Czytaj książkę: «DER ABGRUND JENSEITS DES TODES»

INHALTSVERZEICHNIS
COVER
TITEL
PROLOG
DER ERSTE REITER
KAPITEL 1
KAPITEL 2
KAPITEL 3
KAPITEL 4
DER ZWEITE REITER
KAPITEL 5
KAPITEL 6
KAPITEL 7
DER DRITTE REITER
KAPITEL 8
KAPITEL 9
KAPITEL 10
DER VIERTE REITER
KAPITEL 11
KAPITEL 12
EPILOG
NACHWORT
WEITERE TITEL DES AUTORS
LESEPROBE
1. TEIL
KAPITEL 1
KAPITEL 2
KAPITEL 3
PROLOG
I
Was ihr von Anfang an besonders an ihm gefiel, war seine sanfte und mitfühlende Art. Deshalb dachte Nadine zunächst auch, er müsste schwul sein. Aber das war ihr egal, denn nach einem Liebesabenteuer stand ihr ohnehin nicht der Sinn.
Nicht nach der furchtbaren Diagnose, die der Arzt ihr soeben mitgeteilt hatte.
Er stand vor dem Eingang der radiologischen Praxis in der Maistraße. Beinahe kam es ihr so vor, als hätte er dort auf sie gewartet.
»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte er.
Sie musste blinzeln, weil ihre Augen in Tränen schwammen. Erst dann erkannte sie ihn.
»Sie? Was machen Sie denn hier?«
»Ich habe auf Sie gewartet.«
»Aber … Aber warum?«
»Ich dachte mir, dass Sie jetzt bestimmt jemanden brauchen, der sich um Sie kümmert.« Er deutete auf das Praxisschild, auf dem »RPM – Radiologische Praxis München« und die Öffnungszeiten standen. »Schlimme Neuigkeiten?«
Um das zu erkennen, musste man weder Hellseher noch Gedankenleser sein. Vermutlich genügte ein einziger Blick in Nadines verheultes Gesicht, um die bittere Wahrheit zu erkennen.
Normalerweise hätte sie ihn für aufdringlich gehalten. Sie kannten sich doch kaum! Und dennoch hatte er auf dem Gehsteig vor der Praxis auf sie gewartet. Doch in ihrer gegenwärtigen Gemütslage traten diese Überlegungen und ihr natürliches Misstrauen fremden Männern gegenüber in den Hintergrund. Schließlich hatte er bislang mit allem recht gehabt, was er gesagt hatte. Sie hatte soeben tatsächlich schlimme Neuigkeiten erfahren. Und sie brauchte dringend jemanden, der sich um sie kümmerte. Wieso dann nicht er?
Nadine nickte.
»Möchten Sie gern darüber reden?«
Sie zögerte und sah sich um. Sie standen mitten auf dem Bürgersteig. Passanten machten einen Bogen um sie und hasteten links und rechts an ihnen vorbei. Manche warfen ihnen verärgerte Blicke zu, weil sie im Weg standen. Doch sie beide waren von all der Hektik um sie herum völlig unberührt, als umgäbe sie eine schützende Sphäre.
Nadines erster Impuls bestand darin, ihm eine Abfuhr zu erteilen. Was ging es ihn an, was mit ihr los war? Sie kannte ihn doch kaum! Eher sollte sie mit ihrer besten Freundin Anne oder ihrer Mutter darüber sprechen. Andererseits verspürte sie das drängende Bedürfnis, die furchtbare Diagnose vorerst vor ihren Angehörigen und Freunden geheim zu halten. Auch wenn sie nicht genau sagen konnte, warum sie das tun wollte.
Sie richtete den Blick wieder auf ihn und sah das tiefempfundene Mitgefühl in seinen ausdrucksstarken Augen. Das gab letztendlich den Ausschlag.
»Aber nicht hier!«, sagte sie und sah sich erneut unbehaglich um.
»Ich kenne ein Café ein Stück die Straße hinunter. Lassen Sie uns dort einen Kaffee trinken. Dann können Sie sich alles von der Seele reden.«
Nadine zögerte nicht länger. Obwohl sie ihn kaum kannte, hatte sie sofort das Gefühl, bei ihm in guten Händen zu sein. Er wirkte so sanft und mitfühlend und war bestimmt ein guter Zuhörer. Wieso sollte sie ihm daher nicht ihr Herz ausschütten, wo er gerade zur Hand und darüber hinaus dazu bereit war, ihr zuzuhören?
»Ich heiße übrigens Nadine«, sagte sie und reichte ihm die Hand.
Er nahm sie. Nicht fest und zupackend, wie es manche Männer taten, als wollten sie ihre Männlichkeit durch einen besonders festen Händedruck unter Beweis stellen. Sondern vorsichtig und sanft, als wollte er ihr um keinen Preis auf der Welt wehtun. Auch das gefiel ihr.
»Mein Name ist Johannes.«
Der Name passt zu ihm! Zum ersten Mal seit der Diagnose musste sie unwillkürlich lächeln. Es klang wie ein biblischer Name. Sie wusste allerdings nur wenig über die Bibel und die Geschichten und Gestalten, die darin geschildert wurden. Dennoch löste der Name ein positives Gefühl in ihr aus. Normalerweise ging sie nicht mit fremden Männern mit. Aber als sie an seiner Seite die Straße überquerte und zu dem Café ging, von dem er gesprochen hatte, bereute sie den spontanen Impuls kein bisschen.
»Sind Sie Priester?«
Sie saßen an einem Fenstertisch und konnten auf die Straße hinaussehen. Wenn Nadine sich zur Seite gebeugt hätte, hätte sie das Gebäude sehen können, in dem die radiologische Praxis lag, die sie erst vor Kurzem verlassen hatte. Doch sie hatte kein Bedürfnis danach. Nicht nach dem, was sie dort erfahren hatte.
Nachdem sie Platz genommen hatten, sprachen sie eine Weile nicht miteinander. Es war, als fühlten sie sich mit einem Mal in Gegenwart des anderen befangen. Sie gaben bei der Bedienung ihre Bestellungen auf. Und erst nachdem Johannes seinen Kaffee und Nadine ihren Cappuccino bekommen hatte, brach Nadine schließlich das Schweigen und stellte ihre Frage.
Er schüttelte den Kopf und hob fragend die Augenbrauen. »Nein. Wie kommen Sie darauf?«
»Ihre mitfühlende und sanfte Art erinnert mich an einen Priester.«
Ein wehmütiger Ausdruck erschien auf seinem Gesicht. »Ich hätte liebend gern ein geistliches Amt übernommen.« Er schüttelte erneut den Kopf. »Aber es sollte nicht sein.«
»Warum nicht? Was ist passiert?«
Er senkte den Blick und sah auf die Kaffeetasse, die vor ihm stand und die er noch nicht angerührt hatte. Dann hob er den Blick wieder. Er sah sie lächelnd an und seufzte tief, bevor er antwortete: »Das ist Schnee von gestern und unwichtig. Außerdem sind wir nicht hier, um über mich zu sprechen, sondern über Sie. Wieso erzählen Sie mir nicht, welche Diagnose der Arzt Ihnen mitgeteilt hat?«
»Woher wissen Sie von der Diagnose?« Sie sah ihn misstrauisch an. Vielleicht war es doch ein Fehler gewesen, allzu vertrauensvoll einem Fremden gegenüber zu sein.
»Wieso wären Sie sonst in der radiologischen Praxis gewesen, wenn Sie dort nicht untersucht worden sind und eine Diagnose erhalten haben. Und Ihr Zustand, als Sie wieder herauskamen, sprach gelinde gesagt Bände. Man muss daher kein Einstein sein, um eins und eins zusammenzuzählen und auf zwei zu kommen. Also erzählen Sie schon! Sie werden sehen, danach fühlen Sie sich besser.«
Nadine bezweifelte das. Wieso sollte sie sich auch nur einen Deut besser fühlen, sobald sie die niederschmetternde Diagnose in Worte gefasst hatte? Andererseits sah er sie so voller Mitgefühl an, wie sie es sich von dem Arzt in der radiologischen Praxis gewünscht hätte. Doch der war vollkommen emotionslos gewesen. Wie ein Diagnose-Roboter! Er hatte einen eiskalten Eindruck vermittelt, als er ihr das Ergebnis der Untersuchung unter Verwendung möglichst vieler unverständlicher Fachbegriffe mitgeteilt hatte. Es hatte sich für sie eher so angehört, als würde er den Wetterbericht auf Suaheli verlesen. Allerdings mit einer verheerenden Wetterprognose! Deshalb tat es jetzt auch so gut, jemandem wie Johannes gegenüberzusitzen. Er war ein Mensch, der den Eindruck erweckte, als könnte er ihre Angst und ihr Leid nicht nur nachempfinden, sondern sogar teilen. Und vielleicht hatte er ja recht, und sie fühlte sich danach tatsächlich besser.
»Seit ein paar Wochen leide ich unter mörderischen Kopfschmerzen.« Sie beobachtete den Mann aufmerksam, um zu sehen, wie er auf ihre Worte reagierte. »Außerdem war mir oft übel, vor allem bei nüchternem Magen. Und manchmal hatte ich Sehstörungen.«
Johannes verzog das Gesicht, als könnte er ihre Qualen in diesem Moment am eigenen Leib nachempfinden. »Wie furchtbar! Was unternahmen Sie gegen die Beschwerden?«
Sie senkte den Blick und sah auf ihren Cappuccino, der ebenfalls noch unberührt war. Momentan drehte sich ihr schon bei dem Gedanken, etwas zu sich zu nehmen, der Magen um.
»Ich dachte zuerst, es wäre nur eine Phase, die von selbst wieder vorübergeht. Daher nahm ich Schmerztabletten, die ich rezeptfrei in der Apotheke bekam. Doch irgendwann wirkten sie nicht mehr, und die Schmerzen wurden von Tag zu Tag heftiger. Vor allem in der Nacht quälten sie mich, sodass ich kaum noch schlafen konnte. Deshalb ging ich schließlich zu meinem Hausarzt. Der schickte mich zum Neurologen. Und der Neurologe überwies mich, nachdem ich ihm die Symptome geschildert hatte, umgehend zum MRT in die radiologische Praxis. Darüber hinaus verschrieb er mir ein stärkeres Schmerzmittel, mit dem die Schmerzen halbwegs zu ertragen sind.«
»Und was wurde bei der Magnetresonanztomografie festgestellt?« Johannes bewies mit seiner Frage, dass er die von Nadine gebrauchte Abkürzung kannte.
Die Kernspin- oder Magnetresonanztomografie, kurz MRT, ist eine Methode der modernen medizinischen Diagnostik. Mithilfe eines starken Magnetfeldes und ganz ohne Röntgenstrahlen werden dabei detailgenaue Schichtbildaufnahmen des menschlichen Körpers erzeugt.
Nadine hob den Kopf und sah Johannes an. Erneut standen ihr Tränen in den Augen. Sie verschleierten ihren Blick, sodass sie den feinfühligen Mann nur noch verschwommen sah.
»Die Untersuchung hat ergeben, dass sich in meinem Gehirn …« Sie verstummte, weil ihre Stimme versagte. Doch sie atmete einmal tief durch und zwang sich dazu, weiterzusprechen. »… eine große Geschwulst gebildet hat. Ich … Ich habe einen Gehirntumor.«
Johannes sah ebenfalls so aus, als würde er gleich in Tränen ausbrechen. »Das tut mir ja so leid«, sagte er flüsternd und legte seine rechte Hand auf ihre linke.
Normalerweise betrachtete sie es als plumpe Anmache, wenn ein Mann, den sie kaum kannte, sie absichtlich berührte. Doch bei Johannes war es etwas anderes. Sie spürte, dass er es ernst meinte und keine Hintergedanken hatte. Seine Anteilnahme und sein Mitleid waren echt und kamen aus tiefstem Herzen. Deshalb sah sie seine Geste nicht als Versuch, die Situation auszunutzen und sie anzumachen, sondern als das, was sie wirklich war. Er wollte ihr durch die Berührung Trost spenden und ihr demonstrieren, dass sie nicht allein war.
Sein Verhalten rührte sie zu Tränen. Aber sie riss sich zusammen. Sie wollte nicht wieder weinen. Vor allem nicht hier in aller Öffentlichkeit. Wenn sie erst einmal damit anfing, konnte sie wahrscheinlich nicht mehr so leicht damit aufhören. Außerdem hatte sie im Sprechzimmer des Arztroboters, der sie mit seinen Gletschereisaugen die ganze Zeit nur mitleidlos angesehen hatte, schon mehr als genug Tränen vergossen.
Nadine schniefte und schluckte. »Danke.«
Johannes schüttelte den Kopf. »Sie müssen sich nicht bei mir bedanken. Das ist doch selbstverständlich.«
»Nein, das ist es nicht!«, widersprach sie heftiger, als sie es beabsichtigt hatte. Doch sie war momentan außerstande, ihre Gefühle zu kontrollieren. »Vorhin, vor der Praxis, sind Hunderte von Menschen an mir vorbeimarschiert, ohne überhaupt zu bemerken, dass es mir nicht gut geht. Sie haben es jedoch sofort gesehen und mich gefragt, ob Sie mir helfen können. Das macht Sie zu etwas ganz Besonderem.«
Johannes winkte ab. Es war ihm ersichtlich unangenehm, als etwas Besonderes bezeichnet zu werden. Vermutlich wechselte er deshalb rasch das Thema. »Kann der Tumor entfernt werden?«
Für einen winzigen Augenblick hatte Nadine das Gefühl, sein Blick bekäme bei dieser Frage etwas Lauerndes. Und seine bislang so gefühlvollen Augen erinnerten sie jäh an die kalten Augen eines hungrigen Reptils. Doch nachdem sie überrascht geblinzelt hatte, war dieser Eindruck wieder verschwunden. Daher redete sie sich ein, dass sie sich getäuscht haben musste. Stattdessen machte sie einen Lichtreflex dafür verantwortlich.
Sie seufzte und schüttelte den Kopf. Dann wiederholte sie die Worte des Arztes, die sich in ihr Gedächtnis eingebrannt hatten: »Der Tumor liegt an einer extrem ungünstigen Stelle und ist dort nicht ohne Weiteres zugänglich. Deshalb ist er chirurgisch nicht entfernbar.«
»Wie sieht die Therapie aus?«
»Eine Kombination aus Bestrahlung und Chemotherapie.«
»Und die Erfolgsaussichten?«
Nadine senkte den Blick und schüttelte stumm den Kopf. Sie konnte ihm nicht antworten. Denn jetzt brach sie gegen ihren ausdrücklichen Willen doch wieder in Tränen aus.
Am Abend verließ sie ihre kleine Wohnung und horchte, ob jemand im Treppenhaus war. Erst dann eilte sie die Stufen nach unten. Sie wollte niemandem begegnen. Vor allem hatte sie keine Lust auf ein Gespräch mit einem Nachbarn, bei dem sie so tun müsste, als ginge es ihr gut und als wäre alles in bester Ordnung. Obwohl das Gegenteil der Fall war und ihr Leben seit der Diagnose am Nachmittag buchstäblich in Trümmern lag.
Außerdem hatte Johannes darauf bestanden, dass niemand sah, wie sie das Haus verließ. Er wollte ihr etwas zeigen. Und da es sich um eine Überraschung handelte, die sie auf andere Gedanken bringen sollte, durfte niemand diese Überraschung verderben.
Nadine konnte den Grund für seine Heimlichtuerei nicht nachvollziehen. Aber wenn sie ihm damit einen Gefallen tat, wollte sie seiner Bitte gern nachkommen. Schließlich gab er sich ebenfalls viel Mühe, um ihr eine Überraschung zu bereiten und sie auf andere Gedanken zu bringen.
Als sie das Haus verließ, sah sie sich in alle Richtungen um, doch es war niemand in der Nähe. Sie kam sich vor wie ein Geheimagent in einem schlechten Film. Unwillkürlich musste sie kichern. Ihr wurde bewusst, dass es sich um das erste Zeichen echten Humors handelte, seit sie die Diagnose bekommen hatte. Vermutlich war das der eigentliche Grund, warum Johannes darauf bestanden hatte. Wenn sie sich dabei lächerlich vorkam, musste sie über sich selbst lachen und fühlte sich sofort besser. Er sollte sich diese Behandlungsmethode patentieren lassen. Damit könnte er ein Vermögen verdienen.
Es war bereits dunkel. Auf dem Gehsteig vor dem Haus waren kaum Passanten unterwegs. Nadine hielt dennoch den Kopf gesenkt. Sie kam an ihrem Auto vorbei, das sie am Straßenrand geparkt hatte, ließ es aber stehen. Johannes wollte sie in der Nähe mit seinem Wagen abholen. Bis zur vereinbarten Zeit waren es noch fünfzehn Minuten. Doch es war nicht weit bis zum Treffpunkt. Nadine musste lediglich zweimal abbiegen und insgesamt weniger als einen halben Kilometer laufen. Dann hatte sie den Spielplatz erreicht, der um diese Uhrzeit verlassen war. Sämtliche Kinder, die sonst hier spielten, waren zu Hause und lagen teilweise schon in ihren Bettchen.
Nadine sah auf die Uhr. Sie war zu früh dran. Um nicht gesehen zu werden, stellte sie sich hinter den Stamm eines Kastanienbaums. Von dort behielt sie die Straße im Auge. Sobald ein Scheinwerferpaar auftauchte, beobachtete sie den Wagen erwartungsvoll. Doch jedes Auto fuhr am Spielplatz vorbei, ohne die Geschwindigkeit zu drosseln.
Nach dem tröstenden Gespräch mit Johannes im Café und der Zusage, ihn am späten Abend hier zu treffen, war Nadine mit der U-Bahn nach Hause gefahren. Sobald sie allein war, kam es ihr so vor, als wäre das Schicksal, zu dem der Gehirntumor sie verdammte, zu schwer, als dass sie es allein ertragen könnte. Sie fühlte sich, als wäre der Tumor in ihrem Kopf zentnerschwer und würde sie niederdrücken. Gleichzeitig hatte sie das Empfinden, er wäre so groß, dass er sogar die Sonne verdunkelte und ihr Leben überschattete. Aber sie wollte nicht ständig an die Geschwulst denken, die sich wie ein Parasit heimtückisch in ihrem Gehirn eingenistet hatte und von ihr nährte. Und auch nicht an die furchtbaren Konsequenzen, die sich daraus für sie ergaben. Deshalb richtete sie ihre Gedanken stattdessen auf Johannes und fühlte sich augenblicklich besser. Sie vergegenwärtigte sich seinen teilnahmsvollen Blick, seine zärtliche, tröstliche Berührung und seine warmen, einfühlsamen Worte. Und sofort hatte der Tumor weniger Macht über sie und ihr Leben.
Obwohl sie keinen Hunger hatte, machte sie sich am Abend einen Salat. Wie ein wählerischer Vogel pickte sie appetitlos mit der Gabel darin herum, während sie im Fernsehen die Nachrichten verfolgte. Die Meldungen von Krieg, Flüchtlingen und Terrorismus waren ihr vor Kurzem noch furchtbar und weltbewegend erschienen. Nun, im Angesicht ihres eigenen Schicksals, kamen sie ihr viel unbedeutender und nichtssagender vor. Deshalb schaltete sie den Fernseher bald wieder aus und warf den größten Teil des Abendessens in den Biomüll.
Kurze Zeit später rief ihre Mutter an und fragte, wie es Nadine gehe. Sie hatte ihrer Mutter von den Kopfschmerzen und der Übelkeit erzählt. Doch die Besuche beim Neurologen und in der radiologischen Praxis hatte sie für sich behalten. Sie hatte ihre Mutter, die bereits einen leichten Herzinfarkt hinter sich hatte, nicht grundlos beunruhigen wollen. Für einen winzigen Moment verspürte sie jetzt das Bedürfnis, ihr alles zu erzählen. So wie sie sich schon als kleines Mädchen alles Belastende von der Seele geredet und sich hinterher besser gefühlt hatte. Aber dann ließ sie es doch bleiben. Ihre Mutter würde sich nur Sorgen machen und sich aufregen. Und das wäre gar nicht gut für sie und ihr angeschlagenes Herz. Außerdem handelte es sich hierbei nicht um kindliche Sorgen und Ängste, die allein dadurch besser wurden, dass man sich Mami oder Papi anvertraute. Der Tumor würde sich davon nicht beeindrucken lassen und auch keinen Millimeter kleiner werden. Im Übrigen hatte Johannes ihr empfohlen, ihrer Mutter, die seit dem Tod ihres Mannes allein lebte, vorerst nichts von der Diagnose zu erzählen. Auch ihn sollte sie fürs Erste unerwähnt lassen, bis der richtige Zeitpunkt gekommen wäre, dass sie einander kennenlernten. Also sagte Nadine ihrer Mutter, dass es ihr gut gehe und die Tabletten, die der Arzt ihr verschrieben hatte, die größten Beschwerden linderten.
Nach dem Gespräch mit der Mutter hatte Nadine das Bedürfnis, mit ihrer besten Freundin Anne zu sprechen. Seit Anne geheiratet und in kurzer Zeit drei Kinder zur Welt gebracht hatte, trafen sie sich nur noch selten. Sie telefonierten allerdings mehrere Male pro Woche miteinander und erzählten sich wie als Teenager weiterhin alles, was sie erlebt hatten und was sie beschäftigte.
Es tat Nadine gut, die Stimme ihrer Freundin zu hören. Sie hörte sich deren Klagen über die Kinder an und tat, als würde es sie interessieren. Aber als Anne auf die Kopfschmerzen und die Übelkeit zu sprechen kam, von denen ihr Nadine erzählt hatte, wiegelte sie ab und sagte, es gehe ihr schon wieder viel besser. Doch Anne kannte sie zu gut, um sich damit zufriedenzugeben.
»Was ist los, Nadine?«
»Wieso? Was soll los sein?«
»Ich kenne dich inzwischen gut genug. Deshalb weiß ich, dass du mich nicht nur angerufen hast, um dir meine Geschichten über die drei kleinen Monster anzuhören, die sich wie meine Kinder verkleidet haben. Also rück schon raus mit der Sprache! Was hast du auf dem Herzen?«
»Nichts. Ich …«
»Lüg mich bitte nicht an! Du weißt doch, dass ich ein menschlicher Lügendetektor bin. Ich kann es fühlen, wenn du mich anlügst. Dann stellen sich sofort die Härchen auf meinen Armen und in meinem Nacken auf. Also erzähl mir endlich die Wahrheit. Geht es etwa um einen Kerl? Du klingst, als wärst du verliebt.«
Nadine atmete erleichtert auf. Wenigstens ahnte Anne nicht, was wirklich in ihr vorging. Und was schadete es schon, wenn sie ihrer besten Freundin gegenüber ein paar Andeutungen machte, ohne allzu sehr ins Detail zu gehen.
»Verliebt wäre zu viel gesagt.«
»Dann hatte ich also recht? Es geht um einen Mann. Jetzt erzähl schon! Wie heißt der Typ? Wo hast du ihn kennengelernt? Und hat er zufällig einen Zwillingsbruder, der sich gern mit einer dreifachen alleinerziehenden Mutter treffen würde, die allmählich ein bisschen aus dem Leim geht?«
Normalerweise hätte Nadine über Annes scherzhafte Art, mit ihren Problemen umzugehen, gelacht. Sie und ihr Mann hatten sich vor Kurzem getrennt. Außerdem hatte Anne in letzter Zeit tatsächlich zugenommen. Doch der Schmerz in ihrem Kopf, der gegen Abend intensiver wurde, ließ sie stattdessen gequält das Gesicht verziehen. Darüber hinaus kamen ihr Annes Probleme angesichts dessen, was sie heute erfahren hatte, wie Peanuts vor.
Nadine beschloss, unmittelbar nach dem Telefonat mit ihrer Freundin eine der Tabletten zu nehmen, die der Neurologe ihr verschrieben hatte.
»Was soll die Geheimniskrämerei?«, fragte Anne, nachdem ihre Freundin nicht auf ihre Fragen geantwortet hatte, und unterbrach damit Nadines Überlegungen. »Wir sind doch beste Freundinnen und sollten uns daher alles erzählen.«
Nadine seufzte. Vielleicht war es ein Fehler gewesen, Anne anzurufen. Außerdem wurde das Stechen in ihrem Schädel so bohrend, dass sie kaum noch einen klaren Gedanken fassen konnte. Aber nachdem sie Annes Neugier geweckt hatte, musste sie ihr einen Knochen hinwerfen, auf dem sie herumkauen konnte, um sie zufriedenzustellen. Anne war wie ein Pitbull. Wenn sie sich in etwas verbissen hatte, ließ sie nicht mehr los.
»Er heißt Johannes.« Nadine schloss die Augen. Der Kopfschmerz war dann leichter zu ertragen. Ihr wurde ein bisschen schwindelig. Deshalb war sie froh, dass sie auf der Couch saß. So konnte sie wenigstens nicht umfallen und sich einen Knochen brechen. Das hätte ihr zu ihrem sonstigen Pech heute gerade noch gefehlt und das Fass zum Überlaufen gebracht.
»Ist das alles?«, fragte Anne enttäuscht.
»Ich … Ich kenne ihn kaum. Wir haben uns erst zweimal getroffen und uns ein wenig unterhalten. Mehr war da nicht. Aber … er ist sehr nett.«
»Und? Seht ihr euch wieder?«
Nadine zuckte mit den Schultern. »Mal sehen«, sagte sie unbestimmt, weil sie ihrer Freundin nichts von dem bevorstehenden Treffen erzählen wollte. Schließlich hatte Johannes sie um Geheimhaltung gebeten. Indem sie seinen Namen preisgegeben hatte, hatte sie bereits dagegen verstoßen. Aber was schadete es schon, wenn Anne seinen Vornamen kannte? Sie würden sich ohnehin irgendwann kennenlernen, falls sich aus ihrer Bekanntschaft mit der Zeit Freundschaft und unter Umständen sogar mehr entwickelte.
»Ich muss jetzt Schluss machen, Anne. Meine Mutter wollte mich heute Abend noch anrufen, um sich zu erkundigen, wie es mir geht.«
Die stechenden Schmerzen gaben ihr das Gefühl, ihr Kopf würde jeden Moment explodieren. Dennoch gelang es ihr, die Lüge überzeugend genug zu präsentieren, um Anne, den angeblichen menschlichen Lügendetektor, zu täuschen.
»Dann will ich nicht länger die Leitung blockieren.« Anne schien sich damit zufriedenzugeben, dass sie wenigstens den Namen des Mannes in Erfahrung gebracht hatte. »Meine drei Plagen streiten eh schon wieder. Wird Zeit, dass ich dazwischengehe, bevor wir in diesem Irrenhaus das erste Todesopfer zu beklagen haben. Aber bei unserem nächsten Telefonat musst du mir unbedingt mehr über diesen geheimnisvollen Johannes erzählen! Versprochen?«
»Versprochen. Bis dann, Anne.«
Nadine unterbrach die Verbindung, sobald ihre Freundin ihren Abschiedsgruß erwidert hatte. Sie ließ das Telefon neben sich auf die Couch fallen. Dann hob sie beide Hände und presste die Handballen gegen ihre Schläfen, als wollte sie den Schmerz zerquetschen, der dazwischen tobte. Doch selbstverständlich half das nichts. Dafür war die Qual zu groß. Alles, was ihr jetzt noch Linderung verschaffen konnte, war das Schmerzmittel.
Sie kam ächzend auf die Beine und ging ins Badezimmer. Dabei taumelte sie und musste sich mit der Hand an der Wand abstützen, um nicht hinzufallen. Ihr Gleichgewichtssinn war empfindlich gestört. Dennoch schaffte sie es ins Bad. Ohne ihrem darin gespiegelten, zu einer Fratze der Qual verzerrten Gesicht Beachtung zu schenken, öffnete sie den Spiegelschrank und entnahm ihm die Tablettenschachtel. Sie drückte eine Tablette aus der Blisterverpackung, schob sie mit zitternden Fingern in den Mund und trank Wasser direkt aus dem Hahn, um sie hinunterzuspülen.
Jedes Mal, wenn sie eine Tablette schluckte, dachte sie an die ellenlange Liste mit Nebenwirkungen und Wechselwirkungen auf dem Beipackzettel, den sie sich lieber nicht durchgelesen hatte. Im Gegensatz zu sonst wollte sie das alles gar nicht so genau wissen. Schließlich gab es momentan keine Alternative. Die einzig andere Möglichkeit hätte darin bestanden, den Schmerz zu ertragen. Doch daran wollte sie nicht einmal denken.
Sie ließ die offene Schachtel auf der Ablage des Waschbeckens liegen. Darum konnte sie sich später kümmern, sobald es ihr besser ging. Dann tappte sie auf wackligen Beinen und mit weichen Knien ins Schlafzimmer.
Dort ließ sie den Rollladen herunter und legte sich in völliger Dunkelheit aufs Bett. Anschließend hatte sie darauf gewartet, dass das Mittel seine analgetische Wirkung entfaltete und der Schmerz in ihrem Kopf gedämpft wurde.
Inzwischen wirkte das Analgetikum. Der Schmerz war zu einem erträglichen, beständigen Pochen abgeklungen.
Nadine sah auf ihre Armbanduhr. Es war vier Minuten nach der Zeit, die Johannes ihr genannt hatte. Sie kannte ihn zwar kaum, konnte sich aber nicht vorstellen, dass er sich oft verspätete. Schließlich war Zuspätkommen zutiefst rücksichtslos gegenüber dem Wartenden. Und der mitfühlende Mann, den sie heute ein bisschen näher kennengelernt hatte, würde ihrer Meinung nach nie bewusst rücksichtslos gegenüber einem seiner Mitmenschen handeln. Dazu war er zu gutherzig.
Aber wieso war er dann noch nicht hier? War ihm etwas Wichtigeres dazwischengekommen? Oder hatte er am Ende doch kalte Füße bekommen? Nadine könnte es ihm nicht einmal verübeln. Wieso sollte sich jemand, der seine fünf Sinne beisammenhatte, mit jemandem wie ihr belasten? Mit einem Menschen, der soeben erfahren hatte, dass in seinem Kopf ein inoperabler Tumor zur Untermiete wohnte, und dessen Chancen auf Heilung allenfalls im niedrigen zweistelligen Bereich lagen.
Nadine überlegte, ob sie noch länger warten oder nicht doch besser nach Hause gehen sollte. Wieso sollte sie sich hier die Beine in den Bauch stehen? Schließlich hatte sie Johannes ihre Adresse genannt. Wenn er doch noch kam – woran sie allmählich zu zweifeln begann –, wusste er, wo sie zu finden war.
Sie wollte sich gerade in Bewegung setzen, als erneut ein Scheinwerferpaar um die Ecke bog und rasch näherkam. Sie beobachtete es aufmerksam und voller neu erwachter Hoffnung. Und tatsächlich, der Wagen wurde langsamer und hielt nur wenige Meter entfernt am Rand der Straße.
Nadine war sich nicht sicher, ob Johannes sie hinter dem Baum überhaupt schon entdeckt hatte. Sie hatte Angst, er könnte wieder wegfahren, wenn er sie nicht sah. Deshalb trat sie rasch nach vorn und ging eilig auf den Wagen zu. Da sie sich ihm von vorn näherte, blendeten sie die Scheinwerfer, sodass sie nicht sehen konnte, wer im Auto saß. Sobald sie neben dem Wagen angelangt war, beugte sie sich hinunter und warf durch das Beifahrerfenster einen Blick ins Innere. Sie lächelte erleichtert, als sie Johannes hinter dem Steuer entdeckte. Er hob die Hand zum Gruß, erwiderte ihr Lächeln und forderte sie auf, endlich einzusteigen. Sie folgte seiner Einladung, nahm auf dem Beifahrersitz Platz und schlug die Tür zu.
»Du bist also tatsächlich gekommen«, sagte sie, nachdem sie sich begrüßt hatten, und duzte ihn unwillkürlich. Sie freute sich so sehr, ihn zu sehen, dass der stetige dumpfe Schmerz in ihrem Kopf in den Hintergrund trat und sie ihn kaum noch wahrnahm. Die Freude darüber, dass er sie nicht versetzt hatte, war stärker als jedes Schmerzmittel.
»Hast du etwa daran gezweifelt?«, fragte er, als könnte er nicht glauben, dass jemand auch nur auf so einen Gedanken kam.
Sie zuckte mit den Schultern. »Du hast dich ein paar Minuten verspätet. Da kam mir der Gedanke, du könntest es dir anders überlegt haben. Ich könnte es sogar verstehen. Wer will sich schon mit jemandem wie mir belasten? Das bringt doch nur Probleme und Sorgen.«
»Nein!« Er legte ihr die rechte Hand auf den linken Unterarm. »So etwas darfst du nicht einmal denken. Im Gegenteil. Jemand wie du ist wie ein Geschenk des Himmels für mich.«
»Ach, was redest du denn da?« Sie schüttelte den Kopf. Gleichwohl taten ihr seine Worte gut und wärmten ihr Herz.
»Nein, das meine ich völlig ernst.« Er drückte ihren Arm, als wollte er seine Worte bekräftigen. »Ich bin so froh, dass ich dir begegnet bin. Du bist ein Geschenk des Himmels. Und ein Zeichen, dass Gott meine Gebete erhört hat und meine Pläne gutheißt und tatkräftig unterstützt.«
Nadine runzelte verwirrt die Stirn. »Was meinst du damit, Johannes? Welche Pläne?«
Er schüttelte den Kopf. »Das erzähle ich dir später. Es ist alles Teil der Überraschung, die ich für dich vorbereitet habe. Und die will ich dir nicht verderben, indem ich vorher zu viel verrate. Du magst doch Überraschungen, oder?«
»Wer mag die nicht?« In Gedanken setzte sie hinzu: Solange sie positiv sind. Sie sprach es jedoch nicht aus, weil sie ihn nicht verletzen wollte. Außerdem konnte sie sich nicht vorstellen, dass ein Mann wie Johannes jemandem eine böse Überraschung bereiten könnte.
Seine vorherigen Worte fielen ihr wieder ein. Ein Geschenk des Himmels hatte er sie genannt. Damit hatte er natürlich maßlos übertrieben. Aber auf ihn traf das durchaus zu. Für sie war er tatsächlich ein Geschenk des Himmels. Denn er nahm sie so, wie sie war. Schließlich war sie seit heute so etwas wie beschädigte Ware. Dafür sorgte Mr. Tumor, wie sie die Geschwulst getauft hatte. Er hatte sich uneingeladen in ihrem Kopf eingenistet und würde sich immer weiter ausbreiten, wenn man ihm nicht mit Bestrahlung und Chemotherapie zu Leibe rückte und Einhalt gebot. Ob es allerdings letztendlich gelang, ihn zu besiegen, stand momentan noch in den Sternen. Und selbst wenn es gelingen sollte, war es bis dahin ein langer, steiniger und dornenreicher Weg.
Doch nachdem sie Johannes getroffen hatte, hatte Nadine nicht mehr so viel Angst davor, diesen Weg zu gehen. Nicht wie zu dem Zeitpunkt, als sie die Diagnose gehört und wie betäubt dem Getöse gelauscht hatte, mit dem ihre heile Welt in sich zusammengefallen war. Denn nun war sie nicht mehr allein. Jetzt würde sie den Weg gemeinsam mit Johannes gehen. Ihrem Geschenk des Himmels, nachdem der Teufel ihr zuvor eine bösartige Überraschung in Gestalt des Tumors präsentiert hatte.
Nadine wurde bewusst, dass sie inzwischen wieder erheblich mehr Hoffnung auf einen guten Ausgang dieser Geschichte hatte.
Noch ehe die niederschmetternden Worte des Arztes verhallt gewesen waren, hatte sie sich bereits überlegt, ob es überhaupt noch einen Sinn hatte, weiterzuleben und weiterzukämpfen, wenn die Chancen auf einen Sieg so gering, ja beinahe aussichtslos waren. Wieso dem Leid nicht sofort ein Ende bereiten, indem sie sich vor ein Auto oder die U-Bahn warf? Damit ersparte sie sich viel Schmerz und unnötige Qualen.
Doch diese morbiden Gedanken waren längst vergessen. Denn mit jemandem wie Johannes an ihrer Seite lohnte es sich zu kämpfen. Auch wenn der Kampf möglicherweise von vornherein zum Scheitern verurteilt war.
»Gut«, sagte Johannes und zwinkerte ihr zu. »Dann lass uns losfahren.«
»Wohin fahren wir überhaupt?«
Er schüttelte den Kopf, während er den Motor anließ. »Das erfährst du noch früh genug.«
»Kannst du mir nicht wenigstens einen winzig kleinen Tipp geben?«, bettelte Nadine und schnallte sich an.
Johannes dachte darüber nach, während er einen Blick in den Seitenspiegel warf und losfuhr. »Tut mir leid«, sagte er dann und sah sie mit einem Ausdruck des Bedauerns an. »Aber alles, was ich dir sagen könnte, würde zu viel verraten und die Überraschung verderben. Du musst einfach noch ein bisschen Geduld haben. Nur dreißig Minuten, dann sind wir da.«
»Geduld war noch nie meine Stärke«, sagte Nadine und seufzte. »Als ich ein Kind war, konnte ich es an Weihnachten und an meinem Geburtstag nicht abwarten, bis ich endlich meine Geschenke bekam. Dabei ging es weniger darum, dass ich die Geschenke früher haben wollte, sondern eher darum, endlich zu erfahren, um was es sich handelte. Deshalb machte ich mich immer schon Tage vorher auf die Suche und durchstöberte das ganze Haus, um die verpackten Geschenke zu finden. Anfangs fand ich sie auch meistens. Bis meine Eltern anfingen, sie bei Nachbarn oder Bekannten zu deponieren, und erst im allerletzten Moment ins Haus holten.« Nadine schüttelte den Kopf und schmunzelte bei der schönen Erinnerung.
»Aber damit hast du dir doch jedes Mal die Überraschung verdorben.«
»Nein«, widersprach Nadine. »Denn als ich die Geschenke fand und auspackte, war es auch eine Überraschung. Nur eben zum falschen Zeitpunkt.«
Johannes nickte. »Das stimmt auch wieder. Aber heute wirst du dich ausnahmsweise gedulden müssen. Ich bin in dieser Hinsicht unerbittlich.«
»Na schön. Dann will ich die Überraschung nicht verderben und dich nicht weiter löchern. Nicht dass du dich am Ende aus Versehen doch noch verplapperst.«
»Keine Angst, das wird schon nicht geschehen. Ich kann nämlich, wenn’s drauf ankommt, schweigen wie ein Grab.«
Sie hielt ihr Versprechen und drang nicht weiter in ihren Begleiter. Stattdessen übte sie sich in Geduld, auch wenn ihr das schwerfiel. Während Johannes den Wagen durch die Straßen lenkte, sprachen sie über unzählige belanglose Dinge. Und so verging die Zeit wie im Flug. Sie achtete nicht darauf, wohin sie fuhren. Irgendwann bemerkte Sie allerdings, dass sie die letzten Ausläufer der Großstadt hinter sich ließen und aufs Land fuhren, über das sich wie ein schwarzes Leichentuch die Nacht herabgesenkt hatte.
Nadine verzog das Gesicht. Nicht wegen des Kopfschmerzes, der vom Analgetikum halbwegs im Zaum gehalten wurde. Sondern wegen ihres morbiden Vergleichs. Wieso musste sie die Nacht ausgerechnet mit einem Leichentuch vergleichen? Abgesehen davon gab es keine schwarzen Leichentücher, oder etwa doch? Vermutlich war Mr. Tumor an all diesen morbiden Gedanken schuld. Oder die Nähe des Todes, die sie seit der Diagnose verstärkt zu spüren glaubte. Als würde der Sensenmann bereits hinter ihr stehen, die Klinge seines Arbeitsgeräts schärfen und ihr grinsend über die Schulter blicken. Sie erschauderte.
Aber ganz egal, was auch immer für diese neuartige Morbidität verantwortlich war, Nadine beschloss, in Zukunft derartige Vergleiche zu unterlassen. Auch wenn es nur in Gedanken geschah. Es wurde nämlich Zeit, wieder positiver zu denken und hoffnungsvoller auf die Zeit zu blicken, die noch vor ihr lag. Schließlich hatte sie mit Johannes an ihrer Seite jetzt allen Grund dazu.
»Sind wir bald da?«, fragte sie mit verstellter Stimme, um das nervige Quengeln eines Kindes zu imitieren.
»Nur noch ein paar Minuten«, sagte Johannes, ohne über ihren Scherz zu lachen.
Nadine wandte den Kopf und sah ihn an. Er lächelte nicht einmal, sondern machte einen angespannten und ernsthaften Eindruck. Und obwohl im Auto eine angenehme Temperatur herrschte, stand ihm der Schweiß auf der Stirn. Außerdem leckte er sich immer wieder nervös die Lippen.
Ihre gute Stimmung verflog ebenso rasch, wie sie entstanden war. Nadine hatte das Gefühl, in das finstere Loch aus Angst und Selbstmitleid zurückzufallen, aus dem sie sich erst vor wenigen Minuten mühsam herausgekämpft hatte.
Was war hier los? Warum war Johannes so nervös, wo sie sich allmählich dem Ziel ihrer Fahrt näherten?
Als ahnte Mr. Tumor, dass der Augenblick günstig war, um wieder die Oberhand zu gewinnen, wurde der Schmerz in ihrem Kopf intensiver. Die Wirkung der Tablette, die sie zu Hause geschluckt hatte, ließ allmählich nach. Zum Glück hatte sie in weiser Voraussicht die angebrochene Blisterverpackung mitgenommen, sodass sie im Notfall nachladen konnte.
Als Johannes abbremste, richtete Nadine ihren Blick durch die Windschutzscheibe nach vorn. Sie fuhren auf einer schmalen Landstraße, auf der um diese Zeit außer ihnen niemand unterwegs war. Dann zweigte rechts ein Schotterweg ab. Ohne zu blinken, bog Johannes ab und fuhr auf der unbefestigten Strecke weiter.
»Wir sind gleich da«, sagte er, als spürte er ihre Angst. Er wandte kurz den Blick und schenkte ihr ein Lächeln. Doch es sah nicht echt, sondern erzwungen aus.
Nach mehreren hundert Metern tauchte auf der linken Seite ein einsames Gehöft auf. Es bestand aus einem Bauernhaus, einer windschiefen Scheune und einem dritten Gebäude, das früher möglicherweise als Stall gedient hatte. Allerdings machte alles einen verlassenen Eindruck, als wäre es schon vor Jahrzehnten aufgegeben worden. Und es brannte auch nirgends Licht.
Nadine runzelte die Stirn. Sie konnte sich nicht vorstellen, welche Überraschung an diesem gottverlassenen Ort auf sie warten sollte.
»Lass dich von seinem Äußeren nicht täuschen«, sagte Johannes, der ihre Irritation gespürt haben musste. Doch ihr kam es eher so vor, als hätte er ihre Gedanken gelesen, und sie erschauderte. »Von innen sieht es ganz anders aus.«
»Und hier wartet die Überraschung auf mich, von der du gesprochen hast?«
»Natürlich. Sonst hätte ich dich doch nicht hierher gebracht.« Er verließ den Weg und fuhr auf den Hof des Anwesens, der ebenfalls gekiest war. In der Nähe des Wohnhauses brachte er den Wagen zum Stehen. Er schaltete den Motor aus und löschte die Scheinwerfer. Sofort wurde es stockdunkel. Dichte Wolken verbargen den Schein des Mondes und der Sterne.
Nadines Herzschlag beschleunigte sich unwillkürlich, während die Angst nach ihrem Herzen griff. Hatte sie etwa doch einen schweren Fehler begangen, als sie einem Mann vertraut hatte, den sie kaum kannte? Aber wie hatte sie sich so in ihm täuschen können?
»Warte eine Sekunde. Ich mache Licht.« Johannes schaltete die Innenbeleuchtung an.
Nadine legte die rechte Hand auf ihr Herz, das rasend schnell schlug. Doch die Angst, die sie in der Finsternis kurzzeitig ergriffen hatte, verflog rasch, als sie seinen bedauernden Gesichtsausdruck und die echte Sorge in seinen Augen sah.
»Tut mir leid«, sagte er, sobald er erkannt hatte, dass die Dunkelheit ihr Angst eingejagt hatte.
»Und was passiert jetzt?«, fragte sie mit zitternder Stimme. Die Überraschung musste greifbar nahe sein. Und so erfüllte sie allmählich wieder die Vorfreude auf das, was Johannes für sie vorbereitet hatte.
»Zuerst trinken wir zur Einstimmung ein Glas Sekt.«
»Sekt?« Nadine sah sich suchend im Innern des Wagens um.
»Ich hab die Flasche und die Gläser in einem Korb im Kofferraum, um zu verhindern, dass du sie zu früh entdeckst. Einen Moment, ich bin gleich wieder da.«
Er schnallte sich ab und öffnete die Tür. Dann stieg er aus und schlug die Autotür zu. Nadine beobachtete durch die Scheiben, wie er zum Kofferraum ging. Sie hörte, wie die Heckklappe geöffnet wurde, die ihr anschließend die Sicht auf ihn nahm.
Da sie ihn nicht mehr sehen konnte, lauschte sie auf die Geräusche, die an ihr Ohr drangen. Sie stellte sich dabei vor, was er tat, während sie ebenfalls den Sicherheitsgurt löste und sich bequemer hinsetzte. Sie hörte, wie der Korken aus der Flasche entfernt wurde. Dann ertönte ein Klirren, als die Flasche beim Einschenken gegen einen Glasrand stieß. Anschließend hörte sie eine Weile nichts mehr, während er vermutlich die Gläser füllte und warten musste, bis sich der Schaum legte und er nachfüllen konnte.
Schließlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, tauchte Johannes wieder neben der Fahrertür auf. Er hatte die Kofferraumklappe offen gelassen, weil er in jeder Hand ein gefülltes Sektglas hielt. Eins der Gläser stellte er aufs Dach, um die Tür öffnen zu können. Er beugte sich nach innen und reichte ihr das andere Glas.
»Vorsichtig«, warnte er sie. »Es ist leider etwas zu voll geworden.«
Nadine nahm das Glas, das ganz nass war, weil ein Teil der Flüssigkeit übergelaufen war. Sie hielt es so, dass die Tropfen nicht auf ihrer Hose, sondern auf der Fußmatte landeten.
Johannes holte sein eigenes Glas, das nicht annähernd so voll war, vom Wagendach. Er nahm wieder hinter dem Steuer Platz und schloss die Tür.
»Prost«, sagte er und streckte ihr sein Glas entgegen.
Die Gläser stießen mit einem dumpfen Klirren gegeneinander. Der Sekt in Nadines Glas schwappte über. Die klebrige Flüssigkeit lief über ihre Finger und tropfte auf die Ablage zwischen den Vordersitzen. »Ups!«
»Macht nichts.«
»Worauf trinken wir überhaupt?«
»Darauf, dass sich unsere Wege gekreuzt und unsere Schicksale ineinander verflochten haben. Und auf die Opfer, die wir allesamt zu erbringen bereit sind.«
Welche Opfer?
Doch da setzte Johannes sein Glas an und nahm einen großen Schluck. Nadine behielt die Frage für sich und folgte rasch seinem Beispiel. Sie hatte Durst und leerte das halbe Glas in einem Zug, bevor sie es wieder absetzte. Der Sekt schmeckte erstaunlich gut. Ihrer Meinung nach war es keiner von der billigen Sorte.
»Und jetzt trinken wir auf dich und das, was dich in diesem Leben noch erwartet«, sagte Johannes, ohne ihr eine Pause zu gönnen. Er stieß sein Glas erneut gegen ihres. Wenigstens konnte jetzt nichts mehr überlaufen.
Sie trank aus und spürte bereits, wie ihr der Alkohol zu Kopf stieg. Die unzähligen Bläschen in der Flüssigkeit sorgten dafür, dass er wesentlich rascher in ihrem Blutkreislauf verteilt wurde. Außerdem hatte sie kaum etwas gegessen. Und vermutlich vertrug sich der Sekt auch nicht unbedingt mit dem Schmerzmittel, das seine Wirkung wahrscheinlich noch verstärkte. Wenn sie die Packungsbeilage gelesen hätte, wüsste sie jetzt, wie sich der Konsum von Alkohol auf das Analgetikum auswirkte. Andererseits war es auch nicht so wichtig. Schließlich hatte sie nicht vor, heute noch ein Fahrzeug zu lenken oder irgendwelche Maschinen zu bedienen. Davor wurde in den Beipackzetteln von Medikamenten oft ausdrücklich gewarnt.
Der Schmerz in ihrem Kopf wurde wieder intensiver, als hätte der Sekt den bis dahin schlummernden Mr. Tumor aufgeweckt.
Johannes nahm ihr das leere Glas aus der Hand. Er stellte es zusammen mit seinem eigenen auf die Mittelkonsole.
»Wie fühlst du dich?«, fragte er.
Erneut hatte Nadine das Gefühl, etwas Lauerndes aus seiner Stimme herauszuhören. Sie richtete ihre Augen auf ihn. Ihre Sicht war verschwommen. Es war, als würde sie ihn durch eine beschlagene Scheibe ansehen. Außerdem schienen sich ihre Augen nicht mehr synchron zueinander zu bewegen, sondern wie bei einem Chamäleon in unterschiedliche Richtungen zu blicken.
»Wasch …?« Ihre Zunge fühlte sich wie ein Fremdkörper in ihrem Mund und übergroß an, sodass sie nicht mehr richtig sprechen konnte.
»Im Sekt war Flunitrazepam«, sagte er unvermittelt.
Sie versuchte angestrengt, ihn deutlicher zu erkennen, und blinzelte, um ihre Sicht zu klären. Doch es wurde eher noch schlechter. Außerdem wurde ihr jetzt auch schwindelig. Sie hatte das Gefühl, der Wagen, in dem sie saßen, würde sich mit rasender Geschwindigkeit im Kreis drehen, als säßen sie in einem bescheuerten Karussell.
»Waschn … Flumi …?«
»Flu…ni…tra…ze…pam«, korrigierte Johannes. Er machte fünf Wörter daraus, indem er es Silbe für Silbe überdeutlich aussprach. »Das ist ein geruch- und geschmackloses Sedativum. Alkohol kann seine Wirkung verstärken. Außerdem kann es zu Gedächtnislücken führen. Aber darüber musst du dir keine Gedanken machen.«
Nadine schüttelte den Kopf, als könnte sie dadurch die zunehmende Benommenheit abschütteln.
Geruch- und geschmacklos? Sedativum? Gedächtnislücken? Was faselte er da nur?
Johannes sah auf die Uhr im Armaturenbrett des Wagens. »Die volle sedative Wirkung des Mittels sollte in spätestens fünfzehn Minuten einsetzen.«
»Wa…rum?« Es kostete Nadine unendlich viel Mühe, auch nur dieses eine Wort halbwegs verständlich auszusprechen.
»Warum?«, wiederholte Johannes in einem ebenso fragenden Tonfall, als wüsste er die Antwort darauf selbst nicht. »Hmm. Lass mich kurz überlegen. Es würde vermutlich zu lange dauern und zu weit führen, dir alle Einzelheiten zu erläutern. Abgesehen davon, dass du es in deinem gegenwärtigen Zustand ohnehin nicht verstehen würdest. Aber so viel kann ich dir zumindest verraten: Du wurdest von Gott auserwählt, ein gewaltiges Opfer zu bringen, um die Menschheit vor der ewigen Verdammnis zu retten. Darauf kannst du stolz sein. Denn indem Gott dafür sorgte, dass sich unsere Wege im richtigen Moment kreuzten, wird dein unvermeidlicher Tod durch den Tumor in deinem Kopf nicht vergebens sein. Stattdessen wird er allen gläubigen Christen dienen.«
Er sprach in Rätseln. Sie verstand nicht, was er ihr damit sagen wollte. Er hatte schon einmal von einem Opfer gesprochen. Aber was meinte er damit?
Johannes seufzte, als hätte er erkannt, dass Nadine ihn nicht verstand oder an ihm und seinen lauteren Absichten zweifelte.
»Es ist auch zu deinem eigenen Besten«, sagte er so eindringlich wie ein Versicherungsvertreter, der eine Unterschrift unter ein überteuertes Rundum-Sorglos-Versicherungspaket haben wollte. »Denkst du vielleicht, mir macht es Spaß, dich zu quälen und zu töten? Natürlich nicht! Aber wir müssen alle ein Opfer bringen. Auch ich! Außerdem würde dich der Tumor ohnehin früher oder später umbringen. Aus diesem Grund bist du das perfekte Opfer. Der Tod, den ich dir schenke, wird dich von deinen Qualen erlösen.«
Töten!
Das Wort hallte wie ein Donnerschlag durch Nadines benebelten Verstand. Alles andere, was er gesagt hatte, hatte sie nicht mehr verstanden. Doch dieses eine Wort war zu ihr durchgedrungen und hatte sie geradezu elektrisiert.
Er will mich töten! Aber warum?
Vor gar nicht allzu langer Zeit hatte sie noch selbst mit dem Gedanken gespielt, ihrem Leben ein rasches Ende zu bereiten, bevor der Tumor sie langsam und qualvoll umbrachte. Aber jetzt, nachdem sie wieder neue Hoffnung geschöpft hatte, wollte sie nicht mehr sterben. Denn auch wenn die Erfolgsaussichten verschwindend gering waren, bestand immerhin die Chance, dass die Kombination aus Bestrahlung und Chemo dem Tumor den Garaus machte.
Nadine blinzelte und sah wieder etwas klarer. Noch wirkte das Sedativum mit dem unaussprechlichen Namen nicht hundertprozentig, sondern machte sie nur benommen und schwindelig. Doch je länger sie wie ein verängstigter Hase im Scheinwerferlicht verharrte, desto hilfloser würde die Droge sie machen. Bis sie schließlich das Bewusstsein verlor und Johannes mit ihr machen konnte, was er wollte. Also musste sie sofort handeln, wenn sie überhaupt noch eine Chance haben wollte, ihr Leben zu retten.
Neue Energie erfüllte sie, als ihr Körper aufgrund ihrer Panik eine große Menge Adrenalin ausschüttete. Zum Glück war sie nicht mehr angeschnallt, sonst wäre ihre Flucht gescheitert, bevor sie überhaupt begonnen hatte. Sie langte nach dem Türgriff, öffnete die Tür und ließ sich kurzerhand aus dem Auto fallen. Sie hatte das merkwürdige Gefühl, sich im Zeitlupentempo zu bewegen, als befände sie sich unter Wasser oder auf der Oberfläche des Mondes. Deshalb rechnete sie damit, dass Johannes sie mit Leichtigkeit packen und zurück ins Auto zerren würde. Doch das geschah nicht. Vielleicht war es ihr tatsächlich gelungen, ihn mit ihrer Aktion zu überrumpeln.
Nadine landete auf dem Kies, der sich schmerzhaft in ihre rechte Wange bohrte. Aber sie hatte keine Zeit, darüber zu klagen. Außerdem war der Schmerz in ihrem Kopf, den der von der Leine gelassene Mr. Tumor erzeugte, viel heftiger.
Sie rappelte sich auf und kam ächzend und stöhnend auf die Beine, indem sie sich an der offenen Tür festklammerte.
Nadine wandte den Kopf und sah in den Wagen. Johannes beobachtete sie. Allerdings machte er keine Anstalten, ihr zu folgen. Er sah sie voller Mitleid an, als bedauerte er es zutiefst, sie in diesem erbärmlichen Zustand sehen zu müssen.
Sie hasste ihn dafür. Das ungewohnte Gefühl war so stark, dass sie erschauderte. Wie hatte sie ihn nur für gefühlvoll und freundlich halten können? Und wie hatte sie zu ihm ins Auto steigen und es zulassen können, dass er ihr eine Droge verabreichte, obwohl sie ihn kaum kannte? Er war nicht nett und einfühlsam. Trotz all seines scheinheiligen Geredes von Gott und Geschenken des Himmels. Denn in Wahrheit wollte er sie kaltblütig umbringen, auch wenn er diesen Umstand mit beschönigenden Worten zu verschleiern versuchte.
Er ist ein Monster!
Ihr wurde bewusst, dass sie kostbare Zeit verschwendete. Zeit, die sie nicht hatte, weil die Uhr tickte, während das Sedativum sich in ihrem Körper ausbreitete und allmählich seine volle Wirkung entfaltete.
Nadine wandte sich um. Sie löste ihre Hand von der Tür und rannte los. Das war zumindest ihr Plan gewesen. Doch aus dem Rennen wurde schon mal nichts. Sie schaffte es gerade einmal, in langsamem Schritttempo einen Fuß vor den anderen zu setzen. Dabei schwankte sie hin und her wie ein Seemann auf dem Deck eines Windjammers bei Windstärke 10. Erneut setzte heftiges Schwindelgefühl ein und sorgte dafür, dass die Umgebung sich um sie drehte und der Boden unter ihren Füßen Wellen warf. Beinahe wäre sie gestrauchelt und hingefallen. Doch trotz all dieser Widrigkeiten schaffte sie es irgendwie, auf den Beinen zu bleiben.
Nach ein paar Metern tauchte die Bretterwand der windschiefen Scheune vor ihr auf. Sie presste beide Hände dagegen und blieb schnaufend stehen, um sich zu orientieren. Sie dachte kurz darüber nach, in der Scheune Zuflucht zu suchen und sich dort zu verstecken. Aber ihr wurde klar, dass sie dann in der Falle säße, weil es vermutlich keinen anderen Ausgang gab. Besser, sie umrundete das Gebäude und lief in seinem Sichtschutz auf das dunkle Feld dahinter. Sobald sie in der Dunkelheit untergetaucht wäre, könnte Johannes sie nicht mehr so leicht finden. Selbst wenn sie das Bewusstsein verlor und hinfiel. Denn da es nicht kalt war, bestand zumindest nicht die Gefahr, dass sie beim Schlafen im Freien erfror. Und sobald die Wirkung des Sedativums abebbte und sie wieder zu sich kam, konnte sie zur Straße laufen, wo sie hoffentlich jemanden fand, der sie mitnahm.
Es war kein guter Plan, das wusste sie. Und es gab genügend Details, die schiefgehen konnten. Aber unter den gegenwärtigen Umständen und angesichts ihres stetig schlechter werdenden Zustands war es das Beste, was sie sich in der kurzen Zeit, die ihr zur Verfügung stand, ausdenken konnte.
Als sie ihre Flucht fortsetzte und sich an der Scheunenwand entlang ihren Weg ertastete, hörte sie hinter sich die Fahrertür aufgehen.
Er kommt!
Der Gedanke versetzte sie in Panik. Sie versuchte unwillkürlich, schneller zu laufen, ohne dabei über die eigenen Füße zu stolpern. Die wurden zunehmend unzuverlässiger. Sie taten nicht immer das, was sie wollte, und behinderten sich auch noch gegenseitig.
Johannes hingegen schien keine Eile zu haben. Sie war höchstens zehn Meter von ihm entfernt. Er hätte nur einen kurzen Sprint hinlegen müssen und sie im Nullkommanichts eingeholt. Doch er war sich seiner Sache anscheinend todsicher und ließ sich Zeit.
Das machte sie wütend. Dass er überhaupt nicht damit rechnete, dass sie entkommen könnte. Dass er seelenruhig abwartete, bis die volle Wirkung der Droge einsetzte, um sie dann nur noch einsammeln zu müssen. Denn das bedeutete im Endeffekt, dass ihr Fluchtversuch von Anfang an aussichtslos gewesen war. Genauso gut hätte sie im Auto sitzen bleiben und abwarten können, bis die Lichter ausgingen.
Doch sie gab trotzdem nicht auf!
Beinahe hätte sie darüber gelacht. Hätte sie gewusst, was für eine Kämpferin in ihr steckte, hätte die Krebsdiagnose sie nicht so schockiert und verzweifeln lassen. Vermutlich wäre dann alles ganz anders gekommen, und sie wäre jetzt nicht in dieser beschissenen Lage.
»Du kannst mir nicht entkommen.«
Sie erschrak, als sie seine Stimme hörte. Allerdings klang es nicht so, als wäre er nähergekommen, sondern als stünde er noch immer neben der offenen Fahrertür des Wagens. Außerdem hatte sie keine Schritte auf dem Kies gehört.
Sie reagierte nicht auf seine Worte. Wie auch, wenn sie kaum in der Lage war, verständlich zu sprechen?
Endlich erreichte sie die Ecke der Scheune und verschwand sogleich dahinter. Jetzt konnte er sie wenigstens nicht mehr sehen. Außerdem war es hier stockfinster, weil die Innenbeleuchtung des Autos nicht bis hierher reichte. Vielleicht hatte sie doch noch eine Chance. Nämlich dann, wenn es ihr gelang, in der Dunkelheit unterzutauchen und weit genug zu laufen, sodass er sie nicht fand.
»Die Wirkung des Sedativums wird von Sekunde zu Sekunde stärker. Und je mehr du dich anstrengst und gegen dein unvermeidliches Schicksal ankämpfst, desto schneller wird der Wirkstoff in deinem Körper verteilt.«
Klugscheißer!
Plötzlich hörte sie das Knirschen seiner Schritte auf dem Kies. Er folgte ihr in gemächlichem Tempo.
Es war so dunkel, dass sie kaum die eigene Hand vor Augen sehen konnte. Die Scheunenwand neben ihr war alles, was ihr zur Orientierung diente. Ansonsten war es, als spielte sie Blindekuh.
Nadine ging taumelnd weiter. Eine Hand streifte über die Holzwand links neben ihr. Die andere hatte sie vor sich ausgestreckt, falls unerwartet ein Hindernis auftauchte.
»Warum gibst du nicht einfach auf und fügst dich in dein unabänderliches Schicksal? Damit würdest du es nicht nur mir, sondern auch dir selbst wesentlich leichter machen. Sieh es einfach so wie ich. Als Dienst an der Menschheit, den Gott von dir verlangt.«
Johannes’ Stimme klang in der Dunkelheit bereits so nahe, als stünde er direkt hinter ihr. Dabei hatte er noch nicht einmal die Ecke der Scheune erreicht.
Plötzlich tauchte tatsächlich ein Hindernis vor ihr auf. Doch es war so niedrig, dass sie es nicht mit der vorgestreckten Hand ertastete, sondern stattdessen mit dem Schienbein dagegen prallte. Sie schrie vor Schmerz, fiel nach vorn und landete im hohen Gras, das neben der Scheune wuchs. Sie wusste nicht, was sie zu Fall gebracht hatte. Aber was auch immer es gewesen war, es hatte ihr Hosenbein aufgerissen und ihr einen blutigen Kratzer am Knie beschert. Sie spürte warmes Blut unter ihren Fingern, als sie danach tastete.
Nadine wollte sofort wieder aufstehen und weitergehen. Doch dazu fehlte ihr die Kraft. Außerdem war das Schwindelgefühl inzwischen so heftig, dass sie kaum noch sagen konnte, wo links und rechts oder oben und unten war. Deshalb blieb ihr nichts anderes übrig, als auf dem grasbedeckten Boden liegen zu bleiben und nach Luft zu schnappen. Währenddessen vereinten sich die Schmerzen in ihrem Kopf und ihrem Bein zu einer einzigen qualvollen Agonie.
Das Knirschen des Kieses war verstummt. Stattdessen hörte sie jetzt Gras rascheln, als Johannes sich ihr näherte.
»Ich sagte doch, dass du nicht entkommen kannst.« Trotz seiner mörderischen Absichten war seine Stimme sanft. Seine Worte waren auch nicht bösartig gemeint, sondern klangen allenfalls tadelnd. Er hörte sich an wie ein Vater, der seine geliebte Tochter maßregelt, weil sie nicht auf ihn gehört hat und deshalb auf die Nase gefallen ist.
Nadine war zu kraftlos, um ihm zu antworten. Ihr Bewusstsein wurde in einem Strudel herumgewirbelt, als wäre in ihrem Verstand ein Stöpsel entfernt worden. Ihr inneres Ich drohte jeden Moment in den finsteren, bodenlosen Abfluss gerissen zu werden. Sie kämpfte dagegen an. Dabei wusste sie längst, dass sie verloren hatte.
Ich werde sterben!
Nicht durch den Tumor in ihrem Kopf, der ihr bislang wie das größte Unglück erschienen war, das ihr jemals widerfahren war. Sondern ausgerechnet durch den Mann, der ihr eine Zeitlang neue Zuversicht und neuen Lebensmut geschenkt hatte.
Pervers!
»Wehr dich nicht länger dagegen!« Johannes war neben ihr in die Hocke gegangen. Sie spürte seine kühle Hand auf ihrer erhitzten Stirn. Und obwohl er zu ihrem Mörder werden würde, tröstete sie die Berührung durch ein anderes mitfühlendes menschliches Wesen.
Ihre Lider flatterten wie die Flügel eines Schmetterlings. Es kam ihr allerdings eher so vor, als wären sie tonnenschwer. Deshalb gelang es ihr auch nicht länger, die Augen offenzuhalten.
»Schlaf jetzt!«
Seine sanfte Stimme begleitete sie, als ihr Bewusstsein in den Abgrund sauste und wie eine Kerzenflamme im Wind erlosch.
Nadine hatte damals mit dem Leben abgeschlossen und gedacht, sie würde nicht mehr erwachen. Als sie entgegen ihren Erwartungen dennoch wieder zu sich kam, lag sie in einem Gefängnis, das sie an eine übergroße Holzkiste erinnerte, und war mit Eisenketten an die Wand gefesselt.
Was immer Johannes mit ihr vorhatte, es sollte allem Anschein nach kein rascher Tod werden. Aber was er letztendlich genau plante und wie das Opfer aussah, das sie bringen sollte, hatte er ihr bislang nicht verraten. Stattdessen hüllte er sich hartnäckig in Schweigen, wenn er in ihr Verlies kam, um den Eimer auszuleeren oder ihr regelmäßig Wasser und seltener Zwieback zu bringen. Er erwiderte ihre anfangs fragenden und anklagenden, später resignierenden und hoffnungslosen Blicke mit Augen, die weiterhin sanft und mitfühlend waren. Doch er sprach kaum noch mit ihr. Es erschien ihr beinahe so, als wollte er ihre Beziehung von nun an so unpersönlich wie möglich gestalten, um sie am Ende umso leichter töten zu können.
II
Ihr heutiges Erwachen glich einem Sprung in eiskaltes Wasser, denn es kam jäh und war schmerzhaft.
Es war kein sanftes Hinübergleiten vom Schlaf ins Bewusstsein, wie sie es in ihrem früheren Leben so oft erlebt hatte. Stattdessen handelte es sich, wie immer in letzter Zeit, um eine geradezu schockartige Rückkehr in die Wirklichkeit. Eine Wirklichkeit voller Schmerz und Qual, den infernalischen Zwillingen, die neuerdings ihre ständigen Begleiter waren. Ihnen konnte sie nur während des Schlafens für kurze Zeit entrinnen.
Nadine hob ächzend den Kopf. Sie sah sich blinzelnd und mit sparsamen Bewegungen um. Mittlerweile kostete sogar die kleinste Regung enorme Kraft, die sie kaum noch besaß, und intensivierte zudem die ständigen Schmerzen. Sie sah allerdings auf den ersten Blick, dass sich an ihrer Situation nichts geändert hatte.
Wie auch? Sie war längst davon überzeugt, dass nur noch ein Wunder biblischen Ausmaßes sie retten konnte.
Sie war noch immer in dem winzigen fensterlosen Verschlag gefangen, der einer übergroßen Kiste glich. Sämtliche Wände und der Zugang bestanden aus unbehandelten Holzbrettern. Die einzigen beiden Einrichtungsgegenstände waren eine schmutzige Matratze, die nach Nadines Schweiß und Körperausscheidungen stank, und ein Plastikeimer in der Ecke, in den sie ihre Notdurft verrichten konnte. An den durchdringenden Gestank nach Exkrementen hatte sie sich längst gewöhnt. Sie nahm ihn schon gar nicht mehr bewusst wahr. Allerdings fand sie inzwischen kaum noch die Kraft, die kurze Strecke bis zum Eimer zu überwinden. Dabei stand er nur einen halben Meter von ihrer Schlafstatt entfernt. Mehr Spielraum ließen ihr die Ketten ohnehin nicht, die an metallenen Schellen um ihre Hand- und Fußgelenke befestigt waren. Anfangs waren die Schellen zu eng gewesen und hatten ihre Haut wund gescheuert; doch seit Beginn ihrer Gefangenschaft hatte sie extrem viel Gewicht verloren. Dennoch konnte sie die Fesseln nicht abstreifen. Außerdem hätte es ihr ohnehin nichts genutzt. Der Mann, der sie gefangen hielt, vergaß nie, die Tür zu verriegeln, nachdem er gekommen war, um den Eimer auszuleeren oder ihr Wasser oder ein wenig Zwieback zu bringen. Allerdings musste Johannes den Eimer inzwischen nicht mehr allzu oft leeren, da sie nur noch selten Stuhlgang hatte.
Johannes.
Der Name ihres Peinigers irrlichterte durch ihren Verstand, löste jedoch keine Reaktion aus. Selbst dafür fehlte ihr inzwischen die Kraft. Außerdem hatte sie längst resigniert und aufgegeben. Ihr Lebenswille war buchstäblich erloschen.
Sie wusste, dass er sie töten würde. Das hatte er ihr bereits an jenem ersten Abend im Auto gesagt. Bislang hatte er ihr aber nicht verraten, wie er sie umbringen würde. Eine Zeitlang hatte sie gedacht, er wollte sie verhungern lassen, da er ihr am Anfang nur Wasser gebracht hatte. Doch nach einer Weile hatte es gelegentlich auch ein bisschen Zwieback gegeben. Nie genug, um satt zu werden und das knurrende Loch, in das sich ihr Magen schon nach kurzer Zeit verwandelt hatte, zu stopfen. Aber dennoch ausreichend, damit sie nicht verhungert war. Allerdings war sie im Laufe ihrer Gefangenschaft immer mehr abgemagert. Mittlerweile glich sie eher einem mit dünner Haut überzogenen Skelett als einem lebenden Menschen. Sie hatte keinen Spiegel, um sich darin zu betrachten; und insgeheim war sie froh darüber. Doch was sie von ihrem nackten, ausgemergelten Körper sehen konnte, genügte ihr, um davon auf den Rest zu schließen.
Hinzu kamen die Schmerzen. Anfangs waren es nur die peinigenden Kopfschmerzen gewesen, die sie bereits vor ihrer Bekanntschaft mit Johannes geplagt hatten. Ihr Arzt hatte ihr ein Schmerzmittel verschrieben, mit dem sie die Beschwerden einigermaßen in den Griff bekommen hatte. Doch nachdem sie an diesem Ort gelandet war, hatte Johannes ihr nicht erlaubt, etwas gegen die Schmerzen einzunehmen. Sie kämen von Gott, hatte er behauptet, und deshalb müsste Nadine sie ertragen. Außerdem wären sie ein Teil ihres Leidensweges und würden ihr Opfer nur umso wertvoller machen.
»Welches Opfer?«, hatte Nadine ihn gefragt. Obwohl sie geahnt hatte, dass er damit ihren Tod meinte. Doch er hatte nicht geantwortet, sondern nur milde gelächelt und ohne ein weiteres Wort ihr Verlies verlassen.
Sie wusste nicht viel über Gott, da sie in einem atheistischen Haushalt aufgewachsen war. Allerdings konnte sie sich nicht vorstellen, dass ein Gott, der die Menschen nach seinem Ebenbild erschaffen hatte, seine Schöpfung mit derartig intensiven Schmerzen bestrafen würde. Und wofür wurde sie überhaupt bestraft? Sie hatte doch nichts getan! Und wieso sollte sie sich opfern?
Doch auf all diese Fragen war Johannes ihr bislang eine Antwort schuldig geblieben. Nur am ersten Abend im Auto war er gesprächig gewesen. Danach hatte er sich, sofern er ihr überhaupt geantwortet hatte, auf knappe, einsilbige Aussagen beschränkt.
An die stechenden Kopfschmerzen hatte sie sich allmählich gewöhnt. Und das, obwohl sie von Tag zu Tag intensiver wurden. Kaum zu glauben, woran sich der Mensch gewöhnen konnte, wenn er keine andere Wahl hatte. Aber es blieb nicht bei den Schmerzen im Kopf. Mittlerweile tat ihr ganzer Körper weh und fühlte sich überall wund an. Nach dem Aufwachen hatte sie meistens das Gefühl, sie hätte auf dem Rost eines Grills über glühenden Kohlen geschlafen und wäre dabei auf kleiner Flamme langsam durchgebraten worden. Sämtliche Muskeln schmerzten, auch wenn sie in letzter Zeit kaum noch benutzt wurden. Und wenn sie sich doch einmal bewegte, um eine andere, weniger schmerzhafte Liegeposition zu finden, wurde der stetige Schmerz zu einem intensiven Stechen, als hätte sie einen Muskelkrampf. Deshalb rührte sie sich inzwischen kaum noch. Außerdem hatte sie von Tag zu Tag immer weniger Kraft dafür übrig.
Wenigstens hatte sie keine Hungergefühle mehr. Darunter hatte sie am Anfang am meisten gelitten. Zuerst hatte ihr Magen nur geknurrt. Dann war die Leere in ihm konstant größer geworden, bis er sich verkrampft und sie sich unter heftigen Schmerzen auf der Matratze gekrümmt hatte. Sie hatte das Gefühl gehabt, ihr Magen wäre ein schwarzes Loch, das sich immer weiter ausdehnte und dabei allmählich den Rest ihres Körpers in sich hineinsaugte und verschlang. Aber irgendwann waren diese Schmerzen vergangen. Und seitdem hatte sie auch keinen Hunger mehr.
Obwohl sie gerade erst erwacht war, war Nadine dennoch todmüde. Wie stets war die Schlafperiode zu kurz und wenig erholsam gewesen. Sie konnte sich auch nicht erinnern, ob sie geträumt hatte. Sie hatte ohnehin das Gefühl, schon lange nicht mehr geträumt zu haben. Wovon sollte sie auch träumen? Von einem besseren Leben? Von einem Ende ihrer Gefangenschaft und ihrer Qualen?
Wäre es nicht so kräftezehrend und schmerzhaft gewesen, hätte sie über diese Gedanken gelacht.
Manchmal erwachte sie dennoch in der Hoffnung, dies alles – das kistenartige Verlies, ihr Peiniger und die Schmerzen – wäre nur ein böser Traum. Doch sobald der Schmerz, ihr treuer Begleiter, sich zurückmeldete, zerbrach die Hoffnung wie ein Spiegel in hunderttausend Scherben.
Anfangs hatte sie sich noch gegen ihr Schicksal aufgelehnt. Sie hatte an ihren Fesseln gezerrt, bis ihre Hand- und Fußgelenke geblutet hatten. Und sie hatte geschrien, bis sie vor Heiserkeit keinen Ton mehr herausbrachte. Aber irgendwann hatte sie einsehen müssen, dass sie damit nur ihre Kraft verschwendete, und sich in ihr Schicksal ergeben. Inzwischen war sie zu kraftlos, um etwas anderes zu tun, als auf den Tod zu warten. In welcher Form auch immer er zu ihr kam.
Sie war sogar schon so weit, dass sie sich beim Einschlafen jedes Mal wünschte, sie würde nicht mehr aufwachen. Dann hätte diese Tortur endlich ein Ende. Ein Dasein ohne Schmerzen konnte sie sich schon gar nicht mehr vorstellen. Deshalb begrüßte sie alles, was ihnen ein Ende bereiten würde. Und wie schön wäre es, Johannes am Schluss ein Schnippchen zu schlagen, weil die Geschwulst in ihrem Kopf, die für ihre Kopfschmerzen verantwortlich war, sie tötete, bevor er sie umbringen konnte. Besser könnte sie sich nicht an ihm rächen.
Doch zu ihrer grenzenlosen Enttäuschung wachte sie, so wie heute, jedes Mal erneut auf, um einen weiteren Tag voller Schmerzen und Qualen zu erdulden, bis Johannes sich endlich ihrer erbarmte und sie tötete.
III
Wie lange sie schon hier war, wusste Nadine nicht. Sie hatte schon frühzeitig jegliches Zeitgefühl verloren. Sogar Mr. Tumor schien verwirrt zu sein. Vor ihrer Gefangenschaft hatte er sie vor allem nachts und am frühen Morgen am heftigsten geplagt. Jetzt wütete er vierundzwanzig Stunden am Tag, als wollte er damit seinen eigenen Unmut über die Situation zum Ausdruck bringen.
Nadine war sich darüber bewusst, dass sie der Geschwulst zu viele menschliche Eigenschaften und Charaktermerkmale verlieh. Nach einer Weile hatte sie sogar angefangen, sich mit ihr zu unterhalten. Inzwischen behandelte sie den Tumor beinahe wie einen Mitgefangenen. Aber schließlich war er die einzige verlässliche Gesellschaft, die sie an diesem furchtbaren Ort hatte.
Sie stellte sich vor, dass die Geschwulst in ihrem Kopf ebenfalls Hunger litt. Immerhin ernährte sie sich wie ein Parasit von ihrem Wirt. Und wenn Nadine kaum noch zu essen bekam, musste auch der Tumor sich einschränken und fasten. Das einzig Positive daran war, dass er nicht mehr so schnell wachsen konnte wie früher. Vielleicht war sie nur deshalb noch immer am Leben.
Doch was genau hatte Johannes mit ihr vor? Er hatte gesagt, er wollte sie für die Rettung der Menschheit opfern. Aber wie das vonstattengehen sollte, hatte er ihr nicht verraten. Anfangs hatte sie noch vermutet, er wollte sie verhungern lassen. Doch bevor sie tatsächlich vor Hunger sterben konnte, gab er ihr zu essen. Wenn auch nur so viel, dass sie nicht verhungerte.
Aber was plante er dann?
Der Verschlag, in dem sie sich schon seit einer gefühlten Ewigkeit befand, wurde von einem Nachtlicht erhellt. Es brannte Tag und Nacht, sodass sie nie wusste, welche Tageszeit gerade herrschte. Außerdem gab es eine Lüftung, deren stetiges Summen sie kaum noch wahrnahm. Der Raum schien darüber hinaus schallgedämpft zu sein, denn von draußen drang kein Geräusch durch die Wände. Daher hatte sie manchmal den Eindruck, um sie herum existierte nichts mehr und die Holzkiste, in der sie steckte, schwebte wie eine winzige Raumstation einsam im Weltall.
Wenn Johannes zu ihr kam, bemerkte sie es erst, sobald er den Riegel an der Tür zur Seite schob, denn sie hörte vorher nie seine Schritte. Deshalb konnte sie auch nicht sagen, wo sich der Verschlag befand. Sie mutmaßte allerdings, dass er in einem der Gebäude des einsamen Gehöfts stand. Entweder im Keller des Bauernhauses, im Stall oder in der windschiefen Scheune.
Selbst wenn die Kiste nicht schallisoliert gewesen wäre, hätte in dieser gottverlassenen Gegend niemand ihre Schreie gehört, mit denen sie anfangs noch versucht hatte, jemanden auf sich aufmerksam zu machen. In den ersten Tagen hatte sie sich regelmäßig heiser geschrien. Bis ihr aufgefallen war, dass auch keinerlei Geräusche von draußen an ihr Ohr drangen. Gleichwohl hatte sie noch eine Weile trotzig damit weitergemacht. Bis sie sich schließlich eingestehen musste, dass es sinnlos war. Aber da wurde sie ohnehin allmählich zu schwach, um ihre wenige Energie noch länger mit Schreien zu vergeuden.
Nadine erschrak nicht, als urplötzlich der Riegel zurückgeschoben und damit Johannes’ Ankunft angekündigt wurde. Sogar dafür fehlte ihr die Kraft. Da sie weder die Tages- noch die Uhrzeit kannte, wusste sie nicht, ob er kam, um den Eimer auszuleeren oder ihr Wasser und Zwieback zu bringen. Dennoch kam ihr sein Auftauchen aus irgendeinem Grund merkwürdig vor.
Sie hob mühsam die Augenlider, die sich anfühlten, als wären schwere Gewichte daran befestigt, bis sie aus schmalen Schlitzen dabei zusehen konnte, wie sich die niedrige Tür nach außen öffnete. Johannes kam gebückt herein und kauerte sich weniger als einen halben Meter von ihr entfernt nieder. Sie hätte aufspringen und die Hände um seinen Hals legen können, wenn sie die Kraft dazu besessen hätte. Die Ketten ließen ihr genug Spielraum. Doch ihr ausgemergelter, kraftloser Körper war dazu nicht länger in der Lage.
Wie immer lächelte Johannes gütig. Als wäre er tatsächlich der Geistliche, der er gern geworden wäre, und sie eins seiner Schäfchen, das von ihm den priesterlichen Segen erhoffte. Seine sanften Augen sahen sie voller Anteilnahme an. Dann wanderte sein Blick an ihrem nackten Körper entlang. Allerdings nicht begehrend oder lüstern. Was er sah, schien ihm Unbehagen zu bereiten, denn er verzog das Gesicht. Aber nicht vor Ekel, sondern so, als würde er ihr Leid und ihre Qualen nachempfinden können.
Nadine hatte geahnt, dass sein heutiger Besuch etwas Besonderes war und aus dem Rahmen des Üblichen fiel. Und als sie jetzt sah, was er in der Hand hielt, wurde ihre Ahnung bestätigt.
Sie hatte sich während ihrer Gefangenschaft unzählige Male gefragt, auf welche Art und Weise er sie töten würde. Dabei hatte sie zahlreiche Szenarien in Gedanken durchgespielt. So hatte sie sich unter anderem vorgestellt, dass er mit einem Messer, einer Pistole oder einem Seil in der Hand zu ihr kommen würde, um sie zu erstechen, zu erschießen oder zu erdrosseln. Keine dieser Vorstellungen war ausgesprochen angenehm gewesen.
Doch stattdessen hatte er nun eine Spritze dabei. Sie war mit einer farblosen Flüssigkeit gefüllt.
Das passte auch eher zu ihm. Denn obwohl er ihr angekündigt hatte, dass er sie ermorden würde, war er nicht der Typ, der zu sinnloser Grausamkeit oder Brutalität neigte. Er tötete sie nicht, um einen Trieb zu befriedigen, oder weil er es wollte. Er tat es, weil er es für seine heilige Pflicht hielt. Auch wenn sie die Gründe dafür nicht kannte und daher auch nicht nachvollziehen konnte.
»Heute ist endlich dein großer Tag gekommen.« Er klang ihrer Meinung nach mehr denn je wie ein Priester. Allerdings vermied er es weiterhin, sie beim Namen zu nennen.
Nadine hob den Kopf ein wenig und unterdrückte dabei ein Stöhnen.
Er erwiderte ihren Blick und lächelte gütig. »In wenigen Minuten ist deine Leidenszeit zu Ende. Gott, der allmächtige Herr, wird dich zu sich holen.«
Er hob die Spritze und klopfte dagegen, damit die winzigen Luftbläschen nach oben stiegen. Anschließend drückte er mit dem Daumen auf den Kolben, sodass die Luft und ein kleiner Teil des Inhalts durch die Kanüle entweichen konnten. Er kam ein Stück näher, ergriff mit der freien Hand ihren linken Arm und suchte nach einer Vene. Er musste nicht lange suchen. Sie war so abgemagert, dass die Adern und Venen an ihrem Körper deutlich hervortraten. Er setzte die Spritze an und stach die Kanüle durch die Haut.
Der Stich war schmerzhafter, als sie Derartiges in Erinnerung hatte. Aber vielleicht war sie während der Gefangenschaft und durch das Abmagern auch nur empfindlicher geworden. Sie zuckte zusammen und seufzte.
»Was ist das?« Ihre Stimme war nur ein Hauch, kaum mehr als ein heiseres Flüstern. Entweder hatte sie sich durch die Schreierei am Anfang ihrer Gefangenschaft die Stimmbänder ruiniert, oder sie waren geschrumpft wie nahezu alles andere an ihr außer ihren Knochen.
Nadine befürchtete, Johannes hätte sie nicht gehört. Sie wollte ihre Frage schon wiederholen, als er ihr doch noch antwortete.
»Fünfzehn Gramm Natriumpentobarbital.«
Der Begriff kam ihr vertraut vor. Sie hatte allerdings keine konkrete Vorstellung, was sich dahinter verbarg.
»Ein Barbiturat«, erläuterte er, während er die Lösung in ihre Armvene injizierte. »Es wurde früher als Schlaf- und Beruhigungsmittel eingesetzt. Da jedoch schon eine Überdosis von zwei Gramm zu Atem- und Herzstillstand führen kann, wird es in der Humanmedizin heutzutage nicht mehr verwendet.«
Nadine glaubte bereits, spüren zu können, wie sich das Mittel über den Blutkreislauf in ihrem Körper ausbreitete. Sie hatte aber – im Gegensatz zu früher – keine Furcht vor dem Tod. Der Zeitpunkt, an dem sich ihre natürliche Angst vor dem Ende ihres körperlichen Daseins in ein Sehnen nach der Beendigung ihrer Leiden verwandelt hatte, war längst überschritten. Inzwischen hoffte sie nur noch, dass der Tod rasch kam und gnädig zu ihr war. Und wie es aussah, wurde ihr wenigstens dieser Wunsch erfüllt.
Johannes zog die Spritze aus ihrem Arm. Er machte sich nicht die Mühe, die geringfügige Blutung zu stillen. Wozu auch? Sie starb nach der tödlichen Injektion ohnehin, lange bevor sie verbluten konnte.
Anscheinend fühlte er sich bemüßigt, ihr die Wirkung des Betäubungsmittels zu erklären. Oder wollte er die ansonsten unangenehme Stille zwischen ihnen nur mit Worten füllen? »Natriumpentobarbital wird von Sterbehilfeorganisationen verwendet. Sie schenken todkranken, sterbewilligen Menschen damit einen sanften Tod. Es wirkt schlaffördernd. Schon in wenigen Minuten wirst du in einen komatösen Tiefschlaf fallen. Anschließend setzen Atmung und Herzschlag aus. Aber davon wirst du nichts mehr mitbekommen. Du wirst also keine Schmerzen oder Qualen verspüren. Stattdessen wirst du sanft aus dem Leben scheiden.«
Nadine spürte bereits die betäubende Wirkung. Sie wurde schläfrig. Auch die Schmerzen und Qualen, die infernalischen Zwillinge, wurden zum ersten Mal seit langer Zeit schwächer.
Sie hob mühsam die Augenlider und sah ihren Mörder an. Sie wusste noch immer nicht, warum sie sterben musste. Inzwischen war es ihr allerdings gleichgültig. Dennoch hasste sie Johannes aus tiefsten Herzen. Sie hasste ihn nicht nur, weil er sie ermordete. Sie hasste ihn vor allem, weil er sie getäuscht hatte, indem er ihr zuerst Hoffnung geschenkt und dann jäh wieder genommen hatte. Das konnte sie ihm nicht verzeihen. Selbst dann nicht, wenn er sich noch so sehr bemühte, ihr wie ein selbstloser Sterbehelfer einen sanften Tod zu bereiten.
»Fahr zur Hölle!« Sie hatte kaum noch genug Kraft, die drei Worte auszusprechen. Doch sie wollte nicht sterben, ehe sie sie nicht gesagt hatte. Deshalb mobilisierte sie die letzten Energiereserven, die in ihrem abgemagerten entkräfteten Körper steckten. Befriedigt sah sie, dass er zusammenzuckte und betroffen das Gesicht verzog. Dann schloss sie die Augen, da ihre Lider zu schwer waren, um sie noch länger offen halten zu können. Der Schmerz war mittlerweile nahezu vollständig abgeklungen. Immerhin dafür war sie unendlich dankbar.
»Nein!«, widersprach Johannes vehement. »Im Gegenteil. Wir werden uns im Himmelreich wiedersehen. Und sobald du erkannt hast, warum dein Tod notwendig und wichtig war, wirst du mir dankbar sein und mir verzeihen.«
Nadine bezweifelte das. Sie konnte es ihm aber nicht mehr mitteilen. Die Schläfrigkeit überrollte ihren Verstand wie eine Flutwelle den Strand und ertränkte jeden aufkeimenden Gedanken. Und hinter der Welle, das wusste sie, wartete der finstere Abgrund jenseits des Todes auf sie. Sie glaubte bereits, seinen Lockruf zu hören.
Sie sah Bilder ihrer besten Freundin Anne und ihrer Mutter vor ihrem inneren Auge und verabschiedete sich von ihnen. Doch ihr letzter bewusster Gedanke galt nicht ihnen, sondern der Geschwulst in ihrem Kopf. Seit der Kopfschmerz verschwunden war, fühlte sie sich, als wären sie und der Tumor wie siamesische Zwillinge nach Jahren des Zusammenlebens durch eine aufwendige Operation voneinander getrennt worden. Beinahe empfand sie sogar so etwas wie Trennungsschmerz.
Leb wohl, Mr. Tumor!, verabschiedete sie sich von ihrem einzigen treuen Begleiter, der bis zum bitteren Ende bei ihr geblieben war. Dann übermannte sie der tödliche Schlaf und löschte alles aus, was sie jemals gewesen war.
DER ERSTE REITER
»Dann sah ich: Das Lamm öffnete das erste der sieben Siegel; und ich hörte das erste der vier Lebewesen wie mit Donnerstimme rufen: Komm!
Da sah ich ein weißes Pferd; und der, der auf ihm saß, hatte einen Bogen. Ein Kranz wurde ihm gegeben und als Sieger zog er aus, um zu siegen.«
(Offenbarung 6, 1-2)
KAPITEL 1
I
Sie stand wie festgenagelt im Erdgeschossflur des Hauses und starrte auf die Treppe, die nach oben führte. Im ersten Augenblick wusste sie nicht, warum sie das tat. Sie senkte den verwirrten Blick und entdeckte das Kochmesser in ihrer Hand. Es stammte aus dem Messerblock in der Küche und war für ihre schmale Kinderhand viel zu groß. Doch statt es erschrocken fallen zu lassen, weil ihre Mutter ihr verboten hatte, die Messer in die Hand zu nehmen, schloss sie ihre Finger nur noch fester um den Griff, denn das Kochmesser vermittelte ihr ein Gefühl der Sicherheit.
Dann fiel ihr jäh wieder ein, warum sie hier stand und die Treppe angestarrt hatte. Sie hatte von oben das Knarzen des Holzfußbodens gehört. Und das, obwohl sie allein im Haus war. Normalerweise hätte sie so etwas nicht beunruhigt. Das alte Haus, in dem sie mit ihren Eltern lebte, gab ständig irgendwelche Geräusche von sich, ohne dass jemand dafür verantwortlich war. Aber aus einem Grund, der ihr momentan nicht einfiel, hatten die Geräusche sie dennoch beunruhigt. Deshalb hatte sie das Messer an sich genommen und war von der Küche in den Flur gegangen.
Doch was jetzt?
Ohne dass sie eine bewusste Entscheidung getroffen hatte, setzte sie sich in diesem Augenblick in Bewegung. Sie ging zielstrebig auf die Treppe zu, obwohl sich alles in ihr dagegen sträubte.
Als hätte sie eine unheilvolle Vorahnung, wusste sie, dass sie nicht nach oben gehen, sondern besser kehrtmachen und davonlaufen sollte. Aber ihre Beine gehorchten ihr nicht. Sie trugen sie unerbittlich vorwärts. Allerdings bewegte sie sich wie in Zeitlupe und schien für die wenigen Meter, die sie von der untersten Treppenstufe trennten, eine Ewigkeit zu benötigen. Eine Ewigkeit, in der ihre Angst vor dem, was sie im Obergeschoss erwartete, immer größer wurde. Bis sie das Gefühl hatte, die Furcht würde sich in ihrem Inneren wie ein Ballon ausdehnen und sie schließlich zum Platzen bringen.
Sie wünschte sich verzweifelt, ihre Eltern kämen endlich nach Hause. Gleichzeitig wusste sie jedoch, dass das nicht so bald geschehen würde. Allerdings hatte sie keine Ahnung, woher sie diese Gewissheit nahm. Vermutlich aus derselben Quelle, aus der ihre Überzeugung stammte, dass das, was sie oben entdecken würde, schrecklich war. Es würde ihr junges Leben von einem Augenblick zum anderen verändern.
Ihr Blick war auf die Biegung der Treppe gerichtet. Beinahe als befürchtete sie, etwas könnte dahinter hervorschnellen und sich auf sie stürzen, wenn sie nicht ständig hinsah.
Dann erreichte sie schließlich die Treppe. Sie setzte ihren rechten Fuß auf die unterste Stufe, ohne einen Moment zu zögern. Während sie langsam hinaufging, starrte sie furchtsam nach oben. Ihre Füße fanden instinktiv die Stellen auf den Stufen, die sie belasten konnte, ohne dass es knarrte. Auf diese Weise verursachte sie bei ihrem Aufstieg nicht das geringste Geräusch.
Im Obergeschoss war es ebenfalls still. Was immer den Laut verursacht hatte, hatte anscheinend innegehalten.
Lauert es etwa auf mich?
Sie schluckte. Ihre Kehle fühlte sich staubtrocken an. Für einen Schluck Wasser hätte sie alles gegeben.
Alles bis auf das Messer in meiner Hand!
Ihr Herz klopfte schnell und heftig. Jeder Schlag erschütterte ihren schlanken Körper von Kopf bis Fuß.
Als sie die Biegung der Treppe erreichte, wurde sie noch langsamer. Sie spähte um den Bogen und sah, dass dahinter und im oberen Gang niemand auf sie lauerte. Dann ging sie vorsichtig weiter. Dabei hielt sie sich außen, wo die Stufen weniger knarrten und breiter waren. So konnte sie nicht versehentlich stolpern und in das Messer fallen. Sie hielt es so fest umklammert, dass ihre Fingerknöchel blutleer und weiß waren.
Sie nahm die restlichen Stufen im selben Zeitlupentempo, in dem sie sich schon die ganze Zeit bewegte, seit sie an diesem Ort zu sich gekommen war. Dabei übersprang sie die beiden obersten Stufen, denn sie knackten besonders laut, sobald sie belastet wurden. Schließlich stand sie im oberen Flur, von dem vier Türen abgingen; alle bis auf die Tür zum Schlafzimmer ihrer Eltern waren geschlossen.
Obwohl sie wusste, dass es draußen schon längst dunkel war, konnte sie alles gut sehen, ohne Licht machen zu müssen.
Erneut widerstrebte es ihr, weiterzugehen und das zu tun, weswegen sie nach oben gekommen war. Sie wünschte sich ein weiteres Mal, ihre Eltern würden kommen. Dabei wusste sie genau, dass dieser Wunsch nicht in Erfüllung gehen würde.
Sie hielt kurz inne, als wollten ihre Füße ihr Zeit geben, sich zu orientieren. Dann setzte sie sich gegen ihren Willen wieder in Bewegung.
Ihr Herz schlug schneller. Es wusste ebenso wie sie, dass hier oben etwas Furchtbares auf sie wartete. Die Ahnung bevorstehenden Unheils grenzte schon an konkretes Wissen und war schrecklicher, als wenn sie ahnungslos gewesen wäre. Sie hatte ständig das Gefühl, sie müsste nur konzentriert genug darüber nachdenken, um sich daran zu erinnern, um was es sich handelte. Doch sobald sie meinte, sie hätte die Erinnerung endlich erwischt, entzog sie sich ihr wieder wie ein scheuer Schmetterling.
Dann war dafür ohnehin keine Zeit mehr. Ihre Füße verhielten vor der Tür zum Arbeitszimmer ihres Vaters. Die Bodendielen knarrten laut. Es war dasselbe Knarzen, das sie zuvor gehört hatte. Ohne etwas dagegen tun zu können, hob sich ihre zierliche linke Hand. Sie legte sich auf die Türklinke, die sich unter ihren Fingern warm anfühlte, so als hätte jemand sie umfasst gehabt und erst vor wenigen Sekunden losgelassen.
Tu das nicht!
Ihre innere Stimme schrie so gellend in ihrem Verstand, wie sie es ebenfalls gern getan hätte. Und sei es auch nur, um sich Erleichterung zu verschaffen. Doch es waren nicht nur ihre Beine, Füße, Arme und Hände, die ihr nicht mehr gehorchten. Ihr ganzer Körper verweigerte den Dienst.
Der Schrei in ihrem Kopf war noch nicht verhallt, da drückte ihre Hand auch schon die Klinke nach unten. Und sobald sich die Tür öffnen ließ, gab sie ihr einen Stoß, sodass sie geräuschlos aufschwang.
Sie entdeckte den Mann augenblicklich. Sein Körper bewegte sich vor ihr im Halbdunkel des Arbeitszimmers ebenfalls wie in Zeitlupe.
»Du bist ja doch zu Hause, Papa«, sagte sie.
Dann setzte die Erinnerung ein, als hätte sie schon die ganze Zeit am Rand ihres Bewusstseins auf diesen Augenblick gewartet. Sie ließ das Mädchen mit schockierender Klarheit erkennen, was sie in Wahrheit vor sich hatte.
Sie schrie noch gellender als zuvor die Stimme in ihrem Kopf. Und sie hatte nicht vor, jemals wieder damit aufzuhören.
II
Sie setzte sich ruckartig im Bett auf und atmete schwer.
Im ersten Moment wusste Anja nicht, wo sie sich befand. Sie befürchtete, sie wäre noch immer in dem schrecklichen Albtraum gefangen. Dann erkannte sie im schwachen Mondlicht, das durchs Fenster fiel, dass sie sich im Schlafzimmer ihrer Wohnung befand und nicht in ihrem Elternhaus. Und sie war auch kein elfjähriges Mädchen mehr, sondern eine vierunddreißigjährige Frau.
Sie hob die Hände, die noch immer zitterten, und wischte sich damit über das Gesicht. Es war schweißnass; ebenso wie ihr restlicher Körper. Der Schlüpfer und das übergroße T-Shirt, die sie trug, klebten an ihr. Es fühlte sich unangenehm an. Allerdings war sie mittlerweile daran gewöhnt. Sie hatte diesen Albtraum in unberechenbarer Unregelmäßigkeit seit dreiundzwanzig Jahren. Dennoch war sie hinterher jedes Mal aufs Neue bis ins Mark erschüttert, nachdem sie ihr traumatischstes Kindheitserlebnis erneut so wirklichkeitsnah miterlebt hatte.
Ihr Herzschlag und ihre Atmung beruhigten sich allmählich. Gleichzeitig kühlte sich der Schweiß auf ihrer Haut ab und ließ sie frösteln. Sie machte das Licht an und sah auf die Uhr. Es war erst halb sechs. Dennoch wusste sie, dass sie an diesem Morgen keinen Schlaf mehr finden würde. Abgesehen davon musste sie sich etwas anderes anziehen. Also stand sie auf, tappte mit nackten Füßen ins Bad und machte auch dort Licht.
»Wer zum Teufel bist du denn?«, fragte sie ihr Spiegelbild. Mit dem zerknautschten, geröteten Gesicht, dem müden Blick und den teils abstehenden, teils angeklatschten Haaren hatte es nur wenig Ähnlichkeit mit ihrem üblichen Äußeren.
Anja starrte ihr Ebenbild für ein paar Sekunden mürrisch an, bis sie sich allmählich darin wiedererkannte. Auch wenn ihr noch immer nicht gefiel, was sie sah.
Sie drehte den Hahn auf und spritzte sich Wasser ins Gesicht. Dann trank sie etwas davon aus der hohlen Hand, weil ihr Mund sich wie in ihrem Traum völlig ausgetrocknet anfühlte. Sie hätte in diesem Moment liebend gern etwas Stärkeres getrunken, ein Glas Wodka zum Beispiel. Doch das kam natürlich nicht infrage.
Anja hatte keine Ahnung, was sie mehr hasste. Den ständig wiederkehrenden Albtraum, der einem Kindheitserlebnis entsprungen war, das sie am liebsten längst vergessen hätte. Oder die Zeit unmittelbar danach, wenn sie den Lockruf besonders intensiv spürte.
Der Lockruf des Abgrunds jenseits des Todes!
Sie wusste nicht, wie sie es sonst nennen sollte. Anja stellte sich vor, dass auf der anderen Seite des Todes ein finsterer, bodenloser Abgrund gähnte. Dieser Abgrund lockte sie seit Langem; manchmal stärker und manchmal schwächer. Doch nie so spürbar wie in den Momenten, nachdem sie davon geträumt hatte, sie wäre wieder elf Jahre alt und allein in ihrem Elternhaus. Dann war der Sirenengesang so intensiv, dass sie ihm kaum widerstehen konnte.
Und wie immer, wenn das der Fall war, öffnete sie auch jetzt den Spiegelschrank und nahm die Schachtel mit den Schlaftabletten heraus. Ihr Hausarzt hatte sie ihr verschrieben, als sie eine Weile unter Schlaflosigkeit gelitten hatte. Sie hatte die Tabletten aber nicht benutzt. Stattdessen hatte sie versucht, ihre Eheprobleme, die eigentliche Ursache der Schlaflosigkeit, im Alkohol zu ertränken. Allerdings war ihr das nicht gelungen. Und seitdem ihre Ehe endgültig gescheitert war, war auch der Lockruf des Abgrunds jenseits des Todes stärker geworden. Deshalb bewahrte sie die Tabletten weiterhin auf. Um sie irgendwann vielleicht sogar zu benutzen, wenn der Sirenengesang schließlich übermächtig wurde und sie keinen Sinn mehr darin sah, ihm weiterhin zu widerstehen und ihr Leben fortzusetzen.
Anja starrte die Tablettenschachtel lange an und drehte sie dabei mehrmals in ihren Händen. Sie trank mittlerweile keinen Alkohol mehr, bewahrte jedoch im Küchenschrank eine Flasche Wodka auf. Einerseits, um damit ihre Willensstärke zu testen. Andererseits, um mit dem Alkohol die Tabletten hinunterzuspülen, sollte der Moment, an dem sie ihrem Leben ein Ende setzen würde, jemals kommen.
Doch auch heute war es noch nicht so weit, das erkannte sie schließlich. Sie würde ihr Rendezvous mit dem Sensenmann erneut auf einen späteren Zeitpunkt verschieben.
Sie seufzte, zum Teil aus Erleichterung, zum Teil aber auch vor Enttäuschung. Schließlich wusste sie genau, dass sie in wenigen Tagen oder Wochen erneut an dieser Stelle und vor derselben Entscheidung stehen würde. Doch für den Moment hatte sie wieder ein paar Tage oder Wochen gewonnen. Und das war alles, was zählte. Auch wenn sie dabei das Gefühl hatte, sie würde ihr Leben nur schrittweise oder auf Abruf leben. Sie legte die Tabletten rasch in den Spiegelschrank zurück, als hätte sie Angst, sie könnte es sich doch noch anders überlegen, und schloss ihn.
Ihr Spiegelbild erwiderte ihren Blick mit einem mürrischen Gesichtsausdruck. Es schüttelte den Kopf, als wäre es enttäuscht über ihre feige Entscheidung.
»Leck mich!«, sagte sie und wandte sich ab.
Sie entschloss sich, die Zeit, bis sie ins Büro musste, sinnvoll zu nutzen. Wenn sie schon so früh wach war und nicht mehr schlafen konnte, konnte sie genauso gut eine Runde durch den Westpark joggen.
III
Ihr Handy klingelte im selben Moment, als sie vom Joggen zurückkam und die Tür zu ihrer Wohnung aufschloss. Anja öffnete eilig die Tür, betrat den Wohnungsflur und schloss sie hinter sich wieder. Erst dann holte sie das Smartphone, das ein Lied von Rammstein mit dem Titel »Engel« spielte, aus der Tasche ihrer Jogginghose. Sie warf einen Blick auf die unbekannte Nummer, die im Display angezeigt wurde. Allerdings konnte sie nichts damit anfangen. Sie zuckte mit den Schultern, nahm den Anruf entgegen und hob das Gerät ans Ohr.
»Spangenberg.«
Sie musterte sich im Spiegel, der neben der Garderobe an der Wand hing, und begegnete dem kritischen Blick ihrer grünen Augen. Ihr herzförmiges Gesicht mit den hohen, markanten Wangenknochen und der schmalen, geraden Nase war gerötet und verschwitzt. Aber das war normal, nachdem sie wie fast an jedem Tag, an dem kein Unwetter herrschte oder Schneesturm tobte, durch den Westpark gelaufen war. Obwohl das Zwielicht im Flur ihrem Äußeren schmeichelte und die eine oder andere Unzulänglichkeit kaschierte, war Anja nicht unzufrieden mit ihrem Äußeren. Sie hätte es beileibe schlechter treffen können. Lediglich ihr Mund gefiel ihr ganz und gar nicht. Er war ihrer Meinung nach zu breit und besaß zu schmale Lippen, sodass er einen maskulinen Eindruck erweckte. Und auch ihr dunkelblondes Haar bereitete ihr fortwährend Kummer. Da es ständig zerzaust war, egal, was sie damit anstellte, hatte sie es auf Anraten ihrer Friseurin zu einer praktischen Kurzhaarfrisur schneiden lassen, die man Garçon-Schnitt nannte. Dennoch sah sie immerzu so aus, als wäre sie in einen heftigen Sturm geraten.
»Wunderschönen guten Morgen, liebste Frau Kollegin«, sagte der Anrufer.
Anja erkannte die Stimme sofort, obwohl sie mit ihrem Besitzer zum Glück nur selten zu tun hatte. Man traf sich allenfalls sporadisch, wenn sich ihre Aufgabenbereiche überschnitten, weil eine ihrer Vermissten ermordet worden war. Glücklicherweise kam das nicht allzu oft vor. Und manchmal begegnete man sich auch im Aufzug oder in der Kantine. Allerdings war seine Stimme äußerst charakteristisch. Sie klang stets etwas anbiedernd und einschleimend, vor allem, wenn er mit Vorgesetzten oder Frauen sprach.
Sie verzog missmutig das Gesicht und beobachtete sich weiterhin im Spiegel. Wenn ein Kollege vom Kommissariat 11, das für vorsätzliche Tötungsdelikte zuständig war und meistens nur als Mordkommission bezeichnet wurde, um sieben Uhr in der Früh anrief, konnte das nichts Gutes bedeuten.
»Morgen, Krieger. Was verschafft mir die seltene Ehre deines Anrufs?«
»Habe ich dich etwa aufgeweckt?« Er hörte sich nicht so an, als würde er das auch nur im Mindesten bedauern. Eher so, als hätte er dabei Bilder im Kopf, die ihm Freude bereiteten.
»Nein. Ich komme gerade vom Joggen.«
»Schade.« Er seufzte. »Dabei hab ich mir schon vorgestellt, dass du noch im Bett liegst, vollkommen nackt, und dich räkelst und streckst, während wir miteinander sprechen.«
»Und dabei ist dir vermutlich auch noch einer abgegangen«, versetzte Anja und schüttelte den Kopf. »Träum weiter, Krieger! Aber wie wär’s, wenn du endlich zur Sache kommst. Du rufst mich doch nicht vor der Arbeit an, um mich mit deinen sexuellen Fantasien zu belästigen. Oder bist du neuerdings unter die Stöhnanrufer gegangen?«
Anton Krieger lachte anzüglich. »Ich liebe es, wenn du mir schmutzige Kosenamen gibst, Baby.«
Anja verdrehte die Augen, während sie in die Küche ging, um die Kaffeemaschine anzuschalten, die sie schon vor dem Joggen vorbereitet hatte. »Komm endlich zur Sache, Anton!«
Krieger verstand den Wink mit dem Zaunpfahl. Die Benutzung seines Vornamens war ein deutliches Zeichen, dass es Anja allmählich zu bunt wurde. Er legte den Schalter um und wurde augenblicklich ernst und professionell.
»Wir haben eine weibliche Leiche.«
»Ist das etwas Neues? Ich dachte, ihr zwei seid bei der Mordkommission. Da dürfte das doch öfter vorkommen.«
Mit ihr zwei meinte Anja Kriminaloberkommissar Anton Krieger und seinen Kollegen, Kriminalhauptkommissar Peter Englmair. Die beiden waren unzertrennlich. Da einer selten ohne den anderen auftauchte, wurden sie in der Dienststelle die siamesischen Zwillinge genannt.
»Sehr witzig«, sagte Krieger, der jetzt, als es um berufliche Dinge ging, plötzlich keinen Spaß mehr verstand.
Auch Anja wurde ernst, während sie sich Kaffee in einen großen Henkelbecher goss. »Glaubt ihr etwa, dass es sich um eine meiner Vermissten handelt?«
Anja war Kriminalhauptkommissarin bei der Kripo. Sie arbeitete allerdings im Kommissariat 14, auch K14 genannt. Die sogenannte Vermisstenstelle war für Vermisste und unbekannte Tote zuständig. Wobei sich Anjas Zuständigkeit zu ihrer grenzenlosen Erleichterung auf Vermisstenfälle beschränkte, denn mit Leichen hatte sie nur äußerst ungern zu tun.
»Ja.«
»Und wer?«
»Eine Frau namens Nadine Weinhart.«
Anja hatte nach der Nennung des Namens sofort das dazugehörige Foto im Kopf. Die Mutter der Vermissten hatte es ihr gegeben. Obwohl sie mehr offene Fälle bearbeitete, als ihr lieb sein konnte, hatte sie viele Daten und Fakten im Kopf abgespeichert, um nicht ständig in den Akten blättern zu müssen. Und das Verschwinden von Nadine Weinhart war ihr aufgrund der Begleitumstände besonders zu Herzen gegangen.
Die 33-jährige Krankenschwester mit den kurzen weißblonden Haaren war vor drei Monaten verschwunden, ohne eine Spur zu hinterlassen. Weder die Mutter, die sie als vermisst gemeldet hatte, noch die beste Freundin konnten sich ihr Verschwinden erklären. Sie hatten übereinstimmend erzählt, dass Nadine in den Wochen vor ihrem Verschwinden über heftige Kopfschmerzen und Übelkeit geklagt hatte. Anja hatte daraufhin mit dem Hausarzt gesprochen, der sie wiederum an den Neurologen verwiesen hatte, zu dem er seine Patientin geschickt hatte. Am Ende hatte sich Anja mit dem zuständigen Facharzt in einer radiologischen Praxis unterhalten. Er hatte bei Nadine am Tag ihres Verschwindens eine inoperable Geschwulst im Gehirn diagnostiziert. Es gab zwar die Möglichkeit, dem Tumor mit einer Kombination aus Bestrahlung und Chemotherapie zu Leibe zu rücken, doch die Erfolgschancen waren in Nadines Fall eher gering gewesen. Deshalb war Anja, nachdem Nadine auch nach zwei Wochen nicht wieder aufgetaucht war, insgeheim davon ausgegangen, dass sie sich das Leben genommen hatte, bislang aber noch nicht gefunden worden war. Bis heute!
»Was ist passiert? Suizid?«
Krieger lachte, allerdings absolut humorlos. »Wenn das ein Selbstmord war, dann ist es der bizarrste, der mir jemals untergekommen ist.«
»Was soll das heißen?« Anja stellte den Kaffeebecher ab, aus dem sie erst wenige Schlucke getrunken hatte.
»Es ist … kompliziert. Komm einfach her. Dann kannst du es dir mit eigenen Augen ansehen.«
»Gut. Aber ich muss erst noch unter die Dusche.«
Krieger stöhnte auf obszöne Weise. »Du glaubst ja nicht, welche Bilder mir jetzt durch den Kopf gehen.« Nachdem er ihr mitgeteilt hatte, was er hatte loswerden wollen, war er in seinen üblichen Arschloch-Modus zurückgefallen.
»So genau will ich das gar nicht wissen.« Anja war bereits auf dem Weg ins Bad, um dort die Laufschuhe abzustreifen und die Jogginghose, das Shirt, den Sport-BH und den Slip auszuziehen. »Wo finde ich dich und Englmair? Seid ihr am Tatort?«
»Ja, aber nicht mehr lange. Die Leiche wird gerade weggebracht. Deshalb treffen wir uns am besten in einer halben Stunde in der Gerichtsmedizin.«
IV
Sie duschte in Rekordzeit. Anschließend kämpfte sie fünf Minuten lang mit ihren widerspenstigen Haaren, bevor sie wie immer aufseufzend kapitulierte. Sie zog frische Unterwäsche, eine enge, graue Jeans und ein langärmliges, weißes Shirt an. Dann schlüpfte sie in schwarze Stiefeletten mit hohen, schmalen Absätzen. Zum Glück musste sie in ihrem Aufgabenbereich keine flüchtigen Verbrecher verfolgen; so etwas wäre in diesen Schuhen unmöglich gewesen. Obwohl sie das Schulterholster mit ihrer Dienstwaffe nicht trug, weil beides wie so oft in der Schublade ihres Büroschreibtischs lag, zog sie eine Blousonjacke aus schwarzer Seide über. Bevor sie ging, trank sie ihren Kaffee aus, der nur noch lauwarm war. Dann schaltete sie die Kaffeemaschine aus, schnappte sich ihren Schlüsselbund und verließ die Wohnung.
Anja bewohnte eine 78,5 Quadratmeter große 3-Zimmer-Wohnung im zweiten Stock eines Hauses in der Hansapark-Wohnsiedlung, die nördlich des Westparks lag. Auf dem Weg nach unten begegnete sie ihrem Wohnungsnachbarn. Er ging wie ein Schlafwandler mit gesenktem Kopf die Stufen nach oben und bemerkte sie erst, als sie ihn ansprach.
»Guten Morgen, Raphael.«
Er blickte auf und lächelte, sobald er sie sah. Allerdings sah er müde und erschöpft aus.
Raphael Guthmann war wenige Zentimeter größer als Anja, aber ebenso schlank. Er hatte braune Augen, dunkelbraune Haare und war wie immer unrasiert. Obwohl Anja nicht auf dunkelhaarige Männer mit Dreitagebart, sondern eher auf den großen und breitschultrigen blonden Wikingertyp stand, musste sie zugeben, dass Raphael nicht schlecht aussah. Gleichwohl hatte es zwischen ihnen nie gefunkt. Sie waren lediglich Nachbarn und gute Freunde. Und das war nach Anjas Ansicht auch gut so. Erstens passte er nicht in ihr Beuteschema, und zweitens hatte sie nach der Trennung von ihrem Mann Fabian, die erst wenige Monate zurücklag, dringend eine Auszeit in Sachen Beziehung gebraucht. Und auch Raphael hatte nie erkennen lassen, dass er sich von ihr mehr als nur Freundschaft und gute Nachbarschaft erhoffte, obwohl er, seit Anja ihn kannte, Single war. Aber er war dennoch immer für sie da, wenn sie ihn brauchte. Sofern er nicht gerade in seinem Taxi saß und Leute durch die Landeshauptstadt kutschierte. Er war zuverlässig und hilfsbereit und lieh Anja ein Ohr, wenn sie kurzerhand jemanden brauchte, dem sie ihre Sorgen und Nöte anvertrauen konnte. Außerdem gingen sie oft zusammen im Westpark joggen oder gelegentlich zu einem Spiel des FC Bayern Basketball, da Anja eine Vorliebe für große Männer hatte.
»Nachtschicht?«, fragte sie. Obwohl sie es eilig hatte, nahm sie sich die Zeit, ein paar Worte mit ihm zu wechseln. Sie hatte schon in weltrekordverdächtiger Zeit geduscht und benötigte bis zum Institut für Rechtsmedizin um diese Uhrzeit mit dem Wagen gerade einmal zehn Minuten.
Er nickte. Dann, als hätte ihn erst ihre Frage wieder daran erinnert, wie müde er war, riss er den Mund auf und gähnte. Schnell hob er die Hand vor den Mund. »Tschuldigung«, sagte er und zuckte mit den Schultern.
Anja winkte ab.
Raphael war Taxifahrer und wechselte sich regelmäßig mit einem Kollegen ab. Mal hatte der eine die Tagschicht und der andere die ungeliebte Nachtschicht. In der Woche darauf war es dann umgekehrt. Allerdings machte es der ständige Wechsel schwer, sich vor allem an die nächtlichen Arbeitszeiten zu gewöhnen.
Als Polizistin hatte sich Anja auch schon so manche Nacht um die Ohren schlagen müssen. Zum Glück gehörte das größtenteils der Vergangenheit an, seit sie in der Vermisstenstelle arbeitete. Dennoch wusste sie noch genau, wie es sich anfühlte, wenn man am nächsten Morgen müde und zerschlagen nach Hause kam, während alle anderen gerade aufgestanden und ekelerregend munter und fröhlich waren.
»Und was ist mit dir?«, fragte Raphael und warf einen Blick auf seine Armbanduhr. »So früh schon auf dem Weg zur Arbeit?«
»Sozusagen. Allerdings geht es nicht ins Büro, sondern direkt in die Rechtsmedizin.«
Er verzog angewidert das Gesicht. Er teilte diese Reaktion mit vielen anderen Menschen, sobald Anja das Wort Rechtsmedizin aussprach. Allerdings freute auch sie sich nicht darauf, den Ort aufsuchen und eine Leiche identifizieren zu müssen. Im Gegenteil, sie hasste es geradezu! Aber manchmal – zum Glück nicht allzu oft – gehörte das eben zu ihrem Job.
»Was ist passiert? Hat sich einer deiner Vermissten umgebracht?«
Anja war vor gut fünf Monaten nach der abrupten Trennung von ihrem Mann und einem vierwöchigen Aufenthalt bei ihrer Mutter in dieses Haus gezogen. Sie hatte sich schnell mit ihrem unmittelbaren Wohnungsnachbarn angefreundet. Zu den anderen Bewohnern hatte sie allerdings außer einem gelegentlichen »Grüß Gott« im Treppenhaus noch immer kaum Kontakt. Da sie nach dem endgültigen Scheitern ihrer Ehe emotional angeschlagen gewesen war, hatte sie sich anfangs mehr als einmal im übertragenen Sinne an Raphaels Schulter ausgeweint und ihm ihr Leid geklagt. Und er hatte stets ein offenes Ohr für sie gehabt, ihr aufmerksam und geduldig zugehört oder Ratschläge erteilt. Darüber hinaus hatte er versucht, sie anschließend wieder aufzurichten und ihr erschüttertes Selbstwertgefühl zu stärken. Ohne seine Hilfe hätte sie vermutlich viel länger gebraucht, die unausweichliche Trennung zu verarbeiten. Vor allem, weil sie Fabian trotz allem noch immer liebte. Außerdem hatte ihr Noch-Ehemann lange Zeit mit allen Mitteln versucht, sie dazu zu bringen, zu ihm zurückzukehren. Doch Anja wollte seine wiederholten Seitensprünge nicht länger hinnehmen und war hart geblieben. Mittlerweile war sie halbwegs darüber hinweg. Dennoch trafen Raphael und sie sich noch immer mehr oder weniger regelmäßig in einer ihrer Wohnungen und erzählten sich Anekdoten von ihrer jeweiligen Arbeit.
Anja schüttelte den Kopf. »Der Kollege von der Mordkommission, der mich anrief, meinte, dass es dann der bizarrste Selbstmord sei, den er je gesehen habe.«
»Was dann? Mord?«
Sie zuckte mit den Schultern. »Vermutlich. Aber Genaueres weiß ich erst, sobald ich die Leiche gesehen und die Todesumstände erfahren habe.«
Raphael verzog erneut das Gesicht und schüttelte sich, als würde er am ganzen Körper erschaudern. »Da kann ich mir wirklich Schöneres vorstellen, als den Tag mit einem Leichnam in der Pathologie zu beginnen. Und ich dachte, du magst keine Leichen. Deshalb bist du ja auch nicht zur Mordkommission gegangen, oder?«
»Ich mag tatsächlich keine Leichen«, sagte Anja, die während des Duschens jeden Gedanken daran verdrängt hatte, wo sie danach hinmusste und was sie dort erwartete. »Aber manchmal lässt es sich eben nicht vermeiden, dass ich dennoch mit ihnen in Berührung komme. Das bringt die Arbeit bei der Vermisstenstelle eben so mit sich. Wenigstens habe ich nicht ständig und ausschließlich damit zu tun wie die Kollegen von der Mordkommission oder die Todesermittler.«
»Na dann viel Spaß.« Raphael gähnte erneut.
Diesmal war es Anja, die missmutig das Gesicht verzog. »Von Spaß kann keine Rede sein. Vor allem, wenn es sich tatsächlich um eine meiner Vermissten handelt. Trotzdem danke. Aber jetzt muss ich los, sonst komme ich zu spät. Und für dich wird es höchste Zeit, dass du endlich ins Bett kommst. Ich wünsche dir einen erholsamen Schlaf.«
Sie verabschiedeten sich voneinander. Anschließend setzte Anja mit eiligen Schritten ihren Weg nach unten fort, während Raphael mit langsamen, müden Bewegungen nach oben stieg.
Sie machte einen kurzen Abstecher zu den Briefkästen. Dort sah sie, dass die Ecke eines beigefarbenen Umschlags aus der Klappe ihres Briefkastens herausschaute. Also öffnete sie den Kasten, entnahm ihm das Kuvert und setzte ihren Weg in die Tiefgarage fort. Sie warf einen kurzen Blick auf den Umschlag. In großen schwarzen Druckbuchstaben stand lediglich ihr Name darauf. Ein Absender war nicht angegeben. Sie war neugierig, was der Umschlag enthielt und wer ihn eingeworfen hatte. Allerdings hatte sie jetzt keine Zeit, ihn zu öffnen und sich den Inhalt anzusehen. Deshalb warf sie ihn ungeöffnet auf den Beifahrersitz, sobald sie hinterm Steuer saß, und fuhr los.
Nachdem sie die Tiefgarage hinter sich gelassen hatte, nahm sie den kürzesten Weg über die Hansastraße, den Bavariaring und die Lindwurmstraße. In der Nähe des Goetheplatzes musste sie scharf bremsen, weil ein rücksichtsloser Porsche-Cayenne-Fahrer sich unvermittelt vor ihr in ihre Spur drängte und sie schnitt. Dabei rutschte der Umschlag vom Beifahrersitz und fiel in den Fußraum. Aber das bemerkte sie in ihrer Empörung nicht. Sie hupte mehrmals und schimpfte laut, doch das beeindruckte den anderen Fahrer nicht. Er fuhr einfach weiter und bog bei nächster Gelegenheit rechts ab.
Als Anja wenige Minuten später ihr Ziel erreichte, hatte sie sowohl den Vorfall als auch den Umschlag schon wieder vergessen. Schließlich gab es momentan Wichtigeres, über das sie sich den Kopf zerbrechen musste.
V
Das Institut für Rechtsmedizin der Universität München befindet sich in der Nußbaumstraße. Es besteht aus einem Altbau mit rotem Spitzdach und einem Neubau mit Flachdach, die miteinander verbunden sind. Neben dem Lehrbetrieb werden hier an drei Seziertischen jeden Nachmittag von jeweils zwei Ärzten bis zu zehn Leichen obduziert.
Anja hatte einen Parkplatz in der Nähe gefunden. Sie betrat das Institut mit einem mulmigen Gefühl im Magen und einem dicken Kloß im Hals durch den Haupteingang des Neubaus. Sie war schon ein paar Mal hier gewesen, allerdings nie freiwillig. Aber das war vermutlich bei den wenigsten Menschen der Fall, die hier landeten. Immerhin kannte sie den Weg zu dem weiß gekachelten Sezierraum im Keller, in dem außer den beiden Kollegen von der Mordkommission eine weibliche Leiche auf sie wartete.
Der Geruch, der sie im Kellergeschoss empfing, war eine Mischung aus Formaldehyd und süßlich-bitterer Verwesung. Er verursachte bei ihr augenblicklich Übelkeit. Und je näher sie der Quelle der Gerüche kam, desto intensiver wurde sie. Ihre Schritte hallten von den grauen Wänden wider, als sie im kalten Licht der Neonröhren dem Gang folgte. Sie begegnete auf ihrem Weg niemanden, als wäre das Institut ausgestorben. Allerdings hörte sie Geräusche hinter den geschlossenen Türen, die sie passierte. Da es hier unten kühl war, fröstelte sie trotz ihrer Blousonjacke; aber vermutlich nicht nur deshalb.
Die Tür des Sezierraums stand offen. Anja trat zögerlich ein, ohne anzuklopfen. Sie war erleichtert, dass die siamesischen Zwillinge Krieger und Englmair schon da waren und auf sie warteten. Die Aussicht, an diesem Ort mit einer Leiche als einziger Gesellschaft auf das Eintreffen der Kollegen warten zu müssen, hatte ihr auf dem ganzen Weg hierher Unbehagen bereitet.
Die beiden Männer sahen auf, als sie den Raum betrat. Englmair lehnte an der gekachelten Wand. Er hielt ein Handy in der Hand, als hätte er eine SMS geschrieben oder seine Mails gecheckt. Krieger hingegen hatte den Seziertisch mit der Leiche umrundet, als wäre er ein ruheloser Tiger und der Leichnam darauf seine Beute, die er bewachen musste.
»Da ist unsere frisch geduschte Joggerin ja endlich«, sagte er in seiner anzüglichen Art und musterte sie aufmerksam von oben bis unten. Anja fühlte sich sofort unbehaglich. »Schöne Schuhe. Sind die neu?«
Anja schüttelte den Kopf. Sie war in der Nähe der Tür stehen geblieben und vermied es bislang krampfhaft, einen genaueren Blick auf die Leiche zu werfen. Diese war mit einem weißen Tuch abgedeckt, unter dem sich lediglich ihre Konturen abzeichneten. »Wieso willst du das wissen, Krieger? Hast du vor, dir die Gleichen zu kaufen?«
Krieger verzog missmutig das Gesicht. Er verspottete andere für sein Leben gern, war aber ungern Ziel des Spotts anderer. Englmair lachte amüsiert, während er sein Handy wegsteckte.
»Morgen, Englmair«, begrüßte Anja ihn.
»Morgen, Kollegin.«
Die beiden Beamten der Mordkommission arbeiteten schon seit mehreren Jahren zusammen und waren ein eingespieltes Team. Obwohl sie charakterlich nicht unterschiedlicher hätten sein können, waren sie sich äußerlich im Laufe der Zeit wie Hund und Herrchen immer ähnlicher geworden. Wobei Anja nicht wusste, wer in ihrem Fall der Hund und wer das Herrchen war.
Beide hatten eine ähnliche Statur und waren leicht übergewichtig. Bei Anton Krieger war das von Anfang an der Fall gewesen. Peter Englmair hatte hingegen anfangs mindestens zehn Kilo weniger gewogen und erst ganz allmählich Gewicht zugelegt. Krieger war mit seinen eins siebzig allerdings zehn Zentimeter kleiner als sein Kollege. Gemeinsam hatten sie auch die Frisur, denn sie rasierten sich ihre Schädel. Krieger tat es aus Notwendigkeit, da er allmählich immer kahler geworden war, bis von seinem haselnussbraunen Haupthaar nur noch ein erbärmlich dünner Kranz übrig geblieben war. Warum Englmair es tat, der noch immer volles dunkelblondes Haar besaß, wusste hingegen niemand.
»Ist das die Tote?«, fragte sie, ohne auf den zugedeckten Leichnam zu deuten. Das war auch nicht nötig, schließlich war es die einzige Leiche im Raum.
»Nein.« Krieger grinste ölig. »Das ist der Gerichtsmediziner, den Peter und ich vor fünf Minuten um die Ecke gebracht haben.« Er schüttelte den Kopf. »Natürlich ist sie das! Oder siehst du hier noch eine andere Leiche herumliegen.«
Anja ließ sich von ihm weder irritieren noch provozieren. Je weniger sie auf seine Boshaftigkeiten einging, desto weniger Spaß hatte er daran. Und desto eher würde er auch damit aufhören. Krieger war eindeutig der aggressivere und angriffslustigere Teil des Mordermittler-Duos. Englmair war hingegen eher der väterliche und verständnisvolle Kumpeltyp. Die beiden ergänzten sich hervorragend und bildeten ein gutes Team. Sie mussten nicht einmal schauspielern, um mit einem Tatverdächtigen Guter-Polizist-böser-Polizist zu spielen.
»Wo habt ihr sie gefunden?«
»Wir haben sie überhaupt nicht gefunden«, entgegnete Krieger. »Das hat ein netter, älterer Herr für uns erledigt. Er ging mit seinem Zamperl Gassi und erlitt den Schock seines Lebens. Ein Wunder, dass er dabei nicht aus seinen Haferlschuhen gekippt ist und einen Herzkasperl erlitten hat.«
»Bevor wir dir Näheres über den Auffindeort und die Todesumstände erzählen, sollten wir zunächst klären, ob es sich tatsächlich um deine Vermisste handelt.« Englmair stieß sich von der Wand ab und trat an den Edelstahltisch heran.
»Wie habt ihr sie überhaupt identifiziert?«
»Vor allem anhand einer Tätowierung am linken Fußknöchel und eines Muttermals in der rechten Achselhöhle.« Englmair nahm mehrere zusammengefaltete Blätter aus der Innentasche seiner Lederjacke. Er entfaltete sie und hielt sie Anja entgegen. »Als wir die beiden Merkmale zusammen mit ihrer Körpergröße sowie der Haar- und Augenfarbe in die Datei über Vermisste, unbekannte Tote und unbekannte hilflose Personen eingaben, erzielten wir sofort einen Treffer. Auf diese Weise bekamen wir den Namen deiner Vermissten.«
Die Datei über Vermisste, unbekannte Tote und unbekannte hilflose Personen, kurz Vermi/Utot, wird beim Bundeskriminalamt geführt. Sie soll die Ermittlungsbehörden dabei unterstützen, anhand detaillierter Personenbeschreibungen und anderer Identifizierungshilfen Zusammenhänge zwischen vermissten Personen und unbekannten Leichen oder unbekannten hilflosen Personen herzustellen. Die Datei wird täglich aktualisiert, indem neue Vermisstenfälle aufgenommen, Veränderungen übernommen und erledigte Vermisstenfälle gelöscht werden. Dadurch ist sie immer auf dem aktuellsten Stand. Sie bietet die Möglichkeit, die komplette Personenbeschreibung einer vermissten Person aufzunehmen oder zu recherchieren. Die Datei enthält momentan annähernd 11.500 Fälle, darunter etwa 9.600 über vermisste Personen. Manche von ihnen klären sich innerhalb weniger Tage wieder auf. Andere Vermisste bleiben für immer verschwunden. Täglich werden etwa 250 bis 300 Fälle aufgenommen oder entfernt.
Trotz ihres Widerwillens wegen der Leiche auf dem Seziertisch musste Anja näherkommen, um die Papiere entgegenzunehmen. Wenigstens zitterte ihre Hand nicht allzu stark, als sie danach griff.
Es handelte sich um Computerausdrucke der Vermisstenanzeige. Sie enthielt unter anderem die Personalien der Vermissten. Daneben eine detaillierte und umfassende Personenbeschreibung einschließlich aller individuellen körperlichen Besonderheiten. Außerdem die Beziehung der anzeigenden Person zur Vermissten sowie die konkreten Umstände und möglichen Ursachen und Beweggründe des Verschwindens.
Anja blätterte zum dreiseitigen Folgeblatt der Vermisstenanzeige mit der ausführlichen Personenbeschreibung. Der Bereich »Tätowierungen« auf der zweiten Seite, in dem die Lage und das Motiv der Tätowierung vermerkt waren, die Englmair erwähnt hatte, war mit gelbem Textmarker hervorgehoben worden. Auf der nächsten Seite befand sich ein Körperschema, das Front- und Rückenansicht zeigte. Dort waren die exakten Positionen der Tätowierung und des Muttermals eingezeichnet.
Anja ließ die Blätter sinken. Sie sah zuerst Englmair und dann Krieger mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Wenn die Tätowierung, das Muttermal, die Haar- und Augenfarbe sowie die Größe mit der Vermisstenmeldung übereinstimmen, habt ihr sie ja praktisch schon eindeutig identifiziert. Wozu braucht ihr mich dann eigentlich noch?«
»Es ist dein Vermisstenfall«, erinnerte Englmair sie. »Du hast dich intensiv mit der Vermissten beschäftigt, Fotos von ihr gesehen, ihre Wohnung durchsucht und mit ihren Angehörigen und Freunden gesprochen. Du kennst sie von uns dreien am besten. Wenn sie außer ihrer Mutter jemand identifizieren kann, dann du.«
Er hatte recht. Wurde bei einer Anfrage in der Datei Vermi/Utot eine Übereinstimmung zwischen einer unbekannten Leiche und einer vermissten Person festgestellt, wurden umgehend die beteiligten Dienststellen informiert. Sie mussten dann einen Abgleich der Merkmale der unbekannten Leiche mit der Personenbeschreibung der vermissten Person durchführen. Deshalb riefen die Kollegen von der Mordkommission oder die Todesermittler in einem derartigen Fall das K14 zu Hilfe. Und sie war nun einmal die zuständige Ermittlerin der Vermisstenstelle, auch wenn sie sich den Anblick des Leichnams liebend gern erspart hätte. Doch wie es schien, kam sie nicht darum herum.
»Außerdem …«, begann Krieger, verstummte aber sofort wieder, als wüsste er nicht weiter. Er verzog das Gesicht zu einer Grimasse und sah zu Boden.
»Was?« Anja sah Englmair alarmiert an.
Der schürzte die Lippen, bevor er sagte: »Am besten, du siehst es dir selbst an.« Anschließend griff er nach dem Tuch, das die Leiche bislang verhüllt hatte. Er zog es so ruckartig zur Seite, als wäre er ein Bühnenmagier, der dem Publikum beweisen wollte, dass er die regungslose Person unter dem Tuch durch Zauberei hatte verschwinden lassen.
VI
Tu’s bitte nicht!, hätte Anja beinahe gerufen und nach der Hand des Kollegen gegriffen, um ihn daran zu hindern. Sie unterließ es. Stattdessen schloss sie die Augen, um sich innerlich gegen den Anblick zu wappnen, bevor sie sich ihm aussetzte.
Als Raphael vor der Fahrt hierher im Treppenhaus erwähnt hatte, dass sie keine Leichen mochte, hatte er recht gehabt. Es war allerdings nur die halbe Wahrheit. In Wirklichkeit verabscheute sie menschliche Leichname und konnte ihren Anblick kaum ertragen. Dennoch war sie in ihrem Job gelegentlich gezwungen, den körperlichen Überresten vermisster Personen gegenüberzutreten. All denjenigen, die durch eigene oder fremde Hand oder einfach nur durch einen dummen Unglücksfall ums Leben gekommen und deshalb eine Zeitlang verschwunden waren, bis man irgendwann ihre Leichen fand. Um dem Anblick toter Menschen ganz aus dem Weg zu gehen, hätte sie sich schon in eine andere Abteilung versetzen lassen müssen. Irgendwohin, wo sie nicht das Geringste mit Leichen zu tun gehabt hätte. Oder sie hätte ihren Job bei der Polizei quittieren müssen. Aber beides wollte sie nicht, denn sie liebte ihre Arbeit in der Vermisstenstelle. Also musste sie hin und wieder in den sauren Apfel beißen und ihren extremen Widerwillen überwinden, der beinahe die Ausmaße einer Phobie hatte. Sie schwor sich ständig, es wäre das letzte Mal, dass sie sich so etwas antat. Doch hinterher war sie stets so erleichtert, es wieder einmal überstanden zu haben, dass sie ihren Schwur prompt vergaß. Bis sie, so wie heute, erneut vor einem Seziertisch stand und gegen ihre größte Angst ankämpfen musste.
Anja war klar, dass sie die Augen nicht ewig davor verschließen konnte. Außerdem wollte sie nicht, dass die Kollegen mitbekamen, was mit ihr los war. Bislang hatte sie ihr Handicap erfolgreich vor allen verheimlichen können.
Unmittelbar bevor sie die Augen öffnete, hatte sie das Bild eines aufgedunsenen, bläulich-violett verfärbten Gesichts mit heraushängender blauer Zunge im Kopf. Doch sie verdrängte es sofort wieder in die Tiefen ihrer Erinnerung, wo es sich vor Jahren eingebrannt hatte. Gleichzeitig stählte sie sich innerlich gegen den Anblick.
Normalerweise half es ihr, sich zunächst auf Einzelheiten zu konzentrieren und die Leiche nicht in ihrer Gesamtheit wahrzunehmen. Erst hinterher, sobald sie den Blick abgewandt und den Leichnam nicht mehr vor Augen hatte, setzte sie die Details dann wie ein Puzzle zu einem Gesamtbild zusammen. Auf diese Weise war der Anblick für sie leichter zu ertragen.
Diese bewährte Vorgehensweise funktionierte hier und heute allerdings nicht. Denn auf das, was sie vor sich sah, war sie nicht im Mindesten vorbereitet. Dabei hätte die Reaktion der beiden Mordermittler sie vorwarnen müssen. In Filmen hatte sie zwar schon Schlimmeres gesehen, doch das hier war die Realität, das echte Leben. Anja schnappte daher erschrocken nach Luft, obwohl sie das bei den vorherrschenden Gerüchen an diesem Ort besser gelassen hätte. Zugleich trat sie unwillkürlich einen Schritt zurück.
Die Leiche auf dem stählernen Seziertisch war auf den ersten Blick kaum noch als menschliches Wesen zu identifizieren. Sie war bis aufs Skelett abgemagert und erinnerte unwillkürlich an eine Mumie. Die Haut wirkte extrem dünn, als würde sie jeden Moment reißen. Sie spannte sich über den Knochen, von denen sich jeder einzelne so deutlich abzeichnete, als handelte es sich um ein Anschauungsmodell für den Anatomieunterricht. Die einzige Ausnahme hiervon bildeten zahlreiche dunkle Beulen, hauptsächlich unter den Armen und in der Leistengegend.
»Was … was ist mit ihr geschehen?«
»Das wissen wir noch nicht.« Krieger starrte mit einem Ausdruck des Abscheus auf die Tote. »Sie wird erst heute Nachmittag obduziert.«
»Der Gerichtsmediziner, der sie am Tatort untersucht hat, meinte, dass sie längere Zeit gehungert haben muss«, erläuterte Englmair. »Vielleicht ist sie am Ende sogar verhungert. Anzeichen für einen gewaltsamen Tod oder Spuren, die auf heftige Gegenwehr oder einen Kampf hindeuten, gibt es bislang nicht. Sie hatte lediglich eine schlecht verheilte Schramme am Knie und wunde, teilweise entzündete Hand- und Fußgelenke. Außerdem zahlreiche Wundmale am Rücken. All das deutet darauf hin, dass sie lange Zeit gefesselt gewesen sein und auf dem Rücken gelegen haben muss.«
»Wurde sie vergewaltigt oder sexuell missbraucht?«
»Nach der vorläufigen Einschätzung des Pathologen anscheinend nicht.«
»Und wie lange ist sie schon tot?«
»Laut Aussage des Rechtsmediziners weniger als zwölf Stunden«, antwortete Englmair.
Anja schüttelte den Kopf. Nicht weil sie die Zeitangabe anzweifelte, sondern weil die Frau auf dem Seziertisch aussah, als wäre sie schon viel länger tot.
»Und diese …« Sie verstummte und suchte nach einem zutreffenden Begriff.
»Beulen?«, half ihr Englmair aus.
»Ja. Was haben diese Beulen zu bedeuten. Es sieht aus wie die …«
»… Beulenpest«, nahm ihr Krieger das Wort aus dem Mund und nickte. »Das war auch unser erster Gedanke.«
Anja wusste nicht viel über die Pest. Früher, vor allem im Mittelalter, hatte es Pestepidemien und -pandemien gegeben, denen teilweise Millionen von Menschen zum Opfer gefallen waren. Doch obwohl die verheerende Krankheit schon vor einiger Zeit aus Europa verschwunden war, war sie längst nicht ausgerottet. In anderen Teilen der Welt gab es noch immer Krankheitsfälle. War der Schwarze Tod, wie die Seuche auch genannt wurde, etwa nach Europa zurückgekehrt? Und war diese bedauernswerte Frau an der Pest erkrankt? War sie deshalb so abgemagert und schließlich qualvoll daran zugrunde gegangen? Aber wieso war sie dann längere Zeit gefesselt gewesen?
»Keine Bange, es handelt sich nicht um einen neuen Ausbruch der Beulenpest«, sagte Englmair, als hätte er ihre Gedanken gelesen. Das erklärte auch, warum er und sein Kollege keine Bedenken hatten, sich dem Leichnam zu nähern. Und wieso die Tote hier lag und nicht in einer Quarantänestation. »Der Gerichtsmediziner gab sofort Entwarnung, nachdem er eine der Beulen aufgeschnitten hatte. Bei der Flüssigkeit handelt es sich nur um schwarze Tinte, die unter die obersten Hautschichten injiziert wurde. Nach Ansicht des Pathologen geschah das vermutlich post mortem.«
Anja erschauderte. Obwohl sie alles andere als glücklich darüber war, musste sie unwillkürlich noch einmal die Leiche und die nachgemachten Pestbeulen ansehen. »Aber wieso sollte jemand so etwas Schreckliches tun?«
»Möglicherweise wollte der Täter den Eindruck erwecken, sie wäre an der Pest gestorben.« Englmair zuckte mit den Schultern. »Vielleicht will er damit Panik verbreiten.«
»Wenn ihr mich fragt, ist zu etwas nur ein komplett durchgeknallter Irrer fähig«, konstatierte Krieger ungefragt, aber voller Überzeugung, als hätte er einen Universitätsabschluss und einen Doktortitel in Psychologie. Zur Verdeutlichung seiner Worte ließ er den Zeigefinger neben seiner Schläfe kreisen.
Anja ignorierte ihn noch immer; sie sprach ausschließlich mit Englmair. »Dann geht ihr trotz fehlender Anzeichen für ein Gewaltverbrechen dennoch davon aus, dass sie ermordet wurde?«
»Selbst hat sie sich diese Dinger jedenfalls nicht zugefügt«, sagte Krieger und deutete auf die Beulen im Schambereich, die ihn besonders anzuekeln schienen. Ausnahmsweise war ihm wohl nicht danach, die üblichen Anzüglichkeiten von sich zu geben, obwohl eine nackte Frau vor ihm lag. Doch angesichts dessen, was ihr widerfahren war, hatte es ihm anscheinend die Lust auf seine üblichen Sprüche genommen. »Zumindest nicht, wenn sie ihr nach ihrem Tod beigebracht wurden.«
»Nach der Obduktion und den chemisch-toxikologischen Untersuchungen wissen wir hoffentlich mehr«, sagte Englmair. Mithilfe dieser Tests konnten Gifte, Drogen, Medikamente oder Alkohol im Körper der Toten nachgewiesen werden. »Aber bis auf Weiteres gehen wir von einem Tötungsdelikt aus. Möglicherweise hat derjenige, der ihr die Tinte injizierte, sie aber auch nur verhungern lassen. Wichtiger ist es zunächst jedoch, dass wir sie zweifelsfrei identifizieren. Und wie du selbst sehen kannst, ist das aufgrund ihres Zustands trotz der Tätowierung, des Muttermals und der anderen Merkmale nicht so einfach. Deshalb möchte ich dich bitten, einen genaueren Blick auf die Leiche zu werfen. Du hast ein Foto der Vermissten in deiner Akte und kannst sie daher eher identifizieren als wir.«
Anja nickte. Sie seufzte tief und richtete ihren Blick wieder auf die Leiche. Die leichte Übelkeit, die der ekelerregende Geruch an diesem Ort hervorrief, wurde stärker. Sie hatte allerdings nicht das Gefühl, als müsste sie sich übergeben.
Da sie bis auf die Knochen abgemagert war, sah die Frau um Jahrzehnte älter aus, als sie es vermutlich war. Wahrscheinlich hätte sie in diesem Zustand nicht einmal ihre eigene Mutter wiedererkannt.
Widerstrebend trat Anja näher heran, bis sie direkt neben dem Seziertisch stand und einen besseren Blick auf das Gesicht der Toten hatte. Es war zum Glück nicht verzerrt, wie es oftmals bei einem qualvollen Todeskampf der Fall war. Stattdessen war es glatt und vergleichsweise entspannt, als wäre sie sanft entschlafen. Die Augen waren geschlossen, sodass Anja ihre Augenfarbe nicht erkennen konnte. Doch die Haarfarbe stimmte mit der Vermisstenmeldung überein; es handelte sich um ein auffallendes natürliches Weißblond. Die Haare waren länger, als es Anja beschrieben worden war. Aber da seit dem Verschwinden der Frau drei Monate vergangen waren, waren sie in dieser Zeit natürlich gewachsen.
»Und?«, fragte Krieger ungeduldig. »Ist unser knochiges Dornröschen nun deine Vermisste oder nicht?«
Anja sah ihn wütend an, woraufhin er schuldbewusst die Augen abwandte. Er trat unwillkürlich einen Schritt zurück, als befürchtete er, sie würde ihn auch noch schlagen. Dazu hatte sie in diesem Augenblick sogar gute Lust. Doch dann richtete sie ihren Blick wieder auf das Gesicht der Leiche. Dabei konzentrierte sie sich vor allem auf markante, unveränderliche Merkmale. Den Rest blendete sie einfach aus. Dann verglich sie das, was sie sah, gedanklich mit dem Bild, das ihr Nadine Weinharts Mutter gegeben hatte, als Anja sie wenige Tage nach dem Verschwinden ihrer Tochter aufgesucht hatte.
Das Foto, das ein paar Wochen vor ihrem Tod aufgenommen worden war, zeigte Nadine als lebenslustige 33-Jährige. Es war entstanden, bevor die quälenden Kopfschmerzen und die Übelkeit eingesetzt hatten. Sie hatte in die Kamera gelächelt und nichts davon geahnt, was die Zukunft ihr Schreckliches bringen würde. Vor allem nicht, dass sie schon bald an diesem furchtbaren Ort landen würde.
Nadine war nicht dick gewesen, aber auch nicht besonders schlank. Doch falls es sich bei der toten Frau auf dem Seziertisch tatsächlich um Nadine Weinhart handelte, hätte der Unterschied kaum größer sein können.
Die eingefallenen abgezehrten Gesichtszüge veränderten ihr Aussehen grundlegend. Dennoch konnte Anja nach und nach Übereinstimmungen mit dem Foto erkennen, das sie im Gedächtnis hatte. Vor allem die etwas zu breite Nase, die schmalen Lippen und das spitze Kinn. Auch die kleinen Ohren und die dichten Augenbrauen hatten sich nicht verändert. Zusammengenommen festigten sie in Anja die Überzeugung, dass sie tatsächlich Nadine Weinharts Leiche vor sich hatte.
Nach einer Weile seufzte sie schwer und nickte. »Ich fürchte, sie ist es wirklich.«
»Bingo!« Krieger hob die Faust, als hätte er einen wichtigen Sieg errungen.
»Ich checke nur noch schnell die Tätowierung« Anja ging zum Fußende des Seziertisches. »Nur um auf Nummer sicher zu gehen.«
Das Muttermal in der rechten Achselhöhle musste sie nicht überprüfen. Schließlich hatte Englmair ihr schon bestätigt, dass es vorhanden war. Sie kannte nämlich weder seine genaue Form noch seine Größe. Außerdem hätte sie den Leichnam dazu anfassen müssen, und das wollte sie um alles in der Welt vermeiden. Davon ganz abgesehen trug sie keine Handschuhe und hätte auf der Leiche Spuren hinterlassen.
Sie ging in die Knie, bis sie das Tattoo direkt oberhalb des linken äußeren Fußknöchels besser sehen konnte. Es handelte sich um einen roten Marienkäfer in der Größe eines Zwei-Euro-Stücks. Er war plastisch dargestellt und warf einen dunklen Schatten auf die Haut; deshalb wirkte er extrem lebensecht. Das Tattoo wurde aufgrund der Magerkeit der Leiche etwas verzerrt. Dennoch erkannte Anja es sofort wieder. Sie hatte ein Foto davon gesehen. Nadine hatte es nach dem Besuch beim Tätowierer mit dem Handy gemacht und ihrer besten Freundin geschickt.
Anja richtete sich auf. Sie sah Englmair an und nickte mit ernster Miene. »Ich habe keinen Zweifel, dass es sich bei der Toten um die vermisste Nadine Weinhart handelt.« Damit war es offiziell.
»Gut, das reicht uns für den Augenblick«, sagte er. »Hundertprozentige Gewissheit bekommen wir ohnehin erst nach dem Abgleich der Fingerabdrücke, des Zahnstadiums und der DNA. Aber jetzt können wir unsere Ermittlungen wenigstens auf eine konkrete Person konzentrieren.«
»Erzählt ihr mir jetzt endlich, wo sie gefunden wurde?«
»Wieso willst du das überhaupt wissen?«, fragte Krieger. »Sei froh, dass der Fall für dich erledigt ist und du die Akte vom Tisch hast. Apropos Akte! Wäre schön, wenn du uns die Vermisstenakte noch heute ins Büro bringen könntest.«
»Es interessiert mich einfach, was mit ihr geschehen ist«, sagte Anja. »Immerhin habe ich mich in den letzten drei Monaten intensiv mit ihrem Fall beschäftigt. Außerdem ging mir ihr Schicksal nahe. Aber das kann ein gefühlloser Klotz wie du natürlich nicht verstehen.«
»Ich bin nicht gefühllos«, widersprach er und machte ein empörtes Gesicht. »Komm schon, Peter! Sag ihr, dass ich nicht gefühllos bin!«
»Anton ist nicht gefühllos«, sagte Englmair gehorsam. Nach einer kurzen Pause fügte er einschränkend hinzu: »Zumindest nicht ganz. Er ist aber auch nicht besonders gefühlvoll oder mitfühlend.«
»Jetzt fällst du mir auch noch in den Rücken.« Krieger verzog missmutig das Gesicht und verschränkte die Unterarme vor der Brust, als wäre er tödlich beleidigt. Man konnte jedoch sehen, dass er es nur vorgab und nicht böse auf seinen Kollegen war, denn seine Augen funkelten belustigt.
»Dann eben gefühlsarm«, korrigierte sich Anja.
Krieger bewegte den Kopf abwägend hin und her, als könnte er mit dieser Charakterisierung leben.
Anja wusste nicht viel über das Privatleben der beiden. Allerdings hätten sie auch da nicht unterschiedlicher sein können. Krieger war ein eiserner Verfechter der Ehe und mittlerweile schon zum dritten Mal verheiratet. Englmair hingegen hielt nicht viel von einem Trauschein, lebte allerdings seit mehr als zwei Jahrzehnten mit ein und derselben Frau zusammen. Er war kinderlos, während Krieger mit seinen ersten beiden Ehefrauen drei Kinder gezeugt hatte. Also war er vermutlich tatsächlich nicht völlig gefühllos, sondern gebärdete sich im Dienst nur so. Vermutlich war das nichts anderes als ein Schutzmechanismus. Manche Polizisten benötigten einen solchen, den sie wie eine Panzerung trugen, um weiterhin ihre Arbeit erledigen zu können und nicht resigniert das Handtuch zu werfen.
»Also, wo wurde Nadine gefunden?«
»Am Wurmeck«, sagte Krieger und fügte zweifelnd hinzu: »Wenn du weißt, wo das ist?«
»Natürlich weiß ich das«, antwortete Anja gereizt. Sie war ein Münchner Kindl. So hieß nicht nur die offizielle Wappenfigur der bayerischen Landeshauptstadt, ein Mönch mit goldgeränderter schwarzer Kutte und roten Schuhen. So wurde auch jeder genannt, der in München geboren war.
»Als Wurmeck wird der südwestliche neugotische Eckturm des Neuen Rathauses bezeichnet, da sich dort die Kupferfigur eines Drachen oder Lindwurms emporwindet« sagte Anja, als rezitierte sie aus einem Reiseführer. »Darüber befinden sich drei Steinreliefs, die die Sage vom Münchener Lindwurm veranschaulichen. Demnach soll im Jahre 1517 in der Stadtmitte ein Lindwurm aus der Erde gekrochen sein und die Pest verbreitet haben. Er wurde von mutigen Männern mit einem Kanonenschuss besiegt. Dennoch trauten sich die Bürger nicht mehr aus ihren Häusern. Bis erstmals die Schäffler, wie die Fassküfer oder Fasshersteller in Bayern auch genannt wurden, durch die Straßen tanzten. Sie wollten die Bevölkerung damit beruhigen und dazu bringen, wieder am öffentlichen Leben teilzunehmen. Daran soll bis heute der traditionelle Schäfflertanz erinnern, der alle sieben Jahre aufgeführt wird.«
Anja kannte die Details aufgrund einiger Stadtführungen. Sie hatte zu Beginn ihrer Tätigkeit bei der Münchner Kriminalpolizei daran teilgenommen, um ihren zukünftigen Einsatzort noch besser kennenzulernen.
Allerdings wusste sie auch, dass es sich dabei vermutlich um eine verfälschte Herkunftssage des Schäfflertanzes handelte. Denn obwohl München zur damaligen Zeit nachweislich mehrere Male von der Pest heimgesucht worden war, wurde dennoch bezweifelt, dass es 1517 ebenfalls eine Pestepidemie in der Stadt gegeben hatte. In den Sterberegistern für dieses Jahr waren jedenfalls keine auffälligen Sterberaten verzeichnet. Außerdem wurde der Schäfflertanz erstmals im 17. Jahrhundert als Zunftbrauch nachgewiesen. Von all dem sagte sie jedoch nichts, da es für die Ermittlungen keine Rolle spielte.
Englmair nickte anerkennend. Sogar Krieger schien von ihrem Wissen beeindruckt zu sein. Er starrte sie mit offenem Mund an und war ausnahmsweise sprachlos, wofür Anja dankbar war.
»Also ist der Fundort neben den Beulen ein weiterer Bezug auf die Pest«, sprach sie das Offensichtliche aus. Seitdem sie bestätigt hatte, dass es sich bei dem Leichnam aller Voraussicht nach um die vermisste Nadine Weinhart handelte, vermied sie es, die tote Frau noch einmal anzusehen. Außerdem hatte sie den Abstand zwischen ihnen automatisch wieder vergrößert, indem sie zwei Schritte zurückgewichen war.
»Das Thema scheint für den Mörder demnach eine wichtige Rolle zu spielen«, sagte Englmair. »Warum auch immer?«
Obwohl sie noch immer nicht wussten, wie Nadine Weinhart gestorben war, gingen sie alle insgeheim davon aus, dass es sich um Mord handelte. Andernfalls hätte der Täter ihre Leiche gewiss nicht mit den scheußlichen »Pestbeulen« verunstaltet und ihre Leiche an einem Ort wie dem Wurmeck abgelegt, als wollte er sie öffentlich zur Schau stellen.
Anja fielen spontan zwei weitere Stellen ein, die mit der Pest in Verbindung standen.
So gibt es an der Rathausfassade in Traufhöhe den Wasserspeier einer Megäre, eine Rachegöttin der griechischen Mythologie. Unter ihrem Mantel kriecht ein Geschöpf hervor, das die Pest symbolisieren soll. Neben ihr ein Arzt, ein Schäffler und ein Musikant als Bekämpfer der Seuche.
Außerdem befinden sich auf dem Sockel der Mariensäule vor dem Rathaus vier bronzene Putti. Das sind geflügelte Kinderengel. Sie kämpfen gegen vier in Tiergestalt dargestellte Menschheitsplagen. Dabei symbolisiert der Löwe den Krieg, der Drache den Hunger, die Schlange den Unglauben und der Basilisk, ein mythisches Tier, wiederum die Pest.
»Die Leiche wurde also nicht zufällig, sondern mit voller Absicht am Wurmeck abgelegt«, sagte Anja. »Der Täter will mit dem Fundort und diesen …« Sie deutete mit der Hand vage in Richtung Leiche, ohne sie anzusehen. »… Beulen vermutlich etwas mitteilen. Fragt sich nur, was?«
Sie bemerkte die Blicke, mit denen die beiden Kollegen sie ansahen und fragte: »Was ist los? Habe ich etwas Falsches gesagt?«
Englmair schüttelte den Kopf. »Nein. Es ist nur …« Er verstummte und seufzte. »Die Leiche wurde nicht einfach nur abgelegt.«
»Sondern?«
»Komm her! Ich zeig’s dir.« Englmair nahm eine Klarsichthülle, die Anja erst jetzt bemerkte, von einer Ablage aus leicht zu reinigendem Edelstahl. Sie schien mehrere großformatige Fotos zu enthalten.
Sie ging mit großem Abstand um den Seziertisch herum und trat neben ihn. »Vielleicht könntest du inzwischen die Leiche zudecken«, sagte sie zu Krieger, ohne ihn dabei anzusehen. »Muss ja nicht sein, dass sie die ganze Zeit so entblößt daliegt.«
Krieger zuckte mit den Schultern. Er tat jedoch, was sie gesagt hatte, ohne zu murren oder es mit einem anzüglichen Spruch zu kommentieren.
»Das sind die Tatortfotos, die wir vom kriminaltechnischen Fotografen bekommen haben.« Englmair reichte ihr den Stapel, den er aus der Klarsichthülle geholt hatte.
Anja nahm ihn entgegen und betrachtete die oberste Aufnahme. Sie sog Luft ein und hielt sie unwillkürlich an.
Die Leiche war tatsächlich nicht einfach nur abgelegt, sondern geradezu in Szene gesetzt worden. Sie war auch auf den Bildern nackt. Die dunklen Beulen auf dem bleichen ausgemergelten Körper waren im Blitzlicht des Fotografen deutlich zu erkennen. Allerdings lag sie nicht am Boden, wie Anja vermutet hatte, sondern saß auf einem weißen Holzpferd mit silberner Mähne und braunem Zaumzeug. Ihr Oberkörper war gegen den Hals des Tieres gelehnt. In der rechten Hand hielt sie etwas, das wie ein Bogen mit einem eingelegten Pfeil aussah. Und auf dem weißblonden Haar hatte sie einen Kranz aus Zweigen und grünen Blättern.
»Was ist das für ein Pferd?«
»Wir vermuten, dass es sich um ein altes Karussellpferd aus Holz handelt«, sagte Krieger, der das Leichentuch wieder über die Tote gebreitet hatte. Er stand mit verschränkten Armen da und lehnte sich gegen den Seziertisch. »Falls sich das bestätigen sollte, kommen wir dem Kerl vielleicht auf die Spur, indem wir herausfinden, woher es stammt.«
»Die Leiche war mit Seilen daran festgebunden. So konnte sie nicht herunterfallen«, erläuterte Englmair.
Anja nahm das nächste Foto in Augenschein. Es zeigte Pferd und Reiterin aus einer anderen Perspektive. Jetzt konnte sie auch die Stricke sehen, mit denen die Fußknöchel unter dem hölzernen Bauch des Pferdes und die Handgelenke vor dem Hals zusammengebunden worden waren. Danach kamen Aufnahmen aus unterschiedlichen Blickwinkeln, gefolgt von Detailfotos des Bogens in ihrer Hand und des Kranzes auf ihrem Kopf.
»Ist das ein Bogen mit einem eingelegten Pfeil?«
Englmair nickte. »Vermutlich hat ihn der Täter eigenhändig hergestellt. Er besteht aus einer etwa ein Meter fünfzig langen und fünf bis sechs Zentimeter dicken Haselnussrute. Der Täter hat sie getrocknet, entrindet und anschließend gebogen. Das Sehnengarn besteht aus weißem Polyester. Als Pfeil dient ein getrockneter und entrindeter Haselnussschössling, durchschnittlich sieben Millimeter dick und 50 Zentimeter lang. Er wurde mit Sekundenkleber am Bogen befestigt, sodass er sich nicht davon lösen konnte. Dann wurde das Ganze mit Klebeband an der Hand der Toten fixiert.«
»Und der Kranz auf ihrem Kopf?«
»Lorbeer«, antwortete Krieger.
»Ein Siegerkranz«, verlieh Anja ihrer Vermutung Ausdruck. Nach ihrer Erfahrung war ein Lorbeerkranz vor allem ein Symbol für einen Sieg oder einen besonderen Erfolg.
Englmair zuckte mit den Schultern.
»Wie eine Siegerin sieht sie nicht gerade aus«, widersprach Krieger.
»Es geht auch nicht darum, wie wir sie sehen, sondern was der Täter in ihr sah«, entgegnete Anja. »Und er muss schon einen verdammt guten Grund gehabt haben, dass er sich die ganze Mühe mit dem Karussellpferd, dem Bogen und dem Kranz gemacht hat.«
Sie sah sich das nächste Foto an. Auf ihm war nur das Holzpferd zu sehen, nachdem man den Leichnam entfernt hatte. Der Sattel, der bislang verdeckt gewesen war, war ebenfalls braun. Anja blätterte die restlichen Bilder rasch durch, bevor sie sie Englmair zurückgab.
»Habt ihr schon eine Vermutung, warum der Täter die Leiche auf diese spezielle Art und Weise hinterlassen hat?« Der Mörder hatte sich gewiss nicht nur aus Spaß die Mühe gemacht, den Leichnam auf ein Karussellpferd zu setzen und darüber hinaus Pfeil und Bogen und einen Lorbeerkranz anzufertigen. In derartigen Fällen, die so eindeutig und auffallend von gewöhnlichen Mordfällen abwichen, geschah selten etwas ohne konkreten Grund. Jedes Detail hatte für den Täter eine manchmal offensichtliche, manchmal aber auch verborgene Bedeutung. Und erst, wenn es den ermittelnden Beamten gelang, diesen Geheimcode zu entschlüsseln, konnten sie darauf hoffen, dem Mörder einen Schritt näher und irgendwann auf die Schliche zu kommen.
Doch die beiden Männer schüttelten synchron die Köpfe. Damit wirkten sie trotz ihres Größenunterschieds wieder wie die Zwillinge, die sie entgegen ihrer Ähnlichkeit nicht waren. Allerdings standen sie noch am Anfang ihrer Ermittlungen. Sie hatten gerade erst damit begonnen, die Hintergründe der Tat zu enträtseln, und da konnte man in der Regel auch keine Wunder erwarten.
»Vielleicht soll sie so eine Art Jagdgöttin darstellen«, vermutete Krieger.
»Diana?«, nannte Englmair daraufhin den Namen der römischen Göttin der Jagd.
»Oder Artemis«, fügte Anja hinzu. »Das ist die Göttin der Jagd aus der griechischen Mythologie. Andererseits haben wir mit den nachgemachten Pestbeulen und dem Fundort einen eindeutigen Bezug zur Pest.«
»Dann meinst du also, dass die Art, wie der Leichnam arrangiert wurde, ebenfalls etwas mit der Pest zu tun haben könnte?«, fragte Krieger. Der Gedanke war naheliegend. Die Seuche schien das beherrschende Thema des Täters zu sein. »Immerhin scheint der Täter davon geradezu besessen zu sein. Nennt man ein weißes Pferd nicht auch Schimmel? Dann steht der Schimmelpilz vielleicht für die Pest?« Er zuckte fragend mit den Schultern.
Anja schüttelte den Kopf. »Schimmelpilze haben nichts mit der Pest zu tun. Das eine bezeichnet eine Gruppe von Pilzen. Das andere ist eine hochgradig ansteckende Infektionskrankheit, die durch ein Bakterium übertragen wird.« Sie hatte zwar das unbestimmte Gefühl, dass es dennoch einen Zusammenhang zwischen einem weißen Pferd und der Pest geben könnte, wusste jedoch nicht, woher diese Ahnung kam. Daher behielt sie es vorerst für sich.
»Wir werden uns darüber informieren und all diesen Dingen nachgehen«, beendete Englmair das Thema. In diesem frühen Stadium brachte es nichts, unnütze Spekulationen anzustellen. »Falls es einen Zusammenhang gibt, finden wir das schon noch heraus. Erzähl uns lieber etwas über die Tote.«
»Das Wichtigste wisst ihr ohnehin schon aus der Vermisstenanzeige«, sagte Anja und gab ihm den Computerausdruck mit Nadines Daten zurück. Sie hatte ihn auf die Ablage gelegt, bevor sie sich die Tatortfotos angesehen hatte.
Englmair nahm die Blätter entgegen. Er faltete sie einmal und steckte sie zu den Fotos in die Klarsichthülle. »Dann erzähl uns das, was nicht drinsteht.«
Anja seufzte. Sie sah die verhüllte Leiche an und wandte rasch wieder den Blick ab. »Nadine Weinhart hatte einen Gehirntumor.«
»Was?«, fragte Englmair und riss überrascht die Augen auf.
Kriegers Kommentar lautete: »Ach du Scheiße!« Er stieß sich abrupt vom Seziertisch ab, als hätte die Leiche eine ansteckende Krankheit, drehte sich um und sah mit gerunzelter Stirn auf die Tote unter dem Leichentuch herab. »Das auch noch!«
Anja nickte. »Nadine klagte vor ihrem Verschwinden ein paar Wochen lang über starke Kopfschmerzen und Übelkeit, die sie vor allem in der Nacht und am Morgen quälten. Schließlich ging sie zu ihrem Hausarzt, der sie an einen Neurologen verwies. Allerdings verschwieg sie das ihrer Mutter und ihrer besten Freundin. Vermutlich, um sie nicht zu beunruhigen. Der Neurologe schickte sie in eine radiologische Praxis, die sie am Morgen ihres Verschwindens aufsuchte, um ein MRT machen zu lassen. Dabei wurde eine Geschwulst in einem schwer zugänglichen Teil ihres Gehirns entdeckt.«
»Hätte man den Tumor entfernen können?«, fragte Krieger.
Anja schüttelte den Kopf. »Nach Ansicht des Arztes, der Nadine die Diagnose mitteilte, nicht. Es blieb nur eine kombinierte Behandlung aus Bestrahlung und Chemo übrig. Aber die Heilungschancen wären auch in diesem Fall gering gewesen.«
»Und wie hat sie die Nachricht aufgenommen?«, fragte Englmair.
»Nach Aussage des Arztes hat sie es so aufgenommen, wie der überwiegende Teil aller Krebspatienten es tut. Und wie es angesichts eines theoretischen Todesurteils auch nicht anders zu erwarten ist. Ich glaube, das waren in etwa seine Worte.«
»Was für ein Arschloch!« Krieger schüttelte den Kopf. Angesichts der tödlichen Krankheit des Opfers erwies er sich als erstaunlich einfühlsam. Damit widerlegte er Anjas vorherige Behauptung, er sei gefühlsarm.
»Der Typ war so kalt wie ein Eskimohintern und hätte von daher eher Klempner als Arzt werden sollen«, sagte sie.
Die beiden Polizisten lachten. Anja kam das an diesem Ort und in Gesellschaft einer Leiche unpassend vor. Dennoch musste auch sie schmunzeln, bevor sie mit ihrem Bericht fortfuhr: »Am Abend telefonierte Nadine sowohl mit ihrer Mutter als auch mit ihrer Freundin Anne. Sie erzählte allerdings keinem von dem Tumor, sondern spielte die Sache mit den Kopfschmerzen herunter. Danach hatte niemand mehr Kontakt zu ihr.«
»Außer dem Irren, der das mit ihr angestellt hat«, sagte Krieger und zeigte auf die verhüllte Leiche.
»Hatte sie keinen Ehemann oder Freund?«, fragte Englmair.
»Sie war nie verheiratet und trennte sich vor acht Monaten von ihrem letzten Freund. Danach war sie alleinstehend.«
»Und seitdem kein einziger Mann in ihrem Leben?« Krieger sah Anja an, als wollte sie ihn verarschen.
»Wenn, dann hätte sie ihrer besten Freundin etwas davon gesagt. Die beiden erzählten sich alles.«
»Von dem Tumor hat sie ihr auch nichts gesagt«, schränkte Englmair ein.
Anja nickte. »Allerdings sagte sie bei ihrem letzten Telefonat etwas von einem Mann, den sie kennengelernt habe. Sie nannte sogar einen Namen: Johannes.«
»Und?«, fragte Englmair. »Was hast du über den Typen herausgefunden?«
»Absolut nichts! Es kam mir schon so vor, als hätte Nadine ihrer Freundin nur etwas vorgeflunkert, um sie auf diese Weise davon abzuhalten, Fragen über ihre Kopfschmerzen zu stellen. Denn niemand, den ich befragte – weder ihre Bekannten noch ihre Arbeitskollegen oder die Wohnungsnachbarn –, hat diesen mysteriösen Johannes gesehen, geschweige denn mit ihm gesprochen. Und mehr als seinen Namen offenbarte sie nicht einmal ihrer besten Freundin.«
»Eine Sackgasse also«, konstatierte Englmair.
»Im wahrsten Sinne des Wortes. Allerdings ging ich, nachdem ich Nadines Krankengeschichte in Erfahrung gebracht hatte, ohnehin davon aus, dass sie dem Tumor zuvorkommen wollte und ihrem Leben selbst ein Ende bereitet hat. Insgeheim rechnete ich daher schon die ganze Zeit damit, dass man früher oder später ihre Leiche finden würde.«
»Was nun ja auch geschehen ist«, meinte Krieger trocken.
Anja nickte. Sie vermied weiterhin jeden unnötigen Blick auf die tote Frau. »Allerdings rechnete ich natürlich nicht damit, dass sie in einem derartigen Zustand wiederauftauchen würde. Abgemagert bis auf die Knochen, mit nachgemachten Pestbeulen übersät und an ein Karussellpferd gebunden.«
Krieger nickte. »Wie ich am Telefon schon sagte: Suizid sieht anders aus.«
Keiner der Anwesenden wusste das besser als Anja. Doch sie verzichtete auf einen entsprechenden Kommentar.
»Sie war Krankenschwester, nicht wahr?«, fragte Englmair.
Anja nickte nur. Nadines Beruf stand schließlich auf dem Computerausdruck.
»Passt sogar irgendwie zur Pest. Findet ihr nicht? Immerhin handelt es sich dabei um eine Krankheit«, sagte Englmair.
»Stimmt.« Anja war dieser Zusammenhang noch gar nicht aufgefallen.
»Und ihr weißblondes Haar passt zur Farbe des Pferdes«, ergänzte Krieger, als wollte er nicht ins Hintertreffen geraten und eine ebenso scharfsinnige Beobachtung beisteuern. Doch die Kollegen reagierten nicht darauf.
»Wo arbeitete sie?«, fragte Englmair stattdessen.
»Im Klinikum Großhadern.«
Krieger hob überrascht die Augenbrauen. »Ach nee! Arbeitet da nicht auch dein Ex-Göttergatte?«
Anja sah ihn einen Moment lang irritiert an, bevor sie begriff, worauf er hinauswollte. Erst dann erkannte sie verblüfft, dass er recht hatte. Ihr selbst war das bislang noch gar nicht aufgefallen. Weder als sie die Vermisstenmeldung auf den Tisch bekommen hatte, noch bei dem Gespräch mit Nadines Mutter oder bei der Befragung der Kolleginnen und Kollegen im Klinikum.
Zu der Zeit hatte Fabian nämlich endlich damit aufgehört, sie anzurufen, ihr aufzulauern, ihr Blumen zu schicken oder sie auf sonstige Weise davon zu überzeugen, dass sie zu ihm zurückkehren sollte. Und Anja hatte sich daraufhin bemüht, ihn vollständig aus ihren Gedanken zu verbannen. Sie wollte ihn einfach nur vergessen und endlich über das Scheitern ihrer Ehe und die Trennung hinwegkommen. Und so wie es aussah, war ihr zumindest Ersteres verdammt gut gelungen. Sie hatte nicht einmal bemerkt, dass er am selben Klinikum als Arzt arbeitete, an dem Nadine Weinhart als Krankenschwester tätig gewesen war. Allerdings war sein Name im Laufe ihrer Ermittlungen auch nicht aufgetaucht. Sie ging daher nicht davon aus, dass sich die beiden näher gekannt hatten.
»Wir sind noch nicht geschieden, da wir uns erst vor einem halben Jahr getrennt haben«, korrigierte sie Krieger automatisch, sobald sie sich von ihrer Überraschung erholt hatte. Sie widerstand allerdings der Versuchung, sich dafür zu rechtfertigen, dass sie Fabian verlassen hatte. Schließlich war nicht sie am Scheitern ihrer Ehe schuld gewesen, sondern einzig und allein Fabian. Sie hatte also keinen Grund, sich zu entschuldigen. »Aber du hast natürlich recht, Krieger. Fabian arbeitet ebenfalls dort.«
»So wie unzählige andere auch«, schränkte Englmair ein.
Das Klinikum Großhadern gehört zum Klinikum der Universität München, zu dem es mit dem Klinikum Innenstadt 1999 fusioniert ist. Gemeinsam bilden sie eine der größten Kliniken Deutschlands. Das Klinikum Großhadern verfügt über 1.200 Betten. Es ist damit der größte zusammenhängende Krankenhauskomplex Münchens. Entsprechend groß ist die Zahl der Ärzte, des Pflegepersonals und der übrigen Beschäftigten.
»Kannte er die Frau?« Krieger wirkte auf Anja wie eine Alligatorschildkröte. Er konnte einfach nicht mehr loslassen, sobald er sich in ein Thema verbissen hatte.
»Verdächtigst du etwa Fabian, Nadine Weinhart ermordet zu haben?«, fragte sie verblüfft. »Warum? Nur weil er im selben Klinikum arbeitet, in dem auch Nadine tätig war? Das ist doch lächerlich!« Obwohl Anja aufgrund dessen, was Fabian ihr angetan hatte, nicht vorhatte, ihn zu verteidigen, konnte sie dennoch nicht glauben, dass er dazu fähig sein sollte, einer Frau etwas Derartiges anzutun. Außerdem war er Arzt. Er hatte einen Eid geschworen, Menschen zu helfen. Und obwohl er sie jahrelang betrogen und hinters Licht geführt hatte, glaubte sie nicht, dass sie sich so in ihm getäuscht haben konnte.
Englmair sah seinen Kollegen fragend an, als wäre er ebenfalls gespannt, worauf dieser hinauswollte.
»Momentan verdächtige ich noch gar niemanden«, entgegnete Krieger, als hätte er eingesehen, dass er zu weit gegangen war. »Ich habe nur gefragt, ob dein Mann sie kannte. Immerhin waren sie im selben Klinikum tätig. Kann ja sein, dass er uns etwas über sie oder diesen mysteriösen Johannes erzählen kann.«
Anja zuckte mit den Schultern. »Da musst du ihn schon selbst fragen, wenn du ihn triffst. Ich habe ihn schon seit Monaten nicht mehr gesehen, worüber ich ehrlich gesagt heilfroh bin, und ihn daher auch nicht nach Nadine gefragt. Dazu hatte ich im Übrigen auch keinerlei Veranlassung. Denn soweit ich weiß, waren sie in unterschiedlichen Abteilungen tätig. Ich habe alle unmittelbaren Kolleginnen und Kollegen von Nadine befragt, und dabei wurde sein Name kein einziges Mal erwähnt. Es kann natürlich sein, dass sie sich vom Sehen kannten. Aber selbst wenn das der Fall gewesen sein sollte, glaube ich nicht, dass Fabian etwas über diesen Johannes weiß, wenn nicht einmal Nadines beste Freundin mehr als seinen Namen kennt.« Anja wandte den Kopf und sah Englmair an. »Gibt es sonst noch etwas, das ihr über Nadine Weinhart wissen wollt. Es wird nämlich Zeit, dass ich ins Büro komme und anfange, meine zahlreichen anderen Fälle zu bearbeiten.«
»Kannst du uns sonst vielleicht noch etwas sagen, das uns dabei hilft, ihren Mörder zu finden?«, fragte Englmair.
Sie überlegte kurz und schüttelte dann den Kopf. »Ich hatte schon nichts Greifbares in der Hand, um in den letzten drei Monaten herauszufinden, warum und wohin sie verschwunden ist. Woher soll ich also etwas wissen, was euch zu ihrem Mörder führt?«
»Hätte ja sein können«, sagte Englmair und seufzte. »Schließlich stirbt die Hoffnung zuletzt.«
Anja nickte zustimmend. Sie beneidete die beiden nicht um ihre Aufgabe. Sofern die Kriminaltechnik und der Gerichtsmediziner nichts fanden, das einen Hinweis auf den Täter gab oder dabei half, den Kreis der Verdächtigen einzugrenzen, würde es schwer werden, ihm auf die Schliche zu kommen.
Sie warf – als würden ihre Augen magnetisch davon angezogen – einen Blick auf den Leichnam. Aufgrund des Lakens konnte sie nur die Konturen erkennen. Allerdings genügte das, um zu sehen, wie abgemagert die tote Frau war.
Sie stellte sich vor, welche Qualen Nadine Weinhart vor ihrem Tod hatte erdulden müssen. Die Kopfschmerzen, die ihr der Tumor bereitete, dazu die Übelkeit. Und dann auch noch der ständige Hunger, weil ihr der Täter, aus welchem Grund auch immer, nahezu jegliche Nahrung vorenthalten hatte. Denn anders wäre es nicht möglich gewesen, dass sie in drei Monaten so viel Gewicht verloren hatte.
Sie wandte den Blick ab und seufzte schwer.
Sekunden später verließen die drei Kriminalbeamten den Sezierraum.
Anja war froh, diesen ungastlichen Ort endlich hinter sich lassen zu können. In ihrer Vorstellung wirkte er düsterer und unheilvoller, als er es in Wirklichkeit war. Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, in diesem Gebäude zu arbeiten und jeden Tag hierherzukommen. Aber andere Leute hatten eben nicht die gleichen Probleme mit den Toten wie sie.
Vor dem Gebäude atmete sie tief die frische Luft ein. Sie fühlte sich, als wäre ihr eine schwere Last von den Schultern genommen worden. So ähnlich musste man sich fühlen, wenn man nach Jahrzehnten aus dem Gefängnis entlassen wurde.
Krieger und Englmair verabschiedeten sich von Anja. Krieger erinnerte sie in gewohnt unfreundlicher Art noch einmal an Nadine Weinharts Akte. Dann marschierten die beiden Kollegen zu ihrem Dienstwagen, den sie neben dem Institut im Halteverbot abgestellt hatten. Anja machte sich währenddessen auf den Weg zu ihrem eigenen Auto.
VII
Sie fuhr direkt zu ihrer Dienststelle. Normalerweise hätte sie jetzt die traurige und schwere Aufgabe gehabt, Nadines Mutter vom Tod ihrer Tochter zu unterrichten. Aber da Nadine allem Anschein nach das Opfer eines Gewaltverbrechens geworden war, mussten die siamesischen Zwillinge das übernehmen. Auch darum beneidete sie die Mordermittler nicht.
Während der Fahrt hatte sie ständig das Bild der toten Frau vor Augen, sosehr sie sich auch bemühte, es zu verdrängen. Doch es schien sich in ihren Verstand eingeätzt zu haben. So wie der Anblick einer anderen Leiche vor vielen Jahren, den Anja bis heute nicht losgeworden war und der sie bis in ihre schlimmsten Albträume verfolgte.
Sie schüttelte den Kopf, denn das war ein Gedankengang, den sie partout nicht bis zu seinem schrecklichen Ende weiterverfolgen wollte. Nicht jetzt jedenfalls, wo es so viel anderes gab, über das sie nachdenken musste. Stattdessen konzentrierte sie sich auf die Details im Fall von Nadine Weinhart, der über Nacht von einem Vermissten- zu einem Mordfall geworden war.
Krieger hatte völlig recht. Es war nicht mehr ihr Fall. Eigentlich könnte sie alles, was damit zusammenhing, guten Gewissens in ihren geistigen Aktenvernichter stecken und vergessen. So wie sie später auch die Akte an die Kollegen von der Mordkommission übergeben würde, nachdem sie den Vermisstenfall aufgrund des Todes der Vermissten für erledigt erklärt hatte. Erst dann wäre er für sie offiziell abgeschlossen. Dennoch konnte sie ihre Gedanken nicht daran hindern, sich mit den skurrilen Aspekten des Falles zu beschäftigen. Und es war immer noch besser, über derartige Dinge nachzudenken, als ständig das Bild der abgemagerten, von dunklen Beulen übersäten Leiche vor Augen zu haben.
Was Anja dabei am meisten zu schaffen machte, war der Umstand, dass Nadine nach Aussage des Rechtsmediziners vor weniger als zwölf Stunden gestorben war. Die Person, die sie aller Voraussicht nach entführt und drei Monate lang gefangen gehalten hatte, hatte sie aus Gründen, die sie nicht kannten, die ganze Zeit über am Leben erhalten. Allerdings hatte sie ihr kaum zu essen, sondern nur zu trinken gegeben, damit sie so stark abmagerte.
Warum?
Seitdem sie wusste, dass es sich bei dem Opfer tatsächlich um die vermisste Nadine Weinhart handelte, hatte Anja das Gefühl, versagt und die Frau im Stich gelassen zu haben. Wäre sie schon unmittelbar oder kurze Zeit nach ihrer Entführung gestorben, hätte Anja es ohnehin nicht verhindern können. Aber stattdessen hatte der Täter sie drei lange Monate in seiner Gewalt gehabt und gequält. Das war mehr als genug Zeit, um eine vermisste Person aufzuspüren. Gleichwohl hatte sie sie nicht geschafft.
Anja versuchte sich mit dem Gedanken zu beruhigen, dass es von vornherein keine einzige Spur und keinen Anhaltspunkt gegeben hatte, denen sie hätte nachgehen können. Der Täter war zu schlau gewesen und hatte nicht den geringsten Fehler gemacht; das tröstete sie jedoch nicht wirklich. Sie hatte schlicht und einfach ihren Job nicht gut genug gemacht. Sie hätte tiefer graben und gründlicher ermitteln müssen, um wenigstens irgendetwas herauszufinden.
Sie lenkte ihren Wagen automatisch durch den Verkehr. Dabei ging sie in Gedanken noch einmal akribisch Punkt für Punkt durch, was seit Nadine Weinharts Verschwinden geschehen und in die Wege geleitet worden war. Vielleicht fiel ihr ja dann ein, wo sie einen Fehler gemacht oder welche notwendige Maßnahme sie irrtümlicherweise unterlassen hatte. Und falls sie nichts entdeckte, sondern im Gegenteil zur Überzeugung kam, dass sie alles richtig gemacht hatte, dann musste sie sich auch nichts vorwerfen.
KAPITEL 2
I
Am Tag nach dem letzten Telefonat mit ihrer Tochter bekam Mona Weinhart am späten Vormittag einen Anruf aus dem Klinikum Großhadern. Eine Kollegin von Nadine erkundigte sich nach ihrer Tochter. Diese war in der Früh nicht zur Arbeit erschienen und auch telefonisch nicht zu erreichen.
Als sie auflegte, war es 11:22 Uhr.
Das wusste Mona deshalb so genau, weil sie in diesem Augenblick auf die Uhr sah. Und außerdem war es exakt der Moment, an dem die 61-Jährige begann, sich ernsthafte Sorgen um ihre Tochter zu machen. Denn ein derartiges Verhalten war absolut untypisch für Nadine. Wenn es einen vernünftigen Grund gegeben hätte, nicht zur Arbeit zu erscheinen, und wenn Nadine die Möglichkeit gehabt hätte, jemandem darüber zu informieren, dann hätte sie das auch getan. Da sie es allerdings versäumt hatte, musste ihr etwas zugestoßen sein. Das war nur logisch. Und davon war die Mutter überzeugt.
Sie dachte natürlich sofort an die schlimmen Kopfschmerzen und die Übelkeit, unter denen Nadine in den letzten Wochen permanent gelitten hatte. Zuletzt hatte sie ihre Mutter beruhigt und behauptet, die Schmerztabletten, die ihr der Arzt verschrieben hatte, würden helfen. Doch Mona Weinhart kannte ihre Tochter gut genug, um zu wissen, dass sie ihr nicht die ganze Wahrheit erzählt hatte. Deshalb hatte sie sofort das schreckliche Bild vor Augen, wie ihre Tochter hilflos oder – Gott bewahre! – sogar tot in ihrer Wohnung lag.
Mona war kein sehr gläubiger Mensch. Franz, ihr verstorbener Ehemann, war überzeugter Atheist gewesen. Daher hatte Religion in ihrer Familie oder bei Nadines Erziehung nie eine Rolle gespielt. Aber Mona war in einem winzigen niederbayerischen Dorf aufgewachsen. Dort war ihr der katholische Glaube von klein auf eingetrichtert worden und war nicht auszurotten. Er hob vor allem in Notsituationen sein dornengekröntes Haupt, sodass Mona gelegentlich im Stillen ein Bittgebet sprach. Das tat sie auch jetzt. Sie bat Gott inständig darum, dafür zu sorgen, dass es ihrem einzigen Kind gutgehen und es sich baldmöglichst bei ihr melden möge.
Gottvertrauen war zwar schön und gut, allerdings nicht genug. Entschieden besser war es, sie sah selbst nach dem Rechten.
Deshalb nahm die den Schlüssel, den sie für Notfälle in Verwahrung hatte – Und wenn das kein Notfall ist, was dann? –, und fuhr mit der U-Bahn in die Nähe von Nadines Wohnung im Stadtteil Hadern unweit der Klinik. Den Rest des Weges ging sie zu Fuß.
Seit einer leichten Herzattacke, die sie in einem Anfall von Galgenhumor manchmal als letzte freundliche Warnung des Sensenmannes bezeichnete, bemühte sie sich, gesünder zu leben. Dazu gehörte, dass sie im Gegensatz zu früher auf übermäßigen Kaffeekonsum verzichtete. Dafür ging sie öfter an die frische Luft und unternahm ausgedehnte Spaziergänge, statt ständig nur in der Wohnung zu hocken und Kreuzworträtsel zu lösen oder fernzusehen. Deshalb war sie für ihr Alter noch erstaunlich fit und vergleichsweise schlank. Nur ihr kurz geschnittenes Haar, das früher hellblond gewesen war, war längst schneeweiß geworden. Nadine hatte ihr geraten, es zu färben. Doch Mona hatte sich geweigert. Sie war der Meinung, dass man zu seinem Alter stehen sollte.
Nach wenigen Minuten Fußmarsch erreichte sie das dreistöckige Gebäude, in dem Nadine wohnte. Mona wappnete sich innerlich und war auf alles gefasst, als sie die Wohnung betrat. Sogar – Gott behüte! – darauf, die Leiche ihres einzigen Kindes zu finden. Aber die Wohnung war verlassen. Und Mona fand auch nicht das geringste Anzeichen dafür, dass Nadine sich in einer Notlage befinden könnte. Alles sah ordentlich und aufgeräumt aus. Es erweckte den Eindruck, als würde Nadine jeden Moment zur Tür hereinkommen, um ihre Mutter überrascht fragen, warum sie den Notfallschlüssel benutzt hatte, um in die Wohnung zu gelangen.
Vielleicht gibt es ja doch eine harmlose Erklärung für Nadines Abwesenheit. Und sie hat nur nicht daran gedacht, jemanden darüber zu informieren, sagte sich Mona, während sie im Wohnungsflur stand und überlegte, was sie jetzt tun sollte. Der Gedanke war nicht nur tröstlich, sondern sogar in der Lage, das Bild der toten Tochter aus ihrem Kopf zu verdrängen. Gern hätte sie daran geglaubt, wäre nach Hause zurückgekehrt und hätte dort darauf gewartet, dass Nadine sich bei ihr meldete und dafür entschuldigte, dass sie es bislang nicht getan hatte. Dann müsste sie sich nicht länger diese furchtbaren Sorgen um ihre Tochter machen.
Sie schüttelte jedoch den Kopf. Nein, so einfach konnte die Sache nicht sein! Nadine war immer zuverlässig. Wenn sie daher nicht zur Arbeit erschien und auch niemandem Bescheid gab, musste ihr zwangsläufig etwas zugestoßen sein.
Mona legte die Hand auf ihr Herz, das schon seit dem Telefonat mit Nadines Arbeitskollegin schneller als üblich schlug. Sie dachte zuerst an ihren eigenen Infarkt vor zwei Jahren, der glimpflich verlaufen war. Dann an den ihres Mannes, der so heftig ausgefallen war, dass er ihn von einer Sekunde zur anderen das Leben gekostet hatte. Sie verdrängte diese Überlegungen allerdings sofort wieder. Sorgen um ihr eigenes Wohlergehen konnte sie sich immer noch machen, sobald sie wusste, dass es Nadine gutging. Doch solange das nicht der Fall war, durfte sie keine Rücksicht auf sich selbst nehmen, sondern sich wie jede liebende Mutter nur Gedanken um ihre Tochter machen.
Sie überlegte, was sie in einer Situation wie dieser tun konnte. Ihr erster Gedanke war natürlich, die Polizei darüber zu informieren und Nadine als vermisst zu melden. Aber dann erinnerte sie sich an einen Krimi, den sie unlängst gesehen hatte. War es ein Tatort oder eine Folge von »Der Alte«? Ach, egal!. Darin war von einer 24-Stunden-Regel gesprochen worden. Demnach konnten Erwachsene erst als vermisst gemeldet werden, wenn sie mehr als 24 Stunden verschwunden waren. Doch das war hier nicht der Fall. Sie selbst hatte vor weniger als 24 Stunden mit Nadine telefoniert.
Was dann?
Sie hörte Schritte im Treppenhaus. Dadurch kam sie auf die Idee, die Nachbarn zu befragen, ob jemand Nadine am heutigen Tag gesehen hatte. Rasch verließ sie die Wohnung. Im Treppenhaus traf sie auf einen Mann. Er war mindestens zehn Jahre älter als sie und wohnte ein Stockwerk über ihrer Tochter. Aber er hatte Nadine schon seit Tagen nicht gesehen.
Enttäuscht klingelte Mona bei der unmittelbaren Wohnungsnachbarin in derselben Etage. Die Frau, die ihr öffnete, sah uralt und tatterig aus. Mona hatte wenig Hoffnung, von ihr etwas Vernünftiges zu erfahren. Sie wurde jedoch angenehm überrascht. Genoveva Spitzeder, wie die Dame laut Türschild hieß, hatte trotz ihres hohen Alters einen hellwachen Verstand.
»Kommen Sie doch bitte herein und trinken eine Tasse Kaffee mit mir«, sagte die alte Frau herzlich. Sie war anderthalb Köpfe kleiner als Mona, die mit ihren 1,68 schon nicht besonders groß war. Außerdem war sie extrem schlank und zierlich. Mit ihren stahlgrauen Haaren, die an ihrem Hinterkopf zu einem Dutt verknotet waren, und den runden Brillengläsern wirkte sie wie eine Miniatur-Großmutter aus dem Bilderbuch. »Ich hab Käsekuchen da.«
Mona war normalerweise ein Fan von Käsekuchen. Sie konnte schlecht nein sagen, wenn ihr einer angeboten wurde. Doch in diesem Fall musste sie zu ihrem Bedauern standhaft bleiben. Sie hatte keine Zeit für einen ausgedehnten Kaffeeklatsch, wie er der alten Dame vermutlich vorschwebte. Und sie ahnte, dass sie nicht so schnell davonkommen würde, wenn sie die Einladung annahm. »Nein danke«, lehnte sie das Angebot höflich, aber entschieden ab.
Frau Spitzeder gab nicht so schnell auf. »Es macht mir überhaupt keine Mühe«, sagte sie, als hätte Mona etwas anderes behauptet. »Ich bin zwar schon dreiundneunzig Jahre alt, führe meinen Haushalt aber noch immer allein.«
Mona nickte anerkennend, bevor sie den Kopf schüttelte. »Ich hab leider trotzdem keine Zeit, um mit Ihnen Kaffee zu trinken und Käsekuchen zu essen, Frau Spitzeder. Dennoch vielen Dank für die Einladung.«
»Jammerschade.« Die alte Frau zuckte mit den Schultern.
»Ich wollte Sie nur etwas fragen«, kam Mona endlich auf ihr eigentliches Anliegen zu sprechen.
»Und was?«
»Haben Sie meine Tochter Nadine in den letzten Tagen gesehen?«
Frau Spitzeder dachte nur kurz nach, bevor sie nickte. »Das habe ich in der Tat. Ich habe sie erst gestern im Hausflur getroffen. Sie hatte nämlich Urlaub.«
»Urlaub?«
Die alte Frau nickte erneut. »Ihre Tochter hatte einen wichtigen Untersuchungstermin beim Arzt. Dafür hatte sie sich extra Urlaub genommen. Ich habe sie gefragt, ob es etwas Ernstes sei. Doch sie meinte, es handle sich nur um eine Routineuntersuchung und ich solle mir keine Sorgen machen.«
»Hat sie sonst noch etwas gesagt?«
Frau Spitzeder schüttelte den Kopf. »Nein. Sie hatte es eilig und nicht viel Zeit, um es noch rechtzeitig zu ihrem Termin zu schaffen.«
»Und Sie sind sich sicher, dass das gestern war?«
»Natürlich! Das weiß ich genau.« Die alte Frau machte einen entrüsteten Eindruck.
»Vielen Dank«, sagte Mona. »Sie haben mir sehr geholfen.«
»Gern geschehen. Und Sie wollen wirklich nicht kurz für eine Tasse Kaffee und ein Stück Kuchen hereinkommen?«
Mona lehnte noch einmal höflich ab. Sie verabschiedete sich, während sie über das nachdachte, was die Nachbarin ihr erzählt hatte.
Sie hatte nicht gewusst, dass Nadine gestern Urlaub gehabt hatte. Davon hatte auch die Kollegin am Telefon nichts gesagt. Ebenso wenig hatte sie von der angeblichen Routineuntersuchung gewusst. Nach dem Gespräch mit der Nachbarin machte sie sich noch größere Sorgen um ihre Tochter.
Mona klingelte an allen anderen Türen im Haus, hatte aber nur im Erdgeschoss Glück. Eine junge Frau mit einem Baby auf dem Arm öffnete. Sie konnte ihr aber auch nicht weiterhelfen, denn sie hatte Nadine zum letzten Mal am Wochenende gesehen.
Niedergeschlagen kehrte Mona in Nadines Wohnung zurück. Sie wollte eigentlich so schnell wie möglich nach Hause. Nur für den Fall, dass ihre Tochter zwischenzeitlich dorthin gekommen war oder sie anzurufen versucht hatte. Vorher wollte sie aber noch rasch ein paar Telefonate führen.
Zuerst rief sie ihren Hausarzt an, zu dem auch Nadine ging, wenn sie Beschwerden hatte. Die Sprechstundenhilfe stellte sie zu ihm durch. Sie teilte ihm mit, dass sie ihre Tochter nicht finden könne und Nadine nicht zur Arbeit gegangen, sondern allem Anschein nach verschwunden sei. Daraufhin erzählte er ihr, dass Nadine wegen ihrer Kopfschmerzen zu ihm gekommen sei und er sie an einen Kollegen, einen Facharzt für Neurologie, verwiesen habe. Er gab ihr die Nummer, woraufhin sie dort anrief. Die Frau am anderen Ende der Leitung teilte ihr mit, dass der Doktor momentan einen Patienten behandele, sie aber umgehend zurückrufen würde. Sie legte auf und suchte im Telefonbuch, das sie in einer Schublade der Kommode fand, nach der Nummer von Nadines bester Freundin Anne. Von ihr erfuhr sie, dass Nadine gestern Abend angerufen hatte. Aufgrund der Uhrzeit, die Anne ihr nannte, musste es unmittelbar nach dem Telefonat mit ihr gewesen sein. Auch der Freundin hatte Nadine erzählt, dass es ihr gutginge. Und sie hatte von einem Mann namens Johannes erzählt, den sie kennengelernt hätte und der sehr nett sein sollte. Die Alarmglocke in Monas Kopf, die nicht mehr verstummen wollte, begann sofort schriller und nervtötender zu läuten. Allerdings konnte Anne ihr nicht mehr über diesen Mann erzählen, denn mehr als seinen Namen hatte sie von Nadine nicht erfahren. Diese hatte das Gespräch beendet, weil sie einen Anruf ihrer Mutter erwartet hatte. Dabei hatten sie kurz zuvor miteinander telefoniert.
Eine faustdicke Lüge!
Zuerst die Tatsache, dass sie der Mutter nichts von dem Urlaubstag und dem Untersuchungstermin erzählt hatte. Und dann hatte sie auch noch ihre beste Freundin belogen.
Was ging hier vor? Und wieso hatte Nadine Anne belogen? Vermutlich aus dem einfachen Grund, weil sie Geheimnisse hatte! Und das sogar vor der eigenen Mutter! Denn sie hatte ihr und Anne nicht nur den Besuch beim Neurologen, sondern auch den Untersuchungstermin verschwiegen. Allerdings hatte sie das nach Monas Ansicht zweifellos in bester Absicht getan, um sie nicht grundlos zu beunruhigen.
Aber was war mit diesem mysteriösen Johannes? Gab es ebenfalls einen guten Grund, ihrer Mutter nichts und der besten Freundin kaum etwas von ihm zu erzählen?
Wohl kaum!
Doch viel mehr als dieser Mann beunruhigte Mona der Gedanke an die Kopfschmerzen, die ihre Tochter geplagt hatten. Denn wenn Nadine gestern tatsächlich einen Untersuchungstermin gehabt und dafür extra Urlaub genommen hatte, war das gewiss nicht grundlos geschehen.
Sie versprach Anne, sie auf dem Laufenden zu halten. Außerdem bat Mona sie, sich bei Freunden und Bekannten umzuhören, ob jemand Nadine seit gestern Abend gesehen oder gesprochen hatte oder vielleicht sogar wusste, wo sie sich aufhielt. Dann legte sie rasch auf, weil sie Angst hatte, den Rückruf des Neurologen zu verpassen. Sie lief ruhelos im Flur hin und her, während sie darauf wartete, dass das Telefon klingelte. Als es das endlich tat, fuhr sie dennoch erschrocken zusammen und stieß einen spitzen Schrei aus. Sie lief zum Apparat und hob den Hörer ans Ohr. Sie wünschte sich inständig, es wäre Nadine, die zum Haus ihrer Mutter gekommen war, dort festgestellt hatte, dass der Ersatzschlüssel fehlte, und hier anrief. Doch es war der Neurologe. Nachdem sie ihm den Sachverhalt geschildert hatte, erteilte er ihr bereitwillig Auskunft. Er sagte, dass er Nadine wegen ihrer Beschwerden zur Kernspintomografie in eine radiologische Praxis geschickt habe. Allerdings hatte er noch keinen Befundbericht der Praxis bekommen. Er versprach, sie anzurufen, sobald der Bericht in den nächsten Tagen eingehen würde.
Nachdem Mona aufgelegt hatte, sah sie auf die Uhr. Seit Nadines letztem telefonischem Kontakt mit Anne waren noch keine 24 Stunden vergangen. Aber sie wusste nicht mehr, was sie sonst tun sollte, um ihre Tochter zu finden. Sie beschloss, nach Hause zu gehen. Sofern Nadine nicht dort war und sie auch keine Nachricht ihrer Tochter auf dem Anrufbeantworter fand, wollte sie auf diese blöde 24-Stunden-Regel pfeifen. Dann würde sie umgehend die Polizei einschalten, um eine Vermisstenanzeige zu erstatten.
II
Eine halbe Stunde später sprach sie mit einem Beamten der Polizeiinspektion 41, die auch für den Stadtteil Hadern zuständig war. Dabei erfuhr sie, dass die 24-Stunden-Regel eine Erfindung von Film und Fernsehen war.
Der Polizist hatte sich ihr als Polizeiobermeister Tim Fischer vorgestellt. Seine sympathische Stimme hörte sich so an, als wäre er so alt wie ihre Tochter.
Er erläuterte ihr, dass die Polizei bei Erwachsenen erst dann eine Vermissten-Fahndung einleiten konnte, wenn drei Voraussetzungen erfüllt waren.
Erstens musste die Person ihren gewohnten Lebenskreis verlassen haben. Das umfasste das gesamte Umfeld, also nicht nur den Wohn-, sondern auch den Arbeits- und Freizeitbereich. Außerdem musste die Abwesenheit dem bisherigen Lebensrhythmus widersprechen und ein angemessener Zeitraum für die Rückkehr überschritten worden sein.
Zweitens musste der derzeitige Aufenthalt unbekannt sein. Das war der Fall, wenn nicht bekannt war, an welchem Ort sich die vermisste Person aufhielt.
Drittens musste von einer Gefahr für das Leben oder die körperliche Unversehrtheit ausgegangen werden. Nach den Umständen des Einzelfalls musste also eine nicht unerhebliche Körperverletzung oder der Tod eines Menschen durch eine Straftat, einen Unfall, Hilflosigkeit oder eine Selbsttötungsabsicht drohen. Eine Ausnahme hiervon war lediglich bei Minderjährigen vorgesehen. Bei ihnen wurde grundsätzlich von einer Gefahr für Leib und Leben ausgegangen, sobald sie ihren gewohnten Lebenskreis verlassen hatten und ihr Aufenthalt unbekannt war. Zumindest solange die Ermittlungen nichts Gegenteiliges ergaben.
»In Nadines Fall«, sagte der Polizeibeamte, »sind die ersten beiden Voraussetzungen unzweifelhaft gegeben. Auch wenn man darüber streiten kann, ob der angemessene Zeitraum für eine Rückkehr bereits überschritten ist. Aber es fehlt eindeutig an der Gefahr für Leib und Leben.«
Daraufhin erzählte Mona ihm von den Kopfschmerzen, der Übelkeit, den Besuchen bei den Ärzten und dem gestrigen MRT-Termin in der radiologischen Praxis. All dies ließ sie sehr wohl um Leib und Leben ihrer Tochter fürchten. Doch das überzeugte den Beamten am anderen Ende der Leitung ebenfalls nicht, da sie momentan noch nichts Konkreteres vorweisen konnte.
»Im Gegensatz zu Kindern«, sagte POM Fischer, »dürfen Erwachsene, die im Vollbesitz ihrer geistigen und körperlichen Kräfte sind, ihren Aufenthaltsort frei bestimmen, ohne ihn Angehörigen oder Freunden mitteilen zu müssen. Es ist dann nicht die Aufgabe der Polizei, ihren Aufenthaltsort zu ermitteln. Zumindest solange keine gesicherten Erkenntnisse über eine Gefahr für Leib und Leben vorliegen.«
Mona hatte in diesem Moment gute Lust, den Polizisten anzuflehen oder anzuschreien. Sie konnte sich aber nicht entscheiden, welcher Reaktion sie den Vorzug geben sollte.
»Allerdings«, fügte er hinzu, bevor sie eine Entscheidung fällen konnte, »ist jeder Polizeibeamte zur Entgegennahme von Anzeigen über vermisste Personen und zur Einleitung von Sofortmaßnahmen verpflichtet. Und da ich nicht hundertprozentig ausschließen kann, dass das Ergebnis der MRT-Untersuchung Nadine zu einer Kurzschlusshandlung verleitet hat, werde ich Ihre Vermisstenanzeige aufnehmen und erste Fahndungsmaßnahmen einleiten.«
Mona war erleichtert und bedankte sich. Sie selbst konnte schließlich nicht mehr tun, um Nadine zu finden, als sie bislang schon getan hatte. Aber wenn sich die Polizei endlich der Sache annahm, musste doch bald etwas dabei herauskommen. Oder etwa nicht?
In der nächsten halben Stunde ließ sich der Polizeibeamte sämtliche Personalien und eine detaillierte Personenbeschreibung ihrer Tochter geben. Er fragte noch einmal nach den konkreten Umständen des Falls, die er direkt in den Computer eingab, denn sie konnte das Klicken der Tasten hören. Dann erkundigte er sich, welche Maßnahmen sie selbst ergriffen habe. Und auf die Frage nach möglichen Ursachen oder Beweggründen für Nadines Verschwinden konnte sie nur erneut auf ihre Beschwerden und die gestrige Untersuchung hinweisen.
Nachdem sie alle erforderlichen Angaben zur Vermisstenanzeige gemacht hatte, bat der Polizist sie, ein aktuelles Foto ihrer Tochter vorbeizubringen, falls Nadine in zwei Tagen noch immer nicht aufgetaucht sein sollte.
»Welche Maßnahmen werden Sie denn nun konkret einleiten?«, fragte Mona.
»Wegen der momentan noch nicht ersichtlichen Gefahr für Leib und Leben ihrer Tochter kann ich leider keine umfassenden Fahndungsmaßnahmen in die Wege leiten«, erklärte Fischer. »Ich werde allerdings sämtliche Kollegen, die im Großraum München auf Streife sind, darum bitten, nach einer Frau Ausschau zu halten, auf die Nadines Beschreibung passt. Außerdem werde ich alle Krankenhäuser, Rettungsleitstellen und Strafanstalten im München kontaktieren und auf eine eventuelle Einlieferung ihrer Tochter überprüfen. Mehr kann ich aber momentan beim besten Willen nicht tun.«
Mona bedankte sich trotzdem noch einmal überschwänglich bei ihm. Sie war so froh, dass sich endlich eine kompetente Person mit dem Verschwinden ihrer Tochter befasste, dass sie sogar in Tränen ausbrach. Erstaunt fragte sie sich, warum das so lange gedauert hatte und sie nicht schon viel früher zu weinen angefangen hatte. Doch dann wurde ihr klar, dass sie soeben die Verantwortung für die Suche nach ihrer Tochter abgegeben hatte. Jetzt, nachdem ihr diese Bürde von den Schultern genommen worden war, musste sich nicht länger stark sein, sondern konnte ihren angestauten Gefühlen endlich freien Lauf lassen.
Der Polizist sprach beruhigend auf sie ein. Er bemühte sich, ihr die Angst zu nehmen, indem er ihr erklärte, dass die meisten Vermissten schon nach wenigen Tagen wieder wohlbehalten auftauchten. »Oft verlassen sie freiwillig ihren gewohnten Lebenskreis, um sich eine kurze Auszeit von ihren Alltagsproblemen und -sorgen zu nehmen. Und so, wie Sie mir den Zustand von Nadines Wohnung geschildert haben, sieht es für mich ganz danach aus, als sei das einer dieser Fälle. Gewiss wird sich Ihre Tochter schon bald, vielleicht sogar noch heute, bei Ihnen melden.«
Allmählich beruhigte sich Mona, und ihre Tränen versiegten. Allerdings lag das nicht an den Worten des Mannes, sosehr er sich auch bemühte, ihr die Sorgen und Ängste zu nehmen. Doch das war nicht seine Schuld. Es war ihre eigene. Denn sie konnte noch immer nicht glauben, dass Nadine einfach verschwunden war, ohne jemandem Bescheid zu geben. So rücksichtslos und egoistisch war ihre Tochter nicht. So war sie von Mona und ihrem Mann auch nicht erzogen worden. Selbst wenn die MRT-Untersuchung etwas Besorgniserregendes ergeben hatte, wäre sie nicht einfach davongelaufen. Ganz abgesehen davon konnte man vor gesundheitlichen Problemen nicht weglaufen. Sie begleiteten einen überallhin. Nein, Mona war weiterhin davon überzeugt, dass mehr hinter Nadines Verschwinden steckte und dass ihr – Gott behüte! – etwas zugestoßen war.
»Ich gebe Ihnen sofort Bescheid, sollte ich etwas über Nadines Schicksal oder Verbleib erfahren«, versprach der Polizeibeamte. »Im Gegenzug kontaktieren Sie mich bitte umgehend, sobald Nadine auftaucht oder sich meldet. Und rufen Sie mich bitte an, wenn Sie das Ergebnis der MRT-Untersuchung vorliegen haben.«
Sie verabschiedeten sich voneinander. Danach war Mona wieder allein mit ihren Ängsten, während die Maschinerie der ersten Fahndungsmaßnahmen in Gang gesetzt wurde.
Nachdem sie die Verantwortung für die Suche nach ihrer Tochter auf jemand anderen übertragen hatte, wusste Mona nicht, was sie mit sich anfangen sollte. Sie machte sich eine Tasse löslichen koffeinfreien Kaffee. Dann begann sie, das Haus zu putzen. So hatte sie wenigstens etwas Sinnvolles zu tun. Allerdings entfernte sie sich dabei nie weit vom Telefon. Sie wollte sofort am Apparat sein, falls Nadine, der Polizist oder Anne anrief.
III
Das Telefon klingelte erst am späten Vormittag des nächsten Tages. Mona eilte zum Gerät und nahm mit zitternder Hand ab. Aber es war keine der erhofften Personen, sondern nur der Neurologe am Apparat. Er erkundigte sich zunächst, ob Nadine noch immer verschwunden sei.
»Ja«, sagte Mona mit zitternder Stimme.
Sie hatte eine furchtbare Nacht hinter sich und kaum Schlaf gefunden. Ständig schreckte sie auf und glaubte, das Klingeln des Telefons oder das Geräusch des Schlüssels im Schloss hätte sie geweckt. Doch jedes Mal, wenn sie ihren Morgenmantel überzog und nach unten ging, um nachzusehen, stellte es sich als falscher Alarm heraus. Um fünf Uhr morgens gab sie auf und stand auf.
Noch bevor sie in die Küche ging, um sich Kaffee und Frühstück zu bereiten, nahm sie den Hörer des Telefons ab und wählte Nadines Nummer. Nach dem sechsten Läuten nahm der Anrufbeantworter das Gespräch entgegen. Sie legte nicht gleich auf, sondern hörte sich Nadines aufgezeichnete Stimme an, die erklärte, dass sie momentan nicht ans Telefon kommen könne, und den Anrufer bat, eine kurze Nachricht zu hinterlassen. Erst als die Ansage vorüber war, legte Mona auf. Wozu hätte sie auch eine Nachricht hinterlassen sollen? Das hätte ihr nur noch mehr verdeutlicht, dass Nadine verschwunden war und niemand wusste, wo sie steckte. Und was hätte sie sagen sollen? Schatz! Ich bin’s, deine Mutter. Melde dich doch bitte umgehend, sobald du wieder zu Hause bist. Unter normalen Umständen hätte sie das sicherlich getan. Doch angesichts dessen, was sie befürchtete, wäre sie sich dabei lächerlich vorgekommen. Also wischte sie sich nur die Tränen aus den Augen und schlurfte mit kraftlosen Schritten in die Küche.
Den ganzen Vormittag war sie ruhelos und konnte keine fünf Minuten am Stück stillsitzen. Ständig ging sie zum Telefon, nahm den Hörer ab und überzeugte sich davon, dass sie das Freizeichen hören konnte und der Apparat funktionierte. Als er schließlich klingelte, hatte sie die Hoffnung schon beinahe aufgegeben. Sie saß am Küchentisch und versuchte, ein Kreuzworträtsel zu lösen, was sie normalerweise gern und oft tat. Doch heute kam sie nicht einmal auf die einfachsten Begriffe. Sie fühlte sich wie belämmert. Als das Telefon läutete, ließ sie vor Schreck den Kugelschreiber fallen. Sie sprang auf die Füße, sodass der Küchenstuhl hinter ihr umkippte. Aber sie kümmerte sich nicht darum, sondern eilte, so schnell ihre Beine sie trugen, in den Flur. Sie hob in der Hoffnung ab, dass es sich um Nadine handelte. Auch die Polizei oder Anne wären ihr recht gewesen, solange sie gute Neuigkeiten brachten. Doch es war nur der Facharzt für Neurologie, mit dem sie gestern gesprochen hatte.
Sie konzentrierte sich wieder verstärkt auf die Gegenwart und das Gespräch mit dem Arzt. Ihre Konzentrationsfähigkeit war aufgrund des Schlafmangels und ihrer Erschöpfung momentan nicht sehr ausgeprägt. Dennoch hatte sie keine Probleme, zu verstehen, was der Neurologe ihr erzählte.
Demnach hatte er soeben die Ergebnisse der MRT-Untersuchung aus der radiologischen Praxis erhalten. Und die Ergebnisse waren in der Tat besorgniserregend.
»Bei Nadine wurde eine Geschwulst im Gehirn festgestellt. Sie sitzt an einer schwer zugänglichen Stelle und ist mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht operabel. Allerdings besteht die Möglichkeit, eine Kombination aus Bestrahlung und Chemotherapie einzusetzen, um dem Tumor damit zu Leibe zu rücken. Gleichwohl sind auch hierbei die Chancen auf eine Heilung bei realistischer Einschätzung bedauerlicherweise nicht sehr hoch.«
Mona schloss die Augen, die nicht nur wegen der Müdigkeit schmerzten. Sie hatte von Anfang an geahnt, dass ihrer Tochter Schlimmes widerfahren war. Und sobald die Nachbarin von dem Untersuchungstermin erzählt hatte, war ihr klar gewesen, dass dabei etwas Besorgniserregendes herausgekommen sein musste. Besorgniserregend genug, dass Nadine das Ergebnis sowohl vor ihrer Mutter als auch vor ihrer besten Freundin verheimlicht hatte.
Der Arzt am anderen Ende der Leitung ergriff erneut das Wort, als Mona auf das, was er gesagt hatte, nicht reagierte. Er äußerte die Vermutung, Nadine sei möglicherweise wegen der niederschmetternden Diagnose verschwunden. »Nach Erhalt des Untersuchungsergebnisses habe ich umgehend den zuständigen Radiologen angerufen. Von ihm erfuhr ich, dass Nadine zutiefst schockiert auf die Diagnose reagiert und heftig geweint haben soll. Vermutlich stand sie unter einem schweren Schock, als sie die radiologische Praxis verließ.«
Mona erwiderte auch darauf nichts. Sie fühlte sich momentan nicht in der Lage, etwas zu sagen. Nicht nachdem ihre größte Befürchtung durch das, was sie soeben erfahren hatte, immer deutlichere Gestalt annahm. Ihr größter Albtraum schien wahr geworden zu sein. Ihr einziges Kind, der letzte geliebte Mensch, der ihr nach dem Tod ihres Mannes geblieben war, war todkrank. Und niemand auf dieser Welt, nicht einmal sie, konnte ihm helfen.
Der Arzt schien zu spüren, dass ihr nicht länger nach Reden zumute war. »Ich werde den Untersuchungsbericht an Ihren Hausarzt weiterleiten. Und ich hoffe sehr, dass Ihre Tochter schon bald wieder wohlbehalten auftaucht. Sie sollte sich anschließend auf jeden Fall umgehend mit mir in Verbindung setzen, damit wir einen Termin vereinbaren und die Therapie besprechen können.« Danach verabschiedete er sich.
Nachdem er aufgelegt und die Verbindung beendet hatte, blieb Mona noch eine Weile regungslos im Flur stehen, den Hörer weiterhin am Ohr und den monotonen Wählton ignorierend. Sie war tief in ihren Gedanken versunken.
Sie dachte an das letzte Telefonat, das sie mit ihrer Tochter geführt hatte. Nadine hatte ihr erklärt, dass es ihr gutginge und das Schmerzmittel die Schmerzen linderte. Mona hatte sofort gespürt, dass Nadine sie belog. Sie hatte es jedoch dabei belassen. Schließlich hatte sie nicht ahnen können, wie schlimm es wirklich um ihre Tochter stand. Woher auch? Außerdem hatte sie darauf vertraut, dass Nadine ihr demnächst alles erzählen würde. Genau so, wie sie es auch in der Vergangenheit immer getan hatte.
Jetzt, im Nachhinein, machte sie sich heftige Vorwürfe, nicht sofort nachgefragt zu haben, warum Nadine sie belog und wie es wirklich um sie stand. Aber jetzt war es dafür zu spät!
Tränen liefen ihr übers Gesicht, während sie wie eine Statue regungslos im Flur stand. Denn nach allem, was sie nun wusste, gab es nur eine einzige logische Erklärung, warum Nadine so überraschend und spurlos aus ihrer gewohnten Umgebung verschwunden war. Angesichts des inoperablen Tumors in ihrem Gehirn und der geringen Heilungschancen musste Nadine beschlossen haben, ihrem Leben selbst ein Ende zu setzen!
IV
Sobald ihre Tränen versiegt waren, erinnerte sich Mona an die Worte des Polizeibeamten bei ihrem gestrigen Telefonat. Er hatte davon gesprochen, dass die dritte Voraussetzung, die Gefahr für Leib und Leben der vermissten Person, beispielsweise durch eine suizidale Absicht, in Nadines Fall nicht gegeben wäre. Doch die Information des Neurologen veränderte diese Einschätzung grundlegend. Deshalb musste jetzt auch viel intensiver nach Nadine gefahndet werden. Sofern es nicht – Gott bewahre! – zu spät war und sie schon viel zu viel Zeit vertrödelt hatten. Aber daran wollte Mona lieber nicht denken.
Sie legte auf und nahm den Zettel, auf dem sie die Durchwahlnummer des Polizeibeamten notiert hatte, von der Pinnwand. Daran heftete sie normalerweise nur ihren Einkaufszettel, die Postkarten von Bekannten oder Rechnungen, die bezahlt werden mussten.
Polizeiobermeister Tim Fischer meldete sich nach dem zweiten Klingeln, als hätte er auf ihren Anruf gewartet. Allerdings war es vermutlich eher so, dass er gegenwärtig an seinem Schreibtisch saß und der Telefonapparat in Reichweite war.
Sie hatte damit gerechnet, dass er genervt reagieren würde, weil sie ihn schon wieder anrief und belästigte. Doch das Gegenteil war der Fall. Er schien sich zu freuen, von ihr zu hören. Oder zumindest gelang es ihm, bei ihr diesen Eindruck zu erwecken.
»Ist Ihre Tochter wieder aufgetaucht?« Seine sympathische Stimme klang erwartungsvoll.
Das konnte Mona leider nur verneinen. Auch wenn es ihr ebenso wie ihm lieber gewesen wäre, sie hätte bessere Neuigkeiten.
»Wir haben sie ebenfalls nicht gefunden.« Mona konnte aus seiner Stimme deutlich die Enttäuschung heraushören. »Den Funkstreifen ist keine Person aufgefallen, auf die Nadines Beschreibung gepasst hätte. Und meine Anrufe bei den Krankenhäusern und Rettungsleitstellen waren ebenfalls erfolglos. Niemand, auf den die Personenbeschreibung zutrifft, wurde in den letzten 48 Stunden gefunden oder irgendwo eingeliefert.«
Nachdem sie beide für ein paar Sekunden bedrückt geschwiegen hatten, fragte er: »Haben Sie mich aus einem speziellen Grund angerufen? Oder wollten Sie nur nachfragen, ob es Neuigkeiten gibt?«
Da erzählte ihm Mona von der niederschmetternden Diagnose nach der Untersuchung. Sie schloss mit der Befürchtung, Nadine könne vorhaben, sich das Leben zu nehmen, um dem Tumor zuvorzukommen.
»Ich stimme Ihnen zu. Diese Information verändert die Sachlage natürlich grundlegend. Wir müssen jetzt sehr wohl von einer Gefahr für das Leben oder zumindest die körperliche Unversehrtheit Ihrer Tochter ausgehen. Deshalb werde ich den Fall umgehend an die Spezialisten der Vermisstenstelle bei der Kripo weiterleiten. Die Kollegen dort sind für solche Fälle ausgebildet. Sie haben die notwendige Erfahrung und wissen genau, wie man am besten nach vermissten Personen sucht. Ich werde sofort alles Erforderliche in die Wege leiten und die Vermisstenanzeige per Kurier an das Kommissariat 14 schicken. Dabei werde ich auf die besondere Dringlichkeit des Falls hinweisen. Dann kann der zuständige Ermittler sofort alle notwendigen Fahndungsmaßnahmen einleiten.«
Mona befürchtete insgeheim jedoch, dass sämtliche Maßnahmen zu spät kamen. Nadine war schon immer sehr zielstrebig gewesen und hatte wichtige Aufgaben nie auf die lange Bank geschoben, sondern sofort erledigt. Dennoch war sie zutiefst dankbar, dass der Polizist ihre Ängste ernst nahm und die erforderlichen Schritte unternahm, um ihre Tochter zu finden.
»In Kürze wird sich ein Ermittler der Vermisstenstelle mit Ihnen in Verbindung setzen«, sagte der Beamte. »Und geben Sie bitte auf keinen Fall die Hoffnung auf, Ihre Tochter lebend und wohlbehalten wiederzusehen.« Dann verabschiedete er sich, um augenblicklich in die Tat umzusetzen, was er ihr zuvor versprochen hatte.
Obwohl sich an der Situation zunächst einmal nichts geändert hatte, fühlte sich Mona nach dem Telefonat trotzdem viel optimistischer. Und obwohl sie eigentlich zum Einkaufen hätte gehen müssen, weil der Kühlschrank fast leer war, blieb sie zu Hause, um den nächsten Anruf nicht zu verpassen. Allerdings wartete sie nicht länger auf einen Anruf ihrer Tochter, sondern stattdessen auf den eines Ermittlers der Vermisstenstelle.
V
Der Polizist hielt Wort. Bereits eine knappe Stunde später landete die Vermisstenanzeige auf Anja Spangenbergs Schreibtisch.
Sie legte den Altfall zur Seite, den sie bearbeitet hatte und las zunächst das Begleitschreiben des Polizeiobermeisters von der Polizeiinspektion 41 in Laim. In diesem gab er das letzte Telefonat mit der Anzeigenerstatterin in Stichpunkten wieder. Außerdem wies er auf die besondere Dringlichkeit des Falles aufgrund der Suizidgefahr hin.
Anja konnte ihm nur zustimmen. Nach der schrecklichen Diagnose und dem unmittelbar darauf erfolgten Verschwinden der Frau musste davon ausgegangen werden, dass die Diagnose ursächlich für ihre Abwesenheit war. Und da Nadine Weinharts Verschwinden nach Angabe der Mutter eindeutig ihrem bisherigen Lebensrhythmus widersprach, war ernsthaft zu befürchten, dass sich die Frau etwas angetan hatte oder noch antun würde. Es war daher höchste Zeit, alle notwendigen Fahndungsmaßnahmen einzuleiten, um die Frau, sofern sie noch lebte, zu finden, bevor sie ihre mögliche Absicht in die Tat umsetzte. Während Anja die Vermisstenanzeige bis zum Ende aufmerksam durchlas, dachte sie schon über die konkreten Maßnahmen nach, die sie ergreifen und in die Wege leiten wollte.
Der Polizeiobermeister hatte bereits die Personendaten der Vermissten mit den polizeilichen Datenbanken abgeglichen. Außerdem hatte er Krankenhäuser und Rettungsleitstellen kontaktiert. Damit konnte sich Anja all das sparen. Fischer hatte zwar auch schon mit Nadines Mutter gesprochen, dennoch wollte Anja die Frau persönlich befragen. Zudem hatte sie vor, mit weiteren Bezugspersonen zu reden, die Fischer noch nicht kontaktiert hatte. Das waren Angehörige, Freunde und Arbeitskollegen. Und schließlich wollte sie so schnell wie möglich die Wohnung der vermissten Frau durchsuchen.
Doch vordringlich war zunächst die unverzügliche Ausschreibung von Nadine Weinhart im Informationssystem der Polizei, kurz auch INPOL genannt. Auf diese Datei beim Bundeskriminalamt haben sämtliche deutschen Polizeidienststellen Zugriff. Sie enthält alle als vermisst gemeldeten Personen, deren Zahl derzeit knapp unter 10.000 liegt. Durch die Eingabe aller fahndungsrelevanten Daten einer vermissten Person in INPOL werden sie quasi über Nacht auch automatisch in die Datei über Vermisste, unbekannte Tote und unbekannte hilflose Personen übernommen. Für den Fall, dass eine unbekannte Tote auftauchte, auf die Nadines Personenbeschreibung und ihre besonderen Merkmale passten, konnte somit eine rasche Identifizierung erfolgen.
Volljährige Vermisste wurden im Gegensatz zu Minderjährigen grundsätzlich nur zur Aufenthaltsermittlung ausgeschrieben. Anschließend wurden sie befragt, ob sie mit der Weitergabe ihres Aufenthaltsorts einverstanden waren. Damit war die Vermisstensache für die Polizei erledigt, und alle Fahndungsmaßnahmen wurden eingestellt. Minderjährige, die ihren Aufenthaltsort nicht selbst bestimmen konnten, wurden hingegen in Verwahrung genommen.
Nach der Ausschreibung in INPOL leitete Anja weitere Fahndungsmaßnahmen in die Wege. Dazu gehörte vor allem die Personen- und Funkfahndung. Sie verzichtete allerdings zunächst auf eine Öffentlichkeitsfahndung in den Medien und der lokalen Presse. Eine solche war ohnehin erst zulässig, wenn alle anderen Fahndungsmittel erfolglos geblieben waren. Da zudem Nadine Weinharts Auto nach Angaben der Mutter vor dem Haus stand, in dem sie wohnte, erübrigte sich eine Sachfahndung nach dem Fahrzeug. Diese hätte möglicherweise eher als eine Personenfahndung zum Erfolg geführt, denn ein Wagen konnte nicht so leicht verschwinden wie ein Mensch.
Als Nächstes initiierte Anja bei den zuständigen Kollegen eine Ortung von Nadines Handy. Die Mobilfunknummer entnahm sie der Vermisstenanzeige. Von nun an würde versucht werden, Nadines Mobiltelefon über Mobilfunkzellen, GPS oder mithilfe einer sogenannten »stillen SMS« zu orten. Allerdings musste das Gerät eingeschaltet sein und sich innerhalb des Funknetzes befinden, um eine Ortung zu ermöglichen.
Als Ermittlerin der Vermisstenstelle arbeitete Anja überwiegend vom Schreibtisch aus und telefonierte dabei viel. Doch gelegentlich war es auch notwendig, Personen persönlich zu befragen, Wohnungen zu durchsuchen und Identifizierungsmaterial zu beschaffen.
Deshalb rief Anja zunächst Nadines Mutter an, um ihren Besuch anzukündigen. Sie hatte ein paar ergänzende Fragen an die Frau und wollte sich einen persönlichen Eindruck von ihr verschaffen. Außerdem ging sie davon aus, dass die Frau einen Ersatzschlüssel für Nadines Wohnung besaß. So wäre sie nicht gezwungen, den Schlüsseldienst zu rufen, um in die Wohnung zu gelangen.
Mona Weinhart wohnte in einem Reihenhaus im Stadtteil Laim. Für Anja bedeutete das über die Zschokke- und die Gotthartstraße eine Fahrt von neun Minuten. Allerdings konnte die Frau, der man ihre Ängste deutlich ansah, denn sie war bleich und sah übernächtigt aus, Anja nicht viel Neues erzählen.
Die nächsten Angehörigen, die in den meisten Fällen die Vermisstenanzeigen aufgegeben hatten, gingen in der Regel sofort vom Schlimmsten aus. Sie vermuteten zumeist, die vermisste Person müsste einem Verbrechen oder einem Unfall zum Opfer gefallen oder sogar tot sein. Aber nur weil jemand eine Person vermisst, heißt das noch lange nicht, dass diese auch tatsächlich verschwunden ist.
Allein in München werden pro Jahr ungefähr 2.700 Menschen als vermisst gemeldet. Fast drei Viertel davon sind Kinder und Jugendliche, 20 Prozent wiederum demente und kranke Personen. Etwa 50 Prozent tauchen schon nach wenigen Stunden oder innerhalb einer Woche wieder auf. Nach einem Monat sind über 80 Prozent der Vermissten-Fälle erledigt. Der Anteil derjenigen, die länger als ein Jahr verschwunden sind, liegt hingegen lediglich bei drei Prozent.
Obwohl Anja ihr diese Zahlen nannte, ging Mona Weinhart weiterhin davon aus, dass ihrer Tochter etwas zugestoßen war. Wegen der Tumor-Diagnose unmittelbar vor Nadines Verschwinden war sie davon überzeugt, dass ihre Tochter vorhatte, ihrem Leben selbst ein Ende zu bereiten. Falls sie das nicht schon getan hatte.
Anja gab ihr insgeheim recht. Aber das sagte sie ihr natürlich nicht. Stattdessen versuchte sie, die Frau zu beruhigen, als diese plötzlich in Tränen ausbrach. Sie bemühte sich, ihre Ängste zu verringern, indem sie von ihren eigenen Erfahrungswerten erzählte. Außerdem nannte sie Fälle, die trotz aller vorherigen Unkenrufe positiv ausgegangen waren. Dabei bemühte sie sich, zuversichtlicher zu klingen, als sie es tatsächlich war.
Um die Frau auf andere Gedanken zu bringen, fragte sie nach Nadines Freunden und Arbeitskollegen. Die Kollegen im Klinikum Großhadern kannte Mona Weinhart nicht. Sie gab Anja jedoch den Namen, die Anschrift und die Telefonnummer von Nadines bester Freundin. Anne Schmelzer war vermutlich die letzte bekannte Person, mit der Nadine vor ihrem Verschwinden gesprochen hatte.
Anja notierte sich alles gewissenhaft in ihr Notizbuch. »Kennen Sie einen Ort, an dem Nadine in der Vergangenheit besonders glücklich war?«, fragte sie dann.
»Warum wollen Sie das wissen?«
Suizidgefährdete kehrten erfahrungsgemäß oft an Orte zurück, an denen sie sich in ihrem Leben wohlgefühlt hatten. Doch auch das sagte sie der Frau nicht. »Nadine ist wegen der Diagnose momentan vermutlich nicht besonders glücklich. Sie könnte daher gezielt einen Ort aufgesucht haben, an dem sie es in der Vergangenheit war«, erklärte sie stattdessen.
Aber Mona fiel kein solcher Ort ein. Nadine sei ihrer Meinung nach prinzipiell und überall ein glücklicher und fröhlicher Mensch gewesen.
Anja fiel auf, dass die Frau bereits in der Vergangenheit von ihrer Tochter sprach. Sie ging jedoch nicht darauf ein. »Können Sie mir ein aktuelles Foto ihrer Tochter geben?«
Mona hatte schon eine Aufnahme bereitgelegt. Sie hatte sie ursprünglich Polizeiobermeister Fischer bringen wollen.
Anja nahm das Foto entgegen und sah es sich an. Es handelte sich um ein Porträtfoto und zeigte Nadines Kopf und Oberkörper. Damit war es sowohl für die Fahndung als auch für eine eventuelle Identifizierung gut geeignet.
In jedem Vermisstenfall war Anja von Anfang an bestrebt, Material zu sammeln, das eine sichere Identifizierung ermöglichte. Das geschah für den Fall, dass die vermisste Person als unbekannte hilflose Person oder unbekannte Leiche wieder auftauchte. Dabei handelte es sich in erster Linie um Lichtbilder, eine detailgenaue Personenbeschreibung und eine Beschreibung der mitgeführten Gegenstände wie Schmuck oder Bekleidung. Außerdem wurde nach Möglichkeit der Zahnbefund, Fingerabdrücke und natürlich DNA-Vergleichsmaterial beschafft.
Sie steckte das Bild in ihr Notizbuch. »Haben Sie einen Schlüssel für Nadines Wohnung?«
Mona holte den Schlüssel. »Ich war gestern Vormittag selbst dort, um nach Nadine zu suchen. Ich … Ich habe befürchtet, Nadine könnte hilflos oder tot in der Wohnung liegen. Zum Glück hat sich das nicht bewahrheitet.«
»In welchem Zustand befand sich die Wohnung?«
»Sie war ordentlich und aufgeräumt.«
»Haben Dinge gefehlt?«
»Nein«, sagte Mona nach kurzem Nachdenken und schüttelte langsam den Kopf. »Alles sah so aus wie immer. Nur eben mit dem Unterschied, dass Nadine nicht da war.«
»Hatten Sie den Eindruck, dass Nadine ihre Wohnung für immer oder nur kurzzeitig verlassen hat?«
Diesmal dachte Mona länger nach, bevor sie die Frage beantwortete, als müsste sie sich erst noch einmal alles vergegenwärtigen, was sie in der Wohnung gesehen hatte. »Für mich sah es so aus, als wollte Nadine nur kurz weg und bald wiederkommen. Ich habe auch keinen Abschiedsbrief gefunden.«
»Haben Sie in die Schränke geschaut, um zu überprüfen, ob Nadine ein paar Sachen gepackt und mitgenommen hat? Vielleicht wollte sie sich nur eine Auszeit nehmen, um einen klaren Kopf zu bekommen. Um in aller Ruhe eine Entscheidung zu treffen, wie sie auf die Diagnose reagieren soll. Schließlich besteht noch immer die Chance, dem Tumor mit einer Kombination aus Chemotherapie und Bestrahlung beizukommen.«
Mona schüttelte den Kopf. »Daran habe ich gar nicht gedacht.«
Anja konnte förmlich dabei zusehen, wie die Frau allmählich neue Hoffnung schöpfte, dass es für ihre Tochter doch noch nicht zu spät war. Als sie sich wenig später voneinander verabschiedeten, war Mona Weinhart nicht mehr so niedergeschlagen und hoffnungslos wie zu dem Zeitpunkt, als Anja an ihrer Tür geklingelt hatte. Doch das war nur ein Teilaspekt ihrer täglichen Arbeit. Das Wichtigste und Schwierigste stand ihr noch bevor. Die eigentliche Suche nach einem Motiv für Nadines Verschwinden und ihrem derzeitigen Aufenthaltsort. Und sollte diese nicht alsbald erste Erfolge zeitigen, würde Mona Weinharts Hoffnung ebenso schnell schrumpfen wie ein löchriger Luftballon.
Bevor sie das Reihenhaus verließ, versprach sie der Mutter, ihr umgehend Bescheid zu geben, sobald es Neuigkeiten gab. Sie reichte ihr eine Visitenkarte mit der Nummer ihrer Dienststelle und bat sie, anzurufen, falls Nadine auftauchte oder sich meldete.
VI
Danach fuhr Anja zu Nadines Wohnung, die sich in einem dreistöckigen Mietshaus südlich des Klinikums Großhadern befand. Sie fand einen Parkplatz vor dem Haus und sah sich um. Nadines Wagen war ein betagter blauer VW Polo, der so aussah, als müsste der TÜV-Prüfer beim nächsten Termin blind sein, um ihm die begehrte Plakette zu erteilen. Er stand nur drei Stellplätze von Anjas weißem MINI Cooper entfernt.
Anja ging hin und versuchte vergeblich, eine der Türen oder die Heckklappe zu öffnen. Sie beugte sich hinunter und warf einen Blick ins Innere. Drinnen sah es schlimmer aus als in ihrem eigenen Fahrzeug, doch das war noch kein Verbrechen. Außerdem waren nirgends Blutflecken oder sonst etwas Verdächtiges zu entdecken. Sie hoffte, dass sie in der Wohnung einen Ersatzschlüssel fand, damit sie die Heckklappe öffnen und einen Blick in den Kofferraum werfen konnte.
Als sie sich umdrehte und zum Haus sah, entdeckte sie hinter einem Fenster im ersten Stock eine alte Frau, die sie argwöhnisch beobachtete. Sie vermutete, dass es sich um Nadines unmittelbare Wohnungsnachbarin handelte, eine 93-Jährige namens Genoveva Spitzeder. Mona Weinhart hatte bereits mit ihr gesprochen. Von ihr hatte sie vom Untersuchungstermin ihrer Tochter erfahren. Ohne diese Information stünde Anja jetzt nicht hier. Sie hatte den Stein erst ins Rollen gebracht und dafür gesorgt, dass die Vermisstenanzeige an die Vermisstenstelle weitergeleitet wurde. Anja winkte und lächelte. Sie konnte den Argwohn der Frau damit allerdings nicht ausräumen. Eigentlich wollte sie nach der Wohnungsdurchsuchung nur mit Nachbarn sprechen, mit denen Nadines Mutter noch nicht geredet hatte. Doch jetzt würde sie auch bei Genoveva Spitzeder klingeln. Und sei es nur, um ihr zu erklären, wer sie war.
Sie holte die Schlüssel heraus, die Mona Weinhart ihr gegeben hatte, und ging zur Haustür. An dem Ring befanden sich drei Schlüssel. Die beiden größeren, die mit Schlüsselkennringen unterschiedlicher Farbe markiert waren, gehörten zur Haus- und zur Wohnungstür. Der dritte war für den Briefkasten. Sie öffnete zuerst den Kasten und leerte ihn. Neben den üblichen Werbeprospekten und Postwurfsendungen gab es vier Briefe. Anja wollte sie allerdings erst in der Wohnung lesen. Sie öffnete die Haustür und trat in den Hausflur. Es gab keinen Aufzug, deshalb nahm sie die Treppe in den ersten Stock. Sie ging zur linken Wohnungstür und steckte den rot markierten Schlüssel ins Schloss. Dabei konnte sie förmlich den Blick der alten Frau spüren, die sie durch den Türspion voller Argwohn beobachten musste. Aber sie ließ sich davon nicht beirren. Sie schloss auf, trat rasch ein und machte sofort die Tür hinter sich zu.
Sobald sie in der Wohnung war, zog sie Einweghandschuhe an. Erst dann tastete sie nach dem Schalter und machte Licht. Sie blieb für ein paar Momente regungslos stehen und hielt dabei die Luft an, um aufmerksam zu lauschen. Doch in der Wohnung war es absolut still. Nicht einmal das Ticken einer Uhr konnte sie hören. Sie war sofort davon überzeugt, dass sich außer ihr niemand hier drinnen aufhielt.
Sie steckte den Schlüsselring ein. Dann machte sie einen Rundgang durch die Wohnung, um sich einen ersten Eindruck zu verschaffen. Es gab nur zwei Zimmer, eine schmale Küche und ein winziges Bad. Anja musste Nadines Mutter insgeheim recht geben. Alles sah extrem ordentlich und aufgeräumt aus. Nirgends gab es das geringste Anzeichen für einen Kampf oder ein Verbrechen. Wäre es anders, hätte Anja umgehend die Kollegen von der Spurensicherung und der Mordkommission informiert. Doch nichts an diesem Ort deutete darauf hin, dass Nadine die Wohnung nicht freiwillig oder fluchtartig verlassen hatte.
Nachdem sie sich einen Überblick verschafft hatte, durchsuchte Anja die Wohnung gewissenhafter. Zunächst öffnete sie alle Schränke und sonstigen Behältnisse, die aufgrund ihrer Größe geeignet waren, um in ihnen einen menschlichen Körper oder Teile davon zu verstecken. Zu ihrer Erleichterung fand sie nichts dergleichen. Allerdings hatte sie das auch nicht unbedingt erwartet. Wenn Nadines Leichnam hier irgendwo verborgen gewesen wäre, hätte sie ihn bereits beim Betreten der Wohnung riechen müssen. Denn eine große Kühltruhe, die luftdicht schloss, gab es nicht.
Immerhin stellte sie bei der Überprüfung des Kleiderschranks im Schlafzimmer fest, dass Nadine augenscheinlich weder einen Koffer gepackt, noch Kleidung zum Wechseln mitgenommen hatte. Es sah also nicht danach aus, als hätte sie vorgehabt, für längere Zeit zu vereisen. Außerdem stand ihr Auto vor dem Haus.
Anja hatte gehofft, ein Schreiben oder zumindest eine Notiz von Nadine zu finden. Etwas, das Nadines Mutter in ihrer Aufregung übersehen hatte und Aufschluss darüber geben könnte, wohin Nadine verschwunden war und was sie vorhatte. In dieser Hinsicht wurde sie allerdings enttäuscht. Sie fand auch kein Tagebuch, das für einen Ermittler der Vermisstenstelle eine der ergiebigsten Informationsquellen war. Dafür entdeckte sie ein Adressbuch, einen Laptop und eine Reihe aktueller Dokumente und Briefe. Sie würde alles mitnehmen und im Büro auswerten.
Auf dem Anrufbeantworter befanden sich mehrere Nachrichten. Die erste, vom Vormittag des vorgestrigen Tages, stammte von einer Kollegin aus dem Klinikum Großhadern. Sie erkundigte sich besorgt nach Nadine, weil diese nicht zur Arbeit gekommen war. Anja notierte sich den Vornamen der Frau und die Nummer, die angezeigt wurde. Anschließend folgten Nachrichten von Nadines Mutter und ihrer besten Freundin Anne. Die beiden hatten mehrmals angerufen. Allerdings hatten sie nach dem ersten Mal nicht erneut aufs Band gesprochen.
Der Kühlschrank war für einen Singlehaushalt gut gefüllt. Die angebrochene Milch und der Käse in Scheiben waren aber nur noch bis übermorgen haltbar.
Im Bad entdeckte Anja auf der Ablage des Waschbeckens die offene Packung eines verschreibungspflichtigen Schmerzmittels. Nadine hatte es vermutlich gegen die von der Geschwulst in ihrem Kopf verursachten Schmerzen genommen. Es sah ganz danach aus, als hätte sie unmittelbar vor ihrem Verschwinden noch eine Tablette genommen. Außerdem fehlte eine der Blisterverpackungen. Anja notierte sich den Namen des Analgetikums und die Anzahl der Tabletten, die noch vorhanden waren.
Sie holte einen Beweismittelbeutel aus der Innentasche ihrer Blousonjacke und nahm Nadines Haarbürste. Mehrere weißblonde Haare hatten sich in den Borsten verfangen. Anja hoffte, dass darunter nicht nur ausgefallene Haare ohne Haarwurzel waren. Denn aus einem einzigen ausgerissenen Haar mitsamt Haarwurzel ließ sich die komplette DNA der Vermissten herauslesen. Sicherheitshalber steckte sie Nadines Zahnbürste in einen anderen Beweismittelbeutel. Anschließend fischte sie mehrere benutzte Ohrenstäbchen aus dem halbvollen Kosmetikeimer unter dem Waschbecken. Damit hatte sie genug Material für einen DNA-Vergleich, falls eine unbekannte Leiche oder eine unbekannte hilflose Person gefunden wurde, auf die Nadines Personenbeschreibung passte. Und sobald sie zurück im Büro war, wollte sie jemanden von der Spurensicherung damit beauftragen, hierherzukommen und Fingerabdrücke zu nehmen. Sie beschriftete die Beweismitteltüten sorgfältig und legte sie dann zu den anderen Dingen, die sie mitnehmen wollte.
Doch sie verließ die Wohnung noch nicht gleich, sondern machte einen weiteren Rundgang. Dieses Mal sah sie sich allerdings mit anderen Augen um. Sie bemühte sich, einen Eindruck von Nadine Weinharts Persönlichkeit zu gewinnen. Schließlich kannte sie die Frau nicht. Dennoch musste sie versuchen, sich so gut wie möglich in sie hineinzuversetzen, um eine Ahnung davon zu bekommen, wohin sie verschwunden war und was sie vorhatte. Gleichzeitig musste sie sich bemühen, die nötige Distanz zu wahren, damit ihr der Fall nicht zu nahe ging. Eine Gratwanderung, die nicht immer hundertprozentig gelang.
Anja überflog die Titel der Bücher und Videofilme im Wohnzimmerregal. Dann sah sie sich die gerahmten Fotos an, die in der Wohnung herumstanden oder an den Wänden hingen. Sie zeigten Nadine allein oder mit Verwandten, Freunden und Kollegen. Dabei machte sie sich Gedanken über das Motiv für das Verschwinden der anderen Frau.
Angesichts der schrecklichen Diagnose, die Nadine erhalten hatte, schien es auf den ersten Blick eindeutig zu sein. Sie war verschwunden, weil sie die Absicht hatte, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Allerdings war es gefährlich, sich zu früh und zu einseitig auf eine auf den ersten Blick zutreffende Version zu fixieren. Bei einer Fehleinschätzung liefen die Ermittlungen möglicherweise von Anfang an in die falsche Richtung oder sogar ins Leere. Und das konnte dazu führen, dass die Informationsauswahl nur einseitig und in eine Richtung stattfand.
Um das zu verhindern, überprüfte Anja gedanklich alle fünf Standardversionen für das Verschwinden eines Menschen. Neben der ersten, der Freitodabsicht, gehörte dazu zweitens das freiwillige Verlassen des gewohnten Lebenskreises wegen einer Konfliktsituation im Lebensbereich oder der Flucht vor Verantwortung. Drittens eine hilflose Lage, ein Unfall oder ein natürlicher Tod. Viertens eine Neigung zum Vagabundieren, Streunen oder Ausreißen. Und fünftens die Möglichkeit, dass die vermisste Person Opfer einer Straftat geworden war.
Die vierte Alternative konnte Anja von vornherein ausschließen. Eine Neigung zum Vagabundieren wäre bei ihrem Gespräch mit Nadines Mutter zweifellos zur Sprache gekommen. Möglicherweise wäre sie wegen früherer Vorfälle sogar aktenkundig gewesen. Es gab jedoch nicht den geringsten Hinweis, dass Nadine vorher schon einmal verschwunden war.
Ebenfalls nicht sehr wahrscheinlich war, dass Nadine ihren Lebenskreis aus eigenem Entschluss verlassen hatte und ihren derzeitigen Aufenthaltsort verbarg, um ihre Ruhe zu haben. Allerdings hätte Anja das gegenüber der Mutter niemals zugegeben. Sie wollte ihr nicht die letzte Hoffnung rauben, ihre Tochter lebend wiederzusehen. Gegen diese Version sprach vor allem, dass Nadine allem Anschein nach keine Wechselkleidung mitgenommen hatte und bis auf eine einzige Blisterverpackung die wichtigen Schmerztabletten zu Hause gelassen hatte. Anja würde im Laufe des Tages aber noch überprüfen müssen, ob Nadine unmittelbar vor ihrem Verschwinden größere Geldbeträge abgehoben hatte. Das könnte wiederum darauf schließen lassen, dass sie ihr Verschwinden geplant und vorbereitet hatte. Außerdem musste sie checken, ob es seit ihrem Verschwinden Transaktionen auf ihren Konten gegeben hatte.
Von den übrigen Versionen ließ sich zu Anjas Bedauern keine weitere so leicht ausschließen. Dadurch wurde die Konzentration auf ein bestimmtes Motiv für Nadines Verschwinden momentan noch unmöglich gemacht.
Der überraschende Schicksalsschlag in Form der vermutlich unheilbaren Krankheit sprach zwar dafür, dass die Vermisste verschwunden war, um Suizid zu begehen, doch es fehlten andere eindeutige Hinweise. Das konnten beispielsweise ein Abschiedsbrief, entsprechende Äußerungen gegenüber Dritten oder bereitgelegte Dokumente wie ein Testament sein.
Und da die Wohnung auf Anja so wirkte, als hätte Nadine sie nur kurzzeitig verlassen und bald zurückkommen wollen, durfte sie auch die Möglichkeit nicht außer Acht lassen, dass Nadine einen Unfall erlitten hatte. Vielleicht hatte sie bei einem Spaziergang durch den Wald, um in Ruhe über alles nachzudenken, einen Schwächeanfall erlitten und war bewusstlos zusammengebrochen. Und nun lag sie dort hilflos oder war bereits eines natürlichen Todes gestorben.
Oder sie war doch das Opfer einer Straftat geworden. Denn ihr Verschwinden widersprach nach Aussage der Mutter eindeutig ihrer Persönlichkeitsstruktur. Außerdem hätte sie eine verzögerte Rückkehr, pflichtbewusst, wie sie war, umgehend gemeldet. Dagegen sprach wiederum der Zustand der Wohnung, in der erkennbar weder ein Kampf stattgefunden hatte, noch eine Straftat begangen worden war. Dennoch durfte Anja diese Möglichkeit nicht allein deswegen ausschließen. Vor allem, da sie sofort die Kollegen von der Mordkommission benachrichtigen musste, sollten sich im Laufe ihrer Ermittlungen Hinweise ergeben, die in diese Richtung wiesen.
Das Ergebnis ihrer Überlegungen war, dass sie sich in diesem Stadium ihrer Ermittlungen noch nicht auf ein Motiv für Nadines Verschwinden festlegen konnte. Sie musste daher weiterhin in alle Richtungen ermitteln und für alles offen sein, um nicht versehentlich in einer Sackgasse zu landen.
Sobald sie diesen Gedankengang abgeschlossen hatte, beendete sie auch die Durchsuchung der Wohnung. Sie hatte alles gründlich abgesucht und überprüft. An diesem Ort würde sie keine weiteren Erkenntnisse gewinnen.
Allerdings wollte sie noch einen kurzen Blick in Nadines Kellerabteil werfen. Schon unmittelbar nach Betreten der Wohnung war ihr im Flur ein Schlüsselbrett aufgefallen, das neben der Garderobe an der Wand hing. An den Haken hingen nur drei Schlüssel. Anja ging daher davon aus, dass Nadine ihre Haus-, Wohnungs- und Autoschlüssel mitgenommen hatte. Von den drei verbliebenen Schlüsseln schien einer ein Ersatzschlüssel für die Wohnung zu sein, der zweite zu einem Fahrradschloss und der dritte zu einem Vorhängeschloss zu gehören. Diesen nahm sie an sich, verließ die Wohnung und ging in den Keller des Hauses. Durch Türen auf beiden Seiten ging es zu den Kellerabteilen. Es handelte sich um Verschläge, deren Türen und Trennwände aus unbehandelten Holzlatten bestanden. Anja probierte den Schlüssel an einem Vorhängeschloss nach dem anderen, bis er endlich passte. Doch die Durchsuchung des Abteils erbrachte nichts Neues. Es enthielt nur ein Damenfahrrad, ausrangierte Kleinmöbel, mehrere Umzugskarton und eine Skiausrüstung. Aber wenigstens hatte Anja ihrer Pflicht zur gründlichen Untersuchung der Wohnanschrift der Vermissten Genüge getan und würde sich hinterher keine Vorwürfe machen müssen.
Sie versiegelte den Kellerraum und kehrte in die Wohnung zurück. Dort packte sie alles, was sie mitnehmen wollte, in eine Plastiktüte aus dem Küchenschrank. Dann verließ sie die Wohnung, versah die Wohnungstür ebenfalls mit einem Polizeisiegel und brachte die Tüte zum Auto.
Danach klingelte sie bei der Wohnungsnachbarin und zeigte der alten Frau ihren Dienstausweis. Deren misstrauische Miene machte daraufhin einem freundlichen Lächeln Platz. Frau Spitzeder lud Anja ein, in die Wohnung zu kommen und mit ihr Kaffee zu trinken und Käsekuchen zu essen. Doch dafür hatte sie keine Zeit. Deshalb lehnte sie das Angebot freundlich, aber bestimmt ab. Sie stellte der alten Dame ein paar Fragen über Nadine und den Tag ihres Verschwindens. Doch mehr als das, was sie bereits von Nadines Mutter erfahren hatte, kam dabei nicht heraus. Daher schlug sie eine weitere Einladung aus und verabschiedete sich rasch. Sie klingelte an den Türen der anderen Hausbewohner, hatte dort allerdings weniger Glück. Um die Leute vor Ort anzutreffen, musste sie zu einer anderen Tageszeit noch einmal vorbeikommen.
Da sie in der Wohnung keinen Ersatzschlüssel für Nadines Wagen gefunden hatte, musste sie die Durchsuchung des Kofferraums den Kollegen von der Kriminaltechnik überlassen.
Sie setzte sich in ihr Auto und fuhr los. Allerdings wollte sie nicht sofort zurück ins Büro, sondern vorher noch mit Nadines bester Freundin und den Kollegen im Klinikum sprechen.
VII
Da das Klinikum näher lag, lenkte sie den Wagen zunächst dorthin. Sie fuhr zum Haupteingang des Komplexes und parkte auf einem der Kurzzeitparkplätze. Dann ging sie zum Empfang, wies sich aus und erkundigte sich nach der Abteilung, in der Nadine arbeitete. Die freundliche Empfangsdame gab Nadines Namen in den Computer ein und teilte Anja mit, dass sie in der Privatstation im Direktionstrakt des Klinikgebäudes arbeite. Sie beschrieb der Polizistin den Weg, worauf Anja sich bedankte und verabschiedete.
Anja folgte der Wegbeschreibung. Sie begegnete Besuchern, Personal und Patienten im Bademantel. Letztere saßen teilweise im Rollstuhl oder schoben ihre Infusionsständer vor sich her. In der Privatstation suchte sie nach dem Schwesternzimmer. Dort stellte sie sich den diensthabenden Schwestern und Pflegern vor. Um Zeit zu sparen und Nadines Kollegen nicht allzu lange von der Arbeit abzuhalten, befragte sie alle gemeinsam. Doch niemand konnte sich Nadines Verschwinden erklären. Und von den körperlichen Beschwerden ihrer Kollegin erfuhren sie erst jetzt. Anscheinend hatte Nadine ein Geheimnis daraus gemacht und sich deshalb auch nicht hier im Haus untersuchen und behandeln lassen. Das wäre unkomplizierter gewesen. Allerdings hätte dann vermutlich in kürzester Zeit jeder davon gewusst.
Schon nach wenigen Minuten verließ Anja die Abteilung wieder, sodass die Versorgung der einträglichen Privatpatienten nicht länger beeinträchtigt war. Sie hatte nichts Neues erfahren. Aber das war bei ihren Ermittlungen oft der Fall. Viele Maßnahmen und Befragungen erwiesen sich im Nachhinein als überflüssig und gingen ins Leere. Doch das wusste man vorher leider nicht.
Sobald sie in ihrem Wagen saß, suchte sie in ihrem Notizbuch nach Anne Schmelzers Nummer. Nadines beste Freundin wohnte ebenfalls in der Nähe. Ein Besuch bei ihr war weder ein großer Zeitverlust noch ein Umweg. Bei Angehörigen und guten Freunden der Vermissten zog Anja das persönliche Gespräch einem Telefonat vor. In derartigen Fällen sah sie ihren Gesprächspartner lieber vor sich, um sich anhand seines Verhaltens, seiner Mimik und seiner Gestik ein besseres Bild von ihm machen zu können.
Anne war zu Hause. Sie war sofort einverstanden, dass Anja vorbeikam, um ihr ein paar Fragen zu stellen.
Die Schmelzers bewohnten die linke Hälfte eines zweistöckigen Doppelhauses. Im Vorgarten lagen so viele Bobby-Cars, Roller und Kinderfahrräder, dass man den Eindruck gewinnen konnte, eine ganze Horde von Kindern würde hier leben. Doch auf dem ovalen Namensschild aus Keramik neben der Tür standen neben dem Familiennamen und dem Vornamen der Mutter lediglich vier weitere Namen. Einer war allerdings wie eine schmerzhafte Wunde mit zwei Heftpflastern kreuzförmig überklebt worden, sodass man ihn nicht mehr lesen konnte.
Anne Schmelzer öffnete unmittelbar nach dem Klingeln, als hätte sie wie eine Falltürspinne hinter der Haustür auf Beute gelauert. Sie warf nur einen kurzen desinteressierten Blick auf Anjas Dienstausweis. Anja hoffte, dass sie nicht immer so vertrauensselig war. Dann begrüßte sie die Kriminalbeamtin herzlich, als wären sie alte Bekannte, und bat sie herein. Die Frau war anderthalb Köpfe kleiner als Anja und übergewichtig. Sie hatte langes rotblondes Haar, unzählige Sommersprossen und hellgrüne Augen, was sie in Anjas Augen wie ein frecher, dicker Kobold aussehen ließ, und trug eine Brille mit rotem Gestell.
Anne führte die Polizistin ins Wohnzimmer. Sie nahmen an einer Eckbank Platz, an der die Familie vermutlich ihre Mahlzeiten einnahm. Von den Kindern war außer zahlreichen Fotos an den Wänden, auf den Regalen und in den Fächern der Schrankwand nichts zu sehen. Allerdings waren sie nicht zu überhören. Aus dem Obergeschoss kamen kreischende Kinderstimmen. Sie wurden gelegentlich von Protest- oder Wehgeschrei unterbrochen. Außerdem war ständig das Trampeln von Füßen zu hören, sodass man das Gefühl bekommen konnte, eine Büffelherde durchquerte das obere Stockwerk auf dem Weg zur nächsten Wasserstelle.
Nadines beste Freundin richtete einen vielsagenden Blick zur Decke. Sie zuckte entschuldigend mit den Schultern. Anja solle den Lärm einfach ignorieren, sagte sie und fügte hinzu, dass sie selbst ihn kaum noch höre. Sie fragte Anja, ob sie ihr eine Tasse Kaffee oder Tee und ein paar Kekse anbieten könne, doch Anja lehnte ab. Sie wollte rasch zum Wesentlichen kommen, weil sie noch viel zu erledigen hatte.
Sie stellte Anne die üblichen Fragen über ihre Freundin und den Tag ihres Verschwindens. Anne hatte ebenfalls nicht gewusst, wie schwerwiegend Nadines Beschwerden in Wahrheit waren. Auch die Besuche beim Neurologen und in der radiologischen Praxis einschließlich des niederschmetternden Befunds hatte Nadine ihr verschwiegen. Stattdessen hatte sie die Sache heruntergespielt und behauptet, es ginge ihr schon wieder besser.
»Hat es in letzter Zeit einen Mann in Nadines Leben gegeben?«, fragte Anja. »Einen Arbeitskollegen vielleicht? Oder jemanden, den sie woanders kennengelernt hatte?«
Von oben kam ein lautes Krachen, als wäre etwas Schweres zu Boden gefallen. Anne richtete ihren Blick zur Decke. Sie wartete und lauschte. Als keine Schmerzensschreie folgten, entspannte sie sich wieder.
Anja hätte nie so ruhig bleiben können, sondern nachsehen müssen, ob noch alle Kinder am Leben waren. Aber vermutlich bekam man bei drei derartigen Rabauken mit der Zeit die nötige Gelassenheit. Oder man erlitt früher oder später einen Nervenzusammenbruch und landete in der Irrenanstalt.
»Bei unserem letzten Telefonat erzählte Nadine von einem Kerl, den sie kennengelernt hatte und nett fand«, berichtete Anne. »Allerdings hat sie mir nur seinen Vornamen verraten. Er lautete Johannes. Ansonsten hüllte sie sich in Schweigen. Anschließend beendete Nadine das Gespräch ohnehin rasch, weil sie einen Anruf ihrer Mutter erwartete.«
»Wann haben Sie und Nadine miteinander gesprochen?«
Nachdem Anne ihr die ungefähre Zeit genannt hatte, fiel Anja nach einem Blick auf ihre Notizen auf, dass Nadine schon vor diesem Telefonat mit ihrer Mutter gesprochen hatte. Das kam ihr merkwürdig vor. Warum hatte Nadine ihre beste Freundin belogen? Vermutlich hatte sie das Gespräch beenden wollen, ohne unhöflich zu sein. Aber wieso? Hatte sie sich nicht länger von Anne löchern lassen wollen, die mehr über den mysteriösen Johannes hatte wissen wollen? Oder hatte sie an jenem Abend noch etwas vorgehabt? Eine Verabredung mit einem Mann möglicherweise?
»Wissen Sie schon von dem Tattoo über Nadines linkem Außenknöchel?«, fragte Anne unvermittelt und riss Anja damit aus ihren Überlegungen. »Es zeigt einen Marienkäfer.«
Anja nickte. »Nadines Mutter hat die Tätowierung bereits dem Polizisten gegenüber angegeben. Als er die Vermisstenanzeige entgegennahm, fragte er sie nach unverwechselbaren Kennzeichen.«
»Ich kann Ihnen ein Foto davon zeigen. Nadine schickte es mir aufs Handy, nachdem sie sich das Tattoo hatte stechen lassen.« Anne holte ihr Smartphone und zeigte Anja die Aufnahme. Sie prägte sich die Tätowierung ein. Allerdings verzichtete sie darauf, dass Anne ihr die Datei zuschickte, da es sich um ein einfaches Motiv handelte, das man sich leicht merken konnte.
Das Geschrei aus dem oberen Stockwerk wurde abrupt lauter. Anja hatte sich tatsächlich daran gewöhnt und es nur noch als stetes Hintergrundgeräusch wahrgenommen. Jetzt wurde sie wieder darauf aufmerksam.
Anne hob erneut den Kopf und warf einen Blick zur Decke. Als eins der Kinder zu heulen anfing, nickte sie, als hätte sie vorausgeahnt, dass es diesmal Tränen geben würde.
»Wenn Sie noch weitere Fragen an mich haben, gehe ich kurz zu den kleinen Monstern nach oben und sorge dafür, dass wieder Frieden zwischen ihnen herrscht.«
Aber Anja hatte genug gehört. »Falls ich noch etwas von Ihnen wissen möchte, rufe ich Sie an. Und falls Ihnen etwas einfällt, kontaktieren Sie mich bitte.« Sie gab der alleinerziehenden Mutter ihre Karte, bevor sie sich verabschiedete und das Haus verließ. Erst draußen fiel ihr auf, wie laut es gewesen war, denn ihr dröhnten noch immer die Ohren. Sie fragte sich, ob die Nachbarn in der anderen Doppelhaushälfte taub waren. Stampfende Schritte waren zu hören, als Anne Schmelzer die Treppe nach oben stürmte, um wie eine Einmann-Blauhelm-Truppe zwischen ihren kleinen Monstern zu intervenieren und Frieden zu stiften. Das Weinen verstummte kurz danach. Das Lärmen der anderen Kinder ging allerdings weiter, als störte sie die Gegenwart der Mutter nicht besonders.
Anja zuckte mit den Schultern. Sie beglückwünschte sich, dass sie noch keine Kinder hatte, da sie dann mittlerweile ebenfalls alleinerziehend wäre.
Sie setzte sich in ihren Wagen und fuhr ins Büro. Von dort rief sie bei den Kriminaltechnikern an und bat darum, in Nadine Weinharts Wohnung Fingerabdrücke zu nehmen und ihren Wagen zu durchsuchen. Den Schlüsselring, den sie von Nadines Mutter bekommen hatte, schickte sie per Boten ins Polizeipräsidium in der Ettstraße, wo die Büros der Kriminaltechnik lagen.
Anschließend sorgte Anja dafür, dass Nadines Bankkonten überwacht wurden und sie Auskunft über die letzten Kontobewegungen erhielt. Einer der Kollegen, die für die Telekommunikationsüberwachung zuständig waren, rief an. Er teilte ihr mit, dass eine Ortung des Handys der Vermissten fehlgeschlagen sei. Seit Nadines Verschwinden waren auch keine Gespräche mehr geführt worden.
Nachdem sie aufgelegt hatte, widmete sich Anja den Dingen, die sie aus Nadines Wohnung mitgebracht hatte. Sie ließ die Beweismittelbeutel mit der Haarbürste, der Zahnbürste und den Ohrenstäbchen abholen und ins kriminaltechnische Labor bringen. Dann widmete sie sich dem Adressbuch, den aktuellen Unterlagen und den Briefen. Sie rief die Personen an, die im Adressbuch aufgeführt waren. Bei ihnen handelte es sich vorwiegend um weitläufige Verwandte, Bekannte und ehemalige sowie aktuelle Arbeitskollegen. Aber niemand, mit dem sie sprach, wusste, wo Nadine steckte, oder hatte sie in letzter Zeit gesehen. Ein Johannes befand sich nicht darunter. Es gab auch keinen Eintrag unter der Initiale J., sosehr Anja auch danach suchte. Allerdings fand sie die Nummer von Nadines Zahnarzt und bat ihn darum, ihr ein Zahnschema seiner Patientin zu schicken. Er willigte erst ein, nachdem Anja versprochen hatte, jemanden vorbeizuschicken, der das Zahnschema abholte und sich als Polizist auswies. Nach dem Gespräch mit dem Zahnarzt sorgte Anja dafür, dass eine Streifenwagenbesatzung das Zahnschema abholte und in ihre Dienststelle brachte. Sie setzte sich sogar mit den Absendern der Briefe in Verbindung. Doch auch das führte zu nichts. Sie konnte nur hoffen, dass die anderen Fahndungsmaßnahmen, die sie in die Wege geleitet hatte, erfolgreicher waren.
Aber auch diese Hoffnung erfüllte sich nicht.
Selbst als nach dem Scheitern aller anderen Maßnahmen in der Öffentlichkeit nach Nadine gesucht wurde, meldete sich niemand, der sie gesehen hatte. Sie blieb verschwunden, ohne eine einzige Spur hinterlassen zu haben, der Anja folgen konnte, um sie zu finden.
Und nachdem sie sämtliche Fahndungsmaßnahmen ergriffen oder eingeleitet hatte, diese aber allesamt erfolglos geblieben waren, kam schließlich der Zeitpunkt, an dem Anja überhaupt nichts mehr tun konnte. Sie war allen Anhaltspunkten nachgegangen und hatte alles überprüft, was man überprüfen konnte. Der Fall war praktisch ausermittelt. Außerdem gab es ständig neue Fälle, die auf ihrem Schreibtisch landeten und ihre Aufmerksamkeit erforderten.
Und so wanderte die Akte auf den Stapel mit den Altfällen. Dort ruhte er, bis es irgendwann eine neue Spur oder einen neuen Hinweis gab, denen man nachgehen konnte. Oder bis eine Leiche auftauchte, die Nadine Weinharts Personenbeschreibung entsprach.
Und genau das geschah dann auch.
KAPITEL 3
I
Anja hatte den kompletten Fall während der Fahrt geistig Revue passieren lassen. Als sie ihren Wagen nun in die Tiefgarage fuhr, war sie davon überzeugt, dass sie bei ihren Ermittlungen in diesem Vermisstenfall alles richtig gemacht hatte. Sie hatte sich nicht stur auf die Suizidversion konzentriert und alles andere ignoriert, sondern ergebnisoffen in sämtliche Richtungen ermittelt. Dabei hatte sie jede verfügbare Erkenntnis berücksichtigt. Dass sie Nadine nicht gefunden hatte, lag nicht daran, dass sie bei ihrer Arbeit einen Fehler gemacht oder schlampig gearbeitet hatte. Es lag vielmehr daran, dass es keine einzige Spur und keinen noch so vagen Hinweis darauf gegeben hatte, was mit der Frau geschehen war. Der Fall war von Anfang an mysteriös gewesen. Und nun, nach dem Fund der Leiche mit all seinen makabren Begleitumständen, war er noch geheimnisumwitterter.
Dennoch hatte Anja weiterhin das Gefühl, sie hätte Nadine im Stich gelassen. Und das, obwohl sie augenscheinlich nichts hatte tun können, um sie rechtzeitig zu finden und ihren Tod zu verhindern.
Sie seufzte, als sie aus dem Wagen stieg und ihn versperrte. Dann ging sie zum Aufzug, um in den zweiten Stock zu fahren, wo sich die Büros der Vermisstenstelle befanden.
Der Freistaat Bayern hat in diesem Bürokomplex in der Hansastraße für die Münchener Polizei etwa 8.900 Quadratmeter Bürofläche angemietet, da das denkmalgeschützte Polizeipräsidium in der Ettstraße, das von vielen Münchnern noch immer Löwengrube genannt wird und 2013 sein 100-jähriges Dienstjubiläum feierte, umfassend saniert wird. Hier hat das Kriminalfachdezernat 1 »Tötungs-/Brand-/Sexualdelikte« seinen Sitz, zu dem außer dem Kommissariat 14 die Kommissariate für »vorsätzliche Tötungsdelikte«, »Todesermittlungen«, »Brand, gemeingefährliche Delikte«, »Sexualdelikte« und »Operative Fallanalyse Bayern« gehören. Letztere sind die sogenannten Profiler. Außerdem befinden sich hier auch die Büros der Kriminalfachdezernate 4 »Staatsschutzdelikte/Personenschutz« und 8 »Rauschgift«.
Auf dem Flur begegnete ihr niemand. Hinter den geschlossenen Türen rechts und links konnte sie allerdings die Stimmen ihrer Kolleginnen und Kollegen hören, die auf der Suche nach vermissten Personen telefonierten. Dem Leiter der Vermisstenstelle unterstanden zehn Mitarbeiter, die die ständig wachsende Zahl von Vermisstenanzeigen bewältigen mussten.
Anja erreichte die Tür ihres Büros, öffnete sie und trat ein.
»Auch schon da?«, fragte Kriminaloberkommissar Daniel Braun, mit dem sie sich das Büro teilte, und warf einen demonstrativen Blick auf seine Armbanduhr. Er kam ständig zu spät. Deshalb ließ er sich keine Gelegenheit entgehen, Anja ihr Zuspätkommen unter die Nase zu reiben, falls sie ausnahmsweise nach ihm ins Büro kam.
Sie verdrehte ebenso demonstrativ die Augen über sein kindisches Verhalten, bevor sie antwortete: »Auch wenn ich heute noch nicht hier war, habe ich dennoch wie immer vor dir zu arbeiten angefangen.« Sie zog ihr Blouson aus, um es über einen Kleiderbügel und an den Garderobenständer zu hängen.
»Ach ja?« Braun zog fragend die Augenbrauen nach oben. »Und wo warst du?«
»Riech einfach an meiner Jacke, dann errätst du es sofort.«
Er verzog das Gesicht und rollte mit dem Drehstuhl nach hinten, um mehr Abstand zwischen ihnen zu schaffen, sollte sie ihre Drohung wahrmachen und ihm ihr Blouson unter die Nase halten. Der Geruch, der ihren Kleidern nach einem Besuch im Sezierraum anhaftete, war kaum wahrnehmbar. Gleichwohl glaubte Anja jedes Mal, sie würden penetrant nach Verwesung und Formaldehyd stinken.
»Was hast du so früh in der Rechtsmedizin gemacht?«
Die Frage war eigentlich überflüssig. Sie beide kannten nur einen einzigen vernünftigen Grund, warum ein Mitarbeiter der Vermisstenstelle einen Sezierraum betrat.
»Eine meiner Vermissten ist wieder aufgetaucht.« Sie hängte den Bügel an den Garderobenständer und ging zu ihrem Schreibtisch. Er stand dem von Braun direkt gegenüber, sodass sie sich bei der Arbeit ansehen konnten, so sie denn wollten. »Nach drei Monaten.«
Er nickte, erwiderte jedoch nichts darauf, sondern presste die Lippen aufeinander, sodass sie einen dünnen Strich bildeten. Jeder Mitarbeiter der Vermisstenstelle hoffte, dass die vermissten Personen, für die er zuständig war, wieder auftauchten. Und zwar je früher, desto besser. Aber nicht als Leiche. Obwohl alle bemüht waren, Distanz zu ihren Fällen zu wahren, gingen sogar den erfahrensten und hartgesottensten Ermittlern die persönlichen Schicksale der Vermissten oftmals nahe. Außerdem brachte es die Bearbeitung der Vermisstenfälle automatisch mit sich, dass sich die Ermittler intensiv mit den vermissten Personen beschäftigten, sofern sie nicht schon am nächsten Tag wieder auftauchten. Dabei lernte man die Personen, nach denen man suchte, oftmals besser kennen als Verwandte oder Freunde, da man Einblick in die privatesten und intimsten Bereiche ihres Lebens erhielt. Man freute sich daher, wenn die Suche glücklich endete. Andererseits war man enttäuscht und traurig, wenn alle Bemühungen erfolglos blieben. Und wenn man als letzte Maßnahmen vor der Erledigung des Falles eine Leiche identifizieren und die Angehörigen vom Tod der vermissten Person unterrichten musste. Zum Glück war ihr Letzteres in diesem Fall erspart geblieben.
Während Braun mit seinem Stuhl zurück zu seinem Schreibtisch rollte, nahm Anja hinter ihrem Platz. Sie musterte argwöhnisch die Akte, die vor ihr lag.
»Was ist das denn?«, fragte sie. »Ein neuer Fall?«
Braun nickte. Er hatte kurzes dunkelbraunes Haar, einen Vollbart und eine Hakennase. Er war sechs Jahre jünger als Anja, dafür ganze zehn Zentimeter größer und hatte eine asketische, hagere Statur. In seiner Freizeit lief er am liebsten sogenannte Ultramarathons. Deren Laufstrecken waren länger als die normale Marathondistanz. Die Sportler liefen hundert oder mehr Kilometer am Stück oder in Tagesetappen. Oder sie absolvierten Stundenläufe, die 72 Stunden oder länger dauern konnten. Anja drehte jeden Tag, sofern es ihr möglich und das Wetter nicht allzu ungemütlich war, ihre Runden durch den Westpark und legte pro Runde etwa sechs Kilometer zurück. Sie fand alles übertrieben, was darüber hinausging. Doch Braun konnte seine Begeisterung für längere Distanzen kaum zügeln. Seine braunen Augen funkelten jedes Mal, wenn er von einem Ultramarathon zurückkehrte, den er erfolgreich absolviert hatte. Oder wenn er von legendären Läufen sprach, die er noch machen wollte. Er träumte beispielsweise vom Badwater Ultramarathon in Kalifornien. Bei diesem Lauf musste man innerhalb von 60 Stunden 217 Kilometer vom Death Valley bis zum Mount Whitney zurücklegen, gleichzeitig aber auch über 4.000 Höhenmeter überwinden. Oder dem Vier-Wüsten-Rennen durch die trockenste, windigste, heißeste und kälteste Wüste der Welt. Dabei durchquerte man zuerst die Atacamawüste in Chile, dann die Wüste Gobi in China, anschließend die Sahara in Ägypten und zu guter Letzt die Eiswüste der Antarktis und legte in jeweils sieben Tagesetappen je 250 Kilometer zurück. Bislang hatten nur wenige Teilnehmer alle vier Läufe in einem Jahr geschafft. Der Ultramarathon und das intensive Training darauf waren Brauns Ausgleich für die Arbeit in der Vermisstenstelle.
»Kam vor ein paar Minuten rein«, sagte er. »Ich hab auch einen neuen Fall.« Er wies auf die aufgeschlagene Akte, die auf seinem Schreibtisch lag und in der er bis zu Anjas Kommen gelesen hatte.
Bei 2.700 Vermisstenanzeigen pro Jahr bekam jeder der zehn Ermittler durchschnittlich einen neuen Fall pro Arbeitstag auf den Tisch. Zum Glück tauchten die meisten Vermissten schon bald wieder auf. Dadurch erledigte sich die überwiegende Anzahl der Fälle rasch, und die Akten konnten geschlossen werden. Dennoch hatten Anja und ihre Kollegen einen Stapel aktueller Fälle auf ihren Schreibtischen. Gleichzeitig lagerten in den Regalen ihrer Büros die Altfälle. Sie wurden regelmäßig daraufhin überprüft, ob sich zwischenzeitlich neue Ansatzpunkte ergeben hatten.
Braun senkte den Kopf. Er fuhr fort, die neu hereingekommene Vermisstenmeldung zu studieren.
Auch Anja wollte sich umgehend mit ihrem neuen Fall befassen. Doch zuerst nahm sie Nadine Weinharts Akte aus einem Stapel auf ihrem Schreibtisch, um sie offiziell abzuschließen. Denn durch Nadines Tod hatte sich der Fall erledigt. Zumindest für die Vermisstenstelle. Weitere Erledigungsgründe waren die Rückkehr des Vermissten, die Feststellung des Aufenthaltsortes, die Ingewahrsamnahme und das Aufgreifen als hilflose Person, sofern zweifelsfrei feststand, dass es sich tatsächlich um die vermisste Person handelte. Noch nicht abgeschlossen war der Fall hingegen, wenn der Vermisste auf Antrag der Angehörigen vom Gericht für tot erklärt wurde. Aus polizeilicher Sicht galt die vermisste Person nach wie vor als vermisst.
Der Leichenfund mit all seinen makabren und mysteriösen Begleitumständen beschäftigte Anja weiterhin. Auch das Bild der abgemagerten toten Frau mit den obszön wirkenden, nachgemachten Pestbeulen stand ihr ständig ungewollt vor Augen. Wäre der neue Fall nicht gewesen, um den sie sich kümmern musste, hätte sie Nadine Weinharts Akte am liebsten noch einmal von vorn bis hinten durchgeblättert. Sie hatte zwar alle ermittlungsrelevanten Fakten im Kopf, aber angesichts der Vielzahl an Fällen, die sie zu bearbeiten hatte, konnte sie sich nicht jede Einzelheit merken. Doch dafür hatte sie jetzt keine Zeit. Außerdem war es nicht mehr ihr Fall. Es handelte sich nicht länger um einen Vermisstenfall, sondern inzwischen vermutlich um einen Mordfall. Und für den waren die Kollegen von der Mordkommission zuständig. Also klappte Anja die Akte schweren Herzens zu und legte sie seufzend beiseite, um sie später ins Büro der siamesischen Zwillinge zu bringen.
Braun sah auf. Sie ignorierte ihn und konzentrierte sich auf den neuen Fall.
Karin Rudianus, las Anja den Namen der Vermissten, der in schwarzen Druckbuchstaben auf dem Deckblatt stand. Sie öffnete die Akte und stieß als Erstes auf drei Fotos der Frau. Eines davon zeigte sie in Soldatenuniform, ein anderes beim Bergsteigen und das dritte auf dem Rücken eines Pferdes. Anscheinend war die Vermisste sehr aktiv und sportlich. Sie hatte lockiges rotes Haar, das ihr über die Schultern fiel, und graue Augen. Außerdem war sie großgewachsen, hatte für eine Frau erstaunlich breite Schultern und eine sportliche, durchtrainierte Figur.
Anja legte die Fotos zur Seite und las aufmerksam die Einträge in der Vermisstenanzeige. Demnach war Karin Rudianus 30 Jahre alt und unverheiratet. Sie wohnte im Stadtteil Am Hart im Münchner Norden und war Zeitsoldatin bei der Bundeswehr. Nachdem sie sich auf zwölf Jahre verpflichtet hatte und mittlerweile den Dienstgrad eines Hauptfeldwebels bekleidete, würde sie in acht Monaten aus dem Dienst ausscheiden. Deshalb besuchte sie momentan die Bundeswehrfachschule in der Fürst-Wrede-Kaserne in München-Freimann. Dort wollte sie in einer 12-monatigen Ausbildung die Fachhochschulreife für Wirtschaft erlangen. Sie wurde seit zwei Tagen vermisst.
Anjas Handy, das in der Innentasche ihres Blousons steckte, klingelte, bevor sie sich den möglichen Ursachen für das Verschwinden und der entsprechenden kurzen Erläuterung widmen konnte. Sie warf ihrem jüngeren Kollegen, der sie mit gerunzelter Stirn ansah, einen entschuldigenden Blick zu. Dann stand sie rasch auf, eilte zum Garderobenständer und holte ihr Smartphone heraus. Das Display zeigte an, dass ihre Mutter anrief. Sie verdrehte die Augen. Dann nahm den sie Anruf entgegen, hob das Handy ans Ohr und wandte Braun den Rücken zu, um ein Mindestmaß an Privatsphäre zu haben.
»Mama?«
»Anja.« Die Stimme ihrer Mutter klang ganz anders als sonst, sodass es Anja eiskalt den Rücken hinunterlief und eine düstere Vorahnung sie erfasste. Obwohl ihre Mutter außer ihrem Namen noch nichts gesagt hatte, wusste sie instinktiv, dass etwas Schlimmes geschehen sein musste.
»Mama, was ist los?«
»Du musst sofort kommen!«
»Warum? Was ist passiert?«
»Tanja ist verschwunden!«
II
Tanja Morsbacher war Anjas Cousine und nur anderthalb Monate jünger als Anja. In ihrer Kindheit wohnten die beiden Mädchen nur wenige Häuser voneinander entfernt und waren daher beinahe ständig zusammen. Da Anjas Haar damals heller als heute war und sie sich sehr ähnlich sahen, hielt man sie oft für Schwestern und manchmal sogar für Zwillinge. Meist wurden ihre Namen daher in einem Atemzug genannt.
Nachdem Anjas Vater gestorben war – sie war damals erst elf Jahre alt –, mussten sie und ihre Mutter aus ihrem Elternhaus in eine kleinere Wohnung am anderen Ende der Stadt ziehen. Danach sahen sich die beiden Mädchen nicht mehr so oft. Dennoch ließen sie den Kontakt nie vollständig abreißen.
In den letzten drei, vier Jahren hatten sie sich wieder häufiger gesehen. Vor allem seit Anjas Trennung von ihrem Ehemann telefonierten sie mindestens einmal in der Woche miteinander. Außerdem gingen sie alle zwei Wochen gemeinsam zum Essen. Dann erzählten sie sich alles, was ihnen in den Sinn kam, so wie sie es schon als Kinder getan hatten. Es war beinahe so, als wäre seit damals gar keine Zeit verstrichen, die sie getrennt voneinander verbracht hatten.
Tanja war kaufmännische Sachbearbeiterin in der Zentrale eines Bestattungsunternehmens in München-Bogenhausen. Bis vor anderthalb Jahren hatte sie mit ihrem langjährigen Lebensgefährten Ludwig im Stadtteil Schwanthalerhöhe zusammengelebt. Es war im Grunde nur noch eine Frage der Zeit gewesen, wann die beiden heiraten und Kinder bekommen würden. Aber dann war Ludwig bei einem Motorradausflug mit seinen Freunden tödlich verunglückt. Seitdem hatte Tanja panische Angst, eine neue Beziehung einzugehen. Sie wollte nicht noch einmal einen geliebten Menschen verlieren. Aus diesem Grund beschränkte sie sich auf kurzlebige Affären oder One-Night-Stands. Obwohl Anja sie oft genug gewarnt hatte, nicht mit jedem Mann gleich ins Bett zu steigen, den sie soeben erst kennengelernt hatte. Doch Tanja hatte ihre Warnungen stets ignoriert. Sie war der Meinung, Anja würde schon von Berufs wegen alles viel zu negativ sehen.
Daran musste Anja jetzt natürlich vor allem denken, als sie den Wagen zum Haus ihrer Mutter steuerte. Als Ermittlerin der Vermisstenstelle konnte sie nicht aus ihrer Haut heraus. Sie versuchte daher sofort, ein Motiv für Tanjas Verschwinden zu finden. Und was lag näher, als Tanjas Sexualleben zur Grundlage der Motivsuche zu machen. Schließlich bedeuteten häufig wechselnde Sexualpartner, die man kaum bis gar nicht kannte, automatisch eine erhöhte Gefährdung. Und damit auch eine besondere Opferanfälligkeit. Die Fragen, die sich Anja momentan stellte, lauteten daher: War Tanja dieses Mal an den falschen Mann geraten? War sie das Opfer einer Straftat geworden? Und war sie deshalb verschwunden?
Sie schüttelte den Kopf, denn daran wollte sie eigentlich gar nicht denken. Zumindest dann nicht, wenn es um ihre eigene Cousine ging. Noch dazu, weil Tanja die Person war, die ihr so nahestand wie die Schwester, die sie nicht hatte.
Außerdem gab es vernünftigerweise noch gar keinen Grund, sofort mit dem Schlimmsten zu rechnen. Immerhin wurde Tanja erst seit heute Vormittag vermisst. Ihr Verschwinden, sofern man bei diesem kurzen Zeitraum überhaupt davon sprechen konnte, konnte alle möglichen harmlosen Ursachen haben. Und wahrscheinlich tauchte sie – wie in den meisten Fällen – schon bald wieder auf.
Trotz dieser vernünftigen Überlegungen gelang es Anja nicht, das unangenehme Gefühl abzuschütteln, dass ihrer Cousine etwas zugestoßen war. Ausnahmsweise sah sie die Sache nicht nur vom Standpunkt der nüchtern denkenden und sachlich argumentierenden Ermittlerin, sondern auch aus dem Blickwinkel eines besorgten Angehörigen. Deshalb konnte sie auch nachempfinden, warum die nächsten Verwandten vermisster Personen in ihren Vorstellungen unweigerlich von einem Verbrechen oder einem schrecklichen Unglücksfall ausgingen und in eine seelische Krise gerieten. Es war eine gänzlich neue Erfahrung, die sie beunruhigte. Bislang hatte sie als Ermittlerin, die vom Verschwinden der Personen, nach denen sie suchte, emotional nicht besonders betroffen war, das Heft des Handelns in der Hand gehalten. Doch nun, da es um ihre eigene Cousine ging, fühlte sie sich hilflos.
Sie versuchte, das ungewohnte irrationale Gefühl abzuschütteln. Das gelang ihr allerdings nicht vollständig. Deshalb lenkte sie ihre Gedanken in eine andere Richtung. Sie dachte an das kurze Telefonat mit ihrer Mutter.
Diese hatte am Telefon nicht viel sagen wollen. Stattdessen hatte sie darauf bestanden, dass Anja alles stehen und liegen ließ und so schnell wie möglich zu ihr kam. Erst dann wollte sie ihr Näheres erzählen. Also beendeten sie das Gespräch rasch wieder.
Braun musste anhand von Anjas Reaktion und Worten mitbekommen haben, dass etwas nicht stimmte. Er sah sie mit gerunzelter Stirn fragend an.
»Ein Notfall in der Familie«, sagte sie und zeigte wie zum Beweis auf das Smartphone in ihrer Hand. »Das war meine Mutter.«
»Was ist passiert?«
»Meine Cousine wird seit heute vermisst.« Sie zog ihre Jacke an und verstaute ihr Handy in der Innentasche.
»Wenn ich irgendetwas für dich tun kann …?«
Doch Anja schüttelte sofort den Kopf. »Das schaffe ich schon allein. Noch weiß ich ohnehin nichts Genaueres. Ich muss erst mit meiner Mutter sprechen, um mir ein Bild von der Sache machen zu können. Wahrscheinlich gibt es eine ganz harmlose Erklärung, und Tanja taucht schon bald wieder auf.«
Braun nickte. »Wahrscheinlich.« Sie kannten beide die Zahlen. Und sie wussten genau, die Chance, dass sich die Geschichte mit der baldigen Rückkehr ihrer Cousine erledigte, war groß.
Dennoch war Anja nicht so zuversichtlich, wie sie vorgegeben hatte und wie es Braun zweifellos war. Schließlich war es nicht seine Cousine, die vermisst wurde. Sie nickte zum Abschied und verließ ohne ein weiteres Wort das Büro. An den aktuellen Vermisstenfall auf ihrem Schreibtisch dachte sie schon gar nicht mehr. Auch nicht an die verstorbene Nadine Weinhart. Auf der Fahrt kreisten ihre Gedanken nur um Tanja. Alles andere war auf einen Schlag bedeutungslos geworden.
III
Anjas Mutter war nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes mit ihrer elfjährigen Tochter zunächst in eine kleine Wohnung umgezogen. Zwei Jahre später heiratete sie den Chef der Druckerei, in der sie noch immer als Sekretärin arbeitete, und sie zogen in dessen Haus im Stadtteil Sendling-Westpark. Anja war bis dahin geschwisterlos gewesen. Diese Lücke hatte in den ersten elf Jahren ihres Lebens ihre Cousine Tanja gefüllt. Durch die Hochzeit bekam sie jedoch nicht nur einen Stiefvater, sondern auch einen Stiefbruder. Er war nur ein paar Monate jünger als sie. Sie konnte ihn von Anfang an nicht leiden. Allerdings beruhte das ihrer Meinung nach auf Gegenseitigkeit.
Als sie ihren Wagen am Straßenrand vor dem Haus abstellte, das unweit des Südparks lag, hoffte sie daher, dass ihr Stiefbruder Sebastian nicht zu Hause war. Sie wollte allein mit ihrer Mutter sprechen. Zudem war sie der Ansicht, dass die Sache Sebastian nichts anging. Schließlich war er nicht einmal mit Tanja verwandt.
Während Anja ausstieg und durch den Vorgarten zur Haustür ging, sah sie sich aufmerksam um. Sie konnte Sebastians Auto, einen zwanzig Jahre alten schwarzen BMW, nirgends entdecken. Allerdings waren die Tore der Doppelgarage geschlossen, sodass der Wagen darin stehen konnte. Obwohl Sebastian schon 34 Jahre alt war, wohnte er weiterhin im Haus seines Vaters und seiner Stiefmutter. Dort bewohnte er eine Einliegerwohnung in einem Anbau mit eigenem Eingang. So konnte er kommen und gehen, wie es ihm passte. Da er als Rettungssanitäter für das Bayerische Rote Kreuz im Schichtdienst arbeitete, war es durchaus möglich, dass er um diese Uhrzeit zu Hause war.
Anja besaß noch immer einen Schlüssel. Sie hatte ihn jedoch nicht bei sich, sondern bewahrte ihn zu Hause auf. Aber ehe sie die Haustüre erreichte und klingeln konnte, wurde bereits geöffnet.
»Da bist du ja endlich«, sagte ihre Mutter in demselben Tonfall, in dem sie Anja schon als Kind gescholten hatte. Zum Beispiel, weil diese auf dem Heimweg von der Schule getrödelt und die Zeit vergessen hatte. Währenddessen hatte ihre Mutter zu Hause an ihren Nägeln gekaut und sich die allergrößten Sorgen gemacht.
Dagmar Fröhlich, wie sie seit der Hochzeit mit ihrem zweiten Mann mit Nachnamen hieß, war einen halben Kopf kleiner als Anja, aber ebenso schlank. Sie hatte hellbraunes Haar, das sie mittlerweile tönte, um die Jahr für Jahr zahlreicher werdenden grauen Haare zu verbergen. Wenn Anja ihre Mutter ansah, bekam sie eine Vorstellung, wie sie in 22 Jahren aussehen könnte. Denn in den Zügen, in der Form und im Schnitt ihrer Gesichter sowie der Farbe ihrer Augen sahen sie sich ausgesprochen ähnlich. Allerdings hatte die Verbitterung nach dem Tod ihres Mannes dafür gesorgt, dass Dagmar stets etwas verbissen und humorlos dreinschaute. Dennoch war das Gesicht ihrer Mutter trotz ihrer 56 Jahre noch immer glatt und faltenlos. An diesem Tag hatte jedoch die Sorge um ihre Nichte darin ihre Spuren hinterlassen. Dadurch schien sie um Jahre gealtert zu sein, sodass Anja zunächst einen gehörigen Schrecken bekam, als sie ihre Mutter sah.
Sie unterließ es daher, sich für den unterschwelligen Vorwurf, sie hätte sich auf dem Weg hierher nicht beeilt, zu rechtfertigen. Schließlich war sie gekommen, ohne zu zögern, da es im Augenblick nichts Wichtigeres für sie gab.
»Komm rein.« Ihre Mutter trat zur Seite, um den Weg freizumachen.
Anja betrat das Haus, in dem sie einen Teil ihrer Kindheit und die ersten Wochen nach der Trennung von ihrem Mann verbracht hatte. Dennoch kam es ihr fremd vor, seit sie erneut ausgezogen war. Im Flur wartete sie, bis ihre Mutter die Haustür geschlossen hatte und an ihr vorbeiging, um die Führung zu übernehmen, obwohl sie sich hier bestens auskannte. Allerdings war sie jetzt nur noch eine Besucherin an diesem Ort.
Sie folgte Dagmar in die Küche. Anja hatte damit gerechnet, dass sie dorthin gehen würden. Ihre Mutter und sie hatten wichtige Angelegenheiten schon immer in der Küche besprochen. Und meistens, vor allem in den letzten zwei, drei Jahren, in denen sie vor ihrer Volljährigkeit hier gelebt hatte, waren diese Gespräche nicht besonders angenehm für sie gewesen. Doch seit Anja ausgezogen war und auf eigenen Beinen stand, hatte sich das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter ein Stück weit normalisiert. Dennoch kam es ihr noch immer so vor, als hätten sie nur einen trügerischen Waffenstillstand geschlossen. Und dieser schien so brüchig zu sein, als könnte er durch eine unbedachte Äußerung jederzeit gebrochen werden. Jedes Mal, wenn sie sich trafen, bewegten sich die beiden Frauen vorsichtig an der Demarkationslinie entlang, als fürchteten sie, sie versehentlich zu verletzen.
»Setz dich.«
Am Küchentisch standen schon zwei Kaffeetassen. Den Duft nach frisch aufgebrühtem Kaffee hatte Anja bereits beim Betreten des Hauses wahrgenommen. Anja und Fabian hatten Dagmar zum 50. Geburtstag einen Kaffeevollautomaten geschenkt. Doch der war schon nach kurzer Zeit in irgendeinem Kellerraum verschwunden, weil ihre Mutter ihren auf traditionelle Weise gemachten Filterkaffee lieber mochte. Und jedes Mal, wenn Anja bei ihr war und Kaffee trank, musste sie zugeben, dass der, den ihre Mutter zubereitete, noch immer am besten schmeckte.
Anja setzte sich an ihren gewohnten Platz mit dem Rücken zum Fenster. Schon als Teenager hatte sie es als psychologischen Vorteil betrachtet, bei Streitgesprächen das einfallende Tageslicht hinter sich zu haben.
Die beiden Frauen schwiegen, während die ältere Kaffee in die Tassen goss und sich dann ebenfalls setzte. Anja nahm Milch und rührte um. Dagmar trank ihren Kaffee schwarz.
»Wie geht’s dir?«, fragte Anja, nachdem sie einen Schluck genommen hatte. Sie folgte damit einem alten Ritual zwischen ihnen, als wäre es verboten, vor dem ersten Schluck Kaffee das Wort zu ergreifen. Und selbst dann durfte man nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen, ganz egal, wie wichtig das Anliegen war, das man hatte. Man musste zunächst über andere, belanglosere Dinge sprechen.
»Wie soll es mir schon gehen?«, gab Dagmar ihre übliche Antwort in Form einer rhetorischen Gegenfrage, die im Grunde nichts beantwortete.
So musste sich Anja wie immer damit behelfen, dass sie aus dem Äußeren ihrer Mutter Rückschlüsse auf deren Gesundheitszustand zog. Dagmar schien seit ihrem letzten Treffen vor drei Wochen nicht abgenommen zu haben und machte auch sonst einen gesunden Eindruck. Und die feinen Linien und die Blässe in ihrem Gesicht waren vermutlich auf Tanjas Verschwinden zurückzuführen.
»Und was ist mit dir?«
Anja zuckte mit den Schultern. »Mir geht’s gut.«
»Und die Arbeit? Ist es auf Dauer nicht viel zu stressig, ständig nach verschwundenen Menschen zu suchen?«
Mit diesen Fragen hatte Anja gerechnet, denn sie kamen jedes Mal. Im Gegensatz zu Anja sah ihre Mutter im Beruf des Polizisten und vor allem in ihrer Arbeit in der Vermisstenabteilung nur das Schlechte. Deshalb machte sie sich berechtigterweise Sorgen um ihre Tochter. Anja hingegen bekam auch die guten Seiten ihrer Arbeit mit. Beispielsweise wenn mit ihrer Hilfe vermisste Kinder gefunden und nach Hause gebracht wurden. Daraus schöpfte sie die Kraft, die sie brauchte, um trotz gelegentlicher Rückschläge weitermachen zu können. Rückschläge wie der von heute früh, als sie die Leiche einer ihrer Vermissten hatte identifizieren müssen.
Sie schüttelte den Kopf. »Die Arbeit macht mir noch immer großen Spaß.« Es war dieselbe Antwort, die sie stets gab. Erneut dachte sie an den Besuch im Sezierraum am heutigen frühen Morgen und den Anblick des Leichnams. Beides hatte natürlich nicht den geringsten Spaß gemacht. Aber diese Dinge waren nur die Kehrseite der Medaille und die Ausnahme von der Regel. Deshalb hatte sie ihrer Mutter auch nie davon erzählt. Sie hütete sich auch jetzt, damit anzufangen. Schließlich wollte sie Dagmars Ängste, die ihr ins Gesicht geschrieben standen, nicht schüren, sondern lindern.
Ihre Mutter seufzte. Sie presste kurz die Lippen aufeinander, was ihr wieder einen verdrossenen Ausdruck verlieh, und trank von ihrem Kaffee.
»Wie geht es Josef und Sebastian?«, erkundigte sich Anja im Gegenzug nach ihrem Stiefvater und ihrem Stiefbruder, um das Thema zu wechseln.
»Gut. Josef hat wie immer viel Arbeit in der Druckerei. Ich wäre jetzt normalerweise auch dort, um ihm zu helfen. Aber nachdem Mia mich angerufen hatte, fuhr ich sofort nach Hause.« Mia war ihre Schwester und Tanjas Mutter. »Sebastian geht es auch gut. Er hat mittlerweile seine Ausbildung abgeschlossen und arbeitet jetzt als Rettungssanitäter.«
Anja nickte, denn das wusste sie bereits. »Hat er gerade Dienst?«, erkundigte sie sich. Sie ließ es so beiläufig wie möglich klingen.
Doch ihre Mutter durchschaute sie wie immer sofort. Die Andeutung eines missbilligenden Gesichtsausdrucks erschien, als sie die Lippen verzog, die an diesem Tag noch schmaler und blutleerer als sonst aussahen. »Er ist im Dienst.«
Anja musste sich bemühen, ein zufriedenes Lächeln zu unterdrücken. Da sie nicht sicher war, ob es hundertprozentig funktionierte, nahm sie ihre Tasse, hob sie vor den Mund und trank einen Schluck.
»Und was macht Fabian?«
Anja hätte sich beinahe verschluckt, als Dagmar sich nach dem Mann erkundigte, von dem sie sich vor sechs Monaten getrennt hatte. Und das wusste ihre Mutter auch ganz genau. Sie stellte die Tasse ab und wischte sich über den Mund, bevor sie antwortete: »Ich weiß es nicht. Von mir aus kann er in der Hölle schmoren.«
Ihre Mutter verzog erneut das Gesicht, um ihr Missfallen zum Ausdruck zu bringen. Sie hatte Fabian schon immer gern gehabt und damit auch nicht aufgehört, nachdem Anja sich von ihm getrennt und ihr die ganze Geschichte erzählt hatte. Selbst dann schien sie die Hoffnung, die beiden könnten es noch einmal miteinander versuchen und ihr die lang ersehnten Enkelkinder schenken, noch nicht aufgegeben zu haben. Also schlug sie sich wegen Anjas Standhaftigkeit auf Fabians Seite und bat Anja, ihm noch eine allerletzte Chance zu geben. Er hätte einen Fehler gemacht, hatte sie argumentiert. Dennoch hätte er wie jeder andere eine zweite Chance verdient. Anja hatte das Gefühl gehabt, ihre eigene Mutter wäre ihr in den Rücken gefallen und hätte sie verraten. Dennoch hatte sie darauf verzichtet, Dagmar daran zu erinnern, dass Fabian schon mehr als eine zweite Chance bekommen, diese aber nicht genutzt hatte. Stattdessen war sie aufgestanden und gegangen, um mit ihrer Mutter nicht wieder streiten zu müssen. Dagmar ließ jedoch nicht locker und brachte das Thema jedes Mal erneut zur Sprache, wenn sie sich trafen.
Wie immer verspürte Anja den starken Impuls, aufzustehen und zu gehen. Doch wie stets widerstand sie ihm auch dieses Mal. Schließlich war sie hier, um mehr über Tanjas Verschwinden zu erfahren. Das war momentan wichtiger als ihre gescheiterte Ehe und das Bemühen ihrer Mutter, den Riss zu kitten, der nach Anjas Dafürhalten längst das Ausmaß des Grand Canyon angenommen hatte und nicht zu reparieren war. Bevor ihre Mutter sie daher wieder einmal darum bitten konnte, Fabian noch eine Chance zu geben, kam sie auf den eigentlichen Grund ihres Kommens zu sprechen. Es war an der Zeit, dass sie über wirklich wichtige Dinge und damit über ihre Cousine sprachen. »Erzähl mir von Tanjas Verschwinden.«
Die Augen ihrer Mutter weiteten sich erschrocken. Sie sah aus, als ob sie den Grund ihres Zusammentreffens vergessen gehabt hätte und soeben schmerzhaft daran erinnert worden wäre. Dann nickte sie jedoch. »Was willst du wissen?«
»Alles! Erzähl mir, was passiert ist. Von Anfang an.« Problemlos schlüpfte Anja in ihre Rolle als Ermittlerin der Vermisstenstelle, die nüchtern und sachlich versuchte, die Umstände des Verschwindens einer Person aufzuklären. Und die daraus dann eine Hypothese entwickelte, die ihr half, das Motiv hinter dem Verschwinden zu enträtseln. In Gegenwart ihrer Mutter fiel ihr das wieder leichter als auf der Fahrt hierher.
»Ich war, wie ich schon sagte, im Büro der Druckerei, als Mia mich vorhin anrief. Sie war ganz aus dem Häuschen. Sie hatte soeben einen Anruf vom Bestatter erhalten, bei dem Tanja arbeitet. Demnach ist Tanja heute Morgen nicht zur Arbeit gekommen und hat sich auch nicht krankgemeldet, was höchst ungewöhnlich für sie ist. Du kennst sie ja selbst. Sie hat zwar ihre Flausen im Kopf, vor allem in Bezug auf ihre Männergeschichten, ist aber sonst die Zuverlässigkeit in Person.«
Anja nickte zustimmend. »Was hat Tante Mia getan, nachdem sie den Anruf erhalten hatte?«
»Sie versuchte natürlich, Tanja zu erreichen, sowohl zu Hause als auch auf dem Handy. Doch Tanja ging nicht ran. Mia hinterließ ihr Nachrichten auf dem Anrufbeantworter und der Mailbox. Allerdings war sie zu dem Zeitpunkt schon so beunruhigt, dass sie umgehend zu Tanjas Wohnung fuhr.«
»Und?«
»Tanja war nicht zu Hause. Und alles sah ganz normal aus. So als wäre Tanja nur kurz weggegangen und wollte schon bald zurückkommen.«
Anja nickte erneut. Sie erinnerte sich unwillkürlich an die Durchsuchung von Nadine Weinharts Wohnung, an die sie wegen des Leichenfunds erst heute früh wieder gedacht hatte. Nadines Wohnung hatte ein ganz ähnliches Bild abgegeben. Nichts, was sie dort gesehen hatte, hatte einen Anhaltspunkt dafür geboten, dass die Frau einem Verbrechen zum Opfer gefallen sein könnte. Und dennoch war, wie sie jetzt wusste, genau das der Fall gewesen. Dass es in Tanjas Wohnung ebenfalls keine Kampf- oder Blutspuren gab, war daher nicht so beruhigend, wie es eigentlich hätte sein sollen. Aber wenigstens lag ihre Cousine nicht tot in der Wohnung. »Was hat Tante Mia anschließend gemacht? Oder hat sie zu diesem Zeitpunkt bereits dich angerufen?«
»Nein. Sie hat zunächst im Büro des Bestatters angerufen. Aber Tanja war noch immer nicht aufgetaucht. Deshalb rief sie zwei von Tanjas Freundinnen an, mit denen sie sich regelmäßig trifft. Aber die wussten auch nichts. Sie sagten, sie hätten Tanja schon seit ein paar Tagen nicht mehr gesehen.«
»Sagten sie auch, warum?«
»Tanja fühlte sich anscheinend in letzter Zeit nicht wohl.«
Anja runzelte die Stirn. Davon hatte sie gar nichts gewusst. Sie überlegte, wann sie ihre Cousine zum letzten Mal getroffen hatte, und stellte überrascht fest, dass ihr letztes gemeinsames Essen schon über zwei Wochen zurücklag. Normalerweise war es Tanja, die sie an die Treffen erinnerte. Doch dieses Mal hatte sie es unterlassen und möglicherweise selbst vergessen. Deshalb hatten sie sich auch so lange nicht gesehen. Anja war das bis zu diesem Moment gar nicht aufgefallen. Schließlich hatten sie wie immer regelmäßig miteinander telefoniert, zuletzt vor zwei Tagen. Aber auch dabei hatte Tanja nichts davon gesagt, dass sie sich nicht wohlfühlte.
»Was hatte sie denn?«
»Ich weiß es nicht. Und Mia hatte ebenfalls keine Ahnung. Hat sie dir denn nichts erzählt? Ihr trefft euch doch regelmäßig und telefoniert ständig miteinander.« So wie ihre Mutter es sagte, klang es schon beinahe vorwurfsvoll. Anja wurde unwillkürlich an ihre Kindheit erinnert, als Dagmar ihr fortwährend vorgeworfen hatte, sie würde zu viel mit ihren Freundinnen telefonieren und zu wenig für die Schule tun.
Sie schüttelte den Kopf. »Davon hat sie kein Wort gesagt.«
»Vielleicht ist sie ja schwanger und …« Dagmar ließ den Rest ungesagt. Sie hob nur bedeutungsvoll die Augenbrauen.
»Du meinst, sie lässt heimlich einen Schwangerschaftsabbruch durchführen und ist deshalb im Augenblick nicht erreichbar?«
Dagmar nickte. In ihren Augen blitzte die Hoffnung, dass es tatsächlich so sein mochte. Denn etwas Derartiges wäre nicht halb so schlimm wie die Alternativen, die ihr anscheinend schon durch den Kopf gegangen waren.
Doch so gern Anja ihrer Mutter Hoffnung gemacht hätte, wollte sie das nicht mit einer Lüge erreichen. Sie schüttelte den Kopf. »Das glaube ich nicht. In dem Fall hätte sie Urlaub genommen und uns allen erzählt, dass sie verreist. Damit wir uns nicht fragen, wo sie steckt, und uns Sorgen um sie machen. Nein, so dumm ist Tanja nicht. Es muss etwas anderes dahinterstecken.«
»Aber was?«
»Das weiß ich leider noch nicht«, antwortete Anja, was der Wahrheit entsprach. Obwohl sie insgeheim den Verdacht hegte, dass Tanja etwas zugestoßen war. Als ihre Mutter gesagt hatte, dass Tanja sich in den letzten Tagen nicht wohlgefühlt hatte, hatte sie sofort wieder an Nadine Weinhart denken müssen. Auch sie hatte körperliche Beschwerden gehabt, ihre Mutter und ihre beste Freundin allerdings im Unklaren über das wahre Ausmaß ihrer Erkrankung und die furchtbare Diagnose gelassen. Handelte es sich hier um eine zweite Parallele zwischen den beiden Fällen?
Moment mal!, stoppte Anja ihre ausufernden Gedanken. Denn die gingen ihrer Meinung nach ganz entschieden in die falsche Richtung. Schließlich gab es offiziell noch gar keinen Vermisstenfall Tanja Morsbacher. Außerdem war Tanja gerade mal ein paar Stunden abgängig. Auch wenn das in ihrem Fall ihrer Persönlichkeitsstruktur entschieden widersprach. Denn trotz ihrer gelegentlichen Launenhaftigkeit und Sprunghaftigkeit war Tanja extrem zuverlässig und pünktlich. Wenn sie sich ganz selten und dann aus gutem Grund verspätet hatte oder einen Termin nicht hatte wahrnehmen können, hatte sie immer rechtzeitig Bescheid gegeben. Und zur Arbeit war sie stets pünktlich erschienen oder hatte im Krankheitsfall angerufen und sich entschuldigt. Trotzdem wollte Anja im Augenblick noch nicht von auffälligen Parallelen zu einem Vermisstenfall sprechen, bei dem die vermisste Person vermutlich wochenlang gefangen gehalten, durch Nahrungsentzug gequält und getötet worden war. Erst wenn eine weitere und eindeutigere Gemeinsamkeit auftauchen sollte, würde sie sich zwangsläufig erneut mit diesem haarsträubenden Gedanken befassen müssen.
»Hat Tanja jemals einen Mann namens Johannes erwähnt?«, fragte sie dennoch, einem plötzlichen Impuls folgend, ihre Mutter.
Doch die schüttelte zu ihrer Erleichterung den Kopf. »Daran kann ich mich nicht erinnern. Allerdings habe ich schon ein paar Tage nicht mehr mit ihr gesprochen. Wenn, dann hat sie so etwas eher dir, ihren Freundinnen oder vielleicht auch ihrer Mutter erzählt.« Obwohl sich Dagmars Tonfall nicht verändert hatte, glaubte Anja dennoch, den Vorwurf herauszuhören, dass sie im Gegensatz zu ihrer Cousine ihrer Mutter so etwas auf keinen Fall erzählt hätte. Aber vielleicht bildete sie sich das auch nur ein.
»Ich hab erst vor zwei Tagen mit ihr gesprochen«, sagte sie. »Aber da erwähnte sie weder einen Mann namens Johannes noch, dass es ihr momentan nicht gut geht.«
»Wieso fragst du eigentlich nach diesem Johannes?« Dagmar sah ihre Tochter argwöhnisch an. »Hast du etwa schon einen konkreten Verdacht?«
Anja schüttelte den Kopf. Sie sah ihre Mutter mit dem ehrlichsten Gesichtsausdruck an, zu dem sie fähig war. Auch wenn der schon früher nicht immer funktioniert hatte. »Ich habe keinen Verdacht, ehrlich nicht. Es ist nur ein Name, der bei Ermittlungen aufgetaucht ist. Aber wenn Tanja ihn nie erwähnt hat, hat er auch nichts zu bedeuten.«
Das Misstrauen in den Augen der älteren Frau verschwand. »Wenn du so schaust, sagst du sogar meistens die Wahrheit.«
»Was hat Mia noch alles getan, um Tanja zu finden?«, wechselte Anja das Thema.
Dagmar runzelte die Stirn. Entweder irritierte sie der Themenwechsel, oder sie musste kurz darüber nachdenken. »Nichts«, sagte sie dann und schüttelte den Kopf. »Sie rief mich an. Wir beschlossen gemeinsam, dass ich dich informiere, sobald ich zu Hause bin. Damit du so früh wie möglich mit der Suche nach Tanja beginnen kannst. Schließlich ist das dein Job und somit das, was du tagtäglich tust. Du bist also gewissermaßen eine Expertin dafür.«
Zum ersten Mal schien ihre Mutter dankbar zu sein, dass Anja bei der Polizei war und in der Vermisstenabteilung arbeitete. Dabei hatte sie Anjas Berufswahl von Anfang an missbilligt. Und wenn schon Polizei, dann hätte sie es lieber gesehen, dass Tanja in der Pressestelle des Präsidiums oder in der Aktenverwaltung der Kripo tätig gewesen wäre. Denn dort gab es keine größere Gefahr, als sich an einem Blatt Papier zu schneiden oder an einer Heftklammer den Fingernagel abzubrechen. Außerdem hätte ihre Tochter es dann auch nicht ständig mit verschwundenen Selbstmördern oder unbekannten Leichen zu tun gehabt. Anjas Beruf war neben ihrer gescheiterten Ehe das beherrschende Streitthema bei ihren gelegentlichen Treffen. Deshalb besuchte Anja ihre Mutter so selten wie möglich und auch nur dann, wenn diese sich am Telefon darüber beschwerte, dass sie ihre einzige Tochter viel zu selten zu Gesicht bekomme.
»Was wirst du jetzt tun?«
Die Frage riss sie aus ihren Überlegungen. »Nach Tanja suchen.« Wenn man es mit diesen Worten sagte, klang es, als wäre es das Einfachste der Welt. Als würde man sich in der eigenen Wohnung auf die Suche nach einem verlorenen Schlüssel machen. Man wusste, er musste irgendwo sein. Und früher oder später würde man ihn auch finden. Doch die Suche nach Menschen war aus verschiedenen Gründen unendlich komplizierter.
»Und wo willst du nach ihr suchen?«
Anja zuckte mit den Schultern. Das war ausnahmsweise eine gute Frage. Wo sollte sie mit der Suche nach ihrer Cousine beginnen? Für einen Moment fühlte sie sich wieder hilflos und von der Aufgabe überfordert, Tanja zu finden. Aber dann übernahm wieder die erfahrene Ermittlerin das Ruder. Natürlich würde sie in Tanjas Wohnung anfangen, wo sonst? Noch hatte sie keine Anhaltspunkte, warum und wohin ihre Cousine verschwunden war. Sofern sie überhaupt verschwunden war und nicht in Kürze schon wieder auftauchte. Also war es logisch, dass sie an dem Ort anfing, an dem sie am ehesten Hinweise finden würde.
»Ich fang in ihrer Wohnung an«, erklärte sie ihrer Mutter. »Wenn es Hinweise darauf gibt, was passiert ist, dann höchstwahrscheinlich dort. Falls ich nichts finde, spreche ich anschließend mit ihren Freundinnen, mit den Kollegen und mit Tante Mia.«
»Ich kann Mia anrufen. Sie hat einen Schlüssel für die Wohnung. Dann könnt ihr euch dort treffen. Sicherlich wäre sie gern dabei, wenn du Tanjas Wohnung durchsuchst.«
Anja schüttelte den Kopf. »Das ist keine gute Idee.«
»Warum nicht?«
»Wenn ich eine Wohnung durchsuche, muss ich mich auf meine Aufgabe konzentrieren, damit ich keinen Fehler begehe und nichts übersehe. So gern ich Tante Mia auch habe und so sehr ich es verstehen kann, dass sie gern mitkommen möchte, bin ich dennoch dagegen.«
»Okay«, sagte ihre Mutter und nickte zustimmend. »Du machst das schließlich nicht zum ersten Mal. Also wirst du schon wissen, was du tust. Aber was ist mit dem Schlüssel. Soll Tante Mia …«
Darmowy fragment się skończył.