Czytaj książkę: «Bis ich dich endlich lieben darf»

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-96140-006-5

© 2017 der deutschsprachigen Ausgabe by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers

First published under the title “Just a kiss”.

© 2016 by Denise Hunter

Published by arrangement with Thomas Nelson, a division of HarperCollins Christian Publishing Inc.

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Antje Balters

Einbandgestaltung: Brendow Verlag, Moers

Titelfoto: fotolia tatyana_k

Satz: Brendow Web & Print, Moers

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017

www.brendow-verlag.de


INHALT

Cover

Titel

Impressum

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

KAPITEL 21

KAPITEL 22

KAPITEL 23

KAPITEL 24

KAPITEL 25

KAPITEL 26

KAPITEL 27

KAPITEL 28

KAPITEL 29

KAPITEL 30

KAPITEL 31

KAPITEL 32

KAPITEL 33

KAPITEL 34

KAPITEL 35

KAPITEL 36

KAPITEL 37

KAPITEL 38

KAPITEL 39

KAPITEL 40

KAPITEL 41

KAPITEL 42

KAPITEL 43

KAPITEL 44

KAPITEL 45

KAPITEL 46

DANKSAGUNGEN


KAPITEL 1

Paige Warren schaute auf die Uhr und versuchte zum x-ten Mal, an Miss Trudys Kopf mit dem silbergrauen Haar vorbeizuschauen, um etwas sehen zu können. Rileys Flieger war gelandet, und der stetige Strom von Passagieren, der sich in Richtung Gepäckabholung des Flughafens von Bangor bewegte, ließ langsam nach.

Rileys Brüder Beau und Zac Callahan, die sich mit ihrem pechschwarzen Haar sehr ähnlich sahen, standen nur wenige Schritte entfernt. Beide hatten die muskulösen Arme vor der Brust verschränkt, standen in ausladender Haltung und mit starrer Miene da und suchten die Menge fremder Gesichter nach demjenigen ab, den sie erwarteten.

„Müsste er nicht eigentlich schon längst da sein?“, fragte Paige und spielte mit dem Ring, den sie als Anhänger an ihrer Halskette trug.

„Mach dir mal keine Sorgen“, sagte Miss Trudy. „Der kommt schon noch.“

Sie sollte sich keine Sorgen machen? Im Grunde hatte sie seit dem mitternächtlichen Anruf vor drei Wochen nichts anderes mehr getan. Beaus Nachricht hatte sie dermaßen in Aufruhr versetzt, dass ihr heftiges Herzklopfen seitdem nicht wieder nachgelassen hatte.

Miss Trudy griff nach Paiges Hand, um sie zu beruhigen, und erst da merkte sie, dass sie die ganze Zeit den Ring an ihrer Kette hektisch hin und her schob.

„Du machst mich ganz verrückt mit dem Gefummel“, sagte Miss Trudy.

„Ich kann wirklich nichts dafür. Ich bin erst beruhigt, wenn ich sehe, dass es ihm gut geht.“

„Er kommt nach Hause“, sagte Tante Trudy darauf nur. „Alles wird gut.“

„Ja, klar … aber …“

„Jetzt mal mal nicht den Teufel an die Wand. Beau hat gesagt, dass er gut drauf war, als er mit ihm gesprochen hat, und wir können Gott ja dankbar sein, dass er überhaupt wieder nach Hause kommt.“

„Ich weiß. Du hast ja recht.“

Wer hätte denn vor fünfzehn Monaten – als Riley nach Afghanistan zum Einsatz ausgeflogen worden war – gedacht, dass er schon im Juni wieder nach Hause kommen würde? Und dann noch so? Seit dem Anruf hatte es so viel zu entscheiden und zu organisieren gegeben, und den Löwenanteil der Aufgaben hatte Paige übernommen. Es hatte sie beruhigt, wenigstens etwas zu tun zu haben.

Riley war ein starker Mann – schon immer gewesen –, aber sie konnte sich nicht vorstellen, dass es überhaupt jemanden gab, der mit so etwas leicht fertigwurde. Es kamen große Veränderungen auf sie zu, aber sie war fest entschlossen, für ihren besten Freund da zu sein, so wie auch er in jeder Schwierigkeit und Krise für sie da gewesen war, seit sie vierzehn war – besonders nach dem Tod ihres Vaters. Riley hatte ihr nächtelang einfach nur zugehört, wenn sie versucht hatte, ihren unverarbeiteten Zorn zu entwirren.

„Wo bleibt er denn nur?“, fragte Beau jetzt und schlenderte noch einmal ein Stück von ihnen weg, Zac dahinter, der alle anderen weit überragte.

„Ihr macht mich alle ganz nervös mit eurem Gezappel und Herumtigern“, sagte Miss Trudy.

Da legte Beau seiner Tante den Arm um die Schultern und verkündete: „Es sind alle draußen. Jetzt müsste er eigentlich kommen.“

„Vielleicht hat er den Flug ja gar nicht geschafft“, sagte Paige. Bei diesem Gedanken sackte ihr der Magen bis in die Kniekehlen. Die Warterei der vergangenen Wochen war für sie alle eine echte Tortur gewesen. Eigentlich hatte Beau nach Deutschland fliegen wollen, um bei seinem Bruder zu sein und ihm beizustehen, doch davon hatte Riley nichts wissen wollen.

„Er wird schon kommen“, sagte Zac jetzt und fuhr sich mit der Hand über seinen kurz gestutzten Bart. Mit Lucy neben sich sah er fast ein bisschen deplatziert aus. Die beiden waren seit ihrer Hochzeit im vergangenen Herbst praktisch an der Hüfte zusammengewachsen.

Zwischen dem frischgebackenen Ehepaar Zac und Lucy und den Verlobten Beau und Eden fühlte sich Paige in letzter Zeit oft ein bisschen wie das fünfte Rad am Wagen, und auch deshalb freute sie sich darauf, Riley wieder zu Hause zu haben. Seit er weg war, hatte sich eigentlich nichts mehr richtig angefühlt. Sie hatte zwar Freundinnen, aber niemanden, der sie so gut kannte und verstand wie Riley.

Vielleicht ist es ja auch zuerst noch eine Weile ziemlich ungewohnt, ermahnte sie sich. Sie durfte auf keinen Fall erwarten, dass der alte Riley um die Ecke kam. Sie hatte ein bisschen recherchiert, und trotz all des Positiven, das Beau über die Stimmung seines Bruders zu berichten gehabt hatte, rechnete sie auch mit Schwierigkeiten, und deshalb musste jetzt einmal sie die Starke sein.


Riley Callahan schenkte der attraktiven Brünetten, die den leeren Rollstuhl die Fluggastbrücke zu ihm hinunterschob, sein charmantestes Lächeln. Sie war groß und schlank, etwa in seinem Alter, und nach der langen Zeit unter Männern war der Anblick eines weiblichen Wesens immer noch eine echte Wohltat. Als die Mitarbeiterin des Bodenpersonals am Ende der Fluggastbrücke ankam, wo er im Bordrollstuhl wartete, sagte sie:

„Mr. Callahan? Ich bin hier, um Ihnen zu helfen.“ Ihr professioneller Tonfall passte zu ihrer emotionslosen Miene.

Ihr geschäftsmäßiges Lächeln sorgte dafür, dass seine Mundwinkel nach unten gingen.

Jetzt komm mal runter, du Spinner. Mädchen flirten nicht mit Jungs im Rollstuhl.

Noch einen Monat zuvor hätte die Frau mit Sicherheit ganz anders auf ihn reagiert, hätte vielleicht sogar mit ihm geflirtet und versucht, ihm ihre Telefonnummer zuzustecken. Doch damit war es jetzt vorbei. Alles war anders. Die Menschen sahen immer zuerst seinen Rollstuhl und dann erst ihn. Und dieser er, den sie sahen, war derselbe, den er sah, wenn er in den Spiegel schaute.

Die Frau schob den leeren Rollstuhl neben seinen und stellte die Bremse fest. „Brauchen Sie Hilfe beim Umsteigen?“

„Nein, das schaffe ich allein“, erklärte er, holte dann einmal tief Luft und stieg unbeholfen und umständlich in den anderen Rollstuhl um. Dabei spannten sich seine Armmuskeln unter seinem Gewicht an, und die Aktion bereitete ihm solche Schmerzen, dass er die Zähne zusammenbeißen musste, bis er richtig saß.

Bei dem Umsteigemanöver fiel dann auch noch seine Reisetasche auf den Boden – ein passendes Bild für seine Würde. Aber während Riley die Tasche wieder aufheben konnte, gestaltete sich das mit seiner Würde schwieriger.

„Sitzen Sie bequem, Sir?“

„Ja, danke.“

Er hatte in der vergangenen Nacht nur zwei Stunden geschlafen, sein Bein tat höllisch weh, er wurde wie ein Krüppel einfach in einen Rollstuhl verfrachtet, und das dann auch noch ausgerechnet von einer Frau wie dieser.

Das alles kam ihm völlig verrückt und falsch vor.

Die Betreuerin löste jetzt die Bremsen seines Rollstuhls und schob ihn die Fluggastbrücke hinauf.

Wenigstens war er endlich aus dem Flieger heraus. Der Weg in dem Bordrollstuhl zur Toilette war so demütigend gewesen. Zwischendurch hatten sich immer wieder Mitpassagiere für seinen Dienst fürs Vaterland bei ihm bedankt und für das Opfer, das er dafür gebracht hatte, aber er wäre jedes Mal am liebsten unter seinen Sitz gekrochen.

Als sie beim Gate ankamen, strich ihm die kühle Zugluft der Klimaanlage über die Haut. Er war wieder daheim – zurück in Maine –, und nur wenige Meter entfernt wartete seine Familie auf ihn. Seine Brüder, seine Tante und Paige. Schon seit Monaten hatte er Sehnsucht nach ihnen, ganz besonders nach Paige.

Aber nicht so.

Ihm war eng um die Brust, und er atmete so schwer, als hätte er gerade einen Marathon absolviert, auch wenn das in nächster Zeit eher unwahrscheinlich war. Er konnte froh sein, wenn er irgendwann wieder humpeln konnte, und selbst das war höchstwahrscheinlich erst nach monatelanger schmerzhafter Physiotherapie möglich. Sein Blick ging hinunter auf seine Beine.

Auf sein Bein.

Das rechte Hosenbein lag schlaff an der Stelle, wo eigentlich sein Knie hätte sein müssen, und das Bein endete in einem grotesken Stumpf, der abwechselnd wehtat und juckte. Die vergangenen drei Wochen waren ein einziger Albtraum gewesen. Erst die Operation und dann die schmerzhafte Genesung. Nicht zu vergessen die Albträume. Psychisch war er ständig am Ende, und düstere Gedanken zogen ihn immer weiter in den Schatten.

Schon das Heimkommen war für ihn eine echte Herausforderung. Er wollte nicht, dass sie ihn so sahen. Wer hätte denn bei seiner Abreise gedacht, dass er nur als halber Mann wieder zurückkehren würde?

Er hielt sich jetzt an den metallenen Armlehnen des Rollstuhls fest, schluckte gegen den Kloß in seinem Hals an, und im Nacken und auf der Stirn brach ihm der Schweiß aus. Seine düsteren Gedanken drohten ihn zu überwältigen, und er kämpfte mit allem, was er hatte, dagegen an.

Improvisieren. Anpassen. Überwinden.

Fünfzehn Monate lang waren ihm diese Worte eingebläut worden und hatten ihm auch tatsächlich geholfen, wirklich schlimme Situationen zu überstehen, doch in diesem Moment halfen sie ihm kaum.

Komm schon, Mann, Kopf hoch. So kannst du ihnen nicht gegenübertreten.

Seine Brüder hatten sich so lange Sorgen um ihn gemacht, und das nur, weil er so blöd gewesen war, sich gleich nach dem Tod ihres Vaters freiwillig zur Army zu melden. Gleich nachdem …

Nein. Daran durfte er jetzt nicht denken. Es genügte zu sagen, dass er aus den falschen Motiven gegangen war, aber das ging niemanden außer ihn etwas an. Seine Familie hatte seinetwegen schon genug durchgemacht.

Der Rollstuhl holperte über eine kleine Erhöhung, sodass sein Bein angestoßen wurde und er vor Schmerz zusammenzuckte. Seine eine Hand lag auf der Hosentasche, in der das Foto von ihr steckte, und sein Herz pochte heftig, als er sich bewusst machte, dass er sie jetzt gleich sehen würde – und nicht nur ein Foto oder ihr Bild über Skype. Es kam ihm vor wie eine Ewigkeit, dass er ihr in die meerblauen Augen geschaut, dem femininen Singsang ihrer Stimme gelauscht und ihren süßen, blumigen Duft gerochen hatte.

Unter anderen Umständen hätte er das Wiedersehen mit ihr kaum erwarten können. Er wäre auf seinen zwei Beinen auf sie zumarschiert und hätte ihr wie geplant die Wahrheit gesagt. Aber dann hatte eine Bombe alles verändert. Alles, was er jetzt noch plante, drehte sich darum, zu überlegen, wie er Abstand zu seiner Familie halten konnte, ohne ihre Gefühle zu verletzen.


KAPITEL 2

„Ist das Ihre Familie?“, fragte die Frau, die Rileys Rollstuhl schob.

Sein Blick ging zum Eingang der Gepäckabholung, wo sie alle in einer Traube beieinanderstanden. Er straffte die Schultern, hob eine Hand, verzog den Mund zu einem breiten Lächeln und achtete darauf, dass seine Augen wenigstens so aussahen, als würden sie mitlachen.

Beau winkte zurück, während sein anderer Arm um Tante Trudys Schultern gelegt war. Zac, der wie ein langer Schatten hinter ihnen aufragte, grinste ebenfalls. Als Rileys Blick dann weiterging zu Paige, blieb ihm die Luft weg.

Sie war ja noch schöner, als er sie in Erinnerung hatte. Ihr seidiges Haar war blonder und länger als damals, und er hatte ganz vergessen, wie die leichten Rundungen ihre sportliche Figur weicher machten. Der Anblick ihrer sonnengebräunten Beine löste Gedanken bei ihm aus, die er eigentlich nicht hätte haben sollen.

Sie hielt sich die Hände vor den Mund, und ihr kamen die Tränen, während er näher gerollt kam, und als er nur noch eine Armeslänge entfernt war, machte sie einen Satz auf ihn zu und ging auf die Knie. Dann schlang sie ihm die Arme um den Hals und vergrub ihr Gesicht an seiner Schulter.

Er hielt sie ganz fest, schloss die Augen, und einen Moment lang gab es nur sie beide – wie in alten Zeiten. Seelenverwandte. Callahan und Warren. Wie hatte er sie vermisst! Ganz tief atmete er einmal ihren Duft ein, den Duft von Blumen, Sonnenschein und Zuhause. Er vergrub seine Nase in ihrem Haar und erinnerte sich an jede Nacht, die er auf seiner Pritsche gelegen, ihr Bild betrachtet und diesen Augenblick herbeigesehnt hatte.

Ein erstickter Laut kam aus seiner Kehle, den er aber überspielte, indem er herzhaft lachte. Dann legte er noch etwas mehr Kraft in seine Stimme und sagte: „Hey, ist ja alles gut. Was soll denn das, Warren? Du weinst doch nicht etwa, oder?“

Daraufhin richtete sich Paige wieder auf, gab ihm einen festen Klaps auf die Schulter, wischte sich verstohlen die Augen und sagte: „Mann, ich habe dich vermisst. Hast du Schmerzen? Soll ich dir deine Medikamente herausholen?“

Na super … noch mehr Wirbel um ihn. „Nicht nötig. Ich habe schon im Flieger was bekommen. Alles in Ordnung. Absolut fantastisch.“

Jetzt mischte sich Beau ins Geschehen ein und drängte Paige ein bisschen beiseite. Er packte Rileys Hand mit dem Bruder-Griff und sagte: „Gut, dass du wieder da bist, Bruderherz. Wir haben uns schreckliche Sorgen um dich gemacht.“

„Ja, ich bin auch froh, wieder hier zu sein.“

Zac strich mit der einen Hand über Rileys Bürstenhaarschnitt und bemerkte: „Hey, man kann dir ja gar nicht mehr richtig durchs Haar zausen. Das macht gar keinen Spaß.“

„Hallo, Zac“, sagte Riley und lächelte zu seinem Bruder hinauf. „Schön, deine hässliche Visage wiederzusehen. Also, ich muss schon sagen, von hier unten siehst du praktisch aus wie ein Riese.“

„Ein Grund mehr für dich, möglichst schnell wieder auf die Beine zu kommen“, entgegnete Zac darauf.

„Hallo …?“, begrüßte ihn jetzt Tante Trudy aus dem Hintergrund. „Ich weiß ja, dass ich nur die alte Tante bin, aber bin ich vielleicht auch mal an der Reihe?“

Riley lächelte in ihre Richtung und streckte ihr seinen Arm entgegen. „Na, dann komm doch mal her, Tantchen.“

Sie zwängte sich zwischen Beau und Paige und umarmte ihn. Sie roch nach Zitronen und Stärke, und ihre schmalen Schultern und dünnen Arme fühlten sich zerbrechlich an. Doch das täuschte. Wenn es darauf ankam, konnte sie mit nur einem Blick eine ganze Armee aufhalten.

„Du liebe Güte, du bist ja breiter als der Stuhl. Haben jetzt auch deine Muskeln noch Muskeln bekommen?“

„Ja, so in etwa“, sagte er, als sie sich wieder von ihm gelöst hatte.

„Wie war denn dein Flug?“, erkundigte sich jetzt Beau. „Konntest du ein bisschen schlafen?“

Riley schaute verstohlen zu Paige hinüber, die sich noch einmal die Augenwinkel wischte, und antwortete dann: „Ja, ein bisschen.“ Dann schaute er wieder zu Tante Trudy und sagte: „Also, was ich jetzt wirklich gebrauchen könnte, wäre ein großes Stück von deinem berühmten Braten. Und zwar je eher, desto besser.“

„Na, da hast du aber Glück“, erklärte sie. „Es steht nämlich tatsächlich schon ein Topf mit einem großen Braten in Paiges Wohnung bereit.“

„Dazu Maisbrot, Kartoffelbrei und Paiges Pekannusskuchen“, fügte Zac noch hinzu.

Riley hielt sich den Bauch. „Oh Mann, ihr bringt mich ja um. Ich kann gar nicht sagen, was am schlimmsten war – die Fertiggerichte beim Einsatz, das Krankenhausessen oder der Fraß im Flieger.“

„Muss noch Gepäck abgeholt werden, das du eingecheckt hattest?“, fragte Tante Trudy jetzt, trat hinter seinen Rollstuhl und löste die Bremsen.

„Nur mein Rollstuhl. Diesen hier muss ich zurückgeben.“ Dann klatschte er ein Mal in die Hände und erklärte: „Okay. Dann lasst uns mal aufbrechen. Ich kann es kaum erwarten, nach Hause zu kommen, etwas Gutes zu essen und dann in meinem eigenen Bett zu schlafen.“ Sein Zuhause war ein Zimmer im hinteren Teil von Zacs Restaurant, das er gemietet hatte – nicht groß, aber seins.

Zac und Beau erstarrten beide ganz kurz und tauschten vielsagende Blicke, Paige trat von einem Bein aufs andere, und Tante Trudy kramte in ihrer Handtasche herum, als suchte sie etwas – sodass er plötzlich ein mulmiges Gefühl im Bauch hatte. „Was ist denn? Gibt es irgendetwas, das ich wissen sollte?“

„Äh, also …“, Zac konnte ihm nicht in die Augen sehen, als er erklärte: „Also dein altes Zimmer gibt es leider nicht mehr. Ich habe im Winter die Küche vergrößert, und eigentlich hatten Lucy und ich vor, dir dafür das Gästezimmer oben zu überlassen, wenn du wieder nach Hause kommst, aber …“ Er sprach nicht weiter, sondern schaute auf Rileys Bein.

Klar, mit nur einem Bein ging das nicht. Er hätte es mithilfe der Krücken vielleicht geschafft, die Treppe hinaufzukommen, aber jede Bewegung war mühsam und tat weh. Und das Allerletzte, was er gebrauchen konnte, war ein Sturz, der ihn wieder zurückwarf.

Sein Magen fühlte sich in diesem Moment an wie ein Ballon, aus dem alle Luft entwich. So viel dann also zu seinem Bedürfnis nach ein bisschen Privatsphäre im eigenen Zimmer. „Na, dann werde ich ja wahrscheinlich auf der Farm untergebracht, oder? Das ist doch völlig in Ordnung“, sagte er, so locker er konnte.

Tante Trudy hatte sich vor einiger Zeit das Bein gebrochen, und daraufhin war das ehemalige Esszimmer für besondere Anlässe zu einem Schlafzimmer umgestaltet worden. Er versuchte, sich seine Sorge darüber nicht anmerken zu lassen, dass Tante Trudy sieben Tage die Woche rund um die Uhr um ihn herumwuseln würde, aber da setzte Zac bereits an: „Äh, also …“ Er rieb sich den Nacken in sichtlichem Unbehagen und fuhr fort: „Auf der Farm wird zurzeit renoviert.“ Dabei schaute er Riley auf eine Art an, dass bei ihm alle Alarmglocken losgingen.

„Wir haben gerade angefangen“, sagte Beau. „Das war Tante Trudys Hochzeitsgeschenk für Eden und mich, und deshalb herrscht momentan im gesamten Erdgeschoss das pure Chaos.“

„Und es dauert noch mindestens einen Monat, bis alles fertig ist“, erklärte Tante Trudy.

„Aber mach dir keine Sorgen“, mischte sich jetzt Paige ein und tätschelte ihm die Schulter. „Ich habe ihnen von Anfang an gesagt, dass ich dich gern bei mir aufnehmen würde. Ich habe doch das hübsche große Schlafzimmer im Erdgeschoss. Das ist perfekt für dich. Die alten Türen sind schön breit, und deine Brüder haben schon eine Rampe mit Handläufen aufgebaut.“

Um ihn her verschwamm alles, und seine Gedanken wirbelten wild durcheinander. Er sollte bei Paige wohnen? Sein Blick ging zu Zac, der ihm eine Art telepathischer Entschuldigung schickte, und dann wieder zurück zu Paige, der die Worte auf den Lippen erstarben … wahrscheinlich wegen seiner Miene.

Sie sah ihn irritiert an und fragte: „Ist … ist das nicht in Ordnung? Möchtest du lieber woanders wohnen?“ In der Tiefe ihrer blauen Augen blitzte ganz kurz etwas Verletztes auf – aber nur ganz kurz –, bevor sie ihn mit einem Lächeln bedachte, das er ihr aber nicht abnahm. Dazu kannte er sie einfach schon zu lange.

Verdammt, jetzt saß er in der Klemme. Er zwang sich, ebenfalls zu lächeln, und sagte: „Ja. Ich meine, nein. Das ist toll. Echt fantastisch. Aber ich kann dich doch unmöglich aus deinem eigenen Schlafzimmer vertreiben. Wenn ich bei dir unterkomme, dann schlafe ich natürlich auf dem Sofa.“

Da richtete Paige sich etwas auf und entgegnete: „Das kommt gar nicht infrage. Außerdem habe ich meine Sachen schon nach oben geräumt.“

Sein Blick ging daraufhin noch einmal kurz zu Zac, bevor er wieder Paige anschaute, immer noch lächelnd, was gar nicht so einfach war mit dem völlig verkrampften Kiefer. „Du bist ein echter Kumpel, Warren. Hey, wieso geht ihr nicht schon mal los und holt den Wagen, und Zac hilft mir, meinen Rollstuhl zu holen und umzusteigen? Wir treffen uns dann gleich draußen am Ausgang.“

Zac trat hinter ihn, schob Tante Trudy beiseite und bemerkte: „Je früher wir zu Hause sind, desto früher bekommen wir was von dem leckeren Braten.“

„Ja, genau das habe ich auch gerade gedacht“, erklärte Riley.

Die anderen gingen also Richtung Ausgang, und Zac setzte den Rollstuhl Richtung Gepäckabholung in Bewegung. Mit zitternden Fingern rieb sich Riley über den Mund und versuchte den Sturm zu beschwichtigen, der sich in seinem Inneren zusammenbraute. Wie sollte er es schaffen, die nächsten Wochen – wie viele es auch immer werden mochten – so eng mit Paige zusammen zu überstehen?

Aber hatte er denn eine Wahl? Es war ja nicht so, dass er jede Menge Erspartes auf der Bank gehabt hätte, um sich selbst eine Wohnung oder ein Haus mieten zu können. Und selbst wenn, wäre er ja gar nicht in der Lage, sich selbst zu versorgen – so gern er das auch geleugnet hätte.

Schon allein der Gedanke, dass sie den ganzen Tag um ihn herumwuselte, ihm beim Anziehen half und bei anderen Dingen, bei denen er Hilfe brauchte …

Willst du mich jetzt etwa hier umbringen, Gott? Kannst du mir nicht wenigstens ein ganz klein wenig Würde lassen? Ist das wirklich zu viel verlangt?

So viel also zu seinen Plänen, für genügend Abstand zu seinen Lieben zu sorgen. Er würde auf 55 Quadratmetern im Erdgeschoss eines Bungalows festsitzen, und zwar ausgerechnet zusammen mit Paige.

Und das war alles Zacs Schuld. Riley klammerte sich jetzt so intensiv an den metallenen Armlehnen des Rollstuhls fest, dass es wehtat und er Mühe hatte, die Fassung zu wahren, während er seiner Familie beim Verlassen der Ankunftshalle nachschaute. Dann wandte er sich an Zac und fragte: „Was um Himmels willen habt ihr euch dabei gedacht, mich bei Paige unterzubringen? Ist dir eigentlich klar, was du da angerichtet hast?“

„Jetzt aber mal langsam“, sagte Zac und blieb vor dem Kofferkarussell stehen. „Erstens war das eine Gemeinschaftsentscheidung, also ist es nicht …“

„Aber du bist der Einzige, der es weiß. Ich habe gedacht, dass du mir Rückendeckung gibst, Mann.“

„So viele Möglichkeiten gab es ja nicht, Riley“, verteidigte sich Zac.

„Aber jede andere wäre besser gewesen als diese!“

„Jetzt beruhige dich doch erstmal. Ich hab’s ja kapiert.“ Zac stellte die Bremse des Rollstuhls fest und fuhr fort: „Aber vielleicht könntest du das Ganze ja auch als Chance betrachten, oder?“

„Als Chance wozu? Dass Paige mir beim Wechseln der blutigen Verbände und beim Duschen hilft und mich wie einen verdammten Krüppel versorgt? Hast du an diese Art Chance gedacht? Ich war eigentlich ziemlich sicher, dass mein Stolz schon den Bach runter ist, aber wer weiß, vielleicht schaffen wir es ja, ihn noch ein bisschen weiter abwärtszutreiben.“

Zac, der jetzt ziemlich zerknirscht dreinschaute, nahm den zusammengefalteten Rollstuhl vom Gepäckkarussell und klappte ihn auseinander. „Du hast eine Menge durchgemacht, Riley, das habe ich ja kapiert, aber sie ist deine beste Freundin und möchte dir helfen. Es fühlt sich wirklich sehr viel besser an, dir ganz praktisch helfen zu können, als zu wissen, dass du Tausende von Kilometern entfernt bist, und völlig ohnmächtig zu sein. Vielleicht bringt euch das Ganze ja auch näher zusammen. Vielleicht ist das deine Chance.“

Riley stieß ein trockenes, freudloses Lachen aus. „Ja, klar. Ich bin genau das, was sie sich immer erträumt hat – ein Krüppel.“

Ganz kurz flackerte daraufhin etwas in Zacs Blick auf, und er sagte: „Aber du bist doch immer noch derselbe Mensch, Riley.“

Nicht annähernd. Nicht äußerlich und schon gar nicht innerlich. Er presste die Lippen kurz ganz fest aufeinander, bevor er es aussprach.

Nichts würde jemals wieder so sein, wie es gewesen war. Paige hatte nur das Beste verdient, und das war ganz sicher nicht er.

Zac musterte Riley jetzt mit leicht zusammengekniffenen Augen und fragte: „Was ist mit deinem breiten Grinsen passiert, Bruderherz?“

Daraufhin presste Riley die Kiefer nur noch fester aufeinander und drehte sich zu dem Gepäckband um, das quietschend seine Endloskreise zog. „Schieb den Stuhl bitte hier rüber“, sagte er nur.

„Wieso habe ich nur das Gefühl, dass es dir nicht halb so toll geht, wie du behauptest?“, fragte Zac jetzt.

Riley brauchte eine ganze Weile, bis er daraufhin seine Fassung zurückgewonnen hatte, und sagte: „Mir geht es gut. Ich wollte nur … ach, eigentlich hatte ich vor, ein bisschen mehr Abstand zu Paige zu bekommen. Und jetzt sitze ich ausgerechnet bei ihr fest.“ Er sah Zac mit versteinertem Blick an und fuhr fort: „Wenn ich versuche, aus der Nummer herauszukommen, dann werde ich ihr wehtun, oder sie merkt, dass etwas im Busch ist, und das wäre noch schlimmer.“

Der Argwohn wich langsam aus Zacs Blick, während er den Rollstuhl heranschob und die Bremse feststellte. „Aber das wäre doch auch kein Weltuntergang, oder?“, fragte er.

„Vergiss es“, antwortete Riley.

Er würde es einfach über sich ergehen lassen müssen, indem er sich bis zur Erschöpfung in seine Übungen und Therapien reinhängte, um möglichst schnell eine Prothese zu bekommen und wieder selbstständig leben zu können. Je früher er wieder allein zurechtkam, desto schneller könnte er wieder aus Paiges Leben – und aus Summer Harbor – verschwinden, und zwar endgültig.


KAPITEL 3

Paige schaltete den Fernseher aus und rutschte auf Knien zu Rileys Rollstuhl hinüber. Nach einem turbulenten Wiedersehensfestmahl hatte sich die Familie schon recht bald wieder verzogen. Vielleicht hatten sie gespürt, wie erschöpft Riley war, trotz seiner tapferen Bemühungen, sich an dem lebhaften Gespräch zu beteiligen, das sich vorwiegend um den Alltag in Summer Harbor gedreht hatte. Es war um Zacs Restaurant gegangen, um Beaus Verlobung, Zacs Hochzeit und um die Weihnachtsbaumplantage. Die jüngsten finanziellen Engpässe im Tierheim hatte Paige einfach beschönigt, denn sie wollte nicht, dass Riley sich auch noch Sorgen um ihren Lebensunterhalt machte. Er sollte sich ganz auf seine Wiederherstellung konzentrieren können.

Neben dem Rollstuhl blieb sie auf Knien sitzen und betrachtete sein gutaussehendes Gesicht, das nicht einmal jetzt im Schlaf völlig entspannt war. Zwischen seinen Augenbrauen verliefen zwei steile senkrechte Falten, und sein Mund war fest geschlossen. Er hatte sich verändert in den fünfzehn Monaten, die er weg gewesen war. Sie hatte die Veränderung zwar auch schon bemerkt, wenn sie über Skype miteinander gesprochen hatten, aber jetzt war sie noch viel deutlicher zu erkennen.

Sein Gesicht war kantiger geworden, besonders das Kinn, sodass er härter wirkte. Sie nahm, an, dass Menschen sich durch den Krieg einfach veränderten, und zwar äußerlich wie innerlich. Seine langen dunklen Wimpern, die bei geschlossenen Augen besonders auffielen, waren das einzig Weiche und Jungenhafte, das ihm geblieben war.

Sie kannte ihn jetzt schon so lange und so gut. Vielleicht war das auch der Grund, weshalb sie ihm den glücklichen Heimkehrer nicht so recht abnahm. Er hatte es vermieden, irgendetwas darüber zu erzählen, was er in den vergangenen Wochen durchgemacht hatte, und seine Verwundung war den ganzen Abend der rosa Elefant im Raum gewesen.

Jetzt kam ihre Katze Dasher angeschlichen, strich ihr um die Beine und schnupperte in Rileys Richtung.

„Schön, dass er wieder da ist, nicht wahr, meine Kleine?“, sagte sie.

Sie betrachtete Rileys Unterarme, die hart wie Stahl aussahen und in starke, schwielige Hände mit kräftigen Fingern übergingen. Seine Hände – männliche Hände – hatten ihr schon immer gefallen. Seine Arbeit als Hummerfischer hielt ihn fit, und am glücklichsten war er immer gewesen, wenn er draußen auf dem Wasser auf dem schaukelnden Boot sein konnte und den Wind in den Haaren spürte. Deshalb war sie auch so überrascht gewesen, als er sich freiwillig zur Army gemeldet hatte.

Überrascht und bestürzt. Und ja, das gestand sie sich selbst ein, auch wütend. Er hatte es ihr einfach ganz sachlich mitgeteilt, kurz und trocken, ohne dass er irgendwann vorher auch nur ein Wort darüber verloren hätte. Er war einfach gegangen, und sie hatte sich im Stich gelassen gefühlt – ein Gefühl, das sie nur zu gut kannte.

Doch jetzt war nicht der richtige Moment, sich damit zu befassen. Er war wieder zurück und brauchte sie.

„Riley.“

Die Furchen zwischen seinen Augenbrauen wurden noch tiefer, und er drehte den Kopf zur Seite.

Sie hasste es, ihn wecken zu müssen, aber es war notwendig, damit er ins Bett kam. Außerdem musste sein Verband gewechselt werden. Sein Bett war schon bereit, die Decken aufgeschlagen, und sie hatte alle Hindernisse auf dem Weg dorthin weggeräumt. Auf seinem Nachttisch stand neben seiner Tablettenpackung ein Glas Wasser, und die Krücken befanden sich in Reichweite neben dem Bett.

Sie legte ihre Hand auf seinen Arm, strich mit den Fingern ganz leicht über das dunkle Haar und sagte leise: „Riley, es ist Zeit für …“

Er erschrak, und im nächsten Moment flog sie rückwärts nach hinten, prallte auf den harten Boden auf, rutschte ein Stück darauf entlang und prallte mit dem Kopf gegen die Wand. Dabei bohrte sich der schwere Ring, den sie an einer Halskette trug, in ihr Kinn.

Sie blinzelte und war so benommen, dass sie sich erst orientieren musste, wo sie sich befand und was passiert war. Ihre Ellbogen brannten, ihr Kopf dröhnte, und der ganze Oberkörper schmerzte. Autsch.

„Paige!“, rief Riley, und der Schrecken stand ihm ins Gesicht geschrieben. Er löste die Bremse seines Rollstuhls und kam zu ihr hingefahren.

„Ist schon gut. Alles in Ordnung. Mir geht es gut. Nichts passiert.“ Sie setzte sich vorsichtig wieder auf die Knie und merkte, dass ihr von dem Aufprall mit dem Kopf etwas schwindelig war, aber sie setzte ein Lächeln auf, als er neben ihr anhielt, und sagte in bemüht munterem Ton: „Mensch, Callahan, du bist da drüben ja noch stärker geworden.“

„Tut mir wirklich leid. Ich wollte dir nicht wehtun.“

Sie stieß ein kurzes, schnaubendes Lachen aus. „Ist schon gut. Alles in Ordnung. Ich bin ja ziemlich zäh“, sagte sie und strich sich das Haar aus dem Gesicht.

Mit leicht zusammengekniffenen Augen schaute er auf ihren Unterarm. „Du blutest ja.“

Sie warf einen kurzen Blick auf die Stelle und wiegelte ab: „Ach, das ist nur ein kleiner Kratzer. Ein Pflaster, und alles ist wieder wie neu. So, und jetzt wollen wir mal …“

„Du hast dir auch den Kopf gestoßen.“

„Ach, wirklich?“, entgegnete sie mit einem Grinsen. „Das ging alles so schnell. Ich habe schon gedacht, du hättest eine neue Superpower. So wie dieser Typ aus Twilight.“

Da schlug er mit der Faust auf die Lehne des Rollstuhls und entgegnete: „Verdammt noch mal, jetzt hör endlich auf, Witze zu machen. Das ist nicht lustig. So geht das hier nicht.“

Ihre Mundwinkel gingen nach unten, während sie gleichzeitig etwas wie eine schwere Last in ihrer Körpermitte verspürte. „Jetzt sei doch nicht albern. Es war meine Schuld. Du bist gerade aus einem Krieg zurück – ich hätte es mir denken müssen. Ich habe viel darüber gelesen, und das, was gerade passierte ist, ist eigentlich typisch. Nächstes Mal passe ich einfach besser auf“, sagte sie.

„Aber es ist doch nicht richtig, wenn du dich in deiner eigenen Wohnung in Acht nehmen musst. Und genauso wenig ist es richtig, dass du dich um mich kümmerst“, sagte er und umklammerte dabei die Armlehnen seines Rollstuhls.

Sie atmete einmal heftig aus, setzte sich auf die Knie und legte ihre Hand auf seine. So viele Emotionen spiegelten sich da in seinem Blick wider – Bedauern, Frust und Zorn –, und wahrscheinlich waren da jede Menge ähnlicher Gefühle, die noch nicht hochgekommen waren. Das mochten alles negative Empfindungen sein, aber wenigstens waren sie echt, und das war ihr lieber als diese gespielte Munterkeit, die er an den Tag legte, seit er aus dem Flieger gestiegen war.

„Hör mal, Callahan, ich werde für dich da sein, ob es dir passt oder nicht, denn dazu hat man schließlich Freunde. Du würdest das Gleiche auch für mich tun, das weißt du genau. So, und jetzt bringen wir dich erst mal ins Bett, und du schläfst dich aus, damit du für deine erste Physiotherapie morgen gut ausgeruht bist. Nach allem, was ich gehört habe, wird der Physiotherapeut der neue Bösewicht in deinem Leben sein.“

Er kniff die Lippen fest zusammen, und seine Nasenflügel bebten. Ganz kurz blitzte in seinen Augen eine Emotion auf, bevor er sich abwandte. Dabei war sein Kinn hart wie Fels.

„Alles wird gut. Zusammen schaffen wir das“, sagte sie und drückte seine Hand ein letztes Mal. Bitte, Gott, lass alles gut werden.


KAPITEL 4

In dem Moment, in dem Paige den Zwingerbereich betrat, brach der Lärm los. Lautes Gebell, das Klopfen von Hundeschwänzen auf den Boden und das Scharren von Pfoten. Der Geruch von Desinfektionsmittel und Hundefutter hing in der Luft. Sie zog ein wenig an der Leine und lockte den Boxerrüden, der es absolut nicht eilig hatte, wieder zurück in den Zwinger zu kommen.

„Hey, seid ihr gut drauf heute? Alle satt und bereit für einen Spaziergang? Sind wir aber heute wieder munter!“

Sie schenkte jedem Hund, an dem sie vorbeikam, einen Moment lang ihre Aufmerksamkeit und sprach ein paar freundliche Worte, bevor sie dann den Boxer wieder in seinen Zwinger sperrte. Bevor sie die Tür schloss, kniete sie sich noch kurz hin und kraulte ihn hinter den Ohren. Ihr wurde richtig schwer ums Herz, als sie seinen verlorenen Blick bemerkte.

„Ist ja schon gut, mein Kleiner. Wir finden bestimmt ein neues Zuhause für dich.“

Der Boxer war braun mit weißer Schnauze und weißen Lefzen, hatte Schlappohren und die für die Rasse typisch faltige Stirn. Sie hatten ihn vor vier Wochen auf der Bristol Road gefunden, völlig verhungert und ausgetrocknet. Inzwischen hatte er sich schon etwas erholt und zugenommen, seine Nase war hell und glänzte wieder, aber der leere Blick war geblieben. Sie hatte ihn sofort Bishop getauft. Nicht alle ihre Tiere bekamen einen Namen, aber schon als sie den Boxer das erste Mal gesehen hatte, war ihr dieser Name in den Sinn gekommen. Das passierte manchmal.

Etwas an seinem traurigen Blick erinnerte sie an Riley. Sie wünschte, sie hätte den Hund mit nach Hause nehmen können, denn sie hatte das Gefühl, ein Tier würde Riley guttun, doch sie wohnte zur Miete, und der Eigentümer erlaubte nicht mehr als ein Haustier. Das war auch wahrscheinlich ganz gut so, denn sonst hätte Paige bestimmt schon einen ganzen Zoo zu Hause.

In den letzten paar Tagen war Riley einigermaßen munter gewesen – aber er war auch unglaublich starrsinnig. Alles wollte er alleine schaffen. Natürlich war ihr klar, wie wichtig das für seinen Stolz und für seine Genesung war, doch wenn sie mit ansehen musste, wie er sich mit einer Aufgabe, die normalerweise eine halbe Minute dauerte, eine halbe Stunde abquälte, dann war das schwer auszuhalten.

Sie machte sich Sorgen um ihn, wenn er den ganzen Tag allein zu Haus war, doch die Familie schaute in regelmäßigen Abständen bei ihm vorbei, und auch mit Essen war er bestens versorgt; denn jede Frau im Umkreis von dreißig Kilometern hatte inzwischen entweder einen Auflauf oder einen Kuchen vorbeigebracht. Trotzdem hatte sie in den vergangenen paar Tagen ziemlich häufig bei ihm angerufen, um sich zu vergewissern, dass alles in Ordnung war. Ihm schien es nichts auszumachen, und für sie war es ungemein beruhigend.

Als sie jetzt auf die Uhr schaute, stellte sie fest, dass ihr letzter Anruf schon wieder ein paar Stunden her war. Sie verließ also den lärmenden Zwingerbereich und rief ihn von ihrem ruhigeren Büro aus an.

Beim dritten Klingeln nahm er ab.

„Hallo!“, sagte sie. „Was machst du denn gerade?“

„Dasselbe, was ich auch in den letzten paar Stunden gemacht habe“, antwortete er, und sie konnte hören, dass er schmunzelte.

„Also ich hatte gerade ein paar Minuten Zeit, und da hab ich gedacht …“

„Es geht mir gut, Paige. Du brauchst mich nicht stündlich anzurufen.“

„Das tu ich doch gar nicht! Ich rufe nur an, um dich zu fragen, ob ich dir heute Abend etwas aus dem Roadhouse zu essen mitbringen soll.“

„Nein. Du wolltest dich nur vergewissern, ob ich mich vielleicht mit den Gardinenschnüren erdrosselt habe oder so.“

„Jetzt werd mal nicht albern. Ich habe ja nicht mal Gardinen.“

„Paige!“

Okay, also gut, sie wich ihm – zumindest in Gedanken – nicht von der Seite. Aber was war, wenn in ihrer Abwesenheit tatsächlich etwas passierte? Was, wenn er stürzte und nicht wieder aufstehen konnte?

„Tut mir leid. Ich will dich wirklich nicht mit meiner Fürsorge erdrücken, aber ich mache mir eben Sorgen um dich. Ich wünschte, ich könnte es mir leisten, mir eine Weile frei zu nehmen.“

„Um was zu tun? Hier bei mir zu sitzen und mir zuzuschauen, wie ich meine Übungen mache? Ich kann mich gut selbst versorgen und komme prima allein zurecht. Außerdem habe ich immer mein Handy bei mir, und wenn ich etwas brauche, dann rufe ich dich an.“

Bei dem Gedanken, mehr loslassen zu müssen, spürte sie ein heftiges Ziehen im Bauch. Aber wahrscheinlich würde sie ihn in den Wahnsinn treiben, wenn sie ihn nicht losließ. „Versprochen?“

„Großes Ehrenwort.“

In dem Moment klingelte das Glöckchen über der Tür, und weil Lauren gerade Mittagspause hatte, musste Paige sich kurzfassen. Außerdem machte sie sich eine innere Notiz, nach der Arbeit auf dem Heimweg im Roadhouse vorbeizufahren.

Als Paige nach vorne zum Empfang ging, stand Margaret LeFebvre dort am Tresen.

Sie sah frisch aus wie immer. Ihr modischer Kleidungsstil und ihre elegante Figur erinnerten Paige immer an Diane Keaton. Margaret war die Besitzerin des Primrose Inn und außerdem im Vorstand des Tierheims.

Obwohl die Frau sie freundlich anlächelte, hatte Paige ein mulmiges Gefühl, als sie sie sah.

„Margaret. Das ist ja eine Überraschung. Wie geht es Ihnen denn?“

Margaret nahm ihre Brille ab, sodass sie an einer Kette um ihren Hals baumelte, und antwortete: „Gut, meine Liebe. Das Hotel läuft gut, und meine Tochter hat gerade ihr Baby bekommen.“

„Ach, da gratuliere ich herzlich! Das ist Ihr viertes Enkelkind, oder?“

„Ja. Aber es ist das erste Mädchen.“ Sie holte ihr Handy aus der Tasche, zeigte Paige ein Foto von dem schlafenden Baby und dann noch zwölf weitere unterschiedliche Aufnahmen.

„Ach, ist die niedlich“, sagte Paige immer wieder.

„Sie heißt Sophia Grace, nach meiner Mutter. Das hätte ihr bestimmt gefallen.“

„Was für ein schöner Name. Sie freuen sich doch bestimmt auch darüber, oder?“

„Ja, wirklich. Ich wünschte nur, sie würde in der Nähe wohnen, aber ich fahre demnächst hin, um sie zu besuchen. Allerdings nur für ein paar Tage. Durch das Hotel bin ich ziemlich angebunden, aber ich liebe meine Arbeit nun mal.“

Jetzt legte sie den Kopf ein wenig auf die Seite und sagte: „Als ich gerade in der Stadt war, habe ich erfahren, dass der Callahan-Junge wieder zurück ist.“

„Ja, das stimmt. Es ist schön, ihn wieder da zu haben.“

„Er hat es ja anscheinend ziemlich schwer gehabt.“

„Ja, aber er hat einen hervorragenden Physiotherapeuten und wird sicher bald wieder auf den Beinen sein. Im Moment wohnt er bei mir.“

„Ja, das habe ich auch gehört. Seien Sie bloß vorsichtig. Solche Traumata können viel anrichten bei einem Menschen. Der Sohn einer Freundin von mir war ein völlig anderer Mensch, als er aus dem Irak zurückkam. In sich gekehrt, depressiv, wütend und gewalttätig. Er ist mit dem Gesetz in Konflikt geraten und sitzt jetzt im Gefängnis. Es ist wirklich ein Jammer.“

Paige richtete sich bewusst etwas auf, während sie sich gleichzeitig daran erinnerte, wie sie quer durch den Raum geschleudert worden war. Aber das war etwas anderes. Riley hatte geschlafen und nicht gewusst, was er tat.

„So etwas würde Riley niemals tun. Er ist stark und sehr selbstständig. Er wird es schaffen.“

„Ja, sicher, meine Liebe“, sagte Margaret und ließ ihr Handy wieder in ihre Handtasche gleiten. „Haben Sie vielleicht ein paar Minuten Zeit zum Reden?“

Paiges Brustkorb fühlte sich an, als würde gerade eine Zentnerlast darauf gepackt. „Ja, klar. Lauren ist gleich aus der Pause zurück. Kommen Sie doch mit nach hinten“, sagte sie und ging voraus in ihr Büro.

Der holzvertäfelte Raum war klein, und in der Mitte stand ein alter Eichenschreibtisch. Paige sorgte immer dafür, dass ihr Arbeitsplatz sauber und aufgeräumt war, und ob es nach Hund roch, konnte sie schon lange nicht mehr sagen, weil sie sich so sehr an den Geruch gewöhnt hatte. Die einzige Dekoration in dem Büro war ihr Riesenfarn in der einen Ecke und ein Foto mit allen Callahans auf dem Schreibtisch, das vor ein paar Jahren am Nationalfeiertag aufgenommen worden war. Unmittelbar bevor der Auslöser betätigt worden war, war sie auf Rileys Rücken gesprungen, und der Schnappschuss zeigte deutlich, wie überrascht er gewesen war.

„Setzen Sie sich doch“, sagte Paige und deutete auf den einzigen weiteren Stuhl im Raum. „Kann ic’h Ihnen etwas anbieten? Wasser oder Kaffee?“

„Nein, danke. Ich habe gerade im Frumpy Joe’s zu Mittag gegessen, und mein Magen hat sich noch nicht wieder ganz davon erholt.“ Margaret rutschte auf dem Stuhl hin und her, sodass ihre Basthandtasche knisterte.

Paige legte ihre verschränkten Hände vor sich auf die Schreibtischplatte, versuchte, die aufsteigende Angst zu beschwichtigen, und sagte: „Ich merke ja, dass etwas nicht stimmt, Margaret, also wieso sprechen wir nicht einfach offen darüber?“

Daraufhin schaute Margaret sie mitfühlend an und sagte: „Also es fällt mir wirklich schwer, denn ich weiß ja, wie viel Ihnen das Tierheim bedeutet, Paige, und wie hart Sie hier arbeiten, aber ich habe leider schlechte Nachrichten.“

Paige wappnete sich, und ihr Herz pochte jetzt heftig. Das Tierheim wurde schon seit einer ganzen Weile mit einem Minimalbudget betrieben, daher kamen jetzt alle möglichen Befürchtungen in ihr hoch. Vielleicht war noch ein weiterer Sponsor abgesprungen, oder sie mussten für die bisher kostenlosen Serviceleistungen etwas berechnen? Davor scheute sie jedoch immer noch zurück, denn es gab so viele Leute, die sich eine Impfung oder Sterilisation einfach nicht leisten konnten, und beides war ungemein wichtig.

„Sagen Sie mir doch bitte einfach, was los ist. Ich verkrafte es schon.“

Daraufhin lächelte Margaret sie sichtlich angestrengt an und sagte: „Wir müssen das Tierheim leider schließen.“

Das verschlug Paige erst einmal die Sprache. „Was? Nein!“

„Ich verstehe ja, dass Sie das erschüttert …“

„Wir können nicht schließen, Margaret. Die Stadt braucht uns, und die Tiere brauchen uns. Zurzeit sind …“

Margaret beugte sich über den Schreibtisch, legte ihre eine Hand auf ihre geballte Faust und sagte beschwichtigend: „Ich weiß, meine Liebe. Jetzt beruhigen Sie sich erst einmal, und atmen Sie tief durch.“

Das versuchte Paige, aber ihre Lunge schien in den vergangenen zehn Sekunden irgendwie geschrumpft zu sein. Im Moment lebten im Tierheim zwölf Hunde und neun Katzen, die versorgt werden mussten. Was sollte denn mit denen passieren? Was würde von jetzt an mit all den Hunden und Katzen geschehen, die sie jedes Jahr retteten und für die sie ein neues Zuhause suchten? Ganz zu schweigen von all den verletzten Wildtieren, die sie nebenbei und inoffiziell auch noch gerettet hatte.

„Sie wissen ja selbst, dass die Spenden in den letzten Jahren stark zurückgegangen sind. Einige Unterstützer sind weggezogen, und andere können sich die Unterstützung nicht mehr leisten. Es sind einfach wirtschaftlich schwierige Zeiten.“

„Aber wir haben doch neue Sponsoren gefunden.“

„Leider nicht genügend. Das Spendenaufkommen ist nicht so hoch, dass es für kostenlose Impfungen und Sterilisationen reicht, wie wir sie im letzten Jahr noch angeboten haben.“

„Aber das ist so wichtig. Und langfristig zahlt es sich auch aus, weil …“

Margaret hob eine Hand und sagte: „Das weiß ich doch … aber das Problem sind die Kosten. Die Tierarztkosten, die Medikamente, die Impfungen … all diese Leistungen strapazieren unser Budget, und mittlerweile ist dieser Zustand nicht mehr tragbar.“

Paige atmete einmal heftig aus. Sie musste jetzt die Prioritäten im Blick behalten und gut überlegen, was sie sagte. „Also gut. Ich weiß, dass ich in dieser Hinsicht in der Vergangenheit vielleicht etwas halsstarrig war, aber dann müssen wir jetzt eben anfangen, für diese Leistungen etwas zu berechnen, auch wenn ich eigentlich dagegen bin. Aber es ist besser als nichts.“

Daraufhin schüttelte Margaret nur ganz langsam den Kopf und erklärte: „Tut mir leid, meine Liebe, aber dazu ist es leider zu spät …“

„Wir finden bestimmt eine Organisation oder eine Stiftung, die uns einen Zuschuss bewilligt. Ich finde jemanden. Irgendwie schaffe ich es.“

„Sie wissen doch selbst, wie lange es dauert, bis solche Zuschüsse bewilligt werden, wenn überhaupt. Dafür haben wir keine Zeit mehr. Der Vorstand sieht keine andere Möglichkeit mehr als die Schließung.“

„Dann starten wir eine Spendenaktion! Erinnern Sie sich noch an das Wohltätigkeits-Hummeressen, das wir vor ein paar Jahren veranstaltet haben? So etwas bekomme ich rasch wieder organisiert, und die ganze Stadt wird mitmachen, Sie werden sehen.“

„Paige …“

„Der Ort braucht dieses Tierheim, Margaret! Das wissen Sie doch auch.“ Sie musste wieder an Bishops traurigen Blick denken, und plötzlich hatte sie einen dicken Kloß im Hals. „Ohne unser Tierheim werden Dutzende von Tieren unnötig sterben“, sagte sie verzweifelt.

Bei diesen Worten wurde der Blick der Frau mit den hellblauen Augen ein ganz klein wenig weicher.

„Geben Sie mir nur drei Monate. Ich treibe Sponsoren auf und bekomme Zuschüsse, egal, was ich dafür tun muss. Aber bitte lassen Sie die Schließung nicht zu“, flehte Paige.

„Wie wollen Sie denn das alles schaffen, Paige? Sie haben doch schon zu Hause genug zu tun.“

„Für das, was wirklich wichtig ist, nehme ich mir die Zeit, und wenn ich mir einmal etwas in den Kopf gesetzt habe, dann ziehe ich es auch durch, Margaret. Bitte.“

Die Frau sah sie mindestens eine halbe Minute lang schweigend an, während Paige sich alle Mühe gab, Entschlossenheit zu demonstrieren. Sie atmete kaum, und ihr Herz schlug zum Zerspringen.

Schließlich stieß Margaret einen tiefen Seufzer aus und sagte: „Ich glaube, dass Sie sich damit etwas aufhalsen, was nicht zu schaffen ist, Paige. Aber wenn Sie etwas mehr Unterstützung von Rileys Familie bekommen, geht es ja vielleicht.“

Die Frau würde doch wohl nicht von ihr verlangen, sich entweder für das Tierheim oder die Betreuung von Riley zu entscheiden?

„Aber ich bin Rileys Familie. Machen Sie sich darüber bitte keine Gedanken. Ich schaffe das. Ich werde nicht nur für zusätzliche Spenden sorgen, sondern auch die Kosten noch einmal durchgehen und Einsparungen vorschlagen. Ich führe eine Gebühr für das Auffinden entlaufener Tiere ein und wenn nötig auch für jede Dienstleistung, die wir erbringen. Geben Sie mir nur eine Chance, Margaret. Drei Monate. Um mehr bitte ich doch gar nicht.“

Wieder schaute Margaret sie sehr lange schweigend an und sagte schließlich. „Also gut. Ich glaube, zu drei weiteren Monaten kann ich den Vorstand noch überreden.“

Da konnte Paige endlich wieder aufatmen.

Als sie Margaret zur Tür brachte, fühlte sie sich wie benebelt, und nachdem die Tür ins Schloss gefallen war, drehte sie ihr den Rücken zu und lehnte sich mit ihrem ganzen Gewicht dagegen.

Drei Monate, um Tausende von Dollars zusammenzubekommen. Was hatte sie sich da nur eingebrockt?


KAPITEL 5

Riley manövrierte sich auf Krücken durch die Türen des Roadhouses. Für einen Donnerstag war es ziemlich laut in dem beliebten Treffpunkt für Einheimische und Gäste. Auf sehr laut aufgedrehten Fernsehern wurde das Spiel der Red Sox übertragen, allerdings noch übertönt von den lautstarken Gesprächen der Gäste. Es war ausschließlich der würzige Duft der Chickenwings, der dafür sorgte, dass er nicht wieder Reißaus nahm, sondern weiterging.

„Bist du wirklich sicher, dass du nicht lieber im Rollstuhl sitzen willst?“, fragte Paige und ließ die Tür hinter ihnen zufallen.

„Ja, ganz sicher“, antwortete er, denn er war es so leid, immer zu den Leuten aufblicken zu müssen. Als er jetzt das Lokal nach seinen Brüdern absuchte, entdeckte er sie auf ihren Stammplätzen hinten in einer Ecknische und ging vorsichtig an seinen Krücken dorthin, wie es ihm der Physiotherapeut gezeigt hatte. Das fehlende Bein störte sein Gleichgewichtsgefühl, und er wäre diese Woche schon zwei Mal beinahe gestürzt, während Paige bei der Arbeit war, doch das hatte er lieber für sich behalten.

Er begrüßte seine Brüder mit viel Elan, und sie rutschten ein Stück, sodass er sich dazusetzen konnte.

„Warum setzen wir uns nicht an einen richtigen Tisch statt hier in die Nische?“, fragte Paige.

„Wieso denn das? Wir sitzen doch immer hier“, entgegneten die Brüder.

„Ich dachte nur“, ihr Blick ging kurz zu Riley, „dass es vielleicht ein bisschen einfacher wäre.“

Riley spürte, wie er rot wurde, und er sagte: „Es ist alles gut.“ Dann ging er zu dem frei gewordenen Platz, verlagerte die Krücken auf die gute Seite und ließ sich nieder. Das Ganze dauerte etwa eine halbe Minute, und ihm stand vor Anstrengung Schweiß auf der Stirn.

Erinnerst du dich noch an die Zeit, als es kein Ereignis war, wenn du dich hingesetzt hast?

Als er endlich saß, verstaute Riley seine Krücken neben sich und griff nach der Speisekarte.

„Ich habe einen Bärenhunger“, sagte er. „Wo sind denn die Mädels?“

„Die spielen Billard“, antwortete Beau. „Jedenfalls versuchen sie es.“

Und tatsächlich erblickte Riley sie in einer fernen Ecke. Eden stand ein wenig abseits vom Tisch, während Lucy sich gerade zu einem Stoß fertig machte.

„Hey, guck mal“, sagte Zac. „Lucy wird immer besser. Vergiss nicht, dass wir dich letzte Woche geschlagen haben.“

„Ach, das war doch Anfängerglück“, entgegnete Beau, woraufhin Zac nur die Augen verdrehte.

„Ich muss noch mal wohin. Könnt ihr mir bitte einen Buffalo-Chicken-Salat bestellen?“, fragte Paige jetzt.

Riley sah ihr kurz nach, bevor er sich wieder der Speisekarte zuwandte.

„Seit wann geht sie denn auf öffentliche Toiletten?“, fragte Beau und sah ihr mit gerunzelter Stirn hinterher.

Es wurmte Riley, dass sein Bruder Paige so gut kannte, aber Beau und Paige waren schließlich eine ganze Weile zusammen gewesen. Nichts war für Riley so schlimm gewesen, wie dabei zuschauen zu müssen, dass sich die Liebe seines Lebens in seinen älteren Bruder verliebte. Er hatte sich nur freiwillig zur Army gemeldet, weil er nicht hatte haben können, was er sich am allermeisten gewünscht hatte. Aber dadurch hatte er nur erreicht, dass er es nie bekommen würde. Die Ironie dieses Zusammenhangs war ihm durchaus bewusst.

„Sie geht gar nicht zur Toilette“, sagte Riley. „Das ist nur ein Vorwand, um eventuelle Hindernisse auf dem Weg zur Herrentoilette zu entfernen für den Fall, dass ich hinmuss.“ Genauso wie sie im Erdgeschoss ihres Hauses alle Teppiche entfernt, jedes Kabel weggeräumt und alles auf Augenhöhe geräumt hatte, was er vielleicht benötigen könnte.

„Sie versucht doch nur, dir zu helfen“, sagte Zac.

Riley merkte, wie sich sein Unterkiefer verspannte. Er wollte weder Paiges Hilfe noch ihr Mitleid. Er wollte nicht, dass sich die Frau, die er liebte, um ihn kümmerte, als wäre er ein Behinderter. Er wollte voll intakt und selbstständig sein. Er wollte sein blödes Bein wiederhaben.

„Hey“, sagte Beau jetzt. „Du machst das alles so großartig und läufst schon wie ein Profi an diesen Dingern.“

Ja, klar. Er war ein echter Profi. Noch vor einem Monat hatte er zehn Kilometer in voller Kampfmontur rennen können, und jetzt musste er wieder laufen lernen wie ein Kleinkind.

Er zwang sich zu einem Lächeln. „Ja, echt schnell, nicht?“

„Wart’s ab, eh du dich versiehst, gehst du wieder auf Hummerfang“, sagte Beau.

Daraufhin sah Riley ihn nur an, stieß ein trockenes, freudloses Lachen aus und sagte: „Ja, klar.“

„Wieso denn nicht?“, fragte Zac. „Beinamputierte können doch heutzutage alles Mögliche machen. Sieh dir doch nur mal all die Läufer bei den Paralympics an.“

Riley schaute ihn daraufhin finster an. Im Moment war es ja schon illusorisch, aus eigener Kraft und ohne Hilfsmittel auch nur einmal durch den Raum zu gehen, und seine Zukunft kam ihm ungefähr so strahlend vor wie ein schwarzes Loch.

Na, so viel dann also zu „all dem Guten“, das du mit mir vorhast, was, Gott? „Gedanken des Friedens und nicht des Leids“? „Hoffnung und Zukunft“?

Ja klar.

„Wieso denn nicht?“, fragte Beau. „Es gibt doch keinen Grund, wieso du nicht wieder Fischen gehen solltest.“

Auf welchem Planeten lebte sein Bruder eigentlich? „Ja, und bei meinem Glück verliere ich dann auch noch eine Hand in der Takelage. Vielen Dank auch. Den Rest meiner Gliedmaßen würde ich eigentlich ganz gerne behalten. Ich habe nämlich keine mehr übrig.“

In dem Moment kamen die Mädels aus dem Billardraum zurück an den Tisch und quetschten sich auf die gegenüberliegende Bank, sodass die Anspannung am Tisch etwas nachließ.

„Wo ist denn Micah?“, fragte Zac jetzt, denn Eden hatte sonst eigentlich fast immer ihren siebenjährigen Sohn dabei.

„Mein Vater hat ihn mit zum Angeln genommen. Das heißt, dass sie eine Viertelstunde die Angel ins Wasser halten und dann aufgeben und Eis essen gehen.“

„Ganz schön schlau, die Jungs“, bemerkte Lucy. „Es gibt doch nichts Besseres als eine Kugel Eis. Außer zwei Kugeln.“

Zac stupste seine Frau an und sagte dann mit zärtlichem Blick: „Ich erinnere mich an eine gewisse Person, die mir eine Kugel Eis in hohem Bogen auf den Schoß befördert hat. Wenn ich mich recht erinnere, führte dieser Zwischenfall zu einem ziemlich süßen und langen ersten Kuss.“

Sie lächelte ihn an, und ihr Blick wurde ganz weich. „Eine Frau muss eben tun, was eine Frau tun muss.“

Riley massierte sich währenddessen abwesend den Beinstumpf. Zacs und Lucys gemeinsame Geschichte war lang und kompliziert. Sie waren verlobt gewesen, bis Lucy ihn eine Woche vor der Hochzeit einfach hatte sitzen lassen und spurlos verschwunden war. Dann war sie Monate später wieder aufgetaucht, hatte aber ihr Gedächtnis verloren, sodass sie sich nicht einmal mehr daran erinnern konnte, dass sie Zac verlassen hatte. Sie war immer noch in ihn verliebt gewesen und davon überzeugt, dass sie demnächst heiraten würden. All den Aufruhr hatte Riley gar nicht miterlebt, weil er zu der Zeit bereits im Einsatz in Afghanistan gewesen war. Doch irgendwie schienen die beiden die ganze Geschichte gut bewältigt zu haben, und die frischgebackenen Eheleute sahen sich immer noch in die Augen, als wären sie allein auf der Welt.

Beau rutschte unruhig auf seinem Platz hin und her und sagte schließlich: „So, jetzt ist aber gut – sonst nehmt euch doch ein Zimmer.“

Daraufhin lächelte Zac ihn provozierend an, tat, als ob er wirklich aufstehen wollte, und sagte: „Wenn du darauf bestehst …“

Aber Lucy gab ihrem Mann einen Stoß in die Rippen und sagte lachend: „Jetzt hör schon auf damit.“

Beau schaute Eden finster an und fragte: „Wie viele Tage sind es eigentlich noch bis zu unserer Hochzeit?“

„Halte durch, mein Schatz“, antwortete Eden. „Nur noch zwei Monate.“

Beau schloss die Augen. „Monate. Was war noch mal der Grund, weshalb wir so lange warten?“

„Dass sie noch genügend Zeit hat, um zu merken, was für einen Riesenfehler sie macht“, antwortete Zac.

Beau warf seinem Bruder einen kurzen Blick zu, während Paige zurückkam, gegenüber von Riley in die Sitzbank rutschte und die anderen beiden Frauen begrüßte.

„Stimmt es, was ich über das Tierheim gehört habe?“, fragte Lucy bestürzt.

Riley sah Paige daraufhin durchdringend an. Sie waren die ganze Woche zusammen gewesen, die meiste Zeit zu zweit, und sie hatte nicht einmal andeutungsweise etwas davon gesagt, dass es Probleme gab. „Was ist denn mit dem Tierheim?“, fragte er.

Paige lächelte angestrengt, und ihr Blick ging flackernd in der Gruppe umher.

„Ach, wir haben nur ein paar finanzielle Probleme, sonst nichts.“

„Charlotte hat gesagt, dass sie das Tierheim schließen muss“, berichtete Lucy, was sie von der Besitzerin des Frumpy Joe’s gehört hatte. „Das hätte der Vorstand gestern beschlossen.“

„Ist das wahr?“, fragte Riley jetzt nach, doch er sah Paige auch so schon an, dass es stimmte. „Wieso hast du mir denn nichts davon gesagt?“

„Ach, so dramatisch ist es doch gar nicht. Ich habe noch drei Monate Zeit bekommen, die Sache wieder ins Lot zu bringen. Das wird schon klappen.“

„Und wie willst du das machen?“, fragte Eden.

„Indem ich neue Sponsoren auftue, eine Spendenaktion veranstalte und Zuschüsse beantrage.“

Mit gerunzelter Stirn sah Riley sie an und fragte: „Und wann willst du das alles machen? Dazu hast du doch gar nicht die Zeit.“

„Abends und an den Wochenenden. Manches davon kann ich auch bei der Arbeit erledigen, wenn nicht so viel los ist. Bei den Anträgen für Zuschüsse hilft mir Lauren – in Papierkram ist sie wirklich ein Ass. Ihr werdet sehen, das wird schon alles klappen.“

Jetzt schaute Riley Paige noch einmal etwas genauer an und sah, wie angespannt ihre Augenpartie wirkte, bemerkte die Sorgenfalten auf ihrer Stirn und wie sie nervös an ihrer Serviette zupfte.

„Wenn du Hilfe brauchst, eine Spendenaktion zu organisieren, dann sag Bescheid“, bot Eden an. „Ich kann einen Spendenaufruf oder was du sonst brauchst, auf die Homepage des Tierheims setzen.“

„Auf mich kannst du auch zählen“, sagte Lucy.

„Danke, Mädels. Das ist wirklich lieb von euch.“

In dem Moment kam die Bedienung, um ihre Bestellungen aufzunehmen. Rileys Magen knurrte vor Hunger, als eine andere Kellnerin mit einer Portion Chickenwings vorbeikam.

„Wie läuft denn deine Physiotherapie?“, fragte Beau, während die Mädels ein eigenes Gespräch begannen.

„Gut. Mein Therapeut erinnert mich an meinen Offizier in der Grundausbildung.“

„Na, das klingt ja nach jeder Menge Spaß“, bemerkte Zac.

„Alles ist gut, was mich wieder auf die Beine bringt.“ Auf das Bein.

„Wenn du mal jemanden brauchst, der dich fährt, sag Bescheid“, bot Beau seinem Bruder an.

Dann sprachen sie über das Spiel der Red Sox. Riley hatte seinen Blick die ganze Zeit fest auf den Fernsehbildschirm gerichtet und tat so, als würde er es aufmerksam verfolgen.

Schon seit dem Morgen, als er auf dem Weg zur Therapie am Hafen vorbeigekommen war, fühlte er sich niedergeschlagen. Der Anblick der Hummerfischer, die ihre Boote zum Auslaufen fertig machten, die Kennzeichen auf den Bojen, deren Bedeutung er noch genau kannte – alles erinnerte ihn an die Zeit, als er einer von ihnen gewesen war. Es fühlte sich an wie ein Schlag in die Magengrube.

Eigentlich hätte er jetzt mit den anderen Fischern draußen sein sollen, um Hummerfallen einzuholen und nachzuschauen, wie der Fang an diesem Tag war.

Er verspürte eine unendliche Sehnsucht danach, wieder aufs Meer hinauszufahren, den salzigen Wind im Gesicht zu spüren, zu arbeiten wie sein Vater und davor schon dessen Vater. Der Hummerfang lag ihm im Blut.

Aber damit war es jetzt vorbei. Beau und Zac hatten es nur noch schlimmer gemacht, indem sie so taten, als könnte er einfach eine Prothese anschnallen und dann wieder aufs Boot steigen.

Selbst für einen starken und gesunden Mann war der Job schon schwer und nicht ungefährlich. Er hatte schon Stiefel und Handschuhe verloren, wenn er sich in den Leinen und Schnüren der Takelage verheddert hatte, das passierte den meisten Hummerfischern hin und wieder. Zum Glück hatte er sich noch nie mit einem ganzen Körperteil verheddert und war über Bord gegangen, aber mit einer Prothese würde er niemals die Gewandtheit und Schnelligkeit haben, die er an Bord brauchte. Zumindest würde es sicher Jahre brauchen, um sie zu erlangen.

Jetzt weckte etwas am Gespräch der Mädels seine Aufmerksamkeit, und er hörte genauer hin, den Blick aber immer noch fest auf den Fernsehbildschirm gerichtet.

„Ist das nicht der, der letztes Jahr im Sommer bei der Auktion deinen Picknickkorb ersteigert hat?“, fragte Lucy gerade.

„Ja, genau der“, bestätigte Paige. „Wir sind danach noch einmal miteinander ausgegangen, aber er hatte gerade eine längere Beziehung hinter sich und hat gesagt, dass er noch Zeit bräuchte. Vor einem Monat hat er mich dann wieder zu einem Date eingeladen. Freitag ist jetzt schon unser fünftes.“

Das fünfte? Er warf Zac einen finsteren Blick zu, aber der war so mit dem Footballspiel im Fernsehen beschäftigt, dass er nicht reagierte. Vielen Dank auch, dass du mir Bescheid gesagt hast, Kumpel.

„Und wohin geht ihr?“, fragte Lucy.

„Keine Ahnung. Er will mich überraschen.“

„Er hat so schön verträumte braune Augen“, meinte Eden jetzt.

„Wie ein Welpe“, fügte Lucy hinzu. „Hat er dich denn schon geküsst?“

Riley zerknüllte die Serviette auf seinem Schoß und kämpfte gegen den Impuls, sich die Ohren zuzuhalten. Er war froh, als die Red Sox in diesem Moment den Ausgleich erzielten und die anderen Gäste laut applaudierten und jubelten, sodass er Paiges Antwort nicht mitbekam. Er wollte sich nicht vorstellen, wie dieser andere Kerl sie küsste. Dieses Privileg hatte er nur ein einziges Mal gehabt. Er erinnerte sich daran noch ganz genau, und diese Erinnerung wollte er sich nicht verderben lassen.

„Seine Schultern sind wie gemacht, um sich daran auszuheulen“, sagte Lucy jetzt gerade. „Er ist doch auch in unserer Gemeinde, oder?“

Braune Augen, ihre Gemeinde … er hatte immer noch keine Vorstellung, um wen es da ging.

„Starker Glaube, starke Schultern … was will man als Mädel mehr?“, sagte Lucy.

Riley biss die Zähne zusammen und starrte auf den Fernseher.

„Gehört seiner Mutter nicht das Mangy Moose?“, fragte Eden. „Ich war im Frühjahr mal dort, als ich nach einer Kleinigkeit für Micah gesucht habe. Wir haben eine Weile geplaudert.“

„Ja, genau.“

Dann war also von Dylan Moore die Rede. Er war Hummerfischer wie Riley und stammte ebenfalls aus einer Familie, die schon seit Generationen vom Hummerfang lebte. Aber er hatte noch beide Beine. Und offenbar verträumte braune Augen.

„Du musst uns hinterher unbedingt von dem Date erzählen“, sagte Lucy jetzt.

Dann ging es in dem Gespräch um die anstehende Hochzeit von Eden und Beau, und Rileys Gedanken schweiften ab. Es war schwer gewesen, mit anzusehen, wie Paiges Beziehung zu seinem Bruder immer ernster wurde. Doch kurz vor seiner Abreise zur Army hatten sich die beiden getrennt, und er hatte sie für endlos lange Monate zurücklassen müssen, ohne zu wissen, ob sie bei seiner Rückkehr vielleicht mit jemand anderem zusammen sein würde. Doch in all den Szenarien, die er sich ausgemalt hatte, hatte es wenigstens immer einen Hoffnungsschimmer für ihn gegeben.

Jetzt musste er mit ansehen, wie dieser Schwachkopf mit ihr ausging, und das auch noch in dem Wissen, dass es für ihn selbst und Paige keine Hoffnung gab. Denn selbst wenn sich ihre Gefühle für ihn änderten – und das war ungefähr so wahrscheinlich wie ein Sonnenaufgang um Mitternacht –, würde er ihr niemals den Mann zumuten, der er jetzt war.

Irgendwie musste er sich an die Vorstellung gewöhnen, dass sie mit jemand anderem zusammen war, denn wenn es eine Frau gab, die die Liebe eines guten Mannes verdient hatte, dann war das Paige.


KAPITEL 6

Schon allein der Anblick, wie Paige in Yogahose und T-Shirt im Haus herumflitzte, machte Riley schwindelig. In der Küche holte sie ein Glas Wasser, das er gar nicht brauchte, dann rannte sie halb die Treppe hinauf, wo sie mit gerunzelter Stirn stehen blieb und murmelte: „Was wollte ich hier noch gleich? Ach ja, meine Klamotten! Du liebe Güte, ich bin ja völlig durch den Wind.“ Dann weiter die Treppe hinauf, von wo aus sie über die Schulter nach unten rief: „Brauchst du eine Decke? Es ist ein bisschen kühl hier drinnen. Ich mache die Fenster lieber zu. Wenn es dir zu kalt ist, kannst du später auch gern die Heizung einschalten.“

Es war völlig sinnlos, darauf etwas zu entgegnen, denn sie war wie die Dunlop-Häschen, seit sie von der Arbeit nach Hause gekommen war. Dylan sollte in – er schaute auf seine Uhr – fünf Minuten da sein, um sie zu ihrem Date abzuholen. Er hielt ein Sofakissen fest umklammert. Das hier war wirklich hart.

Über ihm knarrte jetzt der Fußboden unter den eiligen Schritten. Ein paar Minuten später kam sie mit ihren sonnengebräunten Beinen wieder die Treppe heruntergesaust. Sie trug ein hellblaues Shirt, das genau die Farbe ihrer Augen hatte, Shorts, die viel zu viel Bein zeigten, und ihr Haar fiel ihr wie gesponnenes Gold glatt über die Schultern. Umwerfend sah sie aus, einfach atemberaubend.

Sein Herz schlug zu schnell, und beinah hätte er ausgesprochen, was er dachte, aber dann würzte er das Ganze mit einer guten Dosis Kumpelhaftigkeit und sagte: „Hey, gut siehst du aus.“

„Danke. Habe ich dir schon gesagt, dass Zac eine Portion Chickenwings vorbeigebracht hat? Außerdem ist auch noch deine Lieblingspizza im Tiefkühlfach und natürlich die zwölf verschiedenen Aufläufe von deinem Fanclub.“

„Alles klar.“

„Ich wollte dir eigentlich noch einen frischen Obstsalat machen“, rief sie jetzt aus der Küche. „Aber das habe ich nicht mehr geschafft.“

„Den kann ich mir nachher auch selbst machen.“

„Manchmal hört die Toilettenspülung nicht auf zu laufen. Weißt du, was du dann machen musst?“

„Natürlich weiß ich das. Ich bin doch nicht blöd.“ Es gelang ihm nicht, seine beginnende Gereiztheit zu verbergen.

Sie blieb in der Tür zur Küche stehen, sah ihn kurz stirnrunzelnd an und fragte: „Was ist denn?“

„Nichts.“

Doch sie blieb dort stehen, verschränkte die Arme vorm Körper und sah ihm fest in die Augen.

Also gut, wenn sie wollte, dass er es sagte, dann sagte er es eben. „Du gluckst auf mir herum, und ich brauche keinen Babysitter.“

„Ich bin doch gar nicht dein Babysitter, Callahan, sondern deine Freundin.“

Ja klar, sie war seine beste Freundin – mehr nicht. Daran brauchte sie ihn nicht extra zu erinnern. Aber vielleicht ja doch. Vielleicht war das ja der Grund für seine miese Stimmung. Dieses blöde Date wühlte alle möglichen dummen Gedanken und Gefühle bei ihm auf.

Er biss die Zähne zusammen, um den Müll bei sich zu behalten, der sich in seinem Kopf angesammelt hatte und ihm jetzt auf der Zunge lag. Aber das wurde immer schwerer.

Paige stand an den Türrahmen gelehnt da und stieß einen tiefen Seufzer aus. „Ich tue nichts für dich, was du nicht auch für mich tun würdest, Riley. Wenn ich mich recht erinnere, ist es sogar das erste Mal, dass du derjenige bist, der etwas annehmen muss. Bis jetzt war es immer so, dass du dich um mich gekümmert hast. Du hast mich umsorgt, als Caspar angefahren wurde, hast meine Heizung repariert und meinen Ölwechsel erledigt. Erinnerst du dich noch an den Abend, als ich siebzehn war und dummes Zeug gemacht hatte, weil mein Vater gestorben war? Auch da bist du für mich da gewesen und hast dich um mich gekümmert.“

Er wappnete sich gegen die Erinnerung an diesen Abend, an das hilflose Bündel Mensch in seinen Armen und daran, wie ihre Lippen seine berührt hatten. Er hatte sich wirklich um sie gekümmert, das konnte man wohl sagen.

„Aber mach bitte nicht so viel Aufhebens um mich. Du bist doch nur ein paar Stunden weg – ich komme schon zurecht.“ Doch dann kam ihm ein verstörender Gedanke. Hatte sie etwa vor, länger fortzubleiben? Er versuchte, diesen Gedanken zu verdrängen, doch er kam immer wieder. In betont lockerem, fast beiläufigem Ton fragte er: „Es sei denn, du hast vor, über Nacht weg…“, woraufhin sie aber nur mit gerunzelter Stirn antwortete: „Natürlich nicht. Was ist denn bloß los mit dir?“

Daraufhin sah er sie nur an und fragte „Was mit mir los ist? Ich renne jedenfalls nicht wie ein aufgescheuchtes Huhn in der Gegend herum. Du bist nervös wie sonst was. Liegt das an Dylan Moore, oder was?“

Ihre Augen wurden jetzt ganz schmal, und sie sagte: „Nein, ich bin kein bisschen nervös, aber du bist ein richtiger Arsch, weißt du das? Vielleicht solltest du lieber wieder anfangen, mir aus dem Weg zu gehen.“

Riley stieß ein freudloses Lachen aus und erwiderte: „Wir leben im selben Haus, Paige, schon vergessen?“

„Na, du hast es ja trotzdem geschafft, die letzten zwölf Stunden kaum ein Wort mit mir zu reden.“

In dem Moment klingelte es an der Tür, aber sie starrten sich weiter unverwandt an, und offenbar war keiner von ihnen bereit, nachzugeben.

Als Paige schließlich an die Tür ging, hätte er ihr am liebsten die Patchworkdecke um die nackten Beine gewickelt. Stattdessen griff er nach seinen Krücken, um sich zu verziehen und es nicht noch schlimmer zu machen.

Er hievte sich also auf die Füße und drehte sich genau in dem Moment zur Eingangstür um, als Dylan seinen Blick mit männlicher Anerkennung über Paiges Körper gleiten ließ. Riley kämpfte heftig gegen den Drang an, dem Mann mit dem stumpfen Ende seiner Krücken seine verträumten braunen Augen auszupieksen.

„Wow“, sagte Dylan. „Toll siehst du aus. Umwerfend.“

Paiges Lächeln wurde breiter und strahlender, als hätte seine Bemerkung gerade ihre gesamte Woche gerettet. „Danke!“, antwortete sie.

Eigentlich hättest du derjenige sein sollen, der ihr das sagt, du Idiot, dachte er und hätte sich am liebsten selbst geohrfeigt.

Nach einer Weile konnte Dylan sich schließlich lange genug von Paiges Anblick losreißen, um ihn zu bemerken. „Hey, Riley, alter Junge. Hab schon gehört, dass du wieder da bist. Schön, dich zu sehen, Mann.“

Riley jonglierte mit den Krücken, bis er beide in einer Hand hatte, und gab Dylan die andere Hand. Er versuchte, sie so fest zu drücken, wie er konnte, und entgegnete: „Ja, ich bin auch froh, wieder hier zu sein.“

Dylan zuckte ein wenig zusammen, als er seine Hand wieder losließ.

„Ich hole mir nur noch schnell einen Pullover“, sagte Paige. „Bin sofort wieder da.“ Und mit diesen Worten rannte sie die Treppe hinauf.

Dylan sah ihr nach, bis sie verschwunden war, und wandte sich dann mit einem sympathischen Lächeln wieder Riley zu. Der Typ sah offenbar absolut keine Konkurrenz in ihm. Aber wieso auch? Rileys Stimmung ging immer weiter in den Keller.

„Also …“, sagte Dylan nach einem langen unbehaglichen Schweigen. „Wie geht es denn so? Ich meine, mit der Genesung und dem ganzen Zeugs?“

„Super. Wohin führst du sie denn heute Abend aus?“

Einen Moment lang sah Dylan überrascht aus und schien nicht recht zu wissen, wie er darauf reagieren sollte.

Okay, vielleicht war Riley ja nicht besonders freundlich, aber es kostete ihn schon ungeheure Beherrschung, dem Typen nicht an die Gurgel zu gehen.

„Ach … ich habe gedacht, wir könnten mit der Fähre übersetzen nach Folly Soals und dort ins Seafood Shack gehen. Es ist ja perfektes Wetter für eine Bootsfahrt“, antwortete Dylan.

„Aber sie wird seekrank“, gab Riley zu bedenken.

Sein Strahlen ließ etwas nach, und er sagte. „Ach, dann kaufen wir unterwegs in der Apotheke noch etwas dagegen.“

„Und außerdem hat sie eine Allergie gegen Schellfisch.“ Wusste denn der Typ gar nichts über sie?

Ein Hauch von Röte überzog jetzt Dylans Gesicht. Er kniff die Augen ein bisschen zusammen und sagte schließlich: „Na ja … die Speisekarte dort ist ja ziemlich umfangreich. Ich bin sicher, sie wird etwas finden.“

„Ja, sicher.“ Riley ließ den Mann auch weiterhin keinen Moment aus den Augen und musterte ihn völlig ungeniert. Und es ist besser für dich, wenn du sie gut behandelst, Kumpel, sonst kannst du was erleben.

Dylan trat voller Unbehagen vom einen Bein aufs andere, und sein Gesicht war mittlerweile voller hektischer roter Flecken. „Hör mal, kann es sein, dass es irgendein Problem gibt?“

Riley stand stocksteif da, obwohl die Schmerzen in seinem Beinstumpf immer schlimmer wurden.

„Nee, nicht das ich wüsste.“

„Seltsam. Ich habe irgendwie das Gefühl.“

„Solange du sie gut behandelst, gibt es absolut kein Problem.“

„Da brauchst du dir wirklich keine Sorgen zu machen, Papa …“

„Okay“, rief Paige von der Treppe aus. „Ich bin fertig. Wir können jetzt los.“

Riley sah Dylan weiterhin fest in die Augen, damit er die Botschaft auf jeden Fall verstand, und als Paige näher kam, ging ihr Blick erst fragend zwischen den beiden hin und her, dann lachte sie nervös und fragte: „Alles in Ordnung?“

Riley warf Dylan einen letzten warnenden Blick zu und antwortete: „Ja, alles bestens.“

Auf dem Weg zur Tür drehte Paige sich noch einmal zu ihm um, und ihr fragender Blick sagte: Was war das denn gerade?

Er reagierte darauf aber nur mit einem etwas verkrampften Lächeln und sagte zum Abschied: „Dann habt mal einen schönen Abend, Kinder.“ Woraufhin ihm Paige noch einmal einen Blick zuwarf, den er aber demonstrativ ignorierte.

In dem Moment, als die Tür ins Schloss fiel, war Riley mit seinen Kräften am Ende, und in seinem Stumpf pochte ein dumpfer Schmerz. Ihm graute vor dem langen Abend, der vor ihm lag, als er sich aufs Sofa plumpsen ließ. Er schaltete den Fernseher ein und suchte einen Sportsender, aber fünf Minuten später war er mit seinen Gedanken schon wieder bei Paige. Er wünschte, er hätte nicht gefragt, wohin sie gingen, denn jetzt konnte er sich jeden Moment ihres Dates ganz genau vorstellen, bis hin zum Gang in die Apotheke.

Er erinnerte sich noch einmal an ihren Blick, als Dylan ihr das Kompliment gemacht hatte. Er wollte derjenige sein, der dafür sorgte, dass sie sich gut fühlte, lächelte und ihre Augen vor Vergnügen blitzten. Er wollte derjenige sein, der ihr im Restaurant die Tür aufhielt und ihr besonders leckere Gerichte vorschlug.

Jetzt wurde sein Inneres wieder von Dunkelheit geflutet, und vor Verzweiflung nahm er eines der Sofakissen und schleuderte es quer durch den Raum. Mit einem unbefriedigend leisen Geräusch traf es auf die Wand.

Reiß dich zusammen, Callahan. Du kannst sie nun mal nicht haben.

Er versetzte seinem nutzlosen Bein einen Schlag. Ist das deine Art von Unterhaltung, Gott? Einem Krüppel dabei zuzusehen, wie er die Frau, die er liebt, an einen anderen Mann verliert?

Und das schon zum zweiten Mal?

Er schloss die Augen und holte einmal tief Luft. Er würde schon damit fertigwerden. Er musste sich nur ganz auf seine Wiederherstellung konzentrieren, musste ackern, damit er endlich die Prothese bekam, und dann noch ein bisschen mehr ackern, damit er bei Paige ausziehen und sie ihr eigenes Leben fortsetzen konnte. Und er auch.

Auf ihn warteten ein neues Leben und ein neuer Job in Georgia, wo Noah, ein Kumpel aus seiner Einheit, nur darauf wartete, dass er sich bei ihm meldete.

Allein der Gedanke daran löste einen dumpfen Schmerz in seiner Körpermitte aus. Wenn das alles doch nie passiert wäre! Wenn sich doch seine Gefühle für sie nie geändert hätten. Seine Gedanken gingen zurück zu jenem Tag. Wie oft hatte er sich schon gewünscht, er könnte die Zeit zurückdrehen, und alles wäre anders.

Es hatte in dem Moment angefangen, als Paige aus dem Feriencamp zurückgekommen war. Sie war damals siebzehn gewesen. Ihre Mutter schickte sie im Sommer immer in unterschiedlichste Camps mit der Begründung, es würde Paiges Horizont erweitern. Und Paiges Vater hatte wie immer die Entscheidungen der Mutter nicht weiter hinterfragt und zugestimmt.

Paige war in drei direkt aufeinanderfolgenden Camps gewesen, von denen eines – sehr zu Rileys Unmut – einen ganzen Monat lang gedauert hatte. Er hatte währenddessen in den langen Sommerferien auf der Weihnachtsbaumplantage den Rasen gemäht und seinem Vater beim Pflanzen der neuen Fichtensetzlinge geholfen. Wenn auf der Plantage nicht so viel zu tun war, hatte er auch mit seinem Vater zusammen auf dem Hummerboot gearbeitet.

Paige war erst eine Woche vor Schulbeginn wieder nach Hause gekommen, und als ihre Mutter ihr endlich erlaubt hatte zu gehen, hatte sie sich mit Riley am Anleger verabredet, wo das Ruderboot der Warrens lag.

Er war etwas zu früh am Treffpunkt gewesen, weil er es nicht erwarten konnte, sie endlich wiederzusehen. Er wusste, dass sie mit ihm auf den Meeresarm hinausrudern wollte, und dabei würden sie sich dann erzählen, was es alles Neues gab. Er hoffte, dass sie danach noch Lust auf eine Runde Basketball hatte. Seine Brüder waren beide viel zu beschäftigt, um mit ihm zu trainieren, und er wollte fit sein für die Tryouts, wenn die Basketballsaison wieder anfing. Er spielte gern mit Paige, und noch lieber, seit sie im Laufe des vergangenen Jahres zehn Zentimeter gewachsen war.

Er saß also auf dem Steg, ließ die Beine baumeln und schaute zu, wie der Rumpf des Bootes sich rhythmisch auf dem Wasser hob und senkte und dabei immer an dem Pfahl entlangschabte, an dem es vertäut war. Am Himmel segelte eine Möwe und stieß ihre einsamen Schreie aus. Als er endlich Schritte auf dem hölzernen Anleger hörte, stand die Sonne schon so tief, dass der ganze Himmel in goldenes Licht getaucht war.

„Wird auch langsam Zeit, dass du kommst“, sagte er, und als er sich umdrehte, erstarb ihm das Grinsen auf seinem Gesicht.

Ihr sonnengebleichtes Haar glänzte im Abendlicht, und ihre gebräunte Haut strahlte. Der schlanke, gerade Körper hatte ganz leichte Rundungen bekommen, die durch die eng anliegenden Shorts und das T-Shirt noch betont wurden. Diese Beine … waren die eigentlich schon immer so endlos lang und wohlgeformt gewesen? Und seit wann lackierte sie sich denn die Fußnägel?

Als sie näher kam, zog sie fragend eine Augenbraue hoch und sagte: „Na, was hat dir denn die Sprache verschlagen, Callahan?“

Er blinzelte kurz. Jetzt mach aber mal halblang, Callahan. Das ist Warren. Deine beste Freundin, dein Kumpel.

„Hallo, Warren“, sagte er und stand auf. Leider war der Anblick aus dieser Perspektive nicht weniger attraktiv. Sie erinnerte ihn an die umwerfende Blondine aus dem Film Sisterhood, in den Paige ihn im vergangenen Sommer zwei Mal mitgeschleppt hatte.

Ihr Lächeln wurde breiter, als sie näher kam, dann umarmte sie ihn und sagte: „Hey, ich habe dich vermisst!“

Ihr Atem traf auf das Haar über seinen Ohren und ließ sein Herz schneller schlagen. Er hoffte, sie merkte nicht, wie schnell.

„Ich dich auch“, erklärte er.

Als sie sich dann zur Begrüßung umarmten, fühlte sie sich auch ganz anders an, und er merkte, dass er einen trockenen Mund bekam. Sie roch nach frischen Blumen, und er widerstand dem Drang, seine Nase in ihr Haar zu stecken und daran zu schnuppern.

Was um Himmels willen ist denn bloß los mit dir? Hätte sie gewusst, was er gerade dachte, wäre ihm ein sehr fester Klapps auf den Arm sicher gewesen.

Als Paige sich wieder von ihm löste, empfand er eine Mischung aus Erleichterung und Enttäuschung.

Aus der Nähe stellte er jetzt fest, dass auch ihr Gesicht erwachsener aussah. Die weichen, fast kindlichen Rundungen waren ausgeprägteren und interessanteren Zügen gewichen. Ihre Nase war mit Sommersprossen übersät, und ihre Lippen kamen ihm voller vor.

Aber vielleicht war ihm das bisher ja auch nur nie aufgefallen.

Diese Lippen verzogen sich jetzt zu einem kessen Grinsen, mit dem sie sagte: „Hey, du starrst mich ja an.“

Er wurde rot, rieb sich verlegen den Nacken und sagte: „Du … du hast dich irgendwie verändert … bist größer geworden.“ Und es gab noch viele weitere Änderungen, an die er lieber nicht denken wollte.

Aber sie zuckte nur mit den Achseln und bemerkte wie beiläufig: „Ja, kann sein, dass ich ein paar Zentimeter gewachsen bin.“ Dann kniff sie die Augen ein wenig zusammen, musterte intensiv sein Gesicht, und ihm blieb nichts anderes übrig, als es zuzulassen.

„Sind das da Barthaare? Versuchst du etwa, dir einen Bart stehen zu lassen, Callahan?“

Er rieb sich über das stoppelige Kinn und entgegnete mit gespielter Empörung. „Was soll denn das heißen? Ich versuche gar nichts. Das ist ein Bart.“

Es ging also doch noch! Jedenfalls klang dieser Wortwechsel schon wieder ziemlich normal.

Sie lachte. „Ich weiß ja nicht, ob ich das so bezeichnen würde, aber es ist auf jeden Fall ein mutiger Versuch.“ Und mit diesen Worten ging sie an ihm vorbei und stieg anmutig ins Boot. „Komm, lass uns losrudern. Ich freue mich schon seit Wochen darauf.“

Riley war den ganzen Abend abgelenkt. Er versuchte zwar, sich einigermaßen normal zu benehmen, aber innerlich fühlte es sich alles andere als normal an. Als Paige dann den Vorschlag machte, das Basketballspielen auf ein anderes Mal zu verschieben, war ihm das deshalb nur recht. Er brauchte Zeit für sich allein, um die seltsamen Gedanken, die er da hatte, zu analysieren und wieder loszuwerden.

Aber mehr Zeit für sich allein half auch nicht. Irgendetwas hatte sich verändert. Er hatte es bemerkt und konnte nicht mehr so tun, als wäre alles wie früher. Im Laufe der darauffolgenden Tage sorgte das, was er beobachtete, dafür, dass sich auch seine Gefühle für sie änderten. Doch das Schlimmste daran war, dass für Paige offenbar alles war wie immer. Er hatte genug mit anderen Mädchen zu tun, um zu merken, wann bestimmte Schwingungen im Spiel waren, und Paige behandelte ihn wie immer – wie ihren besten Kumpel Callahan eben.

Den ganzen Herbst hindurch bis in den Winter hinein wünschte er, dass alles wieder normal und wie früher würde. Er flehte Gott an, doch bitte dafür zu sorgen, dass diese neuen Gefühle wieder weggingen, aber so oft er sich deshalb selbst fertigmachte, sie blieben – und zwar ebenso hartnäckig wie stark.

Er verbarg sie hinter den vertrauten kumpelhaften Rempeleien, high-fives und Anreden wie Kumpel oder Buddy, und Paige schien auch tatsächlich nichts davon zu merken. Dafür dankte er Gott auf Knien, denn wenn sie es herausfände, würde nur alles merkwürdig und peinlich werden, sie würde wahrscheinlich auf Abstand gehen, und er würde ihr leidtun. Schon allein den Gedanken daran fand er unerträglich.

Er hatte drei Möglichkeiten, die er immer wieder durchspielte, bis er am liebsten mit dem Kopf gegen die Wand geschlagen hätte.

Erstens: Er konnte Paige sagen, was er empfand, mit dem Risiko, sie dann für immer zu verlieren.

Zweitens: Er konnte auf Distanz gehen und ihnen dadurch beiden die Möglichkeit einer Beziehung nehmen.

Drittens: Er konnte weiter so tun, als ob alles wäre wie immer und still für sich leiden.

Keine dieser drei Möglichkeiten gefiel ihm, aber nur bei einer davon bestand die Chance, dass wenigstens so etwas wie eine Beziehung bestehen blieb. Und an ein Leben ohne Paige wollte er gar nicht denken.


KAPITEL 7

„Alles in Ordnung? Geht es dir gut?“, fragte Dylan sie.

Paige blickte von dem Lachs auf, an dem sie mit ihrer Gabel herumstocherte, und zwang sich zu einem Lächeln. „Ja, klar, alles gut. Das Essen ist köstlich.“ Sie aß einen Bissen und erkundigte sich, wie ihm sein Hummer schmeckte.

„Hervorragend“, antwortete er, wischte sich den Mund ab, trank einen Schluck von seiner Cola und fragte sie: „Habt ihr diese Woche irgendein Tier aus dem Tierheim vermitteln können?“

„Nur eine einzige Katze“, sagte sie bedrückt. Sie dachte an all die verlassenen Tiere in den Zwingern und an den riesigen Garten hinter Dylans Haus. Sie sollte ihn dazu überreden, einen Hund aufzunehmen. Die braune Labradorhündin würde gut zu ihm passen, und er hatte auch genügend Platz für sie, doch irgendwie hatte sie nicht die Energie, das Thema anzusprechen.

„Bist du ganz sicher, dass alles okay ist?“, fragte er noch einmal und betrachtete sie eingehend. „Du kommst mir so … still vor heute Abend.“

„Das liegt bestimmt an dem Mittel gegen Seekrankheit. Auf Folly Shoals Essen zu gehen war wirklich eine gute Idee von dir. Ich bin gerne hier, weil es mir immer vorkommt, als lägen Welten zwischen Summer Harbor und der Insel.“

Doch in Gedanken war sie die ganze Zeit auf dem Festland geblieben, und auch während des Fußweges vom Hafen zu dem Lokal mit dem leckeren Essen hatte sie Riley einfach nicht aus dem Kopf bekommen.

So viel Mühe er sich auch gab, jedem ein lächelndes Gesicht zu zeigen, es war nicht zu übersehen, dass es ihm nicht gut ging, und heute Abend war er ziemlich am Ende gewesen. Sie musste gestehen, dass sie Schuldgefühle hatte, weil sie ihn allein gelassen hatte, obwohl ihm deutlich anzumerken gewesen war, dass er mit seiner Situation nicht gut zurechtkam. Und nicht genug damit, dass sie ihn allein gelassen hatte, sie hatte ihn auch noch deutlich ihre Ungeduld spüren lassen.

Wie ein verletztes Tier war er ihr vorgekommen, wachsam und auf der Hut, und als sie versucht hatte, ihm zu helfen, hatte er sie angefaucht. Sie hatte sich schon mit großer Geduld und Fürsorge um so viele Tiere gekümmert und sie nicht nur medizinisch versorgt, sondern auch getröstet und beruhigt, aber den allerbesten Freund, den sie auf der Welt hatte, hatte sie erst angeschnauzt und dann sich selbst überlassen.

Ganz tief in ihrem Innern war sie immer noch sauer auf ihn, weil er sie verlassen hatte, obwohl ihr klar war, wie dumm das war. Doch dieses Wissen bewirkte nicht, dass das Gefühl verschwand.

Ihre Schuldgefühle setzten ihr jetzt dermaßen zu, dass sie plötzlich absolut keinen Appetit mehr hatte und die Gabel hinlegte.

Da stützte sich Dylan mit den Ellbogen auf die Tischplatte, verschränkte die Hände unter dem Kinn und sagte: „Was ist los, Paige?“

Sie rang sich ein Lächeln ab und antwortete: „Tut mir leid. Ich war mit meinen Gedanken woanders.“

„Ist es etwas, worüber du reden möchtest?“

Sie schaute ihm in seine braunen Augen, die wirklich ein bisschen verträumt aussahen – und nachdenklich. Er war ein guter Zuhörer, und sie hatte auch schon all ihre Sorgen wegen des Tierheims bei ihm abgeladen. Geduldig hatte er zugehört, als sie ihm von Spendenaktionen und Finanzierungslücken erzählt hatte. Wieso sollte sie da nicht auch über ihren besten Freund mit ihm reden? Riley war schließlich ein großer und wichtiger Teil ihres Lebens, besonders jetzt, da er wieder in Summer Harbor war.

Sie stieß einen tiefen Seufzer aus und sagte: „Ach, es ist wegen Riley. Ich mache mir Sorgen um ihn. Er spielt den munteren, gut gelaunten Kumpel und tut so, als wäre alles in bester Ordnung, aber das nehme ich ihm nicht ab.“

Dylan stieß ein ungläubiges Schnauben aus und fragte: „Das war also gut gelaunt und munter?“ Dabei hatte seine Stimme einen sarkastischen Unterton, wie sie ihn zuvor noch nicht bei ihm gehört hatte.

Sie sah ihn daraufhin mit einem vernichtenden Blick an und erklärte: „Er hat ziemlich viel durchgemacht, Dylan. Wenn er nicht aufpasst, wird er manchmal ein bisschen bissig, so wie heute Abend, und ich habe darauf nicht gut reagiert.“ Sie warf die zerknüllte Serviette auf ihren Teller und wiederholte noch einmal: „Ich habe gar nicht gut darauf reagiert.“

„Jetzt sei aber mal nicht so überkritisch mit dir selbst. Schließlich lässt du ihn bei dir wohnen und bist praktisch sein Kindermädchen.“

„Sag das bloß nicht, wenn er dabei ist. Er ist fast schon übertrieben selbstständig. Und natürlich helfe ich ihm. Schließlich ist er mein bester Freund.“

„Bist du sicher?“

Fragend sah sie ihn jetzt an. „Was soll denn dieses Misstrauen?“

Ihre Blicke verhedderten sich ineinander, und in diesem Moment sahen seine braunen Augen kein bisschen verträumt aus, sondern eher hart und zweifelnd.

Ihre Schultern verspannten sich, und ihr wurde heiß.

„Ich meine nur … bist du ganz sicher, dass er nicht mehr für dich ist?“, fragte Dylan nach.

Da setzte sie sich auf ihrem Stuhl zurück und antwortete: „Ja klar bin ich sicher.“

„Dafür, dass er angeblich nur dein Freund ist, beschäftigt er dich aber ziemlich stark.“

Nachdenklich kniff sie die Augen zusammen und sah Dylan an. War er etwa einer von diesen eifersüchtigen, besitzergreifenden Typen? War seine Frage ein Warnsignal, oder machte er sich wirklich nur Gedanken? Auf der Highschool hatte es ein paar Jungen gegeben, die ihre Freundschaft mit Riley nicht verstanden und deshalb seltsam reagiert hatten, wenn sie Zeit mit ihm verbrachte. Aber Dylan und sie waren erwachsene Menschen und deshalb über solche pubertäre Unsicherheit und die daraus resultierenden Spielchen hinaus.

Sie schob ihren Teller zurück und sah ihn direkt an. „Hör mal, Dylan, Riley und ich sind schon sehr lange befreundet. Er ist wie ein Bruder für mich. Ich würde alles für ihn tun, und das gilt auch umgekehrt. Wenn es dir unangenehm ist, dass ich einen so engen männlichen Freund habe …“

Beschwichtigend hob Dylan darauf die Hände und sagte: „Nein, nein. Tut mir leid, ich wollte wirklich nicht besitzergreifend rüberkommen. Er ist dein Freund, und du willst für ihn da sein. Ich hab’s kapiert.“

„Na, dann ist es ja gut.“

Als sie jedoch seine Miene sah, in der keinerlei Bedauern zu erkennen war, fragte sie sich, ob er es wirklich kapiert hatte.

Jedenfalls war der Zauber bei diesem Date sehr schnell erloschen, und plötzlich wollte sie nur noch nach Hause zu Riley, wollte sich bei ihm entschuldigen, dass sie die Beherrschung verloren hatte, und die Sache zwischen ihnen wieder in Ordnung bringen.

Sie schaute deshalb auf die Uhr und sagte: „Also ich will ja nicht spießig wirken, aber hättest du etwas dagegen, wenn wir die nächste Fähre zurück nehmen? Es war ein langer Tag.“

Sie wusste, dass sie ein wenig angesäuert klang, aber … genau das war sie auch. Sie hatte momentan wirklich genug Stress im Leben, auch ohne einen Mann, mit dem sie sich erst seit Kurzem traf und der schon jetzt eifersüchtig auf Riley war.

Dylan sah sie daraufhin sehr lange an, und mit jeder Sekunde wirkte seine Miene angespannter. Schließlich legte er seine Serviette auf den Teller und sagte: „Also gut, nehmen wir die nächste Fähre.“ Er hob eine Hand, als die Kellnerin vorbeikam, und sagte „Bitte zahlen.“


Was machte er hier eigentlich? Der allerletzte Ort, wo Riley sich hätte aufhalten sollen, war das dunkle Wohnzimmer, in dem er wie ein überbehütender Vater auf Paige wartete. Sogar das Licht auf der Veranda hatte er eingeschaltet, obwohl es noch gar nicht richtig dunkel war.

Dabei war es erstens ja wohl eher unwahrscheinlich, dass sie so früh nach Hause kommen würde, und zweitens: Was wollte er damit eigentlich erreichen? Glaubte er wirklich, dass es ihm besser gehen würde, wenn er dabei zuschaute, wie irgendein Typ sie küsste?

Vielleicht würde er ja dadurch endlich ein für alle Mal kapieren, dass sie für ihn nicht zu haben war.

Oder vielleicht quälst du dich ja auch einfach gern.

Da hörte er den Kies auf der Auffahrt knirschen und schaute durch einen Spalt in der Jalousie. Ein Lichtkegel huschte durch den Raum und erlosch dann.

Sieh mal einer an. Das war ja früh. Angesichts der Tatsache, dass sie nach Folly Shoals gefahren waren, hatte er nicht damit gerechnet, sie vor elf wiederzusehen. Er konnte die Schadenfreude, die in ihm aufstieg, und auch ein Grinsen gerade noch unterdrücken. Ob etwas schiefgelaufen war? Aber vielleicht machte sich der Meisterhummerfischer Dylan Moore ja auch nur Gedanken um seinen Schönheitsschlaf. Dieser Schwachkopf.

Riley hörte, wie eine Autotür zugeschlagen wurde und dann noch eine. Er rutschte auf dem Sofa ein Stückchen weiter zum Fenster hin, damit er sehen konnte, wie sie die Veranda vor dem Haus betraten. Dylan ging etwa drei Schritte hinter Paige, aber als sie bei der Veranda ankamen, schloss er zu ihr auf.

Riley musste sich auf die Knie setzen und vorbeugen, um sie unter dem gelblichen Licht der Verandabeleuchtung sehen zu können.

Paiges Haltung wirkte irgendwie angespannt. Vielleicht lag es an ihren gestrafften Schultern. Nein, es war ihr trotzig vorgeschobenes Kinn. Dylans Gesicht konnte er nicht sehen, weil es im Schatten lag, aber die beiden sprachen jetzt kurz miteinander, und die ganze Zeit schlug Riley das Herz bis zum Hals. Er hielt die Luft an, als könnte er dann besser verstehen, was sie redeten, aber das Haus war zu gut schallisoliert. Wieso hatte er nur nicht daran gedacht, das Fenster einen Spaltbreit offen zu lassen?

Sein Herz stockte kurz, als Dylan sich vorbeugte, aber sein Kopf versperrte ihm gnädigerweise die Sicht, als Dylan Paige offenbar einen Gutenachtkuss gab. Rileys Finger waren fest um ein Sofakissen gekrallt, und er atmete einmal tief durch, um seine Gefühle unter Kontrolle zu bekommen. Sie gehört dir nicht, Callahan. Doch es schien völlig egal, wie oft er sich das sagte. Sein Herz nahm es ihm einfach nicht ab.

Als dann plötzlich die Tür aufging und Riley möglichst schnell vom Fenster wegwollte, damit Paige nicht merkte, dass er sie beobachtet hatte, blieb er mit dem Beinstumpf am Sofakissen hängen, und das gesunde Bein verfing sich unter ihm, sodass er das Gleichgewicht verlor. Er versuchte noch, sich irgendwo festzuhalten, aber es war zu spät. Er kippte nach vorn und landete mit einem dumpfen Aufprall auf dem Boden.

„Riley!“, rief Paige erschrocken und war schon bei ihm, eh er recht wusste, was passiert war. Er war dunkelrot geworden. Ist das dein Ernst, Gott?

„Alles in Ordnung. Es geht mir gut“, stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Sein Beinstupf, in dem ein heftiger Schmerz pochte, ragte aufrecht an der Sofakante empor. Er drückte sich hoch auf die Ellenbogen und drehte sich von ihr weg.

Paige packte ihn am Arm und fragte: „Warte. Bist du verletzt? Ich kann dir nicht helfen. Du bist zu schwer. Warte. Ich hole Dylan.“

„Nein!“

Er hatte wirklich schon genug Demütigung erfahren für einen Tag. „Ich brauche seine Hilfe nicht“, sagte er, drückte sich ein Stückchen vom Sofa weg, drehte sich um und stand dann mithilfe seiner Arme und des intakten Beines auf.

Als er dabei ins Straucheln geriet, griff Paige nach seinem Arm, aber er zuckte zurück und sagte schroff: „Lass das. Das schaffe ich schon allein!“

Als er endlich stand, war er völlig außer Atem, sein Rücken war schweißnass, und seine Wangen waren vor Anstrengung gerötet.

„Alles in Ordnung?“ Das Mitleid in ihrem Blick weckte den Wunsch in ihm, gegen irgendetwas zu treten.

„Ja, alles fantastisch“, antwortete er, während er auf einem Bein zu seinen Krücken hinkte.

„Langsam fange ich an, diesen Spruch zu hassen“, sagte sie.

Doch er reagierte nicht darauf, sondern nahm seine Krücken, ignorierte die Schmerzen in seinem Beinstumpf und sagte: „Ich gehe jetzt ins Bett.“

„Ach komm, Riley, lass uns doch reden“, bat sie flehend.

Doch er schwang die Krücken und entgegnete: „Morgen.“

„Bitte!“

Die Dringlichkeit und Bedürftigkeit in ihrem Tonfall waren das Einzige auf der Welt, das ihn in diesem Moment aufhalten konnte. Er blieb also stehen und stieß einen tiefen Seufzer aus, und sein Herz raste, als hätte er gerade fünfzig Liegestütze gemacht.

„Du bist früh zurück“, stichelte er. „Was ist los? Hat der verträumte Dylan Moore deine Erwartungen nicht erfüllt?“

Da ging sie um ihn herum, bis sie ihm direkt gegenüberstand. Das Verandalicht fiel zwischen den Lamellen der Jalousien hindurch, sodass ihr Gesicht fast golden leuchtete … und diese hellblauen Augen … jedes Mal saugten sie ihn wieder förmlich auf. Sein Blick ging flackernd zu ihrem Mund … zu den Lippen, die gerade eben erst von Dylan Moores berührt worden waren.

Bei diesem Gedanken presste er Ober- und Unterkiefer fest zusammen und dachte: Was hast du denn erwartet, Callahan? Dass sie sich für einen Mann aufspart, der nicht einmal allein vom Boden aufstehen kann?

In dem Moment berührte sie seinen Arm, aber er zuckte zurück, als wäre er vom Blitz getroffen worden, sodass sie ihn sofort wieder losließ. „Tut mir leid, wie ich mich vorhin benommen habe. Ich war … ungeduldig und unbeherrscht. Ich hätte mehr Geduld haben sollen.“

„Ich brauche dein Mitleid nicht, Paige“, sagte er darauf nur, woraufhin sie ihn mit hartem Blick ansah und erklärte: „Das ist kein Mitleid, sondern Mitgefühl. Ich hab dich doch lieb, du alter Esel.“

Darauf stieß er ein freudloses Lachen aus und sagte: „Ja, klar.“

„Was soll denn das jetzt schon wieder heißen?“, fragte sie ratlos, aber er hinkte einfach davon. „Wohin gehst du denn?“

„Ins Bett.“

Wieder ging sie von hinten um ihn herum und stellte sich ihm in den Weg. Das war ja wirklich super. Jetzt konnte ihn schon so ein 50-Kilo Persönchen ausmanövrieren. Damit war ein neuer Tiefpunkt erreicht.

Er sah sie finster an und verbot es sich, unter ihrem Blick weich zu werden.

„Du kannst mich wegschubsen, so viel du willst“, sagte sie. „Ich gehe nicht.“

Den Blick, mit dem sie ihn dabei ansah, hatte er schon oft bei ihr gesehen. Es war der Blick, den sie auch bekam, wenn es im Tierheim einen Notfall gab. Ein Blick, der ausdrückte, dass sie eine Mission zu erfüllen hatte, die sie vor eine echte Herausforderung stellte.

Als er jetzt merkte, dass er schon wieder rot wurde, sträubte sich alles in ihm dagegen.

Er biss die Zähne zusammen, beugte sich zu ihr hinunter, bis er ihren Atem spürte, und sagte: „Ich bin nicht eines von deinen Tieren, Paige. Du brauchst mich nicht zu retten.“

Dann sah er ihr so lange in die Augen, bis er sicher war, dass dieser Punkt an ihn ging, schob sie mit einer der Krücken zur Seite und drängte sich an ihr vorbei in sein Zimmer. Dann stieß er mit der Krücke die Tür hinter sich zu, sodass sie krachend ins Schloss fiel.


KAPITEL 8

Am Samstagmorgen saß Paige zusammen mit Eden und Lucy im Frumpy Joe’s. Es war schon merkwürdig, dass die drei überhaupt Freundinnen waren, denn Paige war mit Beau zusammen gewesen, und dann war Eden dazwischengekommen und hatte sein Herz im Sturm erobert. Vor anderthalb Jahren hatte dann Lucy eine Woche vor ihrer Hochzeit mit Zac plötzlich die Stadt verlassen, ihm dadurch das Herz gebrochen und sich die Feindschaft des gesamten Callahan-Clans zugezogen. Doch letzten Sommer war sie dann völlig durcheinander und orientierungslos wieder aufgetaucht, und es war doch noch alles gut geworden zwischen ihnen.

Paige hegte längst keine Vorwürfe mehr gegen die beiden Frauen, denn angesichts des Dauergrinsens von Beau und Zac war ihnen wirklich nicht schwer zu vergeben.

Die drei jungen Frauen gaben ihre Bestellung auf, und dann wurde Paige umgehend aufgefordert, von ihrem Date mit Dylan zu berichten. Aus irgendeinem Grund übersprang sie das peinliche Gespräch über Riley und konzentrierte sich eher auf die romantischen Momente. Als die Neugier der beiden anderen gestillt war, kamen sie auf den Anlass ihres Treffens zu sprechen.

„Was wir brauchen“, sagte Eden, „ist eine Spendenaktion, um die Zeit zu überbrücken, bis neue Sponsoren gefunden sind.“

„Wie wäre es denn mit einer Picknickkorbaktion wie im letzten Jahr?“, fragte Lucy.

„Ich glaube, wir brauchen etwas Neues, Unverbrauchtes“, bremste Paige sie.

„Vielleicht ein Spaghettiessen?“, schlug Eden vor.

„Das hat der Rotary Club gerade erst veranstaltet“, informierte Lucy sie und warf ihr langes, schwarzes Haar nach hinten über die Schultern. „Und was ist mit einer Junggesellenversteigerung? Das haben wir einmal in meiner Studentinnenverbindung in Harvard gemacht, und es ist dabei richtig viel Geld zusammengekommen.“

„Das wäre wirklich eine Idee“, sagte Paige.

„Oh ja, das machen wir“, stimmte Eden zu und klatschte begeistert in die Hände. „Das klingt nach jeder Menge Spaß.“

Paige warf ihr einen Blick zu und sagte: „Jetzt beruhige dich mal wieder, Mrs. Callahan in spe. Du wirst nämlich gar nicht mitmachen.“

„Es ist auch wesentlich unterhaltsamer, wenn man nur Zuschauer ist, das kannst du mir glauben“, entgegnete die nur. Dann zog sie in Richtung Lucy grazil die eine Augenbraue hoch und sagte: „Das ist eine erstklassige Möglichkeit, Leute zu verkuppeln.“

„Ich bin mir nicht sicher, ob mir die Richtung gefällt, in die das hier geht“, sagte Paige darauf nur.

„Jetzt entspann dich mal. Diese Lust am Verkuppeln hat anscheinend von Tante Trudy auf mich abgefärbt.“

„Na, dann helfe uns Gott“, sagte Paige nur und verdrehte die Augen.

Eden und Lucy trugen noch jede Menge Ideen zusammen, und Paige notierte alles, aber nach einer Weile schweiften sie dann immer mehr vom eigentlichen Thema ab, und es ging um Edens Hochzeit, die immer näher rückte, sodass Paige zerstreut neben den Notizen auf ihrem Block herumkritzelte.

Sie hatte in der letzten Nacht extrem schlecht geschlafen, war alle paar Stunden aufgewacht und hatte über all das nachgegrübelt, was Riley und sie sich gegenseitig an den Kopf geworfen hatten. Um fünf Uhr morgens hatte sie schließlich kapituliert. Sie hatte gehofft, die Sache noch mit ihm bereinigen zu können, bevor sie das Haus verließ, aber er hatte sich nicht blicken lassen. Als sie dann die anderen beiden Mädels getroffen hatte, war sie völlig aufgedreht gewesen, weil sie seit dem frühen Morgen schon so viel Kaffee getrunken hatte.

„Erde an Paige …“, hörte sie jetzt Lucy sagen, blickte auf und merkte, dass die beiden anderen sie anstarrten. „Tut mir leid. Ich war etwas abwesend.“

„Wieso blickst du denn so finster drein?“, fragte Eden. Dabei ging ihr Blick erst kurz zu Lucy und dann wieder zurück zu Paige. „Du willst nicht … sollen wir lieber nicht über … äh … meine Hochzeit reden?“

„Was? Doch, na klar“, sagte Paige, legte ihre Hand auf Edens und fuhr fort: „Ich freu mich wirklich von Herzen für dich und Beau. Ihr beide seid füreinander bestimmt.“

Eden konnte eigentlich nichts dafür, dass sie direkt nach ihrer Ankunft in der Stadt durch ihren „Alleinstehende-Frau-auf-der-Flucht-Status“ Beaus Aufmerksamkeit erregt hatte, denn Beau hatten Frauen in Schwierigkeiten schon immer wie magisch angezogen.

Es stimmte, dass Paige verletzt gewesen war, als Beau mit ihr Schluss gemacht hatte, aber es war ja tatsächlich so, dass die Zeit so manche Wunde heilte und für mehr Klarheit sorgte. Beau war nämlich wirklich nicht der Richtige für sie gewesen. Dazu hatte es zwischen ihnen einfach nicht genug gefunkt. Und Paige brauchte Funken.

„Bist du wegen der Junggesellenversteigerung so in Gedanken?“, fragte Lucy. „Hast du deine Meinung darüber geändert?“

„Nein, nein. Es ist eine großartige Idee. Es ist nur …“ Sie seufzte, zog ihre Hand unter Lucys weg, begann an ihrer Serviette herumzuzupfen und fuhr fort: „Es läuft nicht besonders gut mit Riley. Er ist so gereizt, was ja absolut verständlich ist, will keine Hilfe von mir annehmen, und ich habe das Gefühl, dass wirklich alles, was ich sage und tue, falsch ist. Ich habe eigentlich immer gedacht, ihn gut zu kennen, aber im Moment habe ich absolut keine Ahnung, wer er ist.“

„Ach, Schätzchen“, sagte Lucy. „Da irrst du dich bestimmt. Er hat einfach viel durchgemacht. Schon allein der Kriegseinsatz kann ja viel anrichten bei einem Menschen, aber zusätzlich muss er ja auch noch mit dem traumatischen Verlust seines Beines fertigwerden. Es wird bestimmt besser mit der Zeit.“

„Das weiß ich ja, und ich bin auf jeden Fall für ihn da, solange er mich braucht, aber es ist so schwer, das Gleichgewicht zwischen Versorgen und Überversorgen zu finden. Er kann überhaupt nicht zulassen, dass ich mich um ihn kümmere, und in letzter Zeit stößt er mich nur noch von sich weg.“

„Wird er denn auf irgendeine Weise psychologisch betreut? Hat er einen Therapeuten?“, fragte Lucy.

„Bis jetzt noch nicht, aber nächste Woche hat er den ersten Termin. Ich hoffe, es hilft ihm.“

„Bestimmt“, sagte Eden. „Mir hat die Therapie auf jeden Fall dabei geholfen, meine erste Ehe und die Folgen zu verarbeiten. Ein emotionales Trauma fordert eben seinen Tribut, aber er schafft das bestimmt, wirst sehen.“

„Hey!“, sagte Lucy. „Riley sollte einer der Junggesellen sein, die zur Versteigerung angeboten werden.“

Bei dieser Vorstellung wand sich Paige innerlich und sagte schließlich: „Also ich weiß ja nicht. Ich finde, er sollte sich lieber auf seine Therapie konzentrieren. Und bei der Laune, die er zurzeit hat, wirkt er auf Frauen wahrscheinlich eher abschreckend.“

„Das soll wohl ein Witz sein“, widersprach Lucy. „Was könnte denn wohl anziehender sein als ein gut aussehender, grüblerischer Exmarinesoldat? Die Damen werden sich um ihn reißen, und das muntert ihn bestimmt auf.“

„Vielleicht hat sie recht“, meinte Eden. „Ein bisschen weibliche Aufmerksamkeit könnte doch genau das Richtige sein, um sein Ego etwas aufzupäppeln. Und außerdem würde er dadurch auch noch helfen, Geld für den guten Zweck zusammenzubekommen. Angeblich soll es doch das eigene Wohlbefinden fördern, Gutes zu tun.“

„Ja schon, aber …“ Paige suchte nach einer überzeugenden Ausrede, doch ihr fiel nichts mehr ein.

„Wenn ihr wollt, kann ich ihn auch fragen“, bot Lucy an.

„Nein, nein, ist schon gut. Ich … ich mach das schon“, wiegelte Paige ab.

„Kommt, wir tragen mal ein paar Namen von Kandidaten zusammen, die dafür infrage kämen“, schlug Eden jetzt vor. „Wir teilen sie dann zwischen uns auf und fragen sie im Laufe der nächsten Woche, ob sie bereit sind, mitzumachen. Wenn wir uns dann das nächste Mal treffen, haben wir eine Liste von freiwilligen Opfern – äh – ich meine, Teilnehmern.“

„Das Erste ist wahrscheinlich zutreffender“, meinte Paige grinsend.

Sie fand den Gedanken, Riley zu fragen, ob er bereit wäre, bei einer Junggesellenversteigerung mitzumachen, alles andere als lustig.


KAPITEL 9

Riley knotete sich das Handtuch um die Hüften, lehnte sich an den Unterschrank des Waschbeckens und tauchte den Rasierer ins Wasser. Nach dem Debakel vom vergangenen Abend hatte er irgendwie das Bedürfnis, reinen Tisch zu machen, und sein Gesicht war dafür der geeignete Schauplatz. Der Spiegel war nach dem Duschen beschlagen, und er öffnete die Badezimmertür, die in sein Zimmer führte, damit der Dampf entweichen konnte.

Er hatte sich Paige gegenüber gestern Abend wirklich wie der letzte Idiot aufgeführt. Wie kam es eigentlich, dass jetzt am Morgen alles so anders und dermaßen klar aussah? Nur weil er ihretwegen so durcheinander war, hatte er noch längst nicht das Recht, sie schlecht zu behandeln. Sie hatte ja keine Ahnung, dass ihm die räumliche Nähe zu ihr dermaßen zusetzte und es die reinste Folter für ihn war, mit ansehen zu müssen, wenn sie mit Dylan ausging. Sie versuchte ja nur, ihm zu helfen.

Der Rasierer machte ein kratzendes Geräusch, als er sich über sein stoppeliges Kinn fuhr. Beim Einatmen der feuchtwarmen Luft im Bad stellte er fest, dass es dort immer irgendwie nach Paige roch, wenn er geduscht hatte. Auch das Bettzeug roch noch nach ihr, obwohl es gerade frisch gewaschen war. In ihrem ganz privaten Bereich zu leben, war eine ganz besondere Form der Quälerei.

Er fragte sich, wo Paige wohl heute Morgen sein mochte, und hoffte, dass er sie nicht aus ihrer eigenen Wohnung vertrieben hatte.

Er hatte nach dem Aufstehen seine Übungen gemacht und fühlte sich jetzt innerlich rastlos. Er war es so leid, hier festzusitzen. Der Gedanke, unter Leute zu gehen, versetzte ihn zwar auch nicht gerade in Hochstimmung, aber er musste hier raus und irgendetwas tun. Ob es für einen Job noch zu früh war?

Es fiel ihm zwar schwer, es einzugestehen, aber er wusste nicht, ob er dazu schon genügend Kondition hatte, denn nach seinen Übungen und dem Duschen war er jetzt völlig erledigt. Sein Herz schlug schon schnell und heftig, wenn er nur aufrecht stand, und in seinem Beinstumpf pochte es.

Außerdem konnte er weder Auto fahren noch längere Strecken gehen, sodass er auf andere angewiesen war, wenn er irgendwohin wollte.

Er spülte jetzt den Rasierer ein letztes Mal kräftig ab, wusch sich das Gesicht und tupfte es dann mit dem Handtuch trocken. So, das war schon viel besser. Wenn er sich nur auch so normal fühlen würde, wie er aussah.

Und jetzt kam der ganz besondere Leckerbissen – das Anziehen. Er griff nach seinen Krücken und humpelte in sein Schlafzimmer.

Als er dort aus dem Augenwinkel eine Bewegung an der Tür wahrnahm und hinschaute, sah er Paige, die mitten in der Bewegung, an die Tür zu klopfen, erstarrte.

„Oh, tut mir leid“, sagte sie, während ihr Blick abwärtsging und er noch gerade wegschauen konnte, bevor sie den bloßen Stumpf erblickte, der unter dem Handtuch hervorragte. Das war sicher kein schöner Anblick, und er wünschte, er hätte das Handtuch weiter nach unten ziehen können, um ihn zu verbergen, aber dann hätte er andere Körperteile entblößt, die sie ganz bestimmt nicht sehen wollte.

Er biss die Zähne zusammen und ging weiter zur Kommode. „Wie war dein Vormittag?“, fragte er und war froh, dass sein Ton liebenswürdiger klang, als er sich fühlte.

„Ich habe …“ Sie wendete sich ab, räusperte sich und fuhr fort: „Ich war mit den Mädels frühstücken – also mit Lucy und Eden.“

„Das klingt doch gut“, sagte er und zog eine Kommodenschublade auf. Dann ging sein Blick zum Spiegel, der über der Kommode hing, und er sah darin, wie Paige seinem Blick auswich und an ihrem obersten Blusenknopf herumnestelte.

Bereitete ihr der Anblick des nackten Beinstumpfes ein solches Unbehagen, oder war sie nur unsicher wegen ihrer Auseinandersetzung am Vorabend? Noch einmal liefen in seinem Kopf seine gemeinen Worte ab.

„Hör mal, Paige. Das gestern Abend tut mir leid. Ich habe mich aufgeführt wie der letzte Idiot.“

„Riley …“ Ihre Blicke trafen sich, aber sie schaute rasch wieder weg.

Mit Unterwäsche in der einen und einer Cargohose in der anderen Hand sah er sie jetzt an und sagte: „Ich weiß ja, dass du mir nur helfen willst. Ich war einfach nicht gut drauf.“

„Na ja, wer wäre das nicht an deiner Stelle? Du hast ja auch so viel durchgemacht.“

Er warf sich die Sachen über die Schulter, humpelte zum Schrank und entgegnete: „Aber das ist nicht deine Sache.“

„Natürlich ist das meine Sache. Was auch immer du gerade durchmachst, ich möchte für dich da sein. Ich bin für dich da, wenn du reden möchtest und deine Brüder auch. Und es tut mir leid. Es tut mir wirklich leid, dass ich so unbeherrscht war.“

„Ich bin dir wirklich dankbar für alles, was du für mich tust, Paige, aber wir müssen die Vereinbarung treffen, dass du mir nur dann hilfst, wenn ich dich darum bitte.“

Eine ganze Weile sah sie ihn daraufhin schweigend an und sagte schließlich: „Du weißt doch selbst, dass du nicht um Hilfe bittest.“

„Doch, das mache ich, wenn es nötig ist“, widersprach er und öffnete die Schranktür, die gegen seine Krücke schlug, sodass er beinah das Gleichgewicht verlor. Er konnte sich gerade noch rechtzeitig festhalten.

„Siehst du?“, sagte Paige, die ein paar Schritte auf ihn zu gemacht hatte. Ihre Hand lag auf ihrer Brust, die sich schnell hob und senkte.

„Was soll ich sehen? Ich habe den Schrank doch aufbekommen, oder?“

„Aber du bist dabei fast gestürzt!“

„Mit Betonung auf fast.“

Daraufhin schnaubte sie nur, verschränkte die Arme und sah ihn durchdringend an, sodass er ein Lächeln unterdrücken musste. Ihm war ihr Zorn allemal lieber als diese nervöse Ängstlichkeit. Er mochte es, wie die silbernen Sprenkel in den blauen Tiefen ihrer Augen aufblitzten, wenn sie wütend war.

„Das ist nicht lustig“, sagte sie darauf nur schroff.

„Jetzt bleib mal locker, Warren“, beschwichtigte er sie, und der leere Kleiderbügel, von dem er das Hemd heruntergezogen hatte, schwang vor und zurück.

„Du bist so stur!“

„Das haben wir doch schon vor Jahren festgestellt.“

„Weißt du, es soll tatsächlich Leute geben, die an ihren Macken arbeiten, wenn sie sie bemerken.“

Mit dem Hemd in der Hand drehte er sich grinsend zu ihr um und entgegnete: „Wer sagt denn, dass es eine Macke ist?“

Daraufhin hob sie ein ganz klein wenig das Kinn und antwortete: „Jeder, der jemanden kennt, der stur ist.“

Er ging jetzt hinüber zum Bett und legte seine Kleider darauf ab.

Sie betrachtete den Haufen und fragte: „Brauchst du vielleicht Hilfe beim …“

Als sie seinen versteinerten Blick bemerkte, presste sie ihre Lippen zusammen, als wollte sie verhindern, dass ihr etwas Unbedachtes herausrutschte.

„Ich möchte mich jetzt anziehen … und zwar ganz alleine“, sagte er nur.

Daraufhin starrte sie ihn mit ihrer ganz eigenen Art von Sturheit im Blick an.

Er fühlte sich jetzt richtig ungezogen, zog eine Braue ein wenig hoch, griff nach dem Knoten im Handtuch und zog ein wenig daran.

„Callahan!“, rief sie da fast panisch und wirbelte herum, aber er konnte gerade noch sehen, wie sie rot wurde.

Da entfuhr ihm ein leises Lachen – fremd und doch vertraut –, und im selben Moment wurde die Tür von außen zugeknallt. Tat das gut!


KAPITEL 10

Die Frau, die vielleicht Mitte fünfzig sein mochte, kniete im Gras neben dem Hund. Er wedelte wie wild mit dem Schwanz, und seine Zunge hing ihm seitlich aus dem Maul. Wenn Paige jemals einen Hund hatte lächeln sehen, dann war es dieser.

Sie hockte sich zu den beiden und kraulte dem Tier das Fell.

„Er ist ein Mischling und erst seit ein paar Wochen bei uns. Er ist gesund, kastriert und geimpft, und wie verspielt und anhänglich er ist, sehen Sie ja selbst.“

Mrs. Miller zog ihre Hand zurück und seufzte. „Ach, ich weiß ja nicht. Eigentlich wollte ich am liebsten einen Yorkshireterrier.“

Der Hund stupste die Hand der Frau mit seiner Nase an und bettelte um Aufmerksamkeit.

„Sehen Sie? Er mag Sie. Und er hat wirklich ein großartiges Wesen. Auf jeden Fall ist er ein wunderbarer Gefährte. Haben Sie Enkelkinder? Er kommt nämlich auch prima mit Kindern zurecht. Das weiß ich, weil gestern eine Familie hier war, um ihn sich anzusehen.“

Mrs. Miller stand jetzt auf und klopfte sich Hundehaare von der Hose. „Ich habe Enkelkinder, aber ich glaube nicht, dass er das Richtige für mich ist. Sein Fell ist so lang, und er haart ziemlich stark. Außerdem habe ich nicht das Gefühl, dass er besonders helle ist, wenn Sie verstehen, was ich meine.“

Paige unterdrückte den Impuls, dem Hund die Ohren zuzuhalten, und musste sich jetzt sehr um Geduld bemühen. „Haben Sie den schwarzen Labrador gesehen? Das ist eine Rasse, die sehr gelehrig, leicht zu erziehen und anhänglich ist. Die Grundkommandos beherrscht er schon.“

„Nein, ich möchte auf keinen Fall einen so großen Hund haben, denn ich habe nur einen kleinen Garten.“

„Dann wäre ja vielleicht unsere Sheltie-Hündin das Richtige für Sie. Sie ist klug und lieb zu Kindern. Sollen wir sie aus dem Zwinger holen und schauen, ob es passt?“

Mrs. Miller hängte sich jetzt ihre Handtasche über die Schulter und antwortete: „Nein, ich glaube nicht. Mir gefällt zwar die Idee, ein Tier aus dem Tierheim zu holen, aber ich glaube, es ist nichts Passendes für mich dabei.“

Paige folgte Mrs. Miller zurück in den Empfangsbereich und tat, was in ihrer Macht stand, um die Frau zu motivieren, weiterhin offen zu bleiben für die Idee, ein Tier aus dem Tierheim zu holen.

Als die Frau schließlich gegangen war, bemerkte Lauren, die Mitarbeiterin am Empfang: „Jedenfalls brauchst du dir nicht vorzuwerfen, du hättest nicht alles versucht.“

„Ich hatte wirklich gehofft, sie würde sich für einen entscheiden.“

„Ja, das wäre schön gewesen, denn inzwischen ist es ja schon ziemlich voll da hinten.“

Die tägliche Versorgung war teuer, und als Paige sich am Abend zuvor einmal hingesetzt und einen Blick auf ihr Budget geworfen hatte, hatte es keinen Bereich mehr gegeben, in dem sie noch ein wenig hätte sparen können. Sie musste unbedingt ein neues Zuhause für einige der Hunde finden und ein paar Bettelbriefe schreiben. Außerdem musste sie möglichst schnell die Spendenaktion organisieren und durchführen. In ihrem Kopf drehte sich alles. Sie war froh, dass fast Feierabend war, und freute sich auf ein nettes Abendessen mit Riley. Danach konnte sie sich ja noch mit dem Spendenaufruf befassen, den sie verschicken wollte.

„Hey, Paige, hast du mal ein paar Minuten?“, fragte jetzt Lauren, und irgendetwas an ihrem Tonfall versetzte Paige in Alarmbereitschaft.

„Ja, klar“, antwortete sie, stützte sich mit beiden Ellbogen auf den Empfangstresen und fragte: „Was gibt’s denn?“

Lauren wich ihrem Blick aus und suchte scheinbar nach den richtigen Worten.

Die junge Frau arbeitete am Empfang des Tierheims, seit sie vor vier Jahren ihren Highschoolabschluss gemacht hatte. Im Grunde war sie mehr als eine Rezeptionistin, und Paige fiel in diesem Moment auf, dass eine Gehaltserhöhung längst überfällig war. Sie hoffte allerdings inständig, dass es darum jetzt nicht ging.

Schließlich sah Lauren sie mit ihren großen braunen Augen an und sagte: „Es tut mir wirklich leid, dass ich dir das antun muss, Paige, aber … ich habe einen anderen Job gefunden.“

Diese Nachricht fühlte sich für Paige an wie ein Schlag in die Magengrube. „Du kündigst?“, fragte sie fassungslos.

Lauren wand sich und erklärte: „Eigentlich will ich das gar nicht, aber bei der finanziellen Situation und der ungewissen Zukunft des Tierheims musste ich mir was Sicheres suchen. Ich muss mein Auto abbezahlen und habe mir gerade ein niedliches kleines Haus gekauft, und es wurde jemand fürs Büro des Sheriffs gesucht.“

„Ach, Lauren“, sagte Paige mit einem tiefen Seufzer. „Du hast viel mehr verdient, als du zurzeit bekommst. Ich wünschte, ich könnte dir mehr bezahlen.“

„Das weiß ich doch. Aber die Stelle beim Sheriff ist wirklich eine Chance für mich, und ich kann es mir einfach nicht leisten, sie nicht zu nutzen.“

„Nein, natürlich nicht. Ich wünsche dir dafür wirklich alles Gute“, sagte Paige und gab sich allergrößte Mühe, sich zu freuen.

„Ich helfe dir gern, eine Nachfolgerin für mich zu finden und einzuarbeiten, aber ich kann nur noch diese Woche bleiben, und darum musste ich schon richtig kämpfen. Wir müssen uns also beeilen.“

„Ach du liebe Güte. Na, dann entwerfe ich am besten heute noch eine Stellenanzeige“, sagte Paige. Nachdem sie den Spendenaufruf verfasst, den Stapel Anträge für Zuschüsse ausgefüllt und eine Spendenseite im Internet eingerichtet hatte. „Das wird schon klappen“, beruhigte sie Lauren … und ein wenig auch sich selbst.

Lauren kam jetzt auf ihrem Schreibtischstuhl hinter dem Tresen hervorgerollt, stand auf und sagte: „Danke, dass du es so gut aufnimmst. Ich habe echt Angst gehabt, es dir zu sagen.“

Paige bemühte sich um ein Lächeln und erklärte: „Na ja, du bist ja inzwischen auch schon eher eine Freundin als eine Angestellte. Sheriff Colton kann wirklich von Glück sagen, dich zu bekommen.“

Daraufhin umarmte Lauren Paige, suchte dann ihre Sachen zusammen und ging.

Als sie weg war, ließ sich Paige auf den Stuhl fallen, von dem Lauren aufgestanden war, und atmete einmal sehr lange aus. Na super! Wo sollte sie denn noch einmal so eine wie Lauren herbekommen, und das auch noch für das mickrige Gehalt, das sie sich leisten konnte? Sie war sicher, dass Sara, die andere Mitarbeiterin, keine zusätzlichen Stunden übernehmen konnte, denn sie absolvierte neben der Arbeit ein Fernstudium und war schon jetzt mehr als ausgelastet.

In diesem Moment vibrierte das Handy in Paiges Hosentasche. Sie holte es heraus, dankbar für die kurze Ablenkung, und sah, dass es eine SMS von Lucy war.

Brendan Marquard hat sich bereit erklärt, bei der Junggesellenversteigerung mitzumachen. Hast du Riley schon gefragt?

Ach ja, die Junggesellenversteigerung – noch ein Punkt auf ihrer Todo-Liste.

Eigentlich hatte sie Riley am Samstagmorgen fragen wollen, nachdem sie sich bei ihm entschuldigt hatte, aber das war ihr dann beim Anblick seines muskelbepackten Oberkörpers völlig entfallen. Er war schon immer muskulös gewesen, aber jetzt schien sein Körper wie aus Stein gemeißelt.

Dabei hatte sie ihn doch schon so oft mit nacktem Oberkörper gesehen, wenn er beim Basketballspielen sein T-Shirt ausgezogen hatte, und nie hatte sie sich dabei irgendetwas gedacht. Jetzt fragte sie sich, wie es sich wohl anfühlen mochte, mit der Hand über seinen Bizeps zu streichen und die weiche Haut über dem harten Muskel darunter zu spüren. Dieser Gedanke irritierte sie, weil er sich fast lüstern anfühlte.

Was war nur los mit ihr? Sie schüttelte den Kopf und schrieb zurück:

Das ist ja großartig! Ich habe Riley noch nicht gefragt.

Worauf wartest du denn?

Gute Frage. Sie hatte das ganze Wochenende Zeit gehabt, aber jedes Mal, wenn sie einen Anlauf genommen hatte, die Sache anzusprechen, hatte irgendetwas sie abgehalten.

Sie versuchte nur, ihn zu schützen. Was, wenn niemand für ihn bot? Oder noch schlimmer, wenn er den Frauen einfach leidtat und sie aus Mitleid für ein Date mit ihm boten? Das würde er ganz furchtbar finden. Aber wahrscheinlich waren ihre Befürchtungen völlig unbegründet, und außerdem konnte sie sich ohnehin nicht vorstellen, dass er sich bereit erklären würde mitzumachen. Jedenfalls noch nicht.

Auf den richtigen Moment. Ich frage ihn in den nächsten Tagen,

schrieb sie und steckte dann das Handy wieder in die Tasche.

Im Moment gab es Wichtigeres zu tun. Sie nahm ein leeres Blatt Papier aus der Schublade und entwarf eine Stellenanzeige für die Zeitung.


„Was machst du denn da?“, fragte Paige.

Riley stand am qualmenden Grill und drehte sich um, als sie durch die Schiebetür heraus auf die Terrasse trat. Das laute Quietschen der Tür in der Führungsschiene verscheuchte einen Schwarm Spatzen aus dem Baum über ihnen, und Dasher kam und strich Paige um die Beine.

„Was ist denn?“, fragte er. „Gar kein ‚Hallo, Schatz, ich bin wieder zu Hause‘?“

„Du verbrennst dir gleich den Arm“, sagte sie erschrocken.

„Ach, dann schneiden wir den auch einfach noch ab“, entgegnete er grinsend.

„Das ist nicht lustig.“

„Jetzt bleib mal locker, Warren.“ Er verlagerte sein Gewicht auf eine Krücke und wendete das Steak mit der freien Hand. „Isst du deins immer noch medium?“

„Eigentlich wollte ich die im Ofen grillen“, erklärte sie.

„Das ist doch Vergeudung von gutem Fleisch. Wenn du nicht gleich antwortest, bekommst du dein Steak medium.“

„Das ist in Ordnung“, antwortete sie, trat einen Schritt vor, blieb dann zögernd in der Nähe stehen, und ihr war anzumerken, dass sie die Sache am liebsten selbst in die Hand genommen hätte.

„Wenn du unbedingt helfen willst, kannst du schon mal den Tisch decken. Der Salat ist schon fertig“, sagte er.

„Sind wir aber fleißig heute“, meinte sie daraufhin, nahm Dasher auf den Arm, verschwand wieder im Haus und ließ die Terrassentür offen.

„Das liegt nur daran, dass ich Hunger und Langeweile hatte“, rief er ihr nach.

Und wie er sich langweilte! Beau hatte ihm angeboten, ihn zum Boot eines Kumpels zu fahren, aber der Gedanke, auf dem Wasser zu sein, war deprimierend, weil er dort nicht das tun konnte, was er am liebsten tat, nämlich Hummer fangen.

Doch es half schon, draußen an der frischen Luft zu sein, die salzige Meeresluft einzuatmen und den Wind in den Zweigen flüstern zu hören.

Es war jedenfalls besser als die Albträume von trockener Luft, Sand und dem leblosen Körper seines Kameraden in einer Blutlache neben ihm. Sein letzter Traum war so real gewesen, dass er ihm eher wie eine Erinnerung als wie ein Traum vorgekommen war.

Tex’ Lippen bewegten sich lautlos, während Riley versuchte, die Blutung der klaffenden Bauchwunde zu stoppen. Als er merkte, wie vergeblich seine Bemühungen waren, gab er auf und konzentrierte sich darauf, seinen Freund zu beruhigen.

„Ich bin bei dir, Kumpel. Alles wird gut“, log er. Aber was hätte er denn sonst tun sollen?

Wieder bewegten sich Tex’ Lippen. „Warum – warum ich?“ Noch einmal ging ein Beben durch den ganzen Körper, und dann lag er reglos da, den starren Blick in den Himmel gerichtet.

Schaudernd, völlig nass geschwitzt und mit Herzrasen war Riley aufgewacht. Wie in einer Endlosschleife wiederholten sich in seinem Kopf die Worte: Warum ich? Warum ich? Warum ich? Das hatte sein Kamerad nicht wirklich gesagt, sondern es waren Rileys Worte. Es war Rileys Frage.

„Callahan!“

Er wirbelte herum und versuchte, einen klaren Kopf zu bekommen, denn Paige hatte ihn offenbar schon mehrmals angesprochen. „Ja?“

„Willst du drinnen oder draußen essen?“

„Draußen.“

Er sah noch einmal nach den Steaks und gab sich Mühe, die furchtbare Erinnerung abzuschütteln und diese Finsternis beiseitezuschieben. Dass die Albträume seinen Schlaf störten, war schlimm genug. Er wollte ihnen auf gar keinen Fall auch noch tagsüber Raum geben.

Zwanzig Minuten später schob er seinen Teller auf dem Tisch zurück und massierte unter dem Tisch sein schmerzendes Bein. Die Steaks waren perfekt gewesen und das Gespräch angenehm. Paige hatte ihn nach seiner ersten Therapiestunde gefragt, die zwar nicht so gut gelaufen war, wie er ihr weisgemacht hatte, aber dass die Sorge ein wenig aus ihrem Blick gewichen war, war die Übertreibung allemal wert gewesen.

In Wirklichkeit hatte er die ganze Stunde beim Therapeuten versucht, das Thema des traumatischen Verlustes seines Beines zu umgehen. Er wollte nicht über die dämliche Entscheidung sprechen, sich freiwillig zu melden, oder darüber, dass er zusammen mit dem Bein auch seinen Beruf verloren hatte, und er war Dr. Lehmann sehr dankbar, dass er ihn nicht gedrängt hatte. Trotzdem war sein Rücken schweißnass gewesen, als er gegangen war.

Wie sollte der Mann denn auch nur eine Ahnung davon haben, was er durchgemacht hatte? Riley hatte sich die Vita des Therapeuten im Internet angeschaut. Der Typ hatte alles, was sich ein Mann nur wünschen konnte. Er war gebildet, führte eine glückliche Ehe, hatte drei Kinder und noch alle Gliedmaßen. Die Stunde war ihm so lang vorgekommen wie ein ganzer Monat, und er wusste nicht, ob er sich zu einer zweiten Sitzung würde durchringen können.

Es entstand ein schrill quietschendes Geräusch, als Paiges Gabel über den Teller schabte. Die Hälfte ihres T-Bone-Steaks war noch übrig, und sie hatte das Essen eher auf dem Teller hin und her geschoben, als es zu verspeisen.

Wenn er jetzt überlegte, hatte eigentlich alle Fragen er gestellt, seit sie von der Arbeit nach Hause gekommen war, und langsam kam ihm der Verdacht, dass die Sorge in ihrem Blick vielleicht gar nichts mit ihm zu tun hatte.

„Ist dein Steak gut so?“, fragte er jetzt.

Ihr Blick flackerte kurz, bevor sie antwortete: „Ja, es ist perfekt. Ganz köstlich.“ Sie aß noch einen Bissen, als ob sie ihre Aussage untermauern wollte, trank einen Schluck Eistee und schob dann wieder das Essen auf ihrem Teller hin und her.

Als die Gabel wieder quietschte, griff er nach ihrer Hand, sodass sie mit großen Augen aufblickte.

„Was ist los?“, fragte er.

„Nichts.“ Sie legte die Gabel hin und begann, an ihrer Halskette herumzuspielen. „Wieso fragst du?“

Er studierte ihre Miene und entdeckte die Furchen auf ihrer Stirn und zwei verräterische steile Falten zwischen den Brauen. „Du bist total gestresst“, antwortete er.

Darmowy fragment się skończył.

Ograniczenie wiekowe:
0+
Data wydania na Litres:
22 grudnia 2023
Objętość:
352 str. 4 ilustracji
ISBN:
9783961400065
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