Czytaj książkę: «Person und Religion»
Ciril Rütsche
Person und Religion
Eine Darstellung der Religionsphilosophie Dietrich von Hildebrands
Narr Francke Attempto Verlag Tübingen
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© 2017 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG
Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen
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E-Book-Produktion: pagina GmbH, Tübingen
ePub-ISBN 978-3-7720-0025-6
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Inhalt
Vorwort
EINLEITUNG
1 Die immanente Weltanschauung und der Szientismus
2 Sinn und Transzendenz
3 Die verschiedenen Bedeutungen von „Transzendenz“
4 Das Thema der Arbeit
5 Forschungsziel und Methode
6 Was ist „Realistische Phänomenologie“? 6.1 Die Vorboten des phänomenologischen Realismus 6.2 Husserls Beiträge zur Beantwortung der „Kardinalfrage der Erkenntnistheorie, die Objektivität der Erkenntnis betreffend“ 6.3 Die Grenzen der husserlschen Phänomenologie als Ausgangspunkt des phänomenologischen Realismus
7 Von Hildebrands „Was ist Philosophie?“ als grundlegende Schrift zur Methode der Realistischen Phänomenologie und die Frage nach der Originalität seines Beitrags 7.1 Welche Art von Erfahrungsunabhängigkeit bedingt das apriorische Erkennen? 7.2 Die Differenzierung der Seienden in drei grundsätzlich verschiedene Arten als Wegbahnung zum apriorischen Erkennen
8 Stand der Forschung
9 Zusammenfassung
I DAS WISSEN UM DAS TRANSZENDENTE
1 Immanuel Kant und der Schritt von der Transzendenz zum transzendentalen Immanentismus 1.1 Humes Kritik am Kausalprinzip und Kants kopernikanische Wende 1.2 Von den Unterschieden zwischen analytischen und synthetischen Urteilen und Erkenntnissen a priori und a posteriori 1.3 Was also versteht Kant unter „synthetischen Urteilen a priori“, und wie steht es mit der Möglichkeit derselben?
2 Dietrich von Hildebrands Kritik an Kants transzendentalem Immanentismus und seine Begründung der Transzendenz in der Erkenntnis2.1 Die Äquivokation des Begriffs der Erfahrung2.2 Die verschiedenen Arten des Soseins und der Unterschied zwischen empirischer und apriorischer Erkenntnis2.2.1 Das epistemologische Apriori als absolut gewisse Erkenntnis höchst intelligibler und wesensnotwendiger Sachverhalte2.2.2 Sind die apriorischen Erkenntnisse blosse Tautologien?2.3 Absolute Gewissheit bei der Erkenntnis eines individuellen Sachverhalts?2.4 Die Frage nach dem Gewissheitskriterium, die Seinsweise der notwendigen Wesenheiten und ihr metaphysischer Ort2.5 Das überaktuelle Wissen und die Religion
3 Die Frage nach der Erkennbarkeit der Aussenwelt und ihr Botschaftscharakter
4 Zusammenfassung
II DIE ERKENNTNIS GOTTES
1 Der kosmologische Gottesbeweis und das apriorische Erkennen
2 Die Ursache des Person-Seins
3 Gott als Inbegriff aller Werte 3.1 Das Seiende und der Wert 3.2 Die Wertfamilien 3.3 Die Werterkenntnis 3.4 Die Werte als Hinweis auf den Inbegriff aller Werte
4 Warum hielt von Hildebrand das ontologische Argument für ungültig? 4.1 Das Argument in der Darlegung durch Anselm von Canterbury 4.2 Gaunilo und die erste Kritik am ontologischen Argument 4.3 Die Einwände gegen das ontologische Argument durch Thomas von Aquin und Immanuel Kant 4.4 Die reinen Vollkommenheiten als Gültigkeitsgrund des ontologischen Arguments 4.5 Dietrich von Hildebrands implizite Bejahung des ontologischen Arguments 4.6 Was spricht eigentlich dafür, dass die Werte in Gott gründen, ja brauchen die Werte überhaupt einen Seinsgrund? – Einige Gedanken zum werttheoretischen Gottesbeweis
5 Die Probe aufs Exempel: Prüfung der (Un-)Vernünftigkeit dreier moderner bzw. postmoderner Kritiken an der Religion5.1 Der Mensch als Seinsgrund Gottes in Ludwig Feuerbachs anthropologischer Theologie5.1.1 Feuerbachs Thesen5.1.2 Feuerbachs erkenntnistheoretische Prinzipien5.1.3 Die Zurückweisung des ontologischen Gottesbeweises5.1.4 Die Begründung seiner Behauptungen5.1.5 Kritik an Feuerbachs Religionskritik5.2 Ludwig Wittgensteins Behauptung der Unsinnigkeit religiöser Aussagen5.2.1 Sprache und Wahrheit5.2.2 Sind die religiösen Aussagen tatsächlich unsinnig?5.2.3 Das Ineinander von Philosophie und Religion5.3 Richard Dawkins und der „Neue Atheismus“5.3.1 Thesen und Begründung5.3.2 „Omne vivum ex vivo“5.3.3 Bewusstsein als Evolutionsemergent?
6 Zusammenfassung
III DER MENSCH UND SEIN ANGELEGTSEIN AUF DIE RELIGION IN DENKEN, FÜHLEN UND WOLLEN
1 Augustinus, Boethius, Locke, die Annäherung an das Wesen der Person und die Frage nach der unübersteigbaren Vollkommenheit des Personseins
2 Das Zusammenwirken und gegenseitige Befruchten von Vernunft, Wille und Herz und das geistig-intentionale affektive Leben der Person
3 Die affektiven Antworten und die mitwirkende Freiheit
4 Ist die Religion dem Menschen ein Bedürfnis?
5 Bedeutsamkeit und Motivation5.1 David Hume und der ethische Naturalismus oder Die Motivation durch das subjektiv Angenehme5.2 John Stuart Mill und der qualitative Utilitarismus oder Die Motivation durch das modifiziert subjektiv Angenehme5.3 Aristoteles und die Motivation durch das objektive Gut für die Person5.4 Dietrich von Hildebrand und die Motivation durch den Wert5.4.1 Der Wert und das subjektiv Befriedigende im Vergleich5.4.2 Das objektive Gut für die Person5.4.3 Warum ist der Wertethik der Vorzug zu geben vor der eudaimonistischen, der hedonistischen und der utilitaristischen Ethik?
6 Die objektive Gebührensbeziehung, die sittlich bedeutsamen Werte und der Unterschied zwischen Wert und Gut
7 Die Wertantwort
8 Peripherie und Tiefe
9 Die verschiedenen Bereiche der Träger sittlicher Werte 9.1 Die Grundstellung und die moralischen Zentren 9.2 Die Sphäre der Antworten auf individuelle Güter 9.3 Die Sphäre der Handlungen 9.4 Die Sphäre der Grundhaltungen 9.5 Die Grundintention, die Grundhaltung und die sittliche Identität der Person
10 Daniel Dennett und die Bedingungen der Personalität
11 Wert und Glück
12 Zusammenfassung
IV DIE LEBENDIGE VERBINDUNG DES MENSCHEN MIT GOTT
1 Die Bewegungsumkehr der Liebe oder Gott als Initiator des Dialogs1.1 Die Forderungen der sittlich bedeutsamen Werte und das Gewissen1.2 Die reduktionistische Erklärung des Sigmund Freud1.2.1 Dostojewskis Starez Sossima im Lichte der Theorie Freuds1.2.2 Die Forderung des Gewissens, die angemessene Antwort und das Glück1.3 Der „ordo amoris“ und das Phänomen der Wertblindheit1.3.1 Die Grundstellung und die totale konstitutive Wertblindheit1.3.2 Die Antworten auf individuelle Güter und die Subsumptionsblindheit1.3.3 Die Handlungen und die Abstumpfungsblindheit1.3.4 Die kategorialen Grundhaltungen und die partielle Wertblindheit1.4 Hat Feuerbachs Nichterkennen der Existenz Gottes moralische Gründe?1.5 Sossimas Wandel1.6 Intersubjektiver Konsens in ethischen Fragen? Kants „kategorischer Imperativ“ im Vergleich mit einigen der einschlägigen Prinzipien der phänomenologischen Wertethik1.6.1 Kants kategorischer Imperativ in der Kritik durch Dietrich von Hildebrand1.6.2 Änderte Kant seine philosophische Grundrichtung?1.6.3 Schelers Kritik am allgemeingültigen Sollen1.7 Erstreckte sich Schelers und von Hildebrands Übereinstimmung in der Zurückweisung der Kant’schen Ethik auch auf die Religionsphilosophie?1.7.1 Schelers werttheoretische Begründung der Religionsphilosophie1.7.2 Pantheismus und Selbstdeifikation
2 Die Antwort des Menschen2.1 Die Ehrfurcht als Grundlage und Anfang der „religio“ und die Wachheit als allgemeine Resonanzfähigkeit des Geistes2.1.1 Die Ehrfurcht2.1.2 Die Wachheit2.2 Die übernatürliche oder die christliche Sittlichkeit2.3 Einige spezifisch religiöse Akte und Haltungen2.3.1 Die Reue2.3.2 Die Demut2.3.3 Die Dankbarkeit2.4 Die Gottesliebe als höchste Wertantwort2.4.1 Die Bestimmung des menschlichen Glücks bei Thomas von Aquin2.4.2 Die Gottesliebe im Verständnis von Dietrich von Hildebrand und seine Kritik an der Deutung der Gottesliebe bei Thomas von Aquin2.5 Die beiden Vollkommenheiten der Wahrnehmung – das Notionsthema und das kontemplative Thema2.6 Die religiöse Kontemplation2.7 Die weitere Entwicklung des Dialogs2.7.1 Das Verhältnis von sittlichem Sein und ethischer Werterkenntnis2.7.2 Die geschenkhafte Umwandlung der Person2.7.3 Die Nächstenliebe
3 Die Kirche als vollkommenste Gemeinschaft und als höchstes objektives Gut für die Person
4 Über die in die Ewigkeit verlaufenden Sinnlinien menschlicher Existenz4.1 Unsterblichkeit und ewiges Leben4.2 Die metaphysische Gebührensbeziehung
5 Zusammenfassung
V SCHLUSS
LiteraturverzeichnisVerwendete Werke Dietrich von HildebrandsEine Auswahl an Schriften über Leben und Werk Dietrich von HildebrandsQuellen- und Literaturverzeichnis zur EinleitungQuellen- und Literaturverzeichnis zu Abschnitt I: Das Wissen um das TranszendenteQuellen- und Literaturverzeichnis zu Abschnitt II: Die Erkenntnis GottesQuellen- und Literaturverzeichnis zu Abschnitt III: Der Mensch und sein Angelegtsein auf die Religion in Denken, Fühlen und WollenQuellen- und Literaturverzeichnis zu Abschnitt IV: Die lebendige Verbindung des Menschen mit Gott
Register
Vorwort
Das Werk Person und Religion. Eine Darstellung der Religionsphilosophie Dietrich von Hildebrands von Dr. Dr. Ciril Rütsche ist meines Wissens das erste über dieses Thema. In der Einleitung wird der Forschungsgegenstand nicht rein historisch als Darstellung der Religionsphilosophie Hildebrands und deren Hintergründe aus anderen Gebieten der Philosophie, sondern im Sinne eines echten „symphilosopheins,“ eines Mit-Philosophierens mit Hildebrand, bestimmt. So etwa schreibt der Autor gleich zu Beginn der Einleitung:
Da die absolute Wahrheit in von Hildebrands Weltanschauung einen archimedischen Punkt einnahm und er ihre Erkennbarkeit auch zu begründen wusste, wird in dieser Arbeit zugesehen, ob und wenn ja, inwiefern die Religion Gegenstand philosophischen Erkennens ist und damit als vernünftig erwiesen werden kann.“ Oder, etwas später in der Einleitung; „Bietet die Relation zwischen Mensch und Gott die epistemologische Möglichkeit, gewisse Züge mit absoluter Gewissheit erkennen zu können? Das muss sich erweisen … Wobei dies freilich, wie bereits an dieser Stelle festgehalten werden kann, in erster Linie davon abhängt, ob der Mensch die objektive Wahrheit erkennen und sich und seine Welt transzendieren kann, wie auch, ob Gottes objektive Existenz sich überhaupt begründen lässt.
Und wiederum, noch deutlicher:
Das Forschungsziel besteht in diesem Rahmen schliesslich im Aufweis der Religion als einem Dialog zwischen Mensch und Gott. Kann von diesem Dialog erwartet werden, dass er die entscheidenden Fragen des Menschen zu beantworten, sein Bedürfnis nach Transzendenz zu befriedigen und sein Leben sinnvoll zu gestalten vermag? Um diese Frage beantworten zu können, ist es angezeigt, dass in einem ersten Schritt die Möglichkeit der Erlangung transzendenter Erkenntnisse begründet wird. Eine Aufgabe, die in wesentlichen Stücken in der Überwindung des Immanentismus und Subjektivismus Kantscher Prägung besteht, wobei auch der Erfahrung Rechnung zu tragen sein wird (vgl. Abschnitt I). Im Anschluss sei geprüft, wie es um die Erkenntnis Gottes und die dagegen erhobenen Einwände bestellt ist (vgl. Abschnitt II), um sodann das Wesen und die Gottfähigkeit des Menschen zu besprechen (Abschnitt III), sie daraufhin als mit Leben gefüllte Realität zu untersuchen und schliesslich die religiösen Aussagen und Überzeugungen betreffend den Zustand nach dem irdischen Tod kognitiv zu deuten und auf ihre Vernünftigkeit hin zu erörtern (Abschnitt IV). Was alles, wie gesagt, auf der Grundlage der philosophischen Einsichten Dietrich von Hildebrands unternommen wird. In die Diskussion werden dabei solch namhafte Denker einbezogen wie Thomas von Aquin, Immanuel Kant, Ludwig Feuerbach, Friedrich Nietzsche oder Max Scheler, um hier nur einige zu nennen.
Nach einer Darstellung der Grundzüge der „realistischen Phänomenologie“ und ihrer Loslösung von Husserls 1913 vollzogenen transzendentalen Wende und der Absichtserklärung des Autors, auf dem methodologischen Fundament der realistischen Phänomenologie im Sinne Hildebrands die systematischen, von ihm aufgeworfenen Fragen zu behandeln, bestimmt Rütsche den näheren Gegenstand seiner Arbeit noch einmal in einem doppelten, historischen und systematischen Sinn:
1 Er will die Forschungslücke schließen, die auf dem Gebiet der Erforschung der Religionsphilosophie Hildebrands besteht. Diese wurde von Hildebrand selber nie in der Religionsphilosophie gewidmeten systematischen Publikationen, sondern nur in verschiedenen handgeschriebenen Vorlesungsmanuskripten aus dem Nachlass relativ systematisch dargestellt.
2 Zugleich will er jedoch Hildebrands sich vom Autor selber weitgehend zu eigen gemachte Philosophie auf eine Kritik der Religionskritik anwenden: „Ausstehend ist auch eine unterscheidende Inblicknahme der gegenwärtig gleichsam in der Luft liegenden Kritiken an der Religion im Lichte der philosophischen Beiträge von Hildebrands. Zur Behebung dieser und weiterer Mängel will die vorliegende Untersuchung einen Beitrag leisten.“
Der erste Abschnitt, „Das Wissen um das Transzendente“, behandelt den allgemeinen phänomenologischen Realismus Hildebrands, der dessen Erkenntnistheorie kennzeichnet, die von Dietrich von Hildebrand selber in seinen Schriften Der Sinn philosophischen Fragens und Erkennens, What is Philosophy?, aber auch in den Prolegomena zu Ethik, zu Das Wesen der Liebe, sowie in „Das Cogito und die Erkenntnis der realen Welt“ und anderen Werken ausführlich dargelegt wurde.
Rütsche faßt die Hauptinhalte der Erkenntnistheorie Hildebrands nicht nur sehr treffend zusammen, sondern stellt ihren Grundriß, wiederum im Sinne eines Mit-Philosophierens, synthetisch, aber sehr präzise dar. Im Mittelpunkt von Rütsches sehr gründlicher Darstellung der Kritik Hildebrands am Erfahrungsbegriff Humes und Kants und seiner Begründung eines philosophischen Realismus steht die Frage, wie – auf Grund der Hildebrand’schen Unterscheidung dreier verschiedener Arten von Wesenheiten – eine Einsicht in das transzendente Fundament synthetischer Urteile a priori möglich ist. Rütsche teilt die der Kantischen konträre Position Hildebrands, daß die sogenannte „Erkenntnis a priori“ in dem Geist transzendenten notwendigen Wesenheiten, die dem erkennenden Subjekt zugänglich sind, den Grund ihrer Möglichkeit besitzt, nicht in subjektiven Strukturen oder Denknotwendigkeiten des Subjekts. Damit ereignet sich bei Hildebrand eine radikale und scharsinnig rational durchdachte Abkehr von dem Subjektivismus der Kantischen, Hume’schen, sowie dem Großteil nachfolgender Philosophien.
Auch die an Hildebrands Darlegung des realistisch verstandenen Cogito-Arguments1 anschließenden Darlegungen des Autors zu einer dem erkennenden Subjekt transzendent existierenden realen Welt – der eigenen Person, der „Außenwelt“ und anderer Personen – nehmen in diesem Abschnitt der Arbeit Rütsches eine wichtige Rolle ein.
Der zweite Abschnitt, „Die Erkenntnis Gottes“, faßt die von Hildebrand nirgends gesamtheitlich dargelegten Beiträge zusammen, die in verschiedensten Werken verstreut vorliegen, nun aber von Rütsche in ihrer systematischen Einheit dargestellt und in einen Dialog mit verschiedenen Formen des Atheismus und der Religionskritik im 19. Und 20. Jahrhundert von Feuerbach bis Richard Dawkins gebracht werden.
Dabei erörtert Rütsche im Kontext der in Hildebrands Philosophie steckenden Schlüssel zu Widerlegung des dem „neuen Atheismus“ zugrundeliegenden radikalen Materialismus auch wesentliche Analysen Hildebrands zur philosophischen Anthropologie und entwickelt insbesondere seine Einsichten in die Geistigkeit der Person und der menschlichen Seele, sowie seine Kritik des Materialismus, noch weiter als sie von Hildebrand selber formuliert wurden. Er betont die besondere Rolle der Werte und ihrer „Frohen Botschaft“, die Hildebrand mehr als Hinweise auf Gottes Existenz, denn als Beweise auffaßt. Rütsche versucht nachzuweisen, wie auf dem Boden der auf Anselm und Duns Scotus entwickelten Lehre der „reinen Vollkommenheiten“ Hildebrands philosophische Theologie echte Gottesbeweise hätte bieten können und auch dem ontologischen Gottesbeweis hätte zustimmen müssen, und wie dieser sich gleichsam logisch aus Hildebrands Position ergibt, obwohl Hildebrand selber ihn in seinen Schriften abgelehnt hat.2
Im dritten Abschnitt, „Der Mensch und sein Angelegtsein auf die Religion in Denken, Fühlen und Wollen“ behandelt Rütsche zunächst den metaphysischen Personalismus Hildebrands, der auf der „unübersteigbaren Vollkommenheit des Personseins“ beruht. Dabei ergänzt Rütsche Hildebrand durch die von Anselm und Scotus entwickelte Lehre der reinen Vollkommenheiten und deren Weiterentwicklung in der nachhildebrand’schen realistischen und metaphysischen Phänomenologie und überwindet einige Einwände gegen den Charakter des Personseins als unübertreffliche Vollkommenheit. Diese erkennen zu können stellt die Bedingung für die Wahrheit der These Hildebrands über Gott als absolute Person und für die christliche trinitarische Gotteslehre dar.
Um die Beziehung der menschlichen Person zu Gott, um die es in diesem Abschnitt geht, darzustellen, geht Rütsche ausführlich auf Hildebrands ethische Grundthese der „Wertantwort“ als Rückgrat des moralischen Lebens der Person ein. Deren Anwendung auf die Religionsphilosophie führt dazu, in erster Linie nicht von einem menschlichen Religionsbedürfnis zu sprechen, wie dies viele immanentistische Religionspsychologien und Religionsphilosophien tun, sondern den tiefsten religiösen Akt der Gottesliebe, der Anbetung und des Lobpreises Gottes als Antwort des Menschen auf Gott um seiner selbst willen zu sehen, weil Gott Liebe und Lobpreis gebühren.3 Nur in der Hingabe an das in sich Wertvolle und an Gott als dessen Inbegriff um seiner selbst willen kann es auch zum wahren Glück und der höchsten Selbstverwirklichung der menschlichen Person kommen.
In seiner Analyse des Wesens der Person stützt Rütsche sich im Sinne einer echten Aneignung der philosophischen Einsichten Hildebrands insbesondere auf dessen ethische Untersuchungen und seine sehr originellen und wesentlichen, wenn nicht revolutionären, Beiträge zum „Herzen“ als Sitz menschlicher Affektivität und als drittes, dem Intellekt und Willen nicht unterlegenes, geistiges Zentrum der Person.
Der vierte Abschnitt, „Die lebendige Verbindung des Menschen mit Gott“, erörtert ein weites Spektrum der Beiträge Hildebrands zur Religionsphilosophie und zur Erkenntnis des Wesens verschiedener religiöser Akte und Haltungen wie der Demut, der Reue, der Gottes- und Nächstenliebe, und insbesondere der Hildebrand’schen These, daß wir in der Caritas und anderen christlichen Tugenden eine zutiefst neue moralische Vollkommenheit finden, welche die Tugenden, die nicht auf die von der Christlichen Offenbarung offenbarte Schau Gottes und des Menschen antworten, überragen. Diese Haltungen und Tugenden werden zwar vom Glauben an die Mysterien der christlichen Religion motiviert, besitzen jedoch echte, philosophischer Einsicht zugängliche Wesenheiten, welche es auch einem Nichtchristen, wie Bergson, erlaubten, eine überlegene moralische Qualität und Sublimität der christlichen Mystiker und Heiligen anzuerkennen.4 Diese sich an einige Analysen Schelers anlehnenden, aber nach Umfang und Qualität weit über dieselben hinausgehenden Untersuchungen Hildebrands ermöglichen es dem Christen, eine innige Verbindung zwischen seiner Vernunft und seinem Glauben wahrzunehmen.
Ein Schlußteil faßt die wesentlichsten Ergebnisse der Arbeit zusammen.
Dem Autor gelingt eine sehr gute und umfassende Darstellung verschiedener Grundinhalte der Philosophie Hildebrands und deren Anwendung auf die Religionsphilosophie, sowohl auf die philosophische Gotteserkenntnis als auch auf die Erforschung der Beziehung des Menschen zu Gott. Das Werk Rütsches holt so weit aus, und behandelt so viele erkenntnistheoretische, ethische, anthropologische, ästhetische und andere Aspekte der Philosophie Hildebrands, daß man es geradezu als eine Summa Philosophiae Hildebrandianae bezeichnen darf.
Als besonderes Verdienst des Buches erweist sich der Nachweis der inneren notwendigen Zusammengehörigkeit der erkenntnistheoretischen, anthropologischen und ethischen Beiträge Hildebrands, die erst die Personhaftigkeit Gottes, und damit das Fundament der göttlichen Akte gegenüber dem Menschen (aus christlicher Sicht Inkarnation, Erlösung, Auferstehung, Gericht) und der Antwort des Menschen auf Gott aufklären können. Zugleich ist eine so weit ausholende Studie Rütsches notwendig, um Hildebrands transzendente Interpretation der religiösen Akte des Menschen als Antwort auf Gott um seiner selbst willen verständlich zu machen.
Das ganze Werk zeichnet sich insbesondere durch seinen echt philosophischen Gehalt aus und ist weit entfernt von einer bloßen Wiedergabe der Gedanken eines anderen Autors. Damit bricht die Arbeit die in modernen akademischen Kreisen herrschende Unsitte, die Philosophie weitgehend bloß historisch abzuhandeln oder sie als wenig mehr als eine Analyse der Sprache zu betreiben, ohne die Sachen selbst, um die es geht, zu erforschen.
Die außerordentlich gründliche und sachlich korrekte Darstellung der Religionsphilosophie Hildebrands und deren erkenntnistheoretischer, ethischer und anthropologischer Fundamente besticht insbesondere dadurch, daß sie, unter Berücksichtigung des gesamten umfangreichen und einschlägigen publizierten Werkes Hildebrands auf vier Gebieten der Philosophie, die ethischen Hintergründe von Hildebrands Religionsphilosophie einbezieht.
Die gründliche Berücksichtigung und sorgfältige Zitierung verschiedener Texte aus den 503 Mappen unveröffentlichter und (nicht leicht lesbarer) überwiegend handgeschriebener deutscher und englischer Schriften, die sich im Nachlaß Hildebrands befinden, erhöht den Wert des vorliegenden Werkes ebenso wie die gründliche Berücksichtigung einschlägiger Teile der Sekundärliteratur über Hildebrand.
So schließt Rütsche eine wesentliche Forschungslücke durch synthetische und systematische Darstellung eines Teiles der Philosophie Hildebrands, der hauptsächlich nur in Nachlaßschriften (insbesondere Vorlesungen über Religionsphilosophie) vorliegt und der hier zum ersten Mal zusammenhängend dargelegt wird.
Weitere Vorzüge des Werkes sind eine gelungene Verbindung historischer und systematischer Analysen im geschilderten symphilosophein mit Hildebrand selbst, sowie ihr in der angegebenen freundlich-kritischen Weise über Hildebrands Beiträge Hinausweisen.
Ihre gute Gliederung und ausgezeichnete, hilfreiche Zusammenfassungen jedes Abschnittes machen das Werk auch als Lehrbuch höchst geeignet.
Prof. Dr. Dr. h.c. Josef Seifert
EINLEITUNG
1 Die immanente WeltanschauungWeltanschauung und der SzientismusSzientismus
Was im Jahre 1620 mit Francis Bacons grosser Erneuerung der Wissenschaften (instauratio magna) und seiner Reduzierung des Wissens von einem Selbstzweck zu einem Mittel zum ZweckZweck begann und über die kontinuierliche Erschliessung zu einer immer besseren Beherrschung der Gesetzmässigkeiten der empirischen WirklichkeitWirklichkeit führte (victoria cursus artis super naturam1), das mündete wider Erwarten weder in die erhoffte Wiederherstellung der „Verbindung zwischen dem GeistGeist und den Dingen“2 noch in eine Vermenschlichung des Menschen und seiner Lebenswelt. Immer deutlicher hat sich im Verlauf der vergangenen Jahrhunderte gezeigt, wie das anfänglich berechtigte Motiv, das menschliche Leben durch die Erlangung von WissenWissen auf dem Wege des Experiments und der InduktionInduktion zu verbessern, den Übeln abzuhelfen und den Weg zu bahnen für Erfahrungen in bisher unbekannten Gebieten,3 seine positive Gestalt verliert, wenn es auf Gegenstände angewandt wird, die nach einer anderen Erkenntnismethode verlangen. Werden die Methoden, die bei den NaturwissenschaftenNaturwissenschaften berechtigt und zielführend sind, auf die Geistes- und Sozialwissenschaften übertragen, so zeitigt dies weder positive noch neutrale, sondern nicht zu übersehende negative Folgen.
Unter dem BegriffBegriff der „WissenschaftWissenschaft“ werden gegenwärtig fast ausschliesslich die NaturwissenschaftenNaturwissenschaften verstanden, welche in einer ebensolchen Dominanz auch das heutige WeltbildWeltbild prägen. Da die Naturwissenschaften sich allerdings nur mit bestimmten Aspekten der WirklichkeitWirklichkeit befassen, vermögen sie kein befriedigendes Weltbild zu liefern. Ein solches wird erst im SzientismusSzientismus geboten, welcher für ein Weltbild steht, in dem die empirische Wirklichkeit als ganze Realität angesehen und insgesamt nur das als wirklich verstanden wird, was Gegenstand der Naturwissenschaften ist oder dazu gemacht werden kann. Welche Konsequenzen die Übertragung der naturwissenschaftlichen Methoden auf die Geistes- und Sozialwissenschaften hat, zeigt sich z.B. bei Willard Van Orman QuineQuineWillard Van Orman (1908–2000), der der ErkenntnistheorieErkenntnistheorie – in einem Artikel mit dem vielsagenden Titel Naturalisierte Erkenntnistheorie – einen „Platz innerhalb der Psychologie und somit innerhalb der empirischen Wissenschaften“4 zugewiesen hat. Nur insofern, so wird im Rahmen einer immanenten Betrachtung der Wirklichkeit behauptet, trägt die philosophische Disziplin der Erkenntnistheorie überhaupt wissenschaftliche Züge, als jegliche BedeutungsgebungBedeutungsgebung für Wörter auf BeobachtungenBeobachtungen basiert und diese wiederum die SinnesrezeptorenSinnesrezeptoren als empirische Grundlage haben. Dass der Szientismus reduktionistisch und materialistischmaterialistisch ist,5 lässt sich auch an der Philosophie des GeistesPhilosophie des Geistes ersehen, in der die mentalen Phänomene häufig auf GehirnvorgängeGehirnvorgänge reduziert werden.6 „Auch die Wissenschaft vom menschlichen Geiste,“ so musste Konrad LorenzLorenzKonrad in einem Artikel aus dem Jahre 1973 zeitkritisch feststellen, „beginnt zu einer biologischen Wissenschaft zu werden“.7 Auf dem Programm des Szientismus steht die naturwissenschaftliche Beschreibung der Naturwissenschaften, stehen die Fragen über die Naturwissenschaften, über ihre Methoden, Leistungen und Geltungsansprüche.
Der szientistische Zugang übergeht ganz offensichtlich den wissenschaftlichen Zugang von AristotelesAristoteles, der im VII. Buch seiner MetaphysikMetaphysik darauf aufmerksam gemacht hat, dass das Ganze (οὐσία) mehr ist als die Summe seiner Teile.8 Der SzientismusSzientismus geht jedoch nicht auf das Ganze, in seiner analysierenden und zerlegenden MethodeMethode dringt er nie bis zur Qualität des Ganzen durch, sondern bleibt beim bloss Quantitativen der Elemente stehen. Denn die NaturwissenschaftNaturwissenschaft beginnt mit der Beschreibung, ordnet die beschriebenen Erscheinungen ein und abstrahiert die in ihnen vorherrschenden Gesetzmässigkeiten. Das ExperimentExperiment dient dabei zur VerifizierungVerifizierung der abstrahierten NaturgesetzeNaturgesetze. Dabei verkennt der Szientismus jedoch, dass ohne vorhergehende, apriorische Zwecksetzung keine Experimente durchgeführt werden und keine Messdaten zustande kommen können. Denn die Messgeräte der naturwissenschaftlichen Experimente sind selbst nicht Gegenstand naturwissenschaftlicher Erfahrung, vielmehr müssen die Kriterien für ein gelungenes Experiment vorweg als gültig gesetzt werden. Der Szientismus baut auf der Anerkennung der jüngsten naturwissenschaftlichen Lehren auf, setzt sie als gültig und kommt von da her zu einer nachträglichen Interpretation der Forschungsmethoden und -ergebnisse. Dass der Szientismus das WahrheitsproblemWahrheitsproblem damit durch den Glauben an die jeweils aktuellsten Methoden und Theorien als gelöst betrachtet, ist offenkundig. Er deduziert die Grundlagen aus den als gültig geglaubten bzw. unterstellten Ergebnissen, und nicht die Grundlagen aus den Ergebnissen.
Was aber, wenn ein Seiendes kein Gegenstand der NaturwissenschaftenNaturwissenschaften ist und auch nicht dazu gemacht werden kann? Wie werden im Rahmen eines immanenten oder szientistischen Weltbildes beispielsweise die objektiven WerteWerte oder die MenschenwürdeMenschenwürde verstanden? Konsequenterweise gibt es in einem szientistisch geprägten WeltbildWeltbild keine objektiven Werte, sind die Werte doch gerade kein Gegenstand der Naturwissenschaften. „Die Naturwissenschaften verzichten auf die Frage nach dem SinnSinn, sie haben ihn als eine überflüssige Kategorie aus ihrem Weltbild aussortiert.“9 Objektive Geltung haben in den Naturwissenschaften nur Fakten. Was es gibt, sind nur subjektive Bewertungen, und die lassen sich aus den Anlagen, den Erfahrungen und den Lebensbedingungen des einzelnen Menschen erklären.
Das Eintreten für die MenschenwürdeMenschenwürde und die MenschenrechteMenschenrechte ist sicherlich einer der positivsten Züge unserer Zeit. Diese verlieren aber ihren SinnSinn, wenn es keine objektiven WerteWerte gibt, wenn der Wert eines Menschen immer nur der Wert für ihn selbst ist. Und wenn die Aufklärung in der Abschaffung der Pflichten eine Befreiung gesehen hat und noch immer sieht, dann wird dabei übersehen, dass es ohne Pflichten auch keine Rechte gibt, denn das Recht einer PersonPerson einer anderen gegenüber ist ja nichts anderes als eine Pflicht der letzteren Person der ersteren gegenüber.10 Das aber wird nur allzu gerne ausgeblendet!
Die immanente WeltanschauungWeltanschauung ist offensichtlich keine Frucht echt wissenschaftlicher Erkenntnisse und der SzientismusSzientismus allenfalls ein Programm für weitere Forschungen. Mit seinem methodischen Zugang und seinen wissenschaftstheoretischen Prinzipien verfehlt der Szientismus aber gerade das, wofür der MenschMensch eigentlich und ursprünglich in die Welt des Wissens hinausgetreten ist, nämlich die grossen Fragen des menschlichen Daseins zu beantworten. Gerade diese Aufgabe aber haben die NaturwissenschaftenNaturwissenschaften bislang nicht erfüllt, ja können sie von ihrem methodischen Zugang her auch prinzipiell nicht erfüllen. Denn wie soll der Mensch im Rahmen einer immanenten Weltanschauung in befriedigender Weise verstanden werden, wenn er nur ein Produkt der biologischen und kulturellen EvolutionEvolution ist, dessen WesenWesen bestimmt ist durch seine biologischen ErbanlagenErbanlagen und sein kulturelles LebensmilieuLebensmilieu? Wie, wenn die Zukunft des Menschen sein TodTod ist, er ganz der empirischen NaturNatur angehört und keinerlei Anteil an einer Natur hat, die der VergänglichkeitVergänglichkeit enthoben ist? Dessen Leben wohl ein Ende, aber kein ZielZiel und keinen SinnSinn hat, der sich seine Ziele vielmehr immer selbst setzen und über den Sinn selbst entscheiden muss, wie Jean-Paul SartreSartreJean-Paul (1905–1980) in seinem Hauptwerk Das Sein und das Nichts behauptet hat11, für den der Mensch zur Hoffnungslosigkeit verurteilt ist, weil alle menschlichen Tätigkeiten im Grunde äquivalent sind?
In einer rein immanenten Weltsicht hat auch GottGott keinen Platz, denn die Welt gilt nach diesem Denkmodell in Verbindung mit den neuesten (natur-)wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht als SchöpfungSchöpfung eines liebenden Gottes, sondern als Ergebnis eines Urknalls, das sich durch Mutation und SelektionMutation und Selektion immer weiter und immer höher entwickelt. Die radikalen Konsequenzen der Verabschiedung oder besser: der Abschaffung Gottes hat Friedrich NietzscheNietzscheFriedrich (1844–1900) deutlich gesehen und in der Geschichte vom tollen Menschen auf eindrückliche Weise geschildert:
Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittage eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: ‚Ich suche GottGott! Ich suche Gott!‘ – Da dort gerade Viele von Denen zusammen standen, welche nicht an Gott glaubten, so erregte er ein grosses Gelächter. Ist er denn verloren gegangen? sagte der Eine. Hat er sich verlaufen wie ein Kind? sagte der Andere. Oder hält er sich versteckt? Fürchtet er sich vor uns? Ist er zu Schiff gegangen? ausgewandert? – so schrieen und lachten sie durcheinander. Der tolle MenschMensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken. ‚Wohin ist Gott?‘ rief er, ‚ich will es euch sagen! Wir haben ihn getödtet, – ihr und ich! Wir alle sind seine Mörder! Aber wie haben wir diess gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was thaten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Giebt es noch ein Oben und Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht? Müssen nicht Laternen am Vormittage angezündet werden? Hören wir noch nichts von dem Lärm der Totengräber, welche Gott begraben? – auch Götter verwesen! Gott ist todt! Gott bleibt todt! Und wir haben ihn getödtet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder? Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besass, es ist unter unseren Messern verblutet, – wer wischt diess Blut von uns ab? Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen? Welche Sühnfeiern, welche heiligen Spiele werden wir erfinden müssen? Ist nicht die Grösse dieser That zu gross für uns? Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen? Es gab nie eine grössere That, – und wer nur immer nach uns geboren wird, gehört um dieser That willen in eine höhere Geschichte, als alle Geschichte bisher war!‘ – Hier schwieg der tolle Mensch und sah wieder seine Zuhörer an: auch sie schwiegen und blickten befremdet auf ihn. Endlich warf er seine Laterne auf den Boden, dass sie in Stücke sprang und erlosch. ‚Ich komme zu früh, sagte er dann, ich bin noch nicht an der Zeit. Diess ungeheure Ereignis ist noch unterwegs und wandert, – es ist noch nicht bis zu den Ohren der Menschen gedrungen. Blitz und Donner brauchen Zeit, das Licht der Gestirne braucht Zeit, Thaten brauchen Zeit, auch nachdem sie gethan sind, um gesehen und gehört zu werden. Diese That ist ihnen immer noch ferner, als die fernsten Gestirne, – und doch haben sie dieselbe gethan!‘ – Man erzählt noch, dass der tolle Mensch des selbigen Tages in verschiedene Kirchen eingedrungen sei und darin sein Requiem aeternam deo angestimmt habe. Hinausgeführt und zur Rede gesetzt, habe er immer nur diess entgegnet: ‚Was sind denn diese Kirchen noch, wenn sie nicht die Grüfte und Grabmäler Gottes sind?‘12
Nietzsches Versuch, die mit dem Tode Gottes eintretende SinnlosigkeitSinnlosigkeit zu überwinden, führte ihn in Also sprach Zarathustra zum WillenWillen zur Macht und zum Übermenschen.13 Doch führte auch sein Aufruf, die Menschen sollten selbst WerteWerte in die Dinge legen und ihnen SinnSinn schaffen, nicht über den NihilismusNihilismus hinaus.14
2 SinnSinn und TranszendenzTranszendenz
Wie NietzscheNietzscheFriedrich und viele andere aufmerksame Beobachter des Wandels der Zeiten, so hatte auch Edmund HusserlHusserlEdmund (1859–1938) die Feststellung gemacht, dass die Ausschliesslichkeit, in der „sich in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts die ganze WeltanschauungWeltanschauung des modernen Menschen von den positiven Wissenschaften bestimmen“ und von dem ihr verdankten WohlstandWohlstand blenden liess, „ein gleichgültiges Sichabkehren von den Fragen [bedeutete], die für ein echtes Menschentum die entscheidenden“ und „die brennenden sind: die Fragen nach SinnSinn oder SinnlosigkeitSinnlosigkeit dieses ganzen menschlichen Daseins“.1 Sie konkretisieren sich für HusserlHusserlEdmund in den Fragen nach der ErkenntnisErkenntnis, nach den Werten, nach der ethischen HandlungEthische Handlung, nach der FreiheitFreiheit, nach der UnsterblichkeitUnsterblichkeit und schliesslich nach GottGott, „der ‚absoluten‘ VernunftVernunft als der teleologischen Quelle aller Vernunft in der Welt, des ‚Sinnes‘ der Welt“2.
Die Folgen dieser „LebenskrisisLebenskrisis“3 des modernen Menschen waren mit der SinnlosigkeitSinnlosigkeit ebenso angesprochen wie das TherapeutikumTherapeutikum (gr. θεραπεύειν – heilen) mit den in die TranszendenzTranszendenz weisenden Fragen bezeichnet. Denn bereits in seiner 1971 posthum erschienenen Schrift The Farther Reaches of Human Nature erklärte der US-amerikanische Psychologe Abraham MaslowMaslowAbraham (1908–1970) das BedürfnisBedürfnis nach Transzendenz zum höchsten menschlichen Bedürfnis.4 Mit seiner sogenannten BedürfnispyramideBedürfnispyramide will er die Motivationen von Menschen beschreiben, wobei die verschiedenen Bedürfnisse die Stufen der Pyramide bilden. Nach diesem Modell müssen die grundlegenden Bedürfnisse befriedigt sein, bis die nächsthöheren befriedigt werden können. Von da her ist ihm das Bedürfnis nach Transzendenz ein Metabedürfnis, d.h. ein instinktives Streben nach Wachstum (growth motivation),5 das hierarchisch geordnet auf die Befriedigung der physiologischen Grundbedürfnisse (deficiency-needs wie Hunger, Durst etc.) und der übrigen Bedürfnisse (z.B. soziale oder kognitive Bedürfnisse) letztlich folgt.6 Wenngleich er die Metabedürfnisse instinktiv nennt, sind es ihm doch eher Möglichkeiten als natürliche Aktualisierungen.7
Ohne an dieser Stelle nun auf die gängige Kritik einzugehen, dass das Verlangen nach dem ganz Anderen gerade auch dann auftreten kann, wenn die Grundbedürfnisse nicht befriedigt sind, sei MaslowMaslowAbraham an dieser Stelle vor allem wegen seiner Unterscheidung der sog. B-WerteWerte angeführt. Als B-Werte versteht er die „intrinsic or ultimate values“8. Neben der WahrheitWahrheit, der GüteGüte, der SchönheitSchönheit, der EinheitEinheit u.a. rechnet er ihnen auch den SinnSinn bei. Sie alle werden wahrgenommen und nicht erfunden (perceived, not invented) und sind zudem in Beschreibungen religiöser Erfahrungenreligiöser Erfahrungenreligiöse eingegangen, was sie zu empirisch sinnvollen und nachprüfbaren Aussagen mache.9
Diesem Ansatz folgte der Wiener Psychiater Viktor E. FranklFranklViktor E. (1905–1997) in seiner Auseinandersetzung mit dem weltweit um sich greifenden SinnlosigkeitsgefühlSinnlosigkeitsgefühl.10 Zwar waren die Grundbedürfnisse der im WohlstandWohlstand lebenden Tatsachenmenschen11 befriedigt, zwar konnten sie sich auch darüber hinaus Gehendes beschaffen und über einen Grossteil ihrer Zeit frei verfügen, dennoch aber litten sie „an einem abgründigen Sinnlosigkeitsgefühl, das mit einem LeeregefühlLeeregefühl vergesellschaftet ist“12. Was nach FranklFranklViktor E. darin begründet liegt, dass diesen beständig um die Verwirklichung des eigenen Selbst sich bemühenden Menschen die Aufgaben fehlen, an die sie sich hingeben können. Den sinnentleerten Menschen fehlt das Ausgerichtet- oder Hingeordnetsein auf etwas oder jemanden, es mangelt ihnen an der SelbsttranszendenzSelbsttranszendenz.13 Denn ohne sich selbst zu transzendieren, „sackt ExistenzExistenz in sich selbst zusammen“14. „Menschsein weist immer schon über sich selbst hinaus, und die TranszendenzTranszendenz ihrer selbst ist die Essenz menschlicher Existenz.“15 Bringt man diesen SachverhaltSachverhalt in die Problemstellung mit ein, so verdeutlicht sich, dass der postmoderne MenschMensch weder an der SinnlosigkeitSinnlosigkeit noch an einem Überangebot an SinnSinn leidet, sondern das Problem vielmehr in der Stellung wurzelt, die die betreffende PersonPerson zur WirklichkeitWirklichkeit einnimmt, die sie erfahren kann und zu beantworten eingeladen und gerufen ist.16
Für MaslowMaslowAbraham beinhaltet das BedürfnisBedürfnis nach TranszendenzTranszendenz die Suche nach einer Dimension, die das individuelle Selbst überschreitet oder ausserhalb des beobachtbaren Systems liegt. Zu dieser Dimension ist die ReligionReligion insofern zu rechnen, als sie für die gelebte Beziehung des Menschen mit dem Transzendenten steht. Selbst wenn die Religion an dieser Stelle nur als Möglichkeit verstanden wird, selbst dann ist es unabweisbar, dass ein solches Verhältnis für den Menschen förderlich wäre.17 Sei dies hinsichtlich der AntwortenAntworten auf die entscheidenden Fragen (HusserlHusserlEdmund), sei dies im Sinne der Befriedigung der Bedürfnisse nach Wachstum (MaslowMaslowAbraham), oder sei dies zur Findung und zur Stabilisierung des Lebenssinnes (FranklFranklViktor E.). Die ReligioReligionn scheint den Menschen also zumindest in potentia an seinem Lebensnerv zu treffen. Grund genug also, sich mit der Religion zu befassen und den Bedingungen nachzuspüren, die erfüllt sein müssen, damit die Möglichkeit zu einer sinnerfüllten WirklichkeitWirklichkeit wird.18 Von da her gilt das primäre Interesse nicht den Konsequenzen der Religion, diese werden von selbst in den Blick kommen, sondern der Sache selbst. Mit anderen Worten, die Religion interessiert weder als kulturelles Phänomen noch als UrsacheUrsache für Krieg oder Frieden und dergleichen mehr, sondern einzig in individual-existentieller Hinsicht.
Nicht erst die Moderne bzw. die PostmodernePostmoderne hat im Übrigen die Frage nach dem Verhältnis von TranszendenzTranszendenz und SinnSinn gestellt. Da die ganze abendländische Philosophie nach dem UrteilUrteil von Alfred North WhiteheadWhiteheadAlfred North (1861–1947) nur aus Fussnoten zu PlatonPlaton (427–347 v. Chr.) besteht, ist es nicht verwunderlich, die Behandlung der Problematik bereits bei Platon zu finden.19 Obgleich Platon den Terminus „Sinn“ nicht explizit verwendet hat, lässt sich die Sache nichtsdestotrotz in der Bestform (ἀρετή) ausmachen. Wie jedes andere Seiende auch,20 so hat auch der MenschMensch eine Bestform, die in der Ordnung (κόσμος, τάξις) besteht21 und zur jeweils eigentümlichen Leistung (ἔργον) befähigt.22 Ein Strebeziel ist die Bestform insofern, als sie die UrsacheUrsache des Glücks (εὐδαιμονία) ist.23 Wobei GlückGlück nicht, zumindest nicht ausschliesslich, im Sinne eines Gefühls zu verstehen ist, sondern vor allem im Sinne des guten, gelingenden Lebens. Dieses aber erfolgt wesentlich über den Erwerb und den Besitz der ἀρετή.
Die aretê des Menschen besteht in der EinheitEinheit seiner drei Seelenvermögen;24 ein Zustand, der vermittels des Wissens erreicht wird. Nicht jedes beliebigen Wissens jedoch, sondern nur des Wissens um die transzendenten IdeenIdeen, welche in ihrer Absolutheit und Subsistenz, in ihrer IntelligibilitätIntelligibilität, Unkörperlichkeit und inneren Einheit die an ihr partizipierenden Dinge zu einer vereinheitlichten Vielheit gestalten.25 Im Zuge ihrer ErkenntnisErkenntnis gleichen sich die drei Seelenvermögen der erkannten Einheit an, was den betreffenden Menschen innerlich ordnet, in seine Bestform bringt und die UrsacheUrsache eines glücklichen Lebens ist.
In diesem Verhältnis stehen die TranszendenzTranszendenz und das GlückGlück bzw. der SinnSinn nach dem Verständnis von PlatonPlaton. Der MenschMensch befindet sich ihm nicht in einem unveränderlichen existentiellen Stand, auch dann nicht, wenn dieser aktuellaktuell im Unglück oder in der SinnlosigkeitSinnlosigkeit besteht. Durch den Zugang zur Transzendenz eröffnen sich ihm vielmehr höchst beglückende Möglichkeiten.
3 Die verschiedenen Bedeutungen von „TranszendenzTranszendenz“
Das angemessene Befassen mit der ReligionReligion setzt die Klärung des Begriffs der TranszendenzTranszendenz voraus. Die NotwendigkeitNotwendigkeitsubjektive dieses Unterfangens zeigte sich alleine schon an der äquivoken Verwendung dieses Terminus. Denn ob von einem BedürfnisBedürfnis nach der Transzendenz oder von der SelbsttranszendenzSelbsttranszendenz die Rede ist, beide Male bedeutet Transzendenz offensichtlich nicht dasselbe. Und nicht als hätte es mit diesen zwei – noch zu klärenden – Bedeutungen sein Bewenden, Transzendenz kann auch noch anderes bedeuten. Das WortWort „Transzendenz“ kommt aus dem Lateinischen (transcendere) und weist seinem Wortsinne nach auf ein Hinübersteigen, Übersteigen oder Übertreten hin. Damit verweist es auf eine Grenze, die überstiegen wird, um in eine jenseits liegende WirklichkeitWirklichkeit zu gelangen. Dann kann es aber auch den personalen Akt des Übersteigens selbst bedeuten, mit dem eine Grenze bewusst überschritten wird. In seinem HöhlengleichnisHöhlengleichnis hat PlatonPlaton ein solches Übersteigen anschaulich beschrieben als ein Übersteigen der Grenze, die das Sinnliche vom Intelligiblen und das Meinen vom ErkennenErkennen trennt.1 Im Sinne eines bewussten Aktes der PersonPerson kann das Übersteigen einer Grenze in den verschiedensten Weisen zur Realität werden. Beispielsweise durch das Übersteigen der in der eigenen Person errichteten Grenzmauern des HedonismusHedonismus durch das Erteilen einer AntwortAntworttheoretische, wie sie dem Gegenüber um seiner selbst willen gebührt.2 Schliesslich kommt der Transzendenz noch eine weitere Bedeutung zu. Nicht mehr bedeutet es das personale Übersteigen einer Grenze, sondern nun kommt ihm die Bedeutung der objektiven Tatsache zu, dass jenseits der Grenze eine andere Wirklichkeit ist. In diesem Sinne kann etwa davon gesprochen werden, dass GottGott der Welt transzendent ist. Als transzendent kann aber auch all das bezeichnet werden, was dem Menschen in seiner Erfahrungswelt prinzipiell nicht gegeben ist.3
Aufgrund dieser Klärungen des Begriffs der TranszendenzTranszendenz lässt sich nun auch ermessen, in welchem Sinne HusserlHusserlEdmund, MaslowMaslowAbraham und FranklFranklViktor E. sich auf die Transzendenz beziehen. Während HusserlHusserlEdmund die Fragen nach der ErkenntnisErkenntnis, den Werten, der ethischen HandlungEthische Handlung, der FreiheitFreiheit, der UnsterblichkeitUnsterblichkeit und nach GottGott thematisiert, zu deren Beantwortung die Grenze des Hier und Jetzt in einem personalen Akt transzendiert werden muss, so bedeutet die Transzendenz im Sinne von Maslows höchstem menschlichen BedürfnisBedürfnis ein Verlangen nach einer WirklichkeitWirklichkeit, die jenseits dieser Welt liegt.4 FranklFranklViktor E. verwendet den Terminus Transzendenz wieder im Sinne eines personalen Aktes, demgemäss ihm Transzendenz das Übersteigen der Intention nach Selbstverwirklichung durch die Hingabe des eigenen Selbst bedeutet.
In welcher Bedeutung wird nun von der TranszendenzTranszendenz in Sachen der ReligionReligion gesprochen? Im Sinne einer gelebten Beziehung des Menschen zu einem transzendenten GottGott, einer Beziehung über die Grenze zwischen Diesseits und Jenseits hinweg? Doch geht die Initiative vom Menschen aus, ist er es, der sich transzendiert, oder transzendiert sich das Transzendente in die Welt des Menschen? Oder steht die Religion letztlich für einen wechselseitigen Prozess über die Grenze der Transzendenz hinweg? Die AntwortenAntworten auf diese Fragen stehen verständlicherweise nicht am Beginn der Arbeit. Ob sie zu verneinen oder zu bejahen sind, und wenn zu bejahen, in welchem Sinne, hat der Untersuchungsverlauf zu erweisen.
4 Das Thema der Arbeit
Sich mit allen, ja nur schon mit mehreren religiösen Richtungen und Phänomenen auseinanderzusetzen, würde den Rahmen der vorliegenden Arbeit sprengen. Deswegen ist die Konzentrierung auf eine bestimmte ReligionReligion angezeigt. Wenn der Entscheid zugunsten der christlichen Religion ausfällt, dann deswegen, weil die in ihr vertretenen religiösen ÜberzeugungenÜberzeugungenreligiöse von Anfang an auf die philosophische Waagschale gelegt wurden und sich mit dem BegriffBegriff des TheismusTheismus eine philosophisch handhabbare Position herausgebildet hat. Mit Theismus ist die Position bezeichnet, nach der ein GottGott (gr. θεός, lat. deus) existiert, der PersonPerson ist, der allmächtig, allwissend, allgütig, allgegenwärtig und dieser Welt transzendent ist und dennoch am Geschehen in dieser Welt Anteil und auf geheimnisvolle Weise Einfluss darauf nimmt.
Aufgabe der ReligionsphilosophieReligionsphilosophie ist dabei die Herausarbeitung der (Un-)Vernünftigkeit der ReligionReligion. Der Bewältigung dieser Aufgabe werden im Rahmen der vorliegenden Untersuchung die einschlägigen Werke des Philosophen Dietrich von HildebrandHildebrandDietrich von1 (1889–1977) zugrunde gelegt, von dem in punkto Religion Bedeutendes erwartet werden darf. Denn bereits sein im Jahre 1919 verfasster Aufsatz über Die neue Welt des Christentums2 – sein erster Artikel nach seiner Habilitation – enthält im Kerne alle seine grossen religiösen Einsichten, die sich in entfalteter FormForm auch in seinen späteren Werken finden. Wie religiös er war,3 zeigt sich quer durch sein Oeuvre. Fast jede Schrift hat einen expliziten, zumindest aber einen impliziten Zug zur religiösen Sphäre. Religion bzw. religioreligio versteht er „als Inbegriff der uns von dem persönlichen GottGott positiv geoffenbarten Wahrheiten und als das auf einer solchen positiven OffenbarungOffenbarung beruhende Verhältnis des Menschen zu Gott“4. Zudem spricht er von der „lebendigen Verbindung mit eben diesem Gott“5 oder schlicht von der „Bindung an Gott“6. Überdies sogar vom „Dialog mit GottDialog mit Gott“7 oder vom „Mysterium des Zwiegesprächs zwischen Geschöpf und Schöpfer“8.
Was darunter verstanden sein will, muss aus seinen Schriften im Einzelnen herausgearbeitet und zu einem Ganzen zusammengefügt werden. Die Problematik zeigt sich alleine schon an der Bindung an GottGott: Wie stellt sich diese Bindung dar? Wie ist die Bindung des endlichen und unvollkommenen Menschen an Gott überhaupt zu denken? Ja, wie ist Gott eigentlich seinem WesenWesen nach, und vor allem, kommt Gott überhaupt eine objektive Seinsweise zu oder ist Ludwig FeuerbachFeuerbachLudwig beizupflichten, der behauptete, der MenschMensch selbst sei der SeinsgrundSeinsgrund Gottes? Über alle diese Fragen kann allerdings nur unter der Voraussetzung ernsthaft diskutiert werden, dass der Mensch überhaupt in der Lage ist, den Bereich des Empirischen zu transzendieren und Erkenntnisse zu erlangen, deren objektive KorrelateKorrelateobjektive dem Bereich des Transempirischen oder Metaphysischen zugehören. Nur unter dieser Voraussetzung kann im Sinne einer streng wissenschaftlichen Philosophie von Gott wie auch von einer Bindung des Menschen an ihn gesprochen werden.
5 ForschungszielForschungsziel und MethodeMethode
Da die absolute WahrheitWahrheit in von Hildebrands WeltanschauungWeltanschauung einen archimedischen PunktArchimedischer Punkt einnahm und er ihre Erkennbarkeit auch zu begründen wusste, wird in dieser Arbeit zugesehen, ob und wenn ja, inwiefern die ReligionReligion Gegenstand philosophischen Erkennens ist und damit als vernünftig erwiesen werden kann. Damit unterscheidet sich die ReligionsphilosophieReligionsphilosophie von der ReligionspsychologieReligionspsychologie, die in einem empirischen Verfahren nur die religiösen Akte im Menschen betrachtet und dabei von ihrem Objekt und dessen Wahrheit absieht. Ist von HildebrandHildebrandDietrich von mit einem SachverhaltSachverhalt aus dem Bereich der Religion konfrontiert, der dem ersten Anschein nach philosophisch nicht erkannt werden kann, so wählt er, falls der Sachverhalt nicht widersprüchlich, sondern sinnvoll ist, die MethodeMethode Anselms von CanterburyAnselm von Canterbury: er glaubt, um zu verstehen (fides quaerens intellectumfides quaerens intellectum).1 Diese MaximeMaxime ist allerdings nicht im Sinne des FideismusFideismus zu verstehen, demgemäss ein rational nicht begründbarer GlaubeGlaube als Ausgangspunkt des Philosophierens zu wählen und als letzte Instanz für philosophisches ErkennenErkennen zu befürworten ist. Denn der religiöse Glaube beruht bereits selbst auf philosophischen Voraussetzungen und Erkenntnissen, die dem religiösen Glauben vorgeordnet und – trotz vieler gegenseitiger Beziehungen2 – von ihm unabhängig sind. Der Glaube wird in dieser Untersuchung jedenfalls nicht im Sinne eines heuristischen PrinzipsHeuristisches Prinzips zu einem Hilfsmittel reduziert, um gewisse Sachverhalte besser verstehen zu können. Dies muss bei der Analyse des Denkens von Hildebrands genauso beachtet werden wie bei einem AugustinusAugustinus, der sagte, „dass Philosophie, das heisst Weisheitsstreben, und Religion nicht voneinander verschieden sind“3. Ähnliche Stellen finden sich auch bei einem BonaventuraBonaventura, einem Thomas von AquinThomas von Aquin und bei vielen anderen. Unter der Voraussetzung der AntwortAntworttheoretische des Glaubens an den sich offenbarenden GottGott sucht von HildebrandHildebrandDietrich von die den Menschen geoffenbarten Wahrheiten nach Möglichkeit zu verstehen und gewisse in ihnen gründende Sachverhalte philosophisch zu erkennen. Immer aber bleibt zu beachten, dass die EinsichtEinsicht in das Verhalten einer gegebenen Sache, nach der die Philosophie letztlich strebt, eines Beweises weder fähig noch bedürftig ist. Von HildebrandHildebrandDietrich von bezeichnet es im Übrigen selbst als „höchst ‚unwissenschaftlich‘“, „ein Buch für unphilosophisch zu halten, weil in ihm der Name Christi genannt wird, statt unbefangen zu fragen, was in dem Buch an echt philosophischer Einsicht enthalten sei, und darauf zu merken, in welchem SinnSinn auf das ÜbernatürlicheÜbernatürlicheDas Bezug genommen wird“.4
Unter Zugrundelegung der realistisch phänomenologischen MethodeMethode, wie von HildebrandHildebrandDietrich von sie vor allem im vierten Kapitel seiner epistemologischen Hauptschrift Was ist Philosophie? schriftlich fixiert hat, kann insofern ein absolut gewisses ErkennenErkennen eines gegebenen Sachverhalts erwartet werden, als es sich um einen SachverhaltSachverhalt handelt, der in notwendigen Gegenständen oder Wesenheiten fundiert ist.5 Wie aber liegen die Dinge beim Relationssachverhalt6 des Verhaltens des Menschen zu GottGott oder Gottes zum Menschen? Bietet die Relation zwischen MenschMensch und Gott die epistemologische Möglichkeit, gewisse Züge mit absoluter GewissheitGewissheit erkennen zu können? Das muss sich erweisen … Wobei dies freilich, wie bereits an dieser Stelle festgehalten werden kann, in erster Linie davon abhängt, ob der Mensch die objektive WahrheitWahrheit erkennen und sich und seine Welt transzendieren kann, wie auch, ob Gottes objektive ExistenzExistenz sich überhaupt begründen lässt.
Was sodann die Auffassung betrifft, dass die ReligionReligion sich von der MetaphysikMetaphysik und der MoralMoral lösen müsse, so wird dieser Arbeit grundgelegt, dass Metaphysik und Moral der Religion nicht untergeordnet sind, wie Friedrich SchleiermacherSchleiermacherFriedrich behauptete,7 sondern mit dem Gottesbegriff so wesentlich verbunden sind, dass GottGott, wenn überhaupt, nur durch sie in philosophischer Weise verstanden werden kann.8 Analoges gilt von der Religion als Bindung an Gott, auch sie – wie gezeigt werden wird – kann nur auf dem Fundament von Metaphysik und Moral als vernünftig ausgewiesen werden. Dazu kommt, dass Metaphysik und Moral die Gegenstandsbereiche zweier Geistesvermögen des Menschen bezeichnen, nämlich des Intellekts und des Willens. Wenn sie zugunsten des Gefühls von der Religion ausgeschlossen werden, wie SchleiermacherSchleiermacherFriedrich dies tut, dann betrifft sie den Menschen nicht als Ganzen. Desgleichen, wenn Immanuel KantKantImmanuel die Religion gänzlich auf der VernunftVernunft gründen lässt9 und die Religion als „ErkenntnisErkenntnis aller unserer Pflichten als göttlicher Gebote“10 definiert. Auch dann ist der MenschMensch nicht als ganzer betroffen.
Doch was ist die Grundlage der ReligionReligion im Menschen? Von HildebrandHildebrandDietrich von leitet der augustinische Gedanke von der Komplexität des menschlichen Geistes, der eine EinheitEinheit bildet aus VernunftVernunft, Wille und GedächtnisGedächtnis, bzw. LiebeLiebe. AugustinusAugustinus vollbrachte auf dieser Grundlage einen bedeutenden religionsphilosophischen Beitrag, indem er die religiöse Überzeugung von der Trinität Gottes auf der Basis des Menschen als trinitarisch strukturiertem Abbild Gottes als vernünftig auszuweisen suchte. Wenn in diesem Sinne von der Vernünftigkeit gesprochen wird, dann sind auch die übrigen Geistesvermögen mitgemeint. Denn „vernünftig“ wird der MenschMensch nicht alleine durch seinen IntellektIntellekt, sondern vernünftig ist er als ganzer, unter Einbezug aller seiner geistigen Vermögen.
Gegenüber KantKantImmanuel und SchleiermacherSchleiermacherFriedrich nimmt John Henry NewmanNewmanJohn Henry mit seinem Sowohl-als-Auch eine Mittelstellung ein. Nach ihm ist die ReligionReligion weder eine blosse Frage der VernunftVernunft noch der Gefühle. Am Beispiel der ZustimmungZustimmung zur objektiven ExistenzExistenz Gottes zeigt er den Unterschied auf zwischen der begrifflichen und der realen Zustimmung. Wenn ein theistischer Theologe beispielsweise von GottGott spricht, dann handelt es sich bei seiner Zustimmung zu dieser WahrheitWahrheit um eine begriffliche.11 Um eine Zustimmung also, die die Folge bestimmter Folgerungen und intellektueller Überlegungen ist. NewmanNewmanJohn Henry ist es aber vor allem um die Frage zu tun, ob es nicht noch eine lebhaftere Zustimmung zum Sein Gottes gibt, als die mit Begriffen operierende: „Kann ich glauben, als ob ich sähe?“12 Eine solche Zustimmung, darüber ist er sich im Klaren, bedingt „eine gegenwärtige Erfahrung oder eine Erinnerung an das Faktum“13. Doch da niemand in diesem Leben Gott sehen kann, bleibt die Frage: Ist eine reale Zustimmung überhaupt möglich? NewmanNewmanJohn Henry selbst erachtet die Erfahrbarkeit Gottes als möglich, und zwar durch das GewissenGewissen. Denn das GefühlGefühl des Gewissens ist ein doppeltes, es ist einerseits ein sittliches Gefühl (moral sense), andererseits ein Gefühl der Pflicht (sense of duty). Und gerade dieses Gefühl der Pflicht impliziert einen höchsten Richter, „dem wir verantwortlich sind“14. Da die Ursachen der Gemütsbewegungen des Phänomens des Gewissens nicht dieser sichtbaren Welt angehören, muss der Gegenstand, auf den die Wahrnehmung gerichtet ist, übernatürlichübernatürlich und göttlich sein.15
Damit hat NewmanNewmanJohn Henry nicht nur ein ArgumentArgument für die Erfahrbarkeit Gottes beigebracht, mit der Unterscheidung zwischen der begrifflichen und der realen ZustimmungZustimmung hat er überdies den Unterschied zwischen der Theologie und der ReligionReligion begründet. Während die Theologie als WissenschaftWissenschaft es nämlich mit den Begriffen zu tun hat, gründet die Religion auf Erfahrungen. Weswegen die Theologie prinzipiell auch ohne die Religion bestehen kann, nicht aber die Religion ohne die Theologie, denn wenn die entsprechenden Erfahrungen fehlen, wird auf den IntellektIntellekt und die gesunde und bewährte Lehre zurückgegriffen.16 Die religiösen ÜberzeugungenÜberzeugungenreligiöse, die aufgrund bestimmter Erfahrungen oder im Zuge des Rückgriffs auf die überlieferte Lehre entstehen, auf ihre Vernünftigkeit hin zu prüfen, ist Aufgabe der ReligionsphilosophieReligionsphilosophie.
Das ForschungszielForschungsziel besteht in diesem Rahmen schliesslich im Aufweis der ReligionReligion als einem Dialog zwischen MenschMensch und GottGott. Kann von diesem Dialog erwartet werden, dass er die entscheidenden Fragen des Menschen zu beantworten, sein BedürfnisBedürfnis nach TranszendenzTranszendenz zu befriedigen und sein Leben sinnvoll zu gestalten vermag? Um diese Frage beantworten zu können, ist es angezeigt, dass in einem ersten Schritt die Möglichkeit der Erlangung transzendenter Erkenntnisse begründet wird. Eine Aufgabe, die in wesentlichen Stücken in der Überwindung des ImmanentismusImmanentismus und SubjektivismusSubjektivismus Kantscher Prägung besteht, wobei auch der Erfahrung Rechnung zu tragen sein wird (vgl. Abschnitt I). Im Anschluss sei geprüft, wie es um die ErkenntnisErkenntnis Gottes und die dagegen erhobenen Einwände bestellt ist (vgl. Abschnitt II), um sodann das WesenWesen und die Gottfähigkeit des Menschen zu besprechen (Abschnitt III), sie daraufhin als mit Leben gefüllte Realität zu untersuchen und schliesslich die religiösen Aussagen und Überzeugungen betreffend den Zustand nach dem irdischen TodTod kognitiv zu deuten und auf ihre Vernünftigkeit hin zu erörtern (Abschnitt IV). Was alles, wie gesagt, auf der Grundlage der philosophischen Einsichten Dietrich von Hildebrands unternommen wird. In die Diskussion werden dabei solch namhafte Denker einbezogen wie Thomas von AquinThomas von Aquin, Immanuel KantKantImmanuel, Ludwig FeuerbachFeuerbachLudwig, Friedrich NietzscheNietzscheFriedrich oder Max SchelerSchelerMax, um hier nur einige zu nennen.
Bezüglich der Gliederung der vorliegenden Untersuchung und des praktischen Umgangs mit ihr sei an dieser Stelle noch vermerkt, dass am Ende eines jeden Abschnitts die wichtigsten Ergebnisse zusammengefasst werden, was den Zugang zu den interessierenden Argumentationsgängen erleichtern soll. Die verwendeten Werke Dietrich von Hildebrands werden zu Beginn des Literaturverzeichnisses angeführt. Im Hauptteil der Bibliographie finden sich – nach den einzelnen Abschnitten gegliedert – die Quellen und die verwendete Literatur verzeichnet.
6 Was ist „Realistische PhänomenologiePhänomenologie“?
Der im letzten Punkt eingebrachte BegriffBegriff der Realistischen PhänomenologiePhänomenologie bedarf ebenso einer Klärung wie von Hildebrands Schrift Was ist Philosophie? einer Offenlegung des intendierten Ziels und der Mittel, mit dessen Hilfe das ZielZiel erreicht werden soll. Der Begriff der Realistischen Phänomenologie wird in diesem, von Hildebrands Was ist Philosophie? im nächsten Punkt thematisiert werden. Bei der Besprechung der epistemologischen Hauptschrift von Hildebrands bleibt abschliessend zu prüfen, ob, und wenn ja, inwiefern er das gesteckte Ziel auch tatsächlich erreicht hat.
Die Verwendung des Begriffs „PhänomenologiePhänomenologie“ reicht bis ins 18. Jahrhundert zurück. „Das Adjektiv ‚phänomenologisch‘ taucht nachweislich schon 1762 bei dem schwäbischen Theosophen Friedrich Chr. Oetinger (1701–1782) auf. Als Substantiv wird das WortWort zur selben Zeit von Johann Heinr. Lambert (1728–1777) verwendet.“1 Dem Wortsinn nach (gr. φαινόμενον – ErscheinungErscheinung; λόγος – Wort, Lehre) steht „Phänomenologie“ für die Lehre von den Erscheinungen bzw. von den Erfahrungen. Und da die Erfahrungen ihren Ursprung in dem erfahrenden BewusstseinBewusstsein haben, lag es nahe, die Philosophie mit Franz BrentanoBrentanoFranz2 (1838–1917) als deskriptive Psychologie zu definieren.3 Durch die Vermittlung seines Wiener Lehrers BrentanoBrentanoFranz, kam das Verständnis der Philosophie als deskriptiver Psychologie schliesslich auch auf Edmund HusserlHusserlEdmund, der es ohne Vorbehalte übernahm.4
6.1 Die Vorboten des phänomenologischen Realismus
Wenngleich Edmund HusserlHusserlEdmund als Begründer der phänomenologischen Bewegung gilt,1 so dürfen die vorhusserlianischen Wurzeln dieser Bewegung dennoch nicht übersehen werden. Auf dem von PlatonPlaton, AristotelesAristoteles und AugustinusAugustinus gelegten Fundament ist auch Johann Wolfgang von GoetheGoetheJohann Wolfgang von mit seinem Ausdruck „UrphänomenUrphänomen“ zu den Vorläufern der Realistischen PhänomenologiePhänomenologie zu rechnen. In seinen Gesprächen mit Johann Peter Eckermann eröffnet er ihm am 18. Februar 1829 das Verständnis dieses Begriffs:
Das Höchste, wozu der MenschMensch gelangen kann, ist das Erstaunen, und wenn das UrphänomenUrphänomen ihn in Erstaunen setzt, so sei er zufrieden; ein Höheres kann es ihm nicht gewähren, und ein Weiteres soll er nicht dahinter suchen; hier ist die Grenze. Aber den Menschen ist der Anblick eines Urphänomens gewöhnlich nicht genug, sie denken, es müsse noch weiter gehen, und sie sind den Kindern ähnlich, die, wenn sie in einen Spiegel geguckt, ihn sogleich umwenden, um zu sehen, was auf der anderen Seite ist.2
HusserlHusserlEdmund hatte aber auch noch andere bedeutende Vorläufer. So den Prager Philosophen Bernard BolzanoBolzanoBernard3 (1781–1848), dessen logischer Objektivismus einen grossen Einfluss auf Husserls Logische Untersuchungen ausgeübt hat, und vor allem den bereits erwähnten Franz BrentanoBrentanoFranz.4 Noch vor HusserlHusserlEdmund entwickelte auch Max SchelerSchelerMax in seiner 1899 erschienenen Habilitationsschrift Die transzendentale und die psychologische MethodeMethode. Eine grundsätzliche Erörterung zur philosophischen Methodik ganz ähnliche Gedanken.5 Mit ihm kommt auch Alexander PfänderPfänderAlexander (1870–1941) mit seiner 1900 erstmals erschienenen PhänomenologiePhänomenologie des Wollens. Motive und MotivationMotivation als gleichzeitiger Mitbegründer der Phänomenologie in Betracht. Nicht zu verschweigen ist auch der Einfluss von Adolf ReinachReinachAdolf (1883–1917), der, obzwar zu der Zeit Husserls Schüler, als eigentlicher Begründer des phänomenologischen Objektivismus angesehen werden muss.6 ReinachReinachAdolf hatte einen grossen Einfluss auf die jüngeren Phänomenologen, zu denen neben Alexandre KoiréKoiréAlexandre (1892–1964) und Edith SteinSteinEdith (1891–1942) u.a. auch Dietrich von HildebrandHildebrandDietrich von gehörte.
Nach der Publikation von Husserls IdeenIdeen zu einer reinen PhänomenologiePhänomenologie und phänomenologischen Philosophie im Jahre 1913 nahmen verschiedene Phänomenologen allerdings eine kritische Haltung zu Husserls neuen Theorien und seiner Wende zum transzendentalen IdealismusTranszendentaler Idealismus ein. Eine Gruppe von Phänomenologen blieb Husserls Frühwerk und seinen Logischen Untersuchungen verbunden. Nachdem diese Richtung einst als Kreis der Göttinger und Münchener Phänomenologen bezeichnet wurde,7 hatte Josef SeifertSeifertJosef den Terminus Realistische PhänomenologieRealistische Phänomenologie eingeführt, um die historischen Bezeichnungen, die irreführend sein können, und die esoterischen Bezeichnungen Chreontologie und chreontische Philosophie8 mit einem sachlich angemesseneren Ausdruck zu überholen.9 Der phänomenologische Realismus ist nicht eine Philosophie, deren Gegenstände sich aus einer Setzung oder KonstruktionKonstruktion ergeben. Sie versteht die WirklichkeitWirklichkeit vielmehr so, dass ihre Gegenstände sich in ihrer eigenen objektiven NaturNatur und ihrer eigenen idealen oder realen ExistenzExistenz zu erkennen geben. Auch will sie keine neue Schulrichtung sein, sondern auf der „ewigen Philosophie“ (philosophia perennis) aufbauen, wie sie bei PlatonPlaton, AristotelesAristoteles, AugustinusAugustinus, AnselmAnselmvon Canterbury von Canterbury, Thomas von AquinThomas von Aquin, René DescartesDescartesRené und bei vielen anderen grundgelegt wurde.10
6.2 Husserls Beiträge zur Beantwortung der „Kardinalfrage der ErkenntnistheorieErkenntnistheorie, die ObjektivitätObjektivität der ErkenntnisErkenntnis betreffend“1
Wenn im Folgenden das WesenWesen und die MethodeMethode der Realistischen PhänomenologiePhänomenologie herauszuarbeiten gesucht wird, dann geschieht dies durch einen kritischen Vergleich mit gewissen Husserlschen Thesen.2 Was die nachmaligen Realistischen Phänomenologen unter Husserls Studenten an seinem Frühwerk begeisterte, war sein konsequenter Objektivismus. Die MaximeMaxime, die ihn in Logische Untersuchungen leitete, lautete: „Wir wollen auf die ‚Sachen selbst‘ zurückgehen“3. Mit dieser Maxime stellte HusserlHusserlEdmund sich entschieden gegen alle subjektivistischen Reduktionismen und alle konstruktiven Tendenzen, welche häufig im IrrtumIrrtum enden.4
Gegen den RelativismusRelativismus in der FormForm des AnthropologismusAnthropologismus, demnach für die Spezies MenschMensch nur das wahr ist, „was nach ihrer Konstitution, nach ihren Denkgesetzen als wahr zu gelten habe“, stellt er die Widersinnigkeit der „Rede von einer WahrheitWahrheit für den oder jenen“.5 „Denn es liegt in ihrem Sinne, dass derselbe Urteilsinhalt (SatzSatz) für den Einen, nämlich für ein SubjektSubjekt der Spezies homo, wahr, für einen Anderen, nämlich für ein Subjekt einer anders konstituierten Spezies, falsch sein kann.“6 Derselbe Wortinhalt kann aber nicht beides zugleich sein, nämlich wahr und falsch. „Die Wahrheit relativistisch auf die Konstitution einer Spezies gründen, […] ist aber widersinnig.“7 Denn wenn die Wahrheit ihre alleinige Quelle in der allgemeinen menschlichen Konstitution hätte, so bestünde keine Wahrheit, wenn keine solche Konstitution bestünde. Die Widersinnigkeit zeigt sich auch an der Behauptung, dass keine Wahrheit besteht, „denn der Satz ‚es besteht keine Wahrheit‘ ist dem Sinne nach gleichwertig mit dem Satze „es besteht die Wahrheit, dass keine Wahrheit besteht‘“8. „Was wahr ist, ist absolut, ist ‚an sich‘ wahr; die Wahrheit ist identisch Eine, ob sie Menschen oder Unmenschen, Engel oder Götter urteilend erfassen.“9
Die WahrheitWahrheit wird im WissenWissen besessen. Doch „nicht jedes richtige UrteilUrteil, jede mit der Wahrheit übereinstimmende Setzung oder Verwerfung eines Sachverhalts ist ein Wissen vom Sein oder Nichtsein dieses Sachverhalts“10. Die Wahrheit hat ein Kennzeichen: die EvidenzEvidenz. Die „lichtvolle GewissheitGewissheit, dass ist, war wir anerkannt, oder nicht ist, was wir verworfen haben“11. „Evidenz ist […] nichts anderes als das ‚Erlebnis‘ der Wahrheit“12, d.h. der „Idee, deren Einzelfall im evidenten Urteil aktuelles Erlebnis ist“13. Ja, die Evidenz ist ein „unmittelbares Innewerden der Wahrheit selbst“14, auf der „jede echte und speziell jede wissenschaftliche ErkenntnisErkenntnis“15 beruht. „Wissen im engsten Sinne des Wortes ist Evidenz davon, dass ein gewisser SachverhaltSachverhalt besteht oder nicht besteht“16. Auch wird die echte und rechte WissenschaftWissenschaft nicht erfunden, „sondern sie liegt in den Sachen, wo wir sie einfach vorfinden, entdecken“17. Diese Einsichten sind grundlegend für den phänomenologischen Realismus.
HusserlHusserlEdmund war gegen den PsychologismusPsychologismus angetreten und hat ihn überwunden, indem er nachgewiesen hat, dass die WahrheitWahrheit von Sätzen wie „2 + 3 = 5“ sich nicht nach dem tatsächlichen Denken einer Psyche richtet, sondern das tatsächliche Denken jeder Psyche sich nach ihr zu richten hat. In diesem Sinne ist der Schluss auf eine notwendige Folge „nicht ein empirisch-psychologischer Zusammenhang von Urteilserlebnissen, sondern ein ideales Verhältnis von möglichen Aussagebedeutungen, von Sätzen“18. Was im Denken verbunden wird, sind „Begriffe und Sätze mit ihren gegenständlichen Beziehungen“, wobei den „subjektiven Gedankenverknüpfungen“ eine objektive Bedeutungseinheit entspricht.19 Was hier Bedeutung heisst, befasst „durchaus nur ideale EinheitenEinheitenchaotische, zufällige, morphische“20. „Die Idealität der Wahrheit macht aber ihre ObjektivitätObjektivität aus.“21 Diese objektiven Bedeutungseinheiten der Begriffe und Wahrheiten werden nicht gemacht, „als handelte es sich um Zufälligkeiten eines oder des allgemein menschlichen Geistes“, vielmehr werden sie eingesehen und entdeckt.22
„Wo also im Zusammenhang mit dem prägnanten Terminus denken das Wörtchen können auftritt, ist nicht subjektive NotwendigkeitNotwendigkeitsubjektive, d.i. subjektive Unfähigkeit des Sich-nicht-anders-vorstellen-könnens, sondern objektiv-ideale NotwendigkeitNotwendigkeitsubjektive des Nicht-anders-sein-könnens gemeint.“23 Diese objektive NotwendigkeitNotwendigkeitsubjektive kommt im BewusstseinBewusstsein zur Gegebenheit als apodiktische EvidenzEvidenz.24 Ausdrücklich merkt HusserlHusserlEdmund an, dass die NotwendigkeitNotwendigkeitsubjektive in einem Stehen in gesetzlichem Zusammenhang liegt. „Was das Anderssein verwehrt, ist eben das Gesetz, das sagt, es ist nicht bloss hier und jetzt so, sondern überhaupt, in gesetzlicher Allgemeinheit. An dieser Stelle weist er auch auf den grundlegenden Unterschied hin zwischen der apriorischen WesensnotwendigkeitWesensnotwendigkeit und der empirischen NotwendigkeitNotwendigkeitsubjektive.25 Empirische NotwendigkeitNotwendigkeitsubjektive ist jedoch keine Wesensnotwendigkeit, und „‚NaturgesetzeNaturgesetze‘, Gesetze im Sinne der empirischen Wissenschaften, sind keine Wesensgesetze (Idealgesetze, apriorische Gesetze)“26. Bis hierher geht die Realistische PhänomenologiePhänomenologie noch ganz mit HusserlHusserlEdmund einig.27 Auch da noch, wo er zwischen unselbständigen und selbständigen Teilen unterscheidet:
Wir können uns einen Mann mit zwei Köpfen, den Oberleib eines Menschen verbunden mit dem Unterleib eines Pferdes vorstellen, oder auch einzelne Stücke, einen Kopf, eine Nase, ein Ohr für sich. Dagegen ist es unmöglich, eine ‚abstrakte Idee‘ zu bilden, z.B. die ‚Idee‘ einer Bewegung abzutrennen von der eines bewegten Körpers. […]
Wir haben in Ansehung gewisser Inhalte die EvidenzEvidenz, dass die Änderung oder Aufhebung mindestens eines der zusammen mit ihnen gegebenen (aber nicht in ihnen eingeschlossenen) Inhalte sie selbst ändern oder aufheben müsse. Bei anderen Inhalten fehlt uns diese Evidenz […].
In der ‚NaturNatur‘ des Inhalts selbst, in seinem idealen WesenWesen, gründet keine Abhängigkeit von anderen Inhalten, er ist in seinem Wesen, durch das er ist, was er ist, unbekümmert um alle anderen. Es mag faktisch so sein, dass mit dem Dasein dieses Inhalts andere Inhalte, und nach empirischen Regeln, gegeben sind; aber in seinem ideal fassbaren Wesen ist der Inhalt unabhängig, dieses Wesen fordert durch sich selbst, also a prioria priori, kein mitverflochtenes anderes Wesen.28
Während die Gegenstände der empirischen Wissenschaften sinnlich sind, sind diejenigen der apriorischen Wissenschaften kategorial. Jene sind ihm real, diese aber ideal.29 Dass diese Unterscheidungen zur BegründungBegründung der WesensnotwendigkeitWesensnotwendigkeit zu kurz greifen, wird sich weiter unten zeigen, wenn mit Dietrich von HildebrandHildebrandDietrich von die drei grundsätzlich verschiedenen Wesenheiten unterschieden werden, anhand derer die objektive Wesensnotwendigkeit begründet werden kann. Jedenfalls haben sich nach all den objektivistischen Meisterstücken die ersten Anzeichen des Übergangs zum transzendentalen IdealismusTranszendentaler Idealismus30 bei der Gleichsetzung der Realität mit der Zeitlichkeit abgezeichnet.31 HusserlHusserlEdmund unterliegt damit dem seit KantKantImmanuel virulenten Einfluss, dass man sich nicht mehr über das BewusstseinBewusstsein hinaus traut.32 Ein Sein im Bewusstsein ist ihm dementsprechend nur das Sein des Idealen, währenddem das Sein des Realen ein „Sein ausserhalb des Bewusstseins“33 ist. „Real ist das Individuum mit all seinen Bestandstücken; es ist ein Hier und Jetzt.“34
Husserls Versuch schliesslich, das objektive AprioriApriori dennoch mit der MethodeMethode der phänomenologischen EpochéEpoché zu retten, vermochte das objektive An-sich weder einzuholen noch zu begründen. Denn durch die Einklammerung der „Generalthesis der natürlichen Einstellung“, die ihm „jedes UrteilUrteil über räumlich-zeitliches Dasein völlig verschliesst“, bleibt er nach all den erhellenden Einsichten in transzendente Wirklichkeiten bei der Sphäre seines eigenen Bewusstseins stehen und studiert, „was wir in ihr immanent finden“, um von da her „die EinsichtEinsicht zu vollziehen, auf die wir es abgesehen haben, nämlich die Einsicht, dass BewusstseinBewusstsein in sich selbst ein Eigensein hat, das in seinem absoluten Eigenwesen durch die phänomenologische Ausschaltung nicht betroffen wird“, sondern „uns das ‚reine‘ Bewusstsein und in weiterer Folge die ganze phänomenologische Region zugänglich macht“.35 Von da her mündeten Husserls Bemühungen mit dem transzendentalen Ego in die transzendentale Subjektivität und den transzendentalen IdealismusTranszendentaler Idealismus.36 Welche Konsequenz er leichtlich hätte umgehen können, wäre er nicht auf den IrrtumIrrtum verfallen, dass es alleine die Einklammerung des Daseins und dadurch die Unabhängigkeit von der NaturNatur des Objekts sei, wodurch Gegenstände apriorisch erkannt werden könnten. Wenngleich HusserlHusserlEdmund die BegründungBegründung apriorischen Erkennens im Letzten nicht gelungen ist, so bereitete er mit der Einklammerungstheorie immerhin den Boden, von dem aus von HildebrandHildebrandDietrich von die Apriorierkenntnis mit den drei grundsätzlich verschiedenen Wesenheiten schliesslich zu begründen vermochte.
6.3 Die Grenzen der husserlschen PhänomenologiePhänomenologie als Ausgangspunkt des phänomenologischen Realismus
Einige der wesentlichen Merkmale der Realistischen PhänomenologiePhänomenologie haben sich aus der Überwindung Husserlscher Irrtümer und falscher Folgerungen ergeben. Da ist an erster Stelle die folgenschwere Identifizierung der Realität mit der Zeitlichkeit, welche unweigerlich zur KonklusionKonklusion führt, dass der MenschMensch zu keinen objektiven Erkenntnissen in der Lage ist. Eine Voraussetzung, deren Überwindung die Denker der Realistischen Phänomenologie sich besonders gewidmet haben. Eng mit der Überwindung dieser falschen Voraussetzung ist dann auch die Zurückgewinnung der ExistenzExistenz als eines Gegenstands der Philosophie verbunden. Auch in dieser Hinsicht hat der phänomenologische Realismus nicht nur um die Bedeutung gewusst, sondern war auf der Basis der Tradition in der Lage, die Erkennbarkeit der realen Existenz zu begründen. Als Tradition wird hier einerseits AugustinusAugustinus mit seiner Überwindung des SkeptizismusSkeptizismus durch die absolut gewisse ErkenntnisErkenntnis der eigenen Existenz verstanden: „Wenn ich mich täusche, bin ich ja. Denn wer nicht ist, kann sich auch nicht täuschen; also bin ich, wenn ich mich täusche.“1 Andererseits auch dessen Wiederaufnahme durch René DescartesDescartesRené (1596–1650), der in der Erkenntnis der eigenen Existenz den archimedischen PunktArchimedischer Punkt fand, an dem jeder Skeptizismus zerschellt.2
Schliesslich bleibt von den verschiedenen Beiträgen, die hier angeführt werden könnten, vor allem Dietrich von Hildebrands EinsichtEinsicht zu erwähnen, dass sehr wohl auch in der realen Welt Erkenntnisse von Wesensnotwendigkeiten erlangt werden können. Dieser wahrhaft klärende Beitrag von Hildebrands wird des Weiteren zu beleuchten sein, wenn seine epistemologische Hauptschrift Was ist Philosophie? im nächsten Punkt in ihren Grundzügen auseinandergesetzt werden wird. Jedenfalls hat sich aus der Beschäftigung mit Husserls Logische[n] Untersuchungen verdeutlicht, an welcher Stelle sich die Realistischen Phänomenologen von HusserlHusserlEdmund und seiner Philosophie distanzierten: Bei der Abkehr vom konsequenten Objektivismus und seiner Zuwendung zum transzendentalen Ego, das kein archimedischer Punkt in der objektiv existierenden Welt sei, und zudem auch seiner Annahme der Abhängigkeit der notwendigen Wesenheiten vom SubjektSubjekt. Von da her wird die Realistische PhänomenologiePhänomenologie als eine Bewegung verstanden, die Husserls MaximeMaxime „Zurück zu den Sachen selbst“ im Geiste der Logische[n] Untersuchungen in einem realistischen und objektivistischen Sinne deutet.
7 Von Hildebrands „Was ist Philosophie?“ als grundlegende Schrift zur MethodeMethode der Realistischen PhänomenologiePhänomenologie und die Frage nach der Originalität seines Beitrags
Im Blick auf die verschiedenen Irrtümer, die die Philosophie zu allen Zeiten umtreiben, war es von HildebrandHildebrandDietrich von in Was ist Philosophie? vor allem um die Rehabilitierung der Philosophie zu tun, wie vor ihm bereits HusserlHusserlEdmund,1 für den die LogikLogik sich gleichsam im Zustand einer Schlacht aller gegen alle befand (bellum omnium contra omnes).2 Die Entstehung von Was ist Philosophie? hat allerdings eine erwähnenswerte Geschichte, die ihren Anfang mit – dem damaligen Giessener3 – Professor Theodor SteinbüchelSteinbüchelTheodor (1888–1949) nahm, der von HildebrandHildebrandDietrich von 1932 bat, den Einleitungsband zu einer Serie zu übernehmen, die ein philosophisches Handbuch werden sollte. Von HildebrandHildebrandDietrich von nahm diese Einladung nach jahrelanger erkenntnistheoretischer Arbeit gerne an und nach gewissen Änderungsvorschlägen Professor Steinbüchels wurde der Druck sogleich in Angriff genommen. Aufgrund des Kampfes, den von HildebrandHildebrandDietrich von von Wien aus gegen den Nationalsozialismus geführt hatte,4 war es für ihn im nationalsozialistischen Deutschland unmöglich, Bücher zu veröffentlichen. Doch 1948 teilte ihm der Bonner Verlag Hanstein schliesslich mit, das Buch nun zu veröffentlichen.5 1950 erschien es in Bonn unter dem Titel Der SinnSinn philosophischen Fragens und Erkennens. Im Anschluss überarbeitete es von HildebrandHildebrandDietrich von und fügte ihm noch einige Kapitel hinzu, was ein vergleichender Blick in die beiden Bücher6 eindeutig zu erkennen gibt. Ins Englische übersetzt wurde es von William MarraMarraWilliam und erschien 1960 unter dem Titel What is Philosophy? (Milwaukee, 1960). Die deutsche Ausgabe – Was ist Philosophie? (Stuttgart, 1976) – besorgten Karla MertensMertensKarla und Fritz WenischWenischFritz.7
Doch was zeigt er mit dieser Schrift, was ist ihr origineller Beitrag? Wie für HusserlHusserlEdmund, so ist die Frage nach der apriorischen ErkenntnisErkenntnis auch für seinen Schüler von HildebrandHildebrandDietrich von „die Kardinalfrage“, „die erkenntnistheoretische Frage schlechthin“.8 Dabei zielt sein Werk „darauf ab, das wahre WesenWesen philosophischer Erkenntnis, ihre existentielle Lebendigkeit sowie den wahren Gegenstand der Philosophie herauszuarbeiten“9. Unterteilt in acht Kapitel, geht er in seiner erkenntnistheoretischen Hauptschrift erst auf das ErkennenErkennen im Allgemeinen (1. Kap.), die Grundformen der Erkenntnis (2. Kap.) und die Eigenart des philosophischen Erkennens im Gegensatz zu vorwissenschaftlichem Erkennen ein (3. Kap.), um sodann den genuinen Gegenstand des philosophischen Erkennens zu untersuchen (4. Kap.). Aufgrund der entscheidenden Bedeutung dieser Untersuchungen des vierten Kapitels, sei dessen Inhalt im Anschluss an die Skizzierung der letzten vier Kapitel gründlich erörtert. Und zwar deswegen, weil in diesem vierten Kapitel detailliert nachgewiesen wird, welche objektiven KorrelateKorrelateobjektive das absolut gewisse Erkennen bedingt. Doch vorerst zu den letzten vier Kapiteln. Als erstes untersucht er die ObjektivitätObjektivität und Unabhängigkeit der Erkenntnis vom menschlichen GeistGeist und grenzt sie ab von der Abhängigkeit bestimmter subjektiver Akte vom menschlichen Geist (5. Kap.). In einem nächsten Schritt thematisiert er die beiden Grundthemen der Erkenntnis: Erstens das Notionsthema, d.h. das Thema des Wissens, und zweitens das kontemplative Thema (6. Kap.), welches im weiteren Verlauf der vorliegenden Untersuchung noch beschäftigen wird.10 Des Weiteren interessiert er sich für die charakteristischen Merkmale des philosophischen Fragens und Erkennens, wobei er auf die Tiefendimension der Wesenserkenntnis verweist, welche ihren Grund darin hat, dass das philosophische Erkennen sich auf notwendige Wesenheiten und Sachverhalte richtet und diese nicht von aussen betrachtet, sondern von innen her erkannt und verstanden werden. Daraufhin lenkt er die Aufmerksamkeit auf den existentiellen Wirklichkeitskontakt der PhänomenologiePhänomenologie (7. Kap.). Was ihn überleitet zu einer Besprechung der Bedeutung, die die Philosophie für den Menschen hat (8. Kap.).
Nach diesem gerafften Durchgang durch den Inhalt von Was ist Philosophie? nun wieder zurück zum vierten Kapitel. Wichtig ist vor allem die Frage, ob, und wenn ja, wie von HildebrandHildebrandDietrich von die von HusserlHusserlEdmund aufgeworfene Kardinalfrage der ErkenntnistheorieErkenntnistheorie beantwortete. Auch HusserlHusserlEdmund suchte im Letzten ja nach einer ErkenntnisErkenntnis, die notwendig, unvergleichlich intelligibelintelligibel und absolut gewiss ist, welche Merkmale das apriorische ErkennenErkennen in sich vereint. Bevor diese Merkmale im Einzelnen auseinandergesetzt werden, zuerst zu dem, was das AprioriApriori nicht bedeutet, als was es im Laufe der Geschichte der Philosophie aber wiederholt verstanden worden ist. Seinem Wortsinn nach bezeichnet das Apriori das Erkennen unabhängig von der Erfahrung, im Gegensatz zum AposterioriAposteriori, das für das Erkennen aufgrund von Erfahrungen steht. Obzwar die Begriffe soweit klar zu sein scheinen, kam es in der Geschichte der Philosophie zu voneinander abweichenden Deutungen. Differenzierend ist dabei die Frage, ob es Erkenntnisse gibt, die unabhängig von der Erfahrung erlangt werden können. Gibt es Gehalte, die nicht ein einziges Mal wahrgenommen werden müssen, um erkannt werden zu können?
PlatonPlaton bejahte diese Frage mit seiner Lehre von der AnamnesisAnamnesis(Wiedererinnerung) (WiedererinnerungWiedererinnerung) ebenso wie René DescartesDescartesRené mit seiner Theorie der eingeborenen IdeenIdeen. Zwischen ihren Theorien bestehen allerdings bedeutende Unterschiede. Denn während die SeeleSeele nach Platon an jenem „überhimmlischen Ort“11 das „farb- und gestaltlose und untastbare Sein, das wirklich ist“12, vor ihrer Geburt geschaut hat und sich bei der ErkenntnisErkenntnis einer Idee wieder an das einstmals Geschaute erinnert, wird der MenschMensch nach DescartesDescartesRené mit dem apriorischen WissenWissen bereits geboren. Auch Immanuel KantKantImmanuel folgte ihnen mit einer prinzipiell gleichen, aber im Einzelnen doch davon abweichenden Lehre, die an dieser Stelle jedoch nicht entfaltet wird, da sie weiter unten des Näheren zu untersuchen sein wird.13
7.1 Welche Art von Erfahrungsunabhängigkeit bedingt das apriorische ErkennenErkennen?
PlatonPlaton, DescartesDescartesRené, KantKantImmanuel und auch HusserlHusserlEdmund, sie alle haben mit ihren jeweiligen Theorien nicht zu erklären vermocht, wie das apriorische ErkennenErkennen zu begründen ist, welches nicht analytischanalytisch, sondern synthetischsynthetisch ist. Denn analytische Erkenntnisse sind zwar notwendig und allgemeingültig, aber sie sind eine bloss erläuternde Begriffsanalyse und bedeuten keine Erweiterung des Wissens. Das WissenWissen erweitern dagegen die synthetischen Erkenntnisse. Synthetisch in diesem Sinne ist beispielsweise die EinsichtEinsicht in das KausalprinzipKausalprinzip, „jede Veränderung und jedes nicht-notwendige Sein bedürfen einer Wirkursache“. Denn die ErkenntnisErkenntnis, dass das PrädikatPrädikat dieses Satzes („einer UrsacheUrsache bedürfen“) dem SubjektSubjekt („jede Veränderung und jedes kontingente Seiende“) etwas Neues hinzufügt, macht den synthetischen, wissenserweiternden Charakter offenbar. Wissenserweiternde Erkenntnisse werden für gewöhnlich vermittels der Erfahrung erlangt, also aposteriorisch. Wie z.B. das Wissen um den Geschmack einer Schweizer Schokolade oder eines Wiener Schnitzels. Ohne diese Geschmäcke einmal erfahren zu haben, gelangt man nicht in den Stand des Wissens über diese Geschmäcke. Wohl kann es jemand schildern und beschreiben, doch ist es auch dann noch lange kein Wissen um den Geschmack der Schweizer Schokolade bzw. des Wiener Schnitzels.
An dieser Stelle geht die Suche jedoch nicht nach aposteriorischen, sondern nach apriorischen Erkenntnissen, also nach Erkenntnissen, die unabhängig von der Erfahrung gewonnen werden. Solcherart ist beispielsweise die ErkenntnisErkenntnis des AugustinusAugustinus: Was immer schön sei, sei nach unveränderlichen Gesetzen geordnet, „denn wo Ordnung, da ist auch SchönheitSchönheit“1. Womit er nichts anderes sagen will, als dass Schönheit und Ordnung notwendig verbunden sind, es also gleichermassen unmöglich ist, sich das Schöne als etwas zu denken, das nicht geordnet, wie das Geordnete als etwas, das nicht schön ist. Dass es solche Erkenntnisse gibt, war auch PlatonPlaton und DescartesDescartesRené klar, die Frage ist nur, wie sie begründet werden können. Bevor diese Möglichkeit begründet wird, ist erst die Erfahrungsunabhängigkeit des apriorischen Erkennens zu prüfen. Bezieht sich diese Unabhängigkeit auf jedwede Erfahrung, oder ist dieses Verständnis zu verfeinern?
Die Erfahrungsunabhängigkeit ist nicht im Sinne von PlatonPlaton oder DescartesDescartesRené als Unabhängigkeit von jedweder Erfahrung in der Gegenwart zu verstehen. Die Unabhängigkeit von der Erfahrung bezieht sich nur auf die „RealkonstatierungRealkonstatierung und InduktionRealkonstatierung und Induktion“2, d.h. die „Beobachtung von aussen“ mit nachfolgender InduktionInduktion, um verborgene Merkmale zu erreichen,3 nicht aber auf die Erfahrung des Soseins einer notwendigen EinheitEinheit. Vielmehr ist es gerade diese letztgenannte Erfahrung, die das apriorische ErkennenErkennen eines in dieser Einheit gründenden Sachverhalts überhaupt erst ermöglicht. Das apriorische Erkennen unterscheidet sich damit grundlegend von dem Wirklichkeitszugang eines PositivistenPositivisten, für den „nur die nackte Beobachtung oder Realkonstatierung zuverlässig“ und die allein „ernst zu nehmende, systematische ErkenntnisErkenntnis“ ist.4 Das apriorische Erkennen unterscheidet sich von dem positivistischen zudem auch dadurch, dass das apriorische Erkennen nicht der leibhaften Gegenwart des konkreten Gegenstands bedarf, sondern sein objektives Korrelat auf dem Wege der rationalen IntuitionIntuition von innen her durchdringt.5
7.2 Die Differenzierung der Seienden in drei grundsätzlich verschiedene Arten als Wegbahnung zum apriorischen ErkennenErkennen
Aus welchen Gründen aber sind gewisse Erkenntnisse notwendig, unvergleichlich intelligibelintelligibel und absolut gewiss? Das hängt ganz davon ab, von welcher Art von EinheitEinheit ein gegebenes Seiendes ist, über dessen Verhalten ein WissenWissen erworben werden soll. Von HildebrandHildebrandDietrich von unterscheidet die Soseinseinheiten in drei verschiedene Grundtypen, von denen die ersten beiden Arten Gegenstände der empirischen ErkenntnisErkenntnis sind. Nur eine ganz spezifische Art von SoseinSosein ist apriorischer Erkenntnis zugänglich. Gegenstände der empirischen Erkenntnis sind die chaotischen und zufälligen EinheitenEinheitenchaotische, zufällige, morphische und die morphischen EinheitenEinheitenchaotische, zufällige, morphische, Gegenstände apriorischen Erkennens dagegen sind die wesensnotwendigen EinheitenEinheitenchaotische, zufällige, morphische.1 Beispiele für die chaotischen und zufälligen EinheitenEinheitenchaotische, zufällige, morphische sind solche EinheitenEinheitenchaotische, zufällige, morphische wie ein Steinhaufen, eine Tonfolge, die keine Melodie ist, ein Haufen Gerümpel und dergleichen mehr. Von diesen zufälligen EinheitenEinheitenchaotische, zufällige, morphische unterscheiden sich die Gegenstände wie Gold, SteinSteinEdith, Wasser, Pferd etc. Diese Gegenstände sind nicht zufällig so wie sie sind, sie haben eine Washeit.
Innerhalb solcher Seiender müssen zwei Schichten unterschieden werden: die Erscheinungseinheit und die konstitutive EinheitEinheit. Erstere ist das „Gesicht“, die äussere ErscheinungErscheinung, letztere das SoseinSosein des Materietyps, der dieses Gesicht trägt. Jede Schicht verlangt eine andere Erkenntnisart. Um das WissenWissen bezüglich der Erscheinungseinheit zu bereichern, muss beschreibend vorgegangen werden: um den Gegenstand herumgehen und alle ihn betreffenden BeobachtungenBeobachtungen sammeln. Die innere konstitutive Einheit dagegen kann nur durch komplizierte Experimente, wie die der Chemie, und durch die Verwendung von Instrumenten, etwa des Mikroskops, erreicht werden.2
Befassen wir uns jedoch mit Gegenständen wie einem Dreieck, einer PersonPerson, dem WillenWillen, der LiebeLiebe usw., so stehen wir vor einem völlig neuen und anderen Typ von EinheitEinheit. Diese Gegenstände führen uns zu der Stufe der notwendigen Einheit. […] Mit ihr ist der Höhepunkt innerer Konsistenz, das polare Gegenstück zu einer bloss von aussen zusammengehaltenen Einheit erreicht. […] Sie ist nicht das SoseinSosein der ErscheinungErscheinung, die blosse äussere Erscheinungseinheit, sondern das konstitutive WesenWesen dieses Gegenstandes selbst. […] Sehen wir ein, dass die geistige Person kein räumlich ausgedehntes Sein besitzt oder dass sie allein Träger sittlicher WerteWerte sein kann, dann haben wir das konstitutive Sosein der Person selbst vor uns, das uns als notwendige Einheit unmittelbar anschaulich zugänglich ist.3
Nur Gegenstände dieser Art von EinheitEinheit sind apriorischer ErkenntnisErkenntnis zugänglich. Nur bei den wesensnotwendigen EinheitenEinheitenchaotische, zufällige, morphische, bei denen man, wie Adolf ReinachReinachAdolf es nannte, ein „So-Sein-Müssen und dem WesenWesen nach Nicht-Anders-Sein-Können“4 vorfindet, ist es möglich, zu absolut gewissen Erkenntnissen zu gelangen. Dabei bezieht sich die NotwendigkeitNotwendigkeitsubjektive, auf die sich auch HusserlHusserlEdmund mit seinem WortWort des „Nicht-anders-sein-könnens“5 bezog, auf den Gegenstand selbst und sein Verhalten zu sich selbst oder zu anderem. Dieses Verhalten der Sache (des Sachverhalts) selbst ist es, das in gewissen Fällen so sein muss und nicht anders sein kann. Das Merkmal der IntelligibilitätIntelligibilität (Verstehbarkeit), das eng mit der inneren NotwendigkeitNotwendigkeitsubjektive des Sachverhalts verbunden ist, bezieht sich sodann auf das Verhältnis zwischen dem SachverhaltSachverhalt und der Erkenntnis von ihm. Doch ist dieses Merkmal nicht mehr alleine auf den Sachverhalt beschränkt, wie die NotwendigkeitNotwendigkeitsubjektive, sondern dieses Merkmal besteht im VerstehenVerstehen: Man versteht nicht nur, dass etwas so ist, wie es ist, sondern man versteht auch, warum es so ist. Nur bei den notwendigen Sachverhalten kann von einer EinsichtEinsicht im Vollsinn des Wortes gesprochen werden. Mit einem Beispiel: Moralische WerteWerte – z.B. der Verzicht oder das VerzeihenVerzeihen – setzen eine PersonPerson voraus. Dieser Sachverhalt wird nicht von aussen her verstanden, wie im Falle eines Naturgesetzes, sondern der Sachverhalt wird „von innen her“6 verstanden. Auch das dritte und letzte Merkmal des apriorischen Erkennens, nämlich die absolute GewissheitGewissheit, ist verständlicherweise kein Merkmal des Sachverhalts selbst, sondern eines der Beziehung zwischen dem Sachverhalt und seiner Erkenntnis. Jedenfalls kann auf der Basis der Epistemologie von Hildebrands verstanden werden, warum Husserls Einklammerungsthese nicht zielführend war: Weil er den Blick auf das SoseinSosein mit Einklammerung der ExistenzExistenz bei allen Seienden versuchte, absolut gewisse Erkenntnisse aber nur bei jenen Sachverhalten erlangt werden können, die in notwendigen EinheitenEinheitenchaotische, zufällige, morphische gründen.7
Von HildebrandHildebrandDietrich von, so viel kann im Anschluss an die Unterscheidungen attestiert werden, die hier ihren evidentesten Wesenszügen nach kurz umrissen wurden, hat einen originellen Beitrag zur philosophischen Erkenntnislehre geleistet. Sein ZielZiel, wie weiter oben bereits erwähnt, war die Herausarbeitung des wahren Wesens philosophischer ErkenntnisErkenntnis, ihrer existentiellen Lebendigkeit und des wahren Gegenstands der Philosophie. Dies gelang ihm in erster Linie mit der Herausarbeitung der Merkmale synthetischsynthetisch-apriorischen Erkennens, welche sind: NotwendigkeitNotwendigkeitsubjektive, IntelligibilitätIntelligibilität und absolute GewissheitGewissheit. Dann aber auch mit der expliziten Bezeichnung des Möglichkeitsgrundes der Erlangung solcher Erkenntnisse durch die Unterscheidung zwischen drei grundsätzlich verschiedenen Arten der EinheitEinheit, welche entweder zufällig oder morphisch oder wesensnotwendig sind. Das objektive Korrelat des philosophischen Erkennens ist dabei immer ein SachverhaltSachverhalt, der in einer wesensnotwendigen Einheit gründet.
8 Stand der Forschung
Was den ForschungsstandForschungsstand betrifft, so sind über das Werk von Hildebrands in punkto PhänomenologiePhänomenologie, ErkenntnistheorieErkenntnistheorie, EthikEthik im Allgemeinen und WertethikWertethik im Speziellen, Sozialphilosophie oder Philosophie der LiebeLiebe zahlreiche Forschungsarbeiten vorhanden – um hier nur einige der behandelten Themen zu nennen –, währenddem die ReligionsphilosophieReligionsphilosophie zu den Themen zählt, über die noch keine umfassende Studien vorhanden sind. Auch wenn in Rechnung gestellt wird, dass von Hildebrands Religionsphilosophie noch grösstenteils unveröffentlicht im Nachlass ruht,1 kann dennoch nicht in Abrede gestellt werden, dass trotz den Teilen, die nicht publiziert wurden, wesentliche Beiträge in den publizierten Werken enthalten sind, so dass genug einschlägige Quellen zur Verfügung stehen würden, um von Hildebrands Denken auch in dieser Hinsicht zu bedenken und zu entfalten. Da dies jedoch nur sporadisch geschehen ist, besteht bezüglich der Religionsphilosophie bei Dietrich von HildebrandHildebrandDietrich von offensichtlich eine ForschungslückeForschungslücke.
Wohl finden sich gewisse Arbeiten und Beiträge, wie z.B. Jacques-Albert CuttatCuttatJacques-Albert’s „Technique“ of spiritualization and transformation in Christ (1960), worin ihm der Vergleich zwischen einer kausalen Technik wie dem indischen Yoga und einer interpersonalen, christlichen MethodeMethode der Annäherung an das bzw. den Absolute(n) als Folie dient, um die notwendigen Elemente der Umgestaltung herauszuarbeiten. Da er sich aufgrund des beschränkten Rahmens seines Artikels auf die formalen und materialen Voraussetzungen der similitudo Dei konzentrierte, konnten viele Themen zwangsläufig nicht hinreichend untersucht werden.
Dem half Alice von HildebrandHildebrandDietrich vonAlice von (1923-) in ihrer Introduction to a Philosophy of ReligionReligion (1971) – zu der Dietrich von HildebrandHildebrandDietrich von im Übrigen ein kurzes Vorwort beisteuerte – insofern ab, als sie mit einer Analyse des Wesens der Religion aufzuzeigen vermochte, dass dieses WesenWesen eine IntelligibilitätIntelligibilität besitzt, die es philosophischer EinsichtEinsicht zugänglich macht. Wenngleich dieser Schrift nicht explizit zu entnehmen ist, inwieweit ihr Ehemann Dietrich von HildebrandHildebrandDietrich von bei der Erstellung beteiligt war, so wird sein Einfluss doch sozusagen zwischen den Zeilen ersichtlich. Wobei allemal sicher ist, dass Dietrich von HildebrandHildebrandDietrich von nicht das Forschungsobjekt dieser Studie war und das primäre Interesse nicht der ReligionsphilosophieReligionsphilosophie bei Dietrich von HildebrandHildebrandDietrich von, sondern der Analyse des Wesens der Religion an sich galt. Wie Alice von HildebrandHildebrandDietrich von dem Verfasser dieser Zeilen in einem persönlichen Briefwechsel zur Kenntnis brachte, hatte sie nie das GlückGlück, den religionsphilosophischen Vorlesungen ihres Ehemannes beizuwohnen. Auch habe er selbst nie ein einschlägiges Buch über das Thema der Religionsphilosophie geschrieben. Immerhin habe sie einige kurze Notizen von Personen erhalten, die seine Vorlesungen über die Philosophie der Religion gehört hätten. Was schliesslich den Einfluss betrifft, den Dietrich von HildebrandHildebrandDietrich von bei der Entstehung ihrer Introduction to a Philosophy of Religion ausübte, so sei das Herz dieser Schrift mit Sicherheit durch die achtzehn Vorlesungen geformt worden, die sie bei ihm gehört habe. Doch bestünden nichtsdestotrotz Unterschiede in der Darstellung. Zudem habe sie einige historische Quellen verwendet, die sie in den Mitschriften der Vorlesungen ihres Ehemannes über die Philosophie der Religion nicht gefunden habe.
Bedeutende Beiträge zur ReligionsphilosophieReligionsphilosophie bei Dietrich von HildebrandHildebrandDietrich von lieferte Josef SeifertSeifertJosef mit seiner Besprechung der Bedeutung der WertantwortWertantwort für die ReligionReligion und die Religionsphilosophie im 5. Kapitel seines Artikels Dietrich von Hildebrands philosophische Entdeckung der ‚Wertantwort‘ und die Grundlegung der EthikEthik (1992). Phänomenologisch wusste er die philosophische Erkennbarkeit Gottes sodann in seiner Schrift GottGott als GottesbeweisGottesbeweis (2000) neu zu begründen. Zu erwähnen bleibt schliesslich noch die Studie von Alessandro BiagettiBiagettiAlessandro, Religio del cuore e trasformazione in Cristo (2011), in der ebenso wie bei CuttatCuttatJacques-Albert die Umgestaltung in Christus im ZentrumZentrum steht. Spezielle Beachtung fand das Herz als des innersten Kerns der PersonPerson und als des eigentlichen Gegenübers Gottes im Dialog der Religion. Dabei war es ihm vor allem um den Nachweis zu tun, dass von HildebrandHildebrandDietrich von mit der Umgestaltung nicht einen asketischen oder mystischen, sondern einen moralischen Weg skizzierte.
Doch im Grossen und Ganzen ist es um den ForschungsstandForschungsstand in Bezug auf die ReligionsphilosophieReligionsphilosophie bei Dietrich von HildebrandHildebrandDietrich von schlecht bestellt. Was sich etwa an der fehlenden Auseinandersetzung mit der Erkennbarkeit des Wesens Gottes vor dem Hintergrund der ErkenntnistheorieErkenntnistheorie von Hildebrands und dem fehlenden Vergleich mit dem Zugang anderer Philosophen zeigt. Ausstehend ist auch eine unterscheidende Inblicknahme der gegenwärtig gleichsam in der Luft liegenden Kritiken an der ReligionReligion im Lichte der philosophischen Beiträge von Hildebrands. Zur Behebung dieser und weiterer Mängel will die vorliegende Untersuchung einen Beitrag leisten. Aufgrund des Fehlens umfassender oder auch nur einer gewissen Anzahl an Studien zur Religionsphilosophie bei Dietrich von HildebrandHildebrandDietrich von, ist das Forschen in dieser Untersuchung grösstenteils auf die Beschäftigung mit den Quellen verwiesen.
9 Zusammenfassung
Durch den mit Francis BaconBaconFrancis anhebenden Paradigmenwechsel von einem Selbstzweck des Wissens zu einem Mittel zum ZweckZweck, und zwar einem Zweck, der in der Beherrschung der quantifizierbaren NaturNatur liegt, geriet die menschliche ExistenzExistenz in eine Schieflage. Im Rahmen einer immanenten WeltanschauungWeltanschauung und einer wissenschaftlichen MethodeMethode, in der der MenschMensch auf ein Konglomerat von berechenbaren Teilen reduziert wurde, gerieten viele Menschen in eine LebenskriseLebenskrise. Nachfolgend hat sich in empirischen Studien wiederholt gezeigt, dass das eigene Dasein häufig als sinnlossinnlos empfunden wird. Beim Versuch, dieses existentielle Problem zu lösen, sind sowohl HusserlHusserlEdmund als auch MaslowMaslowAbraham und vor allem FranklFranklViktor E. darauf aufmerksam geworden, dass die immanentistische Grenze durch die TranszendenzTranszendenz des eigenen Selbst überstiegen werden muss. Nur auf diesem Wege kann der Mensch zu sich selber finden, denn „die Transzendenz ihrer selbst ist die Essenz menschlicher Existenz“1. Was PlatonPlaton schon wusste, das hat der moderne Mensch zumindest theoretisch verstanden. Praktisch ist er aufgerufen, die Grenze des eigenen Selbst immer wieder oder sogar bleibend zu übersteigen, was sich durch die Hingabe an eine andere PersonPerson ebenso realisiert wie durch die Hingabe an eine Aufgabe.
Dies alles ist und bleibt jedoch relativ auf bestimmte Menschen oder Aufgaben. Absolut dagegen ist das transzendente Gegenüber der ReligionReligion. MaslowMaslowAbraham hatte bereits behauptet, dass die Religion den Menschen zum grösstmöglichen Wachstum motiviere und seine gleichgearteten Bedürfnisse zu befriedigen vermöge. Wie es darum bestellt ist, d.h. ob der MenschMensch den Bereich der ImmanenzImmanenz zu transzendieren und mit GottGott in einen beglückenden und sinnstiftenden Dialog zu treten vermag, wird im Rahmen dieser Arbeit unter Zugrundelegung der Beiträge Dietrich von Hildebrands untersucht. Neben bzw. von HildebrandHildebrandDietrich von in einem gewissen Sinne vorgeordnet wird die Untersuchung auf AugustinusAugustinus’ Lehre von der Dreieinheit des menschlichen Geistes als Grundlage der Religion im Menschen sowie auf Newmans DefinitioDefinitionn der ReligionsphilosophieReligionsphilosophie als erfahrungsgestütztem Aufweis der (Un-)Vernünftigkeit religiöser Überzeugungen basieren.
Methodisch leitet diese Arbeit die Realistische PhänomenologiePhänomenologie, wie sie oben in ihren grundlegenden Zügen dargestellt wurde.2 Weitere notwendige Elemente dieser MethodeMethode, die die ErkenntnistheorieErkenntnistheorie zwar voraussetzen, sie in gewissem Sinne aber übersteigen, werden mit der WertethikWertethik im III. Abschnitt erörtert.3
I DAS WISSEN UM DAS TRANSZENDENTE
Bezugspunkt der ReligionReligion ist das Transzendente. Doch kann der MenschMensch überhaupt wissen, wie es um das Transzendente bestellt ist, sind seine Wissensmöglichkeiten nicht auf den immanenten Bereich des sinnlich Erfahrbaren beschränkt? Die religiösen Aussagen und Überzeugungen können jedenfalls nur unter der Bedingung als vernünftig erwiesen und gerechtfertigt werden, dass metaphysische Erkenntnissemetaphysische Erkenntnisse erlangt werden können und das Transzendente ein Objekt des Wissens sein kann. Immanuel KantKantImmanuel verneinte das Bestehen der Möglichkeit, Erkenntnisse über Objekte zu erlangen, die den Bereich des sinnlich Erfahrbaren übersteigen. Seine Behauptung sei in der Folge mitsamt den von ihm angeführten Begründungen auseinandergelegt. Was in diesem Rahmen vor allem deswegen unternommen wird, weil von Hildebrands ErkenntnistheorieErkenntnistheorie in ihren wesentlichen Stücken als AntwortAntworttheoretische auf Kants Position zu verstehen ist. KantKantImmanuel bereitete den sachlichen und terminologischen Boden, auf dem von HildebrandHildebrandDietrich von seine eigene Erkenntnistheorie entwickelte.
1 Immanuel KantKantImmanuel und der Schritt von der TranszendenzTranszendenz zum transzendentalen ImmanentismusImmanentismus
In seiner vorkritischen Periode – bis etwa 1769/1770 – ging Immanuel KantKantImmanuel (1724–1804) von der Möglichkeit eines vernunftgemässen Überstiegs der Grenze aus, die die Bereiche der ImmanenzImmanenz und der TranszendenzTranszendenz voneinander trennt. In seiner kritischen Periode, d.h. ab der Kritik der reinen VernunftVernunft (1. Aufl. 1781) und dann auch den Prolegomena zu einer jeden künftigen MetaphysikMetaphysik, die als WissenschaftWissenschaft wird auftreten können (1783), welche er als Nachschrift zu seiner kritischen Hauptschrift konzipierte, verfolgt er das vielsagende ZielZiel der Sicherung der Grundlagen und Grenzen der menschlichen Vernunft. Wie er dieses Projekt versteht, wird sich im Verlauf der folgenden Seiten erweisen.
1.1 Humes Kritik am KausalprinzipKausalprinzip und Kants kopernikanische Wendekopernikanische Wende
Den Anlass zu einer neuen und spezifisch kritischen Grundlegung der Erkenntnismöglichkeiten des menschlichen Geistes gab die Kritik David HumesHumeDavid (1711–1776) an der Verknüpfung der UrsacheUrsache-WirkungWirkung-Relation. Entgegen der Annahme der bisherigen MetaphysikMetaphysik (μετά τά φύσικα – philosophische Disziplin, die das Hinter-der-Grenze-Liegende behandelt), die mit ihrem KausalprinzipKausalprinzip immer angenommen hatte, dass eine NotwendigkeitNotwendigkeitsubjektive der Verknüpfung einzusehen sei, vertrat HumeHumeDavid die Auffassung, a prioria priori, d.h. rein aus dem BegriffBegriff einer bestimmten Ursache, könne die zugehörige Wirkung nicht abgeleitet werden, weil die Dinge grundsätzlich zusammenhanglos nebeneinander lägen.1 Die Beziehungen, die man zwischen einzelnen Seienden auszumachen vermeine, seien blosse AssoziationenAssoziationen.2
Wenn sich uns ein Gegenstand oder Ereignis in der NaturNatur darbietet, so ist es uns ohne Erfahrung unmöglich, mit noch so eindringlichem Scharfsinn zu entdecken, ja auch nur zu erdenken, was für ein Ereignis aus ihm folgen wird, oder mit unserer Voraussicht über den Gegenstand hinauszugelangen, der unmittelbar dem GedächtnisGedächtnis oder den Sinnen vorliegt. Selbst wenn ein Beispiel oder eine Erfahrungstatsache uns beobachten liess, dass ein bestimmtes Ereignis einem anderen folgte, so sind wir nicht berechtigt, eine allgemeine Regel zu bilden oder vorauszusagen, was in gleichen Fällen eintreten wird; denn mit Recht gilt es als unverzeihlicher Vorwitz, aus einer einzelnen, auch noch so genauen und gewissen Erfahrungstatsache, ein UrteilUrteil über den gesamten Naturverlauf abzugeben.3
Diese Infragestellung des Kausalprinzips hatte die Potenz, Kants „dogmatischen Schlummer“ zu unterbrechen.4 Ist das Band an den Dingen selbst zu sehen, in der unmittelbaren Wahrnehmung, oder kann die Verknüpfung deduziert werden? Wenn nicht, woher stammt die Verknüpfung? KantKantImmanuel ging mit HumeHumeDavid insoweit einig, als die Erfahrung keine NotwendigkeitNotwendigkeitsubjektive habe, doch an der NotwendigkeitNotwendigkeitsubjektive des Kausalsatzes hielt er unabrückbar fest. Wenn der Kausalsatz aber notwendig ist und dabei nicht aus der Erfahrung stammen kann, dann muss für ihn wie auch für die anderen Erfahrungssätze nach einem NotwendigkeitsgrundNotwendigkeitsgrund gesucht werden. Bei dieser Suche – bei der er sich auch an Francis BaconBaconFrancis orientierte5 – nimmt er Mass an Nikolaus KopernikusKopernikusNikolaus (1473–1543), „der, nachdem es mit der Erklärung der Himmelsbewegungen nicht gut fort wollte, wenn er annahm, das ganze Sternenheer drehe sich um den Zuschauer, versuchte, ob es nicht besser gelingen möchte, wenn er den Zuschauer sich drehen, und dagegen die Sterne in Ruhe liess“6. Auch in der MetaphysikMetaphysik könne es auf dieselbe Weise versucht werden:
Wenn die Anschauung sich nach der Beschaffenheit der Gegenstände richten müsste, so sehe ich nicht ein, wie man a prioria priori von ihr etwas wissen könne; richtet sich aber der Gegenstand (als Objekt der Sinne) nach der Beschaffenheit unseres Anschauungsvermögens, so kann ich mir diese Möglichkeit ganz wohl vorstellen.7
Auf diese Weise sucht KantKantImmanuel nachzuweisen, dass die Gegenstände der ErkenntnisErkenntnis sich nach den Menschen richten, und nicht umgekehrt. Folglich ist bei der „Entdeckung“ einer NotwendigkeitNotwendigkeitsubjektive in der Erfahrung davon auszugehen, dass der VerstandVerstand diese in das Objekt hinein gelegt hat. Doch da das philosophische ErkennenErkennen ein Erkennen a prioria priori sein muss – „denn sie soll nicht physische, sondern metaphysische, d.i. jenseits der Erfahrung liegende Erkenntnis sein“8 – bleibt die Frage: „wie kann Anschauung des Gegenstandes vor dem Gegenstande selbst vorhergehen?“9 Das ist nur auf eine einzige Art möglich, „wenn sie nämlich nichts anderes enthält, als die FormForm der Sinnlichkeit, die in meinem SubjektSubjekt vor allen wirklichen Eindrücken vorhergeht, dadurch ich von den Gegenständen affiziert werde“10. Für KantKantImmanuel ist es allein die Form der sinnlichen Anschauung, wodurch Dinge a priori angeschaut werden können. Woraus aber notwendigerweise folgt, dass die MaterieMaterie der Erkenntnis nur so erkannt wird, wie sie den Sinnen erscheint, jedoch nicht, wie sie an sich ist.
Es wäre jedoch ein Missverständnis, anzunehmen, KantKantImmanuel sei einzig darum bemüht gewesen, den EmpirismusEmpirismus zu überwinden. Um sein Motiv zu verstehen, muss man sich klar machen, in welcher Situation sich die Philosophie zu seiner Zeit befand. „In der Gigantomachie der Frühphase der Neueren Philosophie scheiden sich die Geister über der Frage, wie das Besondere der philosophischen ErkenntnisErkenntnis […] zu begründen sei.“11 Nicht nur die Position des Empirismus stand damals zur Debatte, es gab auch einen Kontrahenten, den RationalismusRationalismus. Dessen Anfang sieht man gemeinhin mit DescartesDescartesRené gegeben, dem es einzig um das lobenswerte ZielZiel der Klarheit und Deutlichkeit als Selbstausweis der Philosophie ging. Nichtsdestotrotz fanden sich bei ihm drei Unzulänglichkeiten, die als Grundlegung einer rationalistischen Position verstanden wurden: „Seine Rede von den ‚eingeborenen IdeenIdeen‘, sein damit zusammenhängendes Verkennen der Rolle der Erfahrung […] und sein AxiomAxiom von der Unmöglichkeit der WechselwirkungWechselwirkung zwischen Ausgedehntem und Geistigem, bzw. Personalem.“12
So entwickelte sich im 16. und 17. Jahrhundert ein Streit zwischen Empiristen und Rationalisten, in dessen Endstadium „die Rationalisten nichts anderes zu tun [wissen], als ihre zu Begriffen gewordenen IdeenIdeen aufeinander zu beziehen, auseinander zu entwickeln, durcheinander zu begründen“, währenddem die Empiristen „mit ihrer TheseThese, dass wir nichts eigentlich wirklich ‚haben‘ als unsere Sinneseindrücke“, in einen ähnlichen ImmanentismusImmanentismus fielen.13 Für beide Parteien wird die TranszendenzTranszendenz im Sinne der Beziehung zur wirklichen Welt zu einem blossen, unbeweisbaren Postulat.
Diesem Gegensatz von RationalismusRationalismus und EmpirismusEmpirismus stand KantKantImmanuel gegenüber. Es war seine Absicht, sowohl das inhaltliche AprioriApriori zu retten als auch Humes Prinzip zu akzeptieren, demzufolge nur die Erfahrung Erkenntnissen Gültigkeit verschaffen kann. So steht KantKantImmanuel am Ausgangspunkt, an dem er überlegt, wie es angegangen werden soll, gegenüber dem Rationalismus den Erfahrungserkenntnissen ins Recht zu verhelfen und gleichzeitig den Empirismus mit apodiktischen, jenseits der sinnlichen Erfahrung liegenden Erkenntnissen zu harmonisieren. KantKantImmanuel vermeint das „Bindeglied“ entdeckt zu haben, anhand dessen die polaren Auffassungen vereinbart werden können. Worin diese kantische Lösung genauerhin besteht, wird sich zeigen, wenn im Folgenden seine erkenntnistheoretischen und logischen Prinzipien in der hier relevanten Hinsicht analysiert werden.
1.2 Von den Unterschieden zwischen analytischen und synthetischen Urteilen und Erkenntnissen a prioria priori und a posterioria posteriori
Allein Urteile mögen nun einen Ursprung haben, welchen sie wollen, oder auch, ihrer logischen FormForm nach, beschaffen sein, wie sie wollen, so gibt es doch einen Unterschied derselben, dem Inhalte nach, vermöge dessen sie entweder bloss erläuternd sind, und zum Inhalte der ErkenntnisErkenntnis nichts hinzutun, oder erweiternd, und die gegebene Erkenntnis vergrössern; die ersten werden analytische, die zweiten synthetische Urteile genannt werden können.1
Diesen Unterschied zwischen tautologischen und nichttautologischen Urteilen erkannt zu haben, darf zweifelsohne als echte EinsichtEinsicht Kants gelobt werden. Tautologische Urteile, also blosse Erläuterungsurteile, die lediglich das im Subjektbegriff bereits implizit enthaltene PrädikatPrädikat aussagen, werden von KantKantImmanuel als analytische Urteile bezeichnet. Solche Urteile sind zwar notwendig und allgemeingültig, aber sie sind nur eine erläuternde Begriffsanalyse und bedeuten keine Erweiterung des Wissens. Sie sagen nur aus, was im Subjektbegriff schon gesetzt war. Wenn jemand sagt: „Jeder Sohn stammt von Eltern ab“, so ist im Prädikat „von Eltern abstammen“ nur etwas wiederholt, das bereits im Subjektbegriff „jeder Sohn“ enthalten war.
Synthetische Urteile dagegen sind solcherart, dass im Subjektbegriff noch nichts vom Prädikatbegriff enthalten ist, bei denen durch Hinzufügung des Prädikatbegriffs der Subjektbegriff erweitert wird. Das KausalprinzipKausalprinzip, „jede Veränderung und jedes nicht-notwendige Sein bedürfen einer Wirkursache“, ist in Kants Terminologie synthetischsynthetisch. Denn das PrädikatPrädikat dieses Satzes, „einer UrsacheUrsache bedürfen“, fügt dem SubjektSubjekt, „jede Veränderung und jedes kontingente Seiende“, etwas Neues hinzu. Ebenso ist der SatzSatz „7 + 5 = 12“ nicht bloss analytischanalytisch, sondern synthetisch.2
Der BegriffBegriff von Zwölf ist keineswegs dadurch schon gedacht, dass ich mir bloss jene Vereinigung von Sieben und Fünf denke, und, ich mag meinen Begriff von einer solchen möglichen Summe noch so lange zergliedern, so werde ich doch darin die Zwölf nicht antreffen. […] Man erweitert also wirklich seinen Begriff durch diesen SatzSatz 7 + 5 = 12 und tut zu dem ersteren Begriff einen neuen hinzu, der in jenem gar nicht gedacht war, d.i. der arithmetische Satz ist jederzeit synthetischsynthetisch.3
A priori-Erkenntnisse sind für KantKantImmanuel durch „apodiktische GewissheitGewissheit“4, „NotwendigkeitNotwendigkeitsubjektive und strenge Allgemeinheit“5 charakterisiert. Es sind solche Erkenntnisse, die der Erfahrung vorangehen, von ihr unabhängig sind, die nicht auf ihr beruhen, ebenso nicht von ihr abstrahiert sind, die generell nicht aus ihr stammen, sondern von ihr unabhängig gewonnen werden. Solcherart sind sämtliche analytischen Sätze. Denn die Ausfaltung des im Subjektbegriff bereits implizit Enthaltenen wird sowohl unabhängig von der Erfahrung gewonnen als es sich auch durch strenge NotwendigkeitNotwendigkeitsubjektive und apodiktische Gewissheit auszeichnet. Davon unterscheiden sich die empirischen Erkenntnisse, die ihre Quellen a posterioria posteriori, nämlich in der Erfahrung haben. Sämtliche Urteile, die als objektives Korrelat einen durch a posteriori-ErkenntnisErkenntnis gewonnenen SachverhaltSachverhalt haben, sind synthetischer NaturNatur. Die Frage jedoch, die KantKantImmanuel vor allem beschäftigte, galt nicht den synthetischsynthetisch aposteriorischen, sondern den synthetisch apriorischen Urteilen.
1.3 Was also versteht KantKantImmanuel unter „synthetischen Urteilen a prioria priori“, und wie steht es mit der Möglichkeit derselben?
Unter einem synthetischen UrteilUrteil a prioria priori versteht KantKantImmanuel ein Urteil, das über einen gegebenen BegriffBegriff hinausgeht und einen anderen damit verknüpfen kann, der in jenem nicht enthalten ist, und zwar so, als wenn dieser notwendig zu jenem gehöre.1 Doch „wie ist es nun der menschlichen VernunftVernunft möglich, eine solche ErkenntnisErkenntnis gänzlich a priori zu Stande zu bringen?“, fragt KantKantImmanuel und fährt mit einer weiteren Frage fort:
Setzt dieses Vermögen [apodiktischapodiktisch gewisser Erkenntnisse], da es nicht auf Erfahrungen fusst, noch fussen kann, nicht irgend einen Erkenntnisgrund a prioria priori voraus, der tief verborgen liegt, der sich aber durch diese seine Wirkungen offenbaren dürfte, wenn man den ersten Anfängen derselben nur fleissig nachspürte?2
Diese ersten Anfänge vermeint KantKantImmanuel in den reinen Anschauungen gefunden zu haben. Doch: „Wie ist es möglich, etwas a prioria priori anzuschauen?“3 Oder anders formuliert: „Allein wie kann Anschauung des Gegenstandes vor dem Gegenstande selbst vorhergehen?“4
Es ist […] nur auf eine einzige Art möglich, dass meine Anschauung vor der WirklichkeitWirklichkeit des Gegenstandes vorhergehe, und als ErkenntnisErkenntnis a prioria priori stattfinde, wenn sie nämlich nichts anderes enthält, als die FormForm der Sinnlichkeit, die in meinem SubjektSubjekt vor allen wirklichen Eindrücken vorhergeht, dadurch ich von den Gegenständen affiziert werde.5
Damit ist die eigentliche kopernikanische Wendekopernikanische Wende vollzogen. D. h. der Versuch, nachzuweisen, dass die Gegenstände der ErkenntnisErkenntnis sich nach den Menschen richten müssen, und nicht umgekehrt. Folglich, wie bereits erwähnt, muss bei „Entdeckung“ einer NotwendigkeitNotwendigkeitsubjektive in der sinnlichen Anschauung geschlossen werden, dass der VerstandVerstand diese in das Objekt hinein gelegt hat. Woraus aber notwendigerweise folgt, dass die MaterieMaterie der Erkenntnis nur so erkannt wird, wie sie den Sinnen erscheint, jedoch nicht, wie sie an sich ist. Reine Formen der sinnlichen Anschauung sind ihm letzten Endes nur diejenigen von Raum und Zeit. Gelangen die aus der Sinneserfahrung gewonnenen Daten anschliessend in den Verstand, werden sie – spontan – kategorisiert. KantKantImmanuel unterscheidet zwölf logische Kategorien, denen er zuerkennt, „dass sie und die Grundsätze aus denselben a prioria priori vor aller Erfahrung fest stehen“6. Was den Sinnen die Anschauungsformen von Raum und Zeit, was dem Verstand die logischen Kategorien, das sind der VernunftVernunft schliesslich die IdeenIdeen. Mit dem Unterschied, dass die Ideen nicht a priori erkannt werden können, ja überhaupt nur eine Folge des falschen Gebrauchs der Vernunft seien, da man für konstitutivkonstitutiv halte, was in WirklichkeitWirklichkeit bloss regulativregulativ sei.7 „Konstitutiv“ versteht KantKantImmanuel dabei im realistischen, von ihm allerdings zurückgewiesenen Sinne, demgemäss die Erkenntnis der Ideen das WissenWissen auf transzendente Weise erweitert, während er „regulativ“ als dazu dienend versteht, die Erfahrung „durch nichts einzuschränken, was zur Erfahrung nicht gehören kann“.8
Vor diesem Hintergrund macht KantKantImmanuel die Wissenschaftlichkeit der MetaphysikMetaphysik bzw. der Philosophie abhängig von der BegründungBegründung der Möglichkeit synthetischer Erkenntnisse a prioria priori,9 d.h. von Erkenntnissen, die sich durch „apodiktische GewissheitGewissheit“10, „NotwendigkeitNotwendigkeitsubjektive und strenge Allgemeinheit“11 auszeichnen. Die dabei aber nicht analytischanalytisch sind, das in einem gegebenen BegriffBegriff implizit Enthaltene also nicht bloss erläutern, sondern einen anderen Begriff, der in jenem nicht enthalten ist, als notwendig zu jenem gehörig erfassen,12 deren Quellen dabei aber nicht empirisch, sondern apriorisch sind, also jenseits der Erfahrung liegen, der inneren ebenso wie der äusseren.13 Darin enthalten ist die Unterscheidung zwischen einem immanenten und einem transzendenten Wirklichkeitsbereich: zwischen einem Bereich möglicher Erfahrung und einem solchen, der den Bereich möglicher Erfahrung überschreitet.14 In Verbindung mit seiner Erkenntnisdefinition, dergemäss die Anschauung und die Begriffe die Elemente einer jeden ErkenntnisErkenntnis ausmachen,15 vermag er die Möglichkeit synthetischer Erkenntnisse a prioriSynthetische Erkenntnisse a priori für den immanenten Bereich – mit den genannten Anschauungsformen und Kategorien16 – zu begründen, verneint ihre Begründbarkeit aber hinsichtlich des transzendenten Bereichs. Denn wenn die Anschauung und die Begriffe die Elemente einer jeden Erkenntnis ausmachen, es im transzendenten Bereich jedoch keine sinnlichen Anschauungen mehr gibt – die Anschauungen des Menschen sind jederzeit sinnlich17 –, sind die jeweiligen Vernunftbegriffe oder IdeenIdeen blosse Gedankendinge oder Hirngespinste.18
Zweifelsohne darf es angesichts des damaligen Zustands der Philosophie als ein „Zeichen der Grösse Kants“ bezeichnet werden, „dass er die innere Ordnung der Probleme mit Klarheit erkannte“ und „die Frage der Tatsächlichkeit der Wesenserkenntnis von der ihrer BegründungBegründung, nämlich der Frage nach den ‚Bedingungen der Möglichkeit‘ solchen Erkennens, mit Eindeutigkeit absetzte“.19 Nur war der Preis, zu dem er die empiristische und die rationalistische Position harmonisierte, viel zu hoch. Er tat dies zum Preis der „Deformierung des Erkenntnisbegriffs“20. „Wenn KantKantImmanuel Recht hat, so ist uns das unserem GeistGeist transzendente WesenWesen der WirklichkeitWirklichkeit radikal unbekannt; wir müssen nur die Dinge immer unter bestimmten allgemeinen Formen begreifen“, wobei wir höchstens noch wissen können, „unter welchen unserem Geist immanenten Anschauungs- und Denkformen wir die Welt betrachten müssen“.21
Wie gesagt, kommt den IdeenIdeen keine konstitutive, sondern eine regulative Bedeutung zu. Mit anderen Worten, die Ideen sind keine Prinzipien, die die Anschauungen zu Begriffen aufbauen, vielmehr richten sie den Verstandesgebrauch auf ein problematisches ZielZiel hin aus. KantKantImmanuel versteht sie als PostulatePostulate der praktischen VernunftVernunft, d.h. als theoretische Annahmen, um sittliche TatsachenTatsachen verstehen zu können. Solche sind ihm namentlich die Ideen von GottGott, von der FreiheitFreiheit und von der UnsterblichkeitUnsterblichkeit.22 Und da er die Ideen nicht für unmittelbar erkennbar hält, trägt er dem BedürfnisBedürfnis nach TranszendenzTranszendenz insoweit Rechnung, als er die reine Vernunft erweitert, allerdings nicht in spekulativer Hinsicht, sondern nur in praktischer Absicht. Wenn er in diesem Sinne etwa sagen kann, dass „es […] moralisch notwendig [sei], das Dasein Gottes anzunehmen“23, so basiert diese Annahme nicht auf WissenWissen, sondern auf Glauben, auf reinem Vernunftglauben. Wie er andernorts sagt, musste er „das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen“24. Zu Glaubenssachen erklärt KantKantImmanuel allerdings nur das Dasein Gottes und die Unsterblichkeit,25 die Freiheit bildet eine Ausnahme, denn sie sei „[d]ie einzige unter allen Ideen der reinen Vernunft, deren Gegenstand Tatsache ist“26. Von da her versteht sich nun auch, wie Kants – oben angesprochene – DefinitionDefinition der ReligionReligion als „ErkenntnisErkenntnis aller unserer Pflichten als göttlicher Gebote“27 zu begreifen ist. Da er die Idee Gottes nicht für erkennbar hält, ist ihm auch die Religion als Ableitung „eines moralischen Gesetzgebers“28 nicht mehr denn „ein reiner praktischer Vernunftbegriff“29, ein Postulat.
Doch ist uns die WirklichkeitWirklichkeit tatsächlich radikal unbekannt? Können wir nur wissen, mit welchen dem GeistGeist immanenten Anschauungs- und Denkformen wir sie betrachten müssen? Doch warum nimmt KantKantImmanuel das ErkennenErkennen eigentlich nicht davon aus? Warum sagt er eindeutig nicht, die von ihm gebotene Erklärung des Erkennens sei eine spontane Setzung, eine KonstruktionKonstruktion? Warum geht er vom klassischen, vom rezeptiven Verständnis des Erkennens aus? Aus keinem anderen Grund, als weil er ebenso inkonsequent ist wie jeder andere SkeptikerSkeptiker auch: Was er leugnet, setzt er im selben Atemzug wieder voraus. Denn wird seine Theorie, dass wir alles konstruieren, konsequent weitergedacht, so gelangt man letztlich an den Punkt des Nichtwissens, ob die Menschen tatsächlich so denken, wie er es behauptet. Die TheseThese, dass die ErkenntnisErkenntnis eine Konstruktion aus einem amorphen Etwas ist, das sinnlich wahrgenommen wird, scheitert auch an der Frage nach dem Was der Sinne. Wie kann man wissen, was Sinne sind, wenn es sich verhält, wie KantKantImmanuel behauptet, wenn die menschliche Konstruktion der Welt ihrer Wahrnehmung tatsächlich vorhergeht? Ja wie kann man überhaupt wissen, dass der amorphe Stoff, der verarbeitet und aus dem die ganze Welt konstruiert wird, durch die Sinne geliefert wird? Wenn KantKantImmanuel Recht hätte, könnte kein MenschMensch ein WissenWissen über andere Menschen erlangen, er käme über die Inhalte seines eigenen Bewusstseins nicht hinaus und müsste diese als das einzig Wirkliche gelten lassen.
Auch Kants DefinitionDefinition der ReligionReligion als eines Postulats ist von da her zu verstehen. Denn wie soll etwa von einem schlechtweg unbekannten GottGott als einer moralischen NotwendigkeitNotwendigkeitsubjektive gesprochen werden? Das sagt doch offensichtlich nur jemand, der Gott erkannt hat, in welchem Mass auch immer. Zumal setzt er in den Sachen der Religion voraus, was er in seinen Kritiken verneint. Der Nachweis der Vernünftigkeit der Religion kann auf der Basis der Kantschen Theorien jedenfalls nicht erbracht werden, ist ihm das Transzendente doch gerade kein Gegenstand des Wissens. Das nachvollziehbare Begründen der Religion als einer lebendigen Verbindung des Menschen mit dem Transzendenten setzt vielmehr eine ErkenntnistheorieErkenntnistheorie voraus, die die reale Möglichkeit des Überstiegs über die Grenzen der ImmanenzImmanenz evident zu machen vermag.
2 Dietrich von Hildebrands Kritik an Kants transzendentalem ImmanentismusImmanentismus und seine BegründungBegründung der TranszendenzTranszendenz in der ErkenntnisErkenntnis
Wie zentral das WissenWissen um das Transzendente den Menschen betrifft, hat nicht erst MaslowMaslowAbraham zur Sprache gebracht, der das TranszendierenTranszendieren zum höchsten BedürfnisBedürfnis des Menschen erklärte. Vor ihm hatte bereits Heinrich von KleistKleistHeinrich von sich in einem Brief – den Friedrich NietzscheNietzscheFriedrich zitiert – zu den existentiellen Folgen der Kantschen Skepsis geäussert.
Verzweiflung an der WahrheitWahrheit. Diese Gefahr begleitet jeden Denker, welcher von der Kantischen Philosophie aus seinen Weg nimmt, vorausgesetzt, daß er ein kräftiger und ganzer MenschMensch in Leiden und Begehren sei und nicht nur eine klappernde Denk- und Rechenmaschine. Nun wissen wir aber alle recht wohl, was es gerade mit dieser Voraussetzung für eine beschämende Bewandtnis hat, ja es scheint mir, als ob überhaupt nur bei den wenigsten Menschen KantKantImmanuel lebendig eingegriffen und Blut und Säfte umgestaltet habe. Zwar soll, wie man überall lesen kann, seit der Tat dieses stillen Gelehrten auf allen geistigen Gebieten eine Revolution ausgebrochen sein; aber ich kann es nicht glauben. Denn ich sehe es den Menschen nicht deutlich an, als welche vor allem selbst revolutioniert sein müssten, bevor irgendwelche ganze Gebiete es sein könnten. Sobald aber KantKantImmanuel anfangen sollte, eine populäre WirkungWirkung auszuüben, so werden wir diese in der FormForm eines zernagenden und zerbröckelnden SkeptizismusSkeptizismus und RelativismusRelativismus gewahr werden; und nur bei den tätigsten und edelsten Geistern, die es niemals im ZweifelZweifel ausgehalten haben, würde an seiner Stelle jene Erschütterung und Verzweiflung an aller Wahrheit eintreten, wie sie z.B. Heinrich von KleistKleistHeinrich von als Wirkung der Kantischen Philosophie erlebte. ‚Vor kurzem‘, schreibt er einmal in seiner ergreifenden Art, ‚wurde ich mit der Kantischen Philosophie bekannt – und dir muß ich jetzt daraus einen Gedanken mitteilen, indem ich nicht fürchten darf, dass er dich so tief, so schmerzhaft erschüttern wird als mich. – Wir können nicht entscheiden, ob das, was wir Wahrheit nennen, wahrhaft Wahrheit ist oder ob es uns nur so scheint. Ist’s das Letztere, so ist die Wahrheit, die wir hier sammeln, nach dem Tode nichts mehr, und alles Bestreben ein Eigentum zu erwerben, das uns auch noch in das Grab folgt, ist vergeblich. – Wenn die Spitze dieses Gedankens dein Herz nicht trifft, so lächle nicht über einen andern, der sich tief in seinem heiligsten Innern davon verwundet fühlt. Mein einziges, mein höchstes ZielZiel ist gesunken, und ich habe keines mehr.‘ Ja, wann werden die Menschen wieder dergestalt Kleistisch-natürlich empfinden, wann lernen sie den SinnSinn einer Philosophie erst wieder an ihrem ‚heiligsten Innern‘ messen?1
NietzscheNietzscheFriedrich bezieht sich hier auf die populären Auswirkungen der Kantschen Philosophie: den zernagenden und zerbröckelnden SkeptizismusSkeptizismus und RelativismusRelativismus. Ihre Fortführung fanden sie in dem eingangs erwähnten BedürfnisBedürfnis nach TranszendenzTranszendenz sowie dem daraus resultierenden GefühlGefühl der SinnlosigkeitSinnlosigkeit.2 Auch von HildebrandHildebrandDietrich von spricht in einem Artikel aus den Jahren 1934/35 – Die Stellung der Wahrheitserkenntnis im Leben der Menschen – von den „tiefgehendsten Zersetzungserscheinungen“, die „die völlige Ignorierung der erhabenen grundlegenden Bedeutung der ErkenntnisErkenntnis der WahrheitWahrheit in sich und für den Menschen“ gezeigt habe.3 Um die folgenden Ausführungen, ja von Hildebrands Philosophie insgesamt im rechten Lichte sehen und verstehen zu können, sei gleich an dieser Stelle darauf aufmerksam gemacht, dass von HildebrandHildebrandDietrich von ein Vertreter der sogenannten Korrespondenztheorie der WahrheitKorrespondenztheorie der Wahrheit ist, wie sie im WortWort von der adaequatio intellectus ad rem, der „Angleichung der VernunftVernunft an den Gegenstand“, klar zum Ausdruck kommt.4 Von da her lässt sich auch „der erhabene Eigenwert der Wahrheit“ verstehen, der darin liegt, „dass ein Seiendes so erfasst wird, wie es tatsächlich ist“.5 Zudem „stellt das ErkennenErkennen des Seienden die unersetzliche Voraussetzung für die wahre VollkommenheitVollkommenheit des Menschen dar“6.
Das Aufstellen einer Behauptung ist das Eine, sie zu begründen, das Andere. So ist man unweigerlich zur Frage gedrängt, wie von HildebrandHildebrandDietrich von – über die genannten Behauptungen hinaus – die folgende TheseThese zu begründen sucht: „Die Fähigkeit, das Seiende zu erkennen und verstehend zu durchdringen, die Welt und sich selbst gleichsam im ErkennenErkennen ‚zu besitzen‘, ist einer der tiefsten Wesenszüge der geistigen PersonPerson und unlösbar mit ihrem WesenWesen als Person verknüpft.“7 In wissenschaftlicher Weise hat von HildebrandHildebrandDietrich von die Korrespondenztheorie der WahrheitWahrheit ebenso wie die TranszendenzTranszendenz des Menschen in der ErkenntnisErkenntnis und das verstehende Durchdringen des Seienden in seiner epistemologischen Hauptschrift Was ist Philosophie? begründet. Dabei charakterisiert er das Erkennen als „intentionale Teilnahme am Seienden“8, als „transzendierende geistige Berührung“9, „die nur eine Veränderung im SubjektSubjekt und nicht im erkannten Objekt bedeutet“10. Eng damit verbunden, das Merkmal des empfangenden Aufnehmens. „Zum SinnSinn des Erkennens gehört, dass ein Gegenstand, so wie er ist, von der Person erfasst, verstanden, aufgenommen wird, dass er sich erschliesst, sich in seinem Sein vor unserem geistigen Auge enthüllt.“11
Dieses Empfangen steht jedoch keineswegs für ein rein passives Verhalten. „Jedes ErkennenErkennen hat auch eine aktive Komponente, die wir als ‚geistiges Mitgehen‘ mit dem Gegenstand und seiner Eigenart bezeichnen können.“12 Dabei denkt von HildebrandHildebrandDietrich von nicht primär an die die ErkenntnisErkenntnis vorbereitenden Akte, wie die Aufmerksamkeit oder die Zuwendung zum Gegenstand. Er denkt vielmehr an ein Element im Prozess des Erkennens selbst, an ein KonspirierenKonspirieren mit dem Gegenstand, das umso mehr in den Vordergrund tritt, je komplizierter und sinnhaltiger der Gegenstand ist: „Es ist gleichsam ein intentionales Nachvollziehen des Seinsgestus des Gegenstandes, der Vollzug des Verstehens, das volle, ausdrückliche geistige Aufnehmen des jetzt real gegebenen Gegenstandes.“13
Diese Merkmale finden sich nun nicht alleine beim philosophischen ErkennenErkennen; sie finden sich vielmehr überall da, wo immer „sich uns ein Gegenstand unmittelbar oder mittelbar in seinem SoseinSosein oder Dasein erschliesst“14. Dennoch hat das spezifisch philosophische Erkennen einige Merkmale, die es von allen anderen Erkenntnistypen unterscheiden. Zu ihnen gehören die ausdrückliche Thematizität des Erkennens, die pragmatische Einstellung, der systematische und der kritische Charakter. Mit anderen Worten: Das philosophische Erkennen strebt „eine möglichst vollständige, möglichst gewisse und möglichst genaue ErkenntnisErkenntnis“15 an. Dabei ist es frei von jeder Einengung auf das, was für einen praktischen ZweckZweck wichtig ist. Überdies ist das philosophische Erkennen „ausdrücklich von dem methodischen Prinzip durchsetzt, nur von wohlfundierten, womöglich evidenten Prämissen auszugehen und nur stringente Schlüsse zuzulassen“16. Schliesslich wird dem „WissenWissen von dem jeweiligen SachverhaltSachverhalt […] nur die GewissheitGewissheit zugebilligt, die der Gegebenheitsstufe oder der Stringenz seiner indirekten Erschliessung durch Schlussfolgerungen entspricht“17.
Zum Aufweis des Spektrums des Erkenntnisphänomens ist an dieser Stelle auch der Hinweis auf den wichtigen Unterschied zwischen KennenKennen und WissenWissen am Platz. Erstens bezieht sich das Wissen – ebenso wie das ErkennenErkennen – ausschliesslich auf Sachverhalte. Es wird beispielsweise in Sätzen ausgedrückt wie: Ich weiss, dass 2 + 2 = 4. Oder: Im Jahre 49 v. Chr. hat Cäsar den Rubikon überschritten. Nur TatsachenTatsachen oder Sachverhalte sind Gegenstände des Wissens. Das Kennen dagegen bezieht sich „auf alles mit Ausnahme der Sachverhalte“18, wobei das Kennen eines Menschen, eines Buches etc. mehr oder weniger vollständig sein kann. Was sich etwa an dem SatzSatz zeigt: Ich kenne Peter, und ich weiss, dass er aus Italien stammt. Beim Kennen des Peter gibt es „Grade der Intimität wie des Verstehens“, so kann ihn der Eine besser kennen als der Andere; das Wissen dagegen hat „einen linearen Charakter, d.h., es ist direkter und schärfer umrissen“.19 Entweder stammt Peter aus Italien oder er stammt nicht aus Italien, tertium non datur. In seiner Dissertation hat von HildebrandHildebrandDietrich von den kognitiven Unterschied so gefasst, dass es beim Kennen ein „Näher oder Ferner“ gibt, währenddem das Wissen „eine konstante, nie variierende Ferne als solche“ hat.20 Beim Wissen, dessen Gegenstände ausschliesslich Sachverhalte sind, gibt es keine Grade des Verstehens, sondern Grade der GewissheitGewissheit. Was hier unterschieden wird, geht realiter jedoch ständig ineinander, denn „[m]it jeder Stufe des Kennens geht das Wissen bestimmter, dem Gegenstand geltender Sachverhalte Hand in Hand.“21
2.1 Die ÄquivokationÄquivokation des Begriffs der Erfahrung
Seiner Kritik an Kants TranszendentalismusTranszendentalismus und ImmanentismusImmanentismus legt von HildebrandHildebrandDietrich von den Aufweis der Vieldeutigkeit des Begriffs der Erfahrung zugrunde. In der Erfahrung liege keine NotwendigkeitNotwendigkeitsubjektive, kann als Leitprinzip der neuzeitlichen ErkenntnistheorieErkenntnistheorie bezeichnet werden. Man findet es bei René DescartesDescartesRené (1596–1650) ebenso wie bei John LockeLockeJohn (1632–1704), bei David HumeHumeDavid (1711–1776) ebenso wie bei Immanuel KantKantImmanuel (1724–1804), um hier nur einige der namhaftesten Vertreter zu nennen. Was als Leitprinzip fungierte, trug allerdings deutliche Züge eines schlichten Vorurteils. Denn einfachhin ging man von der Univozität des Erfahrungsbegriffs aus, und zwar von einer Erfahrung, in der tatsächlich keine NotwendigkeitNotwendigkeitsubjektive zu finden ist, nämlich der Sinneserfahrung. Insofern nicht ohne LogikLogik, verlegte HumeHumeDavid die Wissenschaftlichkeit alleine in die abstrakten Wissenschaften der Geometrie, der Algebra und der Arithmetik. Auch KantKantImmanuel erwartete von der Sinneserfahrung keine NotwendigkeitNotwendigkeitsubjektive, sondern ausschliesslich von den Voraussetzungen der Erfahrung, d.h. von den die Sinnesempfindungen spontan überformenden Anschauungs- und Denkformen. Dagegen kommt von HildebrandHildebrandDietrich von das Verdienst zu, die ÄquivokationÄquivokation des Erfahrungsbegriffs aufgedeckt zu haben. Er hat gezeigt, dass NotwendigkeitNotwendigkeitsubjektive auch in der Erfahrung gegeben sein kann. Und zwar dann, wenn die Erfahrung differenziert wird in das Erfahren des Daseins einerseits, des Soseins andererseits. Wobei NotwendigkeitNotwendigkeitsubjektive nicht darin zu finden ist, dass ein bestimmtes Seiendes existiert, sondern alleine im Was, im SoseinSosein des Existierenden. Nach von Hildebrands Terminologie also nicht in der RealkonstatierungRealkonstatierung, sondern alleine in der SoseinserfahrungSoseinserfahrung.1
Hätte KantKantImmanuel dafür gehalten, dass jedes SoseinSosein in dem Sinne ein synthetischsynthetisch-apriorisches ErkennenErkennen ermöglicht, dass die rezeptive Sinnesempfindung und die spontane Überformung dieses Soseins mit den Anschauungsformen von Raum und Zeit bzw. den Denkformen die Grundlage geschaffen hätte, um apriorische und wissenserweiternde Erkenntnisse über diese Vorgänge zu erlangen, dann jedoch nicht über das Sosein, über die MaterieMaterie der ErkenntnisErkenntnis selbst. Für KantKantImmanuel eröffnet jedes Sosein dieselben – formellen – Erkenntnismöglichkeiten wie jedes andere auch. Wenn KantKantImmanuel die „apodiktische GewissheitGewissheit“2, die „NotwendigkeitNotwendigkeitsubjektive und strenge Allgemeinheit“3 als die Merkmale des synthetisch-apriorischen Erkennens benennt, dann widerspricht ihm von HildebrandHildebrandDietrich von hinsichtlich der strengen Allgemeinheit, d.h. der AllgemeingültigkeitAllgemeingültigkeit. Denn da die apriorischen Erkenntnisse nicht von jeder Erfahrung unabhängig sein müssen, so vor allem nicht von der SoseinserfahrungSoseinserfahrung, „verträgt sich der apriorische Charakter einer Erkenntnis sehr wohl damit, dass jemand, solange ihm die entsprechende Soseinserfahrung fehlt, den apriorischen Bestand nicht einzusehen vermag“4.
Obwohl das synthetischsynthetisch-apriorische ErkennenErkennen – in Kants Terminologie: das philosophische Erkennen5 – das Erfahren des Soseins voraussetzt, in dem der zu erkennende SachverhaltSachverhalt gründet, ist es dennoch möglich, einen realen Kontakt mit einem Seienden zu haben, dabei aber einer Erfahrung des Soseins zu ermangeln. Dies soll anhand eines Beispiels aus der Literatur veranschaulicht werden. In seinem Roman Die Brüder Karamasow zeigt Fjodor DostojewskiDostojewskiFjodor auf eindrückliche Weise den Unterschied auf zwischen der RealkonstatierungRealkonstatierung und der SoseinserfahrungSoseinserfahrung.
In seinen Jünglingsjahren führte der nachmalige Starez Sossima ein ausschweifendes Leben. Einmal, er diente zu der Zeit als Offizier, wurde er aufgrund einer von ihm ausgesprochenen Beleidigung zum Duell aufgefordert. Als er am Abend vor dem entscheidenden Tag nach Hause zurückkehrte, ärgerte er sich über seinen Diener Afanasi „und schlug ihn aus aller Kraft zweimal ins Gesicht, so dass es mit Blut überströmt war“. Hernach legte er sich schlafen. Als er am nächsten Morgen, am Tag des Duells, aufwacht, hat er ganz neuartige Gedanken. Sind die Gedanken zuerst nebulös, verhüllt, unscharf, werden sie alsbald immer klarer. Er denkt nicht etwa an das bevorstehende Duell, sondern an die Schläge, die er seinem Diener erteilte. „Alles trat mir da plötzlich aufs neue vor die Augen, gleich als ob von neuem alles vor sich gehe: er steht vor mir, und ich schlage ihn, weit ausholend, gerade ins Gesicht; er aber hält die Hände an die Hosennaht, den Kopf gerade, die Augen hat er aufgerissen wie an der Front, er zittert bei jedem Schlag und wagt nicht einmal die Hände zu erheben, um sich zu schützen – und da ist ein MenschMensch bis dahin gebracht worden, und da schlägt ein Mensch einen Menschen! Was ist das für ein Verbrechen! Es war, als ob eine scharfe Nadel mir die ganze Brust durchstossen habe.“6
Was hatte sich wohl in dieser Nacht zugetragen? Was war geschehen? Hatte er es am Vorabend noch als angemessen erachtet, seinen Diener zu schlagen, wenn er sich ob diesem ärgert, so steht ihm am nächsten Morgen die Würde und die Kostbarkeit dieses Menschen klar vor Augen. Und in dem Moment, in dem sich ihm die Würde und der Wert des Menschen in aller Schärfe offenbart, kann er es nicht mehr verstehen, wie er das jemals hat übersehen können.
Der Unterschied zwischen den beiden Erfahrungsarten, der RealkonstatierungRealkonstatierung und der SoseinserfahrungSoseinserfahrung, tritt hier deutlich zutage. Am Vorabend des Duells nimmt er wohl, wie bis anhin, seinen Diener wahr (Realkonstatierung). Die jeder PersonPerson eignende MenschenwürdeMenschenwürde dagegen vermag er nicht zu erfassen. Erst am nächsten Tag, nachdem er eine zutiefst personale Stellungsumkehr vollzogen hatte, „sah“ er die notwendig mit jeder menschlichen Person gegebene Menschenwürde (Soseinserfahrung).7
2.2 Die verschiedenen Arten des Soseins und der Unterschied zwischen empirischer und apriorischer ErkenntnisErkenntnis
Mit der Unterscheidung verschiedener Arten des Soseins begründete von HildebrandHildebrandDietrich von auch den erkenntnismässigen Unterschied zwischen dem empirischen und dem apriorischen ErkennenErkennen. An den Beginn seiner Grundlegung stellt er das WortWort, dass jedes seiende Etwas eine EinheitEinheit sei, „und sein SoseinSosein irgendwie als Einheit charakterisiert sein“ müsse, um im nächsten Schritt nach „den Graden der Sinnhaftigkeit in den Soseinseinheiten“ zu fragen.1 Dabei steigt er vom Niederen zum Höheren auf und bringt drei grundsätzlich verschiedene Einheitsstufen zu BewusstseinBewusstsein. Da die EinheitenEinheitenchaotische, zufällige, morphische der niedersten Stufe, die chaotischen und zufälligen EinheitenEinheitenchaotische, zufällige, morphische, kein genuines Erkennen ermöglichen, braucht an dieser Stelle auch nicht auf sie eingegangen zu werden. Mit dem Verweis auf die entsprechende Quelle sei dieser Einheitsart Genüge getan.2 Die auf der nächsthöheren Stufe gelegenen EinheitenEinheitenchaotische, zufällige, morphische dagegen „haben ein sinnvolles Sosein, eine Washeit, die uns berechtigt, von wirklichen Typen zu sprechen“3.
Im Unterschied zu einer zufälligen EinheitEinheit, wie z.B. einem Gerümpelhaufen oder einer Notenfolge, die keine Melodie ist, wird der echte Typus „nicht von aussen zusammengehalten, sondern besitzt eine vom ‚ZentrumZentrum‘ ausgehende Einheit; seine Elemente sind nicht zufällig, sondern von innen her sinnvoll verbunden“4. Solcherart sind z.B. das Gold, der SteinSteinEdith, das Wasser, der Löwe oder das Pferd. Von HildebrandHildebrandDietrich von unterscheidet im SoseinSosein der Gegenstände dieser Art zwei Schichten: die Erscheinungseinheit und die konstitutive Einheit. Die erste Schicht bezeichnet er als das „‚Gesicht‘, als die Einheit der äusseren ErscheinungErscheinung“, und unterscheidet sie von der zweiten Schicht, „bei der es sich um das Sosein dieses Materietyps handelt, der dieses Gesicht trägt“.5 Um Erkenntnisse über das Gesicht eines solcherart geeinten Seienden – von HildebrandHildebrandDietrich von spricht von den morphischen EinheitenEinheitenchaotische, zufällige, morphische – erlangen zu können, muss es von aussen beobachtet werden. Die konstitutive Einheit dagegen kann durch Experimente und durch die Verwendung von Instrumenten – wie etwa des Mikroskops – sozusagen zusammengesetzt werden. Trotz aller Sinnhaftigkeit, tragen sie aber dennoch „das Merkmal des Kontingenten und ‚Erfundenen‘“6. Bei der ErkenntnisErkenntnis des Verhaltens eines Seienden mit einer morphischen Einheit wird im besten Falle der Gewissheitsgrad der HöchstwahrscheinlichkeitHöchstwahrscheinlichkeit erreicht, denn es „lässt für eine prinzipielle Ergänzungs- und Täuschungsmöglichkeit Raum“7. Wird dagegen der Einwand erhoben, dass es doch nicht kontingentkontingent, sondern vielmehr notwendig sei, dass dieser Löwe nicht gleichzeitig existieren und nicht existieren kann, oder dass das Gold immer räumlich ausgedehnt ist, so handelt es sich dabei zweifelsohne um Urteile, die keinen Raum lassen für eine Ergänzungs- oder Täuschungsmöglichkeit. Das hat seinen Grund letztlich aber nur insofern im Sosein des Löwen oder des Goldes, als es zugleich materielle Dinge sind, als sie, um mit John R. White zu sprechen, durch gewisse formal necessary features determiniert sind.8 Damit ist die Grenze erreicht, die den immanenten und den transzendenten Wirklichkeitsbereich voneinander trennt.
2.2.1 Das epistemologische AprioriApriori als absolut gewisse ErkenntnisErkenntnis höchst intelligibler und wesensnotwendiger Sachverhalte
Ganz anders liegen die Dinge beim apriorischen ErkennenErkennen, mit dem die Grenze der ImmanenzImmanenz überschritten und WissenWissen über Transzendentes erworben wird. Dabei ist die Unabhängigkeit von jeder Erfahrung nicht im umfassenden Sinne Bedingung, sondern nur im Sinne der Erfahrung des Daseins, der RealkonstatierungRealkonstatierung. Beim AprioriApriori geht es von HildebrandHildebrandDietrich von nicht um die Frage, ob es Gehalte gibt, die unabhängig von irgendeiner SoseinserfahrungSoseinserfahrung bekannt sind, so wie bei Kants transzendentalen Anschauungsformen und Kategorien, bei Platons WiedererinnerungWiedererinnerung1 oder bei DescartesDescartesRené’ eingeborenen IdeenIdeen2. Beim Apriori geht es von HildebrandHildebrandDietrich von um nichts weniger als um „die erkenntnistheoretische Frage schlechthin“: „die Frage nach der ExistenzExistenz und der Möglichkeit absolut gewisser ErkenntnisErkenntnis höchst intelligibler und wesensnotwendiger Sachverhalte“.3
Das objektive Korrelat des Erkennens bildet dabei das Verhalten eines Gegenstandes mit einem SoseinSosein, das in sich notwendig ist, bei dem die Wegnahme auch nur eines Elementes die ganze EinheitEinheit zerstören würde. Mit einem Beispiel: Während bei einem Löwen ein Bein fehlen kann und er noch immer ein Löwe ist, lässt sich anhand des Soseins des Verzeihens etwa verdeutlichen, inwiefern sich dies bei den notwendigen EinheitenEinheitenchaotische, zufällige, morphische anders verhält. Denn angenommen, einer PersonPerson wird von einer anderen Person ein ÜbelÜbel zugefügt, das diese Person aber nicht aus freiem WillenWillen getan hat, so wird sie sie auch nicht um VerzeihungVerzeihung bitten, ja nicht einmal bitten können, so fest sie sich auch darum bemüht. Was sie allenfalls kann, ist MitleidMitleid für sie empfinden. Das VerzeihenVerzeihen setzt das WissenWissen um die eigene Schuldigkeit voraus, welches hier gerade fehlt. Vor allem aber kann das notwendige Sosein der Verzeihung nur dann erfahren werden, wenn keines der Elemente fehlt, also weder das willkürliche Zufügen eines Übels noch die EinsichtEinsicht in die eigene Schlechtigkeit oder die Selbstanklage vor der anderen Person, welche diese nach dem Mass der Aufrichtigkeit des Selbstanklägers gegebenenfalls dazu bewegt, diesem das zugefügte Übel zu verzeihen. Mit dem freien Akt des Verzeihens wird die Tat, die zwischen den Personen eine objektive Unordnung begründete, nicht dem Vergessen übergeben, sondern vielmehr als ein Sieg des Wohlwollens im GedächtnisGedächtnis verankert. An diesem Beispiel zeigt sich, wie das Fehlen auch nur eines Elementes die ganze Einheit des notwendigen Soseins des Verzeihens zerstört.
Mit der Einführung eines Terminus, in diesem Fall des Terminus „VerzeihenVerzeihen“, ist ein UrphänomenUrphänomen bezeichnet – und Urphänomene sind die meisten Wesenheiten4 –, das sich nicht in dem Sinne in einer DefinitionDefinition niederschlägt, als liesse sich „eine philosophische Untersuchung mit dem Nachschlagen in einem Lexikon auf die gleiche Stufe stellen“5. Das philosophische Erkenntnisbemühen „dient nicht dazu, die notwendige Soseinseinheit so in ihre Bestandteile aufzulösen, dass eine Definition derselben das anschauliche Erfassen auch vom Standpunkt der Kenntnisnahme ersetzen könnte“6. Dieses Bemühen beinhaltet vor allem eine volle prise de conscienceprise de conscience7 des Gegebenen, ein voll bewusstes „Innewerden von TatsachenTatsachen, die wir in unserem lebendigen Seinskontakt voraussetzen und daher schon irgendwie kennen“8. Ein ZielZiel, das aber unmöglich erreicht werden kann, wenn in einer falschen reduktionistischen Einstellung all das verworfen wird, was sich nicht durch eine formale Definition erschöpfend erklären lässt.9 Was die Definition allein vermag, ist, sie zu umschreiben, „indem sie einige essentielle Merkmale anführt, die zur Unterscheidung dieser Wesenheit von einer anderen genügen“10.
Zu glauben, „wir hätten ein Seiendes geistig ‚erobert‘, weil wir eine korrekte DefinitionDefinition von ihm besitzen“11, nennt von HildebrandHildebrandDietrich von einen Selbstbetrug. Womit er nicht zuletzt sein eigenes Verständnis der Philosophie zum Ausdruck bringt, die ihm nicht ein rein begriffliches Unternehmen ist, sondern – ganz im Sinne Newmans – einen persönlichen, realen Kontakt mit den notwendigen Soseineinheiten voraussetzt, unter „Betonung des existentiellen, unmittelbaren, intuitiven Kontaktes mit dem Gegenstand“12. Was aber ist ein realer Kontakt mit notwendigen Soseinseinheiten, denen aufgrund ihrer NotwendigkeitNotwendigkeitsubjektive doch nicht eine reale, sondern eine ideale Seinsweiseideale Seinsweise zukommt? Diese kritische Frage sei nicht an dieser Stelle beantwortet, sie bleibt dem weiteren Verlauf dieser Untersuchung vorbehalten.13
Was nun „die Frage nach der ExistenzExistenz und der Möglichkeit absolut gewisser ErkenntnisErkenntnis höchst intelligibler und wesensnotwendiger Sachverhalte“14 betrifft, so hat erstmalig Adolf ReinachReinachAdolf in aller Deutlichkeit darauf hingewiesen, „dass die AprioritätApriorität primär weder den Sätzen noch dem UrteilUrteil noch dem ErkennenErkennen zukommt, sondern dem ‚gesetzten‘, geurteilten oder erkannten SachverhaltSachverhalt“15. Und wie im Sachverhalt alle Apriorität wurzelt, so kommt auch nur dem Sachverhalt NotwendigkeitNotwendigkeitsubjektive zu.16 Für die BegründungBegründung der Möglichkeit philosophischen Erkennens ist der Sachverhalt von grundlegender Bedeutung: Erstens bildet er das objektive Korrelat des Erkennens und zweitens ist er Träger von Modalitäten. Letzteres ist denn auch der Grund, weswegen „die Apriorität primär weder den Sätzen noch dem Urteil noch dem Erkennen zukommt, sondern dem ‚gesetzten‘, geurteilten oder erkannten Sachverhalt“17. Insofern sind die Sachverhalte nämlich apriorisch, als „die Prädikation in ihnen, das b-Sein etwa, gefordert ist durch das WesenWesen des A, insofern es in diesem Wesen notwendig gründet“18. Notwendig gründet ein Sachverhalt dann in einem Wesen, wenn dieses selbst innerlich notwendig ist. Wie z.B. im Falle des Menschen, der LiebeLiebe, der GerechtigkeitGerechtigkeit, der Ungerechtigkeit, der WahrheitWahrheit, der Erkenntnis, des Willens, der Zeit, der Zahl oder des Verzeihens, usw.19
Das ErkennenErkennen von Sachverhalten, die in einem SoseinSosein gründen, das durch eine „strikte innere, in den Wesenheiten gründende NotwendigkeitNotwendigkeitsubjektive“ charakterisiert ist, zeichnet sich aus durch eine „unvergleichliche IntelligibilitätIntelligibilität“ und eine „absolute GewissheitGewissheit“.20 Nil volitum nisi cogitatum – kein Wollen ohne vorhergehendes Erkennen21 – ist ein Beispiel eines wesensnotwendigen Sachverhalts. Es handelt sich dabei um einen Relationssachverhalt,22 d.h. um das Verhalten eines Gegenstands zu einem anderen Gegenstand. Das Verhalten des Wollens zum Erkennen ist nun ebenso notwendig wie die WesenWesen selbst, deren Verhalten erkannt wird. Während das Bestehen des Sachverhalts „Erwärmung dehnt die Körper aus“ nur von aussen erfasst werden kann, wird der SachverhaltSachverhalt „Kein Wollen ohne vorhergehendes Erkennen“ von innen her verstanden. Das lateinische WortWort intelligere – Thomas von AquinThomas von Aquin sprach von einem Lesen im Innern (intus legere23) – bringt das Gemeinte treffend zum Ausdruck.
IntelligibilitätIntelligibilität ist dabei nicht gleich Definierbarkeit. Die notwendigen Wesenheiten sind weder von anderem deduzierbar noch auf anderes reduzierbar. Es lassen sich aber verschiedene Arten der Intelligibilität unterscheiden. Von HildebrandHildebrandDietrich von grenzt die Intelligibilität der Zahlen von derjenigen der FarbenFarben ab, und während er die Intelligibilität der Zahlen als dünn und linear bezeichnet, ja als zu dünn, um sich in sie versenken zu können,24 spricht er den Farben eine qualitative Fülle zu. Davon scheidet er Entitäten wie die PersonPerson, den WillenWillen, das Versprechen, die Wirkursache usw., die sich von den erstgenannten Arten nicht alleine „durch ihre gleichsam dreidimensionale Fülle und ihre TiefeTiefe abheben“, denen zudem „ein Sinnreichtum gemeinsam“ ist.25 Damit ist auch ein erkenntnistheoretischer Vorrang gegeben, denn die Tiefendimension und der SinngehaltSinngehalt ermöglichen es, „uns wieder und wieder in seine Fülle vorzutasten und jedes Mal mit neuen, volleren Einsichten belohnt zu werden“26.27 Während das Merkmal der NotwendigkeitNotwendigkeitsubjektive, wie gesehen, auf den SachverhaltSachverhalt beschränkt und die Intelligibilität mit der Erkennbarkeit verbunden ist, ist das dritte Merkmal apriorischen Erkennens, die absolute GewissheitGewissheit, eines der Beziehung zwischen dem Sachverhalt und der ErkenntnisErkenntnis.
2.2.2 Sind die apriorischen Erkenntnisse blosse TautologienTautologien?
Nichtsdestotrotz – oder gerade deswegen? – können die apriorischen Erkenntnisse bzw. Urteile leicht verwechselt werden mit tautologischen Erkenntnissen bzw. Urteilen. Von HildebrandHildebrandDietrich von spricht KantKantImmanuel das grosse Verdienst zu, „im Bereich der Urteile zum ersten Mal einen wesentlichen und höchst bedeutsamen Unterschied herausgearbeitet zu haben, nämlich den zwischen tautologischen und nichttautologischen Urteilen“1. Die tautologischen nannte KantKantImmanuel analytische, die nichttautologischen bezeichnete er als synthetische Urteile. Bei den analytischen Urteilen wird im PrädikatPrädikat nur wiederholt, was im Subjektsbegriff schon enthalten ist. Wird z.B. gesagt: „Jeder Sohn stammt von Eltern ab“, so ist im BegriffBegriff des Sohnes die Beziehung zu den Eltern schon enthalten. Das WissenWissen wird damit nicht erweitert. Das Wissen wird nur mit den Erkenntnissen erweitert, die seit KantKantImmanuel synthetische genannt werden. Synthetisch ist z.B. der von KantKantImmanuel bezeichnete SatzSatz „7 + 5 = 12“2, denn weder im Begriff von 12 noch von 7 oder 5 findet sich ein expliziter Bezug auf den im Satz ausgedrückten SachverhaltSachverhalt. Im Unterschied zu den analytischen oder tautologischen Urteilen, die bloss erläutern, was im Subjektsbegriff bereits gesetzt war, erweitern die synthetischen Erkenntnisse das Wissen.3
Im Buch Gamma seiner MetaphysikMetaphysik hat AristotelesAristoteles auf einen notwendigen SachverhaltSachverhalt aufmerksam gemacht: Unmöglich könne dasselbe demselben und in derselben Hinsicht zugleich zukommen und nicht zukommen.4 Das Bestehen dieses Sachverhalts ist so evident, dass er eines Beweises weder fähig noch bedürftig ist. Worin aber gründet der Sachverhalt, dass ein Sachverhalt nicht zugleich bestehen und nicht bestehen kann? Das Materiale, das SoseinSosein der betreffenden Seienden scheint keine Rolle zu spielen, das WiderspruchsprinzipWiderspruchsprinzip ist in Bezug auf morphische EinheitenEinheitenchaotische, zufällige, morphische ebenso gültig wie in Bezug auf innerlich notwendige EinheitenEinheitenchaotische, zufällige, morphische. Beispielweise kann der Sachverhalt mit absoluter GewissheitGewissheit erkannt werden, dass der vor dem Fenster stehende Baum nicht zugleich belaubt und nicht belaubt sein kann. Diese ErkenntnisErkenntnis ist absolut gewiss, obwohl weder der Baum noch das Laub in notwendigen EinheitenEinheitenchaotische, zufällige, morphische gründen. Beide gründen in sinnvollen, aber nicht notwendigen, in morphischen EinheitenEinheitenchaotische, zufällige, morphische. Gründet die Gewissheit demnach in den oben angesprochenen formal necessary features? Oder ist das Widerspruchsprinzip letztlich bloss analytischanalytisch? Im Gegenteil, dass etwas nicht zugleich existieren und nicht existieren kann, ist „alles andere als analytisch“, es ist „ein prototyp synthetischer Urteile“.5 Diese TheseThese begründet von HildebrandHildebrandDietrich von mit dem folgenden ArgumentArgument: „Wäre es [sc. das Widerspruchsprinzip] selbst analytisch, eine blosse Wiederholung, die nichts über die WirklichkeitWirklichkeit sagt, auf die sie sich bezieht, so wäre es unmöglich, festzustellen, ob irgendein UrteilUrteil tautologisch ist.“6 In sich ist das Widerspruchsprinzip eine materiale WahrheitWahrheit. Auch in der LogikLogik oder der Ontologie ist der WiderspruchWiderspruch von Wahrheit und Nichtwahrheit, von Sein und Nichtsein ein materiales Prinzip. In allen anderen Erkenntnisgebieten hat es jedoch einen „formalen Charakter, weil es nicht in der jeweils das Thema bildenden spezifischen NaturNatur der Gegenstände gründet, sondern in dem Gehalt des Seienden, der für alle diese Seinsbereiche schon die stillschweigende Voraussetzung ist“7.
Wie wiederholt gesehen, ist es dem philosophischen ErkennenErkennen – zumal so, wie es der vorliegenden Untersuchung zugrunde gelegt wird – nicht um die formalen Voraussetzungen der Erfahrung zu tun, sondern um das Verhalten der innerlich notwendigen Gegenstände, die ein absolut gewisses Erkennen und ein VerstehenVerstehen von innen her ermöglichen. Dass die ImmanenzImmanenz des eigenen Bewusstseins bei der Erlangung einer philosophischen ErkenntnisErkenntnis transzendiert wird, zeigt sich an der Unerfindbarkeit. Was einen Charakter innerer NotwendigkeitNotwendigkeitsubjektive und höchster IntelligibilitätIntelligibilität besitzt, kann unmöglich eine subjektive ErfindungErfindung oder eine blosse ErscheinungErscheinung sein.8 Bei der Erkenntnis eines notwendigen Sachverhalts wird die Immanenz des eigenen Bewusstseins ebenso transzendiert wie der Bereich des sinnlich Wahrnehmbaren.
2.3 Absolute GewissheitGewissheit bei der ErkenntnisErkenntnis eines individuellen Sachverhalts?
Apriorische Sachverhalte besitzen einen allgemeinen Charakter. Im Bereich individueller Sachverhalte kann nur in einem einzigen Fall eine ähnliche absolute GewissheitGewissheit erlangt werden, nämlich in dem augustinischen Si fallor, sum1 oder in DescartesDescartesRené’ Cogito, ergo sum2. Ob das ArgumentArgument nun mit der TäuschungTäuschung (fallor) oder mit dem Denken (cogito) oder mit irgend einem anderen bewussten Vollzug – wie dem WissenWissen, der LiebeLiebe usw. – geführt wird, immer gestattet es die notwendige Folgerung auf die wirkliche ExistenzExistenz der sich täuschenden oder denkenden PersonPerson. „Denn wer nicht ist, kann sich auch nicht täuschen“3. Selbst dann, wenn angenommen wird, jede Wahrnehmung und jeder Gedanke sei eine blosse TäuschungTäuschung, selbst dann noch ist gewiss, dass sich nur täuschen kann, wer ist. Wer immer sich also täuscht, weiss mit Gewissheit: ich bin. Auch DescartesDescartesRené hat mit seinem Cogito, ergo sum den archimedischen PunktArchimedischer Punkt erreicht, an dem jeder ZweifelZweifel und jede Irrtumsmöglichkeit zerschellt. Das Sum ist unentthronbar. Selbst dann, wenn dieses nur ein ScheinSchein wäre, selbst dann setzt das Scheinsein die metaphysische Realität einer Person voraus. Denn sobald es einen Schein gibt, erscheint es jemandem, einem BewusstseinBewusstsein, „und dieses Bewusstsein selbst kann nicht wieder ein blosser Schein sein, sonst müsste es ja wieder einem anderen Bewusstsein erscheinen, und so ad infinitum“4.
Die ErkenntnisErkenntnis der eigenen ExistenzExistenz kommt auch nicht einem Verbleiben in der ImmanenzImmanenz des eigenen Bewusstseins gleich, vielmehr ist diese Erkenntnis „ein voller Schritt zur TranszendenzTranszendenz“5. „Denn die absolut sichere Erkenntnis eines konkreten, individuellen, realen Seienden enthält die Sprengung aller Bewusstseinsimmanenz und garantiert das volle TranszendierenTranszendieren zu einer objektiven Realität!“6 Von HildebrandHildebrandDietrich von hält die absolut gewisse Erkenntnis der eigenen Existenz jedoch nicht für das Wichtigste. „Das Wichtige ist nicht, dass ich es bin, das Wichtige ist, dass eine reale PersonPerson existiert.“7 „Weil es meine Person ist, so denkt man, sperrt man sich vielleicht in sich ein. Dies ist jedoch nicht der Fall, denn meine Person existiert ja in diesem Fall objektiv als Person, in der objektiven metaphysischen Welt.“8 Die metaphysische Existenzweise der Person wusste Blaise PascalPascalBlaise auf prägnante Weise zu charakterisieren, indem er den Menschen als ein Schilfrohr beschrieben hat, als „das schwächste der NaturNatur, aber er ist ein denkendes Schilfrohr“9. Das ganze Weltall brauche sich nicht zu wappnen, um ihn zu zermalmen, ein Wassertropfen schon genüge, um ihn zu töten. „Doch wenn das Weltall ihn zermalmte, so wäre der MenschMensch nur noch viel edler als das, was ihn tötet, denn er weiss ja, dass er stirbt und welche Überlegenheit ihm gegenüber das Weltall hat. Das Weltall weiss davon nichts.“10
2.4 Die Frage nach dem GewissheitskriteriumGewissheitskriterium, die Seinsweise der notwendigen Wesenheiten und ihr metaphysischer Ort
Der MenschMensch ist weder auf die ImmanenzImmanenz der sinnlich erfahrbaren Welt noch auf die seines eigenen Bewusstseins beschränkt. Er vermag die Grenze intentional zu übersteigen, die das Sinnliche und das Übersinnliche, die das Physische und das Metaphysische voneinander trennt. Wie sich gezeigt hat, vermag er dies auf zwei grundsätzlich verschiedene Arten: Einerseits mittels der absolut gewissen ErkenntnisErkenntnis eines allgemeinen Sachverhalts, der in einem intelligiblen und in sich notwendigen SoseinSosein gründet, andererseits durch die Erkenntnis des individuellen Sachverhalts der ExistenzExistenz der eigenen PersonPerson.
Doch wie kann man eigentlich wissen, ob es sich im gegebenen Fall um eine notwendige Soseinseinheit handelt, deren Verhalten von innen her verstanden und mit absoluter GewissheitGewissheit erkannt werden kann? Das Kriterium ergibt sich bei der Vertiefung in das SoseinSosein selbst. Es bedarf keines äusseren Kriteriums. „Der Charakter einer notwendigen, intelligiblen EinheitEinheit ist sein eigenes Kriterium.“1 Nach einem anderen Kriterium als der intelligiblen NotwendigkeitNotwendigkeitsubjektive eines Soseins zu fragen, ist absurdabsurd. Es kann kein höheres Kriterium geben.2
Wenn in diesem Sinne also mit GewissheitGewissheit erkannt werden kann, dass die VerantwortungVerantwortung FreiheitFreiheit und die Farbe den Raum voraussetzen, wo haben diese vier Soseinseinheiten dann eigentlich ihren Ort, ja, welches ist ihre Seinsweise? Als notwendige Entitäten gehören sie sicherlich nicht den morphischen EinheitenEinheitenchaotische, zufällige, morphische zu, die wohl sinnvoll, aber nicht innerlich notwendig sind. Solcherart geeinte Gegenstände wie z.B. ein Löwe oder der menschliche Körper sind in dem Sinne real, dass sie sinnlich wahrgenommen werden können. Die GerechtigkeitGerechtigkeit, die Freiheit, die Farbe, der Raum und alle notwendigen Soseinseinheiten dagegen „sind in der Tat so potent, dass es sie in bestimmter Weise gibt, selbst wenn gerade kein wirkliches Exemplar ihrer Art existiert“3. „Sie sind für ihre volle Gültigkeit weder darauf angewiesen, in einem wirklichen Gegenstand anwesend zu sein, noch von uns gedacht zu werden. Sie allein besitzen ideale Seinsweiseideale Seinsweise im vollen SinnSinn“4. Unabhängig von ihrem Realwerden im Menschen eignet beispielsweise dem SoseinSosein der Verantwortung eine ideale Seinsweise, sie ist etwas Objektives, das SeinsautonomieSeinsautonomie besitzt. Selbst wenn kein MenschMensch existiert, der Verantwortung übernimmt, selbst dann schliesst das Sosein der Verantwortung aus, eine blosse IllusionIllusion oder FiktionFiktion zu sein.
Was sodann den metaphysischen Ortmetaphysischer Ort der notwendigen Soseinseinheiten oder Wesenheiten betrifft, so zeigt sich von Hildebrands Ideologiefreiheit in aller Deutlichkeit. Denn während er einerseits die Leugnung der idealen Seinsweise der notwendigen Wesenheiten für unmöglich erklärt, begnügt er sich andererseits mit der Feststellung, „noch keinen metaphysischen Ortmetaphysischer Ort für diese notwendigen Wesenheiten [zu] haben“5. Damit zeigt er die Grösse, die alle jene nicht besitzen, die „im Sinne der Ausfüllung des nicht Erfassten“6 ein konstruktives Verhalten an den Tag legen. Wenngleich ein metaphysischer Ort der in idealer Weise seienden notwendigen Wesenheiten nicht auszumachen ist, eröffnen sowohl die Sphären der Zahlen oder der FarbenFarben ebenso einen Blick auf das Verhältnis zwischen dem idealen und dem realen Sein wie die Sphären des Ethischen oder des Personalen. Auch hier beabsichtigt er allerdings nicht, eine Lösung dieses Problems zu bieten. Bei den Zahlen lässt sich immerhin so viel sagen, dass sie „keineswegs von der realen Welt ausgeschlossen sind“7. Wenn drei Personen im Zimmer stehen, wird von einem realen, konkreten SachverhaltSachverhalt gesprochen. Dabei kann nicht verleugnet werden, „dass sie in spezifischer Weise in die reale Welt eintreten, obwohl sie nicht den Seinsmodus besitzen, der Substanzen und viele Akzidentien auszeichnet“8. Von einer analogen Weise, doch einem anderen Typus, muss bei den Farben gesprochen werden.9
Im Falle eines sittlichen Wertessittlicher Wert wiederum schliesst das ideale Sein bereits volle Realität ein. So zeigt alleine schon die Tatsache, dass menschliche HandlungenHandlungen gut sein sollen, „dass die Realität sittlicher WerteWerte durch ihre ideale Seinsweiseideale Seinsweise gewährleistet wird“10. Da sich im weiteren Verlauf dieser Untersuchung wiederholt zeigen wird, inwiefern sich bei der Setzung eines sittlich guten Aktes „eine völlig neue Art des ‚Herabreichens‘ des idealen Seienden in die Realität“11 ereignet, möge es an dieser Stelle mit diesen HinweisenHinweise sein Bewenden haben.
2.5 Das überaktuelle WissenWissen und die ReligionReligion
Am Beginn dieses Abschnitts stand die Frage, ob der MenschMensch überhaupt wissen könne, wie es um das Transzendente bestellt ist, oder ob seine Wissensmöglichkeiten auf den immanenten Bereich des sinnlich Erfahrbaren beschränkt seien. Wie sich erwiesen hat, kann der Mensch metaphysische Erkenntnissemetaphysische Erkenntnisse erlangen und um das Transzendente wissen. Mit dem apriorischen ErkennenErkennen ist der archimedische Punktarchimedische Punkt absoluter GewissheitGewissheit erreicht, an dem jeder ImmanentismusImmanentismus, jeder SkeptizismusSkeptizismus und RelativismusRelativismus scheitern muss.1
Aus dem ErkennenErkennen resultiert das WissenWissen über das Verhalten einer gegebenen Sache. Formalisiert gefasst: Erkannt wird das a-Sein oder das nicht a-Sein eines B, wodurch das Wissen um das Verhalten des B erworben wird. Quer durch von Hildebrands Schriften begegnet die Unterscheidung zwischen verschiedenen Arten des Wissens. Er zeigt auf, wie das Wissen in drei grundlegenden Formen auftreten kann: Es kann aktuellaktuell sein, so dass es das BewusstseinBewusstsein im gegenwärtigen Augenblick erfüllt, es kann potentiellpotentiell sein, so dass es aus dem GedächtnisGedächtnis in das aktuelle Bewusstsein gleichsam „zurückgeholt“ werden kann, und es kann überaktuellüberaktuell sein.
Das überaktuelle WissenWissen ist jedoch „nur hinsichtlich bestimmter Arten von Sachverhalten und Gegenständen möglich“2. Das Wissensobjekt muss von metaphysischer Bedeutung sein und „die existentiellsten und fundamentalsten Fragen betreffen, die sich auf alle Elemente einer WeltanschauungWeltanschauung beziehen“3. Selbstredend bildet es dadurch eine ständige Grundlage des Lebens, „einen kontinuierlichen Hintergrund für andere Erlebnisse“4. Mit anderen Worten, ist jedes GutGutdas Gegenstand überaktuellen Wissens, das eine solch existentielle Rolle im eigenen Leben spielt, dass ohne Kenntnis von ihm das Leben ein anderes wäre.5 „Es lebt in solcher Weise auf dem Grund unseres Geistes, dass sich jeder konkrete, aktuelle Augenblick unseres Lebens radikal ändern würde, falls wir es nicht wüssten.“6 Die Überaktualität des menschlichen Bewusstseins ist eine Tatsache, die von entscheidender Bedeutung für das Verständnis des Menschen ist.7
Zu denken ist dabei etwa an die LiebeLiebe, die sich nicht in der Gegenwart erschöpft, sondern sich über die Aktualität hinaus erstreckt. Hätte die PersonPerson nur eine Bewusstseinsart, so könnte ein Verliebter unmöglich ernsthaft seiner täglichen Arbeit nachgehen. Verfügte die Person nämlich nur über ein aktuelles BewusstseinBewusstsein, so hätte sie entweder ein aktuelles Bewusstsein vom Verliebtsein oder von der Arbeit, auf die sie gerichtet ist. Dass die Koexistenz von Verliebtsein und Arbeiten aber sehr wohl möglich ist, rührt daher, „dass nicht nur das in der Liebe gesprochene ‚WortWort‘ in seiner Gültigkeit fortdauert, dass nicht nur eine Position festgelegt wurde dem anderen Menschen gegenüber, die fortdauert, sondern dass diese StellungnahmeStellungnahme als solche fortlebt in unserer SeeleSeele“8. Und gerade weil die Stellungnahme fortlebt, weil sie „als diese identische psychisch-geistige Realität völlig lebendig in der Seele“ verbleibt, „verändert [sie] den Gesamtstatus unseres Erlebens“.9 Darum fällt das Arbeiten auch umso leichter, wenn man verliebt ist. Wie sich weiter unten noch verdeutlichen wird, kann der MenschMensch überaktuellüberaktuell in einer tieferen Schicht am WissenWissen um bestimmte Sachverhalte und Gegenstände bzw. WerteWerte und an der wertantwortenden Stellung festhalten. Auch wird sich zeigen, dass und warum die kontinuierliche Entwicklung der Person die Überaktualität voraussetzt.10
Das überaktuelle WissenWissen begegnet auch und vor allem in der ReligionReligion.11 Während die Sachverhalte und Gegenstände des überaktuellen Wissens nach von HildebrandHildebrandDietrich von „die existentiellsten und fundamentalsten Fragen betreffen, die sich auf alle Elemente einer WeltanschauungWeltanschauung beziehen“12, spricht HusserlHusserlEdmund von den „Fragen nach SinnSinn oder SinnlosigkeitSinnlosigkeit dieses ganzen menschlichen Daseins“13, welche sich in den Fragen konkretisieren nach der ErkenntnisErkenntnis, nach den Werten, nach der ethischen HandlungEthische Handlung, nach der FreiheitFreiheit, nach der UnsterblichkeitUnsterblichkeit und schliesslich nach GottGott, „der ‚absoluten‘ VernunftVernunft als der teleologischen Quelle aller Vernunft in der Welt, des ‚Sinnes‘ der Welt“14. Was dem einen die existentiellsten und fundamentalsten Fragen, das sind dem anderen die Fragen nach dem Sinn und der Sinnlosigkeit des ganzen menschlichen Daseins. Nicht nur spricht von HildebrandHildebrandDietrich von von der Religion als einer lebendigen Verbindung des Menschen mit Gott,15 dem absoluten personalen WesenWesen,16 auch für HusserlHusserlEdmund gründet der Sinn des Ganzen letztlich in der absoluten Vernunft, in Gott.
3 Die Frage nach der Erkennbarkeit der AussenweltErkennbarkeit der Aussenwelt und ihr Botschaftscharakter
Im Anschluss an die BegründungBegründung der Möglichkeit synthetischsynthetisch-apriorischen Erkennens seien zwei weitere Problemkreise diskutiert und ihre Zugehörigkeit zum philosophischen ErkennenErkennen geprüft. An erster Stelle das Problem der Erkennbarkeit der AussenweltErkennbarkeit der Aussenwelt. Dass es sich dabei um ein metaphysisches Problem handelt, darauf verweisen sowohl KantKantImmanuel als auch der sogenannte Wiener KreisWiener Kreis1. KantKantImmanuel sprach von einem „Skandal der Philosophie und allgemeinen Menschenvernunft, das Dasein der Dinge ausser uns […] bloss auf Glauben annehmen zu müssen, und, wenn es jemand einfällt es zu bezweifeln, ihm keinen genugtuenden BeweisBeweis entgegenstellen zu können“2. Der Wiener Kreis wiederum vertrat in seiner antimetaphysischen Einstellung die Auffassung, dass die Aussagen über Realität oder Nichtrealität der Aussenwelt sinnlossinnlos, weil nicht verifizierbar seien. Als sinnvoll galten in ihrem Kreis nur die Aussagen, welche sich in empirischer Überprüfung als wahr oder falsch erweisen lassen.3
Eines ist klar: Wären alle Gegenstände der Welt nur Erscheinungen (Phänomena) im Sinne Kants, so müsste ihnen die volle ObjektivitätObjektivität abgesprochen werden. Von HildebrandHildebrandDietrich von vertritt demgegenüber die „TheseThese, dass die existentielle Rolle, die alle bedeutungsvollen Aspekte im menschlichen Universum spielen – ob sie notwendige Wesenheiten sind oder nicht –, uns davor bewahrt, sie als eine Art von TäuschungTäuschung zu betrachten“4. Ihre bedeutungsvolle BotschaftBotschaft ist einer Täuschung offensichtlich entgegengesetzt. Sei dies nun die Wahrnehmung eines Sonnenuntergangs, sei es das Verkosten der alpinen SchönheitSchönheit oder sei es die Farbenpracht der Laubbäume im Prozess des Verfärbens: Was im Frühling und im Sommer grüner Farbe war, das erscheint im Herbst in einem Gemisch von grünen, bräunlich-gelben bis rötlichen FarbenFarben, welche ihre Pracht im Sonnenglanz voll entfalten können. Was die WirklichkeitWirklichkeit vom IrrtumIrrtum, was Täuschung von objektiver, gültiger ErscheinungErscheinung trennt, ist die Frage, ob eine solche Botschaft vorliegt oder nicht. Die elektromagnetischen Wellen sind jedenfalls nicht wirklicher als die Farben, sie haben vielmehr die Funktion der Basis, auf dass Farben erscheinen können.
Von HildebrandHildebrandDietrich von weiss die Botschaftsobjektivität auf überzeugende Weise anhand des Kunstwerks zu veranschaulichen. Wenn der Künstler verschiedene Mittel verwendet, um bestimmte Wirkungen hervorzubringen, dann sind diese Wirkungen der Grund, weswegen die Mittel zu ihrer Erlangung verwendet wurden. Und gesetzt den Fall, ein Betrachter erfasste den künstlerischen Gehalt nicht, so hätte er weder das Thema noch die BotschaftBotschaft des Kunstwerks verstanden. Dieselben Unterscheidungen weiss von HildebrandHildebrandDietrich von auch im Falle einer Symphonie zu machen. Hielte man nur die Instrumente und die Bewegungen, die die Musiker ausführen, für wirklich, die Musik selber aber für ein Nebenprodukt, so wäre die ganze Ordnung der Symphonie auf den Kopf gestellt. „Die Bewegungen der Musiker sind sinnlossinnlos und lächerlich, wenn man von der Musik absieht, die hervorzubringen sie bestimmt sind. Die Musik ist raison d’être dieser Bewegungen.“5
Die Frage nach der objektiven Gültigkeitobjektive Gültigkeit einer ErscheinungErscheinung erhält ihr besonderes Gewicht, wenn die Welt als SchöpfungSchöpfung Gottes und der MenschMensch als Herr der Schöpfung verstanden werden. Dann enthalten viele Dinge dieser Welt eine BotschaftBotschaft Gottes an die Menschen. „Botschaft bedeutet hier den gottgegebenen oder gottgewollten Aspekt eines Gegenstandes der NaturNatur.“6 An dieser Stelle ist jedoch nicht der Botschaftscharakter gewisser Erscheinungen in der Welt thematisch, davon wird weiter unten die Rede sein,7 sondern die Frage nach der Begründbarkeit der objektiven ExistenzExistenz der Aussenwelt. Um diese zu begründen, greift von HildebrandHildebrandDietrich von auf das SollenSollen zurück. Nicht auf das moralische Sollen, sondern auf das Sollen im Sinne des So-erscheinen-Sollens. So kann er sagen: „Die Berge sollen aus der Ferne blau aussehen, ebenso wie in einem Gemälde die Perspektive den Eindruck des Raumes geben oder der Kontrast gewisse FarbenFarben mehr hervortreten lassen soll.“8 Desgleichen, wenn ein NaturwissenschaftlerNaturwissenschaftler lehren würde, dass der Himmel in WirklichkeitWirklichkeit nicht blau, sondern schwarz sei. Dann wäre es falsch, die schwarze Farbe für objektiver und authentischer zu halten und die blaue Farbe zu einem blossen ScheinSchein zu erklären. „Die blaue Farbe des Himmels hat einen voll objektiven Charakter. Er soll so aussehen. Dies ist ein tiefes, bedeutsames Element in einer Weltsicht, die klassisch menschlich, aber gerade deshalb gültiger ist.“9
Ebenso verhält es sich mit der FormForm des Himmels als eines Gewölbes mit horizontaler und vertikaler Dimension. Auch sind die Kategorien von oben und unten kein blosser ScheinSchein, denen in der WirklichkeitWirklichkeit kein Platz zukommt. Wo der Empirist John LockeLockeJohn auf die sekundären Sinnesqualitäten gestossen ist – d.h. auf Vorstellungen, bei denen in den Körpern nichts existiert, was ihnen gleich wäre –, sie aufgrund seines immanenten Weltbildes aber nicht angemessen zu verstehen vermochte, da bezeichnet von HildebrandHildebrandDietrich von oben und unten als „Analogien zu zwei fundamentalen metaphysischen Kategorien“10. Selbst wenn der NaturwissenschaftlerNaturwissenschaftler mit seiner Behauptung Recht hat, die Kategorien von oben und unten hätten in der Aussenwelt keine Bedeutung, so tut das der Tatsache dennoch keinen Abbruch, dass oben und unten objektive Elemente der Wirklichkeit sind. Denn die Aussenwelt soll sich dem Menschen so darbieten, wie sie ihm erscheint. Was von HildebrandHildebrandDietrich von einerseits in der Intention des Schöpfers gründen und ihn andererseits vom humanen Aspekt der Aussenwelthumane Aspekt der Aussenwelt sprechen lässt. Doch deduziert von HildebrandHildebrandDietrich von den humanen Aspekt, das Für-den-Menschen-so-aussehen-SollenSollen nicht von dem Glauben an die SchöpfungSchöpfung, vielmehr wird er unmittelbar erfasst. „Jedoch leuchtet er in besonderer Klarheit auf, wenn wir ihn im Lichte der Schöpfung betrachten.“11
Wenn die ExistenzExistenz der Aussenwelt für KantKantImmanuel nur aufgrund eines gläubigen Fürwahrhaltens angenommen, welches selbst von keinem stützenden BeweisBeweis getragen werden kann, und wenn die Mitglieder des Wiener Kreises die Aussagen über Realität oder Nichtrealität der Aussenwelt als sinnlossinnlos erachten, weil sie empirisch nicht überprüft werden können, dann stellen von Hildebrands Argumente für die objektive Existenz der Aussenwelt einen existentiell begründeten Kontrapunkt dar. Der Botschaftscharakter bestimmter humaner Aspekte der Aussenwelt liess ihn vor dem Hintergrund einer objektiven, in ihrer Existenz vom menschlichen GeistGeist unabhängigen und für ihn auch erkennbaren WirklichkeitWirklichkeit zu der EinsichtEinsicht in die Gültigkeit und Realität der Aussenwelt gelangen.
4 Zusammenfassung
Kann der MenschMensch wissen, wie es um das Transzendente bestellt ist, oder sind seine Wissensmöglichkeiten auf den immanenten Bereich des sinnlich Erfahrbaren beschränkt?, war die leitende Frage dieses Abschnitts. Die Beantwortung dieser Frage ist für den Menschen in vielen Hinsichten entscheidend, was sich vordringlich an dem in der Einleitung besprochenen Problem der SinnlosigkeitSinnlosigkeit erweist, welche ihren Grund gerade in einem Mangel an TranszendenzTranszendenz zu erkennen gibt, die als SelbsttranszendenzSelbsttranszendenz zur „Essenz menschlicher ExistenzExistenz“1 gehört. Auch können die religiösen Aussagen und Überzeugungen nur unter der Voraussetzung kognitiv gerechtfertigt werden, dass das, was den empirischen Bereich transzendiert, ein Gegenstand des Erkennens und des Wissens sein kann.
Auf der Basis der in diesem Abschnitt erörterten kopernikanischen Wende Immanuel Kants, kann diese Möglichkeit jedenfalls nicht begründet werden. Denn diese Wende beinhaltet, dass nicht der MenschMensch in seinem ErkennenErkennen sich nach den Gegenständen richtet, sondern die Gegenstände nach dem Menschen. Was bei der „Entdeckung“ einer NotwendigkeitNotwendigkeitsubjektive in der Erfahrung nichts anderes besagt, als dass der VerstandVerstand diese in den Gegenstand hinein gelegt hat. Auf dieser epistemologischen Grundlage ist ihm das Transzendente kein Gegenstand des Wissens, ja kann es konsequenterweise auch nicht sein, vielmehr hält er die Vernunftbegriffe, sofern sie konstitutivkonstitutiv verwendet werden, für Hirngespinste.2 Gegen den daraus resultierenden SkeptizismusSkeptizismus und RelativismusRelativismus, den NietzscheNietzscheFriedrich und KleistKleistHeinrich von schmerzlich empfunden und zur Sprache gebracht haben, begründet von HildebrandHildebrandDietrich von den erkenntnismässigen Überstieg über die Grenze der ImmanenzImmanenz in erster Linie durch seine Aufdeckung der Vieldeutigkeit des Begriffs der Erfahrung.3 Wenn gemeinhin angenommen wurde, in der Erfahrung liege keine NotwendigkeitNotwendigkeitsubjektive, so beschränkte man sich auf die Sinneserfahrung, in der tatsächlich keine NotwendigkeitNotwendigkeitsubjektive und damit auch keine absolute GewissheitGewissheit zu finden ist. Von HildebrandHildebrandDietrich von vermochte jedoch nachzuweisen, dass die NotwendigkeitNotwendigkeitsubjektive auch und gerade in der Erfahrung gegeben sein kann. Wenn auch nicht in der Erfahrung des Daseins, so aber in der Erfahrung des Soseins. Auf der Grundlage der Unterscheidung dreier grundsätzlich verschiedener Soseinsarten, vermochte er diejenige Soseinsart zu isolieren, die in ihrem Verhalten apriorische Erkenntnisse ermöglicht. Es sind dies die EinheitenEinheitenchaotische, zufällige, morphische mit einem in sich notwendigen SoseinSosein, deren Verhalten von innen her verstanden und mit einer absoluten Gewissheit erkannt werden kann.4
Bei der ErkenntnisErkenntnis eines notwendigen Sachverhalts wird die ImmanenzImmanenz des eigenen Bewusstseins ebenso überschritten wie der Bereich des sinnlich Wahrnehmbaren. Als Kriterium für die Tatsächlichkeit der TranszendenzTranszendenz in der Erkenntnis fungiert die Unerfindbarkeit des Erkannten, denn was innerlich notwendig und höchst intelligibelintelligibel ist, kann unmöglich eine subjektive ErfindungErfindung oder eine ErscheinungErscheinung sein. Einen anderen Weg zur Transzendenz als denjenigen über die absolut gewisse Erkenntnis von höchst intelligiblen und wesensnotwendigen Sachverhalten hat von HildebrandHildebrandDietrich von mittels der Erkenntnis der eigenen ExistenzExistenz gewiesen. Auf diesem Weg wird durch die absolut gewisse Erkenntnis der eigenen PersonPerson ebenfalls die Bewusstseinsimmanenz gesprengt und das TranszendierenTranszendieren zu einer objektiven Realität garantiert.5 Womit begründet wurde, dass der MenschMensch die Grenze zwischen dem Sinnlichen und dem Übersinnlichen, zwischen dem Physischen und dem Metaphysischen zu übersteigen vermag.
II DIE ERKENNTNIS GOTTES
Durch die BegründungBegründung der Möglichkeit, den empirischen Wirklichkeitsbereich zu transzendieren und metaphysische Erkenntnissemetaphysische Erkenntnisse erlangen zu können, ist die Voraussetzung geschaffen, um zumindest einige der zentralen religiösen Aussagen und Überzeugungen auf ihre Vernünftigkeit hin untersuchen zu können. „Vernünftig“ wird hier im Sinne einer Abgrenzung von religiösen ÜberzeugungenÜberzeugungenreligiöse verwendet, die berechtigterweise zu kritisieren sind, wie XenophanesXenophanes (570–475 v. Chr.) dies zu seiner Zeit bereits getan hatte.
XenophanesXenophanes kritisierte die anthropomorphen (gr. ἄνθροπος – MenschMensch, μορφή – FormForm) Göttervorstellungen der alten Mythen. „Alles haben den Göttern Homer und Hesiod angehängt, was nur bei Menschen Schimpf und Tadel ist: Stehlen und Ehebrechen und einander Betrügen.“6 „Die Äthiopen behaupten, ihre Götter seien stumpfnasig und schwarz, die Thraker, blauäugig und rothaarig.“7 „Doch wenn die Ochsen und Rosse und Löwen Hände hätten oder malen könnten mit ihren Händen und Werke bilden wie die Menschen, so würden die Rosse rossähnliche, die Ochsen ochsenähnliche Göttergestalten malen und solche Körper bilden, wie jede Art gerade selbst ihre Form hätte“8.
Die erhalten gebliebenen Fragmente sprechen allerdings nicht nur von einem XenophanesXenophanes, der die auf ihn gekommenen religiösen Aussagen und Überzeugungen kritisierte. Von ihm wird auch ein SatzSatz überliefert, mit dem er zum MonotheismusMonotheismus zu tendieren und das Problem der Erkennbarkeit des transzendenten Gottes anzudeuten scheint: „Ein einziger GottGott, unter Göttern und Menschen am grössten, weder an Gestalt den Sterblichen ähnlich noch an Gedanken.“9 „Gott ist ganz Auge, ganz GeistGeist, ganz Ohr.“10 „Stets aber am selbigen Ort verharrt er, sich gar nicht bewegend, und es geziemt ihm nicht hin- und herzugehen bald hierhin bald dorthin.“11
1 Der kosmologische GottesbeweisGottesbeweis und das apriorische ErkennenErkennen
Während Kants skeptisch-agnostische Erkenntnismethode den Zugang zur GotteserkenntnisGotteserkenntnis versperrt, begründet das apriorische ErkennenErkennen den Zutritt zur Welt der ObjektivitätObjektivität, bis hin zur „ErkenntnisErkenntnis der ExistenzExistenz Gottes“1. Die „höchste Stufe“ des philosophischen Erkennens „ist die EinsichtEinsicht in die Existenz des absoluten personalen Wesens, von dem alles Seiende geschaffen ist, das von allem Seienden abgebildet wird, auf das alles Seiende hingeordnet ist“.2 Wie von HildebrandHildebrandDietrich von wiederholt zum Ausdruck bringt, könne man GottGott „schon auf natürlicher Ebene mit absoluter GewissheitGewissheit erkennen“3, und zwar „auf Grund der GottesbeweiseGottesbeweise“4. Doch aufgrund welcher Gottesbeweise soll das zentralmetaphysische Problem der Existenz Gottes gelöst werden? In Anbetracht der Erkenntnismethode, die von HildebrandHildebrandDietrich von herausgearbeitet hat, ist man zu der Annahme gedrängt, er beziehe sich auf den sogenannten ontologischen Gottesbeweisontologischer Gottesbeweis. Denn nach diesem Gedankengang soll Gottes Existenz aus seinem SoseinSosein erkannt werden. Diese Annahme ist allerdings irrig, wie den folgenden Sätzen zu entnehmen ist: „Eine notwendige reale Existenz gibt es nur bei dem absolut Seienden, bei Gott. Und selbst da können wir sie nicht aus der Wesenheit Gottes allein erkennen.“5 Im weiteren Verlauf dieser Untersuchung wird sich jedoch erweisen, dass von HildebrandHildebrandDietrich von allen Grund gehabt hätte, das ontologische ArgumentArgument ausdrücklich als gültig zu betrachten. Nichtsdestotrotz vertritt er die Auffassung, dass „die höchste Frage jeglichen realen Existierens“ durch philosophische Erkenntnis beantwortet werden könne.6
Wie aber GottGott erkennen, da er „in unserer natürlichen Erfahrung nicht gegeben“7 ist? Die Möglichkeit, Gott auf philosophische Weise zu erkennen, sieht von HildebrandHildebrandDietrich von mit den traditionellen und klassischen Gottesbeweisen gegeben, vor allem den kosmologischen.8 „Kosmologisch“ bezieht sich in diesem Zusammenhang auf eine Gruppe von Argumenten, die nicht wie im Falle des ontologischen Arguments apriorisch vorgehen, sondern aposteriorisch, d.h. ihren Ausgang von Erfahrungen der KontingenzKontingenz nehmen. Traditionell und klassisch wiederum sind die bekannten fünf Wege (quinque viae) des Thomas von AquinThomas von Aquin zu nennen, mit denen er in punkto GottesbeweiseGottesbeweise die Antike und das Mittelalter zusammenfasste und einen Höhepunkt markierte.9 Um von Hildebrands Prinzipien zu verdeutlichen, sei in der Folge der dritte Weg (tertia via) erörtert, der sich alleine schon wegen den im letzten Abschnitt thematisierten Soseinseinheiten nahe legt.
Vorweg allerdings eine Bemerkung zur Begrifflichkeit. Unter welchen Voraussetzungen ist es angemessen, die Gedankenreihe bis zur ErkenntnisErkenntnis des Daseins Gottes einen BeweisBeweis zu nennen, und wann wird diese Gedankenreihe besser als ein ArgumentArgument bezeichnet? Nach der klassischen DefinitionDefinition des AristotelesAristoteles, ist ein Beweis eine SchlussfolgerungSchlussfolgerung aus notwendigen Prämissen (ἐξ ἀναγκαίων ἄρα συλλογισμός ἐστιν ἡ ἀπόδειξις10). Notwendig nennt er die Prämissen, weil man „erfassen [muss], aus welchen und wie beschaffenen Prämissen die Beweise hervorgehen“11. Denn da die WissenschaftWissenschaft sich darauf richtet, was „sich nicht anders verhalten kann, dürfte das aufgrund der beweisenden Wissenschaft Erkennbare notwendig sein“12. Eine Schlussfolgerung besteht dabei aus mehreren Urteilen und mindestens einem Folgerungsbegriff. Die Urteile, aus denen gefolgert wird, nennt man Prämissen, das UrteilUrteil, das aus den anderen gefolgert wird, KonklusionKonklusion. Und da die Urteile selbst wiederum aus Begriffen bestehen, enthält notwendig auch die Folgerung Begriffe. Nicht mehr und nicht weniger als drei Begriffe kommen darin vor: ein Ober-, ein Unter- und ein Mittelbegriff. Das Eigentliche der Folgerung ist der Mittelbegriff, der den Ober- und den Unterbegriff verbindet, so dass die Schlussfolgerung aus den Prämissen hervorgeht. Mit einem Beispiel: Alle Menschen sind sterblich (Oberbegriff), SokratesSokrates ist ein MenschMensch (Mittelbegriff), also ist Sokrates sterblich (Unterbegriff bzw. Konklusion). In einer gültigen deduktiven Schlussfolgerung (Ableitung des Besonderen aus dem Allgemeinen) bewahrt die Konklusion die WahrheitWahrheit der Prämissen mit NotwendigkeitNotwendigkeitsubjektive auf.13 Von da her setzt der genuin philosophische Beweis voraus, dass die Prämissen in ihrer Wahrheit und die Gültigkeit der SchlussformGültigkeit der Schlussform erkannt werden.14 Auch ein Argument kann im Übrigen ein Beweis sein, es kann aber auch eine BegründungBegründung sein, die nicht auf evidenten Prämissen beruht und die Konklusion nicht mit GewissheitGewissheit erkennen lässt, sondern nur plausibel macht.15
Und weil dem BeweisBeweis nur wenige zustimmen, verliert er seinen Charakter echt objektiver ErkenntnisErkenntnis trotzdem nicht. Denn sobald die SchlussfolgerungSchlussfolgerung einen Bezug zum eigenen Leben hat, was in der ReligionReligion genauso der Fall ist wie in verschiedenen anderen Gegenstandsbereichen auch, die die eigene WeltanschauungWeltanschauung betreffen, setzt die Erlangung der EinsichtEinsicht eine sachlich angemessene Haltung voraus.16 Da diese Haltung aber frei eingenommen wird, kommt es verständlicherweise weder zu einer von jeder PersonPerson erlangten Erkenntnis noch zu einer allgemeinen ZustimmungZustimmung; OttoOttoRudolf MuckMuckOtto bezeichnete die so erlangte GewissheitGewissheit treffend als freie Gewissheit17.
Bei seinem Versuch, für das Dasein Gottes zu argumentieren, geht Thomas von AquinThomas von Aquin von dem Unterschied zwischen dem möglichen und dem notwendigen Sein aus. Seinen Ausgang nimmt er bei dem, „was dem Entstehen und Vergehen unterworfen ist“, was ebenso gut sein wie nicht sein kann. Dazu gehören die oben genannten zufälligen und die morphischen EinheitenEinheitenchaotische, zufällige, morphische. Nun kann aber nicht alles in den Bereich der Dinge fallen, die auch nicht sein können, „denn das, was möglicherweise nicht ist, ist irgendwann einmal auch tatsächlich nicht da oder nicht da gewesen“. Da das mögliche Sein aber eine offensichtliche und allgegenwärtige Realität ist, muss es einen Anfang genommen haben „durch etwas, was bereits ist“. Denn gab es überhaupt kein Sein, „dann war es auch unmöglich, dass etwas anfing zu sein, und so wäre auch heute noch nichts da“, was offenbar falsch ist. Also kann nicht alles dem Bereich der Dinge zugehören, die ebenso gut sein wie nicht sein können. Es muss etwas geben, das keine Möglichkeit hat, nicht zu sein, mit anderen Worten: das notwendig ist. „Alles notwendige Sein aber hat den Grund seiner NotwendigkeitNotwendigkeitsubjektive entweder in einem anderen oder nicht in einem anderen, sondern in sich selbst.“ Bei den oben behandelten notwendigen Soseinseinheiten oder Wesenheiten handelt es sich in diesem Sinne um Notwendigkeiten, die den Grund ihrer NotwendigkeitNotwendigkeitsubjektive in einem anderen haben. Aufgrund der Unmöglichkeit eines Regresses ins Unendliche, „müssen [wir] also ein Sein annehmen, das durch sich notwendig ist und das den Grund seiner NotwendigkeitNotwendigkeitsubjektive nicht in einem anderen Sein hat, das vielmehr selbst der Grund für die NotwendigkeitNotwendigkeitsubjektive aller anderen notwendigen WesenWesen ist“. Dieses Sein aber, das den Grund seiner NotwendigkeitNotwendigkeitsubjektive in sich selbst hat, „wird von allen ‚GottGott‘ genannt“.18
Handelt es sich bei dieser ErkenntnisErkenntnis von Gottes realem Dasein nun um eine apriorische Erkenntnis? Dietrich von HildebrandHildebrandDietrich von differenziert: Zwar sei die ExistenzExistenz Gottes in sich absolut notwendig, doch sei ihre Erkenntnis nicht apriorisch, sie könne vielmehr „nur durch die Erkenntnis eines endlichen Seienden erkannt werden“19. Doch obwohl die Erkenntnis der Existenz Gottes quoad nos kontingentkontingent sei, sei die Erkenntnis trotzdem „nicht empirisch im gewöhnlichen SinnSinn des Wortes“20. Und zwar ist die Erkenntnis der Existenz Gottes darum nicht empirisch, weil sie nicht auf induktivem Weg erlangt wird. Den Ausgangspunkt bildet die RealkonstatierungRealkonstatierung irgendeines kontingenten Seienden. Der Rückschluss auf GottGott basiert sodann „auf dem Wesenszusammenhang, dass jedes endliche kontingent Seiende einer UrsacheUrsache für seine Existenz bedarf“21. Wie auch Thomas verstanden hat, „ist die Annahme einer unendlichen extramundanen Ursache unbedingt notwendig“22, denn jede Angabe einer endlichen Ursache würde das Problem nur verschieben und letztlich an der Unmöglichkeit eines regressus in infinitumregressus in infinitum scheitern.
In diesem SinnSinn ist der Schluss von einem kontingenten Seienden auf die ExistenzExistenz eines unendlichen Gottes eben gerade nicht induktiver NaturNatur, denn er geht nicht von möglichst vielen BeobachtungenBeobachtungen aus und erreicht auch nicht nur den Gewissheitsgrad höchster Wahrscheinlichkeit. „Er ist vielmehr lückenlos und stringent und steigt auf Grund eines apriorischen Wesenszusammenhanges zu der conclusio auf. So zeigt sich auch, inwiefern die ErkenntnisErkenntnis „nicht empirisch im gewöhnlichen Sinn des Wortes“23 ist. Empirisch ist nur die erste Prämisse der Realexistenz eines kontingenten Seienden. „Legt man in dieser Prämisse die Realexistenz des eigenen Selbst, das im cogito gegeben ist, zugrunde, so hat man sogar eine absolut gewisse RealkonstatierungRealkonstatierung, und die Erkenntnis des absolut Seienden erreicht dieselbe Erkenntnisdignität wie apriorische Sachverhalte“; diesen SatzSatz fasst er noch exakter, indem er beifügt: „wenigstens in Bezug auf die Gewissheitsstufe“.24
Bei den übrigen thomasischen Argumentationsgängen25 verhält es sich ebenso: nicht von aussen, sondern von innen her wird der SachverhaltSachverhalt der notwendigen ExistenzExistenz Gottes erkannt. Obzwar nicht apriorisch – im Sinne der absolut gewissen ErkenntnisErkenntnis des im WesenWesen Gottes gründenden Sachverhalts der notwendigen Existenz –, so dennoch aufgrund des apriorischen Wesenszusammenhangs, dass jedes endliche kontingentkontingent Seiende einer UrsacheUrsache für seine Existenz bedarf. Und damit von der Konstatierung eines endlich Seienden letztlich zu dessen unendlicher Ursache. Dabei, so von HildebrandHildebrandDietrich von, werde dieselbe Gewissheitsstufe erreicht wie bei der Erkenntnis apriorischer Sachverhalte.
Dass er sich des freien Beitrags der PersonPerson bewusst war, den die Erlangung dieser ErkenntnisErkenntnis bedingt, hat er in seinen Schriften wiederholt gezeigt. Was schliesslich das ArgumentArgument von der Unmöglichkeit eines unendlichen Regresses betrifft, so reicht auch dieses nur in dem Masse hin, in dem die Person ihren freien Beitrag geleistet hat, denn im Sinne einer potentiellen UnendlichkeitUnendlichkeit ist der unendliche Regress ja keine Denkunmöglickeit.
2 Die UrsacheUrsache des PersonPerson-Seins
Einen ähnlich gelagerten Gedankengang teilte von HildebrandHildebrandDietrich von einst Karla MertensMertensKarla (1913–2005) mit, die ihn während der Zeit seiner Privatdozentur in München (1918–1933) kennen gelernt, zahlreiche seiner Schriften ins Deutsche übersetzt und herausgegeben hat und über Jahre Präsidentin der von ihr und Balduin SchwarzSchwarzBalduin (1902–1993) gegründeten Dietrich-von-HildebrandHildebrandDietrich von-Gesellschaft war. Für ihn, so von HildebrandHildebrandDietrich von anlässlich dieses Gesprächs, „sei die Tatsache, dass PersonPerson-Sein die vollkommenste Stufe des Wirklichen überhaupt ist, der überzeugendste Erweis dafür, dass Urgrund und Ursprung der SchöpfungSchöpfung nur ein personaler GeistGeist sein könne“1. Etwas ApersonalesApersonales „könne nach allen Regeln der KausalitätKausalität nicht die UrsacheUrsache von etwas Höherem, Vollkommenerem sein“2. Unabweislich folge aus dem WesenWesen der Person, wie es im Menschen wahrgenommen werden könne, „dass das höchste Sein – GottGott – Person sein müsse“3. „Ein anschaulicherer und einleuchtenderer GottesbeweisGottesbeweis lässt sich meines Erachtens kaum denken“4, wie Karla MertensMertensKarla diese von Hildebrandsche Gedankenfolge kommentiert und beurteilt.
Von HildebrandHildebrandDietrich von bezeichnete den Unterschied zwischen dem Apersonalen und dem Personalen als den „grösste[n] innerhalb des Seienden“5. Wie weiter oben bereits erwähnt und anhand von Pascals denkendem Schilfrohr veranschaulicht wurde, kommt der menschlichen PersonPerson eine metaphysische Existenzweise zu. Bei der philosophischen Erörterung der menschlichen Person „gelangen wir in das Herzstück der MetaphysikMetaphysik“6. Die menschliche Person „ist ein bewusstes, ein Ich besitzendes, in sich zusammengehaltenes, sich selbst besitzendes, freies WesenWesen“7. Sie ist „die eigentlichste SubstanzSubstanz“8, „die höchste FormForm des Substantiellen überhaupt“, denn bei ihr findet „der Charakter des Individuums und der ‚Welt für sich‘ seine höchste, prototyphafte Ausprägung“.9 Das Sein der Person ist „wesentlich von allen anderen Seinsarten unterschieden als bewusstes, von innen durchleuchtetes Sein“10. Auch für René DescartesDescartesRené „ist es vermöge der natürlichen EinsichtEinsicht offenbar, dass zum mindesten ebensoviel Realität in der gesamten wirkenden UrsacheUrsache (causa efficiens) vorhanden sein muss, wie in der WirkungWirkung eben dieser Ursache“11. Die Behauptung, das ApersonaleApersonaledas könne Ursache des Personalen sein, widerspricht dieser natürlichen Einsicht, wie überdies auch dem logischen Grundsatz vom zureichenden Grundzureichender Grund.12 Denn zureichend ist der Grund nur dann, wenn er den vollen Behauptungsgehalt des Urteils stützt, wenn sonst nichts weiter erforderlich ist, um das UrteilUrteil wahr zu machen. Dass aber das ApersonaleApersonaledas den zureichenden Grundzureichender Grund gerade nicht enthält, um die genannte Behauptung zu stützen, das ApersonaleApersonaledas könne Ursache des Personalen sein, ist evident.
Von HildebrandHildebrandDietrich von machte in dem Zusammenhang auch auf das Vorurteil aufmerksam, „dass man von dem ontologisch Niedrigeren aufsteigen müsse zu dem Höheren, um das Höhere zu verstehen“13. Ebenso hat er auf die Tendenz hingewiesen, „etwas als umso unbezweifelbarer anzusehen, je niedriger es ontologisch steht“14, ja dass „unsere ErkenntnisErkenntnis eines Seienden umso gewisser sei, je niedriger dieses metaphysisch steht“15. Das metaphysisch höher Stehende wird dabei à la baisse (von unten) zu verstehen gesucht, währenddem ihm einzig die Erklärung à la hausse (von oben) Genüge tut. Von da her ist die menschliche PersonPerson nicht nach dem Muster apersonalen Seins zu verstehen,16 sondern einzig nach ihrer Gottebenbildlichkeit, nur von GottGott her lässt die menschliche Person sich angemessen verstehen.
3 GottGott als Inbegriff aller WerteWerte
Die ExistenzExistenz Gottes kann „auf Grund der GottesbeweiseGottesbeweise mit absoluter GewissheitGewissheit eingesehen werden“1. Wenn von HildebrandHildebrandDietrich von beim Dasein Gottes von Beweisen spricht, wovon spricht er dann beim SoseinSosein? Kann das Sosein Gottes mit einer ebensolchen Gewissheit eingesehen werden wie sein Dasein? Beim Sosein Gottes spricht von HildebrandHildebrandDietrich von nicht von Beweisen, sondern von HinweisenHinweise. Er spricht von einem „Über-sich-Hinausweisen der WerteWerte“2, von einem HinweisenHinweise auf den höchsten Wert, auf den Inbegriff aller WerteInbegriff aller Werte,3 auf GottGott. Im Nachlass findet sich zudem eine Stelle, an der von HildebrandHildebrandDietrich von Gott auch als absoluten Wert bezeichnet.4 Zwar ermöglichen die Werte keinen ebenso stringenten GottesbeweisGottesbeweis wie den auf der KontingenzKontingenz der geschaffenen Dinge fussenden, doch sie sind zumindest ein Ausgangspunkt „für eine Bewegung auf Gott zu, ein Fingerzeig, ein Hinweis auf Gott“5. Gott, wie einer anderen Stelle aus dem erwähnten Nachlass zu entnehmen ist, ist das „absolut vollkommene, die letzte Realität, in der sich alles erfüllt, was an Wert hier erfasst wird“6.
3.1 Das Seiende und der Wert
Doch was sind WerteWerte? Eine allgemeine WertlehreWertlehre entwickelt von HildebrandHildebrandDietrich von im ersten Teil seines Werkes Christliche EthikEthik,1 wo er die Werte als Urgegebenheiten charakterisiert, die nicht auf etwas anderes zurückführt oder von etwas anderem abgeleitet und nur „in einer originären IntuitionIntuition erfasst werden“2 können.3 Bei den Werten stösst man auf ein Letztes, bei dem die Frage nach dem Warum völlig unsinnig ist,4 die zudem nicht geleugnet werden können, ohne stillschweigend wieder eingeführt zu werden.5 Denn wenn immer es in einer Diskussion um „besser“ oder „schlechter“ geht, wäre diese Diskussion sinnlossinnlos, wenn es keine objektiven Werte gäbe. Dann wäre das ErkennenErkennen der WahrheitWahrheit weder besser als der IrrtumIrrtum noch die LiebeLiebe besser als der HassHass. Wenn die ExistenzExistenz der Werte in relativistischer Manier geleugnet wird, wird damit nur die behauptete Nichtexistenz der Werte in den Rang eines Wertes erhoben bzw. der Wert stillschweigend wieder eingeführt. Beim Wert handelt es sich um eine jener grundlegenden TatsachenTatsachen, die man in dem Moment, in dem man sie leugnet, wieder voraussetzt. Was sich weiter oben bei Denkern wie NietzscheNietzscheFriedrich oder SartreSartreJean-Paul zeigte, die den Werten ihren objektiven Rang absprechen, und indem sie sie auf den setzenden WillenWillen der Menschen zurückführten, sie stillschweigend wieder eingeführt haben.
Die WerteWerte „transzendieren den Bereich unseres eigenen Seins, denn sie beziehen sich auf etwas, was seine von uns unabhängige innere NotwendigkeitNotwendigkeitsubjektive hat und die letzte metaphysische Schicht berührt“6. Diese letzte metaphysische Schicht berühren die Werte insofern, als sie den Bereich des Subjektiven, des bloss für mich Wichtigen auf eine WirklichkeitWirklichkeit hin transzendieren, die in sich wichtig und bedeutsam ist.7 Hier gabeln sich gerade auch die Wege in den SinnSinn bzw. in die SinnlosigkeitSinnlosigkeit.
In seinem ethischen Hauptwerk – Christliche EthikEthik – geht es von HildebrandHildebrandDietrich von nicht nur um „den tiefsten und zentralsten Punkt im Drama des menschlichen Lebens“8, es geht ihm nicht nur um die Klärung der sittlichen Sphäre, es geht ihm auch um die „metaphysische Ortsbestimmung der WerteWerte“9. Mit dem BegriffBegriff des Wertes ist eine Realität angesprochen, mit der von HildebrandHildebrandDietrich von sich von seinen ersten bis zu seinen letzten Schriften beschäftigt hat. Die Beziehung, in der die Werte und das Seiende zueinander stehen, „gehört zu den fundamentalsten Problemen der MetaphysikMetaphysik“10. Sie wurzelt in den Begriffen von gut (bonum) und schlecht (malum), welche die Eigenschaft eines Seienden bezeichnen, „die es befähigt, unseren WillenWillen zu motivieren oder eine affektive AntwortAntworttheoretische in uns hervorzurufen“11. Das Besondere dieser motivierenden Kraft nennt er – als Antithese zur Neutralität oder Indifferenz – BedeutsamkeitBedeutsamkeit. In Abhebung von Max Schelers Wertvorstellung,12 differenziert er die Bedeutsamkeit in drei grundsätzlich verschiedene Kategorien. Einerseits grenzt er den Wert ab, dem die Bedeutsamkeit objektiv, in sich und unabhängig von seinem Bezug zu anderen Seienden und damit auch zum Menschen zukommt. Sodann die Bedeutsamkeit des objektiven Gutes für die PersonPerson. Diese Bedeutsamkeit kommt demjenigen zu, was dem Menschen in legitimer Weise nützt oder ihn fördert. Als dritte Bedeutsamkeitskategorie unterscheidet von HildebrandHildebrandDietrich von das bloss subjektiv Befriedigende oder Angenehme bzw. das Unbefriedigende oder Unangenehme, wozu er all das rechnet, was unter dem Aspekt des ichbezogenen Vergnügens, der LustLust, der Befriedigung der Begierden usw. erstrebt wird.13
In dem Zusammenhang der BedeutsamkeitBedeutsamkeit bzw. des Guten weist er die traditionelle Auffassung zurück, das GuteGutedas und das Seiende seien identische Begriffe (bonum et ens convertuntur14).15 „Wenn wir wissen, dass es wirklich existiert, wissen wir damit noch nicht notwendig, ob es ein GutGutdas oder ein ÜbelÜbel ist.“16 Wohl gibt es einen allgemeinen Wert des Etwas-Seins, der dem Seienden als solchem eigen ist. Doch handelt es sich dabei nur um den Gegensatz zum Nichtseienden, noch vor jedem Bezug auf die spezifische Artung seines Wesens und So-Seins. Auch wenn jedes Seiende einen wenngleich nur formalen Wert besitzt, geht es nach von HildebrandHildebrandDietrich von trotzdem an, bestimmte Seiende als neutral oder indifferent zu bezeichnen. „Solange ein Seiendes keinen qualitativen und keinen ontischen Wert hat (oder doch nur einen so geringen, dass er gleichsam eine quantité négligeable bleibt), ist es wirklich in einem gewissen SinnSinn neutral.“17 Obzwar es also einen formalen Wert gibt, der dem Seienden als solchem eignet, muss dieser nichtsdestotrotz von den qualitativen und den ontischen Werten abgegrenzt werden. Denn bei ihnen geht es nicht mehr nur um ein inhaltsloses Etwas-Sein, sondern um ein inhaltlich gefülltes So-Sein. Es geht nicht um den formalen Gegensatz zum Nichtsein, sondern um die in einem bestimmten Seienden ruhende Bedeutsamkeit. Es geht um Seiende, bei denen das In-sich-selbst-bedeutsam-Sein „geradezu das Mark des SinngehaltesMark des Sinngehaltes“18 bildet. Wenn damit auch „ein ganz zentrales Wesensmerkmal des Wertes“ getroffen ist, so ist es dennoch „nicht alles, was das WesenWesen des Wertes ausmacht“.19 Das lässt sich an der folgenden Gliederung in verschiedene WertfamilienWertfamilien ermessen.
3.2 Die WertfamilienWertfamilien
Während der ontische Wert1 – wie ihn etwa eine Pflanze oder ein Tier besitzen – dem Seienden immanent ist, „ist zur Verwirklichung qualitativer WerteWerte unsere Mitarbeit erforderlich“2. Der Unterschied zwischen den ontischen und den qualitativen Werten lässt sich auch am komplexen WesenWesen der menschlichen PersonPerson verdeutlichen. Während der ontische Wert der menschlichen Person „diesem Seienden als solchem eigen“ ist und er ihn besitzt, sobald er existiert, können die sittlichen Werte beispielsweise „in einer Person oder in einem Willensakt verkörpert oder nicht verkörpert sein“.3 Die ontischen Werte unterscheiden sich von den qualitativen Werten vor allem dadurch, dass ihnen kein antithetischer Unwertantithetischer Unwert gegenübersteht, sie also keinen konträren, sondern nur einen kontradiktorischen Gegensatzkontradiktorischer Gegensatz haben. Die qualitativen Werte besitzen dagegen einen konträren Gegensatzkonträrer Gegensatz, so steht z.B. dem Wert der LiebeLiebe der konträre UnwertUnwert des Hasses gegenüber. Überdies gibt es innerhalb eines spezifisch ontologischen Wertes – wiederum im Unterschied zu den qualitativen Werten – keinerlei Abstufungen, kein Mehr-oder-Weniger.
Bei den qualitativen Werten handelt es sich nicht um einen einzelnen WerttypWerttyp, sondern um einen ganzen aus verschiedenen WertfamilienWertfamilien bestehenden WertbereichWertbereich. Die qualitativen WerteWerte unterteilen sich in sittliche, intellektuelle und ästhetische Wertfamilien. „Diese einzelnen Wertfamilien sind in erster Linie durch die NaturNatur ihres Themas voneinander abgegrenzt. Sie alle sind echte, qualitative Werte, aber sie unterscheiden sich durch ihr Thema, durch ihre qualitative Grundnote.“4 Um sittliche Wertesittliche Werte handelt es sich bei der GerechtigkeitGerechtigkeit, der WahrhaftigkeitWahrhaftigkeit, der Reinheit, der DemutDemut und dergleichen mehr. Sie stellen nach von HildebrandHildebrandDietrich von die „Achse der Welt“5 dar. Ihr WesenWesen weist verschiedene Merkmale auf, die sie eindeutig von den anderen qualitativen Werten abheben. „Das erste Hauptmerkmal der sittlichen Werte ist, dass sie notwendig eine PersonPerson voraussetzen. Ein apersonales Seiendes könnte niemals Träger sittlicher Werte sein.“6 Träger sittlicher Werte ist die Person durch ihre AntwortenAntworten auf gewisse Güter und ihren Wert.7 Da aber nicht nur sittliche Werte notwendig eine Person voraussetzen, ist ihr Wesen damit noch nicht genügend bestimmt. Es gibt verschiedene Werttypen, die ausschliesslich an Personen gebunden sind, z.B. die intellektuellen Werte. Was sie hingegen eindeutig von allen anderen personalen Werten abhebt, ist die VerantwortlichkeitVerantwortlichkeit. „Wir tadeln einen Menschen, der geizig, unrein oder ungerecht ist, aber wir legen ihm nicht zur Last, dass er etwa unbegabt und unvital ist.“8 Aus der Verantwortlichkeit erhellt, dass sittliche Werte die FreiheitFreiheit voraussetzen.
Des Weiteren eignet den sittlichen Werten eine Beziehung zum GewissenGewissen. Hierin leuchtet der Ernst der sittlichen WerteWerte besonders auf. Denn: „Nichts kann der DisharmonieDisharmonie verglichen werden, die durch das beunruhigte Gewissen ausgelöst wird.“9 Eng damit verbunden sind die Merkmale der Unerlässlichkeit10 und der „Beziehung zu Lohn und StrafeLohn und Strafe“11. Sie zu besitzen ist schliesslich „ein grösseres GutGutdas für die PersonPerson als irgendwelche andere Werte“12. Aus diesen Merkmalen der sittlichen Werte lässt sich entnehmen, weswegen von HildebrandHildebrandDietrich von sagen kann: „Sie sind die wichtigsten, die zentralsten, in ihnen gipfelt die Herrlichkeit aller Werte.“13
Nebstdem gibt es gewisse WerteWerte, die von HildebrandHildebrandDietrich von in seiner frühen Phase als intellektuelle bezeichnete. Wenn er später davon abging, dann nicht, weil die frühere Verwendung falsch war, sondern weil sich nach jahrelanger harter Unterscheidungsarbeit abgezeichnet hat, dass der BegriffBegriff „intellektuelle Werte“ einfach zu weit gefasst war, zerfallen sie doch eigentlich in mehrere personale WertfamilienWertfamilien.14 Auf diese Feingliederung braucht hier aber nicht eingegangen zu werden. Die intellektuellen Werte seien allgemein wie folgt umgrenzt: Die intellektuellen Werte sind Werte des Verstandes (des Intellekts) sowie der ErkenntnisErkenntnis und des Denkens (Schliessens, Urteilens, begrifflicher Klarheit im Denken usw.). Als Exemplare dieser Wertfamilie mögen Tüchtigkeit, Witz, scharfer VerstandVerstand, geistige TiefeTiefe und Brillanz genügen, um offenbar werden zu lassen, dass eben nicht nur die sittlichen, sondern auch die intellektuellen Werte notwendig eine PersonPerson voraussetzen.
Die in der ästhetischen Familie vereinten WerteWerte sodann lassen sich entgegen dem gemeinen Verständnis des Wortes ästhetisch nicht samt und sonders als Unterarten der SchönheitSchönheit fassen. „Solange es sich um lieblich, erhaben, anmutig, sublim, poetisch handelt, ist es klar, dass sie besondere Arten der Schönheit sind.“15 Doch schon das Elegante ist keine typische Unterart des Schönen mehr, während ganz offenbar „Qualitäten wie gut gemacht, gelungen, brillant keine Unterarten der Schönheit“16 sind. Doch auch wenn es ästhetische Werte gibt, die nicht Unterarten der Schönheit sind, so ist es nichtsdestotrotz angemessen, „von der Schönheit als der ‚Königin‘ im Reich des Ästhetischen, als dem höchsten, dem ästhetischen Wert par excellence“17 zu sprechen. Die ästhetischen Werte, im Sinne der Schönheit, scheidet von HildebrandHildebrandDietrich von in die Bereiche der metaphysischen Schönheit und der Schönheit des Sicht- und Hörbaren. Letzteren Bereich unterteilt er wiederum in die Sinnenschönheit – die „Schönheit erster Potenz“ – und die geistige Schönheit – die „Schönheit zweiter Potenz“.18 Als metaphysische Schönheit gilt ihm schliesslich jene „Schönheit ausserhalb des Sichtbaren und Hörbaren […], die an geistigen Gebilden haftet, aber nicht direkt, sondern die eine Ausstrahlung anderer, diesen Gebilden primär zukommender Werte ist“19. Die ausgestrahlte Schönheit haftet also nicht an der PersonPerson als solcher, sondern die Person wird gleichsam transparent für die metaphysische Schönheit der sittlichen Werte.
Als technische oder Vollkommenheitswerte bezeichnet HildebrandHildebrandDietrich von des Weiteren einen starken WillenWillen, einen scharfen VerstandVerstand oder ein gutes GedächtnisGedächtnis. „Der Wille hat einen hohen ontologischen Wert, der gute Wille trägt einen qualitativen Wert – aber der energische, starke Wille ist Träger eines Vollkommenheitswertes.“20 Die WerteWerte dieser Familie beziehen sich auf das Ausmass der Perfektion eines ontologischen Wertes.
Von den Werten der drei genannten Familien, den ontologischen, den qualitativen und den Vollkommenheits- oder Perfektionswerten, sind die Gesamtwerte und die metaphysischen oder Sachverhaltswerte zu unterscheiden. Um Gesamtwerte handelt es sich da, wo verschiedene qualitative WerteWerte sich zu einem individuellen Gesamtwert zusammenschliessen.21 In der Familie der metaphysischen oder Sachverhaltswerte sind endlich jene beheimatet, die sich auf die reale ExistenzExistenz werttragender Güter beziehen. Wie ein Akt der GottesliebeGottesliebe „Träger des höchsten sittlichen Wertessittlicher Wert“ ist, so ist der SachverhaltSachverhalt, „dass von einem bestimmten Menschen ein Akt der Gottesliebe vollzogen wird, seinerseits Träger eines Wertes, der sich qualitativ von dem unterscheidet, der an der Gottesliebe selbst haftet. Dieser Sachverhaltswert ist kein sittlicher, sondern ein metaphysischer Wert.“22
Unbesehen der Anführung und der begrenzten Auseinanderlegung der verschiedenen WertfamilienWertfamilien bleibt zu beachten, dass es mehr Wertqualitäten gibt, „als wir Wertbegriffe haben und erst recht mehr Arten von Werten, als wir Namen dafür haben“23. Nur eine Familie oder Sphäre sei letztlich noch benannt, die für den weiteren Verlauf der Untersuchung von Bedeutung ist: die Sphäre der religiösen Wertereligiöse Werte. „Sie ist nicht nur die höchste Sphäre, sie ist auch die alles umfassende Sphäre.“24 Inwiefern es in der ReligionReligion um in sich Bedeutsames geht, erklärt sich alleine schon von da her, dass die Religion für das lebendige „Verhältnis des Menschen zu GottGott“25 steht, und Gott „der höchste Wert, der Inbegriff aller WerteInbegriff aller Werte“26 ist.27
3.3 Die WerterkenntnisWerterkenntnis
An dieser Stelle sind zwei Fragen von vordringlichem Interesse. Erstens: Können die WerteWerte auf der Basis der oben beschriebenen MethodeMethode erkannt werden? Zweitens: Inwiefern sind die Werte, die zwar keinen stringenten GottesbeweisGottesbeweis ermöglichen, dennoch „ein Fingerzeig, ein Hinweis auf GottGott“1?
Was die erste Frage betrifft, so steht es für von HildebrandHildebrandDietrich von zweifelsfrei fest, dass die WerteWerte mit einer ebensolchen absoluten GewissheitGewissheit erkannt werden können wie die notwendigen Sachverhalte, denn es besteht „eine wesenhafte Verbindung zwischen dem Wert und dem Gegenstand“2. „Wir verstehen: die ReueReue ist sittlich gut, und so muss es sein.“3 Die BedeutsamkeitBedeutsamkeit – in diesem Falle der Reue – kann nie von etwas Neutralem abgeleitet, sondern „einzig in einer originären IntuitionIntuition erfasst werden“4. Und ist er einmal erfasst, „so verstehen wir, dass er wesenhaft im SoseinSosein der Reue gründet“5. Die Relation zwischen einem Seienden und seinem Wert ist „in sich nicht empirisch und kontingentkontingent, sondern vielmehr notwendig und intelligibelintelligibel“6. „Der Wert ist in jedem SinnSinn des Wortes objektiv.“7 Ja, die Werte gehören so sehr zum Seienden, „dass sie geradezu das Mark seines Sinngehaltes bilden“8.
In seiner Habilitationsschrift SittlichkeitSittlichkeit und ethische WerterkenntnisWerterkenntnis hat von HildebrandHildebrandDietrich von das intuitive Erfassen eines Wertes spezifiziert. Er grenzt die evidente Werterkenntnis – im Sinne eines auf Sachverhalte gerichteten Erkennens – ab von einem zugrunde liegenden intuitiven Werterfassen und hält fest, dass Ersteres ohne Letzteres „nur in sehr beschränktem Masse möglich“9 sei.10 Das intuitive Werterfassen, das eine Werterkenntnis im Sinne eines Sachverhaltserkennens fundiert, scheidet er nochmals in zwei Elemente: in ein WertsehenWertsehen und ein WertfühlenWertfühlen.11 Den Unterschied verdeutlicht er mit folgendem Beispiel:
Wir hören manchmal eine Melodie und erfassen deutlich ihre SchönheitSchönheit, aber sie greift uns nicht ans Herz, sie „ergreift“ uns nicht. Wir haben ihre Schönheit gegenwärtig, ohne gleichsam persönlich mit ihr in Kontakt zu treten. […] Die Schönheit derselben steht deutlich vor uns, so dass sich die ErkenntnisErkenntnis, sie ist schön, klar darauf aufbauen kann. Aber sie berührt uns nicht im eigentlichen SinnSinn, wir fühlen sie nicht. Man denke dagegen an den Fall, in dem mich die Schönheit „bis zu den Tränen“ rührt. Sie spricht jetzt deutlich zu mir, sie tritt mir nahe, oder ich dringe wirklich in sie ein.12
Dieses WertfühlenWertfühlen ist ein unmittelbares AffiziertwerdenAffiziertwerden13 vom Wert. Dasselbe Beispiel des Affiziertwerdens von der SchönheitSchönheit bringt von HildebrandHildebrandDietrich von in Ästhetik 1,14 nicht wortwörtlich, dafür aber mit einer Explikation des Phänomens. „Wir hören eine schöne Melodie und erfassen nicht nur ihre Schönheit, sondern sie greift uns beglückend ans Herz, sie giesst etwas in unsere SeeleSeele ein; sie berührt unser Herz und erfüllt unsere Seele mit einem bestimmten GlückGlück.“15 Die Schönheit kann ergreifen und zu Tränen rühren, sie kann entzücken und in die TiefeTiefe führen.16
Das AffiziertwerdenAffiziertwerden von der SchönheitSchönheit „ist nicht mehr nur das verstehende Erfassen eines Wertes“, so wie es bei der reinen Sachverhaltserkenntnis oder dem WertsehenWertsehen der Fall ist, „sondern eine besondere ‚WirkungWirkung‘ des Wertes auf unsere SeeleSeele, eine von aller blossen KausalitätKausalität weit entfernte, tief sinnvolle intelligible Wirkung“.17 Im Affiziertwerden wird „ein neues Stadium der EinheitEinheit verwirklicht“, das jenes, welches dem ErkennenErkennen eigen ist, „einschliesst und überschreitet“.18 Damit positioniert von HildebrandHildebrandDietrich von jedoch keine neue MethodeMethode neben das oben beschriebene apriorische Erkennen. Denn auch das apriorische Erkennen eines in einer notwendigen Soseinseinheit gründenden Sachverhalts setzt die Erfahrung des Soseins ja voraus. Und in vielen Fällen handelt es sich bei den notwendigen Soseinseinheiten gerade um WerteWerte. Zu denken ist etwa an das notwendige SoseinSosein der GerechtigkeitGerechtigkeit, deren intrinsische BedeutsamkeitBedeutsamkeit unzweifelhaft ist. Ebenso unzweifelhaft ist, dass das philosophische Erkennen in dem Masse an Deutlichkeit gewinnt, als das Fühlen des Wertes vorhergeht. Denn auch das Fühlen des Wertes steht in einem gewissen Sinne ja für das Erfahren des Soseins. Oder anders formuliert: Das Sosein bestimmter Seiender kann so erfahren werden, dass der diesem Seienden inhärente Wert gefühlt wird. Auf die Eingangsfrage zurückkommend, können die Werte und mit ihnen auch bestimmte notwendige Soseinseinheiten auf der Basis des oben beschriebenen Affiziertwerdens also nicht nur erkannt, sondern von innen her umso besser verstanden werden.
3.4 Die WerteWerte als Hinweis auf den Inbegriff aller WerteInbegriff aller Werte
Was sodann die zweite Frage betrifft, die eingangs des letzten Kapitels gestellt wurde, nämlich, inwiefern die WerteWerte „ein Fingerzeig, ein Hinweis auf GottGott“1 seien, so ist der BegriffBegriff des Wertes an sich bereits „in unserer Gottesvorstellung enthalten“, denn eine „Gottesidee, die das unendlich vollkommene WesenWesen als absolut neutral auffassen würde, wäre so sinnlossinnlos und fürchterlich wie die Idee eines bösen Gottes“.2 Ein Hinweis auf Gott, in dem alle Werte eins sind,3 sind die Werte auf verschiedene Weise, je nach der Eigenart der jeweiligen Werte. Der Hauptunterschied besteht zwischen den ontischen und den qualitativen Werten. Bei den ontischen Werten spricht von HildebrandHildebrandDietrich von von einem AbbildenAbbilden, während er das Verhältnis zwischen Gott und den Werten im Falle der qualitativen Werte als eine BotschaftBotschaft bezeichnet, „die direkter ist und Tieferes verkündet als die von den ontischen Werten vermittelte“4. Das zeigt sich beispielsweise an der berühmten Neunten Symphonie von BeethovenBeethovenLudwig van. Ihre SchönheitSchönheit kündet von einer Welt über uns, „sie trägt unseren GeistGeist empor und erfüllt unser Herz mit der Sehnsucht nach einer höheren Welt“5.
Seine Aufnahmefähigkeit für das wahrhaft Schöne beweist von HildebrandHildebrandDietrich von auch mit seiner Abgrenzung der sublimen FormenschönheitFormenschönheit, die sich eindeutig über die Welt des Sinnenfälligen erhebt. Damit spricht er „ein Zentralproblem der ganzen Ästhetik“ an, „das Mysterium, das dem Sichtbaren und Hörbaren anvertraut ist, nämlich, nicht nur Träger der Sinnenschönheit, sondern einer sublimen geistigen SchönheitSchönheit sein zu können“.6 „So z.B. im Angesicht einer erhabenen Gebirgskette, gebadet in strahlendes Sonnenlicht: es ist nicht das, was wir unmittelbar sehen, an dem die Schönheit haftet, sondern der Gedanke an Gottes Schöpferkraft.“7 Der eigentliche Träger der Schönheit ist nicht das Sicht- und/oder Hörbare, die eigentliche Schönheit ist ein Geistiges. Zwar haftet die Schönheit unmittelbar am Sicht- und Hörbaren, doch ist sie nicht Ausdruck des Soseins der sicht- und hörbaren Gegenstände. Obwohl die körperlichen Dinge eine ontologische Schönheit besitzen, kann diese Schönheit die Formenschönheit nicht erklären. „Diese höhere Formenschönheit transzendiert in ihrer Qualität bei weitem die Sphäre dieser Gegenstände“8. Sie ist „der AbglanzAbglanz von etwas unvergleichlich Höherem“, die „kündet von GottGott“.9
Desgleichen versteht von HildebrandHildebrandDietrich von auch das Verhältnis zwischen GottGott und den sittlichen Werten nicht als ein blosses AbbildenAbbilden. Die sittlichen WerteWerte „strahlen Gott in unvergleichlicher Weise wider, sie sind wahrhaft sein direktester AbglanzAbglanz, seine unmittelbarste BotschaftBotschaft im natürlichen Bereich“10. Als Abglanz bezeichnet von HildebrandHildebrandDietrich von die Ausstrahlung, den Duft oder die Glorie der Werte.11 Allerdings nicht aller Werte, sondern nur der Werte qua geistiger Gebilde.12 Von den ontologischen Werten geht in diesem Sinne keine Ausstrahlung aus. Das Phänomen selbst bezeichnet von HildebrandHildebrandDietrich von als metaphysische SchönheitSchönheit,13 welche umso grösser ist, je höher der Wert, dessen Abglanz sie ist.
Mit dem Höher ist unweigerlich die Frage nach der Rangordnung der WerteWerte angesprochen, auf die von HildebrandHildebrandDietrich von wiederholt aufmerksam gemacht hat. Er spricht von der „in Gottes WesenWesen fundierten Rangordnung der WerteRangordnung der Werte“14, wonach es zum Wesen der echten Werte gehört, „dass es ein objektives Höher und Niedriger gibt“15. Er spricht auch davon, dass ein volles Verständnis eines gegebenen Wertes unmöglich ist, „ohne ein Erfassen seiner objektiven WerthöheWerthöhe“16. Die HierarchieHierarchie ist allerdings zu differenzieren. Zu unterscheiden ist einmal die Hierarchie, die innerhalb einer einzelnen Wertfamilie – z.B. der sittlichen oder der intellektuellen – besteht, eine Hierarchie, die die Urteile ermöglicht: „DemutDemut steht höher als Zuverlässigkeit, und geistige TiefeTiefe höher als Schärfe des Verstandes.“17 „Eine analoge Hierarchie der Werte besteht innerhalb der ontologischen Werte“18, so steht das personale Sein des Menschen höher als das apersonale Sein der Tiere, dieses wiederum höher als das Sein der Pflanzen, welches selbst wiederum der unbelebten MaterieMaterie übergeordnet ist.19 Nach einer anderen Gliederung thront über allem „GottGott und das Reich des Übernatürlichen“, während innerhalb des Natürlichen die Sphäre des Geistes und der geistigen PersonPerson an erster Stelle steht; untergeordnet erscheint das Reich des Vitalen und schliesslich das der reinen Materie.20
Von der HierarchieHierarchie innerhalb einer einzelnen Wertfamilie ist die Hierarchie der WertfamilienWertfamilien zu unterscheiden. „Diese letzte haben wir im Auge, wenn wir sagen, die sittlichen WerteWerte stehen höher als die intellektuellen. Dann vergleichen wir die einzelnen Bereiche und die Rangstufe ihrer jeweiligen Themen.“21 Was aber ist unter der „Rangstufe ihrer jeweiligen Themen“ zu verstehen? Um sich in der Beantwortung dieser Frage der Beispiele der Familien der sittlichen und der ästhetischen Werte zu bedienen, so ist das Thema der sittlichen Werte die sittliche Gutheit, währenddem dasjenige der ästhetischen Werte die SchönheitSchönheit ist, wobei die sittlichen den ästhetischen Werten deswegen übergeordnet sind, weil das Thema der sittlichen Gutheit demjenigen der Schönheit übergeordnet ist. Doch übergeordnet ist das Thema der sittlichen Werte nicht alleine dem der ästhetischen, sondern den Themen sämtlicher Wertfamilien und -gattungen, denn die sittlichen sind „die höchsten Werte […], in ihnen gipfelt die Herrlichkeit aller Werte“22.
Die Rangordnung der WerteWerte steht in dem SinnSinn in einem Wesenszusammenhang mit der EinfachheitEinfachheit, als ein Seiendes umso einfacher ist, je höher es steht.23 Dabei besagt „einfach“ jedoch alles andere als Sinnarmut oder Primitivität. Mit der Einfachheit – freilich in einem metaphysischen Sinne verstanden – verhält es sich vielmehr so, wie Maurice BlondelBlondelMaurice es einmal charakterisierte, dass nämlich das Sein umso mehr inneren Reichtum hat, je mehr es eins ist.24 Auch für von HildebrandHildebrandDietrich von bedeutet die Zunahme an Einfachheit insofern eine Zunahme, als „mit einem Einzigen ‚viel gesagt‘“25 ist. Beispielsweise ist die SeeleSeele so einfach, „dass bei ihr FormForm und MaterieMaterie nicht mehr unterschieden werden können“26. Auch bei den weiter oben besprochenen Erkenntnisarten – dem empirischen und dem apriorischen bzw. philosophischen ErkennenErkennen – hat sich etwas von dieser Einfachheit gezeigt. „So ist das philosophische Erkennen, das auf das Erfassen des Wesens des Seienden abzielt, – das ‚intima rei intus legere‘ – prinzipiell einfacher als das naturwissenschaftliche Erkennen, das ‚von aussen her‘ um das Seiende herumgeht, beobachtend und schliessend.“27 Während die NaturwissenschaftenNaturwissenschaften der Quantität bedürfen, indem sie von vielen BeobachtungenBeobachtungen auf das betreffende Arturteil schliessen, wobei sie im besten Fall den Gewissheitsgrad der HöchstwahrscheinlichkeitHöchstwahrscheinlichkeit erreichen, bedarf die Philosophie nicht des Vielerleis an Einzelbeobachtungen. Sie kann das SoseinSosein prinzipiell an einem einzigen Beispiel erfassen. Auch geht sie nicht wie die Naturwissenschaften in die Breite, ihre Dimension ist vielmehr die TiefeTiefe. Sie zielt „auf das Erfassen der EinheitEinheit des ganzen Kosmos“ und erreicht ihre Krönung im Vordringen „bis zu dem Urgrund des Seins, dem absolut einfachen, unendlichen Sein, in dem alle Fülle des Seins ‚per eminentiam‘ enthalten ist“.28 „Bei der absoluten Einfachheit Gottes gibt es nicht nur keinen Unterschied von Form und Materie mehr, sondern auch nicht mehr den von ExistenzExistenz und Essenz,29 Akt und Potenz – und doch ist GottGott die unendliche Fülle des Seins.“30
Schliesslich sind die WerteWerte auch noch in einer anderen Hinsicht „ein Fingerzeig, ein Hinweis auf GottGott“31. Nämlich insofern, als sie „eine in ihrer Wertnatur wesenhaft fundierte ‚virtus unitiva‘“32 besitzen. Zwar macht nicht die vereinigende Kraft den Wert zum Wert, doch gründet jede wirkliche Verbundenheit zwischen Personen letztlich auf einem Wert bzw. auf einem WertbereichWertbereich. Die vereinigende Kraft der Werte lässt sich allerdings weder beweisen noch formal ableiten. Auch die virtus unitiva der Wertevirtus unitiva der Werte lässt sich nicht von aussen her konstatieren oder an einem äusseren Aspekt ablesen. Der „Wesenszusammenhang von Wert und EinheitEinheit“ wird erst sichtbar bei der „Vertiefung in das WesenWesen des Wertes, in seine einzigartige in sich ruhende BedeutsamkeitBedeutsamkeit, in seine unreduzierbare materiale Wertnatur“.33 Die vereinigende Kraft der Werte wird auch an den Unwerten ersichtlich, die den Werten konträr gegenüberstehen. Wie beispielsweise dem Wert der LiebeLiebe eine vereinigende Kraft innewohnt, geht mit dem dem Wert der Liebe konträren UnwertUnwert des Hasses „eine trennende, entzweiende, isolierende Wirksamkeit“34 einher. Zweifelsohne liegen diesem UrteilUrteil Erfahrungen zugrunde, die zu machen möglich und von vielen Menschen wohl auch tatsächlich schon gemacht worden sind.
Nicht zuletzt zeigt sich auch hieran, inwiefern die WerteWerte ein Hinweis auf GottGott, auf den Inbegriff aller WerteInbegriff aller Werte sind. Die einzelnen Werte ebenso wie der Inbegriff aller Werte stehen offensichtlich in einem Verhältnis zum oben angesprochenen LebenssinnLebenssinn, welcher durch die Abwendung von den transzendenten Werten, die in vielen Fällen nach einer Realisierung verlangen, in eine SinnkriseSinnkrise umzuschlagen scheint. Bevor allerdings die Grundlage zu einer angemessenen Auseinandersetzung mit dem Lebenssinn des Menschen gelegt und die „für die Wesensbestimmung der Werte entscheidenden drei Bedeutsamkeitskategorien“35 dargelegt werden, wird erst die Frage erörtert, warum von HildebrandHildebrandDietrich von das ontologische ArgumentArgument eigentlich verworfen hat.
4 Warum hielt von HildebrandHildebrandDietrich von das ontologische ArgumentArgument für ungültig?
Wie weiter oben dargelegt, wusste von HildebrandHildebrandDietrich von die Möglichkeit philosophischen, synthetischsynthetisch-apriorischen Erkennens zu begründen. Er vermochte nachzuweisen, dass der empirische Bereich transzendiert und Sachverhalte von innen her mit absoluter GewissheitGewissheit erkannt werden können, die in Gegenständen mit einem innerlich notwendigen SoseinSosein gründen. Dazu kommt, dass er GottGott als den Inbegriff aller WerteWerte versteht – als „die GüteGüte, die WahrhaftigkeitWahrhaftigkeit, die GerechtigkeitGerechtigkeit, die LiebeLiebe“1, ja dass Gott „das absolute Sein, die absolute WahrheitWahrheit, die absolute Gerechtigkeit und die unendliche Liebe ist“2. Wenn es in Gott überdies keinen Unterschied von ExistenzExistenz und Essenz mehr gibt3 und es nur bei dem absolut Seienden, nur bei Gott eine notwendige reale Existenz gibt,4 dann ist es zumindest der Frage wert, warum „wir sie [sc. die notwendige reale Existenz Gottes] nicht aus der Wesenheit Gottes allein erkennen“5 können.
4.1 Das ArgumentArgument in der Darlegung durch AnselmAnselmvon Canterbury von Canterbury
Das ist die grosse Frage, die die Philosophen seit jeher beschäftigt: Kann die ExistenzExistenz Gottes aus seinem WesenWesen erkannt werden? Wurzeln einer bejahenden StellungnahmeStellungnahme finden sich bei PlatonPlaton (427–347 v. Chr.)1 ebenso wie bei AugustinusAugustinus (354–430)2 oder bei BoethiusBoethius (etwa 480–524). Bei Letzterem findet sich unter anderem der zukunftsträchtige Gedanke, dass GottGott etwas ist, „über das hinaus es kein Besseres gibt“, ja sich „nichts Besseres als Gott ausdenken lässt“.3 AnselmAnselmvon Canterbury von Canterbury (1033–1109) hat diesen Gedanken in seiner Schrift Proslogion zu einem eigentlichen ArgumentArgument entwickelt, das seit Immanuel KantKantImmanuel als ontologischer GottesbeweisGottesbeweis bezeichnet wird.4 Die einschlägige Stelle aus dem genannten Werk von AnselmAnselmvon Canterbury von Canterbury sei in der Folge zitiert, um das Argument gründlich bedenken zu können:
So denn, Herr, der Du die Glaubenseinsicht schenkst, gib mir, soweit Du es für nützlich erachtest, dass ich verstehe, dass Du bist, wie wir es glauben, und dass Du das bist, was wir glauben. Und zwar glauben wir, dass Du etwas bist, über das hinaus nichts Grösseres gedacht werden kann [aliquid quo nihil maius cogitari possit]. Oder ist etwa ein solches WesenWesen nicht, weil der Tor in seinem Herzen gesprochen hat: Es ist kein GottGott? Wenn aber eben derselbe Tor eben das hört, was ich sage, nämlich etwas, über das hinaus nichts Grösseres gedacht werden kann, so versteht er ganz gewiss, was er hört, und was er versteht, ist in seinem Verstande, auch wenn er nicht versteht, dass dies ist. Eines nämlich ist es, wenn eine Sache im Verstande ist, etwas anderes, wenn man versteht, dass eine Sache ist. Wenn nämlich ein Maler zuvor denkt, was er ausführen wird, hat er [es] zwar im Verstande, aber er versteht noch nicht, dass das, was er noch nicht geschaffen hat, sei. Hat er es aber bereits gemalt, so hat er es sowohl im Verstande als auch versteht er, dass das, was er bereits geschaffen hat, ist. So wird also auch der Tor überzeugt, dass etwas, über das hinaus nichts Grösseres gedacht werden kann, zumindest im Verstande ist, weil er das versteht, wenn er es hört; und was auch immer verstanden wird, ist im Verstande. Und gewiss kann das, über das hinaus Grösseres nicht gedacht werden kann, nicht allein im Verstande sein. Denn wenn es nur im Verstande allein ist, so kann man denken, es sei auch in der WirklichkeitWirklichkeit, was grösser ist. Wenn also das, über das hinaus Grösseres nicht gedacht werden kann, im Verstande allein ist, so ist eben das, über das hinaus Grösseres nicht gedacht werden kann, dasjenige, über das hinaus Grösseres gedacht werden kann. Das aber kann mit Sicherheit nicht der Fall sein. Es existiert also ohne ZweifelZweifel etwas, über das hinaus Grösseres nicht gedacht werden kann, [und zwar] sowohl im Verstande als auch in der Wirklichkeit.5
Ja, das ist schlechterdings so wahrhaft, dass auch nicht einmal gedacht werden kann, es sei nicht. Denn man kann denken, dass etwas sei, von dem man nicht denken kann, es sei nicht; das [jedoch] ist grösser als dasjenige, von dem man denken kann, es sei nicht. Wenn man deshalb von dem, über das hinaus Grösseres nicht gedacht werden kann, denken kann, es sei nicht, dann ist das, über das hinaus Grösseres nicht gedacht werden kann, nicht das, über das hinaus Grösseres nicht gedacht werden kann; das [aber] kann nicht zusammenstimmen. So also ist wahrhaft etwas, über das hinaus Grösseres nicht gedacht werden kann, derart, dass man nicht einmal denken kann, es sei nicht. Und das bist Du, Herr, unser GottGott. So wahrhaft bist Du also, Herr mein Gott, dass Du auch nicht einmal als nicht seiend gedacht werden kannst.6
Die VernunftVernunft findet in sich selbst, so der Ausgangspunkt des Arguments, die Idee des höchsten Wesens vor. AnselmAnselmvon Canterbury spricht von dem, im Vergleich zu dem nichts Grösseres (nihil maius7) und nichts Besseres (nihil melius8) gedacht werden kann. Und nicht nur das: GottGott ist nicht nur derjenige, im Vergleich zu dem nichts Grösseres und nichts Besseres gedacht werden kann, er ist auch grösser als was überhaupt gedacht werden kann.9 Was er unter dem Grösser näherhin verstanden wissen will, erläutert AnselmAnselmvon Canterbury etwas später in derselben Schrift:
Allein, was also bist Du, Herr und GottGott, über den hinaus nichts Grösseres gedacht zu werden vermag? Was bist Du, wenn nicht das, was, alles überragend, allein durch sich existiert [und] alles andere aus dem Nichts geschaffen hat? Was nämlich dies nicht ist, ist weniger, als man denken kann. Das aber kann man von Dir nicht denken. Welches GutGutdas also fehlt dem überragenden GutGutdas, durch das jedes GutGutdas ist? Darum bist Du gerecht, wahrhaftig, selig und alles, was besser ist zu sein, als nicht zu sein [quidquid melius est esse quam non esse]. Denn es ist besser, gerecht zu sein, als nicht gerecht, selig, als nicht selig.10
Das Grösser ist also eine axiologische Qualität, demnach GottGott „etwas ist, das alles überragt, über das hinaus nichts Besseres [nihil melius] gedacht werden kann“11. Er vereinigt all das in seinem WesenWesen, was zu sein „absolut besser [absolute melius]“ ist, „als nicht zu sein“.12 Entscheidend ist der „BegriffBegriff ‚Wesen, das alle Vollkommenheiten in sich enthält‘“13. In diesem und nur in diesem einzigartigen Falle des Wesens, das alle Vollkommenheiten in sich enthält, ist die wirkliche ExistenzExistenz eine VollkommenheitVollkommenheit. Existierte dieses Wesen nämlich bloss in Gedanken, so wäre es nicht das vollkommenste WeseWesenn, denn es könnte ja ein Wesen gedacht werden, das nicht nur in Gedanken, sondern auch in WirklichkeitWirklichkeit existiert. Das aber wäre dann ein vollkommeneres Wesen, als ein nur in Gedanken existierendes. Folglich existiert das vollkommene Wesen nicht nur in Gedanken, sondern auch in Wirklichkeit.
Bei diesem Gedankengang setzt AnselmAnselmvon Canterbury freilich nicht voraus, dass das abschliessende VerstehenVerstehen des Wesens dessen, über den hinaus nichts Grösseres und nichts Besseres gedacht werden kann, überhaupt möglich ist. Er setzt nur soviel voraus, wie er in seiner Erwiderung auf die Einwände Gaunilos – einem Zeitgenossen Anselms, deren Kritik im nächsten Punkt behandelt werden wird – klarstellt, dass vom WesenWesen Gottes soviel verstanden wird, wie für das Verständnis dieses Gedankenganges vonnöten ist. „Wenn du [GauniloGaunilo] nun behauptest, das, was nicht ganz und gar verstanden sei, sei so gut wie nicht verstanden und nicht im Verstande, dann behaupte auch, dass derjenige, der das reinste Licht der Sonne nicht anschauen kann, das Tageslicht nicht sieht, das nichts anderes ist als das Sonnenlicht.“14
Doch grundsätzlich gefragt: Wie will man überhaupt denkerischen Zugang zum WesenWesen Gottes erhalten? Ist nicht jede Rede von GottGott anthropomorphanthropomorph, wie XenophanesXenophanes es den alten Mythen und Ludwig FeuerbachFeuerbachLudwig der christlichen ReligionReligion vorgeworfen haben?
4.2 GauniloGaunilo und die erste Kritik am ontologischen ArgumentArgument
Die erste literarisch greifbare PersonPerson, die Anselms Gedankengang explizit kritisiert hat, war – der bereits erwähnte – GauniloGaunilo (ca. 1000–1083), ein Benediktinermönch aus dem in der Nähe von Tours gelegenen Kloster Marmoutiers.1 Noch heute findet er Befürworter „seiner Kritik des Beweises von AnselmAnselmvon Canterbury“, die sich dafür aussprechen, dass Gaunilo zurecht auf den entscheidenden Fehler des Arguments hingewiesen habe.2 Worum es sich bei diesem Fehler handelt, lässt sich Gaunilos Worten selbst entnehmen:
Wie also wird mir bewiesen, dass jenes „grösser“ gemäss der wahren WirklichkeitWirklichkeit nach besteht, weil feststeht, dass es grösser als alles sei, während ich dies doch noch verneine und bezweifle, derart, dass ich behaupte, nicht einmal in meinem Verstande oder in meinem Denken sei dies „grösser“ selbst wenigstens auf dieselbe Weise wie auch vieles Zweifelhafte und Ungewisse? Zuerst nämlich ist es notwendig, dass ich die GewissheitGewissheit erlange, dass irgendwo dieses „grösser“ selbst in Wirklichkeit sei, und dann erst wird es auch nicht mehr zweifelhaft sein, dass es, aufgrund der Tatsache, dass es grösser ist als alles, auch in sich selbst Bestand habe.3
Zur Illustration bedient er sich des bekannten Beispiels von der gedachten „Insel, die vortrefflicher [praestantiorem] ist als alle Länder“4. Und „weil es vortrefflicher ist, nicht im Verstande allein, sondern auch in WirklichkeitWirklichkeit zu sein [quia praestantius est, non in intellectu solo sed etiam esse in re]“, so existiert sie notwendigerweise auch in WirklichkeitWirklichkeit; denn „wäre sie nämlich nicht, dann wäre jedes andere Land, das wirklich ist, vortrefflicher als sie, und so wäre sie, die […] als die vortrefflichere begriffen worden ist, nicht die vortrefflichere“.5
Was GauniloGaunilo an Anselms Gedankengang bemängelt, das ist, dass die notwendige ExistenzExistenz dessen, „über das hinaus nichts Grösseres gedacht werden kann“6, apriorisch erkannt werden soll, währenddem er selbst – Gaunilo – die ErkenntnisErkenntnis der notwendigen Existenz nur aposteriorisch für möglich hält. Was seinen Worten zu entnehmen ist: „Zuerst nämlich ist es notwendig, dass ich die GewissheitGewissheit erlange, dass irgendwo dieses ‚grösser‘ selbst in WirklichkeitWirklichkeit sei, und dann erst wird es auch nicht mehr zweifelhaft sein, dass es, aufgrund der Tatsache, dass es grösser ist als alles, auch in sich selbst Bestand habe.“7
Wenn Franz von KutscheraKutscheraFranz von das ArgumentArgument von GauniloGaunilo für „ebenso korrekt [hält] wie das von AnselmAnselmvon Canterbury“8, dann ist das aus der Sicht der formalen LogikLogik stimmig. Nicht aber, wenn es aus materialer Sicht betrachtet wird. Denn wenn von KutscheraKutscheraFranz von meint, Gaunilo hätte „den BeweisBeweis Anselms dadurch ad absurdum geführt, dass er nach demselben Schema die ExistenzExistenz einer vollkommenen Insel nachwies“, indem er sagte: „Eine in jeder Hinsicht vollkommene (schöne, fruchtbare, klimatisch bevorzugte etc.) Insel ist denkbar, existiert also in intellectu. Würde sie nicht tatsächlich existieren, so wäre sie nicht vollkommen. Also existiert sie.“9 Bei diesem Gedankengang werden die Sachen selbst – im Kantschen Sinne – auf ihre blosse FormForm reduziert, ganz ausser Acht wird jedoch gelassen, dass das SoseinSosein einer Insel und das Sosein Gottes in materialer Hinsicht nicht nach demselben Schema behandelt werden können.10 Das wird sich zeigen, wenn weiter unten die reinen Vollkommenheitenreine Vollkommenheiten als die einzigen Momente eines adäquaten Gottesbegriffs herausgearbeitet werden.11
4.3 Die Einwände gegen das ontologische ArgumentArgument durch Thomas von AquinThomas von Aquin und Immanuel KantKantImmanuel
Zu den namhaftesten Kritikern sind aus erkenntnistheoretischer Sicht Thomas von AquinThomas von Aquin und Immanuel KantKantImmanuel zu rechnen. Während Thomas von Aquin – im Anschluss an GauniloGaunilo – die Möglichkeit der unmittelbaren Erkennbarkeit Gottes verneinte und nur die Möglichkeit der mittelbaren ErkenntnisErkenntnis zu begründen wusste, war GottGott auch nach KantKantImmanuel nicht unmittelbar zu erkennen. Doch hielt er ihn auch auf indirektem Wege nicht für erkennbar, vielmehr reduzierte er ihn – wie gesehen – auf ein blosses Postulat, d.h. auf eine theoretische Annahme, um sittliche TatsachenTatsachen verstehen zu können.
Thomas wendet sich in seiner theologischen Summe ausdrücklich, wenn auch nicht unter Nennung des Namens, gegen Anselms ArgumentArgument. Wie GauniloGaunilo, so hält auch er das ontologische Argumentontologische Argument für einen unerlaubten Schritt aus der Denk- in die Seinsordnung. Denn
auch zugegeben, dass jedermann unter dem Ausdruck ‚GottGott‘ ein WesenWesen verstehe, über das hinaus nichts Grösseres gedacht werden kann, so folgt daraus noch nicht, dass man dieses durch den Namen ‚Gott‘ bezeichnete Wesen auch als wirklich seiend erkenne, sondern nur, dass es sich in unserem Denken findet.1
„Da wir aber gerade das, was GottGott ist, mit dem GeistGeist nicht begreifen können, bleibt es in Bezug auf uns unerkannt.“2 Denn man müsse die bezeichnete Sache und den begrifflichen Gehalt des Wortes auf derselben Ebene ansetzen.3 Angesichts dessen, dass der MenschMensch nachweislich die Möglichkeit hat, Erkenntnisse über transzendente Wirklichkeiten zu erlangen,4 erscheint das zuletzt genannte Postulat des Thomas von AquinThomas von Aquin zumindest als problematisch.5 An dieser Stelle sei sein Gedankengang immerhin bis zu der Stelle weiter entwickelt, an der seine Absicht offen zutage tritt. Der Mensch, so Thomas, könne Gott „nicht in ihm selbst schauen […], sondern nur in seinen Wirkungen [ex effectibus], und der somit nur durch Schlussfolgern [ratiocinando] zur ErkenntnisErkenntnis, dass Gott ist, geführt wird“6. „Daher muss der Mensch durch die in den Wirkungen entdeckten Ähnlichkeiten zur GotteserkenntnisGotteserkenntnis auf dem Wege der SchlussfolgerungSchlussfolgerung gelangen.“7
Mit diesen Schlussfolgerungen bezieht er sich auf die bereits erwähnten fünf Wege (quinque viae). Bei allen steht am Anfang die Konstatierung eines kontingenten Seienden, von wo aus deren UrsacheUrsache erschlossen wird. Beim ersten Weg wird von der Feststellung, dass sich etwas bewegt, auf einen ersten Beweger geschlossen. Beim zweiten geht er von der Feststellung aus, „dass es in der sichtbaren Welt eine Über- und Unterordnung von Wirkursachen gibt“8, was ihn zur Annahme einer ersten Wirkursache führt. Beim dritten – weiter oben behandelten9 – Weg führt ihn die Feststellung des Unterschieds von möglichem und notwendigem Sein zu dem Sein, das den Grund seiner NotwendigkeitNotwendigkeitsubjektive in sich selber hat. Der vierte Weg führt über die Feststellung, „dass das eine mehr oder weniger gut, wahr, edel ist als das andere“10 zur Erschliessung der Ursache aller Vollkommenheiten, die unter den Menschen nur begrenzt vorhanden sind. Der fünfte Weg geht aus von der Weltordnung, und zwar von den Dingen, die keine ErkenntnisErkenntnis haben und dennoch auf ein festes ZielZiel hin tätig sind. Was er dadurch erwiesen sieht, „dass sie immer oder doch in der Regel in der gleichen Weise tätig sind und stets das Beste erreichen“11. „Die vernunftlosen WesenWesen sind aber nur insofern absichtlich, d.h. auf ein Ziel hin tätig, als sie von einem erkennenden geistigen Wesen auf ein Ziel hingeordnet sind, wie der Pfeil vom Schützen.“12
Auf diesen fünf Wegen wird der MenschMensch „durch Schlussfolgern zur ErkenntnisErkenntnis, dass GottGott ist, geführt“13. Sei es nun das Erstbewegende oder die erste Wirkursache, sei es das in sich notwendige oder das vollkommene Sein, sei es das geistig-erkennende WesenWesen, das alle Naturdinge auf ihr ZielZiel hinordnet, immer werde es „von allen ‚Gott‘ genannt“14. Mit diesem aposteriorischen Vorgehen bezieht er sich offensichtlich nicht auf AnselmAnselmvon Canterbury, der das Dasein Gottes aus seinem Wesen zu erkennen suchte.15 Vielmehr basiert er mit seinen fünf Wegen auf dem Wissenschaftsbegriff der Zweiten Analytiken des AristotelesAristoteles. Für Aristoteles ist die WissenschaftWissenschaft ein auf unmittelbar einsichtigen, unbeweisbaren Prämissen aufgebautes deduktives System von Aussagen. Unbeweisbar meint, dass die Prämissen nicht die KonklusionKonklusion eines Schlusses sein können, sondern unmittelbar eingesehen werden müssen. Neben den einsichtigen Prämissen muss die Wissenschaft noch zwei weitere Voraussetzungen machen, die sie ebenfalls nicht beweisen kann: Sie muss die Bedeutung der Wörter kennen, die sie verwendet, und sie muss die ExistenzExistenz der Gegenstände annehmen, auf die sie sich bezieht. Diese zweite Voraussetzung will Thomas mit den fünf Wegen als gegeben erweisen.16
Was Immanuel Kants Umgang mit dem ontologischen ArgumentArgument betrifft, so hat sich weiter oben einerseits bereits gezeigt, dass und warum seine ErkenntnistheorieErkenntnistheorie die Erlangung metaphysischer Erkenntnisse verhindert, andererseits auch, dass er aus menschlich-existentieller Sicht nicht umhin konnte, die ExistenzExistenz Gottes zumindest auf ein Postulat, auf eine ForderungForderung der praktischen VernunftVernunft zu reduzieren. Nichtsdestotrotz sei der Grund, weswegen er das ontologische Argumentontologische Argument verwirft, in der Folge angeführt, da er – gleich wie in erkenntnistheoretischer Hinsicht – mit seinen Irrtümern die negativen Voraussetzungen geschaffen hat.17 Denn hätte er das absolut gewisse ErkennenErkennen nicht auf die FormForm reduziert, so wäre auch der Anstoss unterblieben, nach dem AprioriApriori auch im Materialen zu forschen. Desgleichen in Bezug auf das ontologische Argument. Auch bei der BegründungBegründung der Existenz Gottes lag offensichtlich einiges im Argen. Wohl sei „eine Namenserklärung von diesem BegriffBegriff ganz leicht, dass es nämlich so etwas sei, dessen Nichtsein unmöglich ist, aber man wird hierdurch um nichts klüger“18.
Wie für die genannten Vorgänger der Kritik am ontologischen ArgumentArgument, so folgt das Dasein Gottes auch für KantKantImmanuel nicht aus dessen SoseinSosein. So ist es auch nur insofern notwendig, dass ein Triangel drei Winkel hat, als ein Triangel da ist, denn nur dann „sind auch drei Winkel (in ihm) notwendiger Weise da“19. „Einen Triangel setzen und doch die drei Winkel desselben aufheben, ist widersprechend; aber den Triangel samt seinen drei Winkeln aufheben, ist kein WiderspruchWiderspruch.“20 Ebenso sei es auch mit „dem Begriffe eines absolutnotwendigen Wesens bewandt“21. „Wenn ihr das Dasein desselben aufhebt, so hebt ihr das Ding selbst mit allen seinen Prädikaten auf; wo soll alsdenn der Widerspruch herkommen?“22
Der Gedankengang Anselms ebenso wie die fünf Wege des Thomas von AquinThomas von Aquin sind für KantKantImmanuel analytische Sätze. Es sind ihm TautologienTautologien, bei denen das, was im BegriffBegriff Gottes enthalten ist, bloss erläutert wird. Bekanntlich ist es KantKantImmanuel jedoch nicht um analytische, sondern um synthetische Erkenntnisse zu tun. Um Erkenntnisse also, die einen gegebenen Begriff nicht bloss erläutern – d.h. analysieren und ihn in seine Bestandteile zerlegen –, sondern einen anderen Begriff, der im ersteren nicht enthalten ist, als notwendig zu ihm gehörig erfassen.23 Es ist evident, dass die Existentialerkenntnisse von dieser wissenserweiternden Art sind. Nach KantKantImmanuel sind die philosophischen Erkenntnisse jedoch nicht nur synthetischsynthetisch, sie sind überdies auch apriorisch, ihre Quellen liegen also jenseits der Erfahrung – der inneren wie der äusseren.24 Da die Anschauung und die Begriffe für KantKantImmanuel die Elemente einer jeden ErkenntnisErkenntnis ausmachen,25 die Anschauungen des Menschen jederzeit sinnlich sind26 und Gottes Dasein nun einmal nicht sinnlich angeschaut werden kann, so ist es aufgrund dieser Prämissen nichts als folgerichtig, wenn er dem ontologischen ArgumentArgument eine „Verwechslung eines logischen Prädikats mit einem realen“27 anlastet. Worin KantKantImmanuel mit dem erwähnten Standpunkt von Franz von KutscheraKutscheraFranz von übereinstimmt. Auch er ging mit den zitierten Kritikern einig, dass es sich beim ontologischen Argument um einen unberechtigten Sprung aus der Denk- in die Seinsordnung handelt, da das Dasein Gottes in seinem SoseinSosein nicht erkannt werden könne.
„Unser BegriffBegriff von einem Gegenstande mag also enthalten, was und wie viel er wolle, so müssen wir doch aus ihm herausgehen, um diesem die ExistenzExistenz zu erteilen.“28 Bei den Objekten der Sinne geschehen die entsprechenden Wahrnehmungen nach empirischen Gesetzen, „aber für Objekte des reinen Denkens ist ganz und gar kein Mittel, ihr Dasein zu erkennen, weil es gänzlich a prioria priori erkannt werden müsste“29.
4.4 Die reinen Vollkommenheitenreine Vollkommenheiten als Gültigkeitsgrund des ontologischen Arguments
Wie den Kritiken von GauniloGaunilo, Thomas von AquinThomas von Aquin und Immanuel KantKantImmanuel zu entnehmen ist, halten sie das ontologische ArgumentArgument darum für ungültig, weil das WissenWissen um das Dasein Gottes durch reines Denken erworben werden soll, statt auf dem Wege der Synthesis bzw. der Erfahrung. Damit rückt das weiter oben besprochene Thema des synthetischsynthetisch-apriorischen Erkennens wieder ins Blickfeld. Wie an jener Stelle gesehen, versteht von HildebrandHildebrandDietrich von das synthetisch-apriorische ErkennenErkennen als höchst intelligibles und absolut gewisses Erkennen eines in einer notwendigen Soseinseinheit oder Weseneinheit gründenden Sachverhalts. Das objektive Korrelat ist ihm das Verhalten einer in sich notwendigen Wesenheit. Sind die Voraussetzungen damit geschaffen, um die „existential erweiterte WesensnotwendigkeitWesensnotwendigkeit“1 zu begründen?
Das hängt ganz davon ab, ob das ArgumentArgument von einem anthropomorphen Begriffanthropomorphen Begriff oder vom objektiven und notwendigen WesenWesen Gottes ausgeht, wie auch davon, ob die ExistenzExistenz im notwendigen Wesen Gottes gründen und ob dies auch erkannt werden kann.
Gleich an dieser Stelle sei gesagt, dass es sich insofern nicht um einen anthropomorphen Begriffanthropomorphen Begriff handelt, als von GottGott keine Eigenschaften ausgesagt werden, die endlich, begrenzt und unvollkommen sind. Wenn AnselmAnselmvon Canterbury in diesem Sinne sagt, dass Gott all das in seinem WesenWesen vereinigt, „von dem wir denken können, es sei absolut besser zu sein, als nicht zu sein“2, dann bezieht er sich mit der Negation freilich nicht auf den kontradiktorischen Gegensatzkontradiktorischer Gegensatz, so als wäre es absolut besser ein Vogel zu sein, als überhaupt nicht zu sein. Die augenscheinlichen Schwierigkeiten, die mit Anselms formaler Bestimmung verbunden sind, bewogen Johannes Duns ScotusDuns ScotusJohannes (1265–1308) zu einer weitergehenden Unterscheidung, dergemäss das Wesen, „über das hinaus nichts Besseres gedacht werden kann“3, all das in sich vereinigt, was „schlechthin und an und für sich genommen besser ist als jegliches mit ihr Unvereinbare [absolute melius quocumque incompossibili]“4. Nicht vereinbar mit dem, „was schlechthin und an und für sich genommen besser ist“, wie Walter HoeresHoeresWalter dartut, „ist alles, was in seinem Wesen mit Einschränkung, Teilnegation der Position und daher Zusammensetzung behaftet ist und von Scotus mit der Tradition ‚gemischte Vollkommenheitgemischte Vollkommenheit‘ (perfectio mixta) genannt wird“.5 Wozu eben gerade all das gehört, was endlich, begrenzt und unvollkommen ist, oder anders gesagt, was der Ordnung von Genus und Spezies angehört. Auch setzt dasjenige, „von dem wir denken können, es sei absolut besser zu sein, als nicht zu sein“6, ein Wesen voraus, das überhaupt darauf angelegt ist, es zu sein.7
Duns ScotusDuns ScotusJohannes, der sich in Bezug auf die göttlichen Wesensmerkmale – die reinen Vollkommenheitereine Vollkommenheitenn (perfectioni simpliciter) – grosse Verdienste erworben hat, blieb hierbei aber noch nicht stehen. So lassen die reinen Vollkommenheitenreine Vollkommenheiten überdies UnendlichkeitUnendlichkeit in einer Weise zu, dass sie nur in der unendlichen FormForm wahrhaft sie selber sind.8 Die Unendlichkeit der reinen Vollkommenheitenreine Vollkommenheiten ist denn auch der Grund, weswegen AnselmAnselmvon Canterbury sagt, dass GottGott nicht nur dasjenige ist, „über das hinaus nichts Grösseres gedacht werden kann“9, sondern auch „etwas Grösseres, als gedacht werden kann“10. Nichtsdestotrotz lassen sich die reinen VollkommenheVollkommenheititreine Vollkommenheitenen in ihrem formalen Wesensgehalt (ratio formalis), in ihrem reinen SoseinSosein oder WesenWesen von allen Begrenztheiten, denen sie in den endlich Seienden unterworfen sind, abstrahieren.11 Diesbezüglich lehrte schon AugustinusAugustinus:
Wenn du daher von diesem GutGutdas und jenem GutGutdas hörst, das auch einmal nicht gut heissen kann, und wenn du dann ohne die Güter, welche durch Teilnahme am Guten selbst gut sind, das GuteGutedas selbst, durch dessen Teilnahme sie gut sind, durchschauen kannst – wenn du nämlich von diesem und jenem GutGutdas hörst, dann siehst du zugleich das GutGutdas selbst –, wenn du also jene Güter beiseite lässt und das GuteGutedas selbst durchschauen kannst, dann schaust du GottGott.12
Die reinen Vollkommenheitenreine Vollkommenheiten, deren Sein oder Besitz absolut besser ist als ihr Nichtsein oder ihr Nichtbesitz, weisen zudem eine gegenseitige Verträglichkeit auf, die solcherart ist, dass sie alle gleichzeitig besessen bzw. realisiert werden können, ja keine im vollen Masse sie selbst ist ohne all die anderen (nulla perfectio simpliciter est incompossibilis alteri perfectioni simpliciter13). Jeder BeweisBeweis einer Unverträglichkeit einer Eigenschaft E mit einer reinen VollkommenheitVollkommenheit R würde beweisen, dass E oder R oder beide keine reinen Vollkommenheitenreine Vollkommenheiten sind. Und schliesslich sind die reinen VollkommenheVollkommenheititreine Vollkommenheitenen irreduzibel einfacirreduzibel einfachh (omnis perfectio simpliciter est simpliciter simplex14), d.h. dass sie weder auf etwas anderes reduziert noch von etwas anderem deduziert werden können.15
Welches aber sind die materialen Eigenschaften, die diese formalen Merkmale aufweisen? Welches sind die Eigenschaften, die absolut besser sind als alles, was damit nicht zu vereinbaren ist, die nur in der unendlichen FormForm wahrhaft sie selber, die gegenseitig verträglich und irreduzibel einfachirreduzibel einfach sind? Die reinen Vollkommenheitenreine Vollkommenheiten können in drei Gruppen unterschieden werden. Zur ersten Gruppe gehören – nach der mittelalterlichen Terminologie – die TranszendentalienTranszendentalien: das Sein (ens und esse), das WesenWesen (res), die innere EinheitEinheit (unum), das Etwassein und damit das in sich selber, vom Nichts und von Anderem Unterschiedensein (aliquid), die Seinswahrheit (verum), das GuteGutedas (bonum) und schliesslich das Schöne (pulchrum).16 Da sie alle keiner Seinsart und keinem Seienden überhaupt ganz fehlen können, stellen sie schlechthinnige Vollkommenheiten dar. Zur zweiten Gruppe der reinen Vollkommenheitereine Vollkommenheitenn gehören jene, die nur einigen Seienden in der Welt zugehören, wie Leben, WeisheitWeisheit, FreiheitFreiheit, ErkenntnisErkenntnis, LiebeLiebe. Auch sie sind ihrer VollkommenheitVollkommenheit nach nicht begrenzt. Drittens gibt es die Gruppe der exklusiv göttlichen Eigenschaften, „wie ein aus sich seiendes Wesen (ein ens a se) zu sein, absolute UnendlichkeitUnendlichkeit, Allwissenheit, AllmachtAllmacht, Allgegenwärtigkeit, anfanglose EwigkeitEwigkeit, höchste Verkörperung des Sittlichen und höchster Richter zu sein“17.
Die reinen Vollkommenheitenreine Vollkommenheiten sind die einzige Möglichkeit, objektive Eigenschaften des vollkommenen Wesens zu benennen und sich nicht in blossen AnthropomorphismenAnthropomorphismen zu ergehen. Sie geben deutlich zu erkennen, dass das vollkommene WesenWesen weder innerlich unmöglich noch widersprüchlich, sondern vielmehr unerfindbar-notwendig ist. Inwiefern trägt dies nun aber bei zur ErkenntnisErkenntnis des Sachverhalts der notwendigen ExistenzExistenz des vollkommenen Wesens? Ausgangspunkt war ja der Gedankengang: Weil das Wesen Gottes alle Vollkommenheiten in sich vereinigt, ist seine Realexistenz eine VollkommenheitVollkommenheit, und weil die reale Existenz im Falle des vollkommenen Wesens eine Vollkommenheit ist, darum existiert es auch mit NotwendigkeiNotwendigkeitsubjektivet. Betrachtet man dahingegen die Dinge dieser Welt, so lässt sich mit Thomas von AquinThomas von Aquin feststellen, wie die wirkliche Existenz zum jeweiligen Wesen von aussen hinzukommt.18 Wie aber steht es mit dem Wesen, über das hinaus nichts Grösseres und nichts Besseres gedacht werden kann? Kommt auch dem vollkommenen Wesen die Existenz von aussen zu? Ist das nicht widersprüchlich? Schliesst das vollkommene Wesen nicht gerade aufgrund seines Wesens die notwendige Existenz ein? Es ist evident, dass der ständig drohende Verlust der Existenz nur dem zukommen kann, was unvollkommen ist. Beim vollkommenen Wesen dagegen sind Sein und Wesen identisch, ja müssen identisch sein, denn vollkommen ist eben nur das WesenWesen, das den Grund seiner Existenz in sich selber hat. Hätte das vollkommene Wesen seine Existenz nicht aus sich selber, sondern wäre stetig in Gefahr, seine Existenz wieder einzubüssen, so wäre es mit Sicherheit nicht das, worüber hinaus nichts Grösseres gedacht werden kann. Eine tatsächliche oder auch nur eine als möglich gedachte Nichtexistenz widerspricht dem Wesen Gottes.
Wer vermeint, dieses WesenWesen könne auch nicht sein, legt Zeugnis ab von seinem Nichtverstehen dieser einzigartigen WesensnotwendigkeitWesensnotwendigkeit. Dies war bei GauniloGaunilo der Fall, der gegen AnselmAnselmvon Canterbury den absurden Einwand vorbrachte, dass die vollkommenste Insel notwendigerweise existiere, da eine wirklich seiende Insel vollkommener sei als eine bloss gedachte. Indessen übersah er mit vielen anderen Philosophen jedoch, dass die vollkommenste Insel – trotz aller begrifflichen NotwendigkeitNotwendigkeitsubjektive – die notwendige reale ExistenzExistenz aufgrund ihres Wesens nicht nur nicht einschliesst, sondern gerade strikt ausschliesst. „So bleibt kein ZweifelZweifel daran“, wie Josef SeifertSeifertJosef feststellt, der sich seit seinen frühen Jugendjahren mit dem ontologischen ArgumentArgument beschäftigt und ihm mit GottGott als GottesbeweisGottesbeweis schliesslich eine überzeugende Schrift gewidmet hat, „dass in der Tat zur göttlichen, und nur zur göttlichen Wesenheit, die reale und absolut notwendige Existenz, das absolute Nicht-nicht-sein-Können gehört.“19
4.5 Dietrich von Hildebrands implizite Bejahung des ontologischen Arguments
Wenn diese Ausführungen bedacht werden, stellt sich unweigerlich und berechtigterweise die Frage, warum von HildebrandHildebrandDietrich von trotz seiner Erkenntnismethode und trotz seines Gottesbegriffs – Inbegriff aller WerteWerte – sowie im WissenWissen, dass es in GottGott keinen Unterschied von ExistenzExistenz und Essenz und es nur bei ihm eine notwendige reale Existenz gibt, die Auffassung vertreten kann, dass man die notwendige reale Existenz Gottes „nicht aus der Wesenheit Gottes allein erkennen“1 kann. Von HildebrandHildebrandDietrich von hätte die Bedingungen eigentlich erfüllt, um die notwendige reale Existenz aus dem SoseinSosein Gottes erkennen zu können. Denn zumindest implizit hatte er die reinen Vollkommenheitenreine Vollkommenheiten erkannt, was sich nicht nur daran zeigt, dass er Gott als „die GüteGüte, die WahrhaftigkeitWahrhaftigkeit, die GerechtigkeitGerechtigkeit, die LiebeLiebe“2 bezeichnet, sondern auch daran, dass Gott „das absolute Sein, die absolute WahrheitWahrheit, die absolute Gerechtigkeit und die unendliche Liebe ist“3. Ausnahmslos reine Vollkommenheiten (perfectioni simpliciter). In dieselbe Richtung weist auch sein WortWort vom „Wesenszusammenhang von Allgüte und AllmachtAllmacht“, die, „obgleich völlig selbständige Qualitäten, sich gegenseitig wesensmässig bedingen“4. Wenngleich von HildebrandHildebrandDietrich von dafür eintrat, dass man die notwendige reale Existenz Gottes „nicht aus der Wesenheit Gottes allein erkennen“5 kann, so hat er Gott nichtsdestotrotz gerade solche Eigenschaften zugeschrieben, die die Möglichkeit des Erkennens der realen Existenz aus dem WesenWesen Gottes begründen. Denn alle Eigenschaften, die er Gott zuschreibt, sind absolut besser als alles, was damit nicht zu vereinbaren ist, sind nur in der unendlichen FormForm wahrhaft sie selber, sind überdies gegenseitig verträglich und sind nicht zuletzt auch irreduzibel einfachirreduzibel einfach. Auch wenn die Eigenschaften Gottes, die von HildebrandHildebrandDietrich von zur Sprache gebracht hat, hier nicht abschliessend erwähnt werden, so geben alleine schon die angeführten zu erkennen, dass sie die genannten Merkmale der reinen Vollkommenheitenreine Vollkommenheiten aufweisen. Warum das ontologische ArgumentArgument für von HildebrandHildebrandDietrich von trotzdem ungültig war, bleibt eine offene Frage. Fehlte es ihm schlicht und einfach an überzeugenden Begründungen? Dafür scheint jedenfalls eine Anmerkung aus dem bereits genannten Werk von Josef SeifertSeifertJosef zu sprechen, der ausdrücklich davon spricht, dass von HildebrandHildebrandDietrich von sehr aufgeschlossen gewesen sei gegenüber der Möglichkeit, dass das ontologische Argumentontologische Argument, angemessen begründet, gültig sein könne.6
Da von HildebrandHildebrandDietrich von quer durch sein Schrifttum GottGott immer wieder als Inbegriff aller WerteWerte bezeichnet, sei im Anschluss an die Auseinanderlegung der reinen Vollkommenheitenreine Vollkommenheiten als den einzigen Momenten eines adäquaten Gottesbegriffs schliesslich auch das Verhältnis abschliessend zu bestimmen gesucht, in dem die Werte und die reinen Vollkommenheitenreine Vollkommenheiten zueinander stehen. Die leitende Frage geht dahin, ob Gott seinem WesenWesen nach oder qua Schöpfer als Inbegriff aller WerteInbegriff aller Werte zu verstehen ist. Wenn mit dem Inbegriff aller Werte auf sein Wesen abgezielt wird, dann müssten alle Werte reine Vollkommenheiten sein, geben sie alleine die göttlichen Wesenseigenschaften doch angemessen wieder. Wenn Gott qua Schöpfer als Inbegriff aller Werte verstanden sein soll, dann wiederum müssten nicht alle Werte notwendigerweise reine Vollkommenheiten sein.
Aus dem weiter oben dargelegten Merkmal der WerteWerte sowie den Merkmalen der reinen Vollkommenheitenreine Vollkommenheiten geht hervor, dass die reinen Vollkommenheitenreine Vollkommenheiten aufgrund ihrer intrinsischen BedeutsamkeitBedeutsamkeit Werte sind. Reine Vollkommenheiten finden sich unter den ontologischen, den sittlichen, den intellektuellen wie auch unter den ästhetischen Werten, doch nicht in dem Sinne, als wären alle diesbezüglichen Werte reine Vollkommenheiten. Denn was die ontologischen Werte betrifft, so sind nur einige davon reine Vollkommenheiten. Eine reine VollkommenheitVollkommenheit ist beispielsweise der Wille, keine reine Vollkommenheiten sind dagegen die Farbe oder die MenschenwürdeMenschenwürde. Von den intellektuellen Werten sind ebenfalls nur einige reine Vollkommenheiten, und zwar jene, die nicht wesenhaft die BegrenztheitBegrenztheit des Intellekts voraussetzen, sondern das WesenWesen des Intellekts als solchen betreffen. Auch von den ästhetischen Werten zählen nur einige zu den reinen Vollkommenheitenreine Vollkommenheiten. Während dazu etwa vollkommene EinheitEinheit oder absolute SchönheitSchönheit gehören, sind Charme, Eleganz und dergleichen keine reinen Vollkommenheitenreine Vollkommenheiten.
Bei der Familie der sittlichen WerteWerte verhält es sich schliesslich so, dass bei vielen dieser Werte – z.B. bei der GüteGüte, der WahrhaftigkeitWahrhaftigkeit, der GerechtigkeitGerechtigkeit oder der LiebeLiebe, die von HildebrandHildebrandDietrich von GottGott zugeschrieben hat7 – es sich um reine Vollkommenheiten handelt. Bei anderen sittlichen Werten fällt es wiederum schwer, sie Gott zuschreiben zu wollen, z.B. bei der BescheidenheitBescheidenheit oder der DemutDemut, so als könnten sie in unendlicher göttlicher FormForm existieren, auch wenn es gemäss dem christlichen Glauben eine spezifisch gottmenschliche Demut gibt. Keine reinen Vollkommenheitenreine Vollkommenheiten, die Gott zugeschrieben werden können, sind – kurz gesagt – jene, die die kreatürliche BegrenztheitBegrenztheit und Geschaffenheit des Subjekts voraussetzen. Da sie keine UnendlichkeitUnendlichkeit zulassen, sind diese sittlichen Werte den gemischten Vollkommenheiten zuzurechnen. Zu ihnen gehört u.a. auch die ReueReue, die an die SündeSünde gebunden ist und daher für Gott sinnlossinnlos wäre, des Weiteren die Verzichtsbereitschaft oder der Opferwille, die eindeutig menschliche Dimensionen haben, und Gott von da her nicht zugeschrieben werden können. Anders stellen sich die Verzichtsbereitschaft und der Opferwille oder auch MitleidMitleid und GeduldGeduld und v.a. BarmherzigkeitBarmherzigkeit freilich für die PersonPerson dar, die an die Menschwerdung Gottes glaubt. Dann gibt es beispielsweise eine göttliche Verzichtsbereitschaft (auf das Festhalten an seiner Gottheit) oder einen göttlichen Opferwillen aus Liebe, der sich in der Menschwerdung, der Passion und der Kreuzigung des Gottmenschen offenbart.
Ein grosses Problem stellen schliesslich die rein göttlichen moralischen Vollkommenheiten dar, die scheinbar die SchöpfungSchöpfung voraussetzen und nicht vor dieser im rein göttlichen Leben gedacht werden können, wie z.B. die BarmherzigkeitBarmherzigkeit; denn GottGott kann doch nicht sich selber gegenüber barmherzig sein, oder die GerechtigkeitGerechtigkeit, da Gott nicht sich selber gegenüber Gerechtigkeit widerfahren lassen kann. Dieses Problem wird noch schwerer, wenn an die scheinbar höchste moralische VollkommenheitVollkommenheit Gottes gedacht wird, die das BöseBösedas vorauszusetzen scheint, nämlich die göttliche Sündenvergebung. Braucht Gott etwa das BöseBösedas, um diese Vollkommenheit zu besitzen? Ja ist es auch nur denkbar, dass Gottes ewiges Leben vor der Schöpfung weniger vollkommen gewesen ist als nach ihr, auch wenn in der ewigen göttlichen GüteGüte und LiebeLiebe das Geschöpf und die SündeSünde vorausgesetzt sind? Die reinen Vollkommenheitenreine Vollkommenheiten, die potentiellpotentiell Barmherzigkeit, VergebungVergebung etc. einschliessen, scheinen Gott seit Ewigkeiten zu eignen, auch wenn deren Ausübung das Geschöpf oder sogar die Sünde voraussetzt. Dieser grob skizzierte Komplex an ungelösten Fragen gibt jedenfalls klar zu erkennen, dass grosse AporienAporien angesichts der reinen Vollkommenheitenreine Vollkommenheiten bestehen, die den Menschen und das BöseBösedas voraussetzen.8
Abschliessend lässt sich immerhin so viel mit GewissheitGewissheit festhalten, dass alle reinen Vollkommenheitenreine Vollkommenheiten WerteWerte, nicht alle Werte aber reine Vollkommenheiten sind.
4.6 Was spricht eigentlich dafür, dass die WerteWerte in GottGott gründen, ja brauchen die Werte überhaupt einen SeinsgrundSeinsgrund? – Einige Gedanken zum werttheoretischen GottesbeweisGottesbeweis
Wenngleich von HildebrandHildebrandDietrich von GottGott als „die GüteGüte, die WahrhaftigkeitWahrhaftigkeit, die GerechtigkeitGerechtigkeit, die LiebeLiebe“1 bezeichnet und er Gott sogar als „Inbegriff aller WerteWerte, vor allem der Gerechtigkeit, Liebe und HeiligkeitHeiligkeit“2 versteht, wo liegen die Wurzeln dieser Begriffe? „Begriffe sind an sich ‚Medien‘, durch die unser GeistGeist auf das Seiende sinnvoll abzielt.“3 Was im vorliegenden Zusammenhang besagen will, dass die oben genannten Begriffe – der Güte Gottes, seiner Gerechtigkeit, seiner unendlichen Liebe usw. – meinend auf das Sein Gottes abzielen. Doch welche Argumente sprechen eigentlich dafür, dass sich das Vermeinte auch in WirklichkeitWirklichkeit so verhält, dass v.a. die moralischen Werte in Gott ihr letztes Fundament und ihre letzte Wurzel haben? Und damit verbunden, warum benötigen diese in sich bedeutsamen Entitäten überhaupt einen SeinsgrundSeinsgrund? Oder anderes gefragt: Sind die Werte nicht in sich selbst stehende, autonome Wirklichkeiten?
Diese Fragen seien in der Folge zu beantworten gesucht. Ein erstes ArgumentArgument stammt von von HildebrandHildebrandDietrich von und hebt an beim Sehen der SchönheitSchönheit einer Landschaft, z.B. der italienischen. Dabei „erfassen wir, dass die Schönheit in ihrer letzten SubstanzSubstanz eins ist mit der Substanz der LiebeLiebe, dass sie gleichsam eine objektivierte Liebe in etwas ‚Apersonalem‘ ist“4. Mit Max SchelerSchelerMax gesprochen, kann hier natürlich nichts definiert werden, „wie bei allen letzten Wertphänomenen. Wir können hier nur auffordern, genau hinzusehen“5. In diesem Sinne spricht auch von HildebrandHildebrandDietrich von weder von einem ErkennenErkennen noch von einem Definieren, sondern von einem dem Objekt angemessenen AhnenAhnen: „Dieser Zusammenhang von Wert und Liebe lässt uns ahnen, dass GottGott der Inbegriff der Liebe ist, da er der wesenhaft Vollkommene ist, der personale Inbegriff, die Inkarnierung aller WerteWerte, und darum auch die Liebe.“6
Dass die moralischen WerteWerte ihren SeinsgrundSeinsgrund in der vollkommenen PersonPerson Gottes haben, dafür sprechen zuallererst die moralischen Aktemoralischen Akte selbst. Bekanntlich setzen diese Akte die FreiheitFreiheit voraus, die selbst wiederum wesenhaft die VerantwortungVerantwortung impliziert. Die Verantwortung besteht im Letzten aber nicht gegenüber einem Menschen, denn dieser weiss – aufgrund seiner Unvollkommenheit und KontingenzKontingenz – nicht um das Mass und die Grenzen unserer Freiheit. Auch kennt er die letzten Gründe unseres Handelns und die innersten freien Entscheidungen nicht. Kein anderer MenschMensch kommt als letzter Adressat in Frage, vor dem wir Verantwortung tragen. Notwendigerweise wird von da her ein Adressat des Phänomens der sittlichen Verantwortung gefordert, der um die innersten Beweggründe eines jeden Menschen weiss. GottGott wird hier als absoluter Bezugspunkt und personales Korrelat der sittlichen Verantwortung gegenüber der tiefsten göttlichen Verkörperung des sittlich Guten erkannt. Ausgehend von der eindeutig gegebenen phänomenalen Basis der freien sittlichen Akte und der notwendigerweise geforderten personalen Instanz, vor der wir Verantwortung tragen, wird Gottes WirklichkeitWirklichkeit erkannt.7
Wie alleine schon aufgrund der sittlichen VerantwortungVerantwortung erhellt, haben die moralischen WerteWerte in GottGott mit GewissheitGewissheit ihr letztes Fundament. An dieser Stelle noch weiter nach einem Fundament des „Wertes, dieses tiefsten Urphänomens“8 zu fragen, erinnert an GoetheGoetheJohann Wolfgang von, der die Menschen, denen „der Anblick eines Urphänomens gewöhnlich nicht genug“ ist und denken, „es müsse noch weiter gehen,“ mit den Kindern vergleicht, „die, wenn sie in einen Spiegel geguckt, ihn sogleich umwenden, um zu sehen, was auf der anderen Seite ist“.9 Nichtsdestotrotz seien in der Folge einige weitere Argumente beigebracht, die dafür sprechen, dass die moralischen Werte keinen absoluten Selbststand, sondern den Grund ihres Seins in Gott haben. Als erstes das Wesensgesetz, das auch von HildebrandHildebrandDietrich von erkannt hat und von da her auf diesen Seiten wiederholt zur Sprache kommt, nämlich der notwendige SachverhaltSachverhalt, dass moralische Werte bzw. Unwerte mit Lohn und StrafeLohn und Strafe verknüpft sind.10 Diese Gesetzmässigkeit verbürgt Gottes WirklichkeitWirklichkeit aus der ewigen GerechtigkeitGerechtigkeit, denn unmöglich kann etwas nicht sein, das vom WesenWesen der Gerechtigkeit gefordert und vorausgesetzt wird. Ein weiteres ArgumentArgument hebt an bei der Stimme des GewissensStimme des Gewissens und mündet in die EinsichtEinsicht der inneren Präsenz Gottes in der SeeleSeele. Da dieses Argument weiter unten entfaltet werden wird, sei an dieser Stelle darauf verwiesen.11
Ein anderes ArgumentArgument wird hier zum ersten Mal explizit entfaltet, nämlich das Argument der inneren wesenhaften EinheitEinheit des Moralischen, die nur in GottGott ihre letzte Erfüllung findet. Dieses Argument ist eng mit der inneren Einheit aller moralischen WerteWerte verbunden, die zu verwirklichen vom Menschen als Menschen verlangt ist. Dazu die einschlägige Stelle aus von Hildebrands ethischem Hauptwerk:
Es erscheint ganz natürlich, dass ein MenschMensch nicht jede einzelne intellektuelle Begabung besitzen kann; aber jeder sollte alle sittlichen WerteWerte besitzen. Es ist ganz vernünftig, wenn jemand erklärt: „Ich bin ein Musiker, aber ich habe nicht das geringste philosophische Talent“; oder „Mein Hauptgebiet ist NaturwissenschaftNaturwissenschaft, und die Kunst überlasse ich anderen, die dafür eine Begabung haben“. Aber es wäre ebenso absurdabsurd wie lächerlich, wollte jemand sagen: „Ich beschäftige mich vor allem mit GerechtigkeitGerechtigkeit; die Reinheit ist Sache meiner Kollegen.“ Die Verteilung der Werte auf verschiedene Menschen, die für alle anderen Personwerte ganz natürlich ist, gilt nicht für die sittliche Sphäre. Hier werden alle sittlichen Werte von jedem gefordert, weil er ein Mensch ist.12
Doch welcher Weg führt die VernunftVernunft von der vom Menschen geforderten EinheitEinheit der sittlichen WerteWerte nun zur Einheit dieser Werte in GottGott? Warum kann von HildebrandHildebrandDietrich von Gott mit Bestimmtheit als „die GüteGüte, die WahrhaftigkeitWahrhaftigkeit, die GerechtigkeitGerechtigkeit, die LiebeLiebe“13 bezeichnen? In Bezug auf das soeben angeführte HildebrandHildebrandDietrich von-Zitat, weil es sich bei den sittlichen Werten, die zu verwirklichen von jedem Menschen gefordert sind, weil er ein MenschMensch ist, um gemischte Vollkommenheiten handelt, währenddem es sich in ihrer göttlichen FormForm um reine Vollkommenheitenreine Vollkommenheiten handelt. Wie bereits erwähnt,14 lassen die göttlichen Vollkommenheiten nicht nur die unendliche Form zu, sondern weisen überdies die Eigenschaft auf, dass sie gegenseitig verträglich sind, alle gleichzeitig besessen bzw. realisiert werden können und keine dieser Eigenschaften wahrhaft sie selber ist ohne all die anderen. In analoger Weise kam dies auch in dem soeben angeführten HildebrandHildebrandDietrich von-Zitat betreffend der von jedem Menschen geforderten Einheit aller sittlichen Werte zum Ausdruck. Die moralischen Werte der Güte, Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit, Liebe usw. setzen ihrem WesenWesen nach – sei es als gemischte oder als reine VollkommenheitVollkommenheit – notwendigerweise einen personalen Träger voraus. Und dieser Träger kann im Falle einer unendlichen qualitativen Eigenschaft keine menschliche, sondern einzig die absolut vollkommene PersonPerson Gottes sein.
Und gerade so, wie die sittlichen oder moralischen WerteWerte vom Menschen als solchem gefordert sind, so sind die personalen, allen voran die moralischen Werte die raison d’être des Seins überhaupt und enthüllen damit letztlich den Grund der göttlichen ExistenzExistenz. Und wenn Gottes Wertvollkommenheit auch in der unendlichen sittlichen VollkommenheitVollkommenheit kulminiert, so kann sie auf diese dennoch nicht eingeschränkt werden.15 Die angeführten Argumente vermögen zu zeigen, dass die Werte in GottGott gründen, was v.a. an den moralischen Werten aufgewiesen werden konnte. Brauchen die Werte aber überhaupt einen SeinsgrundSeinsgrund, war eine weitere Frage, die eingangs dieses Kapitels gestellt wurde. Ja, sie brauchen ihn notwendigerweise. Und zwar nicht alleine deswegen, damit die WirklichkeitWirklichkeit eine intelligible Struktur hat, sondern auch deswegen, weil der MenschMensch den existentiellen SinnSinn und das GlückGlück in seinem Leben nur über die Verwirklichung der von ihm geforderten moralischen Werte finden kann. Vor allem aber beantworten die Werte qua in sich ruhende Bedeutsamkeiten die von LeibnizLeibnizGottfried Wilhelm oder SchelerSchelerMax gestellte metaphysische Grundfrage, warum überhaupt etwas ist und nicht vielmehr nichts.16
Nebstdem führt auch vom Phänomen des absoluten moralischen Sollens ein denkerischer Weg zu GottGott. Diese Forderungen gehen über das hinaus, was der MenschMensch prinzipiell verwirklichen kann. Es sind im Letzten rein objektive Forderungen nach der höchsten WirklichkeitWirklichkeit des Guten, deren Verwirklichung aber nur in Gott selber liegen kann. Denn da dem Menschen die vollkommene Erfüllung der geforderten moralischen HeiligkeitHeiligkeit unmöglich ist, verlangt die moralische SollensforderungSollensforderung im Tiefsten nicht nur, dass die Menschen gut handeln und das BöseBösedas meiden sollen, sondern auch, dass das absolute GuteGutedas verwirklicht ist. Das aber kann nur in Gott vollste Wirklichkeit sein. Auch mit diesem ArgumentArgument, das vom Gesolltsein der moralischen WerteWerte ausgeht und eine Verwirklichung des Guten verlangt, wie sie kein Mensch erfüllen kann, stösst man auf den Grund und die Wurzeln der moralischen Welt in ihrer objektiven Gültigkeitobjektive Gültigkeit.
Nicht zuletzt kann der werttheoretische GottesbeweisGottesbeweis auch über die postulierte Nichtexistenz Gottes geführt werden. Denn wenn GottGott nicht existierte, wäre das Moralische seines höchsten Gegenstands beraubt und alle diesbezüglichen Akte, insbesondere die GottesliebeGottesliebe, würden, „da Gott nur entweder notwendig existiert oder in sich unmöglich ist, auf einer widersprüchlichen Idee beruhen“17. Das intelligible WesenWesen des Moralischen enthielte dann „einen inneren WiderspruchWiderspruch, was nicht sein kann“18.
5 Die Probe aufs Exempel: Prüfung der (Un-)Vernünftigkeit dreier moderner bzw. postmoderner Kritiken an der ReligionReligion
5.1 Der MenschMensch als SeinsgrundSeinsgrund Gottes in Ludwig Feuerbachs anthropologischer Theologie
Nach dem Aufweis der Vernünftigkeit der religiösen Grundüberzeugung, dass GottGott existiert, sei in der Folge zugesehen, wie es um das Gegenstück, nämlich um die Kritik religiöser Überzeugungen bestellt ist. Wohl wurde in groben Zügen schon auf die Kritik des XenophanesXenophanes an den anthropomorphen Göttervorstellungen der alten Mythen hingewiesen. Zu den Aufgaben der ReligionsphilosophieReligionsphilosophie gehört jedoch nicht nur die Kritik religiöser Überzeugungen, zu ihren Aufgaben gehört auch die Kritik an der Kritik religiöser Überzeugungen. Dieser Aufgabe seien die folgenden Seiten gewidmet, auf denen die ReligionskritikReligionskritik Ludwig Feuerbachs (1804–1872) kritisch untersucht wird. Vor dem Hintergrund des bereits Erarbeiteten wird dabei die kritische Frage zu beantworten gesucht, ob sein Vorwurf der Unvernünftigkeit der ReligionReligion haltbar ist, und wenn nicht, warum nicht.
Mit Ludwig FeuerbachFeuerbachLudwig begegnet ein Philosoph, dem nachgesagt wird, dass er die „gnoseologischen Wurzeln der ReligionReligion“1 entschlüsselt habe. Mit dem WortWort von den gnoseologischen, also den erkenntnismässigen Wurzeln ist Feuerbachs philosophisches Rüstzeug schon deutlich benannt: Was sich bei KantKantImmanuel auf die ErkenntnistheorieErkenntnistheorie erstreckte, nämlich das skeptisch-agnostische Nicht-erkennen-Können der objektiven WahrheitWahrheit, das übertrug Ludwig Feuerbach in analoger Weise auf die ReligionsphilosophieReligionsphilosophie. Bereits in seiner – 1830 anonym erschienenen – Erstlingsschrift Gedanken über TodTod und UnsterblichkeitUnsterblichkeit lehnte er den Glauben an einen persönlichen GottGott entschieden ab. Dieser GlaubeGlaube, so in seinem religionskritischen Hauptwerk die Leitlinie seines Denkens markierend, „ist nichts andres als der Glaube an die Gottheit des Menschen“2, denn „was der MenschMensch von Gott aussagt, das sagt er in Wahrheit von sich selbst aus“3. Aus diesen Worten lässt sich in etwa ermessen, inwiefern Feuerbachs Vorstoss „in der neueren Geschichte der Philosophie und WissenschaftWissenschaft die radikalste Absage an das Christentum und die sie rechtfertigende Theologie und Philosophie“4 darstellt.
5.1.1 Feuerbachs Thesen
Wer aufgrund des Titels der Feuerbachschen Hauptschrift Das WesenWesen des Christentums auf eine Analysierung und VerifizierungVerifizierung des Christentums selbst oder auf eine gegen aussen gerichtete Verteidigung schliessen zu können meint, wird überrascht sein, die Behauptung zu vernehmen: „Die ReligionReligion ist die Entzweiung des Menschen mit sich selbst“1. Denn: „Der MenschMensch – dies ist das Geheimnis der Religion – vergegenständlicht sein Wesen und macht dann wieder sich zum Gegenstand dieses vergegenständlichten, in ein SubjektSubjekt, eine PersonPerson verwandelten Wesens“2. Mit anderen Worten: „Die Religion ist das Verhalten des Menschen zu seinem eignen Wesen […], aber zu seinem Wesen nicht als dem seinigen, sondern als einem andern, von ihm unterschiednen, ja entgegengesetzten Wesen“3. Was FeuerbachFeuerbachLudwig in die prägnante Formel fasst: „der GottGott des Menschen ist sein eignes Wesen“4. Das aber heisst: „Gott ist nichts an sich selber.“5 „Ob er ist oder nicht ist – es ist einerlei; wir gewinnen nichts durch sein Sein und verlieren nichts durch sein Nichtsein; denn wir haben an Gott nur eine Wiederholung von uns selbst.“6 Darum ist auch „die ErkenntnisErkenntnis Gottes die Selbsterkenntnis des Menschen“7. Ja, „das WissenWissen des Menschen von Gott ist das Wissen des Menschen von sich, von seinem eignen Wesen.“8 Und wie „der GlaubeGlaube, dass überhaupt ein Gott ist, ein AnthropomorphismusAnthropomorphismus“ ist, so sind auch die Prädikate, die Gott zugeschrieben werden, blosse „AnthropomorphismenAnthropomorphismen, d.h. menschliche Vorstellungen“.9 „Wie ich bin, so ist mein Glaube, und wie mein Glaube, so mein Gott.“10 Kurzum: „Dass Gott ein andres Wesen ist, das ist nur ScheinSchein, nur Einbildung.“11 Da also „zwischen dem göttlichen und menschlichen Subjekt oder Wesen kein Unterschied ist“, ist „der wahre SinnSinn der Theologie die AnthropologieAnthropologie“.12
Bei der Verneinung der ExistenzExistenz Gottes macht sich der skeptische Einfluss Kants bemerkbar, für den, wie weiter oben gesehen, das ErkennenErkennen der Existenz Gottes unmöglich ist, zumindest das unmittelbare. Und obgleich FeuerbachFeuerbachLudwig eine gewisse Sympathie für den ontologischen Gottesbeweisontologischer Gottesbeweis bekundet – er nennt ihn den interessantesten BeweisBeweis, „weil er von innen ausgeht“13 –, hält er ihn trotzdem nicht für gültig. Nichtsdestotrotz übernimmt er Kants Kritik nicht vorbehaltlos, sondern unterzieht auch ihn selbst einer Kritik:
KantKantImmanuel hat bekanntlich in seiner Kritik der Beweise vom Dasein Gottes behauptet, dass sich das Dasein Gottes nicht aus der VernunftVernunft beweisen lasse. KantKantImmanuel verdiente deswegen nicht den Tadel, welchen er von Hegel erfuhr. KantKantImmanuel hat vielmehr vollkommen recht: aus einem Begriffe kann ich nicht die ExistenzExistenz ableiten. Nur insofern verdient er Tadel, als er damit etwas Besonderes aussagen und der Vernunft gleichsam einen Vorwurf machen wollte. Es versteht sich dies von selbst. Die Vernunft kann nicht ein Objekt von sich zum Objekt der Sinne machen. Ich kann nicht im Denken das, was ich denke, zugleich ausser mir als ein sinnliches Ding darstellen.14
Über die anthropologische Theologie bzw. die IdentitätIdentität von MenschMensch und GottGott hinaus tritt hier die Feuerbachsche ErkenntnistheorieErkenntnistheorie ans Licht.
5.1.2 Feuerbachs erkenntnistheoretische Prinzipien
„Nur durch die Sinne wird ein Gegenstand im wahren SinnSinn gegeben – nicht durch das Denken für sich selbst.“1 „Ein Objekt, ein wirkliches Objekt, wird mir nämlich nur da gegeben, wo mir ein auf mich wirkendes WesenWesen gegeben wird, wo meine Selbsttätigkeit […] an der Tätigkeit eines andern Wesens ihre Grenze – Widerstand findet.“2 Wobei nicht nur Äusserliches Gegenstand der Sinne ist, „nicht nur Fleisch, auch GeistGeist, nicht nur das Ding, auch das Ich ist Gegenstand der Sinne. – Alles ist darum sinnlich wahrnehmbar“3. Die GewissheitGewissheit betreffend behauptet FeuerbachFeuerbachLudwig: „Unbezweifelbar, unmittelbar gewiss ist nur, was Objekt des Sinns, der Anschauung, der Empfindung ist.“4 Ja, „sonnenklar ist nur das Sinnliche; nur wo die Sinnlichkeit anfängt, hört aller ZweifelZweifel und Streit auf. Das Geheimnis des unmittelbaren Wissens ist die Sinnlichkeit.“5 „WahrheitWahrheit, WirklichkeitWirklichkeit, Sinnlichkeit sind identisch.“6 Und die objektive Wahrheitobjektive Wahrheit? „Nur das durch die sinnliche Anschauung sich bestimmende und rektifizierende Denken ist reales, objektives Denken – Denken objektiver Wahrheit.“7 Diese DefinitionDefinition verweist wieder auf KantKantImmanuel, der auch schon dafür hielt, wie bereits erwähnt, dass die sinnlichen Anschauungen und die Begriffe die Elemente einer jeden ErkenntnisErkenntnis ausmachen.8
Nicht auf KantKantImmanuel jedoch kann Feuerbachs erkenntnistheoretischer SensualismusSensualismus zurückgeführt werden. Dieser hat seine Wurzeln vielmehr in John Lockes Versuch über den menschlichen VerstandVerstand (1690).9 Was immer im menschlichen Verstande ist, so die zentrale Aussage dieser Schrift, war zuvor in den Sinnen. LockeLockeJohn unterscheidet zwischen der Sinnesempfindung (sensation) und der Wahrnehmung der Sinnesempfindung (reflection), wobei die reflection die sensation voraussetzt. Von da her lässt sich ermessen, wie er seine Aussage verstanden wissen will, dass alles, was im menschlichen Verstande ist, zuvor in den Sinnen war.10
Lockes Lehre entwickelt Étienne Bonnot de CondillacCondillacÉtienne Bonnot de in seiner Abhandlung über die Empfindungen (1754) zu einem reinen SensualismusSensualismus weiter. Wie schon für LockeLockeJohn, so steht auch für CondillacCondillacÉtienne Bonnot de fest, „dass alle unsere Erkenntnisse aus den Sinnen stammen“11. Er hebt sich von LockeLockeJohn jedoch insofern ab, als er den eben zitierten SatzSatz für mangelhaft erklärt. Denn „wenn ich nicht weiss, wie sie daraus stammen, so werde ich glauben, dass wir sogleich alle Vorstellungen, die unsere Empfindungen in sich schliessen können, haben, wenn die Dinge Eindrücke auf uns machen, und werde irre gehen“12. Zwar verficht er mit LockeLockeJohn die Auffassung, dass der kognitive Prozess ausschliesslich bei den Empfindungen anhebt und die „Empfindungen die Quelle [aller] Kenntnisse“ sind, doch geht er über LockeLockeJohn insofern hinaus, als er die reflection verwirft und auf der alleinigen Basis der sensation „die Erinnerung an ihre vergangenen Empfindungen [als] ihren gesamten Inhalt“, ja als den „Inhalt aller unserer Erkenntnisse“ versteht.13 Und wie aus der Empfindung eines einzelnen Dinges eine Einzelvorstellung wird, so ist „ein Schema, das zu mehreren Einzeldingen passt, eine allgemeine Vorstellung“14. Ein WesenWesen oder eine SubstanzSubstanz aber gibt es für CondillacCondillacÉtienne Bonnot de nicht, empfunden werde immer nur je Dieses.15 Wenn nun „alle unsere Erkenntnisse aus den Sinnen“16 stammen, GottGott aber mittels der Sinne nicht empfunden werden kann, kann das Da- und SoseinSosein Gottes folglich auch nicht erkannt werden. Um in seinem System allerdings nicht ein Loch zu gewärtigen, spricht er – mit den DeistenDeisten seiner Zeit – vom „Weltschöpfer“17, welcher unverkennbare Züge einer schöpferischen NaturNatur (natura naturans) aufweist.18
5.1.3 Die Zurückweisung des ontologischen Gottesbeweises
Wer sich solch eine Sichtweise zu Eigen macht, der wird gemeinsam mit FeuerbachFeuerbachLudwig Kants Kritik am ontologischen Gottesbeweisontologischer Gottesbeweis mit dem Vorwurf zurückweisen: „Die VernunftVernunft kann nicht ein Objekt von sich zum Objekt der Sinne machen. Ich kann nicht im Denken das, was ich denke, zugleich ausser mir als ein sinnliches Ding darstellen.“1 Ein Sensualist wie CondillacCondillacÉtienne Bonnot de oder Feuerbach geht davon aus, dass ein Gegenstand nur durch die Sinne gegeben wird, „nicht durch das Denken für sich selbst“2. Insofern verständlich, kann Feuerbach auf dieser erkenntnistheoretischen Grundlage das ontologische ArgumentArgument nicht nachvollziehen. Unter veränderten erkenntnistheoretischen Vorzeichen wäre ihm das Verständnis allerdings nicht fern gestanden. Denn ganz deutlich bringt er im 21. Kapitel des WesenWesen[s] des Christentums zum Ausdruck, dass er den Gedankengang an und für sich nachzuvollziehen vermochte. Doch scheinen die sensualistischen Prämissen ein unüberwindliches Hindernis aufgebaut zu haben, ein Hindernis, dessen Nichtübersteigen offensichtlich nicht einem Mangel an intellektuellen Fähigkeiten anzulasten ist, sondern schon eher den zeitbedingten Vorurteilen, wozu insbesondere Kants kopernikanische Wendekopernikanische Wende zu rechnen ist. Mit der Zurückweisung des ontologischen Gottesbeweises steht Feuerbach allerdings nicht alleine, wie sich weiter oben gezeigt hat, geht er mit dieser Ansicht mit verschiedenen anderen Denkern aus der christlichen Epoche einig. Doch war nichtsdestotrotz für viele dieser Denker die ExistenzExistenz Gottes unumstösslich gewiss. Erinnert sei nur an Thomas von AquinThomas von Aquin, der gegen das ontologische Argumentontologische Argument einwandte – worauf weiter oben bereits hingewiesen wurde –, dass der MenschMensch GottGott „nicht in ihm selbst schauen kann, sondern nur in seinen Wirkungen, und der somit nur durch Schlussfolgern zur ErkenntnisErkenntnis, dass Gott ist, geführt wird“3.
Wäre diese MethodeMethode – SchlussfolgerungSchlussfolgerung von den Wirkungen auf die UrsacheUrsache – nicht ganz nach Feuerbachs Muster? Ist es nicht im Sinne ebendieser Methode, wenn FeuerbachFeuerbachLudwig seine Gedanken auf Materialien gründet, „die wir uns stets nur vermittelst der Sinnentätigkeit aneignen können“ und „nicht den Gegenstand aus dem Gedanken, sondern umgekehrt den Gedanken aus dem Gegenstande“ erzeugen?4 Den Ausgang bei der WirkungWirkung, d.h. bei der sinnlichen Wahrnehmung der Welt, könnte er mit Thomas ja noch nehmen, doch scheitert er beim Schluss auf die Ursache. Denn erstens ist ihm nur das Gegenstand, „was ausser dem Kopf existiert“5 und zweitens ist das Erschlossene ja immer ein schon irgendwie Bekanntes. Wenn ihm aber nur Sinnliches bekannt ist, dann umgrenzt er seinen Gegenstandsbereich so eng, dass er den wesentlich unsinnlichen GottGott nicht mitumfassen kann.
5.1.4 Die BegründungBegründung seiner Behauptungen
FeuerbachFeuerbachLudwig hat nicht nur den ontologischen Gottesbeweisontologischer Gottesbeweis als ungültig zurückgewiesen, er hat die göttlichen Dinge insgesamt zu blossen Produkten der menschlichen Vorstellung erklärt. Doch womit begründet er diese Behauptungen eigentlich? Beruft er sich einzig und allein auf die sensualistischen Prinzipien? Selbstverständlich argumentiert Feuerbach auf der Basis des SensualismusSensualismus, doch haben seine Argumente allemal einen originellen Gehalt.
Wie begründet er nun etwa seine Behauptung: „Der MenschMensch ist der offenbare GottGott“1, bzw.: „der Gott des Menschen ist sein eignes WesenWesen“2? Und warum sagt der Mensch, was immer er „von Gott aussagt, […] in WahrheitWahrheit von sich selbst aus“3? Ja warum kann FeuerbachFeuerbachLudwig behaupten: „Das BewusstseinBewusstsein Gottes ist das SelbstbewusstseinSelbstbewusstsein des Menschen, die ErkenntnisErkenntnis Gottes die Selbsterkenntnis des Menschen“4? Wie aber versteht Feuerbach das Bewusstsein überhaupt und was macht ihm zufolge „die eigentliche Menschheit im Menschen aus“5? „Bewusstsein im strengen oder eigentlichen Sinne und Bewusstsein des Unendlichen ist untrennbar; beschränktes Bewusstsein ist kein Bewusstsein; das Bewusstsein ist wesentlich allumfassender, unendlicher NaturNatur.“6 „Aber was ist denn das Wesen des Menschen, dessen er sich bewusst ist“7? „Die VernunftVernunft, der Wille, das Herz.“8 AugustinusAugustinus hat mit diesen drei Kräften bekanntlich das ZielZiel erreicht, das er sich in seinem religionsphilosophischen Hauptwerk De trinitate gesteckt hatte, nämlich den Glauben an die Trinität Gottes durch die Herausarbeitung gewisser trinitarischer Strukturen im Menschen – dem Bilde Gottes – als vernünftig auszuweisen. Feuerbach hingegen veranlassen sie zu dem UrteilUrteil, dass „Wollen, Fühlen, Denken Vollkommenheiten sind“, was es unmöglich macht, „dass wir mit Vernunft die Vernunft, mit GefühlGefühl das Gefühl, mit WillenWillen den Willen als eine beschränkte, endliche d.i. nichtige Kraft empfinden und wahrnehmen“.9
Der MenschMensch ist sich seiner unendlichen Kräfte bewusst. Woraus FeuerbachFeuerbachLudwig folgert: „Die VernunftVernunft, welche GottGott als ein unbeschränktes WesenWesen denkt, die denkt in Gott nur ihre eigene Unbeschränktheit.“10 „Das reine, vollkommene, mangellose göttliche Wesen ist das SelbstbewusstseinSelbstbewusstsein des Verstandes, das BewusstseinBewusstsein des Verstandes von seiner eigenen VollkommenheitVollkommenheit.“11 „Der BeweisBeweis, dass das göttliche Wesen das Wesen der Vernunft oder Intelligenz ist, liegt darin, dass die Bestimmungen oder Eigenschaften Gottes […] Eigenschaften der Vernunft sind.“12 Insofern ist das Mass an Vernunft, über das ein gegebener Mensch verfügt, zugleich das Mass seines Gottes. „Denkst du Gott beschränkt, so ist dein VerstandVerstand beschränkt; denkst du Gott unbeschränkt, so ist auch dein Verstand nicht beschränkt.“13 „Aus seinem Gotte erkennst du den Menschen, und wiederum aus dem Menschen seinen Gott; beides ist eins.“14
5.1.5 Kritik an Feuerbachs ReligionskritikReligionskritik
Warum ist GottGott nichts anderes als eine menschliche Vorstellung? Weil, so FeuerbachFeuerbachLudwig, die Gott zugeschriebenen Eigenschaften (LiebeLiebe, WeisheitWeisheit, GüteGüte, VerstandVerstand, ExistenzExistenz, WesenWesen1, HeiligkeitHeiligkeit, GerechtigkeitGerechtigkeit, BarmherzigkeitBarmherzigkeit2) Eigenschaften des Menschen sind.
Du glaubst an die LiebeLiebe als eine göttliche Eigenschaft, weil du selbst liebst, du glaubst, dass GottGott ein weises, ein gütiges WesenWesen ist, weil du nichts Besseres von dir kennst als GüteGüte und VerstandVerstand, und du glaubst, dass Gott existiert, dass er also SubjektSubjekt oder Wesen ist […], weil du selbst existierst, selbst Wesen bist.3
Doch warum eigentlich ist FeuerbachFeuerbachLudwig sich dessen gewiss, dass diese Eigenschaften exklusiv menschliche sind? Was gibt ihm die GewissheitGewissheit, dass es sich hierbei nicht um primär göttliche Eigenschaften handelt, an welchen der MenschMensch als Geschöpf Gottes teilhat bzw. teilhaben kann und soll? Die Begründungen, mit denen Feuerbach seine Behauptungen zu stützen sucht, sind weder hinreichend noch überzeugend. Denn warum soll etwa der folgenden Behauptung zugestimmt werden: „Eine Eigenschaft ist nicht dadurch göttlich, dass sie GottGott hat, sondern Gott hat sie, weil sie an und für sich selbst göttlich ist, weil Gott ohne sie ein mangelhaftes WesenWesen ist“4? Feuerbach hat deutlich erfasst, dass es sich bei den göttlichen Eigenschaften um Vollkommenheiten handelt, welche in beschränktem Masse auch im Menschen realisiert sind. Zugleich aber hat er erfasst, dass diese Eigenschaften Gott in ihrer reinsten FormForm zukommen. Alleine der GlaubeGlaube überwindet nach ihm diesen Graben, alleine der Glaube personifiziert und vergegenständlicht diese Eigenschaften in ihrer reinsten und personifizierten Form. Womit wieder eine seiner schlecht begründeten Behauptungen im Raume steht: Denn warum kann die Reinform einer VollkommenheitVollkommenheit nicht anders als eine menschliche Setzung sein? Müsste nicht zumindest auch die Möglichkeit in Betracht gezogen werden, dass das Mehr an objektiver Realität (realitas objectiva), d.h. die Reinform der im Menschen nur beschränkt realisierten Vollkommenheiten, in der UrsacheUrsache vorhanden ist? Kann diese Ursache jedoch überhaupt weltimmanent sein, muss sie nicht vielmehr transzendent, ja göttlich sein?
FeuerbachFeuerbachLudwig gibt im Übrigen selbst darüber Auskunft, weswegen ihn nichts von seiner Überzeugung hat abbringen können, dass GottGott ein AnthropomorphismusAnthropomorphismus, eine menschliche Vorstellung ist. Zwar bezeichnet er es als „eine Ausrede“, „man könne vom Übersinnlichen nichts wissen“.5 „Man weiss nur dann nichts von Gott und göttlichen Dingen, wenn man von ihnen Nichts mehr wissen mag.“6 Denn: „Wofür das Herz offen, das ist auch dem VerstandVerstand kein Geheimnis.“7 Und als wären diese Worte noch nicht klar genug, fährt er im unmittelbaren Anschluss daran weiter, indem er die Folgen der voluntativen Abwendung wie folgt umreisst:
So verlor denn auch die Menschheit in neuerer Zeit nur deswegen die Organe für die übersinnliche Welt und ihre Geheimnisse, weil sie mit dem Glauben an sie auch den SinnSinn für sie verlor, weil ihre wesentliche Tendenz eine antichristliche, antitheologische, d.h. eine anthropologische, kosmische, realistische, materialistische Tendenz war.8
Hat FeuerbachFeuerbachLudwig vielleicht Kenntnis erhalten von Schellings in den Jahren 1831/32 erstmals gehaltenen Vorlesungen über die Philosophie der OffenbarungOffenbarung? Ist er auf seine Worte aufmerksam geworden: „Wie der MenschMensch, so seine Philosophie – oder wie die Philosophie des Menschen, so er selbst“9? Ja, hat sich Feuerbach das von SchellingSchellingF.W.J. tradierte uralte AxiomAxiom10 zu Herzen genommen, „dass das Erkennende wie das Erkannte, und das Erkannte wie das Erkennende“11 ist?
Wie immer es sich hiermit verhalten mag, mit seinen zuletzt genannten Worten lässt FeuerbachFeuerbachLudwig jedenfalls tief in sein Innenleben blicken. Da er sich im Klaren darüber zu sein scheint, dass das intellektuelle Vermögen des voluntativen Beitrags bedarf, sind seine Behauptungen und Begründungen als Bekenntnis zu werten, diesen voluntativen Beitrag nicht aufzubringen. Letztlich interessiert hier aber nicht Feuerbachs Willensrichtung – davon wird weiter unten zu handeln sein12 –, sondern die göttliche Sache an sich selbst. Sie soll in der Folge in den Blick genommen und methodisch freigelegt werden. Dazu ist in erster Linie der Nachweis erforderlich, dass die Sinne nicht alleine die Wahrnehmung von kontingenten Gegenständen ermöglichen, sondern die Sinneswahrnehmungen vielfach Hand in Hand gehen mit der Wahrnehmung von Notwendigem. Es wird sich zeigen, wie der MenschMensch bei der – nicht bloss analytischen, sondern synthetischen – ErkenntnisErkenntnis eines notwendigen Objektes eine GewissheitGewissheit erlangen kann, die den von Feuerbach eingeforderten KonsensKonsens als WahrheitskriteriumWahrheitskriterium13 als unangemessen und erzwungen erscheinen lässt. Was allerdings nicht so verstanden sein will, dass tatsächlich alle Menschen die die Sinnlichkeit übersteigenden Erkenntnisse mit EvidenzEvidenz erlangen. Denn dazu bedarf es immer auch des bereits erwähnten voluntativen Beitrags. Wenngleich gewisse Erkenntnisse auch ohne ihn erlangt werden können, so handelt es sich dabei immer um neutrale Objekte. Sobald es sich jedoch um bedeutsame Objekte handelt, ist der voluntative, der intellektöffnende Beitrag unabdingbar. Wenn diese Nachweise sich erbringen lassen, werden Feuerbachs sensualistische Fundamente von selbst einstürzen und den Weg zu einer BegründungBegründung der objektiven ExistenzExistenz Gottes freigeben.
5.1.5.1 Erkenntnistheoretische Grundlegung der Antikritik
„Nur durch die Sinne wird ein Gegenstand im wahren SinnSinn gegeben“1, nur durch die Sinne erschliesst sich FeuerbachFeuerbachLudwig zufolge die WirklichkeitWirklichkeit.2 Wie aber kann man sich ihrer gewiss sein, wie mit Sicherheit wissen, dass das Wahrgenommene sich auch in Wirklichkeit so verhält? Feuerbachs sensualistische Grundfeste geraten hier bedenklich ins Wanken. Denn einerseits erklärt er die Sinnlichkeit zum unmittelbaren Zugang zu unbezweifelbarem WissenWissen3 und „das durch die sinnliche Anschauung sich bestimmende und rektifizierende Denken“ zum „Denken objektiver WahrheitWahrheit“,4 andererseits scheint dieses unbezweifelbare Wissen so unbezweifelbar gerade nicht zu sein, muss doch immer auch „die Probe der ObjektivitätObjektivität“5 bestanden werden. Welche dann bestanden ist, „wenn sie der andere ausser Dir, dem sie Objekt sind, auch anerkennt“6. Wenn die Objektivität einer Wahrheit jedoch nur zukommt, sofern ein intersubjektiver KonsensKonsens besteht, steht die Unbezweifelbarkeit solchen Wissens doch auf ziemlich wackligen und v.a. auf manipulier- und beeinflussbaren Füssen.
Wo und wie die objektive WahrheitWahrheit auf evidente, den intersubjektiven KonsensKonsens erübrigende Weise erkannt werden kann, sei in der Folge dargetan. Dabei wird die weiter oben dargelegte ErkenntnistheorieErkenntnistheorie Dietrich von Hildebrands einer praktischen Anwendung zugeführt. Ausgangspunkt bildet die Wahrnehmung eines hier und jetzt Gegebenen. Wofür sich die LiebeLiebe anerbietet, von der FeuerbachFeuerbachLudwig selbst an verschiedenen Stellen handelt. Ob er der Liebe eine einende Kraft beimisst und sie mit der Empfindung gleichsam in eins setzt7 oder sie intentional auf das Wohl des anderen gerichtet sein lässt,8 Feuerbach hat die Liebe offensichtlich erfahren. Das WissenWissen, das er durch diese Erfahrungen erworben hat, würde er selbst wohl als unbezweifelbar bezeichnen, ansonsten hätte er die SelbstliebeSelbstliebe kaum mit Bestimmtheit von den genannten beiden Liebesarten abzugrenzen vermocht.9 Er wusste, wie komplex die Liebe ist, er wusste, wie verschieden die Intentionen sind, die alle mit demselben Namen bezeichnet werden.10 Doch wie und woher kommt ihm diese GewissheitGewissheit eigentlich zu, seiner Erkenntnistheorie entsprechend sind seine Erfahrungen doch auf die Anzahl der gemachten Sinneswahrnehmungen beschränkt? Feuerbach fehlt zweifelsohne der archimedische Punktarchimedische Punkt, ihm fehlt der Grund, weswegen er sich seines Wissens um die Liebe so sicher ist. Kurzum: Ihm fehlt das BewusstseinBewusstsein, dass es den kognitiven Zustand der unbezweifelbaren Gewissheit nur darum gibt, weil bestimmte Seiende über ein innerlich notwendiges SoseinSosein verfügen und weil es einzig die in einem solchen Sosein gründenden Sachverhalte sind, die mit absoluter Gewissheit erkannt werden können.
Um diese TheseThese dem Verständnis näher zu bringen, sei sie im Einzelnen auseinandergesetzt. Ausgangspunkt bildet das schwerlich zu bestreitende WortWort, dass das WissenWissen die Frucht des Erkennens ist, wie es sich mit einer gegebenen Sache in dieser oder jener Hinsicht verhält. So kann – mit FeuerbachFeuerbachLudwig – beispielsweise erkannt werden, dass die menschliche PersonPerson über die Kräfte des Denkens, Fühlens und Wollens verfügt, über Kräfte, die sich auf das Verhalten des Menschen sowohl zu sich selber wie zu anderem – seien es Personen, seien es apersonale Dinge – erstrecken.11 Gleichermassen lässt sich mit Feuerbach die ErkenntnisErkenntnis erlangen, dass die LiebeLiebe das Merkmal aufweist, auf das Wohl des anderen gerichtet zu sein. Es lässt sich aber auch erkennen, dass der Nachbar heute heiter gestimmt ist, oder dass sein Sohn ein neues Auto fährt. Es ist unbestreitbar, dass die letzteren Erkenntnisse sich von den beiden erstgenannten unterscheiden: Während die ersteren zu allgemeingültigem und unbezweifelbarem Wissen führen, kommen die letzteren nicht darüber hinaus, in ein Wissen nur einiger weniger Menschen und erst noch in ein subjektiv gefärbtes zu münden. Warum aber dieser Unterschied? Die AntwortAntworttheoretische ist in den jeweiligen Sachen selbst zu suchen, sie sind der Grund der kognitiven Unterschiede. Und zwar sind sie es insofern, als die einen Sachen kontingentkontingent, die anderen aber innerlich notwendig sind. Oder ist die Heiterkeit vielleicht ein notwendigerweise zur genannten Person gehörendes Charakteristikum, oder allenfalls das Fahren eines neuen Autos zu seinem Sohn? Offensichtlich nicht! Wie aber steht es mit Denken, Fühlen, Wollen als selbst- bzw. fremdbezogenen Akten und wie mit dem WohlwollenWohlwollen als Element der Liebe?
Gegenstand sind nicht mehr zwei individuelle Menschen – der genannte Nachbar und sein Sohn –, sondern Gegenstand sind nun zwei notwendige Wesenheiten: die PersonPerson und die LiebeLiebe. Können auch sie in individuellen Menschen wahrgenommen werden, so deswegen, weil das betreffende Individuum trotz seiner Limitiertheit den Blick auf die notwendige Wesenheit freigibt. Wobei die Wesenheit dank ihrer inneren NotwendigkeitNotwendigkeitsubjektive und IntelligibilitätIntelligibilität ein VerstehenVerstehen von innen her und ein absolut gewisses ErkennenErkennen der in ihr gründenden Sachverhalte ermöglicht. Was allerdings in jedem Falle die Erfahrung der betreffenden Seienden bedingt, denn ohne beispielsweise das SoseinSosein der Liebe erfahren zu haben, kann auch der SachverhaltSachverhalt nicht erkannt werden, dass der Liebende um das Wohl des Geliebten bemüht ist. Wenngleich die SoseinserfahrungSoseinserfahrung häufig auf der Basis einer Sinneswahrnehmung vonstatten geht, so heisst das allerdings nicht, sie könne nur so vonstatten gehen. Das Sosein kann z.B. auch bei der Lektüre eines literarischen Werks oder in einem Traum erfahren werden.
Zur abschliessenden Erhellung sei mit von HildebrandHildebrandDietrich von nochmals darauf aufmerksam gemacht, dass das SoseinSosein eines jeden seienden Etwas eine EinheitEinheit ist. Ist das Sosein bei den einen chaotisch bzw. zufällig (z.B. bei einer Tonfolge, die keine Melodie ist), ist es bei den anderen trotz aller Sinnhaftigkeit kontingentkontingent (z.B. bei einem Krokodil), so ist es bei wieder anderen innerlich notwendig (z.B. bei der LiebeLiebe). Ein notwendiges Sosein zeichnet sich dadurch aus, dass es über eine innere Konsistenz verfügt, welche es unmöglich macht, dass es auch anders sein könnte, bei dem die Wegnahme auch nur eines Merkmals die Einheit zerstören würde. Was im erkenntnistheoretischen Abschnitt dieser Untersuchung bereits aufgezeigt wurde und sich an der Liebe oder an der WahrheitWahrheit ebenso ermessen lässt wie an der GerechtigkeitGerechtigkeit, der Zahl, dem WillenWillen oder dem VerzeihenVerzeihen, um hier nur einige zu nennen. Nur diese in sich notwendigen EinheitenEinheitenchaotische, zufällige, morphische ermöglichen ein zweifelsfreies ErkennenErkennen ihres Verhaltens. Wobei es sich nicht um blosse TautologienTautologien handelt, sondern um wissenserweiternde, um synthetische Erkenntnisse, die a apriori erlangt werden und nicht durch empirische Beobachtung fundiert sind. Doch warum und inwiefern weiss man eigentlich, ob ein gegebener SachverhaltSachverhalt notwendig ist und mit absoluter GewissheitGewissheit erkannt werden kann? Weil der Sachverhalt ebenso notwendig ist, wie die notwendige Einheit, in der der Sachverhalt gründet. Worauf im erwähnten Abschnitt ebenfalls hingewiesen wurde. Besitzt ein Seiendes also ein notwendiges Sosein, dann ist ein jedes seiner Verhalten, sei es zu sich selber, sei es zu anderem, ebenso notwendig wie das Sosein selbst. Das lässt sich an einem einfachen Beispiel aufzeigen: Die Zahl Zwei hat ein notwendiges Sosein, und da sie dies hat, ist auch das additive Verhalten zur Zahl Drei ein notwendiges, ein mit absoluter Gewissheit erkennbares: 2 + 3 = 5.
5.1.5.2 Die göttlichen Prädikate als menschliche Vergegenständlichung?
Vor diesem Hintergrund zeichnen sich die Eigenheiten des Feuerbachschen Denkens deutlich ab, was die Entfaltung einer Stelle aus dem WesenWesen des Christentums nur bestätigt:
Ein wahrer Atheist, d.h. ein Atheist im gewöhnlichen Sinne, ist daher auch nur der, welchem die Prädikate des göttlichen Wesens, wie z.B. die LiebeLiebe, die WeisheitWeisheit, die GerechtigkeitGerechtigkeit Nichts sind, aber nicht der, welchem nur das SubjektSubjekt dieser Prädikate Nichts ist. Und keineswegs ist die Verneinung des Subjekts auch notwendig zugleich die Verneinung der Prädikate an sich selbst. Die Prädikate haben eine eigene, selbständige Bedeutung; sie dringen durch ihren Inhalt dem Menschen ihre Anerkennung auf; sie erweisen sich ihm unmittelbar durch sich selbst als wahr; sie bestätigen, bezeugen sich selbst. GüteGüte, Gerechtigkeit, Weisheit sind dadurch keine Chimären, dass die ExistenzExistenz Gottes eine Chimäre, noch dadurch Wahrheiten, dass diese eine WahrheitWahrheit ist.1
FeuerbachFeuerbachLudwig trennt die göttlichen Prädikate hier vom göttlichen WesenWesen, und während er dieses zu einer Chimäre erklärt, spricht er jenen „eine eigene, selbständige Bedeutung“ zu.2 Inwiefern aber kommt GüteGüte, GerechtigkeitGerechtigkeit, WeisheitWeisheit, LiebeLiebe eine selbständige Bedeutung zu und aus welchem Grund erweisen sie sich unmittelbar durch sich selbst als wahr? Die AntwortAntworttheoretische auf diese Frage ist seinem sensualistischen Prinzip zu entnehmen: „WahrheitWahrheit, WirklichkeitWirklichkeit, Sinnlichkeit sind identisch.“3 Daraus folgt nichts anderes, als dass den geistigen Haltungen (Gerechtigkeit usw.) darum eine selbständige Bedeutung zukommt und sie sich darum unmittelbar durch sich selbst als wahr erweisen, weil sie sinnlich wahrgenommen werden. Bekanntlich ist dem Sensualisten Feuerbach ja ausnahmslos alles ein Gegenstand der Sinne.4 Und ob eine gegebene Sinneswahrnehmung mit der Wirklichkeit übereinstimmt, entscheidet sich für ihn im Zweifelsfalle am intersubjektiven KonsensKonsens5; eine Lehre, die sich von der oben dargelegten grundsätzlich unterscheidet. Während das GewissheitskriteriumGewissheitskriterium bei dieser die evidente ErkenntnisErkenntnis selbst ist und es keiner ausserhalb ihrer selbst gelegenen BegründungBegründung bedarf,6 bleibt die Wahrheit bei jener – wie bereits gesagt – beeinfluss- und manipulierbar.
Von da her ist die GerechtigkeitGerechtigkeit, um nur eines der oben genannten „Prädikate des göttlichen Wesens“7 zu verwenden, so zu verstehen, dass die Mehrheit der Menschen sich explizit oder implizit darauf geeinigt hat, „jedem das Seine zu geben“ zu einem Sollensgebot zu erklären. Warum aber wird die Gerechtigkeit mehrheitlich so begriffen, dass es besser ist, gerecht zu sein, als es nicht zu sein? In sachlicher Hinsicht wird man nicht fehl gehen, FeuerbachFeuerbachLudwig ein WortWort John Stuart Mills (1806–1873) in den Mund zu legen, der in seiner Schrift Utilitarianism – 1. Aufl. 18618, also noch zu Lebzeiten Feuerbachs – das grösstmögliche GlückGlück zum ZielZiel und ZweckZweck menschlichen Handelns erklärt hat. Dabei sind die erstrebenswerten Dinge wegen der inhärenten LustLust oder als Mittel zur Förderung von Lust bzw. zur Vermeidung von Unlust erstrebenswert. Und wie für Feuerbach, so bedarf die VerifizierungVerifizierung auch für MillMillJohn Stuart des Konsenses; freilich nicht mit unbestimmten Personen, sondern mit den Erfahrenen. Jedenfalls hat auch MillMillJohn Stuart keinen erkenntnismässigen Zugang zu den Sachen selbst, auch seine GewissheitGewissheit ist abhängig vom UrteilUrteil anderer.
Doch zurück zu FeuerbachFeuerbachLudwig. Nach ihm ist das SubjektSubjekt der göttlichen Prädikate eine menschliche Vergegenständlichung. Das heisst, der MenschMensch stellt in sich gewisse Eigenschaften fest, die er als positivwertig beurteilt und in vervollkommneter FormForm dem göttlichen WesenWesen zuschreibt. Was er deswegen tut, weil alleine das göttliche Wesen den menschlichen Wunsch nach Seligkeit zu befriedigen vermag.9 Insofern ist der GlaubeGlaube an GottGott aber „nichts anderes als das Wesen der SelbstliebeSelbstliebe“10. Wie immer diese BegründungBegründung beurteilt werden mag, entscheidend ist die Übereinstimmung mit der WirklichkeitWirklichkeit. Und gerade das ist die Frage: Ist das göttliche Wesen tatsächlich „das SelbstbewusstseinSelbstbewusstsein des Verstandes, das BewusstseinBewusstsein des Verstandes von seiner eigenen VollkommenheitVollkommenheit“11? Ja, zieht Feuerbach die angemessene SchlussfolgerungSchlussfolgerung aus der folgenden Tatsache: „Gott ist nicht, was der Mensch ist – der Mensch nicht, was Gott ist. Gott ist das unendliche, der Mensch das endliche Wesen; Gott vollkommen, der Mensch unvollkommen; Gott ewig, der Mensch zeitlich; Gott allmächtig, der Mensch ohnmächtig; Gott heilig, der Mensch sündhaft“12? Feuerbachs Intention jedenfalls ist unter Berücksichtigung seiner weiter oben genannten Thesen klar zu erkennen. Er behauptet, die göttlichen Eigenschaften seien die zu unendlicher Perfektion gesteigerten menschlichen Eigenschaften.
Doch, ermöglichen die menschlichen Eigenschaften denn überhaupt eine SteigerungSteigerung ins Unendliche? Und vor allem, können die göttlichen Eigenschaften überhaupt Steigerungsformen sein? Wenngleich die ethische Qualität der Sündhaftigkeit zweifelsohne Raum bietet für eine axiologische Verbesserung, ebenso wie der menschliche VerstandVerstand für eine Steigerung der Intelligenz, so sind UnendlichkeitUnendlichkeit, VollkommenheitVollkommenheit, EwigkeitEwigkeit oder AllmachtAllmacht weder steigerungsfähig noch können sie das Ergebnis einer Steigerung sein. Und zwar deswegen nicht, weil sie sich in der Welt nicht finden, sondern etwas schlechthin Neues sind. So etwa ist unter der göttlichen Eigenschaft der Ewigkeit nicht eine bloss potentielle Ewigkeit zu verstehen, d.h. ein beständiges Übergehen vom Noch-nicht-Sein zum Sein, welches im Übrigen ein metaphysisches Prinzip ausser seiner selbst bedingt, sondern ein absolutes Freisein von jedem Seinszuwachs und Seinsverlust. Was immer jedoch in der Welt begegnet, unterliegt diesem Übergang. Folglich kann die Ewigkeit aus ihr nicht abgeleitet sein. Vielmehr kann das Zeitliche nur aufgrund der Kenntnis des intelligiblen und notwendigen Wesens der Ewigkeit als Zeitliches überhaupt erst erkannt werden, wie schon BonaventuraBonaventura gezeigt hat.13 Ebenso wie mit der Ewigkeit verhält es sich mit der Unendlichkeit, der Allmacht und der Vollkommenheit.
5.1.5.3 Die einzigen Momente eines adäquaten Gottesbegriffs
Bei den göttlichen Eigenschaften kann es sich nicht um anthropomorphe Vorstellungen handeln. Und das nicht alleine deswegen, weil die göttlichen Eigenschaften unerfindbar-notwendig sind, sondern auch deswegen, weil sie aus der defizitären Welt nicht abgeleitet werden können. Womit der Grund gelegt ist, um dem von FeuerbachFeuerbachLudwig abgelehnten ontologischen Gottesbeweisontologischer Gottesbeweis – id quo maius nihil cogitari possit – wieder in sein Recht zu verhelfen. Feuerbach hat ja behauptet, dass die Ineinssetzung von Gottes ExistenzExistenz und WesenWesen nur ein vom Wesen des menschlichen Verstandes abgezogener BegriffBegriff sei.1 Was er deswegen behauptet hat, „weil nur die Existenz der VernunftVernunft Vernunft ist; weil, wenn keine Vernunft, kein BewusstseinBewusstsein wäre, alles nichts, das Sein gleich Nichtsein wäre“2. Die Gebrechlichkeit dieses Arguments liegt offen zutage, denn einerseits kann die notwendige reale Existenz ebensowenig wie die EwigkeitEwigkeit aus dem Bereich des Endlichen abgeleitet werden, andererseits hat er den Kern des ontologischen Arguments damit gerade nicht erfasst. Das ontologische ArgumentArgument zielt auf die EinsichtEinsicht, dass GottGott aufgrund seiner unendlichen personalen und sittlichen VollkommenheitVollkommenheit notwendigerweise existiert, ja nur als Existierender vollkommen ist. Dagegen ist es evident, dass die menschliche Vernunft nicht notwendigerweise existieren muss; verwiesen sei nur auf einen Tyrannen, der mithilfe seiner Vernunft vieles getan hat, was er besser nicht getan hätte, sodass es für die Betroffenen eine Erleichterung sein wird, wenn sie Kenntnis von seinem TodTod erhalten.
FeuerbachFeuerbachLudwig, der der ErkenntnisErkenntnis des Sachverhalts der notwendigen ExistenzExistenz des vollkommenen Wesens nahe stand, sie aber aus Gründen, die weiter unten noch zu beleuchten sind, nicht erlangt hatte, hätte nicht bestreiten können, dass EwigkeitEwigkeit, UnendlichkeitUnendlichkeit und AllmachtAllmacht – um seine oben genannten Eigenschaften wieder aufzunehmen –, werden sie als Prädikate des göttlichen Wesens gedacht, sich gegenseitig nicht ausschliessen, sondern gegenseitig verträglich sind.3 Das wird durch die Eigenschaft der VollkommenheitVollkommenheit nur bestätigt. Ewigkeit, Unendlichkeit, Allmacht und Vollkommenheit grenzen sich gegenseitig nicht aus, vielmehr weisen sie eine gegenseitige Harmonie und Verträglichkeit auf, die solcherart ist, dass sie erst in der EinheitEinheit mit allen anderen im vollen Masse sie selber sind. Mit einem Beispiel: Ewigkeit ohne Unendlichkeit ist keine Ewigkeit. Hierein fügen sich auch die von Feuerbach angeführten Eigenschaften der GerechtigkeitGerechtigkeit, der LiebeLiebe, der WeisheitWeisheit oder der GüteGüte. Auch sie sind mit der Unendlichkeit, der Ewigkeit usw. verträglich, ja sind erst in der Einheit mit allen anderen wahrhaft sie selber. Und ist irgendeine Eigenschaft mit einer anderen nicht verträglich, so handelt es sich bei der einen oder der anderen oder vielleicht auch bei beiden mit Sicherheit nicht um Attribute des vollkommenen Wesens.
Die von FeuerbachFeuerbachLudwig angeführten Eigenschaften sind jedoch nicht nur gegenseitig verträglich, Feuerbach, der über nicht gering zu schätzende philosophisch-theologische Kenntnisse verfügte, wollte sie bestimmt auch in dem Sinne verstanden wissen, in dem AnselmAnselmvon Canterbury von Canterbury die göttlichen Eigenschaften verstanden hat, nämlich, dass sie zu haben oder zu sein absolut besser ist als sie nicht zu haben oder nicht zu sein.4
Diese formalen Merkmale genügen, um zu verdeutlichen, dass FeuerbachFeuerbachLudwig sich in seinen anthropologisch-theologischen Ausführungen ausnahmslos auf solche Eigenschaften bezogen hat, die die Tradition als reine Vollkommenheitenreine Vollkommenheiten bezeichnet.5 Seien dies nun exklusiv göttliche Eigenschaften wie die EwigkeitEwigkeit oder die AllmachtAllmacht, oder seien dies Eigenschaften wie die GerechtigkeitGerechtigkeit, die BarmherzigkeitBarmherzigkeit, die LiebeLiebe, die WeisheitWeisheit oder die GüteGüte, welche auch den Menschen zukommen, von ihnen allen handelt Feuerbach, ohne zu bemerken, dass der ständig drohende und allüberall in der Welt zu beobachtende Verlust der ExistenzExistenz nur dem zukommen kann, was unvollkommen ist. Beim vollkommenen WesenWesen dagegen sind Sein und Wesen identisch, ja müssen identisch sein, denn vollkommen ist nur das WesenWesen, das den Grund seiner Existenz in sich selber hat, und das ist eben gerade seine VollkommenheitVollkommenheit.6
5.2 Ludwig Wittgensteins Behauptung der Unsinnigkeit religiöser Aussagen1
Nach Kants kopernikanischer Wende und Feuerbachs Reduzierung der ExistenzExistenz Gottes auf eine anthropomorphe Vorstellung, trat Ludwig WittgensteinWittgensteinLudwig (1889–1951) mit seiner sprachkritischen Wende (linguistic turnlinguistic turn) auf den Plan: „Alle Philosophie ist ‚Sprachkritik‘.“2 Wie schon KantKantImmanuel und ebenso auch FeuerbachFeuerbachLudwig die Möglichkeit metaphysischer Erkenntnisse als unbegründbar betrachteten, so verstand auch WittgensteinWittgensteinLudwig die Ergebnisse der Philosophie als „Entdeckung irgendeines schlichten Unsinns und Beulen, die sich der VerstandVerstand beim Anrennen an die Grenze der Sprache geholt hat“3. „Dieses Anrennen gegen die Wände unseres Käfigs ist völlig und absolut aussichtslos.“4 Weil in der EthikEthik und in der ReligionReligion aber trotzdem über diese Grenze der Sprache hinauszugelangen gesucht werde, mache „ihre Unsinnigkeit ihr eigentliches WesenWesen“ aus.5 „Die Grenze wird also nur in der Sprache gezogen werden können und was jenseits der Grenze liegt, wird einfach UnsinnUnsinn sein.“6 Deswegen führe er selbst „die Wörter von ihrer metaphysischen, wieder auf ihre alltägliche Verwendung zurück“7, denn „es sind nur Luftgebäude, die wir zerstören, und wir legen den Grund der Sprache frei, auf dem sie standen“8. Zu dieser alltäglichen Verwendung der Sprache ist auch die Reduktion der Religion auf ein kulturell bedingtes SprachspielSprachspiel zu rechnen, mit der er den Unterschied verfehlt, der zwischen einem WahrheitsanspruchWahrheitsanspruch und einem Sprachspiel liegt. „Alles Sprachspiel beruht darauf, dass Wörter und Gegenstände wiedererkannt werden“9, „das Sprechen der Sprache ein Teil ist einer Tätigkeit, oder einer Lebensform“10, und auch „der BegriffBegriff des Wissens ist mit dem des Sprachspiels verkuppelt“11.
Für WittgensteinWittgensteinLudwig, zumal nach seinem Tractatus – für Joachim SchulteSchulteJoachim „ein Buch voller Lücken und Sprünge; ein Buch, in dem vieles nur angedeutet wird“12 –, zerfällt die WirklichkeitWirklichkeit in Dinge: „Ein Name steht für ein Ding, ein anderer für ein anderes Ding und untereinander sind sie verbunden, so stellt das Ganze – wie ein lebendes Bild – den SachverhaltSachverhalt vor.“13 „Der Sachverhalt ist eine Verbindung von Gegenständen. (Sachen, Dingen.)“14 Ein Bild der Wirklichkeit schliesslich ist der SatzSatz. „Der Satz ist ein Modell der Wirklichkeit, so wie wir sie uns denken.“15 Dabei bilden die Grenzen der Sprache zugleich die Grenzen jeder möglichen ErkenntnisErkenntnis, mit anderen Worten: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt. Die LogikLogik erfüllt die Welt; die Grenzen der Welt sind auch ihre Grenzen.“16
An der ErkenntnistheorieErkenntnistheorie, so viel gleich zu Beginn, hatte WittgensteinWittgensteinLudwig kein echtes Interesse, sein „zentrales Anliegen war vom Anfang bis zum Ende seiner philosophischen Laufbahn das WesenWesen der Sprache“17.
5.2.1 Sprache und WahrheitWahrheit
Auf welcher wissenschaftstheoretischen Basis WittgensteinWittgensteinLudwig steht, zeigt sich etwa da, wo er vom Glauben an GottGott handelt: „Was immer der GlaubeGlaube an Gott sein mag, es kann kein Glaube an etwas sein, das wir nachprüfen oder durch Nachschauen herausfinden können.“1 Damit gibt er seine Zugehörigkeit zum sogenannten Wiener KreisWiener Kreis unmissverständlich zu erkennen, deren Mitglieder eine dezidiert empiristische und antimetaphysische Tatsachenforschung betrieben.2 Ein Mitglied war auch der weiter oben3 eingeführte Willard Van Orman QuineQuineWillard Van Orman, dessen naturalisierte ErkenntnistheorieErkenntnistheorie Wittgensteins denkerischen Hintergrund offen legt. QuineQuineWillard Van Orman ging davon aus, „dass jegliche BedeutungsgebungBedeutungsgebung für Wörter letztlich auf BeobachtungenBeobachtungen basieren muss“4, welche selbst wiederum eine empirische Grundlage in der „Reizung der SinnesrezeptorenSinnesrezeptoren“ haben.5
Von da her ist auch Wittgensteins an die ReligionReligion gerichteter Unsinnigkeitsvorwurf zu verstehen. Fällt sie ihm doch gerade deswegen aus dem Rahmen der Wissenschaftlichkeit, weil sie die GewissheitGewissheit ihrer Sätze weder nachprüfen noch durch Nachschauen herausfinden könne. Seine ReligionskritikReligionskritik begründet WittgensteinWittgensteinLudwig mitunter auch dadurch, dass die religiöse Sprache ohnehin beständig Gleichnisse verwende. „Doch ein Gleichnis muss ein Gleichnis für etwas sein. Und wenn ich eine Tatsache mit Hilfe eines Gleichnisses beschreiben kann, muss ich ebenfalls imstande sein, das Gleichnis wegzulassen und die Fakten ohne es zu beschreiben.“6 Doch sobald das Gleichnis weggelassen und die zugrunde liegende Tatsache zu beschreiben versucht wird, „merken wir, dass es gar keine derartigen TatsachenTatsachen gibt. Und so scheint, was zunächst wie ein Gleichnis wirkte, nichts weiter zu sein als UnsinnUnsinn“7. UnsinnigUnsinnig sind die Sätze für WittgensteinWittgensteinLudwig im Übrigen dann, wenn sie keine Verbindung mit einem Ding der – empirisch verstandenen – WirklichkeitWirklichkeit herstellen, währendem sie sinnlossinnlos in all jenen Fällen sind, in denen sie unabhängig von Sachverhalten in der Wirklichkeit wahr oder falsch sind, wie beispielsweise bei Kontradiktionen oder TautologienTautologien.8 „Danach können Sätze nur dadurch SinnSinn haben, weil und indem sie empirische Erkenntnisse herstellen.“9 So deckt sich das Gebiet der sinnvollen Sprache mit den Sätzen der NaturwissenschaftNaturwissenschaft, mit dem einzig Sagbaren.10 Doch wenn die Rede über die Naturwissenschaft die einzig sinnvolle Rede ist, so sei kritisch gefragt, sind dann auch alle seine einschlägigen Schriften Unsinn? Wenn er in diese Richtung auch zu tendieren scheint,11 so kann innerhalb der Grenzen der Naturwissenschaft jedenfalls nicht bestimmt werden, dass nur die naturwissenschaftlichen Sätze sinnvoll sind.12
Nicht anders als konsequent, weist er in seiner positivistischen Sichtweise das ontologische ArgumentArgument ebenso zurück wie GauniloGaunilo.13 „Das WesenWesen Gottes verbürge seine ExistenzExistenz“, wie er mit dieser Aussage konfrontiert ist, stellt er eine Frage, die der antimetaphysischen Linie gemäss ist, wie sie im Wiener KreisWiener Kreis vertreten wird: „Könnte man denn nicht auch sagen, das Wesen der Farbe verbürge ihre Existenz?“14 Wie sich weiter oben erwiesen hat, lässt sich die notwendige Existenz des vollkommenen Wesens aus seinem Wesen erkennen.15 Dass WittgensteinWittgensteinLudwig das ontologische Argumentontologische Argument auf die Farbe überträgt, demnach auch bei der Farbe das Wesen die Existenz verbürge, lässt auch bei ihm ein immanentistisches WeltbildWeltbild durchscheinen. Wenn ihm auch klar ist: „Ein GottesbeweisGottesbeweis sollte eigentlich etwas sein, wodurch man sich von der Existenz Gottes überzeugen kann“, und „dass die Gläubigen, die solche Beweise lieferten, ihren ‚Glauben‘ mit ihrem VerstandVerstand analysieren und begründen wollten“, so steht da nichtsdestotrotz ein WortWort, mit dem er die EmpirieEmpirie zu übersteigen scheint und das als SoseinserfahrungSoseinserfahrung gelesen werden kann, nämlich, dass „sie selbst durch solche Beweise nie zum Glauben gekommen wären“.16 Vielmehr könne nur das Leben „zum Glauben an GottGott erziehen“, wobei es „auch Erfahrungen [seien], die dies tun; aber nicht Visionen, oder sonstige Sinneserfahrungen, die uns die ‚Existenz dieses Wesens‘ zeigen, sondern z.B. Leiden verschiedener Art“.17 Nur „das Leben kann uns diesen BegriffBegriff aufzwingen“18.
Was aber ist und wo findet sich eigentlich der SinnSinn? Die grundlegende AntwortAntworttheoretische findet sich in der bereits erwähnten Stelle aus der Einleitung seines Tractatus, wo es heisst, dass der UnsinnUnsinn jenseits der Grenze der Sprache liege, was zugleich heisst: Der Sinn liegt innerhalb des Rahmens der Sprache. WittgensteinWittgensteinLudwig bezeichnet das „Bild von dem WesenWesen der menschlichen Sprache“, indem er darauf verweist, dass die Wörter Gegenstände und die Sätze Verbindungen von solchen Benennungen sind.19 „In diesem Bild von der Sprache finden wir die Wurzeln der Idee: Jedes WortWort hat eine Bedeutung. Diese Bedeutung ist dem Wort zugeordnet. Sie ist der Gegenstand, für welchen das Wort steht.“20 Das Bild der Sprache ebenso wie jedes andere Bild bestehe darin, „dass sich seine Elemente in bestimmter Weise zueinander verhalten“21. Und was das Bild darstelle, sei sein Sinn.22 Wobei es Sinn nur insoweit habe, als es denk- und sagbar sei. Zudem stimme das Bild mit der WirklichkeitWirklichkeit überein oder nicht, sei es richtig oder unrichtig, wahr oder falsch.23 Wobei die WahrheitsdifferenzWahrheitsdifferenz der Sprache, das heisst ihre Fähigkeit, zwischen wahren und falschen Aussagen zu unterscheiden, sich nicht auf die Welt bezieht, sondern auf ihre logische FormForm.
Das Bild der WirklichkeitWirklichkeit, so wie sie gedacht werde, sei der SatzSatz.24 „Der Satz stellt das Bestehen und Nichtbestehen der Sachverhalte dar.“25 Der SachverhaltSachverhalt wiederum ist ihm „eine Verbindung von Gegenständen“26: „Ein Name steht für ein Ding, ein anderer für ein anderes Ding und untereinander sind sie verbunden, so stellt das Ganze – wie ein lebendes Bild – den Sachverhalt vor.“27 Dem Sachverhalt kommt bei WittgensteinWittgensteinLudwig jedoch nicht dieselbe Bedeutung zu, die ihm bei von HildebrandHildebrandDietrich von und den anderen Realistischen Phänomenologen zukommt, denn während dem Sachverhalt hier die FormForm des a-Seins oder des nicht a-Seins eines B zukommt, identifiziert WittgensteinWittgensteinLudwig ihn mit dem Satz. Dass er damit allerdings keinen angemessenen Zugang zur WahrheitWahrheit hat, zeigen einige seiner Formulierungen, dann aber auch die Analyse der Wahrheit – im Sinne der UrteilswahrheitUrteilswahrheit – selbst.
Mit der WahrheitWahrheit ist nach WittgensteinWittgensteinLudwig der SatzSatz verwoben,28 wobei der Satz insofern wahr oder falsch sein kann, als er ein Bild der WirklichkeitWirklichkeit ist.29 Wird wahr und falsch dabei jedoch als Übereinstimmung mit der Wirklichkeit zu verstehen gesucht, hat es für WittgensteinWittgensteinLudwig „etwas Irreführendes, weil es ist, als sagte man ‚es stimmt mit den TatsachenTatsachen überein oder nicht‘, und es sich doch gerade frägt, was ‚Übereinstimmung‘ hier ist“30. Aussagekräftig ist dann vor allem auch die folgende Stelle: „Wie die Beschreibung einen Gegenstand nach seinen externen Eigenschaften, so beschreibt der Satz die Wirklichkeit nach ihren internen Eigenschaften.“31 Das heisst: „Der Satz konstruiert eine Welt mit Hilfe eines logischen Gerüstes und darum kann man am Satz auch sehen, wie sich alles Logische verhält, wenn er wahr ist.“32 Damit gibt er die Grundzüge seines Denkens deutlich zu erkennen, nämlich einerseits den EmpirismusEmpirismus mit seiner Behauptung, dass die Sinneswahrnehmung die einzige Quelle der ErkenntnisErkenntnis sei, andererseits die Analyse dieser Sinnesdaten bis hin zu einer Verselbständigung des Logischen. „Notwendige Wahrheit“, wie Hacker klarstellte, „ist immer eine Sache logischer NotwendigkeitNotwendigkeitsubjektive, und die logische NotwendigkeitNotwendigkeitsubjektive ist unabhängig davon, wie es sich in der Welt gerade verhält.“33 „Einen Zwang, nach dem Eines geschehen müsste, weil etwas anderes geschehen ist, gibt es nicht.“34
AristotelesAristoteles hatte die WahrheitWahrheit noch im Sinne der der Sache angemessenen Aussage definiert: „Zu sagen nämlich, das Seiende sei nicht oder das Nicht-Seiende sei, ist falsch, dagegen zu sagen, das Seiende sei und das Nicht-Seiende sei nicht, ist wahr.“35 WittgensteinWittgensteinLudwig, der den Metaphysikern noch vorgeworfen hatte, ihr „Anrennen gegen die Wände unseres Käfigs [sei] völlig und absolut aussichtslos“36, scheint selbst im logischen Gehäuse der Sprache gefangen gewesen zu sein. Von da her suchte er die GewissheitGewissheit auch nicht ausserhalb des logischen Raumes, sondern in den abstrakten Wissenschaften. Schon HumeHumeDavid schied die Erkenntnisse ja bekanntlich in apriorische und aposteriorische, wobei die aus der Erfahrung gewonnenen Erkenntnisse TatsachenTatsachen betreffen und apriorisch nur diejenigen der LogikLogik und der MathematikMathematik gewonnen werden.37 Dem tat es WittgensteinWittgensteinLudwig gleich, indem er die Gewissheit nicht im Reich „der relativen Unsicherheit von Erfahrungssätzen“38 suchte, sondern in dem der Logik und der Mathematik.
In den Philosophische[n] Untersuchungen gab WittgensteinWittgensteinLudwig die Reduktion der Sprache auf die naturwissenschaftliche Sprache auf und ersetzte sie durch die Sprachspiele. Nun war es ihm der Gebrauch der Sprache, durch den die Wörter sinnvoll werden, wobei ihm die Regelmässigkeiten der Sprache den Gewohnheiten, Traditionen und Bräuchen entstammen. Wenn die Regelmässigkeiten der Sprache aber in den geschichtlich entstandenen und damit relativen Verhaltens-, Sprech- und Argumentationsweisen gründen, dann handelt es sich um „geregelte Formen des Sprechens, die sich an keiner Sache und an keiner VernunftVernunft ausweisen können und deshalb ganz einfach als ‚zufällig‘ gelten müssen“39. Wenn WittgensteinWittgensteinLudwig auch sagt, er führe „die Wörter von ihrer metaphysischen, wieder auf ihre alltägliche Verwendung zurück“40, so bleibt es nichtsdestotrotz eine offene Frage, warum die Alltagssprache die eigentliche Norm, die Metasprache sein soll.
5.2.2 Sind die religiösen Aussagen tatsächlich unsinnig?
Dass auch die Erfahrung in einem bestimmten SinnSinn der NotwendigkeitNotwendigkeitsubjektive nicht entbehrt, konnte weiter oben nachgewiesen werden.1 An dieser Stelle sei nun Wittgensteins Behauptung einer näheren Prüfung unterzogen, dass die Unsinnigkeit das eigentliche WesenWesen der religiösen (und ethischen) Aussagen ausmache.2 Deren Unsinnigkeit liegt ihm darin begründet, dass die ReligionReligion es nicht mit relativen, sondern mit absoluten Werturteilen zu tun habe, doch gebe es „keine Sätze, die in einem absoluten Sinne erhaben, wichtig oder belanglos sind“3.4 Die relativen Werturteile hingegen sind „blosse Aussagen über Faktisches, doch keine Faktenaussage kann je ein absolutes Werturteil abgeben oder implizieren“5. Auch gebe es keine diesbezügliche Aussagen, die das WissenWissen vermehrten,6 also synthetischsynthetisch sind. Kurzum: Weil die Religion ihre Aussagen empirisch nicht begründen und verifizieren könne, sei sie UnsinnUnsinn.
Wird dieser Vorwurf der Unsinnigkeit religiöser Aussagen und Urteile zum Problem gemacht, ist gleich zu Beginn zwischen vier Arten von Sätzen zu unterscheiden, deren erste die Aussage- und Behauptungssätze sind, bei denen der SatzSatz das Äussere und das UrteilUrteil das Innere ist, wie Alexander PfänderPfänderAlexander differenzierte,7 der davon ausging, dass die LogikLogik eine ontologische Grundlage hat. Was nämlich im Urteil behauptet wird, ist das Bestehen eines gegebenen Sachverhalts. Das Urteil besteht dabei aus einem SubjektSubjekt, einem PrädikatPrädikat und einer KopulaKopula, welcher eine Doppelfunktion zukommt: nämlich das Hinbeziehen der Prädikatsbestimmtheit auf den Subjektsgegenstand und zugleich das BehauptenBehaupten der Übereinstimmung des Urteils mit einem als bestehend gesetzten SachverhaltSachverhalt.8 Damit erhebt es den Anspruch, mit der WirklichkeitWirklichkeit übereinzustimmen und damit wahr zu sein. Sofern es mit dem Sachverhalt jedoch nicht übereinstimmt, ist das Urteil falsch. Hieran scheiterte WittgensteinWittgensteinLudwig, der den Sachverhalt auf das Urteil bzw. den Satz reduzierte. Ein Satz kann aber ebenso wenig etwas meinen oder behaupten wie der Sachverhalt. In beiden Fällen bedarf es der Behauptung, dass das Verhalten der betreffenden Sache mit der Wirklichkeit übereinstimmt.
Wird in diesem Sinne eine religiöse Aussage getätigt bzw. ein religiöses UrteilUrteil gefällt, beispielsweise, der endliche MenschMensch kann zu der unendlichen und vollkommenen PersonPerson Gottes betenbeten, dann liegen das SubjektSubjekt (die endliche Person) und das PrädikatPrädikat (zu der unendlichen und vollkommenen Person Gottes beten) nicht jenseits der Erfahrbarkeit und damit auch nicht der Erkennbarkeit. Sowohl das notwendige SoseinSosein der menschlichen Person als auch dasjenige Gottes können von innen her erfahren und die darin gründenden Sachverhalte mit absoluter GewissheitGewissheit erkannt werden.9 Und wenn die Prädikatsbestimmtheit des „Zu-der-unendlichen-und-vollkommenen-Person-Gottes-Betens“ auf den Subjektsgegenstand „Endliche Person“ bezogen und mit der KopulaKopula „Können“ behauptet wird, mit dem wirklichen Bestehen dieses Sachverhalts übereinzustimmen, dann handelt es sich dabei mit Sicherheit nicht um ein unsinniges, sondern vielmehr um ein äusserst tiefsinniges Urteil.
Ein anderes Beispiel wäre die Ableitung eines Sollens aus einem Sein, deren Begründbarkeit schon HumeHumeDavid bestritt. Sollte und sollte nicht könne nicht von einem ist oder ist nicht abgeleitet werden. Die Beziehung zwischen den Gegenständen des Seins und Sollens sei nicht in der Beziehung dieser Gegenstände selbst begründet, in der sie zueinander stünden. Es müsste, so HumeHumeDavid, „ein Grund angegeben werden für etwas, das sonst ganz unbegreiflich scheint, nämlich dafür, wie diese neue Beziehung zurückgeführt werden kann auf andere, die von ihr ganz verschieden sind“10. Und überdies könne diese Beziehung nicht durch die VernunftVernunft erkannt werden.11 Jedoch, wie gegen HumeHumeDavid einzuwenden ist, wird niemand bestreiten, einmal abgesehen von einem ganz entarteten Menschen, dass das Sehen selbst eines unbekannten Kindes, mit der die eigene PersonPerson in keinerlei verwandtschaftlicher oder rechtlicher Beziehung steht, es aufgrund seiner Würde auf den ersten Anblick verbietet, es in irgendeiner Weise zu misshandeln oder auszunützen. Im Sinne Humes wäre das ein FehlschlussFehlschluss vom Sein auf das SollenSollen. Doch ist das tatsächlich ein Fehlschluss? Ist das nicht vielmehr eine unmittelbare Erfahrung des diesem Kind zukommenden Wertes der MenschenwürdeMenschenwürde, die die eigene Person affiziert? Beim metaphysischen UrteilUrteil, dass unschuldige Kinder nicht misshandelt werden sollen, kann das „Nicht-misshandeln-Sollen“ evidenterweise vom menschlichen Sein abgeleitet und apodiktischapodiktisch behauptet werden.
Wobei es um die Sinnhaftigkeit in punkto Verstehbarkeit in diesen beiden Beispielen freilich ganz anders bestellt ist als bei einem Beispiel einer empirischen Tatsache, z.B., dass der Löwe ein Fleischfresser ist. Mit dem „sinnvollen intellektuellen Prozess“ des Verstehens, das das „WissenWissen um die Bedeutung der Wörter und das KennenKennen der Sprache“ voraussetzt und dadurch „einen ganz eigenen Typus der Erfahrung“ ermöglicht,12 hat auch von HildebrandHildebrandDietrich von sich auseinandergesetzt. Grundlegend ist seine Differenzierung zwischen der Bedeutung eines Wortes, dem BegriffBegriff, dem SatzSatz und dem SachverhaltSachverhalt. Während die Bedeutung eines Wortes ein Begriff ist und das WortWort auf einen Gegenstand zielt, zielt der Satz auf einen Sachverhalt.13 Das VerstehenVerstehen – „ein ausgesprochen rezeptiver Akt, ein Aufnehmen“14 – unterscheidet er sodann in drei Stufen. Von diesen drei Stufen sind die ersten beiden Stufen, nämlich „die Belehrung über den SinnSinn eines Wortes“ und „die Festigung dieser Kenntnis, bis sie mir geläufig ist“, an dieser Stelle nicht von Relevanz, sondern einzig die dritte Stufe, nämlich „der Gebrauch des Wortes im Meinen des Objektes und im BehauptenBehaupten eines Sachverhaltes durch einen Satz“.15
Die Unterscheidung, die von HildebrandHildebrandDietrich von auf dieser Stufe einführt, versteht sich von seiner ErkenntnistheorieErkenntnistheorie her. So bezieht er sich in erster Linie auf die Fälle, bei denen „der Inhalt des Mitgeteilten oder Behaupteten ein wesensnotwendiger SachverhaltSachverhalt“ ist, dessen VerstehenVerstehen in die Lage versetzt, „diesen selbst in seiner EvidenzEvidenz zu erkennen“ und das Verstehen eine rationale IntuitionIntuition der objektiven ExistenzExistenz dieses Sachverhalts ermöglicht.16 Darum ist die MitteilungMitteilung „nur ein Anlass, aber nicht die Quelle der ErkenntnisErkenntnis und unseres Wissens um seine Gültigkeit“17. Auch ist die Existenz des Sachverhalts ebenso wie das WissenWissen um ihn durch das WesenWesen garantiert, in dem er gründet, und nicht durch die Aussage des Mitteilenden.
Anders verhält es sich, wenn der Inhalt des Mitgeteilten oder Behaupteten „kein wesensnotwendiger SachverhaltSachverhalt, sondern ein kontingentes Gesetz oder ein konkretes reales Faktum“18 ist. Im Falle einer solchen MitteilungMitteilung oder Behauptung beruht die Überzeugung von der ExistenzExistenz des Sachverhalts darauf, dass sie der eigenen PersonPerson gesagt oder von jemandem niedergeschrieben wurde. „Jedenfalls ist das VerstehenVerstehen nicht nur als Unterlage erforderlich, um eine rationale IntuitionIntuition zu ermöglichen, sondern auf ihm baut sich ein Erfahren durch die betreffende Aussage auf, ein Annehmen des in ihr enthaltenen Anspruchs auf die WirklichkeitWirklichkeit des Mitgeteilten.“19
Werden diese Ausführungen über das VerstehenVerstehen mit einer analogen Stelle bei WittgensteinWittgensteinLudwig verglichen, zeigt sich der zwischen WittgensteinWittgensteinLudwig und von HildebrandHildebrandDietrich von in Sachen der Philosophie bestehende Unterschied in aller Deutlichkeit. Es ist der Unterschied zwischen einem Logischen PositivistenPositivisten und einem Realistischen Phänomenologen. Während das Verstehen für diesen eine rationale IntuitionIntuition in das WesenWesen und die objektive ExistenzExistenz eines gegebenen Sachverhalts ermöglicht, besagt das Verstehen für jenen, womit er sich jedoch nicht auf einen SachverhaltSachverhalt, sondern auf den SatzSatz bezieht: „wissen was der Fall ist, wenn er wahr ist“20. Woraus er folgert: „Man kann ihn also verstehen, ohne zu wissen, ob er wahr ist.“21 Das gibt sein Bewegen in dem engen Gehäuse der LogikLogik, ohne Bezug zur ObjektivitätObjektivität, deutlich zu erkennen.
Es gibt bei WittgensteinWittgensteinLudwig allerdings auch Stellen, die ein philosophisches VerstehenVerstehen der ReligionReligion und der personalen Bedingungen eines solchen Verstehens vermuten lassen.22 Stellen, mit denen er seine TheseThese implizit in Frage zu stellen scheint. Dass er gewisse Merkmale der Religion verstanden hat, gibt er beispielsweise da zu erkennen, wo er vom Dialog des Menschen mit GottGott handelt: „Gott kannst du nicht mit einem Andern reden hören, sondern nur, wenn du der Angeredete bist.“23 Vielsagend sind dann aber auch die Stellen, an denen er sich zu den Bedingungen des religiösen Verhältnisses äussert.24 Doch schränkt er eine übertriebene Erwartung mit einer Aussage wieder ein, die einerseits zwar für eine gewisse Religiosität zu sprechen scheint, die andererseits aber seine Unsinnigkeitsthese untermauert: „Ich könnte ihn ‚das Vorbild‘, ja ‚Gott‘ nennen – oder eigentlich: ich kann verstehen, wenn er so genannt wird; aber das WortWort ‚Herr‘ kann ich nicht mit SinnSinn aussprechen.“25 Nur unter der Voraussetzung könnte ihm das etwas sagen, wie er bekennt, „wenn ich ganz anders lebte“26.27
5.2.3 Das Ineinander von Philosophie und ReligionReligion
Dass die religiösen Aussagen nicht unsinnig sind, erweist sich nicht alleine daran, dass die LogikLogik und die ErkenntnistheorieErkenntnistheorie mit den Sachverhalten eine ontologische Grundlage haben, die – wie sich gezeigt hat – auf eine andere Art verstanden werden können als die Sätze (nämlich auf dem Wege einer rationalen IntuitionIntuition), sondern auch daran, dass der AntwortAntworttheoretische des Glaubens eine intellektöffnende WirkungWirkung zukommen kann. Freilich ist dieses ErkennenErkennen aufgrund des Glaubens immer abhängig vom Gegenstand und der jeweiligen Glaubensintensität. Wären die religiösen Aussagen aber UnsinnUnsinn, gäbe es in der WirklichkeitWirklichkeit kein ihnen entsprechendes Korrelat. Wenn dem Glauben jedoch eine vernunftgemässe Wirkung eignet, muss auch das Korrelat real sein, dem Glauben geschenkt wird. Diese Erfahrung hat nicht nur von HildebrandHildebrandDietrich von gemacht,1 diese Erfahrung haben auch Denker wie AnselmAnselmvon Canterbury von Canterbury oder Duns ScotusDuns ScotusJohannes gemacht, die die Eigenschaften des vollkommenen Wesens zu unterscheiden wussten. Denn eindeutig gibt AnselmAnselmvon Canterbury alleine schon im Titel seiner Schrift Proslogion (Anrede) und sodann auch quer durch die ganze Schrift hindurch seinen Glauben an GottGott zu erkennen, den er durch die von ihm beschriebenen Denkschritte immer besser zu verstehen sucht und schliesslich auch besser versteht, entsprechend seinem Programm: fides quaerens intellectumfides quaerens intellectum.
Bereits AugustinusAugustinus verhalf der GlaubeGlaube an die Trinität Gottes und an das Imago-Dei-Sein des Menschen zu überzeugenden philosophischen Einsichten in die Struktur des menschlichen Geistes.2 Durch den Glauben an die Dreifaltigkeit Gottes vermochte er nicht nur dieselbe Struktur auch im Menschen auszumachen, der mit GeistGeist, LiebeLiebe und Kenntnis eine in sich geeinte Dreiheit darstellt.3 Vielmehr erschloss er darüber hinaus auch das WesenWesen der PersonPerson, indem er darauf aufmerksam machte, dass der Geist nicht nur sich selbst kennt und liebt, sondern auch vieles andere.4 Nicht zuletzt vermochte Augustinus auf dieser Basis auch das erkenntnistheoretische Problem zu klären, was die EinsichtEinsicht in einen gegebenen SachverhaltSachverhalt eigentlich bedingt. Zumindest zweierlei scheint es zu bedingen, nämlich die Person und das Objekt. Doch für Augustinus impliziert das ErkennenErkennen keine zweigliedrige, sondern eine dreigliedrige Struktur, denn zwischen dem Objekt und der Person ist es der Wille, der zur ErkenntnisErkenntnis motiviert.5
Das Verhältnis zwischen der VernunftVernunft und dem Glauben oder der Philosophie und der ReligionReligion hat darüber hinaus noch andere wesentliche Merkmale. Damit ist in erster Linie auf die Gegenstände Bezug genommen, die zugleich KorrelateKorrelateobjektive des Glaubens wie der rationalen ErkenntnisErkenntnis sind, bei denen die philosophische Erkenntnis die Wahrheitsansprüche des Glaubens stützen kann. Dann aber zeichnet sich das Verhältnis zwischen Vernunft und GlaubeGlaube auch dadurch aus, dass die Religion die philosophischen Grundwahrheiten voraussetzt. Etwa die Verschiedenheit von Körper und GeistGeist, die menschliche FreiheitFreiheit, die Verschiedenheit von gut und böse oder die Realität des personalen im Unterschied zum apersonalen Sein usw. Die religiösen Wahrheiten liegen dabei aber nicht abseits der philosophischen Grundwahrheiten, sondern über ihnen.6 Ein erhellendes Beispiel dafür ist etwa die Würde des Menschen, die zweifelsohne ein Gegenstand philosophischen Forschens ist, die durch den Glauben an die Menschwerdung Gottes aber in einer ganz anderen TiefeTiefe durchdacht werden kann. Auch die darin gründenden Sachverhalte erscheinen dann in einer wesentlich gesteigerten IntelligibilitätIntelligibilität, als wenn der MenschMensch als ein höher entwickeltes Tier postuliert wird. Das erklärt zumindest ansatzweise, warum und inwiefern von HildebrandHildebrandDietrich von die Philosophie eine Wegbereiterin der Religion (praeambulum fidei) nennt.7 Weil der Glaube auf den philosophischen Grundwahrheiten aufbaut und sie durch die ZustimmungZustimmung zu einer religiösen WahrheitWahrheit übersteigt.8
Doch muss beim Vergleich einer vernünftigen ErkenntnisErkenntnis mit einem Akt des Glaubens eine klärende Unterscheidung gemacht werden: „Es schliesst keine ‚doppelte WahrheitWahrheit‘ ein, sondern ist von entscheidender Bedeutung innerhalb des Glaubens. Es ist der Unterschied zwischen GlaubeGlaube an, und Glaube dass, der u.a. von Martin BuberBuberMartin und Gabriel MarcelMarcelGabriel gemacht wurde.“9 Aber nicht als ob BuberBuberMartin und MarcelMarcelGabriel die ersten gewesen wären, die diesen Unterschied machten, vielmehr – worauf von HildebrandHildebrandDietrich von aufmerksam macht10 – ist schon bei AugustinusAugustinus vom Unterschied zwischen credere in Deum und credere Deo zu lesen.11 Jedenfalls ist der Glaube an, der Glaube an den persönlichen GottGott. „Dieser Akt ist nicht eine Überzeugung, sondern eine spezifische Hingabe an eine PersonPerson. Ja, noch mehr, es muss die Hingabe an die absolute Person sein“12. Der Glaube an ist jedenfalls keine theoretische AntwortAntworttheoretische, wie z.B. der Glaube an die ExistenzExistenz des expandierenden Universums. Im Unterschied zu einem Glauben, der sich auf einen SachverhaltSachverhalt bezieht, ist der Glaube an „ein allumfassender Akt“13. Was aber meint: ein allumfassender Akt? Damit ist der religiöse Akt als solcher bezeichnet, d.h. der „Akt, in dem die Person Gott nachfolgt, ihm anhängt, sich selbst mit VerstandVerstand, Wille und Herz an die absolute Person Gottes hingibt“14.
Der GlaubeGlaube dass ist dagegen eine ausgesprochen theoretische AntwortAntworttheoretische. Seine Gegenstände sind Sachverhalte und nur Sachverhalte, nicht aber Personen. Mit der theoretischen AntwortAntworttheoretische des Glaubens dass verhält es sich im Grunde wie mit der theoretischen AntwortAntworttheoretische der ErkenntnisErkenntnis, dass … z.B. dass die menschliche PersonPerson eine EinheitEinheit aus Materiellem und Geistigem, aus Kontingentem und Notwendigem ist. Doch während bei der Erkenntnis, gerade im Falle eines in einer wesensnotwendigen Einheit gründenden Sachverhalts, das objektive Korrelat selbst mit absoluter GewissheitGewissheit erkannt werden kann, ohne BedürfnisBedürfnis nach weiteren Gewissheitskriterien, ist im Falle des Glaubens die eine AntwortAntworttheoretische gleichsam die Stütze der anderen. Oder mit den Worten von Hildebrands: „Der Glaube an ist gerade die Grundlage für den Glauben dass.“15 Sie sind so miteinander verwoben, dass jeder MenschMensch, der einen Glauben an hat, immer auch einen Glauben dass haben wird.16 Die Untersuchung der religionskritischen TheseThese Wittgensteins, dass die religiösen Aussagen UnsinnUnsinn, weil ohne wirklichen Gegenstand seien, auf den die Aussagen sich bezögen, sei mit einem Ausschnitt aus einem Werk beschlossen, das von Hildebrands letztem Lebensjahrzehnt entstammt:
Jedem Glauben an entspricht also nicht nur ein GlaubeGlaube dass, der sich auf die von GottGott geoffenbarten Wahrheiten bezieht, sondern auch ein anderer, der sich auf die PersonPerson selbst bezieht, an die wir glauben. Wenn wir z.B. schöne Musik hören und tief davon bewegt sind, so ist unser Erlebnis sicher nicht ein UrteilUrteil, dass diese Musik schön ist. Es ist vielmehr der direkte Kontakt mit der SchönheitSchönheit der Musik, ein Ergriffensein von ihr und eine AntwortAntworttheoretische der Begeisterung. Aber ohne jeden ZweifelZweifel halten wir dabei das Urteil ‚diese Musik ist schön‘ implizit für wahr. Das ist nur ein schwacher Vergleich, aber er mag genügen um zu zeigen, in welcher Weise jeder Glaube an implizit einen Glauben einschliesst, dass der Gegenstand unseres Glaubens, die Person, an die wir glauben, existiert und dass sie in allem so ist, dass ihr der Glaube an gebührt.17
5.3 Richard DawkinsDawkinsRichard und der „Neue Atheismus“
5.3.1 Thesen und BegründungBegründung
Vor dem Hintergrund des Aufweises der Erkennbarkeit Gottes und der Widerlegung der Thesen Ludwig Wittgensteins sei der Stimme von Richard DawkinsDawkinsRichard (1941-) Gehör geschenkt, der sich mit seiner im Jahre 2006 erstmals im englischen Original erschienen Monografie The God Delusion (Der Gotteswahn) gegen die theistischen Religionen und insbesondere gegen die drei abrahamitischen Religionen gewandt hat. Sein Buch gilt seither als einer der Haupttexte des „Neuen Atheismus“. DawkinsDawkinsRichard’ zentrale TheseThese, die im Rahmen dieser Untersuchung relevant ist, lautet, dass die ReligionReligion „ein unglückliches Nebenprodukt einer grundlegenden psychologischen Neigung“ sei, „die unter anderen Umständen nützlich sein kann oder früher einmal nützlich war“.1 Wie aber begründet er diese Behauptung, die der auf den vergangenen Seiten dargelegten und philosophisch wohlbegründeten Lehre diametral entgegengesetzt ist?
DawkinsDawkinsRichard Schrift ist in zehn Kapitel gegliedert, von denen in diesem Abschnitt die Kapitel drei bis sieben thematisiert werden. Im dritten Kapitel beschäftigt er sich unter anderem mit den klassischen Argumenten für die ExistenzExistenz Gottes, und kritisiert an den bekannten fünf Wegen des Thomas von AquinThomas von Aquin, „dass GottGott selbst gegen die Regression immun ist“2. Dabei geht es ihm um die in die unendliche Regression verlaufende Frage nach dem Ursprung Gottes, nach dem Gestalter des Gestalters. „Die Lösung ‚Gott‘ beendet also nicht die unendliche Regression, sondern verstärkt sie ganz gewaltig.“3 Das ontologische ArgumentArgument bezeichnet er sodann als das „kindische Argument“, aus dem „aus trickreichen Wortverdrehungen grossartige Schlussfolgerungen hervorgehen sollen“.4 Er bekundet „ein automatisches, tiefes Misstrauen gegenüber jedem Gedankengang, der zu einer derart bedeutsamen SchlussfolgerungSchlussfolgerung gelangt, ohne dass auch nur eine einzige ErkenntnisErkenntnis aus der WirklichkeitWirklichkeit dazu beigetragen hätte“5. Vielleicht, wie er eingestehen muss, „zeigt das einfach nur, dass ich kein Philosoph bin, sondern NaturwissenschaftlerNaturwissenschaftler“6, womit er gerade da positioniert ist, wo auch GauniloGaunilo stand. Hatte DawkinsDawkinsRichard die Argumente des Thomas von Aquin immerhin noch dahingehend kritisieren können, dass doch auch Gott einer AntwortAntworttheoretische auf das Woher bedarf, so bringt er keinerlei Verständnis mehr auf dafür, dass „Existenz […] ein Zeichen für VollkommenheitVollkommenheit“7 ist.
Auch weiss er mit der EinfachheitEinfachheit Gottes nichts anzufangen. „Ein GottGott, der ständig den Zustand jedes einzelnen Teilchens im Universum überwacht und kontrolliert, kann nicht einfach sein. Seine ExistenzExistenz erfordert schon als solche eine ungeheuer umfangreiche Erklärung.“8 Hieran zeigt sich DawkinsDawkinsRichard Unverständnis für die philosophische MethodeMethode ebenso wie sein szientistischer Zugang, denn wesentlich einfacher als die empirische ist die philosophische Erkenntnismethode. Während diese nämlich auf das Erfassen des Wesens des Seienden abzielt, geht jene beobachtend um das Seiende herum. Während die NaturwissenschaftenNaturwissenschaften von vielen BeobachtungenBeobachtungen auf das betreffende Arturteil schliessen, bedarf die Philosophie nicht des Vielerleis an Einzelbeobachtungen. Sie kann das SoseinSosein prinzipiell an einem einzigen Beispiel erfassen. Auch Maurice BlondelBlondelMaurice wusste darum, dass das Sein umso mehr inneren Reichtum hat, je mehr es eins ist.9
Die Suche nach einem ArgumentArgument für die ExistenzExistenz Gottes ist für DawkinsDawkinsRichard insgesamt ein BeweisBeweis dafür, dass das BewusstseinBewusstsein der betreffenden Personen noch nicht erweitert wurde. „[D]er grösste wissenschaftliche Bewusstseinserweiterer, den es je gab“, ist ihm „Darwins Theorie der EvolutionEvolution durch natürliche Selektionnatürliche Selektion“.10 Die Theorie der natürlichen Selektion geht auf Charles DarwinDarwinCharles (1809–1882) zurück, der mit seiner 1859 in London erstmals erschienen Schrift On the origin of species by means of natural selection, or the preservation of favoured races in the struggle for life nachzuweisen suchte, dass die Entstehung der Arten auf dem Wege der Evolution vonstatten geht. DawkinsDawkinsRichard wiederum nennt die natürliche Selektion einen „allgemeinen Prozess zur Optimierung biologischer Arten“11 bzw. „eine additive Einbahnstrasse in Richtung der Verbesserung“12. Über den UrknallUrknall13, die VererbungVererbung und den Kampf ums DaseinKampf ums Dasein, welchen das am besten angepasste Individuum überlebt und sich fortpflanzt, verläuft der Prozess der Entstehung und der Entwicklung der Lebewesen von niederen zu höheren Arten. Von da her ist es auch zu verstehen, dass DawkinsDawkinsRichard sich am unendlichen Regress stösst, da ihm jedes Lebewesen eine naturwissenschaftlich greifbare UrsacheUrsache haben muss.
Wenn er von da her auch von einer „EvolutionEvolution der ReligionReligion“14 spricht und diese von der darwinistischen Theorie her zu erklären versucht, dann fragt er nach dem Druck, den die natürliche Selektionnatürliche Selektion ausgeübt hat, „sodass die Hinwendung zur Religion begünstigt wurde“15. Da in der darwinistischen Selektion eine erbarmungslose Nützlichkeit vorherrscht und jegliche Verschwendung strikte vermieden wird, „muss jedes allgemein verbreitete Merkmal einer Spezies – auch die Religion – dieser Spezies einen gewissen Vorteil verschafft haben, sonst hätte es nicht überlebt“16. Auch bei der „Evolution der Religion“ geht DawkinsDawkinsRichard von den Vorzügen der natürlichen Selektion aus, die er in der „Fähigkeit zum Überleben und zur Verbreitung“17 sieht. Nach seiner eigenen Ansicht über den darwinistischen Überlebenswert ist die Religion „ein Nebenprodukt von etwas anderem“18. Wenn die Religion aber, wie eingangs erwähnt, „ein unglückliches Nebenprodukt einer grundlegenden psychologischen Neigung“ sein soll, „die unter anderen Umständen nützlich sein kann oder früher einmal nützlich war“,19 was ist dann dieses andere? Nach DawkinsDawkinsRichard, ein eigentlich nützlicher Mechanismus, von dem die Religion „eine Fehlfunktion“20 sei.
In groben Zügen ist an dieser Stelle auch auf seinen Erklärungs- und Begründungsversuch „der memetischen Theorie der ReligionReligion“21 einzugehen, nach der die Replikatoren, d.h. die codierten Informationen, die – nach dem Musterbeispiel eines Gens – exakte Kopien ihrer selbst erzeugen,22 welche sich kulturell replizieren und vererben. Nach DawkinsDawkinsRichard sind die Meme, „die allein nicht unbedingt gute Überlebensfähigkeit besitzen“, in Memplexe gruppiert, in denen sie erhalten blieben.23 Auf dieser Grundlage versucht DawkinsDawkinsRichard auch die Sprachevolution verständlich zu machen, nach der infolge der Veränderung des ersten Vokals sich auch andere hätten wandeln müssen, auf dass Zweideutigkeiten vermieden wurden. „In diesem zweiten Entwicklungsstadium wurden Meme vor dem Hintergrund bereits vorhandener Mempools selektiert und bildeten einen neuen Memplex aus untereinander verträglichen Memen.“24 Von da her versucht er auch die ExistenzExistenz der Religion so zu begründen, dass sie nur „wegen ihrer absoluten ‚Leistung‘ oder wegen ihrer Verträglichkeit mit dem vorhandenen Memplex“25 erhalten geblieben sei.
Auch wenn von einem Teil nicht auf das Ganze geschlossen werden kann, so wird der erste Eindruck, den diese Theorie erweckt, durch ein anderes WortWort nur bestärkt, nach dem auch die NächstenliebeNächstenliebe eine Fehlfunktion sei. Ein Wort, welches DawkinsDawkinsRichard „in einem streng darwinistischen SinnSinn“ gebrauche und „keinerlei Abwertung“ beinhalte.26 Unweigerlich entsteht bei diesem Verdrehen der WahrheitWahrheit der Eindruck, als sei der antike SophismusSophismus wiedererstanden. Was Grund genug ist, die EvolutionstheorieEvolutionstheorie insgesamt einer philosophischen Kritik zu unterziehen. Diese rechtfertigt sich auch von da her, dass diese Theorie eindeutig naturalistischnaturalistisch und materialistischmaterialistisch ist und zahlreiche philosophische Prämissen enthält, die sie selbst nicht zu begründen weiss, wie z.B. den wesentlichen Unterschied zwischen Apersonalem und Personalem.
5.3.2 „Omne vivum ex vivo“
Wie DarwinDarwinCharles selbst schon bemerkt hatte, bestehen in der geologischen Kette der Fossilien Lücken. DawkinsDawkinsRichard versucht sie mit der Behauptung zu stopfen, dass trotz der Lücken „die Belege für die EvolutionEvolution, beispielsweise aus Molekulargenetik oder geografischer Verteilung, immer noch überwältigend stark“1 seien. Demgegenüber verweist von HildebrandHildebrandDietrich von auf die Doppeldeutigkeit der EvolutionstheorieEvolutionstheorie. Was er selbst dieser Theorie und den naturwissenschaftlichen Methoden im besten Falle zugesteht, ist, „dass es im Reich des Organischen einen kontinuierlichen Wachstumsvorgang von niedrigeren zu höheren Formen gibt“2. Doch wird von DarwinDarwinCharles ebenso wie von DawkinsDawkinsRichard und allen übrigen Evolutionisten die Tatsache übersehen, „dass ein solcher kontinuierlicher Entwicklungsprozess im Reich des Organischen auch nicht das Geringste für die von ihnen damit verbundene TheseThese besagen würde, dass niedrigere Formen in einer immanenten Entwicklung höhere ‚hervorbringen‘ könnten“3. Insofern diese These vertreten wird, handelt es sich um einen philosophischen IrrtumIrrtum. Die Veränderung des materiellen Seins ist kontingentkontingent und determiniert und setzt als UrsacheUrsache das absolute Sein Gottes voraus.
Von HildebrandHildebrandDietrich von unterscheidet die EvolutionstheorieEvolutionstheorie in zwei völlig verschiedene Thesen. „Die erste ist eine naturwissenschaftliche Hypothese, die annehmbar ist“, sofern es sich nicht um Wirklichkeiten handelt, die wesensverschieden sind, „zwischen denen es niemals kontinuierliche ‚Übergänge‘ geben kann“.4 In diesem ersten SinnSinn meint man mit EvolutionEvolution die Seinswerdung der Lebewesen (Ontogenese), die beobachtet werden kann. „Die zweite TheseThese ist ein rein philosophischer IrrtumIrrtum eines ImmanentismusImmanentismus und MaterialismusMaterialismus“5, der eben gerade darin besteht, dass die Realität der kontinuierlichen Übergänge behauptet wird, wie im Falle der immer wieder postulierten Höherentwicklung vom Affen zum Menschen. Wenn heute von Evolution gesprochen wird, dann bezieht man sich auf diesen zweiten Sinn, auf die Artbildung (Phylogenese). Dann aber hört die Evolutionstheorie auf, „eine wissenschaftliche Hypothese zu sein, und wird zu einer höchst unwissenschaftlichen IdeologieIdeologie – dem ‚EvolutionismusEvolutionismus‘“6.
Zwar entdeckte DarwinDarwinCharles die Veränderbarkeit der Arten durch die Umstrukturierung einer gemeinsamen DNA, d.h. des Biomoleküls, das Träger der Erbinformation oder der Gene ist. Doch fälschlicherweise wurde die geniale Anpassungsstruktur, die in den einzelnen Arten vorhanden ist, um sie vor dem Aussterben zu bewahren, von der Mikro- auf die Makroevolution übertragen. Die Makroevolution steht im Unterschied zur Anpassung an sich verändernde Umstände für die Neukonstruktion von etwas vorher nicht Vorhandenem, von qualitativ neuen Genen, wie z.B. die Entstehung des Lebendigen oder die Entwicklung des Einfachen zum Komplexen. Doch während die Mikroevolution, bei der keine qualitativ neue Gene entstehen, bewiesen werden kann, wurden ihre Ergebnisse ohne Beweise einfachhin auf die Makroevolution übertragen. Und das, obwohl Gregor MendelMendelGregor (1822–1884) die Ergebnisse seiner Forschungen 1866 unter dem Titel Versuche über Pflanzen-Hybride veröffentlichte. Er erkannte, dass die VererbungVererbung durch zahlreiche Gene gesteuert wird (den Ausdruck „GenGen“ kannte er zu seiner Zeit allerdings noch nicht, er wurde erst 1909 vom dänischen Biologen Wilhelm JohannsenJohannsen eingeführt), wobei es von jedem Gen zwei Ausführungen gibt: eine herrschende (dominante) und eine untergeordnete (rezessive). Im Falle der Vererbung setzen die dominanten sich jeweils gegen die rezessiven Gene durch, wodurch die Arten letztlich konstant bleiben. Darum, so der bekannte Anatom und Humanembryologe Erich BlechschmidtBlechschmidtErich (1904–1992), entwickelt auch der MenschMensch sich nicht zum Menschen, sondern als Mensch.7 Ohnehin kann am Beginn alles Seienden nicht die tote MaterieMaterie gestanden haben, denn vor der Materie mussten die NaturgesetzeNaturgesetze existieren, nach denen die Materie sich auferbaut und erhält. Das aber heisst, dass am Beginn die Information war, der GeistGeist, denn die Naturgesetze sind ja nichts Materielles, sondern etwas Geistiges.
Wie DescartesDescartesRené in seinen Meditationen betonte, sind die Irrtümer einzig darin fundiert, dass „der Wille weiter reicht als der VerstandVerstand, ich jenen nicht in dessen Grenzen einschliesse, sondern ihn auch auf das erstrecke, was ich nicht einsehe“8. Obwohl DarwinDarwinCharles selbst kein Atheist war, gaben Thomas Henry HuxleyHuxleyThomas Henry (1825–1895) und Ernst HaeckelHaeckelErnst (1834–1919) der Theorie von Beginn weg atheistische Implikationen. Denn dass es nichts anderes als das Nichtsein Gottes ist, was mit dieser Theorie nachzuweisen versucht wird, liegt offen zutage. Soll doch gerade die EinsichtEinsicht untergraben werden, dass nur ein persönlicher GottGott der Schöpfer des Lebens und der Personen sein und nur ein allmächtiges und unendlich intelligentes Sein alle Seienden, vom Bakterium bis zu den Elefanten, hervorgebracht haben kann.
Für den US-amerikanischen Philosophen Thomas NagelNagelThomas (1937-), der einen Atheismus vertritt, in dem er die EvolutionstheorieEvolutionstheorie ebenso ablehnt wie den Gottesgedanken, sind die evolutionären Thesen jedenfalls ein „Beispiel für die Tendenz, eine Theorie, die anderswo erfolgreich war, heranzuziehen, um sie auf etwas anzuwenden, was man gerade nicht versteht“9. Das zeige sich an der Verwendung des einschlägigen Wortes „überlebenswert“, das „in unseren Tagen eine magische Formel für alles und jedes“ sei, „von der EthikEthik bis zum Verständnis der Sprache“.10 Zwar räumt er Darwins Theorie der natürlichen Selektion ein, vielleicht erklären zu können, „warum WesenWesen mit visueller Wahrnehmung oder mit der Fähigkeit zum logischen Schliessen überleben werden, doch sie erklärt nicht, warum das Sehen selbst oder das logische Schliessen möglich werden“11. Die Theorie der natürlichen Selektion erklärt eben nicht Möglichkeiten als solche, „sondern immer nur die Selektion aus einem vorgegebenen Bereich von Möglichkeiten“12. NagelNagelThomas sieht deutlich, wie in der Evolutionstheorie alles von der Unterstellung abhängt, „dass schlechterdings jedes bemerkenswerte Merkmal menschlicher oder anderer Organismen auch eine darwinistische Erklärung haben müsse“13. „Doch welchen Grund gibt es eigentlich dafür, an so etwas zu glauben?“14 Warum eigentlich zwingt man die Entwicklung „mit wenig wahrscheinlichen Spekulationen, die in keiner Weise durch Daten abgesichert sind“, unter das Gesetz, dass die natürliche Selektionnatürliche Selektion alles und jedes erklärt?15 Weil man es hier mit einem jener einflussreichen Glaubenssätze zu tun hat, „die offensichtlich in der intellektuellen Luft liegen, die wir gegenwärtig atmen“16.
Dass es sich bei der von DawkinsDawkinsRichard behaupteten „EvolutionEvolution der ReligionReligion“17 um einen ebensolchen Glauben handelt, welcher in der Religion nicht eine die ImmanenzImmanenz transzendierende interpersonale Beziehung zwischen MenschMensch und GottGott sieht, sondern ein Nebenprodukt bzw. eine Fehlfunktion eines im Kampf ums DaseinKampf ums Dasein eigentlich nützlichen Mechanismus, bedarf im Grunde keiner weiteren Erklärung. Der Bestand des notwendigen und intelligiblen Sachverhalts, den sowohl Johann Wolfgang von GoetheGoetheJohann Wolfgang von mit seinem WortWort „Leben erst muss Leben geben“18 wie auch Louis PasteurPasteurLouis mit seinem bekannten Ausdruck Omne vivum ex vivo (alles Leben kommt aus dem Leben) zur Sprache gebracht haben, den die Evolutionstheoretiker jedoch ignorieren,19 wird im nächsten Punkt mit einigen philosophischen Argumenten untermauert werden.20 Mit ihnen wird einsichtig gemacht, warum die geistige PersonPerson nicht die WirkungWirkung materieller Ursachen sein kann, wie die Evolutionisten suggerieren.
Im Übrigen hatte schon PlatonPlaton zu seiner Zeit sich mit den ähnlich gelagerten „Erklärungen“ des AnaxagorasAnaxagoras (500–428 v. Chr.) auseinandergesetzt, der behauptete, dass die VernunftVernunft die UrsacheUrsache von allem sei, was entsteht, besteht und vergeht. Nachdem ihm dessen Erklärung des Werdens, Bestehens und Vergehens zuerst als richtig erschienen sei, habe er sie später wieder verwerfen müssen. Denn es sei offenkundig mangelhaft, wenn jemand zu ihm sagen würde, dass er alles, was er tue, aufgrund der Vernunft tue, und dann als Ursache für dieses Tun eine Fähigkeit des Körpers angäbe. So sei der Grund, weswegen er an der Stelle sitze, weil sein Leib aus Knochen und Sehnen bestehe, die Knochen dicht und voneinander geschieden und die Sehnen so gerichtet seien, dass sie angezogen und nachgelassen werden könnten. Und da die Knochen von den Gelenken getragen würden, bewirkte das Anziehen und Nachlassen der Sehnen, dass er seine Glieder bewegen könne, und das sei der Grund, weswegen er hier sitze. Das hiesse nichts anderes, als nicht zwischen der eigentlichen Ursache und der blossen Mitursache zu unterscheiden.21
Auch Gottfried Wilhelm LeibnizLeibnizGottfried Wilhelm (1646–1716) wandte sich, die EvolutionstheorieEvolutionstheorie gleichsam antizipierend, gegen die allzu materialistischen Philosophen, „die alles der materiellen NotwendigkeitNotwendigkeitsubjektive [necessité] oder einem gewissen Zufall [hazard] zuschreiben“, und „zur Erklärung der Phänomene nur der materiellen Eigenschaften [sich] bedienen“.22
Die EvolutionstheorieEvolutionstheorie steht wieder da, wo BaconBaconFrancis die grosse Erneuerung der Wissenschaften ins Leben rief: beim Teil. Damals wie heute konnte und kann der MenschMensch nicht leugnen, dass der Teil integral zu seiner Lebenswelt gehört und auch er selbst aus Teilen besteht. Dass der Mensch jedoch nicht nur der Teile bedarf, hat sich seit dem 19. Jahrhundert immer deutlicher gezeigt. Seit jener Zeit tritt der existentiell-anthropologische BeweisBeweis immer deutlicher ins allgemeine BewusstseinBewusstsein, dass der Mensch sein Dasein als sinnvoll erfahren muss, wenn er leben will. SinnSinn kann er aber nur dann erfahren, wenn er sich einem grösseren sinnvollen Ganzen sich selbst überschreitend angleicht. Denn auch der Mensch ist seinem WesenWesen nach eben nicht nur eine Komposition von Teilen, sondern selbst eine Ganzheit, die das ihr angemessene Leben nur aus der Sinnfülle selbst, der vollkommenen PersonPerson empfangen kann – omne sensum ex sensu. Mit anderen Worten: Das eigene Dasein wird nur dann als sinnvoll, bedeutsam und lebenswert erfahren, wenn der betreffende Mensch sich nicht mit dem zufrieden gibt, was nur für ihn wichtig ist, sondern sich vielmehr an dem orientiert und auf die je angemessene Weise zu beantworten sucht, was ihm mit einer BedeutsamkeitBedeutsamkeit gegenübertritt, die die Welt seines eigenen Lebens und seiner eigenen Wichtigkeiten übersteigt.
5.3.3 BewusstseinBewusstsein als Evolutionsemergent?
Da in der vorliegenden Untersuchung vor allem die ReligionReligion als Bindung des Menschen an GottGott thematisch ist, braucht auf die erste der beiden Thesen hier nicht eingegangen zu werden. Denn welche Auffassung zur Frage nach den Möglichkeiten der begrenzten oder Mikro-EvolutionEvolution (im Unterschied zur Makro-Evolution im Sinne evolutiver Übergänge von einer niederen Art zu einer höheren) auch eingenommen wird, der Bereich des apersonalen Seins spielt in die Religion jedenfalls nicht unmittelbar hinein. Darum wird der TheseThese der organischen Höherentwicklung keine Beachtung geschenkt.1
Religionsphilosophisch relevant ist dagegen die Reduzierung des menschlichen Bewusstseins zu einem EpiphänomenEpiphänomen des Gehirns. Der EpiphänomenalismusEpiphänomenalismus, der im 19. Jahrhundert eine wichtige Rolle spielte und v.a. durch die bereits erwähnten HuxleyHuxleyThomas Henry und HaeckelHaeckelErnst vertreten wurde, unterscheidet zwischen dem Physischen und dem Mentalen, streitet aber strikte ab, dass physische Prozesse durch den GeistGeist verursacht werden. Geistige Prozesse sind Epiphänomene (Begleiterscheinungen) von Veränderungen im Bereich des Physischen. Veränderungen im Physischen verursachen geistige Prozesse.
Infolgedessen, dass die Bewusstseinsbildung als evolutionäres Phänomen biotisch2 nicht hinreichend erklärt werden kann, kam es in den 1970er Jahren zu einer Renaissance der EmergenzEmergenz-Theorie. Ihren Vorläufer hatte diese Theorie in dem bereits in der Einleitung zitierten WortWort des AristotelesAristoteles, nach dem das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile. Als Emergenz wird in dieser Theorie die spontane Herausbildung neuer Eigenschaften oder Strukturen eines Systems verstanden, welche sich infolge von Wechselwirkungen seiner Elemente ergeben. Auf der Grundlage der evolutionären Selbstorganisation wird ein Transformieren angenommen, das sich bis zum Übergang von der Sphäre des Anorganischen zur Sphäre des Organischen erstreckt.3 Obgleich der BegriffBegriff der Emergenz trotz „wiederholter wissenschaftsinterner Auseinandersetzungen“ „keineswegs eindeutig definiert“ ist und „in unterschiedlichen Disziplinen unterschiedlich verhandelt“ wird,4 wird von gewissen Philosophen die Auffassung vertreten, das BewusstseinBewusstsein sei eine emergente Eigenschaft des Gehirns. Wie Philip ClaytonClaytonPhilip klärend bemerkte, ist Emergenz die philosophische Position, „die am besten die philosophische Tragweite der EvolutionstheorieEvolutionstheorie zum Ausdruck bringt“5. Auf der Makroebene wird das Bewusstsein dabei als Eigenschaft eines Systems verstanden, welche auf der Mikroebene nicht vorhanden ist, durch Wechselwirkungen zwischen den Elementen auf der Mikroebene sich aber spontan herausbildet. „Ein System ist eine Entität, die ‚mehr ist als die Summe ihrer Teile‘, das heisst, es besitzt Eigenschaften, die seine Teile nicht aufweisen.“6 Die Herausbildung von Eigenschaften auf einer höheren Organisationsebene kann aufgrund bekannter Elemente der niedrigeren Ebene aber weder vorhergesagt noch auf sie reduziert werden.
Dass die Theorie der EmergenzEmergenz nicht nur dem EvolutionismusEvolutionismus kompatibel, sondern eine ähnlich gelagerte Spielart des MaterialismusMaterialismus ist wie der EpiphänomenalismusEpiphänomenalismus, sei an dieser Stelle nur angemerkt. Wenn in der Folge wiederholt vom Epiphänomenalismus die Rede ist, dann wird die Emergenzthese nicht als eine davon unabhängige Theorie verstanden, denn nach beiden wird das BewusstseinBewusstsein ja sozusagen als ein Produkt der MaterieMaterie – als Begleiterscheinung bzw. als spontane Herausbildung – verstanden.7 Von da her werden beide als materialistische Theorien begriffen, gegen die die folgenden Ausführungen gerichtet sind. Dabei wird sich zeigen, ob es zu einer Deckung mit ClaytonClaytonPhilip kommt, der klarstellt, dass nicht alle Ursachen letztendlich physikalische Ursachen sind. Vielmehr wird die PersonPerson von ClaytonClaytonPhilip als eine psychosomatische EinheitEinheit, als eine komplex geformte Entität aus physikalischen, biologischen, psychologischen und geistlichen Wirklichkeiten begriffen, welche, „obgleich voneinander abhängig, nicht aufeinander reduzierbar sind“, und je verschiedene Untersuchungsmethoden bedingen.8
5.3.3.1 Die ÄquivokationÄquivokation des Terminus „DualismusDualismus“ und die Wesensverschiedenheit von Physischem und Psychischem
Wer in der PostmodernePostmoderne der Behauptung seine ZustimmungZustimmung verweigert, dass geistige Prozesse Begleiterscheinungen von Veränderungen im Bereich des Physischen sind, wer verneint, dass Veränderungen im Physischen geistige Prozesse verursachen, der wird aufgrund der seit Anfang des 20. Jahrhunderts vorherrschenden Tendenz zu materialistischen Auffassungen häufig als Dualist gebrandmarkt. Dabei wird die gründliche Analyse der zugrunde liegenden Zwei-Substanzen-Lehre, die häufig durch einen Mangel an Unterscheidung zwischen den verschiedenen Bedeutungen des äquivoken Begriffs „DualismusDualismus“ schon zum Vornherein verunmöglicht. Um bis zum sachlich angemessenen Verständnis von „Dualismus“ durchzudringen, auf dass die monistischen Theorien ad absurdum geführt werden können, seien an dieser Stelle die wichtigsten Arten unterschieden.1 Zuerst die Bedeutung von „Dualismus“ in einem SinnSinn, der mit dem Substanzproblem nichts zu tun hat. Mit Dualismus in diesem Sinn wäre einfach der grundlegende Unterschied zwischen physischen und psychischen Gegebenheiten gemeint. Ein Unterschied, der auch von Vertretern des EpiphänomenalismusEpiphänomenalismus anerkannt wird und aufgrund dessen auch die Epiphänomenalisten als Dualisten zu bezeichnen wären. Sodann ist eine Bedeutung des Terminus „Dualismus“ in einem axiologischen Sinn zu unterscheiden. In diesem Sinn wird „Dualismus“ als Werturteil verstanden, und zwar so, dass nur dann von „Dualismus“ gesprochen wird, wenn das positive Werturteil über den GeistGeist und das negative über den Leib gefällt wird. In einem dritten Sinn hat „Dualismus“ eine negative Bedeutung. Dabei geht die Betonung der Wesensverschiedenheit von Physischem und Psychischem nicht mit einer Leugnung ihrer substantiellen EinheitEinheit, sondern mit einer Minderbewertung des menschlichen Leibes einher, wie beispielsweise bei PlatonPlaton, für den der von der unsterblichen SeeleSeele nur gebrauchte Körper2 einem Grab,3 einem Kerker4 oder einer Art Gefährt5 gleichkommt. Schliesslich sei – viertens – auch der klassische Sinn von „Dualismus“ erwähnt, der sich bei PlotinPlotin ebenso findet wie bei AugustinusAugustinus, bei Thomas von AquinThomas von Aquin ebenso wie bei DescartesDescartesRené und bei vielen anderen. Demnach handelt es sich bei Körper und Seele um zwei verschiedene Substanzen, welche Position als die klassisch dualistische Einheitslehre der menschlichen PersonPerson bezeichnet werden kann.
Diesem vierten SinnSinn von „DualismusDualismus“ ist keine radikale Trennung, sondern die EinheitEinheit in der Verschiedenheit von GeistGeist und MaterieMaterie wesentlich. Um das Staunenswerte dieser Einheit zu BewusstseinBewusstsein zu bringen, sei in einem ersten Schritt die wesentliche Differenz von Physischen und Psychischem auseinandergelegt. Die physischen oder materiellen Gebilde sind in erster Linie durch eine räumliche Ausdehnung charakterisiert. Zweitens ist ihnen eine Zusammensetzung aus verschiedenen Teilen eigen, die nicht miteinander identisch sind, was ihre Teilbarkeit ermöglicht. Drittens ist in einem materiellen Seienden nicht nur eine Vielzahl von Merkmalen vorhanden, die jeder materielle Gegenstand wesensmässig voraussetzt, z.B. Bewegung im Raum, Gewicht, Gestalt, Farbe usw. Die materiellen Gegenstände können überdies auch Merkmale aufweisen, die die materiellen Seienden gleichsam transzendieren, so etwa die SchönheitSchönheit. In diesem Sinn unterschied von HildebrandHildebrandDietrich von zwischen der Sinnenschönheit und der geistigen Schönheit des Sicht- und Hörbaren. Diese Schönheit – von HildebrandHildebrandDietrich von spricht von der „Schönheit zweiter Potenz“ – „haftet an ihrem Träger, ähnlich wie die Sinnenschönheit, ebenso unmittelbar, ebenso anschaulich, aber in noch viel unintelligiblerer Weise“.6 Auch der genetische Code und ähnliche Bereiche der WirklichkeitWirklichkeit sind diesen Merkmalen materieller Gebilde zuzurechnen.
Demgegenüber zeichnen sich die psychischen Wirklichkeiten – wie beispielsweise der Schmerz oder der Willensakt – vor allem dadurch aus, dass sie bewusst vollzogen und erlebt werden. Wogegen ein materielles Seiendes unmöglich von innen vollzogen werden kann. Womit auf das nächste Merkmal psychischer Wirklichkeiten verwiesen wurde, auf das SelbstbewusstseinSelbstbewusstsein. Die psychische Erfahrung setzt eine PersonPerson voraus, die sich ihrer selbst bewusst ist, ein Zug, der auf die MaterieMaterie in keiner Weise zutrifft. Sodann lassen sich verschiedene Merkmale des Psychischen unterscheiden, die einerseits nicht in ausnahmslos jedem psychischen Erleben gegenwärtig sein müssen, denen aber keine psychische WirklichkeitWirklichkeit ausnahmslos entbehren kann. Dazu gehören die WachheitWachheitgeistige, die Intensität oder die IntentionalitätIntentionalität, d.h. die bewusste und sinnvolle Beziehung der Person und ihrer Akte auf ein Objekt, von dem sie BewusstseinBewusstsein besitzt.7
5.3.3.2 Argumente gegen die materialistische Reduzierung des Bewusstseins
zu einem Produkt des Gehirns
Wie gesehen, unterscheidet auch der EpiphänomenalismusEpiphänomenalismus zwischen dem Physischen und dem Mentalen. Doch während er annimmt, dass Veränderungen im Physischen geistige Prozesse verursachen, streitet er strikte ab, dass physische Prozesse durch den GeistGeist verursacht werden. Damit spricht er sich nur für die Beziehung aus, die vom Körper zum Geist verläuft, die entgegengesetzte Beziehung vom Geist zum Körper dagegen verbleibt sozusagen inaktuell, ja muss es bleiben, wenn das naturalistische WeltbildWeltbild berücksichtigt wird, das die Grundlage des epiphänomenalistischen Denkens bildet. Demgegenüber sei aufgezeigt, welche Argumente gegen die TheseThese der evolutionär-emergenten Höherentwicklung allen Seins in dem Sinne sprechen, dass das BewusstseinBewusstsein das Produkt des Gehirns sei. Die Unhaltbarkeit jeder Reduzierung des menschlichen Bewusstseins zu einem EpiphänomenEpiphänomen des Gehirns oder auf Vorgänge im Gehirn selber ist auf vielfache Weise demonstrierbar. Dabei ist es nicht entscheidend, ob Bewusstsein nun im Sinne des „frontalen Bewusstseins von“ oder im Sinne des „lateralen“ VollzugsbewusstseinsVollzugsbewusstsein verstanden wird.1 Alles, was nicht zur eigenen PersonPerson gehört, ist in einem „Bewusstsein vonBewusstsein von“ gegeben, als Objekt, das auf der Objektseite erfasst wird. „Wenn ich mich hingegen freue oder begeistere, wenn ich weine oder trauere, liebe oder hasse, liegt kein ‚Bewusstsein von‘ vor, sondern ein bewusst vollzogenes Sein, das mir nicht frontal gegenübersteht.“2 Auch die Gefühle der FreudeFreude oder der Trauer usw. setzen ein „Bewusstsein von“ dem Objekt voraus, das die Freude oder die Trauer motiviert, doch die AntwortenAntworten der Freude oder der Trauer selbst „sind kein ‚Bewusstsein von‘, sondern bewusst Seiende“3. Ebenso ist auch das Sehen nicht so gegeben wie das Gesehene. Denn während man sich bewusst ist, den Akt des Sehens zu vollziehen, wird das Gesehene in einem frontalen „Bewusstsein von“ erfasst. Desgleichen beim Akt des Erkennens, von dem nur dann gesprochen werden kann, wenn ein „Bewusstsein von“ vorliegt. Hat man etwa erkannt, dass nil volitum nisi cogitatum, dann nur deswegen, weil man ein Bewusstsein hat vom Wollen und vom ErkennenErkennen; erkenntnistheoretisch gesprochen, weil man ihr SoseinSosein erfahren hat.4
Dass es absolut unmöglich ist, das menschliche BewusstseinBewusstsein auf eine Begleiterscheinung (EpiphänomenEpiphänomen) des Gehirns oder auf Vorgänge in ihm zu reduzieren, erweist sich am Vergleich des Bewusstseins mit einer beliebigen materiellen SubstanzSubstanz, und das HirnHirn wird von den Materialisten ja gerade als ein materielles Objekt verstanden. Die materielle Substanz selber muss räumlich ausgedehnt, zusammengesetzt, teilbar usw. sein. Werden damit die wesentlichen Merkmale des geistigen Seins verglichen, so die bewusst von innen her vollzogene IntentionalitätIntentionalität, d.h. die bewusste und sinnvolle SubjektSubjekt-Objekt-Beziehung der meisten Erfahrungen, und die NotwendigkeitNotwendigkeitsubjektive, mit der das bewusste Leben die ExistenzExistenz eines bewussten und unteilbaren Subjekts voraussetzt, dessen bewusstes Leben es ist, dann wird die Unmöglichkeit evident, dass eine materielle Substanz in ihrer EinheitEinheit-in-der-Verschiedenheit und ihrer Zusammensetzung die Substanz sein könnte, die die Voraussetzung der bewussten Akte des Subjekts ist.
Dass LeibnizLeibnizGottfried Wilhelm dies deutlich verstanden hat, beweist er mit seiner Vorgabe einer Maschine, „deren Struktur Denken, Empfinden und Perzeptionen haben lässt“, die vergrössert begriffen dergestalt sei, dass man in sie hineintreten könne.5 „Dies gesetzt, würde man beim Besuch im Innern nur einander stossende Teile finden, niemals aber etwas, was eine Perzeption erklärt. So muss man sie in der einfachen SubstanzSubstanz und nicht in dem Zusammengesetzten oder in der Maschine suchen.“6
Die EinfachheitEinfachheit und die unzusammengesetzte IndividualitätIndividualität des Subjekts, das für alle Erfahrungen vorausgesetzt ist, kann nicht eine zusammengesetzte SubstanzSubstanz mit Teilen im Raume sein. Es ist unmittelbar einsichtig, dass materielle, zusammengesetzte Substanzen nie SubjektSubjekt der geistigen Erfahrungen sein können. Wie unbezweifelbar dieses WissenWissen ist, zeigt sich z.B. beim Hören eines musikalischen Werks. Das Hören von Beethovens 9. Symphonie setzt ein unteilbares Subjekt voraus, das in den unzähligen Teilen und zeitlichen Phasen dieser Erfahrung gegenwärtig ist, um überhaupt möglich zu sein. Ein Gehirn mit noch so vielen verschiedenen Teilen und Funktionen könnte nie bewusste Erfahrungen haben. Die 9. Symphonie würde ihr Sein und ihre EinheitEinheit verlieren und total zerstört werden, wenn nicht das eine, identische und unteilbare Selbst das Subjekt wäre, das als das nicht-zusammengesetzte und einfache Ich die erhabenen Klänge dieser Symphonie hören würde. Gleichermassen verhält es sich mit jedem anderen KunstwerkKunstwerk, sei es aus der Architektur, der Skulptur, der Malerei oder der Literatur.7 Mit der Literatur ist auf die Sprache Bezug genommen, für die dasselbe gilt wie für das Hören von Beethovens 9. Symphonie, auch das VerstehenVerstehen einer Sprache setzt ein immaterielles, ein bewusstes Subjekt voraus. Da bewusste menschliche Erfahrungen also eine unteilbare, einfache, nicht-zusammengesetzte Substanz als Subjekt bedingen, keine materielle Substanz aber unteilbar einfach und nicht-zusammengesetzt ist, ist keine materielle Substanz die Substanz, die vorausgesetzt ist als Subjekt für bewusste Erfahrungen des bewussten menschlichen Lebens.
Ein anderes ArgumentArgument für die immaterielle Seinsweise des menschlichen Geistes und den IrrtumIrrtum des EpiphänomenalismusEpiphänomenalismus hebt an bei der FreiheitFreiheit. Ein Versprechen oder jeder andere freie Akt wäre absurdabsurd, wenn solch ein Akt identisch wäre mit oder determiniert durch materielle oder organische Prozesse. Jeder MenschMensch setzt gewisse freie Akte voraus, auch dann, wenn er den MaterialismusMaterialismus untersucht oder verteidigt. In jedem Moment aber, in dem er die Freiheit voraussetzt, widerspricht er – unbewusst – seiner eigenen Theorie. Wenn eine Handlung vollzogen wird, die die freie Initiative bedingt und nicht die WirkungWirkung einer anderen UrsacheUrsache ist, sondern dem eigenen Selbst entstammt, dann würde diese Handlung überhaupt nicht existieren, wenn sie nicht gewollt worden wäre. So beinhaltet eine solche Handlung die Tatsache, dass das Selbst über ihr Sein und Nichtsein entscheidet. Diese Tatsache widerlegt den Materialismus, nach dem freie Akte nicht existieren können. Das Dasein freier Akte und deren SubjektSubjekt sind irreduzibel auf das Gehirn und jedes andere materielle System.
Auch das ErkennenErkennen widerspricht der TheseThese, ein EpiphänomenEpiphänomen des Gehirns oder dessen Funktionen zu sein. Das zeigt sich an der TranszendenzTranszendenz in der ErkenntnisErkenntnis, in der das Sein oder WesenWesen von etwas sich selbst vor unserem GeistGeist als das enthüllt, was es in sich selbst ist.8 Kognitive Akte nach Art der psycho-physischen IdentitätIdentität zu erklären, wie Evolutionisten und Emergenztheoretiker es versuchen, beinhaltet einen notwendigen WiderspruchWiderspruch zur NaturNatur der kognitiven Akte. Denn aus ihrer Sicht hängt der Inhalt des Wissens nicht ab von der Natur des Objekts, sondern ist verschieden bei verschiedenen Gehirnaktivitäten, ganz unabhängig von der Natur des Objekts.9 WissenWissen könnte also nicht existieren, doch als Wissen, zum Beispiel von dieser Arbeit, existiert es offensichtlich, also muss auch der Geist existieren, denn ohne Geist wäre es unmöglich. Die ExistenzExistenz des Geistes als SubjektSubjekt des Bewusstseins enthält somit eine absolute Zurückweisung eines jeden EvolutionismusEvolutionismus, der behauptet, dass MaterieMaterie das Leben des menschlichen Geistes hervorbringen könne.10 Hierzu gehört auch die philosophische Unmöglichkeit einer werdenden Reflexion. Wie allgemein bekannt, ist Reflexion entweder da, oder sie ist nicht da. Undenkbar ist jedoch ein vormaliges Nicht-Ich, das immer mehr zu einem Ich, sozusagen immer „icher“ wird. „Alle Gedanken, die so etwas für möglich halten, beruhen auf den Zirkelschlüssen des MaterialismusMaterialismus, der sich den Geist als ein Produkt der Materie denkt.“11 Denn um das denken zu können, muss der Geist vorausgesetzt werden, der eigentlich bewiesen werden soll. Kurzum, „das zu Beweisende wird mit Hilfe des zu Beweisenden ‚bewiesen‘“12.
Überzeugend wird die EvolutionstheorieEvolutionstheorie zudem auch durch die oben dargelegte BegründungBegründung des philosophischen, d.h. synthetischsynthetisch-apriorischen Erkennens widerlegt. Denn da die Tatsache absolut gewissen Erkennens einen in sich notwendigen Gegenstand voraussetzt, die Gegenstände dieser Art aber weder der Veränderung noch einem Werden unterliegen, sondern immer mit sich selbst identisch sind, können die in solchen Gegenständen gründenden Sachverhalte auf absolut gewisse und allgemeingültige Weise erkannt werden. Angesichts dessen, dass mit dem BegriffBegriff der ReligionReligion die Aufmerksamkeit auf die Beziehung des Menschen zu GottGott gelenkt wird und diese Beziehung ebenso notwendig ist wie die beiden Glieder des Sachverhalts, die Evolutionstheorie die Religion aber nicht qua In-sich-Notwendiges, sondern qua Kontingentes und Werdendes zum Gegenstand hat, ist es logisch, dass in ihr in punkto Religion Forschungsmethoden zur Anwendung gebracht werden, die dem Gegenstand der Religion sachlich nicht angemessen sind und von da her auch keine WesenserkenntnisseWesenserkenntnisse ermöglichen. Sofern die Evolutionstheoretiker ihre WeltanschauungWeltanschauung absolut setzen, depersonalisieren sie durch ihre reduktionistische Neutralisierung das Leben des Menschen. Und indem sie die metaphysischen und moralischen Wahrheiten ihrer ObjektivitätObjektivität berauben,13 verfehlen sie das wahrhaft Menschliche ebenso wie die szientischen NaturwissenschaftenNaturwissenschaften. Die Folge ist das Nichtwissen um den wahren SinnSinn des Lebens,14 mit all den weiter oben beschriebenen Konsequenzen.
6 Zusammenfassung
Nachdem sich in den vergangenen Abschnitten erwiesen hat, dass die Wissensmöglichkeiten des Menschen nicht auf den immanenten Bereich des sinnlich Wahrnehmbaren beschränkt sind, dieser Wirklichkeitsbereich durch die Erlangung metaphysischer Erkenntnisse vielmehr transzendiert werden kann, sind die Grundlagen bereitet, auf denen die Erkennbarkeit Gottes, des schlechthin transzendenten Bezugspunkts der ReligionReligion, untersucht werden kann.
Für von HildebrandHildebrandDietrich von stand das apriorische ErkennenErkennen der ExistenzExistenz Gottes ausser Frage. Schon auf natürlicher Ebene könne sie aufgrund der GottesbeweiseGottesbeweise mit absoluter GewissheitGewissheit erkannt werden. Wobei es sich insofern um einen BeweisBeweis philosophischer Art handelt, als sowohl die Prämissen in ihrer WahrheitWahrheit als auch die Gültigkeit der SchlussformGültigkeit der Schlussform erkannt werden. Und selbst dann, wenn ihm nur wenige zustimmen, selbst dann verliert der Beweis den Charakter objektiver und gewisser ErkenntnisErkenntnis nicht. Denn sobald die SchlussfolgerungSchlussfolgerung einen Bezug zum eigenen Leben hat, was in der ReligionReligion genauso der Fall ist wie in verschiedenen anderen Gegenstandsbereichen auch, die die eigene WeltanschauungWeltanschauung betreffen, setzt die Erlangung der EinsichtEinsicht eine sachlich angemessene Haltung voraus.1 Wie erwähnt, kann auch ein ArgumentArgument ein Beweis sein, es kann aber auch eine BegründungBegründung sein, die nicht auf evidenten Prämissen beruht und die KonklusionKonklusion nicht mit Gewissheit erkennen lässt, sondern nur plausibel macht.2
Was sodann von Hildebrands Beweisgänge für die ExistenzExistenz Gottes betrifft, so konzentrieren sie sich in den kosmologischen Argumenten (auf diesen Seiten v.a. in den bekannten fünf Wegen des Thomas von AquinThomas von Aquin3), welche zwar nicht apriorisch, aber auch nicht empirisch im gewöhnlichen SinnSinn des Wortes sind, denn die ErkenntnisErkenntnis der Existenz Gottes wird nicht auf induktivem Weg erlangt. Empirisch ist nur die RealkonstatierungRealkonstatierung eines kontingenten Seienden. Unter Zugrundelegung der zweiten Prämisse, dass jedes kontingente Seiende einer extramundanen UrsacheUrsache für seine Existenz bedarf, erreicht die Erkenntnis der Existenz des absolut Seienden – in Bezug auf die Gewissheitsstufe – dieselbe Erkenntnisdignität wie die apriorischen Sachverhalte. Diesen Gedankengang entfaltet er in einem Gespräch dahingehend, dass die Ursache der menschlichen PersonPerson ein personaler GeistGeist sein müsse, da etwas ApersonalesApersonales nach allen Regeln der KausalitätKausalität unmöglich Ursache von etwas Höherem sein könne, wie dies von den Vertretern der EvolutionstheorieEvolutionstheorie behauptet wird.4
Während von HildebrandHildebrandDietrich von beim Dasein Gottes von Beweisen spricht, versteht er die Argumente, die das SoseinSosein Gottes erhellen sollen, als Hinweise.5 Hinweise auf GottGott sind ihm die WerteWerte. Das sind jene Wirklichkeiten, die nicht nur wichtig sind für die eigene PersonPerson, die vielmehr in sich wichtig und bedeutsam sind und infolge ihres metaphysischen Wesens nicht geleugnet werden können, ohne stillschweigend wieder eingeführt zu werden. Hinweise auf Gott, den von HildebrandHildebrandDietrich von als den Inbegriff aller WerteInbegriff aller Werte bezeichnet, sind die Werte auf verschiedene Weise. Grundsätzlich unterscheidet er zwischen den ontischen Werten, die Gott abbilden, und den qualitativen Werten, die eine BotschaftBotschaft enthalten.6 Was in objektiver und intrinsischer Weise bedeutsam ist, das wird auf dem Wege eines intuitiven, eines unmittelbaren Affiziertwerdens erfasst. In seinen späteren Schriften versteht er es als einen radikal anderen Typ von Berührung mit dem Wert als bei der WerterkenntnisWerterkenntnis.7 Das AffiziertwerdenAffiziertwerden von den Werten charakterisiert er als ein WertfühlenWertfühlen. Ein Fühlen, wie es beispielsweise beim Hören einer erhebenden Melodie oder beim Miterleben einer bösen Tat erfahren werden kann. Wird der Wert gefühlt, erlaubt das notwendige Sosein des Wertes ein VerstehenVerstehen von innen her, wie es ohne diese Erfahrung nur sehr beschränkt möglich ist.8
Eine entscheidende Frage war vor dem Hintergrund der ErkenntnistheorieErkenntnistheorie von Hildebrands in Verbindung mit seinem Verständnis Gottes als des Inbegriffs aller WerteWerte, ja als der Personifikation der Werte – GottGott ist die GüteGüte, die LiebeLiebe etc. –, dann vor allem, warum von HildebrandHildebrandDietrich von das ontologische ArgumentArgument als ungültig zurückgewiesen hat.9 Ist es doch gerade dieses Argument, mit dem die ExistenzExistenz Gottes aus seinem SoseinSosein erkannt werden soll. Denn ungültig wäre das Argument ja nur dann, wenn die Bejahung der Prämissen und die Verneinung der KonklusionKonklusion keinen formal- oder materiallogischen WiderspruchWiderspruch zwischen Prämissen und Konklusion ergeben würde.10 Wenn aber der absolute Wert bzw. der Inbegriff aller WerteInbegriff aller Werte nur die vollkommene PersonPerson sein kann und wenn die VollkommenheitVollkommenheit die reale Existenz notwendigerweise bedingt, dann wäre die Folgerung auf die notwendige reale Existenz der vollkommenen Person nur unter der Voraussetzung ungültig, dass die Bejahung der Prämissen, dass der Inbegriff aller Werte nur die vollkommene Person sein kann und ihre Vollkommenheit die reale Existenz notwendigerweise bedingt, bei gleichzeitiger Verneinung der Konklusion der realen Existenz des vollkommenen Wesens keinen Widerspruch zwischen den Prämissen und der Konklusion ergeben würde. Da sich aber ein Widerspruch zwischen der Bejahung der Prämissen und der Verneinung der Konklusion ergibt – dergemäss das vollkommene WesenWesen nicht real existiert –, muss das Argument zumindest aus dieser Perspektive als gültig verstanden werden. Selbstverständlich setzen die volle Gültigkeit und die gewisse ErkenntnisErkenntnis der Konklusion v.a. voraus, dass die WahrheitWahrheit der Prämissen mit unbezweifelbarer EvidenzEvidenz erkannt wird.11
Was immer aber der nähere Grund seiner Zurückweisung auch gewesen sein mag, eine sachliche Analyse kommt jedenfalls unweigerlich zum Ergebnis, dass von HildebrandHildebrandDietrich von das ArgumentArgument implizit bejaht hat und es auch explizit hätte anerkennen müssen, hätte er um die Theorie der reinen Vollkommenheitenreine Vollkommenheiten und die mit ihr gegebene angemessene BegründungBegründung des ontologischen Arguments gewusst. Implizit hat er es aufgrund dessen bejaht, dass er die sittlichen WerteWerte als die höchsten, die wichtigsten und die zentralsten bezeichnete, die sittlichen Werte aber gerade diejenigen sind, bei denen es sich in vielen Fällen um reine Vollkommenheiten handelt, z.B. bei der GüteGüte, der WahrhaftigkeitWahrhaftigkeit, der GerechtigkeitGerechtigkeit oder der LiebeLiebe, die von HildebrandHildebrandDietrich von selbst GottGott zugeschrieben hat.12 Wie erwähnt, gibt es nebstdem gewisse sittliche Wertesittliche Werte, wie beispielsweise die BescheidenheitBescheidenheit oder die DemutDemut, die die kreatürliche BegrenztheitBegrenztheit und Geschaffenheit des Subjekts voraussetzen, und da sie keine UnendlichkeitUnendlichkeit zulassen, den gemischten Vollkommenheiten zuzurechnen sind.13
Wenngleich der BegriffBegriff des Wertes auch weiter ist und neben den sittlichen noch andere WerteWerte umfasst, so weisen bestimmte sittliche Wertesittliche Werte dennoch die formalen Merkmale göttlicher Eigenschaften auf: Sie sind absolut besser zu sein als nicht zu sein, sie lassen UnendlichkeitUnendlichkeit in einer Weise zu, dass sie nur in der unendlichen FormForm wahrhaft sie selber sind, sie sind gegenseitig verträglich, ja können in einem solchen Sinne alle gleichzeitig besessen werden, dass keine wahrhaft sie selber ist ohne all die anderen und schliesslich können auch die Werte weder von etwas anderem deduziert noch auf anderes reduziert werden. Diese nicht-anthropomorphen Merkmale der reinen Vollkommenheitenreine Vollkommenheiten in Verbindung mit dem kosmologischen ArgumentArgument und dem zureichenden Grundzureichender Grund der menschlichen PersonPerson geben GottGott als absolute und vollkommene Person zu erkennen.14 Auch konnte die kritische Anfrage, ob die Werte überhaupt einen SeinsgrundSeinsgrund ausserhalb ihrer selbst benötigen, auf der Basis der intelligiblen Struktur der WirklichkeitWirklichkeit mit verschiedenen Argumenten zurückgewiesen werden, welche letztlich alle darauf hinausliefen, dass die Werte in Gott notwendigerweise ihr letztes Fundament und ihre letzte Wurzel haben.15
Die auf dieser Grundlage erörterten religionskritischen Thesen von FeuerbachFeuerbachLudwig, WittgensteinWittgensteinLudwig und DawkinsDawkinsRichard zeigten ihre Unvernünftigkeit in vielerlei Hinsicht. Während Feuerbach insbesondere an der vermeintlichen Steigerbarkeit der menschlichen Eigenschaften zu unendlicher Perfektion scheiterte,16 litt Wittgensteins gegen die ReligionReligion erhobener Unsinnigkeitsvorwurf allzu stark an der Wende zur Sprache und im Verbund mit einem empiristischen Erfahrungsverständnis mangelte es ihm an einem angemessenen Erkenntniskorrelat, was eine vertiefte Beschäftigung mit den in sprachlichen Sätzen ausformulierten und behaupteten Sachverhalten unterband bzw. von vornherein verunmöglichte.17 Die von DawkinsDawkinsRichard vertretene EvolutionstheorieEvolutionstheorie schliesslich, nach der die Religion wie die menschliche PersonPerson und das gegenwärtig Seiende insgesamt einen bestimmten Stand der additiven Einbahnstrasse evolutiver Höherentwicklung darstelle, konnte als falsch ausgewiesen werden. Und zwar durch das Aufzeigen der Unmöglichkeit, dass das BewusstseinBewusstsein eine Begleiterscheinung des (materiellen) Gehirns ist. Was in erster Linie durch den Aufweis der unzusammengesetzten IndividualitätIndividualität als Bedingung der bewussten geistigen Erfahrungen gelang und in den Wesensanalysen der FreiheitFreiheit ebenso wie des Erkennens seine Bestätigung fand.18
III DER MENSCH UND SEIN ANGELEGTSEIN AUF DIE RELIGION IN DENKEN, FÜHLEN UND WOLLEN
Bei der BegründungBegründung der Vernünftigkeit der ReligionReligion geht es nicht alleine um die Begründung der realen ExistenzExistenz ihres Bezugspunktes, nämlich um die Begründung der notwendigen Existenz Gottes. Die Begründung der Vernünftigkeit der Religion steht und fällt darüber hinaus vor allem mit der Begründung des lebendigen Verhältnisses des Menschen mit GottGott, des „Zwiegesprächs zwischen Geschöpf und Schöpfer“19. Wie aber soll das Bestehen dieses Verhältnisses in vernünftiger Weise nachgewiesen werden? Auch wenn die Existenz Gottes – wie sich gezeigt hat – absolut gewiss ist, wie will man wissen, ob der begrenzte und kontingente MenschMensch überhaupt die Fähigkeit besitzt, um mit der absoluten PersonPerson in ein Verhältnis zu treten? Um diese Frage beantworten zu können, bedarf es im Anschluss an die Beschäftigung mit dem WesenWesen Gottes in erster Linie der Herausarbeitung der zentralen Wesensmerkmale der geistigen Person des Menschen.
1 AugustinusAugustinus, BoethiusBoethius, LockeLockeJohn, die Annäherung an das WesenWesen der PersonPerson1 und die Frage nach der unübersteigbaren VollkommenheitVollkommenheit des Personseins
Ausgehend vom Glauben an die trinitarische Struktur des göttlichen Wesens, den die griechischen Kirchenväter in die Formel μίαν οὐσίαν τρεῖς ὑποστάσεις fassten und im lateinischen Westen durch Tertullians Übersetzung von ὐποστάσεις mit persona in die Formel una substantia, tres personae mündete, sah AugustinusAugustinus sich mit terminologischen Ungereimtheiten konfrontiert. So wisse er nicht, wo der Unterschied liege zwischen οὐσίαν und ὑπόστασιν, da die griechische Formel μίαν οὐσίαν τρεῖς ὑποστάσεις doch eigentlich mit una essentia, tres substantiae zu übersetzen wäre.2 Wenn von drei Personen gesprochen werde, so Augustinus die terminologischen Differenzen resümierend, dann nicht um den SachverhaltSachverhalt angemessen auszudrücken, sondern um nicht zu schweigen.3 Trotz dieser Schwierigkeiten, hob Augustinus den BegriffBegriff der PersonPerson so ins allgemeine BewusstseinBewusstsein, dass der MenschMensch nur in Bezug auf seinen GeistGeist eine Person sei4 und er den Geist als eine Dreieinheit mit einer intentionalen Struktur der Selbst- und Fremdbeziehung definierte. Und nur wenn das Dasein über diese intentionale Struktur verfügt, handelt es sich um eine Person.
Die mit AugustinusAugustinus’ PersonPerson-DefinitionDefinition verbundenen begrifflichen Schwierigkeiten – in Verbindung mit einer christologischen Fragestellung – veranlassten BoethiusBoethius zu einem weiteren Durchdenken des Personbegriffs unter Rückgriff auf die aristotelische Philosophie. Die Ergebnisse seines Bemühens hat er in der kleinen Schrift Contra Euthychen et Nestorium schriftlich fixiert, welcher als V. Traktat der Opuscula sacra eine entscheidende Bedeutung für die mittelalterliche Definition des Personbegriffs zukommt.
Aufgrund der Offensichtlichkeit, dass der PersonPerson die NaturNatur zugrunde liegt und sie nicht ausserhalb von ihr ausgesagt werden kann, geht BoethiusBoethius von den verschiedenen Bedeutungen von Natur (natura) aus, welche auf dreierlei Weisen ausgesagt und definiert werden könne. Erstens hätten die Dinge Natur, „die auf gewisse Weise von der VernunftVernunft erfasst werden können, weil sie sind“5; wonach die DefinitionDefinition von Natur sowohl Akzidentien als auch Substanzen beinhaltet. Zweitens sei Natur, „was tätig sein kann oder was erleiden kann“6. Da nach AristotelesAristoteles nur Substanzen das Prinzip der Bewegung sind, definiert Boethius die Natur konsequenterweise als „Prinzip der Bewegung aus sich heraus, nicht beiläufig“7. Drittens bezeichnet natura „die ein jedes Ding bestimmende spezifische Differenz“8.
Da die PersonPerson nun nicht ausserhalb der NaturNatur, sie aber nicht den Akzidentien zuzurechnen ist, wird Person als in den Substanzen seiend ausgesagt. Die Substanzen scheidet er in unkörperliche und körperliche, die körperlichen in nicht lebende und lebende, die lebenden in nicht mit Sinnen begabte und mit Sinnen begabte, die mit Sinnen begabten in unvernünftige und vernünftige, die vernünftigen in unveränderliche und des Leidens nicht fähige und in veränderliche und des Leidens fähige. „Aus all dem wird offensichtlich, dass sich Person weder als in leblosen Körpern seiend aussagen lässt […] noch als in den Lebenden seiend, die der Sinne entbehren […] noch von dem, welchem VernunftVernunft und VerstandVerstand fehlen“9.
Von den Substanzen, wie BoethiusBoethius seine Gedankenfolge weiterführt, sind die einen universal, die anderen partikulär. Universal sind z.B. MenschMensch, SteinSteinEdith oder Holz, schlicht alles, was entweder Genus oder Spezies ist und von einzelnen Menschen, Steinen oder Hölzern ausgesagt wird. Partikulär bezieht sich dagegen auf das, was von anderem nicht ausgesagt werden kann, wie z.B. SokratesSokrates, dieser SteinSteinEdith oder dieses Holz, aus dem dieser Tisch gefertigt wurde. In diesem Sinne kann PersonPerson nicht als im Universalen seiend ausgesagt werden, sondern nur in den Individuen und im Einzelnen.
„Wenn folglich PersonPerson nur in Substanzen und zwar in vernünftigen ist, wenn jede SubstanzSubstanz NaturNatur ist und nicht im Universalen, sondern im Individuellen ihren Bestand hat, ist die DefinitionDefinition der Person gefunden: ‚Einer verständigen Natur unteilbare Substanz‘ [naturae rationabilis individua substantia].“10 Damit sei bestimmt, was die Griechen ὑπόστασις nennen würden. BoethiusBoethius hat den BegriffBegriff der Person jedenfalls einer wesentlichen Klärung zugeführt, indem er einige notwendige Eigenschaften der Person eindeutig bezeichnete.
Wenn im neuzeitlichen Sinne von der PersonPerson die Rede ist, dann muss unweigerlich die Grundlegung des modernen Personbegriffs durch John LockeLockeJohn berücksichtigt werden. LockeLockeJohn distanziert sich vom substanzorientierten Personbegriff des BoethiusBoethius,11 indem er dafür argumentiert, dass nicht die SubstanzSubstanz die IdentitätIdentität der Person begründe, sondern das BewusstseinBewusstsein. Nur das Bewusstsein vermöge die vergangenen und die zukünftigen Ereignisse zu einer Person zu verbinden.12 „Denn soweit ein vernunftbegabtes WesenWesen die Idee einer vergangenen Handlung mit demselben Bewusstsein, das es zuerst von ihr hatte, und mit demselben Bewusstsein, das es von einer gegenwärtigen Handlung hat, wiederholen kann, ebenso weit ist es dasselbe persönliche Ich.“13 Die Substanz dagegen, an der das persönliche Selbst zu einer bestimmten Zeit haftete, könne sich ändern, ohne dass die Person ihre Identität verliert, wie z.B. beim Verlust der Glieder.14
Im ZentrumZentrum von Lockes Theorie steht die personale IdentitätIdentität über die Zeit hinweg. Diese liegt ihm darin begründet, dass ein WesenWesen, das sich sowohl der gegenwärtigen wie der vergangenen HandlungenHandlungen bewusst ist, dieselbe PersonPerson ist, die beide Handlungen initiierte. So könne die Identität nicht in etwas anderem als in dem BewusstseinBewusstsein gesucht werden. Das identische Bewusstsein ist dann aber auch der Grund des Selbst.15 Nicht die identische numerische SubstanzSubstanz, sondern das fortgesetzte Bewusstsein ist das, was das Selbst ausmacht.16 Dieses Selbst wiederum ist das, was LockeLockeJohn als Person bezeichnet.17
Seine Bestimmung des Bewusstseins als eines Wesensmerkmals der PersonPerson ist allerdings problematisch. Denn wohl ist die Person angelegt auf BewusstseinBewusstsein, auf Entfaltung im bewussten Leben, doch wenn LockeLockeJohn die Potenz zum Bewusstsein auf rein metaphysischer Ebene, die nicht immer im Leben verwirklicht ist, zur Bedingung des Personseins erklärt, dann wären der Embryo oder der im Koma liegende Patient, dessen Bewusstlosigkeit durch keine äusseren Reize unterbrochen wird noch werden kann, keine Personen mehr. Das Bewusstsein zur Bedingung des Personseins zu erklären, erweist sich von diesem Einwand her als reduktionistische Isolierung eines Einzelelementes, welches generalisiert, im selben Zuge aber die Verflechtung mit dem Ganzen übersehen bzw. ignoriert wird. Angemessener, weil holistischerholistisch, nimmt sich dagegen die seins- bzw. substanzmässige BegründungBegründung des Personseins aus. Wird die transpersonale IdentitätIdentität der Person in einem substanzorientierten Sinne verstanden, liegt sie auf einer Linie mit von Hildebrands phänomenologischer Theorie der KontinuitätKontinuität – mit dem „Sich-als-ein-und-derselbe-WissenWissen im Ablaufe der Zeit und der mit den verschiedensten Inhalten erfüllten Augenblicke“ –, welche er zu einem „der tiefsten Wesensmerkmale des Menschen als geistiger Person“ erklärt.18
Und wenn Blaise PascalPascalBlaise die metaphysische Existenzweise der PersonPerson mit dem denkenden Schilfrohr in Worte zu fassen suchte, das weiss, dass es stirbt, währenddem das ganze Weltall davon nichts weiss,19 so stellt sich aufgrund der bereits entfalteten Theorie der reinen Vollkommenheitenreine Vollkommenheiten20 die Frage, ob auch das PersonseinPersonsein eine reine VollkommenheitVollkommenheit ist. Dem scheint zweierlei zu widersprechen. Erstens sind die reinen Vollkommenheitenreine Vollkommenheiten irreduzibel einfachirreduzibel einfach (simpliciter simplex), und wenn das Personsein eine reine Vollkommenheit ist, dann muss auch das Personsein irreduzibel einfachirreduzibel einfach sein. Das widerspricht jedoch dem individuellen personalen Sein. Ein allgemeines WesenWesen der Person wäre ebenso wenig Person wie eine Idee oder ein eidos. Folglich ist das Personsein keine reine Vollkommenheit. Zweitens mag das Personsein eine reine Vollkommenheit hinsichtlich des Individuumseins und des Besitzes einer haecceitas sein.21 Aber es kann keine reine Vollkommenheit sein, diese individuelle Person anstelle einer anderen zu sein. Denn wäre meine individuelle Person eine reine Vollkommenheit, dann wäre sie zu sein absolut besser als das Peter-Müller-, das Sonja Hasler- oder jedes andere Person-X-Sein. Doch das ist widersprüchlich.
Handelt es sich beim PersonseinPersonsein also tatsächlich nicht um eine reine VollkommenheitVollkommenheit? Für eine philosophische Gotteslehre hätte dies auf den ersten Blick zur Folge, dass GottGott keine PersonPerson sein kann. Wenn es als gesichert betrachtet wird, dass die reinen Vollkommenheitenreine Vollkommenheiten nicht nur in Gott wirklich sind, sondern dieser die reinen Vollkommenheit selbst ist, dann scheint es unausweichlich, Gott das Personsein abzusprechen. Denn wenn Gott die reinen Vollkommenheitenreine Vollkommenheiten selbst ist, das Personsein aufgrund des nicht irreduzibel einfachen Seins aber keine reine Vollkommenheit sein kann, ergibt sich in logischer Folge, dass Gott keine Person sein kann. Diese Schwierigkeiten gehen in der Tat sehr tief und erwecken den Anschein, als ob sich entweder in der Theorie der reinen Vollkommenheitenreine Vollkommenheiten ein Fehler verbergen müsse oder aber die Person nicht auf einer solch unüberbietbaren Höhe über allen nichtpersonalen Entitäten steht. Wenngleich es mysteriös anmutet, so aber scheint es doch, als gehöre zur reinen Vollkommenheit des Personseins immer eine einmalige IdentitätIdentität, als impliziere der Besitz der reinen Vollkommenheit des Personseins immer den Besitz von etwas, das keine reine, sondern eine gemischte Vollkommenheitgemischte Vollkommenheit ist.
Der Klärung rückt man ein wesentliches Stück näher, wenn sowohl die Dimension der TranszendenzTranszendenz der Einzelperson als auch die GemeinschaftGemeinschaft unter den Personen ins Auge gefasst wird. Es liegt im WesenWesen der PersonPerson, zur vollen Teilnahme am Wohlergehen der Anderen aufgerufen zu sein. Die Person lebt in der Welt nicht als isolierte SubstanzSubstanz, sondern über sich selbst hinausschreitend, nimmt sie am Leben der anderen Personen teil. Dieses gemeinsame Leben von Personen kulminiert in der Idee der perfekten Gemeinschaft, in der die Begrenzungen des individuellen Personseins in gewisser Weise überschritten und in ihren Wert gesetzt werden. Um keinen Aspekt der WirklichkeitWirklichkeit ausser Acht zu lassen, von dem ein Hinweis zur Lösung des vorliegenden Problems zu erhoffen ist, sei schliesslich noch ein theologisches ArgumentArgument beigebracht. Existierte nur eine göttliche Person, so der Ausgangspunkt, wie dies etwa die jüdische ReligionReligion lehrt, dann könnte diese spezifische IdentitätIdentität eine reine VollkommenheitVollkommenheit sein. Wenn aber GottGott, wie die Christen glauben, drei verschiedene Personen ist, dann kann die individuelle Identität einer jeden göttlichen Person keine reine Vollkommenheit sein. Weil in diesem Fall auch die Personen der Dreifaltigkeit einer reinen Vollkommenheit ermangeln würden, denn wenn das Vatersein eine reine Vollkommenheit wäre, dann wäre das Vatersein absolut besser als das Nicht-Vater-Sein; dem Sohn und dem Heiligen GeistGeist würde diese reine Vollkommenheit aber nicht zukommen, ihnen würde also zumindest eine reine Vollkommenheit fehlen. Was der Trinitätstheologie als gesichert gilt, ist auch seitens der Philosophie zu erkennen, dass es nämlich keine reine Vollkommenheit sein kann, diese bestimmte Person anstelle einer anderen Person zu sein.
So lässt sich abschliessend festhalten, dass das UrteilUrteil „Das PersonseinPersonsein ist eine reine VollkommenheitVollkommenheit!“ weder gegen die angeführten Wesenscharakteristika der reinen Vollkommenheitenreine Vollkommenheiten verstösst noch die PersonPerson der unüberbietbaren Höhe beraubt, die sie gegenüber allen nichtpersonalen Entitäten einnimmt. Und zwar gelingt dies – wie gesehen – unter der Voraussetzung, dass die reine Vollkommenheit des Personseins auf die unverletzliche und unveräusserliche IndividualitätIndividualität beschränkt wird, währenddem es keine reine Vollkommenheit ist, diese bestimmte Person anstelle einer anderen zu sein.22
Wenn in der Folge die TheseThese zu begründen gesucht wird, dass der MenschMensch auf die ReligionReligion angelegt ist, indem er mit Denken, Fühlen und Wollen die notwendigen Voraussetzungen erfüllt, um einen Dialog mit der absoluten PersonPerson führen zu können, so sei zuerst eine Stelle aus dem Oeuvre von Hildebrands zitiert, in der er die wesentlichsten Merkmale der geistigen Person in kurzer und prägnanter Weise zur Sprache bringt. Daraufhin werden die genannten Kräfte des Denkens, Fühlens und Wollens analysiert. Wobei das Denken nicht mehr eigens untersucht werden wird, da es weiter oben bereits unter dem Titel des Erkennens auseinandergesetzt wurde (vgl. Abschnitt I). Der folgende Text möge weiter in die Thematik einführen:
Die geistige PersonPerson stellt eine noch vollkommenere FormForm des Seienden dar [als das Reich der Lebewesen]: ein vernünftiges WesenWesen mit der Fähigkeit, sich und die Welt zu erkennen, eine sinnvolle AntwortAntworttheoretische auf das wahrgenommene Objekt zu geben und frei nach eigenem WillenWillen zu entscheiden; ein Wesen, das VerantwortungVerantwortung besitzt, fähig ist, Träger sittlicher WerteWerte zu sein und mit anderen Personen in GemeinschaftGemeinschaft zu treten.23
2 Das Zusammenwirken und gegenseitige Befruchten von VernunftVernunft, Wille und Herz und das geistig-intentionale affektive Leben der PersonPerson
Wohl ist das ErkennenErkennen einer der tiefsten Wesenszüge der geistigen PersonPerson,1 doch ist es recht besehen eine Trias von geistigen Zentren, die im Menschen besteht: „VernunftVernunft, Wille und Herz (GefühlGefühl), die bestimmt sind zusammenzuwirken und einander zu befruchten“2. Vernunft, Wille und Herz sind ihm die „drei grundlegenden Zentren“, die „drei fundamentalen Fähigkeiten oder Wurzeln im Menschen“.3 Von HildebrandHildebrandDietrich von war jedoch nicht der erste Denker, der im Menschen verschiedene Vermögen oder Kräfte unterschied. Das tat – noch vor AugustinusAugustinus – bereits PlatonPlaton, indem er zwischen einem vernünftigen (logistikon), einem begehrlichen (epithimitikon) und einem zornmütigen (timoeides) Seelenteil unterschied.4
Von HildebrandHildebrandDietrich von sieht „das Geheimnis der menschlichen PersonPerson“ jedenfalls im Herzen bzw. im GefühlGefühl gelegen, „hier wird ihr innerstes WortWort gesprochen“.5 Der Ausdruck „Gefühl“ ist jedoch – ähnlich wie im Falle des oben besprochenen Begriffs der Erfahrung – alles andere als univok. Das liegt einmal daran, dass das Herz in der Geschichte der Philosophie weitgehend vernachlässigt und der VernunftVernunft und dem WillenWillen untergeordnet wurde. Auszunehmen ist davon aber zumindest Blaise PascalPascalBlaise, der unter anderem sagen konnte: „Das Herz und nicht die Vernunft nimmt GottGott wahr.“6 Auch Sören KierkegaardKierkegaardSören (1813–1855) hat in seinem programmatischen Hauptwerk Entweder-Oder vom Fühlen gesprochen. Er macht die ethische Reifung davon abhängig, ob „die PersönlichkeitPersönlichkeit mit ihrer ganzen Energie die Intensität der Pflicht gefühlt hat“7. „Die Hauptsache ist darum nicht, ob ein MenschMensch an den Fingern herzählen kann, wie viele Pflichten er hat, sondern dass er ein für allemal die Intensität der Pflicht so empfunden hat, dass das BewusstseinBewusstsein davon ihm die GewissheitGewissheit der ewigen Gültigkeit seines Wesens ist.“8
Den Hauptgrund der Diskreditierung des Herzens verortet von HildebrandHildebrandDietrich von „in der Loslösung der affektiven AntwortAntworttheoretische von dem motivierenden Objekt“9. Was sich gerade auch im Bereich der ReligionReligion zeigt. Sobald die religiösen Haltungen nämlich von ihrem Gegenstand abgelöst werden und die Frage nach der ExistenzExistenz Gottes beiseite geschoben und er als „blosses Postulat für den Genuss religiöser Gefühle“ betrachtet wird, „werden die religiösen AntwortenAntworten ihres wahren Sinnes und Gehaltes beraubt“.10 Das gibt zu erkennen, wodurch die Religion zur Unvernünftigkeit degradieren kann, es zeigt aber auch, dass die Vernünftigkeit der Religion ein intentionales, ein gegenstandgerichtetes Gefühlsleben bedingt.11
Zu den bedeutenden philosophischen Taten von Hildebrands ist auch seine Unterscheidung zwischen nichtgeistigen und geistigen Formen der AffektivitätAffektivität zu zählen. In grundlegender Weise differenziert er zwischen leiblichen und psychischen Gefühlen, was er mit dem Unterschied zwischen dem Kopfweh, dem Zahnschmerz, dem Wohlbehagen an einem warmen Bad, dem angenehmen GefühlGefühl des Ausruhens oder der körperlichen Erschöpfung einerseits und dem Kummer über ein tragisches Ereignis, der Lustigkeit oder der Depression andererseits veranschaulicht. Was die leiblichen Gefühle des Menschen betrifft, so haben sie einen anderen Charakter als die der Tiere. Obzwar es keine geistigen sind, sind es dennoch eindeutig personale. Auch wenn gewisse physiologische Vorgänge homolog verlaufen, so verlaufen sie im bewussten Leben des Menschen nichtsdestoweniger von der Wurzel her anders, sind sie doch „in die geheimnisvolle, tiefe Welt einer PersonPerson eingesenkt“ und werden „von diesem identischen Selbst erlebt“.12 Die psychischen Gefühle sind darüber hinaus noch subjektiver, sie „gehen mehr im SubjektSubjekt vor sich als die Körpergefühle“13. Sehr wohl können diese beiden Gefühlsarten koexistieren, so etwa ist der Einfluss der körperlichen Vitalität auf die psychische Stimmung ja geradezu feststellbar.
Von HildebrandHildebrandDietrich von unterscheidet die Gefühle sodann nach ihrer GeistigkeitGeistigkeit. Geistig sind ihm die Gefühle dann, wenn sie intentional sind, wie beispielsweise im Falle des Kummers über ein tragisches Ereignis. Sie sind es dann, wenn ihnen der Charakter einer AntwortAntworttheoretische zukommt, wenn sie in einer sinnvollen und bewussten Beziehung zu einem Gegenstand stehen. Dagegen sind nicht-intentionale Gefühle wie das Kopfweh oder das angenehme GefühlGefühl des Ausruhens spezifisch ungeistig. Zudem „werden psychische Zustände entweder durch körperliche oder psychische Vorgänge ‚verursacht‘, affektive Antwortenaffektive Antworten sind dagegen ‚motiviert‘“14. Doch besitzen nicht alle intentionalen affektiven AntwortenAntworten diese Geistigkeit. Ein Beispiel dafür ist etwa die Wut. Zwar ist die Wut für gewöhnlich motiviert und stellt eine AntwortAntworttheoretische auf etwas ganz Bestimmtes dar, womit sie eigentlich intentionale Züge trägt, doch ist sie trotzdem nicht in jedem Falle geistig. „Wenn sie durch ihre Intensität in ein ‚Den-Kopf-Verlieren‘ ausartet, stellt sie ein radikal Ungeistiges dar. Sie schaltet die VernunftVernunft und auch den klaren WillenWillen aus; sie paralysiert beide.“15 Dann hat sie sogar einen „geist-feindlichen Charakter“16.
Wichtig ist hier vor allem der Wesensunterschied zwischen den geistigen und den nichtgeistigen Formen der AffektivitätAffektivität. Wie gesehen, ist die GeistigkeitGeistigkeit einer affektiven AntwortAntworttheoretische nicht alleine durch ihre IntentionalitätIntentionalität gesichert, „sie erfordert darüber hinaus die für Wertantworten charakteristische TranszendenzTranszendenz“17. In der WertantwortWertantwort18 kommt es zu einem KonformierenKonformieren mit dem Wert, dem in sich Bedeutsamen, zu einer adaequatio cordis ad valorem. Es ist dies „einer der tiefsten Grundzüge der PersonPerson“19. Im selben Mass wie in der ErkenntnisErkenntnis kommt es in der affektiven Wertantwort zu einem Überschreiten der bloss subjektiven Bedürfnisse und Begierden. Doch reicht die der Wertantwort eigene Transzendenz noch weiter. „Indem unser Herz sich dem Wert angleicht, das in sich Bedeutsame uns ergreift, bildet sich eine EinheitEinheit, die über die im ErkennenErkennen liegende noch hinausgeht.“20 Das zeigt sich in aller Deutlichkeit an der affektivsten aller affektiven AntwortenAntworten, an der LiebeLiebe.21 In der Liebe ist die Person noch tiefer in die Vereinigung mit dem Objekt hineingezogen als in der Erkenntnis. Und doch erweist sich an der Liebe die „MitwirkungMitwirkung des Intellektes mit dem Herzen“22. Denn es ist ein ErkenntnisaktErkenntnisakt, in dem der Gegenstand der Liebe erfasst und es ist ein Erkenntnisakt, in dem sein Wert begriffen wird.
Etwas von dieser MitwirkungMitwirkung des Intellektes mit dem Herzen hat sich weiter oben bereits gezeigt, als das WertfühlenWertfühlen eingeführt wurde, das unmittelbare AffiziertwerdenAffiziertwerden vom Wert.23 Das erstens ein rezeptives Verhalten und zweitens die WirkungWirkung eines Erkannten ist, und zwar eine affektive Wirkung, das drittens ein ausgesprochen intentionales Erlebnis ist.24 Ohne dieses Affiziertwerden vom Wert – wie von HildebrandHildebrandDietrich von bereits in seiner Habilitationsschrift dargelegt hat – ist auch das ErkennenErkennen von Sachverhalten, die in dem betreffenden Gegenstand und seiner intrinsischen BedeutsamkeitBedeutsamkeit gründen, „nur in sehr beschränktem Masse möglich“25. Um ein Erkennen handelt es sich beim Wertfühlen jedoch allemal, denn wie sonst könnte man an dem axiomatischen SatzSatz, wie an dem notwendigen SachverhaltSachverhalt festhalten, dass nichts gewollt oder gefühlt werden kann, das nicht vorweg erkannt worden ist? Es handelt sich hierbei um eine Problemstellung, deren abschliessende Behandlung einer späteren Stelle vorbehalten bleibt. Nur andeutungsweise sei hier auf das anstehende Problem aufmerksam gemacht, das sich in die Frage fassen lässt, ob das Erkennen dem Wollen in jedem Falle vorhergeht oder ob es sich in gewissen Fällen auch so verhält, dass das Wollen dem Erkennen vorhergeht.26
3 Die affektiven AntwortenAntworten und die mitwirkende FreiheitFreiheit
Das Reich der AffektivitätAffektivität hat eine wesentliche Beziehung zur FreiheitFreiheit des Menschen. Wenn im letzten Punkt die nichtgeistigen von den geistigen Gefühlen unterschieden wurden, so steigen beide im Menschen ohne direkte MitwirkungMitwirkung seiner Freiheit auf. Nur während die nichtgeistigen niedriger stehen als die Freiheit reicht, liegen die geistigen Gefühle über den Willensakten, jedoch nicht über dem WillenWillen selbst.
Um dieses Übersteigen des Willens in einem angemessenen Sinne verstehen zu können, ist vorab das WesenWesen der personalen FreiheitFreiheit zu analysieren. In erster Linie ist die Freiheit gegen aussen hin von jeglicher FormForm animalischer Spontaneität abzugrenzen. In sich weist das Wesen personaler Freiheit sodann zwei verschiedene Dimensionen auf, die von HildebrandHildebrandDietrich von als die „beiden Vollkommenheiten des Willens“ oder als „die beiden Dimensionen der Freiheit“ bezeichnet.1 Diese beiden Dimensionen kommen darin zum Ausdruck, dass die PersonPerson einerseits Herr ihrer HandlungenHandlungen ist, dass sie verschiedene Tätigkeiten kommandieren kann, dass es ihr andererseits in der entscheidenderen Dimension frei steht, der auf sie „‚eindringenden‘ motivierenden Kraft der Objekte Eingang zu gewähren, zwischen ihnen zu wählen, sich ihnen teilweise oder in letzter Geöffnetheit zuzuwenden“2. Die erste Dimension der menschlichen Freiheit hat jedoch ihre prinzipiellen und akzidentellen Grenzen, so können wir „den Mond nicht herabholen, auch wenn wir es wollten, wir können fremde Menschen nicht ohne weiteres zu alledem veranlassen, was wir wollen, wir können auch in uns selbst vieles nicht einfach durch ein Kommando hervorrufen“3. Auch die zweite Freiheitsdimension hat ihre Grenzen: „Unsere LiebeLiebe, Hoffnung, Begeisterung und andere Arten der StellungnahmeStellungnahme unterstehen unserer Macht nicht ohne weiteres wie unsere Handlungen.“4
Diese letztgenannte Freiheitsdimension wirkt sich auch im Bereich dessen aus, was von HildebrandHildebrandDietrich von die mitwirkende FreiheitFreiheit nennt. Hier werden die geistigen Gefühle thematisch, die über den Willensakten, jedoch nicht über dem WillenWillen selbst stehen. Mit der mitwirkenden Freiheit berühren wir „den tiefsten Punkt der menschlichen Freiheit, d.h. das letzte ‚Ja‘ oder ‚Nein‘, das unser freies Personzentrum aussprechen kann“5. Dieses letzte Ja oder Nein des freien Personzentrums gilt den geschenkhaft oder verhängnisvoll aufsteigenden affektiven AntwortenAntworten. Um affektive Antwortenaffektive Antworten handelt es sich beispielsweise bei der LiebeLiebe oder dem HassHass, bei der FreudeFreude, der Trauer usw. Ein Ja oder ein Nein, eine Sanktionierung oder eine Verwerfung, die ihre Daseinsberechtigung nur vom objektiven Massstab der WerteWerte herleiten, die sich nur „getragen von dem Logos der WerteweltLogos der Wertewelt“6 vollziehen können.
Das ausdrückliche Stellungnehmen, das vom tiefsten Punkt der PersonPerson herkommende WortWort kann ausschliesslich gegenüber affektiven Wert- bzw. UnwertantwortenUnwertantworten gesprochen werden. Diese Stellungnahmen sind allerdings klar „von anderen Typen ausgesprochener Solidarität bzw. Nichtsolidarität mit den affektiven AntwortenAntworten der eigenen Person [zu] unterscheiden“7. Wie gesehen, gehört zur ausdrücklichen Sanktion oder Verwerfung affektiver Wertantworten notwendigerweise das Getragensein vom Logos der WerteweltLogos der Wertewelt. Eine zweite Eigenheit bezieht sich nicht mehr auf die Beziehung zwischen der StellungnahmeStellungnahme und einem sie tragenden Wert, sondern auf das Verhältnis zwischen Stellungnahme und affektiver AntwortAntworttheoretische selbst. Denn das Ja oder Nein zu den geschenkhaft oder verhängnisvoll aufsteigenden affektiven Antworten ist „ein einzigartiges organisches Mitwirken mit unseren affektiven Antworten oder eine Zurücknahme, die sie von innen her verändert“8. In dieser Dimension der menschlichen FreiheitFreiheit begegnen Dinge, „die wir zwar nicht mit unserem WillenWillen kommandieren können, für deren Zustandekommen wir aber doch indirekt viel vermögen“9. Wenn die LiebeLiebe oder die Begeisterung auch nicht kraft des eigenen Willens ausgelöst werden können, so bedeutet das nicht, dass man für das Vorhanden- bzw. Nichtvorhandensein ebensowenig verantwortlich ist wie für einen physiologischen Prozess im Gehirn. Denn: „Wir können den Boden in uns bereiten, dass die richtigen emotionalen Antworten auf die WerteWerte in uns erblühen“10.
4 Ist die ReligionReligion dem Menschen ein BedürfnisBedürfnis?
In der Einleitung wurde darauf hingewiesen, dass MaslowMaslowAbraham zugleich mit dem BedürfnisBedürfnis nach TranszendenzTranszendenz die ReligionReligion als höchstes menschliches Bedürfnis bezeichnete. Andere, wie z.B. Rudolf OttoOttoRudolf oder Franz von SalesFranz von Sales, sprachen von einem religiösen Trieb1 bzw. einem Naturtrieb, einer natürlichen Neigung, GottGott zu lieben (inclination naturelle à aimer Dieu).2 In dem Zusammenhang wurde auch schon von einem Geborenwerden mit einer religiösen Anlage gesprochen.3 Auch von HildebrandHildebrandDietrich von spricht davon, dass in der PersonPerson konstitutivkonstitutiv eine Richtung auf das Absolute liege.4 Doch ist die Religion tatsächlich ein Bedürfnis, das mit der NaturNatur des Menschen gegeben ist? Und bezieht auch von HildebrandHildebrandDietrich von sich in der Frage der Religion tatsächlich auf eine naturalistische bzw. immanentistische Vorstellung?
Wenn von einem BedürfnisBedürfnis die Rede ist, dann ist damit ein Drang oder ein Trieb gemeint, der in der menschlichen NaturNatur begründet ist. Das Bedürfnis, das der Sache nach mit dem Drang oder dem Trieb identisch ist – von HildebrandHildebrandDietrich von spricht vorzugsweise von einem appetitusappetitus –, ist in der Natur des Menschen begründet5 und entsteht spontan.6 Der appetitus strebt das Objekt alleine deswegen an, weil er es braucht, weil es sein Bedürfnis befriedigt.7 Das zeigt sich beispielsweise beim Bedürfnis des Durstes. Solange die betreffende PersonPerson nicht durstig ist, wird sie das Wasser gleichgültig betrachten. Es bekommt aber plötzlich eine Bedeutung, sobald sie durstig ist.8 Wenn die eingangs genannten Personen also von einem Bedürfnis nach der ReligionReligion, von einem religiösen Trieb oder einer religiösen Neigung sprechen, dann ist ihnen aus der Sicht von Hildebrands immerhin dahingehend beizupflichten, dass ein Bedürfnis angeboren ist. Doch beschränkt sich die Religion tatsächlich darauf, ein angeborenes Bedürfnis zu befriedigen?
„Triebe und ‚appetitusappetitus‘ entstammen unserer NaturNatur. Ihr Auftreten setzt nicht voraus, dass man den Gegenstand oder die Tätigkeit, wodurch sie befriedigt werden, kennt.“9 Die innere Bewegung des Bedürfnisses wird nicht vom Gegenstand erzeugt. Daher haben Trieb, Drang, BedürfnisBedürfnis oder appetitus die Rolle des principiumsprincipium, des Bestimmenden; während die BedeutsamkeitBedeutsamkeit, die in der Eignung des Gegenstandes gründet, den appetitus zu befriedigen, das principiatumprincipiatum, das Bestimmte ist.10 Ganz entscheidend, nicht zuletzt auch für die Frage nach dem Weg aus der SinnlosigkeitSinnlosigkeit, ist die dienende Funktion des appetitus.11 Wird die dienende Funktion, die dem appetitus an und für sich zukommt, zu einem ZweckZweck umfunktioniert, kann das oben angesprochene existentielle Vakuum der Sinnlosigkeit schnell erreicht sein. Denn zur Sinnlosigkeit führen gerade die nicht erfüllten Bedürfnisse. Diesen wiederum kommt ihre zersetzende Bedeutung nur insofern zu, als ihre dienende Funktion nicht von einem transzendenten Standort aus erkannt wird, als die Befriedigung der Bedürfnisse zum höchsten Lebensziel erklärt wird.
Doch wie in Sachen der ReligionReligion? Kommt auch der Religion die Rolle eines principiatums zu, und dem menschlichen BedürfnisBedürfnis nach der Religion die Rolle des principiumsprincipium? Für von HildebrandHildebrandDietrich von ist in erster Linie klar, dass dem Bedürfnis keine IntentionalitätIntentionalität zukommt,12 wie mit dem Beispiel des Durstes veranschaulicht werden konnte. Zudem übersieht die appetitusappetitus-TheseThese die TranszendenzTranszendenz des Menschen.13 Ebenso falsch, wie die LiebeLiebe für einen appetitus zu halten, weil im Menschen die Sehnsucht nach Liebe vorhanden sein kann, ist es, auch den Glauben an GottGott für einen appetitus zu halten, wodurch „Gott nur die Funktion hat, dieses Verlangen zu stillen“14. Ebenso ist auch das Gebet nicht dazu da, um die religiösen Bedürfnisse zu befriedigen.15 Von HildebrandHildebrandDietrich von nennt es eine bedenkliche „pragmatische Umdeutung der letzten in sich ruhenden objektiven Forderungen“, statt „Gott AnbetungAnbetung und Preis darzubringen in erster Linie aus dem Grunde, weil er der Inbegriff aller WerteWerte ist, weil er der allmächtige, allwissende, allgütige, der absolut heilige Herr ist“, das Gebet „vom Standpunkt unserer Vervollkommnung aus“ zu betrachten.16
Wenn Abraham MaslowMaslowAbraham, Rudolf OttoOttoRudolf, Friedrich SchleiermacherSchleiermacherFriedrich, Franz von SalesFranz von Sales oder andere von einem religiösen BedürfnisBedürfnis, einem religiösen Trieb, einer religiösen Anlage oder einer natürlichen Neigung, GottGott zu lieben, sprechen, dann setzt das sachlich angemessene Verständnis voraus, dass ihre Wendungen nicht in einem immanenten, sondern in einem intentionalen und transzendenten SinnSinn verstanden werden. Ansonsten kommt es zu verhängnisvollen Verwechslungen, die die ReligionReligion ihres wahren Sinnes berauben.
Mit der Unterscheidung zwischen principium und principiatumprincipiatum ist die Brücke geschlagen zu den Kategorien der BedeutsamkeitBedeutsamkeit und damit zum motivationalen Aspekt des Seienden.
5 BedeutsamkeitBedeutsamkeit und MotivationMotivation
Im Nachdenken über das Sokratische Problem, dass niemand wissentlich schlecht handle, da jeder sein Bestes wolle,1 die aristotelische TheseThese, dass alle Menschen das GuteGutedas wollen2 sowie über Max Schelers Theorie, nach welcher jede schlechte Handlung in einem Bevorzugen des untergeordneten Gutes gegenüber dem übergeordneten bestehe,3 gelangt von HildebrandHildebrandDietrich von zu einer seiner überwältigendsten Einsichten, nämlich derjenigen der drei Bedeutsamkeitskategorien.4 Denn „vom ethischen Standpunkt aus wissen wir nur wenig, solange wir nur sagen, jeder Wille ist auf ein GutGutdas gerichtet. Es kommt gerade darauf an, ob die motivierende Bedeutsamkeitskategorie der Wert, das objektive GutGutdas für die PersonPerson oder das bloss subjektiv Befriedigende ist.“5 In groben Zügen wurde auf die drei grundsätzlich verschiedenen Kategorien der BedeutsamkeitBedeutsamkeit bereits aufmerksam gemacht,6 an jener Stelle allerdings primär unter dem Aspekt der Gutheit des Seienden. Hier sind die drei Kategorien der BedeutsamkeitKategorien der Bedeutsamkeit nun vor allem als motivierende Kräfte von Interesse.
Auch wurde bereits darauf aufmerksam gemacht, dass die Begriffe von gut und schlecht die Eigenschaft eines Seienden bezeichnen, „die es befähigt, unseren WillenWillen zu motivieren oder eine affektive AntwortAntworttheoretische in uns hervorzurufen“7. Die motivierende Kraft wurde als BedeutsamkeitBedeutsamkeit charakterisiert, die in drei grundsätzlich verschiedenen Formen auftreten kann. Bislang wurde vornehmlich von den Werten gehandelt, denen die Bedeutsamkeit in sich und unabhängig von ihrer Beziehung auf den Menschen zukommt. Aufgrund der entscheidenden Rolle, die die MotivationMotivation durch die WerteWerte und die ihnen geltenden AntwortenAntworten nicht nur hinsichtlich der lebendigen Verbindung des Menschen mit GottGott im Allgemeinen, sondern auch der Hinbewegung auf ihn hin im Speziellen spielt, ist es angezeigt, die motivationale Kraft des in sich Bedeutsamen von den anderen beiden Motivationskategorien zu unterscheiden. Dabei werden nicht zuletzt auch die im letzten Punkte angesprochenen principium und principiatumprincipiatum zu einer differenzierenden Klarheit beitragen.
Die Charakterisierung der verschiedenen Kategorien der BedeutsamkeitBedeutsamkeit wird mit dem subjektiv Befriedigenden in den Interpretationen durch David HumeHumeDavid und John Stuart MillMillJohn Stuart begonnen. Im Anschluss wird die Bedeutsamkeitskategorie des objektiven Gutes für die PersonPerson erörtert, wie sie in der EthikEthik des AristotelesAristoteles (384–323 v. Chr.) zutage tritt. Schliesslich wird auf die motivierende Kraft des in sich Bedeutsamen anhand der Einsichten von Hildebrands eingegangen.
5.1 David HumeHumeDavid und der ethische NaturalismusNaturalismus oder Die MotivationMotivation durch das subjektiv Angenehme
Mit David HumeHumeDavid begegnet ein entschiedener Vertreter einer immanenten bzw. naturalistischen, d.h. einer metaphysikfreien WeltanschauungWeltanschauung. Dass er eine Weltanschauung vertritt, nach der alles aus der NaturNatur und diese allein aus sich selbst erklärbar ist, zeigt sich an seiner ErkenntnistheorieErkenntnistheorie ebenso wie an seiner EthikEthik. Einige wesentliche Punkte seiner Lehren seien in der Folge auseinandergesetzt. Historisch steht HumeHumeDavid in der Tradition des bereits erwähnten John LockeLockeJohn, mit dem er darin übereinstimmt, dass alle unsere IdeenIdeen entweder von der Sinneswahrnehmung oder von der inneren Erfahrung unserer eigenen Bewusstseinszustände herstammen. Den unmittelbaren Sinneseindruck, sei es der äusseren, sei es der inneren Wahrnehmung, nennt HumeHumeDavid Sinnesempfindung, die mittelbaren und reproduzierten Inhalte sind ihm Vorstellungen.1
Wie aber entstehen auf dieser Linie die allgemeinen Begriffe? Die traditionelle Erklärung war, dass Wahrnehmungen mit abstrakten allgemeinen IdeenIdeen verbunden würden. HumeHumeDavid dagegen ist der Auffassung, wir könnten mit dem aus der Erfahrung gewonnenen Material Kombinationen vornehmen, die zu einer weiteren Bereicherung führten. Dies geschehe durch die Vorstellungsassoziation, und zwar nach drei Prinzipien, „nämlich Ähnlichkeit, Berührung in Zeit oder Raum, und UrsacheUrsache und WirkungWirkung“.2 Die logische Folge hiervon ist ein vollkommener PsychologismusPsychologismus, demgemäss es nicht das WesenWesen oder die Gestalt der Dinge ist, die über die Zusammengehörigkeit der Merkmale und Elemente entscheidet, wenn ein Gegenstand definiert wird, sondern für HumeHumeDavid sind es nurmehr die psychischen Gehalte des vorstellenden Subjekts. Die abstrakten Ideen sind ihm nurmehr die Produkte der GewohnheitGewohnheit. In der reduktionistischen Sichtweise Humes ist Erfahrung nichts anderes als Gewöhnung oder Übung. In einer so verstandenen Welt gibt es konsequenterweise aber auch keine objektiv bestehenden, notwendigen Sachverhalte. So z.B. ist der SatzSatz „Jede Wirkung hat eine Ursache“ für HumeHumeDavid kontingentkontingent. Wohlgemerkt, er verneint nicht das Prinzip, dass jede Wirkung eine Ursache hat, sondern er verneint dessen NotwendigkeitNotwendigkeitsubjektive. Denn Verursachung sei nicht mehr als Regularität, die NotwendigkeitNotwendigkeitsubjektive liege nicht in einer Seinsnotwendigkeit, sondern in einer Denkgewohnheit.3 HumeHumeDavid besitzt keine andere WirklichkeitWirklichkeit mehr als die psychologistisch verstandene. Erkenntnistheoretisch bilden nur die Sinnesinformationen Brücken zur Wirklichkeit, moralphilosophisch ermöglichen dies auch die Gefühle.
Der zentrale Punkt in Humes Theorie der MotivationMotivation ist, dass die Güter lustvoll und die ÜbelÜbel schmerzlich sind,4 wobei er die Tendenz, nach den lustvollen Dingen zu streben und die schmerzlichen zu meiden, als angeboren versteht. Grundlegend auch seine Unterscheidung der Affekte in primäre und sekundäre, wobei letztere sich wiederum in direkte und indirekte differenzieren.5 Als primäre Affekte gelten ihm etwa Hunger und Elternliebe. Es sind solche Impulse, die nicht auf Vergnügen oder LustLust abzielen, obwohl deren Objekte in der Tat erfreulich sind oder zumindest sein können. Primär sind sie insofern, als sie nicht eine vorhergehende Wahrnehmung von etwas Erfreulichem voraussetzen. Die sekundären Affekte dagegen sind Bewegungen, die auf etwas hinzielen, das im Voraus als lustvoll und erfreulich erkannt wurde. Sie scheiden sich in direkte und indirekte. Die direkten Affekte bestehen aus heftigen – wie Wünschen, Abneigung, Hoffnung, Angst, Verzweiflung usw. – und ruhigen, welche nicht direkt zur Handlung antreiben. Es sind dies die Gefühle der Billigung oder der Missbilligung, zu welchen HumeHumeDavid auch die moralischen Gefühle zählt. Die indirekten sekundären Affekte schliesslich bestehen aus solchen, die auf die eigene PersonPerson gerichtet sind, wie StolzStolz und DemutDemut, sowie aus solchen, die auf Andere gerichtet sind, wie LiebeLiebe und HassHass.
Den indirekten Affekten liegen auf Beziehungen beruhende AssoziationenAssoziationen zugrunde. Hinsichtlich des Selbst sind es Qualitäten wie SchönheitSchönheit, Intelligenz usw., die stolz machen. Dies vermögen aber auch äussere Dinge wie Häuser, Gärten usw., die erstens eine hohe Qualität aufweisen und zweitens in einer Beziehung zur eigenen PersonPerson stehen. Die sekundären indirekten Affekte – wie der StolzStolz, die DemutDemut, die LiebeLiebe oder der HassHass – können durch die Sympathie, die man für sie verspürt, zu einer GewohnheitGewohnheit, zu einer Art des Selbst werden.
Doch was heisst hier Sympathie? Dem BegriffBegriff der Sympathie liegt Humes Theorie zugrunde, wie die Gefühle und die Affekte anderer Menschen verstanden werden. Zuerst werden die äusseren Zeichen der Affekte und der Gefühle am Anderen wahrgenommen. Kraft einer erlernten Assoziation zwischen solchen Zeichen und der entsprechenden Leidenschaft, des entsprechenden Gefühls, wird eine Idee der affektiven Regung gebildet. Diese Idee wird dann in etwas transformiert, das der eigenen Sinneswahrnehmung entspricht, etwas mit der Kraft und Lebendigkeit der eigenen Affekte. Wenn die andere PersonPerson mit der eigenen Person durch irgendeine Beziehung verbunden ist, z.B. durch Ähnlichkeit, Nationalität, oder Familie, dann belebt die Vorstellung die Idee der Affekte bis zu dem Punkt, an dem sie so zu motivieren vermag, wie die eigentlichen Affekte selbst.
Dies ist auch für die Bestimmung des Selbst massgebend. Als einer, der jegliche MetaphysikMetaphysik verwirft, kann HumeHumeDavid das Selbst ja nicht als eine SubstanzSubstanz verstehen, die durch die Veränderungen hindurch besteht, sondern interpretiert es als „ein Bündel oder ein Zusammen verschiedener Perzeptionen [Sinnesempfindungen]“, das aber heisst zugleich, „es gibt keine Kraft der SeeleSeele, die sich, sei es auch nur für einen Augenblick, unverändert gleich bliebe“.6 Die Qualitäten, die das eigene Sein definieren und die IndividualitätIndividualität bestimmen, werden durch die Mechanismen des Stolzes und der Sympathie Teil des Selbstverständnisses.
Da HumeHumeDavid sämtliche metaphysischen Strukturen verneint, kann die Moralität auch nicht Teil derselben sein, sondern ist relativ auf die menschlichen Ziele. Und da es keine Formen, Substanzen oder Wesenheiten gibt, die zu den TugendenTugenden hinführen könnten, noch sonstige metaphysische Gründe, die die VernunftVernunft erkennen könnte, kann die Vernunft folglich auch nicht zur Handlung anleiten. Die Aufgabe der Vernunft ist darauf beschränkt, TatsachenTatsachen auf WahrheitWahrheit oder Falschheit zu untersuchen. Konsequenterweise müssen die moralischen Urteile von den Affekten ausgehen und zwar von den ruhigen Affekten der moralischen Billigung oder Missbilligung, die sich einzig nach dem Lustvollen richten. In den menschlichen HandlungenHandlungen ist es Aufgabe der Vernunft, den Affekten, den Gefühlen zu dienen. Das heisst, die Mittel für die Zwecke zu finden, die die Gefühle bestimmen. Als tugendhaft wird von da her jenes Verhalten beurteilt, das FreudeFreude und Vergnügen hervorruft.
Die TugendenTugenden, jene Verhaltensweisen also, die lustvoll sind, die FreudeFreude und Vergnügen hervorrufen, sind nach HumeHumeDavid in künstliche und natürliche zu unterteilen. Die künstlichen Tugenden (z.B. GerechtigkeitGerechtigkeit oder Achtung vor fremdem Eigentum) sind nach einem ersten Charakteristikum von sozialen Vereinbarungen abhängig, zudem wären sie in einem goldenen Zeitalter überflüssig. Darüber hinaus erhalten sie ihre Rechtfertigung durch ihre Nützlichkeit und sind schliesslich im Interesse aller und somit ein ZweckZweck in sich selbst. Im Gegensatz dazu sind die natürlichen Tugenden (wie etwa die Grossherzigkeit) auch dann effektiv, wenn keine regulativen sozialen Vereinbarungen bestehen. Auch diese Tugenden erhalten ihre moralische Billigung – ebenso wie die künstlichen – auf der Basis des Sympathiemechanismus.
Da eine TugendTugend FreudeFreude verursacht und ein LasterLaster Schmerz, wird die Handlung eines Diebes, der ja gegen eine soziale Vereinbarung, gegen eine künstliche Tugend verstösst, als verletzend wahrgenommen, woraus das moralische GefühlGefühl der Missbilligung entspringt. Sinngemäss verursacht die Regelkonformität Freude und wird deswegen als angemessen, zumindest nicht als Unlust schaffend verstanden. So entsteht das moralische Gefühl der Billigung. Durch den allgemeinmenschlichen Mechanismus der Sympathie bildet sich letztlich eine moralische Norm. Und wohl sei eine Tugend wie die GerechtigkeitGerechtigkeit künstlich, doch sei der SinnSinn für ihre Moralität allemal natürlich.7
Weswegen aber soll der MenschMensch nach HumeHumeDavid eigentlich tugendhaft sein? In erster Linie wegen der sozialen Nützlichkeit und in zweiter Linie, weil der Mensch einen inneren SinnSinn für den Frieden und die Befriedigung hat, der aus dem rechten und guten Tun entspringt. In diesem Sinne ist es letztlich das Langzeit-Eigeninteresse (long-run self-interest), das das treue Festhalten an der TugendTugend bestimmt.8
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