Czytaj książkę: «Südafrika»

Czcionka:


Christoph Marx

Dem Andenken an meine Mutter, Hildegard Marx, gewidmet.

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Die Wiedergabe von Warenbezeichnungen, Handelsnamen und sonstigen Kennzeichen in diesem Buch berechtigt nicht zu der Annahme, dass diese von jedermann frei benutzt werden dürfen. Vielmehr kann es sich auch dann um eingetragene Warenzeichen oder sonstige geschützte Kennzeichen handeln, wenn sie nicht eigens als solche gekennzeichnet sind.

Es konnten nicht alle Rechtsinhaber von Abbildungen ermittelt werden. Sollte dem Verlag gegenüber der Nachweis der Rechtsinhaberschaft geführt werden, wird das branchenübliche Honorar nachträglich gezahlt.

Dieses Werk enthält Hinweise/Links zu externen Websites Dritter, auf deren Inhalt der Verlag keinen Einfluss hat und die der Haftung der jeweiligen Seitenanbieter oder -betreiber unterliegen. Zum Zeitpunkt der Verlinkung wurden die externen Websites auf mögliche Rechtsverstöße überprüft und dabei keine Rechtsverletzung festgestellt. Ohne konkrete Hinweise auf eine solche Rechtsverletzung ist eine permanente inhaltliche Kontrolle der verlinkten Seiten nicht zumutbar. Sollten jedoch Rechtsverletzungen bekannt werden, werden die betroffenen externen Links soweit möglich unverzüglich entfernt.

2. Auflage 2022

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-041004-6

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-041005-3

epub: ISBN 978-3-17-041006-0

Für den Inhalt abgedruckter oder verlinkter Websites ist ausschließlich der jeweilige Betreiber verantwortlich. Die W. Kohlhammer GmbH hat keinen Einfluss auf die verknüpften Seiten und übernimmt hierfür keinerlei Haftung.

Inhalt

1  Vorbemerkung zur verwendeten Terminologie

2  1 Die Frühzeit und die langen Konstanten der Geschichte

3  2 Die Zeit der Vereinigten Ostindischen Kompanie

4  3 Der Zusammenbruch der VOC-Herrschaft und die Konflikte an der Ostgrenze

5  4 Frontiers und Aufbrüche

6  5 Freihandelsimperialismus und Siedlerbeteiligung

7  6 Eroberung und Unterwerfung 1877–1902

8  7 Die Übergangszeit nach dem Burenkrieg

9  8 Konkurrierende Nationalismen (1910–1948)

10  9 Südafrikas Zeitalter der Extreme: Die erste Phase der Apartheid 1948–1966

11  10 Der Sicherheitsstaat: Die Apartheid in der Defensive, 1966–1989

12  11 Der Übergang zur Demokratie

13  12 Neuanfang und Kontinuität: Von Mandela zu Mbeki 1994–2008

14  13 Zuma und »State Capture«

15  14 Ausblick: Cyril Ramaphosa als Hoffnungsträger

16  Auswahlbibliografie

17  Abbildungsverzeichnis

Vorbemerkung zur verwendeten Terminologie

Wer über Südafrikas Bevölkerungsgruppen schreibt, betritt ein vermintes Feld, da durch die rassistischen Konnotationen viele Benennungen historisch belastet sind. Die hier benutzten Begriffe sind ausdrücklich in einem neutralen Sinn und im Hinblick auf Verständlichkeit und gute Lesbarkeit des Textes benutzt worden; Bewertungen sind damit nicht impliziert. Im Deutschen hat sich der Begriff »Bure« ohne die im Englischen negativen Konnotationen eingebürgert, sodass er hier durchgehend verwendet wird. Die Selbstbezeichnung der Buren als »Afrikaner«, die sich seit dem späten 19. Jahrhundert in Südafrika durchgesetzt hat, unterscheidet sich im deutschen Schriftbild nicht von »Afrikaner« für die schwarze Mehrheit. Für letztere wurde darum der Begriff »Schwarze« als deutsche Übersetzung von »Black« benutzt, das seit der Black Consciousness-Bewegung eine allgemein verwendete Selbstbezeichnung geworden ist. Reserviert man Afrikaner nur für die bantusprachige Mehrheit, wie dies in der Fachliteratur üblich ist, schließt man die anderen Bevölkerungsgruppen aus, als handle es sich z. B. bei den Coloureds nicht auch um Afrikaner. Der Name Coloureds wird in diesem Text ohne Verlegenheitsanführungszeichen geschrieben und folgt damit der Verwendung durch die damit gemeinte Bevölkerung selbst. Der Begriff »Inder« wird der Einfachheit halber benutzt, um komplizierte, wenn auch politisch korrekte Beschreibungen wie »Südafrikaner südasiatischer Herkunft« zu vermeiden. Begriffe werden einzig um der Lesbarkeit willen in männlicher Form benutzt, wobei, wenn z. B. von Bauern die Rede ist, selbstverständlich Bäuerinnen mit gemeint sind.

1 Die Frühzeit und die langen Konstanten der Geschichte
1.1 Die Wiege der Menschheit

Im November 1924 erhielt ein 32-jähriger Professor für Anatomie an der University of the Witwatersrand im südafrikanischen Johannesburg einen fossilen Kinderschädel zugesandt. Nach dessen eingehender Untersuchung verkündete er im Februar 1925, dass der Schädel einer bisher unbekannten Hominidenart zuzurechnen sei, die er Australopithecus (der Affe des Südens) nannte. Mit dieser Erkenntnis revolutionierte der gebürtige Australier Raymond Dart das Bild von der Frühgeschichte der Menschheit. Bis dahin hatte die Gelehrtenwelt vermutet, dass der Ursprung der Menschheit in Europa oder in Asien lag. Darts Entdeckung war lange umstritten, doch spätere Funde bestätigten, dass die Vorläufer des Homo Sapiens aus Afrika stammten. Mittlerweile hat sich das Bild jedoch erheblich differenziert, da man zahlreiche Arten von Hominiden gefunden hat, von denen einige als Vorläufer des Homo Sapiens in Frage kommen. Sie lebten in besonders großer Zahl und Vielfalt im südlichen und östlichen Afrika und breiteten sich von dort vor ca. 2 Millionen Jahren in andere Teile der Welt aus.

Seit den 1950er Jahren begannen südafrikanische Paläoanthropologen, in einem Gebiet westlich der Hauptstadt Pretoria systematisch fossilierte Knochen auszugraben und zu untersuchen. Mit Hilfe neu entwickelter Datierungstechniken gelang es ihnen, hunderte von Knochenfunden auf einen Zeitraum zu bestimmen, der ein bis zwei Millionen Jahre zurückreichte. Damit wurde die Evolutionsgeschichte des Menschen erheblich ausgeweitet. Die Dichte der Funde belegt mittlerweile, dass der Ursprung der Menschheit in Afrika zu suchen ist, d. h. ungeachtet der Ausbreitung von Vorläufern des Homo Sapiens in andere Weltregionen fand die eigentliche Weiterentwicklung vom Australopithecus über den Homo Erectus zum Homo Sapiens vor ca. 200 000 Jahren im südlichen Afrika statt. Vor ca. 70 000 Jahren begannen diese Menschen, sich auch außerhalb Afrikas auszubreiten. Dies gelang ihnen aufgrund ihres spezifischen Entwicklungspfades, denn der Homo Sapiens entwickelte sich aus derjenigen Vorform des Menschen, die sich nicht mehr biologisch durch Mutation an wechselnde Habitate anpasste, sondern kulturell, indem sie Werkzeuge nutzte und soziale Techniken des Überlebens intensivierte.

In den letzten Jahrzehnten hat die Forschung große Fortschritte gemacht, als neue Funde das Bild der menschlichen Evolution erheblich erweiterten und differenzierten. So entdeckte im August 2008 der damals neunjährige Matthew Berger einen Knochen, über den eine bis dahin unbekannte Spezies identifiziert werden konnte, die Australopithecus sediba getauft wurde. Im Mai 2010 wurde mit dem Homo gautengensis eine weitere neue Spezies gefunden, die bereits der Gattung Mensch zuzurechnen ist. Diese südafrikanischen Funde sind weitere Belege für die These, dass sich die Vorgeschichte des Menschen offensichtlich im südlichen und östlichen Afrika abspielte und dass die Gattung Homo Sapiens sich von hier aus über den Globus ausbreitete.

Schon die Australopithecinen benutzten Werkzeuge, allerdings wenig systematisch. Erst die frühen Vertreter der Gattung Homo entwickelten Werkzeuge, die sie ursprünglich eher zufällig entdeckt haben dürften, zielgerichtet weiter. Die Kulturentwicklung beginnt nicht erst mit dem Homo Sapiens, die Steinzeit reicht viel weiter als bis zu dessen erstem Auftreten vor 70 000 Jahren zurück. Lernen ist bis zu dieser Zeit noch mit der biologischen Weiterentwicklung zum Homo Sapiens, insbesondere mit dem Wachstum des Gehirns, eng verknüpft. Beim Homo Sapiens konnte jedoch die kulturelle Entwicklung, nachdem die biologische Evolution weitgehend abgeschlossen war, ihrer Eigendynamik folgen. Menschen zeichneten sich fortan dadurch aus, dass sie als gesellschaftliche Wesen auftraten, die miteinander über Sprache und Symbolsysteme kommunizierten.

Den Zeitraum, da die Vorläufer des heutigen Menschen zum ersten Mal Steine benutzten, die sie bald zu Faustkeilen und anderen einfachen Werkzeugen bearbeiteten, nennt man die frühe Steinzeit, die auf den Zeitraum zwischen 2,5 Millionen und 250 000 Jahren berechnet wird. Die Funde in Südafrika zählen zu den ältesten, denn sie beziehen neben den frühen Vorläufern des Homo Sapiens sogar die Australopithecinen mit ein. Funde entsprechender Werkzeuge in Europa können auf eine Zeit datiert werden, die im Gegensatz dazu »nur« etwa 600 000 Jahre zurückreicht. In den langen Jahrtausenden der frühen Steinzeit wurden die Werkzeuge allmählich nicht nur feiner, sondern differenzierten sich für spezifische Zwecke aus. Diese Entwicklung setzte sich in der mittleren Steinzeit fort, die vor etwa 25 000 Jahren endete. In dieser Zeit lebten die Vorläufer des Homo Sapiens bereits in Höhlen und hatten eine größere Mobilität entwickelt, weil sie entdeckt hatten, dass sich Wasser in den Schalen von Straußeneiern transportieren ließ. Bereits für die Zeit vor 77 000 Jahren, also noch vor dem Erscheinen des Homo Sapiens, ist die Nutzung des Feuers durch Ablagerungen von Asche nachgewiesen ebenso wie die erste Benutzung von Symbolen. Dabei handelte es sich um Ornamente auf Muschelschalen, die möglicherweise Kennzeichen von Gruppenzugehörigkeit waren. Keinesfalls darf man für einen so riesigen Zeitraum von einer Siedlungskontinuität in dem Sinn sprechen, dass in derselben Region ortsfeste Gruppen und ihre Nachkommen von der Frühzeit des Menschen bis in die jüngere Vergangenheit gelebt hätten. Es führt keine gerade und nachweisbare Linie von den Menschen der Altsteinzeit zu den rezenten Buschleuten, die ihre kulturellen Spuren in den Felsmalereien hinterlassen haben.

Der Begriff der Steinzeit ist eine relative archäologische Datierung und bezieht sich auf erhaltene Artefakte aus Stein. Aus diesem Grund ist es möglich, dass Bevölkerungen, die Steinwerkzeuge benutzten, zur gleichen Zeit und im selben Gebiet lebten, wie Menschen, die bereits Metallverarbeitung kannten. Dies gilt für das südliche Afrika für die letzten 2000 Jahre, da die Khoisan keine Metalle bearbeiteten, ihre bantusprachigen Nachbarn jedoch sehr wohl.

Selbst für die späte Steinzeit gibt es nur ungefähre Zeitangaben, da die Entwicklungen regional höchst unterschiedlich verliefen. Die »neolitische Revolution« mit der Herausbildung von Ackerbau und Viehzucht sowie der Entstehung der ersten städtischen Siedlungen ist nur regional datierbar. Die späte Steinzeit brachte im südlichen Afrika neue technische Erfindungen, vor allem mit dem Aufkommen von Pfeil und Bogen und besonders fein gearbeiteten, sehr kleinen Steinwerkzeugen. Etwa 10 000 Jahre vor unserer Zeit nimmt die Zahl der spätsteinzeitlichen Fundorte im südlichen Afrika stark zu, was auf ein rasches Bevölkerungswachstum hinweist. Dies hat auch mit der letzten Eiszeit zu tun, die im südlichen Afrika in Form eines feuchteren Klimas und damit einhergehender größerer Pflanzen- und Tiervielfalt zum Ausdruck kam. Wir wissen aus den archäologischen Funden viel über die frühe Geschichte der Technologie, doch erst ab den Felsbildern, deren älteste etwa 20 000 Jahre alt sind, lässt sich eine Kontinuität der Bevölkerung annehmen und vermuten, dass die Schöpfer dieser Bilder möglicherweise die Vorfahren der heutigen Khoisan waren. Doch bevor auf die Bevölkerung Südafrikas in historisch greifbarer Zeit eingegangen wird, soll in aller Kürze ihr Lebensraum vorgestellt werden.

1.2 Der menschliche Lebensraum Südafrika

Als südliches Afrika wird der Raum südlich der Flüsse Sambesi und Kunene bezeichnet, als Südafrika dagegen das Gebiet, das heute die Republik Südafrika ausmacht. Letzteres ist 1,2 Millionen km2 groß und erstreckt sich zwischen dem 35. und dem 22. Grad südlicher Breite. Südafrika liegt darum in zwei unterschiedlichen Klimazonen, was erhebliche Auswirkungen auf Bevölkerungsverteilung und Wirtschaftsentwicklung hatte. Der größte, nördlichere Teil des Landes ist Sommerregenzone, weshalb die Hauptniederschläge im südlichen Sommer, nämlich zwischen November und März fallen, während sich die Winter durch wolkenlose Himmel auszeichnen. Obwohl die Tageshöchsttemperaturen diejenigen eines mitteleuropäischen Frühlingstages erreichen können, haben die fehlenden Wolken in der Nacht starke Abkühlungen zur Folge. Daraus resultieren erhebliche tägliche Temperaturschwanken, die im Zentrum des Landes gelegentlich bis zu 30° C. ausmachen können. Den klimatischen Bedingungen sind auch die Hauptnahrungspflanzen angepasst, die die Afrikaner in der vorkolonialen Zeit anbauten, vor allem Hirse und Sorghum. Das Sommerregengebiet lässt sich seinerseits in zwei Großregionen unterteilen, zunächst den Küstenstreifen am Indischen Ozean zwischen dem heutigen Mosambik und der Hafenstadt Port Elizabeth. Dieses Gebiet liegt zwischen dem Meer und Gebirgszügen, die parallel zur Küste verlaufen und bei Lesotho, einem Enklavenstaat mitten im heutigen Südafrika, alpine Höhen von mehr als 3000 Meter erreichen. Dadurch kommt es zu Steigungsregen, zumal die Ostküste von den Monsunwinden des Indischen Ozeans erreicht wird. Zahlreiche kleinere Flüsse haben sich tief in die Hügellandschaft eingegraben, die dadurch außerordentlich stark gegliedert ist. Der größte dieser Flüsse ist der Tugela, der lange Zeit die Südgrenze des Zulureiches bildete. Die Region zeichnete sich schon in vorkolonialer Zeit durch eine vergleichsweise dichte Besiedlung aus.

Die zweite Region, das Landesinnere Südafrikas, bezeichnet man als Highveld, eine typisch südafrikanische bilinguale Wortbildung – ein Hochland, das aus leicht hügeligen Ebenen besteht, die bis zu 2000 Meter über dem Meeresspiegel liegen und dadurch frei von den meisten tropischen Infektionskrankheiten wie Malaria oder Tsetse sind. Im Zentrum des südlichen Afrikas erstreckt sich mit der Kalahari eine große Wüste, die den größten Teil des heutigen Botswana einnimmt. Es ist im Wesentlichen den Monsunregen zu verdanken, dass die Kalahari nicht bis zur Ostküste reicht. Das Niederschlagsgefälle von Ost nach West hat Auswirkungen auf die menschlichen Lebensformen, denn die westlichen Regionen sind sehr dünn besiedelt, während im Osten, vor allem in Flusstälern, größere Bevölkerungsdichten erreicht werden. Die 50 cm-Niederschlagsgrenze im Jahresdurchschnitt zieht sich durch dieses Gebiet, jenseits derer landwirtschaftlicher Anbau mit großen Risiken behaftet ist.

Die Menschen, die das Highveld bewohnen, gehören der Sprachgruppe der Tswana-Sotho an, was sich auch in den Namen der beiden Nachbarstaaten Südafrikas, Botswana und Lesotho, wiederfindet. Das Highveld wird durch zwei große Flusssysteme gegliedert, nämlich den Limpopo, der die Nordgrenze des heutigen Südafrika bildet und in Mosambik in den Indischen Ozean mündet. Das andere, größere Flusssystem, der Oranje und sein wichtigster Nebenfluss, der wegen seines schlammigen Wassers der »fahle Fluss« (Vaal River) genannt wird, erstreckt sich entlang des Südrands der Kalahari zum Atlantik. Sein letzter Abschnitt bildet heute die Staatsgrenze zu Namibia. Insgesamt ist jedoch das Highveld weniger mit Wasserläufen gesegnet als die Ostküste und häufiger von Dürren bedroht. Wegen Stromschnellen und Wasserfällen, aber auch aufgrund des stark variierenden Wasserstandes ist keiner der südafrikanischen Flüsse schiffbar.

Ähnlich wie nach Osten wird das Highveld auch nach Süden durch eine Bergkette vom Küstenstreifen getrennt. Im Unterschied zum Rest des Landes gehört die Südküste zu einer anderen Klimazone. Sie ist nämlich von einem mediterranen Klima mit Winterregen (Juni bis August) und heißen, trockenen Sommern geprägt. Diese Zone reicht etwa von Port Elizabeth bis ans Kap der Guten Hoffnung und einige hundert Kilometer an der Atlantikküste nach Norden. Da sich die Wolken, die vom Indischen Ozean kommen, an dem parallel zur Südküste verlaufenden Gebirge abregnen, bleibt das Land nördlich davon entsprechend trocken: die große Halbwüste der Karoo, die einen beträchtlichen Teil des Northern, Western und Eastern Cape ausmacht. Weil der Süden durch die Karoo und die nördlich daran anschließende Kalahari vom subtropischen Afrika getrennt ist, konnte sich hier eine eigene ökologische Zone herausbilden, die kleinste von insgesamt sechs botanischen Provinzen der Erde, die aber die höchste Artenvielfalt aufweist. Dies betrifft vor allem kleine Strauchgewächse, den sogenannten fynbos (wörtl.: Feinbusch), zu dem etwa der Rooibos (Rotbusch) zählt, aus dem Tee gewonnen wird, der sich mittlerweile in Europa großer Beliebtheit erfreut. Vor allem aber gab es keine domestizierte indigene Nahrungspflanze, die in dieser Region gedieh, weshalb das Siedlungsgebiet der bantusprachigen Afrikaner, die auch Bodenbau betrieben, auf das Sommerregengebiet beschränkt blieb. Dagegen siedelten die als Viehzüchter lebenden Khoikhoi weiter westlich bis zur Atlantikküste.

1.3 Die KhoiSan

Die steinzeitlichen Bewohner des südlichen Afrikas weisen für die letzten etwa 20 000 Jahre eine Siedlungskontinuität auf, wofür ihre Felsbilder die Hauptbelege sind, die man im gesamten südlichen Afrika heute noch bewundern kann. So geht das, was man über die gesellschaftlichen Strukturen der Khoisan weiß, auf die Beschreibungen zurück, die andere über sie hinterlassen haben, da diese Bevölkerung keine Schrift benutzte. Es ist immer problematisch, Aussagen zu treffen, die von rezenten Beobachtungen ausgehen und diese auf frühere Zeiten projizieren, weil uns für deren Rekonstruktion die Daten fehlen. Gleichwohl kann man mit einiger Vorsicht aufgrund archäologischer Funde einiges über Strukturen aussagen, die eine lange Dauer aufwiesen. Die Aufmerksamkeit für die langen Zeitdauern in der Geschichte geht auf den französischen Historiker Fernand Braudel zurück. Er hat in seinem berühmten Buch über das Mittelmeer verschiedene Phasen der historischen Entwicklung unterschieden, wobei die »longue durée« Jahrhunderte überspannende, fast stillstehende, weil von ökologischen Naturbedingungen bestimmte Strukturen erfasst. Im südlichen Afrika können solche langdauernden Strukturen neben relativ kurzfristigen Änderungen stehen. So ist die geschlechtliche Arbeitsteilung der Afrikaner offenbar eine solche Konstante, während die Anbauprodukte, Schmuckgegenstände und Kleidung, Literatur und politische Einrichtungen einem rascheren Wandel unterliegen. Beharrung und Innovation finden sich oft gleichzeitig in einer Gesellschaft. Wenn man stabile Strukturen beschreibt, impliziert dies also nicht, dass die beschriebenen Gesellschaften statisch und traditionsverhaftet wären. Auch in Europa gibt es solche Konstanten, etwa bei den Verwandtschaftssystemen, doch kann man von langen Zeitdauern auch in anderen Regionen der Welt ausgehen.

Obwohl über ihren Ursprung und ihre Herkunft nichts weiter bekannt ist, so kann als sicher gelten, dass die Khoisan in kleinen Gruppen weit verstreut im ganzen südlichen Afrika lebten. Ihre Sprachen waren soweit miteinander verwandt, dass die linguistische Bezeichnung dafür auch auf die Bevölkerung selbst angewandt wird: KhoiSan. Wie die Schreibweise schon andeutet, umfasst sie zwei große Bevölkerungsgruppen, die allerdings keine klar voneinander trennbaren politischen oder kulturellen Einheiten bilden, nämlich die San und die Khoikhoi. Sie unterscheiden sich weniger kulturell, als vielmehr in erster Linie durch ihre Wirtschaftsweise, wobei der Wechsel von der einen zur anderen Lebensweise möglich war.

Die eine dieser Gruppen nennt man San oder mit einer älteren Bezeichnung Buschleute, womit ihre Zeitgenossen die Lebensform charakterisierten. Denn Buschleute lebten vor der Kolonialzeit nicht in festen Dörfern oder anderen Siedlungen, die sich von der Wildnis, eben dem Busch, deutlich abgrenzen ließen. Ihren Nachbarn erschienen sie als Bewohner der Wildnis, weil sie sich von dem ernährten, was sie in der Natur fanden. Die Ethnologen sprechen von Wildbeutern, die sich ihre Nahrung durch Jagen und Sammeln sicherten. Neben der Jagd auf Tiere, wozu in den Küstengebieten auch das Sammeln von Meeresfrüchten gehörte, ernährten sich diese Menschen von wild wachsenden Pflanzen. Diese Lebensweise erforderte neben einer hohen Mobilität das Leben in kleinen Gruppen, um die Risiken im Fall von Dürrezeiten oder ausbleibendem Jagdglück so gering wie möglich zu halten. Auch wenn sich die verschiedenen kleineren Gruppen, die selten mehr als 20 Menschen umfassten, zu bestimmten Jahreszeiten zu Festen und Ritualen zusammenfanden, so waren diese größeren Treffen doch zu kurz und die größeren Einheiten zu instabil, um dauerhafte soziale Hierarchien zu begründen. Sie kannten auch nicht die komplexen Verwandtschaftsstrukturen und Heiratsmuster, die man bei anderen Völkern findet. Die stark egalitären Buschleute, bei denen auch die Geschlechter gleichberechtigt waren und es keine Oberhäupter gab, lebten über das ganze südliche Afrika verteilt, denn sie konnten bis zur Ankunft der Weißen in unmittelbarer Nähe des Tafelbergs Großwild jagen, viele von ihnen ernährten sich von Muscheln und Langusten aus dem Meer. Letzteres belegt, dass die letzten heute noch als Wildbeuter lebenden Buschleute in Botswana und Namibia nur einen Ausschnitt der vielfältigen früheren Lebensformen repräsentieren, die den ökologischen Gegebenheiten der jeweiligen Region angepasst waren.

Die Khoikhoi, deren Name nichts anderes bedeutet als »die Menschen der Menschen« oder »die wahren Menschen«, setzten sich mit dieser Bezeichnung von den San ab. Diese Selbstbezeichnung weist darauf hin, dass sie sich für etwas Besseres hielten und den Unterschied in der Lebensweise als ein kulturelles Gefälle bewerteten. Worin unterschieden sich nun die Khoikhoi von den Buschleuten? Biologisch oder auch sprachlich gab es keine Unterschiede, wohl aber hinsichtlich der Wirtschaftsform. Denn die Khoikhoi waren zwar, was ihre pflanzliche Nahrung betraf, Sammler, jagten aber nur gelegentlich, da sie Tiere domestiziert hatten und somit Viehzüchter waren. Die Tiere, die die Khoikhoi in teilweise riesigen Herden hielten, waren die einheimischen Fettschwanzschafe, die kaum Wolle lieferten, dafür aber Fleisch und Fett, mit dem sich die Khoikhoi zum Schutz vor Sonnenbrand und Insektenstichen einrieben. Später übernahmen sie von ihren bantusprachigen Nachbarn Ziegen und Rinder. Als die Weißen erstmals in Südafrika an Land gingen, trafen sie auf Khoikhoi mit riesigen Rinderherden. Da diese mit ihren Herden wanderten, meist periodisch von Sommer- zu Winterweiden (Transhumanz), hatten sie vergleichsweise lockere Sozialverbände. Ebenso waren ihre Behausungen auf Mobilität abgestimmt. Sie legten aus Gras geflochtene Matten über ein halbkugelförmiges Gestell aus Stangen, die in den Boden gerammt wurden. Die Khoikhoi kleideten sich zum Schutz vor der winterlichen Kälte in sogenannte Karosse, Mäntel, die sie aus den Fellen von Rindern nähten.

Zwar kannten sie Oberhäupter, doch war deren Macht begrenzt, auch waren die ethnischen Gruppen zahlenmäßig nicht sehr groß, da die Mobilität für diese Bevölkerung wichtig war. Weil die Khoikhoi keine Nahrungspflanzen anbauten, konnten sie das Winterregengebiet Südafrikas nutzen, den äußersten Süden und Südwesten, wo die Weißen zuerst an Land gingen; gleichzeitig war ihre Wirtschaft fragil. Eine Tierseuche oder eine Naturkatastrophe konnte die Herden dezimieren und die Khoikhoi zur Lebensweise der Buschleute zwingen. Tatsächlich waren die Übergänge zwischen beiden Bevölkerungsgruppen fließend. Soweit sich dies rekonstruieren lässt, kam es periodisch zu solchen dürrebedingten Herdenverlusten und der, zuweilen gewaltsamen, Aneignung von Tieren, um damit neue Herden aufzubauen. Allerdings ist es aufgrund der fast ausschließlich archäologischen Daten über die frühe Geschichte der Region nicht möglich, eine belastbare Chronologie für die frühen Jahrhunderte zu entwickeln.


Abb. 1: Khoikhoi in einer Abbildung des 17. Jahrhunderts.

Im Osten lebten die Khoisan in enger Nachbarschaft zu bantusprachigen Afrikanern. Gerade die San wirkten aufgrund ihrer Pflanzenkenntnisse und Trancetechniken oft als religiöse Spezialisten und Heiler. Diesem, nicht immer konfliktfreien, Zusammenleben über Jahrhunderte hinweg war es zu verdanken, dass die südlichsten Bantuvölker von den Khoisansprachen die charakteristischen Schnalzlaute adaptierten. Möglicherweise äfften die Europäer diese ihnen unverständlichen Sprachen in dem Namen nach, mit dem sie die Khoikhoi belegten: Hottentotten.

1.4 Die bantusprachige Bevölkerung

Jenseits der Klimagrenze, an der Ostküste und auf dem Highveld, lebten Völker, die sich sprachlich und kulturell deutlich von den Khoikhoi abhoben, wobei auch optisch ein Unterschied aufgrund der im Allgemeinen helleren Hautfarbe der KhoiSan erkennbar war, der allerdings nicht mit einem Rassenunterschied gleichzusetzen ist. Die Archäologie konnte zweifelsfrei Siedlungsformen, wie sie typisch für die heutige bantusprachige Bevölkerung sind, seit dem 2. Jahrhundert n. Chr. nachweisen. Diese Menschen waren offenbar in früher, nicht genau datierbarer, Zeit aus dem Norden zugewandert, wobei von mindestens zwei Zuwanderungswellen ausgegangen werden muss. Auch wenn unbekannt bleibt, welche Sprache die Menschen während dieser Jahrhunderte gesprochen haben, so kann man zumindest davon ausgehen, dass ihre Lebensweise in vielem derjenigen ähnelte, die Europäer seit dem 16. Jahrhundert direkt beobachteten und beschrieben. Im 19. Jahrhundert erfand der aus Deutschland stammende Linguist Wilhelm Bleeck für eine Gruppe eng miteinander verwandter afrikanischer Sprachen die Sammelbezeichnung »Bantu«, was nichts anderes als Menschen heißt. Die Bantusprachen haben ihren Ursprung im heutigen Kamerun, von wo sie sich über den ganzen afrikanischen Kontinent südlich des Äquators ausbreiteten. Ob dieser Vorgang als eine Art Völkerwanderung zu begreifen ist, wie man früher glaubte, wird mittlerweile bezweifelt, da auch eine Verbreitung der Sprache unabhängig von der Wanderung von Menschen denkbar ist, etwa durch Handelsbeziehungen. Im Unterschied zu den KhoiSan betrieben die Bantusprecher neben der Viehzucht auch den Anbau von Nahrungspflanzen. Darum lebten sie in festen Siedlungen, die allerdings von Zeit zu Zeit kleinräumig verlegt wurden, um den Böden Gelegenheit zur Regeneration zu geben.

Die bantusprachigen Afrikaner, die sich heute in Südafrika als Blacks oder Africans bezeichnen und die große Mehrheit der Bevölkerung ausmachen, betrieben eine Wirtschaftsform, die im Gegensatz zu den Khoikhoi stabile Verhältnisse beförderte, da Anbau und Viehzucht sich nicht nur wechselseitig ergänzten, sondern es auch ermöglichten, Dürrezeiten oder Viehkrankheiten leichter zu überstehen. Eine doppelte Ernährungsgrundlage erlaubte zudem eine größere Bevölkerungsdichte und damit tragfähigere politische Einrichtungen als bei den Khoikhoi. Die bantusprachigen Afrikaner bauten vor allem Getreide an, ursprünglich vor allem Hirse und Sorghum, das sie seit dem 18. Jahrhundert allmählich durch den ertragreicheren, aber auch weniger dürreresistenten Mais ergänzten, der von den Portugiesen aus Amerika an die afrikanische Ostküste transferiert wurde. Daneben pflanzten sie zahlreiche Gemüsesorten an, die eine ausgeglichene Ernährung sicherstellten. Die Böden wurden mit Hacken bearbeitet, denn Pflüge wurden erst von den Europäern eingeführt – nicht immer zum Vorteil der Böden. Der Anbau war die Aufgabe der Frauen, die mit Getreidesorten experimentierten und mehrere Pflanzensorten auf einem Feld anbauten. Das »Durcheinander« verschiedener Nutzpflanzen auf demselben Feld wirkte auf die an monokulturellen Anbau gewöhnten Europäer oft verwirrend und fremdartig. Doch war diese Art des Anbaus sinnvoll, weil sich die Pflanzen wechselseitig ergänzten. Kürbisse und Melonen etwa verhinderten mit ihren großen Blättern die Austrocknung der Böden, was dem Mais, der viel Wasser benötigt, zugutekam. Mischkulturen schützten überdies die Pflanzen vor Schädlingsbefall und Krankheiten.

Während im Rahmen der geschlechtlichen Arbeitsteilung die Frauen für den Anbau von Nahrungspflanzen zuständig waren, oblag den Männern die Viehzucht. Dahinter verbarg sich eine Asymmetrie, da den Rindern eine große soziale Bedeutung zukam. Der Reichtum und damit das soziale Prestige bemaßen sich an der Zahl der Rinder, ihrer Gesundheit und ihren ästhetischen Qualitäten, weswegen zuweilen die Hörner junger Rinder in bestimmter Weise gebogen wurden. Während aus dem Getreide, das die Frauen ernteten, Bier gebraut wurde, was nicht nur für das gesellige Leben bedeutsam war, sondern das aufgrund seines Stärkegehalts als ein Grundnahrungsmittel galt und auch den Ahnen geopfert wurde, dienten die Rinder neben ihrem Wert als Statussymbol den Männern als Voraussetzung zur Eheschließung. Um eine Frau heiraten zu können, wurde im Vorfeld mit deren Familie ausgehandelt, wie viele Rinder der Bräutigam zu entrichten hatte. Doch ging diese Abgabe von Rindern über eine rein ökonomische Bedeutung hinaus, weswegen die Übersetzung von Lobola mit »Brautpreis« inadäquat ist. Denn beides, die Heirat wie die Abgabe der Rinder dienten dazu, Bündnisse zwischen den Familien zu besiegeln. Eine Ehe einzugehen hatte demnach, wie in Europa vor dem 19. Jahrhundert, eher in Ausnahmefällen mit Liebesbeziehungen zu tun, dafür aber viel mit Familienpolitik und Kooperationen größeren Stils. Diejenigen, die große Rinderherden besaßen, konnten polygame Haushalte gründen. Da die Oberhäupter, die Chiefs, meist die größten Rinderbesitzer waren, dienten ihnen Eheschließungen als politisches Mittel, um Allianzen aufzubauen. Eine Ehe erfüllte in diesem Kontext eine wichtige symbolische Funktion. Dies führt nun zu einem weiteren wichtigen Thema, nämlich der Familienstruktur, da diese sich von der westeuropäischen wesentlich unterschied.

Während sich in Westeuropa seit der Karolingerzeit die »gattenzentrierte Familie« entwickelte, wie der Wiener Mediävist Michael Mitterauer sie nennt, galt für große Teile der Welt das System der sogenannten Lineage-Strukturen. Damit ist gemeint, dass die Familie als ein langes generationenübergreifendes Band zu verstehen ist, eine Linie, die von der jüngsten lebenden Generation über die älteren bis zu den bereits verstorbenen Ahnen führt. Ein wichtiger Unterschied zu den europäischen Verwandtschaftssystemen lag darin, dass es sich im südlichen Afrika um »unilineale« Strukturen handelte, d. h. nur die Abstammung über einen Elternteil für die Selbstverortung in der Gesellschaft, die »Identität«, von Bedeutung war. Dies bedeutet natürlich nicht, dass man zu anderen Verwandten keine emotionalen Beziehungen aufbaute, sondern die Lineage war im Wesentlichen ein strukturierendes Merkmal und hatte wichtige rechtliche Konsequenzen. Gesellschaften, die über die väterliche Linie verwandtschaftlich organisiert waren und die im südlichen Afrika vorherrschten, nennt man patrilineare Deszendenzsysteme.

Alle Kinder leiteten ihre Herkunft in einer solchen Gesellschaft ausschließlich über den Vater, den Großvater usw. ab, d. h. sie hatten eine Reihe von bereits verstorbenen Ahnen, die für sie die entscheidenden Mittler im Jenseits darstellten. Zwar kannten die bantusprachigen Gesellschaften Südafrikas einen quasi-monotheistischen Schöpfergott, doch näherten sie sich ihm immer über ihre Ahnen, an die sie sich wandten, wenn der Regen ausblieb, Krankheiten und anderes Unheil sie heimsuchten. Das Individuum war stärker als in der gattenzentrierten Familie in ein Netz wechselseitiger Verpflichtungen und in eine Identität als Angehöriger der Lineage eingebunden. So waren Eheschließungen Verbindungen zwischen Lineages. Dies erklärt auch, weshalb die älteren Männer als diejenigen mit dem höchsten Sozialprestige und der größten Nähe zu den Ahnen die Heiratsverhandlungen führten. Eine junge Frau zog zu ihrem Mann, verlor dadurch aber nicht die Zugehörigkeit zu ihrer eigenen Lineage. Faktisch blieb sie immer eine Fremde in der Familie ihres Mannes, im Gegensatz zu ihren eigenen Kindern, die der Lineage ihres Vaters durch ihre Geburt angehörten. Darum wurden vor allem Frauen, insbesondere unfruchtbare, verwitwete und alte, Opfer von Hexereivorwürfen. Denn Hexerei oder Schadenszauber wurde vor allem denjenigen unterstellt, deren Loyalität eher ihrer eigenen Lineage als derjenigen ihres Ehemannes galt. Umgekehrt war die Verbindung zweier Lineages aber auch Grundlage für Bündnisse und übergreifende Solidarität.

Während eine Lineage in der Regel vier Generationen umfasste, gab es darüber hinausgehende größere Einheiten. Die Erinnerung an einen mythischen Urahnen, der häufig als eine Art Gründerheros memoriert wurde, ließ alle, die sich in ihrer Abstammung auf ihn bezogen, als eine große Verwandtschaftsgruppe erscheinen, die aus verschiedenen Lineages zusammengesetzt war. Häufig werden diese übergreifenden Einheiten in der ethnologischen Literatur als Clans bezeichnet, in denen meist ein Exogamiegebot galt, d. h. die Angehörigen eines Clans durften nicht untereinander heiraten. Komplizierte Heiratsregeln banden die Clans aneinander, indem etwa Angehörige von Clan A Frauen aus Clan B heirateten, Männer aus Clan B dagegen Frauen aus Clan C etc. Die Gesamtheit der Clans, die in ein solches Regelwerk integriert waren, bezeichnen die Ethnologen als Stamm, Volk oder Ethnie. Solche Verwandtschaftssysteme waren »segmentäre« Strukturen, da die Verwandtschaftseinheiten alle ein ähnliches Muster aufwiesen und als Segmente im Verhältnis zueinander standen wie die Waben eines Bienenstocks.

Auch wenn die bantusprachige Bevölkerung des südlichen Afrikas über Lineagestrukturen organisiert war, gab es daneben ein weiteres Prinzip der sozialen Organisation, das ebenso wichtig war und für Außenstehende die Sozialstrukturen sehr kompliziert erscheinen lässt, nämlich die politische Organisation über Chiefs. Ethnische Gruppen sind darum in der historisch bekannten Zeit seit etwa 1500 nicht primär als Kulturgemeinschaften fassbar, sondern als politische Gemeinwesen mit einem Chief an der Spitze. Die Loyalität zu einem bestimmten Chief war die Grundlage ethnischer Identität, die sich darum auch wechseln ließ. Der Apartheidstaat hat später den Begriff »Bantu« essentialisiert und diese Völker als klar umgrenzte, nicht nur sprachlich, sondern über distinkte Kulturen identifizierbare Ethnien gefasst.

Südafrika war wie der gesamte Kontinent lange Zeit unterbevölkert, d. h. Land gab es im Überfluss, sodass Landbesitz und Territorialität keine Grundlage für politische Herrschaft boten wie etwa im frühneuzeitlichen Europa. Vielmehr war die Herrschaft über Menschen entscheidend, d. h. die Macht der Chiefs hing von der Zahl ihrer Anhänger und Krieger ab. Aus diesem Grund war ein Chief wohl beraten, sich der Loyalität der Bevölkerung zu versichern, was sich etwa in der politischen Kultur niederschlug. Eine der wichtigsten Tugenden eines Chiefs war Großzügigkeit im Sinn von Freigiebigkeit. Beliebte Chiefs konnten wie Magneten wirken, wodurch ihr Chiefdom an Macht und Ansehen gewann. Ein wichtiges Mittel dazu war, Menschen aufzunehmen, die durch Dürre oder Tierkrankheiten verarmt waren. Der Chief wies ihnen Land zur Nutzung zu und lieh ihnen aus seinen eigenen Beständen Rinder, mit denen sie eine neue Herde aufbauen konnten. Diese Großzügigkeit war freilich an Gegenleistungen geknüpft, wozu Gefolgschaftstreue und Loyalität zählten. Man nennt dieses System von Abhängigkeiten »Rinderpatronage«, was erneut die große Bedeutung des Rinderbesitzes unterstreicht. Denn nur Männer, die Rinder besaßen, konnten heiraten, sodass ein Chief den Rinderbesitz als eine Art politische Stellschraube und Mittel der Disziplinierung nutzen konnte.

Rinderbesitz wirkte sich auch auf die für die südlichen Bantu typische Form der Siedlung aus, die Ethnologen als Central Cattle Pattern charakterisieren. Die Siedlung war jeweils um einen zentralen umzäunten Platz, den sogenannten Kraal (portug.: curral = Pferch), angeordnet, in den über Nacht die Rinder getrieben wurden. Das Central Cattle Pattern war nicht nur von der Geschlechterordnung geprägt, sondern auch die gesellschaftlichen Hierarchien schlugen sich in der Anordnung der Häuser nieder. So stand das Haus des Chiefs sowie diejenigen seiner Ehefrauen gegenüber dem Eingang zum zentralen Rinderkraal. Dem Chief kam eine besondere spirituelle Kraft, ein Erbcharisma zu, das durchaus ambivalent war. Denn Chiefs waren einerseits für das Wohlergehen zuständig und ihre besondere Nähe zu den Ahnen verlieh ihnen größeren Einfluss auf die kosmische Ordnung. Andererseits konnten Chiefs ihre spirituelle Macht auch nutzen, um Feinde, Konkurrenten und Neider zu beseitigen. Dies ist einer der Gründe, warum es in den meisten Gesellschaften tabu war, einen Chief physisch zu attackieren oder gar ihn zu töten. Denn als Ahne verfügte er weiterhin über die Möglichkeit, in die Geschäfte der Lebenden einzugreifen und sich für seinen Tod zu rächen.

Nun ist Chief eine Verlegenheitsvokabel, die eine größere Einheitlichkeit der politischen und sozialen Ordnung suggeriert als tatsächlich existierte. Denn in kaum zwei afrikanischen Gesellschaften war die Stellung des Chiefs die gleiche, sondern es gab zahlreiche Varianten. Viele Chiefs waren eher Clanoberhäupter und genossen kaum über ihre eigene Siedlung hinaus Autorität, während andere Chiefs große Gebiete kontrollierten.

Ausgrabungen deuten darauf hin, dass im ersten nachchristlichen Jahrtausend die Chiefdoms meist klein waren, kaum über Marktbeziehungen miteinander verkehrten, sondern ökonomisch weitgehend Selbstversorger waren. Es gab nur eine geringe berufliche Spezialisierung und keine institutionalisierten Märkte. Nur in wenigen, aber historisch greifbaren, Fällen wuchsen solche Chiefdoms zu größeren Einheiten, die man als Königreiche bezeichnen könnte.

In der Nähe von Lydenburg in der heutigen Provinz Mpumalanga wurden Terrakotta-Köpfe gefunden, die sogenannten Lydenburg Heads, die aus dem 6. Jahrhundert n. Chr. stammen und auf eine weit entwickelte Kultur hindeuten. Leider ist die Fundstätte durch die unprofessionellen Grabungsmethoden archäologischer Amateure so sehr zerstört worden, dass man über den historischen Kontext des Fundes bislang nicht viel weiß. Wichtiger ist indes eine Entwicklung etwa 400 Jahre später, die aufgrund professioneller Ausgrabungen weitaus besser rekonstruierbar ist. Die tiefgreifenden Veränderungen der sozialen und politischen Strukturen in dieser Zeit ließen vermuten, dass eine Zuwanderungswelle aus dem Norden die Ursache dafür war. Denn etwa ab 1000 n. Chr. wurde die Rinderhaltung intensiver und das Central Cattle Pattern setzte sich als allgemeines Siedlungsmuster im gesamten Land durch.

Aus den Siedlungsstrukturen um 1000 n. Chr. lässt sich im Norden des heutigen Südafrika eine allmähliche Änderung im Verhältnis der Chiefs zueinander ablesen, denn es kam unter ihnen zu einer Hierarchisierung. Sie waren nicht mehr einfach Nachbarn, sondern einander über- oder untergeordnet. Am östlichen Rand der Kalahari entdeckten die Archäologen, dass erstmals größere Siedlungen inmitten kleinerer entstanden. Ihre Anordnung ließ den Schluss zu, dass sich eine dreigliedrige Hierarchie einspielte: Eine große Siedlung als Zentrum, mittlere als Unterzentren und zahlreiche kleinere Weiler, die wie Trabanten um die größeren angeordnet waren. Dies ist ein deutlicher Hinweis auf politische Zentralisierung, d. h. einem Chief gelang es, sich zum Oberherrn über die übrigen aufzuschwingen und größere Gebiete unter seiner Herrschaft zu einigen.

Besonders signifikant ist dies in Mapungubwe im äußersten Norden Südafrikas, unweit des Zusammenflusses von Sashe und Limpopo, der heute die Staatsgrenze zu Simbabwe bildet. Denn in dieser archäologischen Fundstätte änderte sich sogar das Central Cattle Pattern. Der Chief entfernte sich weiter als bis dahin üblich von der Bevölkerung, als er sich im wahrsten Sinn des Wortes über sie erhob und seinen Wohnsitz auf einen großen Felsen verlagerte. Gräber mit Beigaben aus Gold, darunter das berühmt gewordene goldene Rhinozeros, dokumentieren, dass es sich hier um eine viel stärker akzentuierte Schichtung der Gesellschaft handelte, als für die Zeit davor archäologisch nachweisbar war. Mapungubwe war eingespannt in die Handelsnetze des Indischen Ozeans, worauf Handelswaren und Artefakte hindeuten, die auf dem Felsen von Mapungubwe gefunden wurden. Die Güter, die die Chiefs von Mapungubwe erreichten, waren knappe Prestigegüter. Sie konnten den Machtzuwachs der Glücklichen, die den Handel unter ihre Kontrolle brachten, erheblich befördern. Glasperlen dienten der Schmuckherstellung, Baumwoll- und Seidenstoffe der Distinktion durch prachtvolle Kleidung. Zu den Handelswaren, die die Afrikaner anboten, zählte neben Elfenbein und Tierhäuten vor allem Gold, das westlich von Mapungubwe gefördert wurde.

Mapungubwe wurde in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts verlassen und vermutlich hat sich der Schwerpunkt dieses Reiches um einige hundert Kilometer nach Nordosten verlagert, wo mit den großen steinernen Anlagen von Great Zimbabwe ein neues Reichszentrum entstand. Die weitere Entwicklung betraf folglich nicht mehr Südafrika, doch ist festzuhalten, dass die vermutete Ursache für die Zentralisierung im Fernhandel lag, denn dies war ein Element, das einzelnen Chiefs neue Machtchancen eröffnete. Den Grund für die politischen Zentralisierungen hat man lange in endogenem ökonomischem Wachstum oder umgekehrt in ökologischen Krisen gesehen, da man den Afrikanern als historisch Handelnden dadurch besser gerecht zu werden glaubte. Doch spricht vieles dafür, dass der Fernhandel die entscheidende Variable war, die den Aufstieg einzelner Chiefs ermöglichte. Die Verbindung von Fernhandel und Zentralisierung lässt sich wiederholt in der südafrikanischen Geschichte feststellen.

Erst 500 Jahre nach Mapungubwe liegen erneut Nachrichten über die vorkolonialen afrikanischen Chiefdoms vor. Portugiesische Schiffbrüchige, deren Segelschiffe in den tückischen Unterströmungen an der südafrikanischen Felsenküste aufgelaufen waren, hielten sich einige Zeit bei der bantusprachigen Bevölkerung der Xhosa auf. Dieses etwa 70 000 bis 100 000 Menschen zählende südlichste Bantuvolk lebte direkt an der Grenze des Sommerregengebiets und bildete offenbar eine weitere Ausnahme von der Regel kleiner Chiefdoms, denn im 16. Jahrhundert entstand ein Xhosa-Königreich, d. h. auch hier hatte ein Prozess politischer Zentralisierung stattgefunden, ohne dass die Gründe dafür bekannt sind. Etwa 200 Jahre später setzte ein Zerfall in kleinere Chiefdoms ein, wobei alle Chiefs Angehörige der Königsfamilie, des Tshawe-Clans, blieben. Die Identität der Xhosa-Bevölkerung bemaß sich nach der politischen Loyalität zu einem der Angehörigen des Tshawe-Clans.

Die dünne Besiedlung sowie die Ausweichmöglichkeiten für unzufriedene Chiefs und ihre Anhänger erklären, warum die wenigen Königreiche, von denen wir wissen, instabil waren und, wie etwa dasjenige der Xhosa, dazu tendierten, sich aufzuspalten. Die zentripetalen Kräfte dagegen, die überhaupt zur Entstehung zentralisierter Formen von Herrschaft führten, sind weniger klar eruierbar. Mit großer Wahrscheinlichkeit aber spielte der Handel eine ganz entscheidende Rolle, denn überall da, wo sich Zentralisierungen aufgrund archäologischer oder schriftlicher Quellen rekonstruieren lassen, waren die Handelsbeziehungen weitaus intensiver als sonst üblich. Bei den Waren handelte es sich nicht um Lebensmittel und nur in untergeordnetem Maß um Gegenstände des täglichen Bedarfs wie Metallwerkzeuge u. a., sondern um Prestigegüter, die insbesondere den Chiefs zugutekamen. Da es im südlichen Afrika keine spezialisierten Händler wie etwa in Westafrika gab, konnten die Chiefs den Handel weitgehend kontrollieren und monopolisieren. Das Fehlen von Marktbeziehungen zwischen den Chiefdoms ist die Ursache, warum die kleinen Chiefdoms über so lange Zeit der Regelfall blieben. Erst mit einer wachsenden ökonomischen Ungleichheit, mit erhöhten Wettbewerbschancen derjenigen, die Zugang zu knappen und wertvollen Gütern hatten, war die Voraussetzung für großräumigen Herrschaftsausbau gegeben.

1.5 Erste Kontakte mit Europäern

Wie bereits im Zusammenhang mit der Entstehung eines Xhosa-Reiches angedeutet, waren die Portugiesen die ersten Europäer in der Region. Im Jahr 1486 tauchte erstmals ein europäisches Schiff in den Gewässern des südlichen Afrikas auf. Seit dem frühen 15. Jahrhundert hatten sich die Portugiesen entlang der Küste Afrikas in die Weiten des Atlantiks vorgetastet. Nach Überwindung vieler, nicht zuletzt psychologischer, Hürden erreichte der Seefahrer Bartholomeo Dias Ende des 15. Jahrhunderts den Südatlantik. Von einem heftigen Sturm weit nach Süden getrieben, steuerte er sein Schiff nach Osten, um die afrikanische Küste wieder zu erreichen, die er jedoch nicht mehr fand. Ihm wurde klar, dass er über die Südspitze des Kontinents hinausgefahren war, und er wendete sein Schiff in Richtung Norden, wo er östlich der heutigen Stadt Port Elizabeth die afrikanische Südküste erreichte. Erst auf der Rückfahrt erblickte er das Kap, die felsige Südwestspitze des Kontinents, das er aufgrund seiner Erfahrungen »Kap der Stürme« taufte. Nachdem er, nach Portugal zurückgekehrt, seinem Auftraggeber, König Johann II., die frohe Kunde überbracht hatte, benannte dieser es um in »Kap der Guten Hoffnung«, weil den Portugiesen nunmehr der Seeweg nach Indien offenstand. Mit der ersten Fahrt Vasco da Gamas 1498 begann die dauerhafte portugiesische Präsenz im Indischen Ozean und damit ein regelmäßiger Schiffsverkehr um die Südspitze Afrikas. Es war den Portugiesen gelungen, die Seidenstraße, an deren westlichem Ende das immer mächtiger werdende Osmanische Reich den Handel kontrollierte, zu umgehen und die in Europa begehrten Gewürze direkt bei den Erzeugern in Asien einzukaufen. Dies weckte bei anderen Europäern Begehrlichkeiten. Portugal wurde durch die Vereinigung seiner Krone mit derjenigen Spaniens von 1580–1640 in die Auseinandersetzungen der Habsburger mit ihren europäischen Rivalen und Feinden hineingezogen. Diese richteten ihre Angriffe, die die spanischen Habsburger und ihr überseeisches, ressourcenstarkes Reich treffen sollten, seit dem Ende des 16. Jahrhunderts vermehrt auch gegen Portugal. Erste Erkundungsfahrten der Niederländer und Engländer zeigten, dass es für sie nur dann im Indischen Ozean Betätigungsfelder geben konnte, wenn die Aktivitäten der verschiedenen Interessengruppen und Kaufleute koordiniert wurden, da Portugal sich mit bewaffneter Macht gegen das Eindringen anderer Europäer zur Wehr setzte.

In beiden protestantischen Ländern sorgten die Machteliten dafür, dass die Kaufleute sich in Monopolgesellschaften zusammenschlossen, um einerseits die Preise für ihre Waren stabilisieren und manipulieren zu können und um andererseits die Ressourcen zu bündeln. Denn die Fahrten in den Indischen Ozean konnten nur von gut bewaffneten Flottenverbänden unternommen werden. Im Jahr 1600 gründete Elisabeth I. durch einen Erlass die englische East India Company und zwei Jahre später bildete sich in den Niederlanden die Vereinigte Ostindische Kompanie (VOC). Aufgrund ihrer weitaus stärkeren Kapitalausstattung konnte sich die VOC in Südostasien festsetzen. Es gelang ihr, den Zugang zu den Molukken, den Banda-Inseln und Ceylon (Sri Lanka), wo Nelken, Muskat und Zimt angebaut wurden, zu monopolisieren und sich lukrative Gebiete in Südindien und auf Sumatra zu sichern, wo Pfeffer produziert wurde. Verwaltet wurde das weitgespannte seegestützte Reich der Niederländer, das aus einem Netzwerk von Handelsstationen bestand, durch eine Zentrale auf der Insel Java. Diese Stadt nannte die VOC nach den Batavern, einem von den Römern erwähnten, im Rheinmündungsgebiet ansässigen Germanenstamm, den man für die unmittelbaren Vorfahren der Niederländer hielt, Batavia, das heutige Jakarta.

Für viele Ostindiensegler, zu denen später noch die Franzosen und gelegentlich Skandinavier hinzukamen, war die Südwestecke Afrikas eine beliebte Anlaufstation, da man dort frisches Wasser aufnehmen und den Khoikhoi Schlachtvieh abkaufen konnte. Im Gegenzug erhielten diese von den Europäern Kupfer und Eisen, Metalle, die sie bis dahin nur in unzureichendem Maß bei den Völkern des Landesinnern erwerben konnten, sowie Tabak, der sich rasch unter ihnen ausbreitete, da sie bis dahin hauptsächlich eine lokale Art des Marihuanas, Dagga (ausgesprochen: dacha), gekannt hatten. Diese Kontakte verliefen nicht immer friedlich, sondern es kam schon bei den ersten Landgängen der Portugiesen gelegentlich zu gewalttätigen Konfrontationen.

Im frühen 17. Jahrhundert häuften sich die europäischen Schiffe, die vor allem in der dafür besonders gut geeigneten Bucht ankerten, die unterhalb des schon von weitem sichtbaren Tafelberges lag. Die Idee, dort eine dauerhafte Lebensmittelstation zu gründen, hatte mit der Vitaminmangelkrankheit Skorbut zu tun, die zahlreiche Todesopfer unter den Schiffsbesatzungen forderte, sodass viele Seeleute längere Zeit auf dem südafrikanischen Festland zur Erholung zubringen mussten, bevor sie in der Lage waren, ihre gefährliche Fahrt fortzusetzen.

2 Die Zeit der Vereinigten Ostindischen Kompanie
2.1 Die Gründung der Kapkolonie

Als 1651 der erste Niederländisch-Englische Krieg ausbrach, sahen die Niederländer den Zeitpunkt für eine Präventivmaßnahme gekommen, um zu verhindern, dass die Engländer sich in der Tafelbucht festsetzten. Der Oberkaufmann Jan van Riebeeck wurde mit drei Schiffen ausgesandt, um eine Lebensmittelstation zu gründen. Er sollte einen Gemüsegarten anlegen und die Schiffsbesatzungen künftig mit frischer Nahrung sowie mit Trinkwasser versorgen. Die Khoikhoi bemerkten, dass die Europäer diesmal nicht nur kurzzeitig an Land gingen, sondern bleiben wollten. Darauf reagierten sie feindselig, da das Gebiet um die Tafelbucht und auf der Kaphalbinsel wegen der guten Bewässerung ein begehrtes Weidegebiet für ihre Tiere war. So war das erste Gebäude, das die Weißen im südlichen Afrika errichteten, eine Festung.

Die Versorgungsstation war keineswegs allein den Schiffen der VOC vorbehalten, sondern zu manchen Zeiten lagen mehr Schiffe aus anderen europäischen Ländern vor Kapstadt auf Reede als niederländische. Zwischen 1688, als der niederländische Statthalter Wilhelm III. in der Glorious Revolution König von England wurde, und 1781 waren die beiden Länder enge Bündnispartner. Für die VOC war dies eine lukrative Einnahmequelle, weil sie sich die Versorgung gut bezahlen ließ. Auch die freien Bewohner Kapstadts konnten tüchtig verdienen, wenn sie Kneipen und Unterkünfte für die Schiffsbesatzungen unterhielten. Wegen der geringen Zahl freier Siedler dauerte es etwa 30 Jahre, bis die Kapkolonie von Getreideimporten aus Batavia unabhängig wurde und ihrerseits Überschüsse produzierte, die sie an die Schiffsbesatzungen verkaufen konnte.

Zunächst sollten Angestellte der VOC den Anbau der Nahrungspflanzen übernehmen, doch erkannten die stets besorgt auf ihre Kosten blickenden Direktoren der Kompanie, dass sich dies mit freien Farmern besser bewerkstelligen ließ, solange die Kompanie ihr Monopol sichern konnte. Ehemalige Angestellte durften sich als sogenannte Freibürger (Vryburger) im Land niederlassen und Parzellen bewirtschaften. Allerdings mussten sie ihre Produkte an die Kompanie veräußern, die sie ihrerseits an die niederländischen und andere europäische Schiffe weiterverkaufte. Die Parzellen konnten sie, oft auf Kredit, als Eigentum erwerben und erhielten von der Kompanie Besitztitel.

Die Kapkolonie war von der Dynamik ihrer gesellschaftlichen Entwicklung stärker geprägt als von ihren staatlichen Institutionen, die kaum lenkend eingriffen. Die VOC als kommerzielles Unternehmen wollte ihre Ausgaben so gering wie möglich halten, obwohl sie sich von einer Aktiengesellschaft durch die weitreichenden staatlichen Hoheitsaufgaben unterschied, die ihr die Republik der Niederlande eingeräumt hatte, um möglichst effektiv in Asien agieren zu können. In Südafrika erwiesen sich die VOC-Vertreter durchweg eher als kleinliche Pfennigfuchser denn als energische Staatengründer. Die Expansion der Kolonie war ursprünglich überhaupt nicht vorgesehen, weil das ganze Unternehmen nur als Lebensmittelstation geplant war. Hier machten sich bald nicht beabsichtigte Folgen ihres Vorgehens bemerkbar, denn als die VOC den Anbau an Farmer übergab, setzte sie genau die Dynamik in Gang, die am Ende zu einer großen Flächenkolonie führte. Außer Kosten brachte sie der Kompanie aber kaum etwas ein.

Kapstadt wuchs gewissermaßen aus dem Fort heraus. Die Festung, ursprünglich nahe am Strand gelegen, beherbergte zunächst die gesamte europäische Siedlerschaft mitsamt Gouverneur und Soldaten sowie die Gebäude und Magazine der VOC. Doch schon nach wenigen Jahren wurde sie zu klein und die ersten Bewohner begannen, in der näheren Umgebung Häuser zu errichten. Bis zum Ende der VOC-Herrschaft blieb sie der Mittelpunkt der politischen und administrativen Ordnung: Residenz des Gouverneurs, Sitz der Verwaltung und Kaserne. Eine erste einfache Konstruktion aus Holz und Erdwällen wurde schon nach wenigen Jahren durch ein imposanteres Steingebäude mit Wassergraben und dem Grundriss eines fünfzackigen Sterns ersetzt. Dieses Gebäude kann man noch heute in Kapstadt besichtigen.

Wirtschaftlich war in den frühen Jahren der Garten das Herzstück der kleinen Siedlung. Dort bauten Sklaven, von deren rechtlichem und sozialem Status im folgenden Abschnitt ausführlich die Rede sein wird, Obst und Gemüse für die Schiffsbesatzungen an, was ja schließlich der Daseinszweck der ganzen Unternehmung war. Direkt vor dem Garten wurde die Unterkunft der Sklaven errichtet, die heute das kulturhistorische Museum der Stadt beherbergt. Gegenüber stand das Krankenhaus, in dem die Skorbutkranken gepflegt wurden, die mit jedem Schiff hier ankamen. Zwischen dem Kranken- und dem Sklavenhaus befand sich eine Gracht, denn Kapstadt wurde wie viele niederländische Kolonialstädte, etwa Batavia oder Neu-Amsterdam (heute New York), mit Grachten versehen. In Kapstadt dienten sie der Kanalisierung der zahlreichen, sich vom Tafelberg ergießenden Bäche. Einer von ihnen wurde sogar in Form einer Wasserleitung auf eine künstlich angelegte Mole geführt, um die Wasserfässer der Schiffe direkt befüllen zu können. Die Grachten existieren noch heute, verlaufen aber unterirdisch, weil sie seit dem 19. Jahrhundert mit dem heutigen Straßennetz überbaut wurden. Kapstadt unterschied sich von zeitgenössischen europäischen Städten dadurch, dass es nicht ummauert war. Jedoch versuchte bereits der Koloniegründer Jan van Riebeeck, mit einer Dornenhecke die Kaphalbinsel vom Rest des Kontinents zu trennen, um die Khoikhoi fernzuhalten, die immer wieder des Viehdiebstahls bezichtigt wurden. Erst ab dem späteren 18. Jahrhunderts bildeten sich wohlhabendere und ärmere Viertel heraus; bis dahin wohnte Arm und Reich noch Seite an Seite. Bis zum Ende der VOC-Herrschaft 1795 hatte die Stadt mit ihren ca. 15 000 Einwohnern allenfalls die Größe einer Kleinstadt nach heutigen Maßstäben erreicht, wobei die Hälfte der Einwohner Sklaven waren.

Sämtlicher Handel wurde über das Monopol der VOC abgewickelt, weshalb die Bewohner Kapstadts sich auf Dienstleistungen, Handwerk und Kleingewerbe konzentrierten, da sich der Anbau von Lebensmitteln bald ins Umland verlagerte. Selbst der Kompaniegarten verwandelte sich im Lauf des 18. Jahrhunderts in einen reinen Ziergarten, in dem exotische Pflanzen aus Asien die Spaziergänger erfreuten. Schiffsladungen wurden von der VOC-Regierung öffentlich versteigert. Weil es keine festen Läden gab, waren der Handel und die Versorgung der Stadt von Lieferungen abhängig, die sporadisch erfolgten und zeitlich nicht zu kalkulieren waren.

Die Kolonialregierung der VOC in Kapstadt gab den Interessen der Kompanie stets Priorität vor denjenigen der Siedler. Aus VOC-Sicht war das nur zu verständlich, hatte sie doch die Siedlung am Tafelberg einzig zur Versorgung ihrer Ostindien-Segler gegründet. Dennoch war sie immer mit einer negativen Bilanz konfrontiert, denn Südafrika lieferte weder Gewürze noch wertvolle Stoffe, weder Edelhölzer noch wichtige Rohstoffe für das niederländische Gewerbe. Aus der Perspektive der Siedler dagegen war das VOC-Regiment ein Ärgernis, da seine Monopole ihre eigenen wirtschaftlichen Entfaltungsmöglichkeiten beschränkten.

Die kleine Kolonie am Kap der Guten Hoffnung wurde vom javanischen Batavia aus regiert. Bis 1735 gehörte sie administrativ zum Raum des Indischen Ozeans, erst danach wurde die Kolonie direkt den Heren XVII, dem obersten Leitungsgremium der VOC in den Niederlanden, unterstellt. Die Heren XVII waren 17 Delegierte der verschiedenen »Kammern« der VOC, in denen die Städte und Provinzen der Niederlande repräsentiert waren, und nominell die höchste Autorität der Kompanie. Doch aufgrund der Kommunikationsprobleme im Zeitalter der Segelschiffe genoss der Generalgouverneur in Batavia weitreichende Autonomie, auch wenn er seine Entscheidungen im Einvernehmen mit dem ebenfalls dort ansässigen Indienrat der VOC traf. Ihm unterstand das gesamte, weit gespannte Handelsreich der VOC im Raum des Indischen Ozeans, das von Kapstadt bis Nagasaki in Japan reichte. Es umschloss zahlreiche Faktoreien in Indien und auf Ceylon ebenso wie die eher prekären Handelsposten an den Küsten Vietnams und Chinas. Wenn es für die Kapkolonie also eine wirksame Autorität gab, musste sie eher auf Java als in Nordwesteuropa gesucht werden. Doch was für Batavia im Verhältnis zu den Heren XVII galt, bestimmte auch die Beziehungen zwischen Kapstadt und Batavia: Weil die Wege so weit waren und Befehle wie Nachrichten so langsam übermittelt wurden, konnte, ja musste der Gouverneur weitgehend selbstständig entscheiden. Nur eigens ausgesandte Generalkommissare sowie die Admiräle der Ostindienflotten übten eine gelegentliche Kontrolle aus. An der Spitze der Kolonie stand in den Anfangsjahren der Kommandant, dessen Amt unter van Riebeecks Nachfolger Simon van der Stel (Amtszeit 1679–1699) im Jahr 1690 zum Gouverneur aufgewertet wurde. Im 18. Jahrhundert wurden vorzugsweise Männer mit militärischer Erfahrung zu Gouverneuren ernannt, schließlich sollten sie gegenüber den Schiffen und Schiffsgeschwadern anderer europäischer Länder bewaffnete Macht demonstrieren. Das VOC-System in der Kapkolonie war die verkleinerte Kopie dessen, was die VOC in Batavia für den ganzen Indischen Ozean aufbaute. Ähnlich wie der gesamte Handel des niederländischen Kolonialreiches durch Batavia geschleust wurde, fungierte Kapstadt für Südafrika als das Nadelöhr eines von der VOC kontrollierten Handelsmonopols. Wie der Generalgouverneur ohne den Indienrat keine Entscheidungen treffen konnte, so war auch der Gouverneur der Kapkolonie kein Autokrat, sondern an den Politischen Rat gebunden. Dieser war jedoch aus ihm untergebenen Angestellten der VOC zusammengesetzt. Ähnliches galt für den Justizrat, den obersten Gerichtshof, sowie die ihm untergeordneten Gerichte und andere zentrale Einrichtungen wie das Waisenhaus. In allen Gremien mit Ausnahme des Politischen Rates war auch eine Minderheit von Bürgern vertreten, die allerdings von der Regierung berufen und nicht frei gewählt wurde. Diese Verwaltungsstruktur wurde überwuchert von einem Geflecht personaler Beziehungen und Abhängigkeiten, das vom Gouverneur und den hohen Beamten in die subalternen Gruppen der VOC hineinreichte. Das Ergebnis war Vetternwirtschaft und Korruption, die in der Kapkolonie wie in der gesamten VOC im Verlauf des 18. Jahrhunderts immer stärker um sich griffen.

Die Rechtsordnung Südafrikas beruhte auf dem römisch-holländischen Recht, wozu die spezifischen Rechtsartikel kamen, die die VOC in ihrem Einflussbereich im Indischen Ozean, vor allem in Batavia, entwickelt hatte. In der Kapkolonie galten zusätzlich noch die vom Politischen Rat erlassenen Rechtsverordnungen, die sogenannten Plakkaten, eine ergänzende lokale Rechtsgrundlage. Oberste Zuständigkeit für das Recht hatte der Fiscaal, dessen Amt nach dem des Gouverneurs und seines Stellvertreters den dritthöchsten Rang in der Kolonie beanspruchte. Er war unabhängig, weil er direkt an die Heren XVII berichten konnte und von ihnen Weisungen erhielt, d. h. er musste nicht über den Gouverneur oder über Batavia kommunizieren. Seine Funktion war die eines Staatsanwalts und Anklägers. Das Amt bot Chancen für den Aufbau einer unabhängigen Machtstellung, wobei der Fiscaal auch über zahlreiche Bereicherungsmöglichkeiten verfügte. Die eigentliche Rechtsprechung oblag dem Justizrat, dessen Vorsitz zuerst der Gouverneur, später sein Stellvertreter innehatte. Dieses Gericht war für Strafprozesse und alle schwerwiegenden Fälle zuständig, in denen es um einen Streitwert von mehr als 100 Rixdollar (Reichstaler) ging. Daneben gab es einen Gerichtshof für Bagatellfälle, aber keine eigenen Sklavengerichte. Denn Sklaven und Bürger wurden von denselben Gerichten be- und verurteilt. In den Distrikten im Hinterland war der Landdrost als oberster Verwaltungsbeamter der VOC auch der Vorsitzende der lokalen Gerichte, die sich aus den gewählten Heemraden – meist wohlhabende Farmer – konstituierten. Diese Lokalgerichte unterstanden jedoch den Weisungen und der Aufsicht des Justizrates. Sie durften zudem nur Fälle von untergeordneter Bedeutung und von einem Streitwert bis zu 50 Rixdollar behandeln. Die Möglichkeiten des Landdrost wie des Fiscaal, Verhaftungen vorzunehmen, waren eingeschränkt und wurden vom Justizrat kontrolliert. Ebenso wurde die Folter als Befragungsmethode eher selten angewandt, galt aber wie in Europa prinzipiell als legitim.

Die umfassende Kontrolle von oben schloss kirchliche Angelegenheiten ein. Da nur die Reformierte Kirche zugelassen war und die Prediger und Pastoren Angestellte der Kompanie waren, verfügte die Kirche im Gegensatz zu den Niederlanden selbst über keinerlei Autonomie. Vor allem die Gemeinden hatten keine Möglichkeit, ihren Pastor selbst zu wählen. Kapstadt besaß keine Stadtrechte, es galt sogar für lange Zeit nicht einmal als Stadt. Die Verwaltung war streng zentralistisch, eine kommunale Autonomie existierte nicht.

Die VOC erließ kurz nach der Koloniegründung ein ausdrückliches Verbot, die indigene Bevölkerung zu versklaven, da sie fürchtete, dass Übergriffe zu Racheakten und teuren Konflikten führen könnten. Die Heren XVII wiesen van Riebeeck an, die Khoisan als Fremde zu behandeln, die nicht der Kapkolonie angehörten und aus der Gesellschaft der niederländischen Siedlung ausgeschlossen bleiben sollten. Vielmehr sollte er ihnen als externen Handelspartnern begegnen, mit denen der Kommandant wie mit einer auswärtigen Macht Verträge abschließen konnte.

Mit der Gründung der Kolonie änderten sich die Beziehungen rasch, neben den bis dahin zentralen Handel trat nun die Konkurrenz um Land. Denn die VOC belegte die Kaphalbinsel mit Beschlag, sodass die lokalen Khoikhoi ihre bisherigen Weidegründe verloren. Seit 1652 nahmen die Europäer dauerhaft Land in Besitz, um es zu bebauen. Dies führte zu Konfrontationen, wobei die Khoikhoi aufgrund ihrer instabilen politischen Strukturen militärische Anfangserfolge, wie etwa bei einem Angriff auf die europäische Siedlung im Jahr 1659, nicht fortsetzen konnten. Allmählich gewannen die Europäer die Oberhand, zumal sie über Feuerwaffen und vor allem eine bessere Organisation verfügten.

Als sich die Niederländer fest eingerichtet hatten, nahm die Zahl der Schiffe zu, die in der Tafelbucht Halt machten, und damit wuchs auch die Nachfrage nach Fleisch. Dies wiederum hatte zur Folge, dass die Khoikhoi immer schneller ihre Herden verloren, die sie gegen Verbrauchsgüter, wie Tabak, Kleidung oder Metallgegenstände, eintauschten. Zwar gaben die Khoikhoi ihre Rinder nur zögerlich her, weil ihnen bewusst war, dass die Gegengaben der Weißen keineswegs adäquat waren, doch spielten die Niederländer verschiedene Khoikhoi-Gruppen gegeneinander aus und lockten Herdenbesitzer aus dem Landesinneren an die Küste, um dort Handel zu treiben. Die in Küstennähe lebenden Khoikhoi waren nämlich ob des rapiden Rückgangs ihrer Herden alarmiert und gingen europäischen Händlern aus dem Weg. Doch ihre Chiefs wurden nun immer stärker unter die Kontrolle der Kompanie gebracht, was sich in der zeremoniellen Verleihung von Amtsstäben durch den Gouverneur manifestierte. Zudem reagierte Jan van Riebeeck auf die fortgesetzten Diebstähle der Khoikhoi, die freilich andere Eigentumsvorstellungen hatten als die Europäer, indem er Chiefs als Geiseln nahm, um die gestohlenen Güter zurückzuerhalten. Auf diese Weise verschlechterten sich allmählich die Beziehungen und wurden von nachhaltigem Misstrauen gefärbt.

Die VOC begründete ihren Anspruch auf die Kapkolonie mit dem Recht des Eroberers, wodurch die Khoikhoi das Land verloren hätten. Tatsächlich war es ein Prozess gradueller Ausbreitung der Kolonie und der Verdrängung und Unterwerfung der Khoikhoi. In dessen Verlauf kam es zu erstaunlich wenigen kriegerischen Konfrontationen mit den Khoisan, was deren militärische Schwäche belegt, die ihnen offenkundig nur zu bewusst war. So wurden die Khoisan im Lauf der Jahrzehnte immer stärker in die Kolonialgesellschaft hineingezwungen, jedoch ohne ihre rechtliche Stellung formal zu ändern. Bezeichnenderweise äußerte sich die VOC in der Folgezeit dazu gar nicht, was den Schluss zulässt, dass sie die Angleichung der Khoisan an die Position von Sklaven akzeptierte, ohne diesen Schritt rechtlich abzusegnen. Man hielt aus nicht mehr zu rekonstruierenden Gründen lieber an einer Fiktion fest und schuf eine juristische Grauzone.

Als Simon van der Stel 1679 das Kommando über die Kolonie übernahm, gingen die Angriffe vermehrt von den Niederländern aus, die mit verschiedenen Strafaktionen auf tatsächliche oder vermeintliche Übergriffe der Khoikhoi reagierten. Weil die Khoikhoi politisch keine Einheit bildeten, hatten die Niederländer selten Probleme, Verbündete unter ihnen zu finden. Einzelne Chiefs, wie Dorha von den Chainouqua, profitierten davon, weil sie als Mittelsmänner den Viehhandel mit dem Landesinneren organisierten, was der VOC sehr zupass kam.

Im Hinterland pflegte die VOC einen administrativen Minimalismus, indem sie die Zahl der Distrikte so klein wie nur irgend möglich hielt. Darum umfassten sie riesige Territorien, die mit einer Handvoll Personen verwaltet werden mussten. Der höchstrangige Amtsträger in den Distrikten war der Landdrost, ein von Kapstadt ausgesandter Beamter der VOC. Ihm oblagen die Verwaltung, die Rechtsprechung sowie das Oberkommando über die Siedlermiliz und die gelegentlich vorhandenen regulären Truppen. Letztere waren gegen Ende des 18. Jahrhunderts meist farbige Soldaten, die sogenannten Kappanduren, die in Kapstadt stationiert und bei den Weißen besonders verhasst waren, weil sie die Bewaffnung von Nicht-Weißen generell ablehnten. Die zahlreichen Zuständigkeiten des Landdrosts setzten sich bei den ihm untergeordneten Veldkornets fort, die die Unterbezirke verwalteten. Im Gegensatz zum Landdrost wurden sie aus den Reihen der lokalen Notablen gewählt und vom Politischen Rat anschließend ernannt. Diese Universalämter legen beredtes Zeugnis von der marginalen Verwaltung und dem Sparzwang der Kolonialregierung ab. Dem Landdrost stand ein repräsentatives Amts- und Residenzgebäude zu, um das herum sich im Lauf der Jahrzehnte ein kleiner Weiler bildete, mit einer Kirche, einer Schule und kleinen Läden und Handwerksbetrieben. Doch blieben diese Siedlungen winzig und auf die Kolonie bezogen Ausnahmen. Denn der überwiegende Teil der Kolonie war von der Siedlungsstruktur der weit verstreuten Einzelfarmen geprägt, während sich Dörfer oder kleinstädtische Zentren erst im 19. Jahrhundert entwickeln sollten.

Mit wachsender Entfernung von Kapstadt waren die lokalen Vorgänge von der VOC und dem Politischen Rat kaum noch kontrollierbar. Die Veldkornets etwa waren meist einflussreiche und wohlhabende Farmer, die vergleichsweise autonom handeln konnten. Es kam verschiedentlich zu Konflikten zwischen den von Kapstadt entsandten Landdrosten und der lokalen Bevölkerung, wobei die VOC nur über unzureichende Mittel verfügte, ihre Autorität durchzusetzen. Wenn es einem Landdrost nicht gelang, sich in die lokalen Sozialbeziehungen so zu integrieren, dass er über Patronage und die Kooperation mit wichtigen Personen seine Macht festigen konnte, war er bei etwaigen Konfrontationen auf seinen Sekretär und die Handvoll Soldaten angewiesen, die ihm zur Seite gestellt waren.

Mit Simon van der Stel, der insgesamt 20 Jahre als Kommandant die Kolonie verwaltete, stabilisierte sich zwar die Ordnung, doch breitete sich die für die frühe Neuzeit übliche Patronage und Korruption auch am Kap der guten Hoffnung aus. Patronage war der Kitt, der die Gesellschaft zusammenhielt, ein personales Geflecht von Abhängigkeiten und wechselseitigen Verpflichtungen geschäftlicher wie freundschaftlicher Art, die die realen Machtverhältnisse stärker prägten als die formalen Hierarchien. Van der Stel selbst war Sohn eines niederländischen Vaters und einer asiatischen Mutter, was in der Kolonialwelt der VOC eher die Regel als die Ausnahme war. Als ausgesprochen tatkräftiger Kommandant mit autoritärem Temperament eignete er sich wertvolle Grundstücke an, etwa die Weinfarm Groot Constantia am Fuß des Tafelberges, die den einzigen qualitativ hochwertigen und exportierbaren Wein produzierte. Van der Stel versuchte, eine regelrechte Vorherrschaft seiner Familie zu etablieren.

Zwar konnte er bewirken, dass sein Sohn Willem Adriaan zu seinem Nachfolger (1699–1707) ernannt wurde, doch vermengte dieser Amt und Privatinteressen in einer Weise, dass es zum Streit mit einflussreichen Siedlern kam. Hatte die Kolonie in den ersten Jahrzehnten noch mit Getreide aus Batavia unterstützt werden müssen, produzierte sie nun Überschüsse, was vor allem der Ansiedlung von Hugenotten Ende des 17. Jahrhunderts zu verdanken war. Der Gouverneur nutzte seine Stellung, um die Produkte aus seinen eigenen riesigen Latifundien bevorzugt zu verkaufen, sodass die Farmer das Nachsehen hatten. Allen Drohungen und Repressalien zum Trotz gelang es seinen Gegnern, als ihre Eingaben an der Arroganz des Gouverneurs abgeprallt waren, eine Delegation nach Amsterdam zu schicken. Dort wurden sie bei der VOC-Führung vorstellig und erhoben schwere Vorwürfe wegen Amtsmissbrauchs. Es war ein einmaliger Vorgang in der Geschichte der VOC, als deren Führung einen Gouverneur seines Amtes enthob. Danach war die Macht der Familie van der Stel gebrochen, obwohl die folgenden Generationen weiter als Großgrundbesitzer in der Kolonie wohnen blieben. Doch hielt die VOC ihre Monopole aufrecht, die die Freibürger als größten Missstand und Haupthindernis der wirtschaftlichen Entwicklung der Kolonie betrachteten.

Die Produktion von Lebensmitteln durch »Freibürger« funktionierte zunächst nicht, da die Farmer zu wenige Arbeitskräfte hatten. Die Kompanie verbot ihnen, die ortsansässige afrikanische Bevölkerung zur Arbeit zu zwingen, weil sie ökonomisch teure Konflikte vermeiden wollte. In den Anfangsjahren setzten sich wirtschaftlich gescheiterte Freibürger sogar ab und reisten mit heimfahrenden Segelschiffen nach Europa zurück. Deshalb beantragte van Riebeeck, Sklaven ins Land zu holen, womit ein Sklavenhandel begann, der von 1658 bis ins frühe 19. Jahrhundert andauerte. Die Sklaven wurden aus dem gesamten Raum des niederländischen Handelsreiches im Indischen Ozean nach Südafrika verschleppt, was fatale Folgen für die weitere Entwicklung der Gesellschaft haben sollte.

2.2 Die Entstehung einer Sklavereigesellschaft

Die Niederländer haben die Sklaverei keineswegs neu erfunden, schließlich waren die Niederlande im 17. Jahrhundert eines der freiesten Länder der Welt, in dem auch Frauen mehr Rechte hatten als in anderen europäischen Gesellschaften. Doch die VOC passte sich in Asien schnell den lokalen Verhältnissen an und übernahm die Institution der Sklaverei. Zwischen der Gründung der VOC und derjenigen der Kapkolonie vergingen 50 Jahre, in denen sich die Angestellten und Funktionsträger an das System der Sklaverei gewöhnten. Jan van Riebeeck kam aus Batavia und kannte Sklaverei aus erster Hand, sodass es für ihn nahe lag, diese Institution auch in Südafrika einzuführen. Da die VOC die Versklavung der einheimischen Bevölkerung untersagte, musste van Riebeeck die Sklaven von außerhalb holen, weswegen er sich an die Regierung in Batavia wandte. Schon sechs Jahre nach Gründung der Kolonie kamen die ersten Sklaven aus Asien in Kapstadt an, denen in der gesamten Zeit der VOC-Herrschaft noch viele folgen sollten, insgesamt ca. 63 000. Anfangs kaufte die Kolonie sogar selbst Sklaven ein, wozu sie Schiffe nach Madagaskar schickte. Später wurden die meisten von VOC-Schiffen, die auf dem Weg in die Heimat waren, mitgebracht und in Kapstadt entweder an die Kompanie oder an Privatleute verkauft.

Etwa ein Viertel der Sklaven kam aus Südasien, d. h. aus Indien und Ceylon, und weitere 20 % stammten aus dem Zentrum des niederländischen Reiches in Südostasien, etwa ein Viertel aus Madagaskar und der Rest von den ostafrikanischen Küstenregionen. Die meisten Asiaten wurden über Batavia nach Südafrika gebracht, lebten ursprünglich jedoch auf den kleineren Inseln wie den Molukken, auf Sulawesi, Bali oder Timor. Durchreisende Schiffe, die auf dem Rückweg nach Europa waren, verkauften diese Sklaven einzeln oder in kleinen Gruppen in Kapstadt. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts stammten Sklaven in größerer Zahl aus Mosambik, da in bezeichnender rassistischer Stereotypisierung Afrikaner als besonders geeignet für die Feldarbeit eingeschätzt wurden.

Der Anteil der Geschlechter war sehr ungleich, da Frauen im Durchschnitt nicht mehr als 20 % der nach Südafrika gebrachten Sklaven ausmachten; ihr Anteil wuchs selbst bis Ende des 18. Jahrhunderts nur auf etwa 30 %. Dies bedeutete, dass sich die meisten Sklaven nicht fortpflanzen konnten, weshalb während der gesamten Zeit der VOC-Herrschaft der Zustrom an Sklaven nicht abriss. Hinsichtlich des unausgeglichenen Geschlechterverhältnisses, aber auch im Hinblick auf die kurze Lebenserwartung vor allem der männlichen Sklaven glich die Kapkolonie in fataler Weise dem menschenverschlingenden System der Karibik. Die Zahl der Sklaven wuchs von wenigen Dutzend in der Amtszeit van Riebeecks auf 25 754 zu Beginn der britischen Herrschaft, sodass die Sklaven gegenüber den weißen Siedlern seit dem frühen 18. Jahrhundert ständig in der Mehrheit waren. Bereits 1717 gab es 2523 Sklaven in der Kolonie. Die meisten von ihnen arbeiteten im Wein- und Getreideanbau in der Nähe Kapstadts, wo sich Ausbeutungsverhältnisse einspielten, die denjenigen auf Plantagen der Neuen Welt ähnelten. Obwohl es Sklavenbesitzer gab, die über 100 Sklaven ihr Eigen nannten, besaßen sie meist mehrere Farmen, weshalb die Zahl der Sklaven pro Farm eher klein war.

Im Hinterland, wo nicht so viele Sklaven zur Verfügung standen und stattdessen die landlos gewordenen Khoikhoi als billige und faktisch unfreie Arbeitskräfte arbeiteten – obwohl sie nominell frei blieben – kam es zu sexuellen Kontakten zwischen männlichen Sklaven und Khoikhoifrauen. Kinder aus solchen Beziehungen, die sogenannten »Bastard-Hottentotten«, blieben ebenfalls frei, da die Mutter frei war, konnten aber seit 1775 als unfreie Arbeitskräfte bis zum 25. Lebensjahr auf den Farmen festgehalten werden.

Es gab zwei Kategorien von Sklaven. Die geringere Anzahl von Sklaven war Eigentum der Kompanie. Sie wurden in Kapstadt selbst, nämlich in der Festung, im Hafen, bei öffentlichen Arbeiten, eingesetzt. Sie waren in der bereits erwähnten sogenannten Slave Lodge in unmittelbarer Nähe zu den Feldern und Gärten der Kompanie untergebracht. Ihre Zahl betrug während des gesamten Zeitraums zwischen 400 und 650 Personen. Die Mehrheit der Sklaven gehörte indes Privatpersonen sowohl in Kapstadt als auch in den ländlichen Gebieten.

Bei den Privatsklaven können drei Gruppen unterschieden werden: Erstens diejenigen, die in Kapstadt lebten und meist im Haushalt ihrer Herren eingesetzt wurden, zweitens diejenigen in der näheren Umgebung Kapstadts und drittens die kleinere Zahl, die im Hinterland der Kolonie lebte. Die Situation der Sklaven in der Stadt war die erträglichste, denn viele beherrschten ein Handwerk. Sie arbeiteten als Maurer, Schreiner und Maler, als Köche oder Fischer. Manche waren in spezielleren Handwerken tätig, die ihren Herrn entsprechende Einkünfte eintrugen. Im Lauf der Jahrzehnte wurde handwerkliche Tätigkeit mit dem Stigma der Sklaverei behaftet, weshalb weiße Siedler schon im 18. Jahrhundert kaum noch Handwerker wurden. Kluge Sklavenbesitzer schufen Anreize, indem sie ihren Sklaven die Gelegenheit boten, selbst etwas Geld zu verdienen. Dies eröffnete diesen langfristig die Aussicht, sich die Freiheit zu erkaufen. Freigelassene Sklaven schlossen sich der kleinen, fast ausschließlich auf Kapstadt begrenzten Gruppe der sogenannten »freien Schwarzen« an, von denen trotz der Bezeichnung die Mehrheit nicht afrikanischer, sondern asiatischer Herkunft war. Diese ehemaligen Sklaven und ihre Nachkommen kauften ihrerseits Sklaven, aber offensichtlich erwarben diese oft nicht sehr wohlhabenden Menschen ihre Sklaven hauptsächlich, um sie so bald wie möglich in die Freiheit zu entlassen. »Kreolische« Sklaven, die in der Kapkolonie geboren waren, wurden allgemein besser behandelt, da sie bereits in die Sklaverei hineinsozialisiert waren und als weniger renitent galten.

Das Sklavereiregime war auch in Kapstadt nicht frei von Brutalität, wobei vor allem jede Form von Insubordination mit grausamen Körperstrafen geahndet wurde, von öffentlichen Auspeitschungen über Marterungen bis zur Exekution. In den 150 Jahren der VOC-Herrschaft am Kap wurde im Durchschnitt ein Sklave pro Monat exekutiert, d. h. insgesamt verloren rund 1800 Menschen so ihr Leben. Die hohe Hinrichtungsrate erklärt sich aus der Angst der VOC vor Aufständen. Tatsächlich gab es aber kaum Aufstände, weil die Sklaven zu verstreut und isoliert voneinander lebten. Formen des Widerstands waren eher Flucht, Brandstiftung, Sabotage oder Diebstahl.

Ganz anders sah es in den ländlichen Regionen in der näheren und weiteren Umgebung von Kapstadt aus. Die reichen und mächtigen Farmer, die sog. Cape Gentry, die neben ihrer Familienfarm ein Stadthaus in Kapstadt hatten, besaßen oft zahlreiche Sklaven, die für sie auf den Feldern und in den Weinbergen schuften mussten. In ihren Stadthäusern mussten die Sklaven im Haushalt arbeiten und allerlei Dienstleistungen erbringen, wozu im 18. Jahrhundert die modische Fortbewegung mit der Sänfte gehörte, die von Sklaven getragen wurde.

Die VOC trug dafür Sorge, dass ihre eigenen Sklaven, die in der Slave Lodge lebten, getauft wurden. Doch folgten ihr die Bürger in dieser Praxis keineswegs, denn eine nicht ganz eindeutige Beschlusslage der calvinistischen Synode von Dortrecht im Jahr 1618 hatte zur Taufe aufgefordert, aber die rechtlichen Folgen nicht klar artikuliert. Viele Sklavenbesitzer fürchteten, getaufte Sklaven nicht mehr verkaufen zu können oder gar gezwungen zu sein, sie freizulassen. Aus diesem Grund blieb die Zahl der getauften Sklaven bis zum Ende des 18. Jahrhunderts minimal, was zur Folge hatte, dass eine Minderheit von Sklaven sich dem Islam anschloss. Die Gleichheitslehre des Islam bot eine willkommene Alternative zur egalitären Botschaft des Christentums, die ihnen verwehrt blieb. Nur in Kapstadt aber waren die Kontakte unter den Sklaven intensiv genug, um den Islam zu verbreiten.


Abb. 2: Sklave und Aufseher.

Die Gruppe der Sklaven, die am meisten zu leiden hatte, war die zahlenmäßig größte, nämlich die jungen Männer. Während sie auf den Feldern und Weinbergen oder in Kapstadt zu schweren körperlichen Arbeiten eingesetzt wurden, waren die Frauen fast ausschließlich in den Haushalten als Köchinnen, Ammen, Haushaltshilfen tätig und etliche mussten mehr oder weniger freiwillig auch sexuell zur Verfügung stehen. Unverheiratete Männer entwickelten zu ihren Konkubinen oft ein Vertrauensverhältnis, was die vergleichsweise hohe Zahl von Freilassungen weiblicher Sklaven erklärt, allerdings meist erst testamentarisch, d. h. nach dem Tod ihres männlichen Herrn. Da insbesondere javanische Frauen als Köchinnen tätig waren, etablierte sich die südostasiatische Küche in Südafrika. Aber auch die Architektur der Wohnhäuser begann sich frühzeitig von derjenigen der Niederlande zu unterscheiden. Die für niederländische Städte typischen Häuserzeilen mit ihren dem Wasser zugewandten Giebelseiten setzten sich wegen der hohen Feuergefahr aufgrund der häufigen Stürme in Kapstadt nicht durch. Aus demselben Grund verschwanden die mit Reet gedeckten Häuser aus Kapstadt, während sie noch heute in Städten wie Stellenbosch, Paarl oder Tulbagh zu sehen sind. Sie wurden durch Häuser mit Flachdächern ersetzt, was Kapstadt ein auch in Südafrika einzigartiges architektonisches Gepräge gab. Weil Sklaven in den Häusern ihrer Herren wohnten, waren diese oft sehr groß, insbesondere die Küchen, in denen die Sklavinnen meist den ganzen Tag und die Nacht verbrachten. Die männlichen Sklaven waren entweder in einem eigenen Gebäudeteil oder in eigenen Behausungen untergebracht, weswegen ländliche Häuser Grundrisse in Form eines H oder L annahmen, da die Sklaven nie in unmittelbarer Nähe der Wohn- und Schlafräume ihrer Herren wohnten.

Die Anwesenheit der Sklavinnen im Zentrum der Haushalte hatte noch andere Folgen, da sich dort ein Assimilierungsprozess an die Lebensformen der Europäer abspielte, der vor allem ihren Nachwuchs unmittelbar prägte. Die Sklaven, insbesondere die »kreolischen«, d. h. die in Südafrika geborenen, wurden in die weißen Haushalte integriert und assimiliert, weshalb der südafrikanische Sklavereihistoriker Robert Shell mit Recht auf deren Bedeutung als Keimzellen der südafrikanischen Rassenordnung hinweist. Die verstreute Siedlungsform von Familienfarmen, die oft weit voneinander entfernt lagen, trug das ihre zu dieser Entwicklung bei. Die Sklaven blieben meist ortsansässig, selbst wenn die Farmen verkauft wurden, da sie als lebendes Inventar mitveräußert wurden. Sklaverei in Südafrika nahm damit auch Züge dessen an, was man im Fall unfreier Arbeit in Europa als »Bindung an die Scholle« bezeichnet. Dieses System wurde später auf die Khoisan- und Bantu-Bevölkerung ausgedehnt.

Die zwangseingewanderten männlichen Sklaven blieben stärker ihrer Herkunftskultur verhaftet, konnten sie aber in der Regel nicht weitergeben, da die meisten unverheiratet blieben. Die Situation von Sklavinnen war oft besser als diejenige ihrer männlichen Leidensgenossen, da sie eher Aussicht auf Freilassung hatten. Denn auch unter den Weißen gab es einen Mangel an Frauen, insbesondere waren Soldaten davon betroffen. So kam es immer wieder vor, dass sich eine stabile Beziehung zwischen einem weißen Mann und einer Sklavin entwickelte, sodass der Mann seine Gefährtin und ihre gemeinsamen Kinder schließlich freikaufte. Etlichen dieser Nachkommen gelang die Integration in die spätere »weiße« Gemeinschaft, sodass zahlreiche prominente Familien der späteren Machtelite des Apartheidstaates »nicht-weiße« Vorfahren hatten.

In Neuengland war ähnlich wie in Südafrika Land im Überfluss vorhanden, aber im Gegensatz zu Südafrika gab es für Neueinwanderer viele Alternativen zur Landwirtschaft. Beide Faktoren, Überfluss an Land und Knappheit an Arbeitskräften, führten dazu, dass die nordamerikanischen Farmer frühzeitig in Technik investierten. In Südafrika wurde bereits kurz nach der Gründung der Kolonie ein anderer Weg eingeschlagen. Hier suchte man die knappen Arbeitskräfte durch Zwangsarbeiter zu vermehren. Mit der Einführung der Sklaverei etablierte sich das Muster der administrativen Manipulation des Arbeitsmarktes, das sich dauerhaft verfestigen sollte. Die Bereitstellung billiger Arbeitskräfte prägte die Politik und Wirtschaft des Landes bis in das späte 20. Jahrhundert. Tatsächlich wurde diese Frage im Politischen Rat 1716 diskutiert, wobei man zum Schluss kam, dass unfreie Arbeit billiger und darum vorzuziehen sei. Daraufhin entschied die VOC-Leitung, keine weitere Einwanderung freier Siedler zuzulassen und verlegte sich darauf, den Zustrom von Sklaven zu sichern. Ebenso wurden lohnabhängige Weiße, die sogenannten Knechte, im Lauf der ersten Jahrzehnte der weißen Besiedlung durch unfreie Arbeitskräfte verdrängt. Die meisten Knechte wurden Lehrer für die Farmerskinder oder Handwerker in Kapstadt; später verschwanden sie als Gruppe vollständig und gingen in der weißen Farmbevölkerung auf.

Weil die Region um Kapstadt zugleich die wohlhabendste war und die Meinungsführer der weißen Bevölkerung dort lebten, entwickelten die dortigen Verhältnisse eine normative Kraft, die weit ins Hinterland ausstrahlte. Obwohl die Mehrzahl der Sklaven im Westen der Kolonie blieb und die indigene Bevölkerung nicht versklavt wurde, wirkten die unfreien Arbeitsverhältnisse wie ein Pilz, der sich in die gesamte Gesellschaft hineinfraß. Tatsächlich glichen sich die Arbeitsverhältnisse für Sklaven und Khoikhoi ungeachtet der Tatsache, dass letztere formal frei blieben, einander immer mehr an. Insofern kann man von einer faktischen Sklaverei sprechen, denn mit Hilfe zunächst lokaler Passgesetze und anderer Formen rechtlicher Ungleichheit wurde ihre Freiheit drastisch beschränkt. Gerade im Westen der Kolonie, im unmittelbaren Hinterland Kapstadts, entstanden die eindeutigsten Hierarchien zwischen Freien und Unfreien im Kontext der Landwirtschaft. Eine Stereotypisierung nach Herkunft schuf bereits die Grundlage für den späteren Rassismus, da man Sklavengruppen bestimmte Eigenschaften zuschrieb und über die Dichotomien von frei – unfrei, Landbesitzer – Landloser, Christ – Heide den Rassismus präformierte, zu dem im Lauf des späten 18. Jahrhunderts dann der Gegensatz von hell-dunkel trat.

Die Folgen der Sklavenhaltung sind bis in die Gegenwart spürbar, denn die Sklavenhalter übten ein Züchtigungsrecht aus, das sie alsbald als ein generelles Recht gegenüber Untergebenen auf ihren Farmen beanspruchten. Die häufige Anwendung von Körperstrafen und eine brutale Strafjustiz der VOC gegenüber Sklaven förderten die Entstehung einer Gewaltkultur. Die ausufernde Gewalt im gegenwärtigen Südafrika ist nicht nur ein Erbe der jüngeren Apartheid-Vergangenheit, sondern hat ihre Wurzeln in der tiefen sozialen Kluft zwischen Freien und Unfreien. Auch der Umgang der weißen Behörden im 20. Jahrhundert mit der schwarzen Bevölkerungsmehrheit, die als Problem und nicht als Bürger behandelt wurde, dürfte seine Ursprünge in einer Gesellschaft haben, in der die Sklaven wie Ware verkauft werden konnten, in der die Buschleute wie Tiere gejagt und getötet wurden und in der unfreie Arbeitsverhältnisse auf immer weitere soziale Kreise und immer größere Räume ausgedehnt wurden.

2.3 Vom Gemüsegarten zur Flächenkolonie

Der Kolonialstaat der VOC war ein ausgesprochen schwacher Staat, dessen Handlungsfähigkeit mit zunehmender Entfernung von Kapstadt schnell abnahm. Die gesellschaftliche Ordnung, die sich im Hinterland entwickelte, war im Wesentlichen das Resultat der von den Farmern dominierten sozialen Prozesse. Aber nicht nur die staatlichen Strukturen waren rudimentär, sondern auch die Wirtschaft, insbesondere im Landesinneren, wo sich eine fast ausschließliche Subsistenzwirtschaft entwickelte, die für die kommerzielle Handelsorganisation VOC denkbar uninteressant war. Darum unternahm sie nur halbherzige Anstrengungen, eine geregelte und effiziente Verwaltung einzuführen. Die Siedler waren weitgehend sich selbst überlassen, im Landesinneren herrschte trotz der lokalen Gerichtsbarkeit des Landdrosts das Recht der Stärkeren, und das waren aufgrund ihres Zugangs zu Feuerwaffen die weißen Siedler – bis sie im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts im Osten auf die bantusprachigen Afrikaner trafen.

Die ursprünglichen Freibürger waren ehemalige Angestellte der VOC, sodass sich deren personelle Zusammensetzung in der Siedlerschaft spiegelte. Für die Kompanie war es schwierig, in den Niederlanden, dem wohlhabendsten Land Europas, Personal für ihre Schiffe und die Faktoreien Asiens zu finden, weil das Risiko groß war, Opfer von Unfällen oder tropischen Krankheiten zu werden. Darum kamen viele der VOC-Angestellten aus dem nach dem 30-jährigen Krieg weitgehend verarmten und zerstörten Heiligen Römischen Reich, aber auch aus Schweden und anderen skandinavischen Ländern. Die Zahl der Angestellten in der Kapkolonie stieg von 120 im Jahr 1660 auf 545 rund vierzig Jahre später an, während am Ende der VOC-Herrschaft 1795 ca. 2000 Männer für die VOC zumeist in Kapstadt arbeiteten. Wie in allen Niederlassungen der VOC waren Soldaten die größte einzelne, gleichzeitig die am wenigsten angesehene und am schlechtesten bezahlte Gruppe. Sie stellten im Durchschnitt die Hälfte der Gesamtzahl der VOC-Bediensteten, doch im 18. Jahrhundert wuchs ihr Anteil auf bis zu 70 %, während die Angestellten, die in der unmittelbaren Verwaltung der VOC tätig waren, nur 10 % ausmachten, dazu mit absteigender Tendenz; Handwerker, Gärtner und Hirten, die für die VOC arbeiteten, stellten den Rest.

Die 200 französischen Hugenotten, die um 1687/88 eintrafen, stellten die einzige organisierte Einwanderung dar. Sie wurden in der näheren Umgebung von Kapstadt angesiedelt, wo sie sich meist dem ihnen vertrauten Weinbau widmeten. Noch heute befinden sich in Franschhoek (wörtl.: Französisches Eck), Stellenbosch und Umgebung die stattlichen Weingüter, Familienstammsitze mittlerweile in ganz Südafrika verbreiteter hugenottischer Familien wie den Marais, de Villiers oder Malan. Allerdings verstreute die VOC die französischen Einwanderer unter ihre niederländischsprachigen Nachbarn, sodass die französische Sprache nach nur einer Generation verschwand. Vor allem Kommandant Simon van der Stel legte großen Wert auf eine schnelle Assimilation der Franzosen, wozu ihn möglicherweise Zweifel an der Loyalität der neuen Siedler motivierten, denn Frankreich befand sich seit 1689 im Kriegszustand mit den Niederlanden.

Auch wenn die Zahl der Hugenotten nicht sehr groß war, so war ihre Einwanderung angesichts der insgesamt noch kleinen Zahl der Siedler, die 1660 gerade 105 Personen gezählt hatten, doch bedeutsam. Immerhin nahm deren Zahl (Männer, Frauen und Kinder) bis 1700 auf 1334 Personen zu und wuchs im Verlauf des 18. Jahrhunderts, als die Neueinwanderung weitgehend ausblieb, durch natürliche Vermehrung auf das mehr als zehnfache, nämlich etwa 15 000 Menschen an.

Die Kolonie blieb in den ersten Jahren auf die unmittelbare Umgebung des Tafelbergs beschränkt, denn erst 1679 gründete Kommandant Simon van der Stel die zweite Ortschaft: das nach ihm benannte Stellenbosch. Es lag etwa 40 km weiter östlich, denn dazwischen erstreckten sich die unfruchtbaren sandigen Ebenen der Cape Flats. Der Distrikt von Stellenbosch zählte 1706 nur 464 Freibürger und das benachbarte Drakenstein (heute Paarl) hatte 524. Die Handelsmonopole der VOC und die folglich fehlenden Marktanreize für die Siedler beschleunigten deren Ausbreitung ins Hinterland. 1743 gründete Gouverneur Swellengrebel an der Südküste den Distrikt Swellendam. Hier lebten im Jahr 1748 ganze 551 Freibürger und am Ende der VOC-Herrschaft 2247 – ein deutlicher Hinweis, wie dünn die Besiedlung war. Schließlich entstand kurz vor der Eroberung durch die Briten im Jahr 1795 mit Graaff-Reinet im Osten der Kolonie der flächenmäßig weitaus größte Distrikt, der zu der Zeit bereits mehr als 3000 (freie) Einwohner zählte.

Wegen des Monopols der VOC und der kaum vorhandenen Infrastruktur lohnte es sich nur in der unmittelbaren Umgebung Kapstadts, für den Absatzmarkt der Handelsflotten zu produzieren. Die weißen Farmer bauten das an, was Europäer meist mit sich führten, wenn sie sich in neue Welten aufmachten: Weizen und Wein, Produkte, die für Christen von zentraler Bedeutung waren. Nördlich und östlich von Kapstadt wurde auf den dafür gut geeigneten Böden Weizen angebaut, wobei dessen Produktionsgebiete sich auf die Klimazone des Winterregengebietes beschränkten. Vor dem in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Gebirge bei Stellenbosch und Drakenstein wurde dagegen Wein kultiviert; dem Weinanbau kam das Mittelmeerklima der Kapregion zugute. In diesen Regionen wurden die meisten Sklaven eingesetzt, sodass sich die intensive landwirtschaftliche Produktion mit einer strengen Hierarchie verknüpfte.

Die Kolonie wies ein höchst ungleiches demographisches Verhältnis der Geschlechter auf, da die meisten Neueinwanderer unverheiratete Soldaten oder andere Angestellte waren. Viele Soldaten arbeiteten, teilweise während ihrer aktiven Dienstzeit, als Handwerker oder Lehrer in den ländlichen Bezirken. Die meisten fanden keine Frau und konnten damit keine Nachkommen zeugen, sofern sie nicht mit einer Sklavin oder einer Khoikhoifrau zusammenlebten. Bei den wohlhabenden Siedlern in der Umgebung von Kapstadt glich sich das Verhältnis der Geschlechter jedoch schon früh aus, wodurch ein engmaschiges verwandtschaftliches Netz entstehen konnte. Je ausgeglichener das Geschlechterverhältnis, desto stärker die rassistische Abschließung gegenüber der dunkelhäutigen Bevölkerung: Diese Beobachtung, die sich in zahlreichen Siedlungskolonien bestätigt, trifft auch auf die Kapkolonie zu, wo sich im Verlauf des späteren 18. Jahrhunderts eine solche Verfestigung der sozialen Verhältnisse zwischen den »Rassen« herauszubilden begann. Das durchschnittliche Heiratsalter lag mit 17 Jahren bei Frauen deutlich unter dem in Europa. In manchen ländlichen Regionen trafen Reisende des 18. Jahrhunderts auf Familien mit zehn und mehr Kindern. Die hohe Fruchtbarkeit weißer Frauen kann man unter anderem damit erklären, dass sie ihre Kinder nicht selbst stillten, sondern dies ihren Sklavinnen überließen. Da die Empfängnisbereitschaft während der Zeit des Stillens erheblich reduziert ist, hatten die Sklavinnen weniger Nachwuchs als ihre weißen Herrinnen, die oft kurz nach der Niederkunft wieder schwanger wurden. Die Strapazen zahlreicher Schwangerschaften und Geburten waren nur zu ertragen, weil die Siedlerfrauen durch Arbeit ihrer Sklavinnen von vielen Tätigkeiten entlastet wurden.

Die Dynamik der kolonialen Expansion war neben dem hohen natürlichen Bevölkerungszuwachs von dem niederländisch-römischen Erbrecht der Realteilung bestimmt. Im Erbfall waren alle Kinder sowie die Witwe erbberechtigt, der die Hälfte des Erbes zustand, während die Kinder gleiche Anteile erhielten. In der Regel übernahm einer der Söhne die elterliche Farm und bezahlte seine übrigen Geschwister aus, meist in Form von Vieh. Es diente als Grundkapital, mit dem sich eine neue Herde aufbauen ließ. Die anderen Brüder zogen mit diesen Herden in die Randzonen der Kolonie und ließen sich dort nieder. Das ab 1702 eingeführte System der loan farm erleichterte ihnen das außerordentlich, denn sie konnten sich ein Stück Land von bis zu 2400 Hektar abstecken und mussten dafür nicht mehr als eine nominelle Pacht von 24 Rixdollar an die Regierung bezahlen; später konnte das Pachtverhältnis in Eigentum umgewandelt werden. Faktisch war Land für Weiße leicht zu bekommen und die Farmen waren von der Fläche so riesig, dass sie als Familienbetriebe nicht zu bewirtschaften waren. Ein Vergleich mit der Größe amerikanischer Farmen, die im Durchschnitt 64 Hektar umfassten, macht dies unmittelbar evident. Die extensive Wirtschaftsform generierte damit die Nachfrage nach billigen Arbeitskräften, die Ausbreitung der Siedlung bedeutete Land- und Weideverlust für die Khoisan, die oft keine Alternative mehr hatten, als für die weißen Farmer als Viehhirten und Hausangestellte zu arbeiten.

Die riesigen Entfernungen beschnitten die Möglichkeiten der Regierung, die Siedlungsexpansion wirksam einzugrenzen. Seit etwa 1730 beschleunigte sich das Tempo der Ausbreitung, nachdem die in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Gebirge bei Stellenbosch und Drakenstein überwunden waren und die Zahl der Siedler durch natürliche Vermehrung weiter anwuchs. Die Farmer suchten sich zunächst die fruchtbarsten und am besten gelegenen Landstücke für ihre Farmen, sodass Gebiete zwischen diesen verblieben, die als Rückzugsräume für die Khoikhoi und San dienten bzw. von allen Bewohnern für die Jagd oder als Weideland genutzt wurden. Noch Ende des 18. Jahrhunderts gab es in dem riesigen Distrikt Graaff-Reinet lediglich 492 Farmen.

Mit der dichter werdenden Besiedlung durch Weiße nahm der übriggebliebene Raum für die Khoikhoi und San aber sukzessive ab, welche entweder in Kämpfe mit den Weißen verwickelt oder in abhängige Arbeitsverhältnisse gezwungen wurden. Die Farmer im Landesinneren entwickelten eine Subsistenzwirtschaft ohne nennenswerte Marktanbindung, zumal es kaum etwas gab, das sie mit anderen Farmern hätten tauschen können. Nur wenige spezialisierten sich auf bestimmte Tätigkeiten, wie etwa den Wagenbau. Überschüsse wurden nur produziert, um bei reisenden Händlern wichtige Waren wie Waffen und Munition, Werkzeuge und andere Dinge einzukaufen, die man nicht selbst herstellen konnte. Das war nicht sehr viel, da die meisten Farmer ihre Häuser selbst bauten, die eigene Kleidung selbst anfertigten und auch die Lebensmittel zum Eigenbedarf selbst produzierten. Die Tätigkeit des Farmers beschränkte sich oft auf die Aufsicht über seine Abhängigen sowie auf die Jagd und einen als Arbeit ausgegebenen Müßiggang. Kein Wunder, dass die Farmen wenig Produktivität entwickelten. Die Einstellung der Farmer zur Arbeit wie auch die fehlenden Marktanreize bewirkten eine gleichförmige Ausbreitung von Selbstversorgungsbetrieben.

In den ariden Gebieten im Norden der Kolonie pflegten die Farmer eine halbnomadische Lebensweise, da sie mit ihrem Vieh periodisch zwischen verschiedenen Weiden wechseln mussten, die sogenannte Transhumanz. Für sie bürgerte sich die Bezeichnung Trekboer (ziehender Bauer) ein, wobei sie sich an afrikanische Lebensweisen anpassten; dies konnte soweit gehen, dass die Weißen die Bauweise der leicht zu errichtenden Grasmattenhütten der Khoikhoi übernahmen. Dessen ungeachtet blieb das Ideal der Lebensstil im Boland (Oberland), der Umgebung Kapstadts, dem man sich anpasste, sobald sich die Möglichkeit ergab. Da aufgrund der relativ hohen Siedlungsdichte im Boland immer wieder Siedler abwanderten, brachten sie die Normen der dortigen sozialen Ordnung ins Hinterland. Selbst diejenigen Weißen, die mit schwarzen Frauen zusammenlebten und jahrelang am Rand der Siedlungsgebiete herumstreunten, pflegten einen ausgeprägten Rassismus. Das Christentum, die oft nur rudimentäre Alphabetisierung, der Besitz einzelner Möbelstücke und zunehmend die Hautfarbe dienten als Distinktionsmerkmale.

So entwickelten sich die Farmen, die Täler und Siedlungsinseln zu in sich gekehrten, selbstgenügsamen Gemeinschaften. Gleichzeitig erklärt dies die große Gastfreundschaft der Farmer, die (weiße) Fremde immer bereitwillig aufnahmen und verköstigten. Denn jeder konnte in die Situation kommen, eine Unterkunft bei Unbekannten suchen zu müssen. Überdies erfuhr man in einer zeitungslosen Welt von Besuchern Neuigkeiten. Treffen der Farmer gab es alle Vierteljahre, wenn sie sich zum Nagmaal, dem gemeinsamen Gottesdienst mit Abendmahl, trafen. Ansonsten waren die Farmen auch religiös weitgehend auf sich gestellt. Ein Prediger kam noch seltener vorbei als der Hausierer mit seinen Waren. Die Kinder wurden auf die Farmschule geschickt, wenn es eine solche gab, wo sie von Lehrern unterrichtet waren, die oft selbst nur über eine zweifelhafte Bildung verfügten. Nur in Ausnahmen wurden auch die Kinder der dunkelhäutigen Abhängigen zum Unterricht zugelassen. So beschränkte sich die Lektüre der Farmer auf die große, meist in Leder gebundene Familienbibel, die gleichzeitig als Familienstammbuch diente, in deren freie Seiten die Geburten und Todesfälle eingetragen wurden.

Gemeinschaftsbildend wirkten militärische Aktivitäten, die über die sogenannten Kommandos, regionale Milizen, organisiert wurden. Die Beamten der Region, meist der lokale Veldkornet und bei größeren Aufgeboten der Landdrost als der höchste Distriktbeamte, beriefen die Kommandos ein und befehligten sie. Ansonsten wurde die Gesellschaft durch die Verwandtschaftsbeziehungen zusammengehalten. Da die jüngeren Familienangehörigen oft an die Siedlungsgrenze zogen, wo noch Land zu haben war, waren Verwandtschaftsnetze weit gespannt und es bildete sich früh der Brauch heraus, Besucher nach ihren Vorfahren und ihrer familiären Verortung auszufragen, um mögliche Verwandtschaften zu eruieren. Die weißen Farmer entwickelten dabei soziale Selbstzuschreibungen, die durchaus Ähnlichkeiten zu denen ihrer afrikanischen Nachbarn aufwiesen, auch wenn die Familienstrukturen grundsätzlich europäisch geprägt blieben.

Im riesigen Landesinneren, jenseits der landwirtschaftlich nutzbaren Zonen bei Kapstadt, entstand eine uniforme, auf Viehzucht ausgerichtete Farmwirtschaft, weshalb sich für die Bevölkerung außerhalb Kapstadts bald die Bezeichnung »Bauern« einbürgerte oder auf Niederländisch Boere, die Buren, als welche sie im deutschsprachigen Raum bis heute bezeichnet werden, obwohl sich im späten 19. Jahrhundert allmählich die Selbstbezeichnung der Afrikaaner durchsetzte.

Die VOC vermied es, eine Küstenschifffahrt einzurichten, da dies dem Schmuggel Vorschub geleistet hätte. Es gab auch keine Flussschiffahrt, da sich die meisten Flüsse wegen ihres periodisch stark schwankenden Wasserstandes und ihres zu großen Gefälles nicht dafür eigneten. In der Zeit vor der Eisenbahn waren Wasserwege die einzige Möglichkeit, große Warenmengen oder Gegenstände preiswert zu transportieren. Fehlte diese Möglichkeit, musste das direkte Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklungsfähigkeit eines Landes haben. Darum gab es bis ins 19. Jahrhundert kaum Marktorte, selten Dörfer und schon gar keine Städte, sodass Kapstadt eine »Metropole« von gerade 15 000 Einwohnern blieb – eine Stadt also, in der fast jeder jeden kennen konnte.

Wegen des miserablen Zustands der Wege nahm die Intensität des Handels von Kapstadt ins Landesinnere ziemlich schnell ab. Die Wein- und Getreidezonen östlich und nördlich der Stadt konnten ihre Waren auf Ochsenwagen zum Markt transportieren, für die weiter entfernten Gebiete lohnte sich das nicht mehr. Die Transportkosten waren zu hoch, das Risiko, dass die Waren verdarben, zu groß. Nur vermarktbare Güter wie Schafe und Rinder, die auf eigenen Beinen laufen und gewissermaßen ihre eigene Haut zu Markte tragen konnten, ließen sich über große Entfernungen nach Kapstadt bringen. Pferde wurden erst von den Europäern eingeführt und es gab Gegenden, in denen sie aufgrund von Krankheiten nicht überleben konnten. Pferdegespanne und schnelle, gefederte Wagen verkehrten nur in Kapstadt und der nächsten Umgebung, wo halbwegs gebahnte Straßen dies ermöglichten. Der Rest des Landes war auf die langsamen Ochsenwagen angewiesen, deren Wege, wenn man die kaum gebahnten Fahrrillen überhaupt so nennen darf, die zahlreichen kleinen Flüsse kreuzten, die in tief eingeschnittenen Betten ihr Wasser von den Bergen zum Meer führten. Dies bedeutete, dass die Wagen mühsam über steile Pfade hinab ans Ufer gebracht werden mussten, was mancherorts mehrere Tage in Anspruch nahm. An guten Furten konnten die Ochsen die Wagen durch das Wasser ziehen. An breiteren und reißenden Flüssen mussten die Wagen zunächst entladen, die Ladung und die in ihre Einzelteile zerlegten Wagen über das Wasser geschafft, dann, das war besonders riskant, die Zugtiere hinübergebracht, dort alles wieder zusammengesetzt und schließlich am anderen Ufer wieder auf die Höhe gezogen werden. Das waren gewiss keine Vergnügungsreisen, zumal selbst in der Nähe von Siedlungen noch bis ins 19. Jahrhundert wilde Tiere wie Löwen oder Hyänen schweiften, sodass nachts die Zugochsen bewacht und Feuer unterhalten werden mussten. Auf diese Weise reisten im Land nur die wenigen Händler, die Lehrer und Prediger sowie gelegentlich Beamte.


Abb. 3: Schiffe vor Kapstadt.

So entstand im Hinterland von Kapstadt eine vom Meer abgewandte Gesellschaft, die kaum Veranlassung hatte, von sich aus Verkehrsbeziehungen in die riesigen maritimen Räume des Indischen oder Atlantischen Ozeans zu unterhalten, denn dies blieb das Monopol der VOC. Im Gegensatz zur introvertierten Gesellschaft des Hinterlandes war Kapstadt die Ausnahme: Das Fenster zur Welt mit einer polyglotten Bevölkerung, einer stärkeren beruflichen Ausdifferenzierung und einer organisatorischen Anbindung an die Welt Asiens. Gleichwohl darf man den urbanen Charakter dieses Ortes, der bis Ende des 18. Jahrhunderts nur als Weiler oder Flecken bezeichnet wurde, nicht überschätzen. 1710 zählte Kapstadt ganze 155 Häuser und wuchs bis 1770 auf etwa 500 an. Gleichwohl war es dem Meer zugewandt und auf die Dienstleistungen für die Ostindiensegler eingestellt: Fast jeder Einwohner betrieb eine Kneipe oder ein Gasthaus, die meisten waren Handwerker oder boten Dienstleistungen an. Trotz des Handelsmonopols der VOC erwirtschafteten viele Bewohner über illegalen Handel ein zusätzliches Einkommen. Dieser Handel wurde in Hinterzimmern von Gasthäusern abgewickelt und lag in der Hand von Frauen, deren Ehemänner als Angestellte der VOC lieber die Finger davon ließen. Die Bevölkerung Kapstadts gliederte sich in eine kleine Oberschicht, meist hohe Amtsträger der VOC, eine überschaubare Mittelschicht und eine große Unterklasse, die zum größten Teil von Slaven sowie der geringen Zahl freier Schwarzer und verarmten Freibürgern gestellt wurde, die sich als Tagelöhner durchschlugen.

2.4 Die Unterwerfung der Khoikhoi

Schon nach wenigen Jahrzehnten lösten sich die politischen Strukturen der Khoikhoi in der Umgebung Kapstadts auf, ein Prozess, der sich mit der Ausbreitung der Kolonie im Hinterland wiederholte. Als Kleingruppen, Familienverbände und Individuen waren sie weitgehend schutzlos. Die Khoikhoi sahen sich in einem Teufelskreis gefangen, denn der Rückgang ihrer Herden ließ sie verarmen und zwang sie in Arbeitsverhältnisse bei den Europäern. Das Angebot billiger Arbeitskräfte heizte wiederum den Landhunger der Weißen an. Wie rasch die Khoikhoi im Südwesten des Landes in das Kraftfeld europäischer Herrschaft gerieten, lässt sich daran ablesen, dass sich schon ab 1672 die Gerichte in bestimmten Fällen für die Khoikhoi zuständig erklärten, obwohl es offizielle Politik blieb, die Khoikhoi als unabhängige Völker zu behandeln, mit denen rein externe Beziehungen bestehen sollten. Ihre Unterwerfung wurde erheblich beschleunigt, als 1713 ein Ostindiensegler die Pocken einschleppte. Die Khoikhoi hatten – übrigens eine Ausnahme unter afrikanischen Völkern – keine Immunität gegen die Krankheit, sodass bis zu 80 % von ihnen dahingerafft wurden. Zwei weitere Ausbrüche der Krankheit 1755 und 1763 dezimierten sie weiter. Die Überlebenden waren demographisch, sozial und kulturell so geschwächt, dass sie den weißen Herrschaftsansprüchen und der Expansionsdynamik der Siedler nicht mehr länger standhalten konnten.

Vor allem die Trekburen, die im trockenen Landesinneren hauptsächlich Viehwirtschaft betrieben, waren auf die etwa 20 000 in der Kolonie lebenden Khoikhoi als Hirten angewiesen. Die Reiseberichte von Europäern erzählen beredt davon, wie schlecht die Khoikhoi von vielen burischen Farmern behandelt wurden. Sie wurden oft um ihren ohnehin schon kargen Lohn geprellt, die Farmer prügelten sie wegen Kleinigkeiten und sogar Morde durch Farmer kamen vor. Zuweilen vergriffen sich weiße Farmer an Khoikhoifrauen oder sie hinderten Khoikhoifamilien mit Gewalt am Verlassen ihrer Farm.

Mit der Ausbreitung der Kolonie ins Landesinnere entwickelte sich die Farm zum eigentlichen Nukleus und der wichtigsten sozialen Institution der Kolonialgesellschaft. Auf den Farmen bildete sich die rassische Ordnung heraus, die das Land bis zum Ende des 20. Jahrhunderts prägen sollte. Die Khoikhoi wurden meist schlecht und häufig nur in Naturalien, nämlich Essen und Tabak, bezahlt, wobei die Farmer in vielen Fällen dafür sorgten, dass sie sich sogar verschuldeten und damit dauerhaft an die jeweilige Farm gefesselt blieben. In der Weingegend um Kapstadt entwickelten die Weinfarmer ein besonders perfides System, das bis weit ins 20. Jahrhundert bestand und in vereinzelten Fällen trotz Verbots noch heute existiert, nämlich einen Teil des Lohns in Alkohol auszuzahlen. Die Farmarbeiter erhielten täglich eine bestimmte Menge Wein zugeteilt, wurden folglich süchtig und an die Farm gebunden. Fluchtversuche von Khoikhoi, meist durch Misshandlungen ausgelöst, wurden durch weitere Brutalitäten bestraft, wobei die Behörden wegschauten und nur dann aktiv wurden, wenn es zu Todesfällen kam. In der Regel unterstützten sie die Farmer, etwa durch lokale Verordnungen, die die Bewegungsfreiheit von Khoikhoi an einen vom Farmer ausgestellten Pass banden. Bereits auf die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts lassen sich solche Passverordnungen datieren, die allerdings zuerst nur für einzelne Distrikte und noch nicht für das ganze Land galten. Demnach weitete sich die Ausbeutung der völlig rechtlosen Sklaven nun in andere Abhängigkeitsverhältnisse und auf andere Bevölkerungsgruppen aus.

Die wenigen übriggebliebenen Khoikhoi-Gruppen zogen sich in gebirgige Regionen etwa das Bokkeveld und Roggeveld nördlich von Kapstadt zurück. Diese Khoikhoi führten Angriffe auf weiße Farmer und Viehdiebstähle aus, für die in den Quellen Buschleute verantwortlich gemacht wurden, wobei jedoch darauf hinzuweisen ist, dass zwischen Khoikhoi und Buschleuten ohnehin keine scharfe Grenze gezogen werden kann. Die Beamten der Kompanie im Landesinneren reagierten auf die Bedrohung mit der Einberufung von Siedlermilizen, die gegen die Khoisan militärisch vorgingen. 1739 unternahm ein Kommando eine besonders gewalttätige Strafexpedition, die ein anderes nach 1770 nochmals steigerte. Diese Aktionen nahmen exterminatorische Formen an, als über 500 und bei späteren Angriffen mehr als 2000 Khoisan ermordet wurden. Der Nebeneffekt der Strafexpeditionen, nämlich die Entführung von Kindern, die als »Lehrlinge« auf den Farmen arbeiten mussten, entwickelte sich oft zum Hauptzweck dieser Expeditionen. Das »Einbuchen« von »Lehrlingen« war der Euphemismus, mit dem eine faktische Sklaverei bemäntelt wurde, die sich in der von der VOC geschaffenen rechtlichen Grauzone bewegte. Noch bis weit ins 19. Jahrhundert erhielt sich dieses System in ganz Südafrika und zahlreiche Kriege und Raubzüge wurden geführt, um in den Besitz von Rindern und Kindern zu gelangen. In ähnlicher Weise wurden die Kinder von männlichen Sklaven und Khoikhoifrauen, obwohl sie dem Status der freien Mutter folgend rechtlich frei waren, auf Dauer festgehalten. Die Farmer argumentierten, sie hätten sie ernährt und darum Anspruch auf ihre Arbeitsleistungen. Meist blieb den Eltern nichts anderes übrig, als sich in ihr Schicksal zu fügen und bei ihren Kindern zu bleiben. Bis zum Ende der VOC-Herrschaft waren fast alle unabhängigen Khoikhoi unterworfen, ihre politischen Strukturen zerschlagen, ihre Gemeinschaften teilweise oder zur Gänze zerstört worden. So stellte der britische Forschungsreisende John Barrow fest, als er 1797 und 1798 den Osten der Kolonie besuchte:

»In dem ganzen großen Districte Graaffreynet ist nicht eine einzige Horde freyer Hottentotten, und vielleicht nicht zwanzig Einzelne, die außer dem Dienste der Holländer leben. Dieses schwache, hülflose Volk, welches jetzt vielleicht das unglücklichste auf der Welt ist, hat nach dem Verluste seines Landes und seiner Freyheit eine Existenz erhalten, welche der Sklaverey wenig nachsteht.«1

1 Johann Barrows Reisen durch die inneren Gegenden des südlichen Africa in den Jahren 1797 und 1798, Weimar 1801, S. 139 f.

3 Der Zusammenbruch der VOC-Herrschaft und die Konflikte an der Ostgrenze
3.1 Annexion – Rückgabe – erneute Annexion: ein Überblick

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts brach die Welt der VOC zusammen. Die Herrschaft der Kompanie am Kap der guten Hoffnung geriet immer stärker unter Druck, was vor allem Folge ihres schwachen Kolonialstaates war. Während in der östlichen Grenzregion am Ende der VOC-Zeit drei Grenzkriege zwischen den weißen Siedlern und den Xhosa aufflammten, bei denen sich rächte, dass die Regierung in Kapstadt keine Konzepte zur Begrenzung der Siedlerexpansion ausgearbeitet hatte, nahm in Kapstadt und den umliegenden Bezirken die Unzufriedenheit unter der weißen Bevölkerung zu.

Neben die alten Klagen über die leidigen Monopole der VOC traten Beschwerden über Ineffizienz und Korruption der Regierung. Wohlhabende Bürger trafen sich 1778, um ihre Kritik zu artikulieren und entsandten, ungeachtet eines vom Gouverneur ausgesprochenen Verbots, ein Jahr später eine Delegation zur VOC-Führung in die Niederlande. Sie verlangten eine Aufhebung der VOC-Monopole sowie die stärkere Beteiligung der Siedler am Politischen Rat, in dem sie die Hälfte der Sitze forderten. Die VOC-Führung arbeitete, wie immer in solchen Dingen, gemächlich und verschleppte die Angelegenheit bis 1783. Weil die 17 Herren ihre Amtsträger in Kapstadt von den Vorwürfen weitgehend freisprachen, wandten sich die Siedler direkt an die Generalstände. Doch selbst nach einer Überprüfung durch die Generalstände blieb die VOC hart. 1792 entsandte sie die beiden Kommissare Nederburgh und Frykenius ans Kap, die einen rigorosen Sparkurs erzwangen, um die VOC vor dem drohenden finanziellen Kollaps zu bewahren. Damit aber verschärften sie die Polarisierung nur weiter und beschleunigten den rapiden Autoritätszerfall der Regierung.

1787 entmachtete die Patriotenbewegung in den Niederlanden die patrizischen Regenten, woraufhin sich der Statthalter nach Großbritannien ins Exil begab. Kurze Zeit später geriet jedoch die Republik der Niederlande in das Kraftfeld der Französischen Revolution. Seit der Intervention in die Amerikanische Revolution hatte Frankreich sich verstärkt auf den Weltmeeren engagiert und im Flottenbau eine regelrechte Aufholjagd begonnen. Dabei hatten die Franzosen ein starkes Interesse am Kap der guten Hoffnung an den Tag gelegt, da dessen Besitz ihnen die Ausbreitung in den Indischen Ozean erleichtert hätte. Als 1795 die französischen Armeen die Niederlande besetzten, schlugen die Briten präventiv zu, um den Seeweg in ihre mittlerweile wertvollste Besitzung Indien zu sichern und um zu verhindern, dass Frankreich sich als neue Macht im Süden Afrikas etablieren konnte. Nach einer Demonstration der britischen Flottenmacht übergab die VOC ihre Kolonie kampflos an die neuen Herren. Die Patriotenregierung der Niederlande löste 1799 die VOC auf, die sie als Instrument der verhassten Regenten ablehnte.

Die Briten hatten 1795 zwar die Kapkolonie erobert, doch zunächst ohne die Absicht, länger zu bleiben. Die britische Herrschaft dauerte bis 1803, denn schon mit dem Abschluss des Friedens von Amiens am 25. März 1802 war allen Beteiligten klar, dass die Kolonie wieder an die Niederländer zurückfallen würde. Knapp ein Jahr später trat die Batavische Republik, ein mit Unterstützung des revolutionären Frankreichs gebildeter niederländischer Staat, das Erbe der Briten an. Nachdem General Napoleon Bonaparte den Frieden von Amiens u. a. mit den Briten abgeschlossen und damit das Wiedererstehen eines unabhängigen niederländischen Staates ermöglicht hatte, gab Großbritannien die Kolonie zurück. Die Batavische Republik verwandelte sich nach demokratischen Anfängen sukzessive in einen autoritären Staat, dem Napoleon mit der Erhebung seines Bruders Louis zum König im Jahr 1806 ein Ende setzte, was für die Briten Anlass zur erneuten Intervention wurde. Als die Feindseligkeiten zwischen Großbritannien und Frankreich einige Jahre später aufflammten, ergriff eine britische Landungstruppe am 19. Januar 1806 in Kapstadt erneut Besitz von der strategisch außerordentlich wichtigen Kolonie. Diesmal blieben die Briten und die Niederländer mussten ihnen das Gebiet in der Londoner Konvention vom 13. August 1814 abtreten, was im umfassenden Vertragswerk des Wiener Kongresses 1815 völkerrechtlich bestätigt wurde. Diese Vorgänge sind primär aus dem europäischen Kriegsgeschehen zu erklären, denn die Regierung des konservativen britischen Premierministers William Pitt schenkte der Südspitze Afrikas sonst wenig Beachtung. Es genügte ihr, dass sich die Franzosen dort nicht festsetzten.

An der Spitze der britischen Verwaltung stand ein Gouverneur, der als hoher Offizier zugleich Oberkommandierender der Truppen war. Ihm kam die höchste legislative, exekutive und rechtsprechende Autorität zu, die von keinerlei Gremien der Siedler mehr beschränkt war. Sicherlich war dies auch eine Vorsichtsmaßnahme, da man die Haltung der niederländischen Bevölkerung zunächst kaum abschätzen konnte. Der Justizrat wurde beibehalten, doch seine Zusammensetzung verändert, denn in ihm saß kein einziger Fachjurist mehr, sondern er bestand nur aus Beamten, die dem Gouverneur verantwortlich waren. Der Fiscaal als wichtigster Beamter verlor ebenfalls seine Unabhängigkeit.

Eine deutliche Veränderung gegenüber den Verhältnissen zur Kompanie-Zeit war die Einführung fester Gehälter für die Beamten, denen verboten wurde, für ihre Dienste eine andere Vergütung anzunehmen. Freilich ließen sich fest eingefahrene Praktiken nicht in kurzer Zeit beseitigen. Ein effizientes Vorgehen gegen Korruption und eine Rationalisierung der Verwaltung konnten erst in den 1820er Jahren erreicht werden.

Sechs Repräsentanten der Bürger Kapstadts traten in einem neugeschaffenen Bürgersenat zusammen, der lediglich lokale Befugnisse hatte, obwohl es nach wie vor keine kommunale Selbstverwaltung gab. Die Bürgervertretung im Justizrat wurde abgeschafft, gleichwohl konnte sich der Bürgersenat allmählich eine informelle Beratungsfunktion und eine Art Repräsentanz für die gesamte weiße Bevölkerung aneignen.

Noch 1795 lebten in der Kolonie nur 20 268 Bürger. Zwar wuchs diese Zahl durch natürliche Vermehrung, aber auch durch Zuwanderung, in erster Linie von britischen Soldaten, vergleichsweise schnell an – nämlich bis 1805 auf 25 727. Viele lebten in Kapstadt, das damals insgesamt 15 000 Einwohner hatte, worunter aber auch die große Zahl Sklaven gezählt werden muss. Keine andere weiße Siedlung konnte sich auch nur annähernd mit Kapstadt messen. Stellenbosch, die zweitälteste weiße Ortschaft Südafrikas, hatte im Jahr 1800 lediglich 1100 Einwohner, Swellendam 200. Um 1806 betrug die weiße Bevölkerung der beiden sehr ausgedehnten östlichen Distrikte ganze 7000 Personen, sie hatte gegen Ende des 18. Jahrhunderts aber stark zugenommen.

In der ländlichen Verwaltung rührten die Briten bis in die 1820er Jahre nicht an die bestehenden Verhältnisse und beließen sogar Niederländisch als offizielle Verkehrssprache im Hinterland der Kolonie. Die einzige Veränderung war die Etablierung der neuen Distrikte Tulbagh und Uitenhage unter den Bataviern im Jahr 1804 und weiterer Distrikte im Osten während der zweiten britischen Besatzung. Die Briten sorgten dafür, dass in den kleinen ländlichen Zentren, in denen Drosteien existierten, Schulen und Kirchen gebaut wurden. Allerdings blieb es im Schulbereich trotz aller aufklärerischen Bemühungen der verschiedenen Regierungen bei der engen Verbindung von Staat und Kirche. Wegen der verstreuten Siedlungsweise der Farmer machte die Verbesserung der Bildung nur äußerst langsame Fortschritte, was auch den geringen finanziellen Mitteln geschuldet war.

Die Briten bedienten sich der verfügbaren lokalen Beamten aus der Kompaniezeit, sowohl aus Kostengründen als auch, um ihre gute Gesinnung gegenüber den Buren zu zeigen und sich deren Oberschicht zu verpflichten. Kulturelle oder sprachliche Gegensätze zwischen Briten und den niederländisch sprechenden Siedlern fielen kaum ins Gewicht. Die Kolonialverwaltung zeigte sich sehr darauf bedacht, Befürchtungen der Siedler, sie würden von der fremden Macht schlechter behandelt, durch ein generöses Verhalten zu entkräften. Alle bestehenden wirtschaftlichen Privilegien der Siedler wurden anerkannt und garantiert. Zudem trugen die Briten zur Verbesserung der ökonomischen Situation bei, indem sie eine ganze Reihe verhasster Monopole aus der VOC-Zeit abschafften.

Praktiken, die als nicht mehr zeitgemäß galten, wurden beseitigt, wozu vor allem die Folter und die brutalen Formen der Todesstrafe gehörten, wie das Vierteilen oder Aufs-Rad-Flechten, während die Todesstrafe selbst beibehalten wurde. Die Vertreter der Batavischen Republik änderten nichts an dieser Entscheidung, da diese Neuerungen sich gut mit ihrem Reformprogramm vereinbaren ließen. Dies galt auch für die Religionsfreiheit, die die britische Regierung verkündete. Bereits am Ende der VOC-Herrschaft war das religiöse Monopol der reformierten Staatskirche aufgeweicht worden. Die Regierung hatte den meist deutschen und skandinavischen Lutheranern unter ihren Angestellten und Siedlern im Jahr 1780 den Bau einer lutherischen Kirche in Kapstadt genehmigt. Die Briten führten allgemeine religiöse Toleranz ein, die nicht auf die Protestanten beschränkt blieb, sondern sogar andere Religionen, wie das Judentum und den Islam, einschloss. Gerade der Islam konnte so erstmals aus seinem bisherigen Untergrunddasein heraustreten. Die Muslime durften Moscheen bauen und aktiv missionieren. Die winzige islamische Gemeinschaft unter den Sklaven und Freien Schwarzen begann sich im 19. Jahrhundert auszubreiten. Die Muslime gehörten in dieser Zeit ausschließlich der sunnitischen Glaubensrichtung an und bauten im Lauf des 19. Jahrhunderts Kontakte zur islamischen Umma, insbesondere nach Mekka und Istanbul, auf. Juden durften sich mit dem Beginn der britischen Herrschaft erstmals in der Kolonie niederlassen. Erste kleine Gemeinden von Ashkenasim entstanden in Kapstadt sowie in Kleinstädten wie Oudtshoorn. Ihre Zahl blieb bis ins späte 19. Jahrhundert sehr gering, die meisten von ihnen betätigten sich im Kleinhandel, oft als reisende Händler, sog. smouse, die im Auftrag von Kapstädter Kaufleuten die Farmen mit Gütern des täglichen Bedarfs versorgten.

Außer Verhandlungen mit den unabhängigen Xhosa jenseits der Kolonialgrenze, um diese zu sichern und damit Kosten für etwaige Truppen in der Gegend auf dem absoluten Minimum zu halten, geschah während der acht Jahre britischer Besatzung nicht viel. Immerhin erforschten die Briten ihre neue Kolonie und entsandten verschiedene Expeditionen, die wertvolle Berichte über die Zustände im Hinterland lieferten. Der Bericht von John Barrow aus den Jahren 1797 und 1798 sollte Nachwirkungen haben, da Barrow scharf konturierte Kollektivportraits der angetroffenen Bevölkerungsgruppen zeichnete. Während er die Xhosa als edle Wilde charakterisierte, die ihn an antike Gestalten erinnerten, kamen bei ihm die Buren ausgesprochen schlecht weg. Er stellte sie als brutal, sadistisch, faul und provinziell dar und schuf damit Vorurteile, die bis in die Zeit nach dem Burenkrieg fortwirkten.

3.2 Das Intermezzo der Batavischen Republik, 1803–1806

Für die drei Jahre von 1803 bis 1806 gehörte die Kolonie dem niederländischen Staat, da die VOC nicht mehr existierte. Die Regierung in der Kapkolonie war eine Militärherrschaft mit aufklärerischen Absichten. Die kolonialen Belange der Republik wurden von einem in Batavia residierenden Indischen Rat wahrgenommen, dem auch die Verwaltung Südafrikas oblag. Eines der Ratsmitglieder, der Jurist Jacob Abraham de Mist (1749–1823), erhielt den Auftrag, ein Verwaltungssystem für die Kapkolonie zu entwerfen. Er wurde zum Generalkommissar ernannt, der den Gouverneur beraten und beaufsichtigen sollte. Nach seinen Plänen sollte Südafrika von einer machtvollen Zentrale in Kapstadt regiert werden, die aber den Bürgern mehr Mitspracherechte als bislang einräumte. Die Regierungsgeschäfte nahm ein Gouverneur in der Person des Armeegenerals Jan Willem Janssens (1762–1838) wahr. Er initiierte Verwaltungsreformen und bemühte sich um eine friedliche Grenzregelung mit den Xhosa. Janssens stand ein Politischer Rat zur Seite, der sich aus zwei Beamten und zwei Bürgern der Kolonie zusammensetzte und die Macht des Gouverneurs einschränken und kontrollieren sollte. In der Realität spielten die Bürger in diesem Rat keine Rolle, da überhaupt nur ein Bürgervertreter für einige Monate darin vertreten war. Zudem kam es zwischen dem Rat und dem autokratischen Gouverneur zunehmend zu Spannungen, weil er sich als verantwortlich gegenüber der Regierung der Niederlande betrachtete und keineswegs gegenüber der Kolonialbevölkerung.

Sowohl Gouverneur Janssens als auch Generalkommissar de Mist wollten während ihrer kurzen Herrschaft mit dem ganzen Impetus eines von der Aufklärung inspirierten Neuanfangs eine Bestandsaufnahme der Kolonie machen, weshalb die beiden Batavier ausgedehnte Reisen unternahmen. Ihre Reformprojekte scheiterten am Unverständnis und den gefestigten Interessen der weißen Bewohner. Auch unter den Bataviern wurden die Landdroste aus den Reihen der Staatsangestellten ausgewählt, die Heemraden und Veldkornette dagegen aus der lokalen Bevölkerung. Immerhin konnte wieder eine im Vergleich zur britischen Herrschaft größere Unabhängigkeit der Justiz hergestellt werden, da der Raad van Justisie der Kontrolle des Gouverneurs entzogen wurde. Außerdem wurde eine unabhängige Rekenkamer eingerichtet, die die Finanzen kontrollieren und dadurch die Korruption bekämpfen sollte.

Entsprechend ihrer aufklärerischen Überzeugung engagierten sich de Mist und Janssens besonders im Kirchen- und Erziehungswesen. Der Status der Reformierten Kirche als Staatskirche blieb aufgehoben und andere Denominationen – sogar in eingeschränktem Maß die katholische Kirche – wurden zugelassen, doch mussten sich alle Kirchen selbst finanzieren. Dies lief aber keineswegs auf eine glatte Trennung von Staat und Kirche hinaus, da der Staat sich eine Oberaufsicht über die Kirchen vorbehielt.

Im Erziehungswesen konnte de Mist aus Geldmangel viel weniger erreichen. Seine Schulordnung von 1804 sollte zu einer Verbesserung und Modernisierung des Unterrichts beitragen, doch scheiterten seine Pläne für eine Säkularisierung der Schulen. Diese Schulen waren weitgehend auf Kapstadt beschränkt, denn auf dem Land gab es nur sehr wenige, die Erziehungsarbeit wurde von oft selbst kaum gebildeten Hauslehrern erledigt. So blieb die Zahl der Analphabeten unter den Farmern in den entfernteren Bezirken sehr groß, bei der Khoikhoi- und Sklavenbevölkerung die Norm.

Den Bataviern schwebte den liberalen Vorstellungen ihrer Zeit gemäß ein System des Freihandels vor, weshalb sie alle Privilegien und den merkantilistischen Dirigismus der Kompaniezeit beseitigten wollten. Die Realität sah anders aus, denn die Regierung der Niederlande sah sich gezwungen, aus purer Geldnot sogar die alten Monopole wieder einzuführen, die die Briten abgeschafft hatten: Sie sollten die Staatseinnahmen erhöhen.

Zwischen der batavischen Verwaltung und den weißen Siedlern gab es nur geringe Zwistigkeiten. Ein Teil der Siedler hatte die britische Herrschaft abgelehnt, weniger aus einer antienglischen Haltung heraus als wegen des autokratischen Gehabes der obersten Beamten. Die Batavier befleißigten sich einer egalitären Rhetorik und genossen möglicherweise einen Sympathievorschuss, weil sie Niederländer waren, aber keineswegs beabsichtigten, die lästige und ineffiziente Kompanieverwaltung zu restaurieren. Das Verhältnis zu den Bürgern blieb auch deswegen während der drei Jahre im Wesentlichen ungetrübt, weil es de Mist und Janssens nicht gelang, ihre Reformen wirklich durchzusetzen. So waren beide z. B. entschiedene Gegner der Sklaverei und de Mist untersagte die weitere Zwangszuwanderung von Sklaven. Angesichts der ökonomischen Notwendigkeit blieb es jedoch bei einer papierenen Verordnung. Die noch viel weiterreichenden und selbst für die damaligen revolutionären Zeiten sehr fortschrittlichen Pläne einer Befreiung aller Sklaven der Kolonie ließen sich erst recht nicht realisieren. Selbst der Versuch, schriftliche Arbeitsverträge für die Khoikhoi einzuführen und ihre Behandlung durch die Farmer besser zu kontrollieren, scheiterte bereits am Personalmangel und den riesigen Entfernungen.

3.3 Die Frontier

Großbritannien und die Batavische Republik erbten von der VOC eine problematische Situation an den Grenzen der Kolonie. Sie war ein Ergebnis des über viele Jahrzehnte gepflegten staatlichen Minimalismus. Die knauserige Regierung der VOC hatte die Expansion der Siedler kaum noch kontrolliert. Zwar hatte sie 1786 im Osten einen neuen Distrikt eingerichtet, mit dem kleinen Weiler Graaff-Reinet als Sitz eines Landdrosts. Doch war diese Verwaltungseinheit viel zu weitläufig, um effizient durch eine Handvoll Amtsträger verwaltet werden zu können. Die ungesicherten und unklaren Grenzen im Norden und Osten führten zu Konflikten, die die VOC nicht mehr beherrschen konnte.

Der »wilde Norden« Südafrikas

Die weiße Oberschicht nutzte den privilegierten Zugang zu Gerichten und zur Verwaltung, um ihre Besitzansprüche auf Land durchzusetzen, sodass andere, die über weniger Einfluss und Ressouren verfügten, in die Randzonen abwandern mussten. Im Verlauf dieses Prozesses waren die unterprivilegierten und ärmeren Mitglieder der Gesellschaft in die äußeren Randgebiete der Kolonie migriert, sodass man von einer abgestuften Form sozialer Hierarchisierung und staatlicher Ordnung sprechen kann, die in Kapstadt und deren unmittelbarer Umgebung am intensivsten war und an der nördlichen Grenze am schwächsten.

Die Menschen, die die geringsten Möglichkeiten hatten, sich in diesem sozialen Ausleseprozess zu behaupten, waren die Khoisan, die lange Zeit in gebirgigen Rückzugsgegenden innerhalb der Kolonie einige Nester von Autonomie und Widerstand hatten erhalten können. Je mehr diese aufgesiedelt wurden, desto stärker wurde der Exodus in Richtung der Kolonialgrenze. Dort entwickelte sich ein Zustand, den man nach dem Vorbild der nordamerikanischen Geschichte als Frontier, d. h. als wandernde Siedlungsgrenze, bezeichnet. Damit sind uneindeutige Situationen in Randgebieten von Siedlergesellschaften gemeint, in denen der Staat zu schwach war, um seinen Ordnungsanspruch durchsetzen zu können. Es war die große Zeit der Frontierdesperados, die in diesem Raum unklarer Verhältnisse ihr Unwesen trieben. Sie gingen zudem auf beiden Seiten der Grenze ständig wechselnde Allianzen ein, mal mit den Bewohnern der Kapkolonie, mal mit afrikanischen Chiefdoms außerhalb von deren Grenzen.

Alle, die in der Kapkolonie keine Chancen mehr sahen, sammelten sich im ariden Norden und in der Flussoase des Oranje, der sich in seinem mittleren und unteren Lauf durch halbwüstenartige Gebiete schlängelt. Es war eine wilde Mischung aus Trekburen, desertierten Soldaten und entlaufenen Matrosen, flüchtigen Sklaven, Nachkommen weißer Farmer und afrikanischer Frauen oder von Sklaven und Khoisan, den sogenannten Bastard-Hottentotten, vor allem aber die Khoisan selbst. Diese waren mittlerweile meist christianisiert, trugen europäische Kleidung und sprachen ein vereinfachtes Niederländisch, den Vorläufer des späteren Afrikaans, kurzum, sie hatten sich kulturell weitgehend der dominierenden Siedlergesellschaft der Kapkolonie angeglichen, wurden von dieser wegen Abkunft und Hautfarbe aber nicht als gleichberechtigt anerkannt. Weil sie über Pferde verfügten und den Nachschub an Waffen und Munition über Kapstadt organisieren konnten, waren sie den afrikanischen Chiefdoms in ihrer Nachbarschaft militärisch überlegen.

Aus den heterogenen Gruppen, die sich nach klientelistischen Strukturen um einzelne Figuren und ihre Familien wie die Kok und Barends bildeten, entstanden neue Gemeinschaften, die sich zur ethnischen Gruppe der Griqua verfestigten und über Jahrzehnte hinweg von diesen auf zentrale Patrone zugeschnittenen Sozialstrukturen geprägt blieben. Da sie durch die lange Phase der Vertreibung und aufgrund der unbekannten ökologischen Verhältnisse der landwirtschaftlichen Tätigkeit entwöhnt waren, verlegten sich viele auf das lukrativere und einträglichere Geschäft des Raubes. Sie verübten Überfälle auf schwarze Chiefdoms, aber auch auf nichtsahnende Nachbarn, denen man ihr bewegliches Eigentum, in erster Linie die Rinder- und Schafherden, wegtrieb. Dadurch wiederum provozierten sie Gegenschläge und Racheaktionen mit dem Ergebnis, dass die ganze Grenzregion von endemischer Unsicherheit geprägt war. Hinzu kamen die Jagd auf Menschen und der Handel mit gefangenen afrikanischen Kindern, die an die weißen Farmer als billige Arbeitskräfte verhökert wurden. Außerdem betrieben die Griqua einen intensiven Handel u. a. mit Elfenbein, wofür sie Artikel des täglichen Bedarfs aus der Kolonie erhielten, wie Tabak, Kleidung, vor allem aber Waffen und Munition.

Ressourcenstarke Clans, wie die Familie Kok, die um 1800 etwa 45 000 Rinder besaß, standen im Zentrum solcher Gemeinschaftsbildungen und verpflichteten über klientelistische Verhältnisse die übrigen zu Gefolgschaftstreue, wofür sie an den Erfolgen ihrer Raubzüge beteiligt wurden. Die Entwicklung dieser auf Raub spezialisierten Gemeinschaften am Oranjefluss hatte zur Folge, dass sich im späten 18. Jahrhundert unter den sotho- und tswanasprachigen Chiefdoms am Rand der Kalahari und auf dem Hochland Südafrikas zentralisiertere Herrschaftsstrukturen herausbildeten. Das war eine Defensivreaktion auf die fortgesetzten An- und Übergriffe, die ihrerseits verstärkt wurde durch die ökologische Situation der südlichen und östlichen Kalahari. Um die wenigen Wasserstellen verfestigten sich größere Gemeinschaften leichter als anderswo. Immerhin entstanden bei den Tswana um die Wende zum 19. Jahrhundert Siedlungen, in denen bis zu 15 000 Menschen zusammenlebten.

Die Frontier im Osten

Noch unter der VOC-Herrschaft gab es erste Kontakte zwischen den nach Osten voranstrebenden Siedlern und den bantusprachigen Xhosa. Aufgrund ihrer gemischten Wirtschaftsform aus Bodenbau und Viehhaltung sowie der daraus resultierenden höheren Bevölkerungsdichte konnten die Xhosa dem kolonialen Vordringen viel härteren Widerstand entgegensetzen als die Khoisan. Nicht zuletzt ihrem kriegerischen Charakter verdankten sie den Namen Xhosa, denen ihnen die Khoikhoi beigelegt hatten und der so viel bedeutet wie: »die zornigen Männer«. Damit begann ein hundert Jahre währender Konflikt, der sich bis 1877 hinzog und insgesamt neunmal in offene Kriege ausartete.

Hier ist zunächst ein terminologischer Hinweis angebracht. Denn wenn in der Literatur des 20. Jahrhunderts von Xhosa die Rede ist, so werden damit all diejenigen gemeint, die die Xhosa-Sprache benutzen, unter denen das Xhosa-Volk nur eine Minderheit ausmacht. Die Nachbarn der Xhosa, die sich in derselben Sprache verständigen, bilden eigene Ethnien, die heute gegenüber den einst mächtigen Xhosa viel bevölkerungs- und einflussreicher sind. Wenn also umgangssprachlich von »Xhosa« die Rede ist, sind die unmittelbaren Nachbarn der Xhosa, die Tembu, denen etwa Nelson Mandela und Thabo Mbeki angehören, meist mit gemeint. Es wäre so, als ob man die Wallonen, weil sie die französische Sprache sprechen, als Franzosen bezeichnen würde. Diese Verwechslung ist darauf zurückzuführen, dass die Weißen, die selbst aus scheinbar homogenen Nationalstaaten stammten, ihre Vorstellung der Ethnie als einer Kulturgemeinschaft auf die Afrikaner übertrugen und darum alle, die dieselbe Sprache sprechen, auch der gleichen Ethnie zurechneten. Die Afrikaner dagegen definierten ethnische Identität nach politischen Einheiten, eben Chiefdoms oder Königreichen. Dieses Prinzip politischer Loyalität erleichterte die Aufnahme von Fremden, auch solchen, die keine Xhosa waren. Von ihnen wurde eine Anpassung an die örtlichen Sitten verlangt, wonach sie als vollwertige Xhosa akzeptiert wurden. Auf diese Weise wurden zahlreiche Khoisan, aber auch Tembu und Angehörige anderer Nachbargruppen aufgenommen und assimiliert. Die Identität der Xhosa war folglich nicht die einer Abstammungsgemeinschaft, sondern die einer politischen Gesellschaft.

Ende des 18. Jahrhundert spaltete sich die Tshawe-Dynastie der Xhosa in zwei »Häuser«, wobei der ältere Sohn des letzten gemeinsamen Königs Phalo, Gcaleka († 1778), für seine Dynastie, die weiter im Osten residierte, die Seniorität und damit auch den Titel des Nkosi (König) beanspruchte. Wegen dieser Teilung befand sich die Anhängerschaft des jüngeren Sohnes, Rharharbe, in Westexpansion, als sie in dem Grenzraum zwischen Sunday und Fish River mit den von Westen vorstoßenden weißen Siedlern auf eine weitere expansive Gesellschaft traf. Bei den Xhosa wurden schwächere Gruppen aus dem Zentrum des Reiches an die westliche Peripherie abgedrängt und bildeten dort Frontier-Gesellschaften. Auf der einen Seite nahm die Zahl der Häuptlinge zu, je mehr Phalos Nachkommenschaft wuchs, denn jeder seiner männlichen Nachkommen hatte das Recht, sich eine eigene Gefolgschaft aufzubauen und einen eigenen Herrschaftsbereich zu gründen. Dies führte zu einer Schwächung des Königs, löste aber auch die entgegengesetzte Entwicklung aus, nämlich immer wiederkehrende Versuche einer stärkeren Zentralisierung. Besonders mächtige Häuptlinge konnten schwächere in ihre direkte oder indirekte Abhängigkeit zwingen, die u. a. über Tributpflicht auch rituell abgesichert wurde. Gerade am Beginn des 19. Jahrhunderts gewannen beide Entwicklungen besondere Zugkraft. Im Rahmen dieses Prozesses verdrängten expandierende größere Häuptlingschaften kleinere in Richtung Westen. Noch westlich des Siedlungsraums des jüngeren Bruders Rharharbe bildeten sich aus Seitenlinien weitere Chiefdoms, die auch zahlreiche Khoikhoi-Flüchtlinge aus der Kolonie aufnahmen, denn viele schlossen sich lieber den Xhosa an als sich in die Farmwirtschaft der Weißen eingliedern zu lassen. Diese politisch instabilsten, zahlenmäßig schwächsten Gruppen bildeten die westliche Xhosa-Frontier und ihnen standen auf der kolonialen Gegenseite Weiße und Reste der unabhängigen Khoikhoi-Gemeinschaften gegenüber, die sich in einer ganz ähnlichen Situation befanden. In beiden Gesellschaften waren es also gerade nicht die fortschrittlichsten und ressourcenstärksten Gruppen, die die jeweilige Expansion vorantrieben. Auf der kolonialen Seite ließen sich vor allem die jüngeren Söhne von Farmern nieder, die von ihren älteren Geschwistern ausbezahlt worden waren und sich am Rand der Kolonie eine Existenz aufbauen wollten. In vielen Fällen lebten sie mit Khoikhoi-Frauen oder Konkubinen zusammen und waren mit den benachbarten Xhosa in dauernde Konflikte verwickelt, die durch wechselseitige Vorwürfe des Rinderdiebstahls stets neue Nahrung erhielten.


Abb. 4: Die Genealogie der Xhosa-Chiefs.

Besonders ein Gebiet wurde zum Zankapfel, weil es von den Xhosa als Winterweide benutzt wurde: der Raum zwischen dem Great Fish River und dem Bushman River, das sogenannte Zuurveld. Wie der Name schon sagt, ist das Zuurveld, wörtlich übersetzt Sauerfeld, von Pflanzen bewachsen, die sich wegen ihres hohen Säuregehaltes nur während des Frühjahrs und Sommers als Nahrung für die Rinder eignen. Deswegen fanden gerade bei den westlichen Xhosa vergleichsweise großräumige Wanderungen von den Sommer- auf die Winterweiden statt. Von den weißen Siedlern wurden diese zyklischen Wanderbewegungen oft nicht als solche erkannt, sondern als aggressives Vordringen missverstanden. Gleichwohl fand eine allmähliche Expansion der Xhosa nach Westen aufgrund der genannten Zwistigkeiten statt.

Immer häufiger kamen nun auch fahrende Händler in die Gegend, die die Farmer mit nötigen Dingen des Alltags, wie Decken, Kerzen, Blei und Schießpulver, versorgten, aber auch die Xhosa und andere Chiefdoms besuchten und ihnen Feuerwaffen anboten, die sie gegen Elfenbein oder Tierhäute eintauschten. Damit gerieten die Verhältnisse in Bewegung, da einige Chiefs auf diese Weise ihre Durchsetzungschancen gegenüber ihren Rivalen vergrößern konnten.

1778 besuchte Gouverneur Joachim von Plettenberg den Osten der Kolonie und legte nach Verhandlungen mit den Xhosa eine Grenze fest. Wie illusorisch ein solches Unterfangen war, zeigte sich bereits ein Jahr später, als der erste von jenen drei Grenzkriegen ausbrach, die noch ins 18. Jahrhundert fielen. Alle drei Kriege waren hauptsächlich Raubzüge gegen die Rinderherden der jeweils anderen Seite. Die burischen Kommandos zwangen die meisten Xhosa-Chiefs, den Great Fish River weiter im Osten als Grenze anzuerkennen. Der Landdrost des Distrikts Graaff-Reinet musste sich aufs Verhandeln verlegen, weil die Kompanie ihm die angeforderten Soldaten verweigerte. Zudem flammten interne Konflikte unter den Xhosa auf, als der alte Chief Rharhabe verstarb. Sein Sohn und Erbe kam zur selben Zeit ums Leben, weshalb sein zweiter Sohn Ndlambe die Regentschaft für den noch unmündigen, erbberechtigten Enkel Ngqika übernahm und die kleineren Chiefs in Richtung Westen verdrängte. 1793 schickte Barend Lindeque, ein lokaler Milizoffizier, sich in Absprache mit Ndlambe an, die kleineren Chiefs zurückzutreiben, wo Ndlambe sie seiner Herrschaft unterwerfen wollte. Diese Rechnung ging nicht auf, da diese Xhosa sofort zum Gegenangriff gegen die weiße Miliz ansetzten, was eine allgemeine Panik unter den Siedlern auslöste, die nach Westen bis hinter den Sunday River flohen.

Erst einem gemeinsamen Kommando der beiden Landdroste von Graaff-Reinet und Swellendam gelang es, den Vormarsch der Xhosa zu beenden. Der Landdrost von Graaff-Reinet, Maynier, weigerte sich, ein neues Kommando auszusenden, als die Xhosa erneut ins Zuurveld eindrangen. Die Siedler waren sich ihrer militärischen Schwäche durchaus bewusst, doch wuchs ihre Unzufriedenheit mit Maynier, der ihnen zu wenig offensiv vorging. Zudem hatte er sich unbeliebt gemacht, weil er in seiner Funktion als Richter den Klagen über Misshandlungen von Khoikhoi nachging und die beschuldigten Farmer vorlud.

Darum kam es 1795 in beiden Distrikten zu einem Aufstand weißer Siedler, wobei sich die Rebellen am Umsturz in den Niederlanden orientierten. Sie nannten sich Patrioten und begannen, die lokalen Gremien zu dominieren, allerdings ohne dass sie ein Mandat durch Wahlen gehabt hätten. Gleichwohl sagten sie sich von der VOC-Regierung los und gründeten die beiden »Republiken« von Swellendam und Graaff-Reinet, die über keinerlei tragfähige Struktur verfügten. Es gab kein politisches Konzept, die Unterstützung durch die Siedlerbevölkerung war zweifelhaft und der Republikanismus politisch unreflektiert. Ihre Protagonisten waren Frontier-Desperados, deren Hauptziel fortgesetzte Rinderraubzüge gegen die Xhosa waren. Die Situation spitzte sich zu, weil die Xhosa zurückschlugen und die Siedler erneut über den Sunday River nach Westen vertrieben.

Zwischenzeitlich hatten die Briten das Regiment übernommen und schnitten den burischen Rebellen den Nachschub an Waffen und Munition ab. Nur vier Jahre später kam es erneut zur Rebellion, als einer der Anführer der »Republiken«, der Farmer van Jaarsveld, verhaftet wurde und nach Kapstadt gebracht werden sollte. Seine Anhänger befreiten ihn, wurden jedoch schon bald danach von britischen Truppen verhaftet. Zu diesen Einheiten zählten auch Khoikhoi, was zur Folge hatte, dass lokale Khoikhoi sich gegen ihre Herrn erhoben und den Schutz dieser Truppen suchten. Als das Militär wieder abzog und folglich die Khoikhoi der Rache ihrer Herren aussetzte, schlugen sich diese auf die Seite der Xhosa. Im dritten Grenzkrieg (1799–1802) konnten sie mit vereinten Kräften den südlichen Teil des Distrikts von Graaff-Reinet und den östlichen Teil von Swellendam unter ihre Kontrolle bringen. General Dundas setzte den abgesetzten Landdrost Maynier, der großes Vertrauen bei den Khoikhoi genoss, wieder in sein Amt ein. Maynier konnte sie 1799 überreden, ihre Waffen niederzulegen. Das letzte unabhängige Khoikhoi-Chiefdom im Osten der Kolonie konnte noch einige Jahre unter dem Anführer Klaas Stuurman am Sunday River seine Unabhängigkeit bewahren. Die übrigen kehrten entweder auf die Farmen zurück oder versammelten sich in wachsender Zahl, die Rache der weißen Farmer fürchtend, unter dem Schutz Mayniers in Graaff-Reinet. Als dieser ihnen erlaubte, die lokale Kirche für Gottesdienste zu nutzen und Gerüchte unter den Farmern die Runde machten, der Landdrost wolle mit den Khoikhoi und Xhosa gemeinsam gegen sie vorgehen, kam es erneut zum Aufstand der Siedler. Sie belagerten Graaff-Reinet und wurden erst von den eintreffenden britischen Truppen vertrieben. Diese überbrachten jedoch gleichzeitig Maynier die Nachricht, dass er abberufen worden war. Trotz der fortdauernden Truppenpräsenz lag die Schwäche der Kolonie offen zu Tage, da bis Ende 1802 Gruppen bewaffneter Khoikhoi und Xhosa Farmen niederbrannten und sich bis weit in die Kolonie vorkämpften. Insgesamt waren bis zum Ende des Krieges 35 % aller Farmen in den beiden Distrikten verwüstet, sodass der Kolonie nicht viel übrigblieb, als mit einem Friedensvertrag den aktuellen Stand des Rinderbesitzes festzuschreiben.

Nach dem Abzug der Briten 1803 bemühten sich Janssens und de Mist um die dauerhafte Sicherung der Grenze und die Entflechtung der Frontier über Grenzabkommen mit den Xhosa. Zu diesem Zweck reisten beide zum mittlerweile volljährigen Ngqika, mit dem sie entsprechende Verabredungen trafen. Ngqika selbst wies darauf hin, dass er für die übrigen Chiefs keine verbindlichen Abmachungen treffen konnte, die Europäer aber blieben blind für die zersplitterten politischen Verhältnisse und die Rivalität unter den Xhosa-Chiefs, weswegen sie immer wieder von Vertragsbruch sprachen, obwohl die meisten Chiefs sich gar nicht an die Abmachungen gebunden fühlten.

3.4 Die Anfänge der christlichen Mission

Die VOC hatte bis fast zum Ende ihrer Herrschaft das religiöse Monopol der calvinistischen Kirche aufrechterhalten, welche weder unter den Sklaven noch unter den Khoisan missionierte und sich in Südafrika ganz ähnlich wie in den asiatischen Besitzungen der VOC verhielt. Nur zwischen 1737 und 1743 genehmigte die VOC die Tätigkeit eines Missionars der Herrnhuter Brüdergemeine unter den Khoisan, allerdings unter der Bedingung, dass er sich auf die religiöse Unterweisung beschränkte und von Taufen absah. Der Handwerker Georg Schmidt ließ sich im Süden der Kolonie in der Baviaans Kloof (Pavianschlucht) nieder und missionierte einige Jahre höchst erfolgreich. Als es jedoch ruchbar wurde, dass er doch Taufen vorgenommen hatte und die benachbarten Farmer zunehmend aggressiver reagierten, weil er ihnen angeblich die »faulen« Khoikhoi-Arbeiter weglockte, musste er die Kolonie wieder verlassen.

Die Herrnhuter bekundeten wiederholt ihr Interesse an einer Wiederaufnahme ihrer Missionsarbeit und sie durften noch vor der Aufhebung des kirchlichen Monopols der Reformierten während der ersten britischen Besatzung zurückkehren. Im Jahr 1792 erreichten drei ihrer Missionare Kapstadt und machten sich bald daran, an derselben Stelle in der Baviaans Kloof, die sie in Genadendaal umbenannten, mit der Missionsarbeit zu beginnen. Die Anfeindungen der Nachbarn waren ähnlich wie die, die Georg Schmidt auszustehen hatte, doch die Missionare gaben sich alle Mühe, die Khoikhoi zu braven Untertanen zu erziehen und damit ein besseres Verhältnis zu den Farmern aufzubauen, was ihnen langfristig auch gelang. Die Herrnhuter hatten aufgrund ihrer Verfolgungserfahrung in Europa den Gehorsam gegenüber der Obrigkeit zu ihrer Maxime erhoben und vermittelten diese Haltung auch ihren Konvertiten. Dadurch beruhigten sich die Gemüter und die Herrnhuter Mission erreichte sogar ein friedliches Verhältnis zu den benachbarten Farmern, allerdings verzichtete sie auf die soziale und politische Emanzipation der Khoikhoi.

Im späten 18. Jahrhundert wurden Europa und Nordamerika gleichermaßen von religiösen Erweckungsbewegungen erfasst, die von eher informellen evangelikalen Bewegungen innerhalb etablierter Kirchen bis zur Neugründung kirchlicher Gemeinschaften wie der Methodisten durch John Wesley reichten. Dieses Great Awakening war eine der Ursachen für die im späten 18. Jahrhundert sich in Großbritannien formierende Massenbewegung gegen den Sklavenhandel. Vor diesem Hintergrund der religiös-moralisch gespeisten Abolitionsbewegung ist auch die Entstehung verschiedener Missionsgesellschaften in Großbritannien und auf dem europäischen Kontinent in diesen Jahren zu sehen. Die für das südliche Afrika wichtigste war zunächst die 1795 gegründete London Missionary Society (LMS), in der vor allem Nonkonformisten vertreten waren, also Angehörige protestantischer Glaubensrichtungen, die nicht in der anglikanischen Kirche beheimatet waren. Aufgrund ihrer heterogenen protestantischen Zusammensetzung verzichtete die LMS auf eine eindeutige theologische Festlegung. Ihre Missionstätigkeit in Südafrika begann mit einem Angehörigen der niederländischen Oberschicht, dem Intellektuellen und Offizier J. T. van der Kemp (1747–1811), der sich 1799 am Sunday River niederließ, wo er die Station Bethelsdorp gründete. Van der Kemp unterschied sich von späteren Missionaren, da er die christliche Heilsbotschaft von der europäischen Kultur und dem Zivilisierungsanspruch trennte. Dies hatte zur Folge, dass er sich in seiner Lebensweise den Khoikhoi der Grenzregion, unter denen er missionierte, anpasste und z. B. barfuß und ohne Hut herumlief, was europäischen Forschungsreisenden, die ihn besuchten, als skandalöses Verhalten eines Angehörigen der sozialen Elite erschien. Aber gerade wegen seiner Bereitschaft, sich auf die Kultur der Khoikhoi einzulassen, war van der Kemp gemeinsam mit seinem engsten Adlatus James Read besonders erfolgreich. Bethelsdorp wurde ein Zufluchtsort für Khoikhoi, die sich den Drangsalierungen durch weiße Farmer zu entziehen versuchten, was zu einem denkbar schlechten Verhältnis zwischen Missionaren und Farmern führte.

Freilich waren die Khoikhoi keine leeren Behälter, die nun mit dem Wein des Christentums gefüllt wurden, sondern sie entwickelten vor dem Hintergrund ihrer eigenen Religion ein eigenes Selbstverständnis als Christen und neue Rituale. Reisende berichteten erstaunt von der außerordentlichen Emotionalität der religiösen Zusammenkünfte, die mit heftigen Tränenausbrüchen verbunden waren und oft nachts abgehalten wurden, worin sich eine Verbindung christlicher Glaubensinhalte mit der großen Bedeutung des Mondes in den religiösen Traditionen der Khoikhoi äußerte.

Mit den Missionaren erschienen weitere wichtige Akteure an der Frontier, die je nach Lage von den übrigen Beteiligten für die eigenen Zwecke eingespannt werden konnten. Van der Kemp verbreitete nicht nur die christliche frohe Botschaft unter den Khoikhoi, sondern er vermittelte ihnen über die Missionsschule auch westliche Bildung, ohne jedoch von ihnen eine Anpassung ihrer Lebensweise, Kleidung oder Alltagsverhalten an europäische Vorbilder zu verlangen. Doch andere Vertreter der LMS teilten seine Ideale keineswegs. Sie waren überzeugt, dass sich die christliche Botschaft nicht von der europäischen Kultur und Lebensweise trennen ließ und beharrten darauf, dass alle christianisierten Afrikaner sich der europäischen Zivilisation assimilieren müssten. Mit dieser Haltung erschwerten sie ihre eigene Arbeit unter den bantusprachigen Afrikanern ganz erheblich, da sie so zentrale Institutionen wie die Polygamie und lobola, den sog. »Brautpreis«, zu einem Kernproblem ihrer Missionstätigkeit erhoben. Des Weiteren bestanden diese Missionare auf einer klaren geschlechtlichen Arbeitsteilung nach europäischem Muster. Für sie war es ein Zeichen von afrikanischer Barbarei, dass die Frauen die Felder bestellten, was sie als Versklavung durch ihre »faulen« Männer werteten, wohingegen nach ihrem Dafürhalten Frauen ins Haus gehörten.

Als van der Kemp 1811 starb und ruchbar wurde, dass Read unverheiratet mit einer jungen Khoifrau zusammenlebte, nutzten ihre Gegner die günstige Gelegenheit, um die ganze Richtung, für die die beiden standen, zu desavouieren und nunmehr ganz auf die Kombination von christlicher mit zivilisierender Mission zu setzen. Hinzu kam, dass 1812 noch auf Betreiben van der Kemps und Reads ein reisender Gerichtshof in den Osten der Kolonie kam, um den von beiden gesammelten Vorwürfen nachzugehen, dass die burischen Farmer systematisch ihre Landarbeiter misshandelten und ausbeuteten. Die eingeschüchterten Zeugen waren jedoch nicht bereit, ihre früheren Aussagen zu wiederholen, sodass die Untersuchung der Juristen mit einem Sieg der Farmer endete, was aber deren Ressentiments gegenüber den Missionaren keineswegs dämpfte.

Zwar hatten die Khoikhoi gleichen Zugang zu den Gerichten wie die Weißen – und dieses Recht wurde ihnen nach 1795 mehrfach ausdrücklich bestätigt – doch in der Realität sah es anders aus: Kaum ein Khoikhoi fand den Mut, seinen Herrn anzuklagen aus Angst vor Repressalien seines Herrn und sogar des Richters. Der Richter war in der Regel der Landdrost oder einer seiner Beamten, die selbst Farmer waren. Die britische und batavische Verwaltung versuchten, schriftliche Arbeitsverträge einzuführen, um die Rechtssicherheit der Khoikhoi zu erhöhen, doch ohne großen Erfolg. Neben diesen eher papierenen Rechten mussten die Khoikhoi weitere reale Einschränkungen ihrer Freiheit hinnehmen. 1797 und 1798 wurde in Verordnungen festgelegt, dass alle Khoikhoi verpflichtet seien, in den Distrikten Swellendam und Graaff-Reinet, d. h. dem größten Teil der Kolonie, Pässe bei sich zu tragen, sobald sie die Farm ihres Herrn verließen. Mit diesen Verordnungen sollten die Khoikhoi fester an die Farm gebunden werden. Faktisch wurden sie ihren Herren noch schutzloser ausgeliefert. Ein Khoikhoi, der seinen Herrn beim Landdrost verklagen wollte, musste auch dafür von ihm einen Pass erhalten. Es kam häufig vor, dass die wenigen Khoikhoi, die es wagten, ihre Rechte in Anspruch zu nehmen und die auf dem Weg zum Landdrost waren, von anderen Farmern als Landstreicher aufgegriffen und in die eigenen Dienste gezwungen oder misshandelt wurden. Hinter diesen Maßnahmen stand allerdings auch die Angst vor der wachsenden Zahl geflüchteter Khoikhoi, die sich mangels Lebensalternativen zu Räuberbanden formierten.

Als 1799 der Aufstand der Buren an der Ostgrenze erneut aufflammte, benutzten hunderte von Khoikhoi die Gelegenheit, von den Farmen zu flüchten und sich in größeren Gruppen zusammenzuschließen. Sie zogen sich zum Teil in unzugängliche Gebiete zurück, etliche begaben sich unter den Schutz der Xhosa, viele suchten in den folgenden Jahren Zuflucht auf den Missionsstationen. Die meisten aber kehrten nach einiger Zeit aus purer Not wieder in den Dienst weißer Farmer zurück. Der Bericht des batavischen Gouverneurs Janssens nach einer Reise in die östlichen Grenzgebiete im Jahr 1803 war für die Buren nicht sehr schmeichelhaft:

»Die Grausamkeiten gegenüber den Hottentotten übersteigen alles, was man in Kapstadt davon hört, ja, was man sich überhaupt vorstellen kann. […] Klagen über das Zurückhalten von Kindern, Vieh, Lohn, und dergleichen mehr, sind dermaßen zahlreich, dass diese kaum aufzuzählen wären, ohne ein ganzes Buch zu füllen. Unterricht! Unterricht! fehlt ihnen vor allem; sie nennen sich selbst Christen, die Kaffern und Hottentotten dagegen Heiden, und auf Grund dessen glauben sie zu allem berechtigt zu sein. Ein Bruder von Thomas Ferreira, der glaubt über einige Bildung zu verfügen, hat die Entdeckung gemacht, dass die Hottentotten die Nachkommen der verfluchten Rassen von Ham seien, und darum von Gott zu Dienstbarkeit und Misshandlung verdammt.«2

3.5 Der Beginn der dauerhaften britischen Herrschaft nach 1806

Als in Europa erneut der Krieg gegen Napoleon ausbrach, erschien abermals eine britische Flotte vor der südafrikanischen Küste. Es gelang ihr, nördlich von Kapstadt eine Landungsoperation durchzuführen. Janssens Versuche, eine Gegenwehr zu organisieren, scheiterten an den unzulänglichen Ressourcen der Kolonie. Am 18. Januar 1806 übergab er die Kolonie dem britischen Generalleutnant Sir David Baird. Diesmal blieben die Briten, und die Niederländer mussten ihnen die Kapkolonie auf Dauer abtreten. Trotzdem behielten sie den Verwaltungsaufbau aus der VOC-Zeit im ländlichen Raum bei. Abgesehen von der Vermehrung der Verwaltungsdistrikte im Landesinneren besetzten niederländische Beamte und lokale Eliten weiterhin die wichtigsten Positionen, da nur sie über die Sprachkenntnisse verfügten, um die Herrschaft zur Siedlerbevölkerung zu vermitteln. Die Machtkonzentration in den Händen der Gouverneure, von denen die meisten hohe Armeeoffiziere waren, nahm weiter zu, da sowohl das Amt des Vizegouverneurs als auch dasjenige des unabhängigen Fiscaal abgeschafft wurden. Die Machtfülle der Gouverneure stand durchaus im Einklang mit Vorstellungen von moderner Staatsverwaltung, da das Hauptziel die gesteigerte Effizienz und der Kampf gegen Korruption und Schlendrian war.

Gleichwohl mussten die Briten auf die historisch gewachsenen Verhältnisse Rücksicht nehmen und nichts lag ihnen ferner, als diese gewaltsam zu verändern. Zunächst mussten sie die mächtigste Gruppe der Bevölkerung, nämlich die niederländischen burischen Siedler, mit ihrer eigenen Herrschaft versöhnen. Vertrauensbildend wirkte es, als sie ihnen signalisierten, dass sie von den neuen Herren nichts zu befürchten hatten, vor allem keine umgreifende Veränderung der sozialen Ordnung. Das lag im eigenen britischen Interesse, bestand doch die Mehrheit der Bevölkerung noch immer aus Sklaven.

Ansonsten gab es eine Reihe von Gesetzesvereinheitlichungen, zu deren wichtigster die Einführung einer allgemeinen Passpflicht für die Khoikhoi zählte. 1809 dehnte Gouverneur Caledon die bis dahin eher ad hoc und auf bestimmte Gebiete oder Gelegenheiten beschränkten Passgesetze auf die ganze Kolonie aus. Damit generalisierten die Briten die Einschränkung der Freizügigkeit für die indigene Bevölkerung, was gleichzeitig deren freie Berufswahl und damit auch ihre Verhandlungsposition auf dem Arbeitsmarkt eng begrenzte. Die Passgesetze wurden fast 200 Jahre lang den wechselnden Umständen angepasst und modernisiert. Dies bedeutete faktisch: Sie wurden verschärft und auf weitere Bevölkerungsgruppen ausgedehnt.

Ein Jahr zuvor wurde im gesamten britischen Empire der Sklavenhandel verboten. In der Parallelität dieser beiden Maßnahmen offenbarte sich die Ambivalenz der britischen Kolonialherrschaft, die auf der einen Seite von einem humanitären und rationalen Impetus getragen war, gleichzeitig aber die Bedürfnisse der weißen Farmer berücksichtigen musste, weil die Kolonie sich möglichst umgehend zu einem gewinnbringenden Unternehmen mausern sollte.

2 Zit. nach H. J. van Aswegen, Geskiedenis van Suid-Afrika tot 1854, Pretoria – Cape Town 1989, S. 173; Übersetzung des Autors.

4 Frontiers und Aufbrüche

Man kann die Zeit zwischen 1795 und den frühen 1820er Jahren hinsichtlich der inneren Verhältnisse der Kolonie als eine Zeit des Übergangs charakterisieren. Gegenüber den afrikanischen Nachbarn im Osten kamen dagegen sehr rasch neue Methoden der »Grenzsicherung« zum Einsatz, die für die Betroffenen so unerhört wie schockierend waren und tiefgreifende Verunsicherungen und Traumata zur Folge hatten.

Die Kapkolonie wurde nach 1795, endgültig ab 1806 in ein weltweites Gewebe wirtschaftlicher und politischer Interessen sowie formeller und informeller Herrschaftsformen integriert. Nach dem Verlust der 13 nordamerikanischen Kolonien rückte Indien als wertvollste Besitzung ins Zentrum des britischen Imperiums, weshalb es den Seeweg um Afrika sichern musste. Die neuen Kolonialherren in London dachten in globalen politischen Maßstäben, denen die Belange der Südafrikaner untergeordnet wurden. Bereits im 18. Jahrhundert hatten die Briten mit den französischen Besitzungen in Nordamerika Gebiete übernommen, in denen eine Mehrheit der Siedler nicht-britischer Herkunft war. In der Kapkolonie kam jedoch hinzu, dass hier mehr Sklaven als Weiße sowie eine bis dahin nicht erfasste Zahl von Khoisan lebten und außerdem die Lage an der Ostgrenze der Kolonie instabil war. Die Kapkolonie begründete damit einen Trend, denn Herrschaft über nicht-britische, meist indigene Bevölkerungen wurde im 19. Jahrhundert zum Normalfall, während die Siedlungskolonien einen Ausnahmestatus erhielten. Darum wurde das Kap als Kronkolonie, d. h. direkt von London aus über einen vor Ort tätigen Gouverneur mit weitreichenden Vollmachten regiert. Die Gouverneure änderten wenig an der vorgefundenen Ordnung, schließlich wollten sie die Loyalität der Bewohner zur britischen Krone sichern.

Der Beginn der britischen Herrschaft in Südafrika stellte auch deshalb eine Zäsur dar, weil neue Interessengruppen in Erscheinung traten. Damit sind zunächst die Missionare gemeint, die der afrikanischen Bevölkerung bzw. ihren Chiefs neben massiver Einflussnahme auf Gesellschaft und Kultur doch auch die Chance eröffneten, sich neue Handlungsspielräume im Verhältnis zu den Siedlern und der Kolonialverwaltung zu erschließen.

4.1 Die Missionare

Die London Missionary Society dehnte ihr Tätigkeitsfeld bald über die Ostgrenze der Kolonie aus und gründete Missionsstationen nördlich der Kolonie bei unabhängigen Tswana-Chiefdoms. Einer dieser Missionare war Robert Moffat, der sich in der Kalahari-Oase Kuruman niederließ und dort über fünfzig Jahre tätig war. Es gelang ihm, die komplette Bibel in die Landessprache Setswana zu übersetzen und auf der missionseigenen Druckerpresse zu vervielfältigen. Moffat baute mit Hilfe seiner vielköpfigen Familie Kuruman zu einem richtigen Betrieb aus, denn die Station unterhielt Werkstätten, bewirtschaftete Felder und Gärten und bot Schul- und Handarbeitsunterricht für die afrikanischen Frauen an. In den 1840er Jahren stieß der junge schottische Missionar David Livingstone zu ihm und zog dann weiter ins Landesinnere, um seine eigene Station zu begründen. Später heiratete er die älteste Tochter Moffats, gab aber in den frühen 1850er Jahren die Missionstätigkeit zugunsten der Forschungsreisen in Zentralafrika auf.

Neben der LMS kamen weitere Missionsgesellschaften ins südliche Afrika, nämlich 1795 die Methodisten, die Wesleyan Missionary Society, 1822 die Société des missions évangéliques de Paris, 1829 die Rheinische Missionsgesellschaft, 1834 die Berliner Mission, 1835 die in Boston beheimatete American Board of Commissioners for Foreign Missions, 1844 die Norwegische Missionsgesellschaft und 1854 die Hermannsburger Mission. In der zweiten Jahrhunderthälfte folgten weitere, allen voran die Katholiken 1852 in Natal, die mit großem Aufwand und Elan die Verspätung gegenüber ihren protestantischen Konkurrenten rasch aufholten. Dies lag auch am koordinierten Einsatz katholischer Missionsorden, die in vielen Gebieten sehr erfolgreich missionierten, etwa in Lesotho ab 1862, wo die Mehrheit der Bevölkerung katholisch wurde. Trotz vieler Rückschläge waren die Missionen so erfolgreich, dass die Zahl der christlichen Konvertiten im südlichen Afrika um 1860 bereits auf eine halbe Million geschätzt werden kann.

Mit der Zahl der Missionsgesellschaften wuchs der Koordinierungsbedarf. Aus diesem Grund und um einen mit Autorität ausgestatteten Sprecher gegenüber der Kolonialregierung zu haben, richtete die London Missionary Society das neue Amt eines Superintendenten ein, dem die Aufsicht über alle Missionare oblag und der auch die Aktivitäten anderer protestantischer Missionsgesellschaften koordinierte. Die Wahl fiel auf den schottischen Missionar John Philip, dem es für einige Zeit gelang, Einfluss auf die Regierung in Kapstadt auszuüben. Philip schickte Neuankömmlinge zielgerichtet in Gebiete, wo bislang noch niemand tätig war. Auf diese Weise sorgte er dafür, dass die meisten afrikanischen Gemeinschaften jenseits der Nordgrenze ihren Missionar erhielten und die protestantischen Missionsgesellschaften ein flächendeckendes Netz von Stationen einrichten konnten. Nur so konnten sie friedensstiftend wirken, da sie oft untereinander verhandelten, um Kriege zwischen afrikanischen Chiefdoms zu vermeiden. Nicht selten machten sich die Missionare die Interessen afrikanischer Gemeinschaften zu eigen und verteidigten sie gegen den Landhunger weißer Siedler. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hielten sich die Missionserfolge in bescheidenen Grenzen, da die meisten Chiefs zwar die handwerklichen und diplomatischen Fähigkeiten der Missionare schätzten, für die christliche Botschaft aber wenig übrighatten. Gleichwohl wurde durch die beharrliche Arbeit der Missionare der Boden für die Erfolge bereitet, die sich nach den kolonialen Eroberungen in der zweiten Jahrhunderthälfte einstellen sollten.

4.2 Die Wirtschaft bis zu den 1830er Jahren

Die vielleicht wichtigste Änderung, die die Anwesenheit der Briten brachte, war die Einbindung der Kapkolonie in das weltweite britische Handelsnetz, von dem in erster Linie englische Kaufleute profitierten, die neu nach Kapstadt zugewandert waren. Dessen ungeachtet blieb die Kolonie während der ersten Jahrzehnte britischer Herrschaft ein Zuschussunternehmen, da sie außer landwirtschaftlichen Erzeugnissen nichts produzierte. Diese stießen auf den überseeischen Märkten kaum auf Interesse; einzig der Wein erschien als lukratives Exportprodukt und die britische Regierung setzte alles daran, wenigstens diesen Sektor auszubauen.

Schutzzölle und andere merkantilistische Maßnahmen sorgten für einen kräftigen Aufschwung der Weinproduktion, unterstützt durch gezielte Werbekampagnen in Großbritannien. Diese Anreize führten dazu, dass viele Farmer ihre Anbauflächen erheblich ausweiteten, zwischen 1809 und 1825 insgesamt um 83 %. Die sozialen Kosten hatten vor allem die Sklaven und Khoikhoi zu tragen, auf die nun erheblicher Druck ausgeübt wurde, um ihre Arbeitsleistung zu steigern, da die Zahl der Rebstöcke ungleich stärker zugenommen hatte als diejenige der Arbeitskräfte. Die Erweiterung der Weinproduktion war mit keiner qualitativen Verbesserung des Getränkes verbunden und als 1825 die Vorzugsbehandlung für Kapwein wieder abgeschafft wurde, brach der Markt ein. Die Folge waren zahlreiche Bankrotte, sodass viele Investoren aus Kapstadt ihr Geld verloren.

Die zuvor schon rigide Sklavenhaltergesellschaft kapselte sich nach der Abschaffung des Sklavenhandels in einer geradezu kastenartigen Ordnung ab, die immer deutlicher rassistische Züge annahm. Bis dahin existierende Gruppen, die eine soziale Zwischenstellung einnahmen, verschwanden, denn die freien Schwarzen blieben zwar nominell frei, gingen aber in der farbigen Unterklasse auf.

4.3 Frontiers und Aufbrüche

Nachdem der Besitzwechsel der Kolonie in die Hände der Briten verhältnismäßig unspektakulär und wenig gewaltsam über die Bühne gegangen war, kam es im Verlauf des frühen 19. Jahrhunderts zu umso tiefgreifenderen und teilweise außerordentlich blutigen Umbrüchen in der gesamten Region. Waren die Buren den wesentlich zahlreicheren Xhosa militärisch unterlegen, so sah es gegen die San ganz anders aus. Diese Konflikte spielten sich an der Nord- und Nordostgrenze der Kolonie ab, wohin die San aus ihren Jagdgebieten abgedrängt wurden. 1795 waren viele Farmen in diesem Gebiet verlassen worden, weil sie sich gegen die Angriffe der San nicht wehren konnten. Dies hatte in erster Linie damit zu tun, dass die San als Wildbeuter nur in kleinen, beweglichen Verbänden agierten. Es gab damit keine Oberhäupter, mit denen man hätte verhandeln können. Gleichzeitig waren diese kleinen Gruppen militärisch nicht so einfach zu besiegen, als Wildbeuter auch nicht in ihrem Nachschub zu treffen. Das resultierte in jahrelangen Konflikten, die häufig in regelrechte Treibjagden auf die San eskalierten.

Die Nordgrenze

Die Missionare – allen voran John Philip – bemühten sich, die verschiedenen Gruppen am Mittellauf des Oranje politisch zu vereinen, um sie gegen die expandierenden weißen Siedler der Kolonie zu sichern. Diese Gruppen zerfielen in die Rinderzüchter, die sich ihrerseits um die großen Familien der Kok oder Barends scharten, daneben in eine Minderheit, die als Bauern sesshaft lebten und unter den Einfluss der Missionsgesellschaften gerieten.

Die Benutzung des alten Khoikhoi-Ethnonyms Griqua für die heterogene Bevölkerung der Grenzregion erleichterte die Integration vieler Khoikhoi der Koranna-Gemeinschaften, die ebenfalls in der Region siedelten. Das Siedlungszentrum Klaarwater wurde denn auch programmatisch in Griquatown umbenannt, um eine überwölbende Identität zu festigen. Den bestehenden Machtstrukturen wurde insoweit Rechnung getragen, als Adam Kok der Jüngere und Barend Barends Anfang des Jahrhunderts zu Oberhäuptern dieses Gemeinwesens ernannt wurden. Diese großen Familienverbände waren die Ordnungsfaktoren nördlich des Oranje und wurden als solche durch die symbolische Vergabe von »Amtsstäben« durch die Kolonialregierung anerkannt. Weiße, die nördlich des Oranje ihr Vieh weiden oder siedeln wollten, mussten sich in klientelistische Abhängigkeiten begeben. Cornelius Kok hatte sogar weiße »Bywoner«, d. h. landlose Weiße, die auf seinem Land gegen die Erbringung von Dienstleistungen lebten.

Die Missionare der London Missionary Society setzten Konvertiten für die weitere Missionsarbeit ein, die ihrerseits zur Entstehung einer regionsübergreifenden kollektiven Identität der später sogenannten »Coloureds« beitrugen. Als die Griqua sich jedoch weigerten, Rekruten für die Khoikhoi-Einheiten der Kolonialtruppen zu stellen, zog die Kolonialverwaltung 1814 die Anerkennung ihrer politischen Verbände zurück. Diese Maßnahme wiederum, die den deutlichen Rückgang des Handels zur Folge hatte, schwächte die Position der Missionare in einem solchen Ausmaß, dass es 1815 zu einem regelrechten Aufstand gegen die Vorherrschaft von Griquatown kam. Ganze Gruppen wanderten ab und erhoben den Anspruch, eigenständige Gemeinschaften zu bilden. Da die Kolonialregierung den Griqua auch die Handelsprivilegien aberkannte und die Missionare sich als unfähig erwiesen, daran etwas zu ändern, setzte ein Zerfall des fragilen Gemeinwesens ein. Die Missionare konzentrierten sich darum umso mehr auf die wenigen sesshaften Bauerngemeinschaften unter den Griqua. Der von ihnen protegierte Andries Waterboer konnte zunächst einige Erfolge verbuchen, als er die Selbstverwaltung der Griqua effizienter organisierte. Doch als er sich 1822 bereit erklärte, im Gegenzug zur Wiederaufnahme offizieller Kontakte mit der Kapkolonie die Anwesenheit eines Regierungsvertreters in Griquatown zu akzeptieren, verschlechterte sich sein Verhältnis zu den Rinderzüchtern dramatisch. Ein weiterer Zerfallsprozess setzte ein und die Griqua, von denen ganze Gruppen zum lukrativen Geschäft des Rinderraubs zurückkehrten, wurden ein Faktor der Destabilisierung in der ganzen Region.

Zielscheibe der Griqua-Raubzüge waren die südlichen Tswana, die ihrerseits begannen, sich mit Feuerwaffen auszurüsten und ihre Sozialstruktur auf die neuen Verhältnisse umzustellen, nachdem die Invasion und Expansion der Griqua einige ihrer Häuptlingschaften, wie die Rolong, aufgesplittert und geschwächt hatten. Unter dem Einfluss der Missionare nahmen sie in den 1840er Jahren die für sie neue Technologien des Pflugs und der künstlichen Bewässerung an. Vor allem die Tlhaping entwickelten eine zentralisiertere Form des Zusammenlebens und die für die Tswana charakteristische Siedlungsform in Städten dürfte im Wesentlichen aus dieser defensiven Reaktion hervorgegangen sein. Außer den Griqua schalteten sich Kaufleute aus der Kapkolonie vermehrt in den lukrativen Fernhandel ein. Sie entsandten reisende Handelsagenten mit Ochsenwagen über den Oranje, um mit den Griqua und anderen Bevölkerungsgruppen Handel zu treiben. Später gingen sie sogar zur Einrichtung von festen Läden in den Siedlungszentren über.

Philip trug dem zersplitterten Zustand der Griqua Rechnung und befürwortete den Umzug von Adam Kok und seiner ganzen Anhängerschaft nach Philippolis, südwestlich von Bloemfontein, im Jahr 1826. Damit wollte er dem Vordringen der Weißen einen Riegel vorschieben. Aber alle Versuche, eine Einheit unter den Griqua herzustellen, scheiterten, da die Barend- und Kok-Familien nicht bereit waren, sich der Oberhoheit Waterboers zu unterstellen, der für sie ein Emporkömmling und eine Kreatur der Missionare war. 1837 schrieben Kok und Waterboer die faktische Zweiteilung des Griqualandes in einem Vertrag fest.

Zunächst nur zeitweise im Rahmen ihrer transhumanten Wechselweidewirtschaft, dann ab etwa 1830 kamen immer mehr Trekburen, die sich dauerhaft nördlich des Oranje niederließen. Dadurch erodierte die Machtbasis Koks, denn bereits 1838 lebten mindestens 800 weiße Familien nördlich des Oranje. Traditionelle Oberhoheiten verloren ihre Bedeutung, und das Recht des effektiven Besitzes wurde über kurz oder lang zur Grundlage des Eigentums. Nach der Gründung einer unabhängigen Republik nördlich des Oranje verlor die Existenz eines eigenständigen Griqua-Gemeinwesens seine materielle Grundlage und endete mit der Vertreibung von Kok und seinen Anhängern 1861, als sie in die Transkei zogen. Ihr Siedlungsgebiet um Kokstad erhielt später den Namen Griqualand-East, ihre frühere Heimat am Oranje wurde zu Griqualand-West. Die dort bleibenden Griqua wurden von der Kolonialmacht fallengelassen. Die Anwesenheit der Weißen und die bessere Bewaffnung ihrer Sotho- und Tswana-Nachbarn sorgten dafür, dass die Griqua ihre hegemoniale Stellung verloren. Nach dem Tod Waterboers 1852 beschleunigte sich ihre Desintegration. Als 1867 Diamanten in ihrem Siedlungsgebiet entdeckt wurde, führte dies zum endgültigen Verlust ihrer Eigenständigkeit.

Die Ostgrenze

Der Osten der Kolonie blieb ein Hauptproblem, da dort zwei expansive Gesellschaften in Konkurrenz um die Ressource Land aufeinander trafen. Der Dauerkonflikt wurde erst 1877 mit der gewaltsamen Eingliederung der letzten unabhängigen afrikanischen Chiefdoms in die Kapkolonie beendet. Die Zeit zwischen 1811 und 1856 war von zahlreichen, mit zunehmender Härte und Brutalität geführten Kriegen bestimmt, die auf Seiten der Xhosa zu wachsender Verzweiflung und einer tiefen Traumatisierung führten. Im frühen 19. Jahrhundert fand eine wesentliche Veränderung statt, als die bantusprachigen Afrikaner nicht mehr aus einem bestimmten Territorium hinausgedrängt, sondern in die Kapkolonie eingeschlossen und als billige Arbeitskräfte unterjocht wurden. Statt einer exkludierenden Grenzsicherung ging der Kolonialstaat seit den 1830er Jahren über zu einer inkludierenden Grenzerweiterung.

Die Grenzkriege gegen die Xhosa 1811–1856

Mit dem Vierten Grenzkrieg (1811/12) änderte sich die Situation an der Frontier grundlegend, denn die Briten setzten erstmals Soldaten ein, die gerade auf den Schlachtfeldern der napoleonischen Kriege in Europa gekämpft hatten und entsprechend verroht waren. Die bisherige defensive Grenzsicherung wurde von einer aktiven Vertreibungspolitik abgelöst, die sich zunächst auf das Zuurveld richtete, dessen Weiden sowohl die Siedler als auch die Xhosa für ihre Herden nutzen wollten. Mit diesem Krieg zeichnete sich zudem erstmals ein Bündnis von Siedlern, Militärs und Kolonialverwaltung ab, das die folgenden Konflikte weitgehend bestimmte. Gouverneur Cradock legte Wert darauf, dass die Truppen einen »angemessen Terror« ausübten, wofür er in Oberst John Graham einen willigen Exekutor fand. Die 700 regulären Soldaten, verstärkt durch 900 Angehörige der Siedlermilizen, die wegen der Aussicht auf Beute teilnahmen, vertrieben etwa 20 000 Xhosa aus dem Zuurveld bis hinter den Great Fish River. Dabei durchkämmten sie die unzugänglichen Schluchten und Klüfte der Gebirgsgegenden und schossen auf alle dunkelhäutigen Menschen, die sie in dem dichtbewachsenen Buschland wahrnahmen. So kamen zahlreiche Frauen und Kinder zu Tode, da die Soldaten sie im Unterholz oft nicht von den Männern unterscheiden konnten.

Die Kriege der Xhosa waren eher auf Besitzvermehrung und Status ausgerichtete Rinderraubzüge, wie noch die ersten drei Grenzkriege. Umso größer war der Schock für die Xhosa, als im vierten Grenzkrieg von 1811/12 eine rücksichtslose Soldateska mit ungeheurer Brutalität gegen die Menschen und ihre lebenswichtigen Ressourcen vorging. In den folgenden Jahrzehnten nahm die Gewaltsamkeit noch weiter zu und ging mit der Einbeziehung immer weiterer Xhosa-Gruppen einher, bis sich der Krieg schließlich faktisch gegen das gesamte Volk richtete. Umgekehrt lernten die Xhosa sehr rasch, dass sie mit ihrer traditionellen Kampfordnung diesen Gegnern nicht gewachsen waren. Sie verschafften sich Feuerwaffen und gingen von der traditionellen Feldschlacht in geschlossener Formation zu einem effizienten Guerillakrieg über, bei dem ihnen ihre Kenntnis des Geländes zugutekam. Sie verstanden es, einzelne Trupps der Engländer in Hinterhalte zu locken; sie wussten, dass die Feuerwaffen der Weißen bei Regenwetter nicht funktionierten und sie griffen später auch gezielt die Proviantwagen an.

Die Vertreibung der Xhosa war ein Raubzug, in dessen Verlauf ihnen ein großer Teil ihrer Rinderherden abgenommen und an die weißen Farmer verteilt wurde. Da die Kolonialtruppen systematisch die kurz vor der Ernte stehenden Feldfrüchte zerstörten und verbrannten, war das Ergebnis des Krieges vorhersehbar: Eine Hungersnot, die Verarmung der Xhosa, ein wachsender Bevölkerungsdruck und damit geradezu zwangsläufig ein neuer Krieg; zumal die Siedler nachdrängten und bald ihrerseits jenseits der festgelegten Grenze am Fischfluss siedelten. Die Xhosa hatten durchaus Anlass, sich ungerecht behandelt zu fühlen, denn die Siedler eigneten sich oft Rinder deswegen an, weil sie ihre Brandzeichen trugen, ohne sich darum zu kümmern, ob die Afrikaner sie von ihnen eingehandelt oder tatsächlich gestohlen hatten. So verloren die Xhosa bei den Kommando-Operationen oft Rinderherden in fünfstelliger Zahl, wobei die Weißen nicht nur Rinder raubten, sondern auch Menschen verschleppten – insbesondere Kinder, die sie dann auf ihren Farmen zu billigen Arbeitskräften aufzogen.

Um diese Zeit begann sich die Frontier zu »schließen«, wie der südafrikanische Historiker Hermann Giliomee einen Prozess nannte, durch den das Land knapp wurde und kaum noch Expansionsmöglichkeiten vorhanden waren, nicht zuletzt, weil eine staatliche Macht in der Grenzzone intervenierte. Die Schließung der Frontier trug zur Stratifizierung der weißen Gesellschaft bei, denn die 26 % Weiße, die 1798 als Farmbesitzer registriert wurden, besaßen 75 % aller Sklaven in den östlichen Bezirken, 56,6 % der Rinder, 55,8 % der Schafe und 51,3 % der Pferde. Die Anhäufung der meisten Ressourcen in den Händen einer Minderheit macht deutlich, dass die Chancen für landlose Farmer, selbst Land zu erwerben, schwanden. Der Kolonialstaat wollte den instabilen Zustand der Frontier durch den stabilen der Boundary ersetzen, durch eine auf einer Karte verzeichnete Grenzlinie, die gleichzeitig eine ethnische Grenze darstellen sollte. Das Vordrängen einer Siedlerfrontier, die die Kolonialregierung nicht wollte, und eine schrittweise staatliche Eroberung, die die Siedler nicht beabsichtigten, wechselten einander ab. Ein solcher Prozess konnte sein Ende erst mit der vollständigen, flächendeckenden Unterwerfung der Afrikaner finden. Was 1812 an der Frontier geschah, war nichts anderes als eine »ethnische Säuberung«. Das Ziel der Kolonialregierung war es, die Lebensgrundlage der schwarzen Bevölkerung in dem umstrittenen Zuurveld so zu zerstören, dass sie nicht wieder zurückkehren konnte. Anschließend wurde das Zuurveld mit einer Reihe von Befestigungen gesichert, zu deren Zentrum sich bald eine kleine Garnisonsstadt entwickelte, die dem britischen Kommandanten zu Ehren Grahamstown genannt wurde.

Mit dem Vierten Grenzkrieg lässt sich zugleich der Beginn der modernen Kolonialherrschaft in Afrika datieren. Dazu zählten auch Methoden, die man später als die Totalisierung des Krieges bezeichnete, nämlich seine Ausweitung auf die Zivilbevölkerung und gegen die Ressourcenbasis des Gegners, wie Viehherden und Getreidespeicher. Das erstmalige Auftreten staatlicher Macht an der Frontier brachte eine tiefgreifende strukturelle Änderung. Hatten die vordringenden Siedler und die Lebensweise der Xhosa mit ihren zyklischen Wechseln der Weidegründe eine Situation der Frontier geschaffen, die durch permanent schwankende Machtbalancen, kreuz und quer geschlossene Allianzen, ein Gemisch von Abhängigkeit, Konkurrenz, Misstrauen und Unverständnis geprägt war, so zielte die Kolonialregierung auf eine dauerhafte Befriedung der Grenze ab. Die in Europa ausgebildeten Entscheidungsträger in Kapstadt verstanden die eigenartige Dynamik einer Frontier nicht und sahen nicht, dass alle Versuche, diese Interaktionszone zu entflechten, vergeblich bleiben mussten. Sie glaubten, wenn sie den ranghöchsten Chief in Verträge einbanden, die Situation kontrollieren zu können. Dieser Auserwählte war Ngqika, das Oberhaupt der Rharharbe, der Ambitionen nährte, die von ihm unabhängigen Häuptlingschaften der westlichen Xhosa seiner Herrschaft zu unterwerfen. Seine Haltung gegenüber seinen Rivalen verhärtete sich, da er auf die Hilfe der Kolonialmacht vertraute, sodass die westlich von ihm lebenden Xhosa nicht bereit waren, ihre Wohnsitze weiter in den Osten zu verlagern, da sie dann die Unterwerfung fürchten mussten.

Die Xhosa konnten das, was ihnen im Vierten Grenzkrieg widerfahren war, nicht im Rahmen ihrer kulturellen Deutungsmuster erklären. Darum schenkten sie Propheten Gehör, die nun erstmals in ihrer Mitte auftraten. Der Prophet Makanna, der auch Nxele (der Linkshänder) genannt wurde, hatte sich eine Zeit lang in Grahamstown aufgehalten, wo er sich intensiv mit dem Christentum auseinandersetzte. In seine Heimat zurückgekehrt, wandelte er sich zu einem entschiedenen Gegner des Christentums, von dem er jedoch Elemente übernahm. Die Auferstehung der Toten und ein Endgericht gab es in der Xhosa-Religion nicht, sodass Makanna mit seinen Vorstellungen eine neue Antwort auf existentielle Fragen in Zeiten von Krieg und Hunger gab. Er schloss sich dem einflussreichen Chief Ndlambe an, der unter dem europäischen Vordringen am meisten gelitten hatte. Die Chiefs waren allesamt alarmiert, da sie vermuteten, die Briten wollten ihnen ihr gesamtes Land wegnehmen. Die wahllosen Viehbeschlagnahmungen durch Militärpatrouillen und Kommandos verstärkten diesen Eindruck. Infolge der steigenden Aggressivität der Briten nahm die Verhandlungsbereitschaft der Chiefs ab. Bald hatte Makanna eine wachsende Anhängerschaft um sich geschart und trat, obwohl er nicht aus dem Herrscherhaus stammte, wie ein Chief auf und riss die politische Initiative an sich. Seine Weissagung versprach einen Sieg über die Weißen, die aus dem Land vertrieben würden. 1818 führte er im Fünften Grenzkrieg eine riesige Armee von Xhosa-Kriegern gegen Grahamstown. Hätte er nicht im Vertrauen auf seine übernatürliche Sendung am hellen Tag die Stadt angegriffen, so hätte er durchaus Chancen auf den Sieg gehabt. So aber wurde seine Armee unter gewaltigen Verlusten zurückgeschlagen, wobei ironischer Weise die entscheidende Hilfe für die bedrängte Garnison von einer Khoikhoi-Truppeneinheit kam. Schon die VOC hatte gegen Ende ihrer Herrschaft ein sogenanntes Hottentotten-Korps eingerichtet, das die Briten beibehielten. Sie erweiterten diese Militäreinheit sogar noch, da sie der rebellischen weißen Bevölkerung wenig trauten und in den Khoikhoi eine verlässliche Truppe hatten. Allerdings war diese keine Freiwilligen-Einheit, auch wenn dies auf dem Papier so aussah, sondern viele Khoikhoi wurden zum Militärdienst gezwungen, wobei es für sie keine Aufstiegsmöglichkeiten über bestimmte Ränge hinaus gab.

Makanna ergab sich kurz darauf den Briten, um weiteren Schaden von der afrikanischen Bevölkerung abzuwenden, ohne allerdings dieses Ziel zu erreichen. Er wurde zu lebenslanger Haft nach Robben Island in der Tafelbucht vor Kapstadt gebracht und ertrank wenig später bei einem Fluchtversuch. Viele Xhosa weigerten sich, an seinen Tod zu glauben, sodass die Rückkehr des Propheten selbst zu einer Prophezeiung wurde.

Gouverneur Somerset wollte nach dem Fünften Grenzkrieg eine menschenleere Pufferzone zwischen den weißen Siedlern und den Xhosa schaffen, wofür letztere ihr Land verloren, das sogenannte Ceded Territory. Insgeheim beabsichtigte der Gouverneur, dieses Land möglichst bald für weiße Siedler freizugeben. Während einer kurz darauf ausbrechenden Dürre drangen Weiße wie Xhosa in das Gebiet ein und schufen so die Voraussetzung für den nächsten Konflikt.

Die englische Einwanderung von 1820

Nachdem sich herausgestellt hatte, dass die Xhosa keineswegs militärisch unterlegen waren und die dünne Besiedlung der Kolonie zur instabilen Lage beitrug, griff die Regierung zu neuen Methoden, um das Grenzgebiet besser zu sichern. Sie schob zwischen die beiden Parteien, die Buren der Kapkolonie auf der einen und die Xhosa auf der anderen Seite der Grenze, neben dem Ceded Territory auch weiter südlich eine Art Pufferzone. Hierzu sollten britische Siedler, von denen man mehr Berechenbarkeit im Verhalten erwartete, im Zuurveld angesiedelt werden. Um die richtigen Siedler zu finden, wurde in Großbritannien eine Werbeaktion in die Wege geleitet. Aus den 80 000 Interessierten, die sich meldeten, wurden 4000 ausgewählt und mit mehreren Schiffen nach Südafrika gebracht. Es handelte sich bei diesen Siedlern, für die sich in Südafrika nach dem Jahr ihrer Ankunft der Name 1820 Settlers einbürgerte, nicht um vereinzelte Individuen, sondern um ganze Gruppen. Der Plan, die Neusiedler flächendeckend als Kleinfarmer in der Landwirtschaft zu beschäftigen, scheiterte nicht zuletzt an den fehlenden Kenntnissen der meist aus den Städten stammenden Einwanderer. Zudem waren die ihnen zugewiesenen Parzellen zu klein, sodass nur eine Minderheit auf Dauer das Land besiedelte. Die Mehrheit der britischen Siedler zog in die kleinen Forts und Garnisonsstädtchen. Neben dem Siedlungsmittelpunkt Grahamstown ließen sich viele in der entstehenden Hafenstadt Port Elizabeth, dem Ort ihrer Ankunft, nieder. Daraus entwickelte sich allmählich ein Stadt-Land-Gegensatz, der auch ethnische Konnotationen erhielt, da die Briten mehrheitlich Stadtbewohner waren, während die Buren auf dem Land lebten.

Auch das Kalkül der Kolonialregierung, von den Neusiedlern könne eine pazifizierende Wirkung ausgehen, erfüllte sich nicht. Im Gegenteil, sie hatten maßgeblichen Anteil an der weiteren Eskalation der Frontiersituation, während die Buren, die mittlerweile meist fernab der Frontier lebten, in den 1830er Jahren an den Konflikten kaum noch beteiligt waren.

In der südafrikanischen Forschung wurde viel über die Entstehung und Bedeutung des Rassismus im Zusammenhang mit der Frontier diskutiert. Einer älteren Lehrmeinung zufolge führten die staatsfernen, chaotischen Verhältnisse an der Frontier dazu, dass die Weißen diese Konfrontation als Aufeinandertreffen der zivilisatorisch Überlegenen mit den Barbaren interpretierten. Seit den 1970er Jahren wurde diese These durch eine andere, differenziertere Interpretation abgelöst, denn empirisch ließ sich eine besondere Virulenz des Rassismus an der Frontier nicht nachweisen. Der Rassismus geht vielmehr auf die Sklaverei zurück, denn unfreie Arbeit wurde sukzessive mit schwarzer Hautfarbe assoziiert. Da sich immer wieder jüngere Familienangehörige weißer Familien aus den etablierten landwirtschaftlichen Zonen bei Kapstadt an der Frontier niederließen, wurde in einem ständigen Strom die Vorstellung einer rassischen Hierarchie als normative Ordnung an die Siedlungsgrenze und in die Gebiete einer auf Viehzucht ausgerichteten ländlichen Wirtschaft exportiert und dort verbreitet.

Gleichwohl entstand im Osten ein autonomes Zentrum der Artikulation rassistischer Ideologie, nämlich der Siedlungsgürtel, in dem die 1820 Settlers lebten. Der Markt im Osten der Kolonie war sehr begrenzt, die wichtigsten Kunden der britischen Ladenbesitzer waren die Soldaten, die an der Grenze in Garnison lagen. Das ureigenste Interesse der Siedler ging dahin, sie möglichst lange und in großer Zahl in der Gegend zu halten. Dazu gab es kein besseres Mittel, als die Konflikte an der Frontier anzuheizen, wozu sich die Lokalpresse trefflich eignete. Aus den Seiten des von Robert Godlonton herausgegebenen Graham’s Town Journal strömte eine Flut schmähender Artikel über die Xhosa, die nicht anders als rassistisch zu nennen sind. Die ersten dezidiert rassistischen Äußerungen über die schwarze Bevölkerung Südafrika erklangen an der Frontier, aber sie stammten von britischen Neueinwanderern.

Mit der Ankunft der britischen Siedler änderte sich die Situation an der Ostgrenze, denn der Raum war mit etwa 30 000 Menschen nun deutlich dichter besiedelt als zuvor und gewann allein dadurch auch größeres politisches Gewicht. Bald entwickelte sich ein lukrativer Immobilienmarkt, wobei einige Siedler erfolgreiche Bodenspekulanten wurden, die häufig zu den wichtigsten Akteuren an der expansiven Frontier zählten. Sie nahmen das fruchtbare Land der Rharharbe ins Visier und suchten nach Vorwänden, um den Schwelbrand einer instabilen Frontiersituation in das helle Feuer eines offenen Krieges auflodern zu lassen. Bei einem Gouverneur wie Lord Somerset hatten sie mit ihren Bemühungen wenig Erfolg. Nicht, dass er eine besondere Vorliebe für die Xhosa gehegt hätte; aber er pflegte eine ausgeprägte Abneigung gegen die Siedler, die für diesen Angehörigen des Hochadels und überzeugten High-Tory allesamt aufmüpfige Kleinbürger waren, deren Pressegeschrei für ihn einer Insubordination gleichkam.

Tatsächlich gelang es den Siedlern, eine Kriegshysterie zu schüren, die 1828 zu einer Intervention der Armee jenseits des Keiflusses (Transkei) führte. Sie »befreite« Flüchtlinge, die bei den Xhosa als Klienten untergekommen waren, und brachte sie in die Kolonie. Dort wurden die ca. 16 000 Mfengu, die von den Briten Fingo genannt wurden, in der Umgebung von Fort Peddie als weiterer »Pufferzone« angesiedelt. Die Mfengu entwickelten sich in den folgenden Jahren zur ersten bantusprachigen Bevölkerungsgruppe, die sich westlicher Manier und Missionierung öffnete.

Nach 1820 wurde die eng mit den britischen Siedlern verbundene Wesleyan Missionary Society unter den Xhosa und Mfengu aktiv, doch ergriffen ihre Missionare stets Partei für die Siedler und arbeiteten auch als Informanten für die Regierung. Gemeinsam mit den Händlern, die neue Konsumbedürfnisse weckten, trugen die Missionare entscheidend zur Unterminierung der gesellschaftlich-politischen Ordnung der Xhosa bei.

Darmowy fragment się skończył.

140,77 zł

Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Data wydania na Litres:
18 grudnia 2025
Objętość:
537 str. 29 ilustracji
ISBN:
9783170410060
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

Podobne książki