Czytaj książkę: «Hygienearzt in zwei Gesellschaften»
Dietrich Loeff
Hygienearzt in zwei
Gesellschaften
Erlebnisse und Ergebnisse meines Lebens
radochla
verlag
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Satz & Gestaltung: radochla verlag unter Verwendung von Entwürfen des Autors
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2013
ISBN 9783938555286
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Impressum
Vorwort
Erstes Buch - Sozialismusversuch
Kapitel 1 - Krieg, Nachkrieg und DDR
Vaters Familie - Die mütterliche Seite - Der Tod meines Vaters - Erste Erinnerungen - Von der Volksschule zur Oberschule - Mädchen im Klassenzimmer - Ein Direktor - Einige Mitschülerinnen und Mitschüler - Schülerleben und Politik - 17. Juni 1953 in Berlin - Nachwirkungen des 17. Juni - Abitur
Kapitel 2 - Ein ereignisreiches Medizinstudium
Einen Studienplatz bekommen - Eintritt ins Studentenleben - Die akademischen Lehrer, Anton Waldeyer - Rienäcker - Tembrock im Vorphysikum - Rapoport - Unruhe unter Studenten - Der Scharfrichter Physikum - Klinische Lehrer, Linser - Prokop - Dost - Gietzelt - Die Famuli sind da - Klose - Katholische Lebens- und Berufsauffassung - Vormilitärische Ausbildung für Ärzte? - Arbeitseinsätze - Genschmar - Eine ungewöhnliche Vorlesung - Erster Promotionsversuch - Ein Investiturball und seine schönen Folgen - Den Arbeitsort wählen - Staatsexamen
Kapitel 3 - Arzt in einer mecklenburgischen Kleinstadt
Demmin – eine kleine Stadtvorstellung - Arzt in Demmin - Dr. Schwabe - Eine besondere Erfahrung - Lehrerin in Demmin - Die vergessene Verlobungsfeier - Frisch verlobt - Ernstes Zwischenspiel: 13. August 1961 - Auf der chirurgischen Abteilung des Kreiskrankenhauses Demmin - Poliklinik Demmin - Ermahnung zur wirtschaftlichen Arzneiverordnung - Vater werden ist nicht schwer - Kredit und Nebentätigkeiten
Kapitel 4 - Facharzt für Hygiene
Die DDR braucht Hygieneärzte - Das Fach Hygiene - Ein Kreisarzt in Mecklenburg - Ein Bezirkshygieniker in Mecklenburg - Fortbildung zum Kreishygienearzt - Die Kreishygieneinspektion Demmin - Hygieneregeln durchsetzen – eine Daueraufgabe - Ernteeinsätze - Musterung und Erkennungsmarke - Trinkwasserversorgung auf mecklenburgisch - Eine Stellungnahme und mehrere Gegenfragen - Ehrenamtlicher Stadtrat - Eine Gemeindeschwester kann befehlen - Dissertation und Promotion - Lagerarzt bei Templin - Gesetze der DDR durchsetzen - Das dramatische Jahr 1968 - Zwischenfall an der sowjetisch-chinesischen Grenze - Ein unanständiger Auftrag - Abschied von Demmin
Kapitel 5 - Cottbus voller Widersprüche
Cottbus, Zentrum des Energiebezirkes - Start mit Hindernissen - Was gilt das Wort eines Kreisarztes? - Eine Kreishygieneinspektion in einer Bezirksstadt - Das Gesundheitswesen einer Bezirksstadt - Kreisärzte in Cottbus - Übertragbare Gelbsucht im Hotel Lausitz - Schutzimpfungen und Impfpflicht - Komplexer Wohnungs- und Gesellschaftsbau in Cottbus - Kindereinrichtungen - Nitratfreies Trinkwasser - Hygieneinspektion und Politik - Schulspeisungsaktiv
Kapitel 6 - Schatten und Licht
Chile – ein stilles Vietnam - Solidarität in der DDR - Masern in Cottbus - Das Vaterland ruft mich - Bagenz - Fachtagungen - Eine unbekannte Leberkrankheit - Arbeitsgruppe Hygiene und Recht - Essen und Trinken in der DDR - Kulturelles Leben - Urlaub für DDR-Bürger - Kopfläuse greifen wieder an - Speiseeis - Gaststättenkontrollen - Cottbuser Bier
Zweites Buch - Krisenzeichen
Kapitel 7 - Sparen, sparen, sparen
Wettrüsten - Zivilverteidigung - Rationalisieren oder nur sparen? - Politische Witze im realexistierenden Sozialismus
Kapitel 8 - Ein bedeutsamer Schritt
Mein schwerer Entschluss - Sozialistischer Wettbewerb - Gorbatschow - Die Hauptstadt der DDR wird 750 Jahre alt - Tschernobyl - Der „Sputnik“ wird „abbestellt“ - Umweltpolitik und Umweltsünden in der DDR - Konflikt mit der Vorsitzenden des Rates des Bezirkes - Noch ein Blick auf die Nationale Volksarmee der DDR - Parteiaustritte, Sturmzeichen
Drittes Buch - Wertewandel
Kapitel 9 - Gewissheiten bröckeln
Montagsdemo - Diskussionen in der Dienststelle - Großkundgebung auf dem Alexanderplatz und Fall der Mauer - Wir informieren uns selbst - Volkseigentum geht den Bach hinunter - Verwandlung eines Kampfhubschraubers - Mein schwerer Entschluss, der zweite - Ich werde Stadtverordneter - Demos vor dem Stadtparlament - Erlebte Toleranz - Erlebte Intoleranz - Ahnungslosigkeit - Hilfe
Kapitel 10 - Umbau des Gesundheitswesens
Verunsicherung und Wandel - Unsichere Arbeitsplätze - Übernehmen oder selbst bestimmen?
Viertes Buch - Neuaufbau
Kapitel 11 - Enthusiasmus und Enttäuschung
Wiedervereinigung oder nur Beitritt? - Eigentumsfragen und Schuldtitel - Neue Räume für die Hygieneinspektion - Der Verband der Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes - Hygieneinspektoren erhalten Berufsanerkennung - Sichere Rente - Noch eine gesetzliche Regelung wird verbessert - Die Geburt einer Universität - Kurz und gut: Bundesgartenschau - Trauer in der Familie - Beobachtungen im Alltag
Kapitel 12 - Bürokratie – oder der Sieg der Form über den Inhalt
Erste Kontakte mit neuen Bestimmungen - Die richtigen Formulare - Fördermittel - Der Leiter des Landesversorgungsamtes in Cottbus ist überrascht - Zeuge eines neuen Glücks
Kapitel 13 - Der Druck nimmt zu
Verkleinerung der Volkshochschule - Wieder muss gespart werden - Ein Maulkorb - Hilfe mit Schwierigkeiten - Personalabbau - Abgang mit erhobenem Haupt
Fünftes Buch - Ergebnisse
Kapitel 14 - Ein persönlich zufriedener Arbeitsloser
Was nun? - Essen und Trinken als Bundesbürger - Urlaub für Bundesbürger - Was haben wir hinter der Mauer verpasst? - Wirtschaftlicher Wettbewerb - Kulturelles Leben in Cottbus seit 1990 - Klassentreffen
Kapitel 15 - Mitwirken in der Politik
Meinungsbildung - Schlaglichter auf die Massenmedien - Demonstrationen
Kapitel 16 - Wie weiter?
Bilanzversuch - Was bleibt - Das süße Wort Freiheit - Eine andere Welt ist nötig - Warum ich Pazifist bin - Wohin geht die Welt? - Eine andere Welt ist möglich
Selbstversuch
Ich habe
an mir selbst
ausprobiert,
welche Möglichkeiten
es heute schon gibt,
ein neuer Mensch
zu sein.
Obwohl diese Wunden
nur langsam
vernarben,
bin ich nicht
ohne Hoffnung.
Nur
für den einzelnen
ist das einfach
zu viel.
Heinz Kahlau
Vorwort
Dies ist ein Bericht über meine Erfahrungen in zwei Gesellschaftssystemen; in der sowjetischen Besatzungszeit und der DDR einerseits und im neu vereinigten Deutschland andererseits. Damit möchte ich Verständnis wecken, Verständnis, dass man auch anders leben kann, als es in etlichen Zeitungen einseitig suggeriert wird, anders als eine Mehrheit gegenwärtig lebt und vielleicht auch leben will. Wir Bürgerinnen und Bürger der DDR versuchten, mit anderen und doch sehr menschlichen Zielen zu leben, der Öffentlichkeit nützlich und nur so egoistisch zu sein, wie es das eigene Dasein ausreichend sichert.
Beim Niederschreiben des Textes habe ich besonders an all jene gedacht, die das Leben in der DDR nur aus der Schule oder aus Berichten kennen. Die Schule kann ja nicht alles behandeln, und vermag kaum lebendige Vorstellungen zu vermitteln, selbst wenn sie gut ist. Auch jenen Leserinnen und Lesern(1) ist das Buch gewidmet, denen als Bürger der alten Bundesländer so krasse gesellschaftliche Veränderungen erspart blieben. Weil ich also nicht bei allen Lesern Detailkenntnisse voraussetzen kann, sind viele Erklärungen beigegeben.
Ich habe mehrere geschichtliche Augenblicke aus nächster Nähe miterlebt. Das war nicht immer ein ungetrübtes Vergnügen. Zwischen Elbe und Rhein blieb nach 1945 trotz aller entsetzlichen Kriegsfolgen der Grundaufbau der Gesellschaft erhalten, das Privateigentum spielte weiter seine bestimmende, geachtete Rolle und die Wertvorstellungen wurden wie eh und je vom Bildungsbürgertum geprägt. Der Gedanke, dass etwas im Leben anders sein könnte, als das Altbekannte, war nicht verwurzelt. Viele Benennungen, Gewohnheiten und Denkweisen aus der Vergangenheit existierten wie selbstverständlich weiter. Der Zweite Weltkrieg hatte nicht allen Bürgerinnen und Bürgern Anlass zu tiefem Nachdenken und Schlussfolgerungen gegeben.
Ganz anders in der sowjetischen Besatzungszone und der DDR. Ab 1945 vollzogen sich hier grundsätzliche gesellschaftliche Umbrüche in fast allen Lebensbereichen. Das war nur anfangs von der sowjetischen Besatzungsmacht direkt bewirkt. Mit den Jahren erlangten die neuen Verhältnisse eine gewisse Stabilität und wurden zeitweise von vielen Bürgern anerkannt und gefördert, von anderen zu ihrem persönlichen Vorteil genutzt.
Sensationen sind auf den folgenden Seiten nicht zu erwarten. Mir geht es um das alltägliche Leben und seine Verbindung zur großen Politik. Ich möchte erklären, wie wir gelebt, gearbeitet, uns gefreut und auch geärgert haben. Ich möchte an charakteristischen Vorgängen und Episoden zeigen, dass der größte Teil des Lebens eben nicht aus Jammern und Leiden wegen der Repressionen bestand, sondern aus Alltagsbegebenheiten, wenngleich diese – und besonders der Kalte Krieg – fast alle Lebensbereiche berührten.
Auch war ich in meiner DDR-Vergangenheit nie ein Widerstandskämpfer gegen den Sozialismus, selbst wenn der Leser diesen Eindruck gewinnen könnte, weil ich an mehreren Stellen darüber berichte, dass ich unzufrieden war, widersprochen oder mich nicht konform verhalten habe. Aber das habe ich meist als nötige Auseinandersetzungen, auch über den weiteren Weg der DDR betrachtet. Nur selten und zeitweise habe ich das Ende der DDR gewünscht. Fast nie habe ich westliche Rundfunk- und Fernsehsender eingeschaltet, obwohl ich das öfter hätte tun können – und vielleicht auch tun sollen. Gelegentlich habe ich auch meine Meinung zu politischen und anderen Fragen geändert. Das tue ich auch heute noch. Wer das nicht kann, ist wohl unbelehrbar. Mir scheint aber, es melden sich heute mehr angebliche Rebellen gegen die DDR-Führung zu Wort, als es tatsächlich damals gab. Vielleicht ist das bequem für das eigene Selbstverständnis sowie auch für die Karriere und sicher ist das Ende der DDR nicht das einzige historische Ereignis mit solchen Begleiterscheinungen. Übrigens schwankte die Zahl der kritischen DDR-Bürger erheblich, weil viele Menschen ehrlich nach der Wahrheit suchten.
Längst nicht über alle Ereignisse kann ich schriftliche oder sachliche Unterlagen beibringen. Persönliche Erinnerungen – der Historiker weiß es – haben für die Geschichtswissenschaft einen geringeren Beweiswert als Dokumente, die zeitnah zum Ereignis selbst entstanden und als Verträge oder Urkunden auch sorgfältig ausformuliert sind. Ein Tagebuch habe ich nie geführt. Und natürlich ist es weder möglich, noch sinnvoll, jede Einzelheit zu berichten. Wozu auch? Über Patienten, manche Privatangelegenheiten und über Einzelheiten der Dienstdurchführung ist Schweigen aus menschlicher Rücksicht geboten oder gesetzlich bis über das Dienstverhältnis hinaus vorgeschrieben. Auch nicht jeder Klarname kann hier stehen, sondern nur die echten Namen prominenter Persönlichkeiten und derjenigen, die ich nicht kritisieren muss. Andere Personen tragen veränderte Namen oder sind nur nach ihren Eigenschaften beschrieben. Soviel Persönlichkeitsschutz muss sein, schließlich bin ich nicht die Gauck-Birthler-Behörde. Mir geht es nicht um persönliche Schuldzuweisungen oder späte Rache an Widersachern. Nachtragende Mitmenschen gibt es mehr als zu viele und zur verbreiteten Unsitte, dass Verleumdete ihre Unschuld beweisen müssen, werde ich nicht beitragen.
Hygieniker haben ein breites Spektrum von Kontrollaufgaben. Dazu lernen sie von vielen Fachgebieten etwas. Sie können zwar beruflich weder für eine Gaststätte kochen, noch eine Schule leiten, noch Trinkwasser aufbereiten. Aber denjenigen, die diese Berufe ausüben, können sie mindestens erfolgreich dreinreden. So werde auch ich auf den folgenden Seiten hier und dort Halbwissen anzubieten haben. Die Leserin und der Leser mögen das verzeihen, vielleicht ist Halbwissen ja besser als Unwissenheit, wenn man sich der eigenen Grenzen stets bewusst ist.
Geschichte ist, wie alles in der Welt, gesetzmäßig voller Widersprüche. Widersprüche aber können Entwicklungen vorantreiben. Dazu muss man sie kennen und deshalb werden einige davon hier beschrieben.
Ich überlasse der Leserin und dem Leser das Urteil. Für Hinweise bin ich jederzeit dankbar. Wenn ihn meine Berichte und anschließenden Überlegungen interessieren oder gar fesseln sollten, wäre das gut und könnte ihn zu meinem Ziel begleiten:
scheinbare Gewissheiten überprüfen,
mehr in Alternativen denken,
mehr selbstlose Anteilnahme an öffentlichen Aufgaben,
mehr Solidarität.
Cottbus, im Juli 2009
Dr. med. Dietrich Loeff
1 Im weiteren Text ist zur Erleichterung der Lesbarkeit meist die männliche Sprachform verwendet, die weibliche Sprachform jedoch gleichwertig gemeint.
Erstes Buch
Sozialismusversuch
Unter jeder
Unter jeder
hoffnungsvollen Idee
sammeln sich
Märtyrer und Heilige,
Alleswisser
und Pragmaten,
kleine Gauner und
große Schurken,
Pflichtbesessene und
Pflichtvergessene,
Wahrsager,
Rechthaber,
Vorschreiter,
Mitläufer und
sehr viele Leute –
die einfach da wohnen.
Heinz Kahlau
„Wir Buchenwalder, Russen, Franzosen, Polen, Tschechen, Slowaken und Deutsche, Spanier, Italiener und Österreicher, Belgier und Holländer, Engländer, Luxemburger, Rumänen, Jugoslawen und Ungarn, kämpften gemeinsam gegen die SS, gegen die nazistischen Verbrecher, für unsere eigene Befreiung. Uns beseelte die Idee: Unsere Sache ist gerecht - Der Sieg muss unser sein!
Wir führten in vielen Sprachen den gleichen, harten, erbarmungslosen, opferreichen Kampf und dieser Kampf ist noch nicht zu Ende. Noch wehen Hitlerfahnen! Noch leben die Mörder unserer Kameraden! Noch laufen unsere sadistischen Peiniger frei herum! Wir schwören deshalb vor aller Welt auf diesem Appellplatz, an dieser Stätte des faschistischen Grauens:
Wir stellen den Kampf erst ein, wenn auch der letzte Schuldige vor den Richtern der Völker steht!
Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel. Das sind wir unseren gemordeten Kameraden, ihren Angehörigen schuldig.
Zum Zeichen Eurer Bereitschaft für diesen Kampf erhebt die Hand zum Schwur und sprecht mir nach:
WIR SCHWÖREN!“
Aus dem Schwur der befreiten KZ-Häftlinge von Buchenwald, 1945
Kapitel 1
Krieg, Nachkrieg und DDR
Vaters Familie
Meine väterlichen Vorfahren waren über mehrere Generationen Winzer im Moselgebiet. Sie stammen aus dem Dorfe Löf. Den kleinen Ort findet man nur in sehr guten Atlanten, aber natürlich im Internet. Er liegt reichliche 20 Kilometer von Koblenz die Mosel aufwärts. Löf ist heute mit einer anderen Gemeinde zusammengelegt. Unter dem Familiennamen Löf (in dieser Schreibweise) findet man zwei Telefonbucheinträge in der näheren Umgebung und einen im Ort Löf selbst. Ob es sich dabei um sehr entfernte Verwandte handelt, weiß ich nicht. Ich habe Mitte der neunziger Jahre auf der Durchfahrt in Löf einen recht kurzen Zwischenhalt einlegen und ein paar Flaschen des dortigen Weines mitnehmen können. Von einer Familie Löf war dort nichts bekannt.
Dann zogen Mitglieder der Familie Löf, oder nun schrieben sie sich wohl Loeff, nach Berlin und befassten sich mit technischen Aufgaben. Ein Urahn hat eine Kaffeemaschine und eine spezielle Petroleumlampe konstruiert und damit gutes Geld verdient. Davon gingen immerhin noch 65 000 Goldmark als Erbe an meinen Vater, der sie in der Inflation 1923 komplett verlor. Meine Großeltern väterlicherseits habe ich nicht mehr kennen gelernt.
Mein Vater, geboren 1876 und gestorben 1950, war bis 1945 Beamter, zuletzt meines Wissens Preisinspektor. Er hatte zwei Söhne aus erster Ehe, geboren am Beginn des 20. Jahrhunderts, die ich beide noch kennen lernte. Sie leben aber beide nicht mehr. Der jüngere dieser Söhne war mit einer Schriftstellerin, Friedel Loeff, verheiratet. Diese schrieb schon seit den dreißiger Jahren Kriminalromane, die ich als Junge alle gelesen habe, später auch andere Unterhaltungsliteratur. Sie konnte außerdem schlagkräftige Brieftexte für andere Mieter ihres Wohnhauses verfassen, wenn der Hauswirt auf normale Mängelanzeigen nicht reagierte. Zuletzt lebte sie in Frankfurt am Main. Nach 1970 ist unsere briefliche Verbindung zu ihr abgerissen, weil mehrere Briefe meiner Mutter, in denen deutliche Kritik an der Bundesrepublik enthalten war, sie nicht erreichten. Jetzt entnehme ich dem Internet, dass sie auch danach noch schriftstellerisch tätig gewesen sein muss, denn dort sind mehrere Buchtitel aufgeführt, von denen während unserer direkten und brieflichen Kontakte nie die Rede war.
Mein Vater war nach dem Krieg 1945 als Mitglied der Nazipartei natürlich entlassen und von der sowjetischen Militärbehörde in Berlin zu Enttrümmerungsarbeiten herangezogen worden. Das dauerte einige Monate und umfasste die Zeit, in der wir anderen Familienmitglieder ohnehin Berlin noch nicht wieder erreicht hatten, da wir, der Bombenangriffe wegen, innerhalb einer Evakuierungsaktion nach Deutsch-Nettkow ausgewichen waren. Mein Vater hat von diesen Arbeiten, die ihm mit damals immerhin 68 Jahren nicht ganz leicht gefallen sein können, nie über besondere Härten berichtet, die sich nicht aus den Notwendigkeiten der Enttrümmerung selbst ergaben. Natürlich war es Zwangsarbeit, aber getan werden musste sie ohnehin.
Die mütterliche Seite
Meine Mutter stammte von Bauernfamilien in Niederschlesien. Die Großmutter war aus Deutsch-Nettkow, ihre Eltern waren Mittelbauern. Das Dorf heißt heute Nietkowice und liegt ungefähr in der Mitte zwischen Krossen (Krosno Odrzańskie) und Grünberg (Zielona Gora), direkt an der Oder. Meine Großmutter starb im Winter 1945 an den Spätfolgen der Flucht mit ihren Strapazen. Mein Großvater mütterlicherseits stammte aus dem nahen Dorfe Beutnitz. (Bytnica). Seine Eltern waren ebenfalls Bauern, er aber schlug eine Beamtenlaufbahn ein. Da er 1937 gestorben ist, kannte ich ihn nicht.
Meine Mutter kam 1904 in Potsdam zur Welt, doch zogen meine Großeltern sehr bald mit ihr nach Berlin. Sie war sprachbegabt und eine gute Zeichnerin. Ein Hochschulstudium hätte sich angeboten, doch reichte das Beamtengehalt meines Großvaters nicht weit und die Ehefrauen von Beamten durften damals nicht arbeiten, weil das den Staat blamiert hätte, der seine Beamten schlecht bezahlte. Deshalb wurde nur dem jüngeren Bruder meiner Mutter, Walter, eine gediegene Ausbildung ermöglicht, der ein guter Techniker wurde und an den Anfängen der deutschen Fernsehindustrie in den dreißiger Jahren beteiligt war.
So wurde meine Mutter Schreibkraft, geübt in Stenografie und Schreibmaschinenarbeit. Durch ihre Umsicht arbeitete sie sich zur Sekretärin herauf und war bis 1933 im preußischen Innenministerium tätig. Als die Nazis an die Macht kamen, verlangten sie von ihr, aus der SPD auszutreten. Das lehnte sie ab. Daraufhin wurde sie ohne weitere Umstände aus dem Innenministerium in eine Krankenkasse versetzt. Das betreffende Schriftstück befindet sich noch in meinem Besitz. Der Empfang am neuen Arbeitsplatz war bemerkenswert: „Ach deswegen sind Sie nach hier umgesetzt worden? Na, dann werden wir gut zusammenarbeiten“, empfing sie ihr neuer Chef. Meine Mutter hat sich dann in die sehr andere Aufgabe rasch eingelebt, erforderliche Prüfungen gut gemeistert und ihre Tätigkeit auch nach dem Kriege und längerer Krankheit ab 1950 fortsetzen können.
Anderen Beschäftigten des preußischen Innenministeriums ging es schlechter. Ein hochkarätiger Jurist, den sie kannte, Robert Kempner, wurde, weil er Jude war und auch öffentlich gegen die Nazis anschrieb, entlassen und drangsaliert. Er emigrierte voller Zorn in die USA. Bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen war er Stellvertreter des Chefanklägers der USA, Robert H. Jackson und hat sich auch danach – wieder in Deutschland lebend – intensiv für die Bestrafung der Schuldigen und die Entschädigung der Opfer eingesetzt.
Der Tod meines Vaters
Ende des Jahres 1949 erlitt mein Vater einen Herzinfarkt. An eine medizinische Behandlung nach heutigen Maßstäben oder auch nur einen Krankenhausaufenthalt war natürlich nicht zu denken. Der sehr engagierte Hausarzt, dem wir auch lange danach die Treue gehalten haben, machte einige Hausbesuche und verordnete Tropfen, ähnlich dem heutigen Medikament Nitrangin, die zwar die Beschwerden etwas linderten, aber weder die gestörte Herzdurchblutung verbessern noch die stark reduzierte Herzleistung günstig beeinflussen konnten.
Im Herbst 1950 nahmen seine Beschwerden trotz aller Behandlungsbemühungen wieder zu. Als ich am 28. September von der Schule kam, öffnete er mir auf mein Klingeln nicht. Meine bald danach eintreffende Mutter und ich fanden Vater dann, quer auf der Couch liegend, tot vor. Offensichtlich hatte er noch versucht sich aufzurichten, um besser Luft zu bekommen und verlor dann das Bewusstsein. Das war für mich Dreizehnjährigen natürlich ein Schock. So war meine Mutter mit mir allein.
Sie hat viel – sehr viel – als Alleinerziehende leisten müssen, um mich durchzubringen. Kindereinrichtungen und Schulhorte gab es kaum, ihr Gehalt war nicht üppig und die Arbeitszeit oft lang. Überstunden waren an der Tagesordnung, denn in der Verwaltung der Sozialversicherung liefen Wiederaufbau und Tagesarbeit nebeneinander her.
Später wurden dann bestimmte Aufgaben der Krankengeldberechnung in die Betriebe verlagert und meiner Mutter oblag es, die dortigen Buchhalter in das Sozialrecht einzuweisen. Auch daraus entsprang Mehrarbeit. Und das sei auch noch erwähnt: die heute für „normal“ gehaltenen langen Bearbeitungszeiten für Leistungen der Sozialversicherung gab es in der DDR nicht. Die Altersrente wurde, ohne vorherige Kontenklärung oder ähnliche Formalitäten, nach einem einfach auszufüllenden Antrag innerhalb weniger Wochen berechnet und ausgezahlt. Ich bin damals niemandem begegnet, der durch die Formalitäten so in Anspruch genommen war, dass er darüber geredet hätte.
Erste Erinnerungen
Ich wurde am 10. April 1937 in Berlin geboren. Abgesehen von sehr verschwommenen Eindrücken aus meiner früheren Kindheit erinnere ich mich an Vorkehrungen, die gegen Bombenangriffe auf Berlin getroffen wurden, an einige Bombennächte und ziemlich deutlich an eine durch Rundfunknachrichten und Meldungen vermittelte allgemeine Trauer. Mir fünfjährigem Jungen wurde zum ersten Male im Leben ein Zeitungsbild gezeigt. Zu sehen waren darauf weite Schneeflächen und eine Silhouette von Ruinen im Hintergrund. Erst später bekam dieses Bild für mich einen Namen: Stalingrad.
Im Sommer 1943 mussten meine Mutter, meine Großmutter und ich innerhalb einer Evakuierung von in Berlin entbehrlichen Personen den beginnenden Flächenbombardements auf die Stadt ausweichen und kamen in Deutsch-Nettkow beim Bruder meiner Großmutter unter, wo ich auch eingeschult wurde. Der Ort Deutsch-Nettkow/Nietkowice liegt etwa 150 Kilometer Luftlinie südöstlich von Berlin. Mein Vater musste wegen seiner Arbeit in Berlin bleiben.
Voller Angst horchten wir in manche Nacht hinein, wenn Bomberanflüge auf Berlin gemeldet waren, wir ein dumpfes Grummeln von dort hörten und sahen, wie sich der Himmel rötete. Auch andere Zeichen zeigten uns immer deutlicher die bevorstehende Niederlage Deutschlands, bis Ende Januar 1945 die Sowjetarmee das Gebiet in teils schweren Kämpfen eroberte.
Nachfolgend schlossen sich mehrere Monate mit allen Nebenerscheinungen des Krieges an: Ausplünderungen, Vergewaltigungen, ihrer Kleidung beraubte, tote Soldaten in den verschneiten Wäldern, Lebensmittelmangel, eine Frau, die mit sowjetischen Offizieren schlief, um ihr Kind zu ernähren, Verrat unter Deutschen (ganz gutmütige sowjetische Soldaten wurden zum Schutz der eigenen jungen Tochter weitergeschickt mit dem detaillierten Hinweis, wo andere Frauen wären), sowjetische Soldaten, die unter eigener Gefahr Zivilisten schützten, hilfsbereite und kinderliebe Soldaten verschiedener sowjetischer Nationalitäten, ein reiches Geburtstagsmahl aus Speck für mich in einer russischen Feldküche und wütende Ukrainerinnen, die Milch lieber auf die Erde gossen („Deutsche Schweine, geht zu Hitler“), als sie uns zu geben.
Das alles ist ausführlich in meiner Broschüre „1945 – Tag der Befreiung“ dargestellt(1), ebenso ist meine Rückkehr nach Berlin-Johannisthal (Südosten von Berlin, heutiger Bezirk Treptow-Köpenick) und die weitere Schulzeit skizziert.
Von der Volksschule zur Oberschule
Das damalige Schulsystem unterschied sich gewaltig vom heutigen. Wir kannten in Berlin 1945 die Grundschule (Volksschule), die alle besuchen mussten und die mit der 8. Klasse abschloss. Es gab die Möglichkeit, nach der 4. Grundschulklasse zur Oberschule zu gehen. Die Oberschule entsprach einem heutigen Gymnasium und führte nach zwölf Klassen, davon acht Oberschulklassen, zum Abitur.
Ich gelangte ohne besondere Schwierigkeiten bis in die 4. Grundschulklasse und durch die Aufnahmeprüfung auf die „Oberschule für Jungen“ in Berlin-Baumschulenweg. Der gemeinsame Unterricht von Jungen und Mädchen galt für Oberschulen noch als sittlich bedenklich und war auf die Grundschule beschränkt. Heute lächeln wir über solche Schulprinzipien. In der Oberschule, die bald nach Berlin-Niederschöneweide(2) umzog und dadurch für mich zu Fuß erreichbar wurde, lernte ich einige eindrucksvolle Lehrer mit gediegener altsprachlicher Bildung kennen. Es wurde von uns ziemlich viel verlangt, aber das Lernen machte auch meistens Spaß.
1951 erreichte ich planmäßig die achte Oberschulklasse. Indessen hatten sich die Schulpolitiker allerdings überlegt, die Oberschule auch in Berlin erst mit der neunten Klasse zu beginnen, wie in der gesamten DDR. So wurde uns eröffnet, dass wir gar nicht die Oberschule besucht hätten: „April, April!“ Wir bekamen noch eine Aufnahmeprüfung verordnet, die ich aber ebenfalls überstand. Indessen war die Oberschule ein wenig spezialisiert worden. Der A-Zweig war stärker sprachlich geprägt, der B-Zweig bot etwas mehr Naturwissenschaften, der in Berlin nur am Gymnasium zum Grauen Kloster (das hieß wirklich auch in Ostberlin „Gymnasium“) vertretene C-Zweig war stark altsprachlich ausgerichtet.
Da ich zunächst mit dem Gedanken spielte, Chemiker zu werden, trat ich in den B-Zweig ein, erkennbar an den Klassenbezeichnungen 9 B2 (es gab zwei parallele B-Klassen an meiner Schule) bis 12 B2. Das kam auch meiner Unlust entgegen, Sprachen zu lernen. Sie ist mir geblieben: Bis heute kann ich nur wenige Brocken Englisch, kläglichste Reste aus dem Unterricht in der 7. bis 8. Klasse. Auch mein Russisch habe ich fast vergessen. Schade! Aber es fand sich später eine unerwartete Abhilfe für mich Sprachmuffel, die mich rettete. Dazu nachher.
Mädchen im Klassenzimmer
Ab September 1951 begann gleichzeitig auch der gemeinsame Unterricht von Jungen und Mädchen, ein gerade für uns Pubertierende aufregendes Ereignis. Die Jungen unserer Klasse, die noch ein, zwei Jahre vorher verächtlich von „dusslichen Weibern“ gesprochen hatten, begannen eine der neuen Mitschülerinnen vorsichtig zu umwerben. Auch ich schwärmte für diese blonde, temperamentvolle und schlagfertige Schönheit mit den munteren Äuglein, gestand mir das aber nicht einmal selbst ganz ein. Außerdem war mein Vater 1950 gestorben und meine Mutter musste mich als Angestellte der Sozialversicherung mit ihrem recht schmalen Gehalt und meiner kleinen Halbwaisenrente allein durchbringen. Da war Lernen mit voller Konzentration angesagt, denn als einziges Kind war ich die lebende Altersversorgung meiner Mutter. Sie sah einer nicht besonders üppigen Rente entgegen, und ich durfte ihr und mir keine schulischen Pannen zumuten.
Feste Bindungen entstanden aber zwischen uns Vierzehnjährigen anfangs ohnehin nicht. Die Scheu vor dem unbekannten Reich der Liebe und gar der Sexualität war bei Jungen und Mädchen noch zu groß. Eine andere Mitschülerin hat beim Klassentreffen 2005 von versäumten Gelegenheiten der Schulzeit gesprochen und erhielt Zustimmung. Erst ab ungefähr der 11. Klasse gab es mindestens eine feste Beziehung, die nach der Schulzeit auch in einer Ehe mündete, die allerdings nicht das Leben lang hielt.
Ein Direktor
Indessen war mein einstiger Englischlehrer durch Staats- und Parteitreue zum Stellvertretenden Direktor und bald zum obersten Chef der Schule aufgestiegen. Er erteilte einen strikt am historischen Materialismus, das heißt der marxistischen Geschichtsinterpretation orientierten, aber in den Fakten und seiner inneren, glasklaren Logik exzellenten Geschichtsunterricht. Außerdem sorgte er für eine lückenlos staatstreue Orientierung der Schule und schonte sich dabei nicht. Für unsere Entwicklung schuf er auch die dazu nützlichen Verbindungen. Dabei kam ein Zufall gelegen.
Einige Schüler der 12. Klasse hatten an den tschechischen Schriftsteller deutscher Sprache, F.C. Weiskopf, geschrieben, der sich damals gerade in der Volksrepublik China aufhielt. Weiskopf antwortete und bald hielt er bei uns eine Schriftstellerlesung. Uns alle faszinierte seine Fähigkeit, aus seinem Leben ganz unkompliziert zu berichten und dabei vom freien Plauderton fast unmerklich auf den Text seiner veröffentlichten Erzählungen überzuleiten. Das festigte die Beziehungen zu Weiskopf, den ich heute noch gern lese, und zur Tschechoslowakei (ČSR, später ČSSR). Bald erhielt unsere Schule den ehrenvollen Namen „Klement Gottwald“ (des Staatspräsidenten und Vorsitzenden der KP der ČSR) und sie war „Schule der deutsch-tschechoslowakischen Freundschaft“.
Der Botschafter dieses Landes war bei den meisten Schulfesten freundlicher Ehrengast und man konnte bei uns auch Tschechisch lernen. Die Nationalhymne der Tschechoslowakei mit den damaligen Texten (ein Teil für Tschechien, der die Schönheit der Natur lyrisch besingt, danach eine Passage – der Slowakei gewidmet – die an den antifaschistischen Aufstand der Slowaken 1944 erinnern soll.) kann ich heute noch. Text und Melodie des tschechischen und des jetzt getrennten slowakischen Teils sind gleich geblieben.
Der Direktor tat noch etwas anderes für unsere Bildung. Aus seiner Jugendzeit kannte er einen Arbeiter des nahen Reichsbahnausbesserungswerkes (RAW) Schöneweide, der jetzt auch ehrenamtlich Rudertrainer war. Dem bot er Gelegenheit, an unserer Schule für seinen Sport zu werben und bald war fast unsere halbe Klasse, auch ich, in der Sektion Rudern der Betriebssportgemeinschaft (BSG) Lokomotive RAW Schöneweide. Das kräftigt die Arme: In dieser Zeit gab es für mich keine klemmenden Schiebetüren der Berliner S-Bahn. Spätestens beim zweiten Versuch waren sie immer offen, auch wenn Tunichtgute sie von innen heimlich zu blockieren versuchten. Die meisten Mitschüler ruderten aber nicht lange. Doch einmal auf den Geschmack gekommen, wechselten einige dann nur die Sportart – ich ging zur Leichtathletik und war ein leidlicher Mittelstreckenläufer – andere wechselten auch bloß den Verein.
Zweierlei habe ich von da mitgenommen: Erstens, wer im Sommer auf dem Wasser Spaß haben will, muss im Winter bei der Bootspflege mitmachen. Seitdem habe ich was gegen Leute, die im Wald zwar jagen, aber sich vor der winterlichen Wildfütterung und anderen dazu gehörenden Arbeiten drücken wollen. Zweitens habe ich mir etwas Freude bewahrt, die Welt vom Wasser aus zu sehen und verdanke dem einige schöne Bootstouren, zuletzt mit 53 Jahren, mit dem Paddelboot auf den Seen Mecklenburgs.
Einige Mitschülerinnen und Mitschüler
Ich möchte den Leserinnen und Lesern nun einige meiner Klassenkameradinnen und -kameraden vorstellen. Um nicht zu viel Persönliches zu verraten, stehen in diesem gesamten Abschnitt keine oder nur veränderte Namen.
Eine Mitschülerin, nennen wir sie hier Annemarie, verschwand nach vielen Versammlungen der einzigen Jugendorganisation (Freie Deutsche Jugend = FDJ) oft eilig im Direktorzimmer und dieser erwies sich dann am nächsten Tage als wohlinformiert. Das war kein Geheimnis. Sie handelte aber aus fester Überzeugung und war sonst eine unauffällige, aber nicht allgemein beliebte Mitschülerin mit nur mäßigen schulischen Leistungen.
Ein anderer Mitschüler, Norbert, war findiger Organisator von Klassenfahrten, technisch begabt und hatte Geschick beim Anfertigen von Wandzeitungen. Da wir Fasermaler noch nicht hatten, malte und schrieb Norbert auf großen Flächen mit Tuschpinsel und Stempelfarbe oder Tinte. Norbert hatte auch eine tolle Methode fürs Abschreiben bei angekündigten Klassenarbeiten ersonnen. Unsere Bänke und Tische standen teilweise unmittelbar an der Fensterwand. Die Fensterbretter ragten handbreit in den Raum. Norbert spannte zu Hause ein Blatt Papier in die Schreibmaschine seiner Mutter, legte einen Kohlebogen verkehrt herum dahinter und tippte ohne Farbband einen Spickzettel. Dadurch erschien das Geschriebene auf der Rückseite des Zettels in Spiegelschrift. Das klebte er nun mit der Spiegelschrift nach außen unter das Fensterbrett und ließ auf seinem Tisch wie versehentlich einen Taschenspiegel liegen, in dem er natürlich seinen Spickzettel lesen konnte. So mancher Lehrer nahm ihm misstrauisch kurz den Spiegel ab und untersuchte ihn – ergebnislos, denn der Spickzettel erschien natürlich nur darin, wenn man genau auf Norberts Platz saß und der Spiegel entsprechend lag. Die heutige Pädagogik verurteilt übrigens Spickzettel nur noch bedingt, denn bei der Konzentration der Einträge auf einem kleinen Papierstück muss man den Stoff gut durcharbeiten, um auszuwählen. So tritt ein Lerneffekt ein und an manchen Volkshochschulen wurden die Kursteilnehmer schon aufgefordert, den erarbeiteten Stoff auf einem winzigen Papierstück zusammenzufassen.
Eine weitere Schülerin, ich nenne sie Sandra, die erst etwas später zu uns stieß, hatte eine bemerkenswerte Kindheit. Ihr Vater war Spezialist auf irgendeinem auch waffentechnisch brauchbaren Fachgebiet, ich weiß nicht auf welchem. Er wurde 1945 samt Familie in der UdSSR interniert(3), um ihn dort für die Bewaffnung der Sowjetunion auszunutzen. Sandra war in der Gegend von Suchumi (heute Georgien beziehungsweise Abchasien) untergebracht. Auf meine Frage, wo genau, antwortete sie mir: „Dietrich, so etwas hat keinen Namen.“ Ihr dortiges Schulzeugnis stellte die Schulbehörde vor Probleme: Sandra wies es in Russisch vor, und nach dortiger Systematik war die 5 die beste, die 1 die schlechteste Zensur. Auf die Frage, ob sie keine Übersetzung hätte, drehte sie es um: Auf der Rückseite war es in georgischer Schrift – wunderschön, jedoch für deutsche Leser nicht hilfreich. Aber es konnte dann doch festgestellt werden, dass ihre dortigen Schulkenntnisse einen nahtlosen Übergang in die DDR-Oberschule zuließen, was sich auch praktisch bestätigte. Auch Sandra war – ausgehend vom Antifaschismus – staatstreu. Kein Wunder, die Nazis hatten 27 Mitglieder ihrer weitläufigen Familie umgebracht. Wohl deshalb verlor sie in der Schule auch kein Wort der Kritik darüber, dass die Sowjetunion ihre Familie jahrelang festgehalten hatte.
Es war die Zeit des Korea-Krieges (1950–1953). Eines Tages erschien Sandra mit einem seidenen Kopftuch, darauf sah man eine genaue Karte Koreas. In dieser Form wurden den US-Piloten Landkarten des Kriegsgebietes mitgegeben – wetterfest, unempfindlich gegen Knautschen und sehr einfach in die Tasche zu stecken. Wer je bei Regen oder kräftigem Wind im Freien eine hier übliche, papierene Wanderkarte zusammenlegen musste, wäre für solch eine Ausführung dankbar. Sandras Tuch war einem über Nordkorea abgeschossenen, gefangenen US-Piloten abgenommen worden und als Trophäe bis zu ihr gelangt.
Einen Mitschüler nannten wir wegen seiner Körpergröße meist „der Lange“. Hochintelligent, mit sehr schnellem, kritischem und sicherem Urteil, konnte er es nicht lassen, gelegentlich andere Mitschüler, auch mich, seine geistige Überlegenheit unangenehm fühlen zu lassen. Er war gläubiger Katholik, wovon er aber kein Aufhebens machte.
Schülerleben und Politik
Die FDJ war die einzige zugelassene Jugendorganisation der DDR. Entstanden im Exil während der Nazizeit und anfangs überparteilich aber jugendbezogen, wandelte sie sich bald zu einer völlig auf die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) fixierten Nachwuchsorganisation derselben. Man konnte mit 14 Jahren in die FDJ eintreten. Das taten aber in Berlin zu dieser Zeit längst nicht alle Jugendlichen. In meiner Klasse mit ungefähr acht Schülerinnen und 22 Schülern waren bis etwa 1953 nur elf FDJ-Mitglieder, wenn ich mich richtig erinnere. Erst dann traten einige von uns ein, so auch ich.
1953 war ein ereignisreiches Jahr. Am 5. März starb Stalin und auch an unserer Schule herrschte Trauer, teils echt empfundene, wie bei Annemarie, die leise weinte, teils war sie pro forma. Im Schulfoyer stand ein Stalinbild mit Trauerflor. Als Anzeichen der beginnenden Militarisierung der DDR (parallel zur alten Bundesrepublik!) wurde das Stalin-Bild von zwei Schülern mit Luftdruckgewehren bewacht, was teilweise diskretes Kopfschütteln hervorrief. Wenige Tage später, am 14. März 1953, starb Klement Gottwald und wieder war Trauer in der Schule, die seinen Namen trug, angesagt.
17. Juni 1953 in Berlin
Das war kaum vorbei, überschlugen sich die Meldungen über Ereignisse in der DDR. Die Regierung hatte die Preise für mehrere Grundnahrungsmittel angehoben, Personen, die als privilegiert galten, zum Beispiel Hauseigentümern, die Lebensmittelkarten entzogen und sie auf das viel teurere Angebot der HO(4) verwiesen. Wir kannten eine solche Frau persönlich. Ihr lebenslang mühsam zusammengespartes, altes Haus mit einem Vordereingang und Seitenflügel warf wesentlich weniger ab, als zur Gebäudeerhaltung notwendig war. So musste die Besitzerin von ihrer geringen Rente zuschießen. Sie wurde nun plötzlich vom Staat geschröpft, wie eine Schwerreiche mit unredlich erworbenem Besitz und war der Verzweiflung nahe. So ging es vielen, doch war die Kritik noch gedämpft, neben der staatlichen Repression auch durch die Einsicht in die komplizierte wirtschaftliche Lage der DDR. Dann wurden die Arbeitsnormen allgemein und ohne Diskussion um zehn Prozent erhöht.
Am 9. und 11. Juni 1953 wurden die Preiserhöhungen bei zunehmendem Grummeln im Volke eilig zurückgenommen und die entzogenen Lebensmittelkarten wieder gewährt. Die Normerhöhungen aber blieben. Da lief das Fass über. So ließen die so oft glorifizierten Arbeiter nicht mit sich umgehen! Die Rücknahme von einigen Maßnahmen wurde auch als Schwäche gedeutet. Jetzt hieß es nachstoßen. Am 16. Juni 1953 streikten – so berichtet es die verbreitete Geschichtsschreibung(5) – die Bauarbeiter der bekanntesten Baustelle der DDR, der Stalinallee in Berlin (heute rückbenannt in Frankfurter Allee) und demonstrierten für ihre Forderungen. Die Rundfunksender Westberlins, speziell der RIAS(6) berichteten breit und intensiv. Auf den Straßen Ostberlins kochte, auch unter uns Jugendlichen, die Gerüchteküche bis in die Nacht.
Am 17. Juni 1953 früh kreuzten in Berlin-Johannisthal am Groß-Berliner Damm Kolonnen von Arbeitern mit Gesang meinen Schulweg. Irgendjemand versuchte anzustimmen: „Wir wollen unsern alten Kaiser Wilhelm wiederhaben“, was ich damals wie heute ziemlich unpassend fand und finde. Aber die meisten Menschenzüge auf den Straßen sangen nicht, sondern schritten still dahin. In der Schule war natürlich unter Schülern und Lehrern große Unruhe. Unsere Blicke gingen aus den Klassenfenstern zur S-Bahn: Fährt sie noch oder streikt sie auch? Noch bessere Sicht auf die Straße und S-Bahn hatten wir aus den Turnhallenfenstern, weil sie näher zur Hauptstraße lagen. Plötzlich ertönte durch unseren Sportlärm hindurch Kettengerassel: Ein einzelner Panzer rollte stadteinwärts. Ihn begleitete unser vielstimmiger, gellender Wutschrei!
Gegen Mittag endete unser Unterricht. Die S-Bahn fuhr nicht mehr, was wir freudig registrierten. Eine Reihe meiner Mitschüler griff sich ihre Fahrräder und strebte der Innenstadt zu, um sich ein eigenes Bild zu machen. Ich selbst blieb zu Hause, ich weiß nicht mehr, ob ich damals schon ein Rad besaß oder aus Vorsicht den gefährlichen Ereignissen fern blieb. Aber viele zeitgenössische und historische Beschreibungen der Ereignisse berichten über zahlreiche junge Radfahrer, die zwischen den Demonstrationszügen pendelten, Nachrichten zwischen ihnen übermittelten und das Geschehen beobachteten.
Die vereinzelte Behauptung, das seien westliche Agenten und Rädelsführer gewesen, kann ich insgesamt nicht beurteilen. Jedenfalls waren meine radelnden Klassenkameraden ganz bestimmt keine bewussten Täter, ganz gleich wofür, sondern einfach neugierig und auch jugendgemäß abenteuerlustig. Übrigens gibt es mindestens ein Bild der Novemberrevolution 1918 in Berlin, auf dem ebenfalls Jungen neben der Spitze eines Demonstrationszuges herlaufen (zum Beispiel unter www.preussen-chronik.de), allerdings damals noch ohne die seinerzeit teuren Fahrräder.
Im RIAS wurde berichtet, dass die Stahlwerker von Hennigsdorf, nordwestlich von Berlin, durch Westberlin hindurch nach Ostberlin gezogen kämen. Gleichzeitig ging aus den Meldungen hervor, dass DDR-Polizei auf Demonstranten schoss, dass der Blockpolitiker Otto Nuschke (DDR-CDU) mit seinem Auto kurzzeitig nach Westberlin abgedrängt wurde, dass unter den Demonstranten plötzlich an vielen Orten Personen auftauchten, die man als SED-gesteuert ansah, weil sie zum Abbruch der Kundgebungen aufforderten. Und die Präsenz von sowjetischen Panzern nahm zu. Es folgte die Verhängung des Ausnahmezustandes mit Versammlungsverbot und nächtlicher Ausgangssperre.
Gegen Abend strahlte der schon tagsüber hochaktive RIAS einen Kommentar aus, der den Demonstranten riet, die Aufmärsche abzubrechen. Dazu wurde gesagt, dass erst nach dem Ende der Demos die Sowjetmacht die DDR-Führung für politisches Versagen maßregeln würde und deshalb bald äußere Ruhe eintreten sollte. Ich weiß nicht, wer da sprach, aber nach eigenem Bekunden hat damals Egon Bahr(7) die Forderungen der Arbeiter der DDR prägnant zusammengefasst und intensiv verbreitet.
Er könnte auch gut und gern diese Argumente geliefert haben, einen Aufstand abzubrechen, der bei seiner weiteren Fortsetzung nur noch mehr sinnloses Blutvergießen kosten würde. Falls der RIAS wirklich, wie die DDR-Oberen behaupteten, mit dem US-Geheimdienst verquickt war, benutzte er jedenfalls eine psychologisch geschickte Argumentation, um den Demonstranten den unvermeidlichen Rückzug schmackhaft zu machen.
Die Nacht zum 18. Juni 1953 war für mich lange schlaflos. Auf der südöstlichen Ausfallstraße durch Grünau, Adlershof, Schöneweide (damals Adlergestell und Grünauer Straße, heute Michael-Brückner-Straße) rollten vom Abend bis in die tiefe Nacht ununterbrochen Panzer. Diese Straße lag von meiner Wohnung vielleicht 1 200 Meter Luftlinie entfernt. In der Stille der Nacht hörte man einen Panzer damaliger Bauart auf befestigter Straße etwa vier bis acht Kilometer weit. An einer bestimmten Stelle erreichten sie anscheinend anderen Straßenbelag oder wechselten die Fahrweise, hörbar durch den anderen, grelleren Klang ihrer Ketten. So konnte ich durch das dröhnende Grundgeräusch der Kolonnen hindurch mühelos die Kettenfahrzeuge mitzählen. Es waren viele Hundert, ehe ich endlich unruhig einschlief.
An den Folgetagen war die Lage in Berlin noch gespannt. Die Treskowbrücke über die Spree zwischen Nieder- und Oberschöneweide wurde von sowjetischen Soldaten in einer Maschinengewehrstellung bewacht. Panzer waren in den Außenbezirken, zu denen Schöneweide gehörte, aber selten, in der Innenstadt schon häufiger zu sehen. Die S-Bahn fuhr noch tagelang nicht. Das führte zu einem traurigen Nachspiel. Ein junger Lehrer, Herr Hachfeld, wohnte in Eichwalde, am Stadtrand von Berlin und kam sonst mit der S-Bahn zum Unterricht. Als sie ausfiel, benutzte er sein Fahrrad. Zwischen Grünau und Adlershof gab es damals eine Brücke über den Teltowkanal, die heute Stelling-Janitzky-Brücke heißt und inzwischen umfassend erneuert wurde. Sie hatte aber damals unter den jungen Radfahrern einen üblen Ruf: Steiler Anstieg von der Straße zum Brückenscheitel, dazu Übergang von Asphaltbelag auf Kopfsteinpflaster und fast oben wechselte der einseitige Radweg auf die andere Fahrbahnseite.
Unser junger Lehrer muss dieses Hindernis wohl schlecht gekannt haben und glaubte, den Seitenwechsel des Radweges noch rechtzeitig zu schaffen. Dabei geriet er unter einen LKW und wurde tödlich verletzt. Die ganze Schule trauerte, Lehrer wie Schüler. Ich werde seine Beisetzung nicht vergessen: Wir trauernden Schüler, meist in ungewohnten, dunklen Anzügen mit langen Hosen, standen bei glühender Hitze lange auf dem Friedhof. Mehrere kollabierten und mussten in die etwas kühlere Feierhalle gelegt und mit Wasser besprüht werden.
Nachwirkungen des 17. Juni
Der 17. Juni 1953 hatte mehrere wahrnehmbare Nachwirkungen. Die Normerhöhungen wurden zurückgenommen. Eine Serie von Senkungen der staatlichen Festpreise für viele Nahrungsmittel und häufig gebrauchte Waren folgte. Der Lebensstandard verbesserte sich zusehends. 1958 wurden die Lebensmittelkarten abgeschafft. Sie waren eigentlich nur noch Berechtigungen zum Einkauf verbilligter Lebensmittel, aber die sinkenden Preise im übrigen Handel waren teils ebenfalls subventioniert und so dicht an das Niveau der Lebensmittelpreise auf Karten heran gesunken, dass die lästige Markenschneiderei entfallen konnte. Die geringe Differenz wurde durch einen allgemeinen Lohn- und Gehaltszuschlag von etwa 12 Mark und wohl auch eine entsprechende Rentenanhebung ausgeglichen und nach wenigen Monaten redete kein Mensch mehr davon. Nur dieser Zuschlag, der auf jeder Lohn- und Gehaltsabrechnung ausgewiesen wurde, erinnerte uns noch über viele Jahre daran, dass es einmal Lebensmittelkarten gegeben hatte.
Abitur
Relativ kurz vor dem Abitur häuften sich die Beitrittsanträge in die FDJ, was natürlich auch nach Karrierismus roch. Dennoch verwandte ich mich in einer Versammlung intensiv für „den Langen“, weil ich der Meinung war, dass eine politische Organisation nicht zu einseitig sein sollte, auch bekennende Katholiken aushalten und eventuelles Karrierestreben korrigieren könnte, ja sogar müsste. Ich wurde ziemlich heftig und deutete an, dass auch unser Direktor als Jugendlicher bei den Nazis war, wie ich im Ruderverein durch seinen Jugendfreund erfahren hatte. Nach der Versammlung eilte unsere Annemarie erwartungsgemäß ins Direktorzimmer. Am nächsten Tage warnte mich gleich beim Betreten der Schule ein Lehrer – ein älterer, standfester Kommunist, der in der Nazizeit gelitten hatte – unter vier Augen: „Wir haben im Lehrerkollegium über Sie gesprochen. Vermeiden Sie Äußerungen über die Vergangenheit des Direktors, die nicht zur Sache gehören“, könnte er noch hinzugefügt haben, falls ich mich richtig entsinne. Aber weiter kam nichts für mich Unangenehmes nach.
Allgemeine Aufregungen verursachte ein anderer Vorfall. Es gab eine pädagogische Regel – vielleicht war es nur eine Kann-Bestimmung, denn sie wurde von den Lehrern permanent gebrochen – wonach pro Tag nur eine große Klassenarbeit geschrieben werden sollte, um die Schüler nicht zu überlasten. Auf diese Regel beriefen wir Schüler uns und manche Lehrer verschoben dann auch ihr Vorhaben, andere setzten sich durch. Das blieb meist eine Angelegenheit zwischen diesem Lehrer und der betreffenden Klasse.
Eines Tages ging es um eine Russisch-Arbeit. Sie wurde gleich in mehreren Klassen abgelehnt. Unser Direktor erfuhr davon, interpretierte das als koordinierte Aktion gegen die Schuldisziplin und sogar gegen die Freundschaft mit der Sowjetunion. Er lief zu großer Form auf, informierte die Schulbehörde und wer weiß wen, entschuldigte sich in aller Form für unsere Unwürdigkeit beim tschechoslowakischen Botschafter und ließ mehrere Schüler unserer Schule verweisen. Eine Schülerin wurde sogar von allen Oberschulen der DDR ausgeschlossen. Sie hat allerdings irgendwie dennoch in der DDR das Abitur abgelegt. Die Sache gelangte, vermutlich begünstigt durch ihre überflüssige Dramatisierung an den RIAS und wurde in der Kabarettsendung „Der Insulaner“ kurz behandelt. Über die Schüler hieß es, sie wurden „geschasst“. Vermutlich hat diese Sendung in einer als feindlich geltenden Rundfunkstation die Lage der Betroffenen zusätzlich erschwert, aber darauf nahmen die westlichen Medien selten Rücksicht.
Schließlich kam das Abitur und ich ging ihm mit ganz ordentlichen Zensuren entgegen. Nur die schlechte Sportzensur gefährdete den Gesamtdurchschnitt, denn sie wurde ohne Rücksicht auf körperliche Fähigkeiten oder Ungeschicklichkeiten mit ins Ergebnis eingerechnet und konnte bei undifferenzierter Betrachtung schaden. Angesichts knapper und heiß begehrter Studienplätze und eines de facto praktizierten Numerus clausus brauchte ich mindestens ein gutes, besser noch sehr gutes Abiturzeugnis, um Aussicht auf das von mir inzwischen erstrebte Medizinstudium zu haben. So richtete ich viele Anstrengungen auf den Schulsport, der nicht meine starke Seite war. Es wurden einige Fächer verbindlich geprüft, unter den mündlichen Prüfungen konnte man aber teilweise wählen. Der Biologielehrer empfahl mir, weil ich Medizin studieren wollte, mich in seinem Fach zu stellen. Das vermied ich tunlichst. Ich hatte in Biologie aus dem Unterricht sieben Einsen und eine Zwei zu Buche stehen. Als Vorzensur konnte nur die Eins herausgerechnet werden. Warum sollte ich die durch ein ungewisses Prüfungsergebnis riskieren, denn ohne Prüfung musste die Vorzensur unweigerlich zur Endzensur werden. Also meldete ich mich, sehr zum Verdruss des Biologielehrers, zur mündlichen Geografie-Prüfung an, denn deren Ergebnis konnte bei der Studienzulassung nicht sehr interessieren.
Dem Biologielehrer muss ich aber hier noch einige Zeilen widmen: Im Unterricht trichterte er uns die Irrlehren des sowjetischen Biologen Lyssenko ein, wonach erworbene Eigenschaften erblich sein sollten. Die weltweit anerkannte Mendelsche Vererbungslehre(8), die indessen durch die moderne Genetik detailliert bestätigt wird, lehnte er ab, wie das damals in der DDR politisch bedingte Mode war. Wenige Tage vor dem Abitur verschwand er nach Westberlin und überließ uns allen Zufälligkeiten eines Examens durch fremde Prüfer.
Damals gab es noch keine Prüfungen mit standardisierten Fragebögen und der Sachverstand derjenigen Lehrkräfte, die unterrichtet hatten, war trotz aller einheitlichen Lehrpläne bedeutsam. Bewusste Tricks zum Vorteil oder Nachteil einzelner Prüflinge traute ihnen niemand zu und ein Prüfungsergebnis juristisch anzufechten, lag jenseits aller Überlegungen.
Ich erreichte im Abitur die Gesamtnote „Gut“ mit einem Durchschnitt von 2,0. Ohne den leidigen Sport hätte es besser ausgesehen, aber ich war Zehnter meines Jahrganges von insgesamt 77 Schülern aller Parallelklassen. Das sah für die Uni ganz gut aus.
1 Dr. Dietrich Loeff: „1945 – Tag der Befreiung – persönliche Erinnerungen an ein historisches Ereignis“
2 Wer mit dem Auto oder der S-Bahn aus Richtung Südosten über Adlershof nach Berlin hereinfährt, sieht – halb verdeckt durch ein anderes Gebäude – kurz vor dem Bahnhof Berlin-Schöneweide rechts das neogotische, rote Backsteingebäude der heutigen Archenhold-Schule.
3 Das geschah damals massenhaft. Manfred v. Ardenne hat darüber berichtet und auch mein Onkel Walter – seit den dreißiger Jahren ein Fernsehspezialist – zog es deshalb jahrelang vor, in Jessen (Elster) unauffälligen Tätigkeiten (Radios und Schreibmaschinen reparieren) nachzugehen, als im exponierten Berlin wieder in seinen alten Betrieb einzutreten.
4 HO = Handelsorganisation, eine staatliche Handelsgesellschaft, die in anfänglich geringem Umfang Lebensmittel und andere Waren zu sehr hohen Preisen frei verkaufte.
5 Es gibt auch Darstellungen, zum Beispiel des Historikers Siegfried Prokop, die einen Anteil des Geheimdienstes der UdSSR an dieser Demo vermuten. Es war angeblich aufgefallen, wie neu die Bauarbeiterkleidung der ersten Demonstranten aussah. Nach Prokops Annahme (selbst gehörtes Interview mit ihm) wollte die UdSSR Alleingänge der DDR-Führung in Sachen Wiedervereinigung durch einen kleinen Aufstand diskreditieren, zu dessen Niederschlagung die DDR-Obrigkeit dann von sowjetischer Hilfe abhängig wurde. Ich will diese Hypothese hier weder werten noch unterschlagen. Auch sei erwähnt, dass immer wieder eine entscheidende westliche Einflussnahme behauptet wurde, natürlich schob die DDR-Regierung die Ereignisse insgesamt darauf.
6 Rundfunk im amerikanischen Sektor; an leitenden Stellen saßen in ihm US-Bürger, in der DDR wurde er als Organ des Geheimdienstes der USA bezeichnet.
7 In einer Sendung „Am Tage als“ des ORB, (jetzt rbb); das Datum kann ich nicht mehr angeben.
8 Gregor Mendel hat wissenschaftlich zwingend bewiesen, dass Eigenschaften hochgradig konstant vererbt werden. Siehe dazu auch im Kapitel über das Medizinstudium, Absatz über Prof. Rapoport.
Lob des Lernens
Lerne das Einfachste! Für die,
Deren Zeit gekommen ist,
Ist es nie zu spät!
Lerne das Abc, es genügt nicht, aber
Lerne es! Lass es dich nicht verdrießen!
Fang an! Du musst alles wissen!
Du musst die Führung übernehmen.
Lerne, Mann im Asyl!
Lerne, Mann im Gefängnis!
Lerne, Frau in der Küche!
Lerne, Sechzigjährige!
Du musst die Führung übernehmen.
Suche die Schule auf, Obdachloser!
Verschaffe dir Wissen, Frierender!
Hungriger, greif nach dem Buch:
Es ist eine Waffe.
Du musst die Führung übernehmen.
Scheue dich nicht, zu fragen, Genosse!
Lass dir nichts einreden,
Sieh selber nach!
Was du nicht selber weißt,
Weißt du nicht.
Prüfe die Rechnung,
Du musst sie bezahlen.
Lege den Finger auf jeden Posten,
Frage: Wie kommt er hierher?
Du musst die Führung übernehmen.
Bertolt Brecht
Kapitel 2
Ein ereignisreiches Medizinstudium
Einen Studienplatz bekommen
Nun standen allerlei Entscheidungen an. Wo studieren? Ich wollte zur Humboldt-Universität in Berlin. Mein Hausarzt riet mir zur Militärmedizinischen Fakultät der Universität Greifswald, weil die Aussichten auf einen Studienplatz viel besser waren und die Karrierechancen wohl auch. Meine Mutter fragte ihn ganz erstaunt: „Sie raten dazu“? Er war bekennender Katholik und stand dem DDR-Regime mindestens distanziert gegenüber, soweit er das erkennen ließ. „Ja, Frau Loeff, nur wenn wir drin sind, können wir etwas verändern“, erwiderte er sinngemäß. Sowohl meine Mutter wie auch ich haben uns dennoch auf dieses Doppelspiel nicht eingelassen, erstens schien es uns nicht sehr ehrlich und zweitens sind die Möglichkeiten, aus einer Armee heraus etwas von innen zu ändern, von Ausnahmen abgesehen, meist gering. Auch waren weder meine Mutter noch ich allem Militärischen besonders gewogen. Es blieb bei meiner Bewerbung an der Humboldt-Universität.
Ich wurde noch vor Studienzulassung und Studienbeginn über die FDJ zu einem vormilitärischen Lehrgang der GST(1) nach Prerow auf dem Darß einberufen. Der Lehrgangsbesuch war mit der Zusage auf einen Studienplatz verbunden. So trat ich ihn an. Dort traf ich auf Medizinstudenten höherer Studienjahre, die mich durch ihre Abgeklärtheit teilweise ziemlich beeindruckten. Im Lehrgang wurde viel exerziert und Sturmangriffe im Gelände geübt, wobei die Gegner sich mit Grasbatzen bewarfen. Die technischen Feinheiten eines Karabiners, einer Maschinenpistole und des Maschinengewehrs wurden uns durch Auseinandernehmen und Zusammensetzen beigebracht.
Bei dieser Ausbildung gab es, wie bei fast jeder militärischen Veranstaltung, nach der bekannten Redensart ‚Die Hälfte seines Lebens wartet der Soldat vergebens‘ viel Leerlauf. Den füllte sehr klug ein Politoffizier mit musikalischer Begabung und einem riesigen Schatz an Arbeiter- und Kampfliedern aus vielen Ländern. Er stellte sich einfach in unsere Nähe, ließ sein Akkordeon erklingen und wenn wir uns neugierig um ihn scharten, brachte er uns das intonierte Lied bei. Es waren Texte aus der Zeit der nachrevolutionären Kämpfe in Deutschland 1918–1919, von der Münchener Räterepublik und der „Kleine Trompeter“ sowieso. Besonders hatten es uns die italienischen Melodien angetan: „Avanti populo“ (Bandiera rossa) und „Bella ciao“, die ich heute noch singen kann und gern höre.
Wieder zu Hause erreichte mich ein Brief mit einer Ablehnung für das Studium. Das war anders zugesagt und ich beschwerte mich bei der FDJ-Leitung der Medizinischen Fakultät. Schleunigst wurde ich noch angenommen.
Eintritt ins Studentenleben
In jeder Hinsicht eindrucksvoll war die Immatrikulationsfeier der Universität im September 1955. An Selbstständigkeit wurden wir dabei auch gleich gewöhnt: Es war durch Aushang bekannt gegeben: „Anatomie, Hannoversche Straße, neuer Hörsaal“. Wo der genau war, sagte uns Neulingen kein Mensch dazu! So suchten Hunderte von Studenten ziemlich lange auf dem weiträumigen Gelände und die Mehrzahl fand sich nur langsam am Ort ein.
Die Festansprache hielt der bekannte Berliner Gynäkologe Prof. Helmut Kraatz(2), der gleichzeitig ein brillanter Redner war und besonders die große Geste beherrschte. Er beschrieb uns die akademische Freiheit als „die Freiheit, alles zu lernen“ und als Fähigkeit zur Verantwortung ohne Zucht- und Zügellosigkeit. Von einem ausschweifenden Studentenleben konnte also keine Rede sein und die Berliner Uni war immer dafür bekannt, viel zu arbeiten und wenig zu feiern. Den Arztberuf verband Kraatz mit hohen moralischen Anforderungen und gestaltete unsere Verpflichtung auf den Eid des Hippokrates zum Höhepunkt der Veranstaltung.
Dieser Eid, der tatsächlich nie so unverrückbar war, wie man ihn darstellte, und der auch heute einem gewissen Wandel unterliegt, wurde zeitweise belächelt und manche Ärzte gerieten in das schiefe Licht, Moralapostel zu sein und sich hinter dem hippokratischen Eid vor unbequemen Entscheidungen zu verstecken.
Ich bin dennoch bis heute dankbar, damals zuerst in meinem Leben meine zukünftigen Verpflichtungen so einprägsam erfahren zu haben. Besonders berührte mich der Satz: „Ich werde unterlassen alle Werke der Wollust an den Leibern meiner Patienten, Freien wie Sklaven.“ Dass selbst Sklaven, über deren Körper und sogar Leben der Besitzer in der Antike sonst willkürlich bestimmen konnte, vor lüsternen Begierden des Arztes geschützt sein sollten, fand und finde ich eine beachtliche humane Haltung. Sie respektiert doch wenigstens bei der medizinischen Behandlung den Sklaven als Menschen. Obwohl Moral auch heute nicht hoch im Kurs steht, wünschte ich mir für unsere Zeit mindestens, dass über ihre Forderungen nicht gespottet würde, weil ohne sie menschliches Zusammenleben unmöglich ist. Immerhin hat Brecht (im „Leben des Galilei“) einen analogen Eid für Physiker vorgeschlagen.
Wir bewunderten die Größe und Ausstattung der Hörsäle. Der bis 1955 neu erbaute Anatomie-Hörsaal hatte ungefähr 650 Plätze, alle damals moderne Darstellungstechnik, wie große Glastafeln, die aufklappbar waren und mit Schemata und Folien sowie weißer Grundierung hinterlegt werden konnten. Die Glastafeln waren angeraut und so konnte man auf ihnen mit allen Farben schreiben und malen, auch mit Schwarz, im Unterschied zu den uns bis dahin geläufigen, gewöhnlichen Schultafeln. Natürlich fuhren diese riesigen Platten elektrisch auf und ab, natürlich gab es einen Saaldiener, der sie sorgfältig, Streifen für Streifen säuberte und trocknete. Hörsaalverdunklung, Leinwand, Diaprojektion und die damals relativ neue episkopische Projektion waren selbstverständlich. Auch einen Polylux-Projektor (damals auch Belsazar-Gerät, heute meist Overheadprojektor genannt) sahen wir hier erstmalig.
Anatomie heißt Formen und Strukturen kennen und wiedererkennen. Die optische Ausstattung des Auditoriums war daher wichtig, ebenso exzellente Abbildungen in den Lehrbüchern und anatomischen Atlanten, die daher entsprechend teuer waren. Deswegen kaufte man gern bei höheren Semestern zu ermäßigten Preisen und sah über Gebrauchsspuren hinweg.
Die akademischen Lehrer, Anton Waldeyer
Nach einigen Wochen wurden die ersten anatomischen Präparate vom Menschen gezeigt, zuerst ein sauber abpräpariertes, einzelnes Bein. Wer nicht Medizin studiert hat, macht sich manchmal gruselige Vorstellungen von diesem Lehrabschnitt. Soweit ich sehen konnte, fiel niemand in Ohnmacht. Die meisten von uns erfasste aber eine bis dahin ungekannte Traurigkeit. „Das war also einmal ein Mensch“, dachten und fühlten wir.
Absolut nicht geduldet wurden auf den Präpariersälen auch nur die mindesten Ansätze unpassenden Benehmens. Als eine Studentin dort mit grell lackierten Fingernägeln arbeitete, war beim Direktor der Anatomie, Prof. Anton Waldeyer, das Maß voll. Die junge Dame musste die Gummihandschuhe ausziehen, eine Nagelfeile wurde herbeigeholt und Waldeyer selbst feilte ihr unter dem Beifall der Mitstudenten den nach seiner und unserer Meinung absolut ungehörigen Fingerschmuck herunter. Damit waren die strengen Maßstäbe klargestellt, an denen ich bis heute festhalte.
Es gab keine Wiederholungen. Kein Mensch hätte auch nur entfernt an Widerspruch gedacht. Viele unserer Professoren und Dozenten waren aus Westberlin und äußerten sich kaum zu politischen Themen. Sie orientierten sich offenbar am Leitbild des unpolitischen Arztes. Dem DDR-Regime gegenüber waren sie vermutlich distanziert, gaben aber für ihre wissenschaftliche Arbeit und Lehrtätigkeit alle Kraft. Die DDR konnte froh sein, diese teils international bekannten Kapazitäten als Lehrstuhlinhaber gewonnen zu haben. Keine Universitätsleitung hätte einem Studenten Recht gegeben, der sich über zu strenge Behandlung durch eine Lehrkraft beschwert hätte. Auch die große Mehrzahl von uns selbst, begrüßte klare Regeln, die auch eingehalten wurden. Unbeständigkeit konnten wir nicht gebrauchen, denn das Medizinstudium ist in dieser Etappe in hohem Maße ein Fleiß- und Büffelstudium, das keine Verschwommenheiten verträgt. Und die akademischen Lehrer aus Westberlin waren tatsächlich oft eindrucksvolle Vorbilder und genossen den Respekt ihres Auditoriums mit vollem Recht.
Ein Problem verursachte allerdings die westliche Herkunft von Waldeyer. Wir brauchten das von ihm verfasste Anatomie-Lehrbuch. Das war natürlich beim westdeutschen Verlag de Gruyter erschienen, kostete daher Westgeld, das wir nicht hatten. Das Buch musste – sicher gegen Devisen – in die DDR importiert werden, um es für uns erreichbar zu machen. Jedes Jahr musste Waldeyer einen monatelangen Kampf mit den DDR-Behörden um den Import seines Werkes ausfechten. Das kostete Zeit, aber er gewann ihn immer. Waldeyer war übrigens absolut kein Kind von Traurigkeit. Als gebürtiger Rheinländer, war der Karneval für ihn der Jahreshöhepunkt. Er wurde von uns Studenten zweimal zum Karnevalsprinzen gekürt und mit den Namen „Anton der Erste“ und im Folgejahr „Prinz Antonius Waldivarius – der Gleiche“ beehrt. Natürlich konnten wir nicht drei tolle Tage feiern, aber er plädierte dafür, das Zeitdefizit durch Intensität in acht vergnügten Stunden hereinzuholen. Er präsidierte der abendlichen Tanzveranstaltung mit einer großen Tafel, an der seine ungefähr 30 Assistenten saßen. Dort wurde stramm getafelt und Waldeyer bezahlte die Zeche allein. Das war noch nicht alles: Fand sich in seinem näheren Blickfeld im Laufe des Abends ein Pärchen zusammen, brachte der Ober bald eine Flasche Sekt auf Rechnung unseres Karnevalsprinzen. Natürlich setzte sich manches Pärchen absichtlich in sein Blickfeld, aber ob er die Absicht bemerkte oder nicht, seine Börse stand Verliebten offen.
Rienäcker
Faszinierend waren auch die Chemievorlesungen bei Professor Rienäcker. Im Hörsaal mit etwa 400 Plätzen hinter dem Experimentiertisch stehend, der fast ebenso lang, wie der Hörsaal breit war, also mindestens zehn Meter, versprach Rienäcker uns, in jeder Vorlesung würde es mindestens einmal knallen. Das hielt er ein. Dennoch warnte er seine Hörer eindringlich vor Spielereien mit den unberechenbaren Chloratverbindungen, die bei Explosionen im Labor meist den ahnungslosen Nachbarn des Leichtsinnigen verletzen.
Er sagte, dass sich die Chemie-Ordinarien in Ost, West, Österreich und deutschsprachiger Schweiz einig seien: Wer bei Chloratspielereien erwischt wird, kann an keiner Universität im deutschen Sprachraum mehr Chemie oder eine Wissenschaft, die das einschließt, studieren. In den Westen zu gehen, würde daher nichts nützen. Wir fanden es eindrucksvoll, dass sich Wissenschaftler über solch ein Thema grenzüberschreitend einigen konnten.
Ich hatte mit den hohen Anforderungen im Fach Chemie weniger Schwierigkeiten, als die meisten Mitstudenten, weil ich an der Klement-Gottwald-Oberschule beim blutjungen Chemielehrer Rolf Gapp eine ausgezeichnete Vorbildung genossen hatte. Nicht wenige meiner Mitschüler sind nach dem Abitur übrigens gute Chemiker geworden, wie sich bei einem Klassentreffen 2005 herausstellte.
Tembrock im Vorphysikum
Nach dem ersten Studienjahr folgte das Vorphysikum, die erste große mündliche Zwischenprüfung, in den Fächern Chemie, Physik, Botanik und Zoologie. Aus den drei erstgenannten Prüfungsteilen ist mir nichts mehr erinnerlich, sie liefen jedenfalls problemlos ab. In Zoologie trat ein Mini-Problem auf. Ich hatte für die vorangehende Botanikprüfung besonders Vererbungslehre gepaukt, weil der Prüfer, Professor Noack, viel danach fragte. Dazu hatte ich mir natürlich botanische Beispiele eingeprägt, beliebtes Demonstrationsbeispiel waren damals in verschiedenen Farben blühende Erbsen.
Aber in Botanik prüfte ein Assistent über andere Themen. Dafür fragte mich Dr. Tembrock in Zoologie nach Vererbungsregeln. Seelenruhig spulte ich meine eingetrichterten Erbsenbeispiele ab, unterbrach mich erschrocken und ging auf Florfliegen mit unterschiedlichen Augenfarben über, wie das zum Thema Zoologie besser passte. Das hielt aber nicht lange und wieder blühten meine Erbsen. Wieder riss ich mich zurück, bis Tembrock abwinkte: „Wenn Sie das am botanischen Beispiel gelernt haben, bleiben Sie ruhig dabei, die Vererbungsgesetze sind dieselben.“ Für den Prüfer war das eine Lappalie, die er sofort wieder vergessen konnte, für mich eine Hilfe, an die ich mich heute noch dankbar erinnere.
Später – Tembrock war indessen Professor geworden – sah ich ihn in vielen Fernseh-Interviews über das Verhalten der Tiere (Ethologie) sprechen. Er tat das, wie in seinen Vorlesungen auch: kenntnisreich, mit souveränem Überblick über die vielfältigen Problemlösungsstrategien der belebten Natur und gelegentlich mit einem Schuss distanzierter Ironie.
Rapoport
Nicht alle akademischen Lehrer, denen ich dankbar bin, kann ich hier würdigen. Ein Professor muss aber noch beschrieben werden: Professor Samuel Mitja Rapoport, Institutsleiter und Lehrstuhlinhaber für Physiologische Chemie, heute meist Biochemie genannt.
Er hatte in seiner Jugend als Jude und Kommunist vor den Nazis aus seiner Heimat Österreich fliehen müssen, sich in den USA als Biochemiker etabliert und großes Prestige erworben, bevor er wegen seiner linken Gesinnung dort gehen musste.
So hatte ihn sein Weg in die DDR geführt. In politischen Fragen war er aus seiner eigenen Vergangenheit heraus unduldsam. In seinen Vorlesungen wollte er keine Hörer, die Abzeichen irgendwelcher kapitalistischer Firmen an der Kleidung trugen. Seine Vorlesungen waren auf dem aktuellsten wissenschaftlichen Stand. Die 1953 entdeckte Desoxyribonukleinsäure (DNS beziehungsweise englisch desoxyribonucleinacid, DNA) und die durch sie vermittelte Vererbung durch Verdopplung des DNS-Stranges und nachfolgende Abtrennung des Doppels beschrieb er uns genauestens, nur dass die DNS eine Spirale bildet, war damals noch unbekannt.

DNS-Doppelstrang bei der Trennung
In allen Vorgängen und Forschungsergebnissen suchte und fand er auch meistens Bestätigungen der materialistischen Dialektik, das heißt der Marxschen Denkmethode. Er verlangte disziplinierteste Teilnahme an Vorlesungen und Seminaren. Vom Reporter einer westlichen Zeitung gefragt, ob das kommunistische beziehungsweise sowjetische Methoden seien, erwiderte er: „Nein, das habe ich aus den USA mitgebracht.“
Bei den Karnevalsfeiern machte er kräftig mit. Maskiert fiel uns auf, was wir sonst übersehen hatten: Sein kräftiges Untergesicht trat hervor und gab ihm ein grobes Aussehen. Er nutzte das selbst für seine Maskerade, denn er kam als Räuber verkleidet daher.
Unruhe unter Studenten
1956 war die Welt wieder einmal unruhig. Der 20. Parteitag der sowjetischen Kommunistischen Partei (KPdSU) enthüllte im Februar mit Chruschtschows Geheimrede Stalins Verbrechen, ohne deren tiefere Ursachen darzulegen und Mitwirkende zu benennen. Der italienische KP-Chef, Palmiro Togliatti, fragte öffentlich, ob es eine „Entartung“ des Kommunismus gegeben haben könnte, vor der alle zu warnen wären, die dem sowjetischen Beispiel folgten. Seine Frage wurde von der sowjetischen Parteiobrigkeit erst verschwiegen und dann brüsk zurückgewiesen. So machten sich einflussreiche kommunistische Parteien Westeuropas eigene Gedanken über ihren Weg zum Kommunismus. Das war die Geburt des Eurokommunismus.
Auch Kommunisten der Ostblockländer waren beunruhigt. In der polnischen Stadt Poznán (Posen) entwickelte sich ein lokaler Arbeiteraufstand, dem blutig begegnet wurde, schließlich aber nur mit der Einsetzung des als gemäßigt geltenden Władysław Gomułka ins oberste Parteiamt beruhigt werden konnte. Dabei hatten sich die Unruhen an einer Bagatelle entzündet. In einer schon länger laufenden Theaterinszenierung eines früheren polnischen Autors gab es den bis dahin wenig beachteten Satz: „Aus Moskau ist stets nur Gesindel gekommen.“ Plötzlich machten sich die antirussischen Ressentiments, die – geschichtlich entstanden – in der polnischen Öffentlichkeit lebten und leider bis heute leben – in Szenenbeifall Luft. Das wurde in den Folgetagen bekannt und das Theater bekam Zulauf von Zuschauern die nur auf diese Passage warteten, um ihren antirussischen und antisowjetischen Frust zu äußern. Demonstrationen und Zuspitzungen folgten, bis die Waffen sprachen und das bisherige Staatsoberhaupt gehen musste.
Selbst in der UdSSR-Literatur begann die als „Tauwetter“ (nach dem gleichnamigen Roman von Ilja Ehrenburg) bezeichnete, vorsichtige Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und zeitweiliger Lockerung einiger Bestimmungen. Das alles nahmen wir aufmerksam wahr, denn der Schulunterricht hatte uns allen die Politik immer als wichtig dargestellt.
Im Frühjahr 1956 gab es auch eine weitere Bestätigung für die von der DDR immer behauptete westliche Agententätigkeit. Nahe bei Berlin-Rudow wurde ein Tunnel entdeckt, der aus Westberlin heraus unbemerkt ungefähr 180 bis 200 Meter in das Gebiet der DDR hinein vorgetrieben worden war. Dort hatten westliche Abhörspezialisten ein wichtiges Telefonkabel angezapft und abgehört. Die DDR öffnete das entdeckte unterirdische Bauwerk nahe am Postkabel und durch einen zweiten Eingang ganz dicht an der Sektorengrenze und gab den Bau zur massenhaften Besichtigung frei. Auch ich stieg hinein und konnte an der hervorragenden elektronischen Ausstattung erkennen, dass hier keine Finte der DDR oder der Sowjetmacht vorlag, sondern wirklich modernere Technik installiert war, als ich sie aus Ostberlin kannte. Natürlich schrieben die ostdeutschen Zeitungen, mit anschaulichen Bildern versehen, ausgiebig über das Spionagenest Westberlin.
Übrigens erhielt meine Familie in den siebziger oder achtziger Jahren auch noch ihre eigene Bestätigung für das Wirken westlicher Nachrichtendienste. Eine entferntere Verwandte von mir, die in Westdeutschland lebte, nahm die Arbeit als Zivilbeschäftigte in einer Bücherei der Bundeswehr auf. Dazu musste sie auf einem Fragebogen all ihre Verwandten mit deren Adressen angeben. Nicht alles trug sie sorgfältig ein, sondern verließ sich auf ihr nicht ganz sicheres Gedächtnis und so rief sie ihr Vorgesetzter nach einigen Wochen zu sich: „Nehmen Sie mal Ihr Adressbuch zur Hand und korrigieren folgende Adresse: „… Diese Verwandten wohnen jetzt in Senftenberg und nicht mehr in Großräschen.“ Da wusste also die Bundeswehr besser Bescheid, wo meine Schwiegereltern – damals schon hoch im Rentenalter – wohnten, als die besagte entfernte Verwandte es in den Fragebogen eingetragen hatte.
Die blutigste Auseinandersetzung reifte im Herbst 1956 in Ungarn heran. 1955 war der Österreichische Staatsvertrag geschlossen worden, ein separater Friedensvertrag mit diesem Land, dessen Soldaten an der Seite Nazideutschlands im Zweiten Weltkrieg gekämpft hatten. Kern des Vertrages war die „immerwährende Neutralität“ Österreichs, die noch heute gilt. Bis zum Vertragsabschluss standen sowjetische Truppen im östlichen Österreich. Die zogen nun ab und eine sowjetische Besetzung Ungarns (und Rumäniens) war als Brücke zu Österreich entbehrlich, so dass auch ein Abzug aus Ungarn ins Gespräch kam, aber nicht erfolgte. In Ungarn wurde in einer Krisensituation im Frühjahr 1956 der schärfste Stalinist (Mátyás Rákosi) entmachtet. Aber es war für kleine Zugeständnisse schon zu spät. Am 22. und 23. Oktober 1956 erzwangen riesige Demonstrationen die Einsetzung des beliebten Reformkommunisten Imre Nagy ins Spitzenamt. Er versprach einige bürgerliche Freiheiten, forderte die Sowjettruppen zum Abzug auf und bemühte sich um eine Stabilisierung der Lage. Am 1. November 1956 verkündete er die Neutralität Ungarns, das heißt seinen Austritt aus dem Warschauer Militärpakt des Ostblocks. Darauf überrannten am 4. November sowjetische Truppen das Land und schlugen in mehrtägigen blutigen Kämpfen durch den Einsatz schwerer Waffen die Volksbewegung blutig nieder(3). Ihre Führer wurden verhaftet, ihr Idol Imre Nagy unter Bruch früherer, anders lautender Zusagen 1958 gehenkt.
Gleichzeitig machte die Entkolonialisierung erste Schritte. Der durch einen Putsch junger Offiziere schon vorher in Ägypten an die Macht gelangte Gamal Abdel Nasser beendete die bis dahin englandhörige Politik des Landes am Nil. Er wagte es, 1956 den unter britischer Kontrolle stehenden Suezkanal zu verstaatlichen und forderte damit Großbritannien und Frankreich heraus. Den Israeli sperrte er die Kanaldurchfahrt und den Golf von Akaba, womit er internationale Seefahrt-Abkommen verletzte.
Ende Oktober 1956 folgte ein israelischer Angriff auf Ägypten, der Großbritannien und Frankreich den offenbar verabredeten Vorwand lieferte, selbst militärisch einzugreifen „um den Suezkanal zu sichern“. Der schwere Konflikt, der das Zeug zu einem Flächenbrand in sich hatte, wurde letztendlich diplomatisch gelöst. Er wurde selbst von sehr bürgerlich denkenden Studenten als eine Inszenierung angesehen, in der sich Israel von den ehemaligen Kolonialmächten kaufen und einspannen ließ. Die mit Abstand schärfste Verurteilung der israelischen Politik erfolgte durch Rapoport, dessen Eltern dort lebten.
In diesem weltweit gespannten Klima erregten sich die Medizinstudenten unserer Universität im Oktober 1956 zunächst an einer Kleinigkeit, der bevorstehenden, abschließenden Sprachprüfung in Russisch. Sie war Bedingung für einen erfolgreichen Abschluss des Medizinstudiums insgesamt. Wir wollten sie dennoch irgendwie umgehen oder loswerden, weil die meisten von uns dem eher dürftigen Unterricht nicht viel Kenntnisse abgewonnen und dieses Examen zu fürchten hatten. Ob die Parole gegen die Prüfung auch, weil sie sich politisch ausweiten ließ, von prinzipiellen DDR-Gegnern gestreut wurde, weiß ich nicht, will es aber nicht ganz ausschließen, weil sich die Ereignisse so bemerkenswert rasch zu sehr prinzipiellen Auseinandersetzungen ausweiteten.
Die FDJ, von der wir als Mitglieder verlangten, unsere Wünsche zu unterstützen, lehnte das erwartungsgemäß ab – nicht einmal zu Unrecht, schließlich galt der Studienplan, den wir mit der Immatrikulation akzeptiert hatten. Durch ihre Ablehnung geriet die FDJ jedoch nun selbst in die Kritik und es kam zur Frage, ob wir an der einheitlichen Jugendbewegung festhalten sollten oder auch eine andere Jugendorganisation bräuchten.
Damit war eine einfache Frage des Studienablaufes mit beachtlicher politischer Brisanz aufgeladen. In stürmischen Pausenversammlungen im riesigen anatomischen Hörsaal wurden die FDJ-Funktionäre mit Fragen in die Enge getrieben. Kam ein politisch besonders raffinierter Vorschlag von einem Studenten, schwenkten wir blitzschnell darauf ein, auch wenn wir vorher anderen Rednern applaudiert hatten. Wir hatten in dieser Situation ein Gespür für das im Moment Wirksamste, gemeinsam Durchsetzbare, wie ich es später nie mehr erlebt habe, nicht einmal in der politischen Wende 1989–1990.
Die Revolutionstheorie nach Marx beziehungsweise Lenin behauptet, dass politische Vorgänge und Lernprozesse in revolutionären Situationen viel schneller verlaufen, als in ruhigen Zeiten. Obwohl es sich bei uns nicht um eine Revolution handelte, hat sich aber diese Aussage der kommunistischen Klassiker hier völlig bewahrheitet. Es wurde entschieden, aus jeder Seminargruppe zwei Sprecher zu wählen, was schon dadurch den Alleinvertretungsanspruch der FDJ tangierte. Wir hatten 28 Seminargruppen, was 56 gewählte Sprecher ergab. So hieß diese Versammlung 56er-Rat, was mehr mit der Teilnehmerzahl, als mit der Jahreszahl im Kalender zu tun hatte. In den Hörsälen und Foyers tauchten aber gleichzeitig viele bis dahin unbekannte Gesichter auf, Leute die teilweise älter als wir waren, um die Diskutantengruppen kreisten, gut zuhörten, nicht mitredeten und möglichst unauffällig wieder verschwanden: Der DDR-Staatssicherheitsdienst war unter uns!
Wir standen mit unseren Protesten nicht allein. Die Veterinärmediziner, deren Hörsäle dicht bei unseren lagen, stellten Forderungen; ich weiß nicht welche. Von einer Versammlung wurde Aufregendes erzählt: Ein Polizist erschien, um die Versammlung zu verbieten. Darauf soll er die Antwort erhalten haben: „Wir sind hier dicht an der Grenze zu Westberlin. Sie spielen mit dem Feuer, denn hier kann jede Kleinigkeit ernst werden.“ Angeblich ging er dann unverrichteter Dinge davon. Einen Beleg für den Vorfall habe ich nicht und ich fragte mich damals leise und frage mich heute deutlich, ob eine derartige Zuspitzung der Situation – sowohl durch das versuchte Versammlungsverbot, wie auch durch diese drohende Antwort – der Sachlage angemessen war.
Die Frage stand schon kurz danach direkt vor mir. Als der Ungarn-Aufstand schon halb zusammengeschossen war und unsere Forderungen nicht durchdrangen, standen abends Studienfreunde am Ausgang des Geländes und flüsterten uns allen zu: „Morgen trifft sich die gesamte Medizinische Fakultät am Chemie-Hörsaal – weitersagen.“ Meine sofortige Gegenfrage: „Seid ihr verrückt, da passen die gar nicht alle rein und der Rest steht auf der Straße – fast in Sichtweite des Westsektors?“, wurde von den Mitstudenten bewusst überhört und die Nachricht ohne mich weitergeflüstert.
Aber über Nacht muss sich Besonnenheit durchgesetzt haben. Niemand traf sich dort. Der Hörsaal hatte, wie schon erwähnt, 400 Plätze, alle Jahrgänge von Medizinstudenten umfassten ungefähr 2 000 Personen. Die hätten, wenige auf Treppen und Gängen abgerechnet, zumeist auf der Hannoverschen und der Invalidenstraße gestanden und wenige Minuten danach hätten wir westliche Kameras und östliche Polizei reichlich auf dem Hals gehabt. Was das parallel zur Ungarnkrise bedeuten konnte, mag man sich heute vielleicht in manchen Gehirnen nicht ganz ausmalen. Damals jedenfalls mussten wir alle viel öfter die weltpolitische Situation und mögliche Auswirkungen auf sie „mitdenken“. Der Kalte Krieg war nicht nur ein Schlagwort!
Unsere Proteste wurden schließlich beendet, teils durch die unübersehbare Stasi-Überwachung, dazu durch ein paar Verweisungen von der Uni und argumentativ außerordentlich geschickt und wortgewaltig durch Professor Rapoport. Man musste gerade ihm alles Recht der Welt zubilligen, Tendenzen, die er für reaktionär und gefährlich hielt, mit aller Kraft entgegen zu treten. Demokratisch war das dennoch nicht. Seine Reden klangen auch drohend. Einige Monate später trat auch der Erste Sekretär der FDJ-Leitung Berlin, Hans Modrow, vor uns auf. Er erntete allerlei Widerspruch. Ein Student fragte, warum man uns keine Westreisen gestatte.(4) Modrow erwiderte, das sei doch eine unwichtige Frage. Darauf der Fragesteller: „Dann muss ich Dir sagen, dass Du als Jugendfunktionär die Sorgen der Jugend nicht kennst.“ Das gab Beifall, aber geklopft von unten an die Tische so dass von vorn nicht zu sehen war, wer applaudierte. Modrow steckte den Hieb ein. Der Fragesteller blieb auch weiter ungeschoren. Ich habe später manchmal gegrübelt, ob Modrows spätere Reformbereitschaft auch aus solchen Erlebnissen gespeist wurde.
Gleichzeitig mit der Welle der Gegenargumente lief in den Betrieben eine Propaganda-Kampagne an. Tenor: „Was wollen die eigentlich noch? Der Staat gibt ihnen zum Studium alles, was er nur geben kann.“ Dazu wurde halblaut über Kampfgruppeneinsätze nachgedacht. Doch dazu kam es nicht, ebenso nicht zu den angedrohten „Bewährungen in der sozialistischen Produktion“. Die DDR machte bald die Erfahrung, dass rebellische Studenten, unter die Arbeiter gebracht, dort mehr Sympathie als Ablehnung erwarben und sah von solchen Maßnahmen ab.
Und was wurde aus der Russischprüfung? Es wurden, als alle Proteste vorüber waren, dafür zwei ziemlich nahe beieinander liegende Seminarräume genutzt, in denen ein Russisch-Dozent die Aufsicht führte. Dazu ging er zwischen beiden Räumen sehr langsam und in berechenbarem Rhythmus hin und her. Hier bedurfte es nicht der Kunst meines Klassenkameraden Norbert, um mit den Nachbarn beliebig zu kommunizieren. Bestanden haben wir alle.
Der Scharfrichter Physikum
Der sogenannte vorklinische Teil des Medizinstudiums endete damals nach zwei Jahren mit dem Physikum, der ärztlichen Vorprüfung. In ihr waren naturwissenschaftliche Grundkenntnisse sowie die gründliche Beherrschung von Anatomie, Physiologie und Biochemie des gesunden Menschen nachzuweisen. Das ist Vorbedingung, um Abweichungen von der Norm und Krankheiten zu verstehen, die im zweiten Studienabschnitt, den klinischen Fächern, behandelt werden.
Die Uni war trotz ihrer großen Hörsäle mit Studenten überbelegt. Im Anatomie-Hörsaal mussten auf 650 Sitzplätzen anfangs 800 Studenten Platz finden, sodass viele auf Treppenstufen saßen oder im Stehen zu schreiben versuchten. Die Uni war daher im eigenen Interesse und auch dem mancher Studenten selbst bestrebt, schwache, perspektivlose Hörer baldmöglichst aus dem Medizinstudium zu verabschieden. Das verkündete Professor Walter Kirsche (Anatomie der Nerven und des Gehirns) mit ironischer Deutlichkeit: „So viele von Ihnen sitzen und stehen unbequem. Das dauert nicht mehr lange. Wenn wir mit den Testaten [eine Art kurzer, scharfer Leistungskontrollen – d. A.] beginnen, werden bald alle einen guten Sitzplatz haben.“ Und Waldeyer wies vor unseren Ohren seine Assistenten an: „Bei den Testaten muss es Nullen [das heißt nicht bestanden – d. A.] hageln, damit wir endlich sieben.“ So geschah es, und im Hörsaal sah man bald leere Plätze. Die meisten Studenten kämpften bis zuletzt gegen die Schwierigkeiten des Lehrstoffes und der Prüfungen. Dennoch mussten in dieser Phase etwa 30 Prozent das Studium vorzeitig beenden, seltener durch definitiv unzureichende Zensuren, häufiger setzte schwere Erschöpfung den Endpunkt. Auch ich hatte im Fach Anatomie meine Schwierigkeiten, denn mein Handgeschick war fürs Präparieren etwas schwach ausgebildet und mein Formengedächtnis hätte auch besser sein müssen. So wusste ich rechtzeitig, dass chirurgische Fächer später für mich nicht in Frage kamen.
Wer es also bis zum Physikum und durch diese Prüfung geschafft hatte, war damals erst einmal ziemlich aus dem Gröbsten heraus. Bezeichnend ist, dass man im Hörsaal nach dem Physikum bei etwa der Hälfte der Studenten, die vor und unter einem saßen, vereinzelte graue Haare sah. Wir waren damals meist erst ungefähr 20 Jahre alt. Später verschwanden diese Anzeichen der hohen Belastung dann meist wieder.
Bei meiner Prüfung ging alles gut. Wegen meiner guten Prüfungsergebnisse erhielt ich weiter mein Leistungsstipendium, einen Zuschlag von 50.- Mark zum Grundstipendium. Da bei uns zu Hause stets Geldmangel herrschte, war ich auf diese Leistungszulage angewiesen, um überhaupt zu studieren. Meine Mutter bestand darauf, dass ich diesen Aufschlag gewinnen musste – wie schon erwähnt, war ich ihre lebende Altersversicherung. Von den Folgen dieser Bedrängnis berichte ich später.
Nach der Prüfung wollten wir feiern – so richtig einen drauf machen. Dann saßen wir uns beim billigen, extrem süßen bulgarischen Wein gegenüber und schwiegen uns an. So ging das nicht. Also Standortwechsel in eine billige Berliner Kaschemme – das gleiche Ergebnis. Wir waren einfach zu ausgebrannt, um froh zu sein. Zwei Wochen später lagen wir etwas erholt an der Ostsee, konnten nachholen und zusammen mit der bestandenen Prüfung erste Urlaubserlebnisse munter begießen.
Klinische Lehrer, Linser
Über die anschließenden drei Jahre klinischer Studien ist nicht viel zu berichten. Politisch war die Zeit an der Uni ruhiger. Das Studium bot jetzt Patientenkontakte und ebenfalls eindrucksvolle akademische Lehrer, von denen ich nur einige erwähnen kann. Ich erinnere mich besonders an Professor Linser, den Lehrstuhlinhaber für Hautkrankheiten der Charité. Er war ein konsequent links eingestellter, energischer bis bullig wirkender Mann. Linser kämpfte ohne Unterlass und ohne Rücksicht auf die Psyche seiner oft hochkarätigen Gesprächspartner für seine Patienten. Einmal zeigte er uns ein Bild eines durch Hauttuberkulose schrecklich entstellten Gesichtes. In das allgemeine Schaudern hinein, sagte er: „Das habe ich beim letzten Empfang Otto Grotewohl (damals Ministerpräsident der DDR) neben den Essteller gelegt und ihn gefragt, wann wir endlich dagegen wirksamere Medikamente kriegen.“
Solche Begebenheiten berichtete er häufig. Ob er bei den so Angesprochenen immer beliebt war, weiß ich nicht, erfolgreich war er allemal und für seine Ziele brannte er und konnte auch begeistern. Der Hörsaal war optisch super ausgestattet: Ferngläser an schwenkbaren Halterungen auf allen 400 Sitzplätzen, ein so genanntes Patientenepiskop, das ermöglichte, winzige Pickelchen des vorgestellten Patienten riesig groß zu projizieren. Hautärztliche Diagnosen werden weitgehend nach dem Aussehen der krankhaften Hautveränderungen gestellt, daher ist gutes Sehen hier so wichtig. Linsers Spitzenleistung war seine Klimatherapie und deren Durchsetzung. Damals kam mit seinem Zutun die Behandlung der Asthmatiker und Ekzematiker durch Seeklima auf. Nach jahrelangem Kampf hatte unser konfliktfähiger Professor tatsächlich ein Schiff für Kurreisen dieser Patienten binden können. Und nicht nur irgendein Schiff, sondern die „Völkerfreundschaft“, das bekannteste Urlauberschiff der DDR. Unter dem tat er es nicht! Das gelang ihm zwar erst nach Abschluss meines Studiums, aber gesprochen hat er schon vor uns von seinem hohen Ziel. Die Reisen schipperten nicht nur durch DDR-Hoheitsgewässer, sondern führten ins klimatisch günstige Mittelmeer, obwohl ab 1961 schon die Mauer stand und Fernreisen problematisch waren.
Prokop
Professor Otto Prokop, war aus Österreich gekommen, und las Gerichtsmedizin, die man heute meist Rechtsmedizin nennt. Er war ein bedeutender Fachmann, besonders auf dem damals neuen Gebiet der Haptoglobine. Das sind Blutbestandteile, deren Struktur präzise vererbt wird. Ihre Analyse diente daher wesentlich zur Vaterschaftsbestimmung, die vorher nur ungenauer möglich war. Mit diesem schmalen Merkmalspektrum ließen sich bei sexuell sehr wechselbereiten Kindsmüttern nicht alle als Kindesvater vermuteten Männer ausschließen. Hier konnten die von Prokop in unterschiedliche Gruppen differenzierbaren Blutbestandteile wesentlich weiter helfen, wenn auch diese Untersuchung nicht die absolute Sicherheit bot, die heute mit der Erbgutanalyse der DNS erreicht wird.
Prokop war ein ausgezeichneter Vortragender, der uns durch ungewöhnliche Fragestellungen immer wieder überraschte. Er setzte zur Veranschaulichung sehr viel Bild- und Filmmaterial ein, das in seinem Institut angefertigt wurde. So sahen wir Tatortfotos von Verbrechen und Zeitlupendarstellungen, wie ein Pistolengeschoss den menschlichen Körper zerfetzt. Diese Versuche wurden an Leichen gemacht. Die Ergebnisse sind für die Kriminalpolizei unentbehrlich. Eines Tages brachte Prokop, der stets im schwarzen Anzug, weißem Hemd und mit Fliege angetan seine Vorlesung hielt, eine Pistole zu Demonstrationszwecken mit – eine echte Parabellum 08. Es war ein faszinierender Anblick, wie der hochelegante Herr schnell, souverän und geschickt mit diesem Mordinstrument umging, um uns mit Übungspatronen zu zeigen, wie die leeren Hülsen bei den einzelnen Waffenmodellen seitlich oder nach oben ausgeworfen und nach ihrem Fundort der Platz des Schützen am Tatort bestimmt werden kann. Auch die Entfernung des Schützen zum Beschossenen lässt sich am letzteren feststellen.
Prokop demonstrierte uns auch Schädel-Röntgenbilder mit Resten eines Geschossprojektils im Gehirn. Sie stammten von einem Offizier der Naziwehrmacht, der sich nach dem Zweiten Weltkrieg als Antifaschist ausgab. Der Kopfschuss war ihm angeblich von einem anderen Offizier aus einer Entfernung von mehreren Metern bei einer politischen Auseinandersetzung beigebracht worden. Prokop wies nach, dass die Geschossbruchstücke eindeutig aus einem aufgesetzten Nahschuss in die rechte Schläfe stammten. In Wahrheit handelte sich also um die Überreste eines Selbstmordversuches. So lernten wir bei aller Sympathie für eine Sache eindeutig bei der Wahrheit zu bleiben!
Dost
Ein herausragend guter Erklärer schwieriger Zusammenhänge war der Kinderkliniker Professor Dost. Es gibt bei Menschen aller Altersgruppen die Fragestellung, wie rasch die Niere einen Stoff aus dem Blut ausscheidet. Das wird mit einer Zahl erfasst. Sie ähnelt mathematisch, aber eben wirklich nur rechnerisch, der Angabe von Halbwertszeiten radioaktiver Stoffe und wird Clearance-Wert (Klärwert) genannt.
In der Vorlesung über Innere Medizin beim Erwachsenen war das auch schon Thema, und ein guter Nierenspezialist und mittelmäßiger Erklärer mühte sich sechs Vorlesungsstunden mit der Darstellung ab. Danach hatte die Hälfte von uns etwa 50 Prozent des dargebotenen Stoffes verstanden. Als Kinderarzt ging Dost das Thema einige Zeit später an. Er benötigte dafür ganze 45 Minuten, drang in dieser Zeit bis zu mathematischen Beschreibungen des sinkenden Blutspiegels vor, erhielt – ganz unüblich, schon gar bei Mathematik vor Medizinern – mehrfach Szenenbeifall und vermittelte uns in dieser Zeit Kenntnisse, die ich noch heute jederzeit reproduzieren und auf analoge Sachverhalte im Beruf anwenden konnte. Leider blieb uns Professor Dost, dieser großartige Didakt und Autor des DDR-Fachbuches „Der Blutspiegel“ nicht erhalten, sondern ging nach Westdeutschland ab.
Gietzelt
Bemerkenswert war auch Professor Gietzelt, der Radiologe und Strahlentherapeut. Es war die Zeit der Atombombenversuche in der Atmosphäre und dem Boden, die weltweit entsprechende radioaktive Niederschläge hervorriefen, ahnungslose japanische Fischerbootsbesatzungen und Südsee-Touristen durch Strahlenkrankheit töteten, sowie missgebildete und radioaktiv strahlende Fische hervorbrachten. Hier sah sich Gietzelt auf seinem Fachgebiet gefordert.
Zweierlei hat er uns erklärt: Erstens gab es nach seiner Ansicht keine Untergrenze, unterhalb der radioaktive Strahlung unbedenklich ist. Um einige Details der Reparaturfähigkeit des menschlichen Körpers für Strahlenschäden ergänzt, gilt diese Ansicht auch heute weitgehend. Zweitens trifft es zwar zu, wie die Versuchsbefürworter damals entschuldigend erklären wollten, dass der Mensch im Durchschnitt bei allen Röntgenaufnahmen im Leben mehr ionisierende Strahlung(5) empfängt, als durch radioaktiven Niederschlag nach Kernwaffenversuchen. Aber ärztlich nach gewissenhafter Entscheidung vorgenommene Röntgenuntersuchungen dienen seinem Wohl, Kernwaffenversuche dem Gegenteil! Also sind derartige Vergleiche unakzeptabel.
Gietzelt stand mit seiner Meinung nicht allein und schließlich konnten derartige Versuche weltweit verboten werden. Gleichzeitig hat Gietzelt die Entwicklung strahlungsarmer Röntgenverfahren, wie der Schirmbildtechnik, unterstützt und zur überlegten Nutzung der Röntgendiagnostik gemahnt.
Die Famuli sind da
Medizinstudenten mussten in den Studienferien innerhalb der drei klinischen Studienjahre insgesamt sechs Monate Studienpraktika – sogenannte Famulaturen – in Krankenhäusern und anderen medizinischen Einrichtungen durchführen, um ihr Wissen durch Praxis zu vertiefen. Sie wurden dabei unter Aufsicht der Stations- und Oberärzte an Patienten herangeführt, lernten Blutentnahmen und die Verabfolgung von Spritzen, Sie erfragten die Krankenvorgeschichte (Anamnese), deren Wichtigkeit leider oft unterschätzt wird. Die Famuli wurden daher auch gelegentlich als Anamnesenknechte verulkt. Der Patient berichtet sehr oft über seine eigenen Deutungen und die Meinungen der vorher behandelnden Ärzte, soll aber dazu angehalten werden, den Hergang und die Beschwerden zunächst ganz ohne Bewertungen zu schildern. Das erfordert eine gute Mischung von freier Rede des Patienten, die sein Wesen spiegelt und gezielten, aber nicht suggestiven Fragen. Das will gelernt sein, erfordert Übung und oft auch weitere Nachfragen, wenn neue Befunde neue ärztliche Deutungen nahe legen.
Neuerdings trainieren Medizinstudenten das richtige Fragen sogar vereinzelt an eingewiesenen Schauspielern. Trotz aller Apparatemedizin ergeben sich auch heute noch ungefähr 50 Prozent aller Diagnosen aus der sehr gut erfragten Anamnese, also einem diagnostischen Verfahren, das billig und überall anwendbar ist sowie keine Nebenwirkungen hat.
Klose
In zwei Famulaturen spiegelten sich Besonderheiten der damaligen Zeit. Eine Famulatur machte ich im Krankenhaus Berlin-Friedrichshain unter Professor Klose, einem bekannten Schilddrüsenchirurgen. Ich konnte ihm einige Kniffe bei der Untersuchung dieser Patienten abgucken. Aber auch andere chirurgisch zu behandelnde Patienten lagen auf der Station. Einer litt unter den Spätfolgen einer Schussverletzung. Anamnese: Er war auf der Seite der Nazitruppen im spanischen Bürgerkrieg 1936–1939 bei Ibiza in eine Maschinengewehrgarbe der republikanischen Verteidiger geraten.
Auch im Nachbarzimmer litt ein Mann unter alten Kriegsverletzungen, ebenfalls im spanischen Bürgerkrieg empfangen, allerdings auf der anderen, der republikanischen Seite. Beide hatten feste Bettruhe, konnten sich also nicht begegnen. Der spanische Bürgerkrieg lag damals erst 20 Jahre zurück, da war es noch nicht ausgeschlossen, dass alter Streit erwachen könnte.
Katholische Lebens- und Berufsauffassung
Eine weitere Famulatur absolvierte ich im kleinen katholischen Krankenhaus Hedwigshöhe, bei Berlin-Grünau, einer Zweigstelle des bekannteren Hedwigskrankenhauses im Berliner Zentrum. Ich hatte mich dort beworben, weil ich, obwohl damals selbst nur noch Christ pro forma, christliche Menschlichkeit aus der Nähe kennen lernen wollte. Schon die Anmeldung bot eine Überraschung. Frage der Anmeldeschwester: „Religion?“ Ich stutzte – diese Frage war in der DDR unzulässig und unüblich. Sie sah mein verdutztes Gesicht und entschied kühl: „Also evangelisch“ und traf es damit. Offenbar wurden die Ergebnisse dieser Befragung nicht nur notiert. Als wir Famuli – wir waren im ganzen Hause wohl drei – eines Tages in unseren Aufenthaltsraum kamen, lag kommentarlos ein großer Bildband auf dem Tisch. Er zeigte in ausgezeichneten Fotos mit Erläuterungen Prozessionen zum katholischen Fronleichnamsfest. Das Vorwort widmete den Prachtband ausdrücklich den Menschen nicht-katholischen Glaubens. Sie sollten bildhaft sehen, welche seelisch erhebenden Feiern Katholiken begehen und wie große Menschenmassen die Kirche mobilisieren konnte. Wir blätterten das Buch sorgsam durch und damit war die Sache erledigt. Niemand sagte uns, er habe es hingelegt, niemand fragte uns, ob es uns gefiele. Einige Tage später war der Band wieder fort. Da wir in keiner Weise bedrängt wurden, nahmen wir die Sache als faires geistliches Angebot, das uns zu nichts verpflichtete.
Im Krankenhaus Hedwigshöhe begegnete ich zum ersten Mal im Leben Nonnen, Krankenschwestern, die dem Boromäer-Orden angehörten. Ihre große, klapperhart gestärkte Haube war hinderlich beim Telefonieren, denn sie konnten den Hörer nur außen an die Haube halten. Wer das wusste, sprach am Telefon etwas laut mit ihnen. Das Telefon in ihrer Hand, dazu meist die moderne Armbanduhr am Handgelenk bildeten zur mittelalterlichen Tracht einen seltsamen Kontrast, der ihnen aber nicht mehr bewusst war. Trotz ihres Verzichts auf Sexualität, Ehe, Familie, Kinder fand ich in ihnen überwiegend lebensfrohe Naturen, die vielleicht zufriedener mit sich und der Welt waren, als andere Menschen, die sich weniger Verzicht auferlegten – für mich ist das bis heute erstaunlich aber unverständlich und keinesfalls nachzuahmen.
Eines Tages fiel vor den Ohren einer Krankenschwester der alltägliche Satz: „Wenn ich sterbe, dann möglichst rasch, am besten im Schlaf.“ Das galt damals wie auch meist heute als oft geäußerter Wunsch. Die Schwester aber protestierte lebhaft: „Das ist Sterben wie ein Hund! Ich will mich richtig und ordentlich von der Welt verabschieden, ehe ich gehe.“ Ich war beeindruckt, wenn auch nicht überzeugt: so hatte ich das nie gesehen. Sehr bald erlebte ich das Gesagte in der Praxis. Eine tief gläubige Patientin wusste, dass sie nur noch wenige Stunden zu leben hatte. Sie empfing die Tröstungen des Hausgeistlichen und auch die besonders liebevollen Worte und Pflegemaßnahmen der Schwestern. Dann starb sie gefasst. Kommentar der Schwestern: „So kann man nur im festen Glauben an Gott sterben. Wir haben hier schon manchen Parteifunktionär sterben sehen. Sie alle verloren beim unausweichlichen Ende die Beherrschung und starben elend und in Angst“.
Mir war es damals einfach wichtig, auch diese Haltung, die von meiner eigenen doch spürbar abwich, unmittelbar kennen zu lernen. Wie ich heute weiß, wollen auch gläubige Muslime ihr Sterben bewusst gestalten. Sie versammeln ihren Familienkreis um sich und fragen: „Gibt es noch eine unbeglichene Schuld?“(6) Und von antifaschistischen Widerstandskämpfern im Zuchthaus berichtet die Literatur, sie hätten zwischen Verhören und Foltern noch ihre letzten Kenntnisse und Meinungen an die Mitgefangenen übermittelt „weil mir vielleicht dafür keine Zeit mehr bleibt“.
Chef des Hauses Hedwigshöhe und gleichzeitig Chefchirurg war ein Dr. Pochhammer, selbst natürlich gläubiger aber in diesem Punkte schweigsamer Katholik. Er war durch die Ehe mit der Tochter eines großen Pharma-Betriebsinhabers zu viel mehr Geld gekommen, als er im Beruf je verdienen konnte. Man munkelte von Millionen, was damals noch mehr als heute bedeutete. Für seinen Lebensunterhalt brauchte er sich die Belastungen des Chefchirurgen keineswegs aufzuladen. Aber er war der Meinung, dass ein Mann im besten Leistungsalter nicht faulenzen dürfe. An ihm war zweierlei zu beobachten: Sein Geld beruhigte ihn spürbar und seine aufreibende Arbeit machte ihn offenbar zufrieden.
Vormilitärische Ausbildung für Ärzte?
Eines Abends sollten wir während einer FDJ-Versammlung wohl überrumpelt werden. Soweit ich mich erinnere, war die Tagesordnung vorher nicht bekannt gegeben worden, obwohl das FDJ-Statut das vorsah. In der Beratung wurden wir dann plötzlich und ziemlich dringlich aufgefordert, uns zur vormilitärischen Ausbildung bereit zu finden. Zwar hatte ich, wie schon beschrieben, vor Studienbeginn eine Ausbildung in der GST durchgemacht, die ebenfalls mit Waffen zu tun hatte. Aber indessen kannten wir ein wenig die Genfer Konvention, die dem Sanitätspersonal allenfalls die Selbstverteidigung bei Übergriffen gegnerischer Truppen gestattet. Genau damit wurde die Aufforderung zur Ausbildung auch begründet.
Aber allzu viel Ausbildung und die drängende Art der Aufforderung waren uns verdächtig. Was steckte wirklich dahinter? So herrschte betretenes Schweigen. Ich brach trotz meiner Furcht vor den Folgen die Stille und erklärte, das sei mit meinem Gewissen unvereinbar, auch weil unter Realbedingungen keine Garantie bestünde, dass es bei Selbstverteidigung bliebe. Ich hatte kaum gesprochen, da brachen die Dämme. Die Masse der Studierenden lehnte die Ausbildung ab. Der vorbereitete Beschluss konnte nicht durchgesetzt werden. Die Versammlung endete ohne Ergebnis und der Verlauf war am nächsten Tag im ganzen Studienjahr bekannt.
Natürlich drängten die staatlichen Oberen und die der FDJ weiter. Allerdings habe ich später erfahren, dass es auch in der Hochschulgruppenleitung der FDJ Widerspruch gegeben hatte, darunter durch eine Studentin, die wir später noch näher kennenlernen werden. Aber auch ohne diese Kenntnis wehrten wir uns weiter, zitierten die Genfer Konvention und manches weitere Argument. Ein Student bemerkte öffentlich: „Ich bin kein Held und will auch keiner werden.“ Andere, mit denen ich mich am Biertisch beriet, waren raffinierter. Einige verstanden angeblich ein wenig von militärischen Dingen. Sie argumentierten genau anders herum. Der militärisch Halbgebildete gefährdet sich bei Waffengebrauch nur unnütz. Er sollte sich besser ergeben. Aus dieser Logik heraus verlangten sie eine komplette Ausbildung, die nur so Sinn hätte. Die war natürlich neben dem Medizinstudium nicht möglich und eine Studienunterbrechung angesichts des Ärztemangels stand nie zur Diskussion. Also liefen diese schlitzohrigen Argumente ebenfalls auf eine Ablehnung hinaus, ohne dass sich die Vertreter dieser Richtung besonders exponierten. Solche aalglatte Taktik hat mir selbst nie gelegen. Ich ging die Dinge immer frontal und dabei oft unklug an. Daran hat sich bis heute wenig geändert.
Es gab in dieser Zeit eine Zwischenprüfung in Gesellschaftswissenschaften. Die Prüfungsfragen waren für mich leicht, da sie sich mit der Geschichte des Dritten Reiches befassten und ich meinen sehr guten Schulunterricht voll anwenden konnte. So steuerte schon alles auf die Note Eins hin, da kam der Schlag: Der Prüfer erwartete nicht nur Kenntnisse, sondern Zustimmung zur Staatspolitik und forderte meine Unterschrift zur vormilitärischen Ausbildung. Sonst wären meine gute Zensur und damit das Leistungsstipendium dahin. Damit wäre das Studium insgesamt in sehr ernste Gefahr geraten. So unterschrieb ich verlogen lächelnd und innerlich zähneknirschend.
Ich konnte die Blamage vor mir selbst und meinen Mitstudenten aber gerade noch so ertragen, denn der Protest gegen unsere vormilitärische Ausbildung hatte indessen so viel Eigengewicht gewonnen, dass das Vorhaben nicht mehr ernstlich durchsetzbar war. Außer ein paar Marschübungen, an denen sich trotz allgemeiner Pflicht nur wenige Kommilitonen beteiligten, und anderen lächerlichen Versuchen, so zu tun, als fände etwas statt, kam nichts von Bedeutung nach. Nur ich hatte den Ärger. Studenten aus gut situierten Arzthaushalten, die meine Geldsorgen gar nicht verstehen konnten, schalten mich ins Gesicht hinein, ich hätte mich verkauft. Das musste ich schlucken, denn sie hatten ja Recht.
Arbeitseinsätze
Arbeitskräftemangel war in der DDR ein Dauerzustand. So wurden bei besonderen Arbeitsbelastungen in der Industrie und der Landwirtschaft Studenten jährlich ein Mal zu Arbeitseinsätzen herangezogen, die meist knappe zwei Wochen dauerten. Natürlich kamen nur Hilfsarbeiten in Frage, meist Kartoffeln vom Acker sammeln. Das geschah damals noch mit Hand, Vollerntemaschinen gab es erst später. Im Winter gab es in den riesigen Tagebauen des Lausitzer Braunkohlenreviers immer wieder die gleichen Schwierigkeiten: Die beweglichen Gleise, auf denen die Kohle aus dem Tagebau gefahren wurde, versackten in Matsch und Schlamm oder froren am Erdreich fest. Die vereiste Rohbraunkohle, die von der Reibungswärme beim Baggern aufgetaut war, fror beim Transport in den stählernen Transportwagen wieder fest und musste zum Entladen losgeschlagen werden.
Ungläubig staunend sahen wir am Bahnhof Senftenberg frisch gefallenen Schnee, der schon nach zehn Minuten eine Rußschicht trug. Luftreinhaltung war in dieser Gegend damals abgeschrieben, die elektrischen Rauchgasfilter der Kraftwerke waren außer Betrieb, da sie ungefähr sechs bis sieben Prozent der erzeugten Energie fraßen. Bewundernd standen wir vor der gewaltigen Tagebautechnik: Bagger, deren Schaufeln anderthalb Kubikmeter Erdreich fassten, Schaufelradbagger, die Rohbraunkohle aus dem Flöz abschabten, als sei sie lose. Nie hatten wir lose auf die Erde gelegte, bewegliche Bahngleise gesehen. Ein Braunkohlentagebau ist ein riesiger Graben, der nach der Abbauseite wandert, das Erdreich über der Braunkohle (Abraum) abträgt, die Braunkohle darunter entnimmt und das Erdreich auf der ausgekohlten Seite mit einem riesigen Transportband, Förderbrücke genannt, abkippt.

Schema eines Braunkohlentagebaues – eigene Zeichnung

Wirkprinzip einer Abraumförderbrücke - wikipedia, modifiziert nach Loeff
Dazu muss alles auf der Tagebausohle in Abbaurichtung wandern: Tagebaugeräte, Bahngleise samt zugehörigen Stromleitungsmasten und sogar die Aufenthaltsbuden sind über einen Stahlträger mit dem Gleis verbunden. Die Gleise werden mit einer Gleisrückmaschine bewegt. Es beeindruckte uns fürs Leben, als wir in der Frühstückspause Kaffee eingossen und das Geräusch des Gleisrückers noch nicht kannten. Plötzlich ruckte unser Aufenthaltsraum 30 Zentimeter weiter und der heiße Kaffee war auf der Hose. So lernten wir, vorher zum Fenster hinaus zu sehen und erst danach mit Kanne oder Besteck zu hantieren.
Tagebaugeräte sind Wunder der Großtechnik. Die Förderbrücke in Lichterfeld bei Finsterwalde dient heute nach ihrer Stilllegung als viel bestaunte touristische Attraktion. Eine französische Delegation, für die meine Frau dolmetschte, beeindruckte es besonders, dass sie mit 502 Metern Länge wesentlich größer ist, als der Eiffelturm, der 320 Meter in der Höhe misst. Und außerdem war sie, als sie im Dienst stand, auch noch beweglich!
Genschmar
Mehrere Begebenheiten erinnern mich an das Dorf Genschmar (jetzt Bleyen-Genschmar) im Oderbruch, Nähe Kostrzyn/Küstrin. Dort hatte die Sowjetarmee bereits Ende Januar 1945 einen Brückenkopf über die Oder gebildet, der bis Mitte April heiß umkämpft war, wobei der Ort fast völlig zerstört wurde. Mühsam und notdürftig wieder aufgebaut, riss das Oderhochwasser 1947 erneut das halbe Dorf fort. Die Bevölkerung verlor vieles, auch den Lebensmut. Genschmar wurde deshalb zum Jugendobjekt erklärt. In Jugendobjekten, von denen es in der DDR mehrere gab, sollten unter Organisation der FDJ und mit dem Arbeitselan junger Menschen besondere Kraftanstrengungen helfen, schwierige, auch entbehrungsreiche Aufgaben zu lösen. So lernten auch wir Medizinstudenten ungefähr 1958 diese Ortschaft kennen.
Vielleicht war uns der (falsche) Ruf voraus gegangen, Faulpelze zu sein, oder die dortige FDJ-Leitung war über unsere früheren Studentenunruhen verzerrt unterrichtet. Jedenfalls empfing uns der örtlich verantwortliche Funktionär mit einer drohenden Rede und dem Satz: „Ich diskutiere mit der Faust auf dem Tisch!“ Das war nun genau das falsche Rezept. Geht es ruhig und sachlich um Argumente, kann ein Einzelner seine Meinung behaupten und vielleicht auch eine Masse überzeugen. Aber da es hier mehr um Lautstärke gehen sollte, waren wir 34 jungen Männer und 17 Mädchen, die sich untereinander kannten und verstanden, dem einen Jugendfunktionär stets stimmlich überlegen. Gleich am ersten Abend setzten wir andere Quartiere für unsere Mitstudentinnen durch, da die zugewiesenen bei leichten Oktober-Nachtfrösten nicht heizbar und nur mit zugigen Fenstern ausgestattet waren. Sie zogen in unsere etwas bessere Baracke, in die leer gebliebenen Zimmer ein. Die Furcht der örtlichen FDJ-Leitung, das Jugendleben könnte dann nachts vielleicht zu froh werden, erwies sich als unbegründet, obwohl natürlich auch Medizinstudenten keine Mönche oder Nonnen sind.
Eines Abends – wir bereiteten gerade ein kleines Fest vor – wurden wir Jungen noch einmal herausgetrommelt. Auf der nächsten Bahnstation war außerplanmäßig ein Waggon mit Mauersteinen eingetroffen, die wir noch abends entladen sollten. Ein Zimmerkollege, dem ich meinen Unwillen ausdrückte, schrie mich an, dass solche Unregelmäßigkeiten der Eisenbahn schon vorkommen könnten und durch unsere Arbeit auszugleichen seien. Ich spottete zurück, dass die Demontage des zweiten Eisenbahngleises durch die UdSSR uns solche Transportstörungen beschert hätte. Alles grinste. Er schwieg.
Konkreter verlief die Debatte mit dem örtlichen FDJ-Verantwortlichen, der mit uns in der gleichen Baracke lebte. Er versicherte unter unserem Druck, er würde bei der Waggon-Entladung mithelfen. Wir sollten ihm Bescheid geben, wenn der LKW da wäre, der uns hinbrächte. Dann jedoch schloss er sich in seinem Arbeitszimmer ein und vergaß seine Zusage in den Armen eines lieben Mädchens aus der Nachbarschaft. Doch nicht lange: Der angekündigte LKW traf ein und wir stiegen auf. Und dann begannen die Sprechchöre, straßenweit hörbar, die unseren FDJ-Freund riefen. Keine Reaktion. Der LKW wartete und zwei unserer kräftigsten Leute stiegen ab, um an seiner Tür zu klopfen und zu rufen. Keine Reaktion.
Schließlich traten sie die Tür ein, ließen dem vergesslichen Verantwortlichen nur wenige Augenblicke und verluden ihn dann samt Mädchen, das immer noch an seinem Hals hing, auf das Fahrzeug. Die Schöne wurde unterwegs nahe ihrem Elternhaus abgesetzt und unser Freund beim Abladen und Weiterreichen der Mauersteine so eingereiht, dass es kein Entrinnen, Bummeln oder Kneifen geben konnte. Der Erfolg war überwältigend. Er bedankte sich, von uns gerufen worden zu sein, lobte die Schönheit gemeinsamer Arbeit und über die eingetretene Tür wurde kein Wort verloren. Als wir zurück kamen, hatten unsere Mitstudentinnen schon alles wunderbar vorbereitet und die Fete konnte sofort losgehen. Sie wurde noch schöner, als wir vorher gehofft hatten.
Unsere Gruppe musste einen Straßengraben ausheben. Keine leichte Arbeit. Der Boden war lehmig und musste gründlich mit der Spitzhacke gelockert werden. Nach dem Ausheben klebte er teilweise so fest am Spaten, dass er ebenfalls mit der Hacke von ihm abgeschlagen werden musste. Bei dieser nur langsam voranschreitenden Arbeit bemerkten wir an einer Stelle eine blaue Verfärbung des Erdreiches, das dort noch zäher war. Plötzlich stießen wir auf einen Knochen. Ein Blick genügte uns Medizinern: das Felsenbein eines Menschen, ein Teil der Schädelbasis. Wer es durch Gewalteinwirkung verliert, lebt sicherlich nicht mehr. Beim nächsten Spatenstich kam eine Medaille an Licht, eine sowjetische Kriegsauszeichnung mit einer Nummer auf der Rückseite. Mir fiel das traurige Amt zu, Knochen und Medaille abends auf dem Gemeindebüro abzugeben und den Fundort sowie die Umstände für ein Protokoll genau zu beschreiben. Vielleicht hat dadurch eine Familie im weiten Sowjetland letzte traurige Gewissheit über das Schicksal eines Angehörigen erhalten – ich habe es nie erfahren.
Eine ungewöhnliche Vorlesung
Vorlesungen sind zur Vermittlung des Lehrstoffes und Darstellung der wissenschaftlichen Überzeugung des Dozenten bestimmt. Eine bemerkenswerte Ausnahme machte einmal der Lehrstuhlinhaber für Chirurgie, Professor Felix.(7) Er hatte sich einige Tage von einem Assistenten vertreten lassen und „entschuldigte“ sich für seine Abwesenheit mit den Worten: „Ich war in Mexiko-City zu einem internationalen Fachkongress. Thema: Das Carcinom!“ Dann erläuterte er uns kurz die aktuelle Tendenz, den Krebs nicht nur herauszuschneiden, sondern stärker auch Bestrahlung und Medikamente einzusetzen – ein Trend zur kombinierten Therapie, der bis in die Gegenwart anhält.
Und dann machte er uns eine große Freude: „Sie werden ja zum großen Teil nie nach Mexiko kommen. Ich habe Ihnen einige Dias mitgebracht“. So zeigte er uns die teils von altindianischer, vom spanischen Kolonialbaustil und vom modernen Mexiko geprägten Bauten, wie das Haus der drei Kulturen und die großartigen Bilder von Diego Rivera, David Alfaro Siqueiros und José Clemente Orozco. Mir fiel besonders ein Bild auf. Es verglich Kapitalismus und Kommunismus in allegorischer Darstellung. Beherrschend thronten Marx, Lenin und Trotzki, der in der DDR so sehr Verpönte. Auf der Seite des Kapitalismus erblickte man Armut und irrsinnigen Reichtum, Krieg und die Göttin der Vernunft von antiker Schönheit – und in Ketten. Der Kommunismus war positiv dargestellt: frohe Arbeiter, Harmonie und Freude. Mittendrin ein Wermutstropfen: die Göttin der Vernunft – frei, aber ohne Kopf! Ich kann nicht mehr feststellen, welcher der großen mexikanischen Monumentalmaler dieses Werk geschaffen hat. Im Internet ist das Kunstwerk für mich nicht auffindbar. Aber seit dem Lichtbildvortrag von Felix finde ich die mexikanischen Monumentalmaler noch eindrucksvoller, als vorher schon.
Erster Promotionsversuch
Der Doktortitel war und ist für den Mediziner neben seinem wissenschaftlichen Wert eine Imagefrage. Patienten reden ihren Arzt damit an, egal ob der ihn führt oder nicht. Die dazu nötige Dissertation darf zwar erst nach dem Staatsexamen eingereicht und beurteilt werden, aber nichts sprach damals – die heutige Praxis kenne ich nicht – dagegen, schon vorher an dieser Schrift zu arbeiten. Damit begannen viele nach dem Physikum, das heißt im dritten bis fünften Studienjahr. Voran gingen diejenigen Kommilitonen, deren Eltern Ärzte waren, weil sie wussten „wie der Hase läuft“.
Zum Promovieren brauchte man einen Doktorvater, der ein Thema vergab, also eine kleine Forschungsaufgabe, deren Ergebnis er in sein wissenschaftliches Gesamtkonzept einbauen konnte. Wir waren in Berlin nach dem Physikum noch ungefähr 320 Studenten in unserem Studienjahr, die anderen waren teils dem Studium nicht gewachsen, zum anderen Teil an die Medizinischen Akademien Magdeburg und Dresden abgegangen. Diese Orte verfügten über keine vorklinischen Lehrstätten, konnten jedoch das klinische Studium in guter Qualität durchführen, sodass viele Studenten dorthin gingen, weil sie aus diesen Gegenden waren.
Alle drei Studienjahre hatten zusammen demnach ungefähr 1000 Studenten und fast alle wollten einen Doktorvater haben, den man selbst wählen und ansprechen musste. Kein Wunder, dass viele Lehrstuhlinhaber über solche ehrenvollen Bitten nicht nur froh waren, sondern schon genug Kraft in die wissenschaftliche Anleitung ihrer bereits angenommenen Doktoranden steckten und weitere Anfragen eher als Plage empfanden. Dazu kam noch etwas anderes. Manche Lehrstuhlinhaber gingen in den Westen und fielen damit für die weitere Betreuung ihrer Doktoranden in Ostdeutschland aus. Einige Studenten, die ihre Dissertation schon begonnen hatten, konnten dann mit viel Glück einen anderen Dozenten finden, der die angefangene Arbeit für seine Vorhaben gebrauchen konnte und sie unter seiner Regie fortführen ließ. Aber das war nicht immer möglich. Dann wanderten die bisherigen Arbeitsergebnisse meist in den Papierkorb. Einen Mitstudenten in meiner Seminargruppe traf dieses Missgeschick in knapp drei Jahren drei Mal. Dann war seine Geduld am Ende. Er folgte seinem letzten Doktorvater nach Westdeutschland, studierte dort weiter und setzte dabei auch seine angefangene Dissertation fort.
Auch ich selbst hatte auf diesem Gebiet kein besonderes Glück. Ich arbeitete beim Physiologen Pichotka, einem guten Fachmann aus Süddeutschland, über Wärmeregulation des menschlichen Körpers. Dazu mussten Versuchspersonen eine Hand in eiskaltes Wasser hängen, erst unvorbereitet, dann nach Aufheizung ihres Körpers mit einem warmen Fußbad. Die Kältewirkung auf die gekühlte Hand wurde an ihr selbst und die Fernwirkung dieser kalten Bäder wurde – das war das Wichtigste – vergleichend auch an der anderen Hand gemessen.
Meine Versuchspersonen für diese Experimente sollte ich selbst unter den Kommilitonen und anderen Bekannten werben. Geld oder eine andere materielle Entschädigung gab es dafür nicht und meine schmale Börse schied dafür aus. Natürlich hielt sich der Andrang der Versuchsteilnehmer in äußerst überschaubaren Grenzen; die häufigste Versuchsperson war ich selbst. Da ich auch noch die Versuchsapparaturen aufbauen, sowie das Stangeneis für die Wasserkühlung manuell zerkleinern und herantragen musste, waren die Messergebnisse durch diese zahlreichen Störfaktoren beeinträchtigt und ihnen nur schwer eine klare Aussage zu entnehmen.
Dennoch ermutigte mich Pichotka weiter zu machen und die Resultate schriftlich niederzulegen. Das zog sich, weil sie schwer interpretierbar waren, bis über das Staatsexamen hinaus, über das ich noch berichten werde. So werkelte ich noch während meiner ersten Monate in Demmin neben meiner begonnenen Berufsarbeit daran – bis zum 13. August 1961. An diesem Tag errichtete die DDR die Mauer, mit der sie Westberlin einschloss. Pichotka verbrachte seinen Jahresurlaub gerade in der westdeutschen Heimat. Er bot – so habe ich dann gehört – der DDR seine Rückkehr an, wenn man ihm seinen westdeutschen Pass und damit die Reisefreiheit beließe. Das wurde abgelehnt. So blieb er drüben. Natürlich hatten das seine Assistenten und Doktoranden, die in Berlin arbeiteten und lebten, sofort erfahren und konnten sich unverzüglich entsprechend kümmern. Ich hatte einen Informationsrückstand von etlichen Tagen. Da war jeder telefonische Versuch in Berlin schon sinnlos, von persönlichen Vorsprachen zu schweigen. So blieben mir nur ein voller Papierkorb, Erinnerungen und ein paar Kenntnisse wie der Mensch sich selbst heizt und seine Wärme abgibt.
Ein Investiturball und seine schönen Folgen
Am 10. Juni 1959 erhielt die Humboldt-Universität einen neuen Rektor. Das nennt man traditionell Investitur, im Lateinischen „Einkleidung“, hier Einführung in sein Amt. Der Tag war vorlesungsfrei. Dafür gab es vormittags eine große Festveranstaltung mit Reden, dem Akademischen Senat in vollem Ornat und guten Musik- und Tanzdarbietungen. Wir sollten den Festakt möglichst besuchen, was sich wegen des kulturellen Niveaus auch lohnte. Abends wurde der neue Rektor traditionell mit einem Studenten-Tanzvergnügen, dem Investiturball, gefeiert. Auf Zureden meiner Freunde ging ich hin. Es war ja immerhin eine Gelegenheit, Studenten und besonders Studentinnen anderer Fakultäten kennen zu lernen. Sehr bald gefiel mir eine freundliche junge Dame im grünen Kleid, die von ihrer älteren Schwester begleitet wurde. Wir tanzten viel miteinander und ich begleitete sie bis an ihre Haustür. Wir trafen uns dann fast jede Woche und lernten uns näher kennen. So erfuhr ich auch, warum sie zum Investiturball gekommen war – es war ihr 22. Geburtstag und in ihrem Studentenzimmer langweilte sie sich. Sie war Romanistin, spezialisiert auf Französisch und Latein und wollte Lehrerin für diese Fächer werden. Ich komme noch mehrfach und gern darauf zurück.
Den Arbeitsort wählen
In der DDR galt die Maxime: der Staat bezahlt das Studium, verlangt aber dafür, dass der Absolvent in den ersten drei Berufsjahren dorthin geht, wo ihn der Staat am dringendsten benötigt. Das löste zwar bei manchen Studenten wenig Freude aus, wurde aber durchgesetzt. Nur liefen die Lenkungsmechanismen dafür bei den Medizinern und bei den Lehrern unterschiedlich ab.
Bei den angehenden Ärzten hingen mehrere Monate vor dem Staatsexamen Listen mit den Ortsnamen aus, die dringend Ärzte brauchten. Und die wurden fast überall gebraucht. In der Praxis war daher die Pflicht, an den staatlich vorgegebenen Arbeitsort zu gehen, mit einer breiten Wahlmöglichkeit verbunden. Nur Berlin bildete eine Ausnahme. Weil es relativ gut ärztlich besetzt war, hatten nur wenige Absolventen die Chance, in Berlin zu bleiben. Allerdings nahm man auf jene Rücksicht, die in Berlin ehelich gebunden waren. Bei den Romanisten war das ähnlich, sodass dort gewitzelt wurde: „Berlin ist eine Ehe wert.“ Sonst aber gab es für die angehenden Lehrer nur die allgemeinen Vorgaben, dass sie sich im Oderbruch oder im Bezirk Neubrandenburg (heute Mecklenburg-Vorpommern) bewerben sollten.
Meine Freundin und ich kannten uns indessen zwar gut und wollten uns nicht durch das System der Arbeitsplatzlenkung trennen lassen, eine Ehe zu schließen aber erschien uns doch noch verfrüht. So entschlossen wir uns, beide nach Mecklenburg zu gehen, denn dort wurden Ärzte ebenso wie Lehrer gebraucht. Das erhöhte die Möglichkeit, in den gleichen Ort zu gelangen. Mit dem gemeinsamen Arbeitsort wollten wir aber keine gegenseitige Verpflichtung eingehen. Schließlich konnten wir ihn ja auch nach drei Jahren gemeinsam oder auf getrennten Wegen wieder verlassen oder dort bleiben und andere Partner wählen. So entschieden wir uns für Demmin, das ich später noch genau beschreiben werde.
Staatsexamen
Hier verrichtete die FDJ unseres Studienjahres zwei bemerkenswerte Taten. Erstens organisierte sie, dass der gesamte Lehrstoff auf die Studenten aufgeteilt und von jedem der ihm zugewiesene Lehrabschnitt prägnant zusammengefasst wurde. Daraus entstand ein Skript – eine Übersicht über die gesamten Lehrinhalte von drei Jahren, verfasst von Studenten. Dieses Skript war sicherlich nicht der Stein der Weisen, aber als Leitfaden, der zum ausgewählten Durcharbeiten der Fachbücher hinführte, hat er mindestens mir gute Dienste geleistet. Andere urteilten weit kritischer darüber.
Zweitens brachte es die FDJ fertig, unter uns Studenten Geld einzusammeln und damit für den Lehrkörper ein Abschlussfest – heute würden wir es Dankeschön-Veranstaltung nennen – mit festlicher Musik, einer Dankesrede des FDJ-Studienjahresverantwortlichen und wunderbaren Blumensträußen für unsere akademischen Lehrer zu organisieren. Die Freude war bei ihnen allgemein. So etwas hatte es bis dahin nie gegeben und ist mir auch nachher oder von anderer Seite nie wieder bekannt geworden.
Nun zum Staatsexamen selbst. Die Zulassungsordnung verlangte Teilnahmebestätigungen („Scheine“) von insgesamt 42 Kursen, was kaum Probleme bereitete. Nach erteilter Zulassung hatte man binnen fünf Monaten 15 Prüfungen zu bestehen. Die Reihenfolge der Prüfungen konnten sich die selbst zusammengetretenen Vierergruppen von Prüflingen frei wählen, sie waren allerdings von den Terminvereinbarungen mit und den Terminfestlegungen der Prüfer abhängig. Wir vier unserer Gruppe vereinbarten unsere Prüfungsreihenfolge, lernten dazwischen jeder für sich und prüften uns dann zwei Tage vor dem jeweiligen Examen gegenseitig. Unsere Zeitspanne erstreckte sich von Mitte Juli bis zum 12. Dezember 1960. Nach dem schon früher gegebenen Rat Waldeyers, lernten wir am allerletzten Tag nichts mehr, sondern entspannten uns oder gingen noch besser mit dem anderen Geschlecht spazieren, was sich als ausgezeichneter Rat gegen Prüfungshektik erwies. Ich hatte ja seit dem Investiturball dafür eine liebe Begleiterin. Sie musste allerdings schon im September 1960 ihre Arbeitsstelle in Demmin antreten. So ersetzten Briefe die Begleitung und ich war nie vorher und nie hinterher ein so fleißiger Briefschreiber, sondern war meist und bin bis heute ein ausgemachter Schreibmuffel. Meine Mutter zog verständnisvoll lächelnd richtige Schlüsse aus diesem auffälligen, für mich ganz untypischen Eifer.
Die Prüfer waren oft die Lehrstuhlinhaber, die wir im Hörsaal gesehen hatten, noch öfter ihre mehr oder weniger bekannten Oberärzte oder Assistenten. Ich kann mich an korrekte und gewissenhafte Prüfungen erinnern, teilweise auch an die Prüfungsfragen. Die meisten Prüfungen wurden mit einer Patientenuntersuchung eingeleitet, nach der wir einen Bericht, wenn möglich mit der Diagnose oder den weiteren Untersuchungsschritten geben sollten. Daraus entwickelte sich dann das Prüfungsgespräch, durchmaß theoretische und grundsätzliche Fragen, mögliche andere Diagnosen und vieles mehr.
Bis heute halte ich das für besser, als Tests mit Fragebogen, die zwar bei Streitfällen gerichtsfester sind, als die Mitschrift eines Prüfungsgespräches, aber die nicht – ohne oder mit Hilfen des Prüfenden – die logische Entwicklung eines Gedankenganges durch den Prüfling ermöglichen und zeigen. Eine gute Prüfung ist ja nebenbei auch lehrreich für den Prüfling und ich weiß von einem Altsprachler, der sich explizit vorgenommen hatte, jeden Prüfling noch im Examen zu einer neuen Einsicht zu führen. Meiner Freundin zeigte er zum Beispiel im Examen einen Bronzenagel, ein Stück, das bei Ausgrabungen antiker Kulturgüter gefunden worden war.
Gelegentlich konnten Prüfer hart werden. So redeten kurz vor dem Staatsexamen zwei Studenten im Hörsaal lebhaft miteinander, während der Vortragende, Professor Zwicker, einen Patienten vorstellte. Solche Disziplinlosigkeiten waren hier noch unpassender, als in anderen Studienrichtungen, weil sie dem demonstrierten Patienten nicht entgingen. Entsprechend waren sie mit Recht beim Lehrkörper sehr verpönt. Zwicker bestellte, seinen Vortrag kurz unterbrechend, beide Schwätzer nach der Vorlesung in sein Zimmer und fügte hinzu, falls sie nicht kämen, wären sie im Staatsexamen – jedenfalls bei ihm – chancenlos, was immer sie auch wüssten oder könnten. Sicher sind die unaufmerksamen Studenten hinterher zu ihm geschlichen, denn Chirurg Zwicker ließ seinen Worten Taten folgen.
Wir mussten ungeachtet der Sommerhitze zur Prüfung im schwarzen Anzug erscheinen, die Damen im schwarzen Kostüm. Eine glaubte wohl, Professor Felix durch ihre sehr tief ausgeschnittene Bluse zu beeindrucken. Das war auch der Fall, allerdings auf sehr andere, ihr wohl unangenehme Weise. Felix: „Ach, Sie wollen in die Sommerfrische fahren. Dann fahren Sie doch und kommen erst im Herbst wieder“! Damit war sie bei ihm vorerst entlassen. Was aus einem neuen Prüfungstermin und weiter daraus geworden ist, hat sich nicht herumgesprochen. Heute würden Eltern vielleicht ihren Rechtsanwalt ansetzen, die Rechte des Studenten in der Prüfungsordnung zitieren und andere Anstrengungen unternehmen. Damals kam uns nicht einmal ein derartiger Gedanke. Übrigens waren sowohl Professor Zwicker als auch Felix aus Westberlin.
Wir vier aus unserer Prüfungsgruppe hatten Glück – auch das Glück des Tüchtigen, denn hineingekniet hatten wir uns ganz schön in die Materie. Alles ging gut und auch dieser Erfolg wurde gefeiert. Dieses Mal waren wir aufnahmefähiger und konnten schon den ersten Abend einigermaßen genießen.
1 Gesellschaft für Sport und Technik, die DDR-Organisation zur vormilitärischen Ausbildung
2 Kraatz war Schüler des noch bekannteren Arztes Walter Stoeckel, Universitätsfrauenklinik Berlin.
3 Wikipedia schreibt von mindestens 2 500 umgekommenen Ungarn. Damals wurden auch weit höhere Zahlen genannt.
4 Solche Beschränkungen gab es für Studenten schon vor der Errichtung der Mauer 1961, sie wurden aber von den Studenten nicht allgemein eingehalten.
5 Das ist der zusammenfassende Begriff für all diese Strahlenarten.
6 Der Islam – Ein Lesebuch, Seite 196. Becksche Reihe 479, herausgegeben von Maria Haarmann, Verlag C. H. Beck, München, 1992.
7 Professor Felix war Schüler des weltbekannten Chirurgen Ferdinand Sauerbruch, dessen fachliches Erbe er fortsetzte.
Das Schönste
Das Leben ist schon das Schönste.
Mit all seinem Hol´s der Teufel
und Macht keinen Spaß-mehr und Wunderbar
und Glücklich-sein und Jeden Tag wieder neu.
Mit essen und schlafen und lieben und
wieder essen und trinken und arbeiten
und Erfolg haben und Misserfolg haben
und überhaupt.
Ich sage: Das Leben ist das Größte und Schönste.
Und wenn es dreimal so schwer wäre
und dafür dreimal so lang –
ich würde es leben.
Heinz Kahlau
Kapitel 3
Arzt in einer mecklenburgischen Kleinstadt
Demmin – eine kleine Stadtvorstellung
Demmin ist nicht sehr bekannt, darum will ich die Kleinstadt vorstellen. Wer von Berlin mit der Eisenbahn nach Stralsund fährt, kennt es als Eisenbahnstation nördlich von Neubrandenburg, zwischen Altentreptow und Grimmen. Befährt er mit dem Auto die B 96 nordwärts, müsste nördlich von Altentreptow, bei Burow, die Abzweigung nach schräg links ausgewiesen sein, die nach Demmin führt. Die Ostsee liegt circa 40 Kilometer entfernt. Demmin hatte 1960 etwa 17 000 Einwohner und war Kreisstadt des gleichnamigen Landkreises, der ungefähr 730 Quadratkilometer umfasste und in dem 57 000 Einwohner lebten, die meisten von der Landwirtschaft.
Vor dem Zweiten Weltkrieg wurde die Stadt zu Pommern gezählt. Demmin war Garnisonstadt für Ulanen (leichte Lanzenreiter), denen die teilweise landwirtschaftlich nicht nutzbaren Wiesen entlang der Peene gute Übungsmöglichkeiten boten. Aus dieser Zeit blieb in der Stadt nach 1945 zwar kein Militär, aber eine Reitertradition zurück, was zu sehr guten Springreiterturnieren führte. In der DDR gehörte Demmin nach Auflösung der Länder (1952) zum agrarisch geprägten Bezirk Neubrandenburg. Die DDR war seit dieser Zeit in 14 Bezirke unterteilt. Jetzt zählt die Kreisstadt Demmin mit einem wesentlich vergrößerten zugehörigen Kreis zum Bundesland Mecklenburg-Vorpommern. Demmin hatte ein Krankenhaus, das die Grundversorgung der Patienten gewährleistete und einen guten Ruf genoss. Patienten mit spezielleren Diagnosen wurden von den Universitätskliniken Greifswald in guter Zusammenarbeit übernommen. Ebenfalls war eine Erweiterte Oberschule (EOS) am Ort. Die Stadt ist Treffpunkt der Flüsse Tollense, die von Süden (aus dem Tollensesee bei Neubrandenburg) und der Trebel, die aus Nordwesten kommt. Beide strömen hier in die Peene, die vorher den Kummerower See durchfließt. So kann man die Stadt nur nach Osten verlassen, ohne eine Flussbrücke zu passieren. Das trug 1945 zu ihrem Verhängnis bei.
Am 30. April 1945 erreichten sowjetische Truppen gleichzeitig mit Greifswald die Stadt Demmin. Greifswald wurde durch Oberst Petershagen entgegen den Befehlen der faschistischen Wehrmachtsführung kampflos und unbeschädigt übergeben, wofür die Einwohnerschaft lange sehr dankbar war. Auch in Demmin wurde versucht, die Stadt und Menschenleben auf gleiche Weise zu schonen. Aber unbelehrbare Fanatiker verhinderten das. Sie sprengten, als die Sowjetarmee bereits in der Stadt war, alle Brücken, einzelne Unbelehrbare schossen aus Gewehren und gerüchteweise versuchte die Apothekerfrau sogar noch, Sowjetsoldaten zu vergiften. Die saßen nun in der Stadt fest, wie in einer Falle. Daraufhin wurde Demmin den getäuschten und gereizten Truppen für drei Tage zur Plünderung freigegeben. Ich kenne das alles nur aus mündlichen Berichten, aber es muss entsetzlich zugegangen sein, mit Großbränden, vielen Toten und Grausamkeiten aller Art. Und das Misstrauen der sowjetischen Militärführung blieb wach, wie wir noch sehen werden.
Arzt in Demmin
Am 13. März 1961 begann ich meine Tätigkeit in der Inneren Abteilung des Kreiskrankenhauses Demmin als Pflichtassistent. Damals durften Ärzte, die erst frisch vom Examen gekommen waren, im ersten Jahr nur unter Aufsicht erfahrener Berufskollegen arbeiten, was im Krankenhaus geschah. In die Arbeit der internistischen Abteilung fand ich mich rasch hinein und mein Studium erwies sich hier als sehr praxistauglich. Gearbeitet wurde täglich, so lange etwas zu tun war, meist über acht Stunden hinaus. Und schon nach einem Monat Arbeit, am 12. April 1961, stand mein erster eigener Bereitschaftsdienst an: notwendige Sofortmaßnahmen bei allen Patienten der gesamten Inneren Abteilung und der Kinderabteilung sowie Notaufnahmen und deren Erstversorgung. Das hieß im Krankenhaus schlafen, soweit und so lange das Telefon am Bett es zuließ. Für ernsthafte Probleme gab es eine zweite Bereitschaft, den sogenannten „Hintergrunddienst“, einen Oberarzt, den man zu Haue anrufen und um Rat fragen oder auch allenfalls bitten konnte, ins Krankenhaus zu kommen. Der Abend ließ sich ernst an. Es war nur ein Bett für Notaufnahmen frei. Nachmittags wurde es noch während der regulären Arbeitszeit mit einer Frau belegt, die einen schwersten Herzinfarkt hatte. Sie verschied – wie der Oberarzt schon vorhergesehen hatte und sie selbst es ahnte – trotz meines vollen Einsatzes nachts gegen 24 Uhr. Sofort danach kam als Notaufnahme ein Mann mit Magenblutung in ihr soeben frei gewordene Bett. Ihn konnte ich lebendig durchbringen und er hat später auch das Haus zunächst gesund verlassen.
So verbrachte ich jene Nacht, in der weltweit die Menschen an den Radios hingen, um zu hören, wie der erste Mensch im Kosmos die Erde umrundete: Juri Gagarin. Mein Bett blieb ziemlich unberührt. Und am nächsten Tag lief die normale Arbeit ganz selbstverständlich weiter. Diese Zusatzbelastung war etwa alle drei bis vier Tage angesagt. Schwangere und Ärzte über 60 Jahren waren von dieser Aufgabe freigestellt, was nicht dazu beitrug, Frauen bei jenen Kollegen beliebter zu machen, die dann noch mehr Nächte opfern mussten. Die mir vorgesetzte Stationsärztin sprach anfangs nicht über ihre vermutliche Schwangerschaft. Nur wunderten wir uns, warum ihr Ehemann – ebenfalls Arzt, aber nicht im Krankenhaus – ihre Nachtdienste übernahm, bis der Grund seiner Hilfe offenbar wurde.
Dr. Schwabe
Chefarzt und Leiter der Inneren Abteilung des Kreiskrankenhauses Demmin war Dr. Schwabe. Er besaß eine außergewöhnliche naturwissenschaftliche Allgemeinbildung, von der jeder profitieren konnte. Seine Chemie-Kenntnisse wandte er auch zur Fleckenentfernung aus Textilien an und half mit Rat und Tat gern allen Mitarbeitern des Hauses. Vom Fotografieren und Entwickeln der Bilder verstand er mehr als die meisten. Am Ärzte-Stammtisch stellte er uns den Wankel-Motor anhand eines selbst gefertigten Pappmodells vor. Bei den wöchentlichen Chefvisiten durchmaß Dr. Schwabe alle internistischen Stationen, was ihn altersgemäß recht anstrengte und auch uns Jüngeren, die wir alle als „weiße Wolke“ mitlaufen mussten, etwas ermüdete. So gab es eine planmäßige Pause mit einer guten Tasse Kaffee und Erzählungen aus dem Leben unseres Chefs. Das war turbulent verlaufen. Als Landarzt in Ostpreußen hatte er viele Jahre unter schwierigsten Bedingungen gearbeitet. Einmal brachte eine Mutter ein Kind, das bei Diphtherie sehr nahe am Ersticken war. Sie begegnete ihm auf dem Treppenflur. Bis in die Praxisräume zurückzueilen fehlte die Zeit. Kurz entschlossen erledigte er den lebensrettenden Not-Schnitt unterhalb des Kehlkopfes auf dem Fensterbrett des Treppenabsatzes und die tief erschrockene Mutter konnte ihr Kind lebend und wieder atmend in die Arme nehmen.(1)
Dr. Schwabes Frau war Jüdin und die Nazis verlangten die Scheidung. Er widersetzte sich und wurde im KZ Sachsenhausen eingesperrt. Das war nicht seine letzte Gefangenschaft. Nach 1945 starb ihm die Frau eines sowjetischen Offiziers unter den Händen. Und wieder ging es ab nach Sachsenhausen. Das Misstrauen der sowjetischen Seite über die Zwischenfälle bei der versuchten kampflosen Übergabe Demmins lebte immer noch. Dr. Schwabe erzählte all das gelassen. Er hat Episoden aus seiner zweiten Inhaftierung berichtet, unter anderem dass er seinen Mithäftlingen die Ortskenntnis voraus hatte. Direkte Kritik an seiner Inhaftierung habe ich jedoch von ihm weder bei den Visitenpausen noch am Ärzte-Stammtisch gehört. Die Fakten sprachen für sich.
Eine besondere Erfahrung
Eines Tages zeigte sich im Röntgenbild des Brustkorbes eines Patienten ein unklarer Befund. Stationsarzt, Oberarzt und Chefarzt überlegten. Schwabe entschied: „Herr Loeff, gehen Sie mal damit zu Herrn Kollegen Lange, unserem Kreistuberkulosearzt im Hause.“ Ich wollte noch fragen, ob dieser mir noch unbekannte Kollege denn mehr sehen könne, aber „Sie werden schon sehen“, beschied mich der Chef.
Bei Dr. Lange angekommen, warf dieser einen Blick auf den Namen des Patienten und rief dann seiner Fürsorgerin zu: „Mal bitte alle Schirmbilder von Herrn … aus …, von Anfang an.“ Im Handumdrehen („Wenn das länger als 30 Sekunden dauert, kann ich ja hier gleich aufhören“, kommentierte er mir gegenüber dieses Tempo.) lagen, sortiert nach Jahrgängen, alle Mikrobilder des Brustkorbes dieses Patienten seit Einführung der Röntgenreihenuntersuchungen in der DDR auf dem Tisch. Und Herr Lange wertete am Lichtkasten für mich aus: „Das ist schon in den Jahren von … bis … zu sehen, im Jahr danach ist er zur Untersuchung nicht erschienen, dann wieder in den Jahren … und immer sieht dieser Befund ganz gleich aus. Das ist ein alter, eingekapselter Tb-Herd, inaktiv und hat jetzt nichts zu bedeuten, solange seine Widerstandskraft nicht extrem abnimmt. Schönen Gruß an Herrn Schwabe. Alles klar?“ – „Ja“ konnte ich nur laut staunen.
Lehrerin in Demmin
Meine Freundin hatte ihre Lehrertätigkeit im September 1960 an der Erweiterten Oberschule (EOS) begonnen, die damals den Namen Goethes trug, noch trägt und jetzt natürlich Gymnasium heißt. Hauptsächlich gab sie Latein, das im Lehrerkollegium und bei den Eltern noch den Ruf genoss, eine wichtige Grundlage für moderne romanische und auch andere Sprachen zu bilden. Ihr Hauptfach Französisch konnte sie dagegen kaum zur Geltung bringen. Zwar hatte eine Analyse der Universität Greifswald ergeben, dass nach der internationalen Verbreitung der Sprachen, dem politischen Gewicht Frankreichs und den Außenhandelsbeziehungen der DDR auf sieben Schüler, die Englisch lernen, drei kommen müssten, die Französisch können, aber wie das im Leben so ist: Aus dem Wichtigeren wird das Einzige und das Zweitwichtigste geht unter. Weder Eltern noch Pädagogen waren an Französisch interessiert. Der Zusammenbruch des französischen Kolonialreiches (Vietnam 1954, Algerien 1962) unterstrich die Abwendung von der einstigen Diplomatensprache, während Englisch durch die Macht der USA bis heute ungebrochen die große Weltsprache ist(2).
Das kollegiale Klima an der Erweiterten Goethe-Oberschule war gut. Es hatte nur einen Haken: die abendlichen pädagogischen Beratungen, deren Uhrzeiten sich oft nach Männern richteten. Wir hatten ein Theateranrecht auf Vorstellungen die monatlich einmal durch das Theater Greifswald in einer Schulaula stattfanden. Von den Veranstaltungen eines Jahres haben wir drei versäumt, weil ich Bereitschaftsdienste im Krankenhaus nicht verlegen konnte und fünf fielen Zusammenkünften des Pädagogischen Rates zum Opfer. Dagegen wurden bei den Terminen der pädagogischen Beratungen selbstverständlich die Fußballspiele im Fernsehen berücksichtigt. Die Anpassung an diese Situation kostete uns beide allerlei Nerven.
Die vergessene Verlobungsfeier
Meine Freundin und ich waren uns im Frühsommer 1961 einig: Wir wollten uns im Sommer verloben und zu Weihnachten heiraten. Damals ging gerade die Zeit zu Ende, dass ein junger Mann bei den Brauteltern „um die Hand der Tochter anhielt“. Das kam uns schon reichlich antiquiert vor, schließlich waren wir volljährig. Aber meine Schwiegereltern in spe waren mit dicken Formfehlern sicher nicht zu gewinnen und am familiären Einvernehmen lag uns schon. Die Lösung war einfach. Wir schrieben einen gemeinsamen Brief an meine Mutter und an die Eltern meiner Freundin und teilten unseren Entschluss mit. Das kam gut an, der Termin im Sommer 1961 wurde festgemacht und wir bereiteten uns auf einige Tage Urlaub vor, denn gefeiert sollte in Großräschen (bei Senftenberg/Lausitz) werden, dem Heimatort meiner Braut.
Meine Urlaubsvorbereitung war von besonderer Art. Ich musste etliche künftig für mich geplante Nacht-Bereitschaftsdienste vorziehen. So verbrachte ich vier oder sechs Nächte hintereinander im Krankenhaus und war pro Nacht mindestens vier Stunden auf den Beinen. Ich kannte dann fast alle Patienten aller internistischen Stationen genau, konnte sicher entscheiden und geriet fast in eine Art nächtlicher Arbeitseuphorie. Danach reisten wir gemeinsam nach Großräschen ab. Und nun kam der Hammer: Sicher war es eine schöne Feier, sicher hatten wir in der gesamten Familie viel Freude daran, sicher waren liebe Gäste anwesend. Nur: Ich weiß davon nichts! Ohne nennenswerten Alkoholgenuss habe ich für diesen Zeitraum von der Anreise bis zum Ende nach mehreren Tagen einen kompletten Filmriss.
Warum berichte ich das? Noch heute streiten Ärzteverbände, Arbeitsgerichte, Krankenhausträger, Juristen und Politiker – meist Menschen, die solchen Schlafentzug nie selbst erlebt haben – ob Nacht-Bereitschaftsdienste als Arbeitszeit zählen, wie sie zu vergüten sind und wo das Geld dafür herkommen soll. Ich habe am eigenen Leibe erlebt, wie mehrere Tage Schlafdefizit wirken können. Zwar sind mir Behandlungsfehler nicht unterlaufen, aber ich wünsche niemanden, von einem Arzt behandelt zu werden, der hinterher derartige Gedächtnislücken hat. Verweise auf das ärztliche Berufsethos, die oft als Antwort auf ärztliche Forderungen kommen, sind zwar allgemein richtig, beheben aber keine Erschöpfungszustände. Die Gehälter der Ärzte ermöglichen ihnen sicher ein paar Tassen Bohnenkaffee zusätzlich, aber Gesundheitsschäden des Arztes verhindern sie so wenig wie Missgriffe am Patienten. „Rationalisierungsmaßnahmen“ im Krankenhaus, die selten mit Vernunft (ratio) aber viel mit Einsparungen zu tun haben, bringen kaum noch Nutzen für den Patienten, denn mit dem medizinischen Fortschritt steigen die diagnostischen Möglichkeiten und die Erwartungen an Sorgfalt, Wissen und Können des gesamten medizinischen Personals. Die zusätzlichen Beschäftigten für angemessene Ruhefristen der Nachtdiensthabenden und erträgliche Arbeitszeiten der Mitarbeiter aller medizinischen Berufe müssen einfach gefunden und natürlich auch adäquat bezahlt werden. Alles Andere ist unverantwortlich!
Frisch verlobt
Nun waren wir also verlobt und ich werde hier nicht mehr von meiner Freundin reden, sondern von Brunhilde, meiner ehemaligen Verlobten und seit dem 23.12.1961 meiner ersten, einzigen und immer noch Ehefrau.
Im Krankenhaus gratulierten mir nicht nur die Ärzte und Schwestern. Bei der nächsten Visite stand mir an einem Krankenbett die Stationsschwester ziemlich im Weg. Erst als ich mit dieser jungen Patientin fertig war, kam die Überraschung. Unter dem Beifall des Vierbettzimmers überreichte diese junge Frau mir im Namen der Patienten einen herrlichen Blumenstrauß, den sie hinter den Rücken der Stationsschwester gehalten hatte. Mein freudiger Dank machte sie glücklich. Nach der Visite gab mir die mitverschworene Stationsschwester Aufklärung. Ihr feines Gefühl hatte ihr längst verraten, dass sich diese junge Patientin in mich verknallt hatte. Ich selbst hatte das gar nicht bemerkt, denn Liebesgeschichten zwischen Arzt und Patient soll man generell vermeiden. Diese Patientin hatte sich auch in meiner Abwesenheit ausbedungen, mir die Blumen zu überreichen, was jede andere Patientin ja auch gekonnt hätte. Es war wohl ein wenig Abschied von ihrem flüchtigen Traum dabei und das auf eine hochanständige Art und Weise. Ihren Namen und ihr Gesicht habe ich vergessen, aber ich wünsche ihr noch heute, dass sie ihre große Liebe fürs Leben gefunden hat.
Ein paar Entscheidungen ergaben sich aus dem Verlöbnis. Brunhilde und ich waren evangelisch-christlich getauft, eingesegnet und nie unter denjenigen Spöttern, die Religionen nur lächerlich finden. Aber eine glatte Übernahme des tradierten Glaubens war uns nicht mehr möglich. Zusätzlich bot das Verhalten einzelner Pfarrer Kritikpunkte. Beide waren wir, noch ehe wir uns kannten, aber noch nicht aus der Kirche ausgetreten, weil wir auf einen noch unbekannten Ehepartner in diesem sensiblen Punkt Rücksicht nehmen wollten. Nun jedoch war alles klar und beide beendeten wir unsere Mitgliedschaft in der evangelischen Kirche offiziell und schriftlich.
Mit der FDJ verfuhren wir weniger untadelig. Kein Mensch in Demmin wusste, ob wir je da drin waren und so ließen wir die Mitgliedschaft einfach einschlafen, indem wir uns an keinen FDJ-Funktionär wendeten. Es kam auch keiner zu uns, um uns zu fragen oder zu werben. Diese Art, aus Organisationen heraus zu kommen war damals weit verbreitet und ist wohl auch heute nicht unüblich, was dieses Verhalten aber nicht gerade korrekter macht.
Ernstes Zwischenspiel: 13. August 1961
Die Spannungen um Berlin spitzten sich im Sommer 1961 zu. Politische Diskussionen gewannen an Schärfe. Ich schrie einen jungen, hospitierenden Armeearzt an, dass er auf unsere Kosten privilegiert sei. Spionage gegen die DDR wurde aus Westberlin eh und je betrieben, wo und wie es nur ging. Ökonomische Probleme wuchsen. In Ostberlin gab es kaum Reinigungskräfte. Sie arbeiteten in Westberlin gegen niedrige Westlöhne und tauschten dann zum Wechselkurs von 1:4 bis 1:5 in Ostgeld um. So konnten sie gut leben, während in der Charité und anderen Krankenhäusern Studenten und medizinisches Personal mit Schrubber und Eimer unterwegs sein mussten. Selbst ostdeutsche Prostituierte boten ihre Dienste in Westberlin an, so lange sie nicht von den dortigen „Revierfürstinnen“ vertrieben wurden. Schon vorher hatten Westberliner ihre Lebensmittel und anderen Bedarf im Osten gekauft. In der DDR produzierte Waren wurden auf dem Schwarzmarkt weiter verschoben. Ferngläser von Carl Zeiss Jena wanderten bis Finnland. Die Regierung der DDR musste schließlich anordnen, dass bei Käufen im Einzelhandel generell der DDR-Personalausweis vorzuzeigen ist. Das schliff sich bei mir ein; ich habe ihn bis heute stets bei mir.
Sorgenvoll beobachteten Bürger der DDR und die Westalliierten, wie die DDR seit Monaten mit Eifer eine Umgehungsbahn um Westberlin ausbaute. Die Flüchtlingsströme nach Westen schwollen stark an. Ich selbst war weniger beunruhigt, weil ich eine absolut dichte Abriegelung der Stadt Berlin, mitten durch Straße, Häuser, Bahnhöfe und andere Anlagen hindurch für technisch undurchführbar hielt. Ich sollte mich täuschen.
Brunhilde war mit ihrer Schwester an die Ostsee gefahren, während ich als Neuanfänger noch keinen Urlaub nehmen konnte. An einem sonnigen Sonntag fuhr ich sie besuchen und wir verbrachten schöne Stunden miteinander. Auf der Heimfahrt überflutete mich in der Eisenbahn aufgeregtes Gerede. Erst langsam schälte sich der Kern heraus. Die DDR hatte mit Rückendeckung durch Sowjettruppen und im Einvernehmen mit dem Warschauer Pakt(3) Westberlin militärisch abgeriegelt und stoppte jede Bewegung im Sperrgebiet mit Stacheldraht (den sie, wie nach 1989 zu hören war, massenhaft auf dem westlichen Markt gekauft hatte), anderen provisorischen Hindernissen und mit der Schusswaffe. Das wurde in den Medien verdeutlicht. In einem sehr bald erscheinenden DDR-Bericht wurde über einen „Schatten in den Umrissen einer männlichen Gestalt“ berichtet, der nachts an einer Grenzbrücke gesehen wurde und nach Schusswaffengebrauch verschwand. Im Klartext: man hatte ohne zuverlässige Sicht geschossen und sich um den vermutlich Getroffenen – dem Bericht zufolge – nicht einmal gekümmert.
In den nächsten Wochen und Monaten wurden die provisorischen Sperren durch „die Mauer“ ersetzt und mit immer raffinierteren Hindernisse verstärkt, wozu auch Minen, Hundelaufstrecken und Wachtürme gehörten.
Viele DDR-Bürger waren tief betroffen, litten unter der Trennung von ihren Verwandten in der Bundesrepublik und der verlorenen Reise- und Ausreisefreiheit nach kapitalistisch orientierten Ländern. Wenn ich in den Folgejahren aus Demmin kommend mit dem Zug nach Berlin fuhr, rollte ich beim S-Bahnhof Bornholmer Straße im Norden Berlins zwischen Stacheldrahtverhauen hindurch. Wenn ich mit der Berliner S-Bahn fuhr, musste ich auf den so bequemen Ringverkehr verzichten. Zwischen den S-Bahn-Stationen Plänterwald und Treptower Park sah ich aus dem Wagenfenster die Grenzsperren in Gegenden, die mir aus der Schulzeit nicht unbekannt waren. Das tat immer wieder weh!
Durch die westliche Welt ging ein Sturm der Empörung. Der SPD-Politiker Willy Brandt protestierte wortgewaltig. Walter Ulbricht, damals fast unumschränkter Herr der DDR, erwiderte: „Spreize Dich, Pfau, morgen wirst Du gerupft.“ Seine zynische Sprache und das Mediengetöse sollten wohl abschreckend auf Fluchtwillige wirken und darüberhinaus westdeutsche Politiker demütigen.
Zur Wahrheit gehört aber mehr. Über die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die Umgehungsbahn und den gekauften Stacheldraht habe ich schon berichtet. Unter Berlinern war die Ablehnung der Mauer auch nicht ungeteilt. Hämisch schaute man auf die „Scheuerlappengeschwader“ genannten Frauen, die in Westberlin so leichtes Geld verdient hatten und nun aufgeregt und ratlos auf den S-Bahnhöfen standen. Endlich mussten sie da arbeiten, wo sie lebten, billige Wohnungen nutzten, ihre Kinder zur Schule schickten und auch sonst die Sozialpolitik der DDR ohne eigene Gegenleistung genossen. Der Arbeitskräftemangel der DDR besserte sich spürbar und das Bruttosozialprodukt machte einen Sprung nach oben.
Anfang August 1961 hatten sich die beiden mächtigsten Männer der Welt, der Sowjetführer Nikita Chruschtschow und der US-Präsident John F. Kennedy in Wien getroffen. Das Gespräch wurde öffentlich als gut dargestellt. Es ist fast unvorstellbar, dass dabei nicht über die wichtigsten Absichten des Ostblocks gesprochen wurde, noch dazu solche, mit militärischer Komponente. Hier hätte jedes Missverständnis die Gefahr eines Atomkrieges der Supermächte heraufbeschworen. Für die Vorkenntnis der Westalliierten spricht ein weiteres Zeichen. Westberlin wurde in der Nacht zum 13. August unter Einsatz zahlreicher Kettenfahrzeuge eingeschlossen. Einen Panzer, der über Straßenpflaster rollt, hört man in stiller Nacht vier bis acht Kilometer weit. Der Kettenlärm muss also von den Truppen Frankreichs, Großbritanniens und der USA, die sich in Westberlin aufhielten, wahrgenommen worden sein. Reaktion: Keine! Das kann nur heißen, sie wussten genau, dass sie nichts zu fürchten hatten, weil sie über die Absichten des Ostens wohlunterrichtet waren.
Wirtschaftsschwierigkeiten hin, Mitwisserschaft der Westmächte her. Kein Staat hat das Recht, seinen Bürgern das Menschenrecht auf freie Aus- und Wiedereinreise zu verwehren. Darüber hinaus war „die Mauer“ eine Abwehrhandlung und vertagte den politisch-moralischen Anspruch auf Ausbreitung des Sozialismus für unbestimmte Zeit. Aber weil in oft gut bezahlten Publikationen die Ereignisse bewusst eindimensional dargestellt werden und die Klagen über mangelnde Informiertheit unserer Jugend nicht abreißen sei es hier gesagt: Wir brauchen die ganze Wahrheit, egal wen sie schmerzt. Freuen wird sie eh nur wenige.
Darmowy fragment się skończył.