Czytaj książkę: «Der Strohmann»

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Dietmar Füssel

Der Strohmann

Kriminalroman

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

Rückblende

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

Kapitel 12 A

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

Epilog

Impressum neobooks

Prolog

KRIMINALROMAN

Der Präsident war, höflich ausgedrückt, ein ganz klein wenig unterbelichtet.

Selbst seine ergebensten Speichellecker bescheinigten ihm bestenfalls durchschnittliche Intelligenz.

Zwar hatte er bei der Vergabe des Verstandes in der pränatalen Sub-Astral-Sphäre laut und deutlich „Hier!“ gerufen, doch leider hatten die Amerikaner just in diesem Augenblick auf dem Bikini-Atoll einen Atombombenversuch durchgeführt, sodass der für die Zuteilung der menschlichen Begabungen zuständige Große Geist wegen des enormen Explosionslärms seinen Ruf nicht hatte hören können.

Er stand mit zusammengekniffenen Augen am Rednerpult des Kongresses, um die jährliche Rede des Präsidenten zur Lage der Nation zu halten.

Das Zusammenkneifen der Augen hatte er sich in der Zeit angewöhnt, in der er seine Reden noch von einem sogenannten Teleprompter hatte ablesen müssen, was ihm wegen einer angeborenen Lese- und Rechtschreibschwäche ausgesprochen schwer gefallen war.

Aus diesem Grund war es immer wieder zu peinlichen Versprechern gekommen, sodass man ihm einen kleinen Empfänger ins Ohr implantiert hatte, mit dessen Hilfe seine Berater jederzeit mit ihm in Verbindung treten konnten.

„Mr. Speaker, Herr Vizepräsident, Mitglieder des Kongresses, liebe Mitbürger!“, begann er und wartete darauf, dass sein Ghostwriter Mike mit der Durchsage der Rede anfing, doch der Empfänger in seinem Ohr blieb stumm.

Hilfesuchend blickte er hinüber zu seinem Betreuerstab, der ihm signalisierte, dass offenbar irgendein technischer Defekt aufgetreten war, der sich nicht so schnell beheben ließ.

Daher blieb ihm nichts anderes übrig, als diese wichtige Rede ohne jede fremde Hilfe aus dem Stegreif zu halten.

Glücklicherweise mangelte es ihm nicht an Selbstbewusstsein, sodass seiner Stimme keine Spur von Unsicherheit anzumerken war, als er seine Rede fortsetzte.

„Als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werde ich heute zu Ihnen über die Lage der Nation sprechen“, verkündete er. „Die Lage der Nation ist gut, weil gute Menschen Gutes tun. Ich bin ein guter Präsident. Der Herr Vizepräsident ist ein guter Vizepräsident. Die Regierung ist eine gute Regierung. Der Kongress ist ein guter Kongress. Und das amerikanische Volk ist ein gutes Volk, und Gott ist mit uns.

Unser Volk muss zusammen kommen, um sich zu vereinigen.

Wenn wir nämlich nicht gewinnen, könnten wir verlieren.

Ich meine damit zum Beispiel unsere Wirtschaft, wo der überwiegende Teil unserer Importe heutzutage aus dem Ausland kommt.

Und das ist natürlich gar nicht gut für unseren Arbeitsmarkt.

Ich denke, wir stimmen alle darin überein, dass die Vergangenheit vorbei ist.

Glauben Sie mir, ich weiß, wie schwer es für Sie ist, Essen auf Ihre Familie zu setzen.

Der Herr Vizepräsident und ich, wir wollen aber nicht, dass sich diese Nation in einer Rezession befindet. Wir wollen, dass jeder, der Arbeit finden kann, Arbeit finden kann.

Und es ist ganz wichtig für uns, dass wir unserem Land erklären, dass das Leben wichtig ist. Mein Standpunkt für das Leben ist, dass ich glaube: Es gibt Leben. Und es ist nicht nur das Leben von Babys, sondern das Leben von Kindern, die, wissen Sie, in den dunklen Höhlen des Internets hausen.

Deshalb ist uns eine gute Bildungspolitik ganz besonders wichtig. Zum Beispiel gute Lehrer, man unterrichtet ein Kind das Lesen, und er oder es werden dann einen Sprachentest schaffen.

Frei heraus gesagt, Lehrer sind die einzige Berufsgruppe, die unsere Kinder ausbildet.

Schon als Gouverneur habe ich einen hohen Standard für die öffentlichen Schulen erwirkt, und ich habe diesen erfüllt.

Das tue ich auch als Präsident. Und deshalb werden wir schon bald die am besten ausgebildeten Amerikaner auf der Welt haben.

Was nun die Außenpolitik angeht, so möchte ich sagen, dass die Welt unter meiner Führung freier und friedvoller geworden ist und Amerika sicherer.

Wissen Sie, als ich aufwuchs, da war die Welt gefährlich. Man wusste genau, wer sie waren: Es waren wir gegen sie, und es war klar, wer sie waren. Heute wissen wir nicht so genau, wer sie sind, aber wir wissen, dass sie da sind.

Unsere Gegner zeigen Initiative und sind einfallsreich, und das sind wir auch. Sie hören nie damit auf, sich neue Wege zu überlegen, wie sie unserem Land und unserem Volk schaden können, und wir auch nicht.

Ein Land, das angegriffen wird, kann antworten, indem es seinen Nachbarn liebt, wie es selbst geliebt werden möchte.

Aber das ist nicht unser Weg. Und auch nicht mein Weg.

Ich bin nämlich ein Kriegspräsident, wenn ich Entscheidungen treffe, dann denke ich immer an den Krieg.

Und, glauben Sie mir: Wir sind bereit für jedes unvorhergesehene Ereignis, das auftritt oder auch nicht.

Und deshalb lassen Sie mich eines noch abschließend sagen, weil es meine zutiefste Überzeugung ist:

Ich habe in der Vergangenheit gute Entscheidungen getroffen, und ich habe in der Zukunft gute Entscheidungen getroffen.

Weil ich nämlich nicht Teil des Problems bin, sondern Republikaner.

Und deshalb wird die Zukunft morgen besser sein.

Gott schütze Amerika.“

„Um Gottes willen. Um Gottes willen!“, stöhnte Mike, der während der kurzen Rede um Jahre gealtert war. „Das war furchtbar! Furchtbar! Einfach furchtbar! Eine Katastrophe!“

„Stimmt, Mike. Das war es“, bestätigte Karl, der persönliche Berater des Präsidenten. „Ich fürchte, jetzt kann uns nur noch einer helfen.“

„Zumindest hätten wir dann noch eine gewisse Chance“, sagte Mike. „Aber was ist, wenn er nicht will?“

„Dann wäre jetzt schon alles verloren. Aber daran will ich nicht einmal denken. Er muss uns einfach helfen, verstehst du? Er muss! Unbedingt! Er muss! Weil wenn er uns nicht hilft, dann hat das alles keinen Sinn mehr. Dann können wir uns genauso gut gleich morgen einen anderen Job suchen.“

***

1. Kapitel

Durch die Straßen Chikagos schlich ein Mann. Der Mann hatte einen Auftrag. Einen Geheimauftrag. Einen streng geheimen Geheimauftrag der Geheimhaltungsstufe AAA, die nur dann vergeben wird, wenn es sich um Angelegenheiten von höchstem nationalen Interesse handelt.

Er schwitzte wie ein alter Ziegenbock, denn trotz hochsommerlicher Temperaturen trug er in strikter Befolgung der CIA-internen Verkleidungsvorschrift 42 B einen bodenlangen beigen Mantel und eine regengraue Wollhaube auf dem Kopf.

Wie nicht anders zu erwarten, bewirkte seine um diese Jahreszeit höchst ungewöhnliche Kleidung das Gegenteil von dem, was sie eigentlich hätte bewirken sollen.

Alle Leute drehten sich nach ihm um.

‚Derartige Kleidung bei dieser Hitze? Das kann nur ein Psychopath oder ein Geheimagent sein. Mal sehen, was er macht.'

So dachte sich so mancher und folgte dem Agenten in angemessener Entfernung.

Der Geheimagent selbst merkte freilich nichts von alledem, weil er sich eine Zeitung vor sein Gesicht hielt.

Im Zuge seiner Ausbildung hatte er selbstverständlich gelernt, sich trotz dieser erheblichen Einschränkung seines Gesichtsfeldes zügig und sicher fortzubewegen.

Unglücklicherweise hatte er aber ausgerechnet den Sportteil aufgeschlagen.

‚BRAVO, CHICAGO BEARS! ‘ stand dort in riesigen Lettern.

Der Agent war ein großer Fan der Chicago Bears. Daher wollte er gerne mehr über den glorreichen Sieg erfahren, den seine Idole am Vorabend gegen die inferioren Denver Broncos gefeiert hatten.

Ohne sich dessen bewusst zu sein, begann er zu lesen, und das hätte er lieber nicht tun sollen, denn nur wenige Sekunden später spürte er einen heftigen Stoß und stellte fest, dass er eine alte, gehbehinderte Frau umgerempelt hatte, die sich nun, böse Verwünschungen murmelnd, mit Hilfe ihres Stockes darum bemühte, wieder auf die Beine zu kommen.

Um nicht durch übertriebene Hilfsbereitschaft aufzufallen, verzichtete der Agent darauf, der Alten zu helfen, sondern ging seelenruhig weiter, als hätte er mit dieser Sache nicht das Geringste zu tun.

Plötzlich verstellten zwei gorillaähnliche Männer ihm den Weg, die so aussahen, als hätten sie im Moment nicht einmal ein Neutrino von einer Sonne im Herzen.

„Stehen bleiben, Freundchen“, knurrte der eine böse. „Das sollst du uns büßen, unsere arme Mutter niederzutrampeln! Dir werden wir schon noch Manieren beibringen, du dreckiger Agent!“

Der Geheimagent erfasste blitzschnell die Situation:

Woher wussten die beiden, dass er bei der CIA war, obwohl er sich strikt an die Verkleidungsvorschriften seiner Behörde gehalten hatte?

Sie konnten es nicht wissen. Nicht, wenn sie wirklich nichts weiter als harmlose Passanten gewesen wären. Und das bedeutete, dass die beiden Mitglieder der Al Kaida waren, die – wahrscheinlich sogar von Osama bin Laden persönlich - den Auftrag erhalten hatten, ihn kaltzumachen, um ihn an der Durchführung seiner Mission zu hindern.

Blitzschnell zog er seinen als Feuerzeug getarnten Taschen-Flammenwerfer und betätigte ihn, worauf seine Gegner sich innerhalb weniger Sekunden in zwei Häufchen Asche verwandelten.

Es bereitete ihm keine Skrupel, dass er soeben zwei Menschen getötet hatte, denn erstens waren die beiden gefährliche Terroristen gewesen, zweitens fing seine Ausweisnummer mit zwei Nullen an, was ihn dazu berechtigte, jeden zu töten, den er für tötenswert hielt, und drittens hatte er es ja nicht zu seinem Privatvergnügen getan, sondern fürs Vaterland.

Soeben wollte er seinen Weg fortsetzen, als ihn ein Schlag traf. Er drehte sich um.

Hinter ihm stand mit erhobenem Stock die alte Frau, die ihm vorhin den Weg verstellt hatte, um ihren Komplizen einen Vorwand zu verschaffen, gegen ihn vorzugehen.

„Du hast meine Söhne getötet! Das sollst du mir büßen, du gemeiner Agent!“, zeterte sie.

‚In ihrem Alter, noch dazu nur mit einem Stock bewaffnet, einen CIA-Agenten anzugreifen, ist glatter Selbstmord. Also habe ich es hier mit einer gefährlichen Selbstmord-Attentäterin zu tun’ überlegte der Agent und beförderte auch sie mit seinem Flammenwerfer ins Jenseits, wo sie wenigstens wieder mit ihren geliebten Söhnen vereint war.

Aus sicherer Entfernung hatte ein Polizist den Tötungen mit wachsender Befremdung zugesehen, und als der Agent seinen Weg fortsetzen wollte, trat er an diesen heran und hielt ihn auf:

„Entschuldigen Sie, aber darf ich fragen, ob Sie zufällig eine Lizenz zum Töten haben?“, erkundigte er sich.

„Selbstverständlich habe ich eine“, erwiderte der Agent. „Oder glauben Sie etwa, ich töte hier zu meinem Privatvergnügen?“

„Nein, natürlich nicht. Aber ich fürchte, es gibt da ein kleines Problem...“

„Ach so? Was für Problem denn?“

„Auch wenn Sie eine Lizenz zum Töten haben, so gibt Ihnen das noch lange nicht das Recht, hier den Gehsteig zu verunreinigen“, erklärte der Beamte. „Ja, wo kämen wir da hin, wenn das jeder täte? Dann würde es hier bald sauber aussehen! Oder besser gesagt: Nicht sauber, sondern dreckig.

Verstehen Sie, das ist genauso wie mit dem Rauchen: So wie es bestimmte Zonen gibt, in denen geraucht werden darf, gibt es auch bestimmte Zonen, in denen getötet werden darf. Zumindest von dazu befugten Personen. Öffentliche Gehwege gehören da mit Sicherheit nicht dazu.

Also machen Sie das gefälligst weg, aber ein bisschen dalli. Oder ist es Ihnen lieber, wenn ich Sie mit auf die Wache nehme?“

„Schlaue Verkleidung. Aber ich falle leider nicht drauf rein“, erwiderte der Agent, und schon hatte die Polizei wieder einen Beamten weniger, was aber bei den Verlusten, die die Leute des Gangsterbosses Chinchilla der Polizei tagtäglich aus Jux und Tollerei zuzufügen pflegten, nicht besonders ins Gewicht fiel.

(Aus diesem Grund wird in der schönen Stadt Chikago jedem zehnten männlichen Neugeborenen ohne Wissen seiner Eltern etwa die Hälfte des Gehirns entfernt, weil andernfalls keiner mehr blöd genug wäre, um ausgerechnet Polizist zu werden. Diese illegalen Operationen gehören zu den am sorgfältigsten gehüteten Geheimnissen der Stadtverwaltung, und das mit Recht, denn würde die Bevölkerung davon erfahren, so wäre ihre Empörung darüber zweifellos ebenso groß wie jene Charlton Hestons in dem Film ‚2022 – die überleben wollen’, als er entdeckt, dass Soylent Green aus Menschenfleisch gemacht ist. Oder vielleicht sogar noch ein bisschen größer. )

Um nicht womöglich auch noch mit einem echten Polizisten in Konflikt zu geraten, drückte der Agent einem besoffenen alten Penner einen Zehndollarschein in die Hand und befahl ihm, als Gegenleistung dafür den Gehsteig zu putzen, was dieser auch versprach.

„Aber erst mal besorg ich mir n’Schnaps, Brüderchen“, sagte er.

„Ist schon recht. Aber vergiss nicht, was du zu tun hast“, erwiderte der Agent gutmütig und setzte seinen Weg fort.

Er beschleunigte seinen Schritt, sodass seine – mittlerweile schon recht zahlreichen – Beobachter Mühe hatten, ihm zu folgen, und betrat kurz darauf eine kleine, unscheinbare Tierhandlung.

Auf dem Ladenschild stand:

JAMES WINSTON

FISCHE ALLER ARTEN UND NATIONALITÄTEN

Die beobachtende Menschenmenge versammelte sich schiebend und drängelnd vor dem Schaufenster, weil jeder einen Blick ins Innere des Ladens erhaschen wollte.

„James Winston, der berühmte Detektiv“, murmelte einer andächtig.

„Was kann dieser Agent von ihm wollen?“, fragte sich ein anderer. „Seit er seine Detektei aufgegeben hat, interessiert er sich doch nur noch für seine Fische.“

„Und er versteht wirklich was von seinen Fach“, bemerkte ein dritter, offensichtlich ein Fischliebhaber. „Er gilt als größter Fischexperte der Welt. Und das zu Recht. Ich habe nämlich ein Aquarium zu Haus, und einmal, da war was mit den Fischen nicht ganz in Ordnung, sie waren irgendwie total schlapp, fast so wie die Spieler der Denver Broncos.

Ich geh also hin zu Winston mit den Fischen, zeige sie ihm, er gibt aus einer Flasche ein paar Tropfen ins Wasser, und schon fühlten sich die Fische wieder so wohl wie ... nun ja, eben wie Fische im Wasser. Er hat außerdem entdeckt, dass Krankheiten für Fische besonders ungesund sind. Auch...“

„Halts Maul, Schwätzer“, brummte ein anderer. „Das interessiert uns einen Dreck. Uns interessiert viel mehr, was dieser Agent von Winston will.“

Nun meldete sich der erste wieder zu Wort: „Wahrscheinlich sitzen die von der CIA wieder mal tüchtig in der Scheiße und James Winston soll ihnen da raushelfen.“

„Das macht der nie“, behauptete der Fischliebhaber. „Glaubt mir, ich kenne James Winston wie meine Westentasche. Der ist doch ganz vernarrt in seine Fische, alles andere interessiert ihn nicht mehr. Und schon gar nicht das Detektivspielen.“

„Wir werden ja sehen“, meinte ein anderer.

***

2. Kapitel

Als der Agent den Laden betrat, war James Winston gerade damit beschäftigt, ein Prachtguppymännchen zum Geschlechtsverkehr mit einem Blackmollyweibchen zu animieren.

Er sammelte nämlich gerade Material für eine wissenschaftliche Arbeit mit dem Titel ‚Über die abartige Entartung der Arten’.

Der Prachtguppy zeigte allerdings keinerlei Ambitionen, durch eine Erwähnung in Winstons Buch weltberühmt zu werden.

„Na los, mach“, drängte Winston ungeduldig. „Ich seh es dir doch an, dass du scharf auf sie bist. Also nur keine falsche Scham. Na, jetzt komm schon. Du kriegst dafür auch die doppelte Futterration, und zwar von deinem Lieblingsfutter.

Das ist doch wirklich ein großzügiges Angebot, oder nicht?“

‚Oh mein Gott, der Kerl redet tatsächlich mit Fischen. Gut, dass der Chef mir gesagt hat, dass er ein Genie ist. Sonst würde ich ihn jetzt bestimmt für total meschugge halten’ überlegte der Agent und räusperte sich geräuschvoll.

„Wir reden später weiter“, sagte Winston zu dem Fisch und wandte sich seinem Besucher zu.

„Ich habe Sie gar nicht kommen hören“, bemerkte er. „So leise sind erfahrungsgemäß nur Einschleichdiebe und Agenten. Und nachdem ein Dieb sich wohl kaum geräuspert hätte, um sich bemerkbar zu machen, sind Sie zweifellos ein Agent.“

„Das ist richtig“, bestätigte der Agent. „Ich bin 003. Ich wollte...“

„Den Rabatt für Agenten“, unterbrach Winston. „Selbstverständlich. Alles klar. Agenten werden von mir prinzipiell bevorzugt behandelt. Sehen Sie, zum Beispiel habe ich hier ein trächtiges Guppyweibchen. In drei Tagen, sieben Stunden und zwölf Minuten wird es sieben Junge gebären, drei männliche und vier weibliche, wobei sich das vierte Kind

später durch eine besonders auffällige Färbung auszeichnen wird. Und weil Sie Agent sind, verrechne ich Ihnen nur das Weibchen.“

„Das ist sehr großzügig von Ihnen, aber deswegen bin ich nicht hier. Es geht um etwas anderes. Nämlich um einen wichtigen Fall.“

„Nominativ, Genitiv, Dativ oder Akkusativ? Welchen dieser wichtigen Fälle meinen Sie?“, fragte Winston und jagte sich einen doppelten Whisky durch die Gurgel.

„Äh ... keinen von diesen“, erwiderte der Agent, leicht irritiert. „Es geht um das Vaterland. Es ist in Gefahr. Und Sie sollen es retten.“

„Wenn ich in meiner Eigenschaft als Fischzüchter dazu in der Lage bin, herzlich gerne“, erwiderte Winston.

„Wir brauchen nicht den Fischzüchter, sondern den genialen Detektiv James Winston.“

„Der ist tot. Ich habe ein für alle Mal genug von diesem schmutzigen Job.“

„Aber...“

„Kein Aber. Den Rest meines Lebens habe ich dem Wohl und Wehe der Fische geweiht. Fische sind das Gelbe vom Ei meines Lebens.

Im Anfang war nicht das Wort, sondern der Fisch. Der Mensch ist genau genommen nichts weiter als ein degenerierter Fisch. Nenne einen Fisch deinen Bruder, so wird er dir antworten: ‚Du bist nicht mein Bruder, du Qualzüchtung, geh mir aus der Sonne!’

Wenn Sie also gekommen sind, um mich zu überreden, für Sie wieder Detektiv zu spielen, hätten Sie sich den Weg sparen können. Meine Antwort lautet nein.“

„Aber das Vaterland...“

„Ist in Gefahr, ich weiß“, vollendete Winston und fuhr spöttisch fort. „Ich kenne euch ja: Bei jeder Kleinigkeit schreit ihr gleich, dass das Vaterland in Gefahr ist, und bis jetzt hat sich noch jedes Mal herausgestellt, dass alles halb so wild war.

Oder wollen Sie etwa bestreiten, dass die CIA fünf Millionen Dollar ausgegeben hat, um herauszufinden, wer dem Außenminister einen Zettel mit der Aufschrift ‚Ich bin doof’ auf den Rücken geklebt hat?

Das ganze war natürlich nur ein dummer Lausbubenstreich. Aber ihr habt darin einen Versuch subversiver Elemente gesehen, das Ansehen der USA in der Welt zu untergraben.“

„Was wollen Sie?“, entgegnete der Agent gekränkt. „Immerhin ist es uns im Zuge unserer Ermittlungen gelungen, im Haus des Außenministers eine Maus aufzuspüren, deren Fell total verwanzt war.

Ganz so harmlos, wie Sie denken, war diese Angelegenheit also auch wieder nicht. Und diesmal ist die Bedrohung noch tausendmal ernster.“

„Geben Sie es auf“, sagte Winston. „Die Wahrscheinlichkeit, dass ich wieder als Detektiv arbeite, ist ungefähr so groß wie die Wahrscheinlichkeit, dass ... nun, dass zum Beispiel plötzlich auf der Straße vor meinem Laden Milch und Honig fließen.“

„Entschuldigen Sie, ich muss ganz dringend mal telefonieren“, sagte der Agent hastig, zog sich den linken Schuh aus und bemerkte gerade noch rechtzeitig, dass er unterwegs in ein Häufchen Hundekot getreten war.

„Sie haben nicht zufällig ein Stückchen Küchenrolle?“

„Aber gern. Moment. Hier bitte“, erwiderte Winston, und nachdem der Agent den Schuh notdürftig gereinigt hatte, hielt er ihn sich ans Ohr und sprach in den Absatz:

„Zentrale! Hier 003! Zentrale? Zentrale? Komisch, ich höre nichts.“

„Wenn ich Ihnen einen kleinen Tipp geben darf: Das liegt vermutlich daran, dass sich das Telefon in Ihrem rechten Schuh befindet“, bemerkte Winston. „Es gibt zwar Leute, die glauben, man könne links und rechts nicht verwechseln, aber das ist ein Irrtum.“

„Möglich wäre es“, gab der Agent zu und zog sich auch noch den rechten Schuh aus. „Ich hoffe, Sie halten mich jetzt nicht für einen kompletten Idioten, aber wissen Sie, wir bekommen so oft neue Ausrüstungsgegenstände, dass es unmöglich ist, sich alles immer ganz genau zu merken. Entschuldigung. Einen Moment bitte.

Zentrale? Hier 003. Es geht um Folgendes, ich bin gerade bei James Winston, und ich habe ihn fast schon so weit.

Es gibt da nur noch ein kleines Problem, und zwar brauche ich jetzt unbedingt von euch einen Tankwagen, der mit einem Gemisch aus Milch und Honig gefüllt ist. Die Sache ist nämlich die, dass er sich einen Bach aus Milch und Honig wünscht, der...“

„Schluss mit dem Unsinn!“, rief Winston ärgerlich und entriss dem Agenten das Schuh-Telefon. „Hallo, Zentrale? Hier James Winston.

Ihr Agent hat da etwas missverstanden. Ich habe dieses Beispiel nur gewählt, um zu verdeutlichen, dass ich auf gar keinen Fall wieder als Detektiv arbeiten werde. Also sparen Sie sich bitte diese idiotische Aktion.“

Er gab dem Agenten seinen Schuh zurück, der ihn wieder an seinen Fuß steckte.

„Tja, ich schätze, das war’s dann wohl“, sagte Winston. „Aber falls Sie irgendwann einmal einen Fisch kaufen wollen, können Sie mich selbstverständlich herzlich gerne wieder besuchen.“

„Sie wollen ja bloß nicht mehr als Detektiv arbeiten, weil Sie sich bei Ihrem letzten Fall bis auf die Knochen blamiert haben“, behauptete der Agent. „Und was Sie doppelt schmerzte, war, dass ausgerechnet Ihr Erzfeind, der Gangsterboss Chinchilla, Ihnen diese Niederlage zugefügt hat, um Sie vor den Augen der ganzen Welt bloßzustellen.“

„Woher wollen Sie das wissen?“, fragte Winston.

„Da staunen Sie, was? Wir haben natürlich unsere Erkundigungen eingezogen, bevor ich zu Ihnen geschickt wurde.

Die CIA arbeitet gründlich, das sollten Sie eigentlich wissen, Winston.“

„Für Sie immer noch Mister Winston, 003.“

„Mister 003, Mr. Winston. Aber zurück zur Sache. Glauben Sie nicht, dass es besser wäre, nach einem glorreichen Sieg abzutreten als nach einer blamablen Niederlage?“

„Im Prinzip schon. Aber mir wurde damals bewusst, dass ich alle Freude an meinem Beruf verloren hatte. Also beschloss ich, mein Detektivbüro dicht zu machen und mich stattdessen ganz meiner großen Leidenschaft zu widmen, nämlich der Fischzucht.

Und Sie dürfen mir glauben, dass ich diesen Entschluss bisher noch keine Sekunde lang bereut habe.“

„Nun, wenn das so ist, dann sind Sie auch bestimmt nicht daran interessiert, Chinchilla diese bittere Niederlage heimzuzahlen“, sagte der Agent listig, während er sich zum Gehen wandte. „Der Fall, mit dem wir Sie beauftragen wollten, wäre dazu die beste Gelegenheit gewesen. Deshalb haben wir uns ja an Sie gewandt, weil kein anderer Chinchilla so gut kennt wie Sie.

Da Sie aber lieber Fischzüchter bleiben wollen – was ich verstehen kann, denn das ist eine sehr schöne, friedliche, beschauliche Tätigkeit - bleibt uns nichts anderes übrig, als uns an einen anderen zu wenden. Schade. Nun denn: Schönen guten Tag noch, Mr. Winston.“

„Warten Sie!“, rief Winston.

„Was gibt’s denn noch?“, fragte der Agent. „Ach ja, ich habe ganz auf das Guppyweibchen vergessen, das Sie mir liebenswürdigerweise zu einem Sonderpreis angeboten haben.“

„Nein, darum geht es nicht. Kommen Sie mit, ins Hinterzimmer. Ich muss zugeben, dass es Ihnen gelungen ist, mich neugierig zu machen. Natürlich denke ich nach wie vor nicht daran, den Fall zu übernehmen, aber möglicherweise könnte ich Ihnen einige wichtige Informationen zukommen lassen.“

***

3. Kapitel

„Also, schießen Sie los“, befahl Winston, nachdem sie im Hinterzimmer Platz genommen hatten, und schenkte sich einen vierfachen Whisky ein.

Seinem Gast bot er vorsichtshalber nichts zu trinken an, weil er befürchtete, dass dieser das Angebot annehmen könnte.

„Haben Sie sich zufällig die Rede unseres Präsidenten zur Lage der Nation angesehen, Mr. Winston?“

„Leider nein. Wissen Sie, ehrlich gesagt interessiere ich mich nicht für Politik. Aber ich habe gehört, dass er keinen besonders guten Tag erwischt haben soll...“

„Ganz recht, Mr. Winston. Diese Rede war eine einzige Katastrophe. Spätestens nach dieser Rede wird kaum noch jemand daran zweifeln, dass unser Präsident tatsächlich an hochgradiger Oligophrenie leidet.“

„Entschuldigung. Oligo...“

„Oligophrenie. Das ist der medizinische Fachausdruck für Schwachsinn.“

„Alles klar. Aber eigentlich habe ich nicht den Eindruck, dass er besonders darunter leidet. Auf mich wirkt er eigentlich immer ziemlich zufrieden und ausgeglichen. Die Leidtragenden dürften doch wohl eher diejenigen sein, die die Folgen seiner schwachsinnigen Entscheidungen ausbaden müssen.

Und das sind glücklicherweise meistens irgendwelche Ausländer.“

„Das stimmt natürlich, Mr. Winston. Aber trotzdem hat diese völlig missglückte Rede seine Chancen auf eine zweite Amtsperiode nicht gerade verbessert. Nach jüngsten Umfragen halten ihn nur noch knapp 30 % für einen guten Präsidenten, und wenn der Kandidat der Demokraten auch nur einigermaßen attraktiv ist...“

„Alles gut und schön, aber was geht mich das an?“, unterbrach Winston. „Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich habe nichts gegen unseren Präsidenten. Ganz im Gegenteil, ich habe ihn sogar selbst gewählt. Aber ich würde schön langsam gerne wissen, was das alles mit Chinchilla zu tun haben soll.“

„Dazu komme ich gerade, Winston... äh... Mr. Winston.

Für die Vorwahl der Demokraten haben sich bisher drei Kandidaten angemeldet:

Dr. James Black, der Nobelpreisträger für Medizin, dem es gelungen ist, Heilmittel gegen AIDS, Krebs und Altersschwäche zu finden, dann der ehemalige Bodybuilder und nunmehrige Filmschauspieler Charlton Davis und, last not least, Willy, der weltberühmte dressierte Schimpanse.

Dr. James Black ist natürlich von vornherein chancenlos, weil er schwul ist und sich öffentlich zu seinem Lebensgefährten bekannt hat, und Willy sind auch nicht viel mehr als zwanzig Prozent der Stimmen zuzutrauen. Also wird aller Voraussicht nach Charlton Davis das Rennen machen.

Und nun komme ich zu dem Teil, der Sie interessieren wird:

Charlton Davis hat seine Karriere als Bodybuilder beim ‚Chikago Athletic Club’ beschlossen, der, wie Sie vielleicht wissen, Jeff Bucher gehört, der rechten Hand Chinchillas.

Nur wenige Wochen nach seiner Wahl zum Mister Universum wechselte Davis damals zum Athletic Club...“

„Das allein beweist noch gar nichts. Wahrscheinlich haben die ihm eine Menge Kohle dafür angeboten. Und ehrlich gesagt würde ich als Sportler mich auch nicht dafür interessieren, wem der Verein gehört, für den ich antrete, solange die Kasse stimmt.“

„Ich auch nicht“, erwiderte der Agent. „Aber finden Sie es nicht, vorsichtig ausgedrückt, etwas merkwürdig, dass Davis sich auch während seiner gesamten Filmkarriere im Dunstkreis der Organisation bewegt hat?

Und damit meine ich nicht bloß, dass sein Lieblingsregisseur Player höchstwahrscheinlich zur Organisation gehört, sondern vor allem, dass ausnahmslos alle Filme, an denen Davis bisher mitgewirkt hat, von GMG produziert worden sind.

Und GMG gehört, wie Sie vermutlich wissen, einem gewissen Claudio Verona alias Chinchilla, offiziell zwar nur zu einundfünfzig, de facto aber zu hundert Prozent.

Natürlich ist das immer noch kein Beweis...“

„Natürlich nicht“, sagte Winston nachdenklich. „Aber ich kann mir auch nicht vorstellen, dass es ein Zufall ist. Jeder, der Chinchilla kennt, weiß, dass dieser Mann nichts dem Zufall überlässt. Und wenn er einem Bodybuilder aus einem seiner Clubs zu einer großartigen Filmkarriere verhilft, dann erwartet er sich von ihm eine entsprechende Gegenleistung.“

„Eben“, sagte der Agent. „Und das bedeutet, dass der nächsten Präsident der Vereinigten Staaten aller Voraussicht nach ein Strohmann Chinchillas sein wird.“

„Sofern dieser Charlton Davis tatsächlich die Wahlen gewinnt.“

„Ganz recht. Und jetzt frage ich Sie, Mr. Winston, auf Ehre und Gewissen: Wollen Sie uns dabei helfen, dieses furchtbare Unheil von unserem Land abzuwenden, oder wollen Sie auch unter diesen Umständen bei Ihrem Nein bleiben?“

„Nein.“

„Wie darf ich das verstehen? Was meinen Sie mit Ihrem Nein? Nein oder Ja?“

„Wenn ich Nein sage, so heißt das immer Nein.“

„Das heißt, Sie wollen uns nicht helfen.“

„Nein.“

„Also schön, dann...“

„Nein, halt, warten Sie! Ich will Ihnen ja helfen! Ich verneinte nur Ihre Frage, ob ich bei Nein bleiben will. Unter diesen Umständen bleibt mir ja gar nichts anderes übrig, als diesen Fall zu übernehmen. Davis darf nicht Präsident werden und ich bin bereit, alles zu tun, um das zu verhindern.“

„Das freut mich“, erwiderte der Agent. „Großartig. Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll.“

„Ich auch nicht“, sagte Winston und schenkte sich noch einen Whisky ein.

Seinem Gast bot er wieder nichts an, weil er die knapp zwanzig Liter Whisky, die er zurzeit im Haus hatte, nur ungern mit jemandem geteilt hätte.

So wie viele große Männer neigte auch er zu einem gewissen gesunden Egoismus.

***

4. Kapitel

„Zunächst interessiert mich, was die CIA bisher in dieser Angelegenheit unternommen hat“, sagte Winston. „Wenn die CIA auch viel von ihrem einstigen Glanz verloren hat – euer Chef hat offenbar zu viele James-Bond-Filme gesehen – so kann man doch nicht leugnen, dass ihr euch immer sehr viel Mühe gebt.“

„Ihre Kritik an unserer Organisation ist unberechtigt, Ihr Lob hingegen angebracht“, stellte der Agent fest. „Als wir von Davis’ Kandidatur erfuhren, setzten wir vier unserer besten Agenten auf den Fall an. Sie hatten den Auftrag, sich in Chinchillas Organisation einzuschleichen, um Beweise dafür zu beschaffen, dass Davis immer noch in Chinchillas Diensten steht.“

„Und?“

„Sie alle starben bei mysteriösen Unfällen. Den ersten fand man gebacken im Ofen eines Hostienbäckers, den zweiten erfroren in seiner eigenen Tiefkühltruhe, den dritten gegrillt auf seinem eigenen Gartengrill und den vierten...“

„Frittiert in seiner eigenen Friteuse?“

„Mit so etwas macht man keine Scherze, Mr. Winston. Schließlich geht es hier nicht um Äpfel oder Birnen, sondern um Menschen.“

„Natürlich. Ich würde auch nie auf die Idee kommen, Äpfel oder Birnen in einer Friteuse zuzubereiten. Also, was war mit dem vierten?“

„Man fand ihn als Inhalt von hundertfünfzig Dosen Hundefutter.

Das war für uns der endgültige Beweis, dass es sich in allen vier Fällen um Mord handeln musste, denn erstens hielt sich der Agent gar keinen Hund, und zweitens hätte er die Dosen ja wohl kaum selbst verschließen können, oder?

Somit haben wir innerhalb kürzester Zeit vier unserer besten Agenten verloren. Sie starben für das Vaterland...“

„Sie starben für einen Scheißdreck“, erwiderte Winston. „Wie konntet ihr bloß auf die hirnrissige Idee kommen, dass es möglich ist, sich in die Organisation Chinchillas einzuschleichen, ohne entlarvt zu werden?“

„Entschuldigen Sie, Mr. Winston, aber meine Idee war das nicht.“

„Nein, natürlich nicht. Aber wie, bitte schön, wolltet ihr das denn anstellen? Vielleicht unter einem anderen Namen, mit gefälschten Papieren?“

„Nein, eigentlich...“

„Euer Chef sieht offenbar wirklich zu viele James-Bond-Filme.

Aber ich will Ihnen mal eines sagen, 003:

Chinchilla wäre nie so mächtig geworden, wenn er nicht dafür gesorgt hätte, dass jeder Neuzugang gründlich überprüft wird.

Mit einer falschen Identität könnt ihr ihn nicht hinters Licht führen, so was kriegt er schon bei den ersten Nachforschungen raus.

Bei erfundenen Namen: Ein Blick ins Geburtenregister, und schon ist der Mann entlarvt.

Nimmt der Agent den Namen eines Verstorbenen an, so genügt ein Blick ins Sterberegister, und wenn der wahre Namensträger noch lebt...“

„Entschuldigen Sie, dass ich Sie unterbreche, Mr. Winston, aber wir haben nichts dergleichen getan.“

„Ach so? Sondern?“

„Jeder CIA-Agent hat doch ohnehin einen Tarnberuf. Beispielsweise bin ich offiziell ein biederer Versicherungsvertreter. Sehen Sie, und deshalb war es in diesem Fall auch gar nicht nötig, irgendwelche falschen Identitäten zu erfinden...“

„Moment. Soll das etwa heißen, dass eure Agenten unter ihren richtigen Namen versucht haben, der Organisation beizutreten?“

„Ja. Doch. Eigentlich schon...“

„Ja, Kind Gottes, seid ihr denn von allen guten Geistern verlassen?

Habt ihr euch denn noch nie überlegt, dass die Organisation mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch einige ihrer Leute bei euch in der CIA sitzen hat?

Genauso gut hättet ihr eure Leute gleich an die Wand stellen können. Oder meinetwegen auch frittieren.“

„Wie schon gesagt, meine Idee war’s nicht.“

„Das will ich auch schwer hoffen. Aber euer Chef sollte sich was schämen, Wer vier seiner Leute so leichtfertig in den sicheren Tod schickt, der ist eigentlich rücktrittsreif.

Außerdem habt ihr offensichtlich nicht bedacht, dass die Agenten, selbst wenn sie anstandslos aufgenommen worden wären, in dem einen Jahr bis zur Wahl so gut wie gar nichts hätten erreichen können.“

„Wieso denn nicht?“

„Weil keiner von ihnen auch nur in die Nähe Chinchillas gekommen wäre. Sagen Sie, 003: Was wissen Sie eigentlich über den Aufbau dieser Verbrecherorganisation?“

„Nun ja, also, ganz oben stehen Chinchilla und sein Stellvertreter Bucher. Dann gibt es einige Generaldirektoren...“

„Zehn an der Zahl.“

„Gut. Zehn. Namen sind uns leider keine bekannt, wir kennen nur einen, der vermutlich dazuzählen dürfte, die anderen sind nach wie vor UP’s, wie wir in unserem Fachjargon sagen...“

„Yuppies?“

„Nein, unbekannte Personen, unidentified persons, also U.P.’s.

Jeder dieser Generaldirektoren hat wieder einige Untergebene...“

„Zehn.“

„Von diesen Untergebenen hat wieder jeder einige Untergebene...“

„Zehn. Auf jeden Vorgesetzten kommen bei Chinchilla zehn Untergebene.“

„Tja, und so geht das weiter bis zur Basis.“

„Eben. Eure Agenten hätten natürlich ebenfalls an der Basis anfangen

müssen und ihre Befehle nur von ihrem unmittelbaren Vorgesetzten erhalten. Bestenfalls hätten sie noch dessen Vorgesetzten kennen gelernt, aber mehr hätten sie in diesem Jahr keinesfalls in Erfahrung bringen können.

Ihr habt vermutlich gehofft, dass eure Agenten irgendwelche Belege in die Finger bekommen, die beweisen, dass Davis von Chinchilla bezahlt wird, oder?“

„Ja, genau das.“

„Habt ihr euch wirklich eingebildet, dass so eine wichtige Sache von einer basisnahen Gruppe durchgeführt wird?

Nein, das wird von ganz oben her organisiert, und ich gehe jede Wette ein, dass Chinchilla sich höchstpersönlich mit der Durchführung dieses Planes befasst. Schließlich ist es keine Kleinigkeit, einen seiner Strohmänner auf den Stuhl des Präsidenten der Vereinigten Staaten zu hieven.

Ich hoffe, Sie sehen wenigstens jetzt ein, dass sich die CIA in dieser Angelegenheit unendlich dumm verhalten hat. Genauer gesagt habt ihr euch wie Vollidioten benommen. Oder wie Oligophrene, wenn Ihnen das lieber ist. Für nichts und wieder nichts haben vier von euch ihr Leben opfern müssen.“

„Ich fürchte, Sie haben recht“, sagte 003 kleinlaut. „Wir haben da Scheiße gebaut. Aber, wie schon gesagt, meine Idee war’s nicht...“

„Ist schon gut“, sagte Winston begütigend. „Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist. Ihr seid eben, um ein treffendes Gleichnis zu gebrauchen, mit Fliegenklatschen auf Löwenjagd gegangen.

Trotz eurer jahrelangen Bemühungen ist es euch nur gelungen, einen der zehn Generaldirektoren zu entlarven, und nicht mal bei dem seid ihr euch ganz sicher.

Schon das hätte euch von eurem wahnwitzigen Plan abbringen müssen. Ohne mich wüsstet ihr ja nicht einmal, wer der Boss dieser größten Verbrecherorganisation unseres Planeten ist.

Und selbst wenn es euch gelungen wäre, zu beweisen, dass Davis von Chinchilla finanziert wird – das ist natürlich völlig unmöglich, aber nehmen wir es rein theoretisch einmal an - was hätte euch das genützt?

Gar nichts.

Zwar hat es sich unter vorgehaltener Hand in Chikago herumgesprochen, dass Claudio Verona, den man in Verbrecherkreisen Chinchilla nennt, im Verdacht steht, ein skrupelloser Gangsterboss zu sein, aber in der amerikanischen Öffentlichkeit gilt er als einer der größten Wohltäter der Menschheit.

An die zehn Millionen Dollar gibt er jährlich für wohltätige Zwecke aus, und die von ihm gegründete Organisation zur Unterstützung der armen afroafrikanischen Kinder in Afrika wurde sogar vor zwei Jahren für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.

Es würde Davis also nicht einmal sonderlich schaden, wenn herauskäme, dass er von Chinchilla bezahlt wird, und Chinchillas Kommentar dazu wäre, dass er als amerikanischer Staatsbürger ja schließlich das Recht hat, einen Politiker, der ihm zusagt, finanziell zu unterstützen.“

„Wie haben Sie herausgefunden, dass Chinchilla der Boss dieser Organisation ist?“, fragte der Agent.

„Warum ist die Banane krumm?“

„Keine Ahnung. Warum denn?“

„Ich weiß es nicht. Deshalb frage ich Sie ja.“

„Also, ich glaube eher, dass Sie versuchen, meiner Frage auszuweichen.“

„Ganz recht“, bestätigte Winston. „Weil Sie das nämlich zufällig einen verdammten Scheißdreck angeht.“

***

Rückblende

Was James Winston dem Agenten verschwieg, war, dass sein eigener Vater einst als Generaldirektor für Chinchilla gearbeitet hatte.

Er war sogar ein Mann der ersten Stunde gewesen:

Er hatte schon für den Gangsterboss gearbeitet, als dieser noch keine Baskenmütze aus Chinchillafell trug, die er nur abnahm, wenn er ein Todesurteil verkündete oder selbst vollstreckte.

Bill Winston hatte nur einen Fehler, der ihm denn auch zum Verhängnis wurde: Er war unheimlich stolz auf seine Leistungen im Dienste des organisierten Verbrechens, so stolz, dass er sich nicht damit begnügte, die Erinnerung daran in den Windmühlen seines Gedächtnisses aufzubewahren.

Zwar sprach er selbstverständlich mit niemandem darüber, jeder hielt ihn für einen seriösen Geschäftsmann, aber er führte ein Tagebuch, was jedem Mitglied von Chinchillas Organisation strengstens verboten war.

James Winston aber, der schon als Kind einen ausgesprochenen Hang zum Schnüffeln gehabt hatte, entdeckte eines Tages im Schreibtisch seines Vaters dieses Tagebuch, las es voll Bewunderung für den tatkräftigen Herrn Papa, und obwohl Chinchilla niemals namentlich erwähnt wurde, begriff der kleine James, dass mit ‚Boss’ niemand anders gemeint sein konnte als der nette Onkel mit dem ulkigen Akzent und der schönen Baskenmütze, auf dessen Schoß er schon so oft hatten sitzen dürfen, ein Stück Pizza oder eine Tüte Gelatti im kleinen Fäustchen.

Eines Tages, nachdem Winston die Wahrheit über seinen Vater herausgefunden hatte, spielte er mit den Nachbarsjungen erstmals ein neues, von ihm selbst erfundenes Spiel, das sich ‚Boss und Bulle’ nannte, wobei der ‚Boss’ immer daran zu erkennen war, dass er eine Baskenmütze trug.

Selbstverständlich erfuhr Chinchilla davon, stellte Bill Winston zur Rede und legte ihn um, wenn auch mit allergrößtem Bedauern.

Weil aber Bill ihm zeit seines Lebens ein guter, treuer Freund gewesen war und von böswilligem Verrat nicht die Rede sein konnte, gewährte er ihm eine letzte Bitte:

Er versprach dem Vater, seinen Sohn, den kleinen James, weder jetzt – als Strafe für seine verräterischen Kinderspiele – noch irgendwann später zu liquidieren noch jemals seine Liquidierung zu veranlassen.

Von diesem Versprechen wusste James Winston freilich nichts, wenngleich es ihm, der im Lauf der Jahre zum mit Abstand lästigsten Gegner Chinchillas avanciert war, oft merkwürdig vorkam, dass der Gangsterboss bisher noch nie auch nur den Versuch unternommen hatte, ihm das Lebenslicht auszuknipsen.

Fest steht, dass James Winston, wenn auch ohne es zu wollen, den Tod seines eigenen Vaters verschuldet hatte, und obwohl er alles andere als ein Sensibelchen war, schätzte er es ganz und gar nicht, daran erinnert zu werden.

In solchen Fällen konnte er sogar richtiggehend grob werden.

So wie in hunderttausend anderen Fällen auch.

***

5. Kapitel

„Stimmt. Sie haben recht. Das geht mich wirklich nichts an“, sagte der Agent hastig. „Und vermutlich haben Sie auch damit recht, dass es uns wenig genützt hätte, die Verbindung Chinchilla - Davis aufzudecken.“

„Außerdem ist das bestimmt auch gar nicht möglich, dazu ist Chinchilla zu gerissen“, stellte Winston fest. „Wissen Sie, wie er meiner Ansicht nach vorgehen wird?“

„Keine Ahnung. Wie denn?“

„Davis hat ja, wie ich vermute, im Verlauf seiner Karriere ein beträchtliches Vermögen angesammelt. Berühmte Filmschauspieler sind bekanntlich keine armen Schlucker.“

„Das ist richtig.“

„Davis finanziert sich seinen Vorwahlkampf selbst und kann dadurch, sollte eine Überprüfung stattfinden, jeden einzelnen Dollar belegen. Und nach dem Wahlkampf kriegt er ganz unauffällig das Geld von Chinchilla zurück, wobei anzunehmen ist, dass diese Ausgabe nicht einmal in Chinchillas eigener Buchhaltung aufscheinen wird.

Der Mann ist nämlich ausgesprochen vorsichtig.“

„Eines verstehe ich aber immer noch nicht ganz, Mr. Winston. Oder darf ich Sie James nennen?“

„Nur, wenn ich Sie Null nennen darf. Was verstehen Sie denn nicht?“

„Wenn Chinchilla so vorsichtig ist, warum macht er dann ausgerechnet einen Mann zum Präsidentschaftskandidaten, dessen Verbindung zu ihm so offensichtlich ist? Es wäre doch viel klüger, jemanden aufzustellen, von dessen Verbindung zu ihm keiner etwas ahnt...“

„Bravo. Das war die erste wirklich intelligente Frage. Nun, Chinchilla hat eine einzige Schwäche, die ihn verwundbar macht, und das ist eine Art Sportsgeist. Er will zwar immer gewinnen, aber er will nicht, dass ihm der Sieg ohne jede Mühe in den Schoss fällt.

Er gleicht einem Schachspieler, der seinem Gegner einen Springer vorgibt, weil er davon überzeugt ist, um einen Turm stärker zu sein. Er ist sicher, die Partie zu gewinnen, weiß aber, dass er sich um den Sieg bemühen muss. So eine Partie macht ihm Spaß, im Gegensatz zu einer, in der er von vornherein als Sieger feststeht.

Ich bin sogar sicher, dass er inzwischen schon bereut, meinen Rücktritt als Detektiv provoziert zu haben, denn ich war der einzige, dem es mehrmals gelungen ist, ihn ernsthaft zu fordern.

Meinetwegen sind schon eine ganze Reihe von Chinchillas Leuten in Untersuchungshaft gesessen.

Sie sind zwar immer freigesprochen worden, trotz erwiesener Schuld, aber es hat die Organisation doch ziemlich viel Mühe gekostet, Zeugen oder Geschworene zu kaufen, sie einzuschüchtern oder, wenn sie unbelehrbar waren, unauffällig verunglücken oder Selbstmord begehen zu lassen.

Ich bin davon überzeugt, dass er sich über meine Wiederbetätigung sogar freuen wird, denn die Leichtigkeit, mit der er in letzter Zeit seine Erfolge errungen hat, behagt diesem großen Spieler ganz und gar nicht.

Diesmal wird ihm aber das Lachen vergehen, denn ich werde ihm kräftig in die Suppe spucken und sie ihm gründlich versalzen.“

„Halten Sie das denn wirklich für notwendig?“

„Wie meinen Sie das?“

„Ich meine, wenn Sie ihm schon kräftig in die Suppe gespuckt haben, dann wird er sie ja ohnehin nicht mehr essen wollen. Wozu wollen Sie ihm dann die Suppe auch noch gründlich versalzen?“

„Soll das etwa ein Witz sein, oder sind Sie wirklich so blöd, wie Sie aussehen?“, fragte Winston scharf.

Er hatte durchaus Sinn für Humor. Allerdings nur für seinen eigenen.

„Entschuldigen Sie, ich dachte nur, ein kleiner Scherz zwischendurch...“

„Das Denken sollten Sie lieber mir überlassen. Konzentrieren Sie sich lieber auf die Dinge, die Sie können.

Jedenfalls wird Chinchilla die erste schwere Schlappe seines Lebens hinnehmen müssen. Er wird es noch bitter bereuen, mich herausgefordert zu haben, denn ich werde es zu verhindern wissen, dass Davis Präsident wird, so wahr ich James Winston heiße!“

„Und die CIA wird Sie dabei tatkräftig unterstützen“, erklärte der Agent.

Winston schüttelte den Kopf:

„Nein. Lieber nicht. Wenn nämlich rauskommt, dass ich von der CIA damit beauftragt wurde, die Wahl von Charlton Davis zu verhindern, dann haben wir einen Politskandal von Watergate-Dimensionen am Hals und Chinchilla hat sein Ziel erreicht.“

„Da haben Sie recht. Aber Geld werden Sie vermutlich doch von uns brauchen, oder?“

„Das ist richtig. Ich werde sogar eine ganze Menge Geld brauchen. Ich schätze, so an die zwei Millionen Dollar.“

„Wenn’s weiter nichts ist, kein Problem. Wir überweisen Ihnen das Geld gleich morgen auf Ihr Konto.“

„Idiot! Und wenn der Bankbeamte, der die Überweisung tätigt, für Chinchilla arbeitet? Oder wenn der Kerl irgendeiner Zeitung was verrät? Was dann?“

„Keine Gefahr. Als Einzahlenden werden wir nämlich einen gewissen Cecil Isaac Adams angeben.“

„Und wieso sollte mir ein gewisser Cecil Isaac Adams zwei Millionen Dollar überweisen? Nein, entschuldigen Sie, aber das ist mir alles viel zu idiotisch.“

„Na, dann machen Sie doch einen besseren Vorschlag“, brummte der Agent ärgerlich.

„Die CIA hat doch bestimmt Verbindungen zu einer großen Versicherung, oder?“

„Uns gehört sogar eine!“, erklärte der Agent. „Zufällig ist es sogar die gleiche, für die ich angeblich arbeite.“

„Versichert diese Versicherung auch Banken gegen Bankraub?“

„Natürlich.“

„Dann nennen Sie mir eine Bank, die bei Ihnen versichert ist.

„Na, zum Beispiel die Midland Bank in der 42. Straße...“

„Ausgezeichnet. Diese Bank wird in nächster Zeit um zwei Millionen Dollar erleichtert – von einem unbekannten Täter – und Sie werden der Bank anstandslos die Versicherungssumme ausbezahlen.“

„Genial!“, rief der Agent. „Absolut genial!“

„Stimmt“, bestätigte Winston. „Wie Sie sehen, hat mein Verstand durch meine Kunstpause nichts von seiner brillanten Schärfe eingebüßt.“

„Nicht zuletzt deshalb haben wir uns ja auch dafür entschieden, uns an Sie zu wenden. Und eine Spezialausrüstung für Agenten werden Sie doch sicher auch von uns annehmen, oder?“

„Wenn Sie darauf bestehen...“

„Dann kommen Sie am besten gleich morgen ins Hauptquartier, Professor Cork wird alles für Sie bereithalten.“

„Irrtum. Das CIA-Hauptgebäude wird nämlich sicher rund um die Uhr von Chinchillas Leuten überwacht.

Wir machen das ganz anders: Der Professor fährt übermorgen zum Hauptgebäude. Die Garage ist ja bestimmt so gesichert, dass kein Außenstehender hineinkann, oder?“

„Natürlich. Sonst würden uns ja die Mullahs dauernd unsere Autos in die Luft sprengen oder biologische Kampfstoffe darin verstecken.“

„Gut. Als Nächstes werden die speziellen Gerätschaften zum Teil in einem Staubsauger, zum Teil in einem Vertreterkoffer untergebracht und im Kofferraum des Autos verstaut.“

„Häh?“

„Warten Sie, Sie werden das alles bald verstehen. Das Auto des Professors muss mit einer Vorrichtung ausgestattet sein, mit der man auf Knopfdruck die Benzinzufuhr unterbrechen kann.“

„Häh?“

„Das sollte rein technisch kein Problem sein. Um 20 Uhr steigt der Professor in sein Auto und begibt sich auf den Heimweg. Es ist leicht möglich, dass ihm einer von Chinchillas Männern folgt, wir dürfen da kein Risiko eingehen.

Auf halber Strecke, unweit eines Motels, drückt der Professor auf den schon erwähnten Knopf, der die Benzinzufuhr unterbindet, worauf der Motor abstirbt. Er dreht am Zündschlüssel, wieder und wieder, aber der Motor springt nicht mehr an. Verärgert steigt er aus, öffnet die Motorhaube, schüttelt den Kopf, betritt das Motel und sucht die Toilette auf.

Dort wartet in einer Kabine ein Mann, der so ausstaffiert wurde, dass er dem Professor aufs Haar gleicht.

Der Professor sucht die Klokabine auf, in der sich sein Doppelgänger versteckt hält. Kurz darauf verlässt der Doppelgänger die Toilette, während der Professor vorerst noch zurückbleibt.

Der Doppelgänger erkundigt sich beim Personal des Motels nach der nächsten Werkstatt, kehrt zurück auf die Straße und setzt sich zu Fuß Richtung Werkstatt in Bewegung.

Sollte der Professor tatsächlich beschattet werden, so wird sich sein Verfolger natürlich an diesen Doppelgänger halten.

Der echte Professor aber verlässt fünf Minuten später das Lokal, steigt in sein Auto, drückt auf besagten Knopf, das Benzin rinnt wieder, er startet und fährt weiter – zum Bordell ‚Erotic Pigs’.

Dort packt er seine Staubsaugervertreterausrüstung aus, geht durch das Eingangsportal, verlangt die Chefin und sagt zu ihr:

‚Ich hätte da schöne Staubsauger zu verkaufen.’

Worauf sie antwortet:

‚Ich brauche leider keinen. Allerdings habe ich zufällig gerade einen Kunden im Haus, der mir erzählt hat, dass heute sein Staubsauger den Geist aufgegeben hat, weshalb er dringend einen neuen braucht. Er würde sich über Ihren Besuch bestimmt freuen. Zimmer soundso.’

Dieser Kunde bin natürlich ich.

Die Chefin des Hauses ist übrigens eine alte Freundin von mir. Außerdem schuldet sie mir noch einen Gefallen.“

„Kein übler Plan“, gab der Agent zu. „Die Sache hat nur einen kleinen Haken.“

„Und der wäre?“

„Der Professor hat weder Führerschein noch Auto.“

„Mist. Ist aber halb so schlimm. Dann soll er eben einen seiner Assistenten zu mir schicken. Wen ihr schickt, ist egal, Hauptsache, er kennt sich mit dieser Spezialausrüstung aus und wirkt wie ein Staubsaugervertreter.“

„Wird gemacht. Gibt es sonst noch was?“

„Allerdings. Wie können wir die Menschentraube vor meinem Laden davon überzeugen, dass Sie sich von mir gerade eine Abfuhr geholt haben?“

„Die wissen doch nicht, dass ich von der CIA bin.“

„Und ob die das wissen. Oder glauben Sie wirklich, dass die vielen Leute sich nur deshalb vor meinem Laden versammelt haben, um meine schöne Auslage zu bewundern?

Deshalb bin ich ja mit Ihnen ins Hinterzimmer gegangen.“

„Ja, aber wie ist das möglich?“, fragte der Agent unsicher. „Ich meine, ich habe mich doch strikt an die Verkleidungsvorschrift 42 B gehalten...“

„Kann es sein, dass Sie Ihre Ausbildung in dem Jahr absolviert haben, in dem der Kursus ‚Tarnen und Täuschen’ immer unmittelbar im Anschluss an die ‚praktischen Übungen in Whiskykunde’ abgehalten wurde?“

„Das ist richtig“, gab der Agent zu. „Aber woher wissen Sie das?“

„Ihre vollkommen unpassende Verkleidung hat es mir verraten“, erklärte Winston. „Offensichtlich ist Ihnen damals whiskybedingt vollkommen entgangen, dass es insgesamt nicht weniger als sechsundfünfzig verschiedene Verkleidungen gibt, die Agenten je nach Witterung zu tragen haben, und dass Verkleidungsvorschrift 42 B sich ausdrücklich nur auf regnerische Spätherbsttage bezieht.“

„Jetzt wird mir natürlich so manches klar“, sagte der Agent verlegen. „Aber woher wissen Sie als Außenstehender so genau über unsere Dienstvorschriften und Ausbildungsprogramme Bescheid?“

„Weil man als Detektiv dafür bezahlt wird, Dinge zu wissen, die nicht jeder weiß“, antwortete Winston. „Aber zurück zur Sache: Wie können wir die Schaulustigen da draußen davon überzeugen, dass ich nichts mit der CIA zu tun haben möchte?“

„Ich könnte ja so tun, als wäre ich nur als Kunde hierher gekommen“, schlug der Agent vor. „Indem ich Ihnen jetzt einen Fisch abkaufe.“

„Ich fürchte, dazu sind Sie schon zu lange hier. Außerdem hätte ich Sie in diesem Fall wohl kaum ins Hinterzimmer gebeten. Nein, ich denke, ich habe da eine bessere Idee.“

„Und die wäre?“

„Diese da“, antwortete Winston und schickte den Agenten mit einem präzisen Kinnhaken auf die Bretter, die das Hinterzimmer eines Fischgeschäfts bedeuteten.

„Was soll der Blödsinn?“, fragte der Agent, während er sich, am Boden sitzend, das Kinn rieb, das sich sofort unnatürlich zu verfärben begann.

„Wenn ich fest zuschlage, sind die Leute meistens zwischen einer halben und einer dreiviertel Stunde bewusstlos“, erklärte Winston. „Das wissen die Leute, weil ich für meine harten Schläge genauso berühmt bin wie Old Shatterhand.“

„Wer zum Teufel ist Old Shatterhand?“

„Also offenbar sogar noch berühmter. Jedenfalls ist die Beule auf Ihrem Kinn der beste Beweis dafür, dass Sie sich von mir eine schmerzhafte Abfuhr geholt haben.“

„Es tut wirklich ziemlich weh“, sagte der Agent. „Aber ich muss zugeben, dass diese Begründung ziemlich plausibel klingt. Und das Wichtigste ist, dass es mir gelungen ist, Sie zum Mitmachen zu überreden.“

„Eben.“

„Und was gedenken Sie jetzt zu unternehmen, Mr. Winston?“

„Das lassen Sie ruhig meine Sorge sein, 003.“

„Natürlich. Aber wenn ich Ihnen vielleicht abschließend einen guten Rat geben dürfte...“

„Meinetwegen.“

„Also, ich an Ihrer Stelle würde eher nicht versuchen, mich in Chinchillas Organisation einzuschleichen. Weder mit Ihrem echten noch mit einem falschen Namen.“

„Keine Sorge, so etwas Hirnverbranntes würde ich niemals tun“, erwiderte Winston. „Schließlich bin ich nicht bei der CIA.“

***

6. Kapitel

Am übernächsten Tag um 19 Uhr 30 parkte Winston seinen uralten grünen VW Käfer vor dem Bordell ‚Erotic Pigs’ ein.

Alle Autos, die er vor diesem besessen hatte, waren übrigens ebenfalls grüne VW Käfer gewesen, obwohl er sich problemlos einen echten Luxusschlitten hätte leisten können.

Er hatte einfach eine sentimentale Schwäche dafür.

Lag es vielleicht daran, dass er den ersten grünen VW Käfer als Honorar für die Lösung seines allerersten Falles erhalten hatte?

Oder daran, dass er auf dem Rücksitz eines grünen VW Käfers das erste Mal Sex gehabt hatte – mit einer Zirkusakrobatin?

Oder lag es etwa daran, dass die grüne Farbe seines VW’s ihn an die Farbe des sturmgepeitschten Meeres in einem Dokumentarfilm über den Fischfang vor Neufundland erinnerte, den er als Kind einmal gesehen hatte?

Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht.

Also genug von dem Scheiß.

Winston betrat das Bordell und blickte sich suchend um.

Auf einigen Stühlen des Eingangsbereichs saßen spärlich bekleidete Mädchen, die ihm verführerisch zulächelten, andere waren von vollständig bekleideten Männern – zukünftigen Kunden – besetzt, und einige waren natürlich auch frei wie der Wind. Oder wie die Vögel auf den Feldern. Oder wie Tommy – der aus der berühmten Rockoper - nach seiner Genesung.

Aber in erster Linie waren sie natürlich ganz gewöhnliche Stühle, auf denen zufällig gerade keiner saß.

Hinter einer mit schweinchenförmigen Skulpturen verzierten Theke stand eine vollschlanke Frau in mittleren Jahren, die ein geschmackvolles, um die Taille plissiertes blau-grün-violett geblümtes Kleid von Claiborne trug, das, um bei der Wahrheit zu bleiben,

eigentlich überhaupt nicht geschmackvoll war, sondern vielmehr eine geschmackliche Entgleisung, die ihrem Schöpfer die fristlose Entlassung eingetragen hatte.

Man hätte die Trägerin des Kleides, eben jene vollschlanke Frau in mittleren Jahren, ohne weiteres für ein biederes Hausmütterchen halten können, und etwas Ähnliches war sie, genau genommen, tatsächlich, nämlich das Mütterchen dieses Hauses, oder, etwas prosaischer ausgedrückt: die Puffmutter.

Als sie Winston erblickte, eilte sie ihm mit ausgebreiteten Armen entgegen, umarmte ihn herzlich und rief:

„Hallo, Jamie, wie nett, dass du uns auch wieder mal besuchst! Ich habe schon fast befürchtet, dass du uns untreu geworden bist. Na, was kann ich für dich tun? Wir haben einige interessante Neuzugänge, darunter sogar eine 28-jährige japanische Brillenträgerin – du hast mir doch einmal erzählt, dass du auf 28-jährige japanische Brillenträgerinnen stehst, oder nicht?“

„Doch, das stimmt. Und ich finde es ganz besonders nett von dir, Martha, dass du daran gedacht hast. Nur bin ich heute leider in einer beruflichen Angelegenheit hier.“

„Wieso beruflich? Die Fische, die ich von dir gekauft habe, sind alle frisch, gesund und munter.“

„Das freut mich zwar, aber darum geht es nicht. Die Sache ist die, dass ich mich entschlossen habe, doch noch ein allerletztes Mal als Detektiv zu arbeiten.“

„Das ist ja wundervoll, Jamie! Du weißt doch, wie die Mädels und ich dich bewundern! Ich werde gleich Sekt...“

„Später gern, Martha. Zunächst aber habe ich eine große Bitte an dich.“

„Und die wäre? Sie ist schon erfüllt, noch bevor du sie aussprichst.“

„Ich brauche ein Zimmer für mich allein. Wäre das für fünfhundert Dollar möglich?“

„Nur für dich allein? Du bist mir aber ganz ein Schlimmer, Jamie. Wenn das der Liebe Gott wüsste! Ich sage nur: Genesis, Kapitel 38. Aber könntest du das nicht genauso gut bei dir zu Hause erledigen?“

„Es ist nicht so, wie du denkst.“

„Ach so. Also, das mit dem Zimmer ist natürlich kein Problem. Für wie lange brauchst du es denn?“

„Nur für heute Abend.“

„Geht in Ordnung, Jamie. Kein Problem. Aber darf ich fragen, wofür du es brauchst, wenn nicht für ein paar selbstverliebte Stunden? Du kennst mich ja, ich bin nun mal eine echte Neugierdsnase...“

„Ich möchte dir vorsichtshalber lieber nichts darüber erzählen, Martha, obwohl ich weiß, dass du schweigen kannst.

Jedenfalls geht es um folgendes: Wenn heute ein Staubsaugervertreter bei dir auftaucht, dann schick ihn bitte zu mir rauf, ich habe etwas geschäftlich mit ihm zu besprechen.“

„In Ordnung, Jamie. Du kannst Zimmer vier benützen, und sollte ein Staubsaugervertreter hier aufkreuzen, schicke ich ihn zu dir.“

„Du bist ein Goldstück, Martha“, sagte James Winston, küsste sie platonisch auf die Wange und begab sich nach Zimmer vier, wo er, eine Zigarette nach der anderen rauchend, auf die Ankunft des CIA-Beauftragten wartete.

Endlich klopfte es an der Tür, und noch bevor Winston ‚Herein!’ rufen konnte, stürmte ein Mann ins Zimmer, in der linken Hand einen Staubsauger, in der rechten eine Vertretertasche.

„Guten Tag“, sagte er. „Sie haben Glück. Ich kam gerade von der Arbeit und wollte mich hier ein wenig entspannen, da sagte mir Martha, dass Sie unbedingt einen neuen Staubsauger brauchen. Glücklicherweise habe ich immer einen im Wagen. Das beste Modell, das es zurzeit auf der ganzen Welt gibt. Und dabei unheimlich preiswert.“

„Äh... Moment...“

„Ja? Was gibt’s?“

„Es ist vollkommen überflüssig, dass Sie mir jetzt noch irgendeine Geschichte erzählen, Sie können offen sprechen, wir sind unter uns, und dieses Zimmer ist garantiert wanzenfrei. Also kommen Sie zur Sache.“

„Gern“, erwiderte der Vertreter, steckte den Anschluss seines Staubsaugers in eine Steckdose, kippte den Inhalt von Winstons Aschenbecher auf den Fußboden und saugte die Bescherung im Nu weg.

„Sehen Sie?“, sagte er. „Aber das ist noch lange nicht alles, dieses Gerät saugt sogar feuchten Dreck, Hausmilben und Bettwanzen. Und das alles für lächerliche tausend Dollar, also praktisch umsonst.“

Allmählich stieg in Winston der Verdacht auf, dass er es hier mit einem echten Vertreter zu tun hatte.

„Könnten Sie den Staubsauger mal öffnen?“, bat er, um sich Gewissheit zu verschaffen, und tatsächlich: Es war ein ganz normales Gerät, ohne besonderen Inhalt.

Um nicht in dem Vertreter den Verdacht zu wecken, dass hier etwas nicht stimmte, blieb Winston nichts anderes übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen.

„Ich nehme ihn“, sagte er, zückte seine Geldbörse und überreichte dem Vertreter die tausend Dollar.

„Kunden, die sich so schnell entscheiden können wie Sie, sollte man öfter haben“, stellte der Vertreter zufrieden fest.

„Was ich nicht ganz verstehe, ist folgendes“, sagte Winston. „Ich habe heute zu Martha gesagt, dass ich einen Staubsauger brauche, und keine Viertelstunde später kreuzen Sie schon hier auf. Das war natürlich Glück für mich, aber eigentlich war das doch ein ziemlich großer Zufall, finden Sie nicht?“

„Eigentlich nicht. Ich bin Stammgast, wissen Sie, durchschnittlich zweimal die Woche komme ich hierher, weil meine Frau mich nicht versteht, und heute war eben so ein Tag. Sie werden bestimmt viel

Freude mit diesem großartigen Gerät haben.

Wenn ich Ihnen vielleicht noch einen kleinen persönlichen Tipp geben darf, nachdem Sie hier ganz allein herumsitzen:

Wenn Sie den Staubsauger auf höchste Stufe einschalten und dann die Düse gegen Ihr bestes Stück halten...“

„Sagen Sie, wofür halten Sie mich?“

„Für einen zufriedenen Kunden. Probieren Sie es ruhig einmal aus, es schadet ja nichts. Sie werden sehen, dass Sie dann sogar noch etwas zufriedener sein werden, hähä, wenn Sie verstehen, was ich meine.“

„Schon gut“, sagte Winston. „Richten Sie Martha bitte aus, dass sie gleich raufkommen soll, ich möchte mich bei ihr bedanken. Und Ihnen danke ich dafür, dass Sie zu mir gekommen sind, obwohl Sie eigentlich schon Feierabend hatten.“

„Nichts zu danken. Ein Arzt lässt einen Patienten, der Hilfe braucht, ja auch nicht einfach auf der Straße liegen, nur weil er nicht mehr im Dienst ist. Und wir Staubsaugervertreter sind genauso: Unverbesserliche Idealisten.“

„Nun denn: Auf Wiedersehen. Und noch einmal vielen Dank.“

„Und noch einmal nichts zu danken. Und viel Freude und, hähä, Zufriedenheit mit dem neuen Gerät.“

Der Vertreter entfernte sich.

Wenig später klopfte es und Martha trat ein, in Begleitung eines weiteren Staubsaugervertreters.

„Entschuldige, Jamie, dass ich mit diesem aufdringlichen Kerl hier raufkomme, ich habe versucht, ihm zu erklären, dass er zu spät kommt, weil du inzwischen einem anderen Vertreter einen Staubsauger abgekauft hast, aber er hat sich einfach nicht abwimmeln lassen, er meinte, es wäre sehr wichtig.

Du wolltest mich sprechen?“

„Schon gut, Martha, ich wollte dich nur bitten, diesen Mann, wenn er

kommt, ebenfalls zu mir zu schicken, aber das hat sich ja erübrigt.

Lass uns bitte jetzt allein.“

„Äh... James?“

„Ja?“

„Wir haben jetzt auch ein Showprogramm. Die Show fängt in ungefähr einer Stunde an. Und vielleicht hast du Zeit und Lust, dir das anzusehen. Es würde mich nämlich interessieren, was du davon hältst. Du weißt ja, dass ich auf dein Urteil immer den allergrößten Wert lege.“

„Ist gut, Martha. Danke für den Hinweis. Das müsste sich zeitlich eigentlich ausgehen. Aber seit wann bietet ihr auch ein Showprogramm? Bisher lief das Geschäft doch auch ohne Show ganz hervorragend, oder?“

„Ja, schon. Aber die Zeiten sind vorbei. Heutzutage muss man seinen Kunden schon etwas ganz Besonderes bieten, wenn man sie bei der Stange halten will.“

„Ich verstehe. Also, ich komme, sobald ich hier fertig bin. Bis später, Martha.“

„Bis dann, Jamie. Ich reserviere dir schon mal den besten Tisch.“

***

7. Kapitel

„Haben Sie die Sachen?“, fragte Winston seinen Besucher, nachdem Martha das Zimmer verlassen hatte.

„Was geht hier eigentlich vor?“, fragte der Agent misstrauisch. „Ich komme wie vereinbart hierher und werde fast nicht vorgelassen - da stimmt doch etwas nicht.“

„Jetzt machen Sie sich mal nicht ins Hemd, es ist alles in bester Ordnung“, erwiderte Winston. „Das war alles nur ein dummes Missverständnis: Die Besitzerin dieses Bordells, eine alte Freundin von mir, hat irrtümlich angenommen, dass ich wirklich einen Staubsauger brauche. Also hat sie mir einen echten Staubsaugervertreter geschickt, der zu ihren Stammkunden gehört. Alles klar?“

„So klar wie ein ungetrübter See, so klar wie ein Himmel ohne Wolken im Sommer...“

„Lassen Sie den Unsinn, ich habe meine Zeit nicht gestohlen“, unterbrach Winston grob. „Also, was ist: Haben Sie die Sachen?“

„Selbstverständlich. Und was für Sachen!“, antwortete der Agent und plusterte sich vor Stolz auf wie ein Kugelfisch. „Sie werden staunen, was Professor Cork mir alles für Sie mitgegeben hat!“

Er öffnete sowohl Tasche als auch Staubsauger und nahm einen falschen Bart zur Hand, dessen Länge jedem Bergfex zur Ehre gereicht hätte.

„Das zum Beispiel ist ein falscher Bart“, erklärte er.

„Das sehe ich. Aber ich habe keine Verwendung dafür, weil ich selbst schon mehr als genug falsche Bärte besitze.“

„Warten Sie’s ab! Das ist nämlich kein gewöhnlicher falscher Bart, sondern eine geniale Erfindung. Sehen Sie, hier oben ist, gut verborgen, ein kleiner Knopf angebracht, und wenn Sie da draufdrücken, sehen Sie, so, dann verfärbt sich der Bart. Er kann schwarz, weiß, blond, rötlich oder brünett sein.

Wenn Sie zum Beispiel verfolgt werden, dann drücken Sie einfach auf den Knopf, und die Verfolger, die nach einem Mann mit schwarzem Bart Ausschau halten, finden nur noch einen mit einem blonden Bart, der ihnen versichert, dass er einen Mann mit schwarzem Bart in die entgegengesetzte Richtung davonlaufen gesehen hat.“

Als Nächstes zog der Agent zwei Häute hervor, die in Form und Farbe menschlichen Füßen glichen.

„Ziehen Sie einen Schuh und einen Socken aus“, befahl der Agent.

Winston gehorchte, worauf der Agent ihm eine der Häute über den Fuß stülpte.

„Sehen Sie. Passt wie angegossen“, sagte er zufrieden. „Und keiner würde auf die Idee kommen, dass diese Haut nicht die Ihre ist.“

„Wirklich bemerkenswert“, gab Winston zu. „Aber wofür soll das gut sein?“

„Sie sind in Gefangenschaft geraten, und man will Informationen aus Ihnen herauspressen. Also hält man Ihre Füße ins Feuer, wie in der berühmten Ballade, von der Sie vermutlich noch nie etwas gehört haben.

Und was passiert?

Gar nichts. Sie schweigen. Die Füße sind nämlich aus Asbest.“

Als Nächstes holte der Agent aus der Tasche ein kleines Schächtelchen, in dem drei Pillen lagen.

„Diese Pillen enthalten ein Konzentrat aus zweitausendfünfhundert radioaktiv verseuchten, genmanipulierten und mit einem hochwirksamen Zigeunerfluch belegten Fröschen“, erklärte er. „Wer eine dieser Pillen zu sich nimmt, kann für die Dauer von exakt fünfundvierzig Minuten zwar nicht mehr sprechen, doch dafür umso besser quaken, und auch seine Hautfarbe ändert sich für diesen Zeitraum und wird grün, wie die Haut eines Laubfrosches. Angeblich kann man auch besonders gut springen, wenn man so eine Pille genommen hat, aber unsere diesbezüglichen Tests sind noch nicht abgeschlossen, Sie sollen sich also lieber nicht allzu sehr darauf verlassen.

Jedenfalls, wenn Sie verfolgt werden, brauchen Sie sich nur entkleiden,

die Pille schlucken und in die nächste Wiese legen. Innerhalb kürzester Zeit tritt die Wirkung ein, und kein Verfolger wird Sie in den nächsten fünfundvierzig Minuten entdecken können...“

„Alles gut und schön, aber das sind lauter Sachen, die mehr zu meinem Schutz dienen als zur Unterstützung meiner detektivischen Arbeit...“

„Gemach, Mr. Winston. Dazu kommen wir gleich. Hier, sehen Sie.“

Er reichte Winston eine Zigarettenschachtel, in der sich noch zwei Glimmstängel befanden.

„Was ist damit?“, fragte Winston.

„Es sind keine gewöhnlichen Zigaretten.“

„Sondern?“

„Eine Sprechanlage. Sie brauchen nur den Filter der einen Zigarette reinzudrücken, dann sind Sie direkt mit dem Hauptquartier der CIA verbunden, und wenn Sie dann noch die andere Zigarette ans Ohr halten, hören Sie auch, was Ihr Gesprächspartner im Hauptquartier sagt.“

„Nicht schlecht. Das probier ich gleich einmal aus.“

„Äh... nicht nötig.“

„Warum nicht?“

„Nun ja, diese Sprechanlage ist eine ganz neue Entwicklung und leidet noch unter gewissen Kinderkrankheiten.“

„Und die wären?“

„Nun ja, wie soll ich sagen... sowohl die Stimme des Senders als auch die des Empfängers klingt so verzerrt, dass keiner von beiden auch nur ein Wort vom anderen verstehen kann.“

„Und was hat dann diese Sprechanlage überhaupt für einen Sinn?“

„Nun, wir dachten uns, wenn sie auch nicht funktioniert, so ist sie immerhin noch besser als gar nichts, und, wer weiß, vielleicht werden Sie irgendwann einmal noch froh darüber sein, dass Sie sie haben.“

„Wäre es nicht einfacher, ein Handy zu benutzen?“

„Ja, natürlich! Das ist eine glänzende Idee, Mr. Winston! Man müsste dann nur die beiden Zigaretten an dem Handy befestigen, und schon könnte man mit einer Hand sowohl senden als auch empfangen.“

„Ganz genau. Und wenn der Krempel nicht funktioniert, kann man immer noch das Handy benutzen. Tolle Erfindung.“

„Stimmt. Aber jetzt kommt noch etwas viel Tolleres“, sagte der Agent, dem vor lauter Begeisterung vollkommen entgangen war, dass Winstons Bemerkung ironisch gemeint gewesen war. „Ich habe hier etwas ganz Spezielles, ein Gerät, das, wenn die Öffentlichkeit etwas von seiner Existenz wüsste, zweifellos im Guinness Buch der Rekorde stehen würde, nämlich die kleinste Kamera der Welt.

Moment. Sie muss im Koffer sein. Ich habe sie hier ... Moment, nein, hier. Oder doch im Staubsauger?

Nein, bestimmt im Koffer. Moment. Kleines Momentchen, gleich ... ist das denn die Möglichkeit, dabei könnte ich wetten ... ein Mikroskop haben Sie nicht zufällig dabei, Mr. Winston?“

„Bedaure, nein“

„Ich fürchte, ich finde die Kamera im Augenblick nicht. Aber das ist nicht weiter tragisch, ich habe sicherheitshalber einige Buntstifte eingesteckt, damit können Sie die Szenen, die Ihrer Meinung nach bildlich festgehalten werden müssen, notfalls auch zeichnen.

Aber zeichnen Sie um Himmels Willen nicht abstrakt, denn das könnte unter Umständen den Dritten Weltkrieg auslösen, wenn unser Zentralcomputer das Bild missinterpretiert.“

„Na gut. Und was ist mit Waffen? Ich verlasse mich zwar am liebsten auf meine Fäuste, aber ich wäre doch gerne für den Notfall gewappnet.“

„Selbstverständlich. Wir haben uns überlegt, mit welcher Waffe man einen Gegner, je nach Bedarf, entwaffnen, betäuben oder umbringen können. Außerdem soll die Waffe es ihrem Besitzer ermöglichen, einen Fluchtversuch des Gegners zu vereiteln, ohne ihn dabei zu töten oder schwer zu verletzen.

Es ist mir eine besondere Freude, Ihnen nun das Ergebnis unserer langjährigen Forschungen präsentieren zu können.“

Nach dieser vollmundigen Ankündigung überreichte der Agent Winston einen etwa einen Meter langen, dicken Holzprügel, bevor er fortfuhr: „Diese Waffe trägt zu Recht den stolzen Namen Vielzweckmulti.“

„Früher hat man Holzprügel dazu gesagt“, bemerkte Winston.

Ohne darauf einzugehen, erklärte der Agent:

„Sie erfüllt perfekt alle von mir genannten Bedingungen: Ein leichter Schlag auf den Kopf des Gegners befördert ihn ins Land der Träume, ein harter Schlag hingegen in den Garten Eden, in die Hölle, ins Nirwana oder auch in die Ewigen Jagdgründe, je nach dem, welcher Religionsgemeinschaft er zu Lebzeiten angehörte.“

„Oder auch in den Hades oder ins Elysium.“

„Ja, aber nur, wenn der Gegner ein alter Grieche war. Und zwar ein sehr, sehr alter Grieche“, stellte der Agent klar. „Bedroht ein Gegner Sie mit einer Pistole, so bewirkt ein blitzschnell ausgeführter Schlag auf das Handgelenk, an dem die Hand, die die Waffe hält, von der Natur befestigt worden ist, dass Ihr Feind die Pistole fallen lässt und einen lauten Schmerzensschrei von sich gibt.“

„Außer, er ist stumm.“

„Richtig“

„Oder er hat eine Stimmritzenentzündung oder eine Bronchitis.“

„Natürlich. Aber dann würde er Sie wahrscheinlich nicht mit der Waffe bedrohen, sondern zu Hause das Bett hüten. Also weiter:

Will Ihr Gegner die Flucht ergreifen, so schleudern Sie ihm den Vielzweckmulti zwischen die Füße und er wird stolpern und zu Fall kommen, garantiert.

Also, wenn Sie mich fragen, gibt es zurzeit auf der ganzen Welt keine vielseitigere Nahkampfwaffe als den Vielzweckmulti.“

„Und dabei haben Sie eine weitere Verwendungsmöglichkeit noch gar nicht erwähnt“, bemerkte Winston.

„Und zwar welche?“

„Wenn es im Winter kalt im Zimmer ist, kann man den Vielzweckmulti in den Ofen stecken und anzünden, und schon bald wird es im Raum angenehm warm sein.“

Der Agent, der offenbar wirklich keinen Sinn für Ironie hatte, nickte zustimmend und antwortete:

„Das stimmt, aber dann könnte man ihn nicht mehr verwenden und das wäre schade.“

„Kann er sonst noch etwas?“, fragte Winston.

„Oh ja, fast hätte ich es vergessen, weil es im Vergleich zu den anderen Verwendungsmöglichkeiten beinahe eine Lappalie ist: Wenn Sie sich in einem unmöblierten Raum befinden, von dessen Decke, unerreichbar für Ihre Hände, eine Banane herabhängt, so können Sie diese nahrhafte, magnesiumreiche Frucht mit Hilfe des Vielzweckmultis herunterholen.“

„Und wie?“

„Das weiß ich im Moment leider selbst nicht, das hat der Herr Professor mir noch nicht verraten, aber ... nun ja, das ist auch nicht so wichtig, was zählt, sind die anderen Eigenschaften.“

„Das stimmt. Haben Sie sonst noch etwas für mich?“

„Nichts Materielles, aber eine Weisheit, die unser Professor, der chinesischer Abstammung ist, Ihnen mit auf den Weg geben will.“

„Der Name Cork klingt aber nicht sehr chinesisch.“

„Weil das ein Deckname ist. Er hat sich auch die Haare rot färben lassen, damit die Leute ihn für einen Iren halten.“

„Ich verstehe. Also, welche Weisheit hat der Professor für mich parat?“

„Einen Moment, ich zitiere:

‚Jeder Mensch, der dazu fähig ist, eine Laus zu zerquetschen, ist auch dazu fähig, dich zu ermorden. Tote aber können keine Läuse zerquetschen.

Die Zahl der Verstorbenen ist größer als die der Lebenden.

Darum sei voller Zuversicht, mein Sohn, denn die Zahl deiner möglichen Mörder ist verschwindend klein, verglichen mit der Zahl deiner unmöglichen Mörder.

Und doch könnte ein einziges Kamel dich zu Tode trampeln, solltest du jemals versuchen, es zum Durchqueren eines Nadelöhrs zu zwingen.

Soweit die Worte des Professors.“

„Aha. Dann übermitteln Sie dem Professor doch bitte auch eine Weisheit von mir.“

„Gern. Ich höre.“

„Wer einen Wachhund braucht, kauft nicht die Katze im Sack. Zehn tote Hund fressen weniger als ein Lebender. Und zehn halbe Wachhunde sind nicht so viel wert wie ein ganzer. Dafür verursachen sie aber auch nicht so hohe Futterkosten, sondern können sogar selbst verfüttert werden.

Und wer einem hungrigen Tiger die Schnurrbarthaare ausreißt, braucht keine schnellen Beine mehr.“

„Äh... und was bedeutet das?“

„Es bedeutet, dass der Professor seine so genannten Weisheiten in Zukunft besser für sich behalten sollte. Sie bescheinigen ihm nämlich ein gerüttelt Maß an Idiotie. In einem ausgeblasenen Osterei steckt mehr Weisheit als im ganzen Professor.

Im Übrigen danke ich ihm recht herzlich für den Plunder, den er mir geschickt hat, weil kein anderer Agent ihn haben wollte.

Sie nehmen sich am besten den von mir gekauften Staubsauger mit und lassen mir dafür den anderen da, das fällt dann am wenigsten auf.

Nun dann: Auf Wiedersehen. Und besten Dank für Ihre Mühe.“

„Gern geschehen. Und sollten Sie noch etwas brauchen, eine Atombombe zum Beispiel oder irgendwelche tödlichen biologischen Massenvernichtungswaffen, so wenden Sie sich vertrauensvoll an uns.“

Der Agent verließ den Detektiv, und wenige Sekunden später stieg Winston schon die Treppe hinab und betrat den Saal, in dem die Sexshow stattfand.

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Objętość:
190 str. 1 ilustracja
ISBN:
9783754177150
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Bookwire
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