Czytaj książkę: «Caroline»

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Caroline

Christy Henry

Caroline

Christy Henry

1. Auflage, April 2015

ISBN: 978-3-945914-01-4

© Christy Henry

Verlag: NOLA-Verlag, 40667 Meerbusch

Lektorat: Sandra Schmidt; www.text-theke.com

Korrektorat: Sandra Schmidt; www.text-theke.com

Umschlaggestaltung: © UlinneDesign, 48485 Neuenkirchen

Coverillustration: Nils Hamm, 40221 Düsseldorf

Alle Rechte sind der Autorin vorbehalten.

Das Werk ist urheberrechtlich geschützt.

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Caroline

Christy Henry

Ich widme dieses Werk meiner

besten Freundin Daniela.

Ohne ihre Neugier,

Geduld, Kritik, Anregung

und die vielen Gespräche dazwischen

hätte ich vielleicht nicht den Mut

und die Vorstellungskraft gehabt,

diese Geschichte vollständig niederzuschreiben.

1

Lydia und Caroline saßen wie jeden Freitagnachmittag zusammen in ihrer Lieblingseisdiele und löffelten ihre Eisbecher aus.

„Nur noch drei Wochen bis zum Abschluss. Bin ich froh, wenn die Schule endlich vorbei ist.“

Lydia schob sich einen Löffel voll Eis und Soße in den Mund und sprach weiter.

„Ich kann kaum glauben, dass du dir das antust und nach dem Sommer aufs Gymnasium wechseln wirst.“

Caroline legte ihren Löffel beiseite und dachte wehmütig darüber nach, dass sie nach diesen Ferien nicht mehr gemeinsam die Schulbank drücken würden. Lydia hatte eine Ausbildungsstelle angenommen. Es würde seltsam werden, ohne sie zur Schule zu gehen. Die zwei waren seit dem ersten Schultag unzertrennlich gewesen. Weil Lydia nur ein paar Häuser weiter wohnte, waren sie jeden Tag gemeinsam zur Schule gegangen. Nach den Sommerferien nun alleine die Strecke zurückzulegen und einen anderen Tischnachbarn zu haben, konnte sich Caroline nicht so recht vorstellen. Lydia wusste schließlich fast alles von ihr. Und Caroline wusste alles von Lydia. Oft verstanden sie sich ohne ein Wort.

„Ja, das wird schon etwas seltsam. Willst du es dir nicht noch mal überlegen und mit mir aufs Gymnasium gehen?“

Caroline grinste herausfordernd. Wie erwartet warf ihr Lydia einen gespielt entsetzten Blick zu und deutete mit einer Armbewegung an, dass sie froh war, diesen Teil ihres Lebens hinter sich zu lassen.

Die Mädchen aßen eine Weile einträchtig schweigend ihr Eis. Caroline genoss dieses Schweigen zwischen ihnen. Während die beiden es sich schmecken ließen, musterten sie wie gewohnt die Leute, die an ihnen vorbei durch das Shoppingcenter eilten. Sie beobachteten, wie die Bedienungen sich zwischen den Tischen durchschoben. Lichtstrahlen fielen durch die riesigen gewölbten Oberlichter und tanzten in den künstlichen Bäumen vor der Eisdiele. Sie lauschten der leisen Kaufhausmusik des angrenzenden Ladens und dem Stimmengewirr um sie herum. Caroline liebte diese Freitagnachmittage.

Ein Scheppern zerriss jäh die gemütlich-hektische Geräuschkulisse. Eine der Bedienungen war mit ihrem voll beladenen Tablett gegen einen Gast gestoßen. Caroline sah gerade noch, wie die Tassen und Becher im hohen Bogen zu Boden polterten.

Krachend zersplitterten die vollen, gläsernen Eisbecher und verteilten ihren Inhalt auf den hellen Fliesen. Kaffee spritzte auf und landete auf Tisch- und Hosenbeinen. Porzellansplitter der Tassen verteilten sich wie Puzzlestücke in den entstehenden Pfützen aus Kaffee, Eis und Sahne. Leise fluchend beugte sich die Bedienung hinunter, um die Scherben aufzuheben, während eine zweite Bedienung hinter dem Tresen verschwand, um das Putzzeug zu holen.

Dann hörte Caroline einen kleinen Aufschrei und einen erneuten Fluch.

Caroline konnte es ganz deutlich riechen. Ein unglaublich betörender Duft. So süß, so unwiderstehlich. Instinktiv wusste sie, wo dieser Geruch herkam. Im nächsten Moment beugte Caroline sich zu der Kellnerin herunter, die noch immer am Boden hockte. Eine Glasscherbe hatte sich tief in ihre Handfläche gebohrt und in Zeitlupe quollen dicke Tropfen aus der Wunde. Caroline blickte wie hypnotisiert auf die verletze Hand. Das satte Geräusch der fallenden Tropfen vermischte sich mit dem Nachhall des berstenden Glases, dem schmatzenden Geräusch des schmelzenden Eises und dem leisen Flüstern der Kaffeereste auf dem Boden.

Plötzlich nahm Caroline wieder das Gemurmel der Leute um sich herum wahr. Irritiert sah sie sich nach Lydia um. Diese saß noch immer an ihrem Tisch und schaute auf den leeren Platz ihr gegenüber. Dann erschien ein ungläubiger Ausdruck auf Lydias Gesicht, der sich nach und nach in pures Entsetzen und dann in blanke Panik verwandelte.

Caroline wurde klar, dass sie sich viel zu schnell bewegt hatte. Sie hockte nun gut zehn Meter von ihrem Sitzplatz entfernt am Boden. Und vermutlich waren nur ein paar Millisekunden vergangen. Der Bann war endgültig gebrochen.

Caroline zog eine Serviette von einem benachbarten Tisch und reichte sie der verdutzten Bedienung.

Die Zeit lief wieder in normalen Bahnen. Das Stimmengewirr prasselte auf Caroline ein und die Menschen um sie herum bewegten sich in der gewohnten Geschwindigkeit.

Caroline stand auf und schaute zu ihrem Tisch. Beide Plätze waren leer. Lydias Stuhl war achtlos nach hinten geschoben und bei dem überstürzten Aufbruch wohl umgekippt. Ihre Tasche fehlte. Dass es ausgerechnet in Lydias Gegenwart geschehen musste. Vielleicht könnte sie das später mit Lydia klären, wenn ihre Freundin sich ein wenig beruhigt hatte. Das wäre dann vermutlich ein guter Zeitpunkt, auch die letzten Geheimnisse zu teilen und Lydia endlich zu beichten, dass sie zu den Geweihten gehörte. Sie würde ihr in allen Einzelheiten die Unterschiede zu „normalen“ Menschen erklären müssen. Schnelligkeit gehörte definitiv zu einer der besonderen Fähigkeiten dieses alten Volkes.

Caroline war sich schon seit Langem klar darüber gewesen, dass sie das nicht ewig vor Lydia verheimlichen konnte. Sie hatte nur bisher einfach nie den richtigen Zeitpunkt gefunden.

Seufzend beglich Caroline die Rechnung und verließ das Café.

Caroline wollte gerade den Schlüssel in das Schloss der Haustüre stecken, da wurde diese schon von innen aufgerissen. Freudestrahlend standen ihre Eltern vor ihr. Natürlich wussten sie schon Bescheid – wie vermutlich jeder andere aus ihrer Familie, der sich im näheren Umkreis aufgehalten hatte. Carolines Kräfte waren endlich erwacht. Sie war schon unendlich gespannt gewesen und wartete bereits seit einer Weile ungeduldig darauf. Caroline hatte schon befürchtet, zu den Wenigen ihrer Sippe zu gehören, deren Kräfte nicht erwachten.

Und nun war es doch endlich passiert.

Caroline erzählte ausführlich von dem Geschehen und einen kurzen Augenblick erinnerte sie sich wieder an das schmerzhafte Bild von Lydias entsetztem Gesicht. Kein anderer der anwesenden Menschen hatte bemerkt, wie unmöglich schnell Caroline bei der Bedienung gewesen war. Lydia war es aber selbstverständlich aufgefallen. Schließlich war Caroline mitten im Satz wie von Geisterhand verschwunden, um dann unmittelbar neben der Bedienung wieder aufzutauchen.

Wie hätte Lydia das übersehen können?

Während Caroline noch in der Berichterstattung versunken war und überschwänglich von dem Vorfall berichtete, schoben ihre Eltern sie in die Küche. Dort füllte ihre Mutter Johanna drei der guten Kristallschalen. Funkelnd schwappte die klare rote Flüssigkeit in den Gläsern, als sie anstießen. Wieder stieg ihr dieser unwiderstehlich betörende Geruch in die Nase. Vorsichtig und neugierig zugleich nahm sie einen Schluck.

Fast augenblicklich verschob sich Carolines Welt. Sie sah die Konturen der Küche plötzlich um ein Vielfaches verschärft. Sie nahm Farben und Formen wesentlich intensiver wahr – fast so, als stünde sie unter Drogen. Plötzlich konnte sie die Räder der Spielzeugautos hören, die ihr kleiner Bruder Markus im ersten Stock in seinem Zimmer über den Teppichboden schob. Sie zuckte erschrocken zusammen, als sie bemerkte, wie im Vorgarten der Nachbarn der Rasensprenger anging. Caroline versuchte, sich zu sammeln. Alles schien sich zu drehen. Sie konzentrierte sich darauf, nur noch den Geräuschen in der Küche Aufmerksamkeit zu schenken, und blickte auf die schwarz-weißen Kacheln des Küchenbodens. Doch es war kein Boden zu sehen. Stattdessen konnte sie wie bei einer Röntgenaufnahme durch den Boden direkt in den Keller schauen. Sie schrie erschrocken auf.

„Da sind Ratten im Keller.“

Dann fühlte sie zwei Hände auf ihren Schultern, die sie sanft auf einen Stuhl drückten, und sie hörte die beruhigende Stimme ihrer Mutter.

„Ganz tief durchatmen. Beruhige dich. Es ist alles in Ordnung. Du hast nur zu schnell getrunken. Das geht gleich vorbei.“

Tatsächlich klärte sich Carolines Blick allmählich wieder. Sie merkte, dass sie das Glas nicht mehr in den Händen hielt. Ihr Vater hatte es ihr wohl abgenommen. Nun stand es völlig geleert auf der Anrichte.

„Wow. Ist das immer so?“

Caroline sah ihre Mutter an, die ihr gegenüberstand. Diese schüttelte nur lächelnd den Kopf.

„Du gewöhnst dich daran. Die ersten Tropfen sind immer etwas Besonderes. Wenn man lange nichts getrunken hat, kann es einen manchmal überwältigen. Aber es wird einfacher, wenn du regelmäßig etwas zu dir nimmst. Wir sind ja so froh, dass es endlich so weit ist.“

Caroline nickte benommen. Ganz leise konnte sie noch immer die quietschenden Reifen der Spielzeugautos im ersten Stock hören.

Ungeduldig hielt Caroline am nächsten Montag Ausschau nach Lydia. Sie hatte das ganze Wochenende nichts von ihr gehört. Lydia kam wie immer auf den letzten Drücker ins Klassenzimmer gestürmt. Sie setzte sich neben Caroline, als wäre nichts geschehen, und plauderte fröhlich drauf los. Caroline zuckte innerlich mit den Schultern.

Menschen. Sie sahen nur, was sie sehen wollten. Und wenn doch etwas Unerwartetes geschah, dann ignorierten sie es.

Mit einem leisen Seufzer wandte sich Caroline dem Lehrer zu. Sie hätte es Lydia ja gerne erklärt, aber vielleicht war es besser so.

Als Caroline an diesem Tag nach Hause kam, bemerkte sie sofort, dass etwas Ungewöhnliches geschehen war. Sie konnte die nervösen Schritte ihrer Mutter in der Küche hören. Eilig zog Caroline ihre Jacke aus und schlüpfte in ihre Hausschuhe. Dann schlugen ihre neu erwachten Fähigkeiten unerwartet zu und sie vernahm die Stimme ihres Vaters, trotzdem sie noch immer im Flur neben der Haustüre stand. Er war ebenfalls in der Küche und sprach leise und beruhigend auf ihre Mutter ein. Plötzlich fiel ihr ein, warum ihre Mutter so nervös war. Caroline rannte unter lautem Jubel in die Küche. Auf dem Tisch lag er: der Umschlag.

Ihr Vater trat ihr wie zufällig in den Weg, als er durch die Küche zum Kühlschrank ging. Er reichte seiner Frau die Flasche mit der roten Flüssigkeit.

„Bitte, Johanna, trink erst einmal etwas und beruhige dich.“

Fahrig nahm ihre Mutter die Flasche entgegen und nestelte an der Verschlusskappe herum.

„Aber sie ist doch noch so jung. Wieso kann das nicht noch ein Jahr warten? Warum jetzt? Sie beherrscht ihre Fähigkeiten noch gar nicht. Die sind doch eben erst erwacht.“

Sanft legte ihr Vater seine Hände auf die Schultern ihrer Mutter.

„Aber genau darum geht es doch. Es ist gerade jetzt der richtige Zeitpunkt. Dort kann sie ihre Fähigkeiten ungestört testen und unter Kontrolle bringen. Sie braucht keine Angst zu haben, sich und alle anderen zu verraten oder zu gefährden, wenn ihre Kräfte plötzlich und ungezügelt losschlagen. Sie wird gut aufgehoben sein. Es stehen genug Ältere zur Verfügung und passen auf sie auf. Es wird ihr ganz sicher nichts geschehen.“

Caroline hatte sich nicht vom Fleck gerührt, seit ihr Vater ihr in den Weg getreten war. Nun jedoch ging sie bedächtig weiter auf den Küchentisch zu. Dieser Brief würde ihr Leben verändern, denn er bedeutete, dass sie nun ein vollwertiger Geweihter war. Jeder geborene Geweihte aus ihrer Familie bekam einen solchen Brief, wenn seine Fähigkeiten erwacht waren. Denn nur wenn sie sich in allen Lebenslagen beherrschen konnte, würde sie sich und ihre Familie nicht in Gefahr bringen. Auf dem Familiensitz würde Caroline ausführlich ihre Grenzen testen können, um zu wissen, in welcher Situation es sich lohnen würde zu kämpfen, und wann es besser war, sich zurückzuziehen. Aber das Wichtigste war: Sie würde lernen zu trinken. Frisches, warmes Blut. Sie würde lernen zu töten und Menschen zu verwandeln. Sie konnte es kaum erwarten, endlich ihrer Natur zu folgen und die unermesslichen Kräfte zu testen, die mit dem Erwachen aktiviert wurden.

Bedächtig nahm Caroline den Briefumschlag auf. Sie registrierte, dass ihre Mutter einen großen Schluck aus der Flasche genommen hatte und etwas entspannter wirkte. Caroline fühlte, wie ihre Eltern sie ansahen, als sie den Umschlag öffnete. Das schwere, teure Papier überraschte Caroline. Sie hatte ein weniger formelles Schreiben erwartet. Behutsam faltete sie den Brief auseinander. Er war in einer verschnörkelten Handschrift geschrieben, die stark nach links geneigt war und trotzdem sehr steif wirkte. Wie erwartet wurde sie eingeladen. Doch sie konnte kaum glauben, wohin diese Reise sie führen sollte.

„Kievets Hook House? Ich werde auf den Stammsitz eingeladen?“

Mit einem Nicken und einem nervösen Lächeln bestätigte ihre Mutter die Frage.

„Ja, Kievets Hook House. Das ist der Hauptsitz der Silubra. Dort hat sich vor langer Zeit Leana, das Oberhaupt unseres Clans, mit einem Teil unserer Sippe niedergelassen. Es ist der sicherste Ort auf dieser Welt für unsereins. Auf diesem Anwesen werden seit vielen Jahrzehnten und Jahrhunderten unsere Kinder und die Verwandelten der Silubra vorbereitet. Auch dein Vater und ich waren da. Wir gehörten mit zu den Ersten, die sich dort ungestört ausprobieren durften. Damals war die Reise noch lang und beschwerlich. Die Schiffspassage raubte mir fast den letzten Nerv. Nur die Piraten waren eine echte Abwechslung.“

Ein Lächeln zog sich über Johannas Gesicht, als sie sich an das längst vergangene Erlebnis erinnerte. Dann kehrte sie mit ihren Gedanken in die Gegenwart zurück und fuhr fort:

„Du kannst natürlich heute ganz bequem mit dem Flugzeug rüberfliegen und wirst nur wenige Stunden brauchen.“

Caroline blickte wieder auf das Schreiben und nahm nun auch den Umschlag wahr, in dem das Flugticket lag. Ihr drängte sich eine Frage auf.

„Warum ist unser Hauptquartier ausgerechnet dort?“

Ihre Eltern verständigten sich per Handzeichen, wer von ihnen antworten sollte. Dann holte ihr Vater tief Luft und begann zu berichten:

„Deine Großmutter Leana siedelte 1630 nach Amerika über. Wie du weißt, ist sie das Oberhaupt der Sippe der Silubra. Viele Sippenmitglieder folgten ihr damals, um vor den Urshu in Sicherheit zu sein, von denen sie in Europa unbarmherzig gejagt worden waren. Leana und die Silubra durchstreiften einige Zeit das Land, um einen geeigneten Platz für ihre Familien zu finden. Es hatte einige große Unruhen im Land gegeben und es fiel nicht auf, wenn der eine oder andere Mensch einfach verschwand. Als eine Schlacht zwischen Indianern und Einwanderern losbrach, waren Leana und ihre Familie gerade in der Nähe und wollten die günstige Gelegenheit nutzen, um Vorräte zu sammeln. Doch sie wurden von Urshu überrascht. Diese waren ihnen den weiten Weg von Europa nach Amerika gefolgt. Orhan, ihr Anführer, war schon lange hinter Leana und Gregorius her. Sein Hass auf die Silubra war unergründlich tief und er wollte die Sippe unbedingt auslöschen. Doch Leana bekam Hilfe von ihrem Bruder Iwan, der zur Sippe der Imisarunu gehörte und schon einige Jahre zuvor übergesiedelt war. Er hatte die Gefahr, in der Leana schwebte, vorausgesehen und sich sofort mit Verstärkung auf den Weg gemacht. Gemeinsam konnten sie die Verfolger vernichtend schlagen. Orhan floh jedoch. Es wurden bei der Schlacht leider auch einige der Geweihten sehr schwer verletzt. So schwer, dass sie sich nicht sofort erholen konnten. Also beschloss Leana, ein Lager aufzuschlagen. Sie blieben einige Wochen dort. Nachdem die Familienmitglieder wieder genesen waren, erwarb Leana das verwüstete, blutgetränkte Land und ließ dort Kievets Hook House aufbauen.“

Caroline blickte von ihrem Vater zu ihrer Mutter. Johanna bestätigte die Geschichte mit einem Nicken.

„Endlich vorbei.“

Lydia sprang beim ersten Ton der Klingel auf und warf eilig ihre Sachen in die Tasche.

„Der letzte Tag. Nie wieder die Schulbank drücken, wundervoll.“

Langsam erhob sich Caroline und schob ihren Stuhl ordentlich an den Tisch.

„Mann, du lässt dir aber Zeit.“

Caroline lächelte.

„Warum die Hektik? Wir kommen noch früh genug hier raus.“

Lydia schüttelte genervt den Kopf und verdrehte die Augen.

„Nu mach mal hinne.“

Caroline unterdrückte ein Grinsen.

Wenn die wüsste.

Seit ihr Durst vor ein paar Tagen erwacht war, hatte sich einiges geändert. Immer wieder hatten ihre Fähigkeiten ihr Streiche gespielt. Sie hatte an ihrem Tisch gesessen und war dem Unterricht gefolgt und plötzlich hatte sie durch die Wand ins Nachbarzimmer sehen können. Oder sie bewegte sich plötzlich unglaublich schnell und sauste mit Lichtgeschwindigkeit wieder zurück, bevor jemand bemerken konnte, dass sie sich überhaupt gerührt hatte.

Deswegen bewegte sich Caroline mit äußerster Vorsicht. Sie wollte vermeiden, dass irgendwer noch einmal mitbekam, dass sie anders war. Aber hin und wieder, wenn sie sich erschreckte oder aufregte, konnte sie es nicht zurückhalten.

Caroline schloss ihre Tasche und schlenderte Lydia hinterher auf den Schulhof. Hier standen alle ihre Klassenkameraden herum, umarmten sich oder schüttelten sich die Hände. Sie plapperten aufgeregt von ihren Zukunftsplänen, wünschten sich alles Gute und verabredeten sich für die Party am Abend.

„Ihr beiden kommt doch bestimmt auch, oder?“

Steffi kam auf sie zugerannt und umarmte sie nacheinander stürmisch. Lydia ließ die Umarmung über sich ergehen, während Caroline antwortete:

„Klar kommen wir. Schließlich ist das vermutlich eine der letzten Möglichkeiten, noch einmal alle auf einem Haufen zu sehen. Obwohl ich auf ein paar Gesichter ehrlich gesagt verzichten könnte.“

Lydia befreite sich aus der Umklammerung und blickte zu den Gesichtern, von denen Caroline gesprochen hatte. Caroline schaute ebenfalls in diese Richtung. Das helle Lachen der Clique wehte zu ihnen herüber.

Plötzlich stellten sich Caroline sämtliche Nackenhaare auf und sie bekam eine Gänsehaut. Irritiert rieb Caroline über ihre Arme. Ihre blöden verbesserten Sinne spielten ihr wohl wieder einen Streich. Ein unbestimmbares Gefühl von Gefahr durchflutete sie. Caroline sah sich um, konnte aber nichts Ungewöhnliches entdecken. Ausgerechnet jetzt spielten ihre Sinne verrückt. Caroline wollte einen Ausbruch ihrer Kräfte in Anwesenheit der gesamten Klasse unbedingt vermeiden. Frustriert rieb sie sich erneut über die Arme. Dann wandte sie sich wieder Lydia zu.

„Mann, ist das frisch heute! Ich muss los. Wir sehen uns heute Abend.“

Schnell drückte sie Steffi die Hand, nickte Lydia zu und verließ mit zügigen Schritten den Schulhof.

Ein paar Stunden später tippte Caroline Lydia von hinten auf die Schulter. Erschrocken drehte sich Lydia um.

„Ach du bist es nur. Du siehst ja toll aus.“

Lydia begutachtete Carolines hellgrünes Kleid.

Caroline lachte.

„Du siehst aber auch nicht schlecht aus.“

Bewundernd betrachtete Caroline das schwarze paillettenbestickte Kleid von Lydia. Ihre Freundin drehte sich lachend einmal um die eigene Achse.

„Also, sollen wir jetzt reingehen?“

Lydia grinste und hakte sich bei Caroline unter. Gemeinsam betraten sie den festlich geschmückten Saal. Überall hingen Luftballons und Lametta. Eine Discokugel splitterte das Licht durch den Raum und die Musik dröhnte in den Ohren. Auf der Tanzfläche bewegte sich eine kleine Gruppe synchron zum Takt. Lydia und Caroline schlenderten durch den Raum in Richtung Buffet.

„Sag mal, warum warst du eigentlich heute auf dem Schulhof so komisch?“

Caroline zuckte mit den Schultern.

„Mir war nur kalt und ich musste noch ein paar Dinge für meinen Urlaub bei meinen Verwandten erledigen.“

Sie bedienten sich an der Getränketheke. Caroline nahm sich eine Cola und gemeinsam gingen sie zu einem der freien Tische. Winkend und lachend kam Steffi auf sie zu. Sie zog eine schmale Gestalt hinter sich her. Steffi und Dorothea ließen sich auf den Stühlen nieder und plapperten fröhlich drauf los.

Die Stimmung wurde im Laufe des Abends immer ausgelassener. Es wurde gelacht und getanzt, getrunken, gegessen und gefeiert. Caroline kam es so vor, als hätte sie mit jedem Einzelnen auf dem Fest geredet. Müde lehnte sie in einem der breiten Sessel und streckte die Füße von sich. Lydia stand vor ihr und wippte im Takt der Musik.

„Du wirst doch nicht schon schlappmachen?“

Caroline winkte erschöpft ab.

„Ich glaub, ich hab genug. Ich denke, ich werde jetzt mal nach Hause gehen.“

Lydia schaute entrüstet zu ihr herunter.

„Wie, du willst schon aufgeben? Es ist doch gerade erst lustig geworden.“

Caroline sah auf ihre Uhr und sprach übertrieben ernst:

„Liebe Lydia. Wir haben schon nach drei. Es wird Zeit, dass wir uns auf den Heimweg machen.“

Lydia sah ihre Freundin genauer an.

„Mann, du siehst echt nicht gut aus. Was ist denn los?“

Caroline setzte sich aufrecht hin.

„Ich habe Kopfweh.“

Wie sollte sie Lydia auch erklären, dass die ganzen Leute um sie herum es ihr schwer machten, sich zu konzentrieren. Ausgerechnet heute Abend schien ihr Gehörsinn überempfindlich zu sein. Ständig hörte sie Fetzen von Gesprächen, die am anderen Ende des Saales geführt wurden. Neugierig folgte Lydia den Blicken Carolines. Das Pärchen am anderen Ende des Saales war im Schummerlicht kaum zu erkennen.

„Warum schaust du die beiden an? Wer ist das überhaupt?“

Stirnrunzelnd versuchte Lydia die zwei zu fixieren. Caroline grinste in sich hinein. Dann schüttelte sie den Kopf.

„Ich weiß es nicht. Aber es scheint, als wenn einer von den beiden zu uns kommen würde.“

Entspannt lehnte sich Caroline in ihren Sessel zurück und griff nach ihrem Drink. Lydias Blick wanderte wieder zur gegenüberliegenden Wand. Dort war nur noch eine der beiden Gestalten zu sehen. Gerade als sie sich wieder zu Caroline herumdrehen wollte, stand Kevin plötzlich vor ihr. Er druckste ein wenig herum. Dann forderte er Lydia zum Tanz auf. Caroline grinste breiter, als sie das verdutzte Gesicht ihrer Freundin sah. Dann stand sie schwungvoll auf.

„Ich verabschiede mich an dieser Stelle. Ich bin einfach hundemüde. Macht’s gut. Wir sehen uns.“

Caroline drückte Lydia zum Abschied.

„Also bis dann. Und viel Spaß noch.“

Dabei warf sie Kevin einen Blick zu. Lydia schaute verlegen zu Boden. Caroline grinste noch breiter und verließ beschwingt den Raum.

Die kühle Luft draußen tat ihren überforderten Sinnen gut. Schnell erholte sie sich und das Stimmengewirr in ihrem Kopf ließ deutlich nach.

Wenn ich diese Hellhörigkeit nicht in den Griff bekomme, werde ich noch irre.

Seufzend rieb sie sich die Schläfen. Und plötzlich war es wieder da. Carolines Nackenhaare stellten sich auf.

Nicht schon wieder. Was soll das?

Fröstelnd zog sie die Jacke über, klappte den Kragen hoch und machte sich auf den Weg nach Hause.

2

Am nächsten Tag rief Lydia an. Sie sprudelte vor Freude über und Caroline konnte nur mit Mühe herausbekommen, dass der Abend für Lydia ein voller Erfolg gewesen war. Kevin hatte sie eingeladen, ein paar Tage mit ihm zu verbringen. Lydia war überglücklich. Auch wenn sie dadurch die letzten gemeinsamen Ferientage nicht mit Caroline verbringen konnte. Caroline beschwichtigte Lydia. Schließlich würden sie ja auch in Zukunft weiter Freundinnen bleiben und noch viel gemeinsam unternehmen. Caroline konnte hören, wie Lydia erleichtert aufatmete, bevor sie auflegte. Nun musste Caroline sich eine Beschäftigung suchen, bis ihre Reise in ein paar Tagen losgehen würde.

Also konzentrierte sie sich auf das Packen der Koffer. Was anderes blieb nicht zu tun. Ungeduldig fragte sich Caroline, was sie wohl erwarten würde. Wie würden die anderen sein? Außer ihren Eltern hatte sie noch keine anderen Geweihten kennengelernt. Würde sie ihre Großmutter Leana endlich einmal persönlich kennenlernen? Wehmütig dachte sie an Lydia, die ihre Oma fast täglich besuchte und immer eine lustige oder spannende Geschichte darüber zu erzählen wusste. Doch Leana war nicht nur Carolines Oma, sondern auch das Oberhaupt einer Dynastie. Und Caroline wusste, dass es in der Geschichte ihrer Sippe auch dunkle Kapitel gegeben hatte. Leana hatte vermutlich auch heute noch zu viel zu tun, um sich um ihre Enkel aus Übersee zu kümmern. Zumal es ihnen gut ging und keine Gefahr in Sicht war.

Gedankenverloren spielte Caroline an ihrer Halskette. Was würde sie lernen? Wie stark würden ihre Fähigkeiten tatsächlich werden?

Caroline begann, sich darauf zu freuen, ihre neuen Kräfte endlich einmal ausprobieren zu dürfen. Sie konnte es kaum abwarten, ihre Kräfte mit anderen zu messen. Ob es noch weitere junge Geweihte wie sie geben würde? Wo sie wohl herkamen? Wer sie wohl waren?

Je näher der Tag der Abreise rückte, umso unruhiger wurde Caroline. Ihre Mutter erteilte ihr fortlaufend gut gemeinte Ratschläge und half beim Packen. Doch das machte Caroline nur noch nervöser, bis sie schließlich völlig genervt ihre Mutter aus ihrem Zimmer warf und nachdrücklich die Türe hinter ihr schloss. Dann warf Caroline sich erleichtert aufs Bett und versuchte, sich ein wenig zu entspannen.

Caroline musste wohl eingeschlafen sein, denn als sie erwachte, lag ihr Zimmer vollkommen im Dunkeln. Sie fragte sich schlaftrunken, warum sie wohl wach geworden war. Hatte sie etwas gehört? Nein, ihre innere Stimme sagte ihr, dass sie nichts gehört hatte. Aber dass etwas nicht stimmte, spürte sie trotzdem sofort. Plötzlich war sie hellwach. Ihr schoss der Gedanke durch den Kopf, dass jemand unbefugt ihr Heim betreten hatte. Sofort sprang sie auf und schlich im Dunkeln durch den Flur zur Treppe, die hinunter in die Wohnräume führte. Ohne ein Geräusch zu verursachen, glitt sie behände die Treppe hinunter. Das Licht ließ sie aus. Ihre neue Sicht zeigte ihr deutlich, wo sie sich befand. Eine Bewegung im Wohnzimmer erregte ihre Aufmerksamkeit. Vorsichtig schlich sie sich zur halb offenen Türe. Trotz der Finsternis konnte Caroline den Einbrecher deutlich sehen. Das Licht seiner Taschenlampe glitt über die Wohnzimmermöbel.

Die Gestalt war dunkel gekleidet und hatte eine Maske übergezogen. Plötzlich erfasste der Lichtkegel Caroline. Der Einbrecher hatte sich wohl eher zufällig zu ihr umgedreht, um nach Wertgegenständen zu suchen. Er schien wie paralysiert. Dann ließ er die Taschenlampe vor Schreck fallen. Caroline erkannte deutlich, wie der Einbrecher hektisch begann, an seiner Tasche zu nesteln. Erstaunt bemerkte sie, dass er eine Waffe zog. Beiläufig fragte sich Caroline, ob er noch irgendetwas sagen würde, als sie sah, wie er den Abzug durchdrückte. Fast gleichzeitig nahm sie das aufblitzende Mündungsfeuer wahr. Caroline schien es, als ob die Kugel auf sie zu schweben würde. Irgendwie kam ihr die Geschwindigkeit des Geschosses viel zu langsam vor. Erstaunt beobachtete sie, wie die Kugel langsam, aber unerbittlich näherkam. Obwohl die Waffe offensichtlich einen Schalldämpfer besaß, machte sie einen Höllenlärm, wie Caroline fand. Sie wurde plötzlich wütend. Was fiel diesem Fremden ein, in ihrem Heim auf sie zu schießen? Sie setzte zu einem Sprung an. Während sie nach vorne hechtete, drehte sie sich in der Luft um die näher kommende Kugel herum. Der Dieb hatte keine Chance. Er registrierte erst, dass etwas nicht normal verlief, als er durch den Aufprall von Caroline umgerissen wurde und mit ohrenbetäubendem Lärm gegen das Schreibpult krachte.

Das Nächste, was Caroline bewusst wahrnahm, waren ihre Eltern. Beide kamen über das Geländer auf sie zu gesprungen. Es sah aus, als ob sie sich in Zeitlupe bewegen würden.

Sie wirkten bedrohlicher als sonst. Bei beiden waren die Eckzähne gut sichtbar. Ihre Gesichter waren zu Fratzen verzerrt und ein tiefes Knurren ging von ihnen aus.

Caroline schaute wieder zu Boden. Sie kniete auf dem Einbrecher. Beide Hände hatte sie um die Hand mit der Waffe geschlossen. Ein tiefes Knurren erfüllte auch ihren Brustkorb. Der Mann unter ihr schien wie versteinert.

„Caroline, ist dir was passiert?“ Ihre Mutter beugte sich über sie, während ihr Vater das Licht anschaltete. Kurz war Caroline von der plötzlichen Helligkeit geblendet.

„Nein, ist alles in Ordnung. Nix passiert. Hab jemanden rumschleichen hören und wollte nur nachsehen.“ Caroline rappelte sich benommen auf.

Ihr Vater griff sich den Eindringling, der noch immer wie hypnotisiert zu Caroline herüberstarrte. Er konnte nicht fassen, was er soeben gesehen oder, besser gesagt, nicht gesehen hatte.

Caroline betrachtete erneut ihre Eltern. Sie sahen nun aus wie immer. Der Dieb begann, vor sich hin zu wimmern, während er verstört die neue Szenerie beobachtete.

„Ich glaube, ich bringe Caroline lieber in die Küche. Kümmerst du dich um den Einbrecher?“ Behutsam drehte Johanna ihre Tochter herum und schob sie vorsichtig in Richtung Küche. Ein Lächeln huschte über das Gesicht ihres Vaters.

„Keine Sorge, er wird sich an nichts erinnern.“ Mit dieser Geste deutete er auf die jämmerliche Gestalt, die er am Kragen festhielt.

Total verwirrt blickte Caroline von einem zum anderen und ließ sich anschließend widerstandslos von ihrer Mutter in die Küche führen. Dort setzte sie sich auf einen Stuhl.

„Wirklich alles in Ordnung?“

Caroline nickte.

„Ja irgendwie schon. Aber ich fühle mich, als würde ich schweben.“

Ihre Mutter zeigte dasselbe Lächeln wie vorhin ihr Vater.

„Das glaub ich dir sofort.“

Ungläubig schaute Caroline an sich runter und ihre Füße schwebten tatsächlich einige Zentimeter über dem Boden.

Beruhigend nahm Johanna Caroline in den Arm.

„Keine Sorge, das vergeht gleich wieder. Ich hatte ja so gehofft, dass du zu den Glücklichen gehörst. Nur wenigen Geweihten ist es möglich, diese Form der Fortbewegung zu nutzen. Sie erfordert viel Konzentration und Kraft. Und vielen, wie mir und deinem Vater, fehlt es schlicht an den notwendigen Fähigkeiten.“

„Wie ist das möglich? Wie ist es möglich, dass ich das jetzt kann?“

Ihre Mutter reichte ihr den verchromten Toaster.

„Vielleicht liegt es an deinem Gesicht.“

Caroline konnte nicht glauben, was sich im Toaster widerspiegelte. Ihre braune Mähne war länger, dicker und zotteliger als sonst. Ihre grünen Augen schienen durchdringend zu leuchten und ihr Gesicht besaß eine Vielzahl von fleischigen Wülsten, die sowohl anziehend als auch bedrohlich wirkten. Ihre Eckzähne standen deutlich hervor und verliehen dem Gesicht zusätzliche Gefährlichkeit.

„Und deine Flugtechnik war auch echt beeindruckend. Wir waren auf der Treppe, als der Schuss fiel. Du hast reagiert, bevor du die Waffe sehen konntest. Deine Fähigkeiten scheinen groß zu sein. Ich bin stolz auf dich. Selbst wir haben den Einbrecher erst gehört, als du schon auf der Treppe warst. Erstaunlich.“

Caroline betrachtete sich weiter im Toaster.

„Und so sehe ich als … Also so sehe ich wirklich aus? Echt nicht übel. Warum haben meine Fähigkeiten ausgerechnet heute Nacht eingesetzt?“

Ihre Mutter schmunzelte.

„Du hattest noch nie einen echten Grund, sie anzuwenden. Normalerweise machen sie sich gerade am Anfang schon bei kleineren Gelegenheiten bemerkbar. Wie in der Eisdiele, in der dein Durst erwacht ist. Doch heute Nacht bedrohte dich und dein Heim eine echte Gefahr. Daher haben deine Sinne und Kräfte mit voller Wucht zugeschlagen, um es mal so zu formulieren. Als wir sahen, wie der Kerl die Pistole zog, dachten wir zuerst, dass du verletzt worden wärst. Aber dann haben wir deine Drehung und die Richtungsänderung bemerkt. Da wussten wir, dass du das alleine schaffst. Aber es sah knapp aus.“

Ihre Mutter zog am Oberteil von Carolines Schlafanzug herum.

„Die Drehung kam instinktiv.“

Caroline blickte auf die Finger ihrer Mutter, die mit einem kleinen Loch in der Nähe ihrer Schultern spielten, das am Abend definitiv noch nicht da gewesen war. Johanna lächelte, als ihre Finger über die kleine gerötete Hautstelle ihrer Tochter fuhren, die der kaputte Stoff freigab.

Carolines Vater klopfte an der Küchentür.

„Die Polizei kommt gleich. Wie sieht meine Tochter aus?“ Stolz blickte er zu ihr hinüber „Hmm. Vielleicht sollte sie ihre Aussage erst morgen machen. So kann sie jedenfalls nicht unter Leute.“

Caroline sah ihre Mutter an.

„Das bekommen wir schon hin. Gib uns zwei Minuten.“

Johanna drehte sich um und reichte Caroline eine Kühlkompresse aus dem Gefrierschrank.

„Die mit Abstand schnellste Methode, dein Blut abzukühlen und dir wieder ein normales Gesicht zu verpassen. Wenigstens solange du das noch nicht steuern kannst. Halt dir die auf das Gesicht und bleib hier. Ich schau nur schnell nach Markus. Der muss in dem ganzen Chaos nicht auch noch rumspringen. Bis ich wieder runterkomme, solltest du wieder vorzeigbar sein.“

Kurz darauf betrat Caroline noch immer etwas unsicher das Wohnzimmer. Ein Polizist inspizierte gerade die Kampfspuren, während ein anderer die Einbruchspuren sicherte. Der Einbrecher war bereits im Polizeiauto verstaut.

„Also Sie sind die Heldin des Tages? Oder besser gesagt der Nacht?“

Caroline nickte und blickte sich um. Das Wohnzimmer sah ziemlich mitgenommen aus. Der Schreibtisch war umgestürzt. Überall lagen Scherben von der eingeschlagenen Scheibe. Bei dem Sturz hatten sie offensichtlich auch den Wohnzimmertisch umgeworfen. Einer der Polizisten pulte gerade eine Kugel aus der Wand. Das Bild, das dort gehangen hatte, lag auf dem Boden.

„Ja, die bin ich wohl.“

Der Polizist zückte seinen Stift.

„Ich werde ihnen nun ein paar Fragen stellen.“

Caroline blickte zu ihrer Mutter. Diese war hinter sie getreten, legte ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter und nickte milde lächelnd. Caroline holte einmal tief Luft und berichtete, was sich zugetragen hatte.

„Ich bin wach geworden, weil ich Durst hatte, und wollte in die Küche, um mir was zu trinken zu holen. Ich mache dabei selten das Licht an, weil ich keinen wecken will. Und als ich an der Wohnzimmertür vorbei kam, habe ich das Glas splittern hören. Ich habe mich dann geduckt und gewartet, bis ich den Einbrecher sehen konnte. Dann bin ich auf ihn gehechtet. Ich mache Kampfsport.“

Der Polizist schüttelte den Kopf und deutete auf die Wand mit dem Einschussloch.

„Na, das hätte auch schief gehen können.“

Caroline zuckte verlegen drein blickend mit den Schultern.

„Ja, da habe ich wohl einfach Glück gehabt.“

Nickend notierte sich der Polizist die Aussage.

Nun schaltete sich ihr Vater ein.

„Wir wurden von dem Lärm geweckt und sind runtergelaufen. Wir sahen die beiden am Boden liegen und haben den Dieb dingfest gemacht. Und dann haben wir Sie gerufen.“

Der Polizist betrachtete die drei.

„Das war alles sehr mutig. Zum Glück ging alles gut. Wenn Sie wollen, kann ich eine Streife zu ihrer Sicherheit abstellen, bis das Fenster repariert ist.“

Caroline schaute ihre Eltern an. Ihr Vater blickte kurz zu ihrer Mutter, bevor er antwortete.

„Ich glaube, das ist nicht nötig. Es wird wohl selten in einem Haus zweimal in der gleichen Nacht eingebrochen.“

Erneut zuckte der Polizist mit den Schultern.

„Okay. Aber wenn noch was sein sollte, rufen Sie sofort an. Und morgen hätte ich gerne eine Aussage auf dem Präsidium.“

Erleichtert drückte Carolines Vater die Hand des Polizisten und schob ihn in Richtung Haustüre.

„Wird gemacht. Ich glaube, Caroline sollte jetzt lieber versuchen, noch ein bisschen zu schlafen. Wir werden erst einmal aufräumen, wenn Sie hier fertig sind, und provisorisch das Fenster reparieren.“

Als sie den Polizisten an der Türe verabschiedeten, hörten sie den Einbrecher etwas von „getroffen“ und „unmenschlichen Gesichtern“ faseln.

Der Polizist sah die drei an und meinte dann:

„Der hat sich wohl beim Sturz ziemlich den Kopf gestoßen.“

Caroline nickte zustimmend.

Dann war endlich der Tag des Abfluges gekommen. Caroline war furchtbar nervös. Sie hatte Angst, dass sich ihr neues Gesicht zeigen könnte oder sich plötzlich eine ihrer anderen Fähigkeiten in der ungewohnten Umgebung verselbstständigen würde. Wer konnte schon sagen, in welcher Situation ihre Kräfte das nächste Mal entfesselt werden würden? Im Flugzeug käme das bestimmt nicht so gut an, wenn unerwartet ihr Gesicht zum Vorschein käme. Ihre Eltern hingegen waren beruhigt, dass sich nun auch ihr Gesicht gezeigt hatte, denn es bedeutete, dass alle Kräfte aktiviert waren. Wenn eine Gefahrensituation eintreten würde, könnte ihre Tochter sich intuitiv wehren und der Gefahr entgehen. Ihre Kräfte würden sie schützen. Sie machten sich ebenso keine Gedanken darüber, dass Carolines Gesicht in einem unpassenden Moment zutage kommen würde. Menschen nahmen nur das wahr, was sie wollten. Wenn einer ihr Gesicht sehen sollte, würde er es für eine Halluzination oder eine Maske halten. Und Caroline hätte genügend Zeit sich zu beruhigen oder sich in einen Waschraum oder Ähnliches zurückzuziehen, bis sie wieder aussah wie alle anderen.

Voll bepackt betrat Caroline zusammen mit ihren Eltern und ihrem kleinen Bruder das Flughafengebäude. So früh am Morgen war noch nicht viel los. Der Boden war blitzblank und spiegelte das Licht der künstlichen Sonnen an der gewölbten Decke. Durch die riesigen Oberlichter fiel nur die Schwärze des nahenden Tages. Hin und wieder konnte Caroline durch die monströsen Scheiben die Positionslichter der Flugzeuge in der Warteschleife ausmachen. Suchend blickten sich ihre Eltern um, bis sie den passenden Abflugschalter gefunden hatten. Zielstrebig gingen sie auf den Schalter zu, während Caroline den Koffer hinter sich herzog und die Halle begutachtete. Irgendwie verursachte die leere Weite der Halle bei ihr ein beklemmendes Gefühl.

Am Schalter zeigte Caroline ihr Ticket und den Pass und gab ihren Koffer und die Reisetasche ab. Nur ihren Rucksack behielt sie. Dann verabschiedete sie sich mit einer herzlichen Umarmung von ihren Eltern und wuselte Markus durch die Haare. Bevor sie endgültig in die Abflugzone des Flughafens verschwand, winkte sie noch einmal allen zu. Die guten Ratschläge ihrer Mutter folgten ihr noch eine Weile durch den Gang zur Abflughalle.

Da bis zum Abflug noch Zeit war, tigerte Caroline in der Halle auf und ab und tat so, als ob sie die Schaufenster der Geschäfte betrachten würde. Schließlich setzte sie sich völlig entnervt in eines der Bistros und schlürfte einen dünnen und fast kalten Kakao. Dabei betrachtete sie die vorbei eilenden Passagiere und fragte sich, wer von ihnen wohl ebenfalls zu den Geweihten gehörte. Caroline wusste, wenn sie ihre Fähigkeiten unter Kontrolle hatte, würde sie, wie alle anderen Geweihten auch, einen Angehörigen dieses Volkes in ihrer Umgebung sofort registrieren. Da sie aber ihre Fähigkeiten noch nicht kontrollieren konnte, würde sie einen Geweihten vermutlich erst erkennen, wenn er direkt vor ihr stehen würde. Gedankenverloren spielte Caroline an dem kleinen silberfarbenen Ankh mit dem grünen Stein, der um ihren Hals baumelte.

„Hi, darf ich mich zu dir setzen?“

Caroline hatte gar nicht bemerkt, wie sich der junge Mann genähert hatte.

Wie willst du denn einen Geweihten erkennen, wenn sich sogar normale Menschen an dich heranschleichen können?, schimpfte sie sich im Geiste aus und schaute erschrocken auf. Caroline blickte in ein ebenmäßiges Gesicht mit tiefblauen Augen und einer schön geschwungenen Nase. Umrahmt wurde das Gesicht von fast schwarzen, leicht gewellten Haaren, die bis über die Schultern reichten. Die schlaksige, hoch aufgeschossene Figur wirkte in ihren Bewegungen irgendwie unbeholfen und geschmeidig zugleich. Lächelnd schob der Fremde seine Haare mit einer unbedachten Handbewegung über die Schultern zurück.

„Klar. Kannst dich gerne setzen. Hi, ich heiße Caroline.“

Sie gaben einander die Hände, während der Junge sich einen Stuhl zurückzog, seinen Rucksack ablud und sich niederließ.

„Ich bin Michael. Und bitte immer in der amerikanischen Sprechweise. Aber meine Freunde nennen mich alle Mike. Und, wohin bist du unterwegs? Ich will über den großen Teich. Studienreise. Ich will mit dem Rucksack einmal quer durch Amerika. Und du?“

Caroline trank noch einen Schluck Kakao, bevor sie antwortete.

„Ich bin auch auf dem Weg in die USA. Ich habe dort Verwandtschaft.“

Caroline lächelte breit. Mike war ihr sofort sympathisch. Er bestellte sich eine Cola und sagte:

„Mein erster Stopp wird New York sein.“ Ein verschmitztes Lächeln stahl sich auf seine Lippen.

Caroline lachte.

„Na dann werden wir wohl zusammen fliegen. Wunderbar. Dann wird der Flug nicht so langweilig.“

Mike wollte gerade etwas erwidern, als sein Handy klingelte. Mit einer Geste bat er um einen Moment Geduld, blickte auf das Display und entfernte sich vom Tisch. Caroline schaute ihm neugierig nach. Wenn doch jetzt bitte mal ihr gutes Gehör anspringen würde. Aber natürlich, wenn man es mal brauchte, funktionierte es nicht.

Scheinbar teilnahmslos blickte sie zu Mike, der nervös auf und ab lief, während er in das Handy sprach. Dabei nestelte er an einem Anhänger, den er aus seinem Hemd gezogen hatte. Dann steckte er den Anhänger energisch wieder in sein Hemd zurück und beendete das Gespräch.

Nach einer kleinen Weile kehrte er zu ihrem Tisch zurück. Verstört spielte er mit seinem Handy. Dann schnappte er sich entschlossen seinen Rucksack und blickte Caroline an.

„Sorry, ich muss los. Wird wohl nix mit dem gemeinsamen Flug. Familienangelegenheiten.“

Er warf einen abschätzenden Blick auf das Handy. Schließlich steckte er es entschieden ein, drehte sich um und verließ die Abflughalle in größter Eile.

Caroline schaute ihm verwundert hinterher.

3

Kurz darauf wurde Carolines Flug aufgerufen. Eilig packte sie ihre Sachen zusammen und suchte ihr Abfluggate. Die letzten Kontrollen zogen sich in die Länge. Doch endlich durfte Caroline ihren Platz am Fenster einnehmen. Gebannt verfolgte sie die Startvorbereitungen. Ihr erster Flug. Sie war nicht wirklich nervös oder aufgeregt. Sie war nur neugierig. Wie es wohl war, in so einer großen Blechtrommel durch die Luft zu fliegen?

Beim Start wurde ihr Körper gegen den Sitz gepresst. Sie genoss den Adrenalinstoß durch die Beschleunigung. Es war toll. Wie durch einen Zauber wurden die Häuser, Gebäude, Bäume und Straßen immer kleiner, bis sie schließlich von den Wolken verdeckt wurden. Über ihr zeigte sich ein prachtvoller Himmel mit einem grandiosen Sonnenaufgang. Blau-, Lila-, Rot-, Gelb- und Rosatöne schillerten über den Horizont. Und Caroline hätte fast drauf wetten können, dass sie am Rand sogar verschiedene grüne Schlieren aufblitzen sah. Gebannt betrachtete sie das Farbenspiel. Die Stewardess unterbrach ihre verträumte Betrachtungen, als sie Caroline freundlich, aber bestimmt ihr Frühstück auf einem winzigen Tablett entgegenstreckte.

Den Rest des Fluges verbrachte Caroline mit dem Betrachten des Himmels und der Wolken unter ihr, Lesen und Dösen. Um wirklich schlafen zu können, war es in dem engen Sitz einfach zu unbequem.

Als das Signal aufleuchtete, dass man sich im Landeanflug befand, legte Caroline ein Lesezeichen in das Buch und verstaute es in ihrer Tasche. Das Buch hatte ihre Mutter ihr kurz vor dem Abflug, als kleine Weglektüre, geschenkt. Die Geschichte eines ihrer Vorfahren. Als Caroline gefragt hatte, hatte ihre Mutter nur gelacht und gemeint, sie würde schon von selber darauf kommen.

Während Caroline sich reckte, um ihre Glieder zu entknoten, dachte sie plötzlich an Mike. Sie hatten sich ganz nett unterhalten. Und dann dieser seltsame, überstürzte Abgang. Irgendwie beunruhigte die ganze Sache Caroline, obwohl sie nicht wusste, wieso. Schließlich hatte sie sich ja nur ein paar Minuten mit Mike unterhalten. Entschlossen schob sie den Gedanken beiseite und blickte aus dem Fenster. Die Welt kam bereits deutlich sichtbar näher.

Nach der Landung dauerte es noch eine ganze Weile, bis Caroline ihr Gepäck erhielt und in Richtung Ausgang gehen konnte. Plötzlich war sie doch nervös. Sie hatte keine Ahnung, wie sie in diesem riesigen Flughafen jemanden finden könnte. Ihr fiel ein, dass sie nicht einmal einen Namen wusste. Sie musste sich darauf verlassen, dass man sie fand.

Der Flughafen wimmelte nur so von Passagieren und Besuchern. Caroline schlängelte sich durch den Ausgangsbereich des Zolls und blieb nach ein paar Metern an einem halbwegs leeren Fleck stehen. Als sie aufblickte, sah sie ein Schild mit ihrem Namen.

„Hallo, sind Sie Caroline del Montelaro? Willkommen.“ Caroline streckte dem Mann ihre Hand hin. Klar, er war ein Familienmitglied und hatte sie wohl direkt als Geweihte erkannt. Vermutlich schon, als sie sich noch beim Zoll befunden hatte. Das Schild diente nur als Alibi.

Neugierig schaute sich Caroline den Mann genauer an. Seine Haare waren hell und lang. Die blauen Augen blitzten fröhlich, als er sie anschaute. Er hatte eine Figur, die große Kraft und hartes Training bezeugten. Und irgendwas an ihm kam Caroline vage bekannt vor. Er schien ca. 40 Jahre alt zu sein, obwohl Caroline sicher war, dass er um einiges älter war. Und noch etwas konnte sie erkennen: Ihn umgab eine schwache grüne Aura. Sie legte sich wie ein Schleier um ihn. Verwirrt betrachtete Caroline die sich ändernden Farbnuancen, die sich ständig in Variationen zu wiederholen schienen. Ein Räuspern holte sie aus ihren Betrachtungen. Er lächelte mild.

„War wohl ein langer Flug?“

Caroline nickte. Sie versuchte noch einmal, den grünlichen Schleier auszumachen. Doch vergebens. Aber Caroline war sich nun sicher: Vor ihr stand ein Silubra. Jemand aus ihrer Sippe.

Caroline hatte soeben flüchtig die Aura dieses Mannes gesehen. Wenn sie ihre Fähigkeiten im Griff hatte, würde sie andere Geweihte in einem gewissen Umkreis sofort erkennen, auch ohne sich darauf konzentrieren zu müssen. Müde schüttelte sie den Kopf und versuchte sich zu sammeln.

„Hi, ja, ich bin Caroline. Freut mich, Sie kennenzulernen.“ Der Mann strahlte über das ganze Gesicht.

„Dachte ich mir schon. Du bist nicht zu übersehen. Mein Name ist übrigens Greg.“

Dann schnappte er sich den größten von Carolines Koffern und zog ihn in Richtung Ausgang. Verwirrt folgte ihm Caroline. Als sie ihn eingeholt hatte, sprach er weiter.

„Die anderen sind auch schon da. Wir können also gleich los.“

Caroline starrte Greg nach.

„Ich bin also nicht die Einzige?“

Er lachte auf.

„Nein. Dieses Mal sind wir echt gesegnet. Wir haben gleich drei Neulinge zu unterweisen. Das wird spaßig. So viele sind es selten in einem Jahrgang. Ich bin gespannt, was ihr so auf dem Kasten habt.“

Neugierig musterte Greg sie von der Seite, als wolle er abschätzen, wie groß ihre Fähigkeiten wohl waren.

Vor dem Fahrzeug, das Greg ansteuerte, standen bereits zwei Teenager, die ungefähr in Carolines Alter waren. Der Junge schien ein wenig älter als das Mädchen und seine Klamotten wirkten verschlissen.

„Hallo, mein Name ist Boris Jatschecz“, begrüßte er Caroline mit einem starken osteuropäischen Akzent.

„Und das ist Amanda King.“

Amanda reichte Caroline ihr schmale Hand und flüsterte ein zaghaftes „Buenos días“. Alles an ihr wirkte schmal und zart. Ihr schwarzes, hüftlanges Haar und die dunklen Augen betonten ihre südländische Herkunft.

Caroline stellte sich vor und gab beiden die Hand, während Greg ihr Gepäck verstaute. Mit einer wedelnden Armbewegung scheuchte er die drei schließlich in sein Fahrzeug.

„Wir wollen doch heute noch ankommen, oder? Also nichts wie los.“

Caroline, Amanda und Boris schwangen sich in den Van. Da alle drei schon seit langer Zeit unterwegs waren, wurde während der Fahrt wenig gesprochen. Caroline war vom frühen Aufstehen und dem langen Flug völlig erschlagen und froh, keine Konversation betreiben zu müssen. Den anderen schien es ebenso zu gehen.

Sie fuhren eine ganze Weile und Caroline war wohl eingenickt. Sie schreckte hoch, weil Boris sie anstupste.

„Das hier musst du dir anschauen Caroline.“

Verschlafen rieb Caroline sich die Augen, als sie gerade das schwere schmiedeeiserne Tor passierten. Sie fuhren einen langen geschwungenen Weg entlang, der den Hügel hinauf auf ein gigantisches Gebäude zu führte. Rechts und links konnte Caroline Rasenflächen sehen, die von hohen Hecken umfasst wurden. Blumenbeete zogen sich am Wegesrand entlang und blühten in sämtlichen Regenbogenfarben. Der helle Kies knirschte unter dem Gewicht des Wagens. Als Caroline zurückblickte, konnte sie sehen, dass sich das schwere Tor wie von Geisterhand wieder schloss. Am Horizont zogen schwere Gewitterwolken auf.

Am Ende des Weges befand sich ein Wendehammer direkt vor dem Haupteingang des Hauses. In der Mitte des Platzes prangte ein monströser Springbrunnen, der aber anscheinend nicht in Betrieb war. So standen die riesigen Figuren nutzlos auf ihren marmornen Sockeln und blickten untätig und dumpf in das leere Becken. In diesem Moment sprang die Außenbeleuchtung an. Caroline erkannte, dass rund um den Platz kleine elektrische Fackeln platziert waren und die gesamte Auffahrt hell erleuchteten.

„Wir sind da.“ Greg stellte das Auto ab und stieg aus. „Schnappt euch euer Gepäck und dann nichts wie rein.“

Boris, Amanda und Caroline kletterten aus dem Wagen. Caroline warf einen ersten Blick auf das Haus. Direkt neben dem Eingangsbereich standen links und rechts Laternen. Sie sahen aus wie alte Gasfackeln, die Caroline aus historischen Verfilmungen kannte. Diese Lampen hier wurden allerdings mit Elektrizität betrieben. Greg hatte inzwischen schon den Kofferraum geöffnet und ging geradewegs auf das riesige Haus zu. Über ein paar breite ausgetretene Treppenstufen gelangte er zur Eingangstür. Zwei dicke runde Säulen aus dunklem Stein stützten ein schweres schiefergedecktes Vordach. Der dunkle Stein und die dreieckige Form des Dachaufsatzes ließen das Ganze wuchtig und ein wenig bedrückend wirken. Und obwohl der Eingangsbereich von allen Seiten offen, beleuchtet und begehbar war, wirkte er wie eine Vorhalle zu einer Gruft. In dem Stein über der Türschwelle war der Name des Hauses eingemeißelt worden: Kievets Hook House. Links und rechts vom Hauptgebäude konnte Caroline in einigem Abstand die Umrisse zweier Seitenflügel erkennen. Diese waren ungefähr gleich lang und schienen, wie die gesamte Fassade des Hauses, mit dunklem Stein verkleidet. Das Haus wirkte in der Sonne alt, beständig und bedrohlich zugleich.

„Na kommt schon.“ Greg deutete mit einer Geste an, dass sie sich ein wenig beeilen sollten.

Caroline drehte sich zum Auto um. Ihr Blick schweifte über die erleuchtete Auffahrt und zu dem im Dunkeln liegenden Rasen. Dann gesellte sie sich zu Amanda und Boris, die ihr Gepäck aus dem Kofferraum des Wagens zogen und bereits die Taschen sortierten.

Greg öffnete einen der beiden Flügel der wuchtigen Eingangstür, die leicht knarzte. Dahinter begrüßte sie ein heller Empfangsraum mit hohen Decken, an denen schwere Lüster ein mannigfaltiges Licht abgaben.

Amanda, Boris und Caroline schulterten gerade ihre Taschen, als Greg erneut am Van auftauchte, um den Kofferraum zu schließen. Dann ging er voran und betrat die Eingangshalle.

Die Wände waren etwa bis auf Brusthöhe mit dunklem Holz vertäfelt. Darüber hingen mannshohe Porträts aus verschiedenen Epochen. Dazwischen gab es immer wieder Fackelhalterungen, über denen die Wände leichte Rußspuren aufwiesen. Der marmorne Fußboden war mit dicken Läufern ausgelegt. Gleich neben der Eingangstüre befanden sich zu beiden Seiten kleine Sitzgruppen. Diese bestanden jeweils aus einem Beistelltisch, einem breiten schwarzen, ledernen Sessel und einem zweisitzigen schwarzen Ledersofa. An der rechten Wand konnte Caroline eine Garderobe aus poliertem Kirschholz entdecken.

Greg bedeutete mit einer Handbewegung, dass sie hier warten sollten. Dann schritt er zielstrebig zum anderen Ende der Diele, wo sich neben der breiten Türe aus Milchglas ein kleiner Tisch mit einem schwarzen Telefon befand. Noch während Greg telefonierte, öffnete sich die Milchglastür und zwei Dienstmädchen traten heraus. Sie knicksten vor Greg und begrüßten die drei Neuankömmlinge mit einem höflichen Kopfnicken.

Greg hatte aufgehört zu telefonieren und drehte sich zu Caroline und den anderen um.

„Also herzlich willkommen im Kievets Hook House. Das sind Greta und Sarah. Sie werden euch jetzt auf eure Zimmer bringen. Dort könnt ihr euch ein wenig frisch machen. In einer halben Stunde wird das Essen serviert. Also bis gleich.“

Und schon war er durch die Milchglastür entschwunden. Eines der beiden Dienstmädchen verschwand ebenfalls hinter der Tür, um kurz darauf mit einem Kofferwagen wieder aufzutauchen, während das andere sich schüchtern als Greta vorstellte. Dann packten sie die Koffer der drei auf den Wagen und baten darum, ihnen zu folgen.

Caroline, Amanda und Boris waren überwältigt von dem gesamten Ambiente.

Hinter der Milchglastür erstreckte sich ein langer und ziemlich breiter Flur. Der Fußboden war mit dem gleichen Marmor und den Teppichen wie die Eingangshalle verkleidet. Auch hier hingen riesige Lüster von der Decke und spendeten Licht. In einigen Metern Entfernung konnte man eine Art Kreuzung erkennen, in der offensichtlich die zwei Seitenflügel des Hauses auf den Hauptbau trafen. Bis dahin waren je drei Türen auf der linken und der rechten Seite auszumachen. Diese waren alle mit Messingschildern versehen, sodass die Art der Benutzung zu erkennen war. Links befanden sich ein Billardzimmer, ein Fernsehraum sowie ein Raum mit der Beschriftung „Kommunikation“. Wie sie von Sarah erfuhren, befanden sich dort zwei PCs mit Internetanschluss sowie ein Telefon für Gespräche nach draußen. Alle Bewohner von Kievets Hook House hatten eigene Anschlüsse. Die Gäste allerdings mussten sich das Telefon im Kommunikationsraum teilen. Das Telefon in der Vorhalle war, wie alle schwarzen Telefone im Haus, nur für interne Gespräche nutzbar.

Auf der rechten Seite des Flures befanden sich drei Arbeitszimmer. Als Benutzer waren nur die Vornamen Greg, Steven und Bea angegeben. Caroline konnte auch hier zwischen den Türen Halterungen für Fackeln erkennen.

Dann traten sie in die „Kreuzung“ ein. Zentral in diesem Raum stand ein großer runder Tisch aus poliertem Kirschholz. In der Mitte war eine Steinplatte eingelegt. Auf dieser waren im Kreis sechs Wappen angeordnet. Alle Wappen hatten eine grüne Umrandung. Ansonsten unterschieden sie sich extrem voneinander. Eines der Wappen kam Caroline bekannt vor.

„Das ist das Wappen meiner Familie“, rief sie überrascht aus. Amanda und Boris entdeckten ebenfalls ihre Familienwappen. Greta bejahte dies und verwies darauf, dass hier die tägliche Post am entsprechenden Wappen zur Abholung bereitgelegt werde. Auch Terminabsprachen und Mitteilungen innerhalb des Hauses würden hier hinterlegt. Sie wandten sich nach links und begaben sich durch eine weitere Milchglastür in den linken Seitenflügel. Dort gingen ebenfalls sechs verschiedene Türen ab. Hier allerdings trugen die Messingschilder andere Bezeichnungen.

„Also, Amanda bekommt das Zimmer der Kings, Boris das der Jatschecz und Caroline natürlich das der del Montelaros.“

Sarah öffnete die betreffenden Türen mit einem Schlüssel, den sie an den jeweiligen neuen Bewohner übergab. Caroline erkannte sofort das Wappen der del Montelaros über ihrer Tür.

Neugierig betrat sie das Zimmer und war angenehm überrascht. Der Raum war größer als sie angenommen hatte. An der rechten Wand stand ein riesiges Bett, direkt unter dem Fenster ein großer Schreibtisch. Der Kleiderschrank befand sich links von ihr. Alles war gemütlich eingerichtet. Neben dem Bett stand auf einem Tischchen das schwarze Telefon. An der Wand daneben hing ein Plan, auf dem die verschiedenen Zimmer und die entsprechenden Nummern verzeichnet waren. Neben den Räumen, die sie schon gesehen hatten, konnte man auch die Küche, den Chauffeur, den Notdienst für Reparaturen, das Dienstmädchenzimmer, die Bibliothek und den Speisesaal über die Telefonanlage erreichen.

An der linken Seite befand sich eine weitere Tür. Als Caroline diese öffnete, entdeckte sie, dass es hier sogar ein eigenes kleines Badezimmer für sie gab. Anders als ihr Zimmer war das Bad modern und praktisch eingerichtet. Neben dem Waschbecken und der Toilette gab es auch eine eigene Dusche. Alles war in einem sanften Blau gehalten und bildete den totalen Kontrast zum Gästezimmer, das vorwiegend durch feine Grüntöne dominiert wurde.

Caroline ging zurück in ihr Zimmer. Ein Blick aus dem Fenster ließ dank der brennenden Außenbeleuchtung einen riesigen Garten erahnen. Die dicken schwarzen Wolken hatten den gesamten Himmel verdunkelt und Caroline konnte erste Blitze zucken sehen. Sarah hatte wohl in der Zwischenzeit den Koffer auf das Bett gehievt, ihn geöffnet und war dann aus dem Zimmer getreten. Caroline nahm sich saubere Wäsche raus und unterzog sich einer raschen Katzenwäsche. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass es bereits Zeit war zum Essen. Also ging sie wieder hinaus auf den Flur und zurück zu dem Tisch mit den Wappen. Dort wartete sie auf die anderen.

Rechts konnte Caroline die Zwischentür zur Empfangshalle sehen. Geradeaus konnte sie in den anderen Nebenflügel des Hauses blicken. Dort befanden sich anscheinend größere Räume, da nur jeweils zwei Türen pro Seite zu sehen waren. Die Wände waren in einem nicht zu grellen Weiß gehalten und absolut kahl. Links von ihr war nur noch ein kurzes Stückchen Flur vorhanden. Dieser endete an einer breiten doppelflügligen Tür. Umrahmt war diese Tür von zwei weißen, geschwungen Steintreppen, die nach oben führten. Als sie an den Treppen hoch blickte, erkannte Caroline, dass auf der gesamten Gebäudelänge zu beiden Seiten eine Empore entlangführte. Auf Höhe der Kreuzung bildeten kleine Brücken den Zugang in die Nebengebäude. Da dort alles im gleichen hellen Farbton gehalten war, fielen die Emporen erst bei genauerem Hinsehen auf. Nach einigen Augenblicken konnte Caroline von ihrem Standpunkt sogar verschiedene Türen ausmachen, obwohl diese ebenfalls weiß waren. Sie konnte mit ihrem Blick den Emporen zu beiden Seiten des Flures bis zur Milchglastür zur Empfangshalle hin folgen.

„Was betrachtest du da?“

Erschrocken drehte Caroline sich um und erkannte Amanda, die sich neben sie gestellt hatte.

„Oh. Du hast mich vielleicht erschreckt. Hast du die Emporen schon gesehen?“

Amanda folgte Carolines Handbewegung und ließ einen erstaunten Ausruf hören.

„Nein, das habe ich nicht gesehen. Da könnte sich ja ’ne ganze Armee verstecken.“

Kurz nachdem auch Boris erschienen war, kam Greg aus seinem Büro. Wortlos führte er sie in den Speisesaal im rechten Flügel.

Greg ließ sich am Kopf der riesigen Tafel nieder und bedeutete den dreien, ebenfalls Platz zu nehmen. Also folgten sie Gregs Beispiel und verteilten sich auf die übrigen gedeckten Plätze. Kaum hatten sie sich gesetzt, trugen auch schon die beiden Dienstmädchen das Essen auf. Wortlos servierten sie die Speisen und verließen fast lautlos wieder den Raum.

Greg erhob sein Glas, das, wie die Gläser von Caroline, Amanda und Boris, mit einer dunkelroten schweren Flüssigkeit gefüllt war.

„Noch einmal herzlich willkommen. Ich hoffe, ihr habt hier eine gute und lehrreiche Zeit. Auf uns.“

Caroline prostete ihm zu und nippte vorsichtig an ihrem Getränk. Doch der erwartete Energieschub und auch das Rauschgefühl blieben aus. Sie spürte nur ein leichtes Kribbeln auf der Zunge. Außerdem hatte sie ein Gefühl, als ob ihre Sinne ein wenig schärfer würden. Es schmeckte nach Tomaten. Irritiert blickte sie zu Amanda, die ihr gegenüber saß. Diese hatte einen ordentlichen Schluck genommen und schien irgendwie abwesend zu sein. Boris hatte sein Getränk gar nicht erst angerührt und blickte nur unbeteiligt zu Greg, der grinste.

„So, ihr beiden habt also schon Erfahrung. Gut, gut.“ Caroline wollte zu einer Frage ansetzen, doch Greg sprach bereits weiter. „Ihr glaubt doch nicht wirklich, dass wir euch reines Blut zu trinken geben, so lange ihr eure Kräfte noch nicht vollkommen unter Kontrolle habt, oder? Ein ausgeflippter Teenager würde schon voll reichen, um uns eine Menge Ärger zu machen. Drei wären eine Katastrophe, daher immer langsam mit den Pferden. Ich wünsche euch einen guten Appetit.“

Damit griff er zum Besteck und begann zu essen.

Caroline ließ es sich schmecken.

Gerade als der Nachtisch gebracht wurde, erhob sich Greg. „Ich muss jetzt noch schnell was erledigen. Wir sehen uns bitte nachher noch mal im Studierzimmer. Das ist gleich gegenüber. Ihr könnt aber in Ruhe aufessen.“

Augenblicklich war er verschwunden.

„Also. Was haltet ihr bis jetzt davon?“

Boris beugte sich über den Tisch, um sich die Karaffe zu nehmen und sein Glas noch mal nachzufüllen. Dann wandte er sich mit einer fragenden Geste zu Caroline und Amanda. Caroline nickte zustimmend und schluckte den Bissen von ihrem Nachtisch herunter, während Boris ihr Glas auffüllte.

„Was er wohl so spät noch von uns will? Ich bin hundemüde.“

Boris nahm einen Schluck aus seinem Glas und antwortete: „Ich auch. Aber es ist auch total aufregend, endlich mal andere kennenzulernen. Was habt ihr denn bis jetzt für Kräfte entdeckt? Also bei mir fing es damit an, dass ich einen anderen Geweihten erkannt habe, der sich unbefugt unserem Grund näherte. Und du?“ Dabei schaute er Caroline an.

„Bei mir ist der Durst zuerst gekommen. Mitten in einer Einkaufspassage.“ Den Rest verschwieg Caroline und schob sich stattdessen eine weitere Portion Nachtisch in den Mund.

„Und bei dir, Amanda?“ Boris wandte sich nun Amanda zu.

Diese wirkte jedoch irgendwie abwesend.

„Amanda? Wie haben sich bei dir die Kräfte bemerkbar gemacht?“

Amanda war, ganz in ihre Gedanken versunken, aufgestanden und hatte sich die Bilder genauer angeschaut, die an den Wänden hingen.

„Hm. Ach so, ja. Ich hab beim Sport in der Schule geschummelt. Ich war plötzlich im Ziel, in der Sekunde, als der Startschuss fiel.“

Caroline war ebenfalls aufgestanden.

„Was guckst du denn da?“

Amanda wandte sich wieder den Porträts zu, die auf gesamter Länge der Halle an der Wand hingen.

„Hier ist ein Bild von einem meiner weiblichen Vorfahren.“ Dabei deutete sie auf ein Bild einer rassigen Schönheit. Die Beschriftung wies sie als Amanda King aus. Zärtlich fuhr Amanda über den Rahmen.

„Sie ist der Grund, warum ich heute hier bin. Sie war die Erste in unserer Familie.“

Boris hatte sich zu ihnen gestellt.

„Wow. Sie ist eine der Ersten?“

Amanda schüttelte den Kopf.

„Nein, nein. Sie wurde verwandelt. Sie hatte sich in einen aus der Sippe der Silubra verliebt. Es war ein echter Schock für sie, als sie erfuhr, wer er war. Aber ihre Liebe war stärker.“

Boris sah sich suchend um.

„Ob auch einer meiner Vorfahren hier hängt?“

Doch auch nach längerem Suchen konnte er niemanden finden. Enttäuscht ließ Boris sich wieder auf seinen Stuhl sinken und nahm noch einen Schluck. Dabei sah er Caroline an, die ebenfalls bereits wieder am Tisch saß.

„Du hast ja gar nicht geschaut, ob einer deiner Vorfahren hier verewigt ist.“

Caroline nickte.

„Ich weiß, dass hier keiner meiner Vorfahren hängt. Meine Vorfahren leben noch alle.“

Verwundert und ehrfürchtig starrte Amanda sie an.

„Das ist aber echt eine Seltenheit. Ich gratuliere.“

Verlegen senkte Caroline den Kopf. Boris hingegen zuckte nur mit den Schultern.

„Das kommt ganz drauf an, wie alt der Zweig ist, aus dem sie stammt.“

Mit einem Blick auf die Uhr stand Caroline erneut auf.

„Wir sollten vielleicht mal rübergehen.“

Zustimmend nickten Boris und Amanda. Boris nahm noch einen Schluck. Dann verließen sie den Speisesaal und gingen hinüber zum Studierzimmer.

Caroline öffnete die Tür und blieb verwundert stehen. Es sah genauso aus, wie sie sich ein Studierzimmer vorstellte. An zwei Wänden waren Regale über die ganze Wand gezogen und vollgestopft mit Büchern, die zum Teil schon ziemlich zerlesen aussahen. An der dritten Wand standen unter den Fenstern vier Schreibpulte nebeneinander. In der Mitte des Raumes waren fünf bequeme Sessel im Kreis angeordnet. Daneben jeweils ein Tischchen zum Ablegen der Bücher. Eine breite Tafel war an der vierten Wand angebracht worden. Außerdem waren diverse Leselampen im Raum verteilt.

„Oh, wie ich sehe, seid ihr schon da. Hervorragend. Setzt euch.“

Greg war hinter ihnen eingetreten und schloss nun die Tür. Nachdem sich alle einen Sitzplatz gesucht hatten, fuhr er fort:

„Also, ich will heute nicht zu lange machen. Ihr hattet alle einen langen Tag und eine weite Reise. Aber einige Dinge möchte ich jetzt noch klären. Alles andere besprechen wir dann in den nächsten Tagen. Wir haben immerhin vier Wochen, um herauszufinden, wie stark ihr seid, welche Fähigkeiten ihr habt und wie ihr diese am effektivsten einsetzen könnt.“

Mit diesen Worten schritt Greg zur Tafel, griff sich die Kreide und begann, einen Lageplan zu zeichnen, während er weitersprach.

„Das hier ist das Kievets Hook House. Der Stammsitz der Silubra, der wir ja alle angehören.“

Caroline konnte den Hauptbau erkennen und auch die zwei Seitenflügel. Das Muster kam ihr vage bekannt vor. Greg zeichnete weiter. Ein riesiger, runder Kreis krönte die Kreuzung, wo Haupthaus und Flügel aufeinandertrafen. Der Raum, der sich direkt an diese Kreuzung anschloss, und von dem Caroline nur die beiden schweren Flügeltüren gesehen hatte, schien vollkommen rund zu sein. Doch Greg hatte längst begonnen, das umliegende Gelände in groben Zügen zu skizzieren. Hinter dem Haus schien sich ein Pool zu befinden. Das gesamte Grundstück war von einer Mauer umgeben. Auf der Rückseite deutete Greg eine weitere, schmalere Zufahrt zum Haus an. Doch Caroline war auf die Form des Gebäudes in der Mitte fixiert. Dann verstand sie. Ehrfürchtig zog sie an ihrer Halskette, bis der Anhänger zum Vorschein kam. Er hatte die Form eines Ankhs. Die Form stimmte bis auf den grünen Stein in der Mitte des Kreuzes genau mit Gregs Zeichnung des Grundrisses überein. Greg sprach zur Tafel gedreht weiter.

„Auf dem Gelände seid ihr absolut sicher und könnt euch ungestört bewegen. Kein fremder Geweihter und auch kein Mensch darf ohne unsere Zustimmung das Gelände betreten. Ihr könnt hier also eure Fähigkeiten jederzeit testen. Ihr dürft euch austoben. Einzige Ausnahme: kein frisches Blut. Also nicht an den Dienstmädchen vergreifen.“

Greg drehte sich mit einem ironischen Lächeln um, als er die Kreide weglegte.

„Solange ihr das Trinken, Verwandeln und Töten noch nicht im Griff habt, wird es nur Konserven geben und die in kleinen Dosen. Außerhalb dieser Mauern verhaltet ihr euch wie normale Teenager. Verstanden? An den Wochenenden und in der freien Zeit könnt ihr tun und lassen, was ihr wollt. Unser Chauffeur steht euch jederzeit zur Verfügung. Einzige Bedingung: Ihr meldet euch bei mir oder Bea ab. Und ihr müsst bis zum nächsten Unterricht wieder hier sein. Keine Verspätungen. Verstanden? Sonst werde ich böse.“

Bei diesen Worten ließ er kurz seine Fratze aufblitzen. Erschrocken nickten alle.

„Morgen werde ich euch zuerst einmal die Bibliothek zeigen. Danach werden wir uns ein wenig locker machen und testen, was ihr so drauf habt. Solltet ihr Fragen haben, könnt ihr mich in meinem Arbeitszimmer aufsuchen. Wenn ich mal nicht da bin, könnt ihr auch Bea fragen. Steve, der dritte Bewohner dieser Residenz, ist leider im Augenblick nicht da. Ich hoffe aber, dass ihr ihn auch noch kennenlernen werdet. Der Unterricht beginnt um neun Uhr nach dem Frühstück. Morgens werden wir üblicherweise die Theorie hinter uns bringen. Nach dem Mittagessen treffen wir uns dann noch mal für zwei oder drei Stunden, um einige praktische Übungen zu machen, eure Fähigkeiten zu testen und zu trainieren und um Verteidigungsmaßnahmen zu lernen. Wenn ihr wollt, können wir uns gerne nach dem Abendessen auch noch mal zu Einzelgesprächen treffen. Aber das ist keine Pflicht. Nächste Woche wird Bea mich für ein paar Tage vertreten, weil ich noch einen Termin habe. Danach werde ich euch wieder zur vollen Verfügung stehen. Ist noch etwas unklar?“

Fragend sah Greg in die Runde.

„Nun gut. Das Frühstück steht ab acht Uhr im Speisesaal für euch bereit. Lasst es euch gut gehen. Ich wünsche euch eine gute Nacht. Und bis morgen früh um neun Uhr an dieser Stelle.“

In Sekundenschnelle war er verschwunden.

„Das ging ja mal zügig.“

Boris schälte sich aus dem Sessel und gähnte ausgiebig, als er sich streckte. Caroline und Amanda standen gemeinsam auf. Caroline warf noch einen Blick auf die Tafel, bevor sie das Licht löschte und die Türe hinter sich schloss. Gemeinsam schlurften sie zu ihren Zimmern.

4

Am nächsten Morgen war Caroline schon früh wach. Sie duschte ausgiebig und räumte ihre restlichen Sachen in den Schrank. Dann machte sich auf den Weg zum Frühstück.

Als sie den Kreuzungspunkt zwischen dem Hauptbau und dem Seitentrakt betrat, blieb sie verdutzt stehen und sah sich um. Alles war in ein zartes Grün getaucht. Helle Lichtflecken tanzten an den Wänden und auf dem Fußboden entlang. Neugierig sah sich Caroline nach der Quelle dieses irritierenden Lichtspiels um. Sie erblickte den Kronleuchter, dessen Kristalltropfen das Licht über die ebenen Flächen tanzen ließen. Direkt über dem Leuchter befand sich ein riesiges Oberlicht aus grünem Glas. Cool, dachte Caroline, als sie sich erneut in Bewegung setzte und die Halle durchquerte.

Kurz nach ihr trafen auch Boris und Amanda im Speisesaal ein. Beide nahmen sich vom Buffet und setzten sich dann schweigend zu Caroline.

„Guten Morgen“, murmelte Caroline zwischen ihrem Rührei hervor. Amanda wollte gerade zu einer Erwiderung ansetzen, als eine Frau den Raum betrat. Sie schaute die drei verdutzt an. Dann breitete sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus.

„Ihr seid also Gregs neue Schützlinge. Guten Morgen und herzlich willkommen auf Kievets Hook House. Ich bin Bea.“

Grüßend nickte sie den dreien zu, während sie sich ebenfalls vom Buffet nahm. Amanda stellte sich und die beiden anderen bei Bea vor.

„Hallo, ich bin Amanda. Das ist Boris und das Caroline.“

Bea kam zu ihnen herüber.

„Darf ich mich zu euch setzen? Alleine Frühstücken macht keinen Hunger.“

Bea zog sich einen freien Stuhl zurück und nahm Platz. Während sie ihr Brötchen mit Marmelade bestrich, fuhr sie unbewusst mit der Hand über die Stirn. Geistesabwesend strich sie sich eine Haarsträhne, die sich aus ihrem langen Zopf gelöst hatte, hinter ihr Ohr.

„Na los, erzählt mal was von euch. Ich bin schon ganz neugierig, wer uns diesen Sommer auf Trab halten wird. Wir hatten schon lange keine Neulinge mehr hier.“

Doch bevor jemand antworten konnte, vernahm Caroline dumpf ein Läuten. Kurz darauf betrat ein Dienstmädchen den Raum und überreichte Bea eine Nachricht. Mit einer kurzen Entschuldigung verließ Bea den Raum.

„Was das wohl für eine Nachricht war?“

Amanda sah Caroline fragend an.

„Keine Ahnung, aber glücklich sah sie nicht aus.“

Caroline schob sich noch eine Gabel mit Rührei in den Mund.

„Ich weiß, ihr werdet noch ziemlich k. o. sein, wegen der Zeitverschiebung und so“, lautete Gregs Begrüßung, als er das Studierzimmer betrat.

„Versucht aber trotzdem was von dem zu behalten, was ich euch erzähle. Wir lassen es heute ruhig angehen. Wir werden uns ein bisschen kennenlernen und dann werden wir mal testen, was ihr drauf habt.“

„Na, das klingt aber spaßig.“

Boris hatte sich flüsternd zu Amanda gedreht.

Greg lachte.

„Klar wird das witzig. Denn euch könnte ich noch von meinem Arbeitszimmer aus belauschen, wenn ihr so laut redet.“

Boris lehnte sich lässig zurück. Greg lachte kurz auf.

„Du denkst, nur weil du flüsterst, könnte ich dich nicht hören? Wo bist du den groß geworden? Du müsstest doch wissen, dass es auf die Entfernung für kaum einen Geweihten ein Problem ist, einen Windhauch zu hören, wenn er es will.“

Betreten starrte Boris zu Boden.

„Gut. Das hätten wir geklärt. Wir werden also gemeinsam herausfinden, welche Fähigkeiten ihr habt und wie gut sie ausgebildet sind. Denn nicht jeder Geweihte besitzt und beherrscht dieselben Fähigkeiten in gleichem Maße. Jeder sollte wissen, was er kann und wie gut er dabei ist. Jetzt zu mir. Ich bin kein ‚echter‘ Geweihter wie ihr. Ich wurde verwandelt. Trotzdem sind meine Fähigkeiten voll ausgeprägt.“

Boris und Amanda schnappten gleichzeitig nach Luft.

„Jetzt macht mal kein Drama draus. Ich wollte es. Es war mein freier Entschluss und ich habe das nie bereut. Zwangsrekrutierungen gibt es schon lange nicht mehr. Sie sind in der Vergangenheit oft schief gegangen und die Verwandelten starben oder wurden zu geistlosen, wilden, unbezähmbaren Tieren. Daher ist es uns seit 1687 verboten, Menschen gegen ihren Willen zu verwandeln. Also, wenn ihr einem Verwandelten wie mir begegnet, könnt ihr davon ausgehen, dass er freiwillig zum Geweihten wurde. So und nun zu euch.“

Dabei deutete Greg in die Runde.

„Erzählt mir ein wenig von euch. Wo kommt ihr her? Was macht ihr? Welche Fähigkeiten habt ihr schon entdeckt? Vielleicht erzählt ihr auch, was ihr so von euren Vorfahren wisst. Du beginnst, Boris.“

Boris richtete sich auf und begann zu erzählen.

„Also, wie ihr sicher an meinem Akzent hört, komme ich aus Kirgisistan. Ich bin 17 Jahre, meine Fähigkeiten setzten ein, als sich unbefugt ein fremder Geweihter unserem Haus näherte. Ansonsten hat sich noch keine Fähigkeit bei mir bemerkbar gemacht. Na ja, mal abgesehen davon, dass ich plötzlich Durst habe. Nach diesem ‚Urlaub‘ werde ich zu meiner Familie zurückkehren und die Geschäfte meines Vaters übernehmen. Wir produzieren Stahl. Den besten in ganz Osteuropa. Und vermutlich auch in Westeuropa. Ach ja. Meine Mutter ist eine geborene Silubra, aber mein Vater ist sterblich. Deswegen war er mehr als glücklich, als er endlich Vater eines Sohnes wurde. So wird die Firma noch lange in den Händen unserer Familie bleiben.“

Etwas verlegen ließ er sich zurück in den Sessel sinken. Greg nickte nur und bedeutete Amanda fortzufahren.

„Ich komme aus der Nähe von Barcelona. Meine Vorfahrin Amanda King wurde verwandelt, aber ich bin ein geborener Geweihter. Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass mein Vater kein Silubra ist, sondern ein Sarimsakis.“

Boris blickte zu Amanda herüber.

„Du bist ein Mischling? Zwischen uns und einem Geweihten einer anderen Sippe? Abgefahren.“

Greg nickte bloß.

„Danke für dein Vertrauen. Schließlich bist du dadurch viel angreifbarer. Denn ein Mischling aus zwei Sippen zu sein, bedeutet, auch zwei Schwachstellen zu haben. Nämlich die der Silubra, die, wie ihr wisst, auf Silber reagieren. Gleichzeitig muss Amanda sich aber auch immer vor allem fürchten, was Knoblauch enthalten könnte. Denn keiner kann sagen, welche der beiden Waffen einen umbringen. Oder ob vielleicht beide tödlich sind. Verständlicherweise will das aber auch keiner ausprobieren. So, jetzt du, Caroline.“

Caroline überlegte eine Weile.

„Also, ich komme aus Düsseldorf in Deutschland. Ich bin 16 Jahre und meine beste Freundin weiß nicht, dass ich nicht ‚normal‘ bin. Na ja, sie hat mich gesehen, als ich das erste Mal Blut gerochen habe, aber das hat sie wieder komplett vergessen. Meine Eltern sind beide geborene Silubra und mein erstes Glas Blut hat mich echt umgehauen.“

Greg lächelte aufmunternd.

„Welche Fähigkeiten sind denn bei dir schon aufgetaucht?“

Caroline rutschte unbehaglich hin und her.

„Also den Blutdurst habe ich schon erwähnt. Mal sehen. Hin und wieder höre ich Dinge, die eigentlich viel zu weit entfernt sind. Meine Sicht ist auch besser geworden. Vor allem nachts. Aber so weit sehen wie meine Eltern, kann ich noch nicht. Meine Selbstheilung hat sich auch schon mal aktiviert, als ich angeschossen wurde. Ich glaube, das war’s auch schon.“

Boris und Amanda schauten erstaunt zu ihr rüber. Greg blickte ebenfalls überrascht.

„Da haben mir deine Eltern aber offensichtlich nicht alles erzählt.“

Boris platzte heraus:

„Du hast schon mal alle Fähigkeiten erlebt?“

Caroline nickte.

„Ja, aber das ist extrem verwirrend, wenn man keine Kontrolle darüber hat, wann man was sieht oder hört.“

Greg stand nun auf.

„Gut, nachdem wir ein bisschen was voneinander gehört haben, werde wir jetzt mal testen, was ihr bereits drauf habt. Stellt euch mal bitte im Kreis auf.“

Caroline und die anderen beiden standen auf und schoben ihre Sessel beiseite. Dann bedeutete Greg Caroline, in die Mitte zu treten. Sie musste ihre Augen schließen, bevor Greg sie ihr verband.

„So und nun konzentriere dich. Finde heraus, wo im Raum wir uns befinden. Zeig auf uns und versuch zu erraten, wer sich dort bewegt.“

Caroline lauschte angestrengt und fand schnell heraus, wie sich die einzelnen Personen bewegten.

„Okay. Wenn du uns hören kannst, ist das wohl zu einfach.“

Greg trat an sein Pult und nahm einen großen Kopfhörer hervor. „Machen wir das für Caroline mal schwieriger. Ich bin gespannt.“

Nachdem Caroline die Hörer aufgesetzt hatte, verlor sie kurz ihre Orientierung. Dann hörte sie eine Stimme in ihrem Kopf.

Caroline. Ich weiß, du hörst mich. Konzentriere dich. Du kannst uns finden. Hören, sehen und riechen sind nicht deine einzigen Sinne.

Dann war sie wieder alleine. Sie wandte eine kleine Entspannungsübung aus ihrem Kampfsport an, um sich konzentrieren zu können. Und dann geschah es. Sie konnte ihre Umgebung sehen. Es schien, als hätte jemand ihr eine dunkle Sonnenbrille in einem dunklen Raum aufgesetzt. Trotzdem konnte sie die Pulte und Stühle erkennen. Und dann sah sie die Gestalten. Sie leuchteten sanft in einem hellen Grün. Während die eine Aura leicht pulsierte, änderte die andere immer wieder ihre Farbe von einem hellen zu einem dunklen Grünton. Es war unglaublich. Sie konnte jeden erkennen. Und weil jede Aura eine spezielle Ausstrahlung hatte, konnte sie sogar erkennen, wer sich da bewegt. Dann hörte sie wieder Gregs Stimme in ihrem Kopf. Mit Leichtigkeit deutete sie auf die sich bewegenden Figuren und benannte sie.

Das war unglaublich gut. Kein Wunder, dass du den Einbrecher noch vor deinen Eltern entdeckt hast.

„Woher weißt du von dem Einbrecher?“, fragte Caroline, als sie die Hörer und die Augenbinde abnahm. Greg lächelte.

„Ich hatte ein Gespräch mit deinen Eltern. So wie ich mit allen Eltern im Vorfeld spreche.“

Caroline nickte und reichte die Utensilien weiter. Auch Boris und Amanda mussten diesen Test, mit unterschiedlichem Erfolg, absolvieren. Dann gingen sie gemeinsam zum Mittagessen.

Amanda sah Caroline dabei die ganze Zeit fragend an. Caroline konnte förmlich spüren, was sie auf dem Herzen hatte.

„Na los, frag schon. Ich sehe doch, dass du was wissen willst.“

Amanda sah verlegen zu Boris und dann zurück zu Caroline.

„Ich, wir haben uns gefragt, wie du es geschafft hast, uns zu finden. Ich meine, du hast die Augen verbunden, die Ohren verstopft und trotzdem konntest du immer auch sagen, wer sich wo im Raum befand. Nicht nur, dass sich dort jemand bewegte. Das war schon fast unheimlich.“

Caroline sah irritiert zu den beiden.

„Aber das kann man doch ganz deutlich an der Farbe erkennen. Wenn man einmal weiß, welche Farbe die Aura hat, ist das ganz einfach.“

Boris und Amanda schauten sich verwundert an.

„Farbe??? Also, als ich versucht habe, euch zu finden, habe ich alles nur in Schwarz-Weiß gesehen. Und total verschwommen. Ich habe euch nur anhand der Größe unterscheiden können und das war schon schwer genug. Ich lag ja auch oft daneben.“

Boris blickte zu Boden.

„Wie, ihr könnt keine Farben sehen?“

Caroline sah überrascht zu den beiden. Boris nickte.

„Ich kann’s auch nicht. Meine Sicht ist auch nur in verschiedenen Grautönen. Das können nicht allzu viele. Aber cool, wenn du das kannst. Ist natürlich ein echter Vorteil.“

Amanda nickte bestätigend. Nachdenklich blickte sie Caroline an, sagte jedoch nichts.

Nach dem Mittagessen warteten sie vor dem Studierzimmer auf Greg, als Bea um die Ecke bog.

„Hi, ich hab ‘ne Nachricht für euch. Greg ist etwas dazwischen gekommen, sodass er euch heute keinen Unterricht geben kann.“ Entschuldigend schaute Bea von einem zum anderen. „Also werde ich euch mit unserer Bibliothek vertraut machen und euch das Archiv zeigen.“

Bei diesen Worten wedelte sie mit einer handschriftlichen Notiz. Dabei drehte sie sich um und ging in Richtung Halle davon.

Dort angekommen wartete sie, bis alle drei sich um den großen Tisch versammelt hatten. Dann wandte sie sich der hölzernen Flügeltür zwischen den geschwungenen Treppenaufgängen zu, die Caroline am Abend zuvor schon bewundert hatte. Die drei folgten Bea eilig, als diese die schwere Tür mühelos aufschob. Sie betraten einen riesigen, fast kreisrunden Saal. Natürliches Licht fiel durch ein großes, rundes Oberlicht. Außerdem bestand ein Teil der runden Außenmauer aus einer gewaltigen Fensterfront, die einen Ausblick auf einen ausgedehnten Park freigab. Durch eine Reihe niedriger Hecken konnte man das helle Blau des Pools glitzern sehen.

Die Bibliothek wurde zudem von Neonleuchten erhellt. In den Nischen, in denen Tische und Stühle zum Arbeiten einluden, gab es zudem Leselampen. In der Mitte des Raumes waren in Reihen Bücherregale aufgestellt.

„Das ist unsere Bibliothek. Was fällt euch auf?“

Bea drehte sich zu Amanda, Caroline und Boris. Alle drei sahen sich um. Dann stutzte Caroline.

„Warum sind an den Wänden keine Regale?“

Bea nickte.

„Das ist die richtige Frage. Also kommt mal her. Schauen wir uns das einmal genauer an.“

Damit bog sie nach links ab und ging auf eine der Nischen zu. Diese zogen sich, wie die Blätter eines Kleeblattes, an der gesamten Wand entlang. Ungefähr in der Mitte des Kleeblattes blieb sie erneut stehen.

„Was seht ihr?“

Wieder drehte sie sich zu den dreien um. Diesmal antwortete Boris:

„Diese Wand besteht aus drei Teilen hier unten und drei weiteren oben.“

Caroline blickte an der Wand entlang und erkannte, was Boris meinte. Die helle Wand war durch dunkle Säulen optisch in drei Teile unterteilt. Auf Höhe des zweiten Stockes führte lediglich eine Empore an der Wand entlang. Auch hier war die Wand durch die dunklen Säulen unterteilt. Das Ganze erinnerte Caroline irgendwie an eines dieser alten 3D-Kinos. Als sie dies sagte, fing Bea an zu lachen.

„Na ja, so ungefähr funktioniert das auch. Wenn ihr euch die Säulen mal etwas genauer anschaut, werdet ihr eine Reihe von Symbolen erkennen.“

Alle schritten näher an die linke der zwei Säulen heran. Die Säule bestand aus dunklem Marmor. Auf der Oberfläche waren diverse Schnörkel und Symbole eingraviert, die farbig unterlegt worden waren.

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Ograniczenie wiekowe:
0+
Data wydania na Litres:
22 grudnia 2023
Objętość:
250 str. 1 ilustracja
ISBN:
9783945914014
Wydawca:
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Автор
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