Czytaj książkę: «Liebe um Liebe»
Dragica Rajčić Holzner
Liebe um Liebe
Roman

Von hier aus gesehen, wo nichts mehr geschieht,
und das ist auch gut so,
muß man die Vergangenheit ganz ableiden.
Ingeborg Bachmann
Inhalt
TEIL I
Rückkehr ins Glück 24. Juni 2011
Großmutters Vision 1919
Kindheit 1965
Jesus auf der Zunge Juni 1967
Schwindel am Morgen 1975
Don Lilo 1975
Verliebt in Igor 24. Juni 1975
Psoriasis-Tabletten 1975
Café Zenta 1975
Vaters Fürsorge 1975
Zwei fremde Menschen 1975
Fluch-Flucht Split 1975
Erdbeeren 1975
Abtreibung 1975
Besuch der Familie 1975
Hochzeit 17. Oktober 1975
Igors Vater 1922–1999
Fluch(t) ins Exil Split – Belgrad – Chicago 1976
Chicago 1976
Episoden Chicago 1976–1977
Tagtraum Svetko
Die Nacht und der Morgen danach 1977
Womenirrhaus Chicago 1977
Geheimtreffen mit Igor 1977
TEIL II
Sunflower Farm 1978
Traum
Rolle: Igor
Rolle: Großmutter
Ana bei Don Lilo
Rolle: Mutter
Selbdritt
Mail to jennifer@sunflower.com 2011
TEIL III
Großer Traum
Split 26. Juni 2011
Split – Zagreb – Frankfurt Chicago
I.
Rückkehr ins Glück 24. Juni 2011
Wäre Mutter anders, hätte ich nie geheiratet. Wie ein Hund, von der Leine gerissen, lief ich durchs Fenster weg, hängte ich mich an Igor. Ich wollte tanzen, lieben, schreiben, ich wollte Glück ernten, ich wollte ein schönes Haus mit großen Fenstern und Licht, ohne Angst, ohne Schläge, ohne Zittern, ohne Mutter, die mich nie, nie geküsst hat.
Igor liegt auf der Herzstation im Firule-Spital, in Split. Ich fürchte, wenn ich auf diesen Fersen ins Hospital komme, wenn ich in Igors helle braune Augen, die entsetzliche Angst vor dem Tod haben müssen, blicke, wenn ich seine Finger und den Handrücken mit den kleinen Narben von den Zigaretten auf dem Bettlaken sehe, wenn ich mich neben das Bett setze, am helllichten Tag, dann wird sich zeigen, dass wir noch immer dieselben sind, keine Sekunde abgerückt von uns von damals. Was, wenn ich seine Verzweiflung aufnehme, mich sofort als Wurm fühle oder als Herrscherin des Universums? Zu beidem konnte er mich damals machen.
Ein Mann vom Nachbarhaus, auf der Leiter, mit dem Rücken zu mir, hat ein buntes Tuch um die Haare gewickelt, er streicht die Fassade weiß. Ich schweige wie ein Stein. Was sagen nach so vielen Jahren? Sicher denkt er, ich hätte Igor allein gelassen, er habe sich deswegen zerstört.
Die Außentreppen aus Marmor sind voll schwarzer Flecken. Marmor von der Insel Brač, einmal sehr teuer, der Kaktus ist nicht an seinem Platz neben dem Eingang, mein ganzer Stolz, sicher gut anderthalb Meter groß.
Das erste Stockwerk ist eine materialisierte Igor-Illusion. Jahrelang hielten wir uns an den Bau wie an eine Festigkeit, die auf die Normalität unserer Ehe, unseres Lebens verweisen sollte, auf ein Leben für die Wahrnehmung von außen. Gut, Igor wollte auch mir und seinem Vater beweisen, dass er es in Chicago geschafft habe, dass Vaters ganze Sammelwut nichts bringe, dass man im kapitalistischen Ausland schneller sparen könne und ein Haus ohne Kredit aufbauen. Die Träume von Igors Vater sollten sich durch Igor verwirklichen. Ein Haus, ein schönes Haus, glänzend gebaut. Weiß. Hoch. Er würde allen zeigen, was man allein schaffen kann. Zeigen. Das Geld würden wir uns vom Mund absparen, wie man so sagt, aber wir aßen genug und nahmen Kredit auf. Im Sommer bauten wir am Traumhaus. Ich war in einen Film geraten, aber es gab keinen Regisseur, kein Ende der Drehtage und -nächte. Nach der Deckenfertigstellung sollte für alle Arbeiter ein Lamm zum Mittagessen gerichtet werden, ich musste für zwanzig Menschen kochen. Den Lammkopf abschneiden. Weiß unterlaufene Augen starrten mich an, der blutverschmierte Kopf, eine Verletzlichkeit ging von diesem Schädel aus, große, ins Leere starrende Augen. Ich legte den Kopf in den Wäscheeimer. Wenn ich Zeit hätte, würde ich ihn kochen, wie es Großmutter gerngehabt hat: Zunge, noch lieber Hirn von jedem Tier: Kalb, Ziege, Schaf, Lamm. Ich dachte, so einen nackten Kopf müsse Igors Vater gehabt haben, im Krieg.
Auch für Lamm gaben wir Dollar aus, und Igors Vater kaufte so sorgfältig ein, wie er das Geld bei seiner Magazineurarbeit in Kobeks verwaltete.
Ich mache schnell die Türe zu, schiebe den Koffer zur Wand. Die Tapeten sind weggerissen, die Wand gelb gestrichen. In der Wohn-Ess-Küche auf der südlichen Seite sieht es fast unverändert aus. Die Schatten des Feigenbaums fallen auf den Balkon, die Fenster ohne Vorhänge, aber mit Holzaufhängern, dunkelbraun geölt.
Die beiden Zimmer hinter den Eingangstüren, rechts und links, sind jetzt zu einem zusammengelegt, auf einer Seite ist die Küche, auf der anderen ein flaches Liegebett. Wo jetzt der Fernseher steht, war früher der Schrank für die Kleider von Igors Mutter und Schwester mit den Mottensäcken. Der Geruch ist für immer verschwunden, die weiß gestrichenen Wände eigentlich dunkelweiß, der Plafond war höher, fast um einen Meter. Der Korridor beginnt hinter einer Türe im Rücken des Wohnzimmers, unser erstes Zimmer liegt immer noch an seinem Platz, das kleine Fenster ist vergrößert, ein weißer Plastikrahmen, der Schrank ist geblieben, das Bett am selben Platz, aber auch das ist neu. Der Olivenbaum vor dem Fenster wirft dieselben Schatten. Im gegenüberliegenden Zimmer ist alles noch immer provisorisch, zwei Schränke voll mit Sachen, die auch Igor nicht wegwerfen konnte. Wo versteckt er die Pistole und wo sind Dokumente, Parteibuch, Uhr, Fotos, die Brillen seines Vaters?
Drei Lastwagen Abfall musste man nach dem Tod des Vaters wegführen, Flaschen, altes Eisen, Plastikgefäße. Hätte er es gesehen, wäre er noch einmal gestorben, weil er behauptete, man könne alles verwerten, wenn einem danach sei, sagte mir Mutter.
Von Igors älterem Halbbruder, Igel Martin, gibt es kein Restleben mehr in diesem Haus, seine Anwesenheit war mit dem Auszug vorbei, seine Abwesenheit komplett. Als er mit siebenundvierzig Jahren im Familiengrab beerdigt wurde, rief bis dato nur Igors Vater: Mein Sohn!
Neben dem Büchergestell sehe ich die Tapete, wo einmal Weinflecken waren. Man kann ohne seelische Berührung an die Vergangenheit denken, man kann auf sie schauen wie in einem Film, dessen Ablauf klar ist, seltsam ist nur, dass einem die Rolle, die einem zukommt, absurd erscheint. Ich bin aber gut davongekommen. Gedemütigte Frauen nehmen gerne die ganze Weltschuld auf sich. Gedemütigte Männer nehmen nur eine Kalaschnikow.
Ich schaue dann in den Kühlschrank, es gibt Speck, Käse, einen Salat mit traurigen Blättern und Schweineschmalz in einem Glas, die Kartoffeln sind sicher wie damals im untersten Stockwerk, die Zwiebeln auch.
Meine Nähmaschine steht unter dem Fenster. Ich ziehe die Schublade heraus, in der liegt mein Tagebuch, das ich 1991, bevor ich Hals über Kopf kriegsbedingt Glück verlassen musste, in dieser Schublade gelassen habe. Bin befreit, leicht. Ich öffne das Tagebuch, auf der ersten Seite steht mit meiner schrägen Schrift:
POESIEALBUM
Wäre das Leben eine erfundene Geschichte, wo man mit richtigen Handlungen Kapitel nach Kapitel abschließt und sich gegen Ende satt vor Erkenntnis im Glück wälzt oder sich mit einem Schuss in den Kopf niederstreckt, wo stünde ich heute? Ich schlittere wie der Wolf, den sich mein Vater ausdachte. Oh Schreck. Es war neben einem Fluss im kalten Winter. Eis, Schnee. Der Wolf wollte den Mann fressen, aber der Mann fand ein Fass neben dem Fluss und lockte den Wolf hinein. Der Wolf streckte seinen Schwanz durch das Loch für den Korken, der Mann fasste den Schwanz, ging mit dem Fass auf den vereisten Fluss und drehte es um sich herum, bis der Wolf den Verstand verlor und jaulte wie ein Fuchs. An dieser Stelle lachte Vater laut und wir lachten mit. Nie haben wir Kinder einen gefrorenen Fluss gesehen, aber Vater war doch beim Militär, in Zaječar, Serbien, dort wo eine Pferdekutsche die Straße hinuntergerollt war, mit wild gewordenen Pferden, und Vater hatte sie gestoppt. Es gab keinen schöneren Mann als Vater in der Militäruniform mit schrägem, gefährlichem Blick. Die Haare in der Mitte gewickelt zur Schmalztolle, seine breiten Lippen etwas zu fest zusammengepresst. Dieses Foto muss im Jahr 1957 aufgenommen worden sein; die Lungentuberkulose war noch nicht diagnostiziert. In der jugoslawischen Volksarmee bekamen solche Dorfjungen zum ersten Mal im Leben ordentliche Portionen von Bohnen mit Schweinsknochen zu essen. Sie haben Männer-Freundschaften geschlossen, sich gemessen. Ein Mate Turković, Spitz genannt, wurde später mein Taufpate. Vater hielt sich für was anderes als alle bäuerlichen Tollpatsche.
Ich träumte von Basilikum, bosiljak, ich hatte einen kleinen Topf, er war durstig, ich sollte ihn mit der Mutter umpflanzen. Die Mutter bekreuzigte sich mit der linken Hand und sang: »Einmal hatte ich eine glückliche Liebe, die mein Unglück war.«
Mutter fürchtete seit meiner Geburt das Leben, das einmal auf mich zukommen sollte, als wäre ich von Anfang an eine Kopie ihres Schicksals. Sie hielt mich an der Brust, als Mora kam, eine schwere Hexe, die sich auf sie legte, sie konnte keinen Ton von sich geben. Blutsturz, sagten die alten Frauen, das Kind war eine Frühgeburt, winzig, solches Unglück erleiden Frauen, die ihren Eltern ein Leid antun. Mutter ist aus dem Vaterhaus geflüchtet, um zu heiraten, einen Bräutigam, den die Familie nicht wollte.
Als sie schwanger wurde auf einer Wiese im selben Herbst, mit einem Mädchen und keinem Sohn, fluchte Vater: đava vas obe odnija, der Teufel soll euch beide holen.
Ich fühle ihre Hände auf mir, wie sie hinter den Ohren Schmutz wegschrubbte und am Hals und mich mit Seifenwasser begoss. Die Mutter, die alles mit festem Druck anfasste und drückte; meine Haare, die Knöpfe, die Kohlköpfe im Kochtopf, bis das Wasser sie bedeckte. Unter den Kohlköpfen lag geräuchertes Fleisch, dasselbe Fleisch, das über den Kinderköpfen hing, um in der warmen Luft zu trocknen, nachdem es monatelang beim Onkel im Kamin gehangen hatte. Nach einem derartigen Trockenfleisch-Winter stanken meine Haare und alle Kleider. Die Mutter unterhielt seit Jahren ein sehr enges Verhältnis zu Gott, erworben durch Pilgerreisen und bezahlte heilige Messen, verursacht durch das mystische Erlebnis eines Sprungs zum Himmel, während sie in Ohnmacht fiel und eine Blumenwiese sah.
Großmutters Vision 1919
Wärmere Tage kamen schon im Februar über Glück. Viele Männer aus dem Dorf gerieten in Deutsch-Tirol in Kriegsgefangenschaft. Ein verlorener Großer Krieg und ein Elend. Ein Dreiländer-Königreich statt dem K.-u.-K.-Reich, es entstand auf seinen Trümmern. In dem Dreiländer-Königreich gewannen die Bauern nichts außer Krankheiten und Witwenschaft und Sichplagen für die trockene Brotrinde. Großvater wurde nicht eingezogen, weil er schon Familie hatte, sein älterer Bruder verletzte sich den Fuß mit einer Axt, damit er zu Hause bleiben konnte. Einigen anderen wie Onkel Grgo ging es noch schlechter, er kippte sich Säure in die Augen und wurde blind.
Der hinkende Bruder konnte zu Hause bleiben und heiraten, dann aber nahm die Spanische Grippe seine Frau und die vier Kinder mit in den Tod, es wäre besser, sagte er, er wäre auch tot, das Weiterleben sei ein Strafvollzug des unbarmherzigen Gottes, mit dem er nichts mehr zu tun haben wolle, mit dem nicht.
Großmutter Marta Grlović war zwei Jahre verheiratet. Die Spanische Grippe hat das halbe Dorf Glück zu Grabe getragen, ihre zwei Kinder starben einundzwanzig und einunddreißig Tage nach der Geburt.
Das Schicksal bückte sich zu Großmutter hinunter und sandte ihr ein Wunderzeichen: Ein weißes Pferd, rund wie ein Ball, mit drei Beinen und spitzem Kopf, wie dem einer Ziege, geht geräuschlos neben Großmutter, während die Steine unter ihren Füßen quietschen. Großmutter traut sich kaum zu atmen, als sie den Kopf nach hinten dreht, zum Großvater, sie hat keinen Ton in der Kehle, öffnet den Mund, um zu sagen: Schau, schau, was ist das? Aber sie starrt ihn nur sprachlos an, hat die Stimme verloren. Großvater merkt gar nicht, dass sie ihm etwas sagen möchte. Das runde Pferd geht eine ganze Ewigkeit auf der linken Seite neben ihnen. Großmutter kann kaum atmen, das sind die letzten Minuten unseres Lebens, denkt sie. Das Unheimlichste, was passieren kann, ist, die eigene Stimme zu verlieren, wie sie sie schon damals im Kinderbett verloren hat, im Winter, in dem Wölfe Schafe gerissen haben.
Dann, so plötzlich wie es gekommen ist, verschwindet das runde weiße Pferd. Großmutter versucht, wieder ihre Stimme zu finden, und es gelingt ihr, zu flüstern: »Das Pferd ist neben uns gelaufen.« – Großvater fluchte: »Verdammt, du hättest es mir sofort sagen sollen. Nichts ist neben uns. Sapperlot.« – »Es war ein Zeichen des Himmels, ich konnte dir nichts sagen, meine Stimme war weg.« – »Was für ein Zeichen des Himmels?« Der Himmel war sternenbedeckt und klar. Vorahnung. Botschaft. Unglück kam auch so. Was war’s denn?
Eine Zeit lang gab Großvater der Großmutter die Hand und sie hielt sich daran fest wie ein Kind. Großvater glaubte nicht, dass sie das runde Pferd gesehen hatte, aber er sagte nichts. Sicher sei sie so schwach von der Entbindung und vor Hunger, dass sie Geister sehe.
Großmutter wollte sich nur hinsetzen, die Angst austreiben an der Brust des Großvaters, sie nahm ihre Schürze ab, der Großvater legte sie auf den steinigen Boden, dann seine Jacke darauf. Er schob Großmutters Unterkleid hinauf, sie mussten sich wärmen. Nachdem es vorbei war, weinte sie leise, ohne dass Großvater etwas davon merkte. Unter dem Herzen der Großmutter wuchs mein Vater heran.
Mein Vater war nicht in dieser Nacht in die Großmutter gekommen. Das runde Pferd wird so vieles wiedergutmachen müssen.
Gab es einen finalen Pfiff, eine Poleposition für alles, was später daraus entstand?
Die Entführung des Mädchens als Ausgangspunkt des Unheils für ein ganzes Dorf? Ein dreizehnjähriges Mädchen, festgehalten auf dem Pferd, sie hatten sie belogen, gesagt, sie solle zu ihrer Schwester nach Glück kommen. Es war sonderbar. In der Nacht, warum in der Nacht? Vielleicht war’s gegen Abend. Das Kind mit wunderschönen schwarzen Haaren, auf sie hatte es der alte Witwer abgesehen, aber der Plan wäre fast gescheitert. Die Besa, so hieß die Schöne, hütete Schafe und spielte mit anderen Dorfkindern oberhalb der großen Greda, der Witwer, ihr Entführer, trank Wein vor dem Haus ihres Onkels. Er redete über die Viehpreise, sagte, dass er dieses Jahr kaum etwas verdient habe, weswegen er jetzt die Besa zu ihrer Halbschwester nach Glück bringen werde, damit sie ihr helfe. Die Schwester habe nämlich mehr Vieh gekauft, er bringe Besa zu ihr. Er wollte vor Einbruch der Dunkelheit wieder zurück sein in Glück, er stellte sich vor, wie das Mädchen vor ihm auf dem Pferd sitzen würde, seine Hände auf ihrer Brust. Er hatte sie im Sommer bei ihrer Halbschwester gesehen, seitdem dachte er an das Unmögliche, wie er sie entführen, in sein Haus bringen könnte. Ihre Schreie in dieser Nacht hörte das ganze Glück, sie verstreuten sich und versanken, keine Hilfe. Besa verlor nach dieser Nacht ihren Verstand. Sie gebar dem Vergewaltiger zwei Kinder. Dass dieser Mann vorher die Frau seines Bruders geschwängert und dann eines Nachts ermordet hatte, in Lokva, wusste das ganze Dorf, die Untersuchungskommission aus Split fand nichts heraus. Es wusste auch, dass Besas Enkel seine Frau in der Hochzeitsnacht mit drei Stichen fast getötet hätte, dass er im Krieg gewesen war und später in den besten Militärakademien, dass er nicht verurteilt werden konnte.
Kindheit 1965
In die Geldtasche hatte Vater mein Gesicht gesteckt, das erste Foto für die Vergünstigung, für den Familien-Angestellten-Ausweis der Eisenbahn-Mitarbeiter. Er trug den Ausweis immer mit sich und dieses Kind, ein in sich versunkenes Kind mit großen dunklen Augen, mit dem Haarschnitt eines Jungen, Scheitel auf der linken Seite, geölt, gekämmt, schmale Pulloverzöpfe bis zur Brust. Dann hörte das Foto auf. Das Kind starrt in sich hinein, abwesend, fragend. Das Kind ist nicht verängstigt, eher neugierig. Abstechende Ohren fallen auf, große. Ein Heiratshindernis, obwohl die Mutter sie mit einem Wundpflaster anklebte, damit die Chancen, später für das Mädchen einen Bräutigam ausfindig machen zu können, sich vergrößerten. Dieser nach innen gerichtete Blick, ich schaue dieses Kind in mir an und es scheint mir unmöglich zu begreifen, dass dasselbe Ich in mich heute hinübergerettet wurde.
Die Mutter schloss sich manchmal hinter der Schlafzimmertür ein und kam für Stunden nicht heraus. Eine seltsame Unruhe ohne Lärm, wenn sie nach den Gegenständen griff, ihre Stimme, die Befehle oder Warnungen austeilte, verstummt. Wenn sie aus dem Zimmer endlich wieder in der Küche auftauchte, mit geschwollenen Augen und schmalen Lippen, bekam die Küche ihr normales Gesicht. Die seltene Erinnerung, wie sie lachte beim ersten Schneefall; sie spielte und lachte und warf Schneebälle um sich. Der Geruch ihres Schweißes und der Härchen unter den Armen, wenn sie uns wusch. Als sie die Sehbrille bekam, wurden ihre Augen vor der Welt geschützt. Schwarz umrandet, undeutlich.
Der Vater hütet das kleine Häuschen am Bahngleis-Übergang. Mit dem Vater kommt die Stille ins Haus. Wenn Besuch aus Glück bei ihnen ist, ziehen die Eltern eine andere, lachende Gesichtshaut an und die Wörter werden laut hinausgesagt. Wenn die Kinder allein mit den Eltern zu Hause sind, geben diese kürzeste Befehle durch geschlossene Lippen.
Der Wächter der Familie, der Fürst mit blauen Augen, Vater, der Gesetze und Regeln gab, die keines der Kinder gründlich ausführen konnte. Sein Lachen wäre Verschwendung der Zeit, nur die Nachbarin Jasna brachte ihn zu einem seltsamen Kichern. Er zeigte den goldenen Zahn beim Reden und einen silbrigen beim Fluchen, welcher weit hinten im Mund lag. In ihm kochte eine Zornmilchsuppe, die jederzeit überschwappen konnte wie Milch. Er konnte es auch immer begründen: Hast du keine Augen im Kopf? Er liebte lange Reden vor den Ohren anderer. Wir Kinder hatten kein Wort, sondern dienten als Empfänger seiner Verheißungen. Die Antwort: den Kopf senken und still sein. Die Disziplin, welche er erwartete, förderte, was er als gute Erziehung ansah; sicher war, dass es in seiner Macht stand, die Kinder zu biegen und zu brechen. Er musste aus Kindern die Schlechtigkeit aller Menschen rechtzeitig austreiben. Die Dorfprimitivität ein für alle Mal aus ihnen verbannen, des Dorfs Glück, in dem er nur primitive Menschen sah.
An Weihnachten verfiel er in eine zur Schau gestellte Gleichgültigkeit, weil es sich so gehörte, weil er sich in der Rolle des feierlichen Vaters gefiel. Weil Weihnachten war und die Kinder sollten sich an Weihnachten erinnern, weil er zwei Gläser bitteren Pelinkovac-Likör trank und den Kindern die Geschichte erzählte, wie er einem Wolf auf dem vereisten Fluss den Schwanz aus dem Körper gerissen hatte. Die Kinder trauten dieser Verwandlung nicht ganz und saßen auf seinen Knien, jederzeit bereit, abzuspringen. Die Mutter und die Großmutter hängten sich nicht an die gute Stimmung an, warnten ihn vor dem Alkohol, welcher ganze Familien schon zerstört habe, er werde auch seinem Magen nicht guttun. Der Vater brach in Zorn aus, schüttelte die Kinder von seinen Knien. Ihr gönnt mir gar nichts, wann war ich je betrunken? Die Kinder wünschten sich so sehr einen betrunkenen Vater, der Geschichten erzählte und scherzte. Weihnachten, das so kurz nach dem Schweineschlachten kam, hieß Zuckerbonbons auf dem kleinen Tannenbaum am Esstisch, Orangen darunter, Baumwolle, Watte, vier Glaskugeln wurden aufgehängt (wegen der Kinder). Aber die Kinder verstanden nicht, was gut daran sein sollte, diese Sachen zu sehen, aber nicht essen zu dürfen, die zuckerweißen Bonbons, die in Glitzerpapier eingewickelt waren. Es war unvorstellbar, was Weihnachten sollte und was die kleinen Kerzen, die in Öl schwimmenden Kerzen unter dem Baum, mit der Seele des Großvaters (den toten Seelen) zu tun haben könnten.
Dann die Nachmittage, an denen die Kinder zu Gott beteten und ihn baten, den Vater verschwinden zu lassen, er soll sterben, lieber Gott, aber der Gott sollte nicht verraten, dass er auf die Kinder hörte. Die Schrecklichkeit dieses Hasses, der ihre kleinen Körper zerschmetterte, so wie der Schmerz des Hosengürtels ihre rot gestreifte Haut platzen ließ. Dieses Brennen der Haut, das nicht zu stoppen war, und dann die Tage, an welchen das Sonnenlicht kam, an welchen sie Trost im Weglaufen fanden und im Versinken in den Schlaf. Die vergebliche Mühe des Gebets zeigte sich immer, weil ihre Schuld schon im Vorhandensein lag, nicht auszulöschen war.
Die Kinder quälten die kleinen Tiere und schauten zu, wurden herzlos, wenn kleinste Vögel im Nest ihren Schnabel aufsperrten und nach Luft rangen, wenn ihr Kopf sank und sich nicht mehr bewegte. Die Kinder überfütterten sie mit Feigenfleisch.
Die Kinder hatten Angst vor der Strafe, vor dem Hosengürtel, die Wunden sahen im Frühling schrecklich aus auf weißen Oberschenkeln. Erst dunkelblau, dann gelblich.
Ich sehe mich sitzen, auf einem flachen, unregelmäßigen, großen Stein auf dem halben Weg, welcher von der Straße berghinauf führt. Schutt und Steine hat Vater nachgefüllt, um den Weg auszubessern, damit das Pferd es leichter hat, den Wagen bis zum Haus hinaufschleppen kann. Der Stein drückt unter dem Gesäß, der dünne Stoff des Sommerkleidchens ist hinaufgerutscht, ich spüre den Stein unter dem Gesäß und den Oberschenkeln, der Stein klebt an der Haut.
Auf dem zweiten Foto, das in jenem Sommer gemacht wurde, auf dem Dorffest, hat die Mutter kleine Augen, durch das Schauen in Richtung Sonne und Fotokamera sind die Mutteraugen noch kleiner als sonst. Um ihren Kopf ist ein dünner Zopf gewickelt, weiße Sandalen, Schürze und eine helle Kurzarmbluse. »Schau, wie dünn ich da bin«, jedes Mal hat sie das gesagt, wenn ich dieses Foto mit ihr angesehen habe.
Ich sehe mich in der Spiegelkommode des neuen Elternschlafzimmers. Mutter hat Wasser erwärmt und es vor das Haus gestellt. »Du musst dich waschen, hinter den Ohren schrubben, hinter den Ohren sammelt sich am liebsten Schmutz.« Mutters Hände tun weh.
Ich erinnere mich nur an den Geruch des nassen weißen Stoffs, den sie wäscht, ich sehe die runde glitschige Seife aus Mutters Händen in den Wassereimer fallen, die Haare unter den Oberarmen, kleine Hände mit schmalem Goldring, ihren blumigen Unterrock, Combine genannt, darüber den Faltenrock. Mutter näht mit der linken Hand. Das Kleid mit Schiffen, das Mutter genäht hat, trage ich in der Erinnerung die ganze Kindheit. Mutter singt leise, kaum hörbar … meine Blumen, mein Glück, deine Ljuba … moj gaj, moja sreća, tvoja ljubav.
Ich glaube, Großmutter ist auf der Reise, die Großmutteraugen haben sie nicht beobachtet.
Einmal sagte Vater feierlich: »Wir gehen nach Čačak.« Nach diesen Worten hatte ich eine geräuschlose, steigende Aufregung in den Augen, in den Ohren, mein Herz unter dem vergilbten Unterhemd klopfte bis in den Rücken. Eine Zugreise, morgen. Die Reisekleider lagen schon auf Großmutters Bett, die Kleider, welche ausgeliehen waren und nur zu dieser Gelegenheit angezogen werden sollten. Ein hellgelber Wollpullover mit Zopfmuster, der um Gotteswillen nicht beschmutzt werden durfte, weil er von Tatjana Jagoda, der Cousine, ausgeliehen war. Tatjana Jagoda sprach Italienisch mit Nonna und Nonno und war ein »Augenapfel« für alle. Der Wintermantel wurde auch ausgeliehen. »Weil das Kind kalt haben wird«, sagte Mutter zum Vater; er hatte Holzknöpfe auf beiden Seiten, dunkelblau.
Der Vater trug seine dunkelblaue Eisenbahnuniform mit den Messingknöpfen und das blaue Eisenbahnhemd. Auf der Jacke der Uniform stand mit gelben Buchstaben geschrieben: JŽTP, Jugoslavensko željezničko transportno poduzeće.
In meinen Ohren klang diese Bezeichnung geheimnisvoll. Fernglück, das durch die Augen strömte, hinaus, hinein, eine Reise mit dem Zug. Die lange Nacht und den Tag der Zugreise über machte ich kein Auge zu, eine Zugreise nach Čačak. Aus Angst, allein zu sein im Korridor des nach Benzin stinkenden Zuges, ging ich nie auf die Toilette. Vater wird das nach der Rückkehr immer wieder erzählen. Der Geruch des Zugabteils, Urin, Holz, ölig, Häuser, welche mitreisten, draußen vorbeiflogen und von Bäumen begleitet wurden, Stromstangen wie Bleistifte. Ich war ein folgsames Kind, unglaublich gut hätte ich die Reise überstanden, wie eine Große, wird Vater sagen, an die Worte des Vaters erinnere ich mich. Ankunft. Treppen nach oben, Holztreppen. Ein dünner Mann, den ich Onkel nennen sollte, Onkel Tetak, der keine Kinder hatte und mich fest kitzelte. Ich weinte vor Lachen.
Ohne Großmutter ein einziger Ausflug als Familie nach Split. Eine Fotofamilie, die mit Wasser, Seife, dem neuen Rosenrock der Mutter präpariert wurde, auch mit dem glatten Gesicht des Vaters, welcher der Regisseur des Ausflugs war, mit Eis in zitternden Kinderhänden, weil sie sich in der Stadt nicht zu benehmen wussten und schnell schmutzig werden konnten. Die Mutter ernstfröhlich, weil das Kleid aus Italien stammte, nur an dem Tag angezogen werden durfte und sie erhellte, fremd machte, das Rosenkleid, und der Vater hatte ein Polyesterhemd, welches mit einer Farbtablette gekocht wurde, um blau zu werden. Mutter, ich und mein Bruder. Für den Ausflug wurden wir über Nacht anders, als wir gestern gewesen waren, eine vorsichtige Imitation der Städter, wobei der Vater als Einziger keinen wirklichen Respekt zeigte und als Anführer dieser unmündigen Familie mitging. Er hatte geölte Haare, die Frisur zeigte seine Weltläufigkeit, welche aus verschiedenen Tuberkulose-Aufenthalten in Spitälern in Zagreb und Varaždin bestand und aus Besuchen der Abendschule in Split. Auch seine Sprache und sein goldener Zahn konnten durchaus zu einem anderen Mann gehören wie auch die Kinder, die schon in der kleinen Küche ganz unpassend saßen, die Kinder, welche die Wörter flüsterten, weil sie nicht wussten, wie die richtige Stadt-Aussprache war und wie richtige Wörter auszusehen hätten. Ich konnte die herben Wörter der Erwachsenen aus Glück auswendig, aber für Split musste man sie waschen. Mutter trug eine Brille, was auf die Vererbung eines Sehfehlers mütterlicherseits hinwies. Diese Brille entfernte Mutter von den gesunden Bauern, aber sie brachte sie nicht in die Nähe der Städter, obwohl auch Städter Brillen trugen, aber die hatten andere, schönere Gestelle, nicht solche schwere schwarze. Gott sei Dank hatte Mutter ihre Zöpfe abgeschnitten, fürs Erste wurde eine halblange Version gewählt, weil es auch andere vergleichbare Frauen so hielten in diesem Wettbewerb der angleichenden Verwandlung, wobei keine zu schnell bei der Imitation der Stadtmenschen sein durfte. Das hat geholfen, dass die Mutter an diesem Tag nicht ganz wie Mutter war.
Split bestand aus Vaters Hemden in den Schaufenstern, aus Tellern, Wintermänteln, Unterhosen, Schuhen, Uhren, Büchern, Küchen, diesen unglaublichen Dingen, die Stadtmenschen beseelen, weil sie Teil ihres Lebens sind. Der Gestank der Fische auf dem Fischmarkt Ribarnica störte unser Bild, gesalzene Sardellen in den Holztöpfen, davon hat Mutter, als sie mit mir schwanger war, sechs Stück gegessen. Die Steinkinder im Park, aus deren Fingerkuppen Wasser spritzte, all dies gehörte zu einer Erhabenheit der Stadtmenschen, welchen wir nicht angehören, aber wenn wir groß würden … Vater nannte uns die Namen der Ärzte, die Namen der Straßen: Solinska, Prvoboraca, Bosanska Firule, Bačvice und Meje. In Meje, sagte er, wohnten die, welche es geschafft hätten, in einer Vorzeit den Reichen alles wegzunehmen, von Volksfeinden was zu retten, richtige Kommunisten.
Wir trauten uns fast nicht zu atmen, sondern schauten auf die Schuhspitzen beim Treppensteigen. Auch andere Familien stiegen stolz die Treppen hoch zum Marjan, wo der Zoologische Garten war, wobei ich nicht wusste, was Zoološki vrt bedeutete, nichts wusste, abgesehen von dem Wort. Ich stellte mir Tiere vor, die eingepflanzt wie Rebstöcke oder Bäume im Garten wuchsen. Am meisten liebte ich unseren Hund, der ständig bellte. Ich wollte immer eine andere Familie, einen Park, ein gelbes Haus, einen Papagei, Lackschuhe, ein schönes Kleid, Locken am Kopf. Zeichnungen, andere Zeiten, andere Menschen standen im Fortsetzungsroman auf der letzten Seite von Slobodna Dalmacija. Vater schlug den Bruder mehr als mich.
Die andere Großmutter fragte mich, wo ist dein Bruder, ist er in lokva, in der Tränke? Und ich dachte, ich sah ihn, wie er ins Wasser ging, als die Kühe von der Weide kamen.
»Er ist sicher in lokva«, sagte ich zu ihr. Großmutter rief nach den Nachbarn, zwei Männer nahmen die Schnur, sie suchten den kleinen Bruder im Wasser der Kuhtränke. Die Tante und die Großmutter weinten laut, plötzlich tauchte er an der Hand des Onkels auf, alle waren erleichtert, freuten sich, dass er nicht ertrunken war. Die Großmutter schlug mich, sagte: »Du hast falsches Zeugnis abgegeben, du Miststück, bist wie deine Mutter.« Ich weinte. Hatte Angst, dass die Großmutter das dem Vater erzählte, er mich auch schlagen würde.
Es war dieselbe Kuhtränke, dort, wo damals die erhängte Freundin der Mutter hing.
Mutter kam nach Hause vom Vieh-auf-die-Wiese-Treiben, sagte: »Besa hat sich bei der Kuhtränke erhängt, arme Besa.« Besa, die mit dreizehn Jahren aus ihrem Haus gestohlen und in derselben Nacht vergewaltigt wurde. Besa verlor den Verstand, ihr Mann nahm ihr dann zwei Kinder, arme, blöde Besa.
Viel früher warf Mutter Schneebälle und lachte laut. Sie spielte wie ein Kind, sie war verliebt in einen wunderschönen Nachbarn, der öfter zu uns kam, ich sah es, ein Spaziergang mit ihm, ein Lachen im Duett, immer lachte sie mit ihm, glücklich. An einem Nachmittag aber redeten sie unbekannte Worte, sie wischte sich die Augen trocken. Er floh nach Frankreich. Sie verwelkte, wurde trüb, unberührbar, sie versteckte sich in Salatpflanzen. Ihre Schwiegermutter betrachtete sie misstrauisch.
Sie war einundzwanzig, als das Lachen aus ihrem Gesicht verschwand.
Jahrelang hörte niemand seinen Namen.
Vater hatte zu der Zeit Tuberkulose, die ganze Familie war zu ernähren.
Wir hatten tagelang Schlangeneier gesucht und nie gefunden. Und dann endlich? Der Bruder entdeckte Schlangeneier in der Wand, es waren glitzernde kleine Wunderdinge. Vater rief ihn aus der Küche, er meldete sich nicht, der Vater rief noch lauter, noch lauter, der Vater suchte ihn, der kleine Bruder sei verschwunden, sagte er. Vater durchsuchte das ganze Grundstück, fragte die Nachbarn, niemand hatte ihn gesehen. Dann, ins Haus zurückgekommen, entdeckte er sein Versteck unter dem Bett, packte ihn mit beiden Händen unter den Armen, warf ihn aufs Kinderbett und rief: »Mit der eigenen Hand töte ich dich, du hast mir solche Angst eingejagt, nie mehr, nie mehr, hörst du.« Der Bruder war blau angelaufen vom Weinen. Die Großmutter sagte ganz leise: »Es sollen deine Hände abfallen, dabogda.« Ich beobachtete alles aus dem Versteck hinter der Großmutter und konnte nicht helfen. Ich wollte, Vater hätte mich geschlagen, ich schämte mich.
Jesus auf der Zunge Juni 1967
Ich musste mich winden, um mich nicht aufzulösen und irgendwo in der Dunkelheit hinter der Sonne zu verschwinden. Es fingen die kleinen Vögel an der Wand an, sich zu zeigen; ich hatte gesehen, wie Vater das Eigelb im weißen Mörtel auflöste, um dann mit den Rollern über die Wände zu fahren, bis überall dieselben Vögel, unzählige Vögel, geboren wurden. Nachdem die Wand getrocknet war und wir wieder im Zimmer schlafen durften, schauten die Vögel auf uns, immer wenn unsre Augen offen waren.
Unglaublich, dass es ausgerechnet mir passierte, obwohl ich nicht »Glück« dachte, sreća, weil mir nur ein Wort für das Bevorstehende zu wenig war. Die sreće, Glücksgefühle, flogen und stießen einander und bedrohten die Hände und die Augen, wollten mich hinaustragen. Wenn meine Patin käme, die kuma, müsste alles an mir ganz sein, damit das weiße Kleid und die weiße Strumpfhose und die schwarzen Lackschuhe und die Handschuhe an meinem Körper befestigt werden könnten. Für die Vereinigung mit Gott musste mir das lange weiße Kleid gut stehen. Im Kopf alle Bilder gleichzeitig, da waren die Bonbons, das Krokant der Torte von der Hochzeit Markos, des Neffen des Vaters, die Bilder an der Kirchenwand, da hörte ich Julianas Stimme in der Katechismus-Stunde und mich beichten zur Reinigung der Seele hinter dem Paravent und die verschwitzte Stimme von Don Joso. Ich hörte das Geräusch des Windes, welcher Bäume umbog, sah das weiße Fell des Hundes und den Bauch, die Ziegenohren am Boden, die, dem Sprichwort nach, Kaiser Trojans Geheimnisse verrieten. Ich setzte das Huhn, das ich umgebracht hatte, Don Joso vor.
Mutters Stimme: Ana, dignise, ihre Hand rüttelte mich. Neben dem Brunnen hing schon der Spiegel, der Himmel war auch da. Meer in der Ferne, blau. Mutters raue Stimme, die meine Haare verfluchte, weil keine einzige Locke geblieben war. »Maushaare, du hast wirklich Maushaare wie ich.« Die Haare waren zu kurz oder die Wickler zu breit. Mutter badete in Schweiß und ich traute mich kaum zu atmen, obwohl meine Augen beim Abnehmen der Wickler Sterne erblickten vor Schmerz. Die Wunde vom Brudersteinschlag erschwerte die Verschönerung erheblich, Mutter klebte ein neues Pflaster darauf, es werde dann unter dem Kranz und der Haube aus weißem Tüll verschwinden. Die Mutter benutzte selbst gekochte Schweineschmalzseife, die nach Vaters Strümpfen und Rasierwasser stank. Ich musste die Augen fest zudrücken, Mutter schrubbte meinen Oberkörper, wie sie einen Salatkopf wusch, verteilte die Seife hinter den Ohren und bohrte ihren Finger ins Ohrloch, weil der Schmutz sich dort am liebsten einnistete, dann trocknete sie mich mit gelben Tüchern, auf welchen Tvornica šećera Županja stand. Das Kleid, eine Leihgabe der heiligen Schwestern, hing am Fensterbrett und sollte kurz vor dem Gehen angezogen werden. »Du darfst das Kleid nicht beschmutzen, du weißt das.« Schon heute Abend würde es mit den Drohungen vorbei sein. Nur in Unterhosen stellte Mutter mich auf einen Stuhl, mit dem Befehl, ich solle ruhig abwarten, bis die Haare an der Sonne lockiger trockneten. Jetzt kam das andere Kind, der kleine Bruder, an die Reihe, er schrie, was ihm der Hals erlaubte, aber das ermunterte Mutter nur, noch mehr Seife zu nehmen. Der Bruder weinte, obwohl ihm Mutter ständig befahl, aufzuhören.
Ich stellte mir vor, dass die Liebe zu Jesus zehnmal stärker sei als meine ljubav zu Juliana, wobei Julianas Gesicht sich in mir ausbreitete wie ein Ei in der Pfanne, und das Gelbe und das Weiße flossen ineinander, wenn ich mir ihr Lächeln vorstellte, ihr Lächeln, sobald ich mein Gedicht für Jesus aufsagen würde. Sah die großen dunklen Augen, jede Kontur ihres weißen Gesichts und die kleine Haarsträhne, die unter der weißen gestärkten Nonnenhaube hervorlugte. Dieses Gesicht ist das schönste, schöner als das der Mutter, und ihre Lippen erst, ihre Nase. Ich würde Nonne werden, jetzt aber die Kommunion. Aus der Ferne hörte ich das Bellen der Hunde, die Großmutter ging durch die Türe, das Weinen des Bruders tröstete mich.
Jesus im Elternschlafzimmer hatte blaue Augen, so wie Vater. Jesu Vater saß im Himmel, aber mehr über ihn wusste ich nicht, Vaters Vater wurde im Zweiten Krieg erschossen. Großmutter war sehr böse auf Jesus und Gottvater, dass er das zugelassen hatte. Ich war überzeugt, je tiefer ich fiel, nach den zehn Geboten, desto höher würde ich zur Unschuld fliegen. Ich versuchte, meinen Kopf festzuhalten. Am Kopf waren Eisenwickler für die Locken und sie taten weh, so legte ich die Hände auf meinen Bauch. Ich sah zur Wand, wo Jesus auf sein Herz zeigte, Rosendornen um das rote Herz gewickelt. Wenn ich Jesus bekomme, dann reite ich auf dem weißen Pferd über den Berg zum Grab des Großvaters und wir wecken ihn auf. Von morgen an kein Böses mehr in mir, es wird keinen Grund mehr geben, mich zu schlagen.
Könnte Jesus in letzter Sekunde seine Meinung über mich ändern? Der Stein, den ich vorgestern auf den Kopf bekommen hatte, den ich verdiente, weil ich meinen Bruder ausschimpfte, die Wunde, die immer noch wehtat, könnte Jesus die Wunde zum Anlass nehmen, mir doch zu verzeihen? Alle anderen Kinder waren besser und Jesus würde Gefallen an ihnen finden. Vielleicht würde die Kirche so voll sein und ich vor den Türen bleiben müssen wie bei dem Kartenspiel in der Ostaria, als mich der Großvater unter dem Tisch vergessen hatte. »Aber Jesus sieht alles«, sagte Don Joso immer wieder in der Messe, »er ist Gottes Sohn, er weiß alles, er kennt jeden Gedanken und jedes Geräusch und jeden Stein auf der ganzen Erde plus im Himmel.« Ich würde wie Juliana in ein samostan gehen. Ich sah mich in der Küche der Klosterfrauen, die blaue Kredenz und die Lilien mit dem betörenden Duft und das vergoldete Kreuz.
Wenn sich das Gedicht jetzt für den Messe-Auftritt eingravieren könnte.
Der Vater war nicht da, er ging, die Gäste abzuholen, weil sie mit dem Zug kommen und nicht wissen würden, wo wir wohnten. Ich hatte meine Patentante noch nie gesehen, Vater hatte sie ausgesucht, um die Freundschaft zu erhalten, sagte er zu Mutter. Mutter schüttelte den Kopf, Freundschaft zu erhalten, wiederholte sie. Die kuma wird eine Halskette aus Gold bringen oder eine Uhr, wie auch alle anderen Kinder eine bekommen. Eine Goldkette hätte ich am liebsten, wie Tante Nada eine hatte.
Ich sah von meinem Stuhl aus zur Großmutter, dunkelblaue Kleider, die wie immer an ihr hingen. Großmutter sollte Ziegen zur Weide treiben, sie ging mit den Tieren zur Weide wie jeden Tag, sie schien unbeteiligt zu sein am ganzen Getue. Seit dem Tod des Großvaters ging sie nicht mehr in die Kirche. Nur am Abend betete sie mit uns Oče naš, koji jesi u nebesima, Amen, die Kinder sollten es von ihr lernen. Diese Verschwendung des Geldes für die Kommunion sei unnötig, der Einbruch der Tito-Zeit, sogar gefüllte Paprika gebe es zum Essen.
Meine Augen füllten sich mit Tränen. Die abtrocknende Mutter merkte nichts, weil sie nur für die Einrichtung des Kindes nach außen hin zuständig war und tausend Sachen zu tun hatte, welche zu tun waren an dem Sommermorgen des glücklichsten Tages meines Lebens.
Ich konnte nicht das Kleid hängen lassen und bei der Großmutter bleiben und mich in ihren Kleidern verstecken, ich musste durch diesen Tag zu Jesus, auch für die traurige Großmutter. Ich hörte Stimmen, der Vater und die schwarzhaarige Patin mit schwarzen Wimpern und Lockenhaaren und ihr Mann mit geölten Haaren, der einen Kopf größer als Vater war, kamen. Dem Mann spritzte beim Sprechen Schleim aus dem Mund, weil seine Lippen irgendwie schräg eingebaut waren und sich nicht verschließen ließen. Er war ein Militär-Kamerad des Vaters. Mutter zeigte Zähne und entschuldigte sich für die Unordnung und die nackten Kinder, sie bot den Gästen Sirup und Schinken an, seht ihr, wie eng wir wohnen, alles ist bei uns klein. Mutter hatte ihre Haare unter dem Tuch versteckt. Sie entschuldigte sich bei der kuma, dass sie ihre Haare nicht gewickelt habe, weil die Wickler in der Nacht auf meinem Kopf sein mussten, wo sie aber wegen der Maushaare auch keine Locken verursacht hätten. »So bleiben wir beide heute ohne Frisur, aber Hauptsache, ihr seid hier.« Kaum hatten sich die Gäste an den Tisch gesetzt, erzählten die Männer von der Kaserne, weißt du … und in Valjevo und Niš, Zaječar, alle diese Militärstädte wurden wie noch mehr Gepäck auf meine Schultern geladen. Die kuma war fast schöner als Juliana und sie hatte Spitzschuhe und ein stadtkariertes Kostüm und eine kleine Lacktasche, welche sie neben ihre behaarten Beine in den Nylonstrumpfhosen stellte. Ihr Mann und der Vater rochen wie die Kölnischwasser-Flasche. Der kleine Bruder sagte kein Wort und schaute schlimm um sich.
Ich zog mein Kleid allein an, die Mutter hatte mich vergessen, meine Wunde am Kopf tat weh, den Kranz musste dann doch Mutter befestigen und sie schnappte nach meiner Hand, damit ich ruhig blieb und die Wunde nicht aufkratzte. Nachdem die Paten Suppe und gefüllte Paprika gegessen hatten, ich und der kleine Bruder mit Käse verköstigt waren, wurden wir noch aufpoliert im Gesicht, mit Nivea-Creme. Vater nahm mich an der Hand und Mutter den kleinen Bruder, die kuma und ihr Mann gingen neben uns, wegen der Unebenheiten der Makadam-Straße und wegen der Frauenschuhe bewegten sich alle nur langsam.
Die Straße, die ich schon auswendig kannte, jede Erhebung und jeden Rand, verwandelte sich heute in eine Straße zum Heiligsein. In meinem Kleid war ein anderes Mädchen an Vaters Hand.
Ich stellte mir vor, dass die Familie um mich herum so etwas wie die Familie Jesu wäre, aber die Herrlichkeit lag bei mir. Die Erwachsenen sprachen über ihre Dorf-Jugend und lachten einander vielversprechend an, Vater die Patentante, Mutter deren Mann. Der Bruder hielt sich an der Hand der Mutter fest, damit er nicht verloren ginge, und ich hing an Vaters großer Hand.
Ich wiederholte das seit einem Monat gelernte Gedicht, das immer an derselben Stelle ins Stocken geriet, ich bewegte die Lippen … und tvoje … da fehlte mir immer das Wort, welches sich dann in äußerster Verzweiflung durch die Zähne anbahnte, aber wo hatte es sich jedes Mal versteckt, wo kam es jedes Mal wieder hervor, nach der langen Pause. Ich wusste nicht, ob Eva und Adam auch unterwegs waren in Galiläa oder ob sie aus Ägypten vertrieben waren und auf dem Berg Sinai oder in der Wüste ein Haus hatten. Don Joso ließ vieles im Dunklen, in der heiligen Messe redete er immer über grijeh, die Sünde, und die Verlockungen des Teufels. Moses, Maria, Juraj, alle diese Katechismus-Namen, welche sich jetzt endlich mit mir bewegten, waren auch schon ermüdet vom ganzen Tag. Ich sah Don Joso und seinen Kopf mit den drei quergelegten Haarsträhnen, welche die Glatze schützen sollten, er würde heute auch dabei sein. Aber zum ersten Mal käme der Bischof und er stünde dem Gott unendlich viel näher, schon wegen dem Stab in seiner Hand, den ich in der Kirche gesehen hatte. Ich stellte ihn mir vor in der Gestalt des Hirten Gottes, weil das eine schöne Bezeichnung war, ein schönes Bild an der Kirchenwand, wo der heilige Juraj mit Schlangen kämpfte. Der Bischof hatte auch so auszusehen. Ich dachte an Juliana, die vor der Kirche warten und mich in ihrer Gottesergebenheit jetzt endlich fast von gleich zu gleich am Kopf streicheln würde, dann fiel mir ein, ich hatte ja den Kranz darauf, an den Schultern sollte sie mich anfassen.
Die kuma wischte ihre lackierten Schuhe mit einem Taschentuch ab, welches sie mit Spucke nass gemacht hatte, denn inzwischen hatten wir die asphaltierte Straße erreicht. So viele Kinder mit ihren Eltern und kumovi kamen ebenfalls jetzt mit uns, die kleinen Köpfe über weißen Kleidern sahen ganz fremd aus. Es waren die Erwachsenen, welche sich wie eine Schutzmauer zwischen uns Kinder stellten. Ganz Glück war vor der Kirche. Ich sah Julianas Kleid, wünschte mir, dass sie nicht zu uns käme, es könnte das Geheimnis von meinem Gesicht abzulesen sein, dass ich nämlich schon der Kirche und Juliana gehörte und nicht dieser Familie. Langsam gingen alle in die Kirche. Ich konnte endlich die Familie in der hintersten Reihe lassen und den kleinen Bruder auch, nur die kuma durfte weiter, zu ihrem Platz in der ersten Reihe neben den anderen kumovi. Die Mädchen hatten nebeneinander zu sitzen, die Knaben saßen auf der anderen Seite. Ich hörte aus der Ferne die gedämpften Stimmen der Erwachsenen. Die Gedichtzeilen sprangen in meinem Kopf herum und wechselten die Plätze, meine Hände waren feucht, ich bekam keine Luft. Die Kirche roch nach Lilien, Rasierwasser, Schuhcreme, Weihwasser, Haarspray, Deodorants. Ich traute mich kaum, meine Augen zu bewegen, weil mich das schon zum Umkippen bringen könnte, so kurz vor dem Ereignis. Meine Blase war geschwollen unter dem dünnen weißen Kleid. Es galt jetzt, alles zu geben, wie Jesus auf dem Kreuz, und ich konnte mich nicht unter Julianas langem Nonnenkleid verstecken. Endlich trat Don Joso an den Altar, er bekreuzigte sich und begrüßte die Gemeinde, die sich plötzlich beruhigte, kaum jemand sprach ein Wort, außer einem Kind, welches zu der Mutter etwas sagte, was in dieser Stille einem Verbrechen glich. Don Joso sprach vom unvergesslichen Tag für die Erstkommunikanten, er gab uns allen den Segen. Die übliche Messe mit Weihrauch zog wie eine Schnecke an meinen gesenkten Augen vorbei, der Weihrauch, der vor dem Evangelium ausgepustet wurde, stank. Es war ausgemacht, dass Juliana mir ein Zeichen geben würde, wenn ich zum Altar treten sollte, das Gedicht für Jesus aufzusagen, aufzusagen, was völlig aus mir entschwunden war, kein einziges Wort war mehr zu finden.
Plötzlich fühlte ich Julianas Hand an meinen Schultern und ihre Lippen waren an meinem Ohr. »Jetzt bist du dran, viel Glück«, sagte sie. Sie ließ ihre Hand auf meinen Schultern liegen, an dieser Stelle konnte mir nichts mehr passieren, aber alles andere an mir fühlte sich an wie ein Zuckersack, ohne Kraft. Juliana drückte mich und schubste mich zum Altar.
Ich stand vor den Augen der ganzen Welt, die Wörter verließen die Kehle laut, ohne sich um mich zu kümmern, sie riefen Jesus, sie trugen, sie zogen mich mit sich, ich konnte nichts sehen, obwohl ich alle Köpfe sah, nicht die Eltern, nicht Juliana, nicht die kuma. Ich sah fest in die Augen einer alten Frau, welche wie Großmutter aussah.
Die Zunge fand das Wort, das immer verschwunden war, an seinem Platz, und nachdem es über die Lippen gekommen war, kamen andere Wörter nach, zogen meine Stimme zu Jesu Ohren und zur Decke. Jesus sog mich in sich.
Schwindel am Morgen 1975
Lange habe ich den Schwindel am Morgen mit dem verdorbenen Magen erklärt, das komische Gefühl in der Magengrube, aber dann ein erstes Erbrechen in der Solinska ulica, kurz vor dem Gymnasium. Scham, was jetzt? Gleichzeitig schaute mich die Sorglosigkeit der Schülerkollegen an. »Bist du krank?«, hörte ich Tea fragen. »Nein, nein, mir ist nur schlecht«, sagte ich leise und wischte den Mund mit dem Ärmel meines schwarzen Schulkleids ab, »Magen verdorben.« Nach der Schule legte ich mich ins Bett und weinte den ganzen Nachmittag.
Im Haus gab es noch immer den sogenannten tatsächlichen Ablauf der Tage, das ganz normale Vergehen der Sekunden, Minuten, jetzt aber in unnatürlichem Rhythmus. Den Großmutter-Morgen-Kaffee, den Teller mit der Ochsenschwanz-Suppe zu Mittag. Die Ernte der Abenddämmerung lag auf dem Balkon, geschnittene Salatköpfe, noch verschmutzt, wanderten in Körbe, dann mit dem Zug nach Zagreb. Der Geruch nach frischem Wand-Verputz, die Großmutter auf dem Stuhl vor den Türen, das Baby haltend, die unbeweglichen Gesichter der Familienleben-Protagonisten wie in einem Stummfilm, welche wie immer nur mit dem Kochen, Arbeiten, Schlafen, dem Gartenbewirtschaften beschäftigt waren. Meine Ohren sollten taub werden, um nichts zu hören, das Klappern des Geschirrs, die Stimmen des Fernsehers, Hundegebell. Ich hasste vor allem den Ablauf der Zeit, den Tag und die Nacht, ihre Ausdehnung in eine Zukunft, die für mich über die Grenze des Vorstellbaren hinaus reichte ins Leere, in die Dunkelheit. Gäbe es eine Möglichkeit, sich aufzulösen, zu demineralisieren, einfach von diesem Bett in die Luft, nie da, nie da? Diese Normalität schläferte ein, war unerhört, weil sie sich nicht mit einem Schlag zur Veränderung entschließen konnte. Damals, als die andere Großmutter starb, hörte ich Mutter sagen, das Leben gehe weiter. Nein, das Leben stand weiter. Die Stühle sollten Plätze tauschen, bis sich das Kind auflöste, alles sollte mal zur Ruhe kommen wie im festgehaltenen Timeout in einem schlecht angefangenen Spiel, dessen Fortsetzung überdacht werden musste. Ich lag in meinem Bett und wollte mich vor den Verlauf der Zeit stellen, um ihn aufzuhalten. Ich betete ganz fest, soll der Gott einen Beweis erbringen, ein einziges Mal, gerade jetzt, und die Zeit stillstehen lassen, ein Erdbeben auslösen, Gott soll sich zeigen oder schweigen. Betend will ich dieser Stimme folgen. Verbirg dein Angesicht nicht vor mir, ich will sterben, damit ich (ewig) lebe und dich schaue von Angesicht zu Angesicht. Heiliger Augustinus, hilf mir.
Die Schuldigkeit wuchs in mir, im Körper, die Brüste hatten das Wachstum innerhalb von zwei Monaten aufgeholt, das Geheimnis wurde sichtbar, kein Stein würde auf dem anderen bleiben. Es wunderte mich an der Busstation, dass die Busse vom selben Ort wie immer abfuhren. Der Diesel-Geruch aus dem Auspuff, der schlechte Geruch aus allen Poren der Materie strömte in meine Eingeweide, Fisch, Fleisch, Gulasch, Brot, Spargel, Gemüse, Sauerkraut, Nylonsäcke voll von Essen in den geschwollenen Händen vom Markt zurückkehrender Frauen in dunklen Kleidern, welche sich mit einem Seufzer auf die Busparkplatzbänke stürzten und die Einkaufstaschen auf den Boden, neben die Füße stellten. Die Fischaugen versteckten sich im Dunkeln der Taschen, Sardellen sind die billigsten und besten, sagte Vater – immer riefen sie mit dem Gestank ihres sich auflösenden Lebens um Hilfe. In diesem Bus, welcher nur aus den Ausdünstungen der Gegenstände und Menschen zu bestehen schien (oder immer bestanden hat), konnte eine ungewollt schwanger gewordene Schülerin sterben. Vom Gestank? Die beste Freundin der Mutter erhängte sich eines Morgens in der Nähe unseres Hauses, sie hatte schulterlange, dicke schwarze Haare und war schön wie Maria, die Mutter Gottes. Wo einen Strick nehmen, wann zum Baum gehen? Wer wird mich finden?
Ich versuchte nur so wenig wie nötig einzuatmen, ich konnte mich nicht mehr schützen, weil sich diese Gerüche verschworen hatten, das Geheimnis in mir anzugreifen, und was wäre offensichtlicher, als in Ohnmacht zu fallen, mitten in die Schüler, mitten in die Dorfgesichter zu stürzen und den Kaffee wieder auszukotzen? Dies wird bald den Eltern zu Ohren kommen, ein immer runder werdender Bauch wird sich zu den Augen des einen oder anderen heben und dann wird laut ausgesprochen, was Sache ist. Ana ist eine Hure. Die Schulkinder mit ihren noch immer gleichen Gesprächen in den Pausen, Berichten über Basketballspiel und Disco-Besuche … In ihren Bäuchen wuchsen keine Kinder heran. Ich muss es töten, bevor Vater mich tötet. Wie? Der Schulstoff, die chemischen Elemente, welche sich plötzlich verbinden oder spalten, ihre Vektoren, die Beschaffenheit der Metalle und Edelmetalle, die Proteine, die Geografie, der Ursprung in der Expansion der Explosion im Universum, welches bis dahin als ein unendliches zeitloses Nichts existiert hat, woher? Die Namen der Ozeane und Verschiebungen der Kontinente, die Geschichte der Planeten, welche sicher noch keine endgültige Form angenommen haben, die lange Geschichte, welche unvorstellbar ist aus einer Logik, die sich selber beerdigt.
Die Fortpflanzung der Arten, eine chemisch-biologische Tatsache, interessierte mich außerordentlich. Dann die Philosophie. Was ist der Mensch? Was ist der Sinn des Seins? Ich möchte Wissenschaftlerin in Laboratorien werden, mit Handschuhen an den Händen, die Eltern sezieren, damit die Menschheit gesünder wird. Ich lerne, indem ich Nietzsche, Freud, Jung, Fromm und Adler lese und über unser monsterhaftes Leben im Tagebuch schreibe. Meine Diagnose: ein Vater ohne Selbst, eine Mutter ohne Hoffnung, ein libidinös entflammter Onkel, alle Dummköpfe oder Trinker, Waschlappen, wohin ich blicke, Ödipus bindet alle an die Großmutter mit ihrem Machthunger. Alle aus dieser Familie könnte ich wie Abfall in den Wald führen, neben der Straße auskippen, ohne Herzzuckungen, richtige Menschen kann man aus ihnen nicht mehr machen, Menschen, die in den Büchern so gut leben, duftend, schön, tragisch, Madame Bovary, Anna Karenina, Effi Briest, gut, ihr Unglück waren die Männer und die, welche nicht hielten, was sie versprachen.
Sie tragen Hüte, zartblumige, und weiße Blusen umspielen ihre Oberkörper. Sie selber sind wieder umspielt von den Bediensteten in einem riesengroßen Haus, welches mit Ölporträts, Zylindern, Musikinstrumenten und mit weißem Porzellan auf den Tischen eine fantastische Kulisse abgibt. Andere Menschen haben Ehre, Leidenschaft, Klugheit, Weitsichtigkeit und Helligkeit und sie sind zur Liebe fähig oder wenigstens so ganz, ganz schlimm traurig.
Undenkbar, dass Vater und Mutter je nackt zusammen gewesen wären. Ich las einen Liebesbrief der Mutter an Vater, vita jela zelen bor čekam brzi odgovor, sie nannte ihn sunce moje. Ein Brief kann nicht das ganze Leben der beiden zusammenhalten.
Darmowy fragment się skończył.