Czytaj książkę: «DER REGENMANN»

INHALTSVERZEICHNIS
COVER
TITEL
PROLOG
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ERSTER TEIL
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ZWEITER TEIL
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DRITTER TEIL
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39
40
NACHWORT
WEITERE TITEL DES AUTORS
LESEPROBE
PROLOG
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
PROLOG
1
Weine nicht, wenn der Regenmann kommt, dam-dam, dam-dam …
Der Regenmann sah zum Himmel und lächelte zufrieden.
Die lückenlose Wolkenschicht hing wie eine erstickende schwarze Decke über der Stadt. Da weder die Sterne noch der Mond zu sehen waren, war die Nacht nahezu stockfinster. Darüber hinaus regnete es in Strömen.
Doch er war über all das nicht unglücklich. Im Gegenteil. Er mochte die Dunkelheit, denn in ihr konnte er sich vor den anderen verbergen. In ihrem Schutz konnte er seine sogenannten Mitmenschen beobachten, ohne dass sie ihn sahen und etwas davon bemerkten. Und wenn es, so wie jetzt, auch noch wie aus Eimern schüttete, fühlte er sich erst recht in seinem Element – beinahe wie ein Fisch im Wasser.
Der Regenmann, wie er sich nicht nur wegen seiner ausgeprägten Vorliebe für Regenwetter selbst nannte, kauerte im Schutz einiger Büsche auf der Rückseite des Grundstücks, das in unmittelbarer Nähe des Waldfriedhofs lag, und beobachtete das Haus. Er trug einen mattschwarzen Regenparka, dessen Kapuze er sich über den Kopf und tief ins Gesicht gezogen hatte. Dazu eine Regenhose, Gummistiefel aus Neopren und extra dicke Einweghandschuhe aus Nitril; alles ebenfalls in Schwarz, sodass er nahezu vollständig mit der geliebten Dunkelheit verschmolz, die ihn wie ein Tarnmantel umgab und für neugierige Augen so gut wie unsichtbar machte. Allerdings sorgten sowohl die Uhrzeit als auch das Wetter ohnehin dafür, dass die Leute zu Hause blieben und nur dann einen Fuß vor die Tür setzten, wenn es absolut notwendig war.
Während er das Haus beobachtete und die Vorgänge darin durch verschiedene Fenster und die Terrassentür aufmerksam im Auge behielt, lauschte er den Regentropfen, die beständig auf seine Kapuze und seine Schultern fielen. Der Rhythmus, mit dem die schweren Tropfen ihn trafen, veränderte sich ständig und bildete Laute, die außer ihm niemand verstehen konnte. Nur er war dank langjähriger Übung dazu in der Lage, das Getrommel in verständliche Worte zu übersetzen. Auch aus diesem Grund war er der Regenmann. Denn der Regen sprach zu ihm; und der Regenmann hörte ihm geduldig zu und tat, was der Regen ihm riet oder von ihm verlangte.
Bald ist es so weit, wisperte der Regen in diesem Moment in seiner plätschernden Regentropfenstimme.
Der Regenmann nickte nur. Es war nicht notwendig, dass er laut sprach. Der Regen verstand ihn auch ohne Worte, denn sie beide waren inzwischen ein eingespieltes Team.
Schon als er ein kleines Kind gewesen war, hatte er zum ersten Mal den unwiderstehlichen Drang verspürt, nach draußen zu gehen, sobald es nach Einbruch der Dunkelheit zu regnen angefangen hatte. Je heftiger der Regen herunterprasselte, desto stärker war auch sein Verlangen, sein Kinderzimmer und das Haus zu verlassen. Doch da zunächst seine Eltern und später seine Pflegeeltern das nie erlaubt hätten und von seiner absonderlichen Liebe für den Regen nichts erfahren durften, weil sie ihn sonst vermutlich für noch merkwürdiger gehalten hätten, als sie das ohnehin schon taten, wartete er immer, bis sie schliefen. Erst dann zog er seine rote Regenjacke über den Schlafanzug und seine quietscheentengelben Gummistiefel an und schlich auf Zehenspitzen aus dem Haus. Es waren die schönsten Stunden seiner Kindheit, als er im Schutz des Regens und der Dunkelheit durch die menschenleeren Straßen, über verlassene Hinterhöfe und durch einsame Gärten huschte, um aus dem Verborgenen heraus heimlich seine Mitmenschen zu beobachten. Dabei lernte er im Laufe der Jahre die Sprache des Regens, der ihm alles über die Welt beibrachte, in der er lebte, und über die Menschen erzählte, die er beobachtete.
Damals war er natürlich noch nicht der Regenmann. Schließlich war er noch ein Kind und gewissermaßen in der Ausbildung. Erst mit seinem ersten Mord vor wenigen Wochen war er zum vollwertigen Regenmann geworden. Die Tat war so etwas wie seine Abschlussprüfung gewesen, sein Gesellenstück. Indem er sie mit Unterstützung des Regens erfolgreich ausgeführt hatte und hinterher nicht erwischt worden war, hatte er die praktische Prüfung mit Bravour und Auszeichnung bestanden.
Seitdem war er der Regenmann.
Und als solcher, also in offizieller Mission, war er heute hier.
Denn es galt, in dieser herrlich regnerischen und stockfinsteren Nacht einen weiteren Mord zu begehen.
Der Regenmann lächelte bei dem Gedanken an das, was schon bald passieren würde. Er konnte es kaum erwarten, endlich loszuschlagen, und zitterte vor Erregung.
Warte noch ein bisschen, flüsterten die Regentropfen ihm zu. Warte auf eine günstige Gelegenheit. Schon bald wird es so weit sein. Hab nur noch ein wenig Geduld.
Obwohl er kein geduldiger Mensch war, nickte der Regenmann. Er hatte verstanden und würde tun, was der Regen ihm sagte. Bisher war dieser ihm stets ein zuverlässiger Mentor und guter Ratgeber gewesen. Der Regen hatte ihm vor seinem ersten Mord gesagt, worauf er besonders achten musste. Und er hatte ihm eingeschärft, was er unter allen Umständen vermeiden sollte, weil er sonst unweigerlich geschnappt werden würde. Nur deshalb hatte er nach der Tat ungesehen und unerkannt verschwinden können. Dafür und für die unzähligen Stunden des Unterrichts während der letzten Jahre schuldete und zollte er dem Regen tiefen Respekt und unendliche Dankbarkeit.
Obwohl die Tropfen des heftigen Regens noch immer ohne Unterlass auf seine Kapuze und seine Schultern prasselten, bildeten sie keine Worte mehr. Der Regen wartete nun schweigend und ebenso gespannt wie er auf den richtigen Moment.
Der Regenmann begann nahezu lautlos vor sich hin zu summen. Als die Regentropfen die Melodie aufnahmen, sang er zu ihrer Begleitung leise ein paar Worte, die beinahe dem korrekten Liedtext entsprachen, die er jedoch ein wenig abgeändert hatte, damit sie besser zu ihm passten:
»Weine nicht, wenn der Regenmann kommt, dam-dam, dam-dam …«
Obwohl die Worte nur ein Hauch waren und darüber hinaus im Stakkato des Starkregens untergingen, verstummte der Regenmann nach dieser einen Zeile sofort wieder. Die Frau im Haus, die er nun schon seit einer Stunde geduldig beobachtete, konnte ihn zwar auf keinen Fall hören, dennoch wollte er kein Risiko eingehen. Der Regen würde es ihm nie verzeihen, wenn er hier und heute einen Fehler beging und versagte.
Deshalb beschränkte er sich von nun an wieder vollständig aufs Beobachten und verhielt sich dabei mucksmäuschenstill.
Da im Wohnzimmer des Hauses Licht brannte, konnte er dabei zusehen, wie die Frau in diesem Moment wieder das Zimmer betrat und mit ihrer Katze sprach. Natürlich konnte er die Worte der Frau ebenso wenig hören wie sie zuvor seinen leisen Gesang. Dafür war der Regen zu laut und er zu weit entfernt. Außerdem befand sie sich innerhalb des Hauses, und er kauerte draußen im Garten zwischen den Büschen. Er konnte jedoch sehen, wie sich ihre Lippen bewegten. Das Tier reagierte allerdings nicht auf die Worte der Frau mit den kurzen blonden Haaren. Es saß direkt vor der Terrassentür und starrte nach draußen.
Der Regenmann erwiderte den Blick der Katze und erschauderte. Obwohl er hinter den Büschen hockte, die Regentropfen einen dichten Vorhang bildeten und er in seinen schwarzen Regensachen mit der Dunkelheit verschmolz, hatte er dennoch das Gefühl, dass das Tier ihn ansah. Es starrte, ohne ein einziges Mal zu blinzeln, genau in seine Richtung. Unter Umständen spürte es mit seinen viel feineren Sinnen seine Gegenwart.
Blödes Vieh!
Er mochte keine Tiere, schon gar keine Katzen. Auf seinen nächtlichen Streifzügen war er vielen begegnet und hatte stets einen Bogen um sie gemacht. Vor allem konnte er es nicht ausstehen, wie sie ihn ansahen: ohne jede Furcht und so wissend und gleichzeitig berechnend. Als könnten sie in sein Innerstes sehen, seine verborgensten Gedanken erfassen und wüssten alles über ihn, sogar seine finstersten Geheimnisse.
Er erschauderte erneut unter dem intensiven Blick des Tiers.
Am liebsten wäre es ihm gewesen, wenn die Frau überhaupt keine Katze gehabt hätte. Doch er war einen Deal eingegangen und hatte zugestimmt, sie zu töten. Deshalb musste er jetzt auch mit ihrem Haustier klarkommen, ob er wollte oder nicht.
Er seufzte tief. Dann wandte er rasch den Blick von der Katze und sah wieder zu der Frau.
Der Regen schien seine Nervosität und Verunsicherung zu spüren. Er sprach wieder in seiner sanften Regentropfenstimme zu ihm.
Die Katze ist kein Problem, flüsterte der Regen, denn sie ist kein Gegner für dich. Zuerst tötest du die Frau und anschließend kümmerst du dich um das Tier. So ist es vereinbart.
Der Regenmann war dankbar für die Worte des Regens, denn sie gaben ihm wieder Zuversicht. Das Lächeln kehrte auf seine Züge zurück. Er summte erneut die Melodie seines Lieblingsliedes, die von den Regentropfen freudig aufgenommen wurde. Dann sang er leise und lächelte dazu:
»Weine nicht, wenn der Regenmann kommt, dam-dam, dam-dam …«
2
Yin reagierte nicht auf ihre Worte und tat einfach so, als hätte er sie nicht gehört. Er saß weiterhin mit dem Rücken zu ihr vor der Terrassentür und starrte nach draußen, als hoffte er, es könnte jeden Moment wie durch ein Wunder zu regnen aufhören, sodass er doch noch ins Freie konnte. Doch der Regen war nach Anjas Meinung viel zu heftig, als dass alsbald mit einem Ende gerechnet werden konnte.
Anja Spangenberg seufzte. So leid ihr der Kater auch tat, konnte sie ihm dennoch nicht helfen. Sie konnte sich nicht einmal mit ihm beschäftigen, um ihn abzulenken, da sie im Augenblick einfach keine Zeit dafür hatte. Ihre Cousine Tanja würde sie in knapp einer Stunde abholen, weil sie ins Kino gehen wollten. Und vorher musste sie noch duschen.
Da sie seit heute Urlaub hatte, hatte sie sich die freie Zeit damit vertrieben, im Garten rund ums Haus einige Arbeiten zu verrichten, die sie nun schon eine Weile vor sich hergeschoben hatte, die aber endlich gemacht werden mussten. Die Gartenarbeit hatte sie zudem davor bewahrt, über ihre Arbeit nachzugrübeln. Denn auch wenn sie momentan Urlaub hatte, konnte sie nicht einfach von heute auf morgen abschalten.
Anja war Kriminalhauptkommissarin bei der Kripo München und arbeitete im Kommissariat 14, der sogenannten Vermisstenstelle, die für unbekannte Tote und Vermisste zuständig war. Anjas Aufgabenbereich beschränkte sich allerdings auf vermisste Personen. Darüber war sie froh, denn sie hegte eine heftige Aversion gegen Leichen, die schon beinahe das Ausmaß einer Nekrophobie besaß, einer krankhaft übersteigerten Angst vor Toten und toten Dingen.
Sie liebte ihren Beruf, der ihr manchmal extrem viel abverlangte – vor allem, wenn es wieder einmal darum ging, eine unbekannte Leiche als einen ihrer Vermissten zu identifizieren. Er verschaffte ihr aber auch immer wieder eine enorme Befriedigung, wenn es ihr beispielsweise gelang, eine abgängige Person wiederzufinden und wohlbehalten zu ihrer Familie zurückzubringen. Nach Dienstschluss und in ihrer Freizeit gelang es ihr allerdings selten, einfach den Schalter umzulegen und jeden Gedanken an die vermissten Personen, deren Akten momentan auf ihrem Schreibtisch in der Dienststelle lagen, komplett zu unterdrücken. Dafür ging ihr das Schicksal der Personen, die verschwunden waren, oftmals ohne einen einzigen Hinweis auf ihr Schicksal zu hinterlassen, einfach zu nahe. Und deshalb war jedes Bemühen, ihre Arbeit und die vermissten Personen, für die sie die Verantwortung trug, aus ihrem Bewusstsein zu verbannen, von vornherein komplett zum Scheitern verurteilt.
Außerdem gab es noch zahlreiche andere Dinge, die ihr ständig ungewollt in den Sinn kamen.
Die Aufklärung des als Suizid getarnten Mordes an ihrem Vater vor fünfundzwanzig Jahren zum Beispiel, bei der sie noch keinen einzigen Schritt vorangekommen war, obwohl sie mit dessen Bruder Christian einen erstklassigen Verdächtigen hatte. Doch trotz der mehrmonatigen stundenweisen Beobachtung durch einen ehemaligen Kollegen ihres Vaters konnten sie ihrem Onkel bislang nicht das Geringste nachweisen. Ja, sie konnte noch nicht einmal mit Fug und Recht behaupten, dass er der mehrfache Mörder war, für den sie ihn insgeheim hielt. Da sich die Überwachung letztendlich als kompletter Fehlschlag und Zeitverschwendung erwiesen hatte, hatten sie vor ein paar Wochen beschlossen, sie einzustellen.
Eine weitere Sache, die sie seit ein paar Monaten immer wieder gedanklich beschäftigte, war die ebenfalls erfolglose Fahndung nach einem Mann, der sich Martin Keller genannt hatte, dessen richtigen Namen sie jedoch nicht kannte. Er war Geschäftsführer einer obskuren Organisation namens Hades, die für ihre reichen Mitglieder Menschenjagden und Organspenden organisiert hatte. Auch Anja wurde, als sie ein paar verdächtige Vermisstenfälle untersuchte und dabei dem Treiben von Hades auf die Spur kam, von drei Jägern durch den Wald gejagt, um wie ein Wildtier erlegt zu werden. Allerdings gelang es ihr, den Spieß umzudrehen. Leider konnten die Jäger unerkannt entkommen. Und auch Keller und seine Handlanger verschwanden, bevor Anjas Kollegen zur Stelle waren, um sie für ihre Taten zur Rechenschaft zu ziehen. Zweifellos setzte Keller seine Arbeit inzwischen unter anderem Namen an einem anderen Ort fort und verschwendete vermutlich keinen einzigen Gedanken an Anja. Dennoch musste sie immer wieder an ihn denken. Und das nicht nur, weil sie ihn anfangs für ausgesprochen sympathisch gehalten und sogar gern gehabt hatte. Trotz seiner telefonischen Zusicherung, dass er nicht vorhabe, sie aufzusuchen, kribbelte es bei dem Gedanken an ihn jedes Mal zwischen ihren Schulterblättern, und sie warf zur Sicherheit einen Blick über die Schulter, ob er nicht plötzlich hinter ihr stand.
Doch über diese Dinge wollte Anja nicht ausgerechnet jetzt nachdenken. Denn erstens hatte sie das schon so oft getan, dass sich ihre Gedanken mittlerweile nur noch im Kreis drehten und ohnehin nichts Neues ergaben. Und zweitens hatte sie nun einmal Urlaub. Und den wollte sie nach Möglichkeit genießen, ohne ständig an durchgeknallte Psychopathen, skrupellose Verbrecher oder gemeingefährliche Serienkiller zu denken. Davon hatte sie in den letzten zwei Jahren mehr als genug gehabt. Und darauf könnte sie, wenn es nach ihr ginge, in Zukunft gut und gerne verzichten. Deshalb verfolgte sie diese Gedanken nicht weiter, sobald sie ihr ungewollt in den Sinn kamen, auch wenn es ihr schwerfiel.
Sie seufzte und richtete ihre Aufmerksamkeit erneut auf den Kater, der wieder einmal so tat, als wäre er eine Katzenstatue. Ein deutliches Zeichen, dass er momentan mordsmäßig sauer war. Vermutlich gab er ihr die Schuld an dem miserablen Wetter, das ihn daran hinderte, durch die Umgebung zu streifen, was er mit Vorliebe tat, seit sie vor annähernd vier Monaten hier eingezogen waren. Als wäre sie in der Lage, das Wetter zu beeinflussen.
Yin hatte früher auf einem Bauernhof gelebt und dort vermutlich viel Zeit mit der Jagd auf Mäuse, Vögel und anderen Kleintiere verbracht, was für eine Katze nur artgerecht war und seinen jetzigen Drang ins Freie erklärte. Allerdings hatte er sich dort auch ständig vor den brutalen Übergriffen des Sohnes der verwitweten Bäuerin in Acht nehmen müssen, der bereits Yins Gefährtin Yang getötet hatte. Auf der Suche nach einer verschwundenen Studentin war Anja in die Gewalt der Bäuerin und ihres Sohnes geraten. Sie konnte sich allerdings befreien und ihre Peiniger mit viel Glück und Yins Unterstützung töten. Anschließend adoptierte sie den herrenlosen Kater gewissermaßen und nahm ihn mit in ihre damalige Wohnung in der Nähe des Westparks. Doch dort hatte das Tier keine Gelegenheit, nach draußen zu kommen, und musste die ganze Zeit in der Wohnung verbringen, davon mehrere Stunden pro Tag allein, während Anja in ihrer Dienststelle war und ihren Job erledigte.
Damit der Kater endlich wieder seinen notwendigen Auslauf bekam, hatte Anja sich schließlich schweren Herzen dazu entschlossen, in das Haus zu ziehen, das ihr verstorbener Ehemann Fabian von seinen Großeltern geerbt hatte. Es lag in unmittelbarer Nachbarschaft des Waldfriedhofs, wo sowohl ihr Vater als auch ihr Mann begraben lagen. Nach seinem Tod war es eine Weile leer gestanden, weil Anja es nicht über sich bringen konnte, hier einzuziehen. Das Haus war mit Erinnerungen an Fabian erfüllt – schöne und weniger schöne –, und seit sie wieder hier wohnte, musste sie noch öfter als früher an ihn denken. Außerdem war ihre alte Wohnung näher an ihrer Dienststelle gelegen, sodass sie das Auto oft in der Tiefgarage hatte stehen lassen und zu Fuß in die Arbeit gehen können. Und der Westpark, in dem sie am liebsten ihre Laufrunden drehte, war praktisch nur einen Steinwurf entfernt gewesen.
Doch letzten Endes war der Ortswechsel für alle besser, und sie hatte es bislang auch nicht bereut, dass sie die Wohnung aufgegeben hatte und in das leerstehende Haus gezogen war. Für Yin war ein Haus mit Garten auf jeden Fall die bessere Wahl. Und auch sie hatte sich hier rascher wieder eingewöhnt, als sie zunächst angenommen hatte. Außerdem konnte sie auch weiterhin wie gewohnt im Westpark ihre Runden drehen. Er lag zwar nicht mehr unmittelbar vor der Haustür, war aber lediglich anderthalb Kilometer entfernt, sodass sie in wenigen Minuten dort sein konnte.
Ausschlaggebend für den Tapetenwechsel war allerdings nicht Yins Bedürfnis nach Freigang gewesen, sondern der Umstand, dass Anja im Zuge ihrer Ermittlungen, die sie auf die Spur von Martin Keller und der Organisation Hades gebracht hatten, gezwungen gewesen war, in ihren eigenen vier Wänden in Notwehr einen gesuchten Mörder zu töten. Nach diesem Vorfall war es ihr entschieden leichter gefallen, die Wohnung trotz ihrer unbestreitbaren Vorteile aufzugeben. Im Übrigen sparte sie sich seitdem die Miete.
Allerdings war sie nunmehr auch gezwungen, Gartenarbeit zu verrichten, eine Tätigkeit, die sie insgeheim verabscheute. Eine Weile hatte sie es zwar noch vor sich herschieben können, doch mittlerweile war es überfällig gewesen, sonst hätten sich vermutlich demnächst die Nachbarn über den verwahrlosten Garten beschwert, allen voran die neugierige Frau Stanglmayer von nebenan. Aus diesem Grund hatte sie auch gleich den ersten Tag ihres Urlaubs dazu genutzt, denn wenn sie sich heute nicht dazu aufgerafft hätte, wäre es bestimmt bis zum Ende ihrer freien Tage liegen geblieben. Und wer weiß, wann sie dann wieder Zeit dafür oder Lust darauf gehabt hätte. Während der ungewohnten gärtnerischen Arbeit an der frischen Luft war sie gehörig ins Schwitzen gekommen, auch deshalb benötigte sie jetzt dringend eine Dusche.
Doch vorher wollte sie noch versuchen, Yin etwas zu trösten. Deshalb ging sie zu ihm und neben ihm in die Hocke, damit sie ihn streicheln konnte. Doch der Kater reagierte weder auf ihre Nähe noch auf die Berührung. Er starrte weiterhin nach draußen, als hätte er dort etwas Hochinteressantes erspäht, das er auf keinen Fall aus den Augen lassen wollte. Anja richtete ihren Blick ebenfalls nach draußen, doch alles, was sie sehen konnte, war ein Spiegelbild des hell erleuchteten Wohnzimmers mit dem Kater und ihr selbst vor dem finsteren Hintergrund der regnerischen Nacht. Außerdem fiel der Regen schräg gegen die Glasscheibe und lief in zahlreichen langen Bahnen daran herunter. Yin konnte also gar nichts erspäht haben, das sich möglicherweise dort draußen befand. Aber vielleicht war es ja auch eher so, dass er mit seinen erheblich ausgeprägteren tierischen Sinnen etwas spürte, das sich im Schutz des Regens im Garten herumtrieb.
»Was ist denn da draußen?«, fragte Anja die Katze, wohl wissend, dass schon allein die Frage Unsinn war und sie natürlich keine Antwort bekommen würde. Allerdings erwartete sie insgeheim eine andere Reaktion des Tiers.
Doch Yin bewegte keinen Muskel, er schien nicht einmal zu blinzeln. Unter ihren Fingern, mit denen sie noch immer über sein glänzendes schwarzes Fell strich, konnte sie spüren, wie angespannt das Tier war. Es vibrierte geradezu vor innerer Erregung.
»Was ist denn los, Yin?«
Noch immer keine Reaktion.
Erneut richtete Anja ihren Blick in die Richtung, in die der Kater gebannt starrte. Doch das Ergebnis war dasselbe wie zuvor. Die Scheibe spiegelte lediglich das Innere des Hauses wider und ließ nichts von dem erkennen, was außerhalb dieser vier Wände geschah. Sie überlegte, ob sie die Terrassentür öffnen und nachsehen sollte, ob da draußen etwas war. Vielleicht nur ein anderer Kater, mit dem Yin Revierstreitigkeiten ausfocht, obwohl Anja bezweifelte, dass bei diesem Sauwetter auch nur eine einzige Katze unterwegs war.
Der heftige Regen überzeugte sie zudem davon, dass es momentan nicht ratsam war, die Tür zu öffnen und auch nur den Kopf nach draußen zu strecken. Ihr kurzes dunkelblondes Haar wäre innerhalb eines einzigen Augenblicks völlig durchnässt, und dann müsste sie mit tropfnassen Haaren durchs Haus laufen.
Keine gute Idee!
Sie seufzte und richtete sich auf. Was immer die Aufmerksamkeit der Katze auf sich gezogen hatte, würde vermutlich von allein wieder verschwinden. Falls da draußen überhaupt etwas war. Vielleicht war Yin auch nur wegen des heftigen Regens so angespannt, der verhinderte, dass er raus konnte.
Anja zuckte mit den Schultern. Obwohl sie sich umdrehen und nach oben gehen wollte, um zu duschen, blieb sie noch einen Moment länger neben ihrem Hausgenossen stehen und richtete ihren Blick erneut auf das gespiegelte Wohnzimmer vor ihr.
Und plötzlich hatte sie das intensive Gefühl, beobachtet zu werden. Sie erschauderte und legte unwillkürlich die Arme um den Oberkörper, als wäre ein eisiger Luftzug durchs Wohnzimmer geweht, der sie frösteln ließ.
Das Gefühl währte nur den Bruchteil eines Augenblicks, sodass Anja sich gar nicht sicher war, ob sie es sich nicht nur eingebildet hatte. Dennoch trat sie automatisch einen Schritt zurück.
Verärgert über ihre ängstliche Reaktion auf ein derart irrationales Empfinden schüttelte sie den Kopf.
»Ich muss jetzt duschen«, sagte sie zu Yin, der sie noch immer hartnäckig ignorierte. »Und du kannst von mir aus gerne weiterhin die Terrassentür bewachen und den Garten im Auge behalten, wenn du willst.« Damit wandte sie sich schulterzuckend ab und verließ das Wohnzimmer.
3
Der Regenmann beobachtete, wie die Frau aus dem Zimmer ging. Dabei ließ sie das Licht brennen. Entweder ging sie nur in die Küche oder auf die Toilette und kam gleich wieder zurück, sodass es sich nicht lohnte, das Licht auszumachen. Oder aber sie wollte die blöde Katze nicht im Dunkeln sitzen lassen.
Er hob den Blick und behielt die Fenster im oberen Stockwerk im Auge. Da er das Haus bereits in der vorherigen Nacht für eine Weile beobachtet hatte, wusste er genau, welche Räume hinter den jeweiligen Fenstern lagen. Nun wartete er angespannt und leckte sich dabei immer wieder mit der Zunge nervös über die Lippen, die schon etwas wund waren.
Hab noch ein klein wenig Geduld!, ermahnte ihn die Regentropfenstimme. Gleich ist es so weit.
Der Regenmann nickte gehorsam und entspannte sich wieder etwas. Denn wenn der Regen sagte, dass es gleich an der Zeit sei, dann war es auch so. Schließlich wusste sein Mentor alles und hatte immer recht.
Im nächsten Moment registrierte er mit Erleichterung und Genugtuung, dass hinter einem der Fenster im Obergeschoss ein Licht anging. Der Regenmann wusste, dass es sich dabei um das Badezimmer handelte.
Endlich war der Moment des Handelns gekommen, und er konnte zuschlagen!
Jetzt!, gab ihm nun auch der Regen das ersehnte Startsignal.
Erregung und Vorfreude erfüllten den Regenmann gleichermaßen, als er sein Versteck zwischen den nassen Büschen aufgab und über den Rasen zur Terrasse lief. Erst unmittelbar vor der Terrassentür stoppte er seinen Lauf abrupt.
Die Katze war bei seinem Auftauchen aufgesprungen. Sie machte mit gesträubtem Fell einen Buckel und fauchte ihn durch die Scheibe, über die der Regen lief, angriffslustig an, während ihr Schwanz hin und her peitschte.
Der Regenmann verzog missmutig das Gesicht. Er hasste es, wenn diese hinterhältigen Mistviecher so etwas machten. Er erinnerte sich daran, was der Regen ihm gesagt hatte. Erst sollte er die Frau töten und sich dann um die Katze kümmern. Aber wie sollte er das hinkriegen, wenn das Vieh sich ihm in den Weg stellte. Konnte er es wagen, den Anweisungen des Regens zuwiderzuhandeln, indem er die Katze vor der Frau tötete? Er leckte sich unschlüssig über die Lippen.
Warte noch etwas, bevor du ins Haus gehst, riet ihm der Regen.
Erleichtert, dass er in diesem Moment keine eigenständige Entscheidung treffen musste, befolgte der Regenmann den Rat und beobachtete argwöhnisch die Katze.
Das Tier schien irritiert zu sein. Sein aggressives Verhalten hatte den schwarz gekleideten Mann auf der Terrasse nicht vertrieben. Außerdem war er groß und wirkte dadurch bedrohlich, was die Katze allmählich einzuschüchtern schien. Sie stellte ihre Drohgebärden ein und wich langsam zurück. Ihre Ohren lagen dabei flach am Kopf an, und ihr Schwanz war unter den Körper geschlagen. Als der Abstand ihrer Meinung nach groß genug war, sodass sie es gefahrlos wagen konnte, ihm den Rücken zuzuwenden, drehte sie sich um und rannte so schnell aus dem Wohnzimmer, dass der Regenmann ihr kaum mit den Augen folgen konnte.
Er konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Der Regen musste gewusst oder zumindest vorausgesehen haben, dass die Katze sich mehr vor ihm fürchtete als er vor ihr, und hatte ihm, wie immer, den richtigen Ratschlag erteilt. Was wieder einmal bewies, wie gut es war, den Regen auf seiner Seite zu haben und stets auf ihn zu hören.
Aus diesem Grund war er auch so froh, dass es regnete, denn ansonsten hätte er auf die Unterstützung des Regens verzichten müssen. Einerseits bot ihm der Vorhang aus Regentropfen Deckung vor neugierigen Blicken. Andererseits gab der Regen ihm in seiner unendlichen Weisheit und Intelligenz die notwendigen Anweisungen und teilte ihm jederzeit hilfreiche Ratschläge und Verhaltensregeln mit. Ohne die Hilfe des Regens hätte der Regenmann ein solches Unterfangen niemals erfolgreich durchführen können. Denn auf sich allein gestellt war er weder mutig noch klug. Erst im Schutz des nächtlichen Regens und mit seiner Unterstützung wuchs er über sich hinaus und konnte Dinge tun, zu denen er ansonsten nie in der Lage gewesen wäre.
Jetzt ist es an der Zeit, dir Zutritt zum Haus zu verschaffen!
Ohne den Weckruf des Regens hätte der Regenmann den richtigen Zeitpunkt verpasst, denn er war in Gedanken versunken gewesen. Dabei durfte er sich so etwas hier und jetzt gar nicht erlauben. Er ärgerte sich daher über sich selbst und beschloss, sich ab jetzt noch besser zu konzentrieren. Er durfte seinen Lehrmeister auf keinen Fall enttäuschen, sonst hätte er den Ehrentitel eines Regenmannes nicht verdient.
Rasch zog er den Reißverschluss des Regenparkas herunter und holte einen großen Schraubenzieher aus der Innentasche. Nachdem die Frau gestern zu Bett gegangen war, hatte er sich auf Anraten des Regens die Fenster und die Terrassentür aus der Nähe angesehen. Er wusste daher, dass es keine besonderen Sicherheitsvorkehrungen wie zum Beispiel eine Alarmanlage oder spezielle Tür- und Fensterverriegelungen gab. Es war daher auch für ihn, der alles andere als ein professioneller Einbrecher war, ein Leichtes, die Terrassentür mithilfe des Schraubenziehers aufzuhebeln, ohne dabei allzu viel Lärm zu verursachen.
Sobald er im Haus war, schob er die Tür hinter sich zu, obwohl sie jetzt natürlich nicht mehr schloss, und lauschte auf die Geräusche aus dem Haus. Er hörte allerdings nichts, nur das beständige Rauschen des Regens außerhalb des Hauses.
Geh nach oben! Kümmere dich um die Frau!
Obwohl die Regentropfen ihn hier drinnen nicht mehr erreichten, konnte er die Stimme des Regens noch immer hören, denn er prasselte weiterhin gegen die Scheiben hinter ihm und auf das Dach des Hauses und veränderte dabei ständig seinen Rhythmus. Die Regentropfenstimme klang zwar gedämpft und etwas undeutlich, dennoch verstand der Regenmann noch immer jedes einzelne Wort.
Er verstaute den Schraubenzieher und schloss den Reißverschluss des Parkas. Dann zog er ein Jagdmesser mit fünfzehn Zentimeter langer Edelstahlklinge und Hirschhorn-Griffschalen aus der Scheide, die er in den Bund seiner Regenhose geschoben hatte. Anschließend machte er sich mit vor Aufregung und Vorfreude heftig klopfendem Herzen umgehend auf den Weg nach oben.
Von der Katze war nichts zu sehen. Vermutlich hatte sich der kleine haarige Feigling irgendwo verkrochen. Der Regenmann war einerseits froh darüber, denn auf diese Weise konnte er seine Aufgabe exakt so erfüllen, wie der Regen es ihm gesagt hatte. Allerdings würde er nach der Tötung der Frau nach dem blöden Tier suchen müssen, um es ebenfalls wie geplant zu erledigen.
Auf halber Höhe der Treppe hörte er erstmals das Rauschen der Dusche im Badezimmer, das bislang vom Regen übertönt worden war. Langsam näherte er sich der Tür, das Messer zum Zustoßen bereit in der Faust. Dabei bemühte er sich nicht einmal, besonders leise zu sein oder sich anzuschleichen, denn solange die Frau unter der Dusche stand, konnte sie ihn ohnehin nicht hören. Er hob die freie linke Hand, um sie auf die Klinke zu legen und die Tür zu öffnen, als ihn die Stimme des Regens abrupt innehalten ließ.
Warte!
Der Regenmann verharrte sofort regungslos, als wäre er schockgefroren worden. Er wagte keinen Muskel zu rühren, solange der Regen es ihm nicht erlaubte. Und er hinterfragte die Anweisung seines Mentors auch nicht. Der Regen war viel schlauer und erfahrener als er und hatte mit Sicherheit gute Gründe dafür, ihn zurückzuhalten.
Wenige Augenblicke später verstummte das Rauschen der Dusche.
Der Regenmann erbebte vor Aufregung und mühsam unterdrückter Vorfreude, denn jetzt konnte es jeden Augenblick so weit sein. Er stand wie eine gespannte Feder so dicht vor der Badezimmertür, dass er sie beinahe berührte, während seine zitternde Hand über der Türklinke schwebte, um die Tür sofort aufreißen zu können, sobald der Regen endlich das Kommando dazu gab.
Gleich!, raunte die gedämpfte Tropfenstimme des Regens, der die Ungeduld seines Schützlings natürlich spürte. Gleich ist es so weit!
4
Sobald Anja das Wasser abgestellt und die Tür der Dusche geöffnet hatte, griff sie nach dem Handtuch und trocknete sich etwas ab, sodass sie nicht länger tropfnass war. Erst dann verließ sie die Duschkabine und trat auf den Badvorleger, um sich im Spiegel betrachten zu können, der kaum beschlagen war.
Ihr dunkelblondes Haar war nach einem kürzlichen Friseurtermin momentan wieder kurz geschnitten, nachdem sie es eine Weile hatte wachsen lassen. Es war zerzaust und stand nach allen Seiten ab. Aber das war nicht nur jetzt, unmittelbar nach dem Duschen, sondern in der Regel auch im trockenen Zustand der Fall, sodass sie meistens aussah, als wäre sie in einen heftigen Sturm geraten. Sie hatte ein herzförmiges Gesicht mit hohen, markanten Wangenknochen, dazu grüne, ausdrucksstarke Augen, eine schmale, gerade Nase und einen ihrer Meinung nach etwas zu breiten Mund mit zu dünnen Lippen. Die 35-jährige Kriminalbeamtin war ein Meter zweiundsiebzig groß. Außerdem war sie schlank und machte insgesamt einen sportlichen Eindruck, was vermutlich vor allem daran lag, dass sie möglichst regelmäßig ihre Runden durch den Westpark drehte. Anja musterte sich zunächst mit kritischem Blick, doch dann nickte sie. Alles in allem war sie bis auf ein paar kleinere Mängel mit ihrem Aussehen und ihrer Figur zufrieden.
Anja hängte das feuchte Duschhandtuch über den Handtuchhalter, als sie das Schaben hörte. Sie wirbelte blitzschnell herum und sah mit nachdenklich gerunzelter Stirn und aus misstrauisch zusammengekniffenen Augen zur Tür, woher der Laut gekommen war.
Was war das?
Es hatte sich angehört, als wäre etwas an der Außenseite des Türblatts entlanggestrichen. Im Grund ein absolut harmloser Laut. Doch hier und jetzt, wo außer Yin und ihr niemand im Haus sein durfte, dennoch hochgradig verdächtig. Vor allem nach den dramatischen Ereignissen in der jüngsten Vergangenheit und in Anbetracht der Tatsache, dass sie schon mehrmals das Zielobjekt diverser Serienkiller und Mörder gewesen war.
Aus diesem Grund tat Anja das Geräusch auch nicht sofort als unbedenklich und ungefährlich ab, wie sie es normalerweise getan hätte, sondern beschloss, auf Nummer sicher zu gehen und vorsichtig zu sein.
Da sie noch immer nackt war, kam sie sich in diesem Moment umso verletzlicher vor. Deshalb zog sie sich eilig ihren Bademantel über und band den Gürtel zu. Dann sah sie sich nach einem Gegenstand um, der halbwegs als Ersatz für eine richtige Waffe taugte und mit dem sie sich gegen einen Angriff verteidigen könnte. Doch es gab nichts, das für eine derartige Aufgabe auch nur halbwegs geeignet war, da sie im Bad nichts aufbewahrte, das sich als provisorische Waffe verwenden ließ. Also musste sie sich auf ihre Kenntnisse der waffenlosen Selbstverteidigung verlassen. Zur Not konnte sie sich nämlich auch waffenlos zur Wehr setzen.
Vermutlich ist es ohnehin nur falscher Alarm.
Der Gedanke beruhigte sie etwas. Und bevor sie es sich anders überlegen konnte und sie der Mut verließ, ging sie auf Zehenspitzen zur Tür und riss diese ruckartig auf. Denn falls dort draußen tatsächlich jemand lauerte, würde sie die Person mit dieser Aktion überrumpeln.
Doch dann war sie es, die vor Überraschung aufschrie.
5
Urplötzlich wurde die Tür vor ihm geöffnet. Doch der Regenmann hatte damit gerechnet, denn der Regen hatte ihn den Bruchteil eines Augenblicks vorher gewarnt. Deshalb reagierte der Regenmann unverzüglich, ohne dabei auch nur eine einzige Sekunde zu zögern.
Die Frau schrie erschrocken. Ihre Augen weiteten sich, als sie ihn sah, denn mit einem nächtlichen Eindringling, der vom Kopf bis zu den Füßen in nasser schwarzer Regenkleidung steckte, hatte sie zweifellos nicht gerechnet.
»Überraschung«, sagte er, während seine linke Hand sich bereits um ihren Hals legte und verhinderte, dass sie ein zweites Mal schrie. Dann begann er zu singen.
»Weine nicht, wenn der Regenmann kommt, dam-dam, dam-dam.«
Nach dieser einen Liedzeile verstummte er wieder. Anschließend verstärkte er den Druck seiner Finger um ihren Hals und hob ihren Körper gleichzeitig ein Stück weit an, sodass ihre nackten Füße den Bodenkontakt verloren und in der Luft baumelten.
Ihre Augen wurden größer, so als wollten sie aus ihren Höhlen rollen, als sie keine Luft mehr bekam. Sie strampelte mit den Füßen, hob die Hände und versuchte vergeblich, den stahlharten Griff um ihren Hals zu lockern.
Der Regenmann lächelte verzückt. Es war alles vollkommen anders als bei seinem ersten Mord und daher neu und aufregend. Seitdem hatte er sich die Szene immer und immer wieder in Erinnerung gerufen und sich daran erfreut. Doch diesmal war es sogar noch besser, denn beim ersten Mal hatte er noch improvisieren müssen. Außerdem war es natürlich um ein Vielfaches besser und erregender, es leibhaftig erleben zu dürfen, als sich nur daran zu erinnern.
Er ging drei Schritte nach vorn, bis er mitten im Badezimmer stand, und trug die heftig strampelnde Frau dabei mühelos vor sich her.
Zeit für Stufe zwei!
Sobald der Regenmann das ersehnte Kommando bekommen hatte, stieß er mit dem Jagdmesser zu. Er glaubte, dass die Frau die Stichwaffe in seiner rechten Hand noch gar nicht bemerkt hatte. Vermutlich ging sie noch immer davon aus, dass die größte Gefahr für sie von der Hand um ihre Kehle ausging, die ihr die lebensnotwendige Luft zum Atmen nahm. Doch die wahre Gefahr lauerte woanders.
Die Klinge bohrte sich mühelos durch den Stoff des Bademantels. Dann durchtrennte sie Haut, Fett und Muskelgewebe, bis sie bis zum Heft im Bauch der Frau steckte.
Diese stieß trotz des stählernen Griffs um ihren Hals ein dumpfes Stöhnen aus, als sie der unerwartete Angriff wie ein Magenschwinger traf. Doch noch hatte sie scheinbar nicht realisiert, was soeben geschehen war. Das Adrenalin, das sie erfüllte, verhinderte bislang wohl, dass sie den Schmerz spürte.
Der Regenmann zog die lange Klinge langsam aus ihrem Körper. Er senkte den Blick und beobachtete zufrieden, wie sich der roséfarbene Bademantel um die Einstichstelle herum dunkelrot verfärbte und der Fleck sich dann rasch ausbreitete.
Doch eilig hob er den Blick wieder, um der Frau erneut ins Gesicht zu sehen. Er wollte auf keinen Fall den magischen Moment verpassen, wenn sie endlich realisierte, dass sie tödlich verwundet war und unweigerlich sterben würde. Denn nur für diesen einen kostbaren Augenblick tat er dies alles.
Endlich spürte die Frau den Schmerz, den die heftige Stichwunde in ihrem Bauch verursachte. Sie verzog gequält das Gesicht, während ihr gleichzeitig Tränen in die Augen schossen und über ihre geröteten Wagen liefen. Gleichzeitig stellte sie ihr Strampeln ein und ließ die Arme sinken, als wären sie plötzlich bleischwer.
Der Regenmann wartete gespannt und hielt den Atem an, sodass für eine Weile keiner der beiden Anwesenden atmete.
Doch noch war es nicht so weit. Die Frau schien noch immer nicht realisiert zu haben, dass sie so gut wie tot war. Trotz der tiefen, stark blutenden Wunde hob sie erneut die Hände. Allerdings schien sie die Sinnlosigkeit ihres vorherigen Tuns eingesehen zu haben. Denn anstatt weiterhin zu versuchen, seine Hand von ihrem Hals zu zerren, schlug sie nun nach ihm. Hinter ihren Hieben steckte jedoch nicht genug Kraft, um ihm etwas anzuhaben. Und mit jedem Tropfen Blut, der aus ihrem Körper floss, wurden ihre Schläge ziel- und kraftloser.
Dennoch knurrte der Regenmann unwirsch, denn jetzt war er gezwungen, ein zweites Mal zuzustechen.
Dieses Mal stieß er die Klinge in ihre Brust. Er achtete dabei allerdings darauf, dass er nicht versehentlich ihr Herz durchbohrte. Schließlich wollte er nicht, dass sie starb, bevor der Augenblick des Erkennens ihrer aussichtslosen Lage gekommen war. In dem Fall wäre die ganze Sache umsonst gewesen und ihr Tod eine Enttäuschung.
Trotz des eisernen Griffs um ihre Kehle ächzte die Frau, als der zweite Messerstich sie nicht nur mit der Wucht eines heftigen Faustschlags traf und ihr auch noch das letzte Quäntchen Atemluft aus der Lunge presste, sondern darüber hinaus die Klinge tief in ihre Brust trieb. Ihr Körper versteifte sich daraufhin, und ihre Arme sanken kraftlos herab.
Und dann war der magische Moment des Begreifens, um den es ihm in erster Linie ging, endlich gekommen.
Ihre Pupillen verengten sich.
Der Regenmann beobachtete fasziniert, wie jäh die Erkenntnis über ihr unausweichliches Schicksal in die Augen der Frau trat und jede Hoffnung auf einen guten Ausgang dieser Geschichte radikal auslöschte. Er konnte förmlich, wie er es erwartet und zugleich ersehnt hatte, tiefe Resignation und panisches Entsetzen vor dem Tod in ihrem Gesicht und in ihren Augen lesen. In diesem Moment begriff sie, dass ihr Leben an diesem Abend und an diesem Ort unweigerlich sein Ende finden würde. Ein Ende, mit dem sie vermutlich nie und nimmer gerechnet hätte, gewaltsam, schmerzhaft und extrem blutig, und das sie sich mit Sicherheit nicht erträumt hatte, allerhöchstens in ihren furchtbarsten Albträumen. Als sie heute Morgen aufgestanden war, hatte sie diesen Tag nur als einen weiteren unter vielen betrachtet, die noch kommen würden. Hätte sie auch nur geahnt, dass sie am Ende dieses Tages ihrem Mörder begegnen würde, dann hätte sie diesen Tag sicherlich anders wahrgenommen und genutzt, schließlich war es ihr allerletzter auf Erden. Doch sie hatte es natürlich nicht wissen können. Und das, obwohl er sie persönlich vorgewarnt hatte.
Denn er hatte sie angerufen. Exakt dreimal hatte er das getan. Und jedes Mal hatte er ihr die abgewandelte Zeile seines Lieblingsliedes vorgesungen.
Weine nicht, wenn der Regenmann kommt, dam-dam, dam-dam …
Mehr hatte er gar nicht getan. Und anschließend hatte er sofort wieder aufgelegt.
Wahrscheinlich hatte sie gedacht, er wäre nur irgendein Perverser, der sich daran aufgeilte, willkürlich Frauen anzurufen und in Unruhe zu versetzen. Der sich dann aber doch nicht traute, ihnen persönlich gegenüberzutreten. Aber da hatte sie sich getäuscht.
Ein tödlicher Irrtum!
Und in diesem für sie furchtbaren, für ihn hingegen wunderbaren Moment wurde ihr dieser Irrtum in aller Endgültigkeit bewusst. Und als sie nun erkannte, dass der Regenmann gekommen war, so wie er es dreimal angekündigt hatte, vergoss sie bittere Tränen.
Der Regenmann kostete diesen allzu kurzen magischen Moment aus, solange er währte. Er saugte sämtliche Sinneseindrücke wie ein trockener Schwamm in sich auf und speicherte sie, um sie später immer wieder abrufen und sich daran erfreuen zu können.
Dann trübte sich der Blick der Frau, und sie erschlaffte in seinem Griff.
Enttäuscht schüttelte der Regenmann den Kopf.
Der magische Augenblick, auf den es ihm angekommen war, war vorüber, und seine Erregung verflog rasch wieder. Von jetzt an war die Frau nicht nur uninteressant für ihn, sie widerte ihn geradezu an. Es war daher an der Zeit, dem allen ein rasches Ende zu bereiten.
In einer fließenden Bewegung zog er ihr das Messer aus der Brustwunde.
Die Frau erzitterte daraufhin am ganzen Körper, als hätte man ihr einen Stromstoß versetzt.
Der Regenmann wollte nicht mehr sehen, was im Augenblick ihres Todes in ihrem Gesicht und in ihren Augen vor sich ging. Es war ohne Belang für ihn. Er hatte bekommen, was er wollte. Er würde die Erinnerung daran bewahren und immer wieder davon zehren. Aber was er jetzt tun musste, war nur eine lästige Pflicht, die dazugehörte, die er aber nur äußerst ungern erledigte. Trotzdem musste es getan werden.
Aus diesem Grund schnitt er ihr knapp oberhalb seiner Hand die Kehle durch und warf sie gleichzeitig rasch von sich, sodass sie in die offene Duschkabine flog. Ihr Kopf schlug gegen die Kachelwand und hinterließ einen blutigen Abdruck. Der Regenmann bezweifelte allerdings, dass sie es noch spürte, denn sie war kaum noch am Leben. Der Gürtel des Bademantels war aufgegangen. Der Mantel hatte sich geöffnet und den Blick auf ihren nackten Körper und die heftig blutenden Wunden freigegeben. Vor allem aus dem klaffenden Schnitt in ihrem Hals und der Brustwunde spritzte das Blut, während ihr Herz seine letzten verzweifelten Schläge tat. Der Stoff des Bademantels saugte einen Großteil des vielen Blutes auf und verfärbte sich rot. Der Rest lief zum Abfluss der Dusche und versickerte dort.
Schließlich zuckte der Körper der Frau ein letztes Mal, dann lag er vollkommen still, weil jegliches Leben daraus entflohen war.
Der Regenmann wandte seufzend den Blick ab. Nachdem er sich mit eigenen Augen davon überzeugt hatte, dass die Frau tot war, konnte er das blutige Ergebnis seiner Tat nicht länger ansehen. Er ging zum Waschbecken und ließ Wasser über die Messerklinge und seine Handschuhe laufen, um das Blut abzuwaschen. Dann trocknete er die Klinge sorgfältig ab, bevor er fluchtartig das Badezimmer verließ und die Tür hinter sich schloss.
Im Flur blieb er stehen. Er drehte den Kopf in alle Richtungen, sah sich aufmerksam um und lauschte.
Wo hat sich bloß diese verdammte Katze verkrochen?
Nun, er würde es schon herausfinden. Schließlich war das Haus nicht besonders groß. Wenn er methodisch vorging, Zimmer für Zimmer gründlich durchsuchte und anschließend die Türen schloss, musste er früher oder später zwangsläufig auf die Katze stoßen. Schließlich sorgte der Regen, der immer noch heftig vom Himmel fiel, dafür, dass sie nicht nach draußen flüchten würde.
Fang endlich an zu suchen!, befahl die Regentropfenstimme.
Der Regenmann nickte gehorsam und setzte sich augenblicklich in Bewegung.
ERSTER TEIL
6
Anja zuckte vor Schreck zusammen. Sie stieß einen kurzen Aufschrei aus, als Yin durch die offene Badezimmertür auf sie zusprang und sich mit aufgestelltem Schwanz augenblicklich an ihren nackten Beinen rieb.
»Puh!«, sagte sie, atmete erleichtert aus und legte die rechte Hand auf ihr Herz, das heftig und rasch schlug. »Jetzt hast du mich aber ganz schön erschreckt. Mach das bloß nie wieder!«
Der Kater sah mit einer Miene zu ihr hoch, als wäre er sich keiner Schuld bewusst, und miaute laut und langanhaltend.
Anja seufzte. »Was ist los? Nachdem du mich vorhin noch ignoriert hast, kommst du plötzlich wieder an und willst was von mir. Und dabei erschreckst du mich auch noch fast zu Tode.« Anja bemühte sich zwar um einen strengen Tonfall, sie konnte der Katze aber nicht böse sein. Und das wusste dieser kleine schwarze Teufel vermutlich auch haargenau.
Yin rieb seinen geschmeidigen Körper an ihrem Schienbein. Er ließ erneut ein langes und herzzerreißendes Miauen hören.
»Tut mir leid, dass es regnet und du nicht raus kannst, Kumpel«, sagte sie, während sie sich bückte und ihn am Kopf und am Hals kraulte, worauf der Kater sich hinsetzte und wohlig zu schnurren anfing. »Aber es hört sich für mich ganz danach an, als wäre der Regen nicht mehr so heftig wie zuvor. Wahrscheinlich hört es in zwanzig Minuten oder spätestens einer halben Stunde ohnehin zu regnen auf. Und dann kannst du immer noch nach draußen und dein Revier gegen deine Rivalen verteidigen, oder was auch immer du nachts treibst.«
Entschlossen, sich von der Katze nicht länger aufhalten zu lassen, richtete sie sich wieder auf und wandte sich um.
»Leider hab ich jetzt keine Zeit mehr, mich um dich zu kümmern, Yin. Ich muss zusehen, dass ich fertig werde, bevor Tanja vor der Tür steht.«
Sie warf einen Blick über die Schulter und sah, dass die Katze sich hingebungsvoll putzte. Sie glaubte zwar nicht, dass ihre Worte dazu beitragen hatten, allenfalls ihr sanfter Tonfall, doch der Kater schien sich wieder etwas beruhigt zu haben.
Froh, dass sie jetzt eine Sorge weniger hatte, wandte sie sich wieder ihrem Spiegelbild zu. Doch im selben Augenblick hörte sie, dass unten dreimal kräftig gegen die Haustür gehämmert wurde.
»O nein!«, entfuhr es ihr. Obwohl ihre innere Uhr etwas anderes sagte, befürchtete sie, zu viel Zeit unter der Dusche vertrödelt zu haben. Sie nahm ihre Armbanduhr, die sie auf die Ablage unter dem Badezimmerspiegel gelegt hatte, und las die Uhrzeit ab. Doch ihr Zeitgefühl trog sie nicht. Sie hatte noch mehr als ausreichend Zeit, um sich fertigzumachen, bevor sie mit ihrer Cousine verabredet war.
Wenn das Tanja ist, dann ist sie viel zu früh dran. Aber wieso kommt sie schon jetzt? Und warum klingelt sie nicht?
Augenblicklich machte sie sich Sorgen um ihre Cousine. Da sie beide keine echten Geschwister hatten – Anja hatte nur einen Stiefbruder, den sie nicht leiden konnte –, standen sie sich so nahe wie Schwestern. Ihr Verhältnis hatte sich sogar noch vertieft, nachdem Tanja wegen ihrer Krebserkrankung in die Gewalt des Apokalypse-Killers geraten war und Anja sie gerettet hatte. Den Krebs hatte Tanja mittlerweile besiegt, dennoch machten sich alle Sorgen, er könnte zurückkehren.
Ob etwas passiert ist?
Die Ungewissheit vergrößerte Anjas innere Unruhe. Sie nahm sich daher gar nicht erst die Zeit, sich etwas anderes anzuziehen, sondern lief im Bademantel und barfuß die Treppe nach unten und zur Haustür. Allerdings warf sie trotz ihrer Sorge gleichwohl nicht sämtliche Vorsichtsmaßnahmen über Bord, sondern zunächst einen Blick durch das winzige Fenster neben der Tür, um nachzusehen, wer draußen stand und Einlass begehrte.
Doch dort war niemand. Und auch sonst war weit und breit kein Mensch zu sehen. Obwohl es längst nicht mehr so heftig regnete, lag die Straße, auf deren anderer Seite sich der Waldfriedhof befand, einsam und verlassen vor ihr.
Hatte sie sich etwa getäuscht und das Klopfen nur eingebildet?
Ausgeschlossen!
Sie schüttelte entschieden den Kopf, denn sie war sich hundertprozentig sicher, dass es dreimal laut und deutlich geklopft hatte.
Anja trat vom Fenster zurück und überlegte. Wer immer gegen die Tür gehämmert hatte, hatte nicht gewartet, bis sie zur Tür gekommen war, sondern war schon wieder verschwunden. Und da augenscheinlich niemand draußen stand, gab es auch keine Veranlassung mehr, diese zu öffnen.
Trotzdem …
Anja wollte zumindest kurz nachsehen. Vielleicht war es doch Tanja gewesen. Und unter Umständen hatte sie nicht länger warten können und stattdessen eine Nachricht hinterlassen.
Aber warum hatte sie dann nicht einfach angerufen, wenn ihr etwas dazwischengekommen war? Da Anja Urlaub hatte, hätten sie den Termin ohne Probleme auf einen der nächsten Tage verschieben können.
Die Sache war ihr ein Rätsel. Und wenn Anja etwas nicht leiden konnte, dann waren es ungelöste Rätsel. Zumindest solange sie nicht in einer Zeitschrift abgedruckt waren und mit einem Kugelschreiber und etwas Nachdenken gelöst werden konnten. Bei allen anderen Mysterien, die ihr in ihrem Job oder im täglichen Leben begegneten, verspürte Anja sofort den unwiderstehlichen Drang, ihnen auf den Grund zu gehen und sie aufzuklären. Vielleicht war sie auch deshalb Polizistin geworden und in die Fußstapfen ihres Vaters getreten. Oder aber sie musste sämtliche Geheimnisse ergründen, auf die sie stieß, gerade weil sie Polizistin war. Anja wusste nicht, welche dieser beiden Möglichkeiten am ehesten zutraf. Es war beinahe wie die berühmte Frage, was zuerst da gewesen war. Die Henne oder das Ei? Doch letztendlich war es ihr auch egal. Sie schritt entschlossen zur Tat, bevor sie noch lange darüber nachgrübeln konnte.
Yin, der ihr gefolgt war, saß auf dem Läufer im Flur und beobachtete sie mit unergründlicher Katzenmiene.
»Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste«, sagte Anja zu ihm, als sie einen Stockschirm mit metallener Spitze aus dem Ständer neben der Garderobe nahm und zum Zustoßen bereit vor sich hielt, während sie zur Tür trat.
Inzwischen ergänzte sie ihre täglichen einseitigen Konversationen mit der Katze in Gedanken manchmal mit möglichen Antworten des Tiers. Das tat sie auch jetzt. Und so hätte Yin, wäre er wie in einem Märchen der menschlichen Sprache mächtig, ihrer Meinung nach Folgendes als passende Antwort darauf erwidern können:
»Und Neugier ist der Katze Tod!«
Anja warf Yin über die Schulter einen irritierten Blick zu, so als hätte er tatsächlich zu ihr gesprochen.
»Ich pass schon auf«, sagte sie, legte mit einer Entschlossenheit, die demonstrativer wirkte, als sie war, ihre Hand auf die Klinke der Haustür und zog sie dann ebenso ruckartig auf, wie sie es vor wenigen Minuten mit der Tür des Badezimmers getan hatte.
7
Obwohl sie sich innerlich darauf eingestellt hatte und vor Anspannung die Luft anhielt, sprang dieses Mal nichts auf sie zu, um ihr einen Schrecken einzujagen.
Vor der Tür und innerhalb ihres gesamten Blickfeldes, das von den Türpfosten rechts und links begrenzt wurde, war noch immer niemand zu sehen. Und außen an der Tür hing auch keine Nachricht ihrer Cousine, worauf sie insgeheim gehofft hatte.
Anja stieß die angehaltene Luft aus, blieb aber weiterhin wachsam. Sie war noch immer bereit, den Regenschirm jederzeit wie einen Stockdegen zu benutzen und zuzustoßen, sollte es erforderlich sein, während sie sich nach vorn beugte und zunächst einen raschen Blick nach rechts und dann einen Blick nach links warf.
Niemand da!
Das Rätsel, wer aus welchem Grund an ihre Tür geklopft hatte, blieb weiterhin ein Geheimnis.
Anja suchte dennoch nach logischen Erklärungsmöglichkeiten.
Kinder, die sich einen Scherz erlaubt haben und dann sofort weggerannt sind?
So etwas war schon mehrere Male vorgekommen. Aber nie so spät am Abend und schon gar nicht bei so einem Sauwetter. Um diese Uhrzeit und bei Regen waren keine Kinder mehr unterwegs, die nervige, aber letztendlich harmlose Streiche spielten. Außerdem klopften sie nicht an die Tür, sondern klingelten in der Regel vorn am Gartentürchen.
Was dann?
Halbwüchsige, denen es zu langweilig war und die zu übermütig waren? Vielleicht. Ausgelassene Betrunkene auf dem Weg von einer Kneipe zur nächsten? Ihrer Meinung nach vermutlich die einzigen Erwachsenen, die aufgrund ihres Zustands derartig infantile Streiche halbwegs lustig fanden.
Anja schüttelte den Kopf. Vermutlich würde sie nie erfahren, wer vor wenigen Minuten an ihre Tür geklopft hatte und aus welchem Grund die Person es getan hatte. Aber höchstwahrscheinlich war es nur ein harmloser Streich oder ein Versehen gewesen und damit das Tamtam nicht wert, das sie darum veranstaltete.
Sie zog sich wieder ins Haus zurück, um sich abzuwenden und die Tür zu schließen. Doch da fiel ihr zum ersten Mal der großformatige braune Umschlag auf, den jemand zum Schutz vor dem Regen in eine Klarsichthülle gesteckt und auf die Fußmatte gelegt hatte.
Anja erstarrte mitten in der Bewegung, während in ihrem Inneren plötzlich Chaos ausbrach und ihre Gedanken rasten.
Natürlich musste sie sofort an die Nachrichten denken, die ihr im Fall des Apokalypse-Killers von dessen Hintermann oder Komplizen geschickt worden waren. Auch nach dem Tod des Serienmörders hatte sie noch einen derartigen Umschlag am Grab ihres Vaters gefunden. Darin hatte sich ein Foto befunden, das ihren Vater unmittelbar vor seinem Tod zeigte und das nur der Mörder aufgenommen haben konnte. Erst durch dieses Foto war ihr bewusst geworden, dass ihr Vater keinen Selbstmord begangen hatte, wie jeder jahrzehntelang geglaubt hatte, sondern ermordet worden war.
Anja starrte noch immer auf den Umschlag zu ihren Füßen, der exakt so aussah wie die Kuverts, die sie regelmäßig nach den Morden des Apokalypse-Killers erhalten hatte. Allerdings hatte das natürlich nicht zwangsläufig zu bedeuten, dass sie vom selben Absender stammten, denn solche Umschläge waren weit verbreitet und es gab sie wie Sand am Meer. Außerdem stand im Gegensatz zu damals diesmal nicht ihr Name darauf. Allerdings gab es auch so keinen Zweifel, für wen der Umschlag bestimmt war, schließlich lag er vor ihrer Tür auf der Fußmatte. Außerdem hatte die Person, die ihn hier abgelegt hatte, an ihre Haustür geklopft, bevor sie wieder spurlos verschwunden war, um Anja dazu zu bringen, die Tür zu öffnen und nachzusehen.
Während sie über all das nachdachte, war sie blind und taub für ihre Umwelt. Jeder, der ihr etwas hätte antun wollen, hätte diesen Moment ausnutzen können, um sich ihr unbemerkt zu nähern.
Doch erst als sie die Berührung spürte, wurde sich Anja dieser Gefahr jäh bewusst. Sie sog die Luft ein und zuckte erschrocken zusammen. Doch da war es bereits zu spät, um zu reagieren und sich zu verteidigen.
8
Zum Glück war das aber auch gar nicht notwendig, denn es war wieder nur Yin, der ihr linkes Bein streifte, als er an ihr vorbeiging. Er schnüffelte an der Klarsichthülle mit dem Umschlag, verlor aber sofort wieder das Interesse, und sah nach draußen. Es nieselte zwar mittlerweile nur noch, doch der Kater machte dennoch keine Anstalten, das Haus zu verlassen. Vermutlich war es ihm immer noch zu nass. Er maunzte verärgert, drehte sich um und stolzierte davon, wobei er sich im Vorbeigehen erneut kurz an Anjas Bein rieb, bevor er schließlich im Wohnzimmer verschwand.
Anja, die ihm schweigend hinterhergeschaut hatte, richtete ihren Blick wieder auf den Umschlag. Allmählich spürte sie die Kühle der Nacht auf der bloßen Haut ihrer Beine und fröstelte. Außerdem wurde sie sich darüber bewusst, dass sie im Bademantel, barfuß und mit feuchten Haaren in der offenen Haustür stand. Sie bückte sich daher rasch und ergriff die Klarsichthülle mit den Spitzen ihrer Finger vorsichtig an einer Ecke. Für den Fall, dass Hülle und Umschlag Bestandteile einer offiziellen Ermittlung werden sollten, wollte sie keine Spuren verwischen und so wenige eigene Fingerabdrücke darauf hinterlassen wie möglich.
Als sie sich wieder aufrichtete, hatte sie, wie schon einmal an diesem Abend, das intensive Gefühl, jemand würde sie heimlich beobachten. Sie erschauderte und sah sich suchend um, konnte jedoch niemanden entdecken. Allerdings gab es in ihrem Blickfeld diverse Möglichkeiten, wo sich jemand vollständig vor ihren Blicken verbergen konnte.
Sie schloss daher rasch die Tür und schob für alle Fälle die Sicherheitskette in die Schiene. Dann ging sie, nachdem sie den Schirm an seinen Platz zurückgestellt hatte, mit der Klarsichthülle zwischen den spitzen Fingern in die Küche.
Als Erstes zog sie sich Einweghandschuhe an. Da sie diese stets dann benötigte, wenn sie das Haus oder die Wohnung einer vermissten Person durchsuchte, besaß sie einen Vorrat davon.
Sie holte ein Gemüsemesser aus der Besteckschublade und öffnete damit den Umschlag, sobald sie ihn aus der feuchten Hülle geholt hatte, die sie zum Trocknen auf ein Küchentuch neben der Spüle legte. Als sie einen ersten vorsichtigen Blick in das Kuvert warf, entdeckte sie darin ein einzelnes ungefaltetes DIN-A4-Blatt. Sie nahm das Papier heraus, legte den Umschlag auf den Tisch und sah sich dann an, worum es sich handelte.
Soweit sie sehen konnte, war es ein normales weißes Blatt Druckerpapier. Darauf war das Farbfoto einer Frau abgedruckt, die sich zu einer schwarzen Katze hinunterbeugte, um diese zu streicheln. Das Bild war allem Anschein nach heimlich nach Einbruch der Dunkelheit durch die geschlossene Terrassentür aufgenommen worden, denn die Frau und die Katze befanden sich im hellerleuchteten Wohnzimmer eines Hauses.
Anja musste unwillkürlich daran denken, wie sie vor dem Duschen versucht hatte, Yin zu trösten, als dieser im Wohnzimmer vor der Terrassentür gesessen und missmutig nach draußen in den Regen gestarrt hatte. Deshalb hätte sie die Aufnahme auch leicht für ein Foto von sich und Yin halten können. Allerdings hatte sie sich nicht zu ihm hinuntergebeugt, als sie ihn gestreichelt hatte, sondern war neben ihm in die Hocke gegangen. Und je länger sie das Foto betrachtete, desto mehr Unterschiede zwischen ihr und der abgebildeten Frau einerseits und dem Wohnzimmer auf dem Bild und ihrem eigenen andererseits fand sie.
Allerdings gab es auch eine Reihe von Gemeinsamkeiten. Zum einen natürlich die schwarze Katze, die Yin sehr ähnlich sah, auch wenn sie etwas kleiner und zierlicher wirkte. Außerdem hatte die Frau auf dem Foto ebenfalls kurze blonde Haare, auch wenn ihr Haarschnitt ordentlicher wirkte als Anjas stets etwas zerzauste Frisur. Darüber hinaus waren die Haare der anderen Frau leicht gewellt, und ihr Pony war etwas länger.
Dennoch war die oberflächliche Ähnlichkeit der abgebildeten Person und ihres Haustiers zu Anja und Yin unheimlich und ließ sie frösteln. Vor allem, weil diese Ähnlichkeit nach Anjas Meinung nicht zufällig, sondern beabsichtigt zu sein schien.
Spielte etwa irgendjemand da draußen ein abartiges Spielchen mit ihr, indem er ihr dieses Foto geschickt hatte.
Falls ja, dann hatte Anja auch einen konkreten Verdacht, um wen es sich dabei handelte. Und zwar um denselben Mann, der ihren Vater und zahlreiche andere Menschen auf dem Gewissen hatte. Und bei dem es sich, wenn sie nicht komplett auf dem Holzweg war, um ihren Onkel handelte.
Erst als sie sich das Foto so genau angesehen hatte, als wollte sie sich jedes Detail einprägen, widmete sie sich den Dingen, die sich darüber hinaus auf dem Blatt befanden.
Über dem Foto stand in großen schwarzen Druckbuchstaben ein einzelnes Wort:
VERMISST!
Und unter der Aufnahme standen der Name CARINA ARENDT und eine Adresse.
Anja kannte die genannte Straße. Sie traf in weniger als dreihundert Metern Entfernung auf die Straße, in der sie wohnte, und grenzte ebenfalls an den Waldfriedhof. Die auf dem DIN-A4-Blatt abgedruckte Adresse konnte daher höchstens einen Kilometer und damit eine Viertelstunde entfernt sein, wenn man gemütlich zu Fuß ging. Mit dem Auto war man vermutlich sogar in zwei Minuten dort.
Sie überlegte, was sie jetzt tun sollte.
Allerdings musste sie nicht lange darüber nachdenken. Auf keinen Fall wollte und konnte sie den Inhalt des Umschlags ignorieren. Er war gewiss nicht ohne Grund auf ihre Fußmatte gelegt worden. Und auch die Ähnlichkeit zwischen der Frau auf dem Foto und ihr dürfte alles andere als ein Zufall sein. Außerdem elektrisierte sie das Wort »VERMISST!«, denn immerhin gehörte es zu ihrem Aufgabenbereich als Kriminalbeamtin, vermisste Personen aufzuspüren.
Schon aus diesen Gründen musste sie der Sache auf den Grund gehen. Und da sie nicht wusste, ob es sich nicht doch nur um einen makabren Scherz handelte, würde sie trotz ihres Urlaubs erst einmal höchstpersönlich nach dem Rechten sehen, bevor sie die zuständigen Stellen darüber informierte.
9
Gerade einmal zwanzig Minuten später stand sie vor dem Haus, dessen Anschrift auf dem Papier stand.
Sobald sie sich spontan dazu entschlossen hatte, hierherzukommen und nachzusehen, hatte sie als Erstes ihre Cousine angerufen, um den Kinobesuch um ein paar Tage zu verschieben. Obwohl es extrem kurzfristig erfolgte, zeigte Tanja dennoch Verständnis. Anja brachte auch keine Ausrede vor, da sie ihre Cousine nicht belügen wollte, sondern legte ihr die wahren Umstände dar und erklärte, warum sie der Sache auf den Grund gehen musste. Tanja kannte ihre Cousine gut genug und wusste daher, dass sie diese nicht davon abbringen konnte, auch wenn es unter Umständen nicht ungefährlich war. Daher bat sie Anja lediglich, auf sich aufzupassen.
Nach dem Telefonat föhnte sich Anja die Haare, auch wenn diese ohnehin fast trocken waren und sich kaum noch in Form bringen ließen. Deshalb waren sie jetzt sogar noch zerzauster als sonst. Aber damit musste sie sich eben abfinden. Anschließend schlüpfte sie in ihre Joggingsachen und zog zum Schutz vor dem Regen, die Kapuze des Pullis über den Kopf. Sie verließ das Haus und rannte los, so als hätte sie vor, noch ein paar spätabendliche Runden zu joggen. Allerdings lief sie nicht wie gewohnt in Richtung Westpark, sondern in die andere Richtung.
Bereits wenige Minuten später hatte sie ihr Ziel erreicht.
Obwohl es inzwischen kaum noch regnete, nur vereinzelt fielen ein paar Tropfen, behielt Anja die Kapuze auf dem Kopf. Schließlich wusste sie nicht, was sie hier erwartete. Und falls jemand sie sah, würde die Kapuze es der Person erschweren, sie zu erkennen oder zu identifizieren.
Sie sah sich aufmerksam in alle Richtungen um, doch außer ihr war niemand unterwegs. Wie in der Straße, in der sie wohnte, gab es hier nur auf einer Seite bebaute Grundstücke, davor einen Bürgersteig und einen schmalen Grünstreifen, auf dem dünne Bäume und Laternenmasten standen. Mehrere Autos parkten auf dieser Seite am Straßenrand. Sowohl die Straße als auch der Bürgersteig waren menschenleer. Auf der anderen Seite der Straße befanden sich zugewachsene Schienen, die nicht mehr genutzt wurden. Dahinter kamen zunächst ein Grünstreifen, dann ein Fußweg mit Sitzbänken und schließlich ein Holzlattenzaun, hinter dem der Friedhof lag.
Anja fröstelte unwillkürlich, als sie an ihr Erlebnis mit dem Apokalypse-Killer auf dem nächtlichen Waldfriedhof dachte. Rasch verdrängte sie die Erinnerungen, die wie Gewitterwolken in ihrem Bewusstsein heraufgezogen waren, und konzentrierte sich wieder vollständig auf das Hier und Jetzt. Sie lauschte auf verdächtige Geräusche, konnte jedoch außer dem stetigen Tröpfeln von den Bäumen und dem Säuseln des leichten Windes nichts hören, das sie beunruhigte. Außerdem hatte sie auch nicht wieder das Gefühl, als ob jemand sie heimlich beobachten würde.
Sie beschloss, nicht darauf zu warten, bis sich das änderte und jemand kam, sondern endlich zu handeln. Deshalb öffnete sie das schmiedeeiserne Gartentürchen, das ein leises Quietschen hören ließ, und betrat das Grundstück. Dabei verhielt sie sich völlig natürlich und ungezwungen, als gäbe es trotz der fortgeschrittenen Stunde einen triftigen Grund für ihr Hiersein. Denn falls jemand zufällig aus einem Fenster der Nachbarhäuser sah, wollte sie aufgrund ihrer dunklen Kleidung keinen falschen Eindruck erwecken und nicht für einen Einbrecher gehalten werden. Als sie nur noch wenige Meter von der Haustür entfernt war, ging eine Lampe über der Tür an. In ihrem hellen Schein konnte Anja mühelos den Namen auf dem metallenen Türschild neben der Klingel lesen: C. Arendt.
Ihr Herz klopfte unwillkürlich schneller, als sie realisierte, dass sie hier richtig war. Zumindest der Name stimmte mit demjenigen aus dem geheimnisvollen Umschlag überein. Die Möglichkeit, dass jemand sie nur verarschen wollte, indem er willkürlich eine Adresse in der Nähe genommen und sich dazu einen Fantasienamen ausgedacht hatte, schied damit schon einmal aus.
Es gab also jemanden namens C. Arendt. Und diese Person wohnte auch in diesem Haus.
Doch wie verhielt es sich darüber hinaus mit dem Wahrheitsgehalt des Wortes VERMISST! über dem abgedruckten Foto?
Da sie es nur erfahren würde, wenn sie klingelte, drückte Anja kurzentschlossen auf den Klingelknopf. Von drinnen war die Türglocke zu hören, die eine kurze melodische Tonfolge spielte.
Sie wartete ungeduldig, knabberte dabei nervös an ihrer Unterlippe und sah sich um. Der Vorgarten machte einen gepflegten und ordentlichen Eindruck. Er ließ erkennen, dass hier jemand wohnte, der sich gewissenhaft und intensiv darum kümmerte und in der Auswahl und Anordnung der Pflanzen und Blumen auch noch einen guten Geschmack bewiesen hatte. Beinahe war Anja ein bisschen neidisch. Sie hatte heute ein paar anstrengende Stunden Gartenarbeit hinter sich gebracht, doch deshalb sah ihr Grundstück noch lange nicht aus wie dieses hier. Und vermutlich würde es das auch nie tun, denn dazu fehlte ihr sowohl die Freude an der Gartenarbeit als auch das richtige Händchen dafür.
Leise seufzend wandte sie sich wieder der Haustür zu. Nach dem Verstummen der Türglocke war es innerhalb des Hauses wieder absolut still geworden. Nichts rührte sich und deutete darauf hin, dass jemand zu Hause war und auf ihr Klingeln reagiert hatte.
Totenstille?
Anja ignorierte den irritierenden Gedanken. Obwohl sie insgeheim nicht mehr damit rechnete, dass ihr jemand öffnete, klingelte sie ein zweites Mal und übte sich weitere sechzig Sekunden, die ihr viel länger vorkamen, während sie sie in Gedanken abzählte, in Geduld.
Niemand zu Hause!, konstatierte sie schließlich das Offensichtliche, um sofort einschränkend hinzuzufügen: Zumindest niemand, der in der Lage wäre, zur Tür zu kommen, um sie zu öffnen.
Im Grunde hatte der Umstand, dass niemand auf ihr Klingeln reagiert hatte, aber noch nichts zu bedeuten. Möglicherweise war C. Arendt momentan im Urlaub. Oder sie hatte dieselbe Idee wie Anja und ihre Cousine gehabt und war an diesem Abend ins Kino gegangen.
Dennoch musste Anja natürlich ständig an das Wort denken, das in Großbuchstaben über dem Foto der Frau mit der schwarzen Katze stand: VERMISST!
Und je mehr Anja der Sache auf den Grund ging, desto größer wurde die Wahrscheinlichkeit, dass eine Frau mit dem Namen Carina Arendt tatsächlich verschwunden war.
Zum wiederholten Mal an diesem Abend hatte Anja das unangenehme Gefühl, dass jemand sie beobachtete. Sie sah sich aufmerksam um, konnte aber noch immer niemanden entdecken. Dennoch blieb das Gefühl hartnäckig bestehen und ließ sich auch nicht abschütteln.
Anja ignorierte es daher, so gut es ihr möglich war, auch wenn das nicht leicht war und sie in ihrer Konzentration gestört wurde. Um keine Spuren zu hinterlassen, drückte sie mit dem Ellbogen probehalber gegen die Haustür, doch diese war fest verschlossen.
Was nun?
Es widerstrebte ihr, unverrichteter Dinge wieder gehen zu müssen. Deshalb beschloss sie, das Haus einmal zu umrunden und dabei durch jedes Fenster zu spähen. Vielleicht entdeckte sie dabei etwas, das es rechtfertigte, in das Haus einzudringen, weil Gefahr in Verzug war.
An jedem Fenster, zu dem sie kam, blieb sie kurz stehen. Mithilfe der Taschenlampenfunktion ihres Handys sah sie ins Innere des Hauses, konnte jedoch nichts entdecken, das ihr verdächtig vorkam. Auch wenn das Haus scheinbar verlassen war, schien darin alles so zu sein, wie es sein sollte. So gab es beispielsweise nicht die geringste Unordnung, geschweige denn umgeworfene Möbelstücke, was auf eine Auseinandersetzung hätte schließen lassen.
Sobald Anja um die zweite Ecke bog und die Rückseite des Hauses erreichte, sah sie jedoch einen hellen Lichtschein, der durch die Terrassentür und das Fenster daneben nach draußen fiel. Es sah genauso aus wie auf dem ausgedruckten Foto, das sie bekommen hatte. Die einzigen Unterschiede bestanden darin, dass in dem Bild, das sie jetzt vor Augen hatte, sowohl die Frau als auch die Katze fehlte.
Der Anblick sorgte dafür, dass Anja von einer düsteren Vorahnung erfüllt wurde. Ihr Herz klopfte daraufhin unwillkürlich noch heftiger.
Unmittelbar vor der Terrassentür blieb sie stehen. Durch die Scheibe sah sie ins erleuchtete Innere und versuchte dabei, sich einen ersten Eindruck zu verschaffen. Es war allerdings keine Menschenseele zu sehen; und auch von der Katze fehlte jede Spur.
Anja holte die Einweghandschuhe, die sie vorher benutzt hatte, um das DIN-A4-Blatt aus dem Umschlag zu holen, aus der Tasche des Kapuzenpullis und streifte sie über. Anschließend hob sie die rechte Hand und drückte mit den Fingern gegen den hölzernen Rand der Glastür. Sie rechnete mit Widerstand, weil sie glaubte, diese Tür wäre ebenfalls verschlossen. Doch die Terrassentür gab sofort nach und schwang geräuschlos nach innen.
Erschrocken zuckte Anjas Hand zurück.
Ihre düstere Vorahnung, die bislang allenfalls ein vages Gefühl drohenden Unheils gewesen war, verfestigte sich zu einer handfesten Befürchtung. Ein verlassenes Haus für sich allein genommen war noch nichts, wegen dem man sich übermäßige Sorgen machen musste. Ihr fielen auf die Schnelle ein Dutzend harmlose Erklärungen dafür ein. Aber ein verlassenes Haus, in dem Licht brannte und darüber hinaus die Terrassentür offen war, war etwas anderes.
Anja wandte sich ab und sah sich aufmerksam um. Der Lichtschein aus dem Wohnzimmer reichte nur wenige Meter weit. Dahinter herrschte nahezu undurchdringliche Finsternis. Darüber hinaus boten mehrere Büsche am hinteren Ende des Grundstücks, unmittelbar vor dem Grenzzaun zum Nachbarn, zusätzliche Deckung.
Irgendwo dort hinten musste sich jemand zwischen den Büschen verborgen gehalten haben, um die Bewohnerin des Hauses heimlich zu beobachten und das Foto von ihr und ihrer Katze zu machen.
Seit Anja die Rückseite des Grundstücks erreicht hatte, fühlte sie sich nicht länger beobachtet. Aus diesem Grund war sie auch davon überzeugt, dass momentan niemand hinter den Büschen oder in der Finsternis jenseits des erleuchteten Bereichs lauerte.
Beruhigt wandte sie sich wieder der Terrassentür zu, die einen Spaltbreit offenstand.
Anja überlegte fieberhaft, was sie jetzt tun sollte. Sie hatte nach einem Vorwand gesucht, das Haus betreten zu können. Nur deshalb war sie nicht unverrichteter Dinge nach Hause zurückgekehrt, nachdem niemand auf ihr Klingeln reagiert hatte, sondern stattdessen um das Haus herumgegangen und hatte dabei durch jedes Fenster geblickt. Doch jetzt, wo sie einen triftigen Grund und die Möglichkeit dazu hatte, hineinzugelangen, ohne eine Tür aufbrechen oder ein Fenster einschlagen zu müssen, schreckte sie dennoch davor zurück.
Was wenn die Frau tot war und sie im Haus ihre Leiche fand? Sie erschauderte bereits bei dem Gedanken daran, denn sobald sie sich einem Leichnam auch nur näherte, bekam Anja Herzrasen, Atemnot, Schwindelgefühle und heftige Schweißausbrüche. Sie machte daher nach Möglichkeit einen großen Bogen um jede Leiche. Außer natürlich, es ließ sich partout nicht vermeiden, weil ihr Job es von ihr verlangte oder sie, wie es in der Vergangenheit leider viel zu oft der Fall gewesen war, zufällig darüber stolperte.
Sie dachte daher für einen Augenblick ernsthaft darüber nach, eine Funkstreife zu Hilfe zu rufen, damit die uniformierten Kollegen an ihrer Stelle das Haus durchsuchten. Schließlich war sie für diesen Fall – sofern es überhaupt ein Fall war – gar nicht zuständig, momentan nicht einmal im Dienst und hatte außerdem Urlaub.
Allerdings wollte sie hinterher auch nicht wie eine Idiotin dastehen, wenn es für all das hier eine harmlose Erklärung gab. Denn natürlich bestand noch immer die Möglichkeit, dass die Bewohnerin das Haus verlassen und einfach nur vergessen hatte, das Licht im Wohnzimmer auszuschalten und die Terrassentür zu verschließen. Vielleicht nahm sie auch gerade ein Bad und hatte deshalb nicht an die Tür kommen können. Oder sie schlief tief und fest, sodass sie nichts gehört hatte.
Deshalb widerstrebte es Anja, die Sache an die große Glocke zu hängen. Vielleicht war das alles letzten Endes doch nur ein makabrer Scherz. Aus diesem Grund wollte sie zunächst selbst nach dem Rechten sehen. Sollte sich ihre düstere Vorahnung erfüllen und es sich hier tatsächlich um einen Vermisstenfall oder unter Umständen sogar um einen Mordfall handeln, konnte sie die Kollegen immer noch informieren. Und falls sie bei der Durchsuchung des Hauses auf die Leiche der Bewohnerin stieß, war sie schließlich nicht gezwungen, sich ihr mehr als unbedingt notwendig zu nähern.
Außerdem, das spürte Anja in diesem Moment deutlich, musste sie das Haus unbedingt betreten, egal, ob sich darin eine Leiche befand oder nicht. Und es war letzten Endes auch gleichgültig, ob jemand ein perfides Spielchen mit ihr trieb, indem er sie mithilfe der Nachricht vor ihrer Tür manipuliert und hierhergelockt hatte, oder die Sache nur ein makabrer Scherz war. Sie musste sich selbst davon überzeugen und mit eigenen Augen sehen, was hier vor sich ging. Schließlich war der Umschlag, der sie hierher geführt hatte, vor ihrer Haustür abgelegt worden. Außerdem gab es unzweifelhaft Gemeinsamkeiten zwischen ihr und der Frau auf dem Foto, und das konnte kein bloßer Zufall sein. Schon aus diesem Grund nahm sie die Sache persönlich. Im Übrigen war sie es der Bewohnerin des Hauses schuldig, dass sie der Geschichte auf den Grund ging und selbst nach dem Rechten sah.
Anja wurde noch immer von widerstreitenden Gefühlen erfüllt. Dabei beschlich sie vor allem die Angst, bei der Durchsuchung des Hauses über die Leiche der Bewohnerin zu stolpern. Allerdings hatte sie nicht vor, sich vor dieser Angst beherrschen zu lassen, sondern würde sich ihr stellen.
Nachdem sie kurz darüber nachgedacht hatte und rasch zu einer Entscheidung gelangt war, atmete Anja tief durch.
Wenn sie wissen wollte, was hinter der mysteriösen Nachricht steckte, die sie erhalten hatte, und warum das Haus scheinbar verlassen war, obwohl Licht brannte – und das wollte sie unbedingt! –, würde ihr nichts anderes übrig bleiben, als das Haus zu betreten.
10
Anja griff erneut in die Tasche ihres Kapuzenpullis und holte zwei Überschuhe aus Polypropylen heraus, die sie nacheinander über ihre Schuhe streifte. Ihr Eindringen in das scheinbar verlassene Haus war bereits grenzwertig, da wollte sie nicht auch noch die Arbeit der Kriminaltechnik sabotieren, falls an diesem Ort eine Straftat begangen worden war.
Sie schob die Terrassentür weit genug auf, sodass sie bequem durch die Öffnung schlüpfen konnte, und betrat dann das stille Haus.
Schon von draußen hatte sie kleine Pfützen schmutzigen Wassers auf dem Parkettboden entdeckt, die in einer direkten Linie von der Terrassentür zur Zimmertür führten. Scheinbar hatte vor ihr jemand anderes, vermutlich während des Regens, mit nassen Schuhen und feuchter Kleidung, von der das Regenwasser tropfte, das Haus durch die Terrassentür betreten und dabei diese Spuren hinterlassen. Sie bemühte sich, nicht hineinzutreten, und hielt sich links davon. Als sie die Terrassentür schließen wollte, stellte sie fest, dass das nicht möglich war. Sie warf daraufhin einen genaueren Blick auf den Schließmechanismus und sah, dass die Tür aufgehebelt und die Verriegelung zerstört worden waren.
Allmählich verdichteten sich die Hinweise, dass an diesem Ort etwas nicht in Ordnung war. Doch da Anja jetzt im Haus war, wollte sie sich wenigstens kurz umsehen, bevor sie die zuständigen Kollegen informierte.
Sie ging neben den nassen Fußspuren in die Hocke und nahm sie genauer in Augenschein. In der Nähe der Tür waren die Wasserpfützen noch am größten und deutlichsten, wurden dann aber stetig kleiner, je weiter sie sich davon entfernten. Teilweise waren sie auch bereits getrocknet und hatten nur eine braune Schmutzschicht auf dem Parkett hinterlassen. Hier und da war sogar das Profil eines Stiefels erkennbar. Wer immer vor ihr auf diesem Weg ins Haus gekommen war, hatte sich nicht die geringste Mühe gemacht, die Spuren seines Eindringens zu verwischen. Zum Vergleich stellte Anja ihren rechten Fuß direkt neben einen besonders deutlich erkennbaren Abdruck und stellte fest, dass der Stiefel, der diese Spur hinterlassen hatte, ein paar Nummern größer als ihr Turnschuh gewesen sein musste.
Schließlich richtete sie sich wieder auf und sah sich im Wohnzimmer um, das mit hochwertigem Mobiliar geschmackvoll eingerichtet war. Es war sauber und aufgeräumt. Nirgends herrschte die geringste Unordnung, und alles war scheinbar an seinem Platz.
Es gehörte zu Anjas täglicher Routine, die Wohnungen und Häuser vermisster Personen zu durchsuchen. Deshalb hatte sie im Laufe der Zeit auch ein Gespür dafür entwickelt. Hier deutete ihrer Meinung nach nichts darauf hin, dass die Bewohnerin vorhatte, für längere Zeit wegzugehen. Wenn, dann hatte sie das Haus nur für kurze Zeit verlassen und vorgehabt, bald wieder zurückzukommen.
Falls sie das Haus überhaupt verlassen hat!
Anja rief sich in Erinnerung, dass dies hier – noch? – kein Vermisstenfall war. Aus diesem Grund war sie auch nicht als Ermittlerin der Vermisstenstelle in offiziellem Auftrag hier. Sie war nur hier, um sich einen raschen Überblick über die Situation zu verschaffen und dann die zuständigen Stellen einzuschalten, sollte das notwendig sein. Daher konnte sie sich auch nicht so viel Zeit lassen wie gewöhnlich, wenn sie die Wohnungen vermisster Personen durchsuchte, sondern wollte endlich einen Zahn zulegen.
Als sie das Wohnzimmer durchquerte und sich dabei weiterhin neben den nassen Fußspuren hielt, entdeckte sie an der Wand mehrere gerahmte Fotografien. Interessiert ging sie hin und sah sich die Aufnahmen aus der Nähe an. Auf fast allen war die Frau zu sehen, die sich auch auf dem ausgedruckten Foto befand, das Anja bekommen hatte.
Carina Arendt, rief sie sich den Namen in Erinnerung.
Diese letzte Bestätigung hätte sie nicht mehr gebraucht. Dennoch hatte Anja damit einen weiteren Beweis, dass die Frau aus der geheimnisvollen Vermisstenmeldung, die sie auf ihrer Fußmatte gefunden hatte, tatsächlich die Bewohnerin dieses scheinbar verlassenen Hauses war.
Auf den Fotografien an der Wand war die Frau teilweise deutlich jünger als auf dem, das Anja zugespielt worden war. Teilweise hatte sie darauf auch längere Haare oder eine andere Frisur. Auf mehreren Aufnahmen war auch ein dunkelhaariger Mann zu sehen, zu dem die Frau eine innige Beziehung zu haben schien, denn sie hielten sich im Arm oder schmiegten sich aneinander. Entweder handelte es sich um den Ehemann, den Lebenspartner oder einen Bruder der Frau. Auch die schwarze Katze war auf zwei Fotos verewigt worden.
Neben den Fotografien hingen zwei gerahmte Urkunden. Bei einer handelte es sich um eine Diplomurkunde der Fachhochschule München, in der Frau Carina Arendt aufgrund der im Studiengang Architektur erfolgreich abgelegten Abschlussprüfung der akademische Grad »Diplom-Ingenieur (FH)« verliehen wurde. Laut der anderen Urkunde war Frau Dipl.-Ing. (FH) Carina Arendt als ordentliches Mitglied in den Verband deutscher Architekten (VDA) aufgenommen worden. Als sich Anja die Geburtsdaten auf den beiden Dokumenten ansah, wurde ihr klar, dass sich die Ähnlichkeit zwischen ihr selbst und Carina Arendt nicht auf das Geburtsdatum erstreckte, denn die andere Frau war mehr als zehn Jahre älter als sie.
Schließlich wandte Anja sich ab und ging, eingedenk ihres Vorhabens, sich zu beeilen, rasch zur Tür. Sie war geschlossen. Aus diesem Grund hatte Anja, als sie durch die anderen Fenster hereingeschaut hatte, auch nicht sehen können, dass im Wohnzimmer Licht brannte.
Sie öffnete die Tür, trat jedoch nicht sofort hindurch, sondern horchte erst einmal, ob sie aus den anderen Teilen des Hauses etwas hörte. Doch es blieb weiterhin gespenstisch still.
Totenstill?
Anja ignorierte ihre innere Stimme erneut, denn ein solcher Gedanke war in einer derartigen Situation alles andere als hilfreich.
Da sie nicht im Dunkeln herumstolpern wollte und außerdem darauf achten musste, keine Fußspuren zu verwischen, griff sie durch den Türrahmen nach draußen und tastete an der Wand nach dem Lichtschalter.
Ihr kam der erschreckende Gedanke, dass urplötzlich etwas nach ihrer Hand greifen und sie nach draußen zerren könnte. Unter Umständen sogar derjenige, der die nassen Spuren auf dem Parkett hinterlassen hatte, schließlich hatte sie keine Gewissheit, ob er das Haus schon wieder verlassen hatte oder noch immer hier war.
Anja spürte, wie es ihr bei diesen Überlegungen eiskalt den Rücken hinunterlief und sich ihre Nackenhärchen aufstellten. Sie fragte sich unwillkürlich, warum sie völlig unbewaffnet hierhergekommen war. Ihre Dienstpistole befand sich in der verschlossenen Schreibtischschublade ihrer Dienststelle, und ansonsten besaß sie keine Schusswaffe. Allerdings hätte sie sich in diesem Augenblick auch mit einem Küchenmesser, einem kleinen improvisierten Knüppel oder sogar ihrem Regenschirm mit der Metallspitze zufriedengegeben.
Dann ertasteten ihre Finger endlich den Lichtschalter und betätigten ihn, worauf im dunklen Flur augenblicklich das Licht anging.
Anja zog die Hand zurück und sah sich um. Der Hausflur lag, soweit sie ihn überblicken konnte, genauso verlassen vor ihr wie das Wohnzimmer. Sie stieg mit einem großen Schritt über die Fußspuren und Wasserlachen hinweg, die direkt zur Treppe nach oben führten.
Sie überlegte, ob sie weiterhin den Spuren folgen oder sich erst einmal in den anderen Räumen des Erdgeschosses umsehen sollte. Allerdings sah sie keinen Sinn darin, das Haus systematisch abzusuchen und damit Zeit zu vergeuden. Wenn sie den Wasserpfützen auf dem Boden folgte, würden diese sie vermutlich ohne Umwege an ihr Ziel führen. Und am Ende der Spuren müsste sie unweigerlich das finden, wonach sie suchte.
Anja erschauderte.
Erneut kam ihr der erschreckende Gedanke, dass die Person mit den nassen Schuhen noch immer im Haus sein könnte. Und sie war leichtsinnigerweise völlig unbewaffnet hierhergekommen. Sie dachte darüber nach, ob sie erst noch einen Abstecher in die Küche machen und sich dort ein scharfes Messer schnappen sollte. Dann wäre sie wenigstens nicht völlig wehrlos und würde sich nicht so ausgeliefert fühlen.
Doch damit würde sie unter Umständen einen Tatort verändern, was eine Todsünde für jeden Polizisten war. Und falls hier eine Straftat verübt worden war, dann hatte sie als erste Polizeibeamtin vor Ort die Pflicht, Maßnahmen zur Tatortsicherung einzuleiten, die verhinderten, dass der Tatort verändert wurde. Doch darum konnte sie sich später kümmern. Erst musste sie abklären, ob es sich hier überhaupt um einen Tatort handelte. Anschließend konnte sie immer noch die zuständigen Kollegen informieren und notwendige Sicherungsmaßnahmen durchführen.
Aufgrund dieser Überlegungen verzichtete Anja darauf, sich zu bewaffnen, und folgte stattdessen den nassen Spuren zur Treppe. Nachdem sie im Treppenaufgang ebenfalls Licht gemacht hatte, warf sie einen vorsichtigen Blick nach oben; es war jedoch niemand zu sehen. Sie versuchte, wie sie es oft tat, ein Gespür für die Atmosphäre des Hauses zu entwickeln. Oftmals konnte sie spüren, ob eine Wohnung oder ein Haus verlassen war oder ob sich außer ihr noch jemand darin aufhielt. Es hätte sie beruhigt, wenn ihr das hier und jetzt ebenfalls gelungen wäre und sie gewusst hätte, dass sie allein im Haus war. Doch leider gelang es ihr nicht, sich in die Atmosphäre des Hauses einzufühlen. Sie zuckte mit den Schultern. Dann musste sie sich wohl oder übel überraschen lassen.
Als sie die Stufen nach oben stieg, hielt sie den Blick auf die Spuren gerichtet und bewegte sich am äußersten rechten Rand. Die Schuhüberzieher knisterten leise, und ihr eigener Herzschlag dröhnte ihr überlaut in den Ohren. Doch ansonsten war es im ganzen Haus mucksmäuschenstill.
Nachdem sie im Obergeschoss angekommen war, hielt sie erst einmal inne. Sie schaltete das Licht an und sah sich um. Sämtliche Türen waren geschlossen. Dunkle Flecken auf dem Teppichboden führten von der Treppe zu einer der Türen.
Anjas Erregung wuchs, denn sobald sie diese Tür öffnete, würde sie hoffentlich endlich erfahren, was hier los war. Ihr Herz klopfte schneller. Gleichzeitig begann sie zu schwitzen. Ihre größte Befürchtung bestand darin, hinter der Tür die Leiche der Bewohnerin zu finden. Deshalb versuchte sie, sich auf diesen Anblick vorzubereiten und dagegen zu wappnen. Sie wusste allerdings mit absoluter Sicherheit, dass der Fund eines Leichnams sie dennoch schockieren würde, gleichgültig, ob sie sich innerlich darauf vorbereitete oder nicht.
Nachdem sie noch einmal tief eingeatmet und die Luft wieder ausgestoßen hatte, marschierte sie neben den Feuchtigkeitsflecken durch den Flur. Unmittelbar vor der Tür, die ihr Ziel war, befand sich ein besonders großflächiger dunkler Fleck auf dem Teppich, als hätte die Person, die dafür verantwortlich war, hier eine Weile gestanden und gewartet.
Worauf?
Anja konnte sich eine Reihe von Antworten auf diese Frage vorstellen. Allerdings würde sie die Wahrheit vermutlich nie erfahren. Von daher war es müßig, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, sodass sie es bleiben ließ.
Sie horchte aufmerksam, doch hinter der Tür war alles still.
Totenstill!
Anja schüttelte den Kopf. Der Gedanke, der sich mit einer Hartnäckigkeit in ihrem Bewusstsein festgesetzt hatte, als wollte er dort auf Dauer einziehen, war in diesem Augenblick absolut nicht hilfreich. Er ließ in ihrem Verstand eine Serie von Bildern der Frau von den Fotos entstehen. Auf jeder einzelnen dieser Momentaufnahmen war sie nicht mehr am Leben, und jede zeigte sie als Opfer einer anderen Todesart, jede furchtbarer als die vorherige.
Sie verdrängte die unerwünschten Überlegungen, die sie dazu veranlassten, unschlüssig an Ort und Stelle zu verharren, und sie letztendlich davon abhielten, endlich die Tür zu öffnen.
Anja gab sich daher innerlich einen Ruck und legte ihre Hand auf die Türklinke.
Die an sich alltägliche Bewegung erinnerte sie an andere Gelegenheiten, bei denen sie bestimmte Türen geöffnet hatte. Und es erinnerte sie vor allem daran, was sie jedes Mal dahinter entdeckt hatte.
An die Tür zum Arbeitszimmer ihres Vaters in ihrem ehemaligen Elternhaus, hinter der sie seine erhängte Leiche gefunden hatte.
An die Tür zum Arbeitszimmer ihres Mannes Fabian, hinter der sie auch ihn erhängt aufgefunden hatte.
An die Schlafzimmertür ihres Ex-Freundes Konstantin Steinhauser, hinter der sie ihn in flagranti mit einer anderen Frau erwischt hatte.
An die Küchentür in einem alten, heruntergekommenen Bauernhof, hinter der sie ihren Stiefbruder Sebastian gefesselt auf einem Stuhl entdeckt hatte.
Erneut an die Tür zum ehemaligen Arbeitszimmer ihres Vaters, hinter der sie auf ihre Cousine Judith gestoßen war, die sich in der Gewalt ihres Bruders befunden hatte, bei dem es sich um einen Serienkiller gehandelt hatte.
Es gab noch zahlreiche andere Türen und Ereignisse, doch die Eindrücke wechselten sich immer rascher ab, sodass Anja komplett den Überblick verlor und nicht mehr mitkam.
Also drückte sie rasch die Klinke nach unten, wodurch die Erinnerungsflut abrupt gestoppt wurde. Dann schob sie entschlossen die Tür auf und betrat den dahinterliegenden Raum.
11
Es handelte sich, wie Anja im Lichtschein, der vom Flur hereinfiel, rasch feststellte, um ein Badezimmer.
Sie griff nach dem Schalter und machte Licht. Dann stieß sie vor Erleichterung die angehaltene Luft aus, denn nirgends war eine Leiche zu sehen.
Obwohl sich ihre düstere Vorahnung somit nicht erfüllt hatte, worüber sie froh und zutiefst dankbar war, sah sich Anja dennoch gewissenhaft um. Schließlich war das Badezimmer offensichtlich das Ziel der Person gewesen, die die Spuren im Haus hinterlassen hatte. Es gab jedoch im ganzen Raum keinen einzigen Ort, der groß genug war, um eine Leiche zu verstecken.
Sowohl die Duschkabine als auch die Wanne waren leer und ebenso makellos sauber wie der Rest des Badezimmers. Und der Behälter für Schmutzwäsche in einer Ecke sowie der schmale Badezimmerschrank waren beide zu klein, um einen menschlichen Körper vollständig und in einem Stück aufzunehmen. Gleichwohl öffnete Anja sie und warf der Vollständigkeit halber einen kurzen Blick hinein, der ihre Schlussfolgerungen bestätigte.
Keine Leiche!
Anja hätte sich jetzt schulterzuckend abwenden und das Badezimmer verlassen können, um den Rest des Hauses zu durchsuchen; aber das tat sie nicht, denn irgendetwas in diesem Raum irritierte sie. Sie wusste allerdings nicht, was es war, das sie dermaßen beunruhigte, dass sie blieb.
Als sie sämtliche Sinneswahrnehmungen, die sie empfing, daraufhin einer genaueren Überprüfung unterzog, fiel ihr auf, dass es hier drin so warm und feucht war, als hätte erst vor Kurzem jemand ein Bad oder eine Dusche genommen. Außerdem roch es intensiv, allerdings nicht nach Shampoo, Duschgel oder Parfüm, sondern nach irgendeinem Putzmittel.
Bei diesem Gedanken fiel ihr erneut die makellose Sauberkeit auf. Sogar die Bodenfliesen sahen aus, als wären sie frisch gewischt worden. Außerdem fehlten hier drin eindeutig die nassen Fußspuren, die Anja erst hierher geführt hatten. Es sah aus, als hätte die Person, die die Feuchtigkeitsspuren im Haus hinterlassen hatte, das Badezimmer gar nicht betreten. Doch das erschien ihr unwahrscheinlich und unlogisch.
Als Anja nachdenklich den Fußboden betrachtete, fiel ihr zudem auf, dass ein flauschiger Badezimmerteppich fehlte. Es war zwar nicht ungewöhnlich, dass es keinen gab, doch in der Mehrzahl der Badezimmer, die Anja bislang betreten hatte – und aufgrund ihres Jobs waren das einige –, war einer vorhanden gewesen. Deshalb kam ihr das Fehlen im Zusammenhang mit den anderen Dingen, die ihr aufgefallen waren, zumindest bemerkenswert vor.
Sie ging zum Waschbecken, das so blitzblank wie alles andere in diesem Raum aussah, und betrachtete die Gegenstände auf der Ablage unterhalb des Spiegels, die wie Soldaten ordentlich in Reih und Glied nebeneinanderstanden. Kopfschüttelnd warf sie einen kurzen Blick in den Spiegel und betrachtete sich selbst. In ihrer dunklen Kleidung und mit der Kapuze über dem Kopf wirkte sie wie ein Fremdkörper in diesem Bad, das eher aussah, als gehörte es zu einem Hotelzimmer der gehobenen Klasse und wäre bereit für den nächsten Gast.
Doch dann bemerkte sie aus den Augenwinkeln doch noch einen Makel, der sie trotz seiner geringen Größe irritierte. Als sie ihren Blick darauf konzentrierte und unwillkürlich näher heranging, entdeckte sie in der linken oberen Ecke der rechteckigen Spiegelfläche einen länglichen ovalen, an den Rädern ausgefransten roten Fleck, der nur wenige Millimeter groß war. Anja hatte genügend Blutspritzer gesehen, um sofort zu erkennen, dass es sich auch hier um einen solchen handelte. Außerdem entdeckte sie in seiner unmittelbaren Nachbarschaft sogleich zwei weitere Exemplare, die dieselbe Form und Größe aufwiesen.
Sie suchte nach weiteren Flecken, konnte jedoch keine entdecken. Im Gegenteil: Ansonsten sah alles so aus, als wäre es gründlich gesäubert worden. Bis auf diese drei kleinen Spritzer, die man leicht übersehen konnte.
Endlich wusste sie, was sie die ganze Zeit über an diesem Ort irritiert hatte. Es war diese geradezu hygienische, steril wirkende Sauberkeit hier drin, obwohl vor Kurzem jemand geduscht oder gebadet zu haben schien.
Doch zusammen mit den drei kleinen Blutspritzern ergab die makellose Sauberkeit plötzlich ein anderes Bild. Das Badezimmer war offenbar erst kürzlich gründlich gereinigt worden. Und wie es schien, war es dabei offensichtlich darum gegangen, Blutspuren zu beseitigen.
Wie magnetisch angezogen fiel Anjas Blick wieder auf die drei Blutflecken, die dem Putzlappen entgangen waren. Sie betrachtete sich die länglichen ovoiden Spitzer, die parallel zueinander von rechts unten nach links oben verliefen. Sie waren an ihrem unteren Ende halbrund und verfügten an ihrem anderen Ende über sogenannte bärentatzenartige Ausziehungen. Anja wusste, dass mithilfe von Blutspuren der Hergang einer Tat rekonstruiert werden konnte. So konnten Blutspurenanalytiker beispielsweise anhand der Form und der Größe eines Blutspritzers dessen Einschlagwinkel berechnen und die Flugbahn bestimmen. Hatten die Analytiker genügend Spritzer vorliegen, konnten sie mithilfe der Flugbahnen sogar den gemeinsamen Ursprungsort des Blutes und damit den Standort des Opfers herausfinden. Allerdings bezweifelte Anja, dass die übrig gebliebenen drei Spritzer dafür ausreichten. Allerdings waren die Experten der Kriminaltechnik oftmals sogar in der Lage, weggewischte, für das bloße Auge unsichtbare, sogenannte latente Blutspuren wieder sichtbar zu machen.
Als Anja schließlich den Blick von den Blutspritzern abwandte, fiel ihr im Spiegel zum ersten Mal ein roséfarbener Bademantel auf, der an der Wand hinter ihr an einem Haken hing und ein merkwürdiges Muster aus dunkelroten Flecken aufwies. Aber rasch wurde Anja klar, dass es sich dabei gar nicht um ein Muster, sondern um weitere Blutflecken handelte.
Sie wandte sich um und ging hinüber, um sich den Bademantel aus der Nähe anzusehen. Allerdings nahm sie ihn dazu nicht vom Haken, sondern ließ ihn hängen. Stattdessen bückte sie sich, ergriff die beiden Enden des Saums und zog das Kleidungsstück vorsichtig auseinander. Als sie den Stoff ausgebreitet vor sich hatte, sah sie, dass er vor allem in dem Bereich, der sich im angezogenen Zustand an der Vorderseite des Körpers befand, großflächige rote Flecken aufwies. Der flauschige Frotteestoff hatte die Flüssigkeit gierig aufgesaugt. Die kleineren Flecken waren bereits getrocknet, doch die größeren glänzten im Zentrum noch immer feucht. Als Anja an einer Stelle roch, stieg ihr der unverkennbare Geruch in die Nase. Es handelte sich um Blut. Allerdings überraschte sie das nicht, denn sie konnte sich schwerlich einen Grund vorstellen, warum jemand rote Farbe oder Tomatensaft über seinen Bademantel schütten sollte. Und obwohl Anja insgeheim keine Zweifel daran hatte, stellte sich natürlich die naheliegende Frage, ob es sich überhaupt um menschliches Blut handelte. Aber das würden die Kriminaltechniker mit einem Schnelltest herausfinden.
Darüber hinaus wies der Stoff zwei ausgefranste Löcher auf, wo vom Hersteller keine vorgesehen waren. Beide Risse befanden sich jeweils im Zentrum eines großflächigen Blutflecks, der erste in Bauchhöhe, der zweite im Brustbereich. Auch ohne genauere Untersuchung kam Anja zu dem Ergebnis, dass an diesen Stellen ein Messer den Stoff durchbohrt haben musste.
Anja ließ den Bademantel los und richtete sich wieder auf.
Die nassen Fußabdrücke, denen sie von der offenen Terrassentür bis hierher gefolgt war, die Blutflecken auf dem Bademantel und schließlich die beiden Risse im Stoff verschafften ihr einen ersten Eindruck von dem, was in diesem Haus geschehen sein musste. Jemand war während des Regens ins Haus eingedrungen, hatte die Bewohnerin im Bad überrascht, nachdem diese geduscht oder ein Bad genommen hatte, und mindestens zweimal, wenn nicht noch öfter auf sie eingestochen. Und aufgrund der Zahl und Größe der Blutflecken auf dem Bademantel hegte Anja ernsthafte Zweifel, ob das Opfer diesen Angriff überlebt hatte.
Aber wo steckt dann ihre Leiche?
Anja sah sich erneut um, entdeckte jedoch keine weiteren Spuren der Bluttat, die an diesem Ort stattgefunden haben musste. Der Täter hatte nicht nur den Leichnam von hier weggebracht, sondern auch nahezu sämtliche Spuren seines Verbrechens beseitigt. Bis auf die drei kleinen Blutspritzer am Spiegel; die hatte er übersehen.
Aber wenn er sich schon so bemüht hat, alle Spuren restlos zu beseitigen, warum hat er dann den verräterischen Bademantel an den Haken gehängt und zurückgelassen?
Dieses Detail ergab für Anja absolut keinen Sinn. Während sie darüber nachgrübelte, war ihr Blick auf das Corpus Delicti gerichtet; sie nahm es allerdings überhaupt nicht wahr.
Warum hat er den blutigen Bademantel dagelassen?
Nach kurzem Nachdenken gab es für Anja nur eine logische Antwort auf diese Frage. Jemand hatte den Bademantel absichtlich für sie zurückgelassen. Und zwar dieselbe Person, die sie mithilfe der Mitteilung auf ihrer Fußmatte erst hierher gelockt hatte. Der Bademantel stellte insofern nur eine weitere Nachricht an sie dar. Er war trotz der Beseitigung aller anderen Spuren für sie zurückgelassen worden, damit sie auf jeden Fall erkannte, dass hier ein Messerangriff, höchstwahrscheinlich sogar ein Mord stattgefunden hatte.
Für Anja stank diese Geschichte, angefangen bei dem Umschlag vor ihrer Tür bis zu diesem widersprüchlichen Tatort, nach ihrem alten Widersacher, dem Mörder ihres Vaters und ihres Ehemannes. Ganz ähnlich war er bereits in den anderen Fällen vorgegangen, als sie es mit ihm zu tun bekommen hatte.
Allerdings hatte sich die Person, die sich zeitweise auch Jack nannte, in jüngster Vergangenheit vorwiegend anderer Psychopathen bedient, die für ihn die Drecksarbeit erledigten. Währenddessen war er im Hintergrund geblieben und hatte die Fäden gezogen. Es erschien Anja daher eher unwahrscheinlich, dass der Widersacher die blutige Tat, die hier allem Anschein nach stattgefunden hatte, auch eigenhändig begangen hatte.
Aber warum hatte er ihr überhaupt eine Nachricht geschickt? Wieso hatte er sie in dieses Haus gelockt, in dem höchstwahrscheinlich ein Mord geschehen war? Und aus welchem Grund hatte er penibel alle Spuren beseitigt, wenn er dann doch den blutigen Bademantel zurückließ, um sie gleichsam mit der Nase darauf zu stoßen, was hier geschehen war? Was bezweckte er mit alldem?
Auf all diese Fragen wusste Anja momentan natürlich noch keine Antworten. Um sie zu finden, würde sie der Sache auf den Grund gehen müssen. Und vielleicht wollte Jack genau das erreichen: dass sie den Mörder jagte. Für ihn war das alles unter Umständen nur ein weiteres makabres Spiel, das seinen offensichtlich abartigen Sinn für Humor befriedigte, während es für die Frau, die sein Handlanger getötet hatte, tödlicher Ernst gewesen war.
Anja seufzte tief. Nachdem es hier mittlerweile nicht nur um eine vermisste Frau, sondern voraussichtlich sogar um Mord ging, musste sie schleunigst die dafür zuständigen Kollegen informieren.
Außerdem empfand sie, seitdem sie wusste, dass hier eine Gewalttat verübt worden war, die Atmosphäre innerhalb des Hauses als bedrückend und unangenehm. Sie wollte sich daher nicht länger als unbedingt notwendig darin aufhalten. Möglicherweise hatte der Widersacher den Leichnam der Frau lediglich in einem anderen Zimmer deponiert und hoffte nun, dass Anja den Rest des Hauses durchsuchte und früher oder später darüber stolperte, denn zweifellos wusste er über ihre Ängste Bescheid. Aber den Gefallen würde sie ihm nicht tun. Und auch wenn sie sich insgeheim noch immer fragte, wo die Katze steckte, die auf dem Foto mit der Frau zu sehen war, würde sie es anderen Personen überlassen, nach ihr zu suchen. Schließlich war sie nur hier, weil sie einen Umschlag mit einer Nachricht auf ihrer Fußmatte gefunden hatte und der Sache kurzerhand nachgegangen war. Doch nach dem Fund des blutgetränkten, durchbohrten Bademantels ging es in diesem Fall ihrer Meinung nach nicht nur um eine vermisste Person, sondern vermutlich sogar um Mord. Und dafür war sie nun einmal nicht zuständig. Abgesehen davon hatte sie Urlaub.
Anja richtete sich auf und verließ das Badezimmer, ließ das Licht allerdings brennen. Als sie im Flur neben den Feuchtigkeitsspuren auf dem Teppich zur Treppe ging, hörte sie plötzlich von unten ein Geräusch.
Sofort erstarrte sie mitten in der Bewegung und blieb regungslos stehen, während ihr Herz das genaue Gegenteil tat und unwillkürlich schneller schlug.
Es hatte sich angehört, als wäre im Erdgeschoss leise eine Tür geschlossen worden. Doch nun, als Anja konzentriert lauschte und nicht einmal zu atmen wagte, war nichts mehr zu hören.
Nach einer Minute, in der ihr eigener Herzschlag der einzige Laut war, den sie vernahm, stieß sie die Luft aus und atmete tief durch. Anschließend setzte sie sich wieder in Bewegung, bemühte sich aber um absolute Geräuschlosigkeit, als sie ihren Weg fortsetzte. Am oberen Ende der Treppe verharrte sie erneut, um zu lauschen, doch es blieb weiterhin still. Daraufhin begann sie, langsam und leise die Stufen hinabzusteigen.
Der Erdgeschossflur war noch immer verlassen. Allerdings stellte Anja fest, dass die Tür zum Wohnzimmer, die sie offengelassen hatte, jetzt zu war.
Also hatte sie sich nicht getäuscht, sondern tatsächlich gehört, dass die Tür geschlossen worden war. Das hieß, dass sie nicht allein im Haus war, sondern Gesellschaft hatte.
Die Atmosphäre innerhalb des Hauses verwandelte sich schlagartig von bedrückend in feindselig.
Anja überlegte, was sie tun sollte. Das Haus durch den Vordereingang zu verlassen und so schnell wie möglich Verstärkung zu rufen, erschien ihr das Vernünftigste zu sein. Doch nicht immer war die vernünftigste Lösung auch die beste.
Was, wenn es der Widersacher war, der sich noch im Haus aufhielt? In dem Fall hätte sie die einmalige Gelegenheit, ihn auf frischer Tat zu ertappen oder zumindest einen Blick auf ihn zu erhaschen. Dann wüsste sie endlich, mit wem sie es zu tun hatte und ob ihr Verdacht, dass es sich um ihren Onkel handelte, richtig war.
Ungeachtet der Gefahr und der Tatsache, dass sie noch immer unbewaffnet war, ging Anja zur Wohnzimmertür. Die Aussicht, endlich den Mann zu erwischen, der ihren Vater und ihren Ehemann umgebracht hatte, ließ sie alle Sicherheitsbedenken und die Gefahr, in die sie sich dadurch begab, vergessen. Immerhin achtete sie wenigstens weiterhin darauf, sich von den nassen Fußabdrücken auf dem Boden fernzuhalten.
Vor der Tür blieb sie stehen und legte ihre behandschuhte Hand auf die Klinke. Ihr kam es so vor, als wäre der Türgriff noch warm von der Person, die ihn vor ihr benutzt hatte, doch das war vermutlich nur Einbildung.
Doch bevor sie die Tür öffnen konnte, zeigte ihr Verstand ihr Bilder dessen, was passieren könnte, wenn sie es tat. Die Person, die die Tür geschlossen hatte, befand sich unter Umständen noch immer im Wohnzimmer. Und sobald Anja die Tür geöffnet hatte, sprang sie auf sie zu und stieß ihr ein Messer in den Körper. Oder sie hatte sich aus dem Staub gemacht und dafür Carina Arendts Leiche zurückgelassen, die wie Anjas Vater und Ehemann von der Decke baumelte.
Die schrecklichen Vorstellungen ließen sie erschaudern. Dabei wusste sie nicht einmal, was schlimmer wäre. Von einem Killer mit einer tödlichen Waffe angegriffen zu werden, oder aber erneut einen von der Decke hängenden Leichnam zu finden, was ihr öfter widerfahren war, als ihr lieb war.
Anja nahm zögerlich die Hand von der Türklinke. Sie wollte sich abwenden und unverrichteter Dinge weggehen. Schließlich ging sie das, was in diesem Haus geschehen war, nichts an. Wieso sollte sie sich also deswegen in Gefahr begeben oder sich einem Anblick aussetzen, der ihr zu denen, die sie ohnehin bereits hatte, allenfalls weitere Albträume bescheren würde?
Doch dann besann sie sich darauf, dass es sie als Polizistin sehr wohl etwas anging. Und das nicht nur, weil jemand eine Nachricht mit dem Foto und dem Namen der Frau vor ihre Tür gelegt hatte und sie sich deshalb verantwortlich fühlte. Außerdem wollte sie in ihrer Suche nach dem Mann, der neben ihrem Vater und ihrem Mann zahlreiche andere Menschen umgebracht hatte, endlich einen entscheidenden Schritt vorankommen. Und das schien in diesem Moment in greifbare Nähe gerückt zu sein. Aus diesen Gründen musste sie diese Tür öffnen und nachsehen, auch wenn es bedeutete, dass sie einem Killer direkt in die Arme lief oder etwas Schreckliches fand. Und abgesehen davon war sie schlicht und ergreifend neugierig.
Also legte sie ihre Hand wieder auf die Klinke. Sie leerte ihren Verstand, um keine weiteren Schreckensszenarien heraufzubeschwören, die in diesem Augenblick wenig hilfreich wären. Dann öffnete sie kurzentschlossen die Tür.
Innerlich hatte sich Anja auf alles vorbereitet, doch was sie vorfand, war nur ein leeres Zimmer, das sich in einem einzigen Detail von dem Zustand unterschied, in dem sie es zuvor verlassen hatte: Die Terrassentür stand nämlich weit offen.
Anja stieß die Luft aus, die sie angehalten hatte, und ging zur Terrassentür. Sie warf einen kurzen Blick nach draußen, konnte aber niemanden entdecken. Erneut hatte sie das Gefühl, dass jemand sie beobachtete. Da sie sich im hell erleuchteten Wohnzimmer wie auf dem Präsentierteller vorkam, kehrte sie eilig in den Flur zurück.
Auf dem Weg zur Eingangstür kam sie an einem mannshohen Garderobenspiegel vorbei. Beiläufig warf sie einen Blick hinein. Doch was ihre Aufmerksamkeit erregte, war nicht ihr eigenes Spiegelbild, sondern das Foto, das in Augenhöhe auf der Spiegelfläche klebte.
Anja blieb abrupt stehen. Sie erschauderte erneut, und ihre Nackenhärchen stellten sich auf. Automatisch sah sie sich um, doch außer ihr war noch immer niemand im Flur. Sie richtete ihren Blick wieder auf das Foto am Spiegel und ging dann langsam näher heran, als widerstrebte es ihr, sich ihm zu nähern.
Je mehr die Distanz zwischen ihr und dem Foto schrumpfte, desto mehr Einzelheiten konnte sie erkennen. Dabei hatte sie bereits beim ersten Blick gewusst, um was es sich handelte und was sie darauf sehen würde.
Es handelte sich um die Aufnahme einer Polaroid-Sofortbildkamera. Anja hatte ein ähnliches Foto, das sich kaum von diesem hier unterschied, bei sich zu Hause. Der Widersacher hatte es für sie am Grab ihres Vaters auf dem Waldfriedhof hinterlegt, in einem ähnlichen Umschlag wie dem, den sie heute auf ihrer Türmatte gefunden hatte.
Auch auf der Aufnahme am Spiegel war das Gesicht ihres Vaters zu sehen. Er hatte eine Schlinge um den Hals und blickte voller Angst und Panik in die Kamera. Es musste wenige Minuten, wenn nicht sogar Augenblicke vor seinem Tod aufgenommen worden sein.
Da Anja das erste Polaroidfoto bereits so oft angesehen hatte, dass sie es in- und auswendig kannte, bemerkte sie sofort die Unterschiede, auch wenn diese nur geringfügig waren, da die Aufnahmen rasch hintereinander erfolgt sein mussten. Auf dem Foto am Spiegel hatte ihr Vater den Kopf ein wenig mehr nach links geneigt. Außerdem stand sein Mund offen, als hätte er etwas gesagt, seinen Mörder womöglich um Gnade angefleht.
Anja, die nur noch wenige Zentimeter von dem Foto trennten, blieb stehen. Bei dem furchtbaren Anblick ihres Vaters unmittelbar vor seinem Tod traten ihr Tränen in die Augen. Für einen Moment schloss sie die Augen, worauf die Tränen über ihre Wangen liefen. Sie hob die Hand und wischte sie mit dem Ärmel weg.
Doch dann rief sie sich wieder in Erinnerung, dass sie sich an einem potenziellen Tatort befand, was ihr dabei half, sich zusammenzureißen. Sie öffnete die Augen, atmete einmal tief durch und richtete den Blick wieder auf das Foto.
Immerhin hatte sie jetzt die absolute Gewissheit, dass ihr alter Widersacher hinter der Nachricht vor ihrer Tür steckte und bei dieser Sache seine dreckigen Finger im Spiel hatte.
Anja griff nach dem Foto, das mit einem Klebestreifen auf der Spiegeloberfläche befestigt war, und riss es ab. Sie drehte sich um und besah sich die Rückseite, doch dort standen im Gegensatz zum ersten Foto, das sie bekommen hatte, keine Worte. Ohne die Vorderseite noch einmal anzusehen, steckte sie es in die Innentasche ihrer Jacke. Ihr war bewusst, dass sie damit ein Beweisstück von einem Tatort entfernte. Doch ihr Entschluss, den zuständigen Ermittlern nichts von Jack zu erzählen, stand längst fest. Ihrer Meinung nach hatte er die Frau, sofern sie erwiesenermaßen tot war, ohnehin nicht eigenhändig umgebracht. Sollten sich die Kollegen daher ruhig auf die Suche nach dem wahren Täter machen, während sie weiterhin nach dem Mörder ihres Vaters suchte, der es wie immer vorzog, im Hintergrund die Fäden zu spinnen und im Verborgenen zu bleiben.
Allerdings war es gut möglich, dass er bis soeben noch hier gewesen war. Höchstwahrscheinlich hatte er die Polaroidaufnahme an den Spiegel geklebt, als Anja oben im Badezimmer gewesen war, und war erst dann verschwunden.
Erneut überlief sie ein eiskalter Schauder, als sie daran dachte, wie nah sie ihm unter Umständen gewesen war. Und doch war er ihr wie ein glitschiger Fisch ein weiteres Mal durch die Finger geflutscht.
Anja seufzte, bevor sie sich schließlich abwandte und ihren Weg zur Haustür fortsetzte. Sie zog die Überzieher von den Schuhen, bevor sie das Haus verließ und nach draußen in den Vorgarten trat. Dort holte sie ihr Handy heraus und überlegte, wen sie anrufen sollte.
Am liebsten hätte sie Kriminalhauptkommissar Peter Englmair von der Mordkommission informiert. Sie hatte bereits mehrere Male mit ihm zusammengearbeitet, und obwohl sie seinen Partner, Kriminaloberkommissar Anton Krieger nicht besonders leiden konnte, schätzte sie Englmair dafür umso mehr. Allerdings hatten die Mordermittler längst Feierabend und wären wahrscheinlich alles andere als erfreut, wenn Anja sie jetzt störte. Außerdem war es noch gar nicht erwiesen, dass es sich im vorliegenden Fall um einen Mord handelte. Und selbst wenn es so war, wurde der Fall möglicherweise nicht Englmair und Krieger, sondern einem anderen Ermittlerteam übertragen.
Aus diesen Gründen beschritt Anja den offiziellen Weg und rief in der Einsatzzentrale in der Ettstraße an. Sie erklärte dem Beamten am anderen Ende der Leitung in knappen Worten, worum es ging, und bat ihn dann, ein Team des Kriminaldauerdienstes vorbeizuschicken.
Sobald sie das Gespräch beendet und ihr Handy wieder weggesteckt hatte, sah sie sich um. Doch es war noch immer niemand zu sehen, weder auf der Straße noch in einem der Fenster der Nachbarhäuser. Abgesehen von den Straßenlaternen und den Lichtern in den Fenstern wirkte die Straße wie ausgestorben. Wenigstens hatte es inzwischen vollständig zu regnen aufgehört. Die Wolkendecke war aufgerissen, und durch den Riss, der an eine offene Wunde erinnerte, waren Sterne und der sichelförmige Mond zu sehen.
Immerhin hatte Anja nicht das Gefühl, dass sie momentan beobachtet wurde. Dennoch kam sie sich hier vor dem Haus im Licht der Lampe über der Tür wie bereits im Wohnzimmer so vor, als säße sie auf dem Präsentierteller. Sie fröstelte unwillkürlich, allerdings nicht vor Kälte, und hob die Schultern. Dann zog sie sich hinter einen dichten, übermannshohen Strauch zurück, wo sie von der Straße und den benachbarten Häusern nicht sofort gesehen wurde, selbst aber alles beobachten konnte. Dort wartete sie ungeduldig auf die Kollegen vom Kriminaldauerdienst und knabberte an ihrer Unterlippe.
12
Es dauerte fünfzehn Minuten, die Anja mindestens doppelt so lang vorkamen, bis endlich drei Fahrzeuge am Ende der Straße um die Kurve kamen und langsam in ihre Richtung fuhren.
Es handelte sich ausschließlich um Zivilfahrzeuge, die ohne Blaulicht unterwegs waren, um keine unnötige Aufmerksamkeit zu erregen. Der erste Wagen war ein schwarzer BMW. Im Licht der Straßenlaternen sah Anja, dass zwei Personen darin saßen, ein Mann und eine Frau. Sie vermutete, dass es sich dabei um das Team des Kriminaldauerdienstes handelte. Dahinter kam ein Einsatzfahrzeug der Kriminaltechnik, ein dunkelgrauer Kleintransporter mit zwei Männern auf den Vordersitzen. Das Ende des Konvois bildete ein dunkelblauer Audi, in dem ebenfalls ein Mann und eine Frau saßen, die vermutlich ebenfalls Kriminaltechniker waren.
Als die Fahrzeugkolonne unmittelbar vor dem Haus am Straßenrand zum Stillstand kam, trat Anja hinter dem Strauch hervor und schob die Kapuze vom Kopf. Sofort ging die automatische Beleuchtung über der Eingangstür wieder an und tauchte sie in helles Licht.
Fahrzeugtüren wurden geöffnet, als alle Neuankömmlinge nahezu gleichzeitig ausstiegen. Die Insassen des Transporters und des Audi versammelten sich vor der offenen Seitentür des Einsatzfahrzeuges der Kriminaltechnik. Sie schlüpften in weiße Tatort-Schutzanzüge und suchten dann ihre Ausrüstung zusammen.
Die Frau und der Mann aus dem BMW hingegen betraten sofort das Grundstück und kamen auf Anja zu. Während sie näherkamen, hatte Anja Gelegenheit, sie unauffällig zu mustern.
Sie kannte die beiden nicht. Doch da bei der Münchner Polizei über 6.000 Leute arbeiteten, war das nicht ungewöhnlich. Außerdem war der Kriminaldauerdienst mit seinen 98 Mitarbeitern das größte Kriminalkommissariat in der Landeshauptstadt.
Die Frau war schlank und auffallend groß; Anja schätzte sie auf mindestens ein Meter neunzig. Ihr schulterlanges, karamellfarbenes Haar war in der Mitte gescheitelt. Sie hatte ein langes, schmales Gesicht mit kantigen Zügen und trug eine Brille aus bronzefarbenem Kunststoff mit rechteckigen Gläsern. Intelligente türkisfarbene Augen sahen Anja durch die Brillengläser hindurch abschätzend an. Sie trug knöchelhohe braune Schnürboots, dunkelblaue Jeans, ein weißes Shirt mit Knopfleiste und eine cognacfarbene Jacke aus Nappaleder mit Stehkragen. Anja mutmaßte, dass die Frau allenfalls zwei oder drei Jahre älter als sie selbst war.
Der Mann, der neben ihr ging, war mindestens fünf Jahre jünger als seine Kollegin, eine Handbreit kleiner und ebenfalls schlank. Er hatte kurzgeschnittenes rotbraunes Haar, einen Vollbart und blassgrüne Augen. Sein Gesicht erinnerte Anja ein bisschen an den irischen Schauspieler Michael Fassbender. Er trug dunkelblaue Sneaker und eine anthrazitfarbene Cargohose, dazu ein hellgraues Sweatshirt und ein schwarzes Baumwollsakko.
Der Mann lächelte breit, als sie Anja erreichten, während die Frau finster dreinblickte. Anja hatte unwillkürlich das Gefühl, die beiden wollten von Anfang an »Guter Cop, böser Cop« mit ihr spielen, allerdings mit vertauschten Rollen.
»Sie müssen die Kollegin von der Vermisstenstelle sein«, ergriff die Frau das Wort und machte damit sofort deutlich, wer von den beiden das Sagen hatte. Gleichzeitig stieß sie ihre rechte Hand in Anjas Richtung, als wollte sie diese damit durchbohren. »Ich bin Melissa Schubert vom KDD. Und das ist mein Kollege Andreas Plattner.«
Anja ergriff die dargebotene Hand und nannte ihren Namen. Die andere Frau hatte einen kräftigen Händedruck, doch Anja ließ sich davon nicht einschüchtern und erwiderte den Druck. Sie schenkte Melissa Schubert ein freundliches Lächeln, das allerdings nicht erwidert wurde. Dafür war Andreas Krämers Miene umso herzlicher, als sie sich die Hände schüttelten, als wollte er die Ernsthaftigkeit seiner Kollegin mit übertriebener Freundlichkeit ausgleichen.
»Was haben wir hier?«, kam die Ermittlerin des KDD anschließend ohne Umschweife zur Sache und sah Anja mit nachdenklich gerunzelter Stirn und finsterem Gesichtsausdruck fragend an.
Anja setzte die beiden in wenigen Worten über die Art und den Inhalt der Nachricht in Kenntnis, die sie nach dem Klopfen an ihrer Tür auf der Fußmatte gefunden hatte. Dann berichtete sie stichpunktartig, wie sie hierhergekommen war, um die Angelegenheit zu überprüfen, dabei die Terrassentür unverschlossen vorgefunden und das Haus betreten hatte. Zum Schluss kam sie auf das zu sprechen, was sie im Badezimmer entdeckt hatte. Von dem Geräusch der sich schließenden Tür und dem Polaroidfoto am Spiegel erzählte sie allerdings nichts.
Kurz bevor sie ihren Bericht beendete, gesellten sich die vier weißgekleideten Kriminaltechniker zu ihnen, die Anja zwar nicht namentlich, aber wenigstens vom Sehen bekannt waren. Alle trugen einen Mundschutz und große Koffer mit ihrer Ausrüstung in den behandschuhten Händen. Anja nickte ihnen zur Begrüßung zu.
Melissa Schubert wandte sich an den Leiter des Teams, einen älteren, leicht übergewichtigen Mann. »Wir wissen zwar noch nicht, ob es sich hier tatsächlich um den Tatort eines Gewaltverbrechens handelt, können es aber momentan auch nicht komplett ausschließen«, erklärte sie ihm. »Der mögliche Tatort befindet sich im ersten Stock. Es handelt sich um das Badezimmer. Ein paar sichtbare Blutspritzer befinden sich am Spiegel. Außerdem hängt ein durchlöcherter und blutiger Bademantel am Haken. Der etwaige Täter ist vermutlich während des Regens durch die Terrassentür gewaltsam ins Haus eingedrungen und direkt zum Tatort gegangen. Dabei hat er im Haus deutlich sichtbare Fuß- und Tropfspuren hinterlassen. Die Leiche wurde entfernt und der Tatort gründlich gereinigt. Unter Umständen befindet sich der Leichnam allerdings noch im Haus. Außerdem scheint es eine Katze zu geben.«
Der Teamleiter der Kriminaltechniker nickte. Er benötigte keine weiteren Anweisungen, sondern wusste selbst am besten, was er und sein Team in einem solchen Fall zu tun hatten. Ohne ein Wort zu verlieren, setzte sich der kleine Trupp in Bewegung. Sie wirkten dabei in ihren partikeldichten Overalls mit den über den Kopf gezogenen Kapuzen wie eine Horde Gespenster. Vor der Tür blieben sie stehen. Dann zog sich einer nach dem anderen Überschuhe an, um keine Verunreinigungen an einen potenziellen Tatort zu tragen, bevor er das Haus betrat.
Sobald die Kriminaltechniker außer Sicht waren, wandte sich Melissa Schubert wieder an Anja. »Haben Sie die Nachricht, von der Sie gesprochen haben, bei sich?«
Anja schüttelte den Kopf. »Sie steckt in einer Klarsichthülle bei mir zu Hause. Ich wollte sie nicht mitnehmen, sondern erst einmal selbst nach dem Rechten sehen, bevor ich die Pferde völlig grundlos scheu mache. Und nachdem ich in der Einsatzzentrale angerufen hatte, konnte ich nicht nach Hause gehen und sie holen, weil ich den Tatort nicht unbeaufsichtigt lassen wollte. Aber ich kann sie jederzeit holen, wenn Sie wollen.« Anja merkte, dass sie sich unwillkürlich rechtfertigte, und ärgerte sich darüber. Sie ließ sich von ihrem Ärger aber nichts anmerken.
»Das können Sie später erledigen, wenn mein Kollege und ich uns den Tatort ansehen, sobald die Kriminaltechniker uns grünes Licht geben.«
Anja nickte und sah Plattner an, der noch keinen einzigen Ton von sich gegeben hatte. Er grinste, als fände er die Situation unglaublich witzig.
»Warum haben Sie nicht gleich die Einsatzzentrale informiert, sobald sie die aufgehebelte Terrassentür bemerkt hatten, und stattdessen das Haus betreten?«, fragte Melissa Schubert. »Ich hoffe bloß, Sie haben dabei keine Spuren verfälscht, Kollegin Spangenberg.«
»Keine Angst, Kollegin Schubert«, entgegnete Anja und bemühte sich, dabei nicht allzu bissig zu klingen. »Ich bin zwar nur von der Vermisstenstelle, aber trotzdem nicht zum ersten Mal an einem Tatort. Ich habe gut aufgepasst. Außerdem hatte ich Handschuhe und Überschuhe dabei.« Zum Beweis ihrer Worte zog sie die Überzieher aus der Tasche ihres Kapuzenpullis.
Melissa Schubert schien das nicht zu besänftigen. »Sie haben meine Frage nicht beantwortet.«
Anja seufzte. Sie spürte, dass sie allmählich wütend wurde. Die Ermittlerin des KDD behandelte sie weniger wie eine Kollegin, sondern eher wie eine Verdächtige. Allerdings würde es nichts bringen, wenn sie ihre Wut offen zeigte und sich unkooperativ verhielt. Schließlich zogen sie im Grunde genommen alle an einem Strang. Außerdem konnte sie sogar nachvollziehen, dass die andere Frau misstrauisch war. Sie kannte Anja nicht, und die Umstände, die Anja hierher und zur Entdeckung eines möglichen Mordes geführt hatten, waren zumindest merkwürdig, wenn nicht sogar verdächtig. Deshalb unterdrückte sie ihren aufflammenden Zorn, auch wenn es ihr schwerfiel, und bemühte sich, gelassen zu bleiben.
»Ich wusste nicht, ob das Ganze nicht doch nur ein makabrer Scherz war«, sagte sie. »Deshalb hegte ich die Befürchtung, es könnte sich als falscher Alarm herausstellen, wenn ich in der Einsatzzentrale anrufe, bevor ich das Haus überprüft habe. Schließlich wollte ich mich vor den Kollegen nicht lächerlich machen.«
Melissa Schubert nickte, als leuchteten ihr diese Beweggründe ein oder als hätte sie sogar Verständnis dafür.
»Haben Sie eine Vorstellung, wer Ihnen die Nachricht geschickt haben könnte? Und aus welchem Grund sie ausgerechnet auf Ihrer Fußmatte lag?«
Anja zuckte mit den Schultern. »Das habe ich mich auch gefragt.« Sie dachte kurz nach. Von ihrem begründeten Verdacht, dass der Umschlag von derselben Person stammte, die ihr schon früher Nachrichten geschickt und ihren Vater ermordet hatte, konnte und wollte sie den beiden Kollegen vom KDD nichts erzählen. Deshalb nannte sie eine weitere Möglichkeit, die sie sich während der Wartezeit überlegt hatte. Sie klang plausibel und war darüber hinaus viel leichter zu glauben. »Unter Umständen liegt es daran, dass ich hier in der Nähe wohne und bei der Vermisstenstelle arbeite. Der Absender könnte das gewusst haben und ließ mir die Nachricht deshalb zukommen. Schließlich steht über dem Foto der Frau mit der Katze das Wort ›VERMISST!‹. Es handelt sich also allem Anschein nach um eine Art anonyme Vermisstenanzeige, ohne dass der Anzeigenerstatter den offiziellen Weg beschreiten und persönlich in Erscheinung treten musste. Vielleicht hat er gute Gründe, weswegen er inkognito bleiben will.«
»Möglicherweise handelt es sich um den Liebhaber der Frau, die hier wohnt«, spann Plattner den Gedanken weiter. Er hatte eine erstaunlich tiefe Stimme. »Und weil er verheiratet ist, will er nicht in polizeiliche Ermittlungen hineingezogen werden. Klingt für mich plausibel.«
Seine Kollegin dachte darüber nach, und sah sich dabei um. »Das ist durchaus denkbar«, sagte sie nach einer Weile, klang aber alles andere als überzeugt. »Trotzdem …«, begann sie dann und schüttelte den Kopf. »Irgendetwas an der Sache kommt mir merkwürdig vor.« Sie richtete ihre Augen wieder auf Anja und sah diese mit einem inquisitorischen Blick durchbohrend an, als erwartete sie, Anja würde daraufhin sogleich zusammenbrechen und alles gestehen.
Anja fühlte sich unter dem Blick der Frau durchaus unbehaglich. Es kam ihr so vor, als könnte Melissa Schubert bis in ihre Seele blicken und dort Dinge entdecken, die Anja nicht auszusprechen wagte. Das war natürlich ausgemachter Blödsinn, dennoch wurde Anja das Gefühl nicht los, dass die andere Frau genau wusste, dass sie ihr nicht die vollständige Wahrheit erzählt hatte und mit einem entscheidenden Detail hinter dem Berg hielt. Sie erschauderte innerlich, bemühte sich aber, sich von ihren Gefühlen nichts anmerken zu lassen. Sie zuckte erneut mit den Schultern und gab sich nach außen unbeeindruckt. »Ich finde diese Geschichte ebenfalls merkwürdig, ja geradezu mysteriös. Aber genau so, wie ich es Ihnen erzählte, hat es sich abgespielt.« Das war nicht einmal eine Lüge, sondern die Wahrheit. »Mehr kann ich Ihnen dazu beim besten Willen nicht sagen. Außer …«, sagte sie dann, als ihr plötzlich etwas einfiel, »… dass ich, als ich hierherkam, das unangenehme Gefühl hatte, als würde mich jemand beobachten.«
Plattner sah sich daraufhin automatisch um. Er entdeckte aber nichts, das seinen Argwohn erregte.
Melissa Schubert hielt ihren Blick weiterhin auf Anja gerichtet, als befürchtete sie, diese könnte sich in Luft auflösen, wenn sie sie nicht ständig aufmerksam im Auge behielt. »Haben Sie dieses Gefühl noch immer?«
Anja schüttelte den Kopf. »Als ich ums Haus herumging, verschwand es. Seitdem hatte ich es nicht mehr.«
»Na schön«, gab sich die andere Kriminalbeamtin schließlich zufrieden und seufzte schwer, als trüge sie die Last der ganzen Welt auf ihren Schultern. »Ich habe momentan keine weiteren Fragen an Sie, Frau Spangenberg. Mein Kollege wird sich Ihre Adresse notieren, während ich mich einmal hinter dem Haus umsehe. Anschließend können Sie kurz nach Hause gehen und die Klarsichthülle mit der Nachricht holen. Aber halten Sie sich bitte weiterhin zu unserer Verfügung, denn nach der Besichtigung des Hauses und des potenziellen Tatorts habe ich sicherlich noch ein paar Fragen an Sie.« Melissa Schubert schenkte ihr zum Abschied ein knappes Nicken, verzog dabei aber immer noch keine Miene, und marschierte davon.
Anja wartete, bis sie um die Ecke verschwunden und damit außer Hörweite war. »Was ist denn mit Grumpy Cop los?«, fragte sie dann Andreas Plattner, der ein Notizbuch aus der Innentasche seines Sakkos holte, um sich Anjas Adresse zu notieren. »Ist Ihre Kollegin immer so schlecht gelaunt, oder habe ich irgendetwas Falsches gesagt?«
Er lachte und schüttelte den Kopf. »Nein, Sie haben überhaupt nichts Falsches gesagt. Und der Name Grumpy Cop ist gar nicht mal so abwegig, denn Melissa ist heute einfach nur besonders mies drauf.«
»Hat das einen bestimmten Grund?«
Er seufzte. »Sie ist auch an guten Tagen nicht unbedingt ein Ausbund an Fröhlichkeit und guter Laune, vor allem, weil wir immer alle Hände voll zu tun haben. Aber heute Nacht hatten wir besonders viel Stress und hetzten von einem Einsatz zum nächsten. Seit wir unsere Schicht begonnen haben, gab es für uns bereits zwei Einbrüche, einen ungeklärten Todesfall in Untermenzing, einen Raubüberfall auf eine Tankstelle und eine versuchte Vergewaltigung. Und als wir uns dann im Aufenthaltsraum eine Pause gönnen und die bestellte Pizza essen wollten, kam prompt ein Anruf aus dem Aquarium, und wir wurden hierher geschickt.«
Anja wusste, dass die KDD-Beamten ihre Einsatzzentrale in der Ettstraße als Aquarium bezeichneten. Krämers und Schuberts Schicht hatte dort um 17 Uhr begonnen. Da sie in 12-Stunden-Schichten arbeiteten, war sie erst um 5 Uhr morgens zu Ende. Die Mitarbeiter des KDD hatten nämlich Dienst, wenn sie und ihre Kollegen der Fachkommissariate Feierabend oder am Wochenende frei hatten. Sie übernahmen dann die Aufgaben aller 55 Kriminalkommissariate und waren unter anderem für ungeklärte Todesfälle, massive Körperverletzungen bis hin zu Tötungsdelikten, Sexualstraftaten, Raubdelikte und Wohnungs- und Geschäftseinbrüche zuständig. In Vertretung der Fachkommissariate führten sie dann vor Ort die maßgeblichen Sofortmaßnahmen einschließlich der ersten Auswertungs- und Ermittlungsarbeit durch. Bei Bedarf zogen sie die Kollegen der Kriminaltechnik hinzu. Die Weiterbearbeitung und Nachermittlung der Fälle erfolgte dann allerdings regelmäßig in den zuständigen Fachdienststellen.
»Und als wäre das noch nicht genug«, fuhr Plattner fort, »haben wir es hier auch noch mit einem reichlich mysteriösen Fall zu tun. Angefangen bei dem Klopfen an Ihrer Tür und der geheimnisvollen Nachricht auf Ihrer Fußmatte. Daraufhin kommen Sie, zufälligerweise auch noch eine Kollegin von der Vermisstenstelle, hierher und finden die Terrassentür einladend offen vor. Sie folgen den Fußspuren, die Sie geradewegs zu einem potenziellen Tatort führen. Allerdings hat der Täter das Opfer und fast alle Blutspuren beseitigt, als wollte er die Tatsache verschleiern, dass es sich um einen Tatort handelt. Dabei übersieht er trotz aller Gründlichkeit aber nicht nur ein paar Blutspritzer, sondern lässt sogar den blutigen Bademantel hängen, den das Opfer vermutlich getragen hat.« Er schüttelte den Kopf. »Melissa hat schon recht: Irgendwie passt das alles nicht zusammen. Finden Sie nicht auch?«
Anja signalisierte ihre Zustimmung mit einem Nicken, sagte jedoch nichts.
»Die Situation ist dermaßen verworren, dass wir momentan noch nicht einmal wissen, womit wir es hier zu tun haben. Die Nachricht, die Sie erhielten, spricht lediglich von einem Vermisstenfall. Von daher ist es durchaus einleuchtend, dass die Mitteilung ausgerechnet an Sie gegangen ist, auch wenn die Art und Weise völlig unkonventionell und merkwürdig war. Die Blutspritzer und die von ihnen beschriebene Menge von Blut am Bademantel lassen hingegen eher auf ein Gewaltdelikt, unter Umständen sogar auf einen Mord schließen. Aber wieso hat der Täter dann einerseits das Badezimmer gereinigt, andererseits den Bademantel hängen lassen? Und warum hat er, als er schon dabei war, nicht auch gleich die Fußspuren und Wasserflecken im Haus beseitigt, die direkt zum Tatort führen? All diese Ungereimtheiten und offenen Fragen bereiten nicht nur mir, sondern auch meiner Kollegen Kopfschmerzen. Und deshalb ist Melissa heute Nacht besonders mies drauf.«
»Sie machen mir allerdings keinen so missmutigen Eindruck wie Ihre Kollegin.«
»Ich bin eben von Haus aus eher eine Frohnatur«, sagte er grinsend. »Aber trotzdem wünschte ich mir, wir hätten diesen Fall nicht zugeteilt bekommen und stattdessen unsere Pizza essen können.« Er rieb sich den Bauch. »Ich hab ein komisches Gefühl im Magen, und das liegt nicht nur am Hunger.«
»Wenigstens sind Sie den Fall spätestens dann los, wenn das zuständige Fachkommissariat morgen früh wieder seinen Dienst antritt.«
Er wiegte den Kopf hin und her und seufzte. »Aber bis dahin haben wir ihn an der Backe und können uns damit herumärgern. Und wenn wir bis dahin nicht herausgefunden haben, was hier passiert ist, ob also ein Mordfall, eine Körperverletzung oder nur ein Vermisstenfall vorliegt, wissen wir nicht einmal, welchen Kollegen wir den Fall aufs Auge drücken können. Dann bleiben wir vielleicht sogar darauf hocken. Dabei haben wir auch so schon mehr als genug Arbeit.«
»Tut mir leid«, sagte Anja und zuckte hilflos mit den Schultern. »Aber ich kann leider auch nichts dafür.«
»Ich weiß. Ich gebe Ihnen ja auch gar nicht die Schuld.«
»Ihre Kollegin scheint da anderer Ansicht zu sein.«
Plattner schüttelte den Kopf. »Da täuschen Sie sich. Es kommt einem nur so vor, wenn man sie nicht kennt. So wie ich Melissa nach den anderthalb Jahren, die wir nun bereits zusammenarbeiten, einschätze, macht ihr vor allem zu schaffen, dass sie momentan noch nicht erkennen kann, welche Rolle Sie bei der Geschichte spielen.«
»Das weiß ich, ehrlich gesagt, selbst nicht«, meinte Anja und erntete ein mitfühlendes Lächeln. »Und das beunruhigt mich ebenfalls.«
»Sie können ja die Ermittlungen weiterführen, wenn es sich nur um einen Vermisstenfall handeln sollte«, schlug Plattner vor. »Schließlich sind sie ja in gewisser Weise bereits damit befasst und müssen sich nicht mehr einarbeiten.«
Anja schüttelte den Kopf. »Tut mir leid, aber da müssen Sie sich an meine Kolleginnen und Kollegen in der Vermisstenstelle wenden.«
»Wieso das?«
»Ich habe momentan Urlaub.«
»Sie Glückliche«, sagte Plattner und seufzte. »Und obwohl Sie Urlaub haben, reagieren Sie dennoch auf geheimnisvolle Vermisstenmeldungen, die vor Ihre Haustür gelegt werden, und schleichen durch fremde Häuser, anstatt dass sie sofort die armen Kollegen zu Hilfe rufen, die keinen Urlaub haben.«
»Das nennt man Pflichtbewusstsein«, antwortete Anja. »Eine bayerische Kriminalbeamtin ist schließlich immer im Dienst.«
»Das nenne ich vorbildlich«, meinte er anerkennend und grinste dabei. »Gefällt Ihnen Ihre Arbeit bei der Vermisstenstelle?«
Anja nickte. »Sehr sogar. Ich möchte nirgendwo anders arbeiten. Und Sie? Was hat Sie zum Kriminaldauerdienst verschlagen?«
Er zuckte mit den Schultern und überlegte kurz. »Die Arbeit ist ungemein abwechslungsreich, das gefällt mir vor allem daran«, sagte er dann. »Auf der Rückfahrt von einem Einbruch in ein Einfamilienhaus in Bogenhausen bekommen wir beispielsweise die Meldung über eine Polizeileiche im Münchner Westen.«
Als Polizeileichen wurden Tote bezeichnet, bei denen noch nicht geklärt werden konnte, ob ein natürlicher oder ein gewaltsamer Tod vorlag.
»Wo waren Sie, bevor Sie zum Kriminaldauerdienst kamen?«, fragte Anja.
»Ich war für Körperverletzung, Sachbeschädigung, Nötigung, Bedrohung und Waffenrecht zuständig.«
»Und das war Ihnen zu langweilig?«
»Sagen wir eher, es war mir nicht abwechslungsreich genug. Außerdem interessiere ich mich eher für Todesfälle. Deshalb wollte ich ursprünglich auch zur Mordkommission. Ich habe mich da auch auf eine freie Stelle beworben, aber daraus wurde leider nichts. Aber vielleicht klappt es ja beim nächsten Mal.«
Anja hob die Augenbrauen. Sie fragte sich unwillkürlich, wie jemand sich für Todesfälle interessieren konnte. Allerdings reagierte nicht jeder dermaßen empfindlich wie sie auf den Anblick von Leichen.
Ihr Unverständnis musste auch in ihrer Miene zum Ausdruck gekommen sein, denn Plattner lachte. »Jetzt sehen Sie mich an, als wäre ich ein Perverser, den der Anblick von Leichen in sexuelle Erregung versetzt«, meinte er.
»Nein, nein«, wiegelte Anja ab. »Es ist nur so, dass ich selbst es nicht so mag, wenn ich mit Leichen zu tun habe. Manchmal verlangt es der Job zwar auch, dass ich in einem Sektionsraum des Instituts für Rechtsmedizin die Leiche einer vermissten Person identifizieren muss, aber meistens habe ich es zum Glück mit lebenden Vermissten zu tun. Deshalb kann ich Ihre Faszination für Todesfälle nicht nachvollziehen. Aber wenn Sie sich auf einer beruflichen Ebene dafür interessieren, dann ist das völlig okay.«
Plattner nickte. »Es sind auch weniger die Leichen selbst, die mich faszinieren«, erklärte er, »sondern vielmehr die Umstände, die dazu geführt haben, dass ein Mensch so weit geht, einem anderen Menschen das Leben zu nehmen.«
Da Anja keine Lust hatte, noch weiter über Leichen zu sprechen, beschloss sie, das Thema zu wechseln.
»Und Ihre Kollegin? Was hat sie gemacht, bevor sie zum Kriminaldauerdienst kam?«
»Melissa war ein paar Jahre Todesermittlerin und hat dabei natürlich viele Todesfälle untersucht«, antwortete Plattner. »Von ihr habe ich echt viel darüber gelernt.«
Anja krümmte sich innerlich, weil der beabsichtigte Themenwechsel nicht funktioniert hatte und nach hinten losgegangen war, denn Plattner schien allmählich in Fahrt zu kommen und sich für das Thema zu erwärmen. Doch bevor er fortfahren konnte, wurde Anja von einem Ruf gerettet, der von der anderen Seite des Hauses kam: »Andi?«
»Ihre Kollegin ruft nach Ihnen«, stellte Anja erleichtert fest.
»Ich hab’s gehört.« Er öffnete sein Notizbuch und nahm den dazugehörigen Kugelschreiber aus der Schlaufe. »Zuerst sagen Sie mir aber noch Ihre Adresse.«
Anja nannte ihm ihre Anschrift.
Er notierte sich ihre Angaben, dann klappte er das Buch zu. »Am besten, Sie holen jetzt die Nachricht, die Sie bekommen haben, während ich zu meiner Kollegin gehe und nachsehe, was sie von mir will.«
»Zu Befehl«, sagte Anja und salutierte zum Spaß.
Plattner lachte leise, dann drehte er sich um und ging an der Seite des Hauses entlang, um zur Rückseite zu gelangen.
Anja hingegen wandte sich vom Haus ab und verließ das Grundstück.
13
Zehn Minuten später war sie wieder zurück. Sie hatte nicht nur die Klarsichthülle geholt, in der sich neben der Nachricht und dem Umschlag auch die ursprüngliche Klarsichthülle befand, sondern die Gelegenheit auch gleich genutzt, um kurz ins Bad zu gehen und anschließend ein Glas Wasser zu trinken. Danach hatte sie nach Yin gerufen und das Haus nach ihm abgesucht. Da das Schicksal von Carina Arendts schwarzer Katze noch immer ungeklärt war, machte sie sich Sorgen um ihren Kater. Doch der war unauffindbar gewesen. Offensichtlich war er draußen und durchstreifte nun, nachdem es endlich zu regnen gehört hatte, die Nachbarschaft, um sein Revier gegen aufdringliche Rivalen zu verteidigen oder einsame Katzendamen zu umgarnen.
Da vor dem Haus niemand war, ging sie nach hinten. Aber auch dort fand sie niemanden. Wie es aussah, hatten die Kriminaltechniker grünes Licht gegeben und die beiden KDD-Beamten ins Haus gelassen.
Die kaputte Terrassentür, die ins immer noch hell erleuchtete, aber menschenleere Wohnzimmer führte, stand einen Spaltbreit offen. Doch Anja wagte es nicht, das Haus ohne Erlaubnis der zuständigen Kollegen zu betreten. Also ging sie wieder nach vorn und wartete dort.
Mittlerweile hatten die Anwohner auf der rechten Seite mitbekommen, dass auf dem Nachbargrundstück etwas Ungewöhnliches vor sich ging. Ein älteres Ehepaar stand am Fenster und beobachtete Anja argwöhnisch. Sie setzte ihr freundlichstes Lächeln auf und winkte den beiden alten Leuten zu. Diese zogen sich daraufhin geradezu fluchtartig zurück, als wären sie bei etwas Verbotenem ertappt worden. Sie schlossen die Vorhänge und löschten das Licht.
Während sie wartete, vertrieb sich Anja die Zeit, indem sie im Licht der Lampe über der Eingangstür das Foto von Carina Arendt mit ihrer Katze noch einmal genauer unter die Lupe nahm. Alle paar Minuten ging das Licht aus, sodass Anja eine Bewegung machen musste, damit es wieder anging. Doch obwohl sie die ausgedruckte Fotografie Millimeter für Millimeter unter die Lupe nahm, fiel ihr nichts Ungewöhnliches daran auf.
Auf diese Weise waren weitere zehn Minuten vergangen, bis Anja hinter sich plötzlich ein Räuspern vernahm. Sie zuckte erschrocken zusammen und fuhr herum.
»Tut mir leid«, sagte Andreas Plattner, der in der offenen Haustür stand. Allerdings konnte er sich ein schadenfrohes Grinsen über ihre Reaktion nicht verkneifen. »Ich wollte Sie nicht erschrecken.«
»Lügner!«, meinte Anja, lächelte dabei aber, um zu zeigen, dass sie es nicht böse meinte.
»Ertappt.« Plattner zuckte entschuldigend mit dem Achseln. »Haben Sie die Nachricht geholt?«
Anja nickte und reichte ihm die Klarsichthülle.
Er warf nur einen kurzen Blick darauf, bevor er sich wieder ihr zuwandte. »Und haben Sie auch Ihre Überschuhe noch dabei?«
»Habe ich.« Sie klopfte auf die Tasche, in der sie steckten. »Wieso fragen Sie?«
Doch anstatt ihre Frage zu beantworten, meinte er nur: »Ziehen Sie sie bitte an und kommen Sie dann rein.«
Anja zuckte mit den Schultern und tat, was er gesagt hatte.
»Sind die Kriminaltechniker bereits fertig?«, fragte sie, als sie schließlich im Hausflur neben ihm stand.
Plattner schüttelte den Kopf. »Noch nicht überall. Aber wir haben grünes Licht bekommen, uns in bestimmten Bereichen des Hauses frei bewegen zu können.«
»Und?«
Er zog fragend die Augenbrauen hoch. »Was meinen Sie?«
»Wurde die Leiche der Frau bereits gefunden?«
»Ach so.« Er lachte, was Anja in dieser Hinsicht für unangebracht hielt, und schüttelte den Kopf. »Nein. Keine Frauenleiche im ganzen Haus.«
Anja war beruhigt und fühlte sich daraufhin nicht mehr so unwohl hier drin. »Und was ist mit der Katze?«
»Die haben wir. Einer der Kriminaltechniker hat sie gefunden.«
»Wo war sie denn?«
»Im Keller.«
»Sie muss sich dort versteckt haben, als der Eindringling während des Regens ins Haus kam.«
»Das glaube ich kaum«, meinte Plattner mit einem schiefen Grinsen.
»Warum?«
»Sie wurde im Gefrierschrank gefunden«, antwortete er. »Von der Nase bis zur Schwanzspitze völlig steif gefroren.«
»Oh!«
»Wenn sie sich tatsächlich dort versteckt hätte, dann wäre das ein denkbar ungünstiges Versteck gewesen. Allerdings ist es so gut wie ausgeschlossen, dass sie es ohne fremde Hilfe geschafft hat, die Tür des Gefrierschranks zu öffnen und in eins der Fächer zu klettern. Außerdem sieht es so aus, als hätte ihr jemand vorher das Genick gebrochen.«
Als ausgesprochene Katzenfreundin verzog Anja mitfühlend das Gesicht. Sie musste dabei natürlich an Yin denken, der momentan draußen herumstromerte. Hoffentlich ging es ihm gut.
»Immerhin haben wir jetzt eine Leiche«, sagte Plattner grinsend. »Auch wenn es nur die einer Katze ist.«
»Ich kenne Carina Arendt zwar nicht«, meinte Anja, »aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sie es war, die ihrer Katze das angetan hat. Also haben wir hier neben den Fuß- und Wasserspuren und dem blutigen und durchlöcherten Bademantel ein weiteres Indiz, dass jemand ins Haus eingedrungen ist. Fragt sich, was er mit der verletzten Carina Arendt oder ihrer Leiche gemacht hat, nachdem er sie angegriffen hatte.«
»Womöglich erfahren wir ja bald, was sich im Badezimmer abgespielt hat.«
»Wie das?«
»Kommen Sie!«, forderte er sie mit einer Kopfbewegung auf und marschierte voraus in Richtung Treppe. Dabei achtete er sorgsam darauf, nicht auf die Fußspuren auf dem Boden zu treten, die inzwischen teilweise mit nummerierten Beweistäfelchen versehen worden waren.
Anja folgte ihm. »Wohin gehen wir?«
»Nach oben«, sagte er nur, als hätte sie das nicht schon selbst erraten. »Beeilen Sie sich, sonst verpassen wir noch die Show.«
Die Show?
Doch Anja fragte nicht nach, denn allem Anschein nach wollte Plattner so lange wie möglich ein Geheimnis daraus machen. Auf halber Höhe der Treppe sah er sich nach ihr um und grinste wie ein kleiner Junge, der sich auf die Bescherung an Weihnachten freut. Dann konzentrierte er sich wieder darauf, nicht auf die Spuren zu treten, die der Eindringling hinterlassen hatte. Anja zuckte mit den Schultern. Sollte er ruhig seinen Spaß haben. Früher oder später würde sie schon erfahren, was es mit der von ihm erwähnten Show auf sich hatte.
Sie gingen denselben Weg, den Anja zuvor allein zurückgelegt hatte, indem sie sich stets neben den Spuren hielten, und erreichten schließlich das Badezimmer.
Melissa Schubert stand mit verschränkten Armen breitbeinig vor der Tür und sah hinein. Als sie Plattner und Anja kommen hörte, warf sie über die Schulter einen Blick nach hinten. »Da sind Sie ja endlich«, sagte sie zu Anja. Dann, an Plattner gewandt: »Hast du die Nachricht, die auf ihrer Türschwelle lag?«
Plattner nickte und zeigte ihr die Klarsichthülle.
»Gut«, sagte seine Kollegin. Dann ging sie ein Stück zur Seite, sodass Anja und Plattner, die neben ihr stehen blieben, ebenfalls ins Badezimmer schauen konnten.
Als Anja die beiden Kriminaltechniker sah, die sämtliche Oberflächen mit einer Flüssigkeit besprühten, fiel bei ihr endlich der Groschen. Jetzt wusste sie, was Plattner mit der Show gemeint hatte.
Bei der Sprühflüssigkeit handelte es sich um ein Gemisch aus Luminol in Natronlauge und verdünnter Wasserstoffperoxid-Lösung. Damit konnten latente Blutspuren, die für das bloße Auge unsichtbar waren, weil sie nur in geringen Mengen vorhanden oder durch Reinigungsmaßnahmen nahezu vollständig beseitigt worden waren, sichtbar gemacht werden. Das Luminol erzeugte bei Kontakt mit dem Blutfarbstoff Hämoglobin eine chemische Reaktion, worauf es kurzzeitig zu einer Chemolumineszenz, einem bläulichen Leuchten kam.
Schließlich waren die beiden Kriminaltechniker, einer von ihnen war der Teamleiter, mit dem Einsprühen aller Flächen fertig und positionierten sich in der Nähe der Tür. »Licht aus!«, sagte der Leiter, worauf sein Kollege das Licht im Badezimmer löschte. Und auch Melissa Schubert griff mit ihrer behandschuhten Hand nach dem Lichtschalter des Flurlichts und schaltete es aus.
»Wow«, sagte Plattner, als es dunkel und wie bei einer Lightshow ein blaues Leuchten sichtbar wurde.
Als Anja bei ihrem ersten Besuch in diesem Haus im Badezimmer gewesen war, hatte sie angenommen, es wäre gründlich gereinigt worden. Doch nun sah sie, dass diese Reinigung in Wahrheit nur oberflächlich erfolgt war. Allerdings war es nahezu unmöglich, Blutspuren komplett zu beseitigen. Das menschliche Auge ließ sich zwar täuschen, denn die sichtbaren Blutspuren waren nahezu vollständig entfernt worden. Doch mithilfe des Luminols erkannte sie nun, dass noch genügend latente Spuren vorhanden waren, die eine chemische Reaktion ausgelöst hatten.
An den Wänden und sogar an der Decke gab es unzählige verwischte, blau leuchtende Blutspritzer. Auf den Bodenfliesen in der Mitte des Badezimmers, an den Innenwänden der Dusche und in der Duschwanne selbst war die Chemolumineszenz besonders intensiv, weil dort großflächig Blut vergossen und anschließend aufgewischt worden sein musste. Ein dunkles Rechteck ohne Lumineszenz am Boden zeigte die Stelle, an der eine Badematte gelegen hatte, die der Täter vermutlich zusammen mit dem Opfer beseitigt hatte.
Der blutbefleckte Bademantel hatte Anja bereits erahnen lassen, dass an diesem Ort eine Menge Blut vergossen worden war. Die Intensität und großflächige Verteilung des bläulichen Leuchtens ließ diese Ahnung nun zur Gewissheit werden.
In diesem Moment kam wieder Leben in die beiden Kriminaltechniker. Sie holten Fotoapparate aus einem Einsatzkoffer und begannen damit, alle leuchtenden Oberflächen zu fotografieren, um die Spuren später auswerten zu können. Angesichts der Menge an Blutspuren, die das Luminol zum Vorschein gebracht hatte, würde das mit Sicherheit eine Weile dauern.
Anja drehte sich um. Das Licht der Lampe, die über der Treppe an der Wand hing, genügte ihr, um ihren Weg zu finden, ohne auf die Fußspuren des Täters zu treten. Die beiden KDD-Beamten folgten ihr. Erst als sie im erleuchteten Erdgeschossflur angekommen war, blieb sie stehen. Sie wandte sich um und wartete auf Schubert und Plattner.
Sie sah, dass die Tür zum Wohnzimmer offen stand und die anderen beiden Kriminaltechniker darin zugange waren. Die Frau fotografierte die Fußspuren, während der Mann bestimmte Bereiche der Terrassentür mit Rußpulver einstäubte, um Fingerabdrücke zu sichern. Anja bezweifelte, dass er dort auch die des Täters finden würde, und war froh, dass sie selbst in diesem Haus nichts mit bloßen Händen angefasst hatte.
»Nun?«, fragte Melissa Schubert, sobald sie und ihr Kollege Anja erreicht hatten. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und sah Anja an, als erwartete sie endlich das längst überfällige Geständnis von ihr.
Anja zuckte mit den Schultern. »Was wollen Sie von mir wissen?«
»Was halten Sie von dem, was wir gesehen haben?«
Anja hob überrascht die Augenbrauen; sie hatte nicht damit gerechnet, dass die Kollegin sie nach ihrer Meinung fragen würde. Sie sortierte rasch ihre Gedanken, bevor sie antwortete: »Der Zustand des Bademantels ließ bereits darauf schließen, dass dort oben eine Menge Blut vergossen wurde. Der Einsatz des Luminols hat das meiner Meinung nach bestätigt. Aufgrund der momentanen Sachlage, die sich aus alldem ergibt, gehe ich daher davon aus, dass dort oben jemand nach dem Duschen mit einem Messer angegriffen und mindestens schwer verletzt, wenn nicht sogar getötet wurde. Höchstwahrscheinlich handelt es sich bei dem Opfer um Carina Arendt. Und der Täter ist die Person, die auch die Fußabdrücke und Tropfspuren im Haus hinterlassen hat.«
Schubert nickte nachdenklich, als wäre sie mit Anja einer Meinung, während Plattner wie immer grinste.
»Womit haben wir es hier Ihrer Meinung nach also zu tun?«, fragte Schubert.
Anja seufzte. »Mit letztendlicher Sicherheit lässt sich das natürlich momentan noch nicht sagen. Auf jeden Fall scheint zumindest eine gefährliche Körperverletzung vorzuliegen. So viel steht aufgrund der Blutspuren und der Löcher im Bademantel meiner Meinung nach schon einmal fest. Ob Carina Arendt, falls sie tatsächlich das Opfer war, den Angriff überlebt hat oder nicht, lässt sich hingegen nicht verlässlich feststellen. Im Augenblick können wir daher noch nicht zwangsläufig von einem Tötungsdelikt ausgehen. Unter Umständen können Ihnen in dieser Hinsicht ja die Blutspurenanalysten weiterhelfen, falls sie anhand der durch das Luminol sichtbar gewordenen Spuren feststellen können, wie viel Blut das Opfer in etwa verloren hat und ob dieser Blutverlust letztendlich tödlich war.«
Anja verstummte einen Moment, während sie rekapitulierte, was sie darüber wusste. Eine durchschnittliche Frau besitzt ungefähr vier bis fünf Liter Blut. Verliert sie sehr schnell eine große Menge Blut, ist bereits ein Verlust von 20 Prozent, also etwa ein Liter kritisch.
»Da das Opfer spurlos verschwunden ist«, fuhr Anja fort, »egal, ob es noch lebt oder nicht, liegt zumindest eindeutig ein Vermisstenfall vor.«
»Also schlagen Sie uns vor, den Fall morgen früh zur weiteren Bearbeitung an die Vermisstenstelle weiterzuleiten?«, wollte Schubert wissen.
Erneut zuckte Anja mit den Schultern. »Ohne das Opfer ist nicht einmal die Körperverletzung erwiesen. Aber da es definitiv verschwunden ist, liegt auf jeden Fall ein Vermisstenfall vor. Von daher ist es momentan naheliegend, den Fall an die Vermisstenstelle zu übergeben. Sie beide wissen natürlich selbst, was in so einem Fall zu tun ist. Zunächst einmal muss anhand einer DNA-Analyse des Blutes am Bademantel überprüft werden, ob es sich bei dem mutmaßlichen Opfer tatsächlich um die Bewohnerin des Hauses handelt. Außerdem müssen Nachforschungen in den Krankenhäusern der Umgebung vorgenommen und sämtliche Angehörige und Bekannte der Frau befragt werden. Vielleicht ist es ihr ja gelungen, schwer verletzt aus dem Haus zu fliehen, und sie wurde dann irgendwo aufgelesen und ins Krankenhaus gebracht. Oder sie konnte sich zu Freunden flüchten.«
Schubert schüttelte den Kopf. »Das halte ich für unwahrscheinlich. Dann hätte sie sich ja vorher den Bademantel ausziehen und nackt weglaufen müssen.«
»In ihrer Todesangst wäre ihr das vermutlich egal gewesen«, meinte Anja.
»Allerdings hätte sie in dem Fall auf ihrem Weg durchs Haus Blutspuren hinterlassen müssen«, entgegnete die andere Frau. »Es wurden aber keine gefunden.«
Anja nickte, denn das war ein schlagkräftiges Argument, an das sie nicht gedacht hatte. Trotzdem widersprach sie: »Vielleicht hat der Täter diese Spuren ebenfalls weggewischt.«
»Und wieso hat er dann seine eigenen Fußspuren nicht beseitigt?«
Anja hob ratlos die Schultern und ließ sie wieder sinken. Das war eine der Schlüsselfragen, die den Fall so mysteriös machten. »Ich weiß nicht, warum er die Blutspuren im Bad, aber nicht seine eigenen Fußspuren im Haus beseitigt hat. Und ich habe auch keine Ahnung, warum er die blutige Badematte mitgenommen, dafür aber den blutbefleckten Bademantel hiergelassen hat. Das alles ergibt für mich ebenfalls keinen Sinn. Aber unter Umständen hat es für den Täter durchaus eine Bedeutung.«
Schubert seufzte und fuhr sich mit beiden Händen durch ihr Haar. Sie wirkte müde. »Danke für Ihre Einschätzung, Frau Kollegin«, sagte sie dann und schenkte Anja zum ersten Mal, seit sie sich kannten, wenigstens die vage Andeutung eines Lächelns. »So wie ich das sehe, werden wir diesen Fall heute Nacht ohnehin nicht aufklären können und am Ende unserer Schicht an die Kollegen von der Vermisstenabteilung übergeben. Da Sie allerdings den Tatort entdeckt haben und damit unmittelbar in den Fall involviert sind, würde ich sagen, dass Sie befangen sind.«
»Frau Spangenberg hat momentan ohnehin Urlaub«, warf Plattner ein.
Seine Kollegin nahm das mit einem Nicken zur Kenntnis. »Kennen Sie Carina Arendt eigentlich persönlich? Immerhin wohnen Sie in der Nähe.«
Anja schüttelte den Kopf. »Ich bin der Frau meines Wissens nach nie begegnet. Allerdings haben wir, außer dass wir beide in unmittelbarer Nachbarschaft zum Waldfriedhof wohnen, noch mindestens eine weitere Gemeinsamkeit.«
»Und welche ist das?«, fragte die KDD-Ermittlerin interessiert.
»Wir besitzen beide eine schwarze Katze«, sagte Anja. »Es fiel mir bereits auf, sobald ich das Blatt mit dem Fotoausdruck aus dem Umschlag genommen hatte, denn auf den ersten Blick hätte es auch ein Foto von mir und Yin sein können.«
»Yin?«, fragte Plattner.
»So heißt mein Kater.«
Melissa Schubert sah Anja erneut mit durchdringendem Blick an, als verdächtigte sie die andere Frau, ihr diese Information bislang bewusst vorenthalten zu haben.
»Das ist mir eben erst wieder eingefallen«, rechtfertigte sich Anja, die sich eigentlich nicht rechtfertigen wollte und über sich selbst ärgerte, dass sie es dennoch tat.
»Vielleicht haben Sie ja auch deshalb die Nachricht bekommen«, meinte Plattner. »Gewissermaßen als Warnung oder Drohung, dass Ihnen dasselbe blühen könnte.«
Anja schüttelte den Kopf. Das wollte und konnte sie nicht glauben. Außerdem widersprach es ihrer begründeten Vermutung, dass ein alter Bekannter ihr die Nachricht geschickt hatte, um erneut eine mörderische Schnitzeljagd mit ihr zu veranstalten.
Auch Melissa Schubert schien von diesem Gedanken nicht angetan zu sein. »Das hieße ja, dass wir es hier mit jemandem zu tun haben, der es auf Frauen mit schwarzen Katzen abgesehen hat.« Sie tat die Idee mit einer wegwerfenden Handbewegung ab. »Konzentrieren wir uns stattdessen auf die Tatsachen. Und die besagen, dass wir ein schwer verletztes, möglicherweise totes Opfer haben, das spurlos verschwunden ist.« Sie richtete ihren Blick wieder auf Anja. »Können Sie uns sonst noch etwas sagen, das uns bei unseren Ermittlungen weiterhilft, Frau Spangenberg?«
»Tut mir leid, aber ich habe Ihnen alles gesagt, was ich darüber weiß.«
»Falls Ihnen doch noch etwas einfällt, rufen Sie bitte meinen Kollegen an. Er wird Ihnen seine Karte geben.«
Plattner griff gehorsam in die Innentasche seines Sakkos und brachte eine Visitenkarte zum Vorschein. Er reichte sie Anja mit dem obligatorischen Grinsen, das sie nun schon allzu gut kannte und das ihr allmählich ein wenig auf die Nerven ging.
»Danke.« Anja steckte die Karte ein, ohne einen Blick darauf zu werfen.
»Nochmals vielen Dank, dass Sie uns Ihre Einschätzung des Falls mitgeteilt haben«, sagte die KDD-Beamtin zum Abschluss. »Wir werden Ihren Hinweisen natürlich nachgehen und in den Krankenhäusern nachfragen, ob heute Nacht eine Frau mit Stichwunden eingeliefert wurde. Und wir werden sämtliche Angehörigen, Freunde und die Nachbarn befragen. Allerdings habe ich, ehrlich gesagt, nicht allzu viel Hoffnung, dass wir den Fall bis zum Ende unserer Schicht lösen werden, sodass Ihre Kollegen von der Vermisstenstelle sich morgen früh nach Dienstbeginn damit herumschlagen dürfen.«
»Die werden sich sicherlich freuen«, sagte Anja.
Zum ersten Mal, seit Anja sie kannte, zeigte ihr Melissa Schubert ein echtes Lächeln. »Das glaube ich auch.«
14
Wieder zu Hause suchte Anja, sobald sie ihre Schuhe ausgezogen hatte, als Erstes sämtliche Lieblingsaufenthaltsorte ihres Katers ab. Die zusammengefaltete Decke auf der Couch im Wohnzimmer, die Yin vor allem für seine ausgiebigen Nickerchen während des Tages benutzte, war leer. Auch Anjas Bett im Obergeschoss, in dem das Tier gewöhnlich schlief, nachdem es von seinen anstrengenden nächtlichen Streifzügen zurückgekehrt war, war verwaist. Er saß auch nicht auf dem Fensterbrett ihres Arbeitszimmers, das sie kaum noch betrat, weil es zu viele unangenehme Erinnerungen an ihren an diesem Ort verstorbenen Mann erweckte. Yin wiederum nutzte es gern als Aussichtspunkt, denn von dort hatte er einen hervorragenden Ausblick über sein Reich, das vermutlich aus ihrem Grundstück und den angrenzenden Gärten der Nachbarn bestand. Vor der Terrassentür, wo er immer dann teils sehnsüchtig, teils missmutig hinaus starrte, wenn es draußen zu ungemütlich für ihn war, weil es regnete, stürmte, blitzte oder donnerte, hockte er ebenfalls nicht. Er war auch nicht in der Küche, einem weiteren seiner Lieblingsorte, weil dort unter dem Fenster seine Näpfe mit Wasser und Katzenfutter standen. Und auch sonst war nirgends eine Spur von Yin zu entdecken. Sie ging daher davon aus, dass er noch immer draußen unterwegs war.
Angesichts des Schicksals, das die Katze der verschwundenen, vermutlich getöteten Carina Arendt getroffen hatte, machte sie sich inzwischen natürlich große Sorgen um den Kater. Allerdings rief sie sich in Erinnerung, dass das andere Tier nicht draußen, sondern von jemandem getötet worden war, der ins Haus eingedrungen war. Das gab ihr die Hoffnung, dass Yin nichts passierte, solange er im Freien unterwegs war. Und die Wahrscheinlichkeit, dass derselbe Täter auch in ihr Haus eindrang, war vermutlich eher gering.
Bist du dir sicher?
Ihre innere Stimme hatte die Angewohnheit, ihr ausgerechnet die Fragen zu stellen, die Anja nicht hören und auf die sie lieber keine Antwort haben wollte. Sie ignorierte sie deshalb einfach, was in der Regel aber nicht lange funktionierte.
Da sie momentan nichts anderes tun konnte, als darauf zu warten, dass Yin zurückkam, saß Anja am Küchentisch und grübelte.
Sie musste immer wieder an die Nachricht denken, die sie bekommen hatte. Und natürlich an das Polaroidfoto, das noch immer in der Innentasche ihrer Lederjacke steckte. Das Foto hatte jeden Zweifel darüber beseitigt, wer ihr den Umschlag vor die Tür gelegt hatte. Wie sie es von Anfang an vermutet hatte, steckte der Mörder ihres Vaters dahinter. Die Polaroidaufnahme war der Beweis, dass es sich um mehr als eine bloße Vermutung handelte. Sie hatte seit dem letzten Mal eine geraume Weile nichts mehr von ihm gehört, aber ständig insgeheim damit gerechnet, dass er sie früher oder später wieder aufs Korn nahm.
Damit war klar, dass der Mann, der sich Jack nannte, hinter der Geschichte steckte.
Aber wer ist die Person, die Carina Arendt in ihrem Badezimmer angegriffen und höchstwahrscheinlich getötet hat?
Wie in den früheren Fällen, in denen Anja es mit dem Mörder ihres Vaters zu tun bekommen hatte, bediente er sich offensichtlich auch hier wieder eines willfährigen Helfers, der für ihn die blutige Arbeit erledigte.
Aber wieso hatte er ihr die Nachricht geschickt und damit auf die Tat seines Handlangers aufmerksam gemacht, nachdem er sich andererseits zuvor so viel Mühe gegeben hatte, die Blutspuren im Bad zu entfernen? Außerdem hatte er auch den Bademantel hängen lassen und die Fußspuren nicht beseitigt. Wozu? Wollte er Anja in die Ermittlungen hineinziehen und erreichen, dass sie seinen Gehilfen jagte?
Der Gedanke war abenteuerlich, aber nicht grundsätzlich abwegig. Von daher behielt Anja ihn vorerst im Hinterkopf.
Stattdessen dachte sie über Plattner, den Kollegen vom Kriminaldauerdienst nach. Für ihre Begriffe hatte er zu oft gegrinst oder gelächelt. Vor allem angesichts dessen, was in dem Haus möglicherweise passiert war. Außerdem irritierte sie seine Faszination für Todesfälle, die sie weder begreifen noch begrüßen konnte.
Bevor sie allerdings noch länger über den KDD-Beamten nachdenken konnte, klingelte ihr Festnetztelefon. Sie wunderte sich, wer so spät noch anrief. Doch als sie einen Blick auf ihre Armbanduhr warf, sah sie, dass es noch gar nicht so spät war, wie sie gedacht hatte. Es war ihr nur so vorgekommen, weil in den letzten zweieinhalb Stunden so viel passiert war.
Während Anja in den Flur ging, dachte sie darüber nach, wer der Anrufer sein könnte. Vielleicht war es Tanja, die wissen wollte, was Anja herausgefunden hatte und ob es ihr gutging.
Doch als Anja das schnurlose Telefon nahm, stand auf dem Display nicht der Vorname ihrer Cousine, sondern der ihrer Mutter. Da Dagmar wusste, dass Anja selten vor Mitternacht schlafen ging, rief sie manchmal sogar noch spätabends an.
Anja seufzte. Während es ein weiteres Mal klingelte, überlegte sie, ob sie den Anruf entgegennehmen oder so tun sollte, als wäre sie nicht zu Hause.
Die Gründe, die für ein Telefongespräch mit Dagmar sprachen, überwogen schließlich. Erstens würde das Telefonat sie vom Nachgrübeln abhalten, das vermutlich ohnehin zu nichts führte. Außerdem verging die Zeit dann rascher, bis Yin nach Hause kam. Im Übrigen hatte sie seit fast einer Woche nicht mehr mit ihrer Mutter telefoniert. Ein Gespräch war daher längst überfällig, denn Dagmar erwartete, dass sie regelmäßig miteinander sprachen.
»Hallo, Mama«, sagte Anja, sobald die Verbindung stand. »Wie geht’s dir?«
Dagmar Fröhlich erwiderte die Begrüßung. Sie erging sich zunächst in der Schilderung diverser kleinerer körperlicher Beschwerden, die Anja allesamt nicht besonders schwerwiegend vorkamen. Anschließend listete sie eine Reihe von Problemen auf, die Anja angesichts dessen, was sie heute in Carina Arendts Haus vorgefunden hatte, wie Kinderkram erschienen. Sie ließ ihre Mutter dennoch munter drauflos schwadronieren, steuerte ab und zu einen einsilbigen Kommentar bei, hörte in Wahrheit aber überhaupt nicht richtig zu.
Dagmar war inzwischen zum zweiten Mal verheiratet. Ihr Ehemann Josef Fröhlich betrieb eine Druckerei, in der sie im Büro tätig war. Durch die Heirat hatte Anja nicht nur einen Stiefvater bekommen, den sie gern hatte, sondern mit seinem Sohn Sebastian darüber hinaus auch einen Stiefbruder, den sie von Anfang an nicht besonders leiden konnte.
Als ihre Mutter daher von Sebastian erzählte, der in einer Einliegerwohnung in seinem Elternhaus lebte und Sanitäter war, zog Anja eine Grimasse und schaltete auf Durchzug. Sie stand mit dem Telefon am Ohr im Flur und starrte auf die Katzenklappe neben der Haustür, als könnte sie durch pure Willenskraft bewirken, dass die Klappe aufging und ihr Kater durch die Öffnung schlüpfte. Doch das passierte natürlich nicht.
Schließlich beendete Dagmar ihren Monolog und fragte: »Und wie geht’s dir so?« Eine Frage, die automatisch eine aktivere Beteiligung Anjas an der Unterhaltung nach sich zog.
»Mir geht’s gut«, gab Anja daraufhin ihre Standardantwort. Bis sie heute Abend den Umschlag auf ihrer Fußmatte gefunden hatte, war das sogar im Großen und Ganzen die Wahrheit gewesen. Ihre Arbeit machte ihr wie immer Spaß; abgesehen natürlich von den zum Glück spärlich gesäten Tagen, an denen sie es mit Leichen zu tun hatte. Außerdem hatte nun schon eine ganze Weile niemand mehr versucht, sie zu töten, was sich ebenfalls positiv auf ihren Gemütszustand auswirkte. Einzig ihr Privatleben könnte etwas abwechslungsreicher sein, vor allem in Bezug auf das Thema Männer. Sie war in den letzten Monaten mit mehreren Männern ausgegangen, doch mehr als ein Restaurantbesuch war daraus nie geworden. In dieser Hinsicht war sie ein gebranntes Kind und deshalb extrem vorsichtig geworden. Aber wenigstens war sie nicht ganz allein, sondern hatte Yin.
Allerdings warf das, was sie am heutigen Abend erlebt hatte, einen tiefdunklen Schatten auf ihr Leben. Nicht nur, dass sie durch eine anonyme Nachricht erneut gegen ihren Willen in die Ermittlungen in einem möglichen Mordfall verwickelt wurde, musste sie sich nun auch noch Sorgen um ihren Kater machen. Außerdem hatte sie in den letzten Stunden mehrere Male das Gefühl gehabt, dass jemand sie aus dem Verborgenen beobachtete. Und schließlich war sie durch den Umschlag vor ihrer Tür an schreckliche Ereignisse aus ihrer Vergangenheit erinnert worden und musste seitdem auch wieder verstärkt an den Mörder ihres Vaters denken.
Apropos …
»Ich wollte dich eigentlich schon längst etwas fragen«, platzte Anja heraus, bevor sie darüber nachdenken konnte.
»Was denn?«
Anja überlegte sich ihre Worte gut. Ihre Mutter und sie sprachen nie über den Tod ihres Vaters. Sie beide hatten bislang instinktiv davor zurückgescheut, so als wäre es ein Tabuthema, über das man einfach nicht redete. Außerdem gab es dazu im Grunde auch nichts zu sagen. Anja hatte damals seine Leiche gefunden und wusste daher über die Umstände seines vermeintlichen Selbstmordes bestens Bescheid. Zumindest hatte sie gedacht, alles darüber zu wissen, bis die Polaroidaufnahme ihres Vaters, die wenige Minuten oder Sekunden vor seinem Tod aufgenommen worden war, sie eines Besseren belehrt hatte. Seitdem wusste sie, dass er ermordet worden war, und der Mörder sich sogar noch im Haus aufgehalten hatte, als sie den Leichnam im Arbeitszimmer entdeckt hatte. Allerdings hatte sie ihrer Mutter nichts davon erzählt. Wieso sollte Anja sie auch mit diesem Wissen belasten, so wie es sie belastete, und sie beunruhigen? Noch dazu, wo sie den Bruder ihres Vaters dieses Mordes und zahlreicher weiterer Straftaten verdächtigte.
Doch nun, wo sie, ausgelöst durch die jüngsten Ereignisse, schon einmal damit angefangen hatte, wollte sie auch keinen Rückzieher mehr machen, sondern das Thema, das ihr bereits seit einiger Zeit auf den Nägeln brannte, endlich zur Sprache bringen.
»Anja? Bist du noch dran?«
Die Stimme ihrer Mutter riss sie aus ihren Gedanken. Sie hatte lange überlegt und geschwiegen.
»Ja, natürlich.«
»Du wolltest mich etwas fragen.« Eine Spur von Ungeduld schwang in der Stimme ihrer Mutter mit, genauso wie früher, wenn Anja nicht gleich mit der Sprache herausgerückt war.
»Als Papa damals gestorben ist …«, begann Anja die ungewohnten Worte auszusprechen und verstummte dann, als sie hörte, wie ihre Mutter geräuschvoll die Luft einsog, denn damit hatte sie gewiss nicht gerechnet.
Für eine Weile herrschte atemloses Schweigen in der Leitung. Anja hatte keine Ahnung, wie sie den Satz beenden sollte. Und ihre Mutter schien vor Schreck erstarrt zu sein und wusste scheinbar nicht, ob sie überhaupt etwas und wenn ja, was sie dazu sagen sollte.
»Hast du …« Anja stockte. »… danach irgendwelche Unterlagen über seine damaligen Fälle in seinem Arbeitszimmer gefunden?« Anja stieß erleichtert die Luft aus. Sie war froh, dass sie den Satz zu einem sinnvollen Ende gebracht und dabei weder gestammelt noch gestottert hatte.
Endlich ist es raus!
»Unterlagen?« Die Stimme ihrer Mutter klang unsicher und zögerlich, sodass Anja sich im ersten Moment fragte, ob sie noch immer mit derselben Person sprach. »Was für Unterlagen meinst du denn?«
»Private Unterlagen über die Fälle, die er bearbeitete, als …« Anja seufzte. »Du weißt schon. Damals sind doch diese drei Mädchen spurlos verschwunden. Eine davon, Helena König, ging sogar mit mir in eine Klasse. Die anderen beiden hießen Melanie Brunner und Daniela Forstner. Alle drei verschwanden innerhalb weniger Wochen nicht weit voneinander entfernt. Sie kannten sich nicht und hatten auch sonst kaum Gemeinsamkeiten bis auf ihr langes dunkelbraunes Haar. Papa und sein Kollege Hans Baumgartner leiteten damals die Ermittlungen, fanden jedoch nicht die geringste Spur der Kinder. Sie waren wie vom Erdboden verschluckt. Und dann … dann starb Papa.« Sie hatte eigentlich sagen wollen: Und dann verübte Papa Selbstmord. Es war die offizielle Version, doch es wäre eine Lüge gewesen, die ihr nun, nachdem sie die Wahrheit kannte, nicht über die Lippen kommen wollte. »Die Fälle konnten bis heute nicht aufgeklärt werden. Ich … ich habe mich nur gefragt, ob Papa sich private Aufzeichnungen über diese Ermittlungen gemacht hatte.«
Erneut war es eine Weile still in der Leitung; so still, dass Anja sich unwillkürlich fragte, ob ihre Mutter nicht längst aufgelegt hatte. Aber dann hätte sie den entsprechenden Signalton gehört und nicht diese atemlose Stille. Doch bevor sie nachfragen konnte, meldete sich Dagmar von selbst zu Wort.
»Warum … warum willst du das denn wissen?«
»Ich …« So weit, sich eine vernünftige, aber gleichwohl harmlose Erklärung einfallen zu lassen, hatte Anja gar nicht vorausgedacht. Deshalb musste sie jetzt improvisieren und hoffte, dass sie sich nicht in dem Lügengeflecht verhedderte, das sie aus dem Stegreif knüpfen musste. »Ich habe mich vor Kurzem mit Hans Baumgartner getroffen«, sagte sie dann, was nicht einmal eine Lüge war, denn sie traf sich regelmäßig mit dem ehemaligen Freund und Kollegen ihres Vaters. »Wir haben unter anderem über die drei verschwundenen Mädchen gesprochen. Hans ärgert sich noch immer, dass sie diese Fälle nicht lösen konnten, und fragt sich immer wieder, was aus ihnen geworden ist. Ob sie noch leben oder längst tot sind? Ich … ich hab mir dann mal die Fallakten besorgt und durchgesehen. Und da … da dachte ich, ich frage dich mal, ob Papa damals private Aufzeichnungen zu den Ermittlungen hatte, die keinen Eingang in die offiziellen Ermittlungsakten fanden.«
Anja wischte sich die Stirn, denn sie war unwillkürlich ins Schwitzen gekommen. Immerhin hatte sie eine nachvollziehbare Begründung für ihr plötzliches Interesse geliefert.
»Hans Baumgartner?«, fragte ihre Mutter schließlich, und Anja atmete auf, denn allem Anschein nach hatte Dagmar die Erklärung akzeptiert. »Den habe ich ja ewig nicht mehr gesehen. Ich glaube, seit … seit Franks Beerdigung nicht mehr. Wie geht es ihm denn?«
Anja war froh, dass sie nicht mehr lügen musste. Auch wenn sie Übung darin hatte, ihre Mutter zu belügen – als Teenager war es eine Notwendigkeit und daher tägliche Praxis gewesen –, tat sie es heutzutage nicht mehr gern und nur in äußersten Notfällen. Aber jetzt befand sie sich wenigstens wieder in vertrauten Gewässern und konnte die Wahrheit sagen.
»Hans hatte kurz danach einen schweren Autounfall und sitzt seitdem im Rollstuhl.«
»Davon hatte ich ja keine Ahnung. Jetzt weiß ich endlich, warum ich danach nichts mehr von ihm gehört habe. Hätte ich davon gewusst, hätte ich ihn besucht.«
»Es geht ihm gut«, versicherte Anja. »Er ist momentan in Berlin. Dort besucht er seinen Sohn, zu dem er in den letzten Jahren kaum noch Kontakt hatte. Ich soll dir übrigens liebe Grüße von ihm ausrichten.«
»Danke. Sag ihm auch einen schönen Gruß, wenn du ihn das nächste Mal siehst. Vielleicht können wir ja mal zu dritt zum Essen gehen, wenn er wieder in München ist. Er und dein Vater waren nicht nur Kollegen, sondern auch gute Freunde. Und du hattest bereits damals einen Narren an Hans gefressen, weil er immer so lustig war.«
»Das ist er noch immer. Aber um auf meine Frage nach den Aufzeichnungen zurückzukommen.«
»Du meinst private Aufzeichnungen deines Vaters zu den Fällen der drei vermissten Mädchen?«
»Ja.«
Dagmar seufzte. »Frank hatte im Dienst immer ein Notizbuch bei sich, in dem er sich alles Wichtige notierte. Sobald ein Notizbuch voll war, begann er das nächste.«
Anja nickte, denn das tat sie genauso, sagte jedoch nichts, um den Gedankenfluss ihrer Mutter nicht zu unterbrechen.
»Er bewahrte die Notizbücher in einer Schublade seines Schreibtisches auf.«
»Und was ist … nach seinem Tod damit passiert?«
»Die Kollegen, die seinen …« Ein kurzes Stocken, das Anja kaum aufgefallen wäre, wenn sie nicht damit gerechnet hätte. »… Tod untersucht haben, nahmen die Notizbücher natürlich mit, um sie auszuwerten.«
Anja verdrehte enttäuscht die Augen. Soviel zu ihrer Idee, aus alten Aufzeichnungen ihres Vaters zu erfahren, ob er tatsächlich seinen Bruder verdächtigt hatte, drei Mädchen mit langen dunkelbraunen Haaren entführt und wahrscheinlich getötet zu haben. Wenn es wirklich so einfach gewesen wäre, dann wäre das bereits im Rahmen der damaligen Ermittlungen der Todesermittler ans Licht gekommen. Außerdem hatte der Mörder sicherlich alles mitgenommen, was ihn belasten könnte.
»Schade«, sagte Anja und seufzte. »Ich dachte nur, dass man … Ach egal. Ich muss jetzt ohnehin aufhören. Es ist schon spät und …«
»Warte mal!«, unterbrach ihre Mutter sie.
»Was ist?«
»Mir ist da wieder etwas eingefallen.« Dagmars Stimme hatte einen nachdenklichen Tonfall angenommen, als versuchte sie, sich an etwas zu erinnern.
»Was denn?« Anja bemühte sich, nicht allzu ungeduldig zu klingen. Erregung hatte sie jäh erfasst und ließ sie nervös im Flur hin und her laufen, während sie an ihrer Unterlippe knabberte.
»Sein allerletztes Notizbuch haben sie damals nicht mitgenommen.«
»Warum nicht?«
»Entgegen seiner Gewohnheit hatte er wenige Tage zuvor ein neues Notizbuch begonnen, obwohl das vorherige noch gar nicht voll war«, antwortete ihre Mutter. »Ich weiß auch nicht, warum er das getan hat. Vielleicht hatte er sein Notizbuch kurzzeitig verlegt oder irgendwo vergessen, musste sich aber unbedingt Notizen machen. Die zuständigen Beamten nahmen deshalb nur die alten Notizbücher und das vorletzte mit. Von einem weiteren wusste damals niemand etwas, nicht einmal ich. Sie sagten, dass sie Franks Notizen zu Ermittlungszwecken benötigten. Außerdem enthielten sie vertrauliche Informationen über die Vermisstenfälle, die dein Vater bearbeitet hatte. Deshalb habe ich sie auch nicht zurückbekommen. Aber das war mir ohnehin egal. Ich hatte kein Interesse daran, Notizen über alte Fälle zu lesen. Darüber hinaus hatte ich damals anderes im Kopf.«
»Warum wusste damals niemand etwas von einem weiteren Notizbuch?«, fragte Anja.
»Weil es nicht wie die anderen in seinem Arbeitszimmer war.«
»Wo war es dann?«
»Im Handschuhfach unseres Autos. Ich fand es erst ein halbes Jahr später, als ich den Wagen zur Inspektion brachte und den Fahrzeugschein und das Serviceheft suchte.«
Anja blieb mitten im Flur stehen, denn jetzt kam die Frage, die darüber entschied, ob sie erneut in einer Sackgasse gelandet war oder endlich einmal einen Durchbruch erzielen würde. »Und was hast du damit gemacht?«
»Ich wollte es an die für den Fall zuständigen Beamten schicken und legte es daher in eine Schublade im Wohnzimmerschrank, damit es nicht verlorenging«, sagte Dagmar.
»Und?«
»Dann habe ich es aber doch vergessen und erst Monate später wiederentdeckt. Da dachte ich mir, dass es vermutlich ohnehin keinen Sinn mehr hat, es den Ermittlern zu übergeben. Also packte ich es zu den anderen persönlichen Sachen deines Vaters in einen Karton, den ich in den Keller stellte.«
»Hast du den Karton immer noch?« Anja wagte es nicht einmal zu hoffen, aus Angst, im nächsten Moment maßlos enttäuscht zu werden.
»Wahrscheinlich schon«, sagte ihre Mutter und ließ damit einen Stein von enormer Größe vom Herzen ihrer Tochter poltern. »Zumindest kann ich mich nicht erinnern, dass ich die Sachen weggeworfen hätte. Außer natürlich, sie sind bei unserem Umzug in dieses Haus verlorengegangen. Aber das glaube ich, ehrlich gesagt, nicht. Daher müsste der Karton eigentlich auf dem Dachboden stehen.«
»Kann ich morgen Vormittag vorbeikommen und mir das Notizbuch holen.«
»Morgen Vormittag?«, fragte Dagmar verwundert. »Bist du da nicht in der Arbeit?«
»Ich hab Urlaub.«
»Ach ja? Schön, dass ich das ganz nebenbei auch einmal erfahre.«
»Tut mir leid, Mama, aber daran habe ich gar nicht mehr gedacht.«
»Fährst du weg?«
»Nein.«
»Was hast du dann vor?«, fragte ihre Mutter. »So wie ich dich kenne, fällt dir daheim doch nur die Decke auf den Kopf, wenn du nichts zu tun hast.«
»Zu tun habe ich genug«, widersprach Anja. »Endlich habe ich Zeit, mich um den Garten zu kümmern. Und du weißt ja, wie gern ich Gartenarbeit verrichte.«
»Das war schon immer so«, sagte Dagmar. »Wie wäre es, wenn wir uns in den nächsten Tagen in einem Café oder Restaurant treffen?«
Anjas Begeisterung hielt sich in Grenzen. Allerdings hatten sie sich eine Weile nicht mehr getroffen, sodass es auch dafür allmählich höchste Zeit war. Außerdem wollte sie das Notizbuch unbedingt haben. »Gute Idee«, sagte sie daher. »Ich kann dich ja in den nächsten Tagen anrufen, damit wir einen Termin ausmachen.«
»Schön. Ich freue mich schon darauf.«
»Und?«
»Was und?«
»Kann ich jetzt morgen früh kommen und das Notizbuch holen?«
Dagmar seufzte. »Ich weiß zwar nicht, was du dir davon versprichst, aber meinetwegen. Ich brauche dieses Notizbuch ohnehin nicht. Dein Vater hat mir nie von seiner Arbeit erzählt, und ich wollte, ehrlich gesagt, auch nichts davon wissen. Auf diese Weise konnten wir seinen Beruf und unser Privatleben besser auseinanderhalten. Du solltest dir daher am besten einen Mann suchen, der nicht bei der Polizei ist. Wie sieht es damit eigentlich aus?«
»Ich suche im Moment keinen Mann«, sagte Anja empört.
»Solltest du aber besser«, meinte ihre Mutter. »Irgendwann hast du deine beste Zeit hinter dir und dann ist es zu spät.«
»Mama!«
»Schon gut.« Dagmar seufzte. »Ich sage ja schon nichts mehr. Schließlich hast du noch nie auf das gehört, was ich gesagt habe.«
»Ich hab sehr wohl darauf gehört.«
»Ja, natürlich. Aber nur, um dann das genaue Gegenteil davon zu tun.«
Da ihre Mutter damit nicht unrecht hatte, beschloss Anja, das Thema zu wechseln.
»Bist du morgen Vormittag zu Hause?« Sie hoffte nicht, denn sie wollte ihren Besuch so kurz wie möglich halten, nahm es aber in Kauf.
»Tut mir leid, aber da bin ich in der Druckerei. Wie wäre es, wenn du am Nachmittag vorbeikommst, denn dann bin ich wieder zu Hause.«
»Es wäre mir aber lieber, wenn ich das Notizbuch schon am Vormittag holen könnte«, antwortete Anja. »Wir sehen uns ja ohnehin in den nächsten Tagen zum Kaffeetrinken oder Essen.«
»Ich weiß wirklich nicht, warum du es auf einmal so eilig hast«, sagte ihre Mutter. »Ein Vierteljahrhundert hat kein Mensch einen Blick in dieses Notizbuch geworfen. Bis vor wenigen Minuten wusstest du nicht einmal, dass es überhaupt existiert. Und jetzt kann es dir gar nicht schnell genug gehen, es in die Finger zu bekommen. Was hat das zu bedeuten?«
»In dem Notizbuch stehen Dinge, die Papa wenige Tage oder sogar Stunden vor seinem Tod hineingeschrieben hat. Und bislang hat niemand sie gelesen. Womöglich ist etwas dabei, das neues Licht auf die damaligen Ermittlungen wirft und einen Ansatzpunkt für weitere Untersuchungen liefert. Wie ich bereits sagte, wurden die Fälle der drei verschwundenen Mädchen niemals aufgeklärt, und sie sind bis heute nicht wieder aufgetaucht. Wenn in dem Notizbuch etwas steht, das außer Papa niemand wusste, sodass er sein Wissen mit ins Grab nahm, und das dazu dienen könnte, die Fälle nach all den Jahren aufzuklären, dann möchte ich das so schnell wie möglich erfahren. Das bin ich nicht nur den drei verschwundenen Mädchen, sondern auch Papa schuldig.«
»Na schön«, gab sich Dagmar schließlich geschlagen. »Komm einfach morgen früh vorbei. Du hast ja einen Schlüssel. Das Notizbuch ist in einem Umzugskarton, der mit dem Vornamen deines Vaters beschriftet ist. Der Karton müsste im Speicher stehen. Allerdings kann ich dir nicht sagen, wo genau. Du wirst also danach suchen müssen. Bring aber bitte nicht alles durcheinander.«
»Ich doch nicht«, sagte Anja, die maßlos erleichtert war und es kaum erwarten konnte, endlich dieses Notizbuch in Händen zu halten. Sie erhoffte sich davon nicht nur einen Durchbruch in den Fällen der drei verschwundenen Mädchen, die vor Jahrzehnten ergebnislos zu den Akten gelegt worden waren. Sondern sie hoffte auch, dass sie durch die Notizen ihres Vaters endlich erfuhr, wen er damals verdächtigt hatte. Schließlich musste sein Mörder einen Grund gehabt haben, ihn zu töten und es wie einen Suizid aussehen zu lassen, sonst wäre er dieses Risiko nicht eingegangen. Und eine drohende Verhaftung war Grund genug, einen Polizisten und sogar den eigenen Bruder zu ermorden. »Du kennst mich doch, Mama.«
»Eben«, erwiderte ihre Mutter humorlos. »Deswegen sage ich es ja.«
15
Nach dem Telefonat ging Anja zurück in die Küche. Doch kaum war sie dort angekommen, klingelte der Apparat erneut.
Anja stöhnte und eilte zurück in den Flur. Wahrscheinlich war es erneut ihre Mutter, die ihr rasch noch etwas mitteilen wollte, das sie zuvor vergessen hatte.
Hoffentlich hat sie es sich nicht anders überlegt, was Papas Notizbuch angeht.
Ohne einen Blick auf das Display zu werfen, nahm sie den Anruf entgegen.
»Mama?«
Doch es war nicht ihre Mutter, sondern jemand anderes, denn anstelle von Dagmars Stimme antwortete ihr nur Schweigen. Doch es war keine absolute Stille, denn sie konnte jemanden leise atmen hören.
»Hallo?«, fragte Anja, um dem Anrufer eine Chance zu geben, sich endlich zu melden. Wenn es jemand war, der sich verwählt hatte, dann würde er jetzt entweder einfach auflegen oder nachfragen, wer sie war. Doch die Person am anderen Ende der Leitung tat weder das eine noch das andere, sondern schwieg beharrlich und schnaufte leise.
Anja nahm das Telefon vom Ohr und warf einen Blick auf das Display. Doch es wurde keine Nummer angezeigt.
»Was wollen Sie?«, fragte Anja, sobald sie das Gerät wieder ans Ohr gehoben hatte.
Man hätte meinen können, dass es sich um einen obszönen Anruf handelte. Doch Anja ahnte instinktiv, dass es keiner war. Das Atmen klang anders, gleichmäßig und ruhig; nicht wie bei jemandem, der sich an der Furcht seines unbekannten Gesprächspartners aufgeilte. Außerdem musste Anja sofort an den Umschlag denken, den sie an diesem Abend auf ihrer Fußmatte gefunden hatte. Sie ging daher davon aus, dass es einen Zusammenhang zwischen der Nachricht und diesem Anruf gab. Deshalb legte sie auch nicht auf, sondern behielt das Telefon am Ohr und hoffte, dass der Anrufer endlich sprach.
Sie wollte erneut etwas sagen, möglicherweise etwas Provokantes, um ihn aus der Reserve zu locken, da ertönte plötzlich im Hintergrund eine Melodie. Sie kam ihr vage vertraut vor, dennoch war Anja zunächst nicht in der Lage, sie zu identifizieren.
Im nächsten Moment begann der Anrufer, bei des es sich unzweifelhaft um einen Mann handelte, zu singen:
»Weine nicht, wenn der Regenmann kommt, dam-dam, dam-dam …«
Sobald der Gesang endete, wurde aufgelegt und das Telefonat so abrupt beendet, dass Anja erschrocken zusammenzuckte.
Erst jetzt, im Nachhinein, erkannte Anja das Lied. Es handelte sich um Drafi Deutschers Schlager »Marmor, Stein und Eisen bricht« aus den Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts. Allerdings hatte der Anrufer die erste Textzeile des Lieds etwas abgewandelt. Was er gesungen hatte, klang nun eher wie eine Drohung.
Oder wie eine Ankündigung, dass er zu mir kommen will.
Anja erschauderte unwillkürlich. Sie legte das Telefon auf den Schuhschrank, ging ins Wohnzimmer und sah durch die Terrassentür nach draußen in die Nacht. Erneut fühlte sie sich, als würde jemand sie aus der Dunkelheit heraus beobachten. Sie fragte sich, ob der Anrufer da draußen stand und sie belauerte. Vielleicht behielt er sie schon den ganzen Abend über immer wieder mal im Auge.
Aber was bezweckt er damit? Und was hat er vor?
Anja rief sich die veränderte Liedzeile in Erinnerung:
Weine nicht, wenn der Regenmann kommt, dam-dam, dam-dam …
Wer war dieser Regenmann, von dem darin die Rede war? Meinte der Anrufer damit sich selbst?
Anja war unschlüssig und wiegte den Kopf hin und her. Entweder sprach der Anrufer von sich selbst, dann handelte es sich um eine eindeutige Drohung. Oder er warnte sie vor jemand anderem, der zu ihr kommen würde.
Sie erinnerte sich an die nassen Fußspuren in Carina Arendts Haus. Es hatte heftig geregnet, als jemand dort eingedrungen und direkt zum Badezimmer marschiert war, um die Bewohnerin niederzustechen und unter Umständen zu töten.
War es also die Tat dieses ominösen Regenmannes?
Anja nickte gedankenverloren. Je länger sie darüber nachdachte, desto überzeugter war sie davon.
Allerdings regnete es inzwischen nicht mehr. War der Regenmann dennoch dort draußen und beobachtete sie? Oder spürte sie die Blicke ihres Widersachers, der die Nachricht vor ihre Tür gelegt und das Foto ihres Vaters an den Spiegel geheftet hatte?
Sie fragte sich unwillkürlich, ob Carina Arendt ebenfalls derartige Anrufe bekommen hatte. Aber das ließ sich leicht überprüfen. Wer immer ab morgen früh für den Fall zuständig war, Anja würde der Kollegin oder dem Kollegen von dem Anruf erzählen.
Allerdings war die Geschichte momentan noch zu verwirrend und widersprüchlich, als das Anja durchschaut hätte, was hinter alldem steckte und wie viele Personen letztendlich darin involviert waren.
Obwohl es nicht kalt war, fröstelte es Anja unwillkürlich, als sie sich wieder der unangenehmen Blicke des unsichtbaren Beobachters bewusst wurde. Da sie sich wieder einmal wie auf dem Präsentierteller vorkam, ließ sie zunächst im Wohnzimmer und dann auch im restlichen Erdgeschoss die Rollläden herunter. Danach fühlte sie sich wieder etwas besser, denn das unangenehme Gefühl war verschwunden.
Dennoch! Als sie sich an Carina Arendts tiefgefrorene Katze mit dem gebrochenen Genick erinnerte und sich gleichzeitig den drohenden oder warnenden Telefonanruf vergegenwärtigte, begann sie sich wieder größere Sorgen um Yin zu machen.
Sie wünschte, er käme endlich nach Hause.
Der Kater war ein Überlebenskünstler, der bereits die eine oder andere lebensgefährliche Situation überstanden hatte. Doch auch er hatte nicht mehr als seine sprichwörtlichen sieben Leben. Und wie viele davon er bereits bei seinen früheren Eigentümern aufgebraucht hatte, wusste Anja nicht. So wie sie diese Leute kennengelernt hatte, vermutlich alle bis auf eines, sodass die Katze von nun an höllisch aufpassen musste.
Anja seufzte. Sie wusste, dass sie kein Auge zutun würde, solange Yin nicht zurück war. Das bedeutete, dass sie sich vermutlich auf eine lange Nacht gefasst machen musste. Deshalb wollte sie sich einen Becher Kaffee machen, um sich wach zu halten. Zum Glück musste sie am nächsten Tag nicht in die Dienststelle. Allerdings wollte sie das Notizbuch ihres Vaters vom Dachboden ihrer Mutter und ihres Stiefvaters holen. Aber das musste sie ja nicht unbedingt in aller Herrgottsfrühe erledigen.
Während sie in die Küche ging, beschloss sie, dass der Kater bis auf weiteres Hausarrest hatte. Carina Arendts Katze war zwar von einem Eindringling – dem Regenmann? – innerhalb des Hauses getötet worden, gleichwohl war es Anja lieber, wenn Yin eine Weile zu Hause blieb. Sie würde sich entschieden wohler fühlen und weniger Sorgen machen, wenn sie stets wusste, wo er steckte. Das würde ihm vermutlich nicht gefallen, aber da er es von Anjas früherer Wohnung gewohnt gewesen war, würde er sich hoffentlich rasch wieder damit arrangieren. Außerdem war es, wie sie hoffte, nur für kurze Zeit und zu seinem Besten.
16
Der Regenmann beendete das Gespräch abrupt, indem er eilig den Hörer vom Ohr nahm und auf das Telefon legte. Dabei handelte es sich allerdings nicht um ein hochmodernes Tastentelefon, sondern um einen sogenannten Fernsprechtischapparat, ein restauriertes Gerät in hellrot-orange mit Wählscheibe aus den 1970er Jahren. Es stand vor ihm auf der Schreibplatte des nachgebauten Schreibschranks aus furniertem Kirschbaumholz im Biedermeierstil.
Der Regenmann liebte Dinge, die alt waren oder zumindest danach aussahen, und umgab sich aus diesem Grund auch gern mit ihnen. Seine Wohnung bestand lediglich aus zwei Zimmern, einer Küche und einem Bad. Sie war angefüllt mit echten und nachgemachten Antiquitäten, mit alten Apparaturen, die teilweise sogar noch funktionierten, und mit voll funktionstüchtigen, aber betagt wirkenden Gerätenachbauten, die in ihrem Innern dennoch die neueste Technik beherbergten.
Das Schlafzimmer war funktional und spartanisch eingerichtet. Es enthielt nur ein antikes Bett aus der Gründerzeit, ein Nachtschränkchen mit Marmorplatte aus dem Jugendstil und einen alten wurmstichigen Bauernschrank. Optisch passten die Möbelstücke zwar nicht unbedingt zueinander, aber dem Regenmann gefiel es trotzdem, und er fühlte sich darin wohl. Und das war für ihn die Hauptsache, denn außer ihm bekam seine Einrichtung ohnehin niemand zu sehen, da er nie Besuch empfing.
Das zweite Zimmer, in dem der Regenmann in diesem Moment saß, war größer und in vier exakt gleichgroße Bereiche aufgeteilt, die höchst unterschiedliche Funktionen erfüllten. Um sie auch optisch von ihren unmittelbaren Nachbarn abzugrenzen, lag in jedem Viertel ein anderer Teppich, sodass der Regenmann auf störende Trennwände oder Raumteiler verzichten konnte.
In der Ecke, in der sich auch die Tür befand, lag das Wohnzimmerviertel, das neben einer antiken Sitzgarnitur, bestehend aus einem kleinen Sofa und zwei Stühlen, einen rechteckigen Tisch enthielt. Es gab kein Fernsehgerät, dafür stand auf einem Beistelltisch neben dem Sofa ein Apparat, der wie ein Radiogerät aus den Anfängen des zwanzigsten Jahrhunderts aussah. Das Echtholzgehäuse täuschte allerdings geschickt über die Tatsache hinweg, dass es die modernste Technik enthielt: einen halbautomatischen Plattenspieler, ein Stereoradio und einen CD-Player. Aus den integrierten Lautsprechern kam noch immer die Melodie des Liedes »Marmor, Stein und Eisen bricht«, zu welcher der Regenmann der Frau am anderen Ende der Leitung soeben zum ersten Mal die von ihm leicht abgeänderte Zeile vorgesungen hatte.
Dem Wohnzimmerbereich schloss sich im Uhrzeigersinn das Arbeitszimmerviertel an, in dem der Regenmann noch immer auf einem antiken Stuhl vor dem geöffneten Schreibschrank saß, der Musik lauschte und gedankenverloren auf das Telefon blickte. Dieser Bereich enthielt darüber hinaus einen wuchtigen Bücherschrank aus dunklem Nussbaumholz mit Schnitzereien und Löwenfüßen, in dem er vor allem wichtige Dokumente und Unterlagen aufbewahrte. Hinter den beiden Glastüren befand sich auch eine umfangreiche Sammlung großformatiger Notizbücher mit schwarzen Einbänden, bei denen es sich um die Tagebücher des Regenmannes handelte. Er war ein fleißiger Tagebuchschreiber und füllte jeden Tag mehrere eng beschriebene Seiten mit seinen Erlebnissen, Gedanken und Eindrücken. Außerdem gab es einen mehr als fünfzehn Zentimeter hohen Stapel loser Blätter. Dabei handelte es sich um das mit unzähligen Korrekturen versehene Manuskript für eine umfassende Abhandlung über den Regen, an dem der Regenmann sein mehreren Jahren schrieb. Es bestand bereits aus über 1.500 eng beschriebenen Seiten, war aber noch immer nicht vollendet. Er tippte die Manuskriptseiten auf einer Adler Favorit 1 aus dem Jahr 1938. Die Schreibmaschine stand, wenn er sie nicht benötigte, abgedeckt auf dem Bücherschrank.
Es folgte die Bibliothek. Mehrere antike Regale, die bis zur Decke reichten, waren angefüllt mit Büchern, darunter vor allem Nachschlagewerke und Romane sowie Fachzeitschriften, die sich mit dem Thema Regen befassten oder das Wort zumindest im Titel führten. Vor den Bücherregalen standen ein bequemer Ohrensessel aus dunkelbraunem Leder im Chesterfield-Stil, eine lederbezogene Fußbank und ein mit Intarsien und Schnitzereien verzierter orientalischer Teetisch aus Palisander.
Als Letztes kam der Essbereich, bestehend aus einem quadratischen Tisch aus altem wurmstichigen Holz, vier einfachen antiken Bauernstühlen und einem Buffetschrank aus der Gründerzeit.
Lediglich in der Küche und im Badezimmer konnte der Regenmann nicht auf modern aussehende Geräte verzichten. Und da sich seine Aversion nur auf das Aussehen beschränkte und nicht die modernste Technik selbst betraf, die er bei Bedarf durchaus verwendete, besaß er sogar einen Laptop. Allerdings hatte er das Gerät in die Küche verbannt. Dort befanden sich auch die einzigen Pflanzen in der ganzen Wohnung: Ein halbes Dutzend fleischfressende Pflanzen, die auf der Fensterbank standen und die er hingebungsvoll mit lebenden Fliegen, Grillen, Heimchen und Mehlwürmern aus dem Zoofachgeschäft fütterte.
Schließlich verstummte das Lied, und der Regenmann wurde durch die Stille, die sich daraufhin in der Wohnung ausbreitete, aus seinen Überlegungen gerissen. Er stand auf und ging in den Wohnzimmerbereich. Nachdem er die CD mit dem Schlager von Drafi Deutscher aus dem Player genommen und in der danebenliegenden Hülle verstaut hatte, legte er eine Disc ein, die er mithilfe seines Computers selbst gebrannt hatte. Er blieb neben dem Gerät stehen und wartete, bis die ersten Töne hörbar wurden. Es handelte sich um Geplätscher, das zunächst noch leise, beinahe zaghaft klang, aber von Sekunde zu Sekunde immer lauter und mächtiger wurde, bis es sich zu einem heftigen sommerlichen Regenguss steigerte.
Der Regenmann lächelte, als er dem Regen zuhörte, der zu ihm sprach und ihm eine Geschichte erzählte. Er hatte unzählige Aufnahmen, auf denen stundenlang zu hören war, wie es regnete oder sogar gewitterte. Viele davon hatte er selbst aufgenommen, andere aus dem Internet heruntergeladen und anschließend auf CD gebrannt. Er hörte sie sich immer wieder an, so wie andere Leute andächtig klassischer Musik lauschten. Auf diese Weise konnte er seinen Mentor, den Regen, sogar dann hören, wenn es draußen gerade nicht regnete, was bedauerlicherweise viel zu oft der Fall war.
Er setzte sich auf das Sofa und atmete einmal tief durch. Das Plätschern aus den Lautsprechern hatte wie immer eine beruhigende Wirkung auf ihn. Obwohl das Telefonat ihn erregt hatte, gelang es ihm nun, sich vollkommen zu entspannen. Und da er die aufgenommenen Worte des Regens längst auswendig kannte, musste er nicht mehr aufmerksam zuhören, sondern konnte seine Gedanken auf Wanderschaft gehen lassen.
Der Regenmann dachte zunächst darüber nach, was er an diesem Abend vollbracht hatte. Er musste sich dabei mit bloßen Erinnerungen zufriedengeben, die nicht einmal halb so gut waren wie das Erlebnis selbst. Doch als er seine Tat noch einmal in Gedanken in voller Länge und in allen Einzelheiten durchlebte, erschauderte er gleichwohl vor Wonne.
Obwohl er ein ausgezeichnetes Gedächtnis hatte, sogar was kleinste Details anging, waren die Erinnerungen dennoch trügerisch. Deshalb hätte er am liebsten eine Videoaufnahme seiner Tat zur Verfügung gehabt. Dafür hätte er sogar ein hochmodernes Fernsehgerät in seiner Wohnung in Kauf genommen. Aber natürlich würde er nie eine Aufnahme anfertigen, denn wegen solcher Dinge wurden die Leute am Ende erwischt und eingesperrt. Oder wenn sie zur Erinnerung Souvenirs ihrer Opfer mitnahmen, beispielsweise Unterwäsche – Igitt! –, Schmuck oder sogar Teile des Körpers. Da konnte man auch gleich ein Geständnis unterschreiben und mit seiner vollständigen Adresse an die Polizei schicken. Das hatte zumindest der Regen ihm gesagt; und da der Regen ihn noch nie belogen und stets recht behalten hatte, hatte der Regenmann auch keinen Grund, an seinen Worten zu zweifeln.
Die Szenen seiner heutigen Tat, so erfüllend sie auch waren, verblassten dennoch rasch wieder. An ihre Stelle traten andere Bilder und Geräusche. Sie führten den Regenmann weit in die eigene Vergangenheit zurück, standen ihm aber noch immer genauso lebhaft und deutlich vor Augen wie das, was erst vor wenigen Stunden geschehen war.
Zuerst kam die Erinnerung an die Musik, denn im Radio sang Michael Holm mit Tränen lügen nicht seinen größten Hit.
Das Autoradio war wie immer auf einen Sender eingestellt, der ausschließlich deutsche Schlagermusik spielte. Die Eltern des Jungen liebten Schlager über alles und konnten einfach nicht genug davon bekommen. Er und seine Schwester waren daher mehr oder weniger gezwungen, sich die Lieder ebenfalls anzuhören, vor allem, wenn sie wie heute eine längere Fahrt im Auto unternahmen.
Der Regenmann – der zum damaligen Zeitpunkt natürlich noch nicht der Regenmann war, denn zu dem würde er erst Jahre nach diesem Tag werden, sondern nur ein achtjähriger Junge, der den Regen liebte – wusste gar nicht so genau, ob er Schlagermusik mochte oder nicht. Zumindest verabscheute er sie nicht, denn sonst wäre die lange Fahrt unerträglich gewesen.
Er hatte auch keine Ahnung, ob seine Schwester Patricia, die drei Jahre älter als er war, die Musik tatsächlich so sehr liebte, wie sie immer behauptete. Oder ob nur so tat, als ob, um sich damit bei Mama und Papa einzuschleimen und Pluspunkte zu sammeln. Andererseits konnte es durchaus sein, dass sie ein Schlagerfan war, denn Patricia war vollkommen anders als er und kam im Hinblick auf ihr Aussehen und ihre Interessen nach ihren Eltern. Außerdem war sie seiner Meinung nach ziemlich doof.
Nach der Musik kamen allmählich auch die Bilder.
Mama, die auf dem Beifahrersitz saß, sang den Schlagertext mit. Eingeschränkt durch den Sicherheitsgurt bewegte sie nur den Oberkörper und die Arme zur Musik. Sie war klein und zierlich, hatte dunkelbraunes, kurz geschnittenes Haar und trug eine Brille mit ovalen Gläsern.
Papa, der hinter dem Steuer saß, hatte rotes Haar, das an der Stirn und an seinem Hinterkopf bereits die Waffen gestreckt und den Rückzug angetreten hatte. Als wollte er einen Ausgleich dazu schaffen, hatte er sich in den letzten Monaten einen Vollbart stehen lassen. Er war das genaue Gegenteil seiner Frau, denn er war groß, stämmig und kräftig. Da er ein übervorsichtiger Fahrer war, der die Hände kaum einmal vom Lenkrad nahm, vor allem wenn es wie jetzt wie aus Eimern schüttete, nickte er nur mit dem Kopf im Takt.
»Los, ihr zwei!«, rief Mama und warf über die Schulter einen lächelnden Blick nach hinten zu den beiden Kindern. »Singt mit!«
Patricia gehorchte – das tat sie immer, aber auch nur dann, wenn die Eltern oder andere Erwachsene dabei waren - und trällerte sofort los, was das Zeug hielt. Ebenso wie ihre Mutter hatte sie eine schöne Singstimme. Manchmal wunderte er sich, dass aus ihrem Mund, der ihn so oft ankeifte oder anfauchte, auch derart angenehme Töne herauskommen konnten. Auch sonst war sie, was die Farbe ihrer Haare und ihrer Augen sowie ihre Größe und Statur anging, beinahe das Ebenbild ihrer Mutter.
Er selbst konnte überhaupt nicht singen und ließ es deshalb in der Regel auch bleiben. Sogar nachdem Mama ihm einen zweiten auffordernden Blick zugeworfen hatte, presste er daher störrisch die Lippen aufeinander und verschränkte die Arme vor der Brust. Er wandte rasch den Blick ab und sah nach draußen.
Es regnete so heftig, dass alles, was weiter als hundert Meter entfernt war, von den dichten Regenschleiern verborgen wurde. Der sichtbare Teil der Welt außerhalb des Autos wirkte daher grau und trostlos. Dennoch gefiel ihm, was er sah. Er hatte den Regen schon immer gemocht. Er fand ihn aufregend und gleichzeitig tröstlich und war zum Entsetzen seiner Eltern sogar dann gerne draußen, wenn es, wie sie sagten, Bindfäden oder junge Hunde regnete. Je heftiger, desto besser. Außerdem liebte er es, durch Pfützen zu springen, sodass das Wasser in alle Richtungen spritzte.
Er blendete den Gesang und die Musik innerhalb des Autos so gut wie möglich aus, um sich auf das Geräusch zu konzentrieren, das der Regen machte. Die Gesamtheit aller Regentropfen, die vom Himmel fielen, bildete ein permanentes Hintergrundrauschen. Außerdem erzeugte jeder einzelne Tropfen ein unverwechselbares Klopfen, wenn er in der Nähe auf einen festen Gegenstand traf. Beinahe glaubte der Junge, neben dem allgegenwärtigen Rauschen auch die individuellen Tropfen herauszuhören, die auf das Blech der Motorhaube, des Dachs und des Kofferraums ihres BMW prasselten. Sie schufen eine völlig eigene Melodie, anders als das, was aus dem Radio und den Mündern seiner Mutter und seiner Schwester kam. Er konnte zwar nicht sagen, ob er Schlagermusik mochte; er wusste allerdings ganz genau, dass er die Musik des Regens entschieden lieber hörte.
Es war Samstag und die vier waren zu einer Trauung unterwegs. Mamas beste Freundin Susanne war vor zwei Jahren zu ihrem Freund nach Köln gezogen. Jetzt heirateten die beiden und hatten Mama und ihre Familie zur Hochzeit eingeladen. Alle freuten sich darauf – nur er nicht.
Er wollte heute lieber draußen sein und durch den Regen laufen. Es hatte jetzt seit Wochen kaum geregnet – und wenn, dann nur nachts –, und er hatte sehnsüchtig darauf gewartet, dass endlich wieder einmal so richtig heftiger Regen fiel. Und wo es heute dann schließlich so weit war, ging es nach Köln, wo laut Wetterbericht »die Sonne lachte«, wie Mama freudestrahlend verkündet hatte. Das war seiner Meinung nach fies und ungerecht. Außerdem konnte er es nicht leiden, wenn die Sonne lachte, denn die Sonne war der natürliche Feind des Regens. Sie waren wie Feuer und Wasser oder wie Batman und der Joker.
Und als wäre das alles noch nicht genug, hatte er auch noch das weiße Hemd mit dem kratzigen Kragen und den blöden Anzug, anziehen müssen, in dem er laut Mama »wie ein richtiger kleiner Mann« aussah. Dabei wollte er gar nicht wie ein richtiger kleiner Mann aussehen. Wieso auch? Er war ein achtjähriger Junge und sollte in Gummistiefeln und Regenjacke durch den Regen laufen und in Pfützen springen.
Patricia, die immer so tat, als wäre sie nicht nur drei, sondern dreißig Jahre älter als er, konnte es natürlich nicht lassen, ihn damit aufzuziehen. »In den Klamotten siehst du nicht wie ein richtiger kleiner Mann aus, sondern wie ein richtiger kleiner Idiot«, sagte sie zu ihm und lächelte bösartig. Allerdings achtete sie darauf, dass ihre Eltern nicht im Zimmer waren und es mitbekamen. Sie hatte natürlich recht, denn auch er fand, dass er darin bescheuert aussah. Trotzdem durfte sie so etwas nicht ungestraft zu ihm sagen. Deshalb schlug er ihr mit seiner kleinen geballten Faust auf den Arm. Obwohl er nicht fest zuschlagen konnte, schrie sie vor Schmerz. Dann lief sie weinend zu ihrer Mutter und verpetzte ihn. Mama schimpfte mit ihm und erteilte ihm für morgen Hausarrest, dabei sollte es morgen wieder regnen. Deshalb hatte er bis zur Abfahrt schmollend in seinem Zimmer an seinem Schreibtisch gesessen, durch das Fenster nach draußen in den Regen gestarrt und aufmerksam der Melodie der Regentropfen gelauscht. Beinahe hörte es sich für ihn wie ein Flüstern an. Was würde der Regen ihm wohl erzählen, wenn er in der Lage wäre, dieses Flüstern zu verstehen.
Ich hasse sie!
Zuerst dachte er, der Regen hätte ihm die Worte eingeflüstert. Aber das konnte nicht sein, denn es war nur ein Wunschtraum. Deshalb musste es sein eigener Gedanke gewesen sein, auch wenn es sich nicht so angefühlt hatte.
Im ersten Moment war er schockiert darüber, denn so deutlich hatte er den Gedanken noch nie formuliert. Aber dann erkannte er, dass es die Wahrheit war. Er hasste seine Eltern und seine Schwester. Sie waren vollkommen anders als er und verstanden ihn überhaupt nicht. Manchmal konnte er gar nicht glauben, dass er tatsächlich ihr Kind war.
Vor ein paar Monaten hatte er seine Mutter daher gefragt, ob sie ihn adoptiert hätten.
»Wie kommst du denn bloß darauf?« Mama spülte in der Küche das Geschirr, während im Radio Nicole Ein bisschen Frieden sang. Sie hielt inne und sah ihn überrascht an.
Er zuckte mit den Schultern. »Weiß nicht. So halt.«
»Du musst doch einen Grund haben, warum du so eine Frage stellst.« Seine Mutter sah ihn mit gerunzelter Stirn forschend an. Sie sah so aus und hörte sich auch so an, als hätte die Frage, mit der er an ihrer Mutterschaft zweifelte, sie zutiefst verletzt.
»Weil … weil ich so anders bin als ihr.«
Jetzt entspannte sich ihr Gesicht wieder. Sie schüttelte amüsiert den Kopf und lachte. »Kinder sind oft ganz anders als ihre Eltern, manchmal sogar das genaue Gegenteil. Und das ist auch gut so. Wer will denn schon einen kleinen Klon von sich selbst haben? Und auch Geschwister können, selbst wenn sie die gleichen Eltern und damit dasselbe Erbgut haben, grundverschieden sein. Das hat also überhaupt nichts zu bedeuten. Ich kann dir nämlich versichern, dass du garantiert nicht adoptiert wurdest, sondern von mir und deinem Papa stammst und aus meinem Bauch gekommen bist. Wenn du willst, kann ich dir die Ultraschallbilder zeigen. Darauf bist du zu sehen, als du noch gar nicht geboren warst. Haben wir das Thema damit geklärt?«
Er nickte und bemühte sich um ein zuversichtliches Lächeln. Es fiel ihm leicht, schließlich hatte er Übung darin. Allerdings waren die Zweifel über seine Abstammung damit noch lange nicht ausgeräumt. Im Gegenteil. War es nicht vielmehr zu erwarten gewesen, dass sie es rundheraus abstreiten würde? Und wer sagte ihm, dass diese Überschallbilder überhaupt ihn zeigten oder wirklich aus Mamas Bauch stammten.
»Dann kannst du ja jetzt wieder spielen gehen«, sagte Mama. »Was treibst du denn gerade?«
»Ich male ein Bild.« Das Bild war natürlich ein Regenbild. Bis vorhin, als ihm die Idee gekommen war, seine Mutter zu fragen, ob er adoptiert worden war, hatte er bereits 658 blaue Regentropfen unterschiedlicher Größe gemalt, die von einem wolkenverhangenen Himmel schräg auf eine grüne Wiese fielen. Insgesamt sollten es tausend werden, deshalb hatte er noch einiges zu tun.
Mama warf einen Blick aus dem Fenster. »Warum spielst du nicht im Garten? Es ist heute so schön draußen.«
Er folgte ihrem Blick. Die Sonne schien von einem Himmel, an dem keine einzige Wolke zu sehen war. Das Wetter war tatsächlich herrlich, zumindest für all diejenigen, die Sonnenschein und wolkenlosen Himmel mochten. Er mochte es definitiv nicht.
»Ich möchte aber lieber mein Bild fertig malen«, wandte er daher rasch ein.
»Okay.« Mama verzog das Gesicht und zuckte gleichzeitig mit den Schultern, als würde sie bedauern, dass er ihren Ratschlag nicht befolgte, seine Entscheidung aber dennoch respektieren. »Dann geh schon. Ich hab dich lieb.«
Er hatte sich bereits abgewandt, sodass sie sein Gesicht nicht sehen konnte. Aus diesem Grund ging ihm die Lüge leichter über die Lippen: »Ich dich auch, Mama.«
Der Gedanke, Mama und Papa wären nicht seine leiblichen Eltern und Patricia nicht seine richtige Schwester, hatte ihn seitdem nicht mehr losgelassen. Er war irgendwie tröstlich, denn so ließ sich zumindest erklären, warum er so anders als sie war und nicht die geringste Liebe für sie empfand.
Doch dass er sie regelrecht hasste, hatte er sich soeben zum ersten Mal eingestanden. Natürlich spielten die besonderen Umstände eine Rolle, dass er ausgerechnet in diesem Moment so empfand. Schließlich konnte er nicht im Regen draußen sein, sondern musste stattdessen zu einer langweiligen Hochzeit an einem Ort fahren, an dem auch noch die Sonne schien. Außerdem forderte Mama ihn ständig auf, ihre blöden Schlagerlieder mitzusingen. Und dann behandelte seine Schwester ihn immer von oben herab, ärgerte und schlug ihn, wenn seine Eltern es nicht bemerkten, und verpetzte ihn sofort, wenn er es wagte, sich nicht alles gefallen zu lassen und zur Wehr zu setzen. Sein Unmut über all das staute sich allmählich in ihm auf. Allerdings gab es für ihn keine Möglichkeit, sich anderweitig abzureagieren.
Ich wünschte, sie wären tot!
Er blinzelte überrascht. Erneut war es ihm so vorgekommen, als hätte der Gedanke nicht in ihm selbst seinen Ursprung gehabt, sondern als wäre er von außen an ihn herangetragen worden, beispielsweise durch das Flüstern des Regens auf der Karosserie des Wagens. Er starrte auf die Seitenscheibe, gegen die der Regen prasselte. Der heftige Fahrtwind sorgte dafür, dass die Tropfen nicht nach unten, sondern beinahe waagerecht von links nach rechts über die Scheibe flossen.
Obwohl er gern weiterhin dem Regen zugesehen hätte, riss er sich vom Anblick der regennassen Scheibe los. Er konzentrierte sich wieder auf das, was im Wagen geschah und sah sich um.
Im Radio kam längst ein anderes Lied. Jürgen Markus sang Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben, nananananana.
Mama und Patricia sangen lauthals mit, als wollten sie gegen das Prasseln des Regens ansingen, der immer heftiger wurde. Er nahm schon beinahe wolkenbruchartige Ausmaße an, was das Herz des Jungen vor Freude unwillkürlich schneller schlagen ließ.
Mama wandte sich ein weiteres Mal zu ihm um. »Na los, sing schon mit! Sei doch kein Spielverderber.«
Er schüttelte trotzig den Kopf.
»Warum denn nicht?«
»Weil ich dein saublödes Schlagerlied nicht singen will!« Er hatte gar nicht beabsichtigt gehabt, etwas Derartiges zu sagen. Und noch weniger hatte er vorgehabt, dabei so laut zu schreien, wie er nur konnte. Doch sobald er es getan hatte, wusste er, dass es richtig gewesen war, denn danach fühlte er sich viel besser, irgendwie befreiter.
Mama starrte ihn mit großen Augen und offenem Mund an, als könnte sie nicht glauben, was sie soeben gehört hatte. Sie war in der Bewegung erstarrt und schien nicht zu wissen, wie sie auf seinen Ausbruch reagieren sollte. Patricia verstummte von einer Sekunde zur anderen und sah ihren Bruder mit verblüffter Miene an. Anscheinend hätte sie ihm so etwas nie und nimmer zugetraut. Papas Kopf war wie von einer gespannten Feder gezogen blitzschnell herumgeschnellt, damit er seinen Sohn, der schräg hinter ihm saß, ansehen konnte. Seine Stirn war gerunzelt, und an seinem dicken Hals schwoll eine Ader an, was immer ein schlechtes Zeichen war. Nur Jürgen Markus blieb gänzlich unbeeindruckt und gab weiterhin seinen größten Hit zum Besten. Allerdings waren es die letzten Zeilen, sodass er bald von einem anderen Interpreten abgelöst werden würde.
»Was fällt dir bloß ein?«, fragte Papa grollend, und die Zornesader pulsierte im Takt seiner Worte, als könnte sie jeden Moment aufplatzen. Entgegen seiner Gewohnheit nahm er die rechte Hand vom Lenkrad und machte Anstalten, nach hinten zu langen, um seinem Sohn eine rasche Ohrfeige zu versetzen.
»Moritz, nicht!«, sagte Mama, die jede Form von körperlicher Gewalt zutiefst verabscheute.
Jürgen Markus verstummte und wurde ohne Pause von Drafi Deutscher abgelöst, der Marmor, Stein und Eisen bricht sang.
Papa erstarrte, den finsteren Blick noch immer auf seinen Sohn gerichtet, und schien zu überlegen, ob er auf seine Frau oder auf seine Instinkte als Vater hören sollte.
Doch noch ehe er eine Entscheidung treffen konnte, hörten alle vier ein ohrenbetäubend lautes Hupen.
In der Erinnerung des Regenmanns spielte sich das, was danach passierte, wie in Zeitlupe ab. In Wirklichkeit währte es hingegen nur wenige Augenblicke.
Alle Insassen des Wagens rissen gleichzeitig die Köpfe herum. Aus riesengroßen schreckgeweiteten Augen starrten sie durch die Windschutzscheibe nach vorn. Sie wurden vom Licht eines Scheinwerferpaars geblendet, das rasend schnell immer größer wurde.
Papas rechte Hand kehrte reflexartig und wie von einem Magneten angezogen ans Lenkrad zurück. Er riss das Steuer nach rechts, um auszuweichen und wieder auf seine Spur zurückzukehren. Die hatte er, während er abgelenkt gewesen war, unbeabsichtigt verlassen, weil die Fahrbahn an dieser Stelle leicht nach rechts schwenkte. Doch für ein Ausweichmanöver war es längst zu spät. Außerdem war die Fahrbahn durch den heftigen Regen extrem rutschig geworden, sodass die Reifen für das abrupte Manöver nicht genügend Halt fanden.
Das Auto kam augenblicklich ins Schleudern. Es vollführte eine halbe Drehung und krachte daher hauptsächlich mit der Fahrertür in die linke vordere Ecke des Lkws. Dessen Fahrer hatte es ebenfalls nicht mehr geschafft, den Zusammenprall zu verhindern, weil er sich bis soeben am Telefon mit seiner Freundin gestritten hatte, von der seine Frau nichts wusste, und deshalb gleichermaßen abgelenkt gewesen war.
Das Krachen der aufeinanderprallenden Fahrzeuge war so laut wie ein Donnerschlag, und der Junge befürchtete, er könnte davon taub werden. Das Auto wurde im Bruchteil eines Augenblicks von einer Geschwindigkeit von 70 Stundenkilometern auf null heruntergebremst. Das führte dazu, dass die Bewegungsenergie größtenteils in Verformungsenergie umgewandelt werden musste, was sich auf den erheblich kleineren und leichteren Pkw wesentlich ungünstiger auswirkte als auf den massigen Lkw. Wie ein Rammbock bohrte sich die Ecke des Lasters in die Fahrertür. Dabei verformte sich das Metall der Karosserie und des Fahrgestells, als bestünde es aus Pappe.
Papa wurde gleichermaßen verformt und war augenblicklich mausetot.
Sämtliche Fensterscheiben zerbarsten nahezu gleichzeitig. Außerdem entfalteten sich die Airbags explosionsartig und trugen damit ihr Scherflein zu der infernalischen Geräuschkulisse bei. Und auch sonst herrschte im Wageninneren das reinste Chaos.
Da der Lastwagen sich noch immer vorwärtsbewegte, wurde das Auto erneut herumgeschleudert, dieses Mal allerdings in die andere Richtung, und löste sich von der Frontpartie des Lasters. Dabei wurden die hintere linke Tür und ein Teil der Karosserie auf der Fahrerseite abgerissen. Darunter war auch die Halterung für den Sicherheitsgurt.
Der Junge sah zu seiner ungeliebten Schwester, die den Mund aufgerissen hatte und gellend schrie. Doch ihr Schrei ging in all dem Krachen, Klirren, Bersten und Knallen rundherum komplett unter und blieb daher ungehört. Es war das letzte Bild, das er von ihr in Erinnerung behalten sollte. In der einen Sekunde war sie noch da, aber bereits in der nächsten Sekunde war sie verschwunden, als wäre sie von einem geschickten Bühnenmagier einfach weggezaubert worden. Die Fliehkräfte hatten sie zusammen mit ihrer Sitzerhöhung aus dem kreiselnden Auto gerissen. Sie geriet unter den Frontreifen des Lkw und wurde von ihm zermalmt.
Das Auto war aber noch immer nicht am Ende seiner Reise angekommen. Es schleuderte auf der rutschigen regennassen Fahrbahn weiter. Dabei drehte es sich mehrere Male um die eigene Achse, sodass die beiden verbliebenen lebenden Insassen vollkommen die Orientierung verloren. Lose Gegenstände und abgerissene Fahrzeugteile flogen wie Geschosse durch den Innenraum und aus den zerborstenen Fenstern nach draußen. Doch keins davon traf den Jungen in seinem Kindersitz auf der Rückbank; es war, als hielte jemand oder etwas seine schützende Hand über ihn.
Dann schlitterte der Wagen von der Straße. Er kippte eine Böschung hinunter und überschlug sich mehrere Male, bis er mit der Beifahrerseite gegen einen Baum krachte, dessen massiver Stamm das Wrack schließlich zum Stillstand brachte. Dabei brach ein daumendicker Ast des Baumes. Das spitze Ende bohrte sich in Mamas Hals. Sie erstickte in wenigen Augenblicken an ihrem eigenen Blut.
Einzig der Junge auf dem Rücksitz hatte den Crash wie durch ein Wunder ohne einen einzigen Kratzer überstanden. Er war natürlich durch den heftigen Aufprall auf den Laster, den damit einhergehenden infernalischen Lärm und die anschließende Schleuderpartie noch reichlich benommen, doch ansonsten ging es ihm erstaunlich gut. Und dass er soeben seine komplette Familie verloren hatte, denn andere Angehörige gab es nicht mehr, wusste er in diesem Moment noch nicht.
Durch die zerstörten Fenster fiel der Regen ins Fahrzeuginnere. Der Junge fröstelte zwar, als er durchnässt wurde, er empfand die Regentropfen auf seiner Haut aber dennoch als angenehm und tröstlich. Nach dem infernalischen Lärm des Unfalls war endlich Ruhe eingekehrt. Der Motor des Wagens lief nicht mehr, und auch das Radio und Drafi Deutscher waren längst verstummt. In Gedanken hörte der Junge allerdings noch immer die Melodie. Sie würde von nun an in seiner Erinnerung untrennbar mit diesem Unfall verbunden sein. Neben dem Ticken der abkühlenden Fahrzeugteile waren nur das Rauschen des Regens und das Geräusch der Tropfen auf der aufgerissenen und zerstörten Karosserie zu hören. Auch sie spendeten dem Jungen Trost.
Er erinnerte sich an seine Gedanken vor dem Unfall.
Ich wünschte, sie wären tot!
Kurz darauf war es zum Crash gekommen. Und jetzt rührten sich Mama und Papa auf dem Vordersitz nicht mehr, und Patricia war spurlos verschwunden.
Er war allein.
Nicht ganz allein!
Erneut hatte er das Gefühl, als wäre es nicht sein eigener Gedanke. Es kam ihm eher so vor, als hätte er etwas in einer anderen Sprache gehört und dann automatisch im Kopf übersetzt, damit es für ihn verständlich wurde. Als würde der Regen durch den Rhythmus seiner Tropfen endlich zu ihm sprechen. Er lauschte aufmerksam, bemühte sich intensiv, noch mehr von der Regentropfensprache zu verstehen, doch es funktionierte nicht.
Und vermutlich hatte er es sich ohnehin nur eingebildet. Schließlich war der Regen kein lebendes und denkendes Wesen, das mittels seiner Tropfen mit anderen kommunizieren konnte, auch wenn es ihm manchmal so vorkam. Und es ging entschieden zu weit, auch nur anzunehmen, der Regen hätte seinen gedanklich geäußerten Wunsch, dass seine Familienangehörigen sterben sollten, verstanden und ihm dabei geholfen, ihn in die Tat umzusetzen.
Trotzdem …
Der Regen auf seiner Stirn und seinen Haaren fühlte sich beinahe so an, als striche ihm jemand zärtlich über den Kopf. Und die Tropfen auf dem Rest seines Körpers fühlten sich wie eine nasse, aber gleichwohl tröstende Umarmung an.
Darmowy fragment się skończył.