Czytaj książkę: «Harry in love»
Inhalt
Impressum 3
In Erinnerung an Karl-Heinz Stelzer 4
Prolog 5
Kapitel 1 12
Kapitel 2 20
Kapitel 3 26
Kapitel 4 39
Kapitel 5 51
Kapitel 6 66
Kapitel 7 87
Kapitel 8 103
Kapitel 9 112
Kapitel 10 128
Kapitel 11 146
Kapitel 12 181
Kapitel 13 209
Kapitel 14 226
Kapitel 15 255
Kapitel 16 297
Kapitel 17 323
Kapitel 18 363
Kapitel 19 400
Kapitel 20 421
Kapitel 21 443
Kapitel 22 477
Kapitel 23 503
Kapitel 24 526
Kapitel 25 554
Kapitel 26 566
Kapitel 27 581
Kapitel 28 594
Kapitel 29 602
Danksagung (Quellenverzeichnis) 623
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
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Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.
© 2022 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99130-059-5
ISBN e-book: 978-3-99130-060-1
Lektorat: Mag. Eva Reisinger
Umschlagfoto: Swevil, David Benton, Designprintck, Votsis Panagiotis | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
In Erinnerung an Karl-Heinz Stelzer
Meinem ehemaligen Deutschlehrer & Tutor,
der es in seiner ganz eigenen Art und Weise geschafft hat,
nicht nur mein Interesse an der deutschen Sprache zu wecken,
sondern dem Reiz zu erliegen,
mit ihr in ihrer ganzen Vielfältigkeit zu spielen.
Danke, ich werde Sie nie vergessen!
Prolog
Buckingham Palast, Ende Oktober 2010
Prinz William, der mit der Diplomatentochter Jane Miller seit gut vier Jahren verheiratet war, saß mit seiner kleinen Tochter Marybeth, die alle nur liebevoll Marie nannten, in ihrem Kinderzimmer. Während er aus einem dicken Märchenbuch Dornröschen vorlas, spielte Marybeth mit ihrem Teddy und gähnte herzzerreißend. „Na, ich glaube, es wird Zeit für Deinen Mittagsschlaf“, sagte William.
Marie verzog ihren Mund zu einer Schnute und sah ihren Vater mit großen dunklen Kulleraugen an. „Ich mag aber nicht, bin nicht müde!“
„So, so. Und was war das eben gerade: Wolltest Du mich etwa mit Deinem großen Mund auffressen?“, witzelte William, während er seine Tochter zu sich auf den Schoß zog und in die Arme nahm.
Marybeth strahlte. „Au ja, Papi auffressen; ich bin der Wolf!“, schrie Marybeth und drückte ihrem Vater einen feuchten Schmatz auf die Wange. William verzog das Gesicht.
Langsam liefen seine Finger über Maries Bein und wanderten dabei zu ihrem Bauch, den William nun kitzelte. Seine Tochter lachte aus vollem Herzen. William lachte mit, ehe er wieder ernst wurde: „Trotzdem muss auch ein kleiner Wolf Mittagsschlaf halten. Sonst hat er zum Kaffee Bauchweh und kann kein Stück von Uromis leckerem Kuchen stibitzen.“
„Doch!“, widersprach Marybeth. William schüttelte mit trauriger Miene den Kopf und sah seine Tochter dabei eindringlich an. Marybeth machte einen Schmollmund und wollte erneut widersprechen, als es plötzlich klopfte. Überrascht schauten beide zur Zimmertür.
„Ja, bitte.“
Prinz Harry betrat den Raum. „Was denn, schläft unsere kleine Prinzessin etwa noch immer nicht?!“
William seufzte lang und anhaltend. „Nein, Marybeth ist überhaupt nicht müde.“
„Aber ihr Vater dafür umso mehr“, scherzte Harry, da William just in diesem Moment selbst gähnen musste.
„Papi schlafen! Papi schlafen!“, schrie Klein Marie putzmunter.
„Also, ich weiß zwar nicht, was Du falsch machst, aber Jane hat keine Probleme Marie flink ins Bett zu stecken“, stellte Harry trocken fest.
„Danke für die Blumen, Brüderchen“, erwiderte William. „Aber wenn Du der Meinung bist, Du kannst es besser, dann bitte schön! – Marie, heute bringt Dich Dein Onkel ins Bett! Wie findest Du das?“
„Au ja; aber ich bin doch gar nicht müde!“
William lachte.
Harry knurrte.
William grinste seinen Bruder provozierend an, welcher darauf natürlich sofort ansprang. Er nahm die Herausforderung an und wandte sich nun an seine kleine Nichte, die er liebte als sei sie seine eigene Tochter: „Aber Du musst doch schlafen, damit Du morgen auch durchhältst.“
Fragend sah Marybeth ihren Onkel an.
„Weißt Du denn nicht, was morgen ist?“
„Geburtstag!“, schrie Marie begeistert.
„Richtig. Und weißt Du schon, was Du Dir wünscht; was möchtest Du geschenkt bekommen?“, fragte Harry weiter und setzte sich in einen Sessel.
„Harry!“, brummte William ernst.
„Was? Ich habe noch kein Geschenk und da wollte ich meine Nichte einfach einmal fragen, was sie gerne hätte.“
William verdrehte die Augen, da er genau wusste, was seine Tochter jetzt darauf antworten würde. „Ein Pferd!“
Überrascht sah Harry in die Runde. „Du wünscht Dir also ein Pferd? Aber dafür bist Du doch noch viel zu klein!“, versuchte Harry seine Nichte zu beschwichtigen.
„Gar nicht, werde vier!“, gab Marybeth erhobenen Hauptes von sich und zählte vier Finger an ihrer rechten Hand ab und zeigte sie ihm dann. Harry musste unweigerlich schmunzeln.
„Na schön, komm mal her, kleine Prinzessin! Ich verspreche Dir, wenn Du jetzt ganz schnell einschläfst, dann bekommst Du morgen ein Pferd, das Dir ganz alleine gehört. Na, wäre das was?“, fragte Harry begeistert. Marybeth bekam ganz große Augen, strahlte über das ganze Gesicht und lief schnell zu ihrem Onkel herüber.
Er nahm sie auf den Arm und wollte sie nun zu ihrem Bettchen bringen, doch schon protestierte Marie von Neuem. „Vorher fliegen!“
William musste kichern, denn seine Tochter konnte wirklich hartnäckig sein, und das mit ihren kaum vier Jahren. Währenddessen zuckte Harry nur mit den Schultern, hob seine Nichte hoch über den Kopf und ließ sie durchs Zimmer fliegen. Marybeth lachte abermals aus vollem Herzen.
„Achtung, Papa, weg da! Der Düsenjet Marie setzt zur Landung an!“, rief Harry und ließ Marie sogleich aufs Kinderbett plumpsen und griff nach der Tagesdecke.
Abermals protestierte Marybeth. „Bin nicht müde! Ich will zu meiner Mama!“, jammerte sie. Harry seufzte.
„Na, den Mund wohl zu voll genommen, was?“, piesackte William seinen Bruder.
Doch Harry grinste bereits schon wieder, denn er hatte eine Idee: „Okay, kleine Prinzessin, wir gehen jetzt zu Deiner Mama und schauen, was sie macht. Wenn Deine Mutti schläft, legst Du Dich neben sie und schläfst auch, einverstanden?“ Marybeth sah ihren Onkel stirnrunzelnd an. „Und wenn Deine Mum nicht schläft, dann brauchst Du heute keinen Mittagsschlaf machen. Na, wäre das was?“
Marybeth’ Augen fingen sogleich vor Freude wieder an zu strahlen. William sah derweil entsetzt seinen Bruder an. Doch dieser nickte nur wissend. „Wir müssen jetzt aber ganz leise sein, falls Deine Mami schläft. Also psssst!“
Marybeth legte sich beide Hände auf den Mund, während Harry sie wieder auf den Arm hob. Gemeinsam gingen sie auf leisen Sohlen ins angrenzende Schlafgemach von William und Jane. Und wie sollte es auch anders sein, lag Jane auf dem Bett und schlief. Prompt wollte Marybeth protestieren und zog abermals den Mund zu einer Schnute.
„Hey! Wer wird denn da weinen wollen? Mami schläft und jetzt schläfst auch Du, kleine Lady!“, sagte Harry bestimmend.
Widerwillig krabbelte Marybeth auf das große Ehebett ihrer Eltern und kuschelte sich an ihre Mutter, die instinktiv einen Arm beschützend über ihre Tochter legte. Sanft strich Harry seiner Nichte noch einmal übers Haar und hauchte ihr einen Kuss auf die Stirn. William tat es ihm gleich; noch bevor sich seine Tochter in irgendeiner Form beschweren konnte. Auf leisen Sohlen verließen sie anschließend das Zimmer.
„Mann, war das ein hartes Stück Arbeit!“, seufzte Harry erleichtert.
William nickte zustimmend. „Woher hast Du eigentlich gewusst, dass Jane schläft? Ich dachte eben, ich verhör mich, als Du Marybeth Deinen genialen Vorschlag unterbreitet hast!“
„Jane, war bereits auf der Couch unten im Salon eingenickt. Als ich das sah, habe ich ihr vorgeschlagen, dass sie sich lieber oben ins Bett legen sollte, da unten die ganzen Vorbereitungen für morgen laufen und Jane dort keine wirkliche Ruhe finden würde“, erklärte Harry gelassen. „Außerdem kann sie so auch viel besser neue Energie tanken.“
„Die werden wir wohl auch brauchen, wenn Du vorhast, Marybeth ein Pferd zu schenken! Sag mal, was hat Dich denn geritten?“, schimpfte William auch sogleich.
„Bleib cool, Brüderchen. Als ich sagte, dass ich ihr ein Pferd schenke, habe ich nicht eine Minute an ein echtes gedacht. – Für wie blöd hältst Du mich eigentlich?“, beschwerte sich Harry.
„Bei Dir weiß man nie! Auch mit Deinen sechsundzwanzig Jahren hast Du täglich neue Flausen im Kopf“, stellte William schmunzelnd fest.
Harry grinste und zuckte gelassen mit den Schultern.
„Und an was für ein Pferd hast Du nun gedacht?“, nahm William das Gespräch wieder auf.
„An ein Schaukelpferd aus Holz natürlich; was denn sonst???“, war Harrys knappe Antwort. „Obwohl, wenn Du Dich daran erinnern möchtest, haben wir in Marybeth’ Alter schon regelmäßig auf dem Rücken eines Ponys gesessen.“
Entsetzt blickte William seinen Bruder an. „Wir müssen aber nicht unbedingt in die Fußstapfen unserer Eltern treten!“
„William, beruhige Dich, ich weiß sehr wohl, dass Marybeth gesundheitlich eingeschränkt ist. Ich werde sie schon keiner Gefahr aussetzen!“, beschwichtigte Harry seinen Bruder. „Und wenn Du mich jetzt bitte entschuldigen möchtest? Ich habe noch ein Geschenk zu besorgen und es ist bereits halb drei; ich möchte pünktlich zum Nachmittagstee wieder hier sein.“ William nickte und schon war Harry weg und ließ seinen Bruder allein im Flur stehen.
Hastig wollte Prinz Harry in den – nun schon bereits fünften – Spielzeugladen, in der Hoffnung, endlich sein versprochenes Geburtstagsgeschenk für Marybeth zu bekommen. In allen vorherigen Spielzeugläden gab es zwar Schaukelpferde, doch keines war aus Holz, sondern nur aus schäbigem Plastik! In seiner Eile sah er nicht, dass zur gleichen Zeit jemand anderes aus dem Laden treten wollte und so rannte er frontal und mit aller Wucht in eine junge Frau. Alles, was sie auf dem Arm getragen hatte, verstreute sich nun auf dem Bürgersteig.
„Sie verdammter Idiot! Haben Sie keine Augen im Kopf? Wieder mal typisch!“, wütete die junge Dame auch sofort. Abrupt blieb Harry stehen und wandte sich, überrascht von der Heftigkeit der Worte, der am Boden hockenden Frau zu. Sie war ungefähr im gleichen Alter wie er, hatte rappelkurzes, rabenschwarzes Haar und einen perfekten, jedoch zierlichen Körper. Harry hatte das Gefühl, als sei er einer Erscheinung seiner Träume begegnet.
„Was starren Sie mich so an? Statt zu glotzen könnten Sie sich wenigstens entschuldigen!“, schimpfte die Dame heftig weiter, ohne wirklich nach oben geschaut zu haben. Harry schüttelte den Kopf, um wieder klar denken zu können. Hatte er sich gerade verhört? Nein, sie konnte keine seiner Wunschvorstellungen von einer Frau sein. Denn so würde sie sonst nicht mit ihm sprechen. Außerdem, was erlaubte sie sich eigentlich? Es war zwar nicht nett von ihm gewesen, sich nicht zu entschuldigen, doch so eine heftige Reaktion gegenüber einem Mitglied der englischen Königsfamilie war zu viel des Ganzen!
Prompt wollte sich auch sein Bodyguard mit einmischen. Doch Harry winkte ab. Stattdessen richtete er nun selbst eigene Worte an die junge Frau: „Ich entschuldige mich, dass ich Sie nicht gesehen habe und in Sie hineingerannt bin. Doch nichtsdestotrotz könnten Sie Ihre Worte auch etwas weniger zynisch äußern!“
„Warum sollte ich, schließlich stehen Sie doch noch immer nur herum, statt eventuell so viel Anstand zu haben und mir zu helfen!“, schleuderte sie ihm erneut ihre Schimpftirade entgegen.
„Sie scheinen nicht zu wissen, wen Sie vor sich haben!“, konterte nun auch Harry gereizt.
Kurz vor einer Explosion stehend, erhob sich die Frau vom Boden und schmetterte Harry erneut sarkastisch ihre Worte entgegen: „Und wenn Sie der Englische Prinz höchstpersönlich wären, wäre es mir …“ Entsetzt hielt sie in ihren Worten inne.
„Ja, was wäre es Ihnen???“, fragte Harry provozierend.
Die junge Frau starrte entsetzt, mit großen Augen und offenem Mund die Königliche Hoheit an. Erwartungsvoll sah Harry ihr ins Gesicht und grinste dabei selbstgefällig. Daraufhin drehte sich das Mädchen abrupt auf dem Absatz um und rannte die Straße hinunter. Harry stand da und schaute ihr mit gemischten Gefühlen hinterher. Fragend sah sein Bodyguard ihn an. „Soll ich eine Überwachung der flüchtigen Person veranlassen?“ Harry schaute überrascht zu seinem Wachhündchen. Doch plötzlich grinste er verschmitzt und nickte.
Während sein Befehl ausgeführt wurde, betrat Harry nun in aller Ruhe den Spielzeugladen. Da es eh schon nach vier war, konnte er sich jetzt auch Zeit lassen. Und er hatte Glück! In dem Spielzeugladen bekam er das, was sein Herz begehrte: Ein wunderschönes, aus Eiche geschnitztes Schaukelpferd. Aber nicht solch ein steifes, plattes, wie er es früher einmal hatte. Nein, es sah mit seinem schwarzen Fellüberzug sogar aus wie ein echtes Pferd. Dazu passend hatte es einen knallroten Ledersattel und rotes Lederzaumzeug. Harry lächelte, als er den Laden verließ. Er konnte sich seine Nichte schon bildhaft darauf sitzend vorstellen.
Als er zum Auto hinüberlief, blendete ihn auf einmal ein greller Lichtstrahl, der jedoch von unten herkam. Sein Blick fand auf dem Bürgersteig einen runden Holzsockel, auf dem eine silberne Plakette befestigt war. Er hob ihn auf und las die darauf eingravierten Worte: Möge der kleine weiße Schwan meine Enkelin stets treu begleiten. Egal, wohin der Weg sie führt! In Erinnerung, Nanni. Ganz automatisch ließ Harry seinen Blick erneut über das Gehwegpflaster schweifen. Um ihn herum lagen mehrere kleine Glas- und Keramiksplitter und eine Walze mit mehreren Vertiefungen und Erhöhungen aus Metall. Zu seinen Füßen befand sich eine zerbrochene Spieluhr. Harry ahnte, wem diese Spieluhr gehört hatte: Zwei faszinierend dunkelgrün funkelnde Augen, die ihm nicht wieder aus dem Kopf gehen sollten. Wehmütig hob er die Musiktrommel auf und steckte sie neben den Holzsockel in seine Jackentasche.
Kapitel 1
Seit einer geschlagenen Woche hatte Isabel das Gefühl, dass sie verfolgt wurde. Egal, wo sie auch hinging, der schwarze Mercedes mit dem amtlichen Kennzeichen BY–47 FGH war auch dort. Erst dachte sie, sie bilde es sich nur ein. Doch heute Morgen gab es keinen Zweifel mehr daran. Denn seit gestern Abend, als sie nach Hause gekommen war, konnte sie den Mann in dem Wagen auf der gegenüberliegenden Straßenseite von ihrem Schlafzimmerfenster aus gut beobachten. Er hatte nicht einmal in der ganzen Nacht das Fahrzeug verlassen und sein Blick war stets auf ihre Tür gerichtet. Isabel wurde wütend, denn sie vermutete, wer der Auftraggeber war. Prompt konfrontierte sie ihren Beobachter mit ihrer Erkenntnis: „Sagen Sie mal, sind Sie es nicht langsam leid, mir überallhin zu folgen? Sie können Ihrem Boss mitteilen, dass er Sie wieder abziehen kann. Sie wissen ja nun, wo ich wohne und wo ich arbeite. Also verschwinden Sie endlich! Ich habe mir nichts zu Schulden kommen lassen. Das, was ich gesagt habe, habe ich auch so gemeint!“ Dann machte Isabel auf dem Absatz kehrt; drehte sich aber sogleich noch einmal kurz um und sagte: „Ach übrigens, ich gehe jetzt zur Arbeit …“ Irritiert sah sie der Wachposten an, doch er sagte nichts.
Als sie zurück zum Haus lief, konnte sie sehen, wie der Mann den Wagen startete und fortfuhr. Mit einem selbstgefälligen Lächeln machte sich Isabel auf den Weg zu ihrer Arbeitsstelle. Doch sie hatte sich zu früh gefreut. Denn kaum bog sie auf dem Heimweg in die Straße zu ihrer Wohnung ein, konnte sie schon von weitem den schwarzen Mercedes stehen sehen. All ihre verflogene Wut kam sofort wieder zurück und mit großen, harten Schritten ging sie schnurstracks auf das Auto zu. „Entweder haben Sie oder Ihr Chef etwas an den Ohren; das grenzt ja schon fast an Nötigung! Machen Sie, dass Sie wegkommen oder ich rufe die Polizei!“, schrie Isabel den jungen Mann am Steuer an. Doch er verzog noch nicht einmal eine Miene. Stattdessen hob er nur fragend eine Augenbraue und sah Isabel ungläubig ins Gesicht.
Leicht irritiert erwiderte sie sein fragendes Gesicht.
„Glauben Sie wirklich, die Polizei würde etwas dagegen unternehmen, dass ich hier stehe?“, richtete der Wachposten ruhig und offen seine Worte an Isabel. Entsetzt starrte sie ihn an. „Es tut mir leid, aber ich tue auch nur meinen Job und befolge die mir aufgetragenen Befehle.“
Isabel schloss die Augen und seufzte tief. „Na schön, Sie scheinen wirklich der falsche Ansprechpartner für mich zu sein. Dann, bitte, fahren Sie mich zu Ihrem Auftraggeber!“, sagte Isabel bestimmend und setzte sich spontan in das Auto hinter den Fahrer.
Überrascht drehte er sich zu ihr um. „Was, jetzt?!“
„Nein, morgen; sofort natürlich!“, schrie Isabel den armen Mann erneut an. Verunsichert startete er den Wagen.
Am Buckingham Palast angekommen, bat der junge Mann Isabel, so lange im Auto zu warten, bis man sie holen komme würde. Und noch ehe sie dem widersprechen konnte, machte sich der Herr schleunigst auf den Weg zum Prinzen.
Nach geschlagenen zehn Minuten wurde Isabel von einem Bediensteten in einen Raum geführt. Doch auch dort wurde sie noch eine ganze Weile sich selbst überlassen. Sie hatte somit genug Zeit, sich in dem Raum umzusehen: Zu ihrer Rechten befand sich an der Wand der Eingangstür ein Kamin. An der rechten Wand ging dann eine zweite schmale Tür ab. Isabel nahm an, dass sie zu einem Nebenzimmer führte. Geradeaus, ihr gegenüber, stand ein großer, schwerer, mahagonifarbener Schreibtisch, auf dem sich neben verschiedenen Schreibutensilien auch ein Computer befand. Vor dem Tisch standen zwei breite schwarze Ledersessel und linkerhand im Zimmer gab es drei große Fenster, die vom Boden bis zur Decke reichten. Vor der Fensterfront gab es eine kleine Sitzecke, an der gut sechs Personen für eine Besprechung Platz hatten. Als Isabel diese Fakten bewusstwurden, dachte sie, sie sei in das Arbeitszimmer der Queen geführt worden. Prompt verflog ihre Wut und dafür traten Panik und Angst an deren Stelle. Was sollte sie sagen, wenn die Queen plötzlich ihr gegenüberstand und zu wissen wünschte, was sie von Prinz Harry wollte??? Unsicher sah sich Isabel um. Sollte sie, solange sie noch Zeit dafür hatte, wieder verschwinden?
Kaum reifte dieser Gedanke zu einer Tat heran, rannte sie auch schon Prinz Harry direkt in die Arme. Irritiert wich sie vor ihm zurück und blieb erst stehen, als ihr einer der Sessel den weiteren Fluchtweg versperrte. Verängstigt sah Isabel Prinz Harry an. Doch er war weder wütend noch überrascht. Gelassen schloss er die Türen hinter sich und lehnte sich dagegen. Die Arme hinter dem Rücken verschränkt, wartete er geduldig, bis Isabel ihren ersten Schrecken verdaut hatte.
„Sie wollten mich sprechen?“, waren daraufhin seine ersten, ruhigen Worte. Doch statt einer Antwort starrte sie ihn noch immer ungläubig an. „Miss Canningham? So war doch Ihr Name, wenn ich mich recht entsinne?“, wandte Harry weiter seine Worte an Isabel. Doch noch immer erfolgte keinerlei Reaktion von ihr. Langsam schritt Harry durch den Raum und begab sich hinter seinen Schreibtisch. „Wollen wir uns nicht setzen?“, fragte er und tat es dann einfach. Isabel schloss für einen Moment die Augen und atmete tief durch, ehe sie sich zaghaft in den rechten Sessel ihm gegenüber setzte.
„Nun, Miss Canningham, was kann ich für Sie tun?“, fragte Harry, sich keiner Schuld bewusst, und schon entfachte er damit erneut die angestaute Wut in Isabel. Prompt sprang sie wieder auf.
„Sie verlogenes Scheusal, Sie wissen ganz genau, warum ich hier bin! Sie lassen mich doch seit einer Woche beschatten; finden Sie das lustig? Ich nicht! Also unterlassen Sie das, sonst werde ich Anzeige gegen Sie erstatten!“, schrie es sofort aus Isabel heraus.
Harry stützte derweil seine Ellenbogen auf die Stuhllehnen und verschränkte die Hände. „Miss Canningham. Bitte verzeihen Sie, dass mein Beobachter sich so unschicklich verhalten und somit versehentlich Ihre Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hat. Er sollte lediglich ein wachsames Auge auf Sie haben und mich darüber unterrichten, wo Sie hingehen und ob Ihr Weg Sie dabei eventuell zur Presse führen würde“, erklärte Harry ruhig.
„Was interessiert es Sie, wo ich hingehe, geschweige denn was ich gegebenenfalls mit der Presse zu tun habe?“, fragte Isabel erbost.
„Nun, ich werde es einmal so ausdrücken: Ich kann es mir nicht erlauben, schon wieder mit irgendwelchen schlechten Schlagzeilen in den Klatschspalten der Illustrierten zu stehen, das würde das Herz meiner Großmutter nicht verkraften.“ Fragend sah Isabel zum Prinzen herüber. „Die Queen ist nicht mehr die Jüngste und jede unnötige Aufregung würde ihr schaden“, erklärte Harry weiter.
„Das ist nicht mein Problem; es ist doch Ihr eigenes Verschulden, wenn Sie sich nicht zu benehmen wissen! Da sind ja meine Kinder noch besser erzogen als Sie!“
Entsetzt sah Harry Isabel an. „Ihre Kinder? Wie viele haben Sie denn?“
„Fünf“, war Isabels knappe Antwort.
Harry stand der Mund offen. „Für so alt habe ich Sie noch gar nicht gehalten …“
„Was fällt Ihnen ein?!“, schrie Isabel empört.
Harry erschrak, denn er hatte seinen Gedanken laut ausgesprochen. Er errötete prompt. „Bitte verzeihen Sie, so war das nicht gemeint! Aber ich schätze Sie nicht älter als achtundzwanzig; eher jünger“, offenbarte Harry ehrlich.
„Ich bin fünfundzwanzig. Und es sind nicht meine eigenen Kinder, sondern ich betreue sie nur. – Ich bin Tagesmutter.“
Harry fing an zu lachen. Irritiert sah Isabel herüber. Sie wusste nicht, was es da zu lachen gab.
Nachdem sich Harry wieder beruhigt hatte, entschuldigte er sich erneut bei Isabel. Mit einer einfachen Handbewegung wischte sie das Missverständnis vom Tisch. Im Gegenzug dafür kam Harry wieder auf das ursprüngliche Thema zurück: „Wollen Sie sich nicht doch wieder setzen?“
„Nein, danke, ich stehe lieber! Zumal ich davon ausgehe, dass sich unser Gespräch eh jeden Moment erledigt hat …“
„Ich kann also davon ausgehen, dass Sie sich nicht an die Presse wenden werden?“
„Warum sollte ich? Es wird wohl kaum jemanden interessieren, dass Sie ein ungehobelter Klotz mit einem unmöglichen Benehmen sind und auch noch die Frechheit besitzen, in die Privatsphäre anderer einzudringen.“, stellte Isabel leichtfertig fest.
„Wenn Sie das so sehen …“, begann Harry, hielt jedoch dann inne.
„Wollen Sie etwa behaupten, dass Sie nicht der Widerling sind, den Sie doch so gerne nach außen kehren?!“, schrie es daraufhin ganz automatisch aus Isabel heraus.
Doch statt einer Antwort von Harry kam eine Antwort von einer Person hinter ihr: „Ich glaube, Sie vergreifen sich gerade im Ton, junge Dame! Es wäre angebracht, wenn Sie sich jetzt bei Seiner Hoheit entschuldigen und danach die Räumlichkeiten schleunigst wieder verlassen“, sagte die Queen todernst.
Aus Isabels Gesicht war jegliche Farbe gewichen. Abrupt drehte sie sich um, machte einen sehr tiefen, ehrfurchtsvollen Knicks vor der Queen und entschuldigte sich aufrichtig. Als sie sich wieder erhob, zierte ein dunkles Rot ihre Wangen und alles, was Isabel jetzt noch wollte, war weglaufen! Doch noch ehe Isabel den Raum verlassen konnte, hatte Harry auch schon nach ihrem Arm gegriffen und hielt sie fest. Völlig apart starrte Isabel den Prinzen an, während er mit seiner Großmutter sprach: „Grandma. Miss Canningham hat keinen Grund sich zu entschuldigen. Es war ihr gutes Recht, so mit mir umzuspringen. Denn ich bin derjenige, der sich ihr gegenüber zuvor unmöglich benommen hat. Wir waren gerade dabei, über die umständlichen Vorkommnisse zu sprechen und darüber eine gütliche Einigung zu finden.“
Isabel klappte überrascht die Kinnlade herunter. Denn sie hatte mit allem, nur nicht damit gerechnet. Die Queen sah mürrisch zwischen beiden hin und her und entschied sich, vorerst nichts weiter dazu zu sagen und verließ stattdessen, ohne ein weiteres Wort, wieder den Raum.
Auch nachdem die Queen bereits einige Minuten lang das Zimmer wieder verlassen hatte, standen Harry und Isabel noch immer vor dem Schreibtisch und starrten sich gegenseitig an; jedoch aus unterschiedlichen Gründen. Isabel war die Erste, die ihre Stimme wiederfand: „Hätten Sie die Güte mich loszulassen? Sie tun mir weh!“
„Verzeihung, das wollte ich nicht!“, flüsterte Harry und strich sanft über Isabels Arm. Heftig, so als hätte sie sich verbrannt, entriss Isabel Harry ihren Arm. Ergebend hob Harry beide Hände in die Höhe und gewährte einige Schritte Abstand zwischen ihm und ihr. Isabel war darüber dankbar und beruhigte sich langsam wieder.
„Entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie einen ungehobelten Klotz genannt habe. Sie können, wenn Sie wollen, auch recht anständig sein.“
„Danke für die Blumen“, erwiderte Harry und ein leichtes Grinsen huschte über sein Gesicht. „Ich wusste gar nicht, dass nur Worte Ihre Meinung über mich so schnell ändern können?!“
Prompt wurde Isabel knallrot.
Harry nutzte ihre Verlegenheit aus und betrachtete Isabel eindringlich. Sie hatte etwas Magisches an sich! Ihre kurzen, pechschwarzen Haare waren ein krasser Gegensatz zu ihrer schneeweißen Haut. Doch am interessantesten fand Harry noch immer ihre katzenartigen Augen. Sie waren von einem solch dunklen Grün, dass man zweimal hinschauen musste, um sich zu vergewissern, dass man sich nicht versah. In ihren Augen spiegelte sich das Grün der Wiesen wider. Ihre langen, dunklen Wimpern ließen sie schüchtern und unantastbar wirken. Jedoch ihr dunkelroter Mund lud zum Küssen ein.
Wieder einmal völlig perplex über seine eigenen Gedankengänge sagte Harry als Nächstes: „Ich weiß zwar nicht, was ich verbrochen habe, dass Sie solch eine abwertende Haltung mir gegenüber haben – abgesehen von dem Zwischenfall vor dem Spielzeugladen vergangene Woche –, aber sicher werden Ihre Gründe schon stichhaltiger Natur sein …“
Unsicher sah Isabel auf den Teppichboden zu ihren Füßen. Ein zaghaftes „Verzeihung“ kam über ihre Lippe, ohne dass sie dabei aufsah.
„Miss Canningham. Nicht Sie müssen sich entschuldigen, sondern ich mich bei Ihnen! Als Gentleman hätte ich mich erkundigen müssen, ob ich Ihnen wehgetan habe, als ich in Sie hineingerauscht bin. Ich hätte mich dafür entschuldigen müssen und eben Ihre Sachen aufheben sollen, statt Ihnen nur dabei zuzusehen. Gegebenenfalls hätte ich auch Ihre zu Bruch gegangenen Habseligkeiten anstandslos ersetzen müssen.“ Verwirrt sah Isabel den Prinzen an. „Sie haben schon Recht, ich habe mich wie ein Idiot benommen. Ich hatte es eilig und habe nur an meinen Status gedacht“, erklärte Harry sachlich und ruhig weiter, während er um den Schreibtisch herumging und ein Schubfach öffnete. „Leider kann ich eine Sache nicht wieder anstandslos ersetzen“, sagte er und schob dabei den kleinen Holzsockel und die Musikwalze über den Tisch.
Als Isabel die Reste ihrer Spieluhr sah, fing sie unweigerlich an zu weinen. Sofort war Harry zur Stelle und zog sie, keinen Widerspruch duldend, in seine Arme. „Es tut mir leid!“, flüsterte er.
„Harry, kannst Du mir bitte einmal sagen, was Du jetzt schon wieder … angestellt hast???“, kam es plötzlich von der Tür. Es war Prinz William und er sah ungläubig auf das Bild, welches sich ihm bot: Eine unbekannte junge Frau, weinend in den Armen seines Bruders. Sofort riss sich Isabel von Harry los und ohne William eines Blickes zu würdigen, rannte sie aus dem Raum. Fragend sah William erst der jungen Dame hinterher und dann zu seinem Bruder herüber. Harry lehnte am Schreibtisch und strich sich mit den Händen durchs Haar. „Willst Du mir irgendetwas hierzu sagen; oder solltest Du nicht viel lieber ihr hinterher?“, fragte William.
Harry schüttelte resigniert den Kopf und warf sich in den Sessel, auf dem vor kurzem noch Isabel gesessen hatte. William schloss die Türen und setzte sich zu seinem Bruder. „Ist sie der Grund für Elisabeth’ Wutausbruch?“, fragte William sogleich. Harry verdrehte entnervt die Augen und berichtete dann, was ihm in der letzten Woche widerfahren war.
Nachdem sich William die ganze Geschichte angehört hatte, kam er nur zu einer einzigen Erkenntnis: Sein Bruder empfand etwas für die junge Dame, was sein Herz höher schlagen ließ! Harry stritt dies natürlich sofort energisch ab, doch sein schmerzerfüllter Blick strafte seine Worte lügen. Ausgerechnet die Frau, die ihm wie eine Erscheinung seiner innersten Träume begegnet war, hatte er nicht nur beschämt, sondern ihr auch noch Leid zugefügt, das er nicht wieder lindern konnte. Harry seufzte verzweifelt. Prinz William dagegen gab das neue Sorgenkind noch nicht gänzlich auf, denn so hatte er seinen Bruder noch nie erlebt! „Hey, Harry, Kopf hoch, das wird schon wieder. Lass ihr etwas Zeit …“
Harry lachte bitter auf. „Die Worte kommen mir irgendwie bekannt vor. Waren es nicht genau dieselben Worte, die Dad verwendete, als Du die Bande zwischen Dir und Jane aufzugeben drohtest?“
William schmunzelte. „Gerade deswegen sage ich sie Dir ja! Und wie Du jeden Tag selbst sehen kannst, hat sich das Kämpfen gelohnt: Ich bin mit Jane glücklich verheiratet und verliebt wie am ersten Tag.“
Harry schloss die Augen und wollte seinen Kopf auf die Tischplatte legen, dabei stieß er mit der Hand an die Musikwalze. Abrupt setzte er sich wieder auf und nahm sie in die Hand. Geistesabwesend drehte er an der kleinen Kurbel. Obwohl sich die Walze in ihrer Verankerung drehte, ertönte keine Melodie, da die Klangnadel abgebrochen war. Harry seufzte erneut lang und anhaltend.
Als er zu seinem Bruder herüberschauen wollte, war dieser jedoch nicht mehr da. William hatte zwischenzeitlich den Raum verlassen, um Harry mit seinen Gedanken allein zu lassen.
Kapitel 2
Isabel lag zu Hause auf ihrem Bett und ihr kam das alles reichlich merkwürdig vor: Erst rannte sie mit einem der Söhne des Prinzen von Wales zusammen, dann beschimpfte sie ihn auch noch auf eine ganz unschöne Art und nun hielt sie ein Kündigungsschreiben ihrer Kindertagesstätte in den Händen. Aber nicht, dass sie ihre Arbeit verlor; nein, die Räumlichkeiten, in denen sie die fünf Kinder betreute, wurden ihr aufgekündigt, da das Haus zum Abriss von der Britischen Krone persönlich freigegeben wurde. Isabel glaubte noch immer, sie hätte sich verlesen, als sie nun schon zum x-ten Mal das Schreiben las. Und alles nur, weil sie den Prinzen beschimpft hatte??? Isabel wurde wütend, auf sich, auf Prinz Harry und natürlich auch auf die ganze Monarchie. Warum konnte die nicht einfach abgeschafft werden? Was tun die auch schon den ganzen lieben langen Tag, außer das hart erarbeitete Geld der Bürger unnütz zu verschwenden?!
Mit diesen Gedanken und einer Menge Wut im Bauch traf sich Isabel kurz darauf mit ihrer besten Freundin Anabel zum Training im Fitnessstudio.
„Sag mal, Isa, welche Laus ist Dir denn über die Leber gelaufen? Du hast ja eine Laune, die ist ja nicht zum Aushalten. Gab’s Stress zu Hause; macht Dein Vater wieder Stunk? Oder ist was auf Arbeit passiert?“, fragte Anabel, die vergeblich versuchte einen der ihr entgegen geschmetterten Squashbälle zu bekommen, nach einer Weile.
„Nein, zu Hause ist ausnahmsweise mal alles bestens; mir ist nur die Jonesstreet gekündigt worden“, erklärte Isabel so nebensächlich, als sei nichts vorgefallen.
„Dir ist was?!“ Abrupt hielt Anabel im Spiel inne und prompt traf ein harter Schmetterball ihren Oberschenkel. „Autsch!“
„Entschuldige, ich glaube, es ist besser, wenn wir für heute aufhören zu spielen. Ich bin nicht gut drauf.“
„Das merke ich! Aber nun noch einmal ganz von vorn: Wieso ist Dir die Jonesstreet gekündigt worden?“
„Keine Ahnung! In dem Brief stand nur: Es tut uns leid. Aber da Sie eine der letzten drei Mieter sind, die in dem einsturzgefährdeten Haus verweilen, müssen wir Ihnen zum nächsten Monat kündigen. Hochachtungsvoll, die Majestäts-Wohnungsbaugesellschaft“, erklärte Isabel.
Noch immer sah ihre Freundin sie ungläubig an. „Ich denke, das Haus ist denkmalgeschützt? Das können die doch nicht einfach so abreißen und einsturzgefährdet sieht das Haus nun überhaupt nicht aus! Da gibt es in London ganz andere Häuser, bei denen du schon Angst haben musst, überhaupt daran vorbeizugehen; es könnte ja sein, es erschlägt dich währenddessen …“, stellte Anabel in den Raum.
„Ist doch jetzt auch egal, ob das Haus einsturzgefährdet ist oder nicht, ich muss dort jedenfalls raus und weiß nicht wohin! Wenn das mein Vater hört, kriegt der doch gleich wieder einen Anfall: ‚Erst das mit der Friseurin, dann die Sache mit dem Medizinstudium und jetzt das mit dem Kindergarten. Du bist doch nicht mehr ganz bei Trost! Wo soll ich nur das ganze Geld für all Deine verrückten Einfälle herkriegen? Entweder Du lernst etwas Anständiges oder ich schmeiße Dich raus!‘ – Ach verdammt, warum immer ich?!“, jammerte nun auch Isabel und war den Tränen nahe.
Tröstend legte Anabel den Arm um ihre beste Freundin und versuchte sie aufzumuntern: „Schmeiß nicht gleich die Flinte ins Korn, ruf am besten morgen einfach einmal bei der Wohnungsbaugesellschaft an und frage nach, ob das Haus wirklich abgerissen werden soll. Soweit Du weißt, steht es unter Denkmalschutz. Außerdem sollen sie Dir sagen, wie sie sich das vorstellen, denn eigentlich müssten sie Dir neue Räume für Deine Arbeit zur Verfügung stellen. Man kann nicht einfach so ohne Ankündigung jemanden aus einem Haus werfen. – Miete hast Du doch gezahlt, oder?!“
„Natürlich habe ich die Miete bezahlt! Das meiste von meinen Einnahmen geht doch genau dafür drauf. Das ist doch auch der Grund, warum ich überhaupt noch bei meinen Eltern wohne!“, erklärte Isabel leicht gereizt.
„Ich dachte, Du lebst wegen Deiner Mutter noch zu Hause“, gab Anabel kleinlaut von sich.
„Auch.“
„Entschuldigen Sie, spielen Sie noch oder ist die Squashhalle frei?“, kam es plötzlich von der Tür.
„Nein, wir gehen. Sie können rein“, sagte Anabel. „Na los, Isa, lass uns noch einen Kaffee trinken gehen und morgen lade ich Dich zum Kino ein, einverstanden? Ich finde, Du musst auf andere Gedanken kommen.“
Am nächsten Abend trafen sich Isabel und Anabel vor dem Kino und sie beschlossen, in die Sneak-Preview zu gehen. Denn beide fanden die sonstige Auswahl der angebotenen Filme nicht gerade toll, und so ließen sie sich einfach überraschen. Eine Überraschung war nicht nur der neue Actionfilm, der in die Kinos kommen sollte, sondern auch die Gäste der Filmvorführung. Denn kein geringerer als Prinz Harry sah sich mit seinen Freunden ebenfalls die Vorvorstellung an.
Isabels Begeisterung hielt sich wahrlich in Grenzen. Und kaum nahmen die fünf jungen Männer nebst zwei Bodyguards zwei Reihen hinter ihnen die Plätze ein, stand Isabel auch schon wieder auf und ging. Anabel verstand kein Wort und wollte ihrer Freundin hinterherlaufen. Doch Isabel blockte ab und drängte ihre Freundin zum Bleiben: „Die Karten waren teuer genug! Ich gebe Dir nächste Woche das Geld wieder, versprochen.“
„Isabel, das Geld ist mir doch egal! Was ist los; ist doch toll, dass wir gemeinsam mit dem Prinzen im Kino sitzen dürfen!“, schwärmte Anabel.
„Na, dann viel Spaß“, sagte Isabel und ging. Verwirrt sah Anabel ihrer Freundin hinterher.
Nach der Vorstellung ging Anabel nach Hause und rief sofort Isabel an: „Hey Isa, Du hast echt was verpasst! Prinz Harry und seine Freunde haben nur Blödsinn angestellt! Erst schmissen sie mit Popcorn, dann warfen sie mit Papierkügelchen und zum Schluss machten sie unanständige Geräusche. Wir waren alle nur noch am Lachen und Abfeiern; keiner hat mehr auf den Film geachtet …“
„Schön für Dich, wenn Dir der Film gefallen hat“, sagte Isabel.
„Sag mal, hast Du mir eben gerade nicht zugehört? Ich sagte …“
„Doch, habe ich, aber mich interessiert nicht, was der Prinz gemacht oder nicht gemacht hat; ich weiß auch so, dass der sich nicht benehmen kann!“, kam es gereizt und desinteressiert von Isabel.
„Kann es sein, dass Du den Prinzen nicht sonderlich leiden kannst?“
„Schon möglich.“
„Oh Isa … Da bist Du wohl eine der wenigen, die so empfinden!“
„Kannst ihn ja heiraten, wenn Du magst!“
„Isa?! Der kann doch bestimmt auch nichts für Deine Kündigung.“
„Und wenn doch?!“
„Was, gehört ihm etwa die Wohnungsbaugesellschaft?“, fragte Anabel ungläubig.
„Keine Ahnung. Ist mir, ehrlich gesagt, auch ziemlich egal.“
„Entschuldige, Isabel, ich albere hier herum und Dir geht’s voll schlecht. Dabei wollte ich Dich eigentlich nur ein wenig aufmuntern.“
„Ich weiß und ich danke Dir auch dafür. – Annie, sei mir bitte nicht böse, aber ich will jetzt schlafen. Der Abend war ätzend genug“, gestand Isabel.
„Was ist passiert?“, fragte Anabel daraufhin.
„Mein Vater hat das Kündigungsschreiben gelesen.“
„Oh nein! Und nun?“
„Meckert er schon den ganzen Abend herum und stellt mich als einen Nichtsnutz hin. Er meint, ich wäre unfähig einen Job länger als ein halbes Jahr durchzuhalten.“
„Das ist doch gar nicht wahr! Isabel, bitte lass Dich nicht von ihm runtermachen, hörst Du? – Sehen wir uns morgen zum Tanz? Dann können wir uns besser unterhalten als jetzt hier am Telefon. Ich hol Dich ab! Okay?“
„Okay, Annie. Dann bis morgen.“
„Ja. Gute Nacht, Isa.“
Am nächsten Tag holte Anabel ihre Freundin am späten Nachmittag von der Arbeit ab und gemeinsam gingen sie zum Fitnessstudio, wo sie in einer Tanzgruppe Freestyle tanzten. Währenddessen unterhielten sie sich über die Äußerungen von Isabels Vater und Anabel versuchte alles, um Isabel das Gefühl zu geben, kein Loser, sondern ein großartiger Mensch und eine wunderbare Freundin zu sein: „Hast Du zwischenzeitlich mit der Wohnungsbaugesellschaft gesprochen?“ Isabel nickte. „Und was haben die gesagt?“
„Dass sie mir nicht weiterhelfen können: Das Haus sei nicht denkmalgeschützt und kann damit abgerissen werden und somit seien sie angeblich auch nicht verpflichtet, mir neue Räumlichkeiten zu stellen; da sie dies ja erst vor kurzem getan haben. Gerne würden sie sich aber darum kümmern, jedoch kann ich jetzt schon damit rechnen, dass ich die dortigen Mieten nicht zahlen kann“, gab Isabel geknickt von sich.
„Hey Isa, lass bitte den Kopf nicht hängen; wir finden schon noch was! Hast Du eigentlich schon mit den Eltern Deiner fünf kleinen Rabauken gesprochen? Vielleicht haben die ja auch noch eine Idee, wo Du hinziehen könntest? Schließlich ist es doch auch in ihrem Interesse, dass ihre Kinder gut versorgt sind, während sie arbeiten gehen! Ich denke kaum, dass sie gewillt sind, sich schon wieder eine neue Tagesmutti zu suchen. Zumal die Bezahlung sicherlich woanders auch eine andere wäre?!“
„Nein, ich habe ihnen die Hiobsbotschaft noch nicht kundgetan. Ich konnte nicht! Ich wusste nicht, was ich sagen sollte! Schließlich sind wir ja gerade einmal knapp sieben Monate in den Räumen und jetzt kann ich ihnen doch nicht einfach so sagen: ‚Tut mir leid, aber ich muss hier raus und weiß noch nicht wohin. Ab sofort müssen Sie also zusehen, wo Sie Ihre Bälger lassen …‘“
„Isabel! So, natürlich nicht!“, rief sofort Anabel aufgebracht. „Du kannst doch schließlich nichts dafür! Sage ihnen einfach, wie die Fakten sind und versucht gemeinsam eine Lösung zu finden. Ich helfe Dir natürlich auch gerne dabei. Die Eltern Deiner Kinder sind doch keine Unmenschen. Wenn sie Dich nicht für fähig gehalten hätten, hätten sie ihre Kids doch gleich woanders untergebracht“, beschwichtigte Anabel ihre Freundin.
„Die haben mir ihre Kinder doch nur deshalb anvertraut, weil sie meine Mutter kennen und sie ihnen leid tut. Mehr nicht! Jetzt, wo ich keine Bleibe habe, werden sie sich schön rausreden können und selbst wenn ich innerhalb kürzester Zeit neue Räume für einen angemessenen Preis finden sollte, werden sie mir ihre Kinder nicht wieder geben: ‚Dieses ganze Hin und Her ist nicht gut für die Kleinen. Tut uns leid, da wo sie jetzt sind, sind sie gut aufgehoben und wir müssen uns keine Gedanken machen, ob morgen nicht schon wieder ein Raumwechsel bevorsteht!‘“, kam es abermals frustriert von Isabel.
Anabel seufzte tief. Sie wollte ihrer Freundin helfen und wusste doch nicht wie.
Kapitel 3
Es waren seit der Mietraumkündigung zwei Wochen vergangen und wie jeden Donnerstag trafen sich Anabel und Isabel zum Tanzen. In zwei Wochen sollte ein Tanzwettbewerb stattfinden, in dem die besten Freestyle-Tänzer gekürt werden sollten. Und Isabel und Anabel hatten sich vor gut drei Monaten vorgenommen, zu ihnen zu gehören. Doch Isabel ging es von Tag zu Tag schlechter. Sie hatte zwischenzeitlich mit den Eltern ihrer fünf Betreuungskinder gesprochen und zwei der Kinder waren schon am nächsten Tag nicht mehr gekommen. Die anderen drei Elternpaare hatten sich bereiterklärt, sich umzuhören, ob sie jemanden kennen, der Isabel neue Räumlichkeiten zu einem fairen Preis anbieten könnte. Doch bislang ergab sich diesbezüglich noch nichts und langsam, aber sicher wurde die Zeit knapp. Anabels Bruder, Alexander, hatte angeboten, die Möbel so lange in seiner Garage unterzustellen, bis Isabel wieder etwas Neues gefunden hatte.
Isabel war allen dankbar für ihre Hilfe. Doch sie war nun an einem Punkt angelangt, an dem sie selbst daran zweifelte, dass noch alles gut werden würde. Nichtsdestotrotz ließ sie sich nicht unterkriegen und freute sich sehr darüber, als Anabel ihr völlig aufgedreht gestand, dass sie zwei Karten für das Rockfestival am nächsten Wochenende von ihrem Chef – als kleine Belohnung für ihren tatkräftigen Arbeitseinsatz – bekommen habe und Isabel herzlich dazu einlud, mit ihr gemeinsam dorthin zu gehen. Und kaum war es Samstag, sieben Uhr, als sich auch schon die Türen zum Wembley-Stadium öffneten und Tausende von jungen Leuten in den Innenraum der Arena stürmten, um an einer der größten vorweihnachtlichen Rockpartys teilzunehmen, die in England stattfanden. Über die Hälfte des Konzerts erlebten Isabel und Anabel in völliger Euphorie und sie tanzten, sangen und hüpften mit all den anderen Verrückten.
Doch kurze Zeit später begrüßte der Moderator der Veranstaltung einen Ehrengast und es war kein geringerer als Prinz Harry. Während Anabel es amüsant fand, erneut dem Prinzen über den Weg zu laufen, sank Isabels Stimmung in den Keller und sie gab ein wenig begeistertes „Der schon wieder!“ von sich. Irritiert blickte Anabel zu ihrer Freundin herüber. Doch Isabel reagierte nicht darauf.
Nachdem sich der Prinz unter die illustren Konzertanhänger gemischt hatte und somit aus Isabels Blickfeld verschwunden war, kam auch ihre gute Laune wieder und erneut hüpften, tanzten und sangen sie, zusammen mit den anderen, fleißig mit. Als sich Isabel jedoch dann auf einmal spontan umdrehte, um ein paar Photos von den Massen hinter sich zu machen, entdeckte sie dabei unverhofft erneut Prinz Harry, der nur wenige Meter hinter ihnen stand und ebenfalls euphorisch dem Konzert beiwohnte. Prompt sank ihre Stimmung erneut auf den Nullpunkt.
Anabel war wie vom Blitz getroffen, als ihr Isabel daraufhin verkündete, dass sie jetzt – mitten im Konzert – gehen musste. „Was? Aber warum? Heute ist Samstag! Komm, Isa, tu mir das nicht an!“, flehte Anabel.
„Es geht aber nicht anders, Annie! Bitte entschuldige.“
„Was ist denn los? Wenn Du schon vorher gewusst hast, dass Du nicht das ganze Konzert mitmachst, hättest Du es mir doch auch sagen können und ich wäre mit Alex hierhergegangen!“, erklärte Anabel leicht enttäuscht.
„Ich wusste ja nicht, dass ich jetzt schon gehen muss …“
„Hä?! Könntest Du Dich bitte einmal genauer ausdrücken? Ich verstehe nämlich überhaupt kein Wort! Was ist passiert; oder wen hast Du gesehen, dass Du der Meinung bist, dass Du jetzt sofort gehen musst?!“ Langsam wurde Anabel wütend.
„Prinz Harry“, war alles, was daraufhin von Isabel kam.
„Was?!“ Statt einer weiteren Antwort zeigte Isabel in Harrys Richtung und nun hatte auch Anabel ihn wieder entdeckt. „Ja, und?!“, fragte Anabel weiter.
„Ich ertrage seine Nähe nicht.“
„Mensch, Isa, lass Dir doch von dem nicht den Spaß verderben. Du bleibst jetzt hier! So weit kommt es noch, dass Du wegen dem davonrennst! Ich will jetzt Party machen und Du machst mit!!!“, bestimmte Anabel noch immer wütend. Isabel wollte erneut protestieren. Doch Anabel fuhr ihr sofort über den Mund: „Wenn Du jetzt gehst, dann kannst Du unsere Freundschaft als beendet betrachten! Ich reiße mir doch nicht ständig den Hintern für Dich auf und als Dank dafür kriege ich nur einen Tritt! Lass doch den ollen Prinzen einfach links liegen; wir finden schon noch neue Räume für Dich! Außerdem, was schaust Du auch nach hinten? Vorne ist die Bühne und dort spielt auch die Musik!“
Isabel kam nicht umhin, zu bleiben. Doch die Stimmung blieb angespannt, auch nachdem sie Prinz Harry nicht mehr hinter sich stehen sah. Er schien sogar überhaupt nicht mehr da zu sein …
Die gedrückte Stimmung hielt auch weiterhin an, als Isabel gut eine Woche später dann tatsächlich aus den Räumen in der Jonesstreet heraus musste, ohne eine neue Betriebsadresse angeben zu können. Notgedrungen mussten nun auch die übrig gebliebenen drei Kinder an andere Tagesmütter abgegeben werden. Niedergeschlagen saß Isabel in ihrem Zimmer und war seit drei Tagen dort nicht mehr herausgekommen. Auch ans Telefon ging sie nicht; selbst Anabel sollte der Weg zu ihr verwehrt bleiben. Doch dies ließ Anabel nicht lange auf sich sitzen. Denn heute war der 8. Dezember, der Mittwoch, an dem in der angesagtesten Disco von ganz London, dem Club Five, der Freestyle-Wettbewerb auf dem Programm stand.
„Komm, Isabel, beweg Deinen Hintern! Wir haben nicht ganze vier Monate damit verbracht, uns eine verdammt schwere und anspruchsvolle Tanzchoreographie auszudenken, damit sie nun niemand sieht! Soll all der Schweiß und all der Muskelkater umsonst gewesen sein? Nein. Also, hoch mir Dir, sonst prügle ich Dich aus Deiner Ecke!“, schimpfte Anabel sofort los. Unweigerlich fing Isabel bei der Vorstellung an zu schmunzeln. „Na, siehst Du, geht doch! So, und jetzt machen wir uns noch ein wenig hübsch, so dass uns auch sogleich die Juroren zu Füßen liegen; und dann geht’s Abmarsch in den Club …“
Gut zwei Stunden später waren beide seelisch und physisch bereit für ihren Auftritt und so fuhren sie gegen zehn Uhr abends zum Wettbewerb. Kaum betraten sie die Disco, mussten sie sich auch sogleich in die Liste der Tanzwütigen eintragen und bereits zwanzig Minuten später waren sie auch schon an der Reihe. Sie gaben alles und waren mit ihrer gezeigten Choreographie zufrieden. Isabel konnte sogar lachen und tanzte ausgelassen mit Anabel, nachdem sie sich einen Cocktail genehmigt hatten, unbeschwert zur Musik, während sie den anderen Kandidaten bei deren Vorführungen zuschauten.
Drei Stunden später war die Siegerehrung. „Es ist erstaunlich, wie viele, und vor allem wie viele gute bis sehr gute Tänzer – dazu auch noch größtenteils weibliche Kandidaten – England vorzubringen hat. Leider kann den Hauptpreis von fünfhundert Pfund und vier Gratisstunden in einer der renommiertesten Tanzschulen in London natürlich nur ein Team gewinnen. Und dieses Jahr hat gewonnen??? Es sind zwei Newcomerinnen … Die Startnummer Acht: Isabel und Anabel! Wenn die zwei ‚Glöckchen’ einmal vortreten möchten?“, sagte Toni, der DJ.
Völlig überrascht sahen sich die beiden Mädchen an. Doch schon wurden sie von den anderen begeistert in die Mitte der Tanzfläche geschoben, wo sie sich ihren Preis abholen durften. Doch der Preis wurde nicht wie erwartet von der Jury übergeben, sondern von keinem geringeren als Prinz Harry. Anabel strahlte und wisperte: „Euer Hoheit, so sieht man sich wieder.“
Harry grinste und wollte nunmehr Isabel ihren Preis überreichen, doch sie würdigte ihn keines Blickes. Somit ergriff Harry einfach ihre Hand und drückte ihr den Gutschein regelrecht mit den Worten „Herzlichen Glückwunsch, viel Spaß bei den Gratisstunden. Tanz so weiter, es macht Spaß, Dir dabei zuzusehen“ in die Hand. Mit einem verbissenen Gesicht nahm Isabel gezwungenermaßen ihren Preis von Harry entgegen. Anschließend wollte sie wieder einmal die Flucht ergreifen. Doch dazu kam es vorerst nicht, denn das Publikum verlangte, dass die zwei Sieger noch einmal ihre Choreographie tanzten. Isabel entglitten jegliche Gesichtszüge. Doch sie kam nicht umhin, dem Wunsch Folge zu leisten.
Harry grinste selbstgefällig und beobachtete Isabel während des Tanzes ganz genau. Doch kaum hatte ihr Tanz ein Ende gefunden, machte Isabel, dass sie fortkam. Entnervt verdrehte Anabel die Augen.
„Was ’n mit der?“, fragte auch sogleich Toni.
Anabel zuckte nur mit den Schultern und entschuldigte sich für das unmögliche Benehmen ihrer Freundin beim Prinzen.
Leicht geknickt nickte Harry, ehe auch er sich aus dem Staub machte. Doch sein Weg führte ihn nicht etwa zu sich nach Hause, sondern direkt zu der Wohnung von Isabel. Er musste unbedingt einmal mit ihr reden!
Leicht nervös klopfte Harry an ihre Haustür. Überraschenderweise wurde ihm sofort geöffnet. Doch statt Isabel stand ein Herr mit bereits ergrautem Haar vor ihm. „Sie wünschen?“, kam es knapp von dem stämmigen Mann mittleren Alters.
„Guten Abend, Mister Canningham?“, sagte Harry.
„Ja, der bin ich! Was wollen Sie, Euer Hoheit? Zu Isabel? Dies kann ich Ihnen leider nicht gewähren. Ich möchte Sie bitten, dass Sie meine Tochter in Ruhe lassen!“, erklärte Mister Canningham.
„Das kann ich leider nicht, denn ich müsste einmal mit ihr sprechen“, erwiderte Harry.
„Ich weiß nicht, ob Sie die simplen Worte eines einfachen Bürgers nicht verstehen, vielleicht überhören Sie sie aber auch einfach nur oder Sie bilden sich etwas auf Ihren schönen Titel ein? Doch, so oder so, sage ich es Ihnen jetzt noch einmal: Meine Tochter ist für Sie tabu!!!“
„Bitte verzeihen Sie, wenn ich diesen Eindruck auf Sie mache. Ich habe Sie schon verstanden. Doch auch ich darf mich wiederholen: Ich muss dringend einmal kurz mit Ihrer Tochter sprechen … Bitte!“, bat Harry erneut. Doch statt einer weiteren Antwort wurde ihm daraufhin einfach die Tür vor der Nase zugeschlagen. Harry schloss die Augen und seufzte tief. Was sollte er nur machen? Er fühlte sich elend und völlig missverstanden. Doch ihm blieb keine andere Wahl als unverrichteter Dinge wieder nach Hause zu fahren.
Als Harry im Buckingham Palast ankam, war es zwei Uhr. Doch er konnte nicht schlafen, ständig sah er Isabel geistig vor sich, wie ihre dunkelgrünen Katzenaugen ihn böse anfunkelten, und so begab er sich in die Bibliothek. Doch auch dort fand er keine Ruhe. Er war seiner Traumfrau begegnet und schon ging alles nur noch schief: Statt ihr Rosen schenken zu können rannte sie ständig vor ihm weg! Als er darüber nachsann, fing er an zu lachen. Hatte William nicht das Gleiche mit Jane damals durchgemacht? Und hatte er nicht einmal gesagt, dass er bei solch einem Terz nicht mitmachen würde? Tja, so konnten sich Meinungen ändern. Und schon machte sich Harry, mitten in der Nacht, auf den Weg zu seinem Bruder, der zurzeit in seiner Stadtwohnung in Kensington verweilte.
Völlig verschlafen öffnete William die Tür und war nicht sonderlich überrascht darüber, Harry davor stehen zu sehen. Harry hatte des Öfteren solche Anwandlungen, einfach aus Langeweile seinen Bruder mitten in der Nacht aus dem Bett zu holen. Doch ein Blick in dessen Gesicht und William wusste, weswegen Harry hier war. „Du hast sie wieder einmal getroffen?“, waren auch sogleich seine Worte, ehe sich beide in die Wohnstube begaben. Harry nickte. „Und es verlief erneut anders als gewünscht?“ Abermals nickte Harry. „Geht es auch etwas genauer, denn es ist mitten in der Nacht und ich lag bereits friedlich schlafend in meinem Bett!“, beschwerte sich William.
„Entschuldige. Ja, ich habe Miss Canningham vorhin unverhofft wiedergesehen. Sie war im Club Five. Doch als ich ihr gegenübertrat, machte sie, dass sie wegkam.“
„Was hast Du denn zu ihr gesagt?“, fragte William noch nicht ganz wach.
„Nichts. Ich habe ihr nur gratuliert und ihr einen Gutschein überreicht.“ Verwirrt sah William Harry an. „Sie hat mit einer Freundin den Freestyle-Wettbewerb gewonnen. Sonst wäre sie mir im Club wahrscheinlich auch überhaupt nicht aufgefallen“, erklärte Harry sachlich.
Noch immer fragend sah William seinen Bruder an. „Und Du hast wirklich nichts weiter zu ihr gesagt?“
„Nein! Das sagte ich doch bereits! Aber nachdem sie gegangen war, bin ich ihr gefolgt.“
„Oha! Und was ist dann passiert?“ Jetzt war William hellwach.
„Nicht viel. Sie war nach Hause gegangen. Doch statt mit ihr sprechen zu können erklärte mir ihr Vater, dass ich mich zum Teufel scheren soll.“ Erneut sah William seinen Bruder irritiert an.
Harry seufzte. „Ich habe wohl keinen guten Eindruck bei Miss Canninghams Eltern hinterlassen?!“
„Aber sie kennen Dich doch gar nicht!“, erklärte William verärgert.
„Ich denke, Miss Canningham wird ihren Teil dazu beigetragen haben.“
„Na, toll!“
„Wills!“, ermahnte Harry seinen Bruder.
„Was? So wie mir scheint, hat die junge Dame es selbst faustdick hinter den Ohren. Das kommt fast einer Beleidigung nahe!“, stellte William klar.
„Was kommt einer Beleidigung nahe?“, kam es plötzlich von der Wohnzimmertür. Es war Jane, die ebenfalls noch recht verschlafen den Raum betrat. Harry seufzte.
„Oh, wir haben mal wieder nächtlichen Besuch!“, begrüßte Jane ihren Schwager.
„Hallo, Jane. Bitte verzeih, dass ich Eure Nachtruhe störe.“
„Ach, das geht schon in Ordnung; wäre ja nicht das erste Mal …“, sagte Jane leicht süffisant.
„Ich glaube, es ist besser, wenn ich wieder gehe“, stammelte Harry.
„Nein, Du bleibst!“, bestimmte William.
Überrascht sah Jane ihren Mann an. Wenn William Harry seinen Willen aufzwang, dann hatte das schon etwas zu bedeuten. „Was ist los?“, fragte sie daher auch sogleich.
„Es geht um Miss Canningham“, erklärte William knapp.
Jane nickte und setzte sich auf die Sessellehne zu ihrem Mann. Sie sah dabei jedoch weiterhin fragend zu Harry. Harry musste unweigerlich schmunzeln. „Ich habe sie heute wiedergetroffen und es verlief nicht ganz so, wie es hätte sein können.“
„Hast Du sie wieder einmal in die Enge getrieben?“, fragte Jane ernst.
„Jane!“, rief William entsetzt. Harry sah überrascht in die Runde.
Nun war es William, der tief und lang anhaltend seufzte. „Nein, Harry hat diesmal gar nichts gemacht, er wurde gleich an der Tür abserviert.“
„Oh … Ich würde sagen, da wollte Dich jemand nicht sehen“, stellte Jane leichtfertig fest.
„Danke, Darling, aber so weit waren wir auch schon.“
„Hach Gott! Ist ja schon gut, ich lass die Herren der Schöpfung wieder allein! Ich dachte nur, ich könnte vielleicht aus der Sicht einer Frau etwas dazu beitragen. – Falls Du Dich, mein lieber Mann, eventuell daran erinnern möchtest, dass es auch bei uns einmal eine Zeit gab, wo ich vor Dir davongerannt bin und Dich am liebsten zum Teufel gejagt hätte?! Gut möglich, dass es der jungen Lady ähnlich ergeht? Oder wie fändest Du es, erst eine ganze Woche von jemandem Dir völlig unbekannten verfolgt zu werden. Und kaum bist Du ihn los, taucht er anscheinend an jeder Straßenecke doch wieder auf!“, warf Jane schnippisch in den Raum, ehe sie sich erhob, um zu gehen.
Prompt zog William sie wieder auf seinen Schoß. „Entschuldige, Darling. – Ja, Du könntest Recht haben, was Miss Canningham betrifft“, überlegte William.
Harry fuhr sich verzweifelt mit den Händen durchs Haar. „Und was mache ich jetzt? Oder was kann ich machen, damit Miss Canningham, oder besser gesagt Isabel – so lautet nämlich ihr schöner Vorname – mich doch noch anhört?“
„Hmmm? Wie wäre es, wenn Du ihr einen Brief schreibst?“, schlug Jane vor. Fragend sahen beide Männer sie an. Jane schmunzelte. „Was? Es wäre eine Möglichkeit, Isabel – ohne dass sie mit Harry persönlich sprechen muss – mitzuteilen, warum, wieso, weshalb er wie gehandelt hat und eben, was ihm daran liegt, noch einmal mit ihr persönlich zu sprechen.“
„Und was ist, wenn ihr Vater den Brief abfängt?“, fragte Harry ängstlich.
„Wenn Du den Brief über einen Boten übergeben lässt, der ihn nur ihr persönlich aushändigen darf, denke ich, wird sie ihn auch bekommen. Was sie dann aber damit macht, steht in den Sternen. Doch vielleicht wirft sie ihn ja nicht gleich ungelesen in den Müll und antwortet Dir stattdessen bestenfalls“, erklärte Jane weiter. „Und wenn Du ganz viel Glück hast, schreit Dir als Antwort auch nicht gleich ein großes fettes ‚Nein‘ entgegen.“
„Wenn doch, dann weißt Du auf jeden Fall, woran Du bist. Und auch, wenn es noch so schmerzlich ist, wirst Du sie dann wohl oder übel vergessen müssen“, setzte William Janes Gedanken fort.
Harry seufzte, was sich jedoch in ein Gähnen verwandelte.
„Okay, ich denke, mehr gibt es vorerst dazu nicht zu sagen, und Du, Harry, machst jetzt, dass Du ins Bett kommst! Das Gästezimmer erwartet Dich bereits.“ Damit schloss Jane das nächtliche Gespräch.
„Jane?“
„Ja?“
„Danke“, waren Harrys einfache Worte darauf.
„Hey, schon gut. Als Gegenleistung erwarte ich jedoch, dass Du übernächsten Samstag Deine Nichte zum Kinderrummel begleitest!“
William fing prompt an zu lachen, während Harry – sich ergebend – Kopf und Schultern sinken ließ und nickte. Jane strahlte und hauchte ihrem Lieblingsschwager einen Kuss auf die Wange.
Als Jane am nächsten Morgen von der Toilette kam, es war gerade erst halb sechs, hörte sie ein seltsames Rascheln aus dem Gästezimmer. Vorsichtig öffnete sie die Tür und war überrascht, Harry völlig bekleidet am Sekretär sitzen zu sehen. „Guten Morgen, Harry. Darf ich fragen, was Du da machst?“
Um Harry herum lagen auf dem Boden und auf dem Schreibtisch jede Menge Papierknäuel. Harry seufzte und warf den Stift auf den Tisch. „Ich versuche einen Brief zu schreiben.“
„An Miss Canningham?”
Harry nickte.
„Und seit wann sitzt Du da schon?“, fragte Jane bereits erahnend.
„Seit ich den Raum betreten habe.“
„Aja! Und wie sieht es mit etwas Schlaf aus?“
Harry musste daraufhin sogleich gähnen.
„Kaffee?“
„Hast Du schon welchen fertig?“, fragte Harry überrascht und sah auf seine Armbanduhr.
Jane lachte. „Nein, aber ich setze welchen auf. Kommst Du mit in die Küche?“ Harry folgte ihr.
Während der Kaffee durch die Maschine lief, setzte sich Harry auf die Eckbank am Giebelfenster und unterhielt sich leise mit Jane.
„Schon was auf Papier gebracht oder alles nur Entwürfe?“
Harry grinste müde. „Mehr oder weniger. Ich schreibe was und verwerfe es dann aber doch gleich wieder. Ich weiß irgendwie nicht, wie und wo ich anfangen soll. Geschweige denn wie ich das, was mir durch den Kopf geht, in Worte fassen soll. Es klingt alles irgendwie so aufgesetzt.“
„Wie wäre es denn auch erst einmal mit einer Mütze Schlaf, ausgeruht sind Deine Gedanken garantiert geordneter. Falls nicht, schreib doch erst einmal alles nur runter, ohne Punkt und Komma. Erst einmal alles nur heraus aus dem Kopf. Danach kannst Du immer noch sortieren und überlegen, was von dem, was Dir so durch Kopf ging, Du ihr mitteilen willst“, schlug Jane vor.
„Eigentlich ist mein Problem ja gar nicht das, was ich Isabel schreiben will, sondern immer die Überlegung, was sie auf das ein oder andere erwidern würde“, gestand Harry kleinlaut.
„Oh, Harry, Dich hat es ganz schön erwischt, was?! Doch nichtsdestotrotz kannst Du nicht beeinflussen, wie Isabel auf Deine Zeilen reagieren wird. Daher sei einfach nur Du selbst: Sei ehrlich zu ihr und vor allem auch zu Dir! Du wirst sehen, wenn sie den Brief liest und Dich verstehen will, wird sie sich schon irgendwie bemerkbar machen.“
Harry seufzte. Jane schob ihm daraufhin einen großen Pott Kaffee vor die Nase und reichte ihm Briefpapier und Füller. Danach ließ sie Harry allein in der Küche zurück. Harry nahm einen Schluck von dem Kaffee und atmete noch einmal tief durch, ehe er erneut zu Stift und Papier griff und seine Gedanken einfach niederschrieb.
Drei Stunden später betrat William die Küche und war überrascht, seinen Bruder schlafend am Küchentisch vorzufinden. Vor ihm lagen mehrere beschriebene Blatt Papier. William nahm sich die Freiheit heraus und griff nach den Zetteln und las einen nach dem anderen durch. Nun endlich schien er zu begreifen, was Harry bewegte.
Die letzten drei Blatt Papier waren dann auch der Brief an Miss Canningham:
Isabel,
ich weiß nicht, ob Du bereits nach dem dritten Wort wieder aufgehört hast zu lesen oder ob meine Worte überhaupt bei Dir Gehör finden.
Ich weiß auch nicht, ob der Brief nicht schon längst durch den Reißwolf gewandert ist oder nur in irgendeiner Ecke zerknüllt herumliegt.
Ich hoffe, nichts von dem ist der Fall. Stattdessen hoffe ich, dass Du Dir die Zeit nimmst und meine Zeilen liest. Es sind Gedanken, die mir auf der Seele brennen und vielleicht kannst Du sie auch ein wenig verstehen … Denn dieser Brief scheint mir die einzige Möglichkeit zu sein, mich Dir mitzuteilen, nachdem Dein Vater mich letzte Nacht recht forsch der Tür verwiesen hat. Ich kann es sogar nachvollziehen, denn bislang verlief irgendwie so ziemlich alles anders als erwartet; falls man das überhaupt so bezeichnen kann?
Isabel. – Ein wirklich schöner Name …
Es tut mir übrigens leid. Es tut mir leid, dass bei unserem ersten Aufeinandertreffen Deine Spieluhr zu Bruch gegangen ist. Ich weiß, ich kann dies unmöglich wieder gut machen und noch weniger kann ich die Zeit zurückstellen, was ich am liebsten täte.
Ich denke, für uns beide war dies kein guter Tag. Ich war in Eile und Du schienst auch schon vor meinem Rempler gereizt. Ich war dann nur noch das I-Tüpfelchen des Ganzen.
Ich möchte mich diesbezüglich auch noch einmal in aller Form bei Dir entschuldigen.
Und auch, wenn Du mich für einen arroganten Pinsel hältst, muss ich dazu sagen, dass ich Dir nur deshalb nicht geholfen habe, weil ich so perplex über Deine Ausdrucksweise und Deine Schimpftiraden war: So hatte noch nie jemand mit mir gesprochen – nicht einmal meine Großmutter! Du hast mich einfach so verwirrt, dass ich nur wie ein kleiner dummer Junge daneben stehen und Dich anstarren konnte.
Das mit Deiner Spieluhr habe ich auch erst viel später mitbekommen, als ich über ihre Reste gestolpert bin. Es befinden sich noch immer der Holzsockel und das Spieluhrmagazin in meinem Besitz. Ich würde sie Dir gerne persönlich wiedergeben.
Beim letzten Mal wurden wir ja leider dabei unterbrochen.
Apropos letztes Mal:
Es muss Dir wirklich schon sehr merkwürdig vorkommen, dass egal, wo Du hingehst oder hinschaust, ich ständig Deinen Weg kreuze …
Eines sei Dir aber versichert, es ist alles nur reiner Zufall; keine Angst, ich verfolge Dich nicht und lasse Dich auch nicht mehr beschatten! Das gestern im Club war auch nur ein Zufall.
Ich bin recht oft dort, da ich den Besitzer zu meinem Freundeskreis zählen darf. Er war auch derjenige, der vorgeschlagen hat, dass ich den Hauptpreis überreichen soll. Ich muss gestehen, als ich erfuhr, wer gewonnen hat, konnte ich dem auch nicht widerstehen.
Bitte verzeih!
Und falls ich Dich etwas zu grob angefasst haben sollte, tut es mir leid. Aber Du hattest keinen Grund davonzulaufen! Ich wollte Dir wirklich nur Deinen Preis übergeben und Dir gratulieren.
Übrigens, ich kann mich nur wiederholen: Du tanzt gut. Es hat mir sehr gefallen, was Du und Deine Freundin vorgeführt habt. Ich hoffe, Du lässt den Gutschein nicht verfallen. Denn nicht ich habe ihn gesponsert, sondern der Club! Ich war dort gestern auch nur ein Gast.
Aber das nur nebenbei.
Solltest Du tatsächlich bis hier gelesen haben, möchte ich Dir noch eines mitteilen: Falls Du nämlich der Meinung sein solltest, dass ich diesen Brief nur deshalb geschrieben habe, um so mein Gewissen zu beruhigen und an Deines zu appellieren, dass Du Dich nicht doch noch an die Presse wendest, sei Dir gesagt, dass ich es a) eh nicht verhindern könnte, wenn Du dieses wolltest und b) es mir nun auch egal wäre. Doch ich vertraue Dir.
Warum, weiß ich selbst nicht so genau; aber ich weiß, dass es so ist!
… und so bleibt nur noch eine Frage offen:
Bist Du gewillt, mir noch einmal gegenüberzutreten, damit ich Dir die Reste der Spieluhr übergeben kann? Ich weiß, ich könnte Sie Dir auch per Post schicken, oder gar über den Boten, der Dir diesen Brief überbracht hat, zukommen lassen. Doch um ehrlich zu sein, habe ich Angst, dass sie so noch gänzlich verschüttgehen. (Auch wenn das im Grunde völliger Blödsinn ist.) Der eigentliche Grund ist der, dass ich gerne noch einmal ein paar Worte mit Dir würde wechseln wollen …
Wie auch immer Deine Antwort ausfallen sollte. Es wäre nett, wenn Du sie mir in irgendeiner Form zukommen lassen könntest.
Danke, Harry.
Kapitel 4
„Onkel Harry, Onkel Harry! Zum Karussell! Ich will zum Karussell!“, schrie Klein Marie und zog energisch an dem Arm von Prinz Harry, der Marybeth wie versprochen zum Kinderrummel eine Woche vor Weihnachten begleitete.
Nachdem Marybeth bereits zum vierten Mal mit ein und demselben Kinderkarussell gefahren war, rannte sie nun herüber zu den Ponys. „Ich auch! Bitte, Onkel Harry! Mami, darf ich?!“, bettelte Marie. Prinzessin Jane lachte und ließ Harry mit seiner Nichte allein.
Während Harry darauf acht gab, dass Marybeth nicht vom Pferd fiel, wanderte Jane durch die aufgestellten Pavillons und machte eine Entdeckung: Um zwei Uhr gab es im großen Zelt eine kleine Zirkusvorstellung, gefolgt von einer Märchenstunde, die eine gewisse Lindsay Canningham durchführte. Canningham? So hieß doch auch Isabel mit Familiennamen! Jane lächelte verschmitzt, denn sie hatte so eine Vorahnung und lief zu ihrer Tochter und Harry herüber. „Marie, dort drüben kommen gleich die Clowns, die magst Du doch so gerne. Wollen wir hinübergehen?“
„Au ja!“, erwiderte Marybeth begeistert.
Harry seufzte. „Oh weh, was tust Du mir nur an, Jane?!“
„Was hast Du denn? Lachen ist gesund! Im Übrigen könntest Du auch mal wieder ein paar Glückshormone ganz gut gebrauchen. Und ich denke, Marie ist die beste Ablenkung für Dich!“, erklärte Jane simpel.
„Danke, das ist zu gütig von Dir! – Ich wäre ja schon froh, wenn ich wüsste, ob Isabel meinen Brief wenigstens gelesen oder gleich zerrissen hat …“
„Harry, sei nicht so ungeduldig! Lass ihr Zeit. Wenn Du sie bedrängst, bewirkst Du doch nur das Gegenteil von dem, was Du eigentlich willst.“
Bevor Harry erneut etwas darauf erwidern konnte, rief Marybeth bereits wieder nach ihnen: „Onkel Harry, Mami … die Clowns!!!“
Gemeinsam betraten sie das Festzelt.
Während sich Marie in die erste Reihe zu den anderen Kindern setzte, machten es sich Jane und Harry im hinteren Bereich auf einer der Bänke bequem. Zu Janes Freude amüsierte sich Harry genauso köstlich wie ihre Tochter über die zwei Kasper in der Mitte der Manege. Doch plötzlich wurde es dunkel im Zelt und man konnte an der Decke goldene Sterne tanzen sehen. Es war Zeit für die Märchenstunde.
Eine Dame mittleren Alters, mit goldenem, langem Haar, einem spitzen Hut mit Schleicher, sowie einem seidigen Kleid wurde von zwei Pagen in die Manege getragen. In einer Hand hielt sie einen Feen-Zauberstab und in der anderen ein dickes Märchenbuch. Harry lehnte sich zurück und schloss für einen Moment die Augen. Endlich saß Marybeth einmal völlig ruhig und gespannt auf dem Boden und sah erwartungsvoll wie alle anderen Kinder die Märchenfee an. Doch abrupt öffnete Harry die Augen wieder, als er die Stimme der Märchenfee hörte. Irritiert sah er der Frau in der Mitte des Zeltes ins Gesicht. Harry sah aus, als hätte er ein Gespenst gesehen.
Während die Märchenfee den kleinen Kindern das Märchen vom Nussknacker erzählte, beobachtete Jane Harry ganz genau. „Was ist los?“, flüsterte sie.
„Die Frau da vorne spricht genauso wie Isabel, und sie sieht, einmal abgesehen von den Haaren, auch fast aus wie sie; nur halt älter“, sagte Harry zu Jane.
„Bist Du Dir da ganz sicher?“
„Ich denke schon …“
Während Harry weiter darüber grübelte, ob es sich bei der Frau um eine Verwandte von Isabel handeln könnte, schaute die Märchenfee parallel ebenfalls in regelmäßigen Abständen zu Harry herüber.
Nachdem das Märchen vorbei war, wurde das Zelt wieder hell erleuchtet und die Kinder strömten schnell wieder nach draußen. Außer Marybeth, sie saß noch immer gebannt vor der Frau in der Manege. „Bist Du wirklich eine Fee?“, fragte Klein Marie auch sogleich die Geschichtenerzählerin.
Die Dame lächelte: „Schon möglich. Hast Du denn einen Wunsch, der erfüllt werden soll?“
„Ja, ich möchte, dass mein Onkel wieder lacht und fröhlich ist und ganz viel Quatsch mit mir macht!“, offenbarte Marie. Jane und Harry, die sich zu Marie begeben hatten, blieben abrupt stehen und starrten entsetzt zu der Frau herüber.
„Oh! Das ist aber ein sehr großer Wunsch. Hast Du denn Deinen Onkel schon einmal gefragt, warum er mit Dir nicht mehr so viel herumalbert?“
„Papi sagt immer, Onkel Harry hat keine Zeit. Und Mami hat mir verraten, dass Onkel Harry traurig ist.“
„Marybeth!“, kam es von Jane völlig fassungslos. Ihre Tochter war doch erst vier! Die Märchenfrau lächelte freundlich die Hoheiten an und winkte Harry wie Jane zu sich herüber.
„Mami, warum ist Onkel Harry traurig? Hat er mich nicht mehr lieb?“
„Oh Marie, nicht doch! Natürlich habe ich Dich ganz doll lieb! Du bist doch meine kleine Prinzessin!“, antwortete Harry für Jane und hob seine Nichte auf den Arm. „Weißt Du, Marybeth, Erwachsene sind manchmal einfach nur so traurig, weil sie allein sind und keinen zum … zum Spielen haben.“
„Aber Du kannst doch mit mir spielen!“, protestierte Marie.
Harry lächelte. „Ja, das ist richtig. Aber Du bist ja nicht immer in meiner Nähe und zudem möchten Deine Eltern doch auch mit Dir spielen. Und immer dann … ehm …“
„Marybeth, Du bist doch Onkel Harrys kleine Prinzessin, nicht wahr?“, unterbrach Jane Harrys Erklärungsfindungen. Marybeth nickte begeistert. „Doch Dein Onkel hätte auch gerne eine große Prinzessin bei sich.“
„So wie Du?“, fragte Marie traurig.
Jane nickte. „Ja, so wie ich.“
„Liebe Fee, kannst Du eine große Prinzessin für meinen Onkel herbeizaubern? Damit er wieder lacht?“, fragte Marybeth hoffnungsvoll.
Die Märchenfee lächelte und meinte dann: „Na, mal schauen, was ich machen kann. Doch ich kann Dir nicht versprechen, dass Dein Wunsch von heute auf morgen in Erfüllung geht. Aber vielleicht kann ich Deinen Onkel überreden, nicht mehr ganz so traurig zu sein?!“
„Au ja!“, schrie Marybeth. Prompt wurde Harry knallrot.
„So, komm, meine kleine Maus. Wir gehen jetzt wieder nach draußen zu den Ponys und lassen Onkel Harry und die Märchenfee einmal allein“, sagte Jane und nahm ihre Tochter an die Hand.
Kaum waren Jane und Marybeth aus dem Zelt, kamen erneut die zwei Pagen und trugen die Geschichtenerzählerin auf ihrer Sänfte in den hinteren Teil des Zeltes. „Würden Sie mich begleiten, Euer Hoheit?“, fragte die Dame währenddessen freundlich. Leicht unsicher folgte Harry den zwei Pagen, die die Märchenfee kurzerhand in einen Rollstuhl setzten. Harry starrte die Frau im Rollstuhl irritiert an. „Euer Hoheit?!“
„Verzeihung, Miss …“
„Misses … Canningham. – Ja, ich bin Isabels Mutter.“
Harry schwirrte der Kopf, er musste sich erst einmal setzen. Da nichts anderes greifbar war, nahm er die Sänfte. „Euer Hoheit, was geht Ihnen gerade durch den Kopf?“, fragte Misses Canningham daraufhin.
„Ich weiß nicht so genau, irgendwie überschlägt sich gerade alles“, gestand Harry.
„Weil ich im Rollstuhl sitze oder weil ich Isabels Mutter bin?“
„Ähh, beides irgendwie …“
„Dass ich im Rollstuhl sitze, muss Sie nicht belasten. Das tue ich bereits seit mehr als neun Jahren.“ Harry schluckte. „Ich habe mich damit abgefunden und lebe mein Leben so, wie es nun einmal ist. Also grübeln Sie nicht länger darüber nach. Ich denke, es würde Sie wahrscheinlich auch viel mehr interessieren, ob meine Tochter Ihren Brief gelesen hat und wie ihre Reaktion darauf war?!“ Harry hielt hörbar die Luft an. Misses Canningham fing unweigerlich an zu schmunzeln. „Um es kurz zu machen: Bevor meine Tochter Ihren Brief las, habe ich ihn gelesen. Denn Isabel hat nichts anderes getan als ihn nach Empfang sofort in den Papierkorb zu werfen.“ Harry schluckte erneut und kämpfte mit den Tränen, die ihm unweigerlich in die Augen traten, was ihm mehr als peinlich war.
„Ich kann Ihnen auch sagen, warum meine Tochter Ihren Brief sofort wegwarf: Sie war, oder besser gesagt ist immer noch wütend.“ Fragend hob Harry eine Augenbraue. „Sie ist wütend auf Sie, wütend auf sich selbst und sie ist wütend auf die ganze restliche Welt. Denn bislang hat in ihrem Leben noch nicht alles so geklappt, wie sie es sich gern vorgestellt hat und ihr Vater ist nicht gerade jemand, der sie tröstet oder unterstützt. Eher haut er noch einmal ordentlich kräftig oben drauf!“ Verwirrt starrte nun Harry die Dame vor sich an.
Unweigerlich fing Misses Canningham erneut an zu schmunzeln. „Verzeihen Sie, Euer Hoheit, ich glaube, ich sollte von vorn und nicht mittendrin anfangen zu erzählen …“
Harry nickte.
„Nachdem Isabel ihren Abschluss gemacht hat, wollte sie Friseurin werden. Doch ihr Vater war von Anfang an dagegen. – Mein Mann ist ein sehr strenger Mensch, wenn es um das Wohl seines Fleisch und Blutes geht, müssen Sie wissen. Und als Isabel eines Tages mit kurzen, wasserstoffblondgefärbten Haaren ankam, gab es erst einmal mächtigen Zoff. Als sich dann auch noch herausstellte, dass Isabel den Beruf einer Friseurin gar nicht erlernen konnte, da sie eine Allergie gegen bestimmte chemische Färbungsmittel hat, knallte es erneut heftig zu Hause.“
Misses Canningham machte eine kurze Pause. Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass der Prinz ihr noch immer aufmerksam zuhörte, erzählte sie weiter: „Als Nächstes hatte Isa den fixen Gedanken ein Medizinstudium zu beginnen. – Was sie dazu verleitet hat, ist mir bis heute nicht ganz schlüssig! – Aber wie sollte es auch anders sein: Nach einem halben Jahr brach Isabel das Studium wieder ab, da sie laut eigener Aussage mit den Anforderungen nicht zurechtkam.“
„Lassen Sie mich raten, und erneut gab es Streit mit ihrem Vater?!“, warf Harry ein.
Misses Canningham schmunzelte. „Ja, leider. Aber nun dachte ich, es wird doch noch am Ende alles gut, als sie sich von heute auf morgen als Kinderbetreuerin selbstständig machte. Natürlich gab es auch hier erst einmal wieder eine heftige Auseinandersetzung; diesmal ging es jedoch vielmehr um den ganzen finanziellen Kram. Denn zwischenzeitlich hatten sich Vater und Tochter wieder eingekriegt und meine Tochter schien glücklich mit ihrem Beruf. Leider kam nun unverhofft eine Situation, mit der wohl keiner von uns gerechnet hatte. Denn ihr wurden von heute auf morgen die Räumlichkeiten der Kindertagesstätte gekündigt! Und sie gibt Ihnen – verzeihen Sie –, Euer Hoheit, daran die Schuld. Denn es war genau die Zeit, nachdem sie Sie kennen und zu beschimpfen gelernt hat“, erklärte Misses Canningham sachlich.
„Und was, bitte schön, habe ich mit der Kündigung zu tun?“, fragte Harry, der nur Bahnhof verstand.
„Der Vermieter des Hauses ist die Majestäts-Wohnungsbaugesellschaft. Kennen Sie die rein zufällig?“, fragte Isabels Mutter.
„Nicht persönlich, einer meiner Onkel steckt da irgendwie mit drin. Aber jetzt kann ich eins und eins zusammenzählen.“
„Genau, Isabel ist der festen Überzeugung, dass Sie für die Kündigung verantwortlich sind.“
Seufzend schüttelte Harry den Kopf.
„Ich habe mir schon gedacht, dass Sie nichts damit zu tun haben. Aber nachdem, was zwischen Ihnen und meiner Tochter vorgefallen zu sein scheint, kann ich Isabels Reaktion nur verstehen. Ich hätte den Brief auch ungelesen weggeworfen!“ Unsicher blickte Harry zu Misses Canningham. „Wie schon erwähnt, hat meine Tochter zwischenzeitlich Ihren Brief gelesen. Allerdings ist sie derzeit nicht gewillt, Sie wiederzusehen. Es tut mir leid.“
Harry schluckte, nickte aber. „Darf ich Sie trotzdem nach Hause bringen, oder werden Sie abgeholt?“, fragte Harry daraufhin.
„Nein, werde ich nicht. Danke, ich nehme Ihr Angebot gerne an. Ich habe gleich gewusst, dass Sie nicht der Wüstling sind, den meine Tochter gern zu beschreiben meint!“ Unweigerlich musste Harry grinsen und auch Misses Canningham lächelte zuversichtlich.
Bevor Harry Isabels Mutter bis zu ihrer Haustür brachte, saßen beide noch eine ganze Weile im Auto und unterhielten sich über das Problem mit der Raumkündigung. Harry hatte die Idee, Isabel für die gleichen Konditionen neue Räumlichkeiten zu besorgen, ohne dass sie davon erfuhr, wer der Initiator war. Im Gegenzug wollte Misses Canningham versuchen, die Eltern der fünf Kinder dazu zu bringen, Isabel ihre Kinder wieder anzuvertrauen. Beide hatten die Hoffnung, dass sich Isabel dann eventuell wieder beruhigen würde und Harry eine Chance gab, sich ihr noch einmal in einem ungestörten Gespräch mitzuteilen.
„Misses Canningham, ich danke Ihnen für die aufschlussreiche Unterhaltung und wünsche Ihnen und Ihrer Familie bereits jetzt besinnliche Weihnachtsfeiertage. Sie melden sich bei mir?“, sagte Harry. Misses Canningham nickte und bedankte sich ebenfalls für die Heimfahrt.
Kaum war Harry wieder in seinen eigenen vier Wänden, als er sich auch schon mit seinem Onkel, Prinz Edward, in Verbindung setzte und abklärte, warum das Haus in der Jonesstreet abgerissen werden sollte und ob dieser ein paar gute Adressen für eine Kindestagesstätte hätte. Prinz Edward war zwar mehr als überrascht über die Anwandlungen seines Neffen, aber er half ihm gern. Und gemeinsam fanden Harry und Prinz Edward eine Immobilie, die Harry als sehr geeignet für eine Tagesmutter hielt. Er konnte es kaum mehr erwarten, dass sich Misses Canningham bei ihm meldete.
Leider zögerte sich der Anruf noch fast eine ganze Woche hinaus. Als dann Harrys Telefon klingelte, konnte er mit der Nummer, die angezeigt wurde, überhaupt nichts anfangen und ließ daher seinen Sicherheitsbeauftragten das Gespräch entgegennehmen. „Guten Tag, mein Name ist Lindsay Canningham, ich hätte gern Seine Hoheit, Prinz Harry, gesprochen. Wir haben einen Telefontermin.“
Als Harry hörte, wer ihn sprechen wollte, hellte sich sein Gesicht sofort auf. „Hallo Misses Canningham, es freut mich, dass Sie es doch noch geschafft haben, mich zu erreichen.“
„Verzeihen Sie, Euer Hoheit, dass mein Anruf später als erwartet kommt. Aber erst einmal musste ich ein leeres Haus haben, um mit Ihnen ungestört reden zu können. Mein Mann ist für zwei Tage auswärts unterwegs und Anabel hat es nun doch noch geschafft, meine Tochter zu einem Aquariumbesuch zu überreden. Wir sind jetzt also ungestört. Konnten Sie etwas erreichen?“, fragte Misses Canningham sodann.
„Ja, das konnte ich! Ich habe ein nettes Haus unweit der Jonesstreet gefunden, in dem man eine Kindertagesstätte einrichten könnte. Ich wollte Sie fragen, ob Sie sich vielleicht die Räumlichkeiten einmal anschauen wollen?“, überfiel Harry die Mutter von Isabel auch sogleich.
„Oh, so schnell? Gern sehe ich mir die Räumlichkeiten einmal an. Ich kenne den Eigensinn meiner Tochter ganz gut und kann somit abschätzen, ob sie damit einverstanden wäre. Wann soll ich denn dort hinkommen?“, fragte Misses Canningham.
„Wenn es Ihnen zeitlich passen würde, am besten sofort! Ich würde Sie auch abholen lassen; wenn Sie möchten?“, erklärte Harry.
„Nein, ich habe nichts dagegen, schließlich werde ich selten mit einer Limousine durch die Gegend kutschiert! Geben Sie mir eine halbe Stunde?“, fragte Misses Canningham hörbar amüsiert.
„Sehr gerne; in gut dreißig Minuten holt Sie sodann mein Fahrer ab und bringt Sie in die Middleroad.“
Gesagt, getan. Eine knappe Stunde später fanden sich Lindsay Canningham und Prinz Harry in dem Erdgeschoss des Hauses in der Middleroad ein. Isabels Mutter war von den Räumlichkeiten begeistert. Es gab sogar einen großen gartenähnlichen Innenhof mit Spielwiese und einem Kinderspielplatz. Ideal für die fünf kleinen Kinder von Isabel. Des Weiteren war das Haus gerade frisch saniert worden und hatte einen nagelneuen hellen Anstrich erhalten.
Misses Canningham standen vor Freude die Tränen in den Augen. „Und meine Tochter kann hier wirklich für die gleichen Konditionen wie in dem alten Haus einziehen?“, fragte sie daraufhin ungläubig.
„Ja, versprochen ist versprochen! Mein Onkel lässt übrigens ausrichten, dass das Haus in der Jonesstreet tatsächlich abgerissen werden muss, auch wenn es von der Struktur noch völlig intakt ist. Es steht jedoch auf feuchtem Untergrund und kann somit jederzeit wegsacken. Es ist einfach zu gefährlich! Hätte er gewusst, dass dort eine Kindertagesstätte ihre Räumlichkeiten innehat, hätte er sich sogleich persönlich darum bemüht gleichwertigen Ersatz zu finden.“
Misses Canningham lächelte abermals. „Die Wohnungsbaugesellschaft hat meiner Tochter gleichartige Räume angeboten, jedoch zu Mietpreisen, die sich meine Tochter leider nicht leisten kann.“
Prompt wurde Harry knallrot und räusperte sich. „Konnten Sie die Eltern der fünf Kinder zwischenzeitlich schon umstimmen, dass sie ihre Kinder Isabel wieder anvertrauen?“, fragte Harry anschließend, um das Gespräch wieder ein wenig umzulenken.
Misses Canningham schmunzelte. „Nicht nur das, ich habe sogar noch ein weiteres Kind hinzuziehen können! Meine Tochter wird also in zwei Wochen nicht nur fünf, sondern ganze sechs Kinder zu betreuen haben. Ich denke, wenn ich ihr diese Botschaft heute Abend überbringe, wird Isabel wieder lächeln. Und wenn Sie ihr dann noch ein wenig Zeit geben, wird sich sicherlich auch bald Ihrer beider Problem wieder in Luft auflösen.“
Harry nickte hoffnungsvoll. Danach drückte Harry Misses Canningham den bereits von der Majestäts-Wohnungsbaugesellschaft unterzeichneten Mietvertrag in die Hand und begleitete sie noch bis zum Wagen, der sie wieder sicher nach Hause brachte.
„Hallo Mum, na, wie war Dein Tag?“, begrüßte Isabel am Abend ihre Mutter.
„Hallo, mein Kind. Danke, ich kann mich nicht beklagen. Ich hatte eine Menge zu tun!“
Verwundert blickte Isabel ihrer Mutter ins Gesicht. Unweigerlich fing Lindsay an zu schmunzeln.
„Setz Dich, nimm Dir einen Kaffee und hör mir zu. Ich habe eine Überraschung für Dich!“
Noch immer irritiert setzte sich Isabel mit einer Tasse Kaffee an den Küchentisch und sah ihre Mutter erwartungsvoll an. Lindsay schob ihrer Tochter mehrere Bögen Papier über den Tisch herüber. Fragend nahm Isabel die Blätter in die Hand und fing an zu lesen: Mietvertrag zwischen der Majestäts-Wohnungsbaugesellschaft und Miss Isabel Canningham für die gewerbliche Nutzung des Erdgeschosses in der Middleroad No. 24.
Verdutzt blickte Isabel auf. „Was ist das?“
„Na, das steht doch da: Ein Mietvertrag!“
„Aber ich habe doch gar nicht …“
„Isa, das ist Dein neuer Mietvertrag für Deine Kindertagesstätte“, erklärte Lindsay ihrer Tochter.
„Ich verstehe nur Bahnhof. Wie kommst Du auf diese Adresse und vor allem, was soll der ganze Spaß denn kosten? Ich kann mir doch die Miete bestimmt nicht leisten. Das Haus in der Middleroad ist doch gerade erst ganz neu gemacht worden!“, jammerte Isabel auch sogleich los.
„Isabel! Bleibe doch mal ganz ruhig und lies Dir den Mietvertrag richtig durch. Du wirst feststellen, dass Du die gleiche Miete zahlen wirst wie zuvor“, erklärte Lindsay ruhig weiter.
„Wie hast Du denn das wieder hingekriegt? Mir hat die Wohnungsbaugesellschaft doch auch Objekte angeboten, doch zu viel höheren Mietpreisen!“
Lindsay grinste. „Ich habe halt meine Kontakte …“ Fragend sah Isabel ihre Mutter an. Doch Lindsay schwieg beharrlich.
Irritiert las sich Isabel nun den Mietvertrag ganz in Ruhe durch.
„Mum, ich weiß zwar nicht, wie Du das gemacht hast, aber ich habe trotzdem noch ein kleines Problem: Denn ich habe ja noch nicht einmal mehr Kinder, die ich betreuen kann“, begann Isabel von Neuem herum zu jammern.
„Nein? Also ich zähle ganze sechs, die am Montag in zwei Wochen auf der Matte stehen werden.“
„Sechs? Mama, tut mir leid, aber Du irrst Dich! Ich hatte doch nur fünf unter Vertrag“, berichtigte Isabel ihre Mutter.
Lindsay grinste erneut breit über das Gesicht. „Meine liebe Tochter, lass Dich belehren: Es sind ab heute sechs. Und nun guck nicht so dumm aus der Wäsche, sondern freue Dich; schließlich ist Weihnachten!“, beschwerte sich Lindsay nunmehr.
Mit Tränen in den Augen warf sich Isabel überglücklich ihrer Mutter an den Hals. „Danke Mum. Ich weiß zwar nicht, wie Du das immer wieder anstellst, aber ich danke Dir für alles!“
„Schon gut, mein Kind, das habe ich doch gerne getan. Aber bitte sage Deinem Vater vorerst noch nichts davon. Ich werde ihm das auf meine Art schonend beibringen. Und nun geh und erzähle Anabel die neusten Nachrichten!“
Natürlich standen Isabel, Anabel und deren Bruder Alexander sofort am nächsten Tag vor dem Haus 24 in der Middleroad und strichen die weißen Wände bunt an. Nachdem die Wände trocken waren, räumten sie mit gemeinsamen Kräften die Möbel und Spielutensilien in die gemieteten Räume im Erdgeschoss ein. Nachdem alles lag, stand und hing, wo es sollte, saßen die drei am Abend geschafft auf einer der Gummiturnmatten und stießen auf die berufliche Zukunft von Isabel an. Just in dem Moment betrat Prinz Edward die Räumlichkeiten. Prompt verschluckte sich Isabel an ihrem Sekt.
„Oh, Verzeihung, ich wollte Sie nicht erschrecken. Ich wollte mich nur erkundigen, ob alles zu Ihrer Zufriedenheit ist“, begrüßte Prinz Edward die drei jungen Leute. „Aber wie ich sehe, haben Sie sogar schon alles kindgerecht hergerichtet!“
„Die wird man wohl nie los“, kam es im Flüsterton von Isabel.
„Wie auch, schließlich sind sie die Vermieter“, erwiderte Alexander amüsiert.
„Guten Tag, Euer Hoheit. Ja, danke, es ist alles bestens“, rettete Anabel die Situation.
Prinz Edward lächelte zufrieden und sah sich im Raum um. „Und wer von Ihnen ist die Erzieherin?“
„Sie!“, haute sofort Alexander laut heraus und zeigte mit dem Finger auf Isabel. Freundlich reichte Prinz Edward Isabel die Hand.
Isabel musste sich zusammenreißen, um dem Drang, diese zu verweigern, nicht nachzukommen. „Angenehm.“
„Ich wünsche Ihnen viel Spaß in Ihren neuen Räumen. Und sollte einmal ein Wasserhahn tropfen oder die Rutsche kaputt sein, dann rufen Sie einfach den Hausmeisterservice. Er kümmert sich dann umgehend darum – auf unsere Kosten, natürlich; versteht sich!“, erklärte Prinz Edward sachlich. Völlig ungläubig starrte Isabel Prinz Edward an. Doch er lächelte nur zuversichtlich und verabschiedete sich dann auch schon wieder mit den Worten „Ein Frohes Fest und einen guten Start ins neue Jahr, wünsche ich.“
Nachdem der Prinz gegangen war, fragte Isabel: „Habe ich irgendetwas nicht mitbekommen?“
Anabel lachte. „Wer weiß, vielleicht hat er erst jetzt erfahren, wen er da aus der Jonesstreet geworfen hat. Und soweit ich weiß, liebt er seine Kinder abgöttisch. Ich denke, es war sein Gewissen, welches ihn da geplagt hat.“
„Vielleicht hat aber auch Deine Mutter ihren Teil dazu beigetragen“, überlegte Alexander.
Isabel hob die Schultern und grinste. „Tja, wozu meine Mutter doch alles gut sein kann: Selbst die Königsfamilie kuscht vor ihr!“
„Heißt das, wenn Dir Prinz Harry wieder einmal über den Weg läuft, dass Du dann nicht mehr vor ihm davon rennst?“, fragte Anabel lapidar. Prompt sank Isabels Euphorie wieder in den Keller. „Wusste ich es doch! Isa, was ist zwischen Dir und dem Prinzen vorgefallen?“, hakte Anabel auch sofort nach.
„Nichts!“, kam es todernst von Isabel.
„Und warum bist Du dann so schlecht auf ihn zu sprechen?“, fragte nun auch Alexander interessiert.
„Ich kann ihn einfach nur nicht leiden! Der Mensch kennt keine Skrupel und benimmt sich in der Öffentlichkeit nicht gerade wie ein Prinz. Eher wie ein wildes Tier“, erklärte Isabel wütend.
Fragend sahen sich die Geschwister Baxtor an.
„Und Du bist Dir sicher, dass da nicht doch noch etwas anderes ist? Ich meine, ich mag auch den ein oder anderen nicht, deshalb nehme ich aber nicht gleich panisch Reißaus, wenn mir die Person irgendwo begegnet“, sagte Anabel.
Doch Isabel hatte keine Lust, sich jetzt damit auseinanderzusetzen. Sie wollte jetzt viel lieber nach Hause und ein heißes Bad nehmen. Demnächst würde sie wieder alle Hände voll zu tun haben, mit ihren fünf; nein, sie korrigierte sich: Sechs kleinen Quälgeistern. Und darauf freute sie sich jetzt schon!
Kapitel 5
Es war der 31. Dezember 2010 und Isabel und Anabel verbrachten wie jedes Jahr – seit ihrem 21. Geburtstag – den Silvesterabend in einer Diskothek; diesmal ging es in den Club Five. Es war das erste Mal wieder nach dem Sieg im Freestyle-Tanzen. Isabel betrat mit gemischten Gefühlen den Club. Denn hatte nicht Prinz Harry in seinem Brief an sie erwähnt, dass er recht oft hier war, weil er den Inhaber kannte? Und heute war auch noch Jahreswechsel … Isabel hoffe inständig, dass sie dem Prinzen heute nicht über den Weg laufen würde, denn so langsam, aber sicher wirkte es schon fast kindisch, dass sie immer wieder vor ihm davonrannte; zumal auch Anabel ihr nicht mehr wirklich abkaufte, dass sie den Prinzen einfach nur unsympathisch fand. Leider machte ihr das Schicksal – mal wieder – einen Strich durch die Rechnung. Denn zwei Stunden später war nicht nur Prinz Harry anwesend, sondern auch Prinzessin Jane und ihr Mann, Prinz William.
Anabel hatte noch vor Isabel die Prinzessin und die Prinzen entdeckt. Sie versuchte alles Mögliche, um Isabels Aufmerksamkeit von der Königsfamilie abzulenken. Doch als diese plötzlich anfingen Karaoke zu singen, wurde auch dem letzten Gast bewusst, wer sich unter das illustre Volk gemischt hatte. Zu Anabels Überraschung blieb Isabel und amüsierte sich sogar köstlich über die Nicht-Gesangskünste eines gewissen Prinzen. Natürlich blieb Isabel auch nicht lange vor Harry unerkannt. An der Bar kam es dann zum Aufeinandertreffen: Harry hatte gerade drei Gläser mit bunten Cocktails in der Hand und wollte sich von der Bar entfernen, als just in dem Moment Isabel vor ihm stand. Isabels Puls schlug heftig und sie hatte das Gefühl, jeden Moment umzukippen. Doch Harry lächelte sie nur an und sagte: „Hallo. Viel Spaß!“, und ging danach sogleich weiter an ihr vorbei. Völlig irritiert blickte sie ihm hinterher. Sie vergaß dabei sogar, dass sie Getränke für sich und Anabel besorgen wollte.
„Hey, was ’n los? Hast Du einen Geist gesehen? Oder war es doch nur die Erscheinung von Prinz Harry?“, fragte kurz darauf Anabel spitz, der die Getränkebesorgung zu lange dauerte. Isabel wurde prompt rot. Anabel grinste nur zufrieden, denn so ganz uninteressant schien Isabel den Prinzen wohl nun doch nicht zu finden. Und so kam es dann auch rein zufällig, dass sie sich alle auf der Tanzfläche wiederfanden. Erneut hatte Isabel heftiges Herzrasen, als Harry mit Prinzessin Jane direkt neben ihnen tanzte.
Isabel hörte sogar kurzzeitig damit auf, als sie sah, wie Prinz Harry mit Prinzessin Jane tanzte. Ziemlich gewagt. Sie glaubte kaum, ihren Augen zu trauen. Da ihr der Aussetzer peinlich war, machte Isabel, dass sie von der Tanzfläche kam. Anabel lief ihr kopfschüttelnd hinterher. „Was war das denn gerade?“
„Frag mich bitte nicht, ich habe keine Ahnung!“
„Du hast den Prinzen ja regelrecht angestarrt!“, piesackte Anabel ihre Freundin weiter. Sie hoffte so, ihren Verdacht bestätigt zu bekommen.
„Annie!“, rief Isabel verstört. Doch Anabel lachte nur auf und nippte gelassen an ihrem Cocktailglas.
Für Isabel dagegen war der Abend gelaufen, sie konnte einfach nicht mehr auf die Tanzfläche zurück. Anabel ließ sich davon jedoch nicht beirren und so kam es, dass sie auf einmal sogar selbst mit dem Prinzen tanzte. Anabel war begeistert und schaute immer wieder zu ihrer Freundin herüber. Isabel stand da und starrte die beiden an. Sie schien regelrecht in Trance. War Isabel etwa eifersüchtig, fragte sich Anabel nach einer Weile. Doch sie konnte sich darauf keinen wirklichen Reim machen. Sie bedankte sich stattdessen freudestrahlend bei Prinz Harry für den Tanz und ging dann zurück zu ihrer Freundin. Doch Isabel war nicht gut und sie wollte nur noch nach Hause, kaum dass es Mitternacht – Neujahr – war. Anabel seufzte, begleitete sie aber.
„Sag mal, Isa, hast Du nicht Lust, nächsten Dienstag mit mir mitzukommen? Ich will in die Tanzschule und meinen Gutschein einlösen. Machst Du mit?“, fragte Anabel auf dem Heimweg.
„Ich weiß noch nicht so recht“, gab Isabel betrübt von sich.
„Überleg es Dir einfach. Ich meine, es wäre doch schade, wenn er verfallen würde“, sagte Anabel, ehe sie sich von ihrer Freundin verabschiedete.
„Hey Nick, was gibt’s?“, fragte Harry und begrüßte den Inhaber der Tanzschule Nicks Dance Store.
„Hallo Harry, schön, dass Du kommen konntest, ich habe da ein kleines Problem und wollte Dich fragen, ob Du mir vielleicht helfen könntest, das Problem zu beseitigen?“
Harry zuckte mit den Schultern. „Klar, mach ich gern, wenn Du mir vielleicht vorher aber bitte noch sagen könntest, um was für ein Problem es sich dabei handelt?!“
„Ja, natürlich“, sagte Nick, doch weiter kam er nicht, denn sein Handy klingelte. „Entschuldige mich kurz“, sagte er zu Harry. „Ich komme gleich wieder.“ Anschließend ging er in sein Büro.
Harry, der ein wenig unglücklich nun allein auf der Balustrade mit Blick auf die Tanzfläche der Sporthalle, stand, lehnte sich bequem an dem Geländer an und beobachtete eine Tänzerin, die dort unten in schwarzen Trainingshosen und einem dunkelblauen Kapuzenshirt mit geschlossenen Augen und MP3-Player in den Ohren vor sich hin tanzte. Das, was Harry sah, beeindruckte ihn gewaltig und obwohl er keine Musik hörte, wippte er unbewusst mit dem Fuß im Takt. Alles war stimmig bei der Frau. Jeder Schritt schien perfekt gesetzt und grazil war jede ihrer Drehungen.
Während Harry völlig gebannt der jungen Dame beim Tanzen zusah, bemerkte er nicht, dass Nick sich wieder zu ihm gesellt hatte und nun Harry beim Beobachten ganz genau betrachtete. Nach einer Weile stieß Nick Harry an und sagte: „Hey Alter, was ’n los mit Dir? Gefällt Dir, was sie dort tanzt?“
„Ehm, entschuldige … Ja, es ist sehr beeindruckend. Wer ist das?“
„Das ist eine unserer Neuen. Aber ich habe manchmal das Gefühl, dass sie tausendmal besser ist als unser Stammteam. – Übrigens, um dieses geht es auch bei meinem Problem“, erklärte Nick.
Fragend hob Harry eine Augenbraue und sah Nick wohlwissend an. „Na los, was soll ich machen, um Dich zu retten?“, war auch sogleich daraufhin seine direkte Frage.
„Nun ja, eine unserer Tänzerinnen ist krank geworden und kann nicht bei der Tripple-Meisterschaft übernächste Woche mitmachen. Ich wollte Dich daher fragen, ob Du einspringen könntest …“
Erneut hob Harry fragend eine Augenbraue. „Du willst mich jetzt aber nicht zum Mädchen machen, oder?“
Nick lachte laut auf. „Nein, natürlich nicht! Eigentlich muss die Stammformation aus drei Männern und zwei Frauen bestehen. Leider fehlt uns ein Mann, so dass wir halt eine Frau mehr im Team haben, was sich jedoch auf die Punktrichter negativ auswirken kann.“
„Und wie kommst Du gerade auf mich? Ich meine, ich tanze zwar für mein Leben gern, aber in einer Gruppe?“
„Toni kam auf die Idee, Dich einfach einmal zu fragen. Denn auch nach dem dritten Freestyle-Wettbewerb im Club Five konnte ich keinen geeigneten Tänzer finden. Toni meinte, dass Du wohl schon das ein oder andere Mal mit Deiner Schwägerin in Choreographie dort getanzt hättest … Und das wohl sehr professionell?!“
„Ja, schon, aber nur so zum Spaß und mehr spontan, also nichts fest Einstudiertes.“
„Hey Mann, mach Dich doch nicht schlechter als Du bist! Ich weiß, dass Du tanzen kannst! Harry, bitte, Du bist mein einziger Trumpf! Ohne Dich brauchen wir erst gar nicht bei dem Wettbewerb mitmachen: Als Vier-Mann-Ensemble lassen sie uns erst gar nicht antreten! Probier es doch wenigstens einmal, ja?!“
„Na schön, ich lass mich mal von Dir breitschlagen. Ich hoffe nur, ich muss mich nicht so verrenkten wie die junge Dame dort unten“, meinte Harry lapidar. Nick schmunzelte. „Nick?!“
„Nein, natürlich nicht! Sie tanzt mit Samuel den Solopart im Freestyle und im Standard. Du sollst wirklich nur Cindy, Kathreen, Michael und Ralph unterstützen.“
„Cindy und Kathreen? Das sind aber nicht rein zufällig die zwei aus Wills Clique, oder?“
„Mensch, stimmt, ihr kennt Euch ja bereits! Doch, genau die zwei sind das.“
„Na, das kann ja dann noch lustig werden …“, überlegte Harry. „Und wann soll das Training anfangen?“
„Ehm, heute?!“
Fragend hob Harry eine Augenbraue. „Das ist jetzt nicht Dein Ernst!?“
„Doch, eigentlich schon. Aber keine Angst, Du sollst heute nur zuschauen. Morgen würde dann offiziell das Training mit Dir anfangen.“
Harry seufzte. „Ich glaube, ich habe einen Fehler gemacht, als ich Dir mein Okay gegeben habe!“ Entsetzt blickte Nick Harry an, doch dieser grinste nur breit über das Gesicht.
Kopfschüttelnd lief Nick Harry voraus und sie machten es sich in Nicks Büro bequem. Während sie darauf warteten, dass Cindy, Kathreen, Michael und Ralph eintrudelten, tranken sie einen Kaffee und unterhielten sich über Gott und die Welt.
Es klopfte und Kathreen trat in das Büro von Nick. „Hallo Nick! Oh, sorry, Du hast Besuch, ich wollte Dich … nicht stören. Harry???“
„Hallihallo. Na, wie ist’s?“, erwiderte Harry breit grinsend.
„Ähh, danke gut, und selbst? Hast Du Dich verlaufen oder willst Du etwa doch noch richtig tanzen lernen?“, witzelte Kathreen sofort.
Nick räusperte sich. „Kathy, mach so weiter und Harry sagt uns gleich wieder ab.“ Verwirrt starrte Kathreen Nick an.
„Heißt das, dass Harry der Ersatz für Michelle ist?“ Harry grinste nun noch breiter. „Na, das find ich ja super! Wie kommen wir denn zu der Ehre? Hast wohl genug von Deiner kleinen Nichte und versteckst Dich nun hier bei uns?!“ Harry wurde rot, während sich Nick erneut räusperte. „Was?! Jane hat mir das vorhin selbst verraten! Sie hat erzählt, dass Du neulich das Vergnügen hattest, mit ihr und Marybeth auf den Rummel zu gehen. Und Deine Begeisterung hielt sich wohl recht in Grenzen.“
„Kathy, es reicht jetzt! Zieh Dich lieber um, dann kannst Du Harry auch gleich einmal zeigen, was er zu tun hat.“
„Aber, aber ich denke, das Training fängt erst morgen an?“, stotterte Harry.
„Ach, wenn Du schon mal hier bist … Ein wenig warm machen wird Dich schon nicht umhauen! Einen Trainingsanzug habe ich auch schon für Dich“, offenbarte Nick und drückte ihm prompt eine Hose und ein Shirt in die Hand.
„Na toll!“, beschwerte sich Harry.
Kathy grinste und schon zog sie Harry hinter sich her.
Nach drei Stunden hatte Harry alle Schritte gezeigt bekommen und auf Anhieb behielt er sie auch alle im Kopf. Nur das Timing und das Zusammenspiel mit den anderen vier Tänzern haute noch überhaupt nicht hin. Geschafft sagte Harry: „Okay, genug für heute. Sonst könnt ihr mich morgen vergessen! Ich mach jetzt, dass ich nach Hause komme.“
„Harry? Danke noch einmal, dass Du uns hilfst. Der Wettkampf ist echt wichtig für uns!“, sagte Cindy, die genauso begeistert darüber war wie Kathreen, dass Harry nunmehr in der Gruppe mittanzte.
„Und vor allem für Nick! Es ist die beste Publicity, die er sich für sein Tanzstudio holen kann“, erwähnte Michael.
Harry seufzte. „Worauf habe ich mich hier nur eingelassen …?“
„Auf etwas Sinnvolles?!“, kam es von Kathreen.
„Sag mal, Du bist ganz schön frech! William gegenüber würdest Du Dir das nicht erlauben. Ich glaube, ich muss Dir mal den Kontakt mit meiner Schwägerin verbieten. Du klingst schon genauso wie sie!“
„Ja? Na, das können wir ja dann morgen Mittag klären.“
Fragend sah Harry Kathreen an. „Cindy und ich sind morgen zum Mittag von Jane eingeladen worden und, soweit ich weiß, Du auch.“
„Na wunderbar! Prima, dass ich das jetzt schon erfahre … Jetzt weiß ich auch, was Jane damit meinte, dass sie eine Überraschung für mich hat!“
Kathreen und Cindy fingen prompt an zu lachen. „Na ja, wir haben uns halt Gedanken gemacht, wie wir Dich aus Deiner Trübsinnigkeit herausholen können.“
„Und ich wette, Michelle ist gar nicht krank!“, gab Harry leicht gereizt von sich, als er merkte, dass irgendwie mehr Leute von seinem Liebeskummer wussten als ihm lieb war. Er musste unbedingt einmal ein ernstes Wörtchen mit seiner besten Freundin Jane reden.
„Sag mal, Jane: Wie viele wissen eigentlich, dass ich unglücklich verliebt bin?“, war auch sofort Harrys erstes Gesprächsthema am nächsten Tag bei den Vorbereitungen zu Janes Mittagstisch. Fragend blickte sich Jane zu Harry um, während sie mit dem Suppenlöffel im Topf rührte. „Wie Du eventuell schon weißt, tanze ich seit gestern bei Nick in einer seiner Gruppen mit. Rein zufällig ist das die Gruppe von Cindy und Kathy. Hast Du mir irgendetwas zu sagen?“, hakte Harry nach.
„Weißt Du, Harry, ich konnte Dein trauriges Gesicht nicht mehr mit ansehen, zumal mir meine Nächte recht kostbar sind und Du sie seit geraumer Zeit regelmäßig zu stören gedenkst!“
„Bitte entschuldige“, gab Harry kleinlaut von sich.
„Siehst Du, und genau deshalb haben wir …“ Sofort hob Harry aufmerksam den Kopf. Jane seufzte. „Mit wir meine ich: William, Jim, Kathy, Steve, Cindy, Toni, Nick, Mike und André. Ach, und meine Wenigkeit nicht zu vergessen …“
Harry nickte einvernehmlich.
„Schau mal, wir machen uns halt alle Sorgen um Dich, und bevor Du wieder irgendwelche Dummheiten machst, haben wir überlegt, wie wir Dich ablenken könnten. Tja, und wie der Zufall es nun einmal wollte, erkrankte Michelle aus Nicks Stammformation; falls es Dich interessiert, sie hat eine Salmonellenvergiftung.“
„Oh!“
„Ja, oh! Tja, und da Nick völlig verzweifelt neulich bei Mike im Club auftauchte, hatte Toni die glänzende Idee, Dich zum Tanzen zu verleiten. Ich denke, dies war kein so großes Verbrechen, oder?“
Harry lächelte und gab sich geschlagen. „Na schön, um Euch und mir einen Gefallen zu tun, werde ich auch weiterhin tanzen gehen. Aber wenn wir gewinnen sollten, haltet ihr Euch bitte alle wieder aus meinem Leben heraus. Okay?!“
Jane sah Harry eindringlich an. „Bist Du Dir sicher, dass sich alle aus Deinem Leben heraushalten sollen?“ Verwirrt blickte Harry zu seiner Schwägerin herüber. „Ich meine, auch Deine beste Freundin und Dein Bruder?“
Harry knurrte. „Ihr zwei natürlich nicht. Ihr seid aber auch die Ausnahme!“
„Da bin ich ja beruhigt. Ich hatte schon Angst, mir geht mein Kindermädchen verloren!“, witzelte Jane. Prompt warf Harry mit einem Küchenhandtuch nach ihr. Jane lachte.
Nach dem Essen machten sich Kathy, Cindy und Harry sogleich auf den Weg zu Nicks Dance Store. Zu aller Überraschung hatte Harry tatsächlich alle Schritte vom Vortag noch im Kopf und es klappte mit der synchronen Choreographie schon besser als gestern. Als die fünf ihre Tanzstunde abgeschlossen hatten, kam Samuel in die Sporthalle. „Hallo Mädels und Jungs. Was macht das Training?“
„Hey Samuel. Danke, es klappt ganz gut, dank tatkräftiger Unterstützung von Harry“, erzählte Ralph begeistert.
„Ja, ich habe schon davon gehört. Hallo Harry.“
„Hallo Samuel, nett Dich auch mal wieder zu sehen“, erwiderte Harry.
Fragend blickten ihn alle umstehenden an. „Samuel und ich kennen uns bereits. Sein kleiner Bruder ist mein bester Freund“, erklärte Harry breit grinsend. „Und Du tanzt die Pärchenparts in dem Wettkampf?“, fragte Harry interessiert weiter.
Samuel nickte. „Willst Du da etwa auch mitmachen?“
„Nein, Gott bewahre! Aber es sah neulich sehr interessant aus, was Deine Partnerin gemacht hat.“ Prompt kriegten alle ganz große Augen und starrten Harry schon fast panisch an. Harry verstand nur Bahnhof und versuchte zu erklären: „Ich stand oben am Gerüst und habe ihr beim Tanzen zugesehen. Daher weiß ich auch, dass ich so nicht tanzen möchte! Ich würde mir dabei womöglich alle Extremitäten verknoten …“, witzelte Harry. Erleichtert atmeten alle anderen auf und fielen ebenfalls in Harry Gelächter mit ein.
Während Harry sich auf den Weg zu Nick machte, verabschiedeten sich die anderen und gingen. Samuel blieb allein in der Halle zurück und machte sich mit Dehnübungen warm. Kurze Zeit später tauchte auch seine Tanzpartnerin – wieder in ihrem Kapuzenshirt und dunklen Hosen gekleidet – auf und sie begannen ihre zwei Tänze durchzuproben. In der Zwischenzeit hatte sich auch Harry wieder umgezogen und sah den beiden erneut beim Tanzen von der Balustrade aus zu. Er war abermals sehr angetan, von dem was er dort sah.
„Na, willst Du auch?“, fragte Nick auch sogleich, der sich dazugesellt hatte.
„Um Gottes willen, nein! Dafür bin ich nicht geschaffen!“
„Nein? Also ich würde das ja anders sehen. Wenn ich daran denke, was mir die anderen immer so berichten, wie Du mit einer gewissen Lady namens Jane den Lateinamerikanischen Tango aufs Parkett legst … Woher kannst Du den eigentlich tanzen?“
Harry verzog deprimiert das Gesicht. „Den Tanz hat mir Chelsy beigebracht.“
„Oh, wohl eines der wenigen Dinge, die positiv an ihr waren …“ Harry nickte und versuchte das Kapitel ‚ausgenutzte Popularität‘ wieder zu vergessen.
„Okay, mein Lieber, ich muss nach unten. Du kannst ja noch ein wenig zuschauen, vielleicht findest Du ja doch noch Gefallen daran“, sagte Nick.
Harry verzog das Gesicht zu einer Fratze und erwiderte: „Ich werde mich jetzt lieber auf den Heimweg machen, denn ich bin mächtig kaputt. Also dann, bis morgen.“
„Ja, mach’s gut, bis morgen.“
Am späten Mittwochabend, eine Woche darauf, rief Nick völlig hektisch Harry an: „Harry, ich hab ein neues Problem: Samuel fällt aus! Kannst Du einspringen?“
Harry, der unerwartet früh an dem Abend ins Bett gegangen war, brauchte einen Moment, um zu begreifen, was Nick gerade gesagt hatte. „Harry, bitte! Probier es wenigstens! Ich weiß, dass Du so tanzen kannst!“, bettelte Nick von Neuem.
„Hast Du niemand anderen? Was ist mit Michael oder Ralph?“, fragte Harry noch immer leicht benommen.
„Das klappt nicht, das haben wir schon früher einmal probiert. Bitte, Du hast auch was gut bei mir!“
Harry seufzte. „Okay, ich helfe Dir, wann soll ich also morgen da sein?“
„Ehm, könntest Du auch gleich kommen???“
Harry stöhnte. „Sag mal, weißt Du eigentlich, wie spät es ist? Gibt es bei Dir auch noch eine andere Option, außer sofort und am besten schon gestern?“
„Entschuldige, aber wir brauchen alle Zeit, die uns noch zur Verfügung steht! Ich hol Dich auch ab, okay?“ Harry knurrte und machte sich frisch, um wieder wach zu werden.
Punkt halb zwölf in der Nacht stand Nick in Harrys Wohnungstür und gemeinsam fuhren sie in die Tanzschule. Neben Nick und Harry waren auch Cindy und Kathreen gekommen. Fragend sah Harry in die Runde. „Und wo ist meine Tanzpartnerin?“
„Zu Hause. Wir zeigen Dir, was Du machen musst. Kathy wird Deine Trainingspartnerin sein“, erklärte Cindy.
„Das muss ich jetzt nicht verstehen, oder?“
„Wenn Du Kathy fallen lässt, ist es nicht ganz so schlimm, als wenn Du …“
„Hallo?!“, beschwerte sich sofort Kathreen.
„War ein Scherz, Harry lässt Dich schon nicht fallen“, verbesserte sich Nick. Noch immer ungläubig schaute Harry in die Runde.
„Los, kommt, lasst uns keine Zeit vertrödeln! Wir haben viel vor, und uns bleibt nur noch wenig Zeit.“
Harry seufzte. Kathreen tat es ihm gleich.
Während sich Kathreen und Harry mit Dehnübungen warm machten, betrat Samuel mit einem Gipsbein und Krücken die Halle. „Wie hast Du denn das hinbekommen?“, fragte auch sogleich Cindy, die gerade weiche Filzmatten am Boden auslegte, um unnötige Verletzungen der Muskeln und Knochen der Tänzer zu vermeiden.
„Ich bin die Treppe heruntergestürzt. Sie war ein wenig glatt, dank dem auf einmal eingetretenen Schneefall“, erzählte Samuel. „Sorry, Harry, war echt nicht Absicht! Aber trotzdem danke, dass Du für mich einspringen willst.“
„Von wollen kann hier gar keine Rede sein, eher von Erpressung!“, kam es nicht gerade begeistert von Harry. „Aber ich kann Euch ja nicht im Stich lassen. Außerdem ist eh alles nur ein Versuch! Ich kann Euch nicht versprechen, dass das hier hinhaut.“ Alle waren Harry dankbar. Nick und Cindy zeigten Harry dann, was er gemeinsam mit Kathy zu machen hatte.
Harry schwirrte nur vom Zuschauen schon der Kopf: „Ich muss verrückt sein, hier nachts um halb eins einen Tanz einzustudieren, den ich eh nicht gebacken kriege?!“
„Harry!“, protestierten sofort die anderen vier.
„Aber was tut man nicht alles für seine Freunde …“, seufzte Harry. Sogleich atmeten alle anderen wieder erleichtert auf.
Harry kam nicht umhin amüsiert zu grinsen, ehe er dann fragte: „Warum tanzt Du, Nick, eigentlich nicht diesen Tanz mit Kathy?“
„Weil ich Trainer und nicht Tänzer bin. Es gäbe sofort Punktabzüge, außerdem bin ich bereits über dreißig und zähle somit nicht mehr in die Kategorie der Twentys. Kathy hat den Tanz früher einmal getanzt, doch sie hat es im Rücken und darf die Hebefiguren nicht mitmachen. Deswegen ist ja auch noch Cindy hier“, erklärte Nick. Harry seufzte und fügte sich erneut seinem Schicksal. Gegen vier Uhr am Morgen machten sie vorerst einmal Schluss und man verabredete sich für den nächsten Nachmittag, um weiter zu proben.
Harry war schon weit vor der Zeit in Nicks Tanzschule und übte mit Nick trocken die Tanzschritte. „Sag mal, Nick, wer ist eigentlich Samuels Tanzpartnerin und warum war sie letzte Nacht nicht mit anwesend? Zudem ist bislang noch nicht ein einziges Mal ihr Name gefallen. Ist der geheim?“, fragte Harry, den diese Frage schon die ganze Zeit beschäftigte, auf einmal mitten im Tanzen. Sogleich kam Nick ins Stolpern. Harry hörte sofort auf zu tanzen und sah Nick eindringlich an. „Hast Du mir irgendetwas verschwiegen?“
Nick schluckte. „Nun, bei Samuels Partnerin handelt es sich um keine geringere als Isabel Canningham.“
Harry zog die Stirn kraus und brauchte mehrere Versuche, ehe aus seinem Hals ein Wort kam: „Und wann hattet ihr vor, mir das zu sagen?“
„Ehm, eigentlich gar nicht. Erst beim Turnier solltet ihr aufeinander stoßen“, gestand Nick kleinlaut.
Harry atmete tief durch. „Ihr wolltet also auf Konfrontationskurs gehen?“
„Nein! Wir dachten, es sei für Dich und Isabel so am besten.“
„Inwiefern? In der Hoffnung, dass dann keiner von uns beiden mehr einen Rückzieher machen kann? – Nick, ich finde es ja rührend, wie ihr Euch alle um das Wohl von Isabel und mir sorgt. Aber ich glaube kaum, dass Isabel mit mir tanzen wird. Dieser Verrat wird vielmehr dazu führen, dass sie weiterhin oder erst recht wieder wütend auf mich wird. Und das ist etwas, was ich im Moment überhaupt nicht gebrauchen kann!“
„Harry! Bitte hör mir zu: Mir war schon klar, dass Du über kurz oder lang genau mit dieser Frage, wer Deine Tanzpartnerin ist, zu mir kommen würdest. Ich hatte auch nicht vor, Dich anzulügen oder Dich im Unwissen zu lassen. Doch hätte ich Dir am ersten Tag, an dem Du hierhergekommen bist, gesagt, wer die Dame da unten ist, der du so begeistert beim Tanzen zugesehen hast, wärest Du rückwärts sofort wieder aus der Halle entschwunden und ich hätte dann zusehen können, wo ich einen tragbaren Ersatz für Michelle herbekommen hätte. Dass Samuel nun auch noch ausfällt, das war doch überhaupt nicht geplant! Janes Grundgedanke war der, dass ihr Euch eventuell durch Zufall hier getroffen hättet oder eben beim Turnier unweigerlich über den Weg hättet laufen müssen; in der Hoffnung, dass ihr so wieder zueinander finden würdet.“
„Jane? Jane??? Oh, Jane!!!“, schrie es wütend aus Harry heraus.
„Ja, Deine Schwägerin. Harry, sie meint es doch nur gut!“
„Isabel und ich waren doch überhaupt nicht zusammen!“
„Ich weiß doch, ich meinte zu einem Gespräch wieder zueinanderfinden …“
Harry seufzte heftig. „Oh je!“
„Entschuldige …“
„Schon gut, aber hat es denn jetzt überhaupt noch einen Sinn weiter zu trainieren? Isabel tanzt eh nicht mit mir!“, offenbarte Harry fest überzeugt.
„Das glaube ich nicht“, kam es von Samuel, der gerade in die Halle gehumpelt kam. Fragend sahen sich Nick und Harry zu ihm um. „Ich habe ja nun genug Wochen mit Isabel zusammen verbracht und ich weiß, dass sie nicht so kalt Dir gegenüber ist, wie sie immer tut“, begann Samuel zu erzählen.
„Was meinst Du damit?“, fragte Harry.
„Nun ja, in den Gratisübungsstunden war Isabel mit ihrer Freundin Anabel hier und die zog Isabel ständig damit auf, wie sie Dich wohl einen Abend lang im Club angestarrt hat. Am Ende gab Isabel sich geschlagen und gestand, dass Du wohl an dem Abend ihr Herz hast höher schlagen lassen.“
„Bitte was?!“, kam es sofort von Harry. Er glaubte, sich verhört zu haben und bekam sogleich rote, hektische Flecken im Gesicht. Nick grinste. Verwirrt sah Harry Samuel an. „Samuel, ich weiß zwar nicht, was Du da mit angehört hast, aber Isabel kann mich nicht leiden!“
„Das war einmal“, sagte Samuel offen. „Nachdem die Gratisstunden vorbei waren, kam Anabel nicht mehr mit, da sich herauskristallisierte, dass Isabel mehr einen Faible für Standard als für Freestyle hatte. Bei Anabel ist es genau umgekehrt und da ihr die Preise hier ein wenig zu hoch sind, blieb sie lieber in der Freestyle-Gruppe im Fitnesscenter und Isabel kommt seitdem allein hierher zum Tanzen. Nachdem sie ein wenig Vertrauen zu mir aufgebaut hatte, fragte ich sie einmal völlig unverfänglich, was sie von Dir hält. – Ich erzählte ihr natürlich, dass ich ihr Gespräch mit Anabel mitbekommen habe und es nicht gerade toll fand, wie Anabel über sie und Dich hergezogen ist.“
„Und?!“, fragte Nick ganz gebannt.
„Tja, da verriet sie mir, dass sie sich in Harry anscheinend getäuscht habe …“
„Und ich doch nicht so ein arroganter Arsch bin, wie sie immer zu meinen glaubt?!“ Irritiert sah Samuel zu Harry. Er schmunzelte. „So ähnliche Worte hat ihre Mutter einmal verwendet, als sie mir von Isabel und ihrer Einstellung zu mir erzählte.“
„Du kennst ihre Mutter?“, fragte Samuel entgeistert.
„Das ist eine lange Geschichte …“
„Ja, und die wird ein andermal erzählt. Denn wir haben keine Zeit, wir müssen zwei Tänze mit Dir einstudieren! Vielleicht kannst Du Isabel damit ja weiter beeindrucken …“, kam es kurzerhand von Nick, der auf die Uhr geschaut hatte und feststellen musste, dass sie bereits eine ganze Stunde vertrödelt hatten. – „Du machst doch weiter, oder nicht?!“
„Bitte!“, bat Samuel.
„Klar mache ich weiter! Nachdem ich erfahren habe, was Isabel wirklich über mich denkt. Wer weiß, vielleicht habe ich ja tatsächlich noch eine Chance bei ihr? Ich gebe mir jedenfalls alle Mühe!“
Samuel und Nick schmunzelten.
Drei Stunden später war Harry völlig fix und fertig. Ihm taten alle Knochen weh und er hatte das Gefühl, er hätte gerade einen Marsch von zehn Meilen samt kompletter Militärausrüstung hinter sich, statt nur mit Kathreen, die kurz darauf hinzugekommen war, getanzt zu haben.
„Harry, Du hältst Dich wirklich gut. Ich hätte nicht gedacht, dass mir mit Dir zu tanzen einmal so viel Spaß machen würde“, gestand Kathreen nach dem Training.
„Lass das aber lieber nicht Jim hören. Nachher wird er auch noch eifersüchtig auf mich. Mir reicht es schon, dass ich mich immer gegen meinen Bruder verteidigen muss!“
Kathreen lachte. „Wie? Wills ist auf Dich eifersüchtig? Wie kommt das denn? Jetzt sag nicht, wegen Jane …“
Harry grinste. „Doch!“
„Ach Du Schreck! Weiß William etwa nicht, wie sehr Jane ihn anhimmelt? Wenn die beiden sich in die Augen schauen, dann knisterst!“
„Klar weiß er, dass Jane ihn abgöttisch liebt! Aber schließlich bin ich ihr bester Freund und dazu noch sein Bruder. Es ärgert ihn einfach nur ein bisschen, dass Jane manchmal mit mir Sachen bespricht, von denen er nichts erfährt“, gestand Harry selbstgefällig grinsend.
„Na, wenn Du so vor William herumstolzierst, wäre ich wahrscheinlich auch eifersüchtig; obwohl ich Dir ja eher das aufgeblasene Gehabe einfach herausprügeln würde …“
„Kathy?!“, rief Harry warnend und schon rannten die beiden durch die Turnhalle.
„Hallo? Geht’s noch?! Wollt ihr zwei Euch jetzt auch noch die Haxen brechen??? Dann brauchen wir Samstag erst gar nicht beim Wettkampf aufkreuzen!!!“, kam es wütend von Nick.
„Uh! Samstag ist das schon? Oh Gott, ich glaube, mir wird schlecht!“
„Was denn nun, kriegt da etwa ein gewisser Großkotz kalte Füße? Mensch Harry, denke doch einfach an Isabel und schon geht alles wie von selbst!“, kam es prompt von Kathy.
„Das ganze Gegenteil ist der Fall! Ich darf halt nicht an Isabel denken, sonst stolpere ich noch über meine eigenen Füße, weil ich mit dem Kopf nicht bei der Sache bin!“, entgegnete Harry.
„Wow! Da hat ja jemand die erste Grundregel beim Tanzen behalten!“, stellte Samuel freudig überrascht fest. „Aber keine Sorge, Nick und ich kümmern uns um Isabel. Sie wird mit Dir tanzen, dafür verwette ich mein gesundes Bein!“ Fragend sah Harry Samuel an. „Wie wir das anstellen, bleibt unser Geheimnis.“ Kathy und Harry zogen beleidigt eine Schnute. Samuel grinste.
„Ach ja? Dann weißt Du aber mehr als ich!“, kam es nun ganz unerwartet von Nick. Samuel verging sofort das Grinsen, doch dafür verfielen die anderen zwei in ein amüsiertes Lachen. „Ha, ha, wie lustig! Na gut, Feierabend für heute. Morgen noch einmal und dann kann uns eh nichts mehr retten“, erwiderte Nick.
„Danke!“, sagte Harry beleidigt.
„Ehm, Verzeihung! Ich meinte natürlich halten … Wir bringen den Pott nach Hause!!!“
Trotz aller Überzeugungskraft nahm Nick niemand mehr ernst.
„Ihr seid sowas von gemein! Macht, dass ihr wegkommt! Ich will Euch vor morgen vier Uhr hier nicht mehr sehen!“
Gemeinsam zogen Kathy, Samuel und Harry lachend von dannen.
„Sag mal, Samuel, weiß Isabel überhaupt, dass Du ein Gipsbein hast?“, kam es kurz darauf Harry in den Sinn. Ernst schaute Samuel Harry ins Gesicht, was so viel wie ‚Nein‘ hieß. „Oh ha! Na dann, Gute Nacht! Da bin ich ja nun wirklich einmal gespannt, wie Du das Isabel Samstag beibringen willst.“
„Das lass ruhig meine Sorge sein … Du ruhe Dich stattdessen lieber noch ein bisschen aus, damit Du ja fit bist!“, sagte Samuel, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben.
„Okay, dann also bis morgen.“
Kapitel 6
Es war kurz vor halb drei am Samstagnachmittag des 5. Februars 2011. Isabel und alle anderen Teams der verschiedenen Tanzschulen waren in den Vorbereitungsräumen am Aufwärmen und Isabel schaute nun bereits zum x-ten Mal auf die große Anzeigenuhr im Foyer. Doch von Samuel, Nick oder den anderen war keine Spur. Langsam wurde sie nervös. Vergeblich versuchte sie Nick oder Samuel ausrufen zu lassen. Sie erschrak, als ihr plötzlich dafür Cindy auf die Schulter klopfte. „Mensch, da seid ihr ja! Ich dachte schon, ihr kommt nicht mehr!“, beschwerte sie sich auch sogleich.
„Wieso? Wir haben doch noch genug Zeit, vor vier geht hier sowieso nichts los!“, erklärte Cindy gelassen.
„Das ist zwar richtig. Aber bis drei Uhr muss Nick die Anmeldeformulare vorlegen“, erwähnte Isabel.
„Ist Nick noch nicht da?“, fragte Kathy überrascht.
„Nein, und Samuel ist auch noch nicht hier! Wo stecken die zwei???“
„Vielleicht stecken sie im Stau. Die Hauptstraße ist mal wieder brechend voll“, erwähnte Michael. „Aber sie werden schon noch pünktlich hier sein. Mach Dich nicht verrückt! Lasst uns lieber ein wenig warm machen.“
Isabel beruhigte sich wieder etwas und wärmte sich mit den anderen gemeinsam auf. Jedoch als um zehn vor drei noch immer keine Spur von Nick oder Samuel zu sehen war, wurde Isabel erneut nervös. Ihr ging es nicht darum, hier an dem Wettbewerb mitzumachen um zu gewinnen, sondern um ihrem Vater etwas zu beweisen. Es sähe natürlich nun ziemlich blöd aus, wenn sie jetzt nicht zum Tanzen zugelassen werden würde. Zudem musste sie dringend noch einmal mit Samuel üben, nachdem sie vergangene Woche aufgrund eines Seminars die Übungsstunden ausfallen lassen musste. „Ralph, hast Du zufällig Samuel gesehen?“, fragte Isabel daher sichtlich unruhig. „Oder weißt Du wenigstens, wo Nick steckt?“
„Ja, Nick ist gerade gekommen und ist auf den Weg zu den Veranstaltern. Er stand im Stau, oder besser gesagt sein Wagen steht da immer noch …“ Irritiert schaute Isabel zu Ralph, der mit einem Grinsen im Gesicht mit den Schultern zuckte.
Kurz darauf gesellte sich Nick zu seinen Leuten. „Na, Jungs und Mädels, schon ordentlich nervös? Ich hoffe nicht, schließlich sind wir die Besten! Angemeldet sind wir jedenfalls und um Euch gleich schon ein wenig zu schocken: Die Fünfergruppe ist gleich im ersten Drittel dran. Samuel und Isabel haben noch ein wenig Zeit, sie müssen erst im zweiten und dritten Teil des Wettbewerbs zeigen, was sie können“, erklärte Nick ausgelassen.
„Nick, wir haben da aber ein kleines Problem“, begann Isabel zaghaft.
„Und welches?“
„Samuel ist noch nicht da.“
„Wie, er ist noch nicht da? Ich habe ihn doch schon gesehen!“
„Wo?“
„Vorhin am Eingang. Oder habe ich mich verguckt? Naja, egal. – Isa, mach Dir keine Gedanken, übe fleißig für Dich weiter; ich schaue mal, wo sich Samuel versteckt hat“, sagte Nick und ging.
Isabel war zwar nicht beruhigt, aber sie war guter Hoffnung, dass Samuel nun doch noch auftauchte, und so steckte sie sich wieder einmal die Ohrstöpsel ihres MP3-Players in die Ohren, schloss die Augen und ging ihre Tanzschritte im Kopf Takt für Takt durch.
Was Isabel jedoch nicht wusste, war, dass Samuel tatsächlich schon da war und sie gemeinsam mit Harry heimlich beobachtete. Samuel hielt auch weiterhin ein wachsames Auge auf Isabel, während sich Harry mit den anderen vieren warm machte und sie in einem der Proberäume ihren Tanz durchprobten. Durch die letzten Tage der Einzelchoreographie hatte Harry Angst, dass er die Schritte des Gruppentanzes wieder vergessen hatte oder durcheinanderbrachte. Doch nichts dergleichen trat ein.
Plötzlich pfiff Nick nach Harry, der sich auf den Weg zu ihm machte. Er wusste, dass just in dem Moment Samuel mit Isabel sprach und sie sicherlich nicht sonderlich davon begeistert war, zu sehen, dass er heute nicht mit ihr tanzen würde können. „Wie sieht’s aus?“, fragte Harry.
„Da schau selbst: Isabel schwelgt nicht gerade in Euphorie!“
„Verständlich“, kam es von Harry, ehe er von seinem Versteck aus das Gespräch zwischen Samuel und Isabel mitverfolgte.
„Isa, es tut mir leid! Meinst Du, ich habe mir mit Absicht den Fuß gebrochen? Ich bin auf der verdammten Eisentreppe vor meiner Haustür ausgerutscht und unglücklich auf meinen Fuß gefallen“, erklärte Samuel gerade.
„Aber warum hast Du denn dann nicht schon viel früher angerufen oder wenigstens gestern Abend?“, fragte Isabel bedrückt.
„Weil ich Dich nicht verrückt machen wollte.“
„Wie denn verrückt machen? Das Tanzen fällt doch jetzt sowieso aus!“, gab Isabel aufgebracht von sich.
„Nein, tut es nicht!“ Fragend sah Isabel Samuel an. „Ich habe Ersatz für mich finden können.“
„Aha, und wer? Ralph und Michael kommen ja wohl nicht in Frage …“
„Von denen habe ich auch nicht gesprochen. Es ist der Mann, der auch Michelle ersetzt“, erklärte Samuel ruhig weiter.
„Was ist mit Michelle?“, fragte Isabel völlig verwirrt.
„Sie liegt mit einer Salmonellenvergiftung seit gut zwei Wochen im Krankenhaus. Hast Du das etwa gar nicht mitbekommen?“
„Nein“, gab Isabel kleinlaut von sich. „Aber mir hat ja auch keiner irgendetwas gesagt!“
„Isabel, ist doch auch nicht so schlimm. Michelle geht es ja auch schon wieder besser und sie wird wohl Mittwoch auch wieder entlassen werden …“
„Und wer ist jetzt der Ersatz für Michelle und Dich?“, fragte Isabel nun etwas gefasster.
„Das, denke ich, sollte Dir lieber Nick erzählen“, sagte Samuel und drehte sich zu der Treppe, auf der Nick und eine weitere Person, von der Isabel jedoch nur die Beine sah, standen.
Nick kam herunter und nahm Isabel an beide Hände. „Isabel, ich weiß jetzt nicht, wie Du darauf reagieren wirst, wenn ich Dir Deinen Tanzpartner vorstelle. Aber ich bitte Dich, ruhig zu bleiben und erst einmal abzuwarten.“ Bei diesen Worten wurde Isabel prompt kreidebleich. Sie hatte nicht den geringsten Schimmer, was hier gerade abging. Völlig nervös sah sie zur Treppe, auf der der Mann, der bis vor kurzem noch hinter Nick gestanden hatte, herunterkam.
Völlig ruhig, aber mit einem besorgten Gesicht kam Prinz Harry auf Isabel zu. Er sah ihr dabei die ganze Zeit direkt in ihre grünen Augen, die mit jedem weiteren Schritt immer dunkler wurden. Isabel brauchte eine ganze Weile, bis sie realisierte, dass Harry ihr Tanzpartner sein sollte. Alle Gesichtszüge entglitten ihr daraufhin und sie rief nur ein lautes „Nein!“ und wandte sich dann ab. Ihr war zum Heulen zumute. Wie konnten Samuel und Nick gerade ihr das antun? Wussten die beiden denn nicht, dass sie unmöglich mit Prinz Harry tanzen konnte? Hatte er ihnen denn nicht gesagt, dass sie ihn nicht mochte??? – Okay, sie musste sich eingestehen, dass dies so nicht mehr ganz stimmte. Aber gerade das musste Samuel doch wissen!!! Wütend drehte sich Isabel wieder um. Ihr Blick traf Samuel und wenn es so etwas gegeben hätte, dass man mit Augen erdolchen konnte, wäre Samuel auf der Stelle tot umgefallen. „Du weißt ganz genau, dass ich mit ihm nicht tanzen werde!!! Wie bist Du also gerade auf diese dumme Idee gekommen???“, fragte Isabel wütend und verwirrt zugleich.
Samuel atmete einmal tief durch, ehe er völlig ruhig und todernst erwiderte: „Weil er der Einzige ist, der auf die Schnelle meine Schritte drauf hatte!“ Isabel schluckte. Harry auch.
„Ich kann nicht!“, sagte Isabel und wandte sich erneut ab, ihr liefen Tränen über die Wangen.
Samuel gab Harry und Nick ein Zeichen, dass sie sich erst einmal zurückziehen sollten. Samuel wollte mit Isabel allein reden: „Isa, Du hast mir doch vor noch nicht allzu langer Zeit gestanden, dass Du ihn gar nicht so schlecht findest. Schau mal, er hat sich echt die Mühe gemacht, alle drei Tänze innerhalb kürzester Zeit einzustudieren, um nicht nur Nick aus der Klemme zu helfen, sondern auch Dir die Gelegenheit zu geben, zu zeigen, was Du kannst! Waren es nicht Deine eigenen Worte, dass es an der Zeit ist, dass Du Deinem Vater einmal zeigst, was in Dir steckt? Willst Du jetzt wirklich, nur weil er statt mir Dein Tanzpartner ist, das alles wieder hinschmeißen??? Damit gibst Du nicht nur Dir eine Blöße, sondern bestätigst Deinen Vater in seiner Annahme, dass Du zu nichts zu gebrauchen bist. Und ich muss gestehen, ich will das nicht!“
Isabel kämpfte zwar gegen die in ihr aufkommende Flut von Tränen an, doch sie konnte sich psychisch vorerst nicht wieder beruhigen. Sie hatte Herzrasen und bekam kaum mehr Luft. Sie japste auf. „Hey Isabel, es tut mir leid, dass das mit dem Sturz dazwischen kam. Du kannst mir glauben, ich könnte mir auch etwas Besseres vorstellen als jetzt wochenlang aussetzen zu müssen … Doch auch, wenn Du es nicht gerne hörst: Harry ist ein verdammt guter Tänzer! Bitte gib ihm wenigstens die Chance, Dir in einer Probe zu zeigen, was er kann. Wenn Du dann immer noch der Meinung bist, dass das mit Euch auf der Bühne nicht gutgeht, dann kannst Du immer noch alles hinschmeißen; was ich natürlich nicht hoffe!“, erklärte Samuel weiter.
Isabel atmete hörbar tief durch, ehe sie langsam wieder zu ihrer Stimme fand: „Das ist doch alles nur ein abgekartetes Spiel! Ich glaube Dir nicht, dass Dein Bein gebrochen ist. Das war doch sicherlich alles seine Idee …“
„Glaubst Du das wirklich?!“, kam es plötzlich von Nick, dem die Unterhaltung zu lange dauerte. Isabel und Harry mussten unbedingt noch mehrmals die Tänze miteinander üben, damit sich beide auf den anderen einstellen konnten. Doch langsam wurde die Zeit knapp! Völlig verheult blickte Isabel zu Nick auf. „Dafür, dass ich Dich als Kämpfernatur kennengelernt habe, bist Du jetzt aber ganz schön weinerlich. Und ich dachte, Du bist eine meiner besten Tänzerinnen … Da habe ich mich wohl getäuscht“, sagte Nick weiter. Isabel schluckte und setzte sich auf die Bank. „Isa, probier es wenigstens; tue mir bitte den Gefallen! Ich zahle Dir auch gern alle Deine Monatsbeiträge wieder zurück, wenn Du das möchtest.“ Völlig unschlüssig sah Isabel zwischen Nick und Samuel hin und her. Doch statt eines weiteren Wortes gingen beide auseinander und Isabel konnte einen Blick auf Harry erhaschen, der ans Geländer gelehnt dastand, mit den Händen in den Hosentaschen und genauso unglücklich dreinschaute wie sie sich fühlte. „Na los, Isa, gib Dir einen Ruck! Mir zuliebe …“
„Uns zuliebe!“, verbesserte Samuel Nick.
Isabel seufzte tief und lang anhaltend und schloss für einen Moment die Augen. Als sie sie wieder öffnete, waren Nick und Samuel gegangen. Harry stand noch immer betrübt am Geländer, jedoch sah er nun zu ihr herüber. Isabel stand auf und wollte zu ihm hinübergehen, doch er kam von sich aus schon auf sie zu. „Und wie fällt Dein Urteil aus?“, fragte Harry gänzlich ruhig.
Isabel atmete tief durch und sagte dann mit brüchiger Stimme: „Okay, lass es uns versuchen. Aber ein blöder Kommentar und Du kannst sofort wieder gehen!!!“ Harry nickte aufatmend und reichte Isabel ein Taschentuch, welches sie sogar dankbar annahm.
Nachdem Nick es geschafft hatte, im kleinen separaten Proberaum für die Zweiertänzer den CD-Player in Beschlag zu nehmen, stellten sich Harry und Isabel auf und begannen mit der angeblich leichteren Freestyle-Choreographie. Natürlich klappte auf Anhieb gar nichts. Harry war nervös und vertanzte sich prompt und Isabel war auf Harry überhaupt nicht eingestellt und verpatzte ebenfalls ihren Einsatz.
„Hey, ihr beiden!“, schrie sofort Nick. „Reißt Euch zusammen! Zählt bis zehn und dann fangen wir noch einmal von vorne an!“
Harry schluckte, aber auch Isabel war nicht weniger angespannt. Erneut zählte Nick die ersten fünf Takte vor und dann mussten Harry und Isabel in entgegengesetzte Richtungen mit ihren Freestyle-Parts einsetzen. Und siehe da, die ersten zwei Takte lang klappte es auch. Doch als Harry Isabel berührte, brach sie sofort den Tanz ab. Harry fuhr sich sichtlich nervös mit den Händen durchs Haar.
Samuel trat zu Isabel und sah ihr tief in die Augen. „Hey, Isabel, er beißt nicht!“
„Ich weiß, aber …“ Doch weiter kam Isabel nicht, denn Harry hatte sie sich kurzerhand geschnappt und tanzte mit ihr nun spontan den Mittelteil. Indem er sie hochhob und wieder am Boden absetzte, sich dann eindrehte und zu ihr auf dem Boden schlitterte, wo er sie dann wieder mit in den Tanz aufnahm. Während Isabel ihn völlig perplex anstarrte, nickte Harry nur zuversichtlich und lächelte sie an.
„Habt ihr Euch wieder eingekriegt?“, kam es erneut knallhart und todernst von Nick. Statt einer Antwort reichte Harry Isabel die Hand und zog sie wieder auf ihre Füße. Dann stellte er sie vor sich hin und ging zurück auf seine Ausgangsposition. Wieder raste Isabels Puls und sie hatte Mühe Luft zu bekommen. Sie hatte das Gefühl, als hing ein riesiger Kloß in ihrem Hals fest und würde ihr das Atmen erschweren. „Isabel? Bist Du noch bei uns?“, fragte Nick etwas ruhiger. Isabel räusperte sich und nickte.
Erneut startete das Lied und abermals zählte Nick die ersten fünf Takte vor. Danach setzten Harry und Isabel mit ihren Schritten ein und es schien alles einigermaßen zu passen. Selbst als Harry Isabel erneut hochhob und am Boden absetzte. Samuel und Nick grinsten begeistert über das ganze Gesicht. Aber auch Harry lächelte und langsam, aber sicher entspannten sich auch Isabels Gesichtszüge.
„Okay, gleich noch einmal. Das sah schon ganz gut aus. Aber noch nicht gut genug!“, sagte Nick ernst.
Nach dem fünften Mal in Folge passten alle Drehungen und Schritte perfekt abgestimmt aufeinander. Als Bestätigung dafür gab es auch sofort Applaus von den anderen aus Nicks Team. Isabel errötete prompt. Harry grinste nur.
„So, dann wollen wir der Lady einmal eine kurze Verschnaufpause geben und ich würde vorschlagen, dass die ‚Big Five’ noch einmal kurz ihr Programm durchgehen. Denn ich glaube, ihr seid bald dran“, sagte Nick optimistisch. Harry verzog sogleich den Mund zu einer Schnute.
„Was denn, magst Du jetzt nicht mehr mit uns tanzen?“, kam es prompt von Kathy.
„Ich trete Dir gleich in den Hintern!“, sagte Harry und stelle sich auf seine linke Außenposition. Isabel verschluckte sich sofort an ihrem Wasser, als sie den Satz von Harry vernahm. Sie wusste nicht, dass Kathreen und Harry enger miteinander bekannt waren.
Gespannt wie ein Flitzebogen sah sie den fünfen dann beim Tanzen zu und war überrascht, wie toll Harry in die Gruppe passte! Er wirkte nun überhaupt nicht mehr wie ein etwas eingebildeter Prinz, sondern wie ein ganz normaler junger Mann von nebenan. Prompt erwischte sie sich dabei, wie sie ihn wieder einmal anstarrte. Als Harry ihr dann auch noch zuzwinkerte, wurde Isabel knallrot und senkte den Kopf. Doch sogleich erschrak sie, als Harry ihre Hand nahm und sie zu sich hochzog. „Hey Isabel, jetzt bist Du wieder dran!“ Isabel nickte und folgte Harry auf die Tanzfläche.
Zaghaft legte sie ihre Hände in seine und sah ihm unsicher ins Gesicht. Harry lächelte sie jedoch nur an und flüsterte: „Keine Angst, ich lass Dich schon nicht fallen; vertrau mir!“
Isabel schluckte erneut am Kloß in ihrem Hals.
„Seid ihr so weit?“, fragte Nick wieder. Harry nickte und sah zu Isabel herunter. Rein mechanisch nickte auch sie. Prompt ertönten die ersten Takte des Flamencos, gemischt mit Tango- und Salsa-Passagen. Natürlich trat Isabel Harry unweigerlich auf die Füße. Doch statt sie loszulassen tanze Harry unbeirrt mit ihr weiter. So, als sei nichts geschehen. Samuel grinste über das ganze Gesicht, denn genau das hatte er Harry angeraten. Nur so hatte Isabel keine Chance nervös zu werden oder gar davonzulaufen. Und es bewirkte wahre Wunder, denn bereits der zweite Versuch lief besser. Aber für Nick natürlich nicht gut genug: „Ich würde vorschlagen, ihr tauscht jetzt einmal die Turnschuhe gegen die Tanzschuhe, sonst wird das heute nichts mehr!“
Isabel war dankbar für die kurze Verschnaufpause, denn die ständige Nähe zu Harry und seine Berührungen machten sie schier verrückt! Ihr Herz bäumte sich bei jeder seiner Berührungen auf und sie hatte das Gefühl, dass ihre Haut dabei verbrennen würde. Ihr war auf einmal total schwindlig und sie wusste dabei noch nicht einmal warum.
„Alles okay mit Dir?“, fragte Samuel, der das Mienenspiel und die zittrigen Hände von Isabel mitbekommen hatte. Isabel nickte heftig.
Natürlich blieb dies auch nicht vor Harry verborgen. Er konnte nur erahnen, was in Isabel vorging. Ihr schüchterner Blick und ihre kalten, klammen Hände sprachen Bände. Auch ihm ging es nicht viel anders. Nur dass er wusste, warum ihm bei der kleinsten Berührung von Isabels Haut schwindlig wurde.
Mit festen Schritten ging er auf Isabel zu und half ihr vom Boden auf, auf welchem sie noch immer saß, obwohl sie schon dreimal ihre Tanzschuhe angezogen hatte. Mit großen Augen starrte sie Harry an. „Hey, Du schaffst das! Du tanzt toll!“, flüsterte Harry nur für Isabel hörbar, während er ihr beruhigend über die Arme strich. Isabel schloss prompt bei der Berührung ihre Augen. Unweigerlich fing Harry siegesgewiss an zu grinsen.
„Alles in Ordnung bei Euch?“, kam es mit lauter Stimme von Nick. Isabel erschrak sofort. Harry atmete tief durch und geleitete dann Isabel wieder in die Mitte der Tanzfläche. Mit sehr viel Gefühl und Ausdruckskraft führte er seine Tanzpartnerin über das Parkett. Isabel folgte Harry überall hin und überließ ihm nicht nur die Führung, sondern ließ auch all seinen Willen über sich ergehen.
Als sie das Ende des Liedes und des Tanzes erreicht hatten, applaudierte Nick begeistert. „Harry, ich will ja nicht rumschleimen, aber Du tanzt tatsächlich noch besser als Samuel. Alle Achtung!“ Harry räusperte sich und sah beschämt zu Samuel. Doch dieser grinste nur und bestätigte mit einem Kopfnicken Nicks Behauptung. „Und was ist mit Dir, Isa?“, fragte Nick herausfordernd. Statt zu antworten sah Isabel nur verlegen zu Boden und errötete.
Es war zehn nach vier, als die ‚Big Five‘ aufgerufen wurden. Der große Theatersaal, in dem der Wettbewerb stattfand, war bis auf den letzten Platz besetzt und selbst auf den Gängen standen Menschen. Alle wollten den Wettstreit zwischen den besten Tanzschulen Englands miterleben. Natürlich waren neben den Eltern und Freunden der Tänzer auch einige Prominente unter den Zuschauern; nicht zuletzt der eine Teil der jungen Königsfamilie und deren Freunde.
Als Harry gemeinsam mit Kathreen, Cindy, Michael und Ralph die Bühne betrat, bemerkte noch niemand, wer der Tänzer auf der linken hinteren Position war. Und auch als Harry mit Isabel im zweiten Teil des Wettkampfes allein auf der Bühne stand, war vielen noch nicht klar, wer dort tanzte, da Harry mit falschem – Samuels – Namen aufgerufen wurde. Harry grinste und ihm machte das Tanzen so gleich noch viel mehr Spaß. Er gab alles und Isabel tat es ihm gleich. Sie hatte nach der ersten Drehung ihren Vater im Publikum entdeckt und war nun natürlich noch mehr angespornt, alles aus sich herauszuholen. Als die beiden übereinander geschlungen am Boden zum Sitzen kamen, gab es einen gewaltigen Applaus, der gar nicht mehr aufhören wollte. Nick wusste sofort, dass die beiden den zweiten Wettkampf für sich entschieden hatten. Doch noch stand der Standardtanz aus und dies war eine harte Nuss, die es zu knacken gab. Denn in den letzten fünf Jahren hatte immer die gleiche Tanzschule, die Eliteakademie, den ersten Platz abgeräumt, und kein geringerer als Mister Edwin Körtes, der berühmteste, aber auch strengste Tanzlehrer von ganz England, war der Kopf des Ganzen! Doch Nick war aus dem gleichen Holz geschnitzt und wurde von Jahr zu Jahr ehrgeiziger; er wollte unbedingt in diesem Jahr seinen Widersacher Körtes besiegen!
Während die Tänzer der anderen Schulen ihre Performance zeigten, zogen sich Harry und Isabel in aller Ruhe um. Sie waren die Letzten, die in der dritten Kategorie antreten mussten und Nick war es am liebsten, wenn die beiden den Tanz der Eliteakademie erst gar nicht mitbekamen. Er wollte jegliche Unsicherheit oder gar Zweifel an ihrem Können vermeiden; es genügte schon, dass Isabel nicht sonderlich davon begeistert war, die Letzte zu sein. Denn mit der langen Wartezeit kam auch ihre Nervosität wieder. Zwischenzeitlich hatte sich zudem auch noch herumgesprochen, wer in Wirklichkeit der Tanzpartner von ihr war. Harry nahm diese Information mit gemischten Gefühlen auf. Denn während dieser Fakt beim Publikum sicherlich ein Pluspunkt war, bewirkte das bei der Jury hingegen das ganze Gegenteil. Denn jetzt würden sie erst recht ganz genau jeden ihrer Schritte aufmerksam mitverfolgen …
Fertig umgezogen machte sich Harry auf den Weg zu Isabel, um ihr ihre und sich seine eigene Nervosität und Angespanntheit zu nehmen. Isabel saß im kleinen Probetanzsaal und testete gerade den Sitz ihrer Tanzschuhe. Als sie den Blick nach oben nahm, um zu sehen, wer in den sonst leeren Raum gekommen war, blieb ihr der Mund weit offen stehen. Es war Harry, in schwarzen Bundfaltenhosen und einem halbgeöffneten schwarzen Satinhemd. Und er sah darin nicht nur umwerfend aus, sondern seine Struppelhaare, die in alle Richtungen zeigten, machten ihn auch sehr verwegen. Er wirkte in dieser Aufmachung und den Absatzschuhen irgendwie maskuliner als sonst. Aber nicht nur Isabel glaubte ihren Augen kaum zu trauen. Als Harry Isabel in diesem knappen rot-schwarzen, fransigen Irgendetwas – als mehr konnte man das kurze Kleidchen aus der Zeit des Charleston nicht bezeichnen – vor sich stehen sah, musste er zweimal hinschauen, um sicher zu sein, dass dies dort Isabel war. Denn sie hatte ihre kurzen, schwarzen Haare mit Gel glatt nach hinten gestrichen und kleine glitzernde Punkte zierten ihr Deckhaar. In ihrem leicht lasziven knappen Outfit und mit der Schminke in ihrem Gesicht wirkte Isabel wie eine weit erfahrenere Frau als sie sonst zu sein schien. Harry verliebte sich gleich noch einmal in sie. Beide standen sich gegenüber und starrten sich, ohne ein Wort zu sagen, gegenseitig an.
Sie standen so mindestens zehn Minuten da, als plötzlich Nick laut nach ihnen rief: „Sagt mal, habt ihr etwas an den Ohren??? Ihr seid in ungefähr zehn Minuten dran! Also auf, auf und ab hinter die Bühne mit Euch! Und wehe ihr verpatzt das!“, drohte Nick, was sich natürlich nicht gerade sonderlich positiv auf ihre strapazierten Nerven auswirkte. Harry warf Nick einen finsteren Blick zu, doch Nick grinste nur breit.
Angespannt stand Isabel vor Harry, der seine Hände beruhigend auf ihre Schultern gelegt hatte und sie sanft massierte. Isabel schloss die Augen und warf entspannend ihren Kopf nach hinten. Ungewollt landete er dabei auf Harrys Brust. Sie war ein wenig verwirrt, denn sie hatte nicht angenommen, dass Harry so dicht hinter ihr stehen würde. Umgehend wollte sie ihren Kopf wieder zurückziehen, doch Harry berührte nun zärtlich ihren Hals und legte ihren Kopf mit etwas Druck auf seine Finger zurück an seine Schulter. „Entspann Dich, wir haben den ersten Teil mit Bravour gemeistert; wir schaffen auch den zweiten Teil!“, flüsterte Harry an Isabels rechtes Ohr. Isabel nickte zwar, konnte sich aber nicht mehr entspannen. Sie hatte das Gefühl, als könne sie Harrys Herzschlag spüren. Er ging schnell; oder war es gar ihrer? Doch weiter konnte Isabel dem Gedanken nicht mehr nachhängen, denn nun wurde das Tanzpaar mit der Nummer 321 unter dem Namen ‚Isabel Canningham begleitet von Seiner Königlichen Hoheit, Prinz Harry‘ aufgerufen. Natürlich war bei der Ansage der Theatersaal nur noch der reinste Hexenkessel. Doch als Harry und Isabel ihre Positionen einnahmen und das Licht gedimmt wurde, wurde es auch im Saal mucksmäuschenstill. Alle starrten nur noch gebannt auf die zwei Menschen, die in der Mitte der Bühne im grellen Lichtkegel in einer recht erotischen Haltung voreinander standen.
Als die ersten Takte des feurigen Flamencos ertönten, hob Harry Isabels rechtes Bein an und ließ sie einmal tief nach unten gebeugt vor sich mit dem Oberkörper einen Halbkreis zeichnen. Danach zog er sie heftig zu sich heran, um sie sogleich mit den nächsten, schnelleren Takten in eine Drehung von sich weg laufen zu lassen. Das Publikum glaubte seinen Augen kaum zu trauen. Selbst Jane, die schon öfters mit Harry nur annähernd so ähnlich getanzt hatte, verschlug es die Sprache. William derweil sah mit ernster, jedoch beeindruckter Miene seinem Bruder beim Tanzen zu. Am Ende des Liedes kam der Höhepunkt des Ganzen: Harry hob Isabel nach einer Innendrehung hoch über sich und ließ sie dann ganz langsam an sich wieder hinuntergleiten, wo Isabel aus einer Hocke langsam wieder hochkam und dabei ihre rechte Hand über Harrys linkes Schienbein und seinen Oberschenkel nach oben gleiten ließ. Auf Hüfthöhe ergriff Harry wieder ihre Hand und wanderte damit über ihre Köpfe mit gestrecktem Arm hinweg, um Isabel dann erneut in einem Halbkreis mit dem Oberkörper vor sich fallen zu lassen.
Das Publikum war außer Rand und Band, es wurde hysterisch geschrien, mit den Füßen gestampft und begeistert in die Hände geklatscht. Doch davon bekam Isabel nicht viel mit. Ihr war schwindlig und sie wollte nur noch weg; weg von Harry! Doch nachdem Harry ihr aus der Endposition wieder hochgeholfen hatte, behielt er sie eng umschlungen weiterhin in seinem Arm und führte sie sicher zum Bühnenrand, wo sie sich beide noch einmal vor dem Publikum und der Jury verbeugten. Danach begleitete er Isabel noch immer an Arm und Hand festhaltend hinter die Bühne. Auch dort wurden sie begeistert gefeiert. Doch da Harry wusste, was gerade in Isabel vorging, führte er sie unbeirrt in den leeren kleinen Übungssaal. Erst dort ließ er sie langsam los und schloss die Tür hinter sich. Isabel gewährte sogleich mehrere Meter Abstand zwischen ihr und ihm. Völlig verwirrt starrte sie ihn an, weder fähig etwas zu sagen noch irgendetwas anderes zu machen. Harry schwieg ebenfalls und ließ Isabel die Zeit, die sie brauchte, um sich wieder zu fangen.
Nachdem in Isabels Gesicht wieder ein wenig Farbe getreten war und sie sich völlig geschafft auf die Bank gesetzt hatte, wandte Harry zaghaft ein paar Worte an seine Tanzpartnerin: „Gratuliere, ich glaube, Du hast eben nicht nur Deinen Vater beeindruckt! Ich muss gestehen, auch ich bin mächtig perplex! Du warst atemberaubend! Ich danke Dir, dass Du mir diesen Tanz mit Dir gewährt hast …“
Noch bevor Isabel irgendetwas darauf erwidern konnte, wurde die Tür aufgerissen und man rief beiden freudig entgegen, dass die Tanzschule komplett alle drei Wettbewerbe gewonnen hätte und dass man nunmehr das Traumpaar des Tages zur Siegerehrung auf der Bühne erwartete. Harry trat auf Isabel zu und reichte ihr seine Hand. Mit eiskalten Fingern griff Isabel danach wie nach einem rettenden Strohhalm. Hätte Harry Isabel nicht im Rücken mit seinem zweiten Arm gestützt, wäre sie womöglich sogleich ohnmächtig zusammengebrochen. Die letzten Minuten waren für Isabels Psyche einfach zu viel des Guten! Sie kam mit den Eindrücken und Empfindungen, die sich gerade in ihrem Körper breit machten, einfach nicht klar! Trotzdem war sie, obwohl sie wusste, dass Harry der Auslöser dafür war, dankbar, dass er sie sicher im Arm hielt. Mit einem schwachen Lächeln auf den Lippen und rosigen Wangen nahm sie ihren Preis entgegen. Harry strahlte dagegen für sie beide über das ganze Gesicht. Danach brachte er Isabel wieder zurück zu den Umkleidekabinen. Er gab Kathreen ein Zeichen, dass sie ein Auge auf Isabel haben sollte. Denn Isabel schien noch immer ein wenig neben sich zu stehen.
Nachdem sich Harry selbst wieder umgezogen hatte, ging er hinüber zum Ausgang des Frauenumkleideraumes und wartete geduldig, dass Kathreen oder Isabel herauskamen. Als Erstes kam Kathreen. „Na, Harry, wie fühlt man sich so als Sieger?“
„Danke, ganz gut. Aber ich denke, wir können uns alle als Sieger bezeichnen. Ich danke Dir übrigens für Deine Mithilfe während des Einstudierens der Tänze.“
„Keine Ursache, hat mir Spaß gemacht, Dir mal sagen zu können, wo es langgeht!“, kam es frech von Kathreen zurück.
Harry schüttelte nur breit grinsend den Kopf. „Kathy, Kathy, Kathy … – Ist Isabel noch drin?“
Kathreen nickte. „Ich denke, sie wird die Letzte sein, die herauskommt. Ich glaube, ihr geht es im Moment nicht so toll. Du hast sie mächtig durcheinander gebracht. Aber ich drück Dir die Daumen, dass sich daraus das entwickelt, was Du Dir so sehnlich wünschst!“ Harry lächelte Kathreen müde an und seufzte.
„Sehen wir uns heute Abend zum Feiern im Club?“, fragte Kathreen, bevor sie sich auf den Heimweg machte.
„Mal schauen, ich weiß noch nicht, ob ich komme. Der Rest wird aber bestimmt anwesend sein. Feiert gegebenenfalls für mich mit.“
„Okay, wird gemacht! Dann bis zur nächsten Tanzstunde …“
Harry grinste. Kathreen tat es ihm gleich und ging.
Nach einer knappen halben Stunde kam dann auch endlich Isabel aus der Umkleidekabine heraus. Sie sah noch immer ziemlich mitgenommen aus und war leicht irritiert, als sie sah, dass Harry vor der Tür stand und auf sie wartete. „Geht es Dir wieder besser?“, war Harrys erste Frage. Isabel nickte. „Soll ich Dich nach Hause fahren?“
Isabel schüttelte den Kopf. „Meine Eltern warten draußen.“
„Stimmt. Verzeih, daran habe ich gerade nicht gedacht.“
Isabel sah Harry nun direkt ins Gesicht. Ihr Blick war fragend und nervös zugleich. Harry atmete tief durch, ehe er die Frage, die ihm schon seit der Siegerehrung auf den Lippen lag, stellte: „Darf ich Dich heute Abend in den Club Five einladen, um gemeinsam mit mir und den anderen auf den Sieg anzustoßen?“ Unsicher senkte Isabel den Kopf. „Du kannst natürlich Deine Freundin oder wen auch sonst immer noch mitbringen. Umso mehr Leute, umso ausgelassener wird sicherlich die Stimmung.“
„Ich weiß noch nicht. Vielleicht. Du wirst ja sehen, ob ich auftauche“, sagte Isabel. „Wenn Du mich jetzt bitte entschuldigen möchtest, meine Eltern warten.“
Das war zwar nicht ganz das, was Harry sich erhofft hatte. Aber jedenfalls ein kleiner Schritt in die richtige Richtung und so erwiderte er: „Natürlich, geh nur!“
Wie Harry es auch nicht anders erwartet hatte, war von Isabel natürlich keine Spur, als er am Abend gegen elf in einem schneeweißen Anzug, über einem schwarzen Hemd, den Club betrat. Mit leicht gedrückter Stimmung gesellte er sich zu seinen neuen und alten Freunden und stieß mit ihnen feucht fröhlich auf den Sieg des heutigen Tages an.
Alle waren zwischenzeitlich in Hochstimmung, als ganz unverhofft dann plötzlich doch noch Isabel in einem ebenfalls weißen Kleid auf der Treppe, begleitet von Anabel, auftauchte.
„Haben die zwei sich abgesprochen?“, kam es sogleich von Nick. Samuel zuckte mit den Schultern.
Harry war gerade am Abtanzen und bemerkte Isabel somit nicht. Dafür hatten Kathy und Jane Isabel ebenfalls sofort entdeckt und führten die zwei neuen Gäste auch sogleich an den runden Tisch, wo sich neben Nicks Tänzern und der jungen englische Königsfamilie auch Mike, der Inhaber des Clubs, sowie André, der Barkeeper, aufhielten und sich den einen oder anderen Spaß erlaubten. Isabel wurde natürlich auch den Freunden von William und Harry, den Partnern von Kathy und Cindy, Jim und Steve, vorgestellt und nun verstand sie auch, warum Kathy heute bei den Proben so derbe Scherze mit Harry ausgetauscht hatte. Alle kannten sich bereits untereinander. Etwas deplatziert stand Isabel neben Anabel und Jane und nippte an dem ihr gereichten Champagner. Unsicher schaute sie sich in der Diskothek um. Doch sie konnte Harry nicht entdecken. War er wegen ihr fortgeblieben, fragte sich Isabel bedrückt. Irritiert darüber setzte sie sich auf die Couch zu Samuel. „Na, Isa, wie fühlt man sich als Siegerin? Und vor allem, was hat denn Dein Vater dazu gesagt?“
„Er hat sich gefreut, auch wenn ihm der Tanzstil und mein Tanzpartner so überhaupt nicht gefielen. Er hat mir diesbezüglich sogar noch Vorhaltungen gemacht“, gestand Isabel kleinlaut.
„Sag mal, wo lebt Dein Vater eigentlich; hinter dem Mond?!“, beschwerte sich sogleich Samuel.
Isabel musste unweigerlich schmunzeln. „Er ist halt sehr altmodisch.“
„Dein Vater ist nicht altmodisch, Dein Vater ist verklemmt, und zwar bis ganz nach oben hin!“ Alles lachte. Isabel dagegen blickte erneut verunsichert über die angeheiterte Runde.
„Mann, Isa, Du machst ein Gesicht wie zehn Tage Regenwetter, lass Deinen Vater doch labern und feiere stattdessen mit uns Deinen Erfolg!“, bestimmte Anabel einfach mal so. Und noch bevor Isabel irgendetwas dazu sagen konnte, zog Anabel sie auch schon mit auf die Tanzfläche. Natürlich gesellten sich Prinzessin Jane und ihre zwei Freundinnen alsbald dazu. Sie tanzten zu fünft zu der Musik und langsam löste sich auch Isabels Unwohlsein in Luft auf.
Noch völlig von der Musik benommen tanzte sie zurück zu der Sitzgruppe, wo sie unerwartet auf Harry traf. Als sie sah, dass er ebenfalls in Weiß gekleidet war, errötete sie. Doch Harry lächelte sie nur vertraut an und reichte ihr ein neues Champagnerglas. Sie sah atemberaubend schön in ihrem weißen, aber schlichten Kleid aus. „Hallo. Schön, dass Du doch noch kommen konntest. Wie ich sehe, hast Du schon mit meiner Familie und dem restlichen bunten Haufen, der sich meine Freunde nennt, Bekanntschaft gemacht“, begann Harry unverfänglich das Gespräch. Isabel nickte, fühlte sich jedoch sogleich wieder unwohl.
„Magst Du Dich setzen?“, fragte Harry, als er sah, dass Isabel unruhig wurde.
„Nein, danke. Ich steh ganz gerne einmal.“
„Okay. Dann noch einmal von mir: Herzlichen Glückwunsch zu Deinem Sieg über die Juroren und alle anderen Tanzschulen!“, sagte Harry und stieß mit seinem Glas an Isabels an. Isabel erschrak und wurde prompt erneut knallrot im Gesicht. Harry seufzte, denn er wusste nicht, wie er die Angespanntheit, die sich wieder einmal zwischen ihnen aufzubauen schien, lösen konnte, ohne Isabel zu nahe zu treten. Hilfesuchend blickte er zu Jane herüber.
Jane schmunzelte. „Ich will ja nicht gemein sein, aber ich würde schon ganz gerne noch einmal alle drei Tänze sehen wollen …“
„Au ja!“, kam es sogleich von Jim und Steve, die leider heute beim Wettkampf nicht mit dabei sein konnten, da sie arbeiten mussten.
Harry schluckte nervös und sah unsicher zu Isabel herüber. Isabel schien ebenfalls noch mit sich zu ringen. Doch noch ehe Harry eine Reaktion von Isabel abwarten konnte, wurde er auch schon selbst von Kathy und Cindy auf die leer gewordene Tanzfläche gezogen. Wo er sich gerade noch so fix seines Jacketts entledigten konnte, während Toni, der DJ, ein paar einleitende Worte zu der nun folgenden Vorführung zum Besten gab. Denn kaum hatte dieser das Mikro aus der Hand gelegt, ertönten auch schon die ersten Takte und schnell waren die fünf wieder in ihrem Element. Das Lied war noch gar nicht richtig zu Ende, als auch schon Cindy, Michael, Kathy und Ralph die Tanzfläche verließen und stattdessen Isabel zu Harry herüberschubsten. Isabel blickte völlig durch den Wind zu ihrer Freundin. Doch auch sie feuerte Isabel und Harry bereits an, als auch schon das nächste Lied anlief. Gezwungenermaßen ergab sich Isabel ihrem Schicksal und tanzte mit Harry im Freestyle-Duo. Wie schon so oft war die Disco wieder einmal nur noch ein reiner Hexenkessel. Doch umso näher das Ende des zweiten Liedes kam, umso nervöser wurde Isabel. Sie hatte das Gefühl, dass jeden Moment ihr Herz aus ihrem Brustkorb springen müsste, so sehr schlug es ihr gegen die Rippen. Es war schon regelrecht schmerzhaft!
Harry sah Isabel an, dass sie heftig mit sich selbst kämpfte. Und kaum war das Lied vorbei, sah es so aus, als wollte Isabel schleunigst die Tanzfläche wieder verlassen. Doch Harry war schneller, er stellte sich hinter sie und berührte genauso zärtlich wie am Nachmittag Isabels Hals, so dass ihr Kopf an seiner Schulter zum Liegen kam. Er konnte unter seinen Fingern ihren unruhigen Puls fühlen. Seiner schlug genauso heftig. Der Flamenco setzte mit einem kleinen Vorspiel ein und Harry nutzte dies, um ganz langsam von Isabels Kinn über ihren Hals hinüber zu ihrem rechten Arm zu wandern, um dann weiter zu ihrer Hand zu gelangen, die er in seine nahm und Isabel mit einem heftigen Ruck zu sich herumdrehte, um dann, als nun die Melodie anschwoll, mit ihr den erotischen Tanz vom Nachmittag zu wiederholen. Wie in Trance folgte Isabel abermals Harrys Schritten und ließ sich von ihm überallhin führen. Als der Flamenco im Tango endete und Isabel gerade vom Boden wieder heraufkam und ihre Hand erneut über Harrys Bein gleiten ließ, riss Harry Isabel, nachdem er sie in einem letzten Halbkreis von sich gestoßen hatte, an sich heran und sogleich landeten seine Lippen sehnsüchtig auf ihren.
Isabel war völlig perplex und brauchte einige Sekunden, bis sie begriff, was Harry da gerade tat. Prompt landete ihre Hand in seinem Gesicht. Genauso verschreckt wie Harry war, rannte Isabel von der Tanzfläche. Doch sie kam nicht weit, denn bereits einige Meter später hatte ein anderer Prinz ihren Arm gegriffen und zog Isabel zur Seite. Apathisch starrte Isabel in das Gesicht von Prinz William. „War das eben wirklich nötig? Ich glaube, die Ohrfeige hat mein Bruder nicht verdient! Okay, es war nicht ganz korrekt von ihm, Sie so zu überfallen. Aber wissen Sie eigentlich, wie sehr mein Bruder wegen Ihnen leidet?!“ Isabel senkte betrübt den Kopf, sie wusste nicht, was sie jetzt machen sollte. Unweigerlich traten ihr die Tränen in die Augen, die sie auch nicht in der Lage war zurückzuhalten. William reichte ihr ein Taschentuch. „Beruhigen Sie sich wieder, es ist doch gar nichts passiert. Ich wollte Ihnen nur einmal meine eigene Meinung dazu sagen und finde, dass es an der Zeit ist, dass Sie und mein Bruder endlich ein klärendes Gespräch führen sollten; wenn Sie nichts dagegen haben, wäre jetzt genau der richtige Zeitpunkt!“ Entsetzt blickte Isabel wieder auf. Sie spürte jedoch instinktiv, dass Prinz William keine Widerrede duldete. Er zeigte auf eine Tür hinter Isabel. „Darf ich bitten? Nach Ihnen!“
Wie ein Häufchen Elend betrat Isabel den angrenzenden Raum. Es war das Büro des Inhabers des Clubs. „Setzen Sie sich, mein Bruder kommt sicherlich gleich.“
Völlig eingeschüchtert setzte sich Isabel auf den Sessel neben dem kleinen Beistelltischen. Währenddessen hatte sich Prinz William den Stuhl vor dem Schreibtisch gegriffen und setzte sich rittlings darauf. Er hatte seine Arme auf die Lehne gelegt und sah – eigentlich recht einfühlsam – zu Isabel herüber. „Warum sind Sie eigentlich so schlecht auf meinen Bruder zu sprechen; was hat er Ihnen getan?“, begann William ein einleitendes Gespräch. Doch bevor er darauf eine Antwort erhielt, polterte Harry aufgebracht ins Zimmer.
„Isabel?!“ Abrupt sahen Isabel und William zu Harry herüber. „Wills?“, fragte Harry leicht irritiert.
„Ich denke, es wird Zeit, dass ihr zwei Euch einmal aussprecht“, sagte William, ehe er sich erhob und den Stuhl wieder zurück an seinen Platz vor dem Schreibtisch stellte.
„Was, jetzt; und hier?!“, kam es ungläubig von Harry. Er sah unweigerlich zu Isabel herüber und konnte ihr an der Nasenspitze ansehen, dass sie geweint hatte und sich hundeelend fühlte.
„Ja, jetzt und hier. Sonst wird das in diesem Jahrhundert nichts mehr!“
Harry schluckte schwer an seiner aufkeimenden Wut. „Dir ist doch klar, dass Du mit dieser Aktion alles kaputt machst, oder?“ William schwieg beharrlich. „Na wunderbar, danke!“, kam es kalt von Harry.
„Brüderchen, man hat mich damals zu meinem Glück zwingen müssen, und so wie es scheint, muss man dies auch bei Euch nun tun“, war alles, was William noch sagte, ehe er ging und die Tür hinter sich schloss. Harry seufzte und fuhr sich aufgebracht mit den Händen durch die Haare. Vergeblich nach den richtigen Worten suchend lehnte er sich an die Tür, steckte die Hände in die Hosentaschen und schloss die Augen.
„Isabel, bitte entschuldige das Benehmen meines Bruders. Er hatte kein Recht sich hier einzumischen! Und bitte verzeih auch die Aktion eben auf der Tanzfläche. Ich weiß selbst nicht, was da grad in mich gefahren ist, Dich vor allen Leuten zu küssen! Es tut mir leid.“
Als daraufhin weiterhin Stille herrschte, sah Harry traurig zu Isabel herüber. Sie saß noch immer völlig eingeschüchtert in dem Sessel und schaute auf ihre verschränkten Hände in ihrem Schoß. „Isabel, Du musst mir glauben: Als ich Dich heute Abend hierher eingeladen habe, wollte ich nichts anderes, als mit Dir auf den gewonnenen Wettkampf anstoßen. Ich wollte Dir einfach ganz relaxt zeigen, dass ich auch ganz nett sein kann. Des Weiteren hatte ich natürlich im Hinterkopf, Dich so weit zu kriegen, dass Du zu einem völlig lockeren Gespräch mit mir bereit wärst. Doch das kann ich mir jetzt sicherlich abschminken … Ich bin ja auch selbst schuld daran! Ich kann verstehen, wenn Du jetzt noch wütender auf mich bist, als Du es eh schon warst. Und wenn Du verlangst, dass ich Dir aus dem Weg und vor allem aus dem Blickfeld gehen soll, ist dies Dein gutes Recht! Ich werde mich natürlich daran halten. Du brauchst auch nicht fluchtartig einen Raum verlassen, wenn ich versehentlich diesen auch betreten sollte. Denn ich werde mich dann zurückziehen. – Isabel, es tut mir leid, dass Du wegen mir all diesem Ärger und Stress ausgesetzt warst! Ich wünsche Dir für Dein weiteres Leben alles Gute und viel Erfolg bei der Betreuung Deiner sechs kleinen Ziehkinder.“ Danach ging Harry, ohne sich noch einmal zu Isabel umzudrehen. Er sah somit nicht, wie Isabel sich abrupt aufsetzte und völlig verdutzt zu Harry herübersah. Woher wusste er, dass sie sechs Kinder zu betreuen hatte??? Sicherlich nicht von seinem Onkel …
Wütend betrat Isabel die Wohnung ihrer Eltern. Es war kurz nach eins und ihre Eltern schliefen bereits. Doch das war Isabel egal. Sie machte mit Absicht viel Radau, dass ihre Mutter auch ja zu ihr kommen würde. Und so war es dann auch: „Kind, Dein Vater schläft! Willst Du ihn wecken? Sei doch bitte etwas leiser!“
„Nein, ich werde nicht leiser sein! Was hast Du Dir dabei gedacht, mit dem Prinzen gemeinsame Sache zu machen?“, schrie es regelrecht aus Isabel heraus.
Lindsay brauchte einen Moment, ehe sie begriff, was ihre Tochter ihr gerade an den Kopf geworfen hatte. Jedoch tat sie so, als ob sie von nichts wüsste: „Isabel, wovon sprichst Du? Ich kann Dir leider nicht folgen.“
„Oh! Das glaube ich Dir nicht! Prinz Harry hat mir vor nicht ganz einer Stunde viel Glück bei der Betreuung von sechs Kindern gewünscht! Und er kann diese Zahl nur von einer einzigen Person haben, und zwar von Dir!“ Lindsay seufzte. „Mum, wenn mir nicht so viel an den Kindern läge und sie mir leid täten, wegen des ständigen Hin und Her, weißt Du, was ich dann am liebsten machen würde??? Ich würde alles hinschmeißen und Dir und der dämlichen Königsfamilie den Rücken kehren! Dann könntet ihr zusehen, wie ihr Euren kleinen Kindergarten aufrechterhalten würdet! Aber ich kann es einfach nicht!!! Und das ist so unfair!“, japste Isabel unter Tränen, ehe sie sich auf ihr Bett warf und anfing bitterlich zu weinen. Lindsay gesellte sich zu ihrer Tochter, strich ihr beruhigend über den Rücken und erzählte ihr nebenbei die Geschichte, wie sie und Prinz Harry ins Geschäft gekommen waren. Dabei betonte Isabels Mutter immer wieder, dass der Kindergarten rein gar nichts, aber auch wirklich, rein gar nichts mit Harrys Brief und ihrem früheren Benehmen dem Prinzen gegenüber zu tun hatte. Isabel war zwar nicht wirklich davon überzeugt, hatte sich aber so weit wieder beruhigt, dass sie ihrer Mutter, die für sie auch wie eine gute Freundin war, anvertraute, was in dieser Nacht im Club vorgefallen ist.
Lindsay fing sogleich an zu schmunzeln. „Weißt Du, Isa, ich glaube, der Prinz ist bis über beide Ohren in Dich verliebt!“
Isabel entglitten prompt die Gesichtszüge und sie sah ihre Mutter verständnislos an. Lindsay nickte bestätigend. Daraufhin verdrehte Isabel die Augen und seufzte tief und anhaltend. Verwirrt strich sie sich mit den Händen durchs Haar und starrte apathisch an die Zimmerdecke. In ihrem Inneren hatte sie dies bereits geahnt, wollte es aber nicht wahrhaben; zumal ihr Herz seit neuestem selbst ein Eigenleben zu haben schien und sich ebenfalls dem Prinzen gegenüber hingezogen fühlte. Isabel war damit völlig überfordert.
Dies spürte sogar ihre Mutter und so fragte sie: „Und wie sieht es bei Dir aus? Wie steht es mit Dir? Kann es sein, dass Du auch etwas für den Prinzen empfindest, was nicht mit Wut oder gar Hass zu tun hat?“ Unweigerlich fing Isabel erneut an zu weinen und wollte sich auch nicht wieder beruhigen. Lindsay ließ ihre Tochter allein. Es würde wahrscheinlich die ganze Nacht so gehen, bis sich Isabel beruhigt hatte und sich eventuell darüber Gedanken machen würde, wie sie zu dem Prinzen tatsächlich stand. Doch in einem war sich Lindsay ganz sicher: Von Hass wäre dort nicht die geringste Spur …
Kapitel 7
Euer Hoheit,
ich bin so erzogen worden, dass man auf Briefe, die man erhält, antwortet. Ich bin Ihnen somit noch eine Antwort schuldig:
Als Erstes möchte ich mich dafür entschuldigen, dass die Antwort so lange auf sich hat warten lassen; doch es ist verdammt schwierig auf einen Brief zu antworten, der nur eine einzige Frage beinhaltet. Und noch schwieriger ist es, genau auf diese eine Antwort zu geben! – Auch jetzt weiß ich noch nicht, was ich darauf erwidern soll.
In meinem Kopf herrscht ein totales Chaos, an dem Sie Mitschuld tragen und wenn ich könnte, würde auch ich gerne die Zeit noch einmal zurückdrehen. Doch sicherlich zu einem anderen Zeitpunkt hin als Sie es sich wünschten. Verständlich; glaube ich …?!
Ich bin die letzten Tage, wie die letzten Wochen, noch einmal gedanklich zurückgegangen. Es haben sich in dieser Zeit in meinem Leben so viele Dinge ereignet, dass ich die ganze Tragweite noch überhaupt nicht realisiert habe. Ob das je der Fall sein wird, weiß ich nicht. Vielleicht würde ich auch viel lieber gerne alles wieder nur verdrängen. Meine Mutter sagt jedoch, dass dies nichts bringt und mein Vater ist eh der festen Überzeugung, dass man sich allem im Leben kampfbereit stellen muss!
Leichter gesagt als getan.
Um ehrlich zu sein, weiß ich nicht, ob ich überhaupt die Reste meiner Spieluhr wieder zurückhaben möchte, denn sie würden mich doch eh nur tagtäglich schmerzlich an den Verlust derer erinnern …
Was soll ich auch mit einer kaputten Spieluhr? Also, machen Sie damit, was Sie wollen.
Am besten, Sie schmeißen sie weg und irgendwelche Erinnerungen an mich gleich mit!
I. C.
P.S.: Sie haben neulich gesagt, dass ich einen Raum nicht mehr verlassen muss, wenn Sie ihn betreten, da Sie dann gehen. Ich denke, es wird nicht mehr passieren, dass sich unsere Wege kreuzen. Denn dort, wo Sie sich standesgemäß bewegen, habe ich nichts zu suchen …
Verdammt!
Jetzt habe ich am Ende doch noch eine Bitte an Sie: Könnten Sie es vielleicht einrichten, mittwochs nicht bei Nick aufzukreuzen? Sie nehmen mir sonst das Einzige, was mir noch eine Freude macht!
Danke.
Harrys Kopf war gänzlich leer, nachdem er Isabels Zeilen das erste Mal gelesen hatte. Er wusste nicht, was er erwartet hatte. Er wusste zwar, dass Isabels Worte nach der letzten Aktion in der Disco nicht nett ausfallen würden. Aber mit solch einer Kälte hatte er nicht gerechnet. Erst eine halbe Stunde später setzte er ein zweites Mal an, den Brief zu lesen, brach jedoch nach dem ersten Absatz bereits wieder ab und holte tief Luft, ihm war zum Heulen zumute. Just in dem Moment klingelte es an der Haustür. Von Schwindel benommen ging er zur Tür. Er wusste, wer davor stand. Es war Jane, die er telefonisch gebeten hatte vorbeizukommen, als er gerade den Brief von dem Boten in Empfang nahm. Kaum hatte Harry die Tür geöffnet und in Janes fragendes Gesicht gesehen, brach er weinend zusammen. Jane seufzte, denn sie hatte innig gehofft, dass sich Isabel, trotz des Kussüberfalls und der darauffolgenden Aktion ihres Mannes, für Harry entscheiden würde. Sie kannte Harrys Zeilen an Isabel und traute sich deshalb nun kaum, ihn jetzt nach dem Inhalt von Isabels Brief zu fragen. Schweigend und tröstend zugleich nahm Jane Harry in den Arm und führte ihn zurück auf die Couch in der Wohnstube, wo sie sich beinahe auf Isabels Zeilen gesetzt hätte. Sie reichte Harry ein Taschentuch und atmete noch einmal tief durch, ehe sie sich den verfassten Brief durchlas; es war nur ein einziges Blatt. Als sie fertig war, sah sie Harry völlig entgeistert an, unfähig irgendetwas sagen zu können. Harry musste unweigerlich bittersüß lächeln. „Mir ging es genauso!“
„Ja, man hat das Gefühl, den Brief einer völlig fremden Person in den Händen zu halten. Sagtest Du nicht etwas davon, dass sie Dir zwischenzeitlich freundlich gesonnen war?!“, fragte Jane noch immer ungläubig.
„Das waren Samuels Worte …“
„Und Dein Gefühl!“, unterbrach Jane sogleich ihren Schwager wieder. „Und wenn ich daran denke, dass sie sogar zur Siegesfeier in den Club gekommen war, kann ich kaum glauben, dass diese Worte von ihr stammen sollen??? – Ich meine, William hat echt Mist gebaut und ich habe ihm diesbezüglich auch schon gehörig den Kopf gewaschen!“
„Ich weiß, er traut sich kaum mehr in Deine Nähe.“
Jane errötete und räusperte sich. „Trotzdem ist die Heftigkeit ihrer Worte nicht ganz nachvollziehbar. Oder hast Du uns irgendetwas verschwiegen, das zwischen Euch vorgefallen ist?“
„Nein! Es hat mit der Spieluhr angefangen und endete mit dem Kuss“, gab Harry, wütend auf sich selbst, von sich.
„Oh Harry, es tut mir so leid! Ich habe es mir so für Dich gewünscht, und es sah ja auch ganz so aus, als hätte es klappen können; zumal, sie ist echt niedlich! Und das von einer Frau zu hören, soll was heißen …“
Harry grinste. „Danke, dass wir uns wenigstens in dem Punkt einmal einig sind.“ Unweigerlich musste auch Jane schmunzeln.
Harry seufzte. Jane nahm ihn daraufhin gleich wieder in den Arm.
Nach einer Weile fragte Jane: „Willst Du etwas auf ihren Brief erwidern?“
Harry lachte bitter auf. „Was soll ich denn darauf antworten? Das ‚Nein, ich will von Dir nichts mehr hören, geschweige denn sehen oder lesen‘ ist doch offensichtlich!“
„Ach Mann!“, seufzte nun Jane. „Trotzdem sind ihre Worte Dir gegenüber ungerecht!“
„Wenn sie wenigstens irgendein Wort an mich verschwendet hätte! Ich kann ihr ja noch nicht einmal böse oder auf sie wütend sein …“
„Stimmt! Das hat sie geschickt gemacht: Eine Rückantwort ist sozusagen erst gar nicht möglich“, stellte Jane nun sogar fasziniert fest.
„Hätte ich sie doch nur nicht geküsst!!!“, waren Harrys nächste vorwurfsvolle Worte.
„Ach, mach Dich nicht verrückt! Nicht Du bist daran schuld, sondern einzig und allein Dein Bruder!“ Zweifelnd blickte Harry seine Schwägerin an. „Wenn sich William nicht eingemischt hätte, wäre Isabel zwar wegen des Kusses verwirrt gewesen, aber ich denke, ihr Herz hätte trotzdem für Dich geschlagen.“
„Da bin ich mir nicht so sicher, denn ihre Backpfeife war ziemlich heftig“, gestand Harry kleinlaut. „Ich glaube eher, es waren einfach zu viele unangenehme Vorfälle für Isabel, dass sie sich gegen mich entschieden hat. Ich bin ja selbst schuld! Und doch würde ich gerne die Zeit noch einmal ein klein wenig zurückstellen und noch einmal ganz von vorn anfangen wollen …“
„Tja, dann wäre eventuell noch alles möglich. Doch leider kannst Du die Zeit nicht zurückstellen. Sie stand irgendwie von Anfang an für Euch unter einem schlechten Stern.“
„Wie aufbauend!“, sagte Harry sarkastisch.
„Entschuldige, aber es ist doch so!“, verteidigte sich Jane.
„Hast ja Recht, kleine Schwägerin“, gestand sich Harry ein, wenn auch schweren Herzens.
„Meinst Du, Du kannst trotzdem übermorgen bei der Eröffnung des neuen Kinderkrankenhauses teilnehmen? Und dabei auch noch freundlich lächeln?“
„Oh Schreck! Stimmt, Dienstag war ja noch was … Ich werde es wohl müssen, auch wenn mich irgendwie alles ganz automatisch wieder an Isabel erinnern wird; vor allem die kleinen Kinder!“
„Und wenn Du einmal mit Elisabeth darüber sprichst? Vielleicht hat sie ja Verständnis und Du brauchst nicht mitzukommen?!“, überlegte Jane.
„Daran glaubst Du doch wohl selbst nicht?! Granny ist nun einmal so gestrickt, dass die Monarchie und das Repräsentieren vor allen privaten und vor allem sentimentalen Anwandlungen stehen! Außerdem hat doch Granny nichts von den Liebeswirren ihres Enkels mitbekommen.“
„Oh doch, das hat sie! Wenn auch eher im Nachhinein“, berichtigte Jane ihren Schwager. Fragend hob Harry eine Augenbrauche. Jane räusperte sich, ehe sie antwortete: „Durch William.“ Noch immer fragend hob Harry nun auch noch die zweite Augenbraue. „Ich sagte doch, dass ich William den Kopf gewaschen habe …“
„Darf ich erfahren, was Du getan oder zu ihm gesagt hast, dass er sich schützend hinter Elisabeths Rockzipfel versteckt? So kenne ich mein großes Brüderchen ja gar nicht!“, stellte Harry schon fast amüsiert fest.
Jane wurde knallrot. „Nun ja, sagen wir mal so, als ich sah, wie Du hektisch in Mikes Büro gerannt bist und William stattdessen herauskam, dachte ich mir noch nichts. Als Du jedoch kurz darauf wieder mit betrübter Miene von dannen zogst und gerade einmal zwei Minuten später Isabel auch aus dem Zimmer kam und ebenfalls sang und klanglos ging, war mir klar, dass irgendetwas vorgefallen sein musste, woran mein lieber Herr Mann ebenfalls beteiligt war. Auf dem Heimweg habe ich ihn dann zur Rede gestellt und da erzählte er mir ganz lapidar, dass er sich Isabel gegriffen hätte, damit Du und sie, ihr Euch einmal in Ruhe, unterhalten könntet. Ich glaubte, meinen Ohren nicht zu trauen und bin natürlich prompt aus der Haut gefahren und habe ihn recht derbe angeschrien, was ihm einfallen würde, sich in die Sache mit einzumischen. Daraufhin erwähnte er nur, dass ich dies doch auch schon die ganze Zeit täte und dass es bei ihm und mir damals ja auch so war, dass man uns zu unserem Glück ein wenig zwingen musste. Da ist mir dann gänzlich die Hutschnur gerissen und ich habe ihm eine geklebt.“
„Du hast was?!“, fragte Harry verdutzt.
„Du hast schon richtig gehört! William glaubte auch, sich verguckt zu haben, aber seine rote, schmerzende Wange bestätigte ihm den Vorfall. Natürlich wurde er dann auch wütend und brach einen Streit vom Zaun, den er nicht gewinnen konnte! Seither ist zwischen uns Funkstille. Sobald er auch nur den Mund bezüglich dieses heiklen Themas öffnet, geht die Diskussion von vorne los und eine Vase und ein Teller sind dabei bereits zu Bruch gegangen“, gestand Jane kleinlaut. „Diese habe ich versucht, ihm an den Kopf zu werfen. Denn William hat oder besser gesagt will nicht verstehen, worin der Unterschied zwischen meiner und seiner Einmischung in Eure Sache ist.“
„Jane!“, rief Harry aufgebracht. „Du setzt doch jetzt nicht etwa Deine Beziehung nur wegen mir aufs Spiel??? Jane, bitte komm wieder von Deinem kleinen Vulkan herunter und vertrage Dich mit Deinem Mann! Du hast doch selbst gesagt, dass Isabels und mein Aufeinandertreffen unter keinem guten Stern stand. Es hat halt einfach nicht sein sollen! Doch daran darf auf keinen Fall Deine Ehe zerbrechen!!!“ Jane nagte schuldbewusst an ihrer Unterlippe. Harry seufzte.
„Was soll ich denn aber machen? William hat mich einfach so wütend gemacht!“, gab Jane leicht verzweifelt von sich.
Harry zog seine Schwägerin spontan in seine Arme und nun war sie es, die weinte. Harry schüttelte verwirrt den Kopf. Da wollten ihm die zwei Menschen, die ihm am wichtigsten waren, helfen glücklich zu werden und setzten dabei ihre eigene Beziehung aufs Spiel. „Jane, beruhige Dich wieder. Ich muss Dir nämlich etwas erzählen.“ Jane schniefte und versuchte wieder Herr ihrer Gefühle zu werden. Unsicher sah sie zu Harry auf. „William war gestern Abend bei mir und wollte sich bei mir entschuldigen. Granny hat ihm wohl seinen Fehler verdeutlicht und er hat nun auch verstanden, warum Du so sauer auf ihn bist. Des Weiteren hat er mich gefragt, ob ich wüsste, was er machen kann, damit Du ihm wieder verzeihst“, erzählte Harry.
Jane schluckte. „Und was hast Du ihm geraten?“
„Nichts. Ich habe gesagt, dass ich zwar seine Entschuldigung annehme, ihm aber nicht helfen kann, da er durch seinen selbst fabrizierten Schlamassel allein durch muss. Sonst wäre es ja nur eine halbe Entschuldigung Dir gegenüber.“
Jane seufzte. „Dieses Jahr fängt ja fürchterlich an …“
Harry grinste. „Hey, das wird schon wieder. Und um mich macht Euch bitte keine Sorgen, es kommt zwar jetzt eine schwierige Zeit auf mich zu; mit viel, viel Liebeskummer, aber auch dieser wird wieder vergehen. Denn der einzige Wermutstropfen, der mir Gott sei Dank noch bleibt, ist nun einmal der, dass ich mit Isabel ja nie zusammen war! Es klappte schon von vornherein nicht. Auch wenn ich ihre dunkelgrünen Augen wohl mein Leben lang nicht mehr vergessen werde und ihre weichen Lippen auch nicht!“, schwärmte Harry schweren Herzens.
Jane grinste. Harry wurde daraufhin knallrot.
„Ja, das Grün ihrer Augen ist mir auch sofort aufgefallen! William hat, als wir uns damals kennen gelernt haben, immer gesagt: Man kann in meinem Gesicht lesen wie in einem Buch. Ich habe erst jetzt verstanden, was er damit meinte. Isabels Blick spricht auch mehr als Bände. – Oh Harry, ich vermisse so entsetzlich zwei hellblaue Augen, die mich verliebt ansehen!“, gestand Jane reumütig.
Prompt fing Harry an zu lachen. „Dann lass Wills diese Nacht wieder im Ehebett schlafen …“
„Hab ich übertrieben?“
„Vielleicht ein wenig. Aber ich glaube, Wills hat das einfach mal gebraucht.“
„Meinst Du?“
„Bestimmt!“
Jane drückte ihrem Schwager spontan einen Kuss auf die Wange. Harry schmunzelte. „Na los, fahr schon nach Hause!“
„Und ich kann Dich wirklich alleine lassen?“, fragte Jane, gefangen zwischen zwei Stühlen. Harry nickte zuversichtlich. Jane seufzte.
„Du kannst doch auch nichts daran ändern, dass Isabel sich gegen mich entschieden hat. Sie war vielleicht doch nicht meine Traumfrau? Äußerlich sicherlich. Aber ist es nicht viel wichtiger, dass es hier drinnen stimmt?“, stellte Harry offen in den Raum und zeigte auf sein Herz.
Erneut seufzend sahen sich Harry und Jane an und fingen daraufhin prompt an zu lachen.
Harry drückte seiner Schwägerin einen Kuss auf die Wange. „Danke, dass Du gekommen bist.“
„Na schön, dann gehe ich jetzt wieder. Aber wenn was ist, ruf an, ja?!“ Harry nickte und brachte Jane noch bis zur Tür.
Mit gemischten Gefühlen hielt Jane direkt vor ihrer Stadtwohnung an. Sie brauchte ganze zehn Minuten, um aus dem Auto zu steigen. Ihr war schlecht, denn erst jetzt wurde ihr bewusst, was sie angestellt hatte: William hatte zwar einen Fehler gemacht; doch machte sie nicht auch ständig irgendwelche Fehler? Und selbst Elisabeth war nie so streng mit ihr, wenn sie sich wieder einmal entgegen dem Protokoll benommen hatte, wie sie sich nunmehr gegenüber ihrem Mann verhielt. Und trotzdem musste er sie noch genauso doll lieben wie sie es tat; wenn er sogar schon Elisabeth und Harry um Rat bat?! Sich an diesen Gedanken klammernd, stieg Jane die Treppen zu ihrem Appartement hinauf. Dort angekommen, war die Wohnungstür halb geöffnet. Unsicher, ob sie nach dem Sicherheitspersonal rufen oder einfach in die Wohnung gehen sollte, entschied sich Jane trotz alledem für Letzteres. Sofort wurde ihr bewusst, dass hier kein Einbruch vorlag. Denn den sonst dunklen Korridor erhellten eine Reihe Teelichter, die auf dem Dielenboden zu einem Pfeil, der nach rechts zeigte, angeordnet waren.
Jane legte ihre Jacke ab und folgte dem Wegweiser.
Rechterhand befand sich ihr Arbeitszimmer. Vorsichtig öffnete sie die Tür. Der Raum war mit lauter roten Rosen übersät. An der Decke hing ein großer roter herzförmiger, mit Helium gefüllter Luftballon und an seiner Strippe hing ein grüner Umschlag. Jane öffnete diesen: So wie Deine Lieblingsblumen, hast auch Du ein paar Dornen. Nur ein guter Gärtner weiß, wie man mit diesen zarten Pflänzchen umgeht, um nicht gestochen zu werden. – Ich war diese Woche kein guter Gärtner und habe somit statt Rosen Disteln gesät. – Bitte folge dem Pfeil.
Jane war zu Tränen gerührt und brauchte einen Moment, ehe sie dem Pfeil aus Teelichtern in das Arbeitszimmer ihres Mannes folgen konnte. Dort angekommen, lagen und hingen Hunderte von perlmuttfarbenen Luftballons im Raum. Mitten unter ihnen lag auf dem Fußboden ein beigefarbener Umschlag. Erneut las Jane die darin enthaltenen Zeilen: Ich habe bei unserer Trauung geschworen, Dich immer auf Wolken zu tragen. – Leider habe ich mich diese Woche nicht an den Schwur gehalten und stattdessen Scherben gesammelt. – Bitte folge dem Pfeil.
Jane fing unweigerlich an zu weinen. Rein zufällig stand griffbereit eine Papiertaschentuchbox auf dem Schreibtisch. Nachdem sie sich wieder beruhigt hatte, folgte Jane den Kerzen zurück auf den Flur. Dort wurde sie nun in das Kinderzimmer ihrer Tochter geleitet, die die Woche bei ihren Großeltern, Charles und Camilla, verbrachte. In Marybeth’ Zimmer angelangt, lagen überall verstreut Kuscheltiere. Jane war sich gar nicht bewusst gewesen, dass ihr Kind so viele davon hatte. Als sie jedoch genauer hinsah, wusste sie auch warum: Es waren gar nicht Marybeth’ Kuscheltiere, denn diese Plüschfiguren stellten Tiger, Löwen, Nashörner und sonstige gefährliche Dschungeltiere dar. Am Ende des Kuscheltierdschungels stand die Tür zu ihrem Schlafzimmer offen und im Türrahmen lag ein großes, grünes Krokodil und hielt in seinem Maul einen hellblauen Umschlag fest. Jane atmete tief durch und las im Flüsterton vor sich hin: Egal welcher Gefahr Du auch ausgesetzt sein solltest, ich habe Dir versprochen, Dich mit meinem Leben zu beschützen … – „Und dies werde ich auch weiterhin tun, wenn Du mich lässt?!“, setzte William laut und deutlich den unbeendeten Satz fort.
Jane warf sich prompt in die Arme ihres Mannes und hielt ihn fest an sich gedrückt. „Oh William, es tut mir leid! Es tut mir so leid! Bitte lass uns nie wieder streiten!“, flehte Jane unter Tränen.
William hob seine Frau als Antwort auf die Arme und bettete sie auf eine kuschelweiche, schneeweiße Tagesdecke mitten auf dem großen Ehebett, auf der Hunderte von Rosenblütenblättern einen wunderbaren Duft verströmten. Er legte sich zu ihr und hauchte ihr sanft ein „Ich liebe Dich!“ entgegen, ehe sich endlich ihre Lippen zu einem nicht enden wollenden innigen Kuss fanden.
„Und was stand in dem Brief?“, fragte William zwei Stunden später seine Frau beim romantischen Candle-Light-Dinner in ihrem Wohnzimmer.
„Das willst Du, glaube ich, lieber nicht wissen …“
„Also eine Abfuhr?“
Jane nickte.
„Wie geht es Harry?“
„Den Umständen entsprechend hält er sich ziemlich wacker. Er sagt, er habe wenigstens in dem Sinne noch Glück gehabt, dass sie ja nie zusammen waren.“
„Oh, und das aus seinem Mund, nachdem er uns wochenlang die Nächte geraubt hat?!“
Leicht enttäuscht blickte Jane herüber.
„Verzeihung“, kam es schuldbewusst von William.
„Es liegt wohl eher daran, wie Isabel ihre Worte gewählt hat. Sie hat nichts zu Harry oder über ihn gesagt, sondern ihm lediglich klargemacht, dass sie ihn nicht sehen möchte und er dies doch bitte respektieren soll. Ich glaube, das ist auch das, woran sich Harry krampfhaft festhält. Hätte sie irgendetwas geschrieben wie, dass sie ihn nicht leiden kann oder ihn gar hasst, hätte es Harry wohl mehr getroffen. Aber vielleicht stand er auch nur unter Schock und verarbeitet erst die Nacht den Fakt, dass er von seiner Traumfrau einen Korb bekommen hat.“
„Wollen wir das lieber nicht hoffen …“
Fragend sah Jane herüber. „Wieso? Hast Du Angst, dass er uns wieder einen nächtlichen Besuch abstattet?“
„Das wird diese Nacht ganz bestimmt nicht passieren! Ich habe da eher an Dienstag gedacht. Denn das kann dann noch lustig werden“, erwiderte William.
„Harry hat mir versichert, dass er das auf jeden Fall am Dienstag hinkriegt! Aber wie kommst Du darauf, dass er uns heute Nacht keinen Besuch abstattet?“
„Weil ich ihn eindringlich gestern darum gebeten habe“, gestand William und wurde rot.
Jane fing prompt an zu kichern. „Kann es sein, dass Du heute Nacht noch irgendetwas vorhast?“ William sah mit seinen hellblauen Augen verliebt zu Jane herüber und lächelte beharrlich.
„Wird das eine Drohung?“, neckte Jane ihren Göttergatten.
„Nein, aber ein Versprechen!“, hauchte William Jane entgegen, ehe sich ihre Lippen erneut trafen.
Wie erwartet, musste Harry am kommenden Dienstag bei der Eröffnung des neuen Kinderkrankenhauses mit anwesend sein. Der Queen passte es überhaupt nicht, dass ihr Enkel seit der Trennung von Chelsy vor vier Jahren Single war und daran auch nichts ändern zu wollen schien. Oder besser gesagt, einfach nicht die richtige Frau fürs Leben fand. Somit musste Elisabeth wieder einmal ein wenig nachhelfen und war der Meinung, dass es nunmehr ganz angebracht sei, wenn Harry so oft wie möglich in der Öffentlichkeit repräsentierend auftrat. Dass sein Bruder mit seiner Frau eine Musterehe führte, gab dem Ganzen natürlich noch einen positiven Nebeneffekt und man konnte fast schon annehmen, dass Harry genauso wie William einmal solch ein Musterknabe sein würde, wenn er erst einmal die passende Frau an seine Seite gebracht hatte. Und es wäre doch gelacht, wenn dies nicht durch solche Auftritte, in denen er als kinderlieb und nach dem Wunsch eigene Kinder haben zu wollen, dargestellt werden würde. Es musste doch irgendwo im Land eine Frau geben, die Harry angetan war und ihn als netten Menschen und nicht als reichen Prinzen ansah?!
Leichter gedacht als in der Realität verwirklicht: Mit hängenden Schultern und einem leicht gequälten Lächeln schnitt Harry, gemeinsam mit Jane und William, das rote Band zur Eröffnung des neuen Kinderkrankenhauses durch und während Jane und William sich der Presse stellten, zog sich Harry unbeobachtet in die Kinderspiellandschaft zurück und sah gedankenverloren den kleinen Patienten beim Spielen zu. Doch schon nach kurzer Zeit war sein Geist wieder hellwach, denn plötzlich wurde eine Frau mittleren Alters mit goldblonden Haaren von zwei Pagen auf einer Sänfte hereingetragen. In ihren Händen hielt sie ein dickes Märchenbuch und einen Zauberstab mit einem glitzernden Stern an der Spitze. Jane hatte Misses Canningham ebenfalls entdeckt und sich prompt an ihrem Wasser verschluckt. Besorgt suchte sie nach Harry. Er saß noch immer auf dem Stuhl in der Ecke am Fenster und lauschte der Geschichtenerzählerin andächtig, wie ihre kleinen anderen Zuhörer.
Nachdem Isabels Mutter das Märchen vom Dornröschen beendet hatte, wurde sie wieder von den zwei Pagen hinausgetragen. Harry machte sich kurz darauf auch daran zu gehen. Er war der Ansicht, dass er nun lange genug repräsentiert hatte und sich nun ohne viel Aufsehen zurückziehen konnte. Er ging gemeinsam mit seinem Bodyguard zum Aufzug. Die Türen wollten sich gerade schließen, als jemand seine Hand zwischen die Lichtschranke hielt und die Tür sich wieder öffnete. Harry verdrehte die Augen und der Sicherheitsmann wollte bereits den Störenfried darum bitten, den nächsten Aufzug zu nehmen, als Harry ihn abrupt daran hinderte. Es war Misses Canningham. „Danke, Euer Hoheit, dass ich mit Ihnen im Fahrstuhl mitfahren darf.“
„Keine Ursache“, kam es knapp von Harry.
„Dafür, dass zwischen Ihnen und meiner Tochter alles bereinigt ist, schauen Sie aber ziemlich traurig drein. Geht es Ihnen heute nicht gut?“, begann Misses Canningham freundlich ein Gespräch mit dem Prinzen. Harry lachte hart auf. Prompt wurde aus Misses Canninghams Lächeln ein ernster Gesichtsausdruck. „Meine Tochter hat Ihnen doch aber einen Brief geschrieben, oder etwa nicht?“, fragte Misses Canningham leicht verunsichert.
„Ja, sie hat mir eine schriftliche Antwort zukommen lassen, doch sie fiel nicht gerade rosig aus“, gestand Harry offen.
Isabels Mutter war entsetzt. „Aber …“
„Ja?!“, kam es interessiert von Harry.
„Meine Tochter hat mir erzählt, dass sich zwischen Ihnen alles positiv geklärt hat und Sie nun eine freundschaftliche Beziehung führen.“ Ungläubig hob Harry beide Augenbrauen. „Oder so ähnlich; sie sagte etwas von lockerer Kumpel-Freundschaft … – Nicht?!“, fragte Misses Canningham sichtlich verwirrt.
„Anscheinend hat Ihre Tochter Ihnen etwas anderes erzählt als es der Wahrheit entspricht.“
Misses Canningham schluckte. „Es ist offensichtlich, dass meine Tochter mich angelogen hat! Dafür gibt es auch keine Entschuldigung.“ Lindsay Canningham war nicht nur enttäuscht, sondern auch wütend und zwar nicht auf den Prinzen, sondern auf ihre Tochter! „Und das wird auch noch ein Nachspiel für das Fräulein haben!“
„Bitte, Misses Canningham, tun Sie jetzt nichts Unüberlegtes. Ich denke, Ihre Tochter wollte einfach nur ihre Ruhe vor allen haben und hat deshalb zu dieser kleinen Notlüge gegriffen. Aber seien Sie ihr nicht böse. Ich bin es auch nicht. Es hat halt nicht sein sollen …“
Misses Canningham schnaubte entrüstet. „Meine Tochter kann sich vielleicht viel erlauben, aber nicht alles! Und auch wenn Sie ihr vielleicht nicht böse sind, ich bin es schon! Schließlich haben Sie es ihr ermöglicht, ihren Beruf fortzuführen!“
„Und so sollte es auch bleiben, okay?!“, bat Harry, dem das Thema etwas zu heikel wurde. „Bitte, tun Sie es mir zuliebe; sprechen Sie Isabel nicht auf ihren kleinen Betrug an.“
„Ich kann nichts versprechen! Aber ich denke, ich werde jetzt erst einmal eine kleine Fahrt durch den Park machen und dann habe ich mich hoffentlich wieder beruhigt“, widerstrebte es Isabels Mutter.
„Danke. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag. Ach übrigens, Sie können wunderbar Geschichten erzählen. Man hört Ihnen selbst als Erwachsener gerne zu.“ Prompt wurde Misses Canningham bei diesem Kompliment knallrot. Harry lächelte nur und zog von dannen.
Als Harry am Nachmittag wieder bei sich zu Hause angekommen war, rief er sofort Jane an. Natürlich ging nicht Jane, sondern William ans Telefon: „Na, was willst Du schon wieder von meiner Frau?“
„Sei gegrüßt, Brüderchen. Es geht Dich jedoch überhaupt nichts an, was ich mit Jane zu besprechen habe. Aber sei unbesorgt, es geht diesmal nicht um Dich!“
„Oh, wie komme ich denn zu der Ehre?“, erwiderte William.
„Tja, ich würde sagen, dies hast Du ganz allein Isabel bzw. ihrer Mutter zu verdanken.“
„Die Märchenfee?“
„Du weißt davon?“, fragte Harry.
„Na, hör mal! Es soll auch vorkommen, dass Jane und ich uns ebenfalls unterhalten“, brummte William ins Telefon. „Und was hat nun die Märchenfee oder Isabel getan?“
„Sei nicht so neugierig und gib mir endlich Jane!“, bestimmte Harry.
„Hey, das ist gemein! Ich habe mich doch bei Dir entschuldigt; ich will auch wissen, wenn es etwas Neues gibt!“, beschwerte sich William.
Harry musste unweigerlich lachen. „Du bist aber ein Mann und keine Frau!“
„Brüderchen, ich sehe das jetzt als Beleidigung an; mach so weiter und ich lege gleich wieder auf! Anschließend ziehe ich den Stecker und dann kannst Du mal schauen, wie Du Jane erreichst …“
„Hallo, mein Lieblingsschwager, was gibt’s?“, sagte Jane, nachdem sie William den Hörer entrissen hatte. Beleidigt zog William von dannen. Man konnte ihn im Hintergrund noch meckern hören. Jane lachte. „Na los, erzähl schon, was hat Misses Canningham gemacht?“
„Sie hat mir erzählt, dass Isabel behauptet hat, dass wir alles im Guten bereinigt hätten und nun eine lockere Freundschaft führen würden.“
„Bitte was?!“, platzte es völlig entgeistert aus Jane heraus. Prompt war auch William wieder zur Stelle und drückte einfach auf die Freisprechtaste am Telefon.
„Harry, bitte sei so lieb und sage mir, was Du gerade meiner Frau anvertraut hast, sie starrt nämlich völlig perplex auf den Hörer. – Jane, Du kannst übrigens auflegen …“
„Isabel hat sich eine schöne, unwahre Geschichte ausgedacht, um sich allen unangenehmen Fragen zu entziehen“, sagte Harry völlig ruhig.
„Und nun?!“, kam es gleichzeitig von William und Jane.
„Nichts, und nun. Ich wollte eigentlich nur mitteilen, dass Misses Canningham mächtig sauer wurde bei der Erkenntnis, dass ihre Tochter trotz der durch mich gegebenen Möglichkeit der Fortführung ihres Berufs kein Danke übrig hat.“
„Aber Isabel weiß doch gar nicht, dass Du ihr den neuen Kindergartenplatz ermöglicht hast!“, warf Jane sofort ein.
„Oh!“, kam es von William.
Harry seufzte. „Ich weiß, deshalb hoffe ich, dass Isabels Mutter jetzt nichts Falsches macht …?!“
„Was meinst Du?“, fragte William, der nicht ganz folgen konnte.
„Nun ja, wenn es Knall auf Fall kommt, dann würde sich Isabel womöglich eher noch die Zunge abbeißen, als mir ein Danke entgegenzubringen. Das soll heißen, dass sie gutmöglich ihren Job noch an den Nagel hängt, nur um mir nicht dankbar sein zu müssen.“
„Das Mädel ist doch verrückt! Und in die hast Du Dich verliebt???“, kam es plump von William.
„Wills!“, schrie Jane.
„Was denn? Ist doch wahr! Das Mädel hat voll eine an der Klatsche und Harry ist nicht viel besser!“, verteidigte sich William weiter.
„Danke, Brüderchen, aber soweit ich weiß, hast Du das Ganze verbockt!“ Sofort war William still.
Jane nahm den Hörer wieder in die Hand und unterbrach somit die Freisprechfunktion. William war klar, dass er jetzt nichts zu melden hatte und zog sich in sein Arbeitszimmer zurück.
„Oh je, ich sehe es schon kommen: Bei Euch ist erneut dicke Luft und alles nur, weil ich Dich jetzt angerufen habe“, jammerte Harry sofort.
„Wills hat sich das selbst eingebrockt! Aber meinst Du wirklich, dass Isabel so schräg drauf ist und ihre Arbeit aufgibt, nur um Dir nicht noch einmal bewusst über den Weg laufen zu müssen?“, fragte Jane.
„Ich weiß es nicht. Aber aus Isabel wird, glaube ich, im Moment niemand so richtig schlau; selbst ihre Mutter war geschockt.“
„Harry, ich habe eine Idee!“, kam es freudig von Jane.
„Jane?! Was hast Du vor???“, kam es prompt von Harry, der diesen euphorischen Klang in Janes Stimme schon gut genug kannte.
„Ehm, das verrate ich nicht. Erst wenn ich weiß, ob es geklappt hat.“
„Jane, mach Du jetzt bitte nicht auch noch irgendwelchen Blödsinn! Denn dann kannst Du Dir nämlich mit William die Hände reichen!“, warnte Harry seine Schwägerin. Doch statt einer weiteren Antwort hängte Jane einfach den Hörer auf die Gabel. Verdutzt starrte Harry sein Telefon an und seufzte tief und lang anhaltend. Das konnte alles nur noch schlimmer statt besser werden! Es war wirklich an der Zeit, dass er sein Leben wieder selbst in die Hände nahm und keinen mehr aus seiner Familie darin herumfuschen ließ! – Nur blöd, dass man Jane eh nie lange böse sein konnte. Und William auch nicht. Es war einfach zu süß, wie sich die beiden immer um ihn sorgten. Noch während dieses Gedankens musste Harry schon wieder schmunzeln: Er war gespannt, was seine Schwägerin jetzt wieder ausheckte …
Kapitel 8
Jane holte schon sehr früh am Mittwochmorgen Marybeth von Charles und Camilla ab. Gemeinsam lief sie mit ihrer Tochter zur Middleroad. Leicht gehetzt betrat sie den Kindergarten und tat so, als ob sie nicht wüsste, wer hier arbeiten würde. „Verzeihen Sie, ist dies hier eine Kindertagesstätte? Nehmen Sie auch für kurze Zeit ein Kind außer Plan auf?“ Irritiert von der Frage drehte sich Isabel um und blickte völlig überrascht Prinzessin Jane ins Gesicht. „Oh! Hallo. Ich wusste nicht, dass Du … Sie hier arbeiten. Trotzdem wiederhole ich meine Frage: Ist es möglich, dass Sie für eine Stunde auf meine Tochter Marybeth mit aufpassen könnten?“
Unfähig etwas darauf zu antworten oder gar an den Hofknicks zu denken, starrte Isabel Jane weiterhin an.
„Ich weiß, das klingt jetzt etwas blöd, aber ich muss ganz schnell wo hin, wo ich Marybeth nicht mitnehmen kann. Und leider sind gerade alle irgendwie nicht abkömmlich. Melissa, Maries Kindermädchen, ist erkrankt und irgendeiner Kinderfrau möchte ich meine Tochter nicht anvertrauen. Eine Freundin hat mir diese Adresse empfohlen …“
Isabel nickte nur, ohne irgendetwas überhaupt verstanden zu haben.
Genauso schaute auch Marybeth zwischen ihrer Mutter und der jungen Frau mit den rabenschwarzen Haaren und den dunkelgrünen Katzenaugen hin und her. „Wie heißt ’n Du?“, fragte auch prompt Marybeth.
Isabel schüttelte kurz den Kopf, um wieder klar denken zu können. „Ehm, ich bin Isabel, aber alle nennen mich Isa!“
„Du, Tante, darf ich auf das Schaukelpferd dort?“, fragte Marybeth und zeigte mit dem Finger auf ein hellbraunes Schaukelpferd. „Ich hab zu Hause auch eins, aber das ist schwarz, so wie Deine Haare.“
Isabel musste lächeln. „Natürlich darfst Du auf das Schaukelpferd. Das ist übrigens Little Joe. Hat Dein Pferdchen auch einen Namen?“, fragte Isabel und führte Marybeth an der Hand zu dem Schaukelpferd und setzte sie darauf. „Aber nicht herunterfallen, also schön festhalten.“ Begierig mit dem Kopf nickend, hielt sich Marybeth an dem Schaukelpferd fest und schaukelte. „In Ordnung, ich passe so lange auf Marybeth auf, bis Sie, Euer Hoheit, Ihren so dringenden Termin erledigt haben. Es wäre jedoch schön, wenn er nicht den ganzen Tag dauern würde“, erklärte Isabel.
Jane nickte. „Versprochen! Ich brauche maximal zwei Stunden. Ich bezahle Sie natürlich auch entsprechend.“
„Ich möchte Ihr Geld nicht! Danke.“
Überrascht blickte Jane zu Isabel herüber. Erst jetzt bemerkte sie, dass gar keine anderen Kinder da waren. „Ehm, verzeihen Sie die Frage, aber wo sind die anderen Kinder?“
Isabel schmunzelte. „Die kommen erst in einer halben bis dreiviertel Stunde.“
Jane atmete erleichtert auf und verabschiedete sich von ihrer Tochter: „Marie, sei ja lieb. Ich bin gleich zurück. Verstanden?“
„Mami, wo gehst Du hin?“
„Zum Onkel Doktor. Und da Du dabei nie den Schnabel halten kannst, bleibst Du kurz bei Miss Canningham, okay? Es kommen auch gleich noch andere Kinder, mit denen Du spielen kannst.“
„Na gut. Bringst Du mir was mit?“, fragte Marybeth zuckersüß.
Isabel und Jane mussten lachen. „Was soll Dir denn Deine Mama vom Arzt mitbringen, Schatz? Das geht doch gar nicht“, sagte Isabel.
Marybeth zog eine Schnute.
„Na, mal schauen. Vielleicht finde ich ja unterwegs etwas. Also bis gleich, Küsschen?“, beschwichtigte Jane ihre Tochter. Freudestrahlend streckte Marybeth ihrer Mutter beide Arme entgegen. Nachdem sich Jane einen feuchten Schmatz von ihrer Tochter abgeholt hatte, verabschiedete sie sich von Isabel und ging. Jedoch nicht zum Arzt, sondern in ein in der Nähe gelegenes Café. Dort setzte sie sich in eine versteckte Ecke, bestellte sich einen Tee und las in einem Buch. Irgendwie musste sie ja jetzt die zwei Stunden sinnvoll nutzen.
„Du, Tante?“
„Nenn mich einfach nur Isa.“
„Mein Schaukelpferd heißt Glöckchen, weil es an seiner Leine kleine Glöckchen dran hat. So wie die Katze von Mamas Freundin. Die heißt auch so, weil die auch ein Glöckchen an ihrem Halsband hat. Darf ich Dich auch so nennen? Du siehst auch aus wie eine Katze. Deine Augen sind ganz grün und Du hast schwarze Haare!“
Isabel musste sinnlich lächeln. Marybeth war einfach nur zum Knuddeln. Und so willigte sie ein. „Na schön, aber das bleibt unser kleines Geheimnis, okay?!“
„Au ja, Geheimnis!“, schrie Marybeth.
„Psssst!“, machte Isabel.
Sofort legte Marybeth kichernd ihre Hände auf ihren Mund. „Tante Bell?“
„Ja?“
„Ist das Dein Schaukelpferd?“
„Ja, das ist meins.“
„Hat Dir das auch jemand geschenkt, als Du klein warst?“
„Ja, meine Omi hat mir das damals geschenkt.“
„Wie heißt Deine Omi?“
„Cassandra.“
„Das ist ein schöner Name.“ Isabel lächelte erneut.
„Meiner ist doof“, sagte Marybeth und zog dabei einen Flunsch.
„Was, warum denn das? Dein Name ist doch schön.“
„Nein, Mamas Name ist schön! Ich heiße wie meine Uroma“, kam es betrübt von Klein Marie.
Isabel musste sich zusammenreißen, um nicht einen Lachkrampf zu kriegen. „Deine Uromi heißt doch aber gar nicht Marybeth.“
„Nein, aber Eli-Elisabeth! Und die ist immer so ernst. Ich will aber nicht so ernst sein!“, jammerte Marybeth.
„Das musst Du doch auch gar nicht. Aber ich glaube, Deine Uroma ist gar nicht so ernst wie Du sagst“, versuchte Isabel Marybeth zu beschwichtigen.
„Doch! Sie guckt immer so böse“, kam es traurig von Marie.
„Weißt Du, Deine Uromi guckt nicht böse, das sieht nur so aus. Denn als Königin muss man natürlich etwas strenger sein, damit die Untertanen auch hören. Verstehst Du das?“
Mit einem Schmollmund nickte Marybeth. „Spielen wir was?“, fragte Marie auch schon, ohne weiter an das Gespräch zuvor zu denken.
Kind müsste man noch einmal sein, dann ist das Leben noch gänzlich ohne Probleme, kam es Isabel in den Sinn und sie seufzte.
„Tante Bell?“
„Ja?!“
„Spielst Du mit mir? Onkel Harry spielt auch immer mit mir!“, gab Marybeth strahlend von sich.
Isabel schluckte, an den wollte sie jetzt ganz bestimmt nicht denken und doch fragte sie ganz automatisch: „Und was spielt Dein Onkel so mit Dir?“
„Flugzeug fliegen!“ Fragend sah Isabel zu Marybeth. „Ja, er hebt mich immer hoch und fliegt mit mir durch den Raum“, erzählte Marybeth freudestrahlend.
„Oh, ich glaube, das kann ich aber nicht. Wollen wir nicht viel lieber ein schönes Bild für Deine Mami malen? Das kannst Du ihr dann nachher gleich zeigen.“
„Au ja! Meine Mami malt auch immer mit mir. Die kann ganz tolle Bilder malen … Hilfst Du mir dabei?“
„Aber natürlich. Komm, wir setzen uns dort drüben an den Tisch“, sagte Isabel und holte die Zeichenutensilien.
Nach gut drei Stunden kam Jane wieder zurück. Als sie das Zimmer betrat, saß Isabel in einem Sessel. Um sich herum hatten es sich alle Kinder auf dem Boden bequem gemacht und hörten gebannt der Geschichte zu, die Isabel vorlas. Unweigerlich musste Jane schmunzeln. Diese Begabung musste in der Familie liegen.
„… und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“, beendete Isabel gerade das Märchen. Als sie das Buch schloss und nach oben schaute, entdeckte sie Jane. „Marybeth, schau mal, wer da gekommen ist!“
„Mami!“, schrie Marie und rannte zu ihrer Mutter herüber, die sie auch sogleich auf den Arm hob.
„Na, mein kleiner Sonnenschein, warst Du denn auch artig?“
Unsicher schaute Marybeth zu Isabel.
„Ja, Marybeth war ganz herzallerliebst. Wir haben gepuzzelt und gemalt“, erzählte Isabel.
„Mami, Mami, schau mal, das hab ich gemacht!“, rief Marybeth aufgebracht und wollte ganz dringend wieder von Janes Arm herunter.
Überrascht sah Jane ihrer Tochter hinterher. „So aufgeweckt kenne ich meine Tochter ja gar nicht!“
„Ja, es schien ihr gefallen zu haben“, kam es leichthin von Isabel.
„Mami, das ist für Dich!“, sagte Marybeth stolz und drückte ihrer Mutter ihr Bild in die Hand.
„Dankeschön, mein Engel. Oh, ist das ein Pferd?“ Marybeth strahlte über das ganze Gesicht und sah begeistert zu Isabel herüber, statt ihre Mutter an. Fragend blickte Jane ebenfalls zu Miss Canningham.
„Ich habe Marybeth gezeigt, wie man ein Pferd malt, da sie ganz traurig war, dass sie es nicht kann. Doch wie wir sehen, ist das gar nicht so schwer …“, gab Isabel lächelnd zurück und schaute dabei zu Marybeth.
„Mami, darf ich morgen wieder herkommen?“, fragte Marybeth kurzerhand. Jane blieb vor Erstaunen der Mund offen. „Bitte! Ich bin auch ganz artig.“
Jane errötete, erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie viel zu lange schon ihre Tochter wie eine Glucke behütet hatte und sich Marybeth ziemlich einsam fühlen musste, so ganz ohne feste Spielkameraden. Verunsichert schaute sie zu Isabel. „Das müssen Sie entscheiden, Euer Hoheit.“
„Ich werde mit meinem Mann einmal darüber reden.“ Isabels Begeisterung bei der Erwähnung von William hielt sich sichtlich in Grenzen. Jane räusperte sich. „Wäre Ihnen das denn überhaupt recht?“, fragte sie folglich.
„Nun ja, eigentlich habe ich schon genug mit den sechs anderen Kleinen zu tun …“ Prompt machte Marybeth ein todtrauriges Gesicht. „Aber Marybeth ist ein so liebes Mädchen; einen Versuch wäre es sicherlich wert“, sagte Isabel und lächelte Marybeth versöhnlich an. Marybeth lächelte zaghaft zurück.
Jane nickte einvernehmlich. „Okay …“
„Mami, was hast Du da in der Tüte?“, unterbrach Marybeth das Gespräch der beiden Frauen.
„Das sind Spiele für die anderen Kinder hier im Kindergarten. – Ich dachte mir, da Sie mein Geld nicht annehmen wollten, dass ich es eben für etwas anderes Sinnvolles ausgebe. Es ist auch der Grund, warum ich etwas später zurückkam als abgesprochen. Verzeihung! Ich hoffe, Sie nehmen die Geschenke an?!“, wandte sich Jane wieder an Isabel.
Nun war es Isabel, die errötete. „Gerne. Vielen Dank.“
Sofort waren auch die anderen sechs Kinder zur Stelle und steckten neugierig ihre kleinen Köpfe in die große Tüte.
„Marybeth, kommst Du bitte, wir müssen los, der Papi wartet zu Hause auf uns.“
Widerstrebend trottete Marybeth von den anderen Kindern fort und lief herüber zu Isabel: „Tante Bell?“
„Ja? Was ist denn?“, fragte Isabel und beugte sich zu Marybeth herunter.
„Bist Du jetzt meine neue Freundin?“
Isabel lächelte und drückte Marybeth kurz an sich. „Na los, geh schon, Deine Mami wartet …“, sagte Isabel und schubste Marybeth zärtlich in Richtung Ausgang.
„Okay, dann wollen wir Sie nicht länger aufhalten. Ich danke Ihnen, dass Sie ein Auge auf meine Tochter geworfen haben. Vielleicht sieht man sich wieder. Auf Wiedersehen“, sagte Jane und verabschiedete sich von Isabel. Isabel nickte nur. Sie konnte noch nicht glauben, dass sie der jungen Königsfamilie tatsächlich angeboten hatte, mit auf Marybeth aufzupassen. Sie musste von allen guten Geistern verlassen worden sein!
„Du warst heute wo mit Marybeth?!“, fragte William nach dem Mittagessen seine Frau.
„Bei Isabel im Kindergarten“, erklärte Jane ruhig.
„Wie bist Du denn auf diese verrückte Idee gekommen und vor allem, was erhoffst Du Dir davon?“
„Ich habe mir gar nichts davon erhofft. Es war eher so eine spontane Eingebung: Ich wollte einmal schauen, wie Isabel reagiert, wenn ich plötzlich vor ihr stehe.“
„Und?“
„Sie war sehr freundlich und zuvorkommend. Sie hat sogar drei Stunden auf Marybeth aufgepasst“, erzählte Jane stolz. William guckte nun völlig verwirrt zu seiner Frau herüber. Jane grinste. „Ich habe ganz einfach behauptet, dass ich einen Arzttermin hätte und dass gerade kein anderer auf Marybeth aufpassen könne.“
„Und das hat sie Dir abgekauft?“, fragte William ungläubig.
„Sie hat jedenfalls so getan als ob. Leider ist mir dadurch auch schmerzlich bewusst geworden, wie sehr ich meine Tochter von Spielkameraden ferngehalten habe. Ich schäme mich regelrecht! Mein Kind ist nun schon vier und hat meist nur Erwachsene um sich herum“, gab Jane bedrückt von sich.
„Ach Darling, das ist doch auch verständlich, schließlich steht die Gesundheit unserer Tochter an erster Stelle. Und da sie nun einmal ein Frühchen ist, ist sie halt empfindlicher Krankheiten gegenüber. Außerdem war ich doch auch der Meinung, dass Marybeth besser zu Hause als in einem städtischen Kindergarten aufgehoben ist. Und bislang schien es ihr an nichts dergleichen zu fehlen“, erklärte William.
„Trotzdem, Du hättest einmal sehen sollen, wie sie Isabel angesehen hat! Marybeth hat Isabel sogar gefragt, ob sie jetzt ihre neue Freundin ist …“
„Und was hat Isabel darauf geantwortet?“
„Sie ist die Antwort geschickt umgangen.“ Fragend sah William zu Jane herüber. „Sie hat nichts darauf erwidert, stattdessen hat sie Marybeth darauf aufmerksam gemacht, dass ich schon warte und gehen möchte.“
William brummte. „Würde sich denn Isabel überhaupt bereiterklären, öfters auf Marybeth aufzupassen? Ich denke, sie hat schon genug mit den Kindern zu tun, die sie zu betreuen hat?!“
„Das hat sie auch erwähnt, aber sie schien nicht wirklich etwas dagegen zu haben“, sagte Jane.
„Okay, lass uns das heute Abend noch einmal eingehender besprechen, ob es sinnvoll ist, Marybeth gerade zu Isabel in den Kindergarten zu stecken … – Aber so langsam werden auch unsere Terminkalender immer voller. Elisabeth hat nämlich so gut wie alle Botschaftertreffen auf uns gelegt, so dass wir immer weniger Zeit für Marybeth haben werden“, erklärte William nun mit gemischten Gefühlen.
„Und was ist mit Deinem Vater?“
„Der hat selbst genug eigene Termine. Alles, was sonst noch mein Großvater gemacht hat, macht nun Charles. Tja, und alles, was bei Elisabeth im Kalender stand, ist auf uns und auf Harry aufgeteilt worden; wobei wir jedoch den größeren Batzen abbekommen haben, da Harry ja derzeit voll in der Militärausbildung steckt …“
Jane verzog den Mund zu einer genervten Schnute. William grinste. „Ja, Harry ist genauso begeistert wie Du. Aber wir haben nun einmal das Königshaus würdig zu vertreten, Misses Mountbatten-Windsor!“, neckte William seine Frau.
„Ja, ja, ja. Das gute alte Protokoll! Aber wir packen das schon, nicht wahr, mein Mann?!“
„Aber natürlich. – So, und nun werde ich einmal nach meiner Tochter schauen. So, wie ich sie kenne, schläft sie doch bestimmt wieder nicht!“
Jane blieb auf der Couch sitzen und sann ihren eigenen Gedanken hinterher. Die Begegnung heute mit Isabel verlief äußerst positiv; vielleicht hatte Harry doch noch eine Chance?! Jane wusste nur noch nicht, wie sie das Ganze weiterstricken konnte. Doch sie war guter Hoffnung, denn in gut zwei Wochen war März und es sollte wie jedes Jahr nach Klosters in den Winterurlaub gehen; bis dahin würde ihr bestimmt noch etwas einfallen …
„Jane!“, kam es kurz darauf von William. Verschreckt sah Jane zu ihrem Mann auf. „Komm mal schnell her! Unsere Tochter schläft wie ein Engel. Ich glaube, der Vormittag hat sie mächtig geschafft. Aber sie lächelt. Meine kleine Frau, das hast Du gut gemacht!“, sagte William und zog Jane in seine Arme.
Jane seufzte. Sie hatte das Gefühl, dass es ein Fehler war, Marybeth aus ihren Händen zu lassen. Sie hatte Angst, ihre Tochter so an jemand anderen zu verlieren. Schon als Säugling war Marybeth immer nur auf William fixiert gewesen und nun kümmerten sich meist Kindermädchen um ihre Tochter. Jane kam sich vor wie eine Rabenmutter, die sich nicht selbst genügend um ihr Kind kümmerte. William sah besorgt zu Jane herunter. Er konnte ihr an der Nasenspitze ansehen, dass sie sich wieder einmal mit Selbstvorwürfen überhäufte. Und doch war er nicht in der Lage diese abzuschalten. Denn er war selbst daran schuld: Er hatte Jane während ihrer Schwangerschaft viel zu oft allein gelassen. Ein Umstand, an den sich beide wohl ihr Leben lang erinnern würden und welcher eine erneute Schwangerschaft von Jane zu verhindern schien. Stillschweigend hielt William weiterhin seine Frau fest an sich gedrückt. Er hoffte, so ihrer beider Schmerz lindern zu können.
Kapitel 9
Es war Freitag, der 18. Februar 2011, und Jane rief leicht hektisch zu Mittag ihren Schwager an: „Harry? Wo steckst Du gerade?“
„Ich bin noch in Sandhurst. Ich wollte mich aber gerade auf den Weg zum Buckingham Palast machen. Was ist los? Ist etwas passiert?“, fragte Harry leicht verwirrt von dem Anruf seiner Schwägerin.
„Nein, es ist alles bestens; obwohl, könntest Du eventuell Marybeth aus der Kita holen?“
Harry verstand erst einmal überhaupt kein Wort: „Seit wann geht denn Marybeth in den Kindergarten und warum kann das nicht ihr Bodyguard Mister Buckle oder ihr Kindermädchen Melissa machen?“
„Melissa ist krank. Außerdem ist das nur probeweise; wir wollen Marybeth langsam an eine Kita gewöhnen. Normalerweise holt ja Mister Buckle Marie immer ab, aber der steckt wegen eines Unfalls im Stau fest. Und ich bin noch in Windsor beschäftigt und schaffe es nicht rechtzeitig zurück.“
„Und wo steckt Wills?“
„William ist bereits in Schottland. – Bitte, Harry, kannst Du mir den Gefallen tun? Marybeth würde sich bestimmt auch tierisch darüber freuen, Dich, ihren liebsten Onkel, einmal wiederzusehen …“, flötete Jane bettelnd durchs Telefon.
Harry seufzte. „Na schön, ich hole Marybeth ab.“
„Oh Harry, Du bist ein Schatz! Du hast was gut bei mir.“
„Und wo muss ich hin, in welchen Kindergarten geht denn Marybeth überhaupt?“, fragte Harry.
„Dein Bodyguard hat die Adresse, er fährt Dich hin. Er ist auch schon auf dem Weg zu Dir und holt Dich gleich ab“, erklärte Jane weiter. Harry stutzte und zog die Stirn kraus. Jane war von vornherein davon ausgegangen, dass er seine Nichte von der Kita abholte! Harry knurrte wütend durchs Telefon, aber Jane hatte bereits aufgelegt. Und schon fing Harry an zu lachen: Gerissenes Biest!
Und kaum dass er sich bei seinem Vorgesetzten, dem diensthabenden Oberst, abgemeldet hatte und dessen Büro verließ, stand auch schon sein Bodyguard vor der Tür. „Hallo Harry, wir sollen Marybeth abholen. Sie ist heute im Kindergarten. William und Jane sind zeitlich verhindert“, erklärte auch sogleich sein Sicherheitsbeamter.
„Ja, ich weiß bereits Bescheid. Jane hat mich vorhin angerufen. Also, dann lass uns schnell losfahren“, erwiderte Harry.
Während der zwanzigminütigen Fahrt achtete Harry wenig darauf, wo sie hinfuhren. Erst als er aus dem Auto stieg, bemerkte er, in welchem Kindergarten Marybeth betreut wurde. Entsetzt starrte er seinen Bodyguard an. „Bist Du sicher, dass wir hier richtig sind???“
„Diese Adresse hat mir jedenfalls Jane gegeben. Also gehe ich davon aus, dass sich Marybeth somit auch in den Räumlichkeiten dort drüben befindet.“
„Könntest Du dann bitte Marybeth abholen? Ich bleibe solange im Wagen“, erklärte Harry.
„Das geht leider nicht, denn die Betreuerin kennt mich nicht und würde mir sicherlich Marybeth nicht aushändigen; selbst wenn ich ihr meinen royalen Ausweis unter die Nase halte … Verzeihung!“
Harry seufzte gequält. War das Janes genialer Einfall gewesen, von dem sie vor kurzem gesprochen hatte? Harry seufzte erneut lang und anhaltend.
Er brauchte ganze zehn Minuten, bis er sich auf ein Wiedersehen mit Isabel gewappnet hatte. Langsam lief er den Weg von der Straße entlang der Hausmauer herüber zu der mittig im Garten befindlichen Eingangstür des Kindergartens. Er atmete noch einmal tief durch, ehe er die vier Stufen hinaufging und die Tür vorsichtig öffnete. In einer Ecke saßen sieben Kinder um einen beigefarbenen Sessel herum. Jedes hielt in seinem Arm ein Kuscheltier und in dem Sessel saß Isabel und war gerade mitten in eine Märchenerzählung vertieft, so dass sie Harrys Eintreten noch gar nicht bemerkt hatte. Erst als sich Harry räusperte, schaute nicht nur Isabel auf. Während Marybeth freudig überrascht sogleich zu ihrem Onkel hinüberrannte, war aus Isabels Gesicht jegliche Farbe gewichen und völlig entsetzt blickte sie zu Harry herüber. Harry war in die Hocke gegangen und nahm seine Nichte breit lächelnd in die Arme. „Na, meine kleine Prinzessin. Hattest Du einen schönen Tag?“, fragte er Marybeth auch sogleich, während er sie auf den Arm hob.
„Au ja! Wir haben heute gemalt und eine Kuscheltierschlacht gemacht“, gab Marybeth begeistert von sich. „Wo ist mein Papa?“
„Dein Papa ist vorausgefahren und weilt schon in Schottland und Deine Mama steckt im Stau fest. Deshalb hole ich Dich heute ab und wir fahren jetzt gleich gemeinsam zur Uroma. Mama kommt dann später nach“, erklärte Harry seiner Nichte.
„Spielst Du da solange mit mir?“, fragte Marybeth hoffnungsvoll.
„Aber natürlich! Doch vorher solltest Du noch auf Wiedersehen sagen“, bestimmte Harry und sah nunmehr wieder zu Isabel. Ihr Anblick raubte ihm den Atem. Sie war noch hübscher als in seinen Erinnerungen und es schmerzte ihn, ihr so nah und doch so entfernt zu sein.
„Gibt es irgendwelche Vorkommnisse, über die ich Jane bezüglich Marybeth informieren sollte?“, fragte Harry. Isabel schüttelte nur den Kopf. „Dann wünsche ich ein schönes Wochenende“, sagte Harry und verließ daraufhin gemeinsam mit Marybeth die Kindertagesstätte.
Sie hatten noch nicht ganz das Gartentor erreicht, als Isabel ihnen hinterherrief. Harry stockte der Atem. Schnell übergab er seinem Bodyguard seine Nichte und lief zurück zu Isabel. „Du hast nach mir gerufen?“, wagte sich Harry zaghaft heran.
„Ja, hier ist noch Marybeth’ Jacke“, erklärte Isabel, ohne Harrys Blick zu erwidern. Harry nahm Maries Jacke entgegen und berührte dabei Isabels Hand. Tausend kleine Nadelstiche durchzuckten seinen Körper. Doch als er zu Isabel aufsah, war ihr Blick noch immer gesenkt und ihre Wangen gerötet. Harry seufzte. Dann wandte er sich ab und ging, ohne sich noch einmal zu Isabel umzudrehen. Isabels Ablehnung war mehr als offensichtlich gewesen.
Und egal wie Jane es drehte, es wollte ihr keine gute Idee einfallen, wie sie es anstellen sollte, dass Melissa länger als die protokollarisch festgeschriebenen vier Jahre als Marybeth’ Kindermädchen tätig sein konnte … Jane konnte hoch und runter springen, die Queen ließ nicht mit sich reden und ausgerechnet zum März lief der Arbeitsvertrag aus! Ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, in dem der alljährliche Urlaub in Klosters stattfinden sollte. Sie war so wütend über die Starrköpfigkeit von Elisabeth, dass Jane kurzerhand die Urlaubsplanung total über den Haufen warf und spontan beschloss, den Winterurlaub statt in Klosters in Wales zu verbringen.
„Du willst wo hin?“, fragte William am nächsten Abend ungläubig.
„Nach Wales. Ich habe keine Lust, schon wieder nach Klosters zu fahren. Jedes Jahr das Gleiche, das ist doch langweilig; außerdem gehen mir die Paparazzi auf den Geist! Es wäre doch auch einmal etwas völlig Neues für Marybeth; zumal gänzlich ohne Presse. – Die gucken bestimmt ganz schön dumm aus der Wäsche, wenn sie in Klosters im Großaufgebot auftauchen, nur wir sind überhaupt nicht da …“, kam es Jane prompt in den Sinn und sie grinste breit bei der Vorstellung.
William sah derweil eher trübsinnig drein. Nicht nur, dass er nicht wusste, wie er das der Queen schonend beibringen sollte, er ging erst gar nicht davon aus, dass Elisabeth dazu ihr Okay geben würde. Wie sollte er das wiederum seiner Frau beibringen, ohne dass Jane gleich wieder ausflippte?! Ihre Beziehung stand derzeit sowieso schon auf sehr wackeligen Beinen; ständig stritten sie über irgendwelche Nichtigkeiten. Nicht zuletzt, weil auf ihnen der Druck lag, dass sie nun doch so langsam, aber sicher einmal noch ein zweites Kind zeugen sollten, um die königliche gerade Linie abzusichern. William kam sich schon vor wie ein Zuchtbulle; zudem kursierten seit neuestem auch noch irgendwelche dubiosen Gerüchte durch die Presse, dass Jane angeblich keine Kinder mehr kriegen könne usw., usw.
Zu Williams Überraschung stimmte Elisabeth – sehr gerne sogar – ihrem Urlaub in Wales zu. Auch sie war zu der Ansicht gekommen, dass es Jane ganz gut tun würde, wieder einmal ungestörte Zweisamkeit mit William verbringen zu können. Doch bei dem Blick, dem Elisabeth ihm daraufhin zuwarf, verdrehte William sogleich innerlich wieder die Augen. Nichtsdestotrotz informierte er am Abend seine Frau mit einem freudigen Lächeln auf den Lippen über das Einverständnis der Königin zu ihrer Reise nach Wales. Das einzige Problem, das allerdings diesbezüglich weiter bestehen blieb, war, dass Jane zum Urlaub kein geeignetes Kindermädchen für Marybeth hatte – schließlich kam ihr nicht jede Frau ins Haus – und innerhalb von zwei Wochen einen gleichwertigen Ersatz für Melissa zu finden war fast ein Ding der Unmöglichkeit!
„Harry, ich weiß zwar, dass Du keine wirkliche Lust hast mit nach Wales zu kommen. Aber könntest Du eine Ausnahme machen und wenigstens drei Tage bei uns verweilen?“, fragte Jane bei einem spontanen Vormittagsbesuch bei ihrem Schwager. Harry sah fragend zu Jane herüber. „Melissa ist doch jetzt weg und ich finde einfach keine gute Kinderfrau, oder besser gesagt, die Zeit dafür ist einfach zu kurz und ich möchte wenigstens zwei Tage mit William allein verbringen; wenn Du verstehst, was ich meine?!“
Harry seufzte. „Oh Jane, da kommst Du etwas zu spät, ich bin schon anderweitig verplant!“
Jane sah betrübt auf ihre Hände. „Ist ja auch Dein gutes Recht, Du bist schließlich nicht mein Kindermädchen und hast Dein eigenes Leben.“
„Jane, Du weißt, ich hätte Dir wirklich gerne geholfen. Nur zwei Tage vorher und es wäre klar gegangen! Aber jetzt habe ich schon Mitch und Kevin Bescheid gegeben, dass ich mit ihnen nach Klosters fahre. Verzeih mir! Du weißt, dass ich Marybeth abgöttisch liebe und Dir liebend gerne einen Gefallen tue.“
„Harry, bitte mache Dir keine Vorwürfe! Es war ja auch nur so ein Gedanke gewesen. Ich finde schon noch jemanden. Mal schauen, vielleicht kann ich ja zur Not Daniel oder Thomas dazu bringen, wenigstens für ein paar Stunden auf Marybeth aufzupassen und Kindermädchen statt Bodyguard zu spielen.“
„Es tut mir leid.“
„Oh Gott, Harry! Wie höre ich mich bloß an?“, stöhnte Jane plötzlich.
Irritiert blickte Harry von seiner Kaffeetasse auf. „Was meinst Du?“
„Was bin ich nur für eine Rabenmutter? Andere haben auch nicht das Privileg, ein Kindermädchen zu engagieren und verbringen auch wunderbare Ferien!“
„Jane, andere sind auch nicht ständig auf Reisen oder stehen in der Öffentlichkeit. Du bist sogar auf Kindermädchen angewiesen!“, versuchte Harry seine Schwägerin wieder zu beschwichtigen.
„Nein, das meine ich doch gar nicht! Ich versuche hier gerade meine Tochter zu verschachern! Aber bin ich nicht gerade diejenige gewesen, die sich immer dagegen verschworen hatte, Marybeth überhaupt jemand anderem anzuvertrauen?!“ Unweigerlich fing Jane an zu weinen.
„Hey Jane! Was ist denn los? Du bist schon seit geraumer Zeit so komisch. Was bedrückt Dich wirklich? Es ist nicht nur die Sache mit dem Kindermädchen. Es hat doch einen ganz bestimmten Grund, warum Du dieses Jahr nicht nach Klosters willst, stattdessen ausgerechnet nach Wales, wo sich selten die Presse hin verirrt.“ Jane schluckte. „Na los, sag schon, worüber streitet ihr zwei Euch schon wieder?“, hakte Harry unbeirrt weiter nach.
„Es ist nichts, wir streiten uns doch überhaupt nicht!“, versuchte sich Jane herauszureden.
„Ach nein? Na, dann verstehe ich gar nicht, warum erst vorgestern William bei mir war und mich um Rat bat.“ Entsetzt sah Jane ihren Schwager an. „Jane, William ist mein Bruder!“
„Ich weiß. Und worüber habt ihr gesprochen?“, fragte Jane unsicher.
„Über alles Mögliche, zum einen, dass Granny Euch nun ihren kompletten Terminkalender aufgedrückt hat und dass Du eben im Moment sehr unausgeglichen bist und beim kleinsten Missverständnis aus der Haut fährst. Zum anderen haben wir uns aber auch darüber unterhalten, dass sich William über weiteren Nachwuchs freuen würde“, erklärte Harry sachlich.
„William wünscht sich noch ein zweites Kind?“
„Sag jetzt nicht, dass Du das nicht weißt?!“, kam es geschockt von Harry. Jane schluckte. „Jane?“ Statt einer Antwort erfolgte nur ein schüchternes Nicken. „Und wie steht es mit Dir?“, fragte Harry besorgt.
„Ich habe Angst“, gestand Jane ehrlich.
„Hast Du das schon einmal William gesagt?“ Jane schüttelte den Kopf, und erneut stiegen Tränen in ihr auf. „Oh Jane, was soll ich nur mit Dir machen? Kein Wunder, dass William nicht weiß, wie er im Moment an Dich herankommen soll. Statt mit ihm darüber zu reden, verschweigst Du ihm Deine Sorgen und mischst Dich lieber in anderer Probleme ein.“
„Entschuldige, ich wollte Dir aber wirklich nur helfen! Dass das mit Isabel nicht geklappt hat, tut mir leid.“
„Ist doch auch nicht Deine Schuld. Und ich fand es ja auch süß, wie ihr alle versucht habt, mich mit ihr zu verkuppeln. Dabei hast Du aber selbst genug Probleme und machst mal wieder den gleichen Fehler wie schon einmal …“
„Was meinst Du?“, unterbrach Jane Harry.
„Du rennst vor Deinen eigenen Sorgen davon. Du weißt, was das letzte Mal passiert ist! – Hast Du deswegen Angst, erneut schwanger zu werden?“
„Schon möglich“, seufzte Jane.
„Dann rede endlich mit William!“
„Habe ich ja auch vor! Deswegen will ich ja nach Wales. Nur dort haben wir Ruhe.“
„Doch dafür brauchst Du ein Kindermädchen …“, fasste Harry zusammen und seufzte. „Meinst Du nicht, dass Du Melissa für die zwei Wochen privat von Dir aus noch einmal engagieren kannst? Ich meine, das sollte doch möglich sein?!“, schwenkte Harry das Gespräch zu dem eigentlichen Thema wieder zurück.
„Den Gedanken hatte ich auch schon. Aber leider ist Melissa ebenfalls zu der Zeit im Urlaub. Es ist ihr letzter bezahlter Urlaub, ehe sie sich nach einer neuen Anstellung umschauen muss.“
„Na prima, irgendwie läuft gerade wohl alles etwas schief. Und wenn Du mal in der Familie nachfragst? Charles und Camilla nehmen Marybeth doch bestimmt gerne. Oder Lisa oder Sarah?“
„Natürlich, aber eigentlich wollte ich doch Marybeth mitnehmen und für zwei olle Tage kommt keiner nach Wales gereist, da könnten wir dann auch gleich hier bleiben oder nach Klosters fahren“, erklärte Jane.
„Wo ihr dann wieder einen ganzen Schwarm von Journalisten an Euren Hacken hättet!“
„Korrekt.“
„Ach Jane, warum bist Du nicht bloß schon zwei Tage vorher mit Deiner Frage zu mir gekommen?! Mitch hat die Reise nun gebucht und das wäre echt blöd, wenn ich jetzt wieder absage.“
„Nein, auf keinen Fall! Du fährst nach Klosters! Irgendwie geht das schon. Marybeth schläft ja auch irgendwann einmal …“ Harry grinste. Jane tat es ihm gleich.
„Na gut, ich werde dann jetzt mal wieder nach Hause gehen.“
„Ist gut. Aber versprich mir vorher noch eines: Passt auf Euch auf! Drück Marybeth Thomas in den Arm und gehe mit William einen ganz langen Spaziergang machen und sprecht Euch endlich einmal richtig aus! Wenn alle Sorgen und Probleme vom Tisch sind, dann klappt das bestimmt auch mit dem Familienzuwachs. Versprochen?“
„Okay, versprochen.“
Auf dem Heimweg dachte Jane noch einmal über Harrys Worte nach: Er hatte Recht, sie lief wieder einmal vor ihren eigenen Sorgen davon und das war nicht gut, denn seit die Sache mit Isabel und Harry aus dem Ruder gelaufen war, hing auch Janes und Williams Haussegen schief und so ganz wollte sich das alles nicht wieder einrenken. Nur gut, dass davon Elisabeth oder die Presse noch keinen Wind bekommen hatten. Sonst würde die Hölle losbrechen. Und um nun endlich alles wieder irgendwie ins Lot zu bringen, wollte Jane nach Wales. – Schön wäre es natürlich, wenn sie bis dahin noch ein Kindermädchen, das ihr recht war, auftreiben könnte …
Was Jane jedoch nicht wusste, war, dass William ebenfalls auf Kindermädchensuche ging. Und sein Weg führte ihn direkt zu Isabel: Unangemeldet stand er in der Tür des Kindergartens. Es war gerade Mittagsruhe. Isabel machte derweil ein wenig sauber und räumte die am Boden liegenden Spielsachen wieder an ihren angestammten Platz. Als sie Prinz William vor sich stehen sah, ließ sie vor Schreck gleich wieder alles fallen. Entsetzt starrte sie ihn an.
„Verzeihung, ich wollte Sie nicht erschrecken. Ich hoffe, ich komme nicht ungelegen?“, fragte William im Flüsterton.
„Was wollen Sie, Euer Hoheit?“, kam es recht kühl von Isabel.
William schluckte. Hatte nicht Jane gesagt, dass Isabel freundlich und zuvorkommend ihr gegenüber war? William atmete noch einmal tief durch, ehe er begann, weiterhin im Flüsterton zu sprechen und Isabel dabei half, die heruntergefallenen Kuscheltiere wieder aufzusammeln: „Meine Frau hat mir erzählt, dass Sie ab und an auf meine Tochter für ein paar Stunden aufpassen.“
„Das ist richtig“, erwiderte Isabel.
„Und so wie es scheint, verstehen Sie sich mit meiner Tochter ganz ausgezeichnet.“
„Ja, Marybeth ist ein kleiner Sonnenschein …“
„Ja? Aber nur wenn sie will!“, kam es sarkastisch von William. Irritiert sah Isabel den Prinzen an. „Verzeihung, ich habe nur laut gedacht.“
Isabel wischte das Statement mit einer Handbewegung aus dem Raum und fragte noch einmal eindringlich: „Was wollen Sie?“
„Ehm, warum ich hier bin: In gut einer Woche stehen zwei Feiertage an, an denen haben Sie doch sicherlich geschlossen, oder? Ich wollte Sie fragen, ob Sie eventuell an denen, also zum übernächsten Wochenende hin, Zeit und Lust hätten, mit mir und meiner Frau nach Wales zu kommen, um dort für drei Tage auf unsere Tochter aufzupassen?“
Isabel verstand nur Bahnhof und so schaute sie auch den Prinzen an.
„Prinzessin Jane und ich haben uns entschlossen, an dem besagten Wochenende für zwei Wochen nach Wales zu fahren, um dort einen kleinen Familienurlaub zu machen. Leider haben wir derzeit keine Kinderfrau für Marybeth und da ich gerne mit meiner Frau auch ein paar Stunden allein sein möchte, bräuchten wir für diese Zeit jemand Qualifizierten, der sich um unsere Tochter kümmert. Meine Tochter hat schon viel von Ihnen geschwärmt, so dass mein erster Gedanke Ihnen galt. Ich wäre Ihnen verbunden, wenn Sie zusagen könnten. Sie haben auch keine Unkosten: Kost und Logis sind natürlich frei, sowie der Flug und die Fahrt nach Wales und der dortige Aufenthalt. Das heißt, egal was Sie allein oder gemeinsam mit meiner Tochter unternehmen würden, wird von uns getragen“, erklärte William sachlich und ausführlich. „Darüber hinaus würden wir Sie für die drei Tage auch entsprechend bezahlen.“
„Ihnen müsste doch eigentlich klar sein, wie meine Antwort ausfallen wird. Daher frage ich Sie, Euer Hoheit, warum Sie sich diesen Weg nicht gleich gespart haben? Meine Antwort lautet: Nein!“
„Sie sind noch immer sauer auf Harry und schlecht auf mich zu sprechen. Verständlich! Trotzdem möchte ich Sie bitten, noch einmal darüber nachzudenken. Es geht hier weniger um mich oder um meinen Bruder – der wird übrigens nicht mit dabei sein, falls dies Ihre Befürchtung war. – Es geht hier einzig und allein um meine Frau und meine Tochter, die sie ins Herz geschlossen hat“, sagte William ruhig und gefasst.
„Aber ich gehe mit ihr nicht anders um als mit den anderen Kindern! Ich schenke ihr eher viel zu wenig Aufmerksamkeit als sie es sonst wohl gewohnt ist! Wie kann da Ihre Tochter so von mir eingenommen sein?“, kam es verwirrt von Isabel.
William lächelte sanft. „Das kann ich Ihnen erklären: Meine Tochter ist recht früh vor dem eigentlichen Geburtstermin zur Welt gekommen und ist daher sehr empfänglich für Krankheiten oder sensible Situationen. Das soll heißen, dass sich bislang in ihrem Umfeld nur wenige Kinder aufhielten. Und da sie meist nur von hypervorsichtigen Erwachsenen umgeben ist, gefällt es ihr hier bei den anderen Kindern und vor allem bei Ihnen sehr gut; eben weil Sie sie nicht wie ein rohes Ei behandeln! Sie haben ihr gezeigt, wie man Pferde malt! Es sind ihre Lieblingstiere. Sie sieht somit stolz zu Ihnen auf und spricht viel von Ihnen.“ Isabel war unwohl und sie musste sich setzen. William tat es ihr gleich und setzte sich ihr gegenüber. „Miss Canningham, es wären nur drei Tage, um mehr bitte ich Sie gar nicht. Sie würden meiner Tochter damit eine riesige Freude machen und mir und meiner Frau die Möglichkeit geben, sorgenfreie Ferien zu verbringen. Fern von all den Alltagssorgen und Presseterminen …“
Isabel starrte auf ihre zusammengefalteten Hände in ihrem Schoß.
„Ich möchte Ihnen eine kleine Geschichte erzählen, wenn Sie gestatten? Meine Frau ist seit der Geburt unserer Tochter nicht mehr die, die sie einmal war. Ihre Psyche hat einen gewaltigen Knacks abbekommen. Seitdem haben meine Frau und ich uns auf eine besondere Art voneinander entfernt. Nicht, dass unsere Ehe gefährdet wäre. Jedoch hätte ich gerne die Frau wieder, die ich damals geheiratet habe. Wir wollten diesen Urlaub dazu nutzen, uns wiederzufinden und brauchen wie gesagt nur drei Tage, in denen wir unsere Tochter geborgen wissen und uns ganz auf uns konzentrieren können …“ Isabel zog verwirrt die Stirn kraus. William schmunzelte. „Ich weiß, das muss sich für Sie ziemlich konfus und völlig unverständlich anhören. Doch ich möchte nicht genauer ins Detail gehen, weil Ihnen dies ganz bestimmt nicht recht wäre. Bitte überlegen Sie es sich einfach noch einmal. Danke.“ Danach erhob sich William und ging.
Er wusste nicht, ob er es geschafft hatte, Isabel zu überreden oder nicht. Aber einen Versuch war es wenigstens wert.
Nach neun Tagen hatte er jedoch leider noch immer keine Antwort von Isabel erhalten und langsam wurde die Zeit bis zur Abreise knapp. In vier Tagen sollte es losgehen. Gezwungenermaßen begab sich William erneut zum Kindergarten, doch er war heute aus privaten Gründen geschlossen. William seufzte, aber er gab nicht auf. Vielleicht war Isabel bei sich zu Hause anzutreffen und so fuhr William geradewegs zum Haus der Familie Canningham. Isabels Mutter öffnete ihm mit einem überraschten Gesicht die Tür: „Guten Tag, Euer Hoheit. Was kann ich für Sie tun?“
„Guten Tag, Misses Canningham. Ich wollte eigentlich zu Ihrer Tochter“, gestand William.
„Was hat sie denn jetzt schon wieder angestellt?“, kam es sogleich erbost von Misses Canningham.
William lachte. „Nein, um Gottes Willen, sie hat nichts angestellt! Ich hatte ihr vorletzte Woche lediglich ein Angebot unterbreitet und warte eigentlich nur noch auf eine Antwort ihrerseits.“
„Und um was für ein Angebot handelt es sich; wenn ich fragen darf?“
„Ehm, ich hatte höflich bei Ihrer Tochter angefragt, ob sie für drei Tage als unser Kindermädchen tätig werden könnte. Wir wollen nach Wales mit unserer Tochter und unser Kindermädchen ist leider verhindert“, erklärte William in Kurzform.
„Nun ja, Isabel ist heute auf einem Seminar. Wie lange hat die Antwort denn noch Zeit?“, fragte Misses Canningham.
„Eigentlich drängt es etwas. In vier Tagen soll es losgehen!“
„Ehm, einen kleinen Moment Geduld bitte, ich muss mal in den Kalender meiner Tochter schauen. Vielleicht kann ich darin ersehen, ob sie da kann.“
„Das wäre sehr lieb, vielen Dank.“
Als Misses Canningham zurückkam, lächelte sie. „Euer Hoheit, meine Tochter wird kommen!“
William atmete erleichtert auf. „Das freut mich zu hören.“
„Müssen noch irgendwelche Unterlagen ausgetauscht werden oder brauchen Sie noch irgendwelche Daten von meiner Tochter?“
„Eigentlich müsste nur noch dieser Vertrag unterzeichnet werden …“
„In Ordnung, wenn meine Tochter nachher nach Hause kommt, wird sie ihn gleich unterzeichnen. Ein Taxifahrer bringt Ihnen den Vertrag dann heute Abend noch vorbei.“
„Bitte keine Umstände, wir schicken einen Boten. Wäre Ihnen sieben Uhr recht?“
„Sechs Uhr geht auch schon. Gegen fünf erwarte ich meine Tochter zurück.“
„Okay. Ich lasse dann morgen die Flugtickets und den Scheck vorbeibringen.“
„Was für einen Scheck?“, fragte Misses Canningham überrascht.
„Natürlich erhält Ihre Tochter eine entsprechende Vergütung für Ihre Tätigkeit in unserem Haus!“
„Ach so, natürlich“, berichtigte sich Lindsay Canningham. „Ich wusste nicht, dass Vorkasse bei Ihnen üblich ist.“
William schmunzelte. „Ist es eigentlich auch nicht, da wir allerdings ganze vierzehn Tage weg sein werden, wäre es Ihrer Tochter unfair gegenüber, sie so lange warten zu lassen.“ Fragend blickte Isabels Mutter Prinz William an. „Der Scheck wird von unserer Hausbank ausgestellt und die ist nun einmal in London und nicht in Wales und da dies ein kurzfristiges und privates Geschäft ist, geht es so schneller! Ich vertraue Ihrer Tochter“, ergänzte der Prinz.
Ich aber nicht, kam es Lindsay Canningham in den Sinn. Laut sagte sie jedoch: „Ich wünsche Ihnen, Euer Hoheit, dann noch einen schönen Tag.“
„Danke, ich wünsche dies Ihnen und Ihrer Familie ebenfalls.“
Kaum hatte Lindsay die Tür geschlossen, griff sie auch schon nach dem nächstbesten Stift und unterzeichnete im Namen ihrer Tochter den Vertrag. Punkt sechs Uhr kam wie vereinbart der Bote vorbei und holte die Papiere wieder ab. Lindsay saß mit einem selbstgefälligen Lächeln in ihrem Rollstuhl und wartete schon sehnsüchtig darauf, dass um sieben ihre Tochter wieder nach Hause kam.
Und so war es dann auch. Gegen sieben kam Isabel von ihrem Seminar zurück und setzte sich geschafft mit einer Tasse Tee an den Küchentisch. Vor ihr lagen zwei Blatt Papier, die das Siegel des Königshauses trugen. „Mum, was ist das?“, fragte auch Isabel sogleich.
„Was steht denn drauf? Ich denke, Du kannst das lesen …“
„Gerade deswegen frage ich Dich ja!“
„Nun gut, dann will ich es Dir erklären: Ich habe den Windsors Deine Zusage für drei Tage Betreuung von der kleinen Prinzessin Marybeth zukommen lassen“, sagte Lindsay gänzlich ruhig.
„Du hast was?!“, schrie Isabel entsetzt auf. „Wie kommst Du dazu? Was ist, wenn ich absagen wollte …“
Fragend sah Lindsay zu ihrer Tochter herüber.
„Ja, was ist, wenn ich an diesem Wochenende schon etwas anderes vorhabe? Du kannst doch nicht einfach in meinem Namen zusagen!“, beschwerte sich Isabel.
„Aber Kind, erstens bin ich davon ausgegangen, dass das bereits schon geklärt war, sonst hätte Prinz William wohl kaum den Vertrag persönlich vorbeigebracht und außerdem ist mir nicht bekannt, dass Du an dem Wochenende schon etwas anderes vorgehabt hättest.“
„Mum, es ist mein Leben und es sind meine Entscheidungen!!! Ich muss Dich nicht immer in Kenntnis setzen, wenn ich etwas unternehme! Ich bin alt genug, ich brauche keinen Aufpasser!“, beschwerte sich Isabel.
„Das weiß ich doch, das meinte ich doch auch gar nicht! Aber bislang hast Du mir immer gesagt, wenn Du etwas vorhast; eben damit ich mich darauf einstellen kann gegebenenfalls allein zu sein …“ Isabel schluckte, denn ihre Mutter hatte Recht. Seit sie im Rollstuhl saß, sagte sie ihrer Mutter immer schon mindestens eine Woche vorher Bescheid.
„Mum, ich kann nicht! Ich kann nicht für die Windsors arbeiten!“, kam es daraufhin kleinlaut von Isabel.
„Weil es Deine Freunde sind? Aber ich dachte, gerade deshalb! Schau mal, es ist doch auch für Dich einmal eine günstige Gelegenheit hier wegzukommen“, sagte Lindsay.
„Sie sind nicht meine Freunde. Und schon gar nicht Prinz William!!!“
„Also das verstehe ich jetzt nicht, erkläre es mir bitte.“
„Das kann ich nicht!“
„Isabel?!“, hakte Lindsay ernst nach.
Isabel schluckte. „Ich hasse die Windsors, einer ist schlimmer als der andere!“
„Habt ihr Euch gestritten? Du und Harry?“
„Was?!“, kam es entsetzt und völlig irritiert von Isabel.
„Na, ich denke, ihr habt Freundschaft geschlossen? Jetzt sagst Du auf einmal, dass sie nicht Deine Freunde sind und Du sie hasst. Dann müsst ihr Euch doch gestritten haben …“
„Oh Gott, Mum! Nichts dergleichen ist wahr! Ich habe nie mit Prinz Harry oder mit einem der anderen Freundschaft geschlossen! Ich habe Harry eine knallharte Abfuhr verpasst …“, gestand Isabel unter Tränen.
„Und warum lügst Du mich dann an?“
„Ich weiß es nicht! Ich war sauer! Ich wollte einfach nur meine Ruhe haben“, weinte Isabel.
„Nur dass Du mich damit vor den Windsors ziemlich blamiert hast!“
„Was meinst Du?“
„Ich habe vor einiger Zeit Prinz Harry getroffen und ihn gefragt, ob er mit der lockeren Freundschaft zu Dir klarkommt.“
„Oh Gott, nein!“, japste Isabel.
Lindsay lachte bitter auf. „Oh doch! Ich musste von ihm erfahren, dass es keine Freundschaft gibt. Ich wäre am liebsten im Erdboden versunken!“
„Es tut mir leid, das wollte ich ganz bestimmt nicht!“
„Schon gut. Es sei Dir verziehen, schließlich habe ich ja auch nicht ganz mit offenen Karten gespielt, als es um Deine neue Betriebsstätte ging. Die Umstände waren halt alle nicht gerade die besten; aber ich wollte nur das Beste für Dich!“, sagte Lindsay ruhig und strich ihrer Tochter zärtlich übers Haar.
Nach einer Weile hatte sich auch Isabel wieder beruhigt und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Unschlüssig sah sie auf die Vertragskopie.
„Und fährst Du nach Wales?“, fragte Lindsay ihre Tochter.
Isabel seufzte. „Ich weiß nicht, ob das so gut ist.“
„Meinst Du nicht, dass Du die drei Tage unbeschadet überstehst? Es ist doch nur für ein Wochenende. Außerdem sollst Du Dich ja mit Marybeth beschäftigen und nicht mit Prinz William und seiner Frau!“
„Na schön, ich fahre hin. Es sähe wohl auch ziemlich blöd aus, wenn ich jetzt noch absagen würde?!“
„Ich kann Dich nicht zwingen. Es war auch nicht meine Absicht. Ich war einfach nur so wütend darüber, dass Du mich belogen hast! Es tut mir leid. Es war wohl eine Kurzschlussreaktion …“
„Das ist also Deine kleine Rache!“
„Sozusagen …“, kam es kleinlaut von Isabels Mutter und sie wurde anstandshalber rot.
Isabel musste schmunzeln. „Und danach sind wir quitt und können uns wieder ehrlich in die Augen sehen und uns vertrauen?“
„Ja!“, kam es todernst von ihrer Mutter.
Isabel seufzte. „Dann werde ich jetzt mal langsam meine Sachen packen. Außerdem muss ich gestehen: Ich freue mich sogar auf Marybeth. Sie ist nämlich eine ganz Süße! Sie war übrigens einen Dienstag und die letzten zwei Freitage für ein paar Stunden bei mir in der Kita.“
„Was?!“, kam es überrascht von Lindsay. „Und warum erzählst Du mir das erst jetzt?“
„Na, eben aus Angst, dass meine kleine Flunkerei aufgeflogen wäre …“, erwähnte Isabel.
Lindsay fing prompt an zu lachen. „Tja, Lügen haben bekanntlich kurze Beine!“ Isabel fiel ebenfalls in das Gelächter ein und Mutter und Tochter lagen sich wieder friedliebend in den Armen.
Kapitel 10
Am frühen Donnerstagnachmittag wurde Isabel mit einer Limousine abgeholt, die sie direkt zum Flughafen fuhr. Von dort aus ging es dann mit dem Flugzeug direkt nach Wales. Anschließend wurde sie in den kleinen, verschneiten Ort Abergarenny gebracht. Mit gemischten Gefühlen stand Isabel um Punkt sechs Uhr abends dann vor der Villa, in dem die Windsors ihren kleinen Familienurlaub verbringen wollten. Zaghaft klopfte sie an die Tür. Prompt wurde ihr von einem Bediensteten die Tür geöffnet. Fragend schaute der Mann älteren Semesters auf Isabel herunter. „Kann ich Ihnen behilflich sein?“
„Guten Abend, mein Name ist Isabel Canningham, ich bin …“
„Das Kindermädchen! Kommen Sie herein. Sie werden bereits erwartet. Und sollten Sie Fragen haben, wenden Sie sich ruhigen Gewissens an mich, mein Name ist Thomas Christie; Butler und Sicherheitsbeauftragter in einem“, erwiderte Thomas freundlich lächelnd.
Isabel errötete und trat ein. Vor ihr präsentierte sich ein gewaltiges Foyer. Rechterhand ging eine breite Treppe ins obere Stockwerk und vor ihr befanden sich drei große Flügeltüren, die in angrenzende Zimmer führten. Auf der linken Seite waren große Fenster, die den Blick auf die schneebedeckte Landschaft freigaben. Isabel kam sich mal wieder völlig fehl am Platz vor und sie erinnerte sich prompt an das Treffen mit Harry in seinem Arbeitszimmer im Buckingham Palast. Am liebsten hätte sie sich umgedreht und wäre gleich wieder davongerannt. Doch da musste sie jetzt durch!
„Darf ich Ihnen Ihren Mantel abnehmen?“, fragte Mister Christie höflich und zuvorkommend.
„Danke. Gerne“, stammelte Isabel und blieb danach weiterhin wie angewachsen stehen. Thomas musste schmunzeln. Irgendwie erinnerte ihn die Situation an das erste Aufeinandertreffen von William und Jane auf Balmoral.
„Kommen Sie, meine Dame, ich zeige Ihnen erst einmal Ihr Zimmer.“
Isabel atmete tief durch und folgte dann Mister Christie in die obere Etage. Gleich das erste Zimmer rechterhand war ihres. Es war ein ganz gewöhnliches Gästezimmer im pompösen Stil der königlichen Familie: Viele Sitzmöglichkeiten, antikes Mobiliar, verschnörkelte Lampen und ein großes, dickes Federbett. Isabel musste unweigerlich lächeln. Ihr gefiel das Zimmer, sie kam sich vor wie in einem Traum statt in der Realität. Doch in diese rief sie Mister Christie schnell wieder zurück: „Miss Canningham, darf ich Ihnen nunmehr Ihren Arbeitsbereich zeigen.“
„Natürlich“, kam es kleinlaut von Isabel. Gleich rechts neben ihrem Zimmer blieben sie vor der verschlossenen Tür stehen.
„Ich melde Sie bei den Herrschaften an“, erklärte Mister Christie kurz. Unweigerlich musste Isabel schlucken.
Doch schon öffnete sich die Tür wieder und Marybeth kam auf den Flur gelaufen. „Tante Bell! Bist Du jetzt mein Kindermädchen? Au ja!“, strahlte Marybeth.
Rein reflexartig hockte sich Isabel hin und nahm Marybeth in ihre Arme. „Hallo, kleine Maus.“
William lächelte. Prompt wurde Isabel knallrot. William übersah dies wissentlich und begrüßte Isabel freundlich: „Guten Abend, Miss Canningham. Schön, dass Sie es einrichten konnten. Meine Frau wird auch gleich zu uns stoßen, sie sieht nur gerade in der Küche nach dem Rechten.“
„Guten Abend, Euer Hoheit“, gab Isabel mit brüchiger Stimme von sich und machte einen etwas verunglimpften Hofknicks.
„Würden Sie mich bitte kurz entschuldigen?“, entgegnete William daraufhin.
„Natürlich, Euer Hoheit.“
„Mister Christie wird die weitere Einweisung vornehmen.“
Doch bevor Mister Christie überhaupt dazu Gelegenheit bekam, zog Marybeth an Isabels Ärmel. „Tante Bell, schau mal, was ich gerade gemalt habe!“, rief Marybeth und zeigte zu dem Tisch herüber. Isabel stand unschlüssig da und wusste nicht, was sie jetzt machen sollte.
Thomas Christie schmunzelte. „Gehen Sie ruhig, ich zeige Ihnen später die anderen Räumlichkeiten.“
„Das kann ich doch machen!“, kam es prompt von Marybeth.
Mister Christie und Isabel mussten lachen. „Du kannst nachher mitkommen, ja. – Ich lasse Sie dann jetzt erst einmal mit Ihrer Hoheit allein?! Sie kommen soweit klar?“
„In Ordnung“, kam es gequält von Isabel. Innerlich stöhnte sie, worauf hatte sie sich hier nur eingelassen? Doch weiter kam sie mit ihren Gedanken nicht, denn Marybeth nahm Isabels Aufmerksamkeit sogleich wieder in Beschlag. Denn nun sollte sich Isabel all die vielen und vor allem schon recht alten Spielsachen und Kuscheltiere angucken. Am Ende saßen beide auf dem Fußboden und blätterten in einem Märchenbuch mit vielen bunten Bildern.
Derweil klopfte es im Untergeschoss erneut an der Tür. Mister Christie erwartete niemanden und verfiel gänzlich in seine Funktion als Leibwächter. Mit ernster, angespannter Miene riss er die Tür auf. Doch schon ließ er die Schultern wieder sinken und verzog das Gesicht zu einer Fratze.
„Hallo Thomas, nette Begrüßung: Erst wird die Tür fast aus ihren Angeln gerissen und dann machst Du ein Gesicht, als sei ich nicht willkommen. Und dabei dachte ich, es wird noch ein Kindermädchen gesucht? Aber anscheinend nicht. Na, dann kann ich ja wieder gehen!“, kam es lapidar von Prinz Harry, während er einfach eintrat.
Thomas war gänzlich verwirrt und verstand im Moment nur Bahnhof. „Wieso Kindermädchen? Du?!“, war auch sogleich seine erste Frage daraufhin.
„Na klar, wer denn sonst?!“, kam es völlig irritiert von Harry.
„Aber …“ Doch weiter kam Thomas nicht, denn just in dem Moment kam Jane aus der Küche und lief hocherfreut ihrem Schwager in die Arme. „Hey Babe, was ist das denn für eine stürmische Umarmung?“
„Oh Harry, sage mir jetzt aber nicht, dass Du nur wegen mir Deine Reise nach Klosters abgesagt hast?!“, fragte Jane verzweifelt.
„Irgendwie schon! Aber nicht ich habe abgesagt, sondern Mitch und Kevin: Sie haben doch glatt ’ne Reise nach Amerika von Kevins Großmutter spendiert bekommen. Als Dankeschön für den riesigen Umzug, den sie ihr vor kurzem gestemmt haben. Tja, und da dachte ich mir: Helfe ich meiner Lieblingsschwägerin aus der Patsche!“
„Danke, Du bist ein Schatz!“, kam es breit lächelnd von Jane.
Thomas Christie stand daneben und war sich unschlüssig, was dies alles zu bedeuten hatte, denn anscheinend wusste Jane nichts von Miss Canningham. Doch diesen Schuh zog er sich nicht an, das sollte mal schön sein Auftraggeber selber seiner Frau erklären. Und schon machte sich Thomas auf die Suche nach William. Er ahnte, dass es sonst noch zu einer bösen Überraschung kommen könnte.
„Wo ist denn eigentlich meine kleine Prinzessin?“, fragte Harry währenddessen.
„Na, wo wird sie wohl sein? Oben im Kinderzimmer! Sie ist völlig begeistert von dem ganzen alten Spielzeug. Geh ruhig hoch, ich komme gleich nach. William ist auch oben.“
Doch William war nicht oben. Hektisch kam er aus der Wohnstube.
„Was machst Du denn hier unten, ich denke Du bist bei Marybeth?“, kam es auch sogleich von Jane irritiert.
„Ich habe Dich gesucht. Ich wollte Dir mitteilen, dass unser Kindermädchen da ist.“
„Ja, ich weiß: Harry.“
„Nein“, kam es ernst von William.
Jane kicherte. „Doch, er ist gerade nach oben gegangen!“
„Ich weiß, Thomas hat es mir soeben gesagt. Aber oben ist schon jemand anderes“, stöhnte William schon fast.
Entgeistert blickte Jane zu ihrem Mann auf. „Und wer, bitte schön?“
„Na, wo ist denn meine kleine Prinzessin?!“, rief Harry freudig aus und betrat ohne weitere Ankündigung das Kinderzimmer. Verdutzt blickte Marybeth zu ihrem Onkel.
Genauso überrascht schaute Isabel Harry ins Gesicht. Harry ging es jedoch auch nicht viel besser. Er glaubte, sich verguckt zu haben und stand mit offenem Mund im Türrahmen und starrte zu Isabel herüber, die Marybeth auf ihrem Schoß sitzen hatte und ein Märchenbuch in der Hand hielt …
„Nun sag schon, wer ist oben?!“, schrie Jane entsetzt.
„Isabel Canningham.“
„Aber wie kommt sie hierher?“
„Ich habe sie gebeten uns für drei Tage als Kindermädchen zu dienen und sie hat zugesagt. Ich wusste nicht, dass Du Harry darum gebeten hattest“, erklärte William besorgt.
„Ja, ich habe Harry gefragt, aber er hatte abgesagt. Er sollte jetzt eigentlich auch in Klosters sein und nicht hier. Doch es kam etwas dazwischen und da hat er spontan entschieden, hierher zu kommen. Ich hatte somit genauso wenig eine Ahnung von seinem Besuch!“, erwiderte Jane sich sortierend.
„Eure Hoheiten, ich will ja nicht stören, aber wäre es jetzt nicht vielleicht angebracht, einmal oben nach dem Rechten zu sehen?“, warf Thomas Christie besorgt ein.
„Oh Gott, ja, natürlich!“, rief Jane sogleich wieder aufgebracht und wollte schon die Treppe hinaufhechten. Doch William hielt sie auf.
Fragend sah Jane zu William. „Wir können ein Aufeinandertreffen sowieso nicht mehr verhindern und wenn wir jetzt auch noch dort hineinplatzen, kommt es zu einem Fiasko! Lass die beiden ein paar Minuten allein. Ich denke, sie werden sich nicht gleich an die Gurgel gehen. Erklären können wir das Durcheinander dann immer noch.“
„William, ich finde die Idee nicht gerade gut“, gestand Jane.
„Um ehrlich zu sein, ich auch nicht“, mischte sich Thomas erneut mit in das Gespräch.
„Wieso, hört irgendjemand Marybeth schreien? Sie wäre doch die Erste, die angelaufen käme, wenn etwas nicht stimmen würde … – Thomas, Du veranlasst bitte, dass in zwanzig Minuten das Abendmahl serviert wird. Du, Jane, ziehst Dich in Ruhe um. Und ich werde einmal nachschauen, was im Kinderzimmer los ist“, bestimmte William und duldete definitiv keine Widerrede.
„Ist das jetzt wieder so ein abgekartetes Spiel, in dem Du erneut versuchst, mir näher zu kommen?“, fragte Isabel, nachdem sie den ersten Schock verdaut hatte, kaum hörbar Prinz Harry.
„Nein, Gott bewahre! Ich wusste nicht, dass Du hier bist! Um ehrlich zu sein, verstehe ich es auch nicht wirklich?! Denn hiermit hätte ich mein Lebtag nicht gerechnet!“, erklärte Harry genauso ruhig.
„Onkel Harry, machst Du mit uns Urlaub?“, fragte plötzlich Marybeth und riss damit sowohl Isabel als auch Harry aus ihrem Entsetzen.
Harry lächelte gequält. „Eigentlich wollte ich dies, denn Deine Mami hatte mich gefragt, ob ich zwei, drei Tage auf Dich aufpassen könnte, wenn Deine Eltern mal abends weggehen wollen.“
„Aber Tante Bell ist doch mein Kindermädchen?!“ Irritiert und überrascht zugleich zog Harry die Stirn kraus. „Papi hat das gesagt!“, sagte Marybeth genauso verwirrt. „Tante Bell, gehst Du jetzt wieder?“
„Nein. Dein Vater hat mich engagiert und somit bleibe ich auch!“, erwiderte Isabel; wenn auch etwas gequält.
„Ach, so ist das …“, sagte Harry schlussfolgernd, auch wenn er es nicht ganz verstand oder nachvollziehen konnte. Er wollte gerade genauer darauf eingehen, als just in dem Moment William an den Türrahmen klopfte und gleichzeitig eintrat. Verunsichert schaute er auf das Bild, das sich ihm bot.
„Hey Wills!“, begrüßte Harry seinen Bruder.
„Hallo Harry, Du bist echt eine Überraschung! Mit Dir hat hier nun wirklich überhaupt niemand gerechnet! Aber das kennen wir ja schon von Dir: Unverhofft, kommt oft …“ Harry verzog beleidigt das Gesicht. „Miss Canningham, bitte entschuldigen Sie die für Sie wohl etwas unangenehme Situation. Sie war wirklich nicht geplant! Mein Bruder hat die Angewohnheit, auch unangemeldet irgendwo aufzutauchen“, versuchte William die verzwickte Lage zu erklären.
„Hey, nun mal langsam: Jane hatte mich gebeten hierher zu kommen!!!“, verteidigte sich Harry.
William seufzte. „Ich weiß, sie hat es mir gerade erst erzählt. – Nur dass Du abgesagt hattest!“
„Ja, sorry! Konnte ja nicht wissen, dass Du Ersatz gefunden hast!“, kam es leicht sauer von Harry.
„Eure Hoheiten, bitte streiten Sie sich nicht wegen mir! Wenn Sie es wünschen, reise ich auch gleich wieder ab“, mischte sich nun auch Isabel mit ein.
„Nein!“, schrie sofort Marybeth und fing an zu weinen.
„Marybeth, bitte weine nicht!“, bat Isabel und strich der Kleinen zärtlich über den Rücken.
„Nein, wenn hier einer geht, dann bin ich das! Schließlich bin ich ungebeten hergekommen …“, stellte Harry klar.
„Ich will nicht, dass Onkel Harry geht!“, heulte Marybeth.
Unweigerlich musste Isabel schmunzeln. Was für eine verfahrene Situation …
William seufzte.
Harry sah derweil unschlüssig zu Isabel, die ebenso unschlüssig mit den Schultern zuckte.
„Ich will, dass Onkel Harry und Tante Bell auf mich aufpassen! Geht das, Papi? Bitte!“, flehte Marybeth und rannte zu ihrem Vater herüber.
William nahm seine Tochter auf den Arm und trocknete mit einem Taschentuch ihre Tränen. „Nicht weinen, mein Spatz. Weißt Du, Onkel Harry und Miss Canningham haben sich vor kurzem ganz dolle gestritten und ich weiß nicht, ob sie sich wieder vertragen wollen.“
„Aber warum habt ihr Euch denn gestritten, wegen mir? Ich hab Euch doch aber beide lieb!“, kam es schluchzend von Marybeth.
„Marybeth, Dein Onkel war nicht gerade lieb zu Tante Bell“, erklärte Harry.
„Und manchmal gibt es Dinge, die nur wieder schwer verzeihbar sind“, fügte Isabel hinzu. „Aber mal schauen, was sich machen lässt, okay?“ Marybeth sah zu Isabel herüber und nickte.
„Darf man stören?“, kam es zaghaft von der Tür. Es war Prinzessin Jane.
„Guten Abend, Euer Hoheit“, begrüßte Isabel die Prinzessin und machte diesmal einen perfekten Hofknicks.
„Miss Canningham, es tut mir leid, dass Sie hier in so ein Durcheinander geraten sind. Mein Mann hat die Angewohnheit, mich ab und an einfach zu überraschen. Sie sollten wohl auch eine Überraschung sein. Aber manchmal ist es besser, mit offenen Karten zu spielen“, sagte Jane. Und als ob sich alle angesprochen fühlten, erröteten William, Harry und Isabel zugleich. Unweigerlich musste sich Jane heftig das Grinsen verkneifen.
„Mami, wann gibt es was zu essen? Ich hab Hunger!“, kam es wie erwartet von Marybeth, woraufhin alle anfingen zu lachen.
„Jetzt! Meine Damen, meine Herren. Das Essen kann nun serviert werden“, antwortete Thomas Christie auf Marybeth’ Frage, dem es keine Ruhe gelassen hatte, weiterhin unten dumm herum zu stehen. Er wollte wissen, ob er sich noch heute Nacht um einen Rückflug kümmern musste.
„Nein“, kam es von Isabel und Harry gleichermaßen. Marybeth strahlte und wollte von ihrem Vaters Arm wieder herunter.
Kaum hatte William seine Tochter abgesetzt, griff sie auch schon nach Isabels und Harrys Hand und lief mit beiden zur Tür. „Kommt, ich zeige Euch, wo wir essen!“
Harry und Isabel sahen sich für einen kurzen Moment tief in die Augen, ehe sich beide mit hochrotem Kopf von Marybeth in die untere Etage führen ließen.
„Soll ich noch ein Zimmer für Seine Hoheit, Prinz Harry, fertig machen lassen?“, fragte Thomas Christie eigentlich nur rein rhetorisch.
„Schau mal einer, guck! Unsere Tochter ist ja eine kleine Kupplerin!“, sagte William sichtlich amüsiert. „Ich glaube, das hat sie von ihrer Mutter …“
Jane grunzte. „Na, Hauptsache das geht gut?!“
„Lassen wir uns einfach überraschen. Wer weiß, vielleicht wird aus den beiden nun doch noch ein Paar …“
„Eure Hoheiten, das Abendmahl wird kalt!“, kam es von Thomas Christie.
„Thomas, seit wann bist Du so förmlich? Sonst sprichst Du uns doch auch mit Vornamen an. Ich möchte, dass Du dies beibehältst. Isabel soll sehen, dass wir völlig normale Menschen sind und hier keiner irgendwen beißt!“
„Sehr wohl … William.“
Jane kicherte und lief die Treppe herunter.
William und Thomas folgten ihr. Doch überrascht blieben sie in der Wohnzimmertür wieder stehen, denn Marybeth saß an der Kopfseite des rechteckigen Tisches und hatte links und rechts von sich Isabel und Harry platziert. Dort, wo sonst eigentlich ihre Eltern saßen. William grinste, als er das ergebene Gesicht von Harry sah. Isabel dagegen hielt den Blick gesenkt und hatte noch immer rötlich schimmernde Wangen. Jane setzte sich spontan neben Isabel, während William ihr gegenüber, neben seinem Bruder Platz nahm.
„Tommy, ich hab Hunger! Was gibt es zu essen?“
„Eure Durchlaucht, heute gibt es eine feine Nudelsuppe als Vorspeise“, wandte sich Thomas hingebungsvoll an Marybeth. „Mit vielen zarten Mohrrüben.“
„Iiihh!“, kam es von Klein Marie, die Mohrrüben nicht sonderlich mochte.
Harry musste sich das Lachen verkneifen und blickte krampfhaft zu William, der ebenfalls schmunzelte. Jane derweil fiel gleich der Löffel wieder aus der Hand.
„Aber Marybeth, Mohrrüben sind doch gesund! Sie sind gut für die Augen. Oder hast Du schon einmal einen Hasen mit einer Brille auf der Nase gesehen?“, fragte Isabel mit ernster Miene Marybeth.
Marybeth kicherte. „Nee, gibt’s ja gar nicht!“
„Siehst Du, und was essen die kleinen Hasen am liebsten?“
„Mohrrüben“, kam es mit langgezogenem Gesicht von Marie.
„Mister Christie, gibt es heute auch einen Nachtisch?“, wandte sich Isabel nun an Thomas.
„Ja, Vanillepudding mit Erdbeeren.“ Sofort strahlten Marybeth’ Augen wieder.
„Marybeth, mein Vati hat immer gesagt, wer die Vorspeise nicht isst, kriegt auch keinen Nachtisch …“
„Das ist gemein!“, jammerte Marybeth und war kurz davor, gleich wieder anzufangen zu weinen.
„Ich weiß, ich finde das auch nicht nett. Aber schau mal, der Koch gibt sich so viel Mühe und kocht für uns ganz tolle gesunde Sachen. Und wenn wir jetzt die Vorspeise nicht essen, dann ist er nachher ganz traurig.“
„Oder wütend“, mischte sich Harry mit ein. „Und dann gibt es ab morgen gar keinen Nachtisch mehr.“ Prompt erhielt Harry für diesen Kommentar einen Tritt ans Schienbein. Von William. „Ist ja gut, ich halt ja schon meine Klappe!“
„Geht es nicht noch etwas ausfallender?“, fragte nun auch Jane.
„Nicht streiten!“, kam es von Marybeth. „Ich esse ja die ollen, blöden Mohrrüben …“
„Du musst ja nicht alle essen. Aber ich glaube, so viele sind in einer Nudelsuppe gar nicht drin. Mister Christie wollte Dich sicherlich nur ein wenig necken. Was nicht nett ist!“, sagte Isabel im bestimmten Ton an Thomas Christie gewandt.
Anstandshalber wurde dieser für diese Rüge rot. „Verzeihung! – Durchlaucht, darf ich dann die Suppe auftragen?“
„Aber gern, denn ich habe noch immer Hunger!“, lachte Marybeth schon wieder.
„Geht das immer so zu, Euer Hoheit?“, fragte Isabel Prinzessin Jane.
„Nicht immer. Aber Thomas und Marybeth spielen dieses Spiel des Öfteren ganz gerne. Übrigens, eine Bitte habe ich noch Isabel: Bitte lassen Sie das Hoheit weg; ich bin Jane! Und wir waren doch schon einmal beim Du …“ Isabel wandte sich ohne jeglichen weiteren Kommentar ihrer Suppe zu. Jane seufzte.
Nach dem Essen brachten Isabel und Jane Marybeth wieder nach oben und bereiteten sie für die Nacht vor. „Ich bin aber nicht müde! Ich will nicht ins Bett!“, jammerte auch sogleich Klein Marie. Jane seufzte entnervt.
„Du sollst doch auch noch gar nicht ins Bett!“, schimpfte Jane.
„Aber Du kannst doch schon einmal Dein hübsches Nachthemd anziehen. Dann den Bademantel drüber und dann spielen wir noch ein wenig mit Deinen Kuscheltieren, okay?“, fügte Isabel hinzu.
„Danke, dass Du hergekommen bist“, kam es auf einmal von Jane.
„Schon in Ordnung. Meine Mutter war etwas schneller als ich und so konnte ich nicht mehr absagen“, gestand Isabel ehrlich. Sie wollte so sofort klarstellen, dass sie nicht freiwillig hergekommen wäre.
Jane schluckte. „Isabel, es tut mir leid, dass die Sache mit Dir und Harry gänzlich danebenging. Ich möchte mich auch noch einmal für das unmögliche Benehmen meines Mannes entschuldigen, aber …“
„Reden wir nicht mehr darüber. Ich werde mich die drei Tage wie vereinbart um Ihre Tochter kümmern und dann hoffe ich, trennen sich unsere Wege wieder …“
„Wie Sie wünschen“, antwortete Jane geknickt.
Als ob Marybeth die Abneigung von Isabel ihrer Familie gegenüber gespürt hätte, fing sie just in dem Moment an zu weinen und rannte einfach auf den Flur hinaus, hinunter in das Wohnzimmer zu ihrem Vater und ihrem Onkel. „Hey, kleine Prinzessin, was ist denn los? Magst Du noch nicht schlafen?“, fragte Harry auch prompt und zog seine Nichte in seine Arme.
„Tante Bell und Mama streiten sich!“, antwortete Marybeth. Sofort sprang William auf und machte sich auf den Weg zu den zwei Frauen.
„Was? Das kann ich gar nicht glauben. Warum sollten sich denn Deine Mami und Tante Bell streiten?“, versuchte Harry hinter die Behauptung von seiner Nichte zu kommen.
„Tante Bell mag mich nicht! Sie hat gesagt, sie wollte gar nicht herkommen!“, jammerte Marybeth.
„Ach Marie, da hast Du sicherlich etwas missverstanden. Tante Bell wäre doch sonst sicherlich nicht hier?!“
„Aber sie will wieder gehen!“, weinte Marybeth und warf sich erneut an den Hals ihres Onkels. Harry schluckte den Kloß in seinem Hals herunter. Er hatte das Gefühl, dass Marybeth die Wahrheit gesagt hatte und er mit seinem unangemeldeten Kommen daran schuld war. Tröstend strich er seiner Nichte über den Rücken und wiegte sie.
„Was ist hier los?!“, kam es aufgebracht von William, der den beiden Frauen auf der Treppe direkt in die Arme lief.
„Marybeth hat etwas gehört und missverstanden!“, versuchte Jane zu erklären.
Doch ein Blick in Isabels Gesicht und William wusste, dass seine Frau nicht ganz die Wahrheit gesagt hatte. Er griff sich beide und zog sie ins Arbeitszimmer. „Ich glaube, wir sollten uns einmal kurz unterhalten!“ Jane war William dankbar, dass er in dieser brenzligen Situation einen kühlen Kopf behielt.
Isabel derweil hatte ein ganz rotes Gesicht und wusste nicht, wie sie sich für ihren kleinen Aussetzer angemessen wieder entschuldigen sollte.
„Also, Miss Canningham, was ist vorgefallen?“, fragte William ruhig.
Doch Isabel schwieg. Sie kam sich vor wie vor einem Exekutionskommando. Der Kloß in ihrem Hals wollte weder nach unten noch nach oben. Stattdessen musste sie mit ihren Tränen kämpfen. Sie hatte sich unmöglich benommen!
„Miss Canningham hat mir mitgeteilt, dass Sie nicht freiwillig hier ist und dass Sie Ihrer Pflicht zwar nachkommt, aber mehr auch nicht!“, erklärte Jane kalt.
Überrascht sah William zu Isabel herüber. „Verzeihung!“, war alles, was Isabel sagte, ehe sie aus dem Raum rannte und in ihr Zimmer lief.
Just in dem Moment kam Harry aus dem Kinderzimmer heraus und sah Isabel in Tränen aufgelöst in ihrem Zimmer verschwinden. Doch noch bevor sie die Tür schließen konnte, folgte er ihr. „Ist es meine Schuld?“, fragte Harry auch sofort. Isabel, die Harry nicht bemerkt hatte, erschrak und sah ihn apathisch an. „Willst Du wegen mir wieder fort? Das brauchst Du nicht, denn ich gehe! Gleich morgen Früh reise ich ab und ich werde jetzt in mein Zimmer gehen, so dass wir uns nicht mehr über den Weg laufen müssen.“
Isabel stand noch immer wie angewachsen genau vor Harry und starrte ihn an. Mit gebrochener Stimme sagte sie: „Nein, es ist nicht wegen Dir. Ich habe mich gegenüber Prinzessin Jane unmöglich verhalten!“
„Was ist denn passiert?“, fragte Harry ruhig und sah Isabel besorgt in die Augen.
„Sie wollte sich bedanken, dass ich mich um Marybeth kümmere, doch ich bin nicht freiwillig hier: Meine Mutter hat das eingefädelt, weil sie wütend war, dass ich sie belogen habe … Und das ist alles nur Deine Schuld!!!“, rief Isabel nun doch wütend und aufgebracht zugleich aus. „Warum musstest Du auch in mein Leben treten???“
Harry antwortete darauf nichts, trat jedoch einen Schritt näher an Isabel heran. Unweigerlich stiegen Isabel gleich noch mehr Tränen in die Augen. Verzweifelt hämmerte sie dann hilflos mit ihren Fäusten auf Harrys Brust ein.
„Isabel! Beruhige Dich!“, bat Harry und versuchte Herr der Situation zu werden, indem er Isabels Handgelenke ergriff und sie festhielt. Doch Isabel kämpfte weiterhin gegen Harry an.
„Isabel, weder William noch Jane, geschweige denn Marybeth können etwas dafür, dass wir beide ein Problem miteinander haben! Und selbst wenn Deine Mutter dafür verantwortlich ist, dass Du jetzt hier bist, hättest Du sicherlich auch absagen oder Dich verweigern können. Niemand kann Dich zwingen hier zu sein! Aber vorhin, als ich in das Kinderzimmer kam, sah es nicht danach aus, als ob Du Dich gequält hättest …“
„Du hast doch keine Ahnung!“, schrie Isabel und versuchte abermals, Harry ihre Handgelenke zu entziehen.
Doch umso mehr sie zog, umso fester hielt Harry sie fest. „Mag sein, doch eines weiß ich: Meine Nichte hat Dich in ihr Herz geschlossen und sie ist todunglücklich, dass Du sie wieder verlassen willst. Tu der Kleinen das nicht an, denn sie kann definitiv nichts für das ganze Durcheinander und sie ist auch noch viel zu klein, um das Ganze hier zu verstehen! Sie sieht mit ihren kindlichen Augen nur eines: Du bist böse auf sie und damit ist sie gänzlich überfordert.“
„Es tut mir leid!“, kam es völlig kraftlos von Isabel, die aufgehört hatte, sich Harrys Griff zu entziehen.
„Mir tut es auch leid, dass ich Dir eben wehtun musste. Doch bevor ich jetzt Deine Hände wieder freigebe, darf ich da noch eine Bitte äußern? Es geht um Marybeth!“ Isabel nickte, sah jedoch bedrückt zu Boden. „Bitte gehe zu ihr und sage ihr, dass sie nicht schuld daran ist und Du sie weiterhin lieb hast. Mir wollte sie nämlich nicht glauben.“ Leicht verwirrt sah Isabel zu Harry auf. „Danke“, sagte Harry jedoch nur und ging.
Vor Isabels Zimmertür traf Harry prompt auf William, der gerade zu Isabel wollte. Doch Harry schüttelte den Kopf und bat seinen Bruder, wieder mit ihm nach unten zu kommen.
„Wo ist Marybeth?“, fragte William.
„In ihrem Bettchen.“ Stirnrunzelnd sah William Harry überrascht an. Harry grinste. „Ja, ich habe sie dort hingebracht.“
Eine viertel Stunde später klopfte Isabel leise an die Kinderzimmertür an und betrat dann auf Zehenspitzen das Zimmer. Marybeth lag in ihrem Bettchen, hielt einen Teddy fest in ihren Arm gedrückt und sah zum Leuchtbilderhimmel, den die Spieluhr an die Decke projizierte.
„Hallo, kleine Maus“, flüsterte Isabel.
„Tante Bell!“, rief Klein Marie überrascht. „Bist Du noch böse mit mir?“
Isabel lächelte geknickt. „Aber nein, Du kannst doch gar nichts dafür!“
„Bleibst Du jetzt bei mir?“, fragte Marybeth hoffnungsvoll und setzte sich auf. Isabel schluckte. „Bitte, ich bin auch ganz artig! Versprochen!“, flehte Marybeth von Neuem.
„Weißt Du Marybeth, ich weiß nicht, ob das so gut ist …
„Bist Du böse auf meine Mami?“
„Nein.“
„Auf meinen Papi?“, fragte Marybeth weiter. Isabel musste unweigerlich schmunzeln und schüttelte verneinend den Kopf. „Onkel Harry! Hat er Dir wehgetan?“
„Nein, hat er nicht.“
„Und warum weinst Du dann?“
„Ach Schatz! Ich war heute böse zu Deinen Eltern und auch nicht nett zu Dir oder zu Deinem Onkel. Dein Papi hat Dir doch heute erzählt, dass Dein Onkel und ich uns gestritten haben.“ Marybeth nickte bestätigend mit ihrem kleinen Kopf. „Und der Streit war so doll, dass das noch eine Weile dauern wird bis wir uns wieder vertragen. Deine Mami hat aber gehofft, dass wir uns gleich wieder versöhnen. Doch das klappt leider nicht.“
„Willst Du deshalb wieder weg? Find ich aber doof!“, beschwerte sich Marybeth und zog einen Flunsch. Isabel seufzte.
„Liest Du mir was vor?“, fragte Marybeth plötzlich völlig überraschend.
„Eine Gute-Nacht-Geschichte?“, fragte Isabel daher leicht verwirrt. Breit lächelnd nickte Marybeth. „Na gut, dann hole ich mal das Märchenbuch.“
„Kann ich doch holen!“, rief Marybeth und schneller als Isabel gucken konnte war Marybeth auch schon wieder aus ihrem Bettchen gehuscht und zum Bücherregal herübergerannt. Zurück kam sie mit einem ganz alten und dicken Buch, welches sie aufs Bett warf. „Darf ich auf Deinen Schoß?“
„Na, dann komm mal her, kleine Prinzessin!“, sagte Isabel. Sie setzte sich Marybeth auf ihre Knie, drückte ihr ihren Teddy wieder in den Arm und warf dann über Marybeth und sich die Zudecke, damit sich Marybeth nicht erkältete. „Und welche Geschichte soll ich Dir vorlesen?“
„Dornröschen!“
„Was, schon wieder? Die Geschichte kennst Du doch aber schon!“
„Ich will aber trotzdem Dornröschen hören!“
„Also schön, Dornröschen“, ergab sich Isabel.
Während Isabel das Märchen von Dornröschen vorlas, saßen William, Harry und Jane in der Wohnstube und überlegten, wie das hier jetzt weitergehen sollte. Harry wollte zwar noch immer abreisen, doch Jane bestand darauf, dass er blieb.
Als Isabel nach einer Stunde noch immer nicht wieder aus dem oberen Stockwerk nach unten gekommen war, wurde William ein wenig stutzig und er ging nach oben, um nachzusehen. Doch Isabel war nicht, wie angenommen, in ihrem Zimmer. Vorsichtig öffnete er daraufhin Marybeth’ Zimmer. Im dortigen Schaukelstuhl vor dem Kinderbett saß Isabel und schlief und in ihrem Schoss lag Marybeth und schlief ebenfalls.
William schmunzelte. Vorsichtig rief er Isabels Namen, doch sie reagierte nicht. Selbst als er sie zaghaft an der Schulter berührte, reagierte sie nicht. William schüttelte amüsiert den Kopf. Behutsam nahm er seine Tochter von Isabels Schoss und legte sie in ihr Bettchen und deckte sie warm zu.
„Ich hab Dich lieb, Tante Bell“, kam es schlaftrunken von Marybeth, ehe sie sich zur Seite drehte und weiterschlief.
Sofort erwachte Isabel aus ihrem Schlaf und wollte reflexartig Marybeth auf ihrem Schoß festhalten. Als sie merkte, dass diese bereits in ihrem Bettchen lag und William neben ihr stand, wurde sie knallrot. „Verzeihen Sie vielmals, Euer Hoheit.“
„Es ist alles okay. Sie müssen sich nicht entschuldigen“, flüsterte William.
„Doch, für vorhin. Ich weiß nicht, was da in mich gefahren war. Ich …“
„Sprechen Sie mit meiner Frau, nicht mit mir darüber. Und jetzt kommen Sie, wir wollen Marybeth nicht weiter in ihrem Schlaf stören“, unterbrach William Isabel freundlich. Isabel nickte und folgte Prinz William in den Flur. William führte Isabel auch weiterhin in die Wohnstube. Mit hochrotem Kopf und gesenkten Lidern betrat Isabel das Zimmer. „Euer Hoheit, Prinzessin Jane? Bitte verzeihen Sie mein unangebrachtes Benehmen vorhin. Es ist zwar richtig, dass ich nicht freiwillig meine Zusage als Kindermädchen erteilt habe, aber ich bin aus freien Stücken hierhergekommen, um Marybeth zu betreuen. Ich hoffe, Sie können meine Entschuldigung annehmen und erlauben es mir, weiterhin die nächsten drei Tage auf Marybeth aufzupassen?“
„Unter einer Bedingung nehme ich Ihre Entschuldigung an!“, sagte Jane etwas kühl.
Isabel schluckte hart. „Ja?!“
„Sie setzen sich jetzt zu uns, trinken mit uns gemeinsam ein Glas Rotwein und erlauben es mir, Ihnen erneut das Du anzubieten …“
Erneut musste Isabel schlucken.
„Ich will Sie nicht zwingen, meine Freundin zu werden, aber eine freundschaftliche Basis erleichtert das gemeinsame Miteinander, und sei es auch nur für die drei Tage“, erklärte Jane weiter.
Da Isabel weder etwas erwiderte noch sich vom Platz wegbewegte, half William etwas nach und drückte Isabel in den nächstgelegenen Sessel, reichte ihr ein gefülltes Rotweinglas und stieß mit ihr an. Danach setzte er sich zurück zu seiner Frau auf die Couch und sah Isabel erwartungsvoll an. Isabel seufzte und ergab sich: „Okay, Sie haben gewonnen! So, wie es ausschaut, bleibt mir sowieso keine andere Wahl, nicht?“
„Korrekt!“, kam es lächelnd von William. „Meine Frau kann nämlich ziemlich hartnäckig sein.“
Jane räusperte sich und stieß ebenfalls mit Isabel an. „Isabel, ich bin Jane, mein Mann trägt den Namen William. Tja, ehm … und den Herrn an Deiner rechten Seite kennst Du ja selbst zu genüge.“
„Hey! Was soll das denn jetzt schon wieder heißen?“, beschwerte sich auch sogleich Harry lauthals. Jane grinste nur süffisant und zuckte mit den Schultern.
„Tja, Brüderchen, wenn Du das selber nicht weißt …“, setzte William scherzhaft noch einen drauf. Unweigerlich musste nun auch Isabel schmunzeln. Harry lächelte ebenfalls und sah zu Isabel herüber. Isabel erwiderte seinen Blick schüchtern.
„Darf ich auch mit Dir anstoßen? Ich würde nämlich gerne mit Dir Frieden schließen wollen, wenn Du erlaubst?“, wandte sich nun Harry an Isabel. Isabel lächelte müde und sah dabei Harry eine ganze Weile in die Augen; sie waren eine Mischung aus Grau und Blau und Isabel wäre am liebsten darin versunken. Prompt errötete Harry, was zu aller Belustigung beitrug. Isabel tat es ihm gleich und so stießen beide grinsend auf ihren Friedenspakt an. Harry war erleichtert. Isabel ebenfalls. Und William und Jane erst recht!
„Wie sieht das morgige Tagesprogramm aus, wenn ich fragen darf?“, erkundigte sich Isabel anschließend.
„Nun ja, William und ich wollten gerne nach dem Mittag einen kleinen Ausflug in einen der Nachbarorte machen; allein“, sagte Jane zaghaft. Isabel nickte verständnisvoll und sah dabei zu William, der das Nicken erwiderte.
„Traust Du es Dir zu, den Nachmittag und den frühen Abend mit Marybeth allein zu verbringen? Wir würden Dir gerne Thomas Christie als Begleiter zur Seite stellen. Er kann Dich und Marybeth überall hinfahren, wo ihr eventuell gerne hinwollt“, erklärte William weiter.
„Um ehrlich zu sein, ich kenne mich hier nicht aus. Ich denke, Marybeth und ich werden es uns daher im Haus und im Garten gemütlich machen“, sagte Isabel.
William nickte einvernehmlich.
„Und was stellst Du so an, Harry?“, fragte Jane daraufhin ihren Schwager.
Doch dieser zuckte nur unwissend mit den Schultern. „Weiß ich noch nicht, da ich ja jetzt als Kindermädchen überflüssig bin, werde ich wohl ein wenig durch die Gegend streifen oder einfach nur faul die Beine hochlegen.“
Jane und William verdrehten die Augen.
Isabel schüttelte nur amüsiert den Kopf. „Was hättest Du denn gemacht, wenn Du mit Marybeth allein hier gewesen wärest?“
„Das ist ja mal eine sehr interessante Frage!“, stellte William überrascht fest und war schon richtig gespannt, was Harry darauf antworten würde. Prompt errötete Harry.
„Super! Ach, doch so viel?!“, kam es enttäuscht von Jane.
„Entschuldigt mal, ich konnte ja nicht wissen, dass ihr Euch gleich morgen verdünnisiert! Mir wäre schon noch was eingefallen, schließlich passe ich ja nicht das erste Mal auf Marybeth auf!“, versuchte sich Harry zu verteidigen, was ihm jedoch nicht gelang und gänzlich fehlschlug. Denn Jane seufzte laut und verdrehte dabei theatralisch die Augen.
Während William erwähnte: „Ja, Du hast Recht, Du hast schon des Öfteren auf Marybeth aufgepasst! Danach hatten wir meist einen ganzen Monat zu tun, ihr die ganzen Flausen wieder auszutreiben, die Du ihr in den Kopf gesetzt hast …“
Harry erdolchte seinen Bruder daraufhin buchstäblich mit den Augen. Isabel hingegen konnte sich nur noch schwerlich ein Kichern verkneifen. Jane sah dies und grinste begeistert.
Nachdem Isabel eine Stunde später ihr Rotweinglas geleert hatte, machte sie sich auf den Weg zu ihrem Zimmer. Sie war müde und wollte morgen ausgeruht sein, wenn sie fast einen ganzen Tag mit Marybeth allein war. Kurz darauf folgte ihr Harry und auch Jane und William gingen bald danach zu Bett. Es herrschte allgemein eine friedliche Stimmung und das war das, was Jane und William dringend nötig hatten.
Kapitel 11
Schon früh um sieben hörte man Kindergetrappel auf der Treppe und im Flur. „Marybeth! Könntest Du bitte aufhören herumzurennen und alle Leute wach zu machen!“, rief William im lauten Flüsterton.
Mit einem breiten Schmunzeln gesellte sich Isabel mit auf den Flur. „Guten Morgen, Eure Hoheit.“
„Isabel …“
„Verzeihung, William“, korrigierte sich Isabel.
Zu Williams Überraschung war Isabel bereits komplett angezogen, er dagegen rannte noch im Morgenmantel durch die Gegend.
„Tante Bell, guten Morgen!!!“, jauchzte Marybeth.
„Hey, kleines Fräulein, sei mal ein bisschen leiser! Dein Onkel und ich glaube auch Deine Mami schlafen noch!“, schimpfte Isabel. Prompt zog Marybeth eine traurige Schnute. „Na los, komm mal mit; wir zwei gehen Dich jetzt für den Tag hübsch machen!“, sagte Isabel und nahm Klein Marie an die Hand und ging mit ihr in ihr Zimmer.
William war dankbar, denn auch er war noch nicht ganz wach. „Ich bringe Ihnen gleich die Sachen für Marybeth.“
„In Ordnung. Sie können sich dann ruhig auch noch ein wenig hinlegen. Marybeth und ich kommen schon klar“, erwähnte Isabel. „Hab ich Recht?“
„Au ja!“, rief Marybeth freudig.
William schmunzelte und ging kurz in sein Schlafzimmer, um Marybeth’ Sachen zu holen. Nachdem er diese Isabel gebracht hatte, nahm er sie beim Wort und legte sich noch für eine Stunde wieder zu seiner Frau. Als es um neun Uhr Frühstück gab, waren Jane und William völlig überrascht, dass neben Isabel und Marybeth sogar schon Harry am Frühstückstisch saß und gerade genüsslich in ein Marmeladenbrötchen biss. „Guten Morgen“, kam es von Harry mit vollem Mund.
„Na, sag mal!“, kam es daraufhin ermahnend von Isabel.
„’Tschuldigung!“, erwidere Harry rot anlaufend.
Marybeth lachte laut auf. „Mit vollem Mund spricht man nicht!“
Jane grinste und begrüßte Isabel freundlich.
„Guten Morgen, Jane. Hast Du gut geschlafen?“
„Ja, danke, sehr.“
„Vor allem, nachdem Marybeth aus dem Zimmer war …“, offenbarte William.
„Wills!“, beschwerte sich Jane.
Isabel schmunzelte nur und schnitt Marybeth das Brötchen in kleine Stücke, welche sie besser in die Hand nehmen konnte.
„Wie kommt es, dass Du schon auf bist?“, fragte kurz darauf William seinen Bruder.
„Als ob ich mich nun jeden Tag erst zum Mittag aus dem Bett bequeme! Hallo, kann es sein, dass auch ich so etwas wie einen Wecker besitze …“
„Wie? Du hast Dir einen Wecker gestellt? Mensch, Harry, was ist denn mit Dir los, bist Du krank?“, piesackte Jane ebenfalls ihren Schwager. Harry sah Jane böse an. Doch sie lachte nur.
„Na, das ist aber auch nicht nett, Harry so zu ärgern“, mischte sich Isabel mit ein.
„Ach, das kann er schon ab!“, sagte William. Harry zog eine Schnute.
Marybeth lachte laut los. „Onkel Harry, Du siehst jetzt aber komisch aus!“
„Na, wenn mich auch alle ärgern; und das am frühen Morgen!“
„Ich ärgere Dich nicht, ich hab Dich lieb!“, gestand Marybeth.
„Na, wenigstens einer.“
„Tante Bell hat Dich auch lieb!“ Prompt verschluckte sich Isabel an ihrem Kaffee. Harry klopfte ihr sogleich besorgt auf den Rücken. Isabel hob die Hand, um ihm Einhalt zu gebieten. Daraufhin grinste er nur verschmitzt und zwinkerte ihr zu. Isabel schloss für einen kurzen Moment die Augen und atmete tief durch.
„Okay, genug Quatsch gemacht! Jetzt wird vernünftig zu Ende gefrühstückt!“, ermahnte Jane.
„Tante Bell, was machen wir nach dem Essen? Spielst Du mit mir?“
„Aber natürlich, meine Kleine. Was möchtest Du denn spielen? Mit den tollen Spielsachen oben?“, fragte Isabel. Marybeth nickte freudestrahlend.
Während Isabel mit Marybeth im Kinderzimmer mit einer alten Puppenstube spielte, rief William seinen Bruder ins Arbeitszimmer. „Wills, Du hast nach mir gerufen? Was gibt’s?“
„Hast Du Dir heute Früh wirklich einen Wecker gestellt?“, war auch sogleich Williams erste Frage.
„Ja. Was ist denn daran so verwunderlich? Beim Militär stelle ich mir doch auch immer einen, warum dann nicht auch privat?!“
„Jane hat eher daran gedacht, dass Du ihn Dir nur wegen Isabel gestellt haben könntest …“, gestand William.
„Mischt ihr zwei Euch etwa schon wieder in mein Leben ein?“
„Natürlich nicht! Es fiel halt nur auf, weil Du sonst eben halt nicht gerade der bist, der vor eins aus den Federn kommt.“
„Aber doch auch nur, wenn ich die Nacht davor erst um fünf ins Bett gekommen bin!“, verteidigte sich Harry abermals. „Und das wolltest Du mich jetzt fragen?“
„Nein. Ich wollte wissen, was Du heute so machst? Thomas hat danach gefragt. Er kann sich schließlich nicht zweiteilen. Mister Buckle ist krank und Daniel wird sicherheitshalber mit uns mitkommen“, erklärte William ruhig. Harry nickte. Erwartungsvoll blicke William zu seinem Bruder herüber und wartete noch immer auf eine Antwort.
„Ich werde schon auf mich allein aufpassen können; zudem müsste in ungefähr einer Stunde auch Martin hier sein. Thomas soll also bei Marybeth und Isabel bleiben. Mehr als zehn Meter werde ich wahrscheinlich sowieso nicht vor das Haus gehen. Und wenn dann nur, um mit Marybeth eine Schnellballschlacht zu machen.“
„Aber nicht, dass ich heute Abend mit meiner Tochter zum Arzt fahren darf …“
„Wills, es reicht langsam! Warum behandelt mich eigentlich jeder in dieser Familie wie ein kleines Kind?“, beschwerte sich Harry.
„Vielleicht, weil Du Dich wie eins benimmst?!“, kam es kurzerhand von der Tür.
Verwirrt drehte sich Harry zu seiner Schwägerin um. „Habe ich Marybeth jemals irgendeiner Gefahr ausgesetzt?“, fragte Harry.
„Nein.“
„Also!“
„Es tut mir leid. Aber Du hast nun einmal oft Flausen im Kopf, wo jeder vernünftige Erwachsene den Kopf schüttelt“, versuchte Jane sich zu rechtfertigen.
„Ich genieße halt das Leben, das ist alles!“
„Aber Du weißt schon, dass Elisabeth das nicht gerne sieht?!“, mischte sich William wieder mit in das Gespräch.
Harry verdrehte genervt die Augen. „Ich werde schon noch eine passende Frau für mich finden. Wenn nicht heute, dann halt übermorgen. Sag das Elisabeth, wenn Du sie wieder sprechen solltest!“
„Sie meint es doch nur gut! Und macht sich Sorgen um ihren Enkel“, sagte Jane.
„Sie hat doch nur Angst davor, dass sie das nicht mehr miterlebt und ich eventuell an jemand Falsches geraten könnte …“
„Harry!“, rief William entsetzt.
„Meint ihr nicht auch, dass ich ganz gut auf mich allein aufpassen kann? Zumal nach der Sache mit Chelsy denke ich: Jetzt erst recht!“ William und Jane seufzten gleichzeitig. „Kümmert ihr Euch lieber um Eure eigenen Probleme! Soweit ich mich entsinnen kann: Wolltet ihr nicht heute irgendwo hin, um Euch genau darum zu kümmern?“, drehte Harry den Spieß nun um.
„Ja, ja …“, kam es von Jane. „Ach übrigens, Dein Bodyguard hat grad angerufen und lässt ausrichten, dass er später kommt: Er ist noch auf dem Flughafen; es sind wohl gerade alle Mietfahrzeuge vergriffen oder stecken irgendwo im Schnee fest.“
William grunzte, während Harry nur gelangweilt mit den Schultern zuckte.
„Na los, Jane, komm, lass den Dickkopf sich selbst über. Er hat Recht, wir zwei wollten wo hin und das machen wir nach dem Essen auch sogleich!“
Mit einem zuversichtlichen Lächeln nahm William seine Frau in die Arme und verließ mit ihr gemeinsam das Arbeitszimmer. Harry schüttelte amüsiert den Kopf und setzte sich spontan in den Sessel am Fenster. So konnte er sehen, wie Isabel und Marybeth im Garten einen kleinen Schneemann bauten. Doch als Harry genauer hinsah, entdeckte er, dass die Schneefigur gar kein Schneemann war, sondern ein kleines, sitzendes Pferd! Er war beeindruckt und sprang prompt wieder auf. Spontan griff er sich seine Winterjacke und ging nach draußen zu seiner Nichte und ihrem Kindermädchen.
„Das ist ja der Wahnsinn, was ihr zwei hier baut!“, waren auch sofort seine ersten Worte, als er bei ihnen ankam.
„Hat Tante Bell gemacht! Toll, nicht?“
„Ja, ein wahres Meisterwerk!“, bestätigte Harry. „Darf ich fragen, woher Du so etwas kannst? Wenn ich so etwas hätte bauen sollen; mehr als ein dicker Schneeklops wäre dabei nicht herausgekommen …“
Unweigerlich musste Isabel bei der Vorstellung lachen.
„Danke.“
„Entschuldige. Meine Mutter hat früher viel mit Knete modelliert“, erklärte Isabel anschließend.
„Darf ich Dich etwas fragen?“
„Ja?“ Wachsam blickte Isabel zu Harry auf.
„Hast Du nicht vielleicht doch Lust, heute Nachmittag mit Marybeth in den Ort zu fahren?“
„Das ist eine schöne Idee. So könnte ich mir auch gleich die Gegend ein wenig anschauen.“
„Au ja, in die Stadt fahren!“, kam es kurzerhand von Marybeth.
„Hättest Du etwas dagegen, wenn ich mitkomme? Ich könnte ein ortskundiger Wegbegleiter sein …“, erwähnte Harry hoffnungsvoll.
Unsicher sah Isabel zu ihrer Schneefigur herüber und danach zu Marybeth. Fragend blickte Marybeth zwischen Isabel und Harry hin und her. „Kommt Onkel Harry mit?“
Isabel seufzte. „Wenn Du das möchtest?!“
„Ja, oh ja!“, schrie Marybeth und hüpfte vor Freude, wobei sie stolperte und rücklings in den Schnee fiel. Unweigerlich mussten Harry und Isabel lachen.
„Was machst Du denn da? Komm mal wieder hoch“, sagte Harry und zog seine Nichte zurück auf ihre Füße, wo er ihr dann den Schnee aus den Sachen klopfte. Als Dankeschön erhielt er einen feuchten Schmatz von Marybeth.
Als Isabel das sah, konnte sie gar nicht anders und sagte: „Okay, Onkel Harry darf mitkommen. Aber nur, wenn er sich anständig benimmt!“
Prompt stand Harry vor Isabel stamm: „Zu Befehl!“ Marybeth lachte und bewarf kurz darauf ihren Onkel mit Pulverschnee.
„Oh, na warte, kleines Fräulein, jetzt bist Du fällig!“, rief Harry und rannte seiner Nichte hinterher, die machte, dass sie zum Haus kam. Kurz davor hatte Harry sie jedoch schon wieder gepackt und hob sie hoch über seinen Kopf. „So, und nun badet Marybeth in Schnee!“, rief Harry und tat so, als ob er seine Nichte in den nächsten Schneehaufen werfen würde. Marybeth schrie lauthals auf. Doch kurz vor dem Schnee hob Harry Marybeth wieder hoch über sich und ließ sie durch die Gegend fliegen. Marybeth lachte und amüsierte sich prächtig.
„Ja, fliegen, fliegen!“, rief sie.
„Wollen wir zu Tante Bell fliegen?“, fragte Harry, der gesehen hatte, dass Isabel noch immer vor dem Schneepferd saß und beide beobachtete.
„Ja! Tante Bell, ich komme!“, rief Marybeth und schon ging es im Sturzflug hinüber zu Isabel. Entsetzt sprang Isabel auf, denn sie wusste nicht, was Harry mit seiner Nichte jetzt vorhatte. Doch Harry lachte nur und hielt seine Nichte sicher im Arm.
„Na los, lasst uns wieder reingehen, es gibt, glaube ich, gleich Mittag?!“, sagte Isabel.
„Und was?“, fragte Marybeth, die nun auf Harrys Schultern saß.
„Na, bestimmt wieder Möhren!“, stänkerte Harry.
„Nein!“, schrie Marybeth aufgebracht.
„Ach Marybeth, lass Dich nicht ärgern! Soweit ich weiß, gibt es heute etwas Süßes.“
„Und was?“, fragte Marybeth neugierig.
„Hmmm, lassen wir uns doch einfach überraschen …“
Mit einem breiten Schmollmund erwiderte Klein Marie: „Überraschen ist blöd. Ich will das jetzt wissen!“ Und kaum hatte Harry seine Nichte abgesetzt, rannte sie auch schon, noch völlig bekleidet, los: „Tommy! Tommy! Was gibt’s zu essen? Tante Bell will mir nicht verraten, was!“
„Marybeth!“, rief Harry aufgebracht hinterher. Doch Marie hörte nicht darauf und rannte zur Küche. Dicht gefolgt von Isabel. Unweigerlich rannte nun auch Harry hinterher. Er wusste, dass es in der Küche nicht nur heiße Herdplatten gab, sondern auch spiegelglatte Fliesen. Er sah Marybeth schon hinfallen. Und so war es dann auch, noch bevor Isabel Marybeth erreichen konnte, lag sie auch schon auf dem Bauch und fing sofort laut an zu weinen.
„Oh nein!“, rief Isabel aufgebracht und hob Marybeth auf ihren Arm. Doch Marybeth weinte weiterhin.
Natürlich bekamen dies nicht nur Thomas, sondern auch Jane und William mit. Sofort waren alle zur Stelle. Harry sah seinem Bruder an, dass dieser Isabel sogleich zur Rechenschaft ziehen wollte. Doch Harry hinderte ihn daran. „Isabel kann nichts dafür, Marybeth hat sich einfach von mir losgerissen! Wenn Du also jemandem die Schuld geben willst, dann mir! Auch wenn ich es nicht verdient habe. Denn würde Deine Tochter hören, wenn man ihr etwas sagt, wäre das nicht passiert!“
Mit versteinerter Miene schluckte William seine Schimpftirade herunter und wandte sich stattdessen seiner Tochter zu: „Stimmt das, dass Du nicht gehört hast?“ Sofort hörte Marybeth auf zu weinen und sah ehrfurchtsvoll zu ihrem Vater herüber. „Willst Du gleich ins Bett?“
„Nein!“
„Und warum hörst Du dann nicht?“
„Wollte ich nicht, ’Tschuldigung!“, jammerte Marybeth und klammerte sich an Isabels Hals. Sie hatte Angst, dass ihr Vater weiter mit ihr schimpfen könnte.
Isabel strich Marybeth zärtlich über den Rücken und sagte dann: „Hörst Du beim nächsten Mal auf mich?“ Mit Schmollmund nickte Marybeth heftig. „Hast Du Dir wo wehgetan?“, fragte Isabel besorgt und setzte Marybeth ab.
„Mein Knie“, sagte Marybeth und zeigte mit dem Finger auf ihr rechtes Knie.
„So was kommt von so was!“, sagte William ernst.
Betrübt sah Marybeth zu Boden. „Ist ja schon wieder gut. Na los, geh mal zu Deiner Mama, die zieht Dich aus“, sagte Isabel beschwichtigend. Sofort rannte Marybeth zu ihrer Mutti.
„Langsam! Hör auf zu rennen!“, mahnte William.
Als Marybeth bei Jane angekommen war, sah sie erwartungsvoll zu ihrer Mutter auf. Doch auch Jane sah ihre Tochter böse an. „Das war nicht lieb von Dir, schäm Dich!“ Prompt fing Marybeth wieder an zu schluchzen. „Wehe Du weinst jetzt!“ Energisch schüttelte Marie ihren kleinen Kopf und hob die Arme. Sie wollte auf den Arm von ihrer Mutter. Dem konnte Jane trotz alledem einfach nicht widerstehen. Aber sie wusste, dass William seine Tochter jetzt nicht auf den Arm genommen hätte; sie hätte schön allein zu Fuß in ihr Zimmer laufen dürfen! William lächelte seine Frau an und schüttelte verständnislos den Kopf. Jane derweil zuckte nur entschuldigend mit den Schultern.
„Ihr seid schon ein lustiges Paar“, kam es kurzerhand von Harry.
„Was soll ich machen? Ich kann Jane keinen Wunsch abschlagen, und Jane ist ihrer Tochter gänzlich verfallen!“
„Sollte es nicht auch genauso in einer Beziehung sein?“, warf Isabel spontan in den Raum. Auch sie hatte die Blicke zwischen dem Ehepaar gesehen. Als William und Harry überrascht zu ihr herübersahen, errötete Isabel prompt und machte, dass sie aus der Küche kam. Sie hatte noch immer ihre Jacke und ihre Stiefel an.
Während Marybeth Mittagsschlaf hielt, machten sich William und Jane zu ihrem Ausflug auf und Isabel und Harry saßen in der Wohnstube und sahen in den Stadtplan, um zu schauen, wo sie hingehen könnten. Dabei kam es – rein zufällig natürlich – zu Berührungen ihrer Hände, wenn sie mit den Fingern die Straßen verfolgten. Immer dann zogen sie abrupt ihre Hände wieder an ihren Körper; mussten jedoch dann selbst über ihr kindisches Benehmen lachen.
Mit großen Augen blickte Harry zu Isabel herüber. Er hatte Schmetterlinge im Bauch und wusste nicht, wie er mit der Situation zurechtkommen sollte. Doch Isabel schien es ähnlich zu gehen, sie hatte ganz rosa Wangen und man konnte ihren Puls heftig am Hals schlagen sehen. Doch sie sagte nichts. Stattdessen versuchte sie sich wieder auf den Stadtplan zu konzentrieren. Am Ende entschieden sie sich, ins Zentrum des Ortes zu fahren und sich dann den historischen Ortskern anzuschauen. In der Nähe gab es auch einen Park mit einem kleinen Ententeich. Isabel hatte die Idee, dass Marybeth die Enten und Schwäne mit Brotkrumen füttern könnte. Harry war davon begeistert und schlug vor, dass man ja anschließend in ein Café gehen könnte, um dort ein Eis zu essen oder einen Kaffee zu trinken. Isabel war ebenfalls mit dem Vorschlag einverstanden und so gingen beide gemeinsam hoch zu Marybeth, um sie nach ihrem Mittagsschlaf wieder zu wecken.
Eine Stunde später kamen die drei im Ortskern an und liefen wie eine kleine Familie durch die Straßen und Gassen zwischen Fachwerkhäusern, Schaufenstern und Cafés zum Ententeich. Eine Ausnahme gab es jedoch trotzdem, denn Mister Christie folgte ihnen in gebührendem Abstand.
Marybeth war natürlich kaum mehr zu bremsen, als sie davon erfuhr, dass sie Enten füttern dürfe. „Aber fall mir bitte nicht in den Teich!“, rief Harry, als Marybeth mit einer kleinen Tüte, voll mit Brotkrumen, vorauslief.
„Nein, ich passe auf!“
„Versprochen?“
„Versprochen!“, rief Marybeth und rannte los. Mister Christie unweigerlich sogleich hinterher.
Harry und Isabel grinsten und folgten ihnen in gemächlichem Schritt durch den Park.
„Isabel, ich muss Dir noch etwas erzählen. Ich hoffe nur, dass Du mich danach nicht gleich umbringst?!“, sagte Harry plötzlich in die eingetretene Stille. Entsetzt blickte Isabel zu Harry herüber und schluckte schwer. Sie hatte keine Ahnung, was nun schon wieder kommen würde. Um aber Marybeth – trotz Mister Christie – im Auge behalten zu können, bat sie Harry, erst damit herauszurücken, wenn sie beide auf einer Bank am Teich sitzen würden.
Kaum saßen sie, schaute Harry auch schon bedrückt zu Isabel herüber. Tief durchatmend erwiderte Isabel Harrys Blick. „Na los, was willst Du mir beichten?“
„Nicht nur Du hast Deine Mutter angelogen. Auch Du wurdest belogen.“ Fragend sah Isabel zu Harry. „Ich habe vor kurzem Deine Mutter getroffen und sie hat mir ein wenig aus Deinem Leben erzählt. Dabei kam heraus, dass Du vor noch nicht allzu langer Zeit Deinen Mietraum verloren hast und Du nur deswegen so schlecht auf mich zu sprechen bist.“
„Und weiter?“
Harry schluckte. „Deine Mutter und ich haben einen Deal geschlossen: In dem Haus, in dem Du jetzt Deine Kindertagesstätte hast, die Räumlichkeiten habe ich Dir ermöglicht.“
„Ich weiß“, kam es knapp von Isabel, die statt zu Harry zu Marybeth schaute.
Unschlüssig sah Harry auf das Profil von Isabel. „Du weißt Bescheid?“
„Ja. Du hast Dich selbst verraten, damals in der Disco.“ Überrascht schaute Harry mit großen Augen Isabel an. Daraufhin erklärte sie: „Als wir in dem Büro waren, sagtest Du, dass Du mir viel Spaß bei der Betreuung meiner sechs Kinder wünscht. Zu dem Zeitpunkt wussten allerdings nur meine Mutter und ich davon, dass ich sechs Kinder statt nur fünf betreue. Da war mir sofort klar, dass Du irgendetwas mit der Middleroad zu tun hast. Am liebsten hätte ich an diesem Abend alles hingeschmissen …“
„Oh Gott, nein!“, kam es entsetzt von Harry.
„Du kannst Dich bei meiner Mutter bedanken, dass ich es nicht getan habe. Sie hat mich echt zugetextet und nur Deine guten Seiten hervorgehoben. Sie hat mir erzählt, dass Du für den Abriss des Hauses in der Jonesstreet nichts kannst und mit der Wohnungsbaugesellschaft auch sonst nichts zu tun hast.“
„Das ist richtig! Mein Onkel ist dort Geschäftsleiter. Wenn ich Deine Mutter an dem einen Wochenende nicht durch Zufall getroffen hätte, hätte ich auch noch nicht einmal gewusst, dass Du Deine Arbeitsstätte verloren hast. Doch ich wollte Dir wenigstens einen kleinen Gefallen tun, nachdem ich Dir schon so viel Leid zugefügt habe“, sagte Harry offen.
„Man kann auch übertreiben! Welches Leid solltest Du mir denn schon zugefügt haben, außer dass Du in mein Leben gestolpert bist und alles ein wenig durcheinandergebracht hast?“
„Ich habe zum Beispiel Deine Spieluhr zu Bruch gehen lassen …“
„Sie war schon vorher kaputt. Eines der Kinder hatte mit einem Stofftier die Spieluhr vom Regal geworfen und das Gehäuse zerstört. Ich hatte gehofft, dass der Spielzeugmacher eventuell ein neues Glas für die Uhr hätte. Hatte er aber leider nicht“, erzählte Isabel.
„Aber was ist mit der Musikwalze?!“
„Die Musikwalze spielt schon lange nicht mehr, da die Nase abgebrochen ist. Doch daran war ich selbst als kleines Mädchen schuld: Ich habe die Spieluhr rückwärts statt vorwärts angekurbelt. Obwohl mir meine Oma, als sie mir die Spieluhr damals geschenkt hatte, sagte, dass ich das nicht machen soll, da sonst die Nase abbricht. Und wie Kinder nun einmal sind …“
„Musstest Du es trotzdem ausprobieren“, setzte Harry den Satz fort. Isabel nickte. „Trotzdem, die Porzellanfigur ging nur durch mich kaputt!“, beharrte Harry.
„Das ist richtig, aber es war ja eh schon alles zu spät, da kam es jetzt auf den Schwan auch nicht mehr an.“
„Es tut mir aber trotzdem leid!“
„Schon in Ordnung. – Marybeth! Komm, die Enten haben jetzt genug. Lass uns weiterlaufen. Was hältst Du von einem Eis?“
„Au ja!“, rief Marybeth begeistert und kam sofort zu Isabel und Harry angelaufen. Sie nahm beide an die Hand und gemeinsam gingen sie zurück zum Ortskern. In einem kleinen Café setzten sie sich in eine gemütliche Couchecke und während Marybeth ein Eis löffelte, tranken Isabel und Harry einen Tee und unterhielten sich weiter.
„Isabel, darf ich Dir eine indiskrete Frage stellen?“, kam es plötzlich ohne Ankündigung von Harry. Isabel sah entsetzt auf. Harry lief prompt rot an. Er hätte sich am liebsten sofort die Zunge abgebissen, denn er hatte seinen Gedanken laut ausgesprochen. „Verzeihung …“
„Was willst Du wissen?“, fragte Isabel stattdessen.
„Nichts, war mir nur so rausgerutscht“, versuchte Harry die Situation wieder zu retten.
„Das glaube ich Dir nicht! Außerdem würde es mich schon interessieren, welche indiskrete Frage Du mir stellen wolltest. Ich kann Dir ja zur Not immer noch die Antwort verweigern.“ Harry war völlig perplex von Isabels Courage und Ausgeglichenheit trotz seines Faux Pas. „Ich kann mir übrigens schon fast denken, was Du wissen willst: Dich interessiert, wie es dazu kam, dass meine Mum in einem Rollstuhl sitzt!“, kam es kurzerhand von Isabel. Harry stand nur fragend der Mund offen. Unweigerlich musste Isabel schmunzeln. „Ich habe gesehen, wie Du eben die Frau auf der Straße beobachtest hast, die auch in einem Rollstuhl sitzt. Meine Mutter ist seit einem Motorradunfall querschnittsgelähmt. Sie ist gelernte Kinderkrankenschwester und kam eines Abends vom Spätdienst. Sie hatte es eilig und wollte den letzten Bus nach Hause kriegen und lief ohne zu gucken über eine Straße und dabei wurde sie von einem Motorradfahrer erfasst.“
Harry schluckte. „Das tut mir leid.“
„Dafür kannst Du doch nichts! Doch seitdem ist zu Hause vieles anders geworden bzw. hat sich mein Vater verändert. Meine Mutter ist im Grunde noch immer die, die sie war; schließlich war sie selbst, ihrer Ansicht nach, an dem Unfall schuld“, erzählte Isabel ruhig weiter.
„Du sagtest, Dein Vater hat sich verändert. Inwiefern; wie war er denn vorher? Wenn ich fragen darf?“
„Er ist kaltherzig und distanziert und behandelt seine Liebsten nicht immer gerade sanft. Früher hat er alles nur Erdenkliche getan, damit meine Mutter und ich glücklich sind. Er hat es uns an nichts fehlen lassen; vor allem nicht an Liebe. Doch er kommt bis heute nicht mit der Situation zurecht und gibt sich die Schuld, dass er meine Mutter an dem Abend nicht abgeholt hatte. Denn immer, wenn es die Zeit zuließ, hat er das früher getan.“
„Und wie kommst Du mit der Situation zurecht?“
„Nun ja, als kleines Mädchen habe ich es nicht ganz verstanden, da die Veränderung von heute auf morgen kam. Als mein Vater mich immer und immer wieder abwies, brach für mich eine Welt zusammen und ich habe viel geweint. Aber ich habe mich, wie meine Mutter, mit der Zeit damit arrangiert. Ändern konnten wir eh nichts daran. Trotzdem fühle ich mich manchmal elend und verstehe nicht, wie meine Mutter alles so gut meistert. Ich wäre wahrscheinlich schon durchgedreht oder hätte mir das Leben genommen.“
„Isabel!“, rief Harry aufgebracht.
Isabel zuckte nur mit den Schultern. „Tja, nicht jeder ist so stark wie meine Mum … Aber lass uns jetzt bitte von etwas anderem reden, okay?“, bat Isabel.
Harry nickte und wandte sich dann an seine Nichte: „Marybeth, bist Du fertig?“
„Ja!“
„Und hat es geschmeckt?“
„Ja!“
„Kannst Du auch noch etwas anderes, außer ‚Ja‘, sagen?“, fragte Isabel. Marybeth und Harry lachten auf. „Wollen wir dann weiter?“
Abermals sagte Marybeth: „Ja.“
„Und wo möchte das Fräulein hin?“, setzte Harry an.
„Weiß nicht?“
„Hmmm, ich glaube, ich habe vorhin ein Schild mit einem Hinweis auf ein Spielzeugmuseum gesehen. Wollen wir ins Spielzeugmuseum?“, fragte Isabel.
Darmowy fragment się skończył.