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Clara Viebig
Menschen unter Zwang

Roman

Saga

I

Dass Frau Friederike Längnick-Güldenaue einstmals auf einer bäuerlichen Hofstatt, klappernde Holzpantinen an den nackten Füssen — Strümpfe wurden nicht angezogen, wenn es schmutzig war schonte sie die — durch Dungpfützen und Regenlachen gestapft war, das wusste kein Mensch. Das wusste sie selbst nicht mehr. Dazu war es schon allzu lange her; so lange, dass ein Mensch in der Zeit geboren werden und wieder sterben und doch seine vierzig Jahre gelebt haben kann. Sie hatte vergessen, vieles vergessen; nur einiges nicht. Das, was sie nicht vergessen wollte. Tempelhof, das Dorf bei Berlin, woher sie stammte und Johann Längnick geheiratet hatte, wo sie ihren einzigen Sohn Paul geboren und wieder verloren hatte, wo sie geliebt und gehasst, gearbeitet und gegeizt hatte, wo sie reich geworden war, schwer reich durch den Verkauf ihrer Ländereien an die Stadt Berlin, dieses Tempelhof hatte in ihrem Gedächtnis zu existieren aufgehört. Es existierte ja in Wirklichkeit auch nicht mehr. Fort die alten Dorfhäuschen mit den Lauben davor, die Scheunen mit den Storchnestern, die mächtigen breiten Linden im tiefen Sand, der Pfuhl, aus dem am Sommerabend wie wild die Frösche quakten. Sie dachte nicht mehr daran, sie sprach nicht mehr davon, jenes Leben war aus und vorbei, so, als sei es nicht gewesen; nur zuweilen nachts konnte es vorkommen, dass sie, aus einem Traum aufschreckend, schrie: „Johann, anspannen!“ Aber wenn ihr beim Erwachen die Erinnerung an solchen Traum kam, wischte sie sich über die Stirn und machte mit der Hand eine wegscheuchende Bewegung in die Leere ihres Schlafzimmers hinein, das nicht mehr wie einst den ständig haftenbleibenden bäuerlichen Geruch nach Erde und Stall hatte.

Sie hiess jetzt nicht mehr Rike, sondern Friederike, ging in schwarzer Seide, ein schwarzes Spitzendeckelchen auf dem Kopf, damit man die Kahlheit auf ihrem Scheitel nicht sah, nur darum herum die schütteren schneeweissen Haare. Liess sich ‚gnädige Frau‘ nennen und von Leuten, die etwas von ihr wollten, mit ‚von‘ oder ‚Frau Baronin‘ anreden. Es hatte ihr viel Mühe gekostet, so zu werden, wie sie jetzt war: so zu sprechen, so zu essen, so aufzutreten. Hinter verschlossener Tür, ganz allein mit sich und ihrem Verstand, hatte sie fleissig geübt. Geld allein macht es ja nicht, das wusste sie jetzt. Das, was sie als Tempelhofer Bäuerin in ihren mittleren Jahren noch nicht gewesen war, das stellte sie jetzt vor: eine Dame.

Man sprach mit dem grössten Respekt von der alten Schlossherrin auf Güldenaue. Der Respekt war freilich mit etwas Angst gemischt. Die jungen Dienstmädel im Hause sagten: ‚Die Ale sieht ’m bis in a Magen.‘ Auch die Knechte auf dem Hof sagten das. Wenn die Gnädige am Arm ihres Enkelsohns, des Herrn William Längnick, in die Ställe hineinsah, dann duckte sich der Schweizer hinter die Milchkühe, und der Kutscher, der die Pferde striegelte, striegelte nocheinmal so emsig. Sie sah alles, wenn ihre Augen auch halbversunken hinter Hautfalten unter verknitterten Lidern lagen; schwarz und stechend blickten sie: wo bist du gewesen? Wen hast du getroffen? Wer hat aus dem Obstkorb genascht? „Ich sehe alles, ihr macht mir nichts vor!“ Und dann lachte sie, kicherte in sich hinein, bis sie ihren Husten bekam, an dem sie nachts oftmals fast erstickte. Dann riss sie an der Klingel, heisses Zuckerwasser wollte sie. Aber niemand kam. Man hatte es eben nicht gehört, zu fest geschlafen: mochte sie doch ersticken, das alte Gespenst!

Selbst Berta Rotenbücher, die Gutsmamsell, sagte, sie hätte nichts gehört. Und die hätte doch alle Ursache gehabt, aufmerksam zu sein, denn was wäre wohl aus ihr geworden, wenn die Gnädige sie nicht engagiert hätte, als ihr Bräutigam sie verliess und sie mit einem Kinde dasass? Kein Mensch wollte sie mieten — ‚uneheliches Kind, liederlich!‘ Herrn Pastor Kimmel, dem Seelsorger der Gemeinde Güldenaue, war es etwas beklommen gewesen, als er der Gnädigen den Fall vortrug: wer weiss, wie solche Dame sich dazu stellte? Aber die Herrin von Schloss Güldenaue sagte: „Herr Pastor, ich kümmere mich ’nen Dreck drum, was die Leute sagen. Wenn sie gut kocht, kann sie meinetwegen sechs uneheliche Kinder haben.“ ‚’nen Dreck drum‘ — das verblüffte Herrn Pastor Kimmel etwas — aber doch eine gütige Dame, eine barmherzige Dame! Die gnädige Frau von Schloss Güldenaue nahm die Mamsell mit dem unehelichen Kind in Dienst, sie gab ihr dafür aber auch nur die Hälfte des herkömmlichen Gehaltes; der kleine Balg kam ins Waisenhaus.

Auch die Erzieherin von Lore, der Urenkelin auf Schloss Güldenaue, hörte das nächtliche Klingeln. Fräulein Doris Mittler hatte gute Ohren, aber die wollten nicht hören; sie stand sich nicht mit der alten Gnädigen. Die hatte ihr vorgeworfen, sie spekuliere auf eine Heirat mit ihrem Enkelsohn, dem Besitzer von Güldenaue, dem verwitweten Vater der kleinen Lore. Als ob Doris Mittler, diese noch so frische, tüchtige Dreissigerin, es nötig hätte, diesen tatenlosen Neurastheniker zu heiraten! Und doch hatte sie daran gedacht, dachte noch immer daran.

Aber der Schlossherr von Güldenaue, der statt des deutschen ‚Wilhelm‘ William hiess nach dem Wunsch seiner früh verstorbenen Mutter, die Engländerin gewesen war, scheute vor einer zweiten Heirat ängstlich zurück.

‚Schlummerkopp‘ nannte Friederike Längnick ihn, wenn sie ärgerlich war. Recht hatte sie damit. Nun hatte sie soviel errafft mit der Arbeit eines Lebens, in dem sie sich selber kaum etwas gegönnt, wie eine Magd geschafft hatte, selber mit zum Markt gefahren war, das Geld, das der Verkauf ihrer Tempelhofer Ländereien an die Stadt Berlin ihr eingetragen, dann noch durch glückliche Bau- und Grundstückspekulationen schlau vermehrt — und nun genoss er es nicht! War das nicht zum Ärgern? Ach, sein Vater, ihr Paul, ihr einziger Sohn, der hatte es ja auch nicht genossen! Wenn ihr die Gedanken an den kamen, dann zuckte es über ihr Greisenantlitz, das versteinert schien in seinen eingegrabenen Furchen; alter Schmerz machte es lebendig. In seine Blässe, die graugelblich war, wie allzu lange im Schrank verschlossen gewesenes Leinen, stieg ein Rot. Aus den tiefen Falten der Stirn, aus den Runzeln der Wangen sprangen Gram und verbissene Wut.

Was Friederike Längnick mit ihrem Sohn nicht hatte erreichen können, das hatte sie sich mit Pauls Sohn zu erreichen bemüht. Er sollte lernen, viel lernen; sie schickte ihn aufs Gymnasium, sie hielt ihm noch einen Hauslehrer dazu, er sollte besser schreiben und lesen, mehr wissen als sein Vater. Aber er lernte nicht gut. Sie hatte ihn später dann auf Reisen geschickt. Paris, London, Italien, die halbe Welt hatte er kennengelernt; aber er kam genau so zurück, wie er fortgegangen war. Da kaufte sie ihm das Schloss Güldenaue unweit des Städtchens gleichen Namens am Fuss sanft ansteigender bewaldeter Höhen. Das eigentliche Gebirge lag noch fern, man sah dessen Kamm nur aufsteigen in blauem Duft, wenn die Fernsicht gut war. Sie kaufte Güldenaue billig, denn das Gut war ziemlich heruntergewirtschaftet und das Schloss eigentlich nur ein grösseres Landhaus. Da sollte er sich nun betätigen. Aber er hatte wenig Interesse an der Landwirtschaft. Seine Augen blieben gleichgültig; sie blickten auch nicht lebhafter, als die Grossmutter ihm eine Frau ausgesucht hatte, eine hübsche junge Frau.

Friederike Längnick hatte bei ihrer Wahl weniger auf Geld gesehen, zum erstenmal spielte das keine Rolle. Gesund musste sie sein, sehr gesund; es musste einmal frisches neues Blut in die Familie. Die Tempelhofer hatten immer untereinander geheiratet, sie und ihr Johann waren ja auch Geschwisterkinder, und dass das nicht gut tat, das wusste sie jetzt. „Junges frisches Blut, das wird dich aufmöbeln“, sagte sie mit grimmigem Scherz und stiess dem Enkelsohn mit dem Ellbogen in die Seite. Er sah sie stumm, ohne zu lächeln, an. Da fuhr sie auf: „Zum Donnerwetter noch mal, und da sagst du nichts?!“ Sie hatte ihn mit beiden Händen gefasst und gerüttelt: „Wach auf, wach doch endlich mal auf! Hast du nicht alles, was das Herz begehrt: Gut, Schloss, Saat und Ernte — viel Geld — und nun noch ’ne hübsche junge Frau?!“ — — — —

Wie damals vor Jahren die Grossmutter ihn gerüttelt hatte, so rüttelte heute Doris Mittler den Schlossherrn von Güldenaue. Ohne anzuklopfen war sie bei ihm eingetreten, sie durfte das jederzeit. Mit beiden Händen hielt sie seine Schultern gefasst — sie war von gleicher Grösse mit ihm —, sah ihm so, ganz nah, mit klugen, aufmerksamen Blicken ins Gesicht. Vor den Leuten nannten sie sich selbstverständlich ‚Sie‘, hier aber, allein mit ihm in seinem Zimmer, sagte sie ‚Du‘. „Frau Ingeborg Bade will herkommen — hörst du, William? Ich habe eben einen Brief von ihr bekommen. Sie fragt bei mir an — vorsichtshalber, du würdest ja doch nicht antworten —, ob ihr Besuch nächste Woche passen würde?“

„Was meinst du dazu?“ fragte er.

„Meinetwegen kann sie kommen. Soll ich dir den Brief mal vorlesen?“

„Wozu?“

„Sie schreibt so geheimnisvoll: sie müsste in einer über ihr Wohl und Wehe entscheidenden Angelegenheit deinen Rat einholen.“

„Meinen Rat?“ Er zog fast verlegen die Schultern. „Ich habe gar kein Interesse für ihre Angelegenheiten; wahrscheinlich wieder irgendeine ihrer Liebesgeschichten, mit der sie mich behelligen will.“

Doris Mittler lächelte befriedigt: grossen Anteil an der Schwägerin nahm William wirklich nicht! Dann redete sie ihm zu: „Du kannst sie nicht gut abweisen, Willi, sie ist doch die Schwester deiner verstorbenen Frau!“

„Meinetwegen, dann lass sie kommen. Aber das sage ich dir, ich kann mich nicht um sie kümmern, ich habe keine Zeit. Gar keine.“

„Zeit — du hast keine Zeit?!“ Sie lachte unwillkürlich.

Er fuhr unwillig auf: „Habe ich auch nicht. Ich habe Kopfweh!“ In einer schmerzhaften Regung fasste er sich nach der Stirn; dieser Griff war seiner Hand schon eine gewohnte Bewegung. „Immer Kopfweh!“

„Oh, oh“, machte sie bedauernd. Und sie streichelte ihm Stirn und Wange.

Er hielt still, liess sich streicheln und schloss die Augen dabei; die Berührung ihrer Hand tat ihm wohl. „Es wird mir doch noch einmal so gehen wie meinem Vater“, seufzte er. „Immer dieses Kopfweh. Eines Tages werden sie mich auch ins Irrenhaus bringen.“

„Aber William!“ Sie wurde förmlich böse. „Was sind das für strafbar törichte Gedanken! Nimm dich doch zusammen, lass dich nicht so gehen!“

Er stöhnte auf, nahm ihre beiden Hände und legte sein Gesicht hinein.

Sie sah auf ihn nieder. Ihre Stimme wurde weicher, ihre Augen schimmerten feucht: „Armer Mann, wie quälst du dich!“ Heute war es wieder ganz schlimm mit ihm, er hatte seinen melancholischen Tag, da durfte man ihn nicht schelten, sonst wurde er böse, und es gab eine Szene. So klagte sie denn nur: „Du hast mich doch gar nicht lieb! Sonst würdest du so etwas nicht sagen, du tust mir ja weh damit. Du hast doch auch gar keinen Grund, so zu reden.“

„Keinen Grund —?“ Er hob das Gesicht aus ihren Händen und sah sie verstört an. „Wenn dein Vater — ach, vielleicht hat auch schon dein Grossvater und dein Urgrossvater zu viel gesoffen —, wenn dein Vater so getrunken hätte, dass er das Delirium bekam, bei lebendigem Leibe schon tot war, würdest du dann nicht auch Grund genug haben, um dich zu fürchten? Grund genug, wahrhaftig! Und dazu diese Kopfschmerzen, immer elende Kopfschmerzen. Nicht zum Ertragen“, schrie er aufgeregt, schleuderte ihre Hände von sich und rannte durchs Zimmer.

Sie wartete still, bis seine Schritte sich verlangsamten, bis sein unruhiges Hin und Her ganz aufhörte, bis er am Fenster stand und durch die geschlossene Scheibe hinausstarrte.

Es war Frühling, man hörte, dass laut die Vögel sangen. Gezirp, Gezwitscher von vielen, dazwischen ein süsses, warmtönendes Flötenlied. Unten vorm Fenster, mitten auf dem Rasenplatz, den hochstämmige Rosenstöcke im ersten Trieb einrahmten, ein vollerblühtes rundes Bäumchen; es stand wie ein holdes Wunder in seinem rosa Kleid. Und weiterhin noch andere Bäume, die blühen wollten. Und das Grün so grün, und erste Blumen so bunt, und über der des Frühlings sich freuenden Erde der Himmel, so licht und so blau. Und er sah es nicht. Ach, der Arme, dem das alles gehörte, und der doch nichts davon hatte! Doris Mittler warf einen zornigen Blick hinauf zur Zimmerdecke: gerade oben darüber sass sie in ihrem Zimmer, die Alte! Hätte sie es doch für sich behalten, ihm nicht erzählt, was einstmals war! Freilich, was wusste die, was Nerven waren! Leise trat sie hinter den am Fenster Stehenden und legte den Arm um seine Schultern: „Musste sie dir’s erzählen?“

„Warum denn nicht?“ Es klang gereizt. „Nun weiss ich doch, was mit uns Längnicks los ist. Wenn ich doch nur etwas zu arbeiten hätte! Bei der Arbeit vergisst man. Aber ich habe keine — unintelligent, träge.“ Seine Stimme sank, wurde fast tonlos: „Essen, trinken, schlafen — man sollte mich totschlagen.“

Sie war erschrocken, seine Stimme erschütterte sie. Er machte sich Vorwürfe über sein müssiges Leben — war es denn nicht auch schrecklich, so dahinzuleben?! „So nimm dir doch etwas vor“, bat sie herzlich. „Könntest du nicht vielleicht den Inspektor abschaffen?“

Er schüttelte verneinend.

„Dann doch wenigstens den Vogt. Du hast viel zu viel Leute; was läuft hier alles herum. Güldenaue ist nicht gross, eigentlich nur ein Luxusgut. Du könntest es ganz gut allein schaffen. Es würde dir so viel Freude machen, über die Felder zu gehen. Du könntest ja auch reiten.“ Sie klinkte das Fenster auf, stiess die Flügel weit zurück und atmete tief: „Ah, es ist schön, wunderschön, wenn in der Frühe die Lerchen singen! Oder wenn am Abend die Sonne in Korn und Wiesen versinkt. Versucht’s doch mal, ob es dir nicht möglich wäre, dich selbst etwas mehr zu kümmern. Ich könnte dich gut dabei unterstützen, Willi, die Bücher führen, die Löhne auszahlen, die —“

„Ach was, ach was“, unterbrach er sie heftig. „Alles Unsinn. Ich werde Güldenaue verkaufen und nach der Stadt ziehen. Nach Breslau, nach Dresden, vielleicht nach Berlin. In der Stadt ist immer was los, man hat Zerstreuung.“

„Und Lore?“ fragte sie vorwurfsvoll. Um Gottes willen, nur nicht in die Stadt ziehen, dachte sie. Sie hatte noch genug davon, wie er aus Berlin zurückgekommen war im vorigen Winter — vollständig ausgeplündert, geistig und körperlich. Es hatte lange gedauert, bis er sich erholt hatte. Gut, dass sie Lore zum Vorwand nehmen konnte! Und war es denn nicht auch so, hatte der Arzt nicht gesagt, dass für Lore Landluft das Zuträglichste sei? Ihre Mutter war genau so rosig gewesen, niemand hätte gedacht, dass diese blühende junge Frau einer Grippe so wenig standhalten könnte. Hohes Fieber, wenige Tage nur, dann war’s aus gewesen; das Herz zu schwach, es versagte plötzlich. Vielleicht war Lores Herz auch nicht stark. „Willi, denk an Lore! Ach, in die Stadt eingesperrt, was soll da aus dem armen Kind werden?!“

„Ach so, ja, Lore.“ Es klang enttäuscht. Aber doch war William Längnick im Grunde froh, dass aus seiner plötzlich aufgetauchten Idee, Güldenaue zu verkaufen, nicht Wirklichkeit werden konnte. Ach, alles, was er in Angriff nehmen wollte, zerfloss eben in nichts! Er hatte weder in den Händen noch in den Gedanken die Kraft, etwas festzuhalten, geschweige denn auszuführen. Die Grossmutter würde es ja auch gar nicht erlaubt haben. „Ich bin krank“, seufzte er.

Ja, das war er! Sie sah ihn besorgt an: was war es für eine Krankheit? Doktor Schmieder konnte sie ihr nicht nennen. Ach, war es die Krankheit des Degenerierten? Geschlechter wachsen nicht aufwärts, sie wachsen niederwärts; wie bei den Fürsten so bei den Bauern. Und doch hätte Doris Mittler ihn geheiratet, nicht nur seines Reichtums wegen — als seine Witwe würde sie in bester Lebenslage zurückbleiben —, sie hatte ihn auch wirklich lieb, trotz seiner Schwächen. War er nicht wie ein Knabe, der sich an sie schmiegte, wenn ihm ganz bange war? Und geheiratet um Lores willen. Sie fühlte es wohl, man wollte ihr dieses Kind, das sie gehütet, seitdem es seine Mutter verloren hatte, entwinden. Oh, die, die da oben! Unwillkürlich stellte sie sich fester auf ihre Füsse. Aber musste diese Alte, dieses ‚Gespenst von Güldenaue‘, wie das Dienstpersonal sie nannte, denn ewig leben? ‚Des Menschen Leben währet siebenzig Jahre, und wenn es hoch kommt, so sind es achtzig Jahre‘ — diesen Psalm hatte Lore erst kürzlich gelernt —, die Urgrossmutter war ja nun schon weit über achtzig Jahre! Das gab Beruhigung. Wer weiss auch, ob William sich nicht doch noch mit ihr trauen liess? Dann hätte sie alle Rechte. Doris drückte sich enger an ihn, sie legte ihre Wange an die seine: „Mein Guter, du Lieber!“

Er lächelte und legte den Arm um sie: „Du bist gut, Doris — ach ja, wenn ich dich nicht hätte!“

So standen sie eine Weile. Das viele Licht, das die Sonne und der frischgrüne Rasenplatz von draussen hereinsandten, fiel hell auf die zerwühlte Stirn des kaum Vierzigjährigen, auf sein Haar, das an den Schläfen schon ergraute, mitten in sein Gesicht, das so sympathisch war, wenn es einen freundlicheren Ausdruck zeigte. Auch ihr Gesicht war voll beschienen: ein kluges Gesicht, gesund gebräunt, mit klaren braunen Augen. Es war auch klug, dass sie, scheinbar sich unterordnend, jetzt nochmals fragte: „Und an die Bade soll ich also schreiben, dass es dir recht ist, wenn sie kommt?“

„Nein, es ist mir gar nicht recht.“ Er sagte es förmlich kläglich. Seine Augen blinzelten, es zog wie Angst über sein Gesicht: „Sie will mich heiraten!“

„Dann heirate mich doch schon lieber“, sagte sie lachend. Ihr frischer Mund war ganz nahe dem seinen.

„Nein“, sagte er plötzlich voll ungewohnter Energie, „ich habe dich lieb. Heiraten —?! Ich bin dir viel zu dankbar dazu.“

II

Ingeborg Bade war eine schöne Frau. Und lebenslustig auch — warum auch nicht, sollte sie ewig ihrem verstorbenen Gatten, dem Apothekenbesitzer Bade, nachtrauern? Die böse Welt der Stadt, die nicht so gross war, dass man sich gegenseitig nicht leicht hätte beobachten können, wusste manches über die schöne Witwe zu erzählen. Schon als Bade noch lebte, hatte sie Liebhaber gehabt. Der gute Bade rührte hinten im Laboratorium seine Mixturen, studierte, die Brille vor den kurzsichtigen Augen, sorgsam die Rezepte, und vorn im Verkaufsraum sass Frau Bade, elegant angezogen, an der Kasse und tauschte mit dem Provisor zärtliche Blicke und rasche zärtliche Worte. Wie man behauptete, hatte sie noch viel mehr mit ihm getauscht. Ein hübscher, flotter Mensch, dieser Provisor. Aber bei Ingeborg Bade war es so, sie musste immer Abwechslung haben. Nach dem Provisor war es der Polizeihauptmann, mit dem ritt sie sogar aus. Wenn es dann hernach zu Ende war, fragte sie nicht viel danach, ob die Herren diskret waren oder nicht; wenn man ihr dies und das hinterbrachte, was die gesagt haben sollten, warf sie den Kopf zurück und lachte: „Ist ja gar nicht wahr!“ Sie leugnete nichts, war auch nicht beleidigt, es schmeichelte ihr im Gegenteil, dass man sich so mit ihr beschäftigte; sie kam sich interessant vor. Der reiche Gutsbesitzer Vennhof war auch einer von ihren Anbetern. Er war auch mit dem Ehemann sehr befreundet gewesen; der Verkehr war äusserst rege, allwöchentliche Besuche und Gegenbesuche wechselten sich ab.

Auf Vennhofs Jagd war es auch, dass der gute Bade verunglückte. Die Freunde sassen auf Anstand, einer nicht allzu weit vom anderen entfernt; es war grauender Morgendämmer. Gott weiss, was den Apotheker angekommen sein mochte, dass er auftaumelte, sich geduckt an den Büschen entlang schlich. Der Jagdfreund hatte geglaubt: ha, der Rehbock! Sein Schuss fiel. Aber es war kein Rehbock, der fiel. Trotzdem sollte Vennhofs Verhältnis mit Frau Bade noch fortgedauert haben. Man hatte ihn in Berlin mit ihr zusammen gesehen. In einer Tanzdiele. Aber es konnte ja auch eine Täuschung sein, es gab in Berlin viele Frauen, die sich so schick kleideten wie die Bade; die reine Uniform: Kleid, Hütchen, leicht getönte Wangen und dasselbe Lächeln. Es konnte ebensogut eine andere gewesen sein, die mit einem beleibten Agrarier Sekt trank. Frau Bade behauptete, seit Jahren nicht mehr in Berlin gewesen zu sein. Und Vennhof dachte ja auch gar nicht daran, sich von seiner Frau scheiden zu lassen. —

Aber jetzt hatte Ingeborg Bade ernste Absichten, sie war es nun müde, in der Leute Mäuler zu sein. Sie lachte nicht mehr darüber, sie weinte sogar, denn die Vierzig nahten. In einer Gesellschaft hatte sie einen Herrn kennengelernt, der ihr sehr gefiel. Es wurden allerlei Spiele gespielt, und da war es ganz merkwürdig, was dieser junge Mann für ein Talent entwickelte; eine seltsame Gabe. Er ging hinaus, ausser Seh- und Hörweite, und es wurde etwas für ihn versteckt. Ihr Taschentuch. Man legte es in den Flügel, ganz hinten auf die besponnenen Saiten, und schloss den Deckel wieder. Als er dann hereingerufen wurde, ersuchte er sie um ihre Hand, fasste die ganz fest mit Daumen und Zeigefinger ums Gelenk, da wo der Puls sitzt, und bat sie, nun ganz intensiv an den versteckten Gegenstand zu denken. Sein kühnes Gesicht verlor das Lächeln, es nahm einen besonderen Ausdruck an, seine Stirn zog sich zusammen wie bei einer Anstrengung, er sagte kein Wort. Sie fühlte ihren Puls unruhig klopfen, er hatte so eiserne Finger, die hielten sie wie in einer Klammer. Nach kurzem Zögern schritt er auf den Flügel zu, rasch, immer rascher, er zog sie förmlich, klappte den Deckel auf, nahm das Tuch von den Saiten und überreichte es ihr mit einer Verbeugung: „Ihr Taschentuch, gnädige Frau!“ War das nicht wunderbar? Wie konnte er es nur so rasch finden und dann gleich wissen, dass es ihr gehörte?!

„Sie sind ein gutes Medium, gnädige Frau!“ Tief senkte er dabei seinen Blick in den ihren. Es überlief sie: was er für zwingende Augen hatte! Wahrhaftig, dem etwas abzuschlagen würde schwer halten!

Den ganzen Abend beschäftigten sie sich miteinander. Er war riesig interessant. Konnte er wirklich Gedanken lesen oder war es nur Humbug? Ob er wohl wusste, dass sie sehr wünschte, ihm zu gefallen? „Was denke ich jetzt?“ fragte sie ihn kokett.

Er lächelte: „Dass ich Ihnen gefalle, gnädige Frau, und dass Sie es wünschen, mir auch zu gefallen.“

Sie war erschrocken. „Hm“, sagte sie nur und nickte.

Als die Gesellschaft aufbrach, bat er, sie nach Hause bringen zu dürfen. Sie hatte sich schon oft nach Hause bringen lassen, aber so wie heute war es doch noch nie gewesen. Mitternacht war vorbei, der Mond schien, langsam gingen sie durch die menschenleeren Strassen. Immer langsamer schleuderten sie. Ah, sie schien ihm doch sehr zu gefallen, und er gefiel ihr auch immer besser! Ingeborg Bade fühlte ihr Blut sich erregen. Er hatte ihr den Arm geboten, sie sei müde, hatte sie gesagt; es war auch so; sehr müde, ganz schlasf. Sie hatte sich bei ihm eingehängt, nun drückte er ihren, unterm Pelzmantel nackten Arm fest an sich. Wie einen Strom fühlte sie es von ihm zu sich hinüberrinnen.

Er fing an, vom Krieg zu sprechen. Natürlich war er mit dabeigewesen — krach, krach, Achtung, Granate! Ein Splitter hatte ihn am Arm schwer verletzt. „Da lag der Fetzen Fleisch, ein Stück von mir! Ich habe mich noch danach bücken wollen, dass man’s wieder anpappen konnte — aber dann fiel ich doch um.“

„Haben Sie einen Mut! Gott, was für einen Mut!“ Es gruselte sie und verschlug ihr fast den Atem.

Er lachte: „Ja, ein klein bisschen Courage muss man schon haben! Aber Sie zittern ja, gnädige Frau? Sie brauchen kein Mitleid mehr mit mir zu haben, ich habe noch Schwereres überstanden.“

„Sie Armer“, sagte sie zärtlich.

Da küsste er sie.

An der Haustür trennten sie sich nicht. Sie hatte ihn mit hineingenommen. — — —

„Also diesmal wollen Sie wirklich heiraten?“ fragte die alte Längnick und sah über den Tisch, auf dem das Abendessen stand, hinüber zur Schwester von ihres Enkels verstorbener Frau.

Es wurde Ingeborg ganz unbehaglich unter dem scharfen Blick der kleinen schwarzen Augen; sie ärgerte sich, dass sie Unbehagen empfand: was brauchte sie sich vor der zu genieren, Rechenschaft war sie der doch nicht schuldig?! Und doch wurde es ihr schwer, die Kecke und Selbstsichere zu spielen. „Warum denn nicht? Ein reizender Mensch! Und er liebt mich! Wenn man so vereinsamt ist wie ich, darf man da treue Liebe von sich weisen?“ Sie warf einen Blick zu ihrem Schwager hinüber: was machte der denn für ein Gesicht dazu? „Nicht wahr, Willi? Was sagst du?“

„Gar nichts.“ William Längnick zuckte die Achseln. „Mich geht das ja gar nichts an.“ Es klang fast grob. Dieses verwünschte Frauenzimmer war ihm nun doch auf den Hals gekommen, obgleich Doris ihr geschrieben hatte, ihr Besuch passe jetzt nicht, sie möchte ihn lieber noch etwas verschieben. Sie war doch gekommen, behauptete, diesen Brief nicht bekommen zu haben!

Ohne vorherige nochmalige Anmeldung war Ingeborg Bade heute erschienen mit einem Koffer und viel Handgepäck. Sie hatte ja solche Sehnsucht, eine nicht mehr zu bezwingende Sehnsucht nach dem lieben Güldenaue und seiner friedlichen Abgeschiedenheit, wo man kaum gewahr wurde, dass draussen Krieg gewesen war und noch immer die Welt so voller Unruhe. Und Sehnsucht nach ihrem guten Schwager, der ihr stets ein Freund gewesen war. Einen Freund, ach, den brauchte sie jetzt doppelt und dreifach, stand sie doch vor einer immerhin schweren Entscheidung: sollte sie ‚ja‘ sagen oder ‚nein‘ auf Herrn Tills Antrag? Sie hatte Kinder, eine Tochter von dreizehn, Brigitte war bald ein Backfisch, und dann ein so junger Stiefvater! So viele Jahre ihr guter Bade älter gewesen war als sie, so viele jünger war Herr Thomas Till. Achtundzwanzig. Ein Vierziger würde freilich besser zu ihr passen, aber, aber — sie zögerte, seufzte und sah wieder nach dem Schwager hin. Wenn William wenigstens sagen würde: „Bei dir spielt das Alter keine Rolle, du bleibst immer jung und schön.“ Aber er sagte nichts.

Die Grossmutter, die sagte etwas. „Also so ’nen Jungen wollen Sie sich zulegen? Na ja!“ Ihre Miene war vielsagend.

Doris Mittler rückte unruhig auf ihrem Stuhl: wollte die Alte taktlos werden? Lore sass doch am Tisch! Sie wendete sich rasch zu dem Kind, das schön und still neben ihr sass: „Lorchen, sei so gut, lauf mal in mein Zimmer hinauf, hol mir ein Taschentuch, ich hab’s vergessen.“

„Gehen Sie doch selber! Lore ist kein Schickedanz.“ Die Gnädige ergriff die Gelegenheit, der Mittler eins auszuwischen: was sich diese Person alles erlaubte! Doris wurde blutrot, aber sie behielt ihre ruhig-freundliche Miene. Doch William Längnick fuhr auf: „Ich werde es holen. Bleib sitzen!“ herrschte er die Tochter an. Rasch war er zur Tür hinaus.

Oh, war der froh, entrinnen zu können! Doris unterdrückte ein Lächeln; sie war nun nicht mehr beleidigt, sie hatte Humor genug für die Situation, und den Pfeil der alten bösen Frau hatte William ritterlich abgewehrt. Das tat ihr wohl.

Eine plötzliche Stille war eingetreten. Die Grossmutter sass ganz erstaunt: William ging selber, stand auf vom Tisch, was erlaubte er sich? Auch die junge Lore sah mit grossen Augen von ihrer Doris zur Urgrossmutter, und von dieser wieder zu jener, und dann auch zu der Tante hin, die so unwillkommen zu Besuch gekommen war. Unwillkommen, das konnte man gut merken. Diese schöne Frau mit den gebrannten Haaren, in dem eleganten Kleid, so ganz anders angezogen als ihre Doris, war ihr nicht gerade sympathisch und hatte ihr etwas Fremdes. Aber es war doch die Schwester ihrer Mutter, und wenn Tante Ingeborg auch keine Ähnlichkeit mit der hatte — Doris sagte, sie hätte gar keine —, so musste sie doch der Mutter wegen, zu deren Grab sie oft mit Doris Blumen brachte, lieb und freundlich zu ihr sein.

„Was macht denn Britta?“ fragte sie mit ihrer fast noch kindlichen Stimme und lächelte die Tante an.

„Ach, Brigitte ist auch schon ein grosses Mädchen, wenn auch lange nicht so hübsch wie du!“ Frau Bade war dankbar für die erlösende Frage aus dieser bedrükkenden Stille. Diese Grossmutter war ja ganz gefährlich, wenn auch in anderer Art gefährlich als die Mittler! Und blöde war es von dem Schwager, aufzuspringen und nach dem Taschentuch zu rennen! Mit Freuden ergriff sie die Gelegenheit, von Brigitte und Theo zu sprechen; sie tat es gern, sie liebte ihre Kinder. „Ein bisschen wild ist Theo leider: Tom sagt zwar, er wird ihn schon zahm kriegen, ich schicke ihn aber doch in eine Erziehungsanstalt, in ein Landheim oder nach der Schweiz, dann lernt er gleich gut Französisch. Es ist nicht angenehm, in einer jungen Ehe so grosse Kinder im Haus zu haben. Und Brigitte — ja, da weiss ich noch nicht. Vorderhand schwärmt sie für Tom. Er mag sie auch sehr gern. Sie ist ja auch wirklich lieb, aber ein komisches Mädchen — ja, was ich mit Brigitte machen soll, das weiss ich wahrhaftig noch nicht!“

„Tante, gib sie doch her zu uns!“ In Lores zartes Weiss stieg eine helle Röte. „Oh, das wäre schön! Mir fehlt gerade jemand, mit dem zusammen ich noch lernen kann und auch mal ’ne Dummheit machen und lustig sein. Doris sagt immer: ‚Eine junge Gefährtin brauchtest du, eine Altersgenossin.‘ Nicht wahr, Fräulein Mittler, ich werde zu altklug immer nur mit Erwachsenen?“ Sie lachte und Fräulein Mittler lächelte auch. Sie strich dem jungen Mädchen mit einer zärtlichen Gebärde über das lockige Haar: „Wenn du über die junge Freundin nicht die Liebe zu deiner alten hintansetzst, dann soll sie nur kommen!“

„Hörst du, Tante, Fräulein Mittler sagt es auch!“ Lebhaft umarmte sie die Erzieherin und drückte ihr einen Kuss auf. „Doris erlaubt’s!“

Die Urgrossmutter sah aus wie ein Geier, der die Federn sträubt: „Fräulein Mittler hat gar nichts zu erlauben. Sitz still, Lore!“ Sich zu Ingeborg wendend, sagte sie dann: „Aber es liesse sich drüber reden. Meinetwegen. Was würden Sie für die Pension hier anlegen?“

Lore wurde blutrot: o wie peinlich! Geld, bezahlen?! So war es doch nicht gemeint. Die Tante sollte doch nicht bezahlen. Um Gottes willen, sie durfte nichts bezahlen! Britta sollte hier als ihre Gefährtin sein, als ihre Freundin, und Freundschaft und Liebe, die haben mit bezahlen doch nichts zu tun. War denn nicht Geld genug hier?! Die Tränen schossen ihr in die Augen, sie fühlte sich tief verletzt. ‚Millionenerbin‘ sagten die Leute. War es so, sollte sie einmal Millionen erben? Ach, sie machte sich gar nichts daraus. Liebe, Liebe, nach der verlangte es sie, ausser Doris hatte ja niemand sie lieb. Der Vater nicht, der war viel zu gleichgültig, die Urma nicht, die konnte ja gar nicht lieben. Aber Britta würde sie lieben, sie sah sich schon mit ihr Hand in Hand. Sie würden zusammen konfirmiert werden — das war ein grosses Ereignis — sie traten zusammen in das Leben ein, von dem sie noch keine Ahnung hatte, und auf das sie doch sehr neugierig war. Lores Augen richteten sich flehend auf die Schwester ihrer Mutter: wenn die doch jetzt sagen möchte, ‚ja, ich schicke dir Britta!‘

Aber Frau Bades Gedanken waren bereits abgeschweift. Dass William mit der Mittler was hatte, das war ja ganz klar! Oh, diese scheinheilige Landpomeranze mit dem glatten Scheitel und der puritanischen Kleidung, Rock und Bluse wie eine Bedienstete. Die auszustechen, konnte ihr doch nicht schwer fallen. Ihm nahm sie weiter das Verhältnis nicht übel, er war ja noch ein Mann in den besten Jahren und hatte hier eben keine Wahl. Ihre Gedanken eilten flüchtig, wie sie stets waren, zu Tom: der war in der Liebe mehr nach ihrem Geschmack, jünger und frischer. Aber freilich, William war reich. Gut aussehend war er eigentlich auch, und dass er nicht viel sprach, war ja gar nicht unangenehm; bei Tom kam man nie zu Wort, der beherrschte immer die Unterhaltung. Er hatte ja auch was zu erzählen. Was der im Krieg sich alles geleistet hatte! Tolle Stückchen: Schleichpatrouillen mitten in die feindlichen Linien — Horchposten — es war stets auf Leben und Tod gegangen. Er war ja auch Offizier geworden, hatte das Kreuz Erster bekommen, immerhin was für einen einfachen Handlungskommis! Aber sie wollte doch auch einmal reden, nicht bloss zuhören.

Die Frau wog Vorzüge und Nachteile beider Männer ab wie der Krämer die Ware. Die Waage senkte sich nach des reichen Schwagers Schwere. Wo William nur so lange blieb? Sie beschloss, gleich heute noch einen Vorstoss zu wagen. „Warum kommt William nicht wieder?“ fragte sie harmlos.

„Da müssen Sie ihn selber drum fragen“, sagte die Alte. Sie lächelte ein wenig, wenn man das Zucken ihres schmallippig gewordenen Mundes Lächeln nennen wollte. Ei, was war diese Frau für eine Pute! Sie war hergekommen, um den reichen Mann zu kapern, und merkte es gar nicht, dass sie ihm auf die Nerven fiel. Friederike Längnick amüsierte sich. „Hm, hat denn Ihr Zukünftiger eine Position?“ fragte sie. „Oder will er Sie nur heiraten wegen des Geldes, das Ihnen Bade hinterlassen hat? Das kann rasch alle werden.“

„Oh, er ist gutsituiert“, sagte rasch Frau Ingeborg. Sie würde hier doch nicht sagen, dass er nichts hatte. Sein Vater, der hatte einmal etwas gehabt — sogar drei Güter — Tom war als Knabe mit der Equipage zur Schule gefahren worden, aber das war schon lange her. Ingeborg Bade war sich bewusst, dass sie log, als sie sagte ‚gutsituiert‘. Konnte sie denn dieser bösen Alten die Wahrheit sagen? Konnte sie sagen, dass er zur Zeit nicht einmal eine Stellung hatte, sondern von dem lebte, was ihm ein älterer Bruder zukommen liess? Diese alte Hexe würde ihr womöglich auf den Kopf zusagen: ‚Sie wollen nur heiraten um jeden Preis.‘ Ja, das wollte sie auch! Wenn Vennhof sich nicht scheiden liess, und William nicht herumzubekommen war, dann musste sie eben Tom heiraten; und tat das auch ganz gern, denn er war ein Liebhaber, wie man sich keinen besseren wünschen konnte. Wo war ein Mädchen, das ihn nicht gern genommen hätte? Alle, Frauen wie Mädchen, bezauberte er. Aber erst würde sie es doch noch einmal beim Schwager versuchen. Ingeborg stand auf und zupfte ihr Kleid zurecht. „Gute Nacht“, sagte sie, „ich bin von der Reise doch recht müde.“

„Na, denn gehn Sie man.“ Die Alte reichte ihr die kühle Greisenhand. „Schlafen Sie gut und träumen Sie süss!“

Wie boshaft das klang! Es durchfuhr Ingeborg: diese Grossmutter war eine böse Zugabe. Aber trotzdem, trotzdem — und wie lange konnte die denn auch noch leben?! Sie machte eine leichte, abschiednehmende Verbeugung und strich Lore über den Kopf: „’nacht, mein Süsses!“

Doris Mittler stand auf: „Ich werde Sie nach oben bringen, gnädige Frau!“

Aber Frau Bade winkte mit Entschiedenheit ab: „Ich bin ja hier ganz zu Haus. Nein, bleiben Sie ruhig sitzen — nein, nein, ich finde schon!“ —

Leichtfüssig war sie die breite Treppe hinaufgehuscht. Da war des Schwagers Zimmer! Sie lauschte und hörte sein Hin- und Hergehen. Aber vorerst schlüpfte sie in ihr Zimmer. Hastig warf sie ihr Kleid ab und hüllte sich in ein Negligé: na, wenn ihm das nicht gefiel! Das weiche, fliessende Gewand von zartem Blau, das den Hals freiliess und den Ansatz des Busens zeigte, stand ihr bezaubernd, der Spiegel bestätigte ihr’s. — — —

An William Längnicks Tür hatte es leise geklopft, und es wurde zugleich auf die Klinke gedrückt. Das war Doris! Niemand sonst würde das wagen, so ohne ‚herein‘. Er war enttäuscht, statt Doris seine Schwägerin vor sich zu sehen.

Mit liebenswürdigem Lächeln hielt sie ihm beide Hände hin: „Du kamst nicht zurück, William, ich muss dir doch noch gute Nacht sagen!“

„Sehr freundlich von dir. Schlaf wohl!“ Seine Hand machte die gewohnte Bewegung nach der Stirn. „Ich bin auch müde.“ Ihre beiden ihm entgegengestreckten Hände sah er nicht.

„Ach, Willi, es bewegt mich so, mal wieder hier im Hause zu sein.“ Sie seufzte auf: „Ach Gott, nun ist die gute Elfriede schon so lange tot, über zwölf Jahre. Aber ich sehe noch ihren Sarg unten im grossen Saal stehen mit all den Blumen und Kerzen. Ihr benutzt jetzt den Saal wohl gar nicht mehr?“

„Wir geben keine Gesellschaften. Ich glaube, es steht jetzt die Wäscherolle drin.“

Da, wo ihre liebe junge Schwester im Sarg gelegen hatte, da stellten sie jetzt eine Wäscherolle hin? Das war selbst dieser Leichtherzigen zuviel. Waren das kalte Menschen! Die Tränen kamen ihr in die Augen und heisses Rot stieg ihr ins Gesicht; sie hielt nicht an sich: „Ich habe Bade nicht geliebt — die Eltern wollten es, dass ich ihn heiratete — aber das muss ich doch sagen, das Zimmer, drin er gelegen hat zuletzt, das ist mir denn doch heilig gewesen!“

„Grossmutter hatte das so bestimmt.“

„Deine Grossmutter ist ein —“ Ingeborg verschluckte ein kräftig bezeichnendes Wort. Aber es hätte William vielleicht beleidigen können, so sagte sie denn nur: „ein herzloser Mensch.“

Der Enkel nickte schwermütig: „Das ist sie oder scheint es wenigstens zu sein. Aber doch, was fingen wir an ohne sie?!“

„Sie regiert euch alle. Das ist ja lächerlich, wie ihr euch regieren lasst!“ Nun fing Ingeborg an, sich auch über den Schwager zu ärgern: war der ein Mann? Ah, da war Tom doch ein ganz anderer! Sie wurde auf einmal kritisch: „Du bist grau geworden, William, seit wir uns nicht gesehen haben.“

Er lächelte müde: „Das glaube ich wohl. Ich bin auch nicht gesund. Alt werde ich nicht, das fühle ich deutlich.“ Er wurde auf einmal mitteilsam; Ingeborg machte ein so mitleidiges Gesicht, sie sagte auch nicht ‚Unsinn‘ und ‚Nimm dich zusammen‘, und das liess ihn gesprächig werden. „Ich habe nicht die Lebenskraft, die Grossmutter noch immer hat. Die hat eine Kraft, eine Kraft! Siehst du, und das macht mich ganz willenlos ihr gegenüber. Es ist schon immer so gewesen, seit ich denken kann. Sie hat an meiner Kindheit Wache gestanden — später auch — du wirst denken: wie ein bissiger Hund; aber gebissen hat sie mich nie. Sie hat mich lieb, auf ihre Weise natürlich. Ich habe sie auch lieb — das wundert dich vielleicht?“ Er sah sie fragend an.

Aber sie nickte nur flüchtig, das hatte ja so wenig Interesse für sie.

„Ich habe mich früher manchmal gegen sie empören wollen. Ich habe sie zuweilen fast gehasst. Das ist längst vorbei; ich tue, was sie will. Deine Schwester hat sie mir zur Frau ausgesucht, nicht ich habe die gesucht und gefunden. Aber es war ja gut so. Wenn ich Elfriede nicht so früh verloren hätte, wäre es jetzt besser mit mir — vielleicht!“ Er stiess einen Seufzer aus und runzelte die Stirn. „Freilich, besonders glücklich ist Elfriede nicht gewesen, und ich“ — er stockte.

Die Schwägerin hatte eine unwillkürliche Bewegung gemacht: wie, die Schwester war nicht glücklich gewesen — eine so reiche Frau?!

„Mit mir kann niemand glücklich werden“, sagte er tonlos und sah so starr-traurig dabei in eine Ecke, als sähe er sich selber da stehen. „Ich habe ja nicht mal den Willen zum Glück.“

Es versetzte Ingeborg Bade fast den Atem: um Gottes willen, war das ein schlapper Kerl! Immer der Grossmutter an der Schürze hängen, immer tun, was die sagte! O Gott, nein, das wäre hier doch nichts für sie! So viel Geld gab es ja gar nicht, um das auszuhalten! Ihre Lebenslust empörte sich. Mochte die Mittler denn geniessen, was der alte Drache noch an ihm übrig liess! Sie dankte für diese Reste.

Frau Ingeborgs hübsches Gesicht verzog sich ein wenig spöttisch. Nun sie ihren Wunsch nach den Millionen plötzlich aufgab, sah sie auf einmal auch deren Besitzer mit ganz anderen Augen an. Ihre Gedanken, die für Augenblicke abgeirrt waren, traten blitzschnell den Rückzug an zu Tom Till.

III

Britta, Britta! Lore Längnick dachte sehr viel an die Cousine. Die war noch immer nicht gekommen, und Tante Ingeborg schrieb auch nichts davon, dass die kommen würde. Muss man denn sein Versprechen nicht halten? Tante Ingeborg hatte ihr doch damals bei ihrem Besuch, noch kurz vor ihrer unerwartet schnellen Abreise, fest versprochen, dass sie ihr Britta schicken würde. Nun war es bereits über ein halbes Jahr her, dass Tante Ingeborg sich wieder verheiratet hatte. Sie hatte doch gesagt, so grosse Kinder im Hause zu haben in einer jungen Ehe wäre nicht angenehm — also warum war Britta noch nicht hier? —

„Ich denke, die kleine Bade sollte herkommen“, sagte heute auch die Urgrossmutter, „warum kommt sie denn nicht?“

Lore schoss die Röte ins Gesicht: dass Britta nicht längst hier war, das kam nur daher, weil die Urma Pensionsgeld verlangt hatte — oh, es war abscheulich! Ihre sonst so sanften Augen bekamen Feuer, sie funkelten die Urgrossmutter an.

„Was siehst du mich so an?“ Unwillkürlich musste Friederike Längnick lächeln; es war nicht das gewohnte, kaum merkliche Mundverziehen, es war ein richtiges, nahezu freundliches Lächeln. Es befriedigte sie, dass die Augen des Mädchens funkelten. Sieh mal einer an, diese sanfte Taube, wie Pastor Kimmel sie nannte, die immer gleich scheu nach dem Vater blickte und auch nach ihr, wenn ihr einmal ein Lachen herausfuhr, die konnte auch böse werden?! Sie streckte die Hand nach dem Mädchen aus.

Lore sass am Fenster und stickte; es sollte ein Kissen werden für den Vater. Draussen war noch Schnee, er lag auf den Bäumen des Parkes und belastete deren Äste schwer. Flockiger Märzschnee hatte schaumig den Rasenplatz und die Blumenbeete vorm Hause wie mit einem Federbett überdeckt und sich auf den Fensterbrettern zu hohen Polstern aufgeschichtet. Vom Wirtschaftshof herüber kein Laut zum Herrenhaus. Was der gnädige Herr oft als störend empfand, das Poltern der Karren, das Surren der Häckselmaschine, das Gegacker und Krähen der Hühner, das Muhen der Kühe, von all diesen Stimmen des ländlichen Betriebes heute nichts zu hören. Der Schnee erstickte sie, hatte gleichsam alles Leben begraben. So war es schon seit Tagen. Und es schneite noch immer. Sehnsüchtig dachte Lore: wenn ich doch jetzt Britta hätte, um mit ihr draussen Schneeballen zu machen! Der grosse Weiher im Park war auch noch zugefroren, man könnte ihn kehren lassen und Schlittschuh laufen. Man könnte auch eine Schlittenfahrt machen, die Post holen mit den Ponys — ach, was könnte man alles, wenn man nicht so allein wäre! Fräulein Mittler war seit acht Tagen fort, der Vater war im Sanatorium bei Berlin, er hatte sie nachkommen lassen, weil er sich nicht gut fühlte, er wollte nicht allein sein. Ach, die arme Doris, sie hatte geweint, als sie so plötzlich fort musste, und sie selber hatte auch geweint. Es war zu traurig, kein Abendstündchen mehr, an dem sie mit Doris dem Sausen des Windes horchte, der um die Schlossmauern strich. Es hörte sich behaglich an, wenn man zu zweien war, aber jetzt so allein — schrecklich. Es nutzte nichts, dass man sich dann ins Bett verkroch bis über die Ohren, man hörte ihn doch. Am Tage war er still, aber sowie es Nacht wurde, fing er mit seinem Heulen an. Er klagte und winselte, er rutschte den Schornstein herunter, er raschelte hinter den Tapeten, er drückte gegen alle Türen; man musste die zuschliessen, damit sie nicht aufsprangen. Er fegte über den langen und breiten Gang, der leer war und hoch, weil er durch zwei Stockwerke ging bis hinauf, wo die Dienstmädchen und die Mamsell schliefen, wo Vorratskammern waren und die Nähstube. Er schlich sich von da wieder die Treppe hinunter bis in die Diele mit den Hirschgeweihen, den vielerlei Gehörnen und ausgestopften Vögeln, die die Urma von dem früheren Besitzer mitgekauft hatte. Lore dachte daran, wie sehr sie sich als Kind vor dem Kauz mit den grossen Augen und vor dem Habicht, der die Flügel spreizt und den Schnabel aufreisst, gefürchtet hatte; am meisten aber vor der Wildkatze, die auf einem Brettchen über der Tür zum grossen Saal stand, ein armes Häschen unter den Krallen. Ach, das eklige Raubtier! Sie hatte immer noch eine gewisse Scheu.

Ach, es war sehr schön, auf dem Lande zu leben, schön die Felder, der Wald und die fernen Berge, aber im Winter müsste man Menschen um sich haben, Menschen sehen, Menschen sprechen, sich an Menschen anschmiegen können! Seit den acht Tagen, die Doris fort war, hatte Lore niemals mehr lachen können. Wenn jetzt Britta hier wäre, würde das ganz anders sein. Sie dachte mit Sehnsucht an die ihr Versprochene, und diese Sehnsucht wurde heute fast schmerzlich, trieb ihr Tränen in die Augen. Sie konnte die Kreuzstiche auf dem Kanevas nicht mehr sehen, die blauen, grünen und roten Fäden wurden ein buntes Wirrwarr. Lore liess die Arbeit in den Schoss sinken und träumte verloren ins Leere.

Wie Britta jetzt wohl aussah? Im Familienalbum steckte nur ein Kinderbildchen — ein kleines untersetztes Ding mit dummen Augen — ‚Brigitte Bade, vier Jahre alt‘ stand darunter. Dem glich die nun nicht mehr. Lore malte sich das Bild der Ersehnten aus. Tante Ingeborg hatte gesagt ‚lange nicht so hübsch wie du‘ — aber Britta war gewiss viel hübscher, sie glich ihrer Mutter. Aber nur äusserlich; innerlich war sie ganz anders. ‚Ein komisches Kind‘, sagte die Tante — nun ja, dass die eine Tochter komisch fand, die so ganz, ganz anders war als sie selber, das wollte sie wohl glauben. Lieb, klug, verträglich, von Herzen gut! Lores Phantasie schmückte Brigitte Bade mit all den inneren und äusseren Vorzügen aus, die einen Menschen schön und liebenswert machen.

Die Schlossherrin beobachtete die träumende Urenkelin. Sie selber sass nicht im Lehnstuhl und nicht am Ofen, wie es bei solchem Winterwetter das gute Recht ihres Alters gewesen wäre, sie sass auf einem der hohen Lederstühle, wie sie auch um den Esstisch standen, und hatte die Zeitung vor sich. Sie waren beide allein im Zimmer, die Uralte und die ganz Junge. Friederike Längnick hatte die Zeitung sinken lassen, sie blickte interessiert: dass Lore hübsch war, das hatte sie längst bemerkt, heute aber sah sie es recht, wahrhaftig, die hatte ja Ähnlichkeit mit ihrer Grossmutter, der Engländerin, der Frau von ihrem Paul! Verdammt, wurde sie denn die Erinnerung an dieses Geschöpf, das ihr nur zum Unheil ins Haus geschneit war, noch immer nicht los? Wurde die noch einmal in Lore lebendig?! Sie schluckte trocken, alter Hass war ihr in die Kehle gestiegen; nicht mehr so brennend wie damals, als Paul, jenes Mädchens wegen, sie, seine Mutter, hintangesetzt hatte, aber noch immer bitter genug.

„Sitz nicht so faul da“, schrie sie die Verträumte an, „stier nicht ein Loch in die Luft! Was denkst du?“

Lore war erschreckt aufgefahren, das Gesicht der Greisin starrte sie verfinstert an. Aber es war auch voll einer so grossen Traurigkeit, dass Lore dachte: ach, es muss doch gar nicht schön sein, alt zu sein! Dann kennt man gar nicht mehr eine rechte Freude. Dann kann man nicht alles mehr so geniessen, wie man es geniesst, wenn man jung ist. Man kann sich nicht nach Veilchen bücken im Frühling, nicht ein luftiges Kleid tragen im Sommer, immer schwarz muss man gehen, schwarz bis unters schrumplige Kinn; man kann nicht all das essen, was gut schmeckt, man hat keine Zähne und keine Haare mehr, man schläft nicht mehr die ganze Nacht durch bis zum Morgen, man hustet, man hustet. Und die man am liebsten gehabt hat, die sind tot. Man hat keine schönen Träume für die Zukunft, denn man hat keine Zukunft mehr! Es durchschauerte Lore förmlich, als sie das dachte. Arme Urma! Der Blick, mit dem sie in das alte, in seinen Furchen versteinte Antlitz sah, spiegelte plötzliches Mitleid. ‚Was denkst du?‘ — diese harte Stimme schreckte sie nicht mehr und auch nicht die finstere Miene, sie lächelte mutig in das alte Gesicht: „Ich träumte. Man kann doch nicht bloss sticken, immer mit der Nadel rein in den Stramin und dann wieder raus, man denkt doch auch dabei. Ich wenigstens will dabei denken. Man kann es ja auch gar nicht ändern, dass man’s tut.“

„Nein, das kann man auch nicht“, sagte Friederike Längnick langsam und nickte. „Man denkt, man denkt.“ Komisch, dass dieses junge Ding auch schon dachte! „Na, und was dachtest du denn?“ Es klang freundlicher.

„Ich dachte an Britta. Ich weiss auch, warum sie nicht kommt. Und dann dachte ich“ — Lore stockte plötzlich: das konnte sie doch nicht sagen, dass sie gedacht hatte, wie traurig es ist, alt zu sein. „Ich weiss nicht mehr, was ich sonst noch dachte.“ Es klang verlegen.

„Du weisst es!“ Die schwarzen Augen forschten in dem tief erröteten jungen Gesicht. „Du willst es nur nicht sagen. Aber ich weiss es, du hast gedacht: wäre doch die Alte, die mir selten was erlaubt, die mir Essig in alle Freude giesst, wäre die Urgrossmutter, die alte Hexe, doch nicht mehr da!“

„O Urma, wie kannst du so etwas sagen!“ Das junge Mädchen sprang auf und streckte die Arme abwehrend aus: „Das habe ich nicht gedacht, so etwas kann ich ja gar nicht denken!“ Ihr offenes Gesicht zeigte ehrliche Entrüstung. „Ich bin doch kein Fremder. Ich weiss doch, dass du zu mir gehörst und ich zu dir. Nein, ich habe gedacht —“ sie errötete noch tiefer, es stieg ihr wie eine Flamme zu Kopf, aber sie musste es ja sagen, offen eingestehen, sonst glaubte die arme Urma wirklich — „ich habe darüber nachgedacht, wie traurig es ist, alt zu sein, so alt wie du!“

Traurig, traurig? Ja, war das denn wirklich so traurig? Friederike Längnick runzelte die Stirn: war es denn traurig, wenn man noch solch frisches Blut vor sich sah? Traurig war alles, was gewesen war; traurig war es mit Paul, ihrem Einzigen, gewesen, traurig auch mit Pauls Sohn, dem ‚Schlummerkopp‘. Aber traurig nicht mit diesem jungen Ding. „Komm mal her“, sagte sie.

Lore folgte. Nicht zögernd, sie fühlte, die Urma war ihr nicht böse.

„Näher“, sagte Friederike Längnick.

Lore kniete auf der Fussbank nieder, die vor der alten Frau stand.

Die Urgrossmutter fasste sie unter das Kinn und sah starr in das zu ihr emporgehobene reine Gesicht. Die Lider über den blauen Augen schlossen sich nicht, die zwinkerten auch nicht, ruhig hielten die den Blick aus. Eine Längnick, und doch keine Längnick! Paul war nicht in diesem schönen Gesicht, und auch nichts von William und nicht viel von der eigenen Mutter. Es waren auch nur äusserlich die Züge der Grossmutter, die feine Nase, der liebliche Mund der vermaledeiten Engländerin — woher stammte die Entschlossenheit in diesem Blick, der Mut, mit dem dieses Kind ihren scharfen Blick, den alle anderen scheuten, ertrug? Von wem hatte sie das? Ha, von ihr, von ihr! Das hatte sie von ihr, von ihr, von Friederike Längnick! Friederike Längnick fühlte plötzlich, wie etwas anfing in ihr sich zu regen, ihre verkalkten Adern durchrann wie mit einem Strom von Sympathie. Aber sie hielt an sich: nur nicht gleich zu freundlich, zu weich, sonst dachte die Iöre vielleicht, sie könne sich alles erlauben. „Sieh auf“, sagte sie und fasste die Kniende mit knöchernen Fingern unter die Achseln, „geschwind, setz dich an deine Arbeit. Das Kissen wird niemals fertig, wenn du die Zeit so vertrödelst.“

„Es wird fertig.“ Lore erhob sich von der Fussbank, aber sie blieb doch noch vor der alten Frau stehen. Jetzt, fühlte sie, jetzt, heute so allein mit der Urma, war die beste Gelegenheit, die zur Rede zu stellen. Sie holte tief Luft: „Oh, wie konntest du nur damals von Pensionsgeld, von Bezahlung sprechen! Britta braucht nichts zu bezahlen. Niemals. Ich will das nicht. Unter Verwandten, unter Freunden handelt man nicht.“ Sie sagte das, selber sich schämend, und auch in der Hoffnung, dass jetzt andere sich schämen würden.

Aber Friederike Längnick war nur amüsiert: was dieser Kiekindiewelt für Ideen hatte! Heutzutage, wo das Geld rar war und immer rarer wurde, musste man eben rechnen, mehr als je zuvor. „Liegt dir denn so viel dran, dass das Mädel kommt?“ fragte sie nach einer Weile.

„Oh, Urma, sehr viel!“ Lores Augen glänzten.

„Und wenn sie nun nicht zu dir passt?“

„Sie passt sicher zu mir. Denn ich werde sie lieben!“ Lore sagte es sehr bestimmt. „Wenn man sich wirklich lieb hat, passt man auch zueinander.“

„So, so.“ Friederike Längnick wusste es besser. Hatte ihr Paul denn zu seiner Frau gepasst? Er hatte die mehr als lieb gehabt, und sie passten doch nicht zusammen. Sie wiegte zweifelnd den Kopf, aber sie sagte nichts mehr. — — —

Als Lore heute abend längst zu Bette lag, tastete die alte Frau sich über den oberen Gang. Friederike Längnick hatte zeitlebens einen harten Tritt, sie hätte es aber nicht nötig gehabt, hier so behutsam aufzutreten, Schmiedeberger Teppiche, hochgeschoren und dick, dämpften überall den Schritt. Lautlos konnte man auf dem Gang gehen, lautlos auch auf der Treppe und in der Diele unten, denn der Schlossherr konnte es nicht vertragen, Schritte zu hören; sie waren ihm wie Schläge auf den Kopf, wurden ein Lärm für sein überreiztes Ohr. Der Gang war halbdunkel, das Licht der einzigen schwachen elektrischen Birne an seinem Anfang reichte nicht bis zu seinem Ende. Und sehr kalt war er auch. Als Fräulein Mittler einmal vorstellig geworden war, hier einen Ofen setzen zu lassen, war sie bei der alten Gnädigen schlecht angekommen. Schon Verschwendung genug, so viele Zimmer zu heizen: Esszimmer, Wohnzimmer, Schulzimmer, Herrn Längnicks Zimmer. Die Schlafzimmer wurden sämtlich nicht geheizt, man hatte ja Federbetten, und es war ungesund, warm zu schlafen. Wenn im Winter die Dienstmädchen klagten, das Wasser sei ihnen alle Morgen so eingefroren, dass sie sich nicht waschen könnten, sagte die Schlossherrin: „Dann wascht euch nicht.“ Die Mädchen konnten sich ja Holz sammeln gehen in den Forst, aber sie fürchteten den Förster, die dummen Dinger!

Der allnächtliche Wind hatte sich wiederum aufgemacht, er pfiff höhnisch durch den kahlen Gang und wischte den Porträts an den getünchten Wänden, von denen man nicht wusste, wer und von wannen sie waren — Ahnenbilder des vorigen Besitzers — über die verwunschenen, spinnwebfarbenen Gesichter. Sie schauten geisterhaft aus ihren Rahmen, denn nur ab und zu, wenn ein Windstoss schwere Schneewolken am Himmel auseinanderfegte, huschten sie für Augenblicke in seltsamem Licht aus dem Dunkel, um blass und wesenlos gleich wieder zu verschwimmen. Die Dienstmädchen fürchteten sich abends im Dunkeln, selbst die Rotenbücher, die wahrlich keck war, wusste Gruselgeschichten zu berichten. Aber die Greisin fürchtete sich nicht. Wovor? Tote tun einem nichts Leides mehr an, die schlafen für immer; und die hier an den Wänden, die waren zudem nur Ölfarbe und Leinwand. Sie unterdrückte ein Gehüstel, das ihr in der Kälte kam. Sie war jetzt nicht mehr in schwarzer Seide und auch das Spitzendeckelchen auf dem Kopf fehlte, sie hatte jetzt schon den alten zerschlissenen Morgenrock an, den sie aus Sparsamkeitsgründen immer auf ihrem Zimmer trug; im Zugwind flatterten ihre schütteren, kurz gewordenen Haare.

Sie hüstelte in sich hinein: was sagte sie nun, wenn das Kind vielleicht noch nicht schlief oder wach wurde? Aber es schlief; Kinder schlafen fest, sowie sie im Bett liegen. Aber war Lore denn noch ein Kind? Ihre Hand drückte leise die Klinke nieder. Es war finster in dem Mädchenstübchen, das nach Frische und Sauberkeit und nach Jugend — ha, nach Jugend! — roch. Die Greisin schnüffelte in die Dunkelheit hinein: ob sie es wagen könnte, Licht zu machen? Hätte sie doch ihren Wachsstock und die Streichhölzer nicht vergessen! Oh, dass sie das Kind doch mal im Schlaf ganz unbeobachtet sehen könnte! Sie hatte einen wahren Heisshunger danach. Als erriete der Himmel ihren Wunsch, so schickte er jetzt seinen Mond. Scheu und zitternd kroch der bleich durchs Fenster, aber man sah doch genug bei seinem Schein. Ein schlafendes rosiges Kind, einen Arm über dem Kopf, den anderen mit leichter Rundung auf die Brust gelegt.

Lieb sah sie aus! Friederike Längnick trat nahe ans Bett und forschte mit spähenden Augen: neben aller Lieblichkeit war da etwas — was war es doch? — etwas, das über der Nasenwurzel in einer Falte sass. Und kein Lächeln war im Schlaf um den Mund, ein fester, fast eigenwilliger Zug hielt die Lippen geschlossen aufeinander. Ah, die war eine Längnick, eine Längnick! Friederike Längnick atmete tief auf: eine Längnick, in direkter Linie von ihr, der Urgrossmutter, her. Das fremde Blut war ausgemerzt, nur eine äussere Ähnlichkeit da. Grossvater und Vater waren auch ausgemerzt. Wie in zitternder Freude hauchte die Greisin in die Luft: ah, das tat gut, das tat gut! Hier war eine, deren sie sich nicht zu schämen brauchte, Wille von ihrem Willen, ein eigener Wille. Endlich!

Eine grosse Genugtuung hob der Greisin Seele: wenn man lange genug gewartet hat, dann kommt doch endlich das, auf das man schon geglaubt hat, verzichten zu müssen. Lange blickte sie so in das ernsthafte junge Gesicht, das ihr im Schlaf mehr offenbarte als im Wachen. Sie dachte nicht mehr daran, dass Lore aufwachen könnte und dass sie dann hier stehen würde ertappt; sie konnte sich gar nicht losreissen. Erst als Lore, von dem starrenden Blick in ihrem Schlaf beunruhigt, anfing, sich zu regen, den über den Kopf gelegten Arm herunterfallen liess, floh sie.

Lore war erwacht, sie setzte sich aufrecht. Ihr war es gewesen, als hätte etwas ihre Stirn berührt. Und hatte ihre Tür nicht geklappt? Tappte nicht auch draussen im Gang etwas? Nun der Vater nicht da war, war man so ganz ohne Mann im Haus. Aber freilich, der hätte auch nichts genützt. Entschlossen sprang sie aus dem Bett und zündete Licht an. Merkwürdig, ihre Tür war nur angelehnt. Aber draussen im Gang war niemand. Aha, das hatte der Wind getan, der Wind, der greuliche Wind! Sie drehte den Schlüssel im Schloss herum: nun konnte der nicht mehr aufmachen.

In dieser Nacht brannte bei der alten Längnick noch lange die Lampe. Sie hatte in ihrem Zimmer noch immer eine Petroleumlampe, die gab ihr ein Licht, an das sie gewohnt war von früher her. Und billiger war diese Art von Beleuchtung auch. Sie schrieb einen Brief an Frau Ingeborg Bade, jetzt verehelichte Till, schrieb ziemlich ausführlich, warum und weswegen sie Brigitte her zu haben wünsche. Sie war keine Heldin mit der Feder, aber was sie wollte, brachte sie schon zu Papier. Von einer Pensionszahlung war nicht mehr die Rede; alles sollte Brigitte hier frei haben und genau gehalten werden wie Lore. Sie schloss mit einer Wendung, von der sie überzeugt war, dass sie den gewünschten Erfolg haben würde.

‚Wenn Brigitte Bade als liebevolle Gefährtin und treu ergebene Freundin bis zu Lores Verheiratung bei derselben bleibt, gebe ich ihr bei ihrer etwaigen eigenen Verheiratung die Aussteuer. Für den Fall, dass ich dann nicht mehr lebe, bekommt Brigitte Bade ein Kapital von fünfzehntausend Mark ausgezahlt. Ich lege das fest.

Hochachtungsvoll

Frau Friederike Längnick-Güldenaue.‘

IV

„Lies mal“, sagte Frau Ingeborg. Ihr Mann nahm den Brief, den sie aus Güldenaue erhalten hatte; erst las er ihn ziemlich interesselos, das, was da Schönes von einer Freundschaft zwischen der Erbin und Britta stand, war ja ohne Belang. Aber dann wurde er aufmerksamer: also man legte so viel Wert auf Brittas Kommen, dass man ihr eine Aussteuer respektive die betreffende Summe dafür aussetzen wollte?

„Ist denn da so viel Geld?“ fragte er.

„Oh, mächtig viel“, rief Ingeborg. „Die Alte hat ja mit ihrem Landschacher Millionen verdient. Eine grässliche Frau, Geld, Geld und nochmals Geld! Schon früher wollte sie Britta haben. Aber ich sollte Pension zahlen — wo Geld ist, wollen sie immer noch mehr Geld — das sollte mir gerade fehlen! Wir haben unser Geld nötig, wir brauchen sowieso viel zu viel.“

„Ich nicht“, sagte er trocken. „Du brauchst zu viel. Kleider, Pelzmäntel, immer Neues und das Allermodernste. Und dann deine Reisen. Ich erinnere nur an Berlin, alle Nase lang Berlin!“

„Ich habe das nötig“, sagte sie aufbegehrend. „Das ewige Einerlei hier macht mich krank, martert mich zu Tode.“

Er sah sie finster an, sein jugendlich hübsches Gesicht zeigte plötzlich einen ganz anderen Ausdruck. „Dann hättest du mich nicht heiraten sollen. Ich habe dir ja gesagt, dass ich nichts mehr habe. Mein Bruder schickt auch nichts mehr, seit ich eine reiche Witwe geheiratet habe.“ Er hob das ‚reiche‘ besonders hervor mit einem anzüglichen Auflachen. „Wir haben uns eben getäuscht, uns selber was vorgemacht, du in deiner Liebe, ich mit meinem“ — er stockte — „nun mit meinem Wunsch, in den Sattel zu kommen. Wenn ich dreissigtausend Mark hätte, könnte ich mich morgen schon an einem glänzenden Unternehmen beteiligen: Baumaterialien, Schiefer aus rheinischen Schieferbrüchen, Ziegel aus der neuen Ziegelei bei Ketzin. Man könnte viel dabei verdienen. Vielleicht wird wieder eine neue Gedächtniskirche gebaut!“ Er sah sie fest und ausdrucksvoll dabei an. „Aber ich habe die Dreissigtausend ja nicht.“

„Na, dann nimm sie dir doch schon“, rief sie leichtsinnig und warf sich ihm an den Hals. „Ich bin nicht knickrig, wahrhaftig nicht. Nun hab’ mich aber auch wieder lieb!“ Sie suchte seinen Mund mit verlangenden Lippen. Und er küsste sie dann.

So endete es immer, jede Meinungsverschiedenheit, jeder Vorwurf, jede Auseinandersetzung, jede Ehezwistigkeit.

Oh, dass er doch diese alternde Verliebte nicht geheiratet hätte! Der Achtundzwanzigjährige empfand die Vierzigjährige wie eine Last. Er hatte es gleich in den ersten acht Tagen gewusst, dass er sie lieber nicht hätte heiraten sollen. Was hatte ihn nur dazu getrieben? Es gab so viele hübsche frische Mädchen, er wusste, dass er auf Frauen Eindruck machte, immer Eindruck, er brauchte gar keine besonderen Künste anzunwenden — aber diese Mädchen hatten alle kein Geld. Und er brauchte Geld, er wollte Geld. Schon von früher Jugend an wusste er den Wert des Geldes einzuschätzen. Als er noch auf nackten Füssen über die staubig-harte Landstrasse lief, die von der verfallenen Behausung des Vaters in die Stadt zur Schule führte, war er sich dessen bereits bewusst gewesen. Geld, Geld! Sein Vater war so heruntergekommen, dass er, statt selber noch Herr zu sein, die Schafe des Herrn hütete. Zweihundert weisse und schwarze Schafe, die mit ihrem dummen ‚bäh, bäh‘ dem Knaben Ekel einflössten. Nie hätte er so fleissig gelernt, so unermüdlich strebsam, wenn er ihnen nicht hätte entfliehen wollen. Die Gutsherrin hatte einen Narren an dem Jungen gefressen, der am Wege stand, wenn sie mit ihrem Dogcart an ihm vorbeifuhr und sie mit seinen Augen, die blau und blitzend wie Edelsteine waren, anstarrte. Sie war es, die das Schulgeld für ihn bezahlte. Sie half ihm auch weiter, sie brachte ihn beim Kaufmann in die Lehre; da wohnte er schlecht genug im Gewölbe zwischen Reissäcken und Heringstonnen, aber immer doch besser noch als daheim. Armselige Heimat, heruntergekommener Vater, verarbeitete Mutter mit schwarzen Fingernägeln und ungepflegten Haaren! Das lehrte ihn früh, dass man Geld haben muss. Er hasste diese Heimat; er trieb sich lieber nächtelang auf den Feldern herum, schon als Fünfjähriger, als dass er da untergeschlupft wäre. Nur wenn Schäfer Buss, ein alter weisshaariger Mann, seinen Vater aufsuchte, dann war er gern dabei. Mit weitaufgerissenen Augen, schwitzend vom angestrengten Aufhorchen, hörte er zu. Buss war ein Wunderdoktor, er heilte mit Tees, die er auf den Äckern sammelte, wenn der Mond voll war. Meilenweit kamen die Leute zu ihm gelaufen. Wenn die Tees nicht halfen, half sein Besprechen. Er hatte eine zwingende Gewalt über Mann und Frau, über Bursch und Mädchen. Er brauchte sie nur vor sich zu haben, ein blinkendes Stückchen Glas oder sonst etwas Blankes ihnen vorzuhalten: ‚Sieh hierher‘, oder auch nur zu sagen: ‚Sieh mir in die Augen‘, so bannte er sie. Und sie fielen in einen Schlaf, in dem sie dachten, sprachen und taten, alles genau so, wie er es wollte. Auch an dem Jungen ohne Schuh versuchte Buss seine Zauberkunst; er tat es unentgeltlich, aus Spass an einem gelehrigen Schüler. Und nicht nur wie man hypnotisiert auf primitivste Art, weit mehr lernte der Schüler: Menschen erkennen und sie bestimmen. Lernte ihr Schicksal in seine Hand nehmen.

Tom Till sah seine Frau mit einem Schimmer verächtlichen Bedauerns an: was war sie für eine hohle Nuss! Hätte er die doch bereits weggeworfen oder zertreten. Aber es fand sich schon einer, der sie ihm wieder abnahm — nur Geduld, Geduld! Sich noch nichts anmerken lassen von einer Ungeduld, die sich täglich mehr steigerte bis zur Abneigung. Die Törichte, die Eitle! Wie hatte er, er, der Berechnende, sich nur so festnageln lassen können von einer so dummen Frau! Warum hatte er sie nicht so stark beeinflussen können, dass sie ihm willig ihr Geld gab, auch ohne Standesamt und feierliche Trauung, ohne weissgekleidete Kinder, ohne Orangenblütenkranz und Tränen der Rührung?! An ihrer Heiratsversessenheit hatte die eigene Macht, an die er fest glaubte, zum erstenmal Schiffbruch erlitten. Aber nun sollte sie ihm auch die dreissigtausend Mark geben. Sie musste! Er hatte es satt, sich von ihr aushalten zu lassen, er musste, musste die günstige Gelegenheit ergreifen, um sich in die Baumaterialien-Firma, die momentan unter Geldknappheit litt, hineinzuschmuggeln. Er gierte nach einer Betätigung. War er denn nicht fähig genug, hatte er nicht Kraft und Lust zur Arbeit? Aber ohne Geld kann keiner etwas anfangen.

Der Mann nahm die Frau auf seinen Schoss, streichelte ihr die Wangen und drückte seine Lippen auf ihren willigen Mund. Er kniff die Augen dabei zu: ach, wie war ihr bisschen Reiz ihm doch zuwider! Er fühlte nichts mehr dabei, als sie sich auf seinen Knien wiegte, ihn am Ohrläppchen zupfte: ‚Du Schlimmer‘, und das ganze Register ihrer Liebkosungen aufzog.

„Bis wann kannst du mir die Dreissigtausend verschaffen?“

„Ich werde zu Baum nach Berlin fahren; der Justizrat ist mein und der Kinder Vermögensverwalter. Ich muss erst hören, was er dazu sagt.“

„Wieso? Du bist doch Herrin deines Vermögens. Was Bade hinterlassen hat, gehört dir.“

„Und den Kindern. Ich kann doch meine Kinder nicht bestehlen, indem ich einfach dreissigtausend Mark vom Vermögen wegnehme und dir gebe.“

„Ich gebe es ihnen doppelt und dreifach wieder. Ich verzinse es ja glänzend zu zehn Prozent.“

„Ach!“ Sie zog die Achseln, eine Spur von Nachdenken trat in ihr vom Liebesgetändel erhitztes Gesicht. „Das sagst du so, zehn Prozent — aber wenn du’s nicht kannst? Ich bin doch meinen Kindern Rechenschaft schuldig. Wenn die mich nun später fragen: wo hast du das Geld? Nein, nein, ich muss es mit Baum überlegen!“

„Ich fahre mit.“

Aber das wollte sie nicht, es war besser, sie sprach mit Baum allein. Und sie dachte dabei: vielleicht ist es möglich, dass Vennhof auch gerade nach Berlin muss, dann könnten wir einen vergnügten Abend zusammen verleben. Tom war nicht für Vergnügungen zu haben — tanzen in einer Bar, Sekt trinken?! ‚Nutzlos vergeudetes Geld‘, das hätte sie wochenlang zu hören bekommen. Und sie gerade liebte es so. „Nein, nein, bleib du hier! Ich fahre allein. Ich will eben nicht, dass du mitfährst — ach, du verdirbst einem aber auch jedes Vergnügen!“

Er liess sie ungeduldig vom Schoss gleiten, schüttelte sie so unsanft von sich, dass sie hart auf den Boden fiel.

„Au, du tust einem ja weh!“ Sie klagte.

Er half ihr nicht auf, er liess sie am Boden liegen. Er war ganz blass geworden und sagte kein Wort. —

Von dem Brief aus Güldenaue war nicht weiter die Rede gewesen. Am Abend fiel es Frau Ingeborg jedoch ein, dass sie Brigitte davon erzählen müsste; am Ende war die doch jetzt alt genug, um auch eine Meinung haben zu dürfen. Sie selber war, nachdem sie den Nachmittag mit Weinen in tiefer Kränkung verbracht hatte — nicht darüber, dass Tom sie auf dem Boden hatte liegen lassen, sondern weil die Bar, der Tanz, der Sekt ihr zu entgleiten drohten — zu der Ansicht gekommen, dass man den Vorschlag der alten Längnick annehmen sollte. Erstens war es sehr gesund für das Mädchen, in Landluft zu kommen; die Stadt hier war zwar nicht gross, Gärten genug, auch Felder und Wiesen, aber es war doch immerhin Stadtluft. Und Brigitte war blutarm, sie würde dort rötere Backen bekommen und guten Appetit. Zweitens war eine Aussteuer oder ein Kapital von fünfzehntausend Mark für ein junges Mädchen durchaus nicht von der Hand zu weisen; Britta war nicht hübsch, vielleicht verschaffte ihr das dann einen Mann. Und drittens, und das war das Schwerwiegendste, war der junge Stiefvater nicht das richtige. Bei Theo ging es, da hatte es weiter keine Bedenken, aber bei Britta, bei Britta?! Er verwöhnte sie viel zu sehr. Er ging ja mit diesem dummen unreifen Ding um wie mit einer bereits Erwachsenen! Die Mutter fühlte, abgesehen von einer unklaren Eifersucht, dass es die Tochter in ihren Gefühlen verwirren musste, wenn Tom den Arm um sie legte, so mit ihr umschlungen im Zimmer auf und ab spazierte oder draussen im Gärtchen. Zog er sie beim Morgen- oder Abendkuss nicht näher als nötig an sich? War es nicht unpassend, dass er in ihrem Stübchen aus und ein ging, als wäre gar nichts weiter dabei?

Auch jetzt fand die Frau ihren Mann da. Britta lag schon, er sass auf ihrem Bettrand und neigte sich über sie. Mit leiser Stimme redete er auf sie ein. Was erzählte er denn dem Kind? Hoffentlich etwas für sein Alter Passendes! Ingeborg fühlte plötzlich eine unklare Besorgnis; sie kam den beiden recht ungelegen, das merkte sie. Der Mann drehte den Kopf nach ihr mit einem Ausdruck wie: was willst du hier? Und Britta sagte: „Ach du“, und warf den Kopf so hastig herum nach der Wand, dass ihre langen glatten Haarstränen wie dunkle Schlangen auf dem weissen Kissen lagen.

„Wir haben zu Nacht gebetet“, sagte der Stiefvater, „nun gehe ich noch zu Theo. Gute Nacht, meine Maus!“ Er beugte sich tief herunter, die Mutter sah, wie das Mädchen sich seinem Kusse entgegenhob. Sie ärgerte sich über Britta, sie ärgerte sich über Tom. „Geh nur, geh! Geh zu Theo, ich habe noch mit Brigitte zu sprechen.“

„Hoffentlich verdirbst du ihr die gute Stimmung nicht“, sagte er, „ich bitte dich darum“, und ging.

Die Mutter setzte sich, wo er gesessen hatte, auf den Rand des schmalen Bettes, unter dessen dünner Decke man deutlich den Körper fühlte. Nein, das war unpassend, dass er sich so ungeniert hier auf den Bettrand setzte! „Hör mal, Brigitte“, sagte sie — aber sie sagte es nicht sehr sanft, in ihrer Stimme vibrierte noch der Ärger —, „das passt mir gar nicht hier mit dir! Heute ist ein Brief gekommen aus Güldenaue von der alten Tante, du bist zu Lore eingeladen. Ein glänzendes Anerbieten. Du wirst es so gut da haben, wie du es hier niemals haben kannst. Nun, was sagst du dazu?“

„Auf wie lange?“ fragte das Mädchen.

„Nun, so lange, bis ihr beiden Mädchen erwachsen seid, und Lore sich verheiratet. Lore ist sehr lieb, ein reizendes Geschöpf!“

„Nein, ich gehe nicht!“ Britta steckte den Kopf, wie ein Huhn den seinen unter den Flügel, unter ihren schützenden Arm.

„Warum nicht?“ Aha, das hatte sie ja kommen sehen, die wollte nicht fort von hier, seinetwegen! Röte des Unwillens stieg der Frau zum Kopf: ärgerlich genug, dass Tom mit der kleinen Lisbeth, dem Zweitmädchen, die nur zwei Jahre älter war als Britta, angebändelt hatte, da hatte sie ein Auge, nein, zwei Augen zugedrückt — bei einem Dienstmädchen kommt’s nicht weiter darauf an — aber bei Britta?! Sie war plötzlich ganz Tugend. Heftig fuhr sie die Tochter an: „Du wirst nach Güldenaue gehen. Anfang der kommenden Woche schon!“

„Ich habe lauter zerrissene Hemden und Strümpfe“, sagte das Mädchen trotzig, „so reise ich nicht.“

„Du hast schon ein hübsches, ganz neues Kleid für das Frühjahr; ein Jäckchen dazu und einen neuen Hut, das genügt vorderhand. Das andere wird dir nachgeschickt werden.“

„Ich will nicht, ich will aber nicht“, weinte das Mädchen auf, „was soll ich bei der dummen Lore?“

„Du kennst sie ja gar nicht.“ Die Mutter versuchte ein gütiges Zureden. „Du wirst Lore lieben. Du musst ja so dankbar sein, dass du ihr zur Freundin erkoren bist. Welche Freuden stehen dir bevor: das schöne Haus — doch noch ein bisschen ein anderes Haus als hier unsere kleine Villa, in der einer dem anderen lästig auf dem Halse sitzt — der Obstgarten, der Park! Ihr werdet ausfahren, Lore kutschiert zwei niedliche Ponys. Ihr werdet vielleicht sogar reiten lernen, reiten ist der schönste und vornehmste Sport, ich beneide dich!“

„Dann geh du doch hin.“

„Sprich nicht solchen Unsinn!“ Frau Ingeborg wollte streng sein, aber es gelang ihr nicht recht; mit Strenge war auch noch niemals etwas bei Britta auszurichten gewesen. So versuchte sie es anders: „Ach, Kind, Kind, wie betrübst du deine Mutter — deine arme Mutter! Was würde dein Vater, mein guter Bade, dazu sagen, dass du so widersetzlich gegen mich bist!“

„Mein Vater ist tot, der hat nichts mehr zu sagen. Ich habe jetzt einen anderen“, murmelte das Mädchen, kehrte sich gegen die Wand und schien nicht mehr zu sehen noch zu hören. — — —

„Das ist dein Werk“, schrie Frau Ingeborg ihrem Mann ins Gesicht, nachdem sie sich beim Zubettegehen bereits lange über Brigitte beklagt hatte, „du hast ihr Flausen in den Kopf gesetzt. Ist das wohl erhört, eine so dumme Iöre wie ein Fräulein zu behandeln? Ihre Widersetzlichkeit ist allein deine Schuld, ganz deine Schuld. Oh, wie hing sie früher an mir, jetzt bin ich ihr nichts mehr! Du hast mir Brittas Herz gestohlen, nur dir sieht sie nach den Augen. Ich könnte heute fortgehen und morgen nicht mehr wiederkommen, es wäre ihr ganz egal. Nur von dir mag sie nicht getrennt sein. Pfui, du Verderber!“ Sie machte die Gebärde des Ausspeiens, dann brach sie in Weinen aus.

„Ich weiss gar nicht, warum du so ausser dir bist.“ Er sah sie kalt an.

„Du bist ein Lügner, ein Betrüger, ein Verführer! Du machst das junge Ding verrückt nach dir, geradeso, wie du mich verrückt gemacht hast! Ich begreife mich selber nicht, wie konnte ich dir nur gleich so verfallen? Einem Menschen, der nichts ist und nichts hat. Was tuschelt ihr immer zusammen, was flüsterst du ihr in die Ohren? Oh, ich habe es heut abend wohl gemerkt, dass ich euch störe — du bist ein gemeiner Mensch, ich lasse mich von dir scheiden — o du gemeiner Kerl!“ Nun machte sie nicht mehr bloss die Gebärde des Speiens, sie spie ihn wirklich an.

Da packte er ihre beiden Handgelenke, starr sah er ihr ins Gesicht, mit eiserner Kraft drückte er sie in die Knie, den zwingenden Blick nicht von ihr lassend: „Du wirst das nicht tun. Scheiden lassen? Du wirst dich nicht scheiden lassen — hörst du? — nicht scheiden lassen!“ —

Er presste ihre Handgelenke, bis sie ächzte: „Nein, nein!“

„Du wirst dich nicht unterstehen, nochmals falsche Beschuldigungen gegen mich zu erheben!“

„Nein, nein.“ Sie lag vor ihm, ganz zusammengefallen. Er hatte ihre Hände losgelassen, aber sie hatte nicht einmal mehr die Kraft, ihre schmerzenden Handgelenke zu reiben.

„Du wirst dir die dreissigtausend Mark unter allen Umständen verschaffen. Du wirst sie mir geben, hörst du?“

„Nein“, stiess sie verzweifelt heraus.

„Du wirst es tun. Du wirst sie mir geben, hörst du?“ Er stiess sie mit dem Fuss an.

„Nein!“

„Du wirst sie mir geben“ — schon packte er wieder ihre Handgelenke, riss sie zu sich empor und blickte ihr von ganz nah starr ins Gesicht —, „du wirst sie mir geben!“

„Ja, ja“, winselte sie.

„Du wirst mir auch Vollmacht ausstellen, dass ich, ich von jetzt ab dein Vermögen verwalte.“

Sie bäumte sich: nein, das wollte sie nicht, das konnte sie ja gar nicht. „Nein, nein!“

Er hob sie mit brutaler Gewalt in die Höhe und schleuderte sie aufs Bett. Mit kurzem Auflachen streckte er sich dann neben ihr aus: :„Du wirst es doch tun!“

V

Es war ein wunderschöner Frühlingstag, an dem Brigitta Bade in Güldenaue eintreffen sollte. Die Mutter hatte fest auf ihrem Willen bestanden. Britta war der Mutter deswegen böse — sollte sie nicht auch dem Stiefvater böse sein? Wie konnte er nur ihrer Abreise zustimmen? Immer noch hatte sie gehofft, er würde für sie sprechen, er wusste es ja, wie ungern sie ging. Aber er hatte sie nur auf seinen Schoss genommen, ihr die immer wieder und wieder quellenden Tränen mit seinem Taschentuch abgewischt und unter zärtlichem Streicheln geflüstert: „Du bist ein gutes Kind, du tust es mir zuliebe, nicht wahr, mein Mäuschen? Ich brauche Geld — dreissigtausend Mark — die gibt mir deine Mutter sonst nicht. Und ich muss mir dadurch eine Stellung schaffen, ich muss mich freimachen, ich bin sonst unglücklich dran. Du kannst mir helfen, du musst mir helfen, du wirst mir auch helfen, mein Mäuschen!“

Und sie versprach es. Sie wollte ihm ja gern helfen, für ihr Leben gern. Aber es wurde ihr doch schwer, furchtbar schwer, sich zu trennen. In der Schule hatten sie alle beneidet: ‚Brigitte Bade kommt auf ein Schloss zu Millionären, hat die ein Glück!‘

Der Morgen der Abreise war gekommen, Britta konnte nichts sehen vor lauter Tränen. Lisbeth, das kleine Zweitmädchen, weinte verständnisvoll mit. „Fräulein Britta“, schluchzte sie, „reisen Sie man glücklich“ und stürzte dann, sich die Schürze vors Gesicht haltend, ins Haus zurück.

Der Stiefvater brachte den kleinen Koffer heraus und auch die Handtasche seiner Frau. Als die Mutter — in hellgrauem Reisemantel und hellgrauem Hütchen, alles geschmackvoll in grau — im Wagen Platz genommen hatte, schwang er sich neben den Kutscher auf den Bock. Man fuhr zur Bahn; er und seine Frau würden die Tochter dann auch noch bis Berlin begleiten. Wenn sie Britta dort in den richtigen Zug eingesetzt hatten, würden sie dort noch Geschäftliches erledigen.

Da war etwas zwischen den Eltern, was nicht stimmte, Britta bemerkte es trotz ihres eigenen Bedrücktseins. Die Mutter liess manchmal einen langen Blick auf ihr ruhen, so merkwürdig lang und nahezu ängstlich, dass es ihr fast war, als fürchte die etwas. Fürchtete sie den Abschied, machte sie der traurig? Das geschähe der Mutter ganz recht, warum schickte die sie fort. Britta drückte sich immer tiefer in ihre Ecke, lehnte den Kopf an und schloss die Augen.

Frau Ingeborg war in der Tat traurig, es schmerzte sie nun doch, ihr Kind fortzugeben. Aber wenn ihr das nur Trotz zeigte, Gleichgültigkeit und Ablehnung, warum sollte sie sich dann grämen? Hatte sie nicht schon Gram genug? Tom war von einer Gleichgültigkeit gegen sie, die sie empörte. Diese Gleichgültigkeit war weit schlimmer, als wenn er sie seine Kraft fühlen liess; dann war doch immerhin etwas dabei, was ihr imponierte, sie ängstigte und bezauberte zugleich. War es nicht schreckhaft süss, wenn er sie rauh von sich stiess, um sie gleich darauf durch ein Lächeln, einen Blick zur Hingabe und zur vollen Aufgabe alles eigenen Willens zu zwingen? Ach, er war eben ein Mensch, anders als andere Menschen! Er hatte Stunden, in denen er sich selber anklagte, kein guter Mensch zu sein. Er konnte sich aber nun einmal nicht ändern. Frau Ingeborg sah nach ihrem Mann hin: wie blond, wie frisch gewaschen und gut rasiert, ein schöner Mensch! Sie war trotz allem doch nun einmal verliebt in ihn.

Tom Till bemerkte ihren Blick: ‚Nun habe ich sie so weit. Nun braucht sie nur noch zu unterschreiben, und es liegt ganz bei mir, was ich mit dem nachgelassenen Vermögen des Herrn Apothekenbesitzers Bade mache.‘ Wenn sie freilich zu guter Letzt beim Notar sich noch weigern würde? Wenn sie heute umstiesse, was sie gestern noch fest versprochen hatte?! Dann, dann — er dachte diesen Gedanken nicht folgerichtig zu Ende. Der Schweiss war ihm ausgebrochen, er fuhr sich über die Stirn. Er schoss einen bösen Blick nach der Frau hin, sein helles Gesicht war auf einmal wie ein Gewitterhimmel.

Und nun nahm sie ihm auch noch die Britta fort! Dieses Kind, das so an ihm hing, wie noch niemand an ihm gehangen hatte. Liebe von Weibern, das, was man so gemeinhin Liebe nennt, hatte er schon genug genossen, aber die Liebe eines weiblichen Wesens, das noch kaum Weib zu nennen war, war ihm anziehender als die von hundert anderen. Britta war ganz in seiner Hand, sie hatte kein Wenn und kein Aber, er konnte sie formen nach seinem Willen. Wenn sie abends das Vaterunser betete, liebte er es, dabei zu sein, das letzte Wort jeder Bitte leise mitzusprechen, denn dann betete sie nicht zu Gott — er wusste es ganz genau — sie betete zu ihm. ‚Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden‘ — er war Wille, und er war Himmel für sie.

Sie würden nun bald getrennt sein, aber nicht für lange, das hatte er ihr versprochen. Jetzt musste sie erst einmal der Mutter folgen — ihm zuliebe — die Mutter war diesmal hartnäckig, ganz gegen ihre sonstige Art. „Ich hole dich wieder, ich komme auch zu Besuch zu dir!“ Damit hatte er sie getröstet.

Es war in Berlin ein beinahe aufregender Abschied. Britta, die sich bis dahin still verhalten hatte, geschlummert zu haben schien, sing wieder an zu weinen: warum stiess man sie fort in die Fremde? Es war nicht ihr Glück, wie sie sagten, ihr Unglück war es, das fühlte sie ganz genau. Der heftige Schmerzensausbruch des Kindes erregte auch die Mutter, auch sie weinte hemmungslos.

Gut, dass der Bahnsteig des Görlitzer Bahnhofs ziemlich verödet lag. Noch reisten nicht viele in die Berge. Unruhig sah Tom Till umher: niemand da, der sie beobachtet hätte. Warum war er eigentlich so unruhig? Dieses lange Abschiednehmen von Mutter und Kind war ihm peinlich. Ingeborg konnte sich gar nicht genug tun mit Ermahnungen: „Steck nicht den Kopf zum Fenster heraus! Steig erst aus, wenn der Zug ganz stillhält! Pass auch auf dein Kleid auf, der Stoff schmutzt leicht! Vergiss auch deine Mutter nicht!“ Die Frau konnte nicht fertig werden mit Umarmungen und Küssen. Ihm selber legte Britta beide Arme um den Hals: „Nimm mich doch wieder mit zurück!“ Sie klammerte sich förmlich an ihn. Verlegen löste er ihre Arme von sich. Als ob Britta in den Tod ginge, so hatte sie sich — und er, er allein war die schuldig-unschuldige Ursache! Von der Mutter zu scheiden, das würde ihr nicht so schwer fallen.

Er hatte Britta in den Wagen gehoben, ihr Köfferchen ins Gepäcknetz gestellt; ihr Blick hing an ihm. Es war niemand im Abteil, so zog er sie an sich und küsste sie, dann sprang er eilig ab. Der Zug rückte an, ein Pfiff, das Abfahrtssignal war gegeben, die Räder fingen an sich zu drehen. Gott sei Dank, jetzt fuhr Britta ab! Man sah noch ihr verweintes Gesicht aus dem Fenster blicken; sie lehnte sich weit hinaus, sie winkte mit ihrem nassgewordenen Tüchlein. Und auf dem Bahnsteig winkten auch zwei Taschentücher.

Tom schob seinen Arm unter den seiner Frau: „So, nun wollen wir zu deinem Justizrat Baum gehen!“

„Ach, ich bin gar nicht in der Stimmung“, sagte sie. Sie seufzte: „Das hat man nun geboren und erzogen, und das gibt man nun so ganz weit von sich fort!“

„Als ob Britta nicht immer weit von dir fortgewesen wäre!“

„Ehe du kamst, standen wir uns sehr nahe. Du bist zwischen uns getreten, du hast aus uns, die wir immer Eins waren, zwei Getrennte gemacht!“

„Du bist ja verrückt!“

Die versöhnliche Stimmung, die, seitdem sie ihm versprochen hatte, vor dem Notar ihm, ihm allein die Vertretung ihrer Angelegenheiten und die Verwaltung ihres Vermögens zu übertragen, standgehalten hatte, war auf einmal erschüttert. Die Frau war plötzlich nervös geworden: nein, das musste sie sich doch sehr überlegen, ob sie das wirklich tat. Und verrückt war sie nicht, wenn er sie auch verrückt nannte! Wie man einer Katze ein Knäuelchen hinwirft, um dann, am Faden zupfend, ihr das immer wieder zu entziehen, so machte es die Frau jetzt mit dem Mann; sie närrte ihn. Jetzt, hier, fürchtete sie ihn ja nicht. Sie würde ihren bisherigen treuen Berater, den Justizrat, zur Seite haben, und nachher, wenn Tom etwa im Zorn abbrechen sollte und nach Hause fahren, dann konnte sie noch hierbleiben und Vennhof treffen. Der war heute in Berlin. Im alten Absteigequartier würde sie ihn antreffen oder dort von ihm Benachrichtigung vorfinden. Sie reizte Tom Till unbeschreiblich. —

Nun waren sie beide beim Notar. Was, sie hätte gesagt, sie wollte ihm, ihm allein ihre Vermögensangelegenheiten übertragen? Daran erinnerte sich Frau Ingeborg auf einmal nicht mehr. Und wenn sie es vielleicht, vielleicht mal täte, dann doch auch nur unter der Kontrolle ihres bewährten Freundes, des Herrn Justizrats. Wer garantierte ihr denn, dass Tom auch etwas davon verstand, und ob er alles so verwaltete, so rechtlich und unegoistisch, wie es für ihre armen Kinder das vorteilhafteste war. ‚Meine Kinder, meine armen Kinder‘, war ihr steter Refrain.

Der Mann hätte sie am Halse packen mögen, sie würgen, bis ihr der Atem ausging. Mit Mühe nur beherrschte er sich.

Der Justizrat riet ihr ab, vor seinen Ohren ab, alles in die Hände ihres Ehemanns zu legen: „Der Herr Gemahl ist noch sehr jung, ihm fehlt noch die Erfahrung. Ich bin natürlich jederzeit bereit, ihm Einblick zu gewähren — aber es wäre vielleicht doch besser — sicher ist es besser — noch einige Jahre den status quo beizubehalten. Man kann nie wissen —!“ Der alte Herr lächelte, zog die Achseln hoch und blickte durch seine goldene Brille von einem der Ehegatten zum anderen.

Also abgelehnt! In Tom Till kochte es. Nun zu den dreissigtausend — sollten ihm die etwa auch nicht gegeben werden?! Er bohrte seinen Blick in die goldene Brille, aber rundgewölbte Gläser hielten diesen Blick schützend ab. Und sie, sie — hatte er denn alle Macht über sie verloren? Sie stand meist abgekehrt von ihm, hielt den Kopf so gewendet, dass er nur ihr verlorenes Profil sah und die kleinen Kräusellöckchen im Nacken. Er hatte selber von der ihm zugesagten Summe anfangen müssen, sie schien ihr Versprechen vollständig vergessen zu haben. Und es eilte, eilte doch sehr, sonst war ihm der Eintritt in die Firma unmöglich, oder es kam ihm ein anderer zuvor.

„Ja“, sagte der kluge Herr mit der goldenen Brille und zog das ‚ja‘ recht lang, „dreissigtausend Mark sofort auf den Tisch des Hauses, das ist ganz unmöglich. Sie sagen, Ihre Frau hätte es Ihnen bestimmt zugesagt? Wie kann man so leichtsinnig eine solche Summe zusagen! Sie hat anscheinend gar keine Ahnung von ihren Verhältnissen. Gewiss, sie hat noch soviel im Besitz, aber soviel fortzugeben, das ist etwas, was ich vor meinem Gewissen nicht verantworten kann. Man müsste Papiere verkaufen — sozusagen verschleudern — anders wäre es jetzt nicht möglich, es ist ein allzu ungünstiger Zeitpunkt. Oder den Anteil an der Apotheke, der nach dem Tod Bades noch beim Verkauf darauf stehengeblieben ist, flüssig machen? Das wäre ein Raub an den Kindern. Das Geld steht auf der gutgehenden Apotheke sicherer, als ich es irgendwoanders anlegen könnte.“

„Man kann eine Hypothek auf die Villa aufnehmen“, stiess der Mann heraus; er war sehr blass.

„Ja, das könnte man vielleicht“, sagte der Justizrat. „Aber an erster stelle steht schon eine Hypothek von fünfzehntausend; es wird sich kaum jemand finden, der an zweiter Stelle noch mehr riskiert.“

„So verkaufen Sie doch die ganze Villa, zum Donnerwetter! Es ist doch einträglicher, wenn ich mich an einem Unternehmen beteiligen kann, das gute Einnahmen abwirft, als dass wir in dieser alten Bude wohnen bleiben.“

„Nein, ich will aber darin wohnen bleiben“, schrie die Frau dazwischen. „Ich denke gar nicht daran, sie zu verkaufen. Bade hat sie damals für mich gebaut. Meine Villa ist keine Bude!“ Sie wendete sich gereizt gegen ihren Mann: „Wenn du nicht darin wohnen willst, dann kannst du ja woanders hinziehen. Ich bleibe darin. Solange ich lebe, wird sie nicht verkauft.“ Sie warf einen raschen Blick nach ihrem Mann, der hatte so seltsam aufgelacht. „Wenn ich sterben sollte, dann kannst du sie ja verkaufen. Aber nur mit Genehmigung meiner Kinder, Herr Justizrat, hören Sie! Ich weiss ja sowieso nicht, was aus meinen armen Kindern wird, wenn ich nicht mehr da sein sollte.“ Sie führte das Taschentuch an die Augen.

„Aber, gnädige Frau, was für Gedanken! Warum sollten Sie denn bald sterben? An so etwas denkt doch eine Frau in Ihren Jahren noch nicht!“ Der Justizrat warf einen scharfen Blick auf den jungen Mann, der stumm an ihrer Seite stand: woher solch sentimentale Anwandlungen? „Sie werden noch viele Jahre leben, gnädige Frau, und sich wie bisher Ihres Lebens freuen.“

Sie zuckte ohne Wort die Achseln.

Diese neue Ehe von Frau Ingeborg Bade schien ja nicht gerade eine sehr glückliche zu sein, dachte der Justizrat, als die beiden gegangen waren. — — —

Sie gingen die Treppe hinab, sie voran, er hinter ihr her. Also umsonst alle Mühe, die er sich gegeben, umsonst! Umsonst der Besuch hier beim Justizrat. Wo blieben die versprochenen dreissigtausend?! Nichts, gar nichts erreicht! Sollte er ihr jetzt nicht einen Stoss in den Rücken geben, dass sie die hohe Treppe hinabstürzte, sich auf deren Steinstufen das Genick brach? Im Büro hatte er sich zusammengenommen, seine Wut sich nicht anmerken lassen, hatte nur seine Hand zur Faust geballt und die Nägel der Finger in die Innenfläche gegraben, jetzt aber machte er einen Schritt neben sie, drängte sich dicht an sie heran: „Du hast mich ja schön blamiert da oben, du, du!“ Er hatte nach ihr gegriffen, bei jedem Wort bekam ihre Hand einen Ruck, dass ihr der Schmerz durch den ganzen Arm fuhr bis hinauf in die Schulter. Sein Gesicht war ganz bleich, aber sein Blick funkelte.

Darmowy fragment się skończył.

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9788711466971
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