Czytaj książkę: «Das nächste Mal bleib ich daheim»
CLAUDIA ENDRICH
DAS NÄCHSTE MAL
BLEIB ICH DAHEIM
UMWELTBEWUSSTSEIN IM GEPÄCK

Für uns alle, die meistens das Beste wollen,
deshalb aber oft etwas ganz Dummes tun.
»Wenn man für ein paar Tage die Möbel umstellt, kann
man ganz billig Urlaub machen.« - Das Känguru
(Marc-Uwe Kling: »Das Känguru-Manifest«, Kapitel 5)
INHALT
Ende, Anfang und Mittelpunkt einer Reise
Ankunft in Lima
Gringo Ground Zero
Unser neues Zuhause
Nach Hause telefonieren
Das VW-Bus-Klischee und warum es völlig verlogen ist
Der Berg ruft
Exchange Students
Frei & willig um die Welt
Süchtig nach Arbeit
Fremde Welten
Klaus
Ungerechtigkeiten
Backpacking
Clandestina
Forschungsreise
Touristen auf der Flucht vor Touristen
»Endlich« Urlaub
Wahre Weihnachten
Besuch
Regenwald
Enttäuschungen
Grenzgänger
Columbia
Big City Life
Karibik
Menschliche Wüste
Der nicht ganz einsame Strand
Überdruss
Der letzte Flug
Heimkommen
Epilog
Glossar
Literaturverzeichnis
EINPACKEN
ENDE, ANFANG UND MITTELPUNKT EINER REISE
Ich hasse Flughäfen. Ganz ehrlich, wer verbringt gerne seine Zeit an diesen Orten der menschlichen Entwürdigung, wo dem durchschnittlichen Bobo der westlichen Welt – also Menschen wie mir – alles vorenthalten wird, was ihm lieb und teuer ist? Effizienz, Komfort, Freiheit, unverpackte Bio-Fairtrade-Lebensmittel und natürlich: unlimitiertes WIFI. Um es mit Marc-Uwe Kling zu sagen: »Flughäfen sind die Versuchslaboratorien unserer Gesellschaft. Dort wird ausgetestet, was sich die Menschen alles bieten lassen.«1 Überteuertes, in Plastik gehülltes Industrieessen, unbequeme oder gar keine Sitzmöglichkeiten, ewige Wartezeiten und Kontrollen, Kontrollen, Kontrollen. Flughäfen sind die höchste Form der Nicht-Orte, wie Marc Augé diese Durchgangsräume des Lebens bezeichnet.
Der Aeropuerto de Madrid bildet in alldem keine Ausnahme, stelle ich fest. Nachdem ich mich mit meinen zwei riesigen Rucksäcken mit der U-Bahn hergequält habe, stehe ich nun am Check-in-Schalter der Billigairline, die als einzige einen Direktflug von Europa nach Lima angeboten hat, Schlange. Die Dame am Schalter verlangt von mir eine Ausreisebestätigung, da ich nur den Hinflug gebucht habe. »No tengo … pero no necesito eso, no?«, versuche ich in meinem etwas unsicheren Spanisch zu erklären. Gesetzlich nein, bei dieser Fluglinie ja, erklärt sie mir. Na super. Sie schickt mich zu einem jungen Franzosen mit Rucksack, der neben dem Check-in-Schalter bereits nervös in sein Handy tippt. Er hat das gleiche Problem und wir buchen online beide kurzerhand eine Busreise von Peru nach Bolivien in drei Monaten. Fünf Minuten später halte ich der Dame die Reservierungsbestätigung vor die Nase und sie ist zufrieden. Weitere fünf Minuten darauf storniere ich die Buchung wieder. Was für eine sinnfreie Aktion. Ich habe jetzt schon keine Lust mehr auf diese Reise. Am Securitycheck soll ich meine Schuhe ausziehen. Solche unangenehmen Momente gehen inzwischen spurlos an mir vorüber, da sage noch einer, wir stumpfen bei allem nicht früher oder später ab.
Es folgt die Passkontrolle. In diesen Momenten muss ich immer an Stefan Zweig denken, der sich eine Welt ohne Grenzen und ohne Pässe gewünscht hat. Ich wäre sofort dabei. Am liebsten würde ich die pflichtbewusste Grenzpolizistin in ihrem Glaskasten in ein Gespräch verwickeln: »Wussten Sie, dass es Reisepässe eigentlich erst seit gut hundert Jahren gibt? Davor konnten sich die Menschen in Europa völlig frei bewegen, ganz ohne ihre Identität beweisen zu müssen. In Wirklichkeit ja auch absurd, dass jemand seine Identität beweisen muss. Ich stehe ja hier, das beweist doch schon, dass ich existiere und jemand bin, oder? Wie denken Sie darüber?« Ich vermute, ihr Gesichtsausdruck wäre als Antwort ungefähr genauso gleichgültig wie jener, mit dem sie mir nun eine gute Reise wünscht. Endlich erreiche ich mein Gate. Mit der von meinem Vater anerzogenen Überpünktlichkeit an Flughäfen komme ich hier normalerweise schon eine Stunde vor dem Abflug an, diesmal sind es nur noch fünfzehn Minuten bis zum Boarding. Aber wann hat ein Boarding schon jemals pünktlich begonnen? Ich habe also noch etwas Zeit, um mir einen Kaffee zu holen. Welche Optionen gibt es in Sichtweite? Natürlich nur Starbucks. Ich zögere. Diesem verantwortungslosen Konzern mein Geld geben, auch nur für einen einzigen Kaffee? Es schmerzt mich innerlich und ich beneide die Menschen rund um mich, die anscheinend völlig ohne schlechtes Gewissen ihre Bestellung aufgeben. »Jetzt dafür erst recht!«, denke ich mir und bestelle den über der Kasse angepriesenen neuen »Cappuccino Freddo«. Ich freue mich auf meine koffeinhaltige, neoliberalistische Sünde, und als schließlich mein Name von der Theke erklingt – »Claudia?« –, hole ich mir gleich die Strafe für diese Entscheidung ab. Plastikbecher, Plastikdeckel, Plastikstrohhalm. Doch das Schlimmste ist der Inhalt: fünfundachtzig Prozent Eis, vierzehn Prozent Milch, maximal ein Prozent Kaffee. Die dicht gedrängt liegenden Eiswürfel erlauben mir kaum, die überteuerte Plörre mit dem Strohhalm durchzumischen. Nach nur zwei Minuten ist der »Cappuccino« weg, das ganze Eis noch da und ich pfeffere den großen Haufen an Energie- und Ressourcenverschwendung frustriert zu den anderen hundert Bechern in den Mülleimer. »Nie wieder Starbucks, auch nicht am Flughafen«, schwöre ich mir. Die nächste Schlange erwartet mich beim Boarding. Warum wandern wir eigentlich immer freiwillig durch diese leeren, s-förmigen Wartelinien? Angeblich sollen sie Ordnung schaffen, vor allem aber stellen sie den maximalen Gehweg auf minimalem Raum her. Während ich warte, habe ich viel Zeit, um den Gesprächen rund um mich zu lauschen. Die deutsche Familie freut sich, dass der Flug so billig war. Müssen die ihr eigenes Klischee echt unbedingt bestätigen, wenn ich gerade zuhöre? Ein paar peruanische Rich-Kids, geschniegelte Jungs um die siebzehn mit Polohemden und neuen iPhones, reden über Chicas und die Eliteschulen in Frankreich, die sie kürzlich anscheinend besichtigt haben. Die Frau, neben der ich schließlich im Flieger meinen Platz finde, erklärt am Telefon auf Spanisch noch schnell jemandem ein Kochrezept. Der Flugzeug-Oldtimer ruckelt ordentlich beim Start, die Frau neben mir bekreuzigt sich. Mir ist das Ruckeln aber genauso sympathisch wie die Tatsache, dass man sich am Bildschirm keine Filme aussuchen kann, sondern dass einfach alle denselben sehen. Alles mutet fast schon kommunistisch an, und ich stelle mir vor, wie ich später einmal meinen Enkeln erzählen werde: »Früher gab es beim Fliegen halt nicht mehr! Damals sind wir beim Start und bei der Landung noch richtig nervös geworden.«
Die nächsten zwölf Stunden habe ich nun Zeit, mich auf diesen neuen Lebensabschnitt zu freuen. Sieben Monate Südamerika – und ich habe tatsächlich keine Lust darauf. Ich war in meinem jungen Leben bereits wirklich genug auf Reisen, und in diesem Kalenderjahr für meinen Geschmack schon zu viel. Wie es sich für die junge, vielsprachige Europäerin von heute gehört, habe ich zwischen zwanzig und fünfundzwanzig unter anderem eine Interrail-Reise, ein Erasmus-Austauschsemester und ein Volontariat in Afrika gemacht. Ich bin im Freundeskreis für meine Reiseversessenheit bekannt, werde von manchen darum beneidet und verwirre viele mit der Unzahl meiner Reisepläne. Bekannte, die ich nur alle paar Monate treffe, sind meist ganz überrascht, dass ich überhaupt gerade in Österreich anzutreffen bin. Das vergangene halbe Jahr habe ich zum Abschluss meines Studiums in Kanada verbracht. Und seit ich Ottawa vor einem Monat mit fünfunddreißig Kilogramm Gepäck verlassen habe, habe ich den Segen unserer Mobilität zu verabscheuen gelernt. Mit dem Zug nach Toronto, mit dem Bus durch die Großstadt, mit dem Flieger über Island nach München, Familie in Salzburg und Vorarlberg besucht, bei Freunden in Wien untergekommen und die Abschlussprüfung auf der Uni abgelegt, mit dem Zug nach Marseille zu Freunden, im Airbnb übernachtet, mit dem Bus nach Madrid, Couchsurfing, und jetzt, nur vier Wochen nach dem Abschied von Ottawa, bin ich hier. Ich sehne mich nach eigenen vier Wänden und einem Schrank, wo ich einfach nur mein Zeug hineinlegen kann. Wie der französische Rapper OrelSan schon erkannt hat: »Après avoir fait le tour du monde, tout ce qu’on veut c’est être à la maison.«
Ich war wahnsinnig stolz auf meinen Plan, mit dem ich meine Flugdistanz auf das minimal Notwendige, nur über den Atlantischen Ozean, reduziert habe. Doch ich muss auch zugeben, dass ich es während meines vierten Umstiegs am Bahnhof in Lyon langsam bereute, genauso wie mitten in der Nacht am Busbahnhof von Bordeaux, wo es schön dunkel war, wunderbar nach Urin duftete und ich aus Mangel an Nahrungsangebot über meine als Gastgeschenk gedachten Mozartkugeln herfiel. Umso stolzer berichtete ich Muriel, meiner früheren Mitbewohnerin aus Wien, bei unserem Treffen in Marseille von dieser Odyssee. Immerhin hatte ich ökologisches Denken im Grunde von ihr gelernt. Dementsprechend schockiert war ich, als ich erfuhr, dass sie selbst aus Brüssel mit dem Flugzeug hergejettet war, um mich zu treffen. Da hätte ich ja gleich selbst nach Madrid fliegen können. Wie zum Vorwurf berichtete ein Radiomoderator ihres Lieblingssenders eines Morgens, während wir auf dem Balkon unserer Airbnb-Unterkunft im Mistral-verwehten Marseille frühstückten: »Umweltforscher sagen, dass nur drei große Maßnahmen tatsächlich nachhaltig das Klima schonen: nicht Auto fahren, nicht fliegen und keine Kinder bekommen.«
»Also, Muriel, keine Kinder?«, lachte ich.
Muriel war sichtlich getroffen von meinem augenzwinkernden Vorwurf, das schlechte Gewissen war ihr deutlich anzusehen.
Dabei gehöre ich ja selbst zur schlimmsten Sorte, wenn es um das ökologische Gewissen geht. Die einen machen quasi alles richtig – vegan essen, Fahrrad fahren, unverpackt einkaufen oder NICHTS kaufen – und verurteilen jene, die das nicht schaffen, obwohl es doch »so leicht und so viel schöner« sei, während diese anderen permanent ein schlechtes Gewissen wegen ihres Lebensstils haben. Ich hingegen verurteile alle Menschen rund um mich herum für ihr unökologisches Verhalten und schaffe es selbst nur selten, konsequent zu sein. Ein Leben ohne Fleisch? Gerne weniger, aber bestimmt nicht ganz ohne. Ein Leben ohne Käse?! Da könnt ihr mich gleich erschießen. Und welche schöne Ausrede hatte ich also parat, um meinen anstehenden Flug um die halbe Welt zu rechtfertigen? Natürlich der einzige Grund, der immer erlaubt ist: die Liebe.

An jenem Morgen in Marseille beim Frühstück dämmerte mir langsam, dass das Fliegen selbst für die absoluten Ober-Ökos anscheinend eine eigene Kategorie darstellt. Ich begann zu recherchieren: Eine Umfrage in Deutschland im Jahr 2014 ergab, dass Menschen, die »Grün« wählen, am meisten fliegen. Und die Grün-Wählenden sind anscheinend auch die einzige Gruppe, in der tatsächlich alle schon einmal geflogen sind.2 Das habe ich davor nicht für möglich gehalten, doch nach längerem Nachdenken fand ich es wenig verwunderlich: Wer interessiert sich denn besonders für andere Kulturen? Wer spricht mehrere Sprachen? Wer ist häufiger akademisch ausgebildet und damit zu beruflichen und privaten Flugreisen privilegiert? Dabei wissen wir inzwischen auch, dass der Verzicht auf Flüge eine der wirkungsvollsten Entscheidungen ist, die eine Einzelperson treffen kann, um Emissionen zu reduzieren.3 Dazu kommt, dass bloß drei Prozent der Weltbevölkerung im Jahr 2017 und nur circa achtzehn Prozent aller Menschen überhaupt in ihrem Leben schon einmal geflogen sind.4 Ich werde in den kommenden Monaten so manch typisches Exemplar dieser Reisenden persönlich kennenlernen. Sie alle werden von meiner eigenen inkonsequenten Person, quasi auf Augenhöhe, für ihr Handeln infrage gestellt werden. Was ich wissen will, ist: Was treibt uns an, ständig unterwegs zu sein? Haben wir überhaupt ein Recht auf unendliche Reisefreiheit? Und lohnen diese Reisen sich überhaupt? Machen sie uns oder unseren Planeten in irgendeiner Form besser? Ich habe vor, bei anderen Travellern genauso wie bei mir selbst knallhart und ehrlich hinzusehen, ohne Facebook- und Instagram-Filter, und herauszufinden, ob und wem diese vielen Flugreisen tatsächlich etwas nützen.

Als Teil dieser gewissenlosen, elitären drei Prozent der Menschheit sitze ich jetzt also gerade in einem Flugzeug, das mich in zwölf Stunden von Spanien nach Peru bringen wird, und freue mich nicht einmal so richtig darüber. Doch, ich freue mich schon ein bisschen, denn in Lima erwarten mich zwei Dinge, die ich bereits schmerzlich vermisse: die eigenen vier Wände, inklusive Schrank statt Rucksack, und Tom.
1 Kling, Marc-Uwe: Die Känguru-Offenbarung, Ullstein, Berlin 2014
2 www.boell.de/sites/default/files/oben_flugbroschuere_160603.pdf?dimension1=ds_fliegen (16.03.2018)
3 iopscience.iop.org/article/10.1088/1748-9326/aa7541#erlaa7541f1 (06.01.2019)
4 www.dw.com/de/der-klimawandel-und-das-fliegen/a-42094220 (16.03.2018)
ANKUNFT IN LIMA
Als ich in Lima ankomme, bin ich müde. Meine innere Uhr sagt mir, dass es bereits mitten in der Nacht ist, doch auf dem Weg hierher haben sich die Uhren sechs Stunden zurückgedreht. Tom erwartet mich inmitten einer Menge von Taxifahrern mit Namensschildern und strahlt. Ich strahle zurück, wir küssen uns. Obwohl ich ihn in den vergangenen sechs Monaten regelmäßig auf Skype oder FaceTime gesehen habe, hätte ich ihn mit seinem dichten Bart und den langen Haaren fast nicht erkannt. Es ist ein beruhigendes Gefühl zu wissen, dass die technischen Hilfsmittel den echten Anblick nicht vollständig ersetzen können. Doch eines ist bestimmt durch den ständigen Online-Kontakt anders geworden: Alles ist sofort wieder vertraut, wir sprechen so miteinander wie noch vorgestern am Telefon, er fragt »Wie war der Flug?« und ich erzähle entnervt von meinem Starbucks-Desaster. Kitschige Wiedersehensszenen à la Fünfzigerjahrestreifen, ungläubige Blicke, dass die andere Person tatsächlich noch am Leben ist und die geschriebenen Briefe doch nur in der Post verloren gegangen sind, so etwas gibt es heute nicht mehr.
Wir steigen in ein Taxi, Tom spricht inzwischen fließend Spanisch und verhandelt souverän mit dem Fahrer den Preis. Als wir durch das lärmende, blinkende und stinkende Großstadtchaos Limas fahren, steigen in mir Erinnerungen an Dakar hoch. Die halb auseinanderfallenden Autos, die die Straßen Limas verstopfen, unterscheiden sich von jenen in Dakar nur dadurch, dass sie statt aus Europa aus den USA hierhergebracht werden, wenn sie den westlichen Sicherheitsstandards nicht mehr entsprechen. Alle hupen, versuchen inmitten der Autokolonnen Softdrinks oder Kekse zu verkaufen, verschließen ihre Autotüren von innen vor mutmaßlichen Dieben. Die Werbetafeln und Aushängeschilder rundherum sind die gleichen wie bei uns: Visa, Mercedes, Coca-Cola, Multiplex-Kino, McDonald’s. Ich bin eher unbeeindruckt und beschäftige mich mehr mit Tom als mit dem, was rundherum passiert. Ist es nicht absurd, dass ein so ferner, fremder neuer Ort mich mit fünfundzwanzig Jahren nicht einmal mehr überrascht oder schockiert? Auch diese alten Szenen, mit großen Augen an der Fensterscheibe klebend, etwas beobachtend, was man noch nie zuvor nur annähernd gesehen hat, auch das gibt es für die Privilegierten unserer Generation kaum mehr. Ich erinnere mich an Ta-Nehisi Coates, der in seinem Buch »Between the world and me« erzählt, wie faszinierend und augenöffnend sein erster Besuch in Paris für ihn war, einen jungen, mittellosen Schwarzen aus den USA. Ich würde in diesem Moment gerne noch einmal so staunen können, wie er es beschreibt. Mittendrin in dieser mir viel zu vertraut wirkenden elf Millionen großen, vom Betonboden bis zur Smogwolke grauen Megacity navigiert Tom den Taxifahrer zu unserer Wohnung, die er vor Kurzem für den Rest seines Studienjahres für uns beide gemietet hat. Er hat sich parallel zu seinen Semesterprüfungen voll ins Zeug gelegt, um noch eine Wohnung zu finden, bevor ich ankomme. Auch wenn ich ihm immer versichert habe, dass es mir nichts ausmachen würde, noch ein paar Wochen in seiner Studenten-WG zu wohnen, bin ich heilfroh, dass wir jetzt von Anfang an unser eigenes, kleines Reich haben.
Tom studiert Internationale Wirtschaftswissenschaften und entspricht absolut nicht dem Klischee des aufstrebenden Wirtschaftsstudenten, der gerne einmal Consumer Brand Manager bei Procter & Gamble werden will. Als ich ihn kennenlernte, damals war er noch Zivildiener, war das zwar schon absehbar, aber längst nicht so deutlich wie heute. Durch sein Studium hat Tom bisher vor allem ganz genau herausgefunden, was er NICHT mit seinem Leben machen möchte. Er jagt nicht einem konkreten Karriereziel hinterher, sondern sucht meistens Antworten auf die großen, schwierigen Fragen unserer Menschheit: Wie schaffen wir mehr Frieden? Wie bekämpfen wir Armut und Umweltverschmutzung? Wie gelangen wir zu einer gerechteren Welt? Dabei macht er sich wenig Gedanken darüber, ob er bei den Lösungen eine tragende Rolle spielen wird, und genau dafür liebe ich ihn. Das Austauschstudium in Peru hat seine Ansichten über unsere ungerechte Welt nur noch mehr bestärkt, und die neue Langhaarfrisur ist in Wirklichkeit ein längst überfälliger modischer Ausdruck seiner alternativen, sozialkritischen Ansichten – auch wenn dieser Look momentan leicht mit dem eines stinknormalen Hipsters verwechselt werden kann. Wenn er mit seinen ausgelatschten Ledersandalen und einem bunten Stirnband durch Lima spaziert, erinnert er mich eher an einen modernen Jesus. Vielleicht auch, weil er das wirklich einmal zu mir gesagt hat, als ich während eines Sommerurlaubs zögerte, in Flip-Flops eine Kirche zu betreten: »Wenn dich jemand schief anschaut, dann denk einfach daran: Jesus hat immer nur Sandalen getragen.«
Nachdem wir nun unsere neue Wohnung betreten haben, gibt es für mich nichts Schöneres, als einfach nur ein paar meiner Habseligkeiten in den Schrank zu legen und zu wissen: Hier dürfen sie jetzt ein paar Monate bleiben. Gleichzeitig packe ich einen meiner zwei Rucksäcke schon wieder zusammen, denn in nur zwölf Stunden werden wir schon wieder am Flughafen von Lima sein. Diesen zugegebenermaßen größten Quatsch aller Zeiten hat Tom sich einfallen lassen, damit wir seinem Vater, der gerade zu Besuch ist, den Traum erfüllen können, den Machu Picchu zu besichtigen. Eine fünfundzwanzigstündige Busfahrt kommt für den alten Herren, wenn er auch noch sehr rüstig ist, nicht infrage, also fliegen wir in die Andenstadt, von der aus man zu diesen so berühmten Inka-Ruinen gelangt. Mir ist es jetzt, da ich wieder neben Tom einschlafen und aufwachen kann, relativ egal, wo das dazugehörige Bett steht und wie wir dorthin gelangen. Trotzdem habe ich mir fest vorgenommen, dass dies der letzte Kurzstreckenflug meines Lebens werden wird.
GRINGO GROUND ZERO
Noch ehe mein Jetlag richtig einsetzen konnte, sitze ich also bereits wieder im Flieger und betrachte durch die Fenster die imposanten Berggipfel der Anden unter mir. Wenn uns niemand sagen würde, dass hier alles ungefähr 2000 Meter höher ragt als in den Alpen, dann könnte diese Landschaft genauso gut daheim vor unserer Haustür liegen. Beim Warten auf unser Gepäck am Förderband hören wir plötzlich eine unverkennbar österreichische Stimme hinter uns: »Na he, des gibts jo jetzt echt ned, oda?« Ich drehe mich um und sehe zwei junge blonde Mädels mit den klassischen Traveller-Rucksäcken und Bergschuhen vor uns stehen. Nachdem Tom sie lachend begrüßt hat, erfahre ich, dass er mit den beiden Schwestern zur Schule gegangen ist. Eine der beiden macht derzeit den gleichen Studienaustausch wie er, allerdings in Brasilien. Aber »wenn man schon mal da ist«, kann man ja auch gleich noch 4000 Kilometer an die andere Küste Südamerikas fliegen, um mit seiner Schwester den Machu Picchu zu besuchen. Dass wir uns nun hier am Flughafen treffen, halten alle für einen unglaublichen Zufall. Doch seit ich gelesen habe, dass nur drei Prozent der Weltbevölkerung jährlich fliegen, ist mir klar, dass das mit Zufällen rein gar nichts zu tun hat. Ständig erzählen mir Leute nach einer Reise, dass sie zufällig der Arbeitskollegin des Anwalts ihres Onkels, die im Nachbardorf lebt, irgendwo auf einer Safari in Südafrika begegnet sind. Begeistert kreischen dann alle und stellen philosophisch fest: »Wie klein die Welt doch ist!« Doch da unterläuft uns ein grober Denkfehler. Nur die Welt derer, die sich diesen Lebens- und Reisestil leisten können, ist verdammt klein. Die anderen siebenundneunzig Prozent der Weltbevölkerung hätten garantiert keine Bekannten auf dieser Safari getroffen – es sei denn, sie sind Arbeiter im Safaripark.
Wir erreichen das Stadtzentrum dieser touristischen Hochburg Perus, ein fein säuberlich herausgeputztes koloniales Städtchen mit allen Angeboten, die das Gringo-Herz begehrt: Mit Sicherheitszäunen umgebene Hostels mit eigenem Irish Pub, spottbilligen Massagesalons, Boutiquen bekannter Sportartikelmarken, in denen man sich für das geplante Anden-Trekking ausrüsten kann, und kleine Hipster-Cafés mit 500 Zubereitungsarten ihres »Organic Coffees«. Ich frage mich: Gefällt das tatsächlich irgendjemandem, diese offensichtlich verwestlichte, unauthentische Altstadt, oder nehmen das alle nur in Kauf, weil nun mal jeder dieselbe Sehenswürdigkeit besuchen will? Anscheinend gefällt dieser geschützte Kokon den meisten, denn sobald wir den Stadtkern verlassen und in die heruntergekommenen Vorstädte spazieren, findet sich kein einziger Tourist mehr. Dafür Müllberge, unverputzte, aber bewohnte Rohbauten, ein Verkehrschaos voller alter Rostlauben und sehr viel Armut. Ein bisschen peruanische Realität darf auch auf dem Hauptplatz der Stadt auftreten: Gerade findet ein dreißigtägiger Streik der Lehrkräfte statt, denn nach fünf bis sechs Jahren akademischer Ausbildung verdienen Lehrerinnen und Lehrer in Peru umgerechnet etwa 350 Euro. Ein Polizist bekommt nach zehn Monaten Ausbildung mehr als dreimal so viel. Der Hauptplatz ist für die Demonstrierenden großräumig abgeriegelt – »para no molestar a los gringos«. Für die Peruaner sind nicht nur US-Amerikaner Gringos, sondern alle weißen Touristen, und die sollen natürlich möglichst wenig gestört werden. Die Gringos tragen selbst am meisten dazu bei, das möglich zu machen: Während ich begeistert mit den Demonstranten mitsinge: »No somos uno, no somos dos, hoy somos todos!«, bemerke ich, dass der Großteil der Touristen die Streikenden einfach ignoriert. Ein paar machen Fotos des Geschehens, einzelne sind verärgert, dass die Demonstranten ihr perfektes Fotomotiv des Hauptplatzes stören. Doch die meisten gehen vorbei, ohne die Protestierenden eines Blickes zu würdigen. Ich fühle mich genauso schuldig, denn was bedeutet schon ein bisschen Mitklatschen vom Straßenrand aus? Meine Reise in dieses Land nährt vor allem die peruanische Staatskasse, wo Geld unfair und korrupt verteilt wird. Das gilt leider für die meisten Reiseziele, die für uns Europäer so angenehm leistbar sind. Doch in den touristischen Pubs rund um den Hauptplatz kann man trotzdem an einem Abend leicht ausgeben, was ein Lehrer in Peru monatlich verdient. Wir bereuen es bald, ein solches Pub betreten zu haben. Im ganzen Lokal befinden sich, abgesehen von den Bedienungen, nur Gringos, überall wird Englisch gesprochen. Eine Gruppe von jungen Briten Anfang zwanzig unterhält sich lautstark und ausschweifend darüber, für welche organisierte Tour sie wie viel bezahlt haben. Niemand spricht davon, dass junge Peruanerinnen und Peruaner sich solch eine Reise nicht einmal ansatzweise leisten könnten. Niemand scheint sich daran zu stören, dass dieses Lokal mit dem realen Peru genau gar nichts zu tun hat. Die Kolonialzeit, die ist ganz offensichtlich nur auf dem Papier passé.

Das Hauptziel all dieser Gringos ist der Machu Picchu, eine riesengroße Inka-Ruine inmitten der Anden. Sämtliche Details zu dieser Geldmaschine lassen sich auf Wikipedia oder in jedem Reiseführer nachlesen, wesentlich ist: Alle wollen hin. Und darum ist das inzwischen ganz schön teuer, auch wenn es in Peru in Wirklichkeit fast an jeder Straßenkreuzung eine Inka-Ausgrabung zu bewundern gibt, für die sich aber kaum jemand interessiert. Jede Travel-Agency in der Stadt bietet geführte Trekkingtouren zum Machu Picchu an und jeder geschäftstüchtige Touristen-Informant erklärt dir, dass es viel zu gefährlich ist, diese Wanderung alleine anzutreten. Manche, so auch wir, versuchen es trotzdem und stellen fest, dass es problemlos möglich ist. Der wesentliche Unterschied liegt darin, dass wir unsere Campingausrüstung inklusive Zelt selbst tragen, auf- und abbauen und unser Essen selbst kochen. Während wir das tun, können wir bei den benachbarten Reisegruppen beobachten, wie die Gringos sich von den peruanischen Guides die Zelte aufbauen lassen, bekocht werden und tagsüber von Eseln und Pferden ihre Rucksäcke tragen lassen. Anders gesagt: Wer ohne Reisegruppe loszieht, überlegt es sich zweimal, ob er das Stativ seiner Spiegelreflexkamera einpackt. Der Besuch des Machu Picchu selbst ist eine reine Massenabfertigung, die den streitsüchtigen, verschlossenen Inkas wohl gar nicht gefallen hätte. Kein Wunder, denn täglich werden fast 3000 Personen hier durchgeschleust. Jeder Taxifahrer in Lima wird uns später fragen, ob wir den Machu Picchu besucht haben und stolz anmerken, wie beeindruckend dieser Ort sei. Die meisten gestehen im weiteren Gesprächsverlauf, dass sie selbst noch nie dort waren. Tom erzählt mir, dass für die meisten Peruanos der Besuch ihres größten Kulturerbes ein lebenslanger, kaum erfüllbarer Traum bleibt. Mir wird fast übel, wenn ich die fotografierenden Horden mit Selfiesticks betrachte, denen dieser Ort weit nicht so viel bedeutet – mich eingeschlossen – wie den vielen Menschen, die ihn wohl nie zu Gesicht bekommen werden. Auch wir warten brav, bis wir an der Reihe sind, um das klassische Foto mit der Machu-Picchu-Kulisse im Hintergrund zu machen, das ich schon tausendfach auf Facebook und in den Reiseberichten meines Vaters gesehen habe. Ich sende das Foto auch bald meinen Eltern via WhatsApp und ernte von Papa ein mit grinsendem Emoticon versehenes »Das kommt mir bekannt vor!« als Antwort. Für die meisten Backpacker in Peru ist dieser so besondere Ort nicht mehr als ein »nettes Must-see« auf ihrer Reise. Für mich ist dieser Besuch ein imposanter Einstieg in die peruanische Welt, doch es ist gewiss kein authentischer erster Eindruck. Ich fühle mich in dieser Touristenzone alles andere als nützlich. Wem bringt es irgendetwas, dass ich diese uralten Inka-Steine live gesehen habe? In Anbetracht der Lebensverhältnisse nur wenige hundert Meter von den Touristenzentren entfernt kann ich nicht glauben, dass ich etwas Gutes tue, nur weil ich mein Geld hierhertrage. Monate später werde ich Menschen, Lebensrealitäten und Wesensarten dieses Landes kennengelernt haben und den Machu Picchu nur als eines in Erinnerung behalten: als Touristenmagnet, der die Gringos von dem ablenkt, was dieses Land wirklich ausmacht.
AUSPACKEN
UNSER NEUES ZUHAUSE
Als wir uns nach zwei Wochen Andentour von Toms Vater am Flughafen verabschieden und ohne ihn mit dem öffentlichen Bus nach Lima zurückkehren, bin ich nach zweiundzwanzig Stunden Fahrt und nach eineinhalb Monaten des Reisewahnsinns mehr als erleichtert, endlich, endlich in meinem neuen Zuhause anzukommen. Für peruanische Verhältnisse ist die Wohnung ein wahrer Palast, frisch renoviert, mit Balkon und gut abgesichertem Eingangstor. Tom hat sie spärlich, aber sehr liebevoll und völlig ausreichend möbliert, mit einer Mischung aus Ausgeliehenem, Gebrauchtem und Selbstgebasteltem aus Altholz und Gemüsekisten vom Markt. Was bei uns als hip gelten würde, ist hier einfach nur gesunder Menschenverstand. Stolz präsentiert Tom mir den kleinen rosa Handspiegel, den er im ansonsten spiegellosen Badezimmer für mich installiert hat. Wir finden unsere Upcycling-Regale und die schon etwas von Termiten befallenen Schränke großartig und freuen uns allgemein, dass wir in den nächsten Monaten extrem energiesparend leben werden: So wie alle in Peru haben wir einen Gasherd, Heizungen gibt es hier nicht, Warmwasser ebenso nicht. Das kalte Duschen ist etwas gewöhnungsbedürftig, vor allem bei sechzehn Grad Tagestemperatur. Wir entscheiden uns außerdem gegen die Anschaffung eines Kühlschranks – vier Monate werden wir es wohl ohne aushalten. Dafür müssen wir akzeptieren, dass es in Peru praktisch keine Mülltrennung gibt. Mit etwas Mühe und viel Nachfragen erfahren wir nach einigen Wochen, dass es eine Sammlung für Recyclingmüll gibt. Die Abholzeiten der Müllsäcke sowie das vorherrschende Trennungssystem durchschauen wir bis zum Schluss nur schwer. Lima versinkt im Plastik. Jedes Gewürzsäckchen wird nochmals in ein Plastiksäckchen verpackt, sich gegen das Einpacken oder sogar doppelte Einpacken zu wehren, ist oft mühsam oder unmöglich. Die Bea Johnsons der heilen Zero-Waste-Welt behaupten immer, verpackungsfrei einzukaufen sei total einfach. In Ländern, wo alles auf Märkten verkauft wird, noch viel leichter. Ich schäme mich also für meine Inkonsequenz, dass ich zwar versuche, früh genug »Sin bolsa, por favor« zum Verkäufer zu sagen, aber dann nicht protestiere, wenn er aus jahrelanger Gewohnheit zum Plastiksack greift. Tom tröstet mich zwinkernd: »Wir brauchen die sowieso als Müllsäcke.« Ich schaue ihn daraufhin nur strafend an. Manchmal marschiere ich ganz stolz mit einer Tupperdose zum Laden an der Ecke und lasse mir Frischkäse vom großen Laib herunterschneiden, reiche die Dose über den Tresen und bitte die Verkäuferin, den Käse dort hineinzugeben. Als ich die Dose zurückbekomme, liegt der Käse darin – in einer Plastikfolie. Mit der Zeit wird es besser, denn ich kenne die Leute, bei denen ich einkaufe, ihre Gewohnheiten und weiß, wie ich es anstellen muss, damit ich zu meiner verpackungsfreien Ware komme. Und so kapiere ich auch: Am ökologischsten und ressourcenschonendsten ist Routine. Überall, wo ich neu und fremd bin und die Alternativen noch nicht kenne, muss ich das Angebot zuerst so nutzen, wie ich es vorfinde. Nach über einem Monat in Lima erfahren Tom und ich von einem wöchentlichen Biomarkt in unserer Nähe, bei dem wir von da an regelmäßig einkaufen gehen.
Avenida Jirón Libertad Número 683, das ist unsere erste gemeinsame Wohnung. Wir genießen die Zweisamkeit, die wir lange vermisst haben. Trotzdem ist das halbe Jahr, das Tom und ich getrennt voneinander verbracht haben, wie im Flug vergangen. Mir kommt es vor, als hätte ich gerade erst gestern am Flughafen in Ottawa unter tausend Tränen von Tom Abschied genommen, und doch haben wir beide in der Zwischenzeit so vieles erlebt. Es ist meine Idee gewesen, zeitgleich einen Studienaustausch an verschiedenen Orten zu beginnen. Ich fühlte mich durch meine vielen Reisen und einen Vorsprung von zwei Lebensjahren bemüßigt, eine Grundregel aufzustellen: Die Erfahrung, allein in einem fremden Land nur unter fremden Leuten zu sein, die darf auch Tom nicht auslassen. Zu prägend, zu lebensverändernd war das für mich selbst. Der ideale Plan kristallisierte sich nach und nach heraus: Tom würde mit mir nach Kanada fliegen und den ersten Monat mit mir verbringen, um dann nach Peru weiterzureisen. Nach einem Semester würde ich nach Peru kommen und die restliche Zeit dort mit ihm verbringen. Wir dachten an all die Vorteile unseres Reisemanövers: Wir würden das neue Umfeld des jeweils anderen kennenlernen, einander gut verstehen, wenn wir emotional Ähnliches durchleben, und niemand würde sich zu Hause sitzend im Stich gelassen fühlen. Das alles trug wirklich zum Erfolg unserer Fernbeziehung bei, doch der wesentlichste Punkt wurde mir erst bewusst, als ich die wenigen Wochen zwischen Kanada und Peru in Europa verbrachte: Zwischen Ottawa und Lima lag nur eine Stunde Zeitunterschied. Ein halbes Jahr lang erreichten Tom und ich uns praktisch problemlos abends vor dem Schlafengehen auf Skype. Während ich drei Wochen in Österreich war und die Zeitverschiebung plötzlich sechs Stunden betrug, sprachen wir viel seltener miteinander. Oft blieb dann eine Person enttäuscht zurück, wenn das Gespräch abrupt endete, weil der oder die andere noch etwas vorhatte. Da wurde mir klar, was uns außer unserer Liebe durch diese Zeit getragen hat – eine simple Uhrzeit, die es uns ermöglichte, trotzdem gemeinsam durch den Alltag zu gehen.
Tom zeigt mir sein Lima, all das, wovon er mir auf Skype erzählt hat, und ich fühle mich in den ersten Wochen als Besucherin, die diese fremde Stadt besichtigt. Es ist eine Stadt voller Ruß und Dreck, voller Lärm und Lichter, voller Flugzeuge, die man zwar ständig hört, aber vor lauter Smog nicht sieht. Eine Stadt voller Möglichkeiten, die man sich entweder nicht leisten kann oder zu denen man zu spät kommt. Eine Stadt voller Armut und extremem Reichtum, voller Alarmanlagen und Mauern um die Häuser. Ein etwas verrückter Mann lebt in unserem Viertel, er spielt den Straßenartisten, ohne wirklich etwas zu können, hält die Autos auf, tänzelt und lächelt dämlich dabei. Dann winkt er allen lustig zu, und nächstes Mal sehe ich ihn an einer anderen Kreuzung mit einem riesigen Plastikflieger Kunststücke vorführen. Manchmal ist er auch mit einem riesigen Holzkreuz auf der Schulter unterwegs. Mit seinem langen, grauen Bart, den zerrissenen Kleidern und den Sandalen aus alten Autoreifen sieht er tatsächlich aus wie ein kurz vor der Pensionierung stehender Jesus. Die Leute halten ihn für verrückt. In dieser Stadt erscheint er mir ganz normal.

Nach und nach beginne ich, mich hier einzuleben. Die Frau vom Laden unten, der Bäcker gegenüber, der Bettler an der Straßenecke, die Leute kennen mich inzwischen und grüßen. Die Gringa fällt natürlich auf, nicht nur weil sie selten Plastiktaschen annimmt, sondern auch optisch. Alle sind freundlich zu mir. Wenige hier im Viertel dürften so zuverlässige Kunden sein wie ich, die junge weiße Frau, die noch dazu selten einen Preis nachverhandelt. Doch mit der Zeit lerne ich, mich auf dem Markt beim Kauf von Früchten und Gemüse nicht linken zu lassen und, wenn schon nicht den Preis der Einheimischen, dann doch zumindest einen besseren Preis als den üblichen Touristentarif zu bekommen. Als Tom wieder zur Uni muss, habe ich plötzlich wahnsinnig viel freie Zeit, allein. Mir beginnt aufzufallen, dass ich nun seit fast vier Wochen in Lima bin und immer noch kein einziges Mal die Sonne gesehen habe, weil der versmogte Winterhimmel hier konstant grau ist. Es wird Zeit, dass ich mir eine Beschäftigung suche, oder zumindest ein Hobby, einen Sport, Leute, denen ich mich anschließen kann. Auf Studentenpartys von Toms Uni lerne ich nach und nach Leute kennen, mein Spanisch ist dafür gut genug und Schüchternheit schon lange kein Thema mehr. Meine erste Frage, so wie überall, wo ich hinkomme, lautet bald: »Wo kann man hier tanzen gehen?«. Tanzen ist für mich wie atmen, es ist mein Ventil und meine Meditation. In Südamerika sollte es doch hoffentlich leicht möglich sein, andere Tanzbegeisterte zu finden. Doch auch das braucht Zeit, denn die Leute, die mir versprechen, mich in ein paar gute Clubs mitzunehmen, leben nicht nach mitteleuropäischem Terminkalender. Es dauert also ein paar Wochen, bis ich einige Tanzlokale kennenlerne und sie auch gut genug kenne, um notfalls alleine hingehen zu können. Meine neu gewonnenen Freunde nehmen mich außerdem mit zu Akrobatik-Trainings, womit ich bisher kaum etwas zu tun hatte. Auch das macht mir viel Spaß. Was mich aber von Anfang an deprimiert, ist zu wissen, dass das alles nicht lange anhalten wird.
Noch vor einem halben Jahr habe ich mir auf die gleiche Art in Kanada einen Alltag aufgebaut: Sport, Freunde, Partys. Ich war am Ende traurig, das alles zurücklassen zu müssen, ich vermisse manchmal die Orte und Menschen, die ich regelmäßig besucht habe. Zu manchen halte ich Kontakt über Facebook, WhatsApp oder Skype, viele verliere ich schnell wieder aus den Augen. Es sind Vorgänge, die in unserer globalisierten Welt schon normal sind. Wer hält denn heute noch jahrelang Brieffreundschaften à la Jane Austen mit einer Person, der er ein, zwei Mal begegnet ist? Bei manchen Bekanntschaften erwische ich mich aber auch bei dem Gedanken: »Zum Glück haben wir den maximal ein paar Monate am Hals«, und ich erschrecke über meine eigene Abgebrühtheit. Sind Menschen für uns schon so austauschbar geworden wie H&M-Klamotten? Oder will ich mich selbst nur vor dem nächsten Abschiedsschmerz schützen, wenn ich mich auf neue Menschen schon gar nicht mehr richtig einlasse? In Kanada habe ich eine Bekannte aus Wien getroffen, die für ihr Doktorat einige Monate dorthin gezogen ist. Ich fragte sie, wie sie sich eingelebt hat, und sie meinte nur: »Ich hab mir wieder einen Judo-Verein gesucht, die Kollegen in der Arbeit kennengelernt, und dann war’s eh ›Geht schon weiter, normales Leben halt!‹«. Ich war fasziniert. So einfach und unkompliziert sah sie das?! War sie blind oder ich so kompliziert? Ich habe mir auch wieder Möglichkeiten gesucht, um Sport zu treiben und Studienkollegen kennengelernt, aber deshalb führe ich doch nicht gleich wieder das gleiche Leben wie zu Hause – oder? Menschen zu finden, die tatsächlich mit mir auf derselben Wellenlänge sind, denen ich Vertrauen schenke, braucht Zeit. Ich finde den halbjährlichen Wechsel meines Freundeskreises bereits anstrengend. Ich muss an meinen Vater denken, der von jeder seiner Reisen neue Kontakte mitbringt und der an seinem Geburtstag immer ganz stolz aufzählt, aus wie vielen Ländern er bereits Grüße auf Facebook erhalten hat. Dabei weiß ich nur von einer Person, mit der er seither tatsächlich eine feste Freundschaft aufgebaut hat. Und wenn man ihn nach der Zeit des Reisens fragt, dann gibt auch er zu: Viele Abende verbringst du unterwegs trotzdem mit dir selbst. Wie muss es denn jenen gehen, die monate- oder jahrelang permanent ihren Aufenthaltsort wechseln? Reisende sind ständig unter Menschen und doch oft furchtbar allein.
NACH HAUSE TELEFONIEREN
Die ersten Reisen, an die ich mich erinnern kann, habe ich mit meinen Eltern und der Familie meines Onkels nach Italien unternommen. Strandurlaub in Jesolo, das Bilderbuchklischee der Neunzigerjahre. Das Viersternehotel hieß »Cambridge«, wie passend für Italien, das Frühstücksbuffet war riesig, zumindest für mich als Siebenjährige, die zuvor noch nie in einem Hotel gewesen ist. Ich ernährte mich trotzdem vorwiegend von der bereits in Würfel geschnittenen Wassermelone, die ich am ersten Tag am Buffet entdeckte. Jeden Tag wachte ich vor allen anderen auf und lief hinunter zum Pool, um eifrig Liegen für alle zu reservieren. Bis meine Eltern zum Frühstück erschienen, hatte ich bereits drei Schüsseln voller Wassermelone verdrückt. Dann blies ich mein Gummikrokodil auf und planschte damit im Pool herum. Nachmittags gingen wir an den Strand, wo meine älteren Cousinen mich bis zur Hüfte im Sand eingruben, während die Erwachsenen im Schatten lasen, schliefen und Zigaretten rauchten – schließlich waren sie im Urlaub. Ich erinnere mich, dass der Sand so heiß war, dass ich zur Strand-Eisdiele rennen musste, um mir nicht die Füße zu verbrennen. Abends vollzog sich immer dasselbe Ritual, das ich liebte: Alle zogen sich schick an, dann gingen wir ins Hotelrestaurant, wo uns ein dreigängiges Menü erwartete. Jeden Tag derselbe Tisch, derselbe Kellner, der mich »Signorina« nannte, wechselnde Pasta-Gerichte mit viel Parmesan und jeden Tag das gleiche Dessert-Buffet, auf das ich mich mit gleichbleibender Begeisterung stürzte. Danach bummelten wir durch die Stadt, mit großen Augen vorbei an den Touristen-Strandshops, vorbei an bunten Luftmatratzen, Flip-Flops und Bolero-Tüchern. In der Ferne sah ich den Luna-Park leuchten, den ich nie erreichen sollte. Ich konnte nur fasziniert die Glücksspielmaschinen und die unglücklichen Menschen, die den Hütchenspielern auf den Leim gingen, beobachten. Mein Vater klärte mich über ihre Tricks auf, während meine Mutter Souvenirs beäugte. Die Abende endeten stets im selben Lokal, wo die Erwachsenen Bier und Wein tranken, während meine Cousinen und ich in der Hollywoodschaukel sitzend selig riesige Schoko-Frappés schlürften. Es war wunderbar. Im folgenden Jahr wiederholte sich der Urlaub fast identisch, bis auf ein paar denkwürdige Ereignisse: Ich lernte im Hotelpool schwimmen, worauf ich mächtig stolz war, ich erlebte unwissentlich mein erstes Déjà-vu, was mich über zwei Jahre lang glauben ließ, dass ich übernatürliche Fähigkeiten hätte, und ich wurde bei einem Tretboot-Ausflug sehr schmerzhaft von einer Qualle erwischt.
Irgendwann, von meinem inzwischen in die Pubertät geratenen Selbst kaum registriert, endeten diese Familienurlaube einfach unkommentiert. Ab diesem Zeitpunkt entwickelten sich die Reisegewohnheiten meiner Eltern in zwei völlig konträre Richtungen. Während meine Mutter endgültig entschied, dass sie nicht gerne wegfuhr, hing mein Vater immer öfter großen Reiseträumen nach. Bereits in seinen Zwanzigern hatten er und seine Kumpels mit ihren Motorrädern die ganze Südhälfte Europas befahren, Griechenland, Türkei, Spanien, alles mit Zelt und wahrscheinlich viel zu viel Alkohol. Später, nach zahlreichen Jahren des Buckelns und Schuftens für die Familie, in denen er sich aus seiner Sicht sonst nichts gegönnt hatte, plante er seine ersten so lange ersehnten Rucksackreisen auf fremde Kontinente: Sein erstes Abenteuer führte ihn für drei Wochen nach Brasilien, zu indigenen Völkern an den Amazonas, die ganz anders waren als alles, was er davor gekannt hat, und die ihn unglaublich faszinierten. Er brachte viele Geschenke mit nach Hause, viel Schmuck, manches sogar mit Anhängern aus Affenzähnen, Taschen und Tücher. Das alles trug ich, inzwischen sechzehn Jahre alt, wie Trophäen in der Schule zur Schau. Alle Nachbarn und Verwandten waren beeindruckt von der Abenteuerlust meines Papas, ich am allermeisten. In unserer öden Kleinstadtwelt war dies eine interessante Neuigkeit für viele, darum zeigte er wochenlang jeden Abend seine Fotos dem ständig wechselnden Besuch. Ich wohnte seinen sich immer ähnlicher werdenden Vorträgen stets bei und wusste schon bald, welche Fotos und Geschichten aufeinanderfolgten. Ab diesem Zeitpunkt war ich angefixt von der Idee der großen, weiten Welt. Als ich siebzehn war und mein Vater mit dreiundvierzig eindeutig in der Midlife-Crisis angekommen schien, machte er entgegen allen Erwartungen in der Familie ernst, meldete bei seinem Arbeitgeber ein Sabbatical an und packte seinen Rucksack für ganze sechs Monate: von Alaska nach Feuerland lautete sein Plan. Was ich heute für ein fürchterliches Klischee halte, war damals revolutionär, zumindest in meiner kleinen Welt. Das Smartphone war erst kürzlich erfunden worden, Papa reiste noch mit Digitalkamera und benutzte unterwegs Internetcafés. Fotos per E-Mail zu versenden war aufwendig und dementsprechend selten. Auf Google Maps und mit Routenplaner verfolgte ich seine Reise, nachdem er wieder eine E-Mail aus einer neuen Stadt geschrieben hatte. Sein Vorbild war das Buch eines typischen Business-Aussteigers gewesen, auch das las ich. Als er zurückkam, ging der Rummel um seine vielen Geschichten und Fotos von vorne los. Sogar mir, seinem treuen Fan, wurden die sorgfältig inszenierten Erzählabende irgendwann langweilig. In den folgenden Jahren, ich war bereits nach Wien gezogen, um zu studieren, zog es meinen Vater immer wieder für längere Zeit in die Ferne – Südostasien, Marokko, Nicaragua, Costa Rica, Kuba … Immer bereitete er sich akribisch mit einem Lonely Planet auf die Reisen vor. Immer zog er dann mit dem Rucksack los. Und immer kehrte er zurück und verkündete lautstark: »Das war das letzte Mal! Ich bin zu alt für das Backpacking!« Doch im nächsten Jahr zog er wieder los. Meine Mutter ließ ihn gelassen ziehen und wiederkehren, ohne dies allzu viel zu kommentieren. Wann immer Freunde oder Bekannte sie fragten, warum sie denn nicht einmal mitfahre, winkte sie nur schulterzuckend ab. Die extreme Reise-Unlust meiner Mutter wurde in unserer Familie über die Jahre zu einem Garanten für Witzeleien. Flugzeugen misstraut sie, Bus- oder Autofahrten sind ihr zu anstrengend. Zugfahren ist zwar in Ordnung, aber dann ist da noch das In-fremden-Betten-Schlafen, das Kofferpacken, das Sachen-Daheim-Lassen, und und und … Kurz: Sie ist gern daheim und hat kein Bedürfnis, die Welt zu erkunden. Trotzdem hat sie auch mich nie zurückgehalten, wenn mich das Fernweh packte, sondern immer nur lächelnd festgestellt: »Das hat sie eindeutig von ihrem Vater.«
Eine Lieblingsphrase meines Vaters am Telefon lautet »Lass uns mal wieder skypen«. Ich glaube, die Beherrschung dieser digitalen Kulturtechnik gibt ihm ein starkes Gefühl von Jugendlichkeit und Weltgewandtheit. Also vereinbare ich bald einen Termin für ein Skype-Telefonat mit meinen Eltern und sehe dann die ersten drei Minuten zu, wie Papa mit konzentriertem Blick das iPad so installiert, dass ich ihn und Mama richtig sehen kann. Dann beginnt er mich auszufragen, was ich in Peru bisher erlebt habe, welche Sehenswürdigkeiten im Land ich schon besucht habe, welche Orte in Lima ich schon kenne, welche typischen Speisen ich schon probiert habe. Er wirft mit Begriffen und Namen nur so um sich. Manches bejahe und kommentiere ich – dort ist es schön, das fand ich langweilig, dieses Gericht schmeckt wirklich toll –, andere Begriffe sagen mir nichts. Papa wirkt zufrieden. Ich erzähle von anderen Erlebnissen, Begegnungen mit Einheimischen und schönen, weniger bekannten Flecken des Landes, die uns empfohlen wurden. »Davon habe ich noch nie gehört«, kommentiert er daraufhin, er wirkt irritiert. Schnell bemüht er sich, das Thema zu wechseln, wieder über etwas zu sprechen, bei dem er mitreden kann. Meine Mutter hört aufmerksam zu, ihre Augen scheinen ständig über den Bildschirm zu huschen. Dann fragt sie mich mit neugierigem Blick, ob sie da im Hintergrund tatsächlich ein Regal aus Gemüsekisten in unserer Wohnung sieht. »Kracht das gar nicht zusammen?« Meine Eltern, verschieden wie Himmel und Erde. Was würden sie wohl dazu sagen, wenn ich nach Hause komme und verkünde, dass ich in Zukunft nicht mehr so weit reisen will? Sie würden es mir wohl schlichtweg nicht glauben.
DAS VW-BUS-KLISCHEE UND WARUM ES VÖLLIG VERLOGEN IST
Wenn du Mitte zwanzig bist und irgendwo zwischen Bobo, Yuppie und Hippie mäanderst, dann gibt es nichts Normaleres und Abgedroscheneres, als einen VW-Bus kaufen zu wollen. Außer vielleicht noch den Plan, damit unterwegs zu sein und darin wohnen zu wollen. Zahlreiche Instagrammer promoten ihr supergechilltes, alternatives Van-Life. Obwohl ich nicht einmal einen Instagram-Account habe, war ich genauso klischeehaft wie alle diese Insta-Fans. Ich wollte den Van. Tom wollte den Van. Wir träumten schon lange davon, wollten ein Bett reinbauen, mit der Kiste quer durch Südamerika fahren und jede Nacht am Strand pennen. Quasi einen Testlauf hatten wir bereits vor einigen Jahren durchgeführt, und damals, ganz am Beginn unserer Beziehung, hatte Tom mich von diesem Vorhaben überzeugt. Ich selbst habe davor nie ein Auto besessen, doch mit der Beziehung zu Tom begann auch meine erste emotionale Bindung an ein Auto. Sein alter roter VW Kombi sollte zum selbstgebauten Wohnmobil werden, beschrieb er mir noch am Abend unseres ersten Kusses. Ich glaubte ihm kein Wort, doch ich verliebte mich trotzdem schon in die Idee, auf diese Weise zu zweit durch die Welt zu düsen. Als wir erst wenige Wochen ein Paar waren, startete ich mit meiner Freundin Monika eine seit Langem geplante Rucksackreise nach Korsika. Tom versprach mir: »Wenn du auf dem Rückweg bist, ist das Auto umgebaut und ich hole dich in Venedig damit ab!« Ich war immer noch nicht sicher, ob ich ihm das glauben sollte, doch vierzehn Tage später musste ich es glauben – und ich glaubte es gerne, als ich die geniale Konstruktion von Tischlermeister Tom in Venedig mit eigenen Augen sah: Auf der weggeklappten Rückbank lag eine Holzkonstruktion, obenauf eine komplette, echte Matratze, darunter eine ausziehbare Schublade mit Fächern, die auch als Tisch unter dem Kofferraumdach diente. Ich war hin und weg. Es schlief sich ganz wunderbar in der »Villa on the road«, wie Monika unser neues Wohnmobil vor ihrer Abreise noch liebevoll taufte, und wir beschlossen, uns Richtung Triest aufzumachen. Auf dem Weg blieben wir stehen, wo auch immer es uns gefiel, campten wild im Naturschutzgebiet, entdeckten einsame Strände in verschlafenen Dörfern, genossen Pizze, Gelati e Caffè und waren – wie Frischverliebte nun mal sind – glücklich und nicht aus der Fassung zu bringen. Auch als der Kofferraum sich nicht mehr öffnen ließ und wir das Auto zum Mechaniker bringen mussten, ärgerten wir uns nicht über die Komplikationen, sondern amüsierten uns mehr über den klischeehaften Italiener inmitten seiner Fiat-Oldtimer, der uns mit einem lässigen Spruch auf den Lippen weiterhalf. Selig kehrten wir von unserem ersten gemeinsamen Urlaub zurück und planten gleich die nächste, größere Fahrt mit der »Villa on the road«. In den kommenden Monaten lernte ich in diesem Auto bei jeder Witterung, egal ob Matsch oder Glatteis, und auf jeder Bergstraße zu fahren, überall einzuparken und schlussendlich ein Auto tatsächlich gern zu haben. Im nächsten Sommer machten wir uns auf, mit dem Kombi einen ganzen Monat durch Spanien zu fahren. Und es wurde eine wirklich denkwürdige Reise. Wir wussten bereits, bevor es losging, dass es für das Auto, das schon zwanzig Jahre auf dem Buckel hatte und sicher keinen TÜV mehr überstand, die Abschiedsreise werden würde. Wir konnten keine groben Mängel feststellen, also planten wir, die ganze Mittelmeerküste Frankreichs und Spaniens hinunterzudüsen. Vier Wochen absolute Freiheit, Wildcamping und Urlaubslaune! Etwa eine Woche vor der Abfahrt zeigten sich ein paar Probleme mit der Gangschaltung, doch die konnte der Mechaniker vorab noch halbwegs lösen. Mit viel Humor nahmen wir auch die Tatsache hin, dass der Beifahrer in Zukunft den Ganghebel auf der Autobahn festhalten musste, damit der fünfte Gang nicht hin und wieder unangekündigt heraussprang. Wir schafften es am ersten Tag bis an die Côte d’Azur und vergaßen gleich in der ersten Nacht, die Autolichter abzuschalten, sodass am nächsten Tag die Batterie leer war. Ein netter alter Franzose gab uns Starthilfe, konnte sich das Lachen aber nicht verkneifen, als er unseren Motor keuchen hörte. Wir ließen uns nicht entmutigen und zuckelten weiter. Wir hatten dem Kombi Spanien versprochen, also sollte er auch nach Spanien kommen! Bald darauf fiel der fünfte Gang komplett aus. Wer im Urlaub ist, hat bekanntlich keine Eile, also fuhren wir entspannt im vierten Gang auf der Autobahn dahin. An der Grenze zu Spanien jubelten wir. Ganz sicher sind wir uns offen gestanden nicht mehr gewesen, ob wir das noch schaffen würden. An diesem Abend erreichten wir sogar noch unser nächstes Ziel, ein verstecktes Cap mit Leuchtturm, wo wir unter dem Sternenhimmel campten. Die holprige, unasphaltierte Straße dorthin gab unserer Kutsche wohl den Rest. Am nächsten Tag schnaufte der Wagen schwer, doch es war Sonntag und alle Werkstätten waren geschlossen. Mit gekreuzten Fingern fuhren wir weiter, inzwischen abseits der Autobahn, auf Landstraßen, immer weiter »al sur«. Bis plötzlich gar nichts mehr ging. Tom konnte noch auf einen Parkplatz einbiegen und testete die Gänge: Er legte den Rückwärtsgang ein – und fuhr langsam vorwärts. Auf die anderen Gänge reagierte das Auto gar nicht mehr. Schweren Herzens ließen wir uns abschleppen, und der Mechaniker attestierte kaltblütig: »Está basura. Bótalo!« Und so lernte auch ich zum ersten Mal das Gefühl kennen, mich schweren Herzens von einem Blechhaufen zu verabschieden. Doch der Traum vom eigenen VW-Bus wurde dadurch nicht zerstört, sondern eher noch mehr geschürt. Das war nur unsere Proberunde gewesen!
Noch während ich in Kanada war, wurde uns klar: Ein VW-Bus ist in Peru viel leistbarer als in Europa! Also haben wir es getan, gegen jede Vernunft, ganz bewusst, den Traum vor Augen, mit dem Van eines Tages in den Sonnenuntergang zu fahren. Tom hat für uns beide noch vor meiner Ankunft einen VW-Bus gekauft. Drei Monate später hat er hauptsächlich viel zu viel Zeit und Geld in bürokratische Prozeduren und Reparaturen unserer »(Im-)Mobilie« investiert. Jetzt, da auch ich mich in Peru eingelebt habe, sehen wir ein, dass es in diesem Land viel zu gefährlich ist, im Auto zu übernachten, und bei Hostel-Preisen von maximal fünf Euro pro Nacht auch wirklich nicht lohnenswert. Doch wir freuen uns immer noch an unserer alten Hippie-Karre, fahren damit an den Strand zum Surfen – oder Zusehen – und fühlen uns mit dem Van den Beachboys und coolen Surflehrern total zugehörig. Wir laden am Wochenende alle unsere Freunde ins Auto und machen Ausflüge in Grünzonen an den Stadtrand, um uns dann auf dem Rückweg stundenlang in den Sonntagabendstau einzureihen. Jeder sagte uns, dass es viel zu riskant sei, das Auto nachts auf der Straße zu parken, also muss ein überwachter Parkplatz her, was absurd teuer ist, wie wir feststellen.
Dafür lernen wir Carlos und Julio kennen, zwei reizende Parkwächter und echte Unikate. Carlos bewacht den Autoparkplatz sieben Tage die Woche, zwölf Stunden am Tag. Seine Schlafkammer liegt direkt über dem Büro der Parkplatzbetreiberin, nur hin und wieder hat er sonntags frei. Er ist praktisch immer da. Der Siebenundvierzigjährige freut sich, zwei Gringos kennenzulernen, und plaudert gerne mit uns. Ich komme manchmal tagsüber auf dem Weg zum Markt bei ihm vorbei und bleibe stehen, um mich mit ihm zu unterhalten. Mit der Zeit erfahre ich, dass Carlos hochgebildet und in Wirklichkeit für seinen Job völlig überqualifiziert ist. Er hat Kommunikationswissenschaften studiert und vier Jahre lang im französischen Kulturinstitut in Lima gearbeitet. Sein fast perfektes Französisch haut mich um. Ich schäme mich wahnsinnig dafür, dass ich ihm so etwas nie zugetraut hätte. Ich frage ihn also: »WAS machst du hier, Carlos?!« Und er erzählt mir von einer kaputten Ehe, von zwei Töchtern, die er selten sieht, von Reiseplänen und von Freiheit, die er früher vermisst hat. Doch wirklich frei ist Carlos jetzt auch nicht. Er verbringt seine Tage hauptsächlich mit Julio, einem kauzigen Rentner mit schlecht rasiertem Bart, Gehstock, runder Brille im Gesicht und schiefen Zähnen. Julio macht die Nachtschichten und bewacht die Autos auf der Straße, die in der Autogarage keinen Platz mehr bekommen haben. Wenn er fertig ist und Carlos mit seiner Schicht anfängt, frühstücken die beiden zusammen. Auch Julio hat eine Ex-Frau und wenig Kontakt zu seiner Familie. Er erzählt mir, dass er früher Pilot war und viel gereist ist, auch in Deutschland war er oft. Stolz präsentiert er ein paar Sätze auf Deutsch. Die beiden Herren fragen mich viel über Österreich, Carlos möchte unbedingt einmal nach Europa reisen. Er gibt mir auch viele Lesetipps, er kennt die großen lateinamerikanischen Autoren gut und schätzt die Poesie. Ich bin immer wieder beeindruckt von unseren Gesprächen, nachdem ich mich verabschiedet habe und nach Hause spaziere. Das ist es für mich wahrhaftig, was »ein Land und seine Leute kennenlernen« bedeutet. Über diese Begegnung vergesse ich fast den ärgerlichen Auslöser dafür – unsere hippe, alte Rostlaube. Täglich wächst unser Credo: »Nach all dem Aufwand müssen wir den Bus jetzt richtig ausnutzen und die Fahrten damit genießen!« Wenn jemand sagt, dass man etwas genießen MUSS, dann ist es eigentlich schon zum Scheitern verurteilt. Wir setzen uns schlauerweise in den Kopf, die mindestens achtstündige Fahrt in die zweitgrößte Gebirgskette der Welt – die Autostrecke von Lima führt auf über 4000 Höhenmeter hinauf – mit dem Bus anzutreten. Zwei Tage lang laufe ich zwischen der Autowerkstatt und Carlos’ Parkgarage hin und her und versuche den Mechanikern Druck zu machen, damit der VW-Bus rechtzeitig zum Tag der geplanten Abfahrt für steile Bergstraßen umgerüstet ist. Sie haben wie gewohnt keine Eile und lassen sich ihre Arbeitszeit trotzdem gut bezahlen. Endlich, mit einem vollen Tag Verspätung, legen wir eines Sonntagmorgens los. Carlos steht extra um vier Uhr früh auf, um uns das Tor zu öffnen, als wir wegfahren, winkt er uns hinterher und ruft »Suerte!«, was wir tatsächlich gebrauchen können. Tom fährt, und wir sind entspannt: Die ersten drei Fahrtstunden führen uns nur an der Küste entlang, erst danach wird es ernst, wenn es hinauf in die Anden geht. Da sitzen wir also zu zweit in einem rostigen Bus, in dem locker zehn Personen Platz hätten, was ja an sich schon eine Perversität für uns deklarierte Ökos ist, und freuen uns an unserer Freiheit. Bevor wir von der Küste in die Berge abbiegen, machen wir halt in einem kleinen Fischerdorf, um eine Kleinigkeit zu essen. Wir parken unser Ungetüm direkt vor einem Café in einer sehr belebten Straße und gehen hinein. Von unserem Tisch aus können wir die Schnauze des Busses sogar sehen, nach weniger als dreißig Minuten verlassen wir das Café wieder. Ihr ahnt wohl schon, was jetzt kommt. Als wir zurückkehren, bemerke ich, dass der Kofferraum offen ist – und unsere Rucksäcke fehlen. Die Polizei, die praktischerweise direkt neben unserem Auto steht, gibt an, nichts gesehen zu haben. Aha. Die beiden jungen Polizisten erklären uns, dass sie hier zum persönlichen Schutz eines Zeugen stationiert sind. Dieser Ort wird mir immer sympathischer. Dann fällt ihnen ein, dass ihr Zeuge eine Überwachungskamera installiert hat, und verschwinden in seiner Wohnung. Kurz darauf kommen sie zurück und erzählen uns, was die Kameraaufnahme zeigt: Drei junge Typen haben binnen Sekunden mit einem Schraubenzieher unseren Kofferraum aufgebrochen und die Rucksäcke mitsamt unserer ganzen Bergsteigerausrüstung mitgenommen. Das Klischee vom reichen, weißen Mann im VW-Bus mit gutem, teurem Bergequipment im Kofferraum dürfte sich auch bis hierher herumgesprochen haben. Nach stundenlanger sinnloser Anzeigenerstattung in einem tristen Polizeikommissariat ohne Fensterscheiben, während der uns der Polizeikommandant noch stolz seine Sammlung konfiszierter Drogen und Schusswaffen vorführt, geben wir auf: Ohne eine warme Jacke oder Handschuhe müssen wir gar nicht erst in die Anden fahren. Und so kehren wir um, zurück nach Lima. Noch bevor wir die Stadtgrenze erreichen, haben wir entschieden: Dieses Auto wird uns keine Freude mehr machen, sondern immer nur noch mehr Ärger. Vierundzwanzig Stunden später steht es bereits wieder online zum Verkauf. Drei Wochen später haben sich immer noch kaum Interessenten gemeldet. Wir müssen zugeben: Wenn sich nicht ein anderes, ebenso illusioniertes Möchtegern-Hippie-Pärchen findet, dem wir den Bus aufschwatzen können, dann werden wir mit dieser Investition ziemlich draufzahlen. Anscheinend wissen die meisten inzwischen, dass Bustickets in Südamerika viel billiger und praktischer sind als ein eigenes Gefährt. Manchmal entdecken wir in den Straßen Limas noch einen bunt bemalten VW-Bus, oft mit argentinischem, chilenischem oder uns fremdem Autokennzeichen. Wenn wir einen Blick hineinwerfen können, dann tun wir das immer noch, aus Neugierde, doch der Neid ist uns längst vergangen. Vielmehr spekulieren wir darauf, zu erkennen, dass die Van-Besitzer ebenfalls mit ihrer Reiseart zu kämpfen haben. Manchmal ist der Innenraum zur Schlafkoje umgebaut, hin und wieder sehen wir richtige Werkstätten durchs Fenster: Künstler, die Schmuck, Dekoratives aus Naturmaterialien oder Kleidung herstellen, scheinen so unterwegs zu sein. Einmal sehen wir sogar eine fahrende Bibliothek. Die Aufschriften auf den Bustüren laden ein, das geplante Abenteuer auf Instagram oder Facebook mitzuverfolgen oder sogar mit Spenden zu unterstützen. Reisen wird immer mehr zum Projekt. Unser Projekt erklären wir endgültig für beendet, als sich endlich ein Käufer findet: Eine Marketingfirma will den Van kaufen und wir übergeben ihn frei von schlechtem Gewissen – diese Karre ist wahrlich geeignet, um als reines Image-Objekt für Bierverkostungen in Einkaufszentren herumzustehen. Meine Erleichterung ist unendlich groß, als ich gemeinsam mit Carlos dem jungen Burschen von der Marketingfirma hinterherwinke, der mit einigen Startschwierigkeiten den Van zur Ausfahrt des Parkplatzes manövriert. Ich grinse über beide Ohren, doch Carlos schaut mich ein wenig bedrückt an. »No te preocupes, Carlos«, lache ich, »continuaré visitándote aqui!«
DER BERG RUFT
Unser Reiseziel in den Anden verlieren wir trotz Diebstahlfiasko nicht aus den Augen. Für unseren zweiten Versuch nehmen wir aber doch lieber den öffentlichen Bus. Das ist tatsächlich bequemer, geht schneller und ist billiger. Was haben wir uns bloß dabei gedacht, selbst dorthin fahren zu wollen? Doch was geschehen ist, ist geschehen und wir wollen uns nicht mehr weiter darüber ärgern. So erreichen wir mit einer Woche Verspätung das peruanische Mekka der Bergsteiger. Die kleine Andenstadt ist auch am Ende der Hauptsaison erfüllt von durchtrainierten Gringos und Straßenkünstler-Hippies, die in löchrigen, bunten peruanischen Hosen oder mit großem Rucksack und klobigen Bergstiefeln unterwegs sind. Wir befinden uns hier am Ausgangsort für Bergtouren und Kletterausflüge bereits auf über 3000 Höhenmetern, und die meisten Touristengesichter, die uns begegnen, haben einen leicht verbrannten Teint. Wir steigen in einem Hostel ab, das als Geheimtipp gilt und gut versteckt in einer Hauseinfahrt hinter einem unbeschrifteten Tor liegt. Die Besitzerin des Hostels ist Mariella, sie verlangt nicht mehr als umgerechnet drei Euro pro Nacht von jedem Gast, was selbst für peruanische Verhältnisse extrem wenig ist. Das Haus ist immer voll. Weil viele Gäste für ein paar Tage in den Bergen unterwegs sind und dann wiederkommen, ist ihr eigenes kleines Zimmer zum Gepäckraum geworden, wo sie Nacht für Nacht einen großen Berg an Wertgegenständen bewacht. Bei ihr darf ungestraft gekifft und gefeiert werden. Mariella bleibt noch im größten Chaos völlig entspannt, obwohl sie mit diesem Hostel ganz bestimmt nicht reich geworden ist, dafür aber regelmäßig der Polizei Schmiergeld zahlen muss. Sie freut sich einfach, wenn die Gäste bei ihr eine gute Zeit verbringen, und das tun sie auch. Vor allem unzählige Franzosen, Israelis und Deutsche treffen wir hier an. Sie alle wollen nur eines: hoch hinaus, die Berge bezwingen, Touren unternehmen, die zu Hause niemals möglich wären. Hier im Hostel werden abends beim Bier Tipps ausgetauscht, Equipment untereinander verliehen und hin und wieder auch gemeinsame Ausflüge geplant. Auch wir starten schließlich eine dreitägige Tour zusammen mit einer Österreicherin, einem Australier und einem Deutschen, Steffen.
Der fanatische Alpinist erzählt mir, dass er schon bald am Ende seiner Reise steht. Er ist vor vier Monaten nach Peru gekommen, nur um Berge zu besteigen. Das kann ich beim besten Willen nicht verstehen: »Willst du nicht die Leute und ihre Kultur kennenlernen? Oder dein Spanisch verbessern?« »Mein Spanisch ist zwar automatisch besser geworden, aber solange ich mich verständigen kann, ist mir das eigentlich egal. Die Kultur interessiert mich eigentlich auch nicht besonders. Ich will einfach auf ganz bestimmte Berge rauf, von denen ich gehört habe. Das sind Höhen und Schwierigkeitsgrade, die man bei uns in den Alpen nicht findet.«
Was kann ich dem noch entgegensetzen? »Gib dich der Umwelt zuliebe mit den Alpen zufrieden«? Ich muss an meinen Vater denken, für den sich ein Lebenstraum erfüllt hat, als er das Mount Everest Base Camp erreichte. Und selbst wenn Steffen wegen der Kultur und der Sprache nach Peru gereist wäre: Wären das bessere Gründe? Wie können wir so etwas überhaupt werten? Wer entscheidet, ob die Anden Teil der peruanischen Kultur sind oder nicht? Warum bin ich denn selbst gerade hier und plane Touren durch diese großen Berglandschaften? Mist. Mein erster Diskussionsversuch geht voll daneben und ich merke, dass ich mich auf solche Gespräche in Zukunft besser vorbereiten muss. Klar könnte ich Steffen noch vorhalten, dass er gerade, wenn er Gletscher so liebt, auf keinen Fall ins Flugzeug steigen dürfte. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass er dieses Argument gelten lassen würde, zu viele Ausflüchte sind momentan gang und gäbe: Da muss doch zuerst in der Energiewirtschaft etwas passieren, meine Entscheidungen verändern am Klimawandel als Ganzes sowieso nichts, diese ganze Leier. Ein Teil Wahrheit steckt darin schließlich auch. Ich kann Steffens Motive für einen so langen Flug zwar nicht nachvollziehen, finde aber keine gleichwertige Alternative, die ich ihm anbieten könnte, und kein sinnvolles Argument, das ich seiner Entscheidung entgegensetzen kann. Immerhin ist Steffen nicht für zwei oder drei Wochen hier, so wie viele andere, mit denen ich im Hostel gesprochen habe, sondern gleich für mehrere Monate. Ich verstehe immer noch nicht, wie er für die Menschen und ihre Kultur so wenig Interesse aufbringen kann, obwohl er sich so lange in ihrem Land aufhält.
»Ich habe natürlich auch viel über Peru und die Leute hier gelernt, das passiert ja automatisch, wenn ich da bin«, meint er daraufhin. Und ich frage mich: Passiert das wirklich von selbst? Kann ich mit einem Reiseführer in der Hand in den touristischsten Orten absteigen und trotzdem die Lebensrealität der Menschen kennenlernen, wenn ich nur lange genug bleibe? Ich glaube nicht daran. Im Gegenteil, es könnte sogar sein, dass der Tourist ein völlig falsches Bild von einem Land mit nach Hause nimmt. Trotzdem stimme ich Steffen in diesem Moment zu, dass er, quasi unabsichtlich, sehr viel über Peru gelernt hat. Wenn sie lange genug an einem Fleck bleiben – nicht in einem Land, sondern wirklich am selben Ort –, dann beginnen die meisten automatisch, über den Tellerrand des touristischen Angebots hinauszuschauen und nehmen wahr, wie das echte Leben läuft. Aber was ist lange genug? Zwei Wochen sind zweifellos zu wenig. Nach drei Monaten haben wir uns meistens voll eingelebt und alles fühlt sich schon ganz normal an. Gewohnheiten brauchen laut Psychologen im Durchschnitt sechsundsechzig Tage, um sich zu bilden.5 Wer also wirklich an einem fremden Ort »ankommen« möchte, der sollte zumindest zehn Wochen bleiben, ohne mit Sack und Pack schon das nächste Ziel anzusteuern. Steffen hat sein Hauptquartier nun seit zwei Monaten bei Mariella, damit hat er dieses Kriterium schon fast erfüllt. Doch das interessiert ihn herzlich wenig, er wird für die letzte Woche seiner Reise noch in den Regenwald fahren, um auch von dieser ganz anderen Natur noch etwas zu sehen. Im kommenden Jahr kann er nicht noch mal so viele Monate verreisen, dann muss er wieder mehr studieren, erklärt er mir. Trotzdem wird er dann für fünf Tage nach Norwegen fliegen, um dort waghalsige Skitouren in den Bergen zu unternehmen. Der Flug ist schon gebucht.
5 Dean, Jeremy: Making habits, breaking habits. Oneworld Publications, London 2013. S. 150
EXCHANGE STUDENTS
Nun habe ich die magische Grenze, die ich selbst festgelegt habe, erreicht: Seit zehn Wochen lebe ich in Lima. Ich habe ein paar Ausflüge in andere Ecken dieses immensen Landes gemacht, doch Lima ist nun seit mehr als zwei Monaten mein Zuhause. Für Tom ist es bereits der siebte Monat, den er hier verbringt, und dementsprechend ist für ihn das meiste schon viel länger Routine als für mich. Bevor ich angekommen bin, hat er in einer großen WG voller Austauschstudenten gelebt. Er war etwas enttäuscht, keine WG peruanischer Studenten gefunden zu haben, aber die wohnen meistens noch zu Hause oder in Wohnheimen und ziehen erst in eine Wohngemeinschaft, wenn sie zu arbeiten beginnen. Ich habe Toms alte WG und ein paar der dort Wohnenden irgendwann kennengelernt und fühlte mich sehr an meine eigenen Austauschsemester erinnert. Egal ob WG oder Studentenwohnheim, die Welt der Exchange Students ist ein eigener kleiner Mikrokosmos. Gleich vorweg: Ich werde kein schlechtes Wort über jeglichen Studierendenaustausch verlieren. Projekte wie Erasmus sind Grundsteine einer modernen, offenen Gesellschaft. Wenn ich irgendjemandem Flüge erlauben möchte, dann Austauschstudenten – zumindest jenen, die auf dem Landweg nicht an ihr Ziel gelangen können. Dank Erasmus & Co. fühlen Menschen meiner Generation sich mehr als einer Nation zugehörig, gründen internationale Familien und sprechen mehrere Sprachen fließend. Erasmus hat es mir ermöglicht, ein Semester lang in Frankreich zu leben und mich selbst und die Welt neu kennenzulernen. Ironischerweise habe ich an einem europäischen Austauschprogramm teilgenommen, flog dafür aber elf Stunden Richtung Süden: Die Kolonialgeschichte Frankreichs macht es möglich, gibt es doch mehrere französische – und damit europäische – Inseln in den Weltmeeren, weit weg von Europa.
Die Ankunft auf einer dieser Inseln war für mich zuerst ein Schock – alles war anders, alles war fremd, zum ersten Mal in meinem Leben war ich völlig allein. Ich war überfordert und heulte mich am ersten Abend in den Schlaf. Doch schon am zweiten Tag wurde ich aufgefangen, ich lernte andere Exchange Students kennen, orientierte mich auf dem Campus, alles wurde schnell einfacher. Und wie so oft konnte ich mir nach wenigen Monaten kaum vorstellen, wieder wegzufahren. Ich hatte Freunde aus aller Welt gefunden, sprach inzwischen fließend Französisch, hatte Einblick in völlig andere Lebensrealitäten gewonnen und war beim Tiefseetauchen über die bisherigen Grenzen meines Mutes hinausgewachsen. Exakt zur Zeit meines Erasmus-Semesters veröffentlichte die ZEIT einen hoch umstrittenen Kommentar mit dem Titel »Erasmus, Orgasmus!«, in dem die allseits bekannten Exzesse von Austauschstudierenden hochgelobt wurden, denn sie stiften (europäische) Identität und seien damit viel wichtiger als gute Studienergebnisse.6 Sogar die Ärztin in Wien, zu der ich ging, um die notwendigen Impfungen zu erhalten, empfahl mir anstelle von aufwendigen Impfungen gegen tropische Viren vor allem einen Schutz gegen sexuell übertragbare Krankheiten. Zu diesem Zeitpunkt musste ich darüber sehr lachen, schließlich hatte ich keineswegs vor, während meines Austauschsemesters zur Nymphomanin zu mutieren. Und trotzdem, obwohl ich es absolut nicht geplant hatte, habe ich dann doch das bekannte Klischee gelebt: unglaublich viel gefeiert und mich hemmungslos sexuell ausprobiert. Warum tun das so viele genau im Ausland? Weil es egal ist, wer es mitbekommt. Weil du dich von Tag eins an neu erfinden kannst, weil niemand bereits eine Meinung von dir hat und weil du dir auch genüsslich ein furchtbares Image zulegen kannst, denn diese Leute wirst du in ein paar Monaten nie wiedersehen, wenn du es nicht willst. Und dann stellen viele erstaunt fest, dass sie Freunde finden, obwohl sie sich so ungeniert verhalten. Genauso ging es auch mir, und genau das hat mich nachhaltig verändert. Doch auch die gegenteilige Erfahrung war prägend: Ich war genauso oft allein, einsam und gelangweilt, was vielleicht sogar das Wichtigste war. Jede einzelne Erfahrung war unglaublich wichtig, um mich so selbstständig, mutig und frei zu machen, wie ich mich heute fühle. Die Veränderung war deutlich spürbar, als ich am Ende des Semesters einen besonderen Besucher auf der Insel empfing: meinen Vater. Zwei Wochen lang führte ich über seine neueste Abenteuerreise Regie, übersetzte Gespräche, plante Ausflüge und erklärte ihm Orte, die ihm völlig fremd und mir total vertraut waren. Er war sichtlich stolz auf mich, doch manches Mal schien ihm die neue Claudia nicht ganz geheuer zu sein. Ich genoss es, meine neu gewonnene Freiheit vor ihm zur Schau zu tragen. Besonders denkwürdig war der Moment, als ich meinem Vater eines Abends einen Joint anbot und dabei entspannt in seine vor Entgeisterung aufgerissenen Augen blickte. Ich konnte darin förmlich seine Gedanken lesen: »Ist das noch mein kleines Mädchen?« Nachdem er den ersten Schock verdaut hatte, nahm er das Angebot an. Meine Freunde und ich zerkugelten uns wenig später vor Lachen – nicht nur, weil wir zu viel geraucht hatten, sondern auch, weil mein Vater bereits am Tisch eingeschlafen war.
Wie sollte es anders sein, natürlich hatte ich mich während meines Erasmus-Aufenthalts auch verliebt. Die folgende Geschichte halte ich selbst bis heute für zu kitschig, um tatsächlich ernst genommen zu werden. In einem Tanzworkshop meiner Austauschuniversität traf ich einen Tänzer aus Mosambik, ein durchtrainierter Adonis mit kurzen Rastalocken und schwarzen Augen, deren Blick mich schon bei unserer ersten Begegnung zu durchdringen schien. Er sprach kein Französisch, nur Portugiesisch und Englisch, was uns vollkommen ausreichte. Er war nur für einen Monat wegen eines Engagements als Tänzer auf der Insel und wir verbrachten diese Zeit leidenschaftlich, verliebt und voller Hoffnung, irgendwie eine Zukunft zu haben. Als er abreisen musste, vergossen wir beide viele Tränen, doch wir schworen uns, alles zu versuchen, um wieder zueinanderzufinden. Als ich nach Österreich zurückkam und meinen Freunden von ihm erzählte, hagelte es uralte Scherze. »Pass auf Claudia: Once you go black, you never go back!«, »Und, war er wirklich so groß wie alle behaupten?« Auch das gehört zur Erfahrung, im Ausland zu leben: zurückkehren und sich sehr missverstanden fühlen. Mein Traummann und ich blieben in Kontakt, doch die Leidenschaft ließ nach, und bald wurde klar, dass unser Wunschdenken aussichtslos war. Ich hatte zu konkrete Pläne, um Österreich wieder zu verlassen, er hatte nicht die Mittel, um zu mir zu kommen. Trotzdem konnte ich ihn nie ganz vergessen. Völlig unverhofft, mehr als ein Jahr später, bekam ich die Gelegenheit, ihn wiederzusehen. Er hatte ein Engagement an einer Tanzschule in der Schweiz bekommen. Ich war völlig fertig mit den Nerven, als wir ein erneutes Treffen vereinbarten. Ich malte mir die verrücktesten Dinge aus und hoffte so sehr, dass meine kleine Seifenblase von der unendlichen, leidenschaftlichen Liebe zwischen uns diesmal nicht platzen würde. Sie platzte nicht – zuerst. Wahrscheinlich auch deshalb, weil ich sah, was ich sehen wollte. Dass er immer noch schön war, dass er immer noch gut küsste und liebte, dass wir immer noch viel Spaß miteinander hatten und reden konnten. Davon abgesehen aber hatten wir ganz andere Vorstellungen vom Leben, doch das sah ich zu diesem Zeitpunkt nicht. Schlussendlich musste ich mich nie damit auseinandersetzen, denn nur wenige Wochen später verließ er mich für eine italienische Primaballerina. Es tat weh und gab mir gleichzeitig die Erlaubnis, ehrlich mit mir selbst zu sein: In Wahrheit hatte ich mich auch aus Exotismus in ihn verliebt, weil einfach alles an ihm und seinem Leben anders war. Wahrscheinlich hatte er das Gleiche empfunden, womöglich ging es ihm mit seiner neuen Flamme genauso. Kaum etwas ist so reizvoll wie das Fremde, ein Mensch, der anders aussieht, anders spricht, anders aufgewachsen ist. Unsere Welt heute macht es glücklicherweise möglich, dass diese Differenzen oft keine Hindernisse mehr für Beziehungen sind. Mir ist es lieber, von Fremdem fasziniert zu sein als Angst davor zu haben. Doch so zu tun, als würde diese Faszination für eine lebenslange Beziehung ausreichen, ohne auch andere Qualitäten in ihr zu finden, ist verblendet. Und so entscheidet sich bei den meisten Beziehungen, die auf Reisen oder während des Studienaustausches entstehen, irgendwann danach im heimischen Alltag, ob die Liebe mehr aushält als ein paar sorgenfreie Wochen unter Palmen.
Bestimmt machen nicht alle die gleichen Erfahrungen während ihres Studienaustausches. Alles bleibt eine Frage davon, wie sehr man sich auf das neue Umfeld einlässt. Zu Weihnachten nach Hause fliegen – wozu? Erstmals hast du die Gelegenheit, ein anderes Weihnachtsfest kennenzulernen. Stille Nacht, heilige Nacht kannst du in den nächsten Jahren noch oft genug singen. Aus anderen Gründen dazwischen noch mal einen Abstecher nach Hause machen ist ebenfalls Quatsch. Sich ganz auf sich alleine gestellt fühlen kann nur dann voll einschlagen, wenn ich auch wirklich nicht nach Hause zu Mami laufe, und sei es auch manchmal hart.
Austauschsemester können aber natürlich genauso gut ohne Drogenrausch und Liebschaften aus dem Groschenroman ablaufen, sondern sich ganz zahm abspielen. Dafür war meine Zeit in Kanada der beste Beweis. Für den typischen alternativen Globetrotter auf der Suche nach Abenteuer ist Kanada erst mal kein spannendes Reiseziel: Es ist teuer, es ist gut organisiert, es ist friedlich, es hat Justin Trudeau. Die meisten würden lieber dort sesshaft werden, als nur einen Zwischenstopp zu machen. Ich entschied mich also, nach längst verjährten Erasmus-Orgasmen mein zweites Auslandssemester in der überschaubaren kanadischen Klein- und Hauptstadt Ottawa zu verbringen. Ich ging mehr als entspannt in diese Zeit, denn: Auslandsaufenthalte kannte ich, die gängigen Sprachen beherrschte ich perfekt und überhaupt fühlte ich mich allem und jedem überlegen. Kulturelle Differenzen würde es wohl keine geben, dachte ich mir, und tatsächlich, das Seltsamste war meist, wie furchtbar viel furchtbar dünnen Kaffee die Kanadier trinken. Die Zeit wurde für mich vor allem eine Erfahrung des Alleinseins, der Disziplin und der fleißigen Arbeit. Sowohl das Niveau der kanadischen Universität als auch meine eigene Abschlussarbeit forderten mich sehr. An meinen freien Wochenenden lernte ich trotzdem erneut großartige Menschen kennen, entdeckte leckere Märkte und tolle Sportmöglichkeiten und fühlte mich binnen der inzwischen bekannten zehn Wochen ganz wie daheim. Ich hatte mich bewusst gegen eine Studenten-WG entschieden, hielt ich mich doch inzwischen für zu alt und erwachsen für chaotische Buden, in denen ständig gefeiert wird. Stattdessen zog ich zu einer einsamen alten Cat Lady in ihr adrettes Vorstadthäuschen im Kolonialstil und freute mich auf hochintellektuelle Gespräche mit der weitgereisten Dame. Die Haupterkenntnis, die ich am Ende zog, war, dass ich vor der übertrieben freundlichen, furchtbar komplizierten alten Dame und ihren fauchenden Katzen wann immer ich konnte in die WGs meiner Freunde flüchtete. So alt war ich dann wohl doch noch nicht. Und so grauenhaft würde ich hoffentlich niemals werden.
Am Ende meiner Zeit in Kanada konnte ich sogar mein Fazit routiniert ziehen: Auch diese Reise hatte mir viele Selbsterkenntnisse beschert und war für mich eine wahre Bereicherung gewesen. Doch nun drängte sich mir eine neue, selbstkritische Frage auf: Was hatte mein Auslandsaufenthalt den Menschen in Ottawa oder der Gesellschaft insgesamt gebracht? Bis auf das völlig nichtssagende Ergebnis meiner überkomplexen Masterarbeit und meine Teilnahme an einer Charity-Sportveranstaltung fällt mir wenig bis gar nichts ein. Ein Freiwilligenengagement hätte sich für die wenigen Monate nicht gelohnt, war ich überzeugt: Bis du dich auskennst, musst du wieder weg. Bei den Hochschülerschaftswahlen an meiner Universität habe ich auf mein Stimmrecht verzichtet, denn während man seine Koffer packt noch solche Entscheidungen mitzutreffen, erschien mir unfair. Wer durch die Welt zieht, ist selten Teil eines Systems, sondern eine freischwebende Einheit mit losen Enden. Für manche mag das wie ein Traum klingen, ich hatte bei meiner Abreise aus Ottawa endgültig genug davon.
Und nun, nach zehn Wochen purer Freizeit in Lima, sehne ich mich nach Alltag. Ich habe mich tatsächlich in den vergangenen Wochen wieder etwas verloren gefühlt und nicht recht gewusst, welche Aufgabe ich mir hier suchen soll. Ein freiwilliges soziales Engagement? Ein ganz normaler Job, in einer Bar oder in einem Hostel? Einfach privat Sprachen unterrichten? Oder doch beginnen, ein Buch zu schreiben? Ich bin absolut unschlüssig. Ich weiß, dieses Gefühl könnte mich in dieser Lebensphase, nach dem Abschluss meines Studiums, in Österreich genauso ereilen wie hier in Peru. Doch das Wissen, dass ich von hier in drei Monaten schon wieder wegziehen werde, macht meine Orientierungslosigkeit nur noch größer. Ich fühle mich immer noch wie diese freischwebende Einheit mit unzähligen losen Enden. Die losen Enden reichen inzwischen auf vier verschiedene Kontinente, überall habe ich angefangene Freundschaften, Netzwerke, nützliches Wissen, Routinen und Möglichkeiten, mich in die Gesellschaft einzubringen, zurückgelassen. Hier in Lima ist meine einzige feste Verbindung immer noch Tom. Die Vorstellung, mich in nächster Zeit zu Hause einzuigeln, macht mich genauso wahnsinnig wie die Idee, wieder mit dem Aufbau von Kontakten von vorne zu beginnen, nur um dann alles in drei Monaten wieder in die Tonne schmeißen zu müssen. Wie ist das bloß passiert, dass mein größter Traum, die Welt zu bereisen und mir auf jedem Kontinent ein kleines Zuhause zu schaffen, zu einer schrecklichen Drohung mutiert ist? Wie kann ich es mir überhaupt erlauben, so über eine Chance zu denken, von der viele ein Leben lang träumen, ohne die Möglichkeiten zu haben, sie in die Tat umzusetzen? Bin ich inzwischen über-reist?
6 DIE ZEIT Nr. 10/2012. www.zeit.de/2012/10/C-Erasmus (06.01.2019)
Darmowy fragment się skończył.