Czytaj książkę: «Equinox»
Dana Schwarz-Haderek
Equinox
Roman

Für Enrico
(Of all the fish in the sea you are the one for me.)
Für Maria und Alicia
Für Margitta und Niels als Dank für ein ganzes Leben
… und für Kristina und Doreen
adakia Verlag UG (haftungsbeschränkt)
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Verwendete Quellen im Buch:
1 Pendragon: The Window of Life, 1993 (Seite 7)
2 Lasker-Schüler, Else: Weltende, 1903 (Seite 292)
Gesamtherstellung: adakia Verlag, Gera
Covergestaltung: Ricky Korf
1. Auflage, Oktober 2014
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH, 2015
ISBN 978-3-941935-17-4
ISBN 978-3-941935-26-6 (E-Book)
EQUINOX
Like a shooting star
That comes once in every lifetime
You came to me
Out of the blue
And blue is your color
And when the whole world falls into the sea
There’s still you and me
Through the wind, and the rain, and the snow
I’d follow you up mountains, ’round the moon,
and the stars and back again
And I’ll always be waiting for you
When we cast our final spell
When we meet in our dreams
A place that no one else can go
Don’t ever let your love die
Don’t ever go breaking the spell1
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
1
»Viel Glück, mein Schatz!«
Meine Mutter umarmte mich herzlich und mein Vater erinnerte mich zum bestimmt zehnten Mal an mein Versprechen, mindestens zweimal wöchentlich daheim anzurufen. Zweimal wöchentlich. Als würde das reichen! Wahrscheinlich würde ich mich mehrmals täglich melden. Ich war in der Vergangenheit erst einmal lange von zu Hause weg, als ich neun Monate in Exeter als Fremdsprachenassistentin verbracht hatte. Und selbst mit mehr als tausend Kilometern Entfernung zu meiner Familie waren wir nie wirklich getrennt. Dank Telefon und Email tauschten wir uns täglich aus und ich konnte mir nicht vorstellen, nun nicht mehr alles mit meinen Lieben zu teilen. Ich gehörte nicht zu den Menschen, die ihre Familie und Freunde zugunsten einer ins Ungewisse führenden Abenteuerlust leichtfertig hinwegsehnten.
Wehmut schwang mit, als die beiden in ihr Auto stiegen und aus den offenen Fenstern winkend sich in den Feierabendverkehr stadtauswärts einfädelten.
Leipzig! Wow, dies würde nun meine neue Heimat für die nächsten mindestens viereinhalb Jahre werden. Ich drehte den Schlüssel zu meiner ersten eigenen kleinen Wohnung langsam in den Händen, die ich mit Kristin, meiner mit mir gleichaltrigen Cousine und schon-immer-besten Freundin teilen würde, und schaute dem längst aus dem Blick verschwundenen Auto meiner Eltern hinterher. Nun war ich erst einmal allein in dieser vor Leben pulsierenden Stadt, die so ganz anders war als die Kleinstadt, in der ich aufgewachsen war. Ein etwas flaues, aber auch erwartungsvolles Gefühl breitete sich langsam in meinem Magen aus. Nun gut, Kristin würde erst in einer Woche nach Leipzig kommen. Sie hatte bisher allein in unserer jetzt gemeinsamen Wohnung gewohnt, da sie wusste, dass ich nach meinem Jahr in Exeter zu ihr nach Leipzig kommen würde. Wir kannten uns schon immer, besuchten zusammen den Kindergarten, waren gemeinsam zur Schule gegangen und fühlten uns so eng miteinander verbunden, als wären wir Schwestern, obwohl wir eigentlich völlig unterschiedlich waren. Bis Kristin in wenigen Tagen auch ankommen würde, hatte ich Zeit, meine Kartons auszuräumen und die Gegend, in der wir ab nun wohnten und die ich bisher weitestgehend nur aus Kristins Erzählungen kannte, langsam selbst zu erkunden.
Kristin studierte im dritten Semester Jura und begann das neue Semester mit einem Blockseminar in Halle. Da sie dort einige Freunde hatte, würde sie bei diesen schlafen und die Zeit für gemeinsame Abende nutzen. Sicher bereitete sie sich gerade weniger auf das Seminar, sondern umso mehr darauf vor, das abendliche Halle mit ihren Kommilitonen unsicher zu machen.
Ich schaute noch immer die Straße hinab. Zur Uni war es nicht weit, fünf Minuten Fußweg rechts die Straße hinunter zur Straßenbahn und zehn weitere darin. Diesen Weg kannte ich bereits. Ich drehte mich um und blickte in die andere Richtung. Nahe der nächsten Kreuzung befand sich ein kleiner ovaler Platz, umsäumt von großen Eichen, Buchen und Kastanien. In der Mitte ein kleiner Springbrunnen, darum ein Blumenbeet mit Tagetes und Wandelröschen. Alles zusammen bildete ein schönes Farbspiel und lud ein, auf den Bänken unter den Bäumen zu verweilen. Ich atmete tief durch und nahm mir vor, am Abend mit einem Buch dorthin zu kommen, denn ich war ein absoluter Bücherwurm und diese kleine stille Oase lud gerade dazu ein, sich niederzulassen und den Tag mit der Lektüre einer guten Geschichte ausklingen zu lassen. Nun aber musste ich zuerst ins Haus und anfangen, auszupacken und in meinem neuen Leben anzukommen.
Mit kribbelnder Erwartung auf das mich erwartende neue Leben stieg ich die fünf Etagen zu unserer Dachgeschosswohnung hinauf, schloss auf und stand zwei Schritte hinter der Eingangstür sofort in der winzigen Küche, die sich gemütlich in eine von Dachschrägen umgebene Nische schmiegte. Von einem Flur zu sprechen, war eigentlich maßlos übertrieben, denn der Platz hinter der Tür reichte gerade, um die Schuhe abzustellen und die Jacken aufzuhängen. Trotz des begrenzten Platzes konnte man aber nicht sagen, dass unser kleines Domizil unkomfortabel gewesen wäre. Ganz im Gegenteil, wir verfügten sogar über einen kleinen Balkon, der, Richtung Westen blickend, den Blick über Leipzigs Dächer und viele grüne Inseln dazwischen enthüllte. Im Licht der untergehenden Sonne lag das Dächermeer goldgelb überzogen da und wirkte freundlich und einladend. Das flaue Gefühl der Unschlüssigkeit in meinem Bauch legte sich ein wenig und wich der Vorfreude, endlich das tun zu können, was ich schon immer machen wollte. In weniger als drei Tagen würde ich mein Studium der Anglistik und Germanistik beginnen und hoffte, damit alsbald noch tiefer in die Welt der von mir über alles geliebten Bücher zu versinken.
Ich schnappte mir den ersten Karton und ging in mein Zimmer. Nun ja, Zimmer, es war gerade groß genug für einen Schreibtisch, mein Bett, das auch zugleich meine Couch sein musste, eine Kommode und mein Bücherregal. Die Dachschrägen gegenüber vom Bett waren glücklicherweise durch Einbauschränke genutzt und boten somit genügend Raum, meine Habseligkeiten unterzubringen. Zusammen mit meinem kleinen Bruder Daniel hatte ich die Wände vor ein paar Tagen in einem zarten Lindgrün gestrichen, duftige Schals aus weißem Baumwollbatist wehten nun um das geöffnete Fenster und ergänzten sich lieblich mit den weiß lasierten Holzmöbeln und dem ebenso weiß lackierten Eisenbett. Ein wahres Mädchenzimmer, aber ohne überflüssiges Schi Schi. Ich stellte meine liebsten Bücher ins Regal, ein paar gerahmte Fotos der zu Hause zurückgebliebenen Familie dazu und packte den Inhalt meines Koffers in den Wandschrank. Viel hatte ich nicht eingepackt, Wäsche, ein paar Jeans, T-Shirts, nichts Aufregendes. Meine Mutter hatte mir einige Kissen aus verschiedenen grünen und weißen Stoffresten genäht, die ich auf meinem Bett verteilte. Zufrieden schaute ich mich um und stellte fest, dass nun alles wohnlich und gemütlich wirkte. So würde ich mich sicher wohlfühlen. Die Küche war bereits von Kristin mit allem Notwendigen bestückt und die wenigen fehlenden Dinge würden wir in den nächsten Tagen zusammen besorgen. Nachdem ich alles vorerst Notwendige an seinen zukünftigen Platz gebracht und verstaut hatte, nahm ich eine Flasche Wasser und ein Buch, sprang die Treppen herab, lief hinüber zu den vorhin entdeckten Bänken unter den Bäumen und begann zu lesen.
2
»Ist dir nicht kalt?«, fragte plötzlich eine warme, tiefe Stimme.
Ich erschrak fürchterlich, denn wie immer, wenn ich las, hatte ich die Welt um mich vergessen und war eins mit der Geschichte, die sich mir Seite um Seite erschloss. Ich schaute auf und erblickte auf der mir gegenüberliegenden Bank einen jungen Mann, ein wenig älter als ich, groß, mit dunkelbraunem, fast schwarzem Haar und einem intensiven Blick aus wachen, belustigt blitzenden Augen, die mich musterten.
Waren seine Augen grün? Ich konnte es nicht genau erkennen und wunderte mich gleichzeitig, worüber ich mir auf einmal Gedanken machte.
Sein amüsierter, auffordernder Blick verärgerte mich ein wenig, lachte er mich etwa aus?
Wer war er?
Was hatte er gleich noch gefragt?
Es gelang mir nicht, mich zu konzentrieren. Wie ärgerlich! Langsam merkte ich, dass ich ihn anstarrte und die Zeit, um angemessen zu antworten, längst abgelaufen war.
»Wie bitte?«
»Ich habe gefragt, ob dir nicht kalt sei«, wiederholte er sichtlich amüsiert.
»Nein. Ja. Ein bisschen vielleicht. Habe die Zeit wohl vergessen«, murmelte ich errötend.
Ob er da schon länger saß und mich beobachtete? Ich hatte sein Kommen überhaupt nicht bemerkt. Die vielen Fragen, die dieser Fremde in mir auslöste, verunsicherten mich.
»Ich muss jetzt … es ist schon spät. Mach’s gut«, rief ich ihm zu und schnappte mir mein Buch und die Flasche.
Als ich aufblickte, stand der Fremde plötzlich neben mir.
Seine jähe Präsenz ließ mich schlagartig zurückweichen, ohne jedoch den Blick von ihm abzuwenden. Meine Knie gaben fast nach und mein Herz schlug mir ohne mir ersichtlichen Grund unvermittelt bis zum Hals.
»Bist du immer so einsilbig?«, fragte er und schaute aus smaragdgrünen Augen auf mich herab. »Ich bin Robert. Bist du neu hier? Ich wohne in der Nähe und bin abends manchmal hier«, und deutete auf die Bänke unter den Bäumen, »Dich habe ich hier bisher noch nie gesehen.«
Wow, diese Augen … mir war, als würde ich in ihnen versinken oder bis ans Ende der Welt blicken können. Seine Augen zogen mich in einen magischen Bann. Ein unbekanntes Kribbeln im Bauch ließ mich erschauern. Ich konnte nicht anders, als ihn, stumm wie ein Fisch, anzustarren. Meine Knie waren immer noch butterweich und ich hatte Mühe, meinen unsicheren Stand vor ihm zu verbergen. Allmählich dämmerte es mir, dass ich einen ganz schön dämlichen Eindruck bei ihm hinterlassen musste. Aber ich konnte einfach nicht aufhören, ihn anzusehen. Es war, als bestünde ich aus zwei Personen zugleich: die eine ertrank gerade in den tiefgrünen Augen des Fremden und … was hatte er gesagt? Robert, ja Robert war sein Name. Und die andere Hälfte von mir merkte recht deutlich, dass sich Menschen, die bei klarem Verstand sind, und zu denen zählte ich mich eigentlich gewöhnlich, deutlich zurechnungsfähiger benehmen sollten.
»Elisabeth«, presste ich mühevoll zwischen meinen Lippen hervor.
»Wie bitte?«, fragte er offensichtlich amüsiert über meine gequält wirkende Einsilbigkeit.
»Mein---Name---ist---Elisabeth.«
Mein Gott!, schoss es mir durch den Kopf, nun reiß dich mal zusammen! Mehr als ein angestrengtes Stammeln war mir nicht möglich. Und ich ertappte mich, dass ich ihm immer noch in seine so unglaublich grünen Augen schaute.
»Ach so. Ein schöner Name! Also, bist du nun neu hier?«
Immerhin, auch wenn ich bestimmt den Eindruck machte, nicht ganz normal zu sein, er hatte Geduld und blieb freundlich.
Los, antworte endlich!
»Ja, genau.« Na prima, so würde das Gespräch ziemlich schnell enden. Mein Verhalten signalisierte ihm ja nun nicht gerade übersprühendes Interesse an einer weiteren Unterhaltung. Mir schossen gleichzeitig tausend Dinge durch den Kopf, die ich gern hätte entgegnen wollen, aber meine Lippen blieben einfach verschlossen, als hätte ich keine Gewalt mehr über sie. Wie fremdgesteuert. Aber so sehr ich mich auch bemühte, ich konnte ihm nur fasziniert in die Augen schauen und nichts sagen.
»Hmmm. Wie gesagt, ich bin öfter hier. Vielleicht sieht man sich ja mal wieder. Mach’s gut!« Er sah mich ein wenig traurig an, lächelte dabei charmant und ging gemächlich in die entgegengesetzte Richtung davon.
Wie erstarrt stand ich noch immer da und sah ihm nach. Er drehte sich nicht um. Plötzlich merkte ich, dass ich sowohl mein Buch, als auch meine Flasche umklammert hielt, als hätte ich Angst vor plötzlichem Diebstahl. Lächerlich! Unwillig schüttelte ich den Kopf und ging dem Haus, in dem ich heute zum ersten Mal schlafen würde, entgegen. Als ich mich auf halben Weg noch einmal umsah, war er, Robert, schon verschwunden.
Meinen Gedanken nachhängend schlich ich erneut die Stufen zum Dachgeschoss hinauf.
3
Schlaf fand ich kaum in dieser ersten Nacht in Leipzig.
Heißt es nicht immer, dass das, was man in der ersten Nacht in einem neuen Heim träumt, in Erfüllung gehen würde? Nach kurzen traumlosen Momenten, in denen ich schlief, wachte ich auf, um sofort wieder an die Begegnung am Abend unter den Bäumen am Ende der Straße zu denken. Ich konnte mich an jedes Wort erinnern, das Robert zu mir gesagt hatte. Wie schön dieser Name klang, egal, ob man ihn aussprach oder nur dachte. Seine strahlend grünen Augen mit dieser unergründlichen Tiefe blickten mich in meiner Erinnerung wieder an. Oder schlief ich etwa und träumte von ihm? Mich hin und her wälzend wachte ich ein ums andere Mal auf.
Gegen Morgen setzte ich mich, aus einem kurzen Schlaffetzen aufschreckend, unvermittelt auf und musste mir plötzlich eingestehen, dass ich ihn unbedingt wieder sehen wollte. Dieser Gedanke ließ mich erbeben. Was war mit mir geschehen? Noch nie hatte mich eine fremde Person so berührt. Es war, als hätte er mit seinen tiefgrünen Augen direkt in mein Herz gesehen.
Hatte er nicht gesagt, er wäre abends häufig dort?
Er wohnte in der Nähe?
Hoffnung durchflutete mich.
Ich müsste nur wieder den Abend auf einer der Bänke unter den Bäumen verbringen.
Aber nein, alle Hoffnung schwand sofort wieder, als ich daran dachte, wie ich wohl auf ihn gewirkt haben musste. Er würde sich sicher einen neuen Platz suchen. Wer will schon so einen Stockfisch wie mich wiedertreffen? Trostlosigkeit erfüllte mich mit einer nie gekannten Intensität.
Ich war noch nie ein besonders extrovertierter Mensch gewesen, sondern betrachtete die Welt eher aus dem Hintergrund und drängte mich nie nach vorn. Aber es hatte mir auch noch nie die Stimme einfach so verschlagen. Der Gedanke an meine Unfähigkeit zu sprechen, verärgerte mich zunehmend.
Ich grübelte weiter, bis draußen der Tag anbrach, und beschloss, in einem Anflug von Vernunft, lieber in aller Frühe aufzustehen, statt mir weiter über einen völlig Fremden den Kopf zu zerbrechen, den ich aller Wahrscheinlichkeit nach sowieso nie wieder sehen würde.
Ich nutzte die frühe Stunde und ging im Morgengrauen im nah gelegenen Rosental eine halbe Stunde laufen, hoffend, in der kühlen, herbstlich-feuchten Luft wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Später, unter der heißen Dusche stehend, ertappte ich mich, dass ich immer noch an den schönen Fremden dachte. Entnervt stellte ich das Wasser ab und fröstelte augenblicklich. Ich musste vergessen haben, das Fenster vor dem Duschen zu schließen. Denn zum Duschen bei geöffnetem Fenster war es nun wirklich zu kühl. Das Wetter war über Nacht umgeschlagen, und noch während ich aus der Dusche schlüpfte und nach meinem Handtuch angelte, ging der leichte Morgennebel in einen garstig-grauen Nieselregen über. Unwirsch schloss ich das Fenster, als würde ich meine verwirrenden Gedanken ebenfalls einfach ausschließen können.
Es war Samstag, der neunundzwanzigste September. Am Montag würde mein Studium beginnen. Die Mischung aus Vorfreude und banger Erwartung ließ die Gedanken an Robert, den Unbekannten, kurzzeitig verblassen. Ich schlüpfte in Jeans, T-Shirt und eine dicke Strickjacke und überlegte bei einer Tasse English Breakfast Tea, einem morgendlichen Ritual, das ich als Mitbringsel meiner Zeit als Fremdsprachenassistentin an einer britischen Grundschule im Südwesten Englands in mein hiesiges Leben importiert hatte, wie ich den Tag am besten verbringen könnte. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass der Tag sich nicht beeilte, fortzuschreiten. Es war halb sieben und regnete, weder die richtige Zeit noch das richtige Wetter für große stadterobernde Pläne. Also leerte ich meine letzten beiden Umzugskartons. Ab und zu sah ich kurz aus dem Fenster, aber das kleine grüne Oval, das ich im äußersten Winkel sehen konnte, war und blieb menschenleer. Allmählich kam es mir vor, als wäre der vergangene Abend nur einer der flüchtigen Träume meiner unruhigen Nacht gewesen, und es fiel mir schon leichter, die Gedanken daran zu verdrängen. Mittlerweile müsste es doch mindestens acht Uhr sein.
Sieben Uhr vierzig zeigte mein kleiner Wecker. Die Zeit kroch tatsächlich im Schneckentempo. Ich beschloss, dem Wetter die Stirn zu bieten, schlüpfte in meinen halbwegs regenfesten Parka und ein paar alte Turnschuhe, schnappte mir ein Buch aus dem Regal und zog die Tür hinter mir ins Schloss. Ich nahm mir vor, die erstbeste Straßenbahn zu nehmen, die kam und im Stadtzentrum in einem Coffeeshop gemütlich zu lesen. Ich fand schnell, was ich suchte. In der Nähe des Hauptbahnhofes, am Brühl gab es eine Filiale von »Tim’s Coffeehouse«, meiner Lieblingscafékette. Das ist das einzig Schöne am sonst für mich eher langweiligen Franchisekonzept, man findet überall auf der Welt die gleiche vertraute Atmosphäre. In Exeter, meiner Stadt auf Zeit in England genauso wie hier in Leipzig. Ich bestellte einen großen Chai Tea Latte, machte es mir auf einem der ausladenden Ledersofas im hinteren, gemütlich dunklen Bereich des Cafés bequem und ließ den Blick wandern. Es waren außer mir erst zwei weitere Gäste anwesend, die beide einen großen Koffer und Rücksäcke dabei hatten. Sie saßen sich schweigend gegenüber und hielten sich ziemlich müde aussehend an ihren übergroßen Milchkaffeetassen fest. Wahrscheinlich waren sie die ganze Nacht unterwegs und warteten nun auf ihren Anschlusszug. Zum Bahnhof waren es ja nur wenige Schritte.
»Tim’s Coffeehouse« war der Inbegriff von Gemütlichkeit. Eine heimelige Insel inmitten hektischer Städte. Wahrscheinlich mochte ich diesen Platz deshalb so sehr. Ich fühlte mich hier immer ein wenig zu Hause und konnte das schnelle Stadtleben für die Länge einer Tasse Tee einfach ausblenden. Die Wände waren abwechselnd in verschieden breiten Streifen abgedunkelter und pastelliger Farben gestrichen, weinrot, royalblau, zartgelb, waldgrün, rosenholz, verschiedene Braun- und Grautöne. Auf alt getrimmte Emaillekaffee- und Teewerbeschilder aus aller Welt schmückten die bunten Farbstreifen und auf einem im Laden ringsum laufenden Regal knapp unter der mit Stuck reichhaltig verzierten Decke standen Tee- und Kaffeeblechdosen, Kannen, Tassen und Becher. Große bodentiefe Fenster mit alter Buntverglasung, warfen trotz des miesen Wetters draußen ein warmes Licht in den Raum. Ob der Stuck und die Fenster wohl noch Originale aus der Jugendstilzeit waren? Vielleicht, denn solche Kleinode ließen sich in Leipzig noch häufig finden und wirkten auf mich besonders anziehend. Ich nippte an meinem Chai Latte und packte mit einem leisen Seufzer des Wohlbefindens mein Buch aus. »Dreh Dich nicht um« von Daphne du Maurier. Ich liebte die Bücher dieser Schriftstellerin, denn sie erinnerten mich an die schöne Zeit, die ich von September letzten Jahres bis Mai dieses Jahres in Südwestengland verbracht hatte. Ich begann mit der ersten Novelle »Die Vögel« und versank in der faszinierenden Mischung aus subtilem Horror und Hoffnung. Versunken lesend, klopfte mein Herz im Takt der atemlosen Geschichte.
»Hallo Bücherwurm. Da bist Du ja wieder. Darf ich?«
Mein Buch fiel mir fast aus den Händen, als mich eine Stimme ansprach, die mir paradoxerweise unendlich vertraut erschien, obwohl ich sie erst wenige Stunden kannte.
Unglaublich, da war er.
Mir gelang es nicht, das Erstaunen in meinem Gesicht auch nur andeutungsweise zu verbergen. Leicht verwuscheltes, regenfeuchtes Haar, als hätte er vergessen, sich zu kämmen. Bluejeans, ein dunkelblau-petrolgrün kariertes Hemd darüber, bis zur Brust aufgeknöpft, darunter ein einfaches graues V-T-Shirt. Die Hemdsärmel lässig hochgekrempelt. Über dem Arm eine alte schwarze Bikerlederjacke. Letzte Regentropfen in seinem Gesicht, die das warme, abgedunkelte Licht der Cafébeleuchtung in warmen Sonnenfarben brachen und ihn leicht funkeln ließen.
Ich konnte meinen Blick wieder nicht von ihm abwenden.
Er lächelte fragend.
Ich deutete auf den Sessel neben mir und ärgerte mich gleichzeitig, dass ich den Rest der Couch neben mir einnehmend mit meiner Jacke okkupiert hatte.
»Hallo. Ja, bitte.« Immerhin, ich konnte heute Morgen wenigstens sprechen. Das lag wohl an der absolut unerwarteten Überraschung. Meine wie eingefrorene Starre würde bestimmt gleich wieder eintreten, fürchtete ich, denn da waren sie erneut, diese unergründlich grünen Augen, die mich warm und wieder ein klein wenig belustigt anblickten. Ich versuchte mich so stark wie möglich darauf zu konzentrieren, einen halbwegs geistesanwesenden Eindruck zu erwecken und nicht wieder in den Tiefen seiner Augen einfach nur hilflos durch Raum und Zeit zu treiben.
»Ich hätte ja nicht erwartet, überhaupt schon jemanden bei diesem Wetter und um diese Zeit hier an einem Samstagmorgen anzutreffen. Und plötzlich bist du da. Weißt du, ich mag es, hier noch vor allen anderen einen Kaffee zu trinken, in der Zeitung zu blättern und langsam ins Wochenende zu starten.« Er schaute mich aufmunternd an, als wollte er tatsächlich mit mir ins Gespräch kommen.
In der Zeitung blättern. Um diese Zeit? Wie spät war es eigentlich? Erst acht Uhr vierunddreißig? Mir gegenüber hing eine große weiße bahnhofsähnliche Uhr mit antik wirkenden Metallzeigern, die leise vor sich hin tickten. Irgendetwas stimmte heute mit meinem Zeitempfinden nicht. Ich hätte es schon wieder deutlich später vermutet.
»Ja, ich finde es auch schön hier, vor allem wenn noch nicht alles überfüllt ist. Ich war früh wach, und da ich noch nicht so viel in Leipzig kenne, dachte ich, ich suche mir etwas Bekanntes.«
Wow, das war mutig. Ganze Sätze. Ich kam voran.
Er lächelte mich einfach nur an und mein Herz begann mit einem Mal, einen Takt schneller zu schlagen. Er verwirrte mich zusehends.
»Aha, also bist du neu hier. Was wirst du denn in Leipzig tun?«
»Am Montag beginne ich mein Studium.«
»Und was …?«
»Anglistik-Amerikanistik und Germanistik. Bücherwurm. Das weißt du ja schon.« Ich tippte zur Bekräftigung auf mein Buch.
Mir gelang es nicht nur, ein halbwegs kohärentes Gespräch zu führen, sondern sogar ein schiefes Lächeln dazu. Wenn er mich doch nicht unentwegt so anschauen würde. Aber plötzlich fühlte ich, wie meine Aufregung ganz langsam einem angenehmen, ja sogar vertrauten Gefühl wich. Sein intensiver Blick ließ mich ein wenig entspannen und ich fasste Mut, ihn anzusprechen.
»Du sprichst nicht so, als wärest du ein echter Leipziger. Was tust du hier, Robert?« Seinen Namen auszusprechen ließ mich erschauern. Es war ein noch viel aufregenderes Gefühl für mich, als ihn nur zu denken.
»Oh, das merkt man hier immer gleich. Ja, der hiesige Dialekt liegt mir nicht so.« Er lachte. »Ich komme zum Teil aus Berlin und arbeite hier am Max-Planck-Institut … beschäftige mich mit der anthropologischen Entwicklung der Sprache und betreue verschiedene Projekte in diesem Themenbereich.«
»Wow, das klingt interessant.«
»Das ist es auch. Was liest du eigentlich?«
»Daphne du Maurier, … kennt heutzutage meist keiner. Sie ist anscheinend ein bisschen aus der Mode geraten.«
»Ich schon. Ich mag es, dass die meisten ihrer Geschichten in Cornwall spielen. Eine tolle Gegend. Ich bin dort öfter und auch immer wieder gern.«
Ich war sprachlos. Gerade wollte ich ihm von meiner Leidenschaft für ebendiesen zauberhaften Landstrich erzählen, als das Piepen seines Handys unvermittelt diesen ersten Anflug von Vertrautheit zerbrach. Er entschuldigte sich knapp und schien beim Lesen der Nachricht leicht zerknirscht.
Mit einem Ausdruck ehrlichen Bedauerns wandte er sich mir wieder zu und sagte: »Elisabeth, es tut mir leid. Ich muss schon wieder los. Am Bahnhof wartet jemand auf mich. Ich war mir sicher, sie würde einen Zug später nehmen. Ich wünschte … es tut mir ehrlich leid. Bis bald.«
Er nahm eilig seine Jacke, zog sie im Gehen an und lief mit großen Schritten auf die Tür zu. Er war noch nicht ganz draußen, als er sich noch einmal umwandte und mir zulächelte. Sah ich da einen Anflug von Traurigkeit in seinem Gesicht? Nein, das bildete ich mir nur ein. Und doch, er verharrte einen Augenblick länger als er zum Schließen der Tür benötigt hätte und suchte meinen Blick. Ein kurzes letztes Nicken und er war verschwunden. Ich saß fassungslos da und starrte auf die geschlossene Tür.
Das konnte doch nicht wahr sein. Mir war es, als würde es mir das Herz brechen, ein bohrender Schmerz setzte sich in meiner Brust fest. Traurigkeit und Eifersucht auf diese unbekannte Frau manifestierten sich zu einem solch niederschmetternden Gefühl, dass mir der Atem stockte. Tränen schossen mir in die Augen und ich konnte sie nur mit Mühe hinunterschlucken.
Reiß dich zusammen, versuchte ich mir zu sagen. Hast du wirklich geglaubt, er wäre frei? So ein Mann kann doch nicht allein sein. Auf jeden Fall hatte er eine Freundin und diese holte er gerade vom Bahnhof ab. Verdammt!
Warum berührte mich das eigentlich so sehr? Ich wusste gerade einmal, dass er Robert hieß. Und dass er am Max-Planck-Institut arbeitete. Wo auch immer das in dieser Stadt war. Und dass er unglaublich gut aussah. Und mehr als nur einfach nett war. Und dass er die faszinierendsten grünen Augen hatte, die ich jemals gesehen hatte. Und er hatte sich meinen Namen gemerkt …
So viel Glück wirst du kein drittes Mal haben, versuchte ich mir klar zu machen. Du wirst ihn nie wieder treffen! Diese Einsicht war wie ein Schlag ins Gesicht. Und trotzdem, ganz klein, neben diesem niederschmetternden Gefühl der Ohnmacht, regte sich Hoffnung auf ein weiteres Wiedersehen.
Ich packte mein Buch wieder ein und zog meinen Parka an. Hier konnte ich nicht bleiben, verwirrt und enttäuscht wie ich war.
Während ich zurück zur Straßenbahnhaltestelle lief, schlug mir der kalte Regen ins Gesicht und vermischte sich mit meinen Tränen, die nun ungehemmt liefen. Der jähe Abschied von Robert ließ mich fast verzweifeln. Ob ich ihn jemals wiedersehen würde? Wohl eher nicht. Und keiner war da, mit dem ich hätte reden können. Kristin war in Halle und zog sicher gerade von einem Club zum nächsten, ohne eine Grenze zwischen Tag und Nacht zu ziehen. Meine Mutter konnte ich nicht anrufen, um ihr von der Sehnsucht nach einem Wildfremden zu erzählen. Sie würde die Welt nicht mehr verstehen und sich enorme Sorgen machen. Alle anderen Freunde standen mir nicht so nah, als dass ich mit ihnen meinen unerklärlichen Herzschmerz hätte teilen wollen. Und Daniel, mein Bruder? Der würde sich entweder über mein noch nie gekanntes Gefühlschaos schlapp lachen oder sich völlig verunsichert zurückziehen. Ich war zutiefst traurig und gleichzeitig unendlich wütend auf mich selbst. Wieso benahm ich mich wie ein kleines Kind? So etwas war mir noch nie zuvor passiert.
Langsam dämmerte mir eine Wahrheit, die ich jedoch vehement verdrängte. Ich gehörte schließlich nicht zu solch flatterhaften Menschen, die schnell ihr Herz verschenken! Nein! Deshalb konnte das auch gar nicht sein. Ich war sicher nur emotional ein bisschen aufgekratzt, weil ich nicht wusste, was mich in den nächsten Wochen hier erwarten sollte. Genau! So versuchte ich mich aus meinem Tal der Tränen herauszureden und fühlte mich aber so gar nicht besser, als ich wenig später in die fast leere Bahn zurück zu meiner Wohnung stieg.
4
Wie ich den Rest des Wochenendes überstand, kann ich nicht mehr sagen. Es verging … irgendwie und unendlich langsam.
Ich war froh, als ich am Montagmorgen aufstehen, und mit dem Ziel der ersten Vorlesung meines Studiums in Richtung Uni aufbrechen konnte.
Als ich den Hörsaal in der Beethovenstraße betrat, wäre ich fast wieder rückwärts zur Türe herausgekippt. Nach den letzten Tagen, die ich versunken in meine Gedanken an Robert, den Unbekannten, verbracht hatte, schlugen mir die Geräusche des schon mit Studenten gut gefüllten Raumes entgegen wie eine Welle hunderter lärmender Spatzen. Ich suchte mir einen der wenigen noch freien Plätze recht weit hinten. Die vorderen Sitzreihen waren noch nicht so dicht belegt, doch mir war einfach nicht danach, im Vordergrund zu sitzen. So war ich schlichtweg dankbar, zwischen all den anderen sprichwörtlich untergehen zu können. Ich kannte sowieso noch niemanden und war daher froh, mich nur auf mich selbst konzentrieren zu können.
Kurze Zeit später betrat eine junge Frau forschen Schrittes den Hörsaal, legte ihre Tasche ab und stöpselte ihren Laptop an den Beamer. Eine Professorin, damit hatte ich nicht gerechnet. Zwar hatte ich mich im Vorlesungsverzeichnis über die Veranstaltung und ihren Lektor erkundigt. Aber soweit ich mich erinnern konnte, stand da Prof. Dr. Chr. Rosenberg. »Early American Short Stories«, für dieses Thema und noch dazu mit der Abkürzung Chr. hatte ich mir irgendwie einen älteren Herren vorgestellt. Christoph, Christian oder so ähnlich, aber ihre Fußzeile in ihrer Powerpointpräsentation enthüllte nun ein schlichtes Chris.
Warum also nicht? Ich lehnte mich zurück und lauschte ihren Ausführungen über Nathaniel Hawthornes Initiationsgeschichte »Young Goodman Brown«. Die in ihrem Vortrag untersuchte vielfältige Symbolik, die darstellt, welchen seine Tugend bedrohenden Versuchungen der Protagonist auf seinem Weg zum Glück ausgesetzt ist, faszinierte mich und zog mich für die folgenden neunzig Minuten in ihren Bann. Die Geschichte musste ich mir unbedingt in der Bibliothek besorgen und noch einmal in Ruhe lesen.
Viele der um mich herum sitzenden Kommilitonen verfolgten das Geschehen nicht ganz so begeistert. Der alte Hörsaal mit seinen Holzklappstühlen und ausklappbaren Holztischchen, die immer an den davor stehenden Rückenlehnen der Stühle angebracht waren, war erfüllt mit einem nicht abebben wollendem leisen Gemurmel. Dies störte die Professorin jedoch ganz offensichtlich nicht. Sie sprach betont, überzeugend und schien die störenden Geräusche auszublenden. Wie in einem Bienenstock, schoss es mir durch den Kopf, ehe ich mich wieder der Vorlesung zuwandte.
Anschließend hatte ich ein Seminar zum Thema »Sociolinguistics«. Darunter konnte ich mir noch nichts vorstellen. Ich ließ mich also überraschen. Da ich mich mit den verschiedenen Räumlichkeiten der Uni noch nicht auskannte, hatte ich die Zeit, die ich von dem Gebäude in der Beethovenstraße zu meinem nächsten Seminarraum am anderen Ende der Stadt benötigen würde, völlig unterschätzt und kam gerade noch rechtszeitig. Ich setzte mich gleich nahe der Tür neben ein recht hübsches, sportlich gekleidetes Mädchen mit einem frechen blonden Kurzhaarschnitt und lustigen Sommersprossen. Ihre männliche Begleitung, offensichtlich ein Austauschstudent, der sich auffallend laut und mit starkem nordamerikanischen Akzent mit ihr auf Englisch unterhielt, schien eng vertraut mit ihr zu sein. Er, betont lässig in khakifarbenen Chinos und einem hellen T-Shirt mit braunem Pullover darüber, zeigte durch seine Körperhaltung deutliches Interesse an dem Mädchen, schien sie aber nicht offensiv zu umwerben. Sie bemerkte seine Flirtversuche jedoch nicht oder ignorierte sie gekonnt und verhielt sich ihm gegenüber einfach nur unbefangen und freundlich. Kaum saß ich, unterbrachen die beiden ihre Unterhaltung und er sprach mich auch schon an.
»Hi, ich bin Jason und das ist Theresa. Welches Semester bist Du?«
»Ähm, hallo, ich bin Elisabeth. Erstes Semester. Und ihr?«
»Ich bin im vierten«, antwortete das Mädchen, das Theresa hieß. »Jason hat schon seinen Bachelor. Er kommt aus Vancouver und verbringt zwei Austauschsemester hier.«
»Ja, das ist schon mein zweites Semester in Leipzig. So, also bist du ein Freshman, aren’t you?«, fragte Jason.
»Sozusagen … oh, es scheint loszugehen«, sagte ich, als ein Mann mittleren Alters mit dunklem Tweedjackett und alter, abgetragener Ledertasche hereinkam und sich als Dr. Gallington vorstellte. Während er seine Unterlagen auspackte und eine Teilnehmerliste herumgehen ließ, erläuterte er steif die Prüfungsanforderungen für sein Seminar.
»Oh, er sieht eindeutig ›very British‹ aus«, flüsterte Theresa mit belustigtem Blick auf die antiquierte, abgewetzte Jacke von Mr. Gallington und deutete dabei Gänsefüßchen an.
»Ja, wie ein alter Landlord«, lachte Jason leise in meine Richtung.
Ich musste zugeben, die beiden waren mir wirklich sympathisch und ich war erleichtert, wenigsten schon einmal zwei neue Namen zu kennen. Und mit der Einschätzung Mr. Gallingtons als Sinnbild eines britischen Landlords hatten die beiden irgendwie Recht, musste ich ihnen schmunzelnd zugestehen.
Die folgenden neunzig Minuten mit Mr. Gallington waren nicht ganz so kurzweilig wie die Vorlesung zuvor und ich ertappte mich immer wieder dabei, wie ich mit den beiden neben mir plauderte. Zudem schaute ich wieder und wieder sehnsuchtsvoll nach draußen, hoffend, dass der elende Dauerregen endlich nachlassen würde, was er aber nicht tat. Im Gegenteil, es schien mir, als würde es mit jedem Blick nach draußen nasser und dunkler. Meine Pläne, meine heimliche Hoffnung, Robert bald wieder zu sehen, vielleicht unter den Bäumen am Ende der Straße, rückten ins Unerreichbare. Gleichzeitig schalt ich mich wegen meiner Träume. Hatte er mich nicht zugunsten einer anderen am Samstag im Café verlassen? Schlag ihn dir aus dem Kopf, sagte ich mir ein ums andere Mal. Er ist sowieso nicht interessiert an dir. Und trotzdem konnte ich einfach nicht aufhören, an ihn zu denken. Wie er mich angesehen hatte …
Ich schloss die Augen und sah ihn sofort wieder vor mir. Nein, konzentriere dich, versuchte ich mich aus meinen Tagträumen zu reißen und strengte mich halbherzig an, dem wenig fesselnden, monotonen Redefluss des Dozenten zu folgen.
»Wir gehen nachher Mittagessen. Hast Du Zeit und Lust? Dann komm doch mit!«, forderte mich Theresa auf, als wir nach einer gefühlten Ewigkeit knochentrockener Textanalyse endlich unsere Sachen packten und eilig aus dem viel zu warmen Seminarraum flohen.
»Ja, gern«, antwortete ich und freute mich, so netten Anschluss gefunden zu haben.
»Oh Mann, den überleben wir nie!«, polterte Jason mit rollenden Augen auf dem Weg zur Mensa. »Dabei dachte ich mir, dass man gerade dieses Thema doch leicht mit Leben füllen und interessant gestalten könnte. Das hat der steife Brite aber voll vermasselt!« Jason, der, abgesehen von seinem verräterischen Akzent, ein bewundernswertes Deutsch sprach, betonte vermasselt eher wie vermesselt, was Theresa und mich schmunzeln ließ.
»Waaas?«, frage er gespielt genervt.
»Nichts! Ich sehe schon, das wird der harte Montagvormittag dieses Semester!« witzelte Theresa und lachte auffordernd in meine Richtung. »Was ist, bleibst du dabei oder suchst du dir eine Alternative?«
»Klar bleibe ich! Mit Euch beiden könnte man es dort schon überleben!«, und lachte mit.
Während des Mittagessens setzte sich unsere Unterhaltung fort und ich spürte, dass ich in den beiden tatsächlich die ersten neuen Freunde gefunden zu haben schien. Sie schafften es durch ihr unbekümmertes, freundliches Wesen sogar, mich von meinen sehnsuchtsvollen, schmerzhaften und vor allem sinnlosen Erinnerungen an Robert fern zu halten.
»Woher kennt ihr Euch? Seid ihr ein Paar?«, wagte ich mich am Ende der Mittagspause zu fragen, denn der vertraute Umgang der beiden miteinander war auffällig und die Frage nach ihrem Verhältnis zueinander nur naheliegend.
Jason lachte kurz gespielt amüsiert und leicht wehmütig auf und sagte dann, Theresa schelmisch anlächelnd: »Nein, als hätte ich jemals eine Chance bei Theresa! Wir sind zufällig beide zu Beginn des vergangenen Semesters in der gleichen WG gelandet, sind also sozusagen Zimmernachbarn. Und da wir auch noch die gleichen Fächer belegen, verbringen wir notgedrungen viel Zeit miteinander.«
Postwendend knuffte Theresa ihn in die Seite und entgegnete neckend: »Es scheint dich ja auch mächtig zu stören, ständig mit mir herumzuhängen!«
»Nun ja, es gibt schon noch Schlimmeres!«
»Sag mal Elizabeth … hast Du am Freitagnachmittag schon was vor? Es werden noch Leute für eine Studie zum Zweitspracherwerb gesucht. Weißt du, was das ist?«, fragte Theresa und beantwortete die Frage gleich selbst: »Klar, sicher weißt du das. Du bist ja schließlich vom Fach. Wir machen übrigens auch mit und das nicht zum ersten Mal.«
»Und was passiert dann da?«, fragte ich sie interessiert. Alles war gut, solange es mich ablenkte und beschäftigte, stellte ich etwas grimmig mit mir selbst fest.
»Das ist immer ganz lustig, man bekommt einen kleinen Test vorgelegt, füllt den aus oder spricht eine Testrunde lang mit den Leuten dort und am Ende gibt es meist sogar zwanzig Euro dafür.« Theresa schaute mich erwartungsvoll an.
»Ja, cool. Klingt interessant. Wo muss ich da hin und vor allem wann?«
»Wir können uns ja alle sechzehn Uhr am Bahnhof treffen und gemeinsam hinlaufen. Es ist nicht weit«, meinte sie.
»Okay, abgemacht.«
»Und danach wollen wir mit ein paar Leuten in die Moritzbastei zur Semesteranfangsparty. Es spielen auch zwei ganz gute Bands. Wenn Du willst, bist Du mit dabei!«, lud Jason mich ein.
»Ja, mal schauen«, zögerte ich.
»Ach komm schon, es soll die ganze Woche so weiter regnen,« sagte Theresa mit einem genervten Blick aus dem Fenster. »Da tut ein bisschen Ablenkung doch ganz gut!«
»Okay, einverstanden. Ich komme mit«, sagte ich, da ich nun bestätigt bekam, dass meine Pläne, jeden Abend den kleinen grünen Platz in unserer Straße aufzusuchen, in der stillen Hoffnung ihn zu treffen, endgültig durchkreuzt waren. Wenn das Wetter so bleiben sollte, brauchte ich dort nicht hinzugehen. Aber wenn es besser werden sollte … könnte ich immer noch absagen. Jedenfalls war gegen ein bisschen Ablenkung nichts einzuwenden, fand ich.
»Prima«, freuten sich Jason und Theresa gemeinsam. »Wir müssen nun los, mach’s gut, Elisabeth.« Bevor sie gingen, tauschten wir noch schnell unsere Telefonnummern aus, und dann waren sie auch schon weg.
Auf meinem Weg zur Bibliothek sah ich an der Eingangstür eines liebevoll gestalteten Kindergartens ein Schild hängen, auf dem ich las, dass Vorlesepaten für die Kinder gesucht würden. Da könnte ich mich doch melden, dachte ich mir. Denn Kinder hatte ich immer gern um mich. Meine Kleinen aus Exeter fehlten mir richtiggehend, als ich darüber nachdachte. Na, und Lesen … das war ja schließlich ich.
5
Die Woche schritt voran und der Regen hielt an. Am Donnerstagvormittag, als ich in der Bibliothek saß und Literatur für mein erstes Kurzreferat in einem Germanistikseminar in zwei Wochen zusammentrug, schien es, als wollten sich die Wolken etwas lichten. Hoffnung durchströmte mich mit einer derartigen Intensität, dass es mir fast unmöglich war, mich wieder auf meine Arbeit zu konzentrieren. Doch schon, als ich zur Mittagszeit aus dem modernen Bibliotheksgebäude heraustrat, war es wieder dunkelgrau und ich tappte tief enttäuscht meinem nächsten Seminar entgegen. Es schien, als würde sich das Wetter belustigt meiner Hoffnung auf einen regenfreien Abend in den Weg stellen, um mir ein ums andere Mal zu sagen, dass ich ein Dummkopf sei und nicht meinen unerreichbaren Träumen hinterherhängen sollte.
Ich war froh, dass ich meine Tage über das vorgeschlagene Maß hinaus mit Veranstaltungen vollgepackt hatte. Vorbereitung, Nachbereitung. Ich hatte zu viel zu tun, als dass ich häufig Raum für meine mittlerweile schon fast surreale Erinnerung an Robert hatte.
Nachts jedoch schlief ich kaum und versuchte, meinem sich rastlos drehenden Gedankenkarussell zu entkommen, während ich mich endlose Stunden im Bett hin und her wälzte.
Ich musste mir eingestehen, ich hatte mich in einen völlig fremden Menschen verliebt. Das erste Mal in meinem Leben überhaupt. Und nichts in meinem Leben war bisher je aussichtsloser gewesen als diese Liebe, die ich so deutlich und heftig wie körperlichen Schmerz empfand. Irgendwann, jede Nacht aufs Neue, schlief ich dann unter Tränen ein, mir der absoluten Hoffnungslosigkeit meiner Gefühle bewusst, nur um im Traum Roberts smaragdgrünen Blick wieder und wieder auf mir ruhen zu sehen.
Der Freitagmorgen verlief höhepunktlos und nachdem meine letzte Vorlesung der Woche vorbei war, hatte ich noch ausreichend Zeit, nach Hause zu gehen, bevor ich mich mit Theresa und Jason für die Studie und vielleicht auch für die Party in der Moritzbastei treffen wollte. Ein ums andere Mal ertappte ich mich dabei, meiner Versuchung nachzugeben, die beiden anzurufen und ihnen zu sagen, dass ich eine Erkältung hätte, nur um nicht mit zu müssen. Ich tat es dann doch nicht, denn noch mehr fürchtete ich, wieder allein zu Hause zu hocken und von meinen deprimierenden Sehnsüchten eingeholt zu werden. Ich brauchte definitiv Ablenkung, so viel stand fest. Sonst würde ich noch verrückt werden!
Unschlüssig stand ich wenig später vor meinem Kleiderschrank. Ich war nicht der Typ Frau, der sich gern aufbretzelte. Ich hielt es lieber schlicht und vor allem unauffällig. So verließ ich am Nachmittag das Haus in meinen altbekannten Bluejeans und einem einfachen dunkelblauen Shirt mit dreiviertellangen Ärmeln, alles gut versteckt unter meinem Parka, denn es regnete noch immer unaufhörlich. Meine dunkelblonden, lockigen Haare ließ ich einfach offen und Make-up trug ich sowieso nie.
Bevor ich mich mit Theresa und Jason traf, fiel mir der Kindergarten wieder ein, den ich am Montag entdeckt hatte. Da noch ausreichend Zeit bis zu unserem Treffen am Bahnhof war, beschloss ich, dort noch vorbeizugehen und mich als vielleicht neue Vorlesepatin für die Kinder vorzustellen. Auf meinem Weg dahin überlegte ich, ob die beiden eigentlich überhaupt erwähnt hatten, wohin wir zu dieser Studie gehen würden. Ich konnte mich einfach nicht an einen Ort erinnern. Egal, das war auch nicht so wichtig, sagte ich mir und klingelte an der Eingangstür zum Kindergarten. Ein junger Mann mit millimeterkurzen Haaren in dunklen Camouflage-Cargohosen und einem Wacken-T-Shirt öffnete mir und schaute mich amüsiert an. Meine Überraschung, einen Mann im Kindergarten anzutreffen, schien mir vermutlich ziemlich offen im Gesicht zu stehen.
»Hallo, wie kann ich Ihnen helfen?«, frage er und fügte gleich, bevor ich antworten konnte, hinzu: »Viele sind überrascht. Aber glauben Sie es mir, es gibt immer mehr Erzieher.«
»Aha? Also, hallo, ich bin Elisabeth Bergmann und habe draußen gelesen, dass sie für die Kinder Vorlesepaten suchen.«
»Oh, das ist ja schön«, freute er sich und fuhr fort: »Ich heiße Johannes Winter. Dann bringe ich Sie mal zur Kindergartenleiterin, das ist Frau Weiße. Sie wird sich bestimmt freuen, dass sich endlich mal jemand auf den Aushang meldet. Also dann, einfach hinterher kommen.«, sagte er mit einer einladenden Handbewegung und verschwand in Richtung eines Treppenaufgangs. Das Büro war schnell gefunden und ich vereinbarte mit der Leiterin namens Susan Weiße für die nächste Woche am Dienstagnachmittag eine erste Vorlesestunde.
»Wie ist es mit den Büchern … ich habe eigentlich keine Kinderbücher mehr zu Hause, könnte aber sicher welche aus der Bibliothek besorgen …«, fragte ich sie indirekt.
»Nein, nein. Das ist nicht nötig. Wir haben neulich einen ganzen Karton voller neuer Bücher vom Goetheinstitut im Rahmen des Vorlesetages geschenkt bekommen. Die Kinder freuen sich darauf, erst einmal alle Bücher aus dieser Kiste kennen zu lernen.«
»Ach, das ist gut. Also dann, ich freue mich! Bis Dienstag«, verabschiedete ich mich und lief weiter zu meinem Treffpunkt mit Theresa und Jason am Haupteingang des Hauptbahnhofs. Ich musste nicht lange warten, denn ich stand kaum, als ich die beiden schon aus einer ankommenden Straßenbahn auf der Straße gegenüber springen und mir zuwinken sah.
»Hallo, du bist ja schon da!«, Theresa umarmte mich stürmisch und Jason nickte mir freundlich zu.
»Hi«, sagte er.
»Hallo. Wo gehen wir jetzt eigentlich hin?«
»Zum Deutschen Platz. Ziemlich cool dort. Es ist nicht weit von hier, etwa in der Nähe der Deutschen Nationalbibliothek. Wir können hinlaufen oder auch kurz mit der Straßenbahn fahren«, erklärte Theresa.
Da es gerade einmal nicht in Strömen regnete, sondern nur stetig vor sich hin nieselte, antwortete ich: »Wenn es euch nichts ausmacht bei diesem Wetter, können wir gern laufen.«
»Okay«, antworteten beide gleichzeitig und nahezu synchron setzten wir alle unsere Kapuzen auf, zogen sie tief ins Gesicht und liefen los. Unterwegs sprachen wir nicht viel, jeder hing seinen eigenen Gedanken nach und nach einer Weile rief Theresa: »Et voilà, da sind wir.«
Wir standen schon fast in einer Drehtür und gingen weiter ins lichtdurchflutete Foyer eines absolut imposanten Glasbaus. Wegen des Regens hatte ich mich auf unserem Weg hierher in den Tiefen meiner Kapuze versteckt und war leicht geduckt mit ständigem Blick auf meine Füße hinter Theresa und Jason hergegangen. Nun konnte ich mich gar nicht so recht erinnern, wo wir entlang gegangen und letztendlich gelandet waren. Aber das würde ja sicher gleich herauszubekommen sein. Ich setzte meine Kapuze ab und drehte mich einmal um meine eigene Achse. Die Treppen zu den Etagen führten offen mit Verbindungsbrücken durch die mit Glas und Stahl ummantelte Halle. Eine Wand war als vertikaler Kletterparcours gestaltet und im rechten Teil des riesigen Raumes schien eine permanente Ausstellung mit großen Glaskästen und Monitoren installiert zu sein.
»Sag ich doch, ist cool hier. Stimmt’s?«, grinste mich Theresa an.
Jason war unterdes schon zu einer Art Rezeption mitten im Raum gegangen und meldete uns an. Er kam zurück und teilte uns mit, dass wir gleich abgeholt würden.
Ich staunte noch immer sprachlos und blieb, mich weiter umsehend, stehen, während Theresa und Jason auf einer Sitzgruppe hinter der Rezeption Platz nahmen und sich aus ihren Jacken schälten.
Gerade wollte ich fragen, wo wir uns nun eigentlich befanden, als eine hübsche dunkelhäutige Frau in einem grasgrünen, figurbetonten Kleid aus dem Fahrstuhl trat, uns mit lustig blitzenden schwarzen Augen aufmunternd ansah und völlig akzentfrei ansprach: »Hallo, ich bin Momo. Willkommen im Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. Kommt mit. Wir müssen nach oben. Ihr müsst gar nicht warten und seid gleich dran.«
Jason und Theresa standen auf, schnappten ihre Jacken und Taschen und schickten sich an, ihr zum Fahrstuhl zu folgen, als meine Beine urplötzlich ihren Dienst versagten und ich rückwärts stolpernd auf einen Sitzwürfel sackte, auf dem soeben noch Jason gesessen hatte.
»Max-Planck-Institut?«, frage ich geschockt.
Alle drei schauten mich mit großen Augen an, völlig überrascht über meine sonderbare Reaktion.
»Geht’s Dir gut?«
»Alles klar?«
»Elisabeth???«
Sie fragten durcheinander und warteten verwundert und besorgt auf eine Antwort. Doch die konnte ich nicht geben. Stattdessen schaute ich die drei mit einem völlig gequälten Gesichtsausdruck an und suchte panisch nach einer halbwegs logischen Erklärung, die mein eigenartiges Verhalten wenigstens ansatzweise erklären könnte. Doch es gelang mir nicht, meine Gedanken irgendwie funktionsfähig zu sortieren. Das Einzige, was ich denken konnte, war: Max-Planck-Institut? Das Max-Planck-Institut, wo Robert arbeitete? Oh Gott, nein! War er auch hier? Was sollte ich machen, wenn ich ihn hier treffe? Er würde doch sicher denken, ich würde ihm hinterherlaufen! Oder nicht? Oh, wie furchtbar! Ich musste hier weg! Sofort!
Ein Blick in die total verwirrten Gesichter meiner zwei Freunde und dieser Momo zeigte mir, dass sie immer noch auf eine Antwort warteten. Logischerweise!
»Mir … ist schlecht geworden«, brachte ich mit Mühe hervor.
»Das ist ja komisch!«, meinte Theresa und blickte mich ein wenig argwöhnisch an. Sie nahm mir meine Ausrede nicht wirklich ab, fragte aber erst einmal nicht weiter nach.
»Geht’s dir wieder besser?«, fragte Momo. Ich nickte schwach, was blieb mir auch weiter übrig?
»Dann lass uns mal nach oben gehen«, sagte sie und wies auf den Fahrstuhl hinter ihr. »Dort bekommst du ein Glas Wasser. Oder besser einen Kaffee?«
»Wasser wäre toll«, murmelte ich. Als ich aufstehen wollte, stützte mich Jason plötzlich. Oh Mann, so viel Aufmerksamkeit war mir überhaupt nicht recht. Und laufen konnte ich auch alleine. Ich wünschte, ich könnte augenblicklich in der Erde versinken. Aber um nicht noch dusseliger da zu stehen, musste ich wohl oder übel mitspielen. Wie blöd! Ich ärgerte mich total!
Theresa schnappte sich meine Jacke und Tasche und Jason zerrte mich Richtung Fahrstuhl. Eigentlich wollte ich da gar nicht hoch. Aber das konnte ich ja schlecht erklären.
Im Fahrstuhl schwiegen alle betreten und schauten mich immer wieder besorgt von der Seite an.
Schon ging die Fahrstuhltür im zweiten Stock wieder auf und Momo rief herausspringend: »Hier entlang!« Während sie uns einen hellen Gang entlang führte, fragte Theresa Momo, wo sie so gut Deutsch gelernt hätte. Lachend erzählte sie ihr, dass sie eigentlich aus Nicaragua stamme, aber als kleines Kind von deutschen Eltern adoptiert wurde und in Deutschland aufgewachsen wäre. Fast alle Bürotüren waren weit geöffnet und erlaubten im Vorbeigehen einen Blick auf Leute, die konzentriert am Computer arbeiteten, sich angeregt unterhielten oder auch einfach nur schauten, wer vorbei lief und uns dann freundlich zunickten. Momo führte uns in ein halboffenes Kabinett mit Sitzgruppen und niedrigen Tischen und fragte noch mit einem eindeutig neugierigen Blick zu Jason, ob einer von uns nicht Deutsch als Muttersprache hätte. Sonderbare Frage, dachte ich mir. Aber rückblickend fiel mir auf, dass Jason außer einmal »Elisabeth« in Momos Anwesenheit noch nicht gesprochen hatte und sie sich deshalb vielleicht nicht sicher war, ob er nun Muttersprachler war oder nicht. Da Jason als Kanadier diese Frage auf jeden Fall bejahen musste, erklärte sie uns, dass er den gleich folgenden Test dann in Englisch beantworten würde, damit die Ergebnisse am Ende vergleichbar würden.
Sie bot uns an, von dem bereitgestellten Saft und Wasser zu nehmen und wies uns an, kurz zu warten.
Kaum war sie aus dem Raum gegangen, bestürmten mich Jason und Theresa auch schon wieder mit ihren Fragen.
»Was war denn mit dir da unten plötzlich los?«
»Du hast ausgesehen, als hättest du den Teufel persönlich getroffen! Krass! Was hattest du?«
»Geht’s Dir nun wieder gut?«
»Ja, alles prima«, antwortete ich knapp und war froh, auf die anderen Fragen nicht antworten zu müssen, denn Momo kam wieder und sagte: »Kommt mit. Es geht los. Lasst Eure Sachen hier. Die braucht ihr zum Test nicht mitnehmen. Wir schließen hier ab.«
Im Hinausgehen wandte sie sich noch einmal mir zu und fragte mich mit besorgter, leiser Stimme: »Fühlst du dich wirklich wieder gut? Du kannst auch gern einfach nur auf deine Freunde warten. Du musst nicht an der Studie teilnehmen, wenn es dir nicht gut geht.«
»Nein, nein. Vielen Dank. Es ist alles in Ordnung. Wirklich! Ich mache auf jedem Fall mit!«, versuchte ich Momos Bedenken zu zerstreuen.
»Okay, wie du meinst«, sie zuckte mit den Schultern und führte uns in einen abgedunkelten Raum, in dem kleine mit Seitenwänden versehene, beleuchtete Kabinen mit Schreibtischen aufgebaut waren.
»Der Herr aus Kanada setzt sich bitte in Kabine eins, die beiden Damen wählen je eine der verbliebenden Kabinen. Ihr findet auf Euren Plätzen einen Fragenbogen, den ihr bitte erst umdreht, wenn das Klingelsignal ertönt. Anschließend folgt ihr genau den Anweisungen auf dem Fragebogen. Ihr habt exakt fünf Minuten Zeit zum Ausfüllen. Bitte steht nicht auf, bevor die Klingel das Ende der Testzeit angibt. Falls ihr schon eher fertig sein solltet, bleibt also bitte trotzdem sitzen. Wenn die Zeit vorbei ist, dreht ihr den Testbogen wieder um. Bitte sprecht nicht miteinander. Soweit alles klar? Noch Fragen?«
»Nö«, sagte Theresa und auch Jason und ich signalisierten unser Verständnis.
»Okay, super! Dann geht’s jetzt los. Achtung!«, und die Klingel ertönte.
Während ich den Bogen ausfüllte, betrat eine weitere Person den Raum. Ich war jedoch mit der Fülle der Aufgaben auf dem Testpapier so beschäftigt, dass ich keine Zeit hatte, um nachzuschauen, wer da hereingekommen war.
Die fünf Bearbeitungsminuten waren schneller um als gedacht, und als die Klingel ertönte, fehlten mir sogar noch zwei Aufgaben. Tief durchatmend drehte ich mein Blatt um und wartete auf das Signal, wieder aufstehen zu dürfen.
»Vielen Dank«, sagte eine mir nur allzu bekannte Stimme und ließ mich auf meinem Stuhl erstarren. »Ihr werdet vielleicht nicht alles geschafft haben, aber das war so gewollt. Also macht euch keinen Kopf. Ihr habt nicht zu langsam gearbeitet. Momo nimmt nun noch eure Daten auf und gibt euch einen Link, auf dem ihr in etwa einem Vierteljahr die anonymisierten Testergebnisse nachlesen könnt, wenn ihr wollt.«
Theresa und Jason sagten beide »Okay« und erhoben sich Richtung Ausgang.
Ich stand langsam auf und drehte mich unsicher um. Du musst einfach nur ›Hallo‹ sagen und dann weitergehen, redete ich mir ein. Tu’s einfach und sei cool! Wenn das so einfach wäre! Mein Puls raste und meine Beine fühlten sich schon wieder an wie Wackelpudding.
Doch dann kam alles völlig anders, als ich es erwartet hatte.
Kaum hatte ich mich umgedreht, erkannte mich Robert und ein Strahlen erhellte sein Gesicht.
»Elisabeth!«, rief er hocherfreut.
Ich war völlig durcheinander. Geschockt!
Noch ehe ich mich sammeln konnte, war er die wenigen Meter durch den Raum zu mir geschritten und nahm meine beiden Hände in seine. Mein Herz vergaß einen Schlag lang, was es tun sollte und hielt einfach an, um danach mit noch höherer Geschwindigkeit weiterzurasen.
»Elisabeth!«, stieß er erneut hervor. »Ich hatte schon gedacht, ich sehe Dich nie wieder! Was für ein Idiot war ich, als ich am Samstag gegangen bin, ohne Dich vorher wenigstens um Deine Telefonnummer oder so zu bitten. Dabei war es letztendlich noch nicht einmal so dringend, denn ich stand noch mindestens eine halbe Stunde am Bahnsteig, ehe meine Cousine dann schließlich kam. Ihr Zug hatte kurz vor Leipzig noch eine Panne und konnte daher nur langsamer fahren als sonst.«
Ich hörte ihm atemlos zu und versuchte, das, was er mir da gerade erzählte irgendwie zu verarbeiten. Cousine? Meine Hände lagen noch immer in seinen. Er kam überhaupt nicht auf die Idee, mich wieder loszulassen.
»Deine Cousine?«, war das Einzige, was ich hervorbrachte. Ich konnte mein Glück gar nicht fassen. Von Cousinen ging keine Gefahr aus, soviel ich wusste. Oder doch?
Er war nicht aus dem Café geeilt, um seine Freundin zu treffen. Nur seine Cousine. Erleichterung, Freude, Überraschung. Ich fühlte alles durcheinander und gleichzeitig.
»Ja, meine Cousine. Sie ist gerade achtzehn und macht bald Abitur. Sie hat begonnen, nach einer geeigneten Uni für sich suchen, um nach der Schule Medizin zu studieren. Marburg und Jena hatte sie sich schon angesehen und am Wochenende wollte sie dann Leipzig kennenlernen. Naja, und ich hatte ihr angeboten, sie durch die Stadt zu führen und zum Tag der offenen Tür der medizinischen Fakultät zu begleiten.«
Er schaute mich liebevoll und ein wenig besorgt an. Dabei bildeten sich zwei Grübchen zwischen seinen Augenbrauen, was mich, wie immer, wieder nur ablenkte und mir auch ausgesprochen gut gefiel.
»Bist du mir sehr böse, dass ich dich da einfach allein in dem Coffeeshop sitzen gelassen habe?«
»Nein. Nicht wirklich. Ich dachte nur …«
»Was dachtest du?«
»Ach, nicht wichtig.« Es war egal, all der Schmerz der vergangenen Tage war wie weggeblasen und zum ersten Mal konnte ich mich einfach nur freuen, Robert zu sehen. Ich lächelte ihn glücklich an.
Er reagierte sofort auf mein Lächeln. Die besorgte Unsicherheit, mit der er mich soeben noch betrachtet hatte, wich einem ebenso liebenswerten Lächeln.
»Wollen wir das Ganze noch einmal beginnen, zum dritten Mal, vielleicht mit einem Kaffee?«, fragte er mich.
»Sehr gern!«, hauchte ich eher, als ich sprach. Mehr brauchte ich nicht zu sagen und schaute ihm in seine grünen Augen, die im Halbdunkel des Labors aussahen wie die Tiefsee.
In der Tür räusperte sich auf einmal Jason ziemlich vernehmlich.
Oh je, die zwei hatte ich ja vollends vergessen. Ich wandte mich um und sah wie sie mich und Robert beide überrascht musterten. Mit einem Blick auf meine Hände in seinen fragte Theresa grinsend: »Ihr kennt euch wohl?«
»Ja, sozusagen«, antwortete ich und lächelte Robert wieder an.
»Und was ist jetzt mit heute Abend?«, fragte Jason stirnrunzelnd.
Theresa knuffte ihm derb in die Seite.
»Aua!«
»Oh, du hattest schon etwas vor?«, Robert schaute mich enttäuscht an.
»Nun ja, wir drei wollten auf die Semesteranfangsparty in der Moritzbastei«, antwortete ich völlig unschlüssig, was ich nun tun sollte.
»Wenn Ihr nichts dagegen habt«, wandte sich Robert Theresa und Jason zu, »entführe ich euch Elisabeth für eine Weile und wir kommen dann beide heute Abend in die Moritzbastei.«
»Na, ich habe nichts dagegen!«, freute sich Jason mit einem Seitenblick auf Theresa. Diese rollte betont übertrieben mit den Augen und antwortete, an Jason gewandt: »Wenn es denn sein muss, verbringe ich den Rest des Nachmittags halt notgedrungen mit dir allein.«
Jason strahlte übers ganze Gesicht.
»Willst Du uns nicht wenigstens noch vorstellen, ehe wir heute Abend gemeinsam ausgehen?«, fragte sie mich noch und schaute abwechselnd mich und Robert unverhohlen neugierig an.
»Ja«, kam mir Robert zuvor und lachte. »Wie unhöflich. Also, ich bin Robert Lender. Ihr seid …?« Er schaute erst zu Theresa und danach zu Jason.
»Theresa.«
»Und?«
»Jason.«
»Sehr erfreut«, meinte Robert schmunzelnd; offensichtlich fand er es genauso amüsant wie ich, dass die beiden sich aufgrund ihrer Überraschung nur mit Vornamen vorstellten und ziemlich einsilbig waren. Dabei wusste ich, dass Theresa und Jason normalerweise alles andere, nur nicht wortkarg und zurückhaltend waren.
»Ebenso! Also, bis später dann«, erwiderte Theresa formvollendet und zog Jason mit sich. Es fehlte bloß, sie macht noch einen Knicks, schoss es mir durch den Kopf. Beim Gedanken daran musste ich leise lachen.
»Was?«, fragte Robert amüsiert.
»Nichts von Bedeutung.«
»Schade, ich hätte gern mitgelacht! Wollen wir?«
6
Als wir wenig später aus dem Institutsgebäude traten, regnete es nicht mehr. Die Wolken hatten sich aufgelockert und hier und da blitzten erste Sonnenstrahlen hervor. Unglaublich, das Wetter passte sich meiner Stimmung an!
Wir fanden schnell ein kleines Café und dieses Mal saßen wir auf der gleichen Couch, einander zugewandt, ohne auch nur einmal den Blick voneinander lösen.
»Ich bin so froh, Dich wiedergefunden zu haben. Ich habe seit Samstag wirklich geglaubt, dass es das jetzt war. Ein drittes Mal würde ich dich in dieser großen Stadt bestimmt nicht wieder treffen, war ich mir sicher. Von so viel Glück hätte ich nicht einmal zu träumen gewagt.«
So, wie Robert mir sein Herz offenlegte, bestand für mich kein Zweifel daran, dass er es nicht auch so meinen könnte. Ein Teil von mir aber appellierte ohne Unterlass: Komm, das ist nicht real. Du wachst sowieso gleich auf. Verlier dich nicht schon wieder in deinen Tagträumen! Doch es gelang mir recht mühelos, diesen Teil einfach auszuschalten.
Ich lächelte Robert an, ohne Angst, mich verstellen oder ein Spiel mit ihm spielen zu müssen, um mich interessanter für ihn zu machen. Das alles brauchte ich nicht. Ich fühlte, dass ich in seiner Gegenwart einfach nur ich selbst sein konnte.
»Ich hatte auch Angst, dich nie wieder zu sehen«, gestand ich ihm ehrlich.
Robert nahm wieder meine beiden Hände in seine und sagte mit belegter Stimme: »Uns kann ab jetzt nichts mehr trennen! Auch wenn wir einmal nicht direkt beieinander sein können, werden wir doch zusammen sein. Das verspreche ich dir!«
»… so du nicht schon vergeben bist oder mich gar nicht an deiner Seite willst«, fügte er vorsichtig und mit einer plötzlich ganz unsicher wirkenden Klangfarbe hinzu.
Den zweiten Teil nahm ich gar nicht wahr. Ich hörte nur auf diese unverhoffte, völlig überraschende und mir so unglaublich aus der Seele sprechende Erklärung Roberts. Das war die einzige Wahrheit, die auch für mich zählte, dessen war ich mir sofort so sicher und bewusst, dass ich nur stumm nicken konnte.
So fühlte sich das Glück an!
»Nachdem ich mit der Tür quasi schon ins Haus gefallen bin, möchte ich mich wenigstens erst einmal noch förmlich vorstellen«, sagte Robert nach einer Weile neckend und galant zugleich und verneigte sich aus lauter Übermut leicht. Ich musste schmunzeln über diese gespielt galante Art. »Mein Name ist Robert Geoffrey Lender, ich bin 27 Jahre alt und ab heute gehöre ich Ihnen, meine Liebe.«
Ich lachte. Er war vielleicht witzig. Das konnte er doch unmöglich so meinen! Oder doch?
»Das hoffe ich doch!«, antwortete ich jedenfalls mitspielend und spürte, wie leicht und unbeschwert mich seine Nähe machte.
Nachdem seit unserem ersten Treffen vor genau einer Woche unter den alten Bäumen am Ende der Straße die Zeit nur unendlich zäh und schwerfällig vergangen war, hatte ich plötzlich den Eindruck, als würde sie nun versuchen, mit doppelter Geschwindigkeit zu eilen. Die Zeiger der Uhr an der Wand im Café liefen unermüdlich vorwärts und es schien nur Augenblicke später, da war es schon höchste Zeit, zur Moritzbastei, einem Veranstaltungszentrum im einzigen erhaltenen Teil der ehemaligen Stadtbefestigung Leipzigs, aufzubrechen. Ich war noch nie zuvor in der Moritzbastei, wusste aber, dass es ein beliebter Studententreffpunkt war. Außerdem freute ich mich auf den Abend mit Robert und hoffte, dass der Trubel dort nicht allzu groß war, damit sich genügend Freiraum fand, mich weiter mit ihm zu unterhalten. Er half mir in die Jacke und wenig später liefen wir nebeneinander her, händchenhaltend, und holten nach, was man eigentlich zuerst macht, bevor man sich seine Zuneigung gesteht. Wir erzählten uns unser Leben im Kurzabriss, begierig, den anderen immer näher kennenzulernen.
»Wo bist du aufgewachsen? Wann wurdest du geboren und wo? Hast du Geschwister? Wie sind deine Eltern? Was tust du gern? Was isst du gern? Was willst du unbedingt mal tun …?«, Robert überschlug sich fast vor Euphorie.
»Langsam, langsam! Das kann ich unmöglich alles auf einmal beantworten!«, lachte ich.
»Ich will aber alles wissen! Du darfst dir allerdings die Reihenfolge aussuchen«, neckte er mich gönnerhaft.
»Ein Glück!«, gab ich lächelnd zurück.
»Also? Nun fang schon an!«, drängelte Robert ungeduldig.
»Ja, ja. Es geht ja schon los«, sagte ich amüsiert. »Geboren wurde ich am siebzehnten Februar neunzehnhunderteinundneunzig in Hainstadt.«
»Wo?«
»Hainstadt bei Weimar in Thüringen. Das ist so winzig, wie es klingt. Aber es ist eine nette, ruhige kleine Stadt und war gut geeignet, um eine sorgenfreie, behütete Kindheit zu verbringen. Ich habe einen kleinen Bruder, der mittlerweile schon große neunzehn ist. Meine Eltern sind liebenswert und ich zähle sie zu meinen besten Freunden. Meine Familie ist mir ohnehin außerordentlich wichtig. Ich habe seit einundzwanzig Jahren schon die gleiche beste Freundin, die gleichzeitig auch meine Cousine ist und mit der ich jetzt hier übrigens auch zusammenwohne. Ich bin ein Bücherwurm, das hast du ja schon herausbekommen. Ich zeichne manchmal auch ein wenig und … Fehlt noch was?«
»Ja, was isst du gern?«
»Da bin ich vielseitig. Ich liebe Kochen, auch wenn das altbacken klingt, vor allem, wenn ich nicht nur für mich allein kochen muss«, ich lächelte Robert vielsagend an und hoffte, er verstand die Einladung auch als solche.
»Ich freue mich schon!«, sagte er leise. Es erstaunte mich, wie gut er mich zu verstehen schien. Es war ihm ohne Mühe möglich, bei mir auch zwischen den Zeilen zu lesen. Das beeindruckte mich zugegebenermaßen.
»Was willst du unbedingt mal tun? Das fehlt auch noch.«
»Mmmh, ich glaube, ich würde gern mal um die Welt reisen, um so viel wie möglich von der Welt zu sehen.«
»Das klingt doch realisierbar!«
»So, fertig. Und nun du!«, sagte ich und schaute ihn mit großen Augen auffordernd an. Ich gebe zu, ich war mindestens genauso neugierig, wie er bei mir und wollte mindestens alles von ihm wissen und noch viel mehr!
»Okay, nun also ich. Ich wurde geboren in Berlin und zwar am dreiundzwanzigsten September neunzehnhundertfünfundachtzig. Ich bin bei meiner Mutter und meinen Großeltern aufgewachsen. Mein Vater ist Engländer, er war in den achtziger Jahren eine Zeit lang als Biologe an der Humboldt-Universität in Berlin tätig, aber meine Eltern haben sich noch vor meiner Geburt getrennt, denn mein Vater musste nach England zurück und meine Mutter durfte nicht mit ihm gehen. Ich bin mir auch nicht sicher, ob sie es überhaupt gewollt hätte, denn sie spricht nie bedauernd über die Trennung. Wahrscheinlich wollte sie es einfach auch nicht. Das geschah alles noch zu Ostblockzeiten und daher war es sowieso schwierig für die beiden, eine Beziehung zu führen. Meine Eltern haben jedoch immer noch ein freundschaftliches Verhältnis miteinander. Meine Ferien habe ich als Kind nach dem Mauerfall eigentlich immer bei meinem Vater und meinen englischen Großeltern verbracht. Ich habe einen Halbbruder, denn mein Vater hat wenige Jahre nach meiner Geburt in England geheiratet. Wir verstehen uns prima, er ist vierundzwanzig und Biologe wie unser Vater. Ach ja, und ich komme mit auf deiner Reise um die Welt!«
Ich atmete scharf ein und betrachtete ihn ehrlich verwundert. Robert verstand es, mich zu überraschen. Er drückte verschwörerisch meine Hand. Wir lachten gemeinsam und das fühlte sich wirklich gut an.
Schneller als erwartet kamen wir an der Moritzbastei an und stürzten uns ins vor Erwartung schnatternde Getümmel. Das Konzert hatte noch nicht begonnen. Theresa und Jason konnte ich nirgends entdecken. Ich machte mir jedoch auch nicht die Mühe, sie intensiv zu suchen.
»Was willst du trinken?«, frage Robert und schickte sich an, Getränke für uns zu holen.
»Eine Cola. Danke.«
Wir nahmen unsere Gläser und fanden einen kleinen, etwas ruhigeren Platz auf einer winzigen Empore, die über eine schmale Treppe zu erreichen war und den Blick nur teilweise auf die Bühne freigab. Die meisten Leute drängten sich direkt vor der Bühne. Ich war froh, dort nicht stehen zu müssen, denn so hätten wir uns nicht unterhalten können und wären wohl auch nur herumgeschubst worden. Dieses kleine Separee war genau richtig und andere Personen wollten sich uns durch die eingeschränkte Sicht auch nicht anschließen.
So warteten wir, leicht aneinander gelehnt, auf den Beginn des Konzertes. Seine Nähe war unglaublich schön. Ich spürte Roberts Wärme, wohltuend, vertraut, als würden wir schon immer so stehen. Gleichzeitig war alles völlig neu und aufregend für mich. Meine Gefühle waren völlig durcheinander und ich wusste kaum, wie ich sie bändigen sollte. Aber musste ich das überhaupt? Mit einem beseelten Lächeln schmiegte ich mich ein wenig enger an Robert und schaute mir das lebendige Geschehen zu unseren Füßen an.
Alluvial Forest, eine lokale Band, enterte gerade unter tosendem Beifall und Gejohle des Publikums die Bühne, als ich ziemlich genau unter uns Jason und Theresa entdeckte, die sich suchend umschauten. Als Theresa nach oben blickte, winkte ich ihr zu. Sie zupfte Jason am Ärmel und deutete auf mich und Robert. Jason winkte und deutete mir mit einer Handbewegung Richtung Bar an, dass die beiden zunächst etwas trinken wollten.
Das gefiel mir, denn so hatte ich weiterhin Zeit nur mit Robert allein.
Musik und Show von Alluvial Forest schienen richtig gut zu sein, denn die Leute unter uns rockten ordentlich und es sah aus, als schauten wir in einen überschäumenden Hexenkessel. Ich konnte mich jedoch überhaupt nicht darauf konzentrieren, denn meine ganze Aufmerksamkeit galt nur Robert.
»Solange die hier spielen, kommen wir nicht weg«, rief er mir plötzlich ins Ohr. Er hatte Recht, unsere Treppe führte direkt ins Innere des Hexenkessels.
Er fasste mich bei den Schultern und drehte mich langsam um, bis wir uns gegenüberstanden. Mit einem Blick aus flüssigem dunkelgrünem Samt schaute er mich an und strich langsam mit seiner rechten Hand über meine Schläfe hin zu meiner Wange, bis sie sanft mein Kinn umfasste und mein Gesicht behutsam anhob. Dann spürte ich nur noch seine Lippen weich und zärtlich auf meinen und versank vollends in diesem Gefühl unseres ersten Kusses. Die Welt um mich herum wurde ganz still. Das begeisterte Getöse der Menge, die energiegeladene Band auf der Bühne, die Musik aus den Lautsprechern direkt neben uns. Alles war lautlos geworden Ich konnte unsere beiden Herzen schlagen hören und spürte, wie sein Atem mir leicht übers Gesicht strich. Er küsste mich gefühlvoll und langsam, ohne Drängen und kostete diesen zauberhaften Moment ebenso aus wie ich. Ich vergrub meine Hände in seinen dunklen Haaren und hoffte, die Magie dieses Augenblicks möge für immer anhalten.
Mitten in unserer ganz eigenen Stille tickte plötzlich eine Uhr. Sie tickte laut vernehmlich und ärgerlich störend.
Wir lösten uns abrupt und unwillig über dieses jähe Ende voneinander und schauten uns überrascht an. Schlagartig war das Ticken vorbei. Die Musik und die laut tobende Menge brachen wie haushohe Wellen über uns zusammen.
»Hast Du das gehört?«, brüllte ich Robert gegen die Lautstärke ankämpfend total verwundert ins Ohr.
»Du hast auch eine Uhr gehört?«, rief er ebenso verblüfft zurück.
Wir schauten uns um, konnten aber nichts finden, dass ein so lautes Ticken erklären könnte.
»Vielleicht haben die«, und ich deutete nach vorn zur Bühne, »gerade ein Metronom in Gang gesetzt.«
»Ich sehe keins«, antwortete Robert und zuckte mit den Schultern.
»Eigenartig!«, entfuhr es uns beiden. Irgendein Geräusch musste sich in unsere Versunkenheit geschlichen haben. Wir kümmerten uns nicht weiter darum. Auch wenn ich es sehr schade fand, dass unser Kuss so unvermittelt unterbrochen wurde. Vorsichtig strich ich mit dem Zeigefinger über meine Lippen und hoffte heimlich, dass Robert mich später erneut küssen würde, ohne Störung! Denn dieses überwältigende Gefühl wollte ich so schnell wie möglich wieder erleben.
Robert legte den Arm um mich und ich schmiegte mich an ihn. So verfolgten wir den Rest des Konzerts. Nach der dritten Zugabe verließ die Band die Bühne rasch, denn es sollten im Anschluss noch Midnight Ego aus Berlin spielen und so wie es aussah, mussten die Rowdies für den Hauptact noch ein wenig umbauen.
Wir stiegen von unserer kleinen Empore herab und trafen Jason und Theresa im angeregten Gespräch mit der hübschen Schlagzeugerin von Alluvial Forest an der Bar sitzend. Die Musikerin musste ungefähr in unserem Alter sein. Und hübsch war sie wirklich. Braune, halblange Haare, ein feenhaft zartes Gesicht, ein verschmitztes Lächeln mit Grübchen auf den Wangen. Gekleidet war sie noch in ihrem Bühnenoutfit mit einem tollen, engen Lederkorsett, knallroten Jeans und High Heels, bei denen mir schon beim Hinsehen schwindelig wurde.
Als die drei uns sahen, winkten sie uns heran und schoben uns zwei Barhocker zu.
»Nochmal Cola?«, fragte mich Robert. Ich nickte und kletterte auf den hohen Stuhl.
»Kennt ihr Euch schon lange?«
»Warum hast du nichts von Deinem Freund erzählt?«
»Du hättest doch sagen können, dass Du heute Abend lieber zu zweit kommen willst.«
Jason und Theresa überschütteten mich mal wieder gemeinsam mit ihren Fragen. Daran hatte ich mich schon gewöhnt.
»Also, nein, wir kennen uns noch nicht lange. Genau genommen erst seit einer Woche. Außerdem wusste ich gar nicht, dass ich ihn heute hier wieder treffen würde. Und Freund, naja, das weiß ich noch nicht so richtig …«, versuchte ich irgendwie allen Fragen gerecht zu werden, ohne aber zu viel preisgeben zu müssen.
»Ich weiß das schon. Ich habe nicht vor, dich wieder gehen zu lassen. Und damit wäre ich ja dein Freund … wenn du nichts dagegen hast.« Ich drehte mich überrascht um. Robert war schon wieder mit den Getränken zurück und hatte unserer Unterhaltung hinter mir stehend gelauscht. Nun grinste er mich schelmisch an.
Ich wurde purpurrot und schüttelte den Kopf. Natürlich hatte ich nichts dagegen!
Er grinste nun, als hätte er den ersten Preis gewonnen und die anderen lachten.
»Das ist übrigens Charlotte. Charlotte, Elisabeth und Robert.« stellte uns Theresa vor und rettete mich damit dankbarerweise aus meiner Verlegenheit.
»Hi, einfach Charlie.« Charlotte gab uns nacheinander die Hand.
»Hallo, schön dich kennenzulernen«, antwortete ich händeschüttelnd und staunte, wie Theresa es wohl schon wieder geschafft hatte, Kontakt zu Charlotte zu knüpfen. Die beiden gingen miteinander um, als würden sie sich schon ewig kennen.
»Hi, Charlie«, sagte auch Robert.
»Wir sind zusammen zur Schule gegangen«, erklärte Theresa meine nur gedachte Frage beantwortend und fügte hinzu: »Damals, als wir noch jung und knackig waren.«
»Nun sind wir nur noch knackig«, lachte Charlotte unbefangen los und alle mussten einstimmen.
»Ihr wart echt gut!«, sagte Robert und ich nickte zustimmend.
»Danke!«, meinte Charlie und fragte: »Bleibt ihr noch bei Midnight Ego? Es scheint gleich los zu gehen. Die sind auch richtig gut. Naja, nicht sooo gut wie wir, aber immerhin.« Wieder lachten alle und tranken schnell ihre Gläser leer, denn die Umbauarbeiten auf der Bühne waren abgeschlossen und das Licht wurde bereits gedimmt. Die meisten Leute waren auf dem Weg zurück zum Saal, um sich die besten Plätze zu sichern.
Robert schaute mich fragend an und deutete mit dem Kopf Richtung Ausgang. Ich nickte. Ja, ein bisschen mehr Zeit mit ihm allein, wäre jetzt toll. Die drei würden uns sowieso nicht vermissen.
»Ich glaube, wir gehen schon«, teilte ich den anderen mit.
»Bringt Robert dich heim?«, fragte Jason besorgt und schaute Robert auffordernd an.
»Aber natürlich. Macht’s gut. Bis bald mal wieder. War nett, euch kennen gelernt zu haben«, verabschiedete sich Robert von allen.
»Ja, bis Montag. Habt noch ´nen schönen Abend! Man sieht sich«, sagte ich.
»Tschüssi, alles klar!«, riefen die drei und eilten ebenso Richtung Saal, wo das Konzert von Midnight Ego gerade losging.
Im Rausgehen zogen wir unsere Jacken an. Die frische klare Nachtluft tat gut nach der stickigen Hitze in der Moritzbastei. Ich atmete tief durch und merkte, dass Robert das gleiche tat.
Er nahm meine Hand und fragte mich liebevoll anblickend: »Und was machen wir zwei jetzt? Willst Du schon nach Hause oder hättest Du noch Lust auf einen kleinen Spaziergang?«
»Spaziergang klingt gut. Wo wollen wir hin?«
»Wie wäre es mit dem Clara-Zetkin-Park? Es ist zwar kühler geworden, aber endlich trocken. Und dort ist es immer schön, finde ich.«
Es stimmte, das Regenwetter hatte sich nun komplett verzogen. Der Mond schien hell. Es schien nicht mehr weit bis Vollmond zu sein und es glitzerten tausende Sterne am dunklen Himmel.
Wir liefen mit ineinander verschlungenen Händen durch die Nacht und nach kurzer Zeit waren wir schon mitten im Park. Der Mond erhellte die Wege gut genug, dass wir nicht stolperten. Wir gingen manchmal schweigend, aber noch häufiger angeregt plaudernd nebeneinander her und genossen unsere Zweisamkeit.
7
Ganz Gentleman hatte Robert mich am Abend bis zur Tür gebracht und mir mit einem sanften Kuss eine gute Nacht gewünscht. Nicht jedoch, ohne mir das Versprechen zu entlocken, am Morgen mit ihm zu frühstücken. Ich stimmte nur zu gern zu und er versprach, mich um acht Uhr abzuholen. Wir würden also nicht bei mir bleiben. Ich war wirklich schon neugierig, was er sich wohl einfallen lassen hatte.
Hatte ich noch vor vierundzwanzig Stunden das Gefühl, die Zeit würde langsamer als jemals sonst vergehen, zerrann sie mir nun sprichwörtlich zwischen den Fingern. Es war Mitternacht, als ich ins Bett ging. Als mein Wecker kurz vor halb 8 klingelt, war es mir, als sei ich gerade erst eingeschlafen. Verwunderlich! Nachdem ich nächtelang vor Angst und Ungewissheit, Robert nicht mehr wiederzusehen, nicht schlafen konnte, war ich endlich einmal wieder ausgeruht und erholt. Obwohl ich unglaublich aufgeregt war, wie es nun mit uns beiden weitergehen würde, hatte sich die Gewissheit, dass meine schlimmsten Ängste vorbei zu sein schienen, offenbar so beruhigend auf mich ausgewirkt, dass ich trotz meines überlauten, freudigen Herzklopfens zur Ruhe gefunden hatte. Robert wirkte sich also ganz wunderbar auf mein Wohlbefinden aus, stellte ich glücklich fest und schaute dem nun kommenden Tag mit ihm voller Vorfreude und beseelter Leichtigkeit entgegen.
Ich sprang aus dem Bett und duschte schnell. Robert hatte mich mehrmals gebeten, für das Frühstück warme, robuste Kleidung anzuziehen. Was er wohl vorhatte? Ich streifte mir also eine Jeans und ein hellblaues, langärmliges Shirt über und zog noch einen dicken weißen Rollkragenpullover darüber. Ich war gerade fertig mit Anziehen und Haare trocknen, als es auch schon klingelte. Ich schlüpfte in meine Schuhe und zog mir die Jacke treppabwärts laufend an. Obwohl ich immer noch dachte, dass ich nur geträumt haben konnte und ganz bestimmt nicht Robert in diesem Augenblick unten vor der Tür stehen würde, um mich abzuholen, freute ich mich unbändig auf den Morgen mit ihm. Wo wir wohl frühstücken würden? Ich flog die Treppe förmlich hinab.
Unten angelangt, riss ich die Tür auf und war völlig überrascht, als er direkt vor mir stand, dichter, als ich erwartet hatte. Mit dem letzten Schwung des Türöffnens fiel ich ihm direkt in die Arme, unfähig noch irgendwie die Balance zu halten. Robert fing mich mühelos auf und lächelte mich dann verschmitzt an, als ich wieder sicher auf meinen eigenen Beinen stand.
»Du bist aber stürmisch! Guten Morgen!«
»Guten Morgen!«, mir schoss das Blut in die Wangen. Wie peinlich, direkt mit der Tür nicht ins, sondern aus dem Haus zu fallen … So etwas konnte auch nur mir passieren!
Robert trug wieder seine Bikerjacke, eine dunkle Jeans, Bikerboots und um den Hals einen dunkelgestreiften Stoffschal. Mir fiel es erneut unendlich schwer, meine Augen von ihm abzuwenden. Und mir wurde klar, dass ich dies ja auch eigentlich nicht mehr tun müsste. Diese Erkenntnis jagte mit einem einmaligen, überwältigenden Gefühl gleich eines Stromstoßes durch mich hindurch, als hätte ich direkt in eine Steckdose gefasst und verursachte eine Gänsehaut, die man sicher sogar durch Pullover und Jacke noch sah.
»Hast Du Hunger?«, fragte er mich.
Ich nickte. Immer noch bedeckt mit kribbelnder Gänsehaut von Kopf bis Fuß.
»Na dann mal los.« Sein Gesicht leuchtete vor Freude. Er drehte sich um und nahm von einem hinter ihm parkenden Motorrad einen Helm und reichte ihn mir.
»Wir fahren Motorrad?«, fragte ich verwundert und begeistert zu gleich.
»Wenn du nichts dagegen hast …?«
»Natürlich nicht! Wow! Ich meine, das wollte ich schon immer mal! Was ist das denn für eins?« Ich strahlte ihn überglücklich an und versuchte, den Helm aufzusetzen. Das war gar nicht so einfach, aber es klappte.
»Eine BMW R69S von 1965«, antwortete er mit Kennerblick auf die Maschine, als müsste ich spätestens jetzt Bescheid wissen.
»Aha, ein Oldtimer. Sieht aber immer noch chic aus«, versuchte ich sein Motorrad ehrlich zu loben, was zu einem amüsierten Grinsen bei Robert führte.
»Chic?«, fragte er breit grinsend.
»Allerdings müsstest Du jetzt den Rucksack nehmen. Ich hoffe, das ist okay für dich?« Robert reichte mir mit fragendem Blick einen gut gefüllten Rucksack. Kein Problem, warum sollte ich etwas dagegen haben? Ich setzte ihn auf und sagte: »Klar, kein Thema.«
»Warm angezogen scheinst Du ja zu sein. Halte dich gut an mir fest, am besten mit deinen Armen um meinen Bauch«, erklärte er mir fürsorglich.
Oh mein Gott! Meine Arme um seinen Bauch …?
Er schlüpfte in den zweiten Helm, saß auf und ich kletterte hinter ihn. Ich hatte ihn in meiner Freude über die Motorradtour noch gar nicht gefragt, wohin wir fahren würden. Aber zum Fragen war es nun zu spät, denn Robert hatte die Maschine schon gestartet, drehte sich nochmal zu mir um, nickte kurz und es ging rasant los. Der Klang des Motors hallte von den Häuserwänden wider. Wir brachten bestimmt gerade alle Leute in der Straße um ihren Plan, am Samstag auszuschlafen. Na und? Ich musste leise lachen. Das war alles so gar nicht ich. Aber ich fühlte mich ausgesprochen wohl!
Ich achtete nicht darauf, wohin wir fuhren, sondern schloss die Augen und schmiegte mich eng an Robert. Ich spürte, dass er nach einem kurzen Moment ziemlich schnell fuhr, konzentrierte mich aber nur auf das Gefühl, ihm so nahe zu sein und genoss es, mit ihm förmlich durch Raum und Zeit zu fliegen.
Wir wurden langsamer und der Untergrund schien nicht mehr eben. Das Motorrad fuhr nun behutsam über einen wurzeligen Weg, als ich die Augen wieder öffnete. Wir fuhren unterhalb eines langgezogenen, grünen Hanges. Links neben uns war Wald. Leichte Nebelschwaden zogen rechts über dem Hang entlang. Hier und da brach die leuchtende Oktobermorgensonne durch den Nebel und ließ den Tau auf dem Rasen märchenhaft glitzern. Die Büsche am Waldrand waren überzogen mit tausenden Spinnweben, die, ebenfalls vom Tau feucht, in allen Regenbogenfarben strahlten. Es war wunderschön. Wie ein Zauber!
Nach einer Weile hielt Robert und wir stiegen ab. Er hängte unsere Helme an die Lenker des Motorrades und nahm mir den Rucksack ab.
»Wir sind da, Honey«, sagte er zärtlich und zog mich an der Hand den Hang hinauf. Honey, wow! Oben angekommen stellte ich fest, dass es gar kein Hang war, sondern ein Damm, der sich schnurgerade neben einem zahmen Flüsschen erhob und sich auf der gegenüberliegenden Seite wiederholte. Zum Fluss hinunter verlief der Damm nicht gar so steil. An einer etwas flacheren Stelle blieben wir stehen und er begann den Rucksack auszupacken. Zuoberst kam eine Picknickdecke zum Vorschein, die er im feuchten Gras ausbreitete.
»Keine Angst«, erklärte er, als er meinen skeptischen Blick bemerkte. »Die Decke ist beschichtet. Wir können nicht nass werden. Nimm schon mal Platz. Es ist gleich angerichtet.«
Und vor Vorfreude lächelnd packte er weiter aus.
Ich tat, wie mir geheißen und setzte mich auf die Decke. Von diesem Punkt war das Naturschauspiel noch beeindruckender. Staunend sah ich mich um. Die Nebelfetzchen, die wir vorhin oberhalb des Dammes gesehen hatten, schwebten nun verträumt über dem träge dahin fließenden Fluss, als würde das Wasser wohlig warm sein und dampfen. Die Sonnenstrahlen brachen sich auf der Wasseroberfläche und spiegelten sich in goldenen, tanzenden Lichtflecken auf der gegenüberliegenden Dammseite. So etwas Schönes hatte ich noch nie gesehen!
Plötzlich hockte sich Robert neben mich und sah mich aus seinen grünen, sonnenlichtdurchfluteten Augen an. Mir verschlug es den Atem. Hatte ich gerade gedacht, die Natur um mich herum war das Schönste, was ich je gesehen habe? Ich hatte mich geirrt! Wie konnte ein so schöner Mann nur für mich bestimmt sein? Ich war einfach nur fassungslos und unendlich glücklich zur gleichen Zeit.
»Du hattest noch gar keinen Guten-Morgen-Kuss!«, sagte Robert leise und küsste mich behutsam auf die Stirn.
»Stimmt«, erwiderte ich, »Du auch nicht«, und küsste ihn mit einer federleichten Berührung auf seine Lippen zurück. Er umfasste zärtlich mein Gesicht, und noch bevor sein Mund sich meinem nähern konnte, knurrte mein Magen laut und vernehmlich. Ein wirklich toller Zeitpunkt …
»Wir sollten vielleicht erst frühstücken«, sagte Robert mit belegter Stimme. »Tee oder Kaffee?«
Tatsächlich! Er hatte wirklich an alles gedacht. Ich ließ meinen Blick über die Picknickdecke wandern. Zwei große Tassen standen da, zwei kleine Flaschen Orangensaft mit Strohhalm, Croissants, Brötchen, Käse, Schinken, Honig, Weintrauben, zwei Birnen, ein Schälchen frische Brombeeren.
»Tee bitte«, antwortete ich. »Es sieht köstlich aus!«
Robert zauberte einen kuvertierten Teebeutel hervor, Twinings English Breakfast – wow – und goss heißes Wasser aus der Thermoskanne darüber. Wie er die richtige Teesorte wohl erraten hatte?
»Milch?«
»Ja, bitte!«
»Das ist zwar im Style nicht ganz formvollendet richtig, aber ich denke, hier tut’s auch mal Kaffeesahne, oder?«, und hielt mir auch schon kleine Kaffeesahnenäpfchen hin.
»Weißt Du, das ist mein Lieblingstee! Woher wusstest Du das? Ich bin begeistert!«
»Ich auch!«
»Wie bitte?« Ich konnte nicht ganz folgen.
»Na, begeistert. Ich bin auch begeistert! Von Dir!«, und er grinste frech. »Gefällt es Dir hier?«
»Es ist wunderschön!«, hauchte ich und ertrank einmal wieder in seinen tiefgrünen Augen, während ich völlig vergaß, ihn noch einmal nach der treffenden Teewahl zu befragen.
»Iss!«, lachte Robert und steckte mir keck eine Weinbeere in den Mund. »Du frisst mich sonst noch, so wie dein Magen vorhin geknurrt hat.«
»Das wäre auch nicht so schlimm«, murmelte ich leise vor mich hin, während ich die Beere kaute. Hatte ich das gerade gesagt? Ich sollte versuchen, meine Gedanken nicht auf der Zunge zu tragen. Das passierte schließlich sonst auch nicht. Aber in Roberts Gegenwart schien ich sowieso nicht wirklich ich zu sein.
»Was hast du eben gesagt?«, fragte Robert schelmisch. Er hatte auf jeden Fall mehr verstanden, als er sollte. Ich wurde schon wieder rot. Und das passte mir gar nicht. Ich hielt mich an meiner Tasse Tee fest und wusste nicht so richtig, was ich jetzt tun sollte. Ich war ja selbst schuld, dass ich mich auf solch glattes Eis begeben hatte. Robert schien dies ziemlich zu unterhalten und er lachte leise.
»Croissant oder Brötchen?«, fragte er und rettete mich so dankenswerterweise aus meiner Verlegenheit.
»Ein Croissant wäre toll. Dankeschön. Sag mal«, fragte ich kauend, wann bist du heute eigentlich aufgestanden, um das alles« – ich deutete um mich – »vorzubereiten und vor allem auch noch zum Bäcker zu gehen?«
»So gegen sechs«, antwortete er.
Sechs Uhr, unglaublich! Er war schon um sechs Uhr extra für mich aufgestanden? Ich war beeindruckt und schluckte vor Freude, dass ich ihm offensichtlich wichtiger zu sein schien, als ich zu hoffen gewagt hatte.
»Vielen Dank …«, sagte ich leise: »… für das schönste Frühstück meines Lebens!«
Er legte seinen Arm um mich und zog mich näher zu sich heran. Schweigend saßen wir da und genossen unsere Zweisamkeit und die Stille um uns herum. Dieser Augenblick war so einzigartig schön, dass es keiner Worte bedurfte, ihn zu beschreiben. Und all die Dinge, die wir noch übereinander wissen wollten, hatten Zeit, um später gesagt zu werden, fand ich. Warum etwas übereilen? Ich fühlte, dass die ganze Zukunft wie ein Versprechen vor uns lag, und ließ mich von dieser noch ganz neuen Vertrautheit gegenüber Robert einhüllen und verzaubern.
»Ich muss Dir leider noch schlechte Neuigkeiten überbringen«, sagte Robert nach einer kleinen Unendlichkeit.
Ich richtete mich auf und schaute ihn fragend an. Was wollte er mir mitteilen? War es doch nicht seine Cousine, die er neulich abholen musste? War er vielleicht sogar schon mit einer anderen Frau verbunden? Oder meinte er es, trotzdem es bisher nicht den Anschein erweckte, nicht ernst mit mir? Panikartig schossen mir in Bruchteilen von Sekunden die verschiedensten Katastrophentheorien durch den Kopf, und eine nie gekannte Angst ließ meinen Puls rasen.
Es schien wirklich kein Spaß zu sein, was er mir sagen wollte, denn Robert blickte mich mit ernstem, gequälten Ausdruck an. Zwischen seinen Augenbrauen bildete sich eine tiefe Sorgenfalte. Ich runzelte die Stirn ebenso und wartete darauf, dass er erklärte, was die schlechten Neuigkeiten waren. Mir wurde mehr als nur flau im Magen, als Robert augenscheinlich mühevoll nach den richtigen Worten suchte.
»Ich muss ab Montag für acht Wochen zu einer Projektbetreuung nach Plymouth. Ich hatte mich freiwillig dafür angeboten, damit meine zwei Kollegen, die dies auch hätten machen können, nicht für so lange Zeit von ihren Familien getrennt sein müssten. Ich war ja Single zum Zeitpunkt dieser Entscheidung und hatte keinen Grund, diese Aufgabe nicht zu übernehmen. Außerdem habe ich Familie in der Gegend. Es bot sich ursprünglich eigentlich als eine perfekte Gelegenheit an, Job und Privates miteinander zu verbinden. Ich konnte schließlich nicht ahnen, dass du so kurz vor der Abreise in mein Leben treten würdest.«
Das waren in der Tat sehr schlechte Neuigkeiten! Sie warfen mich buchstäblich um. Ich konnte gar nicht sofort antworten, obwohl mich Robert flehend anschaute. Das flaue Gefühl in meinem Magen verstärkte sich augenblicklich.
»Acht Wochen?«, fragte ich nach einer Weile mutlos.
»Acht Wochen«, antwortete er mit Grabesstimme.
»Oh nein!«, ächzte ich und fühlte mich, als würde ich körperlich gefoltert. »Ohne Pause?«
»Ja, ohne Pause. Es sei denn, du kommst mich dort einmal besuchen. Das ginge schon. Würdest du? … bitte?«
Hoffnung! Jedenfalls ein bisschen.
»Auf jeden Fall. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dich schon wieder gehen lassen zu müssen.« Um mich herum drehte sich plötzlich alles und ich umfasste Roberts Hand, als müsste ich ihn schon jetzt festhalten, damit er nicht bereits in diesem Moment ginge.
»Glaub mir«, stieß er bitter hervor, »es fällt mir genauso schwer wie dir!«
Ich konnte nur gequält stöhnen, aber fühlte dennoch eine große Erleichterung, dass keine meiner ursprünglichen, rabenschwarzen Vermutungen den Grund seiner ernsten Worte darstellte.
8
Wir verbrachten den ganzen Tag am Damm. Die glücklich unbeschwerte Stimmung der ersten Stunden vor Roberts desaströser Ankündigung, acht Wochen über tausend Kilometer von mir getrennt sein zu müssen, kehrte jedoch nicht zurück. Und das auch noch ab übermorgen. Es war ja nicht einmal genug Zeit, um diese Nachricht überhaupt zu verdauen. Wie sollte ich diese langen Tage ohne Robert nur überstehen?
Wir genossen den vielleicht letzten warmen sonnigen Oktobernachmittag so gut es ging, packten irgendwann unsere Sachen ein und fuhren zurück. Mit einem Mal schien die Zeit wieder in einem Rennen gegen uns zu sein und verrann unaufhörlich, unerbittlich.
Robert parkte das Motorrad vor meiner Tür und schaute mich fragend an, als wir abgestiegen waren.
»Kommst du mit hoch?«, fragte ich ihn mit hundert wild flatternden Schmetterlingen im Bauch und wusste plötzlich selbst nicht genau, wie ernst ich diese Einladung meinte.
»Möchtest du das?«, fragte Robert mit rauer Stimme.
»Ja«, antwortete ich knapp und hatte ein beklemmendes Gefühl im Magen. Sei kein Feigling, sagte ich mir. Du bist einundzwanzig und deiner Zeit sowieso in mancherlei Dingen weit hinterher. Aber das machte mir auch nicht mehr Mut.
Robert schien zu spüren, dass mir nicht ganz wohl war. Auf dem Weg die Treppe hinauf blieb er plötzlich stehen, fasste mich an den Schultern und sah mir eindringlich in die Augen. »Elisabeth, ich möchte, dass du weißt, dass wir nichts tun müssen, nur weil wir bald schon wieder für lange Zeit getrennt sein werden. Wir lassen es einfach so weiterlaufen, als gäbe es diese acht Wochen nicht. Einverstanden?«
Erleichtert schaute ich ihn an. Mein Magen fühlte sich wieder normal an und ich erwiderte, wie von einer Last befreit: »Einverstanden! … danke!«
Oben in unserer kleinen Wohnung angekommen erklärte ich in mein Zimmer eintretend: »Ich wohne hier ja nicht allein, wie du weißt. Kristin, meine Cousine ist aber gerade in Halle und kommt erst morgen Abend zurück. Wir sind also allein. Willkommen in unserem kleinen Reich!«
Robert schaute sich vorsichtig in meinem Zimmer um. Vor dem Bücherregal blieb er stehen und ging die aufgestellten Bücher mit der Fingerspitze ab.
»Du liest ziemlich vielseitig«, meinte er anerkennend. »Und was hast du da?«, er deutete auf ein aufgeschlagenes Buch auf meinem Schreibtisch.
»Oh, das ist für die Uni. Nathaniel Hawthorne. Sehr symbollastig, aber es gefällt mir, wenn nicht alles gleich so offensichtlich ist.«
»Das habe ich schon gemerkt, dass du das Offensichtliche dem Verborgenen nicht vorziehst.« lächelte Robert wissend. Was er damit wohl sagen wollte?
Er strich mir behutsam eine Haarsträhne hinters Ohr und küsste mich vorsichtig. Mir entzog es sofort wieder den Boden unter den Füßen und ich schwankte leicht. Robert umfasste mich. »Hoppla«, sagte er schmunzelnd und küsste mich noch einmal, dieses Mal jedoch mit einer mir noch unbekannten Leidenschaft. Seine Lippen saugten sanft an meiner Unterlippe und plötzlich spürte ich, wie seine Zunge sacht meine Lippen teilte und verspielt forschend auf meine Zunge traf. Mein Herz verhaspelte sich fast in seinem Takt, so schnell schlug es. Wir atmeten beide so schwer, als wären wir am Rande unserer körperlichen Belastbarkeit. Seine Lippen zu kosten war gleichzeitig unendlich süß und schmerzlich. Als würde man von einer seltenen Süßigkeit kosten und wüsste genau, man würde sich ein Leben lang danach verzehren, immer mehr davon zu bekommen. Ich konnte all diese verwirrenden, überwältigenden Empfindungen, die mich durchströmten, kaum einordnen, überließ mich ihnen aber zu gern und ließ mich von diesem Kuss einfach durch die Zeit tragen. Dieser Moment musste ewig anhalten, wünschte ich mir.
Und irgendwo in weiter Ferne begann es zu ticken, wie eine unerbittliche Erinnerung daran, dass alles endlich ist.
Ich schob Robert unwillig über die Störung ein kleines Stück von mir. Noch völlig außer Atem runzelte ich die Stirn und sagte: »Ich weiß nicht, ob ich auf einmal paranoid bin, aber ich habe schon wieder eine Uhr ticken gehört.«
»Ja, mir war es auch, als hätte ich etwas gehört. Hast du einen Wecker hier stehen?«, antwortete er ebenfalls schwer atmend und sah sich halbherzig um.
»Ich meine keine Uhr hier aus dem Raum. Und ja, ich habe einen Wecker. Aber der ist digital und kann nicht ticken!«
Irgendwie war ich nun leicht verärgert. Merkte er nicht auch, dass es sehr seltsam war, schon wieder ein Ticken zu vernehmen, wenn wir uns näher kamen? Ich würde die Sache jedenfalls im Auge beziehungsweise im Ohr behalten. Das war doch nicht normal!
Robert schien dagegen nicht so verwundert wie ich. Er strich mir über die Stirn und sagte amüsiert: »Nun runzle die Stirn mal nicht so, als würdest du dir Sorgen über irgendein Geräusch machen. Wer weiß, was wir beide zufällig gehört haben, aber es hängt sicher nicht damit zusammen, dass wir uns geküsst haben. Und außerdem, ich kenne den Rest deiner Wohnung noch gar nicht …«
Ich war zwar noch immer skeptisch, aber ließ mich gern ablenken.
»Na, dann komm mal mit. Es gibt noch Kristins Zimmer, da gehen wir also nicht hinein und dann noch ein kleines Bad. Mir nach!«, sagte ich zog ihn an der Hand hinter mir her ins Bad, das so winzig war, dass zwei erwachsene Leute schon Mühe hatten, sich gemeinsam darin zu bewegen.
»Oh, das ist ja eher ein Aquarium«, lachte Robert sichtlich amüsiert. »Vor allem mit dem ganzen Fisch- und Muschelkram, für den ihr noch Platz gefunden habt.«
»Nichts gegen unser Spa!«, murmelte ich verlegen. Wir hatten ein Netz unter die Decke gehängt, in dem sich die Schätze vergangener Ferientage an unterschiedlichen Meeren sowie einige Holzdekofische tummelten. Ein Mädchenbad eben. Es war ja schließlich auch eine Mädchenwohnung. Ich wusste gar nicht so recht, was Robert daran so lustig fand und schaute ihn leicht trotzig an.
»Ich mag es, wenn du verärgert bist«, erklärte er mir mit einem entwaffnenden Lächeln und durchbrach mit einem betont intensiven Blick aus seinen Smaragdaugen meinen Groll, der bei diesem Anblick sprichwörtlich verrauchte.
»Sind wir vorhin nicht vom Hausflur direkt in einer Küche gelandet?«, fragte er.
»Ja«, sagte ich mit einem Blick auf die Uhr. »Dahin könnten wir eigentlich auch zurückgehen. Was hältst du davon, wenn wir uns etwas kochen? Der Tag ist schon wieder so gut wie um. Irgendwie finde ich, dass der Tag mit dir nur halb so lang ist …«
»Hahaha«, Robert lachte nun laut. »Da habe ich ja immenses Glück, dass er nicht doppelt so lang ist. Das würde mir nämlich kein besonders gutes Zeugnis über meinen Unterhaltungswert ausstellen.«
Prima, ich wurde schon wieder rot. Wie überaus peinlich! Um abzulenken, fragte ich noch einmal: »Was ist nun mit dem Kochen?«
»Ja, gute Idee! Aber lass Dir gesagt sein, ich bin keine gute Küchenhilfe. Meine Kochkünste beschränken sich auf Rührei, Spiegelei oder, ganz besonders erlesen, hart gekochtes Ei.«
»Das ist doch besser als nichts. Schnippeln kannst Du aber, oder?«, neckte ich ihn.
»Ich stehe ganz zu deinen Diensten, Maître«, antwortete Robert belustigt und machte einen formvollendeten Diener.
»Gut. Dann sollten wir zunächst die Menüreihenfolge festlegen«
Ich ging in Gedanken schnell meine Vorräte durch und schlug danach Folgendes vor: »Wie gefällt dir dies: Tomatensalat à la Caprese als Vorspeise, im Hauptgang Spaghetti mit Pesto Rosso und als Dessert lauwarmes Apfelkompott mit Vanillesoße?«
»Wow! Wohin darf ich meine Sachen räumen? Ich glaube, ich ziehe nachher noch ein, denn dieses Menü verstehe ich als Aufforderung zum Bleiben«, kommentierte Robert meinen Vorschlag äußerst beeindruckt.
»Sehr schön«, lachte nun ich. »Dann habe ich ja alles richtig gemacht!«
»Lass uns anfangen. Hier sind Äpfel, bitte schälen, entkernen und in Stückchen schneiden«, sagte ich und schob ihm ein Brettchen, ein Messer und einen kleinen Topf hin.
»Aye aye Sir!«, salutierte Robert gespielt und machte sich am Küchentisch sitzend an die Arbeit.
Ich schnappte mir glücklich lächelnd ein Glas mit getrockneten Tomaten, zupfte einige Blätter Basilikum vom Balkon, schnitt ein großzügiges Stückchen Parmesan ab und nahm eine Handvoll Mandeln in Ermangelung von Pinienkernen. Zusammen mit etwas Olivenöl kam alles in den Mixer und nach einem lauten Rattern war unser Pesto bereits fertig. Ich nahm ein Löffelchen und stippte es ins Pesto.
Auf Robert zugehend fragte ich: »Magst du probieren?«
Statt einer Antwort sperrte er den Mund auf, um gleich darauf erstaunt mit den Augen zu rollen. »Das ist ja lecker!«
Es schmeckte ihm. Juhu, das freute mich!
Nebenbei köchelte das Apfelkompott und ich rührte die Vanillesoße auf dem Herd. Robert nahm sich die Tomaten und fragte: »Scheiben oder Stückchen?«
»Wie du es am liebsten magst«, antwortete ich. Und im Ergebnis schnitt Robert einfach drauf los, so dass die Tomaten ein buntes Potpourri an Formen wurden. Ich musste schmunzeln und sagte:
»Am optischen Ausdruck müssen wir aber noch arbeiten. Das wäre jetzt noch kein Bild für den Feinschmecker.«
»Welchen Feinschmecker?«, fragte Robert irritiert.
Oh, er hatte den Scherz wohl nicht verstanden.
»Das ist eine ziemlich gehobene Zeitschrift über Essen.«
»Es gibt Zeitungen nur über Essen? Oder meinst du eine Kochzeitung mit Rezepten?«
»Nein«, lachte ich belustigt. »Es gibt tatsächlich Zeitschriften nur über Essen.«
»Bemerkenswert, was die Leute so kaufen«, stellte Robert ernsthaft überrascht fest.
»Vor allem wenn du sagst, es wäre eine gehobene Zeitschrift. Dann gibt es ja, wie es aussieht, eine ganze Bandbreite … erstaunlich! Wirklich erstaunlich!«
»Gib mir bitte mal den abgezupften Basilikum neben dir.«
»Ich vermute, du meinst die grünen Blätter hier?« Es war offenkundig, Robert war kein Foodie! Verschmitzt lächelnd nahm ich mir vor, dies sukzessive zu ändern. Angefangen mit heute Abend.
»Du siehst aus, als würdest du gerade Pläne schmieden. Ich hoffe, ich bin da eingeschlossen?«
»Du bist der Plan an sich«, erwiderte ich lachend und wunderte mich einmal mehr, wie scheinbar mühelos er mich zu verstehen schien.
»Und was steht mir bevor?«
»Na, ich dachte, ich werde dich so nach und nach mit den Geheimnissen diverser Köstlichkeiten bekannt machen. Heute Abend ist der offizielle Beginn der Planumsetzung.«
Das war schneller gesagt, als darüber nachgedacht. Ich merkte, wie mir das Blut abermals in die Wangen schoss, während mir klar wurde, auf welch vielfältige Weisen man meine Ankündigung verstehen konnte. Auf eine entsprechende Reaktion brauchte ich natürlich gar nicht erst warten …
»Da bin ich aber sehr gespannt. Ich lerne doch ausgesprochen gern die Geheimnisse verschiedener Köstlichkeiten von dir!«
Robert grinste anzüglich und verließ seinen Platz am Küchentisch augenblicklich, um mich von hinten zu umfassen und mir eng an mich geschmiegt beim Rühren in diversen Töpfen zuzusehen. Er strich meine Haare zurück und begann leicht und verspielt an meinem Ohrläppchen zu knabbern, was mir unablässig kleine Stromstöße durch den ganzen Körper schickte – mmmh – sehr schön,… aber leider nicht produktiv, denn ich hatte Mühe, dem köchelnden Essen in den Töpfen genügend Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.
»Nicht, dass mir das nicht gefallen würde«, murmelte ich ein bisschen verlegen, »aber wenn du nicht willst, dass mir alles anbrennt, weil ich mich nicht mehr konzentrieren kann …«
»Okay, schade.« Robert verzerrte das Gesicht gespielt gequält und ließ mein Ohr mit einem lauten Seufzer frei. Schade …
»Dort oben rechts findest du Teller. Wir können nämlich essen«, trug ich ihm wenig später auf, mir erneut zur Seite zu stehen. Ich deutete auf den Schrank mit den Tellern und stellte schnell die Vanillesoße auf den Balkon, damit sie noch ein wenig abkühlen konnte.
»Leider habe ich keinen Wein da«, entschuldigte ich mich.
»Das ist nicht schlimm. Es sieht auch so alles verlockend köstlich aus«, meinte Robert und half mir den Tisch zu decken und die Teller zu füllen.
»Lass es dir schmecken«, sagte ich und guckte ihm voller Liebe und Erstaunen beim Essen zu. Selbst bekam ich kaum einen Bissen herunter, geschweige denn, dass ich hätte sagen können, wie das, was ich mir ab und an auf die Gabel schob, eigentlich schmeckte. Was für ein schöner Mann! Dies war so ein Moment, in dem ich kaum glauben konnte, dass Robert tatsächlich hier mit mir saß und wegen mir hier war. So viel Glück war nicht wirklich fassbar für mich.
»Es ist sooo lecker! Wieso kannst du so gut kochen?«, frage er undeutlich zwischen zwei vollen Gabeln.
»Hmmm, ich habe einfach Freude daran. Ich habe schon als Kind gern in der Küche mitgeholfen. Wenn meine Mutter gebacken hat, habe ich immer etwas Teig abbekommen und durfte meinen eigenen Kuchen backen. Oder ich bekam ein paar Möhrenstückchen ab und habe in einem kleinen Topf eine eigene kleine Suppe gekocht. Das war purer Spaß für mich und ist es auch heute noch.«
Ich musste schmunzeln: »Ja, und während meiner zehn englischen Monate musste ich notgedrungen ab und an mal das Kochen in meiner Gastfamilie übernehmen, sonst wäre ich wahrscheinlich gestorben vor Hunger nach etwas anderem außer Frittiertem mit Schlabbergemüse. Die Smiths waren wirklich die liebsten Menschen, die man sich vorstellen konnte, aber gekocht haben sie leider allen bekannten Stereotypen entsprechend, die man von der britischen Küche so kennt.«
»Okay, ich verstehe«, lachte Robert. »Manche Dinge dort sind wirklich sprichwörtlich ein harter Brocken und nur schwer zu schlucken.«
»Du hast vorhin gesagt, du hättest Familie in der Nähe von Plymouth. Dein Vater?«
»Ja, genau. Mein Vater ist Professor an der Universität von Plymouth. Er ist Meeresbiologe und beschäftigt sich mit allerlei nassem Kleingetier und so. Er und Judith, seine Frau, haben zusammen mit meinen Großeltern ein Landhaus unweit der Stadt. Naja, und mein Bruder Jonathan und seine Freundin Zoe wohnen auch in Plymouth. Mein Bruder promoviert gerade über irgendwelche Algen im Atlantik. Er ist auch Meeresbiologe, hält es aber mehr mit dem ganzen Grünzeugs unter Wasser.«
»Wirst du dort wohnen?«
»Bei meinem Vater, ja. Bei Jon und Zoe ginge das nicht. Die haben quasi ein Wohnklo gemietet.«
»Ein was?«, fragte ich lachend nach.
»Ein Wohnklo. Die Wohnung hat, glaube ich, 27 qm, ist also noch viel kleiner als euer kleines Reich hier. Das ist für zwei Leute ziemlich eng. Aber die beiden sind kreativ und handwerklich ein gutes Team. Da sie hohe Decken haben, haben sie beispielsweise eine zweite Ebene eingezogen, die sie als Schlaf- und Liegefläche nutzen. Eigentlich ist ihre Wohnung die perfekte Ausstellungswelt für Ikea. In den Modellzimmern dort wird doch auch immer gezeigt, was man alles Erstaunliches auf kleinstem Raum unterbringen kann.«
Robert lachte. »Also, Gäste können dort auf keinen Fall schlafen. Wenn die beiden Besuch haben, wird dieser immer bei meinem Vater einquartiert. Dort ist mehr als ausreichend Platz. Aber da du ja versprochen hast, mich in good old England zu besuchen, wirst du alles bald selbst sehen.«
Ich versuchte den Gedanken, dass uns nur noch wenige Stunden bis zu Roberts Abreise blieben, ganz weit wegzuschieben und antwortete deshalb bemüht erwartungsfroh: »Ich bin schon echt gespannt!«
Nach dem Essen räumten wir zusammen die Küche auf.
»Wann musst du am Montag eigentlich los?«, fragte ich nun doch traurig, als ich wieder an das bevorstehende vorübergehende Ende unseres Glücks dachte.
»Ich fliege um fünf Uhr morgens nach Frankfurt und dort um sieben nach London. Von Heathrow geht’s dann noch weiter nach Plymouth, wo ich irgendwann gegen zwölf Uhr Ortszeit ankommen werde. Das ist gegen ein Uhr mittags deutscher Zeit. Ich muss etwa vier Uhr morgens am Flughafen hier in Leipzig sein. Packen muss ich auch noch. Meine persönlichen Dinge sind ja nicht das Problem. Aber ich muss noch einige Unterlagen im Institut zusammensammeln und schauen, ob Momo, meine Assistentin, die du ja bereits kennst, alles vollständig bereitgelegt hat«, erklärte er mir ausführlich.
»Mein Wochenende ist bisher ein wenig anders als ursprünglich gedacht verlaufen. Aber ich bin froh, dass es so ist«, flüsterte Robert danach leise und nahm meine rechte Hand in seine beiden Hände.
»Bleib heute Nacht hier«, bat ich ihn spontan, als mir bewusst wurde, wie wenig Zeit uns tatsächlich nur noch blieb.
»Nichts lieber als das!«, antwortete er sichtlich bewegt und küsste mich liebevoll und schützend zärtlich.
9
Eng aneinandergekuschelt lagen wir lange wach und genossen einfach nur die Nähe zueinander. Irgendwann müssen wir beide dann doch eingeschlafen sein, denn ich wurde wach, als ich im Unterbewusstsein hörte, wie sich ein Schlüssel im Schloss der Wohnungstür geräuschvoll drehte und nur Augenblicke später Gepäck geräuschvoll im Flur zu Boden plumpste. Da außer mir und Kristin aber niemand einen Schlüssel zu unserer Wohnung hatte, musste ich wohl geträumt haben.
Robert schlief noch tief und fest. Er lag auf dem Bauch, sein Gesicht zu mir gewandt und hatte seinen linken Arm locker über meinen Bauch gelegt. Ich lächelte gerührt. Diesen Anblick würde ich nie wieder vergessen! Es war so einladend, sein schlafendes, schönes Gesicht aus dieser unmittelbaren Nähe zu studieren. Wie es wohl wäre, mit den Fingerspitzen seine Wangenknochen nachzuzeichnen, seine vollen Lippen zu berühren …? Schon hob ich meine Hand, um diesen Gedanken Taten folgen zu lassen, als im Flur plötzlich jemand laut meinen Namen rief.
OH GOTT!
Kristin war zurück.
Wie spät war es eigentlich? Was machte sie hier? Sie wollte doch erst am Sonntagabend kommen? Was sollte ich jetzt tun? Wenn sie in mein Zimmer kam? … ja und … wäre das so schlimm? Mein Herz raste durch den unmittelbaren Adrenalinschub. Was sollte ich nun tun? Meine Gedanken überschlugen und wiederholten sich.
Totale Panik!
Aber warum?
Leise und vorsichtig öffnete sich meine Zimmertür und Kristin steckte ihren Kopf herein: »Bist du da?«
»Eli?« Sie klang alarmiert. »Bist du krank? Du bist ja noch im Bett!«
Ich winkte ihr verlegen zu und deutete auf Robert, der immer noch halb auf mir liegend schlief. Offensichtlich konnte man das Haus um ihn herum abtragen. Wenn er schlief, schlief er, wie es aussah.
Statt die Tür wieder diskret zu schließen, kam Kristin noch einen Schritt näher und stand nun mitten im Raum. Feingefühl wie ein Trampeltier! Also wirklich!
»DU BIST NICHT ALLEIN?«, Kristin schaffte es einfach nicht, ihre totale Überraschung über das Bild, das sich ihr bot, zurückhaltend zum Ausdruck zu bringen.
Sie starrte mich mit aufgerissenen Augen und weit geöffnetem Mund an.
»Könntest Du vielleicht ein bisschen lauter schreien? Die Nachbarn haben dich eventuell nur schlecht verstanden!«, zischte ich verärgert und beschämt zugleich.
»Wer ist das?«
Anstatt die Gelegenheit zu nutzen und stillschweigend aus dem Zimmer zu flüchten, fragte sie mich nun auch noch aus. Ich konnte es nicht fassen, musste aber auch etwas amüsiert feststellen, dass ich Kristin, die mich nach Luft schnappend anschaute, wie ein Fisch auf dem Trockenen, noch nie sprachlos gesehen hatte. So grotesk diese Situation gerade war, sie war doch auch sehr unterhaltsam und ich schwankte zwischen purer Wut und einem drohenden Lachanfall. Oder vielleicht auch beidem auf einmal.
»Sorry. Ich … ich lasse euch dann mal wieder allein.« Dunkelrot anlaufend verließ Kristin, nun endlich aus ihrer Schockstarre aufgewacht, eilig das Zimmer. Na bitte, dachte ich, geht doch. Und Kristin war rot geworden! Allein der Gedanke daran war für mich ziemlich unterhaltsam und einzigartig.
Robert neben mir regte sich langsam und fragte mich mit noch immer geschlossenen Augen: »Wer oder was war das denn gerade?«
»Kristin, meine Mitbewohnerin. Sie ist etwas früher zurückgekehrt als erwartet, wie es scheint.«
»Du hättest mich der Dame ja vorstellen können!«, grinste Robert mich nun breit an.
»Wie bitte???«, fragte ich irritiert. Das konnte er doch unmöglich ernst meinen?!
»Kleiner Scherz, mein Schatz. Guten Morgen!« Er küsste mich liebevoll auf die Wange. Hatte er gerade Schatz gesagt? Juhu!!!
»Sehr lustig! Ich glaube, ich sollte mit ihr bei Gelegenheit mal das Thema Privatsphäre ansprechen …«
»Gute Idee!«, kicherte Robert sichtlich amüsiert.
»Auch guten Morgen, übrigens.« Ich wandte Robert, der immer noch in der gleichen Position neben mir lag und mit seiner linken Hand nun meinen Bauch streichelte, mein Gesicht zu und gab ihm einen leichten Kuss auf die Nasenspitze.
»Wir sollten, glaube ich, aufstehen und die offizielle Vorstellung tatsächlich nachholen. Ich fürchte nämlich, sonst platzt Kristin in ein paar Minuten vor Neugier. Und ich will hier ja nicht allein wohnen, vor allem wenn ich in den nächsten Wochen jemanden brauche, der meine Sehnsucht nach dir und alle damit verbundenen emotionalen Ausbrüche aushält«, sagte ich mit so viel Galgenhumor, wie ich gerade noch zusammenbekam und schauderte beim dem Gedanken an diese leider sehr reale nahe Zukunft.
»Das klingt überzeugend, aber nicht schön!« Robert drehte sich auf den Rücken, zog mich gleichzeitig mühelos mit und hob mich auf sich.
Welch unbeschreibliches Gefühl! Ich lag plötzlich völlig unverhofft auf ihm und spürte seinen gesamten Körper so eng wie nie zuvor an meinem. Selbst seinen Herzschlag konnte ich fühlen. Tausend verschiedene Empfindungen überfielen mich auf einmal und überraschten mich mit ihrer schieren Intensität. Es fiel mir mit einem Mal schwer, klar zu denken oder überhaupt zu denken. Mein Herz überschlug sich und hatte Mühe, seinen eigentlichen Rhythmus auch nur annähernd wieder zu finden.
Robert schaute mich absolut überrascht an und schien überhaupt nicht mehr zu atmen. Empfand er etwa auch so intensiv wie ich? War er auch so überrascht von der Wucht der Gefühle, die diese körperliche Nähe auslöste? Ich wagte kaum zu hoffen, dass es für Robert ein genauso überwältigendes Empfinden war, wie für mich.
Als es plötzlich laut in der Küche klapperte, atmete er scharf ein und drängte mich sanft von sich herunter.
Oh Kristin! Sie war gerade Fluch und Segen zugleich.
Was wollten wir gerade tun?
Mir gelang immer noch kein zusammenhängender Gedanke. Robert blickte mich mit seinen intensiv grünen Smaragdaugen auf eine Weise an, die mich noch inkohärenter und auch etwas nervös werden ließ.
Es klopfte leise an der Tür.
Meine Güte, Kristin! Sie hatte echt Nerven! Wir hielten beide die Luft an und lauschten. Hoffentlich konnte sie der Versuchung widerstehen, noch einmal hereinzuplatzen.
»Eli, ich gehe zum Bäcker. Ich laufe auch langsam, versprochen. Und ich bringe genug Brötchen für drei mit. Also, bis dann …«, rief sie betont laut durch die geschlossene Zimmertür und gleich darauf fiel die Wohnungstüre wieder ins Schloss. Glück gehabt!
»Okay, diese Chance sollten wir wohl oder übel nutzen«, brummte ich leicht verstimmt.
Ich krabbelte äußerst ungern aus dem Bett und öffnete meinen Kleiderschrank. »Ein großes und ein kleines Handtuch?«, frage ich Robert, der sich aufgerichtet hatte und mir zusah.
»Du bist wunderschön!«, sagte er.
»Wie bitte?«, mit dieser Antwort hatte ich nun gar nicht gerechnet. Zudem mir ein flüchtiger Blick in den Spiegel an meiner Schranktür ein zerzaustes Irgendwas in blauweiß karierter Pyjamahose und weißem Trägershirt gezeigt hatte, das nur mit Fantasie Ähnlichkeit mit mir aufwies, fand zumindest ich.
»Du bist wunderschön!«, wiederholte er und schaute mich aus seinen, wie warmes, tiefdunkles Tannengrün leuchtenden Augen liebevoll an. »Und ja, ich nehme das Angebot gern an!« Nun lachte er auch noch. »Hast du eventuell noch eine Zahnbürste für mich?«
»Ja, ich glaube schon.« Ich wühlte im Schrank.
»Und danke«, murmelte ich beschämt in die Tiefen des Schrankes hinein.
»Sehr gern. Ich sage nur die Wahrheit«, antwortete er nicht nur vergnügt, sondern auch grundehrlich und versetzte mich damit in noch mehr Verlegenheit.
»Hier!« Triumphierend zog ich eine neue Zahnbürstenpackung heraus und drehte mich ein wenig zu schwungvoll Richtung Bett um.
Doch dort war niemand.
Stattdessen umfassten mich augenblicklich Roberts Arme. Wann war er denn aufgestanden und wie konnte er sich überhaupt so lautlos hinter mich stellen? Ich errötete über meine Ungeschicklichkeit, fand es aber unendlich schön, abermals von seinen muskulösen Armen aufgefangen, umfasst und eng an seine Brust gepresst zu werden.
»Hello again«, flüsterte Robert in mein Ohr und küsste wieder mein Ohrläppchen. Oh … langsam glitten seine Lippen meinen Hals hinunter, er schob meinen rechten Träger zur Seite und küsste meine Schulter mit federleichten Berührungen. Mit seiner linken Hand strich er mir sacht über den Rücken … und Po. Mein Atem und mein Puls beschleunigten sofort und wohlige Wogen durchflossen mich. Irgendwo tief in meinem Bauch krampfte sich ein bittersüßer Schmerz zusammen, von dem ich wünschte, er möge dort für immer bleiben. Meine Hände wühlten zärtlich in Roberts dunklem Haar und suchten sich langsam ihren Weg an seinem Hals entlang zu seiner Brust, wo sie, seinen ebenfalls hetzenden Herzschlag fühlend, ruhen blieben.
Erst leise und dann, mit jedem Schlag anschwellend, tickte es.
Wir lösten uns langsam voneinander und schauten uns überrascht an.
Dieses Mal hatte auch Robert nicht den Eindruck, dass es sich um einen Zufall handelte. Man sah ihm die Verwunderung deutlich an. Warum tickte es immer, sobald wir uns näher kamen???
»Das ist doch kein Zufall! Ich verstehe das nicht!«, stellte Robert fest und schaute mich mit hinreißend verwuscheltem Haar und fragendem Blick nach einer Antwort suchend an.
»Ich auch nicht«, erwiderte ich ehrlich ahnungslos und merkte, wie sich ganz tief in meinem Unterbewusstsein ein ungutes Gefühl niederließ. »Und es gefällt mir nicht.«
»Mir auch nicht«, antwortete Robert stirnrunzelnd.
Wir schauten uns irritiert an, mit einem kleinen, unangenehmen Abstand zwischen uns. Der schöne vertrauliche, aufregende Augenblick war jedoch völlig verloren. Wie frustrierend!
»Seltsam! Lass uns ins Bad gehen. Kristin kommt sicher bald zurück. Du kannst gern zuerst gehen. Ich ziehe mich so lange an«, schlug ich ihm vor.
»Okay.« Er nahm die Handtücher und verließ das Zimmer.
Ich schlüpfte schnell aus meinem Schlafzeug und zog mir frische Unterwäsche, Socken, eine hellbraune, enge Cordhose und ein zartblaues Kapuzensweatshirt mit dem Aufdruck der Universität von Exeter an. Während ich die Bettdecke glattstrich, kam Robert aus dem Bad zurück … das große Handtuch locker um die Hüften geknotet und das kleine lässig über der Schulter hängend. Er trug seine Kleidung unterm Arm und legte sie völlig unbefangen auf meinem Bett ab.
Meine Atmung setzte aus.
Ich starrte ihn an.
Wow!
Er hatte echt Nerven!
Wir waren über das Küssen noch nicht hinausgekommen, und das war mir bisher auch völlig recht. Und nun stand er hier quasi nackt, … also so ziemlich fast nackt vor mir. Und er sah gut aus! Schlank und muskulös zugleich. Angedeutete Bauchmuskeln unter zart gespannter Haut auf seinem flachen Bauch. Keine Brusthaare. Das gefiel mir! Sein Anblick weckte mein Verlangen, ihn zu berühren. Die Linien seiner Muskeln mit den Fingern nachzuzeichnen …
Nach einer kleinen Unendlichkeit merkte ich, dass ich noch immer starrte. Robert sortierte unbeeindruckt und vor allem unbekümmert seine Sachen.
Ich merkte, wie mir das Blut in die Wangen schoss und ich schon wieder hochrot wurde. Wie peinlich!
Robert merkte davon jedoch nichts, denn er drehte sein T-Shirt begutachtend hin und her und sagte: »Naja, es geht noch, oder? Man sieht nur auf dem zweiten Blick, dass ich die Nacht darin verbracht habe. Was denkst du? Tragbar oder nicht? Ich habe ja sowieso keine andere Wahl, als es noch einmal anzuziehen.«
Ehe er meine Verlegenheit sah, murmelte ich im Hinausgehen: »Nicht schlimm. Dein T-Shirt, meine ich … ich bin dann auch mal im Bad.«
»Na klar. Bis gleich«, rief er mir weiterhin unbekümmert hinterher.
Ich putzte mir schnell die Zähne und wusch mein Gesicht gleich mehrmals mit eiskaltem Wasser. Meine Haare kämmte ich eilig und band sie zu einem Pferdeschwanz zusammen. So, das musste reichen. Beim Blick zum Glas der durch Roberts Duschen noch beschlagenen Duschkabine musste ich schmunzeln. Womit er wohl geduscht hatte? Auf der Ablage standen zwei bunte Fläschchen. Pink Grapefruit von mir und intensiv duftendes Vanilleduschgel von Kristin. Nicht wirklich männlich. Ob er eines benutzt hatte? Und wenn ja welches? Das war leicht herauszubekommen. Ich machte mich auf den Weg zurück in mein Zimmer.
Vor der Tür stehend zögerte ich. An meiner eigenen Tür. Wie grotesk. Aber was, wenn er immer noch nackt war? Ich klopfte lieber an.
»Herein!«, rief Robert gut gelaunt … und angezogen. Glück gehabt, und doch irgendwie schade!
»Du musst doch an deiner eigenen Zimmertür nicht anklopfen!«, neckte er mich.
»Naja …«, murmelte ich, küsste ihn sanft auf den Mund und – ah, Grapefruit. Gut! – sagte: »Komm, wir bereiten schon mal das Frühstück vor.«
»Gute Idee!«, meinte Robert, ich nahm seine Hand und zog ihn in die Küche.
»Tee oder Kaffee für Dich?«, fragte ich ihn.
»Nun ja, ….«, druckste Robert herum: »Das ist mir jetzt fast ein wenig peinlich … aber … hättest du eventuell etwas Milch?
»Milch?«, das meinte er nicht ernst, oder? Ist ja süß.
»Ja?«, kam es mehr fragend als antwortend zurück.
»Klar, Milch habe ich. Milch also für Dich. Einfach nur Milch? Oder mit Kakao? Und vor allem, warm oder kalt?«, ich gebe zu, ich schaffte es nicht, mir ein breites Grinsen zu verkneifen. So ein Bild von einem Mann … und er trinkt Milch zum Frühstück. Womöglich noch warme Milch?!
»Warm …?«, schaute er mich unsicher an. »Lachst Du mich aus?«
»Nur ein bisschen«, gab ich breit grinsend zurück. »Aber ich mache Dir gern eine warme Milch.«
»Vielen Dank! … Wo finde ich nochmal die Teller?«
Ich deutete auf den betreffenden Schrank. »Da oben.«
Während Robert Teller, Tassen und Besteck verteilte, kochte ich Kaffee, Tee und stellte eine große Tasse Milch in die Mikrowelle. Danach räumte ich Honig, Marmelade, Butter und Käse auf den Tisch. Kaum waren wir damit fertig, öffnete sich die Tür im Flur und ein für Kristin ziemlich schüchtern fragendes »Haaallo?« ertönte vorsichtig.
»Wir sind schon in der Küche und freuen uns auf dich und die Brötchen!«
Kristin rumpelte noch kurz im Flur herum und kam dann mit einer überdimensionalen Brötchentüte in die Küche. Ich wunderte mich, wer das wohl alles essen sollte.
»Ihr habt Euch ja noch nicht offiziell kennengelernt. Also, Kristin, das ist Robert. Robert – Kristin«, stellte ich die beiden vor.
»Hallo, schön dich kennenzulernen!«, sagte Robert und schüttelte Kristins ausgestreckte Hand.
»Ganz meinerseits«, antwortete sie und drehte sich kurz zu mir um, ein lautloses »WOW« mit ihrem Mund formend.
»Kaffee für die Dame, Milch für den Herrn und Tee für mich. Guten Appetit«, sagte ich und musste schmunzeln, denn Kristin platzte fast vor Neugier, nahm sich jedoch – noch – zurück und behielt ihren Fragensturm für sich.
»Milch???«, entfuhr es ihr dann trotzdem sichtlich belustigt.
Also doch. Typisch! Ich guckte Kristin strafend an.
»Nun ja, ich scheine die Damen ja mit der warmen Milch gut zu unterhalten«, wenigstens nahm es Robert mit Humor.
Kristin versuchte jetzt doch ihre Neugier zu stillen und probierte, zu mir gewandt, einen Schritt voranzukommen: »Cool, du hast Honig von daheim mitgebracht. Wie lange kennt ihr Euch schon?«
Ich rollte mit den Augen. Ihre Zurückhaltung hatte ja enorm lang gehalten! So gern ich Kristin hatte, aber sie konnte echt indiskret sein. Was machte sie eigentlich schon hier? Sie wollte schließlich erst am Sonntagabend kommen … fiel es mir wieder ein. Doch bevor ich meine Fragen stellen konnte, um einer Auskunft auszuweichen, antwortete Robert schon: »Seit einer Woche.«
Er schien völlig relaxt mit der beginnenden Fragestunde. Eigentlich sprach das nur für ihn, fand ich und freute mich über seine Reaktion.
»Ein Woche?«, sie verschluckte sich fast.
Robert schien es ebenso Spaß zu machen, Kristin sprachlos zu sehen, obwohl er sie kaum kannte und er setzte noch einen drauf: »Ja, vor einer Woche haben wir uns erstmals getroffen, dann leider aus den Augen verloren. Aber seit Freitag kann uns nichts mehr trennen, stimmt’s Elisabeth?«
»Mmmh«, antwortete ich nickend.
Kein Wunder, dass Kristin vergaß, weiter zu kauen und mich anschaute, als wäre ich nicht ich, das brave Mädchen, das ich bisher war. Ich war immer auf irgendeine Art sozial engagiert, liebte meine Welt der Bücher und pflegte meine Freundschaften, die überdies, wenn sie mit Männern waren, nie über herzliche, freundschaftliche Beziehungen hinausgingen. Ich hatte einfach noch nie einen festen Freund und war bislang an allen Herren uninteressiert vorbeigegangen. Es war halt auch nie ein Robert unter ihnen.
»Wir waren am Freitag in der Moritzbastei«, sagte ich zu Kristin, die mich noch immer wortlos fixierte. Als würde dieses nebensächliche Detail die tausend Fragen, die sich hinter ihrer Stirn zu bilden schienen, beantworten.
»Und gestern waren wir mit dem Motorrad am Elsterkanal«, erzählte Robert unbefangen weiter. Oje, merkte er nicht, dass das ganz augenscheinlich zu viele Neuigkeiten auf einmal für Kristin zu sein schienen? Mir wäre es lieber, wir könnten ihr unsere rasanten vergangenen Stunden eher häppchenweise servieren, damit sie sich zwischenzeitlich ein wenig erholen konnte.
Kristin schluckte schwer und starrte mich nun mit offenem Mund an.
»Du. Bist. Motorrad. Gefahren?«, brachte sie mühsam hervor.
»Ja. Es war toll!«, antwortete ich grinsend.
Zugegeben, das machte Spaß. Langsam fand ich auch Gefallen daran, Kristin so sprachlos zu sehen. Das erste Mal in unserer langen Freundschaft, dass ich sie so erlebte.
»Nochmal Kaffee?«, fragte ich sie betont freundlich und beschloss mitzuspielen.
»Nee«, gab sie knapp und tonlos zurück: »Danke. Ein Schnaps wäre mir jetzt lieber!«
»Oh …«, Robert und ich antworteten und lachten gemeinsam.
Kristin blickte uns abwechselnd an und schüttelte danach ihren Kopf.
»Ich begreife das nicht!«, sagte sie daraufhin fassungslos und schaute nochmal kopfschüttelnd erst mich, dann Robert und dann wieder mich an. »Aber ich freue mich für euch!«, stieß sie hervor.
»Vielen Dank!«, wir antworteten schon wieder gemeinsam. Unterm Tisch nahm Robert meine Hand und drückte sie sanft. Wir schauten uns lächelnd an und sofort verlor ich mich wieder in seinen uferlos schönen, intensiven grünen Augen, die mir unendliche Wärme und Zuneigung entgegenbrachten.
Kristin räusperte sich laut und blickte uns nun belustigt an.
»Wollen wir vielleicht abräumen?«, fragte sie und nahm sich, ohne eine Antwort abzuwarten, die Butter und Marmelade. Sie stand auf und sortierte alles in den Kühlschrank. Ich glaube, das war ihre Art, uns mitzuteilen, dass sie erst einmal genug zu verarbeiten hatte.
Robert machte einen Schmollmund und ließ ziemlich unwillig meine Hand los. Wir halfen dennoch, die Küche wieder in Ordnung zu bringen.
»Und was habt ihr zwei Turteltauben heute vor?«
»Oh, schlechtes Thema«, sagte Robert mit schmalen Lippen und verzog das Gesicht wie unter Schmerzen. »Ich muss in spätestens einer Stunde aufbrechen und meine Taschen packen. Ich fliege morgen früh für zwei Monate nach England, um ein Projekt zu betreuen.«
Kristin blickte mich voller Mitgefühl an und sagte leise: »Das tut mir leid. Das ist ja voll blöd, wo ihr doch gerade erst begonnen habt …«
»Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich mich auch nicht danach gedrängelt. Nach dem Projekt natürlich«, meinte Robert leise. Er legte seinen Arm um mich und zog mich eng an seine Seite. Ich kuschelte mich nur allzu gern an ihn. Die unbeschwerte morgendliche Stimmung war jedoch mit einem Schlag wieder verschwunden und die bevorstehende Trennung schwebte abermals wie ein Damoklesschwert über uns.
»Ich muss ’nen Aufsatz schreiben und brauche noch ein Grundsatzurteil dazu. Ich gehe dann mal in die Bibliothek …« Kristin war ein wahrer Schatz! Völlig selbstlos hatte sie sich einen Grund gesucht, um uns noch ein wenig privaten Raum zu schaffen. An mich gewandt, fügte sie, sich ihre Jacke und Schuhe anziehend, hinzu: »Ich bin gegen sechzehn Uhr wieder da. Ich habe am Nachmittag Zeit, wenn Du reden willst …«
»Danke«, erwiderte ich leise.
»Tschüss dann«, sagte sie.
»Gute Reise und bis bald!«, sie schüttelte Robert die Hand und blickte mich danach besorgt an.
»Sechzehn Uhr. Versprochen«, versicherte sie mir mit ernstem Gesicht noch einmal und schloss die Wohnungstür hinter sich.
»Eine Stunde. Was willst du tun?«, fragte mich Robert leise.
»Ich denke, erst einmal sollten wir unsere Telefonnummern, Emails und so etwas austauschen.« Praktisch veranlagt zu sein, hatte manchmal auch seine Vorteile.
»Stimmt!«, antwortete Robert. »Hast du eigentlich auch eine Skypeadresse? Wir könnten telefonieren und uns dabei sehen. Das wäre doch schön, nicht wahr?«
»Bis jetzt noch nicht, aber das ist ja sicher schnell eingerichtet.«
»Ich schreibe dir meinen Skypenamen auf, dann brauchst Du mich nur anwählen und landest direkt bei mir.« Er reichte mir ein Blatt Papier mit seinen Kontaktdaten. Seine Handschrift war bildschön. Wie ein exquisiter Schriftstil, den man garantiert nicht bei Word fand. Regelmäßig, charaktervoll, elegant. Beeindruckend, vor allem für einen Mann!
»Okay. Lass mal sehen. Oh, Equinox. Wie ungewöhnlich! Was bedeutet das denn?«
»Na, ich bin doch am dreiundzwanzigsten September um null Uhr geboren oder am zweiundzwanzigsten September um vierundzwanzig Uhr, ganz wie du möchtest. Auf meiner Geburtsurkunde steht der dreiundzwanzigste September. Jedenfalls ist das die Tag- und Nachtgleiche. Und die heißt Equinox. Das fand ich besser, als meinen eigenen Namen. Roberts gibt es ja noch etliche weitere überall auf der Welt.«
Ich hörte ihm gar nicht richtig zu und stand mit dem Zettel in der Hand unschlüssig da.
»Komm noch ein wenig zu mir«, sagte Robert mit einladend warmer Stimme und streckte mir seine Hand aus.
Ich gab ihm meine bereitwillig, und ehe ich mich versah, hatte er mich mit Schwung an sich gezogen und strich mir übers Haar. Er hob mein Gesicht zu seinem und begann mich zugleich fordernd, leidenschaftlich und verzweifelt zu küssen. Ich schob alle Zweifel darüber, wohin dieser Kuss führen würde, weit von mir fort und entgegnete ihm mit der gleichen Leidenschaft. Unsere Zungen tanzten im selben Rhythmus und unsere Hände glitten gegenseitig so gar nicht mehr scheu über unsere Körper. Ich vergaß die Welt um mich herum und tauchte vollkommen ein in meine Achterbahn fahrenden Gefühle. Wir lagen eng umschlungen auf meinem Bett. Ich konnte beim besten Willen nicht mehr sagen, wann und wie wir dort gelandet waren.
Irgendwann hielt mich Robert mit seinen starken Armen zurück und sagte schwer atmend: »Das reicht, Eli, ich möchte dich nicht zu etwas drängen, wozu du augenscheinlich noch nicht bereit bist.«
Irritiert blinzelte ich ihn an, wie aus einem Traum erwachend. »Das musst du doch auch nicht!« Ich wäre in diesem Moment jeden Weg mit ihm gegangen, … auch wenn mein Unterbewusstsein Bedenken anmeldete. Woher wusste er außerdem, dass ich in Sachen Liebe noch absolut unerfahren war? Seine Intuition war einfach bemerkenswert. Oder stellte ich mich so offensichtlich ahnungslos an …?
»Unterschätze mich nicht«, sagte er mit dunkler, rauchiger Stimme. »Du bist eine so wunderschöne, verführerische Frau. Da fällt es mir nicht leicht, mich daran zu erinnern, dass wir uns erst eine Woche kennen und ich dir versprochen habe, die Sache langsam anzugehen.«
So sehr ich seine Worte auch schätzte, so sehr bedauerte ich sie auch. Und seine Worte hatten noch eine ganz andere Wirkung auf mich, als die implizierte. Tief in meinem Bauch krampfte sich etwas in demselben bittersüßen Schmerz zusammen, den ich heute schon einmal mit ihm gespürt hatte. Dieses Gefühl klang wie ein Versprechen auf etwas, dessen Ausgang ich noch nicht kannte und nur atemlos erahnen konnte.
»Eli, ich muss nun …«
Oh nein, unsere Zeit war um.
»Oh …«, mehr konnte ich nicht sagen.
Robert setzte sich auf und zog mich auf seinen Schoß, so dass wir uns gegenseitig in die Augen schauen konnten. Ohne den Blick von mir abzuwenden, sagte er ernst: »Ich weiß, dass das alles viel zu früh ist. Aber alle Konventionen sind mir jetzt egal!«
Ich sah ihn überrascht an und ein Schauer lief mit über den Rücken. Wovon sprach er?
»Eli, ich liebe dich! Das musst du einfach wissen! Ich wusste schon bei unserem ersten Treffen, dass du für mich bestimmt bist! Ich fühle mich, als hätte ich mein Leben lang auf dich warten müssen und nun habe ich dich endlich gefunden.«
Er blickte mich glühenden, intensiv grünen Augen an und ich ertrank völlig in seinem Blick und seinen Worten, unfähig, zu antworten. Dabei lief mir mein Herz über und es gab so viel, was ich ihm gern hätte sagen wollen. Ja, ich liebe dich auch! Lass mich nicht allein! Aber meine Lippen konnten keine Worte formen.
»Ich will dich nicht allein lassen. Es tut mir so leid! Bitte vergiss mich nicht und warte auf mich! Und komme mich wirklich besuchen!!! BITTE!« Er sah mich flehend an.
Ich nickte stumm. Ergriffen. Unfähig zu antworten. In meinem Hals saß plötzlich ein riesiger Kloß. Langsam nahm ich sein Gesicht zwischen meine Hände und küsste ihn vorsichtig. Der Kloß wurde immer größer und meine Augen füllten sich mit Tränen. Ich war völlig zerrissen. Einerseits war ich über alle Maßen glücklich. Denn hatte mir Robert nicht gerade seine Liebe erklärt? Andererseits war mir, als wäre alle Freude aus der Welt gegangen, denn der Zeitpunkt unserer Trennung war nun da und wir würden uns wochenlang nicht sehen. Tränen sammelten sich in meinen Augen und liefen mir schließlich die Wangen hinunter.
»Weinst du?«, fragte Robert hilflos. »Oh, Elisabeth! Nein! Bitte weine nicht! Es sind nur ein paar Wochen! Bitte!«
»Ich weiß …«, schluchzte ich. »Aber … und …«, ich schaffte es nicht, meine Gedanken in Worte zu fassen und ihm zu antworten.
»Elisabeth …!«, Robert stöhnte gequält und bedeckte mein Gesicht mit tausend Küssen, küsste meine Tränen weg. Ein auswegloses Unterfangen, denn kaum hatte er sie weggeküsst, rannen schon die nächsten.
»Ich muss jetzt wirklich!«, sagte er leise, trostlos.
Ich nickte und rückte langsam von ihm herunter.
Er nahm meine Hand und zog mich zur Tür. Ein letzter Kuss und er ging die Treppe hinab.
Ich stand so lange, bis seine Schritte treppab verhallten und die Haustür sich quietschend hinter ihm schloss. Als ich langsam zurück in die Wohnung ging, hörte ich noch, wie er unten sein Motorrad startete. Oh nein! Ich sank auf mein Bett, das noch warm von uns beiden war, und zog mir die Decke über den Kopf. Meine Tränen kannten nun kein Halten mehr.
Ich weiß nicht, wie lange ich mich in meinem Bett vergrub. Irgendwann war Kristin da. Sie saß neben mir, zog die Decke vorsichtig von mir herunter und streichelte mir wortlos über den Kopf.
»Ich weiß«, sagte sie nach einer Weile. »Weine nur. Das hilft.«
Mein Schluchzen wurde wieder intensiver. Wie sollte ich die kommenden Wochen nur überstehen?
Kristin strich mir weiterhin über Kopf und Rücken. Irgendwann ebbte mein Schluchzen ab und sie fragte vorsichtig: »Tee?«
Ich schaute sie an und nickte dankbar.
»Mit Milch oder lieber mit Schuss?«
»Milch. Vorerst«, quakte ich.
»Na dann, bis gleich in der Küche.« Sie sprang auf und klapperte kurz darauf mit Tassen und Wasserkocher.
Ich erhob mich langsam und versuchte erst einmal, mein verquollenes Froschgesicht im Bad wieder einigermaßen herzurichten. Den Blick in den Spiegel vermied ich tunlichst.
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Als ich in die Küche kam, hatte Kristin eine große Kanne Kräutertee gekocht und Kekse hervorgezaubert. Sie saß am Tisch und goss den heißen, dampfenden Tee in zwei große Tassen und lächelte mich an. Ich musste unvermittelt zurücklächeln. War es sonst nicht genau anders herum? Unzählige Male hatten wir schon bei Tee und Keksen zusammengesessen und ich hörte Kristin zu, während sie mir von ihrem Liebeskummer erzählte. Kristin war ein hübsches Mädchen. Kein Model, aber sie hatte etwas, worauf die Männer flogen. Sie war kurvig, weiblich und hatte ein unglaublich sonniges Gemüt. Es fiel nicht schwer, ihr mit Sympathie zu begegnen. Selbst ich fühlte mich bei ihrem Anblick, so wie sie mich gerade aus ihren großen braunen Augen lustig anblitzte, gleich ein wenig besser und war froh, dass sie schon hier war und nicht erst heute Abend kam.
»Unglaublich aber wahr, heute sitze doch tatsächlich ich einmal hier und darf dich trösten. Dass ich das noch erlebe!«, neckte sie mich und spiegelte wieder, was ich selbst dachte.
Ich grinste sie an. »Schön, dass du da bist!«, antwortete ich. »Wie kommt es eigentlich …?«
»Ach, weißt du, Tilly hat ’nen echt nervigen Freund zurzeit. Da ist mir doch spontan eingefallen, dass da dieser Aufsatz noch war … der soll zwar erst nächste Woche fertig werden, aber das mussten die beiden ja nicht wissen.« Sie grinste frech und zwinkerte mir zu.
»Bin ich froh, dass Tillys Freund dir auf die Nerven ging! Hattest du sonst eine schöne Woche?«, fragte ich schon etwas besserer Stimmung.
»Ja, es war recht lustig. Wir waren fast jeden Abend in den Clubs unterwegs. Einmal gingen wir nur ins Kino, sozusagen zur Erholung. Aber nun erzähl du doch erst mal. Da lässt man dich kurz allein in der neuen Stadt und schon liegst du mit ’nem fremden Mann im Bett. Vor allem – DU! Wow! Unfassbar! Also. Wer ist er? Was macht er? Ich will alles wissen!«
»Das habe ich befürchtet!«, seufzte ich gespielt genervt und gleichzeitig ein wenig stolz. Wie lächerlich, als wäre Robert eine Trophäe …
»Was hast du befürchtet?«, fragte Kristin leicht irritiert nach.
»Na, dass du so unverschämt nachfragst und alles wissen willst.«, nun musste ich sogar lachen. Kristins unverblümte, liebevolle Art tat mir gut.
»Logo. Denkst du, ich gebe mich mit dem einmaligen Anblick von dir und einem echten Mann in deinem Bett heute Morgen zufrieden? Jetzt will ich die Hintergründe wissen. Im Detail. Also, trink was, iss ein Plätzchen und schieß eeendlich los!« Sie rollte vor Ungeduld mit den Augen und hockte sich vor Übermut zappelnd im Schneidersitz auf den Stuhl mir gegenüber.
»Naja, Robert habe ich schon letzte Woche Freitag kennengelernt. Meine Eltern waren gerade weggefahren. Ich habe das schöne Wetter noch nutzen wollen und bin mit einem Buch dort hinten an dem kleinen Springbrunnen gewesen. Dort sprach er mich dann an …«
Ich gab Kristin einen Kurzüberblick der Ereignisse der vergangenen Woche, ließ auch nicht aus, wie durcheinander ich war, als ich Robert zum ersten Mal getroffen hatte und wie miserabel es mir ging, als wir uns zum zweiten Mal im Tim’s Coffeehouse über den Weg gelaufen waren und wieder aus den Augen verloren hatten. Ich erzählte ihr auch, wie der Rest der Woche für mich wie im Trance verging und ich in Gedanken nur bei ihm war. Ich berichtete ihr von Theresa und Jason, und Kristin freute sich, dass ich so schnell netten Anschluss gefunden hatte.
»Am Freitagnachmittag war ich in einem Kindergarten. Die haben Vorlesepaten gesucht. Ab Dienstag werde ich einmal wöchentlich dort vorlesen.«
»Das ist doch genau das Richtige für dich!«, freute sich Kristin für mich.
»Danach traf ich mich mit Theresa und Jason. Die Zwei wollten mich zu einer Studie zum Spracherwerb mitnehmen. Hätte ich gewusst, dass wir zum Max-Planck-Institut gehen, wäre ich vermutlich nicht mitgegangen!«
»Das kann ich mir gut vorstellen«, meinte Kristin mitfühlend.
»Aber jetzt bin ich natürlich froh, dass ich dort war!«, sagte ich und lächelte verträumt.
Ich berichtete von der Studie und Roberts plötzlichem Auftauchen dort. Als ich Kristin erzählte, wie begeistert Robert war, mich wiederzusehen, klatschte sie verzückt mehrmals kurz in die Hände und hauchte: »Oh, wie romantisch! Eli! Wie schön!«
Ich erzählte auch vom Konzert in der Moritzbastei, ließ aber das eigentümliche Ticken aus, das dort zum ersten Mal auftauchte und uns seitdem zu verfolgen schien. Wie hätte ich das auch erklären sollen?
»Am Samstag hat mich Robert ganz früh abgeholt und zum Picknick am Elsterkanal entführt. Es war wunderschön dort …«, in Gedanken träumte ich mich wieder in die verzauberte Landschaft und spürte Roberts Nähe fast körperlich. Mit einem wohligen Schaudern wandte ich mich wieder Kristin zu, die mich belustigt ansah.
»Oh, Süße, dich hat es wirklich ganz schön erwischt, nicht wahr?«
Ich errötete sofort und nickte glücklich.
»Die Zeit ohne ihn wird vergehen! Glaube mir! Und wir leben ja nicht mehr im Mittelalter. Ihr habt alle Möglichkeiten, um täglich miteinander in Kontakt zu sein. Wirst du ihn in England besuchen?«
»Ja, auf jeden Fall«, antwortete ich leise, aber entschlossen.
»Themawechsel, wie sieht dein morgiger Tag aus und wann fängst du morgen an?«
»Ich fange schon acht Uhr mit einer Vorlesung an. Danach habe ich gleich im Anschluss ein Seminar, dann Mittagspause und um vierzehn Uhr noch ein Seminar. Zwischendrin will ich in die Bibliothek gehen.«
»Wow, du willst es aber gleich wissen. Ohne Erstsemesterschonfrist gleich ein volles Programm. Wo wirst du Mittag essen, in der Mensa?«
»Ja, ich denke schon. Wahrscheinlich auch mit Jason und Theresa. Und du? Hast Du vielleicht Lust, Dich uns anzuschließen?«
»Mal sehen, vielleicht schaffe ich es ja und komme auch vorbei.«
»Das wäre prima! Wollen wir jetzt noch etwas kochen? Es ist zwar schon spät …«
Kristin schaute auf die Uhr. Es war schon einundzwanzig Uhr dreißig. Wir hatten Stunden über Stunden verquatscht. Und es hatte gut getan. Der Kloß in meinem Hals war vorübergehend auf eine tolerierbare Größe geschrumpft. Was Robert wohl gerade tun würde?
Kristin wühlte im Kühlschrank und tauchte mit einem Eisbergsalat in der einen Hand und einem Paket gegrillter Hähnchenbrustscheiben in der anderen wieder auf.
»Salat mit Hühnchen und Butterbrötchen? Das dauert nicht so lang …«, schlug sie vor.
»Gut, klingt vernünftig und lecker. Außerdem haben wir dann eine kleine Chance, im Verlauf der nächsten Tage Herr unserer Brötchen-Vorräte zu werden«, erwiderte ich und holte Brettchen und Messer heraus.
»Naja, ich war mir ein wenig unsicher, wie viele wir brauchen würden. Deshalb habe ich lieber ein paar mehr als zu wenig gekauft«, meinte Kristin schulterzuckend.
»Wir können ja morgen Abend Arme Ritter machen«, schlug ich vor.
»Super. Ich werde auf jedem Fall zum Abendbrot zu Hause sein!«, rief Kristin begeistert und hüpfte vor Freude auf und ab wie ein kleines Kind.
Ich schmunzelte über ihr Vergnügen. Es war schön, nun mit ihr zusammenzuwohnen und ich war ihr dankbar, dass sie heute für mich da war. Ich freute mich auf die kommende Zeit mit ihr und beschloss, für heute Abend den Trennungsschmerz von Robert, so gut es ging, zu verdrängen und den unbeschwerten, mädchenhaften Moment mit Kristin zu genießen.
Wir machten es uns in ihrem Zimmer gemütlich, jede mit einem Teller Salat auf dem Schoß und schauten Fotos von Kristins Woche in Halle auf ihrem Laptop an.
Mein Plan, nicht an den Kloß voll Traurigkeit in mir zu denken, ging nicht auf. Als ich Kristin auf einem der Bilder in enger Umarmung mit einem Unbekannten sah, hatte ich sofort wieder Robert vor Augen und die Sehnsucht war zurück. Ich hatte nicht einmal die Kraft, zu fragen, in wessen Arme sie sich da schmiegte. Wenn es etwas zu erzählen gäbe, hätte sie es bestimmt auch schon getan oder würde mir noch davon berichten. Kristin behielt ihre amourösen Abenteuer nie für sich und teilte sie immer freimütig mit mir.
»Ähm … Kristin, ich glaube, ich gehe jetzt schlafen«, sagte ich nach einer Weile zu ihr. Ich wollte nur noch allein sein.
»Eli, es ist erst zweiundzwanzig Uhr!«, entgegnete sie und zog die Stirn in Falten.
»Ja, aber … trotzdem …«, erwiderte ich, unschlüssig, wie ich ihr erklären sollte, dass ich meinen Gedanken nachhängen wollte.
Plötzlich grinste sie neckend und sagte: »Na, wer weiß, was ihr letzte Nacht so getrieben habt. Vielleicht hast du ja auch zu wenig Schlaf abbekommen?«
Ich war entrüstet!
»Kristin! Wie kannst Du nur …!«, rief ich empört. So schnell war ich ganz sicher nicht! … Obwohl ich mir eingestehen musste, dass es durchaus Momente in der letzten Nacht und heute Morgen gab, in denen ich zu wirklich allem bereit gewesen wäre.
»Ist ja gut! Ich habe es verstanden! Ihr folgt der Etikette«, sie lachte laut über meinen verärgerten Gesichtsausdruck.
»Schlaf gut! Träum von deinem Robert!«, rief sie mir nach, als ich die Küche verließ.
»Ja, schlaf auch gut«, murmelte ich im Hinausgehen. Ich spürte wie dieses hilflose, traurige Gefühl, von Robert getrennt zu sein, immer mehr Besitz von mir nahm. Wie sollte ich die vielen Tage und Wochen ohne ihn nur überstehen, wenn mir der Anfang schon so unendlich schwer fiel? Ich war mutlos.
Ich angelte mir missmutig ein frisches T-Shirt und meine karierte Pyjamahose und ging Duschen.
Als ich zurückkam, merkte ich, dass mein Handy brummte. Ich wunderte mich zwar, wer um diese Zeit anrief, aber ohne auf darauf zu schauen, wer es war, nahm ich ab.
»Hallo?«
»Elisabeth? Bist du es?« Roberts tiefe, warme Stimme warf mich buchstäblich um. Ich stolperte vor Überraschung rücklings auf mein Bett.
»Hallo«, hauchte ich. Erstaunt, dass er es war. Glücklich, dass er es war.
»Ich wollte dich unbedingt noch einmal hören, ehe ich nachher zum Flughafen fahre. Wie geht es Dir?« Robert sprach leise. Ich spürte auch in seiner Stimme eine deutlich wahrnehmbare Spur von Traurigkeit.
»Schön, dass du anrufst«, das Sprechen fiel mir schwer. Jedes Wort ein Kampf gegen die Tränen. Mit all meinem Mut gestand ich ihm, wie es mir wirklich ging »… Ich vermisse dich!«
Er antwortete nicht. Ich hörte ihn nur einmal scharf ein- und ausatmen.
»Robert …?«, fragte ich unsicher nach.
»Ich vermisse dich auch! Oh, Eli! Ich melde mich, sobald ich angekommen bin. … Vergiss mich nicht! … ich … liebe … dich!«
Roberts Stimme wurde immer leiser und stockender. Die letzten Worte stieß er nur unter großer Anstrengung hervor. Bloß noch ein gequältes Stöhnen. Kaum hörbar. Mir schossen augenblicklich die Tränen in die Augen. Meinen eigenen Schmerz vergessend, wollte ich nur noch seinen erleichtern. Was gäbe ich darum, ihn jetzt in meinen Armen zu halten und seine Pein mit federleichten Küssen hinweg zu küssen! Zu wissen, dass er genauso litt wie ich, war für mich noch viel schwerer zu ertragen, als mein eigenes Elend.
»Ich liebe dich auch!«, wisperte ich mit letzter Kraft.
»Bis bald!«, ächzte er kaum mehr erkennbar mit rauer, leiser Stimme.
»Versprochen!«, verabschiedete ich mich, nur noch mühevoll den letzten Rest meiner Fassung bewahrend.
Robert legte auf. Ich hörte dem tutenden Freizeichen noch lange zu. Das Telefon an mein Ohr gepresst, liefen mir die Tränen noch einmal hemmungslos die Wangen hinunter. Ich versuchte mein Schluchzen in meinem Kissen zu ersticken. Kristin sollte mich heute Abend nicht noch einmal weinen hören. Ich wollte allein sein. Nach einer Ewigkeit schlief ich ein, das Telefon noch immer am Ohr … als bliebe er bei mir, solange ich selbst nicht auflegte.
11
Ich erwachte wenige Sekunden, bevor mein Wecker klingelte. Orientierungslos schaute ich mich um. Als das eindringliche Piepen meines Weckers die schwerelose Stille um mich herum zerriss, schaltete ich ihn schon fast verärgert aus. Aber die wohltuende inhaltsleere Ruhe wollte nicht zurückkehren. Außerdem bohrte sich irgendetwas schmerzhaft in meine rechte Schulter. Genervt wühlte ich in meinem Bett und fand mein Handy. Während ich es ungläubig anstarrte, fiel mir das Telefonat mit Robert am vergangenen Abend ein. Wo er jetzt wohl war? Ich spürte, wie sich schon wieder Tränen in meinen Augen sammelten. Tapfer versuchte ich, sie gemeinsam mit dem immer noch vorhandenen großen Kloß in meinem Hals herunterzuschlukken.
Ich musste aufstehen und in die Uni gehen. Jetzt. Die Routine am Tag mechanisch zu bewältigen, hatte ich schließlich schon in der letzten Woche gelernt. Nur hatte sich die Lage der Dinge im Vergleich zur letzten Woche erheblich geändert. Eigentlich müsste ich mich mit dieser Einsicht viel besser fühlen. Aber es gelang mir nicht. Missmutig schlich ich ins Bad und putzte mir die Zähne. Nachdem ich mich angezogen hatte, machte ich mir in der Küche einen English Breakfast Tee. Twinings natürlich. Was sonst! Doch selbst dieser wollte mir heute nicht schmecken. Ich steckte mir noch einen Apfel ein. Den konnte ich ja unterwegs in der Straßenbahn essen. Als ich mir gerade die Schuhe zuband, kam Kristin verschlafen aus ihrem Zimmer geschlurft.
»Guten Morgen«, murmelte ich.
»… Morgn … Oje! Du siehst ja schrecklich aus! Hast Du überhaupt geschlafen?« Kristin sah mich entsetzt an. Was hatte sie nur? Ich sah doch nicht anders aus als sonst.
Ich sah sie fragend an und zuckte mit den Schultern.
»Mensch Eli, ich habe dich noch nie so gesehen! Komm mal her.« Und ehe ich mich versah, umarmte sie mich und sagte: »Nicht vergessen! Arme Ritter! Heute Abend machen wir Soul Food!«
Ich nickte nur stumm und wand mich schnell aus ihrer Umarmung heraus. Wenn ich jetzt nicht schnell verschwand, würde ich nur wieder weinen.
»Mach’s gut«, nuschelte ich und schloss schnell die Wohnungstüre hinter mir.
Als ich unten ins Freie trat, schlug mir die neblig-feuchte, kalte Oktobermorgenluft ernüchternd entgegen und half mir, meine Gefühle vorübergehend zu zügeln. Schnell eilte ich zur Straßenbahn. Vor mich hinbrütend versuchte ich verzweifelt, die schon fast unwirklich erscheinende unbeschwerte, glückliche Stimmung meines ersten und für lange Zeit einzigen gemeinsamen Wochenendes mit Robert wieder einzufangen.
Als ich in der Beethovenstraße ankam, bot sich mir das aus der letzten Woche gewohnte Bild. Gleich einem Bienenstock schwirrten die Studenten im Hörsaal umher, der sich zunehmend füllte. Die Lautstärke, ähnlich einer summenden Welle, schloss sich über mir und ließ mich bis zum Vorlesungsbeginn wie unter einer Glocke sitzend von Robert träumen. Das Verlangen, ihm nahe zu sein, zerriss mir fast die Brust. Dieses Chaos von Gefühlen war ich einfach nicht gewohnt. Alles war so neu! Einerseits hätte ich vor Glück die Welt umarmen können. Andererseits war ich tieftraurig und konnte mir kaum vorstellen, wie ich durch die nächsten Wochen kommen sollte.
Die Vorlesung verging wieder erstaunlich schnell. Professor Rosenberg zeigte zunehmend die Gabe, die Massen subtil, aber effektiv zu disziplinieren und durch ihre unaufgeregte, kompetente Vortragsweise zum Zuhören zu motivieren. Mit einem augenzwinkernden Hinweis auf das kurz bevorstehende Allerheiligen bzw. für die Vorlesungszwecke besser passende Halloween leitete sie ins heutige Thema ein. Ich hatte mir in der vergangenen Woche die Texte für die nächsten Veranstaltungen in der Bibliothek kopiert und konnte so ihren Analysen zu Washington Irvings »The Legend of Sleepy Hollow« gut folgen. Erstaunlich, schoss es mir dabei durch den Kopf, dass die Geschichte nicht wirklich viel mit dem angeblich auf ihr basierenden, gleichnamigen Film zu tun hatte, den ich irgendwann einmal im Kino gesehen hatte. Mit dem Hinweis, die Textbesprechung in der nächsten Vorlesung fortsetzen zu wollen, verabschiedete sie sich, und ich schnappte mir schnell meine Sachen, wohl wissend, dass die Zeit, um zu meinem Linguistikseminar mit Jason und Theresa zu gelangen, gerade ausreichend war. Der Gedanke an Jason und Theresa hob meine Stimmung beträchtlich. Die beiden waren schon letzte Woche eine gute Ablenkung und ich freute mich auf ihre frische, unbeschwerte Art. Ich eilte durch den niedergehenden Nebel. Das Wetter war wieder von der Ohne-Robert-Sorte. Irgendwie seltsam, diese Analogie …
»Hallo ihr zwei!«, begrüßte ich Jason und Theresa, die, die Köpfe zusammengesteckt, vertraut miteinander erzählten, als ich zu ihnen stieß. Komisch, dass sie kein Paar waren. Sie passten so gut zueinander. Nur hatte das Theresa bisher wohl nicht bemerkt. Jasons Begeisterung für Theresa war dagegen für jeden offensichtlich, … außer eben für Theresa.
»Hi, na, wieder aufgetaucht?«, zwinkerte Theresa mir zu.
»Hallo Elisabeth«, erwiderte Jason freundlich meinen Gruß.
»Wie war das Konzert von Midnight Ego? Erzählt mal«, forderte ich meine beiden Kommilitonen und Freunde ohne Umschweife auf. Um die unvermeidlichen Fragen nach Robert und mir zu vermeiden, ging ich lieber in die Offensive und versuchte, das sich entwickelnde Gespräch von vornherein in für mich sicherere Gewässer zu steuern.
»Oh, cool! Die haben die Menge noch mal richtig gerockt. Unglaublich! Dabei war die Stimmung bei Alluvial Forest schon zum Überkochen. Aber Midnight Ego haben echt noch eins draufgesetzt! Eigentlich schade, dass ihr das verpasst habt!«, schwärmte Theresa.
»Ja, das war echt mega!«, bestätigte Jason und fügte hinzu: »Sie haben fünf Zugaben gespielt. Drei davon waren noch unreleased.«
»Und das Allerbeste war, das wir dank Charlotte danach mit zur Aftershowparty durften! Und da ging es erst recht ab!«, sprudelte Theresa begeistert hervor.
»Wir waren erst um vier Uhr dreißig zu Hause …«, erzählte Jason.
»Dort sind wir gar nicht erst ins Bett gegangen, sondern haben noch miteinander erzählt, bis es hell wurde«, beendete Theresa Jasons Satz und schaute ihn dabei auf eine Weise an, die nicht mehr nur rein freundschaftlich war. Vielleicht war da doch mehr, als ich bisher wusste? So wie Jason Theresa anbetete, würde ich ihm das Glück, mit ihr voranzuschreiten, nur gar zu sehr gönnen. Jason hatte Theresas Blick nicht bemerkt, sondern nickte nur bestätigend in meine Richtung.
»Was habt ihr denn noch gemacht, nachdem ihr gegangen seid?«, begann Theresa gerade zu fragen, als Dr. Gallington dankbarerweise den Raum betrat und mit seiner unmöglichen, mürrischen Art das Seminar begann. Es zog sich wieder kaugummiartig in die Länge wie schon beim letzten Mal. Aber heute hatte ich keine Zeit, mich in meinen Gedanken zu verlieren oder mit Jason und Theresa zu plaudern, denn Mr. Gallington gab Textbeispiele aus, mischte die Sitzanordnung neu und forderte von jeder Gruppe eine inhaltliche Kurzvorstellung des Gelesenen nach fünfundvierzig Minuten. Oh Mann, hätte er nicht wenigstens die Sitzanordnung beim Alten belassen können? Ich kannte die anderen Leute doch kaum. Die Texte waren mehr als langatmig. In meiner Gruppe waren neben mir noch zwei Mädchen und zwei junge Männer. Einer der Studenten war ähnlich zurückhaltend wie ich. Wir beteiligten uns nur an der Diskussion über die perfekte Präsentation des Textinhalts, wenn wir von den anderen direkt nach unserer Meinung gefragt wurden. Das passierte jedoch nicht so häufig, denn die drei übrigen Gruppenmitglieder engagierten sich übereifrig und stritten sich sogar fast, wer denn die Vorstellung vor der Seminargruppe übernehmen würde. Der ruhige Student blickte mich darauf hin ungläubig an und schüttelte dezent mit den Augen rollend mit dem Kopf. Ich zuckte kaum merklich mit den Schultern und signalisierte ihm damit, dass ich dieses Verhalten genauso wenig verstehen konnte. Es klappte gerade so, dass alle Gruppen ihre Ergebnisse vortrugen, dann war die Zeit um.
»Meine Güte, war das heute nervig!«, polterte Theresa gereizt, als wir den Seminarraum eilig verließen.
Ich nickte zustimmend und sagte: »Das kannst Du laut sagen!«
»Darf ich die Damen zur Entspannung in Richtung Mensa entführen?«, fragte Jason schon wieder wie gewohnt gut gelaunt.
»Oh ja, bitte!«, antworteten Theresa und ich gemeinsam und liefen Jason schnell hinterher.
»Meine Cousine Kristin schließt sich uns heute beim Mittagessen vielleicht an«, gab ich auf dem Weg durch das herbstliche Nieselgrau bekannt.
»Ist das die Kristin, mit der du zusammenwohnst?«, erkundigte sich Theresa.
»Genau diese. Sie ist schon ganz gespannt auf euch«, erwiderte ich.
»Wer weiß, was du über uns erzählt hast!«, neckte mich Jason und grinste frech.
»Nur Gutes!«, lachte ich zurück. »Die schlechten Eigenschaften fallen ihr nachher schnell genug selbst auf.« Wir kicherten alle drei. Es war so einfach, mit den beiden unbeschwert herumzualbern und die eigenen Sorgen zu vergessen.
Wir schauten uns die verschiedenen Menüangebote an. Ich entschied mich für gebratenen Fisch mit Kräuterrisotto, was wahrscheinlich besser klang, als es sein würde und ein Glas Wasser. Mit meinem Tablett bewaffnet, steuerte ich auf Jason und Theresa zu. Jason begann gerade, sich in unbeschreiblicher Geschwindigkeit eine Portion Spaghetti Carbonara einzuverleiben. Ungläubig fasziniert schaute ich ihm eine Weile zu, ehe ich Theresa spöttisch fragte: »Sag mal, hat er am Wochenende nichts zum Essen bekommen?«
»Doch. Hat er. Ich habe sogar für ihn gekocht. Aber Eli, er ist Kanadier. Die futtern genauso wie die Amerikaner größte Mengen in kürzester Zeit«, erklärte sie gespielt genervt.
»Mmmh, da bekommt der Begriff Fast Food doch gleich eine ganz neue Bedeutung …!«, fügte ich ironisch hinzu. Jason bemerkte unser Gespräch über sein Essverhalten, wie es aussah, nur am Rande und konzentrierte sich lieber auf das zügige Leeren seines überladenen Tellers.
»So, nun erzähl endlich mal von deinem Abend mit deinem Freund. Was habt ihr denn nun noch am Freitag gemacht? Das war ja echt krass, wie ihr da plötzlich im Institut standet und Euch angestarrt habt. Ich hatte totale Gänsehaut«, drängelte Theresa und wurde dann aber jäh unterbrochen.
»Hallo Eli. Theresa? Jason? Darf ich?« Kristin hatte sich unbemerkt von hinten genähert und setzte sich nun neben mich. Oh, vielen Dank, dass du gerade jetzt gekommen bist, dachte ich froh und schaute Kristin dankbar an.
»Ich bin Kristin. Lasst es euch gut schmecken!«, ergänzte sie ihren Gruß und strahlte sympathisch in die Runde.
»Hi Kristin!«, nuschelte Jason grinsend zwischen zwei vollen Gabeln.
»Hallo, schön, dass du vorbeigekommen bist«, sagte ich und lächelte zurück.
»Grüß dich! Schön, dich kennenzulernen!«, antwortete Theresa freundlich.
»Danke gleichfalls! Was gibt’s heute Schönes?«, fragte Kristin mit einem Blick auf unsere Teller.
»Risotto mit Fisch, Linseneintopf, irgendwas mit Fleisch, Kartoffeln und Bohnen und die Nudeln sind aus. Die hat Jason gerade inhaliert«, erläuterte Theresa neckend mit einem Stups in Jasons linke Seite.
»Aua! Meine Rippen«, beschwerte sich dieser und kratzte unbeeindruckt die letzten Überbleibsel seines Mittagessens zusammen, nur um gleich im Anschluss zu fragen: »Und was essen wir jetzt?«, während sich Kristin in die Reihe der Wartenden einreihte.
Theresa und ich rollten mit den Augen und schüttelten noch mit dem Kopf, als Kristin wieder kam und fragte: »Was ist denn?«
»Jason denkt über den nächsten Gang nach«, erklärte ich ihr. »Guten Appetit!«
»Danke!«, sagte Kristin und begann ihre Linsensuppe zu löffeln, während wir uns über die ersten, schon absolvierten Tage im Semester unterhielten. Kristin passte in unsere kleine Runde, als wäre sie schon von Anfang an Bestandteil dieser gewesen.
»Leute, ich muss weiter«, gab ich bekannt, als ich meinen Teller geleert hatte, und schlüpfte aufstehend wieder in meine Jacke.
»Okay. Mach’s gut. Wir sehen uns«, verabschiedete sich Theresa.
Jason nickte mir zu und biss danach betont herzhaft in einen riesigen Schokoladenmuffin, den er sich gerade geholt hatte.
»Bis heute Abend! Arme Ritter! Denk dran!«, mahnte mich Kristin.
»Ich weiß! Bis dann. Tschüss.« Ich eilte zur Bibliothek, denn ich musste mir dringend noch weitere Literatur für das Referat holen, dass ich am kommenden Freitag in einem Germanistikseminar über mittelhochdeutsche Dichtung halten sollte. Ich wurde schnell fündig. Aber alle Kopierer waren belegt. Ich schrieb mir also die Signaturen und Seitenzahlen der benötigten Bücher auf und beschloss, nach meinem nächsten Seminar noch einmal zurückzukehren.
Ich wollte gerade aus der Bibliothek wieder ins Freie treten, als mein Handy in meiner Jackentasche kurz brummte. Robert! Mit jäh einsetzendem Herzrasen schaute ich nach und sah, dass ich wirklich eine SMS von ihm hatte.
›Liebe Eli, bin gut in Plymouth angekommen. Fahre gerade zu meinem Vater nach Forecastle. Du fehlst mir immens. Ich denke an Dich. <3 Rob.‹
Es war kurz nach dreizehn Uhr. Er hatte sich tatsächlich, wie versprochen, gleich nach seiner Landung in Plymouth gemeldet. Mein Herz schlug einen Freudensalto und meine Stimmung hob sich beträchtlich.
Ich setzte mich auf eine Bank im Foyer der Bibliothek und überlegte, was ich ihm am besten antworten sollte. Ein glückliches Lächeln umspielte meine Lippen, als ich zu tippen begann:
›Lieber Robert, bin froh, dass es dir gut geht. Ich vermisse dich auch unendlich! Melde Dich schnell wieder! Ich warte sehnsüchtig! (xxx Eli)‹
Seine Nachricht war mein kleines Stückchen Glück für heute und deutlich besseren Mutes ging ich zu meinem letzten Seminar am heutigen Tag. Das feine Lächeln blieb auf meinen Lippen sitzen.
Am Abend kam ich nach Hause, als Kristin schon da war. Sie war bereits in der Küche und traf Vorbereitungen für die armen Ritter.
»Hallo Krissi, ich bin da und sterbe vor Hunger! Können wir loslegen?«, rief ich ihr aus dem Flur zu.
»Hallooo? Eli?«, sie steckte ihren Kopf zur Küchentür heraus und betrachtete mich zweifelnd mit gerunzelter Stirn. »Wer hat das denn geschafft, aus dir wieder meine Eli zu zaubern? Ich hatte eigentlich mit dem elenden Häufchen Trübsinn gerechnet, der heute Morgen hier rausgeschlichen ist und nicht mit einer Gute-Laune-Eli …«
»Robert!«, antwortete ich und grinste sie an.
»Wie, Robert? Ich denke du bist total traurig, weil er weg ist?«, fragte sie verblüfft zurück und zog ihre Stirn noch mehr in Falten.
»Bin ich ja auch«, erwiderte ich, als ich mir meine Schuhe und Jacke auszog.
»Ähm, also, sorry, Eli. Du hast mich verloren. Ich verstehe gerade nur Bahnhof!«, Kristin schaute mich an, als zweifelte sie an meinem Geisteszustand. Irgendwie lustig. Ich schaffte es schon wieder, sie zu erstaunen. Dies war definitiv eine neue Ebene in unserer ewig alten Beziehung. Ich zeigte ihr mein breitestes Lächeln, beförderte meinen Rucksack schnell in mein Zimmer und sagte: »So, fertig. Es kann losgehen!«
»Womit?«, fragte Kristin deutlich irritiert.
»Na, mit den Armen Rittern. Du siehst lustig aus, wenn du dich wunderst, weißt du das?«
»Nein«, Kristin war eindeutig sprachlos. Ihr Gesicht war ein einziges Fragezeichen. Das war unterhaltsam. Aber ich wollte ihre Geduld auch nicht zu lange testen und beschloss, sie über meine neuerliche Stimmungsschwankung nachvollziehbarer aufzuklären.
»Robert hat sich, wie er es mir versprochen hatte, gleich nach seiner Landung in Plymouth bei mir gemeldet. Seine SMS war einfach sehr schön, und seine Worte haben mir genügend Auftrieb für den Rest des Tages und vielleicht auch darüber hinaus gegeben. Nun alles klar?«, lachte ich.
»Oh Mann, Eli! Wenn das jetzt so weiter geht mit deiner Gefühlsachterbahn, bin ich in einem halben Jahr grauhaarig und um Jahrzehnte gealtert!«, stöhnte Kristin gespielt genervt.
»Das musst gerade du sagen …«, foppte ich sie.
»Naja, gut, zugegeben. Ich habe dir ja sozusagen vorgelebt, wie man alle Höhen und Tiefen in der Liebe auslebt … Aber jetzt mal im Ernst, ich freue mich riesig, dass es endlich jemanden für dich gibt, der dir sprichwörtlich den Boden unter den Füßen wegzieht, und es wäre ja nicht du, wenn es nicht förmlich druckreif theatralisch zugehen würde, wie sonst bei den Heldinnen in deinen vielen Büchern.« Sie sah mich liebevoll an und fügte hinzu: »Ach meine Eli! Willkommen im wahren Leben!«
»Nun übertreibst du aber!«, erwiderte ich etwas beschämt. »Das klingt ja beinahe so, als hätte ich bisher das Dasein eines klassischen Mauerblümchens gefristet.«
»Naja, nicht ganz. Aber in Liebesdingen vielleicht schon …«, bemerkte Kristin unverblümt und grinste mich entwaffnend an. Es war schwer, dieser Person wirklich böse zu sein, also ließ ich es gleich bleiben und überwand mich, noch etwas schief, aber immerhin freundlich, zurück zu lächeln.
»So, was ist nun mit den Armen Rittern?«, fragte ich und versuchte, das Gespräch wieder in eine für mich angenehmere Richtung zu bewegen.
Wir verbrachten den Rest des Abends wieder einmal in der Küche, lachten gemeinsam und aßen viel zu viele zuckersüße Arme Ritter. Im Kühlschrank war noch ein Rest von dem Apfelkompott mit Vanillesoße, das ich zusammen mit Robert am Samstagabend gekocht hatte. Dieses passte wunderbar dazu und war nach kurzer Zeit ebenso restlos alle. Es gelang mir, meine beflügelte Stimmung, die dank Roberts liebevoller SMS entstanden war, den ganzen Abend zu bewahren. Glücklich erinnerte ich mich noch beim Einschlafen an unsere zauberhaften gemeinsamen Stunden und fand, dass ich mit ihm irgendwie den Anfang eines, unseres Märchens erlebt hatte, das nun nur auf unsere ganz individuelle Fortsetzung wartete.
12
Im Laufe der Woche hatten Kristin und ich beschlossen, dass es an der Zeit wäre, einen ersten gemeinsamen Heimatbesuch zu machen. Ich hatte zwar häufig in den letzten zwei Wochen mit meiner Mutter gesprochen, aber immer verschiedene Gründe vorgeschoben, warum ich nicht lange mit ihr telefonieren konnte, nur damit sie nicht merkte, wie es um mein derzeit ungewohnt fragiles Seelenheil stand. In den letzten beiden Telefonaten, merkte ich schon deutlich, wie sie langsam skeptisch wurde und wiederholt nachfragte, ob denn bei mir wirklich alles in bester Ordnung wäre … Ich nahm mir vor, sie zumindest teilweise in mein Robertgeheimnis einzuweihen. Jedoch musste sie die turbulente Vorgeschichte bis zum vorläufigen Happy End am vergangenen Freitag nicht unbedingt wissen. Allerdings war das nun wirklich nichts, was sich telefonisch erledigen ließ. Dazu musste ich schon persönlich mit meiner Mutter sprechen. Die Heimfahrt bot sich daher mehr als an, nicht nur die liebevolle Energie meiner Familie zu tanken, sondern auch ein ausführliches Gespräch mit meiner Mutter zu führen.
Unsere Eltern, die sich seit unserer frühen Kindheit ein Doppelhaus teilten, freuten sich über unsere Ankündigung, übers Wochenende heimzukommen und so reihten sich Kristin und ich am Freitagmittag in den dichten Wochenendpendlerverkehr auf der A9 Richtung Thüringen ein. Aufgrund der vielen Baustellen entlang der Autobahn kamen wir nur schleppend voran. Aber dies war kein Problem, denn es drängte uns nichts. So zuckelten wir in Kristins zehn Jahren altem weißen Golf dahin, hörten eine Unplugged-CD von Eric Clapton, sangen manchmal laut mit und manchmal nicht, denn wir waren nur stellenweise textsicher. Wir plauderten entspannt vom Rest der Woche und meine immer aktive Kristin weihte mich in ihre Pläne ein, wen sie am Wochenende alles treffen wollte und wie sie den Freitag- und Samstagabend verbringen würde. Mein Glücksgefühl vom Montagabend war der Traurigkeit davor nicht wieder gewichen, denn ich bekam abends regelmäßig SMS von Robert, der mit der Einrichtung des Versuchsaufbaus an der Uni in Plymouth beschäftigt war. Da er im dickwandigen, altehrwürdigen Universitätsgebäude tagsüber kaum Handyempfang hatte, musste ich mich zwar täglich bis in die Abendstunden gedulden, aber so hatte ich wenigstens ein Ziel, die Tage sinnbringend zu füllen, damit sie schneller vergingen. Zweimal hatten wir auch miteinander telefoniert und uns zunächst ungezwungen über das jeweils Erlebte ausgetauscht und im Anschluss daran gemeinsam die Erinnerungen an unser erstes und einziges Wochenende zu zweit aufgefrischt. Mit ihm darüber zu reden, war fast genauso romantisch, wie die Stunden zu zweit tatsächlich gewesen waren. Versonnen lächelnd dachte ich an sein friedlich schlafendes Gesicht am Sonntagmorgen. Eine Welle der Zärtlichkeit durchlief mich, ließ mich sanft erschauern und hinterließ eine leise prickelnde Gänsehaut…
»Wie war es eigentlich im Kindergarten? Davon hast du noch gar nichts erzählt«, riss mich Kristin kurz vor dem Hermsdorfer Kreuz aus meinen Gedanken.
»Wie bitte? Der Kindergarten?«, ich musste mich erst kurz sammeln, denn Kristins Frage kam gerade ziemlich unverhofft für mich. Sie lächelte wissend und nickte mir aufmunternd zu.
»Genau. Der Kindergarten. Wie war deine Vorlesestunde?«, wiederholte sie noch einmal geduldig.
»Es hat mir richtig Spaß gemacht«, antwortete ich ihr.
»Das kann ich mir vorstellen!«, meinte Kristin.
»Ich habe den Vorschulkindern eine Geschichte vom kleinen Drachen Kokosnuss vorgelesen. Die Kleinen waren total süß und waren überhaupt nicht scheu. Sie saßen mit mir im Kreis am Boden und kamen mit jedem Wort näher herangerutscht, damit sie kein Wort verpassten oder ihnen kein Bild im Buch entging. Nach kurzer Zeit hatte ich die Kinder gewissermaßen alle auf meinem Schoß sitzen oder über meinen Rücken hängen. Sie klebten an mir wie eine Traube und wenn ich umblätterte, quasselten alle erst mal durcheinander, ehe ich weiterlesen konnte. Echt niedlich! Am Ende haben sie mir als Dankeschön ein lustiges Lied vorgesungen. Ich freue mich schon richtig auf das nächste Mal«, erzählte ich begeistert.
Kurze Zeit später bogen wir bereits in die Goethestraße in Hainstadt ein, wo das Haus unserer Eltern stand. Meine Tante Katharina, Kristins Mutter und gleichzeitig die jüngere Schwester meiner Mutter, schien den einparkenden Golf gehört zu haben und stand bereits empfangsbereit in der Haustür, als Kristin und ich aus dem Auto kletterten.
Nach einer kurzen, herzlichen Begrüßung schnappte ich meine Sachen und ging erst einmal zu meinen Eltern hinüber. Ich lief gleich ums Haus herum, denn Katharina hatte mir gesagt, dass alle im Garten wären, um diesen winterfest zu machen. Sobald meine Mutter mich sah, ließ sie sofort alles stehen und liegen und wir umarmten uns.
»Hallo Mama!«, sagte ich gerührt über den liebevollen Empfang.
»Schön, dass du da bist, mein Kind!«, erwiderte meine Mutter und hielt mich anschließend auf Armlänge von ihr entfernt und betrachtete mich aufmerksam.
»Mmmh«, sagte sie: »Du hast dich verändert! Du strahlst richtig und wirkst trotzdem traurig. Gibt es tatsächlich nichts Neues? Oder bekommt dir dein Studium so außerordentlich gut und schafft dich gleichzeitig so sehr?« Mütter merkten irgendwie doch immer gleich, wenn sich etwas verändert hatte.
»Beides«, antwortete ich leise und versprach: »Nachher!«, denn inzwischen waren auch mein Vater und mein Bruder herangekommen, um mich zu begrüßen. Beiden umarmten mich gleichzeitig wie zwei große Teddybären, und ich bekam erst einmal keine Luft mehr. Sie ließen erst lachend von mir ab, als ich zappelnd versuchte, mich zu befreien.
»Kaffee, Tee und Kuchen?«, fragte meine Mutter lachend in die Runde.
»Oh ja, das klingt gut!«, antwortete ich und schaute glücklich zurück. Meine Familie war mein bekannter Hafen. Hier war immer alles gut und ich fühlte mich einfach nur wohl.
Daniel, mein Bruder, griff nach meiner Tasche und ächzte belustigt.
»Sag mal, kleine Eli, hast du Steine eingepackt?«, fragte er neckend. Er war zwar zwei Jahre jünger als ich, überragte mich aber um eine ganze Kopflänge und wirkte, muskelbepackt und athletisch, wie er war, bestimmt viermal so breit wie ich.
»Ich habe meinen Laptop dabei. Ich hatte gehofft, du könntest mir helfen, eine Skypeadresse einzurichten«, bat ich ihn indirekt.
»Huuuh, die kleine Schwester will skypen. Wie universitär! Kosmopolitisch! Gar weltoffen!«, foppte er mich breit grinsend.
Ich zog eine Augenbraue hoch und schaute ihn tadelnd an: »Haha, wie lustig …!
Typisch für ihn, er neckte mich eigentlich immer. Daniel war eine absolute Frohnatur, machte sich nie wirklich große Gedanken über irgendetwas und vertraute komplett darauf, dass sich immer alles günstig fügen würde. Meine manchmal zurückhaltende, stille Art, meine Liebe zu Büchern und meine generelle Vorsicht gegenüber riskanten Unterfangen dienten ihm zum Anlass, mich ständig liebevoll aufzuziehen. Daniel war eigentlich das gesamte Gegenteil von mir: extrovertiert, immer happy-go-lucky und völlig unbeschwert. Aber wir liebten uns über alles und könnten uns ein Leben ohne einander nicht vorstellen. Wie er wohl reagieren würde, wenn er erfahren würde, dass er neben meinem Vater nicht mehr der einzige wichtige Mann in meinem Leben war? Das würde vermutlich schwierig werden!
»Na, mal ernsthaft. Ich glaube, wir beide müssen nachher einen kleinen Ausflug machen und erst einmal Einkaufen fahren, Schwesterherz.«, meinte er nun in Planungsstimmung.
»Aha?«, antwortete ich fragend.
»Soweit ich weiß, ist dein vorsintflutlicher Laptop noch nicht einmal mit einer Webcam ausgerüstet, habe ich Recht?«
»Keine Ahnung«, gab ich offen zu. Wozu brauchte man denn eine Webcam? Ich wollte doch keine Videos drehen!
»Das sieht dir ganz ähnlich!«, lachte er nun wieder offen heraus. »Willst skypen ohne Webcam. Willkommen im einundzwanzigsten Jahrhundert, Eli! Skype unterscheidet sich von anderen Internettelefonprogrammen gerade davon, dass man seinen Gesprächspartner live sehen kann, während man sich unterhält.«
»Aaaahhh«, jetzt verstand ich. Von Computern hatte ich wirklich keine Ahnung. Aber ich hatte ja Daniel!
»… Oder willst du wen-auch-immer nicht sehen, wenn ihr euch unterhaltet?«, zog er mich auf.
Und ob ich wollte. Ich wurde augenblicklich rot. Na super. Ein besserer Zeitpunkt war ja kaum möglich. Ich hatte Glück, dass meine Eltern schon ins Haus gegangen waren. Daniels Grinsen wurde dagegen immer breiter.
»Oh ja!«, rief er sichtlich amüsiert! »Na, wenn du mir da mal nicht einige interessante Neuigkeiten im Ausgleich für die Skypeeinrichtung zu berichten hast! Meine kleine Schwester! Hahaha! … steht dir übrigens gut. Die rote Farbe im Gesicht, meine ich.«
Ich schaute ihn schmollend an. Noch ein Geständnisgespräch. Super! Wäre ich mal lieber in Leipzig geblieben!
»Schon gut! Ich verrate nichts. Wir fahren nachher zusammen nach Weimar und du klärst mich auf. Deal?« Jungenhaft verspielt hielt er mir die Hand zum Einschlagen hin.
»Okay. Deal!«, seufzte ich. Böse konnte ich ihm bei seinem herzerfrischend offenen Charme sowieso nicht sein.
Nach einem gemütlichen Kaffeetrinken mit frischgebackenen Pflaumenkuchen setzten sich Daniel und ich ins Auto unseres Vaters und fuhren nach Weimar. Wir bekamen alles, was wir benötigten. Und es gelang mir tatsächlich, meinen kleinen Bruder so über sein Training und seine Freunde auszufragen, dass keine Zeit mehr blieb, schon etwas über Robert verraten zu müssen. Als sein enthusiastischer Bericht über die nächsten bald anstehenden Wettkämpfe langsam verebbte, fütterte ich Daniel mit allerlei Wissenswerten und anschließend auch Nebensächlichen über mein Studium und das Leben in Leipzig.
Als wir wieder in die Straße unseres Elternhauses einbogen, kam er mir jedoch auf die Schliche und meinte lachend: »Naja, Schwesterlein. Sonst schnatterst du doch auch nicht ohne Punkt und Komma. Fühle dich mal nicht zu sicher. Du entkommst mir nicht! Ich will heute noch alles wissen!«
Zurück daheim halfen wir beiden unseren Eltern im Garten, bis es dunkel wurde und unser Vater zufrieden feststellte, dass nun der Winter kommen könne. Wir aßen gemeinsam Abendbrot und ich bemühte mich, nicht allein mit meiner Mutter zu sein, denn es reichte, wenn ich heute Abend Daniel noch Rede und Antwort stehen müsste. Morgen war auch noch ein Tag und da würde sich bestimmt auch eine Gelegenheit finden, mich ungestört mit ihr zu unterhalten.
Sobald der Tisch abgeräumt war, sagte Daniel: »Kommst du?«, und ging mir voran die Treppe zu seinem Zimmer hinauf. Die neue Webcam war schnell installiert und funktionierte einwandfrei. Daniel war bereits mit der Einrichtung einer Skypeadresse beschäftigt, als ich noch absolut nichts verstehend in der Bedienungsanleitung der Kamera herumblätterte.
»Die Anleitung kannst du beiseitelegen«, wies mich Daniel an. »Ich habe dir die Kamera so eingerichtet, dass sie mit allen wichtigen Anwendungen verknüpft ist. Du brauchst also nichts weiter tun, als einfach loszulegen.«
»Danke Daniel!« Ich war gerührt, mit wie viel Fürsorge er darauf achtete, mir so wenige technische Hindernisse wie möglich zu hinterlassen.
»Wie möchtest du denn heißen?«, fragte er über den Monitor gebeugt.
»Geht einfach nur Elisabeth?«, fragte ich unsicher und dachte an Roberts ausgewählten exotischen Skypenamen Equinox. Ob ich auch so ein wohlklingendes Pseudonym bräuchte?
»Klar, wenn Elisabeth noch nicht vergeben ist, kannst du deinen Namen beibehalten. Du solltest aber noch irgendetwas dazu nehmen, damit du nicht unverhoffte Spaßanrufe bekommst. Was hältst du von einem Sternchen vor und nach Elisabeth?« Ich nickte zustimmend. Sternchen waren immer gut. Er tippte eifrig auf der Tastatur und drehte sich dann triumphierend zu mir um: »Das hat geklappt! Herzlichen Glückwunsch Elisabeth, du bist jetzt *Elisabeth*.«
»Cool! Danke! Was muss ich jetzt machen?«, fragte ich konzentriert.
»Hast du einen Skypenamen von jemandem, mit dem du skypen möchtest?«, erwiderte Daniel.
»Ja, habe ich«, antwortete ich ihm.
»Na dann mal her damit. Lass uns mal schauen, ob dieser jemand online ist. Wenn nicht, kannst du ihm … ich vermute doch, es handelt sich um einen ihn, oder? … also, wenn nicht, kannst du ihm einen Anfrage schicken. Dann weiß er, dass du jetzt verfügbar ist.«
»Equinox«, sagte ich daraufhin.
»Equi … was?«, Daniel schaute mich mit fragend hochgezogener Augenbraue an.
»Equinox.«
»Das kannst du allein eintippen … bitteschön … Was soll das denn heißen?« Während ich tippte, schaute mir Daniel neugierig über die Schulter.
»Verrätst du mir nun mehr über diesen ›Equinox‹?«, drängelte er.
»Er heißt Robert und hat am dreiundzwanzigsten September Geburtstag. Das ist die Tag- und Nachtgleiche oder auch Equinox«, gab ich zögernd einen Teil meines Geheimnisses preis.
»Na, ich sehe schon, du willst mir nicht wirklich etwas verraten …«, stellte Daniel leicht enttäuscht fest.
»Es ist noch ganz frisch«, versuchte ich zu erklären.
»Ist schon gut. Hauptsache, dir geht’s gut mit ihm. Er ist doch in Ordnung, oder?«, nun guckte mich Daniel kritisch fragend an. »Wissen unsere Eltern eigentlich schon davon?«
»Ja, ist er!«, beeilte ich mich zu antworten. »Oh Mann, kleiner Bruder, du hörst dich an, als wärest du mein Vater! Und nein, um auch deine letzte Frage zu beantworten, Mutti und Vati wissen noch nichts. Ich muss ja schließlich nicht mit der Tür ins Haus fallen.«
»Das nicht. Aber ich muss auf dich aufpassen. Schließlich habe ich nur eine Schwester.«
Ich war gerührt.
»Ich habe dich auch lieb!«, antwortete ich meinem kleinen Bruder leise und umarmte ihn.
Er wand sich schnell aus meiner Umklammerung heraus und brummte etwas verlegen: »Mmmh, lass mal gut sein. Außerdem habe ich dir noch nicht meinen Segen gegeben!«
Ich grinste.
Plötzlich klingelte mein Laptop. Ich erschrak.
Daniel grinste mich an und sagte aufstehend: »Da kommt auch schon die Antwort auf deine Anfrage, Schwesterherz. Du hast einen Anruf. Ich gehe mal schauen, was so im TV läuft …«
Er schloss die Tür diskret hinter sich.
Mein Herz klopfte wie wild, als ich den Annahmebutton anklickte.
Sofort baute sich ein Fenster auf und Robert erschien. Mein Herz vergaß weiterzuschlagen. Gebannt starrte ich auf den Bildschirm.
»Hallo meine Schöne!«, Robert schaute mich vom Bildschirm warm lächelnd an, und mein Herzschlag setzte langsam wieder ein.
»Robert!«, stieß ich hervor, völlig erstaunt, ihn so unerwartet zu sehen.
»Du siehst aber überrascht aus!«, stellte er amüsiert fest.
»Ja, stimmt. Ich habe gerade gar nicht damit gerechnet, dass du so schnell antworten würdest.« Ich verhaspelte mich fast vor Aufregung. Was erzählte ich hier eigentlich? Wozu hatten wir schließlich Skype installiert? Elisabeth! Sammle dich! Atme durch!
»Hallo Robert!«, brachte ich schließlich doch hervor. Ich strahlte von einem Ohr zum anderen. Wer hätte gedacht, dass dieser Abend sich so unverhofft und wunderbar entwickeln würde.
»Wie war dein Tag?«, fragte mich Robert lächelnd. Selbst die nicht ganz kontrastreiche Bildübertragung ließ seine wunderschönen grünen Augen blitzen. Mir nahm es fast den Atem, so schön war er anzusehen.
›Konzentriere dich!‹, wiederholte ich mantraartig und bemühte mich, ihm zu antworten.
»Gut. Kristin und ich sind heute Mittag nach Hause gefahren und bleiben übers Wochenende.«
»Aha, ich habe mich schon gewundert, wo du bist, denn dein Zimmer in Leipzig hatte ich irgendwie anders in Erinnerung … ziemlich ungewöhnlich dekoriert, die Wand hinter dir, zumindest für eine junge Frau …« Robert schaute mich belustigt fragend an.
Ich drehte mich um, nicht wissend, worauf er sich bezog. Ach richtig, ich war ja in Daniels Zimmer. Dank Robert hatte ich die Welt um mich herum schon wieder völlig ausgeblendet.
»Ich bin im Zimmer meines Bruders. Er hat meinen Laptop skypetauglich ausgerüstet. Ich würde mir eher keine Motorcross- und Ringerposter an die Wand hängen!«, erklärte ich schmunzelnd.
»Da bin ich ja beruhigt«, sagte Robert spielerisch. »Das wäre nämlich enorm viel Arbeit, mir so ein breites Kreuz, wie bei dem Typ in den roten Hosen dort hinter dir zuzulegen, vor allem wenn dir das so gefallen würde, dass du sogar Poster von solchen Männern aufhängst.«
»Vermutlich«, antwortete ich, mich noch einmal umsehend und fuhr neckend fort: »Du hast Glück, ich ziehe dich so vor, wie du bist.«
»Hu! Wirklich Glück gehabt! Sag mal, hast du dir schon überlegt, wann du mich hier einmal besuchen kommen könntest?«, fragte er mich gespannt.
»Ja, habe ich. Ich denke, ich werde das Wochenende um den Reformationstag bzw. Allerheiligen nehmen. Der Reformationstag ist ein Feiertag und fällt in diesem Jahr auf einen Mittwoch. Viele meiner Dozenten kommen aus Bayern und Baden Württemberg, Die wollen wohl lieber an Allerheiligen daheim sein, und viele Veranstaltungen fallen dadurch aus. Es bleiben noch zwei Vorlesungen am Donnerstag und Freitag übrig, die ich einfach mal sausen lassen könnte. Das fällt sowieso nicht auf, weil es in diesen beiden Vorlesungen keine Anwesenheitspflicht gibt. Ich könnte also Mittwochnachmittag schon fliegen, käme aber erst ziemlich spät in London an und weiß noch nicht so recht, wie ich von dort aus weiter komme. Aber so hätten wir den ganzen Donnerstag schon für uns. Was hältst du davon?«
»Das klingt super!«, antwortete Robert enthusiastisch. »Und du brauchst dir keine Gedanken machen, wie du aus London wegkommst. Ich hole dich natürlich vom Flughafen ab. Wir werden zwar etwa vier Stunden nach Plymouth benötigen, aber können auf der Fahrt wenigstens auch schon zusammen sein.«
Robert schaute mich erwartungsvoll an.
Ich freute mich über seinen Vorschlag und nickte: »Ja, so machen wir es! … aber ist das nicht ein bisschen viel, also ich meine, acht Stunden Fahrt?«
»Ach, mach dir darüber keine Sorgen. Autofahren finde ich nicht anstrengend und außerdem fahre ich ja nicht acht Stunden am Stück. Ich habe ja auch eine Pause am Flughafen«, antwortete er unbekümmert.
»Wie läuft dein Versuchsaufbau?«, fragte ich Robert.
»Alles ist prima. Wir sind fertig und können ab Montag in die eigentliche Testphase starten. Das wird spannend, denn dieses Mal sind die Probanden Kinder im Alter von acht bis zehn Jahren.«
»Das läuft sicher ganz unkompliziert. Ihr habt eure Testreihe doch bestimmt spielerisch verpackt?«
Robert nickte zustimmend.
»Siehst du. Da werden die Kinder Feuer und Flamme sein. Was untersucht ihr eigentlich?«
»Wir wollen herausfinden, unter welchen Umständen Kinder fremde Grammatikstrukturen intuitiv verstehen und eigene Muster entwickeln. Wir haben dafür extra Englisch ausgesucht, weil hier durch die Sprachentwicklung im Laufe der Jahrhunderte einiges an Grammatik, zum Beispiel die Konjugation von Verben und Deklination von Personalpronomen, verloren gegangen oder vereinfacht worden ist. Wir konfrontieren die Kinder mit der Sprache aus Shakespeares Zeit und lassen sie mit einer Art computergesteuertem Memory Bedeutungszuordnungen zum heutigen Englisch vornehmen. Dafür haben unsere Computerspezialisten in Leipzig ein Spiel entwickelt, das imaginäre Szenen an einem Königshof nachstellt und dadurch versucht, die Kinder zu motivieren. Sie merken eigentlich gar nicht, dass sie es mit Grammatik zu tun haben. Die Kinder müssen dafür aber schon sicher lesen können und sollten außerdem bisher noch keine größeren Berührungspunkte mit dem Englisch des vierzehnten, fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts gehabt haben. Deshalb die eingeschränkte Altersgruppe. Mal sehen, ob es funktioniert und wir einige interessante Ergebnisse erlangen können.«
»Wow, das klingt wirklich megainteressant!«
»Mmmh, aber nun mal mit der Arbeit beiseite. Was wirst du heute noch tun? Gehst du aus?«, fragte Robert etwas schmallippig. Was war ihm denn gerade Unangenehmes widerfahren? Ich versuchte kurz unser bisheriges Gespräch zu reflektieren, konnte aber kein Indiz für seine Stimmungsänderung entdecken.
»Nein, ich bleibe zu Hause und werde den Abend mit meiner Familie verbringen«, antwortete ich verwundert. Ich war eigentlich kein großer Partygänger, ganz im Gegenteil zu Kristin, die sich bestimmt nebenan gerade in Schale schmiss.
»Und morgen?«, Robert wirkte immer noch seltsam angespannt.
»Ich habe noch nichts Bestimmtes vor. Mal sehen, was sich so ergibt«, antwortete ich wahrheitsgemäß. Warum benahm er sich plötzlich so eigentümlich?
»Wirst du niemanden treffen oder irgendwohin gehen?«, bohrte Robert nach.
War er etwa eifersüchtig?
»Nein, ich denke nicht. Ich weiß noch nicht. Ich habe jedenfalls nichts geplant … warum ist das so wichtig für dich?«, fragte ich ihn nun unverblümt.
»Es macht mich verrückt, so weit entfernt von dir zu sein und zu wissen, dass ich nichts tun könnte, wenn dir plötzlich ein attraktiver junger Mann über den Weg liefe, der Zeit für dich hätte und nicht gleich für zwei Monate verschwindet, nachdem er sich flüchtig vorgestellt hat …«, knurrte er leise.
Oh, Robert war eifersüchtig. Aber warum? Und vor allem, auf wen? Es war zwar völlig unsinnig, dass er so fühlte, aber seine Sorge gefiel mir trotzdem. Es zeigte mir doch deutlich, dass sein Herz tatsächlich mir gehörte. Ich jubelte innerlich einmal kurz beseelt, ehe ich ihm antwortete: »Bisher war ich auch recht immun gegen die Verlockungen der Männerwelt, vor allem hier zu Hause, wo die Auswahl an Neuzugängen im Allgemeinen gegen Null tendiert. Also mach dir mal keine Sorgen!«
»Hmpf!«
Das klang immer noch recht unbefriedigt. Irgendwie unterhaltsam!
»Wie bitte?«
»Nichts … vergiss mich nicht!«, bat er plötzlich innigst.
So ein Blödsinn! Als müsste er sich Sorgen machen, dass ich ihn vergessen könnte. Es wäre wahrscheinlich nachvollziehbarer, wenn ich Angst hätte, dass mein wunderschöner, liebenswerter, unglaublich attraktiver Robert zu viel Anklang bei den englischen Damen fände.
»Niemals!«, versicherte ich ihm.
»Gut!«, erwiderte er mit einem ziemlich schiefen Lächeln.
Mist! Unten riefen meine Eltern nach mir. Ich wollte ungern mit Robert beim Skypen entdeckt werden, ehe ich ihnen von ihm erzählt hatte.
»Ich muss jetzt leider aufhören«, teilte ich ihm ehrlich enttäuscht mit.
»Love you!«, erwiderte er einfach und schenkte mir ein schüchternes Lächeln. Dann küsste er seinen Zeige- und Mittelfinger und berührte damit seine Kamera. Ich liebte seine kleinen zärtlichen Gesten.
»Ich dich auch!«, sagte ich und klickte schweren Herzens auf den Auflegebutton.
Versonnen lächelnd fixierte ich noch eine Weile meinen Bildschirm, während das Rufen von unten ungeduldiger wurde. Seufzend fuhr ich den Laptop runter und ging zu meinen Eltern hinab, die mich zu einer Runde Scrabble baten. Nun gut, warum nicht. Daniel war mit einem Freund zum Training gegangen und würde sicher nicht vor zweiundzwanzig Uhr zurück sein.
Wir hatten einen schönen Abend zusammen, tranken eine Flasche Rotwein und ich erfuhr die letzten Neuigkeiten aus dem Bekannten- und Verwandtenkreis, als plötzlich das Telefon klingelte. Meine Mutter nahm ab und kam kurz darauf wieder an den Spieltisch zurück, während mein Vater und ich gemeinsam herumalberten.
»Florians Auto springt nicht an. Seine Eltern sind gerade im Urlaub und können nicht helfen. Nun kommen Daniel und Florian nicht aus Weimar weg. Einer von uns soll sie nun abholen kommen.«
»Das kann ich ja machen«, schlug ich vor, denn ich hatte im Gegensatz zu meinen Eltern nur ein Glas Wein getrunken und noch viel Wasser dazu. Ich war definitiv die einzige, die noch fahren konnte.
»Das wäre prima«, sagte mein Vater. »Nimm den Audi, dann bist du schnell wieder da.«
»Okay. Bis dann!«, rief ich und holte das Auto aus der Garage. Auf dem Weg nach Weimar hörte ich eine Edvard-Grieg-CD meines Vaters. Bei der Peer Gynt Suite drückte ich auf Endloswiederholung. Ich liebte dieses Stück über alles.
Nach zwanzig Minuten rollte ich über den knirschenden Kies auf dem Parkplatz von Daniels Ringerklub. Daniel und Florian, Daniels Trainingskamerad und Schulfreund, waren nirgends zu sehen. Anrufen brauchte ich die beiden auf ihren Handys auch nicht, um ihnen mitzuteilen, dass ich da wäre, denn eigenartigerweise hatten sie in ihrem Klubgebäude nie Empfang. Das gefiel mir alles nicht besonders, denn so war ich gezwungen, auszusteigen und in das Trainingsstudio hineinzugehen. Das würde wieder nicht ohne anzügliche Kommentare testosterongeladener, schwitzender Männer, die sich selbst unwiderstehlich fanden, ablaufen. Wie ich das hasste! Seufzend gab ich mir einen Ruck und stieg aus.
Die warme, feuchte Luft im Studio traf mich wie eine Wand. Ein Übermaß an verschiedenen Gerüchen schwappte gleich hinterher. Verschiedene Nuancen Aftershave waren da noch das harmloseste, denn diese waren gepaart mit dem Kunstledergeruch der Bodenmatten, abgestandener Luft, Schweiß und einigem mehr, das ich nicht näher bestimmen konnte und wollte. Mir wurde leicht übel.
Daniel und Florian waren nicht zu sehen. Na super! Jetzt musste ich auch noch entweder den Raum durchqueren, um sie zu suchen, oder einen der schwitzenden Kolosse ansprechen. Ich wünschte mir, dass ich diejenige gewesen wäre, die den meisten Wein getrunken hätte. Stattdessen drückte ich mich unentschlossen in der Tür herum und überlegte, wie ich dieser Situation am schnellsten wieder entkommen könnte. An einer Hantelbank entdeckte ich einen Freund von Daniel, der auch schon ein paar Mal bei uns zu Hause war. Wenn ich zu ihm wollte, musste ich einmal durch das gesamte Studio gehen. Ich atmete tief ein – ein kolossaler Fehler, denn sofort stieg die Übelkeit noch drängender in mir auf – und lief los, ohne nach links und rechts zu schauen. Der erste pfiff mir hinterher und lenkte so die Aufmerksamkeit der anderen auf mich. Oh nein, ich kam mir vor wie ein in die Enge gedrängtes, für alle Blicke entblößtes Tier. Noch fünf Schritte …
»Hallo Alex, weißt du, wo Daniel und Florian sind?«, sprach ich den Mann an der Hantelbank an. Alex war ein wirklich netter Kerl, aber beim besten Willen keine Schönheit. Er hatte ein etwas zu breites Gesicht und derbe Züge, die nur durch seine immer lachenden Augen gemildert wurden. Verschwitzt und hochrot, wie er gerade war, machte er einen eher furchterregenden statt vertrauenswürdigen Eindruck. Die Pfiffe und zweideutigen Kommentare um mich herum nahmen zu, als die anderen sahen, dass ich mit Alex sprach. Nun galten die derben Witze nicht mehr nur mir allein, sondern schlossen auch Alex ein.
»Hallo Elisabeth. Was machst du denn hier?«, Alex setzte seine Hanteln ab und schaute mich verwundert an.
»Ich suche Daniel und Florian«, wiederholte ich mit dünner Stimme. Ich wollte hier nur noch raus! Langsam keimte Wut in mir. Daniel konnte sich auf eine Menge Ärger gefasst machen, mich hier so hängen zu lassen! Das stand fest!
»Die sind noch duschen, denke ich. Ich gehe mal nachschauen«, er guckte mich aufmunternd an und lief los.
»Danke«, murmelte ich voller Unbehagen. Er konnte mich doch nicht allein hier in der Höhle des Löwen lassen! Mitkommen war aber auch keine Option. Ich konnte schließlich schlecht selbst in einer Dusche ausschließlich für Herren nachsehen …
Die Tür, in der Alex verschwunden war, hypnotisierend, versuchte ich meine Umgebung auszublenden und konzentrierte mich darauf, gleichmäßig und vor allem flach zu atmen, um mich nicht von dem Übelkeit verursachenden Geruch übermannen zu lassen.
Ich musste glücklicherweise nicht lange warten. Nur Sekunden, nachdem Alex im Umkleidebereich verschwunden war, kam er mit Daniel, Florian und einige Schritte dahinter mit einem unbekannten Blonden zurück.
»Hi, Elisabeth«, nickte Florian mir zu.
»Hallo Schwesterlein, klasse, dass du uns abholst! Wir waren noch schnell in der Sauna, damit wir während der Wartezeit nicht sinnlos auf dem Parkplatz herumstehen mussten«, erklärte mir mein sorgloser Bruder, als wäre dies das Naheliegendste der Welt. Ich funkelte ihn wütend an und deutete den beiden an, mir zu folgen. Ich wollte einfach nur raus. Der Blonde schaute mich die ganze Zeit interessiert mit leicht geneigtem Kopf an. Wie auf der Fleischbeschau, schoss es mir durch den Kopf. Ich bedachte auch ihn mit einem vor Ärger glühenden Blick und eilte Richtung Ausgang.
Vor dem Studio stellte ich fest, dass der Blonde uns immer noch folgte und auch Richtung Auto hinterher kam. Wütend und fragend schaute ich Daniel am Auto angekommen an, als Mr. Blondschopf an Daniel gewandt, aber mich fixierend, zu Sprechen begann: »Möchtest du mich gar nicht vorstellen?«
»Elisabeth, das ist mein neuer Trainer Stephen. Stephen, meine Schwester Elisabeth«, vermittelte mein Bruder unbeeindruckt.
»Elisabeth. Hoch erfreut!«, antwortete der gegelte Blondschopf anzüglich und drückte mir doch tatsächlich einen eklig feuchten Kuss auf den Handrücken. Ich atmete scharf ein. Wo gab es denn so etwas? Ich war entsetzt und kochte nun komplett vor Wut. Höfliche Entgegnungen verkniff ich mir und zog stattdessen ganz uncharmant meine Hand schnell zurück und wischte sie mir demonstrativ an meiner Hose ab. Widerlich!
Der Blonde grinste mich anzüglich mit Gewinnermiene an und ich funkelte empört zurück. Was bildete der sich eigentlich ein?
»Einen schönen Abend noch!«, sagte er dann und fügte an mich gewandt hinzu: »Es war mir eine Ehre. Ich hoffe, du kommst jetzt häufiger hier vorbei. Schöne Mädchen, die uns beim Training bewundern, können wir immer gut gebrauchen.«
Meine Brechgrenze war fast erreicht. Konnte es noch schlimmer werden? Ich wies die Jungs an, einzusteigen und schlug selbst grußlos die Fahrertür hinter mir zu.
»Alles okay, Eli?«, fragte mein fröhlicher Bruder.
»Nein! Nichts ist okay! Und wer war überhaupt dieser Kotzbrocken?«, polterte ich ungehalten heraus.
»Kotzbrocken?«, fragten Daniel und Florian gemeinsam erstaunt.
»Meinst du Stephen? Der ist doch ganz cool«, stellte Florian fest.
»Stimmt. Finde ich auch. Wir können ganz froh sein, dass er sich bereit erklärt hat, von Erfurt zurück hierher zu wechseln, um die Nachfolge von Werner, der ja jetzt im Ruhestand ist, anzutreten. So bleibt die Trainingsqualität auf dem gleichen hohen Niveau wie zuvor.«, bestätigte Daniel.
»Ich weiß gar nicht, was du hast«, meinte Daniel noch schulterzuckend.
»Frauen!«, erdreistete sich Florian auch noch kennerhaft. »Ich habe drei Schwestern zu Hause. Ich weiß, wovon ich spreche!«
»Mmmh, sonst ist Eli eigentlich immer ganz easy drauf«, sagte Daniel leise entschuldigend zu Florian.
Konnte es noch absurder werden?
Ich verkniff mir einen weiteren Kommentar, denn ich wusste, dass die beiden Jungs sowieso nicht verstehen würden, warum ich so aufgebracht war.
Für den Rest der Fahrt schwiegen wir alle. Peer Gynt hatte ich gegen meine eigene Best-of-CD von Metallica getauscht, die ich in meinem Rucksack mit dabei hatte, den ich mir vor der Abfahrt schnell geschnappt hatte, um nicht ohne Papiere loszufahren. Ich brauchte jetzt etwas Deftigeres.
Daniel und Florian ließen den überlauten Sturm von Schlagzeug und E-Gitarren klaglos über sich ergehen. Vielleicht hatten sie ja doch ein schlechtes Gewissen?
Wir setzten Florian ab und fuhren die wenigen verbleibenden Minuten zu unserem Haus, als Daniel mich vorsichtig antippte und fragte: »Noch sauer?«
»Ja!«
»Tut mir leid … wofür auch immer. Okay?«, tastete er sich vorsichtig vorwärts.
»Mmmh, mal sehen«, murmelte ich und wusste genau, dass er es damit längst geschafft hatte, dass mein Zorn verrauchte. Warum konnte ich meinem Bruder eigentlich nie lange böse sein? Wahrscheinlich, weil er für mich immer mein knuffig kleiner Bruder bleiben würde. Und seine ewige Frohnatur trug ihr Übriges dazu bei.
13
Es war vierzehn Uhr am Mittwoch, Reformationstag, als mich Kristin zum Flughafen fuhr. Ich würde erst nach Frankfurt und von dort weiter nach London fliegen. Zu Robert! Die ersten fast vier Wochen ohne ihn waren vorbei. Halbzeit! Und wir würden uns endlich wiedersehen. Ich zappelte ungeduldig auf dem Beifahrersitz herum und musste mir die eine oder andere amüsiert-spitze Bemerkung von Kristin gefallen lassen. Egal, vor Vorfreude konnte ich wirklich nicht mehr still sitzen!
Meine Flüge waren beide pünktlich. Es fiel mir schwer, konzentriert zu lesen oder der Musik auf meinem MP3-Player zu lauschen. Ständig schaute ich auf die Uhr, nur um zu sehen, dass seit dem letzten Mal Nachschauen erst wieder nur weitere fünf Minuten vergangen waren. Warum kroch die Zeit ohne Robert immer so unendlich langsam und beschleunigte dann um ein Vielfaches, sobald wir zusammen waren?
Endlich setzte das Flugzeug zum Landeanflug in London Heathrow an. Es war siebzehn Uhr Ortszeit und mich trennten nur noch Minuten von Robert. Ich schnappte mir meine Tasche vom Kofferband und eilte Richtung Ausgang. Ein gewohnter Anblick. Ich hätte im Juni im Traum nicht daran geglaubt, so schnell wieder zurück nach England zu kommen. Noch während ich darüber nachdachte, was seitdem alles in meinem Leben passiert war, sah ich Robert inmitten der vielen wartenden Leute stehen. Dank seiner Größe überragte er die meisten ein wenig und hatte so freie Sicht auf die sich endlos öffnende und schließende Glastür, die ständig neue Ankömmlinge ausspuckte.
Als er mich sah, hob er ganz klassisch ein großes, mit seiner exquisiten Handschrift selbstbeschriebenes Pappschild mit der Aufschrift »Elisabeth für Robert« hoch und strahlte mir glücklich entgegen.
Ich drängte an den anderen Leuten vorbei und wurde von Roberts starken Armen aufgefangen. Wir hielten uns gegenseitig fest, als hätten wir Angst, im Strom der vielen Menschen um uns herum auseinandergerissen zu werden. Unsere Lippen fanden sich sofort und wir küssten uns, als gäbe es kein Morgen. Vergessen war die lange Zeit ohne ihn. In diesem Augenblick zählte nur noch das Hier und Jetzt für uns beide. Nach einer Ewigkeit lösten wir uns voneinander und Robert fragte mich, mir sanft über die Wange streichelnd, ob wir den Weg nach Forecastle bei Plymouth antreten sollten.
Wenig später saßen wir im Auto seines Vaters, einem bulligen Landrover. Meine Hand ruhte auf seinem linken Oberschenkel. Ich konnte mich einfach nicht von ihm lösen. Ihn zu berühren, gab mir die Sicherheit, nicht zu träumen und wirklich hier mit ihm im Auto zu sitzen.
»Schön, dass du da bist«, sagte Robert einfach, als wir uns in den fließenden Verkehr einreihten. Wir lächelten uns kurz an und sagten lange Zeit gar nichts, denn es war genug, den anderen neben sich zu wissen.
Die vier Stunden Fahrt vergingen wie im Flug. Inzwischen war es stockdunkel. Eine mondlose Nacht mit grau und schwarz eilig dahin treibenden, dichten Wolkenbergen. Gerade, als wir durch die Stadt von Plymouth fuhren, war alles noch hell beleuchtet. Die letzten Kilometer nach Forecastle führte jedoch eine dunkle, enge von hohen Hecken und dicht stehenden Bäumen gesäumte Straße entlang. Auch als wir den kleinen Ort erreichten, wurde es nicht heller, denn es gab keine Straßenbeleuchtung. Nur hier und da war ein schwacher Lichtschein durch die Bäume hindurch zu erahnen. Die beleuchtete Fenster der wenigen Häuser.
Plötzlich schien der Ort wieder hinter uns zu liegen, als Robert auf einen holprigen Pfad abbog. Nach etwa dreihundert Metern sah ich im Scheinwerferlicht eine hohe Mauer mit einem geöffneten Tor. Robert fuhr hindurch und mir stockte der Atem vor Überraschung, als er direkt vor einem Haus etwa zweihundert Meter gegenüber des großen Tores anhielt.
Hatte er nicht etwas von einem Landhaus erzählt? Das, was ich in der Dunkelheit erkennen konnte, war kein Landhaus, sondern ein Anwesen. Kleine Lichtspots säumten den kreisförmig angelegten Weg, der von beiden Seiten eine Zufahrt zum Eingang des Haupthauses bot. Breite steinerne Treppen führten zu einer imposanten, trutzigen Holztür. Das Haus selbst war in der für diese Gegend typischen dunkelgrauen Natursteinbauweise errichtet und erweckte den Anschein, als stünde es bereits mehrere Jahrhunderte hier. Über der Tür war ein Stein mit Inschrift eingebaut, der etwas herausragte. Vielleicht das Baujahr? Es war zu dunkel, um Einzelheiten zu erkennen. Ich nahm mir jedoch vor, dies morgen bei Tageslicht genauer zu betrachten. Links und rechts des Haupthauses waren noch je ein weiteres Gebäude, beide nur unwesentlich kleiner als das mittlere.
Robert war indes ausgestiegen und um das Auto herum gegangen. Gleich einem Gentleman öffnete er mir die Tür und reichte mir die Hand, um mir das Herausklettern aus dem hohen Auto zu erleichtern. Staunend sah ich mich weiter um.
Mit einem seine Lippen umspielenden Lächeln sagte er mit warmer, einladender Stimme: »Willkommen auf Lender’s Mound.«
Lender’s Mound? Das klang, als hätte seine Familie hier eine längere Tradition aufzuweisen. Ich war sprachlos.
»Mound?«, fragte ich atemlos.
»Kleiner Hügel. Wir Engländer sind in Ermangelung eines ordentlichen Gebirges auf alles stolz, was nicht ganz flach ist. So werden auch Hügel als Besonderheit hervorgehoben«, er grinste.
»Und Lender?«, fragte ich weiter. »Ich dachte, deine Eltern wären nicht verheiratet gewesen?«
»Waren sie auch nicht. Aber meine Mutter konnte sich bei meiner Geburt aussuchen, ob ich wie sie oder mein Vater heißen sollte. Und sie entschied sich für Lender, weil das zur damaligen Zeit wohl deutlich weltmännischer klang als Schuberth. So heißt meine Mutter.«
»Aha«, ich grinste amüsiert zurück, nur um gleich im Anschluss meine Bewunderung zum Ausdruck zu bringen: »Es ist wunderschön hier!«
»Naja, vordergründig ist es gerade kalt und dunkel hier. Also lass uns mal hineingehen«, schlug Robert leicht verlegen vor. Er holte meine Tasche von der Rückbank und nahm meine Hand, um mit mir die Treppen hinaufzusteigen. Noch ehe er die schwere Tür selbst öffnen konnte, ging diese mit einem lauten Quietschen auf. Eine sympathische schlanke Frau um die fünfzig mit rotem Bob und vielen Sommersprossen schaute uns freundlich entgegen und umarmte mich sofort ohne zu Zögern.
»Elisabeth! Welcome! Come in! I’m Judy. Robert has already told us so much about you, so to say he’s been talking about you incessantly. We are so happy to get to know you by ourselves now. Are you hungry, dear?«, sie blickte mich erwartungsvoll an.
»Sure. Hello Judy. Nice to meet you, too!«, antwortete ich überwältigt und fügte mit einem Blick um mich herum hinzu: »It’s a lovely place to live.«
»Thank you. See you in the kitchen, kids«, zwitscherte Judy und ging eilig durch eine der Türen.
»Nun komm erst mal richtig rein«, drängte mich Robert sanft weiter in eine große, lichtdurchflutete Diele. Eine helle Holztreppe führte in ein oberes Stockwerk und links und rechts gingen mehrere, zum Teil vollverglaste Türen ab. So modern und offen hätte ich mir das uralte Haus von außen nie vorgestellt. Die Diele verströmte eine einladend warme, zeitgemäße Atmosphäre. Und es roch gut! Jetzt erst merkte ich, wie hungrig ich tatsächlich war.
Robert nahm mir meine Jacke ab, stellte die Tasche zur Seite und zog mich in seine Arme. Er küsste mich sanft auf die Stirn und schaute mich verliebt an.
»Schön, dass du da bist!«, wiederholte er strahlend und führte mich durch die Tür, in der auch Judy verschwunden war, in eine große Küche.
Weiß lasierte Holzmöbel, ein dunkelbraun gefliester Fußboden, eine schwere, dunkle Holzarbeitsplatte und erstaunlich große, bodentiefe Fenster überraschten mich ein weiteres Mal. Dieses Haus war einerseits uralt und gleichzeitig ganz modern. Diese Mischung verhalf ihm zu einer Gemütlichkeit, durch die ich mich sofort wohlfühlte, trotzdem alles neu und fremd war. An einer großen Kochinsel in der Mitte der Küche rührte Judy in einem Topf und winkte mich gleich zu sich heran. Ich durchquerte den Raum und sah, dass aus dem Nachbarzimmer ein sportlicher Mann mit demselben fast schwarzen Haar und verblüffend ähnlich tiefgrünen Augen wie Robert auf mich zukam und mich ohne Umschweife herzlich in die Arme nahm.
»Herzlich willkommen, Elisabeth! Ich bin Roberts Vater Geoffrey. Du kannst mich gern Jeff nennen!«, sagte er in fehlerfreiem Deutsch mit stark britischem Akzent. Richtig, fiel es mir ein, er hatte ja einige Zeit in Berlin gelebt.
»Hallo Jeff. Vielen Dank für die herzliche Begrüßung! Ihr habt es sehr schön hier!«, antwortete ich ihm und betrachtete Robert und Jeff erstaunt. Die beiden sahen sich wirklich unglaublich ähnlich. Wäre da nicht der deutliche Altersunterschied, könnte man sie glatt für Brüder halten.
»Hattest Du eine gute Reise?«, fragte mich Jeff.
»Ja, vielen Dank«, nickte ich.
»Dann bist du jetzt bestimmt halb verhungert. Lasst uns essen!«, schlug er vor und sagte an Robert gewandt: »Würdest du bitte den Wein noch von der Terrasse holen?«
Ich schaute Robert fragend an.
»Der beste Kühlschrank für Weißwein«, erklärte er lächelnd und ging durch eine der großen Glasfenstertüren ein paar Schritte nach draußen.
»Komm, es gibt Fischauflauf und Apfelstreuselkuchen, oder so ähnlich. Also Fishpie und Apple Crumble, falls dir das was sagt«, erklärte Robert augenzwinkernd.
»Klar. Lecker! Ich freue mich drauf!«, antwortete ich ihm und nahm zusammen mit seinen Eltern im Nachbarzimmer, das sich als das Esszimmer entpuppte, Platz. Als Robert den Wein geöffnet hatte, kam er ebenso hinzu und setzte sich erwartungsvoll neben mich.
Das Essen war köstlich! Wir saßen auch nach dem Essen noch lange gemeinsam an dem großen Tisch im Esszimmer und wechselten später auf die bequemeren Sitzgelegenheiten im Wohnzimmer. Jeff erzählte mir dabei die Historie des Hauses. Er konnte so lebhaft und interessant erzählen, dass auch Robert und Judy, die übrigens auch recht gut Deutsch sprach, ebenso gebannt zuhörten wie ich, obwohl den beiden die Geschichte nicht neu war.
Darmowy fragment się skończył.