Czytaj książkę: «Seewölfe Paket 33»
Impressum
© 1976/2020 Pabel-Moewig Verlag KG,
Pabel ebook, Rastatt.
eISBN: 978-3-96688-107-4
Internet: www.vpm.de und E-Mail: info@vpm.de
Inhalt
Nr. 641
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 642
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 643
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 644
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 645
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 646
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 647
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Nr. 648
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 649
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 650
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 651
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 652
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 653
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 654
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 655
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 656
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 657
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 658
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 659
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 660
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9

1.
Die Stimmung auf dem Achterdeck der Kriegsgaleone war so frostig, als befänden sie sich auf einem Gletscher. Schuld daran war die mehr als üble Laune des alten Kommandanten.
Er hatte eine Niederlage einstecken müssen, die ihn nach eigener Ansicht etliche Jahre seines ohnehin nur noch karg bemessenen Lebens kosten würde. Genau genommen waren es zwei Niederlagen hintereinander.
Don Julio sollte in Santa Cruz de Tenerife einen aus elf Galeonen bestehenden Konvoi übernehmen, der von Havanna unterwegs war. Dieser Konvoi, beladen mit Gold, Silber und Kleinodien war nicht am Zielort eingetroffen. Statt dessen hatte er erfahren, daß dieser riesige Geleitzug wegen widriger Winde und anderer Unannehmlichkeiten nach Boa Vista auf den Kapverden verschlagen worden war.
Diese Geschichte hatte Don Julio ein Mann untergejubelt, der angeblich zum Konvoi gehörte und Don Esteban de Mallorca hieß. Die Dons nannten ihn El Lobo del Mar, aber das wußte Don Julio nicht, denn sein Auftrag war sehr glaubwürdig gewesen.
Um schnellste Hilfe zu gewähren, war die Kriegsgaleone mit Kurs auf Boa Vista ausgelaufen, aber dort befand sich zum Erstaunen Don Julios kein spanischer Geleitzug, nicht mal ein einziges Schiff.
Don Julio unterstellte daraufhin den Portugiesen auf Boa Vista, den Konvoi „unterschlagen“ zu haben.
Diese ungeheuerliche Unterstellung ließen wiederum die obersten Portugiesen nicht auf sich sitzen, und so zahlten sie die Beleidigung mit schweren Schiffsgeschützen umgehend zurück.
Ergebnis: Der Konvoi war spurlos verschwunden, Don Julios Seelenheil war stark in Mitleidenschaft gezogen, und seine Kriegsgaleone hatte eine Menge Beschädigungen aufzuweisen. Was das alles zusammengenommen für Konsequenzen für ihn persönlich hatte, daran mochte er gar nicht denken.
So stand der Alte verbiestert, mürrisch, ausgelaugt und von einem unbeschreiblichen Zorn erfüllt auf dem Achterdeck seines Schiffes.
Er dachte nach, sehr gründlich und sehr lange und gelangte schließlich zu der beschämenden Erkenntnis, daß man ihn kräftig geleimt hatte, und zwar auf eine so infame Art, wie sie ihm nicht einmal im Traum eingefallen wäre.
Er dachte über das Auftreten von Don Esteban de Mallorca und das seines Ersten Offiziers, Don Juan de Montserrat, nach, und er sah die beiden schwarzhaarigen Männer im Geiste immer wieder vor sich.
Nein, der Gedanke war einfach zu ungeheuerlich, wenn er ihn noch weiter verfolgte. Die beiden hatten einen einwandfreien Eindruck hinterlassen, obwohl er ihnen mit allergrößter Skepsis begegnet war. Sie hatten versiegelte Dokumente von dem Generalkapitän und Befehlshaber des Konvois vorgelegt und auch weitere Dokumente, die vom Gouverneur von Havanna unterzeichnet und gesiegelt waren.
Als sie von Santa Cruz aus in See gegangen waren, war die „Isabella“ sogar direkt vor ihnen vorausgesegelt, um auf Boa Vista den weiteren Schutz zu übernehmen. Aber diese „Isabella“ mit den überlangen Masten und der starken Armierung war ebenfalls spurlos verschwunden.
Das alles war nicht nur mysteriös, es war einfach unbegreiflich. Möglicherweise lag doch irgendwo ein Irrtum vor, der sich später aufklären würde.
Der Erste Offizier, Don Eugenio Pergoza, ein Mann mit einer schiefen Nase und einem dünnen Oberlippenbart, der sehr von sich eingenommen war, warf Don Julio einen Blick unter halbgesenkten Lidern zu. Er wollte etwas sagen, doch als er den bösen Blick des alten Habichts bemerkte, verkniff er sich das und schwieg. Don Julio war zur Zeit nicht ansprechbar. Man mußte ihn für einige Zeit sich selbst überlassen, sonst gab es ein höllisches Donnerwetter.
Don Julio stand, als sei er zutiefst beleidigt, an der Schmuckbalustrade und schnüffelte mißmutig in den trockenen Harmattan, der ihm Mund und Nase austrocknete.
Die Küste Mauretaniens zog vorüber, eintönig, trostlos, von Wüstenregionen bestimmt. Hin und wieder tauchte eine kleine Oase in der Einöde auf, aber Menschen waren keine zu sehen. Der ganze Landstrich schien wie ausgestorben zu sein.
Als Don Julio sich ihm ruckhaft zuwandte, zuckte der Erste ein wenig zusammen. Er sah in das vertrocknete Gesicht mit den vielen Hautfalten am Hals, und er sah die bösartig verkniffenen Lippen, die nur noch ein Strich waren. In den sonst müden Augen lag alle Boshaftigkeit dieser Welt. Der Blick war kalt und tödlich.
„Wir sind zu hoch am Wind“, sagte Don Julio ärgerlich. „Warum sagen Sie das diesem Fettwanst von Dritten Offizier nicht! Oder haben Sie das selbst noch nicht bemerkt? Ich will so schnell wie nur möglich in Santa Cruz sein und keine unnötige Zeit vertrödeln. Legen Sie das Schiff gefälligst besser an den Wind.“
Der Erste wußte, daß das nicht stimmte. Sie lagen so gut am Wind wie es nur ging, aber der Alte mußte Dampf ablassen, und dazu war ihm jedes Mittel recht.
Er widersprach auch nicht, aber er gab den Anpfiff an den Dritten Offizier, Antonio Quieras, weiter. Der Mann mit dem gewaltigen Leib einer Riesentrommel wurde abgekanzelt, bis er fast in den Planken versank.
Doch es änderte sich so gut wie gar nichts. Jedenfalls lief die riesige Galeone deshalb nicht schneller.
Dicht unter der Küste und bei nur leicht bewegter See waren fast alle Rohre des gewaltigen Dreideckers ausgerannt. Auf dem Schiff wurde pausenlos ausgebessert und geflickt, denn die portugiesischen Stücke hatten beachtliche Schäden hinterlassen.
Don Julio wollte in seinem heiligen Zorn gewappnet sein, falls „irgendein Bastard“ auftauchte. Daher befand sich ein Großteil der Mannschaft ständig auf dem Sprung.
Für Pergoza war es allerdings unwahrscheinlich, daß hier in dieser Einöde andere, oder gar feindliche Schiffe auftauchten.
„Ich unternehme einen Rundgang“, sagte er hastig.
„Sie unternehmen gar nichts“, fauchte der Alte zurück. „Ihr Platz ist hier auf dem Achterdeck, verstanden?“
So standen sie wie bisher fast reglos herum wie abgeschlaffte Marionetten. Don Julio hüllte sich weiter in schweigenden Zorn.
Mehr als zwei Stunden vergingen in eisigem Schweigen. Jeder fühlte sich unbehaglich, und jeder vermied die geringste Berührung mit einem anderen. Hin und wieder war nur ein Räuspern zu vernehmen, und das leise Ächzen des Kolderstocks, wenn der Rudergänger ihn bewegte.
Nach einer endlos scheinenden Ewigkeit wandte Don Julio seinem Ersten wieder ruckhaft das verkniffene Gesicht zu.
Pergoza schluckte, denn er rechnete erneut mit einem Donnerwetter.
„Was erwartet uns in Santa Cruz, Señor Pergoza – haben Sie darüber schon nachgedacht?“
Die Frage erfolgte ganz überraschend. Pergoza rang sichtlich um Fassung.
„Ihre Meinung will ich hören!“ blaffte der Kommandant. Er hatte sich von der Schmuckbalustrade halb zur Seite gewandt und sah den Ersten mit seinem kalten Fischblick an.
„Ich habe mir noch keine Meinung gebildet, Don Julio.“
Pergoza wollte sich ätzenden Spott oder einen neuerlichen Wutausbruch ersparen, deshalb hielt er mit seiner Meinung vorerst auch noch hinter dem Berg. Der Alte würde seine Meinung zerpflücken oder ihn der Lächerlichkeit preisgeben, wenn sie sich nicht mit seiner eigenen Meinung deckte.
„Keine Meinung gebildet“, wiederholte Don Julio verächtlich. „Sie sollten sich zumindest darüber eine Meinung bilden oder wenigstens nachdenken, daß wir demnächst vor einem Kriegsgericht stehen, falls dieser dreimal verfluchte Geleitzug nicht wieder auftaucht. Wenn die Krone die Schatzschiffe als Verlust abbuchen muß, können Sie Ihren Kopf ebenfalls als Verlust abbuchen – und ich den meinen auch. Wahrscheinlich wird man uns vorher aber noch ein bißchen foltern und uns unterstellen, wir hätten den Konvoi verschwinden lassen. Und da haben Sie sich noch keine Meinung gebildet, Señor? Vielleicht denken Sie spätestens dann darüber nach, wenn man Ihnen die Garotte um den Hals legt. Die Würgeschraube wird Ihr Gedächtnis schlagartig aktivieren, aber nicht lange.“
„Es ist nicht unsere Schuld, wenn der Geleitzug nicht aufzufinden ist“, sagte Pergoza lahm. „Wir haben getan, was in unseren Kräften steht und uns sogar noch mit den Portugiesen angelegt.“
„Auch das könnte Konsequenzen nach sich ziehen. Wir befinden uns schließlich nicht im Kriegszustand mit Portugal. Aber ich habe nun einmal die Verantwortung für die Silberschiffe, und einen gewissen Teil dieser Verantwortung tragen Sie mit. Daran führt kein Weg vorbei. Ich will jetzt endlich ihre Meinung hören. Was ist mit dem Konvoi geschehen? Was hat das Auftreten dieser Männer von der ‚Isabella‘ damit zu tun, und warum war der Konvoi nicht auf den Kapverden, obwohl wir alle Unterlagen darüber in Händen hielten? An dieser Sache ist etwas oberfaul, sie stinkt zum Himmel.“
„Es muß alles auf einem fürchterlichen Irrtum beruhen, Don Julio. Ich habe keine andere Erklärung für den unglaublichen Vorfall. Ich bin aber sicher, daß sich in Santa Cruz alles aufklären wird.“
„So, das glauben Sie in Ihrer stillen Einfalt. Ich bin sicher, daß sich gar nichts aufklären wird und wir weiterhin mit leeren Händen dastehen wie bestellt und nicht abgeholt.“
„Was sollte denn sonst geschehen sein?“ fragte Pergoza fast flüsternd und mit zuckenden Lippen. Seine Blasiertheit war wie weggeblasen.
Don Julio maß ihn von oben bis unten mit einem langen Blick.
„Vielleicht hat man uns angeschissen“, sagte er drastisch. „Richtig nach Strich und Faden übers Ohr gehauen.“
„Sie glauben, es gibt den Konvoi gar nicht?“
„Idiot“, knurrte der Alte. „Man sollte Sie in einem Faß alten Olivenöls ersäufen. Natürlich gibt es den Konvoi. Wir haben die Namen der Schiffe, der Kapitäne, der Ladungen und noch eine Menge mehr. Wir wissen, daß er losgesegelt ist, aber er traf nicht ein, und er war auch nicht auf den Kapverden, obwohl man uns das vorerzählen wollte. Heiliger Antonius, starren Sie mich nicht so dämlich an und überlegen Sie gefälligst mit, wie wir unsere Hälse aus der Schlinge ziehen. Kann es noch eine andere Möglichkeit geben?“
„Haben Sie denn noch eine andere in Betracht gezogen, Don Julio?“ fragte Pergoza hilflos.
„Das will ich von Ihnen wissen, verdammt noch mal!“
Pergoza, der die drastische Ausdrucksweise des Kommandanten nicht gewohnt war, zuckte jedesmal zusammen.
„Es könnte eine geben“, sagte er dann zögernd, „aber sie klingt sehr abenteuerlich und unwahrscheinlich.“
„Reden Sie endlich. Hier ist sowieso alles abenteuerlich und unwahrscheinlich, also heraus damit!“
„Gehen wir einmal davon aus, daß ein oder zwei Kapitäne … Nein, das ist doch zu unwahrscheinlich, Don Julio.“
„Ach so, ich beginne zu verstehen.“ Im faltigen Gesicht des Alten erschien die schwache Andeutung eines Lächelns. Es war mehr ein boshaftes Grinsen. Dann lachte er einmal stoßartig auf. Es hörte sich so an, als sei ihm die Galle bis in den Hals hochgestiegen.
„Gut, gut“, sagte er, „wahrhaftig sehr ergötzlich. Das ist ja eine gänzlich neue Perspektive. Hm, Sie sind gar nicht so dumm, wie ich dachte. Sie glauben also, ein oder zwei Kapitäne hätten sich abgesprochen und den Konvoi einfach geklaut, was? Hahaha – hahaha!“
Auf dem Achterdeck der Kriegsgaleone schien Hochstimmung zu herrschen, von einem Augenblick zum anderen.
Don Julio de Vilches lachte, er lachte wahrhaftig. Noch niemand hatte ihn lachen sehen, und so lachten auch der Rudergänger und ein paar andere pflichtschuldigst mit, weil der Kommandant sich kaum noch beruhigen konnte.
Der Erste wollte auch grinsen, in der irrigen Annahme, den Alten etwas aufgeheitert zu haben, doch er verkniff es sich gerade noch, denn das welke Gesicht vor ihm wurde augenblicklich wieder ernst, als hätte es dieses Lachen nie gegeben. Die alte Boshaftigkeit kehrte in die Augen zurück, der Mund verkniff sich erneut zu einem dünnen Strich.
„Sie – Sie sind ja verrückt, Señor“, sagte der Alte kalt. „Wie stellen Sie sich das in der Realität vor? Glauben Sie ernsthaft, daß zwei Kapitäne beschließen, die Silberschiffe an sich zu reißen, um damit auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden? Und glauben Sie weiter, die anderen Kapitäne sind ebenfalls Verbrecher und haben nur auf eine derartige Gelegenheit gewartet? Und alle, alle spielen mit, weil das ja die einfachste Sache von der Welt ist? Mann, was geht in Ihrem Kopf nur vor sich? Der Gedanke ist lächerlich, absurd. Das hat es in der ganzen Geschichte noch nie gegeben.“
„Ich habe nur einen abenteuerlichen Gedanken geäußert“, erwiderte Pergoza eingeschnappt. „Aber ich werde meine Zunge in Zukunft hüten, weil Sie ja doch alles lächerlich und absurd finden.“
Wider Erwarten zeigte Don Julio doch Interesse.
„Wie passen denn dieser Esteban de Mallorca und dieser Juan de Montserrat in die Rolle, wenn wir schon davon ausgehen wollen?“
„Das weiß ich nicht“, entgegnete Pergoza störrisch.
Da griff Don Julio ganz überraschend zu und packte die blauen Aufschläge seiner Uniformjacke. Sein Atem berührte Pergozas Gesicht, und er stieß heiser hervor: „Das will ich jetzt auch ganz genau wissen. Raus damit!“
„Sie werden wieder über mich lachen, Don Julio.“
Don Julio ließ ihn los. Er atmete heftig, als habe diese kleine Anstrengung ihn sehr erschöpft.
„Sagen Sie es. Ich werde nicht lachen, ich kann gar nicht lachen.“
„Die beiden Männer könnten Verschwörer gewesen sein, die sich mit den Kapitänen schon in Havanna abgesprochen haben. Man schickte sie vor, um alles sehr glaubwürdig erscheinen zu lassen. In Wirklichkeit ist der Konvoi längst zu einem Land unterwegs, in dem Spanien keine Machtbefugnisse hat. Die beiden Kerle sind natürlich mit ihrem Schiff bei Nacht und Nebel ebenfalls verschwunden.“
„Und dann?“
„Sie nehmen die Ladung, verteilen sie und zerstreuen sich in alle Winde.“
„Welches Land?“
Der Erste zuckte mutlos mit den Schultern.
„Brasilien vielleicht, dort sitzen die Portugiesen, und keiner würde ihnen etwas tun. Natürlich nur eine Annahme, Don Julio, die durchaus nicht zutreffend sein muß. Sie werden ganz sicher darüber lachen.“
Don Julio lachte jedoch nicht. Sein Gesicht nahm eine etwas kränkliche Farbe an, und er schluckte ein paarmal heftig.
Pergoza entdeckte zu seinem Erstaunen, daß Don Julio das Wasser in den Augen stand. Der Kommandant wandte sich um und wischte sich verstohlen über das Gesicht.
„Ist Ihnen nicht gut, Don Julio?“ fragte er besorgt.
Er erhielt keine Antwort. Don Julios Gesicht verlor jede Farbe. Er wurde bleich und schwankte. Dann stützte er sich hart auf den Handlauf der Balustrade. Schweißperlen erschienen auf seiner Stirn, die der Harmattan sofort trocknete.
Der Erste brüllte nach einem Feldscher, und Augenblicke später erschien ein hagerer Mann mit einem unrasierten Gesicht.
Aber da war Don Julio wieder Herr über sich selbst. Er blies die Wangen auf und herrschte den Feldscher grob an.
„Verschwinden Sie, und lassen Sie sich auf dem Achterdeck nur dann blicken, wenn ich Sie persönlich rufe. Kümmern Sie sich um andere, mir fehlt nichts.“
Der Feldscher verschwand nach einem furchtsam-neugierigen Blick wieder.
Der Rudergänger lauerte auf seine Ablösung. Er konnte es kaum erwarten, die Neuigkeiten unter das Decksvolk zu streuen. Was er da alles mitgekriegt hatte, war eine Ungeheuerlichkeit, und er würde schon dafür sorgen, daß es bald die Möwen von den Rahen pfiffen.
Als seine Ablösung dann endlich erfolgte, nahm ihn der Erste Offizier zur Seite und packte ihn am Arm.
„Ein Wort an das Decksvolk von dem, was hier gesprochen wurde, und ich lasse Ihnen zweihundert Hiebe verabreichen“, sagte er. „Wenn Sie die überleben, werden Sie zusätzlich gekielholt. Ab jetzt!“
Pergoza wandte sich wieder dem Alten zu, doch dessen Gesichtsausdruck war völlig abwesend. Er sah und hörte nichts, er starrte nur auf die silbrige Fläche des Wassers und wirkte, als sei er im Stehen gestorben. Nur seine durchsichtigen Hände mit den blauen Adern lagen wie die Krallen eines Geiers auf dem Handlauf, und an seiner linken Halsseite zuckte wild eine Ader.
Eine halbe Stunde verging, bis in Don Julio wieder das Leben zurückkehrte. Er sah um Jahre gealtert aus.
2.
Der Küstenverlauf hatte sich nicht geändert, und auch der Harmattan blies unverändert sein unangenehm trockenes Lied. Er blies in den Wanten und Pardunen und ließ sie schauerlich aufklingen, und er fuhr mit seinem wilden Geräusch den Männern in die Gesichter.
„Brasilien“, sagte Don Julio in die fast geisterhaft wirkende Stille hinein. Er sprach zu sich selbst und erwartete offensichtlich auch nicht, daß ihm jemand zuhörte. „Das könnte durchaus passen, dort würde ihnen niemand etwas tun, wahrhaftig nicht. Sie geben einen Teil der Beute an die Portugiesen ab und führen danach ein beschauliches Leben bis an ihr unseliges Ende.“
„Es ist nur eine abenteuerliche Annahme“, sagte Pergoza leise. „Sie muß ja nicht stimmen.“
Er hatte das Gefühl, als müsse er Don Julio Trost zusprechen, obwohl er Trost jetzt selbst bitter nötig hatte. Aber der Alte tat ihm auf irgendeine unerklärliche Art leid.
„Nein, sie muß nicht stimmen“, sagte Don Julio. „Ich muß jetzt jedoch eine Entscheidung treffen. Wir können nicht vor die spanische Admiralität hintreten und sagen: ‚Es tut uns außerordentlich leid, ihr ehrenwerten Señores, aber den Konvoi konnten wir nicht finden. Wir bedauern das zutiefst.‘ Nein, das geht nicht, das wäre wahnsinnig.“
„Was können wir dann tun, Don Julio?“
„Wir segeln zunächst nach Santa Cruz zurück.“ Der Alte, der Pergoza um mehr als Haupteslänge überragte, versuchte seine Schultern zu straffen, doch die Geste bewirkte, daß er nur noch schlapper und hinfälliger aussah. „Es gibt immerhin noch die eine Möglichkeit, daß sich wirklich alles als Irrtum herausstellt. In Santa Cruz werden wir mehr erfahren, da bin ich ganz sicher.“
„Dann bleiben wir auf dem Kurs?“
„Ja, natürlich.“
Die Gedanken der beiden Männer bewegten sich im Kreis. Don Julio grübelte verzweifelt über diese mehr als peinliche Sache nach, gelangte jedoch zu keinem brauchbaren Ergebnis. Er versuchte, die beiden Männer zu analysieren, die ihm die Geschichte mit dem Konvoi aufgetischt hatten, doch auch das brachte nichts ein.
Er kam einfach nicht weiter. Schon irgendwo auf dem Atlantik mußte sich die Spur des Konvois verloren haben. Die Annahme, die Kapitäne hätten sich abgesprochen und tatsächlich nach Brasilien abgesetzt, erschien ihm längst nicht mehr so abenteuerlich.
„Angenommen“, begann der Erste nach einer Weile, „wir erfahren auch in Santa Cruz nichts Neues. Wie soll es dann weitergehen, Don Julio?“
„Dann werde ich diese Halunken auf eigene Verantwortung jagen, ohne mir dazu die Erlaubnis in Spanien zu holen“, entgegnete der Kommandant entschlossen. „Wir können ohne die Schatzschiffe nicht mehr zurückkehren, das ließe mein Stolz nicht zu. Ich werde die südamerikanischen Küsten solange abfahren, bis wir eine Spur finden.“
Don Julio hieb wütend mit der Hand durch die Luft. „Ich glaube es trotzdem nicht“, fügte er störrisch hinzu. Aber das sagte er nur, um sich selbst zu beruhigen.
Wieder vergingen etliche Minuten in dumpfem Schweigen. Die Mannschaft war anders als sonst. Fast alle wirkten verkrampft oder ängstlich, denn kaum einer von ihnen wußte genau, was hier überhaupt vor sich ging.
Die wildesten Gerüchte wurden in Umlauf gesetzt. Die Mannschaft wurde allerdings auch nicht aufgeklärt. Was hier passiert war, ging nur die oberen Chargen etwas an.
Pergoza hatte alle Ausgucks doppelt besetzen lassen, und ihnen eingeschärft, auf alles zu achten, was irgendwie von der Norm abwich. Auch gesichtete Leute in Küstennähe sollten sofort gemeldet werden, selbst kleine Fischerboote waren davon nicht ausgenommen.
Noch am Vormittag dieses Tages wurden sie fündig. Einer der Ausgucks schrie sich die Kehle heiser.
„Masten Steuerbord voraus dicht unter Land!“ brüllte er.
Dieser Ruf riß den Alten schlagartig aus seinem lethargischen Zustand. Sofort ließ er sich ein Spektiv geben und blickte angespannt zu der angegebenen Stelle.
„Ich sehe nichts!“ rief er wütend und ungeduldig.
Pergoza sah auch noch nichts, denn der Ausblick, den die Männer da oben hatten, war wesentlich weitflächiger und größer.
Aber nach einer Viertelstunde entdeckte er ebenfalls die Masten eines Schiffes hinter einer Landzunge. Sie waren noch ganz dünn und kaum zu bemerken.
Seine Finger zitterten so stark, daß er das Spektiv kaum halten konnte. Das Bild verwackelte und verschwamm vor seinen Augen. Es dauerte lange, bis er die Masten wieder entdeckte.
Das Schiff selbst war nicht zu sehen. Eine Landzunge verbarg es vor seinen Blicken.
„Gefechtsbereitschaft anordnen, Señor Pergoza“, befahl er. „Kurs halten auf die Landzunge. Ich glaube, wir haben eine erste Spur, denn was bewegt eine Galeone, diesen öden Küstenstrich anzulaufen? Es muß eine Galeone sein, ich kann mir nichts anderes vorstellen.“
„Es muß so sein“, sagte der Erste zögernd. „Vermutlich ist es nur ein Portugiese.“
„Ein Portugiese soll mir auch recht sein“, knurrte Don Julio. Er mußte seinen Zorn und seine riesengroße Enttäuschung abreagieren. Aber dieses Schiff wollte er sich genau ansehen.
Das Schiff, das hinter der Landzunge lag, war die „Isabella“, die zur Zeit der Franzose Jean Ribault befehligte. Sie hatten fünf Dutzend Sklaven an Bord, die ihnen der Kapitän der Kriegsgaleone „Aguila“ regelrecht aufgedrängt hatte.
Bei Nacht und Nebel war Ribault auf Gegenkurs gegangen, nachdem er versprochen hatte, die schwarzen Sklaven nach Spanien zu bringen. Dadurch waren sie den recht aufdringlichen Kapitän César Garcia erst mal los, der ihnen eine Menge Ärger und Scherereien bereitet hatte und dessen Neugier schon fast penetrant war.
Natürlich dachte niemand im Traum daran, die Sklaven nach Spanien zu bringen. Hasard hatte sich mit Jean dahingehend beraten, daß die Schwarzen wieder in ihre Heimat zurückgebracht werden sollten, aber das durften wiederum die Kapitäne des Konvois nicht wissen.
Ribault hatte von der Schebecke zusätzlich sechs Arwenacks übernommen und war dann angeblich schon vorausgesegelt, in Wirklichkeit aber heimlich nach Süden abgelaufen, wo er die mauretanische Küste ansteuern wollte.
Nicht alles hatte geklappt, denn unter den Schwarzen war Aufruhr ausgebrochen. Keiner der Sklaven hatte glauben wollen, daß man sie in ihre Heimat zurückbrachte, und so hatten sich die Mißverständnisse auf der „Isabella“ gehäuft, bis schließlich alles ein gutes Ende gefunden hatte.
Die Sklaven befanden sich noch an Bord, denn vor ein paar Minuten war ein riesiger Dreidecker mit vier Masten von Jonny gemeldet worden.
Ribault war verblüfft, als er die „Casco de la Cruz“ erkannte, die von den Kapverden herauftörnte.
Der Dreidecker war ein tödlicher Gegner, gegen den sie keine Chance hatten. Mit seinen zweiundneunzig Geschützen konnte er die „Isabella“ in Grund und Boden schießen, und keiner würde das überleben.
So entschloß sich der verwegene Franzose zu einem „strategischen Rückzug“, einem keinesfalls überhasteten, aber wohlberechneten Rückzug, dem auch Karl von Hutten zustimmte.
„Ich weiß nicht, ob sie uns schon entdeckt haben“, sagte Karl von Hutten, der Sohn einer indianischen Häuptlingstochter und des Deutschen Philipp von Hutten. Er hatte von Natur aus blonde Haare, die jetzt aber schwarz glänzten, seit sie gefärbt waren. „Wahrscheinlich haben sie, wenn überhaupt, nur unsere Masten bemerkt. Uns bleibt also noch etwas Zeit. Die Schwarzen bringen wir dann später an Land. Wenn wir sie hier absetzen, wird es den Dons ein Vergnügen bereiten, sie wieder einzufangen, und dieses Vergnügen gönne ich ihnen nicht. Don Julio wird sich sehr geärgert haben und dürfte in einem unberechenbaren Zustand sein. Er würde die armen Kerle vor Wut abschlachten.“
Die exotisch wirkenden Züge von Huttens verhärteten sich sekundenlang, als er das gesagt hatte. Er war ein Spanienhasser, denn Spanier hatten in Venezuela seine Eltern umgebracht, wo Philipp von Hutten ein Handelshaus der Welser betrieben hatte. Die Spanier waren bei dem Mord nicht zimperlich gewesen.
Ribault war wieder einmal die Ruhe selbst.
„Nur keine Hast“, sagte er lässig. „Wir wissen, wie behäbig dieser Dreidecker segelt, und wir wissen, wie schnell wir sind. In der Bucht können wir uns nicht verstecken, weil sie keinen ausreichenden Platz bietet und von See her einsehbar ist. Also verschwinden wir und empfehlen uns mit den besten Grüßen an Don Julio. Seit er gemerkt hat, daß der Konvoi verschwunden ist, wird sich seine Laune kaum gebessert haben.“
„Er dürfte sich in einem Zustand der Raserei befinden“, entgegnete von Hutten, „und auf alles ballern, was seinen Kurs kreuzt.“
Als hätten sie alle Zeit der Welt, griff Ribault noch einmal nach dem Spektiv. Er warf nur einen kurzen Blick hindurch und drehte sich um, als der Profos neben ihn trat. Er, Batuti, Matt Davies, Paddy Rogers, Jack Finnegan und der Ire Mac O’Higgins, genannt Higgy, waren auf die „Isabella“ abkommandiert worden.
„Die Rübenschweine haben was abgekriegt“, sagte Carberry, „und das nicht zu knapp. Die Galeone ist beschädigt und kann nicht so schnell segeln wie sonst. Offenbar haben sie sich mit den Portus angelegt. Auf welchen Kurs gehen wir, Jean?“
„Wir klüsen erst nach Norden und drehen dann aufs offene Meer ab, um unseren Vorsprung zu halten.“
„Schade um die schöne Bucht“, meinte der Profos bedauernd. „Die einzige Abwechslung an dieser öden Küste, und wir müssen jetzt verschwinden, wirklich bedauerlich.“
„Wir kehren später ja wieder zurück.“
Carberry warf einen bedauernden Blick in die Bucht. Sie hatte einen langen Strand mit einer Baumgruppe und ein felsiges Kap, an dem sich die Brandung gischtend und donnernd brach. Edwin Carberry hatte schon ein Bad in dieser Brandung in Betracht gezogen, sobald die Sklaven ausgeschifft waren, aber daraus wurde jetzt leider nichts.
Die Segel waren gesetzt. Der Bug der „Isabella“ schwang langsam herum. Der Bugspriet deutete auf die offene See.
Da geschah etwas, mit dem niemand gerechnet hatte.
Der Harmattan briste auf, bösartig und ganz plötzlich. Es war ein wilder Windstoß, der in die Segel fuhr und die Galeone hart überkrängen ließ. Die Bö reichte aus, um die „Isabella“ hart nach Backbord zu versetzen. Der Franzose Grand Couteau kriegte sie jedoch schnell wieder in den Griff und fluchte lauthals.
„Mehr Steuerbord!“ rief Jean Ribault.
Langsam glitt die „Isabella“ aus der malerischen Bucht mit dem vorspringenden Kap und der Landzunge. Die Sonne glitzerte auf dem Wasser und ließ es wie flüssiges Silber erscheinen.
Im Süden wurde die „Casco de la Cruz“ merklich größer. Sie pflügte mit ausgerannten Geschützen durch die See und schob einen milchigen Bart vor sich her. Das große Schiff schien in allen Verbänden zu zittern, wenn es in Bewegung war.
Der riesenhafte Neger Dogon erschien wie ein Wilder an Deck. Seine schwarze Haut glänzte, er war ziemlich aufgeregt.
Carberry ging gleich auf ihn zu, in der Annahme, der schwarze Bursche würde wieder mit neuem Ärger beginnen. Sie hatten sich zwar zusammengerauft, doch so ganz war dem Anführer der Schwarzen noch nicht zu trauen, weil immer noch ein kleiner Rest Mißtrauen in ihm steckte.
„Reg dich wieder ab“, sagte der Profos trocken. Dogon verstand die Sprache der Spanier und beherrschte sie selbst ganz gut.
„Untiefen!“ schrie er, ohne den Profos zu beachten. „Dort vorn sind Sandbänke, viele Stellen!“
Er gestikulierte dabei wild mit den Armen und zeigte immer wieder ins gleißende Wasser.
Keiner sah etwas, weder eine Sandbank noch andere Untiefen.
„Hart Steuerbord!“ brüllte Ribault und hoffte, die wilden Handzeichen des Schwarzen richtig zu deuten.
Grand Couteau gab auch sein Bestes und wirbelte das Rad herum. Doch es war bereits zu spät.
Unter dem Bug knirschte es leise und kaum hörbar. Der Ruck war ebenfalls sehr sanft, doch die „Isabella“ saß übergangslos fest. Das Vorschiff hob sich unmerklich an, die Galeone legte sich nach Steuerbord über.
Jean Ribault sah sich ernüchtert um und blickte in ratlose und verstörte Gesichter. Sie konnten es nicht glauben, aber sie saßen wahrhaftig auf einer Sandbank fest.
Die „Casco de la Cruz“ näherte sich schnell mit ihren zweiundneunzig ausgerannten Rohren.
„Das sieht nach einem verdammt unrühmlichen Ende aus“, sagte der Franzose mit jener schnoddrigen Lässigkeit, die ihm eigen war. „Der gute Don Julio wird uns wohl kaum Absolution erteilen, wenn er merkt, mit wem er es zu tun hat. Spätestens dann wird ihm eine riesige Hecklaterne aufgehen.“
„Mir ist sehr wunderlich“, sagte Matt Davies unbehaglich. „Wir sollten nicht allzulange auf die Flut warten. Die läßt sich wesentlich mehr Zeit als der gute Don Julio.“
„Der wird sich wundern“, tönte Carberry herum, „wenn er uns sieht. Ich wette, er kann sich die ganze Geschichte nicht zusammenreimen. Möglicherweise ist das unsere Chance, weil er keinen Durchblick hat.“
„Du glaubst, er hat das Wild gestellt und wird erst lange Fragen stellen?“ fragte Jean. „Der weiß doch genau, wer wir sind.“
„Er kennt nur Hasard und Juan, und die sind nicht an Bord. Also dürfte er erst mal nachforschen, weil wir ihm ohnehin nicht mehr entwischen können. Erst dann wird er ballern, und ob wir ihn ein zweites Mal wieder so leimen können, ist sehr fraglich.“
„Ich verlasse mich lieber auf Tatsachen und auf das, was ich vor mir sehe“, entgegnete der Franzose. „Nehmt die Haken und versucht, das Schiff abzudrücken. Wir sitzen nicht fest auf, wir sind nur über Sand geschrammt und haben eine gute Chance. An die Arbeit! Und behaltet vor allem die Ruhe, nichts überstürzen.“
Die Schwarzen hatten die Gefahr ebenfalls längst erkannt. Außerdem führte Batuti sie ihnen ganz drastisch vor Augen.
Aber selbst Dogon zögerte nicht länger. Er sah das stark armierte Schiff, und er und seine Freunde kannten die Spanier zur Genüge. Für die genügte oftmals schon ihr Anblick, um wild zu reagieren. In seiner Sprache rief er ein paar Worte und erklärte den anderen, was sie zu tun hatten.
Lange Stangen und Bootshaken wurden geholt. Auch lange Spieren aus dem Laderaum wurden eiligst nach oben gebracht.
Hände krampften sich um Haken und Stangen. Sie legten ihr Gewicht mit der Schulter dagegen und gaben alles an Kräften her, was sie hatten.
Für die malerische Bucht hatte keiner mehr einen Blick übrig. Es ging um ihr Leben. Nur hin und wieder blickten sie flüchtig nach Süden.
Dort war die schwimmende Festung inzwischen zu einem monströsen Gebilde aus Segeln, Masten und Kanonen angeschwollen und füllte gut sichtbar einen Teil des Horizontes aus.
Der Abstand zwischen den beiden Schiffen betrug bestenfalls noch eine halbe Meile.
Jeder fragte sich beklommen, ob der Brocken wohl gleich das Feuer eröffnen würde, wenn er auf Schußweite heran war.
Die „Isabella“ rührte sich noch immer nicht. Wie festgenagelt saß sie auf der Sandbank fest.
Die Blicke der Männer wurden jetzt doch etwas nervöser. Ihnen blieb nicht mehr viel Zeit, zumal das schwimmende Ungeheuer jetzt noch wesentlich schneller durch die See zu pflügen schien. Natürlich war das nur Einbildung, weil ihnen die Zeit unter den Nägeln brannte.
„Donegal würde jetzt den Heiligen Antonius anrufen“, maulte Carberry.
„Wir verlassen uns lieber auf uns“, sagte von Hutten. „Mit den Heiligen ist das immer so eine Sache. Oftmals haben sie recht viel zu tun und können sich nicht um alles kümmern.“
„Vielleicht faulenzt er auch nur“, meinte der Profos. „Nehmt noch mal alle eure Kräfte zusammen. Der verdammte Schlorren muß sich doch bewegen.“
Ein weiteres Mißgeschick passierte, als Sir John die Kriegsgaleone erblickte. Natürlich war der Papagei seinem Herrn Carberry wieder mal nachgeflogen, als der auf die „Isabella“ übergewechselt war.
Und weil er Freund und Feind nicht unterscheiden konnte, dafür aber von einer recht üblen Neugier geplagt wurde, begann er auf der Fockrah erst hin und her zu trippeln und dann zu flattern.
Carberry sah das nervöse Gehabe aus den Augenwinkeln, doch um sein Sir Jöhnchen konnte er sich jetzt nicht kümmern. Der krächzte einmal laut „Verlauste Hummerärsche“ an Deck und strich ab.
Carberry lief nicht nur vor Anstrengung knallrot an, als sich der bunte Aracanga in die Lüfte erhob, eine Runde drehte, ein paar weitere sehr üble Schimpfwörter abließ und dann Kurs auf die heransegelnde Kriegsgaleone nahm.
Der Profos schluckte trocken und kriegte fast das Heulen. Als er laut nach dem Papagei brüllte, erfolgte keine Reaktion. Sir John hatte etwas erspäht und ließ es nicht mehr aus den Augen.
„Diese dreimal kalfaterte Nachteule“, knirschte der Profos, „die nehme ich nie mehr mit.“
Sir John verschwand wie ein kleiner bunter Farbtupfer in dem blauen Himmel und hielt weiterhin Kurs auf die fremde Galeone.
Die „Isabella“ rührte sich immer noch nicht von der Stelle, obwohl sie mit allen Kräften verbissen schufteten.
3.
Don Julio de Vilches wurde abgelenkt, als ein großer, buntgefiederter Vogel wie aus dem Nichts erschien.
Durch das Spektiv sah er vor lauter Aufregung kaum noch etwas. Vor der Optik hatten sich Schlieren gebildet, die er immer wieder wegwischen mußte. Der Rumpf des fremden Schiffes war ebenfalls noch von der vorspringenden Felsnase verborgen.
Don Julio sah an den niedrigen Felsen nur Brandungswellen, dahinter einen schmalen Streifen Sand und einen kleinen Wald. Die Wipfel der Bäume wurden von Böen gebeutelt. Der Harmattan fuhr wie wild in sie hinein, und er glaubte, das wilde Rauschen bis hierher zu hören.
Nun, das Schiff konnte ihnen nicht mehr entgehen. Don Julio glaubte zwar, daß sich die Masten um einiges zur See hin bewegt hätten, aber jetzt rührten sie sich nicht mehr. Die Segel waren gesetzt, aber sie killten leicht im Wind.
Er wandte seine Aufmerksamkeit dem bunten Vogel zu. Die Reparaturarbeiten an der Galeone wurden zwar nicht unterbrochen, aber jeder Kerl, der mit Arbeiten und Ausbessern beschäftigt war, blickte unwillkürlich hoch, als ein karmesinroter Papagei flügelschlagend auf dem Besanmast landete. Auch Pergoza blickte irritiert zu dem Vogel hoch.
Es war ein seltsamer Vogel, wie es ihn an der hiesigen Küste nicht gab. Er zeigte auch ein sehr sonderbares Gebaren. Er hob die Flügel etwas an und legte den Kopf mit dem riesigen Schnabel schief. Dann äugte er von der Rah nach unten und schien die Männer auf dem Achterdeck sorgfältig zu mustern.
Seine Musterung fiel offenbar nicht zu seiner Zufriedenheit aus, denn er begann wild mit den Flügeln zu schlagen, als ihn das Segel fast streifte.
Don Julio de Vilches zuckte heftig zusammen, als der Vogel sprach, und er bekreuzigte sich schnell, weil er noch nie einen sprechenden Vogel gesehen und gehört hatte, zumindest keinen, der gleich zwei Sprachen beherrschte.
Das bunte Vieh legte erneut den Kopf schief und plierte ihn mit dem rechten Auge genau an. Der Riesenschnabel öffnete sich einmal kurz.
Was die braven Dons dann zu hören kriegten, ließ sie betroffen zusammenfahren.
„Cerdo de nabos!“ kreischte der Vogel schrill, was soviel wie Rübenschweine bedeutete, und das wiederholte er gleich dreimal hintereinander, damit es auch ja jeder verstand.
Don Julio wurde etwas blaß und schluckte heftig. Wie gebannt starrte er zu dem seltsamen, sprechenden Vogel, der jetzt gemächlich auf der Rah spazierenging.
Die meisten Kerle blickten entsetzt, verstört oder ganz einfach nichtbegreifend nach achtern.
Dort spazierte Sir John auf der Rah herum und benahm sich furchtbar wichtig.
„Cerdo de nabos!“ plärrte er, als völlige Stille auf den Decks herrschte. „Leck mich am Arsch, Gevatter!“
Don Julio war vor Schreck wie gelähmt. Für Augenblicke nahm er an, der Satan persönlich habe sich dort in anderer Gestalt niedergelassen und beleidige sie jetzt nach Strich und Faden. Er konnte sich auch unter einem Rübenschwein nichts Konkretes vorstellen.
„Hummerarsch“, kreischte der Vogel wild, und Don Julio wurde das Gefühl nicht los, daß genau er selbst damit gemeint war, denn bei jedem Krächzer plierte ihn der Papagei an.
Hummerarsch hatte noch niemand zu ihm gesagt, und so schwoll ihm langsam die Zornesader, weil ihn einer ungestraft beleidigte.
„Ein – ein sprechender Vogel“, stammelte er, „und er spricht sogar unsere Sprache. Das ist schon mehr als unheimlich.“
Sir John schien sich in seiner Rolle äußerst wohl zu fühlen, weil sich die ganze Aufmerksamkeit auf ihn konzentrierte und ausnahmslos alle zu ihm hochblickten. Daher plärrte er einen Großteil seines beleidigenden Repertoirs herunter.
„Braß an, du alter Sack!“ schrie er und wanderte gemächlich weiter.
Don Julio verschluckte sich fast und geriet in Zorn, als unter der Mannschaft ein homerisches Gelächter ausbrach.
Die Stückmeister hatten ihre Geschütze verlassen, standen an Deck und starrten zum Besan. Der bunte Vogel war nahe daran, die Disziplin zu untergraben.
„Ein seltsamer Vogel“, sagte Pergoza. „Zweifellos ein Papagei, dem jemand das Sprechen beigebracht hat.“
„Aber nur grobe Beleidigungen“, schnaufte Don Julio empört. „Der Vogel setzt seine Sprache gezielt ein. Die beleidigenden Ausdrücke sind auf mich gemünzt.“
„Das glaube ich nicht, Don Julio. Es ist wohl mehr so dahingeplappert. Das Tier kann nicht denken.“
„Nein, nein!“ rief der Kommandant störrisch, der dem bunten Kräher Intelligenz zutraute. „Er sagt …“
Die weiteren Worte gingen in einem wüsten Kreischen unter, denn Sir John wechselte ins Englische über, und da kannte er eine Menge recht übler Ausdrücke.
Don Julio lauschte, aber er verstand die Worte nicht. Er glaubte nur, der Papagei beleidige ihn pausenlos.
Ein Mann mußte aufs Achterdeck und das übersetzen, was der bunte Vogel von sich gab. Er war einer der wenigen, die Englisch beherrschten.
„Ich traue mich nicht, das zu übersetzen, Don Julio“, sagte er mit knallrotem Kopf. „Es hört sich sehr schlimm an.“
„Ich will es aber wissen, und zwar auf der Stelle. Was, zum Teufel, heißt old wild sow? Übersetzen Sie das!“
„Es – es bedeutet soviel wie alte Wildsau“, stammelte der Mann.
Don Julio fuhr zurück, als habe ihn eine Schlange gebissen.
„Schämen Sie sich, auf dem Achterdeck solche Wörter zu gebrauchen“, schnauzte er den jetzt völlig verunsicherten Mann an.
„Sie haben es doch selbst befohlen, Don Julio“, schaltete sich Pergoza ein. „Wenn der Mann nicht übersetzt, erfahren wir es nicht.“
„Wie? Ach ja. Weiter, Kerl, was heißt das?“
„Alter Hurenbock“, murmelte der Mann so leise, daß man ihn kaum verstand.
Don Julio traf fast der Schlag. Er war nahe daran, den Mann persönlich zu züchtigen, der die undankbare Aufgabe hatte, das beleidigende Geplärre und Gezeter zu übersetzen, denn Don Julio fühlte sich jedesmal persönlich angesprochen, und so gab es etliche Mißverständnisse.
Der Mann war heilfroh, als Sir John wieder mit spanischen Brocken loslegte und er das Achterdeck verlassen konnte.
„Rhabarberarsch“ und „triefäugiger Jauchetreter“ gaben Don Julio endgültig den Rest. Er konnte sich kaum noch beherrschen. Seine Lippen zitterten vor Wut, seine Augen schossen Blitze.
„Hiergeblieben!“ donnerte er den Mann an, der übersetzt hatte und jetzt vor Angst in sich zusammenkroch. Am Niedergang blieb er ängstlich stehen und sah zurück.
„Veranlassen Sie, daß der Mann aufentert und den Vogel fängt, Señor Pergoza“, befahl Don Julio heiser. „Er soll ihm den Schnabel zubinden und ihn mir unverzüglich bringen.“
„Zu Befehl, Don Julio.“
Auf der riesigen Galeone herrschte fast Wuhling, und alle verrenkten sich die Hälse, um zu sehen, was da weiter vor sich ging. Die meisten hatten das fremde Schiff vergessen, nur Don Julio nicht. Der warf abwechselnd einen Blick auf den Schreihals und dann wieder zum Land hin. Mit Genugtuung stellte er fest, daß sich der Abstand beträchtlich verringert hatte und die Galeone noch an derselben Stelle lag, als sei sie dort festgenagelt.
„Aufentern!“ befahl Pergoza. „Den Vogel fangen, ihm den Schnabel zubinden und aufs Achterdeck bringen, Hopp auf, Mann!“
Der verstörte Spanier begann damit, den Befehl auszuführen und enterte in den Webeleinen des Besanmastes auf.
Er erreichte das Rack der Kreuzrah und sah den Schreihals dicht vor sich, der jetzt ein Bein angezogen hatte und auf der Kreuzrah neugierig den Mann anplierte. Der Blick des bunten Vogels schien etwas tückisch zu sein, als er zögernd die Hand ausstreckte.
„Lieber Vogel, guter Freund“, schmeichelte der Spanier, hielt sich mit einer Hand fest und streckte ganz langsam die andere aus. Nur noch eine Armlänge trennte ihn von Sir John, der jetzt etwas mißtrauischer und gleichzeitig noch tückischer aussah.
„Gurrgurr, Gluckgluck“, lockte der Spanier.
„Verwanzter Bilgenhering!“ kreischte Sir John laut und grell, daß es den Mann in den Ohren schmerzte und er einen Schreck kriegte. „Schnarchsack, dreckige Kanalratte“, mußte er sich anhören.
Sir John fuhr seinen Piratenhaken aus und spazierte ein kleines Stück weiter auf der Rah entlang, bis ihn wieder mehr als eine Armeslänge von dem Mann trennte.
Dort zog er erneut das rechte Bein ein, das entfernt einem Enterhaken mit drei Zacken glich.
Der Spanier fluchte unterdrückt.
„Na warte, du Mistvieh! Wenn du glaubst, mich zum Narren halten zu können, werde ich dir gleich mal was zeigen.“
Er hockte sich rittlings auf die Kreuzrah und schob sich auf ihr entlang, denn von unten erklang bereits Pergozas ungeduldige Stimme, der seinerseits wieder von Don Julio angemeckert wurde.
Sir John sorgte für beträchtliche Aufregung.
Der Spanier griff ganz überraschend mit beiden Händen zu und ließ sich nach vorn fallen. Seine Beine umklammerten dabei die Kreuzrah, damit er nicht das Gleichgewicht verlor. Er grapschte mitten hinein in Sir Johns prächtiges Gefieder und drückte zu.
„Ich hab ihn!“ schrie er wild.
Dachte er, denn er hatte Sir John zwar, aber der ließ sich das keineswegs gefallen und reagierte bösartig, wenn ihm jemand ans Gefieder wollte.
Er biß dem Mann mit seinem Riesenschnabel, mit dem er mühelos große Nüsse knacken konnte, in den Daumen. Er biß kräftig und sehr wütend zu. Der Schmerz drang dem Spanier durch und durch. Er stieß einen wilden Schrei aus und riß seine Hand zurück.
Bei der heftigen Bewegung verlor er den Halt. Mit einem weiteren irren Aufschrei stürzte der Don von der Kreuzrah, flog an dem wie gelähmten Don Julio vorbei und landete hinter der Besanrüste wie ein dicker Frosch im Wasser. Es klatschte so laut, als sei eine Kanonenkugel vor der Bordwand eingeschlagen.
In dem quirligen Blasen des Kielwassers tauchte er wieder auf und brüllte verzweifelt um Hilfe.
„Mann über Bord!“ gellte ein Schrei über alle Decks.
Don Julio zitterte vor Wut wie Espenlaub und kriegte kaum den Mund auf.
„Sancta simplicitas“, murmelte er betroffen. „Und das auf einem Kriegsschiff Seiner Allerkatholischsten Majestät!“
Er stand da und bekreuzigte sich wieder. Fast teilnahmslos sah er zu, wie dem über Stag gegangenen Mann eine Gräting nachgeworfen wurde.
Und er hörte wie aus weiter Ferne Pergoza eindringlich sagen: „Mann über Bord, Don Julio.“
In Don Julio kam schlagartig Bewegung. Wütend fuhr er herum.
„Der Kerl soll zum Land schwimmen. Wir können jetzt keine Rettungsmanöver ansetzen. Er ist zu dämlich gewesen, das Bad wird ihm nicht weiter schaden.“
Der Mann hatte sich inzwischen im blasenwerfenden Kielwasser freigestrampelt und wußte wohl, daß er keine Hilfe zu erwarten hatte. Diese gewaltige Kriegsmaschine konnte nicht einfach angehalten werden, dazu bedurfte es langwieriger und umständlicher Manöver, die sich so dicht unter der Küste von selbst verboten.
So schwamm er entnervt zum Land und sah dem Heck jenes Schiffes nach, auf dem er eben noch gedient hatte. Er fühlte sich ungerecht behandelt und fluchte Don Julio und allen anderen lautstark die Knochen ab.
Da stand er nun im fremden Mauretanien und sah erbittert seinem Schiff nach, das ruhig seine Bahn zog. Zu allem Unglück hatte er auch noch einen stark lädierten und blutenden Daumen.
Sir John berührte das alles nicht. Er legte den Kopf schief und sah dem Mann nach, der mit einem wilden Aufschrei im Wasser verschwand. Das Geschrei störte ihn nicht weiter, wohl aber seine teilweise gerupften Federn, die er jetzt sehr sorgfältig zu putzen begann.
Nur einmal hob er den Kopf und öffnete den Schnabel.
„Aufgedockte Kanalratten!“ verkündete er und widmete sich erneut der Gefiederpflege.
Für Don Julio war damit das Maß aller Dinge überschritten. Dieser Vogel hatte alles durcheinandergebracht und für Aufregung gesorgt. Er hatte ihn der Lächerlichkeit preisgegeben, und ein Mann war seinetwegen über Bord gegangen.
„Was zuviel ist, ist zuviel“, sagte er, vor Wut schäumend. „Das ist kein Vogel, das ist ein Dämon. Holen Sie sofort einen Musketenschützen aufs Achterdeck, Señor Pergoza. Der Vogel wird von der Rah geschossen. Ich werde ihn mir ausstopfen lassen.“
„Ein Musketenschütze aufs Achterdeck!“ brüllte Pergoza.
Der Stückmeister setzte einen Seesoldaten in Marsch, der mit geschulterter Muskete das Achterdeck betrat und sich in diesem Augenblick fühlte, als sei er der Nabel der Welt. Er hatte wohl das Gefühl, ganz Spanien von einem lästigen Übel zu befreien und reckte die Brust unter seinem Brustpanzer gewaltig raus.
Er trat vor den Kommandanten und salutierte.
„Den Vogel abknallen!“ schrie Don Julio, dem die Zornesader auf der Stirn zu beängstigender Dicke anschwoll. „Wenn Sie ihn nicht treffen, landen Sie in der Vorpiek.“
Der Soldat salutierte wieder, ließ sich auf die Knie nieder und visierte mit der Muskete Sir John an. Der Vogel hockte jetzt dicht vor der Besangaffel.
Der Soldat, der keinesfalls in der Vorpiek landen und daher lieber einen heroischen Eindruck hinterlassen wollte, zielte so genau wie nie zuvor in seinem Leben. Er ließ sich reichlich Zeit, bis Don Julio ungeduldig von einem Bein aufs andere trat.
Er sah über Kimme und Korn, wie Sir John seinen Achtersteven vorreckte, und genau da wollte er ihm eine reinballern, denn das Ziel bot sich geradezu an.
Sir John tat es gewiß nicht mit Absicht, aber er ließ nun mal von Zeit zu Zeit etwas fallen, und jetzt war die Zeit gerade wieder da.
Das Etwas war ein großer, grauweißer Klecks und sah nicht unbedingt sehr appetitlich aus.
Der Soldat kriegte dieses Etwas genau auf die Stirn, und weil es mit großer Wucht aufklatschte, flog ihm was ins linke Auge.
Aus dem heroisch wirkenden Soldaten wurde augenblicklich ein ganz normaler Mensch, der einen Schreck kriegte und dessen linkes Auge schmerzhaft brannte.
Er verriß die Muskete in genau dem Augenblick, als er abdrückte. Sie entlud sich und spie einen Blitz aus, der von einem blauen Rauchwölkchen begleitet wurde. Der Knall war laut und dröhnend.
Dem Soldaten fiel die Muskete aus der Hand, und er fuhr sich mit der linken Hand hastig ans Auge, auf dem er nichts mehr sah.
Der Schuß hatte Folgen, denn der Bleibrocken zischte zwar noch dicht an Sir John vorbei, erwischte ihn jedoch nicht mehr.
Dafür erwischte das Bleistück die Kreuzstengepardune. Sie dröselte auf und brach mit einem peitschenden Knall.
Für den Besanmast war das nicht gerade von Vorteil, denn die Pardune verlieh ihm Halt und gab ihm Stabilität. Die Segel standen voll und übten einen gewaltigen Druck aus.
Don Julio blieb nichts anderes übrig, als zähneknirschend das Besanmarssegel aufgeien zu lassen, um den Druck etwas zu mildern. Der Besan mußte ebenfalls niedergeholt werden, ausgerechnet das Segel, das zum Manövrieren wichtig war.
An Bord war jetzt die Hölle los.
Don Julio schäumte vor Wut, ebenso der Erste Offizier. Er trat vor und stieß dem Schützen voller Zorn die Faust ins Genick. Der landete mit einem überraschten Schrei auf den Planken und blieb dort der Länge nach liegen.
Dann wurde der Rudergänger angebrüllt, weil die Kriegsgaleone aus dem Kurs lief und er den Kolderstock kaum noch halten konnte, was wiederum auf den fehlenden Besan zurückzuführen war.
„Abführen, einsperren, in Eisen schließen!“ schrie Don Julio und hielt sich mühsam zurück, um dem Schützen nicht ebenfalls einen derben Tritt zu verpassen.
Die Geschwindigkeit der Galeone nahm ein wenig ab. Der Rudergänger hatte sichtlich Mühe, sie auf Kurs zu halten.
Ein Teniente führte den Schützen ab und ging nicht gerade zimperlich mit ihm um.
„Auf halbe Ration setzen!“ brüllte Don Julio dem Teniente noch nach.
Sir John hatte von dem Gebrüll auf dem Achterdeck genug. Er kreischte ein obszönes Wort an Deck und empfahl sich flügelschlagend. Zur Abwechslung suchte er die Großbramrah in luftiger Höhe auf. Als ein paar Dons aufenterten, um dem höllischen Spuk ein Ende zu bereiten, ließ Sir John sie immer dicht heran und flog dann zum nächsten Mast. Die Spanier verzweifelten fast.
Ein Stückmeister schlug ganz ernsthaft vor, den Großmast mit einer Drehbasse unter Feuer zu nehmen, aber er erntete nur wenig Verständnis für seinen gutgemeinten Vorschlag. Ein Corporal tippte ihm daraufhin so hart an die Stirn, daß der Stückmeister nur noch Sterne sah.
Nachdem der Krakeeler das gesamte Schiff durcheinandergebracht hatte, strich er ab und nahm Kurs auf die Bucht, wo immer noch die Galeone lag.
Aber da waren die Dons mit ihren Nerven bereits am Ende.
4.
Carberry registrierte Sir Johns Erscheinen mit einem erleichterten Seitenblick. Endlich war die Krachente wieder da.
Sie hatten einmal einen Schuß gehört, sich aber nicht weiter darum gekümmert, denn sie waren immer noch stark beschäftigt, um die Galeone von der Sandbank zu drücken.
Einmal hatte sie sich auch leicht bewegt, und ein leiser Aufschrei war durch die Reihen der Männer gegangen, aber jetzt schien sie wieder festzuliegen.
„Verdammter Mist!“ schrie Jack Finnegan. „Die Kerle rücken uns so dicht auf den Pelz, daß sie gleich feuern können, und wir haben immer noch nichts erreicht. Zum Kotzen ist das.“
Ribault und von Hutten blickten über die Schultern der heransegelnden, mächtigen Galeone entgegen.
„Gleich fliegen die Fetzen“, prophezeite von Hutten. „Die scheinen völlig aus dem Häuschen zu sein.“
Es war zu erkennen, daß auf den Decks Durcheinander herrschte. Als Grund nahmen Jean und von Hutten an, daß dort alles feuerbereit bemacht wurde. Was Sir John sich da geleistet hatte, wußten sie nicht.
Sekundenlang erwog Jean Ribault, das Schiff zu räumen, damit sich wenigstens die Männer in Sicherheit bringen konnten. Doch er verwarf den Gedanken wieder. Sie würden doch nicht gehen. Vielleicht war es auch schon zu spät dazu.
Der Schweiß lief ihnen über die Gesichter, und sie feuerten sich gegenseitig an.
Und das Unheil rückte immer näher und war schon fast auf Schußweite heran.
Als Ribault wieder über die Schulter blickte, sah er zu seiner Verwunderung, daß die große Galeone den Kurs ein wenig geändert hatte. Sie lief dichter auf die Küste zu. Den Franzosen wunderte das sehr. Die anderen reagierten ebenfalls erstaunt.
„Nun brat mir aber einer ’nen Marabu“, sagte der Profos erstaunt. „Gibt’s das auch, daß man bei vollem Preß den gesamten Besan abtakelt? Ausgerechnet den Besan, der bei einem solchen Kasten das Salz in der Suppe ist! Sind die bescheuert?“
„Das kann ich mir auch nicht erklären“, sagte Ribault. „Das tut nur ein ausgesprochener Idiot. Sie können den gewaltigen Kasten kaum noch auf Kurs halten.“
„Eben, weil sie achtern keine Segel mehr haben“, meinte von Hutten. „Da muß etwas passiert sein.“
„Jedenfalls gewinnen wir dadurch ein paar Minuten Zeit, die wir verdammt nötig haben“, sagte Higgy, der rothaarige Ire, erleichtert.
Durch die „Isabella“ ging ein leichter Ruck.
Der Anführer der Negersklaven, ein Kerl von der Größe wie Batuti, riß die Arme hoch. Sein Körper glänzte wie nasses Ebenholz, und er zeigte seine schneeweißen Zähne.
„Gleich sind wir weg!“ schrie er auf Spanisch. „Wir schaffen es bestimmt noch!“
Für die meisten mutete es wie ein Wunder an, als ein zweiter Ruck durch die Galeone ging. Gleichzeitig krängte sie auch wieder zurück.
Die Sklaven stimmten ein begeistertes Gejohle an und begannen an Deck herumzuhüpfen, als die „Isabella“ sich rührte. Ausgelassen und sorglos, als sei nun alles vorbei, tanzten sie und schrien sich die Kehlen heiser.
Karl von Hutten war mit ein paar mächtigen Sätzen am Ruder. Die anderen trimmten die Segel, und diesmal übertrafen sie sich selbst an Schnelligkeit. Jeder Handgriff saß, und ein paar Augenblicke später zeigte der Bugspriet der „Isabella“ aufs Meer hinaus.
Dogon sprang ebenfalls in langen Sätzen aufs Achterdeck und zeigte von Hutten jene Stellen, die er ausgezeichnet kannte, die man aber wegen der gleißenden Wasserfläche nicht sehen konnte. Dort gab es überall Untiefen.
Sie segelten aus der Bucht. Hinter ihnen war die „Casco de la Cruz“ bereits zu einem mächtigen Gebirge angewachsen. Sie hielt jetzt direkten Kurs auf die „Isabella“.
„Gleich werden sie feuern“, sagte Ribault. „Es kann sich nur noch um Augenblicke handeln. Hoffentlich kriegen wir noch den erforderlichen Abstand.“
Sie segelten dem Teufel wahrhaftig ein Ohr ab und mußten der Kriegsgaleone beim Verlassen der Bucht ihre empfindliche Breitseite zeigen, aber zum Glück nur für wenige bange Augenblicke, bevor sie auf Nordkurs gehen konnten.
Geschrei war von der Riesengaleone zu hören, Befehle. Sie schickten sich jetzt an, ihre Breitseiten einzusetzen und drehten ein wenig nach Backbord ab, um ein besseres Schußfeld zu haben.
Den Männern von Ribault brannten die Planken unter den Stiefeln. Auch ihnen selbst war sehr heiß zumute.
Don Julio de Vilches traf fast der Schlag, als er die Galeone näher in Augenschein nahm. Er traute seinen Augen nicht mehr, als sie aus der Bucht segelte.
An Deck tanzten ein paar Dutzend Schwarze herum. Sie sangen dazu und riefen etwas, das er nicht verstand. Aber der wilde Freudengesang war deutlich zu hören.
Seine Augen blickten bösartig und flackernd. Kalte Wut lag in ihnen. Seine Mundwinkel zitterten wieder, was bei ihm ein Zeichen äußerster Erregung war. Die Schultern waren noch mehr nach vorn gefallen. Gebeugt wie ein uralter Mann stand er an Deck. Dann öffnete sich zitternd sein Mund, als er sich an Pergoza wandte.
„Erkennen Sie den Namen des Schiffes?“ fragte er brüchig.
„Die ‚Isabella‘, Don Julio. Es ist dasselbe Schiff, das in Santa Cruz lag und von dem die beiden schwarzhaarigen Kerle stammten, die sich als Montserrat und Mallorca ausgaben.“
„Jetzt sind da Neger an Bord“, sagte der Kommandant fassungslos. „Ich verstehe die Welt nicht mehr – Neger, verdammte Neger“, setzte er abfällig hinzu, „und sie tanzen wahrhaftig. Nein, das verstehe ich wirklich nicht mehr. Es überfordert meinen Verstand. Oder ist es etwa doch nicht dasselbe Schiff?“
„Es ist dasselbe Schiff“, bestätigte der Erste verblüfft. „Es gibt keinen Zweifel daran, und es ist unverkennbar durch seine eigenwillige Bauweise mit den überlangen Masten und den vielen Kanonen, die für einen Handelsfahrer sehr ungewöhnlich sind.“
„Was tun die Neger dort?“ fragte der Kommandant. Er fühlte sich wieder mal um Jahre gealtert und verfluchte sich selbst, weil er keine Zusammenhänge mehr begriff.
„Ich weiß es nicht, wirklich nicht. Es sieht – äh – fast so aus, als hätten die schwarzen Bastarde das Schiff in ihre Gewalt gebracht. Wenn Sie gestatten, Don Julio …“
Er nahm dem reglos und wie eine Marionette dastehenden Kommandanten das Spektiv aus der Hand. Don Julio ließ das willenlos geschehen, was ihn sonst sehr erbost hätte. Er reagierte überhaupt nicht und schien an Leib und Seele gebrochen.
„Nein, sie haben das Schiff nicht in ihre Gewalt gebracht“, sagte er fast flüsternd. „Ich kann mir das auch nicht erklären, es sind auch ganz andere Leute auf dem Schiff als in Santa Cruz.“
Don Julio ähnelte jetzt einem Geier, der sich an einem übergroßen Brocken Aas verschluckt hat. Er würgte und würgte und begann schließlich laut zu husten.
„Was geht hier vor?“ rief er wild. „Ich verlange sofortige Aufklärung, auf der Stelle!“
Die Aufklärung konnte ihm niemand geben, weil die Offiziere genauso verblüfft und verdattert waren wie er selbst. So wartete er vergebens auf eine Antwort.
Dann glaubte Don Julio die Lösung des Rätsels gefunden zu haben.
„Piraten“, sagte er, „es sind Piraten. Können Sie die beiden Schwarzhaarigen irgendwo an Deck erkennen?“
„Nein, Don Julio, sie befinden sich zumindest nicht an Deck. Es sind völlig andere Kerle.“
„Dann ist mir einiges klar. Diese ‚Isabella‘ hat Boa Vista nie erreicht“, sagte er sehr bestimmt. „Sie fiel Piratengesindel in die Hände. Man hat die Männer umgebracht. Auch der Alte mit dem wettergegerbten Gesicht und der großen Halskrause ist nicht zu sehen. Es ist unwahrscheinlich, daß ausgerechnet diese Männer unter Deck sind, wenn das Schiff aus einer Bucht ausläuft. Es sei denn, man hat sie gefangengesetzt, aber auch das glaube ich nicht. Man wird sie umgebracht haben.“ In derartigen Situationen war es am besten, wenn man dem Alten nicht widersprach, auch wenn der ungereimtes Zeug von sich gab.
Er war zwar ein scharfer Denker, aber durch die Ereignisse der letzten Zeit hatte sein Gedächtnis ein wenig gelitten. Er blickte nicht mehr richtig durch und reimte sich seinen Teil zusammen.
„In welchem Zusammenhang stehen dann die Neger an Bord?“ fragte Pergoza und gab sich den Anschein, als ließe er sich gern belehren.
„Die haben sich mit dem Gesindel verbündet, sonst würden sie keine Freudentänze aufführen.“
„Das ist möglich“, gab Pergoza zu, obwohl er kein Wort glaubte. Eine bessere Erklärung hatte er jedoch auch nicht.
„Wenn das alles stimmt, Don Julio“, sagte er nachdenklich. „Wie reimt sich das dann zusammen, daß der Konvoi nicht in Boa Vista eingetroffen ist? Wenn die Portugiesen ihn wirklich nicht vereinnahmt haben, und das dürfte wohl außer Zweifel stehen, hätte es Spuren geben müssen. Aber wir haben, kein einziges Schiff gesehen.“
„Eine Verschwörung“, sagte der Kommandant mit dumpfer Stimme. „Hier ist eine weltweite Verschwörung gegen Spanien im Gange. Ihre Annahme, daß sich die Kapitäne untereinander abgesprochen haben, halte ich immer noch für durchaus möglich. Und trotzdem stimmt bei der ganzen Sache etwas nicht. Irgendwo hat sich ein Fehler eingeschlichen, der sich nicht ergründen läßt. Die Zusammenhänge gehen nicht richtig auf. Das Ganze erscheint mir wie ein unlösbares Rätsel.“
„Die Bastarde fliehen jedenfalls vor uns“, sagte Pergoza. „Das beweist nur zu deutlich, daß sie ein schlechtes Gewissen haben. Sie haben uns offensichtlich erkannt, sonst hätten sie ja nichts zu befürchten. Als logische Schlußfolgerung muß es demnach ein paar Männer auf dieser Galeone geben, die schon vorher an Bord waren.“
Der Alte dachte scharf nach, wobei er den Ersten ebenso scharf musterte. Aber er gelangte zu keinem Ergebnis und schüttelte immer wieder wie fassungslos den Kopf.
„Wenn ich nur wüßte, was dahintersteckt“, sagte er mehr zu sich selbst. „Ich würde eine Monatssumme von meinem Gehalt dafür geben und sogar noch mehr.“
Bei seiner bekannten Knickrigkeit und seinem schon fast sprichwörtlichen Geiz ist das immerhin eine ganze Menge, dachte der Erste.
„Suchen Sie noch einmal alle Decks des Schiffes genau ab“, befahl er. „Nehmen Sie sich jeden einzelnen Kerl genau vor, und mustern Sie ihn ausgiebig. Wir haben ein paar ja in Santa Cruz aus unmittelbarer Nähe gesehen. Vielleicht fällt Ihnen etwas auf. Die verdammten Neger brauchen Sie natürlich nicht zu beachten.“
Don Julio rieb sich die dürren, welken Hände und erging sich weiterhin in Mißmut und Ärger. Sein Gesicht war verkniffen auf den Ersten gerichtet, der durch den Kieker blickte. Hin und wieder preßte der Alte die Lippen noch schmaler und sah der „Isabella“ nach, die ihnen jetzt das Heck zeigte.
Das Schiff wurde gut und hervorragend gesegelt, das mußte er neidlos anerkennen. Der Kerl am Ruder verstand etwas davon. Aber sie hatten noch nicht ihre volle Geschwindigkeit erreicht. Im Augenblick segelte die „Casco de la Cruz“ trotz fehlender Besanbesegelung noch etwas schneller. Sie würde noch ein Stück aufholen, gerade so viel, daß sie die Kerle unter Feuer nehmen konnten.
Er nahm sich vor, das Schiff so zu zertrümmern, daß es noch schwimmfähig blieb. Dann konnte man die Kerle einzeln aus dem Wasser fischen und später nach allen Regeln der Kunst verhören.
Das Geheimnis würde dann kein Geheimnis mehr sein, und er würde auch, dessen war er sich ganz sicher, eine Spur des verdammten Konvois finden.
„Na, was ist?“ blaffte er ungeduldig, als der Erste immer noch damit beschäftigt war, die Gesichter auf dem Schiff zu mustern. Jetzt, als ihnen das Schiff das Heck zeigte, wurde das immer schwieriger.
„Da ist einer“, sagte der Erste erregt, „ein Klotz von einem Kerl. Ich glaube, den habe ich in Santa Cruz an Bord gesehen. Er fiel mir auf, weil er ungewöhnlich groß und breit ist. Aber ein unverkennbares Merkmal an ihm war sein gewaltiges Kinn. Das sah fast wie ein Amboß aus.“
„Ist er es nun, oder ist er es nicht?“
„Ja, er ist es, Don Julio, ich bin mir ganz sicher. Er steht mit einem großen Neger dicht am Ruder. Vom Profil her müßte er das sein.“
„Na also. Das ist ja wenigstens etwas. Wir sind gleich dran. Sorgen Sie dafür, daß sofort gefeuert wird. Alle Rohre werden eingesetzt, und zwar die auf der Steuerbordseite. Wir drehen nach Backbord. Bereiten Sie die entsprechenden Manöver vor und sorgen Sie dafür, daß alle Mann auf ihrem Posten sind. Ich erwarte, daß keine neuerlichen Fehler begangen werden und werde jeden unbarmherzig zur Rechenschaft ziehen, der etwas verschlampt.“
Pergoza bestätigte und gab seine Anweisungen und Befehle augenblicklich an die entsprechenden Chargen weiter.
Das große Schiff holte zum tödlichen Schlag gegen eine kleine Galeone aus, die gegen den Riesen so viele Chancen hatte wie eine Maus gegen ein Panzernashorn.
Die Galeone lief jetzt immer schneller. Schon bald würde sie einen Vorsprung erreichen, der nicht mehr aufzuholen war. Dann hatten sie das Nachsehen.
„Zuerst die Vierzig-Pfünder!“ rief Don Julio. „Sie tragen nicht so weit, aber wir könnten eventuell einen Treffer erreichen, der das Schiff sofort außer Gefecht setzt. Fünf- und Zehnpfünder feuern dann gleichzeitig.“
Es war soweit. Sie waren fast auf Schußweite heran. Don Julio mußte es jetzt riskieren, sonst war die Chance vertan, und die Bastarde würden hohnlachend weitersegeln.
Er hob die Hand und gab den Feuerbefehl.
Im unteren Deck wo die Vierzig-Pfünder standen blitzte es grell auf.
Durch die schwimmende Festung lief ein Zittern und Beben, als sei ein Vulkan grollend erwacht.
Vier Doppelcolubrinen feuerten als Salventakt.
Das gesamte untere Batteriedeck wurde von brüllenden Feuerzungen beleckt. Durch die offenen Stückpforten wurden wütende und schmetternde Blitze nach draußen geschleudert.
Als die schweren Geschütze ihre Ladungen ausgespien hatten, zuckten sie wie wildgewordene Ungeheuer zurück und strapazierten die Brooktaue, die das Gewicht der Kanonen auf ihren Lafetten abfangen mußten. Gleichzeitig spie das Batteriedeck eine üble Qualmwolke aus. Der Qualm war fast schwarz und fett, und er wehte nur träge davon.
Der Feuerkacker hüllte sich in dichten Rauch, der bis auf die oberen Decks zog und dort das Atmen zur Qual werden ließ.
Immer noch rumpelte und rumorte es tief im Leib des Riesenschiffes. Spanten zitterten, in den Verbänden knackte es, und selbst die dicken Eichenbalken knackten bedrohlich, als würden sie bersten.
Der Lärm war ohrenbetäubend und pflanzte sich von vorn nach achtern fort, wo er heftige Resonanzen erzeugte.
In der See brüllte es ebenfalls noch einmal auf, als die großen Steinkugeln einschlugen. Eine Säule schoß aus dem Wasser, eine zweite, dritte und eine vierte. Die schweren Geschosse wühlten das Meer auf wie Ungeheuer, die aus der Tiefe plötzlich nach oben schossen.
Die Säulen wurden riesiggroß und erreichten die Höhe der achteren Bordwand. Sie glitzerten wie farbige Obeliske, als sich das Sonnenlicht in ihnen spiegelte.
Don Julio spähte angestrengt durch das Spektiv. Er sah, daß ein großer Vorhang aus gischtendem Wasser das Achterschiff der Galeone einhüllte. Eine Wand aus Wasser war es, die kaskadenartig zusammenbrach.
„Zehn- und Fünf-Pfünder!“ schrie er.
Der Lärm wurde ohrenbetäubend. In den einzelnen Decks brüllten sich die Stückmeister die Kehlen heiser. Aufgescheuchte Dons in Kürbishosen, Brustpanzern und blinkenden Helmen hasteten wie Ameisen durcheinander.
Aus den Decks drang Rauch, als habe der Riesenkasten Feuer gefangen.
Jedes weitere Wort verbot sich von selbst. Der, Feuerkacker demonstrierte jetzt seine Stärke.
Die halben Colubrinen begannen zu feuern. Das große Schiff wurde geschüttelt. Der Lärm wurde zum wilden Tosen. Überall blitzte es auf, zuckten Flammen aus den Stücken, quoll Rauch auf, rumpelte es, als die Lafetten dröhnend über die Planken zurückfuhren.
In das wilde Brüllen mischten sich die etwas helleren Geräusche der Achtelschlange mit ihren Fünf-Pfündern. Sie zuckten wie giftige kleine Nattern zurück und rauchten lange nach, als sie ihre Steinkugeln ausspien.
Von der „Casco de la Cruz“ war nur noch ein in dichten Qualm gehüllter Schatten zu erkennen. Aus diesem Schatten fuhren wildflammende Blitze. Ein Geschütz nach dem anderen, das sein Rohr durch die Stückpforten gesteckt hatte, verschwand grollend, sobald die Zündung erfolgt war.
Es fuhr wie ein böser Blitz zurück und verschwand im Riesenleib des großen Schiffes. Dort blieb es rauchend und schnaubend stehen. Aber nicht lange, dann wurde ausgewischt und nachgeladen. Gleich darauf rumpelte es wieder nach vorn.
Don Julio hustete unterdrückt, als ihm Pulverdampf in Mund und Nase drang. Er kannte diese Melodie des Todes zur Genüge, aber den dichten und fetten Qualm hatte er noch nie gut vertragen. Er nahm ihm die Sicht und ließ das Atmen zur Qual werden. Außerdem überzog er alles mit dicken grauen Schlieren, wenn der Wind nicht kräftig genug wehte und die Qualmwolken gleich vertrieb.
Der Harmattan schaffte es jedenfalls nicht, und so wurde die Galeone von einer übelriechenden Wolke nach der anderen überzogen.
Er sah jetzt auch nichts mehr. Das Achterkastell der „Isabella“ war wie unter einem Wasserfall verschwunden. In der See hing ein Vorhang aus kleinen und großen Wassertropfen.
Er wischte sich über die Augen und hörte die gebrüllten Anweisungen durch den Lärm, den mehr als dreihundert Leute verursachten. Es war ein kleines Inferno.
Erneut brüllten die Rohre auf, und dann gab es einen so donnernden Schlag, als sei die Galeone selbst von einer Breitseite getroffen worden.
Ein Läufer erschien auf dem Achterdeck und meldete, daß das Rohr einer Sacre krepiert sei und zwei Leute zerrissen habe. Es war beim Feuern in einem Splitterregen auseinandergeflogen.
Es war nicht das erste Mal, daß so etwas passierte. Bei den zweiundneunzig Stücken und zahlreichen Drehbassen passierten immer wieder mal Unfälle, wurden Leute zerfetzt, schwer verwundet oder von den zurückrumpelnden Geschützen erdrückt. Er hörte das gellende Schreien einiger Männer, die offenbar von den Splittern getroffen worden waren.
Die Feldscher würden sich darum kümmern.
„Haben wir den Bastard getroffen?“ schrie er.
Pergoza und der trommelbäuchige Dritte Offizier, die sich ebenfalls auf dem Achterdeck befanden, konnten nicht viel mehr sehen als er selbst.
Die Antwort, die Pergoza gab, ging wiederum im wilden Aufbrüllen der Fünf-Pfünder unter. Er verstand kein einziges Wort.
„Treffer!“ schrie jemand vom Quarterdeck gellend, der einen besseren Überblick hatte. „Zwei oder drei Treffer, Don Julio!“
„Weiterfeuern!“
Vor der mauretanischen Küste tat sich die Hölle auf.
Den Dons lief der Schweiß über die Gesichter. Sie erstickten fast in ihren Panzern, und sie sahen genausowenig wie Don Julio selbst, zumal der Rauch in den Batteriedecks nur schlecht abzog.
Männer husteten und stöhnten.
Nach dem, was die „Casco de la Cruz“ in den letzten Minuten verschossen hatte, durften von der fremden Galeone nur noch Fetzen übrig sein. Fast pausenlos hatte das Schiff auf den Flüchtling eingehämmert.
Don Julio befand sich jetzt wie in einem Rausch. Es war ein Hochgefühl, wie er es jedesmal hatte, wenn eine Schlacht begann. Dann strafften sich seine Schultern, und er fühlte sich mit seiner schwimmenden Festung jedem Gegner haushoch überlegen. Das Brüllen war Musik für seine Ohren, nur der schreckliche Qualm störte ihn bis zur Übelkeit.
Aber er sah deutlich die Fetzen fliegen, hörte das angstvolle Brüllen der Flüchtlinge und sah sie in Panik durcheinanderrennen.
Backbord voraus, da war sie, nur mehr zwei Kabellängen entfernt.
Er zog seinen Degen und schwang ihn über dem Kopf.
„Jeder Schuß ein Treffer, Männer!“ schrie er wild. „Haltet euch gut!“
Der Abstand schrumpfte jetzt noch mehr.
Erneut hämmerten schwere Vierzig-Pfünder in den Bastard hinein.
Das Bersten der Explosionen übertrug sich mit heftigen Schwingungen der Decksplanken bis zu seinen Füßen. Das Deck wirkte wie ein riesiger Resonanzboden.
Auf der „Isabella“ brachen die Wanten, und dunkle Holzsplitter wirbelten in einem wilden Regen durch die Luft. Ein Segel zerfetzte und trieb davon. Eins der festgezurrten Beiboote löste sich im grellen Blitz einer Explosion in seine Bestandteile auf und flog auseinander.
Schuß um Schuß folgte, und jeder Schuß war ein Treffer. Das Achterkastell wurde von einem Einschlag zerfetzt. Die Bleiglasfenster barsten mit donnerndem Knall, und gleich darauf rasierte eine schwere Kugel den Besan dicht über dem Achterdeck weg. Er schlug der vollen Länge nach aufs Deck und zertrümmerte alles mit seinem Gewicht.
Zwei weitere Treffer zerfetzten das stehende und laufende Gut des Großmastes. Der Mast knickte im oberen Drittel weg. Segel und Tauwerk hingen traurig herunter.
An Deck schrien die Kerle und brachten sich vor den fallenden Brocken in Sicherheit. Einige von ihnen hantierten an Kanonen, waren aber nicht in der Lage, auch nur einen Schuß abzufeuern, denn pausenlos hämmerten jetzt die Kugeln in den Rumpf des Schiffes, der von vorn bis achtern aufriß. Ein Wasserschwall ergoß sich in das Innere der Galeone.
Dann erwischte es auch noch den Fockmast. Er wurde gespalten, kippte nach Steuerbord weg und trieb in der See. Die Galeone drehte sich hilflos im Kreis. Das Ruder war ebenfalls stark beschädigt.
Damit war die „Isabella“ entmastet und erledigt.
„Klar zum Entern!“ schrie Don Julio. Er schwang wieder seinen Degen, und seine müden Augen blitzten angriffslustig.
„Sie sind weg, Don Julio“, hörte er eine Stimme wie aus meilenweiter Entfernung.
Don Julio de Vilches erwachte aus seinen Wunschvorstellungen. Völlig verständnislos blickte er in das Gesicht des Ersten Offiziers, der ihn etwas mitleidig anzublicken schien.
„Was – was ist denn los?“ fragte er, als habe er gerade einen fürchterlichen Traum gehabt.
„Die Kerle sind schneller als wir, Don Julio. Einen oder zwei Treffer haben sie eingesteckt, dann waren sie außer Schußweite.“
„So – so, außer Schußweite“, murmelte der Kommandant unsicher.
Der Qualm hatte sich verzogen, die Geschütze schwiegen. Don Julio steckte mit zitternden Händen seinen Degen in die Scheide zurück. In seinem Gesicht malte sich Enttäuschung, nachdem er so jäh aus seinem Tagtraum gerissen worden war.
Weit an Backbord voraus segelte der Bastard, als sei nichts geschehen. Er war jetzt wesentlich schneller.
„Ist Ihnen nicht gut, Don Julio?“ hörte er den Ersten fragen. Er schien mehr als tausend Meilen weit weg zu sein.
Der Kommandant holte tief Luft.
„Das war vorauszusehen“, sagte er frostig. „Das Schiff ist schneller, leichter und wendiger.“
„Ihre Befehle, Don Julio?“
De Vilches sah wieder klarer. Er hatte diese eigenartigen Vorstellungen öfter. Im Geiste sah er dann die zerstörten Schiffe, die er auf den Grund der See geschickt hatte, hörte das Krachen und Splittern von Holz und sah sie untergehen. Oftmals gelang es ihm dann nicht, zwischen Traum und Wirklichkeit zu unterscheiden. Meist waren es nur kurze Augenblicke, aber in letzter Zeit passierte das immer häufiger.
„Wir folgen der Galeone“, sagte er. „Wir folgen ihr so lange, bis wir sie aus den Augen verlieren oder endlich zu fassen kriegen. Auf Kurs bleiben, Gefechtsbereitschaft bleibt weiterhin bestehen. Lassen Sie mich in einer halben Stunde an Deck holen, ich habe noch etwas zu tun.“
Bevor Pergoza etwas erwidern konnte, verließ de Vilches das Achterdeck und ging gebeugt und müde in seine Kammer. Aus seinen Augen war jeder Glanz erloschen. Selbst das bösartige Funkeln war nicht mehr zu bemerken.
Als er weg war, holte Antonio Quieras tief Luft und zog seinen unförmigen Bauch ein, was ihm jedoch nicht gelang.
„Haben Sie bemerkt, wie er wieder seinen Degen zog, Pergoza?“ fragte er. „Kaum waren die ersten Schüsse gefallen, da ging eine sonderbare Veränderung mit ihm vor. Mir fiel das in letzter Zeit schon öfter auf. Es hat den Anschein, als sei er gar nicht mehr er selbst. Er wollte entern, obwohl die Galeone unerreichbar weit entfernt war. Was halten Sie davon?“
Der hochnäsige Erste, der schon lange auf einen Posten als Kommandant eines Kriegsschiffes wartete, hob vorsichtig die Schultern und blickte auf die vorstehende Wölbung, über die Quieras nicht mal mehr seine Schuhe sehen konnte.
„Er wird immer eigenartiger“, erwiderte er zurückhaltend. „Das läßt sich nicht leugnen. Ich will damit aber nichts gegen ihn gesagt haben, ganz im Gegenteil – er ist ein hervorragender Kommandant. Ich frage mich nur, was die Admiralität wohl denken mag, wenn das jemals herauskommt. Ich meine, bei allem Respekt und aller Hochachtung, verschweigen sollte man das wohl nicht, schon um – äh – nichts zu gefährden. Er ist ja auch schließlich nicht mehr der Jüngste und in vielen Schlachten verbraucht und ausgelaugt.“
„Ja, das stimmt. Wie alt ist er denn?“
„So alt, daß es wohl langsam an der Zeit wäre, einen neuen Kommandanten einzusetzen. Er hat seinen Ruhestand wohl verdient. Aber nun posaunen Sie das mal nicht gleich aus, mein Lieber, auch wenn seine Handlungsweise mitunter recht merkwürdig ist. Sehen Sie lieber mal nach dem Zweiten Offizier, vielleicht geht es ihm schon etwas besser.“
Der Zweite Offizier hatte seit einigen Tagen hohes Fieber und ließ sich daher nicht mehr an Deck blicken.
Pergoza war sicher, daß der Dritte dem Zweiten alles haarklein berichten würde. Der würde es weitergeben, und so würde schließlich aus dem kleinen Feuer ein Buschbrand werden, der rasend schnell um sich griff. Außerdem hatte de Vilches noch die Sache mit den Portugiesen am Hals, ein Faktor, den man ihm ganz sicher nicht so ohne weiteres nachsehen würde, denn er war mit politischen Konsequenzen verbunden. Sie hatten auf Boa Vista ziemlich übel gehaust, weil das Temperament wieder einmal mit Don Julio durchgegangen war.
Schließlich und endlich hatte auch jeder Kerl vom gemeinen Decksvolk gesehen, wie Don Julio seinen Degen schwang, obwohl dazu nicht der geringste Grund bestanden hatte. Und von Entern konnte schon gar keine Rede sein.
Alles in allem war Pergoza mit dem Lauf der Dinge sehr zufrieden. Ihn störte nur der verschwundene Geleitzug, aber auch der würde schließlich am Alten hängenbleiben. Vielleicht fiel auf ihn selbst nur ein kühler, kleiner Schatten.
Jetzt hatte er für eine halbe Stunde das Kommando an Deck, und damit war unbewußt ebenfalls ein Tagtraum für ihn verbunden.
Er sah sich als Kommandanten der „Casco de la Cruz“. De Vilches war längst im Ruhestand, und so befehligte er jetzt die Kriegsgaleone.
Um seine Lippen stand ein hartes Lächeln.
5.
Von der „Isabella“ aus sah das „Stimmungsbild“ ganz anders aus.
Kaum hatten sie sich freigesegelt und Fahrt aufgenommen, da hing ihnen der dicke Brocken unvermittelt im Genick.
An der Hektik und Aufregung erkannte Jean Ribault eindeutig, daß es jetzt gleich zur Sache gehen würde, denn alle Dons waren auf Gefechtsstationen.
Jeder Fetzen Tuch war gesetzt, aber die Lady hatte ihr eigentliches Tempo bei diesem Wind noch nicht drauf. Dazu würde sie noch etliche Minuten brauchen.
Die malerische Bucht verschwand achteraus. Karl von Hutten legte Ruder und jagte unter vollem Preß weiter.
Minuten schleppten sich wie Stunden dahin. Noch immer schien die Kriegsgaleone aufzuholen.
„Jetzt müßten sie feuern“, sagte Roger Lutz. „Ich würde es jedenfalls tun, wenn ich der Don wäre. Oder wollen die unsere Nerven bis zum Äußersten strapazieren?“
„Sie wollen ganz sichergehen“, erwiderte Tom Coogan und strich über seinen gepflegten Bart. „Wenn ich an die unteren Brocken denke, dann wird mir ganz heiß.“ Er zeigte mit der Hand zu dem unteren Batteriedeck der Galeone, wo riesige Rohre hervorlugten.
In dem Dunkel dahinter waren undeutlich Dons zu erkennen, die an den schweren Stücken hantierten.
Der Profos wollte auch noch seinen Senf dazugeben, doch als er den Mund öffnete, blitzte es drüben auf. Trotz des gleißenden Sonnenlichts war das grelle Feuer deutlich zu erkennen – und danach natürlich der dicke, fast schwarze Qualm, der aus den Stückpforten drang.
Das Rohr brüllte auf, spie einen langen Strahl aus und verschwand dann wie von Geisterhänden zurückgezogen im Leib des Schiffes.
Als der Profos noch blinzelte, zuckten drei weitere Blitze auf wie lange Feuerzungen aus der Tiefe der Hölle.
„Verdammt noch mal“, murmelte er, „die lassen aber gleich richtig die Kuh fliegen.“
Hinter dem Achterkastell der „Isabella“ schlug es ein. Das Klatschen der Kugel war überlaut zu hören.
Das Meer schien vor Zorn zu brüllen, als es aus seiner Ruhe gerissen wurde. Es erhob sich in der Form baumdicker Säulen und stieg gischtend und brausend zum Himmel. Aus dem Nichts entstand eine Wasserwand, die einen Teil der nachsegelnden Galeone unsichtbar werden ließ.
Weitere Säulen wuchsen mit ungeheurer Wucht hervor und standen wie hingezaubert auf dem Wasser.
„Jetzt müßte man den Arsch einziehen können“, wetterte Carberry, „aber das geht bei einem Schiff leider nicht.“ Er bereitete sich sehr sonderbare Sorgen, der Profos.
Seine Worte verstand ohnehin niemand. Das Tosen der See und die brüllenden Abschüsse überlagerten jedes andere Geräusch.
Hinter ihnen, etwa achtzig Yards entfernt, gab es einen kuriosen Wasserfall, der fast lieblich anzusehen war, brächte er nicht den Tod mit sich.
Anfangs in kleinen Punkten, dann in riesigen Säulen, brachen Wassermassen aus dem Meer. Wie Perlen an der Schnur sahen sie aus, wenn sie wieder in sich zusammenfielen.
Aus dem Riesenleib des Verfolgers zuckten die Blitze jetzt in rascher Folge. Dröhnen und wütende Hammerschläge schüttelten die Luft. Ein Vierfrontengewitter war ein Klacks dagegen. Der Donner grollte weit über die See und wurde meilenweit getragen.
Die Vierzig-Pfünder richteten keinen Schaden an, denn sie lagen ausnahmslos zu kurz. Aber jetzt wurde es bedrohlicher, als die Schiffsartillerie kleinere Stücke einsetzte, die weitertrugen.
Aus den Rohren knallte es jetzt. Da war auch kein Dröhnen und Grollen mehr, es war ein Belfern, das wie Eisen auf Eisen klang, obwohl die Dons nur Steinkugeln verwendeten.
Ein wüster, unglaublich greller Blitz ließ die Männer zusammenfahren. Der Eindruck entstand, als sei im mittleren Deck ein Faß Schießpulver hochgegangen.
Sie warten auf den berstenden Einschlag und hatten das Gefühl, als habe der Spanier die dreifache Pulvermenge genommen.
Eine schwarze Fahne wehte aus der offenen Stückpforte. Dahinter war für lange Augenblicke absolut nichts zu erkennen. Für eine Weile schwiegen auch die Geschütze.
Dann zerfaserte der Wind den Pulverdampf, und da war deutlich zu sehen, daß eins der Geschütze krepiert war. Neben der Stückpforte klafften gezackte Löcher im Rumpf. Alles war dunkel und schwarz verkohlt. Das Schreien verwundeter Männer war zu hören.
Die schwimmende Festung, deren brüllende Ungeheuer sekundenlang den wilden Atem angehalten hatten, begann erneut Feuer zu speien. Diesmal fast aus allen Rohren.
Die „Isabella“ wurde mit weiteren Kugeln eingedeckt, die diesmal höllisch dicht lagen. Ein paar Schauer überbrausten das achtere Deck bis fast zum Ruder.
Ribault, von Hutten und der Schwarze Dogon wurden durchnäßt. In ihren Ohren klang lautes Gebrüll auf, und sie zogen unwillkürlich das Genick ein, als etwas pfeifend an ihnen vorbeistrich.
„Sie holen nicht mehr auf!“ schrie der Franzose durch den Höllenlärm. „Wir haben fast die gleiche Geschwindigkeit, werden aber langsam schneller als sie. Hoffentlich haben wir Glück.“
„Daumen halten!“ brüllte von Hutten zurück.
Die Dons luden nach. Zum Glück konnten sie die andere Breitseite nicht einsetzen. Sie sahen nur die schmale Silhouette, die Ribault ihnen bot und hielten aus allen Rohren drauf, bis sich der Winkel veränderte. Noch härter nach Backbord konnten sie nicht ablaufen, ohne einen beträchtlichen Zeitverlust in Kauf zu nehmen.
Das war der Augenblick, als es auf der „Isabella“ einschlug. Ein Zehn-Pfünder orgelte heran und bohrte sich mit überlautem Krach ins Schanzkleid des Quarterdecks.
Holzsplitter regneten durch die Luft. Die Männer, die in unmittelbarer Nähe standen warfen sich instinktiv auf die Planken. Eine zweite Kugel heulte dicht an ihnen vorbei.
Carberry vergrub das Gesicht in den Händen, als um ihn herum die Fetzen flogen. Es hörte sich sehr übel an. Heiß fuhr es ihm knapp über den Kopf, und er fluchte laut.
Neben dem Rumpf stiegen weitere Säulen aus dem Wasser. Sie lagen so knapp, daß Jean Ribault befürchtete, es werde gleich noch einmal mit berstender Gewalt einschlagen.
Doch inzwischen hatte die „Isabella“ an Fahrt gewonnen, und die Säulen blieben langsam als gischtende Punkte in der See zurück. Sie wanderten immer weiter achterlich aus, bis der Franzose aufatmete.
Der Don versuchte sein Glück mit Fünf-Pfündern, doch auch die erreichten ihr Ziel nicht mehr und verschwanden wirkungslos im brodelnden Kielwasser. Nur noch eine Kugel lag ganz nahe.
Unter vollem Preß segelten sie nach Norden, verfolgt von dem wütenden Don, der sein Geballer noch nicht aufgab, obwohl er erkennen mußte, daß es immer sinnloser wurde.
Sie schossen nur noch aus Wut und Enttäuschung und vergeudeten Kugeln und Pulver.
Sie setzten auch noch Musketen ein, deren wildes Geknatter Jean Ribault und seinen Mannen nur ein höhnisches Lachen entlockte.
„Das war’s, Freunde!“ rief er trocken, als sich der Abstand zwischen den beiden Schiffen weiter vergrößerte. „Jetzt werden wir uns mal das Andenken der Dons ansehen.“
Auf der Kuhl lag eine pechschwarze Steinkugel vom Gewicht eines Zehn-Pfünders. Sie war es, die das Schanzkleid durchschlagen hatte.
Reste von sandartigem groben Pulver klebten noch an ihr, und sie rauchte ein wenig. Es war nur ein dünner Faden Rauch, der von ihr aufstieg. Der Geruch des Pulvers war unangenehm.
Der fett wirkende Koch Eric Winlow starrte das qualmende Gebilde angewidert an, strich mit der Hand über seine Glatze und schickte sich an, die Steinkugel aufzuheben.
„Du willst dir wohl deine Gräten versengen, was, wie?“ fragte der Profos. „Das Ding ist glühend heiß, Mann. Faß es bloß nicht an.“
Carberry schnappte sich wortlos eine Pütz, hievte sie außenbords und zog sie wieder hoch. Seelenruhig leerte er sie über der hin und her rollenden Kugel aus.
Weißlicher Dampf stieg auf, und es zischte laut. Auf den Planken breitete sich ein schmieriger, schwarzer Fleck aus, den der Profos angewidert anstarrte.
Eine zweite Pütz wurde gehievt und ausgeleert. Das Ding rauchte noch immer, konnte jetzt aber keinen Schaden mehr anrichten.
Edwin Carberry hob die Kugel auf und warf sie von einer Hand in die andere, weil sie immer noch verdammt heiß war.
„Da, die schenk ich dir“, sagte er großzügig zu dem glatzköpfigen Koch. „Du solltest sie künftig mit einer Schnur um den Hals als Amulett tragen, in Erinnerung an eine siegreiche Schlacht.“
„Bißchen schwer“, meinte der Koch trocken. „Die würde mir beim Kochen immer in der Suppe baumeln.“
„Sei froh, daß es kein Vierzig-Pfünder war, sonst kriegst du nämlich einen steifen Hals. Willst du sie nun oder nicht? Aber nur unter der Bedingung, wenn das Deck gleich gesäubert wird. Ich kann den schwarzen Scheiß nicht sehen.“
Die Kerle um sie herum lachten erleichtert, seit die Gefahr vorbei war. Sie hatten während der Beschießung nur einmal gelacht, als der Kapitän der Kriegsgaleone auf dem Achterdeck herumtanzte, seinen Degen über den Kopf hielt und laut brüllte. Das hatte sehr lustig ausgesehen, doch danach war ihnen das Lachen vergangen, als die heißen Brocken ihnen nur so um die Ohren flogen.
Jetzt besahen sie sich den Schaden, und Tom Coogan, der sich auf die Technik des Schiffszimmermanns verstand, winkte nach der ersten Besichtigung ab.
„Das kriegen wir wieder hin“, versprach er. „Höchstens einen Tag Arbeit. Ferris Tucker würde nur einen halben Tag brauchen. Holz haben wir noch genug an Bord.“
Sie sammelten die Splitter auf, und Fred Finley, der mit seiner Augenklappe wie ein echter Pirat aussah, trug sie zur Kombüse, wo die Reste unter dem Kessel später noch Verwendung finden würden.
Das Schanzkleid war auf einer Länge von eineinhalb Yards zertrümmert worden, aber die Decksplanken waren nicht beschädigt. Der Handlauf war ebenfalls nur noch Bruch. Aber da konnte mühelos ein größeres Stück eingesetzt werden.
Ribault und der Profos gingen wieder nach achtern.
Die Negersklaven standen an Deck und fingen wieder mit ihrem Herumgehüpfe an. Sie benahmen sich wie Kinder und drehten den Dons lange Nasen, wobei sie laut lachten.
Nur Dogon, ihr Anführer, war ernst und blickte zurück.
„Keine Sorge“, sagte Ribault zu ihm. „Die können jetzt schießen und feuern, wie sie wollen, sie kriegen uns nicht mehr. Die Gefahr ist wirklich vorbei.“
„Aber wir sind wieder auf dem Rückzug“, sagte der Neger in seinem holprigen spanisch. „Die Spanier werden uns Tag und Nacht folgen, bis die mauretanische Küste verschwunden ist. Was tun wir dann? Wir können nicht mehr an Land gehen.“
„Ihr könnt an Land gehen“, versprach Ribault. „Wir werden den dicken Brocken schon abschütteln, und dann bringen wir euch wieder zurück, wie wir es versprochen haben.“
„Ich glaube es“, sagte Dogon einfach. „Anfangs habe ich euch nicht getraut, aber jetzt weiß ich es besser. Ihr mögt die Spanier auch nicht. Wollen sie euch auch versklaven?“
„Das wird ihnen kaum gelingen. Wir haben eine andere Rechnung mit den Dons zu begleichen.“ Jean Ribault zeigte kurz zu Karl von Hutten. „Die Dons haben seine Eltern ermordet, einfach so, ohne jeden Grund. Daher hat er eine ganz persönliche Rechnung zu begleichen. Aber wir haben noch mehr Gründe, die du vielleicht nicht verstehst.“
„Es gibt immer viele Gründe“, antwortete der Schwarze.
Vor der „Casco de la Cruz“ hatten sie jetzt so viel Vorsprung, daß sich der Einsatz der Kanonen für die Dons nicht mehr lohnte. Sie hatten ihr Feuer auch eingestellt, folgten aber beharrlich dem Kurs der ranken „Isabella“, die jetzt schnell durch die See klüste.
Die Mannen an Deck begannen jetzt unverzüglich damit, das lädierte Schanzkleid auszubessern. Das entsprechende Werkzeug wurde bereits nach oben gebracht.
Jean Ribault sah den Schwarzen forschend an.
„Kennst du dich an dieser Küste gut aus?“ fragte er.
Dogon nickte eifrig und zeigte seine weißen Zähne.
„Sehr gut, ich bin hier geboren.“
„Das ist gut, sehr gut.“
„Was hast du vor?“ fragte Karl von Hutten aufmerksam.
„Rache, mein Freund, Hugenottenrache auf meine Art. Rache muß sein, sprach der Herr, und ich habe mein Schiff damals nicht umsonst ‚Le Vengeur‘ der Rächer, genannt. Ich habe allen die Zähne gezeigt, die mir zu dicht auf den Leib gerückt sind, und mit diesem Don werde ich nicht anders verfahren. Er soll seine Freude haben. Ganz davon abgesehen, kann er auch weiterhin für uns zur tödlichen Gefahr werden. Er braucht nur eins seiner großen Beiboote abfieren und es als Fühlungshalter hinter uns herzuschicken.“
„Das stimmt. Damit rechne ich eigentlich immer noch. Aber um der Ironie die Spitze zu nehmen, mein Freund Jean. Willst du ihn mit dem Degen angehen, diesen riesigen Feuerspucker? Ich weiß, daß du einer der exzellentesten Degenkämpfer bist, die ich kenne. Du bist ebenbürtig mit dem Seewolf. Was hast du also vor?“
„Ihn aufbrummen zu lassen“, erwiderte der Franzose mit einem feinen Lächeln. „Das wäre doch ein Spaß, oder? Stellt euch mal vor, Don Julio sitzt mit seiner Kriegsgaleone auf dem Schlick.“
„Er ist nicht Old Donegal“, wandte der Profos ein. „Der ist von Natur ein alter Aufbrummer und auch noch darauf spezialisiert, hauptsächlich, wenn er einen gegluckert hat. Aber diesem Don traue ich das nicht zu, das ist ein ausgebuffter Bursche.“
„Sein Zorn wird ihn leiten“, sagte Ribault. Er grinste auf eine ganz infame Art.
6.
Die Kerle starrten ihn erwartungsvoll an, als Ribault zum Land deutete. Da war nur Wasser zu sehen, aber keine Untiefen. Auch kein Kräuseln der See verriet, daß es hier sanft ansteigende Sandbänke gab.
Ribault kannte sich nur nicht an dieser Küste aus.
„Daß der Kerl stinkwütend auf uns ist, dürfte klar sein“, sagte Jean. „Er hat uns erkannt und unter Feuer genommen, aber er hat keine Ahnung, was hier wirklich passiert ist. Außerdem ist er seinen wertvollen Geleitzug los, und so wird er alles dransetzen, um uns zu erwischen. Er muß das einfach tun, und ihm bleibt keine andere Wahl, als uns Tag und Nacht zu folgen, wenn er uns haben will. Natürlich weiß er auch, daß wir schneller sind. Ich selbst würde vor Wut platzten, wäre ich an seiner Stelle, und ich würde die Scharte auswetzen.“
Er stemmte sich mit der Hüfte so an das Schanzkleid, daß er das nördliche Land und einen Teil des Meeres dicht unter der Küste gut überblicken konnte.
„Wie sieht der Küstenverlauf hier unter Wasser aus?“ fragte er den Schwarzen, der unmerklich zu grinsen begann.
„Oh, das ist ganz einfach“, erwiderte Dogon, der Karl von Hutten laufend zeigte, wie er den Kurs anzulegen hatte, um nicht über die Untiefen zu schrammen. „Hier verläuft ein langer Rücken von Sandbänken, der sich tief vom Süden nach Norden hochzieht. Man kann auf der äußeren oder inneren Seite gut entlangsegeln, aber in kurzer Zeit müssen wir entscheiden, auf welcher Seite wir segeln, sonst gelangen wir nicht mehr hinaus, wenn wir innen bleiben. Es gibt dazwischen nur noch ein paar schmale Durchfahrten.“
„Kennst du die Durchfahrten?“
Der Schwarze reckte die Brust raus und lachte dröhnend.
„Dogon kennt alle Durchfahrten. Ich habe hier gefischt. Ich finde sie sogar bei Dunkelheit.“
„Und wo segeln wir augenblicklich?“
„Innen natürlich, aber nicht mehr lange.“
„Aber wir gelangen jederzeit wieder hinaus?“
„Allein nicht“, meinte der Schwarze grinsend. „Dann geht es immer weiter unter Land, und die Rinne wird enger. Und dann – bummrummsrumms – ist Schluß.“
Er zeigte mit der Hand an, daß sich das Schiff überschlagen würde, und wollte sich kranklachen. Für ihn und die anderen Schwarzen war das offenbar ein ganz toller Spaß.
„So schlimm wird es wohl nicht“, meinte Jean und stimmte in das belustigende Gelächter ein. „Aber wenn sich ein Kasten von dieser Größe auf eine Sandbank schiebt, dann sitzt er erbarmungslos fest, denn das gewaltige Gewicht und die Fahrt schieben ihn immer höher hinauf.“
„Was dann?“ fragte Dogon neugierig.
„Dann sitzt er fest und kann uns nicht mehr folgen. Die Spanier haben tagelang zu tun, ihr Schiff wieder flott zu kriegen. Womöglich passiert aber noch mehr, ich habe da so eine Idee.“
„Bis jetzt folgt er uns noch fast im Kielwasser“, sagte von Hutten. „Und er hat auch alle Rohre wieder ausgerannt. Ich glaube, er wird seinen Kurs auch nicht mehr ändern.“
„Dann beginnen wir damit, ihn ein bißchen zu nerven“, meinte Jean. „Wir markieren den Flügellahmen. Soll er annehmen, wir hätten etwas ins Ruderblatt gekriegt, sozusagen als Spätfolge seines Beschusses. Wir werden ein bißchen im Zickzackkurs segeln, als hätten wir Schwierigkeiten.“
Er ließ sich von Dogon noch einmal ganz genau die Untiefen erklären.
„Wenn etwas schiefgeht dabei“, kündigte er dem Schwarzen an, „dann holt nicht nur uns der Teufel. Er holt euch dann auch, wenn du dich geirrt hast und wir plötzlich festsitzen.“
Dogon hieb sich vor Lachen auf die Schenkel. So fröhlich wie heute hatten sie ihn noch nie gesehen.
„Nichts geht schief, Masterkapitän, nichts. Dogon kennt ganz genau alle Sandbänke.“
„Gut, dann lassen wir uns noch etwas Zeit, bis sich unser Vorsprung weiter vergrößert hat, damit es wirklich keine Pleite gibt. Aber mit dem Zickzackkurs können wir ganz allmählich beginnen. Die Kerle werden uns sowieso pausenlos durch den Kieker beobachten.“
Der erste wohlberechnete Schlenker zur Küste hin erfolgte ein paar Augenblicke später. Die „Isabella“ brach aus, gierte nach Osten und wurde wieder auf Kurs gebracht. Das Schauspiel wiederholte sich in unregelmäßigen Abständen.
Der Viermaster folgte unter vollem Preß. Auch die Dons hatten jeden Fetzen Tuch gesetzt, um den Gegner nicht aus den Augen zu verlieren. Allerdings lag sie jetzt schon fast um eine Meile zurück.
Jean Ribault löste von Hutten am Ruder ab und beobachtete das Wasser. Von den Sandbänken war absolut nichts zu sehen. Das Wasser schien auf der inneren Rinne ziemlich tief zu sein. Die „Isabella“ hatte auch nicht viel Tiefgang, die schwerarmierte Galeone lag aber gut und gern ihre acht Yards tief im Wasser.
Später, als sich der Abstand noch mehr vergrößert hatte, ließ Jean Ribault Vorbram- und Vormarssegel wegnehmen. Auch das Großbramsegel mußte schließlich dran glauben. Der Besan stand voll und bei, um bei den Dons den Eindruck zu erwecken, sie steuern die Galeone mit zusätzlicher Hilfe des Besans.
Die „Casco“ hatte inzwischen auch wieder den Besan angeschlagen. Sie hatten in aller Eile geflickt und repariert.
Der Vorsprung verkleinerte sich, und prompt ließ Jean wieder auftuchen, als ginge er dabei ein Risiko ein. Erneut gierten sie auf die Untiefe an Backbord zu.
Der Durchschlupf befand sich nach Dogons Worten etwas weiter nördlich. Es war der letzte. Wenn die Kriegsgaleone ihn verpaßte, dann rannte sie sich hoffnungslos fest.
„Es muß wieder nach einem Schlenker zur offenen See hin aussehen“, sagte der Schwarze, der jetzt ganz angespannt war. „Wir rutschen dicht über die Sandbank und sind draußen. Ich werde scharf aufpassen.“
„Tu das, in eurem eigenen Interesse“, riet Jean.
„Jetzt zum Meer abbiegen“, sagte Dogon etwas später. „Wir müssen auf der Außenseite ganz scharf über den Grund segeln, sonst merken die Spanier was.“
Der Schlenker sah wiederum so aus, als hätte die „Isabella“ große Schwierigkeiten. Sie fiel nach Backbord hin ab, und da hielten sie unwillkürlich den Atem an.
Nur der Profos stieß pfeifend die Luft aus.
„Da saust doch was“, sagte er unbehaglich.
Die Blasen im Kielwasser schienen kleiner zu werden. Der Bart, den die Galeone vor sich herschob, wurde für Augenblicke noch gewaltiger.
Sie hörten es leise knirschen, als streiche jemand mit feinem Schmirgel über den Kiel.
„Mann, o Mann“, sagte der Profos. „Das ist wie bei einem wunden Affenarsch, auf den man Salz streut.“ Dabei griff er sich unwillkürlich an den Achtersteven, als sei der bereits am Qualmen.
„Wieder dort hinüber“, sagte Dogon heiser, „aber ganz schnell. Wir sind gleich durch.“
Es war eine Nervenprobe, als erneut ein Knirschen hörbar wurde und sie dicht über Grund schrammten. Eine Wolke von Sand wurde aufgewirbelt, von der Ribault hoffte, der Spanier würde sie nicht bemerken. Aber das war bei dem gleißenden Wasser nicht anzunehmen.
Einmal riskierte er einen Blick durch den Kieker und sah, daß die Lotgasten auf dem Kriegsschiff emsig beschäftigt waren. Früher oder später mußten sie die Untiefe loten. Diese Bedenken teilte er auch dem Schwarzen mit.
Aber der lachte schon wieder und hieb sich auf die glänzenden Oberschenkel.
„Zu spät“, sagte er grinsend, „viel zu spät. Aber du solltest jetzt zum Meer hin abdrehen, Masterkapitän, sonst ist es für uns auch bald zu spät.“
Ribault schluckte und legte eilig Ruder.
Sie waren draußen und hatten es geschafft. Don Julio jedenfalls stand noch ein schmerzlicher Tag bevor.
Der Kommandant war längst wieder an Deck erschienen und beobachtete mit einem immer hämischer werdenden Grinsen die Galeone. Er vermutete genau das, was Jean Ribault ihm unterstellt hatte, als er die Segelmanöver bemerkte.
„Sie haben Schwierigkeiten“, sagte er zu Pergoza. „Offenbar ist sein Ruder angeschlagen, sonst würde er nicht mit dem Besan steuern. Ein kleiner Treffer von den Fünf-Pfündern vielleicht. Na, jetzt schnappen wir sie wahrscheinlich doch noch.“
„Ja, sie scheinen große Schwierigkeiten zu haben“, bestätigte der Erste. „Daher segeln sie auch so dicht unter Land, um sich jederzeit absetzen zu können, falls das Ruder ausfällt.“
Er, der sich sonst so etwas nie erlaubte, rieb sich kichernd die Hände. Er vergaß allerdings nicht, sich laufend von den Lotgasten die Tiefe melden zu lassen und hörte sehr aufmerksam zu.
Das Wasser war tief genug. Es bestand nicht der geringste Anlaß zur Sorge, und so segelten sie unter vollem Preß hinterher und freuten sich über jeden Schlenker der Galeone, die mitunter flügellahm und leicht angeschlagen durch die See trieb. Einmal nach Backbord, dann wieder nach Steuerbord.
Als sich der Abstand unmerklich verringerte, setzten die Kerle in ihrer Angst wieder alle Segel und torkelten nur noch schlimmer durch die See.
In Don Julio kehrte so etwas zurück, was er als gute Laune bezeichnete. Sein Blick wurde wieder gallig und bösartig, und die Lippen verzogen sich zu einem boshaften Grinsen. Er rieb mit der Linken aufgeregt seine rechte Hand und trat weiter aufs Achterdeck vor, damit er die Galeone gut im Blickfeld hatte.
„Nicht mehr lange, dann ist der Tag für sie zu Ende“, sagte er optimistisch. „Immer auf Kurs bleiben, genau im Kielwasser.“
Mit dem Spektiv nahm er wieder seine Beobachtungen auf. Er sah die Männer an Deck einigermaßen deutlich. Sie schienen aufgeregt zu sein, doch das war schließlich kein Wunder. Sie waren angeknackst und nicht mehr voll manövrierfähig mit ihrem Schiffchen, und natürlich saß ihnen auch gewaltige Angst im Nacken, doch noch von den Kanonen zusammengeschossen zu werden.
Wieder registrierte er mit einem bösen Grinsen, daß die Galeone nach Backbord ausschor und alle Mühe hatte, auf ihren Kurs zurückzukehren.
Sie brauchte eine ganze Weile, bis sie etwas versetzt auf ähnlichem Kurs weitersegelte.
Seltsamerweise schienen damit die Schwierigkeiten vorerst überwunden zu sein, denn jetzt gierte sie nicht mehr so hin und her. Aber sie nahmen wieder ein paar Segel weg, also war der Druck auf das beschädigte Ruderblatt wohl doch etwas zu stark.
Don Julio de Vilches hatte nicht die geringste Ahnung, daß er quasi in einen unsichtbaren Schlauch segelte, der sich bedrohlich verjüngte und aus dem es für ihn keinen Ausweg mehr gab.
Sie lagen noch fast im Kielwasser der „Isabella“.
Pergoza lauschte indessen aufmerksam den Lotgasten. Die Tiefe betrug immerhin fast achtzehn Faden. Also bestand nicht der geringste Anlaß zur Sorge.
Genau das war der Schlauch, in den sie jetzt segelten. An seinem Ende lief eine langgestreckte Sandbank in einer Krümmung zur Küste hin. Da war der Schlauch zu Ende, und vor ihnen endete er in einer Untiefe von knapp fünf Yards, tiefer war die Lücke nicht. In diese Lücke hinein wies auch das Kielwasser der Galeone. Es war nur noch ein schmaler, kaum sichtbarer Schaumstreifen.
Die „Casco de la Cruz“ lief unter vollem Preß auf die Sandbank, die unvermittelt auftauchte. Ein paar winzige Wirbel zeigten wohl noch etwas an, aber die sahen selbst die Ausgucks nicht, weil das Sonnenlicht auf dem Wasser sie blendete. Es wäre auch viel zu spät gewesen.
Die ungeheure Masse des Schiffes wälzte sich auf die Sandbank und blieb abrupt stehen. Sie lag so plötzlich fest, als hätte sie eine Riesenfaust in voller Fahrt gestoppt.
Die Kerle, die in den Webeleinen der Wanten hingen, verloren übergangslos den Halt, weil niemand mit einem Aufprall gerechnet hatte. Sie flogen mit einem erstaunten Aufschrei wie große Spinnen aus einem Netz und gingen brüllend über Bord.
Das war aber nicht alles, was über Stag ging.
Der baumlange, schlappe und dürre Don Julio de Vilches, der keinen festen Halt auf den Planken hatte und sich neugierig vorbeugte, um die Galeone besser sehen zu können, fühlte sich ebenso plötzlich von einer unwiderstehlichen Gewalt nach vorn getrieben.
Er ruderte mit den Armen und sah das Quarterdeck auf sich zurasen, aber davor war noch die große Balustrade mit den kunstvoll gedrechselten Streben und Hölzern.
Er krachte der Länge nach auf die Planken, rutschte darüber hinweg und landete vierkant vor der mittleren Schmuckbalustrade. Sehr schmerzhaft prallte er mit dem Kreuz dagegen. Seine Nase war gleichfalls lädiert und fing an zu bluten, denn auf ihr war er zuerst entlanggeschrammt.
Pergoza wurde ebenfalls jäh von den Beinen gerissen und leistete seinem Kapitän unfreiwillig Gesellschaft.
Sie lagen noch auf den Planken, während ein nervtötendes Krachen und Bersten den gesamten Rumpf der Galeone erbeben ließ.
Der Fockmast hielt dem mörderischen Anprall nicht stand. Er schwang zweimal hin und her und brach dann wie ein morscher Besenstiel ab. Dabei nahm er das stehende und laufende Gut mit und schlug auf dem vorderen Deck alles kurz und klein.
Viele der großen Geschütze waren dem stürmischen Anprall ebenfalls nicht gewachsen. Zwei Vierzig-Pfünder-Stücke rissen sich los, polterten durch das Batteriedeck und zertrümmerten durch ihr enormes Gewicht etliche Schotten.
Das Rumoren nahm kein Ende. Die „Casco“ schien sich noch einmal gewaltig aufzubäumen. Ihr Rumpf knirschte und krachte entsetzlich laut, und durch die starke Belastung barsten ein paar Planken.
In den Quartieren geriet alles in Unordnung. Was nicht niet- und nagelfest war, verselbständigte sich.
Die Hölle war los an Bord. Niemand wußte so recht, was eigentlich geschehen war. Das Aufbrummen hatte sie alle überrascht.
Don Julio erhob, sich schniefend und mit blutiger Nase. Er begriff die Welt nicht mehr und sah sich fassungslos um.
Sein Schiff glich einem erbärmlichen Trümmerhaufen. Viele Segel waren aus dem Liek gefetzt worden und baumelten wie Leichentücher an den Spieren. Vorn sah es ganz besonders schlimm aus. Der Fockmast ragte nur noch als splittriger Stumpf aus dem Deck. Die Segel, Spieren, Rahen und das Gut waren bis über die Kuhl verstreut.
Er hörte das entsetzte Wimmern von Männern, die sich verzweifelt abmühten, unter den Trümmern hervorzukriechen. Manche irrten unter riesigen Segelfetzen wie Maulwürfe herum und fanden nicht mehr heraus.
Pergoza berappelte sich und stand benommen auf. Über dem linken Auge hatte er eine Platzwunde. Er sah Don Julio kläglich an.
Dem Alten tat das Genick erbärmlich weh, und sekundenlang verschlug es ihm die Sprache. Er fühlte eine heiße Welle des Zorns und der Ohnmacht in sich aufsteigen und lief knallrot an.
„Madre Maria!“ schrie er gequält in den blauen Himmel. „Laß es nicht wahr sein, bitte!“
Er sank langsam auf die Knie und faltete die Hände. Seine Augen schimmerten feucht, bis ihn der Zorn hochriß. Da brüllte er seine hilflose Wut hinaus.
„Was sind das hier für Arschlöcher von Offizieren!“ keifte er anklagend. „Ihr habt mir mein schönes Schiff ruiniert, ihr erbärmlichen Versager. Zur Hölle mit euch! Ich lasse euch alle vor ein Kriegsgericht stellen. Aufhängen wird man euch Bastarde.“
Pergoza taumelte quer über das Achterdeck. Er hatte die Orientierung verloren, fand sie aber sehr schnell wieder, als er Don Julios greinende Stimme hörte.
„Furchtbar“, stammelte er. „Furchtbar, der Satan hat sich an Bord eingeschlichen, ich habe es gewußt.“
„Der Satan? Ja, es muß wohl der Satan gewesen sein.“
Don Julio tappte davon, schreiend und immer wieder auf brüllend, als er die Verwüstungen sah.
Jetzt war alles ruiniert, der Konvoi war verschwunden, und die große Kriegsgaleone war so gut wie beim Teufel. Wie ein Gebirge lag sie auf einer Sandbank. Don Julio wußte noch nicht, daß sie ausgerechnet bei Flut aufgelaufen waren, was alles noch verschlimmerte.
Unter dem herabgefallenen Segeltuch befanden sich immer noch Männer, die über die Planken krochen und nicht herausfanden. Dort robbten Körper entlang und suchten einen Ausweg.
Sein Zorn war unendlich und riesengroß. Einer der kriechenden Beulen unter dem Tuch gab er voller Wut einen Tritt. Die Beule zuckte zusammen und bewegte sich vor Schreck nicht mehr weiter.
Er gab alles und jedem einen Tritt, was seinen Kurs kreuzte. Unter seinen Schuhen flogen Trümmerstücke davon, und dann ließ er sich dazu herab, einen verstörten Kerl zu ohrfeigen, der sich mit offenem Mund ungläubig nach allen Seiten umsah. Der Mann war so verblüfft, daß er keinen Ton hervorbrachte und seinen Kapitän völlig entgeistert anglotzte. Und weil er so dämlich stierte, gab Don Julio ihm noch eine Ohrfeige, ehe er zum Vorschiff ging.
Hier waren die Verwüstungen am schlimmsten. Es sah aus wie nach einem schweren Gefecht. Mitunter lagen die Trümmer so hoch herum, daß er sie nicht übersteigen konnte.
Pergoza, dem alle Hochnäsigkeit aus dem Gesicht gewischt war, folgte ihm zögernd wie ein Hund, der von seinem Herrn eine Bestrafung erwartet.
Er schniefte hörbar und wischte sich das Blut von der Stirn. Dabei verschmierte er sein Gesicht entsetzlich.
„Es ist alles so schrecklich“, stammelte er. „Wie konnte das nur passieren?“
„Unfähigkeit!“ schrie der Kommandant. „Ich bin von Idioten umgeben, die nicht in der Lage sind, ein Schiff zu führen. Scheren Sie sich zum Teufel, Señor. Die Angelegenheit wird für Sie ein mehr als übles Nachspiel haben.“
Der Erste wurde jetzt aufsässig, weil er sich ungerecht behandelt fühlte. In seinen Augen funkelte Zorn.
„Sie können nicht einfach alle Schuld den anderen zuweisen, bei allem Respekt nicht, Don Julio. Sie haben befohlen, der Galeone im Kielwasser zu folgen, und das haben wir getan. Niemand hat damit gerechnet, plötzlich auf eine Untiefe zu geraten. Die Ausgucks waren alle doppelt besetzt, und die Lotgasten haben nicht geschlafen. Sie machen es sich zu einfach, wenn Sie alle Schuld den anderen überlassen.“
Don Julio fuhr herum und musterte Pergoza, als sähe er ihn zum ersten Male. In seinen Blicken loderte heller Zorn. Er riß den Mund auf und wollte losbrüllen, doch dann sanken seine Schultern kraftlos nach vorn, und das Feuer in seinen Augen erlosch.
„Sie haben recht“, sagte er mit müder Stimme. „Sie haben recht, Pergoza, tut mir leid. Natürlich will ich die Schuld nicht auf andere abwälzen, aber Sie müssen auch mich verstehen. In den letzten Tagen und Wochen habe ich eine Pleite nach der anderen erlebt. Es gelingt mir nicht, das so einfach wegzustecken. Es war zuviel auf einmal.“
Die Erregung der beiden Männer klang langsam ab. Ernüchterung überfiel sie. Es war alles so deprimierend.
Der Dritte Offizier näherte sich zögernd. Er erwartete einen tobsüchtigen Kommandanten, doch jetzt bemerkte er einen alten, gebrochen wirkenden Mann vor sich, der unsäglich müde und traurig aussah.
Don Julio schaute ihn fast unbeteiligt an. Dann wanderte sein Blick weiter und verlor sich in Richtung offenes Meer.
„Diese Bastarde“, sagte er leise, „diese gottverdammten und dreimal verfluchten Bastarde. Die haben uns auf die Untiefe gelockt. Und wir können es ihnen nicht einmal heimzahlen.“
„Sie sind mit ihrer leeren Galeone zwischen den Untiefen gerade noch so durchgesegelt, wenn ich das bemerken darf“, erklärte der Dritte. „Es sieht ganz danach aus, als hätten sie uns bewußt in die Irre gelockt.“
„Das sagte ich bereits eben“, erwiderte Don Julio. „Quatschen Sie mir nicht immer das nach, was ich gerade betonte. Die Erkenntnis ist nicht mehr neu, Señor Quieras.“
„Ja, ich weiß, entschuldigen Sie bitte. Ich muß erst mit der neuen Situation fertig werden.“
„Dann fangen Sie am besten gleich damit an.“
Don Julio drehte sich wieder zur Seite und blickte der Galeone nach, der sie ihr Desaster zu verdanken hatten.
Er glaubte, ein fernes Gelächter zu hören, ein Gelächter voller Schadenfreude. Die Kerle standen ausnahmslos an Deck und blickten neugierig herüber.
Voller Wut registrierte er, daß ein paar der Schwarzen wild hüpfend über die Decks sprangen und die Arme hochrissen.
Augenblicklich übermannte ihn wieder ein heilloser Zorn, und er schlug voller Wut auf den Handlauf des Schanzkleides.
Auf dem Schiff wurde es jetzt lebendig. Die meisten hatten den schweren Schock verdaut und sahen, was passiert war. Anfangs wollte es gar nicht in ihre Köpfe.
Jetzt versammelten sie sich auf dem Deck. Don Julio ließ sofort alle höheren Chargen zusammentreten.
„Wir beginnen sofort mit den Aufräumungsarbeiten“, ließ er über seinen Ersten Offizier verbreiten. „Wenn die Decks aufgeklart sind, wird mit allen Mitteln versucht, das Schiff vom Grund zu bringen. Dazu wird erforderlich sein, die Galeone zu leichtern. Wir beginnen nach den Aufräumungsarbeiten mit den schweren Kanonen. Sie werden nach achtern gebracht. Lassen Sie die Küste beobachten, Señor Quieras. Ich möchte wissen, ob wir bei Ebbe oder Flut aufgelaufen sind. In einer halben Stunde will ich Ihre Meldung, weil sie von allergrößter Wichtigkeit ist.“
Der Dritte salutierte und verschwand augenblicklich, er war heilfroh, etwas tun zu können und nicht in Don Julios unmittelbarer Umgebung zu stehen.
So ließ er von zwei Männern beobachten, ob der Wasserspiegel sank oder noch anstieg.
Die anderen begannen inzwischen damit, die Spieren, Hölzer, Segeltuchfetzen und Rahen zu bergen. Der Schiffszimmermann schlug vor, aus dem abgebrochenen Fockmast einen neuen, leider etwas kürzeren zu erstellen, der als Notbehelf vorerst ausreichen würde.
„Wie lange wird das dauern?“ wollte der Kommandant wissen.
„Etwa zwei Tage, es ist eine Menge Arbeit.“
„Schaffen Sie sie in einem Tag und einer Nacht. Bis dahin steht der Mast wieder. Nehmen Sie sich so viele Leute, wie Sie brauchen.“
Auf der Galeone wimmelte es jetzt wie in einem Ameisenhaufen.
Noch bevor die halbe Stunde vergangen war, kehrte der Dritte Offizier zerknirscht aufs Achterdeck zurück, wo Don Julio stand und aus schmalen Augen zu der Gegnergaleone blickte. Seine rechte Hand trommelte dabei ungeduldig auf dem Handlauf der Balustrade.
„Nun?“ fragte der Kommandant ungeduldig.
„Wir sind offenbar beim höchsten Punkt der Flut aufgelaufen“, teilte er zerknirscht mit. „Das Wasser läuft ab, wie ich eindeutig festgestellt habe.“
„Auch das noch. Ein Unglück kommt selten allein“, schnaubte Don Julio ärgerlich. „Wie hoch ist der Tidenhub an dieser Ecke?“
„Das haben wir noch nicht herausgefunden in der kurzen Zeit. Er scheint jedoch beträchtlich zu sein.“
„Natürlich, alles andere hätte mich auch sehr gewundert. Wir sind auf dieser Reise vom Pech verfolgt.“
Der trommelbäuchige Dicke bestätigte das eifrig. Don Julio hatte ja nur allzu recht!
Er verschwand eiligst, um weiterhin das Wasser zu beobachten, obwohl das kaum noch Sinn hatte.
Unter der riesigen Blinde, die jetzt ebenfalls größtenteils nur noch aus Trümmern bestand, konnte Don Julio etwas später die Sandbank erkennen, die ihnen zum Schicksal geworden war. Sie war breit und ausladend und zog sich bis zum Ufer hin.
Sie saßen in einer schmalen Rinne fest und würden sich wahrscheinlich noch tiefer in den Untergrund bohren, wenn die Ebbe ihren niedrigsten Stand erreicht hatte.
Feine Aussichten waren das.
Don Julio ließ die Arbeiten unterbrechen, um zu retten, was noch zu retten war. Zuerst mußte umgestaut und geleichtert werden, oder sie mußten auf den nächsten Höhepunkt der Flut warten. Jetzt aber waren erst mal die schweren Geschütze an der Reihe, die von vorn nach achtern gebracht werden mußten.
Eine Schinderei ohnegleichen begann für die schwitzenden und verzweifelten Spanier.
7.
Für die Schwarzen auf der „Isabella“ war das Aufbrummen des gigantischen Brocken ein solcher Spaß, wie sie noch keinen erlebt hatten.
Sie benahmen sich wie Kinder, als der Bug der „Casco“ sich hob, sie auf Grund geriet und den Fockmast verlor.
Krachen, Gebrüll und anhaltendes Dröhnen waren zu hören, dazwischen das gellende Geschrei entsetzter und genervter Männer.
Dogon, der schwarze Anführer, krümmte sich auf dem Deck zusammen und hieb wieder mit aller Kraft auf seine schwarzen Schenkel. Sein Lachen riß die anderen automatisch mit, und so wurde an Deck der „Isabella“ eine Lachsalve nach der anderen zum Himmel geschickt.
„Denen haben wir es aber besorgt“, sagte Jean Ribault, der sich das Grinsen ebenfalls nicht verkneifen konnte. „Was gäbe ich darum, wenn Hasard das Schauspiel jetzt sehen könnte!“
„War wirklich ein toller Spaß“, bestätigte der Profos.
Sie alle standen am Schanzkleid und sahen zu dem Riesen hinüber, der wie ein kranker Wal auf die Sandbank getrieben war und dort hoffnungslos und wahrscheinlich für längere Zeit festsaß.
„Wie geht es denn jetzt weiter?“ fragte er neugierig. „Überlassen wir die Dons sich selbst und segeln weiter?“
„Vorerst bleiben wir noch in der Nähe und beobachten. Sie können uns nichts mehr tun, denn sie sind vollauf mit sich selbst beschäftigt. Wir gehen dort vorn an der nächsten Landzunge vor Anker, lassen die Segel aber lose im Gei hängen.“
„Hattest du nicht einmal was von einer Idee gesagt?“ bohrte der Profos. „Du hast doch etwas ausgeheckt, Jean.“
Der Franzose grinste bis zu den Ohren.
„Eine Idee hätte ich schon“, sagte er. „Nach unserer Devise, den Dons zu schaden, wo immer es nur geht, sollten wir sie nicht unbehelligt lassen. Wenn Spanien das schöne Schiff nicht mehr hat, wäre es doch ein herber Verlust, von dem Konvoi mal ganz abgesehen, oder meint ihr das nicht auch?“
„Klar, so ’n Rieseneimer ist ein ganz schöner Verlust“, sagte Jack Finnegan. „Mit der Kriegsgaleone können sie beispielsweise keine Sklaven mehr einfangen oder andere Schiffe versenken oder Aufstände niederschlagen. Ein Schiff haben sie dann zumindest weniger, ebenfalls von dem Konvoi mal ganz abgesehen.“
Die Kerle lachten sich eins.
„Was hast du vor?“ fragte von Hutten den Freund.
„Genau weiß ich es noch nicht. Aber ich schlage vor, daß wir zuerst Dogon und seine Leute in Sicherheit bringen. Sie können es kaum erwarten, wieder nach Hause in ihre Heimat zu gelangen.“ Er wandte sich an den amüsierten und immer noch grinsenden schwarzen Riesen.
„Wie weit ist es von hier bis zu euch?“ fragte er.
„Oh, nicht mehr weit, Masterkapitän“, erwiderte Dogon. „Wenn wir laufen – und wir werden schnell laufen –, sind wir bis heute abend wieder in unserem Dorf.“
„Wollt ihr hier an Land gehen?“ fragte Ribault. „Oder lieber weiter im Süden? Wir bringen euch hin.“
Dogon beriet sich kurz in seiner Sprache mit Dargam und Morturi, die eifrig nickten. Auch die anderen nickten spontan.
„Wir können gleich hier an Land gehen“, sagte er eifrig. „Die Spanier werden uns nichts mehr tun. Sie haben selbst genug zu tun.“
Wieder lachte er sein dröhnendes Lachen.
„Gut“, entschied der Franzose. „Dann ankern wir bei jener Landzunge dort drüben. Da haben wir auch die Spanier immer in Sichtweite und können beobachten, was sich tut.“
Die mauretanische Küste war ihre Heimat, und sie hatten keinerlei Probleme, ihr Dorf wiederzufinden. Sie wurden schon ganz ungeduldig, wie Ribault sah.
Sie steuerten die Landzunge an, einen nur spärlich und karg bewachsenen Zipfel, der ins Meer ragte.
Die Segel wurden lose ins Gei gehängt, der Anker gesetzt und ein wenig später das Beiboot abgefiert.
Ribault ankerte die „Isabella“ so, daß die Dons sie zwar sehen konnten, aber keinen kompletten Überblick über das Schiff hatten. Er tat das ganz bewußt.
„Die lassen ebenfalls ein Boot zu Wasser“, sagte der Profos nach einem schnellen Blick zu der Kriegsgaleone. „Aber damit werden sie uns wohl kaum auf den Pelz rücken wollen.“
„Ich nehme an, sie wollen ihren Kasten auf Schäden untersuchen und feststellen, wie tief sie im Schlick sitzen. Von denen haben wir vorerst nichts zu befürchten. Sie werden versuchen zu leichtem und umzustauen, damit sie wieder flott werden.“
„Was bestimmt nicht einfach sein wird“, pflichtete Carberry bei. „Die werden sich noch wundern, was das für eine Arbeit ist, wenn so ein dickes Rübenschwein erst mal im Schlamm wühlt, kriegt es die Nase nicht mehr so schnell heraus.“
Dogon und seine versklavten Brüder und Schwestern verabschiedeten sich von jedem einzelnen, bevor sie in die Jolle stiegen.
„Wir haben euch viel Ärger bereitet“, sagte der hünenhafte Schwarze verlegen. „Aber es gab auch viele Mißverständnisse unter uns. Wir haben euch nicht getraut. Dafür möchten wir uns alle entschuldigen. Ich weiß jetzt, daß es auch bessere Menschen gibt als die dort drüben.“
„Ihr seid jedenfalls wieder in Freiheit“, erwiderte von Hutten. „Nehmt euch vor den Spaniern in acht, meine Freunde. Sie werden eines Tages zurückkehren, um neue Sklaven einzufallen. Ihr solltet eure Dörfer und Orte besser bewachen, sonst ergeht es euch noch einmal so wie vor einigen Wochen.“
„Wir werden aufpassen“, versprach Dogon und drückte den Gambiamann Batuti hart an sich. „Dir haben wir viel zu verdanken“, sagte er dann gerührt.
„Ich war selbst einmal bei ihnen angekettet“, erwiderte Batuti. „Ich kenne die Kerle, und ich weiß, wie Schwarze bei ihnen behandelt werden – wie Affen, genau wie Affen.“
Die ersten enterten in die Jolle ab, aber ein paar andere, die es nicht mehr erwarten konnten, sprangen übermütig über Bord und schwammen auf den schmalen Sandstreifen zu. Im Wasser winkten und lachten sie noch.
Dann standen die ersten an Land und warteten auf die anderen, bis sich alle am Ufer versammelt hatten.
Die Arwenacks winkten ihnen zu, als sich die Kolonne in Marsch setzte.
Übermütiges Lachen war zu hören. Die befreiten Schwarzen nahmen den Weg an der Küste entlang.
„Sie können es nicht lassen“, sagte Jean Ribault kopfschüttelnd. „Statt sofort zu verschwinden, müssen sie erst die Dons noch ein bißchen ärgern. In der Beziehung sind sie wie große Kinder. Mitunter sind sie sich gar nicht der Gefahr bewußt, in der sie schweben.“
So war es auch jetzt wieder. Die Schwarzen hatten unter den Dons genug erleiden müssen, jetzt wollten sie sich noch ein wenig abreagieren.
Sie standen in zwei großen Gruppen am Strand und drehten den entnervten Dons lange Nasen. Dazu lachten sie aus vollem Hals und begannen zu hüpfen, wenn die Spanier mit den Fäusten drohten.
Ribault pfiff grell und durchdringend. Als sich ihm die Gesichter zuwandten, winkte er hastig mit der Hand, sie mögen so schnell wie nur möglich verschwinden. Er sah durch den Kieker, daß ein paar Dons mit Musketen bewaffnet waren, und sie jetzt auf Gabelstützen legten.
Die Schwarzen erkannten wohl, was da passierte und rannten landeinwärts.
Aber da pfiffen auch schon die Kugeln.
Don Julios Laune wechselte häufiger als das Wetter.
Der Harmattan behagte ihm nicht. Er hatte immer das Gefühl, dieser Nordostpassat trockne ihn zur Mumie aus.
Der Harmattan hatte seine Richtung nicht geändert, wohl aber seine Stärke. Jetzt wehte er wieder heftiger, was der Kommandant mit Niesen und lautem Hüsteln quittierte.
Er hörte es laut im Schiff rumpeln und dröhnen.
Das Aufbrummen hatte im Schiffsrumpf keine sichtbaren Schäden hinterlassen. Nirgendwo drang Wasser ein, doch war das kein Grund zur Beruhigung. Trotz allem war das Schiff fast ein halbes Wrack, jedoch nicht wehrlos.
Im unteren Batteriedeck wurden jetzt die schweren Vierzig-Pfünder nach achtern gebracht, und das ging mit dem entsprechenden Krach vor sich. Es rumpelte und donnerte, als sich die schweren Lafetten über die rauhen Planken bewegten. Dazwischen erklangen laute Kommandos und manch ein verzweifelter Fluch.
Er schniefte wieder ärgerlich und betastete seine Nase, an der das Blut jetzt getrocknet war. Den Feldscher, der sich um seine Verletzung kümmern wollte, hatte er brüsk abgewiesen, wie es seiner Art entsprach.
„Diese Hunde“, sagte er inbrünstig, „da liegen sie und belauern uns. Natürlich sind sie schadenfroh. Aber sie sollen sich nur in unserer Nähe zeigen, wir sind noch nicht hilflos und werden ihnen kräftig einheizen, wenn sie sich nähern. Sie ergötzen sich an unserem Unheil.“
Die „Hunde“ dachten jedoch nicht im Traum daran, sich der hilflos daliegenden Galeone zu nähern. Sie beobachteten nur und segelten nach einer halben Stunde ein Stückchen weiter, bis sie die Landzunge erreichten.
Dort hängten sie die Segel lose ins Gei und gingen vor Anker. Leider hatten sie sich so gelegt, daß Don Julio nicht alle Einzelheiten erkennen konnte. Ausgerechnet ein Teil des Vorschiffes war hinter der Landzunge verschwunden.
„Was gibt das denn?“ fragte er quengelig. „Die halten da wohl mit den schwarzen Affen Verbrüderungsfeste ab.“
„Sieht fast nach einem Abschied aus“, murmelte Pergoza. „Ich nehme an, die Schwarzen sollen an Land gebracht werden, ja, sie haben gerade eine Jolle abgefiert, und die ersten entern ab.“
„Schwarzes Pack“, fluchte Don Julio. „Den Bastarden haben wir es wohl hauptsächlich zu verdanken, daß wir hier liegen. Diese Affen kennen die Küste genau, weil sie hier zu Hause sind, und sie haben den anderen Bastarden geholfen, uns in die Falle zu locken. Diese schwarze Satansbrut müßte samt und sonders ausgerottet werden.“
Don Julio und seine Offiziere hatten nichts für Menschen mit anderer Hautfarbe übrig. Das waren Heiden, die sich nicht „bekehren“ lassen wollten. Billige Arbeitstiere waren das, mehr nicht, aber keine Menschen. An dieser Vorstellung hatte sich für Don Julio nie etwas geändert, und es würde sich auch nichts mehr ändern. Er war mit einem Vorurteil immer schnell bei der Hand.
„Und die helfen ihnen noch“, sagte Pergoza verächtlich. „Ich weiß wirklich nicht mehr, was ich davon halten soll.“
„Jedenfalls werden wir dieses Schiff eines Tages aufbringen“, sagte Don Julio sehr bestimmt. „Ich kriege es, das ist ganz sicher, und dann wird die ganze Wahrheit ans Tageslicht kommen.“
Er blickte wieder durch den Kieker.
Verblüfft sah er, daß sich Weiße und Schwarze umarmten und zuwinkten. Ein paar Kerle sprangen ins Wasser, andere enterten in die Jolle ab und wurden zum Land gepullt. Weiße pullten die Schwarzen! Don Julio mußte tief Luft holen, um den Anblick zu verdauen.
Immer mehr Schwarze versammelten sich am Ufer und lachten und winkten. Die Gruppe setzte sich in Marsch und schlug den Weg an der Küste ein.
Don Julio starrte ihnen haßerfüllt entgegen. Er sah einen herkulisch gebauten schwarzen Mann, der den anderen unbekümmert vorausging. Alle Augenblicke blieb dieser schwarze Kerl stehen, deutete auf das gestrandete Schiff und hieb sich brüllend auf die Schenkel. Die anderen wollten sich kranklachen, so sehr belustigte sie dieser Anblick.
„Señor Pergoza“, sagte Don Julio keuchend. „Befehlen Sie Musketenschützen auf das obere Deck. Sie sollen in diese schwarze Brut hineinhalten und feuern, was die Rohre hergeben. Richten Sie eine der Drehbassen aus, Grobschrot laden.“
„Sofort, Don Julio. Mit den Drehbassen können wir nicht feuern. Wir haben sie wegen des Umtrimmens aus den Halterungen genommen.“
„Dann Musketenschützen, aber schnell. Die Affen verhöhnen uns, oder sehen Sie das nicht?“
Die „Affen“ standen weiter hinten am Strand, und der große schwarzglänzende Kerl drehte ihnen eine lange Nase, wobei er auf einem Bein herumhüpfte.
Der Kommandant fühlte sich zutiefst in seiner Ehre gekränkt. Was zuviel war, war zuviel. Er verlor vor Wut fast die Beherrschung.
Immer mehr Schwarze legten den Daumen an die Nase und spreizten die Hand ab. Dann wedelten sie mit der Hand vor der Nase. Manche nahmen auch beide Hände und legten sie hintereinander. Und dabei lachte ein ganzer Chor laut und brüllend.
Don Julios Haß konzentrierte sich ganz auf den baumlangen Schwarzen, der die Gruppe anführte und sich am wildesten benahm. Für ihn waren die Gesten und Bewegungen ein Zeichen, daß er es hier doch mit Affen zu tun hatte.
Die Musketenträger zogen auf und gingen in Stellung, als von der Galeone her ein scharfer Pfiff ertönte.
Da stoben die Schwarzen auseinander und rannten landeinwärts.
„Feuer!“ schrie Don Julio. „Gezielt schießen. Feuer frei!“
Die Musketen blitzten auf, doch die Schwarzen hatten inzwischen genügend Abstand gewonnen. Sie kannten sich offenbar in der Reichweite der Musketen genau aus, denn sie blieben wieder stehen und begannen zu Don Julios Ärger mit der Wiederholung des Spiels, weil sie sich in Sicherheit wußten.
Er ließ solange feuern, bis auch der letzte Mann sein Pulver verschossen hatte.
„Keine Kanone einsatzbereit?“ fragte er sauer.
„Nur auf der Backbordseite, Don Julio, falls von See her ein Angriff droht, wie Sie befohlen haben“, sagte Pergoza. „Zur Landseite hin sind wir zur Zeit ungeschützt.“
„Bastarde, verdammte Bastarde!“ schrie er hilflos.
Die Schwarzen hatten jetzt offenbar von ihrer Sondereinlage genug. Sie stimmten noch ein wildes Gelächter an, zeigten den Dons den Vogel und setzten sich im Sprintertempo ins Landesinnere ab.
Kurze Zeit darauf waren sie hinter flachen Hügelkuppen verschwunden.
Don Julio wandte sich mit dem Spektiv seinem anderen Erzfeind zu, den Kerlen, die die Schwarzen durch laute Pfiffe gewarnt hatten. Er drehte fast durch vor hilfloser Wut und schwor der ganzen Welt Rache, sobald sie erst von der Sandbank herunter waren.
Aber da war noch kein Ende abzusehen, wie er sich gleich selbst überzeugen konnte.
Vor dem Bug der Galeone war jetzt fast trockener Sand, auf den die Sonne schien und über den Harmattan blies und ihn austrocknete. An den Seiten schimmerte der Sand ebenfalls durch. Nur achteraus war noch dunkles Wasser, lockend und verheißungsvoll, aber leider unerreichbar für sie. Und das Wasser fiel weiter und legte den Vorsteven trocken, bis die Entenmuscheln und Algen zu sehen waren.
Don Julio schmiedete finstere Rachepläne.
„Wir müssen etwas unternehmen, die Initiative ergreifen“, sagte er verbiestert. „Ich lasse mir das nicht länger gefallen, daß uns diese Kerle da drüben belauern und auslachen, weil wir hilflos auf einem mauretanischen Misthaufen sitzen. Lassen Sie sich etwas einfallen, wie wir diese Bastarde erledigen können.“
„Ich sehe leider kaum Chancen, Don Julio“, sagte Pergoza vorsichtig. „Sie haben augenblicklich durch ihre Beweglichkeit die eindeutig bessere Position.“
„Das weiß ich selbst, aber es wird doch eine Möglichkeit geben.“
„Wir könnten es bei Nacht mit einem Kommando vom Land her oder aber mit Booten von See her versuchen. Ich bin mir aber sicher, daß sie uns einen heißen Empfang bereiten. Die Kerle sind mehr auf der Hut, als uns lieb sein kann, und sie haben gute Geschütze an Bord. Es genügt, wenn sie zwei oder drei mit Grobschrot geladene Drehbassen abfeuern.“
„Nachts wäre es besser“, meinte der Kommandant nach kurzer Überlegung. „Die Zeit zwischen drei und vier Uhr morgens ist die beste. Da läßt bekanntlicherweise die Aufmerksamkeit nach. Wir beleuchten einen Teil unseres Schiffes und setzen zwei Kommandos ab. Genügend Seesoldaten sind ja vorhanden. Sie können uns sehen, aber sie werden nicht bemerken, wenn wir unauffällig zwei Boote bemannen und losschicken. Dann können wir sie von zwei Stellen in die Zange nehmen. Ein Kommando wird vom Land her entern, das andere greift von See her an. Wir haben die Überraschung in jedem Fall auf unserer Seite.“
Pergoza stimmte zu. Er hielt zwar nicht sehr viel davon, aber er wollte dem Alten auch nicht widersprechen, wenn dieser taktische und strategische Überlegungen in Erwägung zog. Er wußte, daß die Kerle dort drüben nicht schlafen würden. Ja, sie würden seiner Ansicht nach ganz sicher damit rechnen, daß der Kommandant der großen Galeone etwas unternahm. Und das würde er nur bei Nacht tun, wenn alle Katzen grau waren.
Diese Überlegung teilte er Don Julio allerdings nicht mit, weil der sonst wieder tausend Gegenargumente zur Hand hatte und ohnehin alles besser wußte.
„Eine gute Idee, Don Julio“, lobte er. „Aber wir müssen uns sehr vorsehen, sonst kostet es uns zwei Boote voller Leute.“
„Zu was, glauben Sie, sind Seesoldaten eigentlich da, Señor Pergoza? Zur Zierde für ein Kriegsschiff oder als Eckensteher? Jeder, der in den Krieg zieht, muß seine Knochen für das Vaterland hinhalten. Dafür erhält er Sold und wird befördert, wenn er die Knochen nur lange genug hinhält. Außerdem ist es eine Ehre, für Spanien zu sterben.“
„Selbstverständlich, Don Julio, es ist auch mir eine Ehre. Wir werden das so durchführen, wie Sie es überlegt haben.“
„Nur so erringen wir einen Erfolg. Ich werde jetzt eine Stunde ruhen, dann lassen Sie mich wieder an Deck holen. Falls sich etwas verändert, wünsche ich, sofort geholt zu werden.“
Der Erste salutierte, als Don Julio mit zähen Bewegungen das Achterdeck verließ.
Alter Mann, dachte er für sich. Du bist längst abgehalftert, aber du willst es nur noch nicht wahrhaben. Deine beste Zeit ist vorbei, du begehst in letzter Zeit zu viele Fehler.
Steif und hölzern wie eine Marionette bewegte sich der Alte den Niedergang hinunter und verschwand in seiner Kammer.
8.
Jean Ribault sah aus schmalen Augen zu den Negern, die jetzt die Beine in die Hand nahmen und verschwanden.
„Diese verdammten Halunken schießen auf unbewaffnete Leute“, sagte er erbittert. „Auf Menschen, die vor Freude ein bißchen verrückt spielen, weil der Drang nach Freiheit sie übermannt. Diesen Mistfliegen werden wir es noch härter zeigen, verlaßt euch darauf. Der Kerl würde auch auf Schiffbrüchige schießen lassen.“
Die Dons luden ihre Musketen auf Kommando nach und feuerten weiter.
„Keiner getroffen“, sagte der Profos. „Sie sind außer Schußweite und wissen genau, wie weit die Musketen tragen. Das haben ihnen die Dons ja schließlich selbst beigebracht.“
Nach einer Weile war der ganze Spuk verschwunden, und die Musketenträger verließen das Oberdeck.
Jetzt waren nur noch Don Julio und sein eingebildeter Erster Offizier auf dem Achterdeck. Der Kommandant deutete zur „Isabella“.
„Die reden über uns“, meinte Karl von Hutten. „Offenbar beratschlagen sie, wie sie sich revanchieren können. Der Alte ist ein sehr nachtragender und zäher Brocken, wie mir scheint.“
„Wer sollte da wohl nicht nachtragend sein, wenn man ihm einen derart üblen Streich spielt“, sagte Ribault lachend. „Ich wäre auch sehr nachtragend und würde versuchen, mein Mütchen zu kühlen. Er wird es sicherlich heute nacht versuchen.“
„Glaube ich auch“, sagte von Hutten. „Bei Nacht und sieht-mich-keiner. Wie, glaubst du, werden sie das anstellen?“
Der Franzose brauchte nicht lange zu überlegen.
„Mit zwei Booten oder Jollen, besetzt mit Soldaten. Eine von See her, die andere von Land, damit sie uns in der Zange haben. Vielleicht auch nur mit einer Jolle von See und Landangriff von der anderen Seite. Aber uns soll das egal sein, wir werden unser Schiff verlassen.“
Der Profos zwinkerte mit den Augen und stierte den Franzosen an, als sei der soeben vom Himmel gefallen.
„Ah, einfach so, spazierengehen an Land, was, wie?“ fragte er völlig verdutzt.
„Nur scheinbar“, erwiderte Jean Ribault. „Wir werden ein bißchen nachhelfen, damit die Dons noch früher in Erscheinung treten. Wir verlassen scheinbar das Schiff und erwecken weiterhin den Eindruck, als sei mit dem Ruder was nicht in Ordnung. Ein bißchen Windmacherei gehört natürlich dazu. Wir kehren aber so zurück, daß die Dons uns nicht bemerken.“
„Und du glaubst, sie werden anbeißen?“ fragte der Profos.
Ribault zeigte sein sorgloses Lächeln.
„Warum nicht? Ein paar Männer können ja an Land bleiben und so tun, als würden sie verschwinden.“
„Und die anderen lauern hinter dem Schanzkleid?“
„Im Geheimgang. Dieses Schiffchen hat doch einen wunderschönen Geheimgang direkt über dem Kielschwein, oder hast du das schon wieder vergessen, Mister Carberry? Wir haben einen versteckten Zutritt zu diesem Gang in Hasards Kammer und einen weiteren in der Kammer, die sonst Ferris bewohnte. Dieser Gang …“
„Ich weiß“, sagte Carberry, „er zieht sich durch die Gesamtlänge des Schiffes und kann auch von vorn betreten oder verlassen werden. Er ist besonders stark abgedichtet und kann auch gelenzt werden, falls das erforderlich wird. Eine gute Idee, und was glaubst du, werden die lieben Dons dann tun?“
„Ich nehme an, sie werden die Gelegenheit nutzen und der ‚Isabella‘ einen Besuch abstatten. Außerdem werden sie sich sehr wundern, das Schiff verlassen vorzufinden, während wir im Geheimgang hocken und sie dann hochnehmen.“
„Weiter“, sagte Matt Davies gespannt. „Das ist ein feiner Trick. Wir haben ihn ja schon einmal ähnlich erprobt, und es hat geklappt. Angenommen, wir haben die Dons vereinnahmt. Was dann?“
Ribaults Grinsen wurde impertinent.
„Dann geben wir uns für Dons aus, wie wir das schon oft getan haben und immer noch tun und statten der Galeone unsererseits einen Besuch in der Dämmerung ab. Die Dons werden keinen großen Unterschied bemerken.“
„Und dann nehmen wir gleichzeitig noch ein Geschenk für sie mit“, sagte der Profos und grinste breit. „Vielleicht ein paar Fäßchen Schießpulver?“
„Genau das ist meine Überlegung, Ed. Ein paar Fäßchen Schießpulver. Die servieren wir ihnen unter dem Achterschiff, wenn alles so klappt, wie ich mir das vorstelle. Mit den besten Empfehlungen setzen wir uns dann ab. Dann erst dürfte die Freude für Don Julio vollkommen sein.“
„Eine wahre Freude“, meinte der Profos. „Hoffentlich klappt das auch alles so. Der Kutscher sagte einmal: ‚Grau, mein Freund, ist alle Theorie‘, wenn ich mich recht entsinne.“
„Natürlich bleibt ein Unsicherheitsfaktor“, entgegnete der Franzose. „Aber uns bleibt immerhin die Probe aufs Exempel. Und aus welchem Grund sollen wir es nicht versuchen, wenn es sich so schön anhört?“
Von der List des Franzosen waren die Kerle restlos begeistert. Auf diese Art und Weise würden die Dons noch einen weiteren Denkzettel verpaßt kriegen, einen Brocken, an dem sie hart schlucken würden – wenn er in die Tat umgesetzt wurde und klappte.
Dann konnten sich die Dons auf einen längeren Aufenthalt in Mauretanien einrichten.
„Dann wollen wir nichts anbrennen lassen“, sagte der Profos eifrig und rieb sich in der Vorfreude die Hände. „Wir besprechen noch ein paar Einzelheiten und gehen unverzüglich an die Arbeit.“
Das taten sie umgehend.
Auf der „Casco de la Cruz“, wunderten sich die Dons – und ganz besonders der Kommandant.
Die „Bastarde“ schienen Schwierigkeiten zu haben, wie deutlich zu sehen war. Sie reparierten das Ruder, das anscheinend doch einen Treffer erhalten hatte. So genau ließ sich das aber nicht erkennen, weil die Sicht auf das Ruder ständig durch Kerle verdeckt war, die eifrig und aufgeregt hantierten.
„Sie haben ein Problem“, stellte Don Julio fest. „Kein Wunder, daß sie nicht weitergesegelt sind. Ruderschaden. Sie können gar nicht oder nur sehr langsam segeln. Das wird ihnen zum Verhängnis.“
„Was befehlen Sie, Don Julio?“ fragte der Erste.
„Hm, wir werden dafür sorgen, daß sie nervös werden“, entschied der Kommandant. „Lassen Sie eine Jolle mit bewaffneten Männern hinüberschicken. Sie sollen sich aber außerhalb der Reichweite ihrer Stücke aufhalten und nur beobachten. Das wird die Kerle verunsichern, wenn bewaffnete Soldaten in ihrer Nähe auftauchen. Geben Sie dem Jollenführer strenge Anweisungen. Vorerst nicht schießen und auf Distanz bleiben.“
„Verstanden, Don Julio.“
Während der Kommandant weiter beobachtete, ließ Pergoza eine Jolle mit sieben Seesoldaten bemannen. Ein Teniente führte sie, dem er alles das eintrichterte, was der Alte befohlen hatte.
Die Jolle legte ab und nahm Kurs auf die „Isabella“, hielt dabei aber sehr großen Abstand.
Anfangs schienen die Kerle das nicht zu bemerken, doch dann wurde einer aufmerksam und deutete erregt zu der Jolle. Er rief etwas, das Don Julio nicht verstand.
Daraufhin hasteten zwei Kerle an Deck und hantierten an einer der Drehbassen.
De Vilches sah das mit hämischem Vergnügen.
„So einfach geht das, um ein paar Kerle in Panik zu versetzen“, sagte er. „Sie sind verunsichert und warten ab, wissen aber nicht, was wir vorhaben.“
Pergoza staunte selbst, daß die Kerle wahrhaftig immer unsicherer wurden, seit die Jolle mit den Seesoldaten aufgekreuzt war. Sie unterbrachen ihre Arbeit, nur einer hämmerte noch am Ruderblatt herum, warf aber dabei immer wieder nervöse Blicke zu der Jolle.
„Tatsächlich“, sagte er erstaunt. „Dabei haben wir ihnen noch gar nicht die Zähne gezeigt.“
„Das ist vorerst auch nicht nötig“, sagte de Vilches hochnäsig. „Mitunter genügt die bloße Anwesenheit. Möglicherweise sind sie sich erst jetzt darüber im klaren, was sie angerichtet haben, wenn sie das gestrandete Schiff sehen. Sie haben sich wohl doch überschätzt. Angst vor der eigenen Courage nennt man das, mein Lieber.“
Die Drehbasse wurde herumgeschwenkt und auf die Jolle gerichtet.
Don Julio verzog höhnisch die Mundwinkel. Die Entfernung war viel zu groß. Sie konnten nichts ausrichten. Aber das bewies ihm wieder, daß sie doch sehr nervös waren.
Er betrachtete noch einmal die Männer auf dem Schiff. Dann kratzte er sich nachdenklich das Kinn.
Irgend etwas stimmte dort drüben nicht. Er hatte das Gefühl, als seien nicht mehr so viele Leute an Bord. Vielleicht täuschte er sich auch nur, weil sich unter dem Heck eine Menge aufhielten.
Na ja, das war jetzt nicht weiter wichtig. Wichtig war, daß die Kerle sich immer unbehaglicher zu fühlen begannen. Besonders nervös war der Mann an der Drehbasse, der sie wie ein Wilder schwenkte und mit dem Rohr jeder Bewegung der Jolle folgte.
Dann feuerte er in seiner Nervosität und drückte die Lunte auf das Zündloch.
Ein dunkelroter Blitz fuhr aus dem Rohr. Es gab einen donnernden Knall, und im Wasser erschienen viele kleine Fontänen.
Für die anderen war der Schuß offenbar ein Signal. Sie wurden noch kribbeliger und brüllten durcheinander. Der Schütze rannte nach achtern und beschwichtigte den aufgeregten Haufen durch wilde Gesten und gebrüllte Worte.
Don Julio de Vilches gluckste. Das Glucksen drang tief aus seiner Kehle und sollte ein Lachen andeuten.
„Angst vor der eigenen Courage“, wiederholte er. „Eine geradezu ergötzliche Vorstellung, daß sie auf einmal die Hosen voll haben. Señor Pergoza, lassen Sie sofort aus den beiden noch verbliebenen Backbordgeschützen feuern. Oder sind die bereits ebenfalls nach achtern gebracht worden?“
„Nein, noch nicht, Don Julio. Darf ich dazu bemerken, daß der Winkel viel zu spitz ist? Wir werden auf mindestens zwei Schiffslängen vorbeifeuern.“
„Haben Sie denn meine Taktik noch immer nicht begriffen, Sie Unschuldslamm? Zermürben, in Panik versetzen! Sie sehen doch, wie die Kerle fast überängstlich reagieren. Schon das Boot hat sie völlig durcheinander gebracht. Los, lassen Sie die Musik aufspielen!“
Pergoza gab den Befehl einigermaßen verblüfft an den Stückmeister des Zwischendecks weiter.
Der wunderte sich nicht lange und fragte auch nicht, ob er vorbeischoß oder traf. Ihm war das gleichgültig. Er hatte einen Befehl auszuführen, und das tat er mit eifriger Hingabe.
Zwei Zehn-Pfünder gingen auf die Reise. Im Rumpf krachte es so laut, als fliege die Galeone auseinander. Die Resonanz war unglaublich stark und ging selbst de Vilches durch und durch. Er spürte, wie die Planken unter seinen Füßen bebten und ein wilder, höllischer Gesang durch das gesamte Schiff ging.
Dafür war der Effekt um so erstaunlicher.
Auf der „Isabella“ gerieten die Kerle schier aus dem Häuschen, als unvermittelt zwei Zehn-Pfünder krachten. Beide Kugeln donnerten in die See und ließen sie wild aufschäumen. Sie lagen allerdings sehr weit querab und richteten keinen Schaden an.
„Noch zwei!“ schrie Don Julio. Sein faltiges Gesicht, sonst eingetrocknet und leblos wirkend, blühte sichtlich auf, als er den „Erfolg“ seiner Ballerei sah.
Noch zweimal ging ein Bersten und Krachen durch das Schiff. Die Resonanz übertrug sich dabei auf alle Decks und ließ sogar die Masten heftig vibrieren.
Wieder schlug es an fast der gleichen Stelle ein. Gleichzeitig näherte sich auch die Jolle von der anderen Seite her dem vermeintlichen Ruderhavaristen.
Das Aufbrüllen der Stücke war tatsächlich ein Erfolg. Don Julio war jetzt restlos davon überzeugt, daß die Kerle mit ihren Nerven langsam am Ende waren.
Zwei wurden von solcher Panik ergriffen, daß sie sich mit einem wilden Sprung ins Wasser stürzten. Sie waren noch nicht richtig aufgetaucht, als sie auch schon zum Land schwammen.
Ein weiterer hüpfte ebenfalls ins Meer, zappelte im Wasser und schrie gellend um Hilfe.
De Vilches ließ seine knöcherne Faust krachend auf den Handlauf der Balustrade sausen.
„Wir kriegen sie“, sagte er heiser. „Das wird mein Triumph! So kann ich mich wenigstens an den Kerlen schadlos halten. Genau beobachten, wohin sie rennen. An Land fassen wir die Halunken später, und dann werde ich alles aus ihnen herausprügeln, was ich wissen will. Bewahren Sie dieses Beispiel in Ihrer Erinnerung, Pergoza. Eines Tages können Sie auf diese List auch einmal zurückgreifen. Sehen Sie sich jetzt genau an, was drüben geschieht.“
Pergoza schluckte trocken. Er konnte trotz allem nicht glauben, was er sah, doch es war nüchterne Wirklichkeit.
Hinter dem Ruderblatt schwammen ein paar Hölzer im Wasser, mit denen die Kerle ihr Flickwerk begonnen hatten. Jetzt ließen sie alles einfach im Stich.
Über eine Jakobsleiter enterten noch ein paar Kerle ab und drängten sich in der Jolle. Das Beiboot wurde abgestoßen, dann pullten sie wie die Wilden zum Land hinüber, wo sie für etliche Augenblicke hinter der Landzunge verschwanden. Die anderen an Bord warteten ungeduldig, daß man sie ebenfalls holte. Ein Kerl konnte es vor Angst mal wieder nicht erwarten und wählte den kürzeren und schnelleren Weg direkt ins Wasser.
An Land tauchten die Kerle wieder auf und verschwanden in wilden Sprüngen hinter den flachen Sandhügeln. Manche rannten, als sei der Leibhaftige hinter ihnen her.
De Vilches konnte sich kaum beruhigen. In seinem Blick lag Genugtuung, und er reckte die magere Brust raus.
„Das war ihr größter Fehler“, erklärte er kühn. „Diese übereilte Flucht wird ihnen das Genick brechen, mein Lieber. Da, jetzt kehrt die Jolle wieder zurück.“
„Tatsächlich“, murmelte Pergoza fassungslos.
Ein Mann pullte die Jolle wie ein Verrückter zum Schiff. Seine Arme bewegten sich wie Dreschflegel.
„Noch zwei Schuß!“ befahl de Vilches. „Wir werden sie völlig zermürben. Die Flucht dieser Bastarde ist für mich wie Musik in den Ohren. Sie kriegen noch einen Ehrensalut für ihre Feigheit.“
Jetzt enterten auch die letzten Kerle in die Jolle ab, die erneut Kurs auf die Landzunge nahm.
Die beiden Zehn-Pfünder wühlten wieder das Meer auf und beschleunigten die Ruderer ganz enorm.
De Vilches lachte mißtönend und höhnisch.
Er sah allerdings nicht, daß ein Großteil der Männer wieder zurückschwamm und an einer Seite aufenterte, die er selbst nicht einsehen konnte. Auch für die Jolle lag dieses Blickfeld im toten Winkel.
De Vilches sah nur den scheinbaren Erfolg und flüchtende Männer, die ihre Jolle einsam am Strand zurückgelassen hatten. Weitere Kerle verschwanden in wilden Sprüngen hinter den Hügeln.
„Vielleicht ist das ein neuartiger Trick“, murmelte Pergoza hilflos.
De Vilches musterte ihn durchdringend und fast verächtlich von oben bis unten.
„Sie haben wohl überhaupt noch nichts begriffen“, sagte er von oben herab. „Gar nichts haben Sie kapiert.“
Er sah, wie die eigene Jolle jetzt Kurs auf das verlassene Schiff nahm und sich ihm näherte.
„Pfeifen Sie augenblicklich die Kerle zurück“, befahl er schrill. „Sie erhalten von mir erst detaillierte Anweisungen, ehe sie eingreifen dürfen. Los, pfeifen und winken Sie!“
Zwei grelle Pfiffe ertönten. Pergoza winkte aufgeregt. Er wußte wirklich nicht, was er von der ganzen Sache halten sollte.
Als die Jolle mit den Seesoldaten abdrehte, griff er zum Spektiv und musterte die „Isabella“ genau und ausgiebig.
Er sah keinen Menschen mehr an Deck. Es war nicht zu fassen, aber die Kerle hatten ihr Schiff feige im Stich gelassen und waren an Land geflüchtet.
„Keiner mehr an Bord“, meldete er.
„Das sage ich doch, sie haben sich abgesetzt, weil sie Angst hatten. An Land versprechen sie sich noch eine Chance zum Überleben, aber die werden sie garantiert nicht mehr haben. Wir fangen sie alle ein, einen nach dem anderen. Sie werden heute abend ein grandioses Schauspiel erleben. Die Gefangenen werden natürlich zur Zwangsarbeit auf unserem Schiff verpflichtet und in Eisen gelegt, sobald wir wieder flott sind. Vorher aber werde ich ihnen die Seelen aus dem Leib peitschen lassen.“
Er blickte zu der Jolle, die sich näherte. Als sie an die Bordwand stieß, sah er hinunter und deutete mit dem dürren Zeigefinger auf den Teniente.
„Das Schiff durchsuchen“, sagte er hart. „Alles durchstöbern. Krempeln Sie die Räume um, Teniente, lassen Sie keine Ecke aus. Falls sich noch ein Bastard an Bord versteckt hat, ist er sofort in Gewahrsam zu nehmen. Unblutig, versteht sich, mit Toten kann ich nichts anfangen. Sobald die Galeone requiriert ist, gehen Sie wieder von Bord und an Land. Dort jagen Sie die Flüchtlinge. In dem Fall ist auch Waffengewalt anzuwenden, falls die Kerle sich nicht ergeben. Aber einige von ihnen brauche ich unbedingt lebend. Sie haften mir dafür. Haben Sie alles genau verstanden?“
„Si, Don Julio, alles verstanden.“
„Sehr gut. Dann pullen Sie jetzt hinüber und entern Sie mit gebotener Vorsicht auf. Vollzugsmeldung in spätestens einer Stunde, noch vor Anbruch der Dämmerung.“
Der Teniente salutierte. Die Jolle wurde zurückgepullt und legte etwas später an der „Isabella“ an.
Zum ersten Male seit langer Zeit lag ein stilles Leuchten auf dem Gesicht des geprüften Kommandanten.
Jetzt würde sich seiner Meinung nach endlich alles aufklären, und er sah im Geist auch schon die elf Schatzschiffe vor sich, die er nach Spanien bringen würde.
9.
Ein paar Männer befanden sich tatsächlich an Land, damit Don Julio keinen Verdacht schöpfte.
Die anderen hatten den Geheimgang aufgesucht und sich versteckt, wo sie jetzt abwarten, was weiter geschah.
„Einen größeren Gefallen hätten die Dons uns gar nicht tun können, als sie das Feuer eröffneten“, sagte Ribault erheitert.
„Mann, was habe ich Angst gekriegt“, meinte der Profos. „Hundert Yards haben die Kerle vorbeigeballert. Ob der Alte das wirklich gefressen hat?“
„Es sah jedenfalls sehr überzeugend aus“, versicherte von Hutten. „Außerdem braucht er jetzt ganz dringend ein Erfolgserlebnis nach allem, was er hinter sich hat. In einem derartigen Zustand wird man leichtsinnig und sieht alles mit anderen Augen. Jetzt bleibt nur noch zu hoffen, daß sie auch wirklich alle an Bord aufentern.“
Roger Lutz hockte achtern in Hasards ehemaliger Kammer und peilte durch das Bleiglasfenster die Lage. Was er sah, gab er an Grand Couteau weiter, der in dem geöffneten Geheimgang hockte und Verbindung zu den anderen Männern hielt, die er seinerseits über die augenblickliche Lage informierte.
Vorn am Mannschaftslogis saßen ebenfalls zwei Späher, die Kontakt zu den anderen im Geheimgang hielten, der sich über dem Kielschwein durch die gesamte Galeone zog. Von See her konnte man sie unmöglich sehen.
„Sie legen gleich an“, raunte Roger Lutz zu Grand Couteau. „Ich werde bis zum letzten Augenblick beobachten. Dann müssen wir nach unten verschwinden, denn meist nehmen sie sich die Kammer des Kapitäns zuerst vor.“
Tief unten im Schiff waren sie blind wie Maulwürfe und auf die Zeichen und das Flüstern angewiesen. Hier unten hörte sich auch alles anders als an Deck an. Die Geräusche verzerrten sich.
„Insgesamt sieben Dons“, flüsterte Roger Lutz. „Alle mit Musketen und Pistolen bewaffnet – wie vorhin schon. Es sind dieselben Kerle.“
Die Jolle legte ziemlich hart an. Roger Lutz verließ seinen Posten und spähte durch das angelehnte Schott nach draußen. Durch die Bleiglasfenster konnte er aus seinem Blickwinkel nichts mehr sehen.
Ein dumpfes Wummern war zu hören.
Als erster enterte ein Teniente auf, der auf der Kuhl stehenblieb und vorsichtig und mißtrauisch die Lage sondierte. Er hielt eine Muskete schußbereit in den Fäusten, hatte sich etwas vorgebeugt und lauschte auf irgendwelche Geräusche.
Auf dem Schiff rührte sich nichts.
Roger Lutz stand im Halbdunkel der Kammer und konnte nicht gesehen werden. Das Sonnenlicht fiel schräg auf die Decks und blendete den Spanier auf der Kuhl.
„Meldet euch, ihr Bastarde!“ sagte der Spanier in die Totenstille hinein. „Wir zünden jetzt das Schiff an. Wer freiwillig an Deck erscheint, dem passiert nichts.“
Solche miesen Tricks kamen bei den Mannen von Jean Ribault und den Arwenacks allerdings nicht an. Sie konnten sich nicht mal zu einem müden Lächeln durchringen.
Der Teniente stieß ein Schott auf und sah hinein. Es war die Kombüse. Sie war leer und verlassen, als er den Lauf der Muskete hineinhielt.
Er stieß auch noch ein weiteres Schott auf und wiederholte seine Drohung etwas lauter.
Alles blieb totenstill. Nur weit entfernt an Land entdeckte er einen Kerl, und das gab ihm die Sicherheit zurück. Sie waren alle einfach abgehauen, diese Feiglinge!
Er trat ans Schanzkleid und rief hinunter: „Alle aufentern!“
Getrappel war zu hören. Einer nach dem anderen enterte auf, trat auf die Kuhl und sah sich unbehaglich um. Die Musketen hielten sie dabei schußbereit in den Fäusten. Zwei Dons waren lediglich mit doppelläufigen Pistolen bewaffnet.
„Alle sieben Mann an Bord“, meldete Roger Lutz.
Er trat vom Schott zurück, ließ es angelehnt und begab sich in den Geheimgang. Hinter der Wandvertäfelung schloß sich eine Klappe, unsichtbar für einen Fremden, der den Mechanismus nicht kannte.
Getrappel jetzt an Deck, Befehle und Kommandos.
„Zwei Mann mit nach achtern. Zuerst die Kapitänskammer durchsuchen!“ rief der Teniente. Er hatte jetzt offenbar Mut gefaßt.
Harte Tritte wandten sich nach vorn, ein paar andere gingen nach achtern. Der Teniente führte sie großspurig an.
Mit dem Kolben stieß er das Schott auf und blickte in den Raum. Auch er war verlassen.
Er räusperte sich. In seinem Gesicht zuckte es, als er die Schapps, das Pult und die Kojenkiste sah.
„Alles in Ordnung“, schnarrte er die beiden Kerle an. „Ihr könnt nach vorn gehen, ich sehe mich inzwischen hier mal um.“
Er hatte vor, ein bißchen zu plündern, und als die Soldaten verschwunden waren öffnete er ein Schapp, fand eine Buddel Rum, nahm sie heraus und öffnete sie, wobei er sich nach allen Seiten umsah. Dann gluckerte er schnell einen weg.
Dann stöberte er etwas herum, grinste und nahm wieder einen Schluck.
Das Grinsen verging im allerdings, als wie aus dem Nichts unvermittelt ein riesiger, narbiger Kerl mit einem Rammkinn auftauchte. Der Kerl schien aus den Planken gewachsen zu sein.
Der Teniente schrak so heftig zusammen, daß er sich nicht rührte und nur fassungslos diesen narbigen Kerl anstarrte.
Der war ganz freundlich und fragte trocken: „Na, Rübenschwein, hat’s geschmeckt?“ Dabei deutete er auf die Buddel.
Der Teniente schluckte hart, denn der Kerl griff blitzschnell nach seiner funkelnden Hurratüte. Er nahm sie in die linke Hand, grinste und holte dann mit der rechten Hand aus. Die war zur Faust geballt und nannte sich „Profoshammer“.
Aber das wußte der Teniente noch nicht. Er hatte nur einen halben Lidschlag lang das Gefühl, als habe ihn ein Pferdehuf getroffen. Dann flog er in die Koje und blieb regungslos mit ausgebreiteten Armen darin liegen.
„Der erste Seesack ist backgebraßt“, sagte Carberry zufrieden und hauchte über seinen Knöchel. Der Don hatte ein hartes Kinn. Aber das half ihm jetzt auch nicht mehr.
Carberry wartete ab, und weil ihm das Warten zu lange dauerte, nahm er ebenfalls einen Zug aus der Buddel, bis er Schritte hörte.
Aha, einer der Kerle kreuzte auf, um dem Teniente Meldung zu erstatten. Konnte er haben.
Der ahnungslose Seesoldat hörte scheinbar seinen Vorgesetzten in der Kammer rumoren und betrat ebenso ahnungslos den Raum.
„Oh – oh – Madre …“, sagte der Don verdutzt.
„Nix Madre, ich bin der Padre“, sagte Carberry, „und da hab ich den Segen für dich drin.“
Auf den Don flog eine Faust, die wie ein Hammerwerk zuhieb. Es zog ihm fast die Stiefel aus. Der Segen fiel so großzügig aus, daß der Don sofort erschlaffte.
„Sich regen, bringt Segen“, kommentierte der Profos und warf den Kerl zu dem Teniente in die Koje.
Na, einer wird schon noch antanzen, dachte er, und damit lag er richtig. Auch der nächste erschien und lernte den Profoshammer kennen. Die Verstörtheit wich aus seinem Gesicht. Es wurde still und friedlich, und der Profos glaubte sogar, ein „dämliches Grinsen“ darin zu erkennen.
Jetzt lagen drei Spanier in der Koje. Zum Leidwesen des Profosen erschienen keine weiteren, aber dafür hörte er ein trockenes Schluchzen irgendwo unter sich, und da wußte er, daß auch der vierte Don seinen vorläufigen Frieden gefunden hatte.
Die restlichen Seesoldaten wurden von den Mannen im Vorschiff übergangslos abgeräumt. Sie waren wie gelähmt, als vor ihnen plötzlich Kerle auftauchten, die buchstäblich aus dem Nichts erschienen.
Sie wurden in den Geheimgang gezerrt und nach achtern in Hasards Ex-Kammer gebracht. Dort stapelten sich jetzt sieben bewußtlose Dons.
Einer nach dem anderen erschien von Ribaults Mannen.
„Da haben wir ja den Haufen“, meinte der Franzose unbekümmert. „Ganz so, wie ich vermutet habe. Und niemand hat auch nur den geringsten Verdacht geschöpft. Zieht die Burschen aus und legt die Plünnen selbst an. Schließlich müssen wir auf unser Schiffchen zurückkehren.“
„Das wird ein Spaß“, sagte der Profos und begann damit, die regungslosen Dons zu entkleiden.
Zu seinem großen Leidwesen war jedoch nichts dabei, was ihm paßte.
„Macht nichts“, sagte Ribault. „Du bist sowieso viel zu groß und würdest nur auffallen. Du hast drei Kerle abgeräumt. Jetzt laß bitte den anderen den Vortritt.“
Da mußte sich der Profos schweren Herzens fügen, aber er konnte in der Zwischenzeit ja die anderen Dons bewachen.
Ribault zog sich um, dann Jack Finnegan, Higgy, Roger Lutz und die anderen, bis sie sieben an der Zahl waren.
Sie musterten sich gegenseitig und grinsten sich an.
„Wir warten noch eine halbe Stunde“, sagte Jean Ribault. „Dann herrscht genau das Zwielicht, das wir brauchen. Die Zeit nutzen wir, um ein paar Pulverfäßchen in die Jolle zu verstauen. Der gute Don Julio wird zwischen Dämmer und Nacht keinen Unterschied bemerken. Wir müssen nur noch die Jolle auf die andere Seite bringen.“
„Ohne, daß die drüben es merken“, sagte von Hutten. „Das übernimmst am besten du selbst in deiner schönen Uniform.“
Ribault ähnelte dem Teniente auf ein paar Yards ziemlich verblüffend.
Er ging an Deck und ließ sich von drei anderen begleiten. Dann sah er zur „Casco de la Cruz“ hinüber und zeigte kurz klar.
Don Julio winkte höchstpersönlich zurück, als sie die Jolle auf die andere, nicht einsehbare Seite brachten.
Die Dons sahen auch nicht, daß ein paar Fäßchen Schießpulver in die Jolle geladen wurden. Wenn sie die Fässer später entdeckten, würden sie sie für eine erste Beute halten.
Die Sonne versank langsam im Westen. Der Himmel wurde merklich dunkler. An der westlichen Kimm stand eine lilafarbene Wolkenbank aus bizarren Mustern.
Von der Kriegsgaleone gellten Pfiffe. Ein Mann winkte nachdrücklich und pfiff erneut.
„Aber ja doch“, sagte Ribault. „Ihr fliegt noch früh genug in die Luft. Könnt es wohl gar nicht mehr erwarten, wie?“
„Wir sind bereit“, sagte von Hutten und warf einen letzten Blick über die leeren Decks der „Isabella“.
Sie enterten ab und begannen zu pullen. Bei dem jetzigen Licht unterschieden sie sich in nichts von den sieben Dons, die Don Julio de Vilches in Marsch gesetzt hatte.
Ribault musterte das Achterdeck der riesigen Galeone, die wie ein zusammengefallenes Gebirge zur Hälfte im Wasser lag. Kein Bewaffneter war zu sehen. Aber etliche Dons standen neugierig herum und sahen ihnen gespannt entgegen.
„Sie haben Wein mitgebracht!“ schrie einer vom Deck aus freudig.
„Längsseits am Backbord anlegen. Teniente!“ rief Don Julio. „Alles in Ordnung?“
„Alles in Ordnung, Don Julio“, versicherte Ribault.
Statt an Backbord anzulegen, pullten sie am Rumpf des Schiffes vorbei, bis sie das gewaltige Hennegat erreichten.
Gerade noch sah Jean Ribault den greisen Schädel des Don Julio verschwinden, der sich hinunter gebeugt hatte.
„Mittschiffs anlegen!“ schrie Don Julio. „Haben Sie meinen Befehl nicht verstanden? Mittschiffs habe ich gesagt. Ja, wo sind sie denn?“ hörten sie ihn gleich darauf fragen.
Das Hennegat war ebenfalls wegen seiner starken Krümmung von oben nicht einzusehen.
Karl von Hutten zündete die Lunten, die die Schießpulverfässer miteinander verbanden.
Ribault und Roger Lutz vertäuten die Jolle so fest, wie es nur ging. Schnell wurde noch einmal alles überprüft.
„Leise über Bord“, raunte der Franzose. „Hinüber zum Land. Auf der Sandbank können wir laufen. Inzwischen kehren auch die anderen wieder vom Land zurück. Die restliche Strecke schwimmen wir.“
„Uns bleiben vier Minuten“, sagte von Hutten. „Bis dahin müssen wir verschwunden sein.“
Sie glitten über Bord und schwammen von der Jolle weg, in deren Innern es leise zischte. Von oben hörten sie de Vilches quengeln und nörgeln.
Nach drei Minuten, in denen ungeduldig gerufen wurde, erreichten sie die Sandbank und begannen zum Land zu laufen.
Erstaunte Blicke folgten ihnen. Niemand begriff, was da vor sich ging.
Sie begriffen es erst ein wenig später.
Ein Blitz zuckte auf, so grellweiß und blendend, als sei schlagartig die Sonne aufgegangen. Eine fürchterliche Explosion riß mit einem gewaltigen Donnerschlag der Kriegsgaleone das halbe Heck weg.
Ribault sah noch, wie de Vilches in einer grotesk anmutenden Bewegung in die Höhe gewirbelt wurde und sich dabei mit einem langen Salto in der Luft überschlug, bevor er ins Wasser klatschte. Vermutlich hatte sich der Ärmste das ganze Knochengestell verstaucht.
Das Achterschiff fing Feuer, eine heiße Glutwelle raste heran, und die Druckwelle fegte sie fast zu Boden.
Auf der „Casco de la Cruz“ war der Teufel los. Das Schiff war nicht mehr zu retten. Brüllende Spanier verließen es in überstürzter Flucht und sprangen in Panik über Bord.
Noch während die Flammen loderten, waren Ribault und die sechs anderen Männer wieder an Bord ihres Schiffes. Sie hatten die riesige, uneinnehmbare Festung doch noch geknackt.
„Ankerauf“, sagte Ribault, als alle Mannen an Bord waren. „Wir segeln dem Verband nach.“
Der Profos aber war damit beschäftigt, die sieben „Kastanienfresser zu löschen“, die sich noch an Bord befanden. Er warf einen nach dem anderen kurzerhand ins Wasser …
ENDE

1.
Die „Isabella IX.“ klüste nordnordwestwärts. Die mauretanische Küste lag bereits weit hinter ihr – ebenso die viermastige spanische Kriegsgaleone „Casco de la Cruz“. Aber die war nicht mehr in einem Stück, sondern vielmehr ein nutzloser Trümmerhaufen, der auf einer Sandbank vor sich hin kokelte. Und Spanien war weit, jedenfalls für jene Dons, die sich an die verlassene Küste gerettet hatten.
Da hatten sich die Mannen Jean Ribaults, die jetzt auf der „Isabella IX.“ fuhren, wieder mal ein bravouröses Stückchen geleistet. Der Profos Edwin Carberry nannte das „Kastanienfresser löschen“. Er war zur Zeit zusammen mit Matt Davies, Jack Finnegan, Paddy Rogers, dem Iren Higgy und Batuti auf die „Isa“ detachiert, um die Ribault-Crew zu verstärken.
Nach der Vernichtung der „Casco“ ging es Jean Ribault darum, möglichst schnell zu Philip Hasard Killigrew und Arne von Manteuffel zurückzukehren, die mit der Schebecke der Seewölfe und der „Wappen von Kolberg“ unverfroren „Geleitschutz“ für den spanischen Konvoi fuhren und diesen sogar auf Irland-Kurs dirigiert hatten.
Die Vernichtung der „Casco“ lag zwei Tage zurück. An diesem Tag hoffte Jean Ribault, die Freunde und den Geleitzug zu erreichen, der sich mit Nordkurs jetzt etwa zweihundert Meilen nördlich von Madeira befinden mußte.
Sie hatten die „Isa“, dieses schnelle Schiffchen der Seewölfe, mit günstigem Backstagswind aus Südwesten auf Teufel komm raus vorangeprügelt und alles an Tuch gesetzt, was zur Verfügung stand, sogar Leesegel an Fock- und Großsegelrah. Die schlanke Galeone mit den überlangen Masten schäumte nur so durchs Wasser.
Den Ausguck im Vormars hatte in diesen Vormittagsstunden Roger Lutz übernommen, der schlanke, schwarzhaarige Mann aus Calais, der so elegant mit dem Degen fechten konnte, jedoch eine Schwäche hatte: die Frauen. Sein Pech war, daß er nicht vor Anker gehen konnte – oder er hätte sich einen Harem anschaffen müssen. Nur paßten ein Seemann und ein Harem so gut – oder so wenig – zusammen wie ein Salzhering mit Erdbeeren und Schlagsahne.
Roger linste durchs Spektiv, aber an seinem geistigen Auge schwänzelten hüftenwackelnde Schleiertänzerinnen vorbei. Na ja, die Hüften waren nicht das einzige, was wackelte. Eine Frau besteht ja nicht nur aus Hüften, nicht wahr?
Roger pfiff durch die Zähne, denn seine geistigen Bilder waren unerhört plastisch, seine Phantasie auch.
„Oi-oi-oi!“ sagte er entzückt.
Der Profos, der unten auf der Back stand, äugte zu ihm hoch.
„Ist was?“ fragte er. Genau wie die anderen lauerte er darauf, daß endlich der Konvoi gesichtet wurde. „Hast du was entdeckt?“
„Wie?“ Roger plierte zum Profos hinunter.
„Ich fragte, ob du was entdeckt hast. Du sagtest ‚Oi-oi-oi‘.“ In der Stimme Carberrys klang ein leises Grollen mit.
„Nein, nichts in Sicht“, erwiderte Roger Lutz.
„Und was soll dann das dämliche ‚Oi-oi-oi‘?“
„Äh – da war voraus ein Fisch aus dem Wasser gesprungen.“
Der Profos konnte dazu nur den Kopf schütteln. Fische sprangen immer mal aus dem Wasser. Warum dieser Kerl da oben das mit „Oi-oi-oi“ bewunderte, war ihm schleierhaft.
Roger Lutz spähte wieder durchs Spektiv und suchte die Kimm voraus ab, diesen messerscharfen Strich zwischen See und Himmel. Die Sicht war ausgezeichnet, kein Dunst über dem Wasser, Sonnenlicht, das einen glitzernden Teppich über die See legte. Die gesamte Kimm rings um die „Isabella IX.“ war wie leergefegt.
Carberrys Blick fiel auf Pierre Puchan, der ebenfalls auf der Back stand, gerade seine Perücke anlüftete und sich die Glatze kratzte.
„Juckt das Ding?“ erkundigte er sich. Er dachte an den Wikinger, der sich am Helm zu kratzen pflegte.
„Das geht dich einen Scheiß an!“ schnappte Pierre Puchan. Bei Bemerkungen über seine Glatze oder die Perücke reagierte er in der Regel grantig.
„He-he!“ sagte der Profos etwas verdutzt. „Man wird doch wohl mal fragen dürfen.“
„Ich frag dich ja auch nicht, ob’s in deinem Maul zieht“, knurrte der Franzose gereizt.
„In meinem Maul zieht?“ wiederholte der Profos, immer noch verdutzt. „Was soll das denn?“
Pierre Puchan wurde boshaft. „Na! Bei der Zahnlücke! Da pfeift doch der Wind durch und achtern wieder raus!“
Der Profos begriff – und er dachte an den Mann, dem er die Zahnlücke zu verdanken hatte – Philip Hasard Killigrew. Sein Blick wurde fast träumerisch. Oha! War das ein Schlag gewesen, härter als jeder Profoshammer. Seit diesem Schlag hatte der Seewolf beim Profos einen Stein im Brett. Einen? Ein ganzes Gebirge!
Und jetzt spielte diese miese Gurke von Glatzkopf auf die Zahnlücke an, auf die beiden fehlenden Zähne im Untergebiß, deren letzten Reste damals Mac Pellew hatte herauspolken müssen. Auweih!
Carberrys Blick wurde weniger träumerisch, dafür begannen seine grauen Augen zu glitzern.
„Hör mal zu, M’sieur“, sagte er sehr freundlich und sehr leise – und beides deutet beim Profos auf Sturm, was die Mannen des Seewolfs in der Regel zu respektieren pflegten. „Du kannst noch so eine dämliche Bemerkung von dir geben, aber dann verhelfe ich dir zum Totaldurchzug in deinem Maul, nicht zu ’ner Lücke. Und achtern säuseln dann nicht mehr die Lüftchen, sondern da pfeifen die Böen raus. Hast du das verstanden, du unbehaarter Affenarsch?“
Pierre Puchan zuckte zusammen. Seiner Glatze war eine zweite Beleidigung hinzugefügt, worden. Und da ballte sich seine rechte Hand zur Faust.
Der Profos sah es und warnte: „Laß es lieber sein, Glatzkopf!“
Pierre Puchan schlug trotzdem zu – das kleine Wörtchen „Glatzkopf“ hatte es ausgelöst. Dabei hätte ihm das wilde Grinsen des Profosen der Arwenacks signalisieren müssen, daß der es darauf anlegte, ihm eine feuern zu können.
Jedenfalls, Pierre Puchan überschätzte sich – und unterschätzte den rauflustigsten Kämpfer der Arwenacks. Er hätte eben mal eine Weile bei den Seewölfen an Bord fahren müssen, um die diesbezüglichen Qualitäten des Edwin Carberry ausloten zu können. Denn die waren wirklich einzigartig.
Der Profos blockte geradezu gelangweilt und mit dem linken Unterarm den Schlag des Franzosen ab und setzte ihm den Profoshammer aufs Maul.
Pierre Puchan törnte ab. Die Perücke flog ihm dabei eh davon – eine Folge des Überschlags, den der Hammer bewirkt hatte. Er krachte gekrümmt ans Steuerbordschanzkleid, blieb dort versammelt und spuckte Zähne aus. Der Profos zählte sechs und war keineswegs befriedigt. Sein Hammer war schon mal besser gewesen, weiß Gott.
Bevor er zu weiteren Taten schreiten konnte, um den Durchzug zu vervollkommnen – schließlich hatte er das dem Kerl ja versprochen –, stoppte ihn die Stimme Jean Ribaults. Eine sehr freundliche Stimme, ruhig und gelassen, ohne Zorn und Tadel, ja, eher mit einer kleinen Portion Anerkennung gemischt.
„Laß es sein, Ed“, sagte der derzeitige Kapitän der „Isabella“. „Sechs ausgeschlagene Zähne genügen – ich will schließlich nicht mit Mummelgreisen zur See fahren. Klar?“
„Aye, aye, Sir“, erwiderte der Profos gewohnheitsmäßig.
Jean Ribault grinste nur. Im stillen beneidete er Philip Hasard Killigrew um dieses Monster von Profos. Er wußte, was Ed Carberry für ein Kerl war, ein Kerl, der sich für seinen Kapitän in Stücke hauen ließ. In seiner Crew – und das waren alle keine Chorknaben – fehlte so ein Mann, der eben noch besser war als diese Chorknaben.
Es war richtig, daß er Pierre Puchan was aufs Maul gedroschen hatte. Männer, die wegen einer lächerlichen Glatze in Harnisch gerieten, denen mußte beigebügelt werden, daß es ihnen an nichts mangelte. Es gab schlimmere Sachen.
Und bei dieser Überlegung schaute Jean Ribault zu Matt Davies, dem eine Prothese mit Haken den rechten Unterarm ersetzte. Den foppte keiner, daß ihm was fehlte. Und wenn, dann erregte ihn das nicht. Er hatte viel zu oft bewiesen, daß dieser Haken mehr wert war als eine Hand.
Blieb also die Glatze, die Pierre Puchan schamhaft mit einer dämlichen Perücke tarnte. Dabei sagte man, daß Männer mit Glatze bei Frauen keineswegs Abscheu erregten – im Gegenteil!
Pierre Puchan wuchtete sich inzwischen zum Sitz hoch und stierte auf die Planken, wo seine Beißerchen lagen. Den richtigen Durchblick hatte er noch nicht. Seine Augen waren glasig.
„Nichts für ungut, M’sieur“, sagte der Profos freundlich, „aber ohne Perücke siehst du besser aus. Kannst du auf diese Zotteln nicht verzichten?“ Er bückte sich und hob die Perücke auf, eine mit braunhaarigen Locken. Kopfschüttelnd betrachtete er sie und drehte sie hin und her. Schließlich roch er an ihr und verzog mißbilligend das Gesicht. „Müßte auch mal gewaschen werden, das Ding“, murmelte er, blickte zu Pierre Puchan und fügte hinzu: „Soll ich sie über Bord schmeißen?“
„Üsch brüng düsch üm!“ nuschelte der Franzose. Er hatte jetzt Schwierigkeiten mit dem Sprechen. Seine Lektion hatte er auch noch nicht gelernt. Schwankend rappelte er sich auf die Füße.
„Übernümm düsch nücht“, sagte der Profos erheitert.
„Schluß jetzt“, sagte Jean Ribault scharf. Er war auf der Back erschienen und trat zwischen die beiden Kontrahenten – mit Front zu Pierre Puchan. „Hier wird niemand umgebracht, verstanden? Und dich mit dem Profos der Seewölfe anzulegen, war das Dümmste, was du tun konntest, Pierre Puchan. Daß er dir was aufs Maul schlug, hast du dir selbst zuzuschreiben. Hör endlich auf, über deine Glatze zu jammern und jedem an die Gurgel zu fahren, der sich darüber äußert. Eric Winlow hat ebenfalls keine Haare auf dem Kopf, aber der stellt sich nicht so an wie du. Und dort auf der Kuhl steht Fred Finley, dem das rechte Auge fehlt. Aber ich habe ihn noch nie klagen hören …“
Jean Ribault wurde unterbrochen. Roger Lutz brüllte aus dem Vormars: „Dünne Rauchwolke voraus an der Kimm!“
Jean Ribault klopfte dem glatzköpfigen Puchan auf die Schulter und enterte zum Vormars auf.
Der Glatzkopf grinste schiefmäulig und nickte dem Profos zu. Und in seiner neuen Nuschelsprache empfahl er ihm, „düs Düng“ über Bord zu werfen, er könne drauf verzichten, und außerdem habe er noch drei Ersatzperücken in seiner Backskiste.
So segelte denn die Perücke nach Lee über Bord, klatschte aufs Wasser und entwickelte sich zum Medusenhaupt, indem die braunen Löckchen zu langen Fransen wurden und auf und nieder wogten.
Der Witz war, daß die Perücke ein paar Sekunden später attackiert und aufgespießt wurde – von einem etwa vier Yards langen Schwertfisch. Er durchstieß sie mit Wucht von unten, und sie rutschte ihm fast bis vors Maul. In einem Wasserwirbel und mit wildem Kopfschlenkern tauchte der schlanke Fisch wieder ab und verschwand.
„Fisch mit Bart“, kommentierte der Profos grinsend.
Inzwischen spähte Jean Ribault durchs Spektiv in die Richtung, die ihm Roger Lutz gezeigt hatte. Tatsächlich schwebte an der Kimm eine hauchdünne Rauchfahne, ein faseriges Gebilde, das nur zu erkennen war, weil es sich dunkel vor dem hellen Hintergrund abhob. Mit bloßem Auge war nichts zu sehen. Da hatte Roger Lutz verdammt gut aufgepaßt, denn auch mit dem Kieker mußte man sich anstrengen, um das faserige Gebilde wahrzunehmen. Wenn man die Kimm absuchte, rutschte man leicht darüber weg.
„Gut gemacht, Roger“, lobte Jean Ribault. „Du hältst es also für eine Rauchwolke?“
„Was sonst? Nebel kann es nicht sein, es geht auf den Mittag zu. Bei dem Wetter unter dieser Sonne haben sich mögliche Nebelfelder schon heute morgen aufgelöst. Außerdem ist Nebel heller.“
„Hm.“ Jean Ribault setzte das Spektiv ab und rieb sich das rechte Auge, mit dem er durch den Kieker gespäht hatte. „Dann brennt da etwas hinter der Kimm, oder es handelt sich um Pulverqualm.“
Sie blickten sich an, und Roger Lutz folgerte: „Wenn letzteres stimmt, dann befinden sich unsere Freunde im Gefecht.“
„Oder sogar beides“, sagte Jean Ribault ohne Freude, „es wird gekämpft, und ein Schiff brennt bereits – oder mehrere. Jetzt müßten wir fliegen können. Behalte die Rauchwolke im Auge, Roger. Wir bleiben auf Kurs.“
„Alles klar, Kapitän.“
Jean Ribault enterte ab.
„Na?“ fragte der Profos. Er hatte sich vergeblich die Augen ausgepliert.
„Roger hat recht“, erwiderte Jean Ribault. „Genau voraus ist an der Kimm eine dünne Rauchwolke zu erkennen.“
„Also dort, wo wir unsere Leute mit dem Konvoi vermuten“, sagte Carberry mit zusammengekniffenen Augen. „Falls deine Navigation stimmt.“
„Daß die mal stimmt, alter Freund“, knurrte Jean Ribault. Er blickte zu Pierre Puchan, der mit einer Pütz Salzwasser hochgehievt hatte und dabei war, mit dem Zeug zu gurgeln.
„Hab’ ich ihm empfohlen“, erläuterte der Profos. „Salzwasser heilt, sagt jedenfalls der Kutscher.“
„Aha. Und wo ist seine Perücke?“
Carberry grinste. „Die durfte ich über Bord werfen. Sie hat auch gleich einen Liebhaber gefunden – ein Schwertfisch hat sie aufgespießt und mit auf Tiefe genommen.“
„Du meine Güte“, murmelte Jean Ribault leicht erschüttert.
Carberry war mit seinen Gedanken bereits wieder bei der gesichteten Rauchwolke.
„Rauch über der See“, sagte er, „bedeutet in der Regel, daß dort ein Schiff brennt.“ Er rieb sich das Genick. „Mein lieber Mann, hoffentlich nicht unsere Schebecke oder die ‚Wappen‘. Was meinst du?“
„Die Rauchwolke kann auch von einem Gefecht stammen“, erwiderte Jean Ribault. Er wirkte gelassen. „Was soll’s! Spekulieren hilft uns nicht weiter, jedenfalls momentan nicht.“
„Du hast die Ruhe weg, wie?“
„Soll ich vor Aufregung von Mast zu Mast springen? In ein paar Stunden wissen wir mehr. Bis dahin heißt es abwarten, geduldig bleiben, Ruhe bewahren. Wer kribbelig wird, hat schon verloren.“
Aus der Kombüse tauchte der glatzköpfige Eric Winlow auf, der Koch der Jean-Ribault-Crew, ein etwas fett wirkender, aber dennoch sehr muskulöser Kerl mit Fäusten wie Bratpfannen.
„Backen und Banken!“ röhrte er über die Kuhl. Und um den üblichen Fragen zuvorzukommen, bölkte er gleich hinterher: „Heute gibt’s gesülzte Quallen mit geschnetzelter Regenwurmeinlage, gehackte Elefantenrüssel und gedünstete Kakerlaken! Wem das nicht paßt, der kann in der Nase bohren!“ Und damit verschwand er wieder von Deck, ohne sich um das Gefluche zu kümmern.
Natürlich stimmte nichts von dem, was er verkündet hatte. Er hegte nur den ständigen, gerechten Zorn aller Schiffsköche über Topfgucker, Meckerbolde und dußlige Frager, die dauernd wissen wollten, was es gäbe.
Paddy Rogers aus der Crew der Arwenacks war jetzt auch sichtlich verwirrt über das, was er heute mittag verspeisen sollte.
„So was hab ich noch nie gegessen“, sagte er unruhig.
„Der kohlt doch mal wieder“, tröstete ihn Jack Finnegan, der durch dick und dünn zu ihm hielt und fuchsteufelswild werden konnte, wenn man seinen Paddy wegen seines langsamen Denkens auf die Schippe nahm.
Aber die Jean-Ribault-Crew hatte selbst gleich zwei solche Schneckendenker an Bord: Dave Trooper und Gordon McLinn, den Schotten. Wenn die beiden sich unterhielten, brauchte jeder eine halbe bis eine Stunde Bedenkzeit, um sich zum jeweiligen Thema zu äußern.
Wenn Dave Trooper mit gefurchter Stirn nach einer Stunde „Jaja“ sagte, brauchte Gordon McLinn mindestens eine halbe Stunde, um „Du sagst es“ zu erwidern. Und nach einer weiteren halben Stunde nachdenklichen Schweigens sagte dann wiederum Dave Trooper: „So wird es wohl sein.“ Das wiederum animierte Gordon McLinn zu der Antwort – nach etwa einer dreiviertel Stunde: „Ganz bestimmt.“
Und sie pflegten stets bedeutsam dazu zu nicken, mit ernsten Mienen und sich ihrer Aussagen durchaus bewußt. Die Kerle Jean Ribaults schliefen zwischenzeitlich mal ein, grinsten oder stießen sich an. Oder sie verloren den Faden, der indessen von den beiden immer noch von „Jaja“ bis „Ganz bestimmt“ weitergesponnen wurde, zäh und unerschütterlich.
Dabei waren diese beiden Schwerdenker erstklassige Kämpfer. Das muß man sich mal vorstellen. Da reagierte zum Beispiel Gordon McLinn auf die Degenfinte eines Gegners nicht erst, wenn der zum nächsten, jetzt tödliche Hieb ansetzte, sondern er fegte bereits den Ansatz zur Finte beiseite, und einen Lidschlag später führte er den Hieb – den entscheidenden, den der Gegner nicht mehr parieren konnte.
„Und schon bist du tot“, pflegte Gordon McLinn dann zu sagen, und das war für ihn und seine langsame Denkart eine erstaunlich schnelle Bemerkung.
Also, auch unter Jean Ribault fuhren recht skurrile Kerle mit ihren besonderen Eigenarten – und den gewissen Schwächen, wenn wir uns den liebessüchtigen Roger Lutz vorstellen.
Nun, der bewunderte zur Zeit durchs Spektiv weiterhin die Rauchwolke, aus der er – es konnte gar nicht anders sein – die üppigen Formen eines Busens herauslas. Das faserige Etwas an der Kimm war breiter geworden – und hatte eine Spitze.
Und so äußerte er wieder: „Oi-oi-oi!“
Aber das hörte der Profos nicht mehr, weil er zur Kuhl abgestiegen war, um sich seinen Schlag „gesülzte Quallen“ und so weiter an der Kombüse abzuholen. Mit Paddy Rogers gehörte er bei den Arwenacks zu den Fressern vom Dienst.
Der Glatzkopf Eric Winlow erreichte als Schiffskoch nicht die Qualitäten des Kutschers oder seines Zweitkochs Mac Pellew. Seiner grobschlächtigen Art entsprechend beherrschte er nicht die Finessen jener erlesenen Menüs, die von den beiden Arwenack-Köchen gezaubert wurden. Aber er hatte dennoch eine Bohnensuppe mit Fleischeinlage zubereitet, die kräftig, nahrhaft und mit Pfeffer geschärft war.
Der Profos verputzte fünf Kummen. Paddy Rogers brachte es auf sieben, tätschelte anschließend sein Bäuchlein und verkündete frohgemut, die „geschnetzelten Regenwurmeinlagen“ hätten ihm ganz besonders gemundet.
„Das waren auch eigens gezüchtete Regenwürmer“, sagte Eric Winlow, sich die Glatze streichend.
Paddy hätte es beinahe geglaubt. Aber eben nur beinahe.
2.
Am frühen Morgen des nächsten Tages stieß die „Isabella IX.“ auf den Konvoi zu, das heißt, sie segelte von achtern auf. Und Jean Ribault samt seiner Mannen einschließlich der sechs Arwenacks atmeten auf. Das Rätselraten hatte ein Ende – die Ungewißheit, es könne etwas mit der Schebecke der Seewölfe oder Arne von Manteuffels „Wappen von Kolberg“ passiert sein.
Allerdings qualmte ein Schiff, das am Ende des Konvois herumhing und nicht voll unter Segeln stand. Alle Segel am Fockmast waren aufgetucht. Die Blinde unter dem Bugspriet war auch nicht gesetzt. Das ganze Vorschiff war in Rauch gehüllt, als sei unter der Back ein riesiger Ofen in Betrieb genommen worden. Flammen waren nicht zu sehen, also mußte es sich um einen Schwelbrand handeln, der allerdings jederzeit zu einem offenen Feuer werden konnte.
Als Jean Ribault und seine Männer näher aufgesegelt waren, sahen sie, daß Kerle auf dem Vorschiff des Qualmers damit beschäftigt waren, immer wieder Pützen voller Seewasser über der Back auszugießen – eine durchaus richtige Maßnahme, denn in Nässe und Feuchtigkeit kann sich kein Feuer ausbreiten. Die stärkere Rauchentwicklung war bei dieser gefährlichen Situation das kleinere Übel – auch wenn der Rauch meilenweit zu sehen war.
Den Dons konnte das gleichgültig sein, nicht aber den Mannen auf der Schebecke und der „Wappen von Kolberg“. Denn bei dem herrschenden Südwestwind zog der Rauch nordostwärts, und dort hinter der Kimm lag die Iberische Halbinsel. Angenommen, spanische Wachschiffe patrouillierten weit vor der Küste, dann konnte es sein, daß sie den Rauch entdeckten.
Das heißt, dieser verdammte Rauch mußte die Dons anziehen wie Honig die Bienen.
Das alles ging Jean Ribault durch den Kopf, als er zur Schebecke der Seewölfe aufschloß, um Bericht zu erstatten und die sechs Arwenacks wieder übersetzen zu lassen.
Auch Hasard und seine Mannen waren erleichtert gewesen, als der scharfäugige Dan O’Flynn bei einem Rundblick nach achtern die „Isabella IX.“ gesichtet und gemeldet hatte.
Hasard war mehr als ein Stein von der Seele gepoltert. Mit zwei Schiffen des Bundes der Korsaren eine Hammelherde von widerspenstigen Dons zusammenzuhalten war die eine Sache, die schon eine gehörige Portion von Geduld und Zähigkeit verlangte. Eine andere Sache war es, sich jetzt auch noch mit der qualmenden „Respeto“ herumärgern zu müssen.
Philip Hasard Killigrew kochte wie ein unter Dampf stehender Kessel.
Denn auch ihm war klar, was diese qualmende Galeone bewirkte. Fast war er versucht, an Sabotage zu glauben. Wenn er sich selbst in die Situation eines der Kapitäne des Konvois versetzte, würde er möglicherweise ähnlich handeln – in der Hoffnung, die Fahrt nach Irland abbrechen zu können. Er würde diesen muffigen Querkopf Miguel Pigatto, den Kapitän der „Respeto“, wohl mal ganz gehörig ins Gebet nehmen müssen.
Zunächst ließ er die Schebecke in den Wind schießen, damit Jean Ribault mit der „Isabella“ längsseits gehen konnte. Der Franzose folgte dem Manöver und glitt mit auslaufender Fahrt an die Backbordseite der Schebecke. Leinen flogen herüber und wurden vertäut.
Die sechs Arwenacks – Carberry voran – schwangen sich auf die Schebecke hinüber.
„Melde mich wieder an Bord, Sir!“ dröhnte der Profos grinsend und zirkelte einen Gruß, indem er die ausgestreckte Rechte an die rechte Kopfseite führte. „Alle Affenärsche wohlauf und gesund. Keine besonderen Vorkommnisse – bis auf die Kleinigkeit, daß wir dem viermastigen ‚Feuerkacker‘ mit ’ner begallten Pulverladung das Heck weggeblasen haben.“
Da polterte dem Seewolf noch ein Stein von der Seele. Das war doch schon was. Zumindest die „Casco de la Cruz“, dieses monströs bestückte Kriegsschiff der Dons, würde ihnen keinen Ärger mehr bereiten.
„Danke, Ed“, sagte Hasard lächelnd. „Fein, daß ihr wieder bei uns seid. Daß wir euch ein bißchen vermißt haben, brauche ich wohl nicht extra zu betonen.“
Das ging dem Profos runter wie Öl. Außerdem kannte er seinen Kapitän, der eher untertrieb. Wenn er „ein bißchen“ sagte, meinte er eine ganze Menge mehr. Da strahlte der Profos über das wilde vernarbte Gesicht mit dem Rammklotz von Kinn.
Fast gerührt murmelte er: „Das hört man gern.“
Jean Ribault setzte über und landete auf der Kuhl, wo ihn Hasard begrüßte und ihm zu dem Unternehmen gratulierte. Der schlanke Franzose berichtete im einzelnen – auch über die gelungene Ausschiffung der Schwarzen, die Sklaven hatten werden sollen – und fügte zum Schluß hinzu: „Daß wir so schnell wieder zu euch stoßen konnten, verdanken wir dem Qualmer dort drüben!“ Er deutete mit dem Kopf zur „Respeto“. „Die Rauchwolke war bereits hinter der Kimm zu sehen. Eine feine Sichtmarke für neugierige Dons.“
„Weiß ich“, knurrte Hasard, „und den Burschen werde ich auch gleich den Marsch blasen. Mir sieht’s nämlich ganz so aus, als legten es die Kerle darauf an, schön schwarz zu qualmen, und das möglichst lange.“
Jean Ribault kniff die Augen zusammen. „Du meinst, sie qualmen absichtlich?“
Hasard stellte die Gegenfrage: „Was würdest du denn als spanischer Kapitän tun, wenn du nicht nach Irland segeln willst?“
Jean Ribault wiegte den Kopf. „Na, lieber in der Nacht heimlich abhauen wie die ‚Nobleza‘, als mir möglicherweise den Hintern zu verbrennen. Mir wäre das zu riskant. Noch ist das da drüben ein Schwelbrand im Vorschiff. Aber daraus kann sehr schnell ein Fegefeuer werden. Du weißt doch, jeder Seemann hat vor nichts einen größeren Bammel als vor Feuer im Schiff. Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, daß die Kerle so dreist sind, selbst Feuer zu legen. Das grenzt ja schon an Selbstverstümmelung.“
„Einen Verrückten kümmert das nicht“, erwiderte Hasard. „Außerdem verkennst du etwas die Situation. Die ‚Respeto‘ segelt im Verband, ist also kein Einzelfahrer. Wäre sie Einzelfahrer, würde ich dir recht geben, daß sie sich hüten, Feuer zu legen. Aber im Verband haben die Kerle die Möglichkeit, jederzeit auf ein anderes Schiff überzusteigen, wenn sie des Feuers nicht mehr Herr werden. Sie riskieren also gar nichts – nur den Verlust von Schiff und Ladung.“
„Das stimmt“, gab Jean Ribault zu und blickte nachdenklich zur „Respeto“, wo immer noch eifrig Seewasser gepützt und über die gesamte Back geschüttet wurde. Gleichzeitig wurde offenbar gepumpt, denn aus bestimmten Speigatten lief stoßweise Wasser – dies vornehmlich im Bereich der Kuhl.
Spielten die da drüben nun Theater, oder war das ein echter Notfall?
Jean Ribault zog das Spektiv aus dem Gürtel und spähte hinüber. Die Kerle wirkten müde und ziemlich geschafft. Nein, das war nicht gespielt, das war echt. Helle Gesichter gab es kaum, fast alle waren rußig verschmiert. Ihre Kleidung sah entsprechend aus, das heißt, ein großer Teil trug nur die Hose, die bis zu den Knien hochgekrempelt war. Ihrer Hemden hatten sie sich entledigt, vermutlich, weil sie sich wie auf dem Bratrost fühlten.
„Seit wann kokelt die ‚Respeto‘?“ fragte Jean Ribault und setzte den Kieker ab.
„Seit anderthalb Tagen“, erwiderte Hasard grimmig. „Ich bot dem verdammten Pigatto meine Hilfe an, aber er meinte reichlich pampig, darauf verzichten zu können. Jetzt qualmt der Kasten immer noch, nur werde ich mich nicht mehr abspeisen lassen. Notfalls wird geentert. Ich will wissen, was da drüben gespielt wird.“ Ein hartes Grinsen huschte über Hasards Gesicht. „Schließlich bin ich Capitán Julio de Vilches und habe die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, mich um den Konvoi zu kümmern.“
Jean Ribault grinste ebenfalls. Er dachte dabei an den echten Don Julio de Vilches, den Kommandanten der „Casco de la Cruz“, von dem sich Philip Hasard Killigrew so deutlich unterschied wie ein Edelfalke von einem zerrupften, abgetakelten Geier, dem die Milben das Federkleid zerfressen haben.
Und er dachte daran, wie Don Julio im hohen Bogen vom Achterdeck des Viermasters abgehoben hatte, als die Pulverladung unter dem Heck explodiert war.
„Warum grinst du?“ fragte Hasard.
„Ach, mir ging nur eben durch den Kopf, wie Don Julio bei der Heckexplosion ins Wasser katapultiert wurde“, erwiderte Jean Ribault. „Sein ohnehin klappriges Knochengestell hat da einiges aushalten müssen. Alles hat bei ihm geflattert.“
„Ich gönne es ihm“, sagte Hasard belustigt. „Aber ob auch seine Bösartigkeit davongeflattert ist, bezweifle ich. So, dann werde ich mich mal mit der ‚Respeto‘ beschäftigen.“
„Kann ich behilflich sein?“ fragte Jean Ribault.
Hasard schüttelte den Kopf. „Mir wär’s lieber, wenn du dich mit Arne um den Konvoi kümmerst, Jean. Bleibt auf Nordkurs und segelt nur langsam weiter, damit wir wieder aufschließen können, sobald wir die Qualmerei im Griff haben.“
„Geht klar, Capitán de Vilches!“ Jean Ribault salutierte, wie sich das für einen „spanischen Seeoffizier“ gehörte, und Hasard mimte den gleichen militärischen Firlefanz – womöglich noch gespreizter als der Franzose. Da sollte noch jemand sagen, sie spielten ihre spanische Rolle nicht überzeugend. Nein, nein, die war bühnenreif.
Während Jean Ribault mit der „Isabella“ zum Geleitzug und zur „Wappen von Kolberg“ aufschloß, segelte Hasard mit der Schebecke zur „Respeto“. Er hielt von Backbord achtern auf sie zu, um in Luv zu bleiben – in Lee wäre die Schebecke von dem Qualm eingenebelt worden.
Mit aufgefierten Schoten – am Ruder stand Stenmark – glitt die Schebecke in einem Abstand von etwa fünfzehn Yards neben der Galeone her, und Hasard preite vom Achterdeck aus die „Respeto“ an.
Die Kerle kümmerten sich den Teufel um den Anruf. Niemand erschien am achteren Backbordschanzkleid. Man tat, als sei man mit sich selbst beschäftigt. Die Schebecke wurde übersehen.
In Hasard stieg die Galle hoch.
„Pigatto!“ brüllte er hinüber und sah mit Genugtuung, wie einige Kerle dort drüben zusammenzuckten, als sie die Donnerstimme hörten. „Wenn Sie mir nicht augenblicklich Meldung erstatten, was bei Ihnen los ist und wie Sie den Schwelbrand zu löschen gedenken, lasse ich Ihren verdammten Kahn versenken, und Sie können mit Ihrer Mannschaft bleiben, wo der Pfeffer wächst! Haben Sie mich verstanden?“
Miguel Pigatto, schwarzbärtig, knubbelnäsig und stämmig, tauchte mit mürrischem Gesicht am Schanzkleid seines Achterdecks auf.
„Was gibt’s da zu melden?“ nölte er. „Wir haben einen Schwelbrand, wie Sie selbst sagten, und meine Männer haben die ganze Nacht lang versucht, den Brand einzudämmen.“
„Haben versucht, ist gut“, höhnte Hasard. „Den Erfolg sieht man ja! Offenbar sind Sie und Ihre Leute überfordert. Sie sollten besser Rüben über Land karren, statt ein Schiff zu führen, das mit wertvollem Gut für Seine Majestät beladen ist!“
Der stämmige Kapitän lief im Gesicht rot an, insbesondere seine knubbelige Nase. Die begann wie ein Karfunkel zu leuchten.
„Das brauche ich mir nicht bieten zu lassen!“ brüllte er.
„Oh, ich kann Ihnen noch mehr bieten, Señor!“ donnerte Hasard zurück. „Zum Beispiel, daß ich den Verdacht habe, Sie tun absichtlich nichts, um den Brand unter Kontrolle zu bekommen. Vielleicht hoffen Sie, daß der Konvoi weitersegelt – und wenn er außer Sicht ist, löschen Sie schnell und verschwinden, um sich die wertvolle Ladung selbst unter den Nagel zu reißen. Wie war denn das?“
Der Kapitän schnappte nach Luft, und dann brüllte er: „Sie sind ja wahnsinnig!“
Hasard gab’s ihm: „Sie verzögern den Weitermarsch des Konvois, Pigatto! Wissen Sie, wie ich das nenne? Das ist Sabotage! Sie sabotieren die königliche Order, daß der Konvoi seinen Bestimmungshafen erreicht. Dafür kann ich Sie vor ein Bordgericht stellen. Wie ein königliches Gericht über einen Mann entscheidet, der für Seine Majestät bestimmtes Schatzgut verschleudert und den ganzen Konvoi an der Weiterfahrt hindert, können Sie sich wohl selbst ausmalen. Vermutlich wird man Ihnen den Tod mit der Garotte angedeihen lassen. Und das Urteil des Bordgerichts würde lauten: Hängetod an der Rah!“
Unwillkürlich faßte sich der Kapitän an den Hals, als spüre er bereits die Garotte oder die Henkersschlinge.
Schon etwas kleinlauter rief er: „Ich bin kein Saboteur, Señor Capitán! Wir haben die ganze Nacht geschuftet …“
„Erzählen Sie mir nichts!“ donnerte Hasard. „Seit anderthalb Tagen qualmt Ihr verdammter Kasten! Eine Hilfe meinerseits lehnten Sie ab. Reichlich pampig erklärten Sie, darauf verzichten zu können. Was daraus geworden ist, sieht man! Was meinen Sie wohl, was passiert, wenn in diesem Seegebiet englische Schnapphähne oder die Barbaresken-Teufel herumlungern, ganz zu schweigen von den französischen Korsaren? Ihre Qualmwolke ist meilenweit zu sehen! Glauben Sie bloß nicht, daß wir uns dann um Sie und Ihren qualmenden Kahn kümmern, ganz im Gegenteil! Wir lassen Sie als Futter für die Galgenvögel zurück und schirmen den Konvoi ab, der ist wichtiger als Ihr maroder Kahn!“
„Das dürfen Sie nicht!“ schrie der Kapitän. „Sie haben uns genauso zu schützen wie die anderen Schiffe!“
„Da irren Sie sich aber gewaltig, mein Lieber!“ rief Hasard mit klirrender Stimme. „Der Konvoi hat absoluten Vorrang. Mit ein bißchen Verstand und logischem Denken müßten Sie sich das selbst sagen. Aber daran mangelt’s wohl bei Ihnen. Genug geredet! Haben Sie festgestellt, wo sich der Kern des Schwelbrandes befindet?“
„In der Vorpiek.“
„Was ist dort gelagert?“
„Ersatztauwerk, Segeltuchballen, Seegrasmatratzen …“
Hasard fuhr dazwischen: „Das haben Sie noch nicht außenbords befördert, Mann? Sind Sie von allen guten Geistern verlassen?“
„Das wird alles noch gebraucht“, erklärte Pigatto trotzig. „Wir Handelsschiffer können mit unserem Zeug nicht so herumaasen wie die vornehmen Señores von der Marine, die sich in den Arsenalen bedienen können, soviel sie wollen.“
Don Juan de Alcazar, der neben Hasard am Schanzkleid stand, stieß ihn sachte mit dem Fuß an und flüsterte durch die Zähne, ohne den Kopf zu bewegen: „Da hat er allerdings recht. Was von der Marine an Materialien wie Segel und Tauwerk vergeudet wird, geht auf keine Kuhhaut. Und jeder Kommandant kann sich in den Arsenalen holen, was ihm angeblich verloren oder kaputtgegangen ist. Da werden natürlich saftige Nebenverdienste eingestrichen. Denn das Zeug aus den Arsenalen verscheppern die Kommandanten dann wieder an die Kapitäne der Handelsschiffe.“
Hasard nickte unmerklich, daß er verstanden hatte, und rief zu Pigatto hinüber: „Ich fordere Sie hiermit auf, Capitán, Ihre Vorpiek sofort leerzuräumen! Alles Zeug, das dort gelagert ist, hat von Bord zu verschwinden! Das ist ein Befehl!“
Fast sah es aus, als sträubten sich bei dem Kapitän sämtliche Haare – auch jene, die ihm ziemlich lang aus den Nasenlöchern wucherten. Außerdem hüpfte er vor Wut einen halben Yard hoch.
„Niemals!“ brüllte er. „Niemals! Nur über meine Leiche!“
„Längsseits gehen!“ knurrte Hasard Stenmark an. „Der Kerl kriegt jetzt Zunder, daß er glaubt, der Schwelbrand sei unter seinem Hintern ausgebrochen!“
Sanft legte der Schwede Ruder, und die Schebecke glitt auf die „Respeto“ zu.
„Klar zum Entern!“ brüllte Hasard über die Kuhl.
Das war was für die Arwenacks. Und in lüsterner Vorfreude raspelte der Profos die Pranken aneinander, die „Profos-Hämmerchen“, mit denen er laut seiner jüngsten Devise „Kastanienfresser zu löschen“ pflegte. Es war mal wieder soweit.
Kaum bumste die Steuerbordseite der Schebecke mit samtweichem Klang an die Backbordseite der „Respeto“, da fegte der Profos bereits mit einem wilden Satz von dem einen Schanzkleid zum anderen, sprang auf die Kuhl der Galeone und räumte mit einem wüsten Schwinger einen Kerl ab, der ihn dämlich anglotzte.
Der Kerl sauste in gestrecktem Flug in ein paar Pützen mit Seewasser, die auf der vorlichen Kuhl zum Bewässern der Back bereitstanden. Es schepperte und spritzte. Eine Pütz rollte dem Profos vor die Füße – maßgerecht. Er brauchte nur zuzutreten.
Das Ding aus Hartholz flog dem Bootsmann der „Respeto“ unters Kinn, und das mußte aus Glas sein, auch wenn der Kerl die Figur eines Kleiderschranks hatte. Er kriegte glasige Augen, sackte zusammen und versammelte sich auf den Planken.
Damit hatte es sich schon, auch wenn Capitán Pigatto Zeter und Mordio schrie. Seine Kerle waren keine harten Kämpfer und zudem von den nächtlichen Löscharbeiten mächtig abgeschlafft. Für „englische Schnapphähne“, Barbaresken-Teufel oder französische Korsaren – wie sie Hasard zitiert hatte – wäre die „Respeto“ eine leichte Beute gewesen, ja, sie wäre ihnen regelrecht in den Schoß gefallen.
Inzwischen waren beide Schiffe miteinander vertäut und an die vierzehn Arwenacks dem Profos gefolgt, aber da gab’s nichts mehr durchzuklopfen. Zur Leiche wurde der knubbelnasige Kapitän auch nicht, nur schimpfen tat er, stellte dies jedoch ebenfalls ein, als ihm der Profos drohend auf den Leib rückte und ein paar Maulschellen anbot.
3.
Hasard und Ferris Tucker – sie hatten sich nasse Leinentücher vor Nase und Mund gebunden – drangen unter Deck zur Piek im Bugraum vor. Arwenacks mit Wasserpützen folgten ihnen und bildeten eine Kette. Auch sie trugen nasse Tücher vor Nase und Mund.
In dem Vorraum zur Piek herrschte eine Bullenhitze, ganz abgesehen von dem Qualm. Ohne Rücksicht darauf, ob ein Luftzug den Schwelbrand zum hellen Feuer anfachen konnte, stieß Ferris Tucker im Raum vor der Piek eine Luke auf, die auf die Back führte. Jetzt konnte hier zumindest der Rauch abziehen, so daß die Sicht freier wurde. Die Augen tränten ihnen bereits.
Die Querwand zur Piek fühlte sich warm an. Hinter ihr mußte eine unbeschreibliche Hitze herrschen. Hasard und Ferris klatschten ein paar Pützen mit Wasser gegen das Holz. Pützen wurden nachgereicht. Es dampfte in dem Vorraum wie in einer Waschküche.
Hasard hielt eine Wasserpütz bereit und nickte seinem riesigen Schiffszimmermann zu. Ferris Tucker wußte, was er meinte. Er riß das Schott zur Vorpiek auf und sprang zur Seite. Schwarzer Qualm quoll aus dem Raum, zusammen mit glühendheißem Dunst.
Hasard schüttete mit Schwung Wasser in die Vorpiek und in schneller Folge weitere Pützen hinterher. Drinnen zischte und dampfte es. Eimer um Eimer wurde entleert, Big Old Shane löste Hasard ab, der keuchend und hustend an Oberdeck stieg, um frische Luft zu schnappen. Er sah aus, als sei er einer Bratröhre entstiegen. Aus seinem schwarzen Gesicht leuchteten nur die eisblauen Augen und die weißen Zähne.
„Lange haben Sie’s da unten auch nicht ausgehalten!“ höhnte der knubbelnasige Kapitän.
Hasard spülte das Leinentuch in einer Pütz aus und musterte den Kapitän eisig.
„Das mag sein“, sagte er, „aber dafür haben wir jetzt das Piekschott geöffnet und gehen den Schwelbrand, unmittelbar an, was Sie bisher nicht für nötig gehalten haben, Sie Schwachkopf!“
Pigatto erbleichte und ächzte.
„Was denn?“ stieß er hervor. „Sie haben das Schott geöffnet? Sind Sie verrückt geworden? Bei Luftzufuhr brennt das Zeug sofort lichterloh!“
„Quatsch!“ sagte Hasard. „Bei mir hat’s nur gezischt und gedampft, von lichterloh kann keine Rede sein …“
Bei dem Knubbelnäsigen gingen die Gäule durch. „Wenn mein Schiff verbrennt, werden Sie mir dafür haften müssen!“ brüllte er. „Das Schott zur Vorpiek durfte nicht geöffnet werden. Das war ein Befehl von mir – und noch bin ich der Kapitän auf meinen Schiff, nicht Sie – Sie – Sie Brandstifter!“
Bevor Hasard reagieren konnte, hatte schon der Profos zugepackt, der hinter Pigatto stand. Er griff ihm ins Genick, wirbelte ihn herum und trat ihm den rechten Stiefel, Marke Themsekahn, in den Hintern.
Der ehrenwerte Capitán wurde davonkatapultiert und suchte sich als Landeplatz den Backbordniedergang zum Achterdeck aus, das heißt, er sauste, Kopf voran, in die Lücke zwischen unterster Stufe und Decksplanken. Dort stieß er hinein und verschwand bis zum Achtersteven. So blieb er zunächst liegen.
„Mußte das sein?“ fragte Hasard seinen Profos.
Fast hätte Carberry mit „aye, aye, Sir!“ geantwortet, aber er bremste sich rechtzeitig und schnarrte: „Señor Capitán! Sie wurden als Geleitzugführer und damit Befehlshaber über den gesamten Konvoi mit dem schimpflichen Ausdruck ‚Brandstifter‘ belegt, was ich als Profos mit einer sofortigen Disziplinarmaßnahme ahnden mußte. Ich bin dabei noch sehr glimpflich mit diesem rübennäsigen Affenarsch umgegangen.“
„Ähem!“ äußerte der „Geleitzugführer“ und „Befehlshaber über den gesamten Konvoi“, denn er hatte Mühe, sein Grinsen zu unterdrücken.
Der Profos merkte es nicht, denn er spähte mit schmalen Augen zum Niedergang, wo der Kapitän Maßnahmen eingeleitet hatte, sich aus seiner Zwangslage zu befreien. Ächzend und strampelnd schob er sich auf dem Bauch rückwärts aus der Falle. Dann hob er den Kopf zu früh und stieß ihn sich an der untersten Stufe. Da frohlockte der Profos, denn er empfand immer Wohlwollen, wenn sich ein Don selbst und in eigener Person Schmerzen zufügte.
„Am besten, wir beachten ihn nicht weiter“, sagte Hasard, „aber wenn er weiter herummotzt, kannst du ihm ja ein bißchen auf die Zehen treten. Behalte auch die anderen Burschen im Auge. Auf dem Achterdeck steht der Erste Offizier, und der sieht mir ganz danach aus, als habe auch er seine Lektion noch nicht gelernt.“
Carberry schaute unauffällig hin und nickte dann. Dieser dürre Hecht mit dem verkniffenen Gesicht und den böse funkelnden Augen wirkte tatsächlich so, als habe er eine Qualle verschluckt und sie noch nicht richtig verdaut. Oder sie glitschte ihm noch im Geierhals herum und hatte sich mit dem Adamsapfel angelegt, der rauf und runter turnte, als sei er auf der Flucht.
„Ich passe auf, verlaß dich drauf, Capitán“, sagte der Profos.
Hasard band sich das nasse Leinentuch wieder vor Nase und Mund und stieg ins Vorschiff hinunter, um Big Old Shane abzulösen. Sie nickten sich nur zu, und der graubärtige Riese verschwand nach oben.
Der Seewolf hatte den Eindruck, als habe die glühende Hitze nachgelassen. Mit einem Bootshaken stocherte er vom Schott aus in der Vorpiek herum, spürte Widerstand und zog. Was er durchs Schott in den Vorraum beförderte, war ein Packen von drei aufeinander verschnürten Seegrasmatratzen. Die unterste war ziemlich verkohlt.
„Über Bord mit den Dingern“, befahl er.
Blacky und Gary Andrews packten zu und hievten den triefenden und stinkenden Packen durch die Luke auf die Back. Oben griffen die beiden Zwillinge zu, schleppten den Packen zum Schanzkleid und schleuderten ihn mit Schwung darüber und ins Wasser. Tatsächlich zischte es dort noch einmal auf.
Danach gellte ein Schrei, und der ihn ausstieß war wiederum Kapitän Pigatto. Nachdem er unter dem Niedergang hervorgekrochen war, hatte er sich auf eine der Stufen gesetzt und etwas teilnahmslos gewirkt. Jetzt erwachte er zu neuem Leben.
„Meine Matratzen!“ schrie er, sprang zum Schanzkleid und stierte mit Entsetzen zu der Stelle, wo auf dem Wasser nur noch eine grauschwarze Wolke waberte. Die Matratzen waren inzwischen abgesoffen.
Der Kapitän wirbelte herum und brüllte zur Back hoch: „Ich verbiete, daß mein Schiff noch weiter ausgeplündert wird! Das geht zu weit! Die Matratzen gehören zu meinem Schiffsinventar!“
Der Profos walzte auf ihn zu, ein freundliches Grinsen auf dem wilden zernarbten Gesicht.
„Jetzt hör mir mal zu, du Kaffer“, sagte er in seiner liebenswürdigen Art. „Was du da deine Matratzen nennst, waren allenfalls noch stinkige und versengte Schmierlappen, die man nicht mal mehr als Fußabtreter benutzen konnte, ganz abgesehen davon, daß sie Glutnester bildeten. Wenn dieses Zeug in der Vorpiek bleibt, kannst du deinen ganzen Kahn auf die Verlustliste setzen. Ist das klar?“
„Ich verlange, sofort den Capitán zu sprechen!“ brüllte Miguel Pigatto.
„Geht nicht“, sagte der Profos lakonisch, „der räumt gerade deine verdammte Vorpiek aus.“ Und er deutete zur Back, wo die Zwillinge soeben eine qualmende Taurolle in die See beförderten.
Wieder zischte es.
Der Kapitän erlitt einen Schreikrampf und setzte zum Sturm auf die Back an. Der Profos stand günstig. Er brauchte nur den rechten Fuß vorzustrecken, den er auch noch ruckartig anhob, um der Sache mehr Schwung zu geben.
Nach den Gesetzen der Schwerkraft schrammte der Kapitän mit seiner knubbeligen Nase über die Planken, die Beine noch in der Luft, Reibung erzeugt Wärme, wenn nicht Hitze. Jeder Seemann weiß das, wenn ihm ein Tau durch die Hände rauscht. Da geht die Haut in Fetzen. Tat sie beim „Respeto“-Capitán auch. Nur auf der Nase.
„Ja, ja“, sagte der Profos, als der Capitán die Planken anjaulte.
Ein Schuß krachte. Noch jemand schrie, und etwas polterte den Steuerbordniedergang vom Achterdeck zur Kuhl hinunter. Eine Muskete.
Der einige, der geschrien hatte, war der dürre Erste Offizier. Jetzt rieb er sich die rechte Wange.
Carberrys Blick wechselte zur Schebecke hinüber. Dort setzte Dan O’Flynn eine Muskete ab, aus deren Mündung Rauch kräuselte.
„Er hatte auf dich angelegt, Señor Profos!“ rief Dan. „Da schoß ich ihm die Muskete aus den Händen.“
„Sauberer Schuß“, knurrte der Profos und setzte sich in Marsch.
Der Dürre schaute sich gehetzt um, floh zu den Backbordbesanwanten und enterte wie ein Affe auf.
Carberry blieb stehen und schaute zu. Dann zuckte er mit den breiten Schultern und rief zum Besanmars hoch: „Da oben kannst du bleiben, bis dir dein Bart über die Füße wächst. Aber wenn du abenterst, nehme ich dich in Empfang!“ Er hob den rechten Profoshammer. „Hiermit! Und dann wirst du nur noch Brei essen können, weil dir die Beißerchen fehlen, du dreckiger Heckenschütze!“
„Ich wollte Sie nur erschrecken, Señor!“ zeterte der Dürre.
Carberry spuckte verächtlich über Bord.
„Mich erschrecken“, brummelte er. „Ist der Kerl größenwahnsinnig?“ Und er donnerte zum Besanmars hoch: „Einen Profos der stolzen spanischen Flotte kannst du mit solchen Mätzchen nicht erschrecken, du halbes Hemd! Ich habe mehr Kugeln pfeifen hören, als du in deinem ganzen Leben Oliven gefressen hast!“
„Jawohl, Señor Profos“, sagte der Dürre kläglich. Er fühlte sich wie jener Jäger, der sein Pulver verschossen hatte und vor dem anstürmenden Wildeber auf einen Baum geflüchtet war. Und dort unten tobte das Untier noch herum und schielte tückisch nach oben.
Dem allen setzte Sir John die Krone auf.
Was in seinem Papageigehirn vorgehen mochte, wußte keiner, obwohl ihm der Profos alle möglichen guten Gaben andichtete, der Kutscher jedoch behauptete, Papageien hätten ein Mückengehirn, will sagen, sie wären so etwas Ähnliches wie kreuzdämlich und bar jeder Denkfunktion.
Ab und an allerdings waren die Arwenacks dann doch verdutzt über Sir Johns Reaktionen. In diesem Fall war es so, daß die „Krachente“ zumindest einiges mitgekriegt hatte, was sich zwischen dem Dürren und Edwin Carberry, dem Herrn und Meister, abgespielt hatte. Der Teufel mochte wissen, welche Zuneigung den Papagei mit dem Profos verband.
Aber Sir John hob von der Großgaffelnock der Schebecke ab und startete zum Angriff auf den Dürren, zum Luftangriff, und zwar dergestalt, daß er über den Dürren wegsauste und ihm dabei die Vogelkrallen durch die Kopfhaut zog.
Der Dürre fiel fast vom Mars.
Hatte er eben noch den Profos da unten mit einem wütenden und gereizten Wildeber verglichen, vor dem man nur auf einen Baum flüchten konnte, so war’s jetzt mit dem Angriff aus der Luft – was den sicheren Standort betraf – jäh und schmerzhaft vorbei. Es gab nichts mehr, wohin eine weitere Flucht Schutz versprach. Unten lauerte der Wildeber und über ihm ein Raubvogel übelster Art, ein scharfer Falke, auch wenn er wie ein Papagei aussah.
Und der Kopf blutete. Heilige Mutter Maria!
Der Wildeber unten auf der Kuhl lachte sich krumm und scheckig, und der scharfe Falke, jetzt auf dem Besantopp, rasselte eine Kette von Schimpfnamen und Aufforderungen aus dem Krummschnabel, wobei er wie verrückt mit dem Kopf auf und nieder ruckte und glühende Augen hatte.
Das meiste verstand der Dürre nicht richtig, aber was er verstand, das entstammte dem Wortschatz von Huren, Säufern und Hafenstrolchen. Dieses geflügelte Ungeheuer mußte eine Ausgeburt der Hölle sein.
Als Sir John seine Schimpftirade auch noch mit der seltsamen Aufforderung „Gib Küßchen, Süßer!“ abschloß, war das zuviel für den Dürren. Er verdrehte die Augen, und die Sinne entschwanden ihm. Hinter der Segeltuchverkleidung, die den Mars umschloß, sackte er in sich zusammen und verschwand somit aus der Sicht der spanischen Decksleute und der Arwenacks.
Sir John hüpfte hinunter auf die Segeltuchverkleidung, äugte mit langem Hals in den Mars und erging sich in einer Art Gelächter. Den spanischen Decksleuten lief ein Gruseln über den Rücken. Dem Profos flossen die Lachtränen über die Wangen. Sein Sir Jöhnchen hatte mal wieder voll zugeschlagen. Einige der Decksleute bekreuzigten sich.
Indessen traf auch den Profos fast der Schlag, als plötzlich eine fette Ratte über die Kuhl huschte, an der Innenseite des Backbordschanzkleides hochturnte, oben einen Moment verharrte, mit der spitzen Nase in die Luft witterte – und mit einem wilden Satz auf die Schebecke hinübersprang.
Als sie auf die Planken prallte, dauerte ihr Leben noch eine knappe halbe Minute. Plymmie, die Bordhündin der Arwenacks, schoß wie ein Blitz heran, schnappte die Ratte, die noch einmal aufquickte, brach ihr schüttelnd das Genick und schleuderte sie mit einem wilden Kopfschwung über das Schanzkleid ins Wasser.
Es war nicht die erste Ratte, die von der Wolfshündin vom Leben in den Tod befördert wurde. Plymmie war in dieser Beziehung eine erprobte Kämpferin. Und sie wußte, wo sich eine gezeigt hatte, da waren auch noch andere.
Sie irrte nicht, denn weitere Ratten tauchten auf der Kuhl der „Respeto“ auf.
Niemand vermochte zu sagen, was diese schädlichen Nager dazu trieb, ihre Schlupflöcher unter Deck zu verlassen. Möglicherweise hatte sie der Qualm des Schwelbrandes an Deck gescheucht. Die Arwenacks pflegten Ratten auszuräuchern, wenn sie an Bord ihrer Schiffe welche entdeckten.
Jetzt fegte Plymmie wild kläffend am Steuerbordschanzkleid der Schebecke entlang, was bewirkte, daß die weiteren Ratten auf die Steuerbordseite der Galeone huschten – und von Bord sprangen. Eine Ratte exerzierte das vor, und die anderen folgten ihr blindlings.
„Die Ratten gehen von Bord“, murmelte Old Donegal dumpf. Er stand auf dem Achterdeck der Schebecke und beobachtete das grausige Schauspiel mit zusammengekniffenen Augen. Und er fügte hinzu: „Die ‚Respeto‘ ist dem Untergang geweiht!“
Ben Brighton in seiner Nähe warf ihm einen schiefen Blick zu. Es lag in der Art des alten Zausels, Orakelsprüche zu verkünden. Aber in diesem Fall sprach Old Donegal nur das aus, was jedem Seemann bekannt war: Wenn die Ratten das Schiff verließen – auch und gerade auf See –, dann war das ein Zeichen dafür, daß dieses Schiff bald untergehen würde.
Trotz der spätherbstlichen Wärme in diesen Breiten fröstelte es Ben Brighton. Der Exodus der Ratten in den Selbstmord war ihm unheimlich – und das erging jedem so, Spaniern wie Arwenacks.
Der Profos kratzte sich unbehaglich im Genick und sah dem Trauermarsch zu, der in seiner unmittelbaren Nähe stattfand. Eine Ratte nach der anderen erklomm das Schanzkleid an Steuerbord und stürzte sich ins Wasser. Er stellte fest, daß die Biester nach Osten schwammen – in Kiellinie und mit Kurs auf die Küsten der Pyrenäen-Halbinsel, die sie nie erreichen würden. Was nicht vorher absoff, würde von Raubmöwen und Raubfischen vertilgt werden.
Ob die Viecher wußten, in welcher Richtung Land lag, war dem Profos schleierhaft. Aber es war schon erstaunlich, daß sie ostwärts steuerten, als sei in ihrem Gehirn ein Kompaß eingebaut. Und warum schor keine aus und wandte sich nord-, west- oder südwärts? Nein, sie hielten alle Kurs.
Nur einem war der Abmarsch der Ratten völlig piepe.
Sir John.
Er trippelte auf der Marsverkleidung herum und quasselte offenbar den Dürren an, der weiterhin im Mars unsichtbar blieb.
Kapitän Pigatto hatte sich inzwischen wieder aufgerappelt und schielte an seiner arg lädierten Knubbelnase vorbei fassungslos zu den von Bord huschenden Ratten.
Carberry räusperte sich die Kehle frei und sagte grimmig: „Und da jammerst du wegen deiner verkohlten Matratzen, du Armleuchter! Was los ist, wenn die Ratten das Schiff verlassen, weißt du ja wohl, was, wie? Scheint so, als sei deine ‚Respeto‘ auf ihrer letzten Fahrt.“
Da fing der Capitán an zu beten, und der Profos zuckte mit den Schultern. Ob der Große Kapitän dort oben im Himmel das Gebet zur Kenntnis nehmen würde, erschien ihm höchst fraglich – und noch fraglicher, ob das Gebet etwas nutzen würde.
„Hast du sonst auch gebetet?“ fuhr er den Capitán an.
Miguel Pigatto zuckte zusammen, unterbrach seine Anrufung des Herrn der himmlischen Heerscharen und stotterte ein: „N-n-nein, s-sonst n-nicht.“
„Dann hat’s jetzt auch keinen Zweck“, sagte der Profos ruppig. „Der Herr läßt sich nicht bescheißen, damit du klarsiehst. Immer erst anfangen zu beten, wenn’s Matthäi am letzten ist, das zieht nicht. Nimm’s hin wie ein Mann, verdammt noch mal, und stirb wie ein Kerl!“
„Ich will aber nicht sterben!“ lamentierte der Capitán.
„Das will keiner“, erklärte der Profos, wurde philosophisch und fügte hinzu: „Dabei fängt das Sterben bei der Geburt an, so daß du Zeit hast, dich daran zu gewöhnen.“
An Steuerbord klatschte wieder etwas ins Wasser, und es zischte und qualmte. Dieses Mal handelte es sich um einen Ballen Segeltuch.
Carberry deutete mit dem Daumen über die Schulter und kommentierte: „Alles ist vergänglich, auch Segeltuch, Matratzen und Tauwerk.“
Jetzt drehte nicht der Capitán, sondern sein Bootsmann durch, der mit dem Glaskinn. Er sprang zu der mittschiffs auf Klampen liegenden Jolle, löste die Zurrings und brüllte die Decksleute an, die Jolle außenbords zu hieven.
„Ich will weg von diesem Totenschiff!“ brüllte er. „Ich will nicht absaufen! Das Schiff ist verflucht und vom Teufel besessen!“
Die Spanne bis zu einem explosionsartigen Ausbruch von Panik war eh knapp bemessen gewesen. Die Zündung löste der Bootsmann mit seinem Gebrüll aus.
Plötzlich spielten die Kerle verrückt und prügelten sich um die Jolle, die sie offenbar gleich im Kurzverfahren über Bord werfen wollten, ohne sie vorher sachgemäß an die Heißtakel zu hängen, auszuschwingen und zu Wasser zu lassen. Einige kletterten einfach in die Jolle und klammerten sich an den Duchten fest. Sie hatten alle verzerrte Gesichter und irre Augen.
Mit einem wilden Knurren ging der Profos dazwischen, sofort unterstützt von einigen Arwenacks, denen weitere von der Schebecke folgten. Quer über die Kuhl tobte ein Kampf, den die Arwenacks mit kompromißloser Härte führten. Denn die Spanier wurden in ihrer Panik und Todesangst unberechenbar. Die ersten Messer blitzten auf. Da verzichteten die Arwenacks auf ihre harten Fäuste und griffen sich Belegnägel.
Carberry hatte den hysterischen Bootsmann mit dem Profoshammer gefällt – ein Schlag aufs Haupt, und da war der Kerl fast durch die Decksplanken gebrochen. Jetzt bahnte er sich einen Weg zur Jolle, in der sich die übelsten Radaubrüder versammelt hatten und mit Riemen um sich schlugen.
Es war geradezu grotesk: Im Wasser wäre ein Kampf um die Jolle – um einen Platz darin – vielleicht noch verständlich gewesen, und oft genug war das auch geschehen, vor allem bei Mannschaften, bei denen sich jeder selbst der Nächste war, die keinen Zusammenhalt hatte und keine Disziplin kannte, vor allem Selbstdisziplin.
Der Kampf um eine Jolle aber, die noch an Deck des Schiffes stand, war völlig absurd und zeigte, daß die Kerle von allen guten Geistern verlassen waren. Sie waren nichts weiter als eine Bande vom Tollhäuslern, denen Angst und Panik den letzten Rest von Verstand geraubt hatten.
Der Profos begriff das und ging dazu über, einen Kerl nach dem anderen außenbords und ins Wasser zu befördern, wo sie sich ernüchtern konnten. Die Arwenacks fackelten nicht lange und fanden, dies sei die beste Methode, diese Verrückten in die Wirklichkeit zurückzuholen.
Am meisten erbitterte sie dabei, daß sie es waren – allen voran ihr Kapitän –, die versuchten, diesen transusigen Dons zu helfen und das Schiff zu erhalten. Natürlich dachten sie im stillen an den Schatz im Bauch der Galeone, den sie für ihre königliche Lissy bestimmt hatten. Aber die Dons hätten genauso an die kostbare Ladung denken können, die der König von Spanien erhalten sollte und die es zu bewahren galt.
Beide Seiten waren im Grunde gleich motiviert, aber die Arwenacks kämpften für ihre Sache, während sich die Dons den Teufel um ihr Schiff kümmerten und dazu noch verrückt spielten.
4.
Philip Hasard Killigrew erschien auf der Back, alarmiert von den Zurufen seiner Mannen, die mitgekriegt hatten, was sich auf der Kuhl tat.
Mit einem Blick übersah er die Lage, sprang auf die Kuhl und verkürzte Carberrys Verfahren, indem er nach einer vollen Pütz griff und ihren Inhalt dem erstbesten Kerl ins Gesicht schüttete. Weil der gerade mit offenem Maul den Himmel anschrie, klatschte ihm das Wasser hinein, und er verstummte abrupt mit dem Gebrüll. Er konnte nur noch gurgeln und würgen und nach Luft röcheln. Für den Kampf um die Jolle fiel er aus.
In diesem Augenblick fegte ein Schatten mittschiffs und in Längsschiffsrichtung vom Großmast her zum Bug hin über die Kuhl und über die Jolle hinweg, die zwischen Großmast und Back auf den Klampen lagerte und von sechs Kerlen besetzt war – dem Rabaukenkern der „Respeto“-Crew.
Ein Arwenack hatte wieder in die Trickkiste gegriffen, einer, der sich schon häufig bei Enter- oder Bordkämpfen in dieser Art und Weise betätigt und bewährt hatte.
Old Donegal Daniel O’Flynn.
Ganz einfach. Er war – ohne daß die Kerle davon Notiz genommen hatten, weil sie viel zu beschäftigt waren, ihre Jolle zu verteidigen – zum Großmars auf geentert, hatte sich dort das Großbramfall geschnappt, das Großbramsegel war aufgetucht, hatte am unteren Ende des Falls in einer bestimmten Höhe einen Knoten geschlungen, auf dem er sitzen konnte, das Fall zwischen den beiden abgegrätschten Beinen – und war abgesaust, Richtung Vorschiff.
Das rechte Holzbein des „Admirals“ – wie ihn die Enkel titulierten – war steif vorgereckt wie die Lanze eines Ritters. Mit dem unteren verdickten Ende des Holzbeins krachte er gegen den dummen Kopf des ersten Kerls, der sich im Bug der Jolle befand und gerade einem Bordkameraden den Riemen um die Ohren hauen wollte. Daraus wurde nichts.
Old Donegals Holzbein stieß ihn um. Er prallte im Sturz gegen seinen Nachbarn, der auf der zweiten vorderen Jollenducht stand, riß den um, und auch der nahm seinen Nachbarn auf der mittleren Ducht mit, als er stürzte.
Damit kippten drei Kerle teils in die Jolle, teils auf die Duchten – wie wegrasiert und mit dem entsprechenden Effekt: es waren nur noch strampelnde Beine zu sehen. Das Gebrüll paßte zum jähen Sturz.
Die drei Kerle im achteren Teil der Jolle verfehlte das Holzbein Old Donegals um Haaresbreite, was indessen für den alten Zausel kein Problem darstellte. Auf dem Scheitelpunkt des Ausschwungs – als das Fall wieder zurücksauste – wechselte Old Donegal blitzschnell den Sitz, so daß er jetzt Front zum Achterschiff einnahm.
Das große Pendel schwang also zurück, und Old Donegals Holzbeinzwinge räumte die drei restlichen Kerle ab. Sie kippten um wie Zinnsoldaten und polterten über die drei anderen, was zu einer wirren Wuhling von Beinen und Armen und Körpern führte.
Die Arwenacks brauchten nur in die Jolle zu langen und mit den Belegnägeln den Kerlen was an die Dummköpfe zu pochen oder sie mit Wasserpützen abzukühlen, was auch der Reinlichkeit dienlich war. Damit war der Kampf um die Jolle entschieden.
Old Donegal enterte bereits grinsend vom Großmars ab. Er war mit sich vollauf zufrieden – konnte er auch sein, und Hasard winkte ihm anerkennend zu.
„Sehr gut, Don Donegallo!“ rief er.
Und der „Admiral“ verbeugte sich mit Grandezza.
„Gern geschehen, Don Julio!“ rief er zurück und feixte bis zu den Ohren.
Die Kerle von der „Respeto“ glotzten nur mit dummen Kalbsaugen – soweit ihre Klüsen nicht dichtgeschlagen waren. Sie betasteten ihre Beulen und ächzten und stöhnten. Die Luft war raus. Vom Wahnsinn ernüchtert, waren sie nur noch klägliche Elendsgestalten, die selbst nicht begriffen, was sie umgetrieben hatte.
An über Bord gehängten Seilen enterten jene auf, die ein Bad genommen hatten, ein Zwangsbad mit heilender Wirkung. Allmählich füllte sich die Kuhl, während ein Teil der Arwenacks schon wieder damit beschäftigt war, die Vorpiek restlos auszuräumen. Alles flog außenbords – Matratzen, Taurollen und Segeltuchballen.
Nach menschlichem Ermessen war der Schwelbrand beseitigt. Letzte Schwaden von Rauch und Qualm zogen ab, und Hasard sowie Ferris Tucker kontrollierten noch einmal die Vorpiek. Sie gähnte leer und hatte ein gründliches Reinschiff nötig, denn rußige Schlieren, vermengt mit Seewasser, bedeckten Planken und Seitenwände.
Ferris Tuckers scharfer Blick blieb auf einer Stelle der Bodenplanken in der Nähe des Schotts haften.
„Nanu“, murmelte er, trat näher und leuchtete mit einer Lampe die Stelle aus.
Auch Hasard hatte sich umgewandt und betrachtete die Stelle: sie war schwarz verkohlt, Glut hatte eine tiefe Mulde in das Holz gefressen.
Ferris schaute zu Hasard.
„Kannst du dich erinnern, was hier gelagert war?“ fragte er.
Hasard nickte. „Ein Stapel dieser verdammten Seegrasmatratzen.“
„Hm.“ Ferris Tucker schüttelte den Kopf. „Schon merkwürdig.“ Er ließ sich aber nicht weiter aus, sondern begann, systematisch den gesamten Piekboden nach weiteren Stellen wie der in der Nähe des Schotts abzusuchen. Fündig wurde er nicht. Da und dort waren die Planken angesengt, aber ausgebrannte Mulden entdeckte er nicht. Es gab nur die eine.
„Na?“ erkundigte sich Hasard.
Ferris Tucker deutete auf die Mulde und sagte: „Dort hat es angefangen. Dort hat etwas gebrannt oder geglüht und die Matratzen angesengt. Wenn ich davon ausgehe, daß das Schott gut schließt – und das tut es –, dann konnte sich tatsächlich nur ein Schwelbrand entwickeln, dem die Luftzufuhr zum auflodernden Brand fehlte, ganz abgesehen davon, daß das schwelende Zeug die vorhandene Luft aufbrauchte. Diese Kerle wären noch tagelang mit ihrem qualmenden Vorschiff durch die Gegend gesegelt.“
„Zufall, oder hat jemand vorsätzlich ein kleines Feuerchen gelegt?“ fragte Hasard.
„Wenn ich das wüßte!“ Ferris zuckte mit den Schultern. „Wenn das ein Zufall war, was sollte das für einer gewesen sein? Eine Selbstentzündung hier in der Vorpiek ist für mich nicht vorstellbar. Eine Vorpiek ist kein Trockenraum, eine gewisse Feuchtigkeit herrscht immer vor. Laß uns den Zufall mal ausklammern, an den glaube ich nicht. Die Frage kann nur lauten: War hier jemand vor anderthalb oder zwei Tagen in der Piek? Und hat er dann vorsätzlich für den. Schwelbrand gesorgt, oder ist ihm ein Versehen passiert, das er nicht bemerkt hat? Wenn du mich fragst: Ich würde meinen schwimmenden Untersatz nicht vorsätzlich anzünden – das entspräche jener sprichwörtlichen Dummheit, sich selbst den Ast abzusägen, auf dem man sitzt.“
Hasard wiederholte sein Argument, das er auch bereits Jean Ribault gegenüber gebraucht hatte: „Letzteres träfe nur zu, wenn du mit deinem Schiff allein auf See bist, aber wir segeln im Konvoi. Es kann also jederzeit geholfen werden – was wir ja auch getan haben. Aber mir stinkt diese Sache ganz gewaltig, und ich werde den Verdacht nicht los, daß Pigatto seine Finger im Spiel hat.“
„Könnte durchaus sein“, meinte der riesige Schiffszimmermann, „aber beweis ihm das mal.“
„Genau das kann ich leider nicht“, sagte Hasard grimmig.
Sie verschlossen das Schott und stiegen an Oberdeck. Es war inzwischen Mittag geworden. Die Dons standen an Deck herum wie bestellt und nicht abgeholt. Seit die Arwenacks auf die „Respeto“ übergesetzt waren, hatten die Kerle gewissermaßen die Hände in den Schoß gelegt – abgesehen von ihrer blindwütigen Keilerei um die Jolle.
Die knubbelige Nase des Kapitäns hatte inzwischen die Form eines Rüssels angenommen, eine Folge der Reibungshitze, welche die Haut vom Nasenrücken geraspelt hatte.
Hasard musterte ihn kühl und sagte: „Was Sie und Ihre Leute in anderthalb Tagen nicht geschafft haben, das haben meine Männer und ich in etwa drei Stunden erledigt: Ihre Vorpiek ist ausgemistet, es gibt keinen Schwelbrand mehr. In meinem Bericht an die Admiralität werde ich exakt alles schildern, was mit diesem Schwelbrand zusammenhängt – einschließlich Ihrer Weigerung, die in der Vorpiek lagernden und glimmenden Materialien außenbords werfen zu lassen und mir in jeder Weise Widerstand entgegenzusetzen. Ich werde ferner in meinem Bericht den Verdacht äußern, daß der Schwelbrand mutwillig gelegt wurde – vermutlich in der Absicht, den Konvoi verlassen zu können und im trüben zu fischen, das heißt, zu verschwinden und sich die für den König bestimmte Ladung selbst anzueignen.“ Hasard erdolchte den Capitán mit seinem Blick. „Haben Sie dazu etwas zu sagen, Capitán Pigatto?“
„Das – das ist eine infame Unterstellung!“ quetschte der Capitán heraus. Es klang empört. War die Empörung echt?
„Die Tatsachen sprechen gegen Sie“, sagte Hasard eisig.
„Was für Tatsachen?“
„Ihre Verhaltensweise zum Beispiel. Sie wissen genau, daß sich in Ihrer Vorpiek ein Schwelbrand befindet, aber Sie denken nicht daran, ihn zu beseitigen. Seit anderthalb Tagen bildet Ihr qualmendes Schiff einen Lockvogel für Schnapphähne aller Art, die ich Ihnen bereits aufzählte. Arbeiten Sie vielleicht Hand in Hand mit englischem Piratengesindel …?“
„Niemals!“ brauste der Capitán auf, klopfte sich auf die Brust und schrie: „Ich bin ein Patriot, Señor Capitán! Und ein getreuer Mann der Krone! Sie beleidigen mich, und ich müßte sie fordern!“
„Müßte!“ Hasard winkte ab. „Sie tun’s nur nicht. Aber ich rate Ihnen auch ab. Vermutlich habe ich mehr Kampferfahrung als Sie – umsonst hat mir die Admiralität nicht den Auftrag erteilt, diesen Konvoi zu übernehmen und zum Zielhafen zu bringen. Auch ich bin ein getreuer Mann der Krone, und dort weiß man sehr genau, wem man diesen Konvoi anvertrauen konnte. Aber lassen wir das. Sprechen wir über die Tatsachen. Ich verlange zu wissen, wer zuletzt in Ihrer Vorpiek gewesen ist, bevor der Schwelbrand ausbrach. Sind Sie in der Lage, das festzustellen?“
Hasard beobachtete den Capitán sehr scharf, aber der zuckte nicht zusammen, sondern schaute völlig verdutzt drein.
„Wer dort gewesen ist?“ wiederholte er konsterniert. „Aber dort hat niemand etwas zu suchen, es sei denn, ich befehle, einen Materialersatz aus der Vorpiek zu holen. Einen solchen Befehl habe ich aber nicht gegeben, dazu bestand auch keine Veranlassung. Ich verstehe Ihre Frage nicht, Señor Capitán.“
„Mann! Jemand ist in Ihrer Vorpiek gewesen und hat den Schwelbrand verursacht – ob mutwillig oder versehentlich, das sei dahingestellt. Oder wollen Sie mir erzählen, dieser Schwelbrand in Ihrer feuchten Vorpiek sei ein reiner Zufall?“
Der Capitán war verwirrt.
„Ich verstehe das ja auch alles nicht“, murmelte er geradezu hilflos.
In diesem Moment revidierte Hasard seinen Verdacht, der Capitán habe „seine Finger im Spiel“. Nein, die Verwirrung Pigattos war echt. Er schied als möglicher „Brandstifter“ aus.
Hasards Blick wanderte über die herumstehenden Kerle, und er seufzte im stillen. So verbeult deren Visagen waren, so stur und teilnahmslos sahen sie auch aus. Fast mußte er sich fragen, ob diese Holzköpfe überhaupt begriffen, über was hier gesprochen wurde. Es war zum Verzweifeln.
Trotzdem fragte er scharf: „Betrat jemand von euch die Vorpiek, bevor der Schwelbrand ausbrach? Ich will eine Antwort, und ich versichere, daß dieser Betreffende straflos bleibt. Es geht lediglich darum, die Ursache des Schwelbrandes aufzuklären. Euer Schiff ist keineswegs zum Untergang verurteilt. Die Ratten verschwanden von Bord, weil sie von dem Qualm vertrieben wurden. Also – wer war in der Vorpiek?“
Die Kerle wurden unruhig, blickten sich gegenseitig an, schüttelten die Köpfe, zuckten mit den Schultern. Keiner meldete sich.
Der Decksmann Jorge Zapata stand in der Deckung eines breitschultrigen Kerls und wußte sehr genau, daß er in der Nacht vor zwei Tagen in der Vorpiek gewesen war und dort geraucht hatte – er lechzte jetzt schon wieder, den nächsten Zug aus der Tonpfeife zu tun.
Aber wenn er sich meldete, würde ihm dieser Teufel von der Marine die Tonpfeife und den Tabak wegnehmen. Und dann war es aus mit dem blauen Dunst, der so herrlich schmeckte und so beschwingt werden ließ.
Dieser Jorge Zapata war ein einfältiger Bursche, ein Seemann, der Befehle empfing und sie ausführte, ohne weiter über ihren Sinn nachzudenken – bis auf das Rauchen, das der Capitán verboten hatte. Aber der Capitán wußte eben nicht, was Rauchen für eine gute Sache war, sonst würde er’s nämlich erlauben.
Der einfältige Jorge Zapata war weit davon entfernt, einzusehen, daß er den Schwelbrand mit der Restglut seiner ausgeklopften Tonpfeife gelegt hatte. Nein, soweit dachte er nicht. Er dachte nur daran, daß es mit dem Rauchen vorbei sein würde, wenn er sich jetzt meldete.
Also schwieg er, schüttelte auch den Kopf und bemerkte erleichtert, daß der eisblaue Blick des Teufels ihn nicht erfaßt hatte – eben weil er im zweiten Glied stand und Pablo, der breitschultrige Rudergänger, ihn verdeckte.
Hasards eisiger Blick heftete sich wieder auf den Capitán. Der wurde regelrecht wild und brüllte seine Kerle an: „Wer war in der Vorpiek? Heraus mit der Sprache!“
„Ich!“ ertönte eine Stimme.
Alle Köpfe fuhren herum. Aus dem Besanmars enterte der Erste Offizier ab, sehr eifrig und beflissen. Er stürzte an die Querbalustrade, stützte sich dort auf und verkündete: „Das war, als ich den Rauch über dem Vorschiff bemerkte! Während meiner Wache. Da stieg ich hinunter, öffnete das Schott zur Vorpiek und knallte es wieder zu, als mir der Rauch entgegenquoll. Und ich schrie: Feuer im Schiff!“
Einzig Sir John, nunmehr auf der Besangaffel, fand die richtige Antwort. Sie war knapp und präzise und lautete: „Generalaffenarsch!“
„Wie bitte?“ fragte der Capitán und war noch mehr durcheinander, denn das alles war überhaupt nicht mehr zu fassen. „Was hat dieser Vogel gesagt?“
„Ach nichts“, erwiderte Hasard, „er nannte Ihren Ersten Offizier einen Generalaffenarsch, und dem kann ich nur aus vollem Herzen zustimmen, denn zur Aufklärung des Schwelbrandes hat Ihr Erster nichts beigetragen. In der Vorpiek brannte es bereits, als er das Schott öffnete. Scheint keine große Leuchte zu sein, Ihr Erster.“
Der Capitán wisperte: „Da haben Sie recht, Señor Capitán.“
„Ich meldete“, schrie der dürre Erste, „den Schwelbrand sofort dem Capitán und sagte ihm, es sei unüblich, daß ein Feuer in der Vorpiek begänne. Zumeist entsteht es in den Mannschaftsräumen infolge unvorsichtigen Hantierens mit den Öllampen!“
„Amen“, sagte Hasard zu dem Dürren. „Sie schrien also ‚Feuer im Schiff!‘ Haben Sie das Feuer auch gesehen?“
„Wie? Gesehen? Nein, es qualmte ja, da konnte ich nichts sehen. Mir tränten auch sofort die Augen.“
„Sie sahen auch keine Glut? Ganz vorn unter den Seegrasmatratzen?“
Der Dürre stutzte und erwiderte: „Doch, ja, da bemerkte ich ein Glühen.“
„Sonst nichts?“
„Was meinen Sie damit, Señor Capitán?“
„Nun, vielleicht sahen Sie zum Beispiel noch den Rest einer Kerze“, entgegnete Hasard.
Der Dürre Erste schüttelte entschieden den Kopf. „Nein, so etwas habe ich nicht gesehen.“
Hasard wandte sich an den Capitán und sagte: „Mein Schiffszimmermann entdeckte eine Brandstelle auf den Bodenplanken, und zwar eine tief eingebrannte Mulde, die darauf deutet, daß dort der Schwelbrand entstand. Darüber lagerten die Matratzen, die natürlich zu glimmen begannen. Mein Schiffszimmermann und ich sind davon überzeugt, daß der Schwelbrand nicht zufällig, sondern durch menschliches Zutun hervorgerufen wurde. Eine Selbstentzündung hat nicht stattgefunden. Aus diesem Grund wollte ich wissen, ob jemand in der Vorpiek war, bevor der Schwelbrand bemerkt wurde. Niemand hat sich gemeldet – vermutlich aus Angst vor Bestrafung, obwohl ich Straffreiheit zugesichert habe. Oder der Unbekannte hat tatsächlich etwas zu verbergen.“
Der Capitán knirschte mit den Zähnen. „Ich kann mir das nicht vorstellen, Señor Capitán.“
„Darüber sollten Sie nachdenken, Señor Pigatto“, sagte Hasard. „Vielleicht befindet sich unter Ihren Leuten einer, der ein persönliches Interesse daran hat, daß Ihre Schatzladung nicht dem König zugeführt wird, sondern in andere Hände fällt. Ich erinnere an die Signalwirkung Ihres qualmenden Schiffes. Können Sie sich für die Integrität jedes einzelnen Ihrer Männer verbürgen?“
Pigatto biß sich auf die Lippen. „Sie meinen, einer aus meiner Mannschaft könnte den Schwelbrand absichtlich gelegt haben?“
„Das meinte ich.“ Hasard grinste hart. „Wenn Sie es nicht waren, muß es einer Ihrer Leute gewesen sein, jedenfalls nach meiner Logik. Das heißt, Sie haben einen Mann an Bord, der bisher zweimal versucht hat – Sie hatten auf dieser Fahrt ja bereits schon einmal einen Schwelbrand –, Feuer zu legen, aus welchen Gründen auch immer. Nur hege ich allerdings den Verdacht, daß dieser Mann eigennützige Ziele damit verfolgt. Welche das sein können, deutete ich ja bereits an. Sie werden also damit rechnen müssen, daß der Mann auch einen dritten Versuch unternehmen wird. Das ist die Situation, wie ich sie sehe. Sie sind der Kapitän der ‚Respeto‘. Ich muß Sie bitten, alles zu tun, um den Mann zu entlarven und einen dritten Brand zu verhindern. Sonst sehe ich allerdings für Ihr Schiff schwarz, Señor Capitán.“
Pigatto wirkte wieder hilflos – und auch irgendwie entsetzt, was Hasard verstehen konnte. Einen Mann in der Crew zu haben, der im gewissen Sinne Sabotage übte, was möglicherweise die Vernichtung des Schiffes nach sich zog, das war für einen Kapitän kein sehr erfreulicher Gedanke.
Vielleicht war der Kerl ein Pyromane, also einer, der es furchtbar lustig fand, wenn es ordentlich knisterte und brannte, ein Verrückter mithin!
„Was soll ich denn tun?“ fragte der Capitán leise.
„Überprüfen Sie jeden einzelnen Mann“, empfahl Hasard. „Nehmen Sie sich Ihre Leute vor, hämmern Sie ihnen ein, daß jeder auf jeden aufpassen muß. Von jetzt an wird auf Ihrem Schiff das Mißtrauen mitsegeln – kein seht angenehmer Begleiter, ich weiß, aber Sie werden erst wieder frei atmen können, wenn der Mann gestellt ist. Das wär’s wohl. Lassen Sie bitte alle Segel setzen, wir müssen den Konvoi wieder einholen. Ich wünsche Ihnen viel Glück, Señor Capitán.“
„Danke für die Hilfe“, murmelte Pigatto verlegen.
Hasard klopfte ihm nur auf die Schulter und setzte mit seinen Mannen auf die Schebecke über.
5.
Kaum befanden sich die „Respeto“ und die Schebecke auf Nordkurs, um den Konvoi nachzusegeln, dessen Mastspitzen an der nördlichen Kimm noch zu sehen waren, da trat das ein, was Philip Hasard Killigrew befürchtet hatte.
Von Osten näherte sich ein Dreimaster, den Dan O’Flynn als spanische Kriegsgaleone identifizierte.
Es passierte selten, aber Hasard fluchte wie ein Grobschmied, und zwar sehr gekonnt. Carberry lauschte andächtig und fand seinen Kapitän schwer in Form. Und die Arwenacks grinsten verstohlen, obwohl sie allen Grund hatten, etwas die Ohren anzulegen. Na ja, eine spanische Kriegskaravelle, mit der sollten sie doch wohl fertig werden, aber gemischt wurde es, wenn da noch andere Dons herumtörnten, was gar nicht mal ausgeschlossen war.
Man erwartete spanischerseits den Konvoi, und es konnte durchaus sein, daß jemand der hohen Señores bei der Admiralität befunden hatte, die Viermast-Kriegsgaleone „Casco de la Cruz“ genüge nicht, den Konvoi abzusichern. Nein, da müsse alles aufgeboten werden, was Kanonen trage, um die kostbare Ladung unbeschadet nach Sevilla zu geleiten.
Der Seewolf schloß noch einmal zur „Respeto“ heran, befahl dem Capitán, zügig weiter dem Konvoi nachzusegeln, und ließ den Bug der Schebecke auf die Kriegskaravelle richten. Klar, daß sie an der Besangaffelrute die spanische Flagge gesetzt hatten, um nicht von vornherein mit Mißtrauen beäugt zu werden.
Im übrigen waren für Hasard neugierige Dons das letzte, was er zu treffen wünschte, ganz abgesehen von den dummen Fragen, die man stellen würde. Im übrigen war wohl klar, was die Dons angelockt hatte: die verdammte Qualmwolke der „Respeto“. Sie hatte lange genug an der Kimm gestanden, um eingepeilt zu werden. Der Kurs der Kriegskaravelle wies eindeutig auf die frühere Position dieser Sichtmarke.
„Klarschiff zum Gefecht, Sir?“ fragte Ben Brighton sachlich.
„Nein!“ fuhr ihn Hasard an. „Sollen wir uns noch in Sichtweite von der ‚Respeto‘ mit den Dons herumschießen, Mister Brighton?“
„War nur ’ne Frage, Sir“, erwiderte der Erste unbeeindruckt. „Außerdem bin ich nicht schwerhörig und ärgere mich genauso wie du über die bevorstehende Begegnung.“
„Entschuldige“, brummte Hasard. „Diese Karavelle paßt mir wie der Igel zum Abputzen des Hinterns.“
„Etwa so“, brummelte Ben Brighton und Verbiß sich das Grinsen, um seinen geladenen Kapitän nicht noch mehr zu reizen. „Du hast das sehr fein ausgedrückt.“
Da mußte Hasard selber lachen.
„Karavelle hat je acht Stücke auf beiden Seiten“, meldete Dan O’Flynn. „Außerdem jede Menge Drehbassen.“
„Danke, Dan“, sagte Hasard. „Bitte aufpassen, ob außerdem noch mehr von diesen Vögeln hier in der Gegend herumschwirren.“
„Ach ja?“ sagte Dan grinsend. „Was sonst tue ich wohl, wenn ich die ganze Kimm mit dem Spektiv absuche? Ich passe auf, richtig, und das nicht zum ersten Male, Señor Capitán. Aber bis jetzt ist nichts weiter in Sicht.“
„Sehr erfreulich“, murmelte Hasard. „Hoffentlich bleibt’s auch so.“ Er wandte sich zur Kuhl um und rief zum Profos hinunter: „Ed, sorg bitte dafür, daß unser Tierpark unter Deck verschwindet! Wir sind schließlich ein spanisches Kriegsschiff!“
Carberry zeigte klar und griff sich auch gleich seinen Sir John, bevor er von seiner Schulter flüchten konnte. Es war allgemein bekannt, daß die Krachente sehr eigensinnig werden konnte. Außerdem mußte vermieden werden, daß Sir John wieder mit englischen Kraftworten loslegte. Das konnte Mißtrauen hervorrufen.
Batuti brachte Arwenack unter Deck, die Zwillinge kümmerten sich um Plymmie, die Wolfshündin.
Sie waren längst verschwunden, als die beiden Schiffe aufeinander zusegelten.
„‚El León‘ heißt die Kiste“, meldete Dan O’Flynn, „und ihre Galion verziert auch ein solcher, und zwar springend und die Tatzen vorgereckt.“
„El Léon“ – „Der Löwe“.
„Aha“, sagte Hasard, und er hatte zu seiner alten Gelassenheit zurückgefunden. „Wirklich ein schöner Name für ein Schiff – und so sinnig, obwohl’s derlei Getier auf See nicht gibt. Dabei fällt mir ein, daß wir mit unserer Schebecke namenlos über die Ozeane fahren.“
„Schlage ‚El Tigre‘ vor“, sagte Ben Brighton prompt und hatte so ein gewisses Zucken um die Mundwinkel.
„Genehmigt!“ schmetterte Hasard und salutierte vor seinem Ersten.
Der salutierte auch. Die reinste Kasperei war das, aber damit überbrückten sie die Ungewißheit dieser Begegnung. Und die Dons würde beeindrucken, wie sich diese beiden Señores auf dem Achterdeck dieses sehr merkwürdigen Schiffes verhielten und einander Achtung bewiesen. Immer diese Formen, nicht wahr?
Und auf dem Achterdeck der „El León“ hatten sie Señores auch eifrig die Spektive vorm Auge und studierten das Schiff, das zumindest im Atlantik, außerhalb des Mittelmeeres, ein sehr seltenes Objekt war.
So schnarrte denn der Kommandant der „El León“, ein gewisser José de Freitas, unter seinem gesträubten Schnauzbart zu den um ihn versammelten drei Offizieren: „Höchst verdächtig dieses Schiff! Höchst verdächtig! Schiffe dieses Typs pflegen nordafrikanische Piraten zu benutzen – ähem! Höchst verdächtig!“
„Höchst verdächtig“, bestätigte sein Erster Offizier, und der Zweite und der Dritte Offizier schlossen sich diesem „höchst verdächtig“ an, weil sie sowieso keine Meinung, keine eigene, zu haben hatten.
Der Dritte Offizier, ein Jüngling im Teniente-Rang, setzte beflissen noch einen drauf, indem er verkündete: „Allerhöchst verdächtig!“
Da mochte der Zweite Offizier nicht zurückstehen und gestattete sich die Bemerkung: „Aber das höchst verdächtige Schiff führt die spanische Flagge, Señor Comandante.“
José de Freitas winkte unwirsch ab: „Interessiert mich nicht!“ Er war das, was man einen Eisenfresser nennt, ein martialischer Kerl mit einem Stiernacken, dunklen stechenden Augen, einem viereckigen Kinn und eben einem Schnauzbart, der sich zu sträuben pflegte, wenn den Capitán Wallung ergriff – wie jetzt.
Da war die Rauchwolke an der Kimm, gewesen, auf die er sofort nach der Sichtmeldung zugesegelt war – voller Tatendrang, weil in den letzten zwei Wochen, seit sie ausgelaufen waren, nichts passiert war. Die Order für ihn lautete schlicht und einfach, weit vor der spanischen Küste Aufklärung zu fahren und sie nach Westen abzusichern. Bei Feindberührung hatte er sich allerdings sofort abzusetzen, jedes Gefecht zu meiden und in Cadiz Bericht zu erstatten.
Im Nordwesten segelte eine einzelne Galeone nordwärts, und an der nordnordwestlichen Kimm waren gerade noch viele Mastspitzen an der Kimm zu erkennen – offenbar ein Konvoi.
Und dazu nun dieses Piratenschiff der algerischen Küste, das auf sie zusegelte.
Das war nicht nur höchst verdächtig, sondern auch höchst verwirrend! Eine spanische Flagge – ähem! Sah doch wie ein Kriegsschiff aus, dieses Piratenschiff! Kerle ordentlich gekleidet mit Brustpanzer und Helm. Achterdeck besetzt mit Offizieren, erweisen einander Ehrenbezeugung! Straffe Burschen – ähem! Wird gut gesegelt, dieser – äh – Dreimaster, sehr gut sogar! Segel stehen aus-ge-zeichnet – ähem-ähem! Flottes Schiff! Sehr flott sogar …
Capitán de Freitas stierte sich das rechte Auge aus, mit dem er durchs Spektiv beobachtete – bis er mit dem Okular den breitschultrigen Riesen auf dem Achterdeck erfaßte. Und da schluckte er, denn er konnte sich nicht erinnern, jemals ein so verwegenes Gesicht gesehen zu haben. Und so gut geschnitten – ein Mann von Adel! Und er schluckte ein zweites Mal. Nein, nein, das war kein algerischer Pirat, das war ein Grande! Teufel auch, diesen Mann mußte er kennenlernen!
Das rechte Auge triefte ihm, und da setzte er aufatmend das Spektiv ab. Seine drei Offiziere starrten ihn beflissen an. Er wischte sich über das rechte Auge und schnarrte: „Jolle klarmachen zum Aussetzen!“
Die drei Offiziere glotzten. Jolle aussetzen bei einem „höchst verdächtigen Schiff“ nordafrikanischer Piraten? Kein „Klarschiff zum Gefecht?“
Sie verstanden die Welt nicht mehr und zuckten unisono zusammen, als der Kommandant sie anpfiff, gefälligst „den Arsch“ zu bewegen. José de Freitas, adliger Herkunft, war kein Freund wohlgesetzter und artiger Verbindlichkeiten. Er haute am liebsten gleich mit dem Vorschlaghammer drauf.
So einer war das – eben ein Eisenfresser.
Die Kriegsgaleone und die Schebecke glitten einander näher – die „El León“ halbwinds über Steuerbordbug, die Schebecke mit gleicher Segelstellung über Backbordbug auf Passierkurs. Aber der Dreimaster der Seewölfe lag luvwärts bei dem Wind aus dem südlichen Sektor.
De Freitas registrierte das zu spät und fluchte insgeheim. Das hätte ihm nicht passieren dürfen – ob Freund oder Feind –, daß er sich bei einer Begegnung in Lee befand. In einem Gefecht konnte das tödlich sein.
Doch auf der Schebecke wurden die Segel gefiert, um die Fahrt zu vermindern, ein Zeichen, daß ihr Capitán zum Gespräch von Schiff zu Schiff bereit war.
„Alle Schoten Lose geben!“ knarrte Capitán de Freitas, um seinerseits seine Gesprächsbereitschaft kundzutun.
Das geschah.
De Freitas baute sich auf dem Achterdeck am Backbordschanzkleid auf und hob die Hände an den Mund, als er das andere Achterdeck querab hatte.
„Kommandant an Kommandant!“ rief er. „Ist es gestattet, bei Ihnen an Bord zu kommen?“
Der Riese auf dem Achterdeck hob die rechte Hand und rief zurück: „Bitte sehr, Señor Capitán! Aber wir haben nicht viel Zeit. Ich fahre Geleitschutz für einen Konvoi Seiner Majestät. Ich bitte, das zu berücksichtigen!“
„Werde mich beeilen!“ rief de Freitas, fuhr herum und ranzte seine drei Offiziere an, warum die Jolle noch nicht ausgesetzt sei.
Die überschlugen sich, polterten gemeinsam auf die Kuhl hinunter und wetterten dreistimmig, um ihre Aktivität zu demonstrieren. Es ging nach der alten Hackordnung, einer befahl dem anderen, und den letzten bissen die Hunde, will sagen, er empfing einen Tritt in den Allerwertesten. Dieser letzte hatte keinen, den er treten konnte. Also mußte er die Zähne zusammenbeißen und kuschen. Aber denken konnte er, ganz still für sich ohne es laut hinauszuposaunen. Und da waren so manche, die dachten: Leck mich doch sonstwo!
Philip Hasard Killigrew beobachtete und zog seine Schlüsse.
Auch er hatte den anderen Capitán durchs Spektiv in Augenschein genommen – und vielleicht hätte er sich gefreut, wäre ihm bekannt gewesen, was dieser Schnauzbart konstatiert hatte, als der ihn im Okular gehabt hatte.
Jedenfalls fand er wiederum, daß ihm der andere Capitán überhaupt nicht gefiel. Das war einer von den Knarschen, die immer meinten, die Axt sei besser als das feingeschliffene Messer. Und die Offiziere um ihn herum dienerten nur und zeigten devote Beflissenheit. Aber den Dienstgraden darunter gaben sie es – nach dem alten Motto: Nach oben buckeln, nach unten treten!
Amen! fügte Hasard im stillen diesem Gedankengang hinzu.
Ben Brighton hatte inzwischen die Schebecke in den Wind drehen und an Backbord eine Jakobsleiter ausbringen lassen – ohne Gebrüll und Hackordnung. Winke und leise Zurufe hatten da genügt. Bei den Arwenacks lief das wie geschmiert.
Hasard nickte zufrieden und enterte zur Kuhl ab, um den anderen Capitán zu empfangen. Sein Profos sah unglücklich aus, aber das hing damit zusammen, daß er eine Hurratüte auf dem Schädel hatte, die für einen kleineren Kopf gedacht war. In seiner Größe hatte man noch nichts Passendes gefunden. Carberrys Kopfgröße war bei den Dons nicht vorgesehen, es sei denn für Stierköpfe, aber die trugen bekanntlich keine Helme.
Darum sah der Profos auch reichlich komisch aus, und weil er selbst wußte, daß er wie ein Affenarsch aussah, schnitt er ein Gesicht, als wandele er zur Zeit durchs Tal des Jammers und der Trübsal. Man konnte selbst das Heulen kriegen, wenn man in dieses Gesicht blickte.
„Kopf hoch, Señor Carberrio!“ ermunterte Hasard seinen Profos.
„Du hast gut reden, Señor Capitán“, sagte der Profos ächzend, „deine Dunstkiepe paßt wie nach Maß angefertigt, aber mein Pißeimer klemmt mir das Gehirn ab, ehrlich! Kann mir Old Shane nich mal ’n passenden Topf zum Helm ausbeulen?“
„Einen Suppenkessel meinst du?“
„Genau den!“ Der Profos strahlte gequält und nickte heftig. Der zu kleine Helm rutschte nach hinten, und da sah der Profos wie ein bezechter Musketier aus.
Einige Arwenacks in der Nähe des Backbordschanzkleides drehten sich stumm um, denn auf der Kriegskaravelle sollte keiner sehen, daß sie glucksten und gackerten.
Ihr Profos war wieder mehr als ein Rumfaß wert – die Rumladung eines Rum-Konvois reichte nicht aus!
„Old Shane wird dir einen passenden Helm aus einem Suppenkessel anfertigen“, sagte Hasard tiefernst, denn in diesem Moment glitt die Jolle der „El León“ längsseits und das Helmthema konnte nicht fortgesponnen werden.
Von der Jolle aus wurden Vor- und Achterleine hochgeworfen und von den Arwenacks wahrgenommen und belegt, Capitán de Freitas enterte an der Jakobsleiter auf, sein Dritter Offizier, das Jüngelchen, folgte ihm.
Hasard trat auf die beiden zu, verneigte sich leicht und lässig, lächelte freundlich und sagte: „Willkommen an Bord, Señor …“
„Capitán de Freitas“, schnarrte der Schnauzbärtige, „Kommandant der ‚El León‘ aus Cadiz und auf Patrouillenfahrt – ähem!“
Daß die Kerle immer in diesem Schnarrton sprechen müssen, dachte Hasard. Es sollte wohl schneidig klingen und den Befehlsgeber herauskehren, wirkte aber nichts weiter als lächerlich und aufgesetzt.
„Capitán de Vilches“, stellte er sich vor, „Kommandant der ‚El Tigre‘ und unterwegs aufgrund einer königlichen Geheimorder, über die ich keine weitere Auskunft geben kann.“
De Freitas starrte Hasard irritiert an, räusperte sich und sagte: „Verzeihung, wie war Ihr Name, Señor Capitán?“
„De Vilches, Julio de Vilches“, erwiderte Hasard gelassen, „bitte nicht zu verwechseln mit meinem Onkel gleichen Namens, der zur Zeit Kommandant der ‚Casco de la Cruz‘ ist.“ Ihm war sofort klargeworden, daß dieser Kerl den alten Geier von der „Casco“ kennen mußte: er war irritiert gewesen und hatte noch einmal nach dem Namen gefragt.
De Freitas runzelte die Stirn, brachte wieder ein „Ähem-ähem“ heraus und fügte hinzu: „Wußte gar nicht, daß Capitán de Vilches einen Neffen bei der Marine hat – ähem. Hat nie davon gesprochen.“
„Kann ich mir denken“, sagte Hasard schlagfertig und ohne mit der Wimper zu zucken. „Wir halten nämlich nicht viel voneinander. Er mißgönnt mir meinen schnellen Aufstieg zum Capitán, und für mich ist er ein alter dummer Esel, den man längst hätte pensionieren müssen. Wenn unsere Marine von Greisen geführt wird, können wir uns alle einsargen lassen!“
Das Teniente-Jüngelchen schnappte nach Luft, und dem Capitán sträubte sich mal wieder der Schnauzbart, und er brauchte einige Zeit, um diese unverfrorenen Äußerungen zu Verdauen.
Dann stotterte er: „Don Ju-Julio d-de Vilches ist ein – ähem – ehrenwerter Mann.“
„Geschmackssache“, entgegnete Hasard. „Wir Jüngeren in der Familie nennen ihn einen schlappen Mehlsack.“
Der Capitán lief allmählich rot an, und jetzt zischte er: „Solche Äußerungen, die – ähem – verunglimpfend sind, können Sie den Kopf kosten, Señor Capitán!“
„Über meinen Kopf brauchen Sie sich nicht zu sorgen, Capitán“, sagte Hasard kühl. „Und wenn Sie mich denunzieren wollen – bitte sehr. Zufällig genieße ich einiges Ansehen bei der Admiralität, sonst hätte man mir keinen Geheimauftrag anvertraut. Sonst noch Fragen? Meine Zeit wird knapp.“
Der Blick des Capitáns irrte über die behelmten und brustgepanzerten Arwenacks, die ihn ausdruckslos anstarrten. Er zuckte zusammen, als er Carberry entdeckte. Ein solches Ungetüm hatte er noch nie gesehen. Und als sein Blick auf den riesigen Batuti fiel, verlor er fast die Fassung. Ein schwarzer Affe an Bord eines Schiffes Seiner Majestät des Königs von Spanien! Un-er-hört!
Dem Jüngelchen hingegen liefen die Schweißperlen unterm Helm hervor und über die blassen Wangen. Das Kerlchen begann nervös mit dem Kopf zu zucken und dann mit den Knien zu zittern, denn da standen zwei Kerle, denen je eine Hand fehlte. Statt dessen trugen sie funkelnde Haken mit geschliffenen Spitzen.
Heilige Madonna, was für Berserker! Dem Jüngelchen wurde es ganz schwummerig.
„Ähem“, sagte da der Capitán. „Sie befehligen ein recht merkwürdiges Schiff, Señor Capitán.“
„Allerhöchst verdächtig!“ kommentierte das Teniente-Jüngelchen eifrig und wurde rot, als es von dem eisigen Blick des fremden Kommandanten getroffen wurde.
„Können Sie das beurteilen, Teniente?“ fragte Hasard scharf. „Außerdem wurden Sie nicht um Ihre Meinung gebeten. Oder ist es bei Ihnen an Bord üblich, daß sich subalterne Offiziere mit dummen Bemerkungen in die Gespräche der Kommandanten einmischen?“
Das Jüngelchen wurde noch röter und hätte sich am liebsten in ein Mauseloch verkrochen.
De Freitas fühlte sich bemüßigt, seinem Teniente beizustehen.
„Ich pflichte Teniente de Calheiro bei“, sagte er hastig. „Dieses Schiff wird üblicherweise von nordafrikanischen Piraten gesegelt.“
„Mir bekannt“, sagte Hasard trocken. „Und was soll daran merkwürdig oder ‚allerhöchst verdächtig‘ sein? Ich will Ihnen was verraten, damit Sie ruhig schlafen können und sich nicht den Kopf über Dinge zerbrechen, die Sie aus Gründen der Geheimhaltung gar nichts angehen. Dieses Schiff, eine Schebecke, wurde von der Admiralität als Kurierschiff für besondere Aufgaben übernommen und mir unterstellt. Der Grund für diese Maßnahme war, daß es bis jetzt kein schnelleres und tüchtigeres Schiff für diese bestimmten Zwecke gibt. Falls Sie etwas von Schiffen verstehen, dann sollten Sie wissen, daß die Admiralität keine bessere Wahl hätte treffen können. Aber Sie können ja der Admiralität bei Gelegenheit mitteilen, daß Sie dieses Schiff für merkwürdig und allerhöchst verdächtig halten. Man wird höheren Orts entzückt über Ihre Ansichten sein. Das wär’s wohl. Sie dürfen sich verabschieden, Señores!“ Hasard nickte kühl und wandte sich dem Achterdeck zu.
Die beiden „Señores“ standen wie begossene Pudel da und verschwanden von Bord, als der Profos mit einem Knurrlaut zu der Pforte im Schanzkleid wies. Kaum hatte die Jolle abgelegt, da brauste die Schebecke unter voller Preß hinter dem Konvoi her.
6.
Capitán de Freitas steckte voller Gift und Galle. Er war heruntergeputzt worden wie ein dummer Junge – und das im Beisein dieses Jünglings von Teniente. Daß er selbst diese scharfen Antworten des anderen Capitáns herausgefordert hatte, ging ihm nicht ein. Voller Wut starrte er hinter der Schebecke her, die regelrecht davonstob. So etwas dämmerte ihm, daß dieses Schiff allen anderen derzeitigen Seglern an. Geschwindigkeit haushoch überlegen war. Das brachte ihn noch mehr in Rage.
„Hätten Sie nicht das Maul halten können?“ schnauzte er den Teniente an, während die Jolle zur „El León“ zurückgepullt wurde. Der Teniente saß an der Pinne und steuerte Schlangenlinien. „Kurs halten!“ brüllte der Capitán. „Sie Idiot, Sie!“ Endlich hatte er jemanden, an dem er sich austoben konnte.
„A-aber“, stotterte der Jüngling, „Sie – Sie sagten doch selbst, die – die Schobacke sei …“
„Schebecke!“ brüllte der Capitán.
Vor Schreck verriß der Jüngling die Pinne, eine Welle klatschte achtern gegen die Bordwand und überduschte die beiden Señores Offiziere, so daß ihnen das Wasser in die Halskrausen lief. Die Bootsgasten beugten sich vor, um ihr schadenfrohes Grinsen zu verbergen.
„Wahnsinnig geworden?“ brüllte der Capitán und wischte sich das Seewasser aus dem Gesicht. „Zu dämlich zum Steuern, der Scheißkerl! Weg da! Ich übernehme!“ Rigoros wurde der Jüngling zur Seite gestoßen, und der ehrenwerte Capitán steuerte selbst.
Der Teniente de Calheiro stand dicht vorm Heulen. Sein Vater war Generalkapitän in der Armada. Er würde sich bei ihm beschweren über diesen rüden Capitán de Freitas, jawohl, das würde er. Es gehörte sich nicht, einen Teniente in Anwesenheit des niederen Decksvolkes derart anzupöbeln, zumal es dessen Autorität untergrub.
„Das melde ich meinem Vater!“ giekste das Jüngelchen in einem Anflug von Trotz.
Na, das war Wasser auf die wutmahlende Mühle des Capitáns. Und so folgte denn ein Anschiß dem anderen, bis die Jolle bei der „El León“ längsseits glitt und der Capitán sich heiser gebrüllt hatte.
An Deck röchelte er den Bootsmann an, die Jolle sofort aufhieven zu lassen. Dann stürmte er zum Achterdeck und berief eine Lagebesprechung der Offiziere ein, Sie fand in seiner Kammer statt. Inzwischen sollte die „El León“ auf Ostkurs gehen.
Die drei Offiziere erschienen in der Kammer und bauten sich neben dem Schott auf. Eine Aufforderung, Platz zu nehmen, erhielten sie nicht. Dafür saß der Capitán hinter seinem Schreibpult, das fest mit den Planken verbolzt war, um bei Seegang nicht auf Wanderschaft zu gehen. Der Capitán stärkte sich mit Rotwein. Außerdem mußte er seine rauhe Kehle ölen. Seinen drei Offizieren bot er nichts an, die hatten ja auch keine rauhe Kehle.
„Ähem“, äußerte der Capitán, „habe Sie zur Besprechung beordert, um Entscheidung zu treffen.“ Seine Stimme klang heiser, und er mußte sie wieder ölen.
Die drei Señores wunderten sich. Entscheidungen hatte der Capitán bisher immer allein getroffen, ohne sie um ihre Meinung zu fragen. Darum hatten sie sich längst abgewöhnt, eine zu haben.
„Situation stellt sich wie folgt dar“, fuhr der Capitán fort. „Kommandant der Schebecke ist ein gewisser Capitán Julio de Vilches, Neffe des gleichnamigen Kommandanten der Kriegsgaleone ‚Casco de la Cruz‘, bei dem ich die Ehre hatte, drei Jahre als Erster Offizier zu fahren. Tadelloser Offizier und Seemann, dieser ältere Capitán de Vilches – ähem. Er wurde von seinem Neffen mir gegenüber gröblichst verunglimpft. Der Teniente ist Zeuge.“
„Jawohl, bin Zeuge“, krähte das Jüngelchen und reckte die Brust heraus, aber viel war da nicht, weil es eine Hühnerbrust war.
„Schebecke heißt ‚El Tigre‘, wurde als Kurierschiff der Admiralität in Dienst gestellt und führt zur Zeit einen geheimen Auftrag aus – offenbar als Begleitschutz eines für Seine Majestät bestimmten Konvois – ähem.“ Und wieder mußte die Kehle geölt werden.
„Habe den Verdacht“, setzte der Capitán seihen Monolog fort, „daß auf der Schebecke einiges nicht stimmt, obwohl der Kommandant versichert, einiges Ansehen bei der Admiralität zu genießen. Schwer zu durchschauender Bursche, dieser Julio de Vilches – ganz im Gegensatz zu seinem Onkel – ähem. Habe an Bord ‚El Tigre‘ einen Neger entdeckt. In der Montur unserer Seesoldaten. Ungeheuerlich, das!“ Die Erregung übermannte den Capitán, sein Schnauzbart sträubte sich, und die Kehle mußte nachgeölt werden.
„Und zwei Seesoldaten hatten Haken, statt richtiger Hände!“ platzte der Teniente heraus.
Da wollte auch der Zweite Offizier seinen Senf hinzugeben und sagte: „Melde, daß ich durchs Spektiv einen alten Grande auf dem Achterdeck sah, der ein Holzbein hatte.“
Der Capitán rülpste und stellte fest: „Ein Kurierschiff der Admiralität, das mit Krüppeln und einem Neger besetzt ist. Ferner einem Monster, dem der Helm zu klein war. Fällt Ihnen etwas auf, Señores?“
„Neger und Krüppel haben auf Schiffen Seiner Majestät nichts zu suchen!“ schnarrte der Zweite Offizier. „Sie sind eine Beleidigung für die Krone!“
Der Zweite Offizier war ebenfalls ein Adelssproß, einer von der arroganten überheblichen Sorte, bei der der Mensch unterhalb des eigenen gesellschaftlichen Ranges als Niemand galt. Die Jagdhunde dieser Señores waren höher eingestuft als die Niemande. Neger und Krüppel waren noch weniger als Niemande und hatten den Status von lästigem Ungeziefer.
„Sehr richtig“, sagte der Capitán zu der Feststellung seines Zweiten Offiziers. „Neger und Krüppel haben auf Schiffen Seiner Majestät nichts zu suchen. Daraus folgert, daß es auf diesem Schiff nicht mit rechten Dingen zugehen kann. Stelle daher zwei Alternativen zur Debatte. Erste: Wir bleiben auf Ostkurs, laufen Cadiz an und erstatten der Admiralität Meldung. Zweite: Wir gehen wieder auf Gegenkurs, fordern restlose Aufklärung und eröffnen gegebenenfalls das Feuer auf verdächtiges Objekt – ähem.“ Die Kehle mußte wieder kräftig geschmiert und geölt werden. Der Pegel in der Rotweinflasche nahm rapide ab, die Röte auf der Nase des Capitáns zu.
„Feind muß gestellt und vernichtet werden!“ krähte der Junggockel von Teniente und reckte das Brüstchen noch weiter heraus.
Der Erste Offizier, nicht von Adel, aber altgedient und daher ein fähiger Seemann, sagte unwirsch: „Gilt jetzt die Order nicht mehr, daß wir uns bei Feindberührung sofort abzusetzen, jedes Gefecht zu meiden und in Cadiz Meldung zu erstatten haben? Ich weise ferner darauf hin, daß die ‚El Tigre‘ unter spanischer Flagge segelt und ihr Kommandant – wie Sie selbst ausführten, Señor Capitán – Ansehen bei der Admiralität genießt. Er hat einen Geheimauftrag, und das kann zu einem gehörigen Stunk führen, wenn wir uns da einmischen. Außerdem – und das dürfte Ihnen allen bekannt sein – werden als Kommandanten von Kurierschiffen nur besonders befähigte Seeoffiziere von der Admiralität auserwählt – eben weil sie sehr schwierige und häufig gefährliche Aufträge zu übernehmen haben. Hier wurde eben abfällig über Krüppel gesprochen …“
„Verbitte mir Kritik!“ schnarrte der Capitán.
„… aber ich hatte den Eindruck“, fuhr der Erste ungerührt fort, „daß die ‚El Tigre‘ von diesen Krüppeln in hervorragender Weise gesegelt wurde. Jedenfalls sieht man so etwas selten …“
„Papperlapapp!“ unterbrach ihn der Capitán ein zweites Mal. „‚El León‘ wird noch besser gesegelt. Haben Sie sonst noch was zu sagen?“
„Aus den von mir genannten Gründen“, erwiderte der Erste, „schlage ich vor, die erste Alternative vorzuziehen. Sie entspricht im übrigen unserer Order.“ Und ziemlich kaltschnäuzig fügte der Erste hinzu: „Ich habe jedenfalls keine Lust, wegen Nichtbefolgung der Order vor ein Kriegsgericht gestellt zu werden.“
Der Junggockel zuckte zusammen, und der Zweite Offizier sagte sofort: „Ich auch nicht!“
„Und wenn ich die zweite Alternative vorziehe?“ fragte der Capitán lauernd.
„Das haben Sie als Kommandant der ‚El León‘ zu verantworten“, erklärte der Erste Offizier kühl. „Vor einem späteren Kriegsgericht werde ich aussagen, daß ich Sie an die Order erinnert und geraten habe, sie zu befolgen.“
„Ja-jawohl“, stotterte der hühnerbrüstige Teniente, „die – die Order muß befolgt werden, da-das betonte auch mein Vater, der Generalkapitän, immer wieder.“
„Interessant, was ich für schlappe Offiziere habe“, knarrte der Capitán, und die Galle stieg ihm wieder hoch – auch der Rotwein, wie er mit einem Rülpser verkündete.
„Sollten Sie schlapp mit Gehorsam verwechseln“, sagte der Erste Offizier, „dann fühle ich mich geehrt, Señor Capitán. Gehorsam ist das Mark echten Soldatentums.“
Da der Capitán bei diesen Worten gerade sein soundsovieltes Glas leerte, verschluckte er sich und erlitt einen ernsthaften Erstickungsanfall, den der Erste Offizier sofort mit einem kräftigen Abklopfen des ehrenwerten Rückens bekämpfte.
Danach keuchte der Capitán mit röchelnder Stimme: „Wir laufen Cadiz an.“
Seine Bewährungsprobe stand ihm allerdings noch bevor. Und ob die „El León“ besser gesegelt wurde als die „El Tigre“ mit ihren „Krüppeln“ an Bord, das war auch noch nicht bewiesen.
„‚El León‘ im Auge behalten!“ befahl Philip Hasard Killigrew, als die Schebecke nordwärts brauste. „Und holt raus aus unserem Zossen, was drinsteckt! Dan! Berechne schon jetzt den Kurs, den wir steuern müssen, wenn wir den Konvoi erreicht haben und wieder ostwärts segeln, um diese verdammte Kriegskaravelle zu erwischen. Sie segelt Kurs auf Cadiz, darf Cadiz aber nicht erreichen, sonst können wir unser Geschenk für die königliche Lissy in den Schornstein schreiben!“
„Aye, aye, Sir!“ schmetterte Dan O’Flynn und verschwand im Kartenraum.
„Also doch“, sagte Ben Brighton grinsend. „Was – ‚also doch‘?“
„Klarschiff zum Gefecht.“
„Mann, in Sichtweite der ‚Respeto‘ konnten wir doch nicht über eine spanische Kriegskaravelle herfallen“, fauchte Hasard.
„Irrtum“, beharrte Ben. „Wir hätten erklären können, die ‚El León‘ sei ein verkappter französischer Freibeuter gewesen.“
Hasard stöhnte. „Hätte dir das nicht früher einfallen können?“
„Ist mir aber eben erst eingefallen“, sagte Ben. „Du hättest ja auch an so was denken können, aber du warst ja wie vernagelt, als Dan die ‚El León‘ in Sicht meldete.“
„Ja-ja! Immer drauf auf den Alten, der hat zu denken, zu reagieren, zu handeln, zu befehlen, zu machen, hinter die Kimm zu spähen …“
„Das ist Old Donegals Aufgabe“, unterbrach Ben Brighton und grinste weiter impertinent. „Aber reagiert hast du exzellent, als du merktest, daß dieser Schnauzbart den echten Don Julio kannte. Mein Gott, mir haben die Hosen geflattert. Der Neffe von Don Julio! Mir wär das in diesem Moment nicht eingefallen, ehrlich. Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Und diese beiden Affen haben das gefressen.“
„Haben sie nicht.“ Hasard schüttelte den Kopf. „Hast du gesehen, wie dieser de Freitas Batuti gemustert hat? Als sei unser Mann eine Wanze! Und dem Jüngelchen sind die Knie weich geworden, als es unsere beiden Hakenmänner entdeckte. Bist du darüber informiert, ob Schwarze oder Schwerbeschädigte auf spanischen Kriegsschiffen geduldet werden?“
Don Juan de Alcazar schaltete sich ein. „Sind sie nicht, Schwarze schon gar nicht. Und Krüppel sind eine Beleidigung für die Krone, obwohl sie Ihre Knochen für den König hingehalten haben.“ Don Juan spuckte über Bord. „Zum Kotzen ist das.“
„Du sagst es.“ Hasard nickte. „Aber sie werden nach Cadiz segeln und melden, auf was sie gestoßen sind. Und dann haben wir die ganze Flotte auf den Fersen, die sich zur Zeit in Cadiz befindet. Ihr könnt euch ausmalen, was das bedeutet.“
„Halleluja“, sagte Ben Brighton.
In diesem Moment erstieg der Profos das Achterdeck, mußte aber aufpassen, daß ihm der Helm nicht vom Kopf fiel. Er hielt ihn mit beiden Händen fest. Das sah mal wieder flott aus. Dieser Profos hatte wirklich eine unnachahmliche Art, für Gelächter zu sorgen. Vor allem, wenn er sauer war, stinksauer. Alle trugen passende Helme, nur er nicht.
„Na, Ed?“ fragte Hasard glucksend.
„Ich halte es unter diesem Scheißding nicht mehr aus, Sir“, knurrte der Profos erbittert. „Bitte um Erlaubnis, diesen verdammten Nachttopf absetzen zu dürfen, Señor Capitán.“
„Genehmigt, Señor Carberrio!“ schnarrte Hasard nach Art der spanischen Kapitäne auf Schiffen Seiner Majestät.
Da überzog das zernarbte Gesicht Carberrys ein glückliches Grinsen. Er riß sich die Blechtüte vom gewaltigen Schädel und schleuderte sie mit mächtigem Schwung nach Lee über Bord. Das Ding kreiselte durch die Luft und klatschte ins Wasser, als sei dort eine Mörserkugel eingeschlagen.
„Schade, daß dort kein Don im Wasser schwamm“, sagte Ben Brighton.
„Ich schieße nicht auf Schiffbrüchige, Mister Brighton!“ bollerte der Profos und rieb sich die Stirn, über die ein rotes Band lief – Druckstelle des zu engen Helms. Der Profos mußte wirklich gelitten haben.
„Shane?“ rief Hasard und schaute sich um.
„Sir?“ Big Old Shane verließ die Kuhl und enterte aufs Achterdeck.
Hasard wies auf den Profos. „Ed braucht einen passenden Helm. Das ist wichtig. Dieser spanische Capitán hat ihn angeglotzt wie einen Affen, der zum erstenmal auf Menschen stößt. Das muß ja nicht sein, nicht wahr? Kannst du für Eds Kopfgröße einen spanischen Helm herstellen?“
„Hm, kann ich“, brummelte Old Shane, „kein Problem, nur muß dafür der Kutscher seinen größten Suppenkessel rausrücken, besser wär ’n Waschkessel oder ’ne Badewanne für Ladies, wenn du weißt, was ich meine.“
„Wo die ihren Popo drin waschen?“ fragte der Profos mißtrauisch.
Da brauste wieder das Gelächter aller Arwenacks über die Decks, und es schallte hinüber bis zur „Respeto“, die zu diesem Zeitpunkt passiert wurde. Capitán Pigatto schüttelte griesgrämig den Kopf. Daß die noch lachen konnten! Ihm war es längst vergangen. Er hatte bereits zehn seiner Kerle verhört wie einer dieser verdammten Inquisatoren, die wissen wollten, ob man mit einer Hexe gehurt habe oder gar selbst mit einer auf einem Besen durch die Luft geritten sei. Den Brandstifter hatte er noch nicht entlarvt, aber immerhin – schon jetzt betrachteten die Kerle einander, als habe der andere einen Dolch in der Faust, um Kehlen durchzuschneiden oder Herzen zu durchbohren.
Das Mißtrauen – wie Capitán de Vilches angekündigt hatte – ging um auf der „Respeto“ und vergiftete die Bordluft mehr als der Qualm, der über anderthalb Tage alles verseucht hatte. Fast war der Qualm angenehmer gewesen.
Und wenn der Capitán an die Ratten dachte, stellten sich ihm die Nackenhaare auf. Er konnte es deutlich spüren, und da fröstelte es ihn noch mehr.
„Weiter auf Kurs bleiben!“ rief Capitán de Vilches zur „Respeto“ hinüber. „Wir schließen nur kurz zum Konvoi auf. Verstanden, Capitán?“
Pigatto zeigte klar und winkte dem Capitán der Schebecke zu. Es sah aus, als wolle er sagen: Laßt mich nicht im Stich!
Hasard winkte zurück, ballte dann die rechte Hand zur Faust und reckte den Daumen. Es sollte signalisieren, daß er an das Durchhalten der „Respetos“ glaube und immer für sie da sei.
Was für ein Mann, dachte Capitán Pigatto. Hätte er erfahren, daß er mit dem Seewolf segelte, auf den die spanische Krone ein Kopfgeld ausgesetzt hatte, wäre sein Urteil nicht anders ausgefallen.
Inzwischen war Big Old Shane mit dem Profos in die Kombüse zum Kutscher und zu Mac Pellew gezogen und hatte den beiden verklart, um was es ging.
Der Kutscher war mal wieder mißtrauisch. Er hatte den Verdacht, daß hier ein faules Ei ausgebrütet werden sollte.
„Ihr spinnt wohl“, sagte er entrüstet. „Ich opfere doch keinen meiner größten Suppenkessel, damit sich dieser Mister Carberry einen Blechhut aufsetzen kann. Soll ich die Suppe für euch Kerle vielleicht künftig in Fingerhüten kochen?“
„Befehl vom Kapitän“, knurrte Carberry erbost.
„Merkwürdiger Befehl“, befand der Kutscher kopfschüttelnd. „Wir haben genug Helme von den Dons an Bord. Da muß doch einer passen …“
„Die passen eben nicht, du lausiges Würstchen!“ brüllte der Profos wutschnaubend.
„Ich muß doch sehr bitten, Mister Carberry“, sagte der Kutscher indigniert. „Und wenn ich ein lausiges Würstchen bin, dann bist du ein gepökelter Elefantenarsch!“
Bevor hier eine Kombüsenschlacht entbrannte, griff Big Old Shane ein und sagte: „Es ist so, wie Ed erklärte. Ihm paßt keiner von den spanischen Helmen, auch der größte nicht, und wenn er so einen aufsetzt, muß er aufpassen, daß ihm das Ding nicht vom Kopf rutscht. Als der spanische Kapitän vorhin an Bord war, wäre das beinahe passiert. Ed kann nicht als einziger ohne Helm herumlaufen; das gefährdet unsere Tarnung. Ich empfahl Hasard, daß wir einen Suppenkessel nehmen, den ich zu einem spanischen Helm umforme. Er war einverstanden.“
„Aha, hm-hm.“ Der Kutscher zupfte an seiner Nase und schien unschlüssig zu sein.
Mac Pellew hingegen zeigte sich aufgeschlossener. Er öffnete ein Schapp und brummelte: „Mal sehen, ob wir was Passendes haben.“
Er wuchtete einen Stapel von Kesseln aus dem Schapp. Sie war ineinander gestellt, der größte zuunterst. Acht Kessel waren es. Die beiden ersten von oben nahm Mac gleich zur Seite. Die waren für Carberrys Schädel zu klein, das sah man schon auf Anhieb. Der vorletzte paßte, als Carberry ihn aufsetzte.
„Das ist genau der Kessel, in dem ich für alle die Suppe koche“, meckerte der Kutscher.
Mac Pellew ergriff Carberrys Partei. „Stell dich nicht so an wegen dieses dämlichen Kessels, Mann! Im nächsten Hafen besorge ich einen neuen. Außerdem haben wir noch den größeren Kessel zum Suppekochen – basta!“
Der Kutscher drehte ihnen stumm den Rücken zu und begann Speck auf einem Brett zu würfeln.
Grinsend verließen Big Old Shane und der Profos mit dem Suppenkessel die Kombüse. Old Shane konnte ans Werk gehen. Und so bekam der Profos einen prächtigen, für ihn passenden Helm – eine Maßanfertigung!
7.
Eine knappe halbe Stunde später erreichten die Arwenacks den Konvoi. Hasard segelte auf Rufweite an die „Isabella“ heran und informierte Jean Ribault über die letzten Ereignisse sowie über das, was er plante, nämlich die Verfolgung und Niederkämpfung der Kriegskaravelle „El León“, die Cadiz nicht erreichen durfte.
Jean Ribault zeigte verstanden.
„Wartet noch, bis die ‚Respeto‘ zu euch aufgeschlossen hat!“ setzte Hasard hinzu. „Und behaltet sie auch im Auge! Die scheinen einen an Bord zu haben, der gern mit dem Feuerchen spielt.“
„Wir passen auf!“ rief Jean Ribault. „Gute Fahrt und viel Glück!“
„Danke!“
Und damit ging die Schebecke auf den ostwärtigen Kurs, den Dan O’Flynn berechnet hatte.
Die Jagd begann.
Der Wind meinte es gut. Er wehte weiterhin aus dem südwestlichen Sektor und zeigte keinerlei Tendenz, einzuschlafen. Der Himmel war fast frei von Wolken. Die Schebecke segelte über Backbordbug auf Raumschotskurs.
Die Arwenacks wußten, um was es ging. Sie mußten aus ihrem Schiffchen herausholen, was nur möglich war. Dazu gehörte die ständige Kontrolle der Segelstellung, um den Wind optimal auszunutzen. Und die Arwenacks bewegten oder befanden sich möglichst in Luv am Steuerbordschanzkleid, um ihr Gewicht auf die Kante zu bringen. Sie hatten längst herausgefunden, daß die Schebecke schneller segelte, wenn sie nicht zu sehr nach Lee krängte. Außerdem bot sie, wenn sie aufrechter gesegelt wurde, dem Wind mehr Segelfläche, was wiederum mehr Vortrieb brachte.
„Wenn wir bloß mehr Segel setzen könnten“, knurrte Hasard.
Aber eine Schebecke führte eben nur die drei Lateinersegel Fock, Großsegel und Besan. Die drei Pfahlmasten hatten keine Stengen, um sie zu verlängern und dort noch Tuch setzen zu können.
Dennoch war Hasards Bemerkung das Stichwort. Roger Brighton, Bruder Ben Brightons und Takelmeister der Arwenacks, sowie Will Thorne, der alte Segelmacher, nickten sich zu und enterten aufs Achterdeck.
„Bitten, dich sprechen zu dürfen, Sir“, sagte Roger Brighton.
Hasard lächelte. „Warum so förmlich, Roger? Habt ihr einen Kummer?“
„Keinen Kummer, einen Vorschlag, Sir“, erwiderte Roger Brighton. Will Thorne nickte dazu. Er war einer von den Stillen an Bord.
Hasard horchte auf. Wenn der Takelmeister und der Segelmacher einen Vorschlag hatten, dann hatte das was mit den Segeln zu tun.
„Da bin ich aber gespannt“, sagte er.
„Will und ich haben was Verrücktes ausgeknobelt und auch gleich angefertigt, um es mal bei Gelegenheit auszuprobieren. Als du sagtest: Wenn wir bloß mehr Segel setzen könnten, da dachte ich, daß das jetzt eine gute Gelegenheit wäre. Wenn’s aber nicht klappt oder sich als Unsinn herausstellt, dann möchten Will und ich nicht ausgelacht werden. Jeder schießt mal ’n Bock.“
„Wer darüber lacht, kriegt’s mit mir zu tun“, sagte Hasard grimmig. „Aber daß ihr beiden Böcke schießt, kann ich mir nicht denken. Also, was ist es?“
„Wir holen es“, sagte Roger Brighton und zwinkerte Will Thorne zu. „Es ist ein neues Segel, und das muß statt der Fock am Vormast gesetzt werden. Aber es ist größer als die Fock und bringt demzufolge mehr Segelfläche – wie du das gewünscht hast, Sir.“
„Muß die Fock geborgen werden?“ fragte Hasard.
„Ja, denn wir brauchen das Fall.“
„Na, denn mal los. Ed, bergt die Fock!“
„Aye, Sir, Fock bergen!“ brüllte der Profos und scheuchte ein paar Mannen zum Vorschiff.
Sie geiten die Fock auf – trotz der Raumschotsfahrt –, fierten die Fockrahruten an Deck hinunter und tuchten das Segel auf. Es war von fünf Männern ohne weiteres zu bändigen. Normalerweise wurde ein Segel erst geborgen, wenn das Schiff in den Wind gegangen war. Aber sie wollten keine Zeit verlieren, und es ging auch so, wenn mehrere Fäuste kräftig zupackten, um die Rahrute an Deck zu zerren.
Gary Andrews schlug das Fockfall ab und behielt es in der Hand. Roger Brighton und Will Thorne erschienen und schleppten ein zusammengepacktes Segel zum Vormast. Sie nahmen es auseinander – mächtig viel Tuch – und Will Thorne hob eine brettchenverstärkte Spitze an, deren Dreieck mit einem Gatchen, einem Loch, versehen war.
„Hier bitte das Fall anschlagen, Gary“, sagte er.
„Palstek?“ fragte Gary.
„Ich bitte darum.“ Will Thorne war immer ein höflicher Mensch. Im Moment war er ein bißchen aufgeregt. „Aber noch nicht vorheißen.“
„Alles klar, Will. Das Tuch ist nicht so dick wie das der Fock, eh?“
„Stimmt, es ist leichter.“
Inzwischen hatte Roger Brighton zwei Ecken aus dem Segelwust gefischt, die ebenfalls mit Brettchen verstärkt waren und Gatchen hatten.
„Das sind die Halsen“, erklärte er Hasard, der aufmerksam dabeistand und beobachtete.
„Für eine Luv- und eine Leeschot?“ fragte er.
„Genau, Sir.“ Roger schlug die beiden Schoten an und beorderte je zwei Männer, die sie übernehmen sollten.
„Jetzt kommt der große Moment …“, begann er.
Carberry unterbrach grinsend: „… wo der Elefant ins Wasser rennt!“
„Falsch!“ tadelte Roger Brighton und grinste ebenfalls und geradezu jungenhaft. „Jetzt kommt der große Moment, wo ‚El Tigre‘ schneller rennt!“ Er drehte sich zu Gary um. „Heiß vor – die Tüte!“
Gary Andrews holte das Fockfall durch, und der Kopf des neuen Segels, seine obere Ecke, stieg nach oben, der Wind stieß hinein, beulte das Segel, und es zeigte sich, daß es dreieckig geschnitten war. Aber es hatte einen tiefen Bauch und sah aus wie die eine Hälfte einer Blase oder eines Tropfens: oben spitz und nach den Seiten sich verbreiternd bis hin zu den beiden unteren Ecken, den Halsen, an denen die Schoten angeschlagen waren.
Die standen jetzt stark unter Zug. Die Blase geigte hin und her wie ein Drachen und mußte mit den Schoten gezügelt werden. Aber dann stand sie Backbord voraus und etwas vom Vormast entfernt – und da zog die Schebecke wie ein Rennpferd los.
Der Bug zischte durch die See, auf beiden Seiten stoben Gischtfahnen davon.
„Wir laufen mehr Fahrt als sonst!“ brüllte Dan O’Flynn vom Achterdeck her. „Schätze siebzehn bis achtzehn Knoten!“
„Du meine Fresse!“ murmelte der Profos erschüttert. „Da zieht’s dir glatt die Hose aus, und die Perücke fliegt davon!“
Die Kerle jubelten und brüllten und schrien, hauten sich gegenseitig auf die Schultern und hüpften herum wie auf einem Kirmesfest.
Es war tatsächlich sagenhaft.
Die Schebecke hatte ihre Marschgeschwindigkeit bei diesem Wind und den üblichen Segeln um mehr als die Hälfte erhöht. Sie lag auch mehr über und mit dem Bug etwas tiefer, weil die Blase da vorn wie verrückt zog.
Hasard bemerkte es und beorderte die Mannen, die nicht an dem neuen Segel gebraucht wurden, nach achtern und nach Luv.
Zuerst war er sprachlos gewesen und hatte dieses Ding, das Will Thorne aus mehreren Bahnen Segeltuch in waagerechten Streifen zusammengenäht hatte, mißtrauisch angestarrt, als es begann, sich aufzublähen und nach unten zu verbreitern.
Mein Gott, hatte er gedacht, was haben die da bloß ausgeheckt! Ein Segel mit einem derart verrückten Schnitt hatte er noch nie gesehen. Er hatte schon Befehl geben wollen, diesen Unsinn abzubrechen, da hatte sich das Segel wie eine Blase aufgebläht, und die Schebecke war mit einem Ruck angesprungen, ja, wie ein Pferd, dem die Peitsche gegeben worden ist.
Und jetzt raste sie – um im Bild zu bleiben – im gestreckten Galopp über die See. Dieses blasenförmige Segel zog den Dreimaster mit unheimlicher Kraft vorwärts.
Will Thorne hatte ein glückliches Lächeln auf dem verwitterten Gesicht, Roger Brighton grinste bis zu den Ohrläppchen.
„Kutscher!“ donnerte Hasard über die Kuhl. „Ein Fäßchen Rum für Will und Roger! Sofort! Wenn ich darum bitten darf!“
Er wandte sich den beiden zu, haute ihnen auf die Schultern und sagte begeistert: „Ihr verdammten Satansbraten! Wie seid ihr nur auf diese Wahnsinnsidee verfallen?“
Will Thorne sagte gar nichts und senkte nur den Kopf, aber Roger Brighton platzte heraus: „Das war Wills Idee, Sir. Er zeigte mir eines Tages ein paar Skizzen von dem Ding, erklärte mir, was das sein sollte, und fragte mich, was ich davon hielte. Ich nannte ihn einen Spinner, aber er ließ nicht locker, und dann fing ich an, nachzudenken und sagte mir: Warum eigentlich nicht? Probieren geht über Studieren. Versuchen wir’s doch mal. Dann haben wir einen Schnitt angefertigt und lange herumgefummelt, um den Bauch in das Ding zu kriegen – na bitte, hat doch geklappt!“
„Und wie!“ Hasard lachte den alten Segelmacher an. „Los, Will, heraus mit der Sprache! Wie bist du darauf gekommen?“
„Ganz einfach, Sir“, sagte Will Thorne, „im Grunde habe ich nur das Prinzip des Blindesegels übernommen, das mir aber wegen der Blinderah zu unhandlich erschien. Ich brütete lange an einer Lösung. Du kennst die Sonnenschirme der feinen Ladies, Sir?“
„Ja.“ Hasard nickte verdutzt.
„Als wir zuletzt in London waren“, fuhr Will Thorne fort, „sah ich eine solche Lady auf dem Deich mit so einem Schirm spazierengehen. Ein Schirm ist kreisförmig und kann in vier Viertel geteilt werden. Unser Segel ist in etwa einem solchen Viertel nachgebildet. Die Idee dazu kam mir, als die Lady auf dem Deich gewissermaßen mit dem Schirm vor den Wind ging. Da fuhr eine Bö hinein, und der Schirm segelte davon. Merkwürdigerweise sah ich die Schirmkrücke plötzlich als Mast – als unseren Vormast und an ihm das dreieckige Schirmsegment, das ich mir als Form eines Segels vorstellte. Das war die Idee. Mit Roger konnte ich sie verwirklichen. Er hatte zusätzlich die Idee, den Luv- oder Leehals – besser den Leehals – mit einer Spiere auszuspreizen und zu stützen, was dem Segel möglicherweise einen noch besseren Stand gibt. Dürfen wir das noch ausprobieren?“
„Natürlich.“
Die beiden Kerle hatten wirklich an alles gedacht – und es auch zur Hand. Roger Brighton rückte mit einer Spiere an, die länger und etwas dicker als ein Bootshaken war. An dem einen Ende hatte sie auch eine metallene Spitze, nur der Haken war abgesägt. Das andere Ende war mit einer ebenfalls metallenen Gabel versehen, der vergrößerten Ausgabe einer Dolle oder Rudergabel.
Roger schwenkte die Spiere nach Lee, schob die Spitze in das dortige Halsgatchen und stemmte das Gabelende an den Fockmast – die Gabel umfaßte ihn zur Hälfte. Jetzt konnte das Segel, wie Roger gleich darauf demonstrierte, hin und her geschiftet werden – etwas mehr nach vorn oder mehr seitlich. Tatsächlich stand es jetzt noch besser. Man brauchte es nur mit der Luvschot zu trimmen.
„Phantastisch“, murmelte Hasard, „einfach phantastisch.“
„So phantastisch nun auch wieder nicht“, schränkte Will Thorne bescheiden ein. „Bedenke bitte, Sir, daß wir dieses Segel nur raumschots oder vor dem Wind benutzen können. Und wenn wir noch mehr Wind haben, müssen wir den Vormast vorsichtshalber noch zusätzlich mit Preventern abstagen. Du siehst jetzt schon, daß er einen leichten Fall nach vorn hat. Zum Glück halten Pfahlmasten einiges aus. Ich habe übrigens berechnet, daß das neue Segel dreiviertel mehr Segelfläche hat als die Fock.“
„Es ist und bleibt phantastisch“, beharrte Hasard, „und das ohne jegliche Einschränkung. Ich gestehe, als ich das Ding sah, hielt ich euch beide für ziemlich verrückt. Da fehlte mir wohl offenbar die Vorstellungskraft.“
„Wenn ich in der Segelkammer sitze und nähe, habe ich Zeit, nachzudenken, Sir“, sagte Will Thorne still. „Ich kann mich konzentrieren, niemand stört mich. Du hast einen Traum, aus dem eine Idee wird. Und dann brauchst du die Idee nur zu verwirklichen. So einfach ist das.“
Hasard seufzte. So einfach war das!
Der Kutscher und Mac Pellew brachten das Fäßchen Rum, und Hasard überreichte es den beiden Helden des Tages. Für die war es Ehrensache, mit allen Arwenacks einen zur Brust zu nehmen, daß heißt, den Rum nicht allein und heimlich wegzugluckern.
Die Mucks waren schnell zur Hand und wurden gefüllt.
„Drei Hurras für Will und Roger!“ rief Hasard und hob seine Muck. „Sie mögen leben – und das neue Segel auch!“
Schon wollte er das erste „Hurra!“ anstimmen, da rief Ben Brighton: „Halt! Bitte um Verzeihung, Sir! Aber wir sollten das neue Segel auch taufen und ihm einen Namen geben. Neues Segel klingt mir zu nichtssagend.“
„Hurra zurück, bitte um Vorschläge!“ sagte Hasard.
Alle starrten zu dem Segel, Denkfalten auf der Stirn.
„Spitzbusen!“ röhrte der Profos in die Stille.
Das Gelächter und Gejohle folgte auf dem Fuße. Auch Sir John kreischte mit, und Arwenack hüpfte auf und ab in sichtlich guter Laune.
Einzig der Kutscher verzog keine Miene. Sie war sozusagen vereist. Außerdem war er noch sauer wegen des Suppenkessels. Immer dieser Profos. Und Einfälle hatte der!
Als wieder Ruhe einkehrte, räusperte er sich und sagte kühl: „Ich halte das, was da eben als Name für ein Segel geäußert wurde, für äußerst geschmacklos, wenn nicht für unanständig. Aber es ist ja allgemein bekannt, wer hier an Bord so etwas ausbrütet …“
Mac Pellew kicherte und empfing von seinem Kombüsengenossen einen verweisenden Blick, einen mit Frost und Eis drin, was den guten Mac aber nicht im geringsten störte.
„Ich finde“, tönte der dürre Griesgram – er war richtig aufgedreht –, „Eds Vorschlag vortrefflich, will sagen, er trifft genau den Kern.“
„Natürlich!“ fuhr ihn der Kutscher an. „Du hast ja auch nur Weiber im Kopf, was anderes paßt da nicht rein!“
„Hast du einen besseren Vorschlag?“ fragte Mac spitz.
„Jawohl!“ Der Kutscher reckte sich. „Windsbraut!“ Und er blickte sich triumphierend um. „Das klingt nach was! Da steckt Symbolik drin – das Brausen der Winde, das Jubeln der Braut, eine Sinfonie der Sphären, die sich jauchzend vereinen!“
„Du kriegst dich nicht mehr ein“, murmelte der Profos entgeistert. „Was ist denn das für ein Quasselkram? Hast du noch alle beisammen?“
„Das ist lyrisch“, erklärte der Kutscher von oben herab. „Davon verstehst du nichts, weil du ein Banause bist und nie von den Musen geküßt wurdest.“
„Kann ich auch drauf verzichten“, entgegnete der Profos trocken. „Eine Lady aus Fleisch und Blut und mit Spitzbusen ist mir lieber als deine Musentanten.“
„Mir auch!“ pflichtete Mac Pellew bei und reimte: „Am Busen der Musen kann man nicht schmusen!“
Der Kutscher hätte fast die Hände gerungen.
Aber die Arwenacks kicherten und gackerten. Es war wieder köstlich, den drei Streithähnen zuzuhören, wobei Mac und der Profos gegen den Kutscher zusammenhielten, der nun wahrlich den Boden etwas zu „lyrisch“ überspannt hatte.
Jedenfalls fiel die „Windsbraut“ des Kutschers bei der Abstimmung glatt durch – nur der Kutscher stimmte für sich selbst – und Carberrys „Spitzbusen“ als Name für das neue Segel wurde einstimmig angenommen, wobei sich Will Thorne der Stimme enthielt.
Die drei „Hurras“ für Will Thorne und Roger Brighton sowie den „Spitzbusen“ donnerten über die See und wurden mit Rum begossen, wie sich das gehörte. Der Inhalt einer Rummuck flog in das windgefüllte Segel, ausgeschüttet vom Namensgeber Edwin Carberry.
„Ich taufe dich auf den Namen ‚Spitzbusen‘“, röhrte er, „und wünsche dir allzeit gute Fahrt und einen prallen Stand!“
8.
Es war gegen sechs Uhr abends an diesem selben Tag. Capitán de Freitas lärmte in seiner Kammer herum. Er war inzwischen volltrunken. Genau genommen hatte er zu tief ins Glas geschaut, weil er sich über zweierlei ärgerte: über diesen Capitán de Vilches, der ihn heruntergeputzt hatte, und über seine drei Offiziere, die auf der verdammten Order herumgeritten waren – um die er allerdings selbst auch nicht herumkam.
Wenn diese Feiglinge mitgezogen hätten, wäre er der „El Tigre“ nachgesegelt, um de Vilches zur Rede zu stellen. Mit dem, seiner Mannschaft und dem Schiff war etwas faul. Aber er, de Freitas, fühlte sich berufen, der Sache auf den Grund zu gehen. Der Fehler, den er begangen hatte, war der gewesen, sich seiner Offiziere vergewissern zu wollen.
Eins war klar, das war das einzige und letzte Mal gewesen, diese Schlappschwänze an einer Entscheidung teilhaben zu lassen oder sich ihre Meinungen anzuhören. Das führte zu nichts. Hier hatte es sich gezeigt. Der Erste hatte sogar gewagt, das Kriegsgericht ins Spiel zu bringen. Und prompt waren die anderen beiden Idioten umgefallen.
„Scheißkerle!“ brüllte der Capitán und taumelte durch die Kammer zu seiner Koje.
Es klopfte. Er hörte es nicht.
Da wurde gegen das Schott gehämmert.
„Was’n los?“ lallte er und stand schwankend in der Kammer, eine Rotweinflasche in der rechten Hand.
Das Schott wurde aufgestoßen, der Erste erschien. Er preßte die Lippen zusammen, als er den Zustand seines Kapitäns bemerkte.
„Was wollnse?“ De Freitas sah seinen Ersten doppelt, und der Erste sah, daß sein Kapitän schielte.
Der Erste straffte sich. „Von achtern aus Westen segelt ein Schiff auf. Ein Dreimaster. Es könnte sich um die ‚El Tigre‘ handeln, aber das vordere Segel spricht dagegen. Ich habe ein solches Segel noch nie gesehen.“
De Freitas rülpste, schwankte hin und her, ruckte mit dem Kopf, der ständig nach vorn kippte, schielte weiter – und grinste dümmlich.
„Schei-Scheißschiff – hmmps! – so-soll sich summ T-Teufel sch-scheren“, brabbelte er.
„Haben Sie mich verstanden?“ fragte der Erste scharf. „Es kann sich um die ‚El Tigre‘ handeln!“
„Leckense michamarsch – Sie Sch-Scheißer!“
Der Erste Offizier knirschte mit den Zähnen.
„W-wiederholnse, was se sind – dasn Befehl“, lallte de Freitas.
„Sie sind ja betrunken“, sagte er Erste eisig. „Ich werde jetzt den Zweiten Offizier holen, um einen Zeugen über Ihren Zustand zu haben. Dann werde ich Sie auffordern, auf dem Achterdeck zu erscheinen, wo Ihr Platz als Kommandant eines spanischen Kriegsschiffes ist. Wenn Sie das nicht können, werde ich das Kommando über die ‚El León‘ übernehmen. Mehr habe ich dazu nicht zu sagen.“
Plötzlich schien de Freitas nüchterner zu werden. Er kniff die Augen zusammen und duckte sich etwas.
„Wollnse meutern?“ zischte er.
„Nein, nur an Ihre Pflichten als Kommandant erinnern“, erwiderte der Erste. „Dazu gehört, daß Sie bei Annäherung eines fremden Schiffes auf dem Achterdeck zu stehen haben, es sei denn, Sie haben das Kommando einem Ihrer Offiziere übergeben, was bis jetzt aber nicht der Fall ist. Offenbar sind Sie in Ihrem betrunkenen Zustand nicht mehr in der Lage, Entscheidungen zu treffen, und die müssen jetzt getroffen werden – das andere Schiff segelt sehr schnell auf.“
„Quatsch! Es gibt kein schnelleres Schiff als die ‚El León‘!“ Jetzt funkelte Wut in den Augen des Capitáns.
Auch in dem Ersten kochte die Wut. Er hatte sich lange geduckt, zu lange. Das war vorbei – seit er am Nachmittag dem Capitán mit seiner Meinung entgegengetreten war. Plötzlich hatte er Stärke gefühlt und gespürt, daß dieser Kommandant ein Blender war, der sich mit seiner „Lagebesprechung“ nur hatte versichern wollen. Denn wenn er gegen die Order handelte, mußte er die Offiziere auf seiner Seite haben – um sie in die Pfanne hauen zu können, wenn etwas schiefging. Seine Offiziere hätten seine Entscheidung bestätigt, würde er vor dem Kriegsgericht sagen.
Mitgefangen – mitgehangen!
„Dann überzeugen Sie sich selbst davon, daß das andere Schiff schneller als die ‚El León‘ ist“, knurrte der Erste Offizier. „Und hören Sie auf zu saufen“, setzte er hinzu, als er sah, daß der Capitán wieder aus der Flasche trinken wollte.
Plötzlich reagierte de Freitas erstaunlich schnell. Er trank nicht, sondern schleuderte die Flasche nach seinem Ersten Offizier. Und sie traf, und zwar voll. Sie zerplatzte am Kopf des Ersten, und der sackte am Schott zusammen. Es war nicht festzustellen, ob das, was über sein Gesicht lief, Blut oder Rotwein war.
Den Capitán interessierte das auch gar nicht. Über den Ersten weg stürmte er aus der Kammer und aufs Achterdeck.
Was er sah, ernüchterte ihn.
„Spektiv!“ brüllte er, und das Teniente-Jüngelchen reichte ihm hastig eins.
Unaufhaltsam rauschte das fremde Schiff in Lee von Backbord achtern heran – gezogen von einem riesigen, ballonartigen Segel am Vormast, das sich prall wölbte.
Dem Capitán blieb der Mund offenstehen.
Er riß ihn noch weiter auf, als an der Besangaffelrute die spanische Flagge niedergeholt, eine andere angesteckt und vorgeheißt wurde. Sie entfaltete sich: eine schwarze Flagge mit zwei gekreuzten goldenen Säbeln darin.
Eine Piratenflagge?
Und jetzt entdeckte der Capitán auf dem Achterdeck des anderen Schiffes den Riesen mit den wildflatternden schwarzen Haaren.
Capitán Julio de Vilches!
Der grüßte lässig und rief einen Befehl.
Die Geschützpforten rasselten hoch, sechs Culverinen rumpelten auf ihren Lafetten vor, sechs Rohre bleckten ihre Mäuler gegen die Backbordseite der „El León“.
Gleich mußte es blitzen und krachen!
Mit einem entsetzten Laut duckte sich der Capitán hinter das Schanzkleid, ja, er warf sich hin und hielt die Hände über den Kopf. Das sehen und sich gleichfalls hinwerfen, war die sofortige Reaktion des Teniente-Jünglings, das den „Feind“ hatte stellen und vernichten wollen. Im Nu lag alles auf dem Achterdeck flach.
Auf der Schebecke „El Tigre“, ertönte ein brüllendes Gelächter.
Und kein Schuß fiel!
Majestätisch zog die schlanke Schebecke in Lee an der Kriegskaravelle vorbei. Nicht einmal Verwirbelungszone und Abdeckung durch die „El León“ verlangsamten ihre Geschwindigkeit. Den Kerlen auf der Kriegskaravelle Seiner Majestät, die sich nicht in Deckung geworfen hatten, gingen fast die Augen über.
Das fremde Schiff glitt an ihnen vorbei wie ein rassiges Pferd der Araber an einem müden Klepper, der einen schwerbeladenen Karren hinter sich herzieht. Das heißt, ihre Karavelle wurde zu einer Schnecke degradiert.
Einige schlugen das Zeichen des Kreuzes, weil sie glaubten, das ginge nicht mit rechten Dingen zu. Denn sie waren erfahrene Seeleute, und sie wußten auch, wie schnell die Schiffe der nordafrikanischen Piraten waren. Nur grenzte das hier an Teufelsspuk.
Und sie sahen das fremde Segel am Vormast, das sie nicht einzuordnen vermochten. Das war gleichfalls Teufelswerk.
Und der Capitán, der bis zur Halskrause voll mit Rotwein war?
Der glaubte, sich in einem Alptraum zu befinden!
Wann fiel die tödliche Breitseite? Jetzt? Ja, jetzt mußte sie krachen. Und sie krachte!
Nein, sie krachte nicht!
Was war das?
Gelächter! Oder wieherten Pferde? Schlachtrösser?
Der Capitán würgte. Und dann erbrach er sich. Der ehrenwerte Kommandant einer Kriegskaravelle der stolzen spanischen Majestät kotzte auf die Planken des erlauchten Achterdecks wie ein mieser Kutscher, der sich den Magen mit billigem Fusel vollgepumpt hat.
Die Legende vom „Eisenfresser“ sackte in sich zusammen wie eine zerstochene Schweinsblase.
Da war ein zernarbter und mehrfach gezüchtigter Decksmann auf der „El León“, einer, der fast schon zuviel Pulverdampf gerochen, das Pfeifen der Kugeln gehört und das Blitzen von Klingen gesehen und überstanden hatte.
Und der spuckte verächtlich über Bord.
Dabei dachte er an die Peitschennarben auf seinem Rücken, an die Neunschwänzige, die über seinen Rücken getanzt war – auf Befehl eben dieses Kommandanten, der sich jetzt die Seele aus dem verdammten Leib kotzte.
„Damit du weißt, was Disziplin bedeutet!“ hatte dieser Kommandant gebrüllt. Gebrüllt? Nein, gegeifert hatte er das!
Disziplin? Was war das?
War dieser kotzende Kommandant diszipliniert?
O nein! Der warf sich beim Anblick einer drohenden Breitseite schon auf die Planken – bevor der erste Schuß gefallen war. Und dann erbrach er sich. Und vermutlich schiß er sich auch noch in die Kürbishosen.
Da hob der narbige Decksmann den Kopf und lachte den Himmel an. Er zerbarst vor Lachen. Und es schallte über die See und klang wie Teufelsgelächter.
Die Männer auf der „El León“ erschauerten.
Sie erschauerten noch mehr. Denn der Decksmann brüllte: „Ist das Ihre Disziplin, Señor Capitán? Oder was ist das? Haben Sie etwa Angst? Der Feind hat doch noch gar nicht geschossen! Er hat Ihnen nur seine Breitseite gezeigt! Ein Pirat! Na und? Und wann machen Sie gefechtsklar? Oder wollen Sie kneifen? Das konnte ich auch nicht, als Sie mir Ihre sogenannte Disziplin mit der neunschwänzigen Katze einbleuen ließen und grinsend zuschauten!“ Der Decksmann keuchte, und es schüttelte ihn vor erbitterter Wut. Und er reckte die Faust hoch und brüllte: „Verrecken sollen Sie, Sie dreckiger Schinder!“
Es war der Profos auf der „El León“, der den Decksmann erschoß. Er schoß ihm aus nächster Nähe den Kopf mit der Ladung eines Tromblons ab.
Der Decksmann war nur der erste Tote.
Der Erste Offizier taumelte aufs Achterdeck, und es war doch Blut, das ihm aus einer gräßlichen Kopfwunde über das Gesicht lief. Er sah den Gegner und das schwarze Tuch an der Besangaffel.
Und er rief mit gellender Stimme: „Alle Mann auf Gefechtsstation. Klarschiff zum Gefecht! Beeilung, Männer!“
Erst da erwachte die Besatzung der „El León“ wieder zum Leben. Wie erstarrt war sie gewesen. Und dann der vom Schuß geköpfte Decksmann!
Das war nicht der Beginn zu einem siegreichen Gefecht. O nein, das war das Präludium zu Untergang und Tod.
Der nächste Tote war der Erste Offizier.
Taumelnd richtete sich der Kommandant auf, und das Erbrochene hing ihm zum Teil noch in der Halskrause. Er begriff vor allem nicht, daß ihn der Gegner geschont hatte, daß er sich in ritterlicher Form als Feind zu erkennen gegeben hatte: mit dem Niederholen der spanischen und mit dem Vorheißen der schwarzen Flagge, mit dem Ausrennen der Stücke und mit dem Zurückhalten der Feuereröffnung, weil der Gegner noch nicht gefechtsbereit war.
Nein, das drang alles nicht bis in den versoffenen Kopf des Capitáns vor. Er registrierte nur, daß der Erste Offizier das Kommando an sich gerissen hatte, daß von ihm der Befehl zum Klarschiff zum Gefecht gegeben worden war.
Aber diesen Befehl hatte er, der Kommandant, zu geben, nicht dieser billige Erste, der noch nicht mal von Adel war und seine Ernennung zum Offizier nur der Fürsprache irgendwelcher Narren zu verdanken hatte. Allenfalls zum Bootsmann war dieser Kerl geeignet. Zu mehr nicht. Und jetzt maßte er sich den Befehl über die „El León“ an – dieser Emporkömmling!
„Geben Sie mir Ihre Pistole!“ zischte er den Dritten Offizier an, der sich gerade aufgerappelt hatte und ihn kindisch anglotzte.
„Jawohl“, hauchte das Jüngelchen erschreckt.
Es hatte überhaupt keinen Durchblick mehr. Und alles war so furchtbar. Zitternd überreichte es die Pistole, eine doppelläufige Schußwaffe, die Vater Generalkapitän dem Sohnemann vor einem Jahr mit ernster Miene gewissermaßen verliehen hatte – mit der Ermahnung, sie tapfer zu führen und der Feinde Schar zu eliminieren. Jawohl, eliminieren, hatte er gesagt.
Es war eine schöne Waffe und kostbar ziseliert.
Vom Verkaufserlös dieser Waffe hätte eine Tagelöhnerfamilie mit acht Kindern glücklich und satt ein Jahr lang leben können. Alles hat eben seinen Preis – das Leben von Wanzen genauso wie eine mit Silber ausgelegte Tötungsmaschine. Das hängt alles nur von den Maßstäben ab. Der Wert der Pistole war viel höher als der „Wert“ der Wanzen, sprich Tagelöhnerfamilie.
Der Capitán riß die Pistole brutal an sich, spannte den Hahn, und dann schoß er. Und gleich darauf noch einmal. Und dann warf er die Pistole schnell dem Jüngelchen wieder zu, das dämlich genug war, es aufzufangen und in den Gürtel zu schieben.
Im Rücken des Ersten Offiziers, der an der Balustrade am Abschluß des Achterdecks gestanden hatte, waren plötzlich zwei ausgefranste, verbrannte Löcher. Der Erste Offizier bäumte sich auf, verharrte sekundenlang auf den Zehenspitzen – und kippte dann nach vorn über die Balustrade auf die Kuhl hinunter. Dort schlug sein Körper dumpf auf.
An Bord der Kriegskaravelle „El León“ ging das Grauen um.
Das Jüngelchen – das hatte es immerhin inzwischen gelernt – stürzte ans Leeschanzkleid und erbrach sich.
Dann ermannte es sich, fuhr herum und kreischte: „Das war Mord!“
„Halt’s Maul, du Säugling!“ beschied der Kommandant. „Außerdem werde ich bezeugen, daß du geschossen hast, klar? Es ist deine Waffe. Sie steckt in deinem Gurt – ha-ha-ha-ha!“ Das Lachen klang noch schauriger als zuvor bei dem Decksmann.
Das Jüngelchen wurde weiß wie Quark.
Das war nicht das Leben, von dem es geträumt hatte, das wilde tolle Leben mit Sieg und Ruhm, mit schmetternden Fanfaren und knatternden Flaggen, mit Lorbeer und Orden, mit errötenden Frauen vor stolzen Helden! Das war Schlamm und Dreck, Erbrochenes und Blut, ein zerfetzter Kopf und ein durchschossener Rücken, Haß und Gemeinheit, List und Tücke!
Von einer Sekunde zur anderen wurde das Jüngelchen zum Mann. Und das Blut schoß zurück in das weiße Gesicht, das plötzlich hart erschien. Die Rechte fuhr zum Degengriff und riß die Blankwaffe heraus.
„Los! Wehren Sie sich, Sie Lump!“ zischte der Teniente. „Sie haben den Ersten Offizier hinterrücks erschossen – mit meiner Waffe! Aber ich habe noch eine! Diese hier!“ Und der Degen zuckte hoch, funkelnd in der Abendsonne – und blutig von ihr gefärbt.
Bei Capitán de Freitas wechselte die Gesichtsfarbe in schleimiges Grau, und er wich zurück.
In diesem Moment brüllte der Ausguck aus dem Vormars: „Gegner hat weit voraus gewendet und ist auf Gegenkurs gegangen! Steuert in Luv auf uns zu!“
Der Capitán schluckte. Dann fuhr er den Teniente an: „Gehen Sie auf Ihre Gefechtsstation bei den Batterien! Das ist ein Befehl! Wir sprechen uns später noch!“
Der Teniente zögerte einen Moment, stieß darauf den Degen in die Scheide zurück und verließ das Achterdeck mit versteinertem Gesicht.
Der Capitán atmete auf und befahl einem Läufer, ihm seine Waffen aus der Kammer zu bringen – Wehrgehänge und Pistolen. Der Läufer sauste ab.
9.
Von allen diesen Vorgängen kriegten Hasard und seine Mannen nichts mit – bis auf die Tatsache, daß sich der sehr ehrenwerte Kommandant der „El León“ angesichts der drohenden Steuerbordbreitseite schleunigst in Deckung geworfen hatte, ebenso die anderen Señores auf dem Achterdeck.
Das hatte sehr lustig ausgesehen – und so gar nicht kriegerisch. Klar, die Arwenacks gingen auch in Deckung, wenn Vorsicht der bessere Teil der Tapferkeit war. Mit Vorsicht lebte man länger.
Aber daß spanische Offiziere die Planken küßten, hatten die Arwenacks noch nicht erlebt. Nein, die stolzen, blaublütigen Caballeros boten dem Feind die Brust dar, allerdings eine gepanzerte, und schauten ihm kühn ins Auge. Und so standen sie auch, wenn es blitzte und krachte und die Kugeln flogen. So war das bei der Armee und bei der Marine.
Irgendwann hatte Hasard einmal gesagt, Dummheit müsse bestraft werden. Das traf den Kern. Es war nichts weiter als töricht, sich als Zielscheibe anzubieten. Im Kampf Mann gegen Mann konnte noch genug Tapferkeit gezeigt werden, aber im Artillerieduell war das unangebracht. Da hatte man geradezu die Pflicht, zu überleben, um für das Nahgefecht und den Enterkampf bereit zu sein.
Weit voraus vor der „El León“ ließ Hasard in den Wind gehen, den „Spitzbusen“, einholen und wieder die Lateinerfock setzen. Im Gefecht mit den vielen möglichen Wende- und Halsemanövern war das neue Segel eher hinderlich. Will Thorne und Roger Brighton hatten dieses Wundersegel geschaffen, um der Schebecke auf Raumschotskursen und vor dem Wind mehr Schnelligkeit zu verleihen. Das war gelungen. Und damit hatten die Arwenacks wieder eine Geheimwaffe, die entscheidend sein konnte, wenn Schnelligkeit gefordert wurde – wie in diesem Fall bei der Jagd auf die „El León“.
Ohne das neue Segel – das ging Hasard durch den Kopf – hätten sie die Kriegskaravelle nicht mehr bei Tageslicht erreichen können. Und eine Suche bei Nacht barg immer Unwägbarkeiten. Der Capitán brauchte nur aus irgendeinem Grund den Kurs zu ändern, und schon wäre die Schebecke ins Leere gestoßen.
Daß sie die Kriegskaravelle stellen konnten, hatten sie einzig und allein dem „Spitzbusen“ zu verdanken – und damit Will Thorne und Roger Brighton, den beiden Experten für Segel und Rigg.
Die Schebecke war gefechtsklar – sie war es schon gewesen, als Hasard den Befehl gegeben hatte, die Flagge des Bundes der Korsaren zu setzen und die Kanonen auszurennen.
Bewußt hatte er auf den Vorteil verzichtet, der nicht gefechtsbereiten Kriegskaravelle beim Vorbeisegeln eine volle Breitseite zu verpassen, bei der die Fetzen geflogen wären. Ben Brighton hatte ihn schief, wenn nicht vorwurfsvoll angeschaut. Auch Fairneß war Dummheit, weil sie den Arwenacks Schaden bringen konnte. Aber Hasard konnte nicht aus seiner Haut.
Darum verfügte die Schebecke über zwei hervorragende Bogenschützen und das chinesische Raketenarsenal sowie die teuflischen Flaschenbomben. Alles war einsatzbereit.
Sie segelten westwärts gegen die untergehende Sonne, die grell blendete. Hasard dachte nicht daran, diesen Nachteil in Kauf zu nehmen. Er ließ Pete Ballie eine Parabel steuern – in Luv des Gegners und außerhalb der Schußentfernung.
So passierten sie die Kriegskaravelle, die stur auf Ostkurs blieb. Offenbar hoffte Capitán de Freitas, nach Cadiz durchbrechen zu können. Das war eine Vermutung Don Juans, der gesagt hatte, es gäbe für die Avisos eine Order der Admiralität, nur Aufklärung zu fahren und Gefechtsberührungen zu vermeiden. Meldungen über den Gegner seien wichtiger als das Risiko, in einem Gefecht beschädigt oder gar vernichtet zu werden. Immerhin waren jetzt die Kanonen auf der „El León“ ausgerannt.
In Luv des Kielwassers der Kriegskaravelle ließ Hasard halsen und ging wieder auf Verfolgerkurs. Auch jetzt stellte sich heraus, daß die Schebecke schneller als die „El León“ war.
Wäre Hasard auf der Kriegskaravelle gewesen, hätte er hören können, wie der Schnauzbart fluchte. Denn dessen anmaßende Vorstellung von der Schnelligkeit seines Schiffes erwies sich als Hirngespinst. Leider erlebte dies der Erste Offizier nicht mehr.
Dieser Capitán de Freitas wurde nervös. Viel zu früh ließ er aus den Heck-Drehbassen das Feuer auf den Verfolger eröffnen, vermutlich in der Hoffnung, ihn abzuschrecken. Auch das war ein Hirngespinst. Die „El Tigre“ blieb auf Kurs. Die Schüsse zauberten lediglich hübsche Fontänen weit vor ihr aus dem Wasser.
Und unaufhörlich schmolz die Entfernung zwischen den beiden Schiffen zusammen.
„Shane, Batuti!“ rief Hasard nach vorn, wo die beiden Bogenschützen standen. „Nehmt Pulverpfeile! Und dann auf die Kerle an den Heck-Drehbassen!“
Die beiden Riesen zeigten klar, und Sekunden später zischten ihre Pfeile von den Sehnen der Langbögen. Selten hatten sie so gute Bedingungen, denn Karavellenheck, Drehbassen und Geschützmannschaften hoben sich scharf gestochen im Schein der untergehenden Sonne ab. Ja, jetzt hatten die Arwenacks die Sonne im Rücken, und die Dons mußten die Augen zusammenkneifen.
Treffer auf Treffer!
Über die Geschützmannschaften an den Heck-Drehbassen brach die Hölle herein. Ein Pulverpfeil raste in die Hecklaterne und brachte sie zur Explosion. Glassplitter fetzten über das Achterdeck. Männer brachen brüllend zusammen oder taumelten über das Deck.
Da wurde nicht mehr zurückgeschossen, obwohl sich Capitán de Freitas wieder mal heiser brüllte. Aber jetzt konnte er nicht mit Rotwein seine Kehle ölen. Dafür warf er sich wieder hin, als über ihn weg flammende Pfeile zischten, in den Besan schlugen und dort hängenblieben. Das Segel fing Feuer.
Dann krachten zwei Drehbassen auf der „El Tigre“, und zwei Kugeln zertrümmerten die Ruderanlage der Kriegskaravelle. Sie geigte in den Wind, die Segel knatterten und schlugen, die Schoten tanzten wie wilde Schlangen durch die Luft.
Über die Decks, achtern, mittschiffs und vorn, taumelten merkwürdige Flaschen, aus denen sprühende Zündschnüre ragten. Und dann flogen die Flaschen mit grellem Getöse auseinander – einige noch in der Luft, die anderen, während sie über die Planken kullerten. Sie brachten Tod und Verderben, denn nach allen Seiten rasten Glassplitter, heiße Nägel und Metallfetzen. Die Seesoldaten und Decksleute fielen reihenweise.
„Feuer frei! Feuer frei!“ brüllte der Capitán.
Niemand kümmerte sich darum.
Es ging alles Schlag auf Schlag, und die Schläge waren von erbarmungsloser Härte.
Als die Kriegskaravelle in den Wind schoß, passierte die Schebecke auf fünfzig Yards Distanz ihr zerschossenes Heck, und Hasard gab den Feuerbefehl für die Steuerbordbreitseite.
Die Culverinen brüllten auf und schmetterten ihre Ladungen in das Heck der „El León“. Es wurde restlos zertrümmert. Holzfetzen wirbelten durch die Luft, Drehbassen kippten ins Wasser, der Besanmast mit dem brennenden Segel neigte sich und stürzte nach voraus krachend an Deck. Die Nock der Besangaffelrute streifte das Großsegel und fetzte es von oben nach unten auf.
Panik breitete sich aus.
Unter dem brennenden Besansegel waren Männer begraben, die sich wie die Wahnsinnigen zu befreien versuchten. Sie zerschlitzten mit Messern das Segeltuch, taumelten unter dem Wirrwarr hervor, einige hatten Feuer gefangen und stürzten sich über Bord.
Die Schebecke lief nach Osten ab, luvte an, setzte sich vor die Kriegskaravelle und wartete ab.
Das Achterschiff der „El León“ sackte tiefer. Von dem brennenden Besansegel her breitete sich Feuer aus und griff auf das Holz über. Niemand löschte. Immer mehr Männer sprangen über Bord. Die eine Hälfte der Sonne stand noch über der Kimm und verwandelte die See in rotes Feuer.
Capitán de Freitas sah sich wild und gehetzt um. Seine Augen flackerten, seine Lippen zuckten. Er sprang zum Achterdecksschott, hob es aus den Angeln, schleppte es zum Steuerbordschanzkleid, wuchtete es hinüber und kippte es außenbords.
Dann sprang er hinterher, sackte unter Wasser, tauchte wieder auf, schwamm zu dem Schott und wälzte sich hinauf.
In diesem Moment flog die Kriegskaravelle „El León“ mit einer grellen Stichflamme in die Luft.
Wer sich noch an Bord befunden hatte, überlebte die Explosion nicht, aber er hatte einen schnellen und jähen Tod. Und auch das war eine Gnade.
Über die feurige See donnerte ein Schlachtruf, wer ihn hörte, verstand ihn zwar, begriff aber nicht seine Bedeutung.
„Ar-we-nack!“ dröhnte es. „Ar-we-nack – Ar-we-nack!“
Die Schebecke glitt durch das Feuer der Sonne, hob sich scharf ab und verschwand nordwestwärts in der hereinbrechenden Dunkelheit.
Trümmer schwammen auf der See, zerspellte Holzfässer, zerborstene Spieren, Fetzen von Segeltuch, Tauwerkreste – und Tote, aber auch ein paar Verwundete, die sich irgendwo festkrallten und dennoch wußten, daß ihr Leben zerrann wie Sand in einem Stundenglas.
Capitán de Freitas lag wie betäubt auf seinem Schott – bäuchlings. Er hob erst den Kopf, als er spürte, daß eine Hand an seinem Floß zerrte – auf der rechten Seite in Höhe seiner Beine. Er drehte sich etwas und blickte dorthin.
Da schwamm einer und hielt sich am Floß fest. Er sah die Schultern und den Kopf des Mannes – und zuckte zusammen.
Es war der Teniente de Calheiro. Er hatte einen blutigen Schnitt über der Stirn.
„Hau ab, du Pisser!“ fauchte der Capitán. „Verschwinde!“
„Sie hatten noch mit mir sprechen wollen“, sagte der Teniente zwischen zusammengebissenen Zähnen. „Hier bin ich.“
„Ich sagte: verschwinde!“ knurrte der Capitán. „Hier gibt’s nichts mehr zu besprechen. Klar?“
„Sind Sie verletzt?“
„Was soll die Frage?“
„Wenn Sie nicht verletzt sind, wäre es anständig von Ihnen, mich auf das Floß zu lassen. Es hat genug Platz für zwei. Ich glaube, mein rechter Fußknöchel ist gebrochen.“
„Interessiert mich nicht!“
„Sie verweigern einem Verletzten die Hilfe?“
„Das interessiert mich einen Scheiß!“ brüllte der Capitán, und es hallte über das Wasser.
„Darf ich mich wenigstens an dem Floß festhalten?“
„Nein!“ brüllte der Capitán. „Das ist mein Floß! Such dir was anderes! Hier schwimmt genug rum, an dem du dich festhalten kannst!“
„Sie Mörder!“ schrie der Teniente. „Sie dreckiger, gemeiner Mörder! Sie wollen Offizier und Kommandant sein? Ein Nichts sind Sie! Ein feiger Versager, ein Säufer, der sein Schiff geopfert hat und sich jetzt davonstehlen will …“
„Halt’s Maul!“ heulte der Capitán und riß ein Messer aus dem Gürtel. „Oder ich stech dich ab wie eine Sau!“
Drei, vier Überlebende waren herangeschwommen, darunter ein stämmiger, breitschultriger Bootsmann. Sie hatten alles gehört, und die heilige Wut flammte in ihnen.
Sie verteilten sich um das Floß.
„Schau an!“ höhnte der Bootsmann. „Unser sauberer Kommandant! Ein feines Floß hat er sich unter den Nagel gerissen! Ich dachte immer, die Kapitäne hätten die Pflicht, mit ihrem Schiff unterzugehen – wegen der Ehre! Wo ist sie denn, diese Ehre? Und dem Teniente verweigern Sie die Hilfe, Sie Scheißkerl?“
„Verschwindet!“ brüllte der Capitán. „Das ist ein Befehl!“
„Hat kein Schiff mehr und will noch befehlen!“ rief der Bootsmann.
„Jetzt ist er Kommandant auf ’nem Floß!“ schrie ein anderer. „Und er meint, er könnte uns immer noch schikanieren, dieser versoffene Lumpenhund, der uns diese Scheiße hier eingebrockt hat!“
Sie schwammen auf das Floß zu.
Der Capitán hockte auf den Knien, drehte sich nach allen Seiten und hatte das Messer angehoben, bereit, die Klinge niedersausen zu lassen, sobald eine Hand nach dem Floß griff.
Es war eine erbärmliche Situation.
„Hindern Sie die Kerle daran, mein Floß anzufassen, Teniente!“ kreischte der Capitán. „Tun Sie Ihre Pflicht! Das sind Meuterer – dreckiges Gesindel, das zu gehorchen hat!“
„Leben Sie wohl, de Freitas“, sagte der Teniente ruhig. „Gott wird Sie richten.“
Auf dem Rücken liegend, paddelte er vom Floß weg. Sein rechtes Bein war gefühllos. Er spürte keine Schmerzen. Als er gegen eine Spiere stieß, klammerte er sich an ihr fest. Sein Kopf war ganz klar, so klar wie noch nie. Er wußte, daß er sterben würde. Und er nahm es hin. Er nahm es hin wie ein Mann.
Um das Floß entbrannte der Kampf, das heißt, um das Floß ging es nur indirekt. Ihr eigentliches Ziel war der Kommandant. Er sollte büßen. Von dem jungen Teniente hatten sie nicht viel gehalten – auch der hatte sich aufgebläht und den Befehlsgeber herausgekehrt. Aber in diesen letzten Stunden war er zu einem ganzen Kerl geworden.
Er hatte sogar den Kommandanten herausgefordert, nachdem von diesem der Erste Offizier hinterrücks erschossen worden war. Und jetzt hatte es dieser Kommandant sogar fertiggebracht, den verletzten Teniente vom Floß wegzujagen.
Der Capitán schlug mit dem Messer wie ein Wahnsinniger um sich. Dazu kreischte und heulte er.
Sie untertauchten das Floß und stemmten es an der einen Seite hoch. Mit einem irren Schrei verlor der Capitán den Halt und rutschte ins Wasser. Dabei verlor er das Messer.
Die vier Männer warfen sich über ihn und drückten ihn unter Wasser. Er zappelte und strampelte. Luftblasen blubberten nach oben. Dann wurden die Bewegungen langsamer und erstarben schließlich.
Sie hatten ihren Kommandanten ersäuft wie eine junge Katze.
Dann zogen sie das Floß zu dem Teniente, redeten nicht viel, sondern griffen einfach zu und packten ihn auf das Floß.
Sie sahen es alle. Sein rechter Fußknöchel war nicht gebrochen, sondern zerschmettert.
„Danke“, sagte der Teniente leise, „aber hier ist auch Platz für euch.“
„Och, wir schwimmen lieber, Teniente“, sagte der Bootsmann. „Uns genügt’s schon, wenn wir uns festhalten können.“
„Der Capitán ist ertrunken?“ fragte der Teniente.
„So nennt man das wohl“, brummelte der Bootsmann.
„Der Teufel hat ihn geholt“, sagte ein anderer.
„Haben Sie Schmerzen, Teniente?“ fragte der Bootsmann.
„Nein, überhaupt nicht. Ich fühle mich – so frei …“
Es war das letzte, was der Teniente in seinem Leben sagte. Sein Kopf fiel zur Seite. Es war vollbracht.
Der Bootsmann drückte ihm die Augen zu. Sanft ließen sie ihn ins Wasser gleiten, zogen sich auf das Floß und hockten sich hin.
Zwei Tage später wurden diese vier Männer von Fischern auf einer Schaluppe abgeborgen – als einzige Überlebende der Kriegskaravelle „El León“. Sie hatten vereinbart, nichts über ihr Schiff und die Ursache seines Untergangs verlauten zu lassen. Sie erzählten irgendeine Geschichte von einem morschen Frachter, der ihnen unter dem Hintern wegsoff.
Die Schaluppe segelte nach Huelva. Dort gingen die vier Männer von Bord, und ihre Spuren verloren sich.
Die Admiralität verbuchte die Kriegskaravelle „El León“ als vermißt, und schließlich wurde sie auf die Verlustliste gesetzt.
Mit Mann und Maus auf See geblieben …
ENDE

1.
Kapitän Miguel Pigatto, ein muffiger Querkopf mit stechendem Blick und unangenehmen Launen, verstand es, seinen Leuten derartige Gedanken auszutreiben, in dem er sie bis zum Umfallen schuften ließ. Mit jedem Tag kehrte er mehr den Schinder heraus, den die Crew allmählich zu hassen lernte.
Mario Morales, im Begriff, in den Wanten des Großmastes aufzuentern, spuckte wütend aus, als der Kapitän unter ihm wieder neue Befehle brüllte.
„Sklaventreiber“, murmelte er heiser und mit ausgedörrter Kehle. „Die Krätze wünsche ich dir an den Hals!“
Für die Dauer einiger Atemzüge verschwammen der Mast und die Taue vor seinen Augen. Instinktiv klammerte sich Mario an den Webeleinen fest, den dünnen, geteerten Tauen, mit denen die Wanten horizontal ausgewebt waren, so daß Stufen entstanden. Ihm brach der Schweiß aus allen Poren, im nächsten Moment begann er verkrampft zu zittern. In seinen Eingeweiden schienen Dolche zu bohren. Jeder dieser Anfälle war schlimmer als der vorangegangene, und die Abstände zwischen ihnen immer kürzer.
Morales atmete kurz und hastig, um das Prickeln zu vertreiben, das sich in seinem Brustkorb ausbreitete. Aber diesmal wollte es ihm nicht gelingen. Sein Kopf fiel nach hinten. Ein knackendes Geräusch im Nacken löste einen zweiten Schweißausbruch aus. Trotz seiner Benommenheit fühlte der Decksmann, daß seine feuchten Hände abglitten. Mit letzter Kraft warf er sich wieder nach vorn und hakte die Arme bis zu den Ellenbogen in die Webeleinen ein. Die Wanten waren steif durchgeholt und prellten ihn bretthart zurück.
Verzweifelt kämpfte er gegen die Übelkeit an. Alles um ihn herum war in einem wilden Reigen begriffen – Spieren und Taue, Segel und sogar die Decksplanken verschmolzen zu einem Wirbel von Sinneseindrücken, die er nicht mehr auseinanderzuhalten vermochte.
Dröhnend pochte das Blut durch seine Adern. Mario stieß einen halb erstickten Aufschrei aus und sackte in sich zusammen. Daß auf der Kuhl Männer aufmerksam wurden und zu ihm aufenterten, bemerkte er schon nicht mehr.
„Morales soll sich zusammennehmen!“ brüllte Kapitän Pigatto vom Achterdeck her. „Verdammt, tut denn neuerdings jeder, was er will?“
Jorge Zapata, ebenfalls Decksmann, turnte über das Besanstengestag heran. Er war als erster bei Morales und schaffte es gerade noch, ihn am Kragen zu packen. Augenblicke später erhielt er Unterstützung von den anderen.
„Vorsicht!“ sagte er warnend. „Mario ist ein schwerer Brocken.“
Das stimmte allerdings. Morales war ein Fleischkloß, nicht sehr groß, aber stämmig, mit einem Schmerbauch, der weit über den Gürtel hing, und aufgequollenem Gesicht. Während der letzten Monate hatte er sich zusehends zu seinem Nachteil verändert, war noch fetter geworden als früher, und unter seinen ungepflegt wirkenden Bartstoppeln zeichnete sich ein bläulichrot aufgeplatztes Adernetz ab. Die kleinen, unruhig blickenden Augen lagen tief in den Höhlen. Sie waren von dunklen Ringen gezeichnet.
Besinnungslos hing er wie ein nasser Sandsack in den Wanten. Endlich schlug jemand ein Tau an und verknotete das eine Ende in mehrfachen Schlägen unter Morales’ Achseln. Auf diese Weise fierten die Männer ihn ab wie eine sperrige Last.
Kapitän Pigatto hatte seinen Platz auf dem Achterdeck verlassen und stieg auf die Kuhl hinunter.
„Was ist mit ihm?“ fragte er.
Sein Tonfall ließ weniger Sorge um die Gesundheit seiner Leute erkennen als vielmehr um den raschen Fortgang der Arbeiten im stehenden Gut. Einige Pardunen – Hanftaue, die die Stengen seitwärts und schräg nach achtern abstagten – waren mürbe geworden und drohten beim nächsten Sturm zu brechen. Nur fragte die Crew sich, ob das angekokelte Tauwerk aus der Vorpiek, das Pigatto durchholen ließ, tatsächlich mehr Vertrauen in seine Haltbarkeit verdiente.
Die Männer zögerten mit der Antwort. Schließlich war nicht zu übersehen, daß Morales schlichtweg abgenippelt war. Jorge Zapata schlug dem Bewußtlosen mit der flachen Hand ins Gesicht.
„Seid ihr schwerhörig?“ rief der Kapitän wütend.
„Morales ist krank“, sagte endlich Juan Barbara, der Segelmacher.
„Krank?“ Pigatto schnaubte verächtlich. „Überfressen hat er sich. Der Kerl wird jeden Tag fetter, kein Wunder, daß er die Arbeit nicht verträgt.“
„Sie tun ihm unrecht, Capitán“, widersprach Zapata.
„Ich weiß, was ich sehe.“
„Kaum ein Tag vergeht, an dem sich Mario nicht erbricht.“
Der Kapitän vollführte eine unmißverständlich herrische Handbewegung. „Das soll er mir selber sagen. Na los, holt ihn aus seinen faulen Träumen zurück!“
Juan Barbara kippte eine Pütz voll Seewasser über dem Bewußtlosen aus und reichte den Eimer zur Verschanzung weiter, damit die Männer dort ihn nochmals füllten.
Der zweite Schwall brachte Morales endlich so weit, daß er sich stöhnend herumwälzte.
Er schlug die Augen auf, sein Blick fiel auf den Kapitän, und noch halb wirr im Kopf, fragte er: „Bin ich in der Hölle?“
Das hätte er besser nicht getan, Miguel Pigatto hörte schlagartig auf, die aus seiner Knubbelnase herauswachsenden schwarzen Haare auszureißen. Drohend zog er die Brauen zusammen.
„Ich werde dir einheizen, Bursche, dir Feuer unter dem Arsch anzünden, daß du dir wünschen wirst, wirklich in der Hölle zu sein. Ist das klar?“
Morales nickte schwer.
„Bist du krank?“ fragte Pigatto lauernd.
Der Decksmann stieß einige hilfreiche Hände zur Seite und stemmte sich hoch.
„Es geht schon wieder“, sagte er.
„Das ist keine Antwort auf meine Frage. Bist du krank, Decksmann Morales?“
Mario zögerte. Dann schüttelte er stumm den Kopf.
„Dann verstehe ich nicht, was du auf der Kuhl zu suchen hast. Dein Platz ist in den Großstengewanten.“
Morales preßte die Lippen zusammen. Eine aschgraue Blässe überzog sein Gesicht, auf der Stirn perlten dicke Schweißtropfen, dennoch ging er schwankend zum Schanzkleid und schwang sich in die Wanten.
„Ihr anderen steht gefälligst nicht herum wie die Ölgötzen!“ Der Kapitän klatschte auffordernd in die Hände. „Soll ich euch ebenfalls auf den Sprung helfen?“
… ausnahmsweise keine besonderen Vorkommnisse, schrieb Philip Hasard Killigrew ins Logbuch der Schebecke und beendete damit die Eintragung. Sorgfältig verschloß er das Tintenfaß und verstaute den Federkiel.
Vorübergehend lehnte er sich zurück, verschränkte die Hände und lauschte den vielfältigen Geräuschen von Deck, die sich mit dem gleichmäßigen Rauschen des Kielwassers vermischten.
Der Atlantik zeigte sich von seiner ruhigen Seite. Ein handiger Wind ließ die Schatzgaleonen und ihre drei Begleitschiffe mit guter Fahrt nahezu exakt auf Nordkurs segeln. Die Azoren lagen hinter ihnen. Die letzte Positionsbestimmung hatte ergeben, daß der 40. Breitengrad überschritten war. Momentan befand sich der Konvoi ungefähr auf der Höhe von Madrid.
Hasard warf einen kurzen Blick aus dem geöffneten Fenster seiner Kammer. Die „Nuestra Señora de lagrimas“ lief querab und keine vierhundert Yards entfernt unter vollen Segeln. Ihrer kostbaren Ladung wegen lag sie ebenso wie die anderen neun spanischen Galeonen tief im Wasser. Achteraus folgten die „Patricia“ und die „Fortuna“.
Ein Lächeln entstand auf den Zügen des Seewolfs. Er dachte daran, welche Gründe umlaufen würden, sobald seine Flotte die Themsemündung erreichte. Angesichts der alles übertreffenden Schätze mußte die königliche Lissy schier aus dem Häuschen geraten. Dagegen verblaßten die „Überraschungen“, die Francis Drake von seinen Reisen mitgebracht hatte.
Aber bis dahin war noch ein langer und gefahrvoller Weg. Die Begegnung mit der spanischen Kriegskaravelle „El León“ unter Capitán José de Freitas und zuvor der Zwischenfall mit der schwer armierten „Aguila“ hatten gezeigt, daß es trotz aller Vorkehrungen keine absolute Sicherheit gab. Ein winziger Zufall konnte alles in Frage stellen.
Zumindest war der Schwelbrand auf der „Respeto“ gelöscht. Die Qualmwolke hätte sicher noch weitere ungebetene Gäste angelockt. Daß der Konvoi abseits der üblichen Routen segelte, war also kein Freibrief.
„Masten an der Kimm!“
Der Ruf schreckte den Seewolf aus seinen Überlegungen auf. Er griff sich den Kieker und eilte hinaus auf das Oberdeck.
Dan O’Flynn, der Mann mit den schärfsten Augen der Crew, stand an Steuerbord und blickte starr nach Osten. Die portugiesische Küste lag jedoch viel zu weit entfernt, als daß auch nur ein Hauch von ihr zu ahnen gewesen wäre.
Dan hörte am Klang der Schritte, daß der Seewolf neben ihn trat. Ohne sein Spektiv abzusetzen, sagte er: „Ein Dreimaster, Sir, eine Karavelle. Sie segelt auf Parallelkurs.“
„Wie lange schon?“
„Wenn ich das wüßte …“ Dan O’Flynn seufzte leise.
Durchs Spektiv zeigte sich die Kimm in leichtem Dunst, die Trennlinie zwischen Ozean und Himmel wirkte milchig verschwommen. Zum Teil vermischten sich das Blaugrau des Atlantiks und das Grau tiefhängender Wolkenbänke.
Hasard suchte den Horizont ab, ohne fündig zu werden. Erst nach eigner Weile entdeckte er den fahlen Punkt in der endlosen Wasserwüste.
„Ja, es ist eine Karavelle“, wiederholte Dan O’Flynn.
Egal ob es sich um Spanier, Portugiesen oder sonstwen handelte, wer immer querab segelte, hatte den Konvoi wohl kaum gesichtet. Trotzdem ließ Hasard Ruder legen und den Galeonen einen entsprechenden Befehl signalisieren. Wenig später liefen alle Schiffe nach Nordnordwest.
„Die Karavelle fällt ab“, meldete Dan. „Sie wäre um einiges schneller als wir.“
Er sah die Masten noch als winzige Striche am Horizont, als kein anderer mehr etwas wahrnahm. Danach waren die spanischen Seeleute und die Korsaren wieder allein.
Die Webeleinen verwandelten sich unter seinen Händen in züngelnde Nattern, die sich hartnäckig seinem Griff zu entwinden trachteten. Der Schweiß brach Morales aus allen Poren. Außerdem wurden die Schmerzen in seinem rechten Oberbauch wieder stärker, als durchbohre jemand mit glühenden Messern die Eingeweide.
Er biß die Zähne zusammen, damit er nicht laut aufschrie.
Weiter! drängte alles in ihm. Laß dir die Schwäche nicht anmerken! Hinauf in den Mars und dann in die Stengewanten!
Er war nicht krank. Das ganz bestimmt nicht. An seinem Zustand war vor allem Kapitän Pigatto schuld, schließlich hatte er zugelassen, daß die Rumvorräte von Bord geschafft worden waren. Seither verschlimmerte sich Marios Befinden mit jedem Tag. Kein Wunder, solange es nur abgestandenes, schales Wasser zu saufen gab. Damit löschte kein Seemann auf Dauer seinen Durst.
Mario fragte sich jedoch zunehmend häufiger, warum nicht auch die anderen solche Wirkungen zeigten.
Weiter!
Der Capitán brachte kein Verständnis für derartige Mangelerscheinungen auf. Er war einer von denen, die Wasser wie Wein soffen und vermutlich wegen der in ihrem Magen nistenden Läuse oft aufgekratzt wirkten. Wie ein Furz, der die Därme blähte, aber den Ausgang nicht fand. Der Vergleich, der sich ihm aufdrängte, erheiterte den Decksmann. Ein gequältes Lachen drang über seine Lippen.
Er hatte den unteren Rand des Marses fast erreicht, als ihn eine neue Schmerzwelle in die Wanten warf. Im Nu war er klatschnaß geschwitzt.
Er hörte seltsame, abgehackte, schrille Laute, aber er begriff nicht, daß er selbst sie ausstieß. Ein krampfhaftes Würgen ging von seinem Magen aus und abscheulich bittere Galle stieg in ihm hoch.
Seine Hände verkrampften sich um die Leinen. Aus eigener Kraft war er weder fähig, die beiden Schritte zu tun, die ihn von der viereckigen Bodenöffnung des Großmarses trennten, noch wieder abzuentern.
Diesmal verlor er nicht die Besinnung. Scheinbar eine kleine Ewigkeit verging, bis endlich Männer neben ihm waren, um ihm auf die Kuhl zu helfen. Mario Morales zitterte wie Espenlaub.
„Schafft ihn unter Deck!“ bestimmte Tomas d’Alvarez, der Bootsmann der „Respeto“. „Gebt ihm zu trinken und eine Extraration Pökelfleisch.“
Morales hatte Mühe, sich auf den Beinen zu halten. Zapata und der Segelmacher stützten ihn und führten ihn den engen Niedergang hinunter. Bis er in seiner Koje lag, schien das Schiff in einen Orkan geraten zu sein, so sehr drehte sich alles um ihn her.
„Mir war noch nie so mies.“ Er stammelte kurzatmig. „Das ist wie Sterben …“
Jorge Zapata musterte ihn halb besorgt, halb ungläubig. Daß ausgerechnet der stämmige Mario so etwas behauptete, wollte ihm nicht in den Sinn.
Juan Barbara brachte eine Kruke voll Trinkwasser und ein großes Stück Pökelfleisch.
Morales trank hastig. Er verschüttete so viel dabei, daß wohl nur ein kleiner Teil wirklich durch seine Kehle lief. Anschließend rülpste er laut und biß von dem Pökelfleisch ab, auf dem er herumkaute, als sei es zäh wie Leder.
Die Röte, die ihm jäh ins Gesicht schoß, wirkte nicht weniger unnatürlich als die vorangegangene Blässe. Morales wollte etwas sagen – er schaffte es nicht, denn von einem krampfhaften Würgen geschüttelt, übergab er sich.
„Was hat er?“ fragte Barbara überrascht.
Jorge Zapata zuckte mit den Schultern. Als er sich Morales wieder zuwandte, erschrak er. Der Decksmann hatte sich erneut verfärbt. Ein unnatürliches Gelb überzog seine Haut und ließ die Wangenknochen kantig aus dem sonst aufgequollenen Gesicht hervorstehen.
„Sieht nach Fischvergiftung aus“, sagte Zapata.
„Unsinn.“ Der Segelmacher winkte heftig ab. „Wir haben seit Tagen keinen Fisch gegessen.“
„Mario ist krank, sieh ihn dir an. Hoffentlich ist das nicht der Ausbruch einer Seuche, die uns alle erwischt.“
Zapata wollte einen Schritt beiseite treten, aber völlig unerwartet schossen Morales’ Hände vor und die Finger verkrampften sich in Jorges Hemd und um seinen Gürtel. Der Kranke entwickelte ungeahnte Kräfte, er zog Zapata einfach zu sich herunter.
„Du mußt mir helfen!“ raunte er.
Im letzten Moment fing Jorge sich an der Koje ab, sonst wäre er neben Morales auf die Decken gefallen.
Ohne darauf zu achten, fuhr Mario drängend fort: „Ich brauche Rum, Jorge. Das Wasser widert mich an.“
„Wir haben nicht ein Fäßchen mehr an Bord.“
„Ich weiß.“ Morales unterbrach sich gequält und rang nach Luft. Fahrig wischte er sich den Schweiß von der Stirn. „Du mußt mir eben welchen besorgen.“
„Das ist unmöglich.“ Jorge Zapata wollte sich erheben, aber der Kranke ließ ihn nicht los.
„Tu mir den Gefallen“, verlangte Morales.
„Der Kapitän läßt mich auspeitschen, wenn er mich erwischt.“
Abgesehen davon, daß die gelbe Gesichtsfarbe blieb, ließ allein schon der Gedanke an den Rum den Kranken sichtlich wieder aufleben. Sein Blick wanderte zu Juan Barbara hinüber.
„Du wirst an Deck gebraucht, ich kriege hier schon alles klar.“
Obwohl der Segelmacher verstand, daß Morales ihn nur loshaben wollte, drehte er auf dem Absatz um und verschwand.
Mario versuchte ein Grinsen. Sein Gesicht verzerrte sich zur Fratze.
„Ein Fäßchen Rum“, sagte er noch einmal eindringlich. „Mehr verlange ich nicht von dir. Das ist bestimmt ein akzeptables Angebot.“
„Akzeptabel?“ Jorge Zapata verstand tatsächlich nicht, auf was der Kranke hinauswollte.
„Eine Hand wäscht die andere. So ist das unter guten Freunden. Oder siehst du das anders?“
„Der Capitán hat angeordnet, sämtlichen Rum …“
„Scheiß drauf!“ Morales winkte heftig ab. „Eine Galeone ohne Rumvorräte ist ein halbes Totenschiff. Ich bin zu schwach, um allein zu einem der anderen Schiffe zu pullen …“
„Du redest im Fieber“, unterbrach ihn Zapata. „Ich werde dir jedenfalls nicht helfen und dabei die Peitsche riskieren.“
„Der Capitán hat auch das Rauchen verboten“, sagte Morales scharf. „Ich verstehe ohnehin nicht, wie ein vernünftig denkender Mensch den Qualm von brennendem Tabak in sich hineinschlucken kann.“
„Na und?“ Zapata gab sich arglos.
„Was meinst du“, fragte Morales lauernd, „wie viele Männer rauchen heimlich in der Vorpiek? Ich kenne einen.“
Jorge Zapatas Miene erstarrte zu Eis. Aber sein Gegenüber war noch nicht am Ende angelangt.
Erstaunlich munter fuhr er fort, und es war die Aussicht, endlich wieder Rum zu erhalten, die ihn neue Kräfte gewinnen ließ: „Der Capitán dürfte höchst erfreut sein, zu erfahren, daß du deine Pfeife noch längst nicht der See übergeben und daß du erst vor wenigen Stunden einen abscheulichen Tabakgeruch in der Achterpiek hinterlassen hast.“
Diesmal war es Zapata, der sich verfärbte. Er riß sich endlich los und griff nach dem Dolch hinter seinem Gürtel. Morales lachte überheblich.
„Das tust du nicht, Jorge, du bist kein Mörder – eher schon ein Brandstifter. Aber keine Sorge, kein Sterbenswort geht über meine Lippen, sofern du mir den Rum besorgst.“
Zapata kniff die Brauen zusammen. Nachdenklich musterte er den Mann, der jetzt die Hände hinter dem Kopf verschränkte und zu den Deckenbalken hinauf starrte.
„Warum hast du mich nicht verraten?“ fragte er.
„Wenn die Glut sich ausgebreitet hätte, wären wir abgesoffen“, sagte Morales. „Ich weiß das. Aber wir sind doch Freunde. Und Freunde helfen einander.“
2.
Das gute Wetter und der handige Wind schienen tatsächlich anzuhalten, obwohl die dichte Wolkendecke eher eine Verschlechterung erwarten ließ. Wahrscheinlich regnete es über dem Festland.
Die Sonne stand inzwischen tief über dem westlichen Horizont. Zu sehen war sie nicht, wohl aber färbte sie die Wolken mit einem düsteren, bis in den Zenit reichenden Rot.
Die Schebecke segelte an Steuerbord der Schatzschiffe. Wie Hunde eine Schafherde, so hielt Philip Hasard Killigrew mit der „Wappen von Kolberg“ und der „Isabella“ die spanischen Galeonen zusammen. Besonders nach Einbruch der Dunkelheit galt es, die Augen offenzuhalten. Der Verlust der „Nobleza“ hatte diesbezüglich Zeichen gesetzt.
Mit prall geblähten Lateinersegeln glitt der schlanke Mittelmeerdreimaster majestätisch an den plumperen Schatzschiffen vorbei.
„Sollten uns wirklich einige Tage der Ruhe gegönnt sein?“ fragte Don Juan de Alcazar zögernd. Er stand neben Hasard auf dem Achterdeck und genoß den Anblick der Schiffe. Einst waren der Seewolf und er erbitterte Gegner gewesen, doch das lag lange zurück und mutete unwirklich an.
Die „Nuestra Señora de lagrimas“ lag querab. Als Folge ihres großen Tiefgangs gischtete die Bugsee bis zur Galionsfigur hoch. Bei stürmischerem Wetter schlugen die Brecher sogar auf die Back über.
„Ich habe mir auf diesem Törn abgewöhnt, den Tag vor Mitternacht zu loben“, erwiderte Hasard auf Don Juans Frage. Er dachte an die Zwischenfälle mit der „Nobleza“ und dem Sklavenschiff „Aguila“, an den Schwelbrand auf der „Respeto“ und die dadurch angelockte Kriegskaravelle „El León“.
„Alles hätte noch viel schlimmer ausfallen können“, sagte der Spanier. „Daran denkst du im Moment. Oder sollte ich mich irren?“
Stumm schüttelte der Seewolf den Kopf. Voraus segelten die „Honestidad“ und die „Respeto“ in exakter Kiellinie. Das Rot des Himmels schien selbst ihre Segel zu färben.
Zum erstenmal seit Stunden riß die Wolkendecke auf. Irrlichternd huschten Sonnenstrahlen über den Atlantik. Aber nur vorübergehend, denn gleich darauf lichtete sich der Dunst über der Kimm endgültig.
Das Tagesgestirn erschien als aufgeblähter Glutball, dessen unteres Drittel schon im Meer versunken war. Auf der Wasseroberfläche vermischten sich lila Farbtöne mit der bleiernen Schwärze der länger werdenden Schatten.
Die Schebecke segelte an der „Honestidad“ vorbei. Vierhundert Yards voraus stampfte die „Respeto“ durch die Wellen.
Hasard wollte sich gerade abwenden, als er ein flüchtiges Aufblitzen auf der Kampanje der Galeone bemerkte. Aber selbst ein Drehbassenschuß wäre deutlicher zu erkennen gewesen, davon abgesehen, daß sich bestimmt kein Spanier hinreißen ließ, auf die Schebecke zu feuern. Jedenfalls nicht auf die augenblickliche Distanz und nur mit einem einzigen Rohr.
Hasard zog sein Spektiv auseinander und blickte hindurch.
Neben der Hecklaterne der „Respeto“ stand eine einsame Gestalt, der Kleidung nach ein einfacher Decksmann. Mehr war auf die Entfernung nicht zu erkennen.
Im nächsten Moment blitzte es erneut auf. Zweimal kurz hintereinander.
„Was ist das?“ fragte Don Juan.
Der Mann auf der Galeone hielt ein poliertes Stück Metall oder etwas Ähnliches in Händen, mit dem er die Strahlen der sinkenden Sonne auffing und reflektierte.
„Signale“, sagte der Seewolf. Er zweifelte nicht daran, daß die Zeichen tatsächlich für die andere Galeone bestimmt waren.
Der Decksmann zeigte sich hartnäckig. Je näher die Schebecke aufschloß, desto deutlicher wurde, daß er eine Metallscheibe benutzte.
Endlich wurde ein auf der Back der „Honestidad“ hantierender Kerl aufmerksam. Die Blinde hatte ihn zeitweise in seiner Sicht behindert. Er schwenkte ein Tuch zur Antwort.
Der Decksmann auf der „Respeto“ bückte sich und hob ein seltsames Bändel auf den Handlauf der Balustrade. Wegen des schwindenden Tageslichts mußte Hasard zweimal hinblicken, ehe er erkannte, daß es sich um eine große Tauschlinge handelte, an der ein weiß gestrichenes Holzstück und offenbar eine Flasche befestigt waren.
Das Bündel flog mit Schwung außenbords.
Hasard richtete das Spektiv auf die Heckwelle der „Respeto“. Tatsächlich schwamm das Holz schnell auf. Inmitten der schäumenden Welle war es nur schwer zu erkennen.
Der Seemann auf der „Honestidad“ griff sich einen Bootshaken und kroch auf den Bugspriet. Währendessen warf der Decksmann auf der voraussegelnden „Respeto“ ein zweites Bündel über Bord. Auch dieses trieb genau der nachfolgenden Galeone entgegen.
„Ich möchte wissen, was die Burschen für Nachrichten austauschen“, sagte Don Juan. „Möglicherweise kriegen wir darin unser Fett ab.“
„Du siehst zu schwarz“, antwortete Hasard.
Der Spanier zog die Brauen hoch. „Harmlos ist das wohl nicht“, sagte er.
Sie beschränkten sich wieder aufs Beobachten. Der Mann auf der „Honestidad“ beugte sich so weit über, daß schon die kleinste Unregelmäßigkeit im monotonen Stampfen des Schiffes genügt hätte, ihn über Bord gehen zu lassen. Geschickt hantierte er mit dem Bootshaken, aber doch nicht geschickt genug, denn er verfehlte die treibende Tauschlinge, weil der Bug der Galeone just in dem Moment in die Höhe stieg.
Durchs Spektiv konnte Hasard die Enttäuschung des Mannes sehen, als das treibende Bündel von der Bugwelle gepackt und zur Seite geschleudert wurde. Im Nu wurde die Entfernung zu groß, als daß ein Nachfassen mit dem Peekhaken möglich gewesen wäre.
Der Kerl spuckte aus, fuhr sich mit dem Handrücken durch das bärtige Gesicht und blickte scharf voraus, wo das zweite Bündel auf den Wellen schaukelte. Das Schiff hielt genau darauf zu, und wenn er Pech hatte, würde die Tauschlinge mit den Anhängseln unter den Kiel gezogen werden.
„Er schafft es“, meinte Don Juan.
„Du brennst darauf, zu erfahren, welche Nachricht auf diese Weise übermittelt wird“, sagte Hasard, ohne den Kieker abzusetzen.
Der Spanier lachte leise. „Klar will ich wissen, was bei meinen Landsleuten vorgeht.“
„Dann geht es dir nicht anders als mir“, gestand Hasard. „Ich könnte zwar wenden lassen und versuchen, das verlorene Treibgut aufzufischen, doch würden wir damit nur verraten, daß wir die Sache bemerkt haben. Und wenn wir warten, bis die Galeonen vorbei sind, finden wir das Ding bestimmt nicht mehr. Die Nacht bricht schnell herein.“
Er hatte sich kurz ablenken lassen. Als er seine Aufmerksamkeit wieder auf die „Honestidad“ konzentrierte, war der Bärtige schon im Begriff, das Bündel hochzuziehen. Die Tauschlinge hing sicher an dem eisernen Haken.
Tau und Holzstück flogen in hohem Bogen in die See zurück, Augenblicke später folgte die entkorkte, um ihres Inhalts beraubte leere Rumflasche. Der Kerl auf der Galion entfaltete einen Zettel, drehte und wendete ihn mehrmals unschlüssig und schob ihn schließlich unter sein Hemd. Anscheinend war er des Lesens nicht oder nur sehr unvollkommen mächtig.
„Bestimmt gibt er den Wisch seinem Kapitän“, sagte Don Juan. Er konnte nicht wissen, daß genau das allen Beteiligten viele Unannehmlichkeiten erspart hätte.
Guillermo Corel hatte sich unbeobachtet geglaubt. Deshalb zuckte er wie ein ertappter Sünder zusammen, als er die Back verließ und unerwartet angesprochen wurde.
„He, Guillermo“, sagte Rufino Vaquero, der Fockmastgast der „Honestidad“, „was hast du aus dem Wasser gezogen? Das war bestimmt kein Fisch.“
„Fisch?“ Corel konnte bis zum Umfallen arbeiten, aber im Denken, wenn er den anderen Rede und Antwort stehen mußte, war er um einiges langsamer. „Wovon sprichst du?“
„Von deiner Liebschaft mit der Seejungfrau“, sagte Vaquero grinsend.
„Hä?“ Mehr brachte der Bärtige nicht heraus.
„Spiel nicht den Unschuldigen“, sagte der Fockmastgast. Mit einem raschen Rundblick stellte er fest, daß sich bereits mehrere Männer um sie scharten. Wenn es darum ging, Guillermo zum besten zu halten, waren alle da.
Spöttisch fügte er deshalb hinzu: „Eine Seejungfrau sieht ungefähr so aus: ein Riesenbusen“, mit den Händen demonstrierte er die üppige Wölbung, die er meinte, „Haare so grün wie Seegras bis zum Po und ein Unterleib – du glaubst es kaum – so anschmiegsam wie …“ Er suchte nach Worten. „Wie … na, eben wie der schuppige Schwanz eines Fisches.“
Das Gelächter der Männer war umwerfend. Verdattert stand Guillermo Corel zwischen ihnen und versuchte vergeblich zu begreifen, ob Rufino es ernst meinte oder nur einen seiner berüchtigten Späße vom Stapel ließ.
„Ich kenne keine Jungfrau“, sagte er vorsichtshalber. Daß er rasch hinzufügte „Keine Seejungfrau“, ging in dem noch lauter aufbrandenden Lachen unter.
Erst als der Kapitän und der Erste Offizier an der Balustrade des Achterdecks erschienen, winkte Vaquero ab. Die allgemeine Heiterkeit verstummte schlagartig.
„Genug der Belustigung!“ rief der Capitán. „Geht an eure Arbeit, Männer!“
Guillermo Corel wollte schnurstracks nach achtern laufen. Aber der Fockmastgast hielt ihn mit eiserner Faust zurück. „Nicht so schnell, mein Freund“, raunte er ihm zu. „Erst will ich wissen, was du aufgefischt hast.“
„Einen Brief“, antwortete Guillermo. „War in einer Flasche drin.“
„Zeig her!“
„Ist für den Capitán bestimmt.“
„Warum? Was steht drin?“
Guillermo wirkte irritiert. „’ne ganze Menge“, sagte er. „Ist mächtig viel geschrieben.“
Vaquero rieb sich das Kinn. „Ich dachte immer, du kannst nicht lesen“, sagte er nachdenklich. „Woher willst du wissen, daß der Brief für den Capitán geschrieben wurde?“
„Ich weiß es eben.“
„Der Brief ist für mich“, behauptete Vaquero. „Er wurde auf der ‚Respeto‘ ins Wasser geworfen, nicht wahr?“ Das war unschwer zu erraten.
Guillermo Corel sperrte Augen, Mund und Ohren auf. Erst nach einer Weile klappte er den Mund wieder zu und schüttelte bedächtig den Kopf. Die Folgerung, zu der er gelangte, war durchaus logisch.
„Wenn dem so wäre, hättest du das sofort gesagt.“
„Stell dich nicht so an!“ drängte der Fockmastgast. „Mein Name steht auf dem Wisch. Ganz oben sogar, wo er hingehört.“
„Hm“, brummelte Guillermo, noch immer mißtrauisch. Trotzdem zog er das Papier unter seinem Hemd hervor und faltete es auf.
„Da! Siehst du!“ Vaquero deutete auf die verschnörkelten Buchstaben.
Der Decksmann runzelte die Stirn. „Schreibt man Vaquero mit ‚F‘?“
„Na klar.“
„Seltsam. Ich hätte Stein und Bein darauf geschworen, daß das erste Wort ‚Freunde‘ heißt.“
„Zeig schon her!“ Der Fockmastgast riß Guillermo das Papier aus der Hand. Blitzschnell überflog er die paar mit ungelenker Handschrift hingekritzelten Zeilen. Um seine Mundwinkel zuckte es verhalten.
„Wenn das der Capitán sieht, ist ein Donnerwetter besonderer Art fällig“, sagte er.
„Wieso?“ fragte der Decksmann. „Was ist mit dem Brief?“
Rufino Vaquero las vor.
„Freunde auf der ‚Honestidad‘, die ihr meine Nachricht aufgefischt habt“, stand da. „Ich weiß keinen anderen Weg als diesen. Helft uns! Wir sitzen verdammt auf dem trockenen, ohne einen einzigen Tropfen Rum ist das Leben beschissen …“
„Recht hat er“, murmelte Guillermo mit Inbrunst.
„Willst du den Rest noch hören?“ fragte Vaquero. „Dann unterbrich mich nicht dauernd.“
Der Decksmann zog eine beleidigte Miene. Aber er schwieg.
„Wenn die Nacht am schwärzesten ist, setzen wir zu euch über“, las Vaquero weiter. „Haltet einige Fäßchen und Flaschen Rum zur Übernahme bereit, aber achtet darauf, daß euer Capitán von der Sache keinen Wind kriegt. Pigatto und er sind Busenfreunde. – Mann“, sagte Vaquero, nachdem er geendet hatte, „kapierst du nun, was du beinahe angerichtet hättest? Wegen des Schwelbrands auf der ‚Respeto‘ wurden alle Rumvorräte von Bord geschafft. Die Glut ist inzwischen zwar gelöscht, aber Capitán Pigatto straft seine Leute auf besondere Weise: durch Entzug der Rumration.“
„Was haben wir damit zu tun?“
„Irgendwann könnte uns ähnliches widerfahren. Dann wären wir über jeden Freund froh, der uns aus der Patsche hilft.“ Rufino Vaquero schlug die Hand beiseite, die nach dem Papier grapschte, und steckte den Zettel selbst ein.
„So habe ich die Sache noch gar nicht gesehen“, sagte Guillermo betreten. „Was tun wir?“
Vaquero seufzte ergeben und verdrehte die Augen.
„Ist doch klar“, erwiderte er. „Wir erleichtern die Proviantlast.“
Jorge Zapata hatte es verstanden, sich für die Abendwache von 20.00 Uhr bis Mitternacht einteilen zu lassen.
Während er auf der Kuhl seinen Dienst versah, gingen Antonio Villasante und Téofilo Linares auf Back und Achterdeck Wache – beide waren Männer, auf die er sich verlassen konnte.
Antonio war einem guten Schluck ohnehin selten abgeneigt und das schale Wasser lief ihm, wie er sich ausdrückte, zu den Ohren raus. Und Téofilo schuldete Zapata einen Gefallen und mußte schon deshalb stillhalten.
Das Abendrot wich dem Dunkel der Nacht. Nur wenige Sterne standen am Himmel. Da die See weiterhin ruhig blieb und der Wind nicht weiter auffrischte, konnte Jorge Zapata mit den Bedingungen zufrieden sein.
Vor Wach antritt hatte er aus seiner langstieligen Tonpfeife einige heimliche Züge genommen. Der Tabaksaft biß auf der Zunge, und der inhalierte Rauch ließ seine Stimme belegt klingen. Doch das fiel niemandem auf.
Jorge Zapata war dem indianischen Tabak verfallen. Sobald er an einem Tag nicht rauchte, stellte sich prompt eine leichte Benommenheit ein, begleitet von Kopfschmerzen, die sich bis in den Nacken hinzogen. Zapata genoß, die Augenblicke, in denen er den Tabak ansteckte und die kleinen Rauchwölkchen aufstiegen.
Eines Tages, das hatte er sich längst geschworen, würde er seine in langen Jahren gesparten Reales für den Kauf einer Galeone ausgeben – für den Rest ließen sich bestimmt Geldgeber finden –, und dann würde er Schiffsladungen voll Tabak aus der Neuen Welt nach Spanien bringen. Manchmal träumte er sogar davon, daß alle Spanier mit Pfeifen in den Mundwinkeln herumliefen.
Ein scharfer Anruf schreckte ihn aus seinen Überlegungen auf. Antonio Villasante schüttelte verweisend den Kopf.
„Bist du eingeschlafen, Jorge? Wir gehen Runde um Runde, während du bloß am Schanzkleid stehst und ins Wasser stierst.“
War tatsächlich schon soviel Zeit vergangen? Zapata war sich dessen nicht bewußt. Aber die Dunkelheit ringsum war mittlerweile vollkommen. Téofilo Linares schlug soeben die Schiffsglocke an. Fünf Glasen. Das bedeutete, daß bis Mitternacht nur mehr eineinhalb Stunden fehlten.
Zapata blickte in die Runde. Voraus segelte die „Reputación“. Der Schein ihrer Hecklaterne riß lediglich den unteren Bereich des Besansegels aus der Finsternis und reichte gerade bis zur Galerie. Die Hecksee ließ nur mehr einen fahlen Widerschein erahnen.
Der winzige Schimmer noch weiter voraus und leicht nach Backbord versetzt, mußte die „Santos los Reyes Mayos“ sein.
Die Schebecke war von der Nacht verschluckt worden. Zapata empfand Erleichterung, daß er sie nirgendwo entdeckte. Immerhin hatte das Schiff des Sonderbeauftragten seiner Majestät bei Sonnenuntergang lediglich zwei Kabellängen achterlich gestanden.
Jorge war sich keineswegs im klaren darüber, was er von diesem Julio de Vilches zu halten hatte, der die Schatzschiffe nach Irland führte, statt in einen sicheren spanischen Hafen. Die Nähe des hochgewachsenen breitschultrigen Mannes mit den eisblauen Augen erfüllte ihn mit einem gewissen Unbehagen.
Die eigenwillig konstruierte schlanke Galeone „Isabella“ segelte achterlich an Backbord. Von ihr, fand Zapata, drohte keine Gefahr. Und das dritte von Don Julio de Vilches’ Schiffen kreuzte zur Zeit vermutlich am Ende des Konvois.
Weder Capitán Pigatto noch sein Erster Offizier oder der Bootsmann d’Alvarez hatten sich während der letzten beiden Stunden an Deck blicken lassen. Zweifellos bedeutete dies, daß die Señores in ihren Kojen lagen und schnarchten. Ihr Schlaf mochte jetzt noch besonders tief sein, deshalb hatte Jorge die Zeit vor Mitternacht für sein Vorhaben ausgewählt.
„Was ist?“ rief Villasante leise von der Back. „Hast du es dir anders überlegt?“
„Nicht die Spur“, erwiderte Zapata verhalten.
„Dann ist es gut.“ Der Wachgänger zeigte sich zufrieden. Vermutlich hatte er befürchtet, auf die paar Flaschen Rum verzichten zu müssen, die ihm versprochen waren.
Endlich erschienen Tito Menéndez, José Canalejas und Alberto Braña auf der Kuhl. Zapata hatte die drei einweihen müssen, da es ihm unmöglich war, allein mit der Jolle zur „Honestidad“ überzusetzen. Die beiden Wachen durfte er aus verständlichen Gründen nicht abziehen, es genügte, wenn er seinen Posten unerlaubt verließ.
Folglich waren sie sieben Mann, die Bescheid wußten. Jeder weitere hätte das Risiko der Entdeckung unnötig vergrößert, abgesehen davon, daß der Anteil des einzelnen zunehmend geschrumpft wäre. Und wer verzichtete schon gern auf einen guten Schluck! Noch dazu nach Tagen der Abstinenz.
Die Jolle war zum Abfieren vorbereitet. Zur Ausrüstung gehörten ein kurzer, über den Duchten festgezurrter Mast, der gut eine Mannslänge über den Bug hinausragte, sowie ein einfaches, dunkel gefärbtes Segel. Weder Zapata noch die anderen wollten sich für den Rückweg zur „Respeto“ allein auf die Riemen und die Kraft ihrer Arme verlassen. Mit dem guten Wind im Rücken war die Distanz bedeutend leichter zu überwinden.
„Fiert ab!“ raunte Jorge Zapata seinen Helfern zu.
Erstaunlich leise liefen die Taue durch die Taljen, die aus mehrscheibigen Blöcken bestanden. Zapata hatte sich dazu hinreißen lassen, mit Fett dem üblicherweise entstehenden Knarren abzuhelfen, wobei der bewußt die Gefahr in Kauf nahm, daß ein derart schmierig werdendes Tau im ungünstigsten Moment durch die Hände rutschen konnte.
Der Erfolg gab ihm recht. Selten war eine Jolle so leise ausgeschwenkt und mit Hilfe der Taljen zu Wasser gelassen worden.
„Gott segne den Schlaf des Capitáns“, murmelte jemand.
Zapata grinste flüchtig.
Ein leises Klatschen erklang. Die Jolle lag nun längsseits. Nacheinander und ohne Hast enterten die Männer ab. Jorge ging als letzter. Er benutzte einen mit Werg umwickelten Riemenschaft, um das kleine Boot von der Galeone abzustoßen, dann tauchten sie die Blätter ein und zogen langsam durch.
Sie brauchten sich nicht anzustrengen, sondern eigentlich nur abzuwarten, bis die „Honestidad“ vor ihnen aus der Nacht auftauchte. Nach wie vor segelte der Konvoi unter Vollzeug.
Flüchtig streifte der Schein der Hecklaterne die Jolle. Aber Capitán Pigatto stand weder draußen auf der Galerie noch hinter den bleiverglasten Scheiben seiner Kammer.
„Richtet den Mast auf!“ flüsterte Zapata.
Schweigend arbeiteten sie Hand in Hand, verankerten das solide Rundholz in der vorderen Ducht und reihten das Segel an. Zu dem Zeitpunkt tanzte nicht mehr sehr weit vor ihnen das Licht einer Laterne über der See, wurde aber größtenteils von Fock und Blinde verdeckt.
Bugspriet und Galionsfigur des Schiffes zielten auf die Jolle. Zapata, der nicht gedacht hatte, daß er so exakt auf Kurs lag, zog die Ruderpinne nach Backbord.
In der Dunkelheit gewaltig anmutend, wuchsen Bugspriet und Vorsteven über dem Boot auf. Doch da wurde es bereits von der Bugwelle erfaßt und zur Seite gedrückt.
Tito Menéndez schleuderte den Enterhaken, der sich leise knirschend in den Rüsten der Fockwanten verfing. Innerhalb weniger Augenblicke spulte sich das kurze, an einer vorderen Klampe belegte Seil ab, bevor es sich ruckartig straffte. Die Jolle legte sich über und tauchte bis ans Dollbord in die Wellen ein, aber Zapata hantierte so geschickt mit der Pinne, daß trotz der schnellen Drehung um 180 Grad kaum Wasser eindrang. Das wenige, was trotzdem am Boden zusammenfloß, östen die Männer sehr schnell wieder aus.
Ein kurzer, scharfer Zischlaut ertönte von der Kuhl her. Als Jorge hochsah, flog ihm ein Tau entgegen. Mit wenigen Schlägen befestigte er es an einer Klampe neben der Achterducht. Die Jolle lag nun höchstens zwei Ellen neben der „Honestidad“ und wurde von ihr mitgeschleppt.
Die Männer kletterten nach oben.
Grinsende Gesichter blickten ihnen über das Schanzkleid entgegen. Rufino Vaquero stand da, breitbeinig und die Arme in die Seiten gestützt. „Ihr sitzt ganz schön auf dem trockenen, wie?“ sagte er spöttisch. „So ein nächtlicher Ausflug kann euch einigen Ärger einbringen.“
„Der Capitán muß uns erst mal erwischen“, entgegnete Alberto Braña hochnäsig.
„Statt herumzumäkeln, solltest ihr uns lieber mit einem vernünftigen Begrüßungsschluck empfangen“, sagte José Canalejas.
„Ist alles vorbereitet.“
Vaquero bückte sich nach einer bereitstehenden Rumflasche, entkorkte sie mit den Zähnen und reichte sie Zapata, der einen kräftigen Schluck nahm und die Buddel an Braña weitergab. Als endlich die Männer der „Honestidad“ an der Reihe waren, schwappte der Rum gerade noch eine Fingerbreite hoch in der Flasche.
„Den Schluck hättet ihr auch trinken können“, sagte ein pockennarbiger Kerl tadelnd.
„Wenn du meinst!“ Menéndez nahm ihm prompt die Buddel aus der Hand, gluckerte den schäbigen Rest und warf die leere Flasche hinter sich über die Verschanzung. „Alsdann“, sagte er unternehmungslustig, „fiert die Vorräte ab.“
Vaquero deutete auf die neben dem Großmast ausgebreitete Plane, unter der sich die Umrisse mehrerer Fässer abzeichneten. „Erwartet nicht zuviel. Das ist alles, was wir entbehren konnten.“
Zapata lüftete die Persenning an einer Ecke an, bevor er sie ruckartig zur Seite zog. Da standen vier Fässer, genauer gesagt Fäßchen, von denen keins mehr als zwei Gallonen, also knapp über neun Liter, faßte. Die paar Flaschen daneben, gerade ein halbes Dutzend, ließen das Kraut wahrlich nicht fett werden.
Natürlich bemerkte Rufino Vaquero die verblüfften Blicke der Männer von der „Respeto“.
„Mehr läßt sich nicht losschlagen, ohne daß die Offiziere Lunte riechen“, erklärte er.
Braña und Menéndez zogen Gesichter wie sieben Tage Regenwetter. Offensichtlich hatten sie eine weit größere Ausbeute erwartet.
„Das soll wirklich alles sein?“ fragte Braña.
„Nehmt es – oder haut ab! Wir sind nicht verpflichtet, euch überhaupt was abzugeben.“
„Und ob.“ Jorge Zapata trat mit zwei schnellen Schritten vor und unterzog die Fäßchen einer genauen Begutachtung. „Hier“, sagte er und deutete auf eingeritzte Zeichen, „die drei stammen ohnehin aus unserer Proviantlast. Der Generalkapitän und Capitán Pigatto haben sie ungerechtfertigt ausladen und auf die anderen Galeonen verteilen lassen.“
„Ungerechtfertigt?“ Um Vaqueros Mundwinkel zuckte es verhalten. „Wer mit dem Feuer spielt, muß damit rechnen, daß ihm eine brennbare Flüssigkeit abgenommen wird.“
„Höre ich aus deinen Worten wirklich Schadenfreude heraus?“ fragte Zapata.
„Das kannst du halten, wie du willst.“
Menéndez, der unmittelbar vor einer Nagelbank stand, griff spontan hinter sich. Seine Finger verkrampften sich um einen der Belegnägel.
Eine handfeste Auseinandersetzung war jedoch keineswegs das, was Jorge Zapata gebrauchen konnte, deshalb warf er Tito einen warnenden Blick zu und sagte grollend: „Steht nicht herum und haltet Maulaffen feil! Schafft den Rum in die Jolle!“
Bis jetzt hatte es keine Zwischenfälle gegeben. Doch das mußte nicht so bleiben. Zapata lag wenig daran, das Schicksal unnötig herauszufordern. Sieben Glasen hallten über das Deck der „Honestidad“. Damit blieb noch genau eine halbe Stunde Zeit bis zum Wachwechsel.
Das Umladen ging rasch und reibungslos vonstatten. Die Fäßchen wurden nacheinander abgefiert, während die Männer von der „Respeto“ die wenigen Flaschen in Händen hielten, als sie wieder über die Jakobsleiter abenterten.
„Ich hoffe doch, wir können jederzeit mit Gegendiensten rechnen!“ rief Vaquero ihnen hinterher.
„Das ist selbstverständlich“, erwiderte Zapata. „Einer hilft dem anderen aus der Klemme.“
Sie werfen die Leinen los, pullten die Jolle aus der unmittelbaren Nähe der Galeone und setzten schließlich das Segel. Immerhin waren sie da bereits einige Dutzend Schritte weit hinter die „Honestidad“ zurückgefallen.
Der Wind blähte das Tuch und ließ das kleine Boot, unterstützt von kräftigen Riemenschlägen, beachtliche Fahrt laufen. Wie ein Schatten glitt es an Steuerbord der Galeone vorbei und folgte der mit bloßem Auge gerade noch erkennbaren Silhouette der „Respeto“.
3.
Die Schebecke der Seewölfe segelte in dieser Nacht eine gute halbe Seemeile querab des Konvois. Alle Laternen waren gelöscht. Schon aus hundert Yards Entfernung war der Dreimaster mit den Lateinersegeln lediglich als dunkler Schemen vor dem etwas helleren Hintergrund des Nachthimmels zu erkennen. Auf größere Distanz blieb das Schiff unsichtbar.
Seit dem Einbruch der Dunkelheit stand Dan O’Flynn auf dem Achterdeck und beobachtete. Er sah Details, die anderen Männern trotz des Spektivs verborgen geblieben wären.
Die Schatzschiffe lagen exakt auf Kurs und in Kiellinie. Im fahlen Schein ihrer Hecklaternen sah Dan die Deckswachen auf und ab gehen. Es war der ewig gleiche und monotone Trott.
Einige Arwenacks hockten auf den Tritten der Niedergänge, den Luken oder auch auf dem Vorspill. Obwohl es nichts zu tun gab, fanden die Männer noch keinen Schlaf. Sie genossen die Ruhe und das Glitzern der nächtlichen See. Trotz des Windes war es nicht kalt, sondern eher lauschig. Kurzum: eine Nacht zum Träumen, in der die Gedanken auf Wanderschaft gingen, aber keine Nacht für Seegefechte oder Enterkämpfe.
Irgend jemand sang leise vor sich hin. Dan konnte die rauhe Stimme, die er nur bruchstückweise vernahm, nicht identifizieren. Vielleicht Luke Morgan oder Bob Grey, aber auch Smoky, der Decksälteste, konnte der Spaßvogel sein.
„… eine Jungfrau aus Manchester
hatte eine rassige Schwester,
die wollt’ alle Männer stets lieben,
drum ist die andere Jungfer geblieben …“
Die Spanier waren viel zu weit entfernt, um etwas davon mitzukriegen. Deshalb brauchten sich die Männer nur hinsichtlich der Lautstärke zurückzuhalten.
„He!“ erklang es von der Back her. „Stammt der dusselige Reim von dir, Smoky?“
Der Gesang verstummte abrupt. „Was ist daran dusselig?“ fragte der Decksälteste.
Jan Ranse, der Holländer, war der Zwischenrufer.
„Paß auf“, sagte er. „Du mußt dich ins Leben hineindenken, wie es wirklich ist:
Sie stand oft im Hafen und winkte den Schiffen,
die Jungfrau aus São Vicente
hat sehr schnell begriffen,
das war dann der Jungfernschaft Ende.“
Verhaltenes Lachen, zugleich auch unwilliges Murmeln erklangen als Antwort auf den Vers.
„Besser war das nicht“, erklärte Smoky.
„Aber die spanischen Señoritas sind heißblütiger“, widersprach Jan. „Und dein Manchester liegt nicht am Meer.“
„Das ist doch wohl pottegal.“
„Ganz und gar nicht.“
„Aber sicher“, protestierte Smoky. „Laß einfach die Crew entscheiden, welcher Reim besser war.“
„Glaubst du, ich schrecke davor zurück?“
„Dann ist es ja gut.“ Smoky hatte noch etwas hinzufügen wollen, unterbrach sich jedoch, als urplötzlich ein winziges Fläminchen Helligkeit in einer Luke aufflackerte. Es reichte gerade aus, um Mac Pellews sauertöpfische Miene erkennen zu lassen.
Der zweite Koch schob sich halb aus der Öffnung, ließ seine Laterne aber unten stehen.
„Ihr seid beide gleich gut oder auch gleich schlecht“, sagte er. „Entscheidend ist, daß niemand Kartoffeln mit Seegurken vergleichen kann.“
„Was willst du damit ausdrücken?“
„Daß ihr von unterschiedlichen Voraussetzungen ausgeht. Ich schlage vor, ich nenne eine Stadt, und wer am schnellsten einen brauchbaren Reim findet, der ist der bessere.“
„Einverstanden“, sagte Smoky.
„Ha!“ Jan Ranse stieß einen kurzen Zischlaut aus. „Glaubst du, ich könnte nicht mithalten?“
Die Spur eines Lächelns huschte über Mac Pellews Gesicht. „Ihr erhaltet Chancengleichheit. Deshalb also ein französisches Kaff: Perpignan.“
Smoky hielt die Luft an und atmete dann fauchend aus.
Der Holländer begann da aber bereits: „Eine Jungfrau aus Perpignan …“
„… die hatte nie was an!“ Smoky fiel ihm kurzerhand ins Wort. Sein Einwand löste Heiterkeit aus. Doch das gedämpfte Gelächter verklang rasch.
Philip junior meldete sich. „Eine Jungfrau aus Biarritz, die …“ Weiter schaffte er es nicht, weil ihm Old Donegal Daniel O’Flynn, sein Großvater, die Krücke zwischen die Rippen bohrte – eine sehr wirkungsvolle Methode, ihn verstummen zu lassen.
„Das junge Gemüse bringt tatsächlich die schlimmsten Unanständigkeiten zustande“, schimpfte der Alte. „In meiner Jugend war das ganz anders.“
„Du weißt überhaupt nicht, was ich sagen wollte“, protestierte Philip. Mit einer Hand griff er nach Sir John, dem Bordpapagei, der unruhig auf seiner Schulter hin und her trippelte und versuchte, ihm die Ohrläppchen länger zu ziehen.
„Klar weiß ich das“, schnaubte Old Donegal. „Deine Gedanken liegen wie ein aufgeschlagenes Buch vor mir. Ich dürfte nicht dein Grandad sein …“
„Pißnelke!“ kreischte Sir John unvermittelt. „Karierter Fliegenschiß!“
Old O’Flynn starrte den Papagei verbiestert an. „Mistkrähe!“
Sir John reckte den Hals und plusterte das Gefieder auf. „Luv an!“ plärrte er. „Schwing die Hufe!“
Das war zuviel. Der Alte langte zum zweitenmal mit seiner Krücke zu, daß der Schwung ihn fast von den Füßen riß. Philip junior konnte gerade noch den Kopf einziehen, sonst wäre er das Opfer dieser Attacke geworden – Sir John war ohnehin schneller und verschwand pfeifend in der Dunkelheit. Von irgendwo, vermutlich vom Großmast her, schimpfte er weiter.
„Dir rupfe ich jede Feder einzeln aus“, drohte Old Donegal. „Und danach schmorst du in der Bratpfanne, bis du genießbar bist.“
„Achtung!“ rief Dan. „Auf der ‚Respeto‘ tut sich was. Sie fieren eine Jolle ab.“
Philip Hasard Killigrew trat hinter der Querbalustrade hervor, wo er wohl die ganze Zeit über gestanden hatte, ohne von den Männern bemerkt zu werden.
„Alle auf ihre Stationen!“ befahl er.
Die Arwenacks wußten, was sie zu tun hatten. Selbst in stockfinsterster Nacht mußte jeder Handgriff sitzen, egal ob es sich um Segelmanöver oder den Angriff auf ein feindliches Kriegsschiff handelte. Das Leben aller hing in solchen Situationen von jedem einzelnen ab.
„Die Jolle hält Kurs auf die nachfolgende Galeone“, meldete Dan.
Der Seewolf glaubte es ihm unbesehen, obwohl die Nacht das kleine Boot schon verschluckt hatte. Mitunter fragte er sich nur, wie Dan O’Flynn so sicher sein konnte, Einzelheiten zu sehen, wo andere längst nichts mehr erkannten.
„Refft die Fock!“
Die Arwenacks waren eine hervorragend aufeinander eingespielte Crew. Das gelegentliche Hickhack zwischen ihnen war bedeutungslos und diente eher noch der Festigung der Gemeinschaft, weil einer des anderen Stärken, aber auch die Schwächen kannte.
Die Schebecke, vorher schon ohne Großsegel ziemlich langsam, verlor weiter an Fahrt. Das Rauschen der See unter dem scharf gehöhlten Vorsteven ebbte ab.
Hasard wollte herausfinden, was bei den Spaniern vorging. Nicht ohne Grund tauschten sie heimlich Nachrichten zwischen den Schiffen aus. Auf der Höhe der portugiesischen Küste galt es ohnehin, besonders vorsichtig zu sein. Das Mißtrauen einiger Kapitäne gegen den vermeintlichen Don Julio de Vilches und seine Forderung, Irland anzulaufen, war nach wie vor gegenwärtig.
Planten sie, in einer gemeinsamen Aktion einfach nach Osten abzudrehen und ihn vor die Wahl zu stellen, entweder auf die Galeonen zu schießen oder sie gewähren zu lassen? Als Sonderbeauftragter des Königs von Spanien durfte er nicht wagen, auch nur eines der mit Gold, Silber und edlen Steinen beladenen Schiffe zu den Fischen zu schicken.
War der Generalkapitän Don Ricardo de Mauro y Avila, ein übellauniger, mürrischer und rechthaberischer Mann, der momentan mit seinem Flaggschiff „Salvador“ den Konvoi anführte, zu entsprechenden Schlußfolgerungen gelangt?
„Ruder ein Strich Backbord!“
Der Mann an der Pinne bestätigte.
Mittlerweile hatte die Jolle die „Honestidad“ erreicht und war längsseits gegangen. Die Männer aus dem Boot, ohnehin nur vier an der Zahl, enterten auf. Während Hasard und Don Juan abwechselnd durchs Spektiv blickten und lediglich undeutliche. Gestalten erkannten, nannte Dan O’Flynn allen Ernstes Namen. Er behauptete, daß Zapata, Menéndez und Braña zur Bootsbesatzung gehörten. Wegen des längere Zeit anhaltenden, inzwischen aber gelöschten Schwelbrandes in der Vorpiek der „Respeto“ waren den Arwenacks einige der Spanier bekannt. Lediglich den vierten konnte Dan nicht identifizieren.
Lange Minuten vergingen, ohne daß Erwähnenswertes geschah. Die Schebecke segelte ungefähr auf gleicher Höhe mit der Galeone.
Endlich zeigte sich wieder Bewegung an Deck der „Honestidad“. Dan begann herzhaft zu lachen.
„Ich denke, diesmal haben wir unser Mißtrauen zu weit getrieben“, sagte er zu Hasard. „Don Ricardo hat uns wohl damit angesteckt.“
„Die Kerle fieren Ladung ab“, stellte der Seewolf fest.
Dan nickte und grinste bis zu den Ohren. „Wie es aussieht, Rumfässer. Klar, daß sie das in aller Heimlichkeit tun.“
„Warum haben wir daran nicht eher gedacht?“ fragte Don Juan.
„Weil wir keine Säufer sind, ist doch einleuchtend.“ Der Profos, der soeben zum Achterdeck aufstieg, hatte genug gehört und mischte sich prompt in das Gespräch ein. „Na ja“, sagte er im selben Atemzug, „von gelegentlichen Ausnahmen abgesehen.“
Hasard wandte sich zu ihm um. „Sag den Männern, sie sollen sich ab sofort ruhig verhalten. Wir bringen die Jolle auf. Es kann nichts schaden, wenn einige Dons uns scheinbar zu Dank verpflichtet sind.“
„Willst du ihnen den Rum abnehmen?“
„Bin ich ein Unmensch?“ stellte Hasard die Gegenfrage. „An Bord der ‚Respeto‘ herrschen wieder normale Zustände. Wir können schließlich nichts dafür, daß Capitán Pigatto vergessen hat, seine Crew nach dem Aufklaren standesgemäß zu versorgen.“
Wenig später segelte die Schebecke erneut unter vollem Tuch. Sie näherte sich der Jolle schräg von achtern. Da die Spanier offenbar nur Augen für die vor ihnen liegende „Respeto“ hatten, bemerkten sie den schnellen Dreimaster nicht.
Erst bei einer Distanz von wenig mehr als zwanzig Yards wurden sie aufmerksam. Vermutlich hatten sie das Rauschen der Bugwelle vernommen oder das kurze Flappen der Segel, als Hasard den Kurs angleichen ließ.
In ihrer Überraschung taten die Männer in der Jolle ziemlich das Dümmste, was ihnen einfallen konnte, sie versuchten, der Schebecke davonzulaufen und fielen nach Backbord ab.
Weit schafften sie es nicht. Der Dreimaster hatte genügend Höhe, um ihnen innerhalb kürzester Zeit vor den Bug zu segeln. Die Spanier hatten plötzlich alle Hände voll zu tun, eine Ramming zu vermeiden: höchstens vier Yards querab versuchten sie, gegen den Wind zu kreuzen.
„Beidrehen, oder wir setzen euch auf Grund!“ rief Carberry gerade so laut, daß die Dons ihn hören konnten. Aber erst als Al Conroy eine seiner Culverinen ausrannte, strichen die Spanier das Segel.
Carberry warf ihnen eine Leine zu.
„Belegen!“ befahl er, während er zugleich die Jakobsleiter ausrollte.
Hasard trat neben ihn. „Du weißt, wie du sie anpacken mußt?“
Der Profos verzog sein Narbengesicht zu einem vielsagenden Grinsen.
„Sanft“, sagte er. „Sehr sanft.“ Dabei rieb er sich bedeutungsvoll die Pranken.
„Vergiß das nicht“, mahnte der Seewolf. „Mir ist keinesfalls daran gelegen, daß Pigatto die Sache spitz kriegt.“
„Wenn dem so ist …“ Edwin Carberry baute sich zu einer vollen riesenhaften Statur auf: „Ich bitte, von Bord gehen zu dürfen, Sir!“
„Erlaubnis erteilt“, sagte Hasard.
Der Profos enterte ab. Die letzten Sprossen übersah er geflissentlich und sprang in die Jolle, deren Planken bedrohlich ächzten.
„Buenas noches, Señores“, sagte er herausfordernd. „Cómo está usted? – Wie geht es Ihnen?“ Als er nicht sofort eine Antwort erhielt, schnaubte er barsch: „Don Julio de Vilches empfindet es als ungewöhnlich, daß Sie zu mitternächtlicher Stunde und ohne Laterne von einer Galeone zur anderen segeln. Nur Schnapphähne und anderes Gesindel bemüßigen sich solcher Methoden.“
„Wir haben nichts Ehrenrühriges getan“, widersprach Jorge Zapata.
„Natürlich nicht“, sagte der Profos spöttisch und reckte angriffslustig das Rammkinn. „Die meisten Delinquenten behaupten das sogar noch vor ihrer Hinrichtung.“
„Señor …“ Braña schnappte jäh nach Luft.
Carberry winkte heftig ab. „Capitán Pigatto wird über die Störung wenig erbaut sein. Aber Capitán de Vilches hat beschlossen, ihn zu wecken, um die Angelegenheit zu klären.“ Sein Blick wanderte durch das Boot und blieb an den mittschiffs verstauten Fässern hängen. „Was ist das?“ fragte er scharf. „Pulver? Womöglich um eins der Begleitschiffe zu versenken? Wollt ihr Gold stehlen und auf Nimmerwiedersehen verschwinden? Die Küste könntet ihr bei guter Seemannschaft mit eurer Nußschale erreichen.“
„In den Fässern ist Rum“, sagte Zapata kläglich. „Der Capitán hat den Alkohol an Bord verboten.“
„Dann wird es sich über unseren Fang besonders freuen.“
„Wir gefährden die Sicherheit des Konvois in keiner Weise“, widersprach Braña. „Wollen Sie wirklich, daß wir nur dafür bestraft werden, daß wir einen kleinen Teil unseres Rumvorrats zurückholen?“
Edwin Carberry rieb sich nachdenklich das Kinn. Das dabei entstehende schabende Geräusch war dazu angetan, den Dons eisige Schauder über den Rücken zu jagen. Danach musterte er die Fäßchen.
„Wieviel Rum?“ fragte er.
Jorge Zapata beeilte sich mit der Antwort.
„Das ist zuviel“, sagte der Profos.
Er bückte sich und wuchtete eins der Fäßchen hoch. Mit geradezu spielerischer Leichtigkeit setzte er es auf seine Schulter.
„Für die Großzügigkeit von Capitán de Vilches und mir ist das sicher kein zu hoher Preis“, stellte er fest.
„Natürlich nicht.“ Jorge Zapata konnte erst gar nicht fassen, daß er und seine Begleiter die unerwartete Begegnung mit dem Sonderbeauftragten seiner Majestät derart glimpflich überstehen sollten. Als der Profos nach der Jakobsleiter griff, atmeten sie jedoch auf.
„Sie sind sehr liebenswürdig“, sagte Carberry spöttisch. „Gracias!“
„Donnerwetter“, sagte José Canalejas erleichtert, als die Schebecke längst wieder auf Nordkurs lag und eine gute Kanonenschußweite entfernt ihre Laternen aufleuchteten. „Ich wäre bereit gewesen zu beschwören, daß wir jetzt an die Wanten gebunden werden.“ Dabei zuckte er zusammen, als spüre er schon die Peitschenhiebe des Zuchtmeisters.
„De Vilches scheint nicht so übel zu sein wie der Ruf, den er beim Generalkapitän und einigen Offizieren genießt“, sagte Zapata. „Wenn ihr mich fragt: daß wir nach Irland segeln, hat schon seine Richtigkeit.“
„Laß dich nicht täuschen“, widersprach Braña.
„Ha!“ Zapatas Stimme wurde schrill. „Der Generalkapitän hat uns den Rum wegnehmen lassen – war das vielleicht richtig? Ebenso könnte ich fragen, ob es richtig ist, daß er Capitán de Vilches’ Order anzweifelt.“
Er war drauf und dran sich in Rage zu reden und tobte sich dementsprechend mit den Riemen aus. Auch die anderen strengten sich an, schließlich wollten sie noch vor dem Wachwechsel wieder auf der „Respeto“ sein und den wenigen Rum verstaut haben. Dabei hätte der Wind allein sie schon gut vorangebracht.
Das Anlegemanöver klappte hervorragend. Während Canalejas das Segel abschlug und Braña die Jolle zum Aufheißen vorbereitete, mannten Menéndez und Zapata den Rum an Bord. Sie brachten tatsächlich das Kunststück zustande, Fäßchen und Flaschen in einer Luke im Vorschiff verschwinden zu lassen, ehe die neuen Wachgänger antraten.
Das einzige Problem war die Jolle. Sie hing immer noch außenbords.
„Was bedeutet das?“ Angel Berco, die neue Wache auf der Kuhl, baute sich breitbeinig vor Villasante und dem außer Atem geratenen Zapata auf und deutete auf das Boot.
„Wir hatten geglaubt, ein verdächtiges Schiff entdeckt zu haben“, sagte Antonio Villasante.
„Das habt ihr dann mit der schwer bestückten Jolle in die Flucht geschlagen“, spottete Berco. „Womöglich waren es gar marokkanische Schnapphähne. Verdammt, erzählt das euren ledigen Müttern, aber nicht mir.“
„Was glaubst du denn, he?“ rief Linares.
Nachdenklich leckte sich Angel Berco über die Lippen. „Wenn ich euch drei so ansehe, fallen mir verdammt viele Sünden ein. Unter anderen Umständen würde ich behaupten, ihr paktiert mit Piraten. Aber wir haben aufmerksame Bewacher …“
„Das allerdings.“ Jorge Zapata brachte von irgendwoher eine volle Rumflasche zum Vorschein. „Nimm das, aber halte dein Maul. Wenn nicht, ist es vorbei mit der Freundschaft.“
Angel Bercos Augen quollen förmlich aus ihren Höhlen. Er schluckte mehrmals und grinste dann breit.
„Das treibt ihr also während eurer Wache. Woher stammt die Flasche?“
„Von einem der Schiffe“, sagte Villasante. „Mehr braucht dich nicht zu interessieren.“
Berco nickte bedächtig. „Für ein solches Schweigegeld ist mir fast alles egal“, gestand er. „Zumindest im Moment.“
Der Rest der Nacht verlief ruhig und ohne Zwischenfälle. Jorge Zapata brachte die Fässer in Sicherheit – das heißt, ihm blieb keine andere Wahl, als sie an den Mannschaftsquartieren vorbei in die Laderäume einzuschleusen. Zwischen Gold und Silber würde niemand profanen Rum vermuten.
Zufrieden, doch auch ein wenig erschöpft, legte er sich schließlich aufs Ohr. Er schlief schlecht und schreckte mehrmals von Alpdrücken geplagt hoch. Das meiste, was er träumte, vergaß er sofort wieder, doch eine Szene haftete in seinem Gedächtnis, er gewann sogar den Eindruck, daß er sie stets von neuem träumte:
Die Crew verlangte, daß er mehr Rum besorgte, aber er floh, weil er sich nicht in eine Rolle drängen lassen wollte, die ihm letztlich nicht behagte. „Rum!“ riefen die Männer. „Bring uns Rum! Wir wissen, was du getan hast!“
Kein Versteck war so sicher, daß sie ihn nicht aufspürten. Ihm blieb nur noch, unter die Persenning zu schlüpfen, mit der die Jolle abgedeckt war.
Er hielt den Atem an und rollte sich zusammen, doch kräftige Fäuste packten durch die Plane hindurch nach seinen Schultern und schüttelten ihn.
„Bist du tot oder besoffen, Mann? Schlag endlich die Augen auf!“
Das Schütteln wurde heftiger. Unwillig brummend wälzte Zapata sich auf die andere Seite.
Ein schmerzhafter Hieb zwischen die Schulterblätter verriet ihm gleich darauf, daß er nicht mehr träumte.
Mario Morales lehnte halb über ihm. Der Decksmann sah zum Fürchten aus. Seine Haut hatte sich stärker gelblich gefärbt, das Gesicht was schweißüberströmt und verzerrt. Wirr hingen ihm die Haare in die Stirn. Die Augen wirkten eingefallen und waren von blutunterlaufenen Ringen umgeben, ihr Blick huschte unstet von einer Seite zur anderen.
„Wo?“ fragte Mario keuchend. „Sag schon!“
Was er wollte, war klar. Jorge Zapata erschrak über sein Aussehen. Flüchtig fragte er sich, ob er dem Mann wirklich einen Gefallen tat, wenn er ihm Zugang zum Rum verschaffte – Morales gehörte eher in die Hände eines Arztes.
„Heraus mit der Sprache, oder ich erzähle jedem, was du …“
„Schon gut, schon gut.“ Zapata warf sämtliche Bedenken über Bord. Zum Glück war niemand in der Nähe. Mario mußte selbst wissen, was ihm abträglich war und was nicht.
Jorge führte ihn ins Vorschiff, verlangte aber, daß Mario an einem Niedergang warten sollte, während er allein zwei Flaschen herbeischaffte. Der Gedanke, Morales das Versteck zu verraten, behagte ihm plötzlich nicht mehr.
Der Decksmann riß ihm die Flaschen aus den Händen. Mit den Korken hatte er indes Schwierigkeiten, beide saßen so tief, daß er sie mit seinen zitternden Fingern nicht lösen konnte.
„Hilf mir endlich!“ fauchte er Zapata an.
Jorge konnte nun nicht mehr zurück. Mit den Zähnen zog er einen der Korken heraus und spie ihn achtlos zur Seite. Morales setzte die geöffnete Flasche sofort an die Lippen und trank gierig. Daß dabei viel Rum über sein Gesicht lief, störte ihn nicht. Ein zufriedener Ausdruck trat in seine Augen.
„Was nun?“ fragte Zapata.
Morales drückte die beiden Flaschen an sich und schickte sich an, zu verschwinden.
„He!“ rief Jorge Zapata hinter ihm her. „Wo willst du hin?“
„Geht dich einen feuchten Dreck an“, erwiderte Morales abgehackt. „Kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten. Damit hast du genug zu tun.“
4.
An Bord einer Galeone von der Größe der „Respeto“ gab es wenig Räumlichkeiten, in denen sich jemand über längere Zeit hinweg ungestört wähnen durfte. Von den Laderäumen abgesehen, waren das lediglich die Vorpiek, die Bilge und die Achterpiek, wo häufig Dinge verstaut wurden, die man selten brauchte, angefangen von Farben und Hölzern über Werg, Segeltuchballen und Taue bis hin zu Teer und Pech fürs Kalfatern.
Da die Bilge als Raum an der tiefsten Stelle eines Schiffes häufig genug feucht oder gar mit Wasser angefüllt war, in dem hin und wieder sogar Kadaver von Ratten trieben, stapelte sich all der Kram zumeist in den äußersten vorn und achtern liegenden Räumen, eben der Piek.
Schon nach dem ersten kräftigen Schluck Rum hatte Mario Morales ein angenehmes Kribbeln im Magen verspürt, das rasch von einem wohligen Brennen verdrängt wurde. Die Wärme von innen heraus tat ihm gut.
Auf seinem Weg in die Vorpiek blieb er zweimal stehen, setzte die Flasche an und trank. Wie durch eine Fügung des Schicksals blieb er dabei allein.
Noch immer lastete Brandgeruch im Vorschiff der „Respeto“. Der kalte Rauch stammte von dem Schwelbrand, den die Besatzung anderthalb Tage hindurch einzudämmen versucht hatte und der letztlich von Don Julio de Vilches und seinen Männern gelöscht worden war, indem sie einfach angefangen hatten, das kokelnde Zeug über Bord zu werfen. Sehr zum Leidwesen von Capitán Pigatto, der das meiste als durchaus noch brauchbar eingestuft hatte. Letztlich war alles in einer Prügelei ausgeartet.
Mario Morales stellte erstaunt fest, daß sich erneut ein beachtlicher Kram angesammelt hatte, einiges davon vom Brand angekohlt. Womöglich hatte Pigatto das Zeug wieder aus der See auffischen lassen.
Er, Morales, wußte das nicht so genau, denn zu jener Zeit hatte er sich unter Deck aufgehalten, weil ihm wieder übel gewesen war wie sooft in letzter Zeit. Aber jetzt, die beiden Rumflaschen an sich gepreßt, fühlte er sich schon merklich wohler.
Selbst vor der Vorpiek lagerten Seegrasmatratzen und lose aufgeschichtete, frisch gelohte Segel. Ihnen haftete noch ein intensiver Geruch nach Eichenrinde und Fischöl an, mit dem sie vor dem Verrotten geschützt wurden. Erst durch die Tränkung erhielten die Segel ihre typische rotbraune Farbe.
Die Decksplanken, aber auch die meisten Balken in dem Bereich waren vom Feuer geschwärzt. Jemand hatte den Versuch unternommen, die dicken, teils öligen Rußflocken aufzuwischen. Das Ergebnis war eine verschmierte schwarze Schicht, die sich wohl nur noch mit Sand und Wetzsteinen beseitigen ließ.
Flüchtig blickte Mario hinter sich, ob er in dem Dreck eine sichtbare Spur hinterließ. Zufrieden stellte er fest, daß das nicht der Fall war.
Niemand würde ihn suchen, da er zur Freiwache gehörte. Ihm blieb also Zeit, sich mit den beiden Flaschen zu befassen, deren Inhalt wie Medizin wirkte. Mit nichts anderem ließen sich die bohrenden Leibschmerzen und die jedesmal stärker werdende Übelkeit vertreiben.
Der Arzt auf der „Respeto“ war ein Quacksalber. Seine Pulver und Pillen hatten absolut nichts bewirkt außer einer gräßlichen Austrocknung von Mund und Rachen. Mario erklärte sich lieber für gesund, ehe er Julio Cazalilla noch einmal unter die Augen trat.
Sorgfältig schloß er die Vorpiek hinter sich. Bewußt verzichtete er darauf, die Lampe anzuzünden, die draußen hing.
Schon nach kurzer Zeit hatten sich seine Augen an die Schwärze in dem muffigen, spitz zulaufenden Raum gewöhnt. Nach und nach registrierte er, daß die Plankennähte der Innenwand Licht durchließen. Winzige Bahnen von Helligkeit fielen herein und zeigten ihm die Umrisse der verstauten Waren.
Mario setzte sich auf einen gepreßten Wergballen. Den nach Fischöl stinkenden Eimer gleich daneben schob er mit den Füßen zur Seite. Er zupfte ein Loch in das Werg und stellte die volle Flasche hinein – auf die Weise konnte sie nicht umfallen und zerbrechen.
Aber die andere Flasche war ohnehin fast leer. Mario trank einen kräftigen Schluck, danach schüttelte er den Rest. Das Gluckern verriet ihm, daß höchstens noch eine Fingerbreite Rum drin war.
Er stierte vor sich hin.
Stampfend hob und senkte sich die Galeone. Hier vorne war die Bewegung besonders deutlich wahrzunehmen. Das Rauschen und Krachen, wenn der Bug die Wellen teilte, übertönte alle anderen Geräusche.
Die Schmerzen ließen sich kaum noch vertreiben. Mario fragte sich, was werden sollte, falls der Rum allmählich seine Wirkung verlor. Oder setzte ihm nur der kalte Rauch derart zu?
„Bald erreichen wir Irland“, murmelte er halblaut vor sich hin. „Dann wird alles besser. Ja, Mario, du wirst schon sehen.“ Eine neue Woge von Schmerzen, die sich bis unter die Rippen hinzog, ließ ihn verstummen. Für eine Weile rang er nach Atem. „Ich trinke auf meine Gesundheit“, schnaufte er in einem Anflug von Ironie. „Entweder schaffe ich es bis Irland, oder ich bin vorher tot.“
Er trank, wollte die leere Flasche wegwerfen, besann sich aber und rammte sie statt dessen mit dem Hals nach unten in den Wergballen. Die andere Buddel glitt wie von selbst in seine Hand. Vergeblich bemühte er sich, den Korken herauszuziehen, aber der Pfropfen widerstand seinen Bemühungen mit einer Hartnäckigkeit, die Mario eine Reihe schauerlicher Verwünschungen entlockte.
Ihm blieb nichts anderes übrig, als von dem Wergballen zu rutschen und in dem verhältnismäßig engen Raum nach einem brauchbaren Werkzeug zu suchen.
Die Übelkeit ließ ihn taumeln. Täuschte er sich, oder wurde der Brandgeruch plötzlich intensiver?
„Was soll’s?“ murmelte er vor sich hin.
Gleich darauf ertastete er eine Kiste voller Nägel, fingerte einen der langen Stifte heraus und versuchte, den Korken hochzuhebeln – mit dem dürftigen Erfolg, daß er zwar einige Stücke herausbrach, die Flasche aber nach wie vor verschlossen blieb.
Wütend schleuderte er den Nagel in die Ecke und stocherte mit den Fingern im Flaschenhals herum. Nach einer Weile gab er seine sinnlosen Bemühungen auf. Inzwischen war ihm alles egal, wenn er nur an den Rum gelangte.
Die Schmerzen, die seinen Leib aufwühlten, wurden schlimmer als je zuvor. Er zitterte und hatte enorme Mühe, die Flasche festzuhalten, die er jetzt am Boden packte und mit dem Hals gegen einen Balken drückte.
Mario hatte stets geglaubt, daß Glas leicht zu brechen war, daß man es eigentlich nur scharf anzublicken brauchte. Jetzt wurde er eines Besseren belehrt. Oder war er bereits zu schwach? Er stieß wieder zu und rammte den verdickten Flaschenhals gegen den Balken.
Ein leises Klirren erklang. Trotzdem bedurfte es noch zweier weiterer Versuche, bis endlich das Glas splitterte. Kostbarer Rum schwappte aus der ausgezackten Öffnung, tränkte den Balken und tropfte zu Boden, wo rasch eine kleine Lache entstand. Aber die sah Mario Morales schon nicht mehr. Mit geschlossenen Augen kippte er den Rum aus der immerhin noch zu drei Vierteln gefüllten Flasche in sich hinein.
Der Alkohol rann wie Feuer durch seine Kehle. Mario verschluckte sich, mußte husten und verschüttete noch mehr von der edlen Medizin, die diesmal wirklich half. Zum erstenmal seit Monaten fühlte er sich wohlig leicht – in dem Zustand hätte er ohne Schwierigkeiten in die höchsten Wanten aufentern und freihändig über die Rahen laufen können.
„Alles wird gut“, murmelte er. „Ich wußte es.“
Der nächste Schluck rief fast schon Euphorie hervor. Der Inhalt der Flasche ging erschreckend schnell zur Neige. Mario Morales wandte sich der Tür zu, er brauchte Nachschub von diesem vorzüglichen Heilmittel.
Der neuerliche Schmerz traf ihn wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Als hätte jemand einen glühenden Degen durch seine Nieren gestoßen. Mario stockte der Atem, er hatte nicht einmal Luft für einen gepeinigten Aufschrei.
Wo er gerade stand, brach er zusammen. Klirrend zersprang die Flasche in seiner Hand. Aber niemand hielt sich in der Nähe auf, der das Geräusch gehört hätte.
Zwei Tage zuvor hatten die Arwenacks sämtliches Gerümpel aus der Vorpiek, in der der Schwelbrand ausgebrochen war, ausgeräumt. Den Befehlen ihres Capitáns folgend, hatten die Spanier jedoch einiges davon wieder zurückgeschafft. Warum auch nicht?
Der Brand war zu jenem Zeitpunkt gelöscht gewesen und alle angekohlten Planken und die Nähte zwischen ihnen genau nach versteckten Glutnestern abgesucht worden. Also bestand überhaupt kein Risiko.
Das winzige Loch in einer Seegrasmatratze hatte niemand entdeckt. Vielleicht, wenn es einen dunklen, verkohlten Rand gehabt hätte – doch das war nicht der Fall. Der Funke, der sich durch den gespannten Stoff hindurchgefressen hatte, flammte nicht gleich hell auf, er erlosch aber auch nicht, sondern verzehrte gerade soviel von dem dürren Füllmaterial, wie er brauchte, um sich selbst zu stabilisieren.
Im Laufe etlicher Stunden bohrte er sich tiefer in die Matratze, ein rauchloses Glimmen, das sich schließlich verzweigte und irgendwann sogar zu einer winzigen Flamme wurde. Aber noch entstand kein Feuer. Flammen wie diese erloschen oftmals von selbst, weil sie sich in dem gepreßten Material kaum ausbreiten konnten. Tatsächlich fiel sie wieder in sich zusammen. Ein glimmender Ring blieb, gerade so groß wie der Umfang eines Goldstücks.
Der Zufall wollte es, daß Morales die Vorpiek betrat, als die Glut kaum mehr Kraft hatte. Erst der entstehende Luftzug fachte sie von neuem an. Wenig später durchstieß das Glimmen die Rückseite der Matratze und fand in dem grob gewebten Stoff bessere Nahrung.
Mehrere kleine Flämmchen huschten nach den Seiten davon, und eine erreichte jene Ecke der Matratze, die langsam den verschütteten Rum aufsog. Im Nu knisterte und knackte es, und ein irrlichtendes Leuchten griff gierig nach den Planken.
Die Glut breitete sich aus. Einzelne Flammen züngelten über den Boden, hell aufstiebend, solange der Rum ausreichte, aber ebenso rasch wieder in sich zusammenfallend.
Was blieb, war ein Glimmen in den Plankennähten. Und das weitete sich unaufhaltsam aus.
Schweißgebadet wachte Mario Morales aus tiefer Ohnmacht auf. Sein Kopf war so leer wie ein Schwamm, den kräftige Hände ausgedrückt hatten. Erst nach und nach kehrte die Erinnerung zurück.
Seltsamerweise fühlte er sich so wohl wie schon lange nicht mehr. In diesem Zustand hätte er es mit Gott und der Welt aufnehmen können. Der Rum hatte ihn wieder auf die Beine gebracht. Schade, daß die Flache leer war. Seine Finger ertasteten nur mehr Splitter und einen letzten Hauch von Feuchtigkeit.
Mario stemmte sich an dem Wergballen hoch. Auch jetzt spürte er keine Schmerzen, er stand lediglich auf wackligen Beinen. Doch solange er ausreichenden Halt fand, war das kein Problem.
Was hatte er überhaupt gewollt?
Richtig! Zapata mußte ihm neuen Rum geben.
Er vollführte eine schwungvolle Drehung, die ihn taumeln ließ. Zum Glück stand genug Zeug herum, an dem er sich abstützen konnte. Die Bewegung war wohl doch zu abrupt erfolgt, denn im nächsten Moment mußte er sich übergeben.
Ein Glimmen fiel ihm auf. Mühsam blinzelnd versuchte er, mehr zu erkennen. Aber erst als er vorübergehend die Stirn gegen die Planken gepreßt hatte, sah er deutlicher.
Das war Glut, die sich in den Fugen festsetzte.
Feuer in der Vorpiek!
Mario schluckte schwer. Niemand rechnete noch damit, daß der Schwelbrand von neuem aufflackerte.
Er mußte die anderen warnen. Jetzt genügten noch einige Eimer voll Seewasser, um dem Spuk ein Ende zu bereiten. Später, wenn das Feuer erst um sich griff, würde es nicht mehr so leicht einzudämmen sein.
Mario wollte schreien, aber nur ein gequältes Ächzen wurde daraus. Die Stimme versagte ihm den Dienst. Schlagartig waren die Schmerzen wieder da.
Haltlos torkelte er gegen die Tür, die unter dem Aufprall aufsprang. Er stürzte, raffte sich auf und stolperte weiter, wobei er die Tür bis zum Anschlag aufstieß. Sie federte in den Angeln zurück und schlug hinter ihm zu.
Mario merkte es nicht. Er hatte Mühe, sich auf den Beinen zu halten. Schlimmer als bei Windstärke elf oder zwölf schien der Boden auf ihn zuzuspringen, wich aber schon im nächsten Moment jäh wieder vor ihm zurück, als wolle er einen endlosen Abgrund freigeben.
Breitbeinig stand der Decksmann da, taumelte einige Schritte vorwärts, verharrte erneut und lief mit gesenktem Kopf weiter, haltlos, bis ihm die Tritte des Niedergangs Einhalt geboten. Er stürzte die ausgetretenen Stufen hinauf und blieb keuchend liegen.
Seine Finger verkrallten sich im Holz, die Fingernägel splitterten und die schwieligen Kuppen rissen auf und begannen zu bluten. Er merkte es nicht, auch nicht, daß er sich keuchend Stufe um Stufe in die Höhe zog.
Über ihm fiel Helligkeit durch die Grätings. Er hörte Stimmen, im einen Moment wie aus weiter Ferne, im nächsten schon zum Tosen eines Orkans anschwellend. Vergeblich versuchte er, die Aufmerksamkeit der Männer auf sich zu ziehen.
Feuer! wollte er schreien – er konnte es noch immer nicht. Seine Kehle war wie zugeschnürt.
Zum erstenmal empfand er Angst. Erbärmliche, nackte Angst. Was war mit ihm los? War er kränker, als er sich eingestand?
Die Luke wurde geöffnet. Jemand wollte hinuntersteigen, sah ihn und rief die anderen zu Hilfe. Mario Morales erlebte das Geschehen wie durch stetig dichter werdenden Nebel hindurch. Die Männer zogen ihn nach oben und legten ihn neben das Süll. Der Bootsmann schickte nach dem Arzt.
Seltsamerweise konnte er das meiste von dem verstehen, was die Kerle sagten, obwohl er selbst nicht mehr als ein dumpfes Stöhnen hervorbrachte.
„Das ist Mario. Er ist kaum wiederzuerkennen.“
„Er sieht aus wie der wandelnde Tod.“
„Seine Haut – so brüchig wie Pergament und so gelb wie – wie …“
„Safran“, sagte der Koch. Er beugte sich über den Decksmann und zog seine flatternden Lider hoch. „Der macht es nicht mehr lange“, fügte er mit dem Gemüt eines Fleischerhundes hinzu.
Dafür hätte ihm Mario den Hals umdrehen können. Doch das hatte Zeit. Später, wenn die Müdigkeit vorbei war, die sich in seinen Gliedern ausbreitete. Er gab sich ihr gerne hin.
Daß der Feldscher endlich erschien, sich neben ihn kniete und ihm das Hemd aufriß, war das letzte, was er noch wahrnahm.
„Und?“ fragte Kapitän Miguel Pigatto, nachdem der Feldscher eine Weile lang schweigend den Reglosen betastet hatte.
Der Mann blickte nur flüchtig auf. Sein Kopfschütteln sagte genug. Zögernd packte er die verschiedenen Instrumente wieder in seine Tasche.
„Woran ist er gestorben?“
„Sehen Sie seine Haut, Capitán. Das ist Ikterus, im Volksmund auch Gelbsucht genannt. Allgemein wird angenommen, daß diese Farbveränderung durch eine Entzündung der Leber entsteht, etwa hervorgerufen durch übermäßigen Alkoholgenuß oder andere ausschweifende Lebensweisen. Da es sich bislang um den einzigen Fall an Bord handelt, nehme ich an, daß eine ansteckende Gelbsucht auszuschließen ist, die vor allem durch Ratten und Mäuse übertragen wird.“ Er beugte sich über das Gesicht des Toten und sog prüfend die Luft ein. „Der Mann hat erst vor kurzem Rum getrunken.“
„Ausgeschlossen“, sagte der Capitán spontan. „Nicht eine Flasche befindet sich noch an Bord. Ich ließ zwar den Pulvervorrat in die achteren Räume verstauen, aber sämtlichen Rum von Bord schaffen. Schon mit Rücksicht auf das Verlangen des Generalkapitäns“, fügte er schnell hinzu, weil einige Männer plötzlich nicht mehr nur betrübt dreinblickten.
„Dann hat es Morales irgendwie verstanden, sich neuen Rum zu besorgen.“
„Wie und wann hätte er das tun sollen?“
„Sie sind der Kapitän, Señor Pigatto, wenn Sie das nicht wissen …“
„Der Mann ist wirklich tot?“
„Von dem erfahren Sie nichts mehr.“
Pigatto kehrte in einer unmißverständlichen Geste seine Autorität heraus. Die Fäuste in die Hüfte gestemmt, blickte er sich um.
„Ich will wissen, wer Morales den Rum gegeben hat! Also los, wer hat etwas zu sagen?“
Offenbar niemand.
Ungeduldig begann der Capitán wieder einmal, die aus seinen Nasenlöchern wachsenden Haare auszureißen. Das war eine Arbeit, die ihn endlos beschäftigen konnte. Lauernd musterte er seine Leute, von denen keiner gleichgültig wirkte. Aber die einen schienen wirklich keine Ahnung zu haben, und die anderen gaben sich offenbar alle Mühe, ihr Wissen zu verheimlichen.
„Du, Aparicio.“ Er wandte sich an den Koch. „Was weißt du?“
„Nichts, Capitán. Bei allen Heiligen. Wir haben keinen Rum an Bord.“
Pigatto begann eine unruhige Wanderung. Vor den versammelten Männern ging er auf und ab.
Unvermittelt blieb er stehen und stieß Antonio Villasante mit der flachen Hand vor die Brust.
„Heraus mit der Sprache!“
Villasante hielt dem stechenden Blick, ohne mit der Wimper zu zucken, stand. Langsam hob er die Schultern und ließ sie gleich darauf wieder sinken.
„Rede!“ fuhr der Kapitän ihn an.
„Ich habe keine Ahnung.“
„Natürlich nicht“, sagte Pigatto scharf. „Verdammt, ich lasse mich nicht für dumm verkaufen. Morales säuft sich zu Tode, und keiner will etwas gehört oder gesehen haben. Aber, so wahr ich hier stehe, ich kriege die Wahrheit heraus, und wenn ich erkenne, daß einer mich belogen hat …“ Die Drohung war unmißverständlich. Er brüllte, daß seine Stimme bis in den hintersten Winkel der Galeone zu hören war. Dem Befehl gehorchend, versammelten sich alle Männer auf der Kuhl, auf der es jetzt verdammt eng wurde.
„Ich werde jede Meuterei schon im Keim ersticken!“ schrie der Kapitän. „Woher stammt der Rum? Also gut, ich habe Zeit. Meinetwegen steht ihr hier, bis ihr schwarz werdet.“
Zornig stampfte er davon, zum Achterdeck, wo lediglich der Rudergänger noch auf seinem Platz verharrte.
Der Konvoi segelte unter blauem, nur leicht bewölktem Himmel. Der Wind wehte überraschend konstant, Segelmanöver waren daher überflüssig. Also konnte er es sich erlauben, abzuwarten. Der Rum interessierte ihn im Grunde genommen nicht mehr, doch wenn schon bei Kleinigkeiten der Ungehorsam begann, wie sollte das erst in ernsten Situationen aussehen?
Capitán Pigatto glaubte, daß er seinen Leuten immer genug Freiraum gelassen hatte, aber inzwischen orientierte er sich mehr und mehr am Vorbild des Generalkapitäns Don Ricardo de Mauro y Avila und gelangte zu der Überzeugung, daß ein härteres Durchgreifen der Disziplin bestimmt nicht schadete.
Er begann eine ruhelose Wanderung von Steuerbord nach Backbord und zurück. Nicht einer der Männer auf der Kuhl wandte den Kopf oder muckste sich gar. Wie angewachsen standen sie da – hölzerne Figuren in einem Spiel, bei dem es darum ging, Überlegenheit und Stärke zu beweisen.
Erst als der Rudergänger die Sanduhr umdrehte und die Schiffsglocke anschlug, wurde Pigatto bewußt, daß inzwischen eine halbe Stunde vergangen war.
Hielten die Kerle ihn zum Narren? Die absolute Reglosigkeit, mit der sie verharrten, war nicht normal.
Der Kapitän wirbelte herum, seine Finger verkrampften sich um den Handlauf der Balustrade, bis sein eigener Griff ihn schmerzte. Diesen Männern gegenüber fühlte er sich unterlegen. Von Anfang an, als er die Führung der „Respeto“ übernommen hatte, war er bei der Crew auf Widerstand gestoßen.
Seinen Vorgänger hatten Soldaten tot im Hafen von Cadiz gefunden, mit einem Dolch im Rücken. Hinter vorgehaltener Hand war von einem Streit an Bord getuschelt worden. Hatte tatsächlich einer der Männer gewagt, die Hand gegen seinen Kapitän zu erheben? Von keinem hatte er bisher mehr als vage Andeutungen darüber gehört. Dabei traute er eine solche Tat mehreren Kerlen zu.
Miguel Pigatto zuckte kurz zusammen, als er überrascht feststellte, daß seine Rechte auf dem Degenknauf lag. Fühlte er sich an Bord seines Schiffes nicht mehr sicher?
„Ihr fühlt euch stark, was?“ brüllte er zur Kuhl hinunter. „Aber euch wird der Spaß vergehen, dafür sorge ich.“
Er preßte die Lippen aufeinander. Ebensogut konnte er in den Wind reden. Keiner der Kerle gab durch eine Regung zu verstehen, daß er die Drohung ernst nahm. Miguel Pigatto spürte, daß er drauf und dran war, die Autorität zu verlieren. Er gab sich selbst nur der Lächerlichkeit preis, wenn er die Männer länger auf der Kuhl stehen ließ.
Wer von ihm war wohl fähig, von hinten zuzustechen? Juan Barbara, der Segelmacher, dessen Miene nie Rückschlüsse auf seine wahren Gedanken zuließ? Oder Villasante, nach außen aufrichtig wirkend und hilfsbereit, aber auch dem Rum zugetan und im Suff unberechenbar.
Mit einem lauten Fluch wischte der Kapitän alle diesbezüglichen Gedanken zur Seite. Er war im Begriff, sich selbst auf trügerisches Terrain zu begeben.
„Es ist genug!“ hörte er sich rufen. „Wer glaubt, ohne den verdammten Rum nicht leben zu können, der soll von mir aus saufen, bis er tot umfällt. Aber wenn ich einen erwische, dessen Arbeit darunter leidet, den lasse ich kielholen. Ich hoffe, wir haben uns verstanden. Du, Juan Barbara, nähst den Toten in Segeltuch ein. Nimm dir als Helfer, wen du willst. Sobald du fertig bist, übergeben wir Morales der See.“
Keiner der Kerle verschwand unter Deck. Die meisten blieben auf der Kuhl, sogar die Freiwache.
Miguel Pigatto gab sich Mühe, seine wachsende Unruhe zu verbergen. Eines Tages würden diese Burschen selbst eines nichtigen Anlasses wegen meutern.
„Señor Capitán!“ Decksmann Angel Berco stand irgendwann neben ihm und grinste schräg. „Alles ist fertig.“
„Wie? Ja.“ Pigatto wirkte fahrig, als er den Niedergang hinunterschritt.
Die Männer wichen vor ihm zur Seite und gaben den Weg frei, aber er spürte ihre Blicke auf seinem Rücken brennen. Der kurze Weg zum Großmast gestaltete sich zum Spießrutenlauf. Unheimlich war daran, daß niemand redete.
Jorge Zapata und Juan Barbara standen am Schanzkleid. Sie hielten die Planke, auf der der Tote lag.
Der Kapitän nickte kurz. Er hatte nicht die Absicht, große Worte zu sprechen.
„Der Weg des Fleisches ist vorgezeichnet“, sagte er. „Niemand weiß, wann wir die Segel streichen müssen – das ist allein Gottes Ratschluß. Uns Sterblichen obliegt es, ihm mit der nötigen Ehrerbietung zu begegnen, so wie ein Bauer seinem König oder ein Seemann seinem Kapitän. Mario Morales hat seine Pflicht getan, jedenfalls über lange Zeit hinweg. Er hat seinem Leben aber auch selbst ein Ende gesetzt, denn er war dem Rum verfallen, mehr wohl, als die meisten von uns gewußt haben. Wir nehmen Abschied von ihm. Santa Maria, madre de Dios, nimm diesen Mann auf in das Reich Gottes und schenke ihm ewigen Frieden.“
„Amen“, murmelten die Männer und bekreuzigten sich.
Kapitän Pigatto nickte dem Segelmacher zu, der daraufhin gemeinsam mit Zapata die Planke hochstemmte. Langsam, mit den Füßen zuerst, glitt der in angekohltes Segeltuch eingenähte Tote außenbords – für Barbara wäre es wie Verschwendung erschienen, ein unbeschädigtes Segel zu nehmen.
Einen Augenblick später tauchte Morales in die Wellen, schwamm aber trotz des beigefügten Gewichts noch einmal auf. Diejenigen Männer, die unmittelbar neben dem Schanzkleid standen und den Vorgang beobachteten, bekreuzigten sich spontan. Bis die anderen sich vordrängten, trieb der Leichnam jedoch schon in der Hecksee und sackte inmitten eines Schwalls aufsteigender Luftblasen endgültig in die immer noch wogende See ab.
5.
„Feuer!“ brüllte jemand in dem Moment, als sich fast aller Augen auf die See richteten.
Dichter, schwerer Qualm quoll aus der Luke auf der Kuhl hervor. Noch verwirbelte der Wind den grauschwarzen Rauch und drückte ihn über das Süll hinweg auf die Planken, wo er auffaserte und schnell verwehte. Aber eine zunehmend dichtere Wolke drang von unten herauf.
Einige Augenblicke lang starrten die Männer fassungslos auf die Luke. Keiner wollte glauben, was er sah. Doch der Rauch blieb und wälzte sich langsam zur Back.
„Schnell!“ befahl der Kapitän. „Holt Pützen! Öst Wasser! Eine Kette bilden!“
Noch züngelten keine Flammen hoch. Aber dann wäre es ohnehin zu spät gewesen, die „Respeto“ retten zu wollen.
Capitán Pigatto riß die Luke auf. Als erster stieg er die schmalen Tritte hinunter. Beklemmend legte sich der Qualm auf seine Lungen. Er mußte husten und wedelte hilflos mit den Armen durch die Luft, ohne jedoch den Rauch vertreiben zu können. Die Sicht blieb miserabel.
Zwei oder drei Kerle folgten ihm. Ihre Schritte polterten den Niedergang hinunter.
„Geht nach achtern!“ befahl Pigatto. „Irgendwo muß der verdammte Qualm seine Ursache haben.“
Das Spill für den Buganker lag vor ihm. Wenige Yards dahinter führten noch einmal Stufen nach unten.
Dem Kapitän fiel das Atmen zunehmend schwerer. Das Gefühl, ersticken zu müssen, ließ sich nicht mehr ignorieren. Tränen schossen ihm in die Augen, die zu brennen begannen.
Der Qualm war überall.
Pigatto wollte einen Befehl zur Kuhl rufen, doch schon der erste krächzende Laut hatte einen keuchenden Hustenanfall zur Folge. Er taumelte, krachte ans Spill und klammerte sich daran fest wie ein Ertrinkender an der nächstbesten aufschwimmenden Planke.
Der Schwelbrand war wieder aufgeflackert. Eine andere Erklärung fand er nicht. Aber vielleicht ließ sich die Glut noch löschen. Wasser mußte her. Verdammt, wo blieben die Kerle mit den Pützen? Falls Schiff und Ladung durch ihr Zögern verlorengingen, würde er jeden einzelnen zur Rechenschaft ziehen.
Keuchend und hustend, fast blind vor Tränen und Qualm, wandte er sich um und taumelte zurück. Seine Füße schienen kaum noch die Planken zu berühren. Im nächsten Moment geriet alles um ihn herum in Bewegung. Das Gefühl, inmitten eines rasenden Wirbels zu stehen, wurde übermächtig. Capitán Pigatto brach zusammen, bevor er den nach oben führenden Niedergang erreichte.
Nur mehr wie aus weiter Ferne registrierte er sich nähernde Schritte. Gleich darauf prallte jemand gegen ihn.
„Da liegt einer“, hörte er.
Die Männer bückten sich. Ohrenbetäubend laut schwoll das Dröhnen des Blutes in seinen Schläfen an. Pigattos Herz schlug wie rasend und vom Magen ging ein stärker werdendes Würgen aus. Vor seinen Augen wirbelten bunte Sterne durcheinander.
Ein Schwall kalten, salzigen Wassers schlug über ihm zusammen und ließ die Benommenheit vorübergehend erträglicher werden.
„Das ist der Capitán!“ Seltsam verzerrt drang die Stimme an sein Ohr. Aber immerhin verstand er noch, was der Kerl sagte.
„Wir müssen ihn nach oben schaffen. Pack schon mit an!“
„He!“ rief der andere offenbar zur Kuhl hinauf. „Fangt die Pütz auf und helft uns.“
Pigatto fühlte sich hochgehoben und unsanft über die Stufen in die Höhe gezerrt. Er war viel zu benommen, um sich gegen die rauhe Behandlung zu sträuben. Ununterbrochen hörte er jemanden stöhnen. Als er endlich begriff, daß er selbst die kläglichen Laute produzierte, wuchteten ihn die Kerle schon aus der Luke.
„Der Qualm da unten ist fürchterlich, der Capitán muß halb erstickt sein.“
„Habt ihr Feuer gesehen?“
„Nur Rauch. Doch der ist dichter als der schlimmste Nebel. Wenn einer von uns unter Deck gewesen wäre, hätten wir das Scheiß-Feuer vielleicht rechtzeitig bemerkt. Aber Pigatto mußte uns ja bestrafen. Damit hat er sich selbst einen verdammt schlechten Dienst …“
„Halt’s Maul, Berco!“ brüllte der Bootsmann.
„Die Wahrheit will niemand hören“, begehrte Angel Berco auf.
Tomas d’Alvarez, der Bootsmann, schlug überraschend zu. Seine Faust traf Berco mitten ins Gesicht und riß ihn von den Füßen.
„Noch ein Wort, und du bist der erste, der unter Deck krepiert!“
D’Alvarez wandte sich an den Feldscher, der neben dem Kapitän kniete und dessen Schläfen massierte:
„Was ist mit ihm?“
„Er hat die Besinnung verloren“, erwiderte Cazalilla. „Der Rauch lähmt seine Atmung. Gebt mir nasse Tücher!“
Barbara, Zapata und einige weitere Männer verschwanden in der Luke. Andere hantierten inzwischen auf dem Achterdeck, das vom Qualm noch verschont blieb, und drangen von dort aus vor. Aber auch sie hatten ihre Halstücher ins Wasser getaucht und schützend vors Gesicht gebunden. Der Rauch ließ sich so wesentlich besser ertragen.
Julio Cazalilla erhielt das Gewünschte. Erst betupfte er Pigattos Stirn, gleich darauf schlug er ihm das zusammengeraffte Tuch um die Ohren, daß es laut klatschte. Wenigstens erhielt der Kapitän auf diese Weise eine gesunde Gesichtsfarbe zurück.
Krampfhaft würgend, schlug er die Augen auf. Doch sein Blick ging durch den Arzt hindurch und verlor sich in weiter Ferne.
„Schafft ihn zum Schanzkleid! Schnell! Hängt ihn bäuchlings über den Handlauf, aber haltet ihn fest.“
Drei Männer genügten, um Cazalillas Befehl auszuführen. Der Kapitän hing kaum kopfüber außenbords, als er sich auch schon erbrach. Aus dem Würgen wurde ein krampfhafter, anhaltender Husten, der den Körper heftig schüttelte.
Der Arzt grinste breit.
„Capitán Pigatto ist unverwüstlich“, sagte er. „Was wollt ihr mehr?“
Wassereimer in Händen, tasteten sie sich vorwärts. Juan Barbara war überzeugt davon, daß der Qualm aus der Nähe der Vorpiek heraufdrang. Wahrscheinlich war der Schwelbrand wieder aufgeflammt, obwohl keiner der Crew das noch für möglich gehalten hätte. Manchmal ging es eben saudumm zu.
„Wir müssen bis zum untersten Deck“, bestimmte Barbara. Hinter dem Tuch klang seine Stimme seltsam dumpf.
„Wenn der Kahn inzwischen absäuft, sitzen wir gewaltig in der Tinte“, erwiderte Zapata.
„Denk an die Schätze in den Laderäumen.“
„Davon habe ich herzlich wenig, wenn ich erst im Himmel bin.“
„In der Hölle“, berichtigte der Segelmacher.
„Hä?“
Langsam drang der Rauch auch durch die feuchten Tücher hindurch. Jorge Zapata spürte ein stärker werdendes Brennen im Hals, das nur davon herrühren konnte.
Im Bereich des Vorschiffs und unmittelbar über der Bilge waberte der Rauch besonders dick. Zudem breitete sich ein Gestank wie nach verbranntem Fisch aus. Von hier in die Piek vorzudringen, war schier unmöglich.
„Wir müssen zurück!“ bestimmte Barbara. „Kippt das Wasser meinetwegen hier hin.“
Die Männer akzeptierten ihn als Anführer, weil er oft bewiesen hatte, daß er zu improvisieren verstand und seit mehr als zwanzig Jahren zur See fuhr. Die Erfahrung blieb bei einem so langen Zeitraum nicht aus.
Sie mußten zusehen, daß sie wieder an die frische Luft gelangten. Der Rauch rief bohrende Kopfschmerzen und eine zunehmend bleierne Schwere in den Beinen hervor.
„Wir können nur von oben her an die Vorpiek heran“, sagte Barbara. „Wenn wir die Planken über den Zwischendecksbalken zerschlagen …“
„Wenn! Wieviel Zeit bleibt uns überhaupt?“
„Auf jeden Fall genug. Sagt dem Zimmermann Bescheid und holt euch Pigattos Zustimmung.“
Unvermittelt fühlte sich Jorge Zapata an der Schulter gepackt. Der Segelmacher hinderte ihn daran, den anderen nach oben zu folgen.
„Wir gehen nach achtern“, raunte Juan Barbara ihm zu. „Ich habe mit dir zu reden.“
Der Rauch war inzwischen überall, er kroch wie ein unersättlicher Moloch durch die „Respeto“. Unter dem Achterdeck, ungefähr auf der Höhe des Spills für den Heckanker, war er aber noch einigermaßen erträglich.
„Wieviel Rum hast du herangeschafft?“ fragte der Segelmacher unvermittelt.
„Wieviel …? Ich verstehe nicht.“
„Du weißt, von was ich rede. Oder soll ich dir auf die Sprünge helfen?“
„Laß mich in Ruhe. Das Schiff ist in Gefahr, und dir fällt nichts Besseres ein, als über Rum zu reden.“ Zapata wollte sich losreißen, doch da geriet er bei Juan Barbara an den Falschen. Der hielt ihn mit eisernem Griff zurück.
„Wenn es dir lieber ist, daß ich dem Kapitän die Augen öffne! Ich habe im Gegensatz zu dir nichts zu verlieren.“
Zapata erschrak, aber er ließ sich nichts anmerken. Was wußte Juan? Hatte er eine Ahnung, wie der Schwelbrand in der Vorpiek ursprünglich entstanden war? Oder ging es ihm lediglich um den heimlich an Bord geschafften Rum?
„Ich gebe dir zwei Stunden Zeit“, sagte Barbara in dem Moment. „Dann mußt du dich entschieden haben, ob Pigatto dich auspeitschen oder kielholen lassen soll, oder du mir lieber ein kleines Schweigegeld zahlen willst.“
Darauf legte Juan es also an. Jorge Zapata lachte schrill, aber er merkte selbst, daß seine Stimme unsicher klang.
„Ich habe nichts“, erklärte er. „Such dir einen anderen Dummen, den du leichter einschüchtern kannst.“
„Zweihundert Reales, Jorge. Das ist der Preis für mein Stillschweigen. Ich weiß, du besitzt soviel, du hast es dir jahrelang vom Mund abgespart.“
„Dann werde ich das Geld bestimmt keinem solchen Mistkerl wie dir in den Rachen werfen!“
„Du wirst“, sagte Barbara zuversichtlich. „Weißt du, wie das ist, wenn du unter dem Kiel durchgezogen wirst und die scharfkantigen Muscheln am Rumpf dir das Fleisch von den Knochen fetzen? Pigatto läßt sich bestimmt Zeit, dich durchzuholen, darauf hast du mein Wort.“
In der ersten zornigen Reaktion war Jorge versucht, sich auf den Segelmacher zu stürzen und ihm an die Kehle zu gehen. Aber Juan Barbara schien genau das geahnt zu haben, denn er hatte sich bereits herumgeworfen und verschwand mit weit ausgreifenden Schritten hinauf zum Achterdeck.
Sehr zur Belustigung der Arwenacks hatte der Kutscher nacheinander seinen großen Kochkessel und eine Reihe kleiner Töpfe und Pfannen auf der Kuhl aufgereiht und schickte sich an, sie mit Seewasser und einer gehörigen Menge Sand auf Hochglanz zu bringen.
„Hä-hä-hä!“ äffte er die feixenden Gestalten nach, die ihm mehr oder weniger ungeniert bei der Arbeit zusahen, freilich ohne auch nur im Entferntesten auf die Idee zu verfallen, ihm bei der umfassenden Säuberungsaktion zu helfen.
Sauberkeit war eines guten Kochs oberstes Gebot – noch dazu, wenn er wie der Kutscher zugleich die Funktion des Feldschers innehatte. Auf Schiffen, auf denen die Kombüse zumeist vor Dreck starrte, waren die Kerle häufig krank, wenn sie nicht gleich wegen Dünnpfiff oder gar der Ruhr darniederlagen.
„Spül den Sand gut ab, Kutscher“, sagte Big Old Shane. „Die Körner knirschen sonst zwischen den Zähnen.“
Der Koch blickte nur kurz auf.
„Feiner Sand reinigt auch die Zähne“, erwiderte er. „Du solltest das beherzigen. Oder hast du nichts dagegen, wenn ich dir nacheinander alle Beißerchen ziehe?“ Er hatte die Lacher auf seiner Seite.
„Ihr habt es gehört!“ rief Shane in die Runde. „Ab morgen gibt es unserer gesunden Zähne wegen nur noch Sandsuppe, und zwar morgens, mittags und abends.“
Zu seiner Überraschung kippte der Kutscher tatsächlich einen ganzen Eimer voll Sand in den Kessel und schüttelte gleich mehrere Pützen Seewasser hinterher. Grinsend schlug er sich die Hemdsärmel bis hinter die Ellenbogen zurück, dann tauchte er die Arme ein und begann eifrig zu rühren.
„Wichtig ist, daß die Zutaten gut vermischt werden“, sagte er. „Damit sich kein Bodensatz bildet, der anbrennen kann, sobald der Kessel über dem Feuer hängt. He, Bill, ich brauche noch einige Gewürze! Du findest sie auf der Platte in der Kombüse.“
Bill, mit Ausnahme der Zwillinge der jüngste Mann an Bord, wirkte völlig verdattert. Offenbar war er sich nicht schlüssig, ob der Koch es ernst meinte oder nicht.
„Geh schon!“ befahl Edwin Carberry.
„Ab sofort achte ich mehr auf meine Pfunde“, erklärte der dickliche Paddy Rogers. „Das heißt, ich werde nur noch Obst und solche Sachen essen.“
„Es soll sogar Köche geben, die Wasser anbrennen lassen“, sagte Mac O’Higgins. Er erntete dafür einen bitterbösen Blick des Kutschers.
„Woher willst ausgerechnet du das wissen?“
Higgy grinste schräg.
„Weil ich es mit eigenen Augen sehe“, erklärte er. „Überzeuge dich selbst.“
Fast alle blickten in die Richtung, die Mac ihnen zeigte. Tatsächlich wirbelten von einer der Galeonen Rauchschleier auf.
„Das ist die ‚Respeto‘“, sagte Carberry verblüfft.
„Und wenn schon.“ Der Kombüsenmann verschluckte sich und mußte husten, im nächsten Moment richtete er sich steif auf und beschattete die Augen mit beiden Händen. Unbewegt starrte er zur „Respeto“ hinüber.
„Da brennt bestimmt kein Essen an.“
„Der Schlorren hat schon wieder Feuer gefangen“, bestätigte Old Donegal. „Möchte bloß wissen, was die Burschen da drüben treiben.“
Der Profos gab Alarm.
Die von der Galeone aufsteigende Rauchwolke wurde allmählich dichter, so daß der Wind sie nicht mehr auseinandertreiben konnte. Noch wehte sie in geringer Höhe auf die offene See hinaus, aber über kurz oder lang würde sie auch unter der Kimm zu sehen sein – sofern bis dahin die „Respeto“ nicht in Flammen aufgegangen war.
Solange der Kapitän noch unter den Folgen der Rauchvergiftung litt, lag es am Bootsmann und dem dürren Ersten, die Rettung des Schiffes zu versuchen. Die Fracht war zu kostbar, als daß sie kampflos aufgegeben werden durfte. Ein Umladen auf die anderen Galeonen barg die Gefahr, daß das Feuer plötzlich offen ausbrach und übersprang. Andererseits war wegen der dichten Qualmentwicklung unter Deck jeder Löschversuch von vornherein zum Scheitern verurteilt.
„Reißt die Luken auf!“ befahl d’Alvarez. „Die Stückpforten ebenfalls. Der Rauch muß wenigstens vom oberen Deck leichter abziehen können.“
Jemand meldete, daß Capitán de Vilches’ Schebecke den Kurs geändert habe und sich rasch näherte. D’Alvarez winkte barsch ab.
„Der soll sich um seinen eigenen Kram kümmern. Von dem und seinen Leuten habe ich die Nase voll.“
Das war nicht einmal übertrieben und sogar wörtlich zu nehmen. Ein großer, mordshäßlicher Kerl mit vernarbtem Gesicht und gewaltigem Kinn hatte ihn mit der Gewalt eines auskeilenden Pferdes niedergeschlagen. Ihm wollte d’Alvarez nicht noch einmal begegnen – schon deshalb, weil er sich revanchieren und vermutlich zur Waffe greifen würde. Der Bootsmann hielt es mit dem Bibelvers, der da besagte: Auge um Auge, Zahn um Zahn.
Inzwischen hatte sich der Qualm auch einen Abzug über die Back gesucht, unter der einer der Wohnräume der Mannschaften lag. Für die Männer auf den anderen Schiffen des Konvois mußte es so aussehen, als brenne die „Respeto“ an allen Ecken und Enden. Der vorangegangene Schwelbrand war in seiner Rauchentwicklung nicht halb so schlimm gewesen.
D’Alvarez fragte sich, was derart heftig kokelte. Wahrscheinlich hatte die Glut diesmal auf die Fässer mit Teer und Pech übergegriffen. Das bedeutete aber auch, daß sie es verflucht schwer haben würden, das Feuer zu löschen.
Er beugte sich über die Lukenöffnung.
„Was ist los da unten?“ brüllte er. „Ich darf wohl erwarten, daß ihr euch beeilt!“
Eine Antwort blieb aus. Aber endlich war das Poltern der schweren, an eisernen Bändern aufgehängten Pfortendeckel zu hören. Sie schlossen die Geschützpforten wasserdicht ab. In rascher Folge zerrten die Männer nun die Pforten an beiden Seiten des Schiffes auf. Die Maßnahme hatte tatsächlich den gewünschten Erfolg, denn auch außenbords wirbelte plötzlich der Rauch auf.
Kommentarlos übernahm Pigatto wieder die Schiffsführung. Er wirkte zwar noch blaß, und sein Gesicht glänzte vom Schweiß, aber er ließ es sich nicht nehmen, selbst die Befehle zu erteilen.
„Dreht das Schiff quer zum Wind, damit er die oberen Decks frei bläst!“
„Davon würde ich abraten, Capitán“, sagte Zapata. „Die Gefahr, daß die Brise das Feuer erst richtig entfacht, ist zu groß.“
Pigatto funkelte ihn zornig an. „Du bist Decksmann! Wie ein Schiff zu führen ist, dürfte dir kaum bekannt sein.“
„Ich verstehe genug …“
„Willst du meine Anordnungen anzweifeln?“ unterbrauch der Capitán schroff.
„Nein“, sagte Zapata.
„Dann schweig!“
Die Segel killten, als sich die „Respeto“ quer vor den Wind legte. Die Krängung nach Backbord war deutlich zu spüren.
„Tucht die Segel auf!“
Während die Crew noch verbissen arbeitete, segelten die nachfolgenden Schatzschiffe in Luv heran. Pigatto sah, daß die Boote klariert wurden. Offenbar glaubten die Kapitäne, schon jetzt die Mannschaft abbergen zu müssen.
„Die sollen kein solches Affentheater aufführen“, schnaubte Pigatto. „So wahr ich auf diesen Planken stehe, ich bringe die ‚Respeto‘ heil ans Ziel.“
Er ließ zu den Schiffen signalisieren, daß sie auf Distanz bleiben sollten. Gleiches galt für die Schebecke, doch Don Julio de Vilches scherte sich offensichtlich einen Dreck um die Wünsche des Capitáns.
Pigatto zupfte schon wieder in seinen Nasenlöchern herum. Daß plötzlich Blut an den Fingerspitzen klebte, schien ihn zu irritieren.
„Wenn de Vilches unbedingt meint, sich einmischen zu müssen, knall ich ihm einen Drehbassenschuß vor die Figur, daß ihm Hören und Sehen vergeht. Linares, den Einpfünder auf der Back laden!“
Téofilo Linares wollte abwehren und sagen, daß es Wahnsinn sei, den Sonderbeauftragten seiner Majestät auf diese Weise zu provozieren, aber als er Pigattos Gesichtsausdruck sah, beeilte er sich, dem Befehl Folge zu leisten. So wenig ihm schmeckte, de Vilches’ Leute an Bord zu sehen, noch weniger gefiel ihm, der Meuterei bezichtigt zu werden. Und Miguel Pigatto war mit derartigen Anschuldigungen schnell bei der Hand.
Die voraussegelnde „Reputación“ halste, drehte in den Wind und bezog Warteposition. Auch auf der „Santos los Reyes Mayos“ und dem Flaggschiff des Generalkapitäns, der „Salvador“, war man auf den Qualm aufmerksam geworden. Beide Galeonen näherten sich auf Kreuzkurs.
Pigatto brüllte ein halbes Dutzend Namen. Die Betreffenden erhielten Zimmermannsbeile, Äxte und Sägen und sollten versuchen, von oben her zum Brandherd vorzustoßen.
„Wer den Qualm nicht mehr aushält, soll sich ablösen lassen. Aber ich erwarte, daß jeder sein Bestes gibt.“
6.
„Da haben wir die Sauerei“, schimpfte Old Donegal Daniel O’Flynn inbrünstig. „Die Spanier sind zu blöd, ein mickriges kleines Feuerchen unter Kontrolle zu halten. Möchte bloß wissen, wie die das angestellt haben, daß die Galeone schon wieder qualmt.“
„Schwimm hin und frag sie“, riet Big Old Shane.
Old Donegals Granitgesicht wies schlagartig einige Falten mehr auf. Nachdenklich kratzte er sich den Kopf.
„Zu was sollte das gut sein?“
„Du erfährst vielleicht, was los ist.“
„Deshalb springe ich nicht wie ein Verrückter ins Wasser. Wie ich Hasard kenne, bringt er die Schebecke ohnehin auf Enterkurs.“
„Auf die Art geht es natürlich auch.“
Old Donegal bedachte den Schiffsschmied mit einem mißtrauisch forschenden Seitenblick.
„Du versuchst doch nicht etwa, mich für dumm zu verkaufen?“ fragte er lauernd.
„Ganz bestimmt nicht, Sir. Das läge mir jungem Spund fern.“ Tatsächlich hatte Old Donegal einige Jährchen mehr auf dem Buckel als Shane, doch mußte er schon besonders guter Laune sein, um das zuzugeben.
„Aaachtung!“ erklang es von irgendwoher.
Der Blick des Alten pendelte zwischen Shane und der „Respeto“ hin und her, ohne daß er sich schlüssig wurde, wem mehr Aufmerksamkeit zu widmen war.
„Du solltest zur Seite treten“, sagte der graubärtige Riese.
„Pah“, erwiderte Old O’Flynn, „ich höre schon gar nicht mehr hin, weil du ohnehin nur Stuß quasselst.“
„So wie Mary Snugglemouse, wenn du ihr den Kopf vollaberst.“
„Laß Mary aus dem Spiel. Was zwischen uns beiden ist, geht dich überhaupt nichts an. Soll ich dir sagen, was es dich angeht? Einen …“
„Ich weiß“, sagte Big Old Shane. „Aber vielleicht hättest du die Güte, die Augen trotzdem mal nach hinten zu richten.“
Old Donegal hörte auf, sich zu kratzen. Er fuhr sich mit dem Handrücken durchs Gesicht. Sein Blick ruhte auf der „Respeto“, die sich zunehmend in dichten Qualm hüllte.
„Eine schöne Schweinerei ist das“, murmelte er. „Wenn Zustände wie da drüben auf einem englischen Schiff herrschen würden …“
„Siiir! Old Donegal! Bist du tauuub?“
Pfeifend atmete der Alte aus. „Was brüllt Roger hinter meinem Rücken herum?“ fragte er. „Ich bin nicht schwerhörig. Wenn der Mister Takelmeister was von mir will, soll er sich gefälligst herbemühen. Ist ja keine Weltreise.“
Tief holte Big Old Shane Luft. Er hatte Mühe, nicht lauthals herauszuplatzen, schließlich sah er, was sich hinter Old O’Flynns Rücken abspielte. Die Männer, die damit befaßt waren, das Großsegel herumzuholen, schnitten die unmöglichsten Grimassen.
„Du solltest dich vielleicht doch …“
„… umdrehen? Nein. Ich stehe hier und beobachte das Geschehen auf der ‚Respeto‘. Schließlich hat sie ’ne Menge Kostbarkeiten geladen. Warum muß ich mich dabei stören lassen?“
„Weil …“ Big Old Shane gab es auf, dem alten Dickschädel zu verklaren, was los war. Er würde schon sehen, was ihm seine Sturheit einbrachte.
Roger Brighton und die anderen, die am Großmast hantierten, gelangten gleichzeitig zum selben Entschluß. Sie holten die Großrahrute endgültig herum.
Old Donegal Daniel O’Flynn fühlte sich recht unsanft von der Seite her angerempelt. Erstaunlich schnell wirbelte er herum. Seine Rechte zuckte mit der Krücke hoch, aber der Schlag ging ins Leere, weil niemand hinter ihm stand.
Der eigene Schwung ließ ihn taumeln. Ehe er sich’s versah, kippte er nach vorn, wobei die Männer an den Tauen eifrig nachhalfen, und hing unvermittelt bäuchlings über der Rahnock, die sehr schnell in die Höhe stieg.
Nun war die Reihe an ihm, lauthals zu brüllen.
„Das war Absicht! Ein Attentat auf den Admiral! Ich werde es euch heimzahlen, ihr heimtückisches Pack!“
Die Arwenacks prusteten vor Lachen. Selbst Hasard grinste, als er seinen Schwiegervater auf der Rahrute liegen und wie ein Ertrinkender mit Armen und Beinen rudern sah.
„Schimpfen, Sir, ist in deiner Lage unangebracht!“ rief der Profos. „Halte dich lieber gut fest.“
Old Donegal antwortete mit einer unanständigen Aufforderung. Und dann zeigte er den Burschen an Deck, daß er trotz seines Alters noch lange nicht abgewrackt war und in seinen Knochen noch genügend Kraft steckte, um es mit jedem Moses aufzunehmen. Nicht einmal seine Beinprothese setzte ihm dabei sonderlich zu.
Auf dem Bauch liegend, hangelte er sich auf der nur mehr leicht schräg stehenden Rahrute zum Mast hin. Einigen Männern stockte der Atem, als er sich dann von der Spiere gleiten ließ und vorübergehend nur mehr an einer Hand hing. Arwenack konnte kaum besser turnen, als der Alte es jetzt demonstrierte. Augenblicke später hing er an der Verstagung des Großmastes und hangelte rückwärts ab, die Beine über das Tau gekreuzt.
Bis er wieder auf den Planken stand, war er zwar sichtlich außer Atem, doch das tat dem Staunen der Arwenacks keinen Abbruch. Old Donegal Daniel O’Flynn grinste herausfordernd.
„Du kannst tatsächlich noch mit jedem Irrwisch mithalten“, sagte Carberry in echter Bewunderung.
„Die Feier wird auf später verschoben!“ rief Hasard vom Achterdeck. „Oder soll die ‚Respeto‘ vor unseren Augen sinken?“
Das wollte niemand. Schon gar nicht wegen der wunderbaren Schätze, die jede Galeone an Bord hatte.
Mittlerweile näherten sich auch einige der anderen Schiffe. Von der „Respeto“ aus wurde ihnen signalisiert, auf Distanz zu bleiben.
„Sieht so aus, als brauchte Pigatto diesmal keine Hilfe“, sagte Dan O’Flynn.
Der Seewolf winkte ab.
„Das gilt nicht für uns“, sagte er.
Aber das war schlichtweg ein Irrtum, wie sich gleich darauf herausstellte.
„Ich vermute, daß die Crew dort drüben lieber abbrennt, als uns noch einmal an Bord zu lassen“, sagte der Profos, wobei er sich gleichzeitig erwartungsvoll die Hände rieb.
Hasard begann sich zu fragen, wie Pigatto reagieren würde. Er traute dem muffigen, undurchsichtigen Kerl beinahe jede Reaktion zu.
„Wir gehen langsamer ran“, entschied er. „Das Großsegel aufgeien!“
Dadurch erhielten die Arwenacks Zeit, das Geschehen auf der Galeone zu beobachten, soweit dies durch den dichten Rauch überhaupt noch möglich war.
Die Distanz betrug rund dreihundert Yards. Die Schebecke segelte mit nahezu achterlichem Wind, also fast rechtwinklig zur „Respeto“.
„Gleich kracht’s“, sagte Dan.
Der Profos kniff die Brauen zusammen und musterte ihn eindringlich.
„Bei wem?“ wollte er fragen, doch das Wort blieb ihm im Mund stecken. Drüben, auf der Back der „Respeto“, blitzte und donnerte es, und weit vor der Schebecke schlug der „Blitz“ ein. Gerade auf halber Distanz zwischen beiden Schiffen stieg ein jämmerliches Fontänchen in die Höhe.
Ungläubig rieb sich Carberry die Augen.
„Ein Mückenschiß“, sagte er. „Diese olivenfressenden Rübenschweine haben wohl zu lange in der prallen Sonne gestanden? Was bilden die sich ein? Denen sollte man den Achtersteven polieren, bis ihre Haut so rot ist wie die eines Pavians.“
Er wußte nicht, daß genau in dem Moment Capitán Pigatto weitaus schlimmere Worte benutzte und kein gutes Haar an Linares ließ, der viel zu früh gefeuert hatte.
„Beidrehen bei zweihundert Yards!“ befahl der Seewolf. Das lag auf jeden Fall außerhalb der Reichweite der Drehbassen.
„Du willst ihnen nicht beistehen?“ fragte. Dan.
„Sie wollen uns nicht“, sagte Hasard. „Oder soll ich den Drehbassenschuß als freundliche Einladung auffassen?“
„Diese Miesmuschel von Kapitän ändert seine Meinung bestimmt noch.“ Der Profos zeigte sich zuversichtlich, was nicht zuletzt auch daran lag, daß es ihn gehörig in den Fäusten juckte. „Wartet nur erst, bis die da drüben langsam, aber sicher geröstet werden. Dann wird es Pigatto hoffentlich eine Ehre sein, sich von uns retten zu lassen.“
Die Sicht unter Deck und damit auch die Bedingungen für die Crew der „Respeto“ waren ein wenig besser geworden. Vor den Stückpforten der Steuerbordseite wirbelte die frische Brise den Qualm heftig durcheinander und trieb ihn in dichten Schwaden quer durchs Schiff. Ein Gestank nach Teer und Farben lastete überall.
Das Dröhnen wuchtiger Axthiebe und das Kreischen der Sägen hallten durchs Schiff. Die Männer verausgabten sich, um von oben her schleunigst an den schwelenden Brandherd zu gelangen. Nach wie vor trugen sie nasse Tücher vor den Gesichtern, weil der Rauch so einigermaßen erträglich wurde.
Niemand hätte geglaubt, daß die alten Planken derart widerstandsfähig sein würden. Noch dazu federten sie unter den Hieben.
Die erste Öffnung, aus der dichter schwarzer Qualm nach oben quoll, war dennoch schnell geschaffen. Schwitzend und fluchend versuchten die Männer, sie so weit zu vergrößern, daß sie bequem nach unten steigen konnten.
Verbissen hieb Zapata auf die Planken ein. Seine Augen tränten, der Hals brannte, aber darauf achtete er nicht. Er war wütend – auf sich selbst, auf die anderen und die Umstände …
Unvermittelt fiel der Segelmacher ihm in den Arm.
„Das Loch ist groß genug. Du hast hoffentlich nicht die Reales vergessen.“
„Keine Angst“, zischte Zapata. „Ich denke dran.“
Der Rauch von unten her wurde dichter. Zu erkennen war herzlich wenig, nur ein düsteres Glühen inmitten der wogenden Schwärze. Mindestens fünf oder sechs verschiedene Brandnester zeichneten sich ab. Durch die Luftzufuhr begannen die Flammen aufzulodern und schneller um sich zu greifen.
Der Bootsmann brachte eine Jakobsleiter und zwei Eimer. Viel erreichte er nicht, als er das Wasser von oben her auskippte. Es zischte und dampfte und die Glut färbte sich vorübergehend dunkler, aber die Flammen züngelten danach sofort wieder auf. Der Qualm wurde dichter.
„Jemand muß hinuntersteigen.“ Tomas d’Alvarez rollte die Leiter aus. Er griff sich einfach den ihm am nächsten stehenden Mann und schickte ihn in die Vorpiek. „Du bist dran, Barbara, geh schon!“
Decksleute mannten weitere wassergefüllte Eimer herbei und nahmen die leeren mit zur Kuhl. Ob sie auf den Niedergängen eine Kette bildeten, um sich möglichst nicht gegenseitig zu behindern, war nicht zu erkennen.
Barbara stieg in die Piek hinunter. Die Hitze, die ihm entgegenschlug, war oben noch nicht in dem Ausmaß wahrzunehmen gewesen.
„Die Eimer!“ rief er, als er auf einer der letzten Sprossen stand. D’Alvarez reichte sie ihm nach unten.
„Wie sieht es aus?“
„Wenn ich mehr erkennen könnte, wäre ich froh.“
Ringsum prasselte und knisterte es und waberte die Glut. Glühend zeichneten sich die Umrisse von Matratzen und Wergballen, von Fässern und Kisten ab.
Barbara schüttete das Wasser aus einem Eimer auf den Boden. Er brauchte einen Fleck, auf dem er sicher stehen konnte. Den Inhalt der zweiten Pütz kippte er sich über den Kopf. Die Hitze war daraufhin nicht mehr ganz so unerträglich.
Jemand stocherte von oben herab mit einem Bootshaken in der Glut herum. Ein bis eben noch zusammenhaltender Ballen brach daraufhin in zwei Teile auseinander und entließ einen Schwall nach allen Seiten davonstiebender Funken. Sengend legte sich die Hitze auf Barbaras Gesicht.
„Wollt ihr Idioten da oben mich umbringen?“ brüllte er mit sich überschlagender Stimme. „Ich brauche verdammt noch mal mehr Wasser.“
Der Bootshaken krachte neben ihm auf die Planken, kippte langsam und fiel in die erneut auflodernden Flammen. Barbara verspürte das mulmige Gefühl, daß das nicht zufällig geschah. Er wurde in seinen Grübeleien aber sofort unterbrochen, weil die Kerle eine Talje angeschlagen hatten und nun in schnellerer Folge gefüllte Pützen zu ihm herunterließen.
Die Flammen leckten an einigen Balken empor und züngelten bereits unter der Decke entlang. Die Hitze wurde immer unerträglicher. Juan Barbara wußte, daß er nicht mehr lange durchhalten würde, trotzdem versuchte er zu retten, was zu retten war. Je weiter das Feuer sich ausbreitete, desto schwieriger würde seine Bekämpfung werden.
Eimer um Eimer kippte er mit Schwung auf den Boden und gegen die Wände. Es zischte und knisterte, und Dampf und Qualm vermischten sich zu einer immer dichteren Suppe, vom Feuer gespenstisch flackernd erhellt.
Ein zweiter Mann stieg hinunter. Weil in dem Moment ein Teerfaß hell aufloderte, erkannte der Segelmacher Jorge Zapatas kantiges Gesicht.
Der Teer brannte mit greller Flamme und unter stärkster Rauchentwicklung. Kurz entschlossen kippte Zapata einen vollen Eimer auf die brennende, zähflüssige Masse. Es gab ein dumpfes, fauchendes Geräusch wie bei einer Verpuffung, und glühender Teer spritzte nach allen Seiten.
Barbara, der unmittelbar neben dem Faß gestanden hatte, schrie entsetzt auf. Die Glut fraß sich durch seine Kleidung. Er hatte plötzlich genug damit zu tun, die winzigen Flammen auf seinem Hemd auszuschlagen.
Zapatas Angriff traf ihn deshalb unvorbereitet, er brachte nicht einmal mehr die Arme abwehrend hoch, als der Decksmann ihm einen Eimer an den Kopf schmetterte. Der Schlag war hart genug, ihn von den Beinen zu fegen.
Noch im Sturz begriff er, daß er um sein Leben kämpfen mußte. Zapata hatte viel zu verlieren, und er hatte sich offenbar entschlossen, den Mitwisser aus dem Weg zu räumen.
Wieder schlug er zu. Der stechende Schmerz, der jäh durch seine Schulter zuckte, raubte dem Segelmacher den Atem, obwohl unmittelbar über den Planken der Rauch nicht so dicht war. Verzweifelt wollte er sich herumwälzen und nach den Beinen des Gegners treten, doch Zapata war schneller.
Der Segelmacher entging dem zweifellos tödlichen Hieb gegen seinen Kopf um Haaresbreite. Die Verzweiflung mobilisierte nochmals seine Kräfte. Er kriegte den Eimer zu fassen und zerrte Zapata ruckartig zu sich heran.
Im nächsten Moment wälzten sie sich in verbissenem Zweikampf über den Boden. Juan Barbara hatte seine Linke in den Haaren des Decksmannes verkrallt und versuchte, mit der Rechten den Dolch aus dem Gürtel zu ziehen.
Zapata hingegen tastete mit beiden Händen nach seiner Kehle. Sie keuchten halb erstickt. Die Glut und der fehlende Sauerstoff setzten ihnen zu. Ihre Griffe erlahmten von selbst.
Irgendwie schaffte Barbara das Kunststück, die Knie anzuziehen und den Gegner zur Seite zu drücken. Zapatas Gesicht, das er gerade eine Handspanne vor sich sah, war zur haßverzerrten Fratze geworden.
Undeutlich und wie aus weiter Ferne vernahm der Segelmacher eine Stimme vom oberen Deck, die nach ihnen rief.
Im selben Moment zerbarst das Teerfaß. Wie glühende, zähflüssige Lava ergoß sich die brennende Masse auf die Planken, keine zwei Schritte von den Kämpfenden entfernt.
Die Hitze versengte ihre Haare und verbrannte die Haut. Juan Barbara rang nach Luft, da schlug Zapata mit einer brennenden Daube aus dem Faßmantel zu.
Taumelnd richtete sich der Decksmann auf. Seltsamerweise empfand er keine Erleichterung, sondern nur eine grenzenlose Leere. Ohne daß er es merkte, ließ er das brennende Holz fallen.
Die Hitze war nicht mehr zu ertragen.
Weg von hier! schoß es ihm durch den Sinn. Oder du stirbst ebenfalls in den Flammen.
Erst jetzt hörte er das Geschrei von oben. Die Jakobsleiter hatte Feuer gefangen und wurde herabgeworfen. Zugleich kippten die Männer Pütz um Pütz voll Seewasser aus. Jorge war dennoch der Rückweg abgeschnitten.
Der brennende Teer ließ die Vorpiek zur Todesfalle werden. Schützend die Arme vors Gesicht geschlagen, torkelte Zapata an der Wand entlang. Zum Glück fand er das Schott auf Anhieb, weil sie sich als helleres, stärker brennendes Viereck inmitten der glimmenden Beplankung abzeichnete.
Mit dem letzten Rest von Selbstbeherrschung warf er sich dagegen. Das Schott sprang auf, Zapata stürzte und kämpfte verzweifelt gegen die beginnende Ohnmacht an. Die Außenluft empfand er als angenehm kühl auf der glühenden Haut. Der Qualm war nur über dem Boden etwas lichter.
Jorge atmete kurz und hastig. Auf allen vieren schleppte er sich vorwärts, weg von der Hölle, die er eben erlebt hatte. Er glaubte nicht mehr daran, daß die „Respeto“ noch zu retten war.
Neben ihm huschten kleine, blaue, zitternde Flämmchen durch die Plankennähte. Weitere Brandherde hatten sich in dem vor der Piek lagernden Gerümpel gebildet, und auch in dem anschließenden Laderaum flackerten schon die Flammen.
Zapata dachte an den Rum. Zwei der Fäßchen waren aufs höchste gefährdet. Falls sie zu brennen begannen, würde sich das Feuer schlagartig weiter ausbreiten.
Er hörte Stimmen.
Im einen Moment waren sie ganz nahe und so laut, daß seine Trommelfelle schier zerplatzten – im nächsten Moment schwanden sie zum verhaltenen Raunen eines Maienlüftchens und schienen möglicherweise gar nicht mehr vorhanden zu sein, sondern auf bloßer Einbildung zu beruhen.
Jorge Zapata verstand ohnehin nicht, was sie sagten.
Seine Lider waren schwer wie Blei. Er hatte Mühe, sie wenigstens so weit zu öffnen, daß er unter den Wimpern hindurch verschwommen seine Umgebung wahrnehmen konnte.
Rauch wölkte über ihm. Aber da waren auch straff durchgeholte Taue und ein im Dunst verschwindender Mast. Und flüchtig gewahrte er ein winziges Stückchen blauen Himmels, das sich jedoch rasch wieder verhängte.
Er lag an Deck und wußte nicht, wie er es geschafft hatte, nach oben zu gelangen. In seiner Erinnerung klaffte eine mehr oder weniger große Lücke.
Die Stimmen wurden deutlicher. Jorge Zapata hörte den Capitán Befehle brüllen. Hand in Hand mühte sich die Crew, von außenbords Wasser in Pützen aufzuhieven und unter Deck zu mannen. Aber offenbar war das Feuer nicht einzudämmen.
Wie lange mochte er ohne Besinnung gewesen sein? Zapata hatte keine Ahnung. Ebensowenig wußte er, was geschehen war. Hatte er sich aus eigener Kraft über die Niedergänge nach oben geschleppt, oder war er von jemandem entdeckt und gerettet worden?
Gesicht und Hände glühten, die Kopfhaut juckte schier unerträglich. Mühsam versuchte er, sich zu bewegen. Wieder wurde ihm schwarz vor Augen, aber er schaffte es, einen Arm zu heben und sich mit den Fingern durchs Haar zu fahren.
Die Berührung erzeugte einen stechenden Schmerz. Erschrocken zog Zapata die Hand zurück. Abgesehen von den großflächigen Brandblasen, war sie plötzlich rußgeschwärzt. Versengte Haare klebten zwischen den Fingern.
Bruchstückweise entsann er sich. Erst die Vorpiek, danach der Laderaum, aber auch hier Feuer und Flammen, die ihn einschlossen.
Verzweifelt raffte er sich auf, um dem Tod zu entgehen. Er kroch, taumelte und stolperte vorwärts, seine Kleidung fing Feuer, er schlug die Flammen aus, doch sie züngelten von neuem hoch. Aber plötzlich waren da schemenhafte Gestalten. Die jähe Kälte über ihm zusammenschlagenden Wassers raubte ihm endgültig die Besinnung …
Mühsam stemmte er sich hoch. Niemand achtete auf ihn, die Mannschaft befand sich in Panikstimmung. Aber noch dachte keiner daran, die Jollen klarzumachen und auszusetzen. Der Capitán hatte befohlen, die „Respeto“ zu retten. Wer unter diesen Umständen nicht bis zum Letzten seinen Mann stand, würde wenig zu lachen haben.
Julio Cazalilla, der Feldscher, nahm sich seiner an. Ein verflucht mulmiges Gefühl breitete sich in Zapatas Magengegend aus, als er endlich die vielen Verbrennungen sah, die er erlitten hatte. Daß er noch lebte, schien schlichtweg ein Wunder zu sein.
Andere hatten weniger Glück als der Decksmann. Während sich die einen verbissen bemühten, das Feuer in der Vorpiek von oben her unter Kontrolle zu bringen und Unmengen von Wasser auf das schwelende und brennende Gerümpel ausleerten, versuchten die anderen, ein weiteres Ausbreiten der Flammen zum Achterschiff hin zu verhindern, was sich letztlich als schwieriger erwies als angenommen.
Das ausgedörrte Werg in den Plankennähten wirkte zum Teil wie eine Pulverspur, so schnell und zielstrebig fraß sich die Glut daran entlang.
Und plötzlich loderten irgendwo neue Flammen auf und griffen gierig um sich.
Rußgeschwärzte, schwitzende Gestalten hasteten durch den Qualm, der sich wieder dichter ausbreitete. Verschalkungen wurden eingerissen und Latten und Taue nach achtern geschleppt, um dem Feuer möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten.
Aber auch Gold und Silber behinderten die Löschmannschaften, zumal Glutnester überall entstanden – es war nur noch eine Frage der Zeit, bis der massive Rumpf der Galeone entweder durch die Flammen selbst oder durch langsam kokelnde Balken so weit geschwächt sein würde, daß er dem Wasser nicht mehr standhielt. Die „Respeto“ war dann unweigerlich verloren.
Francisco Avila, der Navigator, und Vincente Camoiras, der Stückmeister, hatten gerade im vorderen Teil eines Laderaums alle Glutnester gelöscht und waren im Begriff, goldene indianische Kultgegenstände umzuladen, als sie unvermittelt auf ein Fäßchen stießen, dessen Dauben bereits brannten. Seltsamerweise wirkten die Bodenplanken rundherum, als böten sie den Flammen besonders viel Nahrung.
Das Faß gehörte bestimmt nicht hierher. Bevor Avila sich jedoch darüber klarwerden konnte, sagte Camoiras: „Das ist Rum!“
Er deutete auf die Dauben, zwischen denen eine sofort hell auflodernde Flüssigkeit hervorquoll.
Im selben Moment schlug das Feuer durch. Eine grelle Stichflamme sprengte das Holz und die schon lockeren Eisenreifen.
Der Stückmeister, der unmittelbar vor dem Faß gestanden hatte, wurde von der Verpuffung zurückgeschleudert. Im Nu glich er einer lodernden Fackel, die nichts und niemand mehr zu löschen vermochte. Brüllend wirbelte er im Kreis herum, aber sein Schreien verstummte sehr schnell.
Avila, der mit sich selbst mehr als genug zu tun hatte und ebenfalls schwere Verbrennungen davontrug, konnte ihm nicht helfen. Bis weitere Männer, dem Lärm folgend, zu Hilfe eilten, lebte Vincente Camoiras schon nicht mehr und nur mit Mühe schafften sie es, den Navigator zu löschen und ihn aus der unmittelbaren Gefahrenzone zu schleppen.
An einigen Stellen brannte der Laderaum lichterloh. Die um sich greifende Hitze zwang die Männer, sich weiter zurückzuziehen.
7.
„Dieser Capitán Pigatto ist ein hirnloses Rindvieh“, sagte der Profos im Brustton der Überzeugung. „Man sollte ihn in den Hintern treten und danach versuchen, den Brand zu löschen.“
„Er unternimmt sicher alles in seiner Macht Stehende“, erwiderte Matt Davies, wobei er sich vergeblich bemühte, eine zwischen seinen Zähnen hängende Fleischfaser zu entfernen. Er schmatzte und schnitt Grimassen, die selbst Old Donegal das Fürchten gelehrt hätten.
„Nimm einfach den Haken!“ riet Carberry und deutete auf die Prothese, die Matts rechte Hand ersetzte.
„Was du nicht sagst.“ Davies reagierte überaus gereizt. „Deine klugen Ratschläge kannst du dir sonstwohin stecken, Mister.“
„Ach nee. Wohin zum Beispiel?“
Matt Davies schmatzte steinerweichend. Er ließ den Profos Profos sein und zeigte ihm die kalte Schulter.
Es sah nicht so aus, als hätten die Dons auf der „Respeto“ den geringsten Erfolg zu verzeichnen.
„Denen brennt der Kahn unter dem Hintern weg, und sie tun nichts dagegen“, sagte der Profos grollend. „So etwas muß man erst mal gesehen haben. Oder bist du immer noch anderer Meinung, Matt?“ Er verpaßte Davies einen freundschaftlichen Klaps zwischen die Schulterblätter, daß der beinahe über Bord gegangen wäre.
„Hoppla! Wenn ich dich nicht aufgefangen hätte, wärst du glatt naß geworden. Stehst ziemlich wacklig auf den Beinen, was, wie?“
Matt Davies schwieg. Dazu gehörte eine gehörige Portion Selbstbeherrschung. Er brachte es sogar fertig, den Profos anzulächeln.
„Du bist mir doch von allen der Liebste, lieber Edwin.“ Sprach’s, drehte sich auf dem Absatz um und verschwand, nach wie vor heftig schmatzend, unter Deck. Er ließ einen völlig verdatterten Profos zurück, der sich intensiv und nachdenklich die Nase rieb.
„Was das Rübenschweinchen damit wohl meint?“ Dan O’Flynn trat vorsichtig näher, darauf bedacht, nicht in Carberrys Reichweite zu gelangen. „Womöglich ist er ein feuriger Verehrer deiner Männlichkeit und du hast es nur noch nicht spitzgekriegt. Du solltest ihn einfach mal fragen.“
„Noch ein Wort von Feuer, und ich vergesse mich“, sagte der Profos grollend. Womit er wieder beim Thema war. Und das behagte ihm überhaupt nicht. Ob die „Respeto“ zum Teufel ging, war ihm scheißegal, aber das schöne Gold und Silber, das unwiederbringlich verloren wurde, taten ihm auf der Seele weh.
„Die Ratten schicken sich an, das sinkende Schiff zu verlassen“, sagte Dan.
„Quatsch, die sind längst von Bord.“
„Ich meine die zweibeinigen“, klärte Dan den Profos auf.
„Pigatto?“
„Der nicht – ich traue ihm nicht zu, daß er seine Männer im Stich läßt.“
Edwin Carberry kniff die Augen zusammen, als könne er auf diese Weise besser sehen. Trotzdem erkannte er nur einige vage Schatten inmitten der wirbelnden Rauchwolken.
„Wenn du mir einen Bären aufbindest, Jungchen …“
„Die Dons machen ihre Boote klar!“
„Dann wir es Zeit für uns, einzugreifen. Der Mückenschisser auf der Back paßt bestimmt nicht mehr auf.“
Philip Hasard Killigrew gelangte ungefähr gleichzeitig mit seinem Profos zu derselben Ansicht. Mittlerweile mußte der Querkopf Pigatto einsichtiger geworden und von seinem hohen Roß heruntergestiegen sein. Falls nicht, gab es genug Mittel, ihn zu einer anderen Ansicht zu bekehren. Der Profos würde dabei ganz bestimmt kräftig mitmischen.
Hasard befahl, Fahrt aufzunehmen. Langsam glitt die Schebecke näher an die qualmende Galeone heran.
Die Dons schöpften wie die Verrückten Wasser, allem Anschein nach aber ohne den erhofften durchschlagenden Erfolg. Lange konnte das nicht mehr gutgehen.
Hasard fixierte die Back der „Respeto“. Er glaubte sogar, ungefähr dort, wo die Drehbasse montiert sein mußte, eine Bewegung zu erkennen. Augenblicke später stach eine grelle Feuerlanze durch den Dunst, gefolgt vom kurzen, aber scharfen Krachen der Pulverexplosion. Die Entfernung war mittlerweile gerade so, daß ein Einpfünder treffen konnte.
Al Conroy, der unentwegt an seinen Culverinen ausharrte, wandte sich flüchtig zum Achterdeck um und winkte ab.
„Das war ein Böller, Sir!“ rief er. „Ich will mich freiwillig zum Deckschrubben melden, wenn ich das nicht heraushöre.“
Tatsächlich erfolgte nirgendwo ein Einschlag. Auch Backbord voraus stieg keine noch so kleine Fontäne auf.
„Ein Kapitän, dessen Befehle nicht mehr wortgetreu befolgt werden, hat abgewirtschaftet“, sagte Don Juan. „Wahrscheinlich hält nur noch der Kampf gegen das Feuer die Crew der ‚Respeto‘ von einer offenen Meuterei ab. Pigatto läßt auf uns schießen, und seine Geschützbedienung verzichtet auf die Kugel – deutlicher können die Verhältnisse kaum zutage treten.“
Der Seewolf nickte flüchtig. Ungefähr fünfzig Yards trennten die Schebecke noch von der Galeone. Näher heranzusegeln, verbot sich von selbst. Während des ersten Schwelbrands waren zwar die Rumvorräte von Bord geschafft worden, keineswegs aber das sicher reichlich vorhandene Schießpulver.
Hasard hatte mitgekriegt, daß die Pulverfässer und Kartuschen ursprünglich in mehrere Kammern aufgeteilt gewesen waren, um mit der schweren Gold- und Silberladung einen besseren Trimm zu erreichen, inzwischen lagerte aber wohl alles im Achterschiff.
Sobald das Feuer die Pulvervorräte erreichte, würde die „Respeto“ in einer verheerenden Explosion in die Luft fliegen. Dann waren selbst hundert Yards Distanz zu wenig, dem Feuerregen zu entgehen, der im weiten Umkreis die See brodeln lassen würde.
„Mister Carberry!“ rief Hasard. „Die Jolle zum Aussetzen bereit!“
Die Mundwinkel des Profos’ wanderten bis gefährlich nahe an seine Ohrläppchen heran, und vorübergehend sah es so aus, als würde er sich den Kiefer ausrenken.
Aber dann schallte sein begeistertes „Si, si, Capitán!“ über Deck.
Hasard wählte den Profos, Don Juan, Ferris Tucker und Bob Grey als weitere Begleitung aus. Bis er selbst in das Boot abenterte und auf der Achterducht Platz nahm, warteten sie schon begierig aufs Abstoßen.
Niemand auf der „Respeto“ schien das kleine, sich schnell nähernde Boot zu sehen. Die Dons hatten genug mit sich selbst zu tun. Hasard steuerte auf die Höhe des Großmasts zu.
Endlich wurden zwei Kerle, die hastig mit allen möglichen Gefäßen Wasser schöpften, aufmerksam. Sie ließen sich aber nicht für einen Augenblick unterbrechen.
Natürlich brachte niemand eine Jakobsleiter aus, das wäre zuviel verlangt gewesen. Bob Grey, der drahtige, blonde Engländer, kletterte über die Berghölzer und die Großmastrüsten zur Kuhl hinauf.
Edwin Carberry folgte ihm wohlweislich sozusagen auf den Fersen, und das war gut so, denn der Empfang für Bob fiel alles andere als besonders freundlich aus. Es sei denn, er hätte Gefallen an der Degenspitze gefunden, die haargenau auf seinen Bauch zielte.
Capitán Pigatto höchstpersönlich stand am anderen, dem ungefährlichen Ende des Degens. Er wirkte verbohrt.
„Ich habe niemanden an Bord gebeten!“ fuhr er Bob an.
„Da er aber auch nun schon an Bord ist, werden Sie ihn nicht wieder wegschicken. Mich übrigens auch nicht.“ Der Profos schwang sich über die Verschanzung und deutete einen eleganten Kratzfuß an, der dem Kapitän wie blanker Hohn erscheinen mußte.
„Runter von meinem Schiff!“ schnaubte Pigatto.
Bob Grey war für ihn nicht mehr interessant. Die Klinge zuckte herum und zielte auf Carberry.
„Was glaubst du Affenarsch eigentlich, wer du bist?“ Der Profos wich so schnell zur Seite hin aus und packte zu, daß dem Capitán die Zeit für eine angemessene Reaktion fehlte. Carberrys Finger schlossen sich bereits um Pigattos Handgelenk, als er den Degen nach vorn stieß.
„Ts-ts-ts“, sagte der Profos, „das hätte ins Auge gehen können.“
Er packte nur ein klein wenig fester zu, aber der Kapitän stieß einen gellenden Aufschrei aus und ließ den Degen fallen. Carberry bemühte sich gar nicht erst, die Waffe aufzuheben. Mit dem Fuß fuhr er unter die Klinge und wirbelte sie hoch, und geschickt faßte er mit der Rechten nach dem Griffstück.
Als er Pigatto gleich darauf den Degen zurückgab, war der zwar nur mehr halb so lang, bestand dafür aber immerhin aus zwei Teilen.
„Vorsichtig damit umgehen“, sagte er warnend. „Der Piekser ist verdammt spitz.“ Eindringlich fixierte er den Kapitän. „Wir sind hier, um zu helfen, nicht um uns zu prügeln.“
Um Pigattos Mundwinkel zuckte es verächtlich.
„Nur über meine Leiche“, antwortete er.
Carberrys Grinsen wurde noch eine Spur breiter, als es ohnehin schon war.
„Das kannst du haben, Señor“, sagte er freundlich.
Miguel Pigatto wechselte mehrmals rasch hintereinander die Farbe. Er schien etwas erwidern zu wollen, brachte aber nur ein halb ersticktes Ächzen hervor. Sein Gesicht war jetzt rot wie eine überreife Tomate.
Er starrte den zerbrochenen Degen an, dann den Profos und schließlich den vermeintlichen Don Julio de Vilches, Sonderbeauftragter seiner Majestät Philipp III., der eine bessere Behandlung verdient hatte, als sie ihm und seinen Leuten momentan widerfuhr. Dabei hatte der ehrenwerte Capitán diesen Don Julio schon einmal aufrichtig bewundert, nachdem der den letzten Schwelbrand gelöscht hatte. Aber das war Pigatto wieder entfallen.
Tomas d’Alvarez, der Bootsmann, schien sich ebenfalls nur mühsam zu beherrschen. Schließlich galt es, das Feuer zu bekämpfen, und nicht die eigenen Landsleute. Die übrige Crew schuftete indessen unbeeindruckt weiter.
„Ab sofort übernehme ich das Kommando über die ‚Respeto‘!“ rief Hasard über die Decks.
Capitán Pigatto wollte aufbegehren, doch der Profos überzeugte ihn sehr schnell davon, was ihm zuträglich war und was nicht. Ein sanfter Klaps auf die Wangen hatte noch nahezu jeden Dickkopf zur Räson gebracht.
„Capitán de Vilches kann das“, sagte Carberry betont. „Er könnte sogar dafür sorgen, daß du nie wieder ein Schiff betrittst.“
Pigatto schluckte, verzichtete aber auf eine Antwort.
Der Seewolf ließ sich von einigen Decksleuten erklären, wie es um die Galeone stand. Etwas Ähnliches hatte er beinahe erwartet. Die Bemühungen, von oben her den Brand, der sich mittlerweile noch weiter ausgebreitet hatte, zu bekämpfen, mußten Stückwerk bleiben.
Inzwischen war die Hitzeentwicklung unter Deck so stark, daß sich kaum mehr jemand dem Feuer nähern konnte.
„Die Männer müssen von Bord!“ bestimmte Hasard. „Lediglich ein kleines Kommando bleibt zurück.“
„Sie sind verrückt!“ begehrte Pigatto auf. „Ebensogut könnten Sie das Schiff anbohren, um es sofort auf Grund zu setzen.“
„Vielleicht werde ich das sogar tun“, sagte der Seewolf. „So abwegig ist der Gedanke gar nicht.“
Der Capitán plusterte sich auf wie ein Gockel während der Balz.
„Ein Ochsenfrosch ist nichts dagegen.“ Edwin Carberry wartete gespannt darauf, daß Pigatto mit lautem Knall platzte.
Doch den Gefallen tat ihm der schwarzbärtige Spanier mit der Knubbelnase nicht. Brüllend begann er Luft abzulassen.
„Sie sind eine Gefahr für den Konvoi, Capitán de Vilches. Sie behaupten, im Namen Seiner Majestät zu befehlen, aber Sie legen es darauf an, daß die ‚Respeto‘ sinkt. Sie sind ein Narr, dem wir alle viel zu lange Glauben geschenkt haben.“
„Vorsichtig, Mann!“ warnte der Profos. Wer ihn kannte, der wußte, daß das Gewitter auf dem Fuß folgte.
Miguel Pigatto kannte ihn nicht. Deshalb hörte er nicht auf zu brüllen.
„Sie sind verantwortlich, wenn die Schätze der ‚Respeto‘ verlorengehen. Sie allein, de Vilches, weil Sie mich an der Ausübung meiner Pflicht hindern. Ich werde auf dem schnellsten Weg nach Spanien segeln und Sie anklagen …“
Der Profos schlug zu. So plötzlich und unerwartet wie ein tropischer Hurrikan.
Für den Kapitän war es, als schlage ein Blitz ein. Wahrscheinlich sah er auch viele bunte Sterne. Als Carberrys Faust sein Kinn traf, wurde er aus den Stiefeln gehoben und lernte fliegen. Leider stand der Großmast im Weg. Und Pigatto hatte hinten keine Augen. Deshalb spürte er das Hindernis erst, als er schon dagegenkrachte – sofern er zu dem Zeitpunkt überhaupt noch etwas spürte und nicht bereits die Englein singen hörte.
„Hat er etwas gesagt?“ erkundigte sich der Profos fürsorglich.
„Ich glaube – pfft“, erklärte Bob Grey.
„Dann ist es gut.“
In sich zusammengesunken wie ein Häufchen Elend hing der Kapitän halb über der Mastbeting. Seltsamerweise traf keiner der Mannschaft Anstalten ihm beizustehen.
„Du Mistkerl hast ihn umgebracht!“ schrie Tomas d’Alvarez mit sich überschlagender Stimme. „Das wirst du büßen!“
Der Profos blickte geradewegs in die Mündung einer Pistole.
„Du bist doch derselbe Pavianarsch wie dein Capitán“, sagte er grimmig.
D’Alvarez’ Zeigefinger krümmte sich um den Abzug. Die Waffe entlud sich krachend und in einer Wolke von wirbelndem Pulverdampf, aber die für den Profos bestimmte Kugel verlor sich sonstwo zwischen den Spieren. Der Bootsmann führte da bereits einen Veitstanz auf und hüpfte im Kreis, daß jeder Wilde vor Neid erblaßt wäre.
Bob Grey hatte eins seiner Messer geworfen. Die Klinge hatte d’Alvarez’ Waffenhand durchbohrt, und da steckte sie noch und zwang ihm die mörderischsten Rachegedanken auf.
Hasard achtete nicht mehr auf ihn. Die beiden Zwischenfälle hatten unnötig Zeit gekostet. Ein rascher Rundblick verriet ihm, daß viele der Männer erschöpft waren. Sie noch für Löscharbeiten einzusetzen, wäre sinnlos gewesen.
„Geht in die Boote!“ befahl er. „Setzt zu den anderen Galeonen über. Wer versteht sich aufs Signalisieren?“
Ein glatzköpfiger, feister Bursche meldete sich. Er schien Vertrauen zu de Vilches zu haben, wie überhaupt die Mehrzahl der Männer ihm zutraute, daß er die „Respeto“ noch retten könne. Nur einige wenige bedachten ihn mit verächtlichen Blicken – das waren wohl jene, die bei der Schiffsführung lieb Kind sein wollten.
„Wir brauchen Jollen von den anderen Schiffen und Männer, die noch ausgeruht sind“, bestimmte Hasard. „Außerdem Zimmermannswerkzeug und nach Möglichkeit geteertes Segeltuch. Wer ist im Tauchen geübt?“
„Tito Menéndez.“
„Noch jemand?“
„Keiner von den Männern, die zurückgeblieben sind.“
„Gut.“ Hasard nickte. „Hängt einen Bootsmannsstuhl vor die Galion. Außerdem …“
Vom Achterdeck her brandete Geschrei auf. Der Seewolf erkannte, daß mehrere Männer aus dem Niedergang wankten. Sie waren erschöpft, mit rußgeschwärzten Gesichtern und halb verkohlter Kleidung, die nur mehr in Fetzen an ihnen hing.
„Das Pulver!“ keuchten sie. „Das Feuer wird in Kürze in die provisorische Waffenkammer hinter dem Großmast eindringen. Wir haben versucht, die Flammen zu löschen, wir schaffen es nicht.“
„Wo liegt die Kammer genau?“ fragte Hasard. „Mittschiffs?“
Der Glatzkopf, der für ihn signalisierte, wandte sich flüchtig um. „An Steuerbord“, sagte er. „Unmittelbar über der Wasserlinie.“
„Dann los! Unsere einzige Chance ist es, das Pulver in die See zu werfen.“
Die Spanier kapierten. Aufgescheucht rannten sie durcheinander. Der eine oder andere sprang entsetzt außenbords und versuchte schwimmend, die Gefahrenzone zu verlassen. Eine Pulverexplosion würde das Schiff zerfetzen und jeden an Deck töten.
Jemand warf Hasard ein Zimmermannshandbeil zu. Er fing das kleine, leichte Beil geschickt auf und schwang sich über die Verschanzung. Hinter sich hörte er den Profos mit gewohnter Lautstärke Befehle brüllen. Die Wirkung war beachtlich. Die Dons, ein solches Organ nicht gewohnt, gehorchten willig. Vielleicht brauchten sie auch nur jemanden, der ihnen sagte, was zu tun war.
Drei, vier Kerle hingen schon an den Berghölzern oder den Püttings und droschen aus Leibeskräften mit Äxten und Beilen auf die Planken ein. Bob Grey, Don Juan und Ferris Tucker mischten von der Jolle aus kräftig mit.
Das Dröhnen und Hämmern steigerte sich zum Stakkato. Holz splitterte, die ersten Planken wölbten sich ab und wurden von kräftigen Fäusten einfach abgefetzt.
Ein Leck entstand, noch ausgezackter, als es ein Kettengeschoß reißen konnte. Aber es war zu klein, als daß die Pulverfässer schon hindurchgepaßt hätten.
Zwei Dons kletterten nach innen und halfen von der Kammer aus mit wuchtigen Hieben nach, das Loch zu vergrößern.
Ein Mann, oben, hinter der Verschanzung, begann lautstark zu beten. Seine Stimme übertönte sogar das Dröhnen der Äxte. Der Profos, dessen kantiger Schädel kurz über dem Schanzkleid erschien und in die Tiefe blickte, ließ ihn gewähren.
„Beeilt euch!“ erklang es aus der Pulverkammer. „Das Feuer schlägt durch.“
Rauch quoll aus dem Leck hervor. Obwohl er sofort verwehte, kündete er vom Tod.
Wie von Sinnen hackten die Dons auf die Planken ein. Endlich war das Loch groß genug. Flackernder Glutschein zeichnete sich in der dunkel gähnenden Öffnung ab.
Im nächsten Moment flog das erste, schon glimmende Pulverfaß in hohem Bogen heraus und landete zischend und dampfend neben der Jolle im Wasser. Unwillkürlich versteifte sich Hasard, doch der befürchtete ohrenbetäubende Donner blieb aus.
Sanft dümpelte das Faß auf den Wellen dahin. Der Wind, der in Luv gegen die Bordwand drückte, trieb es langsam wieder zurück. Aber ebenso langsam ging es auf Tiefe, bis nur mehr ein Teil der bauchigen Rundung wie ein Walbuckel aus dem Wasser ragte.
Insgesamt zwölf Fässer und mehrere Kisten voll Kartuschen wurden von den Dons in höchster Elle ins Freie befördert. Dann war die unmittelbare Gefahr für die „Respeto“ wenigstens vorerst gebannt. Die Männer ließen sich von der Kuhl Eimer herabreichen und schütteten Wasser ins Innere der engen Kammer.
Hasard konnte zusehen, wie die eben noch gierig um sich greifenden Flammen zusammenfielen und gleich darauf erloschen. Der Erfolg spornte die Spanier an, doch ihnen mußte klar sein, daß sie längst nicht gesiegt hatten.
In den unteren Decks der Galeone tobte die Feuersbrunst unvermindert.
8.
Sechs Jollen unterschiedlicher Größe dümpelten vor der langsam in den Wind schwoienden „Respeto“. Niemand achtete darauf, die Position der Galeone zu halten, das war unwichtig geworden.
An Bord des Schatzschiffs befanden sich nur noch der Kapitän, der Bootsmann und drei einfache Decksleute, die Pigatto unbedingt ihre Loyalität beweisen wollten. Der Capitán dachte nicht daran, Capitán de Vilches in seinen Bemühungen zu unterstützen. Ihm war anzusehen, daß er liebend gerne von Bord gegangen wäre, dies jedoch aus Furcht, sein Gesicht zu verlieren, nicht tun konnte. Mit der Lösung des Zwiespalts war er wohl eine Zeitlang beschäftigt.
„Der erstickt an seiner eigenen Arroganz“, sagte Edwin Carberry kopfschüttelnd.
„Und wenn nicht, dann an seiner Dummheit“, ergänzte Bob Grey.
Die Vorbereitungen waren getroffen. Drei Taucher warteten in den Booten auf ihren Einsatz. Die Meinungen über Erfolg oder Mißerfolg des Unternehmens gingen indes auseinander. Vielleicht wäre es besser gewesen, möglichst viel Gold und Silber abzubergen und die Galeone ihrem Schicksal zu überlassen.
Don Juan de Alcazar beobachtete den Seewolf eine Weile von der Seite. Hasard hatte keine leichte Entscheidung gefällt. Aber der Einsatz war es wert. Rettete er die Galeone, durfte er gewiß sein, daß seine Schwierigkeiten mit dem Konvoi geringer wurden – versagte seine Methode, würden die Probleme bestehenbleiben. Dann würde vor allem der Generalkapitän, Don Ricardo de Mauro y Avila, der sich im Moment zurückhielt und Hasard die Drecksarbeit überließ, Aufwind erhalten.
Hasard gab das Zeichen. Auf dem Bootsmannsstuhl am Vorsteven saßen zwei Dons bereit, beim Festzurren des Lecksegels zu helfen. Denn falls dabei Schwierigkeiten auftraten, würde die „Respeto“ unweigerlich auf Tiefe gehen.
Tito Menéndez und die beiden anderen Taucher, die von Bord der „Reputación“ und der „Patricia“ stammten, pumpten ihre Lungen voll Luft und ließen sich unmittelbar am Rumpf der Galeone absinken. Das schwere Schabewerkzeug, das sie bei sich trugen, erleichterte es ihnen.
Schon unmittelbar unterhalb der Wasserlinie waren die Planken von schleimigen Algen überzogen. Einige Handbreiten tiefer begann der Muschelbewuchs, der sich als ziemlich hartnäckig erwies.
Die Männer mußten ihre ganze Kraft einsetzen, um wenigstens eine kleine Fläche zu säubern. Das Wasser behinderte sie ohnehin in ihren Bewegungen. Erschwerend wirkte sich aus, daß sie wegen der Anstrengung in kurzen Abständen auftauchen mußten, um neuen Atem zu schöpfen.
Dann gingen auch die Arwenacks ins Wasser. Mit Bohrkurbeln rückten sie dem Rumpf zu Leibe.
Erste, gerade fingerdicke Löcher entstanden, durch die das Wasser aber kaum mehr als tropfenweise einsickerte.
„Wenn wir so weiterarbeiten, lachen bald die Haie über uns“, schimpfte der Profos, als er kurz auftauchte und sich am Dollbord der Jolle festhielt.
Endlich konnten zwar Fuchsschwänze angesetzt werden, aber mit ihnen unter Wasser zu sägen, erwies sich schon wegen des Auftriebs als äußerst anstrengend.
Capitán Pigatto schimpfte und fluchte auf der Back herum und forderte Hasard auf, sämtliche Männer sofort wieder seinem Befehl zu unterstellen. Außerdem behauptete er, allmählich heiße Füße zu kriegen. Keiner der Arwenacks achtete auf ihn.
Irgendwo im Innern der „Respeto“ dröhnte eine Explosion. Etliche der Männer, die sich in Don Julios Nähe in trügerischer Sicherheit wähnten, versteiften sich jäh.
Das wenige Augenblicke später zu vernehmende Fauchen und Rumoren ließ das lähmende Entsetzen weichen und nicht wenige Männer die Flucht ergreifen. Kaum einer hörte noch auf Hasards Befehle. Die beiden Kerle auf dem Bootsmannsstuhl stürzten sich kopfüber in die Wellen, von den sechs Jollen blieben nur zwei neben der „Respeto“, und in einer davon saßen ohnehin die Arwenacks.
„De Vilches, Sie verdammter Idiot, sehen Sie nun, was Sie anrichten?“ brüllte Pigatto mit sich schier überschlagender Stimme. „Das war ein vergleichsweise harmloses Rumfaß. Die nächste Explosion werden wir nicht überleben. Das sind dann die Pulvervorräte.“
Hasard schrie nicht minder laut zurück: „Wenn Sie wirklich so besorgt sind, warum stehen Sie tatenlos herum? Sie und Ihresgleichen könnten längst das Pulver an Deck mannen.“
„Was ist, wenn er recht hat?“ fragte Ferris Tucker nachdenklich. „Wir wissen nicht, wie weit das Feuer schon vorgedrungen ist.“
„Glaubst du, daß Pigatto dann noch da oben stehen würde?“ erwiderte Hasard mit einer Gegenfrage.
Der Schiffszimmermann der Arwenacks seufzte.
„Mittlerweile traue ich ihm alles zu“, sagte er.
Prustend und spuckend tauchte Carberry auf, warf mit einer unwilligen Bewegung seinen Bohrer ins Boot und fuhr sich wassertretend mit beiden Händen durchs triefende Haar.
„Das Leck ist viel zu klein“, schimpfte er. „Wir brauchen ein richtig schönes und großes Loch, durch das die See schäumend eindringt.“
Hasard blickte seinen Profos nachdenklich an.
„Mitunter hast du sogar brauchbare Ideen, Ed.“
„Hä?“ Carberry hängte sich an die Jolle, daß sie bedrohlich Schlagseite erhielt. „Willst du die ‚Respeto‘ auf ein Riff setzen? Dann laß dir sagen, daß weit und breit keine Felsen zu sehen sind.“
Der Seewolf lächelte wissend.
„Eine Kanonenkugel erfüllt den gleichen Zweck“, klärte er den Profos auf, der sich daraufhin mit der flachen Hand vor die Stirn schlug. Es dröhnte so laut, daß die letzten Spanier in ihrer Nähe sichtlich zusammenzuckten und wohl glaubten, ihr Ende sei nahe.
„Natürlich!“ rief der Profos freudig aus. „Al hält einfach mit einer Culverine drauf. Das gibt ein Fest.“
„Keine Culverine“, sagte Hasard.
„Keine …?“ Carberry verstand die Welt nicht mehr.
Aber immerhin stand die Schebecke nur rund fünfzig Yards entfernt.
„Wir wollen die ‚Respeto‘ nicht versenken“, erklärte der Seewolf.
„Du meinst …“ Edwin Carberry wirkte enttäuscht. Demonstrativ stieß er sich mit dem ausgestreckten rechten Zeigefinger gegen die linke Handfläche. „Was willst du mit einem Mückenschiß wie einer Drehbassenkugel schon ausrichten?“
Ferris Tucker verdrehte anklagend die Augen. Dazu bewegte er die Lippen, als schicke er ein lautloses Stoßgebet gen Himmel.
„Manchmal fällt dir wirklich nichts Besseres ein, als rumzubrüllen und dich wie der wilde Mann zu gebärden“, sagte er. „Willst du ein Leck von fast einem Yard mit Lecksegeln abdichten?“
Der Profos grunzte leise. Als Hasard ihm auffordernd zunickte, zog er sich am Dollbord hoch, ließ sich schwer wie ein nasser Sandsack in die Jolle plumpsen und legte sofort trichterförmig die Hände vor den Mund. Aus Leibeskräften brüllte er Al Conroys spanischen Tarnnamen. Tucker und Grey hielten sich erschüttert die Ohren zu.
Der schwarze Haarschopf des Stückmeisters tauchte sofort hinter dem Schanzkleid auf.
„Ich bin nicht taub!“ rief er zurück. „Aber ich fürchte, ich werde es, wenn du weiter so rumtobst. Was liegt an?“
„Du sollst mit einer Drehbasse feuern! Möglichst gestern noch!“
„Auf die Jolle?“
Jedermann konnte sehen, wie der Profos krampfhaft schluckte. Er stand jetzt in der Jolle und gestikulierte derart heftig, daß ein Kentern nicht auszuschließen war.
„Du quergestreiftes, mondsüchtiges Riesenkalb!“ schrie er. „Genau das sollst du nicht tun. Die ‚Respeto‘ ist groß genug, daß du sie treffen kannst, wenn du dich anstrengst.“
Al Conroy verstand, daß die Männer mit ihren Bemühungen, das unterste Deck der Galeone zu fluten, Schwierigkeiten hatten. Ein Drehbassenschuß aus der momentanen Distanz war wirklich das Einfachste. Der Einschlag würde gerade so groß sein, daß er sich noch abdichten ließ.
Die Zwillinge hatten natürlich mitgehört. Sie bereiteten die achtere Backborddrehbasse zum Schuß vor. Al brauchte nur noch das Ziel anzuvisieren und das Pulver zu zünden.
Er hielt exakt zwei Handbreiten unter die Wasserlinie. Das Geschoß würde auf seinem relativ kurzen Weg durchs Wasser nicht allzu stark abgebremst werden.
Amüsiert verfolgte er, wie die beiden Jollen aus dem Bugbereich der „Respeto“ gepullt wurden. Während die Arwenacks aber schon nach wenigen Yards wieder beidrehten, dachten die Dons überhaupt nicht daran, sich der Gefahr auszusetzen, daß auf der Schebecke womöglich ein Stümper hinter dem Rohr stand.
„Euch werde ich zeigen, was ein Stückmeister des Seewolfs kann“, murmelte Al Conroy. „Die Kugel trifft auf den Inch genau.“
Er schwenkte die Drehbasse ins Ziel und mußte das Rohr diesmal merklich schräg ausrichten. Der Weg der Kugel war kurz, er brauchte weder einen Vorhaltewinkel einzubeziehen, noch die Krümmung der Flugbahn zu berücksichtigen. Kurzum: er durfte einfach draufhalten.
Ein kurzes, trockenes Blaffen, ein winziger Mündungsblitz und ein mickriges Pulverwölkchen waren alles. Zwei Yards neben der „Respeto“ entstand eine leichte Gischtfontäne.
Bob Grey tauchte. Als er gleich darauf wieder an die Oberfläche stieg, reckte er die Faust.
„Ein sauberer Schuß!“ rief er. „Das Leck sitzt genau neben den Bohrungen.“
Al verzichtete auf eine Erwiderung. Den Treffer hätte seiner Meinung nach jeder anbringen können, das bedeutete keine besondere Leistung.
Endlich ergoß sich das Wasser in ausreichender Menge in die Vorpiek der Galeone. Aber mehr als ein verhaltenes Zischen und Gurgeln war davon nicht mitzukriegen. Nur wer über scharfe Augen verfügte, konnte erkennen, daß die „Respeto“ langsam über den Bug absackte.
Der im Bereich der vorderen Stückpforten sowie über Kuhl und Back aufsteigende Rauch färbte sich heller. Das war Wasserdampf, der sich mit dem Qualm vermischte.
Zu weit durfte Hasard die Galeone allerdings nicht absinken lassen, wollte er nicht Gefahr laufen, daß die geöffneten Stückpforten vollschlugen und der Vorgang sich verselbständigte. Immerhin war anzunehmen, daß die Lenzpumpen durch das Feuer gelitten hatten und erst repariert werden mußten.
Er gab Kommando, das Lecksegel anzuschlagen.
Gleich darauf winkte er zur Schebecke hinüber.
„Eine zweite Kugel in den Heckbereich, ungefähr auf die Höhe des Besanmastschuhs!“
Al Conroy zeigte sein „Klar“. Er hatte die Drehbasse schon neu geladen und die Kammer verschlossen.
Hasard junior hielt ihm den Luntenstock hin. Aber zur Überraschung der Zwillinge trat Al zur Seite.
„Das ist euer Schuß“, sagte er. „Zeigt, was ihr könnt.“
Hasard reagierte verdattert. Während er noch zögerte, schob sein Bruder ihn kurzerhand zur Seite und visierte über das Rohr hinweg.
Nach der glimmenden Lunte griff Philip junior nur einen Augenblick später.
Der Schuß saß ziemlich gut im Ziel.
„Zwei Handspannen zu weit links“, stellte Al Conroy sachlich fest. „Außerdem ein wenig zu hoch. Du hättest die Dünung besser abfangen sollen.“
Philip junior nickte. Ihm war selbst aufgefallen, daß die Schebecke gerade da aufschwamm, als er die Drehbasse zündete.
„Trotzdem kein schlechter Schuß“, sagte der Stückmeister. „Aus solchen Fehlern kannst du nur lernen.“
Während die See auch ins Achterschiff strömte und schäumend zum Bug hin und in die Büge abfloß, arbeiteten Spanier und Arwenacks Hand in Hand, um das Lecksegel zu spannen.
Probleme entstanden nur, weil der Muschelbewuchs nicht weit genug entfernt worden war und das Segel deshalb nicht richtig anlag. Aber das Ganze war ohnehin nur als Provisorium gedacht. Sobald die Lenzpumpen arbeiteten, mußten die Lecks von innen her notdürftig abgedichtet werden.
Hasard war sich darüber klar, daß er mindestens ein bis zwei Tage verlieren würde und der Konvoi während dieser Zeit nahezu unbeweglich vor der Küste Portugals lag. Außerhalb der üblichen Routen zwar, aber wer wußte schon, welche Überraschungen das Schicksal noch bereithielt?
Bevor der Tiefgang der „Respeto“ bedenklich wurde, dichteten sie auch das Leck im Achterschiff mit getränktem Segeltuch ab.
Danach sah es tatsächlich so aus, als wäre die Maßnahme erfolgreich gewesen. Die Rauchentwicklung ließ merklich nach, wenngleich nach wie vor Qualm aufstieg und mit der Hauptwindrichtung aufs offene Meer hinaus wehte.
Die ursächlichen Brandherde waren gelöscht und damit die Gefahr vorerst gebannt, daß der Rumpf aufbrach. Über Luken und Niedergänge hatten sich die Flammen aber auch nach oben ausgebreitet – nur waren sie da eben wesentlich leichter zu bekämpfen.
„Zurück an Bord!“ befahl Hasard. „Die Stückpforten schließen, falls die See schwerer wird, und vor allem die achtere Pulverkammer sichern.“
Außer seinen vier Mannen verfügte er über acht Spanier. Die anderen Dons hatten sich zu den am nächsten liegenden Galeonen geflüchtet. Ihnen standen Kapitän Pigatto, der Bootsmann d’Alvarez und drei Decksleute gegenüber.
Pigatto war noch immer nicht vernünftig geworden. Um seine Mundwinkel hatte sich ein harter Zug eingegraben, und in seinen Augen glomm ein wildes Feuer. Die Anspannung und der Zwiespalt, in dem er sich befand, schienen ihm zuzusetzen. Offenbar wandelte er auf dem schmalen Grat zwischen Genialität und geistiger Verwirrung, nur war er selbst am allerwenigsten in der Lage, darauf Einfluß zu nehmen.
Die mehrschüssige Steinschloßpistole, die er auf Hasard richtete, redete eine deutliche Sprache.
„Ich habe sie nicht an Bord gebeten, de Vilches.“ Seine Stimme vibrierte merklich. „Sobald Sie über das Schanzkleid steigen, schieße ich.“
„Wir wollen Ihr Schiff retten, Pigatto.“
„Ich bin der Kapitän.“
„Daran zweifelt niemand.“
„Dann verschwinden Sie! Sie und Ihre Männer haben genug getan, lassen Sie mich wenigstens den Rest zu Ende bringen.“
„Von Ihrer Bevormundung haben wir die Schnauze voll“, sagte Tomas d’Alvarez. „Sie wurden uns aufgezwungen, Capitán, verstehen Sie? Gegen unseren Willen. Wir wollen nicht nach Irland segeln.“
Das also steckte letzten Endes dahinter. Die Probleme wuchsen, zumal Spanien querab und fast zum Greifen nahe lag. Kein Wunder, daß der eine oder andere der Dons durchzudrehen begann.
Hasard hätte eine Menge Argumente dagegen vorzubringen gehabt, doch keins, das wirklich überzeugte. Der Bootsmann hielt ebenfalls eine Pistole im Anschlag. Und die Decksleute waren mit Säbeln und Belegnägeln bewaffnet.
„Don Julio“, raunte der Profos neben dem Seewolf, „wenn wir zugleich angreifen, haben wir durchaus eine Chance.“
„Pigatto ist zu allem entschlossen“, flüsterte Hasard zurück. „Ich würde es mir nie verzeihen, falls ihre Kugeln einen von uns töten.“
„Du willst also zusehen, wie dieser Affenarsch Oberwasser behält?“
„Ich gehöre zu Ihnen, Capitán“, rief unvermittelt einer der Spanier neben Hasard. „Bitte schießen Sie nicht!“
Der Kerl schwang sich über das Schanzkleid, blieb flüchtig stehen und lief weiter, als Pigatto ihm wohlwollend zunickte.
„Wir müssen die achtere Pulverkammer absichern, Señor Capitán“, sagte er und nahm damit dem Seewolf das Wort aus dem Mund. „Sie dürfte vom Wasser nur teilweise erreicht worden sein.“
Pigatto schien kurz zu überlegen. „Gut“, sagte er dann. „Ich schätze dich als zuverlässig ein, Angel Camoiras. Wer von den anderen ebenfalls an Bord gehen will, soll dir helfen.“
Für einen Moment war er abgelenkt, weil er den Blick über die Verschanzung schweifen ließ. Camoiras nutzte die winzige Zeitspanne, um sich nach vorn zu schnellen. Er riß den Dolch aus seinem Gürtel und warf sich auf den Kapitän.
„Nimm das für Vincente, meinen Bruder. Du hast ihn in den Tod geschickt …“
Ein Schuß peitschte auf.
Angel Camoiras blieb so abrupt stehen, als sei er gegen eine unsichtbare Wand geprallt. Ein Ausdruck ungläubigen Erstaunens erschien auf seinem Gesicht. Er wollte etwas sagen, doch brachte er keinen Laut mehr über die Lippen. Seine Finger öffneten sich, der Dolch klirrte auf die Planken. Unendlich langsam sank er in die Knie und schlug der Länge nach hin.
Miguel Pigatto hielt da die Pistole schon wieder auf Hasard gerichtet.
„Verschwinden Sie, ehe ich die Beherrschung verliere und Sie ebenfalls erschieße! Ich werde nach Spanien segeln, Capitán de Vilches, ob Ihnen das genehm ist oder nicht. Und ich werde Sie wegen Anstiftung zur Meuterei anklagen.“
„Wenn Sie glauben, das tun zu müssen, ich hindere Sie nicht daran“, sagte Hasard. „Aber kümmern Sie sich vorher um die Pulverkammer.“
Pigatto lachte schrill.
„Sie legen mich nicht rein, de Vilches, noch dazu mit dem gleichen Trick, den schon dieser Wahnsinnige versucht hat.“ Er deutete auf Camoiras. „Wenn wirklich Gefahr bestünde, würden Sie und Ihre Leute kaum seelenruhig auf den Berghölzern warten. Verschwinden Sie!“
Hasard wußte, wann er verloren hatte.
„Zurück zur Schebecke!“ forderte er seine Mannen auf.
„Du kannst doch nicht das viele Gold und Silber …“ Carberry zog instinktiv den Kopf ein, als der nächste Schuß peitschte. „Du kannst wirklich.“
Hinterher behauptete er steif und fest, er hätte die Kugel unmittelbar an seinem linken Ohr vorbeipfeifen hören, und wer ihm nicht glauben wollte, dem drohte er fürchterliche Dresche an.
Sie sprangen in die Jolle und griffen sofort nach den Riemen. Auch die Spanier pullten, was das Zeug hielt. Falls noch immer keiner der auf der „Respeto“ zurückbleibenden Männer kapierte, was die Stunde geschlagen hatte, war ihnen absolut nicht mehr zu helfen.
Hasard blickte stumm zur Galeone zurück.
„Warum so schweigsam?“ fragte Don Juan.
„Vielleicht hätte ich Pigatto anders anfassen müssen“, sagte der Seewolf bedrückt. „Immerhin stehen fünf Menschenleben auf dem Spiel. Ich muß mir selbst vorwerfen, nicht alles in meiner Kraft Stehende versucht zu haben, um sie zu retten.“
„Laß dir seinetwegen keine grauen Haare wachsen.“ Der Profos spie in hohem Bogen aus. „Pigatto ist einer von denen, die du nie überzeugen kannst. Er hat sein wahres Gesicht rechtzeitig gezeigt – Kerlen wie ihm folgen Leid und Tod auf dem Fuß.“
Ein Fauchen wie von einem chinesischen Brandsatz war zu vernehmen, nur um etliches lauter. Aus der achteren Geschützpforte der „Respeto“ zuckten mannslange Stichflammen hervor, begleitet von dichtem, schwerem Pulverqualm.
„Es geht los!“ sagte der Profos.
Urplötzlich schien sich das gesamte Heck der Galeone aufzublähen. Für die Dauer eines einzigen Lidschlags wuchs das Schiff auf das Doppelte seiner Größe an, dann brachen die Verbände und Planken auseinander und gaben den Blick frei auf ein bizarres Muster aus Glut und Flammen, das die Zwischenräume ausfüllte.
Dann erst rollte der Explosionsdonner heran, gefolgt von einer fauchenden Druckwelle.
Das Achterschiff der „Respeto“ wurde aus dem Wasser gelüftet. Höher als die Masttoppen wirbelten Balken und ganze Schottsegmente hinauf, und ein Regen brennender kleiner Trümmerstücke ging im Umkreis nieder.
Zum Glück hatte die Galeone tief im Wasser gelegen, so daß der Druck vor allem nach oben gerichtet wirkte. Die Schebecke und die anderen Schiffe blieben deshalb vom Feuer weitgehend verschont. Wo dennoch glühende Spieren und kokelnde Taustücke niedergingen, waren die Mannschaften sofort zur Stelle.
Die „Respeto“ war mitten auseinandergebrochen. In einem schneller werdenden Sog, eingehüllt von Dampf und Gischt, sackte der Bug weg. Die Trümmer des Achterschiffs trieben brennend auf der Wasseroberfläche.
Obwohl es wenig Sinn hatte, nach Überlebenden der Katastrophe zu suchen, ließ sich Hasard nochmals mit der Jolle hinpullen. Auch von den anderen Galeonen wurden Boote ausgeschickt. Aber schon sehr bald stellten sie die Suche wieder ein.
Der Seewolf hatte es eilig, den Konvoi neu zu formieren und unter Segel gehen zu lassen. Dennoch vergingen beinahe zwei Stunden, bis dann endlich die Übernahme der „Respeto“-Crew auf die anderen Galeonen geregelt war.
Während dieser Zeit und auch für den Rest des Tages standen verstärkte Wachen auf der Schebecke und suchten vor allem die östliche Kimm ab. Aber nicht einmal Dan O’Flynn entdeckte Segel im Dunst der heraufziehenden Nacht …
ENDE

1.
Philip Hasard Killigrew alias Don Julio de Vilches hatte an diesem Morgen wieder einmal ein deutliches Gefühl des Unbehagens. Er konnte sich selbst nicht erklären, was diese innere Unruhe hervorrief. Nach der furchtbaren Explosion, von der die „Respeto“ zerrissen worden war, hatte sich der Konvoi wieder neu formiert und segelte weiter.
„Neun verdammte Silberschiffe“, murmelte Hasard im Selbstgespräch. Der kräftige Wind riß ihm die Worte von den Lippen. „Ob sie jemals heil in London eintreffen, das mag der Teufel wissen.“
Der Schiffsverband befand sich außerhalb der Sicht von Land. Bei besserem Wetter würde man vielleicht die Gipfel der Cordillera Cantabrica an Steuerbord sehen.
„Wer ist der nächste?“ fragte sich der Seewolf leise und richtete das Spektiv auf die „Salvador“.
Er ahnte – auch das war ein Teil seiner steigenden Besorgnis –, daß im vorletzten Monat des Jahres die Stürme aus der Biscaya eine zusätzliche Gefährdung für die Schiffe darstellten. Immerhin war jedes Schiff auf seine Weise nicht gerade neu und zumindest ebenso gefährdet wie die unglückliche „Respeto“ oder die „Nobleza“, die verschollen blieb und wahrscheinlich zu den Opfern des großen Raids gezählt werden mußte.
Auf der „Salvador“ schien alles in Ordnung zu sein. Hasard sah die weißen Schaumkronen der Atlantikwellen und hoffte, der Wind würde so bleiben und nicht stärker werden. Hinter sich hörte er Schritte, er drehte sich um, und seine Augen begegneten dem Blick des Kutschers.
Der mittelgroße Mann fuhr in leichter Verlegenheit durch sein dunkelblondes Haar.
„Was gibt’s?“ fragte Hasard ruhig.
Der Kutscher zwinkerte mit seinen blauen Augen.
„Sir“, begann er und griff nach einem Tau, „da ist etwas, das man nicht vergessen sollte.“
„Ich bemühe mich, nichts zu vergessen“, entgegnete Hasard. „Neuer Ärger, diesmal bei uns, unter Deck?“
Der Kutscher schüttelte den Kopf und lächelte zurückhaltend. Er deutete vage in die Richtung der neun Schiffe und meinte: „Ich wäre nicht sonderlich überrascht, Sir, wenn sich bei dem einen oder anderen Schiff Schwierigkeiten mit Proviant und Wasser herausstellen sollten. Ist ja schon verdammt lange her, seit sie gebunkert haben.“
Der Seewolf dachte nach und nickte schweigend. Dieses Problem hatten sie alle vorübergehend aus den Augen verloren. Die dramatischen Ereignisse, die einander fast ohne Unterbrechung abgelöst hatten, schlugen nicht nur Hasard und seine Seewölfe in ihren Bann.
„Und wie steht es bei uns mit dem Proviant?“ fragte er den Kutscher.
„Ganz gut. Natürlich könnten wir immer frisches Gemüse und Wasser, Wein oder Bier brauchen. Aber wir halten schon noch eine Weile durch.“
Der Kutscher richtete seine Augen dorthin, wo die portugiesische und nordspanische Küste hinter der Kimm lagen.
„Das ist natürlich das Lustigste, das uns einfallen könnte“, sagte der Seewolf und zuckte mit den Schultern. „Kaum hat der Wind den Rauch von der explodierten ‚Respeto‘ weggeblasen, laufen ausgerechnet wir in einen spanischen Hafen ein, um im Auftrag der Krone Proviant und Wasser zu fassen.“
„Warum eigentlich nicht?“ erkundigte sich der Kutscher trocken.
„Hm.“
Sie blieben eine Weile nebeneinander stehen und dachten schweigend darüber nach – über völligen Unsinn, wie Hasard sich sagen mußte.
„Ein Dutzend spanischer Schiffe, die das in Frankreich versuchen, würden weniger Glück haben“, brummte er schließlich. „Mit den Frenchmen haben wir ja unsere Erfahrungen schon hinter uns, und das nicht nur einmal.“
„Mit den Dons auch, aber sie sind von uns leichter hereinzulegen“, meinte der Kutscher. „Wie auch immer: Mac Pellew meint ebenfalls, daß allmählich bei denen das Wasser knapp wird. Vom Wein gar nicht zu reden.“
„Ich kann abwarten“, entgegnete Hasard und hob wieder sein Spektiv.
Schon zweimal hatte er den Konvoi und die Begleitschiffe durchgezählt. Die Zahl stimmte. Die Rauchfahne, die unter der Kimm zu sehen gewesen war, hatte also weder einen Kaperer noch ein neugieriges Patrouillenschiff angelockt. Trotzdem mußte damit gerechnet werden, daß sich gerade in diesem Gebiet des Atlantiks portugiesische, französische, spanische und niederländische Schiffe herumtrieben. Und kaum ein Kapitän würde gegen die Verlockungen in den Laderäumen des Konvois immun sein.
Hasard zweifelte nicht daran, daß wieder einmal die Gerüchte schneller waren als die Wirklichkeit. Natürlich gab ihm die Warnung des Kutschers zu denken.
Er richtete das Spektiv auf jenen Abschnitt der Kimm, hinter der nach Dan O’Flynns Berechnungen Kap Finisterre liegen sollte, unterhalb von Santiago de Compostela.
„Bei allen Fabelwesen der Sieben Meere“, sagte er schließlich zu sich und enterte von der Back auf die Kuhl ab. „Da werden wir uns wohl was einfallen lassen müssen. Dan? Mister Brighton? Her zu mir!“
„Aye, aye, Sir.“
Wie von keinem Seewolf anders erwartet, wehte im November vor dieser Küste ein steifer Südwest, der die Oberfläche des Atlantiks zerfurchte und harte, hohe Wellen voller Schaumkronen vor sich hertrieb. Dementsprechend würde an der meist steilen Küste ziemlicher Seegang herrschen. Die Brandung würde jedes Schiff, das auf Legerwall geriet, auf den Felsen erbarmungslos zerschmettern. Vielleicht war dieser starke Wind der Grund dafür, daß außer den Schiffen des Konvois zu dieser frühen Stunde kein anderer Segler unterwegs war.
Hasard wartete, bis sich auch Don Juan de Alcazar zu der Gruppe gesellte, dann sagte er: „Wie der Kutscher schon meinte, kann eine üble Überraschung auf uns zukommen. Ich überlege mir gerade, wie wir diese Überraschung an unsere spanischen Freunde an Land weitergeben können.“
Mit wenigen Sätzen unterrichtete er die kleine Crew von den Möglichkeiten und Notwendigkeiten, die er sah.
Sofort antwortete der Spanier: „Da käme eigentlich nur Vigo in Frage.“
„Danke für den Rat, mein Freund“, erwiderte der Seewolf und zeigte ein Lächeln von der Art, das sie gut kannten. „Was hat Vigo, das andere Häfen nicht haben?“
„Wenn ich nicht irre, hat die Stadt einen leicht zu überzeugenden Statthalter oder Kleingouverneur. Da er seinen Wimpel in jedem Wind flattern läßt, denke ich, daß er noch immer Don Jaime La Roda heißt.“
„Du kennst ihn, Juan?“ fragte Dan O’Flynn.
„Ich habe genug von ihm gehört“, antwortete der Spanier. „Mehr als genug.“
„Was sagen die anderen Kapitäne dazu?“ fragte der Erste in sachlichem Ton.
„Die sind noch nicht gefragt worden“, erwiderte der Seewolf und schaute mit blitzenden eisblauen Augen zur „Isabella“ und zur „Wappen von Kolberg“ hinüber. „Zuerst beraten wir uns mit unseren Freunden.“
„Das empfiehlt sich dringend.“
Auch Ben Brighton schien sich für bestimmte Teilbereiche des zu erwartenden Abenteuers oder besser Vorhabens zu begeistern. Welches Risiko sie eingingen, wußten sie – darüber brauchte kein Wort verloren zu werden.
In Luv der Schatzgaleonen, die nicht gerade im Kielwasser des vorderen Schiffes, aber in einer klar erkennbaren Linie segelten, hielten sich die drei Begleitschiffe.
Vigo in der nordspanischen Provinz Galizien, nicht viel mehr als eine kleine Stadt um einen wenig bedeutenden Fischerhafen, hatte in seinem Rücken grüne, fruchtbare Hochflächen und Täler.
Die Küste war von tief eingekerbten Buchten geprägt, den „Rias“, die am Rand des stürmischen Atlantiks für unzählige Schiffe ideale Schlupfwinkel und Zufluchtstätten darstellten. Vigo lag an Steuerbord in einer Bucht, die tief ins Landesinnere führte. Soweit reichten die Informationen, die Dan O’Flynn hatte.
„Wie lange willst du noch warten, Sir?“ fragte er.
Wollten sie wirklich Vigo anlaufen, wenn auch nur mit einem Schiff, mußten sie bald daran denken, einen neuen Kurs abzusetzen. Dan schätzte die Entfernung auf einen Tag, einen Törn von etwa vierundzwanzig Stunden also.
Die Überlegungen der Seewölfe wurden unterbrochen.
Ihre Köpfe fuhren herum, als der Knall einer abgefeuerten Drehbasse an ihre Ohren drang.
„Das war auf Don Ricardos Flaggschiff“, stellte Ben Brighton fest. „Ein Signal.“
Aus einer Bugdrehbasse hatte der spanische Kapitän einen blinden Schuß abgeben lassen. Hasard und Dan hoben die Spektive an die Augen und peilten hinüber zur „Salvador“. Nach genauerem Hinsehen erkannten sie den Zweiten Offizier, Bernardo de Murcia, der aufgeregt seine kurzen Arme schwenkte.
Hasard rief zur Back: „Zeigt ihm, daß wir verstanden haben. Wir gehen näher. Jan, zwei Strich nach Steuerbord abfallen.“
„Aye, aye, Sir!“ rief Jan Ranse zurück.
Während die Schebecke den Kurs änderte und auf das erste Schiff des auseinandergezogenen Verbandes zusegelte, löste sich an Backbord, auch auf der Back, auf der „Concordia“ der nächste Signalschuß. Dumpf hallte der Lärm der Explosion über die Wellen. Eine dicke Rauchfahne wirbelte am Bugspriet der Galeone vorbei.
„Die Dons kriegen wohl alle gleichzeitig Hunger, wie?“ rief Carberry, der gerade an Deck erschien. „Kann uns nicht passieren.“
„Vielleicht meinen sie wirklich beide gleichzeitig dasselbe“, sagte Hasard und zuckte mit den Schultern. „Aber es ist durchaus vorstellbar, daß die Dons in Wirklichkeit etwas anderes wollen. Wir werden es in ein paar Minuten genau wissen.“
Ben Brighton hob die Hände an den Mund und rief im Befehlston: „Ab sofort kehren auf unserem Schiff wieder echt spanische Verhältnisse ein, verstanden, ihr falschen Dons?“
„Dann mußt du dem Plappergei auch noch gutes Spanisch beibringen“, riet Batuti lachend. „Was hast du vor, Sir?“
„Abwarten“, entgegnete der Seewolf. „Zuerst sprechen wir mit unseren Freunden.“
Es dauerte nicht länger als eine gute Viertelstunde, bis die Schebecke in Rufweite querab der „Salvador“ segelte. Die Arwenacks, die seit langen Tagen mit ihrer Maskerade keine Schwierigkeiten hatten, winkten.
„Don Ricardo!“ schrie Hasard vom Grätingsdeck zur Kampanje hinauf. „Was gibt es?“
„Es wird knapp mit Wasser und Proviant, Don Julio“, rief der Kapitän der „Salvador“ zurück. „Zwei, bestenfalls vier Tage, und dann hungern wir alle.“
„Wissen Sie, wie es auf den anderen Schiffen aussieht?“ rief Hasard und sah ein, daß er mit seiner Meinung recht behalten hatte.
„Von der ‚Concordia‘ weiß ich es genau. Die Männer sind ebenso übel mit den Vorräten dran.“
„Das heißt, daß wir unsere spanischen Freunde an Land in Anspruch nehmen müssen!“ rief Hasard. „Ärgerlich, diese Verzögerung.“
„In Vigo gäbe es Wasser“, empfahl der andere Kapitän.
„Aber ich hörte“, antwortete Hasard, innerlich über dieses vorgeschlagene Ziel hocherfreut, „daß der Hafen von Vigo zu klein für unsere vielen Schiffe sei.“
„Dann sollten wir nur mit ein paar Schiffen einlaufen und die Vorräte auf See oder in einer Bucht übergeben.“
„Recht so!“ schrie der Seewolf. „Sie sind dabei, Don Ricardo?“
„Mit Freude. Wir haben, meine ich, die größten Fässer und die größten leeren Laderäume und Proviantlasten.“
„Einverstanden. Wir befragen die anderen Kapitäne!“ rief Hasard. „Meinen Sie, daß, uns eingeschlossen, ein halbes Dutzend Schiffe ausreicht?“
„Das will ich meinen, Señor Capitán.“
Der Bug der Schebecke setzte nur weniger stark als der runde Bug der Galeone in die hohen Wellen ein. Gischt und Sprühregen überschütteten die Back und die bugwärtige Hälfte der Kuhl. Hasard ließ abdrehen und gab nach einem kurzen Gruß an Don Ricardo in bestem Spanisch seine Befehle.
Die Schebecke ging in den Wind. Die Seewölfe warteten, bis die „Concordia“ heranstampfte. Wieder rief Hasard den Kapitän und seine Offiziere an, die auf dem Quarterdeck standen und sich weit über das Schanzkleid lehnten.
Auch auf der „Concordia“ waren Proviant und Wasser knapp. In zwei bis drei Tagen würden die wichtigsten Vorräte aufgebraucht sein. Auch die Männer dieses Schiffes erklärten sich gern bereit, nach Vigo einzulaufen und dort zu bunkern.
„Dann hören wir auch, was es Neues von Philipp gibt, unserer Majestät“, tönte es laut von der Galeone.
„Schon möglich. Ihr seid auch dabei. Dann sind wir schon drei Schiffe“, rief Hasard und beendete den Nachrichtenaustausch.
Die „Concordia“ passierte die wartende Schebecke.
Don Juan de Alcazar schlug Hasard auf die Schulter und sagte: „Ich weiß, daß du den Dons nicht traust. Glaubst du ihnen?“
Hasard hob die breiten Schultern unter dem spanischen Tuch.
„Mir bleibt kaum etwas anderes übrig“, erklärte er.
„Gewißheit ist eine herrliche Sache“, sagte der Spanier. „Aber wir sollten eine Stichprobe verlangen. Ganz einfach auf irgendein Schiff dort überwechseln, entern und eine scharfe Kontrolle der Vorräte durchführen.“
„Ein guter Rat. Welches Schiff sollten wir uns aussuchen?“ fragte der Seewolf nach einer Weile.
„Ganz gleich. Irgendeine der Galeonen dort hinten“, meinte Don Juan. „Keiner von uns weiß, wieviel Wasser und Proviant sie am Anfang der Fahrt in den Laderäumen hatten.“
„Stimmt.“
Die falschen Spanier warteten, bis ein Schiff nach dem anderen an ihnen vorbeisegelte. Überall erhielten sie die gleichen Auskünfte. Bis nach Irland würden weder Wasser noch Proviant reichen, auf keinen Fall.
Hasard sammelte ein Enterkommando um sich und sagte schließlich: „Wir sehen uns die ‚Santa Helena‘ unter Deck genauer an. Einverstanden?“
Der Profos nickte und stieß den Schiffszimmermann an.
„Und wehe, wenn wir volle Fässer und fette Schinken in der Proviantlast finden. Wird wohl ein aufregender Landgang werden, nicht wahr, Sir?“
Jetzt grinste Hasard breit und fast fröhlich.
„Wenn sechs Schiffe in Vigo auftauchen, dann wird es im Hafen recht lebendig werden, Freunde. Und daß wir unsere Rolle ausgezeichnet spielen, haben wir ja schon beweisen müssen.“
„Die Dons in Vigo werden uns dabehalten wollen!“ rief Old Donegal. „So gute Spanier wie uns gibt’s sonst nirgendwo.“
„Hoffentlich“, murmelte Hasard und gab Befehl, die Schebecke längsseits zur „Santa Helena“ zu steuern.
2.
Hasard saß neben Don Juan auf dem Achterdeck der Schebecke und stemmte seine Sohlen gegen die Stufen des Steuerbordniederganges. Sein rechter Arm hing über dem Schanzkleid. Die vier Galeonen, die der „Salvador“ folgen und einen geringfügig veränderten Kurs laufen sollten, scherten gerade aus der Kiellinienformation aus und fielen um einen Strich nach Steuerbord ab.
Leise bemerkte der Seewolf zu seinem spanischen Freund: „Den Spaniern von der ‚Honestidad‘ oder den anderen wird es nicht schwerfallen, den Gouverneur zu überzeugen. Wir müssen versuchen, unsere Rolle richtig zu spielen.“
„Wenn Don Jaime über das Kaff herrscht“, meinte Don Juan, „wird es nicht schwer sein, ihn zu überzeugen. Er ist nicht der Klügste. Ich bin sicher, du willst unseren Aufenthalt so kurz wie möglich halten?“
Hasard nickte mit Bestimmtheit.
„Keine Minute länger als unbedingt nötig. Wir werden alle anpacken müssen. Meinst du, daß sie insgesamt ein Dutzend Schiffe versorgen können?“
„Wasser und Wein? Da sehe ich keinen Engpaß“, erwiderte Don Juan. „Wenn man den Bauern und Händlern mehr Zeit läßt und gut zahlt, kriegen wir alles.“
„Aber nicht innerhalb von ein paar Stunden.“
Al Conroy schob sich entlang des Schanzkleides auf die beiden Männer zu und blieb dicht vor ihnen stehen.
„Sir? Will sich das Flaggschiff von Don Julio de Vilches in schläfrigem Frieden oder mit dem Nachdruck der königlich spanischen Culverinen dem Hafen von Vigo nähern?“
Don Juan und der Seewolf lachten schallend.
„Wie lange fährst du schon auf unserem Schiff?“ fragte schließlich der Seewolf. „Wie immer, Mister Stückmeister. Wir sind auch am Kai von Vigo auf jeden denkbaren Zwischenfall vorbereitet.“
Al Conroy hatte keine andere Antwort erwartet. Er grinste zufrieden und zeigte zu seinen Culverinen.
„In Ordnung, Sir. So halten wir’s. Meine kleinen Lieblinge werden bereit sein.“
Die Schebecke schob sich an die „Wappen von Kolberg“ heran. Arne von Manteuffel und seine Mannen erfuhren in fast allen Einzelheiten, was Hasard mit den fünf anderen Schiffen vorhatte. Brüllendes Gelächter begleitete die Schebecke, als das Schiff weit nach Backbord überlegte und auf jenen Punkt zusegelte, an dem es mit der „Isabella“ Ribaults zusammentreffen würde. Zwei Stunden danach waren die Seewölfe wieder zur Spitze des Konvois unterwegs und segelten am frühen Nachmittag querab der „Salvador“ von Don Ricardo.
„Lange werden wir die Ruhe, die wir jetzt noch haben, nicht mehr genießen können, Sir“, sagte Dan O’Flynn warnend. Auch seine Unruhe wuchs mit jeder Seemeile, die sie sich Vigo und der Küste näherten.
„Du hast sicher recht, Dan“, erwiderte der Seewolf. „Ich bin ganz fest entschlossen, Vigo zur letzten Station zu ernennen.“
„Bist du sicher?“ fragte Ferris Tucker, der immer wieder unruhig nach Osten peilte und erwartete, bald die Küstenlinie zu sehen.
„Nein.“ Hasard schüttelte heftig den Kopf.
Mittlerweile wirkten die Schebecke und die Crew der Seewölfe auf jeden, der einen Blick an Deck werfen mochte, wie ein Schiff voller Spanier. Die Kleiderlast war nahezu geplündert worden. Aber die Gesichter unter den spanischen Helmen und Hüten, über den auffallenden Kragen, sie sahen keineswegs aus, als stammten sie alle aus der Mancha oder aus Kastilien. Und blauäugige Spanier gab es auch nicht gerade häufig.
„Nein“, wiederholte Hasard einige Minuten später. „Ich bin nicht sicher. Zwischen Cabo Finisterre und unserem guten alten London warten Sturm und Gezeiten, Strömungen und viele Schiffe auf uns. Da allerdings bin ich ziemlich sicher. Aber die Spanier in Vigo werden wir mit wahrer Meisterschaft überrumpeln.“
„Und du versteckst deinen schwarzen Kopf unter Deck, Gambiamann!“ rief Big Old Shane. „Oder hat man jemals was von pechschwarzen Spaniern gehört?“
Batuti ging auf den Scherz ein und rief zurück: „Ich ziehe meine schlechtesten Lumpen an, Mistah! Dann ich sein dein Niggersklave, Yessir?“
„Wäre auch eine Lösung“, stimmte Big Old Shane zu.
Gegen Abend nahmen die richtigen und die falschen Spanier am östlichen Horizont die Wolken, dann einige Berggipfel und schließlich, im letzten Licht, die schroffe Küstenlinie wahr. Dan O’Flynn suchte die Strände, die bewaldeten grünen Hänge und die Einschnitte ab, zwischen denen sich die fjordartigen Rias abzeichneten. Die Inselchen, die im Fahrwasser jener tief ins Land reichenden Meeresbucht zu sehen sein sollten, fand er noch nicht. Sie galten als untrügliche Landmarken vor der Einfahrt nach Vigo.
„Morgen früh sind wir so dicht unter Land, daß du keine Schwierigkeit mehr haben wirst“, tröstete ihn Higgy.
„Morgen früh sind wir vielleicht viel zu nahe unter Land“, sagte Dan einschränkend. „Und das wollen wir doch vermeiden, nicht wahr, Señores?“
„Kein Legerwall, por favor“, stimmte Jung Philip zu.
„Aus diesem Grund bin ich auch besorgt“, erklärte Dan und suchte so lange weiter, bis die Dunkelheit über dem Wasser und an Land sämtliche Einzelheiten verwischte und auslöschte. Der Konvoi war kurz nach dem ersten Augenkontakt mit dem Land auf einen Kurs gegangen, den Hasard signalisiert hatte: ein Strich östlicher als Nord.
Schon im ersten, feuchten Morgengrauen stand die Gruppe der fröstelnden Seewölfe zwischen Bugspriet und Fockmast und hielt sich an Fallen und Stagen fest.
„Ich erkenne sie wieder“, sagte Don Juan gerade. „Das ist die Einfahrt nach Vigo.“
Die Ria de Vigo, nördlich der unsichtbaren Grenze von Portugal zu Nordspanien, bot den Blicken der Männer ihre dunkelgrüne Front, die nach Westen zeigte. Die kleinen Inseln vor der Einfahrt tauchten, im zunehmenden Licht der Morgendämmerung, eine nach der anderen aus dem Dunst der Küste auf.
„Alles klar“, sagte Dan und bestätigte die Beobachtungen des Spaniers. „Meinst du, daß wir einen Lotsen brauchen?“
„Nicht, wenn du dich mit deinen scharfen Augen auf die Back stellst. Du kannst ja den Sardinhas-Fischern zusehen.“
Dan verzog das Gesicht.
„Landratten-Ratschläge“, kommentierte er. „Immerhin folgen uns die anderen Schiffe.“
Vor der Küste, wie erwartet, waren die winzigen Segel kleiner Fischerboote aufgetaucht. Über dem Wasser bis zur halben Höhe der Hänge und Felsen schwebte eine Schicht aus grauem Nebel. Die Sonne versteckte sich noch hinter den Gebirgsgipfeln, die irgendwo unsichtbar im Landesinneren aufragten. Die kleinen Kaps von Tuy und Sangenjo, im Norden, schoben sich deutlicher aus dem Nebel in den Atlantik hinaus.
„Wir sind auf dem richtigen Kurs“, sagte Dan O’Flynn nach einer Weile. „Dahinter liegt Vigo. An Steuerbord.“
„Wir werden sie gebührend aufwecken“, meinte der Seewolf, gab seine Befehle und ließ als Signal für die folgenden fünf Galeonen die Drehbasse Steuerbord achtern abfeuern.
Längst hatten sich die Seewölfe auf das Kommando vorbereitet. Die Schebecke steuerte das Fahrwasser zwischen den größten mittleren Inseln an, die als natürliche Barriere und Wellenbrecher vor der Ria aus der Brandung wuchsen.
Eine Kabellänge, bevor die Schebecke die kleinen Felsbrocken in Sichtweite hatte, sagte der Seewolf in unüberhörbarer Schärfe: „Ab jetzt wird’s ernst, klar?“
Etwa zwanzig Seewölfe, die sich zwischen der Back und dem Grätingsdeck aufhielten und zur nahen Küste hinüberstarrten, riefen laut, deutlich und aus morgendlich rauhen Kehlen: „Si, si, Señor Capitán!“
Dan O’Flynn, um die Schultern einen zerschlissenen spanischen Mantel gegen die klamme Kälte, stand auf der Back und beobachtete das Fahrwasser. Bisher hatte er keine Untiefen entdecken können. Die Fischer schienen über die sechs Schiffe nicht gerade erstaunt zu sein. Sie hatten ihre Boote hinter die Inseln an den Rändern der Ria verholt und warfen die Netze aus.
„Gut so. Geradeaus weiter.“
Dan schaute sich um. Vigo breitete sich in einem unregelmäßigen Halbrund um das Ende der Bucht an Steuerbord aus. Im Hafen lagen kleine und größere Fischerboote und zwei Galeonen, deren Masten entfernt waren und vielleicht an Land oder in der Werft überholt oder neu gezimmert wurden.
Das Focksegel der Schebecke wurde eingeholt, die Rahrute hing waagerecht zum Heck. Von den Culverinen und den Drehbassen, die noch nicht ausgerannt worden waren, hatte Al Conroy längst die Persennige abgeschlagen und verstaut.
„Fahrwasser ist frei!“ rief Dan und turnte entlang des Schanzkleides nach achtern.
Die kleine Stadt erweckte einen friedlichen, fast schläfrigen Eindruck. Auf einem Burgberg thronte ein Castillo, aus dessen Mauerscharten fünf Geschützrohre hervorstarrten.
In Kiellinie passierten die fünf Galeonen, angeführt von der „Salvador“ die Inseln vor der Einfahrt. Aus den Kaminen vieler Häuser ringelten sich Rauchsäulen in die Höhe. Der Wind verwirbelte sie langsam landeinwärts. Enge und verwinkelte Gassen führten vom Hafen zwischen alten Häusern hangaufwärts.
„Wir legen uns achtern an den Steg voraus“, ordnete Hasard an. „Die Galeonen, wenn sie es schaffen sollten dort hinüber.“
Er deutete zu den beiden entmasteten Rümpfen, die an einem steinernen Kai vertäut waren. Ein paar Fischer blieben auf dem schmalen Streifen zwischen dem Wasser und den Hausfronten stehen, schauten verblüfft die kleine Armada an und beruhigten sich, als sie die spanischen Flaggen erkannten. Im ruhigen Hafenwasser beschrieb der Bug der Schebecke einen Halbkreis. Die Segel wurden eingeholt, knappe spanische Kommandos hallten durch den Hafen. Es roch nach kaltem Rauch und nach Fisch.
„Sieht nicht nach Schwierigkeiten aus“, meinte Ben Brighton leise zu Hasard. „Fünfhundert oder sechshundert Einwohner?“
„Möglicherweise etwas mehr“, erwiderte der Seewolf.
Die Belegtaue flogen auf den Steg, die Zwillinge sprangen hinterher und winkten zu den Fischern hinüber.
„Buenos Dias, Freunde! Wir wollen euch reich werden lassen!“ rief Philip junior.
Hasard dirigierte die „Salvador“ und die „Santa Helena“ zum Kai hinüber. Inzwischen liefen mehr Leute zusammen, Türen und Fenster öffneten sich. Im Abfall zwischen den Fischerbooten flatterten die Möwen auf.
„Wollt ihr Fisch kaufen?“ fragten die Fischer lachend.
Die Schebecke wurde belegt, und zwei breite Planken, die auf dem Steg lagen, krachten auf das Schanzkleid.
„Wir wollen den Statthalter sprechen“, erklärte Hasard junior. „Ist es noch immer Don Jaime?“
„Drüben, an der Plaza Mayor“, lautete die Antwort.
Nacheinander glitten die Galeonen an den Kai und wurden an rissigen, uralten Pollern aus gebündelten Holzstämmen belegt. Die spanischen Seeleute lachten und schrien wild durcheinander. Knarrend rieben die Bordwände der Schatzgaleonen gegeneinander, die Belegtaue ächzten und rissen morsche Splitter aus den Pollern.
Hasard schrie durch den Hafen: „Die Señores Kapitäne bitte zu mir an Land. Wir statten dem Gouverneur einen Höflichkeitsbesuch ab.“
Das Kommando der falschen Spanier, angeführt von Don Juan de Alcazar, hielt sich auf dem schwankenden Steg bereit. An Bord der Schebecke wurden schon jetzt die leeren Fässer aus den Laderäumen gewuchtet. Hasard balancierte über die Planke. Auf den Galeonen bereiteten sich die Kapitäne und ein paar Offiziere auf den Landgang vor.
Don Juan de Alcazar stand ein paar Schritte abseits, schaute sich schweigend um und richtete seine Blicke immer wieder zu dem Castillo auf dem Burgberg. Inzwischen tauchten aus dem Viertel der Fischerhäuser noch mehr Leute von Vigo auf und riefen den Spaniern auf den Decks Fragen zu.
Die Antworten zeigten den Fischern und Einwohnern von Vigo, daß die Schiffe lange Zeit unterwegs gewesen waren.
„Holt eure Würste aus dem Rauchfang!“
„Wir brauchen Wasser. Und Wein.“
„Rieche ich frisches Brot aus dem Bäckerofen, Hombre?“
„Habt ihr gutes Wasser in Vigo?“
Die Gruppe der Kapitäne war nicht größer als ein Dutzend Personen. Die weißen spanischen Kragen bildeten Farbtupfer vor der dunklen, wolkenverhangenen Kulisse des Hafenstädtchens. Von den Schiffen hörte man die Kommandos, nach denen die leeren Fässer aus den Laderäumen der Galeonen hochgehievt wurden.
Hasard wandte sich an einen erwachsenen Mann, der so aussah, als sei er zu den Hafenwachen zu zählen.
„Señor“, bat er, „zeigen Sie uns den Weg zum Amtssitz des Gouverneurs?“
„Gern. Folgt mir. Sind nur ein paar Schritte. Woher kommt ihr?“
Bevor noch ein anderer antworten konnte, drehte sich Hasard um, legte den Zeigefinger an die Lippen und erwiderte: „Der Hafen, aus dem wir ausliefen, und unser Ziel sind beide strengster Geheimhaltung unterworfen. Wir segeln für seine Allerkatholischste Majestät und dürfen nichts sagen. Wie heißt der Gouverneur? Ist es noch Don Jaime?“
„Ja, Don Jaime La Roda. Ein gerechter, guter Statthalter.“
Hasard winkte Don Ricardo zu. „Besuchen wir den Herrn über Hafen und Kastell, Señores.“
Etwas steifbeinig in ihren hohen Stiefeln, mit klirrenden Degen, folgten sie dem hochgewachsenen, schwarzhaarigen Mann mit den eisblau blitzenden Augen – einer seltsamen Augenfarbe für einen Spanier.
Der Mann aus Vigo zeigte zu den verwinkelten Gassen und vielen alten Häusern, die sich zusammendrängten und miteinander durch viele Erker, Bögen, Treppen und Stege verbunden waren.
„Unser uraltes Fischerviertel. Hier finden Ihre Seeleute die feinsten Schenken. El Berbés nennen wir den alten Stadtteil. Ihr seid fremd in Vigo, nicht wahr?“
„So ist es“, antwortete Miguel Salcho, der Erste der „Salvador“. „Und wir legen sofort wieder ab, wenn wir Essen und Wasser haben. Gibt es bei euch Schwierigkeiten?“
„Keine größeren, Señor.“
„Gut zu hören“, brummte Hasard.
Schon nach einigen hundert Schritten durch die Stadt, die langsam erwachte, befanden sie sich auf dem großen Platz, der Plaza Mayor. Sie war fast an allen Stellen von schwungvollen Arkaden gesäumt. Struppige Bäume, an denen nur noch wenige vertrocknete Blätter zitterten, umstanden den Platz.
Ein langgestrecktes, zweistöckiges Gebäude sprang in der Mitte der Fläche auf seinem Sockel aus Bruchstein einige Fuß weit vor. Ein prächtiges Portal, mehrere geschmiedete Balkongitter und Fahnen, die feucht und schlaff von den Masten hingen, ließen erkennen, daß es wohl der Sitz des Statthalters war.
„Dort finden Sie Don Jaime, unseren verehrten Gouverneur“, sagte der Mann. „Vielleicht schläft er noch, unser guter Don.“
„Dann wird es uns nicht schwerfallen, ihn zu wecken“, erklärte der falsche Don Julio de Vilches. „Wohlan, Señores.“
Ein nächtlicher Regenguß hatte das dunkle Pflaster zu einer glänzenden Fläche werden lassen. Durch ein paar flache Pfützen stiefelten die Spanier auf das Portal zu. Vigo war, wenigstens stellte es sich jetzt so dar, ein verschlafenes Nest, in dem es überall nach Wein und noch mehr nach Fisch roch. Ein Hund bellte die Männer an, als sie an das rissige Holz der Türflügel klopften.
Fensterläden und Türen öffneten sich ringsum klappernd. Wassergüsse zischten auf das Pflaster. Irgendwo keifte eine Frau. Mit leisem Knarren wurde ein Türflügel geöffnet.
Hasard und Don Ricardo blickten in ein verschlafenes, unrasiertes Gesicht, das einem alten Mann gehörte, der einen zerknitterten Hut trug.
„Buenas dias“, sagte Hasard. „Die Señores Kapitäne und ich möchten mit Don Jaime sprechen.“
„Ich verstehe Sie nicht“, erwiderte der Alte.
„Gouverneur Don Jaime La Roda!“ schrie Don Ricardo mit fahlem Gesicht und roter Nase. „Schnell, Mann.“
„Jawohl, Señor Capitán“, murmelte der Alte zahnlos, drehte sich um und verschwand in einer düsteren Halle.
Langsam und zögernd traten die Spanier ein.
„Diese Stadt befindet sich nicht im Verteidigungs- oder Kriegszustand, soviel ist sicher“, sagte Hasard laut und versuchte einen Scherz.
Innerhalb des Gebäudes wurde es lebendig: Tritte, knallende Türen klirrende Becher und halblaute Befehle. Dann wurden ein paar Fensterflügel aufgerissen, und das trübe Tageslicht drang in die Halle. Große Bilder hingen an den Wänden, eine Treppe führte aufwärts, in den Ecken standen kleine Kanonen, kaum größer als die Drehbassen.
„Gleich bin ich für Sie bereit“, donnerte eine tiefe, tragende Stimme von oben. „Geduld, verehrte Señores.“
„Eine Löwenstimme“, meinte Ben Brighton zu Hasard. „Und eine gemütliche Residenz.“
Die Spanier betrachteten gelangweilt und hungrig die würdigen Señoras und Señores, die auf den Ölbildern in den schweren Rahmen dargestellt waren. Nicht eine Person davon war ihnen bekannt. Ein farbenprächtiger Teppich lag unter den Beinen eines riesigen Tisches und vieler hölzerner Sessel.
Endlich stieg ein unordentlich angezogener, kleiner Mann die Treppe hinunter, breitete die Arme aus und rief: „Willkommen, die Señores! Ich habe mir erlaubt, einen Imbiß bereiten zu lassen. Willkommen! Kommt bitte herauf.“
Die Löwenstimme gehörte zu einem Zwerg, nicht größer als fünf Fuß. Er verbeugte sich vor den Männern, deutete zur Treppe und war von überströmender Höflichkeit.
„Gestatten Sie, Gouverneur, daß wir uns vorstellen“, begann Don Ricardo. „Wir brauchen dringend für neun Schiffe Proviant und Wasser. Und vielleicht ein Fäßchen Wein dazu.“
Der Gouverneur schüttelte die Hände und rief begeistert: „Bestes, frisches Wasser von den Quellen der glücklichen Hügel – ihr werdet unser Vigo-Wasser mit Genuß trinken!“
Don Jaime führte die Gäste die Treppe hinauf und in seine Räume. Eine Tafel war schon gedeckt, Mägde und Diener hasteten herum. In Vigo schien jede Unterbrechung des täglichen Einerleis mit Begeisterung aufgenommen zu werden.
„Und wie steht es mit Proviant? Wir haben noch etliche Tage einer langen Reise vor uns“, sagte Hasard. „Ich habe Order, die Schiffe möglichst schnell und natürlich sicher zum Zielhafen zu bringen. Dazu gehört, die Proviantlasten wieder zu füllen. Wenn der Gouverneur den Proviant nicht herbeischafft, dann kaufen wir, was wir brauchen, von den Bauern. Lerma und unser König Philipp haben genaue Anweisungen erteilt.“
Don Jaime wies ihnen Plätze zu und setzte sich an das Kopfende der Tafel. Die Spanier schnallten die hinderlichen Waffengurte ab und hängten sie über die Sessellehnen.
„Sie werden alles empfangen, was Sie brauchen“, beteuerte der Gouverneur. „Ich habe schon nach den Boten geschickt.“
Frisches Brot verbreitete seinen herrlichen Geruch. Die Diener brachten heiße, dünne Schokolade und gossen sie in die Becher. Butter und Käse wurden aufgefrischt, und aus der Küche ertönte das verheißungsvolle Klappern von Geschirr.
„Wir können nicht drei Tage in Vigo liegen, trotz eurer angepriesenen Schenken und Bodegas“, sagte Ben Brighton. „Danke für das reichhaltige Frühstück.“
Die Spanier fingen zu tafeln an, als hätten sie seit zwei Monaten nichts zwischen den Zähnen gehabt. Je mehr sie abbissen und kauten, desto wacher wurden sie. Die Unterhaltung wurde lauter und drehte sich natürlich nur um die Erlebnisse, Gefechte und Verhältnisse auf See.
„Ich spüre es in den Knochen“, dröhnte der kleine Gouverneur. „In den nächsten Tagen gibt’s schweres Wetter.“
„Wir werden den Sturm auf See ertragen“, entgegnete Hasard.
Nacheinander erschienen einige Boten. Der Gouverneur verlangte Papier und wollte wissen, welche Nahrungsmittel und wieviel davon die einzelnen Schiffe brauchten. Er schrieb die Zahlen untereinander und rechnete aus.
Dem Boten rief er zu: „Mit dem Wasser ist alles klar?“
„Die Fässer verladen sie auf Fuhrwerke und bringen sie zu den Schiffen zurück, wenn sie gereinigt und gefüllt sind.“
„Gut so. Helft ihnen! Sie haben es eilig.“
„Sehr wohl, Don Jaime.“
Der Bote rannte hinaus. Die Spanier nickten beifällig. Ihnen gefiel die Eile, die Don Jaime zeigte. Und die frischen und lecker zubereiteten Speisen, die aus der Küche herbeigeschleppt wurden, fanden reichlich Zuspruch.
Hasard hob seinen Becher, visierte Don Jaime an und sagte: „Es ist gut, als Spanier von einem Spanier auf solch angenehme Weise in Vigo willkommen geheißen zu werden. Ich werde nicht versäumen, bei Hofe zu schildern, wie aufmerksam Sie waren, Gouverneur.“
„Eine Selbstverständlichkeit, Señor“, erwiderte La Roda und führte eine großartige Geste aus. „Jedenfalls für Vigo.“
Der nächste Bote wurde abgefertigt. Ein paar Kannen Wein standen plötzlich zwischen den leeren Tellern und den Resten.
„Haben Sie Magazine und Vorräte, um Schiffe auszurüsten?“ fragte Ben den Gouverneur.
„Eine kleine Werft. Die Galeonen werden gerade repariert, späte Opfer der englischen Geschütze. Sonst haben wir da nur ein paar Fässer Mehl, Wein und Bier, aber nichts, mit dem man eure kleine Flotte ausstatten könnte.“
„Ich bin ermächtigt“, erklärte Hasard, „für den königlichen Seerechnungshof einzukaufen und vernünftige Preise zu zahlen.“
„Das war es“, antwortete Don Jaime, „was ich den Boten sagte. Es wird sich sehr schnell herumsprechen, daß Sie Proviant brauchen. Die Schiffe werden umlagert sein von Bauern und Händlern.“
„Das hoffen wir.“
Hasard und Ben Brighton wechselten einige unauffällige Signale. Sie beschlossen, noch zu warten und die Verproviantierung der Schebecke dem Kutscher zu überlassen. Überdies würde Don Juan alles unternehmen, was er für nötig hielt. Und bisher waren sie mit ihren geschickten Lügen sehr gut gefahren.
3.
Daß Don Juan de Alcazar kein Spanier wäre, nicht durch und durch ein Grande, ein wahrer Don – nicht einer der schätzungsweise fünfhundert Einwohner von Vigo bezweifelte seine wirkliche Herkunft. Kühl, arrogant und mit scharfen Adleraugen stand er am Ende des Steges auf den nassen Quadern und hielt seine Hand mit affektiert abgespreizten Fingern am Degengriff.
Unter den tiefhängenden Wolken, die über der Bucht von Vigo aus Südosten herantrieben und Regen versprachen, waren die Seewölfe wieder einmal die schnellsten.
Zurufe und Kommandos erfolgten in Spanisch. Er grinste dünn, wer sich der Sprache nicht sicher war, redete einfach nichts oder tauschte Bemerkungen in sehr leisem Ton aus.
Die leeren Fässer, von denen der Kutscher und Mac Pellew auch die letzten verräterischen Schriftzeichen in Englisch abgeputzt hatten, waren über den Steg geschleppt und gerollt worden. Jetzt verhandelten Hasard und Philip junior mit einem Gespannführer, schienen handelseins geworden und winkten Smoky, Pete Ballie und Carberry zur Hilfe herbei.
Spanische Silbermünzen wechselten den Besitzer. Dann setzten sich zwei Gespanne in Bewegung. Der Brunnen lag ungefähr drei Kabellängen weit entfernt, etwa in der Mitte des Buchtendes, vor einigen größeren Häusern.
Roger Brighton und Ferris Tucker hielten Listen der beiden Köche in den Händen.
Sie verhandelten mit Bauern und Händlern, die schon vom Anblick der einlaufenden Schiffe in den Hafen gelockt worden waren – und durch die Gerüchte, daß sie auf leichte Weise viel Geld verdienen konnten.
Auch die Seeleute der fünf Galeonen luden alle Fässer aus, die leer oder teilweise leer waren. Schließlich mußte rund die Hälfte auf See an die anderen Schiffe übergeben werden.
Viele aus der Seewölfe-Crew packten mit an. Sie dachten an das gemeinsame Ziel, und für den Erfolg des großen Raids taten sie fast alles.
Unter dem Gewimmel der Menschen fesselte schließlich, nach mehr als einer Stunde schärfster Beobachtung, eine einzelne Gestalt Don Juan de Alcazar.
Langsam und wie unabsichtlich ging Don Juan auf Big Old Shane zu, der an einer Hausmauer lehnte und dem geräuschvollen Treiben zusah. Higgy und Sven Nyberg schleppten vier riesige Schinken auf den Schultern über den knarrenden Steg an Bord der Schebecke.
„Siehst du dort drüben die braune Kutte und ihren mißtrauischen Inhalt?“ fragte Don Juan flüsternd.
„Beim Ladebaum am Kai?“ fragte der Schiffsschmied. Das spanische Wams über seinen Schultern krachte in den Nähten.
„Richtig. Ein Angehöriger der Gesellschaft Jesu. Ein Jesuit, ein Mönch. Man betreibt in diesem Land die Inquisition. Ich habe euch erzählt, was das bedeutet. Abgesehen davon, daß Fremde ohnehin alle als Ketzer, Schismatiker, Ungläubige und andere Unglückliche von Staats wegen zu verfolgen sind. Warum betrachtet dieser Kerl unser Schiff so genau?“
Die Männer schauten einander in die Augen. Der Schiffsschmied kratzte sich unschlüssig im Gestrüpp seines Bartes und beantwortete Don Juans Frage.
„Aus dem gleichen Grund, warum du ihn so genau anstarrst, Juan.“
Unschlüssig hob der Spanier die Schultern. „Ich setzte mal voraus, daß sich keiner aus unserer Crew verrät. Der Gouverneur, tatsächlich noch Don Jaime, wird wohl nur dann Verdacht schöpfen, wenn einer von uns eine riesengroße Dummheit begeht.“
Der Schiffsschmied blickte sehnsüchtig zu der offenen Tür einer Bodega hinüber, dann richtete er seinen Blick zu dem hoch aufragenden Turm der Kirche hinter den ersten drei Häuserzeilen, die sich den Hang hinaufzogen.
„Da habe ich keine Sorgen. Hasard auch nicht.“
„Meine ich auch, Shane. Da, unser Freund rückt näher.“
Der wuchtige Ladebaum, dessen Blöcke und Verankerungen tief im Boden befestigt waren, ragte schräg wie ein gelegter Mast über ein Stück Hafen, in dem Abfälle wie ein dichter Teppich lagen, der unablässig Wellen schlug. Vögel hüpften und stelzten zwischen dem Abfall herum.
Der Mönch, der seine Hände in die weiten Ärmel der Kutte geschoben hatte, schritt auf dicken Sandalen langsam näher. Sein Blick irrte ab, strich über die vielen schuftenden Männer, hefteten sich auf Big Old Shane und Don Juan, dann schwenkte er wieder zurück zu dem ungewohnten Anblick der Schebecke, eines Schiffes, das offenbar nicht in den Hafen paßte.
Am Rand der Uferbefestigungen ging der Mönch ohne Eile auf die Stelle zu, wo der hölzerne Steg über drei Steinstufen mit der bemoosten und von Algen bedeckten Steinmauer anfing.
„Er hält die Schebecke zweifellos für ein Werk des Teufels“, meinte Don Juan schließlich. „Ich spüre es fast.“
Aus der offenen Tür wehte der Geruch von Wein und frischem Bier. Er überdeckte sogar den Schweißgeruch der Mulis, Ochsen und Pferde vor den Gespannen und den Gestank nach totem Fisch.
„Soll ich hinübergehen und ihn, ohne böse Absicht, ins Wasser werfen?“ erkundigte sich Old Shane.
„Das würde ihn noch neugieriger werden lassen“, widersprach Don Juan. „Abwarten, was er vorhat.“
Jetzt sahen sie den Mönch genauer. Über den Kragen der Kutte und der Kapuze ragten ein faltiger, sehniger Hals und ein kleiner, runder Kopf. Der Mann ging bemerkenswert gerade aufgerichtet, als habe er einen Ladestock verschluckt.
Kleine schwarze Augen unter buschigen Brauen, ein halbkahler Schädel mit dem Haarkranz der Tonsur, ein schmaler Mund und bräunliche Gesichtszüge waren weitere Eindrücke. Keiner davon ließ den Jesuiten angenehmer erscheinen.
„Ein Fanatiker“, sagte Big Old Shane. „Darf ich Sie, Generalkapitän, auf ein spanisches Cerveza einladen?“
„Später, gern. Jetzt will ich wissen, was der Mönch hier sucht.“
„Einverstanden, nachher. Gehen wir näher heran.“
Sie lösten sich von der kalten Hausmauer und folgten dem Mönch, der den Steg betrat und den Männern der Seewölfe-Crew auswich und um die Händler einen Bogen schlug.
Nach zwanzig Schritten hielt Don Juan einen Händler am Oberarm fest und fragte höflich: „Wer ist dieser geistliche Herr, der sich so für unsere schönen Schiffe interessiert?“
„Ein Jesuit, Señor Capitán“, antwortete der schwarzhaarige, bärtige Mann. „Er heißt Hernando Ferrer und berät unseren Geistlichen in Fragen des Glaubens.“
„Wie lange lebt er schon bei euch?“
Nils Larsen half einem Bäcker, zwei riesige Körbe voller Brot und feinem Gebäck über das Schanzkleid der Schebecke zu mannen.
„Seit einem halben Jahr, Señor.“
„Und woher kommt Hochwürden?“
„Aus Madrid, wenn’s richtig ist, was man sagt.“
„Danke.“
Der Mönch schien, tief in wichtige Gedanken versunken, nichts und niemanden auf dem Steg und in der näheren Umgebung zu bemerken. Er ging mit kurzen Schritten auf der äußersten rechten Kante der Bohlen und Bretter und blieb kurz vor dem Ende stehen.
Als er sich umdrehte, hatte er zur rechten Hand den Bugspriet der Schebecke. Ein schwer zu erklärendes Lächeln spielte um seine farblosen Lippen, als er Schiff und Crew einer schweigenden Musterung unterzog.
Don Juan sah die Blicke und hoffte, daß an Deck der Schebecke weder ein englisches Wort zu hören war noch irgendwelche Dinge herumstanden oder lagen, die dem Mönch verrieten, daß die Spanier in Wirklichkeit Engländer waren. Hoffentlich steckte nicht gerade jetzt Batuti seinen Kopf an die frische Luft.
Mit einer Genauigkeit, die Don Juan und jeden anderen, der dem Mönch zusah, verblüffte, musterte der Mann in der Kutte jede Einzelheit. Er ging langsam wieder zurück in Richtung des Hecks. Die Culverinen und die eingeschwenkten Drehbassen schienen dem Gottesmann besonders wichtig zu sein.
Neben dem Steg, innerlich voller Spannung, blieben der Schmied und Don Juan am Beginn des Steges stehen. Hinter ihnen klapperten die Hufe der Zugtiere über das Pflaster. Das Gespann hielt mit knirschenden Rädern.
„Erstklassiges Wasser“, bemerkte Bill. „Kann man direkt trinken.“
„Wie schön“, erwiderte Don Juan auf spanisch und führte eine beschwörende Geste aus. „Siehst du den Mönch?“
„Natürlich. Was will er?“
„Er will herausfinden, ob wir von der Schebecke englische Spione, Schnapphähne oder Ketzer sind. Kein Scherz, Bill. Seid verdammt vorsichtig!“
„Aha! Ein Mönch. Keine Angst, wir passen schon auf.“
Bill schulterte ein Fäßchen und schlurfte über die Steinstufen abwärts. Das Gefühl der Unsicherheit in Don Juan wuchs. War der Mönch seinerseits echt? Oder versteckte sich hinter der Kutte ein Spion des spanischen Hofes?
„Wie auch immer. Hernando Ferrer ist gefährlich“, murmelte Don Juan und überlegte, was er unternehmen sollte.
Hinter ihm luden die Arwenacks die Fässer ab. Vier Mann packten das große Faß und schoben sich die Stufen hinunter. Die Seewölfe schleppten schwer an dem großen Faß voller Wasser, riefen ein paarmal „Gracias!“ und „por favor!“ und vertrauten darauf, daß ihre Kameraden und die Händler auswichen. Kurz vor den Planken schwenkten Sam Roskill und Paddy Rogers zur Seite, ließen das Faß auf das Holz hinunterkrachen und stemmten sich dagegen.
„Achtung!“ schrie jemand.
Don Juan erstarrte innerlich. Natürlich war es Paddy gewesen, der den englischen Fluch, den er hinterhersetzen wollte, gerade noch herunterschluckte.
Sein Stiefel rutschte aus und traf die Knöchel des hinter ihm stehenden Glaubensbruders, ohne ihn allerdings zu verletzen. Aber der Mönch schwankte, glitt auf den nassen Brettern aus und ruderte hilflos mit den Armen, als er nach rückwärts fiel. Er krümmte sich halb zusammen, ehe er mit einem spanischen Ausruf ins aufspritzende eiskalte Wasser fiel.
Von den umstehenden Spaniern schien niemand den englischen Ruf gehört oder richtig verstanden zu haben.
Die Seewölfe rollten das Faß über die Planke aufwärts, und an Deck wurde es gepackt und durch das Luk gewuchtet. Von Land folgte das nächste wassertriefende Faß, während sich Sam und Paddy um den Kuttenträger kümmerten, der zwischen den Abfällen paddelte, Wasser ausspuckte und sein Gesicht voller Angst verzerrte.
Sie warfen sich auf den Steg, streckten die Arme aus, und Jeff Bowie sprang mit einem Riemen auf den Steg. Mit viel Geschrei wurde der Mönch auf den Steg gezogen, auf die Beine gestellt und an den Armen festgehalten.
„Laßt mich reden“, sagte Don Juan und drängte sich zwischen den Bauern, Seewölfen und Fässerschleppern hindurch. Er blieb vor dem Mönch stehen, aus dessen Kutte das Wasser rann.
Wuterfüllt zeterte der Triefende: „Sie sind von diesem seltsamen Schiff, Señor?“
Seine Stimme war hoch und grell. Die Worte sprudelten zwischen seinen gelben Zähnen hervor. Aus der Kapuze lief ein dicker Wasserstrahl und plätscherte auf die Planken.
„Und ich bedaure überaus das Mißgeschick, das Ihnen passierte, Señor Hochwürden“, sagte Don Juan und zupfte an den Enden der Ärmel. Er packte sie nacheinander und wrang sie aus, „Sie sind unvorsichtig gewesen. Es ist indessen ungeschickt, sich zwischen schwer schuftende Seeleute zu mengen. Was veranlaßt Sie, Hochwürden, das Schiff so ausgiebig zu betrachten?“
Der tropfende Mönch schüttelte sich. Die meisten Arwenacks sahen, daß sich Don Juan um den Vorfall kümmerte und Big Old Shane mit vor der Brust verschränkten Armen wachsam hinter ihm stand.
Die Arwenacks arbeiteten schnell und schweigend weiter. Sie wußten, daß viel davon abhing, als erstes Schiff wieder bereit zum Auslaufen zu sein.
Die zweite Ladung gefüllter Wasserfässer wurde eines nach dem anderen über den Steg an Bord gemannt. Der Kutscher schleppte ein Faß aus dünneren Holzdauben, das voller gesalzener Butter war, über die schwankende Planke. Der Mönch ließ sich von Don Juan und Big Old Shane über den Steg bis zum Kai führen.
„Sie müssen sofort in Ihre Klause, Don Ferrer“, sagte Don Juan drängend. „Bei diesem Wetter holen Sie sich den Tod, schneller, als es das Schicksal wollte.“
„Was wissen Sie schon vom Schicksal? Meines ist in der Hand des Herrn“, murmelte der Mönch.
„Da gehört es auch hin“, brummte Big Old Shane. „Dürfen wir sie dorthin bringen, wo Sie Trockenheit, Wärme und Gemütlichkeit finden?“
„Zur Kirche“, ächzte Hernando Ferrer. „Zum Stadtgeistlichen.“
Dan O’Flynn, sagte sich Don Juan, wäre in stilles Grinsen ausgebrochen, wenn er diese eindrucksvolle Szene gesehen und miterlebt hätte. Er verbeugte sich tief vor dem nassen Jesuiten und dachte daran, wie viele aufrechte Männer die Inquisition in die Kerker geworfen, verurteilt, um ihren Besitz gebracht und schließlich bei lebendigem Leib verbrannt hatte. Mit dem Mönch hatte er nicht eine Spur Mitleid. Ganz im Gegenteil: wenn Hernando wieder trocken war, würde er sich um so mehr um das rätselhafte Schiff kümmern.
„Zeigen Sie uns den Weg“, sagte Big Old Shane mitfühlend.
„Ja. Mir ist kalt. Ich friere. Don Leon kümmert sich um die Notwendigkeit meines Leibes.“
„Wenn Sie sich von meinen Kameraden ins Wasser gestoßen fühlen, dann entschuldige ich mich in ihrem Namen“, sagte Don Juan und schob den Mönch in die Richtung des Kirchturms. „Vielleicht klingelt in der nächsten Kollekte ein großes, glänzendes Goldstück.“
„Für die Armen der Gemeinde“, meinte Big Old Shane, der den anderen Arm des Mönches gepackt hatte.
An verblüfften Stadtbewohnern vorbei, die sich ihr Grinsen nur mühsam verkniffen und erst dann laut lachten, als die seltsame Gruppe außer Sichtweite war, zogen sie den Mönch. Stufen, ein Stück Sandfahrweg, einige uralte Seitengassen, deren Pflaster aufgerissen und voller Pfützen war, schlossen sich an. Zwischen zwei engbrüstigen Häusern traten sie auf einen freien Platz, in dessen Mitte sich die Kirche samt ihren Nebengebäuden erhob.
„Wohin, Hochwürden?“ fragte Don Juan, innerlich sehr erheitert, aber äußerlich ruhig und zuvorkommend. „Ins Pfarrhaus?“
„Ja, dorthin. Nach rechts.“
„Bueno.“
Sie zogen den Mönch, dessen schwerer Kuttenstoff sich voller Wasser gesogen hatte und auf der Haut des hageren Körpers klebte, zu der schmalen Tür des abseits angebauten Pfarrhauses. Die Tür ging auf, kaum daß Don Juan angeklopft hatte. Ein dicker Geistlicher mit rotem Gesicht öffnete.
„Ein Unglück, Don Ginestra“, zeterte der Jesuit. „Man stieß mich ins Wasser.“
„Eine Ungeschicklichkeit seinerseits“, beteuerte Don Juan mit ausgesuchter Liebenswürdigkeit. „Er ist auf dem nassen Steg ausgerutscht.“
Don Ginestra musterte die seltsame Gruppe und zog den Mönch ins Haus.
„Rasch! Ans Feuer! Trockenes Zeug für Padre Ferrer.“
Er rief aufgeregt in das Innere des Hauses. Der Jesuit warf beiden Seewölfen böse Blicke zu und drängte sich an seinem Gastgeber vorbei. Der Geistliche breitete entschuldigend beide Arme aus.
„Er ist ein wenig aufgeregt“, sagte er. „Ihr seid von den Schiffen, die heute früh eingelaufen sind?“
„So ist es, Hochwürden“, erwiderte Big Old Shane. „Und wir laufen bald wieder aus, wenn wir unseren Proviant gebunkert haben.“
„War Hernando Ferrer schon an Bord?“ erkundigte sich der Dicke.
„Nein. Was sollte er dort?“ fragte Don Juan sofort zurück.
„Er ist Vertreter der heiligen Inquisition. Zwar richtet sich die Durchsuchung der Bücher und Schriften nur gegen ausländische Schiffe, aber auch die spanischen Kapitäne müssen Rede und Antwort stehen, wenn nach verdächtigen Büchern und verschlossenen Paketen gesucht wird.“
„Derlei Teufelswerk findet sich nicht an Bord unserer Schiffe“, sagte Don Juan de Alcazar und bemühte sich, seinen Schrecken und seine Betroffenheit nicht zu zeigen. „Wenn er wieder trocken ist, werden wir ihm an Bord ein herzliches Willkommen bieten.“
Er verbeugte sich. Big Old Shane rang sich zu einem langsamen Nicken des mächtigen Schädels durch.
„Bis dahin: Buenas dias, Hochwürden.“
Er verbeugte sich ein zweites Mal, packte Old Shane am Arm und zog ihn mit sich. Jetzt kannte er den Grund seines Mißtrauens. Er hatte vergessen, daß in jedem spanischen Hafen fremde Handelsschiffe nicht nur von den Vertretern der Gesundheitsbehörden, des Zolls und der Hafenverwaltung durchsucht wurden, sondern daß in Spanien die Inquisition herrschte.
Der Jesuit unter Deck? fragte er sich und grinste kalt. Das wäre die dümmste Maßnahme, den ganzen Plan mit einem Schlag auffliegen zu lassen!
„Jetzt wird’s gefährlich“, sagte er entschlossen. „Die Inquisition streckt ihre Finger nach unserer Schebecke aus. Das muß verhindert werden, Old Shane.“
„Ich verstehe kein Wort“, erwiderte der Schiffsschmied. „Aber es klingt nicht gut.“
Sie eilten zurück zum Hafen. Das Gewimmel um die Schiffe war deutlich größer geworden.
Darmowy fragment się skończył.