Czytaj książkę: «Kirche halb und halb»

Czcionka:

Cristina Fabry

Kirche halb und halb

Kurzkrimis 2021

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Ausgangssperre

Selbstaufgabe

Keine Gnade

Christizismus

Verkürzt

„Jaja, kenn‘ ich schon, kenn‘ ich schon.“, stöhnte sie genervt. Nur noch ungern ließ sie sich aus ihrer Gedankenwelt reißen.

Detox

Abstinenz

Lockdown

Vier Teile – 1. Das Innen

Vier Teile – 3. Das Davor

Impfchaos

Mariola bringt die Welt in Ordnung

Die Insel

Folgerichtig - Ein-Satz-Krimi

Loslassen

Naturgesetze

Jack O

Impressum neobooks

Ausgangssperre

ALLES HIER DRIN.

ALLES VOLL UND NICHTS KANN RAUS.

BEWEGUNGSSTAU.

Mein Gott, ist das still draußen. Kurz nach zehn. Man hört ja wirklich gar nichts mehr von draußen, nahezu gespenstisch. Ich sehe es schon kommen, am Ende schalte ich das Fernsehen ein, nur um diese beklemmende Geräuschlosigkeit zu vertreiben. Das fühlt sich an wie Gehörlosigkeit. Komisch, sonst beklage ich mich immer über den Verkehrslärm. Die vorbei rasenden Motorräder. Ist doch schön, von nichts abgelenkt oder unterbrochen zu werden. Also weiter im Text. Wo war ich?

ALLES HIER DRIN.

ALLES VOLL UND NICHTS KANN RAUS.

BEWEGUNGSSTAU.

ÜBERALL STILLSTAND.

SINNBILD EINES GEMÜTSZUSTANDES.

INNEN UND AUßEN.

Was war das? Da hat doch etwas geflackert? Heimliche Sternsinger, die das Umgehen der Ausgangssperre üben? Quatsch. Muss eine Sinnestäuschung sein. Mein Kreislauf macht sich bemerkbar. Das ist sicher dieses nervöse Flackern am Rand des Gesichtsfeldes. Ich schreibe das hier jetzt zu Ende und dann gehe ich ins Bett.

ALLES HIER DRIN.

ALLES VOLL UND NICHTS KANN RAUS.

BEWEGUNGSSTAU.

ÜBERALL STILLSTAND.

SINNBILD EINES GEMÜTSZUSTANDES.

INNEN UND AUßEN.

WAS WILL MAN TUN, WENN ES NICHT EINMAL BEWEGUNG AN FRISCHER LUFT BRINGT?

WENN ERST EINMAL ALLES INS STOCKEN GERÄT, IST ENDE GELÄNDE.

SCHLUSS MIT LUSTIG.

Hups. Der Bewegungsmelder ist angesprungen. Wer schleicht denn hier so spät ums Pfarrhaus? Hoffentlich kein verwirrter Obdachloser mit aggressiven Neigungen. Man hört so gar nichts. Vielleicht ein Fuchs? Ach guck, jetzt geht das Licht schon wieder aus. Wo war ich?

ALLES HIER DRIN.

ALLES VOLL UND NICHTS KANN RAUS.

BEWEGUNGSSTAU.

ÜBERALL STILLSTAND.

SINNBILD EINES GEMÜTSZUSTANDES.

INNEN UND AUßEN.

WAS WILL MAN TUN, WENN ES NICHT EINMAL BEWEGUNG AN FRISCHER LUFT BRINGT?

WENN ERST EINMAL ALLES INS STOCKEN GERÄT, IST ENDE GELÄNDE.

SCHLUSS MIT LUSTIG.

KANN MIR SELBST NICHT HELFEN UND KANN AUCH SONST KEINER.

WILL ICH AUCH NICHT.

NIEMAND SOLL SICH DA EINMISCHEN, IN MICH REINGLOTZEN, AN MIR RUMMANIPULIEREN.

DAS IST MEINE TRAURIGKEIT, MEIN CHAOS, MEIN SCHMERZ.

Das ist jetzt aber nicht normal! Solche Geräusche kommen nicht vom Wind, auch nicht vom Knarren im Gebälk. Diese Ausgangssperre bietet ja geradezu paradiesische Zustände für Einbrecher. Und für Straftäter, die ihre Opfer überfallen, ihnen Gewalt antun. Vielleicht sollte ich den Hund...das wäre ja sein Job...aber am Ende wird er einfach erschlagen...Dass ich aber auch rein gar nichts hier habe, womit ich mich verteidigen kann. Moment. Der Flacon. Da ist doch Parfum drin. Das besteht doch zu 90 Prozent aus Äthanol. Das brennt in den Augen. Habe ich noch nie benutzt. War ein Abschiedsgeschenk des Chorleiters in der Philippus-Gemeinde. Riecht bestimmt aufdringlich, ist also nicht schade drum.

Oh Gott! Jetzt kommt er rein. Da! Nimm das! Oh, der schreit aber mächtig. Der soll still sein, das ist ja furchtbar. Warum schreit der nur so? Riecht seltsam. Oh. Jetzt ist er still. Unglaublich still. Geradezu unheimlich. Wonach riecht das? Das ist doch kein Parfum? Was hatte der Chorleiter geplant? Der Kerl hier atmet nicht mehr. Ich muss wohl jetzt mal die Polizei anrufen. Aber ich bin gerade so im Flow.

ALLES HIER DRIN.

ALLES VOLL UND NICHTS KANN RAUS.

BEWEGUNGSSTAU.

ÜBERALL STILLSTAND.

SINNBILD EINES GEMÜTSZUSTANDES.

INNEN UND AUßEN.

WAS WILL MAN TUN, WENN ES NICHT EINMAL BEWEGUNG AN FRISCHER LUFT BRINGT?

WENN ERST EINMAL ALLES INS STOCKEN GERÄT, IST ENDE GELÄNDE.

SCHLUSS MIT LUSTIG.

KANN MIR SELBST NICHT HELFEN UND KANN AUCH SONST KEINER.

WILL ICH AUCH NICHT.

NIEMAND SOLL SICH DA EINMISCHEN, IN MICH REINGLOTZEN, AN MIR RUMMANIPULIEREN.

DAS IST MEINE TRAURIGKEIT, MEIN CHAOS, MEIN SCHMERZ.

WENN MIR DAS ERST EINMAL GENOMMEN WIRD, HABE ICH JA GAR NICHTS MEHR.

WIEDER ZU VIEL GEGESSEN.

Schnee war gestern

Schnee war gestern. Heute ist Fön. Morgen vielleicht eisige Luft aus Nordost, aber nicht eisig genug.

„Lass uns auf den Berg fahren. Mal durch den Schnee laufen“

Dreihundert Meter bringen es auch nicht voran. Mehr Matsch als Schnee. Dazu schneidender Nordwind im vom Klimawandel gelichteten Wald – die Tage der Fichtenplantagen sind gezählt, was rede ich, zu Ende.

Die Laune genauso ungemütlich und um den Gefrierpunkt herum wie der Rest des Wetters.

„Leon, ist das etwa der Schneemann?“ fragt eine Mutter im schneidend-gestrengen-überakzentuierten Ton ihren wohlgenährten, vollumfänglich wattierten Sohn im frühen Grundschulalter.

„Nein.“ behauptet Leon und wirft den ersten der beiden Schneebälle in seinen Händen.

„Natürlich ist das der Schneemann!“, straft ihn die Mutter Lügen. „Ich sehe den Schneemann nicht mehr und eben war er noch da.“

„Aber die hier hab‘ ich gemacht.“ schwindelt Leon trumpesk und feuert das zweite Geschoss ab.

„Leon, das finde ich jetzt wirklich total doof, dass du den Schneemann kaputt gemacht hast. Du gehst jetzt da hin und baust den wieder auf.“

Bedauerlicher Fauxpas, einen Ypsilon-Chromosomenträger zur Welt zu bringen, denke ich. Mutter eines Sohnes sein müssen, ist wirklich eine Strafe. Lustlos schleppt die arme Frau das Spielzeug ihres Wonneproppens und muss sich dann auch noch von ihm bewerfen und veräppeln lassen. Welch ein Elend. Aber jetzt so ein generelles Männerbashing, das ist ja auch nicht richtig. Es gibt so viele Schwule und Transfrauen, die haben ja auch alle diesen Gen-Defekt mit dem Ypsilon-Chromosom und sind ganz anders als die handelsüblichen Testosteron-Schleudern.

Und vielleicht ist diese Mutter ja auch total bescheuert und hat den Leon zu dem Empathie-befreiten Trampel gemacht, das er jetzt schon ist und möglicherweise bis zum letzten Atemzug bleiben wird. Ja und der Macho-Papa natürlich. Die war bestimmt so blöd, so einem tumben Vollmacho auf den Leim zu gehen und seine Gene freiwillig auszubrüten. Selbst Schuld. Und dann hat sie alles getan, damit der Kleine genauso wird wie der Große. Nein, nicht mit Absicht, aber so sind die Frauen: Beklagen sich ständig, reproduzieren aber trotzdem konsequent die bestehenden Verhältnisse.

Männer und Frauen entstammen unterschiedlichen Kulturkreisen. Das wird es sein. Und die Homos und Transmenschen sind die Integrationsfiguren unserer Gesellschaft. Die vermitteln zwischen den Kulturen, darum – und nicht nur darum – sind sie so wertvoll und unverzichtbar.

Gerade sinniere ich über politische Reformen im Zusammenleben der Geschlechter: Von den besonders empathischen, klugen und hübschen Hetero-Exemplaren Samenspenden entnehmen und für den Arterhalt sichern. Diese weiterhin unversehrten Exemplare der Weiblichkeit für gelegentliche Liebesakte zur Verfügung stellen, den Rest…

Zack – bumm – dunkel.

So tumb-trampelig ist Leon dann wohl doch nicht. Hat irgendwie gespürt, von wo eine existentielle Bedrohung für ihn ausgeht. Ich schwebe über meinem dahingeschiedenen Körper, meinem Werkzeug des Handelns, das nun von einem Siebenjährigen seiner Funktionsfähigkeit beraubt wurde. Blut sickert aus meiner Schläfe – ein scharfkantiger Stein im Schneeball – vielleicht hatte Leon diesmal tatsächlich nicht gelogen. Meinen Beitrag zu einer besseren Welt kann ich jetzt nicht mehr leisten. Leon und seine Spießgesellen werden auch die letzten Fichten vertrocknen, die letzten Fische ersticken, die letzte frische Quelle versiegen und die letzte bedrohte Art aussterben lassen. Und sich fortpflanzen und lauter kleine Terminatoren in die Welt setzen, die der Erde den Rest geben.

Aber dafür bin ich nicht mehr zuständig. Ich schwebe mal ins Licht, bade in Champagner und inhaliere Wollust und im nächsten Leben werde ich auf einem anderen Planeten geboren.

Selbstaufgabe

Am liebsten hätte er sie alle erschossen. Die ganze selbstgerechte Mischpoke samt und sonders. Haben einfach seinen Vertrag nicht verlängert. Meinten, sie wüssten es besser als er.

Er hatte sich ausgemalt, wie das Projektil Beyers Brust zerfetzte und seine fischigen Glubschaugen noch deutlicher hervortraten als sie es ohnehin schon taten; wie er blutend über seinen Zahlenkolonnen zusammenbrach und nach einem letzten Zucken das Atmen einstellte.

Er sah Struck, wie er die knochige Hand auf seinen langen Hals presste, zwecklos, weil das Blut pulsierend aus seiner verletzten Aorta schoss, vielleicht dreißig Sekunden, dann brach er ohnmächtig zusammen. Nie wieder selbstgefälliges Geschwafel aus seinem Mund, was für eine Wohltat.

Und die dumme Kirschstein, die immer alles abnickte, einmal direkt in die Schläfe und Schluss. Sagte nur noch einmal wortlos ja und zwar zum eigenen Tod.

Doch das passierte nur in seiner Phantasie. Er war das Opfer, fügte sich still in sein Schicksal und verzweifelte an dieser Welt. Die anderen machten weiter.

Wir sind im Schwarz-Weiß-Zeitalter angekommen. Grautöne verschwinden. Farben auch. Nicht die grellbunten, die digital oder chemisch generierten, die in den Augen brennen, sich festsetzen in unseren reizbaren Gehirnen und uns emotional erblinden lassen.

Nein, die warmen Farben, die sanften Zwischentöne, das Ungefähre, der Zweifel.

Jeder ist sich sicher. Alle wissen Bescheid. Man hat es schon immer gewusst. Dieses ist richtig, jenes ist falsch. Wer das nicht versteht, muss eingenordet werden. Ins Wort fallen, immer lauter reden, Argumente abfeuern wie Maschinengewehrsalven, Links setzen, Verbündete dazu holen. Und wenn das alles nicht hilft: rausschmeißen, aussperren oder einsperren, ignorieren, blockieren, auslachen, entwerten.

Was gar nicht mehr geht: Zuhören. Braucht zu viel Zeit. Gibt auch viel zu viel. Man muss sich entscheiden, wählt man lieber das Bekannte, das Bestätigende. Man will sich schließlich wohlfühlen.

Was außerdem nicht mehr geht: Nachdenken. Langweilig wie ein alter Film mit starrer Kameraeinstellung, praktisch ohne Schnitte. Gefangen im eigenen Kopfkino, in dem die ganze Zeit Arthouse-Filme laufen, die man nicht versteht. Das macht nervös, unzufrieden, zieht so runter. Nein. Action ist angesagt. Machen machen machen. Kurze Instant-Info und dann reden reden reden. Oder posten. Hauptsache: raushauen. Eine Meinung haben. Einen unerschütterlichen Standpunkt. Darauf kommt es an.

Das Hamsterrad rast auf eine Feuersbrunst zu. Es wird immer heißer und alle wissen Bescheid.

„Das ist, weil wir alle so in Action sind.“

„Das ist manchmal einfach so.“

„Das kommt von den Karierten.“

Die Karierten. Endlich haben wir einen Schuldigen gefunden. Wenn wir die Karierten rauskicken, ist es nicht mehr so heiß. So nach und nach sehen immer mehr von uns das ein. Die es nicht einsehen wollen, kicken wir auch raus. Dann wird es noch kühler.

Läuft doch.

Ja, läuft.

Keine Gnade

Regina wollte eigentlich zu Hause bleiben. In der Frühschwangerschaft musste sie sich schonen, zu groß war das Risiko einer Fehlgeburt. Aber Vater hatte gemeint, sie müsse sich mal wieder im Gottesdienst blicken lassen. In der Gemeinde munkele man schon über sie.

Regina liebte die Gemeinschaft, den geschützten Raum, die emotionale Sicherheit, die die Gemeinde ihr bot. Sie glaubte aber nicht daran, dass eine Versammlung zum Gebet einem Virus die Stirn bieten konnte. Vielleicht verbesserte es die Immunabwehr und half einem, schwere Prüfungen zu bestehen, aber den naiven Glauben an einen göttlichen Automaten, der seinen Gläubigen alles gibt, was sie brauchen, hatte sie schon in der Pubertät aufgegeben. Schon blöd, dass alle ohne Mund-Nasen-Schutz gingen, keine Abstände einhielten und aus voller Kehle sangen. Vater hatte bereits angemerkt, dass man nicht so sorglos sein könne. Aber sich über Monate entziehen? Das sei auch keine Lösung.

Regina seufzte, strich sanft über den noch flachen Bauch und fasste einen Entschluss: Sie würde sich mit einer Maske schützen und auf Abstand ganz hinten sitzen. Das war sie ihrem Kind schuldig. Das würden alle verstehen.

Er hatte sich gerade mit Gockel getroffen. Der war auch schon voll auf Schaum. Letzten Monat war Gockels Vater gestorben, elend verreckt, erstickt an Covid 19. Gockels Vater hatte neben den Betbrüdern in der Wurstfabrik geschuftet. Die hatten das eingeschleppt. Er hatte nicht den Hauch einer Chance gehabt. Und Maik war jetzt auch bereit, endlich zu handeln. Er wollte sich mal wieder unbehelligt mit seinen Kumpels im Park treffen und nicht heimlich, mit gedrosselter Alk-Zufuhr, damit man nicht die Aufmerksamkeit der falschen Leute auf sich zog. Könnte alles viel unbeschwerter sein, wenn nur dieses Scheiß Christenpack von den Freikirchen nicht dauernd die Zahlen nach oben treiben würde. Die waren schlimmer als die Taliban und der IS zusammen.

Als die Lunte gelegt und die Fluchtwege verbarrikadiert waren, zögerte Maik noch einen Augenblick. Der innere Zwerg der Empathie wollte ihn zurückhalten. Man konnte doch nicht einfach Menschen verbrennen. Die waren doch sicher nicht allesamt gefährliche Idioten. Maik schlug den Zwerg zu Brei. Er hatte sich entschieden. Sein Sturmfeuerzeug setzte die Kettenreaktion in Gang.

Regina wurde auf einmal sehr warm. Es war so stickig in der Kirche. Oder lag das an der Maske? Aber die trug sie beim Einkaufen doch auch und hatte sich längst daran gewöhnt. Dann roch sie es.

„Feuer!“, schrie sie. Erst hörte sie ein Gemurmel, dann aufgeregtes Rufen, dann Schreie der Todesangst. Alle rasten auf die Ausgänge zu, rannten sich gegenseitig über den Haufen, suchten nach Rettung. Sie musste ihr Kind schützen und mit dem letzten funktionierenden Rest ihres Verstandes suchte sie ihren Ausweg dort, wo niemand sonst es probierte: das kleine Fenster im Toilettenraum. Sie konnte kaum noch atmen. Der Rauch war undurchdringlich. Sie hatte es bis zum Griff geschafft, aber das Fenster ließ sich nicht öffnen. Irgendetwas blockierte den Mechanismus. Mit letzter Kraft griff sie nach einem Gegenstand, einem metallenen Schwingdeckel-Mülleimer. Sie schlug damit so lange verzweifelt gegen die Scheibe bis sie krachend zerbrach. Ein Windstoß fuhr hinein. Ein Moment der Erleichterung breitete sich in ihr aus, aber der dauerte nicht lange. Das Feuer bekam durch das geöffnete Fenster nur neue Nahrung. Ein letztes Mal öffnete Regina den Mund zu einem Schrei, dann sank sie entseelt auf die Kacheln.

Als Maik die Schreie hörte, bäumte der innere Zwerg der Empathie sich ein letztes Mal auf und merkte an, dass sich das irgendwie falsch anfühlte. Maik ertränkte den Zwerg endgültig mit einem kräftigen Schluck Wodka. Gnade war etwas für Mittelmäßige. Er hatte seinen Platz gefunden.

Maskuzid

Als Corona zu Ende war

und zumindest dies Virus besiegt,

bürstete sie ihr goldblondes Haar,

machte sich fein für ne Nacht an der Bar

voll Zuversicht und außerdem schwer verliebt.

Sie wartete lange, mit Engelsgeduld,

trank erst Prosecco, dann Cocktails, dann Schnaps,

gab der Dummheit des Liebsten die Schuld,

war auch vom Schnaps schon ganz eingelullt

und hielt Ausschau nach adäquatem Ersatz.

Sie saß auf dem Hocker wie ein Bäumchen im Wind,

ein trauriges Bild, kein Mann sah sie an.

Unsichtbar ihr Liebreiz, schändlich verschmäht.

Für Make-up-Korrekturen war es auch längst zu spät.

Sie wurd‘ offensiv, doch kein Mann ließ sie ran.

„Warum bleiben sogar die mit Mittelmaß hart?

Haben die nur Augen für Fotoshop-Puppen?

Wofür habe ich mich zwei Jahre aufgespart?

Erduldet gebetet, gehofft und geharrt?“

Sie kaufte sich wütend ne Packung voll Fluppen.

Doch der Ansatz war falsch, das merkte sie gleich.

Die tötet sich selbst, die zu viel pafft.

Bisher war sie viel zu sanft, viel zu weich,

so ein Blindgänger taugte am besten als Leich‘

Zurückweisung blieb nicht mehr ungestraft.

Von nun an sprach täglich sie Männer an.

Das Küchenmesser aus Edelstahl

versteckt unterm Mantel, und biss er nicht an,

wurde gar frech und ranzte sie an,

so traf die Klinge ihn abdominal.

Sie schaffte ein Dutzend, dann wurd‘ sie gefasst

Der Richter Erbarmungslos sprach seinen Bann:

„Eine Frau, die derartig Männer hasst,

gehört jawohl lebenslang in den Knast;

und es braucht ein Gesetz zum Schutz für den Mann.“

Nazarener

Es war ein mulmiges Gefühl, mit dem sie die Kirche heute betrat. Zum ersten Mal wieder ein richtiger Präsenz-Gottesdienst. Zum ersten Mal nach dem Tag. Nicht dem Tag, an dem die Sonne am Himmel steht, nein nach dem Tag, dem unverwechselbaren Zeichen eines Graffity-Künstlers – oder Graffity-Dilettanten oder Dilettantin. Nur dies war ja eigentlich kein Tag gewesen sondern ein Symbol der Vogelfreiheit. Hier sind Nazarener, Juden oder Christen, kann man abschlachten.

Niemand vermutete einen drohenden Anschlag. Viel zu ungenau und hastig hingemalt das Zeichen. Da hatte ein Teenager, der mal so richtig provozieren wollte, die Hosen voll. Einer der irgendwo etwas aufgeschnappt hatte und auch mal einer von den ganz bösen Jungs sein wollte. Denn vor den bösen Jungs hatten alle Angst. Die bösen Jungs wurden weder übersehen noch ausgelacht, auch nicht verbal oder mit Fäusten zusammengefaltet. Die Bösen Jungs waren die, die zusammenfalteten, über alles hinweg gingen und am Ende am lautesten lachten. Eigentlich war die neonfarbene Schmiererei nichts als ein Aufschrei der Ohnmacht. Aber das schlechte Gefühl blieb.

Es kribbelte im Nacken. Lag das am lang vermissten Hallelujah? Sie konnte den Gedanken nicht mehr zu Ende denken. Plötzlich war alles auf einmal: laut, hell, heiß, drückend, reißend und dann nichts mehr.

Kerim zuckte zusammen. Es piepte in seinen Ohren, alle Geräusche außerhalb seines Kopfes nahm er wie durch Watte wahr. Ein rauchender Trümmerhaufen, da wo er mehrere Sommer abends auf den Stufen gesessen und mit seinen Kumpels schachtelweise Kippen weggeraucht hatte. Wo er vor ein paar Wochen, etwas an die Wand gemalt hatte. Nur so zum Spaß. Weil die ihn nervten, die komischen Leute da, die immer so nett taten, ihn aber in Wirklichkeit nirgends dabei haben wollten. So etwas spürte man.

Kerim aber, hätte lieber dazu gehört, statt sie jetzt brennen zu sehen. Er hatte nichts getan. Nur ein bisschen gesprüht. Er hatte es nicht so gemeint. Hatte nur die Bilder genossen, die er mit seiner Tat in seinem Kopf heraufbeschworen hatte. Furchtsam aufgerissene Augen in den selbstzufriedenen Gesichtern. Unsicherheit bei den Satten und Etablierten.

Mit der Gastfreundschaft war das so eine Sache. Er hatte sie verraten, seine Gastgeber an ihre Schlächter verraten, die Gastfreundschaft selbst verraten, ihr Blut klebte jetzt an seinen Händen.

Christizismus

„Die haben überall ihre Leute.“, klagte Henning. „Du kannst nichts dagegen machen.“

„Das klingt mir aber nach einer gewaltigen Verschwörungstheorie.“ Annegret rümpfte die Nase. „Evangelikalen-Mafia. Hört sich an wie Anarcho-Diktatur oder Burn-out-Entspannung.“

„Ach ja?“, erwiderte Henning gereizt. „Und wie kommt es dann, dass weder das Gesundheitsamt noch die Polizei intervenieren, wenn die sich mit über hundert Leuten ohne Abstand und Maske zum Sing-Gottesdienst treffen?“

„Die Polizei hat genug andere Probleme und das Gesundheitsamt ist auch total überfordert. Genehmigt ist genehmigt. Die schaffen das nicht.“

„Die laufen in jedem städtischen und volkskirchlichen Jugendzentrum auf und gucken nach, ob die Arbeitsflächen auch sauber sind und ob da Küchenpapier rumsteht. Auf jedem kleinen Weihnachtsmarkt wurde kontrolliert, ob am Waffelstand auch warmes Wasser zum Händewaschen zur Verfügung steht. Aber wenn die Mennoniten oder Baptisten ihre Jesus-Partys im Bethaus veranstalten, halten alle die Füße still. Da stimmt doch was nicht.“

„Ist wegen Religionsfreiheit.“, erklärte Annegret schulterzuckend.

„Mit Religionsfreiheit ist aber eigentlich was Anderes gemeint. Auf jeden Fall steht die Religion nicht über staatlichen Gesetzen.“

„Meine Fresse!“ Annegret atmete tief durch. „Jetzt reg dich mal ab.“

„Einen Teufel werde ich tun!“, empörte Henning sich weiter. „Als ich vor zwei Jahren einen Bauantrag gestellt habe für ein Mehrfamilienhaus mit Wohneinheiten in unterschiedlichen Preissegmenten, Single- und Familien-Wohnungen, tolles Konzept, super Architekt, da wurde der Antrag ratz fatz abgelehnt. Jetzt wurde da plötzlich gerade eben ein Klotz hochgezogen, der nur eine Zielgruppe anspricht und der außerdem verboten hässlich aussieht und sich optisch absolut gar nicht in die Umgebung einfügt. Rate mal, wer der Bauherr ist.“

„Dann hat eben mal einer Vitamin B beim Bauamt. So was kommt vor.“, erklärte Annegret lapidar.

„Ja, aber die sitzen überall, halten zusammen wie Pech und Schwefel und schustern sich gegenseitig die Vorteile zu. Und keiner macht was dagegen, nur weil die keine SUVs fahren und sich nicht auf Menschenhandel verlegen.“

„Nee, die haben ja so schon genug Kinder zur Verfügung.“

Für einen Moment schien Henning die Sprache verloren zu haben, dann sagte er betont langsam: „Das ist jetzt aber böse.“

„Das ist jetzt aber auch nicht unwahrscheinlich.“, erwiderte Annegret.

„Die machen doch nicht in Kinderpornographie.“

„Nee, eher altmodisch. Analog statt digital.“

„Ja, kann sein, aber darum geht es nicht.“

„Worum geht es dann?“ hakte Annegret nach

„Die sind gefährlich.“ erklärte Henning. „Die haben einen Plan.“

„Meinst du so was wie evangelischen Dschihad?“

„Ja. Vielleicht nicht mit Bomben und Schusswaffen. Perfider. Durch Infiltration. So in dem Stil wie in Polen. Den Staat immer ein bisschen weiter nach rechts rücken. Bis sich niemand mehr traut, gegen die Religionsdiktatur aufzumucken.“

„Gut, das wäre denkbar. Gibt ja etliche Religionsfaschisten in deren Kreisen. Sieht man ja in den USA, wozu das führen kann.“

Elisa hatte alles mit angehört. Jedes einzelne Wort. Die beiden hatten nicht bedacht, dass die Wand zwischen dem Pausenraum und dem Lager dünn wie Papier war. Elisa notierte ihre Namen und noch ein paar Einzelheiten. Peter würde alles dokumentieren. Für später.

Verkürzt

Hätte sie das Ende abgewartet, hätte sie ihn nicht umgebracht.

Sie dachte an Fabiola. Fabiola war die erste, an die sie dachte, wenn sie morgens aufwachte und die letzte, wenn sie abends einschlief. Auch den ganzen Tag über dachte sie an sie. Fabiola lebte nicht mehr. Leukämie. Sie war gerade mal acht Jahre alt geworden. Zwei davon hatte sie erfolglos gegen den Tod angekämpft. Ein Viertel ihrer viel zu kurzen Lebenszeit.

„Jaja, kenn‘ ich schon, kenn‘ ich schon.“, stöhnte sie genervt. Nur noch ungern ließ sie sich aus ihrer Gedankenwelt reißen.

„Nee, warte mal.“, protestierte Patrick. „Die Liste der Gehaltsempfänger ist lang. Du glaubst gar nicht, wer alles daran verdient hat.“

Patrick las sämtliche Namen und vermeintlichen Zuwendungsmotive vor. Manche waren allzu durchschaubar. Unfassbar, wen die AKW-Betreiber alles gefügig gemacht hatten. Man fragte sich allmählich, ob es überhaupt noch jemanden gab, der nicht käuflich war.

Als er fertig gelesen hatte, wusste sie, was zu tun war. Sie begann, sich darauf vorzubereiten. Das würde Fabiola nicht wieder lebendig machen, aber sie hätte dann vielleicht ihren Seelenfrieden. Und für die Zukunft würde es das Sterben so manchen Kindes wirksam verhindern.

Drei Tage später wedelte Patrick mit einem USB-Stick. „Schmeiß mal deinen Laptop an, ich muss dir etwas Unglaubliches zeigen.“

Eigentlich war sie schon auf dem Sprung. Der selbst gebastelte Sprengsatz lag einsatzbereit in ihrer Handtasche. Volker Beresin würde noch heute sein Leben aushauchen. Aber ein paar Minuten mehr konnte sie ihm ja gönnen.

„Um Gottes Willen, wie lange dauert der Beitrag denn noch?“, stöhnte sie. „Das ist ja schlimmer als bei einem alten französischen Spielfilm, alle fünf Minuten ein Schnitt und ansonsten ne Kameraeinstellung wie beim Standbild. Passieren tut auch nix.“

„Schon mal den Zauberberg gelesen, von Thomas Mann?“, fragte Patrick amüsiert.

„Wozu?“, fragte sie angriffslustig. „Ich habe eine gute Zusammenfassung gelesen, jetzt weiß ich alles Wesentliche, was drin steht: Einer kommt wegen Lunge ins Sanatorium, sein Vetter kommt ihn besuchen, bleibt da und wird auch lungenkrank. Der erste Vetter stirbt, der zweite ist nach sieben Jahren geheilt und nebenbei geht es um Weltpolitik und speziell um die politische Lage in Europa kurz vor dem 1. Weltkrieg. - Und jetzt heb‘ die Pausenfunktion auf, ich habe nicht ewig Zeit.“

„Dann musst du aber auch zuhören!“, insistierte Patrick und ließ den Beitrag weiterlaufen.

„Besonders interessant ist hier die die Rolle von Volker Beresin, der als Journalist auf der Gehaltsliste der PERPETUUM stand...“ hörte man die Stimme der Moderatorin.

„Weiß ich doch.“, zischte sie und stürmte aus dem Haus.

Nichts sollte sie aufhalten. Sie fuhr so schnell es erlaubt war zu der ermittelten Adresse. Bloß nicht wegen überhöhter Geschwindigkeit in eine Polizeikontrolle geraten. Die würden womöglich den Sprengsatz entdecken und ihr Vorhaben vereiteln.

Sie parkte zwei Häuser weiter. Beresin wohnte in einem schicken Neubau, viel Holz, viel Glas. Saß gerade am Küchentisch, vor sich eine Tasse und einen Teller. Zweites Frühstück, vermutete sie. Letztes Frühstück, entschied sie. Vielleicht war die moderne Verglasung bombensicher. Aber das würde ihm nicht helfen. Sie deponierte den Sprengsatz vor der Haustür und legte die altmodische Lunte. Sie klingelte, ging auf Abstand und zündete. Er öffnete die Tür und im gleichen Augenblick ging der Sprengsatz hoch. Perfektes Timing. Da war noch ein Schatten gewesen neben Volker Beresin. War ihm bis zur Hüfte gegangen. Wohl ein Köter.

Zufrieden fuhr sie nach Hause. Das war erst der Anfang gewesen. Jetzt würde sie Patrick den Gefallen tun und sich den Beitrag auf dem Stick zu Ende ansehen.

„... Volker Beresin, der als Journalist auf der Gehaltsliste der PERPETUUM stand, war von seinem Arbeitgeber dort als verdeckter Ermittler eingesetzt worden. Das Bestechungsgeld floss in einen Fond für die Behandlung der im Zusammenhang mit dem AKW erkrankten Personen. Durch seinen mutigen Einsatz konnte er sämtliche Kontakte offenlegen und hat so dafür gesorgt, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden können...“

Sie stoppte den Beitrag. Hielt inne. Das konnte nicht sein. Stundenlang saß sie nur da und überlegte, ob sie sich alles noch einmal ansehen sollte oder ob sie das gar nicht ertragen konnte. Danach funktionierte sie einfach. Wäsche waschen, Arbeitsauftrag beenden, Lasagne in den Ofen schieben.

Gegen halb acht schaltete sie das Lokalfernsehen ein. Mehr aus Gewohnheit, denn um zu sehen, was über ihre Tat berichtet wurde.

„… Atomkraftgegner vermuten, dass Volker Beresin und seine dreijährige Tochter Opfer von Drahtziehern hinter dem PERPETUUM-Konzern wurden. Die Polizei ermittelt in sämtliche Richtungen.“

Detox

Es waren seit jeher die schönen Dinge, die sie liebte. Das Gefühl von fließender Seide auf frisch geduschter und duftend einbalsamierter Haut. Exklusiver Darjeeling aus hauchzarten Porzellantassen. Vollendete Blüten in dezenten, wohlproportionierten Vasen.

Er dagegen war eher ein Naturbursche. Liebte auch die Schönheit des Waldes, Vogelgesang, Sonnenaufgänge, Schwimmen in stillen Seen – aber für das Zarte und Zerbrechliche in geschlossenen Räumen fehlte ihm jedes Gespür. Nicht nur, dass er filigranes Porzellan achtlos zerbrach, empfindliche Stoffe falsch wusch und Bilder an der Wand ignorierte. Es war ihm noch nicht einmal peinlich. Für ihn besaß das alles keinen Wert.

Sie passten nicht zusammen. Sie wusste das und war dennoch an ihm zerbrochen. Sie war ihm immer aus dem Weg gegangen, weil sie von Anfang an ahnte, dass es so käme, wenn sie ihn an sich heran ließe.

Aber er hatte sich ihr wiederholt entgegengestellt, sie herausgefordert, ihre Aufmerksamkeit eingefordert und sie hatte ihn nicht zurückgestoßen. Wie hätte sie das auch tun können, so strahlend und eindrucksvoll wie er war?

Irgendwann war der Punkt erreicht. Der Point of no return. Sie hatte ihn in ihr Herz gelassen und damit die Kettenreaktion ausgelöst, die sie immer vermeiden wollte. Eine sehr kleine Zeit war sie hocherfreut über diese Entwicklung. Voller Zuversicht, Ideen, Tatendrang und Lebensfreude.

Als er ahnte, was er ausgelöst hatte, zog er die Bremse. Das war deutlich zu spüren, doch sie war schon zu weit gegangen, konnte nicht zurück, konnte nicht aufhören mit dem Hoffen und Sehnen – und jedes Mal zerbrach etwas in ihr. Am Ende fühlte sie sich ganz leer, beinahe ausgelöscht. Was blieb, war nur der Schmerz, der in sämtlichen Gliedern steckte.

Sie würde sich auflösen, langsam dahinsterben, etwas Anderes blieb ihr nicht übrig. Sie suchte nach der Wut, aber die Wut hatte sich auch aus dem Staub gemacht. Sie nützte ja auch nichts, brachte nur eine kurze Zeit Erleichterung, ein Hochgefühl des Wiedererstarkens, aber dann, wenn sie sah, dass sie trotzdem verloren hatte, war die Leere danach noch schlimmer, der Schmerz noch lähmender.

Mit letzter Kraft schleppte sie sich zur Arbeit. Sie würde einfach weiter funktionieren, bis sie umfiel oder eines Morgens nicht mehr aufwachte.

Und dann kam Susanne. Susanne die sich mit ihrem anlasslosen Selbstbewusstsein gern als Überlegene ausgab, obwohl sie kaum etwas vorzuweisen hatte. Die ihr immer Steine in den Weg gelegt hatte, ihre Pläne durchkreuzt, intrigant hintertrieben hatte, einfach aus Bosheit, weil sie ihr den Erfolg nicht gönnte. Susanne war seine älteste Freundin. Sie hatte er an sich herangelassen. Sie schätzte er und hielt unbeirrbar an der Verbindung fest. Susanne hatte ihn vergiftet. Nein, nicht mit Elixieren aus einer Phiole, auch nicht mit Magie oder Zaubersprüchen – aber sie hatte ihn geprägt, bearbeitet, nicht aus den Fingern gelassen, war verantwortlich für all die Blockaden, die dafür sorgten, dass er kaum einen Menschen wirklich an sich heran ließ.

Sie musste ihn von diesem Gift befreien, damit er wieder er selbst werden konnte. Susanne grinste breit. Hatte wieder einmal erfolgreich, etwas verhindert, was ihr viel bedeutet hätte. Damit war jetzt Schluss! Endlich kam die Wut zurück. Und mit der Wut die Kraft und die Zuversicht.

Als Susanne mit eingedrückter Hirnschale vor ihr lag, ausgeblutet und erstarrt, war die Wut verraucht. Und sie wusste wieder, dass sie nicht gewinnen konnte. Nein, jetzt hatte sie endgültig verloren.

Lyrischer Happen für den kleinen Hunger zwischendurch

LIEBELEI

Es ging der Halter Karsten Ströter

Gassi mit seinem Straßenköter

Von Weitem sah er Lieses Wonnen

sich schlüpfrig auf der Wiese sonnen.

Er wollte ihren Pöter kosten,

schickte den Köter auf den Posten.

Der Hund hingegen hatte Pläne:

tote Katzen, platte Hähne.

Und der Hund, der alte Schlappen

trug in seinem Schlund ‘nen Happen.

Trat mit der Tatze in den Kot

und machte dann die Katze tot.

Der Köter spürte Lieses Zorn,

den Ströter nahm sie auch aufs Korn.

So starb er selbst an Ströters Tic

und nahm sich eines Töters Strick.

Drum Obacht, wer der Liebe traut,

oft sind ja nur die Triebe laut.

Der Recke war nichts für die Liese,

wieder nur ein Leckeriese.

Ohne Männer lief es doch.

Die Liese grub ein tiefes Loch.

Dann warf sie einen Batzen Kalk

auf den toten Katzenbalg.

Abstinenz

„Warum hast du das gemacht?“, fragte ich Lilly.

Sie zuckte mit den Schultern. Wie blöd war ich eigentlich? Das war doch eine von den nutzlosen Fragen, auf die verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche nie eine Antwort hatten.

„Hat Alex dir etwas getan oder oder dich bedroht?“

„So ähnlich.“

„Kannst du mir das erklären?“

„Alex wusste was.“

„Etwas, das ein Geheimnis bleiben sollte?“

„Genau.“

„Was wäre denn so schlimm daran, wenn Alex dein Geheimnis ausgeplaudert hätte?“

„Kann ich nicht sagen.“

„Ich sag‘s keinem weiter.“

„Aber musst du doch. Sonst schmeißen die dich doch raus.“

„Scheiß der Hund drauf. Ich tu so als wenn ich‘s nicht weiß. Wenn du mal irgendwann behauptest, du hättest es mir erzählt, sage ich einfach, dass du dir das ausgedacht hast.“

„Okay.“

„Also?“

„Es ist wegen mir und Jakob.“

„Ihr seid zusammen?“

„Ja.“

„Und?“

„Jakob leitet doch die Theatergruppe. Und ich spiele nur mit.“

„Stimmt.“

„Und er ist ja achtzehn und ich noch nicht. Ist also verboten.“

„Laut Kirchengesetz.“

„Ja, genau.“

„Aber deswegen ist es ja keine Straftat. Die Kirche kann euch nicht verbieten, zusammen zu sein. Im schlimmsten Fall müsste Jakob als Mitarbeiter aufhören oder du müsstest die Gruppe verlassen.“

„Aber das will ich ja auch nicht.“

„Nein, aber darum hättest du nicht versuchen müssen Alex umzubringen.“

„Ich wollte ihn doch nur ausknocken. Vorübergehend.“

„Das wäre aber fast schief gegangen. Wenn dir einer eins mit der Flasche überzieht, da stehst du nur in Action-Kommödien wieder auf.“

„Was soll ich denn jetzt machen?“

„Dich mit deiner Gerichtshelferin beraten.“

Es machte mich wütend. So eine Verschwendung. Blinder Aktionismus planloser Leitungsebenen. Genau wie damals die Bundesregierung mit den Führungszeugnissen auch für Jugendliche. Führungszeugnisse, in denen aus Datenschutzgründen ohnehin nichts stand – selbst wenn sich etwas zugetragen hätte. Nur um zu zeigen, dass man etwas tat. Nur damit die Verantwortlichen schön ihre Westen weiß hielten. Das Fußvolk mochte dann den Dreck wegräumen. Junge Liebe wurde kriminalisiert. Aber einen wie Hans hielt das alles nicht auf. Die grauen Eminenzen genossen Immunität. Einer wie Hans kam weiterhin ungeschoren davon. Und Siegerin blieb die Ratlosigkeit.

Lockdown

So eine Scheiße. Wieso können wir nicht raus? Na wenigstens sind wir alle zusammen. Aber ich würde so gern mal wieder spazieren gehen, in der Sonne, durchs Gras laufen. Und der Lieferservice bringt immer nur diesen drögen, eintönigen Fraß, nichts Frisches, keine Vitamine, nichts mit Geschmack und Aroma.

Wo ist eigentlich Ronja? Die ist doch sonst immer die Erste morgens, die nach draußen will.

„Birk, hast du deine Schwester gesehen?“

„Wieso? Wir sind doch eh alle hier.“

„Und wo ist Ronja dann?“

„Wahrscheinlich noch im Bett.“

Das ist merkwürdig. Ronja schläft nie lange. Vielleicht ist sie krank. Ich seh‘ mal nach ihr.

Tatsache. Sie liegt noch im Bett. „Ronja, wach auch, die Sonne scheint.“ Na ja, bis zu uns dringt sie nicht ganz vor, aber man muss sein Kind ja irgendwie motivieren.

Oh Gott, sie ist ja ganz kalt! Und ganz starr! Und da ist ja Blut.

„Hilfe! Kommt alle her. Es ist was mit Ronja!“

„Was soll schon mit Ronja sein.“, erwidert Tipi. Typisch. Sie lässt nie ein gutes Haar an ihr.

Birk kommt ins Schlafzimmer. „Was ist denn mit ihr?“, fragt er besorgt. Ich will nicht, dass er seine Schwester so sieht. „Hol deine Mutter.“, herrsche ich ihn an. „Schnell.“

Elisabeth steht in der Tür. Sie zittert. Sie ahnt Schreckliches. Und es ist ja auch schrecklich. Da liegt ihr Kind, ihre einzige Tochter, kalt und starr und blutverschmiert.

Ein Schmerzensschrei entweicht ihrer Brust. „Ich weiß wer das war. „ flüstert sie. „Meine Schwester.“

„Welche?“, frage ich.

„Tipi natürlich. Wer sonst?“

„Wie kommst du darauf?“

„Sie hat Ronja schon immer gehasst. Schon als sie noch ganz klein war. Das niedliche Küken stahl ihr die Show. Tipi, die Schönste, von allen bewundert. Sie hatte Angst, dass Ronja ihr ihren Platz streitig macht. Sie hat sie gemobbt, alle anderen gegen sie aufgehetzt ihr nichts gegönnt. In letzter Zeit hat sie ständig behauptet, Ronja sei eine sexsüchtige Schlampe, die einfach jeden ranlässt, sogar ihren eigenen Vater und ihren Bruder.“

Ich weiß ja, dass Tipi eine Bitch ist. Aber auch eine verdammt schöne. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie unserer kleinen Ronja eine Konkurrentin gesehen hat, nicht in so einem schüchternen Backfisch.

„Ich glaube nicht, dass Tipi damit etwas zu tun hat. Das muss ein Eindringling von außen gewesen sein.“, sage ich.

„Typisch!“, schreit Elisabeth hysterisch. „Alle Männer gehen meiner Schwester auf den Leim. Wer soll denn hier eingedrungen sein? Wir waren doch alle da und es ist alles verriegelt. - Tipi! Komm sofort hierher und sieh dir an, was du angerichtet hast!

Kurz darauf kommt Tipi nach oben.

„WAS soll ich angerichtet haben?“, fragt sie ihre Schwester schnippisch.

„Mein Kind.“ schluchzt Elisabeth. „Ronja ist tot.“

„Das ist ja schrecklich.“, antwortet Tipi kühl. „Aber was habe ich damit zu tun?“

„DU hast sie totgeschlagen.“, schreit Elisabeth.

„So ein Quatsch!“, verteidigt Tipi sich. „Ich habe ihr höchstens heute Nacht ein paar getickt, weil sie so laut geschnarcht hat. Und das in ihrem Alter. Unfassbar. Ich kann nicht schlafen, wenn jemand schnarcht. Ich kriege schon so die Motten, weil wir hier alle aufeinander hängen und nicht raus können.“

„Gib es zu, du hast so lange zugeschlagen, bis du sie getötet hast.“

„Ach was.“, winkte Tipi ab. „Nur bis Ruhe war. Und jetzt reg dich nicht auf. Wird doch jetzt Frühling. Gibt bald wieder neue Küken.“

Lockdown-Challenges

MELLI: Neue Woche, neues Glück. Sportliche und musische Talente wurden unter Beweis gestellt. Ihr wart Held*innen des Stylings und diverser Performances. Erweist euch dieser Gruppe nun endgültig würdig, indem ihr etwas wahrhaft Großes vollbringt, gemäß dem Pfadfinder-Motto: Jeden Tag eine gute Tat. Erweist der Menschheit einen Dienst, der die Welt zumindest ein kleines bisschen besser macht. Und vergesst nicht, Euren Einsatz zu dokumentieren und zu posten. Mit Jesus Christus mutig voran!

ÖZGE: Kannst Du bitte, diese faschistoiden Jungschar-Sprüche unterlassen? ich kotz hier gleich ins Display! :-(

RAFI: Faschistoid? Allenfalls militaristisch.

ÖZGE: Schlimm genug. Auf jeden Fall zackig. Darauf reagiere ich algerisch.

DENNIS: Couscous oder Neinilewen?

ÖZGE: ???

MELLI: Dennis will wissen, ob du anfängst arabisch zu kochen oder arabisch zu morden.

ÖZGE: Ach so. Der Kalauer ist aber allgemein verstanden worden, oder?

MELLI: Ich denke doch.

RAFI: Yep.

DENNIS: Ja, klar. Allergisch, algerisch, da kann man schon mal die Wechstaben verbuchseln.

RAFI: Und was soll jetzt diese Challenge? Versteh ich nicht. Omas über die Straße oder Müll einsammeln?

ÖZGE: Auf jeden Fall keine Omas auf den Müll.

MELLI: Zum Beispiel, ja. Oder Geld spenden. Oder eine hässliche Wand mit einem Graffito verzieren. Oder eine Woche komplett auf Plastik verzichten.

*

RAFI: Hab‘ die Spülmaschine ausgeräumt. Mutter strahlt. Welt besser.

EMILY: Sexist.

RAFI: Wieso?

EMILY: Frag nicht.

*

RONNY: Katze gestreichelt. Ist jetzt total entspannt und findet alles schön.

RAFI: Muschi.

RONNY: Nee, die heißt Klara.

RAFI: Nicht die Katze.

RONNY: Doch. Die Katze heißt Klara.

RAFI: Ja, aber du bist die Muschi.

RONNY: Sexist.

RAFI: Ach leckt mich, Leute.

*

ÖZGE: Kaufe schon seit zwei Tagen nur noch bio, fair und regional. Komme ich jetzt in den Himmel?

MELLI: Bestimmt.

RAFI: Nee, in die Biotonne. Was machst Du eigentlich, Melli?

MELLI: Kommt noch.

EMILY: Bin unter die Förster gegangen. Hab‘ Erlen gepflanzt. Kommen mit langer Trockenheit, aber auch mit viel Nässe klar.

MELLI: Cool. Wo denn?

EMILY: In dem Waldstück oberhalb der Breeden, in dem die ganzen Fichten verreckt sind.

RAFI: Wie viele?

EMILY: Zehn, glaube ich.

*

MELLI: Die Woche ist fast um. Wie sieht‘s aus, Dennis?

DENNIS: Brauch noch ein bisschen. Und selbst?

MELLI: Auch so.

*

DENNIS: Hab‘ der Menschheit einen großen Dienst erwiesen und sie von Gundula Benecke befreit.

RAFI: Cool. Wie das denn?

DENNIS: Unfall.

ÖZGE: Träum weiter. Ich werde nie vergessen, wie sie „Lichter der Großstadt“ kaputtinterpretiert hat und mir ne Fünf reingewürgt, weil ich das Gedicht angeblich nicht verstanden habe.

DENNIS: Nun sind die Lichter der Großstadt für immer erloschen.

MELLI: Wer ist das denn?

ÖZGE: Deutschlehrerin. Dumm, eingebildet, grausam und hässlich.

DENNIS: Und tot.

RONNY: Nee echt jetzt? Ich hatte die in Erdkunde. War auch gruselig.

DENNIS: Jetzt ist Schluss mit Gruseln. Ich finde, ich sollte als Einziger zehn Punkte kriegen.

RONNY: Ich hätte sie ja am Kartenständer aufgehängt.

DENNIS: Zu viele Spuren. Und für den Kartenständer war selbst die Benecke zu schwer.

ÖZGE: Ich hätte sie unter Strom gesetzt.

DENNIS: Auch nicht schlecht. Hätte auch tolle Bilder gegeben.

MELLI: Ich glaube, Dennis muss zum Therapeuten. Der kommt gar nicht mehr raus aus der Nummer.

DENNIS: ;-)

EMILY: Das ist jetzt nicht mehr witzig.

RONNY: Wieso nicht? Ich mach mir gerade in die Hose vor Lachen.

EMILY: Ich bin hier gerade in der Zedernstraße. Überall Polizei und ein Leichenwagen.

RONNY: Echt jetzt? Welche Nummer?

EMILY: Na bei Frau Benecke.

ÖZGE: Ach du Scheiße!

EMILY: Das Geländer vom Balkon hat sich selbstständig gemacht. Da muss jemand runtergekracht sein.

DENNIS: Schick mal Fotos.

EMILY: Geht‘s noch?

DENNIS: Ist nur wegen der Punkte.

EMILY: Wegen welcher Punkte?

DENNIS: Für die Challenge.

MELLI: Dennis, du machst mir Angst.

DENNIS: Warum das denn? Die Menschheit muss nicht von dir befreit werden. Was war denn nun dein Beitrag?

MELLI: Wir können doch jetzt nicht einfach so weitermachen.

RONNY: Nee, mit solchen Spielchen will ich nichts zu tun haben.

Ronny hat die Gruppe verlassen.

ÖZGE: Dennis, du musst dringend zum Arzt. Und ich hab‘ echt keine Zeit für so kranke Scheiße.

Özge hat die Gruppe verlassen.

RAFI: Und ihr regt euch auf über Sexismus.

Rafi hat die Gruppe verlassen.

DENNIS: Spielverderber. Auf diese Freunde sollte man nicht setzen.

Dennis hat die Gruppe verlassen.

EMILY: Nur mal so aus Neugier: Was war denn nun dein Beitrag?

MELLI: Eigentlich Kuchen backen und verteilen. Jedem sein Anfangsbuchstabe.

EMILY: Und uneigentlich?

MELLI: Polizei informieren.

Darmowy fragment się skończył.

Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
120 str. 1 ilustracja
ISBN:
9783754180716
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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