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Doris Povse: Nicht mit uns

Vorwort an meine Kinder
Liebe Sofia,

wenn du diese Zeilen liest, wird die Zeit weit vorangeschritten sein, und du wirst alt genug sein, sodass du viel mehr als jetzt verstehen und wissen wirst, wahrscheinlich sogar mehr, als ich mir heute vorstellen kann. Ich hoffe und glaube fest daran, dass sich bis dahin alles zum Guten wendet, und du eine gute Beziehung zu deinem Papa aufgebaut haben wirst. Ich hoffe, dass er dir seine väterliche Liebe schenkt und dass er dein Leben mit seinen Erfahrungen und der Kultur seines Landes bereichert.

Es tut mir leid, dass wir gemeinsam so lange voll Angst leben mussten. Dein Papa und ich – was soll ich sagen, es hat nicht funktioniert zwischen uns, und irgendwann waren die Gräben zu tief und die Mauern zu dick. Du weißt es selbst, auch wenn du, als du mittendrin warst, vielleicht alles eher gefühlt als verstanden hast. Wir konnten überhaupt nicht mehr miteinander reden. Alles war dunkel. Ich hoffe, dass du niemals eine solche Erfahrung mit einem Mann machen musst. Aber was immer auch zwischen deinem Papa und mir war, soll kein Hindernis dafür sein, dass ihr beide zueinander findet.

Liebe Sofia, ich schreibe diese Nachricht an dich genau ein halbes Jahr nach dem Ende unserer Flucht. Du kannst dich vielleicht daran erinnern, wie ich manchmal ganz unerträglich war und ständig geweint habe, daran, wie wir uns gemeinsam in Wohnungen und Häusern von Freunden und Fremden versteckt haben. Ich hoffe, dass du mir und uns allen verzeihst, was du unseretwegen in dieser Zeit durchmachen musstest.

Am meisten tut es mir leid, dass wir uns an die Öffentlichkeit wenden mussten, und dass du unfreiwillig und ungefragt eine Bekanntheit erlangt hast, als gehörte unser Leben nicht mehr uns, sondern als wäre es eine Art Reality-Soap, mit vielen Produzenten und Regisseuren. Ich hoffe, du verstehst, dass dieser Schritt unvermeidlich war, dass er damals die einzige Möglichkeit war, das Schlimmste, das Allerschlimmste, unsere gewaltsame Trennung zu verhindern.

Jetzt, während sich alles zum Besseren zu wenden scheint, und dein Papa und ich endlich wieder miteinander reden können, erscheint mir unsere Flucht wie ein irreales Abenteuer. Als wäre es tatsächlich eine Reality-Soap gewesen. Jetzt lachst du wieder mit mir, anstatt wie damals mit mir zu weinen.

Es wäre so gesehen nicht notwendig, dieses Buch zu schreiben. Wir haben die Krise überwunden. Wir brauchen keine Strategie mehr. Es gibt niemanden, dem Schuld zuzuweisen irgendeinen Sinn ergeben würde, und wir sind niemandem eine Erklärung schuldig. Dennoch denke ich, dass es trotz aller Intimität, die die folgenden Seiten enthalten, trotz aller unmittelbaren und sehr privaten Einblicke in unser Schicksal, richtig war, dieses Buch zu schreiben, und zwar nicht nur wegen der vielen Menschen in unserem Land, die in den Zeitungen und vor den Fernsehern mit uns mitgefiebert haben und danach mehr über uns wissen wollten, wie ich vielen Briefen und E-Mails entnahm. Vor allem ist dieses Buch für mich ein Weg der Verarbeitung.

Immer nur auf der Flucht zu sein, sei es eine äußere wie die, auf der wir waren, oder eine innere vor den Abgründen, die das Erlebte hinterlassen hat, ergibt keinen Sinn. Wirklich und richtig zu leben, bedeutet, dem Leben in die Augen zu sehen. Wenn es stimmt, dass die wahre Hölle auf Erden jene Dinge sind, die wir aus Angst verpasst haben, dann ist Verdrängung das Tor dorthin.

Mein sehnlichster Wunsch ist, dass du in deinem Leben nur noch freiwillige Abenteuer auf dich nimmst. Dass dir kein Unglück mehr zustößt, und schon gar keines im Zusammenhang mit unserer Familie. Und dass du deine Fröhlichkeit und dein unbekümmertes, strahlendes Lachen für immer behältst.

Ich werde immer für dich da sein, das verspreche ich dir. Wenn du glücklich bist, werde ich mich für dich freuen, und wenn dein Weg gerade einmal schwierig sein sollte, werde ich zur Stelle sein und dir beistehen. Bedingungslos, mit aller Kraft, mit aller Liebe. Ich liebe dich so sehr. Und dein Papa liebt dich auch.

Es küsst dich

deine Mama

Lieber Philip,

dieses Buch habe ich in einer Zeit geschrieben, in der dein Papa und ich fürchten mussten, deine Schwester Sofia könnte uns mit Gewalt weggenommen werden. Wenn du groß genug bist, wirst du verstehen, warum ich es schreiben musste. Die Geschichte, die ich darin erzähle, ist auch die deine, auch wenn du darin zu deinem Glück nicht im Mittelpunkt stehst. Sie hat für eine Weile einen Schatten auch über dein Leben geworfen.

Es ist am Ende alles gut ausgegangen. Trotzdem bist du schon als kleines Kind in eine schwierige Situation geraten, an der dein Papa genauso wenig schuld war wie deine Halbschwester oder gar du selbst. Vielleicht hast du irgendwie mitbekommen, dass die Dinge eben doch auch gut gehen können für jene, die ihre Hoffnung bewahren und kämpfen. Trotzdem weiß ich, dass du ein Stück Vergangenheit mit dir herumträgst, das für dich wahrscheinlich unhandlich ist, und zu dem du erst eine Einstellung finden musst, die du dann während deines Lebens mit wachsenden Erfahrungen wohl noch ein paar Mal verändern wirst.

Ich werde jedenfalls alles dafür tun, dass du eine schöne Kindheit erlebst, dass du gesund bleibst und glücklich wirst, und dass wir immer in aller Offenheit miteinander umgehen, sodass nichts zwischen uns treten kann, weder Vergangenes noch Kommendes. Ich freue mich darauf, dass du mir einmal erzählst, wie du dich zum ersten Mal verliebt, wie du zum ersten Mal etwas Dummes angestellt oder wie du dich zum ersten Mal betrunken hast. Ich freue mich auf Tage, in denen diese Geschichte vielleicht nur noch eine Anekdote ist, eine Erfahrung, die uns eint, ohne dass sie noch schmerzen könnte.

Ich liebe dich, und dein Papa Raimund liebt dich auch.

Meine Engel.

Euer Atem ist freudiges Lächeln.

Euer Herzschlag ist heilender Balsam.

Und die Federn eurer duftenden Flügel kühlen meine glühende Stirn.

1. Angst

Es war am 14. Juli 2013 um 6.10 Uhr morgens. Der Wecker klingelte, aber ich drehte mich schlaftrunken zur Seite und vergrub mein Gesicht im Kissen. Ein paar Minuten wollte ich noch die Ruhe der endenden Nacht, die Zeit des sorglosen Schlafes genießen. Nur im traumlosen Schlaf fühlte ich mich sicher.

Sobald ich die Augen öffnete, war es mit der Ruhe vorbei. Ich musste augenblicklich aufstehen, um mit einer möglichst alltäglichen Tätigkeit meine Sorgen zu verdrängen. Raimund, mein Lebensgefährte, war bereits auf, und wir bereiteten gemeinsam das Frühstück zu. Ich konzentrierte mich auf jede Einzelheit. Tee kochen, Brot schneiden, Gläser und Teller auf den Tisch stellen, das alles war für mich wie Meditation, wie ein Ritual, ein Gebet. Ich zelebrierte Kleinigkeiten des Alltags, um nicht verrückt zu werden.

Als der Tisch gedeckt war, wollte ich Sofia aufwecken, damit sie es rechtzeitig in den Kindergarten schaffte. Die Tür zu ihrem Kinderzimmer war angelehnt. Das wunderte mich. Ich spürte in meinem Inneren einen Ruck, der mich für den Bruchteil einer Sekunde innehalten ließ. Dann drückte ich die Tür auf, und meine schlimmste Befürchtung bewahrheitete sich.

Wir lebten damals in einem Haus in Berndorf, das Teil einer Reihenhaussiedlung war. Die weißen Häuser dort hatten ein rotes Dach, ein Erdgeschoß und ein Dachgeschoß. In unserem Wohn- und Esszimmer standen Fernseher und indische Holzmöbel. Sofias Zimmer war mit hellen Kiefernholzmöbeln eingerichtet, hatte rosa Wände, die mit Postern von Katzen und Marienkäfern geschmückt waren. In dem Regal ruhten ihre Barbiepuppen und ihre Legosteine. Über ihrem Bett hingen Fotos von ihren Freundinnen und eine große Mickymausuhr.

Sofias Bett war leer. Meine Hände wurden nass, ich bekam keine Luft mehr und fühlte den Puls in meiner Stirn pochen. »Komm schnell«, schrie ich in Richtung der Küche, »Sofia ist weg!«

Im nächsten Moment war Raimund da. Mein geliebter großer Mann mit den breiten Schultern und den hellen Haaren tauchte neben mir auf, als wäre er geflogen. Gemeinsam riefen wir Sofia beim Namen und suchten sie im ganzen Haus. Ich suchte unter ihrem Bett, hinter den Möbeln, im Bad. Ich lief ins Dachgeschoß, wo wir ein Arbeits- und Gymnastikzimmer mit einer ausziehbaren Couch hatten. Nach drei Minuten griff ich mit zitternden Fingern nach meinem Handy, aber ich war mir nicht sicher, ob ich die Polizei oder meinen Anwalt anrufen sollte.

Gleichzeitig zog ich mir die Schuhe an. Vielleicht war sie einfach nur weggelaufen, und weit konnte sie ja nicht gekommen sein. Ich versuchte, bei Verstand zu bleiben, doch meine Panik war stärker. Vor meinem inneren Auge spielten sich die schlimmsten Entführungsfantasien ab. Ich war einem Nervenzusammenbruch nahe, aber mein Kopf sagte mir, dass ich stark sein musste, für Sofia.

»Das kann nicht sein«, sagte Raimund. Ich merkte, wie er sich bemühte, ruhig zu sprechen, wohl um meiner Panik keine Nahrung zu geben. »Sie wird sich ja nicht in Luft aufgelöst haben.«

Ich öffnete die Haustür und rief Sofias Namen auf die Straße hinaus. Meine Rufe verhallten über dem Parkplatz unserer Siedlung. Ich bildete mir ein, drüben beim Müllraum einen Schatten gesehen zu haben, aber da war nichts. Raimund packte mich von hinten an den Schultern. »Schau drinnen weiter«, sagte er. »Sie muss da sein.«

Hektisch lief ich noch einmal durch alle Zimmer. Philip, unser zweijähriger Sohn, wachte auf und fing zu weinen an.

»Alles ist gut«, sagte ich zu ihm, doch meine Stimme überschlug sich, und er weinte noch lauter.

Aus dem Schlafzimmer hörte ich ein leises Geräusch. Ich riss die Tür auf und war binnen Sekunden wie erlöst. Sofia kletterte kichernd unter unserem Doppelbett hervor. Ich stürzte mich auf sie, umarmte und küsste sie. Mit dem Ärmel wischte ich mir über das Gesicht. Tränen der Erleichterung waren mir aus den Augen geschossen. Sofia musste sie nicht sehen. Sie musste nicht wissen, wie groß der Druck war, unter dem ich stand, und wie sehr mich ein kleiner Streich in den Wahnsinn treiben konnte. Doch Sofia hatte ein feines Sensorium. Sie kuschelte sich an mich. »Entschuldige, Mama«, sagte sie. »Ich wollte nicht, dass du traurig bist. Ich dachte, es wäre lustig.«

»Ein anderes Mal wäre es vielleicht lustig gewesen, aber heute hast du mir einen großen Schrecken eingejagt«, sagte ich.

Raimund kam mit Philip auf dem Arm ins Zimmer, küsste mich auf die Stirn und dann Sofias goldene Haare. »Komm Sofia, zieh dich an«, sagte er, während er mir einen beruhigenden Blick zuwarf. »Du musst in den Kindergarten.«

Sofia hatte sich nichts dabei gedacht. Doch ich war einfach zu angespannt, um Spaß zu verstehen. In jeder anderen Situation hätte ich ihren Streich vielleicht witzig finden können, aber nicht in dieser. In zehn Tagen sollte der Gerichtsvollzieher Sofia abholen. Ich war nicht einmal offiziell informiert worden, wohl, damit die Behörden den Überraschungseffekt auf ihrer Seite hatten. Doch mein ehemaliger Anwalt hatte einen anonymen Anruf mit dem Hinweis bekommen, dass der Gerichtsvollzieher am 24. Juli um fünf Uhr morgens kommen würde, und er hatte mir zum Glück sofort Bescheid gesagt.

Obwohl ich davor jahrelang Zeit gehabt hatte, mich an schlimme Nachrichten zu gewöhnen, hatte mich diese in ihrer Endgültigkeit besonders erschüttert. Was der Anwalt da ausgesprochen hatte, war für mich unvorstellbar. Eine Gruppe Männer in Uniformen würde kommen und meinen blonden Engel wie eine Verbrecherin abführen. Sie würden Sofia mitnehmen. Weg von uns. Weg von ihrer Familie. Weg von ihrer Heimat. Eine schreckliche Vorstellung. Schlimmer als meine schlimmsten Albträume.

Immerhin wusste ich jetzt, dass es da draußen Menschen gab, die zu uns hielten, und ich kannte den Plan des Gerichts. Ich musste nicht mehr befürchten, dass sie Sofia heimlich in der Nacht aus ihrem Kinderzimmer oder untertags aus dem Kindergarten holen würden. Erst am 24. Juli sollten sie kommen, und bis dahin hatte ich noch zehn Tage Zeit, um an einem Plan zu arbeiten.

Raimund half mir dabei. Am nächsten Tag, dem 15. Juli, saßen wir gemeinsam an unserem Esstisch im Wohnzimmer. Der Bildschirm des Laptops warf einen blauen Schimmer auf Raimunds Gesicht. Die Fenster waren gekippt und von draußen hörten wir das Zirpen der Grillen. Raimund durchsuchte das Internet nach Sorgerechtsfällen, die mit dem unseren vergleichbar waren. Ich schwankte zwischen Euphorie und Resignation. Wir müssen uns beeilen, dachte ich, sonst ist es zu spät. Immer wieder kam der Gedanke in mir hoch, dass es einen solchen Fall im zivilisierten Europa noch nie gegeben haben konnte. Das war natürlich ein Unsinn. Die Schwierigkeiten, die wir durchmachen mussten, waren ganz alltäglich.

Raffaele und ich waren ein Liebespaar gewesen. Romantik, Amore und dann war es mehr geworden, ernster. Wir hatten uns geliebt, und dann war die Sache zwischen uns schiefgegangen. Ich hatte nie verstanden, warum genau, und irgendwann aufgehört, es verstehen zu wollen. So war das eben. Zwei Menschen fanden sich, die Beziehung zerbrach, und sie gingen wieder auseinander. Bloß war es eben nicht so einfach. Raffaele lebte im italienischen Vittorio Veneto, ich war zu ihm gezogen, und dort war auch Sofia zur Welt gekommen.

Italien war ein Teil von Europa. Das war nicht Afrika oder Asien. In Italien konnte eine Frau kommen und gehen, wie sie wollte. Sie wurde weder gefangen gehalten noch gesteinigt, wenn es zwischen ihr und einem Mann nicht so lief, wie es eigentlich geplant gewesen war. Trotzdem war wegen der Besonderheit eines Liebespaars aus zwei verschiedenen Ländern ein Albtraum Wirklichkeit geworden. Nachdem ich mit Sofia nach Österreich zurückgekehrt war, bemühte sich Raffaele mit Hilfe italienischer Justizbehörden, unsere Tochter zu sich nach Italien zurückzuholen.

Der Kampf um Sofia war ein Kampf durch alle Instanzen sämtlicher Gerichte bis zum Europäischen Gerichtshof. Doch alle Richter kamen zu dem selben Urteil: Die Rückführung Sofias von Österreich nach Italien könnte zwar ihr Wohl gefährden, trotzdem müsste laut einem EU-Gesetz ein Gericht in Sofias Geburtsland – also Italien – über das Sorgerecht und ihre Zukunft entscheiden. Deshalb sollte der Gerichtsvollzieher kommen, um sie dorthin, zu ihrem Vater, zurückzubringen.

Raimund schüttelte den Kopf, als hätte das Ergebnis seiner Internetrecherche gar nichts zu bedeuten. »Ich kann keine vergleichbaren Fälle finden«, sagte er und lächelte mit zusammengepressten Lippen. »Ihr beide seid einzigartig.«

»Es wäre ohnehin zu spät«, sagte ich. »Was sollen wir in neun Tagen noch erreichen?«

»Wir schöpfen alle Möglichkeiten aus«, sagte er.

Mit zitternder Hand goss ich mir ein Glas Wasser ein. »Es geht mir nicht darum, alle Möglichkeiten auszuschöpfen«, sagte ich. »Es geht mir darum, Sofia zu behalten. Egal unter welchen Umständen und zu welchem Preis.«

»Ich weiß.«

»Bei der Vorstellung, dass Gerichtsvollzieher Sofia wegschleppen, dass Sofia sie beißt und kratzt, und dass sie trotzdem keine Chance hat, werde ich verrückt«, sagte ich. »Verstehst du? Ich drehe durch. Wie soll ich ihr erklären, dass ich ihr nicht helfen kann? Eine Mutter muss ihre Tochter doch beschützen.«

Wir sahen einander an. Einige Sekunden lang herrschte Stille. Es war der Moment, in dem wir zum ersten Mal geistig die Grenze zwischen Legalität und Illegalität überschritten, der Moment, in dem wir uns zum ersten Mal damit auseinandersetzten, den Notfallplan zu aktivieren. Zu oft waren wir von Gerichten enttäuscht worden, zu oft hatten wir uns in einer ausweglosen Situation und machtlos gegenüber der Justiz gefühlt. Zu sehr hatten sich in den vergangenen Monaten und Wochen die schlechten Nachrichten gehäuft.

Nur ein paar Wochen zuvor, an einem Dienstag im Mai, war es so richtig losgegangen. Draußen zwitscherten die Vögel, und ich war eigentlich gut gelaunt, als ich hinaus zum Briefkasten ging. Sekunden später verdunkelte sich meine Welt. »Der Mutter wird aufgetragen, das Kind bis 7. 7. 2013, 19.00 Uhr, an den Vater zu übergeben«, stand in dem behördlichen Schriftstück, das ich aus dem Postkasten gefischt hatte. »Es bleibt der Mutter überlassen, ob sie innerhalb dieser Frist das Kind dem Vater in Italien übergibt oder ob sie dem Vater einen Termin innerhalb dieser Frist bekannt gibt, an dem er das Kind in Österreich abholt.«

Es waren nur diese vier Zeilen. Das Brutale war die Sprache. Dieses Amtsdeutsch, mit dem Beamte zu verdrängen schienen, dass sie mit ihren Nachrichten Glück zerstören und Hoffnung rauben konnten. Dazu diese Genauigkeit, als wäre der Staat nicht für die Menschen da, sondern die Menschen für den Staat, dafür, seine Vorschriften zu erfüllen. Sogar die Uhrzeit war angeführt, zu der ich mein denkbar schlimmstes Unglück erleben sollte. 7. 7. 2013, 19 Uhr.

Auf diesen Tag hatte sich das Gericht geeinigt, weil der in Österreich zuständige Richter in Wiener Neustadt zu dem Schluss gekommen war, Sofia solle das Schuljahr noch in Ruhe in ihrer Heimat abschließen. Dass Sofia zwar schon sechs Jahre alt war, aber noch gar nicht zur Schule ging, hatte der Richter offenbar übersehen. So viel Aufmerksamkeit schien er für die Angelegenheit nicht übrig gehabt zu haben. Eine Mutter. Eine Tochter. Was soll’s. Vielleicht ist er hungrig gewesen und wollte in die Mittagspause, dachte ich, vielleicht war Freitag gewesen, und er wollte schon ins Wochenende aufbrechen.

Nur wenige Tage danach musste ich dann den nächsten Rückschlag hinnehmen. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte – bis dahin für mich unsere allerletzte Chance auf eine glückliche Zukunft mit Sofia – lehnte meinen Antrag ab. Ich war an diesem Tag körperlich und seelisch am Ende. Ich schluchzte mehrere Stunden lang ununterbrochen.

Aber das genügte nicht, es kam noch eine schlechte Nachricht. Dieses Mal trug der Absender eine italienische Adresse. Nachdem mich Raffaele wegen Kindesentführung angezeigt hatte, verurteilte mich ein italienisches Gericht nach jahrelangem juristischem Kampf zu 15 Monaten Haft. Es war wie ein Tritt in die Magengrube. 15 Monate unbedingt. Dazu sollte ich Raffaele 40 000 Euro Schmerzensgeld zahlen und seine Anwaltskosten in Höhe von 6.500 Euro ersetzen.

Die Haftstrafe sollte in eine bedingte umgewandelt werden, wenn ich dem Vater innerhalb eines Jahres nach Rechtskräftigkeit des Urteils die 40 000 Euro bezahlen würde. Wenn ich Sofia bei mir behielte, würde das als zweite Kindesentführung gelten, wofür ich dann zu bis zu drei Jahren Haft verurteilt werden könnte. Diese drei Jahre würden aber an die 15 Monate angehängt werden, weil die Straftat diesmal nicht in Italien, sondern in Österreich verortet wäre.

Wenige Minuten, nachdem ich die E-Mail aus Italien gelesen hatte, machte mein Kreislauf schlapp. Ich kippte in unserem Wohnzimmer einfach um und blieb benommen am Boden liegen. Raimund eilte zu mir und brachte mir ein Glas Wasser. »Ich rufe einen Arzt«, sagte er.

Auch Sofia kam zu mir. »Mama, was ist los?«, fragte sie. »Bist du gestürzt?«

»Alles ist gut«, sagte ich, doch der 7. Juli rückte näher und näher. Sofia kampflos Raffaele zu überlassen, hätte ich niemals mit meinem Gewissen vereinbaren können. So viel stand schon damals fest. Sofia kannte ihren leiblichen Vater gar nicht, der im Übrigen trotz des Gutachtens darüber, dass ihr Wohl von der zwangsweisen Rückführung gefährdet werden könnte, keinen Abstand davon nehmen wollte. Ich hatte auch nie den Eindruck gehabt, dass es ihm um Nähe zu seiner Tochter ging. Ich hatte ihn mehrmals eingeladen, sie in Österreich zu besuchen, aber er hatte kein nennenswertes Interesse daran gezeigt. Wenn es ihm nicht um Nähe ging, dann wohl um Besitz, vermutete ich. Dazu kam, dass sie kein Wort Italienisch sprach. Was sollte sie also in Vittorio Veneto? Die Entscheidung, sie zwangsweise dorthin zu schicken, war die dümmste, die Beamte nur fällen konnten. Was immer sich Österreich und Italien da ausgedacht hatten, diese Entscheidung widersprach jedem gesunden Menschenverstand und jeder emotionalen Logik. Ich hatte noch keinen einzigen Menschen getroffen, der sie auch nur im Ansatz verstand, es sei denn durch eine Haltung der Obrigkeitshörigkeit, die alles als gleichsam gottgegeben akzeptierte, was auf einem behördlichen Schriftstück stand.

Doch ich war nie der Typ für diese Haltung. Staaten und Bürokratien hatten schon immer schreckliche Fehler gemacht, auch wenn sie im hübschen Kleid der modernen westlichen Demokratien daherkamen. Sie machten nach wie vor Fehler und sie würden auch in Zukunft welche machen. Wenn sie das taten, dann war es nicht nur das Recht eines Staatsbürgers, sich dagegen zu wehren, es war sogar seine Pflicht. Davon war ich überzeugt.

Der 7. Juli war ein Sonntag, an dem die Hitze Österreich fest im Griff hatte. Raimund und ich waren mit den Kindern viel draußen und kühlten uns im Berndorfer Freibad ab. Nichts geschah. Die Welt drehte sich einfach weiter. Denn wir hatten eine Aufschiebung der Vollstreckung wegen akuter Kindeswohlgefährdung beantragt und damit vorerst Erfolg gehabt. Der Richter wollte dazu Raffaele hören und ihm die Möglichkeit einräumen, aufgrund der vorhersehbaren Schäden für seine Tochter von der zwangsweisen Rückführung abzusehen.

Von weiteren Befragungen war nun aber keine Rede mehr. Jetzt sollte die Sprache der Gewalt gesprochen werden. Am 24. Juli sollte Sofia von Gerichtsvollziehern und der Polizei endgültig abgeholt werden. Raimund klappte den Laptop zu. Instinktiv stand ich auf und schloss die Fenster, wie um zu verhindern, dass jemand mithören konnte, was wir gleich besprechen würden.

Raimund sah mir fest in die Augen. »Doris«, sagte er, »die einzige Chance, die wir jetzt noch haben, ist unterzutauchen.«

Als ich nach dem Wasserglas griff, war meine Hand ganz ruhig.

Meine kleinen Bären.

Eure Teddybären wissen genau bescheid, sie werden es euch flüstern.

Für euch sind mir Krallen gewachsen auf den kräftigen Pratzen.

Für euch habe ich spitze Zähne im Maul.

Wenn ich mich auf die Hinterbeine stelle,

bin ich drei Meter groß für euch.

Und in der Abendsonne ist mein Schatten zwanzig Meter lang.

Jeder Jäger fürchtet sich vor mir.

2. Plan

Wir sagten Sofia nichts von ihrer drohenden Abschiebung, doch ich bemerkte, wie auch sie zunehmend unruhig wurde. Sofia war damals schon ein kluges, sensibles Mädchen. Sie schien das Unausgesprochene mit ihren kindlichen Sinnen wahrzunehmen, ohne es aber in Worte fassen zu können. Sie spürte die Kluft zwischen dem Schein, den ich für sie aufrechterhielt, und meiner emotionalen Wirklichkeit, und das machte sie aggressiv. In Momenten, in denen sie früher diskutiert oder nachgefragt hätte, schrie sie. Auch mit ihrer Zuneigung zu ihrem kleinen Halbbruder Philip schien es in dieser Phase vorbei zu sein. Statt ihn wie sonst immer liebevoll zu umsorgen und mit ihm zu spielen, brüllte sie ihn einfach an, oder versteckte sich in ihrem Zimmer.

Mein Plan stand fest. Unterzutauchen war die einzige Lösung. Es war mir egal, dass ich dabei die Grenzen der Legalität überschreiten würde, und Raimund war es auch egal. Für uns beide waren die Kinder immer das Wichtigste gewesen. Alles andere war Nebensache. Da durfte uns auch kein Gerichtsbeschluss in die Quere kommen, schon gar nicht der eines Richters, der sich offensichtlich nur sehr oberflächlich mit dem Fall befasst hatte. Sofia musste das Recht haben, bei uns zu bleiben, bei mir, Raimund und ihrem Halbbruder Philip, den sie doch immer zärtlich geliebt hatte.

Der 24. Juli rückte immer näher. Einen Plan zu erstellen, war das eine, aber ihn auch umzusetzen, war dann doch noch einmal ein großer Schritt, besonders da der Plan aus der Verzweiflung geboren war. Ich war nervös. Wir waren alle nervös. Doch es half nichts. Wir mussten handeln.

Wieder saß ich mit Raimund an unserem Wohnzimmertisch. Die Kinder hatten wir schon zu Bett gebracht und nun grübelten wir. Wir hatten die Fenster geschlossen und die Vorhänge zugezogen, und wir sprachen instinktiv leiser als sonst, ohne uns dessen richtig bewusst zu sein.

»Wohin gehen wir?«, fragte ich.

Raimund nickte. Das war der Punkt. Eine Antwort hatte er auch nicht parat.

»In ein Hotel?«

Raimund dachte nach.

»Zu Freunden?«

»Wem können wir das zumuten, wenn uns die Polizei auf den Fersen ist?«, sagte er.

»Genau. Und wer hält dann dicht?«

»Ich nehme jedenfalls Urlaub«, sagte er.

Damit stand unversehens die Frage im Raum, wie lange unsere Flucht dauern würde. Dieser Frage wollten wir uns jetzt nicht stellen. Es ging vorerst um das Notwendigste. Hier konnten wir nicht bleiben. Wohin sollten wir gehen? Alles andere würde sich finden. Das Gefühl, das Richtige zu tun, gab uns Hoffnung, dass diese Episode bald vorbeigehen würde. Mir wäre es am liebsten gewesen, ein Versteck in der Nähe unseres Hauses zu finden, doch da gab es ein Problem. Wegen einer Unterschriftenaktion, die Freunde zu meiner Unterstützung organisiert hatten, war die Sache zuerst in die Regionalmedien gelangt, und schließlich waren auch die großen Tageszeitungen und das Fernsehen auf uns aufmerksam geworden. Nachdem der erste Beitrag einer überregionalen Tageszeitung erschienen war, meldete sich Ludwig bei mir. Er hatte mich einfach im Telefonbuch gesucht, war auf meine Tante gestoßen und über sie zu mir vorgedrungen. Ludwig betrieb eine kleine Presseagentur, die sich auf Boulevardthemen spezialisiert hatte und laut ihrer Homepage Medien wie »Bild«, den Schweizer »Blick«, die britische »Sun« und »Österreich« mit Recherchen und Beiträgen versorgte.

»Wir sollten zusammenarbeiten«, sagte Ludwig mit seiner rauchigen Stimme. »Ich kann Ihnen helfen. Ich habe einige Erfahrungen mit derartigen Fällen. Ich hatte einen ähnlichen, bei dem es um Kolumbien ging.«

»Was wollen Sie dafür von mir?«, fragte ich.

»Nichts«, sagte er. »Ich bekomme die Storys und Sie die Öffentlichkeit. Sie haben das letzte Wort. Ich tue nichts, das Ihnen schaden könnte.«

Ich war völlig ahnungslos in diesen Dingen, doch ohne zu wissen, warum, hatte ich das Gefühl, dass es Ludwig ehrlich mit mir meinte. Vermutlich funktionierte sein Geschäftsmodell wie die meisten auch nur, wenn er ehrlich war. »Wir können es ja versuchen«, sagte ich.

Von da an hatte ich einen Medienprofi an meiner Seite, der abgebrüht war und gleichzeitig tatsächlich sorgsam mit der medialen Seite meines Schicksals umging. Das bedeutete aber auch, dass unsere Gesichter landesweit bekannt wurden. Die Polizisten würden uns umso eher erkennen.

Es machte mir Mut, dass wir mit unserem Problem nicht allein waren. Trotzdem stieg der Druck zu Hause stetig, bis ich es nicht mehr aushielt. »Wir machen Urlaub im Waldviertel«, entschied ich, nachdem ich einen Tag lang mit summendem Kopf im Haus auf und ab gelaufen war, und die Stimmen der Kinder sich mit der Intensität von Sirenen in mein Bewusstsein gebohrt hatten.

Ein paar Tage am Land zwischen den dichten Wäldern und den Äckern weit nördlich der Donau würden uns allen gut tun. Wir würden Kraft tanken, für den 24. Juli und für alles, was danach kommen würde. Etwas zu planen, war mir zudem schon immer außerhalb meiner vertrauten Umgebung am leichtesten gefallen. »Vorsorglich verwischen wir schon einmal unsere Spuren«, sagte ich zu Raimund. Das bedeutete, dass wir einen anderen Wagen und andere Handys brauchten und von nun an kein Plastikgeld mehr verwenden durften.

Ich packte zwei riesige Koffer. Zwar war ich es gewohnt, uns auch auf längere Urlaube vorzubereiten, aber diesmal war die Situation eine andere. Dieser Urlaub bedeutete den Anfang einer möglicherweise langen Flucht. Es waren nur noch wenige Tage bis zum 24. Juli, und ich hielt es für möglich, dass wir dazwischen nicht mehr nach Hause zurückkehren würden.

Der Moment des Packens erschien mir wie eine Ewigkeit. Ich konnte nicht anders, als beim Zusammenlegen der Wäsche ständig an Sofias Hemdchen und Pullovern zu schnuppern. Mich überkam immer wieder das Gefühl, als wären beide Koffer nur für sie, als wäre sie schon erwachsen geworden und dabei, von zu Hause weg zu gehen, hinaus in die weite und gefährliche Welt. Zugleich beschlich mich die Besorgnis, unser Haus vielleicht für immer verlassen zu müssen. Doch ein Entschluss, der aus der Verzweiflung geboren ist, entwickelt eine seltsame Kraft des Faktischen. Weil ich keine Alternativen sah, fühlte sich mein Plan wie Schicksal an, und alles, was mir blieb, war, dabei die Haltung zu bewahren.

Wir fuhren zu einem hübschen kleinen Hotel in der Nähe des Ottensteiner Stausees, in dem wir ein großes Familienzimmer hatten und von dem aus wir Bootsfahrten, Radfahrten und Ausflüge zu den Mohnfeldern machen konnten. Ein guter Ort für Kinder. Sie entspannten sich ein wenig. Raimund und ich sorgten für Beschäftigung. Wir genossen unser gefährdetes Familienglück in vollen Zügen. Ich kannte das Ablaufdatum, doch um nicht daran zu denken, stürzte ich mich umso mehr in den Moment und genoss die Tage wie schon lange nicht mehr. Es lag eine merkwürdige Leichtigkeit darin, alles hinter sich zu lassen, das alte Leben, das alte Zuhause, und auch die schreckliche Verpflichtung, Sofia den Behörden zu überlassen.

Sofia lernte wieder lachen. Ihr zuzusehen, wie sie auf der Wiese in der Sommersonne herumtollte und in ihren Kinderfantasien versank, löste in mir zum ersten Mal seit Langem wieder ein kleines Glücksgefühl aus. Sie so zu sehen, gab mir Kraft. Sie plauderte mit den Schmetterlingen und Hummeln und tänzelte durch das hohe Gras. Sie war abgelenkt und zufrieden, ganz anders als noch vor wenigen Tagen in unserem Haus in Berndorf, und ihre Ruhe strahlte auf uns alle ab.

Das war die eine Seite. Die andere holte mich nachts in meinen Träumen ein. Obwohl es nur ein Kurzurlaub war, fühlte ich mich jetzt schon wie eine Untergrundkämpferin. Bisher hatte ich solche Geschichten nur aus Büchern und dem Kino gekannt. Raimund und ich hatten unsere Handys zu Hause gelassen und uns stattdessen Wertkartenhandys zugelegt. Die neuen Nummern hatten wir nur ausgewählten Menschen gegeben. Menschen, denen wir zu hundert Prozent vertrauten. Das waren meine Mutter, meine beste Freundin, meine Freundin Karoline, die ein ähnliches Schicksal hatte wie ich, und meine neue Anwältin Astrid.

Wir verwendeten unsere Bankomatkarten nicht mehr. Raimund hatte auch ein neues Auto besorgt. Jetzt fuhren wir einen silbernen Škoda.

Als mein neues Wertkartenhandy zum ersten Mal läutete, war unsere Anwältin Astrid dran. Dass wir trotz unserer inzwischen erschöpften finanziellen Möglichkeiten überhaupt eine Anwältin hatten, verdankten wir Ludwig. Er brachte mich mit dem Verein »helphilft« in Kontakt, dessen Obmann Christian war. Christian engagierte sich mit seinem Verein eigentlich in Asylfragen, doch er war bereit, auch für mich etwas zu tun. »Ich kann dir eine Anwältin besorgen«, sagte er. »Das ist das Erste, was du jetzt brauchst.«

»Mein Budget ist inzwischen leider äußerst begrenzt«, sagte ich. »Besser gesagt, es ist gar nicht vorhanden.«

»Mach dir darüber erst einmal keine Gedanken«, sagte Christian. »Das kriegen wir schon irgendwie hin.«

Obwohl mein Vertrauen der Welt gegenüber in den letzten Jahren beträchtlich gesunken war, hatte ich auch bei Christian von Anfang an das Gefühl, in guten Händen zu sein. Dasselbe galt auch für Astrid. Sie war eine drahtige Frau mit braunen Haaren in mittleren Jahren, die abwinkte, als ich bei unserem ersten Treffen das heikle Thema Honorar ansprach. »Jetzt sehen wir einmal zu, dass deine Sache wieder in Ordnung kommt«, sagte sie.

Sie sagte, dass sie für den Verein »helphilft« teilweise auch ehrenamtlich arbeitete, jedenfalls wollte sie die finanziellen Fragen vorerst mit Christian klären. Sie hatte auch die Kommunikation mit meiner neuen italienischen Anwältin übernommen und versorgte sie mit den nötigen Informationen. Das machte mir das Leben leichter. Ich war ihr dankbar dafür.

»Wie geht es euch?«, fragte sie am Telefon.

»Wir genießen das Leben, so lange es geht«, sagte ich. »Ein Ablaufdatum macht das Glück womöglich noch intensiver. Komisch eigentlich.«

Ich wusste, dass ihr Anruf nur bedeuten konnte, dass das Ablaufdatum schon sehr nahe gekommen war. Ich hatte Lust, mit ihr über den Sommer zu plaudern, über das Wetter im Waldviertel, über Sofia und die Hummeln, und darüber, wie der kleine Philip die Tage genoss. Als könnte ich unser kleines, bescheidenes, intensives Glück dadurch in alle Ewigkeit ausdehnen.

Astrid zerstörte diese Illusion jäh. »Doris«, sagte sie, »RTL will die Kindesabholung am 24. Juli filmen. Die haben gerade bei mir angefragt.«

»Was?«

Das Anliegen des Fernsehsenders wunderte mich nicht. Ich war in den vergangenen Monaten kein Fernsehprofi geworden, aber ich hatte immerhin einen klaren Eindruck davon bekommen, wie diese Welt funktionierte. Mutterliebe war ein Quotenbringer. Eine Frau, der die Behörden ihre Tochter wegnehmen wollten, eine weinende Tochter, die von Polizisten fortgetragen werden sollte, das funktionierte. Umso mehr, wenn diese Tochter so ein hübsches Mädchen wie Sofia war. Ich fand das nicht einmal zynisch. Ich hatte mich oft genug selbst dabei ertappt, wie ich betroffen solche Geschichten im Fernsehen verfolgte, ohne mich zu fragen, wie sie eigentlich zustande gekommen waren. Doch jetzt hatte ich ein ganz anderes Problem. »Woher wissen die davon?«, fragte ich.

»Ihr seid eine öffentliche Familie geworden«, sagte Astrid. »Damit musst du leben.«

Sie hatte recht. Ich hatte selbst dazu beigetragen, aus dem Gefühl heraus, von den Behörden ungerecht behandelt zu werden, und mir eine möglichst breite Unterstützung holen zu müssen. Ich hatte dabei wissentlich meiner Tochter einen Teil ihrer gesunden Anonymität genommen. Aus Notwehr zwar, aber das änderte nichts am Effekt. Ich hatte deshalb ein schlechtes Gewissen, aber nun hatte ich mich eben darauf eingelassen und konnte mich nicht darüber beschweren, wenn mir dieses neue Anliegen des Senders so schwer im Magen lag. Aber irgendwo war es mit der Öffentlichkeit doch zu viel.

»Das geht nicht«, sagte ich zu Astrid.

Als wir aufgelegt hatten, betrachtete ich den dunkelblauen Abendhimmel, der aussah, als würde nie wieder eine Wolke da oben stehen, und als würde es für immer Sommer bleiben, ein milder, glücklicher Sommer, mein Leben lang, und dann Sofias Leben lang, und das Leben ihrer Kinder lang, die sie vielleicht einmal haben würde. Ich stützte meine Hände auf die Knie, als ich mich erhob. Langsam ging ich nach hinten in den Garten, wo Raimund unsere Badesachen zum Trocknen aufhängte. Philip saß im Gras und spielte mit ein paar bunten Wäscheklammern.

Raimund hatte in der Stille des tiefen Waldviertler Sommers mein Telefon bis nach hinten läuten gehört. Er sah mir ernst in die Augen, ohne seine Arbeit zu unterbrechen. »Wer hat angerufen?«, fragte er.

»Es sieht so aus, als wäre es jetzt fix«, sagte ich zu ihm. »Wir können nicht mehr zurück.«

Wir sahen beide Philip an. Er hielt eine gelbe Wäscheklammer in den Händen, und sie schien ihn mehr zu faszinieren als alles Spielzeug, das wir ihm je geschenkt hatten.

»In Ordnung«, sagte Raimund.

Er wollte die Erklärung gar nicht wissen. Er nahm Philip auf den Arm und trug ihn hinein. »Wir könnten heute draußen essen«, sagte er.

Ich nickte. Gedankenverloren folgte ich ihm. Ich wusste nur zu genau, was uns drohte, wenn wir heimkehren würden. Medienleute ließen sich nicht so einfach abschütteln. Wer sich mit ihnen einließ, gab die Hoheit darüber, was sie aus einem machten, ab. Wenn wir Pech haben, werden sie vor unserem Haus in Berndorf auf uns warten, dachte ich, mit ein bisschen Pech verraten uns die Journalisten noch an die Polizei. Aber eine Kindesabholung wird es jedenfalls nicht geben. Nicht mit uns.

Jetzt war es gut, dass wir unsere Vorkehrungen getroffen hatten. Als ich mit Sofia und Philip am nächsten Morgen aus dem Haus kam, hatte Raimund unsere Sachen schon im Škoda verstaut. Als er losfuhr, wurde mir endgültig klar, dass unsere Reise ins Ungewisse längst begonnen hatte.

Wir fuhren etwa eine Stunde, bis wir unser Ziel erreichten. Ein vierzig Jahre alter grauer Wohnbau. Eine riesige Siedlung mit einem Block neben dem anderen. Als Landmensch fand ich sogar die Grünflächen dazwischen ein wenig deprimierend.

Meine Knie waren weich, als wir ausstiegen, aber nicht, weil ich hier in etwas Neues und Fremdes eintauchen würde. An diesen Gedanken hatte ich mich schon gewöhnt. Bloß gehörte es zu unserem Plan, dass Raimund uns mit Philip vorübergehend verlassen musste. Der 24. Juli stand unmittelbar bevor, und er hatte noch ein paar Vorbereitungen zu treffen.

Als wir uns verabschiedeten, waren wir beide gefasst, obwohl wir nicht wussten, was in den kommenden Tagen geschehen würde. Es wäre auch nicht gut gewesen, wenn ich geweint hätte, weil das Sofia von Neuem verstört hätte. Sie sollte nicht merken, dass es jetzt erst richtig ernst wurde. Wir standen neben dem Auto, als er mich in die Arme nahm. »Wir schaffen das«, sagte er. Es war erstaunlich, wie viel Kraft in diesen oft gebrauchten Worten liegen konnte.

»Ich weiß«, sagte ich, während ich unseren Sohn hochhob. »Pass gut auf dich und Philip auf.«

Sofia war verwirrt. »Wieso fahren wir nicht auch nach Hause?«, fragte sie mich.

»Weil wir beide noch ein wenig Urlaub machen«, sagte ich.

»Und warum bleibt Philip nicht bei uns?«

»Er hilft dem Papa bei der Arbeit.«

Sofia sah mich zweifelnd an.

»Alles ist in Ordnung«, sagte ich.

Sie merkte natürlich, dass nichts in Ordnung war. Im Stiegenhaus roch es ein wenig modrig und nach zu fettem Essen. Wir stiegen in einen Lift mit zwei sich gegenüberliegenden Türen. Es polterte. Die Wohnung, in der uns Bekannte Unterschlupf gewährten, lag im Dachgeschoß. Ein sehr alter Freund meiner Mutter namens Anton stand mit seinem kleinen Hund in der Tür und lächelte ein bisschen unsicher. »Herzlich willkommen«, sagte er, doch mir war auf den ersten Blick klar, dass er mit der Situation leicht überfordert war. So wie wir alle. »Fühlt euch wie zu Hause«, sagte er, hob seinen Hund auf und streichelte ihn.

Die Wohnung bestand aus einem Wohnzimmer, einem Schlafzimmer, einer geräumigen Küche und einem langen Gang. Die Einrichtung war vorwiegend in Weiß gehalten und sehr modern. Es war offensichtlich, dass hier keine Kinder wohnten. Trotz der hellen Einrichtung machten die Dachschrägen die Wohnung enger, als sie eigentlich war.

Sofia war es gewöhnt, ihr eigenes Zimmer zu haben, aber hier stand uns nur ein Bett zur Verfügung. Wir schliefen zusammen darin, und ich war froh darüber. Auf die Art fühlte ich mich weniger dem Schicksal ausgeliefert. Wir kuschelten uns im Bett aneinander. Ich wusste, dass Sofia darauf wartete, dass sich meine Nervosität wieder legen würde. Ich fühlte, dass ich es ihr schuldig war, ruhig zu bleiben, und wartete meinerseits auf eine Nachricht von Raimund.

Der Sommer erreichte in diesen Tagen in ganz Österreich seinen Höhepunkt. Die Tage waren heiß, und nicht einmal nachts kühlte es richtig ab. Das spürte ich auch in der ersten Nacht in der Fremde. Ich konnte lange nicht schlafen, wegen der Hitze und weil ich so aufgewühlt war. Meine Gedanken kreisten um unsere Zukunft und um die Frage, ob unsere Entscheidung wirklich die richtige war. Ich nickte immer nur kurz ein. Doch der tiefe Schlaf, den ich zur Erholung so dringend gebraucht hätte, stellte sich nicht ein. Um fünf Uhr morgens wachte ich auf, weil die Sonne ins Zimmer knallte. Ich öffnete meine Augen und brauchte eine Weile, um mich in meinem neuen Leben auf der Flucht zurechtzufinden.

Niemand würde uns hier finden. Es hätte schon eines kriminalpolizeilichen Einsatzes wie in CSI: Miami gebraucht, um uns hier aufzuspüren. Die Schlampigkeit des Richters machte mir jetzt Hoffnung. Wenn die Polizei auch so arbeitete, dann konnte uns nicht viel passieren. Doch trotz dieser vermeintlichen Sicherheit war an Ruhe nicht zu denken. Durch die Hitzewelle, die gerade über das ganze Land hereinbrach, wärmte sich unser Zimmer schon am Vormittag extrem auf. Ich musste mich zusammenreißen, um nicht die Fassung zu verlieren. Auch Sofia war unruhig. Ihr war ständig heiß.

»Mama, es ist Hochsommer«, sagte sie. »Ich will hinaus.«

»Der Fernseher hier ist viel toller als unserer«, sagte ich.

»Du willst doch nicht, dass ich so viel fernsehe.«

Wie schlampig die Behörden auch immer arbeiten mochten, es war zu gefährlich für uns, hinauszugehen. Wenn uns jemand sah, würde die Nachricht rasch die Runde machen, dass wir hier waren. Hätte ich damals, als ich mich mit den Medien eingelassen hatte, die weitere Entwicklung der Dinge abgesehen, hätte ich aber wahrscheinlich trotzdem nicht auf ihre Unterstützung verzichtet.

Ich hatte noch immer das Gefühl, dass uns haarsträubende Ungerechtigkeit widerfuhr, und dass es im Prinzip gut war, möglichst viele Menschen darüber zu informieren. Denn so trivial die Welt der Medien auch sein mochte, so sehr folgte sie im Grunde doch einer menschlicheren Logik als die Behörden. Die Medien mochten sich in den voyeuristischen Aspekt eines Falles hineinsteigern, in dem einer Mutter ihre süße kleine Tochter weggenommen wird, und was aus der Mutter und der süßen kleinen Tochter wurde, mochte den Redakteuren und ihren Chefs egal sein. Doch den Menschen, die auf diese Art unser Schicksal miterlebten, war es nicht egal. Sie mussten verstehen, dass es nicht gut war, was hier geschah, dass es nicht richtig war. Vielleicht war ich naiv, aber ich hoffte, dass das die Behörden früher oder später unter Druck bringen würde.

Die Konsequenz davon war jedenfalls, dass wir jetzt nicht hinaus konnten. Ich stellte mich darauf ein, hier in dieser heißen Wohnung noch einige Zeit auszuharren. Den ganzen Tag lang befasste ich mich damit, Sofia bei Laune zu halten, trotzdem konnte ich den Kopf nicht frei bekommen. Da waren diese bohrenden Fragen, die mich in dieser Dachwohnung des Miethauses immer wieder heimsuchten. Warum Sofia? Warum ich? Warum wir?

Unser erster Tag im Versteck war der 23. Juli, der Tag vor der geplanten behördlichen Abholung von Sofia. Er ging nur langsam vorüber. Minuten waren wie Stunden, Stunden fühlten sich wie Tage an. Inmitten der Ängste vor der Zukunft und meiner Erinnerungen an die Vergangenheit holte mich abends ein Anruf aus meiner Lethargie. Ich zögerte, weil ich die Nummer nicht kannte. Ich wusste genau, wem ich die Nummer gegeben hatte, und jeden von ihnen hätte ich an der ihren sofort erkannt. Als ich schließlich trotzdem den grünen Knopf drückte, und die Stimme am anderen Ende erkannte, war ich erleichtert. Karoline. Seit mehr als drei Jahren war sie eine meiner besten Freundinnen. Nachdem sie einige Zeitungsberichte über unseren Fall gelesen hatte, hatte sie mich auf Facebook angeschrieben, und mit der Zeit war unser Kontakt enger geworden.

»Ich wollte dir nur noch viel Glück wünschen«, sagte sie. »Ich kann mir vorstellen, wie das ist.«

»Ich weiß«, sagte ich.

Karoline ist eine Leidensgenossin. Eigentlich hatte sie noch Schlimmeres durchgemacht als ich. Ihr Mann, ein Spanier, hatte sie geschlagen. Zwei Jahre lang hatte sie mit ihrer Tochter in einem Frauenhaus gelebt, nachdem sie von ihm losgekommen war. Weil er sie auch nach der Scheidung nicht in Ruhe gelassen hatte, war sie nach Österreich ausgewandert. Auch sie war von einem Gericht im Heimatland ihres Exmannes wegen Kindesentführung schuldig gesprochen worden, und jetzt kämpfte sie von Österreich aus um ihre Tochter.

Karoline hatte gerade eine Verhandlung hinter sich, und das war auch der eigentliche Grund für ihren Anruf. »Am Ende nahm mich der Richter beiseite«, erzählte sie. »Er vertraute mir an, dass er sich erst kürzlich mit einem befreundeten Kollegen aus Wiener Neustadt über einen ähnlichen Fall beraten hatte.«

Ich hatte erwartet, mich mit irgendeiner staubigen juristischen Facette ihrer Verhandlung befassen zu müssen, für die ich doch keine Aufmerksamkeit aufbringen würde. Doch jetzt schreckte ich auf. Wiener Neustadt? Das Wiener Neustädter Gericht war für mich zuständig. Dort saß der Richter, der Sofia für eine Schülerin gehalten hatte. »Weiter«, sagte ich zu Karoline, die eine Pause eingelegt hatte, wohl damit ich mir der Tragweite ihrer Nachricht bewusst wurde.

»Mein Richter meinte, dass in Wiener Neustadt gerade ein Prozess über eine Kindesrückführung nach Italien anhängig sei«, sagte sie. »Und jetzt kommt es, aber freu dich bitte nicht zu früh. Der Richter aus Wiener Neustadt hat meinem Richter angeblich gesagt, dass er die Kindesabholung jetzt doch nicht vollstrecken will, weil ihm nun ein neues Gutachten vorliegt.«

Meine Stimme überschlug sich. »Aber das muss mein Fall sein«, sagte ich.

»Das glaube ich auch«, sagte Karoline. »Wie viele Verhandlungen mit Italien wird es in Wiener Neustadt wohl geben?«

Hoffnung keimte in mir auf. Ich sah zu Sofia und obwohl sie beschäftigt tat, wusste ich genau, dass sie lauschte. Hatte es sich der Richter vielleicht wirklich anders überlegt? Ich hatte zuletzt zu viele schlechte Nachrichten bekommen, als dass ich so einfach an eine gute glauben konnte. Lag da vielleicht eine Verwechslung vor? Hatte Karoline etwas aus einer Bemerkung ihres Richters herausgehört, das er gar nicht gemeint hatte? Einfach, weil es für mich eine so gute Nachricht gewesen wäre? »Was meinst du mit ›freu dich nicht zu früh‹?«, fragte ich.

»Ach, nur so«, sagte Karoline. »Damit du dann nicht enttäuscht bist. Hast du eine Ahnung, von welchem Gutachten da die Rede sein könnte?«

Natürlich hatte ich das. Ich hatte sofort gewusst, wovon die Rede war. Vor wenigen Wochen hatte ich einen Sachverständigen beauftragt, Sofias seelischen Zustand zu prüfen. Der Psychologe und Psychotherapeut hatte ein langes Gespräch mit ihr geführt und dann ein Gutachten erstellt. Dieses Gutachten war einer der Gründe dafür gewesen, weshalb ich unsere Flucht als unausweichlich betrachtet hatte. »Mit der unter den gegebenen Rahmenbedingungen unvorbereiteten Übergabe des Kindes an den Kindesvater bzw. der zwangsweisen Abnahme kommt es kurzfristig zu einer schweren akuten Belastungsreaktion der Minderjährigen«, schrieb er darin. »Dabei tritt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein gemischtes, ungewöhnlich wechselndes Bild auf. Mit einem anfänglichen Zustand von ›Betäubung‹ entwickeln sich depressive Symptome, Ängste, Ärger, Verzweiflung, Überaktivität und Rückzug, vergleichbar mit einem psychischen Schock, […] sodass sich nicht selten im späteren Lebensalter ab zehntem, elftem oder zwölftem Lebensjahr suizidale Ideen einstellen oder die Minderjährige überhaupt zu einem Suizidversuch oder sogar Suizid provoziert wird. […] Ohne langsame und behutsame, über Monate hinweg vorbereitete Kontaktaufnahme des Kindesvaters mit seiner Tochter wäre die Übergabe der Minderjährigen an den Kindesvater für sie mit einer Naturkatastrophe, einer Geiselhaft oder einer Gefangenschaft vergleichbar, die unweigerlich zu einer schweren psychischen Beeinträchtigung und Traumatisierung führen würde.«

Mir war als ihre Mutter selbst klar genug gewesen, was die Übergabe Sofias an ihren Vater für sie bedeuten würde, doch die Ausführungen des Experten hatten mir Sofias Situation noch einmal eindringlich und in aller Härte vor Augen geführt.

»Wenn der Richter das Gutachten auch nur einigermaßen ernst nimmt, kann er gar nicht anders, als Sofia bei dir zu lassen«, sagte Karoline, nachdem ich ihr von dem Gutachten erzählt hatte.

»Hoffen wir es.«

Nach dem Telefonat lag ich mit Sofia auf der Couch und streichelte ihre blonden Locken. Ich hatte schon beinahe vergessen, wie sich Hoffnung anfühlt. Ein Hochgefühl breitete sich in mir aus, und auf einmal erinnerte ich mich an einen besonders emotionalen Moment ein halbes Jahr zuvor.

Es war der 5. Dezember 2012 gewesen, der Tag vor Sofias sechstem Geburtstag. Ich hatte mich gerade an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gewandt, weil die Urteile aller anderen Instanzen schlecht ausgefallen waren. Der Europäische Gerichtshof hatte tatsächlich meinem Antrag auf vorläufige Aussetzung der Rückführung Sofias stattgegeben. Das Schlimmste war abgewendet.

Es kam mir damals so vor, als wäre in mir ein 3 000 Meter hoher Berg mit einem Mal zu einer gewaltigen Steinlawine zerbröckelt. Ich jubelte laut, dann sperrte ich mich im Badezimmer ein und sprang dort mit Freudentränen in den Augen herum. Danach fühlte ich mich wie neugeboren, als würde mein Blut auf einmal schneller durch meine Adern zirkulieren. Leben erfüllte mich, mein Kopf und meine Schultern waren plötzlich leicht, und jeder Druck war von mir gewichen. Jeder Schritt, den ich setzte, war wie ein Schweben im Weltall, wie das Hüpfen von Astronauten auf dem silbernen Mond.

Für Sofia war dieser Geburtstag mit Sicherheit der schönste ihres bisherigen Lebens. Endlich hatte sie eine Mutter zu Hause, der nicht bei jeder Gelegenheit die Hände zitterten, die nicht ständig mit den Tränen kämpfte, bei jedem Kinderlied, bei jeder Werbung für Kindernahrung im Fernsehen, bei jeder Erinnerung an etwas, das mit ihren Kindern zusammenhing. Schon allein der Anblick eines fremden Kinderwagens hatte mich in den vielen Prozessjahren traurig gemacht, weil ich mich immer fragte, warum andere Mütter und Kinder ihr Glück unbekümmert genießen durften, während das unsere ständig bedroht war. Jeder Waldweg hatte mich auf bedrückende Weise an einen Familienspaziergang in fröhlicheren Tagen erinnert, jedes Krankenhaus an die Geburt, und in jedem Sonnenstrahl hatte ich das Leben meiner Kinder gesehen, ihr Heranwachsen und die Wärme ihrer Körper gespürt. Nachdem ich den positiven Bescheid des Europäischen Gerichtshofs bekommen hatte, erfüllten mich solche Assoziationen für kurze Zeit nicht mehr mit Angst, sondern mit reiner Freude. Unter solchen Umständen war es ganz anders, die Tortenkerzen anzuzünden, die Torte zu schneiden, zuzusehen, wie sich Sofia über die Geschenke freute.

»Bist du jetzt wieder fröhlich, Mama?«, fragte sie an ihrem Geburtstag.

»Ja, das bin ich. Mein Schatz.«

»Wirklich?«

»Ich habe gestern einen Brief bekommen, in dem es heißt, dass alles gut ist. Diesen Brief hat ein europäischer Richter geschrieben. Europäische Richter sind viel stärker als zum Beispiel österreichische Richter, weil Europa größer ist als Österreich. Was ein europäischer Richter sagt, das gilt.«

Das war natürlich ein Irrtum.

»Sind die Richter in Österreich böse?«, fragte Sofia.

Ich wusste keine Antwort und wunderte mich darüber, wie viel Sofia aufgeschnappt hatte, und wie viel sie bereits über unsere Situation wusste. Einmal würde ich ihr die ganze Wahrheit anvertrauen müssen, das war mir klar. Sie wusste damals nur, dass sie noch einen anderen Papa in einem anderen Land hatte, an den sie sich nicht erinnerte, den sie aber eines Tages kennenlernen würde.

Raimund beantwortete ihre Frage statt mir. »Böse sind die österreichischen Richter nicht«, sagte er. »Bloß sind die Gesetze so kompliziert, dass die Richter manchmal verwirrt sind.«

Damals ahnte ich noch nicht, dass ich ein paar Monate später mit Sofia allein auf der Flucht in dieser Dachgeschoßwohnung sitzen würde. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hatte seine vorläufige Aufhebung der Vollstreckung inzwischen wieder rückgängig gemacht.

Nun war ich wieder mit einer guten Nachricht konfrontiert, und wagte es kaum, ihr Glauben zu schenken. Ich griff nach dem Handy und wählte Raimunds Nummer. Ein Gespräch mit ihm konnte die Sache wirklich wahr werden lassen, so kam es mir zumindest vor.

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171 str. 2 ilustracji
ISBN:
9783990010969
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