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Christine Fischer

Els

Christine Fischer

Els

Eine Erzählung

Appenzeller Verlag

1. Auflage, 2012

© Appenzeller Verlag, CH-9101 Herisau

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und

Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische

Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

Umschlaggestaltung: Eliane Ottiger

Umschlagbild: Lika Nüssli

ISBN eBook: 978-3-85882-649-7

ISBN Buch: 978-3-85882-637-4

www.appenzellerverlag.ch

eBook-Herstellung und Auslieferung:

HEROLD Auslieferung Service GmbH

www.herold-va.de

«Wozu über Steine reden,

wenn der Mensch das Thema ist?»

Peter Sloterdijk

Trinkwasser

Els zieht sich die Kapuze über die feuchten Haare. Der Wind hat in der Nacht auf Nordost gedreht und am Himmel mit Aufräumen begonnen. General Nordost. Er schafft Ordnung und bringt Kälte, doch mit der Kälte bringt er auch Kraft in die zaghaften Farben des Frühlings. Schwarzweissgestreift wie die Kruppen von Zebras ragen die Berge in den Morgenhimmel. Noch so viel Schnee. Er liegt nicht nur an den Hängen und auf den Gipfeln der norwegischen Seite. Auch das schwedische Hukejaure gibt er nur zögerlich frei, und fjellwärts liegt er noch einen halben Meter hoch. Mindestens. Der Junischnee Lapplands, grobkörnig wie Meersalz.

Fauler Schnee, denkt Els. Schwer und nass. Als Kind hatte sie erfahren, dass er den Spass am Schlitteln verdirbt. Fauler Schnee. Das Ende der Winterherrlichkeit. Auch dieser Schnee ist faul, und trotzdem hat er Els beim Aufstieg ganz schön zugesetzt. Doch sie hat ihm die Zähne gezeigt. Kein Lächeln, aber Biss. Els, die Schneebeisserin. Sie schmunzelt. Sie sieht sich selber als monströses Insekt, das seine Mandibeln in die Schneekruste schlägt und grosse Stücke davon abbeisst, sich unbeirrbar eine Schneise fräst. Ja, sie ist die Stärkere gewesen. Stärker als wer eigentlich?, denkt Els. Stärker als was? Stärker als sie selbst vielleicht? Stärker als die Natur? Was wäre dann sie, Els, wenn nicht mehr Natur? Gäbe es anderes? Über sich selbst Hinauswachsen hiesse, etwas von sich selbst missachten. Etwas Wichtiges vielleicht. Eine Grenze.

Sie hat beim Marsch hierher gekämpft, aber nicht gesiegt, so viel steht fest. Siegen. Els hat für das Wort nicht viel übrig. Sie hat ihre Pflicht erfüllt, das ist alles. Zwölf schwere, nasse, lange Stunden hat sie gebraucht für den Weg über die Weiten der Tundra und durch die Blockhalden. Bei schneefreien Verhältnissen wäre er in sieben Stunden zu schaffen gewesen. Im unteren Teil ist sie noch zügig vorangekommen. Sie hat ihn streckenweise auf den bereits aperen Holzplanken zurücklegen können. Doch schon bald haben breite Zungen aufgeweichten Schnees ihren Marsch behindert. Früher hätte Els diese Schneefelder einfach durchquert. Nicht leichtsinnig, aber im Vertrauen auf die Kräfte ihres Körpers. Und wenn sie eingesunken wäre, hätte sie sich mit der kurzen Schaufel, die sie mitführte, im Nu wieder ausgegraben. Doch mit dreiundsiebzig Jahren geht manches nicht mehr so spielend. Von Spiel kann eigentlich keine Rede mehr sein. Wo die Kraft fehlt, muss der Wille einspringen. Der Eigensinn, wie Klement sagen würde. Oder das Glück, denkt Els.

Dieses Jahr war es vom ersten Kilometer an anders gewesen. Ein neues Gefühl. Das Stechen in den Knien, das Brennen in der rechten Hüfte und unter den Schulterblättern: Diese Schmerzen kannte Els schon länger, sie waren bloss stärker geworden mit jedem Jahr. Etwas anderes hatte sich zu den alten Beschwerden gesellt, etwas Unvertrautes, Aufstörendes. Es hatte sie ins Schwanken gebracht, wenn sie auf einem Stein balancierte, es hatte sie zaudern lassen vor dem Sprung auf den nächsten Stein. Wie Geröll hatte es auf ihrer Brust gelastet, als sie nach einer Furt suchte, um den ersten der mit Schmelzwasser hochgehenden Bäche zu überqueren. Lange hatte sie am Ufer gestanden und ins schäumende Wasser gestarrt, bevor sie ihren Rucksack geschultert und die zusammengebundenen Schuhe an den Schnürsenkeln gepackt hatte. War es Angst gewesen? Hatte sie Angst? Die Kälte hatte ihr Füsse und Waden zerschnitten.

Klement musste etwas gespürt haben. Er hatte sie nur ungern ziehen lassen. Hast du dir das gut überlegt?, hatte er gefragt. Els hatte zur Antwort bloss gefaucht. Klement sollte ihr jetzt nicht mit Vernunft kommen. Sie war die Hüttenwartin von Hukejaure. Mehr gab es nicht zu sagen. Ohne sie verschwände dieser Ort von der Landkarte. Nicht äusserlich als geographischer Ort, sondern als ihre Wirklichkeit. Heimat. Niemand gibt seine Heimat leichthin auf. Ich fühle mich so frisch wie bei meinem ersten Aufstieg, hatte Els gelogen. Du übernimmst dich, hatte Klement erwidert, mancher Körper ist älter als der Geist, der ihn bewohnt. Alter Schamane, hatte Els gesagt, und Klement hatte geschmeichelt aufgelacht. Sie hatte den Rucksack gebuckelt. Man kann nur am Leben sterben, Klement, hatte sie gesagt und ihm die Hand zum Abschied gereicht. Auf Leben und Tod also, in deinem Alter?, hatte er gefragt. Auf das Leben, solange es hinreicht, hatte Els erwidert und die Lippen geschürzt.

Kurz nach Sitasjaure hatte sie die letzten Bäume hinter sich gelassen, die letzte Kiefer, die letzten Birken, die mit jedem zurückgelegten Höhenmeter immer kleiner, immer knorriger geworden und bald nur noch als niedriges Gebüsch über die Heide gekrochen waren. Tapfere Krieger am Rande der Vegetationszone, die das Feld wenig später endgültig dem gleichförmigen Heer der Heidestauden und Steppengräser, der Moose und Flechten überlassen mussten.

Mit jedem Schritt war es Els leichter geworden ums Herz, als fielen die eisernen Bänder, die ihre Brust unten im Tiefland eingeschnürt hatten, eins ums andere von ihr ab. Jetzt betrat sie das «höhere Land», wie die Samen die benachbarte Gegend nannten. Sie tat es mit einer Art Ehrfurcht, die in all den Jahren nicht kleiner geworden war, nur vertrauter. Kilometerweite Einöden öffneten sich vor ihr, weiteten den Blick, machten sie klein, setzten neue Massstäbe, liessen Verhältnisse einstürzen. Els behielt die ockerfarbenen, von Schneeresten durchsetzten Hänge in der Ferne fest im Auge. Nur an deren Veränderung konnte sie ablesen, dass sie tatsächlich vorwärtskam und nicht nur träumte, sie ginge.

Heute ist kein Tag für Mücken. Oder vielleicht ist es noch zu früh im Jahr. Man kann stehenbleiben, wo und wie lange man will, und den Gedanken nachhängen. Zeit vertrödeln. Els bückt sich und nimmt die beiden Eimer auf. Im scharfen Wind geben sie ein leises, metallisches Jaulen von sich. Els will jetzt nicht an Arco denken. Hier könnte sie ihn nicht durchfüttern. Und er sie nicht beschützen, halbblind und triefnasig, wie er geworden war. Sie schliddert mit den Eimern das abschüssige Ufer zum Hukesee hinunter. Sie hätte zum Wasserholen ihre festen Schuhe anziehen sollen, nicht Klements alte Gummistiefel, die ihr gut und gerne vier Nummern zu gross sind. Während der Saison wird das Trinkwasser üblicherweise anderswo geschöpft, aus einem namenlosen Seelein, welches westlich der Hütte in einer Senke liegt. Doch im Vorsommer, wenn Els hier der erste Mensch auf Erden ist, braucht sie das Wasser nicht in sauber und verschmutzt zu trennen. Wasser ist dann einfach nur Wasser, aus seiner Winterstarre erwachend, rein und klar. Dünne Eisplatten treiben auf dem See. An den Rändern lächelt er schwarz. Das Lächeln wird breiter mit jedem Tag. Und wärmer. Nicht fühlbar, aber messbar, wenn Els messen wollte. Sie will nicht messen. Keine Wassertemperatur und keinen Sonnenstand. Keine Lebenszeit. Und doch.

Els füllt die Eimer nur zur Hälfte. Schwerer kann sie nicht tragen. Nicht mehr. Sie beugt sich über das Wasser. Nun, da sie es eingefangen hat, ist es nicht länger schwarz, sondern durchsichtig, es blitzt und funkelt. Winzige Sandkörner wirbeln über den Chromstahl auf dem Grund des Eimers. Man kann sich kaum zurückhalten, man möchte seine Hände, sein Gesicht mit weit geöffneten Augen hineintauchen in dieses Flirren, man möchte Teil dieser sprühenden Welt werden, versprühen. Els tut es nicht. Es ist Trinkwasser. Dies soll nun Trinkwasser sein, bestimmt sie. Sie will es nicht verschmutzen. In diesen Dingen war sie immer genau gewesen, auch mit sich selber. Bis auf heute nacht.

Darf ich noch länger bleiben, Mama?

Länger bleiben, Kind, wozu?

Weil es schön ist. Bleiben ist schön.

Darf ich noch bleiben?

Nein, du brauchst deinen Schlaf. Komm, alles

Schöne hat einmal ein Ende.

Els nimmt einen Stein und schleudert ihn auf den See hinaus. Er landet auf einer Eisscholle, die vom Wind ans südliche Ufer getrieben wird, bleibt an der Oberfläche, im Licht. Kurzer Aufschub. Spätestens in einer Woche wird die Scholle geschmolzen und der Stein verschwunden sein, für immer. Keinem menschlichen Auge jemals mehr sichtbar, keiner Hand mehr greifbar. Plötzlich tut es weh, den Stein gekannt zu haben. Eine Seeschwalbe fliegt auf und verschwindet in der weissen Sonne. Gute Reise, murmelt Els und kneift die Augen zusammen. Sie will nicht wissen, wem genau ihr Wunsch gilt. Sie steht da, während anderes weggeht. Während alles weggeht.

Prüfend lässt Els ihren Blick über die Grate gleiten, um ihn dann im Schwebeflug zurückzuführen, bis er auf den Kieseln vor ihren Füssen landet. Sie atmet auf. Zumindest ihren Augen kann sie noch trauen! In die Weite sieht sie scharf wie eh und je, nur fürs Lesen ist sie auf die Brille angewiesen. Lesen. Viel lieber als Gedrucktes liest Els in den Geschichtsbüchern der Landschaft, des Gesteins, der Vegetation. Und soviel sie auch in diesen voluminösen Werken liest, sich in die Texte versenkt, noch nie hat sie eine Stelle daraus auswendig aufsagen können. Als veränderte sich der Text laufend mit dem Lesen. Sie hatte mit Klement darüber gesprochen. Das ist das Wesen guter Bücher, hatte Klement gemeint. Er muss es wissen, verbringt er doch das Winterhalbjahr mit Lesen. Am liebsten sind ihm Geschichten, die in fremden Kulturen spielen, in Armenien, im Kongo, bei den Maori, und Magazine, welche die Natur zum Thema haben. Während Klement liest, ist Els eine, die schaut. Wie lange noch wird sie im Bilderbuch Lapplands blättern können? Was ihr so lange Jahre selbstverständlich schien, droht jetzt zu zerfleddern.

Erst ein paar Tage ist es her, dass sie den Gewaltmarsch von Sitasjaure herauf zurückgelegt hat, und bereits läuft er in ihrem Hirn ab wie ein Film. Bilder reihen sich aneinander, Blenden wechseln sich ab. Was keine Darstellung erfährt, ist die Monotonie des Gehens, der Überdruss, der sich wie Bremsklötze in den Gelenken festsetzt. Das Gewicht des Rucksacks, der sich mit Steinen aufzufüllen scheint. Was musst du all diese Salbentöpfe und Giftfläschchen mit dir hochschleppen, hatte Klement geschimpft, willst du ein Lazarett einrichten auf Hukejaure? Die Landschaft hatte allmählich ihren Charakter gewechselt, war wild geworden, statt öde zu sein. Noch rang der Winter mit dem Frühling. Immer zögerlicher gaben die Schneefelder die Vegetation der Tundra preis, matte Töne von Grün, Grau, Ocker und Braun. Felsblöcke ragten aus dem Schnee, als wären es Helme gefallener Riesen.

Irgendwann war es geschafft gewesen. Das nach Norwegen führende Hochtal mit seiner Ansammlung von Seen und Tümpeln tat sich auf. Die Hütte von Hukejaure lag auf der Anhöhe zwischen Felstrümmern. Die erste Behausung nach der Erschaffung der Erde in einer Landschaft, in der sich Wasser und Land noch nicht gänzlich geschieden hatten. Eine vorsprachliche, eine stammelnde Welt. Der Himmel hatte sich mit dunklen Wolken überzogen. Aus den Lücken und Rissen fiel ein giftgelbes Licht auf die Szenerie und liess die Moorwasser aufblitzen wie Augen von Raubkatzen. Els blieb stehen. Sie glaubte, keinen Schritt weitergehen zu können. Hukejaure gehörte einer anderen Epoche an. Sie hatte kein Recht, hier einzudringen. Sie war ein Fremdkörper. Sie würde entweder Vernichtung bringen oder aber vernichtet werden.

Doch Stehenbleiben war keine Lösung, die getaugt hätte. Nicht im Fjell. Wer im Tal unten stehenbleibt, wird von den Mücken gefressen. Wer es hier oben versucht, versteinert. Auch jetzt kann Els nicht stehenbleiben. Etwas ruft, immerzu. Wenn es nicht die Pflicht ist, dann ist es die Neugier, oder die Lust. Langsam steigt Els den Pfad hoch. An vielen Stellen ist er noch von schmutzigem Schnee bedeckt. Man sieht die Fussspuren derer, die in den letzten Tagen hier Wasser geholt haben. Els. Anne. Ein Lemming. Erst gestern noch hat Anne für sie zwei volle Eimer vom See zur Hütte hochgeschleppt. Es ist eine Ewigkeit her. Mein Abschiedsgeschenk, hatte die junge Frau mit jenem kurzen Auflachen gesagt, welches für Els in nur drei Tagen ein Stück Anne geworden war.

Els weiss, sie sollte sich beeilen. Bestimmt kocht das aufgesetzte Restwasser in der Hütte bereits. Sie könnte wieder nachgiessen, auf die Geräusche des sich erhitzenden Wassers lauschen, erneut Dampf erzeugen, schwitzen, weiterkochen, Wasser wegkochen, alle Wasser von Hukejaure, das ganze Wasserschloss Lappland verkochen, kochen bis ans Ende ihrer Tage. Els beisst sich auf die Lippen. Welcher Teufel reitet sie? Sie sollte Gas sparen. An allem sollte sie sparen. An Gas, an Waschmittel, an Schokolade und an ihren Kräften. An ihren Gedanken sollte sie sparen und an Gefühlen, die den Kreis ihres Sommeraufenthaltes sprengen. Sparen aufgrund von etwas, sparen für etwas. Sparen fürs Leben, sparen aufgrund des Todes. Oder umgekehrt. Am Sparen zugrunde gehen.

Was ist in dieser Schachtel, Kind?

Es sind Bonbons.

Wozu liegen sie in der Schachtel?

Magst du keine Bonbons?

Doch, aber der Pfarrer sagt, Bonbons gehören

in eine Schachtel unters Bett.

Warum denn?

Weil man dann in den Himmel kommt.

Els hört die Stimme von Instruktor Sörensen in ihrem Kopf sprechen. Eine Hüttenwartin sollte stets massvoll sein und die Ressourcen mit Vernunft verwalten. Sämtliche Ressourcen, die eigenen und diejenigen, welche die Natur nördlich des Polarkreises zur Verfügung stellt, bald verschwenderisch, bald in kargen Dosen. Wind und Wasser, Licht und Wärme, Fauna und Flora, Raum und Zeit. In der Not kann das Haushalten mit Gütern, können eisern gehütete Vorräte lebensrettend sein. Als Vorräte gelten auch geistige Schätze, das Wissen, die Tatkraft, die Schläue; diese Lektion hat Els gelernt, damals in der Schulung bei Sörensen und vor allem in der Schule der Erfahrung. Sie gibt sich nicht die Mühe, die Jahre ihrer Lehrzeit in Lappland zusammenzuzählen. Sie bräuchte dazu mehr als alle Finger ihrer Hände, sie bräuchte drei Hände, vier Hände. Doch die Finger und Hände, die Arme, Schultern, die Sehnen ihrer Beine, Füsse und Zehen, die Muskulatur ihres Rückens und Beckens haben im Moment anderes zu tun. Sie tragen und befördern das Gewicht und das Volumen von Wasser, den Nutzen von Wasser: Trinkwasser, Kaffeewasser, Kochwasser.

Nach einer Verschnaufpause ist Els mit den Eimern zurück in der Hütte. Sie findet ihr Wohnabteil in dichten Dampf gehüllt. Als ob jemand einen Sauna-Aufguss gemacht hätte. Doch eine Sauna gibt es nicht auf Hukejaure, nebst der dreiteiligen Wohnbaracke gibt es nur einen Geräteschuppen und das Klohäuschen. Wo wollte man, hoch über der Baumgrenze, Brennholz für eine Sauna hernehmen? Und wo die Menschen, die einer Badestube, einer «Bastu», zusprächen? Für Els alleine würde sich der Aufwand nicht lohnen. Sie hat zwar von jungen Leuten gehört, die einer Sauna zuliebe einen Umweg von zwanzig Kilometern in Kauf nähmen, sommers wie winters. Für Els nichts als närrisches Getue. Etwas für verwöhnte Studenten, die gerne Überlebenskampf im Hohen Norden spielen. Els kennt die Sorte. Sobald die Wege begehbar werden, tauchen sie hier auf und lassen ihre Rucksäcke auf die Treppe poltern. Ihr will scheinen, es handle sich Jahr für Jahr um dieselbe Handvoll junger Leute. Im Aussehen, in der Haartracht, der Grösse, in ihrer Ausrüstung und in ihrer Art, sich zu bewegen und miteinander zu sprechen ähneln sie sich wie ein Ei dem andern. Sie kommen, sehen und siegen, stark, gesund und schön. Nichts scheint sie zu kümmern ausser der Exotik ihres Erlebens. Es sind alles Wiedergänger, denkt Els bitter.

Sie mustert den Fussboden. Die Wasserflecken auf den rohen Dielen sehen aus wie ein Archipel aus der Vogelperspektive. In einem Blitzlicht taucht ein blaues Holzhaus mit weissen Tür- und Fensterrahmen in den Stockholmer Schären auf, ein einsames blaues Holzhaus mit einem Zimmer im oberen Stockwerk, das sie manchmal betritt, um dort nichts zu tun, als vom Schreibtisch aus durchs Fenster auf eine Kiefer zu blicken, Arcos struppiges Fell zu kraulen und den Duft von Holz, Sauberkeit und Licht einzuatmen. Svartlogafjärden. Els beisst sich auf die Lippen, das blaue Holzhaus verschwindet, es bleiben die nassen Planken im Wohnabteil der Hüttenwartin von Hukejaure und der Eindruck, es handle sich um vergnügte nasse Planken.

Els, Els, komm mit! Wir heizen ein,

bis sich die Saunabänke biegen!

Warum? Wozu?

Weil es grossartig ist. Weil die Hitze dir

den Kopf ausbläst.

Ich fürchte mich.

Sei unbesorgt. Meine Mutter hat mich

im Schwitzhaus geboren.

Nicht Sauna gemacht, gebadet hat Els, die halbe Nacht lang. In Annes dreissig Liter Trinkwasser gesetzt hat sie sich, mit den Essenzen von Haarshampoo, schlechtem Gewissen und Übermut. Sie hat den Flickenteppich zusammengerollt, die noch leere Sammelbox für nicht brennbaren Abfall im Vorraum aus der Halterung gelöst und sich, eingeklemmt zwischen Küchenkasten und Tisch, in der hellen Mittsommernacht ein Bad gegönnt. Auf allen drei Gasherden, die in der Hütte zur Verfügung stehen, hat sie grosse Töpfe mit Trinkwasser aufgesetzt, hat es im Bottich mit Kaltwasser gemischt und sich hineingehockt, keusch und entschlossen, zusammengekrümmt wie ein Wichtelkind. So klein und schmächtig Els’ Körper auch ist, er füllte die Wanne leidlich aus, und bei jeder Bewegung schwappte Wasser über. Doch Els liess sich nicht beirren. Sie blieb sitzen, goss aus den Töpfen, die sie in Griffnähe um ihre Wanne herum postiert hatte, immer wieder heisses Wasser nach, spürte, wie die Wärme ihre Poren öffnete und sie verwandelte, in eine Jüngere, eine Schönere, eine Andere. Annewasser. Der Nachthimmel durchs Hüttenfenster war bald düster verhangen, bald ein Lichterfest von Lila, Gold und Glutrot gewesen. In der Wollust des Vergeudens konnte Els bald nicht mehr unterscheiden, war es salzig oder schweissig, was ihr über die Wangen rann und von der Nase troff. Sie war mit sich selbst zu zweit. Nun schämt sie sich.

Energisch stellt Els das Gas ab und reisst das Fenster auf. Es ist halb fünf in der Früh. Jetzt wird nicht mehr in Trinkwasser gebadet und auch kein Badewasser mehr getrunken. Jetzt kehrt die alte Ordnung in die Hütte von Hukejaure zurück. Die nassen Dielen werden trocknen. Es wird keine Spuren mehr geben. Auch die Scham wird irgendwann verschwunden sein. Sie wird versuchen, ein paar Stunden verpassten Nachtschlafs nachzuholen. Gäste werden, wenn überhaupt, erst am Nachmittag auftauchen. Els kennt die Gewohnheiten der Wanderer. Manchmal verachtet sie sie dafür. Sie sind wie Lämmer, wie Kühe. Eigentlich nicht dafür geschaffen, in der grossen Freiheit zu bestehen, die zu dieser rauhen Landschaft gehört. Els mag Rentiere.

Sie schleift den Bottich hinaus auf die Veranda, schüttet das erkaltete Badewasser aus, reibt die Schmutzränder weg und passt die Box wieder in die Halterung im Vorraum ein. Dann legt sie sich ins Bett, halb angezogen oder halb ausgezogen, wer weiss dies schon so genau bei einer alten Frau. Am Morgen muss ich die Uhr aufziehen, denkt Els und grübelt über die Frage nach, ob eine taghelle Nacht, die man nicht schlafend, sondern wachend zugebracht hat, in einen Morgen münden kann und wenn, wo dieses Morgens Anfang wäre und wo sein Ende. Über dieser Frage schläft Els ein, als wäre der Schlaf die Antwort selbst.

Vanille und Erdbeer

Els träumt, und im Traum ist sie in einem anderen Land. Dieses Land ist ein einziger grosser Garten mit Gewächsen, von denen Els nur den Hibiskus kennt und die Bananenstauden. Alles ist grün in diesem Land, grün mit bunten Sprenkeln, selbst die Sonne. Els breitet die Arme aus und rennt auf einem Pfad dahin. Das Grün fängt sie auf, als sie stürzt, und es trägt sie. Aus ihren Händen und Füssen spriessen Wurzelfäden. Einen der Fäden erfasst Els sanft mit den Zähnen. Ihr Mund füllt sich mit einem bitteren Geschmack. Sie erwacht.

Etwas hat sich verändert, das spürt Els ganz deutlich. Sie liegt ruhig da, und plötzlich weiss sie es: Das Ticken der Wanduhr neben der Tür fehlt. Das Pendel ist irgendwann stehengeblieben, während Els schlafend weitergegangen ist. Die Zeit hat mich verlassen, denkt Els. Wenn sie den Kopf dreht, kann sie vom Bett aus zwar das hölzerne Gehäuse sehen, nicht aber das Zifferblatt. Rasch steht sie auf, richtet die Zeiger nach der Armbanduhr und zieht das Uhrwerk auf. Das Ticken setzt ein und füllt den Raum mit seiner monotonen Sprechweise. Els fühlt sich auf der Stelle besser. Ha-llo Ol-sson, ha-llo Ol-sson, sagt Els im Rhythmus des Tickens. Olsson ist der Schriftzug auf dem Zifferblatt. Die Uhr ist ein Ungetüm, viel zu sperrig hängt sie an der Wand von Els’ enger Kammer, wie ein Findling macht sie sich aus in dieser Umgebung, die Unnützes weder kennt noch braucht, am allerwenigsten eine Pendeluhr. Doch sie ist nun einmal da, gehört zwar nicht Els, gehört aber zu Hukejaure, genau wie die Bank draussen an der Westwand und der Bunker auf halbem Weg zur Waschstelle. Sie ist der Pulsschlag der Tage am Rand der Welt. Die Uhr muss ein Erbstück ihres Vorgängers sein, oder des Vorgängers des Vorgängers. Eine Jahrzahl ist ins Holz eingekerbt, und die Kerben sind schwarz nachgedunkelt. Rechts und links der Zahl zwei wie von Kinderhand gezeichnete Sterne. In der nachtlosen Zeit von Mittsommer muten sie fremd an. Vielleicht zeigt die Zahl ein Hochzeitsjahr an oder das Fabrikationsjahr der Uhr. Dann wäre die Uhr gleich alt wie Els’ Mutter, wenn diese noch lebte.

Els denkt, dass sie nicht nur ein, sondern mindestens zwei Leben hat. In ihrem ersten Leben hiess sie Elsbeth und war ein Kind. Els’ Puppen änderten öfters ihre Namen, doch sie selber hiess immer Elsbeth. Den eigenen Namen zu ändern, wäre gefährlich gewesen. Genauso gefährlich, wie sich vorzustellen, man wäre ein Findelkind. Ganz langsam gewöhnte man sich nicht nur an seinen Namen, sondern auch an sich selber. Dazu war die Kindheit wohl gemacht. Auch als Erwachsene fuhr Elsbeth fort, ihren Namen zu tragen und alles, was damit zusammenhing. Doch mit vierzig brach Britt in Elsbeths Leben ein, Britt, die Schwedin, Britt, die Freizügige, Britt mit ihrem Schulterzucken und dem breiten Lachen. Mit Britt begann eine neue Zeitrechnung, und aus Elsbeth wurde Els. Erst schien der neue Name fast zu gross für den mädchenhaft gebliebenen Körper, doch mit der Zeit fühlte er sich gut an, ein Futteral fürs Leben, auch später noch, als Els mit ihrem Namen alleine weiterzog, ohne Britt. Vielleicht wäre schon längst wieder ein neuer Name fällig, denkt Els. Oder ein neues Leben.

Wirst auch du einmal sterben?

Oh ja, natürlich. Aber bis es so weit ist,

dauert es noch eine ganze Weile.

Lange?

Sehr lange.

Wenn du stirbst, werde ich dann auch sterben?

Nein, Kinder überleben ihre Eltern.

Und wenn ich nun nicht überleben möchte?

Es gibt Dinge, die man nicht wählen kann.

Leben gehört dazu.

Neben der Uhr, gleich bei der Tür, hängt ein Spiegel. Wenn Els will, kann sie sich beim Verlassen der Hütte mit einem Blick von sich selber verabschieden. Eines ihrer Ichs, das Wohn-Schlaf-Küchen-Ich, bleibt dann in der Hütte zurück, während sie in ein anderes Ich hineingeht. Ins Ich des Wetterprüfens, des Umherstreifens, ins Ich des Wasserschöpfens und Reparierens, ins Ich der Hüttenwartin und Gastgeberin. In einem Spiegel hat sie diese ausserhäuslichen Ichs allerdings noch nie gesehen, höchstens als verwackeltes Spiegelbild auf der Wasseroberfläche des Hukesees, flüchtig wie ein Windstoss, wie eine Wolke. Das muss reichen. Es kommt Els richtig vor. Mit Widerwillen denkt sie an die vielen Fotos, die von ihr in halb Europa in Alben und auf Computerfestplatten gespeichert sein müssen. Els hasst es, Motiv zu sein. Wenn sie die Macht hätte, würde sie mit einem Zauber alle diese Bilder löschen, als Hackerin in eigener Sache. Leute mit Kameras sind Diebe, hatte sie bei Klement geschimpft. In den Fotos, die sie nach Hause tragen, bauen sie an ihrem Selbstbildnis wie die Ameisen an ihrem Ameisenberg.

Vor vierzehn Jahren, am ersten Morgen ihres ersten Sommers auf Hukejaure, stellte Els fest, dass sie den Spiegel ein ganzes Stück tiefer hängen musste, da sie sonst bloss ihren Schopf darin sehen konnte, ihr struppiges, dichtes Haar, damals noch eher hellbraun als grau, von Arcos Fell kaum zu unterscheiden. Mittlerweile trägt Els den Pelz eines Grauwolfs, und ihre Augen haben das grüne Glimmen abgelegt, sind müde geworden und tränen am Abend. Wie der Fels vor der Hütte mit Flechten, ist ihre Gesichtshaut von einem feinen Haarfilm überzogen, vielleicht, um die dünne Haut des Alters gegen die Zumutungen von Wind und Wetter zu schützen. Ihre Nase, schon immer gerade und fein geformt, ist noch schmaler und schärfer geworden, ihr kleiner Mund droht einzufallen. Was Els noch nie an sich bemerkt hat, so alt sie auch geworden ist: dass sich die Lippen in regelmässigen Abständen vorstülpen und zurückziehen, einer Seeforelle nicht unähnlich. Es sieht aus, als wolle sie sich ein Lachen verkneifen. Oder verhindern, dass ihr eine spöttische Bemerkung entschlüpft.

Der Sonnenstreifen in der Hütte zeigt an, was Els bereits von der Uhr abgelesen hat: Es geht gegen Mittag. Els ist es sich nicht gewohnt, so weit in den Tag hinein zu schlafen. Schmerzhaft drückt ihr Gehirn an Schläfen und Augäpfel. Ein Kater, denkt Els und lächelt. Ein Badewonnenkater. Arco hätte keine Freude gehabt an einem Kater.

Sie schaltet das Radio ein. Els hat den Vorrat an Batterien in Hörzeit umgerechnet. Drei Stunden pro Tag stehen ihr zur Verfügung. Drei Stunden sind zwar eine stattliche Zeiteinheit, doch was an einem Tag reichlich erscheint, wirkt am andern Tag knapp. Wie eine Kerkerhaft bei Wasser und Brot. Zu viel zum Sterben und zu wenig zum Leben. Der Mangel sendet eine Botschaft: Man hat es nicht besser verdient.

Na, komm her, komm schon her. So ist’s gut.

Bist ein Braver, ein ganz Braver.

Ruhig, mach Platz. Da ist nichts.

Platz, sag ich. Ja, so ist’s gut.

Dieser Tag ist Els entlaufen. Er wird nicht mehr einzuholen sein, so viel ist sicher. Alle paar Stunden wird er sich nach ihr umdrehen und ihr eine lange Nase drehen. Bäh, ich bin schon längst da, wird er rufen und munter weiterhüpfen, während sie ihm hinterherhinkt und grollt. Einem jungen Tag ist sie nicht mehr gewachsen. Sie wird ihm ihr eigenes Tempo entgegenhalten müssen, den langsamen Reigen sich abwechselnder Tätigkeiten, das Gewölk regelloser Gedanken, die Suche nach einer Ordnung, einer Abfolge der Dinge, die Stille und das Vergessen der Stille im Geschwätz des Gehirns. Els hat Hunger.

Während das Kaffeewasser heiss wird, geht sie zum Bunker, um Margarine und Käse zu holen. Der Bunker stammt aus dem Ersten Weltkrieg, ein in den Fels gehauenes Verlies mit einer granatensicheren Eisentür. Der Permafrost macht es zu einem begehbaren Kühlschrank. Mehrere Familienpackungen Eiscreme bewahrt Els in einer Styroporkiste darin auf. Erdbeer mit Vanille, ihre Lieblingssorte. Gustav und Jan-Erik, die beiden Männer, welche die Hütten im April auf ihren Motorschlitten besuchen und mit dem bestellten Material versorgen, mussten nicht schlecht gestaunt haben: Keine einzige Büchse Leichtbier, aber Unmengen von Eiscreme. Nur eine gestandene Sünde ist eine gute Sünde, hatte sich Els im Frühling beim Ausfüllen des Bestellformulars gesagt und ihren Sonderwunsch handschriftlich hinzugefügt. All die Jahre zuvor hatte sie sich dies nicht gegönnt. Sie wollte keinesfalls als naschhaft gelten. Es wäre gleichbedeutend gewesen mit unzuverlässig. Doch in diesem Jahr hatte die Sünde kampflos gesiegt. Sollten sie sich ruhig über sie den Mund zerreissen. Das Speiseeis war tatsächlich in der gewünschten Menge geliefert worden. Els stellte es mit Genugtuung fest. Selbst in Schweden wiesen Systeme Lücken auf, in denen eine Schrulle Platz fand. Als Grussbotschaft hatten die beiden Männer einen Zettel mit einem grossen, leckenden Smiley hinterlassen, und Els hatte ihn an den Lebensmittelschrank in der Hütte gepinnt. Gustav und Jan-Erik, zwei Kerle wie Hammer und Amboss.

Die Bunkertür hängt nicht lotrecht, sondern im Schutze eines überhängenden Felsens nach hinten geneigt in den Angeln. Die Schwerkraft macht sie zur Panzertür. Els kann sie nur mit Mühe öffnen. Für Nagetiere ist die Vorratskammer eine uneinnehmbare Festung. Armer Feind, murmelt Els, denkt an die nadelfeinen Zähnchen der Mäuse und Lemminge, an ihre durchsichtigen Krällchen. Kühle Luft schlägt ihr entgegen. Es riecht nach gar nichts, nach Stein vielleicht, nach Fels und ewiger Verbannung. Arco hätte diesen Geruch genau taxieren, er hätte diesen Nichtgeruch lesen können wie die Seite eines abenteuerlichen Buches. Wie spannend muss es für ihn gewesen sein, zu leben und seine Nase durch den Tag zu tragen, denkt Els.

Sie nimmt ein vakuumiertes Stück Käse und die Dose mit der Margarine aus dem Regal. Der Käsestapel kommt ihr niedriger vor, als sie ihn in Erinnerung hat. Dieser Eindruck mag vom grellen Lichteinfall von aussen her rühren. Oder von ihrem hungrigen Magen. Eiscreme wird es später geben, erst am Abend, so hat sie es mit sich ausgemacht, eine Belohnung für etwas, was Els vage mit Verleben bezeichnet. Es ist mehr als Überstehen und weniger als Verbringen. Die Tage und Stunden in dieser Abgeschiedenheit pendeln zwischen Anpassung und Widerstand. Sie sind reich und arm in einem, sie sind ausgefüllt, und sie sind leer. Genau wie die Wanduhr brauchen sie einen Schlüssel, der ihr Werk regelmässig aufzieht. Der Schlüssel heisst Aufmerksamkeit. Bald gilt es, Gewohnheiten zu folgen, bald sie zu brechen. List ist ebenso gefragt wie Routine. Und Disziplin ist alles. Doch heute steht die Disziplin auf verlorenem Posten. Els kann der Kiste aus Styropor nicht länger widerstehen. Sie öffnet den Deckel, entnimmt ihr eine angebrochene Packung Eis und bohrt den Zeigefinger tief in die kalte, halbfeste Masse aus Zucker, Rahm und Aroma.

Anne hatte ihr Dessert gemocht. Els hatte die Eiscreme für sie mit heissem Moltebeermus und den besten Biskuits dekoriert. Sweet and sour, hot and cold!, hatte Anne gelacht. Lappland, hatte Els gemeint. Sie hatte Anne mit dem Feldstecher bereits seit einer Stunde beobachtet. Anne war am späten Nachmittag als roter Fleck im Einschnitt beim östlichen Grat erschienen, der so etwas wie den Passübergang von Sälka nach Hukejaure darstellt. Lange hatte der rote Fleck dort oben verharrt, umgeben von viel Weiss und wenig Schwarz, und es hätte auch ein Mann sein können. Els’ erster Gast. Jedes Jahr gab es einen ersten Gast, und noch nie hatte sich Els darüber gefreut, den Umstand vielmehr hingenommen, handelte es sich doch um den Kern ihrer Aufgabe: das Beherbergen von Wanderern. Es war ihr gutes Recht, in Els’ Einsamkeit einzubrechen, sie mit den immer gleichen Fragen zu ermüden, Schmutz und Lärm über die Schwelle zu tragen, übelriechende Pastasaucen zu kochen, die Nächte durchzuschnarchen, das Plumpsklo zu besetzen und schliesslich allem wieder den Rücken zu kehren, den Abfall zurückzulassen, den Abfall und Els und diese nette kleine Hütte, die für Els mehr ist als eine Unterkunft: ein Fluchtort vielleicht, eine Heimat auf Zeit.

Els kennt viele verschiedene Heimaten. Am besten kennt sie die Heimat des Dazwischen. Es ist genaugenommen gar keine Heimat, doch Els hat sie dazu gemacht. Weil sie nicht zeitlebens eine Nomadin hat bleiben wollen, hat sie sich irgendwann die Heimat des Dazwischen erschaffen. Das Dazwischen ist ein grosser, veränderlicher Kreis, eigentlich eher ein unregelmässiger Fleck, wie eine Wasserlache auf einem Hüttenboden, der sich ausdehnen, sich vervielfachen, wieder trocknen und verschwinden kann. Diesen Fleck hat Els in Unterheimaten aufgeteilt. Es gibt für sie zwei Heimaten der Sprache, deutsch und schwedisch, es gibt die Heimat der Kindheit, die Heimat des Erwerbslebens, die Heimat des Alters. Es gibt die Heimat mit Menschen, die Hunde- und Vogelheimat und die Heimat mit Bergen. Die Wasserheimat und die Winterheimat. Els ist sich nicht sicher, ob es auch eine Heimat der Liebe gibt. Die Heimat der Sommermonate ist Hukejaure.

Der Bunker ist kein Ort zum Bleiben. Els fröstelt. Sie lutscht noch einmal am Zeigefinger, dann verstaut sie die Eispackung wieder in der Kiste. Rasch tauscht sie die Kühle des Bunkers gegen die Kühle im Freien. Ächzend bewegen sich die Scharniere, mit einem Dröhnen schlägt die Türe zu. Sie bleibt auch winters unverschlossen, damit zur Not vier erschöpfte Skiläufer hier Unterschlupf finden können. Er ist mit einem kleinen Gasofen und einer Petrollampe ausgerüstet, der Boden ist mit Holzbohlen isoliert. Ausserdem ist auf der Südseite der Felskuppe, unter welcher der Bunker liegt, ein Solarpanel montiert. Der Akku speichert so viel Strom, dass es im besten Fall für ein paar Stunden Schummerlicht reicht oder dafür, das Nottelefon zu betätigen. Die kleine Solaranlage ist Gustavs und Jan-Eriks ganzer Stolz. Mit grosser Sorgfalt überprüfen sie zweimal jährlich ihre Funktionstüchtigkeit. Photovoltaik-Inselanlage i. O., schreiben sie in ihren Rapport, obwohl auf Hukejaure von Inseln weit und breit nichts zu sehen ist. Die Hütte selber ist nur in den zehn Sommerwochen offen. Els wird sie spätestens Mitte September dichtmachen und erst wieder zu neuem Leben erwecken, wenn sie sich zur Zeit der nächsten Schneeschmelze von Sitasjaure heraufgekämpft haben wird. Mit Glück und Entschlossenheit wird es vielleicht noch einmal zu schaffen sein. Nur einmal noch. Kein Klement wird sie davon abbringen. Für jeden Menschen gibt es ein anderes höchstes Glück, denkt Els. Die Sommer hier sind kurz, doch sie hat für sich eine andere Zeitrechnung erfunden. Jeder Tag, der keine Nacht kennt, zählt doppelt.

Els schlüpft in ihre Pantoffeln, deckt den Tisch und setzt sich. Schon aberhundertmal ist sie in Pantoffeln an diesem Tisch gesessen, und nie fand sie daran etwas auszusetzen. Im Gegenteil. Erst an ihrem Tisch sitzend fühlte sie sich auf Hukejaure richtig zu Hause. Doch heute will nichts richtig sein. Els bewegt die Zehen. Die Pantoffeln, gross und bequem wie zwei Lemmingnester, wollen sich nicht wohlig anfühlen. Auch der Tisch scheint für grössere Menschen gemacht, als Els einer ist, für baumlange Skandinavier mit schlaksigen Gliedern. Neben ihnen ist Els bloss ein Häufchen Mensch, mit jedem Jahr wird ihr Rücken krummer, ihre Masse weniger, was Els bislang noch nie gestört hat. Allein und ohne Vergleichsmöglichkeit ist man so gross, wie man sich fühlt. Manchmal ist man eine Kiefer und manchmal eine Krüppelbirke. Heute aber, da sie am Tisch sitzt, rückt Els von sich weg, geht auf Distanz. Als wäre sie bei sich selbst zu Gast. Sie streckt den krummen Rücken und weiss, es ist vergeblich. Sie holt ein Kissen, damit sie höher sitzt, doch nach fünf Minuten zieht sie es wieder weg. Sie mag es nicht, wenn ihre Beine in der Luft baumeln. Sie schaltet das Radio aus. Der versnobte Stockholmer Akzent der Moderatorin macht sie nervös.

Auch Anne war eine von der grossen, kräftig gewachsenen Sorte. Nahezu alle jungen Menschen schienen heute aus diesem Stoff gemacht. Nitrat und Emulgatoren, wie Els weiss. Das Gift lässt die Körper in die Höhe schiessen, entfernt die Köpfe immer weiter vom Boden. Die Saurier der Endzeit, selbst in Hukejaure fallen sie ein, denkt Els und reisst ihr letztes Fladenbrot entzwei. Im nächsten Jahrzehnt müsste man hier die Kajütenbetten verlängern, und da die Betten bereits jetzt genau von Wand zu Wand reichen, hätte man die gesamten Hütten der Organisation auszubauen, auf Sauriermasse. Das würde Els aber nicht mehr erleben. Bis dahin wäre sie von hypermenschlichen Tatzen zertrampelt, oder niedergerafft von einer letzten allumfassenden Schwäche.

Wer lebte vor uns hier?

Deine Urgrosseltern.

Und vor den Urgrosseltern?

Andere Menschen. Ich kenne sie nicht.

Man nennt sie Vorfahren.

Waren sie glücklich?

Vielleicht, vielleicht auch nicht. Sie hatten

weniger Geld und mehr Zeit.

Dann möchte ich auch ein Vorfahr sein.

Du bist einer, Kind. Jeder ist ein Vorfahre.

Nach einer Stunde hatte sich der rote Punkt oben am Grat in Richtung Hukejaure in Bewegung gesetzt. Da wusste Els bereits, dass es sich nur um eine Frau handeln konnte. Männer legen so kurz vor dem Ziel niemals lange Pausen ein. Es musste jemand sein, der sich nichts zu beweisen hatte. Eine Frau mittleren Alters, die ihre Scheidung verdauen muss, hatte Els gedacht. Oder vielleicht eine Fotoreporterin. Es gab zahllose Gründe, in dieser Einöde unterwegs zu sein, und es gab eigentlich nur gute Gründe. Ob es auch möglich war, sich ohne Grund im Hochfjell aufzuhalten, darüber war sich Els nicht im klaren. Gründe kamen, und Gründe gingen, doch ohne jegliches Motiv hier oben zu leben, einfach um des Lebens willen, das ging wohl nicht. Einmal waren eine Flechtenforscherin und im vergangenen Sommer eine abgewählte Parlamentsabgeordnete auf Hukejaure zu Gast gewesen. Von der Lichenologin hat Els gelernt, dass Flechten nicht zu den Pflanzen zählen, weil sie sich nicht durch Bestäubung, sondern samenlos vermehren, und dass sie in symbiotischer Gemeinschaft mit Pilzen leben, weshalb man sie auch Kryptogame nennt, sich im Verborgenen Verbindende. Els liebt das Wort.

Die ersten Sommer auf Hukejaure hatte Els gezeichnet. Erst nur mit Bleistift, in dünnen, vorsichtigen Strichen mit viel ausgespartem Weiss. Els fand, die Zwischenräume seien wichtiger als die Striche. Sie verspüre eine Scheu vor dem Zeigen, sagte sie zu Klement. Vielleicht sei sie nötig, diese Scheu, vielleicht helfe sie, die Welt von Hukejaure zu schützen. Das konnte Klement nicht verstehen. Für ihn zählt bis heute das Sichtbare mehr als das Geahnte. Später war Els mutiger geworden. Sie hatte dickere Stifte benutzt und immer deutlicher gespürt, wo diese hinsteuerten, wie sie auf dem Blatt umherwanderten, ihre Bahnen zogen. Dann schien ihr, der Stift führe ihre Hand, ihre Augen beobachteten eine Entstehung, die von den Dingen selbst hervorgerufen würde: vom Blatt Papier und der Beschaffenheit seiner Oberfläche, von der Graphitmine, vom Objekt der Darstellung selbst, von einer Flechte, einem Grashalm, der Ansammlung einiger Kiesel, der Holzmaserung der Verandatreppe, dem Grat des nächstgelegenen Fjells. In den vergangenen Jahren war Els dazu übergegangen, mit Pulvern aus zerriebenem Schiefer und Gneis zu malen und ihre Bilder mit Pflanzensäften einzufärben. Sie machte Abriebe verschiedener Gesteinsoberflächen, vor allem von flechtenbewachsenen Felsen. Früher hatte sie an verborgenen Stellen Zeichen und Muster in glatte Flächen geritzt und beobachtet, wie sich diese im Laufe der Jahre unter dem Einfluss der Witterung veränderten. Im Kopf trug Els eine Landkarte im Massstab 1:10 000 mit sich herum, auf der die Orte eingetragen waren, wo ihre künstlerischen Spuren zu finden waren. Mit dem Auslöschen ihres Geistes würden auch diese geheimen Kartogramme verschwinden.

Dieses Jahr hatte Els ihre Malutensilien in Klements Hütte zurückgelassen. Klement hatte nach den Gründen gefragt. Weil alles bereits da ist, hatte sie geantwortet, weil es keine Els braucht, um irgendwo irgendwas hinzuzufügen. Oder wegzutragen. Weil es genügt zu schauen. Klement hatte durch die Zähne gepfiffen und den Kopf geschüttelt.

Vom Grat gelangt man in ungefähr einer Marschstunde zur Hütte. Im Winter, wenn der See zugefroren ist, in der Hälfte der Zeit. Doch jetzt hielten die Reste von Eis höchstens noch einem Vogelgewicht stand. Der rote Punkt wuchs von Minute zu Minute. Als er endgültig menschliche Gestalt angenommen hatte und schliesslich an der Südspitze des Sees aus Els’ Blickfeld verschwand, weil ein naher Felsbuckel die Sicht verdeckte, zog sich Els in die Hütte zurück. In einer Viertelstunde würde der Gast den Rucksack auf der Vortreppe absetzen und polternd die Stufen zur Hüttentür hochsteigen. Els wollte nicht den Anschein erwecken, als warte sie auf irgendjemanden. Die Begegnung sollte so beiläufig wirken, wie sie es auch war. Eine geschäftliche Angelegenheit, keine Sensation. Els war nicht Doktor Livingstone. Hukejaure war nicht das Ende der Welt, sondern bloss eine Hütte unter vielen. Sörensen hatte von insgesamt achtundsechzig Hütten in den schwedischen Fjells gesprochen.

Els hatte in ihrem privaten Hüttenabteil gestanden und gehorcht. Sie hatte auf ihre knochigen Hände mit dem immer stärker hervortretenden Adernetz und den dunklen Altersflecken gestarrt. Der erste Gast, die ersten Gäste, notwendige Übel. Statisten des Sommers. Ihnen verdankte Els die Berechtigung, hier zu sein. Sie eröffneten den spärlichen Reigen an Besuchern, die den Weg zur entlegenen Hukejaurehütte fanden. Hierher führte kein Trampelpfad. Hukejaure war ein Umweg, eine Zugabe, ein Abstecher. Wer hierherkam, war kartenkundig und hatte einen Entscheid getroffen. Kein Grund zur Aufregung. Els krempelte die Ärmel ihres Wanderhemdes runter und knöpfte die Manschetten zu. Sie lauschte, wartete. Sie wartete vergeblich. Kein Poltern von schweren Schuhen war zu hören, kein Klopfen an der Tür. Nichts zu erspähen durchs Fenster. Kein Umrunden der Hütte. Kein hastiger Gang zum Klohäuschen. Keine Stimme in keiner Sprache rief Hallo.

Als Els aus der Hütte trat, stand Anne ein Stück entfernt am oberen Rand des Pfades, der zur Wasserstelle hinunterführte, und schaute über den See Richtung Norwegen. In der bereits tiefer stehenden Abendsonne leuchteten die Wasser- und Eisflächen in einem satten Gold. Es war vollkommen windstill. Im See träumte sich eine rätselhafte zweite Hukejaurewelt in eine Tiefe, die zugleich Höhe war. Es gab nichts mehr, das dem Menschen gehört hätte. Der Ruf des Regenpfeifers tönte klagend aus den nahen Moortümpeln, die glänzten wie poliertes Kupfer. Die Schatten der Moosglöckchen waren mit Tusche auf matten Grund gezeichnet. Man hätte weinen mögen, ohne zu wissen weshalb. Hej, ich bin Els, deine Hüttenwartin, willkommen auf Hukejaure, rief Els auf Schwedisch, halblaut nur. Die Gestalt in der roten Regenjacke und der giftgrünen Wollmütze zuckte zusammen und drehte sich blitzschnell um. Hello, I’m Ann, rief die junge Frau verdattert, hob eine Hand und liess sie gleich wieder sinken.

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140 str. 1 ilustracja
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9783858826497
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