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Havarie

Dietmar Werner Wagner

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Dietmar Werner Wagner

www.dietmar-wagner.info

Copyright © 2019 Dietmar Werner Wagner

All rights reserved.

ISBN: 9798646326950

Für Mone.

»Kiel war so groß und so klein, dass alles, was sich auf dieser Welt ereignet oder ereignen könnte, sich auch in Kiel ereignete oder hätte ereignen können.«

Frei nach Günter Grass, Hundejahre

Alle Begebenheiten in diesem Roman sind frei erfunden, Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder Personen sind rein zufällig.

1 Breath (In The Air)

Die Leiche wogte mit den Wellen hin und her. Der linke Arm lag über dem Oberkörper, der rechte fehlte. Die beiden Beine hatten sich an einigen größeren Steinen festgehakt. Die rechte Körperhälfte war nur noch rudimentär zu erkennen. Der kleine Strand von Möltenort hatte Hochbetrieb. Allerdings waren es jetzt im März weniger Touristen, die den Strand säumten, sondern Polizeibeamte, die die wenigen Neugierigen von der Fundstelle absperrten.

»Männliche Leiche, zwischen 40 und 50 Jahre alt, ein Arm abgetrennt, Schürf- und Schnittwunden am Oberkörper, Kopf stark zertrümmert, Gesicht halbseitig zerstört, vermutlich Schiffsschraube...“, murmelte Dr. Hansjochen Pasternack, Gerichtsmediziner der Fördestadt in sein i-Phone.

»Einschussloch in den Rücken«, sagte er laut, nun den beiden Kripobeamten, die vor der Leiche standen, zugewandt.

»Das mit dem Arm wird er nicht mehr gespürt haben, sonst wenig Spuren durch das Wasser, der ist noch nicht lange tot, schätze gestern Abend, mehr später.«

»Danke, Hajo«, entgegnete Beate Müller.

Sie wusste sofort, um wen es sich handelt, auch wenn nur wenig von seinem Gesicht übrig geblieben war. »Scheiße«, brachte ihr Kollege, Hubert Kaiser, heraus, mehr nicht.

Auch er hatte ihn erkannt und wusste, dass das für Beate ein schwerer Moment sein musste. Ihre Geschichte war zwar schon einige Zeit vorbei, aber sie hatte ihm mal in einem der wenigen vertrauten Momente erzählt, dass es sehr weit gegangen war, weiter als alles, was sie sonst mit Männern erlebt hatte.

»Bist Du okay?«

»Ja, es geht.«

Beate kämpfte mit den Tränen, wollte sich aber hier vor den Kollegen keine Blöße geben. Privates und Dienstliches hielt sie fein säuberlich auseinander, sie konnte das viel besser als andere in ihrem Job. Auch wenn viele ihrer Kollegen ihr Privatleben immer wieder zum Anlass nahmen, an ihren Fähigkeiten bei der Arbeit zu zweifeln, trennte sie das strikt. Alle Anfeindungen, alle Mobbing-Versuche perlten an ihr ab wie Regentropfen an der Fensterscheibe. Sie fragte sich oft, wie sie so unterschiedlich sein konnte: präzise, fast pedantisch im Job, chaotisch, manchmal absurd im Privaten.

Sie konzentrierte sich auf ihre Mitte. So nannte sie es, wenn es darum ging, Dinge, die jetzt störten, auszublenden. Stören konnten jetzt die Gefühle, die sie für Matthias Kerner hatte, der nun tot und verstümmelt vor ihr lag. Die Gefühle waren nicht erloschen, als sie sich trennten. Sie blieben, auch jetzt. Konzentration, Mitte, jetzt. Sie sah ihren Kollegen fragend an.

»Was meinst Du?«

»Erschossen, irgendwo da drüben«, Hubert Kaiser zeigte auf das gegenüberliegende Westufer der Kieler Förde. »Hindenburgufer, vielleicht Tirpitzmole. Ich check mal, wie die Strömungen hier laufen.«

»Okay, dann wissen wir vielleicht schon mal, wo der Tatort war, hier wird das wohl kaum gewesen sein.«

Die beiden drehten sich um und gingen hinter der Absperrung zu ihrem Wagen, der am Wendehammer des Strandweges stand.

Eine sogenannte bessere Gegend war dieser Ort am Wasser, kurz vor den Toren zu Kiels ehemaligen Arbeitervierteln Dietrichsdorf und Gaarden. Lotsen und Kapitäne hatten hier in Möltenort ihre Häuser vor 100 Jahren gebaut. Längst hatten wohlbetuchte Kieler das Viertel entdeckt. Einige Lotsenhäuser waren inzwischen imposanten Neubauten gewichen. Die Ostseite der Förde war eigentlich die bessere Seite der Förde, hier sorgte die Sonne auch am Abend noch für Licht und Wärme, wenn im Westen schon lange kein Sonnenstrahl mehr die Prunkbauten im Villenviertel Düsternbrook beschien.

Wenn nur nicht die Werften wären, die zwischen Hörn und Schwentine die sonnigen Plätze besetzt hielten.

Beate und Kaiser fuhren mit ihrem Dienst-Passat gerade an den Toren der Howaldtswerke vorbei, HDW war immer noch der größte Arbeitgeber der Stadt. Das Werftengelände war riesig und versperrte den Bewohnern des dahinter liegenden Stadtteils Gaarden den Zugang zum Meer.

Die früher einmal von Ur-Kielern und Studenten bewohnte Gegend ging nach und nach unter, wurde mehr und mehr zum Ghetto. Sie fuhren die Werftstraße weiter, die Halle 400 und die Neubauten rund um den Germaniahafen lagen nun zur Rechten. Dort sollte das neue Kiel entstehen, Business-Kiel. New-Economy-Träume waren hier schon geträumt worden und geplatzt. Doch nachdem die einstigen Werftbrachen weggeräumt waren und Internetstars wie mobil.com-Gründer Schmid vollmundige Zukunftsvisionen vorgestellt hatten, platzte der ganze Rummel. Jahrelang stand die Halle 400, eine alte Werfthalle für den U-Bootbau, allein auf freier Pläne. Ein paar Medienunternehmen hatten immerhin für ein halb volles Haus gesorgt. Die Regionalstudios von Sat1 und RTL hatten hier eine standesgemäße Adresse gefunden. Auch Kerners früheres Magazin hatte hier ein paar Jahre residiert. »Hauptsache hip«, hatte er Beate über diese Zeit gesagt.

»Fahr mal rechts ran«, Kaiser fuhr den Wagen bis fast an die Kaimauer vor den Hörn-Arkaden. »Ich geh zu Fuß.« Beate stieg aus. Kaiser kannte das schon. Sie hat einen Wanderwahn, sagte er zu Kollegen. Wann immer es ging, ging sie. »Ich brauch das zum Nachdenken«, war ihre Standardrechtfertigung, auch wenn sie riskierte, dadurch zu spät zu Konferenzen zu kommen. Heute war für Kaiser klar, warum sie allein sein wollte.

Sie ging am Hörn-Ufer entlang, blickte auf die wenigen Schiffe, die an der Kaimauer lagen. Viele Mordfälle hatten sie nicht, hier in der Provinz. Der Tote wird Schlagzeilen machen, das war ihr klar.

Matthias war Journalist, hatte beim Kieler Anzeiger gearbeitet, später ein Regionalmagazin gegründet. Vor einigen Jahren hatte eine Artikelserie einiges Aufsehen erregt. Machenschaften zwischen Politik und dem Kieler Anzeiger hatten zu Rücktritten im Rathaus geführt. Auch der damalige Geschäftsführer des Lokalblattes musste seinen Hut nehmen.

In einer Stadt wie dieser kannte man eigentlich immer alle. »Dorf auf Weltniveau«, hatte es mal eine Freundin genannt. »Viel Wind, wenig dahinter«, kommentierte es Reiner, ihr früherer Mann, der durchs Studium hier gelandet und durch sie hier geblieben war.

Sie nahm ihr Handy und rief Karl Stiller an. Er meldete sich nach fünf Klingelzeichen. »Stiller?«

»Beate hier, Matthias ist tot.« Stille. Beate konnte sich vorstellen, wie es in Stillers Kopf ratterte, wahrscheinlich lag er noch im Bett. Sein Job fing erst um halb Elf an. Er arbeitete noch immer beim Kieler Anzeiger. »Was ist passiert?«

»Er wurde ermordet, erschossen.«

»Mein Gott.«

Beate hatte die Klappbrücke erreicht, die den neuen Teil der Stadt mit dem alten verbindet.

»Können wir uns treffen?«

»Später, ich muss erst ins Büro. Sagen wir heute Mittag, bei Umberto?« Umberto war ein italienisches Restaurant in der Innenstadt. Hier traf sich die halbe Stadt zum Mittag, darunter auch viele Journalisten des Anzeigers.

»Okay, halb eins?«

»Bis dann.«

2 On The Turning Away

(Havarie, Seite 23)

Es war viertel vor elf. Angela stand vor dem Spiegel und war mit sich zufrieden. Heute morgen bei Kiels Prominenten-Frisör im Düsternbrooker Nobelhotel »Maritim« war sie noch unsicher, ob die Frisur so richtig war, jetzt fand sie alles bestens.

Als letztes kam der Hut. Das i-Tüpfelchen, passend zum Chanel-Kostüm.

»Okay«, dachte sie, »here we go.«

Sie verließ das Haus und bahnte sich den Weg durch die Menge. Dicht gedrängt waren die Zuschauer auf dem gesamten Werftgelände verteilt. Schiffstaufe war im Kieler Stadtteil Friedrichsort auch immer ein Volksfest. Sie hörte die Musik des Spielmannszuges aus der Ferne. Ein Umzug setzte sich bei jeder Taufe durch den Stadtteil in Bewegung.

Es war für Angela immer wieder beeindruckend. An diesen Tagen hatte sie ein Gefühl dafür, dass die Werft nicht nur Geld abwarf. Sie war etwas ganz besonders für die Menschen, die hier arbeiteten und lebten.

Während die Menschenmassen in Richtung Docks und Helling strömten, ging Angela in die entgegengesetzte Richtung, zum Eingang. Dort warteten Klaus Neubach und Günter Petermann, der ungeduldig zur Uhr schaute, bereits.

Taufe war für jeden in der Werft der Höhepunkt des Schiffsbaus, egal ob Schweißer, Buchhalter oder Geschäftsführer. Wer wollte, durfte mitfeiern, die geladenen Gäste feierten mit Champagner, alle anderen hatten traditionell immerhin Anspruch auf eine Wurst und ein Bier in der Werkskantine.

Eine der Sekretärinnen war für die Blumensträuße zuständig. Bei Taufen überließ Klaus Neubach nichts, aber auch gar nichts dem Zufall. Die Blumensträuße wurden vorher ausgesucht, damit sie zur Farbe der Kleider passten. Das anschließende Festmenü im Hotel »Maritim« wurde drei, vier Mal probegegessen, bis es passte.

Nun schaute auch Klaus Neubach zur Uhr. Fünf vor, es wurde Zeit. Vor der Taufe waren alle nervös, alles was schief gehen konnte, wurde schnell zum bösen Omen für das Schiff erklärt. Der Aberglaube wurde zwar weniger, aber ganz war er nicht wegzudenken. Da kam der Mercedes durch die Polizeiabsperrung. Herbert Linndner, Reeder aus Bremen, stieg zuerst aus. Er reichte seiner Taufpatin die Hand. Sina Relinghorst war diesmal die Glückliche. Taufpatin war immer eine Frau und es war immer Sache des Reeders, sie zu bestimmen. Diesmal war es die Tochter des Hauptfinanziers des Tankers. Die stolzen Eltern stiegen aus dem nächsten Mercedes aus.

»Mein lieber Neubach«, Linndner ging auf die beiden Geschäftsführer zu. »Ich freue mich, wieder bei Ihnen zu sein, Stapellauf in Kiel ist für mich und meine Frau immer ein besonderes Ereignis.« Bei diesen Worte erinnerte er sich dann auch an seine Frau und half ihr aus dem Wagen. Sie erhielt, wie die anderen Damen umgehend den jeweils farblich passenden Blumenstrauß.

Dann wies Klaus Neubach den Weg. »Wenn ich bitten darf.« Der engste Kreis wurde nun von einer Delegation der Geladenen begleitet, die sich ihre Kanzel-Pässe am VIP Tresen abholten. Auf der Taufkanzel hatten nur knapp 20 Leute Platz, entsprechend sorgfältig suchte Klaus Neubach die Auserwählten aus.

Diesmal waren der Bremer Wirtschaftsminister Fink und sein Amtskollege aus Kiel mit von der Partie. Die beiden hatten hinter den Kulissen einige Finanzprobleme aus dem Weg geräumt, um den Bau des zweiten Doppelhüllentankers für die Bremer Reederei zu ermöglichen. Die Gruppe war auf dem Weg zur Helling, der schräg zum Wasser abfallenden Fläche auf dem die Neubauten entstanden. Das Heck des Tankers ragte 15 Meter hoch über die niedrigen Häuser der Umgebung.

Anders als beim Konkurrenten HDW wurden die Schiffe bei Neubach sozusagen unter Aufsicht der Öffentlichkeit gebaut. Der Bug des Schiffes ragte fast bis zum Zaun, der direkt an der Straße verlief. Langsam ging sie die Stufen zur Kanzel hinauf. Nur keinen Fehler machen, dachte die Taufpatin, ein blutjunges, ziemlich dummes Ding, das es allein Papi zu verdanken hatte, hier heute die Ehre zu haben. Klaus geleitete sie hinauf, Angela folgte mit Reeder Linndner. Dahinter und immer aufs Neue genervt, weil nur in zweiter Reihe bei den Taufen, folgte Petermann mit der Gattin des Reeders. Danach gingen, ohne feste Reihenfolge, die anderen Mitglieder der Kanzel-Crew an »Bord.« Die Kapelle des Friedrichsorter Spielmannszug intonierte inzwischen eine Variation aus »Muss i denn« und »Ick hev mal ’n Hamburger Vermaster.« Dann gab Petermann ein Zeichen und die Kapelle kam zum Schluss.

»...taufe ich Dich auf den Namen „Sealord“. Ich wünsche Dir immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel und allzeit gute Fahrt.« Und nun knallte Sina Relinghorst die Flasche mit aller Kraft gegen den Schiffsrumpf. Sie hätte sich nicht so ins Zeug legen müssen: Man hatte inzwischen dafür gesorgt, dass da nichts mehr schief gehen konnte und der Champagnerflasche eine automatische Beschleunigung gegeben, damit sie sicher am Rumpf zerschellte.

Der Beifall brandete auf, die Gäste auf der Taufkanzel waren ebenso begeistert, wie die Menschen, die in der Nähe der Würstchenbuden und Bierständen das Schauspiel verfolgten. Und dann kam Petermanns Einsatz, die sogenannten Pale, die Stützen unter dem Schiffsrumpf, wurden der Reihe nach weggeschlagen. »Pal eins, los«, gab er ins Walki-Talki. Hinten am Heck des riesigen Tankers holten zwei Schiffbaumeister mit Vorschlaghammern aus und schlugen die Pfähle weg, die den Rumpf des Schiffes auf dem Trockenen in Balance hielten. Die Helling hatte einen Neigungswinkel von 5 Grad und war mit Schmierseife eingerieben worden. »Pal zwei, los«, gab Petermann ins Sprechgerät, zwei weitere Neubacher schlugen die nächsten Stützen weg. Jetzt begann das Schiff zu ächzen, die Stahlplatten rieben sich gegeneinander, das Schiff setzte sich millimeterweise in Bewegung.

»Pal drei, los«, Petermann sprach ganz ruhig, obwohl es in ihm brannte. Das war sein Moment, das war der Lohn für die Arbeit. Seine Arbeit. Denn ohne ihn, würde der Riesentanker jetzt nicht in die Förde rutschen. »Pal vier, los.« Er liebte und hasste diese Momente auf der Taufkanzel. Er hatte hier auf der Werft das Sagen, alle Betriebsabläufe wurden durch ihn gesteuert, jede Bestellung musste durch ihn genehmigt werden. Ohne ihn kein Tanker. Aber ich bin halt nicht mit einem goldenen Löffel im Mund geboren worden, sagt er zu sich und blickte rüber zu Neubach. Er war wie er meinte, sicher aus gutem Grund, vom Seniorchef zum gleichberechtigten Geschäftsführer neben Klaus berufen worden. Alle Betriebsabläufe lagen unter seinem Kommando. Klaus war für die Akquise zuständig und für die Außenrepräsentanz. Für Smalltalk und große Reden, wie heute. »Pal fünf, los.« Jetzt nahm das Schiff Fahrt auf und rutschte zentimeterweise, langsam schneller werdend über die Helling, das Heck berührte jetzt das Fördewasser.

»Pal sechs, Pal sieben, Pal acht«, jetzt zischte der Tanker in die Förde. Der Schwung reichte, um ihn einige zehn Meter ins Wasser zu befördern. An Bord waren Mannschaften, die die Leinen der Schlepper einholten. Noch war der Tanker ja nichts als eine Hülle, ohne Maschine, ohne Führerhaus war er auf die Hilfe der Schlepper angewiesen. Die verbrachten den Tanker zum Kai der Neubachwerft. Schon am Nachmittag wird die Brücke auf die Hülle gesetzt, erhält das Schiff Kontur. In einigen Wochen wird der Tanker an die Reederei übergeben.

»Wird auch Zeit«, dachte Klaus, »die Werft braucht frisches Geld.« Ein Drittel hatte die Reederei bei Auftragserteilung auf den Tisch gelegt, das zweite Drittel war heute fällig. Der Rest folgt bei Ablieferung, jedenfalls wenn keine Reklamationen kamen. Bei der Linndner Reederei war das meist nicht der Fall. Das waren noch ordentliche Geschäfte dachte Klaus. Aber das wurde mehr und mehr die Ausnahme. Reedereien forderten inzwischen viel, die Werften durften sich um die Charter, die Finanzierung, meist auch um die politische Rückendeckung der Finanzierung kümmern. Und zum Schluss gab es die, die dann nicht die volle Summe zahlen wollten. So ein Tanker wie die »Sealord« kostete immerhin mehr als 100 Millionen Mark. Das Geschäft wurde immer riskanter. Aber Klaus wollte sich heute nicht die Laune verderben lassen. Das war sein Tag, das war der Tag, für die sich all die Mühe lohnte.

»Sehen Sie, war doch ganz einfach«, Klaus scherzte mit der Taufpatin. Die Kanzel-Gesellschaft applaudierte dem Schiff hinterher und schaute sich an, wie die Schlepper den Tanker einfingen und beibrachten. »Meine Damen und Herren«, Klaus verschaffte sich mit lauter Stimme Gehör. «ich darf Sie nun bitten, als Gäste der Reederei Linndner und der Neubachwerft uns ins Maritim zu folgen, wo wir den glücklichen Stapellauf der „Sealord“ feiern wollen. Angela bewunderte die Veränderung, die sich bei ihrem Mann an solchen Tagen abspielte. Aus dem genervten, mundfaulen, langsamen, fast gekrümmten Opfer all der Leiden dieser Welt, wurde ein vor Spannkraft protzender eloquenter Mann von Welt. »Er hätte Pressesprecher werden sollen«, dachte sie, »das wäre der Job für ihn gewesen.« Angela und Klaus nahmen die Taufpatin in ihre Mitte und stiegen in den bereitstehenden Firmen-Mercedes ein. Die anderen Wagen schlossen sich an, langsam nahm die Wagenkolonne Fahrt auf, als letztes schloss der Bus für die ausgewählte Belegschaft an. Die Meister der Abteilungen suchten die rund 50 Arbeiter aus, die die Ehre hatten, gemeinsam mit ihren Ehefrauen oder Partnerinnen am großen Festmenü teilhaben durften.

Das Hotel »Maritim« lag an einem Sahnestück der Landeshauptstadt. Auf einer Anhöhe direkt an der Förde im Nobelviertel Düsternbrook. Das Gebäude aus den 70ern war nicht schön, aber der Blick daraus atemberaubend. Die Hotelangestellten geleiteten die Tauf-Gäste in den Saal »Friesland.« Von hier aus konnte man sogar noch bis zur Werft sehen, die »Sealord« lag am Pier, die Arbeiten daran hatten bereits begonnen.

»Meine sehr verehrte Taufpatin, lieber Herr Linndner, liebe Gäste, liebe Mitarbeiter«, Klaus Neubach ließ es sich nicht nehmen die Eröffnungsrede zu halten. Später würde auch Petermann noch etwas sagen, der Reeder natürlich und ein Sprecher der Mitarbeiter. Aber jetzt war er dran. »Wieder mal ein großer Tag für uns Neubacher.«

3 Shine On You Crazy
Diamond

Wer hätte ein Interesse an seinem Tod haben können? Raubmord schloss Beate sofort aus. Warum, wusste sie selbst nicht. Aber bei einem Mann wie Matthias wäre das zu lächerlich gewesen. Außerdem wurden Raubmorde meist eher aus der Situation heraus und selten mit einer Schusswaffe durchgeführt.

Sie war sofort davon überzeugt, dass es mit seiner Arbeit zu tun hatte. Seine Vorliebe für investigativen Journalismus hatte ihm weder viele Freunde noch viel Glück eingebracht. Sein Magazin ist pleite gegangen, er arbeitete an Buchprojekten. Zum Teil Auftragsarbeiten, zum anderen Teil die Arbeit an einem neuen Roman. Sein erstes Werk hatte für allerlei Unruhe in Teilen der Upper Class der Fördestadt geführt. Ausführlich beschrieb er darin, wer in Kiel das Sagen hatte. Viele erkannten sich selbst oder Menschen aus ihrem Bekanntenkreis darin wieder. Die Liebe zum Detail führte bei einigen zu peinlichen Ausführungen.

Wenn er schrieb, war er in seinem Element, dachte Beate. Langsam kam sie wieder zur nüchternen Betrachtung der Situation. Natürlich muss sie sich als erstes um seine Wohnung, besser um seinen Schreibtisch kümmern. Woran arbeitete er zuletzt. Sie klappte das Handy auf und rief Kaiser an. »Fahr zu Matthias’ Wohnung, wir treffen uns da.«

Beate nahm sich ein Taxi. »Schloßstraße bitte.« Die Kurzstrecke war nicht die Traumroute des Taxifahrers, soviel machte seine Mimik deutlich.

Als sie fünf Minuten später vor der Haustür stand, fiel es ihr schwer, Job und Gefühl zu trennen. Verdammt oft hatten sie sich hier getroffen. Kaiser wartete schon auf sie, gemeinsam gingen sie das enge Treppenhaus des Hinterhofhauses hinauf. Im Gebäude gab es nur eine Wohnung ganz oben. Die beiden anderen Stockwerke waren zu Büros umgewandelt worden. Diese Stufen war sie oft hinaufgegangen. Sie schob die Erinnerungen beiseite. Der Schlüssel lag an derselben Stelle, wie sie es damals vereinbart hatten. Kaiser kannte keine Details, aber genug, um sich nicht zu wundern.

Sie schloss die Tür auf, ging voran auf dem langen Flur, roter Teppich, weiße Tapete, an den Wänden hingen vergrößerte Fotos, die er gemacht hatte. Konzertfotos, Kaiser erkannte Joe Cocker, Heinz Rudolf Kunze, ein anderes zeigte eine Sängerin, merkwürdigerweise von hinten. Kaiser blickte Beate fragend an.

»Konzertfotos, das ist Patricia Kaas, Matthias hat als Fotograf angefangen, das Schreiben kam erst später dazu.«

Sie gingen weiter zum Wohnzimmer. »Kein schlechter Blick«, kommentierte Kaiser die Aussicht auf die Nikolai-Kirche, die im Zentrum der Kieler Altstadt eine Idee davon gab, dass Kiel wirklich mal eine Altstadt hatte.

Ledercouch, dänischer Lesesessel, in der Ecke ein Schreibtisch. Rechts und links des weißen iMacs lagen Stapel von Papieren. Beate blickte sie oberflächlich durch. Viele unbezahlte Rechnungen und Mahnungen. Mit Geld umgehen war nie seine Stärke, dachte sie. Hatte er was, gab er es aus, hatte er nichts, machte er Schulden.

Links Recherchematerial, Ausdrucke von Internetseiten, Wikipedia, Google. Hauptsächlich über Schiffe und deren Finanzierungen. Nicht gerade sein Fachgebiet, dachte sie. Sie schaltete den Mac an. Mit dem typischen Einschaltton, der sie an den Schlussakkord von »A Day in the Life« vom Sgt. Pepper’s Album der Beatles erinnerte, nahm der formschöne Apple seine Arbeit auf. Beate erinnerte sich, wie Matthias fast liebevoll über seinen iMac und sein Macbook gesprochen.

Kaiser setzte sich auf den Lederbürostuhl, nahm die Maus in die rechte Hand. »Kennst Du sein Password?« Nein, dachte sie, eigentlich nicht. Aber sie wusste, dass er soetwas immer sehr nachlässig behandelt hatte. Und immer Passwörter genommen hatte, die er nicht vergessen konnte. Eine zeitlang hatte er die Albumtitel seiner Lieblingsbands genommen. »Versuch mal „darksideofthemoon“.« Pink Floyd war die Band, die er am meisten geschätzt hatte, das Album hatte er oft als Bibel der Rockgeschichte bezeichnet. Aber es passte nicht.

»Weißt Du noch andere Titel von Floyd-Alben, möglichst ein Wort«, Kaiser kramte in seinem wenig ausgeprägten Musik-Gedächtnis vergeblich nach diesen Alben. Ihm lagen klassische Klänge weitaus näher.

Beate ging zum Plattenregal über der alten schwarzen Kenwood-Anlage und dem Thorens-Plattenspieler. Pink Floyd stand hier komplett: »Obscured by clouds«, »Wish You were here«, »Animals«, »Dark side of the Moon« sogar gleich dreimal in verschiedenen Aufnahmen. »Versuchs mal mit ,Ummagumma’«, das passte zu ihm.

»Treffer«, Kaiser klickte Dateien an, die auf dem Schreibtisch lagen, öffnete den Ordner Dokumente. Offenbar Artikel, die er geschrieben hatte, aber nichts Aktuelles. Die neueste Datei war vom Januar, also zwei Monate alt. Für einen Journalisten eher unüblich, zwei Monate nichts zu schreiben.

Kaiser öffnete Safari, die Chronik des Internetbrowsers war leer. »Matthias hat immer Firefox benutzt, such mal in den Programmen.« Die Firefox-Chronik enthielt das, was sie in Papierform auf dem Tisch fanden, aber auch hier alles zwei Monate alt.

Offenbar hatte Kerner den Computer nicht gebraucht in den letzten acht Wochen. Ebensowenig die letzten Word-Dokumente. »Geh mal auf das Programm Pages, damit hat er meistens gearbeitet.« Beate erinnerte sich, dass Matthias eine nicht nachvollziehbare Abneigung gegen alles gehabt hatte, was aus dem Hause Microsoft kam.

Kaiser öffnete das Programm und ging auf den Reiter „Benutzte Dokumente“. Hier waren fünf Dateien aufgelistet: »Havarie« hieß das zuletzt benutzte. Kaiser klickte darauf.

»Die Datei konnte nicht gefunden werden«, vermeldete der Computer. Auch die anderen Dateien kamen zum gleichen Ergebnis.

»Havarie? Was mag uns das wohl sagen?«

»Ich muss jetzt erstmal eines wissen«, Kaiser hatte die Frage lange unterdrückt, nun war sie überfällig.

»Wie nah standet Ihr euch? Ich weiß, Ihr hattet eine Affäre. War es mehr?«

Beate wäre froh gewesen, wenn sie die Frage hätte beantworten können. Genau genommen ging ihr diese Frage seit dem Tag durch den Kopf, als sie Matthias gesagt hatte, dass sie nicht mehr wolle. War es mehr gewesen? Zugleich ärgerte sich Beate über die Frage. Was ging ihn das an?

»Ich habe immer Job und Privates getrennt, ich gedenke, das auch weiter so zu handhaben«, entgegnete sie, kühler als gewollt.

Sie wusste, Kaiser gehörte zu denen, die ihr nicht schaden wollten. Vielleicht hatte er das Recht, die Frage zu stellen. Aber sie wollte, sie konnte das nicht beantworten.

»Es ist ja ganz brauchbar, dass Du Passwörter knackst, weißt, wo der Haustürschlüssel liegt, und wenn Du seine Unterhosengröße kennst, hab ich auch nichts dagegen. Aber ich muss wissen, wann Du emotional zu belastest bist, um normal zu agieren. Es geht um einen Mordfall.«

Beate wusste, dass er Recht hatte, und hatte trotzdem keine Lust, sich in ihren Gefühlen zu offenbaren. Nicht hier, nicht vor einem Kollegen, nicht jetzt.

»Du kannst sicher sein, dass ich den Punkt kenne, wenn einem die Ermittlung aus den Fingern rutscht. Das ist hier nicht der Fall.«

Sie war sich sogar sicher, dass das stimmte. Kaiser gab sich zufrieden, erstmal.

Beate ging durch die anderen Räume der Wohnung, Küche, Bad, Schlafzimmer. Klar, dachte sie, da bin ich ganz cool, was soll mich denn hier schon von normaler Ermittlungsarbeit ablenken. Dann fiel ihr etwas auf.

Es war weg.

Das Laptop.

Sein iBook.

Sein iBook hatte Matthias mit ins Bett genommen. Er hatte die Angewohnheit, abends noch Mails zu checken und manchmal sogar Artikel zu schreiben - im Bett. Eine beknackte Angewohnheit, wie Beate meinte. Aber auf jeden Fall stand das Laptop am Bett, wenn er es nicht unterwegs benutzte.

Und jetzt war es weg.

»Ich glaube, er ist wieder jemandem auf die Füße getreten«, Beate sah Kaiser entschlossen an.

»Aber diesmal eine Nummer zu groß für ihn«, sagte ihr Kollege, ohne überlegenen Unterton.

4 Time

(Havarie, Seite 35)

Als er den Wagen vom Werftgelände steuerte, war er sehr nachdenklich. Was ihm sein Vater eröffnete, war nicht wirklich überraschend, doch nun stand das Wort im Raum: Konkurs.

Klaus Neubach bog hinter dem Werkstor rechts statt links ab, er wollte noch nicht nach Haus. An der nächsten Kreuzung bog er erneut rechts ab und steuerte seinen Mercedes ans Skagerakufer. Er hielt an und stieg aus. Die Kälte sprang ihn geradezu an. Jetzt im Februar war es noch immer eiskalt, auch wenn kein Schnee mehr lag. Er ging hinunter ans Wasser.

Die Wellen rauschten an den kleinen Strand, der sich hier zwischen das Werftgelände und die großen Maschinenfabrik von Caterpillar quetschte. Eine Idylle, eingeengt zwischen den wuchtigen Docks auf der einen und den großen Anlegern auf der anderen Seite. Klaus Neubach mochte diese stille Natur-Auszeit zwischen den lärmenden Industrie-Giganten. Er kam hierher, wenn er nachdenken musste. Und das war jetzt der Fall. Was ihm sein Vater eröffnet hatte, war das Startzeichen für ihn. Er sollte nun übernehmen. Aus dem Konkurs sollte er eine neue Firma schmieden, die den Schiffbau in dritter Generation fortsetzen würde.

Es war klar, dass der Tag kommen würde, aber jetzt senkte sich dieser Gedanke schwerer über ihn, als er sich je ausgemalt hatte. Die Vorstellung, das Ruder zu übernehmen, verfolgte ihn nun schon mehr als 20 Jahre. Er erinnerte sich, wie in der Schule nach den Berufswünschen der Kinder gefragt wurde. Er beneidete die Mitschüler, die Rennfahrer oder Schauspieler werden wollten. Ja sogar die, die Schaffner oder Feuerwehrmann als Ziel hatten. Denn er wusste: Die konnten sich noch zehn Mal anders entscheiden. Als die Reihe an ihn kam, sagte er »Schiffbauer und Chef.« Und er wusste, dass das so kommen würde. Er hatte keine Wahl.

Er blickte auf die Kieler Förde. Auf Dock 1 »seiner« Werft waren noch Schweißer am Werk. Ein russischer Tanker war in der Ostsee havariert und nun zur Reparatur ins große Neubach-Trockendock geschleppt worden. Mit diesem Dock war sein Großvater 1945 aus Memel über die Ostsee geflohen. Die blauen und gelben Flammenspritzer der Schweißarbeiter kontrastierten mit dem Schwarz des Docks und dem tiefen Dunkelblau des Wassers. Das Scheinwerferlicht auf den Docks spiegelte sich im kabbeligen Wasser der Förde. Seine Mutter hatte ihm mal gestanden, dass sie keine vier Kinder gewollt hatte. Aber er, der »Stammhalter«, der, der alles weiterführen sollte, kam erst als Nummer drei, nach seinen Schwestern zur Welt. Sein jüngerer Bruder war dann noch ein »Betriebsunfall«, wie seine Mutter sagte.

Weiter hinten konnte er den großen Kran von HDW sehen, der sich als Wahrzeichen der Stadt über deren Rest-Silhouette erhob. HDW, dachte er, da war keine Insolvenz zu befürchten. Wenn da mal etwas schief ging, war die Politik da und sorgte mit helfenden Händen und vor allem Steuermillionen dafür, dass HDW überlebte. Größe war ein entscheidender Faktor in dieser Branche. Wer zu klein war, ging unter. Und Klaus Neubach war sich nicht sicher, ob seine Werft groß genug war, um zu überleben. Seine Werft. Ihn fröstelte.

Und Klaus Neubach war sich nicht sicher, ob das am Winter lag.

5 Welcome To The Machine

Beate ging ins Verlagshaus, wusste aber eigentlich noch gar nicht, mit wem sie sprechen wollte. Beate fing einfach mal oben an: »Müller, Kripo Kiel, ich möchte zur Geschäftsführung, danke.«

Die Dame hinter der Schalterscheibe starrte auf den hingehaltenen Dienstausweis. Der Besuch der Polizei war ihr sichtlich unangenehm. Sie nahm den Telefonhörer und rief in der Chefetage an.

»Ich hab hier eine Dame von der Kripo für Herrn Dr. Jansen, ja, okay. Bitte gehen Sie durch die Tür zum Fahrstuhl, es ist der erste Stock, Zimmer 213.«

Beate betrat das Zimmer 213 und hatte die Wahl zwischen links und rechts oder einem Tresen in der Mitte. Links eine Dame, rechts eine Dame, beide lächelten ihr zu. »Die Dame von der Kripo?« »Ja Kripo Kiel, ich möchte bitte mit der Geschäftsleitung sprechen.«

»Herr Dr. Jansen ist noch in einem Telefonat, ist es Ihnen recht, mit unserem stellvertretenden Geschäftsführer Herrn Meinert zu sprechen?«

Okay, fangen wir halt irgendwo an, dachte Beate und nickte stumm.

»Bitte kommen Sie.«

Fast servil kam ihr ein sehr dicker Mann mit Schnurrbart und Halbglatze entgegen, dessen wirkliche Konfektionsgröße in allem eine Nummer über dem lag, was er trug.

»Sie sind von der Kripo, was kann ich für Sie tun? Ich hoffe, ich hab nichts ausgefressen...«

Beate liebte solche Eröffnungen. »Achtung Vollpfosten« raunten sich Beate und Kaiser dann oft zu.

»Das weiß ich noch nicht, was ich aber weiß, ist, dass Matthias Kerner tot ist.«

Das saß. Da wurde es bei »Mister Vollpfosten« ruhig hinter der Stirn.

»Bitte wer...«, stammelte der eben noch so vollmundige Alleswisser.

»Wir haben Grund zu der Annahme, dass Ihr Matthias Kerner gestern erschossen wurde«,

»Erschossen?«

»Erschossen!«

Beate ließ alle Ungeduld raus, sie mochte den Mann nicht und sie wusste auch, dass er eine unrühmliche Rolle in der damaligen Affäre, die Matthias mit seiner Artikelserie losgetreten hatte, spielte. Sich und seinen Posten hatte er aber retten können.

»Ja, erschossen. Das ist, wenn man jemanden mit einer Schusswaffe tötet.« Den Satz hatte sie schon öfter gebraucht, sie hatte Gefallen daran gefunden, die Tragik des Todes mit der Lächerlichkeit solcher Sätze zu verbinden. Und sie hoffte, mit ihrer gewollten, ja notwendigen Flappsigkeit niemanden zu verletzen, der tatsächlich unter dem Tod eines geliebten Menschen litt. Manchmal eine Gratwanderung, heute nicht, entschied sie.

Der Mann der ihr gegenüber saß, hatte die Feinfühligkeit einer Betonplatte. Dafür die Schweißproduktion eines Marathonläufers. Beate machte es Freude, dass ihre Eröffnung den Mann unter Feuer brachte. Also legte sie nach.

»Wollen Sie kooperieren?«

»Ja, natürlich, was kann ich für Sie tun?«

»Wir haben Hinweise, dass Kerner an einer Geschichte arbeitete, die er vielleicht auch dem Anzeiger anbieten wollte. Wissen Sie, ob das geschehen ist?«

»Ich kenne Herrn Kerner nur aus seiner Zeit, als er hier ein zuverlässiger Mitarbeiter war«, log Meinert, und Beate wusste es. Matthias hatte ihr von seinen Gesprächen mit Meinert erzählt, die Beschreibung seiner unangenehmen Fettleibigkeit konnte sie nun gut nachvollziehen. Wie in Matthias Beschreibungen rutschte das zu kleine Hemd an einer Stelle aus der Hose, der Stuhl unter ihm ächzte unter dem Gewicht von vielleicht 140 Kilo.

»Sie hatten auch danach Kontakt mit Herrn Kerner, das wissen wir.«

»Ich hole mal unseren Chefredakteur, Herrn Wohlert, hinzu. Er stand auf und steckte den Kopf durch den Türrahmen. »Frau Blichenberg, bitten Sie Herrn Wohlert bitte her.«

Jochen Wohlert war etwas konsterniert, als die Chefsekretärin ihn für »sofort« in die Chefetage rief. »Worum geht's?«

»Kann ich Ihnen nicht sagen, eine Dame von der Kripo ist hier.«

Der bullige Chefredakteur erhob sich langsam und ging bedächtig zum Fahrstuhl. Paul Gerhard, Volontär im ersten Jahr, kam ihm aus dem Fahrstuhl entgegen, in löchriger Jeans und ausgelatschtem T-Shirt. »Gerhard«, rotzte Wohlert, «haben Sie Urlaub?«

Überrascht reagiert der 25jährige, »nein, nein.«

»Sieht aber so aus«, schoss Wohlert heraus, dreht sich um und ließ die Fahrstuhltür zugleiten.

»Was kann ich für Sie tun?« Wohlert ging direkt auf die Unbekannte zu und streckte die Hand entgegen.

»Was können Sie mir zu Matthias Kerner sagen?«

»Guter Mann, aber zu eigen. Macht manchmal Dinge, die mir nicht gefallen, die aber richtig sind. Warum?«

Er ist tot.

»Shit, was ist passiert?«

»Genaues wissen wir noch nicht, nur soviel, dass ein Schuss in den Rücken seinem Leben ein Ende gesetzt hat.«

»Puh«, mehr war dem Chefredakteur nicht zu entlocken.

»Wissen Sie, woran Kerner gearbeitet hat, wollte er Ihnen eine Story anbieten?«

»Er hat mich letzte Woche angerufen und gefragt, ob ich eine Geschichte von ihm kaufen würde.«

Nach den gegenseitigen Anfeindungen, die zwischen Kerner und dem Anzeiger lagen, war das eine berechtigte Frage. »Hat Sie das gewundert?«

»Klar, das war ein schwieriges Verhältnis zwischen ihm und unserem Blatt.«

»Und wollten Sie die Geschichte nehmen?«

»Er hat mir nicht konkret genug gesagt, worum es ging. Er wollte noch Details prüfen, bevor er damit rauskommen wollte, sagte er. Ich hab ihm gesagt, wenn die Geschichte gut ist, nehme ich sie.«

»Trotz der«, Beate überlegte eine Formulierung, »Vorgeschichte?«

»Natürlich, wir sind beide Journalisten, eine Story ist eine Story, das hat nichts mit Gefühlen zu tun.«

Beate wusste, dass er log.

6 Arnold Layne

Die Straße war jetzt, kurz nach Mitternacht, menschenleer. Er ging am Gutenberg-Gymnasium vorbei, dachte an die traurige Berühmtheit, die Erfurt durch den Amoklauf eines Jugendlichen an dieser Schule erfahren hatte. Und dachte daran, dass die Zeit reif war, dass die Menschen Erfurt anders in Erinnerung behalten sollten: Als Keimzelle des Aufbruchs für ein neues Deutschland.

Er hatte es so satt, von linken Spinnern, versifften Schlampen und stinkenden Ausländern herumgeschupst zu werden. Die allerletzten Jobs ließ man für ihn übrig, die Wohnung, die er sich mit der beschissenen Bezahlung leisten konnte, war ein Loch.

Er ging die Straße entlang und näherte sich dem Petersberg von hinten. Die alte Festung, die vom Mainzer Erzbischof im 17. Jahrhundert errichtet worden war, um die Erfurter zu bewachen, war im Sommer beliebter Treffpunkt der Studentenszene, die hier grillten, chillten und feierten, oft bis weit in Nacht hinein. Jetzt, im Februar, war hier kein Mensch. Nur er und, so hoffte er, sein Kontaktmann. Vereinbart war 0:30 Uhr an dem leerstehenden ehemaligen Lager gegenüber den Festungsmauern.

Er blieb stehen, zündete sich eine Zigarette an.

Warten.

Die Minuten vergingen.

Fünf nach halb.

Hatte er sich zu viel versprochen von dem Angebot? Als er die Mail erhielt, war er wie elektrisiert. Endlich fragte man ihn, wie weit er gehen würde. Und er antwortete, weiter als alle anderen vor ihm. Es musste endlich Schluss sein mit der Besserwisserei der roten Brut, mit den immer gleichen Lügen in der Presse, mit den Geschenken an Ausländer, mit dem Gesülze der Merkel-Hörigen. Mit der Lügenpresse wollte er anfangen. Er hatte da seine Pläne.

Er wollte einen entscheidenden Beitrag leisten, für die Bewegung. Er würde weit gehen, bis zum Letzten. So hatte er seinem Kontaktmann versichert. Wenn man ihn mit den notwendigen Mitteln versorgte, wollte er sehr weit gehen.

Nun hatte er Zweifel, war er einem Fake aufgesessen?

Oder dem Verfassungsschutz?

Aus dem Gebüsch vor dem alten verfallenen Gebäude bewegte sich ein Schatten, kam auf ihn zu.

»Sturm 18?« Das verabredete Codewort.

»Ja, hier.«

»Ich hab da was für Sie«, der Schatten nahm die Kontur eines etwa 1,80 Meter großen Mannes an, schwarze Lederjacke, einen in einem Tuch eingewickelter Gegenstand in der Hand.

»Sie wissen, wie man mit so etwas umgeht?«, sagte er, während er den Gegenstand auspackte.

»Ich glaub schon, war beim Bund.«

»Gut, Sie unterrichten uns laufend über Ihre Vorhaben«, das war keine Frage, das war ein Befehl.

»Ja, wir mailen. Die Verbindung, die Sie aufgebaut haben ist safe?«

»Natürlich, wir sind keine Anfänger, wir erwarten von Ihnen ebensolche Professionalität.«

Der Mann übergab Thomas einen Umschlag, er konnte einen Stapel Geldschein erfühlen, er hoffte, es waren Hunderter.

»Sie können sich auf mich verlassen.«

Der Schatten drehte sich wortlos um und verschwand im Schatten des Lagers.

Er öffnete den Umschlag, leuchtete mit seinem Handy und zählte 20 Scheine, grüne.

7 Another Brick In The Wall

(Havarie, Seite 65)

»Anstrengender Tag?«

»Ja, verdammt anstrengend.«

Sie lebten in einer 80 Quadratmeter Maisonettwohnung in der Holtenauer Straße. Wenn Klaus von der Werft kam, musste er über die Hochbrücke den Nord-Ostsee-Kanal passieren. Für ihn immer der Moment, an dem er sich vom Job verabschiedete. Jedenfalls solange es ging. In letzter Zeit nahm er ihn immer mehr mit nach Haus. Denn die Lage war alles andere als gut.

Seit drei Jahren arbeitete er nun im Familienunternehmen, der großen Werft in Friedrichsort. Als rechte Hand seines Vaters, auf dem Gelände nannte man ihn den Juniorchef. Es war klar, dass er den Betrieb eines Tages übernehmen würde. Doch dass es schon so bald werden würde, war ihm erst seit heute klar. »Junge, ich werde Insolvenz anmelden müssen«, Helmut Neubach tat sich schwer mit diesen Worten. Er saß hinter seinem Empire-Schreibtisch und stütze den Kopf schwer auf dem linken Arm. Mit der rechten Hand klopfte er monoton auf die Schreibtischunterlage. »Wir kriegen das nicht mehr hin, die Krise überspült uns.

Werftenkrise, dieses Schlagwort kannte man in Kiel seit den frühen 70er Jahren. Diese Stadt hatte seine Existenz den Werften zu verdanken. Zehntausende arbeiteten bei den drei größten Arbeitgebern der Stadt. Howaldt, Friedrich und Neubach. Das waren drei Namen, die in Kiel jeder kannte. Inzwischen war die Howaldtwerft, fusioniert mit anderen Werften, vom Thyssen-Krupp-Konzern übernommen worden. Doch die beiden Kleineren blieben Inhaber geführte Unternehmen. Die Werftenkrisen hatten sie mit Spezialisierungen zunächst überstehen können. Neubach konzentrierte sich auf den Bau von Spezialschiffen, besonders die auf der Werft erfundenen Doppelhüllentanker. Aber Kapitalmangel hatte schon Größere in der Branche kaputt gemacht. Denn Schiffe werden von den Werften inzwischen komplett vorfinanziert. Der Reeder zahlte erst bei Übergabe, solange musste jede Schraube und jede Arbeitsstunde vom Planer bis Schweißer aus der Werftkasse bezahlt werden. Umso gefährlicher wurde es, wenn Auftraggeber Konkurs anmelden mussten. Dann blieb meist nur noch der Ramschverkauf, um wenigsten einen Teil der Kosten wieder hereinzuholen. Genauso gefährlich wurde es, wenn die Banken keine ausreichenden Sicherheiten mehr sahen, um Kredite zu geben. Da halfen dann auch volle Auftragsbücher gar nicht mehr.

»Kesselmacher war vorhin hier«, Helmut Neubach bedeutete seinem Sohn sich zu setzen.

»Immerhin kommt er noch und zitiert uns nicht zu ihm.«

»Aber davon können wir uns nichts kaufen. Wenn nicht noch ein Wunder geschieht, drehen die uns den Hahn zu«, er pustete die Backen auf und ließ die Luft mit einem deutlichen Geräusch heraus. »Dann können wir hier einpacken.«

»Aber wir haben doch Folgeaufträge ohne Ende, das können die nicht machen.«

»Oh doch, sie können. Und sie werden.«

»Vater weiß nicht mehr, wie es weitergehen soll. Er denkt an Konkurs«, Klaus ließ sich in das elegante Designersofa fallen, dass Angela vor weinigen Wochen bei Schöner Wohnen ausgesucht hatte.

»Und was heißt das für uns?« Sie war mehr als irritiert, sie hatte mit einem Mal Angst.

»Das werden wir sehen.«

»Was heißt das, Klaus? Verlierst Du Deinen Job?«

»Ach Quatsch, wir müssen nur über neue Konstruktionen nachdenken.«

»Aber wie ist es denn soweit gekommen, da läuft doch ein Tanker nach dem anderen vom Stapel?«

»Ja, die Auftragslage ist gut, aber uns fehlt Kapital, Vater hat zu viel in die Schiffsbeteiligungen gesteckt.«

Die Neubachwerft hat sich, um die Auslastung zu maximieren, immer an den Schiffsbauten beteiligt. Dadurch war der Kapitaldienst der Auftraggeber natürlich entsprechend geringer. Bei guter Auslastung der Schiffe kamen sogar noch Gewinne herein. Aber jetzt steckte der weltweite Handel und damit auch der weltweite Transport in einer Flaute. Somit hätten die Schiffseigner nun Geld nachschießen müssen. Geld, das nicht da war.

8 Us And Them

Sie traf Stiller um halb eins. Das Restaurant war nur wenige Schritte von Matthias Wohnung entfernt. Stiller saß hinten rechts in dem kleinen Restaurant. Der Wirt kannte die beiden seit Jahren. Es war der einzige Kieler Gastronom, der seine Gäste permanent beschimpfte. Egal ob sie zu spät kamen oder zu früh, ob sie jeden Tag kamen oder sich lange nicht hatten blicken lassen.

Umberto meckerte und meckerte. Wenn nicht über seine Gäste, dann über das Wetter oder die Rathauspolitik. Er hatte immer Zuhörer, denn die meisten waren Journalisten oder Politiker, manche beides. Das gegenüber liegende NDR-Funkhaus spie jedenfalls Mittag für Mittag hungrige Medienleute aus, die Umbertos Angebot nicht nur wegen der Nähe schätzten. Die Verwaltungsbeamten des Rathauses sahen das ähnlich.

Die Nudeln waren sehr gut, das Steak al Aioli legendär. Beate bestellte wie immer »Spaghetti della casa«, dazu einen Rotwein. Stiller nahm den Mittagstisch und eine Selter, wie immer.

»Mit Sprudel? Okay, lass es krachen«, hatte Matthias den selten ausgelassenen Kollegen gern verspottet.

Stiller und Kerner waren völlig verschiedene Typen. Was sie einte war die Liebe zu ihrem Job und das gemeinsame Verständnis dafür, dass dieser Beruf langsam vor die Hunde ging. Wenn man das, was inzwischen gang und gäbe war, nicht bekämpfte.

Für beide war die tägliche Korruption ihres Berufsstandes ein Greuel. Inzwischen galten sie unter Kollegen eher als Sonderlinge. Leute, die es nicht normal fanden, wenn Chefredakteure Artikel in Auftrag gaben, die sich an den Wünschen der Anzeigenkunden orientieren sollten. Leute, die etwas einzuwenden hatten, wenn der Verlag der einzigen Tageszeitung im lokalen Wirtschaftsgeschäft nicht als kritischer Betrachter am Spielfeldrand, sondern als Lokal Player mitmischte. Wenn sich wirtschaftliche Interessen nicht mehr von täglicher Berichterstattung unterscheiden ließen. Altmodisch nannten das Viele.

Am Nebentisch brachten zwei NDR-Journalisten Umberto mit ihrem Running Gag wie immer aus der Fassung. »Zweimal Pizza Hawaii, Umberto.« Nichts brachte den kleinen Mann aus dem tiefen Süden Italiens mehr in Rage, als die amerikanischen Verrohungen der italienischen Küche. Pizza Hawaii gehörte dabei ganz oben auf die Liste.

Es war laut im Restaurant, wie immer. Der Tod von Matthias Kerner war noch kein Gesprächshema, da der Name des Toten von der Pressestelle der Polizei noch unter Verschluss gehalten wurde. Beate hatte darum gebeten, um einigen Menschen aus seinem Umfeld keine Gelegenheit zu geben, sich auf die Aussagen vorzubereiten.

»Okay erzähl, was ist passiert?« Beate referierte den Ermittlungsstand. Etwas, was sie nach Dienstvorschrift natürlich gar nicht dürfte, schon gar nicht gegenüber einem Pressemenschen. Aber erstens waren ihr Dienstvorschriften schon immer völlig egal, und zweitens hatte sie unbegrenztes Vertrauen zu Stiller.

»Ich geh davon aus, dass es mit seiner Arbeit zu tun hat. Hast Du eine Ahnung, woran er gearbeitet hat?«

Stiller dachte nach. »Nicht konkret, ich hab ihn zuletzt vor zwei Tagen gesehen, hier bei Umberto. Er saß mit jemandem am Tisch, den ich kannte, wir quatschten kurz, aber offenbar sollte ich mich nicht dazu setzen. Kerner war ungewöhnlich kurz angebunden. Er trank sogar Selter.«

Beate zog die Augenbraue hoch. Matthias und Selter, dann war die Anspannung groß, keine Frage.

»Und wer war der Mann mit dem er da war?«

»Neubach, Klaus Neubach.«

»Der von der Werft?«

»Genau der.«

Stiller kannte Neubach von seiner Recherche über die Firmenpleite vor zwei Jahren. Werfentpleiten waren ja in Kiel nichts Ungewöhnliches, aber bei diesem Konkurs blieb einiges im Dunkeln. Stiller wunderte sich noch immer, dass nicht wie sonst die Landesregierung helfend zur Seite gesprungen war, um einen wichtigen Arbeitgeber zu stützen. HDW hatte diese Hilfe oft genug in Anspruch nehmen können, die Neubach Werft einige Jahre zuvor allerdings auch.

»Ich war selbst mit jemandem zum Hintergrundgespräch verabredet, deshalb hab ich nicht weiter auf die beiden geachtet. Als ich zahlte, waren beide weg.«

Umberto kam mit dem Essen an den Tisch, »Wo ist euer Dritter im Bunde«, fragte er. So wie er es immer fragte, wenn die drei nicht komplett erschienen. »Später Umberto«, tat Beate die Frage ab, zu sehr ins Gespräch vertieft. Umberto gehörte zwar nicht zu den sensibelsten Zuhörern, verstand aber schon, wann er mal die Klappe halten sollte.

»Matthias hat recherchiert zu Schiffsfinanzierungen, ist da irgendwas Neues im Busch?«

»Nicht das ich wüsste, die Werft ist immer noch insolvent, der Insolvenzverwalter hat Neubach hochkantig rausgeschmissen, hat aber auch keinen echten Plan B, wie es da weiter gehen soll. Viele vermuten, dass die Werft komplett abgewickelt und der Immobilienbesitz vergoldet werden soll.«

Das Areal und sein Umfeld waren von Kiels Werftengeschichte geprägt. Hinter der Werft Arbeitersiedlungen, und dahinter ein Stadtteil, der sich noch nicht so recht entschieden hatte, ob er sterben oder ein neues nachindustrielles Kapitel aufschlagen wollte. Die direkten Wasserlagen waren in Kiels Immobilienwirtschaft außerordentlich beliebt.

»Hat Neubach davon noch was?«

»Kaum, er ist inzwischen auch in Privatinsolvenz gegangen.« Beate hob fragend den Kopf von ihren Spaghetti.

»Echt oder getürkt?« Stiller wusste, was sie meinte. Sie hatten sich erst neulich über einen Medienunternehmer unterhalten, der seine Firmen- und Privatpleite scheinbar unbeschadet überlebt hatte. Beate hatte ihn mit seinem S-Klasse-Mercedes bestens gelaunt auf dem Weg zu seiner Strander Villa gesehen.

»Nein, echt, neben der Firmenpleite hat er auch eine sehr kostspielige Scheidung hinter sich. Das hat Zehntausende gekostet. Inzwischen lebt er vom Buchhandel seiner neuen Freundin, immerhin scheint er es beziehungsmäßig jetzt besser getroffen zu haben.«

Als Umberto nach einem Epressso fragte, winkten beide ab.

»Als wir zuletzt hier waren, hat er über Neubach eigentlich kein Wort gesprochen«, Stillers Blick ruhte auf dem letzten Schluck seines Selterglases. Beate war klar, dass er genauso trauerte, den Anschein aber zunächst nicht zuließ. Professioneller Umgang, hätte Matthias dazu gesagt.

»Er hatte da nur wieder über den Kieler Anzeiger hergezogen, sich lustig gemacht, dass die Geschäftsführung jetzt tatsächlich den Lokalteil ins letzte Buch der Zeitung verbannt hat.«

»Letztes Buch?«

»Zeitungsjargon, die Seiten, die man zusammenfaltet nennt man ein Buch, der Anzeiger hat üblicherweise drei und das zweite Buch war inklusive der Aufschlagsseite für den Lokalteil reserviert. Jetzt ist das Lokale im letzten Buch ohne Aufschlagsseite.«

Beate konnte sich vorstellen wie das von Matthias kommentiert worden war.

»Aber da hatte er auch schon reichlich zugelangt.« Beate war es unerklärlich, wie Stiller die Abende mit ihm aushielt, spätestens um halb zwölf hatte er ein Level, dass die Wahrnehmung der beiden doch deutlich unterscheiden musste. Stiller schien ihre Gedanken zu spüren.

»Ich mochte ihn, auch wenn er ganz anders war als ich. Wir haben über vieles dieselben Ansichten gehabt. Auch wenn er ständig zu viel trank.«

Sie verabschiedeten sich vor der Tür des Restaurants.

»Bitte noch kein Wort zu deinen Kollegen.«

»Ist doch klar, sag mir Bescheid, wenn es öffentlich ist.«

»Das wirst Du dem Kieler Anzeiger entnehmen können.«

»Bis bald, ruf mich an, wenn Dir danach ist.«

Darmowy fragment się skończył.

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Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
120 str.
ISBN:
9783750238695
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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