Czytaj książkę: «Kopflos am Aasee»

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Bisher vom Autor bei KBV erschienen:

Der Tod fährt Rad

Das Wunder von Hiltrup

Das Mordkreuz von Tilbeck

Der Glöckner von St. Lamberti

Christoph Güsken wuchs in Mönchengladbach auf, studierte in Bonn und Münster und war Buchhändler in Köln. Er verfasste Texte im Geist der legendären Monty Pythons, u. a. für die »Springmaus«. Seit 1995 lebt er als freier Autor in Münster, schrieb zahlreiche Krimis, einige wenig ernste Romane und Hörspiele. Kopflos am Aasee ist der fünfte Kriminalroman um den schrägen Ex-Hauptkommissar de Jong, der bei seiner Suche nach dem Sinn des Ganzen ständig über die schlimmsten Verbrechen stolpert. www.christoph-güsken.de

Christoph Güsken

Kopflos am Aasee


Originalausgabe

© 2020 KBV Verlags- und Mediengesellschaft mbH, Hillesheim

www.kbv-verlag.de

E-Mail: info@kbv-verlag.de

Telefon: 0 65 93 - 998 96-0

Fax: 0 65 93 - 998 96-20

Umschlaggestaltung: Ralf Kramp

unter Verwendung von © Patrick - stock.adobe.com

Lektorat: Volker Maria Neumann, Köln

Print-ISBN 978-3-95441-538-0

E-Book-ISBN 978-3-95441-548-9

Was ist der Körper, wenn das Haupt ihm fehlt?

William Shakespeare, König Heinrich VI.

Inhalt

Über den Autor

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

1. Kapitel

Es ist fast Mitternacht. Nur ein paar späte Vögel zwitschern, in der Ferne rauscht beinahe lautlos ein Auto vorbei, ansonsten herrscht andächtige Stille.

Am Nachmittag würde er nie herkommen. Dann ist der See fest in der Hand der Fitness-Junkies. Du kannst nicht verweilen und die Enten beim Schnattern beobachten, weil du ständig jemandem im Weg stehst. Jogger, Biker, Scooter und Walker schieben sich als schier endlose Karawane aneinander vorbei, während alte Leute schwatzend auf Bänken hocken und den Fitten und Aktiven bei ihren Dehnübungen zusehen. Junge, hyperaktive Eltern schaukeln ihre hyperaktiven Babys in den Schlaf, und Hunde zerren ihre Halter an langen, aufrollbaren Leinen hinter sich her.

Er weiß schon, warum er die Nacht abgewartet hat; der See wird dann zum stillen, idyllischen Ort, an dem nachdenkliches Verweilen kein Problem mehr darstellt. An dem das Wort Nachtruhe noch kein Widerspruch in sich ist. Man kann innehalten und sich in aller Ruhe ein nettes Schlückchen gönnen, ohne dass man angestarrt oder um ein Autogramm angequatscht wird.

Und er liebt es, hier am Seeufer herumzustehen und die kalte Nachtluft zu atmen. Einfach so, ohne auf die Uhr zu sehen. Wie früher, während seiner Studienzeit, da hat er gar nicht weit weg von hier gewohnt. Damals, als er noch ein Niemand war, ein kleiner, unwichtiger Schreiberling, den jeder glaubte, herumstoßen zu dürfen.

Jetzt glaubt das keiner mehr.

Mach dir nichts draus, bekanntlich gilt der Prophet nichts in der eigenen Stadt – das hat Selma, eine Kommilitonin, ihm damals mitgegeben. Oder hat sie anders geheißen? Serena? Kann sein, aber Selma ist wahrscheinlicher. Egal, jedenfalls hat sie das mit dem Propheten und der eigenen Stadt erzählt. Selma oder wie auch immer hat später einen kleinen Verlag für Indi-Literatur und Slam-Poetry aufgezogen und damit sogar fast zwei Jahre durchgehalten.

Und sie hatte recht. Den Nagel sozusagen auf den Kopf getroffen. Der Prophet gilt nichts in seiner Stadt. Denn die Stadt strotzt vor Neidern und Besserwissern. Und die gönnen dir nicht den kleinsten Erfolg, legen dir alle Steine, derer sie habhaft werden können, in den Weg. Und niemand glaubt an dich, selbst wenn sie deine Begabung mit den Händen greifen können. Weil sie es nicht glauben wollen. Nicht wahrhaben. Niemand erträgt den Gedanken, dass man ihn selbst übertrumpfen könnte.

Schließlich will jeder gern Prophet sein.

Trotzdem – manchmal denkt er: gerade deshalb – hat er es geschafft. Gegen alle Missgunst und Widerstände. Heute ist er wieder zurück in der Stadt, in der er sich als kleiner, ungeliebter Prophet abgemüht hat, und steht hier, an exakt derselben Stelle, an der er vor zehn oder zwölf Jahren gestanden hat. Na ja, vielleicht nicht exakt derselben. Jedenfalls hat er sich damals nicht ansatzweise träumen lassen, dass er es eines Tages so weit nach oben schaffen würde. An die Spitze.

Charles Nöck. Das ist ein anderer Name für atemlose Spannung. Mittlerweile ein Synonym. Nöck ist eine Marke. Er ist der Garant für Gänsehaut. Niemand beherrscht die Kunst des Cliffhängers wie er, niemand wagt es kompromissloser, die spießigen Grenzen des sogenannten guten Geschmacks zu überschreiten, wenn es darum geht, Gewalt und Schrecken die Masken vom Gesicht zu reißen und sie so zu zeigen, wie sie sind, in aller Ausführlichkeit. Nichts wegzulassen. Nöck ergeht sich in hemmungslosen Blutorgien, suhlt sich in unnötigen Gewaltexzessen – so schimpft Adrian Speck, der bis in die Haarwurzeln eitle TV-Oberkritiker, ohnmächtig und wütend darüber, dass er Nöcks unvergleichlichen Siegeszug an die Spitze der Bestsellerlisten nicht verhindern konnte. Und wenn schon – selbst wenn er damit gar nicht falsch läge! Spannende Geschichten sind grausam, die Welt ist nicht gut. Wir sind erwachsen und wissen: Die Wirklichkeit ist nicht rosig. Sie ist schmutzig und hässlich. Gemein und gnadenlos. Nöck ist fast gerührt von Specks hilflosen Versuchen, auf seinem Erfolg herumzutrampeln, indem er seine Thriller als banalen Schund verunglimpft und damit nur das Gegenteil bewirkt. Außerdem sind sie nur mutig, schnörkellos und realistisch.

Ein junges Pärchen flaniert vorbei, verlangsamt seine Schritte. Sie wirft ihm im Vorbeigehen einen Blick zu. – Hat sie mich erkannt?, überlegt Nöck. Gut möglich. Jetzt sind sie vorbei. Die Frau zückt ihr Handy, sicher googelt sie jetzt seinen Namen. Knapp zehn Jahre ist es her, da hat er drüben am Alten Steinweg in einer Kneipe gehockt und vor weniger als zwanzig Leuten gelesen. Für knappe fünfzig Euro, und die Getränke musste er selbst zahlen. Jetzt wird er die Halle Münsterland füllen – was sage ich: vollstopfen – bis zum letzten Platz. Die Leute erkennen im Vorbeigehen sein Gesicht, googeln seinen Namen. Er ist ein Star. Zurückgekehrt an den Anfangspunkt seines Schaffens, ein Triumphator des Wortes, der es all denen zeigen wird, die ihm damals die Steine in den Weg gelegt haben. Ihn für einen Schwätzer hielten. Eine Eintagsfliege.

Nöck nimmt noch einen Schluck aus dem Flachmann. Eigentlich achtet er sonst peinlich darauf, dass es nicht zu viel wird. Immer nur ein paar Schlucke pro Abend. Schließlich will er sich nicht die Kante geben. Nur hier, am idyllischen Aasee, am Vorabend seines beispiellosen Triumphes, hat es ihn übermannt. Die Flasche ist schon fast leer, und die herbstliche Abendstimmung hat angefangen, sich leicht, aber stetig um ihn zu drehen.

Der Frauenesser. Morgen wird der neue, mit Ungeduld erwartete Mega-Thriller starten, und es wird ein Paukenschlag werden. Die Fans sind geradezu verrückt danach. Viele mögen der Ansicht sein, der globale Hype, der seinerzeit um jeden neu erscheinenden Harry-Potter-Band veranstaltet wurde, sei nicht mehr zu toppen. Nöck hält das für Unsinn. Und er wird es beweisen. Nicht nur mit der üblichen glamourösen Multimedia-Show in der ausverkauften Messehalle. Er, der Star, im Outfit seines Serienmörders, des Frauenessers. Und darüber hinaus findet im Foyer des Landesmuseums am Abend darauf ein festliches Bankett für prominente Fans statt, auf dem ein riesiger Kuchen in Frauenform angeschnitten wird. Der Bürgermeister hat zugesagt, irgendein berühmter Torhüter vom FC Bayern kommt, und selbst das Bistum schickt einen Abgesandten. Anschließend geht es zurück in die Halle Münsterland zu einer Multimedia-Lesung und anschließendem Krimi-Talk mit hochkarätigen Gästen, der übrigens live in Aspekte gesendet wird. Den Ausklang des Spektakels schließlich bildet der Auftritt der Band Manson unlimited, für die der Autor höchstselbst den Leadgitarristen gibt.

Charles Nöck geht ein paar schwankende Schritte. Was für ein Gefühl von Freiheit, hier am See zu wandeln, fernab vom lauten medialen Trubel. Auftanken zu können in der Abgeschiedenheit der städtischen Grünfläche. Kräfte zu sammeln für den großen Auftritt.

Eine ältere Dame mit einem winzigen, hamsterförmigen Hund an einer Aufroll-Leine kommt ihm entgegen. Der Minikläffer schnüffelt am Gras, sie mustert ihn, aber er hat plötzlich keine Lust mehr darauf, erkannt zu werden. Berühmtheit kann nerven … und wie.

Er bleibt stehen, und während er durchpendelt, um das Gleichgewicht wiederzuerlangen, atmet er die kalte Herbstluft ein. Direkt vor ihm hebt sich die Tormin-Brücke schwarz und monströs gegen den Nachthimmel ab. Ein denkmalgeschütztes Bauwerk aus grobem Beton, das Autos, Radfahrer und Fußgänger über den See befördert und das Gewässer damit in zwei Hälften teilt: den alten und den neuen Aasee. Im Sommer stehen bis spät in die Nacht Straßenmusiker unter der Brücke, die den Hall nutzen. Natürlich nicht in Nächten, die so kalt sind wie diese.

Und doch steht da jemand.

Nöck blinzelt. Der Whisky, der ihm so guttut, hat ihm ein winziges bisschen die Sinne vernebelt, sodass seine Augen nicht richtig scharfstellen können. Was nicht bedeutet, dass er gar nichts erkennen kann. Da steht eine Gestalt, männlich, ziemlich kräftig, hünenhaft geradezu, mitten auf dem Gehweg, der unter der Brücke durch seitlich am See entlangführt. In einen dunklen Umhang gehüllt. Das Gesicht wird vom nächtlichen Schatten verdeckt. Oder täuscht er sich? Die Gestalt macht einen Schritt vorwärts, aus dem Schatten heraus, in seine Richtung. Und jetzt sieht er es ganz deutlich, trotz des alkoholbedingten Drehwurms: Da ist kein Gesicht. Nicht mal ein Kopf!

»Echt super«, murmelt Nöck beeindruckt. Mit dem Flachmann prostet er dem Ankömmling zu. »Hey, alter Bekannter, was verschafft mir die Ehre? Du bist nicht zufällig meinetwegen hier, oder was?«

Der Mann ohne Kopf antwortet nicht, wie sollte er auch, ohne Mund. Aber Nöck weiß auch so Bescheid. »Hatte ja keine Ahnung, dass hier und heute schon die Promo anfängt. Zu später Stunde.«

Eine Weile stehen sie sich gegenüber. Dann kichert Nöck. »Ich kenn dich. Ich hab dich nämlich erfunden, was sagst du dazu? Hier drin wurdest du geboren!« Mit dem Finger stupst er an seine Stirn. »Ohne Kopf, aber mit dem tödlichen Schwert, das bist du. Du hast doch das Schwert dabei, oder?«

Ja, der Mann hat ein Schwert. Er zieht es unter seinem Mantel hervor und reckt es hoch in den Nachthimmel. Wie ein Ritter, der in die Schlacht zieht. Im Roman blitzt es furchterregend im Mondlicht, aber heute steckt der Mond hinter einer dichten Wolkendecke, also blitzt es nicht. Man kann die Klinge gerade mal erahnen. Und dass sie sich auf Nöck zubewegt.

»Hey, pass aber schön auf damit! Die Dinger sind messerscharf …«

Anstatt diesen Rat zu beherzigen, holt der Kopflose aus. Im weiten Bogen. Nicht wie ein Ritter in der Schlacht, eher wie der Henker von London.

»Nein, Vorsicht, du Idiot! Hey! Mit dem Ding, du könntest jemanden damit verl…«

Charles Nöck spricht nicht weiter. Der Mann mit dem Schwert hat ihm im wahren Sinne das Wort abgeschnitten. Und nicht nur das. Nöcks Autorenhaupt – mit einem schiefen, ungläubigen Grinsen im Gesicht – kullert das grasbewachsene Ufer hinab.

2. Kapitel

Es war schon Mitte November. Hin und wieder wehte von irgendwoher der Duft nach Glühwein und gebratenen Kastanien herüber – Weihnachten war noch weit weg, und das Wetter gab sich alles andere als winterlich; nur der Einzelhandel, gehetzt vom Fluch der Umsatzmaximierung, konnte sich nicht um altertümlich winterliche Bräuche scheren, geschweige denn um Feste, deren Zauber darin bestand, dass sie nur einmal im Jahr stattfanden und man ihnen langsam und behutsam entgegenfieberte.

Exhauptkommissar Niklas de Jong ärgerte sich über den Kastaniengeruch. Er verstärkte jene winterliche Stimmung, die sich – auch wetterunabhängig – gerade seit dem heutigen Morgen in seinem Inneren ausbreitete. Es war halb elf am Vormittag, ein grauer Dienstagvormittag. Vor einer guten halben Stunde war Giulia abgereist.

Dabei hatte alles so vielversprechend begonnen. Mehr als vielversprechend. Alles versprechend. Als Giulia am Samstagabend überraschend angerufen und sie lange gesprochen hatten. Dass sie sich immer wieder getrennt hatten und doch nie voneinander losgekommen waren, jedenfalls nicht so richtig. Was ja wohl auch etwas zu bedeuten habe. Und sie vorgeschlagen hatte – sie hatte es von sich aus vorgeschlagen! – ob sie noch einen neuen Versuch miteinander starten sollten. Nach all den Jahren die Uhren auf Null stellen. Alles auf Anfang. Natürlich hatte de Jong nicht lange überlegt. Keine Sekunde. Was gab es da auch zu überlegen? Sicher, er kannte Giulia lange genug, um zu wissen, dass die Sache nicht ganz ohne war und eventuell kompliziert werden konnte. Dass bei allem Enthusiasmus Behutsamkeit und Fingerspitzengefühl gefordert waren. Aber er wusste, worauf er sich einließ, und das schloss auch das Wissen darum ein, dass sich jeder Aufwand lohnte.

Und es war ein Neuanfang geworden, der nichts zu wünschen übrig ließ – genauer gesagt, er hatte anfangs nichts zu wünschen übrig gelassen: Der Montag war ein urgemütlicher Tag in der Stadt gewesen, kühl zwar, aber bei strahlendem Sonnenschein, gekrönt durch ein romantisches Abendessen bei dem Italiener, den sie so manches Mal aufgesucht hatten, um einen Jahrestag zu begehen, dessen abschließender Höhepunkt in romantischem Sex auf dem Oude Meisje bestanden hatte. In dieser Nacht hatte de Jong mitten im Herbst keinerlei Herbstgefühle verspürt, stattdessen vielmehr intensive Frühlingsgefühle. Und das – davon war er felsenfest überzeugt – wäre genau so weitergegangen, wenn die Heizung nicht ausgefallen wäre. Ein banaler technischer Defekt, nichts weiter, machte alle Romantik und allen Neubeginn zunichte.

Zugegeben, es kam nicht von ungefähr. Die Heizung hatte nicht erst seit gestern, sondern immer mal wieder gezickt, nur hatte de Jong das im Sommer schlicht aus den Augen verloren. Ein fataler Fehler, der sich jetzt rächte, denn die Heizung war schließlich nicht irgendeine Anlage unter vielen anderen, so wie die Wasserleitung, die Klospülung oder die Kaffeemaschine. Der Heizung kam eine herausragende, geradezu beziehungsrelevante Stellung zu. Vor allem jetzt, in diesen Nächten, in denen das Thermometer hin und wieder unter null Grad fiel, wenn auch nur ganz geringfügig. Affenkalt, sagte Giulia. Nicht kalt, sondern affenkalt. Keine Wärmflasche in einem noch so flauschigen Bärenkostüm, keine zusätzliche Wolldecke vermochte etwas gegen diese Affenkälte auszurichten. Was aber de Jong streng genommen auch nicht überraschen konnte, denn Giulias berüchtigte Verfrorenheit war ihm seit Jahrzehnten vertraut. Frieren mochte nur in gewisser Weise eine Tätigkeit sein und schon gar niemand bezeichnete sie als Kunst oder Sportart. Trotzdem blieb es eine Tatsache, dass in Sachen Frieren Giulia so leicht niemand das Wasser reichen konnte. Ihre Frostanfälle waren berüchtigt und kamen mitunter völlig unerwartet, wie aus dem Nichts, sobald nur die Temperatur unter die Zwanzig-Grad-Marke fiel: Giulia war imstande, mitten in der Sonne einen Winterpullover überzuziehen, zur Verblüffung aller Umstehenden und ohne vor Hitze auch nur ansatzweise umzukommen. Und nicht nur einmal hatte sie es geschafft, mit Mütze und Handschuhen an einem Strand auf einem Handtuch zu sitzen.

Aber all das war nichts Neues gewesen. Neu war, dass Giulia inzwischen dazu neigte, alltägliche, rein technisch bedingte Pannen auf eine grundsätzliche, fast metaphysische Ebene zu heben. »Es ist ja nicht nur die Kälte«, hatte sie gesagt. Nicht nur, dass sie eine Nacht gebibbert statt geschlafen hatte, wie sie jedenfalls behauptete. »Es passt irgendwie.«

»Es passt? Was meinst du denn damit: Was passt?«

»Dass die Heizung ausfällt. Dass es kalt ist. Hier auf deinem Schiff.«

»Das ist kein Schiff, sondern ein Hausboot.«

»Von mir aus.«

»Aber es passt doch gar nicht. Im Gegenteil. Sieh dich doch an. Es ist mehr als unpassend.«

»Ich meine damit, es gibt Menschen, die so was magisch anziehen, Niklas. Kälte. Mord. Dunkle Dinge. Sie ziehen es an wie ein Magnet, und niemand kann erklären, wieso.«

»Das mit den Morden ist doch Vergangenheit«, widersprach de Jong. »Außerdem habe ich die nicht angezogen, sondern aufgeklärt.«

»Stimmt. Aber trotzdem hast du dich auf diesem Hausboot eingerichtet, und es ist dir egal, ob man friert.«

»Wieso sollte mir das egal sein?«

»Worauf ich hinauswill: Wärme und Kälte – das ist nicht das, was das Thermometer anzeigt. Vielleicht von außen besehen. Aber es hat auch eine tiefere, menschliche Dimension.«

»Mag sein«, gab de Jong zu. »Aber hier geht es doch schlicht und einfach darum, dass die Heizung streikt. Warum reden wir nicht darüber, anstatt theologisch zu werden?«

»Schlicht und einfach«, wiederholte sie. »Für dich ist das also eine Lappalie?«

»Nein, natürlich nicht. Ich werde gleich heute jemanden anrufen, der sich drum kümmert.«

Sie schwieg einen Moment. Einen unpassend langen Moment, weil er es immer noch nicht schaffte, das Wesentliche hinter der rein oberflächlichen Ebene wahrzunehmen. »Du denkst, ich mache aus einer Mücke einen Elefanten?«

»Aber wer sagt das denn?«

»Es wäre nicht das erste Mal, dass du das von mir denkst.«

Und so waren sie am Ende wieder dort angelangt, wo keiner von ihnen hingewollt hatte: dass sie sich gegenseitig vorwarfen, den anderen gar nicht verstehen zu wollen, mehr noch; das noch nie gewollt zu haben. Und als Giulia schließlich gesagt hatte, es sei wohl besser, wenn sie doch schon jetzt ihren Koffer packte, hatte er es nicht mal geschafft, Einspruch zu erheben. Bevor sie von Bord ging, hatte sie sich nur noch einmal kurz umgesehen.

De Jong war die Lust vergangen, einen Installateur anzurufen. Ihm war danach, sich nach Achtern zu verziehen und den Rest des Vormittags mürrisch auf den Kanal hinauszustarren.

Aber selbst das war ihm nicht vergönnt. Ausgerechnet heute musste Detlev Rickelrath seine Aufwartung machen. Rickelrath, der Weltenbummler, wie immer mit jeder Menge Reiseanekdoten im Gepäck. Er kam jedes Mal unangekündigt und heute direkt vom Hauptbahnhof, hatte den Trekking-Rucksack, an dem leere Plastikflaschen und eine verschwitzte Isomatte festgeschnallt waren, noch auf dem Rücken. So stand er da und ließ seinen weltgewandten Blick kritisch über das Deck schweifen. »Ich weiß nicht, jedes Mal, wenn ich hier stehe«, sagte er, »kommt mir das alles kleiner vor.«

»Das solltest du nicht auf die leichte Schulter nehmen«, brummte de Jong schnippisch. »Hört sich für mich nach einem Fall für den Augenarzt an.«

Detlev Rickelrath war Globetrotter mit Leib und Seele. Früher hatte er sich in einem Reisebüro verdingt, das aber eines Tages vom Online-Reise-Boom überrollt worden war. Während Rickelrath großzügig geerbt hatte, worauf er sich selbst vorgeschlagen hatte, auf die lästige Jobsuche zu verzichten und stattdessen die Chance zu ergreifen und sein weiteres Leben mit Reisen zu verbringen. »Reisen bildet«, betonte er bei jeder Gelegenheit. »Du machst ganz andere Erfahrungen, wirst bescheidener und lernst das, was du hier hast, mit ganz anderen Augen zu sehen.«

»Vielleicht reicht aber auch schon eine Brille«, schnappte de Jong genervt.

Rickelrath war ein kerniger Typ, braungebrannt und wettergegerbt, einen Kopf größer als de Jong. Ein Jahrzehnt jünger und topfit, weil er, wie er sagte, jeden erdenklichen Langstreckenwanderweg auf dieser Erde schon hin- und zurückgewandert war. Letztes Jahr hatte er von einer Antarktis-Tour berichtet, auf den Spuren von Roald Amundsen, in historischen Schuhen – also keine moderne Wärmetechnik, sondern Winterschuhe nach Stand des neunzehnten Jahrhunderts und selbstgestrickte Socken. Und heute kam er direkt aus Australien, vom Ayers Rock.

»Von da oben kommt einem bestimmt auch alles kleiner vor«, vermutete de Jong.

Der Wanderer schüttelte den Kopf. »Da darf man jetzt nicht mehr rauf. Für die Aborigines ist das ein heiliger Ort. Sie haben was dagegen, dass Tausende von Touristen in die Büsche pinkeln und ihren Plastikmüll hinterlassen.« Also hatte er kurzfristig umgeplant und war an die Küste gezogen. Hatte in Hai-Käfigen getaucht. »Da gibt’s sogar große Weiße«, berichtete Detlev stolz. »Die kommen dir so nah, du brauchst nur den Arm auszustrecken. Da wird’s dir schon anders.«

De Jong, der keine Lust verspürte, Detlev seine Bewunderung für dessen Kaltschnäuzigkeit auszusprechen, suchte stattdessen nach einer entsprechend giftigen Erwiderung, aber ihm fiel keine ein. Also schwieg er.

»Hey, was ist los mit dir, Niklas? Du wirkst heute irgendwie angespannt.«

»Angespannt?«

»Brummig geradezu.«

De Jong warf ihm einen warnenden Blick zu, woraufhin Rickelrath auf ein drittes Adjektiv verzichtete.

»Übrigens haben sie frühlingshafte Temperaturen vorhergesagt.« Das war einer von Detlevs Stärken: Launische Stimmungen perlten wirkungslos an ihm ab. Weil er sie eben überhaupt nicht bemerkte, hatte de Jong anfangs vermutet, aber inzwischen war er davon überzeugt, dass Rickelrath einfach nichts übelnahm. Dazu wirkte er einfach zu fit und zu naturverbunden. Ein wirklich edler Zug, der de Jong aber dummerweise noch neidischer und übellauniger machte.

»Also, ich bin dann auch schon wieder weg.« Rickelrath winkte ihm zu, während er von Bord stapfte. »Muss noch ein paar Sachen besorgen. In zwei Tagen geht mein Flug. Katmandu. Himalaya.«

»Na dann«, sagte de Jong. »Reisende soll man nicht aufhalten.«

Detlev stoppte und drehte sich noch einmal um. »Na ja, soll ich ehrlich sein? Am liebsten würde ich stornieren. Da oben sind massenhaft Touristen. Man kommt überhaupt nicht voran. Auf dem Weg zum Everest gibt es ständig Staus, weil irgendeiner ein Selfie machen will.«

»Und was hält dich davon ab zu stornieren?«, fragte de Jong achselzuckend.

»Ich hab da jemanden kennengelernt.« Rickelraths Stimme hatte in eine weichere, verliebte Lage gewechselt.

De Jong reichte es. Wenn der Kerl jetzt darauf wartete, dass er fragte: Na, wer ist sie denn? Kenne ich sie?, dann hatte er sich aber so was von verrechnet. Stattdessen stand er nur herum und wartete stumm, dass Detlev seine Ankündigung wahrmachte.

»Also gut dann«, wandte der sich endlich zum Gehen. »Ich werde dir Bericht erstatten. So wie immer.«

De Jong blieb noch eine Weile so stehen und starrte dem Weltenbummler hinterher, der sich zur nächsten Bushaltestelle aufmachte. Ich hab da jemanden kennengelernt … Wart’s nur ab, hätte er ihm am liebsten gesagt. Heute wandert ihr noch einträchtig Arm in Arm, aber schon morgen, spätestens übermorgen wirft sie dir vor, dass es affenkalt ist und du dunkle Dinge magisch anziehst …


»Hallo, Nachbar!«

De Jong war so tief in seinen dunklen Gedanken, dass er die Rufe gar nicht zur Kenntnis nahm, jedenfalls nicht auf sich bezog. Als er endlich hochsah, bemerkte er eine Frau auf der anderen Seite des Stegs, der an Bord des Alten Mädchens führte. Die Frau war schlank, irgendwo in den Vierzigern und hatte leuchtend rotes Haar, das nicht gefärbt aussah. In den Händen hielt sie eine Springform mit einem Kuchen darin.

»Hallo«, sagte de Jong.

»Ich bin Camilla.« Die Frau deutete auf das Boot, das seit gestern gleich neben dem Alten Mädchen festgemacht hatte. »Die neue Nachbarin.«

De Jong war das schicke Ding natürlich längst aufgefallen. Aber aus der Sicht seines alten Hausbootes kam ihm das Wort Nachbarschaft nur schwer über die Zunge. Da lag eine mutmaßlich hochseetaugliche Jacht mit allen Schikanen, mit makellos weißem Rumpf und einer Reling aus blank geputztem Messing, das bei Sonnenschein wie pures Gold blitzte. Am Bug prangte in altertümlichen Lettern der Name Medea.

»Ich hab hier ein Geschenk für Sie.« Camilla hielt den Kuchen hoch. »Pflaumenkuchen, selbst gebacken.«

»Das ist sehr nett«, sagte de Jong. »Kommen Sie doch herein.«

Die Frau balancierte mit ihren High Heels über den Steg. Dann stand sie vor ihm, und de Jong atmete ein süßliches Parfum ein, das ihn spontan faszinierte, obwohl er normalerweise für süße Gerüche gar nichts übrig hatte.

»Niklas de Jong«, sagte de Jong. »Kann ich Ihnen etwas anbieten?«

»Gern. Einen Kaffee?« Ohne um Erlaubnis zu bitten, begab sich Camilla mitsamt dem Kuchen nach unten in die Küche. »Ein schönes Boot«, schallte es herauf. »So altertümlich. Urgemütlich.«

De Jong folgte ihr nach unten.

»Wenn auch ein bisschen unterkühlt.«

»Die Heizung macht leider Probleme«, gab de Jong zu.

»Sie Armer«, meinte Camilla und legte ihm in einer mitfühlenden Geste die Hand auf den Arm. »Nachts wird es ja schon richtig kalt, nicht wahr?«

»Es geht«, sagte de Jong.

»Also wenn Sie wollen – Sie kommen einfach auf mein Boot und wärmen sich ein bisschen auf. Was halten Sie davon?« Camilla lächelte ihn an.

De Jong hatte allerdings auch das Gefühl, dass sie ihn hinter dem Lächeln durchdringend musterte. »Nettes Angebot«, sagte er. »Wie wollen Sie den Kaffee?«

»Schwarz mit Zucker, gern.« Camilla fand sich offenkundig schon in der Küche zurecht, hatte ein Messer aus der Schublade geholt und war dabei, den Kuchen anzuschneiden. »Aber natürlich nicht nur zum Aufwärmen.«

De Jong kamen diverse Dinge in den Kopf, die man drüben auf der Hightech-Jacht unternehmen konnte, außer sich aufzuwärmen.

»Ich habe gehört, Sie waren bei der Kripo?«

»Wer hat Ihnen das erzählt?«

Camilla überging die Frage. »Außerdem war die Rede davon, dass Sie in diesen Dingen hin und wieder behilflich sind.«

»Welchen Dingen?«

»Kriminellen Dingen.« Sie grinste. »Deswegen habe ich sozusagen einen Anschlag auf Sie vor. Auf Sie als Experte.«

Das waren also die ›anderen Dinge‹. De Jong ärgerte sich über sich selbst, dass seine Gedanken spontan in eine ganz andere Richtung gegangen waren. »Ja«, sagte er deshalb. »Aber so was mache ich schon länger nicht mehr. Irgendwann muss man mal einen Schlussstrich ziehen.«

Er startete die Kaffeemaschine. Sie meldete sich mit einem leisen, zischenden Knall und qualmte ein wenig. Im selben Moment verlöschten die Kontrolllämpchen, und sie machte keinen Mucks mehr.

»Das auch noch«, sagte de Jong.

»Tja, wenn schon, dann kommt immer alles zusammen, was?« Camilla klatschte unternehmungslustig in die Hände. »Was denken Sie, sollen wir einfach rübergehen? Bei mir gibt’s Heizung und Kaffee im Überfluss.« Sie schnappte sich die Teller mit dem Kuchen. »Übrigens, wollen wir nicht Du sagen?«

»Warum nicht«, sagte de Jong. »Ich bin Niklas.«

»Also dann, auf gute Nachbarschaft.«

Aber aus dem Kuchenessen wurde dann doch nichts, weil oben an Deck schon wieder jemand wartete: Hauptkommissar Achim Bühlow. Ein Mann um die dreißig, schlank, der ab und an zu hektischen Bewegungen neigte, die de Jong immer an eine heimische Vogelart erinnerten.

»Besuch?«, sagte Camilla und musterte den Gast neugierig.

»Kann ich dich sprechen? Es ist wichtig«, wandte Bühlow sich an de Jong.

»Also ich bin hier gerade …«, sagte de Jong vage und bemerkte Camillas neugierig fragenden Blick. »Das ist Hauptkommissar Bühlow von der Kripo Münster.«

»Die Kripo! – Tja, irgendwann muss man einen Schlussstrich ziehen, was?«, stichelte sie.

»Aber nein«, eierte er herum. »So hab ich das nicht gemeint.«

Camilla stellte die Kuchenteller auf dem Tisch ab. »Ich lass euch jetzt mal allein.«

»Heute Abend«, rief de Jong ihr nach, während sie schon den Rückweg antrat. »Hätten Sie heute Abend eventuell Zeit? Ich meine, du.«

Die rothaarige Frau, schon an Land, blieb stehen und drehte sich noch einmal um. »Warum nicht?«, meinte sie. »Dann um neunzehn Uhr? Ich koch uns was Leckeres.«


»Tut mir leid, dass ich dir so in dein Date hineingegrätscht bin«, sagte Bühlow wenige Minuten später. Er war noch recht neu bei der Kripo. Sein Onkel, de Jongs alter Freund Eugen Küppers, hielt ihn mindestens für den neuen Kurt Wallander.

»Das war kein Date«, stellte de Jong richtig.

Sie saßen auf Deck und machten sich über den Pflaumenkuchen her.

»Ich hätte es auch nicht gemacht, wenn es nicht dringend wäre. Wir haben einen Mordfall.«

»Interessant«, sagte de Jong, »aber ich bin nicht mehr bei der Mordkommission. Gottseidank.«

»Genau«, sagte Bühlow. Dieses Genau, selbst an Stellen, wo es nicht passte, war eine Art Tick von ihm. »Es ist aber nicht irgendein Mord.«

»Was ist denn irgendein Mord?«

»Der Tote ist Charles Nöck.«

De Jong pfiff durch die Zähne. »Der Charles Nöck? Der Bestseller-Nöck?«

»Genau der. Sein Torso wurde heute Morgen am Aasee-Ufer aufgefunden. In der Nähe der Torminbrücke.«

»Sein Torso?«

»Er wurde geköpft. Sauberer Schnitt.«

»Und der Kopf?«

»Ist verschwunden. Nöck ist erst gestern in die Stadt zurückgekehrt.«

»Zurückgekehrt?«

»Er hat früher hier gelebt und studiert. BWL.«

»Das wusste ich ja gar nicht«, meinte de Jong. Er nahm sich noch ein Stück Pflaumenkuchen.

»Damals kannte ihn ja auch keiner«, sagte der junge Kommissar. »Genau. Und morgen sollte eigentlich sein neues Buch vorgestellt werden. Der Frauenesser. Eine Bühnenshow in der Halle Münsterland mit allem Drum und Dran.«

»Der Frauenesser«, meinte de Jong mit einem leicht abfälligen Unterton. »Na ja, romantische Liebesgeschichten waren nie sein Ding.«

»Und das ist auch der Punkt. Du schreibst ja auch Krimis, stimmt’s? Und da dachte ich – und der Chef fand übrigens auch, dass das eine gute Idee ist –, dass wir dich hinzuziehen. Weil du sozusagen auf beiden Seiten stehst.«

»Auf beiden Seiten? Mörder und Mordopfer?«

»Nein. Du bist erfahrener Kriminalist und weißt gleichzeitig, wie so ein Mann tickt.«

»So ein Mann. Wen meinst du?« De Jong schüttelte den Kopf. »Aber er tickt nicht mehr, das ist doch das Problem. Und mit Durchgeknallten, die Starautoren den Kopf abschlagen, kenne ich mich überhaupt nicht aus.«

Eine Weile schwiegen sie und starrten auf die graue Wasseroberfläche des Dortmund-Ems-Kanals. De Jongs Blick wanderte weiter, hinüber zur Luxusjacht. Nachbarschaft, dachte er, schön wär’s ja, aber Pflaumenkuchen allein macht uns noch nicht zu Nachbarn.

»Nöck war Autor, und du bist auch einer«, gab Bühlow zu bedenken.

»Das ist etwas völlig anderes. Wir leben in verschiedenen Welten. Er macht Millionen mit seinen Thrillern über essbare Frauen, und ich bleibe auf meinem Kram sitzen und muss sehen, wie ich zurechtkomme.«

»Meinst du nicht, dass es angesichts der Tat angebracht wäre, den Neid erst mal hintanzustellen?«

»Wer sagt, dass ich neidisch bin?«, brauste de Jong auf und war ganz kurz davor zu sagen, dass sie sich gefälligst einen anderen für die Sache suchen sollten. Ganz kurz davor. Aber er verkniff es sich, weil er sonst ja erst recht neidisch gewirkt hätte.

Bühlow zog einen gelben Schnellhefter aus seiner Umhängetasche. Er nahm großformatige Schwarz-Weiß-Fotos heraus und breitete sie auf dem Tisch neben seinem Teller mit Pflaumenkuchen aus: Es waren Aufnahmen vom Tatort, von einem toten Körper, der in einer Blutlache lag. Von der Wunde in Nahaufnahme und von dem Torso. Ein Foto zeigte den Tatort aus größerer Entfernung, das Aaseeufer und die Torminbrücke. Die Polizeiabsperrungen.

»Dr. Hattkämper sagt, dass die Tatwaffe nicht irgendein Messer sein kann«, erklärte Bühlow. »Der Mörder hat ein hochwertiges Schwert benutzt, eine Art Samuraischwert mit einer außergewöhnlich scharfen Klinge.«

De Jong schob die schlimmen Fotos zusammen und gab sie Bühlow zurück. Einen Menschen zu töten, indem man ihm den Kopf abschlug, machte die Sache in seinen Augen auf eine irrationale Art und Weise noch schlimmer. Es blieb ein Torso zurück, der weniger menschlich aussah, nur wie der klägliche Rest von einem Menschen. Der Exkommissar entschied, dass er sich in seinem Leben genug Tatortfotos angeschaut hatte. »Noch ein Stück Kuchen, Herr Kommissar?«, fragte er.

»Die Sache ist die«, sagte Bühlow, während er de Jong seinen Teller zum Auflegen hinhielt, »dass es in den Thrillern des Ermordeten richtig zur Sache geht. Da wird fast nie geschossen, sondern immer zerstückelt, gehäutet und gekocht. Das neue Buch, das morgen mit großem Medienrummel auf den Markt kommt, handelt von einem Täter, der seine Opfer aufisst.«

»Frauen«, sagte de Jong und nickte. »Also warum sucht ihr euch nicht besser eine Profilerin, statt mir die Zeit zu stehlen, die ich dringend für meine literarischen Inspirationen benötige?«

»Der Köpfesammler«, sagte Bühlow.

De Jong verzehrte noch etwas Pflaumenkuchen und schenkte Bühlow dann einen fragenden Blick.

»Das ist zwar nicht sein aktuelles Buch. Es kam vor ein paar Jahren heraus und handelt von einem Mann ohne Kopf, der umgeht und seine Opfer mit einem Schwert enthauptet.«

»Du meinst also, der Mörder bezieht sich auf dieses Buch?«

»Der Köpfesammler, genau.« Bühlow setzte ein listiges Lächeln auf, das etwas Unwiderstehliches an sich hatte, wie de Jong verwundert zur Kenntnis nahm. »Und da kommst du ins Spiel.«

3. Kapitel

De Jong konnte sich nicht verkneifen darauf hinzuweisen, dass es sich hier mitnichten um ein Spiel handele. Aber eigentlich wollte er nur sagen, dass er überhaupt keine Lust verspürte, ins Spiel zu kommen. Es lagen deutlich wichtigere Dinge an: sich um einen Handwerker zu kümmern, der die Heizung wieder in Stand setzte, und anschließend Giulia ausfindig machen und herausfinden, wie die Chancen standen, dass sie das vergeigte Wochenende abhaken und einen weiteren Neuanfang machen konnten – den vierten oder den vierzigsten, wer wusste das schon.

Aus zwei Gründen ließ er sich aber doch auf die Sache ein: Hauptkommissar Joachim Bühlow mochte kein kriminalistisches Jahrhunderttalent sein, was sein Onkel, Eugen Küppers, offenbar glaubte. Kriminalistisch gesehen tendierte der Junge eher in Richtung Inspector Closeau. Trotzdem unterschätzte man ihn leicht. Was de Jong anging, hatte Bühlow, der mit einem rätselhaften siebten oder achten Sinn ausgestattet zu sein schien, nämlich binnen kurzer Zeit dessen Achillesverse geortet: de Jongs Trägheit, wenn es darum ging, nein zu sagen. Oder: nein heißt nein. Oder: mir doch egal, mach was du willst. Bühlow hatte schnell begriffen, dass bei de Jong »nein« auch »na ja, vielleicht doch« heißen konnte. »Völlig ausgeschlossen« konnte gleichbedeutend sein mit »geht eigentlich nicht, es sei denn …«

Ein Mann ohne klare Kante, hatte Giulia ihn deshalb mal genannt. Und in einem Streit war auch noch Weichei dazugekommen, worauf de Jong ihr vorgehalten hatte, dass sie hart gekochte Eier noch nie gemocht habe. Und dass die Fähigkeit, seine Meinung zu ändern, von Intelligenz zeuge. Bühlow war pragmatischer. Er nahm die Neinschwäche de Jongs als das, was sie war: als ein Potenzial, das er für sich zu nutzen verstand.

So kam de Jong ins Spiel.


Gegen Mittag radelte er zum Aasee, um sich einen ersten Eindruck vom Tatort zu verschaffen. Das erwies sich als recht schwierig, nicht nur weil die Spurensicherung das Ufer großräumig abgesperrt hatte. Sondern auch, weil die schockierenden Nachrichten die Touristen hergelockt hatten. Davon gab es eine Menge in Münster, und Touristen zählten bekanntlich zu den neugierigsten Spezies überhaupt. Hunderte von ihnen lungerten am grasbewachsenen Seeufer herum, blockierten die Joggingstrecken, sodass auch die Läufer nicht anders konnten, als zu stoppen und einen Blick auf das abgesperrte Areal zu riskieren. Von der Seeseite näherten sich ganze Flottenverbände von Ruder- und Tretbooten, die einige Polizeibeamte zur See nur mit Mühe davon abhielten, an Land zu gehen und den Tatort zu entern. So gut wie alle Schaulustigen hielten ihre Smartphones in die Höhe – ein seltsamer Anblick, als wäre der erhobene Arm eine Geste der Anteilnahme oder der stumme Gruß einer verschworenen Geheimsekte.

Natürlich gab es keinen Leichnam zu sehen. Die Handys starrten vielmehr auf das Meer aus Schnittblumen, die Fans und entsetzte Bürger jenseits der Absperrung niedergelegt hatten. Dazwischen steckten auch Fotos und Bücher von Charles Nöck, handgemalte Pappschilder, auf denen Du fehlst uns!, Wir sind Charlie! und Was soll jetzt werden? stand. Das letzte konnte de Jong nur lesen, indem er sich auf die Zehenspitzen stellte und über die Köpfe hinweg und zwischen den erhobenen Handy-Armen hindurchlinste. Und dann rempelte ihn jemand von hinten an und beschwerte sich, dass de Jong ihm »mitten im Bild« herumstehe.

Der Exkommissar wandte sich ab und trat den Rückweg an, geriet auf dem Weg zu seinem Fahrrad noch in eine gut besuchte Krimi-Stadtführung. Normalerweise klapperten diese Führungen in der City alle Sets ab, an denen Thiel und Börne schon mal gedreht hatten, heute war die grauenhafte Tat gut für einen aktuellen Abstecher an den Aasee, weil man endlich mal einen »authentischen« Mord-Schauplatz besichtigen konnte. De Jong hielt still und ließ das Menschenrudel an sich vorüberziehen, dann atmete er durch und schwang sich auf sein Rad.

Angesichts des Rummels hielt er es für besser, sich seine Informationen schriftlich zu verschaffen. In der Innenstadt angekommen, besorgte er sich eine Tageszeitung, bestellte in einem Café einen Kaffee und widmete sich dem Aufmacher auf der ersten Seite.

BRUTALES GEMETZEL UNTER DER TORMINBRÜCKE

Münsteraner Starautor ermordet.

Die Bürger unserer friedliebenden Stadt stehen zusammen angesichts einer brutalen Mordtat. Seit gestern Nacht scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Charles F. Nöck, ein Sohn dieser Stadt und großer Schriftsteller, ist nicht mehr. Er wurde das Opfer eines feigen Mordanschlages. Ingolf Bolte, der Agent des Autors und sein langjähriger Freund: »Charlie wollte sich einfach nur am Aasee die Beine vertreten. Das hat er oft gemacht, wenn er sich vor einem großen Auftritt sammeln wollte.« – Der große Auftritt, damit ist der Start seines neuen, mit großer Spannung erwarteten Werkes gemeint, der als ein Mega-Event der Extraklasse in die Annalen der Stadt eingehen sollte. Zahllose Fans aus aller Welt sind nur deswegen angereist, die Hotels der Stadt sind komplett ausgebucht. Leser, die sich auf Mord und Totschlag gefreut hatten und denen der Spaß daran jetzt fürs Erste vergangen ist.

Bis jetzt gibt es noch keine Spur, wer hinter dieser barbarischen Tat stecken könnte. Hauptkommissar Armin Selters, der Leiter der Mordkommission, kündigte indes an, dass man alles unternehmen werde, um den Mord so bald wie möglich aufzuklären.

»Dies ist die Stadt des Westfälischen Friedens, sie steht für Toleranz und Weltoffenheit«, erklärte der Oberbürgermeister, der inzwischen einen terroristischen Anschlag ausschloss. »Für Fahrräder und herzhaftes Essen. Barbarei hat bei uns keinen Platz.«

Wie kein anderer hat Nöck die Spannungsliteratur in diesem Land geprägt. Viele begeisterte er, einige mag er verstört haben mit seiner Art, Grenzen des Geschmacks beizeiten zu überschreiten und Dinge in schonungslos blutiger Härte darzustellen. Aber alle faszinierte er auf seine Weise. So trauert die literarische Welt nun um einen ihrer Großen. Die Lücke, die Charles Nöck hinterlassen hat, wird sich wohl so schnell nicht schließen.

De Jong dachte gerade über einen zweiten Kaffee nach, als das Telefon klingelte. Er faltete die Zeitung zusammen und kramte sein Handy aus der Tasche. »Ja?«, meldete er sich.

»Hier ist Till«, sagte eine männliche Stimme. »Ich bin jetzt angekommen.«

»Till?«, fragte de Jong, nachdem er einen Augenblick überlegt hatte. »Welcher Till?«

»Till Grönewald.« Die Stimme klang trotz aller Nachsicht leicht irritiert. »Ich hatte dir doch geschrieben, dass ich heute …«

»Stimmt, ja. Oh Gott!«, unterbrach ihn de Jong, dem urplötzlich einfiel, was er über die Sache mit Giulia komplett vergessen hatte.

»Was ist? Passt es dir etwa zeitlich nicht?«

»Doch, doch. Sicher, wie kommst du darauf? Kein Problem.«

Grönewald hatte er vor etwa einem Jahr auf einem Literatur-Workshop in Holzwickede kennengelernt. Nach dem offiziellen Teil hatten sie zusammengesessen, und de Jong hatte erzählt, dass er sich aus dem Kripo-Dienst zurückgezogen habe. Worauf Grönewald ihm gratuliert hatte, weil die Kripo seines Wissens sowieso von Agenten des Systems unterwandert sei. De Jongs Frage, welche Agenten welchen Systems er denn meine, parierte Grönewald mit der Gegenfrage, ob de Jong schon mal darüber nachgedacht habe, warum gerade prominente Morde niemals aufgeklärt worden seien: der an John F. Kennedy, an Olof Palme, an Uwe Barschel. Und das seien nur Beispiele.

»Oder du schreibst ein Buch und kein Verlag will es drucken. Dann stellst du dir doch die Frage: Wieso ist das so? Wem trete ich damit auf die Füße? Warum ziehen sie alle den Kopf ein?«

»Und? «, erkundigte sich de Jong neugierig. »Warum?«

Grönewald hatte mit den Schultern gezuckt wie einer, den mittlerweile nichts mehr schockieren konnte. »Und dann kommt eines Tages ein anderer mit dem Stoff groß raus. Und du fragst dich, woher er den wohl hat.«

»Woher denn?«

»Ach egal. War doch nur ein Beispiel.«

Für de Jong hatte das Ganze allzu sehr nach Verschwörungstheorie geklungen. – Das wäre, hatte sein neuer Bekannter darauf erwidert, wenn man glaube, dass Aliens auf der Erde gelandet seien. Stimmt, meinte de Jong, und Grönewald fragte, woher er denn wissen wolle, dass dies nicht der Fall sei. Angenommen nämlich, es sei der Fall, frage sich doch, wieso alle Menschen diese Tatsache als Verschwörungstheorie abtäten.

Die Nacht war damals ziemlich lang geworden und am Ende hatte de Jong in einem Zustand tumben Halbschlafs eine dieser vagen Einladungen ausgesprochen, dass Till sich doch auf jeden Fall mal melden solle, wenn ihn irgendetwas nach Münster verschlage.

Till Grönewald stammte aus Wernigerode und betrieb dort einen Shuttledienst, der die Touristen in einer benzinbetriebenen Bimmelbahn durch den historischen Ort zum Schloss hinauf und wieder zurück kutschierte. Letzte Woche hatte er die vage ausgesprochene Einladung angenommen.

»Warte kurz auf mich«, sagte de Jong. »Ich bin schon auf dem Weg. Gib mir fünf Minuten.«


Aristoteles – den echten Nachnamen hatte de Jong vergessen, es war irgendeiner dieser komplizierten griechischen Namen, die man sich nicht merken konnte – betrieb ein Restaurant am Bremer Platz, der von manchen als die erdabgewandte Seite des Hauptbahnhofes bezeichnet wurde. Als ehemaliger Chef der Kripo-Kantine hatte er sich eines Tages selbstständig gemacht und bot seinen ausgewählten Gästen seitdem die breite Palette der griechischen Küche. Aristoteles war über die Maßen gastfreundlich und besaß über dem Restaurant eine kleine Wohnung, die er hin und wieder an Gäste vermietete. Natürlich hatte er nichts dagegen einzuwenden, dass der Mann aus Wernigerode hier logierte.

Als de Jong eintraf, hatte der Wirt Grönewald längst einquartiert und ihn anschließend in sein Lokal gebeten, um ihm zwei Ouzo zu spendieren. Der Exkommissar bekam auch einen, und der neue Gast damit seinen dritten.

»Also dann, willkommen in der Stadt«, sagte de Jong, und sie stießen an.

Till Grönewald war Mitte fünfzig und hatte nur noch wenige Haare auf dem Kopf. Stahlblaue, leicht wässrige Augen blickten alkoholselig aus einem Gesicht, das in einem besorgniserregenden Bluthochdruck-Rot leuchtete.

»Freut mich, dass das alles doch noch geklappt hat«, sagte de Jong, um zu überspielen, dass er den Besuch komplett vergessen hatte.

»Na ja, nicht alles«, widersprach sein Gast mit einem nachdenklichen Blick in sein kleines Ouzoglas.

Worauf der Exkommissar sich ertappt fühlte. »Also gut«, gestand er. »Ich hatte am Wochenende Beziehungsstress. Und dadurch ist mir wohl so einiges entgangen.«

Grönewald schüttelte den Kopf. »Ich meine das, was gestern Nacht passiert ist …«

Gestern Nacht. Der Mord an Nöck. De Jong ahnte, warum Grönewald ausgerechnet jetzt die Einladung angenommen hatte. »Du wolltest auch an diesem Event in der Halle Münsterland teilnehmen?«, sagte er. »War das der Anlass deines Besuchs?«

»Na, klar. Ich bin Nöck-Fan aus Leib und Seele. Und besonders auf den Frauenesser war ich gespannt. Der Mann war mein großes Vorbild.« Grönewald zuckte traurig mit den Schultern. »Aber jetzt ist alles anders.«

Eine Weile herrschte Schweigen, während die beiden der Andersartigkeit von allem nachzuspüren schienen. »Der Mord stammt aus einem seiner Bücher, nicht wahr?«, nahm de Jong die Konversation schließlich wieder auf.

Grönewald sah ihn verständnislos an.

»Nicht aus dem aktuellen. Es gibt wohl ein anderes, da werden Leute geköpft.«

»Ich weiß. Der Köpfesammler. Kann mir schon denken, wie die Polizei das sieht: Dieser Mann ist auf eine Weise abgetreten, die er sich selbst nicht besser hätte schreiben können.«

»Die Polizei fragt sich, ob das wohl ein Zufall sein kann.«

Grönewald machte Aristoteles ein Zeichen, woraufhin der mit einer Ouzoflasche zum Nachfüllen herbeieilte. »Wenn es nach dem Buch geht, dann bleibt es nicht dabei.«

»Wobei?«

»Na, bei dem einen Mord. Nöcks Krimi handelt von einem Serientäter.«

»So wie der Frauenesser?«

»Genau. Nur eben keiner, der Frauen isst, sondern einer, der Köpfe sammelt.«

»Verstehe«, sagte de Jong. »Das ist allerdings ein Unterschied.«

Irgendwann nach dem nächsten Ouzo begann Grönewalds Miene sich allmählich aufzuheitern. Vielleicht weil er genug Trübsal geblasen und der Bluttat von gestern gedacht hatte. Der Alkohol bewirkte überdies, dass die Wolke der Düsternis dünner wurde und hier und da Löcher bekam. »Und sonst?«, schaffte der Mann aus dem Harz schließlich den Themenwechsel mit der Frage, die man eben stellte, auch wenn einen die Befindlichkeit des anderen wenig interessierte.

»Kann nicht klagen. Na ja, schon. Klagen geht eigentlich immer.« De Jong grinste. »Wie kommst du denn in Sachen Verschwörungen voran?«

Der andere überhörte die Ironie. »Ach, weißt du, davon bin ich weg. Verschwörungstheorien sind was für Leute, die im Kreis denken. Sensationsgeile Dummköpfe.«

»Sehr vernünftig«, lobte de Jong, positiv überrascht, weil er das seinem Gast nicht zugetraut hatte.

»Ich persönlich halte gar nichts davon.«

»Das war ja schon mal anders«, meinte de Jong.

»Es gibt doch tatsächlich Leute, die dir erzählen, die Kondensstreifen am Himmel bestehen aus Gift. Aus chemischen Kampfstoffen. Oder dass sie, wenn man sie vom Weltall aus betrachtet, eine geheimnisvolle Schrift sind, die irgendeine schockierende Botschaft für die Menschheit verkündet.« Till schüttelte den Kopf. »Das ist doch komplett gaga.«

De Jong hob sein Glas zum Anstoßen. »Wenn einer das beurteilen kann, dann ja wohl du.«

Grönewald knallte sein Glas gegen de Jongs. »Aber willst du wissen, warum ich nichts von Verschwörungstheorien halte? Ich hab mich ein bisschen umgehört, und mein Eindruck ist: Die werden ganz bewusst gestreut. Von oben. Um die Leute für dumm zu verkaufen, verstehst du? Damit sie keine Fragen stellen.«

»Was für Fragen denn?«

Aristoteles’ Logiergast nickte irgendwie zufrieden. »Darauf kommt nämlich kein Mensch: dass es jemanden gibt, dem das nützt. Der davon profitiert, dass die Leute immer dümmer werden und diesen Verschwörungsunsinn glauben.«

»Und wer?«, erkundigte sich de Jong, obwohl er das eigentlich schon gar nicht mehr wissen wollte.

»Keine Ahnung. Die Betreffenden werden ja wohl nicht so dumm sein und sich zu erkennen geben. Dann hätte ja die ganze Verschleierei keinen Sinn, ist doch klar.« Till machte ein Gesicht, als hätte er so eben mal die Relativitätstheorie erklärt. »Sag ruhig, wenn ich Unsinn rede.«

Warum mach ich das eigentlich nicht, dachte de Jong und sagte: »Aber schön jedenfalls, dass du von diesen Theorien weg bist.«

»Finde ich auch.«

»Und was macht die Schreiberei?«

»Frag besser nicht.« Grönewald verzog das Gesicht. »Das läuft noch beschissener als die Verschwörungstheorien.«

»Tut mir leid zu hören.«

»Ach was, geschenkt.« Till Grönewald nahm noch einen Schluck, stellte das Glas auf den Tisch, und das Grinsen, was dann folgte, war kein fröhliches, sondern eher ein tapferes. »Ich hab ja noch meine Bimmelbahn. Und wenn die Touristen kommen, muss schließlich einer am Steuer sitzen, was?«


Das war aber noch lange nicht alles. Wie sich herausstellte und de Jong eigentlich von ihrem ersten Zusammentreffen in Holzwickede wusste, gehörte der Mann aus Wernigerode zu den Menschen, die gern und viel über sich erzählen und dazu weder eine Aufforderung benötigen noch ein irgendwie geartetes Interesse des Gegenübers. Also hörte sich de Jong – auch Aristoteles, jedenfalls so lange, bis er unter einem Vorwand die Flucht ergriff – noch einiges über die Bimmelbahn an. Über die Touristen und ihre dämliche Knipserei, ihre bescheuerten Selfies, die sie immer an denselben Ecken aufnahmen, ihre immer gleichen Kommentare zu den Sehenswürdigkeiten – dem Rathaus, dem berühmten schiefen Haus und dem Schloss. De Jong gewann den Eindruck, dass Grönewald nicht besonders nett über seine Kundschaft dachte. Dass er sich weniger als Bimmelbahnpilot, sondern vielmehr als Künstler verstehe. Und während er die Bimmelbahn durch den Ort kutschierte, so manches Projekt in seinem Kopf bewege. Eine Oper beispielsweise, eine poetische Ode an die Natur oder einen geheimnisvollen Polit-Thriller, der auf dem Brocken zur Zeit des DDR-Regimes spielte. De Jong spürte, wie sich Müdigkeit in ihm breitmachte, und dachte daran, sich zu verabschieden; aber er wollte nicht unhöflich sein, kein schlechter Gastgeber, wo er doch schon den Start vermasselt hatte. Und so kämpfte er gegen den Drang an, die von Sekunde zu Sekunde schwerer werdenden Augenlider einfach zufallen zu lassen. Mit reiner Muskelkraft stemmte er sich gegen diese tonnenschweren Dinger, und als er merkte, dass er nicht beide Augen gleichzeitig offenhalten konnte, probierte er es immer abwechselnd.

Dass es schon auf den Abend zuging, bemerkte er daran, dass Aristoteles die Tische neu ausrichtete und Servietten und Speisekarten verteilte. »Ihr bleibt natürlich zum Essen«, sagte er, schien es aber irgendwie nicht zu meinen. De Jong vermutete, dass auch ihm schwere Augenlider zu schaffen machten – und das, wo draußen vor der Tür schon die ersten Gäste die Speisekarte studierten.

»Sonst gern«, ergriff de Jong die Möglichkeit zur Flucht. »Aber heute hat mich meine Nachbarin zum Abendessen eingeladen.«

Grönewald kippte noch einen Ouzo und winkte de Jong zu. »Na gut, wir können ja später weiterquatschen.«

»Klar.« Der Exkommissar grinste. »Machen wir.«

4. Kapitel

Pünktlich um neunzehn Uhr begab er sich an Bord der Medea. Er hatte sich extra in Schale geworfen, doch fühlte er sich von Anfang an eindeutig underdressed. Was an der Jacht liegen musste, deren prachtvolle Ausstattung alles übertraf, was er sich auf seinem kargen, unbeheizten Hausboot nebenan so vorgestellt hatte. Ihn erwartete ein vor Sauberkeit spiegelndes Oberdeck, das im letzten Licht der Abendsonne aufblitzte und auf dem alles, was vorhanden war, vor Reinlichkeit gleichsam starrte: ob es die Taue waren, die säuberlich zusammengerollt in den Ecken lagen, als hätten sie noch niemals Berührung mit Wasser gehabt, oder die Rettungsringe, die in lustig bunten Luftballon-Farben erstrahlten. Eine mit kostbarem Teppich belegte Treppe, die unter Deck führte, prahlte geradezu mit ihrer Lautlosigkeit und zeigte de Jong, dass es auch anders ging als auf dem Alten Mädchen, wo jeder Treppengang vom hässlichen Knarren der alten Holzstufen konzertiert wurde. Unten gelangte er in einen Raum, der wie durch Zauberei viel breiter wirkte, als es die schlanken Außenmaße des Bootes erlaubten. Bilder hingen an holzverkleideten Wänden, kein Seefahrerkitsch, keine Viermaster im Sonnenuntergang und rollende Brandungen, sondern abstrakte, moderne Malerei in frischen Farben. Blank geputzte Möbel aus dunklem Holz, die von indirekter Beleuchtung unaufdringlich illuminiert wurden, luden dazu ein, sich in einem der Sessel zu lümmeln und den Tag auf hoher See bei einem Glas guten Wein ausklingen zu lassen. Alles strahlte warme Heimeligkeit aus, Heimeligkeit, die sich freilich nicht jeder leisten konnte – und vor allem gab die Heizung ihr Bestes. Die Gastgeberin war offenbar fest entschlossen, ihm zu demonstrieren, wie viel Wohlgefühl eine Heizung produzieren konnte, wenn sie so reibungslos funktionierte wie auf der Medea.

»Schön, dass du kommen konntest«, hieß sie ihn willkommen.

Camilla hatte ihr Haar hochgesteckt und sich in eine weite und faltenreiche Kombination aus Bluse und Rock gehüllt, die an einen indischen Sari erinnerte, wobei die pastellfarbenen Töne der Kleidung einen Anflug von Transparenz bewahrten, die den Betrachter bei jeder ihrer Bewegungen vermeinen ließ, einen Blick auf den Körper unter den bunten Tüchern zu erhaschen.

»Das riecht ja schon sehr appetitlich«, lobte de Jong, nachdem er ihr eine Flasche Rotwein als Gastgeschenk überreicht hatte. Und damit meinte er vielleicht auch das süße, aber dennoch faszinierende Parfüm, das sie aufgelegt hatte. Jenseits des Parfüms allerdings herrschte unumschränkt der Geruch nach Braten und Fleischsoße. »Ich hoffe, du magst Kaninchen«, rief Camilla aus der Küche, und de Jong wollte im ersten Moment höflicherweise antworten: Nein, ich hasse sie, weil nur das erklären würde, wie er es über sich brachte, eins zu verspeisen.

»Eigentlich bin ich ja Vegetarierin«, kam es aus der Küche. »Nur zu besonderen Anlässen gönne ich mir mal ein kleines bisschen Fleisch.«

»Etwas Fleisch ist gut«, sagte de Jong, aber er nahm sehr wohl zur Kenntnis, dass sie einen nachbarlichen Besuch offenbar als besonderen Anlass einstufte.

Eine gute Viertelstunde später: Fleisch und Kartoffeln standen in dampfenden Schüsseln auf dem Tisch, der Salat war angemischt, die Vorspeise – eine Tomatensuppe mit einem einzelnen Basilikum-Blatt auf der Suppenoberfläche – verspeist.

»Um sich so einen Schoner leisten zu können«, flachste de Jong, »muss man wohl bei der Mafia sein, was?«

»Ich bin aber nicht bei der Mafia. Ich bin Paartherapeutin.«

»Ach«, sagte de Jong. »Seit wann schließt denn das eine das andere aus?«

Sie schenkte ihm ein Lächeln, während sie den Rotwein entkorkte. »Gulik und Fromm, eine Gemeinschaftspraxis. Hier in der Stadt.«

»Die Praxis scheint eine rechte Goldgrube zu sein«, vermutete de Jong mit einem Blick auf die Pracht ringsum.

»Wenn’s nur so wäre. Aber die Medea verdanke ich einer Erbschaft. Damit habe ich mir einen uralten Traum erfüllt: eine Auszeit nehmen und mit einer Jacht losschippern über Flüsse und Kanäle, immer weiter südwärts. Bis nach Barcelona, so ist der Plan. Und dann quer durchs Mittelmeer.«

Immer wieder erlaubte sich de Jong während des Essens einen verstohlenen Blick auf die Gastgeberin, auf ihr teilweise transparentes Outfit. »Verstehe«, sagte er. »Und wer hält indessen die Stellung in der Praxis?«

Camilla nickte. »Damit wäre ich bei dem Anschlag, den ich auf Sie vorhabe.«

»Du«, erinnerte sie de Jong.

»Hauke Fromm. Mein Mittherapeut. Er ist verschwunden.«

»Also hält er nicht die Stellung?«

»Ich weiß ja nicht, wo er steckt. Zu Hause ist er nicht, und in der Praxis lässt er sich auch nicht blicken. Sein Auto und sein Fahrrad stehen zu Hause vor seiner Tür. Auf E-Mails oder SMS antwortet er nicht.«

»Hast du irgendeine Vermutung, was mit ihm sein könnte? Ob er in Schwierigkeiten steckt?«

»Er arbeitet an einer Studie über alternative Beziehungsformen im digitalen Zeitalter.«

»Nicht gerade ein heißes Eisen«, vermutete de Jong.

»Hauke war sich sicher, beweisen zu können, dass Paarbeziehungen der Zukunft ohne die heute noch üblichen Geschlechterklischees funktionieren. Dass Paare ganz ohne Partner auskommen, was auch für die Paartherapie einen kompletten Paradigmenwechsel bedeuten würde.«

»Gibt es vielleicht jemanden, den er damit verärgert hat?«

»Er hat in den sozialen Netzwerken recherchiert. Sich in Dutzenden von Chatrooms herumgetrieben. Wer weiß schon, mit wem man da so aneinandergeraten kann.« Sie entfaltete einen Zettel und reichte ihn ihm. »Den hat er mir auf meinen Schreibtisch gelegt, bevor er verschwand.«

De Jong las: Muss für eine Weile untertauchen. Hoffe nicht für länger. »Wie lange ist er denn verschwunden?«

Sie überlegte. »Na ja, zwei Wochen sind jetzt rum.«

»Hast du dich an die Polizei gewandt? Die ist für so etwas zuständig.«

Camilla musterte ihn mit einem tadelnden Blick, den de Jong in etwa so deutete, dass sie, wenn die Sache so simpel wäre, ihn ja wohl nicht darauf angesprochen hätte. »Ich muss dir als Mann vom Fach ja nicht erklären, was du zu hören kriegst: Warten Sie erst mal ab, wir können schließlich nicht jedes Mal, wenn einer einen Zug durch die Kneipen macht, eine Vermisstenmeldung rausgeben.« Sie schüttelte den Kopf. »Und dann wartest du ab, und eines Tages heißt es dann: Ja, wenn Sie sich mal früher gemeldet hätten. Die Wahrscheinlichkeit, jemanden nach so langer Zeit noch lebend zu finden, geht gegen null.«

»Na ja«, widersprach de Jong vorsichtig, »das ist jetzt ein bisschen übertrieben …«

Camilla verstärkte ihren tadelnden Blick, in dem für de Jong auch etwas Vertrautes mitschwang, das unterstrich: Wir beide wissen doch, wie sowas läuft. Als wäre dies etwas Gemeinsames zwischen ihnen; und de Jong, der lange genug an seinem Kaninchen herumgesäbelt hatte, wollte den Abend lieber in wohliger Gemeinsamkeit verbringen als konstatieren, dass Verallgemeinerungen dieser Art wohl kaum weiterhelfen würden.

Sie goss ihm Wein nach. »Und deshalb hatte ich mir gedacht, dass du, als Vertrauensperson, gleichsam …«

»Eigentlich habe ich vor langer Zeit beschlossen, niemals Detektiv zu spielen«, sagte de Jong.

»Schade.« Camilla richtete ihr halbtransparentes Kostüm und sah etwas weniger freizügig aus.

»Weil die meisten denken, die Arbeit des Privatdetektivs wäre das gleiche wie die eines Bullen«, versuchte de Jong zu erklären. »Aber da irren sie.«

Sie nahm ihr Glas und nippte daran. Es war ja nicht so, dass sie kein Verständnis hätte.

»Ich war bei der Mordkommission«, sagte de Jong. »Das bedeutet: Indizien sammeln, Beweismittel in Tütchen stecken, Zeugen vernehmen, Haus-zu-Haus-Befragungen durchführen.«

Jetzt lächelte sie wieder. »Verfolgungsjagden mit dem Auto? Schießereien?«

»Eher selten.«

»Aber am Ende dann den Bösewicht verhaften.«

»Wenn es mal ein Bösewicht ist«, sagte de Jong. »Meistens sind es höchst bedauernswerte Trottel. Gescheiterte Existenzen. Verlorene Seelen.«

»Und da hast du dir eines Tages gesagt, so etwas muss ich nicht weiter haben. Keine gescheiterten Existenzen und keine verlorenen Seelen.«

»So in etwa.«

Camilla stand auf und begab sich in die Küche. Eine Minute später kehrte sie mit zwei Eisbechern zurück. »Das Dessert«, sagte sie.

Eine Weile aßen sie schweigend.

»Ich bitte dich ja nicht einfach so um einen Gefallen«, erklärte die Gastgeberin. »Nicht ohne mich zu revanchieren.«

»Also, das wäre nun wirklich nicht nötig«, sagte de Jong bescheiden und merkte erst danach, dass er in eine Falle getappt war.

»Natürlich wäre es das. Ich würde dich bezahlen, außerdem könnte ich mich mit einem tollen Abend auf einem geheizten Boot bedanken. Abgesehen davon könnte ich dir den einen oder anderen Tipp für deine Beziehung geben.«

»Für meine Beziehung?«

»Nicht vergessen: Ich verstehe meinen Job. Mir entgeht nichts. Manchmal können in einer verfahrenen Beziehung kleine Dinge Wunder wirken.«

»Zum Beispiel?« Die Aussicht auf irgendetwas, mit dem er die verfahrene Sache mit Giulia wieder ins Lot bringen konnte, war so verlockend, dass er sowohl vergaß, sich über die Indiskretion der Nachbarin zu ärgern, noch bedachte, dass der Tipp ja eigentlich als eine Revanche für die erbrachte Ermittlungsleistung gedacht war.

»Schon mal von der Freundlichkeits-Strategie gehört?« Sie wartete sein Kopfschütteln nicht ab. »Höchstwahrscheinlich nicht. Das ist mein Baby. Ich gebe Freundlichkeits-Seminare. Auch online. Und nach dem, was ich von euch beiden mitbekommen habe, kann ein wenig Freundlichkeit Wunder bewirken.«

»Bestimmt«, sagte de Jong.

Camilla machte eine weitere Flasche Wein auf. Draußen war es längst dunkel. De Jong nahm einen Schluck und sah durch das runde Bullauge hinaus auf den Dortmund-Ems-Kanal, auf die Lichter der Stadt, die einen immer träumen ließen. Während seine Gastgeberin ihm ein wenig vom Hintergrund ihrer Arbeit erzählte, dass Paartherapie nichts mit Physiotherapie zu tun habe und dass es ihr nicht genüge, hier und jetzt irgendeine Störung zu beseitigen, sondern sich prinzipiell für das »Dahinter« interessiere, für den mythologischen oder philosophischen Hintergrund einer Person. Weit entfernt davon, dass ihn ihre Ausführungen langweilten, konnte der Exkommissar irgendwann nicht mehr so recht folgen, so wie wenn man auf einer Wanderung eine kurze Pause macht und dann aufsieht und feststellt, dass der andere längst schon weiter ist, um die nächste Kurve. Er berauschte sich an dem vortrefflichen Wein und an Camillas sympathischer Stimme, fing irgendwann sogar an, beides zu verwechseln.

»Aber ich sehe schon, ich langweile dich«, stoppte die Paartherapeutin schließlich doch ziemlich abrupt.

»Nein, überhaupt nicht«, sagte de Jong und legte die Hand auf sein Weinglas, bevor sie es nachfüllen konnte. »Ich denke, ich werde dann auch mal allmählich wieder …«

Sie trat auf ihn zu und deutete eine Umarmung an, umhüllte ihn geradezu mit ihrem süßen Duft. »Das rechne ich dir so hoch an, dass du das für mich tust. Obwohl du es ja eigentlich nicht mehr machst. Ja, gerade deswegen.«

De Jong konnte sich nicht so recht erinnern, wann im Verlaufe des Abends er von seinem Nein abgerückt war. Wann er sich bereit erklärt hatte, für sie eine Ausnahme zu machen, worauf sie ihm ein Foto von Hauke, dem Therapeutenkollegen, zugesteckt hatte. Er ging hinauf, stand eine Weile da, den bestirnten Herbsthimmel über sich und das blitzblanke Deck unter seinen Füßen. Die kalte Luft roch frisch, und sein Atem dampfte.

Wieso eigentlich nicht?, überlegte er. Für Hauptkommissar Bühlow den Profiler zu machen, herauszufinden, was für ein kranker Idiot es fertigbrachte, jemandem den Kopf abzuschlagen – war das etwa der bessere Job? Blutrünstiges hatte ihn immer schon abgestoßen. Also warum nicht lieber einen verschwundenen Paartherapeuten suchen?

5. Kapitel

Die Nacht zum Donnerstag war vergleichsweise mild, die Temperaturen fielen nicht unter Null. De Jong, der alle Klamotten anbehalten hatte und sich zusätzlich in seinen neuen Mumienschlafsack gepackt hatte, träumte von Camillas mollig warmer Kajüte und fand im Übrigen, dass man auch auf dem Alten Mädchen nicht frieren müsse. Es war kühl, wie auch nicht, die Heizung war ja auch defekt. Angesichts dieser Tatsache war es an Bord sogar vergleichsweise mild.

Der Morgen startete diesig, mit Nebelschleiern, die noch vor Sonnenaufgang aus dem Dortmund-Ems-Kanal aufgestiegen waren und die blasse Sonne einhüllten, als hätten sie einen blickdichten Duschvorhang zugezogen. De Jong schälte sich aus seinem Schlafsack und beschloss, draußen auf dem Achterdeck sein Frühstück einzunehmen.

Als er gerade von seiner Brötchenhälfte abgebissen hatte, klingelte sein Handy, das neben dem Teller lag.

»Ja?«, meldete er sich.

»Hast du den Vertrag inzwischen zurückgeschickt?« Es war Bühlow.

»Welchen Vertrag?«

»Der Chef macht dich zum beratenden Profiler auf Honorar-Basis. Ich hab dir doch alles zugeschickt.« Und als de Jong nicht reagierte: »Hast du das noch gar nicht durchgelesen?«

De Jong hörte gerade zum ersten Mal von der Existenz eines solchen Vertrags. »Doch, natürlich. Von A bis Z.«

»Und? Ist er für dich okay so?«

»Denke schon«, sagte de Jong vage.

»Gut, dann schick ihn doch unterschrieben an den Chef, damit wir starten können.«

»Und was muss ich dann machen?«

»Aber das steht doch alles drin. Du bist mir zugeteilt. Ich bin der Leiter der Ermittlung. Ich brauche von dir ein Profil des Täters.«

»Ein Profil? Wofür hältst du mich? Für einen Psychologen?«

Man konnte geradezu hören, wie Hauptkommissar Bühlow stutzte. »Hast du nicht gerade gesagt, du hast dir alles durchgelesen?«

»Ja, schon, aber … die eine oder andere kleine Frage hätte ich eben doch noch. Wie zum Beispiel die.«

»Du bist kein Psychologe. Aber Krimischreiber. Darum geht’s hier. Wir vermuten, dass die Tat mit Nöcks Thrillern zusammenhängt. Dass der Täter darauf Bezug nimmt. Und du weißt, wie der Mann tickt. Bist wie er.«

»Moment.« De Jong wurde ärgerlich. »Genau da ist doch der Hase begraben.«

»Welcher Hase?«

»Du erwartest von mir, dass ich einen Wisch unterschreibe, auf dem ich bestätige, dass ich so bin wie einer, der einem Menschen ohne mit der Wimper zu zucken den Kopf abschlägt. Dass ich wie er ticke. Dass wir es vielleicht nur zufälligen Umständen verdanken, dass ich bis jetzt noch nicht selbst mit dem Schwert losgezogen bin.«

»Also, jetzt übertreibst du aber ziemlich …«

»Ich soll keinen Vertrag unterschreiben, sondern ein Geständnis. Wenn auch für eine Tat, die noch nicht begangen wurde.«

Eine Weile blieb es still in der Leitung. So lange, bis de Jong schon fragen wollte: Bist du noch dran?

»Okay, dann verzichtest du auch auf die zweitausendfünfhundert Euro.«

»Zweitausendfünfhundert?« De Jong wurde für einen Moment schwindlig von der Summe, auf die er verzichtete.

»Hast du den Wisch jetzt gelesen oder nicht?«

»Sicher, sag ich doch, aber …« Zweitausendfünfhundert Mäuse! »Achim, was hältst du davon, wenn wir uns zusammensetzen und alles auf den Tisch legen? Dann können wir klären, ob ich euch überhaupt eine Hilfe sein kann.«

Wieder dauerte es geraume Weile, in der Bühlow der Enttäuschung darüber Raum gab, dass de Jong, von dem er sich Hilfe versprochen hatte, jetzt alles so kompliziert machte. »Also gut. Ich könnte um Mittag zwischen eins und halb zwei. In der Friesen-Schmiede.«

»Gern. Wo ist denn das?«

»Das ist die Polizei-Kantine. Friesenring. Deshalb Friesen-Schmiede.«

»Geht das nicht woanders?«, nörgelte de Jong. »Ich habe eine Kantinen-Allergie.«

»Wir können uns auch in einem Park treffen oder an einer Bushaltestelle. Du bist doch derjenige, der alles auf den Tisch legen wollte.«

»Na gut. Dann bis gleich. – Warte, noch eine letzte Frage: Diesen Vertrag – hast du den per Mail geschickt oder per SMS?«

Bühlow hörte sich jetzt wirklich sauer an: »Du hast ihn also doch noch nicht gelesen!«

»Nein, nicht so richtig. Tut mir leid. Aber das ist das erste, was ich jetzt gleich mache.«


De Jong fand den Honorarvertrag als PDF-Dokument in seinem E-Mail-Postfach. Er war recht allgemein gehalten, nichts Besonderes, und davon, dass der Unterzeichnende bestätigte, wie irgendjemand zu ticken, konnte keine Rede sein. Angesichts der Höhe des Honorars sah es eher so aus, als hätte Hauptkommissar Bühlow für seinen Beinahe-Kollegen ganz schön was herausgeholt. De Jong beschlich ein schlechtes Gewissen, weil er Bühlow eigentlich hätte danken müssen; stattdessen hatte er ihm diese schräge Szene am Telefon gemacht. Also druckte er das Dokument aus, unterschrieb es und scannte es ein, um es an die Kripo Münster zu schicken. Anschließend simste er an Bühlow: Vertrag ratifiziert und abgeschickt.

Dann an die Arbeit, kam es knapp zurück.

… Arbeit?

Vielleicht liest du dich schon mal in die Materie ein.

Das reicht aber nicht. Wenn schon, kommt alles auf den Tisch.

Na schön. Also dann bis gleich am Friesenring.

De Jong räumte die Frühstückssachen unter Deck. Der Duschvorhang war inzwischen aufgegangen, so dass es geradezu eine Freude war, sich in die Stadt zu begeben, wo die Sonne alle herbstlichen Farben zum Leuchten brachte.

Eine gute Viertelstunde später erreichte der ehemalige Kommissar und angehende Honorar-Profiler das Polizeipräsidium am Friesenring, und obwohl er unterwegs in einer Buchhandlung Halt gemacht hatte, um sich den Köpfesammler von Charles Nöck zu besorgen, war er viel zu früh, bis zur Verabredung mit Bühlow in der Schmiede war es noch mehr als eine Stunde. Aber de Jong wusste die Zeit zu nutzen. Er zog sein Handy, wählte Camillas Nummer, erreichte aber nur die Mailbox. Also entfaltete er den bunten Flyer, den sie ihm gestern zu später Stunde zugesteckt hatte. Laut Anfahrt-Skizze lag die Praxis für Paartherapie Gulik & Fromm ganz in der Nähe.

Die Räumlichkeiten befanden sich im obersten Stockwerk eines der Gründerzeithäuser im Kreuzviertel – mit blendend weißer Fassade, an der das ganze Jahrhundert spurlos vorübergegangen zu sein schien, was das Gebäude hundertmal neuer aussehen ließ als die nagelneuen Bürohäuser, die gleich um die Ecke auf einem ehemaligen Schulhof wie Pilze aus dem Boden geschossen waren. Innen war das Haus so intensiv kernsaniert, dass man den Geruch der frisch ausgepackten Einrichtung einzuatmen glaubte und sich selbst bei jedem Schritt die Treppe hinauf älter und renovierungsbedürftiger vorkam. Ideal für ein Objekt, das mit therapeutischen Praxen regelrecht gesegnet war, mit einer Praxis für Gruppentherapie im Erdgeschoss, für Naturheilverfahren darüber und Physiotherapie im zweiten.

De Jong rechnete nicht damit, die Praxis offen vorzufinden, nahm aber auf gut Glück den Türknauf in die Hand. Die Tür war nicht verschlossen, also trat er ein. Ihn erwartete ein schlicht, aber ansprechend gehaltener Empfangstresen – helles Holz mit Glas- und Aluminiumelementen. Hohe Sprossenfenster sorgten für hereinflutendes Sonnenlicht, linker Hand befand sich der Wartebereich, geradeaus ein kleiner, in frischen Farben gehaltener Flur, der zu den beiden Therapieräumen führte – Raum zwei für Hauke Fromm, Raum drei für Dr. Gulik. Dahinter kamen nur noch eine Küche und die Toiletten.

De Jong ließ sich auf einem weichen Drehstuhl hinter dem Empfangstresen nieder. Gegenüber an der Wand hing ein abstraktes Kunstwerk, das denen glich, die er auf der Medea gesehen hatte. Hinter dem Computermonitor befand sich eine Art schwarzes Brett, auf dem mit Heftzwecken allerhand Zettel befestigt waren. Post-its und Urlaubspostkarten. Eine zeigte die Skyline einer mittelalterlichen Stadt – Greetings from Aberdeen stand darunter in einer fetten, roten Schrift. De Jong schaute sich die Rückseite an. Sie war aus dem vorletzten Sommer und stammte laut krakeliger Unterschrift von Hauke. Camilla hatte, wie eine andere Postkarte erwies, etwa vier Wochen später in Sidney geweilt. Er in den kalten Norden, sie in den heißen Süden. Vielleicht sollte ich meine Suche also nicht hier, sondern in Schottland beginnen, überlegte de Jong.

Er zog das Foto aus der Tasche. Das Porträt eines Mannes Anfang oder Mitte vierzig mit glattem Gesicht, das leicht glänzte, und einer modischen Igelfrisur. Aus dem Mundwinkel baumelte lässig eine E-Zigarette. Irgendwie nicht der Typ Therapeut, fand de Jong, er sah eher nach einem Hipster aus, der gerade irgendein Start-up anschob. Fromm hatte ein breites, leicht herablassendes Lächeln auf den Lippen und sein Blick war auf etwas gerichtet, das sich seitlich von ihm, außerhalb des Bildes, befand; jetzt erst erklärte sich das seltsame Format des Fotos: Auf der linken Seite wies es eine unregelmäßige Schnittkante auf. Jemand hatte dasjenige, auf das Hauke blickte, kurzerhand abgeschnitten. Wer? Camilla? Hatte sie geschnitten oder war sie diejenige auf dem Bild? Oder beides? De Jong konnte selbst nicht fassen, was für ein lausiger Detektiv er war, und schwang sich aus dem Stuhl.

Im Wartezimmer stieß er auf ein weiteres schwarzes Brett – hier wurden die Klienten auf Workshops, Kurse und Veranstaltungen zum Thema Paartherapie hingewiesen. Zum Beispiel auf das Freundlichkeits-Training nach C. Gulik, jeden zweiten Mittwoch im Monat, oder ein Super-Sparangebot: Pärchen-Therapie. Die Paartherapie-light zum Kennenlernen. Fünfzig Prozent Ermäßigung, jetzt anmelden! Ein bunter Flyer warb für einen Wochenendworkshop, der in der Uniklinik stattfand:

Ars belli – die Kunst des Streitens nach U. von Hengebrügge. An diesem Wochenende werden wir in die grundlegenden Streittechniken einer Zweierbeziehung eingeführt. Wir lernen, dass es gar nicht so leicht ist, einen Streit einfach so »vom Zaun zu brechen«, und werden das höchst komplexe Geschehen in seine unterschiedlichen Phasen aufgliedern und aufmerksam anschauen. In Kleingruppen werden wir anschließend unter anderem folgende Fragestellungen in Angriff nehmen: Wie gewinne ich den Konflikt, und wenn nicht, wie sieht ein Waffenstillstandsabkommen aus? Die TeilnehmerInnen erwartet ein spannendes Wochenende, aus dem sie viel für ihre eigene Lebens- und Beziehungssituation ziehen werden. (Begrenzte Teilnehmerzahl, nur Paare, rechtzeitig anmelden!)

De Jong fuhr herum, als sich plötzlich jemand hinter ihm räusperte.

Da stand eine Frau. »Wie? Ist jetzt doch offen?«, fragte sie verwundert. Die Frau war klein, dunkelhaarig und schätzungsweise Mitte vierzig. Sie trug eine dickrandige Brille, die die Augen größer aussehen ließen, als sie waren. Über die Jeans hatte sie eine Schürze mit einem Blumenmuster geschnürt.

»Wer sind Sie, bitte?«, erkundigte sich de Jong.

»Dasselbe kann ich Sie ja wohl fragen.«

»Und? Tun Sie’s?«, fragte de Jong zurück.

Sie musterte ihn, indem sie den Kopf zur Seite neigte. »Schymanski, Ludmila«, sie reichte ihm die Hand. »Ich mache hier sauber.«

»De Jong, Niklas«, sagte de Jong. »Ich bin auf der Suche nach Hauke Fromm. Haben Sie ihn zufällig gesehen?«

»Der Chef ist doch in Sachen Forschung unterwegs, oder nicht? Am besten, Sie rufen an und lassen sich von der Frau Doktor einen Termin geben.«

»Ich bin kein Patient«, sagte de Jong. »Was für eine Forschung?«

Sie zuckte mit den Schultern. »Woher soll ich das wissen? Irgendwas Philosophisches.«

»Sie meinen Psychologisches?«

»Oder so. Wollen Sie einen Kaffee?«

Der Exkommissar sagte nicht nein und folgte Ludmila den Flur entlang in eine winzige Küche. Sie nahm eine Glaskanne von der Heizplatte, füllte die Kaffeemaschine mit Wasser und schaltete sie ein.

»Kennen Sie Dr. Fromm näher?«, fragte de Jong, nachdem sie eine Weile ihrem Schnarchen und Röcheln gelauscht hatten.

Sie nickte. »Bin selbst lange Patientin gewesen. Na ja, damals waren wir noch zu zweit.«

»Verstehe«, sagte de Jong. »Es nennt sich schließlich Paartherapie.«

»Genau. Aber dann hat sich mein guter Sergej von mir getrennt, wegen einer Schlampe, die eigentlich noch ein Kind war. Eine Schande. Unterhalt zahlt er auch keinen.«

»Tja, da hat das mit der Paartherapie wohl nicht so ganz geklappt.«

»Wer weiß das schon?« Sie zuckte mit den Schultern. »Immerhin haben sie mir ja die Stelle hier gegeben. So hab ich wenigstens mein Auskommen. Insofern …«

Die Kaffeemaschine hörte auf zu schnarchen. Frau Schymanski nahm zwei Tassen aus einem Hängeschrank, füllte sie mit Kaffee und reichte eine de Jong.

»Ich vermute, die Praxis läuft nicht schlecht«, sagte der Exkommissar. »Bestimmt können die beiden sich vor Klienten nicht retten.«

Ludmila pustete in ihr Heißgetränk, so dass ihre Brille beschlug. Sie beugte sich zu de Jong herüber. »Da ist es auch immer ziemlich abgegangen. Aber ich glaube, das hat die Leute angezogen. Sie fanden das spannend.«

»Abgegangen? Was meinen Sie damit?«

»Herr Doktor und Frau Doktor. Die haben es knallen lassen. Das ganze brutale Spektrum. Manchmal haben sie tagelang so getan, als würden sie sich überhaupt nicht kennen. Eisiges Schweigen zwischen ihnen. Lange Gesichter, von morgens bis abends. Und dann wieder haben sie sich auf der Toilette so laut gezofft, dass man es im ganzen Haus gehört hat. Sogar noch unten an der Bushaltestelle.«

Das hörte sich fast so an, als wären die beiden Psychologen nicht nur Kollegen, sondern auch ein Paar gewesen. »Die beiden hatten Differenzen? Welcher Art?«

Schulterzucken. »Streitereien eben. Er sagt was, dann sie, das ärgert ihn und er sagt was zurück. Immer so weiter. Immer lauter.«

»Und die Klienten haben das mitgekriegt? Wohl nicht gerade die beste Werbung.«

»Die Leute fanden es spannend. Ich sag Ihnen was: Wenn die beiden laut wurden, war es im Wartezimmer mucksmäuschenstill. Manche haben sich sogar einen Termin geholt, nur um mitzukriegen, wie es weitergeht, verstehen Sie? Wie in einer dieser Fernsehserien.«

»Dabei waren die beiden doch nur Kollegen«, vergewisserte sich de Jong. »Oder waren sie ein Paar?«

»Wollen Sie noch einen Kaffee?« Ludmila nahm ihm die Tasse aus der Hand und stellte ihn auf die Anrichte. Dann begann sie im Schrank herumzukramen. »Warten Sie, hier gab es auch irgendwo Kekse …«

De Jong sah auf die Uhr. »Tut mir leid. Ich muss in drei Minuten im Polizeipräsidium sein. Eigentlich schon in zwei.« Er winkte Ludmila zu. »Vielen Dank für den Kaffee.«

Er schritt durch den Flur in Richtung Ausgang, blieb aber noch einmal stehen, weil ihm im Vorbeigehen der Name Hauke ins Auge fiel. Auf einem computerausgedruckten Zettel, der mit Tesafilm von innen an der Glastür klebte:

Dieses Mal AUSNAHMSWEISE samstags: Die Unfreiwilligen Singles treffen sich wie üblich im Sprachtherapieraum der Waldorfschule unter der Leitung von Hauke Fromm. Beginn wie immer um 20.00.

De Jong fand, dass sich das gut traf. Schließlich war er selbst unfreiwilliger Single. Außerdem konnte er dort vielleicht etwas mehr über den verschwundenen Therapeuten erfahren.


Die Friesen-Schmiede präsentierte sich von ihrer besten Seite. Goldenes Sonnenlicht flutete den ansonsten bescheiden ausgestatteten Speisesaal, schwappte über furnierte Tische und rote Plastikstühle, veredelte halb geleerte Kaffeetassen und verstopfte Salzstreuer, ließ die Senf-Reste auf den Plastiktischdecken geheimnisvoll glitzern. Es bemühte sich sichtlich, das Mittagsmahl zu einer fröhlichen Angelegenheit zu machen. Das schien auch auf die anwesenden Mitarbeiter auszustrahlen, die es mit heiterer Miene verzehrten. Einzig Bühlow schien immun dagegen zu sein, wie er auf seinem Fensterplatz vor sich hinstarrte und mit dem Finger auf einem Plastiktablett sinnlose Kreise malte. Er wirkte verbissen und schien unter Strom zu stehen. »Da bist du ja endlich«, sagte er und hörte abrupt mit der Malerei auf.

De Jong tat der Junge ein bisschen leid. Er wusste nur zu gut, dass der Chef einem ziemlich auf den Geist gehen konnte. Besonders wenn er fast stündlich verlangte, endlich Ergebnisse zu sehen, zu einem Zeitpunkt, an dem man unmöglich mit Ergebnissen aufwarten konnte. Wie ein Trainer, der bereits in der ersten Spielminute aufgeregt an der Seitenlinie herumhüpft und seine Mannschaft damit nervt, dass er endlich Tore sehen will. Es ging nicht anders, als dass man mit der Zeit eine Technik entwickelte, den Druck an sich abprallen zu lassen. Bühlows Technik steckte offenbar noch in den Kinderschuhen. Wie man aus den Essensresten auf dem Tablett schließen konnte, hatte er sich für ein vegetarisches Nackensteak mit Rotkohl entschieden und zum Nachtisch Karamellpudding – was sicher auch seinen Anteil an der gedämpften Laune des Hauptkommissars hatte.

»Also gut, dann lass doch mal hören, was ihr bis jetzt so habt«, ermutigte ihn de Jong.

Bühlow richtete sich auf und zwang seine Hände, von einem Salzstreuer abzulassen und ihn ordentlich in der Mitte des Tisches abzustellen. »Zurzeit sind wir noch dabei, Nöcks nahes Umfeld zu checken.«

»Okay«, sagte de Jong. »Die meisten Täter stammen bekanntlich aus der Familie oder dem nahen Bekanntenkreis.«

»Obwohl wir in dem Fall eigentlich nicht davon ausgehen«, widersprach der junge Kommissar. »Die Umstände des Mordes legen eine andere Täterschaft nahe.« Er griff in seine Hosentasche, zückte sein Smartphone und öffnete einen elektronischen Notizblock. »Genau: Nöck hat keine Geschwister, sein Vater lebt nicht mehr. Die Mutter ist schon vor zehn Jahren nach Österreich gezogen.«

»Freunde und Bekannte?«

»Das ist schon etwas interessanter. Da ist zuerst Ingolf Bolte, sein Agent. Er wohnt hier in der Stadt und hat die ganze Büchershow, die jetzt wohl doch nicht stattfindet, organisiert. Die beiden, also Nöck und Bolte, waren angeblich unzertrennlich. Bisher konnte ich aber noch nicht mit ihm sprechen.« Bühlow entfuhr ein Rülpser. »Verzeihung. – Nöcks Tod hat ihn ziemlich mitgenommen. Er hat sich daraufhin die Kante gegeben und war nicht ansprechbar. Aber das könnte auch ein Trick sein.«

De Jong runzelte die Stirn. »Sich zu besaufen? Toller Trick.«

»Wenn ich Angst hätte, dass man mir meine geheuchelte Trauermine nicht abkauft, dann besaufe ich mich einfach. Und alle sagen verständnisvoll: Der arme Kerl, den hat’s echt umgehauen.«

»Wen habt ihr noch?«

»Seine Verlegerin: Frieda von Bechritz. Laut Bolte, dem Agenten, hat zwischen den beiden was nicht gestimmt.«

»Also hat er doch geredet.«

»Das schon, aber nicht besonders viel. Eher genuschelt.«

»Immerhin. Was hat denn nicht gestimmt?«

»Da war irgendwas Persönliches. Obwohl Bechritz ihn in allen Interviews immer über den Klee gelobt hat. Er war schließlich ihr umsatzstärkster Autor.«

»Ach, die meisten, mit denen ich nicht so gut konnte, habe ich auch einen Kopf kürzer gemacht«, witzelte de Jong.

»Das war’s auch schon. Mehr haben wir bis jetzt nicht.«

»War der Ermordete solo oder liiert?«

Der Hauptkommissar riss seine Milchportion auf, kippte sie in seine Tasse und kleckerte auf den Tisch. »Nadja vom Hofe. Sie wohnt während des Besuchs in Münster bei Bolte.« Mit der Serviette tupfte er die Spritzer auf.

»Also gut, dann lass uns mit den Leuten reden.«

»Das hab ich ja schon getan.«

»Aber ich noch nicht.«

»Du bist ja auch nicht der Bulle, sondern ich.«

»Ach, und was bin ich?«

»Du bist der Mann im Hintergrund.«

De Jong schüttelte den Kopf. »Offenbar verstehst du nicht gerade viel vom Profiling.«

»Deshalb haben wir dich ja engagiert.«

»Denn wenn du auch nur ein bisschen davon verstehen würdest, dann wäre dir klar, dass ein Profiler nur arbeiten kann, wenn er alles …«

Bühlow hob die Hand, als sein Handy klingelte, was de Jong verstummen ließ. Der Hauptkommissar stellte die Verbindung her. »Ja? – Was? Also gut, na endlich. Wir sind gleich da.«

»Neuigkeiten?«, erkundigte sich de Jong, als das Handy wieder auf dem Tisch lag.

»Allerdings.« Bühlow, auf einmal tatendurstig, schlürfte einen letzten Schluck Kaffee aus seiner Tasse, während er sich schon erhob. »Es hat sich eine Augenzeugin gemeldet.«


Die Dame hieß Irmgard Lohengrin, eine 65-jährige Frau mit sehr dunkel gefärbtem, aufgeföhntem Haar, die mit beiden Händen eine Handtasche aus falschem Krokodilleder umklammert hielt. Hauptkommissar Bühlow, der es leid war, Kompetenzdebatten zu führen, hatte schließlich zähneknirschend akzeptiert, dass de Jong als vertraglich bestellte Honorarkraft an der Ermittlung teilnahm.

Bühlow führte die Zeugin in einen Vernehmungsraum, in dem ein blanker Tisch von mehreren Stühlen umstanden wurde, bot ihr einen davon an und nahm gegenüber Platz. De Jong setzte sich neben ihn.

»Sie haben den Mord an Herrn Nöck beobachtet?«

»Na ja, ich konnte wohl nicht anders. Der Mann stand ja praktisch direkt vor mir.«

»Es war also ein Mann?«

Energisches Nicken. »Ich vermute es.«

Bühlow stutzte. »Sie vermuten es nur?«

»Ganz genau. Weil ich mir nämlich sicher bin, dass es keine Frau war.«

»Aber wenn es keine Frau war, muss es dann nicht ein Mann gewesen sein?«

Frau Lohengrin spitzte die Lippen. »Das sagen Sie.«

»Also gut«, sagte der Hauptkommissar. »Schildern Sie erst mal, was sich zugetragen hat.«

»Ich bin da jeden Abend um dieselbe Zeit. Mitternacht. Weil McCartney dann immer eine Runde drehen muss.«

»McCartney? Paul McCartney?«

»Ach, Quatsch.« Die Dame schnaufte verächtlich. »Mein Hund heißt so.«

»Verstehe.«

»Ein Jack Russel.«

»Also, was jetzt?« Bühlow schüttelte verwirrt und genervt den Kopf. »Sagten Sie nicht gerade eben, der Hund heißt McCartney?«

»Jack Russel«, raunte de Jong seinem Nebenmann zu. »Das ist zwar ein Name, aber auch eine Hunderasse.«

Bühlow holte geräuschvoll Luft und schüttelte den Kopf, als könnte er es nicht leiden, wenn man sich auf seine Kosten amüsierte, was ja gar nicht der Fall war. Offenbar war heute nicht sein Tag. De Jong wollte ihm schon die Hand auf den Arm legen, um ihn zu erden, ließ es aber sein.

Frau Lohengrin legte noch einen drauf. »Ich sage Ihnen gleich, dass das kein Mann war. Im eigentlichen Sinne.«

Bühlow seufzte noch lauter. »Was denn sonst?«

»Ein Teufel, würde ich sagen.«

»Ein Teufel.«

»Ja. Ganz genau.«

Ein angespannter Moment verging, den Bühlow brauchte, um sich im Griff zu haben. »Also gut, was hat denn der Teufel getan?«

»Er kam mit dem Fahrrad. Das hat er an einen Baum gelehnt.« Die Frau schüttelte den Kopf, ihr Blick war in die Ferne gerichtet, auf die Erinnerung, die sie erneut gruseln ließ. »Er hat es sogar abgeschlossen. Mit einem Zahlenschloss, glaube ich. Aber die Kombination konnte ich natürlich nicht sehen, dazu war ich zu weit …«

»Also gut. Was hat er dann gemacht?«

»Er hat sich versteckt. Unter dieser Brücke. Da ist es ja stockfinster. Ich hab ihn dann gar nicht mehr gesehen. Hab mir gedacht, wo ist er wohl hin?«

»Sie haben ihn also aus den Augen verloren?«

»Ja, für eine Weile. Wie gesagt, ich hab mir so in etwa gedacht: ein seltsamer Kerl, aber jetzt ist er weg. Also was soll’s? Hier draußen am See sieht man oft seltsame Typen.« Sie beugte sich vor. »Im Sommer, wissen Sie, als es in der Nacht noch richtig warm war, da hab ich ein Pärchen gesehen, ein Mann und eine Frau, die waren noch nicht mal zwanzig, kamen aus dem See, splitternackt. Und dann …«

»Sehr schön, aber bleiben wir doch bitte bei dem Mann unter der Brücke.« Bühlows genervte Stimme hatte jetzt einen maßregelnden Unterton. »Er stand also unter der Brücke?«

»Hören Sie«, sagte die Frau pikiert, die es offenbar nicht schätzte, wegen ihrer abschweifenden Erzählweise getadelt zu werden. »Ich muss das nicht sagen, oder? Ich habe schließlich nichts verbrochen. Also können Sie mich nicht zwingen. Und wenn Sie sich nicht für das interessieren, was ich zu sagen habe …«

»Trotzdem sind Sie verpflichtet zu antworten«, beharrte Bühlow scharf. »Wenn Sie sich weigern, behindern Sie eine Mordermittlung, und das ist sehr wohl strafbar.«

Er wartete. Aber der juristische Hinweis zur Sache hatte nicht den erhofften Erfolg, im Gegenteil. Frau Lohengrin presste trotzig ihre rot bemalten Lippen zusammen und schwieg.

»Frau Lohengrin …«

De Jong übernahm: »Wissen Sie, was ich mal am Aasee erlebt habe: Da ist direkt vor mir ein U-Boot aufgetaucht. Mitten in der Nacht. Ich habe gedacht, ich sehe nicht richtig. Aber das ist jetzt schon länger her. Ich glaube, das war gerade zur Zeit der Kubakrise. Da konnte man so was wirklich nicht komisch finden.« Er lächelte.

Und sie lächelte zurück. »Sie wollen mich auf den Arm nehmen, Herr Kommissar.«

»Exkommissar«, sagte er. »Ein bisschen vielleicht. Aber wenn Sie uns von dem Kerl erzählen, der vielleicht ein Mann war, wären wir Ihnen sehr dankbar.«

»Er kam unter der Brücke hervor und ist zu einem anderen Mann gegangen. Dass er ein berühmter Autor ist, habe ich nicht gewusst.«

»Herr Nöck. Und weiter?«

»Der andere …«

»Der Teufel.«

»Er zog ein Schwert und hielt es hoch – so.« Frau Lohengrins rechte Hand ließ die Handtasche los. Sie reckte den Arm empor.

»Und was machte Herr Nöck?«

»Er stand einfach da. Ich hab mich gefragt, was läuft denn da ab? Wissen Sie, ich glaube, Herr Nöck hatte keine Ahnung, was der Kerl vorhatte. Oder er hatte Tomaten auf den Augen. Er hätte ja wegrennen können. Stattdessen blieb er seelenruhig stehen und hat irgendwas zu diesem Monster gesagt. Und dann hat ihm das Monster den Kopf abgeschlagen. Einfach so.«

»Können Sie den Mann beschreiben?«, fragte Bühlow. »Den mit dem Schwert.«

»Das Monster«, präzisierte de Jong.

»Ja. Er hatte keinen Kopf.«

»Das ist unmöglich«, korrigierte Bühlow, definitiv am Ende seiner Geduld. »Jeder Mensch hat einen Kopf.«

Was war heute nur mit ihm los?

»Was geschah dann?«, fragte de Jong.

»Also, Sie werden das nicht glauben«, sagte Frau Lohengrin. »Ich hab nachgedacht und dann fiel mir ein, dass bald Halloween ist. Ich konnte das Fest noch nie leiden.«

»Ja, und?«

»Halloween, verstehen Sie? Geister, Totenköpfe, kopflose Leute. Alles Verkleidung. Also falscher Alarm. Aber dann …« Ihr Blick verfinsterte sich erneut.

»Was dann?«

»Dann habe ich von der Brücke aus gesehen, wie der Kopflose zurück zu seinem Fahrrad ging. Und wie er etwas, das in ein Tuch gewickelt war, in seine Fahrradtasche gesteckt hat. Einen Kopf!«

»Ach, jetzt hatte er auf einmal doch einen?«, ärgerte sich Bühlow.

»Ja, aber in der Hand!« Frau Lohengrin nickte eifrig. »Und es war nicht seiner.«

6. Kapitel

Ingmar Bolte bewohnte eines der todschicken, topmodernen Häuser am Aaseeufer, in denen so viel Glas verbaut worden war, dass sie von Weitem an Aquarien erinnerten. Von innen hatte man durch dieses Glas hindurch einen exklusiven und unverstellbaren Blick auf das städtische Freizeitgewässer mitsamt der spätherbstlichen Flora ringsum.

Inzwischen war es kurz vor sechzehn Uhr. Vorher hatte de Jong seinen jungen Kollegen in ein Eiscafé genötigt – eins der wenigen, die um diese Jahreszeit noch geöffnet hatten. Bei einem Erdbeerbecher hatte er sich Mühe gegeben, Bühlow gegen das Drangsalieren seines Chefs zu immunisieren. Zum Beispiel, indem er ihm erzählt hatte, dass er, de Jong, eines Tages im Büro seines damaligen Chefs aufgekreuzt sei und einen Zettel auf den Schreibtisch geknallt habe. Darauf seien nur Matheaufgaben gewesen. Addition, Subtraktion, Multiplikation. Zahlen untereinander mit Minus- oder Pluszeichen, die letzte doppelt unterstrichen. Was das denn jetzt solle?, hatte der Chef verärgert gefragt. Na ja, Sie wollten Ergebnisse, hatte de Jong geantwortet. Und das möglichst schnell.

Bühlow schien das nicht so ganz zu glauben, und vielleicht hatte der zeitliche Abstand diese Szene auch etwas optimiert. Aber ob wahr oder frei erfunden, die Anekdote entfaltete ihre Wirkung. Als sie eine halbe Stunde später bei Bolte aufschlugen, wirkte Bühlow fast so, als wäre er ganz der Alte.

Der Agent des berühmten Thrillerautors wirkte immer noch angezählt – wobei de Jong nicht sagen konnte, ob durch den Verlust des Freundes oder durch übermäßigen Alkoholkonsum. Er schätzte den Mann auf Anfang vierzig. Er hatte ein rundes Gesicht mit Pausbacken, und sein Outfit erweckte den Eindruck, als hätte Bolte es während des Ankleidens irgendwann aufgegeben, auf zueinander passende Sachen zu achten. Ein cremefarbenes Hemd hing aus der dunkelgrünen Hose, gefolgt von einem Speckröllchen, das über den Hosenbund quoll.

»Herr Bolte, wir sind’s noch mal«, sagte Bühlow mit sanfter Stimme, wie ein Krankenpfleger, der sich nach dem Befinden seines Patienten erkundigt. »Fühlen Sie sich in der Lage, ein paar Fragen zu beantworten?«

Bolte verzog den Mund zu einem trotzigen Grinsen. »Ich sag Ihnen alles, was ich weiß. Und dann finden Sie dieses Schwein.«

Er ließ die Tür aufschwingen, Bühlow und de Jong folgten ihm hinein. Die Wohnung war weitläufig, Küche und Wohnzimmer gingen ineinander über. Über eine futuristisch anmutende Holzwendeltreppe gelangte man nach oben auf eine zweite Ebene. Eine monströse Eckcouch in düsterem Lila zog die Blicke auf sich, an den weiß gekälkten Wänden hing Malerei im gleichen Farbton, undefinierbare Klecksereien in Rorschach-Manier.

»Leider bin ich noch nicht zum Aufräumen gekommen.« Der Agent wies auf einen Haufen Klamotten, die über einer Stuhllehne hingen, und zwei leere Weinflaschen auf dem Glastisch. De Jong nahm auf der Couch Platz. Er entschloss sich, dieses Mal den Auftakt der Befragung zu übernehmen. »Dass Sie uns alles sagen wollen, ist sehr lobenswert.«

Bolte stand noch in der Küche und schenkte sich Rotwein ein, kam dann mit dem Glas in der Hand zu ihnen. Stellte es vor sich auf den Tisch und setzte sich. »Ja, und dann schnappen Sie das kranke Schwein«, wiederholte er.

»Es hört sich ein bisschen so an, als hätten Sie einen bestimmten Verdacht.«

»Einen bestimmten Verdacht? Schön wär’s, Herr Kommissar. Schön wär’s.«

De Jong wies mit dem Kopf auf Bühlow. »Er ist der Kommissar.«

»Allerdings bedeutet das ja wohl nicht, dass man beide Augen zudrückt, oder?« Bolte beugte sich vor und sah de Jong an, und de Jong sah in die blutunterlaufenen, vom Alkoholexzess gezeichneten Augen seines Gegenübers. »Wenn man zwei und zwei zusammenzählen kann, dann sollte man es verdammt noch mal tun, was meinen Sie?«

»Also gut«, sagte de Jong. »Auch einfache Rechenaufgaben sind dazu da, gelöst zu werden. Meine Meinung.«

Ingolf Bolte nahm einen großen Schluck, dann schüttelte er ausgiebig den Kopf und lachte zischend. »Ich will niemanden anschwärzen, weiß Gott … Aber ein Mann ist tot. Mein Freund, verstehen Sie? Mein Kumpel. Und er ist nicht nur einfach so tot. Man hat ihm den Kopf abgeschlagen wie einem …« Er schnaufte unwillig, da ihm offenbar kein Vergleich einfiel. »Und Sie sollten sich wenigstens mit ihr unterhalten.«

»Mit ihr?«

Boltes Kopf nickte nach oben, dort, wo die Wendeltreppe hinaufführte. »Nadja, die ihren Charles angeblich so abgöttisch geliebt hat. Ihn – nicht den guten Jo. Obwohl sie sich ja am Schluss kaum noch die Mühe gemacht hat, es zu verbergen.«

Bühlow schaltete sich ein. »Sie deuten also an, Frau vom Hofe hat ein Verhältnis mit dem guten Jo? So dass die beiden möglicherweise ein Motiv gehabt haben könnten, Herrn Nöck …«

»Ich deute gar nichts an«, widersprach der Agent und hob abwehrend beide Hände. »Ich sage nur, was ist. Schlicht und einfach. Weil ich Augen im Kopf habe.«

»Und zwei und zwei zusammenzählen.«

Schon wieder zischte Bolte. »Die beiden konnten doch die Finger nicht voneinander lassen. Haben jede Gelegenheit genutzt …«

»Na gut«, sagte de Jong. »Aber wenn sie da was am Laufen hatte, dann war das doch noch lange kein Grund, Charles nach dem Leben zu trachten. So geht es in der Regel nur in drittklassigen Fernsehkrimis zu.«

»Fragen Sie sie, Herr Kommissar.« Bolte hob die Schultern in einer Ich-wollte-ja-nur-helfen-Geste. »Mehr will ich nicht.« Aber dann musste er doch noch etwas loswerden. »Jo Lempel verdankt alles, was er ist, Charles Nöck. Ohne Charlie wäre er ein Nichts. Noch weniger: ein Garnichts. Aber der Neid hat ihn zerfressen. Ich wusste das schon immer: Der Kerl ist eine tickende Zeitbombe. Er steckt immer ein, aber vergisst nichts und nimmt alles übel. Wartet auf seine Chance, es heimzuzahlen.«

»Besagter guter Jo war also nicht nur mit Herrn Nöcks Ehefrau …«

»Lebensgefährtin.«

»Okay. Er war nicht nur mit ihr näher befreundet, sondern auch neidisch auf Herrn Nöck und dessen Erfolg.«

Bolte schien darüber nachzudenken. Schließlich nickte er. »Hinzu kommt aber, dass …«

Er verstummte abrupt, als oben, auf der zweiten Ebene, eine Tür geschlossen wurde. »Jetzt ist sie wach«, flüsterte er. Und rief laut: »Nadja? Bist du das? Hier ist Besuch …«

Eine Frau kam, nein, schwebte die Treppe herab. Eine schlanke, langbeinige Blondine, deren welliges, sorgfältig frisiertes Haar perfekt fiel und überhaupt nicht so aussah, als wäre sie gerade aus dem Bett geklettert. Nadja vom Hofe hatte sich in einen flauschigen, weißen Bademantel gehüllt. Ihre zierlichen, nackten Füße steckten in Flipflops.

Bolte hatte sich schon erhoben und leerte eilig sein Weinglas. »Also, ich muss dann auch schon los …«

De Jong legte ihm die Hand auf den Arm. »Sagen Sie mir doch erst noch: Was kommt hinzu?«

»Hinzu?«

»Sie haben gerade gesagt: ›Hinzu kommt aber, dass …‹ Mich würde interessieren, was.«

Bolte zog ein gequältes Gesicht. Offenbar widerstrebte es ihm, weiter in Nadjas Anwesenheit über tickende Zeitbomben zu sprechen. Er war wohl nicht der Mann der offenen Auseinandersetzung. »Die beiden Herren sind von der Kripo«, flötete er in fast heiterer Manier. »Sie tun alles, um den Kerl zu finden, der Charles das angetan hat.«

Nadja nickte de Jong und Bühlow flüchtig zu und steuerte zuerst die Küche an, wo sie den Kühlschrank öffnete, eine Flasche Orangensaft herausnahm und sich davon in ein Glas goss. Dann steckte sie einen bunten Plastikstrohhalm in das Getränk.

Bolte nutzte die Zeit, um sich zu de Jong herunterzubeugen und ihm zuzuraunen: »Ein Schwert. Der Mann besitzt ein Schwert. Und was für eins.«

»Ja, was für eins?«, fragte de Jong.

Bolte aber hatte sich schon wieder aufgerichtet und lächelte Nadja zu, die zu ihnen herüberkam. »Na, sag schon, geht’s dir wieder besser?«

Ihre Reaktion: Sie zog die Mundwinkel herunter und schniefte. Dann setzte sie sich auf die lila Couch, weit genug weg von Bühlow und de Jong, und umschloss mit beiden Händen ihren Orangensaft, als könnte sie sich die Hände daran wärmen.

»Frau vom Hofe«, Bühlow räusperte sich, sobald Bolte die Wohnungstür hinter sich geschlossen hatte, »das ist Herr de Jong, Berater der Kripo Münster. Wir möchten Ihnen noch einmal unser Beileid aussprechen. Genau, und dass wir alles tun, um den Mörder zu fassen.«

Sie deutete ein weiteres Nicken an und steckte den Strohhalm in den Mund.

»Wie lange kannten Sie Charles Nöck?«, erkundigte sich de Jong.

Nadja setzte den Strohhalm wieder ab und schniefte. »Nicht lange genug. Erst seit einem Jahr. Seit ich als Model arbeite.« Sie fing an, in den Taschen ihres Bademantels zu kramen.

Bühlow war schneller und reichte ihr ein Papiertaschentuch. »Sie sind Model?«

»Für Unterwäsche.« Frau vom Hofe nahm das Taschentuch kommentarlos entgegen und schniefte hinein. »Dessousmodel. Ich bin sehr gefragt.«

»Das bezweifle ich keine Sekunde«, platzte der Hauptkommissar mit einem platten Kompliment heraus.

»Und Herr Nöck?«, sagte de Jong, den das Geturtel nervte. »War er speziell an Damenunterwäsche interessiert?«

Nadja vom Hofe musterte de Jong mit einem kühlen Blick. »Damals, als ich ihn kennenlernte, habe ich noch nicht gemodelt. Ich war als Treuetesterin tätig. Charles war meine Zielperson.«

»Zielperson? Sie haben ihn beschattet?«, entfuhr es de Jong, der sich im selben Moment alt vorkam, zum Glück las er in Bühlows Miene die gleiche Ahnungslosigkeit, bildete es sich jedenfalls ein.

Das Dessous-Model stellte das Glas auf den Tisch und überprüfte den Knoten ihres Bademantels. »Nehmen wir an, Ihre Frau würde an Ihrer ehelichen Treue zweifeln«, erklärte sie an de Jong gewandt. »Sie ruft die Testagentur an, und die würde mich dann losschicken.«

»Damit Sie mal mit meiner Frau reden, oder was?«

Nadjas genervter Blick richtete sich deckenwärts, als weigerte sie sich zu glauben, dass auf diesem Planeten Lebewesen existierten, die so blöd sein konnten. »Ich mache mich an Sie heran und finde heraus, wie weit Sie gehen würden. Lasse mich zum Essen ausführen, treffe mich mit Ihnen in einem Hotel.«

»Das ist schon ziemlich weit.«

»Wenn es noch weiter geht, haben wir einen Treffer.«

»Einen Treffer?«

»Dann melden wir der Auftraggeberin, dass Sie durch den Test gerasselt sind. Und ich kassiere meine Abschussprämie.«

»Die haben Sie bei Charles Nöck also auch kassiert?«, vermutete Bühlow.

Nadja nickte stolz. »So hat es mit uns angefangen.«

»Wie romantisch«, staunte der Hauptkommissar, der regelrecht aufgedreht wirkte. Es war nicht zu übersehen, dass das Dessousmodel sein Typ war.

»Seine Damalige hatte mich auf ihn angesetzt. Sie war krankhaft eifersüchtig. Als es dann zwischen uns gefunkt hatte, machte sie eine Riesenszene und weigerte sich zu zahlen. Niemand könne von ihr verlangen, dass sie die sexuellen Eskapaden ihres Verlobten auch noch finanziell unterstütze.«

»Ein Standpunkt, den man nachvollziehen kann«, fand de Jong.

»Vielleicht. Aber das hätte sie sich vorher überlegen sollen.«

»Und was ist jetzt mit dem guten Jo?«, erkundigte sich der Exkommissar, um das blöde Grinsen abzustellen, das Bühlows Gesicht entstellte. »Wer hat ihn denn auf Sie angesetzt?«

»Den hat niemand angesetzt.« Nadja widmete sich für einen Moment ihrem Strohhalm. »Jo Lempel hat für Charles gearbeitet. Als sein persönlicher Influencer.«

»Was konkret bedeutet …?«, fragte de Jong.

»Er hatte nicht gerade viele Follower, gerade mal um die 90.000 auf Facebook und Instagram. Aber dafür, dass er fast ausschließlich für Charles Nöck getrommelt hat, ist das doch ganz ordentlich, finde ich.« Sie zuckte mit den Schultern. »Na gut, da war auch noch ein Hersteller für Deodorant und einer für Sportsocken. Aber sonst …«

»War Jo neidisch auf Charles? Auf seinen Erfolg?«

»Neidisch? Quatsch, wer behauptet denn so was?« Nadja nestelte nervös an ihrem Bademantel, zupfte ein wenig am Kragen und vergrößerte auf diese Weise ihr Dekolleté, womit sie Bühlows Aufmerksamkeit gewann. »Sie haben wegen etwas ganz anderem gestritten. Charles hatte immer mal einen schlechten Tag, und damals war er sauer, dass Jo so wenig Follower hatte. Jo war sauer, dass Charles seine Arbeit überhaupt nicht zu würdigen wusste.« Erneutes Schniefen, Bühlow zückte ein weiteres Taschentuch. »Was auch stimmt. Sie glauben nicht, was Jo alles gemacht hat. Zuletzt hat er ein Video auf Youtube gestellt, da hat er mit einem Nöck-Thriller einen Selbstversuch gemacht und den Usern vor laufender Kamera demonstriert, dass er das Buch, nachdem er es einmal angefangen hatte, nicht aus der Hand legen konnte. Aber das hat Charles kaum beeindruckt. Er sagte immer: ›Influenza braucht man nicht, man lässt sich gegen sie impfen.‹ Er fand das witzig. Jo war kurz davor hinzuwerfen, damit Charles dann mal sehe, was er davon hätte. Und ich konnte es ihm nicht verdenken.«

»Wie ist denn Ihr Verhältnis zu Herrn Lempel?«, erkundigte sich Bühlow.

Nadja zuckte wieder mit den Schultern. »Er ist ein guter Freund. Charles kennt ihn schon viel länger als mich. Damals war er mit seiner Schwester Amanda zusammen. So haben die beiden sich kennengelernt.«

»Sie war also die Dame, die sich weigerte zu zahlen?«, fragte Bühlow.

»Die hat vielleicht rumgezetert, dabei war sie selbst schuld. An Charles’ Stelle wäre ich auch nicht gern mit ihr zusammen gewesen.«

Die folgende kurze Stille wurde nur vom röchelnden Sauggeräusch unterbrochen, das Nadja mit ihrem Strohhalm erzeugte.

»Herr Bolte deutete an«, sagte Hauptkommissar Bühlow, »dass Herrn Nöcks Verhältnis zu seiner Verlegerin kompliziert gewesen sei. Ist Ihnen darüber etwas bekannt?«

»Die Frau ist eine arrogante Zicke. Nöck hat sie reich gemacht. Und den schon totgesagten Verlag wiederbelebt. Und was macht sie: Sie nennt die Präsentation seines neuen Buches albern und behauptet, dass Charles mediengeil sei.« Wieder schniefte sie. »Frieda von Bechritz. Wissen Sie, wie man sie hinter ihrem Rücken nennt: Frigida von Brechreiz. Das passt hundertpro.«

»Noch mal zurück zu Jo«, sagte de Jong. »Ich würde noch gern wissen: Ist zwischen Ihnen beiden zufällig etwas gelaufen?«

Zum Zeichen ihrer Entrüstung zog Nadja einen Schmollmund. »Sie meinen, ob Jo und ich … Und dass wir deshalb Charles aus dem Weg …« Energisches, empörtes Kopfschütteln. »Was die Polizei sich so zusammenreimt! Da finden sich zwei Leute sympathisch, und schon machen sie sich des Mordes verdächtig.«

»Das hat doch keiner gesagt«, widersprach de Jong, schränkte aber dann ein: »Jedenfalls nicht mit diesen Worten.«

Nadja wandte sich demonstrativ von de Jong ab und Bühlow zu. »Ich finde ihn nett, ja. Aber da war nichts zwischen uns. Okay, zwei oder dreimal war ich mit ihm im Bett, aber das war alles.«

»Und hat Charles das nicht gestört?«

Jetzt bekam auch Bühlow einen kritischen Blick ab. »Ich hab doch gesagt, da war nichts zwischen uns.«

»Das könnte er aber doch anders gesehen haben«, meinte Bühlow. »Immerhin haben Sie mit ihm geschlafen.«

»Ach ja?« Mit einer energischen Geste raffte Nadja den Kragen ihres Bademantels, als gönnte sie Bühlow jetzt keinen weiteren Blick mehr. »Und dann hat er Charles Nöck umgebracht, damit ich für ihn frei bin? Denken Sie das? – Nein, Jo ist vielleicht ein bisschen spirituell, aber er ist nicht blöd.«

»Er ist spirituell?«, übernahm de Jong wieder. »Was meinen Sie damit?«

»Jo nimmt Kontakt zu Verstorbenen auf. Und er schwärmt für japanischen Schwertkampf. Der ist hochspirituell. Er ist sogar in einem Verein. ›Du kämpfst nicht, um zu töten‹, hat er immer gesagt. ›Sondern nur darum, dich selbst zu finden.‹«

»Aber er braucht doch ein Schwert, um sich selbst zu finden?«

»Oh ja. Ein echtes Samurai-Schwert. Charles hat ihm eins zum Dreißigsten geschenkt. Es hat ein Vermögen gekostet.«

»Und es ist messerscharf, nehme ich an?«

Plötzlich schien sie zu ahnen, worauf das hinauslief. »Aber Sie denken doch nicht, dass … Nein, das Schwert ist sein Ein und Alles, er würde es niemals …«

»Können Sie uns sagen, wo wir Herrn Lempel finden?«

Sie überlegte, schüttelte dann den Kopf. »Er hat gesagt, dass er weg will, um den Kopf freizubekommen. Nach all dem, was passiert ist.«

»Den Kopf freibekommen«, wiederholte de Jong. »Da sprach er von seinem eigenen, nehme ich an.«

Nadja funkelte ihn wütend an. »Mehr hat er nicht gesagt. Und auf seinem Handy meldet sich nur die Mailbox.«

»Wissen Sie zufällig, wo er sein Schwert aufbewahrt?«

Kopfschütteln. »Das müssen Sie ihn selbst fragen.«

»Wenn er sich bei Ihnen melden sollte«, Bühlow zog eine Visitenkarte aus seiner Jackentasche und legte sie auf den Tisch, »bitte sagen Sie uns Bescheid. Sie verstehen doch, dass es wichtig ist.«

»Aber Sie glauben doch nicht im Ernst, dass er Charles …« Sie stockte. »Dass er ihm das angetan hat?«

»Was wir glauben, ist in dem Fall nicht so wichtig. Wir brauchen Gewissheit. Herr Lempel sollte sich nicht vor uns verstecken, wenn er nicht will, dass wir ihn als Verdächtigen in Betracht ziehen.«

»Eins kann ich Ihnen jedenfalls versichern.« Nadja beugte sich zu Bühlow und legte ihre Hand auf seinen Arm. »Selbst wenn …«

»Selbst wenn was?«

»Selbst wenn er diese Tat begangen hätte, was ich nicht glaube. Nie und nimmer. Dann nicht mit diesem Schwert.«

»Wie kommen Sie darauf? Besitzt er noch eine andere Waffe?«

Frau vom Hofe sah schon wieder genervt aus. »Nein, aber es ist doch wohl klar, dass er die Tatwaffe nach der Tat verschwinden lassen muss, oder? Das ist doch so üblich. Er muss sie irgendwo ins Wasser werfen oder ins Moor, wo sie nicht gefunden wird, stimmt doch?«

Bühlow nickte. »Nun, niemand wird gezwungen, das zu tun. Abgesehen davon, dass es eine schwere Straftat ist. Aber wenn ich Herrn Nöck umgebracht hätte, würde ich das erwägen.«

»Eben. Und ich sagte ja schon, dass dieses Schwert ein Vermögen gekostet hat. Es wegzuwerfen, wo es niemand finden kann, das wäre doch eine Schande.«

Darmowy fragment się skończył.

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
291 str. 3 ilustracji
ISBN:
9783954415489
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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