Czytaj książkę: «Nicht mehr Ich»

Doris Wagner: Nicht mehr ich
Alle Rechte vorbehalten
© 2014 edition a, Wien
www.edition-a.at
Cover: Kyungmi Park
Gestaltung: Cojothe
Gesetzt in der Premiéra
Gedruckt in Europa
2 3 4 5 6 — 17 16 15 14
ISBN 978-3-99001-109-6
eBook-ISBN 978-3-99001-117-1
eBook-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim
www.brocom.de
Inhalt
Was dieses Buch will
Geleitwort
1. Das rote Kreuz
2. Der Eintritt
3. Rom
4. England
5. Die erste große Krise
6. Zurück in Rom
7. Die Chormantelfeier
8. Die Katastrophe
9. Die Begegnung
10. Der Kampf um eine bessere Königsfamilie
11. Die Masken fallen
12. Freiburg
13. Das Ende
Allen, die Ähnliches erlebt haben.
WAS DIESES BUCH WILL
Dieses Buch ist keine Traumabewältigung und kein Racheakt. Es möchte nicht um Mitleid werben und nicht zum Kampf aufrufen. Es hat nur ein Ziel: die Dynamik von Ideologie, Manipulation und Missbrauch zu veranschaulichen, der Menschen in bestimmten katholischen Gruppierungen zum Opfer fallen.
Es widerstrebt mir, die extremen und zum Teil intimen Erfahrungen, die ich gemacht habe, ins Licht der Öffentlichkeit zu stellen. Ich habe lange gezögert, dieses Buch zu schreiben. Wenn ich meine Geschichte nun dennoch erzähle, dann tue ich das im Namen all derer, die Ähnliches oder sogar noch Schlimmeres erleben mussten als ich. Für mich selbst habe ich nichts Gutes davon zu erwarten. Daher habe ich mich auch entschlossen, sämtliche Namen im Buch zu verändern, außer denen von Personen öffentlichen Interesses.
Es gibt eine ganze Reihe neuer geistlicher Gemeinschaften und Bewegungen in der katholischen Kirche, die in den letzten Jahrzehnten von sich reden gemacht haben. Sie sind charismatisch und lehramtstreu. Sie ziehen Scharen junger begeisterter Menschen an und werden von Würdenträgern als der »Neuaufbruch« in der Kirche gefeiert. Aber die wenigsten wissen um die Opfer, die diese Gemeinschaften produzieren. Diesen Opfern möchte ich eine Stimme geben, indem ich meine Geschichte stellvertretend erzähle.
Ich erwarte nicht ernsthaft, dass diese Gemeinschaften sich besinnen oder dass die Kirche diesen Gruppen ihre Unterstützung entzieht. Ich hoffe nur, dass mancher Bischof oder Priester ihnen kein vorbehaltloses Vertrauen mehr entgegenbringt, dass immer mehr Eltern ihre Kinder vor dem Eintritt in eine solche Gemeinschaft bewahren können, vor allem aber, dass junge gläubige Menschen sich nicht mehr von ihnen verführen lassen. Wenn mein Buch nur einen Menschen vor dem Schicksal bewahrt, das ich erlitten habe, hat es sein Ziel erreicht.
Besonderer Dank gebührt an dieser Stelle Prof. Dr. Wolfgang Beinert, der mich zum Schreiben dieses Buches ermutigt hat und es mit seinem Vorwort ehrt. Er gehört zu jenen wenigen Menschen in der Kirche, von deren Seite ich Verständnis und moralische Unterstützung erfahren habe. Schon 1991 hat er ein Buch herausgegeben, das sich mit der Problematik des »katholischen« Fundamentalismus beschäftigt. Wenn Entscheidungsträger in der katholischen Kirche damals auf warnende Stimmen wie die seine gehört hätten, dann hätten manche der leidvollen Erfahrungen, die ich gemacht habe, verhindert werden können. Es bleibt zu hoffen, dass sie vereint mit den Stimmen der Opfer wenigstens in Zukunft Gehör finden.
Doris Wagner, Oktober 2014
GELEITWORT
Von Wolfgang Beinert
Ein guter Kollege hatte das Gespräch vermittelt. Nun saßen wir einander gegenüber, und Doris Wagner erzählte, stockend erst, dann immer flüssiger, stets aber leidenschaftslos, von ihren Erlebnissen in einer »Gemeinschaft des geistlichen Lebens« im Rahmen der römisch-katholischen Kirche. Mit wachsender Erschütterung, mit zunehmendem Entsetzen vernahm ich eine horrende Geschichte von Entwürdigung, Erniedrigung, Entmenschlichung. Sie hatte sich im Schatten des Petersdomes in Rom abgespielt. Schnell wurde deutlich: Da wollte nicht eine Aussteigerin sich ihren Frust von der Seele reden oder eine Abrechnung mit der Vergangenheit ausfertigen. Ihren Lebensweg offenbarte sie nicht vorrangig zwecks Bewältigung eines fürchterlichen Schicksals, sondern um der Sache willen. So habe ich sie zu diesem Buch ermutigt. Die Leserinnen und Leser bekommen einen eindrücklichen Einblick in die dunklen Seiten des Christentums. Es legt etwas von dem Unwesen offen, das sich, augenscheinlich untrennbar vom Wesen der Religion, in deren Umkreis oft und oft findet. Wo der Mensch unbedacht das Absolute anvisiert, ist er auch dem absolut Bösen nahe. Wo er sich ganz auf Seiten Gottes wähnt, glaubt er sich auch als Besitzer göttlicher Allmacht. In der Sprache des hl. Ignatius von Loyola: Der Engel der Finsternis kann sich auch als Lichtengel zeigen (»Die geistlichen Übungen« Nr. 331). Davor ist zu warnen.
Was auf den folgenden Seiten an Fakten berichtet wird, verdient vollen Glauben. Es ist so gewesen. Das hat ein junges Mädchen in der Kirche unserer Tage wirklich erfahren. Nicht mit der Wirklichkeit stimmen alle dort genannten Namen überein, abgesehen von jenen der Personen des öffentlichen Lebens. Nicht in offener Rede wird außerdem von jener »geistlichen Familie« gesprochen, in der die Verfasserin gelebt hat. Nur so viel: Sie wird unter jene »neuen geistlichen Gemeinschaften« gerechnet, die, meist in der Zwischenkriegszeit des 20. Jahrhunderts entstanden, unter den Pontifikaten von Johannes Paul II. und Benedikt XVI. ihre größte Entfaltung erreichten und sich in vielfältiger Form und Weise des Wohlwollens der Kirchenleitung erfreuen durften. Zahlreiche Schlüsselpositionen wurden mit ihren Mitgliedern besetzt. Die Gemeinschaften weisen untereinander viele Ähnlichkeiten auf. Vor allem halten sie sich gerne nicht nur für die Speerspitze des geistlichen Lebens aufgrund signifikanter Spiritualität, wie andere Orden und Gemeinschaften auch, sondern für die wahre, die eigentliche Kirche, das echte, das vollkommene Werk Gottes in der verdorbenen Welt. Damit hängt zusammen, dass sie sich keiner konkreten Aufgabe in der Kirche verpflichtet fühlen, wie etwa der Mission oder dem Krankenapostolat. Sie sind eben einfachhin und auf allen Wirkungsfeldern von Kirche die eigentliche und echte Verwirklichung des Willens Gottes.
Man kann diese Anonymisierung bedauern. Man kann sie auch zu verstehen suchen. Sie hat zwei Gründe. Die Autorin fürchtet Repressalien. Das tut sie nicht von ungefähr. Wichtiger ist der andere Grund: Ihr ist bewusst geworden, dass die Zeit ihres Lebens in der geistlichen Gemeinschaft nicht einfach bloß eine Art Betriebsunfall gewesen ist, verschuldet durch die eine oder die andere oder auch beide Seiten, sondern dass sie in Strukturen eingebunden wurde, die sie als dem Katholizismus systemimmanent empfunden hat. Sie will darauf aufmerksam machen, um der Kirche und ihrer Erneuerung willen. Es geht nicht darum, konkrete Gruppierungen, oder bestimmte Personen an den Pranger zu stellen, sondern darum, auf einen folgenschweren Webfehler aufmerksam zu machen, der sich in die Textur der Glaubensgemeinschaft eingeschlichen hat.
Am Anfang aller dieser Bewegungen, und somit auch am Anfang der hier betrachteten, steht eine überzeugte und viele andere überzeugende Frömmigkeit, die sich meistens an den überkommenen Formen des nachreformatorischen Katholizismus orientiert. Sie ist gewöhnlich mit einer glühenden Kirchlichkeit verbunden, die sich in unkritischer Ergebenheit gegenüber dem geistlichen Amt, insbesondere dem Papsttum, äußert. Dieses hat sich deswegen auch immer gern und ebenfalls unkritisch der angebotenen Unterstützung bedient. Zahlreiche Mitglieder der neuen geistlichen Gemeinschaften sind aus diesem Grund, wie schon bemerkt, in höchste Ämter aufgestiegen. Am Anfang finden wir also eine anziehende Spiritualität, die sich in hellem Kontrast zu den beklagenswerten Verfallserscheinungen darbietet, welche die Gegenwart der Kirche aufweist. Wer zu apokalyptischem Denken neigt, kann leicht geneigt sein, die Rettung der Kirche aus dem vermeintlich totalen Relativismus gerade von solchen Bewegungen zu erwarten.
Wie kommt es aber dann zu den schrecklichen Perversionen, wie sie dieses Buch beschreibt und wie sie in der Entwicklung vieler dieser Bewegungen an den Tag treten? Um an die Wurzeln zu kommen, müssen wir bis ins 5. Jahrhundert zurückgehen, in die Zeit des großen Gnadenstreites, der mit den Namen des afrikanischen Bischofs Augustinus (354-430) und des irischen Mönches Pelagius (um 350-420) verbunden ist. Er hat in vielen Formen die ganze Geschichte der westlichen Kirche über die Reformation des 16. Jahrhunderts bis ins ausgehende 20. Jahrhundert nachdrücklich und nachhaltig geprägt. Gesiegt hat der Bischof von Hippo, der größte christliche Denker des Altertums, mit wirkkräftigem Einfluss auf nahezu die gesamte Theologie bis heute. Nach ihm ist die Heilsgeschichte ein gigantischer Kampf zwischen dem gnadenvollen Willen Gottes und dem aufs Böse gerichteten Willen Satans. Mitten in ihn hineingestellt ist der Mensch, der aus böser Geschlechtslust erbsündig empfangen wird und darum bereits von Natur aus seinen Willen gegen den göttlichen stellt. Die Erlösung, die nur wenigen aus der Masse der an sich Verdammten zuteil wird, besteht darin, dass die Gnade über den kreatürlichen Willen siegt, dass Gottes Souveränität letztlich an seine Stelle tritt. Die menschliche und die göttliche Freiheit werden als Konkurrenten verstanden. In dem Maße, in dem die eine groß wird, wird die andere klein. Gott kann folgerichtig nur dann Gott sein, wenn der menschliche Wille de facto verlischt.
In dieser Konzeption gibt es ein Problem: Wer stellt fest, was Gottes Wille ist? Die Antwort lautet: Die Kirche, welche die Hüterin und Interpretin der göttlichen Offenbarung als der Kundgabe der Dekrete seines Wollens ist. Konkret geschieht das durch das kirchliche Amt, die Männer des gesalbten Lebens, denen jene Menschen, Männer ebenso wie Frauen, zur Seite treten, die eine besondere Berufung zum geweihten Leben in der Kirche für sich beanspruchen. Damit halten sie sich allein für befähigt und befugt, die Interpretationshoheit über den Willen Gottes für sich zu reklamieren und in der Folge auch die Autorität zu dessen Einforderung. Was sie sagen, ist mithin zu tun. So bleibt einer auf der sicheren Seite. Je rückhaltloser, je totaler jemand auf eigene Willensäußerungen verzichtet und sich bedingungslos unterwirft, um so frömmer und christlicher ist er. Vollendetes Christentum ist vollendeter und streng hierarchischer Gehorsam. Die düstere Seite dieser Ideologie: Da auch die Oberen sündige Menschen bleiben, also ebenfalls darauf aus sind, ihren eigenen Willen zu verabsolutieren, sind sie in ständiger Versuchung und Gefahr, eben diesen als Gottes Willen zu erklären. Damit verfallen sie aber genau jener bösen Strukturwirklichkeit, aus der sie angeblich befreien wollen. Der Mensch will sein wie Gott – das ist das Baugesetz menschlicher Sünde. Nichts anderes als das aber beanspruchen sie zu sein: zu sein wie Gott gegenüber den anderen Gliedern der Gemeinschaft. Als Inkarnationen des Absoluten relativieren sie alles andere in wahrhaft universaler Bemächtigung.
Man kann diese Verhaltensweisen auf den folgenden Seiten wieder und wieder antreffen. Die Angehörigen der »Familie« werden gnaden- und schutzlos den Manipulationen der »Verantwortlichen« ausgesetzt. Diesen ist bedingungsloser Gehorsam und die Eröffnung der eigenen Intimität geschuldet. Die Adepten werden in bewusster Unwissenheit und Unkenntnis über die Konstitutionen der Gemeinschaft gehalten, der sie angehören wollen, sowie über die Destination, in der sie sich ihm dienlich erweisen sollen. Steter Zweifel nagt an ihnen, ob sie dem Ideal der »Familie« genügen, verbunden mit nie weichender Angst vor deren Liebesentzug, der sie haltlos machen würde, unselbstständig wie sie sind. Die höheren Grade der Binnenhierarchie, zuvörderst die »Verantwortlichen« aber auch generell die Priester, haben immer recht. Gottes Souveränität repräsentieren diese vollkommen. Sie sind im Prinzip fehl- und makellos, werden bedroht allenfalls durch den ungezähmten Willen der an sich schon sündhaften Frauen innerhalb (und natürlich auch außerhalb) der Gruppierung. Das schrecklichste Begebnis in diesem Buch, die Vergewaltigung durch ein herausragendes Mitglied der Gemeinschaft, ist in diesem fahlen Licht nicht eine bloße Triebabfuhr aus unbewältigter Sexualität, sondern schließlich und letztlich ein pädagogisches Unternehmen zur Versklavung eines bösen Wollens seitens des Opfers, des Opfers Schuld also. Das Signal lautet: Der Wille der Vergewaltigten ist immer noch nicht ganz konform mit dem Willen der Gemeinschaft, sprich: mit Gott. Die Gewalt ist also eigentlich heilsam.
Die tragische Perversität solchen Denkens zeigt sich hüllenlos. Man kann einwenden: Viele der Initiationspraktiken, wie sie hier geschildert werden, wurden ehedem auch in den etablierten Institutionen des geweihten Lebens, ja sogar in manchen Priesterseminaren geübt. Selbstverständlich verfügten die Insassen nicht über den Hausschlüssel, selbstverständlich unterstanden sie vom Aufstehen zur vorgeschriebenen Zeit bis zum hausordnungsgeregelten Schlafengehen der Aufsicht der Oberen und hatten deren sinnvolle wie sinnfragliche Befehle zu befolgen. Zu welchen Schauder erregenden Exzessen es dabei kommen konnte, hat Hubert Wolf in dem Berichtsband »Die Nonnen von Sant’Ambrogio. Eine wahre Geschichte«, (München 2013) zu Protokoll gegeben. Das ist alles vorgekommen, ist alles so gewesen, doch sind derlei Praktiken in den »alten« Institutionen Vergangenheit. Heute verhält es sich in der Regel anders. Die geistliche Formung ist deswegen nicht laxer geworden, doch trägt sie der theologischen Einsicht Rechnung, dass das augustinische Konstrukt mit seiner Mischung aus Platonismus und Dualismus auf einem Fehlschluss beruht, dessen Konsequenzen damit grundlos werden. Gottes Gnade und des Geschöpfes Freiheit sind keine Gegenspieler, vielmehr ermächtigt die Gnade die Freiheit aus der Schöpfungs- wie aus der Erlösungsordnung. Der Grund-Satz der christlichen Anthropologie lautet: »Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn« (Gen 1,27a). Worin anders aber könnte diese Gottebenbildlichkeit bestehen, als in der Teilhabe an seiner Freiheit? Erst sie ermöglicht es, dass er Gottes Mandatar in der Schöpfung wird (Gen 1,28 f.). In der Sünde setzt der Mensch diese Freiheit aufs Spiel, doch gerade die katholische Tradition hat stets darauf bestanden: Er verliert sie nicht ganz. Die Erlösung durch Christus ist die Wiederherstellung der ursprünglichen Freiheit: »Zu Freiheit hat uns Christus befreit. Bleibt daher fest und lasst euch nicht von neuem das Joch der Knechtschaft auflegen!«, fasst Paulus die fundamentale christliche Soteriologie zusammen (Gal 5,1). Der geistliche Mensch wird also dem Evangelium entsprechend geformt, wenn und indem er zur Freiheit der Kinder Gottes geführt wird, wenn und indem ihm der Raum der Selbstverwirklichung als Gottes Gleichbild eröffnet wird, wenn genau jene Lebensordnung aufgegeben wird, die die hier anvisierten Bewegungen ihren Mitgliedern aufzwingt. Sie ist unchristlich. Sie ist auch wider die Menschenrechte, die ihre Wurzeln wesentlich in diesem Denken verantworteter Freiheit haben.
Der folgende Lebensbericht macht in schonungsloser Klarheit deutlich: In der Kirche beanspruchen Denk- und Lebensweisen Geltung, die dem widersprechen. Deswegen verdient er höchste Beachtung, fordert er faire Auseinandersetzung mit dem System, ermutigt er dringend zur Korrektur. Es geht darum, eine genuin christentumsförmige neue geistliche Bewegung zu schaffen, hin zu den Ursprüngen und von dort zur effektiven Verwirklichung der Freiheitsbotschaft des christlichen Evangeliums. Solches Werk hat die Kirche, hat die Welt in der Tat nötig.
Prof. Dr. Wolfgang Beinert ist katholischer Priester,
emeritierter Hochschullehrer und Publizist.
„Was ihr für einen meiner geringsten Brüder
getan habt, das habt ihr mir getan.
Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan
habt, das habt ihr auch mir nicht getan.“
Mt 25,40.45
„Wenn ein Bruder oder eine Schwester ohne
Kleidung ist und ohne das tägliche Brot
und einer von euch zu ihnen sagt:
Geht in Frieden, wärmt und sättigt euch!
Ihr gebt ihnen aber nicht,
was sie zum Leben brauchen – was nützt das?“
Jak 2,15-16
1. DAS ROTE KREUZ
Die Kindheit
Ich wollte ins Kloster, seit ich 15 war. Diese Entscheidung war für mich beinahe natürlich, denn ich hatte den Glauben gewissermaßen mit der Muttermilch aufgesogen. Er war die alles bestimmende Größe in meinem Leben, wie er es im Leben meiner Eltern war. Sie waren überzeugte Lutheraner und brauchten den Glauben zum Leben wie die Luft zum Atmen, denn sie hatten so viel Not zu ertragen, dass sie wohl daran zerbrochen wären, wenn sie nicht gewusst hätten, dass Gott diese Last mit ihnen trägt. Gott war immer da, und sie konnten ihn bitten, ihnen Kraft zu geben oder Rat – manches Mal auch Geld. Er war ihre Hoffnung und ihr Trost. Deswegen hatte ihr Glauben auch nichts Aufgesetztes und Unbehagliches. Er war völlig authentisch. Er bestand auch in den Augen von uns Kindern nicht aus lästigen Pflichten und unliebsamen Erziehungsmaßnahmen, sondern er war der unsichtbare Hintergrund, der das tägliche Leben mit einer unzerstörbaren Schutzhülle umgab. Gott war da, um uns zu beschützen und für uns zu sorgen. Er war wie der gute Hirte hinter dem Eingang in der Kirche, der ein verletztes kleines Lamm behutsam auf seinen Schultern trägt.
Mein Vater arbeitete als Dreher, obwohl er in seiner Jugend gerne das Gymnasium besucht und Theologie studiert hätte. Wenn er sich abends nach getaner Arbeit an den Küchentisch setzte und Psalmen las, spürte ich, dass sich diese Worte wie Balsam auf seine zermürbte Seele legten. Es war ein heiliger Augenblick. Gottes Gegenwart wurde greifbar, hier in unserer kleinen Küche. Fast jeden Abend saß er so, sorgenschwer und doch getröstet, über das Buch gebeugt, in dessen dünnen Seiten er mit seinen von der Arbeit schwieligen Händen blätterte. Die aufgeschlagene Seite hielt er dicht vor seine kurzsichtigen Augen, wobei er die zum Lesen ungeeignete Brille in die Stirn schob. Oft nahm er dabei eines seiner Kinder auf den Schoß und las laut vor. Mir wurde sehr feierlich zumute bei diesen schwer verständlichen und darum umso mächtigeren Worten, mit denen die Widersacher Gottes verflucht und die Frommen gesegnet wurden. Und ich empfand vage, dass mein Vater wie der Psalmist in Not war, von unheimlichen Feinden bedrängt, und dass Gott ihn schützen musste, ihn und uns alle, vor bösen Menschen und dem grausamen Schicksal. Und wenn dann die jubelnden und glücklichen Verse folgten, war ich selig über das Siegeslied der Gerechten, die Gott lobten und ihm dankten, weil er ihnen so wunderbar geholfen hatte. Und ich wusste: Solange Gott da war, konnte uns nichts geschehen.
Der Glaube an Gott war mir darum heilig, und ich reagierte empfindlich, wenn er infrage gestellt wurde. Als ich in den Kindergarten kam, stellte ich fest, dass nicht alle Kinder an Gott glaubten. Jedenfalls schien es mir so, denn sie hatten andere Helden als ich. Ich erinnere mich lebhaft daran, wie ich einmal einen Jungen, der ein begeisterter Batman-Verehrer war, zu überzeugen versuchte, dass der Herr Jesus viel mächtiger sei als Batman und dass Batman ihm im Notfall nicht helfen könnte, weil es ihn gar nicht wirklich gibt.
Auf die Spitze getrieben wurde meine kindliche Empörung aber immer dann, wenn der Glaube zur Freizeitgestaltung degradiert wurde. Als wir in der Grundschule zur Kinder-Bibel-Woche gingen und dort ein Zauberkünstler auftrat, der im Handumdrehen drei verschiedenlange Seile in gleichlange verwandelte und uns dabei erklärte, dass es vor Gott keine kleinen und großen Sünden gäbe, sondern alle gleich groß wären, war ich dermaßen entrüstet, dass ich den Saal verließ. Erstens war es falsch, was er gesagt hatte, denn es gab sehr wohl Sünden, die schwerer wogen als andere. Zweitens steht in der Bibel, dass man nicht zaubern darf, und drittens – was am schwersten wog – hatte er die religiöse Deutung nur vorgeschoben, um seinen Trick vorführen zu können. Dieser oberflächliche Umgang mit dem Glauben verletzte mich sehr. Ich litt darunter, weil er ja der Schutzwall meiner kindlichen Geborgenheit war. Also musste es ernst sein mit dem Glauben, und dann musste man ihn auch ernst nehmen. Und wenn es nicht ernst wäre, dann hätte es schlicht keinen Sinn zu glauben, und man könnte es gleich ganz bleiben lassen. Den Glauben aber als eine Art Hobby zu pflegen, kam mir wie ein Verrat vor.
Bei aller Frömmigkeit, kannte mein Leben aber auch andere Seiten. Ich besaß beispielsweise keinen großen Schuleifer und neigte dazu, keine Hausaufgaben zu machen. Viel lieber verbrachte ich die Nachmittage mit meinen Geschwistern im Freibad. Zudem hatte ich in meiner Grundschulzeit eine Freundin, mit der ich viel Unsinn anstellte, Süßigkeiten stahl, in fremde Scheunen und Keller eindrang und anderes mehr.
Als ich aufs Gymnasium kam, musste ich mit dem schrecklichen Unfall meines Vaters fertigwerden, der im Januar 1995 von einem betrunkenen Lastwagenfahrer beinahe totgefahren worden war. Damals war ich elf und wurde mit meinen Geschwistern jäh aus der heimeligen Routine unseres Familienlebens herausgerissen. In der Folge mussten wir vieles aushalten, was unsere so fragile und kostbare Kindheitsatmosphäre bedrohte. So richtig erholt haben wir uns davon nie.
Das Gymnasium
Um mir einen neuen Schutzraum zu suchen, machte ich die Schule ein Stück weit zu meinem Zuhause. Ich begann, mich wohl zu fühlen in dieser Welt, in der mir mühelos so vieles gelang. Latein, Englisch und Geschichte zählten zu meinen Lieblingsfächern, während ich Mathematik und Physik nicht schätzte, weil sie mir die süßen Früchte des Erfolgs versagten, wenn ich ihnen nicht meine Nachmittage opferte. Ich las auch sehr viel, wobei die frommen Bücher, die mir meinen Eltern zum Geburtstag schenkten, ab meinem 13. Lebensjahr in den Hintergrund traten und zunächst von Hermann Hesse abgelöst wurden. Ich las »Das Glasperlenspiel«, das ich im Schrank meiner Eltern fand, den »Steppenwolf« und dann alles was ich von Hesse in die Finger bekommen konnte. Zugleich las ich Gedichte von Rilke und lernte einige von ihnen auswendig. Mir eröffnete sich eine neue romantische Welt voller merkwürdiger Bilder und Gedanken, die sich kaum mit der religiösen Welt meiner Kindheit in Einklang bringen ließen, aber die mich faszinierten, weil ich meinte, mich darin wiederzuerkennen. Ich verbrachte so viel Zeit wie möglich damit, diesen Gedanken nachzuhängen. Dabei war ich am liebsten für mich allein. Die köstlichsten Stunden verbrachte ich am Klavier, mit Chopin, Debussy oder Tschaikowsky, in deren Stücken ich mich verlieren und alle angestauten Gefühle, Sehnsüchte und Phantasien ausleben konnte. Es zog mich auch hinaus auf einsame Feld- und Waldwege, wo ich stundenlang unterwegs war und versteckte Geheimplätze regelmäßig aufsuchte. Diese einsamen Waldspaziergänge ließen mich innerlich zur Ruhe kommen. Als meine Altersgenossen anfingen, sich für das andere Geschlecht zu interessieren, wurde mir klar, dass ich eine ganz andere Einstellung hatte als sie. Liebe war für mich eine ernste Angelegenheit, mindestens so ernst wie die Religion. Zwar verliebte ich mich auch das eine oder andere Mal. Aber ich betrachtete diesen merkwürdigen Zustand immer als einen ärgerlichen Zwischenfall, den ich bestenfalls als eine Art psychologischen Selbstversuch interessant finden konnte. Mein eigentliches Interesse galt nicht der Verliebtheit, sondern der Liebe oder dem, was ich mir darunter vorstellte: eine Macht, die zwei für einander bestimmte Menschen für immer zu verbinden vermag, auf Gedeih und Verderb. Das war kein Gefühlsanflug, es war Schicksal, ernst und mächtig, und weniger als das konnte ich nicht wollen. Deswegen stand ich dem pubertären Beziehungstreiben meiner Altersgenossen mit einer gewissen Ratlosigkeit gegenüber. Mir schien ihr Verhalten kindisch und selbstverletzend, in jedem Fall schreckte es mich ab. Ihre Beziehungsgeschichten verfolgte ich abwechselnd mitleidig und belustigt. Wenn ich einmal lieben werde, dachte ich, dann ganz anders.
Die Konversion
Daheim hatte sich eine bemerkenswerte religiöse Entwicklung ergeben. Meine Mutter begann sonntags in die katholische Kirche zu gehen, denn der katholische Pfarrer war in ihren Augen viel glaubwürdiger als der evangelische. Bald fand auch mein Vater im katholischen Gottesdienst mehr Trost als im evangelischen. Natürlich bereitete das nicht wenige Schwierigkeiten, denn viel von dem, woran Katholiken glauben, hielten wir als überzeugte Lutheraner für verfehlt, insbesondere die Heiligenverehrung, das Fegefeuer und die Beichte. Aber der Pfarrer war mehr als hilfsbereit. Er versorgte meine Mutter mit Büchern und unterhielt sich oft mit ihr. So ergaben sich am Küchentisch viele abendfüllende Gespräche. Mein Vater, der sich selbst etwas Altgriechisch beigebracht hatte, nahm seine Bibel heraus und das altgriechische Neue Testament, und wir diskutierten stundenlang. Dabei wurde vor allem eines deutlich: die katholische Kirche war kompromissloser als die evangelische. Es gab keine Beliebigkeit, nichts blieb der eigenen Einsicht überlassen und es gab auf fast alle erdenklichen Fragen eine klare Antwort des Lehramtes. Daher schien der Glaube in der katholischen Kirche viel weniger in Gefahr, oberflächlich zu werden, oder zur Freizeitbeschäftigung zu verkommen. Stück für Stück wuchsen unsere Sympathien für die katholische Kirche. Wir begannen sonntags gemeinsam in die katholische Messe zu gehen. Nicht lange, und wir brauchten nur noch den letzten Schritt zu gehen und zu konvertieren.
Es war ein strahlender Tag Anfang Mai 1999 als wir im Rahmen einer Heiligen Messe in die volle Gemeinschaft der katholischen Kirche aufgenommen wurden. Endlich hatten wir das Gefühl, eine echte Glaubensheimat gefunden zu haben. Es war der Glaube des vertrauten Umgangs mit Gott, des täglichen Überlebens und des wundervollen göttlichen Trostes, nicht der Glaube der Kinderbibelwochen, Gitarrenkreise und Sonntagsausflüge. Unsere katholische Pfarrei war eine Diasporagemeinde, zu einem guten Teil getragen von Russlanddeutschen, die ihren Glauben ihr Leben lang im Geheimen praktiziert hatten und beim Zerfall der Sowjetunion in hohem Alter mit ihren Familien nach Deutschland gekommen waren. Sie machten großen Eindruck auf mich.
In meinem Inneren vereinigten sich nun kindliche Religiosität und jugendliche Romantik zu einem wahrhaftigen Rausch. Der Tag der Konversion wurde so der vielleicht schicksalsträchtigste Tag meines Lebens. Denn ab diesem Tag stand mir ein neues Universum offen, ein religiöser Himmel voller ungeahnter Möglichkeiten und Verheißungen. Es waren vor allem zwei Dinge, die meinen religiösen Eifer beflügelten. Die Gegenwart Jesu im Tabernakel und die Möglichkeit, Gebete, Leiden und Selbstüberwindungen für andere aufzuopfern. Viele Stunden verbrachte ich von nun an in der Kirche, um Jesus, der im Tabernakel gegenwärtig war, nahe zu sein. Ich ging jeden Tag in die Hl. Messe und so oft ich konnte, zur eucharistischen Anbetung. Wenn ich so vor der Monstranz oder vor dem Tabernakel kniete, war ich von himmlischem Frieden erfüllt und empfand ein tiefes inneres Glück. Ich vergaß die Zeit dabei. Und wenn ich nicht in der Kirche sein konnte, so konnte ich dennoch alles, was ich tat, aufopfern. Das hieß, jede Tat zum Gebet werden zu lassen, je mehr Überwindung sie mich kostete, desto besser. Ich begann meiner Mutter besonders viel zu helfen, auf Süßigkeiten und andere Annehmlichkeiten zu verzichten und immer neue Ziele meiner geistlichen Zuwendungen zu finden. Ich brachte Opfer für meine ungläubigen Lehrer und Klassenkameraden, für Arafat und den Nah-Ost-Konflikt, für verirrte liberale Theologen, für Drogenabhängige, Opfer von Naturkatastrophen und für meinen verstorbenen Stiefopa. Von unserer kleinen Küche aus konnte ich das Weltgeschehen beeinflussen und in Vergangenheit und Zukunft hineinwirken. Ein geduldig ertragenes Wort und ein hingebungsvoller Abwasch konnten so viel bewirken.
Bald erfuhr ich, dass ich diese Opfer noch steigern konnte. Unser Pfarrer gab mir ein Buch über die Kinder von Fatima, die ihre nackten Unterschenkel mit Brennesseln schlugen und Bußgürtel trugen, um dadurch erzeugten Schmerz für die Bekehrung der Sünder aufopfern zu können. Das leuchtete mir ein: Wenn schon eine unliebsame, aber liebevoll erledigte Hausarbeit die Kraft hatte, einen Sünder zu bekehren, wie viel mehr dann richtige Schmerzen. Ich beschloss, den Heiligen auch in dieser Disziplin nachzueifern, heimlich, denn zur Schau gestellt verliert jedes Opfer seine Kraft. Außerdem fastete ich einige Zeit lang nach den Weisungen der Muttergottes von Medjugorie mittwochs und freitags bei Wasser und Brot.
Und noch etwas bestimmte fortan mein Leben: Ich glaubte fest daran, dass alles, was der Papst und die Bischöfe lehrten, wahr war und dass alles Übel in der Kirche daher rührte, dass so viele Gläubige nicht auf ihre Hirten hörten. Ich schwelgte geradezu in Obrigkeitsergebenheit. Diese heiligen Männer, dachte ich mir, sind von Gott dazu erwählt und durch ihre heiligen Weihen dazu begnadet, die Gläubigen zu führen. Würden alle Menschen auf sie hören, würden sie Gottes Nähe und Liebe in ihrem Leben erfahren können. Ich litt aufrichtig unter der Kirchenkritik von aufgeklärten Theologen, deutschem Verbandskatholizismus und modernen Medien und war durch und durch überzeugt, dass sie einfach nicht wussten, was sie sagten, sodass ich viel und ausdauernd für die derart Verirrten betete und opferte.
Mein Leben war so vollständig von diesen religiösen Übungen in Beschlag genommen, dass alles andere verblasste. Nicht, dass ich das sogenannte normale Leben nicht gekannt hätte. Ich wusste, was es hieß verliebt zu sein, Erfolg in der Schule zu haben, Hobbys, Zukunftspläne. Aber ich fühlte, dass es mehr geben musste, viel mehr. Ich wollte nicht nur für mich leben, wollte kein Durchschnittsleben führen, sondern ich wollte etwas Großes. Was konnte es Größeres geben als Gott? Welches Ziel konnte dringlicher sein als die Bekehrung der Sünder und das Heil der Welt? Jede Art von Hobby und Freizeit verbannte ich aus meinem Leben. Das letzte Buch, das ich vor der Konversion gelesen hatte, war Dostojewskis Schuld und Sühne. Nach der Konversion war jede nicht-religiöse Literatur für mich fahrlässige Zeitverschwendung. Nichts verband mich mehr mit den Interessen und Beschäftigungen meiner Altersgenossen, die mir schrecklich banal und sinnlos erschienen. Ich war in eine andere Welt eingetaucht, deren Protagonisten nicht »Take That« und »Die Toten Hosen« waren, sondern der Papst, die Muttergottes und Theresia von Lisieux. Nicht Nächte mit Alkohol und lauter Musik waren die Höhepunkte des ersehnten Wochenendes, sondern Maiandachten und Anbetungsnächte. Ich wählte mir einen Abschnitt aus dem Galaterbrief zum Leitmotiv meiner Existenz, der alles ausdrückte, was ich im tiefsten Inneren ersehnte: »Ich lebe, aber nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir, der mich liebt und sich für mich hingegeben hat.«
Die Berufung
Für mich stand nun außer Zweifel, dass Gott mich zu einem Leben im Kloster bestimmt hatte. Er liebte mich so sehr, dass er mich ganz für sich haben wollte. Ich hatte »den Richtigen« gefunden. Ich war berufen. Ich weiß nicht genau, wann mich diese Erkenntnis traf. Sie war einfach da. Ich war jedenfalls noch keine sechzehn Jahre alt. Bis zum Abitur hatte ich nun ein aufregendes und außergewöhnliches Abenteuer zu erleben: Ich musste die Gemeinschaft finden, in die Gott mich rief. Ich nahm Kontakt mit den besten und strengsten Ordensgemeinschaften auf (wobei gut und streng in etwa gleichbedeutend für mich waren), denn nur in eine von ihnen konnte Gott mich rufen wollen. Ich würde nur herausfinden müssen, in welche. So besuchte ich innerhalb von drei Jahren ganz auf eigene Faust die klausurierten Dominikanerinnen in Bamberg, die Kartäuser der Marienau im Allgäu, die Certosa della Trinitá bei Genua und die Betlehemschwestern bei Waldkappel. Nach und nach veränderte sich dabei auch mein Äußeres. Ich steckte meine Haare hoch und trug schließlich nur noch lange Röcke und langärmelige Oberteile. Meistens verbrachte ich einige Tage vor Ort und teilte das Leben der jeweiligen Kommunität, soweit das möglich war. Dabei fühlte ich mich in meinem Element: tägliche Messe, Stundengebet, Arbeit, geistliche Gespräche. Es war herrlich. Dennoch fehlte in allen diesen Gemeinschaften irgendetwas, eine Art Begeisterung.
Im Sommer 2002, ein Jahr vor dem Abitur, begegnete ich auf dem Kongress »Freude am Glauben« in Fulda das erste Mal der »Königsfamilie«, einer Gemeinschaft, deren Vertreterinnen zunächst keinerlei Eindruck auf mich machten. Die Schwestern trugen keine Ordenstracht, den sogenannten Habit. Damit waren sie gedanklich für mich schon aussortiert. Sr. Ottilie, eine hartnäckige kleine Schwester, die ihr dünnes graues Haar in einer altmodischen Steckfrisur trug und in eine Art dunkelgrünen Trachtenrock gekleidet war, drückte mir dennoch einen Flyer in die Hand, dessen Titelblatt ein Blütenmotiv zierte. Auf farbigem Glanzpapier fand sich eine kurze, wenig sagende Beschreibung der Gemeinschaft. »Im Dienst der Kirche« – welche katholische Gemeinschaft ist das nicht? Dazu gab es einige Fotos, die mich nicht besonders ansprachen, im Gegenteil: einige Bilder von Schwestern in einem weißen Chormantel schreckten mich regelrecht ab. Sie trugen stilisierte Dornenkronen auf dem Kopf, an denen weiße Schleier befestigt waren. Unheimlich. Als ich die Kongresshalle am nächsten Tag betrat, schien Sr. Ottilie auf mich zu warten. Es war unmöglich, ihr auszuweichen. Zu meinem Schrecken lud sie mich ein, das Mutterhaus der Königsfamilie in Österreich zu besuchen. Da eine höfliche Ablehnung bei ihr nicht zu fruchten schien und ich nicht unhöflich sein wollte, nahm ich die Einladung nolens volens an. Ich konnte ja dann immer noch sagen, dass es nichts für mich sei, dachte ich.
Erster Besuch im Mutterhaus
Am Donnerstag, dem 15. August, fuhr Sr. Ottilie mit mir nach Österreich. Im Auto war es sehr heiß, und die Fahrt dauerte lang. Sr. Ottilie war nichtsdestotrotz sehr gut gelaunt, redete viel, und ich stellte erneut fest, dass sie mir unsympathisch war. Diese kleine Frau mit dem schmalen Gesicht und dem verkrampften Lachen hatte etwas unerträglich Besserwisserisches an sich. Natürlich bemühte ich mich, mir das nicht anmerken zu lassen. Sie sprach von der Königsfamilie und von der Gründerin, die 1997 verstorben war. Sie stellte mir Fragen und fand viele Übereinstimmungen zwischen dem, was ich von mir erzählte und dem, was sie das Charisma der Königsfamilie nannte. Genau erinnere ich mich nicht mehr an dieses Gespräch. Irgendwann übermannte mich einfach die Müdigkeit, und ich schlief ein.
Ich erwachte erst kurz vor der Ankunft wieder. Als wir auf den Parkplatz des Klosters einfuhren, stellte ich fest, dass es viel größer war, als ich erwartet hatte. Strahlend weiß lag die Anlage im Sonnenlicht. Die Fassade war mit langen gelbweißen Fahnen geschmückt. Die Pfortenschwester stand schon an der Tür und erwartete uns mit einem breiten Lächeln. Wir wurden auf das Freundlichste begrüßt. Nach einem kleinen Willkommenskaffee in einem Empfangszimmer, das wie ein altmodisch-großbürgerliches Wohnzimmer aussah, traten wir hinaus auf den Gang. Die alte Klausurtür vor uns stand weit geöffnet. Sr. Ottilie schloss sie, um mir die barocken Ölgemälde auf den Türflügeln zu zeigen: Maria Magdalena und Augustinus mit dem flammenden Herzen. Die Botschaft der beiden sei, wer hier eintrete, müsse sich bekehren. Sie öffnete die Tür wieder, und der Blick auf den langen Klostergang wurde frei. Vom kleinen Innenhof fiel Sonnenlicht auf die weißen Wände und die dunklen Fußbodenplatten. In einer Nische am anderen Ende des Ganges stand eine lebensgroße Figur des Dornengekrönten. Wir gingen in die andere Richtung zur Kapelle, in die wir nur einen kurzen Blick taten. Es war eine richtige kleine Klosterkirche in schlichtem Weiß, mit üppigem Blumenschmuck und moderner Ausstattung. Unter dem hohen Gewölbe, das eine sehr gute Akustik versprach, blickte eine überdimensionale romanische Muttergottes auf den schlichten Volksaltar herunter. Nachdem wir die Kapelle verließen, blieb mir bis zur Vesper gerade noch genug Zeit, mein Quartier zu beziehen.
Ich war in einem der Schwesternzimmer im zweiten Stock untergebracht, das von derselben Ästhetik geprägt war wie die meisten Räume im Mutterhaus, eine Mischung aus Bauernstube und Biedermeier. In dem circa zwölf Quadratmeter großen Raum fanden sich neben dem Bett mit Nachtkästchen ein Schrank, ein Tisch mit Stuhl und ein Waschbecken mit Boiler. An der Tür hing ein kleines Weihwasserbecken, an der Wand ein Kreuz und ein Marienbild. Auf dem Tisch standen ein kleines Blumenväschen und eine Karte. Daneben fand ich auf einem hellgrünen Zettel auch den Tagesablauf: um 6:15 die Messe, um 7:00 Angelus, Lesehore und Laudes, anschließend Frühstück. Um 12:00 Angelus, Rosenkranz und Mittagsgebet, anschließend Mittagessen, um 17:30 die Vesper und das Abendessen und um 19:45 Abendanbetung und Komplet. Bis auf die »Abendanbetung« kannte ich alles aus anderen Klöstern. Aber als ich dann meine erste Vesper in der Klosterkirche erlebte, die Vesper von Maria Himmelfahrt, war ich doch einigermaßen erstaunt. So hatte ich eine Vesper noch nie erlebt. Alleine schon der feierliche Einzug übertraf alle Erwartungen. Hinter dem Kreuzträger schritt ein großer schlanker Priester im goldenen Rauchmantel den Mittelgang entlang, ihm folgten circa sieben weitere in weißen Chormänteln und schließlich eine große Schar Schwestern, ebenfalls im weißen Chormantel, mit Schleier und Krone. Sobald sie ihre Plätze bezogen hatten, erklang ein feierlicher Gesang. Es schien unmöglich, sich seiner Wirkung zu entziehen. Nicht nur der Hymnus, sondern auch die Psalmen wurden mehrstimmig gesungen, im Wechsel zwischen Männer- und Frauenstimmen. Das hatte ich so noch nie erlebt. Das Magnificat wurde schließlich auf Latein angestimmt. Der feierliche gregorianische Ton erhob sich und erfüllte den von Lilien- und Weihrauchduft schweren Raum. Ich war verzaubert. Hiermit konnte sich keine Liturgie messen, die ich bisher erlebt hatte.
Am nächsten Morgen wurde ich in die Küche eingeladen, wo ich den Schwestern bei der Arbeit helfen durfte. Hier erlebte ich eine ähnliche Überraschung. Die für die Küche verantwortliche Schwester, eine strahlende, blonde Slowenin namens Sr. Ivana begrüßte mich, drückte mir eine Schürze in die Hand und teilte mir meine Arbeit zu. In keinem der Klöster, die ich bisher kennengelernt hatte, war ich so selbstverständlich in den Alltag der Kommunität eingebunden worden, und nirgendwo hatte ich so viele junge Schwestern gesehen. Die große Küche war voll von ihnen, und alle hatten gute Laune. Ich konnte mich dieser Stimmung nicht entziehen. Etwas in der Art, wie die Schwestern ihre Arbeit angingen, berührte mich. So fröhlich und tatkräftig muss es früher in den Klöstern zugegangen sein, die heute überaltert sind, dachte ich. Das hier ist das Original, das authentische Klosterleben. So fühlt sich das also an.
Am Samstagnachmittag fand das vielleicht folgenreichste Gespräch dieser Tage statt. Ich hatte Sr. Ottilie erzählt, dass meine Familie im September mit dem Bayerischen Pilgerbüro nach Rom fahren würde. Daraufhin organisierte sie sofort ein Gespräch mit Sr. Hildegard, die normalerweise in Rom im Einsatz war, sich aber in diesem Sommer aus gesundheitlichen Gründen einige Wochen im Mutterhaus aufhielt. Ich wunderte mich ein wenig. Was sollte Sr. Hildegard mir Wichtiges zu sagen haben? Jedenfalls schien sie eine Instanz zu sein, eine außergewöhnlich erfahrene Pilger-Führerin. Die Schwestern, denen ich beim Mittagessen erzählte, dass ich am Nachmittag Sr. Hildegard treffen würde, lobten sie über die Maßen. Als es soweit war, stiegen Sr. Ottilie und ich in den ersten Stock hinauf und betraten den »Kapitelsaal«, der später renoviert und zum Brüderrefektorium umfunktioniert wurde. Es war ein dunkler Raum, hauptsächlich wegen den langen Gardinen an den Fenstern. Das noble kleine Beistelltischchen und die geblümten Sesselchen verliehen ihm dieselbe Biedermeierästhetik, die fast alle Räume im Haus prägte. Das Parkett knarzte, als wir den Raum betraten. Sr. Hildegard war schon da. Sie hatte in einem der Sesselchen Platz genommen. Ihre dunkelbraune Strickjacke über dem karierten dunkelbraunen Rock schienen den Raum noch mehr in Dunkelheit zu hüllen, aus der nur ihr von kurzen dunklen Haaren umrahmtes Gesicht herausleuchtete. Sie trug einen Gips am Bein und machte im Sitzen eine angedeutete Verneigung, um mich sofort mit übertrieben freundlichen Worten zu begrüßen. Im Vergleich zu dem, was ich über sie gehört hatte, wirkte sie eher unscheinbar, und ich merkte bald, dass das Gespräch von vorneherein vor allem einen Zweck hatte. Beide Schwestern machten mir mit vereinten Kräften deutlich, dass meine Familie bei unserer Reise im September unbedingt die Gemeinschaft in Rom besuchen müsse. Es schien völlig unmöglich, diese Einladung auszuschlagen. Auf meine Bedenken hin hieß es, in jedem Fall müssten wir mindestens eine Führung ans Petrusgrab mitmachen. Ich war etwas beunruhigt, weil ich ja gar nicht absehen konnte, ob das möglich sein würde. Konnten wir uns so einfach vom Programm der Gruppe lösen? Wollten wir das? Wir kannten uns in Rom ja nicht aus. Wie sollte ich meine Eltern überzeugen? Wir verblieben dabei, dass wir telefonieren würden, wenn ich wieder daheim wäre. Sr. Ottilie würde mir dann die Nummer einer Sr. Annemarie geben, mit der könnte ich alles Weitere besprechen. Obwohl mir das noch merkwürdiger vorkam, war ich froh, die Sache wenigstens verschoben zu haben.
Aber damit war das Gespräch nicht beendet. Nun wurden die sogenannten Albumblätter hervorgeholt. Mir wurden Bilder von strahlenden jungen Schwestern, zelebrierenden Priestern und schönen Häusern in den verschiedensten Ländern gezeigt, und ich erfuhr vieles über die Königsfamilie. Besonders beeindruckte mich, was ich über das Zusammenleben von Männern und Frauen hörte. Es gefiel mir, dass die Gemeinschaft nicht nur aus Frauen bestand. »Geistliche Familie«, »gegenseitige Ergänzung«, »Fruchtbarkeit in der geistlichen Vater- und Mutterschaft« und andere Worte machten einen gewissen Eindruck auf mich. Mindestens genauso sehr beeindruckte mich, dass wie nebenbei erwähnt wurde, dieser Priester habe promoviert und der arbeite im Vatikan. Diese Schwester studiere in Rom und jene habe einen Doktor in Philosophie.
Eine hatte offenbar sogar Atomphysik studiert! Ich sah große Möglichkeiten vor mir: Rom, Frankreich, England, Jerusalem, vielleicht ein Studium. Und wer weiß, welche Aufgaben ich noch bekommen könnte? Auf die Fotos der Mitglieder folgten Symbolfotos, die von der Erklärung des Charismas begleitet wurden. Die goldene Dornenkrone war das Symbol der Königsfamilie. Wie Jesus am Kreuz die Sünden der Menschheit gesühnt hatte, so hatte er durch das Tragen der Dornenkrone den geistigen Hochmut der Menschheit gesühnt, erklärte Sr. Ottilie. Die Königsfamilie betrachtete es als ihre Aufgabe, den geistigen Hochmut unserer Zeit zu sühnen. Das klang irgendwie seltsam, aber es machte Eindruck auf mich. Ich dachte an liberale Theologen und daran, wie die Überheblichkeit mancher Pfarrer meine Eltern verletzt hatte. »Hochmut ist die größte Sünde unserer Zeit«, hatte Sr. Ottilie gerade gesagt. Ich wollte demütig sein. Ich will gerne mit Christus die Dornenkrone tragen, dachte ich.
Es folgten weitere Albumblätter. Darunter Bilder von der Feier der Päpstlichen Anerkennung. Ziemlich genau vor einem Jahr, am 29. August 2001, war die Gemeinschaft von Johannes Paul II. als »Familie des geweihten Lebens« anerkannt worden. Sie war kein Orden und kein Säkularinstitut, auch kein Institut im klassischen Sinn, sondern eine »neue Form des geweihten Lebens« nach can. 605 CIC (dieser Canon des kirchlichen Gesetzbuches schien sehr wichtig zu sein, denn er wurde mehrmals genannt). Das war eine wichtige Nachricht, denn ich wollte nicht in eine Gemeinschaft eintreten, die nicht kirchlich anerkannt war. Soviel war klar. Dass die Königsfamilie vom Papst anerkannt war, hieß, dass sie die katholische Lehre und das kirchliche Recht befolgte und dass die Kirche sich dafür verbürgte, dass sie das tat. Ich konnte der Königsfamilie also grundsätzlich vertrauen, es war keine obskure Vereinigung.
Das bestätigte umso mehr das nächste Bild, auf dem Kardinal Ratzinger zu sehen war, als Hauptzelebrant bei der Dankesmesse für die Päpstliche Anerkennung, die im November 2001 im Petersdom stattgefunden hatte. Ich fand es aufregend, dass der Präfekt der Glaubenskongregation mit der Königsfamilie befreundet war, denn er war eine wichtige Persönlichkeit. Vor allem aber hieß es, dass ich wirklich vollstes Vertrauen in die Integrität dieser Gemeinschaft haben konnte. Der weiße Chormantel, den die Mitglieder der Königsfamilie nicht nur bei dieser Gelegenheit, sondern an allen Sonn- und Feiertagen beim Gebet trugen, war ein Sinnbild für die Reinheit der Erlösten. Er erinnert an die Taufe und symbolisiert die Schar der Heiligen, die im letzten Buch der Bibel vor dem Thron Gottes stehen und ihn anbeten. Die Dornenkrone und der Schleier schreckten mich nun weniger ab als zuvor. Was die Bilder vom Herzen Jesu und einige Sätze über ein »Bündnis« bedeuten sollten, verstand ich nicht ganz. Eines der letzten Albumblätter zeigte zwei Kreuz-Anhänger. Einer war silbern, der andere rot. Das rote Kreuzchen sei eine Art Verlobungszeichen, sagte Sr. Ottilie. Junge Frauen, die in die Königsfamilie eintreten wollten, würden bis zu ihrem Eintritt ein solches Kreuz tragen. Männer trügen das silberne Kreuz. Sr. Ottilie sah mich erwartungsvoll an. Ich betrachtete das Bild. Irgendwie fand ich das kindisch, besonders dieses Wort »Verlobung«. Immerhin wusste ich jetzt, was der nächste Schritt war, wenn ich denn in die Königsfamilie eintreten wollte.
Das Werk Gottes
Dann kam etwas, das mich traf wie ein Blitz: auf dem nächsten Albumblatt war ein Christus-Fresko aus einer römischen Basilika zu sehen. Daneben ein Bibelvers aus dem Johannesevangelium: »Das ist das Werk Gottes, dass ihr an den glaubt, den er gesandt hat«. Dieser Vers sei das Motto der Königsfamilie, sagte Sr. Ottilie. Er erklärte den Namen der Gemeinschaft. Ich war wie vom Donner gerührt. Dieser Vers war mein Taufspruch! Nach gutem evangelischem Brauch erhält jeder Täufling einen Bibelvers, der ihn durchs Leben begleiten soll. Mein Vers war exakt dieser: Joh 6,29. Ich war sprachlos. Die Schwestern waren beinahe ebenso erstaunt wie ich, nur dass ihr Erstaunen sich sofort in helle Freude verwandelte. Sr. Hildegard kriegte sich fast nicht mehr ein. Auf dem Gesicht von Sr. Ottilie lag ein überlegenes Lächeln. Uns allen dreien war augenblicklich klar, dass das ein ganz klares Zeichen war. Ich war zur Königsfamilie berufen. In meiner Taufe schon hatte Gott diese Berufung in mich gelegt. Nun war alles klar. Die Entscheidung war im Grunde gefallen. Ich wusste nur nicht, ob ich mich freuen sollte.
Erst als ich wieder daheim war, gelang es mir halbwegs, meine Gedanken und Gefühle zu sortieren. Ich war hin- und hergerissen zwischen der Abneigung, die ich zuerst empfunden, und der Begeisterung, die ich dann erlebt hatte. Auf jeden Fall mochte ich Sr. Ottilie nicht. Und wenn ich eintrat, würde ich niemals ein Ordenskleid haben, dafür müsste ich aber früher oder später den Chormantel mit Dornenkrone und Schleier tragen. Schon die Vorstellung war mir zuwider. Konnte ich das wollen? Besser: konnte es wirklich das sein, was Gott von mir wollte? Andererseits war der Taufspruch ein so eindeutiges Zeichen. Und ich hatte noch nirgendwo so eine Feierlichkeit und Fröhlichkeit erlebt, so eine Begeisterung. Ich kannte keine Gemeinschaft, die so viele junge Mitglieder aus allen möglichen Ländern hatte – und eigene Priester! Priester, die im Vatikan arbeiteten und Kardinal Ratzinger kannten. Gedankenverloren saß ich in der Küche und hielt den Flyer in der Hand, den ich meiner Mutter zeigte. An den Chormantel würde ich mich schon gewöhnen, meinte sie. Vielleicht hatte sie recht, dachte ich. Jedenfalls war das kein ausreichender Grund, nicht dort einzutreten. Schließlich würde es in jedem Kloster die eine oder andere Kleinigkeit geben, die gewöhnungsbedürftig wäre. Vor allem war eines klar: wenn Gott mich in der Königsfamilie haben wollte, dann wusste er, was er tat. Dann musste ich mir nicht weiter den Kopf zerbrechen. Was immer nach dem Eintritt geschehen würde, ich würde seinen Willen tun, und damit wäre alles gut. Und eines wusste ich ohnehin: ein Leben in der Nachfolge Jesu schloss Verzicht und Leiden mit ein. So halb und halb war die Entscheidung damit gefällt. Allerdings wollte ich die Fahrt nach Rom noch abwarten. Ich wollte Sr. Ottilie die Freude meiner Zusage nicht zu früh machen.
Besuch in der Piccola Casa
Der erste Anruf von Sr. Ottilie ließ nicht lange auf sich warten. Sie gab mir eine italienische Telefonnummer, unter der ich Sr. Annemarie erreichen konnte. Es stellte sich heraus, dass das gar nicht nötig war, da sie schon minutiös alles mit ihr ausgemacht und geplant hatte. Das hieß auch, dass an Ablehnung gar nicht mehr zu denken war. Einige Wochen später war es so weit. Seit ein paar Tagen waren wir mit unserer Reisegruppe in Rom unterwegs, als der angepeilte Nachmittag anbrach. Während unsere Gruppe sich mit Don Tedesco, der für die deutschen Pilger in Rom zuständig war, das Pantheon ansah, trafen wir uns mit Sr. Annemarie, einer schmalen, dunkelhaarigen Vorarlbergerin, auf dem Petersplatz. Sie begrüßte uns mit einer leicht aufgeregten Sopranstimme. Wir waren relativ knapp dran. Am Portal neben dem Sant’ Ufficio wechselte sie ein paar Worte auf Italienisch mit den Schweizer Gardisten, die uns in den Vatikan einließen. Wir ließen den Campo Santo zu unserer Linken und gingen nach rechts auf das Ufficio Scavi zu. Vor dem Eingang trafen wir Sr. Teresa, die einige einleitende Worte zu einer bunt zusammengewürfelten deutschen Gruppe sagte, der wir uns anschlossen. Sr. Annemarie nahm unterdessen meine beiden jüngsten Schwestern mit sich fort. Sie durften nicht an der Führung teilnehmen, da sie beide jünger als zwölf waren. Sie würde so lange auf sie aufpassen. Wir wandten uns Sr. Teresa zu. Mit ihrem schüchternen Lächeln und ihrem karierten Faltenrock ähnelte sie in nichts den stimmgewaltigen und entschlossenen Touristenführerinnen, die ich vor ein paar Tagen im Petersdom beobachtet hatte.
An die Führung durch die Nekropole erinnere ich mich kaum. Umso mehr erinnere ich mich aber an das, was hinterher geschah. Ohne dass es angekündigt worden wäre, wartete am Ende der Führung ein freundlicher und gutgelaunter Priester auf uns, ein Rheinländer mit rundem Gesicht und breitem Grinsen. Er mochte Mitte 30 sein und stellte sich als P. Christoph vor. Nachdem er ein paar scherzende Worte mit Sr. Teresa gewechselt hatte, bat er uns zu unserer großen Überraschung, mit ihm zu kommen. Er schleuste uns durch die Grotten von St. Peter, öffnete hier eine Absperrung und dort eine, bis wir schließlich wieder auf dem Petersplatz standen. Wir staunten nicht schlecht. Mit dem Auto fuhr er uns eine kleine Strecke in die sogenannte Piccola Casa. Sie war eines der beiden Häuser der Königsfamilie in Rom. Als wir das Haus betraten, kamen uns über die Treppe aus dem ersten Stock schon meine beiden kleinen Schwestern entgegen und zeigten uns stolz die Engelsflügelchen, die Sr. Fleur, eine liebenswerte ältere Belgierin, ihnen gebastelt hatte.
Das äußerst liebevoll eingerichtete, verwinkelte Häuschen hatte ein gewisses italienisches Flair. Dunkles Holz und Marmortreppen verliehen ihm einen edlen Touch. Die schiere Kleinheit seiner Maße ließ es unklösterlich wirken, ganz anders als das Kloster in Österreich. Ich war fasziniert. Sr. Annemarie hieß uns willkommen und führte uns durch ein schmuckes kleines Wohnzimmer in einen herrlichen Garten, eine Oase mitten in Rom. Unter einer Weinlaube stand schon ein Tisch mit gekühltem Holundersirup und Gebäck bereit. Von soviel Gastfreundschaft wurden wir beinahe sprachlos. Meine Eltern waren sichtlich beeindruckt. Meine Geschwister fühlten sich wohl. Die beiden Kleinen wurden von allen Seiten dafür gelobt, dass sie so brav gewesen waren. Als wir die Piccola Casa verließen, regnete es. P. Christoph brachte uns mit dem Auto zur nächsten U-Bahn-Station und erklärte uns, wie wir nach Anagnini kamen, der Station, an der wir unsere Gruppe wiedertreffen wollten, um mit dem Bus zurück in unser Quartier am Lago Albano zu fahren. Etwas nass aber beglückt saßen wir in der Metro.
Bitte um das rote Kreuzchen
Als wir einige Tage darauf wieder daheim waren, dauerte es nicht lange, bis Sr. Ottilie anrief. Sie wusste schon alles über unseren Besuch in der Piccola Casa und schien sehr erfreut darüber, wie gut ihr Plan funktioniert hatte. Nachdem wir ein paar Worte gewechselt hatten, fragte ich in möglichst belanglosem Ton nach dem roten Kreuzchen. Was müsste ich tun, um es zu bekommen? Sie antwortete genauso knapp, ich müsste nur einen formlosen Brief an Mutter Marozia schreiben und darum bitten. Zwar hatte ich Mutter Marozia, die »international Verantwortliche« der Schwestern der Königsfamilie, noch gar nicht getroffen. Aber sie war nun einmal die zuständige Person. Ich dachte gar nicht daran, dass ich abgelehnt werden könnte, und ich lag ganz richtig damit. Ungefähr eine Woche später erhielt ich die Antwort. Eine Karte, ein Blatt Papier und ein paar Zeilen. Ja, ich sollte das rote Kreuzchen bekommen, und zwar am 28. September im Rahmen einer Vesper im Mutterhaus. Dem Brief war eine Einladung beigelegt. »Die Liebe ist ihrem Wesen nach schenkend. Sie ist Hingabe«, stand darauf, ein Wort der Gründerin, die alle nur »Mutter« nannten. Es war die Einladung zu einer Chormantelfeier oder, gemäß dem Text der Einladung, zu einem »Heiligen Bündnis mit dem Herzen Jesu in jungfräulicher Liebe«. Am 29. September würden zwei junge Schwestern, eine Ungarin und eine Österreicherin, im Mutterhaus das Gelübde der Jungfräulichkeit ablegen und den weißen Chormantel mit Krone und Schleier erhalten. Als Hauptzelebrant wurde Kardinal Erdö aus Budapest angekündigt. Diese Feier interessierte mich natürlich.
Diesmal fuhr ich mit dem Zug und wurde am Bahnhof von einer Schwester abgeholt. Sobald ich das Haus betrat, spürte ich, dass das ganze Kloster in geschäftiger Vorbereitungslaune war. An der Pforte standen wartend und plaudernd Gruppen von Priestern und Gästen. Schwestern in Schürze eilten durch die langen Gänge, mit Blumen, Essen oder Putzeimern in den Händen. Das Pfortentelefon läutete in einem fort. Bei den Mahlzeiten im großen Refektorium und beim Gebet in der Kapelle fielen mir viele unbekannte Gesichter auf. Das Haus war offensichtlich voller Gäste. Ich registrierte insbesondere einige Patres und Schwestern, die ich bei meinem letzten Besuch nicht gesehen hatte. Obwohl die Schwestern alle Hände voll zu tun hatten, wurde eine liebe kleine Slowenin namens Sr. Ana gewissermaßen zu meiner Betreuung abgestellt. Sie war vom Willkommenskaffee bis zum Abschied für mich da und fast immer an meiner Seite. So fühlte ich mich weniger verloren unter den vielen mir unbekannten Gesichtern. Sr. Ottilie würde nämlich erst später ankommen.
Am Mittag des 28. September sollte ich mit P. Rektor, dem International Verantwortlichen der Priestergemeinschaft der Königsfamilie, zu Mittag essen. Nur er und ich. Ich war nervös, während ich im sogenannten Konferenzzimmer wartete, in dem für uns gedeckt war. Der Raum war schmal und lang, an seinem Tisch mit dem obligatorischen Blumenväschen und der Spruchkarte hätten bis zu 20 Personen Platz finden können. Immer wieder hörte ich Schritte auf dem Gang, die meine Anspannung steigerten, bis sich endlich die alte dunkle Holztür zu meiner Rechten öffnete und P. Rektor den Raum betrat. Der riesige Mann mit den dunklen Haaren und dem großen Kopf über dem schwarzen Kollarhemd begrüßte mich freundlich. Er stellte sich hinter seinen Stuhl, sprach das Tischgebet und bat mich Platz zu nehmen, während er mir die Suppe in den Teller schöpfte. Wenn er mir eine Frage gestellt hatte, betrachtete er mich aufmerksam, fast lauernd, wobei er seinen großen Kopf, als wäre er zu schwer, nach vorne senkte, sodass er leicht nach oben blicken musste, um mir in die Augen zu sehen. Ich fühlte mich, als säße ich in einer Prüfung. Nachdem das eine Weile so gegangen war, sagte er schließlich mit übertrieben lauter Stimme, er sei erfreut, dass ich das rote Kreuzchen empfangen wolle. Besonders freue es ihn, dass ich diesen Schritt in jungen Jahren gehen wolle und dem Herrn »nicht erst mein graues Haar schenke«. Als wir zum Nachtisch übergingen, kündigte er an, dass er an diesem Nachmittag einen Vortrag für junge Frauen und Mädchen halten werde, die zur morgigen Feier eingeladen waren. Es würde ihn freuen, wenn ich auch dabei wäre. Um 17:30 sei dann die Vesper, bei der ich das rote Kreuzchen erhalten solle. Er selbst werde der kleinen Zeremonie vorstehen. Ich fühlte mich geehrt.
Sr. Ana begleitete mich zum Vortrag ins sogenannte Pilgerheim, einen etwas dunklen und kühlen Raum auf der anderen Seite des großen Innenhofes, der mit seinen Butzenscheibenfenstern und dem Gewölbe wie eine Stube in einem bayerischen Gasthof wirkte. Außer mir saßen circa sieben schüchterne Mädchen um einen der Tische. Sie mochten etwas jünger sein als ich. P. Rektor kam herein, setzte sich an die Stirnseite des Tisches und sprach ein kurzes Gebet, bevor er in etwas grundschullehrerhafter Manier zu sprechen begann. Es ging vor allem um das Thema Berufung. Wie ein junger Mann um ein Mädchen wirbt, so werbe auch Jesus um eine junge Frau, die er erwählt hat. Er klopfe an ihr Herz und erwarte sehnsüchtig eine Antwort. Ich war etwas peinlich berührt von der altmodischen Sprache, die P. Rektor mit diesen Worten offenbarte. Er hatte wohl keine Ahnung davon, wie das »Liebeswerben« unter Teenagern im 21. Jahrhundert tatsächlich aussah. Dennoch gab ich ihm recht. Auch ich betrachtete eine Berufung als eine Liebesbeziehung zu Gott und konnte dem Gedanken des »Liebeswerbens« durchaus etwas abgewinnen. Ich wusste noch nicht, dass P. Rektor nichts lieber tat, als jungen Mädchen Vorträge über das Liebeswerben Gottes zu halten. Im Folgenden ging er auf Fragen ein, die er selbst formulierte: Woran erkennt man, dass man eine Berufung hat? Die Antwort: Unter anderem daran, dass andere Leute, besonders Priester, einen darauf ansprechen. Denn diese hätten oft ein besseres Gespür dafür als man selbst. Wenn ein Priester zu einem jungen Mädchen sage, es solle einmal darüber nachdenken, ob es nicht eine Berufung zum gottgeweihten Leben habe, dann sei das ein starkes Zeichen dafür, dass es tatsächlich eine Berufung habe. Ich wunderte mich ein wenig über diese Antwort, aber erst viel später beobachtete ich, dass die Königsfamilie mit dieser Methode versuchte, »Berufungen« regelrecht zu produzieren. Sie suchten selbst aus, wen sie ansprachen, und wer einmal angesprochen worden war, hatte damit praktisch schon eine Berufung.
Nach dem Vortrag war es schließlich so weit. Sr. Ana führte mich hinauf in die kleine Kapelle, die auch Mutters Kapelle genannt wurde, weil sie durch eine Tür direkt mit dem Zimmer der Gründerin verbunden war, die in den Jahren vor ihrem Tod nicht mehr an der Liturgie in der Klosterkirche teilnehmen hatte können. Es war ein kleiner Raum mit einem schlichten Altar, der so an die Wand geschoben war, dass der Priester die Messe »ad Dominum« feiern musste, also mit dem Rücken zum Volk. Links neben dem Altar hing ein moderner Tabernakel an der Wand, rechts eine gotische Marienfigur. In den Bänken, die insgesamt circa 20 Personen Platz boten, saßen schon einige Schwestern. Mein Platz war vorne in der ersten Reihe neben Sr. Ottilie. An jedem Platz lag ein Mäppchen im Din-A5-Format, das ein Programm und einige Liedblätter enthielt. Offenbar war eine richtige kleine Feier extra für mich vorbereitet worden. Ich war berührt. P. Rektor betrat die Kapelle. Er war in Albe und Stola gekleidet und eröffnete die Vesper. Nach der Lesung hielt er eine kurze Ansprache, an die ich mich nicht mehr erinnere. Dann segnete er das rote Kreuzchen und überreichte es Sr. Ottilie, die es mir umlegen sollte. Sie versuchte, mir die Kette über den Kopf zu ziehen, während ich vor ihr in der Bank kniete. Eine gefühlte Ewigkeit drückte sie auf meinem Kopf herum. Ich war peinlich berührt und stellte erneut fest, dass Sr. Ottilie mir unsympathisch war, schämte mich aber sofort dafür, gerade in diesem Moment einen solchen Gedanken zu haben. Endlich flüsterte eine andere Schwester ihr zu, dass sie die Kette doch einfach öffnen solle. Ich atmete innerlich auf. Sobald das rote Kreuz um meinen Hals hing, stimmte eine Schwester das Magnificat an.
An das Abendessen, die Feier des folgenden Tages und den Abschied habe ich keine Erinnerung mehr. Nur dunkel erinnere ich mich, dass ich nach der Abendanbetung noch einmal in eines der Empfangszimmer geführt wurde, um mit P. Rektor und einigen Schwestern einen Karottenkuchen mit Zuckerglasur und einem roten Marzipankreuzchen zu essen, der von den Küchenschwestern für mich gebacken worden war. Und ich erinnere mich, dass einige Schwestern mir vor und nach der Chormantelfeier bedeutungsvoll zulächelten. Die Feier sei für mich ein »Blick in die Zukunft«. Ein Satz, der mich nervte, da ich für den Augenblick ganz froh war, vorerst noch vom Chormantel verschont zu bleiben. Eines aber ist mir deutlich in Erinnerung, nämlich das gemischte Gefühl, mit dem ich am Montagmorgen nach meiner Heimkehr das Kreuz in der Schule unter dem Pulli trug. Es war ein unsichtbarer Fremdkörper in diesem vertrauten Umfeld meines Alltags, und es entfremdete mich diesem. Andererseits war es ein süßes Geheimnis. Ich wusste endlich, wo Gott mich haben wollte.
2. DER EINTRITT
Warnung vor dem Berufungskampf
Für mich war es beschlossene Sache, dass ich in die Königsfamilie eintreten würde. Für die Königsfamilie schien es dennoch wichtig, mich in diesem letzten Jahr vor dem Eintritt möglichst gut zu umsorgen. Sr. Ottilie schrieb ständig Briefe und rief mindestens einmal in der Woche bei uns an. Sie sagte mir, dass ich eine große Entscheidung gefällt hätte, die dem Widersacher Gottes keine Ruhe lassen würde. Jeder, der in die Königsfamilie eintreten wolle, müsse früher oder später einen Berufungskampf durchmachen, denn alles, was von Gott sei, werde von Satan angegriffen. Deswegen werde auch die Königsfamilie immer wieder verfolgt. Die letzte »Verfolgungswelle« sei erst ein paar Jahre her. Dennoch brächten diese schwierigen Zeiten auch immer einen besonderen Segen für die Gemeinschaft und neue Berufungen. Ich wunderte mich etwas über diese so feierliche, warnende Ankündigung und konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, worin der Berufungskampf in meinem Fall bestehen sollte.
Die Königsfamilie zu Besuch bei uns
Es war wohl einerseits die Sorge, dass ich von meiner Entscheidung abgebracht werden könnte und andererseits die Hoffnung, in meinem Umfeld auf fruchtbaren Boden für weitere Berufungen zu stoßen, die uns in den folgenden Monaten zahlreiche Besuche von Vertretern der Königsfamilie einbrachten. Sr. Ottilie besuchte uns besonders häufig, meistens alleine, andere Male gemeinsam mit einer Mitschwester. Bei diesen Gelegenheiten scannte sie meine Familie, meine Pfarrei und mein gesamtes Umfeld möglichst weitläufig ab. Wer eignete sich für die Königsfamilie als Mitglied, als Spender, als Türöffner für weitere Kontakte? Im Blick auf meine Familie gab sie die Hoffnung recht bald auf. Sie eignete sich nicht zur Katakombenfamilie. Denn diese Familien müssen sich an einem ziemlich hohen Anspruch messen lassen. Nicht nur, dass ihre Wohnstätten Muster christlich-katholischen Familienlebens sein müssen, dass sie die komplette Morallehre der Kirche praktisch umsetzen müssen (inklusive Verzicht auf Empfängnisverhütung), sie müssen die Königsfamilie auch nach besten Kräften unterstützen, durch Arbeit oder Geld. Zu vielem davon war meine Familie einfach nicht in der Lage.
Sr. Ottilie stieß bei ihrer Suche nach geeigneten Kontaktpersonen und Multiplikatoren für die Königsfamilie in unserem Umfeld kaum auf fruchtbaren Boden. Einige der von ihr Angesprochenen reagierten abweisend. Dazu gehörte auch unser alter Pfarrer. Er mochte die Königsfamilie nicht, wahrscheinlich war er zu altmodisch für eine solche »neue Form des geweihten Lebens« ohne Habit, bestehend aus Männern und Frauen und ohne spezifisches Apostolat. Der neue Pfarrer war dagegen zu liberal, von daher kam er von vornherein nicht in Frage. Dennoch fand sich eine Zielgruppe für die Königsfamilie in meiner Gemeinde. Es gab ja viele gläubige russlanddeutsche Familien mit einer großen Schar Kinder. Einige von ihnen waren an der Königsfamilie durchaus interessiert. Es dauerte nicht lange, bis in regelmäßigen Abständen Patres der Königsfamilie in unseren Ort kamen und Vorträge für die vielen Kinder und Jugendlichen hielten, die im großen Wohnzimmer einer dieser Familien zusammenströmten. Es mochten im Schnitt so um die zwanzig sein, die über Mund-Propaganda von Familie zu Familie eingeladen wurden und gerne kamen. Das Ganze hatte einen gewissen Untergrundkirchen-Flair. Während die Jugendlichen und einige Eltern um sie herum auf der Couch, einigen Stühlen oder dem Fußboden saßen, sprachen die Patres über die Königsfamilie, über die Berufung zum Priestertum und zum geweihten Leben, über das Gewissen, die Liebe zur Kirche und den priesterlichen Segen. Wer wollte, konnte bei ihnen beichten. P. Christoph kam besonders oft, aber auch P. Rektor kam auf Besuch, hielt einen Vortrag für die russlanddeutschen Jugendlichen und kam auch zu uns nach Hause. Sein Besuch bei uns daheim blieb mir am eindrücklichsten in Erinnerung. Während meine Mutter noch mit Kochen beschäftigt war und sich ein wenig grämte, dass sie nicht rechtzeitig fertiggeworden war, setzte dieser große Mann sich einfach auf die kleine Eckbank in unserer Küche und ließ sich die Kartoffeln zum Schälen geben. So viel Bescheidenheit hatte ich noch bei keinem Priester erlebt. Ich betrachtete sie als Indiz für seine Heiligmäßigkeit. Diese Besuche waren eine große Ehre für uns. Es war ja schon etwas Besonderes, wenn der Pfarrer zu Besuch kam. Hier aber geschah viel mehr. Es waren Patres einer internationalen geistlichen Gemeinschaft, die schon viel in der Welt herumgekommen waren und die ein besonderes Charisma besaßen. Und jeder ihrer Besuche bedeutete für die Schwestern oder Patres mindestens drei bis vier Stunden einfache Fahrtzeit. Dass wir das Ziel dieser ihrer Mühen sein sollten, ehrte uns unbeschreiblich.
Der Abendsegen
Ohne viel Zögern unterschrieben wir den sogenannten »Abendsegen«. Mit dieser Unterschrift bekundeten wir unsere Bereitschaft, täglich gegen 21.00 ein langes Gebet zu sprechen, dessen Text uns Sr. Ottilie auf eng bedruckten kleinen Kärtchen mitbrachte. Er handelte von unserer Dankbarkeit für »das große Geschenk des Glaubens« und für das Glaubensbeispiel »von Mutter« und enthielt die Bitte, dem Charisma der Königsfamilie und der »Heiligen Kirche« treu zu bleiben und »mutig« davon »Zeugnis abzulegen«. Das Gebet hieß deswegen »Abendsegen«, weil alle Patres und zahlreiche befreundete Priester der Königsfamilie jeden Abend gegen 21.00 diejenigen segneten, die dieses Gebet sprachen – über alle räumlichen Abstände hinweg. Durch diesen Segen sollte ein unsichtbares Band über die ganze Welt gesponnen werden, das segnende und gesegnete Mitglieder und Freunde der Königsfamilie miteinander verband. Mir gefiel diese Idee, auch wenn mir der Text des Gebetes zu lang und für ein Gebet viel zu umständlich formuliert erschien. Aber nicht nur den Abendsegen, auch alles andere, was von der Königsfamilie kam, betrachteten wir als sehr kostbar. Stapelweise erhielten wir Heftchen mit Vorträgen, die Patres der Königsfamilie gehalten hatten und die mit Titeln wie »Erlösung vom Selbstmitleid«, »Die wahre christliche Nächstenliebe« oder »Erneuert euer Denken« überschrieben waren. Sie schienen eine gute geistliche Nahrung zu sein, weil sie sich nicht darauf beschränkten, blumige Formulierungen aneinanderzureihen, sondern auch sehr klare Forderungen enthielten, die ein greifbares Fortkommen im geistlichen Leben versprachen. Außerdem gab es auch Hefte, die bei schwierigen Themen klare Orientierung gaben, wie beispielsweise zum interreligiösen Dialog, zum Internet oder zur künstlichen Fortpflanzung. In deutlichen Worten, die man vom eigenen Pfarrer kaum so zu hören bekam, legten sie die »Lehre der Kirche« dar. Es schien uns, als hätten wir einen Schatz entdeckt.
Noch häufiger als die Königsfamilie bei uns zu Gast war, war ich nun zu Gast bei der Königsfamilie. Viele Wochenenden und praktisch alle Schulferien verbrachte ich bei den Schwestern. Ich war so oft dort, dass es mir im Nachhinein kaum möglich ist, einen Besuch vom anderen zu unterscheiden. Die Niederlassungen der Königsfamilie wurden gewissermaßen zu meinem zweiten zu Hause. Im Herbst 2002 kam ich das erste Mal zu den Schwestern in München, die dort zu fünft ein schönes ehemaliges Pfarrhaus mit Garten bewohnten. Im Erdgeschoss lagen die Küche, das Wohnzimmer, ein Büro und ein kleines Empfangszimmer. Im ersten Stock befanden sich die Zimmer der Schwestern und unter dem Dach im zweiten Stock die Kapelle, die Sakristei und weitere Schwestern- und Gästezimmer.
Sr. Ottilie war die Verantwortliche in diesem Haus, von wo aus sie in ganz Bayern unterwegs war und die Kontakte der Königsfamilie pflegte. Ganz besonders interessierte sie sich für neu ernannte Bischöfe, Regenten in Priesterseminaren und für die theologische Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität. Obwohl sie selbst keinen theologischen Abschluss hatte, bewertete sie scheinbar fachmännisch die Qualität der einzelnen Dozenten, deren Vorlesungen sie sich regelmäßig anhörte. Wer ihr gut genug vorkam, wurde zu den Schwestern eingeladen. So waren dort immer wieder Pfarrer, Seminaristen, Professoren und sogar Bischöfe zu Gast. Sie zelebrierten die Messe in der Hauskapelle, bekamen ein gutes Essen vorgesetzt und wurden beim Tischgespräch weiter auf ihre Kirchlichkeit und Lehramtstreue abgeklopft. Diese Prozedur bekam ich anfangs nie in ihrer ganzen Ausführlichkeit mit. Die Gäste, bei denen ich mit am Tisch saß, waren meistens schon besser mit der Königsfamilie bekannt und sollten durch die Anwesenheit einer jungen Kandidatin beeindruckt werden, denn Berufungen gelten in bestimmten kirchlichen Kreisen als eine Art Prestige-Objekt. Nur ein Gast, den ich bei meinen Aufenthalten in München öfter als einmal zu sehen bekam, hatte es nicht mehr nötig, beeindruckt zu werden: der frisch zum Kardinal kreierte Dogmatiker Leo Scheffczyk. Er war schließlich nicht nur ein Freund, sondern sogar Mitglied der Königsfamilie. Ich staunte nicht schlecht, als ich das hörte. Offenbar gab es gar nicht so wenige Kardinäle und Bischöfe, die Mitglieder der Königsfamilie waren. Die meisten behandelten ihre Mitgliedschaft zwar diskret, sodass außer den Verantwortlichen der Königsfamilie niemand davon wusste. Aber es gab auch Ausnahmen: Kardinal Peter Erdö, Erzbischof von Budapest, und Kardinal Cahal Daly, Erzbischof von Armagh in Irland, sowie natürlich Bischof Philip Boyce von Raphoe in Irland, der seit den 1970er-Jahren geistlicher Begleiter von »Mutter« gewesen war. Sie machten aus ihrer Zugehörigkeit zur Königsfamilie kein großes Geheimnis.
Sr. Ottilie – erste Übergriffe
Bei allen meinen Besuchen war Sr. Ottilie praktisch die einzige Person, mit der ich sprach. Die anderen Schwestern sah ich nur in der Kapelle oder am Tisch. Mit Sr. Ottilie saß ich in den Stunden dazwischen zusammen. Sie schien für mich zuständig zu sein. Sie ließ sich Briefe von mir schreiben, die sie, wenn ich auf Besuch war, hervorholte und mit mir besprach. Das kam mir zwar seltsam vor und war obendrein unangenehm, aber ich dachte mir, wenn ich erst einmal eingetreten bin, werde ich eine richtige Ausbildnerin bekommen, eine, mit der ich mich zweifellos besser verstehen werde. Denn Sr. Ottilie verstand mich nicht, sie behandelte mich wie ein Kind, das noch viel lernen müsse. Sie lächelte spitz, wenn ich etwas sagte, als halte sie mich für naiv. Ja, manches Mal hatte ich das Gefühl, dass ein subtiler Machtkampf zwischen uns stattfand, in dem sie auf jeden Fall die Oberhand behalten wollte. Das tat sie auch, denn ich wollte ja meine Berufung nicht aufs Spiel setzen, auch wenn ich manches Mal kurz davor war, meiner Wut freien Lauf zu lassen.
Vor allem an eine solche Situation kann ich mich gut erinnern: Sr. Ottilie und ich kamen aus dem Gesprächszimmer und gingen miteinander die Treppe hinauf bis vor mein Zimmer. Ich hielt einen Stapel mit einigen Heftchen in der Hand, die sie mir zu lesen gegeben hatte und wollte in mein Zimmer verschwinden. Die Türklinke hielt ich schon in der Hand. Da kam Sr. Ottilie auf meine Kleidung zu sprechen. Wie gesagt, ich kleidete mich, für mein Gefühl, ohnehin schon wie eine Schwester. Ich trug einen langen schwarzen Rock mit einem leichten weißen Karomuster, darunter Nylonstrumpfhosen und dazu einen langärmeligen weißen Pulli mit einem Kragen und Reißverschluss. »Du musst dich wärmer anziehen«, sagte sie, und bevor ich begriff, was geschah, schob sie mich in mein Zimmer, schloss die Tür hinter sich und griff unter meinen Pulli. »Was hast du denn da drunter an?«, fragte sie. Diese Berührung war mir extrem unangenehm. Und die offensichtliche, als Fürsorge getarnte Grenzverletzung irritierte mich. Ich war mir deutlich der Wut bewusst, die mich in diesem Moment überkam und in der vieles, was sich in den letzten Monaten aufgestaut hatte, nach oben kochte. Dennoch brachte ich kein Wort heraus und stand starr, völlig überrumpelt mitten im Zimmer, während Sr. Ottilie, die meinen Pulli nach oben geschoben hatte und mein Unterhemd zwischen ihren Fingern hielt, auf mich einredete. Sie würde mir ein paar warme Unterhemden mitgeben.
Kurz darauf war sie verschwunden. Ich fühlte mich beklemmt. Ein Gefühl, das keineswegs besser wurde, als sie mir nach der Abendanbetung einen Stapel unglaublich dicker, langärmeliger Baumwollhemden in die Hand drückte, mit der Anweisung, diese mit nach Hause zu nehmen und ab sofort zu tragen. Ich machte sogar noch eine freundliche Miene und bedankte mich. Tatsächlich fühlte ich mich gedemütigt. Jahre später dachte ich, dass dies vielleicht der erste in einer langen Reihe körperlicher Übergriffe war, ein Test, was ich alles mit mir machen lassen würde, wie verfügbar ich wäre, ein erster Schritt hin zur ultimativen Katastrophe. Damals war ich einfach nur froh, den Moment irgendwie überstanden zu haben und daheim der Kontrolle von Sr. Ottilie entzogen zu sein. Ich trug die Unterhemden nur, wenn ich zu Besuch kam.
Es gab aber auch Gelegenheiten, bei denen ich das Gefühl hatte, dass auch noch andere Personen mich prüfen sollten. Ich erinnere mich an ein Mittagessen mit P. Klemens, dem Neffen von Mutter Marozia und Verantwortlichen der Priestergemeinschaft im Mutterhaus. Dieser große schlanke Mann mit den leicht ergrauten Haaren saß mir mit fachmännischer Freundlichkeit gegenüber, während Sr. Ana, die neben mir saß, als eine Art Gesprächsassistentin fungierte. Sie gab mir fortwährend Stichworte. »Erzähl doch, wie dein Vater dir Psalmen vorgelesen hat, als du klein warst.« Dies und das sollte ich erzählen, und P. Klemens hörte freundlich zu. Das Essen kam zu seinem Ende, er verabschiedete sich, und ich fragte mich, wozu dieses Gespräch gut gewesen war. Der Verdacht, es wäre eine Art Test gewesen, ließ sich nicht völlig abschütteln.
Gespräch mit Mutter Marozia
Irgendwann wollte auch Mutter Marozia mit mir sprechen. Es war ja völlig klar, dass sie als International Verantwortliche der Schwesterngemeinschaft der Königsfamilie sich ein Bild von mir machen wollte. Vor dem Gespräch mit ihr war ich ziemlich nervös. Sie erwartete mich an einem Nachmittag im sogenannten großen Empfangszimmer des Mutterhauses. Es lag der Pforte gegenüber und hatte eine zweite Tür auf den Kreuzgang hinaus. Ich kannte den Raum schon. Durch seine Höhe, die großen Fenster und den Stuck an der Decke wirkte er besonders repräsentativ. Mutter Marozia pflegte ihre Gäste und Gesprächspartner hier zu empfangen. Sie war mindestens einen halben Kopf kleiner als ich. Ihre leicht rundliche Figur steckte immer in einem Kostüm, das sich von den weiten und unansehnlichen Röcken und Blusen der gewöhnlichen Schwestern vor allem dadurch abhob, dass es ihr auf gewisse Weise stand.
Das mit Abstand Bemerkenswerteste an ihr war aber ihr Gesicht. Ihr Blick war durchdringend. Um ihren Mund hatte sie einen ungeheuer entschlossenen und dominanten Zug, der dadurch zu entstehen schien, dass sie die Backenzähne aufeinanderbiss und dabei leicht die Lippen spitzte. Ihre Erscheinung hätte etwas Vornehmes haben können, wenn nicht die fieberhafte Dominanz, die ihr Wesen beherrschte, jede Form von Eleganz verunmöglicht hätte. Sie war eine Getriebene. Als ich später Fotos aus ihre Jugend sah, auf denen sie ihre damals noch langen Haare zu einem großen Dutt zusammengebunden hatte, war ich erstaunt über die Veränderung, die diese Frau durchgemacht hatte. Als sie jung war, hatte sie noch einen Glanz in den Augen, ein strahlendes rundes Gesicht, eine gewisse mädchenhafte Liebenswürdigkeit. Als ich sie vor meinem Austritt das letzte Mal sah, war sie eine in sich zusammengefallene und wegen ihrer Wahnhaftigkeit abgeschobene alte Frau.
Als ich ihr beinahe zehn Jahre früher das erste Mal gegenübersaß, war sie zunächst einfach die Oberin, in deren Augen ich bestehen musste. Sie redete in einem fort, und alles, was sie sagte, unterstrich sie mit ihrer erregten Stimme, erhobenen Augenbrauen und einem bedeutungsvollen Blick aus ihren funkelnden Augen. Keinem ihrer Worte hätte man zu widersprechen gewagt. Sie begann damit, dass sie auf ein Vorkommnis während des Mittagessens einging. Das Mittagessen war eine oft genutzte Gelegenheit, Nachrichten und Ankündigungen zu verbreiten. Die Pförtnerin erhob sich und sagte, sie wolle der Gemeinschaft ein »Zeichen der Zeit« mitteilen: »An der Pforte hat heute jemand eine Schachtel Pralinen für uns abgegeben. Jede ist einzeln verpackt und in jeder Verpackung steckt ein Zettel mit einem Spruch. Als wir eines geöffnet haben, was lesen wir da: Teufel, ich liebe dich!«
Die Stimmung im Raum war schlagartig von betroffenem Schweigen geprägt, unter das sich ein geradezu alarmiertes Murmeln mischte. Sie hätte kaum etwas Schrecklicheres sagen können. Da tönte die Stimme eines jungen Fraters durch den Raum, der mit einem breiten Grinsen im Gesicht sagte: »Naja, es heißt ja immer, wir sollten die Pforte entlasten. Ich melde mich freiwillig zum Verzehr der Schoki!«
Lautes Lachen war die Antwort aus der Ecke, in der die Patres saßen. Natürlich erinnerte ich mich daran, als Mutter Marozia wenige Stunden später darauf zu sprechen kam. Ihr Anliegen schien besonders darin zu bestehen, den jungen Frater, für den sie deutlich Sympathie zu hegen schien, zu entschuldigen. »Gott weiß, wo er sich noch bekehren muss. Aber wenn einer die Gnade hat, die ganze Gemeinschaft zum Lachen zu bringen, ist das auch ein Geschenk«. Ich behielt den jungen Frater in den folgenden Monaten im Blick. Er hieß Alwin. Und die Gabe, die Gemeinschaft zum Lachen zu bringen oder auch einfach nur die Stimmung im Saal zu drehen und sich allgemeiner Panikmache zu entziehen, schien er wirklich in großem Maße zu besitzen.
Mutter Marozia fuhr fort, indem sie mich fragte, wie es denn in der Schule voranginge. Ich kam kaum dazu, ein paar Worte zu meinen Abiturfächern zu sagen. Als ich meinen Geschichts-Leistungskurs erwähnte, hatte sie das Stichwort, um zu einem Buch über das Leben der Gründerin überzugehen, das gerade geschrieben wurde. Ich hätte sicher von der Westfront im ersten Weltkrieg in Flandern gehört? Für eine Antwort, die über ein Kopfnicken hinausgegangen wäre, ließ sie mir keine Zeit. Die Gründerin habe ihre Kindheit in Flandern verbracht und ihre Familie musste während des Weltkriegs fliehen. Sie habe von klein auf ein besonders schweres Schicksal gehabt, voller Entbehrungen und Krankheiten. So wie Mutter Marozia von ihr sprach, musste sie ein ganz außergewöhnliches Kind gewesen sein, hochbegabt und fromm zugleich, kränklich und von ungeheurer Willensstärke. Sie hätte nie gewollt, dass ein Buch über sie geschrieben würde, außer es diente dem Charisma. Mutter Marozia sprach viel vom Charisma. Manches von dem, was sie sagte, kannte ich schon. Sie sprach vom Hochmut der heutigen Zeit, von der Überheblichkeit der modernen Gesellschaft, die sich von Gott abgewendet hatte, und von der großen Gnade, dass die Königsfamilie eigene Priester hatte und ein eigenes Inkardinationsrecht.
Dann, ich weiß nicht mehr wie, kam Mutter Marozia auf die »große Gnadengabe der Jungfräulichkeit« zu sprechen. »Wir müssen so dankbar sein, dass Gott uns zu einem jungfräulichen Leben berufen hat, als seine Bräute«.
Soweit stimmte ich ihr innerlich zu. Als sie dann aber begann, über das »Martyrium der Ehe« zu sprechen, das so viele arme Frauen durchmachen mussten, wurde mir unwohl. Ihr Blick verdunkelte sich, ihr Oberkörper war leicht vorgebeugt, sie blickte mir intensiver in die Augen und sprach, als ob etwas über sie gekommen wäre. »Männer haben ein viel größeres sexuelles Bedürfnis als Frauen. Darum müssen Frauen in der Ehe viel leiden. Sie müssen ihren Männern zur Verfügung stehen.« So oder so ähnlich redete und redete sie. Sie schien wie besessen von diesem Thema. Und ich war schockiert. Warum sagte sie das? Was wollte sie mir gegenüber mit diesen Worten erreichen? Woher nahm sie diese Überzeugung? Ich verließ das Empfangszimmer mit einem mulmigen Gefühl und ging die knarzende Holztreppe hinauf in mein Zimmer, während ich ein wenig meine Gedanken und Empfindungen sortierte. Neben dem Schock und den Fragezeichen, die ihre letzten Ausführungen in mir verursacht hatten, war ich ein wenig frustriert, weil ich selbst überhaupt nicht zu Wort gekommen war und Mutter Marozias Interesse an mir sich in Grenzen zu halten schien. Dennoch hatte sie mich und meine Reaktionen die ganze Zeit über sorgsam im Auge behalten. Vielleicht, dachte ich mir, hat sie so mehr über mich erfahren, als mir bewusst ist. Schlussendlich überwog die Erleichterung, dass ich auch diesen Test offensichtlich gut überstanden hatte.
Einladung nach Rom
Im Herbst erfuhr ich, dass ich gemeinsam mit meinem großen Bruder eingeladen war, die Tage nach Weihnachten in Rom zu verbringen. Ich konnte mein Glück kaum fassen! In Rom hatte ich die allerschönsten Erfahrungen mit der Königsfamilie gemacht. Nun sollte ich gleich ein paar Tage dort verbringen. Als wir gegen Abend, am Ende einer langen Zugfahrt, in der Stazione Termini ankamen, holte P. Christoph uns ab. Schon die Autofahrt durch Rom war ein Erlebnis. Wir wurden mit ebenso großer Souveränität wie Geschwindigkeit durch den chaotischen römischen Straßenverkehr chauffiert, machten einen Zwischenstopp an der Piazza di San Pietro und kamen dann über große Kreuzungen und kleine Schleichwege bis ins Ausbildungshaus der Gemeinschaft. Das war neben der Piccola Casa das zweite Haus der Königsfamilie in Rom. Es war ein gewöhnlicher römischer Palazzo aus roten Steinen, mit mehreren Balkonen auf jeder Etage, umgeben von einem relativ großen Garten mit Palmen, Zypressen und Zitronenbäumen. Als die Haustür sich öffnete, begrüßte uns zunächst eine sehr zierliche kleine Schwester mit einem breiten, schüchternen Lächeln und einem freundlichen »buona sera«. Ihr Name war Sr. Theresia. Ich gewann sie sofort lieb. Zuerst hielt ich sie für eine Italienerin. Später erfuhr ich, dass sie Österreicherin war. Nach dem üblichen kleinen Empfangskaffee im sogenannten Grande Soggiorno, dem großen Empfangszimmer, wurden wir auf unsere Zimmer gebracht.
Ich wohnte in einem Zimmer in der ersten Etage, im Ingresso 1, einer der beiden Schwesternwohnungen. Die Wohnungen im zweiten und dritten Stock bewohnten die Brüder. Das Haus gefiel mir. Weil es ein Wohnhaus war, hatte es keine Klosteratmosphäre, aber es war genauso akkurat und aufgeräumt wie jede Niederlassung der Königsfamilie. Vor allem die Ästhetik war eine andere als in Österreich. Alles wirkte etwas eleganter und sommerlicher. Die geschwungenen Wände im Eingangsbereich, die Holztüren, farbige Fließen am Boden, Vorhänge in bunten Farben, einige Möbel aus edlem Holz und schließlich auch die Hausbewohner schienen etwas Offeneres und Fröhlicheres an sich zu haben. Die folgenden Tage verbrachten mein Bruder und ich mehr oder weniger getrennt. Es gab quasi für jeden von uns ein eigenes Programm.
Die Tage vergingen wie im Traum. Nur wenige Erinnerungen sind geblieben. Frater Anthony, ein junger Engländer mit rötlichem Haar, hatte in den Tagen vor unserer Ankunft ein von ihm selbst geschriebenes und inszeniertes Theaterstück aufgeführt, »Cullodum’s Moor«. Das Echo dieses Erlebnisses klang noch in den Tischgesprächen nach. Dass es in der Königsfamilie auch Mitglieder gab, die einen Sinn für Literatur und Kunst hatten und dass diese buchstäblich eine Bühne bekamen, machte einen großen Eindruck auf mich. Gerne hätte ich einige Worte mit ihm gewechselt und ihn nach dem Inhalt seines Stückes gefragt. Das gelang mir erst beim Abschied, als er nur mehr lächelnd antworten konnte: »Next time«. Dieses nächste Mal sollte nie kommen. Auch Sr. Theresia sollte ich in der Königsfamilie nicht mehr wiedersehen. Dafür sollten andere Dinge, die ich in diesen Tagen erlebte, in den folgenden Jahren mit größter Zuverlässigkeit immer wiederkehren, vor allem das Weihnachtsliedersingen, das bei diesem ersten Besuch besonderen Eindruck auf mich machte.
Nach dem Sonntags-Mittagessen wurden etwa DIN-A4-große Liederhefte verteilt, die Weihnachtslieder in den verschiedensten Sprachen enthielten: Latein, Englisch, Französisch, Niederländisch, Italienisch, Ungarisch, Slowenisch, sogar einige afrikanische Lieder waren dabei. Jeder durfte sich ein Lied wünschen, das dann von der ganzen Gemeinschaft mehrstimmig gesungen wurde. Jede Stimmung schien der Gemeinschaft zu gelingen, von alpenländisch, volkstümlich, über musicalhaft bis choralmäßig, gleich ob fröhlich, melancholisch oder kitschig-romantisch. Dieses gemeinsame Singen war ein starkes Gemeinschaftserlebnis. Ich fühlte mich aufgehoben und zugehörig, obwohl ich in den vergangenen Tagen niemanden aus dieser Runde persönlich kennengelernt hatte, mit niemandem wirklich gesprochen, niemandem von mir erzählt hatte. Die Tage vergingen mit Beten, Arbeiten, Ausflügen, Singen und Essen. Die Freundlichkeit der Patres, Brüder und Schwestern war überschwänglich, aber immer unpersönlich.
Ich kehrte von Rom sehr beglückt nach Hause zurück. Diese Tage im milden Klima des Südens unter jungen und fröhlichen Gottgeweihten, die verschiedene Sprachen sprachen und mich schon wie eine von ihnen behandelten, hatten die Kraft alle Schatten zu vertreiben, die das ein oder andere frühere Erlebnis mit der Königsfamilie auf meine Vorfreude geworfen hatte. Die Aussicht, bald in einem dieser Häuser wohnen zu dürfen, beflügelte mich. Etwas Schöneres konnte ich mir nicht vorstellen, und ich hielt mich für besonders gesegnet, weil Gott mich gerade in die Königsfamilie berufen hatte. Aber im Frühjahr 2003, einige Monate vor dem geplanten Eintritt, schien es dann doch, als ob Sr. Ottilie mit ihrer Ankündigung des Berufungskampfes recht behalten sollte.
Der Berufungskampf
In der Kollegstufe hatte ich einen besonders schlimmen Religions-Lehrer. Er vertrat nicht nur die gewöhnliche Palette kirchenkritischer Standpunkte, mit der sich die meisten der sogenannten aufgeklärten Katholiken schmücken, sondern er ging weit darüber hinaus. Er schien mich bewusst damit zu provozieren, dass er im Unterricht Videos mit Predigten von evangelischen Bischöfinnen vorspielte und Sätze wie diesen fallen ließ: »Die zwölf Stämme Israels hat es natürlich nicht gegeben, genauso wenig wie die zwölf Apostel.«
Ich war entrüstet und wartete immer öfter nach der Stunde auf ihn, um ihn persönlich zur Rede zu stellen. Empört schleuderte ich ihm entgegen: »Wie kommt es überhaupt, dass Ihnen Ihre Lehrerlaubnis noch nicht entzogen worden ist?!« Woraufhin er lächelnd antwortete: »Diese Frage werde ich mir in Gold einrahmen und an die Wand hängen!«
Wir begannen, uns außerhalb der Schule zu treffen. Auf unseren Spaziergängen versuchte ich ihm mit aller Überzeugungskraft, die ich nur aufbringen konnte, die Falschheit seiner Annahmen vor Augen zu führen. Er war in meinen Augen ein unglücklich Verirrter, den ich auf den rechten Weg zurückbringen wollte. Zugleich schmeichelte es mir, dass er mir tatsächlich zuhörte und sich mit meinen Thesen auseinandersetzte. Nicht Weniges von dem, was ich sagte, schien ihn tatsächlich nachdenklich zu machen, umgekehrt übrigens auch. Nicht dass er mich dazu gebracht hätte, meine Ansichten zu ändern, aber ich begann nachzudenken, um sie besser begründen zu können. Er sagte beispielsweise, er kenne keinen Grund, warum Frauen nicht Priester sein könnten, und meinte, meine Ablehnung wäre rein emotional: »Sie wollen sich eben nicht mit der Vorstellung einer Priesterin anfreunden«.
Das konnte ich so nicht stehen lassen, also begann ich nach überzeugenderen Gründen zu suchen, weshalb Frauen nicht Priester sein konnten, denn dass sie es nicht konnten, stand außer Frage. Es war die Lehre der Kirche. Andererseits konnte ich ihn dazu bringen, über die Anbetung und den Rosenkranz nachzudenken, ja ich schaffte es sogar, ihn zu überreden, auf einem unserer Spaziergänge einen ganzen Rosenkranz mit mir zu beten. Immer öfter kamen wir auch auf Persönliches zu sprechen. Er wollte wissen, wie es kam, dass ich dachte wie ich dachte, und er empfahl mir, nach dem Abitur – wenigstens ein paar Semester lang – Theologie zu studieren, »damit Sie Ihren Kinderglauben verlieren.«
Diese Formulierung entsetzte mich. Ich wollte meinen Glauben nicht verlieren, und das Kindliche daran schien mir nichts Schlechtes zu sein, im Gegenteil. Von da an war mir das Theologiestudium suspekt, und ich machte es dafür verantwortlich, dass junge gläubige Menschen reihenweise ihren ursprünglichen Glauben verloren und dann zu den schlechten Religionslehrern wurden, die wir an der Schule ertragen mussten. Nein, ich wollte nie Theologie studieren, vor allem nicht in Deutschland, wo die Professoren besonders gerne Kinderglauben zu zerstören schienen.
Er zögerte nicht, mir auch von sich zu erzählen. Er war Mitte dreißig, hatte Theologie und Anglistik studiert und über einen irischen Schriftsteller promoviert, von dem er mir einmal ein Buch zum Lesen gab, das mich wegen seiner beißenden Kritik am irischen Katholizismus erschreckte. Er verschwieg mir auch nicht, worunter er besonders litt: Er war Single. »Wenn ich mit vierzig noch nicht verheiratet bin, bringe ich mich um.«
Das berührte mich, und ich empfand stark, wie schlimm es sein musste, ab einem gewissen Alter noch allein zu sein. Dass er mit dieser Aussage eine bestimmte Reaktion in mir auslösen wollen könnte, kam mir nicht in den Sinn. Ich merkte nicht, dass sein Interesse bald nicht mehr dem Inhalt unserer Gespräche galt, sondern mir. Auch nicht als er begann, meine Berufung infrage zu stellen. Er gab mir Erfahrungsberichte von Frauen zu lesen, die nach einigen Jahren im Kloster gegangen waren, und er polemisierte gegen die Königsfamilie. »Schau dir die Schwestern an. Die sind nicht glücklich!«, sagte er zu mir.
Diese Äußerung ließ ich nicht gelten, schließlich kannte ich die Schwestern besser als er. Die Artikel, die er mir zu lesen gab, enttäuschten mich beinahe. Ich hatte mit substanziellerer Kritik gerechnet (die ich natürlich auch zurückgewiesen hätte). Seine Kritik an meiner Berufung schlug ich seiner allgemeinen Kirchenkritik zu. So fiel ich aus allen Wolken, als er eines Tages, als wir nach einem längeren Spaziergang zusammensaßen, mitten im Gespräch meine Hände nahm, mir in die Augen sah und sagte: »Ich liebe dich.«
Ich fühlte mich wie im falschen Film und spürte einen Impuls zur sofortigen Flucht. Aber ich blieb sitzen und hörte mir an, was er zu sagen hatte. Erst jetzt merkte ich, wie hoffnungslos verliebt er war – in mich! Ich war wie vor den Kopf gestoßen. Dennoch ließen mich seine Worte nicht kalt. Die langen persönlichen Gespräche mit ihm hatten ihre Spuren in mir hinterlassen, und sein Liebesgeständnis bewegte mich mehr, als mir lieb war. Er hatte damit abgewartet, bis der reguläre Unterricht zu Ende war, was es mir keineswegs leichter machte, da gerade die Abi-Prüfungen begannen. Ich erbat mir von ihm eine Zeit des Abstands. Ich musste die Prüfungen hinter mich bringen und mir darüber klar werden, was seine Zuneigung zu mir zu bedeuten hatte.
Liebte ich ihn? Eher nicht, aber ich mochte ihn irgendwie. Konnte es nicht sein, dass Gott mir jetzt ein Zeichen gab, dass ich für diesen Menschen da sein sollte? Aber wie? Ich war komplett durcheinander und schrieb Sr. Ottilie einen Brief. Sie war höchst alarmiert und reagierte umgehend. Am Telefon kündigte sie an, dass sie mit mir eine Pilgerfahrt nach Altötting unternehmen würde. Die Muttergottes würde mir Klarheit schenken. Ich merkte ihrer Stimme an, dass sie sich große Mühe gab, möglichst ruhig zu bleiben. Da war nichts von der üblichen helltönenden Selbstsicherheit. Zwar erschien mir ihre aufgeregte Sofortmaßnahme allzu panisch, aber ich war doch irgendwie dankbar, dass mich in dieser schwierigen Situation jemand an die Hand nahm, und ich war insofern beruhigt, als sie die Entscheidung nicht selbst fällen wollte, sondern sie der Muttergottes überließ.
Die Muttergottes spricht
Es war ein Samstag im Mai, als wir mit dem Auto nach Altötting fuhren. Sr. Ottilie schien sehr besorgt und versicherte mir, dass sie sehr viel für mich gebetet habe. Besonders beim Breviergebet habe sie an mich gedacht, nämlich beim Psalmvers »Gib dem Raubtier das Leben deiner Taube nicht preis.« Hätte ich Sr. Ottilie nicht gekannt, wäre mir diese allzu drastische Metapher unangenehm gewesen. In ihren Augen war mein Religions-Lehrer, den sie nie getroffen hatte, ein Raubtier, ein böser Verführer, ein Werkzeug Satans, jemand, der mich vom Plan Gottes abbringen wollte. Der gefürchtete Berufungskampf war ausgebrochen, also musste sie nun um mich kämpfen. Wie sie da mit hoch erhobenem Kopf und entschlossenem Gesichtsausdruck am Steuer saß, sah ich sie gleichsam eine Rüstung tragen. Die Kriegerin auf dem Weg in die Schlacht. Ich musste schmunzeln. Ich selbst hielt mich keineswegs für verführt, ich war nur durcheinander.
Im bayerischsten aller bayerischen Wallfahrtsorte war ich noch nie gewesen. Er wirkte unspektakulär, denn viel war dort nicht los. Sr. Ottilie schien auch kein Programm geplant zu haben. Wir gingen einfach von einer Kirche oder Kapelle in die nächste. Dabei entdeckte sie überall Zeichen, die – wie sie sagte – eine ganz eindeutige Sprache sprachen. Viele dieser angeblichen Zeichen verstand ich nicht. Es war nichts Verwunderliches, an diesem Ort auf Marienbilder zu stoßen, Sr. Ottilie aber erkannte in den Bildern einen Hinweis auf meine Berufung zum geweihten Leben. Gekrönt wurde diese Fülle an Zeichen, als wir eine Kirche betraten, in der gerade das Evangelium verlesen wurde: »Wer um meinetwillen Haus oder Brüder … verlassen hat, wird das Hundertfache dafür empfangen.«
Sr. Ottilie schien so erschüttert und beglückt, dass ich in mich hineinschmunzeln musste. In ihren Augen war das ein eindeutiges Zeichen. Ich hatte gar nicht zugehört und hätte das Evangelium auch nicht als Zeichen gedeutet. Es antwortete nicht wirklich auf meine Frage, aber für sie schien die Angelegenheit geklärt. »Die Muttergottes hat gesprochen!«, verkündete sie feierlich, als wir die Kirche verließen. Ich war zufrieden, denn ich hatte in den vergangenen Stunden genug Zeit gehabt, um meine Frage selbst zu überdenken und im Gebet vor Gott zu bringen. Nein, es konnte nicht gut gehen, wenn ich meinen Religions-Lehrer heiratete (und eine uneheliche Beziehung kam nicht infrage). Er war so viel älter als ich, und wir waren viel zu unterschiedlich. Ich würde ihn aus Mitleid heiraten. Es wäre nicht richtig. Nein, ich war nicht bei ihm, sondern bei den Schwestern daheim, in der Welt des Stundengebets und der regelmäßigen Abläufe, der diskreten Freundlichkeit und der stillen Arbeit. Letztlich glaubte ich vor allem eines nicht: Dass er mich liebte. Er suchte etwas in mir, aber nicht mich. In unerschütterlicher und zugleich tröstlicher Klarheit stand für mich fest, dass mich eigentlich niemand suchte und kannte – niemand außer Gott. Also konnte mich auch niemand außer Gott lieben.
Abitur und Eintritt
Mit dem Ende der Schulzeit hatte für mich ein neuer Abschnitt begonnen. Das Abitur hatte ich ohne große Mühe mit 1,9 bestanden. Nun stand mir nur noch eines vor Augen: Der Eintritt. Ich hatte den 9. August gewählt, den Gedenktag der vor kurzem heiliggesprochenen Edith Stein. Auch wenn ich mich nicht mit ihr messen konnte, war sie mir doch ein Vorbild. Sie widerlegte das Klischee der ungebildeten, unselbständigen und lebensunfähigen Klosterschwester, das ich inzwischen leid geworden war. Sie hatte in Philosophie promoviert, war Assistentin bei Husserl gewesen, zum Katholizismus übergetreten und schließlich zur großen Verwunderung ihrer Freunde und Bekannten in den Karmel eingetreten.
Auch ich betrachtete mich nicht als unselbständig. Ich war nicht dumm und nicht fremdgesteuert. Ich wusste, was ich wollte und was ich tat, und jeder Schritt war reflektiert und gewollt. Ich war konvertiert und ging nach dem Abitur ins Kloster, nicht weil mir nichts Besseres eingefallen war oder ich mir nichts anderes zutraute, sondern weil ich es wollte. Und ich wollte es, weil Gott mich rief und es nichts Größeres in meinem Leben gab als ihn.
Am 8. August, dem Tag vor der Eintrittszeremonie, machten meine Eltern und Geschwister sich mit mir auf den Weg. Ich saß mit gemischten Gefühlen im Auto. Meine Koffer waren gepackt. Außer meinen Kleidern, meinem Sparbuch und ein paar Dokumenten und Büchern hatte ich nichts dabei. Viel war es nicht, denn viel würde ich ja nicht brauchen. Mein Klavier wurde zu einem anderen Zeitpunkt abgeholt. Der Gedanke, in wenigen Stunden für immer von meinen Eltern und Geschwistern Abschied nehmen zu müssen, vor allem von den beiden Kleinen, gab mir einen Stich ins Herz. Würde ich das überhaupt aushalten, diese familiäre Vertrautheit aufzugeben und endgültig in eine Welt von Erwachsenen überzusiedeln, wo es keine persönliche Nähe, keine Neckereien, keinen Unsinn gab? Schnell schob ich diese Fragen beiseite, denn ich hatte mir angewöhnt, mich von Fragen an die Zukunft, die per se unbeantwortbar waren, nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Ich war überzeugt: Es wird sich alles geben. So schlimm kann es nicht sein. Andere haben es auch geschafft, und schließlich bin ich zu diesem Leben berufen, also werde ich auch die Kraft haben, es zu meistern. Und wenn es manchmal schwer sein wird, und das wird es mit Sicherheit, dann gehört das auch dazu, und ich werde es schaffen.
Den überwiegenden Teil der Fahrt schwebte ich aber in allergrößter Vorfreude. Ab morgen würde ich mit »Schwester« angesprochen werden. Ich würde ein Zimmer bekommen und einen Auftrag, einen festen Tagesablauf und eine neue Familie. Ich würde eine von ihnen sein und das tägliche Leben mit ihnen teilen. Vor allem aber kam ich jetzt Gott näher, denn ich kam an den Ort, an dem er mich haben wollte, an dem er etwas Großes mit mir vorhatte. Ich kam gewissermaßen in sein Haus, als seine Braut. Ich war aufgeregt und überglücklich. Wahrscheinlich gibt es nicht viele Möglichkeiten, wie man die eigene Existenz und Identität von heute auf morgen derart radikal ändern kann, wie ich das damals tat. Dafür muss man ins Kloster gehen – wenn nicht zum Militär oder ins Gefängnis.
Als wir im Mutterhaus ankamen, stellte sich heraus, dass die Gemeinschaft auf uns gewartet hatte. Um 17.30 beteten sie für gewöhnlich die Vesper, und mit dieser Vesper sollte ich begrüßt werden. Nun war es schon deutlich später. Ich bekam ein schlechtes Gewissen, weil sie auf uns gewartet hatten, obwohl wir nichts davon wussten. Schnell, fast hektisch, wurde ich in den Kreuzgang hineingezogen, in dem zwei Reihen von Schwestern im Chormantel standen. Die Pfortenschwester drückte mir einen Blumenstrauß in die Hand und flüsterte mir zu, ich solle ihn an Mutters Grab in der Klosterkirche ablegen. Da setzte sich der Zug auch schon in Bewegung. Mir war etwas mulmig zumute, bei dieser überfallsartigen Aktion. Die Geste mit dem Blumenstrauß kam mir ähnlich albern vor wie das rote Kreuzchen, und es störte mich, dass ich quasi dazu genötigt wurde, denn eine solche Geste hätte ja meiner eigenen Initiative entspringen müssen, um authentisch zu sein. Erst später stellte ich fest, dass der Blumenstrauß ein fester Bestandteil des Eintrittsrituals war. Trotzdem fand ss ich es auch Jahre später immer noch unauthentisch und albern fand. Dennoch machte ich gute Miene dazu und tat, was die Schwestern sich wünschten. Es gehört einfach dazu. Der unglaublich schöne Gesang in der Vesper, der Duft der Blumen in der Kapelle und die Willkommensworte in der Ansprache von P. Rektor ließen mich meinen Unmut schnell vergessen. Auch meine Eltern waren gerührt. Meine Schwester dagegen hatte gerade in diesem Moment schwere Augenblicke durchzustehen, was ich aber erst hinterher erfuhr. Sie war in einem bunten Top mit Spaghetti-Trägern gekommen, in dem die Schwestern sie nicht in die Klosterkirche lassen wollten. Sie wollten ihr eine Strickjacke aufzwingen, mit der sie ihre Schultern und Arme bedecken sollte, aber sie weigerte sich standhaft, sodass am Ende beide Seiten leicht frustriert waren, als sie es endlich geschafft hatte, doch mit ihrem Top in der Kirchenbank zu sitzen.
Meine Familie war im Familienhaus untergebracht, einem hübsch renovierten Bauernhof in Hanglage, der seit den 1920ern zum Mutterhaus gehörte. Das Haus diente als Gäste- oder Exerzitienhaus. Wie viel dieser Besitz in den 20ern wert war, vermag ich nicht zu schätzen. Heute aber ist ein solches Grundstück in dieser Lage, wo 1m2 schon mal um die 900 Euro kosten kann, unbezahlbar. Das alles wusste ich nicht, als ich das erste Mal das Haus und die Aussicht bewunderte. Meine Familie fühlte sich dort wohl. Zwei Schwestern wohnten dort und sorgten sich gemeinsam mit Sr. Ottilie, die ebenfalls dort untergebracht war, um meine Familie, bevor sie am nächsten Morgen zu meiner Eintrittsfeier hinunter ins Kloster fuhren.
Die Messfeier fand in der kleinen Kapelle statt, in der ich auch das rote Kreuzchen empfangen hatte. An einem bestimmten Punkt der Feier sollten meine Eltern und ich je ein vorformuliertes Gebet sprechen, das uns zuvor von Sr. Ottilie in die Hand gedrückt worden war. Ich überflog den Text und fand, dass ich mich weitgehend damit identifizieren konnte. Vor Beginn der Messfeier legte ich das rote Kreuz ab. Ich war froh, es nicht mehr tragen zu müssen. Als alle sich erhoben, die Schwestern den Gesang anstimmten und der Priester den Raum betrat, war ich etwas enttäuscht. Es war nicht P. Rektor, sondern P. Jodok, ein kleiner, leicht rundlicher Vorarlberger um die 40, der mir bisher noch kaum aufgefallen war. Immerhin hatte er extra für meinen Eintritt eine Predigt vorbereitet, die mir aber größtenteils unbewusst blieb, bis auf eine Formulierung, die mir merkwürdig vorkam: dass ich »eine würdige Tochter von Mutter werden möge«. Ich kannte diese »Mutter« ja kaum. Nichts von dem, was ich bisher von ihr gehört hatte, hatte es mir möglich gemacht, eine Art innerer Beziehung zu ihr aufzubauen. So gelang es mir nicht, mich als ihre »Tochter« zu fühlen, und ich konnte mir nicht vorstellen, was es heißen sollte, ihrer »würdig« zu sein. Naja, dachte ich, das alles werde ich ja jetzt, wo ich zur Königsfamilie gehöre, sicher erfahren. Ich sprach mein Gebet mit klarer Stimme, als aber meine Eltern an der Reihe waren, blieben meiner Mutter vor lauter Schluchzen beinahe die Worte im Hals stecken, besonders an der Stelle, wo sie Gott dafür dankten, dass er mich ihnen geschenkt hatte und dass sie mich ihm jetzt wieder zurückschenkten. Ich wusste, dass meine Mutter mich ungern »hergab«, so stolz sie auch auf meine Berufung war.
Nach der Messe standen alle im Gang und gratulierten mir und meinen Eltern. Danach gab es im Konferenzzimmer ein festliches Mittagessen für meine Familie sowie ein paar Patres und Schwestern. Erst am Nachmittag bekam ich eine letzte Gelegenheit, mit meiner Familie allein zu sein. Das heißt, während meine Eltern ein »Glaubensgespräch« mit einem der Priester im Haus führten, durfte ich mich mit meinen Geschwistern und etwas Spielzeug für die Kleinen in eines der Empfangszimmer zurückziehen. Das Herz wurde mir schwer. Ich dachte daran, dass ich sie zum letzten Mal um mich hatte und wir uns ab morgen nicht mehr sehen würden. Ein Eintritt ins Kloster bedeutete den endgültigen Abschied von der eigenen Familie, es konnten Jahre vergehen, bevor man sich wiedersah. Das schien mir logisch. Bei Theresia von Lisieux war es auch so gewesen. Ich hatte nun eine »neue Familie« und es war nicht mehr meine Entscheidung, sondern die meiner Verantwortlichen, ob und wann ich meine Familie wiedersehen würde. Meine Schwestern wehrten sich. »Wir sind deine Schwestern und nicht die da«, sagten sie mir, und »wie kannst du es hier nur aushalten?« Sie fanden das Kloster und die Schwestern schrecklich, und als sie sich über Einzelne von ihnen lustig machten, konnte ich nicht anders als mitlachen. Aber das änderte natürlich nichts an meinem Entschluss.
Der Tag danach
Am nächsten Morgen reiste meine Familie ab. Ich hatte mich schon am Abend zuvor kurz von ihnen verabschiedet, wusste aber nicht, dass meine Mutter noch einmal mit mir hätte sprechen wollen, dass sie am Tag der Abreise mit einer schlimmen Migräne erwachte und Sr. Ottilie sie unbarmherzig zum Aufbruch drängte. Wie hätte ich das auch erfahren sollen? Meine Mutter erzählte es mir erst Jahre später, nach meinem Austritt.
Für mich begann der Tag nach dem Eintritt mit dem gewohnten Programm: um 6.00 Morgengebet, 6.15 Messe, 7.00 Lesehore und Laudes, danach das typische spartanische Frühstück mit dünnem Kaffee, Milch, vom Bäcker geschenkten alten Brötchen, Butter und Marmelade. So bescheiden das auch war, es machte mich glücklich. Jeder Ton, jeder Geruch, jeder Augenblick dieses Klosterlebens war mein neues Leben, zu dem Gott mich gerufen hatte. Alles wurde zu einem Zeichen seiner Liebe zu mir.
Nach dem Frühstück wurde ich mit Sr. Kerstin zum Autoputzen eingeteilt. Das Kloster hatte einen Fuhrpark, der aus einigen mehr oder weniger bescheidenen Autos bestand. Wir putzten an diesem Vormittag zwei von ihnen gründlich, wobei ich versuchte, mein Bestes zu geben. Denn das hatte ich schon verstanden: dass Schwestern beim Putzen sehr viel schärfere Maßstäbe anlegen als gewöhnliche Menschen. Ich putzte also viel gründlicher, als ich es für nötig gehalten hätte, und schien damit richtig zu liegen. Wir sprachen wenig miteinander und ich fragte mich, was nun auf mich zukommen würde. Ich war eingetreten, aber wie würde es nun weitergehen? Bisher hatte niemand mit mir darüber gesprochen, und was ich wusste, war wenig. Ich wusste, dass ich eine Art Ausbildungszeit durchlaufen würde, in der es irgendwann ein Noviziat und ein »Heiliges Bündnis« gab und dass ich eine Verantwortliche haben würde, die mich »ins Charisma einführt« und begleitet. Aber konkret hatte noch niemand mit mir darüber gesprochen. Was würde ich morgen tun? Und wann würde ich einen festen Auftrag bekommen? Vor allem aber: wer würde meine Verantwortliche sein? Und ob ich wohl in ein anderes Zentrum versetzt werden würde, vielleicht nach Rom? Das wagte ich gar nicht zu hoffen. Eines aber stand für mich ohnehin fest, was auch immer kommen würde, es würde der Wille Gottes sein, und ich war fest entschlossen, es anzunehmen und mit all meinen Kräften zu erfüllen.
Darmowy fragment się skończył.