Czytaj książkę: «Soziologie verstehen»

Der Autor und die Autorin
Thomas Kron, geb. 1970, promovierte 2000 und schloss 2005 seine Habilitation ab. Seit 2007 ist er Universitätsprofessor für Soziologie an der RWTH Aachen. Aktuell umfassen seine Forschungsgebiete die Soziologische Theorie (insbesondere System- und Handlungstheorien) und die Gewalt- und Konfliktforschung. Hierbei nutzt Thomas Kron die Fuzzy-Logik zur Modellierung u. a. zur Analyse von Terrorismus, Unsicherheit, Hybridität, Gewalt und Kultur.
Christina Laut, geb. 1991, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der RWTH Aachen. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die Soziologische Theorie (insbesondere Systemtheorie und Poststrukturalismus) sowie (computer-)vermittelten Kommunikation, Anonymität im Netz und die Modellierung von Kommunikation mittels Netzwerkanalyse.
Thomas Kron, Christina Laut
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islieb- und isfies-Comics © Eylou, https://islieb.de und https://isfies.de.
1. Auflage 2022
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-036861-3
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-036862-0
epub: ISBN 978-3-17-036863-7
Vorwort
Mit dem vorliegenden Lehrbuch »Soziologie verstehen – eine problemorientierte Einführung« möchten wir Menschen, die sich für die Soziologie interessieren, einen roten Faden durch diese Wissenschaft anbieten. Wenn Sie diesem Faden bis zum Ende folgen, werden Sie verstehen, worum es der Soziologie als Wissenschaft geht.

Das Entstehen dieses Buches hat eine längere Vorgeschichte. Die Idee hierzu hatte ich bereits 2005 nach vielen Diskussionen mit Informatikern im Rahmen eines Forschungsprojekts zur »Sozionik«.1 Während dieser Zeit hat die Forscher:innengruppe rund um Uwe Schimank2 an der FernUniversität in Hagen, deren Teil ich sein durfte, die Frage diskutiert, was die Soziologie erklärt (Schimank/Greshoff 2006). Von Informatiker:innen kann die Soziologie viel lernen. Diese Frage wurde deshalb auch an die Informatiker in dem Projekt weitergegeben: Wann ist für Euch etwas erklärt? Die Antwort lautete: Wenn ein Problem gelöst wurde, dann ist es erklärt.
Diese Antwort hat mich irritiert: Kann das etwa auch für die Soziologie gelten? Welche Probleme löst die Soziologie denn eigentlich? Welche Probleme soll sie lösen? Löst sie Probleme, die die Gesellschaft hat?3 Oder löst sie die Probleme, die ihr bei der Untersuchung der Gesellschaft in den Blick geraten? Diese Fragen hat die Soziologie nicht eindeutig beantwortet. Und sie gibt auch keine einhellige Antwort auf die Frage, was ihr als eine Erklärung gilt.
Solche Vagheiten sind typisch für die Soziologie. Und, nicht überraschend, ist Vagheit dementsprechend eine typische Erfahrung von Studierenden der Soziologie. Fragt man diese nach einem Jahr des Soziologiestudiums, was die Soziologie insgesamt will, dann erntet man in der Regel nicht mehr als ein Achselzucken. Das deckt sich mit meiner Erfahrung während meines eigenen Soziologiestudiums. Damals, noch im Magisterstudiengang, wurde mir insbesondere von Richard Münch4 (1994a) die Soziologie als ein historischer Ablauf der wichtigsten Gedanken und Theorien von den 1850er Jahren bis zur Gegenwart präsentiert. Zugleich blieb mir lange verborgen, was denn der soziologische rote Faden durch alle diese klugen Gedankengebäude sein mag. Gibt es den einen roten Faden überhaupt?
Schon in dieser Zeit meines Studiums habe ich an der Lehre von Uwe Schimank teilgenommen. Bereits im ersten Seminar präsentierte Schimank die Soziologie als einen großen, faszinierenden Werkzeugkasten. Diesen Werkzeugkasten hat er (2000) später in seiner »akteurtheoretischen Soziologie« aus einem Guss vorgelegt. Mit Werkzeugen repariert man Dinge, baut etwas auf oder bringt etwas an – allgemeiner: Mit Werkzeugen löst man Probleme. Der schimanksche Werkzeugkasten enthält also bereits starke Hinweise auf jene Probleme, die die Soziologie löst.5 Der Titel des dazugehörigen Buches drückt dies auch aus: Es geht um Handeln und Strukturen. Anders formuliert: Es geht um das Handlungsproblem und um das Ordnungsproblem, wie bereits Jeffrey C. Alexander6 (1982) in seiner Einführung in die Soziologie dargelegt hatte.
Beide Lehransätze von Münch und Schimank habe ich bei der Übernahme meiner Professur an der RWTH Aachen in der Veranstaltung zur Einführung in die Soziologiezur Anwendung gebracht. Das heißt, ich habe die Werkzeuge anhand von »Handeln und Strukturen« präsentiert, ergänzt um die ausführlichere Darstellung einzelner Theorien in ihrem historischen Kontext wie in Münchs »Sociological Theory«. Zugleich hat sich rasch herausgestellt, dass dies immer noch nicht dazu führt, den Studierenden einen hinreichend roten Faden soziologischen Denkens zu präsentieren.
Thomas Kron
Die Schwierigkeiten zu erkennen, worum es der Soziologie als Wissenschaft insgesamt geht, hatte ich ebenfalls. Ich habe diese Veranstaltung von Thomas Kron ›genießen‹ dürfen – inklusive der Frage nach dem Gesamtzusammenhang der Soziologie. Wenn ich mich an jene ersten Semester zurückerinnere, war mit den Inhalten der Veranstaltung zwar der Grundstein für die soziologische Begeisterung gelegt: Das Angebot, auch alltägliche Erfahrungen in Schemen und Muster überführen zu können, hat mitunter zu Aha-Erlebnissen geführt. Das hat Lust auf mehr gemacht! Nichtsdestotrotz schien mir der Zusammenhang zwischen unterschiedlichen Ansätzen und Theorien oftmals ungeklärt oder diffus. Wenigstens war es die Unterscheidung zwischen sog. »Mikro«- und »Makro«-Zuständen des Sozialen, die den Anschein erweckte, alles Soziologische zu ordnen. Anhand dieser umstritten Unterscheidung von Mikro//Makro7 habe ich gemeinsam mit meinen damaligen Kommiliton:innen versucht, die Zusammenhänge der unterschiedlichen Theorien herzuleiten. Dieses Unterfangen ist allerdings sehr anspruchsvoll, da es ein profundes theoriehistorisches Wissen voraussetzt, das üblicherweise eher im fortgeschrittenen Studium erworben wird.
Mit dem »soziologischen Survival-Sixpack« (Schimank/Kron/Greshoff 2002) von Hartmut Esser8 (1999–2001) wurde mir von Kron in der Einführungsvorlesung zwar ein Angebot gemacht, wie sich die verschiedenen Werkzeuge und historisch relevanten Theorien in ein Modell integrieren lassen. Zugleich war damit die studentische Verwirrung nicht aufgehoben, sondern nur verschoben. Denn das Angebot von Esser ist ein integrales Modell neben anderen Modellen, die ebenfalls integrale Ansprüche hegen, sich selbst mitunter als Supertheorien etikettieren und ebenfalls sehr gute Argumente aufführen. Und leider widersprechen sich diese integralen Theorien und Modelle oftmals. Wäre mir nur eine dieser Theorien und Modelle in der Lehre präsentiert worden, hieße das, mich zu zwingen, mich für eine Theorie zu ›entscheiden‹ und alle anderen abzulehnen bzw. gar nicht erst kennenzulernen. Dieses Entweder-Oder in der Theoriewelt der Soziologie ist nie der Aachener Weg der Soziologie gewesen. Dort gebührt insbesondere Paul B. Hill9 das Verdienst, darauf bestanden zu haben, dass den Studierenden die Soziologie nicht direkt zu Anfang mit einer Verengung präsentiert wird. Die Perspektivenvielfalt der Soziologie wird als ein wertvolles Gut gesehen und die Studierenden sollten vielmehr selbst in die Lage versetzt werden zu entscheiden, auf welches Werkzeug und welche (integrale) Theorie sie im Laufe ihres Studiums setzen wollen oder eben nicht.
Christina Laut
Diese Lehranschauung beizubehalten bedeutet wiederum, dass die Beantwortung der Frage, welche Probleme die Soziologie denn nun löst, als Leitfaden einer Einführung in die Soziologie nicht an Attraktivität verliert, im Gegenteil. Die Problemorientierung kann, so unsere Annahme, einen roten Faden durch die Soziologie ziehen, dem dann die verschiedenen soziologischen Ansätze, Theorien, Modelle usw. zugeordnet werden können. Auf diese Weise lässt sich die typische Verwirrungserfahrung des Soziologiestudiums mildern.
So reizvoll uns diese Annahme erschienen ist, so schwierig war sie für uns umzusetzen. Die Rede von dem Handlungs- und Ordnungsproblem hat sich als zu allgemein herausgestellt. Mindestens können diese Probleme in sechs differenziertere Probleme unterteilt werden, nämlich in die Fragen
1. wie Handlungen durch die Gesellschaft geprägt werden,
2. wie die Handlungen durch die Menschen ausgewählt werden und
3. wie Handlungen zusammenwirken.
Und es kann gefragt werden,
4. wie gesellschaftliche Ordnungen entstehen,
5. wie sie sich stabilisieren und
6. wie sie sich wandeln.
So plausibel uns diese Aufteilung zunächst erschien, sind wir damit doch erst mal in weitere Schwierigkeiten hineingeraten. Es ist uns z. B. sofort aufgefallen, dass die Antworten auf diese Fragen miteinander verwoben sind, was die Darstellung mindestens erschwert. Wenn man bspw. davon ausgeht, dass die Gesellschaft die Handlungen der Menschen prägt, dann unterstellt man ja bereits, dass es eine gesellschaftliche Ordnung gibt. Die Entstehung dieser gesellschaftlichen Ordnung ist aber zugleich nicht ohne jene Handlungen zu erklären, die sich als geprägt herausstellen. Dies ist wohl das Henne-Ei-Problem der Soziologie. Uns bleibt die Hoffnung, mit dem vorliegenden Lehrbuch einen guten Umgang mit diesem Problem gefunden zu haben. Der Begriff der Problemorientierung ist hier also mehrdimensional, denn er betrifft die Probleme der Soziologie sowie die Probleme der Darstellung der Soziologie.
Eine weitere Herausforderung ist der Zwang zur Begrenzung. Die Idee für dieses Lehrbuch ist, sich praktisch in der Lehre im Rahmen einer Einführung in die Soziologie zu bewähren, in der überwiegend Studierende des ersten Semesters sitzen. Dafür standen an der RWTH Aachen einst im Magisterstudiengang vier Semester zur Verfügung. Durch die Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge wurde diese Einführung letztlich auf ein Semester verkürzt.10 Daraus folgt die Unumgänglichkeit, sich zeitlich und sachlich zu beschränken und tatsächlich auf Probleme zu konzentrieren. Es ist eine problemorientierte Einführung. Wollten wir zu diesen Problemen gleichermaßen alle soziologischen Lösungen angemessen präsentieren, dann wäre dies ein sehr dickes Buch für eine viersemestrige Einführungsveranstaltung geworden. Schön, aber nicht hilfreich für unsere aktuelle Praxis. Wir präsentieren demnach eine Auswahl von soziologischen Lösungen zu den Problemen und stellen diese recht verkürzt dar.
Zugleich soll damit sehr deutlich angemerkt sein: Das vorliegende Lehrbuch ersetzt kein anderes Lehrbuch. Ausdrücklich empfehlen wir die bereits genannten Lehrbücher von Hartmut Esser, Richard Münch und Uwe Schimank. Wer diese Bücher alle gut durcharbeitet, erhält einen hervorragenden Überblick über die Soziologie. Und selbstverständlich sind dies nicht die einzigen sehr nützlichen Einführungen in die Soziologie. Wer sich gut umschaut, findet noch sehr viele andere hervorragende Werke. Das vorliegende Lehrbuch versteht sich ausdrücklich als Ergänzung zu all diesen Einführungen. Es hilft, einen roten Faden durch die Soziologie zu ziehen. In diesem Sinne gilt der Titel: »Soziologie verstehen«. Erste Ergebnisse aus den Vorlesungen, die entlang dieser Struktur gehalten wurden, stimmen uns jedenfalls hoffnungsvoll, dass dies gelungen ist.
Im Laufe dieser Zeit haben wir verschiedenste Aspekte mit unterschiedlichen Personen diskutiert. Ihnen allen sind wir zu Dank verpflichtet. Leider ist es unmöglich, diese alle hier namentlich einzeln aufzuführen. Wir picken lediglich einige Menschen heraus, mit denen besonders viel diskutiert wurde: Neben den o. g. Personen sei aus dem Hagener Team rund um Uwe Schimank Lars Winter hervorgehoben, mit dem Aspekte zu den gesellschaftlichen und soziologischen Problemen sowie zur Erklärung der Soziologie ausgefochten wurden. Aus Aachen haben Lena M. Verneuer-Emre konstruktive und Bettina Mahlert sehr kritische Impulse gegeben. Einen besonderen Dank ist den Studierenden der Soziologie an der RWTH Aachen geschuldet, die an der Einführungsvorlesung teilgenommen und diese sowohl wohlwollend als auch kritisch bewertet haben. Ganz besonders hilfreich sind uns die Kommentare, Anmerkungen und Hinweise von folgenden Menschen gewesen, die das Buch vorab gelesen haben: Ralf Becker, Sven Graumüller, Betim Kai Gecaij, Marina Langohr, Daniel Scherer, Torsten Stephan, Anna-Maria Weihrauch, Benjamin Wittorf. Diese hervorragende Idee, Nicht-Soziolog:innen das vorliegende Buch auf Verständlichkeit prüfen zu lassen, verdanken wir Aladin El-Mafaalani. Viele ihrer Anregungen sind in dieses Lehrbuch eingeflossen. Alles das, was unverständlich geblieben ist, ist natürlich uns zuzurechnen.
Ein ganz besonderer Dank geht an Eylou, den großartigen Zeichner der islieb- und isfies-Comics11, die wir hier verwenden dürfen! Wir sind selbst große Fans und können nur empfehlen, in den Fan-Club einzutreten!
Zu guter Letzt: Wir danken den Mitarbeiter:innen vom Kohlhammer Verlag für die Unterstützung in allen Belangen!
Thomas Kron & Christina Laut
1 Es handelte sich um ein Schwerpunktprogramm der Deutschen Forschungsgemeinschaft, in dem Soziologie und Informatik interdisziplinär kooperiert haben. Das Hagen-/Dortmunder-Projekt hat unter dem Titel »Untersuchungen zur Dynamik sozialer Systeme anhand der Simulation komplexer, adaptiver Agenten« firmiert.
2 Uwe Schimank, geboren 1955, ist Professor für Soziologie. Ein Großteil des vorliegenden Lehrbuchs schließt an Schimanks Einführung in die akteurtheoretische Soziologie »Handeln und Strukturen« (2000) an bzw. übernimmt von ihm wesentliche Argumente.
3 Unsere Antwort ist: Ja, die Soziologie löst Probleme, die die Gesellschaft hat. Das bedeutet, die Soziologie kümmert sich nicht nur ausschließlich um das, was sie anhand von Theorien in den Blick bekommt, sondern sie nutzt, dass sie selbst Teil der Gesellschaft ist und diese zugleich soziologisch beobachtet (mithin: sich selbst soziologisch beobachtet). Dies mag erkenntnistheoretisch schwierig sein. Zugleich wäre der Versuch, gesellschaftliche Probleme zu ignorieren, wenn diese nicht in soziologische Sichtapparaturen passen, ebenfalls nicht einfach.
4 Richard Münch, geboren 1945, ist Professor für Soziologie und galt lange als relevantester Vertreter der parsonsschen Theorie in Deutschland.
5 Es wundert nicht, dass wir etliche von Schimanks Vorschlägen hervorragend übernehmen und für unsere Zwecke hier einsetzen können.
6 Jeffrey C. Alexander, geboren 1947, ist US-amerikanischer Soziologe und einer der führenden Sozialtheoretiker und Vertreter der Kultursoziologie.
7 Wir verwenden die doppelten Bindestriche »//« im Folgenden als Unterscheidungsmerkmal. Die Anregung dazu verdanken wir Ben von https://ueberschriften.de.
8 Hartmut Esser, geboren 1943, ist emeritierter Professor für Soziologie und Wissenschaftslehre mit einem Forschungsschwerpunkt zur theoretischen Integration der Sozialwissenschaften.
9 Paul B. Hill, geboren 1953, war Professor für Soziologie an der RWTH Aachen mit dem Schwerpunkt Methoden der empirischen Sozialforschung.
10 Dies betrifft nur die Vorlesung als Veranstaltungsform. Die weitere Vermittlung der Einführung in die Soziologie wird an der RWTH zu Beginn des Soziologiestudiums in seminaristischer Form geleistet.
11 https://islieb.de und https://isfies.de.
Inhalt
1 Vorwort
2 1 Einleitung
3 2 Wie wir es miteinander zu tun bekommen
4 2.1 Konstellationen
5 2.1.1 Beobachten
6 2.1.2 Beeinflussen
7 2.1.3 Verhandeln
8 2.2 Zusammenfassung
9 3 Ordnung, nirgendwo
10 3.1 Koordination
11 3.2 Kooperation
12 3.3 Konflikt
13 3.4 Zusammenfassung
14 4 Soziale Strukturen stabilisieren gesellschaftliche Ordnung
15 4.1 Handlungshervorbringung
16 4.2 Handlungsaufprägung
17 4.3 Bewertungsstrukturen
18 4.3.1 Handlungshervorbringung durch Sozialisation
19 4.3.2 Moderne Werte
20 4.3.3 Zusammenfassung
21 4.4 Erwartungsstrukturen
22 4.4.1 Institutionen und Normen
23 4.4.2 Soziale Rollen
24 4.4.3 Soziale Drehbücher
25 4.4.4 Rollengestaltung
26 4.4.5 Rollenkonflikte
27 4.4.6 Identität
28 4.4.7 Handlungsaufprägung durch Zuschreibung
29 4.4.8 Macht (und Herrschaft)
30 4.4.9 Zusammenfassung
31 4.5 Deutungsstrukturen
32 4.5.1 Wissen ist Herrschaft
33 4.5.2 Der Markt und der homo oeconomicus
34 4.5.3 Das Handlungsproblem
35 4.5.4 Aufprägung, Hervorbringung oder Auswahl von Handlungen?
36 4.5.5 Zusammenfassung
37 4.6 Konstellationsstrukturen
38 4.6.1 Wo alle Strukturen zusammenkommen: Gruppe
39 4.6.2 Wo alle Strukturen zusammenkommen: Habitus
40 4.6.3 Zusammenfassung
41 5 Wie wandelt sich die Gesellschaft?
42 5.1 Wandel durch Bewertungsstrukturen
43 5.2 Wandel durch Deutungsstrukturen
44 5.2.1 Wandel durch Deutungsstrukturen nach Simmel
45 5.2.2 Wandel durch Deutungsstrukturen
46 5.3 Wandel von Erwartungsstrukturen
47 5.4 Wandel durch Konstellationsstrukturen
48 5.5 Ein Wandel kommt selten alleine!
49 5.5.1 Wandel bei den Wikingern
50 5.5.2 Moderner Wandel
51 5.6 Zusammenfassung
52 6 Nix bliev wie et Wor
53 Literatur
1 Einleitung
Womit beschäftigt man sich in einem Studium der Soziologie? Der Studienführer der Zeitschrift ZEIT Campus12 beantwortet die Frage so:
Soziologie
Soziolog:innen … untersuchen, wie sich Menschen in der Gesellschaft verhalten.
Darum geht es
Egal, ob am Arbeitsplatz, in Schulen, beim Sport oder auf Dating-Portalen wie Tinder: Soziolog:innen untersuchen sämtliche Aspekte sozialen Handelns. Sie wollen wissen, wie sich Menschen in gesellschaftlichen Gruppen verhalten und welchen Einfluss sie dabei aufeinander nehmen.
Wir werden im Folgenden zeigen, dass diese Darstellung grundsätzlich nicht richtig ist. Zugleich ist diese Betrachtungsweise auch nicht ganz falsch. Und da sind wir auch schon mitten in den üblichen Schwierigkeiten und den wunderbaren Herausforderungen der Soziologie für die Studierenden. Worum es der Soziologie geht, kann man ganz unterschiedlich darstellen. Und je nachdem, welche Darstellung man wählt, sieht die Antwort etwas anders aus. Man kann sich bspw. anschauen, welche wichtigen theoretischen Beiträge es innerhalb der Soziologie gibt und die Theorien im historischen Verlauf rekonstruieren (so z. B. Münch 1994a). Oder man schaut sich die theoretischen und empirischen Themen an, mit denen sich die Soziologie beschäftigt (Joas/Mau 2020). Oder man rückt alle Themen und Theorien unter eine spezifische Perspektive (so Esser 1993, 1999–2001). Alle diese Zugänge haben ihre Berechtigung. Zugleich erscheint die Soziologie im Lichte dieser und weiterer Lehrbücher wie ein Kaleidoskop, das immer andere Dinge präsentiert, wenn man es dreht.
Wir möchten dieser Multi-Perspektivität, die im Fach selbst durchaus umkämpft ist, einen weiteren Sichtwinkel hinzufügen. Damit erhöhen wir zwar einerseits das Spektrum möglicher Betrachtungsweisen der Soziologie, zugleich bietet unsere Perspektive eine gewisse Vereinfachung an. Wir fragen nämlich: Welche Probleme will die Soziologie lösen?
Dies ist eine zugegebenermaßen ziemlich technische Herangehensweise. Wir hören schon jene Kolleg:innen, die da rufen: Wir wollen keine Probleme lösen, sondern soziale Sachverhalte beschreiben und erklären. Okay, zugleich haben auch andere Wissenschaften durchaus Erfolg damit, sich auf Probleme zu konzentrieren. Und schon der erste Blick auf die Probleme, die die Soziologie lösen möchten, ist durchaus spannend, denn dann wird sofort erkennbar, dass es der Soziologie nicht um das Verhalten von Menschen geht, wie der o. g. Studienführer suggeriert! Der Soziologie geht es nämlich um die Beschreibung und Erklärung kollektiver Erscheinungen. Die Soziologie möchte also nicht wissen, weshalb ein einzelner Mensch arm ist, ein bestimmter Mensch in den Krieg zieht oder bestimmte Wertvorstellungen hat. Die Soziologie interessiert sich dafür, wie man Ungleichheit, Kriege oder Werte als kollektive Phänomene erklärt. Ganz allgemein geht es der Soziologie also um Probleme gesellschaftlicher Ordnung.
Zugleich gilt: Wenn wir uns soziologisch mit gesellschaftlichen Ordnungsproblemen beschäftigen, dann sehen wir, dass wir für die Antworten kaum ohne Menschen auskommen. Denn es ist zunächst ja fraglich, weshalb überhaupt gesellschaftliche Ordnungsprobleme auftauchen können. Die etwas ausweichende Antwort darauf ist, dass unsere Welt kein Schlaraffenland ist – jener Ort, an dem die Menschen keine gesellschaftliche Ordnung benötigen, weil die gebratenen Hähnchen dort vom Himmel direkt in den Mund fallen, und in dessen Flussbetten Milch, Honig oder Wein statt Wasser fließen. Das Schlaraffenland als Metapher bedeutet, dass die Menschen sich nicht darum kümmern müssen, wie sie ihrem Bedürfnis der Nahrungsaufnahme nachkommen können, weil dieses Bedürfnis – so wie jedes andere Bedürfnis auch – schlicht dann erfüllt wird, wenn es auftaucht. Die Bedürfniserfüllungen fallen dort quasi alle vom Himmel. Wenn dies der Fall ist und alle Bedürfnisse automatisch für alle Menschen erfüllt sind, dann braucht es keine gesellschaftliche Ordnung. Nun ist eine solche Automatik aber unmöglich.
Zwar weisen alle Menschen einen mehr oder weniger gleichen Satz an Bedürfnissen auf. Zugleich sind die Menschen aber durchaus kreativ darin, unterschiedliche Strategien zu entwickeln, wie man diese Bedürfnisse erfüllen kann. Wer Hunger hat, kann als eine Strategie zur Erfüllung des Bedürfnisses nach Nahrung ggf. gebratene Hähnchen essen. Jedoch stehen nicht für alle Menschen weltweit gebratene Hähnchen zur Verfügung. Diese Ressource ist also knapp. Man muss demnach schauen, dass man genug Lebensmittel für möglichst alle Menschen erzeugt und diese entsprechend verteilt. Dabei sind die Menschen in der einen oder anderen Art und Weise aufeinander angewiesen. Und genau diese Angewiesenheit aufeinander erzeugt Probleme.
Probleme gesellschaftlicher Ordnung gibt es, weil die Menschen es miteinander zu bekommen, wenn sie versuchen, ihre verschiedenen Bedürfnisse mit unterschiedlichen Strategien zu erfüllen.
Und weil es im Schlaraffenland dieses aufeinander Angewiesensein nicht gibt und sich die Menschen nicht in die Quere kommen, gibt es dort auch keine Probleme gesellschaftlicher Ordnung. Die Menschen sind es, die jene Energien liefern, aus denen Probleme gesellschaftlicher Ordnung resultieren, die dazu anhalten, kollektive Lösungen aufzurufen. Und wenn Menschen Ordnungsprobleme erzeugen, weil sie es miteinander zu tun bekommen, dann muss die Soziologie zur Erklärung der Entstehung dieser Probleme die Menschen in ihrem »Miteinander-zu-tun-bekommen« berücksichtigen. Und vermutlich müssen Menschen auch an irgendeiner Stelle zur Erklärung der Lösungen jener Probleme berücksichtigt werden, die ohne Menschen nicht entstanden wären. Kurz: Die Soziologie interessiert sich für gesellschaftliche Probleme und Lösungen und kommt zur Erklärung dieser Probleme und Lösungen nicht an Menschen vorbei.
12 https://www.zeit.de/campus/studienfuehrer-2017/studienfaecher-soziologie-studium (zuletzt abgerufen am 05.02.2021).
2 Wie wir es miteinander zu tun bekommen
»Die Hölle, das sind die anderen« – diesen berühmten Satz von Jean-Paul Sartre können wir so verstehen, dass die Hölle als das Gegenteil des Schlaraffenlandes dadurch entsteht, dass es die anderen Menschen gibt, mit denen wir es immer wieder zu tun bekommen.
Handelndes Zusammenwirken
Für dieses »Miteinander-zu-tun-bekommen« verwenden wir den Begriff des »handelnden Zusammenwirkens« (Schimank 2000: 186). Mit dieser Begrifflichkeit wird zum einen klarer, dass nicht eine einzelne Handlung alleine zur Beantwortung der gesellschaftlichen Ordnungsfragen eine Rolle spielt. Es müssen immer mehrere Handlungen sein, die aufeinander wirken. Und zum anderen gibt es eine Wirkung, um die es uns geht. Und diese für uns relevante Wirkung entsteht dadurch, dass sich Handlungen in die Quere kommen. Wir brauchen von den Menschen also erst mal nicht mehr zu betrachten als ihre Handlungen.
Gedanken, Hormone, Blutkreisläufe usw. spielen keine Rolle für die Soziologie. Wir bezweifeln selbstverständlich nicht, dass Menschen denken und durch Hormone und Blutkreisläufe oder ähnliches beeinflusst sind. Diese Dinge sind Randbedingungen des Handelns, so wie es Luft und Magnetismus braucht, damit Menschen überhaupt handeln können. Aber auf diese Dinge müssen wir nicht schauen, weil Gedanken und Blutkreisläufe nicht handelnd zusammenwirken. Handlungen wirken zusammen. Wenn zwei Menschen etwas übereinander denken, dann bleiben die Gedanken in ihren Köpfen und wirken nicht unmittelbar aufeinander ein. Auch die Blutkreisläufe bleiben getrennt, selbst wenn ein Blutdruck mal hoch- oder runtergehen sollte. Der andere Blutkreislauf ist davon nicht direkt betroffen. Ein Zusammenwirken geschieht erst dann, wenn die Gedanken die Köpfe verlassen (was sie natürlich an sich nie, sondern ausschließlich kommunikativ tun) und sich erhitztes Blut in Handlungen übersetzt (in Körperbewegungen, Sprache, Mimik usw.).
Der Begriff des »handelnden Zusammenwirkens« ist zudem etwas präziser als der ebenfalls gebräuchliche Begriff der Wechselwirkung, der als ein Grundbegriff der Soziologie von Georg Simmel13 gilt. Simmel wollte die Soziologie als eine Wissenschaft verstanden wissen, die die Aufgabe hat, »die Formen des Zusammenseins von Menschen zu beschreiben und die Regeln zu finden, nach denen das Individuum, insofern es Mitglied einer Gruppe ist, und die Gruppen untereinander sich verhalten« (Simmel 1989a: 118). Simmel betont damit, dass gesellschaftliche Phänomene weder aus dem Handeln des einzelnen Menschen noch aus einer anderen übersozialen Einheit heraus erklärt werden kann:
»Man steht z. B. bezüglich der Sprache nicht mehr vor der Alternative, dass sie entweder von genialen Individuen erfunden oder von Gott den Menschen gegeben ist; in die Religionsgebilde braucht sich nicht mehr die Erfindung schlauer Priester und die unmittelbare Offenbarung zu teilen usw. Vielmehr glauben wir jetzt die historischen Erscheinungen aus dem Wechselwirken und dem Zusammenwirken der Einzelnen zu verstehen, aus der Summierung und Sublimierung unzähliger Einzelbeiträge, aus der Verkörperung der sozialen Energien in Gebilden, die jenseits des Individuums stehen und sich entwickeln« (Simmel 1992: 15; Herv. TK/CL).
Ein Alltagsbeispiel mag diese Exempel der »Verkörperung der sozialen Energien in Gebilden« ergänzen.
Beispiel: Fußball
Die mitreißende Stimmung in einem Fußballstadion ist weder ausschließlich das Ergebnis des Jubels der Fans noch ist das Fußballspiel an sich mitreißend. Erst wenn die Fußballer:innen auf dem Platz mit den Fans auf den Rängen in bestimmter Weise wechselwirken, also etwa durch abgestimmte Fangesänge oder mittels der Koordination der Namensaufrufung bei Auswechselungen der Spieler:innen durch die Stadionsprecher:innen, dann kann eine mitreißende Stimmung entstehen, die bei den einzelnen Menschen wie bei dem Ganzen wiederum Gefühle einer »kollektiven Ekstase« hervorrufen. Diese Ekstase ist ein kollektives Phänomen und entsteht durch Wechselwirkung bzw. durch handelndes Zusammenwirken.
Menschen und ihr Zusammenwirken sind für Simmel jene Inhalte, die mit ihrem Wechselwirken vielfältige Formen der Vergesellschaftung erzeugen. Später hat er diese Unterscheidung von Wechselwirkungen (Inhalte) und Vergesellschaftung (Formen) durch die Unterscheidung von Leben und Form ersetzt, weshalb man Simmel auch als »Lebenssoziologen« (Berger/Kron 2017) bezeichnen kann. Im Anschluss an Simmel hat es verschiedene Versuche gegeben, Wechselwirkungen – also die Dynamiken des handelnden Zusammenwirkens – dadurch zu analysieren, indem man sie kategorisiert. Die Kategorisierung der Wechselwirkungen resultiert dann in dem Aufzählen bestimmter gesellschaftlicher Formen und Prozesse des handelnden Zusammenwirkens. Simmel selbst hat insbesondere in seiner sog. »großen Soziologie« von 1908 einige solcher typischen »Vergesellschaftungsformen« präsentiert, etwa den Streit, die Konkurrenz, die Über- und Unterordnung oder räumliche Ordnungen. Leopold von Wiese (1966) dürfte derjenige Soziologie sein, der im Anschluss an Simmel diese Art der »formalen Soziologie« am weitesten getrieben hat. Von Wiese hat diese »Formalisierung« – verstanden als Verallgemeinerung der Aussagen über Wechselwirkungen und nicht in dem strengen Sinne der Übertragung in eine formale Sprache wie die Mathematik – als Kategorisierung fortgeschrieben. Er unterscheidet dabei Wechselwirkungen zunächst nach Beziehungen erster und zweiter Ordnung. Zu den Beziehungen erster Ordnungen gehören Beziehungen des Zu- und Miteinanders sowie des Aus- und Ohneeinanders und Mischformen aus beiden. Zu den Beziehungen zweiter Ordnung gehören differenzierende Prozesse, integrierende Prozesse, zerstörende Prozesse und »umbildend-aufbauende« Prozesse. Jede dieser basalen Kategorien wird wiederum in weitere Kategorien unterteilt und mit verschiedenen exemplarischen Prozessen versehen. So unterteilt von Wiese die Beziehungen des Zu- und Miteinanders etwa in allgemeine Beziehungen, Annäherung, Anpassung, Angleichung und Vereinigung. Die integrierenden Prozesse z. B. werden in Gleichmachen, Ein-/Über-/Unterordnung und Sozialisierung unterschieden.
Insgesamt ergibt sich hieraus bei von Wiese eine »Tafel der menschlichen Beziehungen in soziologischer Betrachtung«, die sowohl hilfreich als auch wenig fruchtbar ist: Als eine Art Setzkasten ist sie hilfreich, denn vermutlich dürfte das meiste handelnde Zusammenwirken dort unterzubringen sein. Zugleich sind damit ausschließlich Beispiele des handelnden Zusammenwirkens exemplarisch benannt. Man kann dann zwar konkrete Beobachtungen einordnen, aber die Kategorien selbst sind nur begrenzt generalisierbar. Es ist grundsätzlich fraglich, ob es soziale Kategorien gibt, die alle Zeit überdauern, weil sich Gesellschaften permanent wandeln, wie wir noch sehen werden. Es ist also wahrscheinlich, dass neue gesellschaftliche Phänomene entstehen, für deren soziologische Beschreibung man neue Kategorien benötigen würde, wollte man den Setzkasten von Wieses verwenden. Das bei von Wiese aufgeführte »Proletarisieren« bspw. wird heutzutage nicht als zerstörerischer Prozess eingeschätzt. Auch wenn viele Kategorien bei ihm plausibel erscheinen, beseitigt dies nicht die fundamentale historische Vergänglichkeit seiner Kategorien von Formen und Wechselwirkungen – es könnte eben auch anders sein bzw. ist auch schon mal anders gewesen. Es verwundert wenig, dass sich von Wieses Soziologie nicht hat durchsetzen können, wenngleich man etwa die soziologische Netzwerkanalyse als eine ähnliche, auf Formen ausgerichtete Forschungsrichtung verstehen könnte.14
Die Soziologie interessiert sich also für kollektive Phänomene, die durch handelndes Zusammenwirken von Menschen entstehen. So ganz kommt die Soziologie demnach nicht um das Handeln der Menschen herum. Wichtig für die Soziologie sind dabei die unterschiedlichen Formen und Mechanismen des handelnden Zusammenwirkens. Einige Formen und Mechanismen wollen wir in diesem Buch aus verschiedenartigen theoretischen Perspektiven darstellen. Die Rolle des handelnden Menschen kann in diesen Betrachtungen ganz divergent ausfallen. Im Gegensatz zu Simmel hat insbesondere Max Weber15 das handelnde Zusammenwirken nicht nur auf die Untersuchung gesellschaftlicher Formen begrenzen wollen, sondern eine systematische Verbindung zu einer Analyse des Handelns gezogen. Wenn Weber von Handlung spricht, dann meint er nicht eine »instinktive« Körperbewegung, etwa wenn ich »Aua« schreie, weil ich mir den kleinen Zeh am Tischbein gestoßen habe. Das wäre Verhalten. Handlung ist für Weber immer sinnhaft aufgeladen. Gemeint ist damit jener durchaus berühmt gewordene Sinnbegriff, dessen Abfrage in keiner Soziologieprüfung zu Beginn des Studiums fehlen darf:
»Sinn ist hier entweder a) der tatsächlich α. in einem historisch gegebenen Fall von einem Handelnden oder β. durchschnittlich und annähernd in einer gegebenen Masse von Fällen von den Handelnden oder b) in einem begrifflich konstruierten reinen Typus von dem oder den als Typus gedachten Handelnden subjektiv gemeinte Sinn. Nicht etwa irgendein objektiv ›richtiger‹ oder ein metaphysisch ergründeter ›wahrer‹ Sinn« (Weber 1980: 1).
Auf diesen subjektiv gemeinten Sinn kommen wir noch genauer zu sprechen. Bis hierhin ist subjektiver Sinn das, was Menschen mit ihrem Tun beabsichtigen. Wenn Menschen sich in diesem Sinne sinnhaft verhalten, dann handeln sie. Hier genügt es zunächst zu wissen, dass Weber Handeln auf der einen und soziales Handeln auf der anderen Seite unterscheidet. Seine nicht weniger berühmte Definition zum sozialen Handeln lautet weiter:
»Soziales Handeln […] soll ein solches Handeln heißen, welches seinem von dem oder den Handelnden gemeinten Sinn nach auf das Verhalten anderer bezogen wird und daran in seinem Ablauf orientiert ist« (Weber 1980: 1).
Statt die Wechselwirkungen in ihren Ausformungen zu kategorisieren, gibt Weber darüber Auskunft, wie Menschen zusammenwirken, nämlich indem sie jeweils ihren subjektiven Sinn auf das Verhalten anderer Menschen beziehen und sich daran in dem Handlungsablauf orientieren. Wenn ich mich also auf das Verhalten anderer Menschen beziehe und prüfe, inwieweit mir deren Verhalten nützlich ist, dann könnte ich diesen Menschen z. B. auf dem Markt ein Angebot machen, weil ich vermute, dass es sich um potentielle Käufer:innen handeln könnte – dann ist das soziales Handeln. Und dieses soziale Handeln kann sich fortsetzen, wenn die anderen Menschen in der Folge anfangen, mit mir zu feilschen, also ebenfalls ihr Handeln sinnhaft auf mich beziehen und daran orientieren.
Diesem Wie des Zusammenwirkens wollen wir nun weiter auf den Grund gehen. Dabei werden wir sehen, dass die Soziologie zwischen formaleren (wie Simmel) und inhaltlicheren (wie Weber) Darstellungen changiert bzw. darum bemüht ist, die Balance zwischen beiden Betrachtungsweisen zu finden. Es geht uns zunächst darum darzustellen, wie das Handeln mehrerer Menschen mit- und aufeinander wirkt. In einem weiteren Schritt werden wir dann schauen, was als kollektives Ergebnis dabei rauskommt, wenn Menschen handelnd zusammenwirken.
2.1 Konstellationen
Bei Uwe Schimank (2000; vgl. Kron 2010: 17 ff.; Kron/Winter 2009) nimmt das handelnde Zusammenwirken im Rahmen seiner »akteurtheoretischen Soziologie« eine wichtige Scharnierfunktion zwischen individuellem Handeln und sozialen Strukturen ein. Handelndes Zusammenwirken meint weiterhin bei ihm in etwa dasselbe wie bei Weber das soziale Handeln, also eine Art des Miteinander-zu-tun-Bekommens, indem der eine Mensch sich am anderen Menschen (an dessen Verhalten oder Handeln) sinnhaft orientiert. Diese Orientierung am Anderen muss nicht direkt geschehen, die Menschen müssen sich nicht von Angesicht zu Angesicht begegnen und die Handlungen müssen auch nicht direkt aufeinander einwirken. Es genügt, dass Menschen sich gedanklich vergegenwärtigen, dass das (eventuell auch unterlassene) Handeln der anderen Menschen in irgendeiner Weise – sei es störend, sei es unterstützend oder ermöglichend – eine relevante Einflussgröße für das eigene Handeln darstellt. Es genügt z. B., dass ich mir vorstelle, dass andere Autofahrer:innen dieselbe Strecke fahren wollen wie ich, um mich einen anderen Weg nehmen zu lassen. Meine Vorstellung muss objektiv gesehen gar nicht richtig sein. Es genügt die pure Unterstellung eines Einflusses von anderen Menschen. Die Menschen gehen schlicht davon aus, dass das, was sie handelnd umsetzen möchten, von dem Verhalten oder dem Handeln anderer Menschen abhängt. Es liegen dann sog. »Intentionsinterferenzen« (Schimank 2000: 186 ff.) vor: Überlagerungen der eigenen Absichten mit dem Verhalten oder Handeln anderer Menschen. Und diese Intentionsinterferenzen fordern die Menschen zu einer Abarbeitung auf. Die Überlagerungen können zu Problemen werden, mit denen die Menschen umgehen müssen. Genau dies ist es, was Weber als »soziales Handeln« definiert hatte. Menschen machen sich Gedanken, was andere Menschen wohl denken und tun werden – und sie richten ihr eigenes Handeln danach aus. Die Menschen stellen so gesehen gegenseitig füreinander eine besondere Art Umgebung dar: keine ansonsten interessenlose Natur, sondern eine reflexions- und handlungsfähige Umgebung. Eine soziale Umgebung.
Diese soziale Umgebung führt zur Notwendigkeit sozialen Handelns, weil wir viele Bedürfnisse nur mit Strategien erfüllen können, die wir nicht komplett alleine wie im Schlaraffenland kontrollieren, sondern wo wir eben mit anderen Menschen interferieren.
Beispiele für bedürfnisorientiertes soziales Handeln
Wenn ich Hunger habe, als Strategie zur Bedürfniserfüllung ein Brötchen essen möchte und zugleich kein Brötchen habe, dann muss ich in der Bäckerei ein Brötchen kaufen. Die Bäckerei kontrolliert jene Ressource, an der ich ein Interesse habe. Zugleich hat die Bäckerei ein Interesse an anderen Ressourcen und eine Strategie, um an diese Ressourcen zu gelangen, ist der Gelderwerb, weil man mit Geld verschiedenste Ressourcen erwerben kann. Ich habe Geld als Ressource, an der wiederum die Bäckerei ein Interesse hat.
Ein anderes Beispiel für soziales Handeln als Konsequenz von bedürfnisorientierten Intentionsinterferenzen: Ich möchte an einem Fahrstuhl einem entgegenkommenden Menschen ausweichen, weil mir meine körperliche Unversehrtheit wichtig ist. Dieser andere Mensch scheint – aus meiner Sicht – rechts an mir vorbei zu wollen. Also halte ich nach links. Aber was tut er? Er schwenkt auch nach links. Und schon ist es geschehen, die Kollision der Körper droht. Und warum? Die Antwort liegt auf der Hand: Weil ich nicht alleine unter Kontrolle habe, was das Ergebnis meines Handelns ist. Ob wir aneinander vorbeikommen oder nicht, ist also keine Frage von rechts oder links oder der individuellen Interessen und Möglichkeiten bzw. Bedürfnisse und Strategien alleine, sondern zudem davon abhängig, was der andere Mensch jeweils plant und tatsächlich tut.
Die ›Anderen‹ beim sozialen Handeln können konkrete einzelne und dem Handelnden bekannte Personen, aber auch »unbestimmt Viele und ganz Unbekannte« sein, wie Weber ergänzte. Für das soziale Handeln reicht es auch aus, dass die Menschen nur vorgestellt, reine Phantasieprodukte oder Menschenansammlungen bzw. komplette soziale Gebilde oder Prozesse sind: strafende Götter oder die ›Geschichte‹, das ›Deutsche Volk‹ oder die Fakultät.
2.1.1 Beobachten
Damit sich Menschen wechselseitig derartig in Rechnung stellen können, müssen sie sich zunächst einmal wahrnehmen. Der elementarste Typ einer Konstellation des handelnden Zusammenwirkens ist somit die Beobachtungskonstellation (Schimank 2000: 226 ff.). Menschen beobachten sich – nicht immer, aber oftmals wechselseitig – und passen sich an diese Beobachtung (wiederum manchmal wechselseitig) an. Die Menschen nehmen wahr, dass die mit ihrem Handeln verbundenen Absichten, etwa im Rahmen einer Strategie zur Erfüllung ihrer Bedürfnisse, von dem Handeln anderer Menschen abhängen.
Beispiel: Markt
Ein Beispiel für diese beobachtete Abhängigkeit sind die Preise am Markt. Diese Preise sind nicht nur Auszeichnungen des Warenwerts, sondern zugleich Symbole für wechselseitige Beobachtungen der Konsument:innen. Denn Preise hängen nicht nur von der Qualität des Produkts und noch nicht mal von dem tatsächlichen Kaufverhalten ab, sondern auch davon, wie wir uns alle wechselseitig in unserem Kaufverhalten wahrnehmen. Preise spiegeln diese wechselseitige Beobachtung wider. In ähnlicher Weise sind die Ergebnisse demokratischer Wahlen nicht ausschließlich eine Frage guter oder schlechter Parteipolitik, sondern ebenfalls die Konsequenz der Beobachtung, welcher Partei andere Wähler:innen ihre Stimme geben. Auch das Flair einer Innenstadt ist nicht nur dem Vorhandensein bestimmter Geschäfte geschuldet, sondern dass wir uns wechselseitig beim Flanieren vor diesen Geschäften beobachten – und beobachten, dass und wie wir uns beobachten.
Die Dynamik innerhalb von Beobachtungskonstellationen erfolgt in der Regel über diese »wechselseitige Anpassungen« (»mutual adjustment«) der Menschen aneinander: Jede:r passt sich an das Handeln der anderen Menschen und an das kollektive Resultat des handelnden Zusammenwirkens an. Ein typisches Beispiel ist hierfür die Mode (vgl. Simmel 1995).
Beispiel: Mode
Eine Mode entsteht u. a. dadurch, dass die Menschen sich wechselseitig darauf ›abchecken‹, was an Kleidungsstücken zu tragen besonders positiv bewertet wird. Im Laufe der Zeit können sich dann durch pures wechselseitiges Anpassen beim Beobachten bestimmte »Attraktoren« herausbilden, solche Punkte, auf die sich die Menschen in ihrer Handlungswahl fokussieren. Mal also enge Hosen, dann wieder Hosen ›mit Schlag‹ oder eine bestimmte Farbgebung der Kleidung.
Schon in der Mode wird offensichtlich, dass Beobachtungskonstellationen normalerweise dynamisch sind und nicht über die Zeit gleichbleiben. Veränderungen werden vor allem durch »Abweichungsverstärkungen« (Schimank 2000: 235 ff.) bewirkt. Das bedeutet, ein Impuls, der nicht der aktuellen Dynamik der Beobachtungskonstellation entspricht, wird noch gesteigert und rückgekoppelt.
Beispiel: Mode
In der Mode etwa mögen dunkle Farben der aktuellen Mode entsprechen. Plötzlich werden helle Farbtöne ins Spiel gebracht und von einigen Menschen (oftmals Influencer:innen oder andere Prominente) bevorzugt, z. B. weil die Abweichung vom gewöhnlichen Kleidungsstil die eigene Individualität betont. Die Massenmedien und Social Media geben ein entsprechendes Feedback und spiegeln den neuen Kleidungsstil mit einer Bewertung an alle Menschen zurück. Eine positive Bewertung bedeutet dann zugleich eine positive Rückkopplung, an die dann wiederum alle die Mode beobachtenden Menschen anschließen können. Der ursprüngliche Impuls kann derart verstärkt werden, dass irgendwann alle Menschen sich in hellen Farbtönen kleiden, bis dies ›normal‹ geworden ist (siehe Durkheim 1995). Dann können neue Abweichungsverstärkungen wirken.
Solche Abweichungsverstärkungen sorgen dafür, dass die Dinge sich über die Zeit ändern, wie etwa an der Sprache deutlich wird, wenn einige Begriffe – z. B. ›geil‹ oder ›fett‹ – erst in einigen Milieus benutzt werden und sich dann von da aus in weitere Gruppen ausbreiten und von immer mehr Menschen verwendet werden, die von der ursprünglichen Bedeutung der Worte abweichen.
Es kommt manchmal der Punkt, an dem eine Abweichungsverstärkung einen Schwellenwert erreicht und sich recht lange stabil hält. Am Beispiel der Sprache kann man sehen, dass bestimmte Worte irgendwann Allgemeingut sind, in den Duden aufgenommen werden und sich dann auch sehr lange nicht mehr ändern. Es hat dann ein »Lock-in« stattgefunden. Abweichungen können demnach als alternative Pfade, als Abgabelungen eines eingeschlagenen Weges verstanden werden. Betritt man einen solchen Pfad, können damit Abhängigkeiten einhergehen, die vorher so nicht absehbar gewesen und manchmal kaum mehr umkehrbar sind: Ohne dass dies logisch zwingend wäre, geschieht ein »Lock-in«, etwa wenn die Partygäste das einmal gemeinsam gefundene Thema nicht mehr verlassen können. Der Grund für die an sich unwahrscheinliche Stabilität liegt darin, dass nicht nur Abweichungsverstärkungen, sondern zugleich auch Abweichungsdämpfungen wirksam sein können. Abweichungsdämpfungen (Schimank 2000: 235 ff.) bewahren die Menschen davor, von dem bestehenden Zustand abzuweichen. Wer z. B. in einer Rockergruppe von der Norm, eine bestimmte Kutte zu tragen, abweichen möchte, der/die muss sich wohl auf Abweichungsdämpfungen etwa in Form von Sanktionen einstellen. Auch Gesetze, informelle Regeln, soziale Kontrollen usw. haben normalerweise die Funktion der Abweichungsdämpfung, das heißt, sie sorgen für Stabilität. Sie haben allgemeine Abschreckungswirkung selbst für diejenigen, die noch nicht als abweichend auffällig geworden sind und es auch nicht werden, wenn sie sich abschrecken lassen. Wie für Beobachtungskonstellationen allgemein, gilt auch für Abweichungsdämpfungen normalerweise die antizipierte Reaktion der anderen Menschen auf die ins Auge gefasste Abweichung, um von der Umsetzung der Handlung dann doch lieber abzusehen. Rocker können angeblich hart zuschlagen.
2.1.2 Beeinflussen
Sobald die Menschen versuchen, gegebene Beobachtungskonstellationen zu nutzen, um absichtlich auf das Handeln beobachteter Menschen einzuwirken, handelt es sich um eine Beeinflussungskonstellation. Auf Grundlage der Beobachtung wird versucht, die Handlungsmöglichkeiten des bzw. der anderen Menschen zu beeinflussen, sei es bspw. durch Androhung von Schlägen, durch Überzeugungskraft guter Argumente oder durch Anreize wie Geld oder Lob. Das Ziel der Beeinflussung liegt darin, andere Menschen zu einem bestimmten, innerhalb einer gewissen Bandbreite von Möglichkeiten liegenden Handeln zu bewegen, das einem selbst nützlich ist.
Beispiele: Kinder und Eltern
Wenn Kinder z. B. das Bedürfnis nach Nahrungsaufnahme haben, dann können sie versuchen, ihre Eltern so zu beeinflussen, dass diese etwas Leckeres kochen. Dies muss nicht auf eine Einschränkung der Handlungsoptionen des anderen Menschen hinauslaufen, sondern kann im Gegenteil auch deren Handlungsausweitung beinhalten. Dies geschieht z. B. dann, wenn Kinder das elterliche Bedürfnis nach Anerkennung strategisch nutzen, um diese zum Kochen zu bewegen (»Du kochst immer sooo lecker, Papa!«). Auch Erziehung hat in der Regel das Ziel, den Kindern zu mehr Handlungsautonomie und Handlungswirksamkeit verhelfen zu wollen, indem die Eltern sich mittels Beeinflussungen der Kinder darum bemühen, z. B. deren Selbstbewusstsein zu stärken. Therapien, Coachings etc. zielen in dieselbe Richtung der Erweiterung des Handlungsspielraums durch Beeinflussung.
Die wichtigsten Mittel, um auf andere Menschen Einfluss auszuüben, sind Geld, Gewalt, moralische Appelle, Macht (in anderer Form auch Sympathie, Charisma, Lob usw.), Selbstbindungen und soziales Kapital (›Vitamin B‹). Ganz allgemein wird man diese Mittel als Sanktionen einsetzen, also belohnen oder bestrafen. Diese Sanktionen wirken über verschiedene ›Kanäle‹, indem man sie den anderen Menschen von außen aufzwingt (Macht, Geld) oder diese Mittel so einsetzt, dass die Belohnung oder Bestrafung intrinsisch wirken, z. B. indem er oder sie sich durch Argumente überzeugen lässt oder aufgrund moralischer Appelle ein schlechtes Gewissen bekommt (siehe Parsons 1980: 147) (
Abb. 1).

Abb. 1: Beeinflussungsmedien
Diese Beeinflussungsmittel setzen an der genannten Sinnhaftigkeit des Handelns an, um auf diese Weise den Einfluss handlungswirksam zu machen. So kann man im mehr oder weniger expliziten Wissen um den Sinn der Handlungen Einfluss auf andere Menschen ausüben, indem man z. B. deren Bedürfnisse und Strategien zur Bedürfniserfüllung in das eigene Beeinflussungskalkül einrechnet.
Beispiele: Kinder und Eltern
Wenn ich weiß, dass mein Kind den leckeren Schokoladenpudding als Nachtisch essen möchte, weil es noch Hunger hat, dann kann ich dies nutzen und diesen leckeren Nachtisch als Belohnung für ein aufgeräumtes Kinderzimmer in Aussicht stellen. Ansonsten gäbe es ja auch noch gesundes Gemüse gegen den Hunger. Ich könnte das Kind für das Zimmeraufräumen natürlich auch extra bezahlen oder mit einer WLAN-Sperre drohen, falls das nicht passiert. Eventuell ist Ordnung als wichtiger Wert in dieser Familie auch schon von allen Familienmitgliedern derart verinnerlicht, dass der Hinweis auf ein mögliches schlechtes Gewissen genügt, um zum Aufräumen zu bewegen. Und selbst ein hochgradig egoistisches Kind mag man beeinflussen durch die Erinnerung daran, dass das Aufräumen des Zimmers einen nützlichen Vorteil auch für das Kind darstellt. Denn wenn die Eltern nicht zusätzlich dessen Zimmer aufräumen müssen, haben sie die notwendige Zeit, um Schokoladenpudding zu kochen.
Wichtig ist zum einen, dass die Wahl der Beeinflussungsmittel dem Sinn des Handelns der anderen Menschen, die beeinflusst werden sollen, entsprechen bzw. mindestens nicht widersprechen. Denn wer Liebe einsetzt und einen nur am Geld interessierten Menschen vor sich hat, kann das Beeinflussungsziel leicht genauso verfehlen, wie jemand, der/die an Solidarität appelliert, obwohl der andere Mensch im Feindschaftsmodus ist. Bei einem Entscheider brauche ich nicht an dessen schlechtes Gewissen zu appellieren und von einer Herrscherin brauche ich keine Unterwürfigkeit zu erwarten. Zudem müssen die Einflusspotentiale in Beeinflussungskonstellationen nicht gleich verteilt sein. Die Asymmetrie von Einflussmöglichkeiten dürfte sogar der Normalfall sein, weil entweder die gesellschaftlichen Strukturen keine Gleichheit zulassen, wie dies z. B. in hierarchisch strukturierten Organisationen der Fall ist, oder die Menschen verfügen schlicht nicht über die gleichen Kapitalien, das heißt, nicht über die gleiche Menge an Geld, Freund:innen, Bildung usw. (bzw. die Qualität der Ressourcen unterscheiden sich). Zudem macht die Dynamik von Beeinflussungen aus, dass diese auf die Konstellation selbst zurückwirken kann, wodurch sich die Beeinflussungschancen zugunsten oder -ungunsten eines Menschen oder einer Gruppe verschieben können. Wenn aus der Mitarbeiterin eine Vorstandsvorsitzende wird, verändert dies nachhaltig ihr Einflusspotential auf ihre vorherigen Vorgesetzten. Aus den mehr oder minder zufälligen wechselseitigen Abhängigkeiten zwischen den Menschen können also immer Chancen der Beeinflussung erwachsen. Gerade die Asymmetrien in den Einflussmöglichkeiten treiben oftmals die Interaktionen an, z. B. in einer Mutter-Kind-Beziehung, in der die Mutter scheinbar zunächst mehr Macht und mehr Möglichkeiten hat als das Kind, das Kind aber auf die Selbstansprüche der Mutter zurückwirkt, bspw. auf den von der Mutter an sich selbst gerichtete Anspruch, stets die Hauptverantwortliche für die Betreuung des Kindes zu sein. In ähnlicher Weise drückt die starke formale Macht von Vorgesetzten gegenüber den Angestellten nicht alles an Macht aus, die in dieser Beziehung ausgeübt wird, weil ein erhebliches Beeinflussungspotential ebenfalls bei den Angestellten liegt, die z. B. mit ›Dienst nach Vorschrift‹ drohen können.
Die Dynamiken von Beeinflussungskonstellationen können sehr komplex werden. Und je nach neu entstandener Situation kann anderer Handlungssinn, können andere Bedürfnisse und Strategien wirksam werden. Schon zwischen zwei Menschen können Mehrfach-Überlagerungen vorherrschen. Das heißt, es bestehen zugleich z. B. Interessen an verschiedenen Dingen, die erst einmal nichts miteinander zu tun haben, außer dass sie bei diesen beiden Menschen zugleich vorkommen.
Beispiele: Partnerschaft
Ich mag vielleicht zur Entspannung gern in Ruhe puzzeln, wozu ich meine Partner:in als Unterstützung benötige, weil ich nicht gut puzzeln kann. Mein:e Partner:in mag gerne laut Heavy Metal hören und findet meine Schallplattensammlung dazu sehr geeignet. Als Paar müssen wir dann ruhiges, gemeinsames Puzzeln und das laute Abspielen meiner Schallplatten miteinander abstimmen.
Je mehr Menschen in einem Kontext involviert sind, desto mehr solcher Mehrfach-Überlagerungen können entstehen. Zweckbündnisse, Seilschaften und andere Zuordnungen sowie das Auftauchen ganz besonderer Einfluss-Konstellationen (inklusive Herrscher:innen, Schlichter:innen, Publikum usw.) formen die Beeinflussungskonstellationen zusätzlich, was wiederum das handelnde Zusammenwirken noch unübersichtlicher macht.
Bislang haben wir mit den akteurtheoretischen Überlegungen von Uwe Schimank zwei generelle Arten des handelnden Zusammenwirkens präsentieren können: Beobachtungs- und Beeinflussungskonstellationen. Zusammenwirken wird bereits durch das gegenseitig unterstellte Beobachten anderer Menschen hervorgebracht. Wir haben dies am Beispiel der Mode beschrieben. Zudem haben wir gezeigt, dass die gegenseitige Beeinflussung durch entsprechende Mittel (bspw. Geld, Macht oder Liebe) eine weitere Form des Zusammenwirkens darstellt. Aus diesem Grund stellen wir nun jene spezifische Betrachtungsweise des handelnden Zusammenwirkens dar, die an diese Überlegungen anknüpft und mit deren Hilfe aufgrund einfacher Annahmen sehr klare Schlussfolgerungen zu ziehen möglich ist: die sog. Spieltheorie.
Spieltheorie
Die Spieltheorie ist eine Methode, die unterstellt, dass beim Spielen das Ergebnis nicht davon abhängt, was ein:e Spieler:in alleine tut. Sondern beide Spieler:innen handeln, meistens mit einem Blick auf die Handlungen des Gegenübers, und beide orientieren sich daran simultan genauso wie an dem Verlauf des Spiels. Das, was am Ende insgesamt dabei herauskommt, ist abhängig von der wechselseitigen Orientierung der Spieler:innen aneinander. Dies macht die Spannung von Spielen aus. Und wie bei den meisten Gesellschaftsspielen auch, versuchen die Spieler:innen, das Beste für sich selbst rauszuholen. Hierfür muss man schlauer sein als die anderen Spieler:innen.
Spiele benötigen Regeln, die vorschreiben, was an Handlungen erlaubt und was verboten ist. Diese Regeln geben zudem vor, über welche Informationen die Spieler:innen verfügen dürfen. Liegt das alles fest und das Spiel geht los, dann interessiert vor allem, mit welchen Strategien die einzelnen Spieler:innen vorgehen und was das dann im Gesamtergebnis bewirkt. Als Strategie wird in der Spieltheorie der vollständige Plan verstanden, wie sich jede:r Spieler:in in den möglichen Spielsituationen verhalten wird. Nehmen wir ein berühmtes Beispiel.
Beispiel: »Denn sie wissen nicht, was sie tun«
In dem Film »Rebel Without a Cause« (dt. »Denn sie wissen nicht, was sie tun«) spielt James Dean einen um Liebe und Anerkennung ringenden Rebellen. Unter anderem nimmt er an einer Mutprobe teil, dem sog. »Chicken Game«. Dabei tritt er gegen seinen Widersacher Buzz an. Beide rasen mit gestohlenen Autos auf eine Klippe zu. Wer zuerst vor der Klippe ausweicht, ist der Feigling; wer zuletzt ausweicht, ist der Gewinner. In dem Film springt Jim (gespielt von James Dean) kurz vor der Klippe aus seinem Auto, während Buzz an dem Türgriff hängen bleibt und zu Tode in die Tiefe stürzt.
Die spieltheoretische Modellierung dieses »Chicken Games« geht davon aus, dass beide Spieler:innen zwei Handlungsoptionen haben: Ausweichen oder Weiterfahren. Was Spieler:in 1 tut, ist abhängig davon, was Spieler:in 2 tut und umgekehrt. Denn wenn z. B. Spieler:in 1 sehr früh ausweicht, dann hat Spieler:in 2 gewonnen und kann risikolos den Sieg wortwörtlich einfahren. Da dies simultan für beide Spieler:innen gilt und beide gewinnen wollen, gilt für die Option des Ausweichens, dass diese so spät wie möglich umgesetzt werden muss. Auch dies gilt allerdings für beide Spieler:innen. Daraus nimmt das Spiel seinen Reiz: Es gewinnt jene:r Spieler:in, der/die weiterfährt, während der/die andere ausweicht. Weichen beide zugleich aus, hat niemand gewonnen. Zugleich ist der Schaden gering, weil auch niemand verloren hat. Fahren beide weiter, stürzen beide die Klippe hinunter und es gibt nicht nur keine:n Sieger:in, sondern auch noch den größtmöglichen Schaden für beide.
Üblicherweise wird diese Situation in eine Matrix übertragen. Darin wird für jedes Ergebnis eine fiktive »Auszahlung« eingetragen. Der größte Nutzen wird hier mit einer Auszahlung von 6 gerechnet. Wenn das Gegenüber zugleich ausweicht, bedeutet dies eine Auszahlung von 2 (man hat verloren, aber überlebt). Weichen beide zugleich aus, haben beide überlebt und sind zugleich keine Verlierer:innen, das Spiel hat quasi unentschieden geendet. Allerdings hat auch niemand gewonnen, weshalb beide Spieler:innen eine Auszahlung von 4 erhalten. Die niedrigste Auszahlung von 0 erhalten beide, wenn sie beide weiterfahren und niemand ausweicht, weil dann beide sterben und zugleich niemand gewinnt (
Abb. 2).

Abb. 2: Chicken Game
Wir erkennen deutlich: Das Gesamtergebnis ist abhängig von dem Zusammenwirken beider Handlungen. Vor dem Hintergrund des Ziels beider Beteiligten (in dem Chicken Game ist es wohl das Bedürfnis nach Anerkennung, denn in dem Film wollen beide Männer einer Frau imponieren) könnte man nun überlegen, welche Strategien aus der Sicht der einzelnen Spieler:innen die beste ist. Doch dieser konkrete Inhalt soll uns hier nicht weiter beschäftigen. Wichtig ist uns ja die Antwort auf die Frage, wie Handlungen zusammenwirken. Wir halten fest: Handeln wirkt zusammen, indem die beteiligten Menschen sich an anderen Menschen in ihrem Handeln orientieren, das jeweils darauf ausgerichtet ist, den individuell höchsten Nutzen zu erlangen. Allerdings können Sie sich merken, dass damit noch nicht klar ist, was die Beteiligten konkret tun sollten.
In ähnlicher Weise kann auch das kollektive Ergebnis der Einhaltung oder Nicht-Einhaltung von Regeln als ein Spiel modelliert werden. Hierzu können wir z. B. das sog. »Absicherungsspiel« verwenden, das mit der Parabel der Hirschjagd verdeutlicht wird, die auf Jean-Jacques Rousseau zurückgeht.
Beispiel: Hirschjagd
Zwei Jäger:innen gehen auf die Jagd. Jede:r der beiden konnte bislang alleine ausschließlich Hasen erlegen. Nun versuchen sie sich abzusprechen und vereinbaren, gemeinsam einen Hirschen zu erlegen, der für beide wertvoller ist als ein Hase. Während der Jagd läuft jedem:r der beiden Jäger:innen genau in dem Augenblick ein Hase über den Weg, als sich für beide auch ein Hirsch in unmittelbarer Nähe zeigt. Nun muss entschieden werden, den Hasen zu erlegen oder den Hirsch zu töten. Tötet man den Hasen, ist die Gelegenheit für das gemeinsame Erlegen eines Hirschs vergeben. Den Hasen zu erlegen, ist für jede:n der beiden Jäger:innen eine ziemlich sichere Angelegenheit. Zugleich müssen beide die Handlung des Gegenübers einbeziehen. Befindet sich der/die andere Jäger:in in dergleichen Situation, dann besteht die Gefahr, dass er/sie den Hasen erlegt und man selbst einen Verlust erleidet, weil man weder Hasen noch anteilig einen Hirschen erhält. Die Auszahlungsmatrix könnte also wie folgt aussehen, wenn wir unterstellen, dass beide Jäger:innen zusammen sicher den Hirschen und jede:r für sich ebenfalls sicher einen Hasen erlegen würden (
Abb. 3).

Abb. 3: Assurance Game
Interaktionsstrategien
Auch Fritz W. Scharpf16 hat in seiner Darlegung der »Interaktionsformen« (2000) gezeigt, wie nützlich die spieltheoretische Methode zur Analyse des (bei ihm insbesondere: politischen) handelnden Zusammenwirkens ist. Zunächst betont Scharpf, dass die spieltheoretische Annahme von Menschen, die immer nur an dem eigenen höchsten Nutzen interessiert sind, das eine Ende des sozialwissenschaftlichen Spektrums der Handlungsmodellierung darstellt. Dem stehen am anderen Ende jene Ansätze gegenüber, die betonen, dass die Welt zu komplex ist, als dass rein auf den eigenen Nutzen konzentrierte Menschen gesellschaftliche Ordnungen schaffen könnten. Scharpf verfolgt deshalb den Ansatz des sog. »akteurzentrierten Institutionalismus«, um verschiedene Orientierungen zusammenzuführen. Er berücksichtigt bspw., dass manche Menschen tatsächlich ihren eigenen Nutzen maximieren (und etwa so viel Geld wie möglich besitzen) wollen, andere Menschen sich aber vor allem daran orientieren, was moralisch gut ist. Dies mag nicht mal zum eigenen Vorteil gereichen, wenn man z. B. nachts vor einer roten Ampel anhält, anstatt diese zu ignorieren und deshalb später nach Hause kommt.
Akteurzentrierter Institutionalismus
Der grundlegende Erklärungsansatz des akteurzentrierten Institutionalismus sieht vor, dass es Probleme in der Welt gibt, die Akteure – Scharpf unterscheidet individuelle (Menschen), aggregierte (z. B. Gruppen) und korporative Akteure (z. B. Parteien) – mit bestimmten Handlungsorientierungen, Präferenzen und Kompetenzen abarbeiten müssen. Hierbei geraten sie in ganz bestimmte Konstellationen hinein. Das heißt, die Art der Konstellation beschreibt das Zusammentreffen der unterschiedlichen Strategien, die die Menschen, Organisationen oder Gruppen verfolgen. Es geht ihm um Strategiekonstellationen, die wie in der Spieltheorie zumeist nicht-kooperativ, aber auch kooperativ oder ganz anders (etwa hierarchisch oder auf Abstimmung) ausgerichtet sein können.
Es gibt demnach zwei andere Betonungen in der Modellierung des handelnden Zusammenwirkens, die die vorherigen Überlegungen sehr gut ergänzen: Dadurch, dass die Konstellationen noch mehr in den Mittelpunkt rücken, steht erstens weniger der jeweils individuelle Sinn des Handelns als vielmehr die individuellen Strategien im Vordergrund. Es geht also weniger darum, was der/die Einzelne beabsichtigt – es geht weniger um das Handeln – als darum, wie er/sie das eigene Handeln unter Berücksichtigung des Handelns der anderen Akteure strategisch ausrichtet. Es geht mehr um das soziale Handeln. Und zweitens betrachtet Scharpf in seinen Strategieanalysen nicht ausschließlich die Orientierungen der Akteure an dem Verhalten oder Handeln der anderen Akteure, sondern berücksichtigt insbesondere die Orientierung der Akteure an der Interaktion an sich, wie wir gleich noch zeigen werden.
Wichtig ist, dass auf diese Weise konkrete reale Situationen mit einem hohen Abstraktionsniveau abgebildet und verschiedene Konstellationen miteinander verglichen werden können. Diese Konstellationen laufen in typischen Prozessen ab, die sich als Interaktionsformen ausgestalten. Wie Georg Simmel geht es Scharpf also um die Darlegung bestimmter Formen von Wechselwirkungen. Insbesondere einseitiges Handeln, Verhandeln, Mehrheitsentscheidungen und hierarchische Steuerung werden von Scharpf als derartige Formen hervorgehoben. Die Handlungen der Akteure, ihr handelndes Zusammenwirken in Konstellationen sowie die Formierung in bestimmten Interaktionen finden dabei immer innerhalb eines institutionellen Kontextes statt, etwa in Verbänden oder innerhalb von Organisationen. Aus den Interaktionsformen folgen sodann kollektive Ergebnisse, z. B. politische Entscheidungen, die als neue Umwelt wiederum Probleme beinhalten oder aufwerfen, die wieder abgearbeitet werden müssen usw. usf.
Für unseren Zusammenhang ist die genannte Ergänzung wichtig, dass Menschen sich auch an der Interaktion selbst orientieren können. Das bedeutet, ihr Handeln ist wesentlich dadurch mitgeprägt, mit welcher Einstellung gegenüber der Interaktion (und nicht ausschließlich gegenüber dem Handeln bzw. Verhalten anderer Menschen) sie ihr Handeln ausrichten. Scharpf (2006: 152 ff.) unterscheidet fünf Interaktionsorientierungen:
• Individualismus als Interaktionsorientierung beschreibt die Regel der individuellen Nutzenmaximierung wie in der Spieltheorie.
• Solidarität hingegen meint die uneingeschränkte Kooperationsbereitschaft mit anderen Menschen. Vorteile werden für beide gleichermaßen als solche bewertet, etwa wenn in einer ehelichen Beziehung eine:r der beiden Beteiligten einen beruflichen Erfolg zu verzeichnen hat. Das bedeutet auch, dass jede:r Nachteile hinnehmen wird, solange dies durch die Vorteile des/der Anderen ausgeglichen wird, etwa wenn er wegen des neugeborenen Kindes weniger arbeitet, was monetär durch ihren Karrieresprung ausgeglichen werden kann.
• Im Wettbewerb hingegen hat der eigene Sieg höchste Priorität bzw. treibt der Neid, dass der/die Andere gewinnen könnte, die Menschen an. Dies gilt etwa im sportlichen Wettbewerb, aber auch z. B. im Wettbewerb um Lebensparter:innen. Der Gewinn des Anderen ist zugleich mein Verlust und dessen Verlust möglicherweise mein Gewinn.
• Im Gegensatz dazu steht die Regel des Altruismus, bei dem der Gewinn des/der anderen Menschen auch meinen Gewinn darstellt, etwa in der ärztlichen oder pflegerischen Praxis. Rettet ein Notarzt ein Leben, ist es zugleich ein Gewinn für den Patienten und den Notarzt selbst.
• Zu guter Letzt kann Feindschaft die Akteure in der Interaktion orientieren. Der Verlust des anderen Menschen ist dann mein ganzer Gewinn – die eigenen Erträge oder Verluste sind irrelevant.
Diese fünf Orientierungen führen die Interaktion tendenziell in bestimmte Richtungen, was das Gesamtergebnis des handelnden Zusammenwirkens betrifft. Wenn man auf einer y-Achse den Ertrag des einen und auf der x-Achse den Ertrag des anderen Akteurs aufträgt, ergeben sich in Abhängigkeit der fünf Interaktionsorientierungen fünf verschiedenen Tendenzen des »Gesamtnutzens« (
Abb. 4).

Abb. 4: Interaktionsorientierungen (nach Scharpf 2006: 152)
Die institutionellen Kontexte können auf diese Orientierungen ein- bzw. auf die Anwendung bestimmter Orientierungen hinwirken. Der sog. Neoliberalismus etwa als gesellschaftliches Kollektivbewusstsein pflanzt den Wettbewerb in alle gesellschaftlichen Bereiche und das bedeutet: Man möchte mehr Ertrag als die anderen Mitbewerber:innen, das heißt, wichtig ist die Auszahlungsdifferenz bzw. die Relation der Erträge. Der südöstlich ausgerichtete Pfeil zeigt die angestrebten Gewinne eines Akteurs an und dieser möchte nicht nur einen Ertrag, sondern in jedem Fall mehr Gewinn als alle anderen Mitbewerber:innen. Die schlecht bezahlten Pflegedienste müssen auf Altruismus bzw. Solidarität unter den Mitarbeiter:innen setzen und fördern diese Orientierungen hierdurch. Ritualisierte Vergleiche zwischen befeindeten Gruppen fördern die Feindschaftsorientierung, etwa der jährliche karnevalistische Vergleich zwischen Düsseldorf und Köln oder der fußballerische Vergleich zwischen den Mannschaften aus Herne-West und Lüdenscheid. Dabei ist ausschließlich der Verlust des Anderen entscheidend, also das Gegenteil von dessen Gewinn – der eigene Ertrag spielt keine Rolle.
Die Spieltheorie ist eine anschauliche Form der Schematisierung des handelnden Zusammenwirkens. Das Spiel setzt die Teilnahme verschiedener, auf ihren Vorteil bedachter Menschen mit eigenen Zielvorstellungen voraus. Während die klassische Spieltheorie davon ausgeht, dass die Menschen ausschließlich an ihrem persönlichen Nutzen interessiert sind, bietet Scharpf zudem unterschiedliche Interaktionsformen des Spiels an.
Verschiedene Handlungs- und Interaktionsorientierungen, andere Strategien, unterschiedliche gesellschaftliche Kontexte – man bekommt schon hier einen Eindruck, wie komplex soziale Prozesse üblicherweise ablaufen. Und es wird deutlich, dass diese Prozesse sowie die Ergebnisse des handelnden Zusammenwirkens selten so ausfallen, wie die Menschen das beabsichtigen. Wieso das der Normalfall ist und wie wichtig die Betrachtung des Prozesses des handelnden Zusammenwirkens mit seinen komplexen gesellschaftlichen Dynamiken ist, möchten wir hier nun vorführen.
Transintentionalität oder: Die Komplexität des handelnden Zusammenwirkens
Viele Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen und ganz verschiedenen Strategien der Bedürfniserfüllung, viele differente Orientierungen – dynamische Konstellationen des handelnden Zusammenwirkens sind bereits sehr komplexe soziale Einheiten. Diese Komplexität an sich kann strategisch genutzt werden, um Einfluss auszuüben, etwa wenn man mit dem Hinweis auf die Komplexität und auf entsprechende ›Sachzwänge‹ ein gefordertes Handeln verweigert. An dieser Stelle möchten wir exkursartig hervorheben, wie lehrreich es sein kann, sich die komplexen Dynamiken des handelnden Zusammenwirkens anzuschauen, wenn man zugleich das Handeln sowie die Kontexte des Handelns so einfach wie möglich modelliert.
Wir beziehen uns auf »Conway’s Game of Life«, ein nicht ganz so übliches Computerspiel, dass Sie selbst z. B. unter https://bitstorm.org/gameoflife/ testen können. Die Menschen werden hier hierbei als sog. »zelluläre Automaten« dargestellt (
Abb. 5). Das heißt, man stelle sich ein Rechenpapier als Gesellschaftsraum vor, in dem jedes Gitterquadrat einen Menschen darstellt. Dieser Mensch kann – sehr einfach – zwei Zustände annehmen, nämlich lebendig oder tot sein. Am Anfang werden Menschen über den Gesellschaftsraum (also über das Rechenpapier) verteilt. Der Zustand eines Menschen (lebendig oder tot) im nächsten Zeitschritt hängt, so sind die Spielregeln, vom aktuellen Zustand der Zelle selbst sowie von den Zuständen der acht Nachbarzellen ab. Die Regeln sind dabei wiederum denkbar einfach:
1. Eine tote Zelle mit drei lebenden Nachbarn wird zum Leben erweckt.
2. Lebende Zellen mit weniger als zwei lebenden Nachbarn sterben an Einsamkeit.
3. Lebende Zellen mit zwei oder drei lebenden Nachbar bleiben am Leben.
4. Lebende Zellen mit mehr als drei Nachbarn sterben an Überbevölkerung.

Abb. 5: Game of Life
Bevor Sie nun weiterlesen: Schauen Sie sich die Startformation auf der folgenden Seite an (
Abb. 6). Wenn man nun die Simulation mit den genannten vier Regeln laufen lässt, welches Ergebnis erwarten Sie am Ende?
Das Ergebnis ist ein sog. »Gleiter«, das heißt, es gibt eine Gruppe, die dynamisch über die Topologie (bzw. über den Bildschirm) gleitet. Haben Sie das vorhergesehen?

Abb. 6: Game of Life – Gleiter
Wie man sieht, führt das Zusammenwirken unter einfachsten Handlungsregeln bereits zu derart komplexen Strukturmustern, dass wir kaum in der Lage sind, diese zu erkennen oder gar vorherzusagen. Und um ein Wievielfaches ist der wirkliche Gesellschaftsraum sowie das Handeln der Menschen und ihr Zusammenwirken komplexer als diese Simulation? Es ist also vollkommen unmöglich, gesellschaftliche Zukunftszustände mit Gewissheit vorherzusagen! Deshalb ist die Soziologie auch auf Erklärungen und nicht auf Prognosen spezialisiert. Selbstverständlich haben diese Erklärungen ggf. einen gewissen prognostischen Gehalt, wenn man garantieren kann, dass die Randbedingungen, unter denen das Handeln und das handelnde Zusammenwirken stattfindet – der Gesellschaftsraum – identisch bleiben. Dies ist allerdings so gut wie nie der Fall.
Es dürfte an dieser Stelle kaum jemanden wundern, dass in der Soziologie niemand davon ausgeht, dass Prozesse bzw. die Ergebnisse des handelnden Zusammenwirkens so verlaufen, wie die Beteiligten es annehmen. Der Normalfall ist das, was unter Transintentionalität gefasst wird (Greshoff/Kneer/Schimank 2003): Damit ist genau besehen (Kron 2003)
• erstens gemeint, dass die Prozesse bzw. die Ergebnisse des handelnden Zusammenwirkens nur selten dem entsprechen, was die beteiligten Menschen sich gewünscht haben. Man wollte als Beispiel vielleicht eine wundervolle und spaßige Geburtstagsfeier ausrichten, aber es ist einfach keine gute Stimmung zustande gekommen.
• Zweitens kommen die Menschen nicht selten im Nachhinein zu der Bewertung, dass das Geschehen nicht nur als unerwünscht, sondern auch das eigene Handeln letztlich als gescheitert zu betrachten ist. Um das Beispiel fortzusetzen, mag der/die Gastgeber:in zu der Bewertung kommen, dass die Musikauswahl (die o. g. Partner:in hat ausschließlich die Heavy-Metal-Platten abgespielt) einer guten Stimmung nicht zuträglich gewesen und sie/er deshalb gescheitert ist.
• Drittens wird das Geschehen des handelnden Zusammenwirkens oftmals gar nicht derart reflektiert, sondern im Regelfall eher gedankenlos mit eigenem Handeln begleitet – also etwa schlicht eine Musikliste für die Party erstellt, die sich an den je aktuellen Charts orientiert oder eben die Schallplatten rausgegriffen, die gerade vorhanden sind. Die Interaktionsorientierung ist eher gedankenlos.
• Und viertes geschieht auch das Handeln selbst oftmals eher beiläufig, das heißt, es ist gar nicht auf ein bestimmtes Geschehen oder Ziel des handelnden Zusammenwirkens ausgerichtet. Das Handeln ist dann weniger ein willentlicher Akt etwa in dem Sinne, dass der Mensch einen starken Drang verspürt, in einer bestimmen Art und Weise zu handeln, z. B. weil er/sie denkt, dies müsse oder soll so sein. Sondern das Handeln geschieht hier beiläufig, ohne eine starke Determination durch ein Müssen oder Sollen. Es geht dann eher darum, was als Können möglich ist und deshalb, weil es geht, einfach umgesetzt wird.
Gescheiterte Handlungen, die beiläufig durchgeführt und gedankenlos bezüglich des dann unerwünschten Prozesses bzw. Ergebnisses des handelnden Zusammenwirkens vollzogen wurden – dies dürfte der deutlichste Fall von Transintentionalität sein.
Beispiele: Elternschaft/Prohibition/Terror
Manche Menschen werden irgendwann Eltern und setzen Kinder in die Welt, ohne dies zu einer reflektierten Entscheidung hinsichtlich des Nutzens, der Kosten und der eigenen Eignung zu machen, einfach weil es sich im Laufe der Paarbeziehung ›so ergeben‹ hat. Transintentionalität wäre dann hier, sich später eingestehen zu müssen, dass man als Elternteil weder den eigenen noch den Ansprüchen des Kindes genügt, man also gescheitert und auch das Kind ›missraten‹ ist. Als ein weiteres Beispiel hat die US-amerikanische Prohibition, das Verbot des Handelns und Konsums von Alkohol, die organisierte Kriminalität in dieser Branche verstärkt. Und der internationale »War on Terror« als Antwort auf die Anschläge vom 09.11.2001 haben zu einer Individualisierung des Terrors geführt, der noch schwieriger zu begegnen ist (Kron 2015).
Und auch wenn es von dort aus graduelle Abstufungen hin zu mehr Intentionalität gibt: Verwunderlich ist nunmehr nicht mehr, dass die meisten gesellschaftlichen Phänomene transintentionale Folgen des handelnden Zusammenwirkens sind. Vielmehr sollte sogar klar geworden sein, wie unwahrscheinlich es unter diesen Bedingungen ist, dass die Gesellschaft so ist, wie sie ist! Man stelle sich die Gesellschaft von vor 200 Jahren vor: Wie unwahrscheinlich ist es eigentlich, dass sie nur 200 Jahre später so aussieht wie jene Gesellschaft, die wir heute beobachten können? Wie unwahrscheinlich ist es, dass Sie dieses Buch lesen? Die heutige Gesellschaft ist, wie wir sagen, das emergente und transintentionale Ergebnis des handelnden Zusammenwirkens. Emergenz meint hier lediglich, dass die besonderen Eigenschaften der heutigen Gesellschaft nicht in den Menschen selbst zu finden sind. Sondern erst wenn die Menschen in bestimmter Weise handelnd zusammenwirken, kann (nicht: muss) eine solche Gesellschaft entstehen. Dass es so kommt, ist ziemlich unwahrscheinlich, aber eben doch ganz offenkundig möglich.
So gesehen ist die Soziologie eine Wissenschaft zur Erklärung von gesellschaftlichen Unwahrscheinlichkeiten – dies ist ein Grund, der die Soziologie zu einer besonderen und besonders spannenden Wissenschaft macht. Die Frage nach dem Wie des handelnden Zusammenwirkens von Menschen ist wichtig, um möglichst allgemeine Muster zu erkennen, die man zu Erklärungen konkreter historischer Phänomene einsetzen kann. Denn wenn man weiß, wie Menschen generell handelnd zusammenwirken, dann kann man dies auf verschiedenste Kontexte anwenden und erklären, weshalb bestimmte Strukturen sich so formieren, wie sie es tun.
Wir können an dieser Stelle zusammenfassen, dass das handelnde Zusammenwirken unterschiedliche Formen annehmen kann. An den Beobachtungs- und Beeinflussungskonstellationen haben wir herausgestellt, dass handelndes Zusammenwirken sich durch Komplexität auszeichnet. Weder die handelnden Menschen noch die beobachtenden Soziolog:innen sind in der Lage, die Ergebnisse des handelnden Zusammenwirkens exakt vorauszusagen. Wir wollen nun noch eine weitere von Uwe Schimank (2000: 305 ff.) dargelegte Konstellation des handelnden Zusammenwirkens aufführen, die bereits eine Möglichkeit mit sich führt, wie man mit diesen komplexen Prozessdynamiken umgehen kann. Die Rede ist von Verhandlungskonstellationen.
2.1.3 Verhandeln
In Verhandlungskonstellationen versuchen die beteiligten Menschen über Beeinflussungskonstellationen hinaus, bindende Vereinbarungen zu treffen. Den Grund, weshalb Menschen sich in Verhandlungen mit anderen Menschen begeben, sehen wir in dem Wunsch nach einem Umgang mit der beschriebenen Komplexität der Prozessdynamiken, der möglichst erwartungssicher die Erfüllung von Bedürfnissen ermöglicht. Kurz: Es ist der Wunsch nach gesellschaftlicher Ordnung, der Menschen miteinander verhandelt lässt. Wovon Verhandlungskonstellationen im Gegensatz zu Beobachtungs- und Beeinflussungskonstellationen nämlich entlasten, ist die Dauerwachsamkeit bzw. Dauerkontrolle. Ganz allgemein kann zwar auch das wechselseitige Beobachten und Beeinflussen für Erwartungssicherheit sorgen. Allerdings muss man sich unter Konstellationsbedingungen des Beobachtens oder Beeinflussens viel mehr auf Abweichungen einstellen, die die Sicherheit der gewonnenen Erwartungen gefährden. Ständig muss man wachsam sein und im Enttäuschungsfall die eigenen Erwartungen schnell anpassen. Ein Verrat ist in Beobachtungs- und Beeinflussungskonstellationen letztlich definitorisch unmöglich, weil ja nichts abgesprochen wurde. Jeder Mensch hat in Beobachtungs- und Beeinflussungskonstellationen immer das Recht, anders zu handeln als vorher – dies macht ja einen wesentlichen Teil der transintentionalen, komplexen Prozessdynamiken aus. In Verhandlungskonstellationen hingegen kann, wenn eine bindende Vereinbarung getroffen wurde, die Dauerwachsamkeit prinzipiell entfallen, weil die Handlungsoptionen beschränkt wurden. Man kann auf die getroffenen Abmachungen vertrauen, was natürlich zugleich bedeutet, dass man umso stärker enttäuscht werden kann.
Um sich in Verhandlungskonstellationen zugunsten einer Komplexitätsreduktion diese ziemlich weitgehende Unaufmerksamkeit leisten zu können, ist Reziprozität eine notwendige Voraussetzung: Die Verbindlichkeit der in den Verhandlungen getroffenen Vereinbarungen muss grundsätzlich für alle beteiligten Menschen Geltung haben. Diese Geltung ist unbedingt, das heißt, sie gilt selbst im Falle einer faktischen Verletzung. Die Verhandlungspartner:innen müssen auch nicht gleich stark oder mächtig sein, trotzdem gilt die Verbindlichkeit für Alle. Deutlich wird dies im Vergleich: Ein im Rahmen von wechselseitiger Beobachtung und Beeinflussung entstandenes Gleichgewicht, z. B. das »Gleichgewicht des Schreckens« im sog. Kalten Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion, kann zwar für alle Menschen verbindlich erscheinen. Aber es fehlt dabei die explizite reziproke Selbst-Verpflichtung zur Einhaltung der in Verhandlungen erarbeiteten Absprachen. Dazu müsste grundsätzlich die Bereitschaft vorhanden sein, verhandeln zu wollen. Dies setzt wiederum bestimmte Orientierungen voraus, etwa dass die Menschen sich im Ergebnis mehr Nutzen von Verhandlungen versprechen als von puren Beeinflussungen oder Beobachtungen. Oder man geht eventuell davon aus, dass es gesellschaftlich wünschenswerter ist und man mehr Anerkennung erhält, wenn man mit anderen Menschen verhandelt, anstatt zu versuchen, sie zu übervorteilen. Die Chance, dass Menschen sich verhandlungswillig zeigen, steigt zudem mit einer gewissen Einflusssymmetrie, das heißt, je weniger Menschen einen dominanten Einfluss ausüben können, desto höher ist die Bereitschaft. Eine weitere Bedingung ist, dass die Menschen und die Konstellationen Verhandlungen überhaupt zulassen. Bestimmte Gruppengrößen etwa machen ein Verhandeln miteinander zumindest solange unmöglich, bis Verfahren angewandt werden, die mit diesem Problem umgehen, z. B. die Delegation von Verhandlungen an Gremien, also an Teilgruppen.
Ganz so einfach ist die Komplexitätsreduktion durch Verhandlungskonstellationen aber auch dann nicht, wenn diese Bedingungen alle erfüllt sind. Denn wie immer gilt: Auch Verhandlungskonstellationen sind nicht trivial, sondern beinhalten eigene, durchaus komplexe Prozessdynamiken, wie allen bekannt ist, die mal intensiv in Verhandlungen eingetreten sind. Scharpf (2006: 199 ff.) etwa verweist darauf, dass Verhandlungen immer zwei Probleme lösen müssen: Sie müssen erstens die Frage beantworten, wie der Nutzen hergestellt, also etwa eine verbindliche Absprache erzeugt wird (Produktdimension). Und zweitens muss geklärt werden, wie Kosten und Nutzen verteilt werden (Verteilungsdimension). Diese Dimensionen müssen oftmals simultan gelöst werden. Nach Scharpf kann man je nach Bedeutung der Dimensionen vier Arten von typischen Verhandlungsprozessen unterscheiden:
• In Spot-Verträgen spielen Fragen der Nutzenproduktion oder Verteilung keine Rolle, z. B. wenn es um einen Vorschlag geht, der nur noch abgelehnt oder angenommen werden kann.
• Beim Distributive Bargaining wird das Projekt selbst nicht in Frage gestellt und ausschließlich die Verteilung der Güter verhandelt. Haben die Verhandlungsparteien Vetorechte, etwa weil die Projekte von allen Beteiligten abhängig sind, können z. B. Ausgleichszahlungen die Zustimmung sichern. Wie hoch die Ausgleichszahlungen sind, hängt wiederum von der Verteilungsverhandlung ab. Sie müssen mindestens so hoch sein, dass sie einen Verzicht einer Partei auf einen bestimmten Nutzen ausgleichen können. Alternativ (wenn Ausgleichszahlungen z. B. unmoralisch wären) können auch »Koppelgeschäfte« oder »Paketlösungen« wirken.
• Das Problemlösen wiederum konzentriert sich ausschließlich auf die Nutzenproduktion, das heißt, es geht dann z. B. darum, dass neue Lösungen mit dem gemeinsamen Ziel der Realisierung besserer Projekte gefunden werden müssen. Anders als im Distributive Bargaining ist beim Problemlösen eine andere Kommunikation möglich, nämlich ein wahrheitsorientiertes Argumentieren, in dem Offenheit und Vertrauen wichtiger werden.
• Der Normalfall ist das, was Scharpf als Positive Koordination bezeichnet und in der Verteilung und Produktion simultan geklärt werden muss. Diese Simultaneität zu bewältigen, erfordert einigen Aufwand, der nicht höher werden darf als der Nutzen der Verhandlung bzw. nicht höher als die Kosten der Produktion des Nutzens. Und es muss vorausgesetzt werden, dass es tatsächlich zugleich Produktions- und Verteilungsprobleme gibt, die anerkannt werden, sowie die Bereitschaft, sich mit beidem auseinanderzusetzen (
Abb. 7).

Abb. 7: Verhandlungsprozesse (nach Scharpf 2006: 212)
Schimank (2000: 305 ff.) zeigt, welche weiteren Bedingungen die Bindekraft von Vereinbarungen erhöhen können. Sofern man z. B. nicht um jeden Preis verhandeln muss, kann das die Bindungskraft der dann vielleicht doch gefundenen Abmachung erhöhen, weil schlicht mehr Freiwilligkeit gegeben ist. Wer sich bspw. aus einer laufenden Stelle heraus auf einen anderen Job bewirbt, erhöht damit zugleich die Verbindlichkeit für die Abmachung einer längerfristigen Bindung, weil dieser Jobwechsel freiwillig und nicht etwa ›aus der Not geboren‹ ist. Auch ein »langer Verhandlungsatem« ist hilfreich, wie die regelmäßigen Tarifverhandlungen zeigen. Ein verbindliches Verhandlungsergebnis wird zudem umso leichter erreicht, je mehr die Verhandlungspartner:innen dasjenige respektieren können, was der jeweils Andere mindestens erreichen möchte. Je mehr man sich wechselseitig die Erfüllung der Mindestansprüche – die sog. Nutzenminima – ermöglicht, desto einfacher wird es für die Verhandlungspartner:innen, wechselseitigen Verpflichtungen zuzustimmen, so wie dies etwa bei Eheverträgen der Normalfall ist. Und selbstverständlich erhöht sich die Verbindlichkeit der Verhandlung, wenn sich alle Beteiligten darauf verständigen, für den Fall der Abweichung von den getroffenen Vereinbarungen bestimmte Sanktionen zu akzeptieren. Diese Selbstbindung an Sanktionen verstärkt die Bindungskraft eventuell sogar mehr als eher ›weiche Bedingungen‹ wie Sympathie oder Ehrlichkeit. Vor dem Hintergrund derartiger Bedingungen können Verhandlungsdynamiken entstehen, die von »positionsbezogenen Verhandlungen« (jede:r will ihr/sein Einflusspotential ausschöpfen) über »kompromissorientierte Verhandlungen« (ausgerichtet auf die Elimination strittiger und zugleich auf die Konzentration konsensfähiger Punkte) zu »verständigungsorientierten Verhandlungen« (man lernt voneinander) wandeln. Bestimmte Verfahren kombinieren diese Verhandlungsarten, wie etwa das »systemische Konsensieren«, das zugleich auf die Elimination von Widerständen der Verhandlungsgruppe und auf wechselseitiges Lernen ausgerichtet ist. Auf diese Weise kann sich die Orientierung des Verhandlungshandelns u. U. von einem »Minimiere den eigenen Verlust« ändern zu einem zu »Maximiere den gemeinsamen Gewinn«.
Verhandlungskonstellationen bilden bereits eine sehr konkrete Möglichkeit ab, gesellschaftliche Ordnung im komplexen handelnden Zusammenwirken der Menschen zu schaffen. Damit berühren wir jene Fragen, auf die die Soziologie ein Hauptaugenmerk legt: die Probleme gesellschaftlicher Ordnung!
2.2 Zusammenfassung

Wir haben drei typische Konstellationen des handelnden Zusammenwirkens präsentiert:
• Erstens die Beobachtungskonstellation, welche auf die gegenseitige Wahrnehmung der Beteiligten zielt.
• Zweitens die Beeinflussungskonstellation, innerhalb dessen die handelnden Menschen erwarten, durch die Verwendung bestimmter Mittel (wie bspw. Geld) Einfluss auf andere Menschen ausüben zu können.
• Und drittens die Verhandlungskonstellation, die einen Umgang mit dem komplexen handelnden Zusammenwirken und dessen transintentionalen Effekten durch die Schaffung von Verbindlichkeit durch Verhandlungen verspricht.
13 Georg Simmel (1858–1918) ist einer der Gründer der Soziologie als wissenschaftliche Disziplin.
14 Dass von Wieses Soziologie keine direkten Nachfolger:innen gefunden hat, könnte auch an seinem Umgang mit dem deutschen Nationalsozialismus gelegen haben. Derartige Zusammenhänge zeigen sehr deutlich, dass die Soziologie als Wissenschaft selbst ein historisches Phänomen darstellt.
15 Max Weber (1864–1920) gilt als weiterer und sehr prominenter Gründungsvater der Soziologie.
16 Fritz W. Scharpf, geboren 1935, war u. a. von 1986 bis 2003 Direktor des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung in Köln.
3 Ordnung, nirgendwo
Festhalten können wir bis hierhin, dass Menschen es regelmäßig miteinander zu tun bekommen und sich wechselseitig beobachten, beeinflussen und auch miteinander verhandeln, weil sie nach Strategien suchen, mit denen sie ihre individuellen Bedürfnisse erfüllen können. Damit das klappt, bedarf es gesellschaftlicher Ordnung. Dass sich diese nicht so einfach einstellt, hat nicht nur die Komplexität der Prozessdynamiken des handelnden Zusammenwirkens gezeigt. Dass das Herstellen von gesellschaftlicher Ordnung selbst ein Problem ist, wird zunächst deutlich, wenn man sich vor Augen führt, dass Ordnung ein Bedürfnis sein kann, für das verschiedene Strategien der Bedürfniserfüllung gesucht und gefunden werden können. Klar ist nur: Gesellschaftliche Ordnung lässt sich nie alleine, das heißt, nie mit nur einer einzelnen Handlung erzeugen. Genauso wie gesellschaftliche Ordnungsprobleme die Ergebnisse des handelnden Zusammenwirkens sind, so sind auch die Lösungen für Ordnungsprobleme nur als Ergebnisse des handelnden Zusammenwirkens möglich. Und in der Regel genügt auch nicht ein einmaliges Zusammenwirken von Handlungen, sondern das handelnde Zusammenwirken ist grundsätzlich immer als ein Prozess zu verstehen, bei dem gilt: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel bzw. nach dem Zusammenwirken ist vor dem Zusammenwirken. So können auch die von uns im Anschluss an Schimanks »Handeln und Strukturen« vorgestellten Beobachtungs-, Beeinflussungs- und Verhandlungskonstellationen in gesellschaftliche Ordnungen übergehen.
Wir werden im späteren Verlauf des Buches noch zeigen, wie sich durch wechselseitige Beobachtungen der Menschen Ordnungseffekte einspielen können. Auch ist es leicht nachzuvollziehen, dass Mittel zur Beeinflussung wie etwa Macht oder Geld auf Dauer ordnend wirken. Und nicht zuletzt wird die Gesellschaftsordnung gerade in der politischen Ideengeschichte z. B. mit Thomas Hobbes als Ergebnis einer Verhandlung bzw. des sog. Gesellschaftsvertrags beschrieben.
Welche Strategien im handelnden Zusammenwirken wiederum angemessen sind, um gesellschaftliche Ordnung zu erzeugen, ist abhängig von den Qualitäten der Ordnungsprobleme, die wiederum ebenfalls von der Ausgangslage abhängen. Mit Hobbes geht man gerne von einem fiktiven »Naturzustand« aus, um fragen zu können: Wie entsteht gesellschaftliche Ordnung? Wir würden an dieser Stelle erst einmal kritisch nachfragen wollen: Ist die Frage nach der Entstehung von gesellschaftlicher Ordnung überhaupt interessant? Schließlich gibt es genügend Hinweise, dass die irdischen Dinge sich aus sich heraus ordnen. Und ein gesellschaftlicher Zustand ohne irgendeine Art Ordnung ist auch bislang noch nicht beobachtet worden. Selbstverständlich gibt es gesellschaftliche Ordnungszustände, die wir uns nicht wünschen und die uns sehr chaotisch erscheinen. Kriege bspw. sind für viele Menschen hochgradig

unerwünschte Zustände. Auch das eigene Leben scheint manchmal völlig aus den Fugen zu geraten, weil wir unseren Job verlieren, der/die Partner:in uns verlässt oder auf einmal die Welt in einen pandemischen Zustand versetzt wird. Zugleich sind Kriege hochgradig geordnet, was man u. a. daran erkennt, dass die Kriegsparteien ganz gut erwarten können, wie das Gegenüber in verschiedenen Situationen handeln wird. Und auch Kündigungen und Trennungen von Liebesbeziehungen verlaufen, mit etwas Distanz betrachtet, in bestimmen Variationen ziemlich gleichförmig ab.
Eine plötzlich auftretende Pandemie wie jene, die zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Lehrbuchs 2020/21 vorherrscht, bietet allerdings das Potential für andere Erfahrungen. Denn nur sehr wenige Menschen haben Erfahrungen im Umgang mit Pandemien und zugleich ändern sich viele Dinge, die die Ordnung des gewohnten Alltags ausgemacht haben: Geschäfte werden geschlossen, es werden Kontakt- bzw. Ausgangsperren, Reiseverbote usw. verhängt, viele Jobs sind in Gefahr, Kinder müssen phasenweise komplett zuhause betreut werden und es erkranken derart viele Menschen, dass die Krankenhäuser diese Menschen nicht mehr mit voller Intensität betreuen und pflegen können. Zudem sterben ohne besondere Maßnahmen mehr Menschen, als dies normalerweise im Durchschnitt der Fall ist. Die gewohnte gesellschaftliche Ordnung scheint aus den Fugen zu geraten, könnte man meinen. Und so sehr dies als Beschreibung individueller Lebensmuster richtig ist, für die gesellschaftliche Ordnung scheint das nicht gleichermaßen zu gelten. Selbst jene Bereiche und Organisationen, die aufgrund dieser Pandemie massiv unter Druck geraten sind – Gesundheitssystem und Krankenhäuser, Bildungssystem und Schulen, Ökonomie und der Mittelstand usw. – haben weder ihre Grundstruktur noch ihre Orientierung verloren. Nach wie vor werden kranke Menschen mehr oder weniger medizinisch versorgt, bekommen Schüler:innen Wissen vermittelt und die Restaurants verkaufen weiterhin Essensgerichte – etwa mittels Lieferdienste oder Essen zum Mitnehmen. Selbst eine Pandemie hat also die gesellschaftliche Ordnung nicht vollkommen zerstört. Wenn es also keinen Zustand ohne gesellschaftliche Ordnung gibt, diese also immer mehr oder weniger vorhanden ist, warum sollten wir dann fragen, wie soziale Ordnung entsteht?
Eine Antwort der Soziologie lautet schlicht: Weil es interessant ist, darüber nachzudenken. Wir könnten ja auch davon ausgehen, dass der Planet Erde und damit menschliches Leben de facto entstanden sind. Und dennoch stellen sich manche Menschen die Frage, wie die Entstehung des Planeten Erde vonstattengegangen ist. Was für die Physik gilt, das gilt auch für die Soziologie: Manchen Rätseln möchte man nachgehen, auch wenn der Nutzen des Rätsels eventuell nicht direkt offenkundig ist. Es gibt aber natürlich noch eine bessere Antwort. So wie die Physik hofft, aus der Entstehung des Planeten Erde etwas zu Vorgängen lernen zu können, die das aktuelle Geschehen auf unserem Planeten betreffen, so hoffen Soziolog:innen in dem Bemühen um Antworten auf die Frage, wie gesellschaftliche Ordnung entstehen kann, etwas für das Geschehen in aktuellen Gesellschaften zu lernen. Anders formuliert: Wenn man Dinge entstehen lassen kann, weiß man auch, wie sie funktionieren (siehe Epstein/Axtell 1996) – so die Hoffnung! Diese Hoffnung nährt sich aus dem Wunsch nach bestimmten gesellschaftlichen Ordnungsqualitäten.
Wir wünschen uns bspw. eine politische Ordnung, die hinreichend Sicherheit, Wohlfahrt und Legitimität bzw. Rechtsstaatlichkeit bereitstellt. Wie viel von diesen Qualitäten konkret vorhanden sein muss, um von einer hochgradigen politischen Ordnung sprechen zu können, mag diskussionswürdig sein. Ordnung ist ein vages Phänomen, das einer Mehr-oder-weniger-Qualität und nicht einem Entweder-Oder entspricht. Damit wir also diese Qualitäten politischer Ordnung hinreichend erzeugen können, sollten wir eine Vorstellung davon haben, wie gesellschaftliche Ordnung überhaupt erzeugt werden kann, da Politik Teil der Gesellschaft ist. Die Antwort, weshalb wir uns mit der Entstehung von gesellschaftlicher Ordnung beschäftigen sollten, obwohl es keinen Zustand ohne gesellschaftliche Ordnung gibt, lautet demnach: Weil wir uns bestimmte Ordnungsqualitäten wünschen. Wir wollen z. B. keine kriegerischen Zustände mehr und am liebsten wäre uns ein Zustand gesellschaftlicher Ordnung, der ohne Schmerz und Leid auskäme. Wenn wir wüssten, wie Frieden entsteht oder wie man Freude und Glück erzeugt, dann könnte man auch eher Kriegen, Schmerz und Leid begegnen. Und je mehr wir grundsätzlich über die Mechanismen der Entstehung gesellschaftlicher Ordnung wissen, umso größer sind die Chancen, dieses Wissen nutzen zu können und dem gewünschten Zustand näher zu kommen. Wir werden noch sehen, wie uns die Antworten zur den Fragen nach der Entstehung gesellschaftlicher Ordnungen helfen können, gewünschte gesellschaftliche Ordnungen leichter zu erzeugen – selbst in Krisenzeiten wie etwa inmitten einer Pandemie.
Zudem sei noch angemerkt, dass die Frage nach Ordnung in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen eine wichtige Rolle spielt, so dass die Soziologie hier ihren Anteil im inter- bzw. transdisziplinären Konzert der Wissenschaften spielt. Man könnte nämlich die Frage nach der Entstehung gesellschaftlicher Ordnung auch umformulieren zu einem Rätsel der Synchronizität (Strogatz 2003), das in ganz verschiedenen Bereichen auftaucht: Wie schaffen es Massen von Glühwürmchen in Australien, im Gleichtakt an ein- und demselben Baum zu blinken? Wie schaffen es die Autofahrer:innen, Staus zu erzeugen, ohne dass Verkehrshindernisse vorliegen? Warum feuern manchmal Gehirnzellen in einem pathologischen Gleichgewicht, so dass rhythmische Krämpfe hervorgerufen werden? Ähnlich synchron, also geordnet, sind manchmal Gespräche bei Partys, die schlagartig gemeinsam verstummen. Bei solchen Synchronizitäten handelt es sich um Phänomene, die auf das aufmerksam machen, was vor allem die Chaostheorie immer wieder betont hat: Ordnung kann aus Chaos entspringen.17 Mit anderen Worten: Ordnung und Chaos sind eigentlich metaphysische Grenzbegriffe.
Wir müssen diese Begriffe demnach so definieren, dass sie für die Soziologie interessant werden. So spricht man z. B. bei »energiearmen Gleichgewichtssystemen« von Ordnung, etwa wenn man eine Kugel in einer Schüssel rollen lässt und diese dann irgendwann am Boden zum Stillstand (in ein Gleichgewicht) gerät – ein Zustand, zu dem es keiner weiteren Energiezufuhr bedarf, um diesen aufrecht zu halten. Da es im Sozialen immer eine Energiezufuhr gibt – durch Menschen auf der Suche nach der jeweils für sie brauchbaren Strategie zur Bedürfniserfüllung – ist dieser Ordnungsbegriff für die Soziologie eher ungeeignet. Folglich muss man in der Soziologie Ordnungen in Nichtgleichgewichtssystemen untersuchen, bei denen eine ständige bestimmte Stoff- oder Energiezufuhr zur Aufrechterhaltung der geordneten Struktur notwendig ist. Lässt man z. B. Wasser aus der Badewanne, dann entsteht ein Wirbel, der dann konstant bleibt, wenn man permanent eine bestimmte Menge Wasser hinzufügt. Die nach bedürfniserfüllenden Strategien suchenden und es dabei miteinander zu tun bekommenden Menschen sind die notwendige Stoff- oder Energiezufuhr des Sozialen!
Dass dies nicht unproblematisch ist, erkennt man schon daran, dass um die verschiedenen Formen von gesellschaftlicher Ordnung nahezu immer ›gerungen‹ werden muss. Geschichte ist ein einziger Kampf um gesellschaftliche Ordnung. Gezeigt haben wir, dass das handelnde Zusammenwirken komplexe Dynamiken zeitigen kann. Komplexität ist folglich die allgemeinste Standardantwort auf die Frage, weshalb die Entstehung gesellschaftlicher Ordnung ein Problem ist. Nun könnte man einwenden, dass sich die Gesellschaft ja (wie wir noch genauer sehen werden) einige Mühe gibt, die Handlungen der Menschen herauszubilden bzw. diesen sogar bestimmte Handlungen aufzuprägen: Da kann es doch nicht so schwierig sein, gesellschaftliche Ordnungen in bestimmten Qualitäten zu erzeugen! Sollte man meinen. Zugleich ist die soziale Energiezufuhr nicht konstant, weil nicht nur die Bedürfnislagen der Menschen, sondern auch die Strategien zur Bedürfniserfüllung bzw. schon die Möglichkeiten, auf bestimmte Strategien zuzugreifen, sehr unterschiedlich sind. Die Interessen und die Kontrolle an den verschiedenen Ressourcen sind unter Menschen oftmals ungleich verteilt. Diesem Pfad folgen wir zunächst weiter: Menschen haben aufgrund von Bedürfnissen bestimmte Interessen an bestimmten Ressourcen wie Lebensmittel, Sexualpartner:innen, Raum, Geld, Prestige usw. Mindestens unter folgenden, häufig anzutreffenden Bedingungen führen derartige Interessen zu Problemen:
• Es sind nicht ausreichend Ressourcen für alle vorhanden.
Wenn nicht genügend Lebensmittel vorhanden wären, müssten einige Menschen hungern. In der sog. »Corona-Krise« gehen z. B. viele Menschen in Deutschland im Frühjahr 2020 offenbar davon aus, dass die Ressource ›Toilettenpapier‹ während einer Pandemie knapp werden kann.
• Die Ressourcen sind ungleich verteilt.
Manche Menschen haben mehr Ressourcen zur Verfügung als sie eigentlich benötigen; andere Menschen haben dagegen zu wenig Ressourcen zur Verfügung. Einige Menschen leiden z. B. unter Übergewicht, so viel haben sie zu essen, während andere Menschen permanent hungern müssen. Die einen haben Toilettenpapier, das sie nicht verbrauchen, die anderen müssen alternative Reinigungswege suchen.
• Das Verhältnis von Interessen an Ressourcen und Kontrolle über die Ressourcen ist asymmetrisch.
Möglicherweise ist genug Toilettenpapier für alle Menschen in den Supermärkten vorhanden, weil aber einige Menschen übermäßig viel davon kaufen können (z. B., weil sie früher aufstehen und in den Supermarkt gehen können), bleibt für andere Menschen nichts mehr übrig. Oder die Lebensmittel, die ich gerne hätte, befinden sich in Besitz eines anderen Menschen.
In einer Kurzformel: Menschen geraten bei dem Versuch, ihre individuellen Bedürfnisse zu erfüllen, ständig aneinander. Deshalb müssen sie nahezu permanent ihre wechselseitigen Störungen abarbeiten. Und dabei kann es ganz schön ungeordnet zugehen – es sei denn, es gibt gesellschaftliche Vorkehrungen, die dabei helfen, diese Interdependenzen in bestimmten geordneten Bahnen abzuarbeiten.
Eine weitere Überlegung ist an dieser Stelle wichtig: Es ist offensichtlich, dass nicht alle wechselseitigen Störungen gleichermaßen problematisch sind. Nicht alle Ressourcen sind z. B. gleichermaßen wichtig. Der Verzicht auf ein Leberwurst-Brot mag nicht so schlimm sein wie der Verzicht auf Toilettenpapier. Der Grad des Problematischen hängt ganz wesentlich davon ab, wie einfach oder schwierig die Probleme zu beheben sind. Dazu drei Beispiele möglicher Problemlagen (vgl. Esser 1999–2001, Bd. 3: 56 ff.; Maurer/Schmid 2010: 203 ff.).
Beispiel: Das Paar
Ein Mann lernt abends eine Frau in einer Bar kennen. Sie einigen sich auf einen Sexualkontakt am gleichen Abend, ungeklärt ist aber noch, wohin sie gehen wollen: »Zu mir oder zu Dir?«
Die Nacht war für die beiden schön und sie sind nun in einer ›festen Beziehung‹. In ihrer gemeinsamen Wohnung erwarten sie Gäste, aber man hat vergessen abzusprechen, wer früher von der Arbeit nach Hause kommen soll, um aufzuräumen.
Irgendwann kommt die Frage nach der weiteren Familienplanung auf. Sie möchte Kinder, er nicht.
Zunächst können wir an diesem Beispiel relativ einfach die möglichen Bedürfnisse und Strategien ›rekonstruieren‹.18 Das Beispiel startet so: Sie hat das Bedürfnis nach ›Triebabfuhr‹, also nach Sex, er hat das Bedürfnis nach Verbundenheit zu einem Menschen. Die Strategie, beide Bedürfnisse zu erfüllen, auf die sich beide konsensuell einigen, wird im Geschlechtsverkehr gesehen.19 Wenn es im zweiten Punkt ums Aufräumen geht, weil man Gäste erwartet, mag sie das Bedürfnis nach Anerkennung haben und er das Bedürfnis nach Ordnung – was beide in einer aufgeräumten Wohnung erreichen würden. Es ist also klar, was für beide gut wäre, aber noch nicht, mit welcher Strategie man dies erreicht, zumal es für beide in diesem Fall günstiger wäre, wenn der oder die Andere aufräumt. Und bei der Kinderfrage hat sie das Bedürfnis nach Sinnhaftigkeit in ihrem Leben, er jedoch möchte Freiheit.
Offensichtlich haben wir es hier mit verschiedenartigen und unterschiedlich schwerwiegenden Problemen zu tun, die verschiedenartige Lösungen erfordern. Lösung bedeutet hier: Es muss eine kollektive Ordnung erzeugt werden. Diese gesellschaftliche Ordnung – hier des Paares – stellt jene Strategie dar, mit der die (beiden) Beteiligten ihre jeweiligen individuellen Bedürfnisse erfüllen wollen. Und weil der Schwierigkeitsgrad der Probleme in dem Beispiel variiert, ist die Bedürfniserfüllung zu unterschiedlichen Graden gefährdet, weshalb vermutlich nicht eine Strategie für alle Probleme passt.
Eins eint alle drei Punkte in dem Beispiel: Gleich welche Strategien als Lösungen in Betracht kommen, bevor das Paar überhaupt eine Lösung entwickeln kann, muss es relativ sicher sein, was der oder die Andere erwartet. Es gibt also einen gemeinsamen Problemkern trotz unterschiedlicher Problemhaftigkeit: Man ist in dem eigenen Handeln abhängig davon, welche Erwartungen des (oder der) anderen Menschen man erwarten kann.
Problem der doppelten Kontingenz
Dieses Problem hat die Soziologie besonders herausgestellt und ihm einen schönen Namen gegeben: das Problem der doppelten Kontingenz. Das bedeutet, die Menschen müssen nicht nur einigermaßen sicher erwarten können, welche Folgen ihr eigenes Handeln hat (Erwartungen). Sie müssen sich auch relativ sicher auf die Erwartungen der anderen Menschen einstellen können. Sie müssen, wie die Soziologie es nennt, Erwartungserwartungen ausbilden, also die Erwartungen des oder der anderen Menschen erwarten können. Das heißt, es geht nicht darum, allen Menschen einfach die gewünschten Ressourcen bereitzustellen. Das Schlaraffenland, in dem es keine wechselseitigen Störungen und somit auch keine gesellschaftlichen Ordnungsprobleme gibt, ist leider utopisch. Es geht darum, wie gesellschaftliche Ordnung entstehen kann unter der Bedingung, dass wir es wechselseitig in verschiedener Art und Weise miteinander zu tun bekommen und dabei erwartungssichere Lösungen erzeugen.
3.1 Koordination
Gehen wir vor diesem Hintergrund die drei Probleme in dem oben aufgeführten Beispiel noch einmal durch. Wir erkennen, dass das erste Problem (»Zu Dir oder zu mir?«) am einfachsten zu lösen ist: Die beiden Beteiligten wollen sich beide treffen und sie wissen dies voneinander. Die wechselseitigen Erwartungen sind klar. Zugleich haben sie zwei Optionen, um sich zu treffen und müssen sich auf eine Möglichkeit einigen.
Koordinationsproblem
Das bedeutet, es handelt sich hierbei um ein Koordinationsproblem. Dies ist das erste analytische Problem bei der Entstehung gesellschaftlicher Ordnung. Man kann sagen, dass dieses Problem nur dann schwierig zu lösen ist, wenn entweder die Menschen keine Möglichkeit bekommen, sich zu koordinieren, also wenn bspw. keine Kommunikationschancen vorhanden sind (z. B., wenn der Mann und die Frau sich versehentlich in der Bar getrennt haben, ohne vorher zu besprechen, zu wem sie gehen). Oder es wird bedeutsam, weil nicht nur zwei, sondern sehr viele Optionen vorhanden sind und man sich trotz Absprachemöglichkeiten nicht einfach auf eine Möglichkeit einigen kann.
Es ist Niklas Luhmann20, der im Rahmen der Einführung in seine Theorie sozialer Systeme (1984) das Problem der Entstehung sozialer Ordnung unter dem Label »Doppelte Kontingenz« als Koordinationsproblem beschrieben hat. Wichtig war ihm darzulegen, dass gesellschaftliche Ordnung auch entstehen kann, ohne dass man andere soziale Bedingungen als Notwendigkeit annehmen muss: »Nichts zwingt dazu, die Lösung des Problems der doppelten Kontingenz ausschließlich in einem schon vorhandenen Konsens, also ausschließlich in der Sozialdimension zu suchen« (Luhmann 1984: 150). Luhmann setzt auf eine Lösung, die auf Zufall und Zeit beruht. Dabei geht er zunächst von einer ähnlichen Situation wie oben in dem Beispiel des Paares aus, in der zwei Menschen sich begegnen und ihr Handeln von der Handlung des jeweils Anderen abhängig machen. Das in unserem Beispiel genannte Paar kann sich bei ihm oder bei ihr treffen. Erfolgreich wird die jeweilige Handlungswahl aber erst dann, wenn der oder die Andere der eigenen Handlungswahl entsprechend passend agiert. Und dies in einer Situation, die als »kontingent« beschrieben wird. Kontingenz bedeutet »auch anders möglich sein« und damit Risiko (Luhmann 1984: 47): »Kontingenz ist etwas, was weder notwendig ist noch unmöglich ist; was also so, wie es ist (war, sein wird), sein kann, aber auch anders möglich ist« (Luhmann 1984: 152). In dem Beispiel besteht die Kontingenz darin, dass beide sowohl zu ihm als auch zu ihr gehen können und dass beides für beide möglich und zugleich keine Option zwingend ist.
Warum ist dies ein Problem doppelter Kontingenz? Die Verdopplung des Problems entsteht einerseits deshalb, weil sich die Menschen zugleich in ihrer Handlungswahl von dem anderen Menschen abhängig machen, idealtypisch (wie in dem Beispiel) also sowohl der eine wie die andere Beteiligte. Dies macht die Handlungsauswahl schwierig, es kommt zu einer faktischen Schwierigkeit des Anfangs: Beide warten darauf, dass der/die Andere sich irgendwie verhält. Beide Menschen wissen, dass ihre Handlungswahl von dem Verhalten des Anderen abhängig ist. Dies wäre noch unproblematisch, wüsste man genau, was der/die Andere tut; oder mit anderen Worten: Könnte man ihn/sie berechnen. Genau dies ist aber nicht der Fall. Menschen sind dann doch keine Maschinen, bei denen immer dasselbe rauskommt, wenn man dieselbe Sache reinsteckt, so wie bei einem Getränkeautomaten. Wie man so schön sagt, wir können uns nur vor die Köpfe gucken (und nicht in die Köpfe). Und in unseren Köpfen passiert noch etwas, das für andere Menschen (und sogar manchmal für uns selbst) nicht beobachtbar ist. Und daraus entsteht das weitere Problem, dass jede:r sich den anderen Menschen als prinzipiell intransparent vorstellt:
»Zu einem Akutwerden doppelter Kontingenz genügt jedoch nicht die bloße Faktizität der Begegnung; zu einem motivierenden Problem der doppelten Kontingenz (und damit der Konstitution sozialer Systeme) kommt es nur, wenn diese Systeme in spezifischer Weise erlebt und behandelt werden: nämlich als unendlich offene, in ihrem Grunde dem fremden Zugriff entzogene Möglichkeiten der Sinnbestimmung« (Luhmann 1984: 151 f.).
Zusammengefasst stellt sich das Problem der Situation »doppelter Kontingenz« in dem typisch systemtheoretischen Sprachduktus21 nun wie folgt dar:
»Wenn Ego einem Alter freie Wahl zuzuschreiben bereit ist und sich denkt, dass seine Handlungen von den Reaktionen Alters mitbestimmt sind, und sich den Alter als intransparent vorstellt, dann wird Ego, falls ihm ein Alter begegnet, zunächst nicht handeln. Oder positiv, als Frage formuliert: Wie kann es unter diesen Bedingungen überhaupt zu einer Verhaltensabstimmung zwischen Ego und Alter kommen?« (Beermann 1993: 248)
Zur Beantwortung dieser Frage kann man davon ausgehen, dass das Problem als solches von den beteiligten Menschen wahrgenommen wird. Beide erkennen also, dass es ein Problem gibt als Voraussetzung dafür, ein Interesse an einer gemeinsamen Lösung zu entwickeln: »Die doppelte Kontingenz erzeugt Aktionsdruck« (Luhmann 1984: 162): Beide Menschen haben Interesse an einer Strategie (gemeinsames Treffen), die die o. g. Bedürfnisse aller Beteiligten erfüllen könnte, wobei es genügt, sich über eine Strategie einig zu werden. Die Kommunikation der Bedürfnisse ist zur Koordination der Situation nicht relevant. Beide Beteiligte nehmen das Problem der Koordination wahr (wo treffen wir uns und wie entscheiden wir das?), müssen in der Suche nach einer Strategie agieren und sind dabei kontingent in ihren Aktionsmöglichkeiten.
Luhmann stellt sich die typische Auflösung des Kooperationsproblems nun so vor: Eine:r von beiden – unterstellend, dass der/die Andere beeinflussbar (irritierbar, störbar, aufschaukelbar, in Schwingung versetzbar; siehe Luhmann 1986: 40 ff.) ist – unternimmt eine Aktion und stellt sich dabei die Frage, wie der/die Andere wohl mit diesem Angebot umgeht. Offensichtlich müssen bereits für diesen ersten Schritt aus der Situation doppelter Kontingenz heraus ein Interesse an der Reaktion des anderen Menschen sowie kognitive Fähigkeiten der Wahrnehmung der Reaktion als Bedingungen vorhanden sein. Sonst käme auch nach Luhmann (1984: 160) »kein soziales System in Gang, wenn derjenige, der mit Kommunikation beginnt, nicht wissen kann oder sich nicht dafür interessieren würde, ob sein Partner darauf positiv oder negativ reagiert.« Welche Handlung inhaltlich gewählt wird, um das Problem des Anfangs zu lösen, ist zunächst irrelevant. Nach Luhmann kann jeder Zufall, Anstoß, Irrtum produktiv im Sinne einer Koordination werden. Denn die Menschen werden sehr gerne jedes beliebige Angebot annehmen, das geeignet ist, um die Situation zu koordinieren. Der Grund ist: Die Doppelung der Kontingenz macht die Situation für beide Menschen in einem gewissen Maße »unbestimmbar, instabil, unerträglich« (Luhmann 1984: 172). Beide Menschen haben also nicht nur ein gemeinsames Interesse, sondern sie stimmen noch überein in der Erfahrung der Unerträglichkeit, dass sich dieses gemeinsame Interesse nicht so einfach koordinieren lässt. Sie können sich wechselseitig diese Erfahrung sowie ein »Interesse an der Negation dieser Negativität« unterstellen (Luhmann 1984: 172). Anders formuliert: Wir haben wiederum ein Kooperationsproblem, allerdings auf einem höheren Abstraktionsniveau.
Nicht nur die konkrete Frage, wo sich unser Paar treffen möchte, bereitet den beiden beteiligten Menschen Kopfschmerzen, sondern auch die Frage, wie man die Koordination an sich startet. Das ist der interessante Gedanke bei Luhmann: Gerade wenn es sehr viele Optionen gibt, eine Koordination in Gang zu bringen, dann ist jede beliebige Auswahl eines einzelnen Angebots ein kleiner Schnitt mit großer Wirkung, weil mit der Auswahl zugleich sehr viel anderes ausgeschlossen werden kann.
Erwartungssicherheit
Das von Luhmann beschriebene Interesse an der Reaktion des oder der Anderen übersetzen wir, wie bereits beschrieben, in ein Interesse an Erwartungssicherheit als Koordinationsproblem. In diesem Rahmen erzeugt jeder kleine Schnitt, jedes Angebot, eine höhere Chance auf Koordination durch eine höhere Sicherheit, was nicht mehr in Betracht kommt. Auch dieses beiderseitige Interesse an Erwartungssicherheit unterliegt einem Zirkel, in dem die wechselseitige Erwartungssicherheit nur in Abhängigkeit von der Erwartung des einen in Bezug auf die Erwartung des Anderen (und umgekehrt) zustande kommt. In der Formulierung von Luhmann: »Ich tue, was Du willst, wenn Du tust, was ich will« (Luhmann 1984: 166). Hier entsteht ein sich selbst blockierender und – nach Luhmann – zugleich eine Lösung initiierender Zirkel, weil die Frage auf beiden Seiten zugleich gestellt wird und beide Interessen an irgendeiner Lösung haben.
Luhmann unterstellt also, dass beide Menschen ein Interesse daran haben, die Situation zu entschärfen, um Erwartungssicherheit zu gewinnen. Dieses beiderseitige und gleichgerichtete Interesse definiert die Situation als Koordinationsproblem. Sie müssen dann ›nur‹ noch herausfinden, womit diese Sicherheit zu gewinnen ist und auf diesem Abstraktionsniveau kann alles weiterhelfen:
»Alter bestimmt in einer noch unklaren Situation sein Verhalten versuchsweise zuerst. Er beginnt mit einem freundlichen Blick, einer Geste, einem Geschenk – und wartet ab, ob und wie Ego die vorgeschlagene Situationsdefinition annimmt. Jeder darauf folgende Schritt ist dann im Lichte dieses Anfangs eine Handlung mit kontingenzreduzierendem, bestimmendem Effekt – sei es nun positiv oder negativ« (Luhmann 1984: 150).
Ein konkretes Koordinationsproblem wird von Luhmann also in das generelle Koordinationsproblem der Entstehung von Erwartungssicherheit umgestellt. Dieses generelle Problem benötigt nichts Konkretes mehr, um gelöst werden zu können. Auf diese Weise können die Menschen im Laufe der Zeit Erwartungen aufbauen, die ihre Unsicherheiten reduzieren. Sie beobachten sich selbst und die Reaktionen des anderen Menschen und lernen daran.
Unser Paar möchte sich also treffen und weiß nicht, ob sie zu ihm oder zu ihr gehen. Der Zufall des Anfangs könnte z. B. dadurch bestimmt sein, dass er fragt, wo sie lieber hingehen möchte. Sie kann also im weiteren Fortgang erwarten, dass er ihre Erwartungen mitberücksichtigt. Nun kann es sein, dass sie gerade antworten möchte, aber sich die Antwort kurz verzögert, weil ihr Hals vor Aufregung trocken ist. Er reagiert auf diese Verzögerung und deutet dies als Unsicherheit ihrerseits und schließt eventuell an diese Unsicherheitsgeste an, indem er anbietet, man könne auch erst noch etwas trinken gehen. Es mag also ggf. noch keine Lösung in der konkreten Sache – wo will man sich treffen? – gefunden worden sein. Aber es ist erst einmal eine Unsicherheit reduzierende Erwartung entstanden, dass man das Koordinationsproblem lösen wird und dabei die wechselseitigen Erwartungen eine Berücksichtigung finden wird. Man wird dieser Erwartung vermutlich nun im weiteren Verlauf eher gerecht werden wollen, bevor man wieder in den ›chaotischen‹ Zustand zurückmuss: »Man verzichtet nicht auf die Erwartung eines soliden, begehbaren Bodens, wenn man einmal ausrutscht!« (Luhmann 1972: 32 f.). Erwartungen bilden anschlussfähige Selbstfestlegungen. Wenn sie dem gemeinsamen Trinkengehen zustimmt, ist die Entscheidung, wohin man gemeinsam gehen wird, verschoben und man gewinnt Zeit. Die Zustimmung an sich festigt zugleich die Erwartung, dass man später zur Lösung des Problems weiterhin bereit sein wird, die wechselseitigen Erwartungen zu berücksichtigen. Es entsteht eine zirkulär geschlossene Einheit von Erwartungen, eine Struktur von Erwartungserwartungen, an die die Menschen dann in ihren Aktionen anschließen können. Nach dem gemeinsamen Trinkengehen wird sie ihm vielleicht vorschlagen, dass sie lieber zu ihm gehen möchte. Das Problem der Koordination ist gelöst.
Das Koordinationsproblem in der Spieltheorie
Schön veranschaulicht die Spieltheorie das Koordinationsproblem. Wie wir schon gesehen haben, geht diese Theorie von zwei typischen Menschen aus, die jeweils zwei Handlungsalternativen haben. Jede Handlung eines Menschen würde eine Folge zur Konsequenz haben, die einen bestimmten Wert für die Beteiligten mit sich bringt. Dieser Wert wird als Zahl symbolisiert (und je höher der Wert, desto wertvoller ist die Folge für den Menschen). Zugleich ist das Erreichen der Handlungsfolge abhängig davon, wie sich der jeweils andere Mensch entscheidet.
Nehmen wir etwa das als »Kampf der Geschlechter« bezeichnete Koordinationsproblem, das mit einem Verteilungsproblem kombiniert wird: Unser Paar, nun in einer Intimbeziehung miteinander, überlegt, wie es einen freien Tag gemeinsam verbringen kann. Sie möchte am liebsten ins Fußballstadion, er würde gerne in die Oper gehen. Für beide wäre es aus individueller Perspektive insgesamt schlecht, wenn er und sie jeweils ihren individuellen Lieblingsdingen nachgehen würden, weil dies kollektiv bedeuten würde, den Tag nicht gemeinsam zu verbringen. Sie müssen also eine gemeinsame Strategie finden, um ihren Bedürfnissen nach Verbundenheit und Spaß gerecht zu werden. Gehen sie beide zum Fußball, ist das für sie spaßiger als für ihn. Gehen sie in die Oper, hat er den Vorteil – aber immerhin sind beide in beiden Fällen zusammen. Wollen beide dem/der Anderen einen Gefallen tun und das machen, was der/die Andere gern unternehmen möchte und können sich beide nicht absprechen, dann geht sie sogar zur Oper und er ins Stadion – das allerschlechteste Ergebnis: getrennt das tun, was keinem Spaß macht. Das schlechteste Resultat lässt sich leicht vermeiden. Aber ein bestes Resultat für beide gibt es zugleich auch nicht, das heißt, die Frage ist, wie der Nutzen verteilt wird (
Abb. 8).
Glücklicherweise für unser Paar können sie miteinander reden und sich koordinieren, indem sie z. B. die Zeitdimension nutzen und verabreden, dieses Wochenende in die Oper zu gehen und danach ins Stadion. Oder vielleicht gibt es irgendwo eine Fußballoper? Eventuell lassen sie auch den Zufall entscheiden und werfen eine Münze, was sie zuerst tun.

Abb. 8: Battle of Sexes
Interaktionsordnung
In einem normalen Alltag stellt sich das Koordinationsproblem eher als Problem der »Interaktionsordnung« dar, die insbesondere Erving Goffman22 (1971, 1973, 1974) intensiv erforscht hat. Grundlage der Interaktionsordnung ist bei Goffman immer die unmittelbare Face-to-Face-Anwesenheit mindestens zweier Menschen: »Soziale Interaktion im engeren Sinne geschieht einzig in sozialen Situationen, das heißt in Umwelten, in denen zwei oder mehr Individuen körperlich anwesend sind, und zwar so, daß sie aufeinander reagieren können« (Goffman 1994: 55). Dabei ist Goffman davon ausgegangen, dass sich »durch die beständige Wiederholung [bestimmter Begegnungen] Formen des unmittelbaren Zusammenlebens einspielen« (Goffman 1994: 77).
Diese Formen können wir ebenfalls als gesellschaftliche Ordnungen ansehen. So gesehen stellt jede Situation die Menschen vor das Problem der Interaktionsordnung als ein Koordinationsproblem, weil die Menschen sich wechselseitig immer die Frage beantworten müssen: »Was geht hier eigentlich vor?« (Goffman 1977: 16). Das bedeutet, bevor Menschen handeln, müssen sie auf Basis ihrer Wahrnehmung zu einer Deutung kommen, was in der Situation ›gerade abgeht‹.
In soziologischeren Worten: Menschen müssen notwendigerweise ihre Situationen »rahmen« (Goffman 1977). Rahmen machen »einen sonst sinnlosen Aspekt der Szene zu etwas Sinnvollem« (Goffman 1977: 31), und alle Beteiligten wissen dann eben, ›was geht‹. Wir beschreiben fertige soziale Rahmen später noch genauer. Hier genügt zunächst zu wissen, dass solche Rahmen den Menschen Erwartungssicherheit bringen, denn: »Die soziale Natur der Individuen erträgt keine leerlaufende Erwartungshaltung« (Goffman 1974: 120). Zudem suchen Menschen grundsätzlich immer ein bestimmtes Maß an Verbundenheit mit anderen Menschen, weil genau dies die Sicherheit erhöht, dass man sich wechselseitig zu einer möglichst konsensuellen Deutung dessen verhilft, was gerade vor sich geht. Randal Collins23 (2008) geht deshalb von einer anthropologisch gegebenen Neigung der Menschen aus, sich mit dem Rhythmus und den Emotionen der anderen Menschen zu verbinden. Und welche Strategie geeignet ist, um diese rhythmisch-emotionale Verbindung zu erzeugen, dies ist der Kern des Problems der allgemeinen Koordination von Interaktionen. Daraus folgt:
»Ein Großteil der Aktivität während einer Begegnung kann als Bemühung eines jeden verstanden werden, die Situation und alle nichtantizipierten und nichtintendierten Ereignisse, die die Interaktionsteilnehmer in ein schlechtes Licht setzen könnten, zu bewältigen, ohne die Beziehungen der Teilnehmer zu stören« (Goffman 1971: 48).
Zur Erzeugung einer Interaktionsordnung, die grundsätzlich alle Menschen wollen, wird ein aktives Handeln notwendig, das Sicherheit und Verbundenheit gewährleistet. Die Situationen selbst gewährleisten diese oftmals nämlich nicht hinreichend: »Soziale Strukturen ›determinieren‹ nicht kulturell standardisierte Darstellungsformen, sie helfen lediglich, aus einem verfügbaren Repertoire von Darstellungen auszuwählen« (Goffman 1994: 83). Was immer wir an sozialen Vorgaben vorfinden: Immer bleibt ein (größerer oder kleinerer) Rest an Deutungs- und Ausgestaltungsanforderungen, die von den Menschen bewältigt werden müssen – und dies nicht alleine bei der individuellen Handlungsauswahl, sondern ebenso in ihrem handelnden Zusammenwirken. Wie wir oben gesehen haben, können Menschen bspw. auch eine bestimmte Interaktionsorientierung wählen. Und je nachdem, welcher Orientierung sie sich anschließen, z. B. eher individualistisch oder altruistisch, desto mehr oder eben weniger erwartungssicher ist die Interaktionsordnung. Für Goffman sind Menschen nicht in der Lage, die sie umgebende Situation, zu der auch immer andere Menschen gehören, deckungsgleich zu deuten, und »[w]egen dieser bei der Interaktion von Angesicht zu Angesicht eine so große Rolle spielenden Kontingenzen hat der Akteur die Aufgabe, häufig sogar das Recht, klärende Informationen zu geben« (Goffman 1974: 153).
Ersichtlich ist unser Alltag folglich ein einziges Koordinationsproblem! Wir haben alle ein individuelles Interesse daran, mit den anderen Menschen zusammen hinreichend Erwartungssicherheit und Verbundenheit zu realisieren. Die Frage ist nur: Wie? Wie können wir uns im handelnden Zusammenwirken wechselseitig unseren Wunsch nach Verbundenheit und (Interaktions-)Ordnung erfüllen? Goffmans Antwort wäre: Die Koordination wird mittels gesellschaftlicher Rituale erreicht. Folglich hat er eine ganze Reihe solcher Rituale beschrieben, mit denen wir uns koordinieren, um Erwartungssicherheit und Verbundenheit zu erzeugen. Damit macht Goffman das, was ebenfalls genuine Aufgabe der Soziologie ist: Die Aufdeckung des Selbstverständlichen, das als gar nicht so wahrscheinlich entlarvt wird. Rituale werden nämlich derart automatisch vollzogen, dass man sie manchmal sogar für ein biologisches Artefakt des Menschen halten könnte. Und erst wenn diese Rituale wegfallen oder keine Wirkung mehr entfachen, bemerkt man ihre Notwendigkeit, ihre Relevanz und ihre künstliche – soziale – ›Natur‹.
Rituale
Goffman und Collins gehen in genau diesem Sinne von »natürlichen Ritualen« aus, mit denen die Menschen Erwartungssicherheit und Verbundenheit insbesondere durch emotionale Beeinflussungen und affektive Bindungen »hinter dem Rücken« produzieren, wenn sie es miteinander zu tun bekommen. Ein solches Ritual ist etwa der »bestätigende Austausch«, der z. B. die Bejahung von Veränderungen (»Ratifizierungsrituale«) oder andere »Beruhigungskundgaben« ebenso einschließt wie verschiedene »Zugänglichkeitsrituale« (Begrüßung, Abschied), die Zustände erhöhter oder verminderter Zugänglichkeit regeln, das heißt »rituelle Kundgaben, die einen Wechsel des Zugänglichkeitsgrades markieren« (Goffman 1974: 119). Ein weiteres wichtiges Ritual ist der »korrektive Austausch«, der einerseits »korrektives Handeln« beinhaltet, also etwa Erklärungen und Entschuldigungen, um einen negativen Eindruck zu korrigieren oder Ersuchungen, als Form der Bitte, Regeln verletzten zu dürfen (»Entschuldigen Sie, darf ich mich mal vorbeidrängen?«). Das Problem, wie man sich in solchen situativen Kontexten positioniert, die nicht an Gesprächen orientiert sind (etwa auf dem vollen Bahnsteig, auf den Zug wartend), lösen »leibgebundene Kundgaben«. Diese können Informationen über Absichten (»Orientierungskundgaben«), Informationen darüber, dass man seine Position nicht ausnutzten wird (»Rücksichtskundgaben«) oder Übertreibungen zur Fehlerrelativierung (»Übertreibungskundgaben«) beinhalten.
Selbst die Vermeidung von Gewalt wird zu einem Koordinationsproblem, wenn wir davon ausgehen, dass die Menschen ja eigentlich mit angenehmen Gefühlen miteinander verbunden sein wollen. Wird die Interaktionsordnung gestört, entwickeln die Menschen eine »Konfrontationsanspannung«, das heißt, sie empfinden den Verlust von Verbundenheit sowie die Unsicherheit über die Erwartungen als unangenehm, worauf ja auch schon Luhmann verwiesen hatte. Gewalt ist eine Möglichkeit, die Interaktionsordnung wiederherzustellen, Erwartungssicherheit zu erzeugen und sich zugleich von dem Wunsch nach Verbundenheit zu befreien. Konflikte gibt es viele, wenn Menschen es miteinander zu tun bekommen, zugleich sind gewalttätige Interaktionen eher selten. Ein Grund für diese Seltenheit ist, dass Gewalt eben auch zugleich einen starken Bruch der Verbundenheit mit dem anderen Menschen bedeutet. Deshalb gibt es »Konfliktrituale« zur Vermeidung von Gewalt, z. B. den sog. »Monkey Dance«: Brust an Brust stehend beschimpfen und bedrohen sich dabei die Protagonisten – ohne Gewalt tatsächlich auszuüben. Der Begriff des ›Tanzes‹ zeigt an, dass dies als ein Dominanz- bzw. Territorial-Ritual verstanden werden kann, das eine eigene Interaktionsordnung der Bedrohung generiert, die im Normalfall nicht in Gewalt übergeht, sondern den Ausbruch von Gewalt verhindert. Der Affentanz ist damit eine Strategie zur Lösung des Koordinationsproblems, bei dem beide Menschen die Gewalt vermeiden wollen, aber situativ nicht vorgegeben ist, wie genau dies geschehen kann.
Zugleich macht der Affentanz deutlich: Diese Interaktionsordnung hat keine Bestandssicherheit. Es gibt auch keine völlige Unsicherheitsbeseitigung. Jederzeit könnte der Konflikt inklusive dieses Konfliktpotentials in eine Gewalthandlung umschlagen. Unsicherheit gehört zu der entstandenen Einheit des Affentanzes dazu und ist zugleich Chance ihrer Fortsetzung, denn mit Unsicherheit ist immer die Aufforderung verbunden, Sicherheit zu erzeugen. Unsicherheit gibt der entstandenen Einheit, die wir hier Interaktionsordnung nennen, »Eigenschaften eines autokatalytischen Faktors« (Luhmann 1984: 170) mit, die den Aufbau und die Fortsetzung der gesellschaftlichen Ordnung ermöglichen. Und so kann es eine ganze Weile dauern, dass Menschen Brust an Brust ihr Affentanz-Ritual aufführen. Gleichwohl kann die Unsicherheit über die Zeit verringert werden, so dass irgendwann klar ist: Der andere Mensch will weder Gewalt erfahren noch ausüben – und diese Erkenntnis wirkt auf beiden Seiten ordnend.
3.2 Kooperation
Insgesamt ist es also gar nicht so schwierig, Koordinationsprobleme zu lösen – meistens klappt es im handelnden Zusammenwirken unseres Alltags fast automatisch. Um einiges schwieriger wird es, wenn die Verfolgung der individuellen Interessen zu kollektiven schlechteren Zuständen führt, als es möglich wäre. Wir sprechen dann von einem Dilemma.
Beispiel: Das Paar
Wir haben dafür oben (
Kap. 3.1) bei dem Paar-Beispiel die Frage eingeführt: Wer räumt auf, wenn gemeinsam Gäste erwartet werden? Beide wollen, dass aufgeräumt wird, eine aufgeräumte Wohnung ist für beide die bevorzugte Strategie zur Erfüllung ihrer Bedürfnisse – Anerkennung bei ihr, Ordnung bei ihm. Wenn wir nun zusätzlich unterstellen, dass beide eher wenig Lust auf das Aufräumen an sich haben, dann ist es für beide Beteiligten jeweils am besten, wenn der oder die Partner:in aufräumt – und man selbst keine Energie in das Aufräumen stecken muss.
Wenn andere Menschen dafür sorgen, dass kollektive Ergebnisse erreicht werden, um die eigenen Bedürfnisse zu erfüllen, ist das ganz prima. Die Sache hat nur einen kleinen Haken: Was passiert, wenn das alle Beteiligten so sehen? Dies wiederum lässt sich hervorragend mit den Mitteln der Spieltheorie darlegen. Das anschaulichste Beispiel dafür ist das sog. Gefangenendilemma.
Beispiel: Gefangenendilemma
Zwei Bankräuber werden nach ihrer Tat gefasst: Ihnen kann beiden der unerlaubte Waffenbesitz nachgewiesen werden, was ein Jahr Gefängnis nach sich ziehen würde. Bei der Polizei werden die Gangster getrennt voneinander verhört. Die Staatsanwaltschaft bietet ihnen folgendes an: Auf den Bankraub stehen zehn Jahre Gefängnis. Gesteht einer der beiden Verbrecher den Bankraub, dann greift eine Art Kronzeugenregelung, das heißt, der Geständige muss nicht ins Gefängnis. Liefern jedoch beide ein Geständnis ab, bekommen beide acht Jahre, das Geständnis zählt als mildernder Umstand.
Würden beide Verbrecher miteinander (nicht mit der Polizei) kooperieren und beide den Banküberfall abstreiten, kämen sie beide mit einem Jahr Knast davon. Dies ist aber individuell deshalb nicht rational, weil das Abstreiten des jeweils Anderen unsicher und dessen Geständnis wahrscheinlich ist. Der Andere wiederum ist genauso unsicher und kennt die eigene Handlungsauswahl nicht. Das Abstreiten des Anderen wäre dann besonders schlecht, wenn man selbst gesteht. Folglich ist die beste individuelle Strategie für beide Gangster, nicht zu gestehen und die eigene Beteiligung abzustreiten (
Abb. 9).

Abb. 9: Gefangenendilemma
Das Dilemma besteht darin, dass die unter diesen Bedingungen individuell cleverste Strategie (jede:r gesteht das Verbrechen) zu einem kollektiv schlechten Ergebnis (beide gehen acht Jahre ins Gefängnis) führt. Es gibt also wie im Koordinationsproblem zwar ein gemeinsames Interesse, das durch Kooperation erreicht werden könnte (möglichst geringe Gefängnisstrafen für beide). Zugleich wird dieses kollektiv beste Ergebnis durch die Angst vor Nicht-Kooperation des jeweils Anderen und damit vor einer längeren Gefängnisstrafe verhindert.
Die Frage ist, wie man bei einer solchen Problemlage ›für Ordnung sorgen‹ kann. Man kann natürlich immer versuchen, die Menschen zur Kooperation zu zwingen. Während wir diese Zeilen schreiben, diskutiert das Land NRW über eine Ausgangssperre aufgrund der »Corona-Pandemie«, (siehe Kron/Winter 2021) die momentan kooperatives Verhalten der Bevölkerung erfordert. Weil aber zu viele Menschen abweichen, muss man die Bevölkerung ggf. zwingen und die Abweichung, z. B. das Feiern mit zu vielen Menschen in einem geschlossenen Raum, unter Strafe stellen. Bemerkenswert ist, dass manche Menschen nicht abweichen und sich an die vorgegebenen Regeln halten, z. B. weil sie die Regelbefolgung als einen Akt der Solidarität deuten. Man würde zwar sehr gerne feiern, würde sich zugleich aber schlecht fühlen, wenn dadurch andere Menschen gesundheitlich gefährdet werden. Und wenn es Menschen eine Frage der ›Ehre‹ ist, niemals mit der Polizei zu kooperieren, wie etwa bei manchen Rocker-Vereinigungen, dann hilft das zur Kooperation im Gefangenendilemma natürlich sehr weiter – allerdings nur für die Kooperation innerhalb des Rocker-Clubs.
Das Kooperationsproblem als Dilemma ist deshalb tragisch, weil man ja von außen als Soziolog:in sehen kann, dass alle Beteiligten etwas davon hätten, wenn sie kooperieren würden. Sie könnten das kollektive beste Ergebnis erreichen. Insofern könnte man auf die Einsicht über die Zeit hoffen, nach dem Motto: Wenn man oft genug auf die Nase gefallen ist, kann man vielleicht daraus lernen, dass Kooperation kollektiv sinnvoll und individuell nützlich ist. Ein Teil der Erziehung von Kindern setzt ja daran an ihnen beizubringen, dass ein bestimmtes Verhalten langfristig nützlicher für sie und für alle anderen Menschen ist. Bedingung dafür ist, dass ich üblicherweise im Rahmen derselben Konstellationen handele. Zeit bedeutet hier, dass ich bei dem Versuch, meine Bedürfnisse zu erfüllen, meistens auf die gleichen Menschen treffe – wenn nicht sogar auf dieselben Menschen. Als Kind habe ich es zunächst immer mit Familienmitgliedern zu tun und als Professor:in immer mit Studierenden. Strategisch bedeutet dies, dass ich berücksichtigen sollte, diese Menschen nicht nur jetzt, sondern auch in Zukunft wiederzutreffen. Die Konstellation wiederholt sich. Diese Zukunftsorientierung beinhaltet, dass zukünftige Begegnungen eventuell zwar nicht mit denselben Menschen, z. B. mit denselben Studierenden, stattfinden, dass ich es aber immer wieder mit den gleichen Studierenden in dem Sinne zu tun habe, dass es Menschen gibt, die regelmäßig meine Lehrveranstaltungen besuchen und die bereits von meinen Handlungen durch andere Studierende, die zuvor in meinen Veranstaltungen anwesend waren, gehört haben. Wenn Professor:innen von geltenden Regeln in einer Lehrveranstaltung abweichen wollen, dann müssen sie damit rechnen, dass ihnen dieses Verhalten auch in Zukunft unterstellt wird.
Beispiel: Klausur
Vielleicht möchte ein Professor eine Klausur zu einer Vorlesung etwas härter als üblich bewerten, weil er diese Studierendenkohorte als unangenehm empfindet, da diese ihn zu oft mit Fragen beim Vortragen unterbrochen hat. Diese Abweichung von der vorher gültigen Klausurbewertungsregel könnte sich unter den Studierenden rumsprechen und dafür sorgen, dass zukünftige Kooperationsgewinne – etwa Vorlesungen, die auch diesem Professor Spaß machen, weil die Studierenden sich rege beteiligen – nicht mehr erzielt werden, weil die Studierenden dann sicherheitshalber gar nichts mehr fragen.
Im spieltheoretischen Duktus formuliert, können Menschen damit rechnen, dass sich dieselben Kooperationsspiele in Zukunft wiederholen. So ist man ganz gut beraten, die zukünftigen Reaktionen in die gegenwärtige Entscheidung über das eigene Handeln einzubeziehen. Auf diese Weise kann das Kooperationsproblem womöglich faktisch gelöst werden. Klar ist allerdings auch: Wenn das Ende der Zeit absehbar ist – unser Professor gibt seine allerletzte Vorlesung und bewertet die Klausur ein letztes Mal – dann gibt es diesen Anreiz zur Kooperation nicht mehr. Die Wiederholung von Kooperationsspielen kann diese in Koordinationsspiele überführen. Zugleich sind die gefundenen Übereinkünfte brüchig. Jedenfalls brüchiger als jene gesellschaftliche Ordnung, die wir üblicherweise in unserem Alltag beobachten können. Dies deutet darauf hin, dass es weitere Dinge gibt, die zu einer Stabilisierung von gesellschaftlicher Ordnung beitragen können als das Setzen auf die Zukunft, so dass wir dann statt von einer faktischen von einer normativen bzw. gesellschaftlichen Ordnung sprechen können (Parsons 1937: 91).
Andreas Diekmann24 (2020) hat den Unterschied zwischen Koordinations- und Kooperationsproblemen – und die gesellschaftliche Relevanz dieser Differenz – eindrücklich u. a. am Beispiel der Maßnahmen zur Bekämpfung der »Corona-Pandemie« (siehe Kron/Winter 2021) vorgeführt. Zunächst bedeutet eine Pandemie eine neuartige gesellschaftliche Situation, für die es kaum festgelegte und allen Menschen bekannte Abläufe gibt. Es taucht eine Vielzahl ganz grundsätzlicher, ordnungsrelevanter Fragen auf: Welche Leben sollen geschützt werden? Welche Leben haben Vorrang? Welche gesellschaftlichen Bereiche sind ›systemrelevant‹, also notwendig zur Aufrechterhaltung der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung (Pflegedienste? Künstler:innen? Fußball? Intensivmedizin? Kinderbetreuung? Usw.). Was passiert, wenn bestimmte Maßnahmen eingeleitet werden, die die Ausbreitung des Virus verringern sollen? Können wir erwarten, dass Kontaktsperren zu weniger Toten führen, weil sich weniger Menschen infizieren, oder vielleicht sogar zu mehr Toten, weil die psychischen Belastungen die Zahl der Selbsttötungen erhöhen? Gibt es überhaupt Regelungsbedarf oder wäre es nicht besser, den Dingen ihren Lauf zu lassen? Wer darf oder sollte wann mit wem die entsprechenden Entscheidungen über Maßnahmen treffen?
In den Worten der Spieltheorie führt hier eine Externalität zu dem Wunsch nach gesellschaftlicher Regelung. Diese Externalität besteht hier in einem Virus, das auf eine Bevölkerung ohne Immunschutz trifft, wobei jeder infizierte Mensch das Virus übertragen und andere Menschen infizieren kann, ohne zu wissen, ob und wann dies der Fall ist, weil manche Überträger:innen keine Symptome entwickeln, die auf eine Infektion hinweisen würden. Eine solche Externalität löst ein allgemeines Bedürfnis nach gesellschaftlicher Ordnung aus, zu dessen Erfüllung eine allgemeingültige Strategie entwickelt werden muss. Und dies ist das Problem, denn die Allgemeingültigkeit der Strategie ist davon abhängig, dass alle bzw. die meisten Menschen sich an diese Regelungen halten. Diekmann zeigt nun, welche Maßnahmen zur Erzeugung gesellschaftlicher Ordnung als Antwort auf das pandemische Geschehen eher einem Koordinationsproblem entsprechen, bei dem Eigeninteressen und das kollektive Interesse gleichgerichtet sind, und wo es sich um ein Kooperationsproblem handelt, in dem individuelle und kollektive Interessen eben nicht deckungsgleich sind. Die Frage nach der Entstehung gesellschaftlicher Ordnung lautet hier: Wie kann man solche Kooperationsregeln einführen, die die kollektiven mit den individuellen Interessen in Übereinstimmung bringen?
Für Maßnahmen wie Kontaktbeschränkungen und Abstandsgebote gilt die Kooperationsproblematik offenkundig nicht. Man kann beobachten, dass diese Unterlassungsregeln sich mit großer Folgebereitschaft in der Bevölkerung ausgebildet haben. Der Grund liegt auf der Hand: Wenn ich eine Infektion befürchte, dann liegt es in meinem eigenen Interesse, Abstand von allen anderen Menschen zu halten und mich z. B. auf neue Begrüßungsformen (ohne Händeschütteln) einzulassen. Da alle anderen Menschen mit einer ähnlichen Einschätzung des Infektionsrisikos dies ähnlich sehen dürften, halten wir alle voneinander Abstand und beschränken unsere Kontakte – was jeder:m Einzelnen und allen Menschen zugleich nützlich ist. Wenn ich mich vor einer Tröpfcheninfektion durch Einhaltung eines Abstands schütze, schütze ich zugleich die anderen Menschen gleichermaßen vor einer Infektion.
Koordinationsproblem: Abstandsgebot und Kontaktbeschränkungen
Diese neue gesellschaftliche Ordnung kann sich relativ leicht einspielen, weil sich die Menschen lediglich koordinieren müssen, wofür geeignete politische Maßnahmen und Kommunikationen hilfreich sind. Die Eigeninteressen befördern zugleich das kollektive Interesse – es handelt sich um ein relativ leicht zu lösendes Koordinationsproblem.
Anders sieht es etwa für den zu Beginn der Pandemie empfohlenen Mund-Nase-Schutz aus. Erst die Einführung der »Maskenpflicht« hat die Folgebereitschaft der Menschen zu dieser Regel erhöht. Und auch mit dieser Pflicht sind noch relativ viele Menschen bereit gewesen, einen solchen Schutz nicht oder völlig unzureichend anzuwenden. Warum?
Kooperationsproblem: Maske tragen
Hierzu muss man wissen, dass zu Beginn der Pandemie im Frühjahr 2020 zunächst einfache Mund-Nase-Verdeckungen empfohlen wurden, z. B. sog. »Alltagsmasken« wie selbstgenähte Stoffmasken oder auch Schals. Die Annahme war dabei, dass der Auswurf eigener Tröpfchen dadurch behindert wird. Wenn ich infiziert bin und huste, dann verhindere ich zu einem bestimmten Grad, dass andere Menschen meine mit Virus belasteten Tröpfchen einatmen. Mit anderen Worten: Diese Masken schützen vor allem andere Menschen, nicht aber mich selbst. Wenn alle Menschen einen solchen Schutz verwenden würden, dann wäre das im kollektiven Interesse. Zugleich ist der Anreiz für jede:n Einzelne:n groß, von dieser Regel abzuweichen. Denn die Kosten des Maskentragens – Gefühl des erschwerten Atmens, beschlagene Brillengläser, durchnässter Schal usw. – möchte man selbst am liebsten nicht tragen. Wenn ich selbst also keinen Schutz verwende, aber zugleich alle anderen Menschen das tun, dann bin ich ja geschützt und muss die Kosten nicht tragen. Hinzu kommt noch, dass mein individueller Anteil am Gesamtschutz sowieso sehr niedrig ist. Ich bin, wie es in einem Pop-Song heißt, »nur einer von 80 Millionen«. Je größer die Anzahl der Beteiligten ist, desto geringer ist das, was ich zum kollektiven Resultat beitragen kann. Wenn aber alle oder die meisten Menschen so denken, dann kommt der kollektive Nutzen, der Schutz der Gesamtbevölkerung, nicht zustande, weil sich das Virus, das sich von Argumenten der Menschen völlig unbeeindruckt zeigt, bestens verbreiten kann. Im Gegensatz zum Abstandhalten ist beim Maske-Tragen der Eigenschutz geringer als der Fremdschutz – und das Problem wandelt sich von einem Koordinations- zu einem Kooperationsproblem.
Insofern dürfte die politische Maßnahme, die Maskenpflicht im Januar 2021 zu verschärfen, eine geeignete Strategie sein, um mehr gewünschte Folgebereitschaft zu erzeugen: Vor dem Hintergrund von Mutationen des Virus, die zu einer noch schnelleren Verbreitung von Infektionen führen, wurde beschlossen, dass in bestimmten Bereichen des öffentlichen Lebens medizinische und am besten sog. »FFP2-Masken« getragen werden müssen. Diese Masken zeichnen sich durch eine höhere Schutzwirkung aus als Alltagsmasken und schützen auch die Maskenträger:innen selbst. Dies motiviert z. B. dazu, die Maske ordnungsgemäß zu tragen und etwa die Nase nicht freizulassen, um eine geschmeidigere Atmung zu ermöglichen. Wer die Maske nicht ordnungsgemäß oder gar nicht trägt, riskiert nun die eigene Gesundheit, während Regelbefolger:innen sich selbst und zugleich mit Befolgung der Regel auch andere Menschen schützen.
Was die Gesellschaft noch tun kann, um gesellschaftliche Ordnung ausgehend vom Kooperationsproblem zu stabilisieren, sehen wir weiter unten. Bis hierher haben wir gesehen, dass der gesellschaftlichen Ordnung neben der Koordination gemeinsamer Interessen noch ein weiteres Problem im Wege steht: das Kooperationsproblem, wenn die individuellen Interessen der handelnd zusammenwirkenden Menschen einem für alle Beteiligten besseren Ergebnis entgegenstehen. Als Beispiel haben wir das sog. Gefangenendilemma der Spieltheorie herangezogen. Eine Lösung des Kooperationsproblems wäre das Spielen auf Zeit. Bekommt man es immer mit den gleichen oder denselben Menschen zu tun, ist eine auf Dauer gestellte Kooperation auch für die eigenen Interessen vielversprechend. Als eine weitere Lösung des Kooperationsproblems erscheint die Erzeugung von Verbindlichkeit durch einen Vertrag. Um an dieser Stelle einen Spoiler einzuführen bzw. zu wiederholen: Wer meint, man könne Kooperationsprobleme einfach dadurch lösen, dass man Verträge im Rahmen von Verhandlungskonstellationen miteinander abschließt, der oder die sollte sich fragen, weshalb die Menschen sich denn an diese Verträge halten sollen? Aus der Sicht des einzelnen Menschen ist die Einhaltung von Verträgen zwar super. Aber noch besser ist es, wenn sich die anderen Menschen an die Einhaltung der Verträge halten, während man selbst davon abweicht, wenn die Abweichung einen individuellen Gewinn verspricht (und sei es, dass man weniger Kosten hat). Und wenn alle Menschen so denken, dann sind auch abgeschlossene Verträge de facto unwirksam.
Die Einhaltung von Verträgen ist also selbst einem Kooperationsproblem geschuldet. Dies war die Diagnose von Talcott Parsons25 zur Lösung des sog. »Hobbesschen Problems sozialer Ordnung«.
Das hobbessche Problem sozialer Ordnung
Thomas Hobbes26 hatte als Ausgangspunkt einen »Naturzustand« als »Kampf Aller gegen Alle« modelliert. Und weil alle Menschen ein Einsehen in diesen fürchterlichen Zustand haben und in dem Bedürfnis übereinstimmen, in einer schöneren, sprich: geordneteren Welt zu leben, treten sie ihre Rechte an den Ordnungsmacher, den sog. Leviathan ab. Die Einsicht in das Problem führt bei Hobbes also direkt zur Lösung. Parsons (1937, 1982) hat dem entgegengehalten, dass die Einsicht in die Notwendigkeit einer kollektiven Lösung nicht automatisch zu einem Verschieben der individuellen Interessen führt. Gesellschaftliche Ordnung ist super. Noch besser ist es, wenn ich von der Herstellung der gesellschaftlichen Ordnung mit seinen Kosten abweichen kann, ohne dass die gesellschaftliche Ordnung gefährdet ist – ich also als Trittbrettfahrer agieren und die gesellschaftliche Ordnung genießen kann, ohne die Kosten für deren Entstehung bzw. Stabilisierung tragen zu müssen.
Zudem, so Parsons, wäre selbst mit der Lösung des Koordinationsproblems das Problem gesellschaftlicher Ordnung noch nicht vollständig erfasst. Es muss mindestens noch eine weitere, schärfere Problemvariante berücksichtigt werden: der Konflikt.
3.3 Konflikt
Als dritte Problemqualität sozialer Ordnungsbildung möchten wir im Anschluss an Talcott Parsons den Konflikt aufführen. Parsons hatte den Konflikt ebenfalls unter dem Begriff »doppelte Kontingenz« gefasst, was bis heute zu einigen Unklarheiten in der Soziologie führt, weil man nicht weiß, was gemeint ist, wenn von dem Problem sozialer Ordnung als Problem doppelter Kontingenz gesprochen wird. Bei Parsons liest sich das zunächst so:
»Die entscheidenden Bezugspunkte für die Analyse der Interaktion sind zwei: (1) dass jeder Akteur sowohl handelnder Akteur als auch Objekt der Orientierung sowohl zu sich selbst als auch zu den anderen ist; und (2) dass er sich als handelnder Akteur zu sich selbst und zu anderen orientiert, und zwar in allen primären Modi der Aspekte. Der Akteur ist Wissender und Objekt der Erkenntnis, Anwender instrumenteller Mittel und selbst ein Mittel, emotional an andere gebunden und Objekt der Bindung, Bewerter und Objekt der Bewertung, Interpret von Symbolen und selbst ein Symbol« (Parsons 1968: 436, Übers. TK/CL; vgl. ders. 1951: 14 ff.).
Bis hierhin unterscheidet sich die Beschreibung der Situation nicht sonderlich von den Beschreibungen der o. g. Situationen. Auch Parsons ist davon ausgegangen, dass derartige Situationen doppelter Kontingenz äußerst instabil sind. Ordnung ist zwar möglich, aber lediglich – diese Unterscheidung ist Parsons wichtig – als faktisches Ereignis, das sofort wieder zerbrechen kann. Enttäuschungsfeste Erwartungen über die gesellschaftliche Ordnung hingegen können in einer Situation, in der die Menschen sich wechselseitig die Welt darstellen, nicht einfach so ausgebildet werden. Diese Tragik hatten wir bereits anhand des Kooperationsproblems feststellen können: Das nach den individuellen Überlegungen für jeden einzelnen Menschen beste Ergebnis führt zu einer kollektiv schlechteren Gesamtverfassung als von außen gesehen möglich wäre. Hier hat Parsons mit Hinweis auf den Soziologen Emile Durkheim27 den Nachweis geführt, dass es zu solchen Dilemmata kommt, wenn es eine beliebige Mittelwahl gibt und die Menschen sich ausschließlich am eigenen Nutzen orientieren. Auch die Hobbessche Lösung der Einführung einer Zentralgewalt (»Leviathan«) löst, wie gezeigt, nicht das Kooperationsproblem, sondern verlagert es lediglich (
Kap. 3.2).
Da in Parsons’ Perspektive weder Interessenverfolgung noch Zwang durch eine zentralisierte Sanktionsgewalt eine über den Zufall hinausgehende gesellschaftliche Ordnung entstehen lassen, muss es andere Lösungen für das Problem der Entstehung gesellschaftlicher Ordnung geben. Die Frage ist für ihn, wie es zu einer normativen Ordnung – zu einer Regeleinhaltung als höheres Ziel – kommen kann. Und dies unter der Annahme, dass es keine Konstanz der individuellen Ziele und keine allgemeine und stabile Ordnung der Präferenzen der Menschen für bestimmte Strategien zur Bedürfniserfüllung gäbe.
Faktische und normative Ordnung
Faktische Ordnung ist »randomness or chance« (Parsons 1937: 91) – also Zufall. Eine solche faktische zufällige Ordnung ist bspw. die Anordnung der Redebeiträge bei einem Abendessen mit Freund:innen, die Anordnung der Autos im Straßenverkehr usw. Eine normative Ordnung dagegen konstituiert sich durch ein gegebenes System von Regeln, die vorgeben, was passieren soll. Eine normative Ordnung bildet immer auch eine faktische Ordnung ab, umgekehrt gilt dasselbe nicht: »Thus a social order is always a factual order in so far as it is susceptible of scientific analysis but […] it is one which cannot have stability without the effective functioning of certain normative elements« (Parsons 1937: 92).
Parsons bezweifelt also weder, dass es Koordinations- oder Kooperationsprobleme gibt, noch dass diese lösbar sind. Er verweist allerdings zusätzlich darauf, dass es ein noch schärferes Problem gibt.
Handlungsalternative der Gewalt
Dieses Problem wird übersehen, wenn man bei dem Nachdenken über Probleme gesellschaftlicher Ordnung und deren Lösungen eine wichtige Eigenschaft der Menschen vernachlässigt: Vergessen wird, dass es die Handlungsalternative der Gewalt gibt, mit der daran anschließenden Lösung, den jeweils anderen Menschen ggf. zu beseitigen, wenn er der Verwirklichung der individuellen Interessen im Wege stehen. Parsons nimmt Hobbes also ernst in der grundlegenden Annahme des »Kampfes Aller gegen Alle«. Auch die Tötung anderer Menschen als Ergebnis etwa von Feindschaft als Interaktionsorientierung ist eine Lösung zur Bewältigung von Intentionsinterferenzen. Und diese Option der Gewaltanwendung ist allen Menschen als »Aktionsmacht« (Popitz 1992: 22 ff.) mitgegeben.
Mittels Computersimulationen konnte gezeigt werden, dass die Berücksichtigung von Gewalt als Kompetenz in der Modellierung ausschließlich am eigenen Nutzen orientierter Menschen bedeutet, dass das Kooperationsproblem nicht gelöst werden kann. Es entsteht dann keine gesellschaftliche Ordnung (Lepperhoff 2000).
Die entscheidende Frage ist hier: Welche Handlungskompetenzen der Menschen sollen oder müssen bei der soziologischen Modellierung des Ordnungsproblems Berücksichtigung finden und welche nicht? Wir alle wissen, dass Menschen ganz verschiedene Handlungskompetenzen entwickeln können, wie etwa Mahatma Ghandi oder Charles Manson, Jesus Christus oder Adolf Hitler exemplarisch vorgeführt haben. Wir können also alle durchaus sehr friedlich miteinander umgehen. Gleichermaßen möglich ist allerdings die willentliche Anwendung von Gewalt bis hin zur Tötung anderer Menschen zur Durchsetzung etwa der eigenen Interessen oder zur Durchsetzung von Regeln. Allein diese Eventualität legitimiert unseres Erachtens bereits die Befolgung der Vorschrift des Vorrangs der schlechten vor der guten Prognose (siehe Jonas 1979: 70 ff.). Dass Gewalt in der Menschheitsgeschichte eine wichtige Rolle bei gesellschaftlichen Ordnungsprozessen spielt, dürfte auch vollkommen unstrittig sein. Die allermeisten territorialen Eroberungen sind nicht als Konsequenz friedlicher Lösungen von Koordinations- oder Kooperationsproblemen zustande gekommen, sondern als Ergebnis von gewaltsamen Auseinandersetzungen. Zumindest wenn es um knappe Ressourcen (Nahrung, Territorien, Reproduktionschancen) geht, scheinen Menschen dazu geneigt, sich bietende Gelegenheiten auszuschöpfen. Die evolutionäre Prämierung solcher Emotionen wie etwa Hass, der im Kampf Vorteile schafft, weil Hass die Menschen in Gewaltsituationen mit einer hilfreichen Vehemenz ausstattet, ist offensichtlich (vgl. Meyer 1983). Diese evolutionäre Doppelnatur des Menschen – Strategien für das grundlegende Bedürfnis nach Verbundenheit zu anderen Menschen suchend und zugleich die Strategie der gewaltvollen Vernichtung der anderen Menschen als optionale Strategie anwendend – steht im Einklang mit spieltheoretischen Überlegungen, die besagen, dass nur Mischstrategien evolutionär stabil sind, weil sie eine möglichst hohe Anpassung an eventuelle Veränderungen in der menschlichen Umwelt garantieren.
Wir wollen die Überlegungen zur Natur des Menschen nicht überstrapazieren und gehen weiter davon aus, dass die biologische Ausstattung den Menschen ein großes Spektrum an Handlungen offenhält. Die menschliche Natur allein determiniert keine ›guten‹ oder ›bösen‹ Handlungen. Schon Durkheim (1973: 188) legte fest:
»Wir wollen nichts davon hören, dass das Kind vom Erbgut her bestimmte moralische Veranlagungen hat. Die Waffen, die uns die Natur zur Verfügung stellt, sind zweischneidig: alles hängt von der Art ab, wie man sie verwendet.«
In dieser Flexibilität des Menschen liegt das potentielle ›Böse‹ wie auch das potentielle ›Gute‹ begründet:
»Diese verschiedenen Seiten der Verfasstheit des Menschen machen ihn äußerst verletzlich und unvergleichlich verletzungsmächtig. Kein genetisches Programm schränkt seine Gewalttätigkeit auf bestimmte Situationen ein. Seine Motivationen zur Gewalt sind so unterschiedlich und vielfältig, dass sie sich einer endlichen oder wenigstens einigermaßen überschaubaren Liste entziehen. Gewalt ist eine Handlungsressource für jedermann und zum Täter kann jeder werden« (Trotha 1995: 131).
Gewalt als Handlungsalternative bei der Frage nach der Entstehung gesellschaftlicher Ordnung auszuschließen, ist somit problematisch. Unterstellt man die Möglichkeit von Gewalthandlungen, dann muss man davon ausgehen, dass Menschen Gewalt als strategisches Handlungselement wählen können, um ein eigenes Bedürfnis zu erfüllen. Auch mit anderen Handlungsorientierungen ist Gewalt durchaus kompatibel, etwa um sich selbst dadurch als ›besonders‹ hervorzuheben: »Wer das Böse will, will etwas Einzigartiges, Unverwechselbares sein, ein radikaler Individualist« (Pieper 1997: 8). Und natürlich passt Gewalt sehr gut zu solchen Handlungen, die vor allem durch Emotionen getrieben sind, z. B. Wut oder Hass. Wir deuten deshalb Parsons’ (1937: 89 ff.) Vorstellung doppelter Kontingenz so, dass er das Handlungsspektrum der Menschen entsprechend um die Gewaltoption erweitert. Und wenn zwei Menschen die gleichen Bedürfnisse haben und keine geeignete Strategie zur beiderseitigen Erfüllung gefunden wird, weil etwa die Mittel zur Bedürfniserfüllung nicht teilbar sind, »they become enemies; and in the way to their end endeavor to destroy or subdue one another« (Parsons 1937: 90). An dieser Stelle spricht Parsons die Möglichkeit der wechselseitigen Vernichtung explizit an. Und wenn es keine Begrenzung dieser wechselseitigen Zerstörungsabsicht gibt, dann, so Parsons (1937: 90, Übers. TK/CL),
»Menschen werden zu diesem unmittelbaren Zweck die effizientesten verfügbaren Mittel einsetzen. Diese Mittel werden in der Analyse als Gewalt und Betrug gefunden. Daraus ergibt sich eine Situation, in der jeder Mensch der Feind eines jeden anderen ist, und versucht, ihn mit Gewalt und Betrug oder beidem zu vernichten oder zu unterwerfen.«
Anders formuliert: Ein Zustand, in dem die Gesellschaft nicht zu einer Beschränkung der möglichen Ziele und Mittel beiträgt, in dem bestimmte Strategien zur Bedürfniserfüllung nicht als unerwünscht ausgeschlossen werden, kann in einem Konflikt als Ordnungsproblem enden (
Abb. 10), bei dem die Menschen sich dafür entscheiden, den anderen Menschen zu vernichten. Die Konstruktion doppelter Kontingenz läuft somit bei Parsons in dieser Deutung darauf hinaus, schneller als der Andere zu töten, getrieben von der Angst, selbst getötet zu werden. High Noon!

Abb. 10: Konflikt
Spätestens sobald die Menschen die Erfahrung gemacht haben, dass Gewalt und Tötung als Handlungsalternativen mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit zur Verfügung stehen, besteht die Notwendigkeit, diese Erfahrung in die eigene Welt einzubeziehen. Die nur einmal gemachte Erfahrung dürfte, wenn man sie denn überlebt hat, selbstverstärkende Wirkungen in Bezug auf Gewalt haben. Kurz: Es wird wahrscheinlicher, selbst Gewalt als Handlungsalternative auszuwählen, wenn man bereits Gewalterfahrungen gemacht hat. Gewalt erzeugt mehr Gewalt.
Von dieser Problemqualität ausgehend stellt Parsons nun die Frage, was die notwendigen Bedingungen für die beobachtbare gesellschaftliche, normative Ordnung sind. Welche Bedingungen liegen immer vor, wenn man stabile gesellschaftliche Ordnungen betrachtet? Während Koordinations- bzw. Kooperationsprobleme auch zufällig zu faktischen gesellschaftlichen Ordnungen führen können, benötigt der dargelegte Konflikt als Problemqualität, dass die Beteiligten sich an einem Regelsystem orientieren, das die Wahrscheinlichkeit verringert, dass bestimmte (gewalttätige) Ziele und Mittel von den Menschen ausgewählt werden. Oder noch weitergehender: Es sollte unwahrscheinlicher werden, überhaupt Gewalt als Handlungsalternativen in Betracht zu ziehen. Gesellschaftliche Ordnung bezeichnet dann die Übereinstimmung mit dem gesellschaftlichen Regelsystem, das dies ermöglicht.
Zur Wiederholung: Wenn alle Menschen völlig frei agieren könnten, um ihre Bedürfnisse zu erfüllen, dann kann, sofern man die Option zur Gewalthandlung berücksichtigt, keine stabile gesellschaftliche Ordnung entstehen: »A purely utilitarian society is chaotic« (Parsons 1937: 93). Wir haben Gewalt als menschliche Handlungskompetenz so betont, weil auf diese Weise die Besonderheit des Konflikts als Problemqualität abgebildet wird.
Konflikt
Ein Konflikt bedeutet, dass die Menschen mit sich widersprechenden Interessen aufeinandertreffen. Sie haben nicht wie im Koordinationsproblem gleichgerichtete Interessen und auch nicht wie im Kooperationsproblem individuelle Interessen, die sich gar nicht widersprechen, sondern nur der kollektiven Ebene zu einem Dilemma führen. Im Konflikt widersprechen sich die individuellen Interessen direkt. Gewalt macht den Konflikt als gesellschaftliches Ordnungsproblem besonders deutlich.
Es geht aber natürlich auch konfliktuös ohne Gewalt.
Beispiel: Kuchen
Wenn ich das letzte Stück Kuchen essen möchte und meine Partnerin ebenfalls, dann sind dies widersprechende individuelle Interessen, dann haben wir einen Konflikt. Wird dieser Konflikt nicht in ein Kooperations- oder Koordinationsproblem überführt, dann kann es einen mächtigen Streit geben, aus dem sich beide vielleicht schweigend zurückziehen – ohne Gewalt.
Ganz in diesem Sinne ist die Einführung einer Zentralgewalt eben keine direkte Lösung für Konflikte als gesellschaftliches Ordnungsproblem.
Darmowy fragment się skończył.