Czytaj książkę: «Arten vor dem Aus»
Forum Biodiversität Schweiz SCNAT (Hrsg.)
Arten vor dem Aus
Zu Besuch bei aussterbenden Tieren und Pflanzen in der Schweiz

Forum Biodiversität Schweiz (Hrsg.)
Akademie der Naturwissenschaften (SCNAT)
Laupenstrasse 7
Postfach
CH-3001 Bern
www.biodiversity.ch
Präsident: Prof. Dr. Florian Altermatt

Die Herausgabe dieses Buchs war nur dank der
Mithilfe zahlreicher Fachpersonen und der finanziellen
Unterstützung durch Stiftungen, Fonds
und Institutionen möglich (siehe S. 256).
Autoren: Gregor Klaus, Nicolas Gattlen und
Daniela Pauli
Fotografie: Tomas Wüthrich, Liebistorf
Gestaltung: Atlas Studio, Zürich
Illustrationen: Corinne Klaus, Rothenfluh BL
Lithografie: Marjeta Morinc, Basel
Zitiervorschlag
Klaus G., Gattlen N. und Pauli D. (2020): Arten
vor dem Aus. Zu Besuch bei aussterbenden Tieren
und Pflanzen in der Schweiz. Hrsg.: Forum Biodiversität
Schweiz, SCNAT. Bern: Haupt, 256
Seiten.
1. Auflage: 2020
Diese Publikation ist in der Deutschen National-bibliografie
verzeichnet. Mehr Informationen
dazu finden Sie unter http://dnb.dnb.de.
ISBN: 978-3-258-08201-1 (Buch)
ISBN: 978-3-258-48201-9 (EPUB)
Alle Rechte vorbehalten.
Copyright © 2020 Haupt Bern
Jede Art der Vervielfältigung ohne Genehmigung
des Verlages ist unzulässig.
Der Haupt Verlag wird vom Bundesamt für Kultur
mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2016–
2020 unterstützt.
Printed in the Czech Republic
E-Book Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheim

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Forum Biodiversität Schweiz SCNAT (Hrsg.)
Gregor Klaus
Nicolas Gattlen
Daniela Pauli
Arten vor dem Aus
Zu Besuch bei aussterbenden Tieren und Pflanzen in der Schweiz

ARTEN VOR DEM AUS













Das leise Sterben
Das Knäuel in meinen Händen blinzelt mich unter schweren Lidern hervor an, zutraulich und misstrauisch, empört und ratlos zugleich. Unruhig wechselt es von einem Bein aufs andere. Ich spüre: kräftige Füsse, starke Krallen, sonst nur graue Flauschigkeit. Ich bin hin und weg, möchte den Federball nie mehr loslassen und alles tun, was in meiner Macht steht, um den Knirps zu beschützen.
Den jungen Steinkauz hat mir Christian Stange während einer Exkursion von BirdLife Schweiz zum süddeutschen Kaiserstuhl in die Hände gedrückt, nachdem er ihn aus der sicheren Bruthöhle geholt hatte, um ihn zu beringen. Der Fachmann aus Freiburg im Breisgau ist massgeblich mitverantwortlich, dass die Steinkauz-Bestände im Dreiländereck Deutschland–Frankreich–Schweiz wieder zunehmen. Hier hat BirdLife Schweiz 1999 gemeinsam mit den BirdLife-Partnern aus Deutschland und Frankreich ein länderübergreifendes Projekt initiiert. Zum Projektgebiet gehört auch der Kaiserstuhl, ein alter, erloschener Vulkan inmitten der Rheinebene. In der Region setzen sich zahlreiche Partner und Spezialisten wie Christian Stange für den mehrheitlich nachtaktiven Mäusejäger ein.
Der Steinkauz war einst im offenen Landwirtschaftsgebiet des Schweizer Mittellands weit verbreitet. Ab den 1950er-Jahren musste er allerdings ein Gebiet nach dem anderen aufgeben. Was der Eulenzwerg zum Leben braucht — Hochstammobstbäume, Hecken, artenreiche Blumenwiesen und Weiden, Mäuerchen, Ast- und Steinhaufen —, ging durch die Intensivierung der Landwirtschaft und die Ausdehnung des Siedlungsgebiets nach und nach verloren. Zudem wurde ihm die überdüngte Vegetationsdecke zu dicht. Denn der Steinkauz ist hin und wieder zu Fuss unterwegs und rennt auf der Jagd nach Mäusen durchs lockere Gras. Auch grosse Insekten findet er kaum noch in den Feldern; ein Grossteil davon fiel Insektiziden und modernen Mäh- und Bearbeitungsmaschinen zum Opfer.
Heute kommt die 20 cm kleine Eule in der Schweiz nur noch in der Ajoie, in den Kantonen Genf und Tessin sowie mit einzelnen Individuen im Seeland vor. Die winzigen Schweizer Populationen können sich nur dank Schutz- und Fördermassnahmen halten. Dass es bei uns überhaupt noch Steinkäuze gibt, ist dem grossen Engagement von Naturschützerinnen und Ornithologen zu verdanken. Unter der Leitung von BirdLife Schweiz erarbeiteten sie für diese Vogelart einen Aktionsplan, den das Bundesamt für Umwelt (BAFU) 2016 veröffentlicht hat. Das Ziel: Bis 2031 soll es in der Schweiz wieder 300 Steinkauz-Reviere geben. Hierfür verbessern die Verantwortlichen in Zusammenarbeit mit engagierten Landwirten den Lebensraum: Sie schaffen sichere Nistplätze und Sitzwarten für die Jagd und sorgen für ausreichend Nahrung. Weil zu wenig alte Hochstammobstbäume mit Höhlen vorhanden sind, gehören auch mardersichere, künstliche Nisthöhlen zum Mobiliar.
Der Steinkauz ist kein Einzelfall. So wie ihm erging es zahlreichen anderen Vogelarten des traditionellen Kulturlands. Mit der Industrialisierung der Landwirtschaft starben Raub-, Schwarzstirn- und Rotkopfwürger aus; in den letzten Jahrzehnten gingen auch die zuvor häufigen Bodenbrüter wie Feldlerchen und Braunkehlchen dramatisch zurück. Doch die Vögel sind nur die gut sichtbare Spitze des Eisbergs. In der Schweiz sind von den knapp 50’000 bekannten Arten gemäss den bisher erarbeiteten Roten Listen mehr als ein Drittel gefährdet oder vom Aussterben bedroht; 247 gelten bereits als ausgestorben oder verschollen. Besonders schlimm steht es um jene Spezies, die an Wasser oder feuchte Lebensräume gebunden sind. Viele weisen nur noch kleine Restbestände auf und haben hierzulande unter den heutigen Rahmenbedingungen langfristig keine Überlebenschance.
Während das Verschwinden der Vögel von vielen Menschen bemerkt und bedauert wird, verläuft das Erlöschen weniger auffälliger Arten weitgehend im Verborgenen. Dass der Laufkäfer Amara concinna, die Ergrünende Lungenflechte (Lobaria virens) und die Eintagsfliege Ephoron virgo in der Schweiz ausgestorben sind, wissen nur wenige Fachleute. Still und leise verabschiedet sich ein Wunderwerk der Natur nach dem anderen.
Die in diesem Buch porträtierten elf Arten stehen deshalb stellvertretend für Tausende von Arten. Sie kommen in unterschiedlichsten Lebensräumen vor — vom Grundwasser übers Hochmoor bis zur sonnenexponierten Trockenwiese. Ihr Nieder gang ist eng gekoppelt mit der Zerstörung, Zerschneidung und Beschädigung ihrer Habitate. So verdrängen wir die Weggefährten, die uns Menschen während der vergangenen zwei Millionen Jahre begleitet haben — Lebensformen, die im Universum einzigartig sind.
Zwischen der Bedrohung einer Art und ihrem Aussterben steht oft nur der immense Einsatz einzelner Menschen, die ihr Leben dieser einen Art gewidmet haben. Oft schon seit Jahrzehnten halten sie die Entwicklung der Bestände fest und untersuchen, was sie fürs Überleben brauchen. Und sie versuchen unermüdlich, Politikerinnen, Behörden und Landbesitzer sowie -bewirtschafterinnen zu überzeugen, auf seltene Pflanzen und Tiere Rücksicht zu nehmen. Oft gelingt dies, und die Bestände können sich halten oder sogar erholen. In anderen Fällen werden die Anstrengungen wieder zunichte gemacht, weil der Druck auf die Naturvielfalt aus einer neuen Richtung wieder steigt. So wird für zahlreiche Pflanzen- und Insektenarten der flächendeckende, übermässige Eintrag von Stickstoff über die Luft — hauptsächlich aus der Landwirtschaft und teilweise aus dem Verkehr — zunehmend zur Bedrohung.
Das Forum Biodiversität Schweiz der Akademie der Naturwissenschaften (www.biodiversity.ch) hat die beiden Journalisten Gregor Klaus und Nicolas Gattlen losgeschickt, um sich zusammen mit Spezialistinnen und Spezialisten auf die Suche nach den letzten Exemplaren von elf Tier-, Pilz- und Pflanzenarten zu machen. Ihre Reportagen zeigen, weshalb diese Arten vor dem Aus stehen und was zu tun wäre, damit es ihnen wieder besser geht. Zugleich geben sie Einblick in das Leben und die Beweggründe jener Menschen, die diese Arten mit Liebe und Sachverstand, Ausdauer und Humor untersuchen und darüber erstaunliche Geschichten erzählen können. Geschichten über wundersame, liebenswerte, nützliche und skurrile Gesellen, mit denen wir unser Land (noch) teilen.
Daniela Pauli

Das letzte Feuerwerk
Insubrischer Enzian

Die letzten Rückzugsgebiete des Insubrischen Enzians liegen über der Waldgrenze in den südlichen Kalkalpen des Tessins. Stefan Eggenberg, Direktor des nationalen Daten- und Informationszentrums zur Schweizer Flora, weiss von einer Weide, wo der vom Aussterben bedrohte Enzian mit grosser Wahrscheinlichkeit noch anzutreffen ist.
Wir kommen nur schleppend voran. Gemäss der Zeitangabe auf dem Wegweiser in Cimadera müssten wir längst auf dem Passo di Pianca Bella sein. Doch Stefan Eggenberg ist Botaniker und begrüsst alle paar Meter eine Pflanze am Wegrand – mit Vor- und Nachnamen. Soeben stellt er mir Luzula nivea vor, zu Deutsch: die Schneeweisse Hainsimse, ein hübsches, grasartiges Binsengewächs. Eggenberg belässt es nicht bei der profanen Etikette; stets weiss er eine unterhaltsame Geschichte zu erzählen. «In den Nordalpen würden wir an diesem Standort Luzula luzuloides finden, die Weissliche Hainsimse. Am Alpenhauptkamm kommt es zu einem spannenden Artenwechsel. Das erinnert mich an meine erste botanische Exkursion ins Tessin, an der ich als junger Student teilgenommen habe. Ich war anfangs so enttäuscht. Es sah stellenweise aus wie bei uns im Norden: Buchen, Sauerklee, Heidelbeere und so weiter. Nur 10 % der Arten, die im Tessin vorkommen, findet man nicht auch auf der Alpennordseite. Wenn ich aber eine neue Region bereise, interessieren mich neue Arten, weniger der Grundstock, der in ganz Europa vorkommt. Oder mich interessieren die unterschiedlichen Verhaltensweisen einer Art. So kommt beispielsweise Rhododendron ferrugineum dort drüben zwischen den Bäumen im Tessin auch im Unterwuchs der Wälder vor, nicht nur über der Waldgrenze. Das ist für die Rostblättrige Alpen rose sehr speziell und hat mit dem feuchten Klima hier im insubrischen Teil der Alpen zu tun.»
Eggenbergs Geschichten würden ein ganzes Buch füllen. Und er weiss, wovon er redet: Seit 2011 ist Eggenberg Direktor von Info Flora, dem nationalen Daten- und Informationszentrum zur Schweizer Flora. Eigentlich sind wir heute aufgebrochen, um Gentiana insubrica zu suchen, den Insubrischen Enzian, von Eggenberg salopp «die Insubrica» genannt. Der Name verrät es schon: Das Verbreitungsgebiet dieses Enzians ist geografisch begrenzt. Insubrien ist die Gegend zwischen dem Po und den voralpinen Seen, die in der Antike vom keltischen Stamm der Insubrer bevölkert wurde. Innerhalb dieses Areals besiedelt der Enzian nur eine kleine Fläche im Südtessin und den angrenzenden Gebieten in Italien. Mindestens 60% des Verbreitungsgebietes liegen in der Schweiz. Damit gilt die Art als Teil-Endemit.
Ihr nächster Verwandter ist der Deutsche Enzian, Gentiana germanica. Die Gletscher der Eiszeiten haben diese einst weitverbreitete Art in mehrere kleine Populationen gespalten, die zwischen den Eismassen der Gletscher überlebten. Einzelne isolierte Bestände haben sich in den Zwischeneiszeiten nur langsam ausgebreitet, an die jeweiligen regionalen Umweltbedingungen angepasst und letztlich zu eigenen Arten entwickelt. «Ich staune immer wieder darüber, wie gut man die Muster der Eiszeiten selbst nach 10’000 Jahren in der Vegetation erkennt», sagt Eggenberg. «Viele Arten sind offenbar stark eingeschränkt in ihren Ausbreitungs- und Wandermöglichkeiten.»
So auch die Insubrica, über deren genaues Vorkommen in ihrem Verbreitungsareal wenig bekannt ist. Das will Eggenberg ändern. Seine heutige Pirsch führt uns vom kleinen Ort Cimadera, 40 Fahrminuten von Lugano entfernt, durch dichte Wälder bis an die alpine Zone. Was man weiss: Sämtliche Vorkommen unter der Waldgrenze sind heute erloschen.
Diese Flächen sind entweder überbaut, verwaldet oder zu Fettwiesen umgewandelt worden. Die letzten Rückzugsgebiete im eh schon kleinen Verbreitungsareal liegen über der Waldgrenze in den südlichen Kalkalpen des Tessins. Doch auch dort ist die Insubrica nicht sicher. Am Monte San Giorgio konnte die Art in den letzten Jahren nicht wiedergefunden werden. Genau dort hat der Schweizer Philosoph, Psychologe und «Hobbybotaniker» Hans Kunz den speziellen Enzian zum ersten Mal wissenschaftlich beschrieben, Belege gepresst, getrocknet und in Museen hinterlegt. Potenzielle Schweizer Vorkommen gibt es nur noch am Monte Generoso und in dem Gebiet, wo wir uns gerade aufhalten.
Eggenberg weiss von einer Weide, wo der Enzian mit grosser Wahrscheinlichkeit anzutreffen ist. Er möchte aber den Ausflug nutzen, um auch noch angrenzende Flächen zu inspizieren, auf denen sich der Enzian theoretisch auffinden lässt. 700 Höhenmeter trennen uns davon! «Im Tessin ist das von der Distanz her nicht so weit», beruhigt mich der Botaniker. «Es geht immer steil bergauf.» Eggenberg ist mit seinen fast zwei Metern viel grösser als ich, und wenn er einen Schritt macht, muss ich zwei machen. Zum Glück ist das Tempo moderat.
Eggenberg kennt die meisten der rund 3000 Pflanzenarten der Schweiz. Aus dem Vorkommen von Arten kann er auf die Geologie im Untergrund und die Nutzungsgeschichte schliessen. Er liest in der Vegetation wie in einem Buch. In einem Birkenwäldchen findet er die Blätter einer Feuerlilie und weiss sofort: Hier war früher Grasland; die Feuerlilie wird bald verschwinden, weil sie viel Licht braucht. Überhaupt ist die Verwaldung überall anzutreffen im Tessin und ein grosses ökologisches Problem, weil die vorrückenden Bäume Blumenwiesen überwuchern und Monokulturen bilden.
Eine spezielle Geschichte erzählt uns auch der dunkle Buchenwald mit nacktem Boden, durch den wir zügig hindurchlaufen. Darin stehen keine grossen, einstämmigen Bäume, sondern eng beieinander viele niedrige Gehölze. Aus jeder Basis ragen mehrere 10 bis 20 m hohe Triebe, ein Niederwald, der erst in jüngerer Zeit aufgegeben wurde. In diesem menschengemachten Waldtyp wurden die Buchen alle 10 Jahre zur Gewinnung von Brennholz fast bodeneben abgeschlagen. Das viele Licht, das auf den Boden fiel, hatte dazu geführt, dass sich eine artenreiche Flora und Fauna entwickeln konnte. Wird die Bewirtschaftung aufgegeben, entwickelt sich eine artenarme Monokultur. «Das ist trostlos», findet Eggenberg und beschleunigt seine Schritte. «Das ist kein Wald, der mir gefällt.»
Dafür freut sich Eggenberg über einen Kastanienbaum ein paar Hundert Meter weiter – auch wenn es keine einheimische Art ist. Sie stammt vermutlich aus Kleinasien und wurde von den Menschen schon vor mehr als 2000 Jahren im Tessin eingeführt. In den Talgebieten ersetzte die Art nach und nach fast alle einheimischen Waldbäume. «Hier ist wenig natürlich», sagt Eggenberg.
Während Jahrhunderten war die Kastanie im Tessin ein Grundnahrungsmittel. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts kam die Baumfrucht vielerorts sowohl mittags als auch abends auf den Teller. Für die Wintermonate wurde sie getrocknet und zu Mehl verarbeitet. Heute hat die Kastanie ihre Rolle als «Brotbaum der Armen» längst verloren. Der wirtschaftliche Aufschwung, die Abwanderung aus den Tälern und veränderte Essgewohnheiten machten die Kastanie beinahe wertlos. Weil sie aber 2000 Jahre Zeit hatte, sich ins Ökosystem einzufügen, pflanzt sie sich selbstständig in den Tessiner Wäldern fort und wird von Botanikern als einheimische Pflanze anerkannt.

In sogenannten Niederwäldern wurden die Buchen alle zehn Jahre zur Gewinnung von Brennholz fast bodeneben abgeschlagen. Es entstanden spezielle Waldlebensräume, die licht- und artenreich waren. Diese Bewirtschaftung wurde nach und nach aufgegeben, so auch in diesem ehemaligen Niederwald, der dunkel und artenarm ist.
Gar keine Freude hat Eggenberg dagegen an den vielen exotischen Gartenpflanzen, die sich seit Jahrzehnten reihenweise aus den Tessiner Vorgärten im Umland verbreiten und die Flora verändern. Bereits am Morgen, kurz nachdem wir den Bahnhof Bellinzona passiert hatten, hat mich Eggenberg auf das Ausmass dieser Invasion aufmerksam gemacht. «Schau, die Pflanze dort drüben am Bahnbord. Das ist Ailanthus altissima, der Götterbaum, der aus China und Nordvietnam stammt. Das wird ein riesiges Problem für die Tessiner Flora. Er bildet Monokulturen und überwuchert alles.» Botanisieren aus dem Zugfenster war eine neue Erfahrung für mich.
Für Eggenberg ist klar: Diese Art muss bekämpft werden. Nicht für ewig, denn der Kampf gegen die Neuankömmlinge gleicht dem Kampf gegen Windmühlen. Aber man müsse der Natur Zeit geben, die Neuankömmlinge zu integrieren. Die Arten sind nun mal in den Gärten, und das insubrische Klima bekommt ihnen prächtig. Dieses ist warm-gemässigt mit einem Hang zum feucht-subtropischen und ähnelt damit jenem in Ostasien, auf den Kanarischen Inseln oder am Schwarzen Meer, von wo viele unserer Gartenpflanzen stammen. Weil gleichzeitig die Eiszeit vor Tausenden von Jahren die immergrünen Wälder im Tessin ausradiert und der Mensch eine enorme Dynamik in die Landschaft gebracht hat, gibt es reichlich Lücken im Ökosystem, die nun von Gartenpflanzen besetzt werden. Viele dieser Arten sind invasiv und machen sich im Unterholz tiefer Lagen breit. Kampferbäume und Tessinpalme machen zwar den Wald wieder immergrün, verdrängen aber auch einheimische Gewächse oder machen wie im Fall von Ambrosia artemisiifolia, kurz Ambrosia genannt, mit ihrer Pollenfracht Asthmatikern das Leben schwer. Andere machen mit ihren Wurzeln Dämme instabil.
«Ich verstehe die Leute nicht, die sagen, dass diese Arten eine Bereicherung seien. Das ist es global gesehen nicht, weil die Vegetation vereinheitlicht wird. Diese flächendeckende Banalisierung beeinträchtigt die biologische Vielfalt. Die Vorstellung, dass irgendwann überall die gleichen Arten vorkommen, finde ich furchtbar. Man kann von Bern mit dem Zug in den Balkan fahren und sieht inzwischen immer die gleichen 2 bis 3 Pflanzenarten entlang des Bahndamms. Das stimmt mich traurig. Wenn mir jemand sagt, dass Impatiens glandulifera, das Drüsige Springkraut, Farbtupfer in die Auenwälder bringt, sage ich: Jetzt hab ich sie langsam gesehen, die immer gleichen Farbtupfer.»
Eggenberg ist dafür, gebietsfremde Arten, die ökologische, gesundheitliche oder ökonomische Schäden verursachen, zu bekämpfen. Es geht darum, den einheimischen Arten eine Ruhepause zu verschaffen, bis sich ein Gleichgewicht eingestellt hat.
Ständig kommen neue Arten. Am Lago Maggiore spielen sich Szenen ab wie in einem Science-Fiction-Film. Die Lianenart Kudzu, wissenschaftlich Pueraria lobata genannt, überwuchert sogar Masten, Strassenlampen und Stromleitungen. Die Art stammt aus dem subtropischen Asien und gehört zu den 100 aggressivsten invasiven Arten weltweit. Im Tessin, wo sie an 30 Standorten gefunden wurde, konnte bei Trieben ein Zuwachs von bis zu 26 cm pro Tag gemessen werden. Damit kann Kudzu den Boden mit mehreren Pflanzenschichten überdecken und verdrängt so einheimische Pflanzen- und Insektenarten.
Der Bund hat auf die Probleme reagiert und besonders invasive Arten auf eine Verbotsliste gesetzt. Die Arten auf der Liste dürfen von Gartenbaubetrieben nicht mehr verkauft werden. Das ist schwieriger als gedacht. «Die Goldrute aus dem Verkauf zu bringen war ein riesiger Aufwand», erinnert sich Eggenberg. Das attraktive Gewächs ist ein grosses Problem in Naturschutzgebieten, den Kronjuwelen des Schweizer Naturkapitals.
Ganz anders sieht er die natürliche Einwanderung von Arten aus dem Mittelmeerraum: «Letztendlich sind alle Arten im benachbarten Italien auch hier potenziell einheimisch. Mit dem Klimawandel ist alles in Bewegung geraten.» Botaniker führen daher die Liste der einheimischen Flora immer wieder nach.
In einem Tobel entdeckt Eggenberg Pritzelago alpina, die Gämskresse, die an diesem Standort eigentlich nichts verloren hat. Im Gegensatz zum Götterbaum ist sie einheimisch, ihr Lebensraum liegt aber weiter oben, weit über der Waldgrenze. Das Individuum wird in der Botanik als «Alpenschwemmling» bezeichnet, weil es von oberen Vegetationsstufen mit Bächen und Flüssen in tiefere Lagen mitgerissen wurde und dort auf Schutt und Kiesinseln munter weiterwächst.
Eggenberg zückt einmal mehr sein Handy, öffnet FlorApp, fotografiert das Pflänzchen und gibt verschiedene Daten ein: Artname, Koordinaten des Standorts, Funddatum. Die von Info Flora entwickelte Software für Handys ermöglicht es seit Juli 2016 jedem Hobbybotaniker, Fundmeldungen von Gefässpflanzen, Moosen, Flechten und Pilzen zu erfassen; die Fundmeldungen werden direkt an die für diese Organismen zuständigen Schweizer Datenzentren weitergeleitet, entweder via WLAN von zu Hause aus oder gleich aus dem Feld. Bereits mehr als 1000 Personen in der Schweiz melden regelmässig Pflanzenfunde. Dadurch wird das Bild der Schweizer Flora immer schärfer.
«Enzian!», ruft Eggenberg und der Fotograf zückt seine Kamera. «Den suchen wir, oder?», «Nein, das ist Gentiana asclepiadea, der Schwalbenwurz-Enzian, der weitverbreitet ist.» Die Pflanze ist mit ihren 80 cm Höhe und den vielen grossen blauen Blüten besonders attraktiv. Allein in der Schweiz können 30 Enzianarten angetroffen werden, eine schöner als die andere. Nicht umsonst ist im Logo von Info Flora ein Vertreter dieser Artengruppe zu sehen. Selbstverständlich wird auch dieses Individuum sofort von Eggenberg inventarisiert und digital hochgeladen.
Und dann erreichen wir sie doch noch, die Waldgrenze. Die imposanten Denti della Vecchia mit ihren markanten Felsnadeln erheben sich südwestlich von uns. Je höher wir kommen, desto häufiger wechselt der geologische Untergrund von Silikat auf Kalk und wieder zurück. Die Veränderung ist nicht zu überhören. «Jetzt geht’s los!», ruft Eggenberg, als das Gestein von Schieferschwarz auf Kalkweiss wechselt. Und schon zählt er im Sekundentakt die vielen neuen Pflanzenarten auf. Auf Silikat wird Eggenberg wieder deutlich ruhiger. Später erklärt er: «Kalziumionen sind ein Problem für Pflanzen. Es ist daher einfacher für kalktolerante Pflanzen, auf Silikat zu wachsen als umgekehrt. Dennoch hat es pro Flächeneinheit viel mehr Arten auf kalkigem Boden. Das ist ein Widerspruch, ich weiss, und die Ursache ist auch noch nicht ganz geklärt. Es wird vermutet, dass Kalkböden sehr vielfältig sind: Hier gibt es auf kleinem Raum trockene und feuchte Stellen, basische und saure Bereiche, nährstoffarme und nährstoffreiche Flächen. Diese Vielzahl an Nischen führt dazu, dass konkurrenzstarke Arten den Pflanzenbestand nicht dominieren können und Platz für eine hohe Artenvielfalt vorhanden ist.» Eggenberg bezeichnet das als «wahrscheinliche Erklärung».
Kurz darauf entdeckt er Arabis alpina. «Das muss ich gleich einem Kollegen schicken. Der arbeitet an dieser spannenden und sehr konkurrenzstarken Art.» Eggenbergs Kollege ist Botanikprofessor und sammelt alle verfügbaren Informationen und Vorkommen zu dieser Pflanzenart. «Man vermutet, dass die einzelnen Pflanzen einer Population sich gegenseitig helfen und noch dazu von Bodenpilzen unterstützt werden. Man weiss viel zu wenig darüber, was im Boden passiert».
Eine Herde freundlicher Schottischer Hochlandrinder begrüsst uns auf einer Weide. «Lass uns die Insubrica finden», sagt der Botaniker und springt hangaufwärts. Wonach suchen wir eigentlich genau? «Der Enzian blüht violett-blau, ist 10 bis 25 cm gross und besteht fast nur aus Blüten. Er sollte nicht zu übersehen sein.»
Wir stossen auf wirre Grasflächen. Die Blätter bilden regelrechte Dauerwellen am Boden. «Wir nennen das Seegras», sagt Eggenberg beiläufig. «Die Tiere fressen das nicht gerne. Hier müssen wir nicht suchen. Die Vegetation ist viel zu dicht und zu hoch». Und dann wird er immer stiller. Das erste und einzige Mal an diesem Tag. Wir laufen über bodeneben abgegraste Ziegenweiden. Optimal eigentlich, denn die Insubrica mag es hell und verträgt keine Konkurrenz. Vom Vieh wird sie gemieden, weil die ganze Pflanze wie alle Enziane extrem bitter schmeckt. Dennoch, vom Enzian weit und breit keine Spur.
Unsere Magen knurren und wir beschliessen, auf einer Bank zu essen. «Mit vollem Bauch sucht es sich besser», meint Eggenberg. Mir schwirrt der Kopf vor lauter Botanik. Ich lasse den Blick über die Landschaft schweifen. Es ist Mitte September, die Fernsicht ist gut. Auch Eggenberg blickt in die Runde. Arten lassen sich auf die Distanz nicht bestimmen, dafür hat er jetzt ganze Lebensgemeinschaften im Fokus. Sein Blick verfinstert sich. «Schau, dort drüben auf der anderen Talseite. Die dunkelgrüne Fläche zwischen und über den Waldgebieten besteht nur aus Adlerfarn. Das waren vor wenigen Jahren noch Weiden, die aufgegeben wurden. Danach löst eine Monokultur die andere ab. In ein paar Jahren wird der Besenginster die Flächen erobern, dann kommen Birken, Weiden und dann die Buche. Bis sich diese Wälder aber in artenreiche Urwälder verwandeln, wird es noch Jahrhunderte dauern.»
Vor 100 Jahren war hier alles Wiese, Weide oder Acker. Wald hatte es nur in den steilen Tobeln. Jeder Quadratmeter wurde genutzt, vor allem im 19. Jahrhundert, als die Bevölkerung im Tessin dramatisch wuchs. Ab Mitte des 20. Jahrhunderts setzte die Landflucht ein. Es lockten gute Arbeitsplätze gleich im Tal unten als attraktive Alternative zur mühsamen Bewirtschaftung der steilen Hänge, die sich trotz hoher staatlicher Direktzahlungen nicht lohnte.
In der über dem Adlerfarn bzw. der Baumgrenze liegenden alpinen Zone ist die ökologische Situation nicht besser: Durch die Übernutzung der Flächen in den letzten Jahrhunderten und den Stickstoffeintrag über die Luft aus der dicht besiedelten Poebene sind die eh schon sauren Silikatböden derart stark versauert, dass Aluminium aus den Mineralien mobilisiert wird. Und dieses ist für die meisten Pflanzen toxisch. Nur Nardus, das Borstgras, kommt mit diesen Bedingungen sehr gut zurecht und hat sich auf den Matten breitgemacht. «Auf der gegenüberliegenden Seite würde ich nie und nimmer eine botanische Exkursion unternehmen, es sei denn, es interessiert sich jemand für Nardus in all seinen Formen und Farben», erklärt Eggenberg. «Im Moment ist ein Grossteil der Landschaft im Tessin im vermutlich eintönigsten Zustand seit dem Ende der letzten Eiszeit. Es gibt keine Flecken mehr, die wirklich natürlich sind, nicht mal auf den Bergspitzen. Viele Lebensräume sind artenarm und instabil.»
Mit vollem Magen wuchten wir uns schliesslich hoch und machen uns auf die Suche nach unserem Zielobjekt, das irgendwo zwischen uns und dem steilen Grat wächst, der sich vor uns erhebt. «Hier ist alles Kalk, da hat die Insubrica eher eine Chance», sagt Eggenberg hoffnungsvoll. «Sie braucht Weiden und Offenland.» Die erste Weide ist leer. «Im schlimmsten Fall finden wir sie nicht. Sie ist ja auch in ihrem begrenzten Verbreitungsgebiet sehr selten. Lasst uns auf der Weide nach dem Tobel weitersuchen. Dort stechen wir den Hang hoch. Die seltenen Arten sind meist nicht direkt am Weg.»
Seine Prophezeiung soll sich bewahrheiten: Nach 40 m lässt sich Eggenberg auf die Knie fallen. «Hey, komm rüber», und man hört es seiner Stimme an: Er hat das Zielobjekt entdeckt. «Schau hier! Megaschön.» Er zeigt auf ein kleines Blumenbouquet, das nur wenige Zentimeter über den Rasen schaut. Die Insubrica besteht aus einem Büschel Blüten oder ist, wie Eggenberg sagt, «ein explodierendes Feuerwerk!». Für Eggenberg ist Weihnachten und Ostern zugleich. Er hebt die Hand für ein «High Five» und wir klatschen unsere erhobenen Hände gegeneinander. Im nächsten Moment hat er eine Blüte zwischen den Fingern – zu wissenschaftlichen Zwecken natürlich. «Fünf», sagt Eggenberg stolz und reicht mir den Schatz. «Zähl die Kronzipfel. Es sind fünf. Also kann es nicht ein Feld-Enzian sein, der vier Zipfel hat, in der Schweiz weitverbreitet ist und hier potenziell auch vorkommt. An diesem Ort wurde noch nie eine Insubrica gefunden», erklärt Eggenberg, zückt das Handy, macht ein Porträt von der Pflanze und tippt die benötigten Daten ein. «Wie gross ist die Population? Kannst du mal schauen?» Ich finde im Umkreis rund 20 weitere Pflänzchen im Gras.
Mich verwirrt das völlige Fehlen grüner Blätter. «Der Enzian besteht im ersten Lebensjahr nur aus einer unauffälligen Blattrosette», erklärt der Botaniker. «Im zweiten Jahr investiert er dann die gesamte Energie, die in den Wurzeln gespeichert ist, in die Blüte und stirbt dann ab.» Geblüht wird bei den meisten Enzianen im Herbst, wenn die Tiere alles schon bodeneben abgeweidet haben und sie in konkurrenzloser Pracht die bestäubenden Insekten ganz für sich haben.
Für Eggenberg ist heute Premiere: Die Insubrica hat er zuvor noch nie zu Gesicht bekommen, und das will was heissen für jemanden, der jeden Monat mehrere Exkursionen für Studenten leitet. Wie oft kommt es noch vor, dass er eine neue Art antrifft? «Immer seltener», lacht Eggenberg. Im Jahr noch ein- bis dreimal. Oft handelt es sich um Endemiten, Arten also, die ein stark begrenztes Verbreitungsgebiet haben.
In der Schweiz gibt es 6 endemische und 65 teilendemische Pflanzenarten. Bei Letzteren, zu denen auch die Insubrica gehört, liegt ein Teil des Verbreitungsgebietes in einem oder mehreren benachbarten Ländern. Endemiten sind spannende Arten, auch für die Forschung. Es stellt sich bei jeder Art die Frage, wieso sie es nicht geschafft haben, sich auszubreiten.
In den Fokus gerückt sind die Schweizer Endemiten 2011 mit der Bestimmung von «national prioritären Arten» durch den Bund. Ziel war es, jene Arten zu ermitteln, die hierzulande bedroht sind, und für deren Überleben die Schweiz eine internationale Verantwortung besitzt. «Dies war ein wichtiger Schritt in Richtung eines effizienten Artenschutzes», sagt Eggenberg, der an den Arbeiten massgeblich beteiligt war. «Jedes Land hat vorher beim Artenschutz und bei der Artenförderung nur auf die Gefährdung geschaut. Eine hierzulande gefährdete Art, die weltweit massenhaft vorkommt, ist aber etwas ganz anderes als eine Art, die gefährdet ist und sonst nirgends vorkommt. Erstaunlicherweise wurde dieses Konzept erst spät eingeführt. Die Insubrica als Teilendemit und als bedrohte Art rangiert in der Prioritätenliste ganz weit oben.

Der Insubrische Enzian im Fokus von Stefan Eggenberg: «Hier auf dieser Fläche mag der Enzian häufig sein. Aber Hunderte an einem Ort sind nicht so viel, wenn eine Art weltweit nur noch mit wenigen Populationen in einem kleinen Areal vorkommt.»
Wenige 100 m unter dem Grat, der die italienische Grenze markiert, stossen wir auf eine weitere Insubrica-Population. Es sind Hunderte Individuen, die sich mit ihren auffälligen Blüten fast rasenartig über die Weide ergiessen. Eggenberg sieht meinen verzückten Blick. «Hier auf dieser Fläche mag der Enzian häufig sein», relativiert er. «Aber Hunderte an einem Ort sind nicht so viel, wenn eine Art weltweit nur noch mit wenigen Populationen in einem kleinen Areal vorkommt. Wenn sich hier ihr Lebensraum verändert, ist die Art weg. Für immer. Und zwar weltweit.»
Was bedeutet für ihn Biodiversität? Eggenberg überlegt. «Diese Frage stellt man sich manchmal viel zu wenig. Eigentlich ist es aber einfach: Für mich bedeutet Biodiversität Glück. Und Stolz. Und Sicherheit.» Stolz? «Ich bin stolz darauf, in einem Land zu leben, das so viele verschiedene Lebensräume und Arten auf so kleinem Raum beherbergt. Für mich hat Biodiversität sehr viel mit Heimat zu tun.» Und Sicherheit? «An immer mehr Orten in der Schweiz wurde die Biodiversität massiv reduziert. Ich denke da beispielsweise an die Agrarwüsten im Mittelland, die vergandeten Flächen in den Alpen, die eintönigen Siedlungsräume, die trostlosen Bäche. Da habe ich schon das Gefühl, das geht auf Dauer nicht gut. Die Natur bestraft Monotonie. Ein Krankheitserreger genügt, um ein ganzes System aus dem Gleichgewicht zu bringen. Wir können die Zukunft nicht ohne biologische Vielfalt bewältigen. Ich mache mir dabei weniger Sorgen um die Natur; die wird immer einen Weg finden, um zu überleben. Ich mache mir Sorgen um uns Menschen.»
Die Vielfalt wurde Eggenberg in die Wiege gelegt. Wanderungen am Wochenende und in den Ferien waren fester Bestandteil seiner Kindheit. Seine Eltern legten auch Wert darauf, den Kindern die kulturelle Vielfalt zu vermitteln, die, so Eggenberg, mit der biologischen Vielfalt «wesensverwandt» ist. Mit Kollegen gründete er eine «inoffizielle Waldschule». Ständig waren die Jugendlichen in der Natur und übernachteten tagelang draussen unter freiem Himmel. Im Dorf, wo Eggenberg aufgewachsen ist, gab es lediglich einen Kaninchenzuchtverein und einen Vogelschutzverein, der sich allerdings darauf beschränkte, Nistkästen aufzuhängen.
Fast hätte die kulturelle Vielfalt gewonnen: Eggenberg schwankte gegen Ende seiner Gymnasialzeit zwischen einem Geschichts- und einem Biologiestudium. Heute ist Geschichte sein Hobby. Nicht unschuldig an der Entscheidung war sein Biologielehrer, der seine Leidenschaft für Lebensformen im richtigen Moment gefördert hat. Mit den Tierpräparaten durfte Eggenberg in den Vitrinen der Schule Lebensräume nachbilden. Dennoch bevorzugte er die Pflanzen. «Die können nicht wegrennen oder wegfliegen, wenn man sie abzeichnen oder genau anschauen will», erklärt Eggenberg mit einem Lächeln. Fasziniert war er vor allem von der Vielfalt der Blattformen, sowohl zwischen verschiedenen Arten als auch innerhalb der gleichen Art. Seine professionellen Zeichnungen zieren mehrere botanische Bestimmungsbücher, unter anderem die «Flora Vegetativa». Eggenberg zeichnet bis heute. «Zeichnen ist ein toller Ausgleich zur täglichen Büroarbeit und zu all den Sitzungen. Ich möchte das in den kommenden Jahren intensivieren.»
In die Faszination für die Vielfalt mischte sich bald einmal die Sorge: Eggenbergs Schulweg führte durch ein abgetorftes, entwässertes und heute landwirtschaftlich genutztes Moor. Der Ruf des Kiebitzes begleitete ihn all die Jahre. Gegen Ende der Schulzeit bemerkte er eines Tages, dass der Wiesenvogel verschwunden war. «Das hat mich sehr traurig gemacht», sagt Eggenberg. «Andere Veränderungen waren nicht so offensichtlich. Heute weiss ich, dass alles langsam grüner wird, fetter, artenärmer. Wenn ich heute in mein Heimatdorf gehe, stelle ich fest: Es ist alles weniger vielfältig. Entlang des Baches ist vieles verbaut. Das ist ein Verlust an Heimat.»
Eggenbergs Handy piepst und sorgt für willkommene Ablenkung. «Bärbel Koch wird gleich zu uns stossen. Ich schicke ihr rasch unseren Standort.» Kurze Zeit später hüpft eine sportliche junge Frau den steilen Hang hinauf. Eggenberg stellt sie als «Naturaliste» vor. Koch ist Spezialistin für Insekten, kennt aber auch die Pflanzen sehr gut und eigentlich alles, was da in der Landschaft kreucht und fleucht. Als selbstständige Biologin betreut sie diverse Forschungs- und Naturschutzprojekte im Auftrag des Kantons und des Naturmuseums Lugano. Soeben kommt sie von einer Jagdschau, wo sie kontrolliert hat, ob die richtigen Tiere am richtigen Tag auf die richtige Art und Weise geschossen wurden.
«Habt ihr die Insubrica gefunden?» Schon hält ihr Eggenberg stolz eine Blüte vors Gesicht, um sich anschliessend mit ihr in ein Fachgespräch zu vertiefen. Jedes Detail der Blüte wird mit grossem Ernst unter die Lupe genommen. Grob zusammengefasst geht es darum, ob irgendwelche Strukturen an der Blüte wie Höckerchen, Fruchtknoten, Staubfäden, Kelchzipfel, Krone, Stiel und so weiter entweder kurz oder lang, gleichmässig oder ungleichmässig, gerollt oder ungerollt, gezähnt oder ungleich gezähnt, bewimpert oder nackt sind. Für Botaniker ist das wichtig, denn anhand solcher Merkmale wurde die Insubrica als eigene Art ausgewiesen.
Stefan Eggenberg hat Bärbel Koch hier ans Ende der Schweiz gebeten, um sie als Gotte für die Insubrica zu gewinnen. Dazu muss er ihr den Lebensraum und die Art persönlich zeigen, um Missverständnisse zu vermeiden und eine gute Qualität der Daten zu gewährleisten. Eggenberg und sein Team haben für viele bedrohte Arten in der Schweiz Göttis und Gotten gewonnen. Ihre Aufgabe ist es, die Bestände regelmässig zu besuchen und Alarm zu schlagen, wenn Populationen zurückgehen oder verschwinden. Koch soll auch die Augen nach neuen Populationen von Insubrica offen halten. Sie wohnt am Fuss des Monte Generoso, des einzigen Ortes in der Schweiz, wo Eggenberg weitere Vorkommen vermutet. Koch nimmt das Ehrenamt gerne an.
Denn das Überleben der endemischen Art hängt an einem seidenen Faden. Die beiden Populationen, die wir bisher gefunden haben, wachsen auf intakten Weiden. Alle anderen Weiden sind unternutzt, das heisst: Die Vegetation steht hoch, sodass wenig Licht auf den Boden fällt und die sonnenliebende Insubrica rasch verschwindet. Unternutzt sind vor allem Kuhweiden. Kurz ist der subalpine Rasen dagegen dort, wo Ziegen grasen. Bleibt die Frage, wie die Insubrica überlebt hat, als es noch keine Nutztiere gab. Die Wildtierdichte sei vor Ankunft der Menschen viel höher gewesen, sagt Eggenberg. Der Nationalpark liefert Indizien: Die Rasen über der Waldgrenze sind kurz, auch wenn die Wildtierdichte dort in Abwesenheit von Wolf, Bär und Jäger vielleicht etwas über der natürlichen Kapazität liegt. Auch die Wälder waren ganz anders. Es gab viel mehr Licht auf dem Waldboden, weil Wisent und Auerochse die Bäume in Schach hielten und umgefallene Urwaldriesen regelrechte Lichtungen hinterlassen haben, die von Reh und Hirsch offengehalten wurden.

Stefan Eggenberg hat die Biologin Bärbel Koch hier ans Ende der Schweiz gebeten, um sie als Gotte für den Insubrischen Enzian zu gewinnen. Koch hat das Ehrenamt gerne angenommen. Denn das Überleben der endemischen Art hängt an einem seidenen Faden.
Eggenberg pflückt eine Blüte für weitere Bestimmungen.
«Hey, du hast eine Blüte von einer aussterbenden Art abgerissen!», sagt Bärbel mit einem Augenzwinkern.
«Sorry. Schau, ich nehme dem Pflänzchen zum Ausgleich Konkurrenz weg.» Eggenberg beginnt sich gärtnerisch zu betätigen.
«Vielleicht war das aber ihr Schutz gegen Wind und Kälte! Und jetzt stirbt sie aus!»
«Mist!»
Beide lachen lauthals. Botanikerhumor.
Es ist schön hier oben. Heidi ist auch da: Auf einem Felssporn 200 m von uns entfernt sitzt eine junge Frau mit rotem Pullover und schaut seit Stunden gebannt in die Bergwelt.
Doch die biologische Ausstattung der Schweiz ist nicht mehr selbstverständlich. Immer grössere Lücken tun sich auf. Das weiss niemand besser als Eggenberg. Er war massgeblich an der Erstellung der Roten Liste der Pflanzen beteiligt, die 2016 erschienen ist. Fast 400 ehrenamtliche Botaniker waren im Auftrag von «Info Flora» im ganzen Land ausgeschwärmt, um 6000 alte Fundmeldungen von 800 Pflanzenarten zu bestätigen. Doch die Schatzsucher gingen bei ihrer Suche oft leer aus: Über ein Drittel der Fundorte, wo zwischen 1982 und 2002 bedrohte Arten nachgewiesen worden waren, zeigten sich verwaist. Je höher das Aussterberisiko einer Art in der alten Roten Liste von 2002 eingeschätzt worden war, desto grösser waren die festgestellten Verluste. Beispielsweise fehlten Arten der obersten Gefährdungskategorie «Vom Aussterben bedroht» bei der Hälfte der früher bekannten Fundorte. Gleichzeitig ist es sehr unwahrscheinlich, dass die Arten auf neue, unbekannte Standorte ausgewichen sind, weil in der Schweiz keine geeigneten neuen Lebensräume entstehen.
Die statistisch abgesicherten Daten zeigen insgesamt einen massiven Verlust an Biodiversität. Diese Feststellung ist ernüchternd. Offenbar reichen die vom Bund und den Kantonen seit den 1980er-Jahren ergriffenen Massnahmen zum Schutz von Arten und Lebensräumen in keiner Weise aus.
Lässt sich die Abwärtsspirale stoppen? Eggenberg ist überzeugt davon: «Mit dem entsprechenden guten Willen auf jeden Fall, und zwar ohne wirtschaftliche Einbussen – im Gegenteil. Wir gewinnen so viel, wenn wir eine reichhaltige biologische Vielfalt bewahren und fördern.» Er weiss genau, wie die Artenvielfalt stabilisiert und wieder erhöht werden kann: Dazu muss zuerst einmal die ökologische Qualität der Naturschutzgebiete und der Biodiversitätsförderflächen in der Landwirtschaft erhöht werden. Dann gilt es, sämtliche weitere naturnahen Flächen mit bedrohten Arten zu erhalten, in der ganzen Schweiz systematisch Flächen zu renaturieren und neuen Lebensraum zu schaffen. Denn der Grossteil der national prioritären Pflanzenarten lebt ausserhalb der Schutzgebiete entlang von Bächen, Waldrändern, Hecken, Wegen, Bahnlinien oder in Brachflächen und extensiven Wiesen und Weiden.
Naturschutz ist in der Schweiz Sache der Kantone. Das ist an sich nicht schlecht, denn biologische Vielfalt spielt sich auf lokaler und regionaler Ebene ab. Doch die kantonalen Naturschutzfachstellen sind hoffnungslos unterdotiert und haben wenig Einfluss auf den Regierungsapparat, vor allem in kleineren Kantonen. Ein Beispiel: Von vielen Biotopen von nationaler Bedeutung – den Perlen der Biodiversität in der Schweiz – ist nicht bekannt, ob die erlassenen Bestimmungen zu ihrem Schutz im Feld umgesetzt werden. Das heisst: Man weiss nicht, ob Verträge mit den Landnutzern bestehen, oder ob die Vielfalt auf eine andere Weise geschützt ist. Und selbst wenn ein Vertrag besteht: Es werden praktisch nie Zielwerte für bestimmte national prioritäre Arten vereinbart.
Grundsätzlich fehlt es an finanziellen und personellen Ressourcen. «Und an Ideen!», ruft Eggenberg. «Wir müssen jeden einzelnen Lebensraum und jedes Schutzgebiet als Individuum mit einer ganz eigenen Entwicklungs- und Nutzungsgeschichte sowie ganz speziellen Umweltbedingungen betrachten. Heute wird das alles über eine Leiste geschlagen. Die meisten Biodiversitätsförderflächen werden im Flachland am 15. Juni geschnitten. Das ist Unsinn, weil so überall die immer gleichen Arten gefördert werden. Ein solches System fördert keine biologische Vielfalt, sondern Einfalt. Um das Optimum aus jedem Objekt zu holen, müssen wir individualisieren. Ich wünschte mir, dass wir den Landwirten mehr Verantwortung übergeben könnten. Das wäre eigentlich die Idealform: Landwirte erhalten und pflegen die Biodiversität. Dazu müssen sie so ausgebildet werden, dass sie selber mitdenken können. Das hat auch viel mit Vertrauen zu tun. Die Landwirte müssen aber zeigen, dass sie dieses Vertrauen verdienen.»
Gefordert sei vor allem die Politik, so Eggenberg. Denn Biodiversität ist ein sogenanntes öffentliches Gut. Alle profitieren von ihr beziehungsweise alle leiden darunter, wenn sie verloren geht, aber niemand fühlt sich dafür verantwortlich, das Naturkapital zu schützen. Das ist ein klassisches Marktversagen, das der Staat korrigieren muss. «Das hat nichts mit politisch rechts oder links zu tun. Wir haben einfach keine Alternative, als Natur zu erhalten und zu fördern.»
Eggenberg sieht Lichtblicke: «Auf Gesellschaftsebene nehme ich eine Sensibilisierung für die Anliegen der Biodiversität wahr. Daran seid ihr Journalisten mit schuld», meint er grinsend. «Vielleicht hat der Naturverlust aber auch einfach eine Grenze überschritten, an der die Leute beginnen, etwas zu vermissen. Ihre Lebensqualität nimmt ab. Ich denke auch, dass die Menschen mit der überbordenden Globalisierung wieder ein Gegengewicht suchen, und zwar in Form von Heimat. Natur ist ein wesentlicher Bestandteil von Heimat. Ich sehe viele Indizien: Die Menschen machen beispielsweise wieder vermehrt selbst Konfitüre, sie kaufen Zeitschriften wie ‹Landliebe› und interessieren sich sogar für die biologische Vielfalt: Unsere Feldbotanikkurse verzeichnen einen extremen Zulauf und sind immer ausgebucht. Das stimmt mich optimistisch. Wenn das so weitergeht, wird es auch in der Landschaft sichtbar. Sogar der Bauernverband will wissen, wieso die Insekten sterben! Das ist doch toll! Sie merken, dass Ökosystemleistungen wegfallen. Das wäre vor 10 Jahren undenkbar gewesen.» Eggenberg hält inne, schaut über die Blumenwiese und fügt hinzu: «Wir müssen uns einfach wieder mehr Natur leisten. Naturschutz ist für mich auch ein Gestaltungsbereich des Menschen, eine Kulturleistung. Eine intakte Gesellschaft ist ohne Natur undenkbar! Es ist DIE Chance, uns Glück zu verschaffen!»

«Wir müssen uns einfach wieder mehr Natur leisten», findet Stefan Eggenberg. «Eine intakte Gesellschaft ist ohne Natur undenkbar!»
Ganz oben auf dem Grat entdeckt Bärbel Koch noch ein paar Enziane und denkt laut über mögliche Wechselwirkungen mit Insekten nach. Mitten im Gespräch bückt sie sich unvermittelt, packt ein kleines braunes Geschöpf und dreht es zwischen den Fingern. «Eine Dornschrecke. Wie hübsch. Die sind schwierig zu finden.» Sie überlegt kurz, ob sie das Tier in Alkohol konservieren soll. «Ich bin dabei, eine Sammlung mit einheimischen Heuschrecken anzulegen. Da müssen leider ein paar dran glauben.» Schliesslich zückt sie den Fotoapparat, dokumentiert den Fund und lässt die Heuschrecke von dannen hüpfen.
Der Fotograf, der uns begleitet, macht uns freundlich darauf aufmerksam, dass die Welt sich nicht nur am Boden abspielt. Wir sollten doch mal einen Blick in die Landschaft werfen. Der Blick ist tatsächlich überwältigend. Im Osten blicken wir nach Italien – Wald, soweit das Auge reicht. «Die Landflucht war in den italienischen Alpen noch viel extremer als im Tessin», sagt Eggenberg. Er glaubt nicht, dass die Insubrica dort unterhalb der Baumgrenze überlebt hat. In der Mitte des Panoramas liegt der Luganersee, dahinter erhebt sich der Monte Generoso, daneben der Monte San Giorgio. Weiter westlich schimmert der Lago Maggiore. Mit diesem Panorama vor Augen laufen wir den Grat entlang. Der Weg heisst zu Recht «Scenic Route». Irgendwann steigen wir steil in den Wald hinunter, um nach einer Stunde auf einer Weide zu stehen, die übersäht ist mit violett-blauen Blüten. «Willkommen in der grössten Population von Insubrica», sagt Eggenberg mit ausgebreiteten Armen. Die Weide ist scharf von Wald eingefasst und wirkt wie ein botanischer Garten. Befriedigt stellt Eggenberg fest, dass die Population stabil ist. Immerhin. Er ist froh, dass Bärbel Koch den Bestand im Auge behält.
Eggenberg läuft unermüdlich im Zickzack über die Weide, zückt immer wieder das Handy, macht Fotos von Pflanzenarten, tippt Daten ein und speichert den Fund digital. «Hey, hier ist eine weitere Enzianart, die haben wir heute noch nicht gesehen!», ruft er begeistert. Ich winke ab. Meine Beine sind schwer, ich bin erschöpft. Der botanische Speicher ist längst am Überlaufen. Verwirrt schaue ich über die Wiese mit den unzähligen Insubrischen Enzianen, die nur noch hier und auf ein paar umliegenden Weiden vorkommen, eventuell noch am Monte Generoso weiter im Süden. Auf der Weide wachsen unzählige weitere Pflanzenarten: gelbe, weisse, blaue. Es ist Herbst, aber die Wiese blüht in allen Farben. Insekten düsen über die Vegetation, stoppen hier und dort. Biodiversität ist etwas Faszinierendes.

Insubrischer Enzian (Gentiana insubrica)
Im Restaurant des Zugs Richtung Norden ist das einzige vegetarische Menü ein gemischter Salat. Ich frage Eggenberg lieber nicht, welche Arten da auf meinem Teller liegen. Ich bestelle Chips zum Salat. Wir blicken beide müde aus dem Fenster. Es ist fast dunkel. Vor uns breitet sich das nächtliche Lugano aus: ein Häusermeer bis an die Waldgrenze. Irgendwo dort oben wächst eine Pflanzenart, die kaum jemand kennt und die auch kaum jemand zu sehen bekommen wird – zumindest nicht bewusst. Zu wissen, dass dort oben etwas ganz Besonderes wächst und ich die Ehre hatte, der Insubrica persönlich zu begegnen, fühlt sich gut an.
Gregor Klaus
[Nachtrag]
Zwei Wochen nach der Exkursion erreichte mich folgende Email:
Lieber Gregor
Dieses Wochenende hat sich Bärbel nochmals den Enzianblick übergeschnallt und die in die Jahre gekommenen Fundmeldungen rund um die Gipfelregion des Monte Generoso überprüft.
Das Bild ist nur halbwegs erfreulich. Die Populationen am Cima Crocetta sind offenbar erloschen, auch die daran anschliessenden an dessen Ostgratflanke (I Pianch). Aber am Südosthang des Hauptgipfels gibt es sie noch, diese kleinen Feuerwerke, und zwar genau dort, wo eben die Grashänge kurz gehalten werden, wie z.B. entlang des Bergweges.
Das Bild bestätigt sich: Der Insubrische Enzian verschwindet, wenn das Grünland aufgegeben wird und vergandet. Die Einschätzung von «Info Flora» ist richtig: Die Art ist gefährdet – und das bei einer Weltpopulation, die sich auf die Berge zwischen Luganer- und Comersee beschränkt!
Es wäre spannend zu erfahren, ob bei einer Wiederaufnahme einer Ziegenweide oder Mahd bei Cima Crocetta die armen kleinen Kerle wieder zum Vorschein kommen.
Liebe Grüsse
Stefan

Das Orchester lichtet sich
Kiesbankgrashüpfer

Der Pfynwald bei Leuk (VS) beherbergt eine der fünf letzten Populationen des Kiesbankgrashüpfers in der Schweiz. Christian Roesti kennt die arttypischen Gesänge der Heuschrecken. Doch der Kiesbankgrashüpfer macht es ihm nicht leicht: Er singt selten – und leise.
«Aha, da singt ein Steppengrashüpfer», bemerkt Christian Roesti. «Hört ihr ihn?» Leider nein. Der Fotograf verweist auf die vielen Rockkonzerte, die seine Ohren geschädigt hätten, und der Journalist auf sein umfangreiches Unwissen: Er hört zwar eine ganze Menge an Geräuschen in dieser Waldlichtung, auch viel Gezirpe, kann den Gesang des Steppengrashüpfers aber nicht erkennen, weil er ihn schlicht nicht kennt. Christian Roesti greift zu seinem Handy, öffnet eine App und spielt ein 20 Sekunden-Muster des Spontangesangs von Chorthippus vagans ab, aufgenommen in Castaneda (GR) an einem sonnigen Tag bei 20 Grad. Ein ganz normales Heugümpergezirpe – ohne die geringste Besonderheit. «Achtet auf die Tonhöhe, auf das Anschwellen des Gesangs, den Rhythmus», fordert uns Roesti auf und drückt ein zweites Mal auf die Abspieltaste. Ich versuche mir die Sequenz einzuprägen und dann mit den Geräuschen in der Lichtung abzugleichen. Einen Treffer aber kann ich beim besten Willen nicht verbuchen.
Christian Roesti schreitet nun mit dem Kinderwagen und Tochter Flurina zielstrebig auf eine sandige Fläche zu, vielleicht 15 Meter von unserem Standort entfernt. Wir sehen, wie er sich bückt und nach etwas greift. «Kommt her und schaut euch das Prachtexemplar an», ruft der Biologe. Nun, von der Pracht ist, jedenfalls auf den ersten Blick, wenig zu sehen: Der knapp 1 Zentimeter kleine, bräunlich-graue Steppengrashüpfer wäre uns nie aufgefallen, hätte uns nicht ein Kenner auf ihn aufmerksam gemacht. Immerhin wissen wir nun, dass wir auf dem richtigen Weg sind, denn der Steppengrashüpfer ist eine Begleitart des äusserst seltenen Kiesbankgrashüpfers, den wir an diesem Junitag im Pfynwald im Kanton Wallis suchen. Beide Arten leben in warmen, trockenen Habitaten mit spärlicher niedriger Vegetation und einem hohen Anteil an offenem Boden.
Und der Pfynwald ist reich an solchen Lebensräumen. Durch diesen grössten Föhrenwald der Alpen breitet die Rhone zwischen Leuk und Siders auf sieben Kilometer Länge und 350 Hektaren Fläche ihre Inseln, Arme, Auenwälder und trockenen Buschlandschaften aus. Mehrmals im Jahr bringt der Fluss neues Geschiebe aus dem Illgraben, der zu den aktivsten Murgängen Europas zählt. Bei Leuk hat der Illbach im Laufe der Zeit einen mächtigen Kegel geschüttet, der die Rhone nach Norden abgedrängt und das Gefälle zwischen Leuk und Siders auf 90 Meter erhöht hat, was eine grosse Fliessgeschwindigkeit erzeugt. Die regelmässigen Murgänge und die Wucht des Wassers verunmöglichten es den Ingenieuren, die Rhone auf diesem Abschnitt vollständig zu zähmen. Es wurden zwar nordseitig etliche Kilometer Schutzdämme errichtet, aber eine Kanalisierung liess sich nicht realisieren. Und so sucht sich hier die Rhone bei Hochwasser immer wieder neue Wege und schafft Lebensräume für Pionierarten wie den Kiesbankgrashüpfer.
Noch aber bleibt unsere Suche nach Chorthippus pullus erfolglos. Wir folgen Christian Rösti durch die Waldlichtung, die Augen auf den kargen Boden gerichtet, die Ohren gespitzt. «Der Kiesbankgrashüpfer singt vergleichsweise selten», erklärt Roesti. «Und sein Gesang ist leise, man überhört ihn leicht.» Unsere Zuversicht schwindet. Ohne akustische Hilfe wird es schwierig: Der 12 bis 20 Millimeter kleine, grau-braun gefärbte Grashüpfer ist auf grau-braunem Untergrund nahezu unsichtbar. Hoffnung keimt auf, als wir miterleben, wie Christian Roesti scheinbar mühelos auch gut getarnte Heuschrecken zu entdecken vermag. Immer wieder bückt er sich, zeigt auf eine Schrecke, die wir erst erkennen, wenn sie sich bewegt. So wie jene Rotflügelige Ödlandschrecke, die sich mit dem steinigen Untergrund quasi vereint hat. «Die Körperfärbung ist bei den Heuschrecken nicht immer genetisch festgelegt», erklärt der 36-jährige Biologe. «Sie kann sich während der Entwicklung verändern und ihre Färbung der Umgebung anpassen.» Die vor uns sitzende Ödlandschrecke sei grau, ausgewachsene Individuen derselben Art, die an Buchenwaldrändern siedelten, hätten oft eine rostbraune Färbung, wie die abgefallenen Blätter der Buchen. Die auffällig roten Flügel zeigen sich erst, wenn die Schrecke auffliegt.
Ein paar Meter weiter bekommen wir Anschauungsunterricht in die verschiedenen Entwicklungsstadien einer Heuschrecke. Je nach Art machen sie 5 bis 12 Häutungen durch, erst nach der letzten Häutung bilden sich die Flügel und Geschlechtsorgane vollständig aus. Auf einem Stein sitzen gleich drei Exemplare der Italienischen Schönschrecke, und alle drei befinden sich in unterschiedlichen Entwicklungsphasen. Christian Roesti greift nach dem ältesten der drei Tiere, einem bereits ausgewachsenen Weibchen, und zieht ganz vorsichtig dessen Flügel wie einen Fächer auseinander. Jetzt erst erfassen wir, warum die Art «Schönschrecke» genannt wird: Ihre Flügel leuchten in einem umwerfend zarten Rosarot.
Wo aber stecken die Kiesbankgrashüpfer? «Letztes Jahr habe ich hier zusammen mit ein paar Studenten einen gefunden», sagt Roesti. «Aber wir mussten ziemlich lange suchen.» Vor 12 Jahren habe er in dieser Lichtung das Wanderverhalten von Chorthippus pullus untersucht, im Rahmen einer Diplomarbeit an der Universität Bern. In jener Zeit galt die zirka 70 mal 100 Meter grosse Lichtung als letzter Standort des Kiesbankgrashüpfers im Pfynwald. Mittlerweile aber hat sich die Lichtung stark verändert. Sie ist mit Bäumen, Büschen und Moos eingewachsen – «das mögen die Kiesbankgrashüpfer nicht», sagt Roesti. «Sie benötigen offene Bodenstellen, wo sie ihre Eier in zirka 1,5 Zentimeter Tiefe ablegen können. Ist der Boden grossflächig von dickem Moos bedeckt, müssen die Weibchen ihre Eier in die Moospolster legen, die auf dem mineralischen Untergrund und mit dem wenigen Regen in dieser Gegend zumeist sehr trocken sind. Die Eier müssen während ihrer Entwicklung aber Feuchtigkeit aufnehmen können, sonst reifen sie nicht.»
Damals schon erkannten die Biologen der Universität Bern, dass die Bedingungen in der Lichtung nicht mehr die besten sind und dass der Kiesbankgrashüpfer bald gezwungen sein würde, sich einen neuen Lebensraum zu erschliessen. Aber wie? Rund um die Lichtung war alles zugewachsen. Und der Kiesbankgrashüpfer kann nicht fliegen, seine kurzen Flügel dienen ihm allein noch als Instrument, das er mit den Beinen zum «Singen» bringt. Nur selten, wenn auch regelmässig, entwickelt sich ein flugfähiges Exemplar, das es über die dichte Vegetation oder über fliessendes Wasser hinweg in neue Gebiete schafft. Und nur mit viel Glück trifft es dort auf ein weiteres Individuum und kann sich vermehren. Also entschieden sich die Biologen, den eingeschlossenen Grashüpfern einen Ausweg zu ermöglichen und schlugen eine 30 Meter breite Schneise zu einer nahegelegenen Schwemm- und Schotterfläche.
Christian Roesti wollte daraufhin untersuchen, ob die Schneise tatsächlich als Wanderkorridor genutzt wird. Um dies herauszufinden, markierte er rund 400 Individuen mit winzigen Leuchtreflexfolien an den Hinterbeinen und mit einem individuellen Farbcode am Halsschild. Nachts dann streifte er mit einer Stirnlampe durch das Areal und konnte mithilfe der Reflexionen die Tiere relativ einfach wiederfinden. Dabei kam ihm zugute, dass sich die Kiesbankgrashüpfer nachts nicht verstecken, sondern auf Grashalmen 30 bis 40 Zentimeter über dem Boden schlafen. «Sie haben gelernt, mit periodischem Hochwasser umzugehen», erklärt Roesti. «Und wahrscheinlich versuchen sie sich so auch vor Fressfeinden zu schützen.» Was aber nicht immer gelingt. Regelmässig fanden die Biologen im Kot von Mäusen die Überreste markierter Heuschrecken.
Und – haben die Kiesbankgrashüpfer den Korridor genutzt? «Oh ja», meint Roesti. «Sie haben das super gemacht. Manche sind in wenigen Tagen über 200 Meter weit gewandert.» Das erstaunt, gilt doch der Kiesbankgrashüpfer als äusserst ortstreu und sesshaft; sein Leben spielt sich zumeist im Umkreis von wenigen Metern ab. Offenbar aber waren die Bedingungen in der Lichtung bereits so schlecht, dass sich die Heuschrecken zu einer Wanderung gezwungen sahen.
«Hinten auf der Schotterfläche werden wir sicher ein Exemplar entdecken», sagt Roesti und schnappt sich den Kinderwagen. Die Schneise ist mittlerweile ziemlich eingewachsen, man kommt mit dem Wagen nicht mehr so einfach durch. Flurina scheint das nicht zu kümmern, ihr gefällt es, wenn der Wagen über Wurzeln, Büsche und Wasserläufe gehoben wird. Bald hören wir ein lautes Gequake und stehen vor Teichen, die der Kanton für gefährdete Wasser- und Tümpelfrösche angelegt hat. Gleich dahinter breitet sich eine Schotterebene aus mit jungen Föhren, Lavendelsträuchern, Sanddorn und Esparsetten-Tragant. Es herrscht also genau jenes «mittlere Sukzessionsstadium» vor, wie es der Kiesbankgrashüpfer mag.
Leider ist das Gequake der Frösche ziemlich laut und der Hauptstrom der Rhone ziemlich nahe. Wie kann man da den leisen und dazu noch seltenen Gesang des Kiesbankgrashüpfers heraushören? Ausserdem ist es heiss, sehr heiss. Das war es schon in der Waldlichtung, aber hier auf der offenen Schotterfläche fühlt man sich wie in einer Steinwüste ausgesetzt. Gerne würde man jetzt in die Rhone springen. Christian Roesti kommt nun aber erst richtig auf Touren; mit der Freude eines Kindes, das am Strand auf Stein- und Muschelsuche geht, streift er über die Schotterebene und macht alle 30 Sekunden eine interessante Entdeckung. Und dann: «Ein Pullus! Ein Weibchen!». Der Fotograf eilt mit mir zum Fundort, als könnte der Grashüpfer gleich davonfliegen.

Eine perfekt getarnte Ödlandschrecke. Die Körperfärbung ist bei den Heuschrecken nicht immer genetisch festgelegt. Sie kann sich während der Entwicklung verändern und der Umgebung anpassen.
Als ich das Insekt dann von Nahem betrachte, meinen ersten Kiesbankgrashüpfer, stellt sich nach kurzer Freude rasch wieder der Ruhepuls ein, was mich selbst etwas überrascht. Hatte ich mir denn etwas Spektakuläreres vorgestellt? Oder haben wir den Schatz zu einfach, zu schnell gefunden? Christian Roesti, der regelmässig Studierende, Heuschrecken-Liebhaberinnen und Naturfotografen auf Exkursionen begleitet, bleibt dies nicht verborgen: «Ihr Journalisten seid echt nüchterne Kerle», meint er und lacht. «Heugümpeler wären total ausgeflippt.»
Roesti ist seit seiner Kindheit ein «Heugümpeler». Zusammen mit seinem Vater, einem Biologielehrer und leidenschaftlichen Insektenkundler aus dem Emmental, ging er auf Bestimmungs- und Beobachtungsausflüge. «Als ich zehn Jahre alt war, kannte ich bereits alle 110 Heuschreckenarten der Schweiz», erinnert sich Roesti. Während des Studiums an der Universität Bern bekam er von Peter Detzel, einem deutschen Heuschreckenspezialisten, sämtliche Original-Zeichnungen von Kurt Harz geschenkt, die dieser für seine Bestimmungsbücher «Die Orthopteren Europas» erstellt hatte. Von diesem Moment an war für Christian klar: Früher oder später würde er einen aktualisierten «Harz II» herausgeben, der sämtliche Heuschrecken-Arten Europas abdeckt.
Noch ist dieses Grosswerk nicht vollbracht. Zwei Bände aber liegen bereits vor: 2006 veröffentlichte der Haupt Verlag «Die Heuschrecken der Schweiz», ein Exkursionsführer und Nachschlagewerk, das Christian zusammen mit seinem Vater Daniel und den Co-Autoren Hannes und Bertrand Baur realisiert hat. 2017 folgte ein Bestimmungsband über die Heuschrecken Frankreichs (in französischer Sprache), an dem Christian Roesti massgeblich beteiligt war. Für beide Bücher hat er neben Texten und Fotografien auch Tuschezeichnungen beigesteuert. «Eine gute Zeichnung zeigt viel mehr als ein Foto», erklärt Roesti. Mithilfe eines Binokulars und eines integrierten Zeichenspiegels liessen sich selbst die kleinsten Details aufs Papier bringen. Aber kann das nicht auch ein Makro-Fotoobjektiv? Nur beschränkt, meint Roesti. Glänze zum Beispiel ein Insektenkörper stark, könne der Zeichner diesen Glanz in der Zeichnung dämpfen und so etwa Vertiefungen sichtbar machen, die sonst verborgen blieben. Gute Zeichnungen seien zudem aussagekräftiger und verständlicher als ein Foto. Der Zeichner konzentriere sich auf das Wesentliche, immer mit dem Ziel, dass der Betrachter die Details verstehe, das Arttypische sehe und die Form begreife.
Und weil sich das Arttypische bei den Heuschrecken auch im Gesang wiederfindet – jede Art hat ihren eigenen Rhythmus und «singt» in einem bestimmten Frequenzbereich – hat Christian Roesti zusammen mit Bruno Keist 2009 ein Buch über «Die Stimmen der Heuschrecken» publiziert. Darin sind die arttypischen Gesänge aller in der Schweiz vorkommenden Heuschrecken beschrieben und mithilfe von Oszillogrammen bildlich dargestellt. Man kann sich die Gesänge auch anhören, auf der DVD, die dem Buch beiliegt, oder über die Orthoptera-App. Hier finden sich über 950 Beispiele von Lautäusserungen. «Warum so viele?», will ich von Christian Rösti wissen. Reichen denn 110 nicht aus, jeweils eine typische Gesangssequenz für jede unserer heimischen Arten? «Die Heuschrecken machen es uns nicht so einfach», erklärt Roesti schmunzelnd. «Ihre Lautäusserungen unterscheiden sich auch noch je nach Situation und Stimmung der Tiere. Es gibt Spontan-, Rivalen-, Werbe- und Wechselgesänge. Auch die Aussentemperatur trägt zum Variantenreichtum bei. Ist es kühl, drosseln die wechselwarmen Heuschrecken das Tempo der vorgetragenen Verse und Strophen.» Verse und Strophen? Ist das, mit Verlaub, nicht etwas hoch gehängt? «Es ist Musik, Mathematik», sagt der Kenner und erklärt: «Fährt ein Bein einmal über den Flügel hoch und runter, ergibt das eine Silbe, mehrere Silben hintereinander formieren sich zu einem Vers und mehrere Verse zu einer Strophe.» Nicht alle Arten aber trügen ganze Strophen vor. Der Kiesbankgrashüpfer etwa belasse es bei Versen, die in unregelmässigen Abständen vorgetragen würden, beim Spontangesang dauerten sie zwei bis vier Sekunden, beim Rivalengesang etwas kürzer.
Kaum hat er mir das Muster erklärt, registriert Roesti ebenjenen Spontangesang. «Ein Männchen. Es lockt mit seinem Gesang die Weibchen an.» Bald darauf findet er den paarungswilligen Kiesbankgrashüpfer in erhöhter Position auf einer Esparsette. Nun haben wir in wenigen Minuten bereits zwei Exemplare entdeckt. Und es sollten bald ein halbes Dutzend weiterer Funde folgen. «Der Bestand hat in den letzten zehn Jahren eindeutig zugenommen», sagt Roesti. «Mit dem Kiesbankgrashüpfer geht es wieder aufwärts im Pfynwald.» Das ist erfreulich, denn die Bestände von Chorthippus pullus sind in der Schweiz seit den 1950er-Jahren und dem nahezu kompletten Verbau der grossen Alpenflüsse massiv geschrumpft, ja regelrecht eingebrochen. Viele Standorte sind inzwischen verwaist. Halten konnte sich die Art gerade mal an fünf Orten: im Bündner Rheintal, am Inn im Unterengadin, im Sensegebiet zwischen Bern und Fribourg, im Val Ferret (VS) und im Pfynwald. Die Standorte befinden sich allesamt an unverbauten und ungenutzten Flussabschnitten mit angrenzenden Auenwäldern oder in vegetationsarmen Schutt- und Geröllfeldern (Bergsturzgebiet im Val Ferret).

Freiheit auf sieben Kilometern: Zwischen Leuk und Siders konnte die Rhone nie vollständig gezähmt werden. Mächtige Wasser- und Geschiebemassen bringen immer wieder neue Sandbänke, Strände und Schwemmebenen hervor. Davon profitieren viele seltene Arten, die auf vegetationsarme Standorte angewiesen sind.
Nicht nur der Kiesbankgrashüpfer leidet unter dem Verbau der Flüsse. Wie aus der Roten Liste der Heuschrecken (2007) hervorgeht, sind alle Pionierarten entlang von Gewässern vom Aussterben bedroht. Die Pioniere gelten zusammen mit den Arten der Flach- und Hochmoore gar als «am stärksten gefährdet». Und die Autoren der Roten Liste stellten fest, dass sich die Situation der bereits 1994 stark gefährdeten Pionierarten «weiter verschlechtert hat». Der Grund: Es wurden weitere Ufer verbaut und noch mehr Kraftwerke gebaut, welche die natürliche Dynamik der Flüsse unterbinden. Unter Druck sind aber auch die Arten des Grünlands, insbesondere die Bewohner von Trockenwiesen und -weiden sowie der dazugehörenden Säume. Diese Arten sind Kulturfolger und auf eine extensive Bewirtschaftung des Grünlands angewiesen. Ausserdem benötigen sie eine hohe Strukturvielfalt (u.a. offene Flächen für die Eiablage, wärmespeichernde Steine) auf kleinem Raum, da ihre durchschnittliche Ausbreitungsdistanz weniger als einen Kilometer beträgt.
In der Gesamtbilanz ergibt das ein tristes Bild: Von den 105 untersuchten Heuschreckenarten der Schweiz sind fast Prozent bedroht. Drei dieser Arten, zwei Auen- und ein Wieslandbewohner, konnten bei den Recherchen für die Rote Liste überhaupt nicht mehr gefunden werden und gelten als ausgestorben.
Dass es mit dem Kiesbankgrashüpfer und vielen weiteren Pionierarten im Pfynwald wieder aufwärts geht, ist, so unglaublich es auch klingen mag, dem Bau einer – weitgehend unterirdisch geführten – Autobahn durch ebendiesen Pfynwald zu verdanken. Das 1999 bewilligte (und später abgeänderte) Strassenbauprojekt enthielt mehrere Wiederherstellungs- und Ersatzmassnahmen. So sollten Dämme zurückversetzt, neue Seitenarme ausgehoben, Kiesinseln aufgeschüttet und Auenwälder wieder an die Dynamik der Rhone angeschlossen werden. Mehrere Kompensationsmassnahmen wurden bereits umgesetzt, obschon bis heute noch keine Bewilligung für den Bau dieses letzten, noch fehlenden Autobahnstücks im Wallis vorliegt.
Christian Rösti will uns zu einer künstlichen Aufschüttung an der Rhone führen, wo er weitere Kiesbankgrashüpfer vermutet. Doch Flurina vermisst ihren Nuggi. Vater Christian durchsucht seine Taschen, den Kinderwagen, die nähere Umgebung – erfolglos. Wo zum Teufel steckt das Ding? Leider gibt er keine typischen Geräusche oder Spontangesänge von sich. Also machen wir uns gesenkten Hauptes auf den Rückweg zur Lichtung. So weit müssen wir aber nicht laufen, nach knapp 100 Metern findet Roesti den knutschroten Nuggi auf dem Sandboden und wir drehen um in Richtung Fluss.
Auf dem vor wenigen Jahren aufgeschütteten Ufer ist die Vegetation noch spärlicher als auf der dahinterliegenden Schotterebene: Deutsche Tamarisken haben sich angesiedelt, Zwerg-Rohrkolben und Weiden. Ob sich der Kiesbankgrashüpfer auch hier wohlfühlt? Hören könnte ihn selbst der Experte nicht – die Rhone rauscht viel zu laut. Und doch findet Roesti bald ein Exemplar, hebt es vorsichtig auf und präsentiert uns das «typische orange-rötliche Füdli».
Als wir uns näher ans Wasser begeben, entdeckt Roesti im Sand noch eine weitere Rarität: eine Kiesbankdornschrecke. Auch sie ist in der Schweiz stark gefährdet; ihre Verbreitung ist fast deckungsgleich mit derjenigen des Kiesbankgrashüpfers. Im Unterschied zu diesem bevorzugt sie die ganz frühen Sukzessionsstadien. Sie legt ihre Eier an feuchten Stellen in den Boden ab und ernährt sich vorwiegend von Algen und Moosen. «Die hohen Ansprüche an den Lebensraum machen diese Heuschrecke besonders anfällig», erklärt Roesti. «Die rücksichtslose Sand- und Kiesgewinnung, die Errichtung von Stauanlagen sowie umfassende Gewässerkorrekturen haben die Art an den Rand des Aussterbens gebracht.»

Kiesbankgrashüpfer (Chorthippus pullus)
Bereits über diesen Rand hinaus ist die Flussstrandschrecke (Epacromius tergestinus). Die Art besiedelt die sandigen, schlickigen Uferbereiche von natürlichen Bergflüssen. Im Lebensraum sind immer mehr oder weniger mit Vegetation überwachsene, schlickige Bereiche vorhanden. «Vermutlich kann sie ohne solche Bereiche nicht überleben und ist deshalb in der Schweiz ausgestorben», erklärt Roesti. Die letzten Populationen lebten in Graubünden, im Genferseebecken und im Pfynwald, wo 1989 das letzte Tier gesichtet wurde. Das wollte eine Privatperson aus dem Wallis nicht hinnehmen, wie uns Roesti erzählt. «Der Biologe hat vor rund 15 Jahren ein Dutzend Flussstrandschrecken aus den französischen Alpen an einem Ufer im Pfynwald ausgesetzt. Seither kann man die Art hier wieder regelmässig beobachten. Sie hat zweifellos von der schrittweisen Renaturierung der Rhone profitiert und scheint sich tatsächlich festgesetzt zu haben.» Die Aktion war heftig umstritten. Auch Christian Roesti sieht sie kritisch: «Vielleicht kann sich die Flussstrandschrecke hier einige Zeit lang halten. Aber die Population ist völlig isoliert. Für das Überleben der Pionierarten ist es entscheidend, dass wir den grossen Alpenflüssen wieder ihre natürliche Dynamik zurückgeben.»
Derart teure Projekte liessen sich gewiss nie realisieren, wenn damit nur den Pionierarten gedient wäre. Spätestens seit den Hochwasserereignissen der Jahre 2005 und 2007 ist nun aber allen klar geworden, dass die Einengung und Verbauung der Flüsse auch verheerende Folgen für den Menschen haben kann. Das 2011 revidierte Gewässerschutzgesetz verlangt von den Kantonen, dass sie entlang von Flüssen, Bächen und Seen genügend grosse Gewässerräume ausscheiden und einzelne Flussabschnitte wieder in einen natürlichen Zustand zurückversetzen. Flüsse, die auf bestimmten Strecken ihr Bett wieder selber gestalten und mit Auenlandschaften verbunden sind, funktionieren wie ein Schwamm: Sie geben grosse Wassermengen erst verzögert ab und vermögen Geschiebe schadlos zu verlagern. So lassen sich Hochwasserspitzen auf elegante Weise brechen. Im Wallis laufen derzeit die Arbeiten an der Dritten Rhonekorrektion, einem 3 Milliarden Franken-Projekt. Der Rottenraum soll nahezu verdoppelt und dem Fluss so rund 900 Hektaren Land zurückgegeben werden. In erster Linie will man so die Bevölkerung und Bauwerke vor Hochwasser schützen, aber auch der Kiesbankgrashüpfer und viele weitere Tier- und Pflanzenarten dürften profitieren.
Nicolas Gattlen

Das Reduit wankt
Braunkehlchen

Petra Horch von der Vogelwarte Sempach und der Wildtierbiologe Klaus Robin unterwegs im Naturschutzgebiet Kaltbrunner Riet im Kanton St. Gallen. Es ist in der Schweiz der einzige Ort, wo das Braunkehlchen im Tiefland noch regelmässig brütet.
Petra Horch stoppt abrupt und horcht in die Landschaft: «Hören Sie das Braunkehlchen dort drüben? Djü-tick-tick. Djü-tick-tick». Mit meinen musikalischen Fähigkeiten ist es allerdings nicht weit her: Ich könnte nicht mal eine Oboe aus einem Orchester heraushören. Wie soll ich da einen einzelnen Vogel in einem vielstimmigen Vogelkonzert erkennen? Klaus Robin baut rasch sein Fernrohr auf. «Ich äussere mich nicht mehr zur Akustik der Vögel», sagt er schelmisch und tippt mit einem Zeigefinger an sein Ohr, hinter dem sich ein Hörgerät versteckt. «Ich höre zwar den Gesang, kann ihn aber nicht orten und muss auf visuelle Suche umschalten.» Mit flinken und wachen Augen scannt er den Landschaftsausschnitt vor uns. Auch Horch hat ihr Fernrohr inzwischen in Position gebracht und etwas im Schilf ins Visier genommen. Beide Vogelkundler starren konzentriert durch ihre Rohre. Ich darf auch einen Blick auf das Zielobjekt werfen. Ein munteres, kleines, unruhiges Kerlchen blickt in meine Richtung.
Das Braunkehlchen ist keine spektakuläre Art – von Weitem ist es einfach ein kleiner brauner Vogel. Als Spaziergänger würde er mir nicht speziell ins Auge stechen. Das Fernrohr offenbart aber eine Schönheit, die im Detail steckt: Die dunkle Gesichtsmaske ist über dem Auge mit einem weissen Strich begrenzt und gibt dem Vogel einen geheimnisvollen Charme. Die Brust ist in warmen Ockerfarben gehalten, die Rückenfedern sind kontrastreich punktiert bis streifig. «Ein wunderschöner Vogel», ruft Robin begeistert, und man könnte meinen, dass er zum ersten Mal in seinem Leben ein Braunkehlchen entdeckt hat – was natürlich Unsinn ist. Robin, Jahrgang 1947, betreibt, wie er sagt, seit dem fünften Lebensjahr Ornithologie. «Ich interessierte mich schon als Kind dafür, was die Tiere so treiben und wieso. Wenn sie also nicht nur sind, sondern auch tun. Zudem finde ich die Unterschiede zwischen Tieren der gleichen Art enorm spannend. Das ist auch der Grund, wieso ich sehr individuell denke. Es gibt für mich nicht DIE Braunkehlchen, sondern DAS Braunkehlchen dort drüben, und jenes da hinten.»
Während seines Biologiestudiums erklärte Robin die Vögel zu seinem Hobby und die Säugetierkunde zu seinem Beruf. Hier war er sehr erfolgreich, wie ein Blick auf seinen Lebenslauf zeigt. Unter anderem war Klaus Robin Direktor des Schweizerischen Nationalparks, Professor für Wildtierökologie an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Wädenswil und Geschäftsführer eines eigenen Umweltberatungsbüros, das er trotz Pensionierung weiterführt. Nichtstun muss für Robin ein Albtraum sein. 2017 ist sein jüngstes Buch mit dem Titel «Wildtiermanagement» erschienen, das er mit zwei weiteren Fachexperten verfasst hat. Für was schlägt sein Herz höher: Für Vögel oder Säugetiere? «Ich habe ein grosses Herz», sagt Robin lachend. «Es hat alles Platz, Vögel und andere Wirbeltiere. Obwohl mich auch Libellen sehr interessieren.»
Im Moment interessieren ihn die beiden Braunkehlchen, die er und Petra Horch durch die Fernrohre beobachten. Horch macht mich darauf aufmerksam, dass die beiden Männchen 30 % des Bestandes ausmachen. Des Bestandes hier im Naturschutzgebiet Kaltbrunner Riet im Kanton St. Gallen? «Ja, und damit des gesamten Mittellands», sagt die Ornithologin, die an der Vogelwarte Sempach Projekte zur Erhaltung des Braunkehlchens leitet. «Im Flachland der Schweiz brütet das Braunkehlchen nur noch hier regelmässig. Aus allen anderen Gebieten wurde es verdrängt.» Ich protestiere. Bei meinen Vorrecherchen hatte ich in einem Kosmos-Vogelführer geblättert. Auf der Verbreitungskarte war das gesamte Mittelland als Brutgebiet eingefärbt. Horch bestätigt, dass das Braunkehlchen noch Mitte des letzten Jahrhunderts ein häufiger Vogel in den Wiesen war. Im Volksmund trug er den Namen «Wiesenvögeli». Auf den meisten Wiesen und Weiden, an Strassenund Grabenböschungen war der kleine Singvogel zu Hause. Doch seither hat sich die landwirtschaftliche Produktion komplett verändert – zuungunsten der Tausenden von Tier- und Pflanzenarten, die das traditionell genutzte Kulturland nach den grossen Waldrodungen vor 1000 bis 2000 Jahren als ihren Lebensraum auserkoren und ihren Platz in neuen, vielfältig strukturierten Lebensräumen wie Hecken, Wiesen, Weiden, Äckern und Obstgärten gefunden hatten. Doch ab Mitte des 20. Jahrhunderts wurde die Landwirtschaft nach und nach vom Freund zum Feind der Vögel.
Heute ermöglichen Kunstdünger und Gülle zusammen mit immer grösseren Traktoren einen früheren und häufigeren Schnitt der Wiesen – eine Katastrophe für fast alle Tier- und Pflanzenarten. Besonders dramatisch war dies für das Braunkehlchen, das sein Nest auf dem Boden baut, bevorzugt in einer Mulde am Fuss einer grösseren Staude oder eines Busches, nach oben gut durch Halme oder Ähnliches getarnt. Im Laufe des letzten Jahrhunderts fiel der erste Schnitttermin immer häufiger und bald flächendeckend in die Brut- und Nestlingszeit. Weil der Nachwuchs ausblieb, wurde ein Bestand nach dem anderen vernichtet. Oft ist der Mutterinstinkt so gross, dass die Weibchen sich schützend über ihre Brut ducken, anstatt wegzufliegen – und zusammen mit ihren meist 6 grünlich-blauen Eiern oder den flugunfähigen Jungen vermäht werden. Dies führt zu einem deutlichen Überschuss an singenden Männchen, wie Ornithologen im Reduit der Braunkehlchen festgestellt haben. Auch in den Alpen und im Jura verliert der kleine Vogel massiv an Boden. Kein Wunder, findet doch dort der erste Schnitt der Wiesen im Vergleich zu den 1970er-Jahren rund einen Monat früher statt. «Die Art wird aus weiten Teilen der Berggebiete verschwinden, wenn sich die Agrarpolitik nicht bessert», prognostiziert Horch. «Der gesamte Schweizer Bestand des Braunkehlchens ist allein seit den 1990er-Jahren um 60 % eingebrochen.»
Aber begann nicht in den 1990er-Jahren das Zeitalter der ökologischen Landwirtschaft in der Schweiz? Haben Volk und Stände im Jahr 1996 nicht einen Landwirtschaftsartikel in die Verfassung aufgenommen, der den Bund dazu verpflichtet, für eine nachhaltige Landwirtschaft und die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen zu sorgen? Erhalten die Bauern vom Steuerzahler nicht Direktzahlungen in Milliardenhöhe für Leistungen, die Natur und Gesellschaft zugutekommen sollen? Horch nickt. «Ja, das ist theoretisch alles richtig. Aber das System hat gravierende Mängel.»
Kurz gesagt: Die Direktzahlungen sind milliardenschwere Subventionen mit einer katastrophalen ökologischen Bilanz. 2016 kam sogar der Bundesrat zum Schluss, dass die Landwirtschaft in den letzten 10 Jahren kein einziges Umweltziel erreicht hat. Weil die Umweltziele auf geltendem Recht basieren, agiert die Landwirtschaftspolitik weder verfassungs- noch gesetzeskonform. Katastrophal ist auch die ökonomische Bilanz der Bauern: Jeder Franken, den die Landwirte durch den Verkauf ihrer Produkte verdienen, fliesst postwendend an Industrie und Gewerbe – für Futtermittel, Lohnunternehmer, Maschinen, Treibstoffe, Saatgut, Düngemittel, Tierarzt, Strom, Werkzeuge und Pestizide. Diese hohen Ausgaben treiben die Landwirte dazu, ihr Land noch intensiver zu nutzen, und gleichzeitig bleibt ihnen vom Verkauf der Produkte fast nichts übrig. Ihr Einkommen besteht zu einem grossen Teil aus den Direktzahlungen – diese aber setzen falsche Anreize: Praktisch nirgends in Europa wird mehr gedüngt und gespritzt als in der Schweiz. Industrie und Gewerbe schicken Berater zu den Höfen, die nicht das Wohl der Bauern im Sinn haben, sondern ihren eigenen Gewinn. «Die Vogelwarte fordert schon lange, dass die landwirtschaftliche Beratung eine unabhängige Institution sein muss», sagt Horch. Befeuert wird die fatale ökologische, soziale und ökonomische Entwicklung durch bäuerliche Medien und Verbände, die das Heil der Bauern nur in einer Steigerung des Hektarertrags sehen und irreführende Imagewerbung betreiben. Den Bauern wird gepredigt, dass sie nur dann echte Bauern sind, wenn sie möglichst viel Dünger und Pestizide auf die Felder ausbringen und das Land wie eine Zitrone ausquetschen. In der Werbung wird der Bauernstand allerdings als naturverbunden und umweltbewusst dargestellt. Und am Ende stehen die Konsumenten, von denen viele möglichst günstige Nahrungsmittel haben wollen. «Diese ‹Geiz ist geil›-Mentalität läuft den Naturschutzanliegen total zuwider», sagt Horch, die fast im gleichen Atemzug auch die Landwirte in die Verantwortung nimmt, die sich laufend von der Natur entfernen. Im Juni 2017 hat sie im Goms (VS) Braunkehlchen kartiert. Die Oberwalliser Region liegt ihr besonders am Herzen: Schon als kleines Kind hat sie hier ihre Sommerferien verbracht; der Vater entzündete auf ausgedehnten Wanderungen ihre Faszination für die Natur. An jenem Tag aber war Petra Horch frustriert, weil die meisten Wiesen schon gemäht waren. Als sie auf einen Bauern traf, versuchte sie ihm das Problem mit den Wiesenbrütern zu erklären. Just in dem Moment flogen Mauersegler vorbei. Der Bauer meinte, sie sollte nicht traurig sein, es hätte ja noch genug andere Vögel. «Die meisten Bauern wissen nicht einmal mehr, dass Braunkehlchen am Boden brüten», klagt Horch. «Auch die Pflanzenarten in den Wiesen können sie nicht mehr unterscheiden, geschweige denn beim Namen nennen.»

Schwierig zu finden: Das Braunkehlchen war noch Mitte des letzten Jahrhunderts ein häufiger Brutvogel. Doch seither hat sich die landwirtschaftliche Produktion komplett verändert – zuungunsten von Tausenden von Tier- und Pflanzenarten.
Das Hauptproblem ortet Horch aber bei den hohen Nutztierbeständen. «Es gibt zum Beispiel viel zu viele Kühe und Schweine in der Schweiz, die zu einem bedeutenden Teil mit importierten Futtermitteln durchgefüttert werden.» Zu viel Vieh bedeutet zu viel Gülle, die dann auf den Wiesen landet und die Biodiversität erstickt. In den überdüngten Wiesen dominieren in kurzer Zeit wenige stickstoffhungrige Pflanzenarten. Vor allem die bunt blühenden Kräuter werden verdrängt. Monoton grüne Wiesen sind die Folge. Hinzu kommt, dass ein Teil des Stickstoffs in die Luft entweicht und mit Wind und Regen in naturnahe Gebiete verfrachtet wird und dort ebenfalls Unheil anrichtet. Selbst im Wald liegen die Stickstoffeinträge weit über dem, was ökologisch verträglich ist.
Was heisst das für die neue Agrarpolitik? «Die muss so angepasst werden, dass sie zu einer extensiveren Landwirtschaft führt», sagt Horch. Nur so seien die Umweltziele in der Landwirtschaft erreichbar. Bauern und Natur würden als Sieger hervorgehen. Und was würde die Gesellschaft gewinnen? «Eine nachhaltige Produktionsweise, im europäischen Vergleich qualitativ hochwertige Produkte, eine deutlich kostengünstigere Produktion und eine steigende finanzielle Wertschöpfung in den Landwirtschaftsbetrieben.» Wer will das nicht? «Es ist ein steiniger Weg bis dahin, weil zu viele Lobbyorganisationen den Prozess mehr oder weniger mutwillig sabotieren.»
Horch wäre auch froh, wenn die Bauern endlich auch stolz sein könnten auf ihre Ökoflächen und diese als Teil einer nachhaltigen, von der Gesellschaft geschätzten Produktion ansehen würden und nicht nur als Hindernis. Noch immer gilt für die meisten Bauern die Formel «Intensivierung = Fortschritt». Viel Biodiversität bedeutet für sie hingegen zu wirtschaften wie die Altvorderen. Mit dem neuesten und besten Traktor versucht man, bei den Nachbarn Anerkennung zu finden.
Klaus Robin kann der Umbau der Agrarpolitik nicht schnell genug gehen. Denn die Intensivierung der Landwirtschaft mit ihrem zerstörerischen Potenzial schreite weiter voran, auch wenn die Werbung von Bauernverband, Coop und Migros etwas anderes vermitteln würden. «Das Maximum der Nutzungsintensität ist noch nicht erreicht. Mittlerweile werden die ersten Wiesen rund um das Kaltbrunner Riet bereits Ende März geschnitten. Auch die Düngermenge steigt noch immer. Riechen Sie es nicht?» Es stinkt tatsächlich nach Gülle – obwohl wir uns mitten im Naturschutzgebiet befinden. Der Wind weht das Ammoniak von den umgebenden Wiesen hierher. Der Geruch wird uns den ganzen Tag begleiten. Das Tragische am viel zu hohen Nährstoffeintrag: Es dauert Jahrzehnte, bis ein Standort wieder ausgemagert ist und sich wieder eine hohe Artenvielfalt einstellt. Robin fragt sich, ob überhaupt noch jemand weiss, was eine extensive Bewirtschaftung ist. «Wenn wir heute in Extensivierungen investieren, so versucht man, mit viel Geld einen Zustand zu erreichen, den wir 1990 hatten. Aber damals war es auch schon intensiv. Unsere Skala ist komplett verschoben! Arbeitet ein Bauer einen Hauch weniger intensiv, heisst es gleich: Super, das ist extensiv. Aber das stimmt gar nicht. Das ist ein Systemfehler! Dort drüben fliegt übrigens ein weibliches Braunkehlchen. Jetzt sitzt es auf einem Schilfhalm.» Verwirrt schaue ich in die Landschaft. Horch hat das Tierchen bereits im Visier. Wir stehen vor der letzten Bastion des Braunkehlchens. Eine Bastion, die wankt. «Populationen unter 10 Tieren gelten bei uns langfristig als nicht überlebensfähig», erklärt Horch. «Deshalb haben wir vor einigen Jahren, als der Bestand auf 3 Brutpaare abgesunken war, das Monitoring im Kaltbrunner Riet eingestellt.» Bei 10 Tieren ist die Wahrscheinlichkeit, dass der klägliche Bestand zufällig verschwindet, äusserst gross. Ein herumstreunender Hund, ein besonders erfolgreicher Greifvogel oder ein nasskalter Sommer reichen, um ihm den Todesstoss zu versetzen.
Das Weibchen, das mir Robin durch sein Fernrohr zeigt, ist erst vor wenigen Tagen im Kaltbrunner Riet angekommen. Braunkelchen sind reiselustig: Rund 6000 km hat das 20 g leichte Vögelchen hinter sich. Die Überwinterungsgebiete liegen südlich der Sahara. Die Männchen sind schon drei Wochen früher angekommen, um ihre Territorien abzustecken. Robin hat in den letzten Tagen drei Männchen gezählt, mehr werden kaum dazustossen. Vorgestern sei ihm eine fantastische Aufnahme gelungen, schwärmt Robin: «Zwei Männchen bemühen sich um ein Weibchen, wobei das Weibchen scharf im Vordergrund sitzt, während die Männchen unscharf im Hintergrund zu erkennen sind.» Das Gebiet ist überschaubar: Das letzte braunkehlchenfreundliche Gebiet des Mittellandes misst nur knapp einen halben Quadratkilometer. «Auf der Wiese mit Schilf hat es ein bis zwei Paare, hinter der Hecke dort nochmals ein bis zwei», weiss Robin. Das ist erschreckend wenig. Robin freut sich dennoch über die letzten Individuen. Gestern hat er ein Weibchen mit Nistmaterial fotografiert. Erst daheim hat er auf dem Foto gesehen, welches Material es gefunden hat: ein Rosshaar, das sich kaum falten liess.
Die Nistzeit ist besonders heikel. Die Tiere dürfen jetzt nicht gestört werden. Glücklicherweise leben sie in einem Naturschutzgebiet, werfe ich hoffnungsfroh ein und blicke auf das Lebensraummosaik vor uns: vielfältige Feuchtwiesen, dazwischen Feldgehölze, Einzelbäume und Hecken, im Hintergrund die schneebedeckte Alpenkulisse. Robin und Horch lächeln gezwungen mit. «Es lebt sich mässig gut in Schweizer Naturschutzgebieten», erklärt Robin. «Aber gehen wir doch durch das Gebiet, dann kann ich Ihnen die Probleme zeigen. Es beginnt gleich hinter der Hecke dort drüben.»
Nur 50 m vom Kerngebiet der Braunkehlchen entfernt stehen wir vor einem unübersehbaren Schild mit der Aufschrift «Betreten verboten». Auf der mehrere Hektaren grossen Feuchtwiese entdecken wir rund 20 Leute, die scheinbar zufällig verteilt und in gebückter Haltung umherstreifen. Es sieht aus, als würden sie Erdbeeren ernten. Die Mienen von Robin und Horch verfinstern sich. «Da sind wir mitten in die erste Kampfzone geraten», sagt Robin. «Die Leute gehören zur Rupfequipe des Kantons». Und was rupfen die im Naturschutzgebiet? «Im Kaltbrunner Riet hat es viele Goldruten, die aus Nordamerika stammen und sich hier stark ausgebreitet haben. Bund und Kanton haben beschlossen, dass diese Art ausgerottet oder zumindest zurückgedrängt werden soll.» Und das funktioniert so: Das Naturschutzgebiet wird systematisch durchkämmt; alle Einzelpflanzen werden herausgerissen, grössere Bestände mit der gesamten Vegetation gemäht. Mitten in der Brutzeit des Braunkehlchens und anderer seltener Vogelarten. «Es ist gesetzlich verboten, Vögel während der Brutzeit zu stören. Und hier sind wir in einem Naturschutzgebiet!» Robin kann seinen Ärger nur mühsam unterdrücken. «Ich bin jetzt über 70. Ich habe hier schon Goldruten gesehen, da war ich 10. Jetzt fällt die Goldrute plötzlich vom Himmel auf die Erde, weil Bund und Kanton die Bekämpfung als wichtig deklarieren und es Geld für die Bekämpfung gibt. Und einer holt die Mittel immer ab. Ich bin prinzipiell nicht dagegen, gebietsfremde invasive Arten zu dezimieren, aber es darf dabei keine Kollateralschäden geben. Goldrutenbekämpfung während der Brutzeit der Vögel gehört verboten.» Sein Handy klingelt. Robin reagiert aufgebracht. «Wenn er heute kommt, kommt er heute, wenn er heute nicht mehr kommt, dann muss man ihm sagen: Jetzt ist fertig. Die Braunkehlchen beginnen mit dem Nestbau!» Robin legt auf. «Das war jemand vom Betreuerteam, das sich im Auftrag des Kantons und der umliegenden drei Gemeinden um das Gebiet kümmert. Ein Bauer möchte angrenzend an das Braunkehlchenbrutgebiet noch mähen. Das hätte er schon viel früher machen sollen. Es ist zum Verzweifeln.» Kurz darauf treffen wir auf einen Betreuer der Rupfequipe. «Beim Rupfen solltet ihr nahe bei den Braunkehlchenrevieren beginnen, damit schnell wieder Ruhe einkehrt.» Der Betreuer nickt, und man merkt: Robin ist hier eine respektierte Person. 2003 bis 2010 war er als Leiter der Geschäftsstelle für das Benkner, Burger und Kaltbrunner Riet für die Organisation von Pflege, Unterhalt und Monitoring sowie für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Gerne greift man auf sein Wissen zurück.
Als er erkannte, wie gefährlich die Goldrutenbekämpfung für die Vogelwelt und die letzten Braunkehlchen ist, beschloss Robin, auf eigene Faust die Reviere und Streifgebiete der Braunkehlchen zu kartieren. Sein Ziel: Die Daten den Gebietsverantwortlichen zu geben, damit die ihre Arbeit so koordinieren können, dass die Braunkehlchen möglichst wenig gestört werden. Er bedauert dabei einmal mehr, dass die Vogelwarte ihr Monitoring eingestellt hat. Petra Horch rechtfertigt sich: «Der Naturschutz im Kaltbrunner Riet gewichtet andere Ziele höher als den Braunkehlchenschutz oder den Schutz anderer seltener Vogelarten. Ich will da nicht mehr zuschauen. Wir machen Bestandserhebungen, um zu überprüfen, ob Massnahmen wirken. Wenn sie nicht wirken, muss man etwas an der Gesamtsituation ändern. Hier wird aber das Rupfen von Goldruten über den Status von Rote-Liste-Arten gestellt.» Und Robin ergänzt: «Niemand bündelt die vielen verschiedenen Fäden zu einem Zopf. Die Botaniker, die Amphibienspezialisten, die Ornithologen oder die Säugetierkundler haben unterschiedliche Ziele. Ich will mich da gar nicht ausnehmen. Als ich für das Gebiet verantwortlich war, habe ich den Laubfrosch speziell gefördert. Diese faszinierende Art war für mich schon als Kind sehr wichtig. Ich habe daher das Wasserregime so angepasst, dass es für den Laubfrosch stimmt. Die Population stieg von 30 Tieren auf heute über 300. Aus Sicht der Botaniker oder der Schmetterlingsexperten war das Wasserregime aber gar nicht ideal. Und so gibt es dauernd Konflikte! Umso wichtiger wäre es, ein Naturschutzkonzept von 1988, ein Landschaftsentwicklungskonzept von 1993, ein Pflege- und Entwicklungskonzept von 2005 und weitere Detailkonzepte endlich umzusetzen. Denn schon damals sind die verschiedenen Zielvorstellungen in eine gemeinsame und langfristige Schutzgebietsstrategie eingebaut worden.»
Darmowy fragment się skończył.