Czytaj książkę: «Herzmord»
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Vorwort
Kapitel 1: Geburt – der kleine Scheißer will nicht
Kapitel 2: Aua, Masern!
Kapitel 3: Schlitten fahren mit Rums!
Kapitel 4: Leckere Zuckerstückchen
Kapitel 5: Matsch-Fresse
Kapitel 6: Raupen-Allergie
Kapitel 7: Mandeln und Polypen
Kapitel 8: Ziegenpeter
Kapitel 9: Windpocken – und es juckt und juckt
Kapitel 10: Der Trick mit dem Tick
Kapitel 11: Mmmhhh... lecker Nägel!
Kapitel 12: Kinderski mit Rums
Kapitel 13: Schlittschuhlaufen mit Rums
Kapitel 14: Handgelenksverstauchung
Kapitel 15: „Ich gehe meilenweit...“
Kapitel 16: Er hat immer gebohrt!
Kapitel 17: Schloss mit einem Auge
Kapitel 18: Koma-Saufen
Kapitel 19: Die Nase-auf-OP
Kapitel 20: Weisheitszahn mit Dauerschmerz
Kapitel 21: Kirmes-Kotzen leichtgemacht
Kapitel 22: Schützenfest mit Kotzerei
Kapitel 23: Neue innere Ruhe
Kapitel 24: Ich habe „Tiere“
Kapitel 25: Die Haare sind futsch
Kapitel 26: ... bis die Leiste bricht
Kapitel 27: Mein Immunsystem schlägt Kapriolen
Kapitel 28: Mein Rückgrat gibt nach
Kapitel 29: Wer schön sein will muss leiden
Kapitel 30: Überanstrengung mit Folgen
Kapitel 31: Tripper und anderes Gedöns
Kapitel 32: Prellung am Knie
Kapitel 33: Schlafstörungen
Kapitel 34: Vampir-Biss
Kapitel 35: A – B – C... und noch mehr?
Kapitel 36: Blut in der Schnauze
Kapitel 37: Positiv – reaktiv – fraglich - negativ
Kapitel 38: Terror, Tod und Therapie
Kapitel 39: Alles im Arsch
Kapitel 40: Papillom und „Spanischer Kragen“
Kapitel 41: 2003 + 2004 + 2005
Kapitel 42: HERZMORD
Kapitel 43: Keine Ruhe nach dem Herzmord...
Kapitel 44: Eine Woche Bettenstation Uni-Klinik
Kapitel 45: Vier Wochen Reha-Klinik
Kapitel 46: Das Schicksal schlägt um sich
Kapitel 47: 2007 bis 2008
Kapitel 48: Traue keinem Hautarzt...
Kapitel 49: Wadenkrampf und Nervenzucken
Kapitel 50: Das Kreuz mit meinem Kreuz
Kapitel 51: Und er raucht doch noch
Kapitel 52: Aufregung beim Kardiologen
Kapitel 53: Das dritte Krankenhaus-Chaos
Kapitel 54: „Geburt“ des Cyborg
Kapitel 55: Der verrückt-gewordene Transmitter
Kapitel 56: Keiner will mich!
Kapitel 57: Der verrückt-gewordene Defi
Kapitel 58: Der tödliche Defi
Kapitel 59: Die Sache mit dem Zahnersatz
Nachwort
Impressum
Titel:
HERZMORD – Der Patient Dietmar Wolfgang Pritzlaff
ISBN:
978-3-9650-8749-1
Auflage 1 / Oktober 2018

© Foto: Charly, Köln
Autor:
Dietmar Wolfgang Pritzlaff (Alle Rechte dem Autor vorbehalten.)
geb. in Altena/Westf., schreibt Romane, Kurzgeschichten, Lyrik, Haiku, Songtexte,
Theaterstücke, Hörspiele, Essays und Drehbücher, journalistische Texte
www.diwop.de
www.liesmichnet.de
Verlag:
@ 2018 • dwp –Dietmar Wolfgang Pritzlaff • veröffentlicht von: feiyr.com
© Coverbild: „DIE BEDROHUNG“ von Dietmar Wolfgang Pritzlaff, Köln
Sand-Dispersion-Lacke-Gips-Telexschnipsel- und Klebstoffe auf Holz - 49,5 x 52 cm
© Text und Satz: Dietmar Wolfgang Pritzlaff, Köln
Vorwort
Ein Buch über Krankheiten? Also ein Sachbuch? Ein Buch von Ärzten und Krankenhäusern? Ein Ärzteführer? Ein Buch von einem Patienten und seinen Leiden? Ach, du liebe Güte! Kann das interessieren? Ich hoffe doch.
Im Internet gibt es nur vereinzelte Berichte und Leidensgeschichten zu einer Krankheit und einer Person. Ich würde gerne mal solche Lebens-Krankheits-Geschichten von anderen Schreibern lesen, so in ihrer Gesamtheit, aber das hat noch kaum einer gemacht. Ich schreibe mal dieses Buch als Beispiel-Lektüre. Vielleicht gibt es Kranke, die ihre gesamte Geschichte auch über Jahre erzählen wollen und sich nicht trauten oder keinen Verlag fanden. Gut, dass es heute so einfache wie geniale Lösungen gibt. Man schreibt und veröffentlicht einfach selbst und ruckzuck ist ein Buch digital erwerblich.
Ob es wirklich jemanden interessiert? Egal. Ich muss es erst Mal für mich aufschreiben und dann endlich loslassen. Warum nicht in Form eines eBooks?
Ich war bis heute ca. 700 Male bei Ärzten, Zahnärzten, Therapeuten, Gutachtern, Betriebsärzten und in Krankenhäusern. Ist das viel? So auf das ganze bisherige Leben gesehen? Ich bin jetzt 55 Jahre alt und denke, das ist schon eine stattliche Summe, die da zusammengekommen ist bis heute. Nicht mit eingerechnet sind die längeren Aufenthalte in Krankenhäusern. Diese sind dabei nur einmal erwähnt. Krankgeschrieben war ich auch für ca. 700 Tage. Über 2 Jahre krankgeschrieben? Puh...
Da gab es so viel Ärger mit Schwestern und Pflegern, falschen Medikamentengaben, Lügen, Verfehlungen und Fehlern von Ärzten. Ja, das muss ich mir alles von der Seele schreiben und wer weiß, ob sich nicht der eine oder andere in den Geschichten wiederfinden kann, sich identifizieren kann. Vielleicht hilft es anderen weiter in ihrem Leben.
Ich hoffe, man verliert nicht gänzlich den guten Glauben an die „Götter in Weiß“ durch mein hier vorliegendes Buch. Aber ich muss einige unter diesen Göttern, die mir auf meinem Lebensweg begegnet sind, einfach von ihren vergoldeten, unantastbaren Thronen zerren.
Außerdem hoffe ich, dass man nach der Lektüre dieser wahren Geschichten, meiner Geschichten, Ärzte mit anderen Augen sieht und auch mal was nachfragt und etwas distanziert betrachtet und nicht alles glaubt, was uns von diesen Göttern versprochen wird.
Es sind schließlich auch nur Menschen, die geschworen haben, nach bestem Wissen und Gewissen, Leben zu erhalten, zu retten, zu hegen und zu pflegen, womit auch immer und nach Möglichkeiten, mit neuesten Erkenntnissen und Techniken. Aber eben auch immer mit menschlichem Versagen.
Nach diesem Buch wissen Sie mehr. Viel Spaß und Spannung beim Lesen!
Kapitel 1: Geburt – der kleine Scheißer will nicht
Ich kam 1963 im Wonnemonat Mai zur Welt. Im Städtischen Krankenhaus in Altena. Ja, das gab es noch. Irgendwann in den 1980er Jahren hatten wir sogar mal zwei Krankenhäuser. Heute gibt es keines mehr in Altena. Die Kranken müssen in die Krankenhäuser nach Iserlohn oder Lüdenscheid gebracht werden oder sich hinschleppen. Je nachdem.
Im Jahr 1963 wurde der US-Präsident John F. Kennedy ermordet. Es gab Flugzeugabstürze und einen Vulkanausbruch auf der indonesischen Insel Bali. Ein Erdbeben der Stärke 6,0 in Skopje, dem damaligen Jugoslawien, forderte 1.100 Tote. Ein neuer Papst wurde gewählt, Kanzler Adenauer dankte ab und in den USA lief Alfred Hitchcocks Film „Die Vögel“ in den Kinos an.
Meine Geburt war für meine Mutter alles andere als schön, locker und leicht. Ich sollte als drittes Kind durch den engen Geburtskanal gequetscht werden, aber ich wollte nicht.
Man sieht ja auch hinterher so zerknautscht aus. Das macht keinen guten Eindruck und der erste Eindruck zählt doch!
Nach meinen älteren Schwestern und deren „Flutsch-und-raus-Geburten“, einer Fehlgeburt, vielleicht hätte es ein Bruder werden sollen, war ich nun das dritte Pritzlaff-Baby, das auf die Welt losgelassen werden sollte.
12 Stunden Qual im Krankenhaus. Kommt das Balg oder nicht? Hin und Her. Aber der kleine Scheißer, also ich, wollte einfach nicht an dem gewünschten Sonntag, den 05.05.1963 zur Welt kommen. Also wurde ich ein Montagskind. Das merkt man noch heute. Ich überlegte es mir viel zu spät und kam dann endlich 8 Minuten nach 01.00 Uhr nachts doch noch zur Welt. Ein Stier halt. Immer seinen sturen Kopf durchsetzen wollen.
Wahrscheinlich war es mir schön warm in Mutters Bauch. Ich wurde gut versorgt und behütet. Warum sollte ich da raus? Lieber noch eine Weile rumgetragen werden, das Bindegewebe weiten und wie wild unter Mutters Rippen treten, wenn es mir mal wieder zu langweilig wurde. Ich brauchte wohl mehr Beinfreiheit, aber die Rippen habe ich meiner Mutter dabei wundgetreten. Die Ärmste! Ich hätte „ordentlich gewirtschaftet“ im Mutterbauch und alle hätten angenommen, dass Zwillinge unterwegs wären. Waren sie aber nicht. Nur ich. Ätsch! Überraschung.
Ich war zwei Wochen übertragen. Das Fruchtwasser soll gestunken haben wie ... wie... zum Kotzen halt. Habe ich daher meinen Hang zu eher muffigeren menschlichen Gerüchen, als zu süßen Parfums? Oder ist das schon ein Fetisch? Lieber getragenes Leder, als blumig-frisches Seidenhemdchen. Lieber einen drei Tage nicht gewaschenen Kerl, als eine von Seife, Deo und Creme verschmierte „Husche“.
Ich soll 4,5 Kilogramm schwer gewesen sein. Ein dicker Junge. Mein Vater soll gleich ausgerufen haben: „Der Junge hat ein richtiges Schweinsgenick.“ Ich soll ausgesehen haben, wie ein nacktes Spanferkel mit einem Specknacken ausgerüstet. Gute Voraussetzungen also für ein Leben nach „dem Wurf“: Gleich auf den Grill damit!
Der kleine Specknacken hatte beim Rausklettern Mutters Steiß angebrochen. Fast zwei Jahre konnte meine arme Mutter nicht richtig sitzen. Immer nur mit Schmerzen. Aua!
Es sollte noch schlimmer kommen. Die Nachgeburt kam nicht richtig raus. Soll heißen, etwas blieb drin in meiner Mutter. Wie wird die Nachgeburt gemessen? In Zentimetern, Litern oder Tonnen? Jedenfalls löste diese weitere Misere eine Kettenreaktion an schlimmen Symptomen in meiner Mutter aus.
Fieberschübe, Eiter in den Brüsten, an den Finger- und Zehennägeln. Ein Arzt operierte die Brust meine Mutter zuhause im Bett. Was damals alles noch möglich war?
Der Rücken tat ihr weh. Man nahm sogar an, dass eine Lungenentzündung der Verursacher war. Das war aber falscher Alarm.
Durch die Verunreinigung von Eiter und Entzündungen, konnte mich meine Mutter nicht stillen. Ich war dazu verdonnert worden, ein Flaschenkind zu werden. Ich habe aber nie an der Flasche gehangen. So alkoholtechnisch, meine ich.
Ich habe nie an Mutters Brust gesaugt. Heul... Schluchz... Schnief... Vielleicht ein Zeichen dafür, dass ich noch heute auf dicke Titten abfahre und sie einfach geil finde. Wahrscheinlich, weil ich als Baby nicht an Brüste rangekommen bin. Ich schaue mir die dicken Dinger gerne an, was einige meiner schwulen Freunde irritiert.
Ich soll 56 cm gemessen und durch die Übertragung ganz verschrumpelte Finger gehabt haben. Irgendjemand muss sie wohl danach wieder glattgezogen haben. In meiner Kindheit waren sie nicht mehr schrumpelig, höchstens nach dem Baden oder Schwimmen. Und nun bin ich schon in dem Alter, in der die Haut wieder schrumpelig wird. Was für ein Scheiß!
Ich hatte schwarzes volles Haar von Anfang an. Ich fing also nicht mit einer Glatze an, sondern eher mit einer Mähne. Wie ein kleines Teufelchen, beschrieben in dem Roman „Rosemaries Baby“. Aber das Zeichen, die 6 6 6 aus dem Film „Das Omen“ sucht man in meinem Haaransatz vergeblich. Dafür begann die Glatzenbildung schon mit 28 Jahren.
Jetzt hatte mein Vater den ersehnten Stammhalter. Denkste! Ich halte lieber selber „sehnige Stämme“ in Händen, als den Familiennamen an Enkel und Urenkel weiterzugeben. Ein Schuss in den Ofen sozusagen. Alles umsonst. Aber das sollte alles erst viel später Thema werden.
Jetzt hieß es erst Mal viel saufen, aus der Flasche, essen und wachsen und ordentlich die Windeln vollscheißen. Die waren 1963 noch aus Stoff und wurden nicht einfach so weggeschmissen. Die wurden gewaschen und wiederbenutzt. Wieviel Scheiß die Mütter damals aushalten mussten!? Ausgekocht und gewaschen und gekocht und gewaschen... denn die Pampers kamen erst 1973 nach Deutschland, da war ich dann schon raus aus der größten Scheiße.
In unserer Waschküche stand noch ein alter Waschzuber, der mit Kohle geheizt wurde, und darin wurde Wäsche gewaschen. Das alte Wasch- oder Rubbelbrett habe ich heute noch als Andenken an diese Zeiten in meiner Wohnung stehen.
Kapitel 2: Aua, Masern!
1967 war ich vier Jahre alt und bekam die Masern. Woher kamen die „Biester“? Also, aus dem Kindergarten hatte ich sie nicht. Ich war nur drei Wochen im Kindergarten. Ich wollte nicht eingesperrt sein und rebellierte. Ich wehrte mich, doch meine Mutter meinte ich müsse und schleppte mich wortwörtlich hinter sich her zum Kindergarten. Nach drei Wochen hatte auch meine Mutter die Schnauze voll von dem täglichen Zieh- und Schlepp-Theater und ich brauchte nicht mehr in den mir verhassten Kinderknast.
Ich denke mal, die Masern kamen von meinen Schwestern. Sie hatten sie aus der Schule mitgebracht und dann ging es bei uns zuhause rund. Natürlich steckten wir uns alle drei nacheinander und voneinander an.
Was war das für ein Mist? Unsere Körperchen randvoll mit Hitze vom Fieber. Wir mussten im Bett liegen und fühlten uns schlecht und matt und waren zu überhaupt nichts zu gebrauchen. Wir lagen in unserem durch Holzjalousien abgedunkelten Kinderzimmer, weil die Augen so lichtempfindlich waren und vegetierten den lieben langen Tag qualvoll vor uns hin. Drei Blagen im Halbdunkel. Von der Außenwelt abgeschnitten. In unserem gemeinsamen Kinderzimmer. Meine älteste Schwester in einem Einzelbett. Meine jüngere Schwester oben und ich unten im Stockbett. Kinder-Einzelzimmer „de luxe“ waren damals nicht üblich.
Man wollte sich ausgiebig kratzen und durfte nicht. Meine Mutter hatte uns sämtliche Kratzereien verboten. Aber sämtliche Verbote wurden über den Haufen geschmissen, wenn unsere Mutter aus dem Zimmer ging. Dann ging die wilde Kratzerei los. Wir konnten nicht anders. Auch die von ihr ausgemalten Horrorszenarien wie Löcher in der Haut oder schlimme Narben, die zurückbleiben würden, wenn wir uns kratzten, ließen uns nicht davon abhalten.
Unsere Hausärztin kam ins Haus und konnte auch so gar nichts anderes machen, als unsere ausgewachsene Krankheit zu bewundern.
Wir hatten Schnupfen, Husten, Halsschmerzen und ordentlich Fieber. Weil durch Masern noch Schlimmeres, wie Mittelohr- Lungen- und Gehirn-Entzündung entstehen können, mussten wir viel trinken, obwohl mit den Halsschmerzen jeder Schluck zur Tortur wurde. Dem Fieber rückte man mit Wadenwickel zu Leibe. Außerdem schluckten wir Paracetamol gegen Schmerzen und um etwas das hohe Fieber zu senken. Das war es eigentlich schon. Den Rest musste man aushalten. Über drei Wochen ging die ganze Chose über die Bühne und zerrte an Mutters Nerven und an unseren Leibern.
Heute gibt es für alles so wunderbare Impfungen. Die Kinder müssen nicht mehr durch diese Kinderkrankheiten durch und sind vor Ansteckung geschützt. Was für ein Fortschritt!
Kapitel 3: Schlitten fahren mit Rums!
Im Winter 1968, ich war 5 Jahre alt, schneite es wie wild in Altena im Sauerland. Unsere Straße wies damals noch 5 Häuser eine große Schrägwiese, Schrebergärten und Wald auf. Heute ist alles von vorne bis hinten zugebaut.
Die schräge Wiese hatte den Namen Schäfchenwiese erhalten, weil im Sommer auf dieser Wiese ein paar Schafe eines Kleinbauern, der in der Nähe wohnte, angepflockt weideten.
Im Winter konnte man herrlich auf dieser Wiese Schlittenfahren. Und das taten wir Blagen auch. Die Wiese war nicht allzu schräg. Das erleichterte den Wiederanstieg für eine nächste Abfahrt. Aber man bekam genug Schwung für eine Rutschpartie.
Die Wiese hatte zu unserer Straße hin einen Steilabhang. Ein bis zwei Meter nix schräg, sondern eine steile Abbruchkante.
Mein Vater und ich im Schnee. Superspaßig. Wir machten Schneeballschlachten, bauten Schneemänner, ließen uns in den Schnee fallen und machten einen Schneeengel und natürlich fuhren wir mit dem Schlitten. Ein paar Male saß mein Vater mit auf dem Schlitten und hielt mich fest. Der eisige Wind pfiff uns um die Ohren und wieder ging es bergab.
Dann saß ich alleine auf dem Schlitten und sollte versuchen zu lenken. Wenn ich bemerken sollte, dass der Schlitten nicht dahinfuhr wo ich wollte, dann sollte ich abspringen.
Die Fahrt begann erst ziemlich langsam. Dann gab Papa mir einen Schubs und los ging es jetzt in zügiger Fahrt. Hei, wie machte das Spaß. Ich hielt mich mit meinen behandschuhten Händen an den Holzrippen des Schlittens fest, mit den Füßen oberhalb der Kufen abgestützt und der Abhang kam immer näher auf mich zu. Von hinten hörte ich meinen Vater schreien: „Spring ab, spring ab...“. Aber ich sprang nicht ab. Mutig ließ ich den Abhang immer näherkommen. Meine Fahrt sollte niemals enden.
Ein Telefonmast stand genau in der Mitte der Wiese an unserer Straße. Ja, damals waren die Telefonstrippen noch nicht unterirdisch verlegt und ich steuerte genau auf diesen Masten und den Abhang zu. Was heißt ich steuerte? Nein, mein Schlitten steuerte mich. Ich kannte mich noch nicht so aus mit dem lenken. Füßchen in den Schnee und abgebremst... Nö, das kam für mich nicht in Frage. Ich genoss die Schlittenfahrt in vollen Zügen. Dann der Abhang... Mein Schlitten machte einen Luftsprung mit mir und mein Kopf traf genau den Telefonmasten. Wie sich jeder vorstellen kann, der Mast war stärker als mein kleiner Kindernürsel. Es machte erst Zisch durch die Luft, ein kurzer Flug und dann RUMS! Mit dem Kopf vor den Mast. Stier halt. Bis zum Schluss hatte ich den Schlitten fest im Griff und er mich. Jetzt kam ich zwischen Schlitten und Telefonmast zum Liegen. Augenblicke später war mein Vater zur Stelle, hob mich auf und trug mich schnurstracks nach Hause. Das waren ja nur ein paar Meter.
Ich hatte wahnsinnige Kopfschmerzen. Mir war schwindlig und mir war zum Erbrechen schlecht. Laute Geräusche waren die Hölle. Sofort rumorte es wieder in meiner Bumsrübe, also meinem Schädel. In den Armen und Beinen hatte ich keine Kraft mehr. Das Balancegefühl war völlig im Eimer.
Unser Hausarzt wurde gerufen und stellte eine mittelschwere Gehirnerschütterung fest. Bettruhe und viel trinken, war sein Rezept. Ein paar Schmerztabletten. Das war alles. Ich musste zuhause liegen bleiben, mich langweilen und abwarten bis sich meine angeschlagenen Hirnwindungen wieder entknotet hatten. Ein paar Tage war ich wie weggetreten und sah nur aufblitzende Pünktchen vor meinen Augen.
Zur Belohnung und zum Trost bekam ich ein gelbgrünes Plastikkrokodil geschenkt. Wow... Mein Flug vor den Telefonmast hatte sich mächtig gelohnt. Ich baute den größten Mist und bekam noch Spielzeug? Ich sollte vielleicht nochmal... Lieber nicht! Aber das Krokodil liebte ich heiß und innig und hat mich später immer an den Unfall erinnert.
Nach 1 Wochen war ich wieder wohlauf und konnte wieder aufrecht sitzen und auch schon stehen. Immer mal wieder gehorchten mir meine kleinen Beine nicht so, wie ich es wollte, aber es ging voran.
Und ich wollte, dass es voranging. Ich war schließlich 5 Jahre alt, verdammt nochmal. Ich musste doch wieder in die Welt hinaus und spielen und spielen und weitere Abenteuer bestehen.
Kapitel 4: Leckere Zuckerstückchen
An die ersten drei Polio-Schluckimpfungen in 1964 bis 1966 kann ich mich nicht erinnern. Aber an die Auffrischung in 1968. Es war ein großer Saal, ein Schulraum in der Grundschule Rahmede in Altena. Sehr viele kleine Kinder in einer Reihe hintereinanderstehend wurden abgefertigt. Medizin auf Zuckerstückchen, Mäulchen auf und rein mit der Impfe. Es hätte ruhig noch mehr Zucker geben können, denn die Impflösung schmeckte auch noch durch das Zuckerstückchen hindurch bitter, aber noch erträglich. Was sein muss, musste eben sein.
Die Kampagne der Regierung in Radio, TV und Zeitungen lautete: „Schluckimpfung ist süß – Kinderlähmung ist grausam!“ Der Slogan tat sein Werk und alle Eltern schleppten ihre Blagen zur Impfung. Damals noch mit Lebend-Impfstoff, der abgeschwächte Erreger enthielt.
Ich bekam weitere Impfungen gegen Diphterie, Keuchhusten und Tetanus (Wundstarrkrampf). Diese Impfungen waren aber kein Zuckerschlecken. Eine Spritze in den Oberarm. Die Spritze stach und der Einstich brannte den ganzen Impftag lang.
So impftechnisch ausgerüstet konnte es schon bald wieder auf die Spielwiesen der Welt gehen, ohne von irgendwelchen hässlichen Viren in Beschlag genommen zu werden.
Kapitel 5: Matsch-Fresse
Ich zog mal wieder das Unglück an. Als Montagskind keine große Überraschung.
Ich war 5 Jahre alt im Jahr 1968 und spielte an einem sonnigen Sommertag mit einem älteren und schon größeren Mädchen aus der Nachbarschaft. Sie hatte schon ein großes Fahrrad. Ich gurkte noch auf meinem Kinderfahrrad rum.
Ich liebäugelte die ganze Zeit mit ihrem großen Fahrrad und drängte sie dazu unsere Fahrräder gegeneinander einzutauschen.
Gesagt, getan und schon saß ich irgendwie auf dem Sitz, nur mit den Zehenspitzen konnte ich die Pedale treten. Daran waren wohl meine noch zu kurzen Beinchen schuld.
Erst fuhren wir nur auf unserer geraden und ebenerdigen Straße dem Finkenweg hin und her. Das ging also schon mal. Ich hatte zwar einige Schwierigkeiten das große Rad zu handhaben, aber egal. Muss gehen. Ich wollte ja unbedingt.
Wir fuhren den leicht ansteigenden Starenweg, der auf dem Finkenweg endete, hinauf um von oben einen besseren Anlauf für die Abfahrt zu haben. Kleines Wendemanöver und dann ging es mit ordentlich Fahrt wieder die Straße hinab. Diese Straße war damals noch nicht geteert. Man hatte sie neu geschoben und sie war noch eine Schotterstraße mit tiefen Schlaglöchern.
Hui, wie der Fahrtwind in den Ohren pfiff und RUMS kam das Vorderrad in das tiefe Schlagloch, mit einem gehörigen RUCK stellte sich der Lenker quer, ich verlor den Halt und flog in hohem Bogen über den Lenker auf den Schotterweg und schrammte noch mindestens drei Meter über den Schotter mit dem Gesicht, den Händen, der Schulter und den Knien.
Was tun?
Erstmal nichts. Ich konnte gar nichts tun. Ich lag einfach nur da und... Dachte ich was? Nein, ich glaube, ich dachte an nichts. Ich hatte nur Gefühle. Schmerzen überall. Ich blieb erstmal einfach nur liegen und brüllte und heulte wie am Spieß.
Andere Kinder die unseren Fahrradquatsch mit Soße, blutiger Soße, beigewohnt hatten, fassten sich ein Herz und liefen so schnell sie konnten zu meiner Mutter. Sie schellten und meine Mutter öffnete und war ganz erstaunt, dass es nicht ihr kleiner Dietmar war.
„Frau Pritzlaff, kommen sie schnell, der Dietmar liegt auf der Straße.“
„Dann soll er doch aufstehen“, sagte meine Mutter.
„Der kann nicht aufstehen, der ist mit dem Fahrrad gestürzt.“
Jetzt erst wurde meine Mutter hellhörig, schlüpfte in ihr Straßenschuhwerk, schnappte sich den Hausschlüssel und lief den Kindern nach, die ihr den Weg zum blutigen Dietmar wiesen. Und ich blutete gewaltig, wie meine Mutter mir erzählte. Ich konnte mich nicht aufrappeln und lag wohl immer noch im Dreck.
„Zicke, zicke, zacke, jeder hat ne’ Macke. Ne’ große oder kleine, jeder Mensch hat seine.“
Ich hatte jetzt meine zweite Macke weg. Wieder eine Gehirnerschütterung, aber eine leichtere. Dafür hatte ich kaum noch ein Gesicht im Gesicht.
Meine Mutter hob mich auf und trug mich auf ihren Armen. Meine offenen blutigen Schürfwunden an sich gedrückt, bluteten ihre Schürze und Pullover voll. Eine Hälfte meines Gesichts war nur noch eine blutige Masse. Sämtliche Haut war auf der linken Gesichtshälfte verschwunden. Kleine Steinchen hatten sich in und unter das blutige Fleisch gedrückt. Die untere Lippe war futsch oder war einfach weggeschabt. Meine Nase stand etwas schief und ist bis heute schief in meinem „fast makellosen Antlitz“ (hi, hi).
Meine Mutter erzählt noch heute von meinem Unfall. Sie hätte mich nicht mehr erkannt, so schlimm soll ich ausgesehen haben. Wie Frankensteins Monster. Ein völlig zermatschtes Gesicht.
Mein Vater war zur Arbeit. Wir hatten noch gar kein Auto. Wer konnte auf die Schnelle helfen? Meine Mutter schellte bei einem Nachbarn im Nebenhaus. Ein Herr Wunderle. Der hatte zwar ein Auto und wollte meiner Mutter und mir auch helfen, konnte aber kein Blut sehen, dann würde ihm schlecht. Ab ins Auto und mich mit einer Wolldecke zugedeckt, damit der arme Fahrer beim Anblick meiner Matschfresse nicht noch vor die Ecke fuhr. Ab ging es in Windeseile ins Krankenhaus. In das Krankenhaus in dem ich zur Welt gekommen war. Vorübergehender Aufenthalt Nummer 2 also.
In den damaligen Krankenhäusern gab es noch keine speziellen Kinderstationen, wie heute. Ich musste in einem Männer-Mehrbettzimmer liegen. Fünf alte Männer und ich, das Blag mit 5 Jahren. Die alten Herren machten mir schreckliche Angst. Sie gaben Geräusche von sich, die ich bisher nicht vernommen hatte. Zum Beispiel schnarchten einige in der Nacht. Furzten wann immer sie wollten laut durchs Zimmer und der entsetzliche Gestank drang dann auch zu mir. So rochen wohl alte Menschen.
Mein Gesicht war zu einem Ballon angeschwollen. Ein Auge war fast zugequollen und die Schulter, Hände und Knie schmerzten. Ich ließ meinen Schmerzensschreien freien Lauf. Ich wollte nach Hause und die alten Herren nicht um mich haben. Aber das ging nicht, und dann kam die Stunde des Abschieds von meiner Mutter. Sie wollte am nächsten Tag und dann jeden Tag wieder zu mir kommen. Ich sollte schön brav sein.
Wie soll man denn bitteschön in dieser Atmosphäre schön brav sein, wenn die Schmerzen unerträglich sind und die Tränen einfach so liefen wie sie wollten?
Ständig hallten laute Zurufe der Herren durch das Zimmer in die Richtung meines Bettchens. Die Herren fühlten sich in ihrer Genesung und in ihrer Ruhe gestört. Sie wollten, dass ich endlich die Schnauze hielt. Mein Geschrei und Geheule gingen ihnen auf die Nerven.
Eine Krankenschwester, meine liebe, nette Krankenschwester Ingrid kümmerte sich verständnisvoll und intensiv um mich. Sie war es auch, die mit den älteren Herren schimpfte und um ein bisschen mehr Rücksicht für den Kleinen Scheißer Dietmar kämpfte. Sie setzte sich an mein Bett und lenkte mich mit kindlichen Späßen von meinen Dauerschmerzen ab. Ein Segen, dass es diese Frau in diesem Krankenhaus gab.
Eine ganze Woche musste ich im Krankenhaus und in diesem mir verhassten Männerzimmer bleiben. Endlich gingen die schrecklichen Schwellungen zurück. Über der Augenbraue musste genäht werden und ist bis heute eine kleine Narbe zurückgeblieben. Außer dieser kleinen feinen Narbe hat sich mein Gesicht im Laufe der nächsten Zeit wieder eingekriegt. Es hatte wohl keine Lust auf Beulen und Dellen und glättete sich wieder.
Durch den ganzen Dreck in den Wunden und Steinchen unter der Haut bekam ich gleich die nächste Tetanusspritze. Sicher ist sicher. Von diesem Krankenhausaufenthalt hatte ich die Schnauze voll und wollte nie mehr hinein. Es sollte anders kommen.
Kapitel 6: Raupen-Allergie
Im Herbst 1968 spielte ich mal wieder im nahen Wald.
„Oh, was für eine wunderschöne dicke Raupe“, entfuhr es mir. Natürlich musste ich sofort dieses lustig schwarzrote „Ding“ mitnehmen. Ich wollte sie zuhause aufwachsen lassen. Noch ahnte ich nicht, was bald losgehen sollte.
Noch unterwegs auf dem nach Hause Weg begannen meine Hände zu brennen. Die fette Raupe ließ ich frei und lief nach Hause.
Ich bekam einen Ausschlag, der sich gewaschen hatte. Juckende Pickel wuchsen in Windeseile zu dicken Pusteln heran. Kratzen war mal wieder verboten, aber ich musste einfach.
Ich wurde zum Hautarzt geschleppt und mit Salbe und Puder versorgt. Auch zum Mitnehmen.
Zuhause wollte es die nächsten Tage nicht aufhören zu jucken und ich kratze mir natürlich wie wild die Pickel auf. Ganz allmählich verging die Allergie und ich lernte daraus: Nicht alles was kunterbunt rumkrabbelt in die Hand zu nehmen.
Kapitel 7: Mandeln und Polypen
Was muss man in jungen Jahren schon alles mitmachen? Gerade raus aus dem Krankenhaus, eine halbes Jahr Ruhe und im Frühjahr 1969 schon wieder rein ins Krankenhaus.
Meine zwei Jahre ältere Schwester Vera und ich hatten vier, fünf Mal im Jahr Halsschmerzen mit Mandelentzündungen gehabt. Vereiterte Mandeln waren nicht schön, nicht schön anzusehen und überhaupt nicht schön zu ertragen. Das konnte so nicht weitergehen. Ab zum Arzt und der schickte uns zwei Kleinen mit Mutter ins Krankenhaus. Nicht schon wieder? Doch, aber dieses Mal zu Zweit. Wir bekamen sogar ein Zimmer mit 2 Betten.
Schnipp und schnapp und schon waren die Mandeln ab. Oder raus. Ich hatte außerdem noch eine Vergrößerung der Rachenmandel, ein Polyp. Nein, die echten Polypen in der Nase hatte ich damals nicht. Die hatte ich erst später. Damals spielte sich alles im Hals ab.
Nach unseren Operationen lagen wir gemeinsam im Zimmer und flennten vor Schmerzen. Schon Spuckeschlucken bereitete Halsschmerzen. Wir bekamen mehrmals am Tag eine Gummi-Halskrause mit Eisstücken darin um den Hals gelegt. Das kühlte nicht lange und schon fühlte man wieder den ganzen Schmerz. Zu essen bekamen wir erst Mal nur flüssigen Brei, alle möglichen Suppen und auch Puddingsuppe. Die war wirklich lecker, aber dieses verdammte Wund-Schlucken...
Das einzig richtig Gute an dieser Zeit war die Tatsache, dass wir so viel Eis wie wir wollten essen, schlecken und lecken konnten. Das schmeckte gut, kühlte die rötlichen Schwellungen im Hals und dämmte die Schmerzen ein.
Nachts war mir unheimlich in dem Krankenhauszimmer. Vom Gang her drangen immer wieder unbekannte Geräusche ins Zimmer. Klappern, Schritte, leises Murmeln.
Zu meinen Schmerzen kam auch noch Schiss vor der Nacht in mein Bettchen gehüpft und ich hüpfte dann zu meiner Schwester Vera ins Bett und genoss ihre Wärme und ihr Dasein in diesen trüben Frühjahrstagen. Was hätte ich nur ohne sie gemacht?
Wieder dauerte es eine ganze Woche, dann durften wir endlich wieder nach Hause. Spielen. Hurra!
Kapitel 8: Ziegenpeter
Wieso muss man, musste ich, alles hintereinander kriegen?
Im Sommer 1969 schwoll mein Hals zu. Die Ohrspeicheldrüsen waren entzündet und wurden dick und dicker. Der Mumps oder auch Ziegenpeter genannt, hatte zugeschlagen. Eine Virusinfektion welche so schmerzhaft war, wenn man nur den Kopf zu drehen versuchte. Dicke Wangen sehen dabei aus, als ob man einen richtigen Fresskopp hatte. Natürlich hatte auch ich diese sogenannten Hamsterbacken. Dick und geschwollen. Die Ohren schmerzten ebenso. Kopf- und Gliederschmerzen musste ich ertragen. Wenn ich mich umdrehen wollte, schmerzte es in den Gliedern und sogar auf der Haut.
Ich bekam Fieber bis fast 40 Grad. Mama machte mal wieder Wadenwickel und ich bekam fiebersenkende Tabletten. Um den Hals wurde ein dicker Schal gewickelt. Wärme linderte ein wenig die Beschwerden.
Ziegenpeter hört sich so fröhlich an. Nichts war mit Fröhlichkeit. 2 Wochen vergingen die Schmerzen kaum und ich litt mal wieder Höllenqualen. Essen wollte ich nichts mehr. Sprechen wollte ich auch nicht. Alles tat weh. Aua!
Wenn einer anfängt mit dem Mist, dann hatten es auch gleich die anderen. Die Anderen waren mal wieder meine Schwestern. Sie durften sich auch mit dem ungeliebten Ziegenpeter auseinandersetzen.
Jetzt konnte die Schule kommen. Ich wurde nach den Sommerferien 1969 eingeschult.
Kapitel 9: Windpocken – und es juckt und juckt
Ich fehlte in meinem ersten Schuljahr gleich 10 Tage mit Entschuldigung. Denn schon wieder hatte unsere Familie eine Kinderkrankheit zu überstehen. Die Krankheiten hörten wirklich nicht auf.
Im Frühjahr 1970 juckten uns Blagen die Windpocken. Rote Punkte am ganzen Körper. Meine Schwestern und ich waren konterminiert.
Ich bekam hohes Fieber, mir war schlecht, hatte Husten und Halsschmerzen. Ich hatte diese juckenden Dinger auch am Gaumen im Mund.
Ich lag mal wieder flach und durfte nicht kratzen. Es juckte aber doch so schrecklich und ich kratzte trotzdem. Die Pickel platzten auf und aus ihnen lief dann ein Sekret, das schnell weitere Entzündungen auslöste. Was für ein Scheiß!
Gegen das hohe Fieber gab es mal wieder ein paar fiebersenkende Tabletten. Man sollte kühl liegen und dafür sorgen, dass die Haut gekühlt wird. Wadenwickel und feuchte Handtücher auf den Körper gelegt. Fingernägel wurden kurz geschnitten, um mich am Kratzen zu hindern. Lotionen zur Kühlung der Haut und danach schmierte meine Mutter Zinksalbe auf unsere Pickel am ganzen Körper. Und Puder, immer wieder Puder, für die nässenden aufgeplatzten Pickel. Die Pickel sollten abtrocknen und eine Kruste bilden, aber genau zu diesem Zeitpunkt juckten sie am meisten. Das war doch Folterei!
Die Betten wurden ständig abgezogen und der Puder flog durch die ganze Bude. Sechs lange Wochen steckte sich einer vom anderen an und gab es an den nächsten weiter. Sechs lange Wochen ging das, bis die Familie die Windpocken endlich besiegt hatte und alle Kinder die Pocken, das Jucken und das Kratzen loswurden.
Kapitel 10: Der Trick mit dem Tick
Mit der Schule 1970, ich war 7 Jahre alt, fing alles an. Ich war schon ein hyperaktives Kind, aber die Schule machte aus mir ein nervöses Hemd und ich flatterte wild im Schulwind. Tagsüber dat bisken Hirn in der Schule verbiegen, obwohl ich lieber in Wäldern, Wiesen und Auen spielen hätte wollen, grub sich unter die Haut. Nach außen ein eifriges, lernbegieriges Kind und innen drin tobte die Nervosität. Die Zeit spielte eine große Rolle. Die Schulzeit wurde von Jahr zu Jahr immer länger.
Irgendwann machte es „Klick“, oder besser noch „Tick“ und dann hatte ich meine nächste Macke weg. Erst nur ab und zu, drückte etwas Unbekanntes unter meine Augenbraue. Um dieses Gefühl loszuwerden verzog ich für Sekunden nur das Gesicht auf der rechten Hälfte, kniff das rechte Auge zu und spannte die Augenbraue an. Kurze Zeit später war der Druck verflogen und ich entspannte wieder die Gesichtshälfte.
Allerdings häuften sich diese Gesichtsverziehungen. Immer öfters in immer kürzeren Abständen. Der Augenbrauendruck, machte mich „wahnsinnig“.
Meine Mutter und ich wieder zu unserem Hausarzt. Kurze Brauenbeschau und der Arzt sagte: „Ihr Sohn hat einen Tick.“
Wat dat denn? Das bekommen schon mal die „Kröten“, in dem Alter. Das geht von allein weg und das muss von alleine weggehen. Das war also der Trick mit dem Tick? Einfach nicht beachten.
Wie jetzt? Meine Mutter oder ich? Beide. Keiner sollte mich auf meinen Tick ansprechen und ich sollte versuchen ihn nicht zu bemerken. Von dem Druck der sich unter der Augenbraue aufbaute hatte ich erzählte, aber alles sei nur Quatsch mit Soße, einfach an was anderes Denken.
So macht man das also. Ganz einfach vergessen und dann vergeht der Tick. Ich konnte machen was ich wollte, der Tick blieb hartnäckig und setzte sich fest. Mal mehr, mal weniger, aber er blieb und keiner wollte mehr über den Tick reden. Den gibt es ja nicht. Und doch war er da. Er störte mich unglaublich. Ich wollte ihn wegdenken, aber dachte dabei an ihn, also verhielt er sich dementsprechend. Ein treuer Tick halt. Das wurde manchmal zum Gesichtsverziehungswettbewerb.
Das war wie mit Tinnitus, der da ist und den man nicht beachten soll. Manchmal gelingt es, aber oftmals auch nicht. Der Tick blieb.
Erst im dritten Schuljahr verschwand er allmählich. Nicht von heute auf morgen, von jetzt auf gleich, sondern ganz sacht, ganz langsam, wie in Zeitlupe. Ich brauchte nicht mehr kräftig das Auge zu kneifen, nur noch leicht und der Druck unter der Braue, der angeblich gar nicht existierte, wurde schwächer und schwächer und war eines schönen Tages wirklich nicht mehr zu spüren. Kein Druck mehr, kein Augenzucken, keine Gesichtsverziehung... 3 lange Jahre Tick waren endgültig vorbei.
Vielleicht ist aus dieser Zeit die Beweglichkeit meiner Augenbrauen zurückgeblieben. Ich kann seitdem jede Braue unabhängig voneinander hochziehen und wieder „fallen“ lassen. Augenbrauen-Akrobatik pur!
Kapitel 11: Mmmhhh... lecker Nägel!
Schon vor der Schule hatte ich angefangen Nägel zu kauen. Also keine richtigen Nägel, sondern meine eigenen Fingernägel. Aber mit der Schulzeit wurde es immer intensiver und nachhaltiger. Es begann als ich 7 Jahre alt war im Jahr 1970, also das Jahr mit dem Tick.
Was sollte ich auch anderes machen, wenn es mal wieder hieß „nur zuhören“. Ich konnte besser denken, wenn ich an meinen Fingernägeln kaute.
Zuerst waren es wirklich nur die Fingernägel. Die mussten ja doch irgendwann geschnitten werden, also ab damit, zwischen den Schneidezähnen zermalmt und dann schmeckten die Biester auch noch irgendwie.
Die Fingernägel waren ab. Mehr abbeißen ging nicht mehr. Aber die Ränder unter dem Nagel, also die Haut die gerne mal wulstig wird beim Zurückschieben. Daran biss ich mich fest, wenn der Nagel nicht mehr war. Oft riss ich mir die Hautfetzen ab und kleine Blutstropfen rannen. Schnell hatte ich auch an Blut Gefallen gefunden und saugte die kleinen Wunden leer.
Noch später waren es die Fingerkuppen, die es mir angetan hatten. Die wurden blutig gebissen. Das rohe Fleisch kam zum Vorschein und ich machte auch dann noch nicht halt. Die kleinen blutigen Fleischstückchen schmeckten nach Rost, nach Eisen. Und das Blut saugte ich wieder in mich hinein. Wieviel Blut kann man trinken ohne als Vampir zu gelten?
Was hat meine Mutter alles angestellt, um mich vom Fingernägelkauen abzuhalten. Erst schmierte sie Senf auf alle Fingernägel. Angetrocknet musste ich erst Mal diese Senfkruste mit den Zähnen runterkratzen und dann... mmmhhh... wieder leckere Nägel abbeißen. Auch der schärfste Löwensenf ließ mich völlig kalt. Besser noch: Ich liebte so langsam aber sicher die Senfschärfe und verlangte nach mehr. Das war wohl etwas kontraproduktiv. Auch heute noch liebe ich die „scharfen Sachen“, wie Senf, Chilisoße und Peperoni.
Dann kaufte meine Mutter ein Anti-Fingernagelkau-Lack in der Apotheke. Ich bekam die Fingernägel mit dem Lack bestrichen. Der musste erst trocknen und dann... Kaute ich natürlich an den Fingernägeln. Aber – i-bah – was war das? Eklig, bitter und sauer zugleich. Das erste Mal hätte ich kotzen können. Meine Mutter hoffte schon auf Erfolg. Aber auch an die Bitterkeit konnte ich mich gewöhnen. Allerdings schmeckte das Zeug einfach Scheiße. Also erst Mal die Vorarbeit geleistet und den Lack mit den Zähnen runtergekratzt und dann wieder meine geliebten Nägel in den Hals. Herrlich!
Pflaster um jeden Finger geklebt und ich durfte nicht an die Pflaster gehen. Bin ich aber doch und schon war wieder ein Nagel futsch. Mit einem Trick konnte ich ein paar Tage lang meine Eltern hinters Licht führen. Pflaster angehoben, weggelegt und den Nagel bearbeitet, dann die Pflasterhülle wieder auf die Fingerkuppe gesteckt und angedrückt.
Eine neue Taktik wurde ausgedacht um mir meine Leidenschaft zu nehmen. Meine Eltern und meine beiden Schwestern sagten mir immer mal wieder, wie eklig meine bekauten Fingerkuppen aussehen würden. Ich würde ganz bestimmt keine Freundin bekommen. Die würde sich davor schütteln. Aber wollte ich eine Freundin überhaupt?
Ich wurde nervös, also kaute ich. Ich dachte nach, also kaute ich. Es gab ein Problem, erst Mal kauen. Wie stellt man das nur ab?
Irgendwann gaben meine Eltern und auch meine Schwestern auf. Und ich durfte kauen, bis der Arzt kam. Aber der kam deswegen nicht. Also kaute ich weiter.
Bei Klassenarbeiten musste so mancher Finger dran glauben. Zwischendurch blutete ich mal wieder und wickelte mir Tempotaschentücher um die arg mitgenommenen blutigen Finger. Bis zur Abgabe der Klassenarbeit hatte ich dann drei Taschentücher um die Finger gebunden.
Erst Mitte 20 hörte ich wirklich mit dem Fingernägelkauen auf. Mit 23 Jahren wurde ich Hausmeister und gleichzeitig Haus- und Hof-Künstler Altenas in der Stadtgalerie Altena.
Vielleicht war es der Publikumsverkehr bei Ausstellungseröffnungen, oder dass ich angefangen hatte Theater zu spielen, kurzum mit 26 Jahren hatte ich plötzlich wieder Fingernägel. Allerdings dürfen die Nägel nicht viel länger sein als die Fingerkuppen. Dann könnte es sein, dass ich wieder zum Untier werde und meine Nägel fresse. Also werden die Nägel ganz kurz geschnitten.
Auch dürfen keine Spelzen an den Nägeln oder Hautenden am Nagelbett überstehen. Die fordern mich zum rumfummeln und abknibbeln auf. Noch heute! Deshalb müssen die Nägel gefeilt werden. Aber, ich ließ wirklich das Nägelkauen sein.
Meine Fingerkuppen sind dicke Wülste und die Nägel wachsen ziemlich platt und nicht gewölbt hervor. Durch die vielen Nagelbettentzündungen wachsen sie nun Mal nicht mehr anders. Damit muss ich eben leben.
Es dürfen nur nicht wieder irgendwelche Spelzen hervorluken. Dann kann ich auch heute noch ständig daran herumknibbeln und dann kann es auch schon mal passieren, dass ein Hautende zwischen die Zähne gerät und gekaut wird. Ich bin nun mal Fleischesser. Aber nur noch sehr selten das eigene.
Kapitel 12: Kinderski mit Rums
Im Winter 1974 bekam ich zu Weihnachten ein Paar Kinderski geschenkt und Frau Holle hatte ein Einsehen und ließ dicke Flocken schneien. Hurra, jetzt konnten die Skier ausprobiert werden.
Kinderski waren viel kürzer als die für Erwachsene. Ich sollte ja noch lernen, also gab es erst Mal nur die kürzeren. Aber so kurz waren die Dinger gar nicht. Auf dem Weg zu der großen Ski-Wiese inmitten unseres Waldes oberhalb unserer Wohnung sollte ich mich schon mal einlaufen. Meine Eltern waren dabei und beäugten mich wie mich diese verdammten Schneebretter beherrschten. Erst nur Loipe laufen. Aber die Bretter wollten nicht an Ort und Stelle bleiben. Entweder schlossen sie sich zum Paar vorne zusammen oder ich latschte mir selbst auf den hinteren Bereich.
Irgendwie kam ich damit nicht zurecht. Die langen Skistöcke in den Händen und an den Füßen die Bretter... Ne, das war nix für mich. Die Koordination der vier Gerätschaften wollte mir nicht gelingen. Also wieder abgeschnallt und bis zur Ski-Wiese getragen. Es gab noch keine aushebelbaren Skier. Die Winterstiefel mussten richtig angeschnallt werden.
An der abschüssigen verschneiten Wiese angelangt wieder die Skier angeschnallt und ab ging die Fahrt. Aber nur 20 Meter. Unterwegs hatte sich ein Hügel Schnee gebildet und als ich ihn überfuhr verlor ich mein Gleichgewicht. Anstatt die Skistöcke sofort wegzuschmeißen, versuchte ich mich mit den Dingern zu halten, was mir aber nicht gelang. Ich rutsche immer noch und hatte schon die Skibretter vorne über Kreuz. Ich verhakelte mich mit den Stöcken im Schnee, aber da war es schon zu spät. Ich flog nach hinten – RUMS – auf den Rücken. Die Skier zu beiden Seiten verdrehten mir die Beine. Einen Stock ließ ich endlich los und der rutschte den Abhang ein Stück runter. Den anderen hatte ich noch fest in der Hand.
Ich konnte keine Luft holen. Ich rang nach Luft, japste nur noch. Ich konnte weder nach Hilfe rufen, noch Aufstehen, aber gerade das verlangten jetzt meine Eltern von mir und riefen: „Komm steh auf und gleich nochmal probieren“.
Aber der arme Junge konnte nicht aufstehen. Irgendwann so nach gefühlten 3 Stunden kamen meine Eltern zu mir und erst da bemerkten sie, dass ich gar nicht aufstehen konnte. Meine Mutter war außer sich vor Sorge. Mein Vater stellte mich wieder auf die Bretter. Ich wäre gleich wieder gerutscht, hätte er mich nicht festgehalten. Ich beugte mich etwas nach vorne und dann konnte ich wieder Luft holen. Ganz tief Luft holen. Dann war auch meinen Eltern klar, dass ich fast erstickt wäre.
Ich hatte sofort die Schnauze voll von den blöden Skiern und wollte an diesem Tag auf gar keinen Fall mehr Skilaufen. Und auch am nächsten Tag nicht und gar keinen Tag mehr. Das eine Mal reichte mir völlig. Was für ein bekloppter Sport auf Brettern und mit 2 Stöcken... Ne, das war gar nix für mich.
Ich bekam ein Jahr später Gleitschuhe geschenkt. Das war mein Ding. Kleine Rutschfläche unterm Schuh, fest angezogen. Damit konnte ich umgehen. Damit konnte ich laufen und Gas geben. Ob flachabfallende oder steile Abhänge. Da machte mir kaum einer was vor. Da ragte nix Meterlang nach vorne und hinten. Mit Gleitschuhen war ich wendig und schnell.
Wieso gibt es die Dinger heute nur bis Größe 30, maximal bis 41? Und nur für Kinder? Die würde ich wiederkaufen, wenn es sie in größere Größen geben würde. So ein Mist aber auch.
Kapitel 13: Schlittschuhlaufen mit Rums
Gleitschuhe haben eine breite Lauffläche. Optimal für Schnee. Bei Eis sollte man schon besser Schlittschuhe haben. Meine Schwester Vera hatte welche und ich, 2 Jahre jüngerer Bruder, konnte ihre Schlittschuhe anziehen und hatte noch Luft für dicke Socken.
Mein Vater kam im Winter 1975 auf die glorreiche Idee auf einem kleinen Teich, dem sogenannten Kolk, mitten in seinem Jagdrevier Schlittschuh zu fahren. Der Teich wäre zugefroren und eine dicke Eisschicht würde uns tragen können. Na bestens, dann mal los.
Mit von der Partie waren meine Mutter mit den Schlittschuhen meiner ältesten Schwester Gunilla, mein Vater, der nur in Winterschuhen steckte und auf seinen Sohlen rutschen wollte und ich.
Wir fuhren nach Werdohl-Elverlingsen und latschten durch den Wald bis zum Kolkteich. Schlittschuhe angeschnallt und ab geht die Fahrt bis...
RUMS – wieder lag ich mal auf dem Rücken und japste nach Luft. So ein Mist. Schon wieder. Wieder musste mein Vater dafür sorgen, dass ich zu Luft kam. Ich ruhte mich ein wenig aus und dann wieder aufs Eis und... RUMS – da lag dann auch meine Mutter auf dem Eis. Nicht auf dem Rücken, sondern auf der Seite. Die Hüfte tat ihr weh. Sie biss die Zähne zusammen und versuchte nochmals auf den Kufen zu kurven, aber wieder kam sie ins Schwanken und wäre fast wieder hingeknallte. Tippel-Schritte und sonst kein laufen, fahren oder gleiten.
Ich bekam wieder Luft und glitt wieder aufs Eis. Der Teich war wirklich dick zugefroren, also brauchte man keine Angst zu haben einzubrechen. Es hatte aber den Tag über geschneit und eine lose Pulverschneedecke bedeckte Mal mehr, mal weniger die Eisfläche. Und wieder stolperte ich und nochmals und schon wieder... konnte mich aber immer wieder fangen. Was war denn unter dem Schnee?
Ich rieb ein Stück Eis frei. Na klar, altes Treibholz, Stöcke, Äste, ganze Baumstämme ragten manchmal nur Millimeter, manches Mal zwei – drei Zentimeter aus dem Eis. Umschlossen von Eis. Das war keine Eisfläche, sondern ein Hindernislauf. Nie konnte man sicher sein, dass auch wirklich Eis unter den Kufen beim nächsten Schritt sein würde.
Meine Mutter und ich fluchten und hatten die Schnauze gestrichen voll. Mein Vater lachte die Probleme weg und fand die ganze Sache noch ziemlich spannend, trottete dann aber hinter uns her, als meine Mutter und ich den Rückweg antraten. Am Ufer erst die Schlittschuhe ausgezogen und dann wieder durch den Wald zurück.
Nach dem RUMS auf den Skiern wollte ich nie wieder Skilaufen. Aber nach dem RUMS mit Schlittschuhen auf dem Eis stellte ich mich immer mal wieder mit Schlittschuhen aufs Eis, aber dann auf Eisflächen einer Eishalle.
Noch heute fahre ich immer mal wieder gerne auf dem Eis. Ich kann keine Pirouetten und Rückwärtslaufen, den doppelten Axel-Brecher oder den dreifachen Rittberger-Kracher springen, aber ich kann mich gut oben halten. Das ist doch auch schon mal was.
Und im Sommer fahr ich gerne auf Skatern durch die Gegend. Anstrengend aber gut!
Kapitel 14: Handgelenksverstauchung
1975, im 9ten Schuljahr wurde aus der Tanz-AG eine Volleyball-AG. Nur Mädchen und ich. Ich war der Hahn im Korb. Wenn es galt eine Mannschaft auszuwählen, wurden zwei Mädchen ausgesucht, die dann mit „Piss-Pott-Schritten“ aufeinander zugingen. Wer als erster den Fuß des anderen belatschte hatte gewonnen und durfte als erster auswählen. Ich wurde immer als Erster ausgewählt. Weil ich mich voll reinkniete in das Spiel. Voller Körpereinsatz war mein Motto. Meine Aufschläge waren berüchtigt und hatte die andere Mannschaft... äh... besser Frauschaft, also die andere Frauschaft in die Verzweiflung getrieben.
Ich schlug auf und knallte den Ball „volle Kanne“ über das Netz. Die Damen auf der anderen Seite wollten ihn erreichen, aber der Ball war unhaltbar und es gab einen Punkt für unsere Frauschaft und mich.
Allerdings hing mein Handgelenk nach diesem Aufschlag völlig taub herunter und ich musste aufhören zu spielen. Es schmerzte höllisch. Ich musste zum Arzt.
Na klasse. Sport ist doch Mord! Mein Handgelenk war verstaucht und sollte in Ruhestellung verbleiben. Das hieß 4 Wochen einen Gipsverband tragen.
Toi – toi – toi – 3-mal auf Holz gekloppt – ich habe mir nie einen Knochenbruch zugezogen. Noch nie. Das sollte auch so bleiben. Aber diese Verstauchung war langwierig und nicht immer angenehm.
Nur noch mit den äußersten Fingergliedern konnte ich einen Kuli halten und schreiben. Natürlich musste es ja das Aufschlagsgelenk des rechten Armes sein. Ich bin nun mal Rechtshänder. Mit links kann ich nicht schreiben. Also bemühte ich mich irgendwie im nachfolgenden Unterricht meine Hand zu schonen mit dem Gips, aber gleichzeitig meine Fingerfertigkeit mit den Fingerspitzen auszuführen.
Was hat es unter dem Gips gejuckt. Wie Teufel! Mit einem Lineal fuhrwerkte ich unter dem Gips rum, um die juckenden Stellen zu erreichen.
Nach 4 Wochen kam der Gips runter. Danach bekam ich ein Lederstützband mit Schlaufe für den Daumen und trug dieses Ding fast durchgängig bis zu meinem 25ten Lebensjahr. Im Büro sowieso, für Schreibmaschinen- und Computer-Tippsereien. Zuhause und überall sonst. Ich fand den Lederriemen sogar kleidsam. Der machte was her.
Irgendwann mit 25 legte ich das Ding ab. Ich benutzte es nur noch, wenn ich wieder mal das Handgelenk überangestrengt hatte.
Kapitel 15: „Ich gehe meilenweit...“
1976, im zarten Alter von 13 Jahren hatte ich zum ersten Mal geraucht. Ein älterer Schüler ließ mich zweimal von seiner Zigarette ziehen.
„Du scheißt Dir doch sofort ins Höschen“.
Nö, ich schiss mir nicht ins Höschen, aber beim zweiten Raucheinziehen musste ich husten. Sollte das wirklich schön sein?
Meine 6 Jahre ältere Schwester Gunilla rauchte schon. Ich mochte ihren Mundgeruch nicht und der Duft aus dem Aschenbecher schlug mir auch auf den Magen. Warum um alles in der Welt wollte ich trotzdem rauchen?
Die älteren Schüler sahen so erwachsen mit Zigarette aus. Das bewunderte ich und im Fernsehen lief die HB-Werbung. Ein kleines Zeichentrickmännchen wollte irgendein Regal aufbauen, dabei ging alles schief, was nur schiefgehen konnte. Er ging in die Luft und dann kam schon der Werbeslogan: „Wer wird denn gleich in die Luft gehen? Wer wird sich denn aufregen...? Greife lieber zur HB, dann geht alles wie von selbst!“
Ahh... Rauchen beruhigt also und alles geht wie von selbst. Das wollte ich doch haben.
Der Marlboro-Mann saß nach getaner Arbeit, auf irgendwelchen Gäulen Rindviecher durch die Steppe treiben, am Lagerfeuer mit einem Pott schwarzen Kaffee und einer Zigarette. Das war Entspannung. Das schmeckte.
Noch besser der Camel-Mann, der meilenweit für eine Camel-Filter ging und sich dabei sogar ein Loch in die Ledersohle latschte. Später kamen die Camel-Trophys und der Dschungel lud alle Abenteurer zum Durchqueren mit Jeeps ein. Wer wollte nicht dabei sein?
„Der Duft der großen weiten Welt“ versprach Peter Stuyvesant beim Rauchen der Zigaretten und lud zum Abheben mit einem Flugzeug ein: „Take-off, der Freiheit entgegen!“
R1 war nie meine Zigarettenmarke, aber der Werbespruch: „Ich rauche gern!“, passte auf mich wie die Faust aufs Auge.
So gesehen war die Zeit meiner Jugend absolut durchdrungen von Zigarettenwerbung. Man paffte wo man nur konnte und man konnte überall. Bei manchen Fernsehsendungen, wie „Der Frühschoppen“ konnte man kaum noch die Redner durch den Qualm erkennen. Man paffte, das war halt so.
Und Ärzte sagten in dieser Zeit immer zu mir: „Ach, eine Packung am Tag, das macht gar nichts.“ Wirklich, das sagten die einfach so einem 16-Jährigen.
Aber ich war ja erst 13 und durfte erst mit 16 vor meinen Eltern rauchen. Mit 13 wurden die Kippen nur selten geraucht, weil das Geld fehlte. Gerne stand ich dann mit den schon älteren in der Raucherecke der Schule. Man tat was Verbotenes und kam sich so groß dabei vor. Herrlich!
Meine Mutter fand ein durch Brand entstandenes Loch in meiner Parkatasche. Wieso kramte sie auch daran herum? Ach so, ja, sie wollte das Schätzchen, welches ja ständiger Begleiter der Jugendlichen damals war, auch mal wieder waschen. Und dann fand sie noch ein paar Tabakreste in einer Tasche.
„Du magst doch den Geruch gar nicht. Wie kannst du anfangen zu rauchen?“
Ja, wieso?
Weil ich damit einfach integrierter in der Welt der Jugendlichen sein und ein ganzer Kerl sein wollte. Ich fühlte mich mit Glimmstängel männlicher und stärker. Ganz einfach und es beruhigte doch so schön. Na ja, alles Einbildung, wie wir ja alle wissen.
Aber mit 16 durfte ich ja und dann habe auch ich gepafft ohne Ende. Ich wollte damit gar nicht aufhören. Mein Patenonkel rauchte damals noch Kette, also rauchte auch ich. Das war doch selbstverständlich und wenn die Ärzte der Meinung sind, dass es gar nicht schadet – immer rein mit dem Rauch. Und dann konnte ich es einfach nicht mehr lassen.
Kapitel 16: Er hat immer gebohrt!
Ich weiß nicht warum, aber Zähne waren mir immer wichtig. Sie sollten schön weiß und gepflegt sein. Zahnarztbesuche gehörten zum Erhaltungsprogramm einfach dazu. Erst mit Mama, dann alleine, aber mindestens einmal im Jahr zum Zahnarzt musste einfach sein.
Entweder man hat gesunde Zähne von Natur aus, oder nicht. Da spielen wohl auch Gene eine entscheidende Rolle. Zuviel Süßes konnte es doch gar nicht sein. Oder doch? Nein, ich wuchs noch nicht mit den vielen überzuckerten Brausen auf und nein, wir Kinder bekamen nur manchmal zu besonderen Feierlichkeiten eine Tüte Süßes. Ob Schokolade, Bonbons und lecker Eis, immer hieß es gleich: „Nicht so viel Süßes.“
Meine Zähne jedenfalls waren alles andere als gesund. Ständig hieß es schon in frühester Jugend: „Da muss ich aber bohren!“
Und wieder ein Loch in einen Zahn gebohrt und wieder eine neue Füllung. Und als Füllung natürlich nur das Beste: Amalgam!
Als Jugendlicher hatte ich schon 13 Zähne mit dem Zeug voll. Das gute an Amalgamfüllungen war nur die Haltbarkeit. Unendlich. Die Zahnärzte klärten über Gefährdungen nicht auf. Für sie gab es wohl keine gefährlichen Stoffe in diesen Füllungen. Also rein damit in die jugendliche Schnauze. Tapfer wie ich sein wollte, ging ich trotzdem immer wieder hin.
Dabei putzte ich immer schön fleißig die Zähne. Für mich waren Zahnschmerzen das Schlimmste was es geben konnte. Schmerzen im Kopfbereich – nein danke!
Ein Zahnarzt war ein richtiger Pferdemetzger. Der bohrte am liebsten ohne Betäubung und fuhrwerkte mal ordentlich mit seinem blanken Stahlbesteck im Maul rum. Der nahm keine Rücksicht auf Schmerzen beim Bohren. Das musste man aushalten, ob man wollte oder nicht.
Nach dem Besuch bei diesem Arzt zog ich mich vom gerne-zum-Zahnarzt-gehen etwas zurück. Soll heißen, ich ging wirklich nur noch einmal im Jahr zum Zahnarzt.
Mit einem neuen Zahnarzt wurde das dann nach 3 Jahren wieder anders. Da war ich schon über 18 und ich ließ mich nicht mehr so gerne quälen.
Kapitel 17: Schloss mit einem Auge
Es war im Sommer 1978, ich war gerade 15 Jahre alt geworden und fuhr mit meinen Eltern nach Waging am See in Oberbayern.
Meine 6 Jahre ältere Schwester Gunilla mit ihrem Freund Franz kamen nach Waging nach und luden mich auf eine Sight-Seeing-Tour zum Schloss Neuschwanstein ein. Ab ging es im Auto des Freundes nach Füssen.
Es war ein heißer Sommer damals. Klimaanlagen im Auto gab es noch nicht. Wir mussten alle Fenster des Autos runterkurbeln um nicht zu ersticken. Ich saß auf der Rückbank und ließ mir den Fahrtwind von allen Seiten um die Birne wehen.
Endlich angekommen, Parkplatz gesucht – gefunden und dann ging es auf einem Fußweg weiter. Erstmal marschierten wir durch die schwüle Hitze auf einem Waldweg zu der sagenumwobenen Marienbrücke von wo man einen herrlichen Blick auf das Schloss Neuschwanstein hat. Die Eisenbrücke klemmt zwischen zwei steilen Berghängen neunzig Meter über dem Pöllatfall, einem Wasserfall. Nein, wie idyllisch!
Meine Schwester Gunilla betrat die Brücke und konnte der Idylle kaum etwas abgewinnen. Sie hielt sich am Geländer fest und starrte in die Tiefe. Ihr Freund Franz wollte sie am Arm nehmen und weitergehen, aber Gunilla konnte nicht. Sie verkrampfte am Geländer und konnte keinen Schritt weitergehen. Franz musste ihre Finger einzeln vom Geländer hebeln, sonst würde sie noch heute dort kleben. Seitdem leidet sie unter Höhenangst. Oder entdeckte dort zum ersten Mal ihre Höhenangst. Dass meine Schwester trotzdem noch auf das Schloss wollte war schon eine Leistung für sich.
Dann ging es zum Schloss. Neuschwanstein, herrlich anzusehen, von unten, von oben, vom weiten, vom nahen, von überall. Im Burghof schlossen wir uns einer Besuchergruppe an und marschierten durch das Schloss hinterdrein. Wir erklommen über eine Steinwendeltreppe den ersten Turm da geschah es: Mir tanzten blitzende Punkte vor dem linken Auge. Komisch. Nur das linke Auge. Dann anhaltende linksseitige Kopfschmerzen und plötzlich sah ich gar nichts mehr außer tanzenden Punkten vor dem Auge und mir wurde kotzübel. Ich unterdrückte das Kotzen. Ich hielt mich an der Steinwand fest und rief nach meiner Schwester, die vorausgeeilt war. Ich wurde immer langsamer und fühlte mich schwindelig. Ich konnte nicht mehr weiter.
Meine Schwester und ihr Freund Franz waren sofort zur Stelle. Sie sahen, dass ich keinen Meter mehr weiterkam und wir traten den Rückzug an. Na klasse, einmal im Leben bin ich im Schloss Neuschwanstein und dann konnte ich nicht mehr. Immer wieder stand mir schon die saure Kotze im Hals und musste sie wieder runterwürgen.
Zwischen Franz und meiner Schwester eingeklemmt, schleppten sie mich zum Auto.
„Oh, nein, nicht jetzt fahren“, sagte ich noch, aber ich musste. Ich legte mich sofort auf die Rückbank und stieß wieder und wieder aus: „Ich kann nicht mehr, ich muss gleich ko...“
Franz lenkte sein Auto vom Parkplatz über eine wenig befahrene Straße zum nahegelegenen Schwansee. Kaum Touristen und Sonnenanbeter. Im Schatten großer Bäume sollte ich mich erst einmal erholen. Eine mitgebrachte Decke, ein lauwarmes Getränk durch die Hitze im Auto und dann nur noch Erholen. Aber wie, wenn man ein Fletschauge und saures Würgen hat?
Nach über 5 Stunden ging es mir endlich etwas besser. Ich konnte mich aufsetzen und ein paar Kekse essen, die noch übrig waren. Aber Hunger hatte ich nicht wirklich.
Am späten Nachmittag erst konnten wir weiterfahren. Im Auto musste ich liegen sonst hätte ich doch noch...
Erst am Abend kamen wir wieder in Waging an.
Ob es die Hitze im Allgemeinen war, oder ob ich Zug auf das Auge bekommen hatte, bleibt wohl immer ungeklärt. Nur dass ich das Schloss bis heute nicht wieder erklommen und besichtigt habe, steht fest. Aber vielleicht gibt es ja nochmals eine Schlossgelegenheit.
Kapitel 18: Koma-Saufen
Koma-Saufen gab es in meiner Jugend noch nicht. Jedenfalls nicht den Begriff. Und ich stand so gar nicht auf einen Alkohol-Rausch. Noch nie und werde ich wohl auch nicht mehr. Aber auf einer Schülerparty ohne Lehrer von uns Schülern selbst organisiert passierte mir etwas, dass so einfach nicht hätte stattfinden sollen.
Ich war 15 Jahre jung im Jahr 1978. Jemand aus unserer Klasse 9 (nur wer?) kannte jemanden, der einen kannte und so weiter... Auf jeden Fall gab es einen Feierraum ohne Aufpasser, ohne Lehrer, ohne Eltern, den wir bespielen konnten. Wir mussten anschließend nur wieder aufräumen und putzen und den Schlüssel abgeben. Jeder brachte irgendwelche Getränke und Knabberzeugs mit. Das nannte sich dann Bottle-Party oder so.
Ab 18.00 Uhr konnten wir den Raum schmücken und die Getränke und Knabbereien aufstellen. Ein mitgebrachter Kassettenrekorder und dann konnte die tolle Party steigen.
Erstmal kamen weniger als gedacht und die dann doch den Weg gefunden hatten, waren so gar nicht in Feierlaune. Irgendwie kam nix an Partygefühl hoch. Also die Getränke geschnappt und reinlaufen lassen.
Nein, so einfach dann doch nicht. Aber die Übellaunigkeit machte sich breit, keiner tanzte, keiner feierte richtig. Mir viel eine Flasche Martini Vermuth auf und goss mir ein Glas ein. Dann noch eins und noch eins und nach einer Stunde war die Flasche fast leer. Ach du meine Güte, so was war mir mit Alkohol noch nie passiert. Niemals vorher. Und jetzt das. Die Flüssigkeit aus der Pulle lief wie Wasser durch meinen Körper und wollte sich einen Weg wieder nach draußen bahnen. Die Toiletten waren in einem anderen Gebäudetrakt untergebracht. Dafür musste man sich einen Schlüssel mitnehmen, über einen kleinen Hof marschieren und die Toilettenanlagen betreten. Soweit ganz gut, nur die frische Luft machte mir zu schaffen. Erst bemerkte ich von einem Rausch gar nichts. Der Martini mundete und lief wie Saft die Kehle runter. Lecker. Aber mit der ganzen Flasche und der kühlen Luft ging es auf einmal los. Erst nur Grummeln in der Magengegend, dann schwindelig im Kopf. Ich musste mich beeilen auf den Pott zu kommen.
Ich schloss die Tür auf und dann begann das Würgegefühl. Jetzt bloß nicht anfangen zu göbeln, dachte ich mir und flüchtete schnell auf eine der Toilettenkabinen. Und dann ging es schon los. Die Toilettenschüssel umklammert und Schwapps für Schwapps reingekotzt. Ach herrlich, dann kann ich ja gleich weitermachen. Aber das ging nicht. Ich umklammerte weiter die Schüssel, kniete davor und hielt mich gut fest.
Nein, das war doch mal wieder zu viel des Guten. Mein Kreislauf machte mir ein Strich durch die Rechnung. Die anderen Mitschüler sollten doch gar nichts davon mitkriegen. Ich wollte einfach wieder zur Party latschen und fertig, aber es musste ja anders kommen.
Nach ca. einer Stunde hat man wohl auf der Party mal nachgefragt, wo denn der Dietmar so lange bliebe, der wollte doch nur mal zur Toilette.
Mittlerweile schlief ich, immer noch fest die Kloschüssel im Arm, meinen Rausch aus. Irgendwann hörte ich ein Rumsen und Bumsen und Schlagen gegen die Toilettenwände. Ein Geschrei von mehreren Leuten. Von allen Seiten wollte man an mich ran, aber die Tür war ja von innen verschlossen und ich lag wohl dann noch mit den Beinen vor der Tür, so dass, auch wenn man gewollte hätte, nicht an mich herankommen konnte. Ätsch!
Die Toilettentüren hatten nur ein paar Zentimeter Abstand zur Decke und zum Boden, so dass auch keiner drüber oder drunter her klettern konnte. Eine Mitschülerin kam auf eine bessere Idee mit Eimern voll Wasser wurde meine Toilettenkabine geflutet. Irgendwann bekam ich dann doch noch mit, dass ich klatschnass wurde und wachte so langsam aber sicher auf. Ich schloss von innen die Tür auf und dann waren sofort Hände und Arme zu Gange den Dietmar aus der Kabine wieder auf die Party zu schleppen. Ärgerlich, wenn keiner etwas mitbekommen sollte. Wie peinlich aber auch!
Ich wurde auf eine Bank an einer Wand verfrachtet und pennte wohl weiter noch ein Stündchen. Danach räkelte ich mich ein paar Mal, setzte mich wieder auf und starrte wie blöde durch den Raum.
Die Party war mittlerweile beendet worden. Ein paar meiner Mitschüler waren noch da, die aber nicht feierten, sondern den Raum wischten und putzten. Ich half noch bei den letzten Arbeiten mit und dann fuhren auch die übrigen Schüler nach Hause.
Schade, hätte doch alles so schön werden können, sollen, dürfen... Aber wenn man so bescheuert ist und sich mit dem Fusel wegkloppt, dann hat man nicht so viel davon. Das sollte mir so nicht wieder passieren.
Passierte aber dann doch noch einmal. Aber von der ganzen Kotzerei später mehr.
Kapitel 19: Die Nase-auf-OP
Immer wieder hatte ich schon als Jugendlicher mehrmals im Jahr die Nasennebenhöhlen entzündet. Das fing meist mit einer leichten Erkältung an und wuchs sich schnell zu vereiterten Nasenschleimhautentzündungen an.
1983, mit 20 Jahren, war es so schlimm, dass ich das Gefühl hatte, mein Kopf platzt. Ab zum HNO-Arzt, der mir Inhalationen und Rotlichtlampen-Therapie empfahl. Zuhause saß ich vor der Rotlichtlampe. Augen zu und das warme Licht auf den Schädel gebrannt, aber es wurde dadurch nur noch schlimmer. Der festsitzende Eiter floss einfach nicht ab und gärte in den Nebenhöhlen. Nichts löste sich. Auch nach den Inhalationen nicht. Was tun?
Wieder zum HNO-Arzt. Dieses Mal sollte mehr geschehen. Mit einer langen Nadel oder wie hieß das Ding noch? – durchstach der Arzt ohne Betäubung, ohne alles, die Gänge zu den Stirnhöhlen. Das schmerzte höllisch. Dann eine Spülung mit irgendeinem Salzwasser. Lauwarmes Salzwasser in einen Gummiball mit langer Nasentülle und dann reingespritzt in die jetzt offenen Nasengänge. Ein kleiner Erfolg stellte sich ein. Dicker zäher grünlicher Eiter floss mit dem Spülwasser aus den Stirnhöhlen. Ich bekam wieder ein wenig Luft, der Druck ließ sofort nach und ich konnte wieder nach Hause.
Um weiter Luft durch die Nase zu bekommen sprühte ich mal wieder Nasenspray in die Nase zum Abschwellen der Schleimhäute. Meistens half diese Methode ganz gut.
Aber nach 2 Wochen ging das Theater der Vereiterung wieder los. Zum dritten Mal zum HNO-Arzt. Der besah sich meine Nase von innen und meinte: „Da hilft nur noch eine Begradigung der Nasenscheidewand. Ich überweise sie ins Krankenhaus.
Unser altes katholisches Krankenhaus war sehr alt. Sehr alt und in unansehnlichem Zustand. Egal, es war damals das einzige Krankenhaus in der Stadt und mein HNO-Arzt war hier gleichzeitig auch der HNO-Chirurg. Er hieß Dr. Schwerbrock und war ein richtiger schwerer Brocken. Einer von der alten Schule. Sprüche wie stell-Dich-nicht-so-an, oder da-musst-Du-jetzt-durch, schmiss er einem um die Ohren und man kam sich als kleines elendes Würstchen vor. Man wollte nicht wimmern vor diesem Arztschreck, vor diesem Grobian. Er duzte mich sofort, als er meinen Nachnamen hörte. Pritzlaff? Aha, der Sohn vom Postboten Pritzlaff. Ja, den kannte man. Postbote Pritzlaff, mein Vater, war in jedem Bezirk der Stadt Altena schon eingesetzt worden. Der war bekannt in Altena wie ein „bunter Hund“. Dr. Schwerbrock kannte meinen Vater auch und nahm sich sofort heraus mich zu duzen. Dieser alte Sack!
Der Grobian berichtete mir von seinen Vorhaben bezüglich meiner Nase. Die Nasenscheidewand wollte er begradigen und den Huppel oder Höcker auf der Nase gleich mit abschleifen. So würde ich eine neue kerzengerade Nase erhalten und die Gänge würden auch erweitert, dann bekäme ich besser Luft. Und das würde dann noch nicht einmal als Schönheitsoperation bewertet werden, die ich teuer selbst bezahlen hätte müsste, sondern als ganz normale Nasen-OP durchgehen, weil es für mich als Patienten wichtig wäre, wieder Luft zu bekommen. Na, bestens!
Der Krankenhaustermin nahte und ich hatte sämtliche Kopfhöhlen voll mit dickem Eiter. Mir war ständig schwindelig, fühlte mich schlaff und einfach nur krank und ich freute mich auf Erlösung durch die OP.
Operation geglückt – Patient voll Schmerzen. Meine Nase war nach der OP doppelt so dick. Geschwollen, erklärte man mir. Die Schwellung sollte in Ruhe abklingen und dann würde die Nase wieder schlank und rank wie vorher.
Aus jedem Nasenloch lugte ein Stück Mullbinde hervor. Die müssten noch 3 Tage drinbleiben, die sollten nachlaufendes Blut aufsaugen. Aber nix war mit aufsaugen. Ich hatte ständig einen bleiernen Blutgeschmack im Hals. Mir lief das Blut aus den Nebenhöhlen den Hals herunter. Sehr lecker. Bah!
Die ersten Tage konnte ich kaum normal sprechen mit den Stopfen in der Nase. Am dritten Tag kam eine Krankenschwester mit einer Blechschale und einer Zange an mein Bett. Sie forderte meinen Zimmernachbarn auf, das Zimmer zu verlassen, denn jetzt würde es unangenehm.
„Ach, das macht mir nix aus“, meinte mein Zimmerkollege.
Die Krankenschwester sagte daraufhin: „Nicht für Sie, aber für Herrn Pritzlaff.“ Darauf verließ mein Leidensgenosse das Zimmer und schloss die Tür. Meine Folter-Schwester stand bewaffnet vor mir.
„Dann wollen wir mal“, erklärte die Krankenschwester. Ich setzte mich auf und die Krankenschwester hielt mir die Blechschale ans Kinn. Dann schnappte sie mit ihrer Zange das Ende des Stopfens aus dem linken Nasenloch und los ging’s.
Von jetzt auf gleich spürte ich den Schmerz. Ob ich wollte oder nicht, es flossen sofort Tränen. Ich konnte es nicht unterdrücken. Auch nicht den Schmerzensschrei der im Zimmer echote.
Und die Krankenschwester zog und zog und wurde nicht fertig. Die Stopfen waren wie angeklebt. Sie riss nochmals an dem Mullstopfen, nochmals ein heftiger Schmerz, dann war die erste Hälfte geschafft. Warum schmerzte das so? Weil die Mullstopfen an den frisch getrockneten Wunden festbappten. Jetzt lief Blut aus dem Nasenloch. Ich trocknete mir mit einem Taschentuch die Tränen. Dann war schon wieder die Krankenschwester mit ihrer Blechschale ganz nah vor mir.
„Wir müssen noch die andere Nasenseite befreien“, sagte sie mir und riss schon an dem Ende des Mullstopfens. Wieder lösten sich Blutkrusten mit samt dem Mullzeugs aus der Nase. Blut floss und ich schrie wieder auf. Das ging gar nicht anders. Der Schmerz musste herausgeschrien werden.
Endlich war auch die zweite Nasenhälfte befreit. Die Krankenschwester lobte mich zum Trost und ging.
Ich sog Luft durch die Nase ein und ich bekam auch Luft. Wow... das war klasse. Endlich die Erlösung von der Vereiterung. Aber die Nase war empfindlich. Schon die kleinste Berührung verschaffte mir ungeahnte Schmerzen. Selbst bei der Berührung mit der Bettdecke war mir, als ob ich im Boxring einen ordentlichen Haken auf die Nase bekommen hätte.
Die Nase beruhigte sich in den nächsten 2 Tagen merklich. Nur Nasebohren konnte ich nicht, dann war der Schmerz sofort wieder da. Mehrmals am Tag musste ich in die Anwendungsabteilung in der es auch Fangopackungen und Moorbäder gab. Ich bekam Inhalationen. 4 Inhalationsstationen nebeneinander aus denen es heiß dampfte. Mit der Nase über den Dampfstrahl und eingesogen. Am Anfang ging es fast gar nicht. Zu heiß, zu feucht. Die heißen Dämpfe lösten die Blutkrusten zwar nicht auf, machten sie aber geschmeidig, aber die Schleimhäute waren so gereizt, dass sie sogleich wieder zu bluten begannen. Mit mehr Abstand zum Dampf atmete ich dann weiter. Hauptsache die heilenden Dämpfe machen meine Nase wieder heile.
Mit der neuen Nase wurde ich zu Dr. Schwerbrock gerufen. Er hatte ein Behandlungszimmer im Krankenhaus und empfing mich gleich mit den Worten: „Na, das sieht doch ganz prima aus.“
Ach, dachte ich, meine Nase war noch immer geschwollen und passte so gar nicht in mein Gesicht mit ihrer jetzigen Größe. Was sollte da prima aussehen?
Ich setzte mich auf einen Stuhl, Kopf nach hinten. Der Herr Doktor stand vor mir und griff nach einem langen Stahl-Instrument. Eine ungewöhnlich lange Pinzette. Ungefähr 20 Zentimeter lang.
Und dann verschwand diese Pinzette in meinem linken Nasenloch. Des Doktors Hand kam immer näher und die 20 Zentimeter-Pinzette verschwand mehr und mehr in meinen Kopf. Ich wunderte mich, dass so viel Platz war. Wo wollte der Herr Doktor hin?
Dann zupfte er mir aus dem Nasenloch Blutkrusten von den Wunden. Wieder durchzuckte mich ein Schmerz nach dem anderen und die Tränen rollten unaufhörlich. Ich konnte Gestöhn und Geschrei vor diesem Klotz von Arzt unterdrücken, aber die Tränen nicht. Die quollen einfach hervor.
Der Arzt zog die Pinzette aus meinem Kopf mit den Worten: „Stell Dich jetzt nicht so an...“
Anstellen? Was für ein Arsch.
„So, die andere Seite“, und schon kam diese lange Pinzette wieder zum Einsatz und fuhr mir langsam aber sicher in das rechte Nasenloch und verschwand fast ganz.
Dann hatte Dr. Schwerbrock eine dicke Kruste entdeckt und zupfte nur leicht daran herum, aber ich konnte den Schmerz wirklich nicht aushalten. Echt nicht. Der Arzt wollte gerade ziehen, da stieß ich ihn mit meinen beiden Händen, mit voller Wucht gegen seinen dicken Bauch vor mir und schubste ihn weg.
Es kam zum Streitgespräch. Er wollte nochmals in die Nase, ich lehnte ab. Er wollte doch nur die Kruste... Ich wollte meine Kruste behalten. An diesem Tag wollte ich gar nichts mehr. Dieser Pferdedoktor.
„Dann sehen wir uns in 2 Tagen wieder“, rief er hinter mir her, als ich sein Behandlungszimmer verließ und auf mein Zimmer ging.
Natürlich musste ich nach 2 Tagen wieder in sein Behandlungszimmer kommen und dann wurden die anderen Krusten gezogen. Wieder unter Schmerzen, aber die konnte ich jetzt besser aushalten. Wahrscheinlich sind sie durch die Inhalationen weicher geworden und pappten nicht mehr so fest an den Schleimhäuten.
Nach 2 Wochen war ich wieder zuhause und bekam noch weitere Termine zum Dampfheilen aufgebrummt. Immer wieder musste ich ins Krankenhaus um die heilenden Dämpfe zu atmen.
Nach 6 Wochen sollte ich völlig geheilt sein, aber es dauerte bei mir noch länger. Immer noch waren die Schleimhäute gereizt und ich hatte oftmals Nasenbluten ohne zu Bohren oder zu Schnaufen. Die Nase saß wieder abgeschwollen da wo sie sitzen sollte – mitten im Gesicht, aber immer noch etwas krumm und mit dem altbekannten Höcker.
Außerdem war da irgendetwas falsch oder nicht so wie vorher. Wenn ich auf der linken Seite geschlafen hatte, habe ich immer Luft durch beide Nasenlöcher ziehen können, vorausgesetzt das ich keine Vereiterung in den Nebenhöhlen ausbrütete. Aber jetzt konnte ich auf der linken Seite liegen und die linke Nasenhälfte zog sich beim Lufteinsaugen sofort nach innen und ließ keine Luft mehr durch. Sie fiel regelrecht nach innen zu und machte dicht. Ich bekam nur durch die rechte Seite Luft. Es musste etwas geschehen. Ich latschte mal wieder zu dem HNO-Arzt Dr. Schwerbrock.
„Sie hatten mir doch eine gerade Nase ohne Knubbel darauf versprochen. Das wäre sonst eine Schönheits-OP. Aber ich sehe keinen Erfolg in dieser Hinsicht und außerdem fällt die linke Seite beim Schlafen zu.“ So ging ich den Arzt und seine Behandlung an.
Der meinte nur: „Die Operation war durchaus erfolgreich. Ich brauchte die Nase nicht zu begradigen. Ich habe nur die Stirn- und Nebenhöhlengänge geweitet.“
„Aber sie wollten sie doch begradigen“, schnauzte ich ihn an.
„Wenn Du das noch willst, dann leg dich doch nochmals ins Krankenhaus, dann werden wir die Nase begradigen.“
Was? Wie? Der spinnt doch. Ich raste vor Wut.
In den nächsten Tagen überlegte ich mir mein weiteres Vorgehen, gegen diesen schweren Brocken. Ich ließ mir einen Termin bei einem anderen HNO-Arzt in Iserlohn geben. Bei diesem Termin erklärte ich den Fall dem neuen Arzt und dieser meinte nach einer kurzen Nasenbesichtigung nur: „Da hat der Doktor ja gut gearbeitet.“
„Nein, hat er nicht. Er wollte die Nasenscheidewand richten und den Höcker abschleifen. Nichts davon hat er gemacht. Jetzt fällt die linke Seite zu. Das war vorher auch nicht.“
„Dann kommen Sie doch in unser Krankenhaus und wir beheben das“, lachte mich der Arzt an. Oder lachte der mich aus?
Ich wollte aber nicht nochmals ins Krankenhaus. Fast ein halbes Jahr habe ich noch die Wunden in der Nase gespürt und jetzt wieder die nächste OP? Nein, ich bin kein Operations-Fetischist wie andere Leute. Ich wollte aber gegen diesen Dr. Schwerbrock vorgehen.
„Können Sie mir bitte ein Attest ausstellen in dem die falsche Behandlung Erwähnung findet?“
„Nein, Herr Pritzlaff, die Arbeit kann man so oder so machen. Wenn Sie etwas Schriftliches vorher verankert hätten...“
Aha, eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus. Vielen Dank auch, Herr Doktor 2 und Auf Wiedersehen.
Er wollte mich in meinem Kampf gegen den Dr. Schwerbrock nicht unterstützen. Damals in den 1980er Jahren war es noch nicht „schicklich“, nicht angemessen den „Göttern in Weiß“ auf die Finger zu kloppen. Mit den 1990er Jahren wurde es mehr und mehr an Falschbehandlungen, die auch bei der Ärztekammer angezeigt werden konnten. Damals rief ich diese Ärztekammer an und wer war wohl Vorsitzender der Ärztekammer? Wer war dort für mich und meinen Fall zuständig? Natürlich, Herr Dottore Schwerbrock höchst persönlich. Da konnte ich mein Anliegen gleich vergessen.
Bis heute habe ich Schwierigkeiten mit meiner Nase. Die Nasengänge sind seitdem auch noch bei Erkältungen immer frei. Das ist zwar zum Ausschnaufen ganz gut, aber die Schleimhäute trocknen immer gleich aus, werden wund und vereitern schneller. Die natürliche Schleimhäute-Schutzfunktion, zusammenziehen und dichtmachen, klappt nicht mehr. Und auch das Problem mit dem linken Nasenflügel habe ich immer noch. Zufallen und keine Luft, aber nochmals deswegen eine OP? Nein, danke! Bestimmt nicht.
Am 04. Februar 2010 starb der Herr Doktor Schwerbrock im Alter von 86 Jahren.
Kapitel 20: Weisheitszahn mit Dauerschmerz
1985, mit 22 Jahren, wuchs mir der erste Weisheitszahn. Alles fing mit einer kleinen Schwellung im hinteren Zahnfleisch an. Machte mir nix. Zahnspülung rein und damit den Zahn umspült. Aber die Schwellung schwoll mehr und mehr an. Irgendwann bekam ich den Mund nicht mehr zu, ohne auf dieser Schwellung rumzukauen. Also ab zum Zahnarzt.
Der schlug vor, das pralle Zahnfleisch über dem Zahn aufzuschneiden, damit der Zahn besser durchkommen könnte. Der Zahnarzt spritzte mir ein Betäubungsmittel und schnitt dann fröhlich an meinem Zahnfleisch rum. Ich fuhr nach Hause und wartete auf Besserung. Die gab es aber nicht.
Als die Betäubung nachließ spürte ich einen Zahndruck, einen Wund- und einen Kieferschmerz. Das konnte doch nicht des Weisheitszahns letzter Schluss sein? Es wurde immer schlimmer. Ich konnte kaum vor Schmerzen einschlafen. Am nächsten Tag gleich wieder zum Onkel Zahnarzt.
Der besah sich meine Wunde und erklärte, er könne jetzt nichts machen, weil sich alles rund um den Weisheitszahn entzündet hätte. Ich bestand auf das Ziehen des Zahnes. Nein, das muss sich erstmal beruhigen, dann könnte er an Zahnziehen denken. Ich soll weiter abwarten. Er gab mir noch eine Wundsalbe mit, die auch etwas betäuben würde und schon saß ich wieder in meinem Auto auf dem Heimweg.
Ich schmierte von der Salbe einen Strang auf die entzündeten Stellen, aber das gelang mir nur mäßig. Die wunden Stellen durfte ich kaum berühren, schon begannen wieder die Schmerzen auf der ganzen linken Gesichtshälfte.
Ich kaufte mir die stärksten Schmerztabletten gegen Zahnweh und schluckte gleich 3 auf einmal. Ich wollte diesen Schmerz nicht mehr aushalten müssen. Ich schluckte 3 x 3 und 4 x 3. Aber die Tabletten taten nicht das was sie sollten. Ich hätte auch „viele-viele-bunte-Smarties“ essen können. Die hätten wenigstens noch geschmeckt. Aber meine Schmerzen blieben. Ich musste es aushalten und konnte nicht. 2 Tage und 2 Nächte ging das noch so. Die Wange wurde immer dicker und ließ eine dicke Beule entstehen. Der Dauerschmerz legte sich nicht mehr. Ich hatte nicht geschlafen. Nur hin und her gedreht und hielt mir die Wange. Ein wenig Druck von innen nach außen auf den Kiefer erlöste mich für Sekunden von den Schmerzen.
Am nächsten Tag wieder zum Zahnarzt. Schon kleinste Berührungen mit den Fingern an der Wange oder durch die Zungenspitze ließen mich zusammenzucken und wieder den Schmerz im ganzen Kopf spüren. Der Zahnarzt sagte, dass er nichts mehr für mich tun könne. Der Kiefer hatte sich jetzt auch entzündet und alles wäre vereitert. Er entschied, dass ich sofort in die Zahnklinik musste. Überweisung ausgefüllt und ab mit mir erst Mal nach Hause. Ich konnte nicht mehr denken, nicht mehr Auto fahren. Die linke Gesichtshälfte war völlig aufgequollen.
Mein Schwager Edgar war so lieb mich in die Zahnklinik nach Hagen zu fahren. Jedes Schlagloch, jede Unebenheit der Straße ließ den Schmerz wieder und wieder durch den Kiefer schießen.
Endlich kamen wir an der Zahnklinik an. Ich brauchte nicht lange zu warten. Der Operationssaal war schon klargemacht worden. Ich legte mich auf einen Operationstisch in Form eines Kreuzes. So muss sich wohl Jesus gefühlt haben. Die Arme vom Körper ausgestreckte, die Beine gerade zusammen und dann legte man mir breite Haltegurte aus Leder an. Am Handgelenk, am Oberarm, um die Fußgelenke, um die Knie, um das Becken und um die Brust. Ich konnte mich so langsam aber sicher nicht mehr rühren. Zum Schluss noch einen Gurt um meine Stirn und den letzten Riemen um das Kinn, damit der Mund schön weit offenstand. Dafür musste ich den Mund weit öffnen und mir schossen sofort Tränen in die Augen, so sehr spürte ich wieder den Zahn. Dann eine Spritze in den Arm und bis 10 zählen. Ich glaube ich kam nur bis 3 oder 4, dann war ich schon weit weg in einem fernen Land ohne Schmerzen.
Ich erwachte in einem abgedunkelten Aufwachraum. Mir kam es vor, als ob ich Stunden ohne Bewusstsein gewesen war. Wie lange hatte ich jetzt hier gelegen, fragte ich mich? Ich befühlte meine Wange und sie war nur noch halb so dick wie vorher. Der Schmerz war nicht mehr auszumachen. Ich schloss die Augen und genoss meine Schmerzfreiheit.
Eine Krankenschwester schaute nach mir und half mir beim Aufstehen. Mein Schwager wartete ja noch im Wartesaal auf mich. Die Krankenschwester erläuterte mir den Zahnausreiß-Hergang. Es war nur eine Kurzzeitnarkose von ca. 3 bis 5 Minuten gewesen. Der Chirurg hatte sofort den Zahn entfernt, die Wunde ausgespült und das Zahnfleisch zugenäht, als ich angeschnallt betäubt worden war. Das ging ruckzuck und weg war der Weisheitszahn. Weg mit dem Übeltäter.
Ich war noch ganz wackelig auf den Beinen. Mein Schwager hakte mich unter und schleppte mich zu seinem Auto. Auf der Rückfahrt schlief ich wieder ein. Zuhause angekommen nochmals auf meinen Schwager abgestützt, in die elterliche Wohnung und rein in mein Bettchen. Erst mal nur schlafen. Und es ging sogar sofort. Erst am nächsten Morgen wachte ich wie neu geboren auf. Keine Schmerzen mehr in der Schnauze. Herrlich! Ich konnte wieder klar denken und nicht nur an das Aua! Ich hatte noch ein Druckgefühl im Kiefer, aber das legte sich auch nach 2 Tagen. Ich war wieder wohlauf.
Komischerweise hatte ich mit den anderen 3 Weisheitszähnen nicht solche Probleme. Ein Zahnarzt schloss daraus, dass ich einfach zu wenig Platz gehabt hatte im Mund, so dass der erste Weisheitszahn nicht aus dem Kiefer wachsen konnte. Die anderen drei wuchsen durch das Zahnfleisch und konnten ohne Mühen entfernt werden. Nicht ganz ohne Mühen. Beim vierten Weisheitszahn gab es Probleme beim Ziehen. Der Zahn zerbröselte und der behandelnde Arzt musste Stückchen für Stückchen aus dem Kiefer reißen.
Adieu Zahn, adieu Weisheit. Die gab es jetzt nicht mehr.
Kapitel 21: Kirmes-Kotzen leichtgemacht
1986 hatten wir einen herrlichen Frühling. Ich war 23, wohnte noch bei meinen Eltern und besuchte meine Schwester Vera und meinen Schwager Edgar in Sümmern.
Als eine der größten Pfingstkirmesse Deutschlands gilt die Mendener Innenstadtkirmes. Meine Schwester Vera mit Partner Edgar, ihre Freundin Melanie mit ihrem Partner Jörn, meine Schwester Gunilla und ich besuchten zusammen die Mendener Kirmes.
Bei sonnigem warmem Wetter traf man sich am frühen Samstagmittag, so gegen 14.00 Uhr in Menden und wollte einfach nur Kirmesspaß erleben. Karussell fahren, Popcorn, gebrannte Mandeln und diverse andere Schleckereien genießen.
Weil es noch früh am Tag war, die Innenstadt und die Fahrgeschäfte noch nicht überfüllt waren, ging es gleich in das erste Fahrgeschäft. Eine grosse Schiffsschaukel lud noch völlig leer zum Mitschaukeln ein.
Ich habe ja so meine Probleme mit Schifffahren und Wellengang, aber dieses Fahrdings machte mir keine Angst. Also rein mit uns allen und dann mussten wir warten, weil zu wenig Leute mitfahren wollten. Wir alle saßen in einer Reihe und schmorten in der Mittagssonne. Immer wieder forderte eine Lautsprecherstimme zum Mitfahren auf: „Jetzt wieder einsteigen, jetzt wieder dabei sein.“ Endlich wurde eine Reihe uns gegenüber von mehreren Kirmesbesuchern besetzt. Dann schlossen sich die Haltebügel vor uns und los ging die Fahrt.
Leichtes Schaukeln, hin und her. Dann höher und höher bis wir alle am höchsten Punkt senkrecht nach unten schauen konnten. „Das macht Spaß, das macht Freude. Schaut her ihr lieben Leute.“ Der Höchstpunkt der Fahrt war erreicht und wir schaukelten so langsam wieder aus. Ein herrlicher Spaß. Der Fahrtwind zerzauste das Haar der schaukelnden Damen und wir lachten uns darüber schlapp. So, jetzt die Haltebügel öffnen lassen, aussteigen und weiter über die Kirmes.
Nein, so einfach wurde es uns nicht gemacht. Wir schaukelten nicht aus, sondern immer weiter leicht hin und her.
„Wollt ihr noch eine Zugabe?“, brüllte uns die Lautsprecherstimme zu.
Mir reichte die Fahrt die bis hierhin wirklich einfach nur Spaß gemacht hatte. Aber dem ausrufenden Schausteller fehlten Kunden für die nächste Fahrt. Niemand stand an diesem Fahrgeschäft an. Also schrie der Schausteller weiter seine Aufforderungen zum Mitfahren durch die Lautsprecher und hielt unser Gefährt dabei nicht an. Alle sollten sehen, wie toll wir schaukelten.
Dann schrien die Mitfahrer aus den Reihen uns gegenüber: „Zugabe, Zugabe.“
„Euer Wunsch ist mein Befehl“, hörten wir und schon setzte sich die Schaukel nochmals in Gang. Ruckzuck waren wir am Höchstpunkt und schauten wieder in die Tiefe. Danach schaukelten wir gemächlich wieder aus.
So, das war es dann. Jetzt aber Mal was Anderes, dachte ich noch so bei mir.
Doch dem Schausteller fehlte immer noch nachfolgende Kundschaft. Also fragte er nicht lange ob wir weiterfahren wollten, sondern setzte die Schaukel nochmals in Gang.
Jetzt wurde mir so langsam komisch. Erst nur ein flaues Gefühl, leicht in der Magengegend. Dann aber immer heftiger. Ich hatte bei meiner Schwester gut zu Mittag gegessen und das gute Essen war durch die Schaukelei schön gemixt worden und meldete eine Überforderung an. Mir wurde schlecht, aber so richtig. Zweimal konnte ich einen Kotzeschwall wieder runterwürgen. Dann sagte ich zu meiner Schwester Vera: „Ich kann nicht mehr“ und sie sah, dass es mir gar nicht mehr gut ging. Wieder schaukelten wir aus und wir rissen alle an dem Haltebügel vor uns, der sich nicht öffnete. Wir schauten alle zum Schaustellerhäuschen und forderten lautstark den Ausrufer auf, uns rauszulassen aus dem Spaßgefängnis. Aber der dachte gar nicht daran uns zu erlösen und startete gleich wieder in den Vollschwungmodus. Wieder schaukelten wir zur Höchstform auf. Den Leuten uns gegenüber gefiel es und sie juchzten vor Freude. Mir wurde schlecht und schlechter und...
Jetzt war der letzte Punkt erreicht an dem alle noch unbeschadet hätten aussteigen können. Meine Schwester Gunilla bemerkte mein heftiges Schlucken und ich war wohl kalkweiß im Gesicht. Schnell breitete sie mir meine eigene mitgebrachte hochmoderne Cordjacke vor mich aus und dann kamen schon Schwall für Schwall echte sauerländische Kotzbrocken in saurer Tunke aus mir rausgeschossen.
Als die Leute uns gegenüber meine Kotzerei bemerkten, johlten sie immer weniger, denn wenn wir auf der linken Seite den Höchststand erreichten drohte meine Kotze der Schwerkraft geschuldet nach unten zu tropfen. Aber dank meiner beiden Schwestern blieb das meiste in meiner Jacke. Auch sie waren ja Tropf-Kotze-gefährdete-Mitfahrer.
Nach der dritten Zugabe war dann wirklich Schluss. Der Schausteller hatte ein Einsehen. Vielleicht auch deshalb, weil er befürchten musste, dass sein Fahrgeschäft durch die Kotze verunreinigt worden war und er vielleicht noch putzen musste.
Ich kam allein nicht mehr aus der Riesenschaukel. Mein Schwager Edgar und meine Schwester Vera zerrten mich aus der Reihe. Mein Kopf und auch alle anderen meiner Gliedmaßen hingen schlaff herunter und ich konnte alleine keinen einzigen Schritt mehr machen. Sie schleppten mich auf eine Parkbank die im Schatten stand und ich drohte vornüber zu kippen sobald man mich losließ. Also wurde ich gestützt von beiden Seiten, denn ich göbelte immer noch die grüne Galle aus mir raus. Das wollte nicht aufhören.
Meine Schwester Gunilla kippte die Kotze aus meiner Jacke in einen nahestehenden Mülleimer und mit ein paar Taschentüchern wischte sie die saure Soße weg. Natürlich stank die Jacke wie Teufel. Irgendjemand hatte eine Plastiktüte dabei. Schnell die Jacke in die Tüte und gut verknotet zum Mitnehmen und waschen.
Alle standen um mich herum und warteten darauf, dass es weitergehen konnte. Aber ich konnte nicht. Nicht aufstehen und nicht gehen. Keinen Meter. Sofort war ich schwindelig und schaute nur noch auf den Boden. Bloß nicht nach oben sehen. Was tun?
Vera und Edgar schlugen vor, mich in Edgars Wohnung nach Sümmern zu bringen. Da sollte ich ausruhen. Ich war aus Altena nach Sümmern gefahren, um die beiden zu besuchen und dann zur Kirmes gemeinsam weiterzufahren. Mein Auto stand vor dem Haus. Jörn, Melanie und Gunilla wollten weiter über die Kirmes den Tag genießen.
Vera und Edgar schleppten mich zwischen sich eingeklemmt zum Auto. Das war ein ganzes Stück und unterwegs ging es immer mal wieder „ab in die Hecke“ zur Grünflächenverunreinigung.
In Edgars Auto durfte ich vorne sitzen, damit ich während der Fahrt schneller aus dem Auto kam, wenn meine Kotzerei wieder anfangen würde. Das Fenster war fast ganz runtergekurbelt, um mir frischen Fahrtwind ins Gesicht pusten zu lassen, dann sollte es mir bessergehen. Aber mir wurde nicht besser. Wenn die Fahrt durch eine Kurve ging, dann würgte es schon wieder und so schnell konnte Edgar gar nicht anhalten. Dann hieß es für mich weit aus dem Auto lehnen und versuchen nicht das Auto zu bekotzen. Was mir nur mäßig gelang. Edgar durfte am nächsten Tag nochmals nachwischen oder brachte er das Auto gleich in eine Waschstraße?
Ich weiß nur, dass ich nichts mehr machen konnte. Keine Kraft mehr, in keinem Glied. In Sümmern angekommen hakten mich Vera und Edgar wieder unter und brachten mich in die Wohnung. Sie betteten mich auf ihre große Wohnlandschaft. Decke drüber und warten, dass es mir besser geht. Aber es wurde nicht besser, eher verschlimmerte sich mein Zustand. Alles drehte sich. Ich sah wild aufblitzende Punkte vor meinen Augen. Und immer wieder musste ich mich über den vor dem Sofa stehenden Eimer beugen und die nächste Fuhre Kotze abreihern. Eklig!
Am Samstagabend versuchte ich mich zum ersten Mal aufzurichten. Aber schon bei dem langsamen Versuch drehte sich wieder alles und mir wurde wieder schlecht. Also ließ ich es. Selbst eine warme Tasse Kamillentee konnte ich nicht runterkriegen. Ein paar Schlucke dann war schon wieder Schluss mit lustig. Ich ließ mich zurück aufs Sofa fallen und schlief ein. In der Nacht wachte ich zweimal auf, weil mir schon wieder hundeelend zu Mute war. Erst mal wieder den Tee rauskotzen und weitergeschlafen. Aufstehen und zur Toilette laufen konnte ich nicht. Da gingen mir sofort die Beine weg und der Schwindel begann wieder aufs Neue.
Ich hatte schon immer Probleme mit Fahrgeschäften die sich entweder nur in eine Richtung drehten, wie Kettenkarussell, „Schirmchen“, „Polyp“ oder „Enterprise“. Noch schlimmer bei Schiffsschaukeln und dem damals so beliebten „Ranger“, bei dem sich die Gondel über Kopf drehte und auch über Kopf stehen bleiben konnte, um dann in die andere Richtung wieder zu schwingen. Ich hielt immer nur ein paar Drehungen durch. Wenn also viel los war, die Leute an den Fahrgeschäften anstehen mussten und auf die nächste Fahrt warteten, dann wusste ich, dass die Schausteller bemüht waren so schnell wie möglich die Fahrten zu beenden und keine Zugaben zu geben. Die Massen wollten ja schnell mit einer Portion Bespaßung befriedigt werden. Dann konnte auch ich mit diesen Fahrgeschäften fahren. Wenn aber die Fahrten nicht enden wollten, dann war bei mir schnell das Ende in Sicht. Wie sich auch in diesem Fall herausstellte. Auf Achterbahnen geht es mir gut. Da ändert sich ständig die Richtung. Mir geht es auch dann noch gut, wenn ein paar Loopings hintereinander auf den Achterbahnen verbaut waren. Nur nicht in ein und dieselbe Richtung. Da ist mein Balancegefühl hin und der Kreislauf gleich mit. Seitdem fahre ich auf Kirmessen nur noch Achterbahnen. Ob klein oder groß, da wird alles mitgenommen was sich bietet. Ob „Wilde Maus“ oder die Riesenachterbahnen. Hauptsache Nervenkitzel und nicht nur im Kreis gedreht.
Am Sonntag wollte ich eigentlich wieder nach Hause, nach Altena fahren. Aber ich musste weiterhin das Sofa meines Schwagers hüten. Ich kam einfach nicht hoch. Edgar rief einen Notarzt an und der kam auch, allerdings mit etwas Verspätung. Egal. Er untersuchte mich und merkte, dass ich nicht sitzen konnte. Kreislaufzusammenbruch. Er gab mir ein paar Pillen gegen meine Kotzerei und Tropfen zur Stärkung meines Kreislaufs. Ich sollte weiterhin ruhen. Er schrieb mich für 3 Tage krank. Die brauchte ich aber auch. Vera und Edgar gingen die nächsten Tage wieder arbeiten. Wir arbeiteten ja alle in der gleichen Firma, einem Heimwerkermarkt in der Nähe von Altena. Ich blieb aber in Edgars Wohnung in Sümmern und konnte mich nicht rühren. In dieser Zeit wollte ich auch nicht Fernsehen oder Radio hören. Alles war mir zu viel und ging mir sofort auf den Geist oder verschaffte mir die nächsten Kopfschmerzen. Erst am Dienstag begann mein Balancegefühl sich zu beruhigen und arbeitete wieder. Ich konnte mich aufsetzen und eine Kleinigkeit mal essen.
Vera und Edgar versorgten und pflegten mich ganz liebevoll in dieser Zeit. Die Lieben! Erst am Mittwochnachmittag trat ich die Rückfahrt nach Altena an und am Donnerstag konnte ich wieder arbeiten gehen. Was für ein Mist?! Das aus einem fröhlichen Kirmesspaß so eine Scheiße werden konnte? Ich musste demnächst aufpassen was ich mir zumutete.
Darmowy fragment się skończył.