rücken oder mit dem Gesicht zur Fahrtrichtung sitzt und ob ihr ein Eckplatz angenehmer ist als ein Mittelplatz. Lassen Sie Mary nur zufrieden, Ikey. Das entscheidet sie alles am besten selbst. Ich kenne das Mädchen besser als Sie.« Er sah Mary aufmunternd an. »Der junge Gresham ist nebenan. Geh doch einmal in den Gang und klopf ans Fenster, damit er herauskommt.«

»Ich glaube, er hat ein paar Freunde bei sich, Onkel.«

»Das ist doch ganz gleich!« rief Verlond gereizt. »Was gehen uns seine Freunde an? Gehörst du nicht auch zu seinen Freunden? Also bring ihn ruhig her.«

Sir Isaac kochte vor Wut.

»Ich möchte ihn aber wirklich nicht hierhaben«, sagte er laut. »Sie vergessen, Verlond, daß ich in Gegenwart dieses Mannes nicht über ›Timbolino‹ sprechen kann.«

»Ach, seien Sie doch nicht so ängstlich! Glauben Sie denn, daß er nicht ebensogut über ›Timbolino‹ unterrichtet ist wie Sie? Meinen Sie, der hat die Sportzeitungen in der letzten Zeit nicht gelesen?«

»Zeitungsberichte können niemals das sagen, was der Eigentümer weiß«, entgegnete Sir Isaac gewichtig.

»Ich habe aus ihnen aber offenbar mehr erfahren als Sie. Ihr Pferd war gestern morgen Favorit – heute ist das nicht mehr der Fall, Ikey.«

»Ich kann doch unmöglich alle Wetten verrückter Leute kontrollieren«, murrte Sir Isaac.

»Bedenken Sie eins: Diese verrückten Leute lassen das Geld, das sie gewettet haben, stehen – vergessen Sie das nicht, Ikey. Wenn Sie meine Rennerfahrung besäßen und wenn Sie schon so viel Geld beim Rennen gewonnen hätten wie ich, dann würden Sie nichts mehr darauf geben, was die Eigentümer von ihren Pferden sagen. Ebensogut könnte man eine Mutter nach den Vorzügen ihrer Tochter fragen. Die wird genausowenig objektiv urteilen wie der Besitzer eines Rennpferdes.«

Der Zug hatte die unfreundlichen Vororte Londons passiert und eilte nun durch grüne Felder Hatfield entgegen. Es war ein herrlicher Frühlingstag; die Sonne schien warm und freundlich und stimmte alle zufriedenen Menschen fröhlich. Sir Isaac fühlte sich jedoch sehr wenig glücklich; auch hatte er nicht die geringste Lust, über die Ehrlichkeit der Rennleute oder über Sportfragen im allgemeinen zu sprechen.

Zu seinem größten Ärger stand Mary auf und trat scheinbar gleichgültig in den Gang hinaus. Er hätte schwören mögen, daß er sie an das Fenster des Nebenabteils klopfen hörte. Aber hierin irrte er sich natürlich, denn Mary ging nur vorbei; immerhin genügte das, um von der kleinen Gesellschaft gesehen zu werden, die sich lachend und angeregt unterhielt. Im nächsten Augenblick kam Horace zu ihr heraus.

»Es war eigentlich Onkels Idee, dich wegzuholen – ich bin wirklich unschuldig«, begrüßte sie ihn; ihre Wangen röteten sich.

»Lord Verlond ist wirklich ein Gentleman«, sagte Horace begeistert. »Ich nehme alles zurück, was ich über ihn gesagt habe.«

»Das werde ich ihm berichten«, meinte sie schalkhaft. »Sicher wird er sich freuen!«

»Nein, nein, das darfst du auf keinen Fall.«

»Ich möchte einmal ernsthaft mit dir sprechen«, sagte sie plötzlich. »Komm in unser Abteil. Onkel und Sir Isaac unterhalten sich interessiert über ›Timbolino‹ – ist das der richtige Name?«

Er nickte und lachte vergnügt.

»Sie werden überhaupt nicht merken, was wir miteinander zu besprechen haben.«

Der Lord nickte Horace kurz zu, als dieser eintrat; Sir Isaac warf ihm nur einen mürrischen Blick zu. Es war schwierig, hier eine vertrauliche Unterhaltung zu führen, aber Mary richtete es so ein, daß sie nur dann wichtige Dinge berührte, wenn das Gespräch der beiden anderen lauter und eifriger wurde.

»Ich bin sehr besorgt um Onkel«, sagte sie leise.

»Ist er krank?«

»Nein, das meine ich nicht, obwohl er auch leidend ist. Ich meine sein widerspruchsvolles Wesen. Die günstige Stimmung dir gegenüber könnte plötzlich wieder umschlagen. Du weißt doch, wie bereitwillig er darauf einging, daß du …«

Sie zögerte, und er faßte ihre Hand unter dem Schutz der großen Zeitung, die auf ihrem Schoß lag.

»Ja, es war wirklich prächtig von ihm«, sagte er leise. »Ich hätte niemals geglaubt, daß dieser alte Teu – dein lieber Onkel«, verbesserte er sich, »so zugänglich sein könnte.«

Sir Isaac und der Lord waren im Augenblick aneinandergeraten.

»Eben weil er seine Zusage so impulsiv gegeben hat, kann er sie auch ebenso plötzlich widerrufen. Ich fürchte immer, daß er seine Meinung wieder ändert und sich feindlich gegen dich stellt.«

»Das mag er versuchen – ich nehme es mit ihm auf.«

»Hören Sie einmal zu, Gresham«, wandte sich Lord Verlond jetzt an Horace. »Sie gehören doch zu den Leuten, die immer alles wissen. Wer sind eigentlich die ›Vier Gerechten‹ von denen man in letzter Zeit so häufig spricht?«

Sir Isaac Tramber beobachtete Horace scharf. Er war ein Mann, der seinen Argwohn nicht verbarg.

»Ich weiß nicht mehr als Sie. Es scheint eine bewunderungswürdige Vereinigung von Leuten zu sein, die sich die Aufgabe gestellt haben, die Schädlinge der menschlichen Gesellschaft auszurotten.«

»Wer sind sie denn, daß sie sich anmaßen, Recht und Unrecht beurteilen zu können?« Der Lord sah Horace düster an. »Das ist doch eine Unverschämtheit! Wozu bezahlen wir denn Richter, Geschworene, Polizeibeamte und so weiter? Wozu bezahlen wir all diese Steuern und Abgaben, die nur ein teuflisches Gehirn erfinden kann? Tun wir es vielleicht, damit diese Affen herkommen und sich mir nichts, dir nichts in unsere Justiz einmischen? Das ist doch wirklich unerhört und lächerlich!« rief er aufgeregt.

Horace erhob abwehrend die Hand.

»Machen Sie doch mir keine Vorwürfe.« »Aber Sie billigen das«, beschuldigte ihn der Lord. »Ikey sagt es, und Ikey weiß doch alles – nicht wahr?«

Sir Isaac fühlte sich unbehaglich.

»Ich habe nicht gesagt, daß Gresham etwas davon wüßte«, begann er lahm.

»Also, warum lügen Sie jetzt?« fragte Verlond schroff. »Sie haben mir doch gerade eben erzählt, daß Sie Gresham für einen der Führer der ›Vier Gerechten‹ halten.«

Obgleich Sir Isaac an die brutalen Bloßstellungen seines Freundes gewöhnt war, wurde er doch dunkelrot.

»Aber das habe ich doch nicht so gemeint«, erwiderte er verlegen und ärgerlich. »Verflucht noch mal, Lord Verlond, bringen Sie mich doch nicht in eine solche Lage. Womöglich werde ich noch auf Schadenersatz und dergleichen verklagt.«

Auf Horace machte die Verwirrung des Baronets keinen Eindruck.

»Beunruhigen Sie sich nicht«, sagte er kühl, »ich habe nicht die Absicht, Sie vor den Kadi zu bringen.«

Er wandte sich wieder Mary zu, während der Lord Sir Isaac in ein neues Gespräch verwickelte. Der alte Herr besaß die Eigentümlichkeit, sprunghaft wie ein Irrwisch sein Thema zu wechseln. Kaum war eine Minute vergangen, so plauderte er über Fischerei und Angeln. Sir Isaac wußte in diesen Dingen nur wenig Bescheid, aber trotzdem traktierte ihn Verlond mit Salmfang, Forellenzucht und Hechtstechen.

*

Kurz vor Mittag fuhr der Zug in Lincoln ein. Horace hatte früher für gewöhnlich ein Wochenendhaus außerhalb der Stadt gemietet, aber in diesem Jahr wollte er noch am gleichen Tag wieder nach London zurückkehren.

Auf dem Bahnhof trennte er sich von Mary.

»Ich werde dich später auf dem Rennplatz sehen«, sagte er. »Was hast du vor? Fährst du heute abend wieder nach Hause?«

Sie nickte.

»Hängt sehr viel für dich davon ab, daß dein Pferd dieses Rennen gewinnt?« fragte sie ein wenig ängstlich.

»Man macht sich im allgemeinen nicht soviel Sorgen wegen der Rennen in Lincoln. Es ist noch etwas zu früh für die Saison, und nicht einmal die gewohnheitsmäßigen Rennwetter haben genügend Sicherheit, um große Summen zu setzen. Man weiß eben noch zuwenig, und es ist fast unmöglich, etwas Bestimmtes darüber zu sagen, welche Pferde in Form sind. Ich persönlich glaube, daß ›Nemesis‹ siegt, obwohl das Rennen in Lincoln nur selten von jungen Stuten gewonnen wird. Sie ist ein ausgezeichneter Sprinter – kurze, scharfe Läufe liegen ihr. Ich weiß, daß schon früher Pferde wie sie dieses Rennen gewonnen haben. Wenn man allerdings den Durchschnitt nimmt, so ist alles gegen ein Pferd wie ›Nemesis‹.«

»Aber ich dachte, du seist deiner Sache ganz sicher.«

Er lachte ein wenig.

»Nun ja, am Montag ist man voll Vertrauen, und am Dienstag zweifelt man wieder. Das gehört nun einmal dazu. Die Form der Pferde wechselt nicht halb so schnell wie die Stimmung der Eigentümer. Wahrscheinlich treffe ich heute noch jemand, der mir sagt, daß ein gewisses Pferd todsicher im letzten Rennen gewinnen wird. Der Mann packt mich am Jackettknopf und versucht, mir die Überzeugung einzuhämmern, daß dies die leichteste Methode sei, Geld zu machen, seit überhaupt Rennen abgehalten werden. Und wenn ich ihn dann nach dem letzten Rennen wiedersehe, erklärt er mir ganz kalt, daß er überhaupt nicht auf das Pferd gesetzt hat, weil er im letzten Moment einen anderen Tip bekam – von einem Unbekannten, der die Schwester der Tante des Pferdebesitzers kennt. Das ist nun einmal so beim Rennen; du darfst nicht erwarten, daß die Leute beständig sind.

Ich bin natürlich noch immer überzeugt, daß ›Nemesis‹ gewinnen wird, aber ich glaube nicht mehr so felsenfest daran wie früher. Selbst der beste Examenskandidat wird in Gegenwart des Examinators nervös.«

Lord Verlond war zu ihnen getreten und hatte die letzten Worte der Unterhaltung gehört.

»Ikey ist auch jetzt noch ganz sicher, daß ›Timbolino‹ gewinnen wird. Übrigens habe ich eben erfahren, daß der Boden ziemlich weich ist.«

Horace sah ihn einen Augenblick fast ängstlich an. »Das kommt Ihrem Pferd wenig zustatten, mein Freund. Ein Sprinter, der das Lincoln-Rennen versucht, braucht festen Boden. Ich sehe schon, daß ich heute fünfzehnhundert Pfund Gewinn mit nach London zurücknehmen werde.«

»Haben Sie auf ›Timbolino‹ gesetzt?«

»Stellen Sie keine unverschämten Fragen«, sagte der Lord kurz, »die obendrein noch unnötig sind. Sie wissen verdammt gut, daß ich auf ›Timbolino‹ gesetzt habe. Oder glauben Sie das etwa nicht? Ich habe darauf gesetzt, aber ich fürchte, ich werde mein Geld verlieren.«

»Sie fürchten?«

Welche Fehler der Lord auch haben mochte, Horace wußte, daß er mit Anstand verlieren konnte, und war daher ein wenig erstaunt.

Der Lord nickte. Er scherzte jetzt nicht, und der unangenehme, feindliche Ausdruck, den seine Gesichtszüge sonst trugen, war verschwunden. Staunend erkannte Horace, daß Verlond sich plötzlich in einen außerordentlich gut aussehenden älteren Herrn verwandelt hatte. Die festen Linien des Mundes waren gerade, und über dem blassen Gesicht lag ein Schatten von Melancholie.

»Ja, ich fürchte tatsächlich.« Er sprach ruhig und ohne die zynische Bitterkeit, die zu ihm zu gehören schien. »Dieses Rennen ist für manche Leute sehr wichtig. Mich geht die Sache allerdings kaum etwas an.« Ein leichtes Lächeln spielte um seinen Mund. »Aber ich kenne andere«, fuhr er dann ernst fort, »für die der Ausgang dieses Rennens Leben oder Tod bedeutet.« Plötzlich nahm er wieder seine gewöhnliche Haltung an. »Nun? Was sagen Sie dazu, daß der alte Lord Verlond plötzlich sentimental geworden ist, Mr. Gresham?«

Horace schüttelte verwirrt den Kopf.

»Ich fürchte, ich habe Ihnen nicht folgen können.«

»Aber vielleicht können Sie mir in anderer Weise folgen«, erwiderte der Lord schroff. »Hier steht mein Wagen. Guten Morgen!«

Horace schaute ihm nach, bis er ihn nicht mehr sehen konnte; dann machte er sich auf den Weg zum Rennplatz.

Das Benehmen des alten Herrn hatte ihn nicht wenig beunruhigt. Man wußte in ganz London, daß Verlond eine verteufelt scharfe Zunge hatte. Aber als Horace darüber nachdachte, während er am Flußufer entlangging, fand er, daß Lord Verlond eigentlich selten etwas gesagt hatte, was unschuldige, harmlose Leute verletzen oder beleidigen konnte. Sein sarkastischer Spott richtete sich hauptsächlich gegen Angehörige seiner eigenen Klasse, und seine Wutausbrüche galten meistens allgemein bekannten Missetätern.

Die Art, wie er seinen Erben behandelt hatte, war natürlich unverzeihlich. Der Lord selbst entschuldigte diese auch niemals; er vermied es hartnäckig, darüber zu sprechen, und im allgemeinen wagte auch niemand, diese unangenehme Sache in seiner Gegenwart zu erwähnen.

Lord Verlond war außerordentlich wohlhabend und Horace Gresham hatte allen Grund, sich darüber zu freuen, daß er selbst gleichfalls ein nicht unbeträchtliches Vermögen besaß. Im anderen Fall wären seine Aussichten nicht die glänzendsten gewesen. Sein eigener Reichtum schloß zumindest die Vermutung aus, daß er nur Lady Marys Geld nachjagte – ein Verdacht, der sonst sicher laut geworden wäre. Ihm selbst war es höchst gleichgültig, ob sie die Millionen des Lords erbte oder nicht.

An diesem Tag befanden sich auch Leute in Lincoln, die die Situation nicht mit so philosophischer Ruhe betrachteten.

Sir Isaac Tramber war geradenwegs zu der Villa auf dem Hügel gefahren, die Oberst Black für zwei Tage gemietet hatte. Er kam in denkbar schlechter Stimmung an seinem Ziel an.

Black saß gerade beim Mittagessen, als der Baronet eintrat.

»Hallo, Ikey! Nehmen Sie gleich hier am Tisch Platz.«

Sir Isaac betrachtete die Speisen kritisch.

»Danke – ich habe schon im Zug gegessen. Ich möchte mit Ihnen reden.«

»Na, dann erleichtern Sie Ihr Herz.« Black legte ein neues Kotelett auf seinen Teller. Er aß reichlich und fand viel Vergnügen darin, gut zu speisen.

»Sehen Sie, Black, die Lage ist wirklich verzweifelt. Wenn mein verdammtes Pferd heute nicht gewinnt, weiß ich wirklich nicht, wo ich noch Geld hernehmen soll.«

»Eins ist jedenfalls sicher«, entgegnete Black kühl, »von mir können Sie nichts bekommen. Ich bin in ebenso großer Verlegenheit wie Sie.«

Tramber schwieg, und Black beendete seine Mahlzeit. Dann schob er den Teller zurück und nahm ein Zigarettenetui aus der Tasche.

»Was können wir denn nun mit Ihrem ›Timbolino‹ gewinnen?«

»Etwa fünfundzwanzigtausend Pfund«, erwiderte Sir Isaac verstimmt. »Aber ich weiß wirklich nicht, ob das verfluchte Pferd das Rennen machen wird. Ich fürchte diesen Gaul von Gresham.«

»Das ist mir aber ganz neu – so etwas habe ich doch früher nie von Ihnen gehört.«

»Die Sache ist nicht zum Lachen! Mein Trainer Tubbs hat ›Nemesis‹ beobachtet. Sie läuft unglaublich schnell; die einzige Frage ist, ob sie auch durchhält.«

»Kann man denn nicht an sie herankommen?«

»Was für ein Unsinn!« rief Tramber unwillig. »In drei Stunden soll das Rennen beginnen. Haben Sie eine Ahnung vom Rennbetrieb! Sie können doch ein Pferd nicht innerhalb von drei Stunden durch irgendwelche Mittel außer Form bringen. Wenn man drei Tage Zeit hätte, wäre das vielleicht möglich, wenn man den Trainer für sich gewinnen könnte. Aber Trainer, die gegen ihren eigenen Stall arbeiten, finden Sie nur in Romanen.«

Black schnitt sorgfältig das Ende einer Zigarre ab.

»Wenn Ihr Pferd verliert, können wir also Konkurs anmelden«, meinte er nachdenklich. »Ich habe darauf gesetzt, um mein Leben zu retten«, fügte er mit grimmigem Ernst hinzu.

Er klingelte, und gleich darauf trat ein Mädchen ein.

»Der Wagen soll vorfahren.« Black sah nach der Uhr. »Ich mache mir zwar nicht besonders viel aus Rennen, aber heute werde ich den Tag doch lieber im Freien zubringen. Da kann man besser denken und hat mehr Einfälle.«

13

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Der Rennplatz war außerordentlich belebt. Die Sportwelt interessierte sich sehr für das Lincoln-Rennen, und das prachtvolle Wetter hatte ein übriges getan, zahllose Besucher aus Nord und Süd zu diesem festlichen Ereignis in die altehrwürdige Bischofsstadt zu bringen.

Man sah Leute, die von der Sonne Ägyptens braun gebrannt waren, und Leute, die im Süden geweilt hatten, um dem strengen englischen Winter aus dem Wege zu gehen. Andere kamen aus Monte Carlo, wieder andere aus den Alpen zurück, wo sie Wintersport getrieben hatten.

Alle Bevölkerungsschichten waren auf dem Rennplatz vertreten: reiche und arme Menschen; kleine Kaufleute, denen der Besuch eines Rennens die schönste Erholung bedeutete; Parlamentsmitglieder, die sich an diesem Tag von ermüdenden politischen Debatten erholten; Falschspieler und allerhand Verbrecher, die nach Opfern ausschauten; Journalisten, die ihr vergnügtes Gesicht aufgesetzt hatten, und altmodisch gekleidete Landwirte in Gamaschen. Sie alle bildeten eine große Gemeinde, die dem königlichen Sport huldigten.

Kleine Stalljungen führten auf dem Sattelplatz die Pferde umher, die für das Rennen gemeldet waren. Die Nummer jedes Pferdes war in großen Ziffern an den Ärmel der Stallburschen festgesteckt.

»Sie sehen noch etwas rauh und ruppig aus«, meinte Gresham, als er die Pferde betrachtete. Die meisten hatten noch ihr Winterfell, und viele waren so wohlgenährt, daß sie unmöglich das Rennen gewinnen konnten. Er kreuzte die einzelnen Pferde auf seinem Programm an; einige kamen überhaupt nicht in Betracht.

Nach einiger Zeit fand er Lady Mary, die auch um den Sattelplatz wanderte. Sie grüßte ihn, wie ein Schiffbrüchiger ein nahendes Rettungsboot begrüßt.

»Ich bin so froh, daß ich dich getroffen habe. Ich verstehe überhaupt nichts vom Rennen.« Sie betrachtete die Pferde. »Willst du mich nicht ein wenig aufklären? Sind denn all diese Pferde gut in Form?«

»Du scheinst also doch etwas von Pferden zu wissen«, erwiderte er lächelnd. »Nein, das kann man wirklich nicht behaupten.«

»Aber dann können sie doch auch nicht gewinnen?« fragte sie erstaunt.

»Natürlich nicht.« Er lachte. »Die Besitzer machen sich darüber auch gar nichts vor. Nehmen wir einmal an, ein Trainer hätte festgestellt, daß sein Pferd nicht ganz auf der Höhe ist; er wird es dann doch zum Rennen schicken, um gewissermaßen die Leistungsfähigkeit des Tieres zu prüfen. Natürlich gewinnt fast immer das beste Pferd. Der Trainer, der ohne die geringste Gewinnchance mit diesem konkurriert, kann aber immerhin feststellen, wieviel seinem eigenen Pferd noch fehlt, bis es erstklassig ist. Insofern ist es durchaus richtig, daß er es teilnehmen läßt.«

»Ich möchte mir eigentlich ›Timbolino‹ einmal ansehen«, sagte Mary und sah auf ihr Rennprogramm. »Das ist doch das Pferd von Sir Isaac?«

Gresham nickte.

»Das war auch meine Absicht. Wir wollen einmal sehen, ob wir ihn finden können.«

In einer Ecke des Sattelplatzes entdeckten sie ›Timbolino‹ – ein großes, starkes, muskulöses Tier, soweit Horace es beurteilen konnte, denn es trug noch eine Decke.

»Wirklich, der richtige Typ für das Lincoln-Rennen«, sagte er nachdenklich. »Voriges Jahr habe ich ›Timbolino‹ in Ascot gesehen. Ich glaube, das ist der Gegner, den wir schlagen müssen.«

»Besitzt Sir Isaac viele Pferde?«

»Ach ja, er hat einige ganz gute Tiere. Er ist ein merkwürdiger Mann.«

»Wie meinst du das?«

Er zuckte die Schultern.

»Nun ja, man weiß –«

Plötzlich wurde ihm bewußt, daß es nicht fair war, von einem möglichen Rivalen schlecht zu sprechen.

Mary deutete sein Schweigen richtig.

»Wie verdient er eigentlich sein Geld?« fragte sie unvermittelt.

Er sah ihr voll ins Gesicht.

»Das weiß ich nicht. Er wird vielleicht irgendwo Güter haben.«

»Nein. – Ich frage übrigens nicht«, sagte sie schnell, »weil ich irgendein besonderes Interesse an seinem Vermögen oder an seinen Aussichten hätte. Mein ganzes Interesse liegt – anderswo.«

Sie lächelte ihn schelmisch an und änderte sofort das Gesprächsthema.

»So, nun wollen wir uns aber einmal dein eigenes, berühmtes Pferd ansehen«, schlug sie fröhlich vor.

Er führte sie zu einem der Stände, wo ›Nemesis‹ die letzte Pflege von dem Groom erhielt.

Die Stute war zierlich gebaut; sie hatte einen sehr schönen Kopf und einen schlanken Hals. Bei dem Rennen in Cambridge im vorigen Jahr hatte sie mit Leichtigkeit den vierten Platz belegt, und inzwischen hatte sie sich ständig und sicher weiterentwickelt.

Horace betrachtete sie mit kritischen Blicken. Sein geübtes Auge konnte keinen Fehler an ihr entdecken. Sie sah sehr ruhig aus und schien für ihre Aufgabe am Nachmittag auf das beste gerüstet zu sein. Gresham wußte, daß der Sieg nicht leicht zu erringen war, aber im Grunde seines Herzens hatte er nie daran gezweifelt, daß ›Nemesis‹ diesmal den ersten Preis erringen würde. Es waren noch viele andere Pferde gemeldet, die ausgesprochene Sprinter waren. Dadurch würde das Tempo voraussichtlich sehr schnell werden. Wenn ›Nemesis‹ allerdings nicht durchhalten konnte …, dachte er.

Am Tag zuvor, bei der Eröffnung der Rennsaison, hatte ein Pferd seines Stalles einen Preis bekommen. Das ermutigte ihn besonders, denn dieses Tier hatte, obwohl es das schwerste gewesen war, das übrige Feld doch leicht schlagen können. Dadurch erklärte sich auch, daß die Buchmacher Wetten auf ›Nemesis‹ nur noch zu niedrigeren Quoten abschließen wollten.

Gresham selbst hatte nur wenig auf sie gesetzt; er wettete überhaupt nicht hoch, obgleich er in dem Ruf stand, jährlich große Summen zu gewinnen und zu verlieren. Er widersprach diesen Gerüchten nicht, weil er über der Meinung der Leute stand.

Aber die Reduzierung der Gewinnquote auf ›Nemesis‹ hatte ernste Folgen im Zusammenhang mit ›Timbolino‹. Es war schwer, die Einsätze auf dieses Pferd zu retten, indem man auf ›Nemesis‹ setzte. Auf jeden Fall verlangte das jetzt die Anlage ungleich größerer Geldsummen.

*

Horace speiste gerade zu Mittag, als das zweite Rennen gelaufen wurde. Er hatte Lord Verlond in einer sehr gnädigen Stimmung gefunden; zum Erstaunen des jungen Mannes hatte der alte Herr seine Einladung zum Essen mit einer Selbstverständlichkeit angenommen, als ob er darauf gewartet hätte.

»Ich vermute, daß Sie nicht auch Ikey eingeladen haben?«

Lord Verlond zwinkerte mit den Augen.

»Nein, ich glaube auch nicht, daß Sir Isaac sehr mit mir einverstanden ist.«

»Das wird stimmen. Übrigens ist er Gast bei Oberst Black. Ein ganz liebenswürdiger Mann ist das. Er benahm sich so respektvoll, als ob er der jüngste Anwalt und ich eine hohe Amtsperson bei einem Schwurgericht wäre, und behandelte mich mit solcher Achtung, als ob er erwartete, daß ich ihn für seine große Zuvorkommenheit irgendwie belohne. Ikey war es sehr darum zu tun, daß Black einen guten Eindruck bei mir hinterließ.«

14

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Black sah nun, daß sich das Netz um ihn immer enger schloß. Er wußte nicht, welche geheimnisvollen Einflüsse am Werke waren, aber Tag für Tag hatte er entdecken müssen, daß seine Pläne auf alle mögliche Art und Weise durchkreuzt wurden. Immer neue Hindernisse hatten ihm den Weg versperrt. Er hatte sich daher entschlossen, jetzt eine Schlußabrechnung zu machen.

Als er zum Rennen ging, wurde er durch die lauten Stimmen der Buchmacher in die Wirklichkeit zurückgerufen. Der ganze Rennplatz war in großer Aufregung.

Dicht neben ihm rief jemand: »Sieben zu eins! ›Nemesis‹ sieben zu eins!«

Black verstand genug vom Rennen, um zu wissen, daß mit dem Favoriten etwas nicht in Ordnung war. Kurz darauf traf er einen Buchmacher, den er oberflächlich kannte.

»Welches Pferd hat Ihrer Meinung nach Chancen?« fragte er.

»›Timbolino‹«, war die kurze Antwort.

Er ging weiter und traf Sir Isaac Tramber dicht an der Barriere. Der Baronet sah bleich und aufgeregt aus.

»Wodurch ist denn Ihr Pferd plötzlich wieder so stark in den Vordergrund gerückt?«

»Ich habe erneut darauf gesetzt.«

»Was, Sie haben noch mehr gewettet?«

»Ja, ich mußte doch etwas tun!« erwiderte Sir Isaac wild. »Wenn ich verliere, dann verliere ich mehr, als ich zahlen kann. Ob die Summe größer oder kleiner ist, darauf kommt es nicht mehr an. Ich habe Ihnen ja schon gesagt, daß ich erledigt bin, wenn das Pferd nicht gewinnt, es sei denn, daß Sie noch etwas für mich tun können. Und Sie helfen mir doch, Black, alter Sportsmann?« fragte er drängend. »Es hat ja doch keinen Zweck, daß wir beide Geheimnisse voreinander haben. Wir müssen doch zusammenhalten.«

Black sah ihn fest an. Wenn ›Timbolino‹ verlor, hatte er den Mann noch fester in der Hand, und er konnte dann mit noch größerem Vorteil von seinem Namen und seiner gesellschaftlichen Stellung Gebrauch machen.

»Wenn nur dieser schreckliche Verlond nicht so gemein wäre«, fuhr Sir Isaac fort. »Er hat das Mädchen direkt gegen mich aufgehetzt – sie behandelt mich, als ob ich Luft für sie wäre. Und ich dachte, es wäre alles schon in Ordnung. Ich habe auch nur so hoch gewettet, weil ich hoffte, ihr Geld zu bekommen.«

»Was ist denn vorgefallen?«

»Ich traf sie eben hier und hatte eine klare Aussprache mit ihr. Aber sie war einfach eiskalt und wies mich glatt ab. Scheußlich unangenehm!«

In diesem Augenblick ging eine Bewegung durch die Menge. Über die Köpfe der Leute hinweg sahen sie die bunten Mützen der Jockeis, die zum Start ritten.

Sir Isaac hatte es sorgfältig vermieden, in die Nähe des Sattelplatzes zu gehen, nachdem er einen Blick auf sein Pferd geworfen hatte. Horace dagegen überwachte bis zum letzten Augenblick persönlich die Behandlung von ›Nemesis‹. Er sah nach, ob die Gurte richtig angezogen waren, kontrollierte das Zaumzeug und gab dem Jockei letzte Instruktionen. Er schaute der Stute noch prüfend nach, als sie weggeführt wurde, und wandte sich dann zu den Tribünen.

»Einen Augenblick, Gresham«, rief ihn Lord Verlond an, der hinter ihm herkam. »Glauben Sie, daß Ihr Pferd gewinnen wird?«

»Ja, jetzt bin ich davon überzeugt. Ich habe wirklich Vertrauen.«

»Glauben Sie auch«, fragte der Lord langsam weiter, »daß ›Timbolino‹ den ersten Platz belegt, wenn ›Nemesis‹ nicht gewinnt?«

Horace sah ihn verwundert an.

»Ja, das glaube ich wohl«, erwiderte er dann ruhig.

Es entstand eine Pause. Lord Verlond fuhr mit der Hand mehrmals wie geistesabwesend über sein glattrasiertes Gesicht.

»Wenn ich Sie nun bäte, Ihr Pferd zurückzuhalten, so daß es nicht gewinnt?« fragte er scheinbar gleichgültig.

Gresham wurde plötzlich feuerrot.

»Sie scherzen, Lord Verlond«, sagte er kalt.

»Ich scherze nicht, ich spreche zu Ihnen als Ehrenmann und erwarte, daß Sie mein Vertrauen respektieren. Nehmen wir an, ich würde Sie allen Ernstes bitten, ›Nemesis‹ durch Ihren Jockei zurückhalten zu lassen – würden Sie das tun?«

»Nein, auf gar keinen Fall. Aber ich kann nicht verstehen –«

»Lassen wir die Frage, ob Sie es verstehen oder nicht, ruhig beiseite.« Lord Verlond verfiel wieder in seinen alten scharfen Ton. »Wenn ich Sie nun bäte und Ihnen als Belohnung dafür die Erfüllung Ihres heißesten Wunsches in Aussicht stellte – würden Sie es dann tun?«

»Nein, um keinen Preis der Welt«, entgegnete Horace ernst.

Ein bitteres Lächeln spielte um den Mund des alten Mannes.

»Ich verstehe.«

»Aber ich kann nicht begreifen, warum Sie diese Frage an mich gestellt haben.« Horace war bestürzt und verwirrt. »Sie wissen doch sicher –«

»Ich weiß nur, daß Sie denken, ich wollte Sie veranlassen, Ihr Pferd zurückzuhalten, weil ich auf das andere gesetzt hätte«, sagte der Lord mit einem leichten Lächeln. »Ich möchte Ihnen raten, auf Ihre Redlichkeit nicht so stolz zu sein«, fügte er unhöflich hinzu, obwohl er immer noch lächelte. »Es könnte Ihnen in einigen Tagen leid tun, daß Sie meine Bitte nicht erfüllt haben.«

»Wenn Sie mir sagen wollten –«, begann Horace.

Die plötzliche Zumutung des Lords, der bei all seinen Fehlern doch ein echter Sportsmann war, hatte ihn sprachlos gemacht.

»Ich werde Ihnen nichts sagen – weil ich Ihnen überhaupt nichts zu sagen habe.«

Horace stieg ihm voraus die Treppe zu den Tribünen hinauf, Er war im Innersten aufgewühlt durch das ungewöhnliche Verhalten des alten Herrn. Er kannte ihn zwar als einen exzentrischen Mann; er wußte auch, daß Verlond in dem Ruf stand, ein schlechter Mensch zu sein, obgleich es keinen Beweis dafür gab. Aber selbst in den Augenblicken, in denen Horace am wenigsten freundlich von dem Lord dachte, wäre ihm nicht im Traum eingefallen, daß dieser alte Schuft – so nannte er ihn jetzt – ihn ernsthaft darum bitten könnte, sein Pferd zurückzuhalten. Es war einfach undenkbar. War Lord Verlond nicht früher Leiter verschiedener großer Rennen gewesen, und besaß er nicht die Mitgliedschaft eines der ersten Rennclubs der Welt?

Er bahnte sich seinen Weg bis nach oben, wo er Lady Mary erblickte.

»Du siehst bedrückt aus«, sagte sie, als er an ihre Seite trat. »Hast du dich über Onkel geärgert?«

»Nein«, erwiderte er ungewöhnlich schroff und kurz.

»Oder hat dein gutes Pferd Kopfschmerzen bekommen?« fragte sie neckend.

»Ich habe mich an etwas Unangenehmes erinnert«, erwiderte er zusammenhanglos.

Die Pferde waren jetzt alle am Start versammelt.

»Dein Pferd steht in der Mitte«, rief sie ihm zu.

Er nahm seinen Feldstecher und konnte das Schokoladenbraun und das scharfe Giftgrün der Farben seines Jockeis deutlich unterscheiden.

Sir Isaacs Jockei – graue Streifen auf Weiß und eine gelbe Kappe – war ebensogut zu erkennen. ›Timbolino‹ hatte den Platz an der Innenseite gezogen.

Die vierundzwanzig lebhaften, aufgeregten Tiere machten dem Starter viel Mühe. Zehn Minuten lang gingen sie zurück oder auf die Seite oder stießen sich gegenseitig vor den beiden langen Bändern. Er wartete mit musterhafter Geduld, kommandierte, ermahnte und fluchte schließlich, denn er war Schotte, und er hatte nicht den mindesten Respekt vor den Favoriten.

Diese Pause gab Horace die Möglichkeit, seine Gedanken wieder zu sammeln; das sonderbare Ansinnen des Lords, der sich ruhig und gelassen neben ihm unterhielt, hatte ihn ein wenig aus der Fassung gebracht.

Für Sir Isaac Tramber bedeutete die Verzögerung eine fast unerträgliche Steigerung der Spannung. Seine Hände zitterten nervös; er hob den Feldstecher ungeduldig und senkte ihn wieder. Eine grauenhafte Furcht packte ihn, als endlich das Startzeichen gegeben wurde. Das Feld fegte in donnerndem Galopp auf dem Weg zum Ziel die Bahn entlang.

Beim Start ertönten laute Rufe aus der Menge. Alle Gläser richteten sich jetzt auf das Feld. Während der ersten beiden Achtelmeilen gab es keine Distanzen; der Start war glänzend verlaufen. Das Feld näherte sich in einer fast ausgerichteten Linie, aber plötzlich schob sich ein einzelnes Pferd dicht an der Umzäunung etwas weiter vor. Es war ›Timbolino‹.

»Sieht so aus, als ob er gewinnen würde«, sagte Horace mit philosophischer Ruhe. »›Nemesis‹ ist zu sehr eingekeilt.«

Mitten im Rennen suchte der Jockei von ›Nemesis‹ nach einer Lücke. Er war zwischen zwei Pferden eingeklemmt, deren Reiter nicht die geringste Bereitwilligkeit zeigten, ihm freie Bahn zu geben. Das Feld hatte schon den halben Weg hinter sich, als der Jockei die Stute aus dieser Enge herauszog, indem er zurückblieb und um die anderen herumzukommen versuchte.

›Timbolino‹ hatte zwei klare Längen Vorsprung vor ›Colette‹, die eine Länge vor einer Gruppe von fünf Pferden lag. ›Nemesis‹ befand sich an achter oder neunter Stelle, als die Strecke halb zurückgelegt war.

Horace hatte die Stoppuhr in der Hand. Er setzte sie in Gang, als das Feld das vierte Achtelmeilenzeichen passierte, und sah nervös auf das Zifferblatt.

»Das ist ein langsames Rennen«, sagte er dann etwas aufgeregt.

Als ›Nemesis‹ nun freie Bahn hatte, schoß sie aus der Menge vor und war bald dritte, drei Längen hinter ›Timbolino‹.

Der Jockei auf Sir Isaacs Pferd war seiner Sache vollkommen sicher. Bei seinem bevorzugten Platz direkt an der Umzäunung hatte er sich nicht weiter im Sattel gerührt. Jetzt sah er sich um, ob ihm irgendeine Gefahr drohte, und sein erfahrenes Auge erkannte sofort, daß ›Nemesis‹ ihm gefährlich werden konnte, die gleichmäßig und ruhig im Rennen lag.

Hundert Yard vor dem Ziel trieb der Jockei ›Nemesis‹ an, und gleich darauf hatte sie das führende Pferd beinahe eingeholt.

Der Reiter auf ›Timbolino‹ sah die ernste Lage und arbeitete mit Händen und Absätzen. Das willige Pferd gehorchte ihm sofort.

Nun eilten beide Tiere in gleicher Höhe dahin, dem anderen Feld weit voraus. Der Vorteil lag scheinbar auf der Innenseite, aber Horace, der mit Kennerblick von der Tribüne aus alles genau beobachtete, wußte, daß das Pferd in der Mitte die bessere Chance hatte. Er war vor dem Rennen über die Bahn gegangen und hatte festgestellt, daß der Boden dort fester und sicherer war.

›Timbolino‹ antwortete auf die Anstrengungen seines Reiters mit der schärfsten Gangart, und einmal gelang es ihm, kurz vorzustoßen. Der Jockei auf ›Nemesis‹ zückte die Peitsche, aber er gebrauchte sie nicht. Unausgesetzt beobachtete er seinen Gegner, und zwanzig Yard vor dem Ziel trieb er ›Nemesis‹ mit ganzer Gewalt vorwärts.

Auch ›Timbolino‹ gab das Letzte her, und als die beiden Pferde an dem Stand der Zielrichter vorbeiflogen, war nicht zu erkennen, wer gesiegt hatte.

Horace wandte sich mit einem Lächeln zu Lady Mary.

»›Nemesis‹ hat gewonnen!« rief sie. »Nicht wahr, ich habe doch recht?«

Ihre Augen glänzten vor Erregung.

»Ich kann dir leider keine Antwort darauf geben. Sie lagen zu dicht nebeneinander, als daß man es von hier aus entscheiden könnte.«

Er sah zu Sir Isaac hinüber. Das Gesicht des Baronets zuckte nervös, und seine Hand, die den Feldstecher hielt, zitterte wie Espenlaub.

Es gibt einen Mann, der das Ergebnis ängstlicher erwartet als ich, dachte Horace.

In der großen Menge unten hörte man aufgeregtes Gerede. Man wettete schnell und leidenschaftlich um das Resultat, denn die Nummern waren noch nicht aufgezogen worden.

Beide Pferde hatten ihre Parteigänger. Plötzlich erhob sich ein Lärm, der sich zu einem Brüllen steigerte. Der Rennleiter hatte zwei Nullen in dem Rahmen hochziehen lassen. Es war ein totes Rennen!

»Donnerwetter!«

Das war die einzige Bemerkung, die Horace dazu machte. Er eilte, so schnell er konnte, auf die andere Seite der Bahn.

Sir Isaac folgte dicht hinter ihm. Plötzlich ergriff ihn jemand am Arm. Er sah sich hastig um – es war Black.

»Lassen Sie das Rennen wiederholen«, sagte er mit heiserer Stimme. »Es war ein unverhofftes Glück, daß ›Nemesis‹ aufholte. Ihr Jockei hat ja geschlafen! Folgen Sie meinem Rat, und lassen Sie die Entscheidung zwischen den beiden Pferden noch einmal austragen.«

Sir Isaac zögerte.

»Ich bekomme den halben Preis und meine halben Wettgelder«, meinte er nachdenklich.

»Holen Sie sich doch das Ganze. Nur vorwärts, Sie haben doch nichts zu befürchten. Ich kenne das Geschäft auch. Bringen Sie das Rennen zur Entscheidung. Nichts kann Sie am Sieg hindern!«

Sir Isaac ging langsam zu dem Platz, wo die Pferde abgesattelt wurden. Den dampfenden Tieren wurde gerade das Zaumzeug abgenommen.

Gresham war schon dort. Er sah den Baronet gut gelaunt an.

»Nun, Sir Isaac, was beabsichtigen Sie zu tun?« wandte er sich liebenswürdig an ihn.

»Was ist denn Ihre Meinung?« fragte Sir Isaac argwöhnisch.

Es war seine innerste Überzeugung, daß alle Menschen Spitzbuben wären, und er hielt es für das sicherste, das Gegenteil von dem zu tun, was sein Gegner wünschte. Wie mancher mißtrauische Mann machte er häufig Fehler bei der Beurteilung von Menschen.

»Ich halte es für ratsam, den Preis zu teilen. Die Pferde haben ein sehr schweres Rennen hinter sich. Ich glaube, ›Nemesis‹ hatte Pech, daß sie nicht gewann.«

Das gab den Ausschlag bei Sir Isaac.

»Nein, wir wollen das Rennen für die beiden Pferde noch einmal wiederholen.«

»Wie Sie wollen«, erwiderte Horace kühl. »Aber es ist wohl berechtigt, Sie zu warnen. Mein Pferd war während der ersten Hälfte des Rennens eingekeilt, sonst hätte es leicht gewonnen. Es mußte –«

»Das weiß ich alles sehr gut«, unterbrach ihn der Baronet schroff. »Aber trotzdem bin ich für eine klare Entscheidung.«

Horace nickte und wandte sich zu seinem Trainer, um sich mit ihm zu beraten. Wenn Sir Isaac sich dafür entschied, das Rennen noch einmal zum Austrag zu bringen, so konnte man nichts dagegen machen. Das Renngesetz besagte, daß die beiden Eigentümer der Pferde einiggehen müßten, wenn der Preis geteilt werden sollte.

Sir Isaac verständigte die Rennleitung von seiner Absicht, und es wurde festgesetzt, daß die Entscheidung nach dem letzten Rennen des Tages ausgetragen werden sollte.

Tramber zitterte vor Erregung, als er zu Black zurückkam. »Ich weiß nicht, ob Sie wirklich recht haben«, sagte er zweifelnd. »Dieser Gresham sagte, daß sein Pferd eingekeilt war. Ich habe es leider im Rennen nicht gesehen. Fragen Sie doch einmal jemand danach.«

»Machen Sie sich deshalb keine Sorgen.« Black klopfte ihm auf den Rücken. »Sie brauchen sich nicht im mindesten aufzuregen, Sie werden das Entscheidungsrennen ebensoleicht gewinnen, wie es mir leichtfällt, von hier auf den Sattelplatz zu gehen.«

Aber Sir Isaac war noch nicht beruhigt und sprach einen ihm bekannten Journalisten an, der eben vom Telegrammschalter zurückkehrte.

»Haben Sie das Rennen genau beobachtet?«

»Ja, Sir Isaac«, sagte der Reporter lächelnd. »Vermutlich bestand Gresham darauf, das Rennen zu wiederholen?«

»Nein, das hat er nicht getan. Aber ich glaube, es war nur ein unglücklicher Zufall, daß mein Pferd nicht gewann.«

Der Journalist schnitt ein Gesicht.

»Es tut mir leid, aber ich bin nicht Ihrer Ansicht. Mr. Greshams Pferd hätte leicht gewinnen können, wenn es nicht gerade am Anfang eingekeilt gewesen wäre.«

Tramber berichtete dem Oberst, was er eben gehört hatte.

»Sie können doch diese Journalisten hier nicht ernst nehmen«, sagte Black verächtlich. »Was wissen denn die? Habe ich denn nicht ebenso Augen im Kopf wie diese Leute?«

Aber Sir Isaac ließ sich nicht so leicht beschwichtigen.

»Diese Kerle sind verflucht gute Kritiker. Ich wünschte wirklich, ich hätte den Preis geteilt.«

Black klopfte ihm wieder beruhigend auf die Schulter.

»Sie verlieren die Nerven, Ikey. Beim Abendessen werden Sie es mir noch danken, daß ich Ihnen viele Tausend Pfund gerettet habe. Er wollte doch das Rennen nicht wiederholen lassen?«

»Wer? Meinen Sie Gresham?«

»Ja – was wollte denn der?«

»Er war nicht sehr dafür. Er meinte, man solle die Pferde nicht überanstrengen.«

Black lachte.

»Das ist doch alles Unsinn!« sagte er verächtlich. »Bilden Sie sich vielleicht ein, daß ein Mann wie er sich darum kümmert, ob sein Pferd ein hartes Rennen hinter sich hat oder nicht? Nein! Er hat alles genausogut beobachtet wie ich. Er sah, daß Ihr fauler Jockei hätte gewinnen müssen, wenn er nicht geschlafen hätte. Natürlich wollte er ein zweites Rennen nicht mehr riskieren. Ich versichere Ihnen, daß ›Timbolino‹ gewinnt.«

Der Optimismus seines Begleiters ermutigte Sir Isaac ein wenig, und er erwartete die Entscheidung in besserer Laune. Dazu kam noch, daß sich die meisten Zuschauer ähnlich äußerten wie Black. Alles setzte auf ›Timbolino‹. Man konnte zwei zu eins gegen ›Nemesis‹ setzen.

Aber diese Stimmung dauerte nur kurze Zeit.

Gresham war mit Mary in den Teeraum gegangen und stand an dem kleinen Eingang, der zu den Tribünen hinaufführte, als ihm der Ruf: »›Nemesis‹ zwei zu eins!« entgegentönte.

»Die werden doch nicht etwa gegen mein Pferd wetten!« rief er erstaunt.

Er winkte einen Bekannten heran, der gerade vorüberging.

»Wird gegen ›Nemesis‹ gewettet?« fragte er.

Der Mann nickte. Es war ein Kommissionsagent, der alle möglichen Aufträge entgegennahm, die man ihm gab.

»Gehen Sie hin und setzen Sie für mich auf ›Nemesis‹. Setzen Sie soviel Geld, wie Sie nur auftreiben können. Sehen Sie zu, daß Sie die Quote auf eins zu eins bringen«, sagte Gresham entschlossen.

Er war kein Spieler, aber er war klug und geschäftstüchtig. Er konnte ein Rennen richtig beurteilen und wußte genau, was sich zugetragen hatte. Daß er plötzlich auf sein eigenes Pferd setzte, machte großen Eindruck. Das Interesse für ›Timbolino‹ flaute ab und wandte sich bis zu einem gewissen Grade ›Nemesis‹ zu.

Dann wurden wieder bedeutendere Summen auf das Pferd von Sir Isaac gesetzt.

Black wettete nicht aufs Geratewohl, aber hier sah er eine Chance, leicht Geld zu verdienen. Er glaubte wirklich, was er Sir Isaac gesagt hatte, und war fest davon überzeugt, daß der Jockei sich keine Mühe gegeben hatte. Da er noch genügend Kredit bei den besten Buchmachern hatte, konnte er hohe Wetten abschließen.

Aufs neue machte sich ein völliger Umschwung bei den Wetten bemerkbar. Wieder war ›Timbolino‹ der Favorit, und ›Nemesis‹ lag schwächer – zuerst sechs zu vier, dann zwei zu eins, dann fünf zu zwei.

Aber nun gingen telegrafische Wetten aus dem ganzen Land ein. Die Resultate des Rennens und knappe Berichte waren in den Abendzeitungen von England, Irland und Schottland erschienen.

Die kleinen Wetter in ganz Großbritannien trafen schnell ihre Entscheidungen und setzten aufs neue. Einige wollten ihre bisherigen Einsätze retten, andere ihre Gewinne, wie sie glaubten, noch vergrößern.

Sie setzten fast ausschließlich auf ›Nemesis‹. Die objektiven Berichterstatter hatten kein anderes Interesse gehabt, als dem Publikum genaue Berichte zu geben und den Verlauf des Rennens so zu schildern, wie er gewesen war. Und sie hatten ein anderes Bild gewonnen als Sir Isaac Tramber und Oberst Black.

Das letzte Rennen war für halb fünf Uhr angesetzt, und nachdem die Pferde am Ziel angekommen und abgesattelt waren, wurden ›Timbolino‹ und ›Nemesis‹, die in dem denkwürdigen Lincolnshire-Handicap ein totes Rennen gelaufen waren, feierlich zur Bahn geführt.

Die Frage des Platzes war bedeutungslos. Zwei erfahrene alte Jockeis ritten die Tiere, und es gab keinen langen Aufenthalt beim Start. Ein Rennen mit nur zwei Pferden gewährleistet jedoch noch nicht den gleichmäßigen Start. Es schien nichts im Wege zu stehen, daß das winzige kleine Feld zur selben Zeit abkam, aber als das Band hochschnellte, drehte sich ›Nemesis‹ gerade halb um und verlor dadurch einige Längen.

»Ich wette auf ›Timbolino‹«, rief jemand mit schriller Stimme am Fuß der Tribünen. Schnell antwortete ein anderer: »Ich nehme an – drei zu eins.«

Die Wette wurde noch von vielen Seiten durch Zuruf angenommen.

Sir Isaac beobachtete das Rennen von unten aus. Black stand an seiner Seite.

»Nun, was habe ich Ihnen gesagt?« fragte der Oberst befriedigt. »Sie haben das Geld so gut wie in der Tasche, mein Junge. Sehen Sie doch, Ikey, mit drei Längen in Front! Das Rennen können Sie ja gar nicht mehr verlieren.«

Der Jockei von ›Nemesis‹ trieb sein Pferd nicht vor der Zeit an, hielt die Zügel kurz und schien sich damit zufriedenzugeben, drei Längen zurückzuliegen. Gresham beobachtete die beiden Pferde durch den Feldstecher und war mit dem Verhalten seines Jockeis zufrieden.

»Sie laufen nicht allzu schnell«, sagte er zu dem Herrn an seiner Seite. »Aber vorhin war ›Nemesis‹ an diesem Punkt noch weiter zurück als jetzt.«

Beide Pferde lagen ruhig im Rennen. Bei dem fünften Achtmeilenpfosten gab der Jockei ›Nemesis‹ die Zügel etwas frei, und ohne offensichtliche Anstrengung verbesserte die Stute ihre Position. Er wußte genau, was er ihr zutrauen konnte, und hielt sie vorläufig zurück.

Der Rest des Rennens ist rasch geschildert. Es war in keiner Weise aufregend, bis sie den letzten Pfosten vor dem Ziel erreichten. In diesem Augenblick sah sich der Jockei von ›Timbolino‹ um.

»Er ist geschlagen«, sagte Gresham halb zu sich selbst. Er wußte aus Erfahrung, daß einige Jockeis die Angewohnheit haben, sich umzudrehen, wenn das Pferd unter ihnen nachläßt.

Zweihundert Yard vom Ziel entfernt holte ›Nemesis‹ mühelos auf, so daß sie mit ihrem Gegner auf gleiche Höhe kam. ›Timbolinos‹ Jockei hob die Peitsche.

Zwei kurze, scharfe Schläge, und das Pferd schoß eine Kopflänge vor. Aber ›Nemesis‹ griff aus, ging an dem rasch zurückfallenden ›Timbolino‹ vorüber und gewann das Rennen leicht mit eineinhalb Längen.

Sir Isaac wollte seinen Augen nicht trauen. Er keuchte schwer, ließ den Feldstecher sinken und starrte bestürzt auf die Pferde.

Es war klar, daß sein Pferd geschlagen war, schon lange, bevor es das Ziel erreicht hatte.

»Er hält das Pferd absichtlich zurück«, schrie er, außer sich vor Wut und Ärger. »Seht doch diesen Betrüger an, ich werde ihn vor das Ehrengericht bringen! So reitet man doch kein Pferd!«

Blacks Hand spannte sich stahlhart um seinen Arm.

»Halten Sie doch den Mund«, flüsterte er ihm zu. »Wollen Sie denn allen Leuten hier auf die Nase binden, daß Sie bankrott sind? Das Rennen ist ganz in Ordnung, Sie sind besiegt. Ich habe ebensoviel verloren wie Sie – machen Sie, daß Sie von hier wegkommen.«

Sir Isaac eilte mitten durch die große Menschenmenge, die erregt über den Ausgang des Rennens debattierte. Er fühlte sich wie betäubt und konnte noch nicht fassen, was das für ihn bedeutete. In seiner Verstörtheit und Verwirrung war ihm nur eins klar: ›Timbolino‹ hatte verloren! Ein dunkles Gefühl sagte ihm, daß er ein ruinierter Mann war, wenn nicht Black ihn auf irgendeine wunderbare Weise aus dieser Situation rettete. Das war die einzige Hoffnung, die ihm blieb – und an diese klammerte er sich jetzt.

»Das Pferd ist mit Absicht zurückgehalten worden«, wiederholte er düster. »Es war ganz unmöglich, daß es verlieren konnte! Das ist doch richtig, Black?«

»Wollen Sie wohl ruhig sein«, fuhr ihn der Oberst an. »Sie werden noch die größten Unannehmlichkeiten haben, wenn Sie Ihre Zunge nicht im Zaum halten.«

Er führte den zitternden Mann von der Bahn fort und ließ ihn einen steifen Brandy trinken.

Allmählich fand der Baronet in die Wirklichkeit zurück, und seine schreckliche Lage kam ihm zum Bewußtsein.

»Ich kann nicht zahlen, Black«, jammerte er. »Was für eine fürchterliche Katastrophe für mich! Was war ich doch für ein Narr, daß ich Ihren Rat annahm! Verdammt noch mal, Sie haben mit Gresham unter einer Decke gesteckt – warum hätten Sie mir sonst den Rat gegeben! Was haben Sie denn bei dem Schwindel verdient?«

»Seien Sie jetzt sofort ruhig! Sie sind wie ein dummes Kind, Ikey. Wozu machen Sie denn diesen Krach? Ich habe Ihnen doch schon gesagt, daß ich ebensoviel verloren habe wie Sie. Nun heißt es sich hinsetzen und einen neuen Plan ausdenken, wie wir zu Geld kommen können. Wieviel haben Sie denn eigentlich verloren?«

Sir Isaac schüttelte hilflos den Kopf.

»Ich weiß es nicht«, sagte er teilnahmslos. »Sechs-oder siebentausend Pfund. Und ich habe augenblicklich nicht einmal sechs-oder siebentausend Pence. Es ist eine schreckliche Katastrophe für mich, Black! Ein Mann in meiner gesellschaftlichen Stellung – ich werde meine Pferde verkaufen müssen!«

»Gesellschaftliche Stellung!« Black lachte geringschätzig. »Darum würde ich mich jetzt am allerwenigsten grämen! Ich glaube, Sie leben tatsächlich nicht in der Wirklichkeit! Ist Ihnen denn nicht klar, daß Sie ebensowenig eine gesellschaftliche Stellung haben wie ich? Wer sorgt sich denn darum, ob Sie Ihre Ehrenschulden zahlen oder nicht? Die Leute werden mehr erstaunt sein, wenn Sie zahlen, als wenn Sie Ihren Verpflichtungen nicht nachkommen. Schlagen Sie sich jetzt einmal all diesen Unsinn aus dem Kopf und werden Sie vernünftig. Sie können alles, was Sie verloren haben, wieder hereinholen und noch viel mehr verdienen. Vor allem müssen Sie heiraten – und zwar schnell. Und dann muß Lady Mary eben das Geld ihres Onkels erben – fast ebenso schnell.«

Ikey sah ihn verzweifelt an.

»Selbst wenn sie mich heiraten würde«, sagte er kleinlaut, »müßte ich noch jahrelang auf das Geld warten.«

Black lachte verächtlich.

*

Auf ihrem Heimweg von der Rennbahn wurden sie von einem Mann überholt, der den Baronet am Arm berührte.

»Entschuldigen Sie, Sir Isaac«, sagte er und überreichte ihm ein Kuvert.

»Für mich?«

Ikey öffnete verwundert den Umschlag. Ein kleiner Zettel und vier Banknoten zu je tausend Pfund kamen zum Vorschein.

Tramber las atemlos:

›Zahlen Sie Ihre Schulden und führen Sie von jetzt an ein anständiges Leben. Meiden Sie Oberst Black wie den Teufel und arbeiten Sie, um Ihren Lebensunterhalt zu verdienen.‹

Die Handschrift sah verstellt aus, aber an der Ausdrucksweise war leicht Lord Verlond zu erkennen.

Darmowy fragment się skończył.

Ograniczenie wiekowe:
18+
Data wydania na Litres:
05 lutego 2026
Objętość:
5250 str. 1 ilustracja
ISBN:
9788027204168
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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