Czytaj książkę: «Zeit für Liebe»

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Titel der englischen Originalausgabe: The Love Keys

Titel der aktuellen englischen Ausgabe: The Heart of Tantric Sex

Ebook-Ausgabe 2016

Umschlaggestaltung: Silke Bunda Watermeier www.watermeier.net Übersetzung: Pavitra Wolf Lektorat: Ela Buchwald Illustrationen© Diana Richardson Copyright© Diana Richardson Copyright© der Übersetzung, Innenwelt Verlag GmbH Copyright© der Osho Zitate, Osho International Foundation, Schweiz Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck und fotomechanische Wiedergabe, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung der Innenwelt Verlag GmbH, Köln www.innenwelt-verlag.de

ISBN 978-3-942502-80-1


INHALT

EINLEITUNG

Als ich zum ersten Mal Sex hatte, war ich furchtbar enttäuscht. Ich erinnere mich noch genau daran, denn ich hatte Liebe erwartet, und dass es etwas ganz Besonderes sein würde. Nun fragte ich mich: „Und das soll alles gewesen sein? Da muss doch noch mehr dran sein.“

Obwohl ich später das entwickelte, was andere wahrscheinlich ein gesundes Sexualleben nennen würden, ließ mich seit dieser ersten Erfahrung das Gefühl nicht los, dass am Sex eigentlich mehr dran sein müsste. Auch weil Sex mit riesigen Tabus belegt war, weil es so viele Regeln und Vorschriften gab, wie man sich in Sachen Sex zu verhalten hatte. Mir hatte Sex immer Spaß gemacht, aber er hatte mich nie wirklich in der Tiefe berührt. Ich ging weder so darin auf, noch war ich so involviert, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Als mir klar wurde, dass ich schon oft Sex gehabt hatte, aber immer noch nicht wirklich verstand, wie die sexuelle Energie funktionierte, beschloss ich, die geheimnisumwölkte Materie Sex genauer unter die Lupe zu nehmen. Was mich ermutigte und nicht aufgeben ließ, waren diese versprengten Augenblicke in denen Liebe gegenwärtig war und die sich vom Rest meines Lebens ganz stark abhoben. In diesen Momenten schien die Zeit stillzustehen und elastisch zu werden. Die Luft und der Raum um mich herum dehnten sich aus und eine neue Dimension sinnlicher Wahrnehmung offenbarte sich. Es war, als wäre ich plötzlich richtig lebendig und eine innere Energie würde die Führung übernehmen. Ich hatte keine Ahnung, wie und warum das so war, aber es machte mir Hoffnung, dass am Sex mehr dran war und es für mich noch etwas zu entdecken gab.

Inzwischen weiß ich, dass es nicht nur mir so geht. In meiner umfangreichen Arbeit mit Paaren habe ich im Laufe der Jahre viele Menschen getroffen, die ebenso enttäuscht gewesen waren wie ich und die sich die gleichen Fragen gestellt hatten. Genau wie ich damals, fühlten sie sich in einem Kreislauf gefangen, der sich jedes Mal, wenn sie Liebe machten, wiederholte und der selten etwas Neues oder Kreatives mit sich brachte. Schließlich schlichen sich Desinteresse und Langeweile ein. Manche versuchten es mit aufreizender Kleidung und Sexfilmen, andere wechselten häufig den Partner, um dafür zu sorgen, dass Sex interessant und aufregend bleibt. Doch auf Dauer ist das alles nicht wirklich befriedigend. Auch wenn ein Paar sich weiterhin liebt, geht die gegenseitige Anziehung oft verloren, und die Partner leben ihre Liebe nicht mehr auf der körperlicher Ebene. Früher oder später trennen sie sich vielleicht. Nichtsdesotrotz sind wir alle auf der Suche nach einem Weg, wie wir unsere Liebe leben können. Denn danach sehnen wir uns zutiefst, und das hört niemals auf.

Nachdem ich viele Jahre intensiv auf diesem Gebiet geforscht hatte, fand ich heraus, dass die Erfahrung von Tantra – mich in die sexuelle Energie hineinzuentspannen statt Druck aufzubauen – mir das gab, wonach ich mich mein ganzes Leben instinktiv gesehnt hatte. Es war, als hätte ich die Schlüssel gefunden, die eine Tür nach der anderen öffneten. Es war ein Prozess, in dem sich mir uralte Geheimnisse sexueller Energie offenbarten, die meine Seele berührten und mir ungeahnten inneren Frieden schenkten. Es galt, eine völlig neue Sprache zu erlernen, die nach und nach zur Grundvoraussetzung dafür werden sollte, dass Sex und Liebe zu einer erhebenden Erfahrung wurden.

Diese Sprache hat mir eine ganz neue und andere Welt eröffnet, in der die sexuelle Gier verschwand und stattdessen Kreativität aufblühte. Ich stellte fest, dass mich viele meiner Ideen über Sex behinderten und dass ich, um die neue Sprache zu erlernen, die alte erst einmal verlernen musste. Ich brauchte einige Monate, um die ganzen Missverständnisse hinter mir zu lassen, die die Gesellschaft mir beigebracht hatte. Schließlich fand ich eine neue Herangehensweise, ohne den Zwang, einen Orgasmus haben zu müssen. Dabei hatte ich immer gedacht, dass der Orgasmus beim Sex das Wichtigste war.

Wie man die Liebe frisch und jung erhält, ist heute eine echte Herausforderung für Paare. Ja, wie können wir die Liebe stärken und wachsen lassen? Tantra ist ein einzigartiger und intelligenter Ansatz, der uns Antworten auf diese Fragen gibt, wie wir unsere Intimität stärken und die Liebe vertiefen können. Tantra lädt uns ein, uns zu entspannen, alle Spannungen hinter uns zu lassen. Und erstaunlicherweise bringt der tantrische Weg auch mehr Freude und Erfüllung in unser gesamtes Leben. Genau danach sehnen sich viele zutiefst, wissen aber nicht, wie sie es realisieren können.

Ein Freund von mir hatte ein Problem. Er war in zwei Frauen gleichzeitig verliebt und darüber sehr verwirrt. Er litt darunter, dass er sich nicht entscheiden konnte, und ging zu einer Therapeutin, die ihn fragte: „Mit welcher der beiden Frauen macht dir der Sex mehr Spaß?“

„Mit Katja“, sagte er.

„Dann bleib bei Katja“, lautete der Rat der Therapeutin.

Als mir mein Freund diese Geschichte erzählte, befand ich mich in meiner langjährigen Beziehung gerade in einer Phase der Stagnation. Der Sex hatte seinen Reiz verloren. Damals verstand ich die Antwort der Therapeutin nicht, aber heute verstehe ich, was sie gemeint hat. Ich habe verstanden, dass eine Beziehung sehr viel bessere Chancen hat, wenn der Sex erfüllend ist. Sexuelle Übereinstimmung ist die Grundlage für Intimität und Ehrlichkeit und für liebevolle Zweisamkeit. Wenn der Sex hingegen eine Quelle der Unzufriedenheit ist, kann das ein Nährboden für Unmut, Frustration und Ängste sein, und nach und nach können die Liebe und die Übereinstimmung zwischen zwei Menschen verloren gehen, was letztendlich zur Trennung führen kann.

Wir wissen in unserer Gesellschaft so erschreckend wenig über die sexuelle Energie, dass es normal zu sein scheint, dass junge Menschen in ihrer Unwissenheit mühevoll im Dunkeln tappen, wenn sie dabei sind, diese natürliche Lebenskraft zu entdecken. Wir zahlen einen hohen Preis für unsere ersten glücklosen sexuellen Erfahrungen und unwissenden Versuche, denn wir bewahren sie in uns als trübe, unverarbeitete Erinnerungen und sie begleiten uns später Tag für Tag. Sex, Liebe und Nähe können zu einem Alptraum werden, der sich aus dieser Unsicherheit und unserem Mangel an Vertrauen speist.

Tantra ist eine uralte Kunst und ein Gegenmittel dafür; eine Umerziehung in Sachen Sex, und eine Unterweisung, die unseren Eltern, Großeltern und Urgroßeltern versagt geblieben ist. Mit der Zeit hat mir das Experimentieren mit Tantra gezeigt, wie man auf eine neue Art Liebe machen kann, die nicht nur mein Sexleben erfüllter gemacht hat. Auch meine Erfahrungen mit Liebe und mein Leben insgesamt sind erfüllter geworden. Vorher hatte ich das Gefühl, in seichtem Gewässer zu schwimmen, ich war mir nicht sicher, was meine Aufgabe war und welche Rolle ich in diesem Leben zu spielen hatte.

Als ich zusammen mit meinem Partner begann, die tantrischen Lehren anzuwenden, und wir in tiefere sexuelle Gewässer vorstießen und sich dadurch unsere Liebe vertiefte, schlug mein Leben eine neue Richtung ein, und ich fühlte, dass ich nach Hause gekommen war. Heute kann ich sehen, dass die Wurzeln wahrer Zufriedenheit nicht außerhalb von mir liegen, sondern in mir. Und Sex ist zu einem Instrument für mich geworden, mit dem ich Kontakt mit meinem innersten Kern, meiner inneren Welt der Stille in mir aufnehme. Das hat mir viel mehr Tiefe und Substanz gegeben, als mein Ehrgeiz und meine Erfolge es je tun konnten.

Tantra erinnert uns daran, dass wahre Entspannung beim Sex anfängt. Leider haben wir in unserer heutigen Gesellschaft die Kunst der Entspannung weitgehend verlernt. Und gerade Sex ist für viele von uns zu einer Quelle von Angst und Stress geworden. Unsere Konditionierung bringt zahllose Ängste und sehr viel Stress rund um den Sex mit sich, aber wenn wir erst einmal beginnen, uns während des Sexaktes zu entspannen, werden wir feststellen, dass viele der Ängste und Stressfaktoren ganz natürlich von uns abfallen. Wenn wir uns in die Sexenergie hineinentspannen, wird das innerliche Wohlbefinden, das dadurch entsteht, sich auf unser Leben insgesamt auswirken und auch in anderen Bereichen eine entspannte Qualität und eine liebevolle Leichtigkeit bewirken. Wenn wir den Sex erforschen, macht uns das mit unserem eigenen Körper und unserer Sexualität vertrauter, und mit dem Körper und der Sexualität unseres Partners. Damit einher geht die simple Wahrheit: Nacktheit ist etwas Heiliges. Und daraus erwächst ein Selbstvertrauen, das auf Selbsterkenntnis beruht. Durch die Erfahrung von Tantra stellen wir fest, dass wahr ist, was wir immer gehofft haben: Liebe und Freude sind für jeden von uns eine erfahrbare Realität und nicht nur ein unerfüllbarer Traum.

Zwei Hauptquellen haben diesen Traum für mich Wirklichkeit werden lassen. Ausgangspunkt meiner jahrelangen Experimente und meine Inspiration waren zwei Audiokassetten mit dem Titel „Making Love“ (Liebe machen) von Barry Long. In diesen Vorträgen stellt Barry Long seine revolutionären Einsichten über Mann und Frau vor und bietet eine vollkommen andere Sichtweise von Liebe und Liebemachen an. Zunächst war ich in meiner Unwissenheit zu stolz, um zuzugeben, dass ich in Wahrheit nicht wusste, wie man Liebe macht.

Etwa fünf Jahre später kam ich auf Barry Longs Lehren zurück, denn in dieser Zeit hatte sich der routinemäßige Sex für mich erschöpft. Nun hatte sich meine Haltung verändert und ich hörte die Vorträge voller Dankbarkeit. Mir wurde klar, dass es mit Sicherheit etwas gab, das ich über Liebe und Sex noch nicht wusste. Die Tiefe und Detailliertheit der Informationen haben meinen Lebensweg verändert. Dadurch, dass ich die ganze Zeit mit den gegebenen Richtlinien experimentierte, konnte ich mir meine sexuelle Konditionierung ansehen und darüber hinausgehen. Diese Vorarbeiten führten dazu, dass ich eine neue „genitale Verbindung“ entdeckte.

Darüber hinaus haben sie mir ermöglicht, meine zweite Quelle, die Worte meines spirituellen Meisters Osho, auf körperlicher Ebene zu verstehen und aufzunehmen. Oshos Vision schließt Spiritualität durch Sex ein, und er verbindet dies mit der Interpretation antiker tantrischer Schriften, die vor Tausenden von Jahren in Indien entstanden sind. Diese Worte sind ein wahrer Schatz für die heutige Menschheit. Beide Quellen repräsentieren die tantrische Lehre in ihrer höchsten Form.

Mit diesem Buch möchte ich die praktischen Informationen über Sex weitergeben, die in meinem Leben eine subtile und einschneidende Revolution ausgelöst haben. Dieses Buch hat nicht den Anspruch, eine umfassende Darstellung der Entstehung oder der komplizierten esoterischen Aspekte von Tantra zu sein. Es ist ein persönlicher Erfahrungsbericht.

Das Material ist in drei Abschnitte gegliedert: „Die Wurzeln“ beschreibt das göttliche Potenzial von Sex und Liebe. „Die Liebesschlüssel“ beinhalten praktische körperorientierte Vorschläge. „Die Reise“ beschäftigt sich mit wesentlichen Aspekten von Sex und Sexualität.

Sex ist ein umfassendes Thema, und auch, wenn man versucht, die Information übersichtlich darzustellen, greifen die verschiedenen Themen natürlicherweise doch ineinander und überschneiden sich. Dieses Buch immer wieder zu lesen, während du parallel dazu deine eigenen Erfahrungen sammelst, wird deine Einsichten zum Thema Sex vertiefen, dein Erforschen unterstützen und deine Wahrnehmung schärfen.

TEIL I
DIE WURZELN

Inspiration

Der männliche und der weibliche Körper sind sich vom Aufbau her ähnlich, unterscheiden sich aber in vielerlei Hinsicht und ergänzen sich jeweils. Was im männlichen Körper positiv ist, ist negativ im weiblichen; und was im weiblichen Körper positiv ist, das ist negativ im männlichen Körper.

Das ist der Grund, warum beide Körper zu einem Organismus werden, wenn sie sich in einem tiefen Orgasmus vereinen. Was positiv ist, trifft auf das Negative, das Negative trifft auf das Positive, sie verbinden sich und werden zu einem elektromagnetischen Strom.

Daher übt Sex eine so ungeheure Anziehungskraft aus, und ist so ungemein attraktiv. Diese Anziehungskraft besteht nicht, weil der Mensch ein Sünder oder unmoralisch wäre, auch nicht, weil die moderne Welt zu zügellos geworden wäre oder weil es obszöne Filme und Literatur gibt – es ist tief verwurzelt, es ist etwas Existenzielles.

Diese Anziehungskraft besteht deshalb, weil sowohl der Mann als auch die Frau für sich allein nur die Hälfte eines Kreises darstellen. Das Universum ist aber immer bestrebt, Unvollständiges wieder vollständig und ganz werden zu lassen. Dies ist eines der ewig gültigen Gesetze – die Bewegung hin zur Vervollkommnung. Die Natur mag keine Unvollkommenheit – welcher Art sie auch sein mag. Der Mann ist halb, die Frau ist halb, und sie können nur in diesem einen Moment ganz werden – wenn ihr elektromagnetischer Strom sich verbindet und sich ihre Trennung auflöst.

Darum sind die beiden wichtigsten Wörter in allen Sprachen „Liebe“ und „Gebet“. In der Liebe wird man eins mit dem anderen. Im Gebet vereint man sich mit dem ganzen Universum. Und so stimmen Liebe und Gebet in ihrem Innersten überein.

Osho, Das Buch der Geheimnisse, Bd. 2, Kap. 27

SEX IN EINEM NEUEN ZUSAMMENHANG SEHEN

Jeder Mensch interessiert sich für Sex. Sex ist das einzige Thema, das über die Jahrtausende bis hin zum heutigen Tag fasziniert, wenn er nicht sogar zur Obsession wird. Man kann sofort spüren, wenn es in einem Gespräch um Sex geht: Die Köpfe werden zusammengesteckt, und es wird mit Nachdruck geflüstert, und die Atmosphäre verdichtet sich sofort. Wenn Leute Angst haben über Sex zu sprechen oder sich für die „tierische Natur“ der Sexualität schämen, kann etwas Trennendes spürbar werden, eine Mauer der Spannung und Isolation umgibt sie.

Ob über Sex geredet wird, ob man ihn ignoriert, unterdrückt oder auslebt, ihn genießt oder durchsteht, er ist einer der wichtigsten Aspekte unseres Lebens.

Sex geht uns nie aus dem Sinn. Er ist ein zentrales Thema unserer Gedanken und Träume. Er ist Teil unserer Körperchemie, denn jedes sterbliche Wesen auf diesem Planeten ist aus dem Sexakt entstanden, durch die Vereinigung männlicher und weiblicher Zellen. Wir erkennen das bereits in unserer frühen Kindheit, wenn wir ganz natürlich und mit unschuldiger Freude unsere Genitalien berühren.

Sexualität begleitet durch unser ganzes Leben hindurch und drückt sich in den jeweiligen Phasen der Entwicklung entsprechend unterschiedlich aus. Sex ist die Quelle von ziemlich viel Schmerz und ebenso viel Vergnügen, von Angenehmem und Unangenehmem. Er bestimmt oft, ob wir glücklich oder unglücklich sind, ob wir beseelt sind oder uns quälen.

Schon allein sich die Fußnägel zu lackieren oder Lippenstift aufzulegen und Parfum oder Aftershave zu verwenden – all das sind Handlungen, um Sex anzuziehen. Heute in höchstem Maße sichtbar, werden wir ständig mit sexuell gefärbten Bildern, Worten und Filmen überflutet. Die Medien benutzen Sex, um zu werben, jemanden in Verruf zu bringen, Skandale zu provozieren. Und Menschen benutzen Sex, um Kontrolle auszuüben, anzulocken, zu missbrauchen oder den anderen zu verlassen. Unsere Fixierung auf Mode und Aussehen hat eine Menge mit Sex zu tun.

Wenn uns jemand attraktiv findet, verleiht uns das Vitalität und Selbstvertrauen, selbst wenn wir diese Person nicht sonderlich toll finden. Wird die Anziehung erwidert, sehen wir die Möglichkeit, dass daraus Liebe entstehen könnte, und das erfüllt uns mit Freude. Denn das ist es, wonach wir uns alle eigentlich sehnen: zu lieben und geliebt zu werden. Nichts ist wichtiger als das. Und wenn wir jemanden lieben, wird Sex zum gängigen Mittel der Kommunikation.

Sex kann aber auch der Grund für Kommunikationsprobleme, Streit, Gewalt, Verwirrung, Unzufriedenheit und Ruhelosigkeit sein. Ich habe gehört, dass Männer alle drei Minuten und Frauen alle sechs bis sieben Minuten an Sex denken. Wie auch immer diese Statistik aussehen mag, Tatsache ist, dass wir Menschen in einer fortwährenden Beziehung mit der Sexualität stehen, ob uns das nun gefällt oder nicht.

Sexuelle Energie und Lebensenergie

Es gibt einfach keinen Weg, sexuelle Energie zu unterdrücken. Sie ist unsere reine Lebenskraft. Auch wenn wir in unseren Gedanken häufig die sexuelle von „anderer“ Energie zu trennen versuchen: In Wahrheit handelt es sich um ein und dieselbe Energie. Energie ist schlicht und einfach Energie, mit der natürlichen Fähigkeit, sich zu bewegen. Und die Lebenskraft bewegt sich, ob durch Sex oder Überlebenswillen, durch Kunst, Sport oder Musik. Selbst wenn wir es versuchten, könnten wir diese Energie nicht unterdrücken oder ignorieren. Wir können nur lernen, sie auf intelligente und unbefangene Weise fließen zu lassen. Und obwohl Sex ein so weit verbreitetes Thema ist, gibt es Wenige, die einen Weg gefunden haben, eine erfüllende Sexualität zu leben oder Sex mit ihrem Herzen zu verbinden.

Untersuchungsergebnisse moderner Forschung haben gezeigt, dass eine „durchschnittlich“ sexuell aktive Person, wöchentlich zwanzig Sekunden orgasmische Ekstase erlebt, das sind neunzig Sekunden im Monat, und somit achtzehn Minuten im Jahr. Diese Berechnung basiert auf einem Orgasmus, der zehn Sekunden andauert. Und diese zehn Sekunden können für uns ja schon eine ziemliche weltbewegende Errungenschaft sein! Dann haben wir also in fünfzig Jahren sexueller Aktivität das Privileg, insgesamt ungefähr fünfzehn Stunden lang Ekstase zu erleben. Das ist erstaunlich – und erschreckend –, wenn man bedenkt, wie oft wir Liebe machen, und wie viel Zeit wir darüber hinaus damit verbringen, davon zu träumen und/oder uns den Kopf darüber zu zerbrechen!

Ganz offensichtlich sind Liebe und Sex für die meisten von uns keine wirklich erfüllende Angelegenheit. Sex ist nicht die beseelende, unschuldige, spirituelle Kraft, die er sein sollte und die uns in eine Welt voller Liebe und wahrer Leidenschaft bewegt. Er erfüllt uns weder auf einer tiefen Ebene, was uns die Kraft verleihen würde, unseren Alltag mit Enthusiasmus zu begegnen, noch hat er die Kraft, uns über den Druck und die Beschränkungen unseres Alltagslebens hinauszutragen.

Sexuelle Probleme zwischen Mann und Frau sind weit verbreitet, es gibt sexuellen Missbrauch, Frigidität, vorzeitige Ejakulation, Impotenz und sexuelles Desinteresse.

Sex und Intelligenz

Um dem entgegenzuwirken und die tiefe sexuelle Befriedigung zu erfahren, die wir eigentlich suchen, müssen wir einen intelligenteren Blick auf unsere Sexualität werfen. Wir sollten anfangen den Sex in einem neuen Zusammenhang zu sehen, aus einer anderen Perspektive.

Es ist gut, hinter die Ebene der Fortpflanzung zu blicken und aus dem Belohnungssystem von sofortiger körperlicher Lust auszusteigen. Dieser neue Blick wird uns frische Einsichten über die sexuelle Energie bringen – auf was sie am besten anspricht und wie wir Sex nutzen können, um die Liebe zwischen Mann und Frau stets neu zu gestalten. Die gute Nachricht dabei ist, dass Sex eine ungemein gesunde und stärkende Kraft ist, die wir genießen und zu unserem großen Vorteil nutzen können.

Sex in seiner höchsten Form trägt etwas Göttliches in sich. Er bringt uns dazu, wirklich „hier“ zu sein und die Unmittelbarkeit dieses Augenblicks zu spüren, in dem wir uns glücklich und wunderbar leicht fühlen. Es ist eine orgiastische biologische Ekstase, die aus dem dynamischen Zusammenspiel gegensätzlicher Kräfte entsteht und die unsere Seele nährt. Leider vertreten viele Religionen die Ansicht, Sex würde uns auf dem Weg zu Gott ablenken. „Ignoriere Sex um jeden Preis“, haben einige von uns gelernt – auch wenn wir in den Nächten feuchte Träume haben und tagsüber wie besessen vom Sex sind.

Das ist ein großes Missverständnis und ein großer Verlust für uns als menschliches Wesen. Wenn Sex auf Fortpflanzung und sofortige Belohnung reduziert wird und man seine Feinheit und spirituelle Bedeutung ignoriert, wird unsere Lebensenergie vergeudet, und das beeinträchtigt uns auf geistiger, körperlicher und seelischer Ebene.

Durch Tantra, der kosmischen Balance zwischen männlicher und weiblicher Energie, von positiv und negativ, dynamisch und empfänglich, können wir die Liebe in unser Leben einladen und es beseelen – innerlich wie äußerlich. Wir können lernen, über die Begrenzungen reiner Biologie hinauszuwachsen. Wir bekommen die Chance, zu unserer wahren Natur als Mann und Frau zurückzufinden, und die innere, spirituelle Sprache der Liebe zu entdecken: durch den körperlichen Akt des Liebemachens selbst.

Das ist ein anderes Bild von Sex als das, was uns vererbt wurde. Tantra gibt uns dieses neue Verständnis und eine völlig andere Vision vom Sex und dessen Funktion.

Die Phasen sexueller Energie

Die sexuelle Energie bewegt sich kreisförmig im menschlichen Körper, entlang innerer Kanäle, und man unterscheidet dabei zwei Phasen.

Die erste Phase und die Initialzündung sexueller Energie beginnt im Gehirn, bevor sie sich kreisförmig nach unten zu den Genitalien bewegt (siehe Abb. 1). Genauer gesagt, sondert die Hirnanhangsdrüse (Hypothalamus und Hypophyse) und die Zirbeldrüse (Epiphyse) Hormone ab, die das endokrine System im Körper kontrollieren, zu dem auch die Geschlechtsdrüsen zählen. Diese Hormone sorgen für sexuelles Wohlbefinden und dafür, dass wir bereit sind für den Geschlechtsverkehr. Dies ist die erste und absteigende Hälfte des Kreises – vom Gehirn zu den Genitalien. Sie ist als biologische oder reproduktive Phase der sexuellen Energie bekannt. Hier wird die sexuelle Energie, die wir durch Sex aufgebaut haben, durch den Orgasmus oder die Ejakulation ständig entladen.


Abb. 1 Biologische oder reproduktive Phase sexueller Energie

Das Geheimnis und Hauptinteresse von Tantra besteht darin, die sexuelle Energie im Körper zu belassen. Die sexuelle Energie wird nicht gewohnheitsmäßig im Orgasmus oder durch Ejakulation entladen, sondern bleibt im Körper und geht zurück in den inneren Kreislauf. Dadurch erhöhen wir unser orgasmisches Potenzial. In dieser zweiten und aufsteigenden Phase erhält die sexuelle Energie die Gelegenheit, wieder zurück zu ihrem Ursprung im Gehirn zu fließen, und so die „Meister“-Drüsen des Körpers, Epiphyse (Zirbeldrüse) und Hypophyse (Hirnanhangdrüse), zu revitalisieren und zu nähren. Diese Drüsen haben tiefen Einfluss auf unsere Gesundheit.

Es ist bekannt, dass sexuelle Aktivität zur Ausschüttung vieler Hormone und hormonähnlicher Substanzen führt, die den Körper positiv beeinflussen. Bereits in der Antike wurde Sex mit einer langen Lebensdauer und spiritueller Erleuchtung in Verbindung gebracht.

Wird die sexuelle Energie re-absorbiert und so zurück in den Körper geführt, wirkt Sex als eine revitalisierende, energetisierende Kraft. Dies nennt man die spirituelle oder schöpferische Phase des Sex (siehe Abb. 2); hier werden die Genitalien also als schöpferische Organe gesehen. Tantra ermöglicht es, den Zugang zu dieser zweiten Phase unserer kreativen sexuellen Energie zu bekommen, indem wir der Energie erlauben, sich nach innen und aufwärts zu bewegen. Wir erkennen, dass Sex dazu genutzt werden kann, lebendiger zu werden, nicht nur, um neues Leben zu erschaffen.


Abb. 2 Spirituelle oder kreative Phase schöpferischer Energie

Diese spirituelle Phase sexueller Energie entsteht, wenn Mann und Frau lernen, sich im Sex miteinander zu entspannen. Das ist das Gegenteil unserer bisherigen Erfahrung, dass Sex eine anstrengende, spannungsgeladene und unter Druck ausgeübte Aktivität ist. Wir glauben, je mehr wir beim Sex tun, umso mehr wird passieren und umso größer wird unsere „Belohnung“ sein. Wir denken kaum jemals daran, es uns leicht zu machen!

Was wir nicht begreifen ist, dass wahre sexuelle Ekstase Hand in Hand geht mit körperlicher Entspannung. Je mehr wir uns entspannen, desto mehr fühlen wir. Tatsächlich sind Ekstase und Anspannung diametrale Gegensätze; Anspannung erzeugt Hitze und Ruhelosigkeit, während Ekstase aus einer kühlen Haltung und aus einem inneren Einklang heraus entsteht. Anspannung engt ein und zieht zusammen, während Entspannung öffnet und ausdehnt. Anspannung erzeugt einen Höhepunkt, während Entspannung ein Tal erzeugt. Anspannung braucht Entladung, während Entspannung ermöglicht, etwas aufzunehmen.

Die Atmosphäre von Tantra ist Entspannung. Wenn wir uns also in unsere sexuelle Energie hineinentspannen, statt sie auf einen Höhepunkt zusteuern zu lassen, um sie dann zu entladen, entsteht daraus mehr Lebensenergie und mehr Liebe. Indem wir die sexuelle Energie durch Entspannung umlenken, können wir sie nach innen und nach oben leiten, wo sie automatisch vom Körper wieder aufgenommen und in den Kreislauf zurückgeführt wird (siehe Abb. 3).


Abb. 3 Vollständiger sexueller Energiekreis, mit zurückgeleiteter sexueller Energie, die sich spiralförmig durch die Energiezentren bewegt

Tantra nennt diesen Schritt „Den Fuß auf die erste Sprosse der inneren Wachstumsleiter setzen.“ So öffnet sich eine vernachlässigte Energiebahn und verschafft sich mit der Zeit einen Weg in das Zentrum unseres Körpers. Das können wir als ein fließendes Strömen von den Genitalien aufwärts erleben, als eine Art wunderbar goldenes Strahlen. Wenn wir die spirituelle Phase des Sex stärken, statt sie zu behindern, wie wir es in unserer Unwissenheit tun, wird das Liebemachen zu einer heiligen Erfahrung – voller Wunder.

SCHLÜSSEL


Sexuelle Energie ist Lebensenergie, die in jedem von uns fließt.

Indem wir unsere männlichen und weiblichen Energien in Balance bringen, können wir eine gesunde, stärkende sexuelle Beziehung genießen.

Wir können unsere sexuelle Energie in der herkömmlichen Weise in Richtung Orgasmus steuern oder wir können sie zurückführen, damit sie uns mehr Energie und mehr Liebe schenken kann.

Sex wird auf kreative Art und Weise in eine wirklich erhabene Erfahrung verwandelt.

SEXUELLE KONDITIONIERUNG

Wenn Sex eine natürliche und so wesentliche Kraft ist, wie konnten wir dann den Kontakt zu diesem tieferen orgasmischen Potenzial verlieren? Wieso haben wir das Wissen um die Kunst, Liebe zu erschaffen und lebendig zu halten, verloren? Warum sind wir so auf den Orgasmus fixiert?

Die Antwort lautet: Je zivilisierter wir wurden, desto unbewusster sind wir geworden. Über die Jahrtausende sind Männer und Frauen enorm aus der Balance geraten. Wir sind immer zeit- und zielorientierter, und unter diesen Bedingungen verkümmert dann wirkliche Liebe und erfüllender Sex.

Mit der fortschreitenden technischen Entwicklung sind wir süchtig danach geworden unsere Ziele zu erreichen. Wie auch immer sie aussehen mögen; wir stehen unter Zeitdruck, Leistungsdruck, Zukunftsdruck. Je höher entwickelt ein Land, desto wichtiger ist der Zeitfaktor. Die Menschen leben mit vollgepackten Terminkalendern, in denen eine Verpflichtung die nächste jagt. Das erzeugt so viel Druck, dass wir nicht nur unsere Liebesfähigkeit verlieren, sondern in der Tat krank werden. Stress ist zu einem extrem hohen Prozentsatz für Krankheiten in unserer modernen Welt verantwortlich. Entspannung und innere Gelassenheit sind etwas so Unbekanntes geworden, dass wir unruhig werden und uns gelangweilt fühlen, wenn wir einmal nichts „tun“. Wir suchen Action, Erregung, Spannung. Es hat den Anschein, als hätten wir die Regeln der Natur auf den Kopf gestellt. Mit der Uhr zu leben und im Wettstreit mit ihr scheint unserem Leben Bedeutung zu verleihen, während das „Sein“, Stille und Ruhe Angst bei uns auslösen.

Warum sind wir beim Sex so zielgerichtet?

Wie oft hast du zu deinem Partner oder dir selbst gesagt: „Ich würde gern Liebe machen. Ich habe aber einfach keine Zeit.“ In einer Hinsicht stimmt das, denn erfüllender Sex braucht Zeit. Machen wir schließlich doch Liebe, haben wir es aber eilig, wollen zum Ende kommen, zum Orgasmus. So sind wir uns selbst immer voraus, sind nicht wirklich „hier“. Wir sind auch nicht wirklich zusammen mit dem oder der anderen, sondern benutzen uns eher gegenseitig. Jede Bewegung oder Berührung ist auf das Erreichen unseres Ziels ausgerichtet. Der Orgasmus ist zum einzigen Mittel der Befriedigung geworden, und wir denken, dass Sex nicht wirklich Sex ist, wenn wir nicht „kommen“ und es keinen Höhepunkt gibt, in dem sich die Energie entlädt.

Wenn das allein unser Erleben ist, dann machen sich Millionen von Frauen Sorgen und haben seelischen Stress, wenn sie den ohnehin meist schwer zu erreichenden Orgasmus nicht bekommen. Und viele Männer beunruhigt es, dass sie viel früher ejakulieren, als sie möchten, bzw. so früh, dass sie ihre Partnerin nicht „befriedigen“ können. Und wenn wir nicht „zusammen kommen“, dann empfinden und fühlen wir uns so, als ob wir etwas verpasst oder versagt hätten oder dass sexuell etwas mit uns nicht stimmt.

Der Drang nach dem Orgasmus arbeitet unbewusst in uns, fast wie ein automatischer Reflex, und lässt uns nicht wirklich den Spielraum, ihn einmal nicht direkt anzusteuern. Der Wunsch danach ist so stark und scheint völlig instinktiv zu sein. Das macht es noch schwerer, uns vorzustellen, dass es auch andere Formen von Sexualität geben könnte! Wir wiederholen unser Verhalten beim Sex, und suchen dabei nach einer Erfüllung, die wir nie erreichen.

Die Tendenz dieser Zielstrebigkeit und die daraus resultierende Eile beim Sex hat es seit Jahrtausenden gegeben. Sie unterdrückt, gepaart mit religiösen Dogmen, unsere sexuelle Energie effektiv und nachhaltig. Wir tragen eine Menge von Ängsten und Spannungen in uns und leben unter hohem Druck, was den Orgasmus und Sex angeht. Unser Genuss bleibt dadurch – uns selbst nicht bewusst – innerhalb fest definierter Grenzen. Wir haben unser Wissen um Alternativen in der Sexualität verloren, und unser sexueller Ausdruck verläuft in festen Bahnen, die uns automatisch auf einer Route halten: So fangen wir an und so hören wir auf. Es ist praktisch Routine.

Ohne dass wir es überhaupt bemerken, sind diese festgelegten Grenzen die reinen Selbstläufer: Unsere Mütter, Großmütter und Urgroßmütter haben ja auch schon so Liebe gemacht, und wenn es für sie gut genug war, warum dann nicht auch für uns? So habe ich gedacht, bis ich begann, Liebe in einem anderen Rahmen zu erforschen, aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

Vom Tun zum Sein

Was ist letztendlich dabei herausgekommen, dass wir die sexuelle Energie zwingen, ein bestimmtes Ziel zu erreichen? Wir haben die Fähigkeit verloren zu entdecken, wie unsere Genitalien ganz von selbst „Liebe machen“ wollen und was sie „tun möchten“. Wir haben eine feste Vorstellung davon, was wir wollen, und dadurch haben wir nichtsahnend unsere „genitale Intelligenz“ verloren.

Sex ist heute eine Funktion des Verstandes, statt wirklich körperlich zu sein. Diese sexuelle Konditionierung hat zu einem eher extravertierten und biologischen Zugang zum Sex geführt. Unsere sexuelle Energie ist in sich gefangen und unsere Körper sind übermäßig angespannt. Unsere lebenslange Angewohnheit, die sexuelle Energie zu komprimieren und absichtlich – wenn auch unbewusst – in zielgerichtete Bahnen zu lenken, hat diese Energie chronisch verzerrt.

Die körperlichen und emotionalen Spannungen unserer vergangenen Erfahrungen sitzen in den Genitalien und lassen sie viel weniger empfindsam sein, als sie sein könnten. Sex ist heute mehr ein mechanisches „Tun“ und hat natürlich auch die Funktion, für Nachkommen zu sorgen.

Aber wir haben keinen Zugang mehr zu den göttlichen „Seinsaspekten“ der sexuellen Vereinigung. Wir wissen nur, was wir „tun“ müssen beim Liebemachen, aber nicht, wie wir dabei „sein“ können. Stell dir eine Blüte vor, die in einer Knospe verschlossen bleibt und nie die Gelegenheit bekommt, sich zu öffnen und zu blühen. Genauso ergeht es uns. Wir stehen unter chronischer Anspannung und unser sexuelles Zentrum ist so verdreht und verzerrt, dass die Energie, die sich natürlicherweise ausbreiten will, daran gehindert wird, sich über den ganzen Körper hin auszudehnen. Sex wird auf den Bereich der Genitalien beschränkt, und wir sind nicht in der Lage, höhere ekstatische Erfahrungen zu machen.

Das Umlenken der Sexenergie nach innen und nach oben, das für Tantra erforderlich ist, geschieht, wenn sich Körper und Genitalien entspannen, weil sie nicht länger zum Orgasmus gezwungen werden. Dann kann sich diese Energie ausbreiten und wohlig über den Körper ausdehnen.

Nur wenige von uns haben diese Erfahrung gemacht, denn wir sind viel zu angespannt, weil wir versuchen, die sexuelle Energie in eine bestimmte Richtung zu lenken. Wenn dieselbe Energie sich aber frei und eigenständig bewegen kann, wird Sex zu einer herrlichen Mischung aus unbändiger Leidenschaft und berührender Stille.

Kollektive und individuelle Spannungen

Das sexuelle Zentrum ist der Sitz unserer individuellen Psychologie und unserer Persönlichkeit. Hier nimmt unsere Programmierung ihren Lauf. Unsere frühesten unbewussten Eindrücke, die den Sex und das Leben an sich betreffen, werden hier geformt. Sie beeinflussen uns für den Rest unseres Lebens, lange bevor wir sexuell aktiv werden. Die negativen Prägungen, die Jahrhunderte sexueller Missverständnisse, die Kommentare, die Blicke, all das wird in unserem Körper gespeichert, während wir noch jung sind. So erben wir unsere sexuelle Konditionierung, die in Form von körperlichen Spannungen, die uns ruhelos und reizbar machen, in unserem Körper sitzt. Die Spannungen unserer kollektiven Vergangenheit kommen zu den Spannungen unserer individuellen Vergangenheit hinzu; beide können sowohl bewusst als auch unbewusst sein.

Erregung und sexuelle Anspannung

Sobald unsere sexuelle Erregung ein bestimmtes Maß erreicht, lösen die unbewussten Spannungen in uns ein drängendes körperliches Bedürfnis, ein starkes Verlangen nach einem Orgasmus aus. Wenn diese Spannungen ganz vehement in uns einschießen, bewegen wir uns automatisch weg vom Hier und Jetzt und arbeiten mit allen Mitteln auf einen künstlichen Höhepunkt zu, da unser Fokus in der Zukunft liegt. Tatsächlich sind wir beim Sex nicht wirklich präsent, weil wir bereits nach einem bestimmten Ergebnis schielen. So kann die sexuelle Energie keine ermächtigende und bewegende Kraft sein, sondern ist einfach ein Aufladen und ein daraufhin entsprechendes Entladen der Spannung.

Diese sexuelle Spannung bewegt sich selten durch den Körper hindurch oder verlässt ihn jemals ganz. Stattdessen bleibt sie uns als unbefriedigtes Verlangen erhalten, nimmt mit der Zeit zu und sucht ständig nach einer neuen Möglichkeit, sich zu entladen. Das macht unsere Genitalien hart und unempfindlich, und lässt uns selbst emotional, ruhelos, lüstern oder wütend zurück. Wird diese angestaute Energie ausgelöst oder durch sexuelle Stimulation angefeuert, kommt sie zu der bereits angespannten Energie in unserem Sexzentrum hinzu.

Es ist wie beim Fundament eines Hauses: Ist der Grundstock schwach, fehlt es allen Strukturen, die darüberliegen, an Stabilität und Unterstützung von der Basis. Genauso fehlt es den höheren Energiezentren im Körper an Vitalität, Nahrung und Integrität. Wenn die Spannungen, die uns zum Orgasmus drängen also die Basis unseres Liebemachens sind, wird ein eh von Grund auf geschwächtes System einbrechen. Dieser Einbruch, der auf unser empfindsames Sexzentrum einwirkt, reißt automatisch das ganze unbewusste, kollektive, sexuelle Erbe mit sich. Wenn sich der Strom psychologischer Krankheiten und Perversionen aus Tausenden von Jahren heute durch unseren Körper bewegt, geht die eigentliche Unschuld und die Spiritualität des Sexaktes verloren. Dabei handelt es sich im Grunde um eine psychologische Krankheit, die, auch wenn sie sich über den Körper ausdrückt, durch eine Haltung des Verstandes hervorgerufen wird.

Zeit zum Entspannen

Tantra arbeitet direkt mit dem Verstand und der Ruhelosigkeit der Psyche, indem es uns wieder mit unserer eigentlichen sexuellen Natur verbindet. Sex ist ein Aspekt der Seele. Da Herz und Seele heutzutage mit Sex an sich wenig zu tun haben, handelt es sich bei dem wieder neu aufgeflammten Interesse für altes Wissen über Sexualität um einen wirklichen Versuch, der wachsenden Unwissenheit über Sex zu begegnen. Wenn wir Sex intelligent angehen, wenn wir sexuelle Energie auf unschuldige, spielerische, fast kindliche Weise erfahren, ohne von vornherein ein Ziel im Auge zu haben, fangen wir an, unser Gefangensein in persönlicher und kollektiver Vergangenheit zu lösen und uns für eine Welt neuer Erfahrungen zu öffnen.

Zunächst brauchen wir zum Thema Zeit eine andere Haltung, denn Zeit ist das, was wir daraus machen: Ist Zeit Geld, dann übt Zeit Druck aus, mehr Dinge darin unterzubringen und mehr aus ihr zu machen. Wenn Zeit wie in der Natur zyklisch ist, dann entsteht eine Geduld, die den Druck herausnimmt und durch Gelassenheit ersetzt.

Du hast dich bestimmt schon einmal gefragt, wie du z. B. vor einem Flug alles geregelt kriegen sollst. Und dann sitzt du im Flugzeug, alles ist geschafft und du fliegst über den Wolken. Wenn Zeit das ist, was wir daraus machen, dann muss sie flexibel gehalten werden, sodass sie sogar stillstehen kann. Und das geschieht, wenn wir in den gegenwärtigen Augenblick kommen. Deswegen braucht man beim Tantra für das Liebemachen einen Stil, bei der man sich Zeit lässt. Wir haben es nicht eilig, und wir machen uns wegen der Zeit keine Sorgen; so werden wir uns des Augenblicks, der sich in voller Vielfalt zeigt, bewusst.

Als ich in Indien lebte, habe ich erlebt, dass Zeit dort fast unwichtig ist; tatsächlich schert sich niemand wirklich darum. Gestern, heute, morgen – das macht keinen großen Unterschied. Interessanterweise benutzt man auf Hindi für „gestern“ und „morgen“ dasselbe Wort: „kal“! Diese Grundhaltung der Zeit gegenüber verleiht dem gesamten Land eine unheimlich entspannende Qualität, in der Sein wichtiger ist als Tun. Jederzeit kann zum Beispiel ein überfüllter Zug anhalten und fünf Stunden stillstehen, nur zwanzig Minuten vom Zielbahnhof entfernt, kurz vor Ende der Reise. Das habe ich selbst erlebt, und es gab keine Erklärung für diese riesige Verspätung. Alle Passagiere akzeptierten es voller Gelassenheit. Erwachsene entspannten und unterhielten sich und die Kinder bewegten sich im überfüllten Abteil, als wären sie zu Hause, Leckerbissen wurden herumgereicht, und schließlich setzte sich der Zug wieder in Bewegung. Keine Panik oder Aufregung, denn niemand musste sein Ziel zu einer bestimmten Zeit erreichen.

Nachdem ich ein paar Jahre in Indien gelebt hatte und nach Europa zurückgekehrt war, saß ich in einem deutschen Flugzeug von Frankfurt nach Berlin. Der junge Geschäftsmann neben mir sah dauernd auf seine Uhr und war gestresst, weil sich der Abflug um eine Minute verspätet hatte! Als wir fünfzehn Minuten später starteten, war er total wütend, dass die Verspätung seinem Termin in die Quere gekommen war und er ein paar Minuten zu spät zu einer alles entscheidenden Besprechung kommen würde. Den Rest der Reise war er so unruhig, dass er nicht fähig war auch nur einen Moment ruhig oder entspannt zu sein. In den westlichen Ländern bestimmen Ziele, Pläne und die Zeit unser Leben. Es ist heute „cool“ beschäftigt zu sein, und wir halten uns oft beschäftigt, um Unsicherheiten oder Ängste zu vermeiden, die wir vieleicht in Bezug auf Liebe und Intimität haben mögen.

Wie oft bist du zu beschäftigt gewesen, um Liebe zu machen? Und wenn du dann Zeit gefunden hast, war es abends das Letzte, schnell noch fünfzehn oder zwanzig Minuten vor dem Einschlafen. Oder morgens schnell einen Quickie vor der Arbeit. Bei dieser Art Sex ist es die Zeit, die uns diktiert, und sie fordert, dass etwas passieren muss, und zwar schnell! Dieser Anspruch nach schnellem Lustgewinn lässt uns sofort in Richtung Orgasmus steuern, weil es sich so gut anfühlt.

Im Gegensatz dazu sagt Tantra, dass Liebemachen einfach Zeit braucht, viel Zeit, und gar keine Eile. Sexuelle Energie braucht Stunden, um zu entspannen, anzuwachsen und aufzublühen und uns das tiefe Glück eines erfüllenden Liebesaktes zu schenken. Wenn wir diese Gelegenheit wahrnehmen, machen wir wunderbar frische und unerwartete Erfahrungen, bei denen die Energie jedes Mal unterschiedlich schwingt. Das kann uns unmöglich langweilen. Dadurch, dass wir uns in die Unmittelbarkeit des Augenblicks hineinentspannen, bestimmen wir die Dimensionen in Wirklichkeit nämlich selbst – wir machen den Unterscheid.

Eine heilende Kraft

Diese tantrische Dimension öffnet sich uns ganz natürlich und zufällig, wenn wir als Liebespaar entspannt, offen und füreinander da sind, oder frisch verliebt oder vielleicht umgeben vom prächtigen Grün der Natur. Viele von uns haben diese magische Erfahrung gemacht, wenn ein Augenblick sich wie der Himmel anfühlt. Ich erinnere mich, dass es mir spontan in Indien so ging, während eines intensiven Monsunregens am Abend. Das Donnern und die Sturzbäche gaben mir das Gefühl, in einen Wirbelwind von Intensität eingebettet zu sein. Ich lag mit meinem langjährigen Partner zusammen in einem großen Bambusbett, als die Zeit plötzlich stillstand und wir uns wie ein Körper bewegten, leidenschaftlich und ziellos, bewusst im sich entfaltenden Augenblick versunken. Ich war wie golden und fließend, stundenlang ekstatisch erfüllt von Liebe und hatte keine Ahnung, wie ich dorthin gekommen war. Durch Tantra habe ich jetzt bewusst einen Zugang zu dieser geheimnisvollen Dimension des Augenblicks, nicht mehr nur aus Versehen oder durch Zufall.

Ein Großteil unserer Probleme, Ängste, unseres Unglücks, sogar unserer Krankheiten beruhen auf sexuellen Themen. Wenn wir Sexualität wertschätzen lernen, indem wir unser Bewusstsein miteinbeziehen, so wie es von Natur aus gewollt ist, entdecken wir, dass Sex eine heilende, spirituelle Kraft ist. Und überraschenderweise lässt das sexuelle Interesse mit der Zeit nicht nach, wie es sonst bei Paaren üblich ist. Ganz im Gegenteil, die Anziehung nimmt zu.

Die sexuelle Erfahrung wird mit der Zeit feiner und subtiler, die Genitalien lernen, aufeinander mit einer neuen, sich ausdehnenden „Intelligenz“ zu reagieren. Tantra verbannt die Dunkelheit und bringt Licht ins Leben – und das ist unser Geburtsrecht.

SCHLÜSSEL


Unsere verspannte sexuelle Konditionierung blockiert unser wahres orgasmisches Potenzial.

Entdecke beim Sex die Reise an sich und denk nicht an ein Ziel.

Entschleunigung beim Sex schafft eine zeitlose Qualität, hilft präsent zu sein.

So entdecken die Genitalien ihre ekstatische Intelligenz wieder.

POLARITÄT UND DIE POSITIVEN POLE DER LIEBE

Die größte Einsicht von Tantra, der Grundstein des Tantra sozusagen, sagt, dass männliche und weibliche Energie gleiche aber gegensätzliche Kräfte sind. Sie ziehen sich gegenseitig an und ergänzen einander, so wie Yin und Yang, dynamisch und empfänglich, positiv und negativ. (siehe Abb. 4). Daher kommt es – durch das Zusammenspiel gegensätzlicher Polaritäten, wenn


Abb. 4 Yin und Yang enthalten jeweils ihre gegensätzliche Polarität im Kern

Mann und Frau sexuell verbunden sind – in der Bioenergie der beiden Körper zu einer ekstatischen sexuellen Erfahrung. Und das geschieht, ohne dass wir etwas tun.

Die tantrische Reise beginnt, wenn wir mit den in uns angelegten männlichen und weiblichen Polaritäten Kontakt aufnehmen und mit ihnen in Verbindung treten. Dass Mann und Frau gegensätzliche Polaritäten oder Kräfte in sich haben, ist dabei wesentlich, denn es führt uns zu einer völlig neuen Sichtweise von Sexualität.

Männliche und weibliche Polarität

Unsere sexuelle Konditionierung hat leider unsere natürliche Polarität verschleiert, und Männer und Frauen haben dadurch im Verhältnis zueinander ihre Balance verloren. Wir können uns die Körper als zwei Magneten vorstellen, die die Fähigkeit haben, in Gegenwart des anderen ein anziehendes magnetisches Feld zu bilden. Statt dass die Pole glänzen und strahlen, um lebendig aufeinander zu reagieren, sind unsere Pole verrostet und verstaubt. Das stört das magnetische Feld und den Energiefluss zwischen ihnen. Dadurch, dass unsere Konditionierung uns in Richtung Orgasmus antreibt, ist es beinahe so, als hätten wir die ursprüngliche Polarität oder Ladung in unserem Körper durcheinandergebracht. Diese Störung wirkt nun wie ein Schleier und verdeckt die männlichen und weiblichen Polaritäten.

Mit anderen Worten: Die ganze Mühe und das Tun, das wir üblicherweise in unser Liebemachen investieren, bewirken so etwas wie Hitze durch Reibung – eine Überladung. Man könnte das mit einer statischen Ladung vergleichen, die die Genitalien stört, sodass die sexuelle Energie nicht durch die Polarität antworten kann. Wenn wir beim Liebemachen gegen die in den Genitalien angelegte Polarität agieren, arbeiten wir ungewollt gegen unser eigenes ekstatisches sexuelles Potenzial an.

Machen wir mit Bewusstheit Liebe, können wir uns von dieser energetischen Störung reinigen (dekonditionieren), und unsere Körper werden nach und nach und sehr dankbar zu ihren eigenen männlichen und weiblichen Polaritäten zurückkehren. Die Männer beginnen ihre wahren männlichen Qualitäten zu spüren und die Frauen ihre wahren weiblichen.

Wir sind uns eigentlich nicht bewusst über das Falsche oder die Störung in unseren Polaritäten, weil wir uns so lange in diesem desolaten Zustand befunden haben. Aber es ist heute offensichtlich, dass Frauen immer härter und männlicher werden, während Männer zunehmend zum Macho und aggressiv werden. Sowohl Männer als auch Frauen leiden unter den Auswirkungen durcheinandergeratener sexueller Energie. Wir sind mit diesem Ungleichgewicht auf die Welt gekommen, und sobald wir anfangen, Liebe zu machen, verstärken wir dies noch; es sei denn, man zeigt uns einen anderen Weg.

Wie wir Sex neu (er)lernen

Jahrhundertelang hat es in Sachen Sex wenig Anleitung gegeben. Wenn ich weibliche Klienten frage, wie viel Information sie als Mädchen zum Thema Menstruation bekommen haben, lautet die Antwort immer wieder: keine. Überhaupt keine Information. Viele haben vor der ersten Menstruation nur die praktischen Utensilien bekommen, und das war’s. Dabei ist die monatliche Menstruation für eine Frau nicht zu trennen von ihrer Sexualität und ihrer Fähigkeit zur Fortpflanzung. Dennoch erhalten wir wenig oder gar keine Informationen.

Und was wissen wir als Eltern eigentlich über Sex, das wir unserem Sohn oder unserer Tochter mit auf den Weg geben könnten? Die meisten Männer und Frauen haben selbst keine Information zu diesem Kernthema des Lebens bekommen. Auch mir ging es so, und als ich mich entschlossen hatte, Sex neu zu lernen, hat es einige Zeit gedauert und einiges an Engagement erfordert, die Sensitivität wiederzuerlangen, die ich, ohne es zu merken, verloren hatte. Ich musste lernen, mich zu entspannen und „hier zu sein“ beim Liebemachen, statt etwas zu „tun“ und „dahin“, in Richtung Orgasmus zu gehen.

Der wichtige Schritt für mich bestand darin, meine Polarität zu entdecken und mich immer mehr in sie hineinfallen zu lassen. Ich habe mich darauf fokussiert, „negativer“, d.h. passiver zu werden, Dinge mehr geschehen zu lassen, empfänglicher und bewusster zu sein. Und es hat mich überrascht, dass mein Partner anfing, „positiver“, dynamischer, vitaler zu werden, stärker im „Jetzt“ zu sein. Es war nicht die gleiche „positive“, männliche Kraft, die ich von früher kannte, als Liebemachen ein hartes, drängendes, lineares Ereignis war, das zu einem Höhepunkt führte. Es war fast das Gegenteil davon, die Umkehr des Höhepunktes, und eher wie das Durchschreiten einer Talsohle.

Es war etwas Neues und anderes, tief Berührendes, Kreisförmiges, ekstatisch, unvorstellbar erfüllend. Wann immer ich in mein Höhepunkt- und Entladungsmuster zurückfiel, fühlte ich mich frustriert, unvollständig und nicht mehr eng mit meinem Partner verbunden.

Langsam habe ich gelernt, dass diese neue Art des Liebemachens meinem Leben einen Sinn gab, eine spirituelle Qualität, nach der ich woanders gesucht hatte. Ich fühlte mich, als wäre ich nach einer langen Wanderung durch die Wildnis an einer Feuerstelle zum Ausruhen angekommen. Nach und nach fand ich heraus, dass die Liebe durch meinen inneren Fokus stärker wurde und dass es mehr auf mich und mein Bewusstsein ankam als auf meinen Partner oder darauf, den Fokus im Außen zu haben. Somit lag plötzlich alles in meiner Hand und ich begann zu verstehen, dass ich allein für die Qualität der Liebe in meinem Leben verantwortlich war. Mir fiel auch auf, dass ich selbst viel liebevoller und liebenswerter war, wenn ich bewusst Liebe machte.

Lieben im Energiefeld

Männliche Energie repräsentiert die positive, und weibliche Energie die negative Entsprechung ein- und desselben Phänomens. Jede Hälfte für sich genommen ist unvollständig; sie existiert erst im Bezug zur anderen. Dennoch ist es wichtig, zu verstehen, dass jede Polarität, negativ oder positiv, ihren ganz eigenen gegensätzlichen Pol auch in sich selber trägt.

Der Mann, an sich positiv, hat einen inneren negativen Pol (eine innere Frau), und die Frau, an sich negativ, einen ausgleichenden inneren positiven Pol (einen inneren Mann).


Abb. 5 Männlicher und weiblicher Körper mit den inneren gegensätzlichen Polaritäten und dem Magnetstab

Auf diese Art und Weise sind beide autonom, jeder in sich vollständig, jeweils mit einem positiven und einem negativen Pol. Das verleiht jedem Körper das Potenzial, Energie zu produzieren und sie im eigenen Innern zirkulieren zu lassen. Der männliche Körper trägt den positiven Pol in den Genitalien und den negativen Pol in der Brust- und Herzgegend. Der weibliche Körper trägt umgekehrt den positiven Pol in den Brüsten und im Herzen und den negativen Pol in den Genitalien. Zwischen dem positiven und negativen Pol entsteht ein Magnetfeld, und die sexuelle Energie kann dadurch spiralförmig aufwärts durch den Körper strömen. Dieses Magnetfeld zwischen den beiden gegensätzlichen Polen wird der „Magnetstab“ genannt.

Wenn einer dieser beiden „Magnetstäbe“ sich in der Gegenwart des anderen befindet, entsteht zwischen den Körpern ein starkes Magnetfeld. Werden die Körper im Sex verbunden, treffen sie an ihren entgegengesetzten Polen aufeinander, und ein elektromagnetischer Strom schließt sich kreisförmig. Männliche Energie fließt vom Penis in die Vagina und hinauf zum Herzen der Frau. Die weibliche Energie antwortet durch die Brüste, indem die Energie in das Herz des Mannes strömt und abwärts in sein sexuelles Zentrum fließt. Es entsteht eine vollständige Einheit und die zirkulierenden Bioenergien hätten genug Kraft, flackerndes Licht zu erzeugen.

Mit diesem vollständigen Kreislauf bewegt sich die Elektrizität zwischen Mann und Frau hin und her, mit aktiven und passiven Phasen – der Mann wird zur Frau und die Frau zum Mann. Es ist eine natürliche Bio-Elektrizität, die es schon lange vor der modernen Erfindung gab, und Tantra bezieht sich auf dieses Phänomen als den „Kreislauf des Lichts“.


Abb. 6 Energie, die sich zwischen zwei Körpern im Kreis bewegt, bildet einen „Lichtkreis“.

Dieser kraftvolle Polaritätseffekt repräsentiert das höchste Potenzial von Mann und Frau zusammen, eine spirituelle Kraft, die es ermöglicht, die Mysterien des Lebens zu durchdringen.

Diese Information über die Polaritäten können wir in unser Liebemachen auf praktische Weise einbeziehen. Da die Körperenergie – ähnlich der Elektrizität – vom Positiven zum Negativen fließt, sind es die positiven Pole des männlichen sowie des weiblichen Körpers, die es zu erwecken gilt, um die tieferen Bewegungen der sexuellen Energie in Gang zu setzen. Die Bedeutung dieses Ansatzes wird dadurch deutlich, dass Tantra den Penis des Mannes und die Brüste der Frau als die „positiven Pole der Liebe“ beschreibt. Sie sind die Quellen allen Lebens – der Samen des Mannes, die Muttermilch der Frau. Die Pole während des Vorspiels und beim Sex dementsprechend wertzuschätzen macht den qualitativen Unterschied der sexuellen Energie aus, die wir aufbauen.

Sexuelle Energie durch Polarität aufbauen

Das bedeutet auf praktischer Ebene, dass für die Frau die Brüste wesentlich wichtiger sind als ihre Vagina. Aber unser herkömmlicher Ansatz beim Liebemachen und beim Vorspiel besteht darin, sich auf die Genitalien zu konzentrieren und sie zu berühren und zu stimulieren. Wir denken, wir sollten beide so schnell wie möglich zusammenbringen, sobald der Mann eine Erektion hat und lange bevor die Frau sexuell wirklich bereit ist – so nimmt der Sex ja gewöhnlich seinen Lauf. Für den Mann ist der Penis sein positiver/dynamischer Pol und der ist allzeit bereit. Aber für die Frau ist es ihr passiver/negativer Pol, der nicht allzeit bereit ist. Der Fokus liegt versehentlich auf den „Organen der Liebe“ – Penis und Vagina, statt auf den „positiven Polen der Liebe“: dem Penis und den Brüsten.

Was die weibliche Körperenergie betrifft, ist das ein großes Missverständnis, und auf diesem Missverständnis basiert viel Unzufriedenheit im Sex. Männer und Frauen sind wegen ihrer Unfähigkeit, die sexuelle Energie durch die Polarität aufzubauen, enorm frustriert (sogar wütend). Wird beim Vorspiel die Aufmerksamkeit auf die Klitoris der Frau und ihre Genitalien gelegt, ist das energetisch gesehen ineffektiv, selbst wenn es aufregend sein mag. Sie kann sich nicht sexuell in der Tiefe öffnen, denn ihre Genitalien haben eine eher zweitrangige Bedeutung in Bezug auf ihre körperliche Polarität.

Um die in ihr vorhandene angelegte bioenergetische Reaktion zu erhalten, ist es wichtig, die positiven Pole, ihre Brüste und Brustwarzen, miteinzubeziehen und somit auch ihr Herz zu öffnen. Die Liebe und Energie, die so im positiven Pol aufgebaut werden, fließen ganz natürlich über und erfüllen die Vagina mit Wärme, Empfänglichkeit und Bereitschaft. So wird der passive Pol erweckt. Die Vagina kann nicht wirklich bereit sein, wenn der positive Liebespol (die Brüste) nicht miteinbezogen ist. Dieses eigentliche Erwachen der Vagina führt uns automatisch zu dem elektromagnetischen Potenzial von Penis und Vagina, wenn während der Penetration (oder zu einem anderen Zeitpunkt) die männliche Energie wie ein mitreißender Strom von Lebensenergie in diesen Kreislauf überfließt. Das ist eine völlig neue Erfahrung von Sex.

Richtet der Mann vor der Penetration seine ganze Aufmerksamkeit liebevoll auf die Brüste, ist die Frau sowohl körperlich als auch von ihrer Psyche her zum Sex bereit, und das ist wichtig. Dann wird der Mann sofort spüren, dass die Frau mit ihm ist, auf seiner Seite, und sich im Einklang mit ihm bewegt. Es entsteht ein Gefühl von Einheit, ein tiefes körperlichen Ja von ihr: Er muss nicht kämpfen, um Liebe zu bekommen, und sie nicht, um Liebe zu geben. Das ist wahre sexuelle Vereinigung.

Wenn man auf diese Art und Weise Sexualität lebt und dabei die Polarität nutzt, beginnt ein Prozess, in dessen Verlauf sich ein kraftvolles Energiefeld zwischen und in den beiden Körpern aufbaut. Diese Art Bio-Elektrizität, die in diesem Magnetfeld fließt, macht eine Spiralbewegung. Das erklärt, warum die Bewegung der berühmten Kundalini-Energie – am unteren Ende der Wirbelsäule des Mannes – als kraftvoll sich entfaltende, vibrierende und aufwärts bewegende Schlange erfahren wird.

Komplementär dazu liegt die Wurzel der weiblichen Kundalini-Energie nicht am unteren Ende der Wirbelsäule, wie irrtümlich angenommen, sondern in den Brüsten. Und zwar deshalb, weil Energie nicht von einem negativen Zentrum aus aufsteigen kann. Sind die Brüste und das Herz der Frau vollständig resonant, wird sich die Schlange nach innen entladen, anmutig entspannen und im Innern Raum schaffen.

Wenn sich die Energie verbindet und in Körper und Seele vibriert, kann uns diese gemeinsame Bioelektrizität beim Liebemachen in völlig neue Höhen führen. Überlassen wir uns der Regie dieser elektromagnetischen Kraft unseres Körpers, können wir leidenschaftlich lieben: Ein Gefühl von Zeitlosigkeit entsteht und jeder Augenblick ist unmittelbar und ohne Grenzen, etwas, wovon wir bisher vielleicht nur geträumt haben. So wächst das Glück beim Liebemachen, denn Polarität ist unbegrenzt und es kann mehr und mehr ein Strahlen in uns entstehen.

Der Weg zur Ekstase

Die Kunst besteht darin, zu unserer eigenen Polarität zurückzukehren, sie aufzubauen und zu nutzen – dadurch wird der Mann männlicher, die Frau weiblicher. Wenn ein Mann in der Lage ist, eine Frau beim Sex wirklich in der Tiefe zu lieben und zu berühren, denn das ist seine größte Sehnsucht, dann wird er sich geerdeter, reifer und energetischer fühlen. Seine ursprüngliche, männliche Stärke und Klarheit erwächst. Indem die Frau diese Liebe annimmt und erwidert, beginnt sie, sich rein und liebevoll zu fühlen, als eine Quelle der Liebe; und eine zart anmutende Weiblichkeit entsteht. Kommt man durch diese ureigene Polarität in Balance, entstehen Harmonie, Verständnis, Respekt und gegenseitige Wertschätzung. Liebe wird zu einer gelebten Realität. Wenn wir unsere Polarität annehmen, entwickelt sich eine Anziehungskraft, eine organische magnetische Intelligenz zwischen Penis und Vagina, die mit der Zeit stärker wird. Das erstaunliche Ergebnis ist, dass wir uns immer weniger anstrengen müssen, um Liebe zu machen – der Körper macht es wie von selbst. Es ist so: Je weniger wir tun, desto mehr können wir uns erlauben zu sein und umso größer wird unsere Erfahrung.

Das alte tantrische Symbol des Shivalingam, das man auch heute noch überall in Indien finden kann, bildet den Penis (Lingam), gewöhnlich umgeben von der Vagina (Yoni), ab. Sie werden in einer Reihe von interessanten Formen gezeigt, aber die Yoni hat hier eine weitaus tiefere Bedeutung, als nur den negativen weiblichen Pol zu repräsentieren.

Sie repräsentiert eine Passage, den Zugang zum Herzen, durch den der Mann seinen eigenen weiblichen, positiven Pol erreichen und sich mit ihm verbinden kann. In vollkommener sexueller Vereinigung geht der positive männliche Pol in das weibliche Negative, streckt sich nach oben, dehnt sich weiter aus und strömt zum Herz. Wenn dies geschieht, kommt es zu einer Art goldenen Verschmelzung: der Penis umfangen und strahlend aufgenommen im Herzen. Das ist pure Ekstase!

SCHLÜSSEL


Das Männliche und das Weibliche sind – genauso wie Positiv und Negativ – Kräfte, die sich gegenseitig anziehen.

Diese Polarität ist die Quelle unserer sexuellen Ekstase.

Jeder Körper trägt den entgegengesetzten Pol in sich, der einen „Magnetstab“ darstellt.

Zwei Körper in sexueller Vereinigung bilden ein kraftvolles Magnetfeld und lassen Bioenergie zirkulieren.

Um die Sexenergie zu aktivieren, ist es wichtig, die Brüste der Frau liebevoll und achtsam zu berühren.

BEWUSSTSEIN VON KÖRPER UND GEIST

Die einfachste Definition der Kunst des Tantra ist, dass es Sex und Meditation verbindet. Es ist sowohl ein körperliches wie ein spirituelles Ereignis, bei dem aus zwei scheinbar gegensätzlichen Extremen eine Einheit wird. Wenn dies geschieht, entsteht eine magische Atmosphäre. Wir haben das Gefühl, dass wir in eine andere Dimension eintreten, in der uns der gegenwärtige Augenblick ganz erfüllt – alles funkelt und strahlt. Die Augen beginnen zu leuchten, wir tragen ein Lied in unserem Herzen und beginnen, unsere Umgebung, unseren Liebsten und uns selbst neu wertzuschätzen. Wir fühlen uns sensibel und durchlässig, denn eine universelle Energie, pulsierende Lebensenergie, bewegt sich durch uns hindurch.

Beim konventionellen Sex erreichen wir diese Feinfühligkeit und Lebendigkeit nicht, denn wir nehmen normalerweise gar nicht bewusst wahr, was passiert. Wir haben einfach Sex, oft mechanisch oder routinemäßig, und haben (hoffentlich) Spaß daran, aber wir verlieren uns in der Regel in der Aktivität. Beim bewussten Sex versuchen wir, mit dem zu sein, was in jedem Augenblick geschieht, und dadurch entsteht die Chance jedes Mal eine weitere, bereichernde Liebeserfahrung zu machen. Das ist so, weil wir die wahre Natur der sexuellen Energie verstehen– Bewusstheit verwandelt Sex in Liebe.

Eine Meditation

Aus diesem Grunde lädt uns Tantra dazu ein, präsent zu sein und uns bewusst wahrzunehmen, während wir Liebe machen. Wir verlieren uns nicht und werden nicht mechanisch; unsere Aufmerksamkeit ist nach innen gerichtet. Wir bleiben bei dem, was wir wahrnehmen und fühlen, wir sind „hier“. Während wir Liebe machen, entsteht so Meditation ganz von selbst. Für die meisten Menschen bedeutet Meditation, allein zu sein, aufrecht zu sitzen und sich nicht zu bewegen, aber das ist einfach eine Form von Meditation.

Die Bewegungen beim Sex sollten nicht chaotisch, sondern voller Ruhe sein. Sie können um einen Kern von Stille herum geschehen, wie beim Ballett oder bei Tai Chi. Entgegen der allgemeinen Auffassung kann Meditation während des Sexaktes ganz leicht entstehen, denn dessen Intensität, die körperlich angenehm ist, hilft uns, zwingt uns sogar, mit dem zu sein, was geschieht, während es geschieht.

Sich des Augenblicks bewusst zu sein, während er sich entfaltet, lässt uns erfahren, wie es ist, „hier“ und „präsent“ zu sein, und daraus entsteht innere Stille und Entspannung. Das ist die Erfüllung, nach der wir in der Meditation suchen. Die einfache Tatsache, das Bewusstsein dazu zu bringen im Körper zu sein, egal ob wir uns bewegen oder stillliegen, lässt Ruhe, Tiefe und Präsenz entstehen. Der Körper kann sich ganz natürlich bewegen und die Stellung ändern, aber das Bewusstsein bleibt still und gelassen.

Langsamer werden und sich Zeit zu lassen beim Liebemachen ist der Weg, wie wir beginnen können Bewusstheit zu erfahren. Wir müssen uns Zeit nehmen, um zu lauschen, und unsere Aufmerksamkeit nach innen lenken auf die Feinheiten, die aus dem Präsentsein oder der Stille entstehen. Wenn ein Paar immer wieder auf diese entspannte Art Liebe macht, wird die Wahrnehmung mit der Zeit und mit wachsender Erfahrung feiner werden und die Empfindungsfähigkeit nimmt zu. Das Erleben wird schöner und ekstatischer, dehnt sich mehr über den Körper aus. So kann Sex zu einer tiefen, andauernden Meditation werden, bei der sich Körper und Seele zweier Menschen wirklich miteinander verbinden.

Wenn wir davon sprechen, die Art, wie wir Liebe machen, zu verändern, ist Bewusstsein der entscheidende Schlüssel. Bewusstheit ist der Weg, um Sex auf eine neue, höhere Ebene zu bringen. Der erste Schritt ist, dass wir die ganze Zeit auf unseren Körper achten und auf das, was wir tun und fühlen, wenn wir Liebe machen. Langsam, langsam nehmen wir jede Bewegung, jede Geste, jeden Atemzug wahr. Wenn wir lernen, alles zu beobachten, was sich in unserem Körper abspielt, und damit einfach sind, dann wird der Sex an sich zum Fokus unserer Wahrnehmung. Und allein die Tatsache, dass wir präsent sind und alles beobachten, bewirkt schon Transformation.

Wenn wir unseren Körper bewusst wahrnehmen, werden wir überrascht sein, dort eine ganze Welt mit vielen verschiedenen Realitäten zu finden. Und alle sind hier gleichzeitig am Werk: Das Herz schlägt, der Atem hebt und senkt den Brustkorb, wir können über den Körper bestimmte Vibrationen spüren, ein Prickeln und Wärme, ja sogar Licht.

Wenn wir uns zu sehr mit Äußerlichkeiten beschäftigen, wenn unsere Gedanken mit etwas anderem oder jemand anderem beschäftigt sind, wird unsere Aufmerksamkeit nachlassen und nutzlos sein. Unsere Achtsamkeit lässt durch unser Interesse am Orgasmus schnell nach, denn wenn wir uns auf ein Ereignis in der Zukunft konzentrieren, verpassen wir den gegenwärtigen Augenblick. Selbst wenn wir uns nur einer einzigen Sekunde voraus sind: In Wahrheit sind wir abwesend. Wenn wir beginnen, diese Abwesenheit zu hinterfragen, fangen wir an, präsent zu bleiben. Wir lernen, im Hier und Jetzt, im Körper zu bleiben, und das braucht unsere ganze Aufmerksamkeit.

Der Fokus ist auf den Moment gerichtet

Sex gibt uns die Gelegenheit, Bewusstheit zu üben und zu verstärken, um im wahrsten Sinne den gegenwärtigen Augenblick zu erschaffen. Wir lernen, beim Sex mehr zu „sein“ und weniger zu „tun“. Daraus entsteht das magische tantrische Erleben. Plötzlich, wenn es kein Ziel gibt, werden wir spontan und ungehindert mit Lebensenergie beschenkt. Die natürliche Anziehung zwischen Penis und Vagina ist so stark, so voller Leben, dass es ganz leicht ist, in den Moment zu kommen.

Wenn wir spazierengehen, zum Beispiel, kann es leicht passieren, dass wir mit unseren Gedanken abschweifen, da der Kontakt des Fußes zum Boden über den Schuh nicht gerade ein erhabenes Gefühl ist (obwohl es das sein kann, wenn du das willst). Das Gleiche gilt beim Kochen, der Kochlöffel in unserer Hand lässt keine großartige Begeisterung entstehen, keine Faszination. Die Gedanken wandern dabei eher zu anderen Themen. Die Intensität der sexuellen Verbindung, die uns von Natur aus stark berührt, macht es uns daher leichter, im Moment zu sein. Anders sieht es da beim Gehen, Kochen oder bei irgendeiner anderen gewohnten Tätigkeit, der wir nachgehen, aus. Das Genießen wird beim bewussten Sex zu einer Erfahrung, die uns im gegenwärtigen Augenblick verankern kann.

Sei dir deiner selbst bewusst

Um uns zu helfen, in den Moment zu kommen, rät Tantra, unsere Aufmerksamkeit und Bewusstheit bei uns selbst zu lassen. Beim konventionellen Sex ging es mir generell so, dass die Aufmerksamkeit vor allem beim Partner war. Wir konzentrieren uns auf seinen oder ihren Genuss. Wie geht es ihm? Fühlt er sich gut? Mache ich es richtig? Er war fast wichtiger als ich. Während ich meine Aufmerksamkeit auf die eine oder andere Weise auf meinen Partner gerichtet habe, ist mir aufgefallen, dass ich keine echte innere Verbindung zu meinem eigenen Körper hatte und nicht das Gefühl, dass ich nach innen und unten geerdet war. Ich war mit meiner Energie nach oben und außen gerichtet, und im Grunde habe ich für jemanden anderen Liebe gemacht.

Durch Tantra habe ich gelernt, meine Aufmerksamkeit zu mir zurückzubringen, den Mann zu vergessen und mich zunächst um meine eigene Energie zu kümmern. Ich habe gelernt, meine Aufmerksamkeit nach innen und in den unteren Bereich meines Körpers zu lenken, meinen Bauch und meinen Atem zu spüren, mich für mich selbst zu interessieren, bevor ich mich dem anderen zuwende. Das klingt vielleicht verrückt, aber genau darin besteht der Unterschied! Daraus erwachsen eine Leichtigkeit und eine Entspannung, aus denen ganz natürlich Intimität und Anziehung entstehen und in denen sich Unsicherheiten leicht in nichts auflösen. Das heißt, dass ich zuerst meinem eigenen Körper Energie gebe und mich mit ihm eins fühle, bevor ich mit einem Partner zusammen bin. Ich nähere mich mit meinem Körper meinem Partner, bin innerlich in Einklang mit mir, lebendig, und voller Vorfreude, Liebe zu machen. Mit dieser Haltung, sich selbst an erste Stelle zu setzen, sich zu erden und zu zentrieren, kann beim Liebemachen so viel mehr geschehen.

Das wurde mir klar, während ich als Körpertherapeutin arbeitete und unterrichtete. Mein ganzes Leben lang schon habe ich es genossen, Massagen zu geben. Ich beschloss, mich so gut wie möglich zu qualifizieren. Also lernte ich viele neue anspruchsvolle Techniken. Doch bald stellte ich fest, dass Genuss und Freude des Gebens verschwanden, sobald ich ein bestimmtes Resultat vor Augen hatte. Nach einiger Zeit entschied ich, die ganzen tollen Techniken, die ich gelernt hatte, beseite zu lassen und kehrte zur Essenz der Massage in ihrer Einfachheit zurück, folgte den abenteuerlichen Konturen des Körpers, strich und glitt die Muskeln entlang. Ich spürte die wunderbaren Oberflächen, jede eine interessante Geschichte für sich, während ich nach Knoten und verhärteten Sehnen suchte. Für mich waren das die interessantesten Stellen, und dann habe ich bald gar nicht mehr daran gedacht, mit welcher Technik ich es tat. Stattdessen begann ich mich ganz darauf zu konzentrieren, was ich berührte. Wie fühlte sich das Gewebe darunter an? Wie konnten die Fingerspitzen ihre Suche am meisten genießen? Was würde sich für mich am besten anfühlen, wenn ich dort liegen würde? Wo wollten meine Hände unbedingt hin, und wie?

Ich habe angefangen, nicht an denjenigen zu denken, den ich massierte, sondern mich nur mit den Bewegungen meines eigenen Körpers, meiner Atmung, meiner inneren Entspannung und dem Inneren des Körpers unter meinen Händen zu beschäftigen. Je mehr ich mich auf meinen Körper, meine Hände konzentrierte, desto mehr entspannte sich der Empfänger, und manchmal stieg eine fast hörbare Stille auf. Den Klienten tat es sehr gut, sie fühlten sich tief entspannt, gelassen und erfrischt. Ihr Gefühl von Zeit veränderte sich, eine Stunde körperloser Unendlichkeit.

Je mehr ich bei mir und im Moment war, desto mehr konnte der andere sich entspannen und zu sich zurückkommen. Ich erinnere mich, dass ich mich etwas schuldig fühlte, wenn ich während einer Behandlung nicht mehr an ihre körperlichen Probleme dachte, aber immer, wenn ich es einfach nur genossen hatte, ihre Körper zu berühren, fühlten sich die Leute besser, sogar bereichert. Heute bringe ich meinen Massageschülern bei, sich auf sich selbst zu fokussieren, auf die unschuldige Freude der Berührung und des Gebens ohne Agenda. Aufhören, sich über Techniken den Kopf zu zerbrechen, und einfach mit Liebe und Bewusstheit zu berühren.

Natürlich haben Techniken ihren Wert, aber der Mensch, der die Technik ausübt, ist noch viel wichtiger.

Sich im Körper entspannen

Wenn wir Liebe machen, ist es gut uns selbst wieder in den Mittelpunkt zu rücken, uns auf das, was sich in unserem Körper abspielt, einzulassen und wieder zu lernen, uns tief zu entspannen. Wenn du entspannt bist, entspannt sich dein Partner mehr und umgekehrt. Je mehr wir uns entspannen, desto mehr können wir im Moment sein, und daraus kann die sexuelle Erfahrung spontan entstehen. Die Aufmerksamkeit nach innen zu wenden, darauf, wie feinfühlig die Genitalien während der sexuellen Verbindung eigentlich sind, stärkt das Bewusstsein im Körper. So wird der Körper dann zum Tempel und Sex wird zu einer natürlichen Meditation.

In unserem neuen Ansatz verlagert sich die Aufmerksamkeit vom Kopf in den Körper, deshalb schlage ich Paaren vor, sich auf die eigene innere Welt zu konzentrieren und die Persönlichkeit oder Probleme außen vor zu lassen. Ich habe mich ja selber in diesem Ansatz geschult und für mich hat es gut funktioniert. Die Gedanken gerieten in den Hintergrund und der Körper wurde zu einem Anker, der meine innere Realität gestaltete. Weil die Sinne und Empfindungsfähigkeit durch Bewusstheit sehr verstärkt werden und weil Liebe nun mal mit dem Körper gemacht wird, müssen wir lernen, unsere Empfindungen und die damit verbundenen Gefühle bewusster wahrzunehmen. Was geschieht in unserem Körper? Und wo?

Denk daran, es geht darum, deine Aufmerksamkeit von der Pheripherie ins Zentrum zu lenken. Die Aufmerksamkeit nach innen auf den Körper zu richten statt aufs Außen und auf deine Gedanken. Was fühle ich und wo fühle ich es? Wie fühlt es eigentlich wirklich an? Wo genau fühle ich, dass mein Körper lebendig wird?

Ich schlage Paaren am Anfang eines Seminars oft vor, im Innern ihres Körpers nach „einem Ort, an dem es sich wie zu Hause, wie geerdet anfühlt“, zu schauen. Wenn du diesen Ort findest, bleibst du einfach da und ruhst. Gib diesem Platz ein wenig Licht oder Farbe; visualisiere, wie er größer wird. Bekomme ein Gefühl dafür, dass dies ein Ort ist, an dem du dich erden und an dem du Ruhe finden kannst. Es kann der Bauch sein, das Herz, die Genitalien, der untere Rücken, alles, nur nicht der Kopf! Wo es auch ist, bleib dort mit deiner Aufmerksamkeit und lass das Gefühl dafür wachsen. Du kannst jederzeit in dieses Zuhause zurückkehren, wenn du merkst, dass du plötzlich wieder weg bist. Dabei wirst du beobachten, wie oft das eigentlich passiert! Es ist gut, immer wieder in unserem inneren Raum zurückzukehren – und den äußeren einfach zu vergessen.

Es ist, als tauchten wir in unseren Körper ein, verschafften uns Raum im Innern und dehnten ihn. Der äußere Raum ist bei den meisten von uns viel größer als der innere, also dehnen wir unsere Grenzen aus und öffnen uns, um das Innere zu vergrößern.

Zu Beginn des Liebemachens, wenn beide Partner sich viel Zeit nehmen und ihre Aufmerksamkeit zuerst auf ihren eigenen Körper lenken, ist es, als würde sich die Luft zwischen den Körpern aufladen – wie ein magnetisches Feld. Du wirst dir deiner Lebendigkeit bewusst, das strahlt nach außen und kommuniziert dann mit der Präsenz deines Partners. Die Wahrnehmung oder innere Aufmerksamkeit auf den Körper ist viel feiner und präziser als der Denkprozess. Wenn unsere Aufmerksamkeit in Ge danken gefangen ist, ist es schwierig, in die Welt des Körpers einzutauchen, um wahrzunehmen, was dort genau vor sich geht. Es ist schwierig, einfach nur im Körper zu „sein“.

Einer der Faktoren, die das so mühsam machen, ist die Gewohnheit, am Anfang des Liebemachens zu schnell zu sein, die Körper viel zu schnell in Kontakt miteinander zu bringen. Wir versuchen dem anderen Lust zu verschaffen und packen das in wenige Sekunden, was sonst ein ausgedehnter, wunderbarer Austausch sein könnte. Das hat den Effekt, dass wir uns gegenseitig aus unserem Zentrum und damit aus unserem Bewusstsein herausreißen. Statt zu spüren, indem wir nach innen gehen und den anderen in uns aufnehmen, statt liebevoll und einfach zu sein, bemühen wir uns noch mehr, etwas zu machen – massieren, reiben, streicheln. Wir sind zu „Machern“ geworden und haben vergessen, wie es ist, einfach nur zu „sein“.

Dem Körper vertrauen

Um mit der Idee von Langsamkeit zu experimentieren, probiere mit deinem Partner die folgende Übung aus:

Bevor ihr Liebe macht, legt euch im Bett einander gegenüber, etwas Abstand zwischen euren Körpern und berührt euch nicht. Lenkt eure Aufmerksamkeit von eurem Partner weg, hin zu eurem eigenen Körper. Schließt die Augen für einen Moment und fühlt, wie ihr eure Aufmerksamkeit von außen nach innen leitet. Ihr könnt euch vorstellen, eure Wirbelsäule Wirbel für Wirbel hinunterzugleiten bis ins Becken, und so die Verbindung mit der Energie im unteren Teil des Körpers und in den Beinen herzustellen.

Bleibt da eine Weile, und lasst euch Zeit. Das macht euch lebendiger, bevor ihr die Körper zusammenbringt. Nach einigen Minuten öffnet ihr die Augen und schaut euch an. Dabei bleibt ihr mit eurer Aufmerksamkeit beim eigenen Körper. Atmet. Entspannt den Kiefer. Nach ein paar Minuten könnt ihr euch ganz langsam, Zentimeter für Zentimeter aufeinander zu bewegen, bleibt aber mit der Aufmerksamkeit bei euch selbst. Umarmt euch, je langsamer, desto besser; am Anfang berühren sich einfach nur die Fingerspitzen. Lasst diese Begegnung mehr „von selbst“ entstehen, als dass ihr etwas „tut“. Seid euch jeder Einzelheit eures Körpers bewusst: der Haut, der Wärme, wenn sie auf den anderen trifft und ihn umschließt.

Wenn ihr lange genug wartet und einfach nur „seid“, werdet ihr feststellen, dass die Körper sich schließlich anziehen wie Magnete. Lasst alle Absicht beiseite, und überlasst euch der Erfahrung, wie ihr dem Menschen, den ihr liebt, näherkommt. Wenn wir mit dem Liebemachen langsam und feinfühlig anfangen, wird unsere Bewusstheit und die unseres Partners sehr viel stärker. Unsere Körperenergie antwortet dann entsprechend lebendig auf diesen langsamen und entspannten Stil des Liebens.

Dies könnt ihr auch ausprobieren, wenn ihr euch nach einer Trennung wiederseht. Bevor ihr euch umarmt, stoppt, steht still und nehmt euch ein paar Sekunden Zeit, um die Aufmerksamkeit nach innen zu lenken. Erdet euch in eurem Körper, euren Beinen und Füßen. Geht so langsam wie möglich aufeinander zu und umarmt euch. Bleibt entspannt, lasst eure Schultern hängen, es ist keine körperliche Anstrengung nötig – und atmet. Bleibt ganz bewusst in euren Körpern und lasst zu, dass sie miteinander verschmelzen. Die Aufmerksamkeit auf diese Art nach innen zu bringen macht deinen Körper feinfühliger. Du wirst dir Bereichen bewusst, von denen du nicht einmal wusstest, dass sie Gefühle oder Sensibilität besitzen. Deine Aufmerksamkeit war bisher ja immer woanders.

Und beim Liebemachen wird unsere Aufmerksamkeit auch noch oft durch Gedanken an einen Orgasmus abgelenkt. Wenn du in deinem Körper aber präsent bist, fängst du an, ihn in seinen vielen Dimensionen wahrzunehmen: als einen wunderbaren Raum im Inneren, der ein Feuerwerk an Feinfühligkeit zu bieten hat.

Den Kopf „abschalten“

Wir bringen unseren Fokus von der Pheripherie zum Kern, vom äußeren Ausdruck zum inneren Eindruck, und das verstärkt die Feinfühligkeit unseres Körpers. Tantra bringt uns von der reinen Sexualität zurück zur Energie von Sex an sich. Heutzutage ist unsere Sexualität eher beliebig, und wir spüren nicht wirklich eine wahre sexuelle Kraft, denn unsere Gedanken sind zu einem immensen Bestandteil des Sexaktes geworden. Um zu der Unschuld und Natürlichkeit im Sex zurückzukehren, ist es gut, unsere ablenkenden Gedanken abzuschalten oder uns von ihnen zu distanzieren.

Eine Ablenkung, die heutzutage vielleicht am stärksten wirkt, ist die Fähigkeit des Gehirns, zu phantasieren. Sexuelle Phantasien sind für viele zum Motor ihres Sexlebens geworden. Oft phantasieren wir während des Liebemachens und sind bewusst nicht bei dem, was im Moment geschieht. Wir sind nicht bei unserem Partner hier und jetzt, sondern stellen uns gerade jemanden anderen vor oder eine andere Situation. So erleben wir gar nicht wirklich, was eigentlich im Körper vorgeht. Stattdessen benutzt der Verstand Phantasien, um den Körper anzutreiben oder überhaupt zu motivieren. Sexuelle Phantasien können zur Gewohnheit werden; es ist, als würden wir immer wieder dasselbe Programm abspulen.

Ich bin sicher, dass fast jeder von uns ein sexuelles Bild, sei es ein echtes oder ein Phantasiebild, benutzt hat, um sich zu erregen und nicht das Interesse am Sexakt zu verlieren. Meistens benutzen wir sexuelle Phantasien, um uns zum Orgasmus zu bringen, denn die Vorstellung hilft, den Höhepunkt zu erreichen. Das funktioniert wirklich bestens!

Unsere Vorstellungskraft ist ein wirkungsvolles Werkzeug, da sie effektiv und schnell zum Erfolg führt. Aber sexuelle Phantasien sind trotzdem nur eine große Ablenkung, denn sie entfernen uns vom wirklichen Geschehen und von demjenigen, mit dem wir gerade jetzt Liebe machen. Tantra ist weise und bezieht deshalb die Vorstellungskraft unseres Verstandes mit ein, indem es ihn darin bestärkt, sich auf den Körper zu beziehen. Die Vorstellungskraft kann nämlich dazu benutzt werden, feine Energiebewegungen im Körper anzuregen. Und das funktioniert, weil die Energie über kurz oder lang der Vorstellung folgt. Wir kennen das alle, und wir wissen, dass es funktioniert. Unsere Vorstellungskraft kann also statt zur Ablenkung als positives Instrument beim Sex genutzt werden. Wenn wir uns zum Beispiel Licht und Energie im Körper vorstellen, dann werden wir früher oder später das Gefühl bekommen, dass dies wirklich geschieht: eine Verbindung von Energie zwischen den positiven und negativen Polen (in und außerhalb von uns) entsteht, Energie, die vom Mann in die Frau strömt, oder die Frau, wie sie dieses Licht in sich aufnimmt, oder wie Energie vom Herz und den Brüsten oder vom Penis aus ausstrahlt. Man kann sich Energie als strömenden, goldenen Fluss vorstellen, als sich bewegendes, springendes Licht oder sogar wie einen Blitz.

Zur Unschuld zurückkehren

Vielleicht wirst du diese Energie am Anfang nicht so richtig erkennen; deine Bewusstheit wird dir helfen sie stärker werden zu lassen, und so kann Energie wachsen und sich ausdehnen. Manche Menschen „fühlen“ Energie leichter als andere. Wenn es dir nicht so leichtfällt, dann stell sie dir einfach vor, das hilft deinem Körper enorm. Egal wo du im Körper fühlst, dass sich Energie bewegt – deine Vorstellungskraft kann dir dabei helfen diese Erfahrung zu verstärken. So wird der Verstand genutzt, um die Bahn frei zu machen für die inneren Energiekreisläufe, die mit der Zeit immer dynamischer werden.

In dieser Verwandlung von der konventionellen Sexualität hin zum eigentlichen Sex, wenn der Körper wieder anfängt unschuldig zu werden, ist es gut sich daran zu erinnern, dass der erste Schritt darin besteht, sich seines Inneren bewusst zu sein, und der zweite Schritt, sich seiner Gedanken bewusst zu sein. Auch wenn wir beim Sex keine Phantasien benutzen, denken wir oft an alles Mögliche, und diese Gedanken sind potenziell destruktiv und beeinträchtig uns. Wenn wir uns unserer Gedanken bewusst werden – es sind etwa fünfzigtausend pro Tag –, sind wir überrascht, wenn wir feststellen, was sich so alles in uns abspielt. In den ersten Jahren meines „neuen“ Sexlebens, als endlich die ersehnte Art des Liebemachens passierte, war es ein Graus für mich, mich dabei zu ertappen, wie ich abschweifte und an etwas ganz anderes dachte. Ich konnte es kaum glauben, dass es dabei um etwas so Banales gehen konnte, wie etwa, wohin wir zum Essen gehen! Es fiel mir schwer, beim Sex total dabei zu sein.

Mittlerweile weiß ich, dass sexuelle Energie so subtil und sensibel ist, dass schon ein einziger plötzlicher und simpler Gedanke ausreicht, um den natürlichen magnetischen Fluss der Energien zu stören.

Schritt für Schritt gehen

Wenn wir die Aufmerksamkeit auf unseren Gedankenprozess lenken, geht es nicht darum, dass wir aufhören sollten zu denken. Das geht natürlich nicht! Wir denken nun einmal – und das ist das Problem. Gegen das Denken direkt können wir nichts tun, aber indirekt können wir es schon angehen. Das Wichtigste dabei ist, sich bewusst zu machen, dass man denkt und in einem Strom von Gedanken gefangen ist. Dadurch dass du das bemerkst, kommst du direkt wieder in die Gegenwart und machst „den Gedanken einen Strich durch die Rechnung“. Indem du einfach nur erkennst, dass du an etwas anderes gedacht hast, unterbrichst du das Denken und bist nicht mehr damit identifiziert. Das reicht, um in die Gegenwart zurückzukehren. Fange keinen inneren Dialog an, in dem du dich dafür runtermachst, weil du abwesend und nicht präsent gewesen bist. Komm einfach und schnell wieder in die Gegenwart zurück. Bleib im Moment, in der Körperlichkeit und Feinfühligkeit des Bewusstseins, bis du wieder merkst, dass du an etwas anderes denkst! Nimm es wahr, und komm sofort wieder in deinen Körper zurück.

Es ist ein Prozess, und das Wunder des Phänomens Bewusstheit besteht darin, dass du nichts zu tun brauchst, außer dir bewusst zu werden. Allein deine Gedanken zu beobachten und dir der körperlichen Muster bewusst zu werden, die damit verknüpft sind, bewirkt schon eine Veränderung. Der Verstand entspannt sich mehr, er ist zufrieden und im Einklang mit dem Körper, so als sei eine Brücke entstanden.

Wenn ihr euch als Paar auf die tantrische Reise machen wollt, macht euch klar, dass es um einen allmählichen Prozess geht. Es ist ein Bewusstseinswandel, keine plötzliche Veränderung oder etwa eine Technik. Du kannst es nicht tun, du kannst es nur sein.

Es ist ein stetiger Verfeinerungsprozess, durch den Stille entsteht – und das braucht seine Zeit. Es ist hilfreich, nicht große Veränderungen zu erwarten oder sofortige Ergebnisse – das funktioniert nicht.

Wirkliche Veränderung besteht aus zahlreichen, manchmal fast unsichtbaren kleinen Schritten, die sich im Körper verankern. Nimm die kleinen, weniger offensichtlichen Dinge wahr, die dir widerfahren: was du fühlst, wo du es fühlst, und welche Freude bringt das mit sich. Bewusst mit dem Körper und im Sex miteinander umzugehen bewirkt eine Transformation, wird zur Quelle der Liebe und erquickt deinen Körper, deinen Geist und deine Seele.

SCHLÜSSEL


Sich Geist und Körper bewusst zu sein transformiert das sexuelle Erlebnis in Liebe.

Lenke die Aufmerksamkeit von außen nach innen.

Dieser Fokus lässt eine „Erdung“ im Körper entstehen.

Indem du deine Körperempfindungen bewusst wahrnimmst, schaffst du Distanz zu deinen Gedanken.

Nutze deine Vorstellungskraft, um energetische Bewegungen zu verstärken und sich ausdehnen zu lassen.

ZURÜCK ZUR UNSCHULD – DIE LIEBESSCHLÜSSEL

Beim konventionellen Sex können wir unseren Körper mit einer offenen Blüte und ihren Blütenblättern vergleichen, die nach außen, in die Welt hinausgehen. Die Energie wird aus dem Zentrum nach außen gebracht, unsere Aufmerksamkeit richtet sich auf den anderen.

Im Körper leben lernen

Im Tantra wird diese Blüte bewusst umgekehrt, die Blütenblätter werden nach innen eingezogen ins Zentrum und in Richtung Kern ausgerichtet, als würden sie wieder zur Knospe zurückkehren. Die Energie wird hauptsächlich auf unser eigenes Zentrum gerichtet. Die Liebesschlüssel bringen uns nach innen zurück, damit wir uns auf uns konzentrieren, auf unseren inneren Raum, den wir bewusst entstehen lassen und ausdehnen.

Die Liebesschlüssel unterstützen uns darin, die Aufmerksamkeit von der Pheripherie abzuziehen und zum Kern zu bringen. Das ermöglicht uns, unser Interesse auf das Körperinnere zu lenken. Wenn sich unsere Aufmerksamkeit im Körper verankert und den Körper als ständigen Referenzpunkt nutzt, werden wir immer mehr in der Lage sein, im Moment zu bleiben. Der Körper ist wirklich das Einzige, was uns in den Moment bringt, und wenn wir lernen, durch den Körper zu leben, erhöht das unsere Chancen, insgesamt glücklicher und erfüllter zu sein. Wir verlassen den in sich gefangenen, geplagten, getriebenen Verstand und entscheiden uns für das Glück, einfach im Körper zu sein.

Das grundlegende Thema von Tantra ist die Polarität: Durch sie erzeugen die Genitalien ihre ganz eigene Energie. Polarität entsteht ganz von selbst, wenn wir bewusst Liebe machen, besonders, wenn wir das kontinuierlich tun. Dank der Information über die Polarität und die Bedeutung, die die positiven Pole haben, machen die Liebesschlüssel den Körper zu einem Instrument, einem Anker und einer Brücke, der uns in der Gegenwart hält. Die Liebesschlüssel werden uns zu verschiedenen Stellen im Körper führen, die uns Zugang zum „Hier und Jetzt“, zum gegenwärtigen Moment verschaffen.

Diese Liebesschlüssel haben mir viele tausend Mal geholfen. Schicht um Schicht bin ich in sie eingetaucht und wurde langsam fähig, meine Bewusstheit in meinem Körper zu verankern und mir wieder selbst zu vertrauen. Ein Ergebnis davon, mehr Bewusstheit in den Sex zu bringen, war, dass alte sexuelle Wunden aus meinem Körper verschwanden und unterdrückte Energie freigesetzt wurde. Ich fing an, mich auf einer ganz anderen, feineren Frequenz zu spüren.

Als ich noch in Indien lebte und anfing, die Liebesschlüssel einer Selbsterfahrungsgruppe mit Teilnehmern aus dem Westen vorzustellen, war ich verblüfft, wie unglaublich schnell alle darauf reagierten. Die Liebe lag förmlich in der Luft und strahlte aus allen Augen – sowohl der Männer als auch der Frauen! Was mich Jahre gekostet hatte zu entwirren und in mir neu zusammenzusetzen, geschah hier in wenigen Tagen. Es war wie ein Wunder. Das bestärkte mich, denn es bestätigte, dass unsere Körper auf sehr ähnliche Art und Weise reagieren. Durch die Arbeit mit Paaren, die ich seitdem mache, bin ich mir inzwischen sicher: Egal ob Teenager oder Menschen über sechzig, ob sie eine Nacht miteinander verbringen oder zweiunddreißig Jahre zusammenleben, die Reaktion ist die gleiche: Liebe erblüht durch Bewusstheit.

Ich möchte noch einmal betonen, dass es ein fortlaufender Prozess ist, durch die Liebesschlüssel unsere Präsenz im Körper herzustellen. Und dieser Prozess ist nie wirklich abgeschlossen. Besonders am Anfang kann sich sehr schnell ein unmittelbares Gefühl von „wie verzaubert sein“ einstellen und es fällt leicht, entspannter an den Sex heranzugehen. Aber es braucht seine Zeit, bis die sexuelle Präsenz wirklich fest im Körper verankert ist. Wir können nicht erwarten, nach jahrzehntelangem Fokus auf Phantasie und Orgasmus ohne Weiteres in die andere Realität unseres Seins zu gelangen.

Alte Muster hinter sich lassen

Als Paar ist es wichtig, zu verstehen, dass es wirklich eine Kunst ist, die Art des Liebemachens zu verändern; es ist eine Reise und kein Kurztrip. Sie besteht aus kleinen Schritten, die manchmal enorme Wirkungen haben können. Je mehr wir mit den Liebesschlüsseln experimentieren, desto mehr können wir üben, von unseren gewohnten Mustern Abstand zu nehmen, und uns der Erfahrung zuwenden, die jetzt geschieht. Es ist eine Praxis, bei der man immer wieder in den Körper zurückkehrt. Manchmal gelingt es uns, und manchmal nicht. Manchmal werden wir vom Wunsch nach einem Orgasmus förmlich überrannt, dann heißt es einfach nachgeben und in vollen Zügen genießen. Seid euch gleichzeitig bewusst, dass es das ist, was geschieht, und ihr euch dafür entschieden habt. Das allein ist schon ein großer Schritt. Es bringt Bewusstheit in den Prozess, in dem wir uns befinden. Und je geübter wir darin werden, während des Liebemachens präsent und in unserem Körper zu bleiben – nicht mehr „tun“ sondern, einfach „sein“ –, desto mehr gewinnt der Körper seine eigentliche Bewusstheit und Empfindungsfähigkeit zurück.

Die Liebesschlüssel werden die Verbindung zu deinem Partner verstärken, so kann eine neue Intimität zwischen euch entstehen. Es ist wie eine neue Sprache zu lernen – ein solides Fundament für die Liebe. Die Bewusstheit, die durch die Liebesschlüssel entsteht, wird dich entspannen lassen und dir mehr Zeit geben, dich auf das zu besinnen, was jetzt im Körper, besonders zwischen Penis und Vagina, geschieht. Wenn die Feinfühligkeit der Genitalien zunimmt und die Polarität sich langsam wieder aufbaut, fangen die positiven und negativen Pole an, aufeinander zu reagieren und herrlich zu vibrieren. So kommt der Sex wieder da an, wo er hingehört – im Körper. Und hat nicht mehr länger mit dem Verstand zu tun.

Sich Zeit nehmen, still zu werden

Das alles geht nicht von heute auf morgen. Wenn du beginnst, die Genitalien auf eine neue Weise zu spüren, ist es zuerst vielleicht schwierig, überhaupt irgendetwas wahrzunehmen. Der Versuch, etwas zu spüren, ist an sich vielleicht schon anstrengend. Bis jetzt waren wir für unsere sexuelle Erfahrung immer von einer Menge Reibung abhängig; nun suchen wir nach einer Feinfühligkeit, die tiefer geht als oberflächliche Sensationen. Du kommst mit einer sehr viel feineren Ebene in Kontakt, die leuchtet und sprüht vor Lebendigkeit und viel erfüllender ist. Und obwohl du deine Fähigkeit, erregt zu werden, nie verlierst, gehst du über die erste Intensität und Überwältigung dieser Erregung hinaus. Es ist fast so, als würdest du bewusst darunter bleiben wollen. Es ist gut, Körper und Geist zu verlangsamen und still genug zu werden, um etwas so Subtiles, wie es vorher kaum wahrnehmbar gewesen ist, zu spüren. Dieses Maß an Sensitivität zu entwickeln, braucht seine Zeit und eine innere Verbindlichkeit, aber es lohnt sich sehr.

Wenn du anfängst die Liebesschlüssel anzuwenden, wirst du dich vielleicht verletzlich und ein bisschen unsicher fühlen.

Das ist ganz natürlich, weil du zu deiner eigenen Unschuld zurückkehrst. Es ist, als würdest du wieder in diesen Zustand von kindlich staunender Unschuld zurückkehren, präsent und spielerisch, und würdest jetzt zum ersten Mal Liebe machen. Es ist wie eine frische Landschaft voll neuer Farben. Wenn du dich ein bisschen unbehaglich fühlst, dich vielleicht schämst oder dir albern vorkommst, dann ist es gut, einfach darüber zu lachen. Ich habe oft wilde, unkontrollierbare Lachanfälle bekommen und mich hinterher viel besser gefühlt, lebendiger und entspannter. Wenn du dich traurig fühlst, lasse den Tränen ihren Lauf, sei dankbar für sie, halte sie nicht zurück. Lachen und Weinen sind ein Loslassen innerer Anspannung, und ihnen zu erlauben sich auszudrücken, ermöglicht dir, dich in deine tiefen und authentischen Ebenen hineinzuentspannen. Und das ist eine Voraussetzung für Intimität und erfüllendes Liebemachen.

Es ist eine spielerische Art, bei der wir aufrichtig und offen, aber nicht ernst sind. Da liegen Welten dazwischen: Aufrichtigkeit kommt aus dem Herzen, während Ernst aus dem Verstand kommt. Aufrichtigkeit und Offenheit mögen es, zu experimentieren und zu lernen, während Ernsthaftigkeit gern ein idiotensicheres Rezept hätte. Mit den Liebesschlüsseln zu spielen ähnelt ein bisschen dem Schälen einer Zwiebel. Auf jede Schicht folgt die nächste, immer wieder entsteht ein weiterer Schritt nach innen – in die wunderbare Entspannung deines Körpers.

Wenn du und dein Partner entspannt und spielerisch miteinander umgehen könnt, wenn ihr bereit seid zu experimentieren und euch aufeinander einzulassen, dann kann die Liebe euch in der Tiefe erreichen. Ihr werdet früher oder später herausfinden, dass ihr Liebe durch Bewusstheit erzeugt, dass die Liebe in eurer Hand liegt und sie nicht wie ein Sturm durch euch hindurchund über euch hinwegfegt.

Forschen und Experimentieren

Wir brauchen eine neue Einstellung und eine liebevolle Haltung, um mit Sex zu experimentieren. Als Paar ist es wichtig, viel Neugierde mitzubringen, um unsere Gewohnheiten beim Liebemachen herauszufordern, und das bedeutet, dass wir vielleicht manches aufgeben, was wir bisher sehr genossen haben. Da Sex für die meisten von uns zu etwas geworden ist, bei dem wir relativ mechanisch einem Orgasmus hinterherjagen – und viele geben zu, dass die Erregung dabei zu einer Art Sucht geworden ist –, ist es gut, wenn wir uns gegenseitig darin unterstützen, das Mechanische und das Tun beim Sex zu unterbrechen und loszulassen. Wenn wir an unsere gewohnte „Belohnung“ denken und daran, was wir jetzt aufgeben, wird es schwierig sein, das zu sehen, was wir dabei gewinnen. Oft dauert es eine Weile, also braucht es Geduld und die Bereitschaft, die alten Gewohnheiten aufzugeben. Mit einer spielerischen und offenen Haltung können wir uns auf das Neue einlassen. Am hilfreichsten ist es, wenn beide Partner eine ähnliche Einstellung dazu haben, sich wirklich auf das Erforschen und das Unerwartete einzulassen, denn das macht es erst möglich, zusammenzuarbeiten und Neues zu entdecken. Zum Beispiel kann es eine Herausforderung sein, mitten in der sexuellen Lust und Erregung für Experimente offen zu bleiben. Vielleicht erlebst du plötzlich einen unwiderstehlichen Drang, dich in Richtung Orgasmus zu bewegen.

In solchen Augenblicken scheint ja nichts wichtiger zu sein! Aber wenn dein Partner dir helfen kann, dich ins „Jetzt“ zurückzubringen, entsteht plötzlich die Möglichkeit, dich zu entspannen und dem zwanghaften Drang nicht nachzugeben – ein Riesenschritt –, und dann wird sich dir das Mysterium des Sex offenbaren. So ist die Unterstützung und Bewusstheit deines Partners wesentlich, um in der Liebe zu wachsen und größere Klarheit in das sexuelle Erleben zu bringen.

Wenn Paare so miteinander Liebe machen, helfen sie sich gegenseitig und können von- und miteinander etwas lernen. Zusammen entdecken sie den Weg der Entspannung im Sex. Alleine geht das nicht. Wenn einer der Partner immer wieder die Anstrengungen des anderen unterminiert, wird es fast unmöglich, sich von den unbewussten sexuellen Aspekten zu befreien. Ohne gegenseitige Bereitschaft wird es also schwer sein, neues Terrain zu erforschen.

Offen und verletzlich zu sein, sich einzugestehen, eigentlich nicht wirklich etwas über das Liebemachen zu wissen – selbst wenn ihr es schon tausend Mal getan habt –, das ist der Anfang!

Eine Frau, mit der ich gearbeitet habe, hat sich vorgestellt, indem sie sagte, sie hätte mindestens dreitausendfünfhundert Mal auf die gleiche Art und Weise Liebe gemacht, und sie wäre jetzt hier, um zu sehen, was noch möglich wäre! Wenn einer der Partner nicht bereit ist, neues Terrain zu erforschen, indem er sich alten Mustern beim Liebemachen stellt, kann das den Raum von Offenheit und Verletzlichkeit stören. Wenn du glaubst, dass du weißt, wie Liebemachen funktioniert und wie diese mysteriöse Energie sich bewegt, dann ist da kein Platz mehr für andere, möglicherweise feinere und tiefgreifende Erfahrungen. Es geht um ein Wollen, ein Bereitsein, alle Gefühle zuzulassen und deine Unsicherheiten und Ängste in Sachen Sex auch zu zeigen. Wenn du in deinem Denken zu festgefahren bist, kannst du das höhere orgasmische Potenzial des Sex nicht anzapfen.

Keine Regeln im Bett

Es ist gut, sich stets daran zu erinnern, dass es absolut keine Regeln gibt, wie man Liebe macht. Die Liebesschlüssel zu benutzen ist mehr eine Frage der Bewusstheit. Durch Bewusstheit sind wir in der Lage neue Erfahrungen zu machen und zu lernen, wir bringen uns selbst etwas bei, Regeln aber werden uns von anderen gegeben und früher oder später führen sie zur Rebellion. Der Verstand hat die Tendenz sich starr und fest an Regeln zu halten, besonders, wenn wir uns unsicher fühlen, weil wir nicht wissen, was als Nächstes geschieht.

Wenn man etwas tun soll, ist es nicht das Gleiche, wie etwas selbst auszuprobieren. „Das stimmt für mich“ ist etwas anderes als „Ich muss“. Es passiert sehr leicht, dass Frauen sich an Regeln orientieren; sie sind meist weniger körperlich aktiv, daher ist es für sie einfacher, im Sex weniger zu „tun“. Ich habe nur allzu häufig Frauen gesehen, die mit erhobenem Zeigefinger ihrem Partner Regeln aufzwingen, anstatt ihre eigene Verletzlichkeit in der Situation zu zeigen. Ein Mann, der sich zurechtgewiesen und in seiner Persönlichkeit bedroht fühlt, wird damit reagieren, dass er rebelliert und sich verweigert.

Wenn Unsicherheiten bei dieser frischen neuen Art, Liebe zu machen, auftreten, macht Tantra Vorschläge statt Vorschriften. „Versuch es mal so“, können wir zu uns selbst sagen, und indem wir das tun, machen wir eine konkrete Erfahrung. Darauf können wir aufbauen, neue Richtlinien und eine eigene Orientierung finden. Wir arbeiten als Einheit zusammen, wie Wissenschaftler, die mit unstillbarer Neugierde die Missverständnisse aus Jahrhunderten aufdecken. Geduld, Liebe, Respekt und Verständnis sind der tantrische Weg.

Die Wahl der Liebesschlüssel

Im zweiten Teil des Buches sind die Liebesschlüssel unter neun allgemeinen Überschriften aufgeführt: Augen, Atem, Kommunikation, genitales Bewusstsein, Berührung, Entspannung, weiche Penetration, tiefe Penetration und rotierende Positionen. Jeder dieser Liebesschlüssel hilft uns, durch den Körper in den Moment zu kommen. Wenn du die einzelnen Liebesschlüssel durchliest, wirst du sehen, dass in jedem Schlüssel jeweils andere enthalten sind. Jeder Liebesschlüssel gibt praktische Vorschläge, die ihr unmittelbar ins Liebemachen integrieren könnt.

Diese Kapitel enthalten viel Material, denke also nicht, dass du alle Liebesschlüssel die ganze Zeit anwenden musst, und lass dich nicht von ihnen überwältigen. Schau einfach, welche Schlüssel dich beim Lesen ansprechen, welche sich richtig anfühlen und welche dich neugierig werden lassen. Und mit ihnen fängst du an. Wenn du dich dann nach und nach mit ihnen vertraut fühlst, nimmst du neue dazu. Nach einer Weile des Experimentierens machen die Schlüssel immer mehr Sinn, du wirst mehr und mehr verstehen oder dich für etwas interessieren, was dich vorher nicht angesprochen hat.

Es ist ein besonderer Tanz, eine Reise, ein Abenteuer. Durch dein Experimentieren wird sich deine Erfahrung vertiefen und damit auch deine Wahrnehmung. Auch wenn du am Anfang nur zwei beliebige Liebesschlüssel auswählst, zum Beispiel, den Augenkontakt halten und tief und langsam zu atmen, wirst du höchstwahrscheinlich eine qualitative Veränderung beim Liebemachen feststellen. Du musst also nicht gleich alles ab sofort miteinbeziehen, sondern kannst dir etwas aussuchen. Es ein Lernprozess, der seine Zeit braucht, denn vor uns liegt kein plötzlicher Bruch, sondern eine Veränderung des Bewusstseins.

Ich erinnere mich an ein Paar, das ein Jahr nach seinem ersten Workshop erzählte, sie hätten ziemlich viel mit den Liebesschlüsseln experimentiert, würden es aber immer noch genießen, Orgasmen zu haben. Die Liebesschlüssel ermöglichten ihnen, präsenter und liebevoller zu sein und den Liebesakt an sich zu verlängern, was wunderschön war. Am Ende hatten sie dann – sozusagen als „Sahnehäubchen“ – einen Orgasmus. Sie nahmen an einem weiteren Workshop teil und forschten weiter. Dann, zweieinhalb Jahre nach unserem ersten Treffen, sagte die Frau plötzlich am Telefon zu mir: „Weißt du was, keiner von uns interessiert sich mehr für einen Orgasmus! Das ist unglaublich, weil es immer so wichtig gewesen ist. Aber jetzt haben wir langsam herausgefunden, wie wir einfach nur präsent sein können, das ist so viel schöner, wir entspannen uns besser. Wen schert da noch der Orgasmus! Und wir sind so glücklich, so verliebt.“

Das Schöne ist, wenn erst einmal Bewusstheit in den Sex gekommen ist, wird ein Prozess in Gang gesetzt, der die alten Gewohnheiten oder Muster langsam ganz von selbst aus dem System verschwinden lässt. Es gibt so viele neue Erfahrungen und das Bewusstsein vertieft sich. Habt also keine Angst, einige der Liebesschlüssel auszuprobieren. Versucht es mal mit einem oder zweien, und seht einfach, was passiert. Wenn ihr als Paar experimentiert, besprecht zuerst, welchen der Schlüssel ihr ausprobieren wollt. Es kann die sexuelle Energie verstärken, wenn beide Partner denselben Liebesschlüssel benutzen, wie zum Beispiel die Verbindung der positiven Pole oder das Atmen, aber das ist nicht wirklich wesentlich.

Auch wenn ihr euch nicht im Voraus entscheidet oder du keinen festen Partner hast, mit dem du experimentierst, fühlst du dich plötzlich dazu inspiriert, etwas auszuprobieren. Und vielleicht erlebst du eine Überraschung. Eine Freundin von mir, die in einem Workshop davon hörte, dass die Liebesschlüssel in Sachen Entspannung auch die Entspannung der vaginalen Muskeln meinen, wollte es nicht recht glauben. In dem Moment sagte sie nichts, aber später dann, als sie mit ihrem Partner Liebe machte, fiel ihr dieser Vorschlag wieder ein und sie entspannte ganz bewusst ihre Vagina. Als die sich weitete und öffnete, konnte der Penis sofort in die Tiefe ihrer Vagina eintauchen, bewegte sich forschend weiter und war fast dankbar vor Vergnügen.

Wenn du einen besonderen Liebesschlüssel auswählst, lass die Bewusstheit sich durch den ganzen Körper ausbreiten. Zum Beispiel wenn du dir aussuchst, deine Aufmerksamkeit auf deinen positiven Pol zu richten, solltest du dich nicht alleine auf diesen Bereich fokussieren. Lass es nicht so weit kommen, dass du nichts anderes mehr wahrnimmst, sonst spannst du dich eher an, statt dich in deinen Körper hineinzuentspannen. Wenn du feststellst, dass du zu angestrengt daran denkst, dann entspanne dein Gehirn, stell dir einfach vor, wie es sich auffächert und ausbreitet. Wandere mit deiner Bewusstheit durch den ganzen Körper, vom Kopf bis zu den Zehen, und verbinde die Teile mit dem Ganzen. Das verteilt die sexuelle Energie, lässt sie sich ausdehnen und macht aus dem Körper wieder eine organische Einheit.

Darmowy fragment się skończył.

74,22 zł
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Objętość:
317 str. 30 ilustracji
ISBN:
9783942502801
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Bookwire
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