Czytaj książkę: «Die illegale Pfarrerin»

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Über dieses Buch

Am 13. September 1931 tut das Bündner Bergdorf ­Furna ­etwas, was zuvor noch keine Gemeinde der Schweiz gewagt hat. Es wählt eine Frau zur Pfarrerin: Greti Caprez-Roffler, 25 Jahre alt, Theologin und ­Mutter. Ein Skandal, der bis nach Deutschland Schlagzeilen macht. Nach ihrem Tod ­begibt sich die Enkelin auf die Spuren der ersten vollamt­lichen Schweizer Gemeindepfarrerin. Sie stösst auf die aussergewöhnliche Emanzipationsgeschichte einer Frau, die für sich in Anspruch nahm, was damals für viele ­undenkbar war: ihrer Berufung nachzugehen, Mutter zu sein, eine glückliche Liebe und eine erfüllte Sexualität zu leben. Eine Frau, deren Mut einen hohen Preis hatte – nicht nur für sie.

«Das facettenreiche Porträt einer Schweizer Pionierin, geschrieben mit ­literarischem Einfühlungs­­­vermögen. Spannend wie ein Roman.» Angelika Overath


Foto SRF

Christina Caprez, geboren 1977, Soziologin und Historikerin, war Redaktorin bei Radio SRF 2 Kultur und arbeitet heute als freie Journalistin und Autorin. Radio-, Film und Buchprojekte sowie Moderationen im Bereich Familie, Migration, Religion, Geschlecht, Sexualität. Im Limmat Verlag ist das Buch «Familienbande. 15 Porträts» lieferbar. Christina Caprez lebt bei Zürich.

Parallel zum Buch «Die illegale Pfarrerin» hat Christina Caprez eine Hörausstellung für Kirchenräume und einen Dokumentarfilm über das Leben ihrer Grossmutter geschaffen. Informationen rund um das Projekt, zu Lesungen und Ausstellungsterminen, finden sich auf www.dieillegalepfarrerin.ch.

Christina Caprez

Die illegale Pfarrerin

Das Leben von Greti Caprez-Roffler 1906–1994

Herausgegeben vom

Institut für Kulturforschung Graubünden

Limmat Verlag

Zürich

Für Flavia

1906–1931
Igis, Zürich und
São Paulo
Hand in Hand in die Weite hinausziehen. Wir brauchen nicht einmal zu heiraten, denn ich kann mich selber durchbringen.

Greti Roffler an Gian Caprez, 1. Januar 1928


São Paulo,
Sommer 1930

Nackte Wände, der Boden festgetreten und kahl. Niemand ­kümmert sich um Blumenbeete in diesem Hinterhof im Zentrum von São Paulo. Lediglich eine improvisierte Wäscheleine und ein Holzklappstuhl. Darauf sitzt Greti Caprez, geborene Roffler, Theologiestudentin aus Igis in Graubünden, 24 Jahre alt. Hinter der Kamera? Vermutlich Gian Caprez, Ingenieur aus Pontresina, 25-jährig. Mit ihm, den sie ihren Ehekameraden nennt, ist sie vor zehn Monaten nach São Paulo gekommen. Er hat eine Stelle am Polytechnikum angetreten, sie lernt für ihr Schlussexamen und führt den gemeinsamen Haushalt. Das Bild ist im Hof der Pension Helvetia entstanden, wo die beiden unter der Woche zu Mittag essen.1 Sie sitzt etwas gebeugt auf der vorderen Stuhl­kante. Auf ihrem Schoss? Möglicherweise ein Hemd von ihm, das sie flicken will, und ein Heft mit Notizen aus dem Studium. Auf jeden Fall würde es zu ihr passen, zwei Dinge gleichzeitig zu tun. Arme und Wangen wirken nicht so schmal wie auf ­früheren Fotos: Sie ist schwanger. In wenigen Tagen wird sie ­allein auf einen Ozeandampfer in Richtung Europa steigen, um in ­Zürich ihr Schlussexamen abzulegen und danach bei ihren ­Eltern im Pfarrhaus von Igis ihr erstes Kind zur Welt zu bringen. Ihr Mann bleibt bei seiner Arbeit am Polytechnikum in São ­Paulo.

Schwanger über
den Ozean

Ein Koloss, diese Conte Rosso!2 Aus den zwei haushohen Schornsteinen des Luxusdampfers strömte Rauch, und die Turbinen dröhnten. Im Schiffsbauch mit den vier Flügeln3 hätte die ganze Bevölkerung von Igis4 Platz gefunden, sogar mit den Arbeitern des rasch wachsenden Dorfteils Landquart. Stünde umgekehrt die Conte Rosso in Igis, so verstopfte sie die Gasse, vom Pfarrhaus bis zum Dorfplatz, und risse nebenbei noch ein paar Häuser ein, denn die Gasse war eng und das Schiff breit.5 Das prunkvolle Innenleben, gestaltet von Künstlern aus Florenz, hatte allein vierhundert­tau­send Dollar gekostet. Kristallleuchter verströmten ein dezentes Licht, schwere Teppiche dämpften die Schritte, und zwischen handgeschnitztem Täfer aus Eiche und Mahagoni, an dem Ölbilder hingen,6 flanierten die Passagiere wie in einem italienischen Schloss. Pfarrerstochter Greti Caprez-Roffler mochte ein ähnliches Ambiente als Kind in Marschlins gesehen haben, das etwas abseits vom Dorf Igis lag. Schlossherr Ludwig Rudolf von Salis-Maienfeld, jahrelang Kirchgemeindepräsident7, pflegte einen guten Kontakt zum Ortspfarrer und empfing die Pfarrfamilie ab und zu.8

Greti Caprez-Roffler interessierte sich jedoch weniger für pompöse Dekorationen als für die feudalen Mahlzeiten und ihren Platz im Liegestuhl auf dem Deck der zweiten Klasse. Essen mag ich fürchterlich, und arbeiten kann ich auch gut,9 berichtete sie der Mutter. Die täglichen Menus kamen ihrem Appetit entgegen: Horsd’œuvre, Austern, Ragout und Kartoffeln, Wurst und Kartoffelbrei, Emmentaler Käse, Aprikosenkompott, Orangen und Äpfel, Kaffee oder Tee.10 Ein feudaler, glänzender Frass, spottete sie im Brief nach Igis.11 Nach dem Mittagessen spielte im Salon eine Musik­kapelle auf, doch sie verkroch sich in den Liegestuhl hinter ihre Bücher und hoffte, es möge niemand das Gespräch mit ihr suchen.12 In den zwei Wochen bis zur Ankunft in Genua musste sie vier Jahre Theologiestudium vergegenwärtigen, Altes Testament, Neues Testament, Dogmatik, Ethik, praktische Theologie, Pädagogik und Psychologie.

Jeden Tag stellte Greti die Uhr eine Viertel- bis eine halbe Stunde vorwärts.13 Wie sich der Zeiger nach vorne drehte, so rückte Gian weiter weg. Es war Ende September 1930, seit der Hochzeit vor einem Jahr waren sie nie mehr als ein paar Stunden getrennt gewe­sen. Wann sie sich wiedersehen würden, war ungewiss. Und doch fühlte sich Greti innerlich gefasst.14 Die übliche Rastlosigkeit war einer Gelassenheit gewichen, über die sie sich selber wunderte und die sie dem Kind zuschrieb. Wer nichts davon wusste, konnte ihren Bauch auch jetzt noch übersehen. Sie selber spürte «es» ­jedoch genau und wandte sich im Tagebuch an ihr Kind: Du ­geliebtes, kleines Wesen. An meines Mamis Geburtstag15 hast Du Dich zum ersten Mal ganz leise und sacht bewegt.16 Wie wenn ein Fisch mit der Schwanzflosse schlägt.17

Ursprünglich hatte Greti mit dem ersten Kind länger warten wollen. Während des Studiums hatte sie sich ausgemalt, zuerst den Abschluss zu machen und dann mit dem Liebsten die Welt zu entdecken. Hand in Hand in die Weite hinausziehen, auf eigenen Füssen stehen und miteinander durch Not und Mangel, den Kampf ums Leben hindurchgehen. Und dann so nach fünf Jahren wiederkommen, im ­Herzen reich, mit der Menschen Not und Sehnen mitfühlend und innerlich frei geworden, dann sich einen festen Wohnsitz gründen und Kindern das Leben geben, denen unsere reiche Erfahrung und Wissen um die Weiten der Welt zugutekommen würde. Wir brauchen nicht einmal zu heiraten, denn ich kann mich selber durchbringen.18 Doch bald war Greti klar geworden, dass die Eltern und Schwiegereltern dem ­jungen Paar niemals ihren Segen geben würden, wenn sie unver­heira­tet ins Ausland gehen wollten. Ohnehin hatte sie zäh um ihre Liebe kämpfen müssen. Ihr Vater, der Pfarrer, hatte sie zu seiner Nachfolgerin bestimmt, und seit Gian am Horizont aufgetaucht war, sorgte er sich, die Tochter könnte die Theologie der Liebe ­opfern. Gians Mutter wollte keine Studierte als Schwiegertochter, und schon gar keine Frauenrechtlerin.

Doch das Paar setzte sich durch. Als Gian nach Abschluss seines Studiums die Stelle in Brasilien in Aussicht hatte, rang Greti Eltern und Schwiegereltern die Erlaubnis ab, ihn zu heiraten und nach São Paulo zu begleiten. Dort mieteten sie zwei Zimmer mitten im Stadtzentrum bei einer deutschen Familie. Die Rua Xavier de Tole­do 9 lag eine Viertelstunde zu Fuss vom imposanten Bahnhof Estação da Luz entfernt, dem Symbol der Elite São Paulos, wo Kaffee und Zucker aus den armen Bundesstaaten des Nordens ange­liefert wurden.19 Noch näher lagen zwei grosse Baustellen. Hier entstan­den die neogotische Catedral da Sé und der Martinellibau, das erste Hochhaus Brasiliens. Die ersten zwölf Stockwerke waren soeben einge­weiht worden, auf dreissig Etagen sollte der Wolkenkratzer noch wachsen. Ingenieur Büchi, ein Schweizer, der mit Greti und Gian in der Pension Helvetia ass, baute für die Firma Schindler den Lift ein, der allein eine Million Schweizerfranken kostete. An einem Feiertag führte Büchi sie durch das Bauwerk. Während Gian seinen Ausführungen zu den technischen Details zuhörte, setzte sich Greti auf eine Kiste und vertiefte sich in ihr Psychologiebuch.20 Ihre Lust, die Welt zu entdecken, schwand, und plötzlich war ihr mehr nach Nestbau als nach Abenteuer. Gianin hatte eine Zeit lang die fixe Idee, in einer fremden Stadt hätte man abends die Stadt zu besehen, berichtete Greti den Eltern. Wir haben es dann auch versucht, es war aber schrecklich langweilig. Und nun finden wir es am schönsten daheim.21 Nach dem Abendessen schnitten sie eine Papaya22 auf, die Greti auf dem grossen Samstagsmarkt gekauft hatte.23 Solche Früchte hatten die beiden weder in Graubünden noch in Zürich je gesehen. Während sie abwusch, sass er auf dem Gutschi (Couch) in der Stube, las ihr vor oder spielte Handorgel. Wenn sie nicht zu müde waren, fragten sie einander Portugiesischwörter ab.24

Einmal pro Woche setzte sich Greti an die Schreibmaschine. Den Schwiegereltern schickte sie das Original, den Eltern den Durchschlag, das war praktisch. Sie inszenierte sich als gewissenhafte Hausfrau. Am Montag habe ich gewöhnlich ziemlich aufzuräumen und Kleider und Schuhe zu putzen. (…) Am Dienstag habe ich dann die ­Wäsche. Am Mittwoch ist (…) ein kleinerer Markt, mehr in der Nähe. Der Weg dahin geht stets durch einen wunderschönen Park. Am Donnerstag muss ich flicken, am Freitag Briefe schreiben (…).25 Sonntags besuchten sie den Gottesdienst,26 danach kochte Greti auf ihrer nur halbwegs funktionierenden Platte27 das Mittagessen. Vermutlich vor allem an den Vater gewandt, berichtete sie, dass sie trotz allem ­jeden Tag etwa fünf Stunden auf das Schlussexamen lerne: Ich habe schon ein Kollegheft und eine Ethik durchgearbeitet.28

Die deutschsprachige Exilgemeinschaft in São Paulo – Kaufleute, Bankiers, Ingenieure und Dienstmädchen aus der Schweiz, Deutschland und Österreich – wuchs rasch, so dass sie eine eigene evangelische Kirche betrieb. Dort war Greti mit offenen Armen empfangen worden. Die Gemeinde hatte gerade einen zweiten Pastor eingestellt, den jungen Deutschen Martin Begrich, der zur gleichen Zeit wie Gian und Greti mit seiner Frau in São Paulo ange­kommen war.29 Die beiden Pastoren hatten der Schweizer Studentin nicht nur die Kinderlehre30, sondern sogar einen Gottesdienst an­vertraut. Am 27. April 1930 trat Greti erstmals vor die versammel­ten Auswanderer.31 Ihre Predigt verankerte sie im Alltag der brasilia­nischen Grossstadt, sie sprach von den zur Arbeit hastenden Menschen, vom Anblick menschlicher Schaffenskraft angesichts des Martinelliwolkenkratzers, von den Ablenkungen des Nachtlebens. So viele Kirchen stehen in dieser Stadt, wo aber bleibt das Christentum? Wir finden es am Morgen nicht, da jeder ohne Freude an seine Arbeit geht, am Mittag nicht, da der Mensch nur seine eigene Grösse sucht, und nachts nicht, da unsere Brüder und Schwestern Gottes Wege verkehren. (…) Und nun stehen wir an dem Punkt, an dem es ganz deutlich wird, was es heisst, ein evangelischer Christ zu sein, dem die Kirche nicht sagt, dies und das musst Du tun (…). Der evangelische Christ steht allein vor Gott und seinem Wort und hat selber zu entscheiden.32

In den Kirchenbänken hörten die beiden Pastoren Greti zu. Nach dem Gottesdienst schallte ihr aus der Gemeinde der Wunsch entgegen, sie möchte doch öfter Predigt halten. Voller Begeisterung schrieb sie ihren Eltern: Ich bin überzeugt, dass ich hier sehr oft predigen kann, wenn ich will. Auch meiner übrigen Mitarbeit wird kaum etwas in den Weg gelegt werden. Dass ich einen Rock anhabe, das spielt hier deshalb keine Rolle, weil sie keine Tradition haben. Deshalb sind hier viel mehr Dinge möglich als drüben. Sie beziehen ihre Kultur von drüben, und da braucht nur einer, in meinem Fall also einer der Pastoren, zu kommen und zu sagen, das hätte man drüben, dann haben sie nichts dagegen. Dass ich verheiratet bin, spielt vollends keine Rolle. (…) Seht ihr, dies ist es, dass ich eigentlich das Gefühl habe, ich von mir aus sollte eigentlich hier bleiben, für immer, hier kann ich voraussichtlich viel freier arbeiten als drüben.33 In Igis freute sich der Vater über Gretis Brief, und er zeigte sich tief beeindruckt über ihre Predigt: Sie war sehr textgemäss, dazu praktisch, d. h. aus dem Leben. Fahr nur so weiter. Ich habe diese Art nicht so bald los gehabt wie Du. Heute aber ­erkenne ich darin doch meine Tochter.34

Während sich Greti und Gian in ihren neuen Alltag einlebten, wuchs in ihr der Wunsch nach einem Kind. Sie fing an zu rechnen. Ihre Mutter zog sie als erstes ins Vertrauen.

São Paulo, 19. Dezember 1929

Mein liebes Mami

Heute komme ich nur zu Dir. Ich möchte nämlich vieles wissen, das die anderen nichts angeht. (…) Ich hätte gerne das Rezept von Dir, Punkto Buben oder Mädchen. (…) Es wird für Dich nicht sehr leicht sein, aber Deiner eigenen Tochter, die Du selber unter dem Herzen getragen, solltest Du es doch schreiben können. Du kannst ja die Geschlechtsorgane mit den lateinischen Namen bezeichnen, wenn es Dir dann leichter zu sagen geht.35

Igis, 15. Januar 1930

Mein liebes Gretulein!

Das Rezept zu schreiben wird mir eigentlich fast leichter als es Dir zu sagen. Wie Du aufgeklärtes Menschenkind ja weisst, hat der Mann zwei Hoden und nach der Aussage des Schierser Apo­thekers sollen im rechten die männlichen und im linken die weib­lichen Samen sein. Die Zeugung solle nach einer Pause im Geschlechtsverkehr, also am besten nach der Periode geschehen. Damit sich nun die rechte Hode entleere, müsse der Mann bei dem Akt, so bald er spüre, dass der Samen komme, schnell das rechte Bein aufziehen so fest er könne. Das ist also der ganze Witz. Ob’s bei uns nun tatsächlich half oder ob’s nur Zufall war, kann ich nicht sagen.36

São Paulo, 16. Februar 1930

Liebes Mami,

Gianin glaubt, es sei deshalb nicht möglich, weil die Samen gar nicht direkt aus der Hode kommen, sondern von dort zuerst auf ziemlich langem Wege in die Samenbläschen gelangen und von dort abgegeben werden. Anders ist es nur, wenn zwei, drei mal ein Coitus nach dem andern kam, so dass die Abschiebung aus der Hode in die Samenbläschen nicht nachkommt. Dies sind dann aber viel weniger oder gar nicht lebensfähige Keime. Deshalb die Impotenz derer, die es zu oft tun.

Stärker noch als die Bestimmung des Geschlechts interessierte sie der optimale Zeitpunkt für die Zeugung. Schritt für Schritt tastete sie sich bei der Mutter vor.

Greti: Wir erwägen ernsthaft den Gedanken, ob wir nicht Ende Januar 1931 ein Kind haben könnten. D. h. wir sehnen uns beide danach, und zwar möchten wir beide einen Buben. Eine Geburt muss hier sehr unange­nehm sein, in der Klinik sehr teuer, und mit den Hebammen ist es so eine Sache. Mein Plan wäre dann folgender:

Anfang Mai Zeugung (es wird dann schon grad gehen, wie wir wollen!)

Anfang Oktober Reise, Ende Oktober Examen.

Dann würde ich November, Dezember und Januar bei Euch sein und bei Dir mein Kind bekommen, mit Annas Schwester. Ende ­Februar würde ich dann reisen. Das Kind muss man dann vorher nur tüchtig wiegen, damit ihm die Meerfahrt gefällt, als fort­währendes Wiegen er­scheint.37

Mutter: Es ist dann eben noch sehr die Frage, ob’s dann grad so eintrifft, wie Du rechnest. (…) Ich hatte auch schreckliche Sehnsucht nach einem Pöpsli. (…) Trotzdem ging es bis in den November hinein, bis ich empfing. Wenn es nun bei euch auch so geht, macht’s Euch eben einen Strich durch die Rechnung.38

Greti: Du solltest mir nun auch schreiben, wie man dran ist, wenn man im sechsten Monat ein Kind erwartet, ob es ausgeschlossen ist, dann ein Theologieschlussexamen zu machen. Ich denke doch nicht. Unsere Frauen müssen im sechsten Monat noch heuen etc. Schreibe mir, liebes Mami, wie dies ist. Sag es aber niemandem. Und verbrenne meinen Brief.39

Mutter: Wenn Du nicht mehr Beschwerden hast als ich während der ­Erwartung (das Wort «schwanger» mag ich nicht ausstehen, trotzdem es der gewöhnliche Ausdruck der Ärzte ist, weil es mir so roh und ordinär vorkommt), wird es Dich gar nicht hemmen. (…) Aber Du könntest die Geschichte auch umkehren. Du machst das Examen nach der Geburt. Nur müsstest Du (…) das Kleine mitnehmen, um es in den Pausen stillen zu können. Ich oder ein anderes von uns könnten ja mit nach Zürich kommen um zum Kleinen zu sehen. (…) Das wäre sicher gescheiter; meinst nicht auch?40

Greti: Das Kind zuerst und dann das Examen, dies gibt es für mich nicht. Wenn das Kind dann schon da ist, dann langt mir dann weder die Energie noch die Zeit für eine intensive Examensarbeit.41

Mutter: Also Papa sagt, das sei unmöglich. Wenn’s etwa mit drei Monaten wäre, würde es noch besser gehen, dann wäre es weniger auffällig.42

Greti: Dass eine schwangere Frau doch nicht ein Examen machen ­könne, ästhetisch oder sittlich oder weiss ich was nicht, rührt mich gar nicht. Das geht die Professoren dann nichts an, ob ich als schwangere Frau ­Examen machen will oder nicht. Darüber gibt es zum Glück keinen Paragraphen. So was gibt es einfach nicht. Das ist noch nie da gewesen. Es würde mich aber schrecklich reizen. Die Frau «mit ihrem hohen, hehren Mutterberuf» macht just während der Schwangerschaft Schlussexamen. Welche Schändung «der göttlichen Schöpfungsordnung». (…) Wenn es nicht geht, verzichte ich lieber auf das Kind als auf das Examen.43

Greti musste auf nichts verzichten. Genau wie geplant wurde sie im Mai 1930 schwanger. Sie meldete sich sofort zum Schluss­examen an44 und kaufte für Mitte September eine Karte für die Überfahrt nach Europa. Und nun also lag sie mit ihren Büchern im Liegestuhl auf Deck. Während sie sich die grossen Theologen der Geschichte einzuprägen versuchte, brütete Gian in seinem Büro an der Escola Politecnica in São Paulo über der Frage, ob Eukalyptus als Baumaterial tauge. Liebes, Du, hatte er ihr am Tag nach ihrer Abreise geschrieben, wohl wissend, dass sein Brief sie erst Wochen später erreichen würde. Weisst Du, dass ich zum ersten Mal meiner Frau schreibe? Hast Du das mündliche Examen schon hinter Dir, die Überfahrt, den Zoll und das anvertraute Gut? Und «es», war es auch lieb zu Dir? Sag ihm, es soll so lieb zu Dir bleiben, wie Du es zu mir warst. Heute konnte ich gut arbeiten, und ich war so frisch, als hättest Du die «ganze Bürde meiner Jahre» mitgenommen und die grosse Verantwortung der Holzmesserei. Vielleicht ist es die Freude an Dir, dass Du nun dies alles unternimmst und Dich so glänzend gehalten hast.45

Zu ihrem 24. Geburtstag46 hatte Gian ihr ein besonderes Buch geschenkt,47 nicht etwa eine Prestigebibel, wie es sich für eine ange­hende Theologin geziemt hätte, sondern das Aufklärungsbuch der britischen Biologin und Frauenrechtlerin Marie Stopes Glückhafte Mutterschaft. Ein Buch für alle, die an der Zukunft schaffen. Stopes verband die neusten wissenschaftlichen Erkenntnisse zu Schwangerschaft und Geburt mit einer feministischen Forderung. Die erwachte Frau unserer Zeit nimmt die Dinge nicht mehr blind und mit ­geduldiger Resignation hin; sie glaubt nicht mehr an die Inferiorität des Weibes, was unseren Grossmüttern geholfen haben mag, ihre Schmerzen schweigend zu ertragen.48

In solchen Sätzen erkannte sich Greti wieder. Kürzlich hatte sie einen Artikel von Hugo Sellheim gelesen, einem der renommier­testen Gynäkologen ihrer Zeit und Leiter der Frauenuniversitätsklinik Leipzig. Zwar war Sellheim kein Feminist wie Marie Stopes. Angesichts einer 24-jährigen Schwangeren wie Greti hätte er nur den Kopf geschüttelt, denn für ihn sollte jede Frau mit achtzehn oder spätestens zwanzig Jahren ein Kind gebären. Die Frau wird in unserem heutigen Leben zu alt für die erste Entbindung, weil sie selbst mit ihrer Ausbildung für einen Beruf zu viel zu tun hat und kein Mann da ist, der sie rechtzeitig heiraten und unterhalten könnte, schrieb der Leipziger Gynäkologe. Es bleibt also die Frauenkraft in Richtung ihrer natürlichen Verwendung für die Fortpflanzung brach liegen, oder sie wird in einer anderen Richtung – der Erwerbsarbeit – verwendet, also im Sinne der natürlichen Bestimmung «missbraucht».49 Dennoch wollte Sellheim den medizinischen Fortschritt in den Dienst werdender Mütter stellen. Gebärenden empfahl er eine Mischung aus Zuckerlikör und dem Schmerzmittel Scopan.50 Die Aussicht auf eine schmerzfreie Geburt faszinierte Greti so sehr, dass sie ihren Eltern verkündete: Ihr werdet Euch wundern, aber ich möchte (…) das Kind ohne Schmerzen kriegen, nicht weil ich mich fürchtete, dazu habe ich vorläufig noch keine Zeit, aber weil ich das von der Medizin als eine Selbstverständlichkeit verlange.51 Sie nahm sich vor, in der Schweiz einen Arzt zu suchen, der die neue Methode praktizierte. Wenn es bei ihr glückte, wollte sie anderen jungen Frauen davon erzählen, die es dann ihrerseits ausprobieren und weitersagen würden.52

Zuerst galt es jedoch, in engem Zeitrahmen das Examen hinter sich zu bringen. Voraussichtlich werden wir am 5. Oktober elf Uhr in Genua sein, werden den folgenden Nachmittag und am 6. Oktober vormittags in Genua bleiben, am 6. Oktober mit dem direkten Zug 11.55 Uhr in Genua abreisen und am 6. Oktober abends 8.53 Uhr in Zürich ­anlangen, dann habe ich in Zürich noch zwei Tage vor dem ­Examen, was langen sollte, um ein Kleid zu kaufen und die Haare zu schneiden. Und ein bisschen auszuruhen, schrieb Greti ihrer Freundin und ­Studienkollegin Verena Stadler. Wenn ich nun weder am 6. noch 7. noch 8. Oktober anlangen sollte, läute bitte Brunner an und sag ihm, es müsse etwas passiert sein, er solle doch bitte Geduld haben. Passieren kann natürlich allerlei, nebst der Dummheit, in Santos oder in Rio das Schiff ohne uns abfahren zu lassen, kann dieses selber wegen Sturm nicht richtig anlangen oder untergehen, item lieber nicht. Wenn alles nach Plan geht, werde ich Dir also nicht mehr telegraphieren (…).53

Das Telegramm an die Freundin konnte Greti Caprez-Roffler sich sparen: Die Conte Rosso erreichte Genua pünktlich.54 Die junge Frau leistete sich eine Spazierfahrt im Taxi durch die Stadt,55 die historischen Palazzi schaute sie jedoch kaum an. Ihr Unterleib spannte im rüttelnden Auto.56 Du kleines Wesen unter meinem Herzen (…). Ich sehne mich nach Dir, aber ich fürchte mich auch. Du kleines Wesen, gell, Du plagst mich nicht zu sehr, nicht mehr, als Du es jetzt schon tust. Du musst mit mir tapfer und brav sein. Und dann, wenn Du von mir gegangen bist, dann werden wir beide wieder warten, warten, dass Dein Vater komme und Dich in seine Arme nehme. Du kleines Wesen, gell du nimmst mir nicht das Leben, ich kann nicht von Deinem Vater ­weggehen. Ich habe ihn so lieb. Wir können nicht ohne einander sein. Unsere Herzen sind verwachsen, und nichts steht zwischen ihm und mir. Ich kann Dir nicht von unserem Miteinandersein erzählen, es ist zu tief und schön. Du weisst es vielleicht so schon, dass wir immer noch zu ­wenig an Dich und zu sehr an uns und unsere Liebe denken, weisst es unwillig und zornig.57


Zürich,
12. Mai 1926

Ein junges Liebespaar auf einem Schiff. Keinem Ozeandampfer wie der Conte Rosso: Dieses Motorboot ist schon mit zwölf ­jungen Männern und Frauen ausgelastet. Fürs Foto sind sie ­zusammengerückt. Prominent und raumgreifend: Gian Caprez und Greti Roffler. Im Gegensatz zu den anderen Paaren stehen sie aufrecht im Boot und umschlingen sich, wobei sie grösser wirkt als er.

Anlass ist der Maibummel der angehenden Ingenieure auf dem Zürichsee zur Halbinsel Au. Die Gesellschaft hat sich ­herausgeputzt, es sieht aus, als ob die Frauen um den schönsten Damenhut wetteiferten. Nur Greti hat sich für ein Unisex-Beret entschieden, kombiniert mit einem weiten, luftigen Sommerkleid mit tief liegendem Gürtel. Gian trägt ebenfalls ein Beret, einen Anzug und ein weisses Hemd. Für eine simple Bootsfahrt hätte man sich vermutlich nicht so schön gemacht, aber der Maibummel ist ein besonderes Ereignis. Vor nicht einmal vier Monaten haben sich Greti und Gian ineinander verliebt, auf der Au küssen sie sich zum ersten Mal. Im Tagebuch schwärmt sie kurz nach dem Ausflug: Alle Worte sind zu plump für das Verhältnis des Gianin und mir. Noch bei keinem Menschen hatte ich so deutlich das Gefühl vom Vorhandensein seiner Seele, liebte so sehr seine Seele getrennt vom Körper.58

Zwei Liebhaber

Schon bei der ersten Begegnung am Abend des 26. Januar 1926 in Zürich hatte Greti Roffler das starke Gefühl einer Schicksalshaftig­keit. Sie war neunzehn, studierte im ersten Semester an der Universität und fühlte sich in der Stadt verloren. Welch ein Verkehr, was für eine Betriebsamkeit! Die leuchtenden Schaufenster, die eleganten Herren und geschminkten Damen, die Prostituierten im Niederdorf – all das befremdete sie. Selbst Chur, wo sie die Kantonsschule besucht hatte, wirkte im Vergleich wie ein beschauliches Dorf, das Strassenbild geprägt durch Pferdekutschen. Sie hatte kaum je ein Automobil gesehen – die lärmenden Gefährte waren in Graubünden erst vor wenigen Monate zugelassen worden. Mehr noch wunderte sie sich über die Anonymität in der Grossstadt. Von den vielen Menschen, die mir begegnen, kenne ich fast nie einen, klagte sie einer Freundin. Ich habe mich dran gewöhnt, sie überhaupt nicht mehr zu sehen.59 Um sie in Zürich in guten Händen zu wissen, hatte ihr Vater sie bei seinem Kollegen Paul Schmid, dem Pfarrer am St. Peter, einquartiert. Von dessen Wohnung am Talacker wanderte sie jeden Morgen zur Hochschule hinauf. Der Austausch mit ihrer Cousine Gretly Puorger, die hier Medizin studierte, linderte das Heimweh.

Sie war es, die Greti bat, sie an den Bündnerball ins Restaurant Kaufleuten zu begleiten. Doch Greti zögerte: Sie habe sich am ­Finger verletzt und ausserdem gar kein passendes Kleid.60 Womöglich war sie aber auch einfach schüchtern, fühlte sich zu wenig schön für den Ball und fand in der Verletzung eine willkommene Aus­rede. Am Ende sagte sie doch zu. Ihre Studentenbude lag nur einen Katzensprung vom Kaufleuten weg, so dass sie jederzeit nach Hause gehen konnte. Im repräsentativen Saal mit dem Parkett, der Kassettendecke und den Balkonen, von denen aus man das Geschehen auf der Tanzfläche verfolgen konnte,61 trafen sich Studie­rende aus allen Fachrichtungen und allen Ecken Graubündens. Das Gefühl, weit weg von der vertrauten Umgebung zu sein, einte die jungen Frauen und Männer. Auf der Tanzfläche drehten sich immer neu zusammengewürfelte Paare, eine Tombola versprach Preise. Greti zog das grosse Los: eine Flasche Cherry Brandy, die sie mit allen am Tisch teilte. In der Runde sass auch Gian Caprez, Sohn eines Baumeisters aus Pontresina und Ingenieursstudent. Sie kannten sich flüchtig von der Kantonsschule in Chur, wo er die Klasse über ihr besucht hatte. Nun begegneten sie einander das erste Mal von Angesicht zu Angesicht. In dieser Nacht aber wurde daraus eine Liebe, die nicht mehr aufhörte,62 erinnerte sich Greti Jahrzehnte später, mit über siebzig Jahren, in ihren Memoiren.

Nach dem Bündnerball wanderten Gretis Gedanken immer wieder zu Gian. Eigentlich kam ihr die Begegnung mit ihm ganz und gar nicht gelegen. Sie hatte schon an der Kantonsschule den einen oder anderen Schwarm gehabt, hatte geschmachtet und ­gelitten. Nun wollte sie sich auf das Studium konzentrieren und wehrte sich dagegen, wieder dem Strudel der Leidenschaft ausgeliefert zu sein.63 Gegen den Willen des Vaters hatte sie sich für Alte Sprachen und nicht für Theologie entschieden, denn sie litt an Selbstzweifeln und konnte sich nicht vorstellen, jemals auf einer Kanzel zu stehen. Statt dessen stellte sie sich vor, später Lehre­rin an einem Töchtergymnasium zu werden.64 Doch schon im Lauf des ersten Semesters stellte sie ihre Wahl in Frage. Sie fand es öde, stundenlang über Griechisch- und Lateintexten zu brüten und nach der genauen Bedeutung eines Wortes zu suchen. Unter der Woche verirrte sie sich darum immer öfter in die Räume der theologischen Fakultät gleich neben den Altphilologen, wo über Fragen diskutiert wurde, die Greti brennend interessierten: Was war der Sinn von Leben und Tod? Worin bestand die menschliche Existenz? Fragen, die sich ihr in der Einsamkeit noch drängender stellten.65 Abends nahm ihr Zimmerwirt Paul Schmid sie zu ­religiösen Gesprächsabenden für junge Frauen mit, und sonntags hörte sie gebannt seinen Predigten zu.66 Die Religion wurde in der Grossstadt zur Nische, in der sie sich aufgehoben fühlte – und immer öfter fragte sie sich, ob sie nicht doch zur Theologie wechseln sollte. Um kein Semester zu verlieren, müsste sie ihre ganze Freizeit in das versäumte Hebräisch stecken.67 Doch ausgerechnet jetzt tauchte dieser Gian Caprez auf und stellte ihre Pläne in Frage.

Tagebuch, 2. Februar 192668

Es geht mir so viel im Kopf herum und doch weiss ich nicht, was oder auch wie schreiben, am allerwenigsten aber was tun.

Was soll ich zur Theologie umsatteln, denn ich will nicht ­ledig bleiben. Und wenn ich auch umsatteln würde, was wird später mein Los sein? Pfarrhelferin, wie ich auch ohne Uni werden könnte69, denn predigen kann und will ich nicht.

Dann darf ich aber nicht mehr tanzen, auch nicht mehr lieben und werde zu einer versauerten alten Jungfer, oder bringe es höchstens noch zu einer Pfarrfrau, wovon mir keines passt. Wenn ich aber heiraten würde, wie könnte ich es verantworten, andere Menschen, meine Nachkommen in den gleichen Wirrwarr, die gleiche Not, in denen ich bin, hineinzufallen. Könnte ich es dann ertragen, wenn sie mir eines Tages sagen würden: Warum nur hast du uns geboren?

Und was ist schuld an der Geschichte? Der Bündnerball! Er hat uns beide verrückt gemacht! Ich war vorher so ruhig, hatte mit ­allem abgeschlossen und mich ganz auf zukünftiges Altjungferntum eingestellt. Und da muss mir dieser Gianin in den Weg laufen.

Der Konflikt, der sie ein Leben lang begleiten sollte, zeigte sich ihr jetzt, im Februar 1926, zum ersten Mal in aller Deutlichkeit. Noch versuchte sie ihn kleinzuhalten, indem sie ihre Liebeswünsche als unrealistisch abtat.

Tagebuch, 14. Februar 1926

In zwei Wochen bin ich hoffentlich zu Hause. Er wird auch heimreisen, später, nach mir, und wir werden uns nie mehr sehen. Denn Architekten, stud. ing., bauen doch gern Luftschlösser, und wer auf Luftschlösser traut und hofft, ist ein Narr! (…) Ich werde überhaupt nicht heiraten; ich weiss, dass dies in meinem Schicksal liegt. Wie ich mich dann durchs Leben schlage, weiss ich noch nicht, vielleicht alt und vergrämt, vielleicht froh und glücklich (…). Wer weiss? Wo bin ich in zwanzig Jahren?

Nachts

Himmlischer Herre hilf mir aus meiner Not und Verzweiflung (…). Hilf mir das Rechte zu wählen, den Weg zu gehen, den Du willst. Sag mir, ob ich Theologie studieren solle. Herr führe mich, Herr erlöse mich!

In den ersten Monaten ihrer Bekanntschaft gab sich Gian Caprez tatsächlich gar reserviert. Zwar traf er sich mit ihr, doch er war weitaus distanzierter als andere junge Männer, denen sie begegne­te, versuchte nicht, sie zu küssen, sondern legte höchstens scheu seinen Arm um sie. Sie interpretierte es als mangelndes Inte­resse – schliesslich war er mit seinen Mitstudenten überaus gesellig und humorvoll. Wie viel forscher trat da ein zweiter Student auf, den sie zur gleichen Zeit kennenlernte. Ernst Bener, angehender Maschinenbauer, ebenfalls aus Graubünden, machte ihr richtiggehend den Hof, und Greti, neugierig auf das Leben und hungrig nach Erfahrung, liess sich mit beiden ein. Jeder der Männer weckte ihr Interesse auf ganz unterschiedliche Weise: Gian berührte sie tief in der Seele, Ernst sprach ihr erwachendes Begehren an. Wie es sich für eine Theologiestudentin gehörte, wehrte sie Ernsts Avancen jedoch zunächst ab und versteckte das eigene Verlangen hinter der Konvention.

Tagebuch, 4. April 1926 (Ostern)

Obwohl ich in dem Augenblick, da du dich niederbeugtest, von heissester Angst erfüllt war, du solltest mich nicht gleich auf die Lippen küssen, und obwohl ich dich nachher hasste und mit gar bittern, bösen Gedanken neben dir schritt, war ich in diesem ­Augenblick Dein und bin jetzt noch Dein.

Den ersten Kuss mit Gian auf der Halbinsel Au erlebte sie ganz anders.70 Schon die Kulisse – der Zürichsee – war ganz nach Gretis Geschmack. Nach den Vorlesungen mietete sie ab und zu ein Boot und ruderte in die Dämmerung hinaus, manchmal zusammen mit Gian.71 Am Maibummel der Ingenieure waren die beiden in ihrem Element und holten beim Ruderwettbewerb der Paare den ersten Platz. Nach dem Essen im Landgasthof auf der Au tanzten sie in die Nacht hinein. Um zwei Uhr nachts, als die Musik aufhörte zu spielen und die jungen Männer und Frauen paarweise den Saal verliessen, verschwanden auch Gian und Greti Hand in Hand in der Dunkelheit des Wäldchens am See.72 Am Landungssteg fanden sie eine Bank unter dem ausladenden Blätterdach einer Kastanie, die sie vor dem aufkommenden Regen schützte. Wie schon bei Ernst war Greti hin- und hergerissen zwischen ihrer Lust und dem, was sie zu wollen hatte. Doch nun ergriff sie selber die Initiative. Sie nahm Gian in ihre Arme und liebkoste sein Gesicht. Als sie sich dann küssten, gestand er ihr, dass dies sein erster Kuss sei, er aber schon ahne, dass sie keine Philisterin, keine Spiessbürgerin sei.73

Greti spürte, dass sie beide etwas Besonderes verband. Vielleicht biegen hier unsere Wege auseinander, vielleicht aber werden wir zu wirklichen Freunden, die einander alles bringen können ohne Hinterhalt, ohne dass immer dieser ekelhafte Unterschied da ist, um dessentwillen die nettesten Dinge nicht getan werden dürfen.74 Seit ihrer Jugend störte sie sich an der Kluft zwischen Mädchen und Jungen. Als Kind hatte sie unbeschwert mit den Nachbarsbuben gespielt, doch mit zwölf war die Leichtigkeit verflogen. Mit dem Wechsel auf die ­Sekundarstufe liefen die Kinder nach Geschlechtern getrennt zur Schule. Greti wäre am liebsten ein Neutrum geblieben, doch es gab keinen Raum für ein verbindendes Dazwischen.75 Nun aber, mit Gian, hoffte sie, die Grenze zwischen ihm, dem Mann, und ihr, der Frau, aufzulösen.

Tagebuch, Zürich, 16. Mai 1926

Aber gibt es denn wirkliche Freundschaft zwischen Buben und Mädchen? Ich (…) glaube, hier, zwischen uns beiden ist es möglich, denn er ist noch viel stärker und sicher auch viel besser als ich, wenn wir nur ehrlich sein wollten, uns immer sagen würden, was dem einen am andern missfällt und damit den reichen ­Segen einer Freundschaft einheimsen wollten!76

Trotz ihres Vertrauens in Gian fürchtete Greti, er und Ernst könnten sich abgesprochen und ihr eine Falle gestellt haben: Die beiden Männer wüssten ganz genau, wie weit der andere mit ihr gegangen sei, und stellten Gretis Tugendhaftigkeit bewusst auf die Probe. Die Angst, keine ehrbare Frau zu sein, sass tief und überschattete die Erkundung des eigenen Begehrens. Wenn sie küssen, verachte ich mich nachher immer mehr oder minder, weil ich das ­Gefühl habe, irgendwie «gebraucht» worden zu sein.77 Und doch – da war dieses Verlangen, und da waren auch die Gefühle, die sie für beide Männer hatte. Emotionen, die sie verwirrten, weil sie sie nicht ein­ordnen konnte. Man kann78 doch nicht beide mit seinem ganzen Sein lieben. (…) Es geht, solange ich vor keine Entscheidung gestellt werde. Was aber dann?,79 fragte sie ihr stummes Tagebuch. Dann beschwich­tigte sie die kritische Stimme in sich. Wenn sie beide an mir etwas lieb haben, wenn ich beiden etwas sein könnte, warum sollte ich dann nicht mit beiden gehen? Von mir aus wäre es ja keine Lüge.80 Und als der Sommer begann und die doppelte Liason mittlerweile fünf Mona­te andauerte, hatte sie mit ihren Gefühlen Frieden geschlossen. Ich bin ganz wahnsinnig zufrieden und glücklich, freue mich zu leben, studieren zu dürfen und die Liebe zweier Menschen in meinen Händen tragen zu dürfen. Sie glauben beide an mich, haben mich beide lieb. Was brauche ich danach zu fragen, dass es zwei sind! Ich habe sie ja auch beide lieb.81

Ihre Freundinnen verfolgten Gretis Liebesabenteuer mit Anteil­nahme und verurteilten sie nicht. Emmy Sonderegger, die sie in der Haushaltungsschule82 kennengelernt hatte, sprach ihr Mut zu. Man soll lieber recht viele kennenlernen, um dann später nicht hineinzufallen.83 Auch Cousine Gretly Puorger, die Medizinstudentin, ermutigte Greti. Du erlebst dabei eigentlich doppelt viel Schönes, lebst eigentlich zweifach.84 Die experimentierfreudige Hildi Hügli, Freundin aus der Kantonsschule, hatte erst recht keine moralischen ­Bedenken. Sie war mit ihrem Liebsten schon viel weiter gegangen – was kümmerte sie da, dass Greti zwei Männer küsste. Wenn sie der Freundin dennoch riet, sich von Gian zu trennen, dann tat sie dies aus anderen Motiven: Sie fand den Ingenieursstudenten zu streng, zu geradlinig und ernsthaft, kurz: zu farblos für Greti.85 Die verteidigte ihre Liebe: Mit Gian verbinde sie vielleicht nicht die grosse Leidenschaft, aber: Er ist doch der Einzige, den ich je liebte. (…) Er ist der Einzige, der einigermassen dem Fragen nach mir selbst Antwort gab. Sie, Greti, könne nur einen wie ihn heiraten: In ihm hätte ich einen Menschen, der meiner Unruhe die Ruhe, der meiner Furcht vor dem Morgen die Sicherheit im Jetzt, meiner unzuverlässigen Toleranz die unbedingte Zuverlässigkeit und Treue entgegenzusetzen hätte.86

Eine vergleichbare Nähe spürte sie zu ihrem zweiten Lieb­ha­ber, Ernst Bener, nicht. Dem Frauenstudium stand er skeptisch ge­genüber, und als Greti in den Herbstferien der Grossmutter in Furna im Haushalt und im Stall half, spottete er über die Haus-, Schwein- und Hühnermutter. Dies seien eben keine Arbeiten für einen Mann!87 Greti spürte immer deutlicher, dass es mit Ernst nicht das Rechte war. Bei ihm war sie froh, einen zu haben, während sie bei Gian glücklich war, ihn zu haben. Doch Gianins Liebe schien ihr alles andere als gewiss. Er hielt sich immer noch bedeckt über seine ­Gefühle für sie und genoss einfach das Zusammensein mit ihr. Sie hingegen wünschte sich immer drängender ein Bekenntnis. Schliesslich stand für sie viel mehr auf dem Spiel als für ihn. Sie wünschte sich Kinder und brauchte dazu einen zuverlässigen Mann. Zugleich war es unausweichlich, dass sie die Theologie der Familie würde opfern müssen – und wenn sie gezwungen war, dieses Opfer zu erbringen, so wollte sie sich ihrer Sache zu hundert Prozent sicher sein. In ihrer Not schrieb sie ihm kurzerhand, ihr scheine es, ihre Beziehung habe ihr Ende erreicht. Diese Intervention provozierte ein offenes Gespräch zwischen den beiden, bei dem sie einander ihr Seelenleben offenbarten. Es stellte sich her­aus: Auch er hatte sie als distanziert wahrgenommen.

Tagebuch, 3. Dezember 1926

«Nun wirst du nicht mehr so kalt sein», sagtest Du. Du Giannin fühltest Du denn die ganze lange Zeit nicht, dass hinter der Maske meiner Kälte ein zages, schwaches Herz in heissestem Sehnen Dich rief? Weisst Du denn nicht, dass ich auch nur ein Weib bin mit einem kleinen, zitternden Herzen?

Zürich, 7. Dezember 1926, Gian an Greti

Du liebes Greti,

Ich finde gerade auch in diesem Scheusein, das meinerseits gewiss ebensogross war, etwas Feines. Nun ist etwas geschehen, etwas Grosses, dass diese böse «Maske der Kälte» genommen hat (…).

Nun, da die Verhältnisse zwischen ihr und Gian geklärt waren, wollte Greti ihn ihren Eltern vorstellen. Als der Vater davon erfuhr, reagierte er wutentbrannt. Du sollst studieren, und ausser dem Stu­­dium hat weder jetzt noch später irgendwann irgendetwas zu existieren für Dich!,88 herrschte er sie an und versagte ihr in seiner Eifersucht den üblichen Kuss vor dem Schlafengehen.89 Joos Roffler fürchtete, den ersten Platz im Gefühlsleben der Tochter zu verlieren, ihr nicht mehr Anker und Orientierungspunkt zu sein. Ausserdem sah er seine Ambitionen in Gefahr: Wenn sie heiratete, würde sie dereinst nicht in seine Fussstapfen treten.

Seine Frau Betty brachte der Tochter mehr Verständnis entge­gen. Sie hatte selber als Jugendliche Schule und Liebe gegeneinander abgewogen. Ihr Vater Tobias Luk war Kantonsbuchhalter in Chur, ein fortschrittlich denkender Mann, der in jungen Jahren in Russland und Amerika sein Glück versucht hatte90 und die Tochter auf die Kantonsschule schicken wollte – Anfang der 1890er-Jahre ein unerhörtes Ansinnen, noch waren Mädchen nicht zur Matur zugelassen. Doch Betty, so erzählt es Greti später in der Familienchronik, mochte nicht stillsitzen und lernen. Lieber ging sie mit ihren Freundinnen zum Tanz. Die Liebeslust der eigenen Tochter konnte sie darum nachvollziehen.

Nicht so die Grosseltern in Furna, die sich um Gretis Ruf als ehrbare Jungfrau sorgten.91 Der Enkelin blieb neben dem Studium ohnehin zu wenig Zeit für die Entwicklung ihrer hausfraulichen Fähigkeiten.

Elsi Aliesch-Nett, geb. 1925, Gretis Cousine

zweiten Grades, aufgewachsen in Furna92

Gretis Grossmutter maulte, ein Studium brauche eine Frau nicht, das gebe dann keine gute Hausfrau. Greti konterte, das wolle sie dann schauen, ob sie keine rechte Hausfrau sein könne. Sie hatte dann ja sechs Kinder. Sie hat schon bewiesen, dass man das alles kann!

Im Dezember 1926, fast ein Jahr nach dem Bündnerball, gelang es Greti dennoch, die Einwilligung des Vaters für den Antrittsbesuch des Liebsten in Igis zu erlangen. Zu Beginn der Weihnachtsferien, auf dem Weg nach Pontresina, besuchte Gian sie im elterlichen Pfarrhaus. Sie zeigte ihm das Dorf ihrer Kindheit und führte ihn ins leere Kirchenschiff, wo sich die beiden unter der Kanzel von Gretis Vater lange küssten. Dies aber war der schönste Gottesdienst, den ich erlebt. Von der Wand winkte tröstlich der Spruch: «Du sollst deinen Nächsten lieben als dich selbst.» Und meine Augen entdeckten auf der andern Seite den Psalm: «Dein Wort ist meinem Mund süsser denn Honig», den er viel logischer las: «Dein Mund ist süsser denn Honig.» Was Wunder, dass wir lange hatten, die Kirche anzusehen!93 Siehe da: Mit seinem Charme und Humor eroberte Gian die Herzen sämtlicher Pfarrhausbewohner.94 Nur Joos Roffler hoffte insgeheim, die Flamme der Tochter werde bald erlöschen.

Tina Münger, 1925–2017, Pflegekind bei Gretis Eltern

vom ersten Lebensjahr bis zur Konfirmation95

Meine Eltern litten beide unter Tuberkulose und starben bald nach meiner Geburt. Ich kam dann als Pflegekind ins Pfarrhaus von Igis. Die Pfarrerskinder waren schon gross, Greti studierte in Zürich, Christa, der jüngste, war zehn Jahre alt.96 Papa Roffler war ein hochintelligenter Mensch, er hatte ein grosses Wissen, und er konnte sehr charmant sein. Aber er war sehr jähzornig, und er führte ein strenges Regime. Man ist nicht an ihn herangekommen. Er hatte recht und damit basta. Punktum, hat er immer gesagt. Punktum. Ich war sehr empfindlich, laute Diskussionen waren für mich tödlich. Einmal fragte ich die Mama: Warum hast Du diesen Mann geheiratet? Der hat ja immer schlechte Laune, Tag für Tag schlechte Laune! Sie sagte dann: Weisst Du, er ist ja sonst ein Lieber. Erst später habe ich gemerkt, dass nicht überall so eine Atmosphäre herrscht wie bei uns. Non und Nona etwa, die Eltern von Gianin, die waren ganz andere Leute. Für mich war das wie ein Sonnenaufgang, wenn die kamen. Die brüllten und stritten nicht wie Rofflers. Sie waren immer ruhig und nahmen es gemächlich.

Elsi Jenny-Roffler, 1911–1998, Schwester von Greti,

in einem selbst verfassten Lebenslauf97

Der Vater war ein strenger, aber sehr besorgter Patriarch, die Mutter war ein liebevolles Aufstehmännchen. Sie hatten sich sehr gut ergänzt.

Für Greti war der Vater die dominante Figur, Gian hatte zu seiner Mutter die engere Beziehung. Christina Lendi war in Celerina als Tochter eines Hoteliers, Pferdefuhrhalters und Weinhändlers ­aufgewachsen. Vor Gians Geburt hatte es das Schicksal nicht gut gemeint mit ihr: Als sie drei Jahre alt war, starb ihre Mutter bei der Geburt eines jüngeren Geschwisters.98 Die zweite Ehe des Vaters war unglücklich, er begann zu trinken und nahm sich schliesslich im Inn das Leben. Christina hatte damals gerade den Baumeister ­Johann Caprez aus Pontresina geheiratet und ihr erstes Kind gebo­ren. Kurze Zeit später wurde das Kind krank und starb ebenfalls. Voller Sorge war sie bald schwanger mit ihrem zweiten Kind. Der 5. Mai 1905 wurde zu ihrem Glückstag: Sie gebar Johann Rudolf, den alle nur rätoromanisch Gian nannten und der ihr Ein und ­Alles wurde.

Materiell hatten Gians Eltern keine Sorgen, das Baumeister­geschäft lief in Zeiten des boomenden Tourismus im Oberengadin prächtig, und Johann Caprez war ein geschickter Geschäftsmann, der durch Spekulation zu einem beachtlichen Vermögen kam.99 Nicht mit Geld zu kaufen war die Gesundheit. Kinderkrankheiten wurden lebensbedrohlich. In einer kritischen Nacht gaben ihn die Ärzte auf, doch das Kind war zäh. Allerdings verursachte ein Gelenkrheuma ein Herzleiden, das ihn sein Leben lang begleiten sollte. Trotz seiner zarten Konstitution und der überbehütenden Mutter war Gian kein vorsichtiges Kind. Auf dem Flachdach des Elternhauses ging er mit Freunden gefährliche Mutproben ein, sprang zwischen Kamin und Dachkännel hin und her oder wetteiferte darum, die Starkstromleitung zu berühren, ohne vom Schlag getroffen zu werden. Um sich ein Taschengeld zu verdienen, pflückte er auf dem Friedhof Edelweiss und verkaufte sie an Touristen. Bei Skirennen war er meist der Schnellste, und auch im Bergsteigen entwickelte er einen grossen Ehrgeiz und kletterte allein durch exponierte Felswände.

Als Greti später Gians Familiengeschichte erfuhr, meinte sie zu verstehen, wo seine Schüchternheit und Wohlanständigkeit, seine Selbstzweifel und Minderwertigkeitskomplexe herkamen. Schuld daran war in ihren Augen seine zu enge Mutterbindung. In Tat und Wahrheit, so war Greti überzeugt, schlummerte in ihm ein wildes Kind, das von seinen Eltern beschnitten worden war. Es wurde eingeschüchtert und eingeschlossen in die (…) Nützlichkeits- und Anstandsregeln, die da Convention heissen. (…) Da ging er lieber unten auf dem festen Erdboden, lieber – Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach, lieber Knecht in Wohlbehütetheit als eigener Herr in Gefahr. (…) Er lernte ein Mädchen kennen, dessen Liebe voller Widersprüche und Heftigkeit und heissem Sehnen war. All das Wilde, das an ihm abgetan worden und das er selber abgetan, fand er in ihm wieder. Sie war auch wirklich nicht lebenstüchtig, für das Leben, wie er es bis jetzt verstanden. Denn sie sah zu viel, sagte zu viel, schwieg zu wenig und versuchte immer wieder, sich durchzusetzen. (…) Vielleicht dass er sie (…) von ihrer Masslosigkeit und Rohsein erlösen konnte, in ihrer Demut des liebenden Weibes und süssen Beugens unter seinen Willen, unter das Feine und Zarte, das neben seinem Herrentum sein Wesen ausmacht. Feine und zarte, selbstsichere und selbstbewusste Eigenwilligkeit – dies ist er. Und in Liebe zu ihm verfeinerte, ausgeglichene Eigenwilligkeit – dies ist sie: beide in ihrem anzustrebenden Ziel.100

Christian Caprez, geb. 1942, Sohn von Greti und Gian Caprez101

Ich war als Kind oft in den Ferien bei meinen Grosseltern Johann und Christina Caprez-Lendi in Pontresina, die ich Non und Nona nannte. Der Zvieri hiess bei Nona Afternoon Tea, mit Biskuits, englischem Kuchen und Birnenbrot. Die Butter servierte Nona in einem schönen Geschirr mit einem Buttermesser. Manchmal kam ihre Cousine aus Celerina zu Besuch, und wenn Nona ihr das Butter­geschirr über den Tisch schob, machte die Cousine mit der Hand eine wegwerfende Bewegung, schob das Buttermesser zur Seite und nahm ihr eigenes Messer, um sich ein Stück Butter abzu­schneiden. Nona sagte nichts, schob ihr aber Geschirr und Buttermesser noch einmal hinüber. So ging es hin und her, aber es wurde nie ein Wort gewechselt.


Zürich,
9. September 1929

Zwei Bilder. Greti trägt auf beiden ein sackartiges Kostüm, der Rock reicht bis weit über die Knie. Erst die Bildlegende102 ­erzählt von einem nahezu revolutionären Akt. 9. Sept. 1929 in ­Zürich vor dem Haarschnitt steht links, nach dem Haarschnitt rechts. Eben noch, auf dem Mühlesteg beim Hauptbahnhof, trägt sie die schwarzen Strähnen kunstvoll in einem Zopf hochgesteckt. Geistesgegenwärtig macht ihr Begleiter, vermutlich Gian, einen Schnappschuss von ihr. Nach vollbrachter Tat posiert Greti mit der neuen Frisur am Bahnsteig. Die Haarspitzen kräuseln sich gleich bei den Ohren. Die Haare sind gefallen: das äussere Symbol der inneren Selbständigkeit,103 hat Verena der ­Freundin vor einem halben Jahr geschrieben. Auch Gians Schwester ­Elisabeth, die Pferdekutschen und sogar Autos lenken kann, trägt ihr Haar kurz.104

Den Kopf neigt Greti leicht zur Seite – wie um zu relativieren: Gar so aufmüpfig bin ich doch nicht, wie es der Bubikopf ­signalisiert. Die Gesichtszüge wirken gelöst, die Augen blitzen voller Schalk dem Gegenüber direkt ins Gesicht. Einen Tag ­zuvor, am 8. September 1929, haben Greti und Gian in Igis ­geheiratet, im Kreis der engsten Verwandten. Von diesem Tag gibt es ein unprätentiöses Foto einer Gruppe auf einer Wiese, die Braut in einem schwarzen Kleid zwischen ihren Schwestern, der Bräutigam am Rand. Der Anlass liesse sich nicht erkennen, stünde da nicht das Datum. Wichtiger scheint es Greti, den Haarschnitt am Tag danach zu dokumentieren, kurz vor der ­Abreise nach Brasilien. Ihre linke Hand drückt den Daumen. Seit langem hat sie sich danach gesehnt, mit dem Liebsten in die Welt hinauszuziehen. Nun ist es so weit.

Genese
einer Feministin

Wie hatten sich Greti und Gian nacheinander verzehrt, damals in den Jahren ihrer Studentenliebe in Zürich! Oft war es ihnen schwer gefallen, ihr Begehren zurückzuhalten. Dass sie stark bleiben und das Letzte – den Koitus – erst in der Ehe tun würden, war beiden klar. Als sie darüber sprachen, äusserte Gian seine Angst, sie könnten sich in einem innigen Moment vergessen. Greti teilte seine Sorge, konterte aber gleichzeitig: Für mich ist die Leidenschaft nicht etwas Schlechtes. Sie ist die Erlösung aus der Gefühlsarmut, der «Wohlanständigkeit» und kulturüberkleisterten Unechtheit. (…) Sie lässt uns die Welt in ihrer ganzen Farbigkeit und Schönheit empfinden und sehen.105 Freilich war es für Greti ebenso wichtig, im rechten Augenblick Nein sagen zu können.106

Ein Erlebnis mit dem Liebsten blieb Greti besonders im Gedächtnis.107 Es war das Jahr 1927, ein lauer Frühsommerabend, und Gian holte sie von einem Seminar an der Universität ab. Gemeinsam schritten sie in die sternenhelle Nacht hinaus, als er sie in seine Studentenbude einlud. Dort sassen sie eine Weile lang schweigend Schulter an Schulter nebeneinander. Die Leidenschaft kam über uns. Wir lagen Hand in Hand, Mund auf Mund in dem dämmerartigen, guten, ausgleichenden Dunkel. Was nun geschah, verschlüsselte Greti im Tagebuch mit griechischen Buchstaben. «Du wäre es so schrecklich, wenn wir uns einmal ganz nackt umarmen würden?» Er fragte es leise und zaghaft. Was mochte es gebraucht haben, bis er es überhaupt sagen konnte! Meine Antwort war ein banges Fragen: «Können wir dann noch stark bleiben?» (…) In plötzlichem Entschluss streifte ich mir das Gewand von der Schulter und barg in heisser Scham meine nackte Brust an der seinen – und dann lagen wir Mann und Weib. (…) Es war ganz anders als ich es je gedacht. Ein grosses, reines, ruhiges Stillsein erfüllte uns. Es war keuscher, als da wir uns je in Gewändern berührt. Selbst der Trieb schien ausgelöscht. Ein grosses Staunen über sein Gutsein über sein wundersames Stillesein erfüllte mich. Wenn ich mich auch einen Augenblick geschämt, so war das doch nur der Kampf ge­gen unsere Erziehung (…). Schämte ich mich denn vor meinen Schwestern, schämten wir uns denn vor einem Arzt, der uns doch ein ganz fremder Mensch? Hier aber war es das Wesen, das zu dem meinen gehörte, der Mensch, der meinem Sein, Sinnen und Fühlen am Engsten verbunden (…).108

Greti vertraute das Erlebnis Hildi Hügli an,109 ihrer besten Freundin aus der Kantonsschule, die in Bern studierte. Doch die konnte in der Entsagung kein höheres Ziel erkennen. Wir mögen eines vom andern noch so tolles Zeug verlangen, keines kann nein sagen,110 offen­barte sie Greti und spitzte deren Argumentation zu: Wenn Sinnlichkeit gut (…) – ja, sogar göttlich – war, dann musste das doch auch für die Zeit vor der Ehe gelten. Denn der Mensch ist Eines, er zer­fällt nicht in einen verachteten gierigen Leib und in eine vergötternde, verachtende Seele.111 Die Leidenschaft zu bekämpfen sei ein Vorurteil. Diesen Schritt konnte und wollte Greti jedoch nicht mitgehen. Du hast den kostbaren, unendlich süssen Kern, der im Warten (…) liegt, nicht erkannt,112 verteidigte sie sich. Und dennoch brachten Hildis Worte sie ins Grübeln. Ich suche schon lange zu finden, warum ich Deinen Weg verurteile, oder vielmehr, warum etwas in mir so gegen die Liebe ohne Papier weht. (…) Vielleicht wird es auch mit der Zeit anders. Als ich im Frühling bei Dir war, sah ich, wie just das, was ich verurteile, Dich geändert, liebwerter, menschlicher gemacht, Dein ganzes Wesen in frühlingshafter Lieblichkeit durchflutete. (…) Und als ich letzten Sonntag (…) beim Gianin in seiner Bude war, gab er mir ein Buch mit: «Das Liebesleben in der Ehe», und als ich es las, fragte ich mich: «Warum stemme ich mich eigentlich dagegen, dass dasselbe ohne Band getan??» Ich weiss nur das Eine, dass dadurch mein ganzes Wesen vernichtet würde und ich nie mehr aufstehen könnte.113

Unter dem Eindruck der innigen Zeit mit Gian fragte sich Greti schliesslich, ob sie das Studium an den Nagel hängen sollte. Wäre es nicht schön, bald zu heiraten, anstatt sich weiterhin mit Dogmengeschichte und Eschatologie abzumühen? Gegenüber einer Freundin, die vor kurzem geheiratet hatte, gab sie sich am Ende des vierten Semesters überzeugt: Du und ich, wir werden unser Lebtag nichts Rechtes als studierte Frauenzimmer. Wohl stecken in uns zwei tüchtige Mütter und treue, starke Kameradinnen für einen Mann. Aber laut darf man solche Dinge nicht sagen, (…) sonst werden gewisse ­Väter ­rabiat.114 In den Sommerferien in Igis bei ihren Eltern, als sie das an­derthalbjährige Tineli, die Pflegetochter, im Wagen herumschob, wuchs in ihr die Sehnsucht nach einem eigenen Kind.115 Doch als sie im Herbst wieder an die Universität zurückkehrte, erwachte die Leidenschaft für die Theologie wieder.116

Inzwischen hatte Joos Roffler bei der Bündner Landeskirche den Stein ins Rollen gebracht, der seiner Tochter den Weg ins Pfarramt bahnen sollte.117 Am 13. Juli 1927 beantragte er beim kantonalen Kirchenrat, die Bündner Landeskirche solle künftig auch Frauen in die Synode (das kantonale Pfarrerparlament) aufnehmen. Aus­serdem solle man Studentinnen zur Zwischenprüfung, dem Propädeutikum, zulassen, denn es waren nicht die Universitäten, sondern die Landeskirchen, die angehende Theologen prüften. Zwar hatte die Universität Zürich 1914 eigens Fakultätsexamen für Frauen eingerichtet,118 dieses berechtigte aber nicht zum Pfarramt. Joos Roffler begründete seinen Antrag rhetorisch geschickt mit dem angeblich typischen Bündner Pioniergeist. Wenn unser Kanton (…) auf diesem Gebiete vorangeht, so würde ihm das sicher nicht zur Unehre gereichen. Er ist schon einmal, 1526, durch die Einführung der Glaubens- und Gewissensfreiheit, der ganzen Welt vorausgegangen, und wir freuen uns heute noch darüber.119 Rofflers Forderung erregte derart grosses Aufsehen, dass in den Zeitungen tagelang hitzig debat­tiert wurde, ob eine Frau das Recht und die Fähigkeit habe, Pfarre­rin zu sein. Das Wort ergriffen meist andere Pfarrer, jedoch anonym.

Der freie Rätier, 24. September 1927

Autor: R. [Pfarrer Heinrich Roffler, Vicosoprano,

ein Namensvetter von Joos]120

Ist die Frau rein physisch schon den Anforderungen des Pfarramts121 gewachsen? Man denke an unsere oft weit auseinander liegenden, zur selben Pfarrgemeinde gehörenden und nur durch lange und mühevolle Wege zu erreichenden Bündner Bergdörfer! Man denke an Sturm und Wetter, Eis und Schnee! Im ganzen darf wohl gesagt werden, dass das Pfarramt Kraft und Männlichkeit erfordert.

Neue Bündner Zeitung, 20. Oktober 1927

Autor: Cu. [Pfarrer Peter Paul Cadonau, Ardez]122

Nach evangelischer Auffassung soll die Predigt die Verkündigung des Wortes Gottes sein, also einer objektiven Grösse. Je klarer, ruhi­ger, sachgemässer das geschieht, desto besser ist die Predigt. Nun ist aber gerade die Objektivität nicht die Stärke der Frau. Wir ­haben im praktischen Leben ja oft Gelegenheit, uns darüber zu freuen, dass unsere Frauen die Dinge von der persönlichen, empfindsamen Seite betrachten, und dass sie gerade dadurch uns Männern vielfach überlegen sind. Nun ist aber das eine Eigenschaft, die gerade auf der Kanzel nicht an ihrem Platze ist.

Neue Bündner Zeitung, 24. Oktober 1927

Autor oder Autorin: L.

Es mag dies in vielen Fällen richtig sein. Der Mann ist zumeist Verstandesmensch, während die Frau Gemütsmensch ist. Nun ist aber die Religion eine Sache des Gemütes in erster Linie. Und ­darum halte ich dafür, dass die Frau für das Predigeramt nicht so ganz ungeeignet ist, wie der verehrte Artikelschreiber es dartun will.

Neue Bündner Zeitung, 25. Oktober 1927

Autorin: Eine alte Frau

Sitzen derzeit manchenorts in der Kirche nicht mehrheitlich ältere Frauen und Kinder, und die Männerstühle sind fast leer? Wir Frauen haben nun das kirchliche Stimmrecht. Freuen wollen wir uns, wenn eine oder mehrere Predigerinnen bündnerische Kanzeln besteigen.

Neue Bündner Zeitung, 3. November 1927

Autor oder Autorin: D.

Der natürliche Frauenberuf ist eigentlich der Mutterberuf, und es ist nicht vom Guten, dass sich die Frauen immer mehr in die Männerberufe hineindrängen, auch in die sogenannten Gelehrtenberufe (…). Darunter hat die Familie schwer zu leiden.

Greti schnitt jeden einzelnen Artikel aus und klebte sie alle in ein graues Heft, das sie mit Gehört die Frau auf die Kanzel? beschrif­tete. Die Vehemenz, mit der die Gegner des Frauenpfarramts zum Kampf bliesen, weckte ihren Widerstandsgeist.123 Es war ihr bisher fern ge­le­gen, sich als Frauenrechtlerin zu bezeichnen. Wie die meisten ihrer Freundinnen und Kollegen empfand sie nur Grauen, wenn sie die Stichworte Frauenstimmrecht und Frauenbewegung hörte.124 Eine Frauenrechtlerin war für sie nichts anderes als ein ­Drachen, der nichts von Haushalt versteht, die Kinder und den Mann vernach­läs­sigt, in Versammlungen läuft und Vorträge hält (…).125 Doch angesichts der Debatten um ihren Wunsch, Theologin zu werden, angesichts der Distanz zwischen ihrem eigenen Selbstverständnis und dem, was andere ihr zugestehen wollten, und angesichts der Fremdheit, die sie empfand, wenn sie die Kommentare in den Zeitungen las,126 erkannte sie die Notwendigkeit zu kämpfen und für ihre Sache Begriffe zu finden. Der Kampf der Theologin mit ihrem Weg liess die Frau in mir ihrer Gebundenheit, ihrem Sklaventum – trotz der Freiheit der Schweizer! – erkennen. Und ich sah verwundert dem Umschwung meiner Ansichten zu.127 Erstaunt erzählte sie Gian davon, bange, wie er wohl reagieren würde. Siehst Du, dass ich auf dem Weg zur Frauenrechtlerin bin? Kannst Du mich auch so noch lieb haben? Er jedoch lachte, nahm sie in seine Arme und beruhigte sie: Du hast ja recht!128

Greti war unendlich erleichtert über Gians Verständnis. Zu ­Beginn des Jahres 1928 drückte sie ihre Verwunderung und Dankbarkeit darüber aus, dass sie sich gefunden hatten. Sie erkannte sich in der Protagonistin eines Romans wieder, den sie gerade las.129 Vor allem erfüllte mich eine tiefe Freude, dass Du schon das bist, wozu die Erna ihren Verlobten erst erziehen muss: dass er sie nicht als Weib, als Erholung und besseres Spielzeug, sondern als ganzen Menschen mit eigenem Selbst, als Kameraden und Freund werte. Aber frei zu werden aus der Bemutterung durch das Vaterhaus und die engere Heimat hatte auch ich, und dazu solltest Du mir helfen. Hinaus in die weite Welt und fremde Lande und Schicksale sehen!130 Vielleicht war ihr Vater sogar allmählich bereit, sie loszulassen. Immerhin hatte er in seiner Weihnachtspredigt davon gesprochen, wie er einst an der Wiege seines ältesten Kindes gestanden hatte, voll Freude und Hoffnung, es möchte einmal grösser, stärker und freier als er selbst werden.131 War sie nicht auf dem besten Weg, diese Hoffnung zu erfüllen?

Wenn sie sich ihre Zukunft mit Gian ausmalte, dann hatte sie ein komplett anderes Bild vor sich als das, das ihre Eltern abgaben. Ihrer Schwester Elsi erklärte Greti: Siehst Du, unsere Eltern bilden eine der glücklichsten Ehen, die es überhaupt gibt. Aber ich möchte sie doch nicht erleben, weil ich von einer Ehe noch mehr verlange.132 Ihre Mutter sei dem Vater ein liebes und tüchtiges Weib, könne aber bei vielem nicht mitreden, weil sie zu wenig gebildet sei. Aber siehst Du, unser Vater empfindet dies gar nicht (…). Dass eine Frau dem Manne aber Kameradin und Geistesgefährtin sein kann, die ihn auch in seinem wissenschaftlichen Streben versteht, weiss er gar nicht, und deshalb fehlt es ihm auch gar nicht. Unsere heutige Generation aber weiss dies alles.133 Greti war sich sehr wohl bewusst, dass es auch in ihrer Gene­ration viele Männer – und Frauen – gab, die anders dachten, und setzte ihre Hoffnung darum in die Zukunft: Es wird die Zeit kommen, da jeder Mann erkennen wird, dass er sich selbst erniedrigt, wenn er meint, ein ungleichwertiges Wesen zu seiner Liebsten zu machen.134

Anfang Februar 1928 – seit der Begegnung am Bündnerball waren nun zwei Jahre vergangen – wollte Greti ihrer Liebe zu Gian eine Zukunftsperspektive geben. Da war die Erfahrung, von ihm mit all ihren Facetten, ihrem schroffen Charakter und ihrer neuen Identität als Frauenrechtlerin, geliebt zu werden, aber auch die Sehnsucht danach, endlich mit ihm zusammenzuleben und sich in der Sexualität nicht mehr zügeln zu müssen. Zwar hatte sie sich entschieden, weiter zu studieren, weswegen sie den Gedanken an eine baldige Familiengründung beiseiteschob. Dies schloss ­jedoch eine Heirat nicht aus. Sie fasste sich ein Herz und setzte ihren Eltern den Plan in einem Brief auseinander: Giannin und ich werden in einem Jahre heiraten (…). Kinder werden wir dann ca. fünf Jahre noch keine haben (aber nicht nach altväterischer Verhütungs­methode, weil die zu unsicher ist und ich nicht jeweilen in der Luft hangen gelassen sein will.) Euch werden die Haare zu Berge stehen: horribile dictu, ist dies eine schamlose Jugend, dass sie solche Dinge so frei und frank heraus sagt. Reinheit im landläufigem Sinne heisst aber nichts anderes als Nichtwissen um Dinge, die nun einmal sind. Wirkliche Reinheit ist etwas ganz, ganz anderes. (…) Ich kann nicht aus meiner Haut und hoffe, dass Ihr mich nicht an dem hindern werdet, was ich für recht und notwendig, mir und Gott gegenüber erkannt habe.135

Gretis Brief löste im Igiser Pfarrhaus helles Entsetzen aus. Glaubst Du etwa, dass Papa hocherfreut darüber ist?,136 schalt Betty ­Roffler die Tochter. Als ich ihm den Brief vorlas, ist er im Studierzimmer herumgereist und hat Euch nicht die sanftesten Namen gesagt. Dann meinte er aber, es hätte (…) gar keinen Wert, dass Du noch weiter studierest; das sei ja das Geld zum Fenster hinausgeschmissen. Da sei es am gescheitesten, Ihr verlobet Euch bald und nachher sage er dem Bündner Kirchenrat, er solle die ganze Motion ins Kamin hängen. Es habe doch keinen Wert, dass man solches Tam Tam mache um nichts. Auch das Examen im Frühling lässest Du dann gescheiter beiseite.137 Erst kürzlich hatte der Kirchenrat Greti zum Propädeutikum, der kanto­nalen theologischen Zwischenprüfung, zugelassen, und sich dafür ausgesprochen, künftig auch Frauen in die Synode aufzunehmen. Nun lag der Ball bei den regionalen Pfarrerparlamenten, den Kol­lo­quien, und auch dort liessen die Diskussionen hoffen. Nur in Prätti­gau-Herrschaft, wo auch Rofflers Heimatdorf Furna lag, hatte man seinen Antrag abgelehnt.138 Leider war von dort nichts ande­res zu erwarten gewesen, schliesslich führte Jakob Rudolf Truog die Geschäfte, Pfarrer unten im Tal in Jenaz und vehementer Gegner des Frauenpfarramts. Truog liess keine Gelegenheit aus, im Kirchenrat gegen die Theologinnen zu wettern, und auch in den Zeitungen schoss er mit scharfer Munition. Von allen andern Kolloquien kamen aber positive Signale, und so sah Joos Roffler zuver­sichtlich der Synode entgegen, die die Sache im Sommer besiegeln sollte. Wenn Greti nun aber heiraten wollte, waren seine Bemühungen umsonst gewesen, denn die Debatten drehten sich nur um ledige Theologinnen.

Die Mutter wunderte sich mehr über Gretis Illusionen punkto Familienplanung. Die Tochter stellte sich das mit der Verhütung etwas gar einfach vor. Und zuletzt kommt dann ungerufen ein Pöps nach dem andern. Auch, dass Greti so offen über ihre Lust schrieb – dass sie nicht in der Luft hangen gelassen werden wollte, hiess ja nichts anderes als: Sie wollte nicht unbefriedigt bleiben139 –, missfiel Betty Roffler. Vermutlich hatte die Lektüre des feministischen Sexualratgebers von Marie Stopes, Das Liebesleben in der Ehe, der Tochter die Ehefreuden nähergebracht.140 Von wem hast Du eigentlich das mir gegebene Buch? Ich habe es zwar noch nicht fertiggelesen, aber soviel habe ich doch daraus gesehn, dass mein Mann auch ohne Buch ein sehr rücksichtsvoller Gatte war, der nie etwas forderte, was ich nicht selbst wollte, oder ohne dass er mich dazu geneigt machte, ausgenommen freilich die alte Verhütungsmassregel.141 Die Mutter bat Greti, das Buch ihren Schwestern nicht zu geben, besonders der unbesonnenen Elsi nicht, denn dadurch würde sie sich ihrer Regungen erst bewusst.142

Greti gefiel weder Ton noch Inhalt der elterlichen Reaktion. Ihr behandelt mich auch gar als naiven Gof,143 beklagte sie sich. Das Buch ermuntere nicht zum Sex, vielmehr diene es dazu, die eigenen Gefühle zu verstehen und einen Umgang damit zu finden, sei es, indem man sie sublimiere oder indem man heirate. Oder meinst Du Mama, es sei besser, vor Elsi werde einfach alles totgeschwiegen, «es» komme dann einmal über sie und sie sei der Sache ausgeliefert?144 Nein, das konnte die Mutter unmöglich wollen. War Euer Jahrhundert denn so ganz anders als wir sind?145 Greti weigerte sich, auf die Argumen­­ta­tion der Mutter einzusteigen und hielt an ihrer schonungs­losen Offenheit fest. Sie offenbarte den Eltern gar, dass sie, als Gians Schlummermutter aus dem Haus war, einmal bei ihm übernachtet habe, beide keusch in Kleidern nebeneinander liegend.146 Diesmal versuchte Joos Roffler die Tochter nicht mit einer Stand­pauke, sondern mit rationalen Argumenten zur Vernunft zu bringen. Ein unbeherrschter Augenblick, und es ist geschehen. Nein Greti, traue Dir nicht zu viel zu. Unverhofft ist schon oft über manchen Frommen die Versuchung kommen. Du bist nicht einmal fromm. Also arrangiere Dich anders.147

Zunächst blieb alles beim Alten: Greti studierte weiter, und die Heirat war vorerst kein Thema mehr. Unter den Augen des ganzen Kantons legte sie ihr Propädeutikum ab. Kurz zuvor spottete sie Gian gegenüber: Wenn ich durchkomme, hast Du die berühmteste «Frau» in Graubünden zur Liebsten, und wenn ich fliege, die unmöglichste. Für mich ist es natürlich dann schon am schönsten, wenn ich einfach unter einem andern Namen verschwinde, d. h. das Greti Roffler aufhört zu existieren und daraus ein Greti Caprez wird. Nur der Ätti ist zu erbarmen, denn seine Tochter wird es immer sein, die durchgeflogen ist.148 Der Vater brauchte sich nicht zu schämen: Seine Tochter bestand die Prüfung mit der Note gut. Sechs Wochen später trafen sich alle Pfarrer aus Graubünden in Klosters zur Synode, um über die Zulassung der Frau zum Pfarramt zu diskutieren. Nach den regionalen Kolloquien beschloss nun auch die Synode mit 51 zu 4 Stimmen, dem Volk eine Vorlage zur Abstimmung vorzulegen: ­Zulassung der (ledigen) Theologin zum Pfarramt.

Der Vater schöpfte Hoffnung, doch Greti fühlte sich eingeengt ob der Pläne, die er für sie schmiedete. Er habe kein Recht, stolz zu sein auf seine Tochter, hielt sie ihm vor: Ich bin weder ein Genie noch sonst etwas Besonderes, sondern nur ein ganz, ganz mittelmäs­siger Mensch (…).149 Besonders regte sie sich darüber auf, dass er die Gesetzesvorlage in einem Artikel als Lex Grete bezeichnet hatte. Erstens heisse sie gar nicht so, und zweitens wolle sie keinesfalls mit dem Gesetz in Verbindung gebracht werden. Mir ist diese ganze Komödie zum Davonlaufen verekelt. (…) Spotten werden sie sowieso, wenn sie erfahren, dass ich heirate, und es wird ihrer etliche geben, die es mir sehr, sehr verübeln, dass ich die ganze Aufregung für nichts verursacht habe.150

In den Weihnachtsferien 1928 kam es im Pfarrhaus in Igis zum Eklat. Nach dem Ende der Vorlesungen war das Liebespaar aus Zürich angereist. Gian, frisch gebackener ETH-Ingenieur, wollte zu den Festtagen weiter nach Pontresina zu seinen Eltern fahren. Beim Mittagessen am Pfarrhaustisch sprachen Greti und Gian ­davon, sich zum Jahresende verloben zu wollen. Joos Roffler stand abrupt auf und verliess den Raum mit den Worten: Ich bin wenigstens noch nicht gefragt worden!151 Gian, sich des Ernsts der Lage offensichtlich nicht bewusst, lief ihm nach und fragte, ob der Schwiegervater in spe einen offiziellen Briefbogen hätte, er wolle einen formellen Antrag stellen. Doch Joos Roffler ertrug keinen Spass. Er liess Gian stehen, ging zurück zur Tochter und bellte: Wenn Du diesen heiratest, kommst Du mir nie mit ihm ins Haus und gebe ich Dir keinen roten Rappen.152 Dann ging er aus dem Haus und liess den Rest der Familie konsterniert zurück.

Später redete Greti ihm ins Gewissen: Er könne doch nicht im Ernst erwarten, dass der Freund der Tochter, die er so frei erzogen habe, bei ihrem Vater um ihre Hand anhalte – ausser sie würde dasselbe bei seinem Vater tun!153 Gian seinerseits schickte Joos Roffler einen Brief, in dem er einen versöhnlichen, allerdings immer noch ironischen Ton anschlug. Ich bin ein hochmütiges, freches ­Engadinerfrüchtlein, das ist doch Ihr Urteil über mich, und Sie haben vollkommen recht; denn was sich heute Mittag im Studierzimmer zugetragen hat, bestätigt es, und mich wundert, dass Sie mir nicht sofort die Türe gewiesen haben.154 Nachdem der Zorn verraucht war, besann sich Gretis Vater. Ich will gerne zugeben, dass ich noch in altväterischen Anschauungen befangen bin. (…) Dass Sie anders eingestellt sind, kommt wohl weniger von Ihnen als von Greti (…). Ich betrachte sie mit ihren modernen, der Frauenemanzipation entsprungenen Ideen als die intellektuelle Urheberin der ganzen Geschichte.155 Schliesslich gab der Vater den beiden seinen Segen. Es nützte ja doch nichts, gegen den harten Schädel seiner Tochter kam er nicht an.

Auch Gians Eltern stimmten der Verlobung zu. Seine Mutter, die zu Beginn ihrer Beziehung noch grosse Vorbehalte gegenüber Greti geäussert hatte, sah in ihr nun eine verständnisvolle liebe ­Gefährtin für den einzigen Sohn.156 Um sie noch mehr für sich zu gewinnen, stellte sich Greti als beflissene Schwiegertochter dar. Ich möchte noch viel von Ihnen lernen, um einmal Gianin eine tüchtige Hausfrau zu werden. Wir sind auf dem Wege, der uns zueinander führt, schon ein gut Stück gegangen. Wir müssen ihn aber doch zu Ende gehen, bis Sie mir auch zur Mutter werden (…).157 Damit war das Eis endgültig gebrochen, und Gians Mutter trug ihr das Du an.158

Vor der Verlobung überreichte Greti ihrem Liebsten ein blaues, liniertes Heft, das sie auf der ersten Seite mit Illustration einer ­Studentenliebe. Gian Caprez zu Weihnachten 1928 in Liebe zugeeignet beschriftete. In das Heft hatte sie 76 Ansichtskarten geklebt, die Schauplätze der ersten drei Jahre ihrer Liebe, von Zürich in diversen Perspektiven über die Halbinsel Au und den Säntis bis hin zu den Orten ihrer Kindheit, Igis und Pontresina. Am 30. Dezember 1928 verlobte sich das Paar in Pontresina. Anstelle eines grossen Festes zündeten sie nachts um zwei Uhr zwei rote Kerzen an und steckten einander zwei schmale, goldene Ringe an den Finger. Im Tagebuch prophezeite Greti: Die Kerzlein sollen wieder brennen in unserer Hochzeitsnacht, dann wenn unsere Kinder getauft werden, und dann wenn wir sterben, sollen auch sie verlöschen.159

Nun stellte sich die Frage nach der gemeinsamen Zukunft drängender. Gian zog es in die Ferne, und Greti wollte mit ihm ­gehen.160 Im Juli 1929 reiste er nach Paris, klopfte bei verschiedenen Schweizer Ingenieuren an und fragte nach einer Stelle. In der französischen Hauptstadt erhielt er dank einem Schweizer Kontakt ein Angebot, allerdings nicht in Paris, sondern im fernen São Paulo, als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Polytechnikum. Aufgeregt berichtete er der Liebsten davon. Sie könnten heiraten und zusammen nach Brasilien reisen! Oder Greti würde zuerst in der Schweiz Examen machen und dann nachkommen. Eigentlich tust Du mir leid, Du Liebes. Du solltest Deine Kräfte für das Examen brauchen, ohne Dich erst mit solchen Problemen zu plagen. (…) Nur davor fürchte ich mich, dass Du Dir und vielleicht im stillen auch mir Vor­würfe machen könntest, wenn Du nun abbrechen würdest. Überleg es Dir in aller Ruhe und arbeite so weiter wie bis jetzt, noch ist kein «fait accompli» da.161

Greti faszinierte die Vorstellung, mit Gian nach São Paulo zu ziehen und ihr Eheleben fern von Eltern und Schwiegereltern zu beginnen. Auch ihre Freundin Hildi hatte kürzlich geheiratet, war mit ihrem Mann nach Amerika gegangen und fasste dort eine Laufbahn an der Universität ins Auge.162 Warum sollte Greti es ihr nicht gleichtun und in Brasilien das Examen vorbereiten? ­Natürlich hatte ihr Vater grosse Vorbehalte gegen diesen Plan. Die Tochter solle den Liebsten ziehen lassen und erst das Studium abschliessen, zumal es in Brasilien Wilde gebe.163 Das heisst also, ich soll Dich allein hineingehen lassen, um zu sehen, ob sie Dich eventuell auffressen und wenn nicht, nachkommen! Da sollen sie mich lieber gleich mitfressen, spottete Greti. Die Motivation des Vaters für solche Aussagen kannte sie nur zu gut. Er möchte mich auch im Glaskästlein auf der Kommode seiner Studierstube haben. Wenn dies ginge! Mich zieht es mit tausend Fäden nach Brasilien oder Sibirien oder sonstwohin. Mit Dir allein sein, endlich Du und ich und sonst niemand, der immer alles zu wenig vernünftig und würdig, zu wenig bürgerlich und reserviert findet. Endlich «Haare abschneiden» und tun, was ich will und Du, was Du willst! Es sitzt mir ganz tief im Herzen. (…) Liebes, wir gehen, gell, wir gehen! (…) Besser, von Wilden gefressen zu werden als zu Hause mit einem Zopf und tausend weitern «Zöpfen» fast zu ersticken.164

Trotz Enthusiasmus fiel Greti die Entscheidung nicht leicht. Da war ihre Freundin Verena, die fand, sie müsse unbedingt vorher Examen machen.165 Da war Pfarrer Christian Lendi aus Ragaz,166 der sie einlud, bei ihm ihr Praktikumssemester zu absolvieren.167 (Ragaz war zwei Dörfer von Igis entfernt, lag aber im Kanton St. Gallen, und da man sich dort noch gar nicht mit der Zulassung von Pfarrerinnen befasst hatte, fühlte sich Lendi vermutlich unbelastet.) Und da war die geplante Abstimmung über die Zulassung lediger Theologinnen zum Pfarramt in Graubünden. Doch bis zum Urnen­gang konnte noch viel Zeit verstreichen – da konnte Gian noch dreimal nach Brasilien gehen und wieder zurückkommen. Ach Du, ich bin doch wahrhaftig nicht schuld, dass die Andern es für so unendlich wichtig ansehen (…), ob nun ein Mensch eine Hose oder einen Rock anhat,168 seufzte Greti. Ich habe mich nun einmal in den «Glaskasten» gesetzt. Aber ich (…) habe in meiner Liebe für Dich entschieden und habe nun auch diesen Weg zu gehen.169

Gian konnte Greti gut verstehen. Er redete ihr zu, mit ihm zu kommen und die Examensliteratur mitzunehmen. Ich begreife, dass Dir die Entscheidung schwerfällt, denn Du steckst nun mittendrin in Deiner Arbeit, Du hast das Examen als etwas Konkretes vor Dir und bist umkränzt oder umzingelt vom bündnerischen Kirchen- und Grossen Rat. Versuche Dich einmal nach Brasilien zu versetzen und lass dann dies alles auf Dich einwirken. Die Wichtigkeit und Tragweite der verschiedenen Räte wird dann wesentlich geschmälert (sag es bitte Deinem Ätti nicht) (…).170

Gians Worte überzeugten Greti, und nun ging alles Schlag auf Schlag. Er telegrafierte seine Zusage nach Brasilien, buchte die Überfahrt für den September, und die machtlosen Eltern und Schwiegereltern stimmten der Hochzeit zu. Am 8. September 1929 traute Josias Roffler Tochter und Schwiegersohn in seiner Kirche in Igis. Form und Inhalt der Feier bestimmte Greti. Sie setzte ihren Wunsch durch, die Ehe an einem Sonntag vor versammelter Gemeinde zu schliessen anstatt abseits des öffentlichen Interesses171 an einem Werktag, wie es der Vater lieber gehabt hätte.172 Und sie wehrte sich gegen seinen Vorschlag, als Trauspruch Ruth 1,16 Wo Du hingehst, da gehe ich auch hin zu verlesen. Den Vers fand sie abge­droschen, denn dass sie dem Liebsten folge, sei ihr selbstverständlich. Wichtiger schien ihr, nie zu vergessen, dass unsere Liebe geschenkte Gnade Gottes ist, (…) dass uns unsere Ehe nicht das Letzte und das Höchste sein darf,173 wie sie Gian einschärfte: Wir dürfen nie in unserer Ehe aufgehen.174 Die Verse 34 und 35 aus Lukas 20 passten da besser, denn sie war sich nun gewiss, dass sie der Theologie auch in der Ehe treubleiben wollte: Und Jesus sprach zu ihnen: Die Kinder ­dieser Welt heiraten und lassen sich heiraten; welche aber gewürdigt werden, jene Welt zu erlangen und die Auferstehung von den Toten, die werden weder heiraten noch sich heiraten lassen.175 Kurz vor der Hochzeit schrieb sie ihre Interpretation des Lukas-Wortes: Ich nehme die Aufgabe meines Examens mit mir und die Aufgabe nie zu vergessen, dass ich Theologin bin. Wenn ich katholisch wäre, wäre ich Nonne, «Gottgeweihte». Aber als Protestantin habe ich die evangelische Freiheit, mich zu verehelichen.176

Am Hochzeitstag stiegen die beiden, wie Greti es vorgesehen hatte, in schlichten schwarzen Kleidern die Stufen zum Taufstein hinauf, als zwei aufrechte, einfache Menschen, Kameraden, die sich vollkommen bewusst sind, dass ihre Ehe etwas Schweres und Ernst­haftes sein wird.177 Mit zwei schwarzen Überseekoffern und zwei kleineren Koffern mit Gians Akkordeon und Gretis Handschreibmaschine178 setzten sie sich am darauffolgenden Tag in den Zug nach Zürich.


Zürich,
1916 / 1926

Ein Hörsaal voller Studenten. Mit einer Studentin. Wer diese jungen Menschen unterrichtet, wird die Frau unter ihnen ­immer im Blick haben, nicht nur ihrer Position in der Mitte ­wegen. Die Männer wirken uniformiert, ihre Anzüge zeichnen sie als Teil der Gruppe aus, während die Frau in ihrem dunklen ­Samtkleid sofort als Exotin sichtbar ist. Die Verhältnisse sind klar, es ist eine Welt der Männer, und auf den jovialen Beau mit dem gegelten Haar wie den freundlichen Musterschüler mit der runden Brille wartet nach dem Studium eine Position. Die Frau hingegen wird, egal wie sie auftritt, in dieser Gruppe immer zuerst als Vertreterin ihres Geschlechts wahrgenommen. Sie wird geduldet in der männlichen Übermacht, und ihre ­berufliche Zukunft ist wie ihre Anwesenheit im Hörsaal nicht vorgesehen.

Das Bild ist im Jahr 1916 an der ETH Zürich entstanden.179 So ähnlich muss es am theologischen Seminar Ende der 1920er-Jahre ausgesehen haben. 61 Studierende waren dort eingeschrieben, darunter zwei Frauen, eine von ihnen Greti Roffler aus Igis.

Examen
oder #MeToo 1930

Oktober 1930. Als Greti in Zürich ankam, war ihr, als sei sie nie weggewesen.180 Beinahe vergass sie, dass sie selbst sich sehr wohl verän­dert hatte. In gewohntem Tempo lief sie von Laden zu Laden auf der Suche nach einem passenden Kleid für das Schlussexamen.181 Doch sie spürte die Mühen der Schwangerschaft. Zwei Tage nach der Ankunft begannen die schriftlichen Prüfungen. Von den vorgegebenen Themen entschied sie sich für Die Heiligkeit Gottes ­anstelle von Die Hauptsätze der liberalen Theologie. Im Fach Ethik wählte sie Die modernen Eheprobleme und christliche Ethik.182 Hier hatte sie die Gelegenheit, ihre eigene Ethik der Ehe darzulegen, die sie in den vergangenen Jahren mehr aus dem Leben als aus dem Studium entwickelt hatte.183 Mit grossem Selbstbewusstsein und einer Nonchalance, die der nachgeborenen Leserin den Atem stocken lässt, gab sie ihren persönlichen Standpunkt in der Prüfung kurzerhand als christliche Ethik aus.

Die modernen Eheprobleme und christliche Ethik.184

Als Gegenstand christlicher Ethik! Gibt es denn eine andere Ethik? Etwa eine philosophische oder eine rein praktische, spekulativ nicht begründete? Es gibt überhaupt keine andere. Jeder Versuch, die sittlichen Normen anderweitig abzuleiten als aus Gottes Willen bleibt ein Versuch, bleibt beim Warum. (…)185

Die Hauptprobleme sind wohl die Fragen: 1. Ist die Monogamie die richtige und die einzige Form für die Ehe, 2. Ist die Form unseres heutigen Familienlebens die beste?

Zu der ersten Frage kann nur Eines gesagt werden. Es handelt sich nicht darum, ob der Mensch nun nur eine Frau oder einen Mann liebhat, sondern darum, wie ihre Herzen dabei stehen. Denn wer will bestehen, wenn wir an die Forderung Jesu denken! Es gibt keine Sicherung dagegen, dass ein zweiter Mensch unserem Herzen ebenso lieb sein wird. Es gibt nur Eines: einander186 die Freiheit zu lassen und es miteinander zu tragen und erleben. Es geht allein um die Gesinnung und darum, die Verantwortung ­tragen zu wollen. Es ist genau dasselbe Wagnis, einen Menschen aus seinem Leben auszuschliessen, wie ihn daran teilnehmen zu lassen. (…)

Die Frage nach der Form unseres heutigen Familienlebens ist meiner Meinung nach heute falsch gelöst. Der Vater ausserhalb der Familie, die Mutter innerhalb der Familie ergibt eine ganz falsche Zusammensetzung. Dass der Vater seine Kinder oft überhaupt nicht kennt, weil er nur während der beiden Mahlzeiten mit ­ihnen zusammen ist, die Mutter – und vor allem unsere Schweizer und deutschen Mütter – vor lauter Flickkorb und Küche nichts anderes mehr sehen, dies bedeutet eine ungeheure Verarmung der ­Familie. Wenn unsere Zeit für die Frau Freiheit zum Beruf fordert, so ist dies nur die eine Seite, wenn auch eine ungeheuer wichtige, die andere ist: mehr Zeit dem Vater für seine Familie. Unsere Fami­lien sind innerlich so aufgelöst, weil der Vater verlernt hat, in ihr, und die Mutter, ausser ihr zu leben. Die Mutter versteht die Pro­bleme ihrer Kinder nicht, weil sie sich nur mehr in ihrer Stube auskennt und der Vater, weil er seinen Kindern ein Fremder ist.

Greti Caprez-Roffler.

Eine angehende Theologin stellt zwei Grundfesten des traditionellen Eheverständnisses in Frage: die Monogamie und die Rollenteilung zwischen Mann und Frau. Das musste auf Professor Emil Brunner, der die Arbeit korrigierte, wie ein Paukenschlag wirken. Ob ihr etwa erst nach der Abgabe die Sprengkraft ihrer Thesen ­bewusst wurde? Auf jeden Fall bröckelte ihr Mut, offenkundig schwanger vor die Professoren zu treten, je näher die mündliche Prüfung rückte. Sie nahm einen teuren Luftpostbogen und füllte ihn bis an den Rand mit engen Zeilen. Liebes Brüderlein, schlafe gut, das kleine lieb. Habe mir einen unglaublich schönen Hut und Schirm erstanden, auch Kleid ordentlich. Hoffe, dass sie es nicht merken, trotzdem «es» schon gross und lebhaft. Bewegungen durch Kleider sichtbar. Ich Heimweh nach Dir. 187

In Brasilien waren inzwischen soziale Revolten ausgebrochen,188 Greti las täglich auf der Frontseite der Neuen Zürcher Zeitung davon: Im Bundesstaat Rio Grande do Sul ganz im Süden des Landes rebellierte das Militär gegen den neu gewählten Präsidenten Julio Prestes, einen Vertreter der Oligarchie São Paulos.189 Seit dem Börsencrash vor einem Jahr waren die Kaffeepreise stetig gesunken, an manchen Orten litten die Menschen Hunger.190 Bald kam es auch zu gewaltsamen Protesten im Nachbarbundesstaat São Paulos, in Minas Gerais. Die Regierung schickte fünf Flugzeuge mit Bomben und liess die Vorräte in den Lagerhäusern beschlagnahmen, um Lebensmittelspekulationen zu verhindern.191 Nun drohten die Aufständischen, mit vierzigtausend Mann auf Rio und São Paulo zu marschieren, falls sich die beiden Städte der Revolte nicht anschliessen würden.192 Als die Regierung den Ausnahmezustand bis zum Ende des Jahres verhängte,193 versuchte das brasilianische Konsulat in Zürich die Angehörigen der Auslandschweizer im Land zu beschwichtigen: In São Paulo herrsche vollkommene Ruhe, und der Präsident werde auch in den andern Regionen für Ordnung sorgen.194 Auch Greti übte sich in Gelassenheit. Ich habe nicht Angst um Dich, liess sie ihren Liebsten wissen. Wenn es nicht gutgeht, kommst.195

Zwischen den Prüfungen traf Greti ihre Freundinnen Verena Stadler und Henriette Schoch,196 die ebenfalls Theologie studiert, das Examen aber schon hinter sich hatten. Alle beschäftigte dieselbe Frage: Wo würden sie nach dem Studium einen Platz finden? Die Wirtschaftskrise traf das Pfarramt zwar nicht, denn an vielen Orten der Schweiz wurden Pfarrer fieberhaft gesucht.197 Aber eben keine Pfarrerinnen: Noch kein Kanton hatte das Amt für Frauen geöffnet. Im Aargau, in Basel-Stadt und Graubünden wurden intensive Debatten um die Zulassung von Frauen zum Pfarramt ­geführt. Zwölf Jahre zuvor hatten die ersten Theologinnen, Rosa Gutknecht und Elise Pfister, ihr Studium an der Universität Zürich abgeschlossen.198 Greti und ihre Freundinnen verfolgten den Weg der älteren Kolleginnen bang und hoffnungsvoll. Die warmher­zige Rosa Gutknecht empfanden sie als Mutter, während ihnen Elise Pfister streng und kühl erschien.199 Vorbilder waren sie ihnen beide. Die Zürcher Landeskirche hatte sie sogar ordiniert, und beide hatten eine Anstellung als Pfarrhelferinnen in grossen Stadtzürcher Gemeinden gefunden, Rosa Gutknecht am Grossmünster und Elise Pfister am Neumünster.200 In dieser Funktion erhielten sie jedoch nur halb so viel201 Lohn wie die männlichen Kollegen, und sie hatten sich mit denjenigen Aufgaben zufriedenzugeben, die die Gemeinden ihnen zuwiesen. Während Elise Pfister am Neumünster Glück hatte und alle Amtshandlungen ausführen konnte, durfte Rosa Gutknecht jeweils nur dann predigen, wenn der Pfarrer ausfiel.202 Immerhin spürten beide viel Unterstützung in ihren Gemeinden; Männer wie Frauen sprachen sie als Fräulein Pfarrer an und nicht etwa als Fräulein Pfarrhelferin.203

Gretis Freundinnen, Verena und Henriette, hatten schon erste Gehversuche als Aushilfspfarrerinnen gemacht.204 Henriette ging nun nach Zürich Wiedikon als Gemeindehelferin.205 Dafür wurde zwar kein Theologiestudium vorausgesetzt – die Vorgängerin war eine Art «Mädchen für alles» gewesen –, aber Henriette setzte dar­auf, mit der Zeit immer mehr theologische Aufgaben übernehmen zu können.206 Greti und Verena rechneten sich noch geringere Chancen auf eine Pfarrstelle aus, weil sie nicht mehr ledig waren. Verena suchte mit ihrem Verlobten, dem Theologen Walter Pfenninger, eine Gemeinde, die ihn als Pfarrer anstellen und ihr erlauben würde, mitzuarbeiten.

Seit dem ersten Tag an der Universität hatten die Freundinnen sich daran gewöhnt, ignoriert, argwöhnisch beäugt oder belächelt zu werden. Als Greti sich an der Theologischen Fakultät einschrieb, war sie neben Henriette die einzige Frau unter den Studierenden, Verena studierte damals gerade in Marburg.207 Die männlichen Kommilitonen hielten höfliche Distanz zu den beiden Exotinnen.208 Unendlich viel Schönes lag brach,209 erinnerte sich Greti später. Ich fand mich in einer Luft, tat nichts dagegen, setzte ein möglichst ernstes, reser­viertes Gesicht auf (…). Mit der Zeit gewöhnten sich die Kollegen jedoch an sie. An der kleinen theologischen Fakultät kannten sich Studierende und Dozenten, manche Seminare fanden zu Hause bei einem Professor statt210. Die Mitstudenten näherten sich Greti mit Witzen, sie nannten sie Ruedi Roffler und spekulierten, ob sie überhaupt weibliche Eigenschaften habe.211 Einer hatte ihr damals gar ein Gedicht gewidmet:

GRETLI THEOL.212

Verliebt gar tief

Hut meist schief

Ob schwarz ob blau

Sie trägt zur Schau

zwei schöne Zöpfchen

geflochten ums Köpfchen

die Ohren verdeckend.

Und Liebe erweckend

die Nase und Augen.

Sie könnte wohl taugen

Was nicht jede kann,

als Frau einem Mann.

Doch bleibt sie halt ledig,

s’ist wegen der Predigt;

doch eh’ ichs vergesse

es bietet Int’resse,

dass nebenbei sie

studiert Theologie,

das ist ganz unverdreht

unsere liebe Gret.

Allmählich hatten die Studenten Greti in ihren Kreis aufgenommen.213 Sie baten sie sogar, für den Studentenrat zu kandidieren, und sie tat es mit Erfolg. Auch für die Professoren waren die Studentinnen etwas Besonderes, sie standen unter Beweisdruck. Manche Dozenten beäugten sie argwöhnisch, andere liessen ihnen besondere Aufmerksamkeit zuteil kommen. Kaum einer stand den Frauen an der Universität gleichgültig gegenüber.214

Der liberale Theologe Ludwig Köhler gehörte zu den Förderern. Er hatte sich schon 1914 in der Synode, dem Parlament der Zürcher Landeskirche, für die Zulassung von Frauen zum Pfarramt eingesetzt.215 Greti kannte ihn seit ihrem zweiten Semester, als sie zur Theologie wechselte und er ihr Hebräisch-Privatstunden erteilte. Ich habe ein Höllenrespekt vor ihm, denn er ist sehr streng, obwohl er manchmal den Arm um meine Schulter legt, mir die Haare aus der Stirne streicht oder mich am Ohr zieht.216 Auch als sie später ein Semester in Marburg studierte, führte sie das Gespräch mit ihm fort. Fasziniert berichtete Greti ihm von einer Auseinandersetzung unter deutschen Theologinnen: Die Gemässigten trugen den Rock bis zu den Schuhen und das Haar lang und wollten sich mit einem Hilfspfarramt zufrieden geben, die Radikalen zeigten Bein und Bubikopf und forderten das volle Pfarramt. Diese mutigen Frauen wollten kämpfen und nicht warten, ob ihnen die von anderen gebratenen Tauben ins Maul fliegen möchten.217

1930, als Greti Schlussexamen machte, war Ludwig Köhler nicht nur ein renommierter Wissenschaftler auf dem Gebiet des Alten Testaments, sondern seit wenigen Monaten auch Rektor der Universität Zürich. Zeitgenossen beschrieben ihn als brillanten Rektor218 und als Lehrer aus Passion219. Fiel ihm ein Student auf, ob durch Fleiss oder weil er denselben Heimatort hatte, lud er ihn zu sich nach Hause zum Mittagessen ein. Ein Erstsemestriger erinnerte sich noch Jahre später an die Audienz: Als man mich ins Studierzimmer führte, sass der Universitätsrektor barfuss und in Hemdsärmeln auf dem kleinen Balkon in der Sonne, rauchte die Pfeife und las noch rasch vor dem Essen die Zürich-Zeitung, nahm mir mit freundlichem Plaudern bald die Befangenheit und führte mich in den Kreis seiner Familie ein.220 So jovial der Rektor seine Studierenden empfing, so heftig waren seine Standpauken: Wer nicht sechzehn Stunden am Tag arbeitet, bringt es in der Theologie zu nichts!221 Und wehe dem, der es wagte, ihn kurz vor Beginn einer Vorlesung anzusprechen, in diesen kost­baren Minuten der inneren Sammlung.222

Der intellektuelle Austausch hatte Greti in Brasilien gefehlt,223 und so besuchte sie, kaum war sie zurück in Zürich, ihren Professor im Rektorat.224 Als sie an seine Tür klopfte, ahnte sie nicht, was auf sie zukam. Erst Wochen später, im November, als sie das Examen längst hinter sich hatte und in ihrem Elternhaus auf die ­Geburt ihres Kindes wartete, gelang es ihr, das Erlebte im Tagebuch in Worte zu fassen.225 Wir sassen im Rektorat und sprachen über dies und das. Dann standen wir auf, wir wollten beide in die Stadt. Als wir zur Türe gingen, nahm er mich an sich und es geschah, dass seine Hoheit der Rektor in dem eleganten und hochlöblichen Rektoratszimmer zweimal meinen Mund küsste, was für mich so komisch war, dass ich das Lachen kaum verbergen konnte.226 Doch das Lachen verging ihr schnell. Köhler insistierte dreimal, sie solle nachmittags zu ihm nach Hause kommen, er sei allein, Frau und Töchter seien fort. Es gab für mich aber keine Möglichkeit zur Illusion, ich musste wissen, dass er viel mehr als nur einen Kuss wollte. Und ich ging nicht. Es gelang mir, dies alles und die Erregung darüber, die Angst vor ihm hinauszuschieben, auszulöschen, wenn auch mit Gewalt.227 Um die Prüfungen erfolgreich zu überstehen, musste sie ihre Kräfte jetzt bündeln.

Am Tag des Examens – ein Kollege Köhlers sollte sie prüfen – wartete Greti im Korridor vor dem Examenszimmer. Seit der Begeg­nung im Rektoratsbüro hatte sie den Professor nicht mehr gesehen.228 Nun, unmittelbar vor der Prüfung, trat er zu ihr und wies sie an, am folgenden Tag um zwei Uhr nachmittags zu ihm zu kommen. Über das Examen verlor sie im Tagebuch kein Wort. Sie ging nur auf das Danach ein. Als es vorbei war und ich abends die Strasse hinaufging, spürte ich doch, dass es zu viel gewesen war für das kleine Wesen. In meinem Unterleib trug ich ein schrecklich verzogenes, überanstrengtes Gefühl, und ich schlief nicht bis vier Uhr. «Es» war sehr ­unruhig.229

Tags darauf ging sie zu Professor Köhler, wie dieser sie geheissen hatte. Sie fürchtete sich vor der Begegnung und hoffte zugleich auf eine Aussprache.230 In ihrer Fantasie begegnete sie Köhler als Ebenbürtige, mit einer zärtlichen Geste, sah sich seinen Kopf in ihre Hände nehmen und ihm sagen, dass sie Gian liebe und ein Kind von ihm erwarte.231 Doch dazu kam es nicht. Als sie läutete, öffnete Köhler selbst232 und führte sie in sein verrauchtes233 Studierzimmer. Kaum standen wir in seinem Zimmer, riss er mich an sich und es wäre wie ein Sturmwind über mich dahingebraust, wenn ich ihm nicht gewehrt. «Gib mir deinen Mund», bat er zweimal, und er nahm ihn sich. Ich riss mich los, und im selben Augenblick sprach er von etwas anderem, mir die Türe zur Aussprache verschliessend.234 Stattdessen machten die beiden einen Spaziergang. Doch auch jetzt fand Greti keine Gelegenheit zu reden. In grosser Beschämung ging sie nach Hause. Was sie Köhler mitteilen wollte, fasste sie in einen Brief. Sie hoffte, die Sache damit ein für alle Mal zu klären.235 Weder der Brief noch eine Antwort sind überliefert.

Zehn Jahre vorher, Köhler war damals vierzigjährig und bereits Professor für Altes Testament, verfasste er Sinnliche und sittliche Liebe, einen Ratgeber für christliche Studierende. Darin stellte er die Sexualität zuerst als einen Kampf des Kulturwesens Mensch gegen den eigenen Geschlechtstrieb dar. Irgendwie müssen wir alle mit unserer Sexualität fertig werden. Dieser Kampf ist ein ganz persönlicher Kampf und nur auf dem Wege der persönlichen Entscheidung lösbar. 236Ganz nach protestantischer Lehre verteufelte er jedoch nicht die Sexualität per se, sondern stellte sie als heilig dar, sofern sie innerhalb der Ehe gelebt werde. Alles Heilige verlangt, damit man es zu schützen, zu hegen und pflegen vermag, eine gewisse Reife.237 Den jungen Männern empfahl er, die nötige Selbstbeherrschung mit Sport, Mässigung beim Essen und Frühaufstehen zu erlangen. Ausserdem redete er ihnen ins Gewissen, dass die Liebe für die Frau unendlich viel mehr238 bedeute als für den Mann. Wir Männer sind alle schuldig an der Frau. Die Frau ist angewiesen auf die Ritterlichkeit des Mannes. (…) Wer ein Weib aber bloss um seiner Sinne willen haben will, der begeht mehr als Mord; er zerbricht das Weib.239

Die klaren Worte, die Greti im Tagebuch fand, fehlten ihr im Brief an den Liebsten. Sie berichtete ihm nur verklausuliert von ihrem Besuch bei Ludwig Köhler. Er war allein zu Hause und nach einem merkwürdigen, blödsinnigen Vorspiel wanderten wir mitein­ander zum Grabe seiner Mutter (!!). Den Übergriff tat sie als Spiel ab, ja – eine freudsche Fehlleistung? –, gar als Vorspiel. Sie schilderte ihn wie einen bösen Traum, aus dem man erwacht und feststellt, dass alles gar nicht wahr ist. Ach Lieber, dies alles war so unglaublich, so unwirklich, und so komisch. Schreiben kann ich es Dir natürlich nicht, trotzdem es sich schwieriger erzählen lässt.240 Sie sorgte sich darum, was Gian von ihr denken mochte und wie er auf die Nachricht reagieren würde. Gleichzeitig appellierte sie an seinen Humor und sein Verständnis. Wenn Du es aber nicht tragischer nimmst als ich, wird dies ein komischer Abend werden für uns.241

Kurz vor seiner Emeritierung befasste sich Ludwig Köhler in einem Seelsorgeratgeber mit einem Phänomen, das er die Lebenskrise der Männer nannte.242 Männer, die im Berufsleben stehen, machen häufig um ihr fünfzigstes Lebensjahr herum eine ernstliche Störung durch und begehen dann leicht eine ganz grosse Dummheit. (…) Ein ­Generaldirektor brennt mit seiner blonden Sekretärin durch, es kommt zu Scheidungen, zu unvermitteltem Hausverkauf und Wohnungswechsel.243 Das liege daran, dass ein Mann in diesem Alter alle seine Ziele – Ehe, Familiengründung, Beruf, öffentliche Stellung – erreicht habe.244 Er ist am Ziel. (…) Das Leben ist langweilig und schal geworden.245 Zur Überwindung der Lebenskrise hatte der Theologe einen einfachen Ratschlag: Die Hoffnung auf das Reich Gottes.246

Als Greti die Prüfungsresultate erfuhr, war sie nicht zufrieden. Sie hatte zwar bestanden, aber statt der Bestnote Eins hatte sie ledig­lich eine Zwei erhalten.247 Vier der sechs Frauen, die vor Greti ins Examen gegangen waren, hatten eine glatte Eins erreicht, dar­un­ter auch ihre Freundin Verena.248 Die Theologinnen wussten,249 dass ihre Leistungen in der Debatte um die Zulassung zum Pfarramt in die Waagschale geworfen wurden. Nur zu gern hätten sich die Kritiker bestätigt gesehen in ihrer These, eine Frau sei intellektuell ohnehin nicht fähig zum Pfarramt.250 Es war wirklich nicht glänzend, schrieb Greti dem Liebsten ernüchtert. Zuerst kam das Alte Testament bei Hausheer. Er prüfte schön, aber ich warf den Nebukadnezar und Pharao Necho durcheinander. Dann kam Dogmengeschichte, Gut fragte mich über Theologie des 19. Jahrhunderts, wovon er wusste, dass ich es nicht gearbeitet. Dann Brunner in praktischer Theologie: Verhältnis von Text und Thema in der Predigt. Dies war einfach schön. Dann eine Viertelstunde Pause. Es folgte Neues Testament bei Schenk, wo ich mich von vornherein auf eine Frage einstellte, die dann nicht kam.251 Die hoffnungsfrohe Gelassenheit, die sie auf der Überfahrt noch erfüllt hatte, war verflogen.

Ein Jahr getreulich geleisteter Arbeit, siebzehn Jahre Lernen und immer ein Ziel vor Augen, und nun nichts mehr. Nun mässig abgeschlossen und vor mir lauter Fragen. Ich fand mich ohne Boden unter den Füssen.252

Über drei Jahrzehnte später, im Alter von 55 Jahren, erinnerte sich Greti in einem Brief an eine Bekannte an ihre Studienzeit. Noch als Gymnasiastin habe sie einen riesigen Respekt vor Autoritäten gehabt. Dann verlor ich als Studentin vor Lehrern die Achtung, als ich hinter die Kulissen sah.253


Landquart,
27. September 1904

Ein Hochzeitsbild: Josias und Elsbeth, genannt Joos und Betty Roffler-Luk. Sie ist 25, eine alte Braut für damalige Verhältnisse, er ein Jahr älter als sie.254 Er nimmt zwei Drittel des Bildes ein, sie hält die Arme eng an den Körper gezogen. Beide tragen hochgeschlossene Kragen und schauen ernst, dem Anlass und der Zeit angemessen. Sie wirkt in der Faltenbluse mit der ­grossen Taftschleife wie eine Praline, die krausen Haare bändigt sie nur mit Not hinter dem Kopf. Schiebt sie das Kinn etwas nach vorn? Er versucht unter seinem Schnauz ein Lächeln und ­richtet seinen durchdringenden Blick direkt in die Kamera, ihre Augen schweifen in die Ferne.

Die jugendliche Betty in Chur liebte das Tanzen. Als der ­angehende Theologiestudent es ihr verbieten wollte, trennte sie sich von ihm. Überhaupt, der Städterin und Beamtentochter schien die Aussicht, als Pfarrfrau in einem Bergdorf zu leben, nicht sonderlich attraktiv. Drei Jahre lang gingen Joos und Betty getrennte Wege. Erst, als ein anderer um sie warb und ihr Herz nicht Feuer fing, kehrte sie zu ihm zurück.255 Das Paar verkündet die Eheschliessung auf einer Jugendstilkarte mit Schwalben und weissen Rosen. Das Hochzeitsmenu im Hotel Landquart: Königin-Suppe, Salm mit Butter und Kartoffeln, Rindsbraten mit verschiedenen Gemüsen, Gefüllte Pastete, Französisches Poulet mit Salat und Compôte, Rahmtorte, ­Dessert – Früchte.

Warten

Mitte Oktober 1930, nach dem letzten Examen, fuhr Greti Caprez-Roffler nach Igis zu ihren Eltern. Bis zur Geburt blieben ihr drei Monate. Sie quartierte sich im Pfarrhaus in ihrem Mädchenzimmer ein, dem geliebten blaugestrichenen Zimmer, in dem sie und Gian vor anderthalb Jahren die Hochzeitsnacht256 verbracht hatten. Wie viel war seither geschehen! Nun hiess es nur noch warten, bis das Kind kam.

Sie vertrieb sich die Zeit mit Hausarbeiten und Besuchen im Dorf, sie half der Mutter und den Schwestern Käti und Elsi bei der Buchi (Wäsche), und bei der Metzg257, sie knackte Nüsse für das geliebte Birnbrot258, strickte weisse Wollhöschen für das Kind und richtete ihm einen Korb259. Im Dorf sprach man sie nun mit Frau Pfarrer oder Frau Caprez an. Die verheirateten Frauen nahmen sie in ihren Kreis auf und erzählten ihr von den Problemen mit ihren Männern, von sexueller Frustration, von Schwangerschaften und Geburten. Zu Hause geriet sie immer wieder mit ihrem Vater aneinander, sie stritten über theologische Fragen und über die Erziehung des Bruders Christa, der zehn Jahre jünger war als Greti.260

Als Erstgeborene hatte Greti das Sagen unter den Geschwistern. Die dreieinhalb Jahre jüngere Käti besass zwar ebenfalls einen harten Schädel, doch der Älteren folgte sie ohne Murren.261 Elsi, fünf Jahre nach Greti geboren, war der Wildfang. Als die Mutter mit ihr schwanger war, wünschten sich alle in der Familie einen Jungen. Bei der Geburt schickte der Vater seinen Eltern eine Karte nach Furna: Unser Bub ist angelangt, und es heisst Elsi.262 Erst fünf Jahre später kam mit Christa der ersehnte Sohn zur Welt. Doch da hatten zwei der älteren Schwestern seinen Platz schon besetzt, jede auf ihre Art: Elsi, an der so gar nichts Mädchenhaftes war,263 und Greti, die durch ihre Intelligenz herausstach.264 Alle drei Mädchen hatten die Sekundarschule besucht, doch nur Greti auch das Gymnasium. Die musikalische Käti hatte ein Jahr am Konservatorium in Neuen­burg Gesang studiert. Nun sass sie wieder zu Hause im Pfarrhaus und verbrachte die meiste Zeit mit Lesen. Tauchte ein Verehrer auf, verkündete sie, die Männer seien ihr so gleichgültig wie Telefonstangen.265 Elsi, gerade zurückgekehrt von einem Welschlandjahr an einem Töchterinstitut, wartete auf ihren zwanzigsten Geburtstag, das Mindesteintrittsalter für die soziale Frauenschule in Zürich.266 Elsi ist fortwährend unzufrieden, reizbar, ärgerte sich Greti in einem Brief an Gian. Dass es für sie (…) nicht leicht ist, Haustochter zu sein, begreife ich gut. Ich wollte und könnte es nicht sein, Du auch nicht. Hausfrau ist schon etwas Anderes, Selbständigeres, Berufhafteres.

Abends lasen die drei Schwestern mit ihrer Mutter Eine Frau ­allein, einen Roman der Amerikanerin Agnes Smedley. Begeistert berichtete Greti Gian davon. Das musst Du auch einmal lesen. Eine Frau aus den untersten Volksschichten, die an nichts mehr glaubt, vor allem nicht an die Ehe, und nur um eines kämpft: Freiheit der Frau und aller Unterdrückten. Mir war dies ja alles, wenn auch ein bisschen in anderer Form, unser eigener Kampf. Siehst Du, wir wollen frei und unab­hängig von Euch sein, weil unsere Liebe dann etwas ganz anderes ist. Wir dürfen Euch dann lieben, in Freiheit, einfach deshalb, weil wir Euch lieben, nicht aber weil wir abhängig und gebunden sind oder weil es unsere hausfrauliche Pflicht ist.267

In Brasilien konnten die Aufständischen die Revolution inzwischen für sich entscheiden: Ihr Anführer, Getulio Vargas, hatte die Macht übernommen und versprochen, der Misswirtschaft ein Ende zu setzen und Politiker, die sich an Staatsgeldern bereichert hatten, zu bestrafen. Als er am 30. Oktober in São Paulo eintraf, feier­te ihn eine tobende Menschenmenge. Viva a Revolução!, tönte der Triumphgesang in den Strassen. Gian mischte sich unter die Jubelnden. In seinen Briefen hatte er sich bisher über die Ereignisse ausgeschwiegen (um die Liebste nicht zu beunruhigen?).268 Nun schickte er ein Foto in die Schweiz: Ein Demonstrationszug von Männern und Frauen mit lachenden Gesichtern, die ihre Hüte in die Luft warfen vor Freude. Die Schweizer Illustrierte Zeitung druckte das Foto in der Ausgabe vom 27. November ab,269 zusammen mit wei­teren Bildern, auf denen die Verwüstungen zu sehen waren, die aufgebrachte Revolutionäre in den Redaktionen regierungstreuer Zeitungen angerichtet hatten. Jahre später erinnerte sich Gian in der Familienchronik daran, wie er und die Kollegen am Polytechnikum die Ereignisse erlebt hatten: Wir sind heil davonge­kommen, wir gehören sogar zu den Siegern! Unser Direktor war selber Revolutionär.270

Als Zwölfjährige hatte Greti ebenfalls revolutionsähnliche Zu­stände erlebt, auf die sie sich damals keinen Reim hatte machen können. Die starke Teuerung und die schlechte Lebensmittel­versorgung während des Ersten Weltkriegs hatten die Not der Arbeiterfamilien so gross werden lassen, dass es im November 1918 zu einem landesweiten Generalstreik kam, der schwersten politischen Krise seit der Gründung des Bundesstaates. In Graubünden streikten die Angestellten der Rhätischen Bahn,271 was die Pfarrerstochter ­direkt zu spüren bekam und im Tagebuch festhielt. Heute morgen sagte Mama zu mir: «Greti, Du musst nach Chur laufen.» Ich antwor­tete: «Warum, ich kann doch mit dem Zug fahren, warum laufen?» «Es fährt eben keine Bahn, nur morgens und abends Militärzüge. Die Sozialisten streiken und die andern können allein auch nichts machen.» Also entschlossen sich Käti und ich, die Reise zu wagen. Als wir beide um Viertel nach zehn Uhr am «Znüni» sassen, – das Käti und mir das Mittag­essen ersetzen sollte – , hörten wir plötzlich viele Fuhrwerke vorbeifahren. Wir eilten ans Fenster und sahen Wagen, auf denen viele Soldaten sassen. Wir fragten nun, ob wir auch mitfahren dürfen. Sie liessen uns auf dem hintersten aufsitzen. Jetzt ging’s schnell nach Zizers hin. Dort wurde eine halbe Stunde Rast gemacht. Wir froren entsetzlich. Als sich der Zug wieder in Bewegung setzte, setzte sich auch noch ein betrunkener Mann auf die hintere Bank in unserem Wagen. (…) Als wir in Chur anlangten, stiegen wir ab und bedankten uns. Wir besorgten Papas Brief und Medizin und kauften uns zwei «Schilt» [vier helle Brötchen aneinander]. Dann begaben wir uns auf den Heimweg.272

Die Kinder sahen es als Abenteuer, für die Eltern war die Situa­tion existenziell. Die Spanische Grippe raffte 1918 in der Schweiz fünfundzwanzigtausend Menschen dahin.273 Joos Roffler lag mit vierzig Grad Fieber im Bett, die Medizin, die die Töchter in Chur holten, rettete möglicherweise sein Leben. Doch der Pfarrherr dachte nicht an den Tod. Aus dem Krankenbett schrieb er einen Leitartikel für den Graubündner General Anzeiger, dessen Redaktion er neben dem Pfarramt führte, und bezog Stellung zu den ­nationalen Ereignissen. Dabei wetterte er gegen die Linken, die seiner Ansicht nach nicht versucht hätten, ihre Forderungen im Parlament durchzusetzen, und nun mit brutaler Gewalt agierten. Ist das nicht ein frevelhaftes Spiel, das da zum Schaden des ganzen Volkes getrieben wird von Männern, die einer gläubigen Menge vorgaukeln, gute Demokraten zu sein und doch bis über die Ohren in anarchistischen Anschauungen drinstecken?274 Die Methoden der Streikenden verurteilte er, ihre Forderungen hingegen unterstützte er. Es sind teilweise Postulate, zu denen man mit ganzem Herzen stehen kann. Wir nennen nur die Alters- und Invalidenversicherung. Zu deren Durchführung soll aber der gesetzliche275 Weg betreten werden. Zur Forderung nach dem Frauenstimmrecht schwieg er.

Dafür hatte er sich kurz zuvor dezidiert zum kirchlichen Frauen­stimmrecht geäussert, über das in Graubünden am 13. Oktober 1918 abgestimmt worden war. Mit Verve hatte er die reformierten Männer dazu aufgerufen, ein Ja in die Urne zu legen. Die Frau als die erste Pflegerin des erwachenden religiösen Lebens im Kinde und als der nach seiner Gemütsanlage ganz besonders empfängliche und zahlreichere Teil der Kirchenbesucher hat entschieden ein Recht darauf, in kirchlichen Dingen, wie z. B. bei Pfarrwahlen, bei Entscheidungen über die Ausgestaltung des kirchlichen Unterrichts und dergleichen auch gehört zu werden. Die Befürchtung, solche Mitarbeit könnte sie ihrem eigentlichen Berufe als Mutter, als Erzieherin der Kinder entziehen oder gar entfremden, hat sich in den Gebieten der Schweiz und anderer Länder, welche darüber zum Teil schon langjährige Erfahrungen besitzen, als unbegründet erwiesen.276 Dass de facto erst Bern und Basel das kirchliche Frauenstimmrecht eingeführt hatten, und das auch erst vor wenigen Monaten,277 verschwieg er. Stattdessen stellte er das Stimmrecht als logische Konsequenz eines lang zuvor gefällten Entscheids dar. Schon längst haben wir zur Gleichstellung der Frau den ersten Schritt getan mit Einführung der gleichen Schulpflicht für Knaben wie Mädchen. Das hat seinerzeit ganz ähnliche Bedenken gerufen wie jetzt die Forderung des Frauenstimmrechts.278

Für Joos Roffler waren die Weichen gestellt. Das Abstimmungsresultat schien ihm Recht zu geben: Die reformierten Männer Graubündens nahmen das Frauenstimmrecht in den Kirchgemeinden mit 56,4 Prozent Ja-Stimmen an. Ein klares Resultat, möglicherweise begünstigt durch den Umstand, dass kaum ein Wahlkampf stattgefunden hatte.279 Wegen der Spanischen Grippe waren Gottesdienste und Versammlungen teilweise verboten, und das Abstimmungsmaterial hatte die Stimmberechtigten erst wenige Tage vor dem Urnengang erreicht. 280Mit derlei Spitzfindigkeiten hielt sich Joos Roffler nicht auf. Er dachte weiter. Es wird sicher eine Zeit kommen, wo man es ebenso selbstverständlich findet, dass die durch die Schule dem Manne ebenbürtig ausgebildete Frau diese Bildung auch gleich dem Manne frei betätigt.281 So wie Schulpflicht und kirchliches Stimmrecht nun eine Tatsache waren, würde den Frauen auch bald das Recht auf Berufstätigkeit eingeräumt, und somit den Theo­loginnen auch das Recht, als Pfarrerinnen zu amten.

Zwölf Jahre später, als seine älteste Tochter ihr Studium erfolgreich abgeschlossen hatte und in ihrem Elternhaus der Geburt ihres ersten Kindes entgegensah, war Joos Rofflers Vision noch weit entfernt davon, Realität zu werden. Dass Theologinnen nach geltendem Recht kein Pfarramt übernehmen durften, war das Eine. Dass aber nicht einmal die Frauen sich eine Frau auf der Kanzel vorstellen konnten, war für Greti im Oktober 1930 eine bittere Erkenntnis. Hoffnungsvoll war sie von Igis nach Chur gefahren, froh um die Abwechslung von ihrem Alltag als werdende Mutter im Pfarrhaus bei den Eltern und Geschwistern. Ihre Freundin Verena sprach auf Einladung des Vereins Junge Bündnerinnen über die Mithilfe der Frau in Kirche und Gemeindedienst.282 Das Referat ­begeisterte Greti, doch die andern Frauen im Saal teilten ihren Enthusiasmus nicht. Ich habe nicht gewusst, dass ich einem Verein angehöre, dessen eine Tendenz ist, die Frau ins Haus zurückzuführen!!283

In ihrer Wut sah sie sich die Koffer packen und nach Brasilien zurückkehren. Doch dann erwachte ihr Kampfgeist. Wo sogar die Frauen so rückwärtsgewandt dachten, war ihre Arbeit umso nötiger. Sie schrieb an Gian: Zunächst gilt es, ihnen einfach die Möglichkeit, Frau und Mutter und Beruf zu vereinen, vorzuleben. Dass dazu vor allem ein ganz fabelhafter Mann gehört, daran wird nie gedacht, aber für mich bist Du deswegen doch der tragende Grund, ich weiss es doch. Der Mann wird von ihnen überhaupt nie zur Familie gerechnet. Die Mutter und Kinder mehr ins Haus!! Vom Vater wird nicht gesprochen, der hat das Geld zu bringen.284

Greti wusste wohl, wie unerhört ihre Ideen waren. Nachts im Traum holten ihre Ängste sie ein. Ich hatte eine Mathematikklausur, lag aber auf einem Bett, in einem anderen lagen285 der Professor und ein paar Schüler, wir waren alle angekleidet. Ich hatte Mühe, mit der Arbeit zurechtzukommen: ein Kind kletterte zu mir ins Bett, ich warf es hinaus, es kletterte noch einmal herein, und ich warf es wieder hinaus. Dann erwachte ich und erschrak: was war dies anderes als der Konflikt zwischen meiner Arbeit und «ihm». Dass ich aber so unbereit für «es» sei, hatte ich nicht gedacht.286

Ihre Freundin Verena konnte Gretis Zwiespalt gut nachfühlen. Ja, ja, mein Liebes, ich muss auch immer und immer wieder denken, ob es nicht Hybris ist, was wir uns da zumuten, ob wir es eigentlich eben doch nicht können. Aber: Das Wort ward Fleisch. Was nützt uns denn unser Glaube, wenn ein Leben von Gott her nur denen möglich ist, die sich doch mehr oder weniger gründlich vom Leben mit seinen Ansprüchen gerettet haben? Nein, im Leben und in unserem Beruf und in der Ehe stehend müssen wir verkünden, müssen gerade von den Dingen ­reden, über die man sonst gewöhnlich schweigt und die für gewöhnlich mit so viel Lügen umgeben sind, eben weil die, die von ihnen reden könnten, ihnen zu ferne stehen und daher auch schweigen: den Beziehungen zu den andern Menschen!287

Zunächst galt es für Greti, die kommenden Wochen und die Geburt zu meistern. Sie war froh, nicht mehr im subtropischen Klima São Paulos zu sein. Husten, Augenprobleme, Blasenent­zündung – während des Jahres in Brasilien war sie kaum je gesund gewe­sen. Zum Arzt ging sie nun nicht, weil sie krank war, sondern um ihn nach den Möglichkeiten einer schmerzfreien Geburt zu fragen. Auch Doktor Jeklin hatte vom Rezept des Leipziger Mediziners gelesen und war bereit, das Medikament an Greti auszuprobieren.288 Die Suche nach einer Hebamme gestaltete sich hin­gegen schwierig. Eine stand selber kurz vor der Niederkunft, eine andere musste ihren kranken Vater pflegen.289 Nach Chur ins Spital wollte Greti nicht. Der dortige Arzt, Doktor Müller, galt als unfein und grob. Er war Greti schon zum Vornherein so unsympathisch, dass sie sich vor ihm nicht einmal ausziehen mochte. Ich kann doch nicht in einer Wut auf den Arzt Dein Kind gebären,290 erklärte sie Gian. Dass er bei der Geburt nicht dabei sein würde, erfüllte sie mit Schmerz. Dein Ätti hatte bei Elisabeths Geburt Dein Mami in seinen ­Armen gehalten. Es ist wohl unmöglich, dass Du in zwei Monaten bei mir bist! Wenn ich meinen Kopf an Deiner Brust bergen könnte, wollte ich am liebsten gar niemand sonst um mich haben. (…) Ihr beiden ­Caprez habt es los, mich warten zu machen, Du schon lange und das Kleine nun auch.291

Auch bei den Schwiegereltern in Pontresina verbrachte Greti einige Tage. Gians Mutter heizte ihr das Zimmer und bereitete ihr warme Bäder. Greti genoss es, umsorgt zu werden und bis neun Uhr zu schlafen. Noch dampfend vom Bad lag sie im Bett, das Fenster geöffnet, so dass sie den Brunnen hören konnte.

Pontresina, 8. November 1930

Geliebtes Du,

Ich schlafe im fünf, wo Du einmal eines Morgens früh auf meinem Bettrand gesessen. Zimmer vier ist zu einem gemütlichen Arbeitsstüblein geworden. Liebes, es war anfangs etwas merkwürdig für mich, hier in Deinem Elternhaus zu sein, ohne Dich, und überall Spuren von Dir zu finden. (…) Es ist alles so unglaublich gesichert, ruhig und ohne Sorgen. Sie haben sich vollkommen ausgesöhnt mit meiner Existenz. Wir haben auch nicht die kleinste Meinungsverschiedenheit. Geliebter, es ist ja gut so; dass sie im Grunde unmöglich das billigen können, was ich vertrete, darüber braucht man ja nicht zu sprechen.(…) Ich bin sonst das Nachgeben jetzt schon ordentlich gewöhnt oder tue wenigstens dergleichen.292

Gians Vater war zwar so aufgeschlossen, seine Tochter in einen Fahrkurs zu schicken, so dass sie zu den ersten Autolenkern im ganzen Kanton gehörte.293 In Bezug auf Gretis Ambitionen jedoch schien er die Skepsis seiner Frau zu teilen.294

Gians Verwandte und Bekannte wollten die Schwangere sehen. Für Greti waren es oft Höflichkeitsbesuche. Mit Grauen begeg­nete sie Tante Ghita, deren Begrüssungsküsse sie nicht ausstehen konnte. Als sie sich bei der Schwiegermutter beklagte, Gian müsse sich von ihrer Verwandtschaft auch nicht verküssen lassen, antwor­tete die, bei den Männern sei dies halt anders. Diesen Unterschied wollte Greti nicht akzeptieren. Weisst Du, fragte sie Gian rhetorisch, warum man bei einer Frau eher das Recht hat, sein Maul an ihrer Gesichtshaut herumzuschmieren, als bei einem Mann?295

Während in Pontresina der erste Schnee fiel, traf aus São Paulo ein Brief von Gian ein, der beschrieb, wie er sich auf dem Dach in Badehosen in den Sommerregen stellte, um sich abzukühlen.296 Liebe­voll wandte er sich an das Ungeborene im Bauch seiner Ehekameradin. Gell Du liebes Kleines machst es ihr nicht allzu schwer, weisst, sie ist lieb gewesen mit Dir und tapfer. Du wirst einmal viel ­Freude haben an Deiner Mutter, die mit Dir allein übers weite Meer ­gefahren ist und mit Dir zusammen Examen machte. Schläfst Du am Abend schon früh? Kannst Du Mami auch ein wenig streicheln, so tue es am Morgen, wenn sie aufwacht, oder am Tage, wenn sie an Dich denkt, und sage ihr auch, dass ich sie sehr, sehr lieb hätte.297 Greti mochte nicht mehr warten. Sie, die es gewohnt war, ihr Leben zu planen, hielt die Ungewissheit kaum aus. Düstere Gedanken suchten sie heim, Vorahnungen, die sie nur ihrem Tagebuch anvertrauen mochte. «Es» ist unterdessen sehr gross geworden und wird nun bald, bald von mir weggehen.

Brüderlein, wenn ich dann sterbe, dann sind diese Zeilen für Dich. Ich habe Dich sehr lieb gehabt. (…) Unsere Liebe ist mir greifbarer, wirklich gewordenes Bild für Gottes Liebe. (…) Dann denke ich aber auch, dass Du sehr lieb und grosszügig warest mit mir, dass Du nie versucht hast, mir irgendwie meine Freiheit einzuschränken und dass Du sehr gut verstanden hast, dass es schwer für uns ist, Frau zu sein und auch schwer, Theologin zu sein. Du hast mich als Theologin, als Frau und als liebendes Weib verstanden. Dies muss oft sehr schwer gewesen sein für Dich, da für alle drei Fragegebiete Deine Familie und Deine Umgebung Dir das Verständnis in dieser meiner Richtung nicht gegeben hat. Du hattest gar nichts anderes als das Einfühlungsvermögen Deiner feinen Seele. Brüderlein, Du musst nun nicht traurig sein. Sieh, wenn ich am Leben geblieben wäre, wäre ich vielleicht in allen drei Richtungen ­gescheitert. Vielleicht wäre298 ich an meinem Beruf verzweifelt, ich wäre im Kampf für die Frauenbewegung verbittert und ich hätte unsere Ehe gebrochen, indem wir uns nicht mehr verstanden.299

Mit 24 Jahren sorgte Greti Caprez-Roffler peinlich genau vor, was bei ihrem Ableben geschehen sollte.300

Testament

Gültig für den Fall, dass ich an der Geburt des ersten Kindes, also im Januar 1931, sterbe.

I. Wenn das Kind auch stirbt.

1. Wäsche, Kleider, Strümpfe und Schuhe an meine Schwestern. Wobei Gianin das Recht hat, sich etwas z. B. den Hochzeitsrock zum Andenken auszuwählen, falls er dies will. Dazu hat er Anspruch auf siebzig Franken für Strümpfe und Schuhe, die vor Kurzem aus seinem Geld gekauft wurden. Auch die Schuhe, die er gerne tragen will, soll er behalten.

2. Tagebücher und alle andern Bücher, die Gianin wünscht, an Gianin.

3. Die übrigen Bücher an Christa oder Papa.

4. Verlobungs- und Hochzeitsgeschenke an Gianin.

5. Patensilber an Mami.

II. Wenn das Kind lebt

1. Wäsche, Kleider, Strümpfe und Schuhe an meine Schwestern, aber zu billigem Preis auszulösen und der Erlös dem Kinde ins Sparheft zu legen.

2. Tagebücher an Gianin.

3. Alle Bücher an das Kind.

4. Verlobungs- und Hochzeitsgeschenke an Gianin, mit ausschliesslichem Erbrecht meines Kindes.

5. Patensilber an das Kind.

Auch in Bezug auf die Trauerfeier hatte Greti klare Vorstellungen. Trübsal blasen sollte die Gesellschaft nicht.

Es soll weder jemand aus meiner noch jemand aus Gianins Familie in Trauerkleidern gehen.


Igis,
Anfang der 1920er-Jahre

Die Pfarrfamilie im Sonntagsstaat. Legende: Familie Roffler-Luk (Josias ∞ Elsbeth) • Greti, Käti, Christa (Elsi fehlt) und deutsches ­Ferienkind Traudel.301 Vermutlich hatten Gretis Eltern in jenen Nachkriegsjahren einem Kind aus Deutschland sorgenfreie ­Ferien ermöglichen wollen. Links der Kirche liegt das Pfarrhaus, dahinter blitzt weiss die Landquarter Industrie. Warum Elsi, das dritte Kind in der Geschwisterfolge, nicht auf dem Bild ist? Ob sie wie so oft mit den Nachbarsbuben spielt?

Die Mutter wirkt entspannt im Herz der Familie. Der Vater scheint dem Hochzeitsbild entsprungen, gleiche Frisur, Schnurrbart, dunkler Anzug und weisses Hemd. Von oben blickt er auf seine älteste Tochter, an Frau und Sohn vorbei. Er und Greti hatten eine enge Beziehung, die spätere Pflegetochter meint gar: zu eng. Greti, mit locker zusammengebundenem Haar, schaut in die Ferne, vielleicht zum Tritt, dem halsbrecherischen Fussweg, der hinter Igis die Felswand hinauf nach ­Valzeina und Furna, dem Dorf der Grosseltern, führt. Furna, Gretis Sehnsuchtsort, von dem sie nicht ahnt, dass er wenige ­Jahre später ihr Schicksal werden wird.

Pfarrerstochter

Am 17. Januar 1931, um sechs Uhr abends platzte die Fruchtblase.302 Fast gleichzeitig begann es zu schneien. Wegen der Kälte schlief Greti nicht mehr im unbeheizten Hochzeitszimmer, sondern richtete sich stattdessen im holzgetäfelten Ofenzimmer ein.303 Nach dem Abendessen legte sie sich erwartungsvoll ins Bett. Brüderlein, werden wir «es» morgen haben. Die ganze Familie planget darauf.304 Es war Samstag, und die Nacht hindurch fielen dicke Flocken vom Himmel. Der Kachelofen verbreitete eine wohlige Wärme. Nachts um halb drei spürte sie ein leises Weh, doch am Morgen waren die Schmerzen wieder verklungen.305

Um die Zeit zu vertreiben, liess sich Greti von ihrer Schwester Elsi die Skis anschnallen. Zusammen mit der Hebamme Anny, die zur Geburt angereist war, zogen sie los,306 pflügten im Pfarrhaus­garten mühselig eine Spur durch das unberührte Weiss, zwischen den Zwetschgen- und Kirschbäumen hindurch, über den Kartoffel­acker, vorbei am Hühnerhaus. Im Sommer watschelten hier Enten herum, Hühner scharrten und Schweine gruben ihre Rüssel in die Erde.307 Es war schön, durch das Gestöber über den vielen, weichen Schnee hinauszuschleifen, aber jetzt bin ich reichlich müde.308 Früher hatte sie sich hier tagelang mit den Nachbarskindern herumgetrieben. Im Winter kraxelten sie mit dem Schlitten auf die Hügel und sausten johlend hinunter. Im Sommer boten der Garten und der verwinkelte alte Dorfkern Verstecke.309

Als sie mit neunzehn vor der Matura vom Deutschlehrer die Aufgabe erhielt, ein Curriculum Vitae zu verfassen, füllte sie zwei Schulhefte mit Kindheitserinnerungen und dachte darüber nach, wie sie zu der jungen Frau geworden war, die sie war. Die Puppen langweilten mich. Es gefiel mir viel besser, über die Dorfkinder zu herrschen, denn als Pfarrerskind hielten sie mich für etwas Besseres. Dazu war ich von einer wahren Herrschsucht beseelt und jedes, das nicht ­gehorchen wollte, wurde unbarmherzig aus unserm Kreise verbannt.310

Wie Greti mit den Dorfkindern umsprang, so behandelte der Vater sie zu Hause. Später erinnerte sie sich an eine Familienkultur voll Streit und Strafen. Ich fürchtete mich entsetzlich vor Schlägen. Obgleich wir wussten, dass unser Vater den Zank nicht leiden konnte, stritten wir Geschwister oft und hartnäckig.311 Hörte der Vater Geschrei aus dem Kinderzimmer, befahl er den Töchtern, den Stecken zu bringen, der im Korridor auf dem Spiegeltisch lag. Manchmal versuchte Greti, ihn mit Argumenten von der Prügelstrafe abzubringen, in seltenen Fällen gelang ihr das auch. Eines Morgens stritt ich mit meiner Schwester. Erbost versetzte ich ihr einen Hieb. Da rief uns der Vater aus dem Nebenzimmer. In den Hemdchen traten wir an sein Bett und erwarteten voll Angst eine Strafe. Er fragte nach der Ursache des Streits, und ich erzählte ihm alles und fügte hinzu: «Ich konnte nicht ­anders, es zuckte mir in der Hand, und ich musste sie schlagen. Es ist dasselbe, das Du in Dir hast, und von dir erbte ich es.» Wortlos schickte er uns weg.312 Eine Gegenwelt zur strengen Herrschaft des Vaters fand Greti in der Fantasie. Ich lebte in jenen Jahren überhaupt in einer eigenen Geschichten- und Märchenwelt. Wenn meine Mutter mich irgendwohin schickte, ging ich gerne allein, kümmerte mich nie darum, was auf der Strasse vorging, sondern ging träumend und Geschichten aussinnend dahin. Es kam öfters vor, dass ich laut vor mich hinsprach. Ich konnte auch lange Zeit am selben Fleck sitzen und an meinen nie endenwollenden Geschichten weiterspinnen.313

Mit neunzehn Jahren zog Greti Bilanz: Der Vater habe mit seiner strengen Erziehung sein eigentliches Ziel verfehlt. Wenn ich bestraft wurde, wollte ich mir nie mein Unrecht gestehen, und voll Trotz dachte ich dann: «Warte Du nur, bis ich einmal gross sein werde.» Ich glaube, kluge Überredung hätte bei mir weit mehr ausgerichtet, denn ich fragte von jeher nach dem «Warum» und werde jetzt noch von vielen ausgelacht, weil ich immer frage: «Warum?» Diese Strafen mögen auch schuld sein an dem Mangel an Selbstvertrauen, unter dem ich leide.314

Der strenge Pfarrer versagte der Tochter auch die Vergnügungen der Dorfjugend.315 Verzweifelt schaute Greti vom Fenster aus den Paaren zu, die beschwingten Schrittes zum Gasthaus zogen. War ich denn nicht jung und fröhlich! Wozu hatte ich denn heile Glieder, wenn ich sie nicht brauchen durfte? Sollte meine Jugend denn nur aus Lernen und Streben bestehen, und sollte ich das Beste, das ihr gegeben ist, die Fröhlichkeit, die Lebenslust und Lebensgier unterdrücken, nur weil ich in der menschlichen Gesellschaft den Rang einer Pfarrerstochter einnahm, den ich mir ja nicht einmal selbst gewählt. War ich denn «besser» als andere?316 Heimlich zog sie los und mischte sich unter die Tanzenden. Im Säli drehte sie einige Runden in den Armen der jungen Burschen, mit denen sie noch wenige Jahre zuvor Verstecken gespielt hatte. Lange traute sie sich nicht wegzubleiben. Nach einer Dreiviertelstunde schlich sie zurück ins Pfarrhaus, doch ihr Ausflug blieb nicht unentdeckt. Das erwartete Donnerwetter ertrug sie geduldig. Nach einer Woche eisigen Schweigens bat sie den Vater, ihr nicht mehr böse zu sein. Mit keinem Worte bat ich ihn um Verzeihung oder sprach von Reue, denn ich fühlte keine, und Reue heucheln konnte ich nicht. Ich wusste nur, dass ich es um des lieben Friedens und der Reputation meines Vaters willen nicht mehr tun würde.317

Tina Münger, 1925–2017, Pflegekind bei Gretis Eltern

vom ersten Lebensjahr bis zur Konfirmation

Ich durfte nie ins Dorf, nicht mal im Winter schlitteln mit andern Kindern. Sie hatten Angst, ich könnte etwas erzählen, das nicht zum Pfarrhaus hinaus darf. Ein Kind erzählt halt schnell mal etwas. Es hiess immer: Du gehörst nicht zu uns. Das tat unheimlich weh, das glaubt man gar nicht. Und doch – wenn es ums Helfen ging, da war ich ihnen recht. Ich musste es mir verdienen, dass ich dort sein durfte. Im Garten, das Pfarrhaus sauber halten, Fenster putzen, Böden putzen, Kästen rausputzen. Furchtbar! Weisst Du, man lebte ganz anders als heute. Nur allein ein Waschtag, da bist Du ja fast draufgegangen. Heute schmeisst Du das Zeug in die Maschine. Damals musstest Du reiben und raspeln und machen.

Papa Roffler konnte mich plagen bis aufs Blut, wenn er kontrol­lierte, ob ich in meinem Zimmer Ordnung halte. Er war so rechthaberisch. Er hat einem alles vergönnt, irgendwie. Man ist nicht drausgekommen, ist es der Beruf, der ihm nicht passt – was passt ihm nicht? Ich hatte einfach das Gefühl, das ganze Leben passt ihm nicht.

Nach dem väterlichen Machtwort war klar: Als Pfarrerstochter würde Greti in Igis immer eine Aussenseiterin bleiben.318 Immer ­öfter sehnte sie sich nach Furna. In dem Zweihundertseelendorf hoch über dem Prättigau lebten ihre Grosseltern, bei denen sie fast alle Schulferien verbrachte. Wenn sie im Tal aus dem Zug stieg und die stündige Wanderung zum Dorf hoch unter die Füsse nahm, freute sie sich, von den Entgegenkommenden das vertraute Furnerdeutsch zu hören. Schon beim Aufstieg wurde aus dem «Grüazi», das auf der zweiten Silbe betont kurz und fremd tönt und bei vornehmen Churerdamen zu einem bauchartigen «zi» wird, das vertraute, ein wenig naive «Grü-azi», das auf der ersten Silbe betont ist.319 Unbewusst glich ich meine Sprache der ihren an.320 Während der Ferien ging Greti ganz im Bauernleben auf. Ich machte meinem Grossvater jeden Abend den Stallknecht. Ich mistete den Stall aus, brachte den ­Tieren Wasser und Heu und melkte die Ziegen. Ich tauchte unter in dem Leben, dem Denken und Fühlen meiner Landsleute.321

In Furna fühlte sie sich frei und wiegte sich in der Illusion, endlich nicht mehr aussergewöhnlich zu sein. Fern der väterlichen Argusaugen ging sie mit den Bauernkindern zum Tanz. Es wurde auf einem Bretterboden, in einem kleinen, nur von einer Pet­roleumlampe erhellten Raume getanzt, und es war sehr gemütlich. Doch sie spürte bald, dass sie auch hier nicht dazu gehörte. Ich denke und empfinde anders als sie, obwohl ich von ihnen abstamme und vom selben Holz bin wie sie.322 Greti war überall fremd: als Pfarrerstocher an ihrem Wohnort Igis, als Auswärtige in ihrem Heimat­dorf Furna. Wo ich daheim bin und wo ich wurzle, werde ich als eine Fremde empfunden, und wo ich meinesgleichen finde, bin ich nicht daheim.323

Elsi Aliesch-Nett, geb. 1925, Gretis Cousine

zweiten Grades, aufgewachsen in Furna324

Gretis Grosseltern waren Bauern im Bodenhaus in Furna, Joos war ein Einzelkind. Mir hat man erzählt, dass der Pfarrer und der Lehrer einmal ins Bodenhaus kamen und den Vater bearbeiteten, Joos nach Chur ins Gymnasium zu schicken, der sei doch so intelligent. Später war dann die Frage: Was jetzt? Eigentlich wollten die Eltern, dass der einzige Sohn den Bauernhof übernimmt, und sie hatten keinen Rappen, um ihn studieren und auswärts wohnen lassen. Wenn man Theologie studierte, bekam man Stipendien. Man musste dafür nach Abschluss des Studiums fünf Jahre im Kanton als Pfarrer arbeiten. Und der Christa, der Vater von Joos, war sehr, sehr fromm. Der freute sich, dass der Sohn Pfarrer studierte. Der Joos hätte eigentlich lieber Geschichte und Mathematik studiert. Das ging aber wegen des Geldes nicht.

Anna Bühler, geb. 1919, Hausangestellte

bei Gretis Eltern als 16- bis 20-Jährige325

Ob er ein guter Pfarrer war? Ach, darüber möchte ich eigentlich nichts sagen. Man kann wohl kein guter Pfarrer sein, wenn man muss. Pfarrer Roffler musste ja Theologie studieren. Er hat mir mal gesagt, er habe eigentlich Jurist werden wollen, durfte aber nicht. Jurist wäre das Rechte gewesen für ihn, hatte ich den Eindruck. Aber das gab es halt früher, dass die Kinder das machen mussten, was die Eltern wollten.

Sein Talent für Zahlen und Gesetze lebte Joos Roffler im Nebenamt aus, als Präsident326 der Stiftung Für das Alter, einer Vorläuferin der AHV, seinem Interesse für Geschichte und Politik ging er als Chefredaktor der Wochenzeitung Graubündner General-Anzeiger nach. Darüber lehrte er Bienenzucht an der kantonalen Landwirtschaftsschule Plantahof.327

Maria Metz, geb. 1935,

Tochter von Gretis Schwester Käti328

Der «Graubündner General-Anzeiger» war zu jener Zeit, vor allem im Ersten Weltkrieg, eine wichtige Informationsquelle. Mein Grossvater trug dazu Nachrichten aus der ganzen Schweiz und auch von sonstwo zusammen. Dieser General-Anzeiger beschäftigte die ganze Familie! Joos verlangte von seiner Frau Rezepte, um sie in der Zeitung abzudrucken, aber Betty war keine gute Köchin. Eine Leserin reklamierte darum, das könne man gar nicht kochen. Da setzte es ein Donnerwetter von Joos, doch Betty nahm alles leicht. Die Töchter mussten die Zeitung im Dorf austragen, was meine Mutter hasste.

Warum es Joos Roffler angesichts der eigenen unglücklichen Berufswahl wohl so wichtig war, eines seiner Kinder dereinst in seinen Fussstapfen zu sehen? Und woher er den Mut und den Horizont nahm, die Erstgeborene trotz ihres Geschlechts zu seiner Nachfolgerin zu bestimmen? Klar ist: Als Betty Roffler drei Töchter in Folge gebar und sich die älteste durch Wissbegierde und gute Schulleistungen auszeichnete, legte er all seine Hoffnungen in sie. Daran änderte auch die Geburt des Sohnes, als Greti zehn Jahre alt war, nichts mehr. Zwar sah der Vater auch ihn als Pfarrer, doch er wehrte sich erfolgreich gegen die väterlichen Pläne und studierte an der ETH Elektroingenieur.329 Greti hatte das Theologiestudium zu diesem Zeitpunkt längst abgeschlossen.

Als Kind sträubte sich die Älteste jedoch immer wieder gegen Vaters Willen. Im ersten Sekundarschuljahr fragte er sie, ob sie später die Kantonsschule besuchen wolle, doch sie wies diese Möglichkeit weit von sich. Ein Mädchen ging doch nicht auf die Kantonsschule!330 Tatsächlich waren Schülerinnen seit acht Jahren zur Kantonsschule Chur zugelassen, die erste hatte vor drei Jahren die Matur gemacht.331 Der Vater liess nicht locker und zerstreute Gretis Zweifel mit dem Argument, sie müsse ja nicht auf eine Kanzel steigen, es gebe genügend soziale Arbeit für weibliche Kräfte, vorderhand hätte sie nichts zu tun, als sich von ihm in Latein un­ter­richten zu lassen.332 Joos Roffler versteckte seine Ambi­tionen hinter einem bescheidenen vorderhand und verschleierte damit ihre Sprengkraft. Er übte sich in Zurückhaltung und überzeugte so seine Tochter. Zu Hause sitzen mochte sie nicht, und für ein Haushaltslehrjahr war es noch zu früh.333 Ich zählte sowieso erst volle zwölf Jahre und musste irgendwohin an eine andere Schule; warum sollte es da nicht die Kantonsschule sein? Als Maturandin bilanzierte sie: Jetzt wollte ich nicht, ich hätte die Kantonsschule nicht besucht. Denn ihr verdanke ich unendlich vieles. Und wenn es auch nur ist, um das zu können, worüber die Prinzessin im Torquato Tasso froh ist, wenn sie sagt: «Ich freue mich, wenn kluge Männer sprechen, dass ich verstehen kann, wie sie es meinen.»334

Dass Schülerinnen am Gymnasium nicht vorgesehen waren, zeigte sich schon an der Kleidung auf Klassenfotos: Die Jungen trugen Schuluniform, die wenigen Mädchen Alltagskleidung, ­Röcke und Blusen.335 Neben Greti gab es nur eine weitere Schülerin in ihrer Klasse, die jedoch von der Pfarrerstochter nichts wissen wollte.336 In Hildi Hügli, einer Schülerin, die eine Klasse über ihr sass, fand Greti die langersehnte Freundin. Manche Leseeindrücke, die die Freundin ihr vermittelte, hielt Greti in ihrem Tagebuch unter dem Titel Sentenzen von Hildi fest.

Man kann Nietzsche überall bewundern, nur nicht, wenn er von Frauen spricht. Er kannte offenbar nur solche, die noch keine waren, oder solche die keine mehr waren.

Nietzsche proklamiert zwar – Übermenschen – aber wie sollte er von einem «Unterweib» geboren werden können?337

Die beiden Freundinnen schrieben sich auch Briefe, in denen sie einander erzählten, was sie erlebten und wie sie sich nachein­ander sehnten.338 Kurz vor der Matur schwärmte Greti: Sie gab mir eigentlich erst das geistige Leben, wenigstens das kritische Denken. Ohne sie wäre ich ein einseitig unglückliches Wesen geworden.339 Hildi ermutigte die Freundin, selbstbewusster zu sein, denn Greti war schüchtern und fand ihren Mund zu schmal, die Augen zu klein, die Nase zu gross.340 Hildi hat mir drei Gebote gestellt: Ich solle mich so kämmen, dass meine schönen Haare zur Geltung kommen. Zweitens müsse ich tanzen lernen und drittens in Gesellschaften meine Scheu ­ablegen.341 Dem Deutschlehrer in der Maturklasse fiel Gretis Schüchternheit ebenfalls auf. Nach einem Vortrag, den sie unter Zittern gehalten hatte, empfahl er ihr: Wählen Sie ja nie einen Beruf, da Sie ein einziges Wort öffentlich sagen müssen.342

Weil sie so schüchtern war, traute sich Greti auch nicht, Kinderlehre343 zu halten, wie es sich der Vater gewünscht hätte.344 Nicht für hundert Franken würde sie die Kinder unterrichten, da konnte auch die gleichaltrige Cousine Gretly Puorger nichts bewirken, die in Winterthur Sonntagsschule erteilte und Greti ermunterte, es ihr gleichzutun. Doch Greti winkte ab: Ich habe von Natur aus eine unüberwindliche Scheu davor, aus der Verborgenheit hervorzu­treten. Schon in einer Gesellschaft mit mir unbekannten Menschen werde ich ganz still und verkrieche mich in mich selbst. Ihre Schüchternheit sei nicht mit Furcht vor Menschen zu verwechseln, viel eher spüre sie eine grenzenlose Unsicherheit. Alles scheint mir so verwor­ren, das früher so einfach und selbstverständlich war. Je weiter ich in der Schule hinaufrücke, umso mehr sehe ich, dass ich nichts weiss, dass mein Wissen immer ein lückenhaftes sein wird. Hast Du nicht auch ­solche Zeiten? Ich weiss nicht, was ich noch werden soll, ich weiss nicht, wo die Grenze zwischen Gut und Böse liegt345. Und nun sollte ich, die ich mit allem im Unklaren bin, andere belehren wollen? Oh nein, so vermes­sen bin ich nicht! 346

Greti quälte sich mit existenziellen Fragen. Wozu war sie auf Erden? Was passierte nach dem Tod? Und: Existierte Gott? Wenn sie über solche Dinge nachdachte, stritten sich Glaube und Vernunft in ihr. Mir scheint es das Wahrscheinlichste, dass es nach dem Tode kein Weiterleben gibt. Dagegen protestiert aber ein Gefühl in mir, das sich mich nicht als gar nicht mehr existierend vorstellen kann. Aber vor der Geburt fühlte und dachte, lebte man doch auch nicht. Aber wenn man an kein Fortleben glaubt, wozu dann dieses Leben? Und wenn es eines gibt, wozu dann; könnte man nicht sofort in das jenseitige kommen? Immer, immer fortzuleben, muss aber doch furchtbar langweilig werden.347 Sie drehte sich im Kreis und landete immer wieder am selben Punkt. Und doch wollte, ja, musste sie Antworten finden. Ich möchte einen Glauben, der sowohl das Herz als auch den Kopf ­befriedigt.348

An Hildi, die nicht an Gott glaubte, konnte Greti sich mit ihren Zweifeln nicht wenden, denn sie fürchtete, die Freundin könne ihr mit ihrer messerscharfen Argumentation den Glauben ganz nehmen.349 Umgekehrt irritierte Greti auch die Gewissheit überzeugter Gläubiger. Neidisch und zugleich befremdet begegnete sie einer Sonntagsschullehrerin, die gleichaltrig war wie sie und deren Selbstgerechtigkeit sie provozierte. Die Szene hielt sie in ihrem Lebenslauf vor der Matur fest, Adressat war ihr Deutschlehrer, der dem Glauben kritisch gegenüberstand.

Greti: Sie sind Sonntagsschullehrerin?350 Aber doch nur bei den Kleinen?

Sonntagsschullehrerin: Nein, nein bei denen, die schon konfirmiert werden.

Greti: Ja, können Sie denn das, Sie sind ja noch so jung?

Sonntagsschullehrerin: Natürlich!

Greti: Das ist doch nicht natürlich; ich könnte das nicht, weil ich ­alles noch bei mir sondieren muss. Meine Freundin glaubt überhaupt nichts.

Sonntagsschullehrerin: Dann müssen Sie für sie beten!

Greti: Oh nein, das tu ich nicht, das ändert bei ihr doch nichts.

Sonntagsschullehrerin: Aber Sie als die Tochter eines Pfarrers sollten braver sein.

Greti: Ach was, mein Vater besetzt für die ganze Familie Platz im Himmel, das ist dann ein grosser Saal, und alle sitzen den Wänden entlang auf Bänken und langweilen sich.

Doch der Spott half Greti nicht aus ihrem Zweifel, und so wandte sie sich an den Vater. Der wusste, dass er sie nicht mit simplen Rat­schlägen für den Glauben gewinnen konnte und schlug ihr vor, sich das Leben mit und ohne Gott vorzustellen und sich dann zu entscheiden. Greti fand die Antwort des Vaters wunderbar. Sie war stolz, dass er in ihr nicht mehr das Kind sah, dem man irgend etwas einreden konnte. Die Zeit der Prügelstrafen war vorbei. Sie fasste Vertrauen. Alles, was mich bewegte, brachte ich zu ihm, und er verstand mich immer. Er war mein bester Freund geworden.351


Chur,
Sommer 1924

An dieser jungen Frau ist alles weich: Nase, Kinn, Wangen, Unterarme und auch das helle Jerseykleid, das ihre Glieder umspielt. Die Sanftheit der Züge wirkt auf den ersten Blick ­kindlich, doch der konzentrierte Blick, der entschlossene Mund und das modische Kleid lassen einen anderen Schluss zu: Auf dem schmalen Geländer sitzt eine Jugendliche mit eigenem ­Geschmack und Willen, die, obschon sie in der Provinz lebt, die Modetendenzen der Welt verfolgt. Der industriell gefertigte ­Jerseystoff wird für Männerunterhosen verwendet, bis Coco Chanel in den 1920er-Jahren daraus schlichte, bequeme und dennoch elegante Frauenkleider nähen lässt: Ich mache Mode, in der Frauen leben, atmen, sich wohlfühlen und jünger aussehen können.352

Greti hat in ihr Fotoalbum lediglich die Initialen gesetzt: H. H. – Bei Rektors (Chur). Hildi Hügli ist die Freundin aus der Kantonsschule. Hildi, die Greti riet, ihre schönen Haare zu ­betonen und tanzen zu lernen. Ein Bild der Gastgeber hat Greti nicht eingeklebt. Rektor Paul Bühler und seine Frau haben ­Greti und Hildi eingeladen, womöglich, weil sie zu den wenigen ­Mädchen an der Schule gehören. Der Rektor hat drei Söhne und ein besonderes Faible für die Kultur der Antike und für klas­sische Schönheit.353 Es ist Sommer 1924, Hildi hat gerade die Matura bestanden.354 Ob sie sich für den Gastgeber so schön gemacht hat, für dessen Söhne – oder für ihre Begleiterin?

Flammenkrankheit

Den Sommer 1924 verbrachte Greti in einem Mädchenpensionat im Welschland, um Kochen, Haushalten und Französisch-Konversation zu lernen. Die Mitschülerinnen stammten aus England, Norwegen, Deutschland, Italien und der Schweiz, und waren zwischen sechzehn und achtzehn Jahre alt. Für die Bündnerin war es komplett neu, ausschliesslich unter jungen Frauen zu sein. Ist das ein Leben unter diesen Mädchen! Schön sind sie die meisten, einige ­sogar bildschön. Bewegung ist unter ihnen. Sie küssen sich, lachen und machen einen ungeheuren Krach. Ich habe aber bereits gemerkt, dass sie hinten herum übereinander schimpfen. (…) Diese Mädchen sind ganz anders als ich, oder bin ich nur nicht gewöhnt, mit Mädchen zu verkehren?,355 fragte sie sich. Verwundert beobachtete sie das Anhimmeln, Küssen und Schmeicheln. Beruhte die Zuneigung auf Gegenseitigkeit, dann gingen zwei junge Frauen eine Freundschaft ein, die exklusiv war. Erika ist verliebt in Alice, berichtete Greti ihrer Freundin Hildi. Alice aber hatte schon, bevor Erika kam, eine Deutsche als Freundin, und sie kommt nun zu spät. Immerhin erbarmte sich Alice und gab Erika abends einen Kuss, worüber Greti sich lustig machte: Habt ihr euch Zucker dazwischen gelegt, damit es süss wurde?356

Die Verliebtheiten unter jungen Frauen bezeichnete Greti im Tagebuch spöttisch als Flammenkrankheit.357 Die Beziehungen zu Jungen und die zu Mädchen beschrieb sie in ähnlichen Worten, sie sprach von Freundschaft, Verliebtheit und Liebe, von Küssen und Tränen, von wilder Sehnsucht und Eifersucht. Immer gab es ein Gebot der Exklusivität: So wie es undenkbar war, mit zwei Jungen gleichzeitig zu gehen, so konnte ein Mädchen auch nicht zwei Freundinnen zugleich haben. Trat eine zweite auf den Plan, versicherte sich das ursprüngliche Freundinnenpaar gegenseitig ihrer Bedeutung füreinander. Kannst Du Dich noch erinnern, dass ich zu Dir sagte: Wenn ich erfahren würde, dass ich Dich noch mit einem andern Mädchen teilen müsste, würde ich es nicht ertragen können?,358 wollte Greti von Hildi wissen. Trotz Verwandtschaft in der Wortwahl störte die Freundschaft zu einem Jungen diejenige zu einem Mädchen jedoch nicht. Beide konnten nebeneinander ­bestehen.

In der spärlichen Freizeit im Mädchenpensionat widmete sich Greti lieber ihren Büchern anstatt einer Liebschaft. Mich hat die grosse Lernwut ergriffen. (…) Jeden Tag müssen zwanzig Seiten Rousseau ge­lesen werden.359 Kein Wunder, galt sie zunächst als richtige, brave Pfarrerstochter.360 Doch seit sie bei einem Abendessen alle zum Lachen gebracht hatte, wurde sie scherzhaft nur noch die missratene Pfarrerstochter genannt. Und schliesslich fand auch Greti eine Flamme im Mädchenpensionat. Wer hätte das geglaubt! Ich glaube ganz sicher, die Flammenkrankheit ist ansteckend. Ich habe nämlich eine Flamme für Trudy Gassmann.361 Ich liebe sie, weil sie so schneidig und stark ist.362 Auch Trudy fand Gefallen an Greti. Sie liebt alle Bündner. (…) Und als sie heute Abend den letzten Tanz mit mir tanzte, sagte sie, sie liebe mich, weil ich so offen sei.363 Doch Gretis Flamme überdauerte die Sommerferien nicht. Die Flammenkrankheit war ein Fieber, das im Internat besonders schnell entflammte, zum Ende der Pensionatszeit aber ebenso rasch wieder erlosch. Gretis wahre Liebe galt Hildi, der Schulfreundin aus Chur.

Im Nachlass finden sich nur noch einzelne Seiten aus Gretis beiden ersten Jugendtagebüchern. Vor ihrem Tod steckte sie die Fragmente in einen Umschlag, den sie ins dritte Tagebuch legte. Offenbar war es ihr wichtig, genau diese Bruchstücke aufzubewahren. Dazu gehörten die Aufzeichnungen zum Generalstreik und ein Gedicht, das Hildi der Freundin 1923, im letzten gemeinsamen Sommer, bevor sie aus Chur wegzog, ins Tagebuch schrieb.

DIE FREUNDIN

Deine Briefe haben goldenen Rand

Und steht viel Törichtes drin!

Doch über das weisse Linnen hin

Ging Deine schmale Hand.

Du ahnst nicht, wie glücklich ich bin,

Da heut Deinen Brief ich fand.

Ist doch Dein ganzes Herz darin

Vertrauens Unterpfand.

Deine Briefe haben goldenen Rand

Gleich wie Dein krausbraun Haar

Als die Sommersonne ihr Licht so klar

auf Dich herniedergesandt,

Damals, als Du am Flussesrand

schlank lagst im feuchten Sand,

Da Dich, halbnackt am wellgen Strand

Mein heisser Blick verschlang.

Deine Briefe haben goldenen Rand

Wie Dein Ringlein mit rotem Rubin,

Das du gleich einer Königin

Trägst an der schmalen Hand.

Du ahnst wohl nicht, wie schlecht ich bin,

Du Kind aus Märchenland!

Doch Dein schlanker Leib, Dein Herz, Deine Hand,

S’liegt all mein Glück darin.

Aug. 1923

Eigentlich war es nicht dazu bestimmt, in diesem Tagebuch zu stehen. Aber nun – basta.

H. Hügli364

1924, ein Jahr früher als Greti, machte Hildi Matur und zog zum Studium nach Bern. Ich suche überall Hildi und sehe sie um jede Strassen­ecke biegen und bin doch allein,365 schrieb Greti im Tagebuch, und an Hildi: Im Nebenzimmer spielen Mama und Käti Klavier und Geige, und in jedem Ton liegt die Sehnsucht nach Dir.366

Doch die Freundschaft zu Hildi, die Greti so viel bedeutete, wurde jäh unterbrochen. Im Dezember 1924 verbot der Vater Greti jeden Verkehr mit der Freundin. Das Machtwort kam für sie aus heiterem Himmel. Hildi zu verlieren, war unvorstellbar. Als ich ihn nach dem Grunde des Verbotes fragte, antwortete er, sie bedeute für mich die grösste Gefahr. Darauf verlangte ich zu wissen, wieso er so plötzlich dazu gekommen, nachdem er zwei Jahre lang unsere Freundschaft ruhig mitangesehen. Er antwortete, er könne mir die Quelle seiner Befürchtungen nicht nennen, worauf ich ihn beschuldigte, heimlich Hildis ­Briefe gelesen zu haben. Er verteidigte sich mit keinem Wort, sondern sagte nur: «Du lieferst damit ein Geständnis!» (…) Am meisten schmerzte mich, dass mein Vater nicht offen war und nicht einfach sagte: Sie soll das und das getan haben. Weisst Du davon und wie stellst Du Dich ­dazu?367 Der Verdacht des Vaters, seine Tochter und Hildi hätten eine sexu­elle Beziehung, war unaussprechlich, und auch Greti wagte es nicht, ihn beim Namen zu nennen. Statt dessen betonte sie, als sie sich später an Hildi erinnerte, den nicht körperlichen Charakter ihrer Freundschaft: Wir gingen nie Arm in Arm, wie die Mädchen es sonst zu tun pflegen, und küssten uns auch nie.368

In ihrem Tagebuch liess Greti ihrer Wut auf den Vater freien Lauf. Was soll Dein Verbot nützen?, schrieb sie sich in Rage. Gedanken sind zollfrei, und ich werde täglich, stündlich an sie denken müssen.369 Was hatte ihn überhaupt auf seinen Verdacht gebracht?370 Diese Frage beschäftigte sie mindestens ebenso sehr wie das väterliche Verbot an sich. Nach der Standpauke kam der Vater nicht mehr auf das Thema zu sprechen. Greti war froh darum. Im Tagebuch hielt sie fest, was sie ihm hätte sagen wollen: Siehst Du, unser Briefwechsel war so eine Art Beichte, und wir legten so alles Böse ab, nachdem wir es niedergeschrieben.371 Zwischen Moral und Verderben, Fantasie und Realität lag nur eine feine Linie. Eine trennscharfe Unterscheidung zwischen dem, was die Freundinnen dachten und dem, was sie taten, gab es nicht: Meistens waren es nur Gedanken, notierte Greti in ihrem Tagebuch. Meistens.

Erstaunlich offen beschrieb Greti die Episode in ihrem Curriculum Vitae zu Händen des Deutschlehrers vor der Matur. Womit auch immer der Vater ihr drohte, sie würde ihrer Freundin treu bleiben. Sie und der Vater seien schliesslich auch nicht frei von Sünde. Ich muss zu ihr halten; denn ich verdanke ihr zu viel, und wenn wir uns die Mühe nehmen wollten, vor unserer eigenen Türe zu kehren, würden wir vielleicht dort genug Unrat finden und sie ihre Sachen ­allein «auskäsen» (lösen) lassen. Ich denke auch keinen Augenblick daran, ein Urteil zu fällen. Ich bin im Gegenteil dem Schicksal dankbar dafür, dass es mich nicht in Versuchung geführt (…)372. Dem Vater zu gehorchen und den Kontakt zu Hildi abzubrechen, kam für sie so oder so nicht in Frage. Ich hätte mich selbst verachten müssen, wenn ich jetzt abgebrochen hätte. Ja, ich liebte sie noch mehr als vorher, denn meine Liebe wurde angetan mit dem Märtyrerstrahlenkranz.373

Als Greti ein Jahr nach Hildi die Matura machte, wagte sie es allerdings nicht, den Vater zu fragen, ob sie wie die Freundin in Bern studieren dürfe.374 Aus der innigen Verbindung wurde eine Brieffreundschaft, die die beiden auch dann noch aufrecht erhielten, als Hildi einige Jahre später mit ihrem Mann nach Amerika zog und eine Familie gründete. Sie wurde Dozentin, er Professor an der Universität von Chatanooga (Tennessee). Bis ins hohe Alter schrieben sich die beiden Freundinnen.

Möglicherweise wäre Joos Roffler ebenso eifersüchtig gewesen, hätte er entdeckt, dass seine Tochter einen Mann liebt. Schliesslich reagierte er auch auf Gian, der kurze Zeit später in Gretis Leben trat, mit Eifersucht. Fest steht jedoch auch: Die Selbstverständlichkeit, mit der Greti und ihre Freundinnen Frauenbeziehungen lebten, teilte er nicht. Damit war er ganz Kind des zwanzigsten Jahrhunderts, während in der Flammenkrankheit der Internatsschülerinnen die Kultur romantischer Frauenfreundschaften des neunzehnten Jahrhunderts nachzuwirken scheint. Die österreichische Historikerin Hanna Hacker stellt fest, dass innige Verhältnisse jedenfalls unter bürgerlichen und adeligen Frauen mindestens bis ins späte neunzehnte Jahrhundert kulturell nicht geächtet, sondern vielmehr unterstützt und gleichsam zelebriert wurden.375

Caroll Smith-Rosenberg, die Frauenbeziehungen im neunzehnten Jahrhundert in Nordamerika anhand von Briefen analysiert hat, schreibt: Die wesentliche Frage ist nicht, ob diese Frauen ­Geschlechtsverkehr miteinander hatten und so als hetero- oder homosexuell definiert werden können. Die Tendenz des zwanzigsten Jahrhunderts, Liebe und Sexualität im Rahmen einer dichotomisierten Welt von abweichendem und normalem Verhalten, von genitaler und platonischer Liebe zu sehen, ist den Gefühlen und Einstellungen des neunzehnten Jahrhun­derts fremd und vermittelt ein von Grund auf verzerrtes Bild von den emotionalen Beziehungen dieser Frauen. Diese Briefe sind wichtig, weil sie uns zwingen, solche Liebesbeziehungen in einem bestimmten historischen Kontext zu situieren.376 Ab Ende des neunzehnten Jahrhunderts begannen sich Ärzte und Psychiater mit gleichgeschlechtlichen Beziehungen zu beschäftigen und entwickelten den Begriff Homosexualität. Diese neue öffentliche Aufmerksamkeit brachte betroffene Frauen – und Männer – in die Defensive.

Dreissig Jahre, bevor Greti ihre Freundschaft zu Hildi rechtfertigte, hatte sich eine andere Bündnerin gegen ähnliche Vorwürfe ­gewehrt: Meta von Salis, geboren 1855 im Schloss Marschlins in Igis, anderthalb Kilometer vom Pfarrhaus entfernt, in dem Greti später aufwuchs.377 Als junge Erwachsene pflegte die Adlige eine schwärmerische Freundschaft zur Deutschen Theo Schücking. Die beiden Frauen besiegelten ihre Beziehung mit Blut und einem Ring und malten sich ein gemeinsames Leben aus. Ihre Wege trennten sich allerdings bald.378 Kurz darauf begegnete Meta von ­Salis an der Universität Zürich, wo sie später als erste Frau in Geschichte promovierte, der Fotografin Hedwig Kym, Tochter des Professors Ludwig Kym.379 Meta und Hedwig wurden Freundinnen fürs Leben. Sie unternahmen zahlreiche Reisen miteinander und waren in der Frauenbewegung aktiv.380 Auch andere ledige Akademikerinnen ihrer Generation lebten als Freundinnen zusammen, etwa die Ärztin Caroline Farner und ihre Lebensgefährtin Anna Pfrunder. Meta von Salis beschrieb die Frauenfreundschaft als Phänomen ihrer Zeit.

Solange die Frau eine abhängige, gänzlich von der Familie bestimmte, in ihr begrenzte Stellung einnahm, konnte Freundschaft in dem weiten und tiefen Sinn (…) bei Frauen gar nicht aufkommen. Sie entstand nicht, weil ihr die Lebensbedingungen, Handlungsfähigkeit und Handlungsfreiheit fehlten. Kaum waren diese durch die berufliche Ausbildung und um sich greifende Befreiung der Frauen von männlichen Vormündern, Brüdern und Schwägern gegeben, so zeitigten sie auch die köstliche Frucht der Freundschaft à toute épreuve zwischen Frauen.381

Diese Freundinnenpaare waren gesellschaftlich respektiert – solange sie niemandem in die Quere kamen. Als Caroline Farner und Anna Pfrunder Mitte der 1880er-Jahre zwei Waisenkinder aus Pfrunders Verwandtschaft bei sich aufnahmen, zerrte sie ein ­Onkel der Kinder vor Gericht: Die Frauen hätten es nur auf das Ver­mö­gen der Waisen abgesehen. Im Prozess, der sogar in Deutschland wahrgenommen wurde,382 kam es zu einer Schlammschlacht gegen Caroline Farner. Der Kommentator der NZZ diffarmierte die Ärztin aufgrund ihres Äusseren. Dr. med. Karoline Farner erscheint mit Herrenkragen und weiter Krawatte383, das kurzgeschnittene Haar in der Mitte gescheitelt und auf die Stirn vorfallend. (…) Ihr durchaus männlich gebildetes Gesicht zeigt dabei den Ausdruck gespanntester Aufmerksamkeit.384 Meta von Salis verteidigte ihre Freundin in einer achtzigseitigen Broschüre mit dem Titel Der Prozess Farner – Pfrunder. Darin wehrte sie sich gegen den impliziten Vorwurf, die Frauen führten eine sexuelle Beziehung – und versuchte unausgesprochen auch sich und Hedwig Kym als keusch darzustellen.

Dass eines der entsetzlichen Entartungsgebilde der Hyperkultur auch den Namen Freundschaft trägt, ist zu bedauern, aber die beiden zu verwechseln, wird nur einem mit den raffiniertesten Lastern vertrauten ­Gesellen gegeben sein. Das Giftgeschwür heftet sich an die Existenzen beschäftigungs- und interesseloser, überreizter Genussmenschen, die keusche Blume der Freundschaft385 entspringt dem Boden einer arbeitsfrohen, pflichttreuen Lebensführung.386

Giftgeschwür, Entartungsgebilde, Hyperkultur: Meta von Salis benutzte Begriffe, die die körperliche Liebe zwischen Frauen als entsetzliche Seuche, genetischen Defekt oder Zivilisationskrankheit darstellten. Ihr Vokabular erinnert an zeitgenössische rassistische und antisemitische Schriften. Tatsächlich las die Bündnerin die Bücher des französischen Rassentheoretikers Arthur de Gobi­neau.387 Mit den Rassentheorien untermalten Aristokratinnen wie Meta von Salis ihre Machtansprüche, die in der Demokratie an Legi­timation verloren hatten.

1904 verkaufte Meta von Salis Schloss Marschlins ihrem Cousin, dem Rechtsprofessor Ludwig Rudolf von Salis-Maienfeld, und war nur noch sporadisch zu Besuch auf dem Anwesen. Sie liess sich und Hedwig Kym auf der italienischen Insel Capri eine Villa bauen.388 Meta von Salis war damals knapp fünfzig Jahre alt, Greti wurde erst zwei Jahre später geboren. Der neue Schlossbesitzer amtete lange Jahre als Kirchgemeindepräsident von Igis389.

Maria Metz, geb. 1935, Tochter von Gretis Schwester Käti

Meine Mutter erzählte ab und zu von den Einladungen im Schloss Marschlins. Die Kinder (also Greti und ihre Geschwister) mussten sich in Gala stürzen und nobel tun. Sie gingen nicht gern dorthin, weil sie im Schloss nichts anfassen durften. Sie mussten ruhig dasitzen und darauf achten, dass sie richtig assen. Meta von ­Salis sass manchmal auch mit am Tisch. Die Kinder verstanden nicht, worüber die Erwachsenen sprachen. Was sie begriffen: Dass Meta von Salis eine hochgescheite Frau war.390


Igis,
Februar 1931

Ein Neugeborenes liegt nackt auf der Waage. Trotz der unter­gelegten Windel ist die Waagschale hart. Eben noch hat es auf dem weichen Kissen gelegen. Irritiert über den Vorgang, sucht es Kontakt zur Mutter, doch sie ist mit der Waage ­beschäftigt. Sechsmal am Tag legt sie das Kind auf die Schale, um sicherzugehen, dass es genug zunimmt. Kein Wunder, muss sie genau auf die Skala schauen, um die Gewichtszunahme von einer Wägung zur nächsten zu registrieren. Obschon das Kind reichlich Babyspeck hat – bei der Geburt ist es fast anderthalb mal so schwer wie ein durchschnittliches Neugeborenes –, sorgt sich die Mutter permanent um sein Gewicht und führt ­akribisch Buch über die Trinkmengen. Von Anfang an misst sie das Kind an vorgegebenen Normen. Entspricht es ihnen nicht, ist das für die Mutter ein Grund zur Beunruhigung. Ihre ­Sorge kann sie nicht unmittelbar mit dem Vater des Kindes ­teilen. Er ist noch in Brasilien, ihre Briefe dorthin sind mindestens zwei Wochen unterwegs. Brüderlein, ich glaube, es ist ­niemand so ein Angsthase wie eine Mutter. Wenn ich keine Waage hätte, würde ich es ja gar nicht merken. Das wird dann391 etwas für Dich. Statt ­Holzklötzlein kannst Du dann Deinen Sohn wägen.392

Später wird sich Enkel Andres daran erinnern, wie er seinen Grosseltern Gian und Greti im Altersheim stolz seinen Erst­geborenen präsentierte, ihren dritten Urenkel. Beide beugten sich über das Baby. Nani sagte nur: Nennt ihn ja nicht Dominic, er heisst Gian Domenic. Und Neni schaut das Kind an und beginnt gleich mit ihm zu spielen.393

Einsame Geburt

Igis, Pfarrhaus, Januar 1931. Tag um Tag verging, und jeden Tag ver­lor Greti Fruchtwasser.394 Immer wieder hatte sie Schmerzen in der Gebärmutter.395 Dr. Jeklin untersuchte sie und stellte fest, dass das Kind in Steisslage lag. Sie sehnte sich nach Gian und war doch froh, dass er sie in diesem Zustand nicht sah. Liebes, sei Du froh, dass Du nicht hier bist. Es wäre schwer für Dich, untätig meine stumpfe Verzweiflung zu sehen. Tagsüber, im hellen Sonnenschein, geht es, aber wenn es anfängt zu dunkeln und ich immer müder werde, dann muss ich allein sein, stehe in der dunkeln Stube und starre hinaus gegen die Berge, von denen noch ein mattes, blauweisses Licht fliesst.396

Sie mochte nicht müssig herumsitzen und nutzte die Zeit, um an einem Berufsbild für Theologinnen zu arbeiten.397 Darin wollte sie nicht nur begründen, warum sie Frauen für ebenso geeignet hielt wie Männer, um Gottes Wort zu verkünden, sondern auch einen Überblick über die Fortschritte in Sachen Pfarramt für ­Frauen geben. Sechs Tage nach dem Blasensprung spürte sie beim Erwachen Wasser zwischen den Beinen. Am Freitag morgen fing es an so stark zu gehen, dass ich unserem Kleinen vier Windeln einweihte.398

Ungeduldig wartete Greti auf die Morgenpost, die die Basler Nachrichten brachte.399 Darin fand sie den ersehnten Bericht der ­Synode: Verwendung der Frau im Kirchendienst400 war der zweispaltige Artikel überschrieben, der die Debatte ausführlich wiedergab und auch die erwartungsvolle Stimmung unter den zahlreichen Frauen auf der Tribüne beschrieb.401 Die Voten waren überwiegend positiv, ebenso das Resultat: Die Basler Kirche schuf ein neues Hilfsamt, Theologinnen durften fortan als Pfarrhelferinnen seelsorgerisch tätig sein und aushilfsweise auch Predigten und alle weiteren kirchlichen Amtshandlungen – Trauungen, Beerdigungen und Taufen – vornehmen. Sie erhielten so einen ähnlichen Status wie ihre Kolleginnen in Zürich, mit dem symbolischen, aber nicht unwichtigen Unterschied, dass die Basler Kirche auch eine Ordination der Theologinnen vorsah.

Der Entscheid befriedigte Greti nicht ganz. Sie wollte sich nicht mit einem eingeschränkten Pfarramt zufriedengeben, sah aber auch, dass sie und ihre Mitstreiterinnen bei der politischen Grosswetterlage kaum auf mehr hoffen konnten.402 Sie arbeitete die Nachricht aus Basel in ihr Berufsbild ein. Mittags schlief sie zwei Stunden tief und fest. Dann setzte sie sich wieder an die Schreibmaschine und schrieb. Als ich die Korrektur403 las, fingen die leisen ersten Schmerzen an, und zwischen den beiden ersten starken Wehen schrieb ich mit zittriger Hand die Adresse. Sie war dankbar, dass das Kind so lange gewartet hatte. Mehr Verständnis kann ich von ihm nie verlangen!404

Dann ging es endlich richtig los.405 Die Wehen wurden schnell heftiger, die Abstände dazwischen immer kürzer. Bei jeder Welle hielt sich Greti mit beiden Händen an einer Stuhllehne fest. Als sie nicht mehr stehen konnte, führte Anny, die Hebamme, sie ins Schlafzimmer und zog ihr ein Nachthemd und das weisse Bettjäckchen an, das die Schwiegermutter aus Pontresina geschickt hatte. Bei jeder Wehe stützte die Hebamme Greti im Rücken. Um halb zehn Uhr abends kam Dr. Jeklin und untersuchte sie. Der Kopf des Kindes sei zuvorderst, alles komme gut. Wie es bei Sterbenden oft vorkommt, so trug ich heftiges Verlangen, aufzustehen, wegzugehen und alles zurückzulassen. Zum Ersatz richtete ich mich mühsam in die Knie auf und stemmte mit den Händen gegen die Bettstatt. Ich hörte den Arzt sagen: «Eine jede sucht sich anders zu helfen.» Nach einer Weile hiess er mich, mich wieder hinzulegen, weil er so keine Kontrolle habe. Ich wartete immer noch darauf, dass die Schmerzen nun so stark werden würden, dass ich schreien müsste. Die Hebamme presste nun Gretis angezogenen Knie gegen ihren Leib. Ganz unten hinaus, fest, so ist’s recht, tief atmen und grad noch einmal, redete sie der Gebären­den zu. Nach einer Weile merkte Greti, dass etwas nicht in Ordnung war. Sie hörte den Arzt sagen: Es verhält irgendwo. Er versuchte nachzuhelfen, drückte vom Darm und von der Blase her, doch ohne Erfolg.

Ich kämpfte weiter, das Schwierigste war wieder einmal das Warum in meinem Leben: warum ging es denn nicht vorwärts. Eine Narko­se war vollkommen ausgeschlossen, da ich ja alles selber tun musste.406 Dazu waren die Schmerzen ja sehr leicht zu ertragen. Es verrann wieder eine Stunde, da plötzlich, ohne dass ich selber etwas Besonderes spürte, sagte der Arzt: Jetzt haben wir den Kopf und jetzt auch grad das Popeli. Es lag einfach plötzlich da und soll schon mit der Nase geschnuppert haben, bevor es brüllte. Ich sah zwei rosige Beinlein und zwei Ärmlein zwischen meinen Beinen in der Luft herumfahren und hörte zwei kräftige Kläpse klatschen, dann schrie ein hohes Stimmlein zweimal auf.

Sie fingen an, den Nabelstrang zu unterbinden, als ich unsern Sohn mit den Worten begrüsste: Könnt Ihr ihn nicht ein bisschen weiter wegnehmen? Er strampelte mit seinen Füsschen immer gegen meine wunde Stelle, so dass ich ihn von Herzen wegwünschte. Sie schnitten ihn ab und badeten ihn. Er wurde gewogen: Mami durfte ihn auf die Arme nehmen: Freudentränen rannen ihr über die Wangen. Sie wollte ihn mir bringen, ich schüttelte nur den Kopf, denn die wunde Stelle brannte mich entsetzlich, auch war die Nachgeburt noch bei mir. Nun kamen sie wieder zu mir. Dr. Jeklin machte ein paar Press- und Drückbewegungen auf meinem Bauch und plötzlich ging ein ungeheurer, warmer Blut­kuchen ab, und sofort war mir «vögeliwohl». Ich hatte aber noch etwas vor mir: Der grosse Bub hatte mir drei Dammrisse gerissen, sie mussten noch vernäht werden, ich gab aber keinen Laut von mir. Und nun begann ein allgemeines Lob über meine Tapferkeit während der ganzen Nacht. Als ob sie denn wüssten, wie wenig oder wie sehr es wehgetan. Wenn ich kein einziges Mal geschrien, so war dies sicher nur, weil ich eben nicht musste. Als der Dr. sagte: «Es ist doch nicht, dass es ein Bub ist?», antwortete ich: «Ja, aber das nächste muss dann ein Mädchen sein!» Ich dachte also schon an das nächste!

In São Paulo wartete Gian schon seit Tagen auf eine Nachricht. Am 24. Januar frühmorgens war es soweit.407

CABOGRAMMA

M. 1 LANDQUART 12 3.30 24 ZIR

CAPREZ

RUA 7 ABRIL 68 SPAULO

SOHN SAMSTAG 3 UHR BEIDE WOHL

GRETI

Auf dem Weg zum Polytechnikum ging er beim Telegrafenamt vorbei.

GROSSE FREUDE

WUENSCHE GUTE GENESUNG ERWARTE

LETTERTELE JETZTIGES BEFINDEN

FREUNDLICH WORT GIANIN

Im Büro behielt er die Neuigkeit für sich.408 Sie schien ihm zu kostbar, um sie mit jemandem zu teilen. Als er abends nach Hause kam, wartete die erbetene Antwort.

NORMALER VORGANG BEGINN NEUNZEHN ENDE DREI UHR

NEUN PFUND BEIDE MUNTER409 FREUDE

GRETI

Immer wieder schaute sich Gian die beiden kleinen Fotos an, die Greti ihm vor einigen Wochen geschickt hatte von sich und dem leeren Korb.410 Liebes, wie hast Du es überstanden, und «er», wie sieht denn «er» aus?, erkundigte er sich. Es ist schon so unrecht, dass ich hier wie ein Murmeltier schlafe und mich so wohl wie nur möglich fühle, währenddessen Du Dich in Schmerzen quälst. Wirst Du diese Nacht wohl schlafen können? Du musst mir dann jeden Abend erzählen, was Du alles erlebt und gefühlt hast, seitdem Du von mir fort bist, sonst verliere ich den Zusammenhang zwischen uns beiden und «ihm», und «es» soll mir doch nicht fremd vorkommen.411

Während Gian diese Zeilen schrieb, brach fast zehntausend Kilo­meter412 weit weg in Igis der Morgen an. Greti erwachte nach der ersten kurzen Nacht als Mutter. Auf dem Tisch stand ein Strauss roter Nelken, den ihre Freundin Verena mitgebracht hatte.413 Greti fühlte sich sehr müde, aber gleichzeitig munter.414 Neben ihr lag das Kind im Zainli und schlief.415 Komisches Gefühl, dass «es» nicht mehr bei uns ist und «selbständig» und so gross in seinem Korb.416 Sie nahm den Brief zur Hand, den sie drei Tage zuvor angefangen hatte, als sie noch verzweifelt am Warten war, und fügte mit zittriger Schrift ein paar Zeilen hinzu.

Sonntag, 25. Januar 1931

Brüderlein, hast Du mir einen «Gwaltgüggel» mitgegeben! Er ist sehr gross: neun Pfund. Durchschnitt eines Neugeborenen: 6,2 Pfund. Ich hatte nicht gewusst, dass so ein eintägiges Wesen so brüllen kann. Er hat die letzte, seine erste ganze, Nacht gebrüllt von zehn bis vier Uhr ohne Unterlass und von da an ein bisschen ergebener und mit Unterbruch. Brüderlein, wir werden beide fest zusammenstehen müssen, um seinen Starrkopf anheben zu ­mögen. Von der Geburt schreibe ich Dir morgen. Heute noch zu müde.417

Zwei Wochen später hielt Gian den Brief mit dem ausführlichen Geburtsbericht in Händen. Als er ihn las, war er erleichtert und stolz zugleich. Du gutes tapferes Greti, Liebste, weisst Du denn, welche Freude ich an Deinem Brief habe!418 Ich kauerte vor jedem Satz, las ihn langsam und gespannt und fand mich bald laut lachend, bald misstrauisch abwartend und ernst. Aber Du hast so glänzend geschildert, dass ich es miterlebte, als ob ich auch bei Dir gewesen wäre, dazu wusste ich ja auch, dass es nicht sehr schlimm kommen sollte, was ich, wenn ich bei Dir selbst gewesen, nicht hätte wissen können. Und wie das Kind419 in ­Nanis Arme gelegt wurde, da merkte ich, dass auch ich feuchte Augen hatte. Dass Du es von Dir weghaben wolltest, begreife ich gut, es freut mich «usinnig», wie Du Dich verhalten hast. Deine Sachlichkeit ist ganz glänzend.420

Noch immer konnte Greti kaum glauben, dass sie dieses Kind empfangen, ausgetragen und geboren hatte. In Gedanken nannte sie die Zeugung das Wunder vom 14. April.421 Dass sie den Zeitpunkt der Empfängnis genau geplant hatte, daran wollte sie sich mittler­weile nicht mehr erinnern. Es ist zu mir gekommen aus Eigenwillen, da wir meinten, sein Dasein noch nicht verantworten zu können. Da «es» nun aber wider unseren Willen uns geworden war, konnte es nicht anders sein als dass «es» uns geschenkt worden.422 Das Wunder hatte jetzt einen Namen: Gian Andrea Caprez. Gretis Vater bedauerte, dass der Enkel nicht Roffler hiess.423 Sie pflichtete ihm insgeheim bei, trauerte aber nicht um den Stammhalter, sondern um die Aner­ken­nung ihres Beitrags an dem kleinen Wunder. Ganz recht ist es nicht: die Mühen haben wir Frauen, aber unseren Namen dürfen wir dem ­Erfolg der Schmerzen nicht geben. Aber Name ist Schall und Rauch. Wie der Mensch ist, ist die Hauptsache.424 Für beide Grosselternpaare war Gian Andrea das erste Enkelkind. Sie nannten es liebevoll Hans-Hühnchen und wussten sich nicht zu fassen vor Freude.425

Die Erziehung war für Greti vom ersten Tag an ein Kampf. Gemäss der modernsten Säuglingspflege sollte eine Mutter ihr Kind alle vier Stunden stillen, angefangen um sechs Uhr früh. Um zehn Uhr abends gab sie ihm die letzte Mahlzeit, danach für acht Stunden nichts mehr. Hebamme Anny blieb die ersten drei Wochen nach der Geburt im Pfarrhaus und unterstützte Greti dabei, den Stillrhythmus einzuhalten. Die Grossmütter zeigten sich skeptisch, ein solch strenges Regime war ihnen fremd. Doch Greti wollte das Kind früh ans Durchschlafen gewöhnen.426 Es sei ja zum Besten für alle, rechtfertigte sie sich vor Gian. Wenn die beiden ­Nanis erzählen, dass sie bei ihren Kindern ein ganzes Jahr jede Nacht fünf bis sechsmal aufgestanden seien, so will ich lieber jetzt noch ein paar Nächte das Geschrei und die Bächlein meiner Milch, dafür aber nachher Ruhe für mich, Dich und es.427

So leicht, wie Greti gehofft hatte, gewöhnte sich Gian Andrea allerdings nicht an die Stilldisziplin. Hans-Hühnchen versucht es noch jede Nacht, unsere Herzen zu erweichen, berichtete sie Gian am vierten Tag nach der Geburt. Aber weder die «Gluggeri» noch die Mutter sind barmherzig. Sie schweigen, wenn sie auch nicht schlafen können. Freilich wenn man bedenkt, dass er von vier bis halb sechs brüllt, schmatzt und mit offenem Mäulchen in der Luft herumfährt, es an seinen Fäustchen und dem Kopfkissen versucht und unterdessen aus der übervollen Brust der Mutter zwei Bächlein rinnen, so ist dies viel geopfert für den Götzen Erziehung.428 Sie fühlte sich ohnmächtig, und in ihr regten sich leise Zweifel, ob der eingeschlagene Weg der richtige sei. Doch dann riss sie sich zusammen. Es muss werden, wir müssen es zum Durchschlafen, zu acht Stunden Ruhe bringen.429

Am sechsten Tag war Greti der Verzweiflung nah. Das Kind brüllte nachts immer noch zwei Stunden, obschon es tagsüber viel trank. Sie befürchtete, die Erziehung werde so nie gelingen.430 Die Nächte waren eine Qual, und auch tagsüber kam Greti nicht zur Ruhe. Der Besuch gab sich die Klinke in die Hand, Gians Mutter hatte sich gleich für mehrere Tage einquartiert. Sie sehnte sich danach, zwei Tage am Stück ganz allein zu sein mit dem Kind.431 Nur über den Besuch ihrer Freundin Verena freute sie sich. Verena, die Weggefährtin, mit der Greti alles besprechen konnte, was sie bewegte: die Arbeit als Theologin, Ehe und Mutterschaft und die Möglichkeit, alles miteinander zu verbinden.

Darmowy fragment się skończył.

Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
527 str. 29 ilustracji
ISBN:
9783038551935
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Bookwire
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