Czytaj książkę: «Deine Wahl»
EIN WECKRUF FÜR HUMANISTISCHEN, ÖKOLOGISCHEN UND TECHNOLOGISCHEN WANDEL, der uns alle betrifft, an uns alle gerichtet ist, der hinausgehen soll über nationale und sprachliche Grenzen, und deswegen in Deutsch und Englisch verfasst ist.
Wir leben in einer Zeit nie dagewesenen Wandels. Wir drohen an Überforderung durch neue Technologien und maßlose Informationsvielfalt kollektiv zu ersticken und mit uns das, was wir einmal Gesellschaft nannten. Jene, die den Wandel vorantreiben, haben vor allem zweierlei im Sinn: Profit und Macht. Sie missbrauchen uns als Klickvieh und Datenlieferant, reduzieren uns auf ein Dasein als Human Ressource und Konsument. Dadurch gefährden sie unsere Demokratie, Vielfalt und heute schon die Menschheit als ganze.
Das müssen wir nicht hinnehmen, sagt Humanist und Unternehmer Christopher Peterka. Statt unser Streben nur noch auf seine Wirtschaftlichkeit auszurichten, plädiert er für einen radikal offenen Dialog über das Menschsein: Wer wollen wir sein? Wie wollen wir miteinander als Gesellschaft leben? Welchen Sinn soll unser Streben haben?
Wir müssen diese fundamentalen Fragen neu verhandeln sonst tun es andere. Keine kurzsichtigen Lösungen mehr, stattdessen Widerstand gegen das gegenwärtige System! Wir müssen uns von den Ketten, die uns derzeit noch halten, lösen.
»Deine Wahl« soll uns ermutigen, den Status quo in Frage zu stellen und als progressiver Optimist das System nachhaltig zu verändern.
ANALOGER OPPORTUNIST
ODER
PROGRESSIVER OPTIMIST?
EINE EINLADUNG,
AM SYSTEMWECHSEL
MITZUWIRKEN

DARUM GEHT’S:
Du bestimmst mit, wie diese Welt aussehen soll: Turbokapitalismus oder nachhaltige Wirtschaft? Edge oder Internet der Dinge? »Weiter so« oder »ab jetzt anders«? Kurz: Du entscheidest, ob du ein analoger Opportunist oder ein progressiver Optimist sein willst. Um deine Position bestimmen zu können, findest du am Ende jedes Buchkapitels Orientierungsaussagen für einen Selbsttest. Denn: ES IST #DEINEWAHL.
Entscheiden: Gib zu jeder unserer Orientierungsaussagen an, wie sehr oder wie wenig du ihr zustimmst. Die 0 entspricht der Aussage »Ich stimme überhaupt nicht zu«, die 6 der Aussage »Ich stimme vollkommen zu«, alles dazwischen beschreibt eine Tendenz. Und natürlich gilt: Es gibt weder richtige noch falsche Antworten.
Ankreuzen: Trage für jede deiner abgegebenen Aussagenwertungen die Kreuze auf den dazu angegebenen drei Achsen des Achtecks (Download), deinem Profil-Oktagon, ein. Beispiel: Stimmst du bei einer Aussage vollkommen zu, machst du die drei Kreuze jeweils auf der 6 der in den Orientierungsaussagen vorgegebenen Achsen.
Entdecken: Wo häufen sich die Kreuze bei dir? Wenn du alle Orientierungsaussagen bewertet hast, vergleiche dein Profil-Oktagon mit den aufgeführten sechs Auswertungsbeispielen, um deine Tendenz zu ermitteln: Gehörst du eher zum analogen Opportunisten oder eher zum progressivem Optimisten?
Und jetzt? Posten und diskutieren! Fotografiere dich und dein Oktagon, diskutiere mit uns und deiner Community: Brauchen wir einen Systemwandel? Wenn ja, welche Rolle willst du dabei spielen? #DeineWahl @C_Peterka @MurmannVerlag

Download unter: bit.ly/DeinProfil
INHALT
Prolog
EINE UMARMUNG
Einleitung
HALLO
Wie lange wir hier sind, liegt bei uns
Kapitel 1
WIR SIND SKLAVEN DIGITALER MONOPOLE
Von Gutenberg bis Zuckerberg – von der Befreiung hin zum Rausch
Kapitel 2
GAFATA BEHERRSCHT DIE WELT
Virtueller Raum und reales Territorium – zwei Seiten derselben Münze?
Kapitel 3
DAS EINZIGE, WAS UNS ZU EINEM SYSTEMWANDEL FEHLT, IST ÜBERZEUGUNG
Hedonist 3.0 – Der Wuchermensch
Kapitel 4
WIR HABEN ENTSETZLICHE ANGST VOR UNSERER FÄHIGKEIT ZU LIEBEN
Preis versus Wert – den Unterschied erkennen und wissen, was zählt
Kapitel 5
LEUTE AUF DROGE SOLLTEN KEINE SUPERTANKER STEUERN
Von Liegestühlen und Rudern – begreifen, dass wir nicht machtlos sind
Kapitel 6
EXPONENTIALITÄT IST TÖDLICH
Von exponentiellem Wachstum und Hockeyschlägern – Verwickelt in eine Sache, die wir uns nicht vorstellen können
Kapitel 7
WIR SIND KAUM MEHR ALS EIN FLACKERN
Beschleunigende Beschleunigung – Warum wir uns danach sehnen, zu entschleunigen
Kapitel 8
WIR WERDEN MIT UNSEREN MASCHINEN VERSCHMELZEN
Homo ludens versus Software sapiens – die neue Spezies auf dem Planeten
Kapitel 9
DEN PLANETEN RETTEN KOSTET NICHTS
Das Unbekannte und sein Potenzial – »das Problem« lieben lernen
Kapitel 10
DAS GLOBALE WIRTSCHAFTSSYSTEM IST IRREPARABEL
Inklusion – Wir stecken hier alle gemeinsam drin
Kapitel 11
WARUM NICHT FLAMINGOS IN GRÖNLAND ZÜCHTEN?
Von menschlichen Ressourcen zu ressourcenreichen Menschen – verstehen, was wir sind
Kapitel 12
ES IST IN ORDNUNG, AHNUNGSLOS ZU SEIN
Die Komfortzone – Was soll daran so schlecht sein?
Kapitel 13
ALTERNATIVE FAKTEN SIND REAL
Anpassung an neue Realitäten – drei Fallbeispiele
Kapitel 14
VERTRAUE NUR FORENSISCH
Die Ära der digitalen Moderne – ein Umriss in sieben Perspektiven
Kapitel 15
WEITER SO BEDEUTET REGRESSION, ANDERS BEDEUTET SYSTEMWANDEL
Eine Schlussfolgerung – welche Wahl?
Über die Autoren
Profilauswertung (sechs Beispiele)
Prolog
Geschätzte Lesezeit: 7 Minuten
EINE UMARMUNG
»Our deepest fear is not that we are inadequate. Our deepest fear is that we are powerful beyond measure. It is our light, not our darkness, that most frightens us. We ask ourselves, Who am I to be brilliant, gorgeous, talented, fabulous? Actually, who are you not to be?«
So las ich es im Jahr 1998. Circa 15 Meter unter der Erde, am Ende einer Ausstellung zum Thema »Energie« angekommen, die der österreichische Medienkünstler André Heller im Auftrag des deutschen Energiekonzerns RWE zu dessen 100-jährigem Jubiläum auf dessen erste – nun stillgelegte – Zeche für umgerechnet 17 Millionen Euro gebaut hatte.
Der »Meteorit«, wie das gewaltige, schräg in die Erde gebaute Gebäude hieß, war für mich ein früher Ort der Faszination. Zahlreiche internationale Vordenker und Künstler hatten diesen Fremdkörper inmitten des Ruhrgebietes zu einer kraftstrotzenden Inspirationsquelle gemacht, in der ich mich immer wieder stundenlang aufhielt, um die wundersamen Perspektiven auf das für uns Menschen vielleicht zentrale Thema unserer Existenz – Energie – auf mich wirken zu lassen und zu erkunden.
Der oben angeführte Satz war in drei Sprachen auf einen Raum im Raum in Weiß auf mattem Schwarz geschrieben, der ganz am Boden des Meteoriten lag. Geschrieben hat ihn Marianne Williamson, die als spirituelle Aktivistin, Autorin, Lehrerin und Gründerin der Friedensallianz derzeit nicht nur eine Graswurzelbewegung zur Einführung eines amerikanischen Ministeriums für Frieden anführt, sondern sogar Kandidatin der Demokraten für den nächsten amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf ist. Dieser Hintergrund, der sich erst heute so klar für mich darstellt, war mir damals offen gestanden ziemlich egal. Viel wichtiger war die »Magie« dieses Ortes – dieser tiefschwarz gefärbten Kammer, versteckt im Meteoriten. Williamsons Gedanke hat mich jedoch nie verlassen und mich seit jeher als Mantra begleitet.
Seit ich mit 16 Jahren meine ersten unternehmerischen Gehversuche noch vom Schulhof aus gehen durfte und über all die folgenden Jahre steter Neugründungen und Partnerschaften mit immer wieder neuen, spannenden Köpfen bin ich vom kreativen Potenzial des Menschen und des Menschseins immer wieder neu fasziniert. Und als Kind zweier Beamter, aufgewachsen in einem konservativen, behüteten Umfeld, bedeutete er mir damals wie heute immer wieder, die Energie zu finden, die ich brauche, um wieder aufzubrechen, erneut aufzustehen, aufzubrechen, mich aufzumachen, um Ideen in die Tat umzusetzen.
Umso mehr schmerzt es mich bis hin zur körperlichen Empfindung von Enge, Härte und Trauer, wenn ich spüre, wie viele der Menschen, denen ich begegne, aus Angst an längst abgelaufenen Versionen von sich selbst, an Rollen oder Geschäftsmodellen von gestern festhalten, als gäbe es keine Alternativen. Alternativen, die jedem ausnahmslos sofort ein Lächeln ins Gesicht und ein Funkeln in die Augen zaubern, sobald wir darüber zu sprechen beginnen.
Während all der Jahre, 20 ungefähr sind es an der Zahl, die ich nun also schon als Spurenleser zukünftiger Entwicklungen durch die Weltgeschichte reise, habe ich für mich entdecken dürfen, wie mich dieses Lächeln und Funkeln nährt. Wie es mich motiviert, selbst über Alternativen, neue Möglichkeiten und Wege nachzudenken – und darüber auch immer öfter und öffentlicher zu sprechen. Und damit schließt sich ein Kreis zum Satz aus dem Meteoriten.
Immer wieder wurde ich von Freunden, Kollegen und Partnern gefragt: Warum machst du das? Warum fliegst du für drei Tage nach São Paulo, um einen Kurator dazu zu befragen, warum er seine Biennale mit leeren Hallen ohne Kunstwerke bestreitet? Warum musst du unbedingt den Bürgermeister von Reykjavík kennenlernen oder einen Entwickler von sozialen Wohnungsbauprojekten in Johannesburg? Schreibst du deine Doktorarbeit? Machst du einen Film? Was soll der ganze Aufwand?
Die Antwort steht in diesem Buch – endlich. Nach zwei gescheiterten Anläufen, die ich in den letzten drei Jahren unternommen habe, habe ich seit dem Sommer 2018 aus meinem Netzwerk auf wunderbar leichtfüßige Art und Weise die Komplizen empfohlen bekommen, mit denen ich meine Beobachtungen, Reflexionen und Thesen für ein gesünderes Miteinander von uns allen und unserem Planeten zusammenfassen durfte.
Und damit ist es Zeit, mich zu bedanken. Bei meiner »denkenden Feder« Sebastian Michael, der nach zehn Jahren Funkstille plötzlich – übrigens via Facebook Messenger – wieder auftauchte und es auf faszinierende Art und Weise versteht, Gedanken in Worte zu übersetzen und mit seinem eigenen Erfahrungsschatz zu würzen. Bei Lars Zöllner, der mit blitzschnellem Intellekt und Fingerspitzengefühl für die richtige Adresse die Verbindung zu Murmann Publishers hergestellt hat. Bei Adrian Iselin, der unsere englischen Texte mit Tempo und viel persönlicher Identifikation für die Themen ins Deutsche übersetzt hat.
Und letztlich und vor allem bei Johann und seiner Schwester Josephine, meinen beiden wundervollen Kindern, die mir die Disziplin und Entschlusskraft ermöglichen, jeden Tag aufs Neue selbst zu erproben, was es bedeuten kann, ein progressiver Optimist zu sein.
Denn wenn ich mich auf eines freue, dann ist es der Tag, an dem sie mich fragen werden: Papa, was hast du damals im Jahr 2020 gemacht, als es für uns und die Erde um alles ging?
Anders als die vielen bewundernswerten Aktivisten, Wissenschaftler, Unternehmer und Engagierten, die sich in weit wirkungsvollerer Art und Weise um positive Visionen und, noch viel mehr, handfeste Modelle für mehr Balance miteinander und unserem Planeten verdient machen, darf ich wenigstens sagen: Ich habe ein Buch geschrieben und mich getraut. Habe es gewagt, von Liebe, Menschlichkeit und Fortschritt zu sprechen und all die da draußen einzuladen, mehr darüber zu sprechen als nur über das nächste heiße Geschäftsmodell.
Also betrachte dieses Buch als Umarmung, selbst wenn sich das etwas merkwürdig anhört. Schließlich kennen wir uns zum größten Teil nicht. Bisher.
Aber wir – und jetzt muss ich hier Sebastian miteinbeziehen, denn er hat alles in Worte gefasst, was von hier an folgt –, wir lieben dich. Für dein Menschsein. Und wir wollen das sagen können, ohne kitschig oder »hippy« zu klingen oder den Eindruck zu machen, dass wir beide vor einer halben Stunde ein paar Pillen eingeworfen haben. Dieses Buch entstammt einer Liebe für die Menschheit. Es wird von einer gewissen Dringlichkeit begleitet, und wir hoffen, sie erreicht dich als freundliche Geste. Die Iren haben ein Sprichwort: »There are no strangers here, only friends you haven’t yet met.«
Weswegen wir auch ganz offen zu dir sprechen wollen. Keiner von uns ist »Experte« als solcher. Also könnte man auch sagen, es ist anmaßend von uns, sich hinzusetzen und ein Buch zu schreiben. Aber wir haben doch so einiges an Wissen und Erfahrung gesammelt bei all der Arbeit, die wir mit vielen Leuten geleistet haben, die besser qualifiziert sind als wir und die wir daher als unsere Lehrer erachten. Wenn du also an irgendeinem Punkt, während du dieses Buch liest, den Eindruck bekommst, dass wir uns ein bisschen als Lehrer betrachten, dann lass uns das mit einem Zitat von Jack Ma, dem Mitgründer von Alibaba, ins rechte Licht rücken. Alibaba, wenn du das nicht bereits weißt, ist eines der zehn wertvollsten Unternehmen auf der Welt und das größte E-Commerce-Unternehmen weltweit. Wir zitieren ihn auch an einer anderen Stelle in diesem Buch.
In einer Unterhaltung mit dem World Economic Forum in Davos sagte er: »Being a teacher does not mean that I am better than you are. Everything I know better than you, I learnt from others. So a teacher should learn all the time. A teacher should share all the time. A teacher should always expect other people to be better than [they] are.« Und in diesem Sinne sind wir froh, Lehrende und Lernende und Teilende zu sein. Und wir sind selbstverständlich deine Brüder und deine Freunde. Können zwei Menschen all diese Dinge zugleich sein? Absolut. Das ist das Schöne an dem Zeitalter, in dem wir leben.
Willkommen in der Ära der digitalen Moderne.
Christopher Peterka, Planet Erde, 2019
Einleitung – Wie lange wir hier sind, liegt bei uns
Geschätzte Lesezeit: 15 Minuten
Erster Abschnitt: 9 Minuten
Zweiter Abschnitt: 6 Minuten
HALLO
Du bist großartig.
Ernsthaft: Auch ohne dass du dabei aufgenommen wirst, wie du einen Rückwärtssalto durch einen Ring machst und der Clip in eine YouTube-Compilation aufgenommen wird, bist du bereits ein außergewöhnliches Wesen. Dein Körper ist wunderschön: ein fein abgestimmter Organismus mit der bemerkenswerten Fähigkeit, sich an sein Umfeld anzupassen; und lange bevor du es überhaupt genutzt hast, ist dein Gehirn das komplexeste Ding, das der Menschheit bekannt ist. Du bist wahrhaft erstaunlich.
Du bist ein Vollidiot, weil du Mark Zuckerberg deine Daten anvertraust. Und nicht wir nennen dich einen Vollidioten, Mark Zuckerberg höchstselbst tut es. Er nennt uns alle Vollidioten, und er hat recht damit: Wir sind alle Vollidioten, weil wir ihm unsere Daten anvertrauen.
Wenn du einer der wenigen Menschen bist, die das nicht tun, und du keinen Facebook-Account hast oder ihn nicht verwendest, dann herzlichen Glückwunsch. Freu dich aber nicht zu früh: Wenn du egal welchem der großen Digital Player egal wo auf der Welt deine Daten anvertraust, verschenkst du dich selbst.
[DU BIST WARE. WEGWERFBAR, AUSTAUSCHBAR, AUSBEUTBAR, VERKAUFBAR.]
Du verschenkst alles, was es über dich zu wissen gibt: Du bist Ware – wegwerfbar, ausbeutbar, verkaufbar. Und sie verkaufen dich tatsächlich: an ihre Werbeagenturen, aneinander, vorwiegend jedoch wieder an dich. Sie lernen dich so gut kennen, dass sie dir nicht nur die Dinge verkaufen, die du willst, sie kriegen dich auch dazu, Dinge zu wollen, die sie verkaufen. Sie können dich dazu bringen, Dinge zu glauben, von denen du nie gedacht hättest, dass sie wahr sein könnten, und sie schaffen es, dass du an Dingen zweifelst, die du immer für selbstverständlich gehalten hast. Sie besitzen dich.
Dennoch: Mach dich deshalb nicht fertig. Denn vielleicht hast du hier einfach keine wirkliche Wahl. Du lebst in einer Welt, in der es bald sieben bis acht digitale »Superstaaten« geben wird, die jede signifikante, von uns jemals getätigte Transaktion kontrollieren werden.
Social Media war nur der Anfang. China ist auf dem Weg, dein soziales Profil und dein öffentliches Verhalten direkt mit deinem Bankkonto und deinen Möglichkeiten, zu reisen, zu verknüpfen. Dein physisches Leben und deine Online-Existenz sind engstens verzahnt. Wenn du in Shenzhen bei Rot über die Straße gehst und die Gesichtserkennungssoftware dich erfasst, bekommst du nicht mal mehr einen Bußgeldbescheid geschickt: Das Geld wird automatisch von deinem Konto abgebucht, und dein Sozialkredit bekommt einen Punkteabzug. Und während du noch besorgt auf dein Wallet auf deinem Smartphone blickst, starren alle um dich herum auf den großen Bildschirm am Straßenrand, der der Welt dein Gesicht zeigt und dich dafür anprangert, gegen das Gemeinwohl verstoßen zu haben …
Und denk gar nicht daran, dass das woanders nicht passieren könnte oder nicht bereits passiert. »Offline bleiben« oder »aus Social Media aussteigen« – beides wird künftig keine Option mehr sein. Du bist vielleicht kein Vollidiot, der blind großen Unternehmen vertraut, aber die Grenze zwischen dem, was ein Unternehmen ist und was eine Nation, was ein autoritärer Staat und was ein drakonischer kommerzieller Monolith, ist bereits verschwunden: um überhaupt noch irgendwie sinnvoll zu funktionieren, musst du Teil des Netzwerks sein. Versuch mal, einen Handyvertrag ohne Datenpaket abzuschließen. Oder einen Flug zu buchen ohne E-Mail-Adresse. Oder in Schanghai eine Tasse Kaffee ohne Smartphone zu bekommen. Im Großen und Ganzen ist das alles einfach nicht mehr möglich.
Ein Vollidiot zu sein ist eine Sache. Nichts dagegen tun zu können eine ganz andere. Kein Wunder, dass wir völlig überfordert sind. Wir fühlen uns machtlos, und zwar nicht nur, weil der Mann, der Facebook erfunden hat, abfällig über uns redet. Wir werden auch nonstop mit Signalen und Eindrücken gefüttert, von denen viele schlechte Nachrichten enthalten: der Planet überhitzt, die Politik am Ende, und dann noch schnell ein Pop-up dazwischen oder Werbung, nach 40 Sekunden Spielzeit, mitten im Clip. Wer denkt sich das aus? Wenn sich jemand, der sich mit dir im Raum befindet, so verhalten würde, würdest du ihn hinauswerfen.
[WIR SIND STÄNDIG ABGELENKT, STÄNDIG GEREIZT.]
Wir sind gestresst, weil wir ständig abgelenkt werden, sind dauergereizt und können scheinbar trotzdem nicht loslassen. Und wir spüren, dass diese neuen Strukturen, in die wir eingebunden sind, uns nicht nur auf kurze Sicht erschöpfen, sondern auf lange Sicht auch Schaden zufügen. Wir haben das Gefühl, dass bewährte Konzepte davon, was für uns eine Beziehung bedeutet oder eine professionelle Karriere oder ein Mitglied einer Gemeinschaft zu sein, zu leiden beginnen oder sogar zerfallen.
Das ist es, was uns so nervös macht, so unruhig, und paradoxerweise auch, was jede Ablenkung so willkommen macht, zumindest oberflächlich: Für ein paar Sekunden können wir vergessen, dass wir vollkommen gestresst sind, obwohl wir eben noch gestört wurden. Denn auch wenn wir es noch nicht ganz durchdacht haben, ist uns bewusst, dass wesentliche Grundlagen unserer Existenz untergraben werden. Und seien wir ehrlich: Wer hat schon die Zeit oder die Ruhe, sich mit dieser Art Phänomen auseinanderzusetzen – wo es doch unmöglich scheint, es überhaupt auf den Punkt zu bringen, geschweige denn, mit seinem Ausmaß klarzukommen?
Genau aus diesem Grund haben wir dieses Buch geschrieben. Denn die Frage ist offensichtlich nicht: Bist du ein Vollidiot oder bist du großartig? Ganz klar bist du beides. Die Frage ist: »Wie kann man großartig sein und dabei nicht so wütend werden, dass man jemanden hinauswirft, oder dabei nicht so in Depression verfallen, dass du das Handtuch werfen willst?« Oder kein dystopischer, unglücklicher Misanthrop werden, der von Verschwörungstheorien besessen ist und glaubt, alle anderen seien an der eigenen Misere schuld. Oder zu keinem passiven Lemming, der jede tragbare Alternative an sich vorbeiziehen lässt und hofft, mit ein paar Achtsamkeitsübungen wenigstens bei Verstand zu bleiben. Wenn du einmal verstanden hast, dass dies die Frage ist, kannst du anfangen, sie zu beantworten – und Dinge zu verändern.
Der Untertitel für dieses Buch lautet: Eine Einladung, am Systemwechsel mitzuwirken. Es gilt, den kleinmütigen Diskurs unserer Zeit zurückzulassen und sich zu entscheiden, auf welcher Seite man steht. Das meinen wir im Prinzip wörtlich. Es ist wichtig, eine Entscheidung zu fällen, ob man zu dem wird, was wir als analogen Opportunisten bezeichnen, oder zu dem, was wir einen progressiven Optimisten nennen.
Uns ist aber auch klar, dass das alles nicht ganz so einfach, auch nicht entweder schlicht schwarz oder schlicht weiß ist. Oder, wie das Cover suggeriert, einfach eine Frage nach der roten oder der blauen Pille. Wir wollen dich jedoch auch ein bisschen aufrütteln – auf die denkbar freundlichste Art –, sodass du feststellen wirst, dass wir gewagte Aussagen machen und auch mal eine Provokation in den Raum stellen. So läuft das heute im Tumult unserer Welt und ist auch ein Zeichen unserer Zeit.
Fakt ist, dass jeder von uns, wie vieles andere auch, ein ganzes Spektrum darstellt. Oder ein Raster. Also haben wir am Ende jedes Kapitels Behauptungen aufgestellt, die dir bei ehrlicher Beantwortung erlauben, dich auf dem Spektrum zwischen analogem Opportunisten und progressivem Optimisten zu verorten. Und wieder handelt es sich – wie bei so vielen Dingen – um eine nicht ganz so eindeutige Angelegenheit. Nur weil du heute mehr in der Welt von gestern zu Hause bist, muss das nicht heißen, dass du dort für alle Ewigkeit feststeckst. Außer natürlich, es ist deine Überzeugung, dort zu bleiben, dass es das ist, was du wirklich willst: deine Wahl. Und wenn nicht, dann können wir dir dabei helfen, ein progressiver Optimist zu werden. Tatsächlich würden wir uns am meisten darüber freuen, wenn das Buch genau diesen Effekt für dich hätte.
Die große Entscheidung, die der Buchtitel anbietet, ist tatsächlich eine ganz simple. Es ist eine kontinuierliche Entscheidung, die jeden Tag deines Lebens ansteht: Gibst du nach, resignierst du oder tust du nichts? Oder inspirierst du dich, triffst eine positive Wahl, änderst deine Welt ein bisschen, jeden Tag zum Besseren.
[DU KANNST DEN PLANETEN WIEDER GROSSARTIG MACHEN.]
Wir haben natürlich eine Präferenz. Für uns ist klar, dass, solange du einfach nur in Panik gerätst, du gelähmt und hilflos bleibst. Das hilft denen, die Herrschaft über dich etablieren wollen. Wenn du wütend bist, bist du emotional geladen und irrational. Das hilft denen, die dich beeinflussen wollen, weil es für sie leicht ist, diese Wut anzuzapfen und dich dazu zu bringen, Dinge zu tun und zu sagen, die vielleicht nicht deiner eigentlichen Überzeugung entsprechen. Du fängst an, Feinde zu sehen, wo keine sind, und anstatt dich mit deiner unermesslichen Fähigkeit zu lieben zu verbinden, fängst du an, Dinge zu hassen. Vor allem »andere« Leute.
Es gibt Manipulateure und Agitatoren, die genau das wollen: dass du wütend bist, irrational, gehässig und gewalttätig. Solange das der Fall ist und wir uns gegenseitig bekämpfen, können sie sich im wahrsten Sinne alles erlauben.
Unsere Aufforderung ist also: Ja, werde wütend, gerate in Panik. Wenn du aber das Wütendsein und die Panik hinter dich gebracht hast – freu dich. Denn du kannst Dinge ändern. Du kannst die Kontrolle zurückholen. Über dein Leben, über das, was du willst und brauchst, über deinen Blick auf die Welt und über deine Beziehungen zu deinen Mitmenschen. Du kannst dich komplett neu kalibrieren. Du kannst sogar unseren Planeten wieder großartig machen.
Vielleicht ist es unmöglich, die Trillion an Faktoren zu kontrollieren, die aktuell dein Leben beeinflussen. Vielleicht stehen dir auch nicht die Ressourcen zur Verfügung, um jede Schlacht um dich herum zu bestreiten. Aber vielleicht ist das auch gar nicht notwendig. Denn die Kontrolle zurückzuholen bedeutet, zu einem Teil loszulassen. Zu akzeptieren, dass unsere Welt flüssig geworden ist, ungewiss, unvorhersehbar. Du kannst lernen, deinen Griff zu lockern, frei und anmutig, und eine neue Art von Stabilität finden in der Bewegung. Wenn das widersprüchlich klingt, dann, weil es das ist. Sei der Widerspruch! Blüh auf im fließenden Zustand der semidigitalen, semihumanen Existenz, auf die wir hintreiben: ebenso »virtuell« wie »real«. Das kannst du überall auf der Welt tun. Ohne Wut. Ohne Gewalt. Ohne Hass.
Und es ist wahr: Wir leben in wütenden, gewalttätigen, hasserfüllten Zeiten. Nicht zum ersten Mal und wahrscheinlich auch nicht zum letzten Mal. Nichtsdestotrotz: Wir müssen uns in unserer Zeit orientieren und Wege finden, zusammen frei zu sein, ohne uns gegenseitig zu verletzen, um Meinungen zu hören und unsere eigenen zu vertreten, ohne uns angegriffen zu fühlen, Raum und Zeit zu schaffen, damit unser Geist ruhen und tatsächlich denken kann. Wir müssen neue Wege finden, Menschen zu sein. Verletzlich, schön, fehlerhaft; zugleich anmutig, großzügig und respektvoll. Wertschätzend. Uns selbst gegenüber, gegenüber denen, mit denen wir den Planeten teilen, gegenüber dem Planeten, mit dem wir unser Leben teilen.
Und das bedeutet, uns selbst im Anthropozän neu zu verstehen.
Manche von euch werden nun weise nicken und sich denken: »Klaro.« Andere werden sich fragen: »Was soll denn das jetzt? Was zum Teufel ist das Anthropozän?«
DAS ANTHROPOZÄN
Es wird viel darüber debattiert, was genau das Anthropozän ist. Einig ist man sich darüber, dass es die Periode mit dem signifikantesten Einfluss von uns Menschen auf die Erde und alles, was sich darauf befindet, bezeichnet. Den signifikantesten Einfluss. Signifikanter als alles andere. Nicht nur ein Kratzer an der Oberfläche mit ein bisschen Waldrodung zur Feldbestellung oder einer ausgestorbenen Tierart, die zu viel gejagt wurde, sondern ein Einfluss, mächtiger und langfristiger als alle anderen Einflüsse zusammen: Das Anthropozän ist das Zeitalter menschlicher Konsequenz. Das Zeitalter, in dem die Menschen die Erde vollständig beherrschen und sie in einem solchen Ausmaß beeinflussen, dass es sogar das Wetter betrifft.
Unklar ist allerdings, wann es beginnt. Manche sagen, es begann vor 12 000 bis 15 000 Jahren, als wir die Landwirtschaft entwickelten und begannen, großflächig Wälder abzuholzen, weitläufig Landstriche umzuwandeln, um sie landwirtschaftlich zu nutzen und in Siedlungen zu leben.
[DAS ANTHROPOZÄN IST DAS ZEITALTER MENSCHLICHER KONSEQUENZ.]
Andere sehen den Beginn des Anthropozäns in der aufkommenden industriellen Revolution, wofür es auch gute Argumente gibt. Von 1760 bis etwa 1840 ändert die industrielle Revolution vollständig die Art, wie wir Energie und menschliche Ressourcen verwenden. Wir wandeln uns von einer vorwiegend ländlich verankerten Spezies zu einer, die in Städten lebt.
Wir beschleunigen unsere Produktionsmethoden immens, und anstatt vorwiegend zu verwenden, was auf dem Boden liegt oder aus ihm herauswächst, wie zum Beispiel Holz, um unseren Energiebedarf zu decken, graben wir nun tief in die Erde hinein und beginnen, Kohlereserven auszuschöpfen. Wir verbrennen fossile Stoffe in einem Umfang wie niemals etwas anderes zuvor. Und wir gedeihen: Manche von uns leben in Armut und unter miserablen Bedingungen, Kinder müssen in Minen hineinklettern, in denen ihre Lungen verstauben, eine Hölle, die zwölf Stunden am Tag ihren Arbeitsplatz darstellt, ganze Bevölkerungen werden versklavt, und Menschen sterben an Cholera und Unterernährung, aber als Spezies explodieren wir: Wir sind ein Erfolg.
Eine andere Denkschule versieht das Anthropozän mit einem exakten Startdatum: dem 16. Juli 1945. An diesem Tag führen die USA ihren ersten Atomtest durch, was den Beginn des nuklearen Zeitalters in bitterem Ernst einläutet. Jetzt, wo uns Atombomben jederzeit zur Verfügung stehen, können wir uns selbst und unsere Umwelt mehrfach vollständig vernichten: Das ist fraglos ein signifikanter Einfluss.
Für wieder andere liegt der Beginn des Anthropozäns im Jahr 1964. Die Beatles erreichen die USA, und die Beatlemania bricht aus. Die USA sind tief in den Vietnamkrieg verwickelt, und Tokio hält die Sommerolympiade ab. In manchen amerikanischen Städten gibt es Rassenaufstände, und Martin Luther King Jr. ist bis dato der jüngste Empfänger des Friedensnobelpreises. Kenia wird zur Republik, und Pete Townshend von The Who zerschmettert seine erste Gitarre bei einem Konzert in London. Und einer der Autoren dieses Buches wird geboren. Yeah!
Keines dieser Ereignisse genügt indes, um das Jahr 1964 zum Auftakt des Anthropozäns zu machen. Ausschlaggebend dafür ist ein Bündel menschlicher Einflussnahmen, die seit Ende des Zweiten Weltkrieges immer stärker werden, im Rahmen dessen, was als »die Große Beschleunigung« bekannt ist: Faktoren wie Bevölkerungswachstum, Konsumgüterproduktion, Energieverbrauch, zurückgelegte Reisestrecken, erzeugter Müll, umgewandeltes Land, verteilt über den ganzen Globus.
[WIR HABEN DEN GRÖSSTEN EINFLUSS AUF DEN PLANETEN. DAMIT MÜSSEN WIR JETZT RECHNEN.]
Es ist eigentlich gleichgültig, was davon man nimmt, für jeden Punkt spricht etwas. Egal wie man es sieht, wir Menschen haben unsere Präsenz auf diesem Planeten immer deutlicher gemacht und darüber den Punkt erreicht, an dem wir zum definierenden Element geworden sind. Wir sind diejenige Spezies, die alle anderen überwältigt – und damit auch den Planeten als ökologisches System. Wir sind das Lebewesen, von dem alles andere abhängt.
Gelegentlich fallen wir Katastrophen zum Opfer, und es gibt für uns tödliche Desaster, die nicht auf Menschen zurückgehen, den größten Einfluss auf die Erde jedoch üben wir aus. Also müssen wir jetzt damit fertig werden. Und wie wir das bewerkstelligen, wird definieren, wer wir sind. Nicht nur, wer wir jetzt sind, sondern auch, wer wir sein werden in absehbarer Zukunft. Denn unser Einfluss auf den Planeten wird sich nicht verringern, er wird eher noch steigen. Und unsere Verwobenheit mit der Technologie, die uns diesen riesigen Vorsprung gegenüber allen anderen Arten gegeben hat, wird sich verdichten, nicht abschwächen. Wir werden mit unseren Erfindungen verschmelzen, und wir werden von unseren eigenen Schöpfungen überholt werden: vor allem von der künstlichen Intelligenz. Wir werden lernen müssen, damit zu leben und damit zurechtzukommen. Sie anerkennen, definieren, leben.
Wenn man gedanklich mal die Mitte der 1960er-Jahre als Startpunkt des Anthropozäns nimmt, eröffnet dies eine erstaunliche Deklination des Zeitstrahls, der folgendermaßen aussieht:
Man geht heute davon aus, dass das, was als Verhaltensmoderne bekannt ist – das Verhalten, das Menschen als solche erkennbar macht, auch wenn es sich von unserem heutigen Verhalten sehr unterscheidet –, vor rund 50 000 Jahren begann. Der nächste große Schritt hin zu den frühen Zivilisationen, die durch Schrift, die Entstehung von Städten und komplexe Gesellschaften gekennzeichnet sind, die Rechtsvorschriften kennen, geschah vor etwa 5000 Jahren. Die Moderne – das Zeitalter der Vernunft und der Aufklärung, in dem wir Vertrauen in die Wissenschaft aufbauen – fängt vor etwa 500 Jahren an. Und trotzdem beginnt das Anthropozän, in dem unser eigener Einfluss jenen aller anderen zusammen übertrifft, vor erst 50 Jahren.
Du hast bestimmt schon mal die Infografik gesehen, die die Geschichte unseres Planeten als 24-Stunden-Uhr darstellt, bei der die Stunde null die Entstehung der Erde ist und Mitternacht das Jetzt kennzeichnet. Das Leben – in jeglicher Form – beginnt in diesem Verlauf um vier Uhr morgens. Dann dauert es gute zehn Stunden, bis kurz nach 14 Uhr, bis es zu einer einzelligen Alge wird. Weitere vier Stunden später: sexuelle Reproduktion. (Endlich!)
Die Dinosaurier streifen dann gegen 23 Uhr für rund 20 Minuten umher. Die Säugetiere übernehmen gegen zwanzig vor zwölf, und wir Menschen haben unseren großen Auftritt um 23:58:43 Uhr, also gut eine Minute vor Ablauf dieses metaphorischen Tages. Wo auch immer man den genauen Beginn des Anthropozäns ansetzt, es ist eine unglaublich kurze Epoche: maximal eine Minute Erdzeit, wahrscheinlicher aber nur der Bruchteil einer Sekunde.
Lass das mal auf dich wirken und genieße den Moment. Denn er wird möglicherweise nicht lange anhalten. Manche Leute sind der Meinung, wir haben Glück, wenn wir als Menschen noch 50 Jahre auf dem Planeten haben. Dem Planeten wird es egal sein: Er wird sich noch eine ganze Weile weiterdrehen, mit uns oder ohne uns. Wir halten es aber für ein lohnendes Ziel, noch eine Weile länger hierbleiben zu können. Und darum geht es in diesem Buch: ein paar Ideen dazu zu reflektieren, wie wir noch lange auf unserem Planeten Erde leben bleiben können, und zwar auf gute Weise.
ORIENTIERUNGSAUSSAGEN
0.1
»Eine Kombination aus Überwachungsdaten und Verhaltenskodex kann zu nachhaltigem und zivilisiertem Sozialverhalten führen.«

Trage diesen Wert auf folgenden Achsen ein: A, C, D.
0.2
»Die Fortsetzung des kleinmütigen Diskurses von heute führt zu persönlicher Isolation und Depression.«

Trage diesen Wert auf folgenden Achsen ein: B, D, H.
0.3
»Es ist okay, zuerst wütend zu werden und dann vorwärts- statt rückwärtszudenken.«

Trage diesen Wert auf folgenden Achsen ein: A, D, F.
0.4
»Eine Erweiterung des Anthropozäns ist wünschenswert.«

Trage diesen Wert auf folgenden Achsen ein: A, E, H.
ÜBUNGEN FÜR DEN WANDEL
Werde wütend. Zerstöre etwas Entbehrliches.*
* HAFTUNGSAUSSCHLUSS:
Du bist ein verantwortlicher Erwachsener: Offensichtlicherweise sollst du nichts und niemandem Schaden zufügen. Du sollst weder dich selbst noch andere verletzen, noch das Gesetz brechen. Wenn du kein Erwachsener bist oder nicht verantwortlich, finde einen verantwortlichen Erwachsenen zur Beaufsichtigung, bevor du diese Übung durchführst.
Wenn du deinen Akt der Zerstörung teilen möchtest, kannst du das hier tun: https://twitter.com/C_Peterka
Kapitel 1
Geschätzte Lesezeit: 23 Minuten
Erster Abschnitt: 7 Minuten
Zweiter Abschnitt: 10 Minuten
Dritter Abschnitt: 6 Minuten
WIR SIND SKLAVEN DIGITALER MONOPOLE
VON GUTENBERG BIS ZUCKERBERG – VON DER BEFREIUNG HIN ZUM RAUSCH
BEFREIUNG
Stell dir vor, du bist kein Vollidiot.
Stell dir vor, du bist ein gut aussehender Typ mit sinnlichen Lippen, schönen Haaren und einer Denkerfalte auf der Stirn. Stell dir das Selfie vor: Du bist intelligent, du bist toll, du bist sexy.
Ein Selfie geht gerade nicht, denn wir schreiben das Jahr 1517, aber ein schickes Porträt von dir wurde gemalt: Läuft bei dir.
Du lebst in einer pittoresken kleinen Stadt namens Wittenberg in der Mitte Deutschlands, das allerdings noch nicht Deutschland heißt, sondern Heiliges Römisches Reich. Streng genommen ist es kein Reich, es ist nicht wirklich römisch, und es ist ganz sicher nicht heilig. Zumindest deiner Ansicht nach nicht, und die ist sehr entschieden, denn du bist ein Mönch: Du verbringst den größten Teil deiner Zeit mit Beten und damit, das Wesen Gottes zu erkunden. Manchmal gehst du auf Pilgerfahrt. Du bist Martin Luther, das Original.
[DU HAST KEINE GEDANKENFREIHEIT NOCH SONST IRGENDEINE FREIHEIT.]
Dein größtes Problem mit dem Heiligen Römischen Reich und der katholischen Kirche besteht darin, dass die Kirche durch das Heilige Römische Reich fast absolute Macht genießt und allen, auch dir, vorschreiben will, was sie denken sollen, was sie sagen sollen, was sie tun sollen, wann sie beten sollen und an wen sie glauben sollen. Gedankenfreiheit? Fehlanzeige! Noch ist irgendeine andere Art von Freiheit in Sicht. Dir wird vorgeschrieben, wie alles zu laufen hat, und das Risiko, das du eingehst, wenn du widersprichst, ist beträchtlich. Und vor allem real: Du könntest exkommuniziert werden, was in der Praxis bedeutet, dass du alle Glaubwürdigkeit in der Gesellschaft verlierst; du könntest sogar hingerichtet werden.
Aber es gibt eine Sache, die dich wütender macht als alles andere: der »Ablasshandel«. Was soll die Scheiße?
Es geht dabei genau um das, was du denkst, aber das sagst du so nicht. Im Endeffekt geht es um Freifahrtscheine, die von der Kirche an die Leute verkauft werden. Nur statt aus dem Gefängnis sollen sie damit aus dem Fegefeuer entlassen werden. Und anders als die Monopolykarten sind sie nicht kostenlos: Leute zahlen echtes Geld dafür.
Du hältst das Ganze für Abzocke. Es geht dabei um ein heimtückisches Geschäft, bei dem Geld von den Armen zu den Reichen fließt. Die Armen sind das Volk, die meisten haben keine Bildung und glauben daher, was auch immer man ihnen sagt; die Reichen gehören zum Adel und zur Kirche. Die Kirche verfügt über immensen Wohlstand, sie schwimmt im Gold. Und da in den Augen der katholischen Kirche alle Sünder sind, landen alle im Fegefeuer. Das Fegefeuer ist der Vorhof zur Hölle: ein unangenehmer Ort. Aber für eine kleine Gebühr erspart dir ein Ablassbrief die furchtbare Folter und den unerträglichen Schmerz, den du dort erfährst, um für deine Sünden zu büßen. Sollten deine Sünden besonders widerlich ausfallen, fällt die Gebühr natürlich ein wenig höher aus.
Du hältst das Ganze für einen riesigen Unsinn. Du bist Mönch, du hast die Schriften studiert, und zwar ausgiebig. Jeden Tag, jahrelang. Es ist dein Beruf gewesen, die Schriften zu studieren. Und so wie du die Schriften begreifst, kann jeder Erlösung und Gottes Vergebung erlangen, wenn er nur an Christus glaubt. Und das tust du kund. Das passt der katholischen Kirche gar nicht; was die katholische Kirche angeht, bist du Häretiker und extrem gefährlich.
Und immer noch ist es das Jahr 1517: Was tun?
Du hast kein Internet, kein Smartphone, keine Verschlüsselung, auch kein Telefon, noch nicht einmal Strom. Es gibt keine Züge, keine Flugzeuge, keine Autos. Du hast den Papst und das ganze »Heilige Reich« im Nacken, und du bist Mönch. Du hast dich einem Leben in Armut und Demut verschrieben, du besitzt nichts.
Du druckst.
Das Buch ist deine Waffe, und sie ist kein Geheimnis mehr. Du kannst dich direkt an dein Publikum wenden, du brauchst keinen Papst.
Du schreibst deine 95 Thesen auf und nagelst sie wahrscheinlich an die Tür deiner Kirche – wir können uns heute nicht ganz sicher sein, ob das tatsächlich so geschehen ist –, und du druckst sie. Du verbreitest deine Ansichten, du veröffentlichst sie. Und das Gleiche machst du mit der Bibel: Du machst sie verfügbar, auf Deutsch, damit die Leute, die des Lesens kundig sind, sie lesen und sich ihre eigene Meinung bilden können. Und damit Leute, die nicht lesen können, lernen können zu lesen. Denn jetzt gibt es Bücher.
Der Mann, der deine Stimme verstärkt und es möglich macht, dass du über ganz Europa hinweg gehört werden kannst, hat leider schon das Zeitliche gesegnet, jedoch wird er nicht so bald in Vergessenheit geraten: Johannes Gutenberg, geboren um 1400, gestorben 1468, etwa 50 Jahre vor dem Druck der Thesen.
Er war ebenfalls ein echter Kerl mit einem fantastischen Bart, von dem die meisten Hipster nur träumen können, und einem Kopfschmuck, mit dem er auch heute in Shoreditch oder Dashanzi noch Eindruck schinden würde. Seine Heimat war Mainz, rund 370 Kilometer Fluglinie südwestlich von Wittenberg: drei Wochen Pferderitt oder einen Monat zu Fuß, je nach Jahreszeit und persönlicher Fitness. Technologie reist noch nicht so schnell, weil es die Menschen auch nicht tun.
[DER WICHTIGSTE TECHNOLOGISCHE FORTSCHRITT SEIT DER ERFINDUNG DES RADES]
1439, im Alter von ungefähr 40 Jahren, unternahm Gutenberg etwas, das unsere Welt wesentlich veränderte. Er »erfand« die mechanische Druckpresse. Man kann nicht sagen, dass er der Erste gewesen wäre, der mechanisch gedruckt hat: Druckpressen unterschiedlicher Art kamen in Asien bereits im siebten Jahrhundert zum Einsatz, doch erreichte Gutenberg beachtliche Fortschritte bei den bis dahin ausprobierten Verfahren und führte die Technologie in Europa ein. Sein größter Beitrag war der Bleisatz.
Er ist der bedeutendste technologische Fortschritt seit der Erfindung des Rades. Der Bleisatz erlaubte dem Drucker, Worte, Sätze und Paragrafen für eine Seite zu setzen und davon große Auflagen in kurzer Zeit zu drucken – zu verhältnismäßig niedrigen Kosten. Nie zuvor hatte eine einzelne Erfindung so schnell einen so großen Einfluss gehabt.
Der einfache Grund, warum Gutenbergs Beitrag unsere Welt so sehr verändert hat, besteht darin, dass durch ihn die Massenproduktion von gedruckten Materialien möglich und erschwinglich wurde. Zuvor musste man in eine Universität oder ein Kloster oder in eine der sehr wenigen Bibliotheken gehen, um ein Buch zu lesen. Allein die Tatsache, dass du ein Buch lesen wolltest, machte dich zu einer extrem privilegierten Ausnahme. Es bedeutete, dass du lesen konntest, über Bildung verfügtest. Von vielleicht zehn Leuten warst du der Einzige.
Wenn du das gelesene Buch dann teilen wolltest, konntest du dich entweder hinsetzen und es selbst von Hand kopieren oder jemanden dafür anheuern. So oder so dauerte es Wochen oder Monate. Kein Wunder, dass Wissen, ja sogar Einzelinformationen so eingeschränkt waren und so streng kontrolliert wurden. Es gab nicht viele Menschen auf der Welt, die darüber verfügten, und noch weniger, die es wirklich handhaben konnten – es zum Beispiel manipulieren, ändern oder erweitern. Und wenn du in der Position und Lage warst, ein Buch zu schreiben, damit andere es lesen konnten, gehörtest du zu einer wahren Elite.
Deswegen hat der Druck so viel verändert. Er stellt das erste Medium für Massenkommunikation dar und ermöglichte erst die Reformation: Mithilfe des Drucks konnte Luther die Autoritäten überwinden und die Leute direkt erreichen. Zwar konnten noch nicht alle lesen, aber in jedem Dorf und in jeder Stadt gab es jemanden, der die Schrift kannte. Ein Gelehrter, ein Priester oder ein Lehrer, der offen für neue Ideen war. Und mehr brauchte es nicht. Jetzt konnten sie lernen: Die Texte kamen zu ihnen, in ihre Häuser, ihre Schulen, ihre Köpfe.
Offenbar aber wurde der Druck nicht nur zu aller Nutzen verwendet. Er ist eine Technologie; mit ihr lässt sich eine bösartige Gesinnung ebenso verbreiten wie echte Weisheit. So wurde ein Buch, das seinen Lesern sagte, dass Hexen unter ihnen lebten und auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden mussten, zu einem Bestseller. Das ist es genau, was den Druck so mächtig macht: Fast jeder hat Zugriff darauf. Auch wenn man berücksichtigen muss, dass eine Druckpresse eine beachtliche Investition bedeutete, der dadurch ausgelöse Wandel war dennoch von tektonischer Wirkung. Der Druck demokratisierte erstmals das Wissen – und auch den Aberglauben. Plötzlich befand sich das geschriebene Wort und damit das Lernen, der politische Diskurs, das Gebet wie auch die Polemik, die Poesie, die Prosa nicht mehr im festen Griff der wenigen Gelehrten, sondern konnte jeden erreichen, der gewillt war, lesen und schreiben zu lernen. Und in Europa machte sich fortan der Hunger nach Wissen und nach Geschichtskenntnis bemerkbar. Nach Kunst und Einsicht. Nach alten Lehren und neuen Gedanken. Nach Aufklärung. Es ist die Wiedergeburt eines Zeitalters einer fast vergessenen Kunst und Kultur, es ist die Renaissance.
Ja, man kann sagen, der Druck war das Tor zur Befreiung.
RAUSCH
Schnellvorlauf, etwa 500 Jahre in die Zukunft: Du befindest dich im Körper eines blassen amerikanischen Masterstudenten an der Harvard University. Hier, am 4. Februar 2004, startet Mark Zuckerberg im Alter von 20 Jahren eine Website für seine Kommilitonen mit dem Namen Facebook. Der Rest ist die sprichwörtliche Geschichte. Das ist jedoch noch nicht alles …
Natürlich geht die Erfindung des Internets nicht auf Mark Zuckerberg zurück, das Internet gab es schon und wurde bereits intensiv genutzt. Man kann nicht einmal sagen, er habe das soziale Netzwerk erfunden, da waren andere, die schon etwas Vergleichbares versucht hatten, und das gar nicht so unerfolgreich. Was Facebook in der Folge aber tat, war, die Art und Weise zu transformieren, wie wir soziale Netzwerke verwenden und, noch viel wichtiger, wie diese Netzwerke uns benutzen.
Zweifellos bringt Facebook uns näher zusammen, verwandelt die Welt in ein Dorf, in dem man seine unverbindlichen Kontakte mit allen über alles haben kann, zu jeder Zeit. Das ist das Wunderbare daran: Du musst keinen Anruf machen oder E-Mails schreiben oder vorbeigehen, um zu erfahren, dass Ali einen neuen Job oder Ming einen neuen Freund hat, dass Alex und Tony Schluss gemacht haben und Tante Debbie sich von ihrem Sturz erholt hat. Ob du einen Treck durch Tibet startest oder durch die Toskana schlenderst, wir können alle an deinem Abenteuer teilhaben. Und das ist große Klasse.
Für viele, die Freunde und Familie auf der ganzen Welt haben, ist Facebook die Nummer eins unter den Seiten mit einer ähnlichen Funktionalität – wenn auch vielleicht anderer Priorität – wie ein Kaffeeautomat geworden: der Ort, an dem du zufällig Leuten begegnest und ein paar Worte mit ihnen wechselst, ihr euch auf den neuesten Stand bringt, eure Siege und Niederlagen teilt, Tipps austauscht und den neuesten Klatsch mitbekommt. So wie auf Weibo, Instagram, QQ, Foursquare oder Jiepang.
[ENTSCHEIDEND IST, WAS DIESE TEKTONISCHEN VERSCHIEBUNGEN MIT UNS ALS MENSCHEN MACHEN.]
Es gibt sowohl offensichtliche als auch weniger offensichtliche Parallelen zwischen dem Buchdruck als Revolution und der digitalen Revolution. Und wir müssen jetzt den Blickwinkel erweitern, von sozialen Netzwerken zum Internet im Allgemeinen und auch in Bezug darauf, wie wir digitale Geräte verwenden. Denn so wie Gutenberg nicht eigenhändig die Reformation auf die Beine stellte, ist Zuckerberg nicht der Erfinder des digitalen Zeitalters. Wir nutzen sie ganz klar als Repräsentanten ihrer Ära; und wir machen uns, wenig subtil, die Tatsache zunutze, dass ihre Namen irgendwie ähnlich klingen.
Was beim Hören der Namen für uns individuell mitschwingt, mag damit zu tun haben, wer wir sind und wann wir geboren wurden. Wir, die Personen, die dieses Buch schreiben, sind beide vor ausreichend langer Zeit geboren worden, um eine Welt ohne Internet erfahren zu haben. Unsere Generation hat eine einzigartige Erfahrung machen können, denn sicherlich keiner, der nach der Jahrtausendwende geboren wurde, wird noch eine Ahnung haben, wie ein Leben offline überhaupt möglich war. Sogar für uns, die wir es noch kennen, ist es inzwischen schwer geworden, es uns noch vorzustellen.
Daher ist unsere Wahrnehmung von jemandem wie Zuckerberg womöglich eine andere als deine. Und je nachdem, wo du aufgewachsen und zur Schule gegangen bist, hat dir der Name Gutenberg bis gerade eben überhaupt nichts gesagt. Ist auch nicht so wichtig. Wichtig ist, was diese tektonischen Verschiebungen mit uns als menschlichen Wesen machen.
Das ist eine der Hauptfragen, die dieses Buch stellt und formuliert: Was macht die Technologie, die wir haben, mit uns, und zu wem werden wir in der Kultur, die wir durch sie erschaffen? Denn das ist es, was wir mit Technologie machen: Wir schaffen Kultur. Die dominante Kultur, bevor Europa von der Druckpresse erobert wird, unterscheidet sich kategorisch von der Kultur, die diese Technologie möglich macht. Und die Kultur, die wir heute leben, unterscheidet sich genauso kategorisch von der, die unsere Eltern kannten. Wenn wir »kategorisch« sagen, übertreiben wir nicht. Das hier sind andere Kategorien in anderen Dimensionen, anderen Größenordnungen.
[WISSEN IST BESSER ALS AHNUNGSLOSIGKEIT.]
Somit hält der Vergleich zwischen dem Buchdruck als kultureller Revolution und der digitalen Revolution in vielen Aspekten dem Test stand. Beide läuteten neue Zeitalter ein, die uns dazu brachten, auf neue Art zu denken, zu reden, uns zu verhalten, zu interagieren, zu lernen, zu lehren, zu provozieren, Geschäfte zu machen, Partner zu finden und Freundschaften beziehungsweise Beziehungen zu führen. Aber es gibt auch beachtliche Unterschiede. »Ganz offensichtlich«, sagst du vielleicht, »gibt es Unterschiede: Wir sprechen von zwei komplett unterschiedlichen Arten von Technologien, zwischen deren Entwicklung 500 Jahre liegen.« Ja. Und jenseits dieser offensichtlichen Unterschiede gibt es noch subtilere und kaum weniger wichtige.
Wenn wir sagen, Gutenbergs Erfindung bezeichne einen Moment der Befreiung für das Volk, ist das nicht ganz unstrittig. Könnte man doch argumentieren, dass die Ahnungslosigkeit, in der zuvor gelebt wurde, mit der durch die Umstände bedingten Einfachheit in der Folge ihre ganz eigene Art von sorgenfreiem Glück ermöglichte. Aber Wissen ist besser als Ahnungslosigkeit. Man ist freier, wenn man seine eigenen Entscheidungen über sein Leben treffen kann und wählen kann, wie man seine Tage verbringt und mit wem. Der Buchdruck ermöglichte das letztlich. Durch ihn wurden wir Menschen unabhängiger, emanzipiert von der Kontrolle strikter Autoritäten. Er erst gab uns die Möglichkeit, uns auszudrücken.
Hat die digitale Revolution uns freier gemacht? Eine große Frage, die nicht in ein, zwei Absätzen zu beantworten ist, auch nicht in ein, zwei Kapiteln. Natürlich kann man Argumente dafür finden: Wie der Buchdruck hat sie Wissen und Lernen demokratisiert, hat den Zugang zu Universitätskursen, Vorlesungen sowie zu alter und neuer Literatur ermöglicht, und Millionen Menschen gelangen durch sie nun an Alltagsinformationen, die sie vorher nicht erreichten. Kein Zufall also, dass das gewaltige Unterfangen, klassische Texte kostenlos online verfügbar zu machen, ausgerechnet »Projekt Gutenberg« heißt.
Wie oft betont wird, hat das Internet Macht aus den Händen der Zeitungen und Besitzer von Massenmedien und der Redakteure genommen und Blogs, unabhängige Nachrichtenseiten und Plattformen hervorgebracht, die dafür bekannt sind, eine wichtige Rolle in sozialen Bewegungen wie dem Arabischen Frühling im Jahr 2011 gespielt zu haben. Twitter wird hier häufig als wichtiges Werkzeug des Wandels zitiert. Wenn Gutenbergs Druckpresse es Menschen, die noch nie ein Buch in der Hand gehalten hatten, ermöglicht hat, eines zu kaufen, dann machen heute Print on Demand und Onlineplattformen es jedem möglich, seine Gedanken zu veröffentlichen, sei es in sachlicher oder literarischer Form, wahrheitsgetreu oder gelogen.
[WIE LANGE HÄLTST DU ES AUS, NICHT AUF DEIN HANDY ZU SCHAUEN?]
Nichts davon ist neu: Der Fakt, dass es Fake News und Propaganda, Fehlinformationen und Täuschung gibt, ist nicht das große Problem, auch wenn er an sich ganz klar ein Problem ist. Das große Problem ist, dass uns die digitale Revolution, obgleich sie uns in vielerlei Hinsicht freier gemacht hat, auch abhängig gemacht hat, mehr als abhängig: unfrei. Wir sind im wahrsten Sinne körperlich süchtig.
Denk mal darüber nach: Wie lange hältst du es aus, nicht auf dein Handy zu schauen? Du hast vielleicht längst deinen Facebook-Account gelöscht, aber wie sieht es mit WhatsApp oder WeChat aus? Von den einzelnen Apps ganz abgesehen: Wie lange, glaubst du, kannst du funktionieren ohne irgendeinen Zugang zum Internet? Ernsthaft!
Vielleicht fragst du: Warum sollte ich ohne Internet funktionieren? Weil das der Punkt ist. Du bist Teil des Netzwerks geworden. Du hast dich vernetzt, und das gefällt dir. Vielleicht magst du den Gedanken nicht besonders, aber die Anziehungskraft des Netzwerks ist größer als unsere Willenskraft, darauf zu verzichten.
Vielleicht verletzt es uns, dass Zuckerberg uns »Vollidioten« nennt, weil wir ihm unsere Daten anvertrauen. Aber wir tun es trotzdem, denn wir wollen wissen, was bei unseren Freunden passiert. Uns wird flau, wenn wir alles bei Amazon bestellen, aber unser Hang zur Bequemlichkeit lässt es uns trotzdem immer wieder tun. Google? Wir wissen, dass sie so viele unserer Daten sammeln, wie sie können, aber welche Alternative gibt es schon? Und das ist die eigentliche Frage, die uns jetzt allmählich beschleicht: Welche Alternative gibt es wirklich? Denn wir haben schon lange den Punkt überschritten, an dem es noch darum ging, »zu wissen«, was bei unseren Freunden so passiert, oder ganz bequem den Toaster, den wir heute bestellen, morgen schon in den Händen zu halten. Das ist natürlich wunderbar, aber kannst du in diesem unserem digitalen Zeitalter ohne das Smartphone überleben, ohne Onlinebanking, ohne die Möglichkeit, das Internet zu nutzen? Du könntest wiederum antworten: Wieso sollte ich das tun? Und das ist ebenfalls eine berechtigte Frage, aber Gleiches gilt auch für die Frage: Sind wir überhaupt noch frei?
Das Ganze hat noch eine Kehrseite: die komplette Planierung der medialen Landschaft, in der individuelle, differenzierte Stimmen immer schwerer zu hören sind und wenige Akteure ein absolutes Monopol beherrschen. Google, Apple, Facebook, Amazon, Tencent, Alibaba, GAFATA – ein halbes Dutzend Unternehmen, das den Großteil des Internetverkehrs kontrolliert. Und glaub bloß nicht, dass sie ihn nicht kontrollieren: Der überwiegende Teil von uns nutzt eine Suchmaschine, ein soziales Netzwerk, einen Onlinestore für den Großteil unserer Onlinezeit und unserer Einkäufe. Und das sind keine oberflächlichen Verhaltensweisen. Alles, was wir tun, wird aufgezeichnet, zurückverfolgt, überwacht, monetarisiert und gegen uns verwendet. Du magst den Gedanken für etwas paranoid halten, würdest aber damit falschliegen. Es geht hier nicht nur um gezielte Werbung und Data-Mining, sondern um die potenzielle und in Teilen der Welt schon systematische Implementierung des Deep Tech State: Die erste Phase des chinesischen Sozialkreditsystems wird, wenn du diese Zeilen liest, bereits abgeschlossen und voll funktionsfähig sein.
Mittlerweile ist unsere »Onlinezeit« schlicht zu unserer »Zeit« geworden. Die vor 1980 Geborenen können sich noch daran erinnern, dass man regelmäßig »online ging«. Wir haben die kleine Piepmelodie noch im Ohr, die das Modem immer gemacht hat. Heute ist man niemals offline. Vielleicht guckst du nicht dauernd auf dein Gerät, aber dein Gerät guckt dauernd auf dich: Es weiß, wo du bist; es sagt dir, wenn etwas passiert, von dem es glaubt, dass du darüber Bescheid wissen solltest; es stellt sicher, dass du darüber Bescheid weißt, weil es will, dass du dich eincheckst. Ja, es mag ein totes Gerät sein und über keinen eigenen Willen verfügen, es verhält sich jedoch so, als hätte es einen, weil es so programmiert ist. Die Apps, die du auf deinem Smartphone hast, bilden sein zentrales Nervensystem, und dieses ist darauf ausgelegt, in das deine so direkt, so kontinuierlich und so körperlich einzudringen wie technologisch nur möglich.
Warum sind diese unternehmerischen Ungetüme so schnell so groß geworden? Weil sie zu jeder Zeit sicherstellen, dass du sie brauchst. Permanent. Wenn dein Smartphone das Erste ist, was du morgens in die Hand nimmst, und das Letzte, was du am Abend berührst, ist das kein Zufall. Genau hierfür wurde es entwickelt.
Wenn du dich also süchtig nach deinem Telefon fühlst, dann, weil du es bist. Du wirst systematisch zum App-Junkie gemacht, denn das garantiert den Profit. Es ist keine Verschwörung, und es ist kein teuflischer Plan eines größenwahnsinnigen Drahtziehers, es ist der reine kommerzielle Imperativ: Je mehr Zeit du an deinem Handy verbringst, desto mehr bist du Werbung ausgesetzt; je mehr du mit Apps interagierst, desto mehr Informationen übermittelst du; je mehr du teilst, desto genauer kann und wird dein Profil kalibriert. Und mittlerweile sorgt sich sogar GAFATA um dich – wie jeder gute Drogendealer – und unterstützt dich dabei, eine verwaltete, stabile und somit nachhaltige Sucht zu entwickeln. Mit Screentime-Analysen, Achtsamkeitsapps und der gelegentlichen Erinnerung, tief durchzuatmen. Irgendwie ist es liebevoll. Und irgendwie auch heimtückisch.
Und wenn wir sagen, dass du süchtig bist, ist das nicht metaphorisch gemeint. Du wirst im wahrsten Sinne mit deinem eigenen Dopamin narkotisiert. Jedes Mal wenn du eine Nachrichtenmeldung erhältst, ein Update, einen neuen Videoclip oder ein Bild, werden deine Glückssensoren aktiviert, und ein kleines bisschen Rauschmittel wird in deinen Kreislauf ausgeschüttet. Der Grund, warum du nachts dein Handy nicht weglegen kannst, liegt darin, dass es dir körperlich Freude bereitet. Nicht wegen seiner haptischen Qualitäten, sondern weil die Apps dein Gehirn zur Produktion von Hormonen anregen, die sich gut anfühlen. Richtig, wir vereinfachen die ganze Sache ein wenig. Die neurochemischen Prozesse sind natürlich deutlich komplexer als hier dargestellt. Das Prinzip jedoch stimmt: Unsere Smartphones machen körperlich, physiologisch süchtig, weil sie genau mit dieser Absicht entworfen wurden.
EIN BISSCHEN KONTEXT
Bisweilen heißt es, das Internet habe seine Unschuld verloren. Man kann sich darüber streiten, ob und wie »unschuldig« es jemals gewesen ist. Sein unmittelbarer Vorgänger und die Technologie, aus der es entsprungen ist, war das ARPANET. In diesem Akronym steht NET auch für Netz und ARPA für Advanced Research Projects Agency. Diese war Teil des US-amerikanischen Verteidigungsministeriums und wurde von dort finanziert. Als Forschungsprojekt erhielt »das Netz« 1966 Förderung durch ARPA und ging 1969 zum ersten Mal live. Bis es 1990 abgeschaltet wurde, waren seine grundlegenden Strukturen und sein Modell für Kommunikationsprotokolle in das Netzwerk der Netzwerke übernommen worden, aus denen das Interconnected Network besteht, was wir Internet nennen.
Von seiner militärischen Entstehung abgesehen, kann man sagen, das Internet sei mit guten Absichten und als weitgehend kommerzfreie Zone ins Leben gerufen worden. Noch 1990 betrachtete der Microsoft-Gründer Bill Gates das Internet als reines Interessenthema für Geeks. Von den späten 1980er- bis Mitte der 1990er-Jahre hatte das Internet den Charakter jungfräulicher Jugendlichkeit, eine Zeit, in der es fast vollkommen frei war. Es gab nur wenige Bilder, folglich gab es auch keine Pornos, und es gab keine Handelswerkzeuge, folglich keinen Verkauf. Es bestand vorwiegend aus Leuten, die mittels Hyperlinks textbasierte Artikel teilten, und Nachrichtengruppen, die die neuesten Nachrichten des Tages diskutierten. Dann wurde das Internet von Unternehmen »entdeckt« und brutal kommerzialisiert.
Aber selbst diese finstere Zeit wirkt im Vergleich zum heutigen Stand bieder. Denn was wir heute erleben, ist eine monströse Manipulation unseres »freiwilligen Verhaltens«, durch Unternehmen und politische Agitatoren gleichermaßen. Wie gesagt: Auf Facebook bist du das Produkt. Auf Facebook wie auf Weibo, Instagram, QQ. Dass alle diese Plattformen »kostenlos« sind, liegt schlicht daran, dass sie ihre Nutzer monetarisieren. Mit jedem Bild, das du hochlädst, jedem Kommentar, den du postest, jedem Like, jedem Emoji, jeder Interaktion wirst du überwacht. Das Internet und vieles von dem, was du darin findest, ist also kostenlos, aber du bezahlst trotzdem dafür. Du wirst beobachtet. Genauer, intimer und durchdringender, als es je zuvor in der Geschichte möglich war.
[WIR ERLEBEN ORWELL IN EINER GANZ ANDEREN GRÖSSENORDNUNG.]
Du hast bestimmt schon Geschichten von der Überwachung in drakonischen Systemen gehört oder gelesen. Sie existieren bis heute, und viele Menschen haben unter schwerwiegenden Umständen Not, Verlust und Elend in unvorstellbarem Maß zu erleiden. Das wollen wir nicht schmälern, schon gar nicht trivialisieren. Aber keines dieser Überwachungssysteme hat auch nur annähernd so viele persönliche Informationen sammeln können, wie wir ständig freiwillig verschenken. Wir haben innerhalb von zwei Jahrzehnten als Normalität akzeptiert, was kurz zuvor Menschen zutiefst entsetzt hätte. Und nun stell dir vor, was passiert, wenn unser freiwilliges Verhalten und unsere Sucht auf ein Sozialkreditsystem und ein Politikmodell wie das in China treffen – da erleben wir Orwell in einer ganz neuen Größenordnung.
Folglich ist dies die erste entscheidende Frage, die wir an dich und an uns selbst stellen wollen. Es gibt keine simple Antwort auf sie, und jeder, der so tut, als gäbe es sie, lügt dich an oder versteht das Problem nicht: Was passiert hier eigentlich?
Diese so unglaubliche wie erstaunliche Bequemlichkeit, die die Apps und Netzwerke, die Smartphones und Laptops mit sich bringen: Was verlangen sie im Gegenzug? Was muss man für sie aufgeben? Und was macht das mit uns? Ist es gezwungenermaßen von Übel, keine nennenswerte Privatsphäre mehr zu haben? Vielleicht nicht. Vielleicht sind soziale Kohärenz und ein ethischer Kodex tatsächlich vereinbar, selbst in dieser Welt freiwilliger und unfreiwilliger Totalüberwachung. Vielleicht eröffnet sich ein neuer Raum für Individualität und Freiheit, den wir noch nicht erkundet haben, wenn alle alles übereinander wissen?
Und was ist mit der ständigen Bombardierung mit Werbung – aufdringlich, systematisch, zum Kotzen? Ist das ein Problem? Oder lediglich ein geringer Preis, den man für kostenlose unbegrenzte Kommunikation über den gesamten Globus mit Chats, Bildern und Videos eben bezahlen muss? Ist es für mich in Ordnung, wenn jemand über alles, was ich tue, Bescheid weiß, es aufzeichnet und analysiert und dann noch jeden eingetippten Suchbegriff bis hin zum Vokabular meiner streng vertraulichen Nachrichten nutzt? Wo ziehe ich die Grenze? Muss ich eine Grenze ziehen?
Wenn 90 Prozent des Internetverkehrs durch 0,1 Prozent aller Webseiten fließen, ist das ein Problem? Wenn alles so gut funktioniert? Denn das ist Teil dieser Realität: Die Dinge funktionieren erstaunlich gut. Der Toaster, den du gestern bestellt hast, kommt tatsächlich heute an. Das Auto, das du auf deinem Handy in Schanghai buchst, steht tatsächlich bereit, genau an dem Ort und zu dem Zeitpunkt, den du erwartest. Die Wohnung, in der du in New York übernachtest, ist echt und für dich bereit, und sie ist bezaubernd. Die Mahlzeit, die du in London bei einem indischen Restaurant bestellst, kommt an und ist köstlich. Immer durch die Nutzung der gleichen drei Apps. Überall auf der Welt. Gibt es also ein Problem? Und ist es mein Problem? Stört mich die Vorherrschaft durch einige wenige sehr gut organisierte, professionell betriebene Organisationen, oder ist es mir eigentlich doch egal? Warum sollte es? Warum sollte es nicht?
Kann es ein freies, vielfältiges, facettenreiches und demokratisches Internet geben? Und wenn das Internet der Ort ist, an dem wir gewohnheitsmäßig unser Leben verbringen, kann es dann immer noch so etwas wie eine demokratische Gesellschaft geben?
Sollte es das? Und wenn ja, warum?
[NACH WEM SIND WIR SÜCHTIG?]
Gutenberg hat es Martin Luther möglich gemacht, seine radikal andersartige Ansicht von Gott und der Kirche Hunderttausenden von Menschen kundzutun, und in der Folge konnten sich Ideen, Wissen und Weisheit verbreiten. Und ja, auch Fehlinformation, Dogma und Propaganda: Wir tun gut daran, uns stets daran zu erinnern. Aber die wesentliche Bewegung war eine von Macht und Kontrolle weg von den wenigen, hin zu den vielen.
Zuckerberg hat Zugriff auf 2,7 Milliarden Nutzer pro Monat. Das sind Köpfe, Herzen, Gefühle, Ausdrücke, Absichten, Sorgen und Freuden – und das nur durch Facebook und seine Ableger wie WhatsApp und Instagram. Gleiches gilt für Tencent mit QQ. Wir haben also nicht nur Grund zu fragen: Wer ist Zuckerberg, und was sind seine Ambitionen – will er zum Beispiel früher oder später Präsident werden? Wir sollten aber auch fragen: Wer steht hinter ihm? Wer sind die zehn, zwölf Leute mit dem größten Einfluss bei Facebook und andernorts im Internet? Wer kontrolliert Weibo und WeChat?
Wenn wir Sklaven unserer digitalen Geräte sind, wer sind dann die Herren hinter diesen Geräten und der Software, die auf ihnen läuft?
Nach wem sind wir süchtig?
Es ist wichtig, denn wir sprechen hier von uns allen als menschliche Wesen. Und mit diesem Buch stellen wir solche Fragen und finden auch ein paar Antworten, die uns als Wesen menschlich machen – jetzt, in dieser Realität, in der wir leben.
ORIENTIERUNGSAUSSAGEN
1.1
»Wir leben in einer neuen Renaissance.«

Trage diesen Wert auf folgenden Achsen ein: A, B, G.
1.2
»Technologische Netzwerke erlauben mehr denn je, fantastische Lösungen zu dringenden Problemen zu finden.«

Trage diesen Wert auf folgenden Achsen ein: D, E, F.
1.3
»Bis dato haben wir das Internet viel zu sehr zur Förderung unserer eigenen Versklavung verwendet.«

Trage diesen Wert auf folgenden Achsen ein: A, B, F.
1.4
»Wir unterschätzen drastisch den Wert von Informationen.«

Trage diesen Wert auf folgenden Achsen ein: B, C, G.
ÜBUNGEN FÜR DEN WANDEL
Male dich selbst im Jahre 2045 auf ein Blatt Papier.
Wenn du deine Zeichnung teilen möchtest, kannst du das hier tun: https://twitter.com/C_Peterka
Kapitel 2
Geschätzte Lesezeit: 25 Minuten
Erster Abschnitt: 11 Minuten
Zweiter Abschnitt: 14 Minuten
GAFATA beherrscht die Welt ((Ü1))
GAFATA BEHERRSCHT DIE WELT
VIRTUELLER RAUM UND REALES TERRITORIUM– ZWEI SEITEN DERSELBEN MÜNZE?
DIE DIGITALE UND DIE PHYSISCHE WELT
Als der Begriff »virtuell« in den 1980er-Jahren geläufig wurde, beschrieb er etwas Distinktives und dem Wesen nach Separates von der »echten« Welt. Tatsächlich verstanden die meisten Leute die beiden Welten als komplett inkompatibel: Man tat Dinge entweder »online«, und dann fand die Sache im virtuellen Raum statt, oder man tat sie »im echten Leben«, dann ging es um die physische Welt mit Objekten, Menschen, Tieren, Natur und Gebäuden.
Dem virtuellen Raum wurde tendenziell misstraut, zumindest aber wurde er weniger ernst genommen und auch als minderwertig gegenüber der echten Welt betrachtet: Wenn du jemanden in einer Bar kennenlerntest, war das »normal«, und du warst nicht überrascht, wenn es zu einem zweiten Date kam, ihr eine Weile zusammen ausgingt, euch dann entschlosst, zu heiraten und Kinder zu bekommen, einen Hund anzuschaffen, und glücklich wart bis ans Ende eurer Tage. Wenn du jemanden online kennenlerntest, dann war das eigenartig und tatsächlich auch ziemlich fragwürdig.
Allein an diesem Beispiel kann man sehen, wie sehr sich die Dinge verändert haben: Unser virtueller Raum und unsere reale Welt sind nun ein und dasselbe. Die Unterscheidung ist weitgehend weggefallen, und wir beginnen, unsere Realität als eine Mischung aus einerseits nuklearen Partikeln – der physischen Welt – und Datenpaketen – dem virtuellen Raum – andererseits zu begreifen. Sie sind Teil desselben Universums und im ständigen Zusammenspiel miteinander. Der eine funktioniert nicht wirklich ohne den anderen. Jedenfalls nicht mehr auf eine Art, die wir Menschen des 21. Jahrhunderts als nützlich oder angemessen betrachten würden. Dating, Arbeit, Bankgeschäfte, Kommunikation, Organisation, Geselligkeit, Einkauf, Verkauf, Nachdenken, Trainieren – deine Apps, deine Werkzeuge und Profile sind miteinander verwoben und können nicht voneinander getrennt werden.
Trotzdem denken wir bei »Digitalität« immer noch an einen »virtuellen Raum«: eine Sphäre getrennt von physischen Barrieren und Grenzen, in der Information fast mit Lichtgeschwindigkeit durch Glasfaserleitungen und drahtlose Netzwerke reist und Geografie und Substanz keinerlei Rolle spielen.
Auf gesellschaftlicher Ebene behandeln wir den virtuellen Raum tendenziell noch als eine Art Luxus: als Anhängsel der einen echten Welt und als temporär: Vielleicht ist das nur eine Phase, die wir durchmachen, genauso wie wir uns in einer Phase Faxe zugeschickt haben oder Schulterpolster und Vokuhilas attraktiv fanden. Mit Sicherheit fällt es vielen Menschen auch heute noch schwer, die virtuelle Welt als ebenso wichtig zu empfinden wie die reale Welt.
Beide Wahrnehmungen führen zu schweren Irrtümern und Fehleinschätzungen im Hinblick darauf, wo wir uns heute befinden. Nicht nur ist der virtuelle Raum untrennbar verbunden mit der realen Welt und folglich mindestens genauso wichtig, er ist auch physisch. Er hängt von einer riesigen und teuren Hightech-Infrastruktur ab, verbraucht enorme Mengen Energie und beeinflusst zunehmend das Erleben unseres eigenen physischen Lebens.
Wie bereits oben ausgeführt, werden Smartphones so entworfen, dass sie uns süchtig machen, nicht nur psychologisch – das auch –, sondern auch körperlich über die ausgelöste Produktion biochemischer Stoffe, von denen wir mehr wollen: die klassische Definition einer körperlichen Sucht. Hier ein Beispiel: Allein die Tatsache, dass wir netzwerkgebundene Geräte nutzen, ändert schon unser Denken. Die Art, wie wir sie nutzen, ändert es zusätzlich. Die Idee, dass man, egal wo auf der Welt, ständig verbunden sein kann, ohne dass das irgendeinen Einfluss auf unsere körperliche Verfassung hätte, ist offensichtlich naiv. Unsere Hormone, unser Herzschlag, unser Puls, unsere Haltung, unsere Körpertemperatur, unsere Transpiration – alles ist direkt und messbar mit unserem Leben im virtuellen Raum verbunden.
Auf der einen Seite wandern wir durch die analoge Welt mit gesenktem Haupt, den Blick auf ein kleines Display gerichtet und unsere Daumen im Zustand dauernder Erregung. Auf der anderen Seite sagt uns dasselbe Gerät, wann wir Sport machen sollten, um unser tägliches Ziel zu erreichen, oder was heute zu Abend gegessen werden sollte, damit unsere Ernährung ausgeglichen bleibt, oder sogar, wann wir von ihm eine kurze Auszeit nehmen sollten.
[DU BIST EIN KNOTENPUNKT IM NETZWERK.]
Auch unser körperliches, analoges Wohlbefinden ist also in den virtuellen Raum eingebunden. Im Moment sind wir über unsere Laptops und Tablets damit verknüpft, hauptsächlich aber durch unsere Smartphones. Es wird nicht mehr lange dauern, bis wir uns über Implantate direkt verbinden. Während wir dies schreiben, geht der serielle Unternehmer Elon Musk zum ersten Mal mit seinem Start-up Neuralink nach zwei Jahren geheimer Forschung an die Öffentlichkeit. Dort wird auf die Entwicklung drahtloser implantierter Geräte hingearbeitet, die dein Gehirn direkt mit dem Netzwerk verbinden, mit der ausdrücklichen Absicht, menschliche und maschinelle Intelligenz »in Symbiose« zu bringen. Du bist ein Knotenpunkt im Netzwerk.
Erstaunlich, wie wenig wir aufgefordert, geschweige denn gezwungen werden, über die notwendige physische Infrastruktur nachzudenken. Denk mal darüber nach. Dafür, dass es dir möglich ist, in Echtzeit mittels Zoom zu kommunizieren oder den Weg zum nächsten Thai-Lokal zu finden oder Essen von deinem Lieblingsinder nach Hause zu bestellen, während du People Are Awesome-Videos auf YouTube schaust, müssen Datenmasten aufgestellt sein, Glasfaserkabel, Router, Zwischenschaltstellen, Primärschaltstellen, Satelliten und Abertonnen von Datenspeichern irgendwo auf der Welt betrieben werden.
Dieses »Irgendwo« ist einer von vielen physischen Orten. Millionen von Servern müssen miteinander verbunden sein, betrieben, gekühlt und gesichert werden, um das, was wir am Internet lieben und hassen, möglich zu machen. Facebook hat allein 2018 weltweit 15 Datenzentren betrieben. Diese reichen in der Größe von der Fläche mehrerer Fußballfelder bis hin zu einem ersten elfstöckigen Zentrum in Singapur nur für Server.
Von alldem hören wir meist nichts, zumindest kaum etwas. Für eine BBC-Doku über Facebook von 2019 wurde dem ersten Kamerateam überhaupt Zutritt zum Hauptdatenzentrum in Menlo Park, Kalifornien, gestattet. Als Kind wird man in der Schule mit zur Feuerwehr genommen, um die schicken roten Feuerwehrautos zu bestaunen, oder man besucht das Klärwerk, um sich anzugucken, was mit dem erledigten Geschäft passiert, nachdem man die Spülung gedrückt hat. Wenn man Glück hat, besucht man einen Bauernhof oder vielleicht sogar eine Schokoladenfabrik oder ein Atomkraftwerk. Wird man jedoch jemals in ein Datenzentrum mitgenommen? Natürlich erschließt sich visuell nicht besonders viel von dem, was dort passiert, aber allein das Ausmaß dieser Installationen und die strukturellen Überlegungen, die in sie einfließen, sind schon erstaunlich.
So essenziell diese digitale Infrastruktur für unsere Existenz ist – nicht nur die Datenzentren für ein soziales Netzwerk, auch die Masten, die Kabel, die Router, die Schnittstellen, das alles –, wem gehört sie? Wer stellt sie her? Wer kontrolliert sie? Wer entscheidet, was reindarf und was rauskommt und was nicht? Welche Daten werden überwacht, welche abgefangen, welche gespeichert? Mit wessen Einwilligung? Wo? Für wie lange?
In dem Moment, in dem wir diese Fragen stellen, begreifen wir, wie komplex und unklar die Situation ist. Weißt du, wer welche Teile der digitalen Infrastruktur in deinem Land besitzt? Ist es der Staat? Oder sind es private Unternehmen, die deiner Regierung eine Lizenzierungsgebühr bezahlen? Ist es eine Public-private-Partnership? Falls private Unternehmen involviert sind – was sehr wahrscheinlich ist –, wem gehören diese dann? Wer sind die Aktionäre? Und sollten sie sich überhaupt in privatem Besitz befinden? Oder sollten sie den Teilhabern, der gesamten Community gehören? Wer ist in diesem Kontext die Community? Man kann Anteile oder Teilnutzungsrechte an Containerschiffen kaufen, kann man dann auch in einen Abschnitt Datenkabel investieren?
Und wie wichtig all das ist, wurde wieder deutlich, als wir die Notizen für dieses Buch zusammenstellten. Im Mai 2019 erließ die US-Regierung Sanktionen gegen den chinesischen Tech-Riesen Huawei unter Bezugnahme auf Sicherheitsrisiken, die es nicht erlauben, dass Huawei Infrastruktur für 5G-Mobilnetzwerke in den USA installiert. Auch in Großbritannien wurde große Sorge öffentlich in Bezug auf die Einbeziehung der Firma in die Pläne der Regierung zur Implementierung von 5G. Es mag die Vermutung naheliegen, dass sowohl in den USA als auch in Großbritannien die Kontroverse hauptsächlich politisch motiviert war, aber auch das wäre nicht möglich, wenn nicht immense Macht in der physischen Dateninfrastruktur gebündelt läge. Wenn man die Infrastruktur kontrolliert, kontrolliert man das Netzwerk. Wenn man das Netzwerk kontrolliert, kann man uns kontrollieren.
[WENN DU DAS NETZWERK KONTROLLIEREN KANNST, KANNST DU UNS KONTROLLIEREN.]
Es gibt noch einen dritten Aspekt, der deutlich die physische Infrastruktur und die digitale Plattform-Ebene verknüpft. Es geht um das Betriebssystem (Operating System). Ob Laptop, Smartphone oder Herd: Jedes digitale Gerät braucht ein Betriebssystem. Gehört hast du sicher von Android, iOS, Windows oder OSX. Aber auch ein Drucker braucht ein OS oder eine Eieruhr, ein Smart Home und auch eine Parkuhr. Wenn es ein digitales Ding ist, das sich mit dem Netzwerk verbindet, hat es ein Betriebssystem, selbst wenn es sich dabei um ein winziges mit nur wenigen Zeilen Code handelt.
Wenn Google also plötzlich keine Erlaubnis mehr hat, sein mobiles Betriebssystem Android auf Huawei-Smartphones zu installieren, weil sich die USA im Handelskrieg mit China befinden, aber dein Huawei-Smartphone ausschließlich mit Android funktioniert, dann wirst du als Nutzer defunktionalisiert. Vielleicht funktioniert die alte Version deines Betriebssystems sogar noch eine Zeit lang, aber du kannst keine Aktualisierungen herunterladen, weil dem OS-Entwickler – laut Regierungserlass – nicht gestattet wird, sie dir zur Verfügung zu stellen. Du magst dich mehr oder weniger für Politik interessieren, aber die Politik hat dich soeben eingeholt.
»Defunktionalisieren« klingt vielleicht ein wenig unangenehm, aber nicht wirklich schlimm. Ernsthaft? Wenn alles, was du den ganzen Tag machst – kommunizieren, arbeiten, spielen –, von deinem Gerät abhängt und dein Gerät nicht mehr funktioniert, wie kümmerst du dich dann um deine täglichen Angelegenheiten? Wie funktionierst du? Das ist keine triviale Angelegenheit. Sie ist ernst. Und sehr wesentlich.
Die Frage, welches Betriebssystem man wählen sollte, war früher nur für Nerds von Interesse. Was funktioniert am besten mit deinen anderen Geräten? Welches Interface gefällt dir am besten? Oder auch, welches Firmenethos entspricht dir am meisten? Jetzt musst du dich eventuell auf Grundlage der politischen Situation entscheiden: Für welches OS bekomme ich am ehesten Erlaubnis? Und dabei sollen wir uns in einer freien Marktwirtschaft befinden. Nicht in einem totalitären Regime, in irgendeiner fernen Zukunft.
Worauf wir noch nicht näher eingegangen sind, ist die Frage der Energie. Die meisten Wissenschaftler sind sich inzwischen einig, dass einer der Hauptgründe für die Klimakrise unser Energieverbrauch ist. Es gibt auch andere Faktoren, darüber wollen wir hier jedoch nicht sprechen, auch nicht darüber, dass es nachhaltige Energiequellen für alle auf dem Planeten gibt, jetzt und in Zukunft. Worüber wir an dieser Stelle sprechen wollen, ist die Bedeutung von Energie für unsere digitale Funktionalität und, in der Folge, für unsere Fähigkeit, überhaupt zu funktionieren.
[ES IST NICHT ÜBERRASCHEND, DASS GOOGLE ANFÄNGT, SICH MIT ENERGIEERZEUGUNG ZU BESCHÄFTIGEN.]
Vielleicht ist es nicht überraschend, dass Google anfängt, sich mit Energiegewinnung zu beschäftigen. Nicht nur als Energieanbieter, sondern um den eigenen Bedarf zu decken und seine Stellung als Datenunternehmen zu festigen. Apple konnte im September 2018 mitteilen, dass alle Operationen mit 100 Prozent erneuerbarer Energie betrieben werden. Damit gemeint sind der riesige UFO-förmige Apple-Park-Gebäudekomplex in Cupertino, Kalifornien, und die vielen anderen Datenzentren. Die benötigte Energie erzeugt Apple zu einem großen Teil selbst, hauptsächlich über Solarinstallationen auf dem Dach des Hauptquartiers mit einem Output von 17 Megawatt – die zurzeit mächtigste Solardachanlage der Welt.
Jeff Bezos, der CEO von Amazon, und Bill Gates, Gründer und früherer CEO von Microsoft, sind Investoren in Malta. Nicht der kleine Staat im Mittelmeer ist gemeint, sondern ein Start-up, das aus X entwickelt wurde, dem experimentellen Zweig von Alphabet, der Firma, in deren Besitz sich Google befindet. Malta erforscht die Möglichkeiten, Energie aus erneuerbaren Quellen durch Erhitzen geschmolzenen Salzes zu speichern. Dies könnte enorm nützlich werden, denn eine der größten Herausforderungen bei der Erezeugung von Solarenergie, über die Kalifornien reichlich verfügt, sind immer noch lokale Speicher. Sollte sich dieses Vorhaben also als erfolgreich erweisen, wird dies ein weiterer Schritt in Richtung der Sicherung einer stetigen Energieversorgung sein.
Wir denken eigentlich nicht sofort an Apple, Amazon oder Microsoft als Energiekonzerne. Sie sind allerdings alle schon in Energieunternehmen involviert, entweder direkt oder indirekt.
Darmowy fragment się skończył.