Czytaj książkę: «Eine Ahnung von Leben»

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Eine Ahnung von Leben

Eine deutsch/ deutsche Erzählung

von Detlef Haus

„Eine Stunde ist eine Stunde

aber wichtig ist, wo ich sie verbringe,

ob vor oder hinter den Kulissen des Lebens.“

Erwin Strittmatter

I M P R E S S U M

Eine Ahnung von Leben

Detlef Haus

© 2015 Detlef Haus.

Alle Rechte vorbehalten.

Autor: Detlef Haus

Ahornstrasse 5, 17039 Wulkenzin

E-Mail: detlefhaus@live.de

ISBN: 978-3-98551-691-9

Ein Ausflug

Dieser Sonnabendmorgen war nebelig und kalt. Ich konnte die Nacht vor Aufregung nicht richtig schlafen und war hundemüde, als Mutter mich weckte.

„Muss das gerade heute sein?“, sagte ich und war gedanklich schon bei meinem Trainer.

Herr Fiedler war eigentlich ein netter Mann, wie ich fand, aber wenn auf dem Platz keine Leistung kam, war er mit einem Mal wie verwandelt, und was er sagte, war nicht mehr nett.

Auch wenn ich erst 8 Jahre alt war, empfand ich die Art und Weise, uns zu motivieren, manchmal schon als eine Zumutung. Die aus seiner Sicht wahrscheinlich gut gemeinten Weisheiten wie „Was euch nicht umbringt macht euch härter ...“ waren selbst für unser kindliches Bewusstsein klar verständlich. Auch wenn mir nicht nach Frühstück zumute war, drängte Mutter darauf, und da ich einer möglichen Diskussion an diesem Morgen aus dem Wege gehen wollte, ließ ich es über mich ergehen.

„Hast du auch alles eingepackt, das Dress und die Fußballschuhe?“, fragte sie.

Ich dachte kurz nach, und mit einem abwesenden „Ja“ war ich auch schon aus der Tür.

Wir sollten uns um 9 Uhr auf dem Sportplatz in Neuburg treffen. Ich hatte mir angewöhnt, wenn irgend möglich, etwas früher zu Verabredungen wie auch zum Schulbeginn zu erscheinen.

Einige Lehrer reagierten sehr streng, wenn Schüler aus irgendwelchen Gründen zu spät zum Unterricht kamen. Herr Fiedler war einer dieser strengen Lehrer, und mir reichte es, mit anzusehen, wie er jedes Mal die Mitschüler, die zu spät kamen, mit Beschimpfungen und Zusatzhausaufgaben „motivieren“ wollte, einfach pünktlich zu sein.

Er zitierte zu gerne seinen Vater, der als Maurer auf dem Bau gearbeitet hatte, mit dem Spruch: „Fünf Minuten vor der Zeit ist des Mauers Pünktlichkeit“.

Wir konnten es alle nicht mehr hören, aber irgendwie schien mir diese Vorgehensweise auch ihre Vorteile zu haben. Zumindest diesbezüglich hatte ich mit Herrn Fiedler keine Schwierigkeiten, und gerade an diesem Morgen sollte das auch so bleiben.

Als ich nach guten 20 Minuten mit meinem Fahrrad auf dem Sportplatz ankam, waren Herr Fiedler, Matthias und Dirk schon da. Herr Fiedler fragte alle weiteren Ankömmlinge sofort, ob jeder denn auch das Dress und die Fußballschuhe mithat.

Es war für uns alle das erste offizielle Fußballspiel, und insofern war jegliche Nachfrage auch berechtigt, wie sich beim späteren Umziehen herausstellte.

Dieses erste Spiel war ein Freundschaftsspiel gegen einen alten Lokalrivalen, die „SG Zetor Benz“. Trotz unserer Unerfahrenheit war für unseren Trainer die Marschrichtung klar, wir, das Team von „Traktor Steinhausen“ können nur als Sieger vom Platz gehen.

Traktor Steinhausen wurde nicht nur gute zwölf Jahre vor der SG Zetor Benz gegründet, sondern sogar einen Monat vor der Deutschen Demokratischen Republik. Wir konnten uns aussuchen, welcher Anlass mehr verpflichtend war.

Es spielte auch keine allzu große Rolle, dass wir aufgrund unseres Alters ein natürliches Desinteresse an dieser Art von Motivationshintergrund hatten. Wir nahmen es so hin und redeten uns ein, dass das alles seine Richtigkeit hat.

Mittlerweile waren wir vollständig und kamen sogar relativ pünktlich los. Klar war, dass wir mit dem Fahrrad zum Spiel fahren mussten. Der Weg erwies sich als anstrengender und weiter als gedacht. Der Nebel und die Kälte wollten einfach nicht weichen, und so fuhren wir durch ein für alle unbekanntes Terrain auf schlechten, kraftzehrenden Feld- und Waldwegen.

Die ganze Gegend hatte durch den Nebel ein eigenartiges, etwas grusliges Aussehen, und mir kamen Erzählungen von meinem Onkel Georg in den Sinn, der von genau solchen kalten und nebligen Gegenden aus seiner Kriegsgefangenschaft in Russland erzählt hatte.

Mir lief bei diesem Gedanken ein kalter Schauer über den Rücken, und ich gab mir doppelt so viel Mühe, nicht den Anschluss an die Gruppe zu verlieren.

Obwohl wir noch gar nicht weit gefahren waren, ich schätzte vielleicht fünf bis sechs Kilometer, fand ich es irgendwie komisch, dass ich so nah an meinem Heimatort die Gegend nicht mehr kannte.

Ich beschloss, dass sich das nach unserer Rückkehr in den kommenden Wochen ändern muss. Herr Fiedler rief:

„Kommt Jungs, lasst uns eine kurze Pause machen, ihr fallt mir sonst vor Schwäche auf dem Platz noch um.“

Trotz der Aufregung willigten alle sofort ein. Es war abenteuerlich anzusehen, auf welchen Fahrrädern wir unterwegs waren. Bis auf das Fahrrad vom Trainer bot sich ein erbärmliches Bild. Kein Fahrrad hatte seine ursprünglichen Bestandteile, sowohl eigenwillige Farbkombinationen als auch wild zusammengebaute technische Teile vermittelten den Eindruck einer verwegenen Truppe junger Abenteurer.

Es bestand jederzeit die reale Gefahr, dass jemand aufgrund eines technischen Defekts liegenblieb und wir alle womöglich zu spät zum Freundschaftsspiel kamen. Da nur der Trainer die Strecke kannte, mussten wir auf unser Glück hoffen.

Nach ungefähr einer Stunde kamen wir in Benz an. Obwohl wir wie im Training nur auf dem Halbfeld spielen sollten, konnten wir aufgrund des Nebels nicht mal von Tor zu Tor sehen. Wir dachten schon, dass diese ganze Quälerei der Anfahrt umsonst gewesen war. Diese Zweifel waren aber unbegründet, und nach kurzer, verhaltener Begrüßung mit unserem Gegner ging es auch schon in die Kabine zum Umziehen, und die ganze Pracht der Ausrüstung kam nun zum Vorschein.

Beim Anblick der auf dem Boden verteilten Fußballschuhe musste ich sofort an die Pause auf der Anfahrt und den chaotischen Anblick der Fahrräder denken, hier bot sich ein ähnliches Bild. Ich dachte an die Schwierigkeiten beim Versuch, in Wismar passende Fußballschuhe zu bekommen. Mutter und ich hatten es dort mehrere Male versucht und irgendwann eine Art von Mitleid bei der Verkäuferin erweckt. Diese gab uns dann über eine Lieferung in der kommenden Woche den entscheidenden Tipp.

Auch wenn aus dem erhofften Schuhmodell ein unverhofftes geworden war, so hatte ich zumindest mein erstes Paar Fußballschuhe vor mir liegen.

Andere wie Dirk, Günter und Bernd müssen ähnlich ausdauernd mit ihren Eltern vor Ort in Wismar gewesen sein, um in einem der beiden Sportgeschäfte das gleiche Glück zu erzwingen. Wenn jemand nichts erzwingen musste, hatte er meistens Beziehungen, wir hatten die leider nicht.

Matthias, der natürlich auch neue Fußballschuhe hatte, war einer dieser Glücklichen und zeigte das auch gerne. Der Rest der Mannschaft war mit verschiedenen Hallenschuhen ausgestattet, die bei dem Wetter nun gar nicht zu gebrauchen waren.

Herr Fiedler wusste um die Schwierigkeiten der Beschaffung und übersah dies scheinbar, wohlwissend, dass es bei den Platzverhältnissen zur Rutschpartie kommen und das unter Umständen den sicher erhofften Sieg kosten könnte.

Noch bunter wurde es bei den Trikots, Hosen und Stutzen. Da wir zwei unterschiedliche Kleidersätze hatten, war es anscheinend einer mangelhaften Abstimmung geschuldet, dass nahezu die Hälfte die roten Dresse eingepackt hatte und der Rest die blauen.

Unserem Trainer verschlug es fast die Sprache, aber es war zu spät, um etwas ändern zu können. Es passte irgendwie alles zu diesem Tag und endete entsprechend entgegen der ausgegebenen Parole „Nur der Sieg zählt“ mit einer deftigen Niederlage.

Eine Parole, die mir in der Zukunft noch des Öfteren begegnen sollte.

Wir fuhren müde und der Niederlage wegen unglücklich auf unseren Fahrrädern die beschwerliche Strecke zurück. Was wir da noch nicht wussten, und das war das einzig gute Ergebnis an diesem Tag:

Eine Anreise mit dem Fahrrad sollte es nie mehr geben.

Am nächsten Tag hatte keiner auch nur einen Gedanken an Fußball. Wir trafen uns ansonsten so oft es ging, um einfach zu bolzen, aber der Fahrradausflug nach Benz verlangte eine Pause vom runden Leder. Das war mir ganz recht, denn Bernd und Paul, meine Nachbarn und Spielkameraden, zog es immer wieder in die verschiedenen Wälder, die uns mal größer und mal kleiner umgaben und stellenweise mit kleinen Bächen durchzogen waren, die sich wiederum für aufregende Aktivitäten eigneten.

Paul war zwei Jahre älter als Bernd und ich und hatte neben handwerklichen Fähigkeiten gute Ideen, wie man diese Landschaft nutzen konnte. Voraussetzung war natürlich eine minimale Form der Bewaffnung.

Ein Messer war Pflicht und unbedingte Voraussetzung, um die Ideen von Paul auch umzusetzen. Ich war hier gut ausgerüstet und stolz auf meines, wobei mir gar nicht klar war, wo das Messer eigentlich herkam. Es war für mich nahezu ein Original aus irgendeinem Cowboyfilm: der gleiche Griff wie ein Bowiemesser, ein kleines Parier-Element zwischen Klinge und Griff und dann eine fünfzehn Zentimeter lange Klinge mit einem kleinen Entenschnabel.

Ich konnte es nicht nur sehr gut zum Schnitzen benutzen, denn wir hatten viel zu schnitzen, sondern es hatte auch den richtigen Schwerpunkt und warf sich somit auch sehr gut, sodass auch ein Feind auf Distanz ohne Probleme zur Strecke gebracht werden konnte. Neben dem Messer brauchten wir ohne Frage auch einen Colt, hier blieb nur, einen zu schnitzen.

Paul bewies besonderes Talent, und Bernd und ich versuchten nur irgendwie, an das Original heranzukommen.

Die eigentliche Herausforderung kam dann jedoch im Kampf. Es war immer wieder die gleiche Frage zu beantworten, wenn wir hinter Bäumen und Büschen versteckt auf den Gegner lauernd einen Schuss abfeuerten, der mit einem lauten, nachempfundenen Geräusch aus uns herausbrach.

War der andere getroffen oder eben nicht?

Darüber konnten wir uns trefflich streiten, und so manches Mal gingen wir im Streit auseinander. Das hielt aber nie lange an, und so trafen wir uns zum nächsten Abenteuer.

Besonders gerne sprangen wir über die Bäche oder über kleine Schluchten. Hierzu schnitzten wir aus Weiden zirka 3 Meter lange Stangen und machten eine Art Stabseitsprung. Das war nicht immer ganz gefahrlos und führte über nasse Sachen, wenn wir eben im Bach landeten, auch schon mal zu verstauchten Knöcheln und anderen Blessuren.

Das gehörte einfach dazu, der Indianer kennt ja schließlich auch keinen Schmerz.

Baumhäuser in luftigen Höhen, Erdhöhlen, Staudämme, geköpfte Hühner, die wir versuchten über einem Feuer garzubekommen, es ging immer irgendetwas. In der Woche fehlte uns durch die Schule die Zeit für ausgedehnte Ausflüge, und so kam uns die riesige Scheune in der Mitte des Dorfes gerade recht.

Eigentlich war es verboten, dort zu toben, aber das berührte uns nicht weiter, denn es wurde kaum kontrolliert.

Die Scheune war 40 Meter lang, 30 Meter breit und im Dachfirst 15 Meter hoch. Gut gelegen unweit von unserem Garten. Durch die Holzkonstruktion und die notwendigen Versteifungen ließen sich sehr einfach Seile befestigen, an denen wir dann durch die Scheune schwebten und uns einfach fallenließen.

In der Regel war die Scheune besonders zu den Seiten hin mit Heu vollgestopft, und durch die unterschiedliche Entnahme und Bestückung ergaben sich immer wieder andere Heuhaufen, auf die man fallen oder springen konnte.

Ein ähnliches Spiel ergab sich kurz nach der Ernte, wenn Heu lose auf den Feldern zu Mieten gestapelt wurde oder Heuballen zu großen Mieten auf dem LPG-Gelände standen.

Die Möglichkeiten gingen einfach nicht aus. Wenn das Wetter nicht mitspielte, ging es auf den Heuboden von Paul und Bernd. Über dem Stahl war der halbe Dachboden mit Heu vollgestopft, und so war für den Notfall immer gesorgt.

Das Dorf

Das Leben in unserem Dorf hatte für mich etwas von einer Insel, und auch wenn ich bis dahin noch auf keiner Insel gewesen war, so musste es dort zumindest sehr ähnlich sein.

Mein Lebensbereich beschränkte sich im Wesentlichen, schon durch die Tatsache, dass meine Familie kein Auto hatte, auf einen Bewegungsradius von ungefähr vier Kilometern. Es bestand auch nicht wirklich die Notwendigkeit, sich von dieser „Insel“ an Land zu begeben, denn unser Dorf hatte aus meiner Sicht alles, was notwendig war: den Konsum, das Kulturhaus mit der Kneipe und dem Tanzsaal im Erdgeschoss, darüber die Einrichtungen der Kampfgruppe, die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft, kurz LPG genannt, die Ställe, die Post, den Kürschner und nicht zuletzt den Kindergarten, in dem ich bis zur Einschulung untergebracht war.

Wir waren eigentlich sogar in der komfortablen Situation, dass wir alles doppelt zur Verfügung hatten, denn ganz in der Nähe, nur durch ein schmales Waldstück getrennt, befand sich der große Bruder unseres Dorfes.

Zusammen waren wir Neuburg- Steinhausen. Wir Steinhausen, die anderen Neuburg.

Es war nie wirklich eine Rivalität zwischen den Dörfern, aber irgendwie empfand ich uns doch als eine Art Anhängsel. Dieses Anhängsel verlieh aber unserem Fußballverein seinen Namen, und das brachte uns gefühlt dann doch wieder auf eine Stufe.

Neuburg war schöner. Die Anlage des Dorfes strömte allein durch die abwechslungsreiche Landschaft mit den unterschiedlichen Höhenzügen, die sich waldreich ab der Mitte des Dorfs integrierten, eine für mich unglaubliche Gemütlichkeit aus. Einer dieser Höhenzüge in der Mitte von Neuburg war am höchsten gelegen und im Laufe der Jahre zu einem Platz für Veranstaltungen umfunktioniert worden.

Ähnlich wie die Hauptburg südlich von Wismar, die dem Land den Namen Mecklenburg gab, gab es in grauer Vorzeit auch hier eine Befestigungsanlage.

Nun wurde hier allerdings nicht mehr gegen fremde Stämme verteidigt und gekämpft, der Kampf war bei den Volksfesten eher ein Wettkampf mit dem Alkohol.

Es musste in der Geschichte dieses über Jahrhunderte heidnischen, freien Volkes, der Mecklenburger, gelegen haben, die, wie ich aus dem Geschichtsunterricht von Herrn Fiedler erfuhr, zwar immer arm gewesen waren, sich aber bis aufs Messer gegen die Christianisierung gewehrt hatten.

Es war dieses ganze Elend von Leibeigenschaft, Frondiensten, dem Recht der ersten Nacht und anderen Qualen.

Selbst als im benachbarten Preußen die Leibeigenschaft aufgehoben wurde, änderte sich in Mecklenburg noch lange nichts.

Ich dachte mir, dass es das aus alter Zeit immer noch gefühlte Elend war, oder die durch die ewige Unterdrückung vorhandene Rückständigkeit, die viele das Leben nur im Delirium ertragen ließ.

Wie auch immer, ob nun der erste Mai als Kampftag der Arbeiterklasse oder welche Veranstaltung es auch war, diese Auswüchse nervten mich und waren für uns nicht gut.

Das Fehlen der großflächig angelegten LPG sowie der Ställe ließ Neuburg eine Einheit sein. Die Nähe zwischen der neu eröffneten Schule mit angeschlossener Sporthalle, dem Sportplatz und den Verkaufseinrichtungen bot in meiner Vorstellung ein perfektes Umfeld.

Ich hatte meine Insel und freute mich auf den ersten Schultag im September 1974 in der neuen Oberschule mit dem verpflichtenden Namen „Rosa-Luxemburg“.

Vater arbeitete in der LPG im Dorf und war als Werkstattleiter unter anderem für die technischen Belange des Fuhrparks zuständig.

Ich besuchte ihn dort sehr gerne, auch wenn das schmutzige Umfeld eher abstoßend war. Die Traktoren, Anhänger, Erntemaschinen und die anderen verschiedensten Kraftfahrzeuge wirkten wie ein Magnet auf mich.

Vater konnte, für mich aufgrund der Vielzahl an Teilen unbegreiflich, einen Motor in all seine Bestandteile zerlegen und entsprechend auch wieder zusammenbauen.

Ich fragte mich, warum ein Werkstattleiter überhaupt arbeiten musste und nicht nur all seine Mitarbeiter anleitete.

Vater beatwortete mir diese Frage auch nicht wirklich, ich nahm an, dass er einfach nur Spaß an seiner Arbeit hatte und deswegen selbst mit anpackte.

Der Boden der riesigen Werkstatt war ganz und gar mit einer Mischung aus Motorenöl und Sandstaub bedeckt. Die ganze Fensterfront entlang standen Werkbänke aneinandergereiht, in der Halle verteilt waren unterschiedliche Arbeitsbänke mit schwerem Werkzeug, wie Maul- und Ringschlüsseln in riesigen Dimensionen, sowie Stahlwannen für abgelassenes Getriebe oder Motorenöl. Garniert wurde dieses scheinbare Durcheinander durch Ersatzteile für die verschiedenen zu reparierenden oder zu wartenden Maschinen.

Vater sah mit einer Art Armeeschirmmütze und dem schwarzen, ölverschmierten Overall fast verwegen aus, und somit sah ich ihm gerne bei der Arbeit zu.

Sein Spezialgebiet schienen festgelaufene Motoren zu sein. Er entfernte mit einem Ungetüm von Flaschenzug die Motoren aus den Halterungen des Motorraums und setzte sie auf dem Hallenboden auf bereitstehende Metallböcke ab. Nach und nach löste er die einzelnen Teile, bis die Kolben vor ihm auf dem Tisch lagen und die Analyse des Problems erfolgte.

„Vater, was machst du nun mit dem Teil?“, fragte ich.

Er versuchte, mir mit einfachen Erklärungen die Geheimisse der Motorentechnik nahezubringen, schilderte im Detail, was die Kolbenringe verraten, wo im Kolbengehäuse die problematischen Stellen liegen und wie mühsam das Schälen der Reibungsflächen mit einfachsten Hilfsmitteln, wie etwa einer Rasierklinge, funktionierte.

Ich war beindruckt und stolz und musste im gleichen Moment an meinen Freund Michael denken, dessen Vater Direktor an der Neuburger Oberschule war.

Ich fragte mich unwillkürlich, ob er das wohl auch kann. Unsere Väter und damit verbunden unser Umfeld waren so dermaßen unterschiedlich, dass ich mich spontan wunderte, wie wir eigentlich befreundet sein konnten.

Dieser Gedanke verflog sehr schnell, als sich die Hallentür öffnete und der LPG-Vorsitzende eintrat. Vater gab mir zu verstehen, dass ich gehen sollte, und ich tat so, als ob ich nur kurz dagewesen war, um eine Frage zu stellen.

Ich mochte Herrn Bräuer nicht und grüßte nur kurz und verabschiedete mich von Vater. Petra, seine Tochter, ging mit mir in eine Klasse und da ich sie gut leiden konnte, war mir vollkommen unklar, wie sie so einen unsympathischen Vater haben konnte.

Herr Bräuer hatte mich vor gar nicht allzu langer Zeit von einem Radtraktor heruntergeschmissen, der auf dem LPG-Gelände stand. Vater kam zufällig dazu und geriet über die Art und Weise mächtig mit ihm in Streit.

Natürlich war Herr Bräuer im Recht, aber mir schien, dass auch noch andere Gründe für den heftigen Wortaustausch eine Rolle spielten. Ich hatte mit meinen Kumpels auch immer mal wieder kleinere und manchmal auch größere Reiberein, das renkte sich aber immer wieder ein, und insofern konnte das bei den Erwachsenen ja auch nur so sein, zumal sie ja immer vorgaben, alles viel besser zu verstehen.

Unmittelbar am LPG-Gelände befand sich ein Karree aus rotem Ziegelstein, das an einer Seite offen war.

Ursprünglich müssen es Pferdestallungen von dem Gutsherrn im Dorf gewesen sein, aber mit den Jahren wurde daraus eine Ansammlung mit unterschiedlichsten Verwendungen, und das verlieh dem Ganzen eine eigentümliche Aura. Der der LPG zugewandte Teil des Karrees beherbergte immer noch einen Pferdestall, der mit einer Wand direkt an das Schlafzimmer meiner Oma grenzte.

Ihre Wohnung erstreckte sich in Verlängerung des Pferdestalls hinaus bis zur Ecke des Karrees und weiter mit zwei Räumen um die Ecke herum in Richtung Westen.

So wie Oma wohnte, musste es auch auf einem Bauernhof sein: der Ofen mit der Feuerstelle in der Küche, zwei alte Holzküchenschränke mit Waagen, Kaffeemühle, Bretter und vieles mehr. Gleich von der Küche ging es in eine Art Wirtschaftsraum mit Brennmaterial, Blechwannen, Gartengeräten, Bottichen, einer Räucherkammer und Unmengen eingeweckter Lebensmittel aller Art.

Gerade wenn wir mal wieder ein Schwein geschlachtet hatten, ging es hier hoch her. Die Schweinebraten wurden gepökelt und in den Holzbottichen eingelegt, die Räucherkammer war mit allen möglichen Würsten und Schinken übervoll, und es wurde gefeiert.

Ein Rätsel war mir allerdings, wie Oma es aushielt, jedes Mal gut 50 Meter bis zum Plumpsklo zu gehen. Es war mir ein Graus, in diesen Bretterverschlag am Ende des Karrees mit einem undefinierbaren dunklen, irgendwie Angst einflößenden Loch zur Toilette zu gehen. Alle versuchten mir dann einzureden, dass ich schon ein großer Junge war, wenn ich das allein schaffte. Aber schon dieses harte Zeitungspapier, das erst weich geknetet werden musste, bevor es überhaupt irgendwie nutzbar war, war einfach nur schlimm.

Oma kannte aber nichts anderes und somit war es für sie nie ein Problem.

Ich war so froh, dass wir zu Hause schon einen Schritt weiter waren und unsere Toilette die Nutzung von Zeitungspapier nur verstopft hätte. Über ihrer Eckwohnung befand sich die Mühle, die von unserem Nachbarn Herrn Rühs betrieben wurde.

Das Getreide der LPG für die Tierproduktion der LPG und die zahlreichen Eigenversorger, wie wir selbst, wurde hier verarbeitet. Die steile Treppe führte direkt hinter dem Küchenfenster meiner Oma auf den Mühlenboden, und mit Betreten desselben war man in einer anderen Welt. Eigentlich hätte es pro Tag diverse Abstürze mit Schwerverletzten geben müssen, denn die Stufen waren schmal, die Treppen steil und die Arbeitsschuhe rau und groß gearbeitet.

Aber es passierte nichts.

Ich dachte mir, dass allen klar war, dass ein Sturz nur tödlich enden konnte, und das machte vorsichtig.

Die vorhandene abenteuerliche Balkenkonstruktion und das Fachwerk waren über und über mit Mehlstaub bedeckt, und somit sah der ganze, sehr enge Dachboden wie eine weiße Märchenwelt aus.

Schräg gegenüber der Treppe auf der anderen Wandseite befand sich die Luke, durch die die Korn- und Mehlsäcke mit Hilfe eines Seilzuges abgelassen wurden.

Was von oben wie von unten unheimlich interessant aussah, war für meine Oma nicht so lustig, da sich unter der Luke genau ihr Schlafzimmerfenster befand.

Da Herr Rühs unser Nachbar war, ich mit seinen Söhnen zwei gute Spielkameraden gefunden hatte und mein Vater durch unsere kleine Tierhaltung immer Bedarf an rationierten Getreidesäcken hatte, war mein Zutritt zur Mühle frei. Auch wenn ich es nicht übertreiben durfte, so ließ er mich gewähren.

Gleich neben der steilen Treppe war ein weiterer kleiner Pferdestall von Herrn Gerdes, dem ehemaligen Kutscher der damaligen Gutsfamilie von Vieregge, die dem Dorf letztendlich das jetzige Kulturhaus spendierte.

Zur Herbstfurche im Garten lieh sich Vater immer mal wieder ein Pferd aus, um den Pflug zu ziehen. Ich war über die Ausmaße dieser Arbeitspferde immer wieder erstaunt.

Vater hatte auf der Siedlung in Neuendorf auch ein Pferd und konnte damit umgehen. Irgendwann stand kein Pferd mehr zur Verfügung, und so durfte ich es ersetzen.

Ich war meinen Eltern jedoch unendlich dankbar, dass sie mich prinzipiell nie zur Gartenarbeit genötigt haben. Die in der Summe überschaubaren Einsätze meinerseits konnten insofern auch nicht zu einer negativen Grundeinstellung zu dieser Art von körperlicher Arbeit führen.

Einige meiner Mitschüler waren in dieser Beziehung deutlich unter Druck, auf dem Dorf ja eigentlich auch nichts Besonderes, aber dieser Zwang, der immer wieder aufs Neue bestand, hatte aus meiner Sicht so gar nichts mit einer angemessenen Erziehung zu tun. Hier hatte man entweder Glück, wie ich, oder eben Pech.

Komischerweise waren die Mädchen von diesem Zwang meistens ausgenommen, das war nicht gerecht.

In unmittelbarer Nähe zu dem Gebäudekomplex befand sich das alte Gutshaus. Die Nutzung dieses Gutshauses war äußerst vielseitig.

Es war mir unvorstellbar, dass dieses Riesengebäude nur eine Familie genutzt hatte, ganz gleich, wie groß sie war.

Andererseits musste es aber auch nicht so beengt sein, wie bei uns zu Hause. Zwei kleine Zimmer für vier Personen, das war das ganze Gegenteil von groß.

Der Haupteingang war in der ersten Etage über eine große Terrasse zu erreichen. Die erste Tür gleich links am Eingang im Inneren führte in den Kindergarten.

Die neuen Räumlichkeiten in einer Baracke 200 Meter entfernt waren noch nicht fertig, und so fand die Gemeinde hier zunächst einen Ersatz. Gegenüber von der Eingangstür zum Kindergarten ging es direkt in den Dorfkrug, einem großen Raum mit vielen Tischen, einem Tresen und meistens einem Haufen betrunkener Leute. Leider zog dieser Ort meinen Vater auch magisch an, mit einer scheinbar nur durch das Portemonnaie begrenzten Menge von Alkohol.

An beiden Türen vorbei, einen Flur entlang, ging es zu den ausschweifend großen Holztreppen zur zweiten Etage und weiter auf den riesigen Dachboden. Es schien so, als ob die Größe der Treppen in weiser Voraussicht für die zukünftige Nutzung gewählt worden war, ansonsten war dieser Überfluss für mich gar nicht erklärbar.

In der zweiten Etage waren ein paar Wohnungen, und auf dem Dachboden hatte sich die Kampfgruppe eingerichtet.

Mir schien, dass alle Männer aus dem Dorf hier Mitglied waren. Vater sagte, wenn man Mitglied der SED sei, der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, dann bestehe quasi die Pflicht, wobei es eher zwangsverpflichtend als freiwillig pflichtbewusst schien, bei der Kampfgruppe Mitglied zu sein. Unter Kämpfern stellte ich mir sowieso etwas anderes vor.

Es war egal, denn ich fand es zwischen all den Uniformen, Filzstiefeln, Stahlhelmen, diversen anderen Ausrüstungsgegenständen und den immer griffbereit stehenden Maschinenpistolen äußerst interessant, so als ob gleich irgendwas passieren würde. Hinzu kam diese eigenartige Geruchsmischung aus Waffen, Öl, überlagerten Uniformen, Männerschweiß und Alkohol.

Es war die Mischung, die einen eigentlich abstößt, aber auch irgendwie anzieht. Darüber hinaus, dass aus mir unerklärlichen Gründen kaum andere Kinder Interesse oder auch Zugang zu diesem Dachboden fanden. Ich konnte das somit nahezu allein genießen, und das Gefühl gefiel mir zusätzlich.

Das Thema Krieg und damit verbunden die Armee war gerade bei Familienfeiern zu fortgeschrittener Stunde immer wieder aktuell.

Nicht nur mein Vater, der als Deutschstämmiger in Litauen als Freiwilliger in einer Sondereinheit hinter den Linien seinen Dienst abgeleistet hatte und zu meinem Leidwesen einfach nicht gerne und schon gar nicht freiwillig von dieser Zeit erzählen wollte, hatte Kampferfahrung. Auch meine Onkels hatten etwas zu erzählen.

Der eine war in russischer Kriegsgefangenschaft und konnte gar nicht genug über die schlimmen Russen schimpfen und erzählte in allen Facetten darüber; der Bruder meiner Oma, der in Norwegen andere Erlebnisse gehabt zu haben schien, hielt die nicht für so erzählenswert.

Ich war also aus erster Hand mit einigen Aspekten des Militärs im Allgemeinen und bei wiederholten Feiern mit der russischen Kriegsgefangenschaft im Besonderen vertraut und fand es zu mindestens sehr interessant, wenn auch nicht erlebenswert.

Damit das aber gar nicht erst so weit kam, war ab Januar meines Geburtsjahrganges klar, dass wir Jungs NVA-Soldaten wurden, um gerade nicht die gleichen Geschichten erzählen zu müssen. Es sollten andere Geschichten werden, die letztendlich auch nur sinnvolle Lebenszeit vernichtet haben.

Zu Beginn meiner Schulzeit war Mutter ausschließlich Hausfrau, sie hatte Zeit, alles in Ruhe abzuarbeiten und fand sich nach meinem Eindruck auch selbst in dieser Rolle wieder.

Vater war der Auffassung, dass sie mit den Kindern, dem Haushalt und allem Übrigen genug zu tun hatte und er die Familie auch allein ernähren konnte. Hierbei nahm er bewusst in Kauf, dass bei den schlechten Verdienstmöglichkeiten in der LPG jede Ausgabe doppelt hinterfragt werden musste.

Als persönliche Konsequenz ließ er sich den Urlaub in den schweren Anfangsjahren prinzipiell ausbezahlen, sodass in der Folge die Familie nie zusammen Urlaub machen konnte.

Da ich den Urlaub an sich nicht und schon gar nicht außerhalb unseres Dorfes als Freizeitgestaltung kannte, vermisste ich zunächst auch nichts. Dieser Verlust sollte erst später in mein Bewusstsein treten.

Es war schwer genug, das Leben mit ein bisschen Wohlstand zu meistern, und so konzentrierte sich vieles wie selbstverständlich auf einen wesentlichen Kern von Leben, die Familie.

Die materielle Gleichschaltung der Lebensumstände war dazu eine wunderbare Voraussetzung. Nun musste nur noch abgesichert werden, dass der Tisch gut und lecker gedeckt war. Das bedeutete die Unterhaltung eines großen Nutzgartens, das Halten von Schweinen, Hühnern, Enten und Karnickel und damit verbunden die Bestellung von Rüben- und Kartoffelflächen, die nie unter einem Hektar groß waren, um die Viecher entsprechend füttern zu können.

Die aus diesem Umfang entstandenen Aufgaben schienen mir nahezu unbeherrschbar, umso mehr, wenn ich mit der Hacke auf dem Acker stand, die endlos erscheinende Reihe an zu verziehenden Rübenpflanzen bis zum Horizont vor mir hatte und schon beim blanken Anblick Rückenschmerzen bekam.

Die Arbeiten wurden jedoch von meinen Eltern in einer stoischen Ruhe erledigt, die einfach notwendig war, um jede Art von stupider, anspruchsloser Arbeit erledigen zu können. Die Arbeit schien ihnen wohl deshalb nie zu viel oder gar lästig zu sein.

Es war diese Einsicht in die Notwendigkeit, die bei der Mangelwirtschaft um uns herum meiner Mutter den Druck beim Einkauf von Lebensmitteln nahm und die absolute Prämisse von meinem Vater erfüllen ließ, auf dem Tisch immer genug zu essen zu haben.

Meine ältere Schwester und ich konnten in diesen Arbeiten natürlich nichts Sinnvolles erkennen, uns beiden war aber bewusst, dass wir nicht nur dank der Kochkünste meiner Mutter, sondern insbesondere aufgrund der aufwendigen Hauswirtschaft im Vergleich zu manch einem Klassenkameraden ein Schlemmerleben führten.

So ganz ohne Zwangseinsätze lief die Versorgung auch für uns nicht ab, aber im Wesentlichen wurden wir beide doch in Ruhe gelassen und konnten unseren Aktivitäten nachgehen.

Im Spätsommer 1972 war es wieder mal so weit, dass ein Schwein gut genug gemästet war, um geschlachtet zu werden.

Die Schweinehaltung war aufwendig aber auch bescheiden einträglich. Zu besten Zeiten standen fünf Schweine im Stall, wobei das Wort Stall deutlich übertrieben erschien. Eigentlich war unser Stall ein Bretterverschlag mit zwei Buchten. In der einen Bucht standen die ausgewachsenen Schweine und in der anderen die Ferkel. Gerade während der Fütterung verursachten die Viecher eine unglaubliche Geräuschkulisse, und ich hatte immer den Eindruck, dass sie glücklich quieken.

Vater kaufte in der Regel je zwei neue Ferkel. Auf einer schwarzen Tafel wurden Kaufdatum und Gewicht mit Kreide vermerkt. So konnte jeder erkennen, wann es entweder mit dem Verkauf oder mit der Schlachtung so weit war. Wenn irgend möglich, versuchte mein Vater pro Jahr ein Schwein zu verkaufen.

Mit der Limitierung an Futtergetreide und der mangelnden Bereitstellung von Futterkartoffeln und anderen Futtermitteln hatte er so seine Not, die angestrebten drei Zentner zu erreichen. Es war bei näherer Betrachtung eine wirkliche Last mit dem Viehzeug.

Den Luxus, sich das einzugestehen und womöglich noch den Schluss zu ziehen, es einfach nicht mehr zu machen, gab es nicht.

Die materiellen Verhältnisse waren schlecht und der Wunsch, sich selbst, uns Kindern und vielleicht auch der kleinen Gesellschaft um uns herum zu zeigen, dass es weiter geht, war groß. Die Einnahmen meiner Eltern, deren Höhe ich irgendwann mal erfuhr, ließen mich alles verstehen. Vater verdiente 400 Mark in der LPG, ein paar Jahre später 700 Mark beim Kreisbetrieb für Landtechnik, kurz KfL und gönnte sich nach der Hochzeit elf Jahre keinen Urlaub.

Irgendwann wollte meine Mutter auch eigenes Geld verdienen und ging dann für sechs Stunden und 330 Mark in der Kartoffelhalle arbeiten. Das gab dann eine mittelschwere Revolte von Vater, der der Meinung war, dass das Geldverdienen reine Männersache sei.

Entgegen seiner ruhigen Art sprach er vor Wut einige Tage kein Wort mit Mutter, aber wie oftmals setzte dann irgendwann doch der Verstand wieder ein, und so fand er die erste Lohntüte von Mutter schon nicht mehr so verächtlich, zumal das Leben irgendwie auch immer teurer wurde. Der erste Schwarzweiß-Fernseher kostete 3000 Mark und Jahre später der erste Farbfernseher 5600 Mark, meine ersten vernünftigen Schuhe zur Jugendweihe 120 Mark, usw.

Es konnte also mit den steigenden Wünschen jede Mark gebraucht werden, zumal das Missverhältnis zwischen Einnahmen und Ausgaben nicht kleiner wurde. Erstaunlich war nur, dass dieses Missverhältnis keinerlei Missmut erzeugte, das Leben ging einfach unaufgeregt weiter. Die Freude über die 500 Mark für das verkaufte Schwein einmal im Jahr und die 250 Mark für die verkauften acht Karnickel zweimal im Jahr war durch die erlernte Bescheidenheit riesengroß.

Es war ein aufregendes und gleichermaßen schauerliches Ereignis, auf das wir alle nicht nur aus reinen Gründen der Bevorratung von Lebensmitteln froher Erwartung waren, sondern weil es ein willkommener Anlass war, mit den näheren Verwandten zusammenzukommen. Der Ablauf war immer der gleiche, und auch wenn ich meistens im Weg stand, so versuchte ich so nah wie möglich am Geschehen dran zu sein.

Vater und Herr Lange, der Schlachter aus dem Ort, holten das Schwein aus dem Stall und führten es unter ohrenbetäubendem Quieken mit einem Strick um den Hals und mit einer Hand gesichert am Schwanz in die Waschküche im Keller des Mehrfamilienhauses.

Es war ein Wunder, dass sich das Schwein beim Abstieg der zehn Kellerstufen nicht gleich alle Beine brach und auch die Notwendigkeit erfüllt war, möglichst wenig Aufregung in das Schwein zu bringen.

Das Fleisch schmeckt nicht, wenn das Schwein zu stark unter Stress kommt, sagte Mutter.

Ich hatte zwar nicht den Eindruck, dass dieses Unterfangen gelang, aber womöglich ist die schweinische Aufregung nicht gleich der menschlichen, denn vom Gesichtspunkt des Geschmacks aus muss für das Schwein wohl doch alles in Ordnung gewesen sein.

Wenige Jahre zuvor hatte ich nicht sofort mit in die Waschküche gedurft, der Anblick des Tötens war nach Ansicht meiner Mutter nichts für Kinderaugen.

Da ich im Durchsetzen meiner Wünsche schon damals ausdauernd sein konnte, durfte ich nach ewigem Betteln bei meinem Vater nun erstmals mit dabei sein.

Ich hatte das Schlachten von Hühnern und Kaninchen schon oft gesehen und wusste in etwa, was mich erwartete. Da auch viele Eltern meiner Freunde Viehhaltung betrieben, war das für uns Dorfkinder auch keine große Sache.

Tiere waren eben keine Menschen, und so wurde das Verhältnis auch gelebt.

Es überraschte mich dann doch, was passierte. Als Herr Lange das Bolzenschussgerät an die Stirn des Schweins setzte, wurde mir doch eigenartig zumute. Mein Vater bemerkte das und sagte nur, dass das alles ganz normal sei und dass ich mir keine Sorgen machen sollte.

Mutter erzählte mir später, dass die Tötung wenige Jahre zuvor in der alten Siedlung in Neuendorf-Ausbau mit der Axt durchgeführt wurde. Onkel Bernhard zielte auch manchmal vorbei, und so ging es dann nicht so glatt wie heute.

Mir war nicht klar, ob ich das jetzt beruhigend finden sollte. Die nötige Brutalität schien mir ein zu großer Gegensatz zu dem ansonsten sehr liebevollen Verhalten meiner Eltern gegenüber allen Menschen, die ich kannte.

Herr Lange drückte ab, und mit einem lauten, dumpfen Knall fiel das Schwein um. Die nun einsetzende Routine zeigte die Erfahrung von vielen Schlachtungen zuvor.

Es gab nicht allzu viel von dem Schwein, das nicht verwertet wurde. Das Muskelfleisch, die Innereien, das Blut und selbst die Därme. Ausgewaschen bildeten sie die natürliche Hülle für die verschiedensten Wurstsorten, die in großen, verzinkten Blechwannen von den Frauen durch Kneten und Stampfen des kurz zuvor in Ungetümen von handbetriebenen Fleischwölfen hergestellten Rohmaterials verarbeitet wurden.

Eine besondere Spezialität meiner Mutter waren die Blut-Klumpen, ein aus Blut, Mehl und Rosinen hergestellter Ball, der von meinem Vater mit der frisch eingepressten Leberwurst in Massen verspeist wurde.

Das Abendessen am Schlachttag war ein Festessen und so reichlich, dass die Menge jeder Vernunft widersprach.

Ein großes Ärgernis im Allgemeinen und bei solchen Anlässen im Speziellen war dann immer wieder das Gleiche, der Alkohol.

Ich versuchte, mich daran zu gewöhnen, sagte mir, Erwachsene seien nun mal so, aber mit steigendem Alter gelang dieser Selbstbetrug immer weniger, und ich empfand für diese Art des Trinkens eine immer größer werdende Abneigung. Es erschloss sich meinem zunächst kindlichen und später jugendlichen Verstand nicht, warum Schnapsflaschen am Ende einer Feier immer leer sein mussten, ganz gleich was es im übertragenden Sinne kostete.

Dies hatte nichts mit Genusstrinken zu tun, sondern schien nur den Sinn des Erreichens eines außeralltäglichen Zustands zu haben, der genau den normalen Alltag vergessen ließ. Zu meiner Verwunderung stellte ich im Laufe der Jahre fest, dass diese dem Alkohol zugewandte Verhaltensweise sehr normal bei vielen Familien und im Prinzip bei allen öffentlichen Veranstaltungen war.

Viele Jahre später sah ich eine Statistik aus dem Kreis Wismar, und unser Dorf befand sich in diesem Kreis, dass der Pro-Kopf-Verbrauch an Alkohol hier der größte in der DDR war. Das „Warum“ habe ich nie verstanden, aber in der Erinnerung an meine Erlebnisse aus Kindheit und Jugend, musste es einfach stimmen, denn einen noch größeren Alkoholkonsum konnte ich mir gar nicht vorstellen.

Unsere Zwei-Raum-Wohnung in dem Sechs-Familienhaus direkt an der Fernverkehrsstrasse 105 war für uns vier einfach zu klein. Ich wollte so wie der eine oder andere Klassenkamerad ein eigenes Zimmer haben, sah aber auf absehbare Zeit keine Möglichkeit, es zu bekommen.

Mutter hatte eines Abends angedeutet, dass die örtliche Wohnungsbaugesellschaft zur Schaffung von zusätzlichem Wohnraum den riesigen Dachboden mit vier weiteren Zimmern ausbauen wollte. Jede der sechs Familien konnte sich somit um die vier Zimmer bewerben oder musste sich vielleicht sogar streiten.

Auch wenn ich wusste und letztlich ohne allzu großen Widerstand akzeptierte, dass, wenn überhaupt, meine ältere Schwester das erste Anrecht auf das Zimmer haben würde, sah ich doch in weiter Ferne mein Ziel näherkommen.

Es war also beschlossene Sache, den Antrag auf das zusätzliche Zimmer zu stellen.

Es spielte uns in die Hände, dass meine Tante und mein Onkel, die gleich neben uns auf der Etage wohnten, kein Interesse an dem Zimmer hatten, da alle drei Kinder nicht mehr zu Hause wohnten. Herr und Frau Pohl, ein alleinstehendes Ehepaar aus dem Erdgeschoss, legten auf zusätzlichen Wohnraum ebenfalls keinen Wert, und so war es nur eine Frage der Zeit, wann die Bauarbeiten losgingen und wir das Zimmer bekamen.

Nach zwei langen Jahren, die ich auf das Zimmer auf dem Dachboden warten musste, war es dann so weit. Meine Schwester begann ein Studium in Dresden, und so kam der Tag, an dem ich mit der Gestaltung beginnen konnte.

Mittlerweile war ich 14 Jahre alt, und Michael hatte das Zimmer seines Bruders auf dem Dachboden seines Wohnhauses schon übernommen. Mir war klar, dass die bis jetzt stattfindenden Treffen bei Michael schon aus Gründen der dezentralen Lage unseres Hauses nicht in mein neues Reich wechseln würden, aber ich hatte jetzt die Möglichkeit, Freunde einzuladen und auch Mädchen zu empfangen. Diese gedankliche Unabhängigkeit war wunderbar.

All die Jahre musste ich aus Platzgründen im Schlafzimmer meiner Eltern schlafen. Das war vor der Jugendweihe auch irgendwie akzeptabel, aber danach war es unmöglich.

Die Jugendweihe änderte zwar nicht alles, aber durch das ganze Gerede von „Ihr seid jetzt in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen“ bis „Nun seid ihr keine Kinder mehr“ kam es zu einer Art Bewusstseinsänderung, die natürlich ihren Preis hatte, nämlich genau wie von allen Erwachsenen bis zu diesem Termin als Legitimation für Verbote aller Art genutzt, endlich nicht mehr durch Verbote limitiert zu sein.

Leider erwies sich das mehr als Wunsch, als dass es sich in gelebter Realität widerspiegelte, aber einige Dinge unseres, meines Lebens, änderten sich doch.

Das Zimmer auf dem Dachboden war die materialisierte Basisstation für eine Art von Unabhängigkeit, wie ich sie später gedanklich und auch real kaum noch erlebte. Es ging also an die Einrichtung meines neuen Reiches.

Dieses Unterfangen erwies sich als schwierig. Die Einrichtungssituation meiner Eltern war bescheiden, und insofern konnte ich nur auf den Bestand meiner Schwester und auf Eigenkreationen zurückgreifen.

Die Basis bildete ein Schrankteil aus den siebziger Jahren, eine Anrichte unter einem Glasteil mit Schiebetüren, einmal der ganze Stolz meiner Eltern.

Im geschätzten Alter von vier Jahren hatte ich die erste Begegnung mit diesem Möbelstück. Auf der Couch hinter meinem Vater hockend hatte ich mit der Handtasche meiner Mutter die Lasso-Künste der Cowboys nachahmen wollen. Leider entglitt mir die Handtasche mit beachtlicher Geschwindigkeit, beim Lasso-Werfen ja nicht unüblich, in Richtung der Glasvitrine und zerschlug eine der reichverzierten Scheiben nebst den Trinkgläsern hinter der Scheibe.

Gutes Glas oder Porzellan wurde sichtbar in der Vitrine verstaut.

Kurz, mein Vater rettete mir gefühlt das Leben, denn meine Mutter war nach meinem Eindruck zu allem bereit.

An diese Situation musste ich beim Anblick meines dekorativsten Möbelstücks doch ab und zu mal denken.

Aus dem Bestand meiner Schwester übernahm ich eine passable Liege in, für die achtziger Jahre, ungewöhnlichem Blau. Gerade weil Grau beziehungsweise Grautöne die dominierenden Farben im Alltag waren, beschloss ich ohnehin, wenn irgendwie machbar, Farbe in mein neues Reich zu bringen.

Hier kam mir die Hilfe meiner Schwester zugute. Sie arbeitete in einer Polstermöbelfabrik in Wismar, die auch für das kapitalistische Ausland, gängiger Sprachgebrauch für eigentlich alles, was in Richtung Westen an die DDR grenzte, produzierte.

Wie wahrscheinlich in jedem Betrieb war das eine oder andere Produkt, in diesem Fall Reste von herrlich weichen und farbenfrohen Stoffen, das Objekt der Begierde, und ich nervte sie so lange, bis sie mir ein paar Reste mitbrachte.

Zum Weihnachtsfest 1977 sollten diese Beziehungen zu Westwaren für mich ihren Höhepunkt erreichen, denn ich bekam einen Fernsehsessel mit gold-gelbem Samtbezug geschenkt.

Ich hatte keine Ahnung, wie sie das gedreht hatte, aber er war offiziell gekauft, und das reichte. Die Dinge nahmen langsam Gestalt an, und es konnte kaum noch besser werden.

Allerdings durfte ich im Jahr darauf eine zweiwöchige bezahlte Ferienarbeit in der Polstermöbelfabrik ableisten und empfand das trotz Bezahlung eher als Preis für meinen Fernsehsessel. Es war meine zweite körperliche, im Akkord abzuarbeitende Ferienarbeit.

Ich sah mein fast neues Möbelstück mit anderen Augen. Es war ein Knochenjob, die Sessel und Couchen am Fließband zusammenzuschrauben, und es reifte die Erkenntnis weiter, dass rein körperliche Arbeit unter allen Umständen für mein späteres Arbeitsleben zu verhindern sei. Diese Erkenntnis schloss sich nahtlos an die Erfahrungen bei einer Ferienarbeit in der höhlenartigen Kartoffelhalle bei meiner Mutter und einer weiteren in der freien Natur zwei Jahre zuvor an. Eine Nachbargemeinde suchte zur Renaturierung von Wasserläufen auf Wiesen und Ackerland billige Arbeitskräfte.

Eigentlich gab es im Dorf nur billige Arbeitskräfte, aber Schüler, die Ferienarbeit suchten, waren besonders billig.

Selbst eine Ferienarbeit war oftmals nicht ohne Beziehungen zu bekommen, und mit diesem Hintergrund an einem Überangebot an jungen Arbeitskräften waren diese eben schlecht bezahlt. Im Fach Staatsbürgerkunde wurde uns das unmenschliche Prinzip der Ausbeutung von Arbeitskräften immer wieder vor Augen geführt. Erstaunlich war die Erkenntnis, dass das im Sozialismus genauso funktionierte.

Hier war eine dringende Diskussion mit Frau Heinemann, unserer Staatskundelehrerin, notwendig.

Ich fuhr also jeden Morgen sechs Kilometer hin und mit einer unendlichen Sehnsucht nach dem Abend die gleichen sechs Kilometer zurück.

Die Arbeit war nicht nur körperlich für einen 14-Jährigen aus meiner Sicht viel zu schwer, sondern deutlich erschwerend kam hinzu, dass ein zwei Jahre älterer Schüler unheimlichen Spaß am Drangsalieren seiner Mitschüler empfand.

Ich schien hier besonders gefragt zu sein, und so entwickelte sich dieser Arbeitseinsatz zur Tortur. Eine letzte Ferienarbeit, die ich schon mit einer schmerzvollen Vorahnung annahm, sollte mich endgültig von den vielen ehrenwerten Berufswünschen jeder Art von körperlichem Handwerk entfernen.

Mein Vater hatte ein paar Jahre zuvor seinen Arbeitsplatz gewechselt, von der LPG zum KFL, einem Reparaturbetrieb für Landmaschinentechnik. In diesem Fall insbesondere für die Reparatur am Fließband von Baggern des Typs T174. Mein Onkel Karl war Meister in diesem Betrieb, und somit hatte ich Beziehungen.

Ich besuchte meinen Vater regelmäßig bei der Arbeit und kannte den ganzen Betrieb. Die Ausstattung, der Geruch, das ganze Drumherum erinnerten mich sehr an die bewunderten Besuche bei meinem Vater in der LPG am Anfang meiner Schulzeit.

Es war spannend, die ganze Taktstraße vom Zerlegen des Baggers bis zum finalen Zusammenbau zu beobachten. Hinzu kam, dass im Grunde nur Bekannte aus dem Dorf in diesem Betrieb arbeiteten. Die Arbeit und das Wohnen waren so dicht beieinander, dass die meisten zum Mittagessen nach Hause gingen.

Allein vier Männer aus dem Sechsfamilienhaus, in dem ich wohnte, arbeiteten mit meinem Vater zusammen. Auch wenn es bequem war, so war gefüllt auch nie Feierabend, da die gleichen Leute trotzdem immer noch da waren.

Das Arbeitsangebot kam so unverhofft wie die Zusage, die ich machte.

Ich kannte diesen höhlenartigen Raum und erblickte neben den beiden Drehbänken, wo zwei unserer Hausnachbarn schon fast ihr Arbeitsleben lang arbeiteten, diese Art überdimensionierte Schleifmaschine in der Ecke, auf der noch brauchbare Kupplungslamellen abgeschliffen und somit regeneriert wurden.

Zu diesem Zweck wurden die Kupplungslamellen eingespannt, die schnell drehende Schleifscheibe per Kurbel dagegen gefahren und die Kupplungslamelle blieb, wenn man Glück hatte, in der Halterung oder schleuderte auch gerne mit Vorliebe bei nur geringfügig zu hohem Anpressdruck als nunmehr mutiertes Geschoss durch die Gegend. All dies war mit einer Normmenge verbunden, die kaum zu schaffen war.

Ich habe auch diese zwei Wochen verflucht und meinen endgültigen, persönlichen Schwur abgelegt, meinen Kopf so weit wie möglich in die Lage zu versetzen, nur damit irgendwann mal das nötige Geld zum Leben zu verdienen.

Das war leichter gedacht als später getan, denn Berufswünsche konnten nur sehr bedingt erfüllt werden. Das hatte ich nicht nur bei meiner Schwester beobachten können.

Die Zeit für Bewerbungen war aber noch nicht gekommen und darüber war ich auch ganz froh.

Die neue Schule

Mit dem Einbringen des Strohs waren dann auch die Ferien zu Ende, und nach den Sommerferien 1974 war auch das neue Schulgebäude fertig. Die Zeit in der alten Schule, einer größeren Holzbaracke direkt am Waldrand einer herrlichen Endmoränenlandschaft mit dem „Wallberg“ als Mittelpunkt, war vorbei.

Auch wenn die Lage idyllisch war, so waren die Platzverhältnisse und die ganze Ausstattung der Schule schlecht, wie schlecht, sollte uns erst bewusstwerden, als wir die neue Schule in Besitz nahmen.

Aber hier war der Schulhof der Wald, und wir konnten uns nach dem endlosen Sitzen im Sinne des Wortes die Beine vertreten.

Hier überreichten uns Thälmann-Pioniere aus der vierten Klasse ganz feierlich unser blaues Halstuch, und wir kamen uns wirklich zu etwas zugehörig vor. Dass es, wie im Pionierausweis zu lesen war, die „große Familie der Werktätigen der Deutschen Demokratischen Republik, die in der nationalen Front des demokratischen Deutschlands für das Glück des ganzen Volkes zusammenwirken“ sein sollte, war uns weder bewusst, noch konnten wir das in der ersten Klasse begreifen.

Aber das Symbol Halstuch und der Pionierausweis mit seinen Geboten, die wir auch noch nicht selbst lesen konnten, aber die uns vorgelesen wurden, waren ein Vermächtnis.

Als wir in die vierte Klasse kamen, wurden wir Thälmannpioniere und bekamen erstmalig als Zeichen das rote Halstuch verliehen und überreichten den Jungpionieren wiederum das blaue. Am Unterrichtsbeginn wurde „Meldung gemacht“, ein Schüler durfte zum „Stillgestanden“ auffordern und die Grußformel sprechen „Für Frieden und Sozialismus seid bereit!“. Und wir antworteten: „Immer bereit!“.

Alle waren eingebunden in das Bestreben nach Solidarität mit den Opfern der Diktaturen, gingen regelmäßig zu Pioniernachmittagen, sammelten Altpapier und Flaschen, kurz, wir sollten so sein wie der vierzehnjährige Timur aus der Sowjetunion: ein Vorbild aus dem Roman „Timur und sein Trupp“, der zwar zu Kriegszeiten spielte, aber all das hatte, was eine sozialistische Persönlichkeit auszeichnete.

Die „Großen“ an der Schule machten uns das leider nicht immer vor, hatten es vielleicht auch nur nicht begriffen. Sie schlugen sich, bis es blutete, schubsten mit Vorliebe die Kleineren und hatten allerlei Vokabular an sich, das so gar nicht zu den Geboten der Jungpioniere passte. Wir würden es bestimmt besser machen.

Abschied ist manchmal auch der Aufbruch in bessere Zeiten, und so sah zumindest ich das. Die neue Schule hatte helle große Räume, neue Lehrmittel, wie aufklappbare Tafeln, vernünftige Stühle und Tische, die nicht den Lebenslauf ganzer Schulgenerationen mit Vorlieben für einige Lehrer erzählten oder Zeichen und Symbole, die uns erst in ein paar Jahren gegenwärtig sein sollten, sowie einen bis dahin unbekannten Tageslichtprojektor namens Polilux.

Das Größte war jedoch die Sporthalle, so etwas hatten wir noch nicht gesehen, und nun gehörte sie uns.

Neue Lehrer wurden eingestellt, und neue Schüler kamen aus anderen Gemeinden dazu. Es war eine wirkliche Aufbruchsstimmung, die durch andere Ereignisse noch befördert wurde.

Wir waren im Fußballfieber, und unsere Nationalmannschaft hatte den „Klassenfeind“ die BRD besiegt. Da war es schon nicht mehr so wichtig, wer Weltmeister wurde, obwohl, als es dann die BRD wurde, haben wir uns schon gefreut, dass wir die Einzigen waren, die den Weltmeister besiegt hatten.

Aber auch das Leben schien leichter zu werden. Mutter hatte nicht mehr diese großen Probleme, an vernünftige Lebensmittel wie Fleisch und auch die eine oder andere Südfrucht heranzukommen, und so konnte ich lernen, dass das materielle Niveau als Ausgangspunkt nur niedrig genug sein muss, um eine marginale Verbesserung als Aufschwung zu empfinden und damit dann sofort das Glück und die Hoffnung zu steigern.

Die Fähigkeit, Situationen und Lebensumstände zu relativieren, sollte mir viel später entscheidend helfen, und hier war meine Kindheit ein guter Lehrmeister, mein inneres Glück und damit mein Gleichgewicht zu wahren.

Zufall oder auch nicht, diese Gefühle passten zu der erhofften internationalen Anerkennung der DDR, die nach 25 Jahren endlich erreicht worden war.

In diesem Umfeld begann mein fünftes Schuljahr, und es machte Spaß, zumal die ewig langen Sommerferien endlich vorbei waren. Durch die Tatsache, dass meine Eltern kein Auto hatten und auch ansonsten nicht wirklich reiselustig waren, blieb mir nichts weiter übrig, als die Zeit mit Kumpels oder allein totzuschlagen.

Da irgendwann alle Spiele gespielt sind, alles gesagt ist und auch ansonsten sich alles zum x-ten Male wiederholt, bekam die Zeit ab Mitte der zwei Monate dauernden Ferien eine andere Dimension.

Die Erlösung von der endlosen Langeweile musste aber noch zwei Jahre warten, dann konnte ich meinen Moped-Führerschein machen und hoffentlich, ganz gleich wie, ein Moped bekommen.

Es schien so, dass Umzüge von Familien recht selten vorkamen. Der Lebensweg war von magischer Hand so geplant, dass nach dem Kindergarten die Schule kam, nach der Schule die Lehre und nach der Lehre im besten Fall ein Studium. Ansonsten ging es ohne irgendeine Unterbrechung, Ausnahmen bestätigen die Regel, in einen Betrieb mit oftmals lebenslanger Zugehörigkeit. Parallel dazu lernten alle den zukünftigen Partner kennen und heirateten halbautomatisch, gewisse Notwendigkeiten wie die Wohnungssuche beförderten diesen Wunsch, und darauffolgend kamen dann automatisch die Kinder.

Da der Regelfall nahe an einer Gesetzmäßigkeit war, hatten fast alle Erwachsene auch Kinder, und diese Kinder kamen und blieben alle auf der gleichen Schule und kannten sich somit auch schon immer. Und so, wie wir uns gegenseitig kannten, so kannten sich auch die Eltern, die dann oftmals noch im gleichen Betrieb arbeiteten und nicht selten im gleichen Haus wohnten. Es war keine offene, aber sicher eine zu allen Seiten geöffnete Gesellschaft.

Unter diesen Umständen kamen und gingen die Tage, und es fehlte auch irgendwie an nichts. Wir gewöhnten uns schnell an das neue Schulgebäude und alle damit verbundenen Vorteile, sodass die Schule bis auf wenige Ausnahmen wirklich Spaß machte, auch wenn nur der Sonntag schulfrei war und die „nullte Stunde“ uns ein- bis zweimal pro Woche ereilte und wir um 7 Uhr leicht übermüdet dem Lehrer folgen mussten. Die Pausen, der Fußball nach der Schule und die damit verbundenen Stunden mit den Kumpels ließen die Tage kurzweilig erscheinen.

Aber nicht nur die Woche war interessant, sondern auch immer mehr das Wochenende, und ganz speziell der Sonnabendabend bekam einen unwiderstehlichen Reiz.

Die ganzen Jahre zuvor waren wir uns irgendwie selbst genug, aber nun passierte wie ferngesteuert etwas mit dem Kopf und zum eigenen Erschrecken auch mit dem Körper.

Die Mädchen sahen uns auch mit einem Mal nicht nur mehr als Kumpels, die nur anatomisch anders waren, sondern es baute sich erst langsam und nahezu unauffällig und dann immer mehr und eindeutiger ein Spannungsfeld auf, dass so aufregend wie belastend im gleichen Maße war. Die Mädchen fingen an, komisch zu kichern und scheinbar immer über irgendwas zu tuscheln. Wir Jungs fingen an, die neuen Rundungen der Mädchen zu bemerken und tuschelten ähnlich über das, was da passierte.

Die Pausen zwischen den Unterrichtsstunden waren nicht nur gut, weil kein Unterricht war, sondern weil wir uns gegenseitig ins Visier nehmen konnten.

Wir waren auf der Jagd und fingen an, die Richtige zu suchen, um mal ein bisschen zu probieren und einfach mal den ersten, unbeholfenen Körperkontakt herzustellen.

Aber nicht nur wir sahen, was mit uns und mit unseren Mädchen passierte, sondern die Älteren sahen das auch und hatten einfach die besseren Karten. Das hieß aber nicht, dass wir aufgaben, sondern es war mehr ein erzwungener strategischer Rückzug auf Zeit, der für Beobachtungen genutzt wurde, und es sollte sich herausstellen, dass man sehr gut beobachten konnte.

Im Kulturhaus, wo ich Vater bei der Kampfgruppe so gerne besucht hatte, gab es neben der Gaststätte auch einen Tanzsaal. Dieser erstreckte sich über die gesamte Rückseite des Kulturhauses und hatte zusätzlich auf halber Länge einen weiteren Eingang, der auf eine Terrasse führte und zusätzlich über eine Freitreppe zu erreichen war und neben dem Eingang auch eine gute Sicht durch die weiteren Fenster auf beide Seiten des Eingangs ermöglichte.

Irgendwann wurden wir darauf aufmerksam, dass jeden Samstag eine Band aus dem Dorf zum Tanz aufspielte, und so dauerte es auch nicht lange, bis wir uns regelmäßig die Nasen an den Fensterscheiben plattdrückten, um zu sehen, wie die jungen und älteren Erwachsenen sich amüsierten.

Im Saal war nicht nur während der Musik ein Höllenlärm, sondern vor allem, wenn die Musiker Pause machten. Dann liefen die Leute kreuz und quer durcheinander, ob zu dem Tresen, zur Toilette oder zum Reden mit dem Nachbarn. Es wurde immer lauter, bis die Band die Aufmerksamkeit wieder auf die Tanzfläche lenkte und die Herren sich aufmachten, die Damen zum Tanz zu bewegen. Dies wiederholte sich so oft, wie die Band Pause machte und nahm an Intensität ständig zu.

Das Tanzen schien gar nicht immer so einfach zu sein, denn anscheinend wollte nicht jede Frau mit jedem Mann tanzen. Die Frau war hier eindeutig die, die das Sagen hatte.

Die Männer bauten sich vor der Auserwählten auf und schienen bittend zu fragen, ob sie tanzen möchte. Eine Einwilligung führte dann sofort zum Gang auf die Tanzfläche, spannend wurde es, wenn die Frau nicht wollte.

Ganz so schnell aufgeben wollten die Wenigsten, zumal der ganze Saal die Situation beobachten konnte. So wurde einmal und noch einmal gefragt oder manchmal auch versucht, körperlich etwas nachzuhelfen. Im schlimmsten Fall zogen die Herren beleidigt und peinlich berührt von dannen.

Saß der Mann oder Freund mit am Tisch, musste der auch noch vorher gefragt werden. Das war auch manchmal spannend.

Hier war schon klar, dass das in Zukunft nicht so einfach werden würde, denn diese Rituale würden sicher immer die gleichen bleiben, da war ich mir sicher.

Im Laufe des Abends wurde es wilder, denn viele waren betrunken und verstanden dann nicht mehr, wenn jemand nicht tanzen wollte, oder fühlten sich von anderen provoziert oder wollten einfach ihren Frust ablassen oder kamen einfach nicht aus unserem Dorf, sondern aus einem anderen.

Das war dann die Zeit der Faustkämpfer, und da hatten wir einige.

Ich erzählte meiner Mutter von meinen Beobachtungen über die Versuche und das Misslingen einiger tanzwilliger Männer, eine Frau zum Tanzen zu bewegen. Diese Szenen waren ihr nicht neu.

Es gab aber anscheinend einen deutlichen Unterschied zu der Zeit meiner Eltern. Gab seinerzeit eine Frau einem Mann einen Korb, dann musste diese den Saal verlassen.

Das ist gut, dachte ich mir, denn meine Fantasie reichte aus, mir die Peinlichkeit vorzustellen, einen Korb zu bekommen und anschließend wie ein Idiot auf den Platz zurückzugehen. Ich nahm mir vor, das nicht zu erleben, aber die Rechnung hatte ich ohne die Mädchen gemacht.

Es vergingen noch ein paar Jahre, aber dann war es so weit, und die Dinge nahmen ihren Lauf. Unsere ersten Aktivitäten fielen Mitte der siebziger Jahre in die Übergangsphase zwischen Tanzkapelle und Disco.

Irgendwann während der sechsten Klasse begann die Sturm- und Drangphase. Wir suchten nach Möglichkeiten, uns in einem Rahmen zu treffen, der genau zur Befriedigung unserer Bedürfnisse in dieser Phase passte, und da kam die Diskowelle gerade recht.

Michael war nicht nur der Sohn vom Direktor, sondern hatte genau zur richtigen Zeit den Drang, Diskjockey zu sein. Dieser Drang konnte jedoch nur mit der entsprechenden Technik befriedigt werden, die er natürlich nicht hatte. Mein alter Spielkamerad aus Cowboy- und Indianerzeiten in Steinhausen hatte den gleichen Drang und dazu auch die selbstgebaute Technik für Ton und Licht.

Unser Duo war gefunden.

Der Raum war nur noch Formsache, und so trafen wir uns regelmäßig zur Disco. Es war wie auf einem anderen Stern, das bunte Licht tauchte alles in eine Zauberwelt und die Musik von Karat, City und Lift aber auch aus den Charts aus dem Westen, wie den Village People, Santa Esmiralda, den Bee Gees, Gerry Rafferty und unendlich vielen mehr ließen uns alles vergessen.

Wir lernten von den Mädchen die ersten Tanzschritte und warteten auf die langsamen Titel, bei denen wie selbstverständlich ganz eng getanzt wurde. Wir spürten die Brüste der Mädchen und die Mädchen spürten uns, und so folgten erste Berührungen, erste Küsse und erste Auseinandersetzungen um die Richtige.

Das ging eine ganze Zeit so herrlich entspannt weiter, bis sich unsere Veranstaltung herumgesprochen hatte. Dann kamen vollkommen uneingeladen auch die Jungs aus den oberen Klassen, und da war die Freude dann nur noch halb so groß und ging irgendwann vorbei.

Wir waren als Jungs einfach nicht mehr so interessant und verstanden das nicht. Die Mädchen schienen uns in ihrer Entwicklung davonzulaufen. Das war für den Moment betrüblich, aber im Laufe der Zeit würden wir die älteren Jungs sein und dann von dieser Laune der Evolution genauso profitieren. Da waren wir zwangsweise ganz pragmatisch.

Die kleine Klassendisco mutierte zur Schuldisco und wurde in die Turnhalle verlegt. Dort war zwar deutlich mehr Platz, aber es blieb eben eine Turnhalle mit ihrer eigenen „Gemütlichkeit“. Was soll‘s, das eingespielte Duo übernahm die Musik, und es ging nahtlos weiter.

Mir fiel seit einiger Zeit ein Mädchen auf, das mit ihrer Freundin in jeder Pause ihre Runden auf dem Schulhof drehte. Dünn wie eine Bohnenstange und eigentlich zu jung, aber ich hatte mich in dieses Mädchen verguckt. Irgendwann erschien sie dann mit ihrer Freundin auf der Schuldisco, und meine Chance war da.

Ich hatte seit den ersten Tanzversuchen eine Art Tanzvirus. Zuerst dachte ich bei meinen Beobachtungen einige Jahre zuvor mit platt gedrückter Nase an den Fensterscheiben am Kulturhaus in Steinhausen, dass Tanzen einfach zu den Fähigkeiten, die man so hat, dazugehören sollte und nutzte meine Schwester und Marion, meine gleichaltrige Untermieterin, als Tanzlehrerin.

Es war aber viel mehr und machte einfach Spaß. Die Möglichkeiten, die sich boten, um mit den Mädchen in Kontakt zu kommen, erkannte ich erst später. Wir konnten riechen und fühlen und reden und auch gleichzeitig eine Art inneren Rhythmus erleben, der in kürzester Zeit einen entscheidenden Eindruck brachte, ob überhaupt ein nächster Schritt Sinn machte.

Ein Mädchen namens Kerstin hatte meinen inneren Rhythmus.

Manch andere Mädchen versuchten durch kleine Manipulationen, wie Brustvergrößerungen durch den Einsatz von Watte oder Stöckelschuhe oder etwas zu reichlich aufgetragene Gesichtsbemalung, die Außenwirkung deutlich zu verbessern. Kerstin hatte diesen Drang nicht, ein einfacher grüner Parka und Röhrenjeans für ihre Storchenbeine waren ihr genug.

Das war die Selbstverständlichkeit, die mich anzog, und so wollte ich unbedingt den nächsten Schritt machen und hatte Erfolg. Es war das gleiche Spiel wie zwei Jahre zuvor, nur, dass wir jetzt zu den älteren Jungs gehörten und die frühreifen Mädchen sich eher zu uns hingezogen fühlten.

Diese Laune der Natur nutze ich nun. Kerstin kam nicht aus unserem Dorf und musste jeden Tag mit dem Zug fahren. Ich konnte die Pausen nach den Schulstunden kaum erwarten, denn es blieb zunächst nur diese Zeit, um überhaupt Kontakt zu haben.

Es war von Anfang an klar: Wenn du jemanden willst, musst du dich richtig anstrengen, Rückschläge wegstecken und Geduld haben, die manchmal schwer zu zügeln ist und dich von allen anderen Dingen ablenkt. Gegen Anstrengung hatte ich ja nichts, und beim Fußball brauchten wir auch Geduld, bis der Gegner uns die Chance auf ein Tor bot, aber das hier war anders und lag nicht mal zur Hälfte in meinem Ermessen. Es gab aber keinen anderen Weg, und der Wille versetzt bekanntlich Berge.

Die Flucht

Im Juli 1973 kam meine Tante Ingrid sehr aufgeregt zu meiner Mutter. Tante Ingrid war eine der beiden Schwestern meines Vaters. Sie wohnte mit ihrer Familie ebenfalls in Steinhausen und arbeitete im Kuhstall als Melkerin. Es war eine harte Arbeit, wie Mutter in anerkennender Weise bemerkte, und für unsere Dorfverhältnisse war sie auch gut bezahlt.

Ihr Mann, Onkel Günter, ein oftmals mürrisch und für mich als Kind beängstigend ernst blickender Mann, arbeitete seit einigen Jahren auch in der LPG. Sie hatten vier Kinder, und auch wenn die Lebensumstände der Familie für mich immer den Anschein von Anderssein hatten, so fühlte ich mich bei den zahlreichen Begegnungen doch wohl.

Tante Ingrid war die ältere der beiden Schwestern von Vater und hatte ein gutes Verhältnis zu ihrem Bruder.

Durch das etwas holprige und in der Betonung anders gesprochene Deutsch im Vergleich zu den anderen Leuten, die ich kannte, war schnell klar, dass die Familie meines Vaters nicht aus der Gegend stammte. Mutter erzählte mir viele Jahre später, wie sie meinen Vater kennengelernt hat und wie seine Familie überhaupt in das verschlafene Mecklenburg gekommen ist.

Es war eine Geschichte, die wohl in dieser Art nur in widrigen Zeiten, wie einem Krieg, entstehen konnte.

Als Deutschstämmige verschlug es die Familie irgendwann in grauer Vorzeit nach Litauen. Der Arbeit wegen ging Tante Ingrid 1942 in eine Anstellung als Kindergärtnerin auf ein Gut namens „Stolpe“ nach Ostpreußen und lernte dort den zu dieser Zeit verheirateten Günter Wagner kennen, der als Verwalter auf diesem Gut arbeitete.

Im Laufe der Zeit, als sich beide näherkamen und die Ehe von Onkel Günter aufgelöst wurde, holte Tante Ingrid die Eltern und die Schwester nach Ostpreußen nach.

Mein Vater war zu dieser als Soldat im Krieg. Die Ostfront schob sich 1943/44 schnell Richtung Deutschland, und somit mussten alle in Richtung Westen fliehen.

Onkel Günter als Verwalter hatte den Zugriff auf Pferde und Pferdewagen und begann, die Flucht in Richtung Westen vorzubereiten. Im Laufe des Jahres 1944 kamen alle in Mecklenburg an und machten in Benz, nahe Wismar, Halt und blieben dort auch bis zum Kriegsende. 1945 zog die Familie meines Vaters nach Neuendorf um und fand beim Schmiedemeister Klein eine Unterkunft.

Familie Maier wohnte zu dieser Zeit auch in Neuendorf.

Opa Maier kam in den dreißiger Jahren aus der Schweiz nach Mecklenburg und kam irgendwie zufällig in dieses verschlafene Dorf, wo die Familie meiner Mutter seit Generationen lebte.

Auch Jahre später, in wiederkehrenden Gesprächen, in denen ich meine Mutter über die Gründe des Umzugs ihres Vaters von der Schweiz nach Mecklenburg befragte, blieb für mich unklar, wo seine Motivationen für diesen drastischen Ortswechsel lagen, zumal er aus einer intellektuellen Familie stammte, die Ärzte und Dozenten hervorbrachte. Der Wechsel hinein in eine ländliche und zu dieser Zeit deutlich einfacher strukturierte Lebensweise blieb mir unerklärbar.

Im Sommer 1947 kam mein Vater aus einem Lazarett in Königs Wusterhausen und somit letztendlich aus dem Krieg zurück und fand seine Familie schließlich in Neuendorf wieder.

In meiner Fantasie musste die Verbindung meiner Eltern zwangsläufig gewesen sein. Mutter war 16 und Vater 23, es war wohl Liebe auf den ersten Blick, denn wir, meine Schwester und ich, konnten viele Jahre das blinde Vertrauen und den Willen, nur zusammen etwas aufzubauen und zu leben, spüren.

Die Dinge nahmen dann sehr schnell ihren Lauf. 1951 gab es den ersten Umzug als unverheiratetes Paar in das gemeinsame Zuhause beider in Neuendorf-Ausbau, einer kleinen Siedlung am Rande des Dorfes. Schon im darauffolgenden Jahr wurde geheiratet und ein weiteres Jahr später erfolgte der Umzug nach Steinhausen, meinem Heimatdorf.

Mutter fragte sofort, was den los sei. Tante Ingrid verkündete, dass ihre Tochter Petra in den Westen geflohen sei.

Die Fluchthilfe war in den siebziger Jahren ein sehr aktuelles Thema, das auch uns Kindern durch die negative und anklagende Berichterstattung im DDR-Fernsehen und auch durch Gespräche im Umfeld bekannt war.

Diese Nachricht verschlug Mutter die Sprache, und ihr war anzusehen, dass sie viele Fragen angesichts dieses unglaublichen Risikos für Leib und Leben hatte. Fragen, wie:

„Wann und auf welche Art und Weise?“, „Wo sind sie jetzt, geht es ihnen gut?“ und natürlich, „Was wird Onkel Horst dazu sagen, und welche Auswirkungen hat das für ihn und Margot, und was wird aus Hans?“

Petra war anders als die Mädchen im Dorf. Sie sah nicht nur gut aus, sondern sie wusste auch um die Wirkung ihres Aussehens.

Es war klar, dass Petra nicht den beruflichen Weg ihrer Mutter als Melkerin gehen würde. Sie arbeitete zielsicher auf eine andere Zukunft hin, und es sollte ihr mit der Hilfe von Onkel Horst, dem Mann von Tante Margot, auch gelingen.

Onkel Horst, gelernter Tischler, führte es frühzeitig in die Politik, und so arbeitete er als Arbeitervertreter in der Kreisleitung der SED in Wismar, später dann als hoher Funktionär in der Einheitsgewerkschaft, dem Freien Deutschen Gewerkschaftsbund, kurz FDGB genannt.

Tante Margot arbeitete zu dieser Zeit auch in Wismar, als Kindergärtnerin, und so liefen sie sich irgendwann über den Weg und blieben zusammen. Später zogen sie nach Rostock, wo Onkel Horst dann schnell zum zunächst stellvertretenden Vorsitzenden des FDGB aufstieg.

Meine Cousine Petra bekam mit Hilfe von Onkel Horst eine Stelle als Sekretärin beim FDGB und wohnte auch im mittlerweile neu erbauten Eigenheim von Onkel Horst im Südwesten von Rostock.

Viel mehr war über das Leben von Petra bei uns nicht bekannt. Eines Tages lernte sie einen Zahnarzt kennen und heiratete ihn.

Es passte für uns in das Bild einer Frau, die es geschafft hatte, dem Dorfleben zu entfliehen und zumindest in eine andere Gesellschaftsschicht aufzusteigen, die es nach offizieller Lesart eigentlich ja gar nicht gab, die aber real existierte, wie der real existierende Sozialismus selbst.

Meine Eltern bemerkten nur manchmal etwas enttäuscht, dass manche auch im Arbeiter- und Bauernstaat gleicher sind als andere. Dies insbesondere, wenn Onkel Horst mal wieder auf einer seiner Gewerkschaftsreisen ins kapitalistische Ausland war und Tante Margot bei irgendeinem Besuch so tat, als wenn das alles nur unangenehme Pflichtaufgaben wären.

In diesen Momenten spürte ich, dass es mehr gab, als der im Wesentlichen unmaterialistische Alltag in meiner Familie offenbarte. Meine Eltern waren bereit, hart für unseren kleinen Wohlstand zu arbeiten, aber die unmittelbare Konfrontation, mit der zwar nicht zugegebenen, aber doch erkennbaren primär materialistischen Welt meines Onkels führte für mich spürbar zu Verstimmungen.

Auf der anderen Seite war durch die gleiche politische Grundüberzeugung auch ein gewisser Stolz zu erkennen, dass es jemand aus der unmittelbaren Verwandtschaft so weit gebracht hat. Onkel Horst vermied es nach meinem Gefühl bewusst, diesen vorhandenen und theoretisch nichtexistierenden Klassenunterschied erkennbar zu machen, gelingen konnte es ihm nicht. Schwager hin oder her, seine politische Stellung reichte aus, dass alle heuchlerisch so taten, als wenn kein Westfernsehen geguckt wurde, obwohl alle Westfernsehen guckten, er eingeschlossen.

Diese Unehrlichkeit im Umgang miteinander war nicht gut, und diese Heuchelei sollte Jahre später auch ein Grund sein, die zu den großen Veränderungen in unserer kleinen DDR führte.

Der Sympathie, die er ausstrahlte, tat das alles aber keinen Abbruch. Es brachte diesen Widerspruch auf eine persönliche Ebene, die das Grundsätzliche dieser Klassenteilung bedeutungsloser machte. Die Besuche bei seiner Familie in Rostock waren in meiner kleinen Welt immer eine Abenteuerreise, und das war in diesem Moment für mich genug.

Die Flucht von Petra und ihrem Mann und mögliche Konsequenzen für das Umfeld beherrschten die nächsten Tage und Wochen die Gespräche. Neben gar nicht abzusehenden Folgen für Onkel Horst, der Petra immerhin die Stelle im linientreuen Umfeld der Gewerkschaft besorgt hatte, kam natürlich die Frage auf:

‚Hat sich Petra ihren Mann vielleicht nur deshalb geangelt, weil er als Arzt andere finanzielle Möglichkeiten hatte?‘

Es war bei näherem Hinsehen für nunmehr interessierte Personen möglich herauszubekommen, was so eine Fluchthilfe in etwa kostete. Hier waren etliche 10.000 DM im Spiel.

Das schien dann nach Einschätzung meiner Eltern aber eher unwahrscheinlich, da zumindest von außen ein sehr harmonischer Eindruck der Beziehung bestand.

Gegen diese These schien zu sprechen, dass es von Petras Seite schon einer gehörigen Portion Egoismus bedurfte, um bewusst zumindest billigend die Existenz einer ganzen Familie aufs Spiel zu setzen. Zumal neben der reinen Hilfe bei der Stellensuche auch noch die sehr persönliche Einbeziehung in die Familie von ihrem Onkel dazukam. Hinzu kamen die Schwierigkeiten, die ihr Bruder bekommen würde.

Hans war Offizier bei der Nationalen Volksarmee und auch im Begriff, Karriere zu machen. Keiner konnte sich wirklich politische Hintergründe vorstellen, denn Petra schien hier eher uninteressiert.

Es blieb also eine umfangreiche Spekulationsmasse im Raum, von der im Grunde alle wussten, dass, wenn überhaupt, die wahren Beweggründe erst in ferner Zukunft ans Licht kommen würden. Es wurde nach einigen Wochen über dieses Thema immer weniger gesprochen. Natürlich gab es Befragungen durch die Staatssicherheit, aber es schien so, dass die ganze Sache von den beiden so konsequent konspirativ geplant und realisiert worden war, dass keiner etwas wusste und am Ende auch niemand belangt wurde.

Onkel Horst blieb in seiner Position, wurde wenige Jahre später sogar zum Vorsitzenden der Gewerkschaft im Bezirk Rostock, und Hans blieb Offizier.

Die Beziehungen zwischen den Familien waren gestört, und dies sollte sich auch nie wieder richtig erholen. Für mich, der vollkommen unbeeinflusst und unvoreingenommen die Gespräche und Diskussionen wahrnahm und auch so mit meinen kindlichen Möglichkeiten bewertete, schien die ganze Flucht doch sehr verwegen. Ich begann unweigerlich, regelmäßig und intensiver über dieses Thema nachzudenken und empfand einen unerklärlichen Stolz, dass wieder jemand aus der Familie zumindest etwas Ungewöhnliches getan hat. Eine Wertung solcher Ereignisse spielte für mich keine Rolle, das sollte sich ändern, und daran hatte diese Begebenheit ihren Anteil.

Im Weiteren stellte sich heraus, dass diese Flucht auch negative Auswirkungen auf das Verhältnis meiner Familie zur Familie von Tante Ingrid hatte und darüber hinaus ganz neue Aspekte in mein Bewusstsein bringen sollte, mit denen ich letztendlich meine materielle Unschuld verlor.

Es setzte relativ kurz nach der Flucht eine wahre Schwemme von Paketen und Geldüberweisungen in DM ein, die das Verhalten dieser Familie veränderte.

Ich war zwölf Jahre alt, konnte dies aber aus den Gesprächen meiner Eltern und später bei Besuchen deutlich wahrnehmen.

Da im Grunde alle Familien aus der Verwandtschaft den gleichen materiellen Standard hatten, kürzte sich der materielle Bereich rein mathematisch aus der Beziehungsgleichung heraus. Das änderte sich nun, und es setzte, ohne dass es gewollt war und ohne, dass es wirklich beeinflussbar war, ein Neidgefühl ein.

Hier ging es nicht um eine Tafel Schokolade, die ich einmal im Jahr zu Weihnachten aus einem Westpaket meiner Oma geschenkt bekam, oder um Backzutaten, die meine Mutter dankend annahm, sondern hier ging es um in vollen Reisekoffern aufbewahrte Kosmetik, Süßigkeiten, Kleidung, Spielzeug und um Geld, das es mit einem Mal möglich machte, Autos zu kaufen, auf die der Normalbürger zehn und mehr Jahre warten musste.

Vielleicht wären die Erkenntnisse über die Dominanz des Materiellen gegenüber dem Ideellen nicht so stark ausgefallen, wenn wir von diesen Mengen an „Westwaren“, die im Vergleich zu vielen DDR-Waren so viel wohlschmeckender, schöner aussehend, besser riechend und schlicht nicht zu bekommen waren, etwas abbekommen hätten. Aber das war uns nicht vergönnt, und so habe ich ganz unbewusst die erste praktische Lektion des Kapitalismus kennengelernt:

Hast du was, dann bist du was.

Von diesem Moment an geriet der materielle Teil des Seins deutlich mehr in das Fadenkreuz meiner Aufmerksamkeit, und so beschloss ich, Eigentum der unterschiedlichsten Art anzuhäufen, damit pfleglich umzugehen, auf dass es mich lange erfreue und ich dann auch irgendwie mehr war als ohne.

Das Dorfleben war eintönig, für die Erwachsenen aus meiner Sicht deutlich eintöniger als für uns Kinder und Jugendliche.

Bis Mitte der siebziger Jahre teilten viele Erwachsene und Kinder das Los der Sonnabend-Arbeit bzw. –Schule. Irgendwann konnten die Erwachsenen am Sonnabend zu Hause bleiben, wir Kinder mussten weiterhin jeden Sonnabend die Schule besuchen. Bis auf wenige kulturelle Ausnahmen bestimmte die Arbeit schon aus Gründen der proletarischen Pflicht zur Stärkung der DDR den wesentlichen Teil des Lebens, der verbleibende Rest war nicht nur für meine Eltern mit der Absicherung des persönlichen Lebens verplant. Hier spielte die Ernährung, die Suche nach ständig ausverkauften Artikeln jeglicher Art eine besondere Rolle.

Durch die Eigenversorgung in unserer Familie waren einige grundlegende Lebensmittel des täglichen Lebens wie Gemüse, Obst sowie Fleisch und Wurstwaren unkritisch, die Beschaffung anderer dagegen mit einem lästigen Aufwand verbunden.

Durch Mutters Arbeit in der Kartoffelhalle hatten wir aus nicht nachzuvollziehenden Gründen einen Zugang zu der einen oder anderen „Bückware“, die von der Kartoffel so weit weg war wie der Mond. Vielleicht war es der Lohn für die Versorgung mit unendlichen Mengen an Kartoffeln für unseren Klassenbruder, die Sowjetunion, oder auch einfach nur wahllos zugeteilte Kontingente durch eine zentrale Stelle aus irgendeiner Behörde oder die über Jahre aufgebauten Beziehungen zu Herstellern aller möglicher Konsumgüter, die über den oftmals bargeldlosen Handel eben dieser Konsumgüter aufgebaut wurde. Hast du das für unsere …, so gebe ich dir das für deine … Und das war so über die gesamte Republik verteilt.

Wenn man mit dem seit Jahrhunderten gängigen Äquivalent „Geld“ als Zahlungsmittel für alles im vergegenständlichten Leben aufwächst, dann merkt man schon als Jugendlicher oder gar als Kind, dass hier etwas auf unnatürlichem Weg passiert.

Eine wirkliche Bedeutung hatte diese Erkenntnis damals nicht, aber ganz tief unten sitzt diese Erfahrung und schärft das Bewusstsein.

Aus solchen Beobachtungen entwickelte ich eine Sensibilität für Vorgänge und Situationen, denen etwas Unnatürliches und Unpassendes anhaftete und so konnte ich sie wissentlich nicht mehr übersehen. Leider bestimmten meine Reflexionen aus solchen Beobachtungen immer wieder mein Verhalten und schafften mir auch immer wieder Probleme.

Meine Gedanken standen mir ins Gesicht geschrieben, ich musste daran arbeiten.

Die Zerstreuungen vom täglichen Einerlei kamen für meine Eltern und den meisten Erwachsenen, die meine Wege in der Jugendzeit kreuzten, deutlich zu kurz und spielten sich im Wesentlichen im dörflichen Umfeld oder im Betrieb ab. Und ganz gleich, was es war, ob Maifest, Fasching, Betriebsfeier, Geburtstage, Tanzveranstaltungen und was auch immer, der Alkohol war ein treuer Begleiter.

Für uns Jugendliche blieb dieser Einfluss nicht ohne Folgen. Manch einer meiner Kumpels sowie auch einfach nur Bekannte, die alle immer wieder auf den gleichen Veranstaltungen zu treffen waren, kamen mit der dauernden Verfügbarkeit von Alkohol nicht klar, und es war bei manch einem ein körperlicher Verfall über mehrere Jahre zu beobachten, der auch dem unaufmerksamen Beobachter nicht verborgen bleiben konnte. Gerade dieses Thema war aber auch ein Ausdruck, eine Art Metapher, einer großen persönlichen Freiheit, die für viele von uns sehr früh existierte.

Die politische Dimension dieses Wortes ‚Freiheit‘ spielte hier keine Rolle, war mit dem Hintergrund der sozialistischen Erziehung und der damit in Fleisch und Blut übergegangenen sozialistischen Ideologie gar nicht existent. Die Diskussionen, die wir im Staatsbürgerkunde-Unterricht führten und Fragen, die wir stellten, bekamen erst Anfang der achtziger Jahre eine andere, aber dennoch linientreue, politische Ausrichtung.

Die Hoffnung, dass der ausgebildete Staatsbürgerkunde-Lehrer dialektische Widersprüche, die uns das Westfernsehen nahezu jeden Abend servierte, beantworten konnte und wir mit einem zumindest guten Bauchgefühl den Unterricht verließen, war die bestimmende. Diese Hoffnung wurde auch lange Zeit befriedigt.

Die Steilvorlagen lieferte der Westen oftmals selbst, und so war es ein Leichtes, das „Unrechtssystem“ Westdeutschlands und damit das der kapitalistischen Welt zu erklären, aus den Lehren der großen kommunistischen Philosophen logisch herzuleiten und damit in einer Art Vision das Ende der im Wesentlichen moralisch verkommenen kapitalistischen Gesellschaft vorherzusagen und somit die Überlegenheit der sozialistischen Gesellschaftsordnung zu beweisen.

Es war einfach schön, auf der gerechten Seite der großen Mauer zu leben, keine Verbrechen mit der Suche nach dem Mörder aus Aktenzeichen X-Y-ungelöst, kein schauriger Tatort-Vorspann mit gejagten Menschen, wir waren sicher.

In diesem Umfeld konnten wir uns auf die wichtigen Dinge des Lebens konzentrieren, Sport, Mädchen oder umgekehrt, und da war dann noch die Schule, anspruchsvoll aber beherrschbar, streng in disziplinarischen Dingen aber mit einem in der Summe harmonischen Schulleben. Leistungsorientiert durch die unausgesprochene allgegenwärtige Verpflichtung, das Beste aus sich herauszuholen und dennoch ohne aufgesetzten Leistungsdruck.

Wir brauchten nur gut zu sein, die Zukunft war bereitet. Dabei wurde uns geholfen, ob wir wollten oder nicht, und auch wenn bei dem einen oder anderen die Noten nicht ganz so gut waren, der Wille musste da sein und das war entscheidend.

Es war gar nicht gut, wenn die Kopfnoten, wie Betragen, Fleiß, Ordnung und Mitarbeit, im Keller waren. Faul und blöd als Kombination versprach eben kein harmonisches Schulleben.

Mit dieser sanften Kontrolle vergingen die Jahre, es kamen Fächer wie „Einführung in die sozialistische Produktion“, „Produktive Arbeit“ und „Staatsbürgerkunde“ hinzu, und ehe wir uns versahen, streiften wir das blaue FDJ-Hemd über und standen im gleichen Jahr vor der Jugendweihe.

Endlich in die Reihen der Erwachsenen aufgenommen zu werden, das war in unserem Selbstverständnis auch höchste Zeit. Wir waren immerhin schon 14 Jahre alt.

Davor stand aber noch ein bisschen Theorie in zehn Jugendstunden über die Geschichte der Arbeiterbewegung, den Kampf der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg und die Entwicklung des sozialistischen Gesellschaftssystems. Wir wurden zur Parteitreue angehalten und sollten die SED als notwendige Machtinstanz zur Sicherung von Frieden und Wohlstand anerkennen.

Und das alles in der Tradition von freireligiösen Vereinigungen und ganz in unserer atheistischen Tradition. Was wollten wir mehr? Nun standen wir in Wismar in der großen Sporthalle mit dem Buch „Der Sozialismus - Deine Welt“ in der Hand, und es war sehr feierlich, und ich begann mich irgendwie von einem Moment zum anderen erwachsener zu fühlen.

Das „Sie“ als Anrede war uns nun rechtlich verbrieft, und einige Lehrer nahmen das auch ernst und fragten zumindest, wie wir es nun gerne hätten. Das Wichtigste waren aber die erhofften Geschenke, die optimaler Weise in Form von Glückwunschkarten mit einem Schein versehen waren und sofort aufgerissen wurden.

Ein Moped oder ein Radio wäre für mich sonst ein ewiger Traum geblieben. Den Moped-Führerschein, der wegen des „Führer“ im Wort dann bald Moped-Fahrerlaubnis hieß, hatte ich schon in der Tasche und konnte mit dem Gongschlag zum fünfzehnten Geburtstag auf meinen neu erworbenen, aber gebrauchten gelben Simson S50 steigen.

Damit begann das wirkliche Erwachsensein und meine große bewegliche Freiheit. Alles wurde einfacher, die Fahrten zur Schule, zum Training, zu Verabredungen, und so verdichtete sich das Leben, und das gefiel mir gut. Ich war, wir waren in der Pubertät angekommen, wussten alles besser, konnten alles besser und fanden vieles einfach nur spießig.

Mit sich selbst nicht ganz klarzukommen ist das eine, aber diesen Zustand, der durch die Reiberein mit den Eltern, den Lehren, den Trainern und anderen zusätzliche Schwierigkeiten verursachte, konnte ich eigentlich gar nicht brauchen und meine Kumpels auch nicht.

Michael und ich hatten durch die Zimmer außerhalb der Wohnung auch beste Voraussetzungen, zur Entspannung der Lage beizutragen. Hinzu kamen die Möglichkeiten in Neuburg. Die Gemeinde stellte einen Anbau am alten Kindergarten für Jugendarbeit zur Verfügung.

So viel Weisheit war fast unglaublich. Wir hatten einen Platz, wir hatten die Möglichkeit, alles selbst zu gestalten und konnten unsere überschüssige Energie an uns selbst abarbeiten. Mehr Jugendarbeit ging aus unserer Sicht nicht.

Zumindest das soziale ‚Perpetuum mobile‘ gab es doch, wir führten den Beweis, auch wenn das Projekt nicht alle Probleme lösen konnte. So rauschten wir durch ein unbeschwertes Jugendleben und kamen der entscheidenden Wende Richtung Abschluss der zehnten Klasse immer näher und somit auch den schweren Orientierungen, wo die Reise eigentlich hingehen sollte. Die Beratungen sowie die Möglichkeiten waren dürftig, und das machte mir große Sorgen. Landwirtschaft war keine Option, Gastronomie auch nicht und ökonomische Richtungen waren Mädchensache. Es musste etwas technisch Anspruchsvolles sein, etwas, was auch nicht jeder konnte, eben etwas Besonderes. Dieser nebulöse Berufswunsch war nicht im Angebot und wenn nahe dran, wie bei der Schiffselektronik in Rostock, dann brauchte man Beziehungen, die ich nicht hatte. Aber manchmal, wenn es scheint, als wenn gar nichts weitergeht, kommt doch eine unerwartete Möglichkeit daher. In diesem Fall in Form eines noch zu errichtenden Düngemittelwerkes bei Rostock. Für den späteren Betrieb wurden unter anderem Leute gesucht, die für die Mess,- Steuer- und Regelungstechnik zuständig sein sollten. Das hörte sich besonders an, denn diese Ausbildung gab es recht selten und schien zudem noch zukunftsorientiert zu sein. Der wissenschaftlich-technische Fortschritt wurde ja überall propagiert und war ausgehend vom Gesetz der Ökonomie der Zeit, so der Sprachgebrauch, notwendig, um den Aufwand an lebendiger Arbeit zu senken und zur Kombination materiell-technischer, subjektiver und organischer Bedingungen für hohe Arbeitsleistungen und günstige Entwicklungsmöglichkeiten beizutragen. Da gingen doch persönliche und gesellschaftliche Belange vollkommen zusammen. Das war es. Die Frage war bloß: Wo ist denn diese Ausbildung, wenn dieses Chemiewerk noch gar nicht fertig ist? Das war der Haken, der aber letztendlich keiner war, weil ich endlich mal von den Kochkünsten meiner Mutter und überhaupt aus dem alten Umfeld wegmusste und die Frage des „Wo“ gar nicht so wichtig war. Die Bewerbung war dann auch schnell geschrieben, und es stellte sich heraus, dass die neue Heimat in Sachsen-Anhalt liegen sollte. Soweit hätte es gar nicht sein müssen, dachte ich, aber da Michael auch nur diese Möglichkeit für sich sah, waren wir schon zu zweit und so war der Entschluss gefasst.

Darmowy fragment się skończył.

30,92 zł
Ograniczenie wiekowe:
0+
Data wydania na Litres:
08 lipca 2025
Objętość:
290 str.
ISBN:
9783985516919
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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