Czytaj książkę: «Die vor den Toren»

Czcionka:

Clara Viebig
Die vor den toren

Saga

I.

Die Längnicks, die Badekows und die Schellnacks waren die reichsten in Tempelhof. Die Lietzows hatten aber auch Geld, besonders Gottfried stand sich gut, nicht bloß weil er seine Cousine, Lene Badekow, zur Frau hatte, sondern auch, weil er es verstand, die Handelsgärtnerei, die Spargelkultur, den Obstbau, die Hühnerzucht, die Milchwirtschaft und noch manches andre so schwunghaft weiter zu betreiben, wie es sein Vater, der alte Lietzow, angefangen hatte.

„Mistfink“ sagte zwar sein Bruder Karl, der Kaufmann, von ihm; und Karls Frau, die hübsche Ida, zuckte die vollen Schultern, wenn von Gottfried die Rede war. Sie rümpfte die Nase: Kleinigkeitskrämer! Wie konnte man sich nur um ein paar Groschen so abrackern?! Aber im Grunde ärgerte sie sich, daß ihre Schwägerin Lene immer vergnügt aussah. Und Karl ärgerte sich auch, wenn er vor seiner Ladentür stand, die sehr bescheidene Auslage im Fenster musterte – ein bißchen Reis, ein bißchen Mehl, ein bißchen Kaffee, ein ewiger Zuckerhut, dessen blaues Papier schwärzlichen Fliegenschmutz zeigte – und wenn er dann sah, wie drüben, jenseits der Lindenreihe, vor dem langgestreckten Haus des Bruders die Karren hielten, welche Kartoffeln, Obst, Gemüse nach Berlin fuhren, und wie die Händler kamen und gingen und wie dem Gottfried, der in hohen Transtiefeln, die Hände in den Hosentaschen, draußen herumstand und dem Aufladen zusah, das Geld nur so zuströmte. Wenn Karl auch die Schankgerechtigkeit neben seinem Ladengeschäft hatte und in der Hinterstube immer Ackerknechte und Fuhrleute, besonders die Hauderera) saßen, die aus Britz und Mariendorf nach Berlin wollten, Leute, die ganz ordentlich was durch die Gurgel jagten, es kam doch nichts Rechtes dabei heraus. Und die feinste Kundschaft war es auch nicht. Die Ansässigen gingen alle zu Kiekebusch. Als ob es da etwas Besseres zu trinken gäbe! Aber die Tempelhofer waren nun einmal so: wie die Ochsen, immer an die altgewohnte Krippe.

Die Gastwirtschaft von Kiekebusch war der frühere Erbpachtkrug, in dem schon vor hundert und hundert Jahren die Tempelhofer sich betrunken hatten; in dem schon die alten Sünder, die Ordensritter, es nicht verschmäht hatten, einen Trunk zu nehmen, wenn sie von ihrer Burg durch den unterirdischen Gang, der im tiefen Keller des Krugs einen Ausweg hatte, zu ihren heimlichen Liebchen im Dorfe schlichen.

Karl Lietzow hatte als junger Mensch eine Berlinerin zur Frau gehabt. Als diese im Wochenbett gestorben war, hatte er sich wieder in ein Mädchen aus der Stadt verliebt; er war nun einmal an das Städtische gewöhnt. Geld hatte die hübsche Ida keines gehabt, aber sie hatte schöne braune Augen, und die waren im Laden und besonders im Ausschank ebenso viel wert wie Geld. Sie selber empfand es nicht drückend, daß sie keinen Pfennig hatte, nicht einmal eine Aussteuer; da war ja noch genug von der vermögenden ersten Frau da. Deren Röcke und Hemden paßten ihr, in die Betten legte sie sich; sie nahm alles an sich. Sie, die an nichts gewöhnt war, fand Karl Lietzow sehr reich. Es konnte ja gar nicht alle werden, und es wäre geradezu lächerlich, wenn man jeden Groschen zweimal umdrehen wollte.

Ida ärgerte sich, als sie am Morgen des Truppeneinzuges die Lietzows den Breakb) besteigen sah. Karl und sie wollten auch hin und den Einzug sehen, es war ein weiter Weg, das Feld war staubig, die Sonne heiß; war es nicht unerhört, daß Gottfried sie nicht aufgefordert hatte, mitzufahren? Bei solchen Gelegenheiten erinnerte man sich doch der Verwandtschaft.

„Na, er muß doch die Badekows fahren, und denn is die Fuhre ja schon mehr als voll“, versuchte Karl den Bruder zu entschuldigen.

Da sah sie ihn so kalt an mit ihren braunen Augen, so fast verächtlich, daß er nicht Lust hatte, noch ein Wort zu reden. Sie sagte auch nichts mehr. Sie sagte überhaupt nie etwas, wenn sie recht böse war. Wenn die Wut in ihr kochte, und die kochte leicht, dann kniff sie nur den Mund zusammen, daß die vollen Lippen ganz schmal wurden und über den Glanz ihrer Augen, über das ganze rosige Gesicht sich ein bleicher Schleier legte. –

Es war spät, als Karl Lietzows zum Einzug gingen.

Tempelhof war wie ausgestorben; alle waren längst fort, nur Hühner scharrten im tiefen, grauen Sand vor den Häusern, und in der Mitte der breiten Dorfstraße, wo die alten Linden stehen, watschelten Enten und schnatterten Gänse über den abgerupften berasten Grund. Die Linden blühten schon. In der warmen Sonne hatten sich alle die goldenen Büschel geöffnet, Bienen umschwärmten sie mit einem Gesumm, das laut wirkte in der großen Stille.

Hinter Zäunen lagen die niedrigen Häuser recht gemütlich mit ihren schmalen Eingängen, die noch schmaler erschienen gegen das breite Hoftor nebenan, durch das morgens die Milchkarren rasselten, im Herbst die Erntewagen ratterten; das ganze Getriebe der Ackerwirtschaft aus- und einrollte. Um die weit übergebauten Türen der Wohnhäuser rankten blühende Jelängerjelieber und halbwilde Rosen, und grüne Bänke standen darunter. Der Flur war freilich dadurch so verdunkelt, daß man, wenn man für gewöhnlich dort saß, eigentlich nur durch den Geruch wahrnehmen konnte, was man auf dem Teller hatte. Aber es saß sich an Sommerabenden angenehm unter den überbauten Eingängen, wenn der Staub sich verzogen hatte, den die in die Ställe heimkehrenden Schafe zu Wolken aufwirbelten, wenn die Blumen auf dem schmalen Gartenstrich zwischen Haus und Straße ihre betauten Köpfe senkten und die Grillen in den alten Mauern zirpten. Und zur Zeit der Lindenblüte ging dann ein Duften aus von den Dorflinden, fremdartig-süß und doch wieder heimatlich-vertraut, ein Duft, sanft und kraftvoll zugleich, der sich mischte mit dem erdigen Geruch der Gemüsegärten, der nährenden Felder und mit dem starken Dampf des warmen Mistes, der aus dem Viereck der Höfe, aus den großen Ställen und Scheunen hinter den kleinen Wohnhäusern aufstieg.

Pfui, wie das stank! Ida Lietzow hatte sich noch immer nicht an das „Tempelhofer Parfüm“, wie sie es nannte, gewöhnen können. Pfui, und der Staub! Man watete wie durch graues Mehl. Verdrossen schleifte im Sonnenbrand Ida ihr langes Kleid neben ihrem Mann her.

Unabsehbar dehnte sich das Feld. Sie gingen jetzt auf der Chaussee mitten hindurch, aber rechts und links war kein Ende zu entdecken. Heute liefen zwar Menschen genug hier herum, aus weiter Ferne gesehen wie Ameisen. Aber die Öde blieb doch, wenn da auch Menschen waren, unzählige vielleicht, aber sie verhallten ohne Laut in der unermeßlichen Weite.

Ida hatte sich das Tempelhofer Feld ganz anders vorgestellt, als sie es nur vom Hörensagen kannte: Paraden, Musik, Wettrennen, schöne Offiziere, schneidige Reiter, mutige Pferde. Aber dünnes, zertrampeltes, mottenfräßiges Gras, hier und da ein Pfuhl in umbuschter Kuhle, das war das Tempelhofer Feld. Sie schüttelte sich. Wenn wenigstens ein paar Häuser hier ständen, daß man doch ohne Furcht gehen könnte! So war man ganz abgeschnitten von Berlin. Alle Stunden zwar sollte der Omnibus fahren von ‚Unter den Linden’ bis Tempelhof, aber nur im Sommer fuhr er stündlich. Mit scheuen Blicken sah die Frau sich um: huh, hier möchte sie um keinen Preis gehen, wenn es dämmerte! –

Sie waren zu spät aufgebrochen, Ida hatte gerade im letzten Augenblick noch etwas zu besorgen gehabt, was sie vergessen hatte schon seit acht Tagen. Die Truppen marschierten bereits vom abgesteckten Gelände hinein in die Stadt. Es war nicht durchzukommen; sie mußten warten. Ida gähnte abgespannt. Mit einem Seufzer setzte sie sich an den Chausseerand, ließ die Füße in den Graben hängen und lehnte Rücken und Kopf an eine Pappel. Die Sonne blendete, man erstickte fast von dem Staub, den Füße und Hufe aufgewirbelt hatten zu einer dunstigen Wolke. Die junge Frau drückte die Augen zu. Hinter ihren geschlossenen Lidern blitzten allerlei Gedanken auf, Wünsche und Träume jagten sich. Sie hörte die Militärmusik, das Brausen der großen Menge, der Welt und der Stadt, und sie riß plötzlich die Augen weit auf – ach, was lag da nicht alles jenseits des verwünschten Feldes! –

Der letzte Soldat mußte erst abmarschieren, bis sie den Truppen im Rücken nachdrängen konnten. Ida hatte für ein Mittagessen daheim nicht gesorgt: ach was, man konnte ja auch in der Stadt essen! Ins Geschäft würde heute sowieso keiner kommen, weder in den Laden noch in den Ausschank; Magd und Hausbursche hatten Urlaub bekommen, und wenn etwa jemand käme, dann war ja Hulda zu Haus, und die wußte überall Bescheid.

Das Ehepaar hatte Durst. Karl schlug vor, irgendwo einzukehren, und dieser Gedanke söhnte Ida aus; sie hing sich ihrem Mann an den Arm.

Und nun drängten sie weiter, an Ehrenpforten und Trophäen vorüber, vorbei an girlandenbehängten Häusern, schwammen immer weiter mit dem flutenden Strom. Karl wußte manche gemütliche Kneipe, aber heute kehrte man nicht im „Dusteren Keller“ ein, nicht einmal bei Deibel. Heute suchte man sich drinnen in der Stadt etwas extra Feines aus, darin waren die beiden sich ganz einig.

Karl schob den Hut zurück und knöpfte die Weste auf; sein Schlips – gute Seide, aber befleckt – löste sich und hing lang herab. Er merkte es nicht. Sie merkte auch nicht, daß man ihr auf den Rock trat; an der Seite hing schon ein Stück Unterfutter vor, und hinten schleppte die Schnur nach. Die schönen Augen der jungen Frau glänzten.

Gottfried Lietzow fuhr an dem Paar vorüber, als er nach Hause kutschierte. „Ida, sieh da“, sagte er und stieß einen leisen Pfiff aus.

„Haste jesehen, Lene? Karls!“

Lene hatte, wenn sie nicht sehen wollte, niemals Augen. „Ich hab’ se nich sehen können!“

„Nich sehen wollen!“ Gottfried lachte, aber das Lachen kam ihm nicht recht von Herzen. „Man müßte sich eigentlich um Karlen mehr kümmern“, sagte er nachdenklich, „ich bin doch älter. Un jesund ist er ooch nich!“

„Na, so kümmere dich doch!“

„Nee, ich alleine nich. Du mußt dich ooch mit kümmern!“

„Ich?!“ Lene brauste auf. Das sollte ihr gerade einfallen, auf diese Person Rücksicht zu nehmen! Was war die denn, wo war die denn her? Und die wollte es ja auch gar nicht, daß man sich um sie kümmerte. Hatte man’s je erlebt, daß sie gekommen wäre, sich Rats zu erholen? Und wie sie die Wirtschaft verschlampte! Und die Kleine, die Hulda, sich selber überließ! Immer sah man das Kind ganz allein mit den Teckeln. Eine Schande, sich so wenig um die Stieftochter zu kümmern!

„Na, denn kümmre du dich doch en bißken um sie!“ In Gottfrieds Stimme lag eine Bitte. „Leneken! Weißte, ich denke, mit der – der –“ – er nannte den Namen nicht, aber seine Frau wußte ganz genau, wen er meinte – „mit der könnte es mal verdammt schief jehn. Und mit Karlen – ?“ Er zuckte die Achseln, und dann sah er seine Frau an.

Wenn ihr Gottfried den Ton hatte, konnte Lene zu nichts „Nein“ sagen. Nun ja, wenn er es denn gern wollte, konnte sie wohl mal zu Karls hingehen. Man konnte sie ja auch mal einladen; zu Gottfrieds Geburtstag vielleicht, es war noch lange bis dahin. Und dann – die Kleine konnte ja mal herüberkommen zu den Erdbeerbeeten!

Gottfried nickte beifällig. Sein umwölkter Blick erheiterte sich.

Gottfried Lietzow war nicht hübsch, wohl groß, aber vierschrötig, mit wulstigem Genick; und verschimpfiert war er auch, als Kind war er in die Futterschneidemaschine geraten, die hatte ihm an der rechten Hand den kleinen und den vierten Finger glatt abrasiert, darum hatte er auch nicht zu den Soldaten gebraucht. Er trug den Trauring am Mittelfinger. Aber Augen hatte er von so reinem Blau, daß Lene, als er sie jetzt freundlich ansah, in den lachenden Himmel zu blicken glaubte.

Und nun überbot sie sich selber: von den Kirschen konnte die Kleine sich auch holen kommen. Und später von den Aprikosen. Die Lietzows drüben hatten ja nicht einmal einen Garten, nur einen Gang hinterm Haus mit Büschen bepflanzt, an dem entlang die Kegelbahn lief; und in der Ecke die winzige Laube. Mochte die Hulda nur immer herüberkommen!

Gottfried nickte ihr zu; sie nickte ihm wieder zu.

Friede war in der Luft, sie fühlten ihn alle.

Selbst die Polizei mahnte heute friedlich und sanft: „Zurück!“ Mit ausgebreiteten Armen wiesen die Schutzleute die andrängende Welle vorwitziger Zuschauer ganz sacht hinter die Schranken, es gab heute keinen Krakeel. Sanftmütig verzieh man dem Hintermann, der einen stieß, und zu dem, der einem auf die Füße trat, sagte man: „Bitte!“ Friede, Friede! Heute war ein Tag, allen Groll beiseite zu lassen.

Und doch bäumte sich in Gottfrieds Herzen etwas von Groll, als sie nun heimwärts fuhren, immer der schnurgeraden Chaussee nach, und immer der Wagen der Längnick eine Pferdelänge voraus war. Gottfried Lietzow hieb kräftig auf seinen Gaul, daß er wacker ausgriff – die alte Schindmähre da vorne würde man doch noch überholen können! – aber kein Zungenschnalzen half und kein Peitschenschlag. Die Längnick blieb vorne.

*

Das Stammhaus der Badekows und das der Längnicks lagen sich schräg gegenüber, ungefähr so, wie am anderen Ende der Dorfstraße die Brüder Lietzow einander gegenüber wohnten. Separieren konnte man sich in Tempelhof nicht. Da war nur die eine lange und breite Hauptstraße, die von der Rixdorfer Richtung her bei den Badekows anfing und bei Gottfried Lietzows Kohlgärten endigte, in den Feldern auf Alt-Schöneberg zu. Was noch so darum herum wohnte, das war schon nichts Rechtes mehr: Zugezogene, kleine Beamte, Leute, die auf Tagelohn gingen. Alle die eingesessenen alten Geschlechter, die Schellnacks, die Kiekebuschs, die Lüdeckes, Hahnemann vom Hahnenhof, wohnten die Linden entlang.

Das eigentliche Tempelhof, von dem das Dorf seinen Namen hatte, der Grund und Boden, auf dem zuerst der Orden der Templer gesessen hatte und dann die Johanniter, dann Freiherren und Grafen und fürstliche Herren – der ehemalige Templerhof – gehörte jetzt einem Bankier. Aber es hieß, auch er wollte das Gut schon wieder verkaufen. Die tiefen Keller des Ordens, in denen die Herren ihre Weine gepflegt hatten, waren jetzt zugeschüttet; die sonnigen Gärten, in denen sie Obst gezogen und ihr Gemüse gebaut, waren verwildert, riesige Bäume, wie wilde Waldbäume, hoben darin ihre Kronen. Von den festen Mauern des ehemaligen Burghauses war jetzt nichts mehr zu finden. Der unterirdische Gang, in den waghalsige Dorfjungen vergebens einzudringen versuchten, war verfallen. Durch zu viele Hände war der Besitz der Templer geglitten. Nichts von dem, was sie angelegt hatten, war geblieben, als der Graben, der, tief und dunkel, wie einst noch den alten Templerhof umgab; und hinter Gottfried Lietzows Gemüsegärten das Kirchlein, das die geistlichen Ritter einst gebaut hatten am Klarensee, sich zur Ehre, ihren dörflichen Zehntpflichtigen zu Nutz und Frommen. Aber der Klarensee war zum sumpfigen Dorfpfuhl geworden. –

Im Stammhaus der Längnicks saß Rieke Längnick. Sie war ganz allein. Nun war der Einzug schon Stunden vorüber, aber weder Knecht noch Magd waren zu Hause; der Kutscher hatte sich kaum die Zeit genommen, das Pferd auszuspannen, dann war er wieder auf und davon, wiederum zurück nach Berlin. Die Herrin hatte selber das Pferd füttern müssen, aber das war ihr nicht ungewohnte Arbeit. Bei solchen Gelegenheiten mußte man eben den Leuten Freiheit lassen, sonst bekam man keine mehr; alle wollten sie jetzt in die Stadt und wollten höheren Lohn. Aber den gab sie nun einmal nicht – nein, keinen Taler mehr! Ein hartnäckiger Zug verhärtete noch das Gesicht der Frau: dann lieber alles alleine schaffen!

Im Stuhl am Fenster sitzend, betrachtete die alternde Bäuerin ihre knochigen Hände: die hatten schon viel gearbeitet! Und dann lugte sie hinüber zu den Badekows: heute nachmittag, ungefähr zu gleicher Zeit mit ihr, waren die erst heimgekommen, aber nun waren Johann und seine Frau und Auguste und die blödsinnige Mieke schon wieder fortgefahren mit dem Gottfried Lietzow. Hanne Badekow war schön dumm, daß sie nun zu Hause die beiden kleinen Bengels hütete und auf die Tür paßte, während die anderen sich bei der Illumination amüsierten! Ob auch die Marianne heute abend mit nach Berlin war? Schade, daß man von hier aus nicht sehen konnte, wenn die reiche Witwe, mit ihrem Fuhrwerk von Britz kommend, Tempelhof passierte!

Rieke Längnick hatte ein Spiegelchen am Fenster, einen sogenannten Spion, ihr entging so leicht nichts.

In der Dämmerung, die hier innen dunkler war als draußen, weil die Fenster so klein waren und die niedrige Decke die Stube drückte, saß die Längnick einsam und spann Zukunftspläne. Ihr Paul war nun zurückgekommen, dreiundzwanzig war er – freilich noch jung –, und die Marianne war an die Dreißig! Rieke rechnete an den Fingern: der Johann war sechsunddreißig, Jakob fünfunddreißig – dann war da noch ein Junge gewesen, der war aber ganz klein gestorben, der wäre jetzt vierunddreißig – danach müßte die Marianne ja schon dreiunddreißig sein. Hm! Die Rechnerin wiegte den Kopf. Aber was schadete das denn?! Gerade das Richtige für den Paul: eine gesetzte, verständige Frau. Von ihrem Mann, dem alten Britzer Badekow, mußte sie ein schweres Stück Geld geerbt haben, eine halbe Million Taler. Was hatte der Christian Badekow für Äcker und Wiesen gehabt! An die Anhalter Eisenbahn hatte er auch gut verkauft. Unsinn, eine halbe Million? Mindestens eine ganze, wenn nicht mehr! Und der Marianne eigenes Erbteil kam doch später auch noch dazu. Das war eine Frau, bei der die Dreiunddreißig nichts ausmachten!

Entschlossen erhob sich die Längnick. Hanne war allein zu Haus, sie würde einmal zu ihr hinübergehen. –

Das Haus der Badekows war durch den Flur in zwei Hälften geteilt. Die beiden Stuben links vom Eingang hatte sich die Mutter reserviert, und darüber die große Mansarde für Auguste und Mieke. Die ganze größere rechte Seite aber, und was sonst noch an Kammern und Winkeln im Hause war, gehörte Johann. So hatte Hanne Badekow es selber bestimmt, als der Sohn heiratete; er war der Älteste, ihm fiel ja doch einmal der Hof zu. Nur eine kleine Kammer nach hinten heraus hatte sie noch beansprucht, die hatte sie sich als Küche herrichten lassen. So recht ihr die Schwiegertochter auch war, jung und alt taugte nicht zusammen; ihr eigenes bißchen Essen, das kochte sie sich lieber allein.

Die Badekow sah die Längnick nicht über die Straße kommen. Ihre Gedanken waren weitab geglitten von dem, was um sie war. Draußen im Flur tobten die Zwillinge, sie kicherten hinter der Tür: Großmutter hörte nicht. Der Längnicks Paule war zurückgekommen – die Einsame seufzte auf – sie wollte doch Rieke bitten, daß sie ihn ihr gleich herüberschickte.

Es klopfte kurz und stark. Die alte Frau fuhr zusammen, hastig stand sie vom Stuhl auf: wer klopfte da?!

„Rieke, du – ?!“ Es war wie eine Enttäuschung.

„’n Abend, Hanne“, sagte Rieke. Es klang so freundlich, wie es überhaupt von ihr klingen konnte. „Biste janz alleene?“

„Hm.“

„Na, da können wir ja ’n bißken zusammensitzen.“ Die Längnick zog einen Stuhl herbei und setzte sich der anderen dicht gegenüber. „Deine Kinder haben woll nach Berlin jemacht Wollste nich mit?“

„Wat soll ick da?! Ick bin zu alt davor, und –“ zu traurig, wollte die Badekow sagen, aber sie verschluckte das. „Eener muß doch zu Hause bleiben!“

„Na ja, natürlich!“ Aber dann wußte Rieke nicht gleich etwas Weiteres zu sagen, die andere schien so wenig aufgelegt zum Schwatzen, daß es schwer war, auf das Bewußte zu kommen. Eine Pause entstand. Aber dann faßte Rieke einen Entschluß: wozu das lange Gefackel? „Sag mal, wird deine Marianne denn nich bald wieder heiraten?“

„Heiraten? Kann sind – später. Aber jetzt doch noch nicht!“

„Nanu, warum denn nich? Se is doch ooch in die Jahre. Wenn eene dreiunddreißig is!“

„Vierunddreißig“, sagte die Mutter.

Was, vierunddreißig war die Marianne schon?! Die Längnick war nicht angenehm überrascht. Volle elf Jahre älter als der Paul – ein bißchen viel! Wie konnte sie sich nur so verrechnet haben?

„Se hat ja ooch jar nich nötig, zu heiraten“, sagte die Badekow. „Se steht sich ooch so janz jut.“

Die Längnick spitzte die Ohren. „Se hat woll ville jeerbt von ihrem Ollen?“

„Hm, ja!“ Hanne nickte. Ein wenig Stolz zeigte sich auf ihrem Gesicht, aber auch ein wenig Betrübnis. „Einmal hat die Marianne nur so jeheirat’t – un da war se dazu noch janz jung. Nu soll se nich noch eenmal so heiraten!“

Nein, um Gottes willen nicht, das durfte nicht sein! Eine Frau, die sich so aufgeopfert hatte, mit ihren jungen Jahren immer in der Krankenstube gesessen hatte, nein, die mußte nun auch noch etwas vom Leben haben! Die Längnick war erfreut: das machte sich ja ganz großartig, wie von selber! „’nen Jungen muß se sich nehmen – ’nen hübschen jungen Mann. Det kennt se ja noch jar nich, wie det is. ’nen Mann, mit dem se sich ooch mal amesieren kann. ’nen Mann, der flink uf de Beene is, noch alle Haare hat un seine Zähne, ’nen Mann, mit dem se noch Kinder kriegt!“

Ja, das war richtig! Hanne nickte. Kinder wünschte sich die Marianne sehr. „Was soll ich mit all dem vielen Geld, Mutter“, hatte sie einmal in einer schwachen Stunde weinend gesagt, „ich habe ja kein Kind!“ Und das verstand Hanne Badekow. Was sollte einem alles Geld, wenn man kein Kind hatte, es ihm zu vererben?! Rieke hatte recht, Marianne mußte sich wieder verheiraten. Aber was ging das eigentlich die Rieke an?!

Ein Blick, in dem ein leises Mißtrauen aufwachte, streifte den ungewohnten Besuch. Und dann sagte Hanne: „Det kann ja sind, det die Marianne wieder heiraten tut. Mir jeht det nischt an. Se is ja alt jenug.“

Das war ablehnend. Aber die Längnick ließ sich nicht so leicht abweisen. „Mein Paule is ja nu wieder da“, sagte sie mit einem Lächeln. „Ick wer’ ihn denn mal rüber schicken!“

„Ach ja!“ Hanne Badekow dachte jetzt nicht mehr an Mißtrauen: der Paul würde kommen, ihr vom Wilhelm erzählen! Endlich, endlich würde sie erfahren, wie ihr Sohn gestorben war! Zitternd ging ihr der Atem, sie sah die andere an voll sehnsüchtiger Erwartung: „Schick ihn mir man jleich, Rieke, ja?“ Sie faltete die Hände im Schoß, wie sie immer tat, wenn es eine große Erregung zu bemeistern galt. „Junge Leute sind manchmal so komisch dadrin, ’ne alte Frau mögen se nich besuchen!“

Rieke nickte. „Da wer’ ick schon vor sorgen. Und soll er denn nich ooch mal in Britz vorjehen? Er hat Mariannen ja noch jar nich konduliert zum Tode von ihrem Ollen!“

Es war dunkel in der Stube, so dunkel, daß keine der anderen Gesicht mehr erkennen konnte, aber sie brauchten sich auch gar nicht zu sehen. Ein ganz leises Lächeln huschte über der Badekow betrübtes Gesicht. „Was meine Tochter, die Marianne is, die hat ihm ja oftmal die Nase jeputzt, als er noch ’n kleener Pamper war mit ’ne Schnudelneese. Laß ’n man hinjehn!“ Jetzt lachte sie auf, wie überkommen von etwas Komischem.

Rieke rückte mit ihrem Stuhl: was sollte das heißen? Wollte Hanne sich lustig machen über ihren Paul? Aber sie hielt an sich. „Ja, die beiden kennen sich schonst lange jenug“, sagte sie und lachte auch dabei. „Er war ’ne niedliche kleene Bohne mit seinem blonden Krauskopf und den strammen Beenen. Is ooch en strammer Mensch jeworden!“ Sie lauerte: was würde Hanne nun sagen?

„Det kann woll sind“, sagte die.

Rieke Längnick erhob sich. Daß Hanne sie verstanden hatte, wußte sie ganz genau – aber gut Ding will Weile haben. Jedenfalls war der Anfang gemacht! Sie reckte sich in ihrer ganzen knochigen Größe und blickte auf die kleine Rundliche herab, die im Stuhle saß. Das wäre doch das erste Mal, daß Rieke Längnick das nicht durchgesetzt hätte, was sie wollte.

„’n Abend, Hanne! Ick wer’ nu jehen, ’n bißken Abendbrot hinsetzen vor meinen Paule. Ick denke, er kommt vor Nacht zu Hause. Ick schicke ihn dir!“

Mit einem Lächeln, das auf ihrem Gesicht wie Triumph aussah, verließ die Längnick die Badekow. Jetzt konnte sie es plötzlich kaum mehr erwarten, daß ihr Paul von Berlin heimkam. Morgen schon mußte er hier herüber. Und daß er nett war gegen die alte Frau! Er war manchmal ein bißchen schwer von Begriffen. Aber sie würde ihm schon eintrichtern, was er zu sagen hatte. Wie männlich und breitschultrig er jetzt auch geworden war, er würde doch immer der sein und bleiben, der er gewesen war: der Junge, der zu parieren hatte!

Festen Schrittes ging die Längnick über die Straße. Ihre Tür schlug sie so kräftig hinter sich zu, daß es wie ein Knall durchs öde Haus hallte. –

Noch war niemand zurückgekehrt. Die meisten Tempelhofer waren nach Berlin zur Illumination, nur vereinzelt zeigte sich hier und dort ein flinzelndes Lichtchen in den niederen Häusern. Heute feierten die Tempelhofer so gut wie die Berliner. Das große neue elektrische Licht leuchtete herüber vom Halleschen Tor in verschiedenen Farben, wie von Blitzen war das dunkle Tempelhofer Feld heute zuckend erhellt. Von den Tempelhofer Bergen sah man an Stelle der Stadt nur ein einziges Meer von Licht. Das war eine Illumination! Die Sterne des Himmels erloschen vor ihrem Glanz, kein einziges der Gestirne der Nacht war zu sehen. Der Himmel trat zurück gegen die leuchtende Erde, wie beschämt zeigte er nur ein widerscheinendes Rot; die Tiefe gab ihm ab von ihrer Fülle des Lichtes.

Wie trunken wogte die Menge auf und ab durch die Straßen der Stadt. Hier staute sie sich, dort staute sie sich; man reckte den Hals, man stellte sich auf Zehen.

Das war doch das Allerschönste, das Brandenburger Tor! Eine aufgehende Sonne strahlte hinterm Kopf der Viktoria; Fackeln brannten längs des ganzen Gesimses.

Nein, nein, das Zeughaus war viel schöner! Da stiegen alle zehn Minuten Riesenballons auf mit Feuerwerkskörpern gefüllt – knall – Raketen, Leuchtkugeln, Schwärmer, Zischen, Knattern, Sprühen, Flammen nach allen Seiten.

Ach was, kam das Zeughaus wohl gegen den alten Fritz an?! Der stand in lauter blühenden Blumen, und rund herum glühten lauter Eiserne Kreuze und Kaiserkronen im flammenden Rot.

Und die Viktoria am Potsdamer Platz mit all den Kanonen! Und im Lustgarten die Germania mit Elsaß und Lothringen! Und die Schloßkuppel mit immerwährendem bengalischen Feuer! Und Gerson und Herzog und die reichen Bankiers!

So etwas wie heute war noch nie dagewesen. Die Bewunderung kannte keine Grenzen; man kannte überhaupt sich selber nicht mehr. Zivilisten und Soldaten gingen Arm in Arm, die Friseure mit den Zeugschmieden, die Vergolder mit den Seifensiedern, die Lackierer mit den Strumpfwirkern, die Bandmacher mit den Weißgerbern, die Steinmetzen mit den Buchbindern; Maurer, Schlosser, Klempner, Schneider, Maschinenbauer, Bäcker, Schuster, Metzger, Zimmerer, alle Innungen, alle Gewerke waren heute friedlich gesellt. Alle Bierhäuser saßen voll, die Weinstuben nicht minder. Der Abend war heiß, heiß von Sommerluft und brennenden Fackeln, von all den Fluten des Lichts. Am heißesten aber von einer Begeisterung, bei der man zuletzt nicht mehr wußte, warum man eigentlich so begeistert war. Es wurde viel getrunken. Man ließ den Kaiser leben, den Kronprinzen, Bismarck und Moltke, die Generäle, das ganze siegreiche Heer; man ließ sie alle, alle leben, sich selber daneben. –

Unter den Zelten im Tiergarten saßen Karl Lietzow und Frau. Karl sah blaß und abgespannt aus; es war eine Anstrengung gewesen, heute den ganzen Tag umherzuziehen in der Stadt bei dem Gedränge. Ida vertrug so etwas besser; ihre Wangen waren rot, ihre Augen blitzten. Jetzt wurde sie noch röter. Sie preßte die volle Brust heraus, zupfte an ihrer Kasacke und guckte dann schnell nach dem Nebentisch hin, wo ein Herr saß, der sie unverwandt anstarrte.

Es war Julius Paschke. Er war nicht wenig erstaunt über sein Glück: Donnerwetter, saßen da nicht die Lietzows aus Tempelhof? Das waren ja Verwandte von den Badekows! Nicht umsonst hatte er sich in Tempelhof umgetan, als Stadtreisender verstand er es, sich einzuführen, er war ganz genau orientiert. Die Häuser unter den Linden der Hauptstraße kannte er genau; die hübsche Frau Ida Lietzow war ihm gezeigt worden, als sie vor ihrer Ladentür stand und mit einem Käufer poussierte. Ihr Mann war der Bruder von Augustens Schwager, so mußte sie ja sicher Bescheid wissen über die Badekows.

Als ob Paschke in Idas Blicken eine Aufforderung läse, kam er jetzt heran. Er grüßte mit einer höflichen Verneigung: „Gestatten, ist dieser Stuhl noch frei?“

Der Stuhl war frei. Karl war es überdies gleichgültig, wer auf ihm saß. Er war ganz kaputt; auch hatte er zuviel durcheinander getrunken, er sah nicht rechts mehr noch links. Die Arme aufgestemmt, stierte er in sein Bierglas.

Aber auch Ida hatte jetzt mehr acht auf die Raketen und Leuchtkugeln, die von Kroll her aufstiegen und wie fallende Sterne im Waldmeer des Tiergartens untergingen. Der galante Herr hatte sie in ein eifriges Gespräch verwickelt.

Er hatte sich vorgestellt: Julius Paschke, Lindenstraße 104 bei Schulze, drei Treppen rechts. Reisender für Zigarren. Für eine Weltfirma. O, der kam weit herum! Ob er sich wohl auch einmal nach Tempelhof verirrte?

„Tempelhof?“ Er sah sie lächelnd an: gewiß würde er da mal hinkommen – bald! Er erlaubte sich, ihr die Hand zu drücken. War es angenehm, da zu leben? „Viele reiche Leute da, was?!“

„Lauter Bauern!“ Ida fühlte sich plötzlich wieder ganz als Städterin. Ihre Mundwinkel zogen sich geringschätzig herab. Auf einmal schmeckte es ihr bitter auf der Zunge; alle Beleidigungen, die sie von der Familie ihres Mannes glaubte empfangen zu haben, die Zurücksetzungen, die sie fühlte, quollen in ihr auf. Bauern ohne Lebensart, Mistfinken, die auf ihren dreckigen Höfen saßen, als säßen sie auf Schlössern! Die Häuser reine Buden, nur einen Stock hoch – aber Geld – ja, Geld hatten sie schon! Sie lachte kurz und herb auf. Aber das war der Ausgleich, sie verstanden es nicht, ihr Geld zu genießen!

„Das ist doch nicht so’n Kunststück!“ Paschke lachte und zeigte seine weißen Zähne. „Das würde ich ihnen schon beibringen. Sagen Sie mal, werte Frau, kennen Sie vielleicht ’ne Familie Badekow in Tempelhof?“ Er beobachtete sie scharf und mit einem pfiffigen Ausdruck.

„Na und ob! Die Badekows waren ja gerade von den Schlimmsten: stolz wie Grafen. Und dabei hatte die alte Badekow noch bis vor ein paar Jahren auf dem Wochenmarkt gesessen!

„So? Sie scheinen die Leute ja genauer zu kennen?“

„Ob ich die kenne! Die eine Tochter, die Lene, hat doch der Bruder von meinem Mann zur Frau!“

„Was Sie nicht sagen!“ Der Reisende tat riesig überrascht.

Sie sah ihn mit großen Augen an: warum war er denn so verwundert? Was hatte er denn überhaupt so nach diesen Leuten zu fragen, was gingen die Badekows ihn an?!

Oho, die war nicht dumm! Julius Paschke merkte, daß er zu sehr den Verwunderten gespielt hatte. Wenn die eine Ahnung hätte, daß er ganz genau wußte, wer sie war, und daß er nicht um ihrer schönen Augen willen sich hier an den Tisch klemmte, sondern daß er sie nur aushorchen wollte! Aber sie schien ja ordentlich geladen auf die Tempelhofer Gesellschaft. Er rückte seinen Stuhl noch näher an den ihren und zeigte wieder seine weißen Zähne unter dem wohlgepflegten Schnurrbart in einem harmlosen Lächeln. „Ich habe nämlich mal ’ne Familie Badekow irgendwo – ich weiß nicht mehr recht wo – getroffen. Hübsche Mädchen!“

„Die und hübsch!“ Sie lachte spöttisch. „Die miesen Schrauben! Die Mieke ist ja –“ sie tippte mit dem Zeigefinger auf die Stirn. „Und die Guste – na ich danke! Die kriegt keinen mehr, trotz ihrer Stange Geld!“

„So, so. Na, denn waren das eben andere Badekows?“ Er tat gleichgültig, und doch bohrte es in ihm: wieviel mochte es wohl sein, was Auguste mitbekam? Ob die junge Frau auch das wußte? Er versuchte noch einmal: „Also verwandt sind Sie eigentlich doch mit den Badekows, mit den reichen Badekows?“ Er konnte es nicht hindern, unwillkürlich schmeichelte sein Ton um das Wort „reichen“.

„Was ich mir dafür kaufe!“ Sie schnippte mit den Fingern: „So viel mache ich mir draus!“ Ihre gute Laune war weg; sie kniff die Lippen zusammen und schwieg.

Paschke suchte vergebens auf die vorige Unterhaltung zurückzukommen; er wollte die Hoffnung, noch mehr zu hören, recht Genaues herauszubringen, noch nicht aufgeben; aber sie blieb einsilbig. Da faßt er nach ihrer Hand.

Sie entzog sie ihm hastig; ihre Finger waren zu verarbeitet, sie schämte sich, und dabei kochte eine Wut in ihr auf gegen ihren Mann, der so verschlafen dasaß: warum hielt er ihr nicht eine bessere Magd, nur so ein halbwüchsiges dummes Ding? „Trink nicht so viel!“ sagte sie unfreundlich, so knapp im Ton wie nur möglich! „Wir müssen jetzt gehen!“

„Dann gestatten Sie, daß ich Sie ein Stückchen begleite!“ Paschke rückte galant die Stühle beiseite, damit die junge Frau zwischen den Tischen besser durchkonnte, und ehe ihr Mann nachkam, der noch den Kellner bezahlte, flüsterte er ihr zu: „Ich hoffe Sie mal wiederzusehen, schöne Frau!“

Karl nahm Idas Arm; er ließ sich mehr führen, als daß er führte. An der anderen Seite der Frau ging der Courmacher. Seine Worte taten Ida wohl. Sie war also doch noch nicht ganz Bäuerin geworden?! Früher, als sie noch die ledige Tochter des pensionierten Wachtmeisters gewesen war, da hatte sie vielen gefallen, aber im Dorf – ach, da wußte ja keiner, was hübsch war! Lange hatte ihr Ohr nicht schmeichelnde Worte vernommen; sie sog sie förmlich ein, wie eine durstige Pflanze himmlischen Tau. Der Weg zum Halleschen Tor schien ihr gar nicht weit.

Es gab auch noch vieles zu sehen: das Raczynskische Palais war herrlich beleuchtet, und wo die Siegessäule hinkommen sollte mit der goldenen Viktoria, brannte bengalisches Feuer auf dem schon errichteten Unterbau. Die Büsche des Tiergartens wurden hell beschienen von der Sonne des Brandenburger Tors, die Königgrätzer Straße hinunter flammten noch Fackeln, die Häuser waren noch illuminiert. Aber dann wurde es nach und nach dunkler. Still stand die Berolina, die den einziehenden Siegern den Lorbeer entgegengestreckt hatte, mit Mauerkrone und Wappenschild am Halleschen Tor.

Die junge Frau fuhr leicht zusammen – sie hörte das letzte Kompliment.

„Da oben müßten Sie stehen, reizende Frau“, flüsterte es an ihrem Ohr.

Paschke hielt an, er hatte nicht Lust, weiter mitzutraben; es war ja doch nichts mehr aus ihr herauszubringen. Nur ihre Augen sprachen. Mit einem beredten Glanz sahen sie umher, er glaubte ihr Feuer auf sich gerichtet. Donnerwetter, das war eine, vor der mußte man sich doch etwas in acht nehmen; die könnte einem später unangenehm werden! Er hob abschiednehmend den Zylinder von dem etwas dünn gewordenen Scheitel. Aber dann konnte er sich doch nicht enthalten, dieser bildhübschen Frau das Kompliment vollends zuzuflüstern: „Sie als Berolina da oben, schönste Frau, wir als Bären zu Ihren Füßen, was?!“

Sie sah ihn starr an. Dann lächelte sie, das Blut schoß ihr zu Kopf.

„Adieu“, sagte sie leise und drückte dann seine Hand. „Auf Wiedersehen!“

„Auf Wiedersehen!“ Er erwiderte den vielsagenden Druck, dann aber ging er eilig. –

Es war dunkel am Halleschen Tor und schon einsam. Sie fanden keine einzige Droschke, und auf dem Halteplatz, wo sonst die Torwagen standen, war natürlich jetzt kein Fuhrwerk mehr zu finden.

Verzweifelt sah Ida sich um: was, sie sollte gehen?! Jetzt fühlte sie plötzlich, wie todmüde sie war, ihre Füße schlorrten. Den weiten Weg?! Und über das öde Feld bei Nacht?!

Pah, daß war doch nicht so schlimm, es war ja eine schöne Sommernacht, draußen schienen die Sterne, wenn sie gut zuschritten, war sie in einer starken halben Stunde längst zu Haus! Karl war etwas munterer geworden. Die freie Luft tat ihm gut, er sprach für den Augenblick ganz vernünftig.

Aber sie war außer sich. An seinen Arm sich klammernd, der wenig Stütze bot, stolperte sie in einem fort; sie weinte fast.

Und doch ging es sich nicht übel. Nach der Hitze der Stadt war es hier erquicklich, der Staub des sandigen Feldes war gelöscht vom nächtlichen Tau, das zertretene Gras hatte sich wieder gehoben. Von fernen Kiefern kam ein waldliches Duften. Wie von rötlichem Dunst überschimmert lag die Stadt weit im Rücken, die Sterne leuchteten hier mit mildem, ruhigem Licht. Versunken waren auch schon die sandigen Hügel, die die Grenze zwischen Stadt und Feld bilden; nichts, nichts mehr war von dem Treiben zu spüren, nur der fahlrote Dämmer zeigte an, daß dahinten das große Berlin lag. Hier war eine andere Welt, die Welt des Schweigens. Wie ein Geheimnis schwebte es zwischen Himmel und Feld; selbst die Sterne konnten nicht sehen, was da unten sich barg.

Ging hier einer, ging hier keiner? Wer wußte es! Lag hier einer schlafend im Sand, oder schlich sich einer räuberisch heran? Man konnte weit sehen und sah doch nichts. Ida strengte die Augen an, daß sie ihr weh taten. Sie zitterte vor Furcht. Bei jedem Lispeln des Nachtwindes fuhr sie zusammen, immerwährend glaubte sie Tritte hinter sich zu hören.

Es waren die eigenen Schritte, die sie erschreckten.

Karl lachte sie aus. Hier auf der Chaussee tat ihnen ja keiner etwas! Freilich, weiter hinein ins Feld, da wo kein Weg mehr führt, da wo Kieferngebüsch die Sandkuhle umgibt, da möchte er jetzt auch nicht gehen. Da war ein Pfuhl, in dem hatte man einen blutigen Leichnam gefunden mit einem Stein am Halse; vor hundert Jahren schon war das geschehen, und seither waren noch viele dort ersäuft worden.

Ida stieß einen Laut des Unwillens aus; ärgerlich riß sie ihren Arm aus dem ihres Mannes und lief hinüber auf die andere Seite des Weges: er war ein Scheusal, wie konnte er ihr nur jetzt gerade so etwas erzählen!

Er lachte in einem fort. Halbtrunken wie er war, machte es ihm Spaß, sie zu ängstigen. Sie, die sonst immer so von oben herab tat, jetzt war sie ganz klein! Er lachte, als ob er gekitzelt würde; die Lust, sie ein bißchen zu quälen, stieß ihn förmlich. O, wie sie sich wand, genau wie ein Würmchen, das man mit einem Stöckchen piekt. Bei jeder Mordtat, die er zum besten gab – er erfand zu denen, von denen er gehört hatte, noch viel abscheulichere dazu –, sah er im ungewissen Licht, wie ihr erblaßtes Gesicht sich immer entgeisterter zu ihm wandte, wie ihre Augen, weit aufgerissen, angstvoll umherstarrten.

Wollte sie mal hingehen, sich den Pfuhl ansehen? Er konnte ihn finden. „Komm“, lallte er unter Kichern und streckte den Arm nach ihr aus.

„Du bist ja besoffen!“ Wütend stieß sie ihn zurück.

„Ich – besoffen!“ Wie konnte sie sich unterstehen, ihn besoffen zu nennen?! Dafür sollte sie aber ordentlich Angst ausstehen.

Er hatte sie erhascht, um den Leib gefaßt und zerrte nun die Widerstrebende vom Wege ab mit sich ins Feld hinein. Sie wehrte sich aus Leibeskräften, er fühlte ihre Nägel, sie kratzte ihn.

„Läßte mich los?! Ich schreie! Ich will nicht! Ich gehe nicht dahin! Zu Hilfe!“

Er lachte so, daß er ganz schwach davon wurde; sie konnte sich ihm entwinden.

„Du Ekel! Du – !“ Die Stimme versagte ihr vor Empörung, sie brach in Schluchzen aus. „Rühr mich nicht an!“ Und doch flüchtete sie im selben Augenblick mit einem gellenden Aufkreischen zu ihm hin und klammerte sich an ihn.

Eine Gestalt war dicht vor ihnen aufgetaucht, sie hatte sich plötzlich vom Boden erhoben. „Nanu“, brummte eine schnapsheisere Stimme, „was ’s denn los? Schreit doch nicht so! Legt euch hin. Un denn schlaft, sonst – !“ Er schwang mit drohender Gebärde einen derben Knüppel.

„Karl, Karl, um Gottes willen, Karl!“ wimmerte Ida. Sie hatte das Gesicht an die Brust ihres Mannes gepreßt, ihn mit beiden Armen umfassend. Nun schrie sie abermals gellend auf: hatte der Kerl sie nicht schon beim Genick, schwang er nicht schon das Messer, um sie abzuschlachten?! Sinnlos vor Entsetzen kreischte sie in einem fort.

Karl hatte aufgehört zu lachen, auch er war erschrocken und plötzlich ernüchtert. „Was wollt Ihr?“ fragte er etwas beklommen; der Strolch stand dicht vor ihnen, groß wie ein Baum. Verdammt, das kam nur von Idas blödsinnigem Getue! Er machte sich unsanft von ihren Armen frei. „Laßt uns unsres Weges jenen“, sagte er. Und dann mit einem Anflug von Mut: „Nehmt Euch man in acht, daß Euch die Polizei nich beim Wickel kriegt – da hinten kommt schon ’n Gendarm!“

„Schandarm – Schandarm – jawoll, iebermorjen! Hat sich wat hier mit ’n Schandarm!“ Der Strolch lachte auf. „Aber Sie brauchen mir jar nich mit de Pollezei zu drohen, ick due Ihnen ja nischt!“ Er trat dicht heran und sah dem andern prüfend ins Gesicht. „Ick habe mir in Ihnen jeirrt, ick dachte, Sie wären eener von uns, mit ’nem Mächen. Entschuldjen Se, lieber Herr, ha’m Se nich en Sechser iebrig for ’n armen Mann? Drei Tage hab ick keenen Bissen in ’n Leibe jehatt. Meine Eltern sind dot, meine Frau liejt in de Wochen!“ Er verzog sein verwittertes Gesicht zu einer kläglichen Grimasse.

Karl Lietzow lachte laut auf: herrje, das war ja der Rixdorfer, der alte Pennbruder, der zum Tempelhofer Feld gehörte wie die Laus zum Pelz! Winters und Sommers traf man ihn hier an. Dem war er als Junge schon nachgelaufen und hatte ihn gehänselt: „Meine Eltern sind dot, meine Frau liejt in de Wochen.“ Der mußte ja jetzt schon über die Siebzig sein!

Mit Befremden sah Ida, daß ihr Mann dem furchtbaren Strolch auf die Schulter klopfte. Ihr ekelte: wie konnte man so einen nur anrühren?! „So komm doch“, sagte sie ungeduldig und strebte, ihren Mann mit voranzureißen.

Aber Karl war gemütlich: „Rixdorfer, wo wohnste denn jetzt? Noch immer in Rixdorf?“

„Nee. Ick wohne doch hier!“ Der Alte schien ganz verwundert über die Frage. „In ’n Sommer lieje ick janz jut uf’t Jras, in ’n Winter buddle ick mir ’n bißken tiefer ein. Is ’ne janz scheene Wohnung – wenn bloß der Hunger nich wäre!“ Mit einer plötzlichen drohenden Gebärde schwang er seinen Knüppel und brüllte: „Jebt mir wat, det ick mir morjen zu essen koofen kann!“

Ida kreischte hell, aufs neue entsetzt, aber Karl sagte: „Na, na, Männeken, dir kenne ick, man sachte! Du bist jar nich zu fürchten, wenn de auch so dust. Da haste ’n paar Jroschen!“

Der Alte dankte demütig.

Lachend stolperte Karl davon. Ida rannte immer zwei Schritte vor ihrem Mann her, sie rannte, daß sie keuchte? Gott sei Dank, nun lag endlich das verwünschte Feld hinter ihnen! Es muhte dumpf ein Stück Vieh, im Schlafe krähte heiser ein Hahn, es roch nach Dünger, nach bestelltem Land. Da blinkte ein Licht auf! Gott sei Dank, Tempelhof!

Einsam stand der Alte und sah den verschwindenden Gestalten nach. Er wiegte den Kopf: ein Mann und ein Frauenzimmer! Ein Grinsen verzog seinen Mund. Ha, Pärchen, Pärchen hatte er schon viele angetroffen hier auf dem Feld, aber so hübsch wie diese schreiende Katze war nie eine gewesen! Eine erloschene Gier flammte noch einmal auf in den eingesunkenen Augen des Alten. Dann streckte er sich mit einem Seufzer da nieder, wo er gerade stand.

Nichts war mehr von ihm zu bemerken. Eins war sein Gewand mit dem Schmutzgrau des Feldes; sein Körper schmiegte sich dem Boden an, sein Haar vermengte sich mit den dürren Gräsern, sein Gesicht verschwamm im fahlen Dämmern der Luft, sein Schnarchen veratmete im Sausen des Nachtwindes.

II.

Du mußt heute mal bei die Badekown jehn“, sagte Rieke Längnick an einem der ersten Tage zu ihrem Sohn.

„Och“, sagte Paul, der in der Ecke des alten niedergedrückten Roßhaarsofas saß, und streckte seine Beine bequem von sich.

„Du jehst!“ Der Ton war scharf.

Unwillkürlich duckte der junge Mann den Kopf.

Die Mutter fuhr fort: „Wat is det überhaupt for ’ne Sache, kaum en paar Dage biste zurück aus ’m Krieg, un schon rennste immer weg. Ick bitte mir aus, det de dir um mir kümmerst!“

„Ich kümmere mich ja. Aber was soll ich bei der alten Badekown?“

„Du sollst ihr von ihrem Willem erzählen!“

„Ich weiß doch nichts. Und denn wird se weinen, und ich kann niemand weinen sehn!“ Er sagte es kläglich, ein Unbehagen zog dabei über sein Gesicht, und er rutschte unruhig auf seinem bequemen Sitz.

„Nich weinen sehen?! “Wenn se weint, laß se weinen; wat jeht et dir an? Aber wie ich die Hanne kenne, weint se jar nich. Erzähl ihr man allens!“

„Ich sag’ dir doch, Mutter, ich weiß gar nichts!“

„Jotte, denn denkste dir eben wat aus!“

Mit einem ganz dummen Gesicht sah der Sohn seine Mutter an.

„Na ja“, sagte sie, „kuck nich drein wie ’n Schafbock! Du machst der Badekown en Verjnüjen damit. Du hast doch sicher mehr Leute in der Schlacht dodjeschossen werden sehen – na, denn beschreibste ihr det eben!“

„Ich kann nich!“ Der Sohn war wie verwirrt; von einer nervösen Unruhe befallen, schlang er die Finger ineinander und riß sie dann wieder auseinander, daß die Gelenke knackten.

„Wat, kannste dir denn jar nischt ausdenken? Na so dumm! Ick sage dir, du jehst. Sofort. Die Badekown is ’ne jute alte Freundin von uns. Dein Vater hat schonst immer wat von die Badekows jehalten. Wat jloobste woll, wat die Marianne zum Beispiel für Partien könnte machen? Die hat Millionen. Jrafen un Prinzen kriegte die!“

Verwundert hob der junge Mann den Kopf: was ging ihn die Millionenwitwe an? Aber wenn die Mutter es denn durchaus wollte, mußte er wohl hinübergehen! Gehorsam stand er auf, ein großer und breitschultriger Mensch, mit einem Knabenkopf auf einem Stiernacken.

Die Mutter strich ihm über die Wangen: „Na, denn jeh man, Paule, jeh man!“ Und dann faßte sie ihn stark bei beiden Schultern und schob ihn vor sich her zur Tür. –

Nun saß Paul bei der Badekow. In seiner Schüchternheit, mit der er heute mehr denn je zu kämpfen hatte, war er an der Stubentür stehen geblieben: was sollte er denn der Frau von ihrem Sohne sagen?! Sie mußte ihn mehr als einmal auffordern, bis er sich weiter hinein und zu ihr hin auf einen Stuhl ans Fenster getraute.

Wäre er nur erst wieder draußen! Er sprach, als hätte er etwas auswendig gelernt. Leider, der Wilhelm war gefallen, das war ein großes Unglück, das war gewiß sehr traurig, er war auch traurig darüber, aber es war nun mal so. Und es gab ja keinen schöneren Tod als den Tod fürs Vaterland! Das letzte hatte er so oft gehört, es war ihnen so förmlich eingeimpft worden, daß er es hersagen konnte, ohne irgend etwas dabei zu denken. Er dachte nur: ob er es denn so seiner Mutter wohl recht machte?

Noch lange hätte Paul so fortgeschwatzt, hätte ihm nicht die alte Frau die Hand aufs Knie gelegt und ihm von unten her tief in die Augen gesehen. „Laß man sein Paule. Sag mir nur, wie sah mein Willem denn aus, hatte er noch sein altes, liebes Jesicht? Habt ihr ’n ooch ordentlich hinjelegt? Ihm die Hände jefaltet, wie et sich jehört?“

Das wußte Paul alles nicht. In ein Massengrab war der Wilhelm wohl hineingekommen, er hatte sich gar nicht darum gekümmert. Er hatte sich ja nur darum gekümmert, daß er selber noch lebte, daß er noch alles heil beisammen hatte nach der mörderischen Attacke. Und nur gefühlt, daß er todmüde war. Schlafen, nur schlafen! Es war ihm ganz gleichgültig gewesen, ob gesiegt war fürs Vaterland oder ob die Schlacht verloren war – nur schlafen, schlafen. Und er sollte nun der Frau hier, die ihn so ansah, was anderes vorerzählen?! Verlegen drehte er den Kopf zur Seite, ihr Blick genierte ihn.

„Erzähls man, Paule!“ Die Mutter drängte. „Erzähle man allens, wie et jekommen is, un wo“ – ihre Stimme wollte beben, aber sie bezwang das Zittern – „wo liegt er denn?“

Der junge Mann sagte nichts.

„Jott, wie habe ick auf dir jewartet! Du bist der einzige, der wat von ihm weiß – sonst kann mir ja keen Mensch wat von Wilhelmen sagen!“

„Ich weiß auch nichts, gar nichts!“ Er gab sich einen Ruck, er stieß es heraus.

Sie sah ihn starr an. „Nichts – ?!“ Wie ein Wehlaut kam es über ihre Lippen.

Dem jungen Menschen schossen die Tränen in die Augen, er wurde glühend rot. War das nicht fast schlimmer, als wenn sie geweint hätte?! Hastig sprang er auf, drehte ihr den Rücken und rang die Finger ineinander. „Was weiß ich, wo der Wilhelm liegt? Das kann man gar nicht wissen. Zu viele sind eingebuddelt worden!“ Es klang fast roh. „Was Sie sich überhaupt denken! Ich habe den Wilhelm überhaupt nich zu sehen gekriegt. Nichts als Uniformen und Pferde, und rund rum Staub und Pulverdampf. Und als das Trompetensignal zur Attacke blies, und als unser Rittmeister den Säbel schwang, – na, da schwangen wir eben unsere Säbel auch – na, und dann – dann sind wir eben losgeritten!“

„Seid ihr eben losjeritten!“ Die Hände im Schoß gefaltet, saß die Badekow ganz ruhig. Ihre Lippen bewegten sich, aber man hörte sie nicht sprechen.

Einen scheuen Blick warf der Heimgekehrte nach ihr: betete sie? Es sah fast so aus. Wäre er doch nur erst weg von hier! Sehnsüchtig sah der junge Mensch nach der Stubentür, aber er traute sich nicht, jetzt zu gehen. Verlegen stand er, kaum zu atmen wagend.

Da lächelte ihn die alte Frau ein wenig an; ihm die Hand hinstreckend, sagte sie wehmütig: „Dank dir ooch schön, Paule. Nu kannste jehen!“

Er schüttelte ihr kräftig die Hand. Dann war er glückselig, draußen zu sein. Ha, wie dufteten die Linden! Die Sonne schien. Und heute nachmittag würde er den Engländer wieder treffen; oben auf der Bockbrauerei hatten sie sich verabredet, da konnte man das Feld weit übersehen.

Und seine Tochter würde der Mr. Brown mitbringen!

Ein belebender Glanz kam in Pauls wasserblaue Augen, sein Mund breitete sich zu einem frohen Lachen. Das war ja noch ziemlich gnädig abgelaufen, geweint hatte sie nicht!

Aber jetzt weinte Hanne Badekow. Tränen strömten ihr übers Gesicht; sie war allein; nun weinte sie sich aus. Ein tief-innerliches Schluchzen stieß sie: ihr Junge, eines ansässigen Geschlechtes ehrenwerter Sohn, ein Badekow, der lag nun in fremder Erde, wie ein Hergelaufener! Irgendwo; kein Mensch wußte den Platz. Und wenn sie auch hinreiste auf ihre alten Tage, auch sie würde ihn nicht finden. Eingebuddelt hatten sie ihn in fremde Erde; er lag nicht bei seinem Vater, bei seinen Großeltern, bei seinen Urgroßeltern vor der alten Kirche zu Tempelhof. Da lagen sie alle, die Badekows, seit 1500 schon. Auch sie würde dort liegen – nur ihr Wilhelm nicht! Und das war ihr das Bitterste. Wenn sie jetzt nach dem Kirchhof ging, die Gräber zu begießen – es war stets ihr liebster Spaziergang gewesen –, so würde es ihr immer einen Stich durchs Herz geben. Nein, darüber kam sie gar nicht weg!

Sie weinte, wie sonst nur ein junger Mensch weint, laut, heftig, wie gar nicht zu trösten; weinte, bis das Gebimmel vom Turm Mittag anzeigte. Dann wischte sie sich hastig das Gesicht ab: Gott im Himmel, was fingen die Mädchen denn an? Man hörte kein Gerappel in der Küche, man roch auch noch nichts! Kochte Mieke denn nicht? Und wo Auguste steckte? Die klimperte nicht nebenan in der guten Stube auf dem Klavier.

Flink stand Hanne Badekow auf, nahm sich nur noch die Zeit, mit den befeuchteten Handflächen den ein wenig in Unordnung geratenen glatten Scheitel wieder fest anzustreichen, dann lief sie nach hinten in die kleine Küche.

Diese war leer. Das Feuer brannte wohl im Herd, aber kein Essen war aufgesetzt. Da standen noch die Kartoffeln, die sie selber heute in der Frühe geschält hatte, in der Wasserschüssel auf der Eimerbank, und auf dem Tisch lagen die Mohrrüben noch genau so, wie sie sie heute morgen im Garten gezogen und der Mieke in die Küche gebracht hatte.

„Mieke, Mieke!“ Keine Antwort.

„Juste!“ Ah so, die war ja wohl mal wieder in ihrer Klavierstunde. Aber die Mieke mußte doch da sein?!

Die Küchentür führte auf den Hof, die Mutter rannte hinaus. „Mieke! Mieke!“ Das mußte sie hören, wenn sie in der Nähe war. Ob sie vielleicht drüben bei Grete in der Küche saß und über Lachen und Schwatzen die Zeit vergaß? Nein, das konnte nicht sein, Grete war viel zu pünktlich, die würde sie schon herüberschicken, wenn’s an der Zeit war. Wo war Mieke?

Die Mutter spähte umher. Der große Hof lag ganz einsam im stillen Sonnenglanz. Lautlos nur trippelten rotfüßige weiße Tauben und suchten sich Körner. Die Pforte zum Garten stand offen, aber so weit man den langen berasten Gang zwischen den Stachelbeerbüschen hinuntersehen konnte, nirgends war Mieke.

Mit einem Seufzer ging die Badekow in ihre Küche zurück, sie kochte nun selber. Sie tat das gern, es war ihr ein Genuß – nut um Mieke zu beschäftigen, hatte sie darauf verzichtet –, aber heute seufzte sie dabei. Es war ein rechtes Kreuz mit der Mieke, bei nichts, aber auch bei gar nichts hatte die Bestand! Und kein Geschick zu irgend etwas. Die Ferse am Strumpf konnte sie noch immer nicht machen, nur Waschlappen und Staublappen verstand sie zu stricken. Man hatte ja immer gehofft, es würde später mit ihr noch anders werden – als sie vierzehn Jahre alt war, hatte sie den Veitstanz gehabt –, aber war es eigentlich besser mit ihr geworden?!

Die Mutter trat wieder hinaus auf den Hof und rief wie vorhin, noch lauter, noch unruhiger: „Mieke! Mieke!“ – – –

Mieke Badekow konnte das Rufen nicht hören, sie war auf den Acker gefahren; sie dachte gar nicht mehr daran, daß sie kochen sollte. Vor ein paar Stunden, als sie im Garten schlenderte – eigentlich wollte sie nur Suppengrün holen, aber sie verweilte sich –, hatte sie hinten über den Zaun, der an den Feldweg grenzte, den Bauern Brenneke gesehen. Er saß auf seiner Karre vorn auf dem Brett, wollte auf seinen Acker fahren, gen Rixdorf zu. War das ein hübscher Mann!

Miekes schwachsichtige Augen zwinkerten, sie holte ihre Brille aus der Tasche, um ihn besser sehen zu können. Glückstrahlend stand sie dann am Zaun, er hatte sie angelacht. Sie lachte wieder.

Branneke hielt an. Er amüsierte sich: die dachte wohl, sie gefiele ihm so gut?! „Na, wollen Se mitfahren?“ Er sagte es nur zum Spaß, er hatte gar nicht dran gedacht, daß sie seine lachende Frage ernst nehmen könnte.

Aber sie nahm sie ernst. Der hübsche Mann wollte mit ihr in die Felder fahren, der Klee blühte, Kornblumen gab’s auch schon, sie würde sich einen Kranz winden, einen Strauß pflükken! „Ja, ja“, sagte sie hastig. Ihre Wangen glühten vor Eifer, sie machte Anstalt, über den Zaun zu klettern, denn das wußte sie doch noch, die Mutter würde es ihr nicht erlauben, so durfte sie sich nicht vorn herum durchs Haus trauen.

Er half ihr. So was war ja noch gar nicht dagewesen, das Mädel, eine Badekow, stieg zu ihm über den Zaun?!

Sie genierte sich gar nicht. Harmlos ließ sie ihre dicken Waden sehen in den weißen Strümpfen. Ein Zipfel ihres Unterrocks war an einem Nagel der Lattenplanke hängen geblieben, der ganze Rock strupfte sich in die Höhe; Bauer Brenneke mußte sie losmachen, sonst hätte sie zappelnd gehangen wie ein Fisch an der Angel.

Lachend saß sie nun neben dem Mann auf dem Karrenbrett; er hieb auf die Gäule, daß sie wie rasend ausgriffen. Ihm war doch nicht ganz wohl bei der Sache. War es auch recht, die dämliche Mieke mitzunehmen? Ach was, sie selber hatte es ja gewollt! Was konnte er denn dafür?! Der Karren rumpelte mächtig auf dem schlechten Weg; bei jedem Stoß, der die auf dem Brett Sitzenden in die Höhe warf, jauchzte das Mädchen laut auf, und wenn es gegen den Mann geschleudert wurde, lachte es noch viel mehr. Mieke war wie ein Gummiball, weich, rund und elastisch. Da machte Bauer Brenneke sich ein Vergnügen daraus, sie recht tüchtig zu schubsen: die konnte schon einen Puff vertragen. Zuletzt kniff er sie in Arm und Hüfte, und sie lachte auch dazu.

Als Mieke lange nach Mittag erhitzt und zerzaust zu Hause wieder ankam, trug sie auf dem Kopf einen Kornblumenkranz und in der Hand einen großen Strauß: Mohn, Winden, weiße Sternblumen und allerlei Gräser. „Da“, sagte sie, „für Vaterns Jrab“, und schleuderte der Mutter Kranz und Strauß in den Schoß.

Wer konnte ihr böse sein? Es war ihr eben in den Sinn gekommen, Blumen zu pflücken; in die Felder war sie gelaufen, sie war nun einmal ein Kind und blieb ein Kind. Die Badekow, die tüchtig hatte schelten wollen, schwieg: auszanken hatte ja doch keinen Zweck, Mieke würde nie und nimmer begreifen, daß sie unrecht getan hatte. So sagte sie denn nur: „Du darfst nich fortlaufen, Mieke, ohne det de mir fragst, hörste?“

Und die Mutter nahm den Strauß, den die Tochter ihr in den Schoß geworfen hatte, roch daran und stellte ihn ins Wasser: „Danke schön, Kind!“

*

Es war ein Jammer mit Mieke, sie trieben alle ihren Spaß mit ihr, aber sie merkte es nicht. Im Gegenteil, sie war sehr stolz darauf: seit sie im Frühsommer mit Bauer Brenneke auf den Acker gefahren war, waren ja alle wie toll auf sie. Das machte sie glückselig. Wenn die jungen Burschen sich nach ihr umsahen, wenn die Männer sogar ihr zublinkten, oder ihr beim Vorübergehen ein Wort, das nicht gerade fein war, zugeraunt wurde, dann drehte sie sich und schwänzelte. Der Mutter lag sie jetzt in den Ohren, sie wollte zum Geburtstag ein rosa Kleid haben – was sollte sie noch länger in Trauer gehen um den toten Bruder?!

Auch Auguste putzte sich, besonders wenn sie in die Klavierstunde nach Berlin fuhr. Und sie fuhr häufig. Die Lehrerin hatte gesagt, sie solle jetzt lieber dreimal als einmal die Woche kommen. Wollte sie denn ein Klavierfräulein werden, so eine, die sich damit ihr Brot verdiente, daß sie ihre Finger wie Ratten im Schafstall auf dem Klimperkasten herumrennen ließ?! Mutter Badekow schüttelte den Kopf: „Det hast du doch nich nötig, Juste!“

Aber Auguste war gekränkt, ihre Augen füllten sich mit Tränen: also auch dieses Einzige wollte man ihr nehmen? Was hatte sie denn sonst? Die anderen Mädchen im Dorf, mit denen sie in der Schule gesessen hatte, waren längst verheiratet. Mit achtzehn Jahren schon hatte Miene Kiekebusch den Bierbrauer gekriegt, und Trudchen Hahnemann heiratete mit neunzehn; keine war viel über zwanzig gewesen! Auguste wurde ordentlich grob; sie, die sich sonst nie ein Wort gegen die Mutter getraut hatte, stieß jetzt unter zornigen Tränen heraus: „Was weißt du, wie mir zumute is! Ach, ich bin so unglücklich!“ Sie weinte herzbrechend.

„Mutter, das kannste mir jlauben“, sagte Johann, dem die Badekow klagte, „sie is nur so verrückt, weil sie den Windhund, den Paschke, immer noch im Kopf hat. Mit mir mault se auch. Einmal habe ich den Kerl schon rausjeschmissen – er kann sich noch ’n zweites Mal die Türe von außen besehen!“ Der sonst so ruhige Mann redete sich ordentlich in Wut.

„Jawoll“, sagte Hanne Badekow und legte ihrem Ältesten die Hand auf den Joppenärmel, „recht haste, et is ’ne Ausverschämtheit von son’n Menschen, um Aujusten anzuhalten. Aber det se nu tück’sch is, det versteh ick ooch; un et jrämt mir. Die Jrete, deine Frau, hat schonst Zwillinge, un is noch zwei Jahre jünger wie Juste. Kuck dir mal det Mächen jenau an: janz jrau un kritzig sieht se aus!“ Die Mutter seufzte: „Man will doch weiter nischt, als seine Kinder jlücklich machen, aber et scheint, wie man’t macht, macht man’t verkehrt. Seit ich Justen die vielen Klavierstunden jeben lasse, is et jar nich mehr mit sie auszukommen!“

„Mit ihr auszukommen“, verbesserte der Sohn.

„Na ja, mit ihr auszukommen!“ Die Badekow wurde ärgerlich. „Fängste ooch so an? Der Jakob, seit der den jroßen Laden in Berlin hat, verbessert er mir ooch immer; un ick sage“ – sie schlug sich auf die Brust –, „wenn man hier det olle Herz richtig spricht, uf det andere kommt et nich an!“

„Da haste recht!“ Johann war ganz beschämt; herzlich faßte er die Mutter um: „Sei man nich böse, Mutterken!“

„I wo!“ Sie war nicht empfindlich. „Aber um wieder auf Aujusten zu kommen – die janze Nacht habe ick destowegen nich schlafen können –, sie wird ’n doch nich treffen, wenn se nach Klavierstunde jeht? Sie bleibt immer so lange!“

„Donnerwetter!“ Johann sah betroffen aus, aber dann schüttelte er den Kopf: „Nee, Mutter, das redste dir ein, so runter jibt sich Aujuste nich. Was wohl Jrete zu meint?“ Er wollte zur Tür.

Aber die Mutter hielt ihn fest. „Nee, nee, laß man! Wenn se ooch deine Frau is – – ’ne jute Frau, – se is aber doch ’ne Schellnack. Wat ick so mit dir spreche über Aujusten, und – und – na, überhaupt so über unsere Familie, det bleibt unter uns Badekows!“

Johann nickte zustimmend; er verstand das vollkommen.

„Und denn, Johann“ – die Mutter sprach mit gedämpfter Stimme –, „denn muß ick dir ersuchen, mir zum Ersten fünfdausend Daler flüssig zu machen. Ick habe ja keen Jeld bar zu liegen.“

„Wozu brauchste se denn?“

„Ick – ick brauche se.“ Sie zögerte, aber dann sagte sie entschlossen: „Ick will se Jakob’n jeben!“

„Jakob jeben – schon wieder? Kommt der schon wieder und bettelt dich an?!“

„Jestern war er da“, sagte sie. Und dann leise, wie bittend: „Wat kann er dafür, wenn ihm ’ne Hypothek jekündigt is? Er find’t so rasch keene andre nich!“

„Ach was, das red’t er dir vor. So ’ne lumpige Hypothek. Wenn er nich faul stände, kriegte er sofort überall die paar Tausend. Ein Badekow! Und bei dem Geld, was wir noch mal von dir erben! Aber er is eben ’n fauler Kopp!“ Johann kochte innerlich. Natürlich, so war die Mutter immer; wenn Jakob kam und Geld verlangte, dann gab sie. Wo sollte das noch hin? Was hatte der Jakob schon alles geschluckt! Zehn Berufe hatte er gewechselt, zuletzt war er auf dem Kaufmann hängen geblieben. Die Mutter mußte man zurückhalten ihm gegenüber. „Wenn wir nu alle so sein wollten!“ Er sagte es vorwurfsvoll. „Wir haben doch alle jleiches Recht!“

„Wartet man ab!“ Sie sagte es ohne jede Ärgerlichkeit; es war ja ganz selbstverständlich, daß Johann auf ihr Erbe rechnete. Die Kinder hatten nur jedes dreißigtausend Taler, den ganzen großen Rest aber sie. Uneingeschränkt. „Vor der Hand biste noch nicht in Verlejenheit, du hast jut jeheirat’t, du kannst et abwarten. Un wenn de vielleicht meinst, ick schenke Jakob’n wat, denn irrste dir. Et wird ihm abjezogen bei Heller un Pfennig. Ick habe euch alle jleich lieb. Wat Jakob jetzt verbraucht, kann er später nich erben, aber – laß mir die Freude, ihm schon jetzt wat zu jeben. Nachher sehe ick ja doch nischt mehr von!“

Da konnte Johann ihr wiederum nicht unrecht geben, wenigstens nicht ganz. Sie einigten sich immer. Sie wußten beide das Geld zu schätzen und hielten es fest, – Johann war noch mit seiner Mutter auf den Wochenmarkt gefahren und schätzte den Wert des Sechsers – aber er war auch ein Badekow und sah es ein, daß die Mutter den Jakob nicht im Stich lassen konnte.

III.

Es ging das Gerücht um, eine englische Terraingesellschaft würde das Rittergut Tempelhof, den früheren Besitz der Templer, den Templer Hof, käuflich erwerben. Überall im Dorfe wurde diese Neuigkeit besprochen. Oho, die waren mehr als schlau, diese Engländer, diese Pfeffersäcke! Kauften guten märkischen Boden, um ihn dann in Stücke und Stückchen auseinanderzureißen, je nach Bedarf, und ihn zu „verkloppen“ an Gott weiß wen und zu Gott weiß was für Zwecken!

Man war aufgeregt, fast empört über den jetzigen Besitzer, der solch einen Schacher trieb!

In Kiekebuschs Gastwirtschaft wurde die Sache lebhaft besprochen. Bis unter die Dorflinden schallte, trotz der geschlossenen Fenster, der hitzige Diskurs: wieviel zahlten die Kerls? Für viermalhunderttausend Taler hatte seinerzeit der Graf den Templer Hof an den Bankier verkauft, aber der würde jetzt erheblich mehr herausschinden. Das Gut war auch mehr wert – überhaupt jetzt nach dem Krieg! Jetzt war Geld ins Land gekommen; das rollte. Donnerwetter, fünf Milliarden! Überall Millionenregen. Davon konnte, wollte und mußte jeder profitieren. Tempelhof hatte lange genug schlechte Zeiten gehabt. Wie hatte es noch vor fünfzig Jahren hier ausgesehen! Erst nach den großen Bränden der zwanziger Jahre waren die Strohdächer verschwunden, und es war anständig gedeckt worden; nur die alte Badekowsche Scheune hatte noch Stroh. Aber wenn die alte Badekow erst das Zeitliche gesegnet hatte, dann würde der Johann auch gleich neu bauen.

Warum sollte die alte Scheune weg? Die hatte zwar nur Lehmwände, aber sie stand noch lange fest; früher baute man solider. Großvater Schellnack, ein Mann in den Achtzigern, redete für die Scheune. Nicht nur, weil seine Enkelin Grete den Johann Badekow geheiratet, und weil schon seit ein paar Jahrhunderten Badekowsches und Schellnacksches Blut sich vermengt hatten: er hielt was darauf, daß man einem Dorf anmerkte, daß es eine Vergangenheit hatte. Oho, Tempelhof konnte noch lange mit Berlin konkurrieren!

Der alte Schellnack ereiferte sich; er war schwer zu verstehen mit seinem zahnlosen Mund, und je mehr er sich ereiferte, desto mehr mummelte er und seiberte dabei. Als man ihm nicht recht zuhörte, reckte er sich. Der kräftige Schnapstrunk seiner Jugend war ihm besser bekommen, als der auf ihn folgenden Generation das aufschwemmende Bier. Er war noch immer mager und sehnig, und wenn er auch einmal betrunken war, er verlor selbst im Rausch nicht die Haltung. Die Tempelhofer sahen auf ihn: alle Achtung, das war ein Pichler!

Jetzt legte der Alte die magere Hand, an der die Adern wie blaue Stricke heraustraten, zur Faust geballt vor sich auf den Tisch: warum hieß es immer: Berlin, Berlin – warum nicht: Tempelhof, Tempelhof! In der alten Chronik, die im Amtshause lag, konnte man’s lesen: Tempelhof hatte sich frei gemacht von den Städten Cölln und Berlin, schon um das Jahr 1438. Es hatte sich nicht gescheut, mit der größeren Macht zu kriegen. Den Kottbuser Damm entlang, durch Urban- und Pionierstraße, vom Planufer zur Linden- und vom Belle-Alliance-Platz zur Wilhelmstraße, von da bis zur Königgrätzer Straße und bis dahin, wo jetzt die Potsdamer Bahn den Schiffahrtskanal durchschneidet, war die Tempelhofer Grenze gegangen. Von all den Straßen war noch kein Baustein dagewesen, aber Tempelhof hatte schon einen Namen gehabt, der stand fest.

Und kein anderes Feld in der ganzen Welt konnte sich gleichen Rufes rühmen, wie das Tempelhofer! Von alten Zeiten gar nicht einmal zu reden. Aber es war noch nicht viel mehr als hundert Jahre her, da hatte der Russengeneral, der Totleben, von den Tempelhofer Bergen aus die Stadt Berlin beschießen wollen; da kam der Major Kleist von Steglitz her und fiel dem General in den Rücken. Mit „Marsch! Marsch!“ jagten preußische Jungen die Russen wie Karnickel übers Tempelhofer Feld, daß sie flohen nach Rixdorf hin.

Und auf dem Tempelhofer Feld hatte Schill um 1809 gehalten. O, er selber, der alte Schellnack, war damals noch jung gewesen und hatte dabei gestanden und gehört, wie der Schill die Freiwilligen aufrief. Vom Tempelhofer Feld weg ging’s gleich mit „Hurra!“ auf den Siegesmarsch.

Und auf dem Tempelhofer Feld hinter Kriegersfelde hatte man siebzig das große Barackenlazarett aufgeschlagen für die Verwundeten – kein besserer Platz in der ganzen Mark war da – und vom Tempelhofer Feld her waren die Sieger jetzt auch eingezogen in Berlin. War das nicht genug, das Feld hochzuhalten?

Hie gut Tempelhof allewege!

„Und nu wollt ihr euch mit dem Berlin bemengen? Schafsköppe seid ihr, wenn ihr dat dut. Bleibt für euch. Wenn et euch in die Finger juckt, det ihr dat Bauen nich lassen könnt, denn baut. Aber Tempelhofer Häuser, Dorfhäuser! Laßt euch nicht so’ne hohe Kästen vor die Neese setzen. Die Badekow hat ja so recht, det se de olle Scheune nich niederreißt! –De Dorfstraße plastern se ja nu ooch“, schloß er. Es klang wie eine Klage.

„Bravo!“ brüllte Gottfried Lietzow durch das jetzt entstehende allgemeine Stimmengewirr. „Der Olle red’t wie’n Paster. Aber warum sollen wir eijentlich nich an Berlin verkaufen? Jroß-vater!“ Er legte dem unzufrieden vor sich hin Murrenden beschwichtigend die Hand auf die Schulter. „Regen Se sich man nich auf! Wenn wir ooch an die Berliner Land verkaufen – werden wir dadrum Berliner? I wo! Wir bleiben doch Tempelhofer!“

„Na!“ Der Greis wiegte zweifelnd den Kopf.

„Selbstverständlich!“ Gottfried lachte. „Hab ick nich ’ne Tempelhoferin zur Frau? Un Jott weeß, ick könnte mir anderswo nich jlücklich fühlen!“

„Aber die Kinder, die Kinder!“ Großvater Schellnack murmelte etwas in sich hinein; man mußte feine Ohren haben, um es zu verstehen, „Berlin kommt zu nahe, dat frißt uns auf!“

Keiner hörte mehr auf ihn, auch Gottfried, der neben dem Alten gesessen hatte, rückte jetzt von ihm ab. Besitzer Hahnemann wollte wissen, daß der Bankier fünfmalhunderttausend Taler gefordert und auch anstandslos erhalten hatte – über hunderttausend bar verdient! Eine unverschämte Forderung für das bißchen Land. Aber na, wenn er es kriegte! Der wäre ja dumm, der sich die Zeit nicht zunutze machte!

Man schrie durcheinander. Und still bei sich erwog jeder die Frage: ob die Engländer wohl noch mehr Land kaufen würden? Vielleicht auch bäuerlichen Besitz? Man hoffte es.

Natürlich, die Längnick hatte schon wieder Witterung gehabt! Ihren Paul konnte man alle Tage mit dem Sekretär der englischen Gesellschaft zusammensehen, mit dem Mister Braun; er hieß Braun, aber er schrieb sich Brown. Am Belle-Alliance-Platz wohnte er möbliert, dort konnte man die Visitenkarte an der Türe lesen. – – –

Durch einen Zufall hatte Paul Längnick Miß Ethel Brown kennen gelernt. Am Abend der Illumination war es gewesen. Im Begriff, nach Hause zu gehen, denn müde war er nun doch endlich geworden von dem Umherziehen durch Straßen und Wirtschaften, hatte er geholfen, ein junges Mädchen, das im Gedränge ohnmächtig geworden war, aus dem Gewühl herauszuschaffen. In das erste beste Haus war er hineingegangen und hatte einen Stuhl und ein Glas Wasser herausgeholt, so gut hatte ihm das erblaßte Gesicht und die Fülle des braun-goldigen Haares, das die junge Dame offen herunterhängend trug, gefallen. Und er hatte sie dann auch mit ihrem Vater zusammen nach Hause geführt. So war die Bekanntschaft zustande gekommen. –

Was bei Paul Längnick Sache des Herzens geworden war, war bei Rieke Längnick etwas anderes. Paul hatte ihr von dem hübschen englischen Mädchen erzählen wollen, doch das interessierte sie wenig – was gingen sie englische Mädchen an? Aber als sie erfuhr, daß der Vater der Engländerin zu der Gesellschaft gehörte, von der jetzt überall so viel die Rede war, schickte sie ihren Paul nach dem Belle-Alliance-Platz: „Erkundige dir, wat dat Fräuleinchen macht. Bedanke dir, det er dir noch mit ’n Jlas Wein traktiert hat – hat er dir nich ooch ’n Trinkjeld jejeben? Un denn jibste ihm zu verstehen – nich durch de Blume, nee, du sagst et jradezu –, dat du ’n reicher Tempelhofer Besitzerssohn bist, und dat deine Mutter sich freuen würde, den Herrn mal bei sich zu sehen uf ’ne Butterstulle, wenn er nach Tempelhof kommt. Verstehste?“

Er sah sie verdutzt an, er begriff die Gastlichkeit nicht. Aber er war froh darüber. Er würde das hübsche Mädchen, das ihn so sanft und dankbar angelächelt hatte, wiedersehen!

Der Sohn merkte es nicht, daß die Mutter spekulierte. Er wußte nicht, was spekulieren heißt, er hatte ja auch nie empfunden, was es heißt, nach etwas gieren. Als er noch ein kleiner Junge gewesen war, hatte ihn die Mutter hinausgeführt und mit einer umfassenden Armbewegung hatte sie in die Runde gezeigt: „Det is allens Längnickscher Besitz!“ Er hatte das als selbstverständlich hingenommen; er trug gar kein Verlangen nach irgend etwas, er hatte ja genug. Jetzt, vielleicht zum ersten Mal, fing es ihn an zu freuen, daß er so viel besaß. Was Mister Brown wohl dazu sagte? Ob er solch einem Schwiegersohn abgeneigt sein würde?!

Der Engländer sah sich alles genau an, was der junge Tempelhofer ihm zeigte. Mister Brown horchte ihn aus, aber Paul merkte es ebensowenig, daß der Fremde spekulierte, wie er darüber nachdachte, warum seine Mutter so entgegenkommend war. Bereitwillig führte er den Herrn überall herum, und als Mister Brown den Wunsch äußerte, auch mit den übrigen Besitzern Tempelhofs bekannt zu werden, führte er ihn zu Kiekebusch. Da saßen sie ja immer alle zusammen, am Vormittag eine Stunde – Frühschoppen – am Nachmittag eine Stunde – Dämmerschoppen – und abends nach dem Nachtessen wieder; da wurde im Winter Domino gespielt, im Sommer Kegel geschoben.

Die Schellnacks, die Lüdeckes, die Hahnemanns zogen die Brauen hoch, als Paul Längnick mit dem Engländer eintrat: aha! Hatte man nicht richtig vermutet? Die Längnick, die verstand’s. Da kam ihr Sohn und hatte schon den gefangenen Fisch am Köder!

Murrend rückte Großvater Schellnack nur um ein Weniges, kaum so viel, daß Paul mit Mühe seinen Stuhl an den Stammtisch quetschen konnte. Neben Lietzow fand der Engländer Platz; gegen ihn war man höflicher.

Hahnemann vom Hahnenhof, ein schwerer Bauer, der sich sonst nicht um Tod und Teufel scherte, unterließ das auf die Diele Spucken und paffte weniger qualmende Wolken aus seiner stinkenden Tabakspfeife. Es konnte doch immerhin möglich sein, daß der Engländer noch mehr Land aufkaufte. Wer weiß, was seine Gesellschaft noch vor hatte: vielleicht Fabrikanlagen? Oder Rennbahnen großen Stils? Es waren früher immer die Rennen hier auf dem Felde geritten worden, nach Lankwitz zu, bis sie verlegt worden waren nach Hoppegarten.

Hahnemann stieß mit dem Fremden an. Eigentlich wäre das zuerst dem Amtmann Schellnack zugekommen, aber der hielt sich noch zurück. Sein frisches, rundes Bauerngesicht, dem das Grete Badekows sprechend ähnlich sah, hatte etwas Verlegenes. Wenn sein Vater zugegen war, hielt er sich stets zurück. Der alte Schellnack führte noch immer das Regiment im eigenen Hause – der Amtmann wohnte bei ihm zur Miete – und ebenso im Wirtshaus; da führte er für die Familie das Wort, der Sohn brauchte nur beipflichtend zu nicken. Und er hielt streng darauf, sein Sohn mußte „Sie“ zu ihm sagen, die Schwiegertochter, eine Kiekebusch, auch; er selber sprach, wenn er ungnädig war: „Will Er wohl!“ oder „Sie hat gar nichts zu sagen!“

Großvater Schellnack schoß aus seinen, hinter der knochigen Stirn ganz versunkenen Augen einen scharfen Blick auf die Neuangekommenen: der Paul war ein dummer Junge, aber der Engländer hörte das Gras wachsen! „Wat will Er hier?“ knurrte er diesen an.

Mister Brown sprach geläufig Deutsch, und er sprach viel.

„’n jewandter Mensch“, flüsterte Gottfried seinem Schwager Johann zu.

Sie waren alle eingenommen von dem Fremden. Mister Brown sagte Angenehmes: Tempelhof gefiele ihm außerordentlich, die Lage zur Großstadt glänzend, dabei eine ungeheure Entwicklungsmöglichkeit! Diese Felder! Soviel Platz! Bis zu den Sandbergen vorm Stadttor hin eine einzige Fläche, ideales Bauland!

Sie horchten alle hoch auf: würde er nun etwas sagen?! Jeder von ihnen hatte da irgendwo sein Schmerzenskind, einen oder mehrere Äcker, die nicht viel einbrachten; der Boden war gering, eigentlich nur zu gebrauchen, um die Schafherden darauf zu weiden. Aber das brauchte man ja nicht zu sagen. Schon als der Fiskus damals angekauft hatte fürs Militärgelände, hatte man sich vorgesehen: Acker war Acker und mußte auch danach bezahlt werden.

Aber der Engländer sprang ab. Er lobte nur noch die Luft Tempelhofs, seine schönen Bäume, und dann erzählte er von England. Das interessierte keinen Menschen. Um das Gähnen zu verbergen, sagte man einmal über das andere „Prost!“ Aus Langeweile trank man ein Seidel nach dem andern. Wie eine vor dem Mauseloch vergeblich lauernde Katze zuletzt müde blinzelt und nicht mehr recht aufpaßt, so druselten die Besitzer über ihren Gläsern. Sie wurden erst wieder aufmerksam, als der Engländer die große Zahlungsfähigkeit seiner Gesellschaft rühmte. Jetzt, würde er jetzt etwas sagen? I was, man mußte ihn kommen lassen, dann war man in der Hinterhand und folglich im Vorteil!

„Warum erzählt Er uns det allens?“ fragte plötzlich der alte Schellnack, stemmte beide Ellbogen auf den Tisch, den Kopf zwischen die Hände und sah den Fremden mit seinen versunkenen Augen starr an. „Hat Er denn ieberhaupt ’nen Ton zu sagen dabei? Wenn ’n jroßet Haus wat holen will, kommt et ooch nich selber, et schickt den Hausknecht. Un zu sagen hat der jar nischt!“

Gottfried prustete laut heraus: der Alte war unbezahlbar! Er kniff seinen Schwager vor heimlichem Vergnügen.

Aber Johann Badekow hielt sich ernst, er hatte nicht den Sinn fürs Komische.

Amtmann Schellnack war peinlich berührt. Er sagte leise zu seinem Vater etwas; dieser hielt ihm auch das Ohr hin, aber als er gehört hatte, was sein Sohn tuschelte, sagte er: „Ick verstehe Ihn nicht. Red Er doch laut!“ Da schwieg der-Amtmann verlegen.

Der Engländer aber wurde gar nicht verlegen. Lächelnd drehte er den Kopf nach der Seite, wo Paul Längnick saß: sein junger Freund da konnte ja am besten sagen, was für eine Stellung er hatte. Auf ihn – er rieb sich die Hände –, ganz allein auf ihn kam es an! Was die Gesellschaft ankaufte, brachte er in Vorschlag. Darum sah er sich ja hier so um. „Herr Längnick weiß es!“ Er nickte Paul aufmunternd zu. „Nicht wahr, so ist es?“

Paul hatte mit ganz verlorenem Ausdruck dagesessen und starr in sein Glas gesehen. Jetzt fuhr er auf. „So ist es“, sprach er nach. Ganz willenlos. Was ging ihn das Gerede hier an?! Er dachte an das, Mädchen, das er liebte.

Also der Paul wußte es?! Eine Bewegung ging um den Stammtisch. Weiß Kuckuck, die Längnick hatte am Ende schon verkauft! Wieviel? Und zu welchem Preis?!

Der grobe Hahnemann räusperte sich und spuckte dann auf die Diele: „So’n Aas!“

Amtmann Schellnack erbleichte, er hätte auch gern verkauft.

Johann Badekow wurde dunkelrot: ein solches Geschäft wäre auch für ihn zu machen!

Sie ärgerten sich alle, nur Gottfried Lietzow lachte. Gutmütig klopfte er den jungen Längnick auf die Schulter: „Na, Paule, mein Sohn, deine Mutter hat wohl mal wieder ihr Schäfchen jeschoren?“ Und dann lachte er hell, die verblüfften Gesichter waren zu komisch.

Es war dann ein paar Augenblicke ganz still, bis Großvater Schellnack ingrimmig murmelte – aber jetzt verstand man ihn doch ganz gut: „Se is nich umsonst ’ne Längnick. Wat ihre Schwiegermutter war, det war ooch ’ne Längnick. Vier Hufen hatten se zu Anfang man bloß – un nu? Die Olle, det war erst eene!“

„Na, erzähl man schon, Schellnack“, sagte Hahnemann und lachte breit, „det der Paule die Jeschichte von Jroßmuttern ooch zu hören kriegt!“ Ein allgemeines Gelächter dröhnte, Paul lachte mit. Er hatte das, was früher in den Spinnstuben herumgemunkelt wurde und sich lebendig erhalten hatte bis auf den heutigen Tag, oft gehört, aber er hatte es nie geglaubt; er glaubte es auch jetzt nicht.

Der alte Schellnack lächelte grimmig. Er schluckte ein paar Mal; wenn er diese Geschichte erzählen konnte, lief ihm das Wasser im Munde zusammen. Eifersüchtig wachte er darüber, daß nicht etwa Hahnemann oder Kiekebusch, die ums Jahr 1823 doch auch schon in Hosen gelaufen waren, sie ihm wegschnappten. Er war damals hier Schulze gewesen, er wußte alles am allerbesten.

Es war ein warmer Tag, ein recht schöner Frühlingstag, da war wieder einmal in Tempelhof Feuer ausgekommen. Auf dem Ende der Dorfstraße nach Rixdorf zu. Ob es angelegt worden war? „Na, man will ja nischt sagen“, murmelte, der Alte und schluckte wieder. Als ob er etwas Köstliches äße, bewegte sich sein zahnloser Mund; er genoß seine fette Geschichte.

„Bei Längnicks fing dat mit’m Feuer an, als allens schlief. Die olle Mine Längnick muß aber noch ufjewesen sind – wie hätte se sich denn sonst so schnell retten können? Sie rannte nu immer unter den Linden rum, schmiß die Hände übern Kopp und schrie: ‚Wir sind rujeniert!‘ Un dem Kossäten Tunichtgut sein fette Sau rannte ooch unter den Linden rum; an der einen Seite brannte der Schmer ihr lichterloh, und die Ferkels wuselten quietschend hinter ihr drein. Man hätte et der Mine fast jlooben können, so hatte se sich. Et war en fürchterlicher Brand, keener von allen war je so schlimm. Unter die Linden war’t hell von die Flammen, der Himmel war brandig rot; bis in Berlin konnten se’t sehen. Un en Rauch und en Dampf war, un en Stunk, man kriegte keenen Mund voll richtje Luft mehr. Von Turm läuteten se in einem fort, un der Nachtwächter tutete – ja woll, so rasch jing det damals noch nicht mit die Feuerwehr! ‚Wasser! Eimer von Hand zu Hand!‘ Wir stellten uns alle Mann mang die Reihen, ich vorneweg–wat konnten wir schaffen bei so’n Feuer!“

„Ja“, grunzte Hahnemann zwischen seinem Paffen, „det war kolossal. Ick weeß ’t noch wie heute, wie Mutter mir aus ’s Bett holte: ‚Junge, steh man uf, janz Tempelhof brennt!’ Ick freute mir sehr. Det war mal ’n Fez! Ick rannte los mit die anderen Jungens, wir schrieen immerzu: ‚Feurio!‘ Un von Rixdorf kam die Feuerspritze anjerasselt –“

„Falsch!“ Schellnack fiel ihm wütend in die Rede. „Wat du weest! Von Alt-Schöneberg kam die erste Spritze, un denn erst die von Rixdorf. Aber helfen konnten se alle nich. Als et Morjen war, krähten die Hähne über lauter Schutt. Da lagen acht Jehöfte die Reihe lang, janz schwarz in Asche. Andere jlimmten immer noch, un wo eener stökerte, und wollte sich noch wat rausholen aus seinem Hause, da schlug noch die Flamme auf. Viel Vieh war verbrannt; dem einen die janzen Schafe, dem andern sechs Kühe. Aber die janze Hinterpartie von Längnicks, die stand unversehrt; det kam von den Störchen, die der Storchen-Paule anjezahmt hatte uf der jroßen Scheune. Det sind Jlücksvögel. Kein Stück Vieh war verbrannt, nur der Längnick.

„Et kamen nu die Berliner an in hellen Haufe. Wat Beene hatte, spazierte vor die Tore. Kremser, janz voll bepackt, fuhren raus, un Kutschen, un Schlächterkarren, alle Sorten Jefährte; bei dem schönen Wetter machte det Verjnüjen. Die Felder waren ganz pickevoll von Menschen. Und die jaben alle den Abjebrannten.

„Det machte sich Längnicks Mine denn nu ooch zunutze, und die hätte et doch am wenigsten nötig jehabt, denn sie waren ja hoch versichert. Sie hockte uf ’ner Hutsche vor ihrem Hof, hatte sich in ’n schwarzes Tuch injewickelt, det nur de Nasenspitze rauskuckte und die jlubschen Oogen. Sie streckte die Hand aus. Und in’n Schoß hatte se in ’ner Molle ihren seligen Längnick. Nur ’n paar Knöchelchen waren iebrig von dem.

Det machte böses Blut. Et kamen welche zu mir jelaufen und beklagten sich: Mine Längnick hätte den meisten Ankratz. Da jing ich hin. Aber wie se mir kommen sah und det Schimpfen hörte, da schnitt se mir ’ne Fratze wie dem Teufel seine Leibhaftige, sprang in ihr Hinterjebäude und schlug mir die Tür vor der Neese zu!“

Der Alte griente boshaft: „Det war deine Jrößmutter, Paule!“

Die Zuhörer lachten laut.

Paul Längnick war nun doch verlegen; er wußte nicht, was er sagen sollte.

Aber Mister Brown half ihm gewandt aus der Situation: „Well, eine tüchtige Dame! Sie würde bei uns sehr bewundert werden!“ Er lächelte ein wenig malitiös.

Da waren sie wie aufs Maul geschlagen.

Und dann nickte der Engländer Paul zu: „Kommen Sie, Mister Längnick, wir wollen jetzt gehen!“

IV.

Was half es Rieke Längnick, daß sich ihr ganzes Innere gegen das fremde Mädchen sträubte?! Sie hatte die Sache mit der Millionenwitwe so schön eingefädelt gehabt. Auf ihr Geheiß war der Sohn nach Britz gefahren, zwei Stunden und länger hatte er dort gesessen. Die Mutter wußte es wohl, er konnte immer den „Dreh“ nicht finden, aber die Marianne mußte doch auch sehr nett zu ihm gewesen sein.

Wenn die Längnick gewußt hätte, daß ihr Paul stockstumm dagesessen hatte! Seine Gedanken waren weit abgeirrt, vergebens hatte Marianne Badekow versucht, nachdem die üblichen Redensarten gewechselt worden waren, ein Gespräch anzufangen. Er sagte nur „Ja“ oder „o ja“ und „nein“. Marianne war eine muntere Frau, trotz allem, was schon hinter ihr lag; die Grübchen in ihren runden Wangen vertieften sich immer mehr. Zuletzt ging sie in die Küche, sie konnte das Lachen nicht mehr verhalten und ließ ihn allein drinnen sitzen. Das war ihm auch das liebste gewesen. Auf die begierige Frage der Mutter: „Na, wie war se denn?“ antwortete er ehrlich und mit Nachdruck: „Sehr nett!“ Und aus diesem aussichtsreichen Plan sollte nun nichts werden.

Es war am Abend des Tages, an dem Paul mit Mister Brown im Kruge gesessen hatte. Er hatte den Fremden noch ein Stück auf dem Heimweg begleitet; Mister Brown hatte lebhaft geredet und zuletzt seinen Arm in den des jungen Mannes gelegt. Langsam war Paul dann zurückgeschlendert, die Hände in den Hosentaschen; er pfiff sich leise eine Melodie. Das dämmerige Feld, das sich einsam dehnte in verwaister Endlosigkeit, diese graue Weite, in der herbstliche Nebel wie Gespenster spazieren gingen, hatte für den Tempelhofer nichts Trauriges und Erschreckendes. Ein glückliches Lachen, das sein alltägliches Gesicht veredelte, lag in Pauls Mienen. Wie erwachendes Selbstbewußtsein, das den Knaben zum Manne macht, kam’s über ihn. War es möglich, die schöne Ethel hatte ihn gern?! Mister Brown hatte es ihm eben gesagt, wieviel seine Tochter von ihm hielt.

„Ethel!“ Ganz hingenommen vor Seligkeit warf der junge Mensch beide Arme in die Luft, und dann trat er rascher zu: nun war es Zeit, daß er es der Mutter sagte!

Der Mond schien unsicher, als Paul zu seiner Mutter in den Flur trat. Die Längnick hatte noch keine Lampe angesteckt; in so etwas sparte sie. Sie schälte ja auch nur die Kartoffeln für den morgenden Tag, und die konnte sie fühlen. Einen großen Eimer mit Wasser hatte sie vor sich stehen, rasch fiel eine Kartoffel nach der anderen hinein.

„Mutter“, sagte Paul ganz atemlos, „morgen kommt Mister Brown zu uns; schon zu Mittag. Koch was Feines, Mutter, bitte!“

„Wat? Essen will er bei uns?“

Der Sohn nickte glücklich. „Ja! ‚Er käme bei guter Zeit, daß Ethel auch alles noch ordentlich sehen könnte.‘ Da sagte ich: Kommen Sie doch zu Tisch. Was haste zu essen, Mutter? Die sind fein gewöhnt!“

„Eetel – seit wann sagste denn Eetel zu det englische Mächen?“ Rieke Längnick richtete ihre Augen auf den Sohn; sie sah scharf trotz des unsicheren Mondlichtes. Und sie sah alles. „Wat jeht dich det fremde Mächen an?“

„Mutter!“ Er schnappte nach Luft. Aber dann sagte er rasch, sich selber gar keine Zeit lassend: „Ich habe sie so lieb, Mutter!“

„Na“ – sie lachte kurz auf –, „det wird sich ja finden. Vorerst wollen wir mal mit ’m Ollen sehen. Du warst ja heute so lange mit dem zusammen – na?“ Ungeduldig warf sie eine Kartoffel in den Eimer, daß das Wasser hochspritzte. „Nu? Jib doch Antwort, Döskopp!“

Hundert Mal hatte sie den Sohn „Döskopp“ genannt, er hatte es sich immer gefallen lassen; heute nich. „Was geht es mich an, was du spekulierst! Laß den Engländer kaufen oder nich kaufen, mir is ’s Wurst. Ich bin kein Döskopp!“

„En Schlummerkopp biste!“ Sie schrie ihn gehörig an., „Mir is et nich Wurscht, verstehste? Land muß er mir abkaufen. Da rennste immer mit ’m rum, kannste nich sagen: ‚Hören Se, Herr Mister Braun, hier hat meine Mutter ’n paar schöne Äcker, prachtvolle Äcker, aber se will se an Ihnen verkoofen, weil se so dicht bei Ihrem Besitz liegen – un aus Freundschaft. Sonst verkaufte sie se nich.‘ Na?!“ Sie sah ihn aufmunternd an.

Er schüttelte den Kopf: „Das kann ich nich sagen!“

„Kotzdonner, warum denn nich?“

„Weil ich nich will!“ Er sagte es eigensinnig.

„Ich will nich, ich will nich!“ Sie höhnte ihn aus. „Det ich dir nich die Hosen stramm ziehe! Wenn ick will, haste zu wollen!“

„Ich will aber nich!“ Er ward plötzlich wütend, alles Blut schoß ihm zu Kopf; er stieß mit dem Absatz gegen den Eimer, schleuderte ihn mit dem Fuß so heftig, daß das Wasser in vollem Schutt auf den Ziegelflur schoß und die Kartoffeln in alle Ecken tanzten. Er trampelte den Boden, und dann ballte er die Fäuste und schwang sie gegen die Mutter: „Du sollst mich nich mehr behandeln wie ’nen dummen Jungen! Ich laß es mir nich mehr gefallen!“

Sie wollte erst lachen, ein höhnendes Lachen, aber dann verstummte sie. Der Schaum war ihm vor den Mund getreten. Nun durfte sie ihn nicht mehr reizen, wenn seine Augen so rollten. „Aber, Paule“, sagte sie einlenkend, „wie kannste nu gleich so wütend sein. Ich sage ja jar nischt!“ Er sah sie von unten herauf mit den rollenden Augen an wie ein Stier, der losstoßen will.

„Mein Paule!“ Sie haschte nach seinen drohend emporgehobenen Fäusten und drückte sie ihm herunter. „Du wirst doch nich jejen deine Mutter anjehn, Paule?“

Er sah sie starr an. Der Atem ging ihm keuchend, in heftigen Stößen arbeitete seine Brust. Jetzt kam ein Zwinkern in seinen starren Blick, er hielt sich die Hände vor die Augen, als wolle er nichts mehr sehen, und flüsterte heiser: „Ich kann es mir nich mehr gefallen lassen. Ich weiß ganz genau, was ich will. Ich bin alt genug. Ich will die Ethel Brown heiraten. Du mußt das nich sagen, du mußt das nich sagen!“

„Wat soll ick denn nich mehr sagen? Ick sage ja jar nischt, mein Paule!

„Ich weiß nich“, murmelte er. Und dann seufzte er auf: „Ich kann es nun mal nich vertragen. Mir is es ganz schlecht.“

„Denn jeh doch zu Bett. Leg dir hin, mein Sohn! Wieviel haste denn heut jetrunken? Jeh, jeh! Ick komme noch zu dir. Ick setze mir ’n bißken bei dir hin!“

Sie bückte sich und fing an, die Kartoffeln aufzulesen; er bückte sich auch ganz mechanisch und half ihr dabei. Und dann ging er aus dem Zimmer, aber sein Gang war wie der eines Betrunkenen, er schwankte.

Sie sah ihm kopfschüttelnd nach; ein Ausdruck von Besorgnis erweichte ihr Gesicht: was war das mit dem Paul? Als Kind war er oftmals blau geworden vor Wut, und wenn er nicht haben sollte, was er haben wollte, hatte er dagelegen, starr wie im Krampf. Aber nun war das doch lange nicht mehr vorgekommen.

Mit Händen, die nicht so ruhig waren wie sonst, zündete die Längnick das Lämpchen an, und dann rutschte sie auf allen Vieren herum im nur notdürftig erhellten Flur und las die Kartoffeln aus allen Winkeln. Lange hockte sie so in kauernder Stellung auf den feuchtkalten Ziegeln, eine Kartoffel noch in der Hand, sich ganz vergessend in ihren Gedanken. Wenn man ihm den Willen tun müßte?! Es schmeckte ihr bitter auf der Zunge. Dann war’s nichts mit der Millionenwitwe!

Die Lampe schwalchte, sie merkte es nicht. Die Luft wurde dampfig im niedrigen Flur, die Lampe schwalchte und schwalchte, der rötliche Rauch stieg zum Zylinder heraus; es roch förmlich nach Brand.

Da stand Rieke Längnick auf, ihr Gesicht war ganz fahl: ja, sie mußte zu ihm ans Bette gehen, mußte ihm gut zureden. Und wer weiß – na, wenn der Engländer erst angebissen hatte, na, dann würde man ja sehen, wie es mit der Tochter wurde!

Sie hatten gut zu Mittag gespeist. Die Längnick hatte etwas springen lassen; es war wie ein Brautessen. Was sie in der Eile nicht selber mehr hatte herrichten können, das hatte sie von einem reitenden Boten holen lassen aus dem ersten Delikateß-geschäft Berlins. Die Austern fehlten nicht, und auch nicht eine Flasche Champagner. Sie lachte breit: so aß man in Tempelhof!

Paul war erst ganz verdutzt darüber, dann aber freute er sich. Seine Augen bekamen einen tieferen Glanz, und wenn er das Mädchen, das ihm gegenüber am runden Tisch der guten Stube saß, über seinen gehäuften Teller weg ansah, strahlten sie förmlich.

Man konnte der Längnick nicht anmerken, daß sie dieses Strahlen mit Schmerzen sah – ach, wenn da die Marianne gesessen hätte, die komplette Frau, die Frau mit den Millionen, anstatt dieses schmächtigen, spillrigen Dinges! Sie begriff nicht, wie Paul dieses Mädchen schön finden konnte. Ein Gesicht, so schmal, mit der Hand zuzudecken, eine Figur wie die eines halbwüchsigen Kindes! Nur die Augen fand selbst Rieke Längnick hübsch; die waren groß und sanft, von Farbe veilchenblau, und dunkle Wimpern hingen lang darüber.

Himmel, war der Junge verschossen! Er wußte ja gar nicht, was er aß und trank, er schlang nur alles in sich hinein und sah dabei immer das englische Mädchen an. Es wollte in Rieke aufkochen, aber sie bezwang sich: Ruhe, Geduld! Arm waren ja die Fremden auch gerade nicht, die Kleine hatte viel Schmuck an sich hängen, sie trug Brillantknöpfe in den Ohren!

Aber ganz traute die Längnick doch nicht, mochte der Engländer noch so viel reden von seinen Unternehmungen, von seinen Reisen – überall war er gewesen – und von seinen Pferden. Er hatte jetzt seinen Rennstall aufgegeben, weil er nicht selber mehr danach sehen konnte. Ob er nicht aufschnitt? Aber als er auf seine Tempelhofer Pläne kam, wurde der Bäuerin scharfsichtiger Blick kurzsichtig. Sie sah nicht weiter als bis zu ihrem Acker.

Es ließ ihr länger keine Ruhe mehr; da er nicht anfing, mußte sie davon anfangen. Sie hob ihr Glas gegen ihn: „Herr Mister Braun, det et Ihnen wohl bei uns jefallen möchte un“ – sie warf einen freundlich sein sollenden Blick nach dem stillen Mädchen – „un Ihrer Tochter ooch!“ Die Gläser stießen aneinander, es gab keinen rechten Klang; es war ja auch nicht Kristall, man hatte nur einfaches Glas im Hause. Aber es schien Mister Brown auch so zu schmecken.

Und die Längnick fuhr fort, ganz mit demselben schmeichelnden Ton, der ihrer trockenen Stimme merkwürdig anstand: „Na, wie is et denn mit unserm Jeschäft?“ Sie wartete gar keine Antwort ab. „Ick denke, Sie werden mir doch ooch wat abkoofen?“ Sie lauerte.

Er stocherte sich in den Zähnen. „Hm“, sagte er dann und wiegte den Kopf.

Nun wußte sie nicht: wollte er kaufen, oder war’s nichts damit. Die Ungeduld stieß sie. Sollte denn alles umsonst sein, das noble Essen, der teure Champagner?! „Hören Se, Sie ziehen mir an der Nase rum“, platzte sie heraus. Die Leidenschaft der Gier überstieg ihre Schlauheit, mit lodernden Blicken sah sie ihn an: „Alles kucken Se sich an, stecken die Nase überall rin, Paule muß Ihnen überall rumführen, un denn koofen Se doch nich. Wollen Se nu noch mehr Land koofen oder nich?“ Es sollte fragend klingen, aber es klang drohend.

„Warum nicht“, sagte er gelassen.

„So – na, denn kommen Se nach ’m Essen mal mit raus, ick wer Ihnen nochmal hinführen. Ick selber. Und denn sollen Se mir sagen, ob Se wo noch jelegenere Parzellen finden in Tempelhof. Dicht ans Terrain von’s Ritterjut, wat Ihnen ja schon jehört, un dicht an die Chaussee, die von Mariendorf in jerader Linie dran vorbei bis nach Berlin führt. Ick lasse et Ihnen billig – weil Sie et sind“, schloß sie bittersüß, die Stimme sinken lassend, und dann mit seiner Tochter anstoßend: „Prost, Fräuleinchen!“

Er tat sehr interessiert: was, diese Äcker wollte sie wirklich verkaufen? Das hatte er gar nicht für Ernst gehalten. Nun freilich, sie lagen jetzt stark separiert; wenn erst gebaut wurde von der Gesellschaft, direkt eingeklemmt zwischen Fabriken und Chaussee. Sie waren nicht mehr viel wert.

„Wat, nich mehr ville wert?!“ Rieke fuhr auf. Sie wollte wütend werden – dieser schlaue Halunke! – aber sie biß sich auf die Lippen. Ihre Finger umschlossen das Glas fest und stießen es dann derb auf den Tisch nieder. „Mir liegt im Jrunde nischt dran, ob Sie se koofen oder ’n anderer. Ick dachte mir bloß, et bleibt dann in der Fami–“ Sie sprach nicht aus, aber sie blinzelte nach dem Pärchen hin, das jetzt vom Tische aufgestanden war.

Die junge Engländerin war ans niedrige Fenster getreten, mit dem Rücken stand sie nach der Stube und schien angelegentlich hinaus auf die stille Dorfstraße zu sehen. Ihr zierlicher Kopf mit der Fülle braungoldenen Haares hob sich licht ab von der in der Stube herrschenden Dämmerung. Paul stand dicht hinter ihr, er war ganz versunken in das Weiß ihres Halses. Sein Kopf schien noch dicker, heiß und rot standen die Ohren ihm ab.

Noch pfiffiger blinzelte Rieke; sie sah das alles wohl. Auch Mister Brown sah es, und auch er lächelte pfiffig. Seine nervige Hand offen vor sich auf den Tisch legend, raunte er lächelnd: „All right, Mistreß Längnick. Ich sehe, wir werden einig!“

„So dicht an die jroße Straße, in bester Lage, et kann en Millionenjewinn for Ihnen werden“, versicherte sie eifrig.

„Und für Sie“, sagte er mit einem Zublinzeln.

Sie gab ihm einen Rippenstoß: „Seien Se man nich so niederträchtig! Na, umsonst kann man so wat doch ooch nich wegjeben. Na, jehn wir nu?!“

Das junge Paar blieb allein in der alten Stube zurück, in der es nach modriger Feuchte roch. Draußen fielen die Blätter der Linden. Ein plötzliches Winden fegte sie gelb und schrumplig in eiligem Wirbel am Fenster vorüber; und wo sie noch an den Bäumen hängen blieben, hatten sie ein schweres, giftiges Grün, das ganz anders war als das heitere Grün des Sommers.

„Es wird bald Winter sein“, sagte Ethel Brown und lehnte die Stirn an die blasige Scheibe. Sie seufzte auf: „Wo werden wir dann sein?!“

Es durchrieselte ihn in freudigem Schreck: wie sie seufzte! Ach ja, ihr Vater hatte es auch gesagt: sie war gern hier! „Sie dürfen nich fortgehen“, flüsterte er hastig. „Nee, Sie dürfen nie hier fortgehen. Ich hielte es nicht aus, wenn Sie fortgingen.“

Sie lächelte; ein bißchen schwermütig war ihr Lächeln. „Es ist gut von Ihnen, das zu sagen. Ich fühle dankbar, aber“ – sie seufzte wieder auf – „ich muß doch gehen. Wenn man keine Mutter mehr hat, muß man gehen, wo der Vater will!“ Ihre Brauen zogen sich schmerzhaft zusammen, sie hob die Hand, als zeigte sie dahin und dorthin. Die Lider senkten sich über die schönen Augen, sie sagte mit der rührenden Stimme eines Kindes: „Ich fühle traurig, weil ich keine Heimat habe!“

So hatte sie noch nie zu ihm gesprochen. Der junge Mann bekam eine plötzliche Herzbeklemmung. Sie waren aber auch noch nie ganz allein gewesen, immer war ihr Vater als Dritter dabei, und dann war sie immer sehr still.

Das Dahinwirbeln der gejagten Blätter hatte sie wohl traurig gemacht?! Er sah sie zärtlich an. Und was er sich sonst nie getraut hätte, solange sie nur das feine Mädchen war, die Dame, die ihm imponierte, jetzt wagte er es: er faßte ihre Hand, die sie auf das Fensterbrett stützte, und sagte mit all der Herzlichkeit, die seine Liebe ihm eingab: „Sie sollen bei mir bleiben, Fräulein! Es wird Winter, aber das tut doch nichts. Sie werden ’ne Heimat haben – hier! Bei mir!“ Er sagte es heiß.

Einen großen, ängstlichen Blick ließ sie durch die dunkle, niedrige Stube gleiten und dann hinaus auf die vom Herbstwind gefegten Blätter. Die Baumkronen schüttelten sich, der Himmel war schwer, nun schlugen harte Tropfen an die Scheiben. Da schauderte sie zusammen und neigte die Stirn gegen seine Brust: „Ich fühle dankbar!“

Er riß sie an sich, wild wie ein unbändiger Knabe, er küßte sie, küßte sich satt.

Das war einmal ein Glück, ein riesenhaftes Glück! Nun war das feine, das liebe, das schöne englische Mädchen seine Braut! O, die Mutter durfte nichts dagegen haben! Kein Wort durfte sie sagen, sonst – ! Es funkelte unruhig auf in seinen Augen, nervös zuckte sein Gesicht. Er preßte Ethel in seine Arme, daß ihre zarte Gestalt ganz darin verschwand: die gab er nicht mehr her, nie mehr wieder her! – – –

Als die Längnick und Mister Brown nach einer halben Stunde, durchnäßt und zerzaust, von ihrem Gange zurückkehrten, fanden sie alles fix und fertig, wie Mister Brown scherzhaft sagte. Er war sehr erfreut, er schloß seinen lieben Mister Längnick sogleich kräftig in die Arme und nannte ihn „du“ als seinen lieben Schwiegersohn. Er redete so viel, daß Rieke gar nicht zum Wort kommen konnte. „Sagen Se man –“ hatte sie zwar so und so oft angesetzt, er aber hatte jedes Mal noch etwas Eiligeres zu sagen.

Die Hochzeit mußte bald sein, natürlich, in vier Wochen! Warum sollten die Kinder auf ihr Glück noch lange warten? Und überdies mußte er in vier Wochen nach London zurück. Die Gesellschaft kam zusammen, eine Sitzung war anberaumt, er durfte unmöglich fehlen, und er konnte dort so bald nicht wieder abkommen. Die Hochzeit seiner einzigen Tochter wollte er aber doch mitmachen! Er umarmte Ethel.

Rieke machte ein langes Gesicht: was, schon so bald? Das war nicht Sitte in Tempelhof – nur wenn’s aus gewissen Gründen pressierte. Und überhaupt, nein, sie war gar nicht dafür, sie wollte erst sehen!

Aber Paul faßte sie um und küßte sie so heftig, daß ihr der Atem ausging. Böse stieß sie ihn von sich: er war wohl verrückt? Aber auch sie selber kam sich wie verrückt vor: sie konnte gar nicht mehr so scharf denken wie sonst: war sie nun gewiß, daß der Engländer ihre Äcker an der Chaussee ankaufte oder war sie es nicht?

Selbstverständlich würde er sie der Gesellschaft in Vorschlag bringen, ganz selbstverständlich. Den Ankauf dringend befürworten. Die neunzigtausend Taler, die sie verlangte, mußte sie selbstverständlich bekommen! Mister Brown versicherte, daß er es wohl einsähe, daß sie so teuer sein müßte. Und er schüttelte ihr die Hand.

Erst als die Browns aufgebrochen waren, als Paul auch mit fort war, um seine Braut in der alten Längnickschen Kalesche, die selten genug gebraucht wurde, nach Berlin zu fahren, kam Rieke wieder zu sich. Ein Gefühl der Bangigkeit, des Argwohns und der Beschämung kroch sie an: hatte sie sich auch nicht über den Löffel barbieren lassen? Wäre es nicht besser gewesen, die Sache mit der Millionenwitwe weiter zu betreiben, als für ein noch immer nicht fest abgeschlossenes Geschäft den Sohn an das spillrige Mädchen wegzugeben?!

Draußen heulte der Wind, schüttete der Regen. Sie stand im dunklen Flur, wie vernichtet lehnte sie gegen die Wand. Wie dumm war sie gewesen! Aber dann fuhr sie auf; hochgereckt stand sie, das graue Haar, in das sie sich zweifelnd gegriffen hatte, hing ihr strähnig ins knochige Gesicht. Sie riß die Tür auf, daß der Wind hereinschnob, ballte, auf ihrer Schwelle stehend, die Faust und schüttelte sie drohend in der Richtung, in der die Browns verschwunden waren. Wenn der Mister die Äcker nicht kaufte! Dann sollte es das spillrige Ding nicht zum besten kriegen!

Krachend schlug Rieke Längnick die Tür ihres Hauses zu und verriegelte und verrammelte sie.

V.

Zwei Hochzeiten sollten demnächst stattfinden, von denen sich kein Tempelhofer hätte etwas träumen lassen. Was, die Längnick gab zu, daß ihr Paul ein Mädchen aus der Fremde heiratete? Eine, die mit offenen Haaren herumlief wie eine Kunstreiterin? Eine, deren Familie man nicht von A bis Z kannte?! Es war ein großes Verwundern im Dorf. Aber freilich, der Vater der Engländerin war doch immerhin ein Mann, der auf etwas stand; die Rieke würde das schon wissen, die machte nie ein schlechtes Geschäft. Aber was fiel der Badekow ein?! Die gab zu, daß ihre Guste den Zigarrenfritzen heiratete?! Na, da hätte sich, wenn man sich Mühe gab, doch noch für die etwas Reelleres finden lassen, am Ende ein Witwer oder sonst ein ältlicher Mann! – – –

Auguste Badekow war glücklich. So glücklich, daß sie ordentlich hübsch wurde. Der verdrießliche Zug um ihren Mund war geschwunden, ihre verblühten Wangen wurden rosig, ihre matten Augen bekamen Glanz. Alle Tage kam der Bräutigam.

„Das is ’n Jelabbere und Jetue“, sagte Johann zu seiner Grete, „nich mehr zum Ansehen!“ Er war verdrießlich. Ungern nur sah er seine Schwester Julius Paschke heiraten. Das war doch keine Partie, ein Reisender für ein Zigarrengeschäft! Aber das war es noch weniger – Paschke würde sich ja selbständig machen mit Augustens Geld – ihm mißfiel dessen Art. Vertraulich sprach er mit seinem Schwager Lietzow darüber: „Jottfried, du hast ’nen juten Riecher, was hältste von dem Menschen?!“

„Windhund“, sagte Gottfried nur und stieß einen kurzen Pfiff aus.

Auch Frau Lene war wenig entzückt: „Wenn das man jut jeht!“ Sie verhehlte ihr Mißfallen der Mutter nicht.

„Als ob er mir jefiele“, sagte Hanne Badekow. „Aber ick sage mir: ’n Mann, der alle Sonntag in die Kirche läuft, is vom Übel! ’n Mann, der alle Dage in’t Wirtshaus läuft, is ooch vom Übel – der Paschke jeht nich in de Kirche, aber er läuft ooch nich in’t Wirtshaus. Und wo soll ick denn ’nen andern vor Justen herkriejen? ’n bißken schief is se ooch. Und hat se sich nu mal so weit mit ihm injelassen, nu och immer rin. Zähne zusammenjebissen. Et hilft nu ja doch allens nischt mehr!“

Sie hatte recht. Was half das Dagegensein?! Das hatte sich Hanne Badekow gesagt gleich in derselben Stunde, da Johann zu ihr auf die Stube gekommen war, ganz rot und in einer Hast, die seinem sonstigen Wesen gänzlich fremd war.

Er hatte sich vorgenommen gehabt, Auguste zu beobachten; sie fuhr zu oft in die Klavierstunde nach Berlin und blieb zu lange. Johann hatte sich mit Lietzow verbündet; Gottfried war ja nicht bloß sein Schwager, seine Mutter war auch eine Badekow gewesen, vor ihm brauchte man also kein Hehl zu haben. Um drei fuhr der Omnibus, Auguste war zur Stunde aufgebrochen, sie ging mit ihrer Musikmappe ab.

„Haste jesehn?“ flüsterte Gottfried lachend, als sie hinter ihr drein schlichen, „wie’n Schild hält se sich de ‚Musik‘ vor’n Bauch. In Joldbuchstaben, janz jroß, det et ooch jeder sehen kann!“

Aber Johann lachte nicht, er schämte sich seiner Rolle; es war nicht angenehm, daß sie hier wie die Spürhunde nachschnuppern mußten.

Auguste stieg in den Omnibus. Als sie glücklich darin saß, kletterten die beiden Späher am Seitentreppchen hinauf aufs Dach. Nun konnten sie gut beobachten. „Die sieht ja nich nach uns, die is jetzt janz in’n Tran“, sagte Gottfried.

Sie fuhren im schwankenden Gefährt eine lange halbe Stunde über die Chaussee. Johann schalt über das langsame Zotteln, aber Gottfried tröstete: „Na, man Jeduld, du kriegst noch früh jenug dein Wunder zu sehen!“

Das war nicht schön, daß der Schwager noch uzte! Johann wurde immer grimmiger.

Am Belle-Alliance-Platz stieg Auguste aus und ging nach rechts. Wo wollte sie denn hin? Die Lehrerin wohnte doch links herum, Wilhelmstraße.

„Sie trifft ihn wo“, flüsterte Gottfried.

Hastig kletterten sie vom Deck herunter. Johann wäre beinahe fehlgetreten, er kam sich selber nicht sicher mehr vor; seine Beine zitterten. Das kam bloß von dem verfluchten Geratter, der Omnibus stieß auf dem harten Pflaster! Aber die Beine zitterten ihm auch noch, als sie nun gingen, immer hinter Auguste drein. Vorsicht war kaum nötig, sie sah sich nicht um. „Sie rennt ja wie besessen“, ächzte Gottfried. Sie kamen ganz außer Atem.

Nun bog sie in die Lindenstraße ein.

„Donnerwetter!“ Johann faßte nach Gottfrieds Arm: da wohnte der Kerl ja – Lindenstraße 104! Da war die Nummer! Auguste hielt an. Sie huschte ins Haus. Sie lief die Treppen hinan – drei Treppen.

Auf dem zweiten Absatz blieben die Verfolger zurück. Sie stiegen erst hinauf, als oben die heisere Klingel ausgeschrillt und eine Tür geklappt hatte. Auguste war drinnen.

„Also hier spielt se Klavier?!“ sagte Gottfried.

„Sei man bloß stille!“ Johann war ganz blaß. Sie studierten die Schilder. Links wohnte „Prim, Herrenschneider“ – aber hier rechts: „Amanda Schulze“ – und eine Visitenkarte war darüber, mit Reißzwecken angepiekt:

Julius Paschke.

Sie hatten dann auch geklingelt und sie herausgeholt. Es war eine schreckliche Situation gewesen. Gottfried hatte dem Kerl ein paar gehörige Grobheiten an den Kopf geworfen, die dieser mit einer Ruhe, die Gottfried noch mehr in Rage brachte, einsteckte. Gewiß, er konnte es begreifen, daß es den Herren nicht angenehm war, das Fräulein hier bei ihm zu finden, aber er konnte sie versichern – er gab sein Ehrenwort – es war nichts passiert. Gar nichts. Dafür stand ihm seine Braut, Fräulein Auguste Badekow, viel zu hoch.

Ein unverschämter Fatzke! Lietzow schrie ihm ein: „Halten Sie Ihre Schnauze!“ entgegen. Aber dann wußte er auch nichts weiter zu sagen: wahrhaftig, sie waren die Blamierten. Was nun?!

Auf Johann war nicht zu rechnen, er brachte kein Wort vor. Wie begossen stand er; es kränkte ihn doch zu tief: seine Schwester, eine Badekow aus Tempelhof, rannte zu einem Kerl hin?! Stumm führte er die weinende Auguste fort. Er hätte auch weinen mögen. Den ganzen weiten Weg hielt er sie fest ums Handgelenk.

Gottfried trug die Musikmappe hinterher. Sie hatte am Boden gelegen, er hatte sie aufgerafft, man konnte sie doch nicht dalassen. –

Aber nun war das alles vergessen, oder schien doch vergessen. Auguste triumphierte: sie hatte es durchgesetzt, sie hatte ihren Julius erobert. Und so romantisch war das alles. Romantischer konnte es nicht zugegangen sein damals, als der Tempelhofer, der stolze Ritter, die Tempelhofer Bauerntochter am Klarensee getroffen und geliebt hatte. Träumend zog sie Vergleiche: ach, ihr Julius, war er nicht auch wie ein vornehmer Herr?! Ganz geblendet war sie von ihm; sie hatte kaum einen eigenen Willen mehr, demütig ordnete sie sich ihm unter.

Die Mutter sprach ernst mit ihr, sie hörte nicht zu. Wenn Hanne Badekow auch nichts Böses von Paschke dachte – er war im Grunde seines Herzens ein ganz guter Mensch und, lieber Gott, einer, der sich gern hatte selbständig machen wollen – sie hatte doch Sorge: er war sicherlich etwas leicht. Beweise hatte man zwar nicht; so sehr Johann und Gottfried nachstöberten, auch den Jakob in Berlin auf die Spur hetzten, sie hörten überall nur das gleiche: „Ein netter Kerl!“ –

Hanne Badekow betete nicht viel, aber als sie nun heute in der alten Dorfkirche, in der sie selber vorm Altar gestanden hatte und in der schon zwei ihrer Töchter getraut worden waren, die dritte Tochter stehen sah im Myrtenkranz, fing sie an zu beten in einem unbestimmten Herzensdrang.

Sie hob den Blick: da hing rechts vom Altar der Gedächtnisschrein mit dem Lorbeerzweig, der das Kreuz umschlingt:

Den Heldentod für König und Vaterland starb

Wilhelm Karl Badekow,

geboren am 14. Mai 1850,

gefallen bei Mars-la-Tour am 18. August 1870.

Ach ja, der Wilhelm! Und es war ihr, als spräche eine Stimme in ihr: um die Kinder, die gestorben sind, trägt man nicht den meisten Kummer – wie hatte die Auguste ihr das nur antun können und zu dem fremden Menschen hinlaufen?! Wenn das jemand wüßte?!

Förmlich verängstigt ließ die Badekow ihre Blicke umhergehen. Die Kirche war gedrängt voll, alle Frauen und Mädchen von Tempelhof wollten Badekows Guste im Brautstaat sehen. Die Mutter sah viel Neugier, aber – Gott sei Dank! – Schadenfreude sah sie nicht.

Jetzt steckte der Geistliche ihnen die Ringe an – Gott sei Dank, jetzt war die Auguste Frau!

Ganz befriedigt faltete Mutter Badekow ihre derben Hände über der Rundlichkeit ihres starren, brokatseidenen Kleides. Veilchenblau war das, mit eingewirkten gleichfarbigen Blumen. Die Kinder hatten es nicht anders getan, heute durfte die Mutter nicht mehr in schwarz gehen. Und an der Haube hatte sie eine Goldspitze.

Es war eine stattliche Hochzeitsgesellschaft. Die Millionenwitwe, nach der die meisten Hälse sich reckten, trug ein Kleid, so kornblumenblau, so leuchtend von Farbe, daß es die Augen fast blendete. Es war an der Taille und an den Ärmeln mit Rosa passepoiliert. Über dem Rock, den acht spitzenbesetzte Volants garnierten, bauschte sich hinten mächtig der Überwurf; im Ausschnitt en coeur zwischen weißen Spitzen hing an dickgoldener Kette ein goldenes Medaillon, wohl ein viertel Pfund schwer.

Lene Lietzow war auch nicht wenig fein in Smaragdgrün, und Johanns Frau, die rotwangige Grete, trug ein Rubinrot, das die lebhaften Farben ihrer Wangen noch erhöhte.

Alle in Seide. Auch die Braut; schwer und lang hing ihre Schleppe über die ausgetretenen Steinstufen des Altars. Auguste stand der Brautstaat nicht vorteilhaft, das Milchweiß des starren Kleides machte sie grau. Zudem hatte die Schneiderin aus Berlin, die alles konnte, sie unkleidsam frisiert; sie sah alt aus, wie eine Haube war ihr der Brautschleier über den Kopf gezogen.

Paschke in Frack und weißer Krawatte machte sich dagegen sehr gut. Das Murmeln der Bewunderung galt ihm: wie ein Leutnant in Zivil! Was die Auguste für einen Dusel hatte! Sie schien aber auch ihr Glück zu schätzen. Sonst weinen doch immer die Bräute, schon anstandshalber, die aber strahlte übers ganze Gesicht.

Und hinter ihr als erste Brautjungfer strahlte Mieke. Nun trug sie das rosa Kleid, das sie sich gewünscht hatte, sogar rosa Seide. Es war hinten mächtig gebauscht.

Da hätte sich ihr ja einer drauf setzen können! Die jungen Burschen, die von der Empore herunter zuschauten, hatten ihren Spaß.

Als ob Mieke es fühlte, daß sie beobachtet wurde, hob sie die Augen. Sie zeigte die breiten Zähne: ja, sie war mächtig fein! Von dem, was der Prediger gesprochen hatte in einer langen und wohlgesetzten Rede, wie sie sich ziemt, wenn eine Tochter aus solchem Hause freit, hatte sie kein Wort verstanden. Was wußte sie davon, ob sich zwei Herzen finden, zwei Seelen sich vereinen?! Sie lachte die Männergesichter an, die auf sie herunterschauten, und freute sich ihres prächtigen Staates. Auf den aus dem Gesicht straff nach oben gekämmten Haaren trug sie einen künstlichen Rosenkranz.

Die einzige, der die Tränen kamen, war Marianne. Die Millionenwitwe fühlte etwas wie einen Stich durchs Herz. Da stand nun Auguste, die blasse, unscheinbare Schwester – jung war sie auch nicht mehr – und bekam nun doch einen Mann, wie sie ihn haben wollte. Warum gerade die?! Leise schluchzte Marianne auf: gewiß, sie gönnte der Guste alles Glück, aber, aber – es würgte sie etwas in der Kehle, sie konnte es nicht glatt herunterschlucken.

Die Trauung war vorbei, die Orgel spielte das Nachspiel. Draußen schien nach regenschweren Novembertagen heute zum ersten Mal blanke, fast lachende Sonne. Die Zuschauer konnten im Trockenen stehen und mit Muße gaffen. Zuerst kamen die Kinder heraus. Aha, das waren die zwei von Gottfried Lietzow, der sommersprossige Fritz und die kleine Johanna! Ungezogen, wie immer, griff der Junge in das Blumenkörbchen, das sie zwischen sich trugen und schmiß rechts und links eine Handvoll hin. Dann kamen Badekows Zwillinge: reizende Kerlchen, einander zum Verwechseln ähnlich, mit flachsblonden Härchen und frischroten Bäckchen. Dann noch ein paar kleine Schellnacks aus Gretes Verwandtschaft, Kinder, die aussahen, wie immer Kinder aussehen: in neuen Kleidern, die Jungen in Samtkitteln und pomadisiert, die Mädchen mit gewellten Haaren. Sie streuten alle Blumen. Und dann kam das Brautpaar. Hinter ihnen immer ein Herr und eine Dame. Feierlich schritten die Paare von der Kirchenpforte bis hin zum Ausgangsgatter.

Rechts Gräber, links Gräber. Hier vor der Kirche lagen sie, die Schellnacks, die Lietzows, die Lüdeckes, die Längnicks, die Badekows – alle die alten Geschlechter. Die langhängenden Schleppen der seidenen Staatskleider fegten Kiessteinchen und Sand gegen die efeuumsponnenen Hügel.

Das Wetter war gut, der Weg ins Hochzeitshaus war nicht weit. Man hätte ihn zu Fuß gehen können, aber sie stiegen alle an der Straße in die vorgefahrenen Kutschen. Beim Einsteigen half der junge Ehemann seiner Frau, sie konnte mit ihrer Schleppe nicht zurechtkommen. Er sah nicht hin nach Ida Lietzow, die unter den Zuschauern ganz vorne am Kirchhofsgatter stand und ihn mit ihren begehrlichen Augen starr anblickte. Sie war auch drinnen in der Kirche gewesen. Zur Hochzeit geladen war sie nicht – was gingen sie auch die Auguste und ihre Sippe an?! –, aber ansehen hatte sie sich die Geschichte doch mal wollen. Sie kritisierte die Braut scharf. Wenn Blicke hätten Kleider durchbrennen können, so hätten es Idas Blicke getan. Über lauter Knochen war ja die schwere Seide gezogen – na, ein großes Vergnügen würde der Bräutigam da nicht finden! Wie konnte man nur heiraten bloß wegen des Geldes? Er hatte sich verkauft! Ein herbes Lächeln zog den Mund Idas herab. Das hätte sie doch wirklich von dem Paschke nicht gedacht. Ja, er mußte es wohl gefühlt haben, daß er einer Entschuldigung bedurfte. Neulich war er dagewesen zwischen Hell und Dunkel, als sie allein im Laden war. Sie hatte ihn nicht wiedergesehen gehabt seit dem Abend des Einzugs – seitdem waren so viel Monate vergangen – ein Wunder, daß er sie überhaupt noch kannte!

Herausfordernd hatte sie die Arme über der wogenden Brust gekreuzt und sich mit dem Rücken gegen das Ladenregal gelehnt. Was wollte er denn eigentlich hier?! Zigarren brauchte ihr Mann nicht; hier wurden nur welche verkauft, zwei Stück für’n Sechser. Das war doch jetzt nichts mehr für den Herrn Paschke!

Wie bitter sie sprach! Und doch atmete ihr ganzes Wesen Verlangen. Durch den halbdunklen Raum lockten ihre Augen wie Flammen. Ihre Abweisung reizte den Mann. Sie war ihm ja gar nicht böse, sie war nur verletzt, daß er sich nicht mehr um sie gekümmert hatte. Diese üppige Frau, für die der winzige Laden zu eng schien, war wirklich pikant! Er lehnte sich über den Ladentisch, auf dem Petroleum vergossen war und Heringslake, und sah sie vorwurfsvoll an: warum hatte sie denn auch gar nichts von sich hören lassen? Seine Adresse wußte sie doch. Nicht einmal zur Verlobung hatte sie ihm gratuliert – er seufzte dabei – und sie hatte doch gewiß davon gehört? In Tempelhof hörte man ja alles. Sie hätte ihm doch wenigstens ein einziges Mal ein Zeichen der Freundschaft geben können!

„Ich?!“ fuhr sie auf. Ihre Augen blitzten: „Ich Ihnen ein Zeichen geben? Na, da wäre ich wohl schön dumm! Ich bin ’ne anständige Frau – was fällt Ihnen ein?!“

Lächelnd hatte er nach ihrer Hand gegriffen – sie ließ sie ihm – da war an der kleinen Glastür mit den rotgepunkteten Gardinchen, die nebenan in die Wohnstube führte, behutsam geklinkt worden. Man hörte ein Kratzen, ein Winseln, nur spaltbreit schob sich die Tür auf. Ein kleines Mädchen hatte den dunklen, glatthaarigen Kopf hereingesteckt; zwei schwarze Augen, scheu und hurtig wie die einer neugierigen Maus, huschten über den Fremden hin.

„Was willst du?“ rief die Frau streng.

Das Kind antwortete nicht. Es zog sich zurück, aber zögernd, als wollte es gerne noch mehr sehen.

„So geh doch!“ schrie die Frau. Da verschwand der dunkle, glatthaarige Kopf. Aber der Spalt blieb offen. Ida zog die Tür unsanft zu.

„War das Ihr Töchterchen?“ fragte Paschke. „Ein hübsches Kind!“ Er fand das zwar nicht, aber er wollte der Mutter etwas Angenehmes sagen.

„ Meins ?! “ Ida lachte schrill. „I wo. Ich kann doch nich schon so’n großes Mädel haben. Sie is von der ersten Frau!“ Ein zorniger Ausdruck entstellte ihr hübsches Gesicht. „Was sie nu wieder hier herumzuspionieren hat!“

„Ja, sie sieht schlau aus“, beeiferte sich Paschke zu versichern.

Die Frau sagte nichts darauf, sie stand und nagte an ihrer Unterlippe. Ihre Laune war noch schlechter geworden. Zudem war aus der Schenkstube, die dem Laden gegenüber auf der anderen Seite des dunklen Flurs lag, der Mann gekommen. Er sah rot und gedunsen aus. Den Besuch kaum beachtend, fragte er aufgeregt nach dem Kellerschlüssel: wo ließ sie den nun wieder herumfahren?!

Sie zuckte die Achseln. Einer anderen Antwort würdigte sie den Fragenden nicht. Da empfahl sich Paschke: er würde ein andermal wieder vorsprechen, wenn er gelegener käme. Hinter dem Rücken Karl Lietzows wechselten sie noch einen raschen Blick; Paschke nahm die Erinnerung mit an ein bedeutungsvolles Zuwinken ihrer Augen.

Draußen in dem Vorgärtchen, in dem jetzt ein entblätterter Fliederbusch stand und ein einziger kahler Baum, stand die Kleine. Sie schien da auf ihn gewartet zu haben. Und wie auf der Lauer stand rechts von ihr ein krummbeiniger, schwarzer Teckel, und links einer. Sie sah Paschke stumm und groß an; ihr Blick genierte ihn. Er hatte das unbewußte Gefühl, sich freundlich mit ihr stellen zu müssen, obgleich ihn die Teckel anknurrten.

„Wie heißt du?“ fragte er.

„Hulda!“

„Na, Huldchen, und wie alt bist du denn?“

Er tätschelte ihre Wange.

Sie ließ sich ruhig tätscheln, aber kein Lächeln erhellte ihr Gesichtchen, es blieb sehr ernsthaft. „Neun Jahre“, sagte sie mit ihrem feinen Stimmchen.

Auch das klang wie das Piepen einer Maus; das Kind war entschieden nicht angenehm, fast unheimlich mit seinem alten Gesicht. Paschke machte, daß er fortkam, die Teckel fuhren ihm an die Hosen. – – –

Und dann hatte er und Ida Lietzow sich nicht wiedergesehen bis zum heutigen Tage. Er hatte sie wohl bemerkt, als er seiner Angetrauten draußen vorm Kirchhofsgatter in den Wagen half. Und auch das heiße Brennen ihrer Augen gespürt. Donnerwetter ja, wenn er die heute abend in seinen Armen halten könnte, das wäre etwas anderes als die Auguste Badekow!

Mit einem leisen Seufzer fügte Julius Paschke sich in sein Schicksal.

*

Zwei Tage nach Auguste Badekow heiratete Paul Längnick. Zwei bedeutsame Hochzeiten in so kurzer Zeit, das war ein Ereignis für Tempelhof. Die erste Hochzeit war die größere; die Längnicks hatten nicht so viel Verwandtschaft, aber bei dieser zweiten Hochzeit war die Braut schöner.

In der dunklen, niedrigen Wohnstube von Rieke Längnick wurde die Braut geschmückt. Da sollte die junge Frau nun auch wohnen, bis die Villa fertig war, die Paul ihr bauen wollte, auf dem Hofgrundstück dicht nebenan. Im Sommer vielleicht schon konnte das neue Heim fertig sein, bis dahin mußte sie sich gedulden im alten Längnickschen Haus. Die Mutter hatte es ihnen eingeräumt, sie selber zog sich zurück in das Hofgebäude, wo unten die Waschküche war und allerlei Vorratskammern. Der jungen Braut, die keine Mutter hatte, keine Schwester und keine Freundin, setzte Rieke Längnick den Brautkranz auf. Wie es hergebracht war, sollte die Schneiderin, die für ganz Tempelhof arbeitete, die Braut frisieren, aber Ethel war förmlich davor zurückgeschaudert. Sie wußte es, die Zeit war vorüber, in der sie ihr schönes Haar offen tragen durfte – wie eine goldige Mähne hing es ihr um die Schultern – aber sie wollte sich nun selber die Zöpfe flechten, sie zur glatten Krone aufstecken. Die Krone war so schwer! Sie senkte den Kopf. Und nun kam noch der Kranz oben darauf. Er war nicht von frischem Grün, in Tempelhof hob man die Brautkränze auf hinter Glas und Rahmen über dem Sofa der guten Stube. Künstliches Grün, künstliche Blüten und schwere, dicke Knospen aus überwachstem Stoff drückte die Längnick fest auf den gesenkten Kopf. Sie hatte keine leichte Hand. Aber hübsch sah die Braut aus, das sah heute selbst Rieke.

Gestern war es endlich perfekt geworden: die englische Terraingesellschaft hatte ihre anliegenden Äcker noch zugekauft. Die neunzigtausend Taler, die sie gefordert hatte, hatte sie bekommen. Das war ein Geschäft! Die ganze Nacht hatte sie im Fieber gelegen; vor ihren Augen rollten die Talerstücke, in ihren Ohren rauschten die Papierscheine. So glänzend hatte noch keiner in Tempelhof Land verkauft – und würde auch keiner je mehr verkaufen! Dafür mußte sie sich denn auch schon die Schwiegertochter gefallen lassen. Die war ja auch ein ganz gutes, sanftes Ding, die zudem von gar nichts etwas verstand. Sie, Rieke Längnick, würde nach wie vor diejenige bleiben, die befahl, wenn sie von nun ab auch hinten wohnte und die Junge nach vorn heraus.

Mitleidige Geringschätzung war in dem Lächeln, mit dem die Schwiegermutter auf die Tochter heruntersah: um der Äcker willen wollte sie der denn auch verzeihen, daß sie gar keine, aber auch gar keine Aussteuer hatte.

Mister Brown war sehr verwundert gewesen, als Rieke gefragt hatte: „Nanu, was jeben Sie denn mit?“ Es war in England Sitte, daß der Bräutigam für alles Sorge trug. Na, das mochte am Ende ja sein, aber daß der Paul auch das Leinenzeug anschaffen mußte, Bettwäsche, Hemden und Hosen für seine Braut, das war doch stark. Wenn der Schmuck nicht gewesen wäre, die Brillantknöpfe, die Ethel Brown in den Ohren trug, ihre goldene Kette, ihr Perlenhalsband und die vielen Armringe, man hätte wirklich denken können, ihr Vater hätte gar nichts.

Rieke Längnick verschloß ihre Enttäuschung in sich. Nur nichts davon sagen, sie würden ja alle schadenfroh sein! Das Gefühl, von vielen im Dorfe mit unfreundlichen Augen angesehen zu werden, gab ihr stets die Kraft, den Kopf hoch zu tragen. So war sie damals auch hinter dem Sarge ihres Mannes hergegangen, den kleinen Paul an der Hand. Der Junge hatte geweint aus Angst vor dem schwarzen Wagen, aus Angst vor den schwarzen Männern, die den Vater aus dem Hause holten; die Witwe hatte die kalte, zitternde Kinderhand fest mit der ihren gepreßt, das war das einzige Zeichen von Erregung gewesen. Der selige Längnick hatte getrunken, er war zum Futterboden hinaufgekrochen, um droben seinen Rausch auszuschlafen, da war er heruntergefallen, das Genick hatte er sich gebrochen; aber das hatte sie niemandem gesagt. Der arme Längnick, ein Schlaganfall hatte ihn getroffen auf der Leiter, gerade als er Heu herunterholen wollte fürs Vieh! Er war ja immer so fleißig gewesen! Der Längnick Augen zwinkerten auch heute nicht. Sie beobachtete ganz genau jeden einzelnen in der Kirche, und keines der gaffenden Gesichter entging ihr. Nun freute sie sich doch: sie sah, die Braut wurde sehr bewundert. Ihr scharfes Ohr fing jedes entzückte „Ah!“ auf. Ja, das war nun ihre Schwiegertochter, die Frau von ihrem Paul! – – –

Das Hochzeitsmahl fand nicht wie bei den Badekows im eigenen Hause statt; es war da Paul nicht hübsch genug. Mister Brown hatte Hiller Unter den Linden in Berlin vorgeschlagen, aber dagegen wehrte sich Rieke energisch, und auch der Bräutigam wollte nicht außerhalb von Tempelhof feiern. Man einigte sich auf Kiekebusch. Dort war ein Saal, und der war nun hergerichtet worden von einem Dekorateur. Man hatte die angeräucherten Wände mit rotem Stoff drapiert, Girlanden gewunden und an der Decke bunte Lampions aufgehängt. Die Tafel war mit künstlichen Blumensträußen geziert, und es gab viel zu essen und zu trinken.

Aber es war doch ein etwas einsames Fest. In dem großen Saal verloren sich die Teilnehmer. Die Längnickschen Verwandten aus Britz und Mariendorf waren gekommen; auch wie bei Badekows die Schellnacks, die Lüdeckes und die Hahnemanns. Von der Badekowschen Sippe aber war nur Gottfried Lietzow geladen. „Er ist immer so lustig!“ sagte Paul. Nicht, daß sich Hanne und Rieke böse gewesen wären – man schickte vom Hochzeitskuchen hinüber und herüber – aber man empfand es doch wie eine Erleichterung, daß man dadurch, daß die beiden Hochzeiten so nahe zusammenlagen, von vornherein sagen konnte: „Ich lade dich nicht ein, weil du ja selber Hochzeit gibst.“

Lene Lietzow hatte auch nicht zusagen wollen, aber Gottfried stimmte dafür, hinzugehen: „Weißte, ick denke mir, dem Paule ist mies vor seine eigene Verwandtschaft; wir wollen man zusagen!“ So trug denn Lene ihr Smaragdgrünes auch bei dieser Hochzeit. Sie hatte noch ein ekliges Kopfweh von der vorgestrigen her, und nun ging die Trinkerei schon wieder los. Aber das war man in Tempelhof gewöhnt, das wäre ja auch gar keine richtige Hochzeit gewesen, die man nicht noch ein paar Tage gespürt hätte.

Die Längnicks, langsam und steif, waren nicht Leute von vielen Worten, aber von vielen Gläsern. Gottfried sagte heimlich zu seiner Frau: „Leneken, halte mir man bei’m Nachhausejehen. Ick habe schonst jetzt mehr wie jenug!“

Und das Fest war noch lange nicht an seinem Ende. Die Längnick wachte mit strengen Augen darüber, daß zu jedem Gang ein anderer Wein geschenkt wurde; zum Schluß gab’s Likör, dann Bowle und Bier.

Der Brautvater war sehr vergnügt, mit Lietzow hatte er sich angefreundet; je betrunkener er wurde, desto vertraulicher wurde er. Die beiden saßen zusammen in einer Ecke, Arm in Arm, dicht Wange an Wange.

„Sehen Se, wissen Se – du mußt nämlich wissen, mein Sohn“ – der Engländer sprach auf einmal Berlinisch –, „ick bin ja man bloß Sekretär bei Mister Henry Daniel Davis. Der is der Macher von’s Janze. Aber der kann nich jut Deutsch, darum bin ick hier. Merkste was?!“ Das Lachen und der Schlucken stießen ihn. „Ick bin ja vom Spittelmarcht. Ick war auch schon früher mal hier“ – er zwinkerte mit den Augen –, „ja, hier auf ’m Feld bin ich geritten – neunzig Pfund schwer. Rot mit Blau und Weiß – englischer Jockei, hahahaha! Ja, ich habe Karriere gemacht. Nu bin ich fein raus mit dem reichen Schwiegersohn, was?!“

Mit schwankenden Schritten ging Mister Brown zu dem Bräutigam. Er ließ sein Glas an dessen Glas klingen: „Es lebe Tempelhof! Nanu, Pauleken, was sagste nu zu dem Schwiegerpappappa?“

Paul sagte nichts. Der Schwiegervater kam ihm heute wohl etwas merkwürdig vor, aber er hatte nicht weiter darauf acht. Während des ganzen, stundenlang währenden Hochzeitsmahles hielt seine Rechte die Hand Ethels fest; er aß mit der Linken. Das war nun seine Frau, seine Frau, die er liebte, wie er noch niemals geliebt hatte! Als Knabe hatte er ein schneeweißes Kaninchen gehabt, als Dragoner sein Pferd – was war das, was er für diese beiden gefühlt hatte, gegen das, was er jetzt fühlte?! Immer wieder faßte seine Linke nach dem Glas, er leerte es immer wieder in seligem Rausch.

„Paul, Paul“, flüsterte die Braut leise, „ach ich bitte dich, trinke nicht so viel. Es macht mir sehr Angst!“

Er drückte ihre Hand, daß er sie fast zerquetschte, und sah sie dabei an mit Augen, die vor Zärtlichkeit schwammen. „Wenn du nicht willst, daß ich trinke, trinke ich nich. Da!“ Er warf sein Glas hin und lachte laut.

Alle sahen nach ihm: das war mal ein verliebter Bräutigam! Er fraß sie ja mit den Augen auf. Er konnte es kaum abwarten. Schon schmiß er das Glas hin vor Ungeduld! Es kamen die üblichen Scherze. Man war nicht sehr zartfühlend in Tempelhof.

Ethel wurde blaß und rot und wieder blaß; nicht alles verstand sie, aber daß sie nun diejenige war, der diese Blicke galten – Blicke, die sich weideten an ihrer Verlegenheit –, diese Scherze, über die die Frauen kicherten, die Männer laut herauslachten mit dröhnendem „Hoho“, das fühlte sie. Wie um Hilfe bittend, hingen ihre Augen sich an die Schwiegermutter.

Aber die alte Frau verstand die Blicke der jungen Frau nicht. Sie lachte zwar nicht mit – für solche Scherze hatte Rieke Längnick nie Ohren gehabt –, aber gleichgültig sah sie an der Schwiegertochter vorbei: hinten im Saal stand der Engländer und schwatzte laut mit Gottfried Lietzow.

Durch den ganzen Saal tutete Mister Browns durchdringende Stimme: „Neunzigtausend Taler – neunzigtausend Taler!“

Rieke horchte auf, ihr scharfes Gesicht wurde wie das eines Habichts. Waren das ihre neunzigtausend Taler, von denen da die Rede war? Was der Lietzow wohl dazu für ein Gesicht machte, daß sie neunzigtausend Taler für die Äcker bekommen hatte?! Sie stand auf: das mußte sie sich doch mit ansehen! Raschen Schrittes ging sie auf die beiden los.

Mister Brown hatte eben mit einem ganz verschmitzten Lachen gesagt: „Ei weh, wenn die alles wüßte! Wenn se wüßte, daß –“ rasch schlug er sich auf den Mund, als er sie vor sich sah: „St!“ So betrunken war er doch noch nicht. „Well“, sagte er bloß noch und zwinkerte Gottfried vergnügt zu.

„Wat sagten Sie eben?“ fuhr sie ihn an. Sie hatte es gemerkt, da sollte ihr etwas verheimlicht werden.

„Ich?!“ Mister Brown nahm sich zusammen, ihr scharfer Ton ernüchterte ihn plötzlich. Er spielte den Harmlosen. „Ich habe gar nichts gesagt!“ Und als sie beharrte: „Ick habe et ja eben deutlich jehört: neunzigtausend Taler, neunzigtausend Taler! Un warum haben Se denn jesagt: ei weh, wenn die alles wüßte?!“ – wurde er auf einmal wieder betrunken. Er faßte sie um die Taille und drehte sie herum, ihr Widerstreben bändigend mit, so nerviger Faust, daß sie nicht anders konnte, sie mußte mit ihm durch den Saal tanzen.

Und er sang dazu mit krähender Stimme:

„Denkste denn, denkste denn,

Tempelhofer Flanze,

Denkste denn, ick liebe dir,

Weil ick mit dir danze?“

Das war das Signal. Nun war die Hochzeit wie alle Hochzeiten. Die Längnicks hatten sich warm getrunken, nun konnten sie auch reden. Das war ein Geschnatter, ein Gelächter, ein Gegröhle; der vordem zu große Saal in seiner leeren Weite schien jetzt zu eng. Es war, als hätte sich jeder verdoppelt und schrie für zwei.

Da war es die Braut, die zum Bräutigam ganz leise sagte: „Komm!“ Ethels zitternde Hand schmiegte sich in die Pauls.

Er kam nicht gleich in die Höhe. Er hatte es ja nicht ändern können, denen, die ihm zutranken, hatte er doch wieder zutrinken müssen, wenn auch in ganz kleinen Schlucken. Aber er wollte ja so gerne tun, wie sie wollte – immer wie sie, immer, immer! Mühsam strebte er auf. Da war es ihre zitternde Hand, die ihn stützte und ihn aus dem Saale führte.

Sie kamen heraus, unbemerkt. Und dann gingen sie draußen Hand in Hand unter den entblätterten Linden ihrem künftigen Leben zu.

VI.

Über das Tempelhofer Feld ratterte der Omnibus der Stadt zu. Die Pferde schwitzten, ganz naß waren sie. Der Kutscher auf dem erhöhten Bock schwippte mit seiner Peitsche nach den Stechfliegen, die sich seinen Gäulen in das struppige braune Fell einbohrten. Es war eine prallende Hitze in dieser Schattenlosigkeit; eine weißlich flimmernde Helle blendete die Augen, und der feine Sand, den ein trockener Wind emporpustete, flog in Mund und Nase.

Daß es noch so heiß sein konnte, und es war doch schon spät im Jahr! Das Sedanfest, das man nun abermals, am zweiten Jahrestag der Gefangennahme Napoleons, gefeiert hatte, war seit Wochen schon vorüber, der letzte Hafer in den Scheunen; wie lange noch, und man fing mit der Kartoffelernte an?!

Hanne Badekow, die ganz allein im Nachmittagsomnibus saß, lugte hinter der Leinwand, die gegen Regen und Sonne schützen sollte, hervor. Puh, war das noch mächtig warm! Sie knüpfte die breiten, schwarzseidenen Bänder ihres runden Strohhutes auf und wischte sich unter dem feuchten Kinn her. Es würde drinnen in Berlin noch heißer sein, aber was half’s, sie mußte doch hin. Es hätte ihr keine Ruhe gelassen. Bei Jakob war gestern das siebente angekommen, und erst vorigen November, gerade als Auguste Hochzeit machte, hatten sie auch nicht kommen können, weil die Frau falsche Wochen gehalten hatte. Wäre doch lieber bei Auguste was los!

Mutter Badekow starrte mit leichtgerunzelter Stirn hinaus aufs Feld. Wie ausgestorben lagen Nähe und Ferne. Die alte Frau seufzte: es war kein gutes Zeichen, daß Auguste sich so wenig sehen ließ. Ob sie denn gar kein Verlangen nach Zuhause hatte? Ach, das würde sie schon haben, aber – aber – ! Hanne dachte nicht zu Ende.

Ein Zuruf hatte die mit gesenkten Köpfen dahintrottenden Gäule geschreckt, daß sie einen Sprung zur Seite machten und der eingedruselte Kutscher fast vom Bock gestürzt wäre. Der Wagen schleuderte.

Ein Kerl stand plötzlich mitten im Weg: „Laßt mir ufsteijen!“

Der Kutscher fluchte, und dann lachte er: das machte der verdammte Pennbruder immer so, wenn er zu faul war, um nach Berlin zu Fuß zu laufen. „Det ick mir den Wagen verlause – nischt da! Wenn de dir ’nen Schnaps holen willst, kannste ooch zu Fuß jehn!“

„Meine Eltern sind dot, meine Frau liegt in de Wochen“, winselte der Strolch.

„Aus’m Weg!“

Der alte Mann sprang jetzt zwar zur Seite, aber einen Schmitz hatte er doch schon weg; die Peitsche hatte ihn gezeichnet, ein Striemen lief ihm über die Backe, vom Ohr bis zu den Kinnstoppeln.

„Laßt ’n schon mitfahren, ick wer’ for ihm bezahlen“, rief die Badekow. Der Alte tat ihr leid. Und als der Kutscher nicht hörte oder nicht hören wollte, schrie sie dem Bettler, der, sich die schmerzende Backe haltend, dem rascher davonfahrenden Omnibus nachstarrte, zu: „Kommt man bei mir vor, Rixdorfer, wenn Ihr Hunger habt. Bei die olle Badekown in de Dorfstraße!“

„Det Mitleid wenden Se schlecht an, Frau Badekow!“ Der Kutscher verrenkte sich fast auf dem Bock, um nach der Seite ins Omnibusfenster hineinzuschreien. „So’n Strolch!“ Er schüttelte mißbilligend den Kopf. „Der steckt Ihnen am Ende noch de Bude über’m Koppe an!“

Aber jetzt hörte sie nicht. Der Rixdorfer, den sie früher wohl einmal hatte hinten aufhocken lassen, wenn sie zu Markte fuhr, war ja so alt geworden! Lieber Gott, so alt und so erbärmlich! Es flimmerte ihr vor den Augen, alles kam ihr plötzlich trübselig vor: das graue Feld, trotz allen Sonnenscheins grau – der graue Mensch – war denn das nicht immer so gewesen?! Doch – aber das Berlin da hatte seine hohen Häuser noch nicht so weit vorgerückt gehabt; man hatte den Unterschied nicht so gemerkt zwischen der lebendigen Stadt und dem toten Feld. Jetzt sah sie plötzlich: tot war das wirklich. Und die Stücke Land, die man hier noch hatte, lagen wie abgeschnitten vom übrigen Besitz; allerlei fremder Ankauf streckte sich nun trennend dazwischen. Sie waren weniger wert geworden als Äcker, und doch mehr wert als früher – viel mehr. – Aber nein! Die alte Frau zog jäh den herausgestreckten Kopf zurück, setzte sich zurecht und band die Hutbänder wieder fest unterm Kinn: da machte sie nicht mit. Sie gehörte noch zum Alten. Und ihre Kinder würden hoffentlich auch so denken!

Der Omnibus rumpelte jetzt über Pflaster. In der Belle-Alliance-Straße wurden viele Häuser errichtet, rechts und links; vier, fünf Stock hoch, groß wie Kasernen. Oben wurde noch daran gebaut, unten wohnten schon welche darin. Karren mit Sand, mit Ziegeln, mit Hausteinen, mit Lehm und Zement, mit allem möglichen Baumaterial drängten schwer heran. Dort war ein Schutthaufen, hier eine Mörtelgrube. Achtung! Der Maurerlehrling rührte pfeifend den dampfenden Kalk. Anfeuernder Zuruf und Peitschenschlag; schnaufende Pferde rückten mühsam an. Bohlen krachten, Fensterglas klirrte, Gerüste schwankten, Flüche schallten: wollten die Gäule denn nicht besser anziehen?! Brrr! Steine wurden mit Poltern abgeladen, Bretter mit Krachen heruntergeworfen. War das ein Lärmen hier!

Und jetzt kam ein Wagen angerollt, eine offene Droschke erster Güte. Zwei saßen im Fond, zwei auf dem Rücksitz, in mörtelbespritzten Hosen auf den samtenen Polstern. Die Mützen hatten sie im Genick; der eine hielt eine Flasche, groß und dickbäuchig war sie, mit silbernem Hals. Das waren Maurer, die fuhren zum Bau; sie hatten gefrühstückt bis zum Mittag, jetzt nach dem Mittagessen fingen sie mal wieder ein bißchen mit der Arbeit an. Sie brachten Sekt mit; ohne einen Schuß Champagner schmeckte die Weiße jetzt nicht mehr, sie hatten ja Geld genug. Häuser, und immer wieder Häuser, Häuser überall; es konnten gar nicht rasch genug Häuser gebaut werden. Die Maurer waren der erste Stand, die begehrtesten Leute.

Laut gröhlten sie mit weinrauhen Stimmen:

„Als ich achtzehnhundertsiebzig

Bin nach Frankreich rinmarschiert,

Hat Napoljum mit Petroljum

Sich de Stiebeln injeschmiert!“

Der Hauptschreier, der die Flasche hielt, tat einen langen Zug, hob sie dann in die Höhe und winkte mit ihr den Genossen auf dem Bau.

Die alte Frau wickelte sich fester in ihre Mantille, es fröstelte sie plötzlich trotz all der Wärme: war das die neue Zeit?!

„Daß Jott uns bewahre!“ sagte sie laut zu sich. Und dann stieg sie aus am Halleschen Tor, den schweren Henkelkorb, der ihr zu Füßen im Omnibus gestanden hatte, mit noch immer kräftigem Arm selber schleppend.

Von den Rosenkartoffeln aus dem Garten, die ihr Zweiter so gerne aß, hatte sie eine Probe darin, und dann noch ein Pfündchen selbstgebutterter Butter, eine Mandel ganz frischer Eier für die Wöchnerin und ein Suppenhuhn und ein paar Täubchen, Birnen und Pflaumen für die Kinder, einen Napfkuchen obenauf. Und dann zu unterst ein paar Pfund Fleisch von dem kürzlich geschlachteten Hammel für Auguste zum Sonntag, auch noch ein Gericht Kartoffeln und noch etwas Äpfel zu Mus. Das würde sie der Tochter nachher hintragen, wenn sie vom Sohne kam.

Der Korb hatte gutes Gewicht, und die Friedrichstraße ging’s ein Stück herunter. Als die Mutter vor dem Laden Jakobs anhielt und durch die große Spiegelscheibe hineinzublicken versuchte, perlte ihr der Schweiß auf der Stirn. „Nee“, murmelte sie, „wat hat der Junge allens für Delekatessen!“

Es standen im Schaufenster Sachen, die Hanne nicht einmal dem Namen nach kannte. Mit unruhigen Augen betrachtete sie die Auslage: war das auch alles noch frisch? Drinnen im Laden war kein Mensch zu sehen. Jakob nicht und selbst nicht der Kommis. Nun freilich, jetzt am Nachmittag war auch keine Geschäftszeit; am Abend, wenn die Herrschaften feinen Aufschnitt holten, dann würde es schon lebendiger sein.

Sie trat ein durch die breite Glastür, die Schelle gellte anhaltend. Von irgendwo her stürzte ein verschlafener Kommis hinter den Ladentisch: „Womit kann ich dienen?“

„Is mein Sohn nich zu Hause?“ Je, das war ja schon wieder ein neuer Kommis! Er kannte sie nicht.

„Ick bin de Badekow aus Tempelhof!“

Der Kommis lächelte spöttisch: die Alte mit der Hutkiepe?! Er starrte sie unverschämt an.

Sie sah ihn wieder an, aber jetzt so ernsthaft, daß sein spöttisches Lachen rasch verschwand.

„Sagen Sie jefälligst meinem Sohn: Ick wäre da!“

Mit einem Bums setzte sie ihren Henkelkorb auf den Ladentisch, mitten hinein zwischen den Aal in Gelee und die getrüffelte Gänseleberwurst, zwischen die Kistchen mit den ausländischen Trauben und dem französischen Käse.

„Ich werde den Herrn sofort benachrichtigen!“ Der Kommis verschwand. Mit wahrem Kummer sah Hanne Badekow die ausländischen Trauben an: die waren ja angeschimmelt, o weh! Jakob müßte besser aufpassen. Ja, wenn man so einem Kommis alles überläßt! Und der Käse, der weiß und weich sein sollte, war gelblich betrocknet. Sie nahm eine Glasglocke, die unbenutzt dastand, und stülpte sie über den Käse. Die Wurst beroch sie: die roch noch frisch, aber – ein Schrecken befiel sie plötzlich – war es denn wirklich so, wie Johann immer sagte, und wie es auch Marianne sagte, die doch immer von allen das Beste sprach? Der Jakob paßte nicht fürs Geschäft. Er hatte gar kein Interesse daran. Aber was sollte er denn anfangen?! Sie stützte beide Hände auf seinen Ladentisch und starrte auf seine Delikatessen.

Da trat er rasch ein. „Mutter!“ Beide Hände streckte er ihr entgegen.

Sie mußte die ihrigen hineinlegen, sie mochte wollen oder nicht. Und dann fiel es ihr plötzlich auf, der Wilhelm, ihr Jüngster, hatte etwas von diesem Älteren gehabt! Eine weiche Zärtlichkeit kam plötzlich in ihr Gesicht. Hier im lebenden Sohn fand sie etwas von ihrem toten wieder. Daß ihr das früher nie so aufgefallen war! Wenn Wilhelm gelacht hatte, so wie jetzt der Jakob, so war’s bei beiden ganz das gleiche Lachen. Wenn die Auguste doch auch was davon hätte! Es wäre ihr wohler; und anderen auch.

Jakob hatte sich gebückt und die Mutter geküßt. Sie küßte ihn wieder.

„Ick jratulier’ dir“, sagte sie herzlich. „Nu wär’ et aber jenug. Aller juten Dinge, scheint et, sind bei euch sieben. Nu hört aber uf!“

Er lachte, aber dann wurde er plötzlich ernst, ein Zug von Verbitterung verschmälerte sein Gesicht; er wendete es zur Seite. „Wenn sie doch nich eher Ruhe gibt! Das verstehst du nich, Mutter!“

Sie hatte aufgehorcht; er fühlte ihren fragenden Blick. Da nahm er sie rasch beim Arm: „Komm, sieh dir mal gleich das Kleine an. Jule hat gehört, daß du gekommen bist – sie denkt sonst, ich klage dir irgend was vor!“

Hinten heraus, in dem Berliner Zimmer, das so eingebaut war, daß man sich erst an die ewige Dämmerung gewöhnen mußte, ehe man irgend etwas genauer erkennen konnte, lag Frau Julie Badekow im Bett.

Die starken Haare wirrten ihr um den Kopf, sie hingen rechts und links wie lange Schlangen über das Kissen. Die blonde Julie mußte einmal sehr hübsch gewesen sein; jetzt waren ihre Wangen eingefallen, sie hatte Zähne verloren, die ganze weiche Rundheit ihrer Mädchenjahre war weg. Sie war erschöpft von den vielen Geburten; schwach lag sie da.

Darmowy fragment się skończył.

21,94 zł
Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
360 str. 1 ilustracja
ISBN:
9788711466865
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

Podobne książki