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Clara Viebig
Das schlafende Heer
Roman
Saga
Erstes Kapitel
Wie im Backofen die Brote, so bräunten sich jetzt die Landarbeiter in der glühenden, vor Hitze flimmernden Sommerluft. Auf den Hütten der Gutshörigen, die sich hinter den Steinwall duckten, lastete die Sonne. Heiss, unerträglich heiss war’s schon in der Frühe um vier; kein Tau war gefallen, der die Erde erquickt hätte. Dreist spiegelte sich das runde, tiefgelbe Sonnengesicht in den blanken Sensen und leckte mit seiner gierigen Zunge über das flache, schier endlos eintönige Land; über meilenweite Kornfelder, die schwer ihre reifenden Ähren neigten — über dunkelschollige Äcker, in deren fettem Boden, Pflanze an Pflanze gereiht, die Zuckerrübe wächst — über verstreute Herrenhöfe, die sich, durch Baumtrüppchen markiert, aus dem Meer der Felder herausheben — über wenige, dünnen Adern gleichende Strassen, die durchs ewig sich wiederholende staubige Grün der Rüben und staubige Gelb der Weizenfluren ziehen.
Von der Kreisstadt her, deren Strassen, kaum dass man sie verlassen hat, schon verschlungen sind von der Übermacht des Ackers, und deren Dom allein, als einziges Wahrzeichen, noch eine Weile über die Getreidewellen ragt, kam ein Gefährt. Eine kleine Britschka, mehr einem Karren als einem Wagen gleichend, überpackt mit Menschen. Und dahinter, in langsamerer, schwer-ratternder Fahrt, ein Leiterwagen, mit allem möglichen Haus- und Ackergerät belastet.
Der Mann auf dem Vordersitz der Britschka stiess jetzt den Kutscher, der, ihm vor den Füssen hockend, sehr geschickt auf der Deichselstange balancierte, fast hinab, so hastig drehte er sich um. Ihm war, als hätte hinten im Korbwagen jemand aufgeschluchzt. Was, fing die Frau schon jetzt mit Heulen an?!
„Kettchen!“ Er sagte es halb barsch, halb mitleidig, es war etwas Eigenes in dem Ton, der streng sein wollte und doch eine gewisse Bangigkeit in sich trug. Peter Bräuer fühlte selber ein seltsames Kribbeln in den Augen, die ihn schmerzten vom Sonnenbrand.
Zum Donnerwetter, dass auch hier gar kein Schatten war! Warum bepflanzten sie denn nicht die Chaussee mit Bäumen? Chaussee — hoppla, hat sich was mit Chaussee! Au, war das ein Stoss!
Verdriesslich schob Bräuer die Mütze, die ihm vom gewaltigen Ruck über einen Stein ganz auf den Hinterkopf gerutscht war, wieder nach vorn.
„Nennt ihr dat hierzuland en Chaussee? En ganz miserablen Landweg is dat ja“, brummte er und stiess den vor ihm Kauernden mit dem Knie in den Rücken.
Kein Muskel in dem stumpfen Gesicht des Kutschers regte sich. Er hob nur die Peitsche und liess sie mechanisch auf den grau bestaubten breiten Rücken des Braunen niederschwippen:
„Huj, het!“
„Peter“, bat jetzt die Frau in der Britschka, „sag ihm doch, er soll wat ruhiger fahren. Mer is dat gar nit so gewöhnt. Mir tun als so schon alle Knochen weh von dem lange Eisenbahnfahren. Sei so gut, sag et ihm doch!“
„Fahrt langsamer, fahrt langsamer!“
„Huj, huj, het!“ Der Kutscher hieb wie toll auf das sowieso schon unruhige, von Stechfliegen gepeinigte Pferd ein.
„Hört Ihr denn nit? Langsamer!“ schrie Peter Bräuer und fasste ihm über die Schulter in die Zügel. Hinter sich hörte er sein Weib und seine Kinder laut aufkreischen und sein Jüngstes, das der heftige Ruck beim jähen Anziehen des Pferdes aus dem Schlafe geschreckt, jämmerlich weinen. Der Zorn kam ihn an: der Esel mit seinem einfältigen Huihet!
Unsanft packte er den Kutscher an: „He, Polack, habt Ihr denn keine Ohren?“
Der zuckte nur stumm die Achseln und spuckte aus.
Weiter ging es wie bisher, über Steine und durch Löcher.
Die Sonne sengte. Noch war nicht das erste Dorf in Sicht, und zwei Dörfer musste man passieren, bis ganz hinten auf der Fläche, wie winziges Spielzeug unterm riesenweiten Horizont, die Häuschen der Ansiedlung auftauchen würden, mit ihren Zäunen von unbehauenen Fichtenstämmchen, mit ihren Äckerchen rundum, die noch nicht teilhatten an der Fülle des Sommers.
Peter Bräuer schob sich die Mütze auf dem Kopfe hin und her und rutschte unruhig auf seinem Sitz. Hm, was die Frau wohl dazu sagen würde? Ach je! Er war nicht ohne Besorgnis. Und merkwürdig, so weit und unbequem war ihm der Weg von der Bahnstation bis zur Ansiedlung noch nie erschienen! Und er hatte ihn doch schon ein paarmal gemacht in den acht Tagen, die er nun hier war. Das erstemal, als der Herr Gutsverwalter selber ihn von der Kreisstadt abgeholt und ihn hinausgefahren hatte, ihm die schriftlich erstandene Stelle zu weisen, hatte ihn Neugier beseelt, eine schier freudige Erregung; da war es ihm gewesen, als führe ihn der, der ihm so klar alle Vorteile des Ankaufs auseinandersetzte, in ein gelobtes Land. Es schien ihm sicher: mit Fleiss und Arbeit musste es hier gelingen, der Boden würde schon wiederzahlen, was man hineinsteckte an Kraft. Natürlich, das war ja ausser aller Frage!
Peter Bräuer reckte sich in seiner ganzen Stattlichkeit, und dann klopfte er, wie prüfend, seinen gewölbten Brustkasten: hei, er war doch noch ein Tüchtiger, trotz seiner Fünfzig, er nahm’s noch mit jedem von hierzuland, und war der auch zwanzig Jahre jünger, leicht auf!
Kritisch betrachtete er den halb eingeduselten Kutscher: hatte wohl Schnaps gesoffen, Wudka — wie sie den puren Kartoffelfusel nennen —, dass er am hellichten Tage schlief?! Ein verächtliches Lächeln zog des starken Mannes Mundwinkel herab, aber gleich wurde sein Gesicht wieder ernst: ’s war doch keine Kleinigkeit, mit fünfzig Jahren noch einmal von vorn anzufangen, noch dazu im fremden Land!
Was ihn vor acht Tagen, an der Seite seines beredten Führers, freundlich angesehn, dünkte ihn jetzt gewandelt. Blitzte ihn nicht der Himmel, der sich wolkenlos, stahlblau, ehern ob der hartgebrannten Erde spannte, so grimmig an, dass er die Blicke senken musste?
Bah — er rieb sich ungeduldig die Augen — nur nicht zag! Warum denn bange sein? Es hatte ihn ja auch bisher noch kein banger Gedanke beschlichen, auch nicht, als er zum zweitenmal allein dieses Weges gekommen. Da war er sogar die vier Stunden zu Fuss hinausgewandert und hatte sich, obwohl ermüdet, gleich ans Werk gemacht, hatte seine Stelle abgeschritten und sich den passendsten Platz zum Bau des Gehöfts ausgesucht. Ein Brunnen war schon vorhanden; aber dass er sich nicht auch das Haus von der Kommission hatte herstellen lassen, das reute ihn nicht. Nein, eines, akkurat so wie alle andern, so eine viereckige Dose, in die man Käfer sperrt — oder gar Stall und Scheune mit unter einem Dach —, so eines stand ihm denn doch nicht an! Und kein Baum, kein Strauch, kein Garten dabei, nicht einmal eine grüne Bleiche, auf der die Hausfrau das Leinen spreiten konnte, das passte ihm auch nicht! Nein, ein hübsches rheinisches Bauernhaus sollte es werden — ob weiss, ob wasserblau oder rosenrot getüncht, darüber war er sich noch nicht schlüssig —, ein Rebstock musste am Giebel sein, der sich bis zum Dachfensterchen reckte, dass man droben wie aus einem grünen Rahmen schauen konnte, hin zu den Sieben-Bergen jenseits des Stromes.
Ach, die Sieben-Berge — ein weicherer Ausdruck glitt über des Auswanderers hartes Gesicht —, die würde man nun freilich hier nicht zu sehen kriegen! Aber ein Gärtchen wenigstens würde da sein mit einer Laube, um die das Geissblatt am warmen Abend duftete; und Pflaumenbäume würden wachsen und Aprikosen am Spalier, dass die Frau was einzukochen hatte zum Schmierchen für die Kinder.
„Och, sieh ens, Peter! Kein einziger Apfelbaum steht hier im Feld“, sagte die Frau jetzt hinter ihm. Da schreckte er zusammen.
Frau Bräuer stellte sich aufrecht, mit beiden Händen stützte sie sich auf ihres Mannes Schultern, um so einen Halt zu haben im hin und her schleudernden Gefährt. Halb neugierige, halb ängstliche Blicke liess sie über die sonnenflimmernde Ebene schweifen. „Schöne Felder! Jesus, wat en Korn! So’n Felder gibt es bei uns zu Haus doch nit. Sag, wem gehören die?“
Er zuckte die Achseln: „Weiss ich nit!“
„Och Gott!“ — wie in einem plötzlichen Schmerz zog das Weib die Brauen zusammen — „dat weiss mer nit? Och ja, wat is dat doch all so — so — keine Häusches, keine Dörfches — Jesus, wat is dat all so leer!“
„No, dat kannste doch wahrhaftig nit sagen!“ Er versuchte ein heiteres Auflachen. „Sperr doch deine Augen auf! Du hast et ja selber gesagt: haste je so viel Korn auf einem Haufen gesehen? Kuck emal da, hier rechts, den Schlag Weizen! Kotzdonner, mindestens hundert Morgen sind dat — immerfort Weizen, un so schön von Farb! Als ganz dunkelgoldig. Et is en Staat! Hier links hat Roggen gestanden, den haben sie als geschnitten. Kuck einer an, den Staatsklee drunter! Brrr!“
Er fasste wieder über den Kutscher weg nach den Zügeln und war dann mit einem Plumps vom Wagen. Schon trappste er jenseits des tiefen Grabens in die Stoppel. Und jetzt stand er wieder bei seiner Frau und hielt ihr eine Faust hastig ausgerupften Klees unter die Nase.
„En Mass Vierblätter drunter! Und so fett! Wart, wann wir erst so ’ne haben! Dann biste auch vergnügt, gelt, Kettchen?!“
„Ja, och ja!“ Hastig nickte sie, aber sie vermied seinen Blick, der fragend den ihren suchte. Sie hatte ihren Mann nicht ansehen können; Tränen füllten ihre Augen, der strahlende Tag im wolkenlosen Mittagsglanz war ihr verdunkelt. Sie war froh, als Peter sich wieder vorn auf den Sitz schwang.
Und weiter ging die Fahrt, immer weiter durch die Endlosigkeit der reifenden Felder. Da stand Gerste, da Hafer — hoher, reichbesetzter Hafer, wie schwere Tränen hingen die Körner an der sich bleichenden Fahne — aber meist Weizen, Weizen so weit, dass dem Auge das tiefe Gold sich im gläsernen Blau des Himmels zu verlieren schien.
Hier musste bald geschnitten werden! Bräuer hielt prüfend Umschau: Herrgott, was war hier zu schaffen! Unwillkürlich wischte er sich den Schweiss von der Stirn. Es reichten Tausende von Händen nicht zu, all dieses Korn zu schneiden, zu binden, aufzusetzen, zu verladen, heimzuführen in die Scheunen. Und hier gab’s auch riesige Rübenfelder. Wenn deren Ernte auch noch lange ausstand: behackt will die Rübe auch sein, bepflügt und behäufelt.
„Frau, Kettchen“, rief er ganz aufgeregt, „siehste all die Zuckerrüben? Hierzuland kannste billig Zucker in deinen Kaffee tun! Donnerwetter, is da aber en Unkraut zwischen. Da müssten mal so en Stücker hundert Arbeiter ’erein. Hau, is dat noch en Arbeit!“
„Mer sieht ja hier gar kein Leut“, sagte die Frau leise; ihre Stimme klang gepresst. Die Hand über die Augen haltend, spähte sie in die Ferne mit einem unruhig suchenden Blick. Kam die Ansiedlung denn noch nicht?! So weit waren sie nun schon gefahren! Doppelt weit kam ihr diese Wagenfahrt vor; nun sie dem Ziele so nahe, deuchten sie diese letzten paar Stunden schier länger als die ganzen Tage der Eisenbahnfahrt vom fernen Rhein bis in die östliche Provinz.
Wie mochte Pociecha aussehen? Gab’s da Wälder, Berge, einen Fluss? Nein, aber Bäume würden dort sein. Peter hatte gesagt, dass ein Dorf ganz nah sei, ein altes Dorf; es gab da sicher Gärten mit alten, breiten, vielästigen Obstbäumen. Eine wahre Sehnsucht nach Schatten, nach Bäumerauschen ergriff die in Hitze und Seelenunruhe fiebernde Frau.
Wohin führte der Peter sie? So weit in die Fremde! Und wie würden die Kinder sich schicken? Voll zärtlicher Sorge wendete die Mutter ihre Augen auf die Kinder — lauter Blondköpfe waren es, zehn, acht, sieben und zwei Jahre alt — Settchen, Maria, Lena und das kleine Stinchen. Frau Kettchen hielt nicht viel vom Studieren, aber schön schreiben und auch richtig schreiben mussten sie doch lernen und hell singen und brav beten. Ob sie das hier auch alles lernen konnten?!
Der Mutter Blick suchte den Himmel: ach, der sah so verschlossen, so eisern aus wie ein blanker Schild, an dem selbst die Gebete, gestammelt von der Unschuldigen Mund, abprallen! Mit leicht zitternder Hand fuhr sie über einen lieben Kopf nach dem andern.
Schlaftrunken, übermüdet rekelten sich die Kinder. Ihre blonden Häuptchen hingen matt und nickten willenlos hin und her wie schwere Ähren im Wind. Beim nächsten heftigen Rädergerumpel rutschten alle vier vom unbequemen Sitz; da lagen sie zusammen auf einem Häufchen am Boden der Britschka.
Die armen Kinder! Frau Kettchen suchte sie zu ermuntern, aber dann gab sie’s auf: es war das beste, sie schliefen; zu sehen gab’s doch immer nur dieselbe gleiche, eintönige Weite! Ein Gefühl unendlicher Vereinsamung durchschauerte sie plötzlich, fast überlaut stiess sie heraus: „Peter, Peter!“
„Wat denn, Kettchen?“ Er drehte sich rasch nach ihr um, ihre Stimme hatte so verängstigt geklungen. „Is dir wat, Kettchen?“
„Och nix!“ Sie schämte sich. Sie hätte es ihm ja auch gar nicht beschreiben können, wie ihr zumute war, nun sie immer weiter und weiter fortkamen von der Station, wo doch wenigstens die Lokomotive schnaufte und dampfte, die sie der Heimat entführt, die sie aber wieder dorthin bringen konnte, dorthin, wo der Rhein fliesst. War ihr nicht jetzt so, als läge die Welt und alles, was gut und schön und glücklich war, hundert Millionen Meilen weit hinter ihr? Sie schwebte in einem ungeheuren Raum, in dem ihr tastender Fuss keinen Boden, ihre suchende Seele keinen Halt fand.
„Peter, sind wir denn noch nit bald da?!“
„Nur noch en klein Stund!“ tröstete er. „Dat erste Dorf kömmt jetzt gleich. Siehste, da is als Mais!“ Er wies ihr die hohen, tiefgrünen Maisstauden, deren Fruchtkolben noch von weisslichen, löffelförmigen Blättern verhüllt waren, mit deren seidenfädigen Schweifen, die im Sonnenlicht wie silbernes Haar glänzten, aber das heisse Sommerlüftchen winkend wehte.
„Da dervon bauen wir uns auch wat an für die Hühner“, sagte er, „da legen sie gut nach. Un für die Schwein is dat überhaupt ’ne Leckerbissen. Du sollst emal sehen, wat du für Eier nach der Stadt verkaufen kannst!“
„Och“ — ein wehmütiges Lächeln spielte um ihren Mund — „dat is doch nit wie bei uns zu Haus? Wie soll ich denn hier nach der Stadt kommen? Die is ja viel zu weit!“
Aber gleich darauf machten sie doch miteinander Pläne: wenn sie erst Pferd und Wagen hatten, dann ging das doch! Oder noch besser, wenn erst die Eisenbahn fuhr — in einem oder spätestens zwei Jahren hatte man die ja, schon war die Strecke abgesteckt, Peter hatte es selber gesehen —, dann konnte der Valentin leicht, immer regelmässig zweimal die Woche, nach der Stadt fahren. Wo steckte übrigens der Junge? Bis vor kurzem noch war der Leiterwagen immer in Sicht gewesen, nun war er auf einmal ganz zurückgeblieben.
Besorgt schaute der Vater aus. Aber sosehr er auch spähte, nichts war zu sehen als das Wogen goldenen Korns und das Sonnengeflimmer zwischen Erde und Himmel. Dem Jungen würde doch kein Malheur passiert sein?! Er war an solche Wege nicht gewöhnt und auch nicht an diese Rackers von Pferden. Bräuer machte sich Vorwürfe: hätte er doch lieber in der Stadt einen Kutscher auch für den Leiterwagen gedungen, anstatt auf den Valentin zu hören, der gemeint hatte, fahren könne er noch leicht so gut wie hier einer. Nun war bei der verdammten Rumpelei gewiss eine Speiche gebrochen, oder der Wagen war in einem Loch steckengeblieben, lag vielleicht gar zur Seite in einem tiefen Graben?! ’s war hier keine so glatte Chaussee wie daheim längs des Rheins, auf der die Gäule nur immer so von selber dahintrabten, als machte es auch ihnen ein heilloses Pläsier.
Das konnte eine schöne Bescherung geben! Nun, vorderhand musste man erst noch mal geduldig ein wenig warten!
Auf den Ruf, den der Vater zurückschickte, kam keine Antwort. Die Britschka hielt an. Die Sonne prallte.
„Fahr ein bissken im Schatten“, bat die Frau.
Schatten, wo war der?! Kein Baum, kein Gebüsch, nichts Ragendes in der ganzen Runde.
Doch, halt, dort in der Biegung des Seitenwegs, was war das?!
„Peter, och, kuck da!“ Fast jubelnd streckte die Frau beide Hände aus.
Da stand ein Heiligenhäuschen, frisch getüncht, mitten im goldenen Korn; die Ähren streichelten seine rissigen Mauern. Wie ein Backofen sah sich’s an in seiner rund gewölbten Buckelform; aber wo man sonst die Brote einschiebt, standen hier drei Steinpüppchen in der Nische, nicht mehr erkenntlich, Steinklümpchen gleich, die tausend Jahre im Acker gelegen. Ein Pflüger hatte sie wohl aufgepflügt, und jetzt standen sie am Sonnenlicht in der Nische, und des gläubigen Volkes Hände hatten die Heiligen mit Flittern und Papierrosen, mit welkenden Sträusschen von Mohn und Kornblumen geehrt.
„Och, Peter, kuck, kuck!“ Die Frau strebte vom Wagen, der Mann musste ihr herunterhelfen. Es zog sie allmächtig zu jener Nische — ach, wenigstens etwas war hier so wie daheim!
Auf die Knie sinkend, sich bekreuzend und fromm die Hände hebend zum Himmel, der ihr nun auf einmal doch nicht verschlossen schien, murmelte sie jenes Gebet, das sie daheim vielhundertmal gebetet:
„Gegrüsset seist du, Maria, voll der Gnaden …“
Und die Kinder, aufgeweckt von vertrauten Klängen, falteten auch ihre Händchen und stammelten mit.
Vom polnischen Dorf, vergraben hinter Kornwellen, kam jetzt dünnes Mittagsgeläut. Der Kutscher zog den runden Hut und bekreuzte sich, sich so tief dabei verneigend, als strebe er mit der Stirn zur Erde.
Peter Bräuer stand dabei und guckte ein wenig verdutzt von seiner Frau zum Kutscher und von diesem wieder hin zu jener: Sieh mal einer an, der Polack betete ja auch!
Und plötzlich zog es auch ihn hin zu der kleinen Nische — eine Hand hatte ihn berührt, die reichte vom fernen West bis zum fernen Ost. Rasch neben seine Frau tretend, beugte er das Haupt.
Peitschengeknall und ein heller Pfiff schreckte die gläubig Versunkenen auf. Mit Gerassel und Gepolter kam der Leiterwagen angefahren. Valentin stand aufrecht darin und hieb lustig auf die schnaubenden Gäule.
„He, Vater!“
„Endlich, Jung! Ich kriegt et als mit der Angst!“
Peter Bräuer stiess einen erleichterten Seufzer aus: Gott sei Dank, da war kein Malheur passiert! Die kleinen Schwestern in der Britschka erhoben ein helles Jubelgeschrei, als sie den grossen Bruder sahen.
„No, wat denn?“ Der hübsche Bursche, dem eine noch unvertragene Soldatenmütze verwegen auf dem Krauskopf sass, zeigte lachend seine gesunden Zähne. „Habt ihr als gedacht, ich wär verlorengegangen? Nee — haha — so rasch nit!“
„Nee, aber man is doch hier fremd“, entschuldigte Frau Kettchen und sah ihren grossen Stiefsohn freundlich an. „Ich glaub, der Vater hatt’ als Angst, du hättst Malör gehabt!“
Valentin lachte wieder. „Dat hätt’ ich auch leicht gekonnt. Ich denk an nix, auf einmal machen die Pferd ’ne Satz, dat se mir die Zügel aus der Hand reissen. Rechts aus dem Korn springen der Mädchen Stücker zehn, zwölf — wie ’n Volk Rebhühner — husch — über die Strass in ’t Rübenfeld links. Ich glaub, se hatten ihr Mittagsschläfchen gehalten im hohen Korn. Ich schimpf — sie lachen. Mutter, du glaubst et gar nit, wie die so frech waren! In eins fort gelacht, und sowie ich wat gesagt hab, haben se noch viel mehr gelacht!“ Jetzt schmunzelte der junge Mensch behaglich in sich hinein. „Un dann haben se mir Kusshändches geschmissen un allerlei gerufen, wat ich nit verstehen könnt. ‚Demibuschi‘ un so wat! Weisste, Vater, polnisch müsste mer hier eigentlich doch können!“
„Unsinn, no, auch noch!“ Bräuer konnte sich ordentlich ärgern. „Lass se doch deutsch sprechen! Un nu voran!“
Staubwolken wirbelten, Hunde kläfften; Kinder, die, nur mit einem Hemdchen bekleidet, halbnackt zwischen den Schweinen auf der Strasse herumwuselten, schrien gellend hinter den Wagen drein, die das Dorf passierten.
Frau Kettchen machte grosse Augen: gepflastert war hier nicht! O weh, wenn’s hier regnete, tunkte man ja ein bis über die Knöchel! Unwillkürlich fasste sie nach ihren sauberen Röcken.
Im grossen Pfuhl, den die durstige Sommersonne halb ausgetrocknet hatte, wuschen Weiber ihre Wäsche zwischen dem grünschleimigen Entengries. Überm blanken Hemd nur einen kurzen Kattunrock, aber alle das anliegende Mützchen fest um die Ohren gebunden, schauten sie wenig freundlich den rasselnden Gefährten nach: Aha, wieder neue!
Bräuers Kinder quälten die Eltern mit Fragen: War das ein Dorf? Doch nicht das Dorf, wo sie hinsollten?! Kam das denn noch immer, noch immer nicht?
Aber als die letzte der aus grauem Lehm zusammengepatzten niedrigen Hütten mit ihrem, dem Staub der Strasse ähnelnden, graubraunen Strohdach verschwunden war, schloss ihnen die gleissende Monotonie der Felder bald wieder den Mund.
Frau Kettchens Gemüt, das sich noch eben im Gebet aufgerichtet hatte, wurde wieder niedergedrückt — also das war ein Dorf?! Die Hände im Schoss verschlingend, starrte sie trübe vor sich hin.
Die Stimme ihres Mannes schreckte sie auf. Peter Bräuer rief seinen Sohn an. Ein Zug nahte aus östlicher Richtung. Buntgescheckt, wie aus allerlei Flicken zusammengelappt, schob er sich heran durchs sonnige Gelb.
Frau Kettchen reckte den Hals: Wer waren die Männer im roten Hemd, Sensen auf der Schulter? Woher kamen die Weiber, müde dahinzockelnd, wie Lasttiere beladen mit Sack und Pack? Waren das etwa Zigeuner? Ängstlich sah sie auf ihre Blondköpfe — Zigeuner sollten doch Kinder stehlen — und dann nach ihrem Leiterwagen, der das erste unentbehrlichste Gerät enthielt.
„Wanderarbeiter“, sagte Peter Bräuer und beschattete die Augen mit der Hand, um besser ausschauen zu können. „Die kommen ’rüber von Russisch-Polen. Gott bewahr uns, sind denn noch nit genug Polacken hier?! So’n Gesindel! Aber, ich hab’t gehört, selbst der deutsche Herr in Przyborowo soll ihrer welche zum Schnitt gedungen haben!“
„Och, die Weiber, wat die sich abschleppen!“ Frau Kettchens Stimme klang mitleidig, und als sie ein paar Halbwüchsige sah, die ins Korn liefen, Ähren abrupften und gierig Körner daraus assen, fing sie an, im Körbchen, das ihr zu Füssen stand, zu kramen. „Die sind hungrig, mer könnt ihnen doch wat zu essen geben! Uns’ Kinder sind ja als satt.“
Aber ihr Mann verwies es ihr: „Lass dich mit denen nit ein. Die arbeiten im Akkord, die verdienen genug. Im Winter tun se alles verjuxen!“
Doch sie konnte den Blick nicht wenden.
Näher und näher kam der Trupp, langsamen, aber durch seine Stetigkeit unaufhaltsam fördernden Schrittes. All die stumpfen Gesichter mit den breiten Backenknochen glänzten braunrot vom Sonnenbrand.
Am hölzernen Weiser, der dort, wo der breite Fahrweg sich in noch drei andere fahrbare Strassen verzweigt, seine Kreuzesarme reckt, stiessen die Wanderer zusammen.
Der stumme Kutscher der Britschka hielt an. Der vorderste der Sensenmänner war vor den Wagen getreten; den Hut bis zur Erde ziehend, schien er nach dem Weg zu fragen.
Bräuer wunderte sich: konnte er denn nicht lesen? Da stand’s doch gross und breit, deutlich an jedem Kreuzesarm, wohin!
„Chwaliborczyce“, belehrte der jetzt plötzlich lebhaft gewordene Kutscher, und wies nach rechts — und dann ein wenig nach links: „Niemczyce“ — und dann ganz nach links: „Przyborowo!“
„Przyborowo — Przyborowo!“ Mit einem Aufatmen der Erleichterung wiederholte das die ganze Schar.
Mochten die müde sein! Frau Kettchens blaue Augen musterten die braunen Weiber: ach je, die waren ja alle noch ganz jung, nur eine Alte war dabei.
Die Weiber wiederum musterten sie. Plötzlich trat eine der Braunen, der das rote Kopftuch in einer spitzen Falte über die Stirn vorstand, dicht an die Britschka, haschte nach dem Kleid der darin Aufrechtstehenden und drückte es demütig an die Lippen. Aus dem an den vier Zipfeln zusammengebundenen Leintuch, das ihr schwer auf dem Rücken hing und ihre Schultern vordrückte, guckte neben dem irdenen Zwillingstopf zum Essentragen, neben einer Kesseltülle, einer Hacke und einem Löffelstiel, in ein Bettkissen eingebündelt ein Kinderköpfchen. Allen Strahlen der Sonne preisgegeben, schlief der Säugling, beperlt von Schweiss.
Begehrlich funkelten die Augen der jungen Mutter. Hastig langte Frau Kettchen nach ihrem Körbchen: ach, wie mochte der Armen zumute sein! Und sie teilte aus in die ausgestreckten Hände, denn auch die andern Weiber hatten sich hinzugedrängt. Alle Müdigkeit schien plötzlich von den erschöpften Gestalten gewichen, die bei der Anstrengung des Wanderns zusammengepressten Lippen hatten sich, glückselig lachend, geteilt; Dankesbeteuerungen und Segnungen, von denen die deutsche Frau nichts verstand, rauschten nur so dahin.
Peter Bräuer hatte seine Frau gewähren lassen; ihn interessierten die Männer, diese untersetzten, muskulösen, sehnigen Gestalten. Also so sahen die aus?! Hm! Sahen schon aus, als ob sie arbeiten könnten. Aber in Arbeit nehmen durfte man die drum doch nicht — nur nicht! Es war eine Gefahr, dass die sich hier festsetzten.
Die Herren hatten schon ganz recht, in der Zeitung, die man ihm zugestellt hatte, zu schreiben: ‚Weg mit ihnen, deutsche Arbeiter her! Nur dann wird man deutsches Land haben, und alles‘ — — — —
„No, wat is denn?“ Ein Zetergeschrei hatte Bräuers Betrachtungen gestört.
Die Halbwüchsigen, die sich im Korn verloren hatten, kamen schreiend angerannt: „Poludnica, poludnica!“ Und die Weiber griffen den Schreckensruf auf und gaben sämtlich Fersengeld.
Die Männer blieben zwar stehen, aber auch sie blickten beunruhigt: war da etwa das Mittagsgespenst, die Poludnica, die, wenn die Sonne hoch steht, durchs Korn streicht, um darin herumstreifende Kinder zu fangen?
Gen Niemczyce zu schlug das Korn im heissen Wind Wellen. Wie flutendes Wasser schwappte und wogte der goldene Schwall, und die scheitelrechte Sonne goss noch einen goldenen Strom vom Himmel dazu nieder. Mitten in diesem Meer, im blendenden Mittagszauber der Ähren war plötzlich eine Gestalt aufgetaucht, hell der Hut und das Gewand, hell das Gesicht, und die Flechten wie reifer Weizen.
„Hu, poludnica.“ Noch einmal kreischten die Weiber laut auf.
Selbst die Bräuers waren erschrocken, hatten sie doch niemand kommen gehört noch gesehen. Im wogenden Getreide war jene sacht dahergewandelt gekommen, auf kaum kenntlichen Fusspfädchen. Verdutzt starrten sie in das helle Gesicht.
Aber der Kutscher war blitzschnell von der Deichsel gesprungen; den Hut bis zur Erde reissend, wie vorhin bei dem Heiligen-Häuschen, grüsste er ehrfurchtsvoll, untertänig.
Da zog auch Peter Bräuer den Hut — die schien aber mal eine vornehme Dame!
Ein rascher Blick aus den hellen Augen der blonden Frau streifte ihn, dann nickte sie ihm freundlich zu: „Guten Tag!“
Horch, was war das? War das Musik? Glockenklang aus heimischem Land? Oder kam’s vom Himmel herab?!
Frau Kettchen war auf den Sitz zurückgesunken, ihre Lippen fingen plötzlich an zu zucken; heiss schoss es ihr in die Augen, jähe Tränen der Sehnsucht begannen über ihre Wangen zu rinnen. Aber es waren auch Tränen der Hoffnung. Einen Nebel legten sie wohl vor ihre Augen, doch der Nebel war nicht grau wie die Schleier des Abends, golden durchleuchtete ihn Licht des Morgens, denn mitten in ihm stand eine freundliche Gestalt, die Frau mit blonden Flechten und hellen Augen, und — die sprach deutsch.
„Guten Tag“, schrien die Kinder; es klang jubelnd.
„Guten Tag, gnädige Frau“, rief Valentin keck.
„Guten Tag“, sprach auch bedächtig und respektvoll der alte Bräuer. Und sein Weib stammelte — es konnte nicht laut sprechen vorm heftigen Klopfen des gerührten Herzens — leise nach:
„Guten Tag!“
Zweites Kapitel
Auf Niemczyce-Deutschau stand die Gutsherrin, Helene von Doleschal, am Fenster ihres Zimmers und schaute, beide Hände auf die Brüstung gestützt, hinunter in den Garten. Die Terrassen abwärts, unten am See, von wo die leichte Brise wehte, spielten ihre Knaben; sie hörte die hellen Stimmen zu sich heraufschallen. Sie wartete auf ihren Mann; der war gleich nach dem Mittagessen wieder aufs Feld geritten. Kam er jetzt bald?! Sie neigte sich weiter hinaus; zwischen den Blumenbeeten herauf führte das Pfädchen, das er gern einschlug, wenn er, ungeduldig abkürzend, den Braunen allein zum Hof traben liess und sich selber durchs Seitenpförtchen in den Garten stahl.
Helene blickte über die Hängerosen unterm Fenster, die die Glocken ihrer Kronen auf den samtig geschorenen Rasen niederstülpten, hinüber zum Hügel. Jenseits des Sees ragte der sandige Gipfel, der, mit einer einzigen Kiefer beflaggt, fast wie ein Berg in der Ebene erschien. Dort hinter jenem Berg lag Kolonie Augenweide! Der Weg dahin war weit, und Hanns-Martin hatte versprochen, heute noch mit ihr hinzufahren. Neue Kolonisten bauten ein Haus — ob das die Leute waren, denen sie neulich an der Grenze begegnet war, als sie mit ratterndem Leiterwagen und müden Kindern einzogen?!
Wenn Hanns-Martin doch bald käme! Schon legte sich ein Schatten über die blanke Metallplatte des Sees; die Schwäne, die zur Zeit der hohen Sonne im Schwanenhäuschen unter der alten Silberpappel der Insel Zuflucht gesucht, ruderten jetzt langsam über die mild beleuchtete Fläche, ihr Bild mit den schön gewölbten Flügelbogen schneeig im tiefen Wasser spiegelnd. Von den Blumenkissen der Terrassen stiegen verstärkte Wohlgerüche auf; die Heliotrope, Levkojen und Reseden, die um Mittag schlaff gehangen, standen jetzt erfrischt. Die waldigen Ausläufer des Parks, bis zum sandigen Hügel hin von beiden Seiten den See umschliessend, zeigten um ihre Kronen schon weicheren Flimmer.
Nun kam er wohl nicht mehr zur Zeit!
Enttäuscht wollte Helene vom Fenster zurücktreten, da hörte sie seine Stimme. Die Gruppen der Kannas und Musen verdeckten noch seine Gestalt, aber jetzt — jetzt war er zu sehen! Eiligen Schrittes stürmte er den kleinen Pfad herauf. Die Knaben hatten ihn entdeckt; ausgelassen umsprangen ihn die vier grossen, den kleinen Kurt liess er auf der Schulter reiten. Das Kindermädchen folgte, während wiederum hinter diesem, zeternd vor Besorgnis um ihres Herrn Küchlein, die alte Pelasia dreinhumpelte.
Die Knaben jauchzten: hurra, nun rannte Väterchen auch über den Rasen, und der Gärtner durfte doch nicht schelten!
„Helene!“ Schon war er unter ihrem Fenster. Die weisse Mütze aus der erhitzten Stirn zurückschiebend, schaute er zu ihr hinauf. „Endlich! Entschuldige! Meine liebe Frau! Ich musste noch aufs Vorwerk, Scheftel aus Miasteczko war da wegen der Milchkälber. Der Vogt wusste sich nicht zu helfen, der Kuhschweizer will sich immer von keinem Stück trennen. Sie zankten. Ich musste ein Machtwort sprechen.“
„Wie du dich um alles kümmerst“, sagte sie zärtlich. „Hast du gut verkauft an Löb Scheftel?“
„Es geht. Na“ — er klopfte sich mit der Gerte den Staub aus den enganliegenden Reithosen — „lassen wir das! Ich werde mich erst ein bisschen menschlich machen, und dann fahren wir.“
Sie lächelte ihn an. „Komm herein, trink nur erst Kaffee! Die Mamsell hat schon sechsmal fragen lassen, ob sie die frischen Waffeln heraufschicken dürfte.“
Weniges später fuhren die Doleschals auf dem leichten Korbwägelchen fort. Kein Diener sass hinten auf. Er kutschierte selber, ein Zungenschlag trieb das gut eingefahrene Pferd an. Der schlichte Schleier, den Helene als einzigen Schmuck um den Hut trug, wehte im Sommerwind.
Dem Park zur Linken, immer am hohen Drahtzaun entlang, führte zuerst die Strasse, dann trat sie näher zum See; mühselig knirschten die Räder durch tiefen Sand und dann noch mühseliger die Hügelsteigung hinan. Aber von oben herab lohnte ein herrlicher Blick auf den glatten See mit seiner bebuschten Insel, und auf das weisse Herrenhaus jenseits, mit den Blumenbeeten davor, von den grünen Wipfeln des Parkes wie ein freundliches Bildchen eingerahmt.
Noch ein paar Räderumdrehungen, und rasch ging es jetzt wieder bergab. Der Sandbuckel mit der einsamen Kiefer schob sich wie ein Schutzband vor die Oase von Deutschau. Nichts begrenzte nun mehr den Blick. Felder, Felder, Felder. Einzig in der Ferne, hinter Chwaliborczyce, ein paar Waldlinien; aber sie erschienen heut noch ferner als sonst, der staubige Dunst, der über der reifen Ebene lagerte, hatte das Blau des Kiefernforstes verhängt.
Überall wurde Weizen gehauen. Auf Deutschauer Land waren die Hemden der Schnitter alle weiss. Die Leute schafften schwer. Jeder Mann hatte ein Weib hinter sich, oft ein kaum erwachsenes Mädchen, das mit keuchender Brust, in unablässig gebückter Stellung hinter ihm drein schritt und die Schwaden raffte, die unter der blanken Sense fielen.
„Wir hätten Schnaps für sie mitnehmen können“, sagte Helene, „bei dem Staub tut’s ihnen not!“
„Schnaps?! Du weisst, ich bin nicht für Schnaps. Die Vögte sind angewiesen, Kaffee auszuteilen. Aber wie das Volk so ist! Kaffee wollen sie nicht, dann trinken sie lieber gar nichts.“
„Sie sind eben mal Schnaps gewöhnt“, entschuldigte sie. „Bei uns zu Hause gab es auch immer Schnaps in der Ernte. Mutter mischte ihn selber: ein Liter Kartoffelspiritus, ein Liter Wasser und ein bisschen Himbeersaft dazu. Weisst du, es war für mich das grösste Vergnügen, wenn ich mit meinem Pony herumfahren durfte, ihn austeilen. Und wir waren doch ganz deutsch!“
„Nein, Fusel nicht“, sagte er fast eigensinnig, und eine Falte der Verstimmung trat ihm zwischen die Brauen.
Sie schwieg, kannte sie doch ihren Mann viel zu genau, um in solchen Momenten dagegenzureden.
Noch hatten sie Deutschauer Land zu beiden Seiten, aber ein Zipfel von Chwaliborczyce schob sich wie ein Keil von links her, mitten hinein, und aus der Weite zur Rechten tauchten jetzt die Akazien von Przyborowo auf. Auf Chwaliborczycer Land gab’s rote Hemden; ihre blutige Farbe, grellleuchtend im staubfarbenen Erntedunst, überschrie jede andre.
Alle Schnitter kannten das Gefährt von Niemczyce, aber nicht alle grüssten. Wenige nur; viele grinsten höhnisch: aha, der Niemczycer! Dass ihn der Donner erschlage! Die Arbeiter sollten nicht Schnaps bekommen? Haha, mochte er dann sehen, wo er noch Arbeiter herkriegte!
Der Chwaliborczycer Inspektor, Herr Szulc, der auf tänzelndem Braunen in der Nähe seiner Schnitter hielt und, mit der verknoteten, vielschwänzigen Lederpeitsche hier- und dorthin weisend, Befehle schrie, tippte mit dieser nachlässig an seinen Hut.
Das sollte ein Gruss sein?! Unverschämt, dieser Schulz! Helene warf einen schnellen, ängstlichen Seitenblick auf ihren Mann.
Aber die Lider halb über die Augen sinken lassend, ignorierte der Freiherr den Inspektor vollständig. Nur eine feine Röte überzog flüchtig sein blassbräunliches Gesicht. „Sieh mal, Chwaliborczycer Weizen!“ Er zeigte mit der Peitsche.
„Aber er ist lange nicht so schwer wie der unsre“, stiess sie hastig heraus; es drängte sie förmlich, ihm rasch etwas Angenehmes zu sagen.
„Du irrst dich, Kind, er ist ebenso wie der unsre. Er könnte sogar besser sein, denn Deutschau hat längst nicht den famosen Weizenboden wie Chwaliborczyce. Aber Garczyński will eben nichts mehr hineinstecken. Ich denke, er wird verkaufen.“
„Was — Garczyński verkauft?! An wen denn? An die Kommission?“ Helene blickte ganz entsetzt. „Sein schönes Gut! Über vierhundert Jahre in der Familie — wenigstens sagt er so! Muss er verkaufen? Schrecklich! Sag, Hanns-Martin, geht’s ihm denn so schlecht?“
„Ach, bewahre!“ Doleschal lachte. „Das verstehst du nicht, Kind! Warum soll es ihm denn schlecht gehen? Das nicht! Aber vielleicht auch, dass er dabei an die Erziehung seines Sohnes denkt — er hat nur den einzigen Jungen —, und seine Frau kann sich absolut nicht entschliessen, sich von dem zu trennen, wie er erzählt. Und auf die Dauer geht das doch nicht: nur der Unterricht beim Vikar. Ich bitte dich, so ein katholischer Geistlicher — nur Seminarbildung —, was kann der Junge da lernen? Aber vor allem, wenn es einem so bequem geboten wird wie jetzt! Er kann sich glänzend rangieren. Er geniert sich nur ein bisschen. Die Grosspolen und die Volkspartei werden es ihm ordentlich anstreichen, wenn er an die Ansiedlung verkauft. Das halftert ihm auch seine Zeitung, der ‚Kuryer Poznański‘, nicht ab!“
„Ich mag ihn nicht“, sagte die junge Frau heftig, „ich mag ihn ganz und gar nicht. Wie kann er ohne zwingende Not verkaufen? Würdest du je Deutschau verkaufen, Hanns-Martin?“
„Da sei Gott vor — nie!“ Sein Gesicht wurde sehr ernst. „Ich würde mich ja versündigen am Andenken meiner Vorfahren. Der Grossvater und dann mein Vater haben Deutschau gehalten, mit vielen Opfern. Nun halte ich’s!“
Sie lachte fröhlich. „Grade so denk’ ich. Und die Jungens sollen auch so denken. Weisst du, und dann werden wir im Erbbegräbnis, das der alte Grossvater so schön im Park angelegt hat, alle miteinander schlafen. Es muss einem im Grabe noch ein angenehmes Gefühl sein: du liegst im eigenen Grund und Boden.“
Er nickte. „Natürlich! Aber sprich nicht so etwas, Helene, wir sind noch zu jung dazu. Und wir haben ja noch soviel vor uns! So vieles zu schaffen, zu bessern! Wenn die Zeit nur reicht. Übrigens, wenn Garczyński verkauft, soll mir’s recht sein. Dann bekommen wir noch mehr Ansiedler her — hoffentlich rein Deutsche und recht viele! Kleine Leute, die machen das Volk aus. Siehst du“ — er hob die Peitsche und wies geradeaus, wo einzelne kleine Häuschen, wie ängstlich auf der weiten Fläche, sich zusammenduckten — „da haben wir Ansiedlung ‚Augenweide‘!“
„Ach, und da ist der Kirchturm von Pociecha-Dorf! Sie haben ihn gerade im Rücken. Wie guckt er schwarz!“
„Lass ihn! Siehst du“ — er hielt das Pferd an — „da, selbst der Grenzstein ist schwarzweiss! Holla, wer trampelt denn darauf herum? Ist das nicht der Chwaliborczycer Schäfer?“
Auf dem Grenzstein, der auf schwarzgeteertem Grund in weithin leuchtenden weissen Buchstaben ‚Ansiedlung Augenweide‘ wies, stand Dudek, der Schäfer.
Schwer stützte er sich, um oben auf dem schmalen, scharfgekanteten Stein die Balance zu halten, auf seinen langen Hirtenstab, der mit der eisengekrümmten Spitze wohl gewichtig genug war, einen Wolf niederzuschlagen. Der blaue Strumpf, an dem er sonst unermüdlich strickte, lag achtlos am Boden. Die vielen hundert Schafe, des Schäfers Obhut anvertraut, hatten sich von Chwaliborczycer Roggenstoppel längst hinüberverloren auf Nachbarland. Auch der Hütejunge war davongeschlichen und träumte im Grenzgraben unterm Dornenbusch einen schönen Traum.
Dudek, der Alte, hatte des alles nicht acht. Er stand ganz versunken, ragend wie ein dürrer, blattloser Baum unterm gläsernen Himmel und starrte vom Grenzstein hinab auf die kleinen Häuschen, ängstlich in der grossen Weite zusammengeschart. Er seufzte: was wollten die hier? Früher, als sein, Kuba Dudeks, Vater noch jung gewesen, da war hier nichts gewesen als der Himmel und die Länder des polnischen Herrn, nichts als die Hütten seiner Hörigen. Da konnte der Schlachcic, der Edelmann, reiten von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang — alles war sein. Und als er, Kuba Dudek, noch jung gewesen, da hatten alle gesprochen in der Sprache, die Gott der Herr spricht, darinnen die heilige Mutter zum Sohne spricht.
Die da — „psia krew!“ Energisch hob der Hirt das mit Lappen und Schnüren umwickelte Bein und stampfte mit dem Bastschuh den Grenzstein. Sein Mund, dessen Lippen durchs Alter so schmal geworden, dass sie ganz in der verschrumpften Kinn- und Backenhaut verschwanden, murmelten den Fluch: „Möge sie der feurige Blitz zerschmettern!“ Konnten sie nicht bleiben, wo sie geboren worden — jeder soll bleiben, wo ihn die Mutter geboren —, was mussten sie hierherkommen?! Trugen sie keine Scheu, so dicht zu nahen dem Nest des weissen Adlers?
Drohend hob Dudek den schweren Stock, die geballte Faust schüttelte er gegen die Kolonie. Da waren ihrer wieder neue hinzugekommen — weisse Eindringlinge mit gelben Haaren — sie bauten ein Haus.
Noch schimmerten die unbedeckten Dachsparren wie die Rippen eines Skeletts, aber geschäftig eilten die Männer beim Bau; man sah ihre Gestalten sich richten und bücken, sich drehen und wenden in emsiger Bewegung, wie unruhige Zwerge auf dem Teller der grossen Ebene.
„Sie bauen, sie bauen“, rief Helene erfreut und klatschte in die Hände.
Da drehte sich der Alte um. Er hatte den Wagen nicht herankommen hören, sein Ohr war nicht mehr scharf, aber sein Auge noch. Ohne Übereilung, schwerfällig stieg er nieder vom Grenzstein und zog, das Knie beugend, den Hut.
Freundlich grüsste ihn Helene, war doch seine Frau die Schwester von ihres Mannes einstiger Amme, der alten Pelasia.
„Tag, Dudek, wie geht’s? Kommt Ihr nicht auf einen Sonntag die Pelasia besuchen? Sie beklagt sich, dass niemand nach ihr sieht.“
„Wenn sie sich sehnt nach ihren Eigenen, soll sie kommen!“
„Ihr seid viel rüstiger als sie, Dudek, und Eure Frau ist auch wohl noch besser zu Fuss. Sagt, was machen denn Eure Enkel, der Jendrek und die Michalina? Dass ich’s Pelasia erzählen kann!“
„Hat der Jendrek bei Soldaten gemusst. Haben sie ihn geschickt weit, sehr weit, wo niemand versteht ihn. Is die Michalina zu Herrschaft gezogen, is sich auch Amme geworden bei fremdes Kind.“
„Nun, Dudek, und was machen Eure Schafe? Ich sehe schon, sie sind gut imstande. Sie sind gewaschen, sind ja weiss wie Schnee!“
„Mutterschafe sind sich gewaschen; aber wie lange noch werden Lämmer seinige sein? Alles nimmt sich Fremder, alles!“ In einer resignierten Melancholie liess der alte Mann den Kopf auf die Brust sinken.
„Wieviel Schafe habt Ihr jetzt?“ fragte Doleschal.
Nun hörte Dudek auf einmal gar nicht mehr. Mit weit ausholenden Schritten in die Roggenstoppel stapfend, schrie er schimpfend nach seiner Herde und dem lässigen Hütejungen. Der wolfsähnliche Hund, der bis jetzt träg am Stein geblinzelt, jagte mit wütendem Gekläff vor ihm her.
Vergebens rief Helene: „Soll ich Pelasia grüssen?“ Keine Antwort mehr. Taub war der Schäfer, aber auch blind, denn er suchte seine Herde, wo diese gar nicht zu finden war. Ein heisser Wind, der plötzlich mit Kraft über die Ebene schnob, lüftete seinen Schafpelz und warf die weissen Haare, die ihm langsträhnig unterm Hut vorhingen, wild durcheinander.
Als Helene nach einer Weile zurückblickte, stand Kuba Dudek wieder auf dem Grenzstein; unbeweglich, wie der Weiser an der Wegscheide, reckte sich sein Arm. —
In der Kolonie war nicht die muntere Geschäftigkeit, die man in der Ferne zu sehen vermeint. Nur die Bräuers waren beim Hausbau; von den andern Ansiedlern liess sich niemand blicken. Helene war einigermassen enttäuscht, hatte sie doch geglaubt, die Frauen auf den Türschwellen sitzend zu finden, schwatzend beim Kartoffelschälen, wie sie die Frauen vielhundertmal gesehen hatte im deutschen Dorf beim elterlichen Gut.
Aber Doleschal war sehr befriedigt: noch war nicht Feierabend gemacht. Drüben in Pociecha-Dorf stiegen schon Rauchsäulen aus den zusammengesunkenen Schlöten der grün vermoosten Strohdächer, hier schafften noch alle fleissig auf dem Felde.
„Soll ich dich mal über die Äcker fahren?“ fragte er seine Frau. „Viel zu sehen wird freilich noch nicht sein. Aber sie haben ja die Freijahre, die sind eine riesig kulante Einrichtung.“
Wohlgefällig schaute er sich um: „Sieh mal, wie nett, wie sauber! Wie aus der Spielschachtel! Unsre Ansiedlung ist von allen die vielversprechendste. Erinnerst du dich noch, vor fünf Jahren, als sie hier das Gut parzellierten? Wie heruntergewirtschaftet das war?! Und wie sieht es jetzt aus! Freilich, es wird noch eine Weile dauern, bis der ausgesogene Boden sich wieder erholt hat. Aber unter tüchtigen Arbeitshänden — da, sieh mal!“ Sich unterbrechend, zeigte er auf eine kreisrunde mächtige Scheune: „Wie ein Zirkus! Ein bisschen gross, aber, na — die hat sich ein Amerikaner gebaut. Famoses Ding, was? Links das niedliche Gehöft gehört einem Schwaben. Ach, sieh mal an, hat sich der Mann neben den Obstbäumen auch Rebstöcke gepflanzt — ist das nicht rührend? Da hinten sitzen die Kolonisten aus der hiesigen Provinz alle zusammen. Und hier sind wir bei den Rheinländern.“
Sie waren die ungepflasterte Strasse, an der die Häuschen und Scheunen sich rechts und links verteilten, ein paarmal auf und nieder gefahren. Nun hielten sie bei dem Neubau an.
Peter Bräuer und sein Sohn sägten gerade an einem Balken. Die Säge war stumpf geworden, widrig klang ihr Gequietsch, und widerwillig nur gab der Balken nach. Mit einer gewissen Verdrossenheit arbeiteten beide Männer; sie blickten auch kaum auf, als Doleschal vom Wagen absprang und seiner Frau die Zügel übergab.
Er trat zu den Arbeitenden und sagte: „Nun, wie steht’s mit dem Bau?“
„Tag!“ Vater Bräuer fasste nur an die Mütze, während der Sohn die seine wohl heruntertat, aber sogleich wieder aufsetzte. „Könnt besser sein. Mer kömmt nit voran. Hätt ich dat gewusst!“
„Wieso — hätten Sie was gewusst?“ fragte Doleschal lebhaft. „Über was haben Sie sich zu beklagen?!“
„Der Herr ist wohl auch einer von der Kommission?“ sagte Peter misstrauisch und wechselte einen Blick mit seinem Sohne.
„Nein.“ Doleschal hatte den Blick aufgefangen. „Aber Sie können mir ruhig sagen, was Ihnen nicht behagt. Ich interessiere mich für die Kolonisation. Ich bin auch Deutscher. Hier in der Nachbarschaft ansässig — Doleschal auf Deutschau!“
„Ah, Sie sind der Doleschal?! So, no dann“ — Peter Bräuer streckte treuherzig die Hand hin — „dann is dat wat andres. Ich hab als von Ihnen gehört. Un dat is Ihr Frau?“ Er grüsste mit einer ungelenken Verbeugung nach dem Wagen hin. „Ja, wissen Se, Herr von Doleschal, Se müssen mir dat nit übelnehmen, aber man wird ganz misstrauisch. Sie haben einem dat doch alles ganz anders vorgestellt — oder ob ich mir nur dat so anders gedacht hab!? Ich weiss et nit. Jedenfalls hätt ich, wenn ich früher gewusst hätt, dat mer hier so schlecht Arbeitskräft kriegt — ich weiss nit, sind ihrer wirklich kein da oder wollen se nur nit —, mir dat Haus vom Bauamt baue lassen. Sie hatten mir dat angeboten, aber ich dacht, et käm so billiger. Ja, un wenn ich dal all ganz genau gewusst hätt, wär ich gar nit hier hingekommen, da hätt ich doch ebensogut nach Amerika auswandern können.“
„Das dürfen Sie nicht sagen!“ Doleschal warf einen wohlgefälligen Blick auf den jungen Mann, der zu den Worten des Vaters beistimmend nickte. „Sie müssen doch Ihre Kinder, Ihren Sohn da, dem Vaterland erhalten!“
„Och, wat dat anbelangt, de kann in Amerika ebensogut deutsch bleiben wie hier! Un hier muss mer sich plagen, genauso wie woanders — ne, noch viel mehr!“
Es tat dem Mann augenscheinlich gut, sein Herz zu entlasten. Da hatte ihm wohl die Kommission fast alles, was zum Hausbauen gehörig, prompt und nicht zu teuer zur Stelle geliefert: Mauer-, Ziegel-, Firststeine, Feldsteine zum Fundament und auch Bauholz. Auch hatte er für sich und seine Familie derweilen drüben in der Holzbaracke die erste Unterkunft gefunden. Aber nun würde der Bau doch doppelt solange dauern als vorausgesehen, denn aus Miasteczko der Zimmermann mit seinen Gesellen war nur zwei Tage erschienen, dann nicht mehr; und der Maurer drüben aus dem Dorf, der sich, gegen hohen Tagelohn, für die ganze Zeit verpflichtet hatte, war nach einer halben Woche auch nicht mehr gekommen. Als der Valentin hingegangen, ihn zur Rede zu stellen, hatten sie sich durchaus nicht verständigen können; ein wüstes Gezänke war’s geworden. Aber wer konnte es dem Jungen verdenken, dass er mit der Faust auf den Tisch geschlagen? War er denn nicht in seinem guten Recht?! Doch das Gesindel war in lautes Hallo ausgebrochen, und die Frau hatte drohend nach dem Wasserkessel gegriffen, der auf dem Herd sprudelnd kochte. Und niemand, niemand anders war zur Hilfe aufzutreiben gewesen! Ganz allein waren sie sitzengeblieben mit aller Arbeit! Ein Glück noch, dass sie etwas davon verstanden — aber freilich, ’s war nur ein Stall gewesen, den sie dazumal allein gebaut hatten, und noch dazu war’s zu Hause gewesen, am Rhein!
Der Gutsverwalter auf dem Restgut, an den man sich doch mit allen Anliegen wenden sollte, hatte die Achseln gezuckt bei seinen Klagen: ja, warum musste denn durchaus selber gebaut sein?! Mit den Leuten hierzulande müsste man eben in Frieden auskommen, er könnte auch gar nichts dabei machen.
Unwirsch fuhr sich der Ansiedler durch die Haare:
„Et geht so langsam, viel zu langsam! Un dat Kettchen jammert in der Barack — kein Ordnung, kein Reinlichkeit is mögelich — un da sind gestern ihrer noch welche zugekommen — se sagen, se wären deutsch, de Mann spricht auch deutsch, aber die Weibsleut schnattern polacksch. Un mit den Weibsmenschern soll nun mein Frau in einem Raum schlafen?! Denken Se an! — Un wie lang dauert et noch, un et is hier schon Herbst! Die Tag sind so heiss, aber die Nächt sind als kühl. Bei uns zu Haus is dat ganz anders, da blühen Allerheiligen die Rosen noch. Och, hätt ich dat gewusst! Ne, ich sag schon — wie krieg ich dat Haus trocken?!“
Eine tief-innere Angst lag unter diesen Worten, Doleschal fühlte sie heraus.
„Ich werde Ihnen meinen Stellmacher zu Hilfe schicken“, sagte er. „Der Mann hat zwar noch kein Haus gebaut, aber er wird Ihnen doch jedenfalls von Nutzen sein. Und er ist deutsch.“
„Dat — dat wollen Sie tun?“ Ein Ausdruck freudigster Erleichterung erhellte des Ansiedlers bekümmertes Gesicht. „Den Stellmacher — Donnerschlag! Valentin, Jung, hörste, wir kriegen Hilf!“
Der Sohn hatte die Mütze vom Kopf gerissen, sein ganzes hübsches Gesicht lachte. Unverfrorene Herzlichkeit lag in der Bewegung, mit der er nun rasch auf den Herrn zutrat; man sah’s, er hätte dem gern die Hand geschüttelt, aber der beim Militär anerzogene Drill hielt ihn zurück.
Er nahm die Hacken zusammen: „Besten Dank, Herr Baron!“
Wohlgefällig musterte Doleschal den stattlichen Menschen. „Garde, was?“
„Nein, Herr Baron, Deutzer Kürassier!“
„So, so. Ich bin Rittmeister bei den Gardekürassieren!“
Valentin schlug wieder die Hacken zusammen. Er murmelte etwas von ‚grosser Ehre‘, und eine helle Röte stieg ihm dabei ins Gesicht; man hörte seiner Stimme die Freude an. Eine Verbindung war plötzlich vorhanden, zwischen ihm und jenem vornehmen Herrn da.
Auch Doleschal sagte: „Wir müssen zusammenhalten hier!“ Die Leute gefielen ihm, der Alte war recht ein knorriger Stamm, der dem Wetter trotzte, und der Junge, nun — unwillkürlich verglich er zwischen sich und dem krausköpfigen Burschen — der war fast noch schlanker als er selber und elastisch in jeder Bewegung wie ein Trainierter. Die Leute mussten unterstützt werden, nach Kräften!
„Ich werde Ihnen morgen meinen Stellmacher herschicken“, wiederholte er noch einmal, „und auch noch den Schmied.“
Helene sass schon lange wartend auf dem Wagen. Sie hatte ihren Mann, der, einen Fuss auf den Balken stützend und die Hand mit der Peitsche in die Seite stemmend, den Leuten zuhörte, beobachtet; nun waren alle drei miteinander hinterm Neubau verschwunden.
Sie wartete noch eine Weile ganz geduldig, aber als sie noch immer nicht zurückkehrten, schlang sie die Zügel um den Haken am Kutschbock und sprang vom Wagen. Der Traber stand auch so.
Über den gläsernen Himmel, leicht angegraut vom mehligen Dunst der Felder, kroch schon ein Abendrot. Im Schleier der sich mählich ankündenden Dämmerung wurde alles milder. Noch lag viel Glanz über der Flur, aber kein grausamer mehr, der den Augen weh tat; er wurde friedlich. Aus einem Tümpel, den man nicht sah, stieg Fröschesang, wie im Schlaf, ganz traumhaft. Und — horch! — war das nicht schon die Wachtel, die zu Abend im Kornfeld rief?
Die junge Frau lächelte: sieh da, ganz dicht hinter jener Ansiedlerscheune kam jetzt ein Rebhuhn aus dem Acker spaziert! Als wüsste es, dass die Jagd noch nicht drohe, trippelte es, vertrauensselig wie eine gute Henne auf dem Hühnerhof, über die Strasse, in den Acker jenseits, und die jungen Hühnchen folgten unbefangen.
Langsam glitt das Abendrot weiter und weiter über die Himmelsglocke, während das kolossale Rund des Sonnenballs ungehindert, von überall frei zu sehen, mehr und mehr hinabrutschte gegen ihren Rand. Wie schön war das!
In einem Gefühl, das sie manchmal überwältigte, angesichts dieses weiten Himmels, der wie ein Meer über dem Meer der Felder schwimmt, ohne Ufer, ohne Begrenzung, schauerte die Einsame. Am wirklichen Meer war sie gewesen, die mächtigen Wogen der Nordsee hatte sie aufgewühlt im Sturm gesehen und auch wieder glatt. Ihr Mann hatte sie auf Schweizergipfel geführt — sie standen auf einem sehr hohen Berg und sahen unter sich alle Schätze der Natur und ihre Herrlichkeit; im sich teilenden Grau der Morgennebel glänzte die Weite der Welt zu ihnen herauf, und sie selber waren ein junges Paar im ersten Rausche nicht endenden Glücks gewesen — aber nie, nie war ihr die ewige Unendlichkeit so klargeworden wie hier.
Starren Auges schaute sie. Da, gradaus, Pociecha-Dorf, der Turm der schwarzen Holzkirche zeigte es weithin! Dort Chwaliborczyce! Ganz auf der andern Seite: Przyborowo mit Miasteczko, dem kleinen Landstädtchen, im Rücken. Und dort grüsste der Deutschauer Berg. ‚Lysa Góra‘, Kahler Berg, wie ihn die Leute nannten. Jeden Gutskomplex — eine Insel im Meer — wusste sie zu benennen; wusste, wieviel Pappeln die dünne Allee von Chwaliborczyce zählt, hatte achtmal schon die dornigen Akazien von Przyborowo blühen und sich entblättern gesehen, war so glücklich hier, und doch — sie fühlte die Nebel der Niederung, die um Sonnenuntergang plötzlich schauerten, durchs leichte Sommerkleid kalt auf der Haut.
„Hanns-Martin“, rief sie fröstelnd, „Hanns-Martin, wo bist du?!“
Ihr Ruf hallte. Aus der Holzbaracke, unweit des Neubaus, trat eine Frau, und die Kinder drängten sich ihr nach; sie schauten alle neugierig zu der fremden Frau hinüber.
Helene erkannte die Frau: es war dieselbe, die sie letzthin bei den einziehenden Kolonisten gesehen hatte, aber das Gesicht sah jetzt älter aus, als seien nicht erst vier Wochen seit jener Begegnung am Kreuzweg verstrichen.
„Wünscht die Dame wat?“ fragte die Frau höflich.
Helene trat rasch auf sie zu. „Mein Mann ist, glaube ich, mit Ihrem Mann fortgegangen, sonst hätte er mich gehört. Ich werde hier bei Ihnen warten.“ Sie hatte das Bedürfnis, nicht länger allein zu sein.
„Settchen, hol der Madam rasch ’ne Stuhl heraus“, wies Frau Kettchen ihr ältestes Töchterchen an. Und als die Kleine einen Schemel brachte, wischte sie, wie entschuldigend, mit der Schürze darüber hin: „Nehmen Sie vorlieb! Wir sind et auch besser gewöhnt, Madam! Aber mer muss sich als jetzt in alles schicken, sagt mein Mann.“ Sie seufzte. „Mer darf den Mut nit verlieren, und — sagt der Peter — die Kommission hat uns hierhin gebracht, die hat nun auch für uns aufzukommen. Sie sind wohl auch nit von hier, Madam?“
Augenscheinlich erkannte die Frau die Dame nicht wieder. Als Helene sie an ihre erste Begegnung erinnerte, schossen ihr plötzlich die Tränen in die Augen.
„Och, wie wir zugezogen sind — dat waren Sie? Och herrje!“ Geschwind fasste sie nach Helenes Hand: „Dat freut mich aber, dat ich Ihnen danken kann. Dat erste ‚Guten Tag‘ — ne, Madam, dat hab ich nit vergessen! Och, Madam, entschuldigen Sie“, — sie fuhr mit der Schürze über die Augen — „bei uns zu Haus bin ich gar nit so, aber hier muss ich immer weinen!“
Helene tröstete: „Das ist nur im Anfang so, der Anfang ist ja überall schwer. Passen Sie mal auf, nächstes Jahr wissen Sie nichts mehr von Heimweh; da lachen Sie drüber. Es ist hier auch schön!“
„Meinen Se?“ Zweifelnd schüttelte die Frau den Kopf. „No, wenn Sie ’t sagen, dann soll et wohl wahr sein!“
Vertrauend schaute Kettchen zu der hochgewachsenen Dame auf, und dann lächelte sie hoffnungsvoll: „Wenn et so kömmt, wie Sie sagen, Madam, dat et uns gut geht hier, dann will ich auch wallfahren gehen nächst Jahr. Sicher un gewiss, dat gelob ich. Hier kann mer doch wallfahren gehen, gelt, Madam?“
„O ja!“ Eine leichte Zurückhaltung lag plötzlich in Frau von Doleschals Ton — wie schade, diese nette Frau war nicht protestantisch?!
Und als ob die andre instinktiv diese Enttäuschung fühle, hielt auch sie sich mehr zurück.
Schweigend blickten beide hinaus auf die Ebene, in den lastenden Horizont, den flammende Abendröte wie mit blutigen Schwertern zerfetzte.
Als Helene jetzt ihren Mann sehr eilig zwischen den Ansiedlern daherkommen sah, unterdrückte sie nicht einen Vorwurf: „Aber Hanns-Martin — endlich!“
„Verzeih! Ungeduldig geworden, mein Herz? Bitte, verzeih! Es hatte mich so interessiert. Herr Bräuer hat mir seine ganze Stelle, seinen Bau, seinen Acker, kurz, alles, was drum und dran, gezeigt!“ Doleschal war angenehm erregt und reichte beiden Männern die Hand zum Abschied: „Es wird jetzt schon werden, wird ganz famos werden! Auf Wiedersehen!“
„Du“, sagte Helene leise, als sie am Arm ihres Mannes zum Wagen schritt, „die sind ja katholisch. Und ich dachte doch, hier sollten nur Evangelische her?“ Es klang bedauernd: „So nette Leute!“
„Ja, das lässt sich nun doch nicht ganz streng durchführen, diese Sonderung der Konfessionen. Aber was macht’s? Es sind doch wenigstens Deutsche!“
Der Traber, der bis dahin lammfromm gestanden, stutzte plötzlich, nun sie einsteigen wollten.
Unruhig zog er an, stieg wild und prallte dann zur Seite, gerade noch, dass Doleschal ihn vom Graben zurückriss. Eine Staubwolke kam vom Dorf her über die Felder geflogen, und in der Staubwolke war Peitschengeknall, Pferdegetrappel und Hundegebell.
„Ach, die Garczyńskis!“ Nicht angenehm überrascht, fasste Helene nach dem Arm ihres Mannes.
Da war auch schon der hochrädrige Jagdwagen, glänzend lackiert, mit viel Rot an den Rädern, und innen die Sitze hell ausgeschlagen.
„Atrappiert, meine Herrschaften! He — halt!“
Auf einen Ruck standen die vier jungen Pferde neben dem Korbwägelchen, mit schnaubenden Nüstern, noch zitternd vor Erregung, und schäumten ins Gebiss. Zwei englische Doggen, riesige Tiere mit Stachelhalsbändern, schnackten ihnen dumpf bellend nach den Mäulern.
Der Lenker hoch oben auf dem Bock grüsste galant mit der Peitsche: „Ich lege mich Ihnen zu Füssen, gnädigste Baronin — das nenne ich Glück, Ihnen hier zu begegnen! Ihr Diener, Doleschal! Ihr Weizen ist grossartig! Sehr erfreut, wie steht das Befinden?“
Herr von Garczyński hatte viel von einem Pariser oder Wiener an sich. Gewandt schwang er sich vom hohen Sitz herunter, dem Diener, der hintenauf hockte und nun beflissen herbeieilte, die Zügel zuwerfend. An Helenes Seite tretend, führte er ihre Hand an die Lippen.
Die Doleschals mussten halten bleiben.
Im Chwaliborczycer Jagdwagen sassen, gegenüber von Frau von Garczyńska, ihr einziger Sohn, ein vornehm aussehender Junge, und der Vikar Górka.
Frau von Garczyńska hatte sich den Sitz auf der seitlichen Bank noch durch eine Menge von seidenen Kissen bequemer machen lassen; sie lag zurückgelehnt, und der Schirm, den eine blonde junge Person, halb Dame, halb Dienerin, zum Schutz zwischen sie und die feurig untergehende Sonne hielt, liess warmrosige Schatten auf ihr blasses Gesicht fallen.
„Gnädigste Baronin haben sich wohl Neues in der Kolonie angesehen?“ fragte Garczyński. „Sehr erfreuliche Fortschritte, nicht wahr? Wir haben unsern hochverehrten Herrn Vikar ein wenig entführt — die Herrschaften kennen sich? Ah, nur vom Hörensagen. Gestatten Sie!“ Er stellte vor, und dann verwickelte er, den Arm auf die Lehne des Korbwägelchens gelegt, Helene in ein längeres Gespräch. Eingehend fragte er nach ihren Kindern.
Es blieb Doleschal nichts übrig, als sich mit Frau von Garczyńska zu beschäftigen. Sie winkte ihn zu sich herüber. Mit dem zärtlich-wehmütigen Lächeln, das ihr Gesicht so sehr anziehend machte, lächelte sie ihn an, als er zu ihrem Wagenschlag trat.
Ob diese Frau glücklich war? Doleschal legte sich im Augenblick, als ihn ihr Lächeln traf, diese Frage vor, die sich schon viele vor ihm vorgelegt hatten. Kam der feuchte Flimmer in diesen schönen Augen von Tränen? Und was suchte dieser starr verlorene Blick in weiter Ferne?
Als Doleschal die weiche Hand bei der Begrüssung in die seine nahm, fühlte er einen kurzen, festen Druck, den er den zarten Fingern kaum zugetraut.
„Ich werde zu Ihnen hinüberkommen“, sagte sie. „Ich setze mich in Ihr Korbwägelchen, es ist ganz reizend. Ja, ich will“, setzte sie im Tone eines verzogenen Kindes hinzu, als er etwas von ‚unbequem‘ und ‚eigentlich nur zwei Sitzen‘ murmelte. „Ihre Gattin wird mit Garczyński auf dem Throne sitzen. Alexander“, rief sie ihrem Mann in elegantem Polnisch zu, „wir fahren gleich weiter, ich bin müde. Die Kolonie interessiert mich zu wenig — ein andermal! Nimm die Baronin auf deinen Bock; ich fahre mit Doleschal. Wir fahren über Niemczyce nach Hause zurück!“
Plötzlich lebhaft geworden, drückte sie ihrem Gegenüber, dem priesterlichen Herrn, ein paar der weichen Kissen in die Arme. „Hier, Herr von Górka, seien Sie auch einmal galant! Bitte, tragen Sie mir die dort hinüber. Herr von Doleschal, bitte!“ Ganz hilflos streckte sie beide Arme aus. „Der Wagen ist abscheulich hoch, ich traue mich nie allein herunter. Ah — ah —!“
Leicht flog sie durch die Luft; als Doleschal sie herunterhob, fühlte er ihre ganze Grazie. Ihr ein wenig verschobenes Kleid zurechtzupfend, lachte sie jetzt und klatschte lachend in die Hände: „Scharmant, ganz scharmant! Changez les dames, changez!“
‚Muss ich?‘ schien Helenes Blick ihren Mann zu fragen, als Herr von Garczyński ihr die Hand zum Umsteigen bot. Doleschal senkte die Lider — sie verstand diese stumme Bejahung; es lag ihm nun einmal daran, mit den Nachbarn, wenn auch nur in rein äusserlich aufrechterhaltenen, guten Beziehungen zu stehen. So schickte sie sich darein; aber ihre Bewegungen waren steif, ihre Miene abgemessen.
Mit liebenswürdigen Lobpreisungen nestelte sich Frau von Garczyńska auf dem kleinen Korbwägelchen ein: sie war noch nie so niedlich gefahren, hier war’s ja tausendmal bequemer als auf dem grossen Jagdwagen! Als der junge Vikar ihr die gewünschten Kissen in den Rücken schob, dankte sie ihm mit dem zärtlichsten Lächeln; aber die Kissen wies sie gleich wieder zurück: die hatte sie hier ja gar nicht nötig!
Mit einer stummen Verbeugung trat er zurück. Er hatte sich ebensogut in der Zucht, wie seinen Schüler. Sie hatten beide noch kein Wort gesprochen.
Auch die blonde Zofe, die sich anschickte, mit dem Schirm hinter ihre Herrin zu klettern, wurde abgewiesen. „Ich brauche dich nicht, Stasia! — Wie herrlich ist die Sonne! Wie wunderbar gefärbt die Wolken sind!“ Frau Jadwigas Augen schwammen. „Fahren Sie, Baron, he, voran!“ Ihre Brust hob sich, als wollte sie springen im Übermass der Empfindung. „Ich bin entzückt. Fahren Sie, fahren Sie — schneller in die Sonne hinein, schneller!“
Der Traber strengte sich an. Mit ausgezeichneter Kunst die vier wilden Pferde, die der Diener inzwischen kaum hatte zügeln können, zu langsamem Tempo zwingend, fuhr Garczyński nach.
Im Jagdwagen lachte plötzlich die Zofe halblaut auf, und dann, wie erschrocken über ihr Lachen, warf sie von unten her einen verstohlenen, schielenden Blick auf Lehrer und Schüler. Der Vikar hatte ein Büchlein herausgezogen, in das er mit ernster Miene vertieft war; das junge Herrchen dagegen merkte auf. Ein Aufflackern seines Auges begegnete dem leicht schielenden Blick der Blonden. Da lächelte sie merklich, aber weiche Grübchen kamen dabei in ihre jungen Wangen; sie lehnte sich ein wenig hintenüber, liess die Wimpern über die Augen fallen und spielte am Schirmgriff ihrer Herrin.
Der Traber, durch die vier Pferde, die hinter ihm schnaubten, und durch das Gebell der Doggen, die wie rasend zwischen beiden Wagen hin und her sprangen, nervös gemacht, schoss dahin wie ein Vogel auf fliehendem Flug. Das Viergespann ihm nach. Sich verfolgende Schatten, durch steigende Nebel vergrössert, jagten über die rasch dunkel werdende Ebene.
Dudek, der Schäfer, schlug ein Kreuz: Wer war das? Fliegende Pferde, fliegende Wagen und fliegende Hunde! Heilige Mutter, hilf, das war Myśliwy pan, der Nachtjäger, auf wilder Fahrt!
Scheu pfiff er die Hunde und trieb eilig die Schafe zusammen. Dass die Heilige Mutter sie hüte! Auch über ihnen machte er fromme Zeichen.
Horch, klang’s jetzt nicht schon ferner, das ‚Huch haha‘ und das ‚Hoho‘? Aber jetzt noch ein Lachen! Hell, wie die Kania lacht, wenn sie am Himmel im Abendrot fliegt und Seelen raubt und sie dahin trägt, von wo sie nie mehr zurückfinden können.
„Herr, Gott, sei bei uns!“ Sein Haupt verhüllend vorm Grauen der Ebene, betete Kuba Dudek, der Alte.
Drittes Kapitel
Tiefes Dunkel der Augustnacht wickelte das Herrenhaus von Chwaliborczyce wie in ein dickes, warmfeuchtes Tuch.
Der Vikar hatte sich eben von den Herrschaften verabschiedet. Es war spät geworden, der Umweg über Niemczyce hatte das Nachhausekommen verzögert. Dann war gespeist worden, und dann hatte der Vikar, wie immer, wenn er in Chwaliborczyce als Abendgast blieb, eine Andacht abgehalten, an der auch das Gesinde teilnahm. Frau Jadwiga war ihm dankbar dafür; sie hatte ihn auch heute, trotzdem sie erschöpft war ‚bis zum Umsinken‘, wie sie sagte, darum gebeten.
Nun stand Górka endlich draussen, unten am Fuss der vielfach ausgetretenen und zerrissenen Freitreppe, die vom Gartenzaun hinab in den Park führte, und war erschrocken, als ihm seine Uhr — ein kostbares Namenstaggeschenk der Garczyńskis — halb elf wies. Und zögerte doch noch.
Drinnen spielte die Garczyńska Chopin — warum tat sie das, wenn sie so müde war?
Tadellos perlten die Läufe, aber — Xaverius Górka schüttelte den Kopf — so war’s doch nicht gut! Sie spielte denn doch zu willkürlich launenhaft; presto, wo ritardando sein musste, con dolore statt scherzando. Das hatte er schon sehr oft besser spielen hören.
Aber er blieb noch stehen. Garczyński hatte wie gewöhnlich für ihn anspannen lassen wollen, aber er hatte dankend abgelehnt. Er wollte heute gehen, musste gehen, es war ihm ein Bedürfnis, sich müde zu laufen.
Zwischen den geborstenen Steinplatten der Treppe und im hohen Grase der verwilderten Parkwiese schirpten Hunderte von Grillen; unausgesetzt, gleich melodielosem Saitenschwirren, klang ihr Gezirp ohne Tonfülle, ohne Poesie, und doch war etwas Gleiches darin wie im Lied der Nachtigallen.
Der Nachtigallen hatte es viele gegeben im Seminargarten zur Frühlingszeit, und der junge Górka hatte oft gestanden im weichen Dunkel, damals so, wie heute hier. Hörten die andern Seminaristen denn nicht die Nachtigall? Sie hatten es nie gesagt.
In Chwaliborczyce gab’s keine Nachtigall; in den beiden Frühjahren, die der Vikar nun schon hier erlebt, hatte nie eine ihren schluchzenden Aufschrei erhoben. Man hielt ein Katzenrudel, denn aus dem Wallgraben, der den Park umschloss, stiegen Ratten und zernagten die Portieren und Fenstergardinen im grossen Esssaal zu ebener Erde.
Aber jetzt — horch! Durch die zwei Reihen der uralten Hainbuchen, die sich wie ein dichtes Dach über den Wallgang diesseits des Grabens wölbten, fuhr ein halb erschrockener, halb jauchzender Mädchenschrei. Aha, da badeten wieder die Hofmägde im Wallgraben! Und die Knechte kamen ihnen dabei über den Hals.
Wenn die Nächte so schwül sind und der Erntestaub so brennend, dann heben sich die Leiber, die behend Rock und Hemd abgestreift, wie weisse Statuen jenseits vom dunklen Grabenrain; leuchtend glänzen sie herüber zu der einsamen Bank, die ganz verborgen steht unter den tiefhängenden Buchenästen.
Das Baden im Wallgraben war dem Gesinde verboten — ob man es anzeigte? Lieber nicht. Der Inspektor war gleich grob, schlug darauflos mit der Ledergeschwänzten oder zog Strafgeld vom Lohn ab. Und wusch das etwa die Seele rein, die eine Verfehlung auf sich geladen?!
Ein feines Lächeln überhuschte für einen Augenblick des Geistlichen ernstes Gesicht. Langsam streckte er die Hand aus, hielt sie hinaus in die Dunkelheit und zog sie dann langsam und fest, zur Faust geschlossen, wieder an sich. Diese Hand, so dünn, dass die Adern blau durchschimmerten, diese Hand, zart wie eine schöne Frauenhand, diese Hand hielt viel.
Ein Atemzug hob die schmalschultrige Gestalt; sie schien sich höher zu recken. Die trockenen Lippen mit der unruhigen Zungenspitze befeuchtend, lächelte der Vikar überlegen. Und diese Vikarzeit bei dem bäuerischen, stumpfsinnigen alten Propst von Pociecha, war sie nicht nur ein Übergang? Was sollte wohl ein Górka bei den Bauern?! Den Zögling, dem man beim Abschied vom Seminar von ‚besonderen Hoffnungen‘ gesprochen, die man auf ihn setzte, den Erben eines uralten Namens — freilich nur eines Namens — den Verwandten eines Kardinals, liess man hier nicht verkommen. Und war nicht die Freundschaft mit den Garczyńskis schon ein Tritt auf die erste Sprosse der Leiter? Garczyński würde keinen andern simplen Dorfvikar den ‚hochverehrten Lehrer‘ seines Sohnes nennen — da hatten sich schon Einflüsse von oben her geltend gemacht. Es war kein Genuss, den jungen Boleslaw zu unterrichten, der Junge war sündhaft faul — faul wie alle, die einen reichen Vater hinter sich wissen — aber diese Zubereitung des kommenden Geschlechts, das Polens neuen Glanz wieder begründen sollte, war eine Vertrauenssache. Polens neuen Glanz begründen — die?!
Hastig wendete sich der Einsame um: hatte jemand gelacht? Niemand war da, nur die Nacht auf verfallender Treppe und im verwilderten Park. Nein, diese Jungen, die französisch plapperten bei der Bonne, dann am Wissen herumnippten und dann im preussischen Drill ihr Vaterland öfter verleugneten, als Petrus Jesum Christum, den Herrn, die gründeten kein neues Polenreich, wenn nicht diese, diese — die Hand wieder ausstreckend, sie erhebend in der Dunkelheit, atmete der Priester tief auf — diese hier sie stützte!
Vom Dom in der Stadt auf den sieben Hügeln hallen die Glocken weit ins Land. Der Bauer im langschössigen Rock, die Ehefrau im sonntäglichen Spenzer, das Mädchen mit den vielfarbenen Bändern an der Halsperlenschnur — Männer, Weiber, Burschen, Dirnen, Greise, Kinder, Abgeschiedene und noch Ungeborene — alle liegen vor dem Altar im Staub, gehorsam der einen grossen, heiligen, unergründlichen Macht — alle, auch diese da drinnen!
Der Vikar drehte sich um nach den Fenstern des Gartenzimmers; sie waren nicht mehr erleuchtet, das Spiel hatte aufgehört. Da ging er.
Die Grillen im Gras und Gemäuer zirpten immer ungestümer, wie bebend vor Liebesungeduld. Er hörte sie nicht mehr.
Als er über den dunklen Hof stieg, vorsichtig auf den Zehen, und seinen langen Rock raffte, dass die Jauche, die floss, den nicht bespritzte und auch nicht die blanken Schäfte seiner Kniestiefel, hörte er weder das Muhen einer Kuh im dunstigen Stall, das, halb im Schlaf, begehrend durch die nächtliche Stille rief, noch das heisre Schnaufen des Bullen an der ihn fesselnden Kette.
Beim Futterspeicher begegnete ihm der Stróž, der Nachtwächter. Den Spiess vorgestreckt, die trübselige Laterne hochhaltend, dass sie doch wenigstens ein bisschen leuchte, schrie der grob den heimlichen Wandrer an: „Wer geht da? Hundeblut, verfluchter Dieb!“
Aber als der alte Mann den jugendlichen Vikar erkannte, sank er zusammen wie niedergeschmettert. Seine von Nachtwachen und Schnapstrinken rotplierigen Augen verdrehten sich vor Ehrfurcht; demütig küsste er das Kleid des geweihten Herrn. —
An den Hütten der Gutshörigen vorbei führt der Weg nach Pociecha. Wie dunkle Haufen liegen die Häuser niedrig an der Strasse; selten, dass ein plattes Dach sich viel höher erhebt als der aus Feldsteinen unsymmetrisch zusammengetragene Wall, der zu schützen hat gegen Sturm und Schnee, gegen Kälte und Sonne. Vorn an der Strasse ein paar halb abgestorbene Pappeln; hinter den Hütten, als einzig Ragendes, die Stange eines Ziehbrunnens, der mit seinem gen Himmel gerichteten hohen Arm, daran der Eimer hängt, einem Galgen nicht unähnlich sieht.
Alle Häuser waren dunkel; nur aus einer Stube, in der man fremde Schnitter untergebracht hatte, flinzelte Lichtschein. Die Männer hatten sich schon aufs Stroh gestreckt; mit dem roten Hemd, wie sie’s am Tag getragen, angetan, die Fusssohlen gegen das Fenster gekehrt, schnarchten sie alle in einer Reihe. Die Weiber hatten sich noch nicht hingelegt. Sie kauerten bei der Alten um den Kartoffelhaufen, der inmitten des Raumes auf den Estrich geschüttet war, und halfen ihr die Kartoffeln abkeimen zur morgenden Mahlzeit. Eine junge Dirne sass noch und flickte eine Männerhose; ungeschickt hielten die müde gearbeiteten Finger die Nadel. Sie flickte den Riss zusammen, wie man einen Sack flickt, und doch gab ihr das Lämpchen auch hierzu kaum Licht genug. Trüb nur schwelte es durch die Stube, deren Luft dick war vom Dampf der Feuerstelle, vom kellerigen Dunst der keimenden Kartoffeln, vom Schweiss und Staub und Atem der zusammengepferchten Männer und Weiber.
Aber der durchs Fenster lugende Vikar sah’s befriedigt: das Lämpchen brannte unterm Muttergottesbild.
Doch gleich darauf fuhr er vom niedrigen Fenster zurück. Ihm war, als sei durchs trennende Glas der geschlossenen Scheibe doch etwas zu ihm gedrungen von der verpesteten Luft da drinnen. Verletzt rümpfte sich seine Nase. Eilig lief er, bis ihn die reine Luft der freien Felder ganz umfing.
Durch die Einsamkeit tönte der zitternde Schrei eines Brachhuhns. Wie, schon Herbst? Unwillkürlich verlangsamte Górka jetzt wieder seinen Schritt, nahm den runden, glatthaarigen Filzhut ab und liess den Tau, der in der grossen Stille hörbar tropfte, seine Stirn kühlen.
War’s möglich, schrie der Brachvogel schon auf der Stoppel? Der Sommer war vorbei, und er hatte ihn nicht gesehen, trotz Erntefeldern und Sonnenglut?
Ein flüchtiges Bedauern huschte über das ernste Gesicht und machte dessen Züge für Augenblicke jugendlich weich. Der Mund öffnete sich und sog durstig die von Grün und Tau vollsatte Luft ein.
Ach, jetzt sich hinlegen, dort an den Rain unter die Feldblumen, die, wenn der Nachttau ihnen den Staub abgewaschen, so süss duften! Horch! Die Grillen schrillten noch immer herüber aus dem fernen Park.
Sich umwendend blickte Górka noch einmal zurück nach Chwaliborczyce. Das dunkle Herrenhaus hob sich nicht mehr ab von der dunklen Fläche; auch der Park, die Hainbuchen und die Pappeln waren zerflossen in der Nacht. Doch jetzt blinkten zwei gelbe Pünktchen auf, sie schienen heller und heller — das waren die Lichter im oberen Stock, im Zimmer der gnädigen Frau. Auf einem Nebelstrahl zitterte der Glanz, flimmernd umwoben, hinaus bis in die Felder.
Mit grossen Augen starrte der junge Mann — — jetzt sitzt die Garczyńska im Sessel, bereit, sich von der Zofe das lange Haar auskämmen zu lassen. Die runden Arme des dienenden Mädchens bewegen sich zierlich — ah, und jetzt! — die zitternden Strahlen verschwanden — jetzt hat Stasia die Laden vorgelegt, ihr blonder Kopf neigt sich hinaus mit einem leisen ‚Pst‘ für den sie unten erwartenden Inspektor. — — — —
Ganz dunkel ward’s. Wie aus einem Traum auffahrend strich sich Górka über die taubenässte Stirn und setzte sich den Hut auf. Nun aber rasch! Piotr Stachowiak, der Propst, würde heut schon vergeblich auf ihn gewartet und noch ein Glas Ungar mehr getrunken haben zur Tröstung in seiner Vereinsamung.
Wie war es doch geisttötend, alle Abend bis Mitternacht mit dem Alten Karten zu spielen! Aber es half nichts, es war ja nur ein Übergang.
Raschen Schrittes eilte nun der Vikar, unbeirrt vom Spuk der Nachtebene, der den Bauern ängstigt, auf Pociecha zu.
Das blonde Mädchen hatte wirklich die Läden im Schlafzimmer der Herrin vorgelegt, aber diese schien nicht daran zu denken, sich zur Ruhe zu begeben, sehr zum Verdruss von Stasia, die unruhig hin und her trippelte. Heute war Anastasia, ihrer Heiligen Tag, und Pan Szulc, der Inspektor, wollte den mit ihr feiern. Wie lange das heut wieder dauerte! Zornig biss Stasia die Unterlippe — dass der Teufel sie alle miteinander holte, die einem im Wege waren! Aber beim armen Menschen heisst’s eben immer: ‚Duck dich!‘
„Die Nepomucena wartet schon seit einer Stunde“, wagte sie endlich leise zu sagen.
„Lass sie warten!“ Frau Jadwiga, die im Sessel vor ihrem Bett mit den blauen Seidengardinen sass, hob gähnend die Arme und legte sie hinter den Kopf. „Ich langweile mich, erzähle mir was!“
„Gnädige Pani sollten schlafen gehen — ich weiss nichts.“
„Ich kann nicht schlafen. Wo ist der gnädige Herr?“
„Er sitzt im Büro. Er wird noch dem Schreiber diktieren.“
Frau von Garczyńska zuckte unmutig die Schultern: „Ach, immer diese Rechnereien! Ich komme hier um. Wenn wir nur erst in Posen wären, besser noch in Warschau, am besten in Paris! Was würdest du sagen, Stasia, wenn ich dich mit nach Paris nähme? Oder sonstwohin, wenn der Herr verkauft hat.“
„Wird der gnädige Herr verkaufen?“ fragte neugierighastig das Mädchen.
„Das gebe die heilige Mutter!“
Die Augen des jungen Mädchens funkelten: ah, das war doch noch eine Aussicht, dafür liess man sich’s schon eine Weile gefallen! Unterwürfig schlich sich Stasia zur Herrin heran und küsste ihr die Hand: „Ich danke der gnädigen Pani tausendmal! Gott wolle es ihr segnen millionenmal, ihr und an dem gnädigen Herrn, und an dem gnädigen jungen Herrn, dass sie will an mich denken, wenn es ihr gut geht! Wird der gnädige Herr bald verkaufen, wenn Pani die Frage gestatten?“
„Ich weiss nicht. Ach!“ Ungeduldig seufzend sprang Jadwiga auf und ging hastig hin und her. „Sie finden noch immer den geforderten Preis zu hoch. Ja“ — sie lachte laut auf — „das möchten sie wohl selber abschätzen! O nein! Wir gehen nicht ab vom Preis. Wenn ihnen daran liegt, nun, dann sollen sie wenigstens genug zahlen, diese —!“ Sie verschluckte das letzte Wort.
Die Zofe lachte leise. „Gnädige Pani lieben die Schwabby, diese deutschen Dickköpfe, sehr?!“
„Wieso?“ Die Garczyńska sah ihre Zofe einen Augenblick hochfahrend an, dann aber lachte sie, wie diese lachte. „Du bist ein Racker!“ Doch ihr lächelndes Gesicht wurde plötzlich ernsthaft, zornig zog sie die Brauen zusammen. „Habe ich etwa besondere Ursache, sie zu lieben, he? Und du? Kam nicht deine Mutter zu mir und hat die Hände gerungen: ‚Meine Tochter lernt deutsch in der Schule, wird sie auch nicht verlernen ihre Muttersprache?‘ Ach, unsre Männer sind feige, kein Wort deutsch dürften sie leiden! Aber sie lassen sich ducken.“
„Ja, Pani haben keine Angst“, schmeichelte Stasia. „Was wir gelernt haben, verdanken wir allein unsrer gnädigen Herrin!“ Sie küsste, da sie die Hand nicht wieder erhaschen konnte, den weiten Ärmel am Negligé der Dame. „Neulich sprach erst die Michalina zu mir, als sie kam auf einen Sonntag, ihre Familie zu besuchen: ‚Das Glück, was ich gemacht, verdanke ich allein der Pani von Chwaliborczyce.‘ Pani erinnern die Michalina, die mit den schwarzen Zöpfen, die Enkelin vom Schäfer Dudek und der Nepomucena? Sie sass neben mir im Unterricht, den gnädige Pani uns gaben. Es geht ihr sehr gut, freilich bei deutscher Herrschaft, aber“ — sie zuckte die runden Schultern — „was tun? Man muss mit den Wölfen heulen.“
„Man muss mit den Wölfen heulen —.“ Nachdenklich wiederholte die Herrin die Worte der Dienerin. „Du bist klug, Stasia! Es kommt auch nichts heraus bei der offenen Feindschaft. Ich begreife oft unsre Politiker nicht. Aber ist es denn nicht auch schändlich, wie man uns unterdrückt? Uns, die wir mehr Bildung haben, mehr Vaterlandsliebe, mehr Opferfreudigkeit, mehr Mut, mehr — mehr —!“ Die Stimme versagte ihr vor Erregung. Sie war ganz blass geworden, jetzt wurde sie glühend heiss. Mit dem Fuss aufstampfend, schrie sie laut: „Und wir haben sie arglos aufgenommen, gastfreundlich in unser — ja, in unser Land! Zum Dank dafür wollen sie uns nun ausrauben, ganz herausdrängen. Aber das gelingt ihnen nicht!“ Leidenschaftlich ballte sie die Hände. „Wir Frauen werden nicht müde, wir haben unsern Glauben und —“ Hastig vor den grossen Spiegel tretend, sah sie ihr Bild von Kopf bis zu den Füssen und lächelte dann wieder.
„Ich begreife nicht, warum Pani sich so erregen“, sagte die Zofe ruhig.
„Was du verstehst!“ Jadwiga kehrte sich vom Spiegel ab und gähnte laut. „Huh, diese Nachbarn, grässlich! Man verbauert hier. Ich werde krank, langweilig, hässlich! Zum Sterben langweilig, wie die Deutsche mit den strohgelben Flechten.“ Sie lachte hell auf: „Als ob sie einen Stock im Rücken hätte, so steif ist sie. Und unsre Przyborowoer Nachbarn — Gott sei uns gnädig! Er ist ein grosser Bauer, weiter nichts. Haha! Kriecht dabei um einen Orden — wie alle Deutschen. Hast du gesehen, Stasia, wie betrübt er neulich die Augen auf sein leeres Knopfloch niederschlug?“
„Unser gnädiger Herr hatte alle Orden zum Diner angelegt!“ sagte geschmeidig die Zofe.
„Ja, ja, das war ganz nett!“ Jadwiga liess sich lachend in ihren Sessel fallen, aber dann gähnte sie wieder und sah mit einem trostlosen Ausdruck ins Leere. „Das sind aber doch nur Momente! Das Leben ist zu eintönig. Ich kann doch unmöglich, wie die Przyborowoer Frau, in hohen Stiefeln durch den Mist stapfen und höchst eigenhändig die Mägde ohrfeigen.“
„Haha, das tut sie, ja, das tut sie!“ Hell lachend schlug Stasia die Hände zusammen, und dann schwatzte sie: „Gnädige Pani wissen doch? Der Sohn, was Husar ist, der junge Rittmeister, der soll Vater sein zu der Michalina ihrem Kind. War die Michalina doch Stubenmädel in Przyborowo. Und da soll der Alte, der Herr Keszner, sie furchtbar geschimpft und ihr mit dem Stock gedroht haben — aber nur gedroht hat er. Doch die Pani hat sie beim Arm gekriegt und ihr links eine geschlagen und rechts eine. Da ist sie vor Angst gelaufen, so schnell sie konnte, und hat sich nie mehr aufs Dominium getraut. Was sagen gnädige Pani zu der Geschichte?“ Stasia stemmte die Arme in die Seiten und sah ihre Dame erwartungsvoll an; man merkte ihre Freude, ein wenig skandalieren zu können.
„So — nun, und was weiter?“ Jadwiga gähnte anhaltend. „Man kann hier keinem Menschen was übelnehmen, dem nicht und auch dem nicht — bei dieser Langweile! Ach! Doleschal wäre noch der einzige, der passabel sein könnte!“
„Und hat er sich in Pani verliebt?“ fragte vertraulich blinzelnd das Mädchen.
„Du bist unverschämt!“ Die Garczyńska zuckte, wie von einer angenehmen Erinnerung berührt.
Stasia schlug die Augen nieder. „Verzeihen gnädige Pani, ich bin nicht unverschämt. Ich bin nur wissbegierig. Möchte gern wissen, ob der grosse Niemczycer Baron auch so leicht zuschnappt, wie so ein kleiner Schwab. Da braucht’s nur einen Blick — nur ein ganz kleines Blickchen!“ Sie lachte spitzbübisch und hob die demütig gesenkten Augen mit drolligem Ausdruck.
Die Herrin war schon wieder versöhnt.
Eine Neigung, mit der ihr Mann sie oft neckte, zog Frau von Garczyńska zu Stasia. Als Tochter des langjährigen herrschaftlichen Försters hatte diese von vornherein eine andre Stellung eingenommen als ein gewöhnlicher fremder Dienstbote. Schon die zierliche Siebenjährige war aufs Schloss gekommen; sie hatte der Pani Erdbeeren aus dem Chwaliborczycer Wald gebracht und — wenn auch Förster Frelikowski einst ‚Fröhlich‘ geheissen — zu den polnischen Kindern gehört, die den besonderen Unterricht der gnädigen Herrin genossen.
Wenn Garczyński seine Gattin mit ihrer Vorliebe für die Försterstochter neckte und Jadwiga schlechter Stimmung war, pflegte sie von einer Wüste zu sprechen, in der man einen grünen Fleck schon einen Garten nennt. Dann neckte er nicht mehr, im Gegenteil, er pflichtete ihr bei. Sie hatte recht: wie anders war es früher hier gewesen! Unbefangener der Ton, heiterer die Geselligkeit, gradezu glänzend. Man hatte sich amüsiert auf den Bällen in Posen — auf einem dieser Bälle hatte er die schöne Tochter eines reichen Warschauer Bankiers kennengelernt, dessen Reichtum weder noch dessen Katholizismus ererbt war — und auch die Kasinofeste in der Kreisstadt waren sehr angenehm gewesen. Man war eben unter sich. Aber jetzt —?! Auf dem Lande wenigstens, eingekeilt zwischen deutschen Besitzern, war es nicht möglich, exklusiv zu bleiben. Und immer näher rückte einem Plebs auf den Hals. Wer hatte sonst hier kleine Leute gekannt? Leute, die kaum zehn Hektar ihr eigen nannten — oft nicht einmal soviel —, erhoben jetzt den Anspruch, wie Besitzer gegrüsst zu werden. Schmarotzend, wie Milben auf der kranken Rose, hockten die Ansiedler im Land. Unerträgliche Zustände!
Aleksander von Garczyński vergass ganz, dass in seiner Jugendzeit Przyborowo, und vor allem Niemczyce, längst schon in deutschen Händen gewesen waren; aber er hatte das damals nicht so unliebsam empfunden. Woran lag das?
Nun, woran es auch liegen mochte, jedenfalls jetzt so schnell wie möglich verkaufen! Und so hoch wie möglich! Wenn Garczyński an die Ansiedlungskommission dachte, fühlte er sich sehr erleichtert. Überdies waren ihm die letzten Jahre nicht günstig gewesen, und die Polnische Landbank würde nicht in der Lage sein, ihn so mit einem Ruck sicher hinzustellen.
Noch an diesem späten Abend beschäftigten ihn solche Gedanken. Sie beschäftigten ihn so lebhaft, dass er, trotz der Tinte an seinen Fingern und, ohne den Rock zu wechseln, der von der Nähe des Schreibers unliebsamen Duft angezogen hatte, seine Gattin aufsuchte.
Stasia konnte einen kleinen Freudenschrei kaum unterdrücken, als der gnädige Herr so unvermutet eintrat.
„Soll ich jetzt gehen und die Nepomucena wegschicken?“ sagte sie geschwind. „Sie wartet schon zwei Stunden.“
Aber sie kam so leicht nicht fort, wie sie gehofft hatte.
„Lass sie warten“, war die Antwort. „Und du wartest auch!“
„Es ist nur Stasia“, sagte Jadwiga zu ihrem Gatten, als sie seinen unwilligen Blick bemerkte.
„Ich möchte etwas allein mit dir besprechen!“
„Nun, so sprich doch! Wir sind ja allein. Nun? Was willst du?“
Sich auf die Seitenlehne ihres Sessels setzend, nahm er spielend ihre Hand. Und dann sagte er ihr, dass er eben vom Schreiber habe ausrechnen lassen, dass Chwaliborczyce im Verkauf soundso viel bringen müsse, wenn der Verkauf lohnen sollte.
„Du bist eine kluge Frau, Jagusia“, murmelte er zärtlich und küsste ihre Hand. „Und —“, er hielt an und liess seinen Blick über sie hingleiten mit einem leichten lächelnden Nicken, „du bist eine sehr schöne Frau! Was würdest du davon halten, mein Täubchen, wenn wir die Herren von der Kommission zum Diner einlüden? Doleschal möchte ich auch dazu bitten. Er ist mir wichtig. Er ist mit der Regierung liiert; ich habe gehört, dass er erst neulich in Posen war, beim Oberpräsidenten. Ist dir’s recht? Mach’s echt national, mein Seelchen: unsre heimatliche rote Rübensuppe, den Barschtsch, und Entenpotrawka und — ach, du wirst schon wissen! Und viel alten Ungar. Ich sage dir, sie trinken beim Dessert aus deinem Schuh. Sag, was hältst du davon?“
„Sehr viel“, sagte sie lächelnd und lehnte den Kopf an seine Schulter. „Und dann ziehst du auch mit mir hin, wo mir’s gefällt, nicht wahr, Olek?“
Er strich ihr sacht über die gelöste Frisur:
„Dein schönes Haar!“
„Lass doch!“ Ärgerlich bog sie den Kopf zur Seite; es fing an in ihrem Gesicht zu zucken, als wollte sie weinen. „Verkaufe doch endlich! Was habe ich davon, wenn’s zu spät ist. Sieh, hier“ — sie liess die Strähnen durch die Finger gleiten — „ich werde grau! Schon lange Fäden! Aus Kummer, aus lauter Kummer. Oh, unser armes Polen! Täglich gelobe ich bei der heiligen Mutter: kein Kleid aus Berlin — keinen Hut aus Wien — nicht Wiesbaden, nicht Homburg im künftigen Jahr — nicht einmal in die deutsche Konditorei zu Posen! Ach, hätte ich dich doch nicht geheiratet! Wäre ich in Warschau geblieben! Lieber unter Russen leben als in dieser langweiligen Ödenei!“
Er wollte etwas sagen, aber sie liess ihren Mann gar nicht zu Worte kommen, heftig schrie sie ihn an: „Gedenke deiner Pflichten gegen Boleslaw! Wenn Górka von hier fortkommt, was doch gewiss bald der Fall sein wird, was dann? Dann ist alles aus! Diese Hauslehrer mit den schwarzen Nägeln, die mit allen Mägden herumliebeln — pfui, widerlich! Wir haben das doch vorher, denke ich, zur Genüge durchgemacht. Górka sagt: ‚die Zukunft Polens ist in der Mütter Hand gegeben‘ — nun, wohlan, ich bin eine Mutter! Und ich sage dir, wenn du nicht bald verkaufst, so ziehe ich allein mit Boleslaw in die Stadt. Ich bin es meinem einzigen Sohn und meinem Vaterland schuldig!“
Der Gatte erhob sich leise. Seine Frau auf die Schulter küssend, machte er keine weitern Unterhaltungsversuche mehr. Aber er wusste, nun konnte er getrost die Einladungskarten verschicken.
„Schlafe wohl, mein Herz! Stasia“ — die Zofe fuhr auf — „rufe die Nepomucena!“
Herr von Garczyński ging wieder ins Büro zurück, wo der todmüde Schreiber noch immer sass und jetzt krampfhaft die verschlafenen Augen aufriss. Die Einladungen wurden noch diese Nacht postfertig gemacht. —
Oben ins Zimmer der gnädigen Frau trat derweilen die alte Nepomucena ein; ihr schneeweisses Haar war mit Fett unter der Haube gestrählt, und sie hatte sich gewaschen. Zu den Füssen der Herrin, die regungslos sass, das Gesicht in den Händen verborgen, kauerte sie nieder und begann die Pantöffelchen und Strümpfe abzuziehen. Sacht strich sie dabei über den hohen Spann und dann über die Waden, immer hinauf, herunter — und wieder: herunter, hinauf.
Seit fünfzehn Jahren, seit der Geburt des jungen Panitsch, schonte die Nepomucena ihre Nägel und nahm sie in acht, dass sie nicht immer wieder abstumpften bei der Arbeit; die Pani liebte das Kratzen mit stumpfen Nägeln nicht.
Garczyński hatte seiner Frau schon mehrmals einen hölzernen Kratzer mit langem Stiel aus Posen mitgebracht, auch ein Händchen aus Elfenbein mit spitzen Krällchen, auch ein Bürstensystem; aber das Streichen und Kratzen der alten Hand, deren Haut von der schweren Arbeit des Lebens so rauh geworden wie ein Reibeisen, war nicht zu ersetzen.
Nun schnitt die Filomena, die Tochter der Nepomucena und die Mutter der Michalina, schon ihre Nägel spitz, denn Grossmutter Nepomucena fürchtete, dass bald der Tod kommen würde, sie zu holen — und wer sollte dann die Herrin kratzen?
Auf den schwachen Knien liegend, bückte die alte Nepomucena ihren alten Rücken geduldig. Wie früher hinterm raschen Schnitter im Korn, so hielt sie ihn in einem fort gebeugt; sie richtete ihn gar nicht auf.
Die Uhr schlug Mitternacht, da liess sich die Herrin ins Bett helfen. Das Gesicht nach der Wand gekehrt, auf der Seite liegend, liess sie sich nun auch den Rücken kratzen. Immer auf, ab — ab, auf.
Stasia schlief in einem Winkel. Der hübsche Kopf war ihr hintenüber gesunken — so pflegte sie immer am Abend zu sitzen, ein Fettfleck an der rissigen Tapete bezeichnete die Stelle — sie hielt den Mund halb geöffnet und lächelte wie ein Kind im Traum.
Auch Frau Jadwiga fielen endlich die Augen zu, aber sie riss sie immer noch einmal auf und dehnte und reckte sich im überrieselnden Wohlgefühl.
Die alte Nepomucena kratzte und kratzte — die Waden, den schlanken Rücken herauf — den Rücken, die Waden herunter — auf, ab — ab, auf — hin, her — her, hin.
Mit seltener Kraft strömte etwas aus von diesen verarbeiteten Fingern, von dieser Hand, die noch diente an der Schwelle des Grabes.
Viertes Kapitel
Wie eine Offenbarung kam es über Herrn Kestner auf Przyborowo, als er, unter seinem Hoftor stehend, von Miasteczko her zwei Wagen in der Richtung nach Chwaliborczyce fahren sah. Sie nahmen nicht die Strasse über Przyborowo—Niemczyce, sondern den viel schlechteren, aber direkteren Landweg quer durch die Felder.
Aha, also es war wirklich so, die Kommission, die heute vormittag die Parzellierungen beim Städtchen in Augenschein genommen hatte, fuhr jetzt zu Garczyński?! Ja, der Pole war ein Schlauer, der wusste es geschickt anzufangen! Und hier waren sie nicht einmal vorgekommen! Sie hatten Przyborowo links liegen lassen, als wäre das gar nicht vorhanden!
Der Przyborowoer zog die Stirn kraus: man muss eben Pole sein, um Seide zu spinnen! Diese Bevorzugungen von seiten der Regierung gingen doch wirklich zu weit: das war ja schon das reine Kokettieren!
Die Sonne blendete. Der Gutsherr trat unter die Akazie beim Hoftor, die wenigstens einigen Schatten gab, und blickte, die Hand über die Augen gelegt, hinaus auf sein Reich.
Überall Schober. Räder knarrten. Gleich über die Strasse weg, drüben auf der ersten Stoppel standen drei grosse Weizenschober, und vier, fünf hochbepackte Erntewagen schwankten eben von weiterher noch heran, um auch hier abzuladen. Die Schober standen wie im Feuer; gleich hinter der Stoppel, die mit scharfem Rand gegen den Himmel abschnitt, stand das Riesenrund der Sonne. Als tauchten die Wagen aus der Sonne empor, so erschien es; feinem Gespinst gleich hoben sich die Speichen der Räder gegen die goldrote Scheibe, und die Rothemden, die hoch oben auf dem Korn thronten, flammten. Sie stakten die Bunde auf und schwangen sie, mit starkem Arm die Gabel hochhaltend, von oben niederwärts. Jedes Garbenbündel schwebte für Augenblicke, wie ein dunklerer Fleck, aber von einer Gloriole umstrahlt, mitten im Rund der grossen Sonne, als teile die selber gütige Gaben unendlicher Fülle aus.
Der Przyborowoer rechnete: was kostete das nun wieder für Arbeitslöhne! War die Ernte geringer, brachte sie nichts — war sie gut, brachte sie erst recht nichts ein. Man wusste wahrhaftig nicht, um was man heutzutage bitten sollte!
Vor sich hin grämelnd stand er.
Gelächter schallte von der Stoppel herüber, und dazwischen tönten Kommandorufe des Vogtes. Beim neuen Schober tummelten sich die Arbeiter. Ein paar Abstakerinnen, die kattunenen Kopftücher tief über die Mützchen gezogen, kamen jetzt in flatternden Röcken gegen das Hoftor geweht mit dem staubigen Wind. Ihre geleerten Wasserkrüge brachten sie.
Aber mit strengem „Dalli, Dalli“ und in die Hände klatschend, wie man die Gänse scheucht, jagte der Herr sie zurück an die Arbeit: hier wurde nicht beim Brunnen gelungert! Kestner schüttelte den Kopf: ja, Therese hatte ganz recht, der Hoppe war gar nicht mehr auf dem Posten, seine Ohren und Augen waren nicht mehr scharf genug, die Leute tanzten ihm auf der Nase. Wenn der Inspektor schneidig wäre — wie dürften die Dirnen sich sonst unterstehen, mitten aus der Arbeit fortzulaufen? Ja, wenn man den Szulc aus Chwaliborczyce kriegen könnte! Der verstand die Bande zu nehmen!
Mit weitausholenden Tritten schritt Rittergutsbesitzer Kestner über die Strasse auf die Stoppel und weiter über diese auf den neuen Schober zu. Dieser fing schon an, sich zu erheben. Die unterste Runde war bereits gelegt; in der Mitte stand ein Rothemd und ordnete die Bündel, und die Mägde fingen an, hinaufzuklettern und die Mandeln festzutrampeln. Die Knechte starrten mit lachenden Mäulern nach den vom kitzelnden Stroh zerstochenen Waden und nach dem, was sonst noch zu sehen war.
„Vogt!“ brüllte der Herr mit aller Kraft. „Vogt!“
Der Vogt, der dem eben anrumpelnden Wagen entgegengegangen war, kam eilig gesprungen.
„Vogt, dass mir hier ordentlich gerichtet wird! Setzt den Schober nicht auch wieder so schief wie die andern! Wie sieht denn das aus? — Wo ist denn der Inspektor?“
Der Vogt wusste es nicht.
Natürlich, wo wäre denn je ein Inspektor da, wo er sein sollte! Der Herr liess die Blicke über die Endlosigkeit seiner Felder schweifen.
Aha, ganz dahinten, wo die Rübenfelder des Vorwerks einen grünen Strich unter dem Himmel zogen, tauchte jetzt etwas auf: ein krabbelndes Käferchen. So langsam, wie eine Schnecke so langsam. Man sah kaum das Sichbewegen der Pferdebeine. Wahrhaftig, nicht mal mehr reiten konnte der! Nein, nein — Kestner schüttelte energisch den Kopf —, man musste hierzuland keinen Deutschen nehmen; der Hoppe hatte sich kolossal früh verbraucht!
Mit einem: „Padam do nóg“ — „Ich falle zu Füssen“ — knicksten die Erntearbeiter, als der gnädige Herr musternd seinen Blick über sie hingleiten liess. Die Männer sahen rotbraun aus, kupfern wie die Indianer; das Hemd stand ihnen auf der Brust offen, die Hosen in den hohen Stiefelschäften waren bei der angestrengten Bewegung gerutscht, kaum hielt sie noch der verschabte Ledergurt, darin der Wetzstahl für die Sense steckte. Auch die Mädchen waren halb aufgelöst. Wie eine Wolke hüllte ein ätzender Schweissgeruch den Schwarm und den Schober ein.
Befriedigt nickte Kestner: die konnten arbeiten! Schafften in einer Stunde mehr als deutsche Leute in dreien.
„Vogt, lasst den Leuten heut die doppelte Ration geben! Auch den Weibern das Mässchen voll.“
Der Vogt bückte sich:
„Ich falle zu Füssen!“ Und dann ermunterte er mit einem Blick ringsum: „Pan Keszner gibt euch doppelt soviel Schnaps heut — dalli, dalli, arbeitet flink! He, aufgepasst — wir danken!“ Er riss den runden Hut bis zur Erde: „Dass der gnädige Herr lebe!“
Schnaps, die doppelte Ration Schnaps heute?! Alle Hüte flogen herunter. „Wir danken! Dass der gnädige Herr lebe!“
Alle Arbeitenden stimmten in den Ruf mit ein; in einem kurzen Aufjauchzen schoss das Lebehoch über den Schober.
Als Kestner in sein Hoftor zurücktrat, prallte die Sonne noch sommerheiss; nur an den verlorenen Ähren, die vor den geschlossenen Türen der Scheunen zertreten lagen und an denen sich eine Schar von Gänsen und Enten, rotgelappter Puten und Perlhühner gütlich tat, merkte man den Herbst.
Wie ein Ungetüm stand unterm schindelgedeckten Remisendach die Lokomobile. Der Monteur aus der Kreisstadt schaffte um sie, und der Stellmacher vom Dominium leistete ihm Handlangerdienste. Morgen sollte sie hinaus und den Anfang machen auf der entferntesten Stoppel und fauchen und fressen, stöhnen und Garben schlucken, als wären’s Halme, und sich immer weiter durchfressen, immer näher heran, bis zu den letzten Weizenschobern auf der nächsten Stoppel beim Hoftor. Ärgerlich genug, dass man schon ausdreschen musste, aber was sollte man machen?! Die Scheunen waren gestopft voll, man würde viel zu früh verkaufen müssen!
Mit hochgezogenen Augenbrauen stand der Przyborowoer vor der mit eisernen Bändern beschlagenen Tür seines Kornspeichers und besah sich das langgestreckte, das einzige massive Gebäude des Hofes vom untersten Mauerstein bis zum obersten Dachziegel. Für diesmal war’s viel zu klein — und doch ein andermal wieder viel zu gross!
Die Mauer entlang, auf dem schmalen Pflasterstreifen, zwischen dessen spitzen Steinen Stechapfel wuchs und sehr viel Brennessel, sassen Weiber, den Rücken gegen die Speicherwand gelehnt, die Beine platt in den Hof hinaus gestreckt. Das waren die Frauen der Arbeiter, Mütter und Grossmütter, die jetzt die Kornsäcke zu flicken hatten, die von den Mäusen zernagt waren. Alle Säcke würde man brauchen.
„Dalli, dalli“, sagte der Herr wieder. Sein Blick streifte die lange Reihe. Wahrhaftig, da hatte schon jede einen grossen Topf bei sich stehen! Da würden sie nun sofort in den Kuhstall rennen, sowie nur die Glocke zur Melke ertönte, gierig auf ihr Deputat — keine kleine Abgabe, diese zwei Liter fette Milch täglich!
„Ksch, ksch, wollt ihr gehen!“ Ärgerlich trieb Kestner das Federvieh auseinander, das um verlorene Körner zankte. Wo war denn die Hütemagd? „Marynka, Marynka! — Unverschämtes Viehzeug, ksch, ksch!“
Schnatternd watschelten Gänse und Enten dem kleinen Pfuhl zu, der, mitten in der grasbewachsenen Narbe des ungepflasterten Hofes, wie ein rundes Loch sich auftat, während die Hühner verängstigt umherrannten.
„Ksch, ksch, ksch!“ Zornig schleuderte Kestner seinen Stock mitten unter sie — ein junges Perlhühnchen sank um und stand nicht mehr auf. Hatte er nicht schon hundertmal befohlen, das Federvieh sollte sich nicht hier bei Futterspeicher und Tennen herumtreiben? Wie leicht, dass sie ein Loch fanden, um bequem hineinzuschlüpfen und zu fressen und zu fressen. Das verstand Therese nun eben noch nicht, im kleinen musste auch gespart werden. Die Ausgaben waren zu gross — was kosteten die Jungen nicht alles! Es war schrecklich. Sie dachten wohl gar, des Vaters Tasche war unerschöpflich?
Mit einem Seufzer bückte sich der Vater und las eine Handvoll der verstreuten Ähren zusammen. Sie wie einen Strauss in der Hand haltend, blickte er, den Kopf nachdenklich wiegend, darauf nieder.
Die Hühner, die sich vom ersten Schrecken erholt hatten, kamen schon wieder dreist nach dem Futter gerannt; auch die Enten, ein blaugrüner Erpel voran, nahten mit ‚katsch, katsch‘. Selbst die Tauben, die bis dahin in ihrem Schlag, der sein hölzernes Häuschen mit dem runden Durchschlupftürchen auf baumhoher Stange beim Pfuhl erhob, gegurrt hatten, liessen sich jetzt nieder vorm Scheunentor wie eine besonnte weisse Wolke.
„Marynka! He, Marynka!“
Laut hallte der Ruf über den weiten Hof und weckte das Echo, das hinterm Kuhstall wohnte. Zum Kuckuck, wo schlief denn die faule Dirne? Natürlich, die hatte der Hoppe engagiert — wie der Inspektor, so das Gesinde! Hatte denn niemand Ohren?
Vom verborgenen Plätzchen hinter den Pferdeställen kam jetzt ein Fornal gestürzt. O weh, der gnädige Herr war böse! Scheu guckte der Pferdeknecht. Es war seines Amtes, draussen bei den Gespannen zu sein, aber die noch grünen Winteräpfel und die Mistbeetmelone, die er heut nacht mit dem Nachtwächter zusammen aus dem Herrschaftsgarten geholt, kollerten ihm arg im Leibe. Sich mit beiden Händen rasch die Hose hochziehend, schnitt er ein vor Schmerz und Verlegenheit klägliches Gesicht.
Aber der gnädige Herr bemerkte es nicht. „Wo ist die Marynka — he?!“
Der Pferdeknecht atmete erleichtert auf, wenn ihm auch gerade wieder ein Schneiden durch den Leib ging wie mit dem Messer. „Ah, die Marynka? Die Marynka, da ist sie, beim Kompost!“ Der Schmerz verzog sein grinsendes Gesicht, er verschwand eilig.
Auch Kestner verliess geschwind den Hof; durchs Gittertor mit den Eisenspitzen schritt er in den Garten. Dort lag hinterm Treibhaus der Komposthaufen, an dem Frau Therese die Champignons züchtete, die sie frisch oder auch in Büchsen eingemacht den Söhnen schickte.
Wollte das Frauenzimmer, die Hühnermagd, etwa auch Champignons pflücken, jetzt, wo alles draussen auf dem Felde war und sie sich unbeobachtet wähnte?! Das wäre! Ganz sacht schlich der Herr sich heran, den Stock erhoben — weiss Gott, da kniete die Diebin vorm Komposthaufen, ganz vertieft in ihre Mauserei!
„Dass dich die Kurzepluca hole, das Hühnergespenst! He, du!“
Schwer liess der Herr seinen Stock auf die Kniende niederfallen.
Mit einem erschrockenen Aufschrei fuhr die kleine Marynka herum. Ihr Gesicht war ganz von Tränen überströmt; ein sich sträubendes, junges Perlhuhn hatte sie unter den Händen, zwischen den Zähnen hielt sie das zum Schlachten bestimmte Messer.
„Werd ich es ja schlachten, gleich, gleich!“ schluchzte sie. „Oh, mein liebes Hühnchen, so jung und soll schon sterben! Sagt die Mamsell, gnädige Pani hat bestimmt dieses, es muss gebraten werden und fahren weit, wo ist Deutschland. Hat es gelbe Füsschen und ist so schön schwarz und weiss. Ach, Panje Keszner“ — sie drückte das zitternde Huhn an ihr Kindergesicht und sah den gnädigen Herrn unter Tränen blinzelnd und bittend an: „Muss Hühnchen wirklich sterben?“
So — hm — also Therese schickte schon wieder einen Fresskober nach Berlin? Als ob man da nicht genug zu essen kriegte! Der Junge liess sich doch wahrlich nichts abgehen. Kestner zog die Augenbrauen hoch, aber dann sagte er unwirsch: „Dalli, dalli, lass die Pani nicht warten! Schlachte sofort das Huhn. Und hier“ — er scharrte mit dem Stock — „hier gräbst du die Eingeweide ein.“ Das gab guten Dung für die Champignonbrut, die wuchs dann reichlicher.
Er ging am Bienenstand und an den Spargelbeeten, die jetzt in hohen grünen Bäumchen mit roten Beeren standen, vorbei und durch das Blumenrondell zur Veranda auf der Rückseite des Wohnhauses.
Die kleine Marynka, das Messer zwischen den Zähnen, sah ihm traurig nach. Ach, armes Hühnchen! Wenn sie „put, put“ gemacht, war es immer zuerst gekommen.
Unwillkürlich lockerten sich ihre Hände — mit einem Aufkrähen entwischte ihr das Huhn, fort war es, sass auf dem Gittertor und drehte äugelnd das Köpfchen, war jetzt schon drüben auf dem Hof und stob mit gespreizten Flügeln davon.
Sie war ihm nachgelaufen, die Hände ausstreckend, um es zu greifen. Über den Hof bis zur ersten Scheune hin ging die Jagd. Es liess sich nicht fangen.
„Put, put — put, put!“ Da hielt es zutraulich an, plusterte sich auf und pickte ein Körnchen.
Heilige Maria, nein, sie konnte es nicht schlachten! Vater, Mutter waren im Himmel, Hühnchen durfte nicht auch dahin gehen!
Sich niederkauernd beim pickenden Liebling, weinte die kleine Marynka aufs neue bitterlich. Hilfesuchend irrte ihr Blick über den öden Hof. Da — sah sie recht? Wie Sonnenschein blitzte es plötzlich durch den Sonnenschleier ihrer Tränen, schnell war sie auf den Füssen, schnell zugesprungen — da lag was am Boden zwischen Unkraut und Spreu, mit gelben Füsschen und schön schwarz und weiss, und das war schon tot.
„Heilige Mutter, heilige Schutzpatronin, du hast gesehen armes Waisenkind!“ Entzückt stammelte die kleine Marynka; das Messer entglitt ihren Zähnen, flugs nahm sie es zur Hand: rasch das tote Hühnchen noch abgeschlachtet. Perlhuhn ist Perlhuhn — wer wird es merken?!
Frau Therese war beschäftigt, auf dem Tisch der geräumigen Speisekammer, hinter dem nach dem Hofe herausgehenden stark vergitterten Fenster, die Kiste für ihren Ältesten zu packen. Er hatte geschrieben, dass er einem abkommandierten Regimentskameraden ein letztes kleines Frühstück zu geben beabsichtige. Und das war so viel gemütlicher in den eigenen hübschen Räumen als bei Dressel, und auch so viel billiger, denn die Mutter schickte. Ein Korb Krebse, in Nesseln verpackt, kam morgen früh noch dazu, ‚per express‘ zu bestellen. Löb Scheftel hatte sich beim Haupt seiner Kinder verschworen, dass er die in der Nacht gefangenen Krebse bereithalten würde bei Morgengrauen. Dann konnte der Milchjunge sie bei ihm abholen, vielmehr besser, die beiden besorgten miteinander die Kolli zur Post, Scheftel den Milchjungen und der Milchjunge den Löb Scheftel kontrollierend.
Die Krebse aus dem See von Miasteczko hatten eine gewisse Berühmtheit im Kreis der Kameraden; Frau Therese konnte schon eine ganze Anzahl von Ansichtspostkarten aufweisen:
‚Der gütigen Frau Mama unseres lieben Kestner heissen Dank.‘
Die selbstzubereitete Gänseleberpastete — die Mamsell hatte ein Geheimrezept — war auch nicht zu verachten, konnte neben jeder Strassburger bestehen. Die Entenpotrawka in einem hohen Steintopf, das schon fertige Ragout sorglich mit Pergament verbunden, brauchte nur warmgemacht zu werden; Rebhühnchen, in Weinblättern und Speckscheiben geschmort, lagen ein Dutzend bei, und für Paul, der keine Rebhühner mehr sehen konnte, wurde eben noch ein ganz zartes Perlhuhn abgebraten.
Wenn nur alles gut ankam, die frischen Butterkuchen nicht zermürbten, die Ananaserdbeeren im dicken Zuckersaft und die Glaskrause mit den Rumfrüchten nicht in Scherben gingen!
Besorgt packte die Mutter, und ihr strenges Gesicht wurde weich dabei. Der gute Junge, wie würde er wieder schmunzeln! Sie sah so deutlich sein gebräuntes Gesicht mit der weissen Stirn über der roten Attila und seine lachenden Augen. Sie konnte es nicht ändern, der Husar war nun einmal ihr Verzug; nicht, dass sie den Referendar weniger geliebt hätte, aber der war ja so in der Nähe, kam fast alle Sonntage von Posen herüber. Und Kornelia? Nun, die war ohnehin schon des Vaters Liebling! Frau Therese wusste, ihr Mann legte bereits zurück für eine grosse Mitgift.
Wenn nur der Hoppe nicht so abgängig wäre, dann würde man noch besser fahren bei den schlechten Zeiten! Solange sie selber ihren guten Augen trauen durfte, ging’s ja noch an, aber wenn Gott ihr die Kraft nicht mehr liess, was dann?! Wenn denn durchaus keiner der Söhne Przyborowo übernehmen wollte — und konnte man’s ihnen verdenken, dass sie nicht auf der Klitsche verbauern, sich nicht in der Provinz vergraben wollten? — war es das beste, zu verkaufen. Der Boden war glänzend und noch hoch in Kultur — das liebe Przyborowo, es war einem doch sehr teuer.
Frau Kestner verschloss ihre Vorratsschränke und hakte die Schlüssel in ihren Schlüsselbund; den überliess sie niemand, auch der Mamsell nur für Augenblicke. Mit dem Bewusstsein, die Kiste bis zum Rande gefüllt zu haben, schritt sie, ihre stattliche Gestalt ein wenig bückend, unter den selbstgegossenen Talglichtern her, die in langen Kränzen von der Decke baumelten, zum Ausgang.
Da hörte sie ihren Mann aufgeregt rufen:
„Therese, Therese!“
Gott verhüte, es war doch keine schlechte Nachricht von den Jungen gekommen? Eben hatte sie den Landbriefträger mit seinem Knotenstock und der umgehängten Posttasche vom Hof gehen sehen.
Sie lief ins Studierzimmer.
Kestner sass auf seinem Sofa unter dem Bildnis des Kaisers und rang nach Luft.
„Da siehst du’s nun, Therese, da haben wir’s — da schreibt der Paul schon wieder um Geld!“ Er legte den im ersten Ärger zerknitterten Brief vor sich auf den Tisch. „Und warum? Hahah!“ — er lachte gezwungen — „weil er jetzt, da er Rittmeister geworden ist, noch ein Pferd haben müsste. Was sagt man dazu: zwei für sich, eins für den Burschen und eins für das neue Break. Der Junge denkt wohl, ich finde das Geld auf der Strasse? Lies nur, lies!“
Sie las, las lange. Die grossen steilen Schriftzüge waren leicht zu entziffern; viel stand nicht auf dem Bogen, aber sie überlegte bei jeder Zeile: war es wirklich nur wegen des neuen Pferdes, oder hatte er etwa wieder gespielt?
Kestner stöhnte: „Da hab’ ich ihm was von ‚ganz leidlicher Ernte‘ geschrieben — natürlich, nun wird gleich darauflos gelebt wie ein Wilder!“
„Das kannst du nicht sagen, das ist unrecht!“ Die Mutter hielt sich den Brief dichter vor die Augen und las und las. „Er schreibt: ‚Alle andern haben mindestens so viele im Stall‘!“
„Unsinn! Das soll er jemand andrem einreden — mir nicht!“
„Aber da lies doch! Es ist ihm eben nicht anders möglich.“ Theresens Stimme klang gereizt. „Baron Kramstal hat vier, Herr von Korendowski fünf, Graf Dohnat vier, Falk von Falkenstein fünf. Und der Blechmeier hat sogar einen ganzen Rennstall. Da kann man es Paul doch wahrhaftig nicht verdenken, dass er nicht gänzlich zurückstehen will. Du musst ein Einsehen haben, Moritz! Dann hätten wir unsern Sohn eben nicht Offizier werden lassen dürfen!“
„Ja, da hast du recht — hm, ja!“ Er nickte mehrmals rasch hintereinander. „Freilich — was sein muss — hm — muss sein!“ Den Kopf in die Hand stützend, grübelte er vor sich hin.
Therese stand ruhig und wartete. Sie wusste, er würde sich ihrer bessern Einsicht nicht verschliessen. Sie würde übrigens selber einmal Hoppe vornehmen und sich informieren, was in diesem Monat einging. Ohnehin wollte sie ihm sagen, dass diese Verschwendung von Hofpersonal nicht am Platze sei. Mochten die Dirnen nur draussen mehr helfen — weibliche Arbeitskraft ist doch noch immer nicht so teuer wie männliche —, wenn zwölf zur Melke daheimblieben, war’s reichlich genug. Die zwölf konnten siebzig Milchkühe bequem schaffen — mochten sie ihre Daumen brauchen! Und die Hühnermagd konnte noch die Schweine mit übernehmen, Hühner machen so gut wie keine Arbeit. Man musste sparen an allen Enden.
Ihre scharfen Augen gingen durchs Fenster auf den Hof, den man in seiner ganzen Breite, mit dem Tor in der Mitte, bequem vom Studierzimmer aus übersehen konnte. Und noch weiter sah man: wie ein Bild, von den Pfosten des offenen Hoftors eingerahmt, ein Stück der Felder, sich in den Himmel verlierend.
Auf der baumlosen Fläche, dunkel gereckt, ragte am Horizont der Turm von Pociecha. So hatte man den immer gesehen all die fünfunddreissig Jahre, die man hier gewohnt. Er würde einem ordentlich fehlen. Aber dass sich da jetzt noch Ziegeldächer erhoben — wenn die Sonne drauf schien, blendeten sie — das war störend.
„Du“, sagte Frau Kestner plötzlich und wendete sich ihrem Manne zu, „ist es wahr, dass der Niemczycer mit den Ansiedlern fraternisiert? Er soll immer hinfahren, sich um jeden Quark kümmern, als wär’s seine eigene Angelegenheit. Wenn Scheftel das Fleisch in die Küche liefert, erzählt er immer der Mamsell — natürlich, der Jude ist entzückt von so was! Ich muss gestehen, ich hätte Doleschal für innerlich vornehmer gehalten. Man sieht, das Hochnäsigsein ist noch lange nicht Vornehmheit.“
„Ein Esel ist er!“ Unwirsch fuhr Kestner auf. „Proletariat ladet er uns auf den Hals! Was sollen wir mit den Leuten? Zu Arbeitern sind sie viel zu anspruchsvoll, sie hetzen uns nur unsere eigenen Leute auf. Hätte sich wohl früher einer von den Hiesigen unterstanden, zu sagen: ich will nur bis acht Uhr arbeiten?! Bis die Sterne am Himmel standen, bei Mondschein noch haben unsre Sensen gemäht. Die Russen, die im Akkord sind, hauen sogar die ganze Nacht durch, wenn’s sein muss. Und Sonntag, Sonntagsruhe — ei, dass dich!“ Er zog die seidene Mütze herunter, die er immer trug, sowohl im Hause als auf dem Hofe, und warf sie auf den Tisch. „Nun muss man ruhig zusehen, wie einem das ganze Getreide verpladdert.“
„Rege dich nicht auf“, bat Therese. „Jeder vertritt eben, was er für gut hält.“
„Gut hält — gut hält! Kann ich denn tun, was ich für gut halte? Wie ein Spürhund ist die Regierung einem auf den Hacken. Und der Doleschal macht den Aufpasser. Ich werde es aber Paul sagen, dass mir die dicke Freundschaft mit dem nicht passt. Wenn wir uns hier zusammenschlössen, alle an einem Strang zögen, dann möchte ich doch sehen, wer die Karre anders schöbe! Aber Doleschal ist liiert mit dem H-K-T — seit der gegründet ist, ist alles zugespitzt. Es ist einfach nicht mehr auszuhalten!“
„Ja“, sagte sie rasch, „es wäre das beste, wir verkauften, dann wissen doch auch die Kinder, woran sie sind.“
„Nun, natürlich!“ Er stand auf und ging an seinen Geldschrank. Umständlich schloss er auf. Und dann entnahm er einem besonderen Kästchen einen Schein. „Da, schick das dem Jungen! — Aber nicht von Miasteczko aus“, grämelte er nach einer Pause, in der er dagestanden und starr in den noch geöffneten Geldschrank hineingeguckt hatte. „Es wird sonst gleich ruchbar. Ich mag nicht, dass sie wissen, was ich verschicke. Man wird sowieso immer überschätzt!“
„Ich werde morgen nach der Kreisstadt fahren — schade, dass es heute zu spät ist! — und von da schicken, mit eingeschriebenem Brief. Bei der Gelegenheit fahre ich bei der Landrätin vor; ich will ihre Kinder in den Herbstferien zu uns heraus laden.“
„Die Kinder — in den Ferien?“ Sein Gesicht wurde lang. „Muss das sein?!“
„Ich bitte dich, Moritz, es muss nicht gerade sein, aber —“ eine kleine ungeduldige Röte stieg in ihr Gesicht — „wenn wir verkaufen wollen! Und — da es mir gerade einfällt —, du hättest auch längst schon mal einen Besuch bei Doleschal machen können. Garczyński ist zehnmal klüger — neulich sollen sie sogar zusammen spazierengefahren sein. Das weisst du doch selbst ganz gut, wie man sich heutzutage dazuhalten muss!“
„Gott weiss es — das muss man!“ Er stiess einen tiefen Seufzer aus.
Über den Hof kam jetzt der Inspektor Hoppe. Breitbeinig ging er, man sah’s, er war steif vom Reiten.
Therese, die schon im Gehen begriffen war, zögerte noch. Da konnte sie ihm ja gleich wegen morgen sagen!
Hoppe trat zugleich mit seinem Klopfen ein; mit den schweren, vom Ackerstaub wie mit grauem Mehl besiebten Stiefeln tappste er achtlos in die Stube.
Ein unwilliger Blick der Gutsherrin traf ihn: hatte der denn noch immer nicht gelernt, eine saubere Diele zu schonen? Womöglich lief er so auf den Teppich! Und nicht einmal die Mütze nahm er ab!
Die Miene des Inspektors war erregt, die Zornesader seiner Stirn dick angeschwollen; aber um den Mund lag Bekümmernis. „Herr Kestner“, sagte er hastig, „kommen Sie doch, bitte, mal ’raus! Herr Kestner, beim neuen Schober machen sie Skandal!“
„Wo, wer? Ach was!“ Ungläubig sah ihn der Herr an.
Frau Therese lächelte ein wenig spöttisch: da wurde mal wieder aus der Mücke ein Elefant gemacht!
„Herr Hoppe“, sagte sie, „ich brauche morgen den Landauer. Bitte, um zwei Uhr! Und schicken Sie gefälligst den Milchwagen statt um vier schon um drei Uhr nach Miasteczko. Eine Kiste muss zur Frühpost zurechtkommen!“
Er hörte sie gar nicht. „Sie glauben es nicht, Herr Kestner?! Sehen Sie!“ Er nahm die Mütze ab. Über den grauen Kopf, mitten herüber, lief eine tüchtige Schmarre; das Blut war geronnen und hatte ringsum die Haare verklebt. Der wetterharte Mann schloss einen Moment wie im Schmerz die Augen, und dann machte er sie gross und vorwurfsvoll auf. „Sie haben den Leuten die doppelte Ration Schnaps geben lassen, Herr Kestner. Auch den Weibern. Nun sind sie aus Rand und Band. Halb acht Uhr Arbeitsschluss wollen sie jetzt haben. Der Vogt hat mich zu Hilfe gerufen, er ist ihnen nicht gewachsen.“
„Und Sie auch nicht“, brüllte der Przyborowoer. „Dummes Zeug! Warum haben Sie nicht druntergehauen?“
„Ich habe.“
„Aber wie! Ich weiss ja, es widerstrebt Ihnen. Sonst wäre die Sache sofort erledigt gewesen. Also heute abend gibt’s keinen Gurkensalat fürs Gesinde und die saure Milch pur zu den Kartoffeln! Und den Leuten erlaube ich es nicht mehr, eine Sau zu halten, wenn sie nicht kuschen. Über den Scheffel Weizen reden wir auch noch einen Ton zusammen. Und den Wanderarbeitern, den Russen, sagen Sie nur: Pascholl! Einfach: Pascholl!“
„Herr Kestner, wir brauchen aber die Leute — alle Leute!“
„Ach was! Offner Aufruhr — was wollen Sie denn?“ Er zeigte auf des Inspektors blutrünstige Schmarre. „Sie sind Zeuge. Na, die haben Ihnen ja ordentlich eins ausgewischt! Mütze vom Kopf ’runtergeschlagen, und dann mit der Gabel gestochen — was? Und die Weiber waren natürlich die tollsten. Haha, kenne ich! Auf mich sind auch schon mal ein paar Abstakerinnen losgegangen — wegen ’ner Lappalie, sozusagen aus Übermut — ich habe sie aber umgeritten, und nachher waren wir gut Freund. Wie die Kinder sind sie, wie die Kinder. Nicht wahr, Therese?“
Frau Kestner nickte stumm. Sie ärgerte sich über den Inspektor.
Der Gutsherr hatte sich nach und nach beruhigt. „Keine Sorge, Hoppe, die Kerle laufen nicht fort — wohin sollen sie denn auch jetzt? Nur immer gedroht: Ruhe, sonst pascholl! Ich brauche nur zur nächsten Behörde zu schicken, und — eins, zwei, drei — über die Grenze sind sie per Schub.“
Der Inspektor sah vor sich nieder; er ging noch nicht, es kämpfte noch in seinem Gesicht. „Wenn die Weiber wenigstens um halb acht aufhören dürften! Es sind Mütter darunter von ganz kleinen Kindern. Und die Arbeit ist schwer!“
„Lieber Hoppe, tun Sie mir den Gefallen“ — verdriesslich fasste sich der Przyborowoer an die Stirn — „kommen Sie mir nicht mit den Geschichten! Die Leute sind an Arbeit gewöhnt. Um acht Feierabend! Nicht früher! Sagen Sie ihnen das! Die Leute müssen eben ’ran, jede Minute ist kostbar!“
Schwerfällig wandte sich der Inspektor zur Tür.
„Bitte, einen Augenblick!“ Frau Kestner hielt ihn noch zurück. „Also der Milchwagen fährt morgen um drei statt um vier, nicht wahr?“
„Schon um drei?! Gnädige Frau“ — er sah sie verdutzt an — „dann müssten die Mägde ja schon um zwei in der Frühe zur Melke aufstehen?“
„Es muss unbedingt etwas zur ersten Frühpost zurechtkommen!“ Die helle Röte stieg ihr ins Gesicht, und der Ton, in dem sie jetzt sagte: „Um zwei nachmittags den Landauer mit den beiden Füchsen für mich!“ hatte nichts mehr von einer Bitte an sich.
Sie sah nach ihrem Mann hin: würde der den Inspektor nicht zurechtweisen?
Hoppe hatte einen ungeschickten Abschiedsdiener gemacht, aber er blieb noch immer stehen wie angewurzelt. „Herr Kestner“, sagte er jetzt leise, aber es zitterte etwas in seiner Stimme, „könnte die gnädige Frau nicht vielleicht an einem andern Tag fahren? Muss es gerade morgen sein?! Die Gespanne haben dringend zu tun. Das Wetter droht umzuschlagen. Ich brauche alle Pferde — auch die Kutschpferde — sie müssen eben ’ran, jede Minute ist kostbar!“
Kestner zögerte; der Einwand leuchtete ihm ein, Frau Therese sah’s an seiner gerunzelten Stirn und dem verlegenen Blick. So mahnte sie schnell — der Schein brannte sie förmlich in der Tasche —: „Moritz, bedenke, Paul wartet!“ Und dann sagte sie, mit einem verabschiedenden Neigen des Kopfes: „Überhaupt, Feldarbeit ist viel zu schwer für die Füchse, die müssen geschont werden!“
Fünftes Kapitel
Wie der Inspektor auf Przyborowo gefürchtet hatte, so war es bald danach eingetroffen. Das Wetter war völlig umgeschlagen. Regen hatte der Lokomobile den Atem ausgeblasen, tot stand sie unterm Schuppendach.
Landregen. Regen am Morgen, Regen am Mittag, Regen am Abend, Regen den ganzen Tag. Und Regen die ganze Nacht. Er trommelte nicht auf die Dächer im plötzlichen Guss, hart und heftig; nein, friedlich rauschte er, gleichmässig sacht wie stilles Meer, das an Inseln wäscht.
Alle Höfe sind spiegelnde Seen, die Ställe nur watend zu erreichen; selbst der Herrenhäuser Treppenstufen bis hoch hinauf bespült. Aus allen Dachrinnen giessen Bäche, schwinmenden Blumentellern gleichen die Rondelle der Gärten, tief geneigt, beschwert von den Himmelsfluten sind die Bäume des Parkes. Von Nässe dampfen die Hütten der Leute, der Rauch der Schlöte ist niedergedrückt von der schweren Luft, der Acker weich zum Versinken. Zähschlammiges, mooriges Land sind Wege und Pfade, kein Vorwärtskommen gibt’s für die Räder, keinen festen Grund für den Fuss. Wasserschleier liegen über Stoppel- und Rübenfeldern; fast ertrunken sind die Rebhühner und Häschen, die Schutz gesucht haben in den Furchen. Lastende, einschläfernde Regenmüdigkeit liegt über Ansiedlung und Dorf. Kein Ton erklingt auf den Feldern, kein Zuruf, kein Peitschenknall; nur die Glocke im Turm von Pociecha-Dorf ruft.
Der Przyborowoer stand am Fenster seines Studierzimmers und sah durchs Hoftor hinaus in die Wasserweite. Seine Ernte war drin, Gott sei Dank! Was die Scheuern nicht zu fassen vermocht, das stand draussen in den Schobern, geborgen unter strohernem Schutzdach. Und für die Rüben war der Regen sogar sehr erwünscht, jämmerlich schlapp hatten die gehangen; jetzt aber standen sie aufgereckt, glänzend und frisch grün mit ihren erquickten Blättern. Seit den letzten drei Tagen sah man sie wachsen. Nur nicht zu lange durfte der Regen anhalten, ja nicht zu lange! Ob der Chwaliborczycer auch alles drin hatte? Und der Niemczycer?
Ein behagliches Lächeln glitt über Kestners Gesicht: der Niemczycer sollte ja noch was draussen haben in Mandeln — na, das konnte er wohl in den Schornstein schreiben! Nun zeigte es sich mal wieder, was bei dem Frühfeierabendmachen herauskommt, und auch, was ein Landwirt, der auf dem Platze ist, zu leisten imstande ist! Freilich, der da oben — er sandte einen Blick hinauf zum Himmel, der dicht und bleifarben wie ein Sack tief niederhing — der musste seinen Segen dazu geben!
Noch kein Schieben in den Wolken?! Donnerwetter, da musste sich aber doch bald der Ostwind aufmachen und klären, sonst kriegten die Rüben zu viel Wasser. Und die Kartoffeln — sorgenvoll schaute der Landwirt auf einmal drein — an die durfte man gar nicht denken! Die faulten sicher! Ein Hundewetter war’s, ein ganz miserables Hundewetter, zum Verzweifeln!
Mit finsterem Blick ging Kestner zur Stubentür, und dann auch zur Haustür hinaus und stapfte, trotz des strömenden Regens, mitten durch hochaufspritzende Pfützen zum Hoftor. Unter der triefenden Akazie hielt er Umschau: trostlos, keine Besserung zu hoffen! Niemczyce ganz verhangen, nicht mal der Lysa Góra zu sehen! Auch gegen Chwaliborczyce zu war alles grau. Na, die Garczyńskis würden sich auch schön langweilen! Es war vielleicht ganz angebracht, heute nachmittag zu ihnen hinüberzufahren — die Füchse würden schon durchkommen. Was mochte der Pole wohl neulich bei der Kommission erreicht haben? Ob sie schon miteinander einig waren? — Wirklich, freundnachbarlicher Besuch war noch die einzige Rettung bei dieser Sündflut!
‚Wie bei der Sündflut‘, so dachte auch die Garczyńska. Sie stand am Fenster und sah hinaus, umflorten Auges. Was sollte sie beginnen, womit sich die Zeit vertreiben?! Das Rauschen des Regens hatte ihren leisen Schlaf gestört, früher als sonst war sie aufgewacht. Sie hatte gefrühstückt, Klavier gespielt — oh, wie langweilig! — sie hatte sich von Stasia etwas erzählen lassen, dann im Missionsbuch der Redemptoristen-Patres gelesen, das Górka ihr gebracht, auch im neuesten Sienkiewicz geblättert, den er ihr empfohlen — ach, auch ‚Quo vadis‘ langweilte sie heut. Draussen war eine Wasserwüste und alles öde, öde, öde.
Sie gähnte. Ein Wind hatte sich plötzlich aufgemacht und schüttelte die schon lang nicht mehr ausgeholzten Wipfel des Parkes, dass dürre Zweige prasselten. Ha, auch so schütteln und rütteln können! Hei, der Wind hatte Gewalt — sieh, jetzt musste sich der schlanke Stamm beugen, der dort ganz allein stand und sich nicht an andere Bäume lehnte! Krach — hei, nieder mit ihm auf die Knie! Auf die Knie!
Ein grausames und doch wollüstig-weiches Lächeln öffnete die Lippen der Dame. In der nervösen Unruhe, die sie immer peinigte, wenn draussen der Wind ging, eilte sie von Fenster zu Fenster. Noch immer nichts zu sehen! Doch da — halt — was zeigte sich da auf dem Lysa Góra, dessen Kopf sich jetzt eben aus Regenschleiern wickelte? Neben der einsamen Kiefer, die man immer dort ragen sah, flatterte heute etwas in der bewegten Luft, nickte, wehte, winkte wie ein Gruss. Ein Gruss!
Ihr matter Blick belebte sich plötzlich, die Augen bekamen Glanz. So nah schien ihr heut der Berg gerückt — sie streckte die Hände aus — und dahinter lag Niemczyce! Heute bei dem schlechten Wetter würde der Baron gewiss zu Hause sein, heute traf man ihn auch daheim, nicht bloss die langweilige blonde Frau!
Jadwiga öffnete das Fenster, nicht achtend, dass der Regen die vielen Wellen ihres Haares verdarb, die Stasia so sorgfältig gebrannt hatte. Sie strengte die Augen an: was, was liess denn nur der Baron da oben wehen? Wem galt das Zeichen? Ah — eine jähe Enttäuschung legte sich um ihre Züge — eine Fahne war es, schwarzweissrot!
„Pfui!“ Zornig klirrte die Garczyńska das Fenster zu. Dass ihr das auch nicht eingefallen war! Heute war ja der Tag, an dem die Deutschen einst den französischen Kaiser gefangen hatten. Und den feierte der deutsche Baron wieder — wie geschmacklos! — und gab der Nachbarschaft ein Ärgernis.
Heftig riss sie am Klingelzug. Als Stasia kam, liess sie sich ein schwarzes Kleid bringen, ein Trauerkleid mit Krepp — sie hatte es unlängst um ihre Mutter getragen —, und legte es heute wieder an und hatte heute auch Tränen in den Augen.
Die Garczyńska hatte recht gesehen, auf dem nackten Sandbuckel des Lysa Góra wehte die deutsche Fahne.
Doleschal hatte sie aufrichten lassen, trotzdem es eine grosse Mühe gewesen war, die Stange in dem vom Regen unterspülten, rutschenden Sand festzurammen. Er selbst war mit den Arbeitern hinaufgegangen. Und als sie nun die Arbeit vollbracht — selbst der deutsche Stellmacher Krauz hatte im strömenden Regen dabei geflucht —, war er allein noch oben geblieben.
Schlapp hing der Wimpel an der Stange nieder, schwer von Nässe; aber nun kam hilfreich ein Wind, hob mit starkem Atem das Tuch in die Höhe und blähte es lustig. Die deutsche Fahne flaggte vom Hügel weit ins flache Land.
Hanns-Martin hatte den Arm um die Stange geschlungen. Ihm war, als müsste er, wie einst als Knabe, fröhlich die Mütze vom Kopf reissen und sie mit ‚Hurra‘ schwenken.
Siehe, es hatte genug geregnet! Auseinanderweichend zeigte plötzlich das Wolkengefüge, das so undurchdringlich geschienen, einen fein-blauen Streif. Es war doch kein Landregen gewesen, nur der Nachregen eines Gewitters, das irgendwo fern niedergegangen. Schon hoben sich die schweren Nebel von den Äckern, zerrissen vom stöbernden Ost. Es war kühler geworden, fast kalt, aber wie lange noch, und die Sonne würde auch wiederkommen und wärmen. Wind und Sonne, die trocknen rasch.
Der Niemczycer drehte den Kopf nach der Richtung, wo er seine letzten Mandeln liegen wusste. Morgen wurden die umgestellt, heute nicht; heute war Festtag, Ruhetag wie ein Sonntag! Nun, die paar Mandeln würden ja auch noch trocken hereinkommen!
In einem Gefühl grosser Sicherheit sah er zu dem sich immer mehr und mehr lichtenden Himmel auf, und dann hinaus ins weite Land, in die Riesenebene bis gen Russland, und dann zurück auf sein Deutschau. Schöner lag kein andres Herrenhaus und auch stolzer keins auf vorgeschobenem Posten!
Es war eine Verantwortung, die der Vater, der jetzt längst am See unterm Stein schlief, mit Deutschau auf seine Seele gelegt; aber auch eine Genugtuung. Damals freilich, als der Tod des Vaters ihn jäh vom Regiment abberufen, hatte er nur die Verantwortung gefühlt — achtundzwanzig Jahre, so jung noch, und ein so grosses Gut und so ernste Zeiten! Aber jetzt? Zwölf Jahre hatte er seitdem allein gewirtschaftet und jeden Fussbreit Erde lieben gelernt, noch ganz anders lieben, als der Knabe den Boden geliebt, auf dem er gespielt. Hatte er doch darum gekämpft in Sonnenschein und Regen, in hellen und dunklen Tagen, in guten und schlechten Ernten, gekämpft auch darum gegen Böswilligkeit und Unverstand! Ja, die Zeiten waren noch dieselben geblieben, immer noch ernst, dem Anschein nach jetzt fast wirrer noch, aber — Gott sei Dank! — es waren Männer aufgestanden, die die Fahne des Deutschtums hochhielten, unentwegt!
In einem jäh aufwallenden Gefühl schossen ihm Tränen in die Augen, aber er wischte sie hastig weg. Pfui, ein Mann auf der Höhe des Lebens und noch weinerlich wie das Jungchen, das Pelasia einst an der Windel gegängelt?! Mochte man ihn lieber für kalt halten und für hochmütig dazu — er wusste es, Paul Kestner hatte es ihm lachend erzählt —, lieber dafür gelten, als aller Welt zeigen, wie empfindlich man ist, schier überempfindlich, zum Darunterleiden! Selbst Helene durfte nicht alles merken — war es Rücksicht, war es eine gewisse Scham? —, ach, nur ja nicht an alles rühren, es war ihm peinlich, wenn sie auch seine Frau war und dazu eine Frau, wie es keine zweite mehr auf Erden gab!
Mit einer tief innerlichen Begeisterung dachte er ihrer. Das hätte er selber nicht geahnt, als er sich damals auf seinem letzten Hofball in das schüchterne blonde Landfräulein mit der herben Jugendsprödigkeit verliebte, dass er so glücklich werden würde! Die herbe Jugend war mütterliche Weichheit geworden, die mädchenhafte Schüchternheit vornehme Zurückhaltung.
„Meine Frau! Meine Kinder!“ Er sagte es innig vor sich hin. Die Fahnenstange loslassend, fügten sich seine Hände ineinander. Wäre es nicht recht und billig, heute nachmittag, wenn alle, Männer und Weiber, Knechte und Mägde und hintennach noch die Kinder, wenn alle, alle kamen im höchsten Putz, die Erntekrone zu bringen, und er dann von der Freitreppe ihnen entgegentrat, auf die zu deuten, die neben ihm stand? Hinzurufen über all die lauschend gereckten Köpfe:
‚Wem ein tugendsam Weib bescheret ist, die ist
viel edler denn die köstlichsten Perlen!‘
Und wenn dann alle gaffen würden mit verdutzten Blicken, die Mäuler offen, dann müsste er weiter sagen von der Frau, die ihrem Manne Liebes tut und kein Leid ihr Leben lang, die mit Wolle und Flachs umgeht und Garn arbeitet mit ihren Händen, die vor Tage aufsteht und Speise gibt ihrem Hause und Essen ihren Dirnen, die an den Acker denket und gürtet ihre Lenden mit Kraft, die ihre Hände ausbreitet den Armen und reicht ihre Hand dem Dürftigen — die ihren Mund auftut zu holdseliger Lehre, dass ihre Söhne aufstehen und preisen sie selig!
Er lächelte: und die Krone reichen würde er ihr, die — ach nein, das blieb doch besser ungesagt! Sie würden ihn ja auch gar nicht verstehen.
Aber von anderm wollte er zu ihnen reden, das ihm gleich teuer am Herzen lag. Nicht umsonst hatte er den letzten Augustsonntag, den hergebrachten Tag des Erntefestes verstreichen lassen und den heutigen gewählt — Sedan! Wann konnten Deutsche wohl je freudiger singen: ‚Nun danket alle Gott!‘?
Heiter summend stieg der Niemczycer vom Hügel herab. —
Es wurde ein Sonnentag, als hätte der Morgen nicht noch mit nassen Füssen im Schmutz gestanden. Als am frühen Nachmittag die Niemczycer in den Hof einzogen, der älteste Vogt, auf hoher Stange die bändergeschmückte Erntekrone tragend, voran, tanzten Sonnenkringel über die in aller Eile aufgeschlagenen Bänke und Tische. Hier auf dem Hof sollten sie feiern, nicht im Krug, so wollte es der Herr.
Er selber stand mit der Frau auf der Freitreppe. Helene lächelte glücklich. An ihr Kleid drängten sich die Knaben, alle stramm in blauen Matrosenanzügen, nur der Kleinste trug noch sein weisses Mädchenröckchen. Fünf Knaben — und doch sprach die Rosalka, des Vormähers Kurek hübsche Tochter:
„Wir wünschen der Pani ’nen goldenen Tisch,
An allen vier Ecken gebratenen Fisch,
Wir wünschen der Pani ’ne goldene Kron,
Und übers Jahr einen jungen Herrn Sohn!“
Die hübsche Rosalka in der weissen Tüllschürze, viele Bernstein- und Korallenperlen um den Hals, unzählige flatternde Bänder über dem Rücken, stammelte, blutrot im Gesicht, mit ungelenker Zunge die mühsam erlernten Verse; hart klang das Deutsch in ihrem Mund, und die ‚r’s‘ rollten.
Aber Helene erklang der schon oft gehörte Reim heute lieblicher denn je, und das schneeweisse Huhn mit den rosenroten Bändern um die Flügel und dem Goldschaum auf dem Köpfchen, das ihr das Mädchen mit Knicksen bot, hatte ihr nie so hübsch gedeucht.
Jubelnd empfingen die Knaben ihre geschmückten Täubchen; der Älteste aber, der zukünftige Herr, hielt stolz seinen buntschillernden Gockel.
Der erste Vogt hatte vor dem gnädigen Herrn das Knie gebeugt:
„Nach den schweren Erntetagen,
Hab’ ich die Ehr, ein Wünschchen zu sagen —“
Der Mann schwitzte; erklang nur irgendwo ein Räuspern oder Fussscharren, so kam er aus dem Konzept. Die schon oft gelernten Reime machten ihm jedes Jahr wieder neue unüberwindliche Schwierigkeiten.
„Wir wünschen dem Herrn für sein ferner Leben
Viel Glück und reichen Erntesegen!
Nehm’ er die Krone als Unterpfand
Aus einer braunen Schnitterhand!“
Nun war er glücklich zu Ende.
Freundlich ernst schauten die Herrschaften drein. Helenes Blicke suchten die ihres Mannes. Eine tiefe Befriedigung kam über sie beide, und ihre Herzen waren voll Dank: wieder ein Erntefest, golden der Tag, golden die Ähren der Erntekrone!
Die Krone war schier ein Wunderwerk. Die alte Nepomucena, des Dudek Frau, war eine Meisterin in der Kunst des Kronenwindens. Kein Gut in der Runde — ob polnisch, ob deutsch —, dem sie nicht die Erntekrone flocht; schon wenn das Korn noch Saat war, erhielt sie die Bestellungen. Diesmal aber hatte sie sich selbst übertroffen.
Drei Reihen von tieffarbenen Weizenähren übereinander, durch Stäbe in hellerem Roggen- und Gerstengelb verbunden, umzittert von den vergoldeten Samenkapseln des Flachses und den schlanken Tropfen des Hafers, bildeten die Krone. Die Krone der Kronen war ihr hierdurch geglückt — die Form der Tiara. Selbst das Kreuzchen fehlte nicht oben darauf, von roten Beeren gereiht. Stolz reckte der Vogt das Meisterwerk dem Herrn entgegen.
Eine plötzliche Verstimmung legte sich über des Gutsherrn Gesicht; unter zusammengezogenen Brauen sah er auf die Krone.
Fragend, um Ausrufe der Bewunderung betrogen, starrten ihn seine Leute an: warum gefiel sie dem gnädigen Herrn denn nicht, war sie nicht schön, trug wohl der heilige Vater eine schönere auf seinem heiligen Haupte?
Da gab Doleschal sie rasch seinem Ältesten, dass er sie hineintrage. Und wie sie ihm aus den Augen war, war auch die Verstimmung fort. Gewiss, die diesjährige Erntekrone war schön, sehr schön! Flatterten doch auch lustige bunte Bänder von ihrem untersten Rand; und sie sollte auch wieder an Stelle der vorjährigen überm Eingang zu seinem Zimmer prangen. Ja, die Leute hatten es ja sehr gut gemeint!
Und er dankte ihnen. Seine Stimme schallte von der Freitreppe hinunter über den Hof und klang deutlich bis hinüber zu den Wirtschaftsgebäuden. Mochten es alle hören! Die Türen der Ställe standen offen; das Muhen des Rindviehs hörte auf, beim schläfrigen Wiederkäuen gestört von der lauten Stimme.
„Leute, ich danke euch! Wie schon manches Jahr, so auch in diesem. Gott hat mir eine gute Ernte gegeben. Der Winterroggen lohnt gut. Auch die Sommerung ist gut; wir haben schwereren Weizen gehabt als andre Jahre. Die Einsaat ist famos aufgegangen. Die Rübenaussichten sind vielversprechend. Das verdanke ich — nächst Gott — eurem Fleiss! Ihr habt euch für mich gemüht in Sonne und Regen. Und ich —“
er hielt an, mit einem glänzenden Blick sah er sich rings um —
„ich habe mich auch für euch gemüht, euer Wohl habe ich mir allezeit angelegen sein lassen!
Die patriarchalischen Zeiten sind vorbei, hört man sagen. Das ist in vielem auch gut. Ihr seid freie Leute geworden. Ihr braucht nicht mehr zu scharwerken wie früher. Ihr bekommt nicht nur Naturallohn, ihr bekommt auch festgesetztes Geld. Ihr habt eure grosse Stube und Kammer, euren Stall, Bodenraum und Keller. Ihr könnt euch im Gartenland Gemüse bauen und Kartoffeln in eurem Stück Acker. Auch eine Kuh, noch neben dem Schwein, zu halten, ist euch gestattet. Ihr braucht nicht mehr dem Herrn mit Zittern zu dienen — nur noch Vertrauen verlange ich von euch und gebe euch das meine dafür dagegen. Und wem verdankt ihr das alles?“
Er hielt wieder an und liess seinen Blick suchend von Mann zu Mann gehen.
Mit gesenkten Köpfen standen die Leute und hörten zu, stumpf-ergeben wie in der Kirche. Kein aufstrahlendes Gegenblicken des Verständnisses war zu finden.
Aber das verwunderte ihn nicht; so war es ihre Art, er wollte sie schon aufrütteln. Und mit stärker erhobener Stimme fuhr er fort:
„Wem ihr das verdankt?! Euren Wohlstand, euer Behagen, menschenwürdige Wohnung, Schule für eure Kinder, dass sie lesen und schreiben lernen und ihr Fortkommen finden auf der Welt?! Nun ich will es euch sagen: dem —“
Das Herz schlug ihm, es versetzte ihm fast den Atem, als er’s aussprach, laut und fest und doch wie mit einer stillen Andächtigkeit:
„Dem Deutschtum! Dass ihr’s nun wisst und behaltet! Ich sage es euch mit Absicht heute an dem Tage, der unser Vaterland vor nunmehr als fünfundzwanzig Jahren grossgemacht hat und den Erbfeind in unsre Hand gegeben hat. Mit dem Erbfeind meine ich jetzt den Franzosenkaiser, denn es gibt noch einen — einen andern —“
Er stockte plötzlich. Ein Blick Helenes hatte ihn getroffen, überrascht, fast erschrocken, warnend zugleich. Fürchtete sie etwas Unbesonnenes?! Nun ja, es mochte besser sein, sich nicht hinreissen zu lassen! So verschluckte er den Rest des Satzes. Sich räuspernd, sprach er dann, aber mit einer gewissen Strenge und die Stirn zusammenziehend:
„Ich will euch nur noch sagen, dass ihr immer ans Deutschsein denken sollt, ans Deutschsein denken müsst. Ihr sollt es aber nicht nur sein, ihr sollt es auch bleiben. Die meisten von euch tragen polnische Namen — ich weiss wohl — aber was tut das? Im Herzen seid ihr deutsch!
Auf dem Lysa Góra weht die Fahne, schwarz-weiss-rot — ‚Niemczyce‘ ist ‚Deutschau‘ geworden! Unser allergnädigster Herr und König, dem eure Söhne mit derselben Begeisterung dienen werden, wie ich die Ehre hatte, ihm zu dienen, und meine Söhne ihm dienen werden — der Kaiser von Deutschland, unser Kaiser: Hurra!“
Jauchzend riefen’s die Knaben dem Vater nach:
„Hurra, hurra, hurra!“
Auch die Leute stimmten mit ein, wie die Herde dem Leittier folgend; aber ihr Hurra hatte kein Mark, matt fiel es zu Boden.
Doleschal merkte es nicht, er hörte seine Söhne so hell um sich. Sein Blick war wieder freudig geworden. Mit kräftiger Stimme intonierte er den Choral, der auf Deutschau gesungen worden war, am gleichen Fest in gleicher Weise, solange er zurückdenken konnte.
„Nun danket alle Gott,
Mit Herzen, Mund und Händen!“
Helenes hoher Sopran fing hell an zu schweben, die Knaben strebten der Mutter nach; doch der Gesang der Leute fiel auseinander. Ein paar rauhe Bässe versuchten zwar mitzuhalten, die Melodie war ihnen geläufig, aber der Text nicht, so fielen sie polnisch ein; die Weiber, deren einige anfänglich nachgezetert hatten, schwiegen bald gänzlich. Ein unharmonisches Durcheinander, vor dem das Vieh, das laut dreinbrüllte, keine Scheu mehr trug, stieg zum Himmel auf.
Aber unbeirrt, aus allen Kräften, aus ganzer Seele sang Hanns-Martin von Doleschal mit den Seinen — alle Verse.
Und dann, die Hand seiner Frau fassend, rief er froh erregt: „Geht nun, und feiert! Trinkt, esst, tanzt! Man wird euch Kaffe und Kuchen, Semmeln und Würste und Bier geben, soviel ihr mögt. Aber ich bitte, freut euch mit Massen. Wir wollen uns alle freuen — so!“ Die Vögte zu sich heranwinkend, übergab er ihnen das Geldgeschenk zur Verteilung.
Der Sprecher zog tief den Hut und winkte den andern zu: „Unser gnädiger Herr und die Herrin und die jungen gnädigen Herren — dass sie leben hoch!“
„Hoch, hoch, hoch!“
Dieser Ruf hatte mehr Kraft; er schmetterte so laut, dass das ‚Es lebe Polen‘, das plötzlich verstohlen von der hintersten Reihe her erklang, nicht das Ohr des Herrn erreichte. — —
Über den Hof flatterten die bunten Bänder. Die Ciotka, das Tantchen, die Witwe von Sierakowski, dem Dorfmusikanten, die dessen einzige Erbschaft, die Bassgeige, angetreten hatte, sass auf der umgestülpten Tonne, das Ungetüm zwischen den Knien, und strich wacker drauflos.
Ignaz Ruda, der Lehrer von Pociecha, kratzte die erste Violine; Krzywousty, das Schiefmaul, blies das Horn, und Kurek, das Hähnchen, der Mann ohne Nase, ein kleiner, halb närrischer, immer lachender Alter, spielte den Dudelsack.
Himmlische Musik! Aller Augen funkelten. Sie spielten den Krakowiak — was war schöner als der?
„Vogt, lasst Eure Alte sitzen, versucht’s mit ’ner Jungen, da geht’s besser!“
„Grykasch, tritt du mit der Magdusia an, Lukasch, nimm die Malgosia!“
„He, he, angetreten, stellt euch auf!“
„Komm, Krajutsch, tanz mit mir“, rief die Zosia, die Tochter des Dwornik vom Vorwerk, ihrem Liebsten, dem deutschen Stellmacher Krauz, zu; sie hatte ihn längst den Krakowiak tanzen gelehrt.
Die Stallknechte fassten die Melkmägde um, der Schmied nahm die Gänsemagd, der Schafmeister die Gesindeköchin; Schnitter und Schnitterinnen paarten sich. Der Gärtner suchte sich was Feineres aus, die hübsche Rosalka, die den Reim gesprochen, kam ihm gerade recht.
Jeder Tänzer schlägt den langschössigen Rock über den Arm und packt seine Tänzerin mit beiden Händen fest um die Taille — dicht Brust an Brust —, und er schiebt sein Bein zwischen die Beine in den flatternden Röcken.
Józef Grykasch hebt an:
„Püppchen kommt gesprungen,
Um den Wachskopf Löckchen,
Mit dem Holzpupp-Jungen
Im Krakauer Röckchen.“
Rechtsum, linksum, immer in der Runde herum, in den Knien gewippt, fest zugetrampelt, dass der Boden dröhnt. Die Paare sind wie miteinander verwachsen. Rascher wird der langsam begonnene Tanz, enger noch die Umschlingung, stärker das Kniewippen, röter die Köpfe, feuriger der eintönige Rhythmus. Es trampelt und stampft, es dudelt und keucht: rascher, rascher! Die Zuschauenden brüllen den Refrain und klatschen in die Hände.
Dem Tantchen war die Mütze ins Genick gerutscht, unbedeckt hingen ihr die grauen Strähnen bis auf die verdächtig erglühende Nase. Ruda, der Lehrer, war totenblass geworden, auf den Backenknochen brannten ihm hektische Flecken, aber es lohnte sich die Anstrengung schon — wann hätte er je soviel verdient?? Krzywousty schlenkerte sein Horn hastig aus, allen Speichel aus dem Schiefmaul hatte er da hineingetutet. Der Mann ohne Nase blies die Backen auf, dass man die Nase nicht gesehen hätte, auch wenn er noch eine gehabt.
Am Himmel blinkte der Abendstern. Heissa! Krakowiak, Geld in der Tasche! Jetzt fehlte nur noch Schnaps. Aber — o weh! — nur Bier in den Krügen!
Wie sie auch gossen und gossen, kein Schnaps floss heraus. Und auch keiner war zu kriegen.
Es machten sich ihrer ein paar Verwegene auf und stolperten nach der Küche im Seitenbau. Dort hantierte die Mamsell, und auf dem Tisch stand die Satte mit der dicken Milch für die Herrschaft, Zucker und Zimt und geriebenes Brot dabei. Aber das reizte sie heute nicht — auch nicht der Schinken und die Bratkartoffeln in der Pfanne — sie hatten heute selber gut gegessen, nur trinken wollten sie, trinken!
Doch trauten sie sich nicht recht; die Mamsell musste erst dreimal fragen, was ihr Begehr sei. Sie grinsten verlegen und stiessen sich an, traten von einem Bein aufs andre und wichen doch nicht. Endlich stotterte es der eine heraus: „Wódki!“
„Nichts da Wudki! Keinen Schnaps! Der gnädige Herr hat’s verboten.“ Und als sie nicht gingen, hob die Entschlossene drohend die Schöpfkelle: „Pascholl!“
Gehorsam machten sie sich fort, die Köpfe duckend; aber draussen murrten sie. Was, keinen Schnaps?! Nirgendwo ein Erntefest ohne den. Das war auch dem Nüchternsten gegen den Spass. Wenn denn der Herr durchaus keinen Schnaps gab zur Arbeitszeit, wollte man sich am Ende, wenn auch schwer, darein schicken; aber heute, heute, an dem Tag, wo man nicht Knecht war, wo man feierte, frei wie ein Herr, heute wollte man Schnaps haben!
Bier mochte man gar nicht mehr. Wenn man Krakowiak getanzt hat, gehört sich ein Schnaps drauf, sonst verkühlt man das Blut.
„He, Tantchen, was meint Ihr zu einem Schnäpschen?“
„Streicht auf! Ignaz Ruda, gebt nur den Takt an zum Trinklied! He, aufgepasst:
‚Kuba trinkt dem Jakob zu,
Jakob trinkt dem Michal zu —‘“
„Im Krug von Pociecha gibt’s Schnaps genug bei Eljakim Eiweih. Brüder, auf, lasst uns hingehen und einen trinken!“
„Mein Seelchen, mein Täubchen, komme du auch mit uns!“
„Aber sacht — sacht — ganz sacht!“ — — — —
„Ich weiss gar nicht“, sagte Helene von Doleschal, die am offenen Fenster lehnte und auf den dunkelnden Park hinaussah, dem die Nebel des Sees weisse Schleier überzogen, „die Leute sind diesmal lange nicht so vergnügt!“
„Das kommt dir nur so vor.“ Ihr Mann trat zu ihr und legte den Arm um ihre Schultern. Sie waren beide fast gleich gross; hochgewachsen standen Mann und Frau in der Dämmerung und schauten hinüber zum Lysa Góra, auf dessen hochstämmiger Kiefer eben noch ein letzter Tagesstrahl rot geglüht, aber jetzt jäh erloschen war. Von den Farben der Fahne, die den ganzen Tag lustig gewinkt hatte, war auch nichts mehr zu sehen; die Dunkelheit, die herbstlich herangekrochen war, hatte alles verschluckt.
„Ein dunkler Abend heut“, sagte er, „’s kann leicht sein, dass es morgen wieder trüb ist. Aber der heutige Tag war wie ausgesucht. Wie mich das freut!“
„Nein, ich höre doch gar kein fröhliches Lachen“, sagte sie und hielt den Kopf lauschend vorgeneigt.
„Du kannst es nicht bis hierher hören. Geh an ein Fenster, das nach dem Hof hinaus sieht, da wirst du schon was zu hören kriegen. Vor einer Stunde etwa war ich draussen, die Tanzerei und die Fröhlichkeit waren in vollem Gange.“
„Nein, nein“ — sie blieb hartnäckig dabei — „andre Male habe ich den Jubel gehört, fast bis zur Qual. Aber es war mir doch lieber. Weisst du, Hanns, die Leute sind wie die Kinder; wenn die so still sind, ist’s immer nicht recht geheuer.“
Er lachte laut auf. „Da merkt man die Mutter von fünfen! Nein, nein, du kannst dich beruhigen, die Leute sind kreuzfidel, harmlos vergnügt. Und seit ich dem Schnapstrinken Einhalt getan habe, auch viel gesitteter.“
„Warum wolltest du heute eigentlich von dem — dem — nun, von dem ‚andern Erbfeind‘ anfangen?“ sagte sie ganz unvermittelt. „Ich weiss wohl, was du damit sagen wolltest, aber ich meine —“
„Habe ich nicht gut gesprochen?“ fragte er rasch.
„Doch — das wohl — aber —“
„Du bist nicht zufrieden mit mir, Helene?“ Es klang leicht verletzt. „Das Herz floss mir über. Wenn man, wie wir, auf so vorgeschobenem Posten steht — eigentlich ‚exponiert‘ — ohne rechten — nun, wie soll ich sagen? — ja, ohne rechten Rückhalt, dann klammert man sich um so fester an sein Deutschtum an. Es wird einem A und O. Man steift sich darauf. Verstehst du das?“
„O ja!“ Ihr sehr regelmässiges und dadurch Fremden oft ausdruckslos erscheinendes Gesicht wurde klug. „Ich verstehe es. Aber man dürfte nie vergessen, auch den Gefühlen andrer —“
„Verstimme mich nicht!“ Er unterbrach sie mit einer gewissen Gereiztheit. „Es tut mir leid, dass dir nicht gefallen hat, was ich sagte, aber ich musste so sprechen, ja, ich war in heutiger Zeit geradezu verpflichtet dazu. Wären nicht die Kontraste in unsrer Provinz jetzt so zugespitzt, und spitzten sie sich nicht noch immer mehr zu, hätte ich gewiss was andres gesprochen. Dann hätte ich“ — er sah sie mit einer aufleuchtenden Freundlichkeit an — „von dir geredet! Ja, ihr Leute, wem ein tugendsam Weib bescheret ist, die ist viel edler denn köstliche Perlen!“
Er zog ihren Kopf an seine Brust und strich ihr zart über das blonde Haar.
„Und dann hätte ich auch von ihren Frauen gesprochen, dass sie die in Ehren halten sollen — ‚hebt nicht die Hand gegen sie, sie sind die Mütter eurer Kinder!‘ Und den Weibern hätte ich auch ins Gewissen geredet, dass sie nicht herumschlampen sollen, wie sie es so gerne tun!“
„Oh, hättest du’s gesagt!“ Das brach laut aus ihr heraus. Den Kopf aufrichtend, warf sie beide Arme um des Gatten Hals. „Warum nicht das?! Dann, ja dann hätten sie dich verstanden! Mein guter Mann!“
Sie hatte es mit grosser Innigkeit gerufen, fast wie in zärtlicher Besorgnis; er fühlte, wie fest sie ihn umschlang.
Er küsste sie. Mund ruhte auf Mund in einer glücklichen Versunkenheit.
Da schreckten sie auf: horch, was für ein Schrei? Kein Schreckensruf war es, vielmehr ein Aufjohlen des Jubels. Vom Lysa Góra her kam’s.
Aber wie sie auch lauschten und sich spähend zum Fenster hinausneigten, der Schrei erklang nicht zum zweiten Male. Überm See lastete schweigend der dunkle Herbstabend, der Berg drüben war nicht mehr zu erkennen.
Sie wandten sich ins Zimmer zurück.
Als der Diener jetzt die Lampe hereinbrachte und die Mamsell erschien, die Herrschaften zum Abendbrot zu bitten, sagte Doleschal: „Friert dich, Helene, du bist so blass?“
„Ja.“ Sie schauerte leicht zusammen. „Und ich habe mich erschrocken.“
„Oh! Hier, nimm dieses Tuch um!“ Es hing eines über ihrem Stuhl am Nähtisch, er legte es ihr sorglich um die Schultern. „Geh schon hinüber ins Esszimmer — ja, wir müssen im Kamin zum Abend heizen, es wird Herbst — ich will nur eben noch einmal nach den Leuten sehen, ehe wir uns zu Tische setzen. Zwei Minuten, entschuldige!“
„Die wird der gnädige Herr nicht mehr finden“, sagte die Mamsell. „Nicht wahr, Karl?“
Der altgeschulte Diener verzog keine Miene. „Zu Befehl, gnädiger Herr, fort sind sie, ganz heimlich. Nur ein paar kleine Kinder haben sie dagelassen und die Ciotka. Die liegt unter ihrer Tonne.“
„Was — fort? Und ganz heimlich?! —“
Helene sah, wie ihr Mann die Farbe wechselte. Er wurde glühend rot und dann ganz fahl.
Aber er verlor kein Wort mehr darüber. Er sagte nur noch: „Sorgen Sie, dass die Ciotka ins Stroh kommt, in den Stall oder sonst unter Dach. ’s ist nicht mehr die Jahreszeit, um draussen zu liegen.“
„Ist schon besorgt, gnädiger Herr!“ Die alte Mamsell lachte. „Sternhagelvoll, mit Erlaubnis zu sagen. Na, so was kann vorkommen.“ — — —
Helene wachte in der Nacht einmal auf — was, was war? Seufzte hier jemand? Wer — wo?!
Was war’s, das sie geweckt hatte?! Verschlafen, mit noch geschlossenen Lidern, tastete sie nach ihrem Manne — nein, der lag ganz still, der schlief ja. Beruhigt horchte sie ein paar Minuten auf seine Atemzüge. Sonst alles still. Dann schlief sie weiter.
Aber sie träumte — — —
Aus der Ferne, vom Lysa Góra her, kamen Stimmen: Gesang, den Park entlang, am Garten vorbei — ah, hin zu den Leutehäusern! Es war Sommer, ein schöner Tag, froh zogen die Schnitter heim, die Sense über der Schulter.
Aber jetzt — — —
In jähem Schreck fuhr sie empor: oh, es graute ja schon der Morgen! Die schweren Lider aufreissend, war sie plötzlich ganz wach.
Von jenseit der Parkmauer kam trunkenes Grölen. Und dann, wüst geschrien und doch pathetisch, ein Lied — jenes Lied:
„Mit dem Rauch von Feuersbrünsten,
Mit des Bruderblutes Dünsten
Steigt, o Herr, zu deinem Thron
Unsrer Rächerstimme Ton!“
Sechstes Kapitel
Die Fahne auf dem Buckel des Lysa Góra hatte Doleschal umgestürzt gefunden am Morgen nach seinem Erntefest, die Stange zerbrochen und zertreten, in Atome zersplittert, die deutschen Farben zerfetzt. An den unteren Ästen der Kiefer waren noch ein paar Läppchen hängengeblieben, er nahm sie da herab; alles übrige hatte der Wind verweht, ersäuft im See.
Zu niemandem hatte er darüber gesprochen — Gott sei Dank, dass Helene nicht fragte! Er hatte auch nicht nach den Schuldigen geforscht. Wozu? Das hätte doch an der Tatsache nichts geändert. Eine schmerzvolle Scham hielt ihn ab: nur nicht darüber reden müssen! Der Mund war ihm wie verschlossen.
Jenen Schrei, den einzigen, aber lauten Schrei des aufjohlenden Triumphs am dunklen Abend vom Lysa Góra, hörte er immer noch; der hatte ihn nervös gemacht. —
Nun waren auch die letzten Mandeln längst eingebracht. Schwarz hing das Kartoffelkraut, und sein starker Geruch zog wie Verwesungsdunst über die Felder.
Der Przyborowoer war schon dabei, seine Rüben herauszunehmen. In Chwaliborczyce waren sie noch nicht so weit; in Niemczyce erst recht nicht, da stand die Rübenernte noch am längsten aus, denn der Boden war nasser, kälter als bei den andern.
Überall knallten Schüsse. Die Hasen, die sonst so frech im Acker gesessen und Männchen gemacht hatten, sah man jetzt nur in langgestrecktem Lauf auf der Flucht; die Rebhühner hatten längst den Reiz der Neuheit verloren, bloss die Bauern warfen sie noch mit Steinen tot.
Der herrschaftliche Förster Frelikowski lief herum und warb bereits Treiber, da sich ihrer von selber nicht genug meldeten, zu der ersten grossen Hasentreibjagd auf Chwaliborczycer Flur. Nüchterne Leute sollten es sein — Trunkenbolde sind nicht verlässlich —, aber da er selber gern eins trank, nahm er es mit dieser Bedingung nicht so genau.
Beim ersten Novemberschnee würde die Jagd stattfinden, bis dahin waren ja die Äcker sämtlich blank, leer wie eine gekehrte Tenne. Die Einladungen waren schon ergangen: den Landrat hatte man zuerst bedacht und diejenigen Herren von der Kommission, die Jäger waren; und Doleschal.
Auch die Przyborowoer hatten angenommen; der Rittmeister war nach dem Manöver zu Hause eingetroffen, um sich bei vier Wochen Hasenjagd von den Strapazen zu erholen.
Paul Kestner schlenderte viel umher. Die Flinte über der Schulter, die Hände in den Hosentaschen, stieg er über die Felder. Nie ging er an einem Acker vorbei, ohne dass die Weiber, die beim Rübenausziehen so gebückt standen, dass sie mit der Nase den Erdboden berührten und man nichts von ihnen sah, als das in die Luft gereckte Hinterteil und die Waden bis zur Kniekehle, leise kicherten. ‚Pan Pawel‘, der war ein lustiger Herr!
Es verging fast kein Vormittag, an dem Paul Kestner nicht in Niemczyce erschienen wäre. Dann frühstückte er mit den Doleschals, und wenn Hanns-Martin zu tun hatte, blieb er bei Helene sitzen. Wenn sie nähte oder strickte — die Weihnachtsarbeiten für die Leutekinder fingen jetzt schon an —, guckte er unverwandt auf ihre schönen, schlanken Finger, die den dickwollenen Strickstrumpf hielten. Und beim Rasseln der groben Nadeln kam sein leicht entzündliches, alle paar Wochen neu entflammtes Herz zur Ruhe. Vor diesem Klappern und den friedlichen Augen dieser Frau flüchteten alle Gedanken, die ‚nicht schneeweiss waren wie Lämmchen auf der Weide‘, sagte er lachend selber. Hier war er ganz der gute alte Freund — den flotten Husaren hatte er in der Garnison gelassen —, der mit Hanns-Martin einst Habichte in den verkrüppelten Akazien von Przyborowo gejagt und den Sandbuckel des Lysa Góra gegen die anstürmende Meute der Polenjungen verteidigt hatte. Sie hatten miteinander im See getaucht und zu gleicher Zeit die Schulbank in der Kreisstadt gedrückt. Der Ältere, Doleschal, war zuerst fortgekommen in die Welt. Sie hatten nichts Direktes voneinander gehört, Knabenfreundschaften pflegen sich nicht in Briefschreiben zu äussern, aber als spätere Jahre den Gardekürassier und den kleinen Husaren aus der benachbarten Garnison wieder zusammenführten, hatten sie stundenlang oft nichts anderes getan, als von ‚damals‘ und von ‚zu Hause‘ erzählt.
Als Hanns-Martin den Dienst quittierte, das väterliche Erbe übernahm und Helene, die Tochter des Herrn von Reder auf Klein-Höfchen freite, war Paul der erste Brautführer gewesen, der hinter dem schönen Paar zum Altar geschritten. Doleschal trug damals noch den Trauerflor um den Arm für den verstorbenen Vater, sein ‚Ja‘ hatte sehr ernst geklungen, und der damals überschlanken Braut waren Tränen tiefster Bewegung auf den Myrtenstrauss geflossen.
Donnerwetter, wenn man doch auch eine solche Frau kriegen könnte! Aber eine zweite solche gab’s eben nicht mehr.
Die Mutter, die gern Heiratspläne für ihren Paul schmiedete und nicht verfehlte, sämtliche erreichbare Töchter des Landes — vorausgesetzt, dass sie vornehm oder reich genug waren — ihm vorzuführen, hatte bis jetzt kein Glück gehabt. Wozu heiraten?! Der Rittmeister fühlte sich ja äusserst wohl in seiner Haut: „Lass doch Papa mit Kornelia erst mal den Anfang machen! Ich habe noch Zeit!“
Die Vierzehnjährige war in dem letzten halben Jahr gehörig in die Höhe geschossen. Ein allerliebster Racker! Der Bruder zog sie schäkernd am langen Zopf, der ihr nach Kinderart über den Rücken hing.
Ein allerliebster Racker war aber auch die Gouvernante, das Fräulein Wollenberg, trotz der etwas verdächtig geformten Nase und der zu gescheiten Augen. Der Rittmeister verschmähte es nicht, mit dem Fräulein oft und lange im Garten auf und ab zu promenieren und angelegentlich Konversation zu machen.
Kornelia hatte infolgedessen gute Zeit. Zu den Mahlzeiten brachte sie einen ganz intensiven Stallduft mit herein, immer steckte sie im Pferdestall; und wenn sie sich vor der Mutter Augen ganz sicher wusste, ritt sie sogar, ein Bein hüben, ein Bein drüben, die Pferde zur Schwemme in den Hofpfuhl.
Das gab mal eine tüchtige Landwirtin! Kestner bedauerte es aufrichtig, dass die Tochter nicht ein Sohn, und zwar nicht gleich der älteste, war; dann würde er doch vielleicht nicht an Verkaufen denken. Aber so —?! Er animierte den Sohn zu Besuchen in Chwaliborczyce.
„Ich mag nicht“, sagte der Rittmeister. „Die Garczyńska erwartet immer, dass man ihr die Cour schneidet. Und der Vikar, der immer da herumsitzt, ist mir unheimlich. Potz Kuckuck, so ’n junger Kerl muss doch auch noch Wünsche haben! Und er — Garczyński selber — na, weisst du, Papa, dem traue ich erst recht nicht. Die einzig Nette ist die kleine Stasia, die Zofe — wirklich ein allerliebstes Mädel!“
Der Vater überhörte das letzte. „Ein sehr intelligenter Mensch, der Garczyński — und so zuvorkommend! Kein Wunder, dass er diverse Orden hat. Ich muss gestehen, mir sind die Polen noch immer lieber als diese — nun, diese Leute, die sich jetzt auf einmal berufen fühlen, hier die Vorsehung zu spielen. Alle Welt stossen sie vor den Kopf, ihr Deutschtum tragen sie in geradezu herausfordernder Weise zur Schau!“
Das ging auf Doleschal! Paul klapperte ungeduldig mit seinen langen, spitzen Nägeln auf den Tisch.
Sie sassen im Studierzimmer des Vaters. Draussen auf dem Hof kommandierte Kornelia, man hörte ihre spitze Jungmädchenstimme; sie liess die kleinen Schecken anspannen, um zur Post nach Miasteczko zu fahren.
„Es ist ekelhaft“, grämelte der Vater weiter, „wozu das Geschrei? Wir sollen uns keine Wanderarbeiter aus Russisch-Polen mehr kommen lassen? Das wäre ja noch netter! Da könnten wir ja bald unter Armenlasten und dergleichen ersticken! So, wenn einer seine Arbeit getan hat und seine Bezahlung gekriegt hat, geht er eben wieder. Dem Doleschal werden sie schon noch die Haare vom Kopf fressen — na, mir kann’s gleich sein! Nur uns soll er ungeschoren lassen.“
„Aber, Papa!“ Der Rittmeister amüsierte sich über seinen alten Herrn. „Hanns-Martin tritt dir doch wirklich nicht zu nah, du siehst ihn ja kaum!“
„So, so — was du weisst! Ich sehe ihn nicht — ganz recht — aber ich höre ihn desto mehr. Er verdirbt alles hier! Rein alles! Ich bin wahrhaftig ein Reichsgetreuer und gut protestantischer Christ — unsre Familie hat seit Generationen den Protestantismus hochgehalten in der Provinz — aber warum denn dieser Trara mit Sedan? Das ist ja schon so lange her. Und was hat das mit hier zu tun? Er soll übrigens an dem Tag gerade eine höchst taktlose Rede gehalten haben; der Propst von Pociecha war tief verletzt. Und mit Recht. Ich sprach ihn kürzlich. Wir spielen manchmal ’nen Skat zusammen — ein ganz gemütlicher Herr. Das geht nicht, hier immer den Deutschen ’rausbeissen. Hier haben Polen und Deutsche mitsammen auf der Schulbank gesessen, hier können wir keine Hetzer brauchen. Und noch dazu sind wir ja auf die Leute angewiesen. Ich habe mich aber amüsiert, die Fahne auf dem Lysa Góra haben sie ihm ’runtergerissen und in tausend Stücke zerfetzt!“
„Lassen wir das, Papa!“ Des Sohnes lachendes Gesicht wurde ernst, und er runzelte die Brauen. Was ihm Helene erzählt, ganz im geheimen — sie hatte ihn dringend gebeten, bei Hanns-Martin nichts davon zu erwähnen, durfte der doch gar nicht ahnen, dass sie darum wusste — das, was sie ihm mit bebender Stimme, Tränen des Zorns und der Kümmernis in den schönen Augen, anvertraut hatte, das wurde nun schon öffentlich bespöttelt!
„Ich muss doch sehr bitten!“ Er sprang auf, wie die Herren im Offizierskasino aufzuspringen pflegen, und hielt sich sehr gerade. „Freiherr von Doleschal ist mein Freund. Kein Wort mehr auf ihn. Adieu, Papa!“
Er ging steif zur Tür und machte sie unsanft hinter sich zu.
„Na, na!“ Ganz verdutzt sah ihm der Vater nach. Aber dann ärgerte er sich: was war denn das für eine Manier? Und das alles wegen Doleschal?!
Er trat ans Fenster und sah Paul auf den kleinen Wagen klettern, den Kornelia eben vom Hof herunter kutschieren wollte. Wahrhaftig, da fuhr der Junge mit, und sie hatten sich doch verabredet, zusammen zu den Fohlen zu gehen! Noch schöner, nun hatte man schon mal endlich den Sohn hier und hatte doch nichts von ihm.
Ein heftiger Zorn gegen Doleschal erhob sich in ihm: wäre der doch, wo der Pfeffer wächst! —
Die Geschwister fuhren gen Miasteczko. Kornelia hatte sich die Zügel nicht nehmen lassen. Der Husar fand rasch seine gute Laune wieder. Die Kleine fuhr ja wie ein Daus, immer auf dem Strich, trotz des miserablen Weges! Er fragte sie aus nach Fräulein Wollenberg: wie alt war die eigentlich, noch unter zweiundzwanzig?
„So sagt sie.“ Die Kleine lachte verschmitzt. „Weisst du, die, die ich voriges Jahr hatte, sagte zwar auch so, aber sie war viel älter; so grässlich alt ist die jetzige nicht. Fräuleinchen ist ganz nett, was, Pawelek?“ Die Augen halb schliessend, so dass die langen Härchen der Wimpern sich goldig auf die leicht besommersprosste blühende Wange legten, blinzelte sie den grossen Bruder an.
Der Rittmeister hatte sich selten so gut amüsiert wie auf dieser Fahrt mit der kleinen Schwester. War die ein gescheites Mädel! Über alles wusste sie Bescheid: was dieser Acker einbrachte und jener, wie der Roggen gelohnt und wie hoch die Weizenpreise, und dass Papa verkaufen wollte — an die Kommission natürlich, wer sollte sonst so hoch bezahlen? Das Verkaufen war Kornelia unangenehm. Sie wollte gern auf dem Lande bleiben, was sollte man in der Stadt? Wie ein Stossseufzer klang’s: wenn doch einer käme und sie heiratete, der ein recht grosses Rittergut hätte! Am schönsten wäre schon eine Herrschaft. Schade, dass der Boleslaw von Garczyński erst fünfzehn war, Papa würde gar nichts gegen den haben.
Angeregt plauderte sie weiter: wusste der Bruder schon, dass der Inspektor ging? Mama konnte ihn nicht mehr sehen. Es hatten sich schon andere gemeldet, aber Papa hatte sich noch zu keinem entschliessen können; im Winter war ja sowieso faule Zeit, vielleicht, dass Papa einen dann ganz sparen wollte. Wenn doch ein recht netter genommen würde, ein junger, nicht so ein alter Knopp!
Sie sagte ‚Knopp‘, nicht ‚Knopf‘, und beide Geschwister lachten herzlich darüber.
Der leichte Wagen flog lustig dahin. Weisse Fäden flogen auch lustig über das Land. Altweibersommer. Aber heute merkte man es der Natur gar nicht an, dass sie traurig war über ihre scheidende Jugend. Die Sonne lachte noch einmal freundlich, nicht wie im Sommer — da tat sie weh —, aber wie in einem guten April. Klar wie reines Glas war die Luft. Man konnte noch weiter sehen als sonst, als sei der Horizont in ewige Fernen gerückt. In den Akazien von Przyborowo flüsterte ein Windchen und schaukelte die reifen Fruchtschoten.
Der See von Miasteczko, an dessen hinterem Sandzipfel sich das kleine Städtchen mit der grossen Kirche um den freistehenden Glockenturm scharte, wurde gekräuselt von Wellen und Wellchen. Milchiges Weiss schwamm auf dem heut tiefblauen, himmelfarbenen Becken; der mutwillige Wind hatte darin Schaum geschlagen. Kräftigen Odem hauchten das letzte Grün der Raine und die schon wieder neu eingesäten feingedrillten Äcker aus. Der Abdecker, der sonst, dicht beim Städtchen, die Luft verpestete, hatte nichts in Arbeit.
Ganz oben auf der Himmelsbahn tummelten sich unzählige runde, weisswollige Wölkchen gleich Lämmern, die auf der Weide springen; und wie ein Aufpasser stand schon der blasse, schmalwangige Halbmond bei ihnen.
Es war wirklich schön.
„Hui, het!“ Mit dem gellenden Zuruf, den sie vielhundertmal im Felde gehört hatte, feuerte Kornelia ihre russischen Schecken an. Fast wäre Inspektor Hoppe überfahren worden, der vom Städtchen her dem Wagen entgegenkam. Er war auf der Post gewesen und so vertieft in die Briefschaften, die er sich abgeholt hatte, dass er gerade vor die Pferde rannte.
Kornelia riss sie noch eben zurück.
„Psia krew!“ und brummte dann ein „Dämelack“ bei seinem Gruss.
Er war in den Weggraben gesprungen; mit trübem Ausdruck sah er dem Wagen nach, dann ging er langsam weiter wie einer, der müde ist. Der Briefbogen, den er entfaltet in der Hand hielt, zitterte — oder war es der Wind, der ihn knisternd schwanken machte?
Der letzte Brief — wieder eine Absage! Und auf so viele Annoncen hin hatte er sich gemeldet, selber soundso viel Offerten eingerückt. Einen Inspektor, der den Fünfzigern nicht mehr viel näher ist als den Sechzigern, den nimmt man nicht; warum blieb der nicht auf der Stelle, auf der er elf Jahre lang gewesen?
Ein unendlich bitteres Lächeln verzog das wetterzergerbte Inspektorengesicht. Ja, wenn er noch jung wäre, frisch und kräftig wie der Herr Rittmeister dort auf dem Wagen, oder wenigstens um zehn Jahre jünger als jetzt, da käme er wohl schon an! Damals, als ihn das Missgeschick getroffen, als er, kein weiteres Vermögen im Rückhalt, sein Gütchen nicht hatte halten können, als alles unter den Hammer gekommen, ihm nichts zu eigen geblieben war, als der Stock in der Hand und der Rock auf dem Leib, damals war er nicht so unglücklich gewesen wie heute. Er hatte rasch eine Stelle gefunden, trotz seines Bankerotts — vielleicht gerade darum: man denkt, so einer macht wenig Ansprüche. Auch Herr Kestner hatte sich vor elf Jahren nicht daran gestossen, jetzt aber hiess es immer: ‚Schlechte Wirtschaft!‘ Grämlich wurde es ihm zum Anhören gegeben, alle Tage — das eigne Unglück. Und so hatte er selber gekündigt, überwältigt von seinem Gekränktsein, fortgerissen von einer Empfindlichkeit ohne Besinnung, wie ein Jüngling. Er war dem Herrn damit entgegengekommen, das fühlte er wohl. Herr Kestner hatte zwar verwundert getan, geradezu gekränkt, aber dann die Achseln gezuckt: „Wenn Sie denn durchaus wollen, lieber Hoppe! Ich denke, wir haben lange genug zusammen gewirtschaftet, um zu wissen, was wir aneinander haben. Aber ich will Ihnen nicht im Wege sein.“
Wohin — wohin nun?!
Mit einem verdüsterten Blick sah der alte Mann um sich: da war der Acker, den er nun elf Jahre bestellt hatte, als sei er ihm selber zu eigen. Wenn man nichts Teures auf der Welt hat — die Eltern längst im Grab, Frau und Kind nie besessen, nichts, für das man zu sorgen hat und das für einen sorgt —, dann hängt man sein Herz an ein Stückchen Erde. Und es war ein dankbares Land, dieses Land von Przyborowo. Nie hatte es ihn enttäuscht. Wo gab es so schweren Weizen, so zuckerhaltige Rüben? Keines der Güter ringsum konnte konkurrieren, und wenn Herr Kestner ewig klagte, so geschah das mehr aus Angewöhnung.
Der Inspektor bückte sich und raffte eine Handvoll Erde vom nächsten Acker. Das war schwarze, gut gedüngte, schwere Krume. Den Schweiss, der auf sie niedertroff, zahlte sie reichlich wieder. Und hier sollte er nun nicht mehr herumwandern — wenn es auch oft mit müden Füssen geschehen — hier diese Wintersaat sollte er nicht mehr aufgehen, nicht mehr fett grünen sehen unterm Schnee?!
Ein Schmerz ohnegleichen bewegte sein einsames Herz, und zugleich übermannte ihn die Bitterkeit. Er hasste den Besitzenden — wusste der denn eigentlich, was Liebe ist? Ja, wenn hineinstecken, um doppelt herauszupressen, wenn das Liebe ist, dann liebte Herr Kestner in der Tat sein Przyborowo.
Mit einem tiefen Seufzer setzte sich Hoppe auf den nächsten Grenzstein. Er fühlte sich auf einmal so müde; die Füsse waren ihm dick geworden in den schweren Schmierstiefeln. Nun merkte er’s erst, dass er schon viel zu weit gegangen war; der Gutshof von Przyborowo lag ihm bereits im Rücken. Nur Hahngekräh schrillte noch von dort bis hierher. Hier fing schon Niemczyce an.
Niemczyce — hm, auch ganz nett! Der Niemczycer plagte sich redlich, das musste man zugeben. Die Brache war auch schon umgebrochen, — da stand eine Drillmaschine — aber — aha, der säte jetzt erst ein. Mit liebendem Stolz vergleichend, blickten des Inspektors Augen hinüber und herüber: mit Przyborowo war’s nicht in einem Atem zu nennen.
Dort, mitten im Acker, lag ein Luch. Ja, Niemczyce war etwas nass — schade, trotz allen Drainierens entschieden zu nass — und sieh, wie unvermittelt, gleich neben dem schweren Land wieder ein Sandstreifen! Hm, komplizierte Bestellung.
Kopfschüttelnd war Hoppe aufgestanden und niedergestiegen zum umbuschten Tümpel. Nun stand er an dessen Rand, zwischen dem Weidengestrüpp, und guckte ins Wasser.
Schnitter und Schnitterinnen badeten hier am heissen Tag; es war zwar verboten — das Luch war tückisch, in der Mitte stieg es einem ausgewachsenen Mann bis unters Kinn, eine ungeschickte Bewegung nur, und, schwupp, hatte man den Mund voll Wasser — aber die leichtsinnige Jugend badete doch und lag dann in den Büschen, wo die Störche spazierten. Jetzt waren die Störche auch schon fort, fort wie alle Freuden.
In tiefer Niedergeschlagenheit stand der müde Mann. Ach, wäre man doch auch erst fort! Aber nicht wie jene, um nächstes Jahr wiederzukommen — nein, ganz fort!
Wohin — wohin?! Der Winter war vor der Tür! Wie lange noch, und dieser Kopf beugte sich schneeweiss.
Eine plötzliche Verzweiflung packte den Heimatlosen. Schweiss trat ihm auf die Stirn, sein Gesicht verzerrte sich wie im Krampf. ‚Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an‘, hatte Herr Kestner gestern als Text der abendlichen Betrachtung gelesen — wer tat ihm, ihm denn auf? Niemand! Er hatte keine Stelle und würde auch keine mehr bekommen, er war ja alt.
Immer heftiger wurde das jähe, schreckliche Gefühl, das ihm so am Herzen riss, dass die Hand zitterte und alle Glieder mitzitterten, ohne Kraft zum Widerstand. Das Mass war voll bis zum Rand, voll wie das tiefe Luch hier, das der Herbstregen geschwellt — nur ein Schritt tat not!
„Hoppe! Pst, Herr Hoppe!“
Eine Stimme rief aus den Büschen, ganz leise, doch für den Zusammenschreckenden überlaut.
Hinter einer Strauchweide richtete sich der Niemczycer auf. Dort hatte er auf den Knien gelegen, das Gewehr im Anschlag.
„Aber, bester Hoppe, pst — gehen Sie weg, weg da!“ Er winkte. „Sie verscheuchen mir ja alle Wildenten! Husch — da haben wir’s!“
Ein kleines Volk der buntschillernden Vögel war aufgeschwirrt; der Schuss knallte zwar, aber unverletzt fielen die Enten an einer entfernten Stelle des Röhrichts wieder ein.
Mit einem unbefangenen Lachen kam der Niemczycer auf den Erschrockenen zu.
Der stand da wie ein ertappter Knabe.
Doleschals Augen blieben, trotz des Lachens, ernst; sie forschten in dem zerwühlten Gesicht. „Hören Sie mal, Hoppe, meine Frau wird Ihnen sehr böse sein, wenn ich heute, ohne was geschossen zu haben, nach Hause komme; sie rechnet auf ein paar Enten. Gehen Sie mal hier weg, mein bester Inspektor! Zum Kuckuck, was haben Sie denn an meinem Luch zu suchen?“
Das klang alles sehr scherzhaft.
„Herr Baron, Herr Baron“, stotterte der sehr Blassgewordene. Weiter brachte er nichts heraus. Die Knie knickten ihm ein. Sein Gesicht verzog sich, wie bei einem, der weinen möchte. Es war ein kläglicher Anblick.
„Hören Sie“, sagte Doleschal und drängte den andern leicht vor sich her, die Böschung hinauf aufs Ackerland, „hätten Sie jetzt vielleicht ein wenig Zeit für mich? Ich würde gern über einiges Ihre Meinung hören. Sie sind ein so gewiegter Fachmann.“
„Ich — ich?! Oh, Herr Baron!“ In einem harten Lachen rang die Bitterkeit nach Ausdruck. „Ich verstehe nichts, gar nichts. Fragen Sie Herrn Kestner — ich bin entlassen!“
„So, also darum —“, das fuhr Doleschal so wider Willen heraus, er versteckte es unter einem Räuspern. Und dann sagte er, hinter einem harmlos gleichgültigen Ton sein Mitgefühl verbergend: „Wenn ich bitten darf, hier entlang! So — bitte, nach meinem Gerstenschlag zu!“
Er liess den andern vor sich her durch die Ackerfurche schreiten, blieb ihm aber immer dicht auf den Fersen.
„So — also Sie gehen von Przyborowo fort?“
„Ja, ich gehe!“ Der Inspektor sah nicht den ihm dicht Folgenden, er hörte nur eine Stimme im Wind, wie einen freundlichen Klang aus bessrer Zeit. Und er redete, gleichsam zu sich selber, immer vor sich hin, in den Acker hinein: „Ich habe eine schlechte Stellung gehabt — elf Jahre bin ich bei Herrn Kestner gewesen — ich habe auch die verloren. Ich habe Unglück gehabt — unsereiner hat immer Unglück —, wer keinen Geldsack hinter sich hat, der hat keine Berechtigung zum Glück. Krepieren sollte er lieber gleich, der Hund!“
Er schrie das letzte heraus.
Sichtlich unangenehm berührt furchte der Niemczycer die Stirn: war das ein gehässiger Mensch, der reine Sozialdemokrat! Aber es war doch ein Unglücklicher. Und so blieb sein Ton freundlich, wenn er auch um eine Nuance kühler wurde. „Seien Sie ausser Sorge, Herr Hoppe, für Sie findet sich leicht etwas!“
„Für mich — für mich? Haha! Für mich findet sich nichts. Ich weiss das jetzt besser. Hab’s auch gedacht und habe gekündigt — ich selber Herrn Kestner! Und doch, wenn er jetzt sagen würde: wollen Sie bleiben? — ich weiss nicht, ob —!“ Er stockte und drehte sich dann plötzlich jäh nach dem hinter ihm Schreitenden um. „Sehen Sie, Herr Baron, solch ein Hund wird man. Aber“ — er lachte wieder auf, dass es dem Hörer weh tat — „er sagt’s ja gar nicht. Er ist ja froh, mich loszusein. Ich bin ihm zu alt. Und sie, die Gnädige, die mag mich nicht leiden, die —“
„O bitte sehr, Herr Inspektor, lassen wir das!“ Der Niemczycer machte eine abwehrende Handbewegung. „Es interessiert mich nur, was Sie jetzt zu tun gedenken. Werden Sie nach Posen ziehen, bis Sie etwas gefunden haben?“
„Sie hören doch, ich finde nichts! Ich bin vierundfünfzig Jahre — noch älter, denn ich bin verbraucht!“ Hastig riss der Inspektor seinen Rock auf und suchte mit zitternden Händen nach der Brieftasche. „Hier: eins, zwei — sechs, sieben, acht Briefe! Da — da — da —! Lesen Sie! Immer abschlägig beschieden! Und mehr als fünfzig solcher Wische hab’ ich noch zu Hause. Auf jedes ‚Inspektor gesucht‘ habe ich mich gemeldet, gleichviel wohin. Und selber inseriert — wie oft! — mehr als ein ganzes Monatsgehalt hat’s mich gekostet. Immer umsonst. Immer: zu alt, zu alt, zu alt — ich kann’s nicht mehr hören, ich kann’s nicht mehr ertragen! Oh, Herr Baron“ — ein trockenes Schluchzen erschütterte die Gestalt des Mannes, der zermürbt war wie ein von Gewürm und Wetterunbill ausgehöhlter Akazienstamm an der Strasse von Przyborowo — „hätten Sie mich doch ruhig gelassen! Mit mir ist’s doch vorbei!“
Eine Klage tönte aus der rauhen Stimme, die Doleschal erschütterte. Wie, hatte er’s nun doch wieder nicht recht gemacht? Zurechthelfen hatte er doch gewollt!
‚Hätten Sie mich gelassen‘ — eine Verantwortung für dieses Leben legte sich plötzlich auf seine Seele. Seine Hand hatte diesen vom Tode zurückgehalten, seine Hand musste ihn nun auch stützen!
Inspektor Hoppe nahm die Mütze ab und fuhr sich durch sein ergrautes Haar. „Ein paar Groschen habe ich mir erspart“, sagte er tonlos, „viel ist’s nicht. Ich habe noch lange Zeit Schulden nachgeschleppt. Und wenn man auch freie Station hat, Kleidung und Stiefel müssen doch sein — anständige Kleidung, man kann nicht wie ein Bauer zu Tisch kommen, wenn die Herrschaften befehlen — und ein Pfeifchen und ’ne Zeitung sind doch nicht gerade Luxus, und über landwirtschaftliche Neuerungen soll man doch auch informiert sein. Zum Hinfristen bis zum Sterben — wenn’s nicht zu lange währt bis dahin — und dann zum Begrabenwerden würd’s nun vielleicht reichen. Aber leben ohne den Acker, ohne das hier“ — er breitete beide Arme gegen das Land — „Herr Baron, das kann ich nicht! Gott sei mir gnädig, ich kann’s nicht, Herr Baron!“
Der helle Tag hatte sich verdunkelt; über die freundliche Sonne waren Wolken gezogen, und sie zeigte sich auch nicht mehr.
Doleschal fühlte den winterlichen Hauch, der ihn streifte. Eine Sehnsucht überkam ihn nach Helene, nach den Kindern, nach seinem Glück, aber zugleich auch ein Mitleid, das ihm jede weitere Überlegung raubte. Nein, dieser alte Mann sollte nicht von hier gehen!
Darmowy fragment się skończył.