Czytaj książkę: «Seidenkinder»
Christina Brudereck
Seidenkinder
Roman

Impressum
Bibliografische Information Der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.d-nb.de abrufbar.
ISBN 9783865064417
1. Auflage 2008
© 2006 by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers
Einbandgestaltung: Miriam Gamper, www.dko-design.de
Titelfoto: Getty Images
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2013
www.brendow-verlag.de
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Die Namen und ihre Bedeutung
Danksagung
Für die,
von denen diese Geschichte handelt.
Für Katharina und Stefan,
die mich mit ihrer Liebe zu Indien beschenkten.
Für Jaya,
der handelt, liebt und schenkt.
grace
a thought, that changed the world
(Bono)

Kapitel 1
Trockenheit und Hitze. Ihr war, als würde sie Staub atmen. Sie rieb sich gedankenverloren ihre alten Hände. Die dunkle Haut war spröde. Der Palar war jetzt seit Wochen ein Fluss ohne Wasser. Heute fühlte sie sich sehr müde. Ein Fluss ohne Wasser ist etwas sehr Trauriges, dachte sie. Wie ein Lied ohne Melodie; ein Lied, das niemand singen kann. Sinnlos. Wie ein Mensch, der nicht liebt und nichts zu schenken hat. Ohne Wasser kein Fluss.
In Gedanken wanderte sie wieder am Palar entlang. Seit ihrer Kindheit hatte der Wasserstand über Glück und Unglück entschieden. In der Regenzeit hatte der Monsun den Fluss immer über die Ufer treten lassen, im trockenen Winter dagegen konnte aus dem großen Fluss ein kleiner Bach werden. Sie konnte sich aber nicht daran erinnern, dass er früher jemals so vollkommen ausgetrocknet gewesen war wie heute. Irgendwie schien dieses Land mit seinen Flüssen, Bergen und Wäldern noch mehr aus dem Gleichgewicht geraten zu sein. Sie wusste nicht, warum. Als kleines Mädchen hatte sie Hochwasser und Trockenheit, Regen und Sonne einfach so hingenommen, irgendwie sicher von den Göttern gelenkt. Heute ahnte sie zumindest, dass es für einige dieser Phänomene, Überflutung und totale Dürre, sehr menschliche Erklärungen gab - aber das war nur eine Ahnung, sie durchschaute die Zusammenhänge nicht. Aber sie könnte ihren Sohn danach fragen.
Sie hatte hier schon als ganz junges Mädchen Wäsche gewaschen, um sie dann gleich auf den großen Wiesen trocknen zu lassen. Unter Indiens Himmel brauchte ein Sari nicht einmal eine halbe Stunde und alles Wasser war in der heißen Sonne verdampft. Sie dachte an die bunten Farben und an die flinken Hände ihrer Tante, an die anderen Kinder, mit denen sie gespielt hatte. In ihrer Erinnerung verschwammen die Kleider, die Hitze, das Wasser und die Nähe ihrer Freundinnen zu einem vagen Gefühl von Geborgenheit. Das alles war lange her. Wieder einmal wunderte sie sich, dass auch aus schweren Zeiten leichte Bilder und Eindrücke für eine Seele zurückbleiben konnten.
Sie musste wohl eingenickt sein und als sie jetzt aufwachte, war sie kurz verwirrt. Ihre Erinnerungen waren weiter bis in ihre Träume mitgegangen und hatten dort Gefühle wachgerufen, die doch eigentlich für immer schlafen sollten. Sie blieb noch für einen Moment in ihrem Schaukelstuhl sitzen, schüttelte den Kopf, um die Gedanken zu verjagen wie eine lästige Fliege. Dann stand sie für einen Moment da, sah sich um und machte sich an die Arbeit, die Reste des gestrigen Abends zu beseitigen.
Gestern Abend. Sie hatten Gäste gehabt. Vier Amerikaner. Hier in ihrem kleinen Haus. Sie arbeitete heute langsam und erlaubte den Gedanken, sie zu unterbrechen.
„Priya, dies ist dein Zuhause“, sagte sie beruhigend zu sich selbst. Wenn man bedachte, wo sie herkam und dass sie lange überhaupt kein Zuhause gehabt hatte, konnte sie nur staunen. Ihr kleines Haus war ein sauberes Haus, in dem es kühl war. Der Steinboden hatte bunte Kacheln, die sie sehr mochte. Die Wände waren weiß. Im kleinen Vorhof zur Straße stand ein Mangobaum, der sogar Früchte trug, weil er von ihrem Sohn gut gepflegt wurde. Drei Stufen führten zur Haustür - eine Hütte hatte niemals eine Treppe - und sie mochte es, dort zu sitzen, am frühen Abend, wenn die Steine noch warm waren von der Sonne und ihr Sohn gleich nach Hause kommen würde. In ihren Augen war das alles hier wunderbar.
Gestern hatte sie den Gästen ein Festessen serviert, mit Gemüse, Fisch, Fleisch und Curry und verschiedenen Sorten Nan. Sie hatte den ganzen Tag in der Küche gearbeitet und die Speisen so zubereitet, wie sie es gelernt hatte. Nicht wie andere junge Mädchen von ihrer Mutter, sondern später, als Haushälterin, mühsam und mit vielen Nachfragen. Sofort hatte sie die Küche vor Augen, in der sie so lange Jahre Stunden um Stunden gearbeitet und allmählich ihr Glück gefunden hatte.
Sie reiste in letzter Zeit oft in die Vergangenheit, hatte sie festgestellt. Erinnerungen holten sie ein. Vielleicht war das so, wenn man alt wurde? Ließen dann alle ihr Leben noch einmal an sich vorbeiziehen? Gehörte das dazu - wie eine Vorbereitung auf den nächsten Schritt? Sie stand da, in ihrer eigenen Küche jetzt, eine der Schüsseln von gestern Abend in der Hand, und wie im Traum ging sie mit ihrem Zeigefinger den Schüsselrand entlang, führte ihn zum Mund und schmeckte genussvoll die Mischung aus Linsen, Knoblauch, Safran und Öl. Ein Rezept, das der Junge, der bei ihnen lebte, Ganesh, erst kürzlich mit in ihr Leben gebracht hatte.
Noch einmal ging sie mit dem Finger durch die Schüssel. Naschen, dachte sie kurz, das war auch so eine kleine Regung, die es nur dann gab, wenn genug zu essen da war. Arme hatten nichts zu naschen, sie wusste es noch. Bevor die Erinnerung sie wieder mitreißen konnte, zwang sie sich, mit ihren Gedanken zum gestrigen Abend zurückzukehren. Es erschien ihr wichtig, zu verstehen, was in ihrem Haus geschehen war, ausgesprochen und zwischen den Zeilen.
Zufrieden hatte sie zugesehen, wie die Gäste jede ihrer Spezialitäten genossen. Ungewohnt, das wusste sie, weil man ihnen kein Besteck, nicht einmal einen Löffel gegeben hatte, sondern sie nötigte, mit der Hand zu essen. Ja, sie waren zu Gast in Indien und wurden deshalb großzügig bewirtet. Es war immer eine Ehre, einen Gast zu haben. So hatte sie es gelernt und so vermittelte sie es Ganesh. So war es richtig. Aber von Gästen wurde gleichzeitig auch erwartet, dass sie einige ihrer indischen Bräuche mitmachten. Es war wie ein kleiner Scherz, eine Art freundlicher Seitenhieb gegen die sogenannte Zivilisation. Bei dem Gedanken musste sie lächeln und das Bild von den weißen Händen, die unerfahren ihr Essen zum Mund führten und sich danach zu sehnen schienen, einen Löffel zu halten, entlockte ihr sogar kurz ein richtiges Lachen, ein Glucksen von tief innen.
Früher war sie schüchtern gewesen, wenn Gäste kamen. Geschäftsleute, Missionare, Gelehrte waren Menschen, die weit gereist waren und viel von der Welt gesehen hatten. Wer war da sie? Priya, Mutter, Haushälterin, Köchin, Inderin, lebenslang? Eine alte Frau in einem Sari. Sie zupfte den Stoff zurecht, Seide, hellgelb, von feinen Goldfäden durchzogen und mit einer aufwendig verzierten Schmuckborte am Saum. Eine Bahn feinstes Tuch, geschickt gewickelt, einmal um die Hüften gedreht, über die eine Schulter gelegt, gewickelt, über der Choli, der engen Bluse. Noch einmal strich sie mit ihren trockenen Händen über die Seide. Eine fünf Meter lange Stoffbahn, die ganz ohne Nähte, Knöpfe und Reißverschluss auskam und einfach, aber gekonnt um einen Körper gehüllt wurde. Zusammengehalten höchstens von ein paar Sicherheitsnadeln, versteckten kleinen Helferinnen. Ein Sari verlieh Würde, jede Frau wusste das. Auf geheimnisvolle Weise sagte dieses Kleidungsstück jeder, die es trug, dass sie selber einzigartig sei. Das war der Zauber der Farben, der Seide, der Stickereien. Sie atmete tief durch. Seide, sie war fein und stark gleichzeitig, so wie ein Mensch sein sollte. Indien steckte voller Schätze und es war richtig, sie zu zeigen, andere damit zu beschenken, sie selber immer wieder für sich zu entdecken.
Über die Jahre hatte sie sich immer häufiger von ihrem Sohn überreden lassen, sich nicht in der Küche zu verstecken oder sich in ihr Zimmer zurückzuziehen, sondern auf ihre Weise Teil der Gemeinschaft zu sein.
Früher hatte es diese Möglichkeit zum Rückzug gar nicht gegeben, keinen solchen Schutz der Privatsphäre. Aber hier hatte sie ein eigenes Zimmer. Sie konnte sich noch genau an die erste Nacht darin erinnern, als sie vor etwa zehn Jahren hier eingezogen waren. Am Tag hatte sie die Küche eingeräumt und war dann zwischendurch immer wieder den kleinen Flur entlang zu ihrem Zimmer gelaufen, hatte die Tür geöffnet, vorsichtig in den Raum geschaut und war dann zufrieden wieder zurück in die Küche gegangen. Über die Schwelle wollte sie erst am Abend gehen. Feierlich. Und bis dahin würde sie sicher noch ein paar Mal hinlaufen, wie um zu sehen, ob es noch da war und nicht nur ein Traum.
Damals, vor Jahren, an jenem ersten Abend hier in ihrem neuen Haus, hatte sie den Moment, schlafen zu gehen, noch eine Weile hinausgezögert, hatte dann schließlich ihrem Sohn eine gute Nacht gewünscht und war in ihren Saal getreten. Ja, so fühlte es sich immer noch an: groß und prächtig und sicher. An der einen Wand stand ein Bett mit einer Matratze, einem hellen Laken und einer gewebten grünen Decke. Darüber hingen ein Bild von Teresa und eine Ikone, die eine schwarze indische Maria mit ihrem Baby zeigte. In einer Ecke stand ein Stuhl. In einem Regal lagen ihre Kleider und ihre Habseligkeiten: einige sorgfältig gefaltete Saris, ein zweites Paar Sandalen, ein paar Bänder fürs Haar, ihre alte Brille, ein Stück Seife, eine Bibel. Unter dem Bett konnte sie ihren Koffer erkennen. Das war ihr Reich. Sie hatte es an jenem Abend nicht begreifen können und verstand es immer nicht so recht. Sie konnte jetzt eine Tür schließen und man würde anklopfen, wenn man etwas von ihr wollte. Sie würde so etwas sagen wie „Ja, bitte, gerne, herein, willkommen“ und sich freuen, dass jemand zu ihr kam.
Sie hatte sich damals in der ersten Nacht zuerst einmal vor ihr Bett gekniet und ihre Gebete gesprochen. Eine ganze Weile. Dann hatte sie sich in ihr Bett gelegt, aber ihre Augen konnten nicht schlafen und waren nicht zu überreden, sich zu schließen. Sie mussten schauen und durch ihren Saal wandern, streifen, ja schreiten. Das kleine Fenster, das ein bisschen Licht und Geräusche von der Straße hereinließ, die Tür mit dem Spalt, der ihr zeigte, dass noch Licht im Wohnzimmer war und ihr Sohn also noch wach, der Kleiderhaken mit dem Bügel und ihrem Sari, den sie heute getragen hatte. Das alles war ihres. Immer wieder schüttelte sie ungläubig den Kopf. Sie hatte kaum geschlafen in dieser Nacht und am nächsten Morgen wieder gedacht: Was für ein Luxus! Ein ganzes großes Zimmer für ein paar Stunden in der Nacht und wenige kleine Momente während des Tages. Ein Schlafzimmer für eine alte Frau und dann hatte sie noch nicht einmal darin geschlafen, sondern hatte wach gelegen. Ob sie das Zimmer wirklich brauchte, war eine andere Frage, aber sie wollte es würdigen und dankbar dafür sein; zurückziehen aber würde sie sich hierhin selten, das wusste sie schon. Je älter sie wurde, desto mehr liebte sie es, mit anderen zusammen zu sein.
Gestern Abend also hatte sie sich nicht zurückgezogen, sondern war dazugekommen. Sie hatte wie selbstverständlich in ihrem Sessel Platz genommen und von hier aus den restlichen Abend über die ganze Szene beobachtet. Ihrem Sohn zuliebe, sagte sie sich zwischendurch ein paar Mal, wie zur Vergewisserung, dass es richtig war. Wenn sie ehrlich war, wusste sie aber, dass sie inzwischen selber sehr gerne Teil dieser Gastrunden war.
Ein undeutliches Bild entstand vor ihren Augen. Es war der Moment, als sie die Mangos serviert hatte. Die Gäste hatten die sorgfältig in kleine Stücke zerlegten, zuckersüßen Früchte ganz andächtig gegessen. Ein fast heiliger Moment. Voller Staunen. Sie nickte innerlich und dachte: Ja, es gibt viele Arten zu beten. Das Sprechen mit dem ganz anderen ist manchmal ein Reden, dann wieder ein mehr schweigendes Hören, es kann auch ein Aufschrei sein oder ein abgrundtiefer Seufzer. Mancher kniet sich hin, so wie sie selbst, andere liegen abends in ihrem Bett, wieder andere gehen nach draußen vor die Tür, vielleicht weil der Himmel dort nicht so versperrt wirkt. Es gibt viele Arten, zu beten, oh ja. Gestern Abend hatten ein paar Gäste sorgfältig zerlegte zuckersüße Mangos gegessen. So konzentriert, aufmerksam, genießerisch, in sich versunken, abwesend, andächtig, einige schlossen sogar für einen Moment die Augen. Sie schmunzelte. Noch einmal dachte sie, berührt von dieser kleinen Entdeckung, die ihr sofort heilig wurde: Es gibt viele Arten zu beten, aber so, Mangos genießend, hatte sie es gestern Abend zum ersten Mal gesehen.
Dem Gespräch hatte sie nicht folgen können, die schnellen englischen Wörter flogen an ihr vorbei wie bunte kleine Vögel. Gezwitscher.Sie wusste, wenn sie wollte, konnte sie sich trotzdem jederzeit in das Gespräch einmischen, überraschend, aus dem Sessel in der Ecke. Sie war alt und genoss Respekt. Schließlich, auch das durfte man nicht vergessen, war sie ja seine Mutter. Priya, wie ihr Name sagte, geliebt. Und so erzählte sie manchmal eine ihrer Lieblingsgeschichten, wohl wissend, dass ihr Sohn die Geschichte schon kannte und die Gäste ihrer Muttersprache, Tamil, so wenig folgen konnten wie sie ihren englischen Worten. Aber keiner hatte es jemals gewagt, sie zu unterbrechen. Man sah sie in diesen Momenten dann interessiert an, nickte sogar zu ihren Worten und sie plauderte eine Weile. Bis sie die Lust verließ, ihr kleines Spiel zu spielen und sie ihre Hände über dem Bauch faltete, sich zurücklehnte und wieder schweigend in ihrem Sessel saß. Sie tat es mit einem Lächeln. Und ihr Sohn hatte ihr einmal gesagt, dass man dieses Lächeln „wissend“ nenne. Das hatte ihr gefallen. Denn es wirkte dann so, als würde sie ein Geheimnis kennen. Und vielleicht war das ja gar nicht so falsch.
An die Spüle gelehnt, stand sie da und sah aus dem Fenster. Sie füllte ein Glas mit Wasser und trank ein paar kleine Schlucke. Sie dachte an ihre Kinder. Sie alle waren erwachsen geworden und hatten etwas gelernt. Sie fühlte sich kurz wie eine Heldin. Ihr Ältester, Jaya, war sehr dunkel. Dunkler als sie, das war das, was wohl jeder als Erstes wahrnahm. Seine Haut war schwarzbraun und glatt. Sie sah ihn vor sich: Er war immer sorgfältig rasiert und trug sein Haar, das an den Schläfen ganz allmählich weiß wurde, kurz - ein interessanter Kontrast zu seinem Gesicht. Er wirkte schmal und klein, besonders heute im Verhältnis zu den ausländischen Gästen. Sein hellblaues Hemd ließ ihn frisch aussehen und fiel großzügig über den kleinen Bauchansatz. Aber das Auffälligste blieb sein Gesicht: Sein kräftiges Kinn zeigte seine Willensstärke, seine klugen Augen, wie wach er war. Er hatte immer viel gearbeitet, als Kind schon, und er liebte Menschen.
Als sie gestern Abend schließlich müde vor ihrem Bett kniete, ihren Knien sah man dieses Ritual nach den vielen Lebensjahren an, hatte sie den Gott, dem sie vertraute, wieder einmal darum gebeten, er möge ganz besonders gut auf das Herz ihres Sohnes aufpassen und ihm göttliches Licht und Leichtigkeit schenken.
Sie dachte an die Zeit zurück, als er zur Welt gekommen war. Wie schwierig alles war, weil ihr Mann in den ersten Jahren monatelang weit weg in Sri Lanka gearbeitet hatte und trotzdem nur sehr wenig Geld für sie zu Hause erübrigen konnte. Sie war Mutter von vier Kindern und dann Witwe und Mutter und eigentlich die ganze Zeit über immer schon vollkommen auf sich gestellt gewesen. Aber sie hatte großes Glück gehabt, hatte Arbeit gefunden und ihre Kinder hatten alle zur Schule gehen können, das Mädchen und die Jungen. Sie waren alle lebhaft und fleißig und man hatte sie unterstützt. Sie hatten ihre Chance erkannt und wahrgenommen, ja wahrhaft ausgeschöpft.
Als sie heute Morgen aufwachte, war Jaya schon weg gewesen. Sie merkte beim Aufräumen bald, dass es dabei nicht um die paar Teller und Schüsseln ging, sondern vor allem um die verschiedenen Eindrücke, die diese Gäste in ihrer Seele hinterlassen hatten.
Wieder schüttelte sie den Kopf, aber die Gedanken ließen sich nicht verjagen. Die Mischung aus Fremdheit und Dankbarkeit, die sie gegenüber dieser Art von Gästen jedes Mal empfand, brachte Unruhe in ihren Kopf. Ein irritierendes Durcheinander von Gefühlen, Erinnerungen und Verpflichtungen. Die Gewissheit, dass sie die größte Verbundenheit immer ihrem Sohn entgegenbringen würde, schenkte ihr vorläufig Frieden.
Um sich abzulenken, stellte sie den Fernseher an. Er brachte Bilder und Worte in ihr kleines Haus, er brachte die Welt zu ihr. Ein Freund kam manchmal abends vorbei, um mit Jaya die Nachrichten anzusehen, und meinte dann oft kopfschüttelnd, so ein Fernseher sei doch ein Wunder. Aber da hatte sie nur jedes Mal entschieden widersprechen können. Ein Fernseher zählte zu den Phänomenen, die dieser Freund und sie selber nicht erklären konnten, aber sie wusste, es gab Menschen, die diese Dinge sehr gut begreifen, verstehen und sogar weiterentwickeln konnten. Ein Wunder aber war etwas vollkommen anderes. Und das sollte er eigentlich auch wissen. Ein Wunder war ein Ereignis einer ganz anderen Dimension.
Die aktuelle Sendung zeigte, dass mehrere Tausend Reisbauern in Chattisgarh verhaftet worden waren. Das weckte ihr Interesse. Die Männer, Frauen und Kinder hatten das Demonstrationsverbot missachtet, waren in den Bus der Polizei gesetzt und zur Polizeistation gebracht worden, wo man wohl ihre Namen aufgeschrieben und sie dann wieder hatte gehen lassen. So etwas kam immer mal wieder vor. „Saatgut-Satyagraha“ nannten sie ihre Aktion.
Sie musste lachen, ein feines Kichern jetzt, das Einverständnis ausdrückte und Zufriedenheit, weil ihr klar wurde, dass diese mutigen Bäuerinnen und Bauern eigentlich nur taten, was sie im Geschichtsunterricht gelernt hatten, falls sie zur Schule gegangen waren. „Satyagraha“, das war ziviler Ungehorsam. Satyagraha war die gewaltlose Bewegung für die Wahrheit, für die Freiheit Indiens, gegen die Fremdherrschaft durch die Kolonialmacht, gelernt aus den Büchern oder, wie man auch sagen könnte, vererbt von Gandhi, einem ihrer wirklich Großen. Und diese Methode hatte nicht nur politische Freiheit durchgesetzt, sie überzeugte bis heute als Mittel, um politische Ziele zu erreichen. Aber sie verstand nicht genug von den Zusammenhängen, um wirklich zu erkennen, wofür diese Bauern kämpften. Intuitiv aber war sie auf ihrer Seite und stimmte ihrem Anliegen innerlich zu.
Auch danach würde sie ihren Sohn heute Abend fragen. Worum ging es bei dieser Satyagraha der Reisbauern? Sie wollte es wissen. Sie mochte alt sein, aber noch lebte sie schließlich in dieser Welt.

Kapitel 2
Anne stand vor dem Spiegel und trug sorgfältig etwas Lippenstift auf, dezent, rosig. Sie lächelte sich selber zu und sagte: „Anne, sei mutig! Du schaffst das.“ Ein kurzer Schwindel überkam sie bei dem Gedanken, dass sie in diesem letzten Abschnitt ihres Lebens noch so scheinbar unendlich viel zu erledigen hatte. So viele Geheimnisse mussten bewahrt, andere dagegen dringend enthüllt werden. Sie warf sich einen letzten trotzigen Blick zu und ging die Treppe hinunter in die Küche.
Wie jeden Morgen nutzte sie die vierundzwanzig Stufen, um sich auf die ersten Begegnungen des Tages vorzubereiten. Ihr Sohn und ihre Schwiegertochter würden beide eine Tasse heißen Kaffee vor sich stehen haben, daneben ihren jeweiligen Lieblingsteil der Tageszeitung. Sie fragte sich, ob Matt jemals etwas anderes las als innen- und außenpolitische Neuigkeiten und ob Amys Welt nicht ohnehin nur ein einziges Feuilleton war. Die beiden würden nicht viel reden, sie mit einem kurzen Nicken begrüßen und wieder zwischen den Zeilen versinken. Anders Tom, ihr Enkel, der sich tatsächlich immer noch jeden Morgen zu freuen schien, sie zu sehen. Und das war jetzt seit seiner Geburt vor siebzehn Jahren so.
Als sie die Küche betrat, spürte sie sofort, dass etwas Wichtiges geschehen sein musste. Wenn es wohl auch noch nicht zur Sprache gekommen zu sein schien, denn alle schwiegen. Sie sah zu ihrem Sohn hinüber und ihre Blicke trafen sich. Wärme überkam sie und die Gewissheit von Verbundenheit und Verstehen. Es war wieder so weit. Er würde sie erneut für eine Weile verlassen. Sie wusste es sofort. Sie riss sich zusammen, um nicht ihren ersten Impuls laut zu äußern: Bitte, entscheide dich diesmal aber endlich für das richtige Land!
Matt wusste später nicht mehr, warum ausgerechnet dieser Zeitungsartikel ihn so berührt hatte. Vielleicht lag es an seiner eigenen Angst vor Wasser. Schwimmen hatte er eigentlich nie richtig gelernt, was für einen Jungen in Kalifornien, der wie alle seine Freunde einen großen Pool im Garten hatte, äußerst ungewöhnlich war. Die Vorstellung, nachts im Schlaf von einer nassen Flut überrascht zu werden, war einfach unerträglich. Die Bilder, die der kurze Artikel in ihm auslöste, waren schrecklich. Er sah ganze Dörfer, die weggeschwemmt wurden, weil niemand der Bevölkerung rechtzeitig Bescheid gesagt hatte. Er sah Kinder. Er sah die gigantischen Mauern eines Staudamms. Und spürte plötzlich den spontanen Wunsch, nach Indien zu reisen.
Er hatte solche Gedanken schon früher gehabt, war in Nicaragua gewesen, in Brasilien, in Israel und Palästina, in Südafrika. Er hatte sich als Wahlbeobachter engagiert und in der Entschuldungskampagne, hatte immer wieder kleine Projekte unterstützt, die ihn überzeugten, sich als Anwalt eingemischt, für amnesty gearbeitet. Aber Indien war bisher nicht in seinen Plänen vorgesehen gewesen. Er reiste gerne. Aber nicht, um Urlaub zu machen, sondern um die Welt kennenzulernen, um zu verstehen und, wenn es möglich war, um irgendwie zu helfen. Um zu tun, was er konnte. Er hatte genug Geld verdient, jetzt fragte er sich, wozu.
Er sah seine Frau an und nahm ihre Hand, drückte sie kurz, beugte sich zu ihr und gab ihr einen sanften Kuss auf die Wange. Sie dankte es ihm mit einem Lächeln, allerdings ohne sich auch nur einen Moment wirklich ablenken zu lassen. So war sie, Amy. Er sah seinen Sohn an, Tom. Die perfekte Mischung aus Amy und ihm selbst. Er hatte ihren Stolz, aber nicht ihr Misstrauen, seine Zugänglichkeit, aber nicht seine Leichtgläubigkeit. Er hatte außerdem ihren Sinn für Kunst und Logik und sein Faible für Sprachen. Lange Beine wie sie beide und seine hohe Stirn. Und er hatte die Liebe, die beide diese siebzehn Jahre lang an ihn weitergegeben hatten. Ob er eher ihren Ehrgeiz oder seinen Idealismus geerbt hatte, würde sich wohl erst in den kommenden Jahren herausstellen. Er sah ihn an und ein zweiter Gedanke überkam ihn, ebenso heiß wie der plötzliche Wunsch, nach Indien zu reisen: Er würde Tom mitnehmen. Diesmal würde ein Sohn ihn begleiten und sie beide, ein Vater und sein Kind, würden gemeinsam eine neue Welt entdecken.
Manchmal dachte er, dass seine Mutter tatsächlich Gedanken lesen konnte. Auf ihrem Gesicht lag in diesem Moment so etwas Friedliches, wie ein Schimmer von tiefer Freude, unterstützt vielleicht von dem zarten Rosa ihres Lippenstiftes. Sie sah auf die Zeitung, die vor ihm lag, und dann hoch zu ihm. Ihre Blicke trafen sich. Er wusste, sie hatte wahrgenommen, dass er den Artikel über das Narmada-Tal gelesen hatte. Sie hatte Tränen in den Augen und nickte ihm zu. „Endlich“, sagte sie. „Endlich wirst du nach Indien reisen.“
Amy guckte fragend Matt an, der unsicher und wie ertappt sagte: „Der Gedanke kam mir tatsächlich gerade erst, heute Morgen, als ich diesen Artikel hier las.“
Amy las schnell die Überschrift und fragte leise: „Und wann? Wann wirst du dorthin reisen?“
Matt zögerte, als würde er auf eine innere Uhr hören, und meinte dann: „Im Frühjahr, wenn Tom mit der Schule fertig ist. Ich will, dass Tom diesmal mitkommt.“ Amy stand auf, ging zum Kaffeeautomat. Das Zermahlen der Bohnen dröhnte in der Stille wie ein feindlicher Hubschrauber im Anflug.
Mit einer Tasse frischem Espresso kam sie zurück an den Küchentisch und sah jetzt herausfordernd ihre Schwiegermutter an. „Und du? Was sagst du dazu? Wirst du deinen Sohn wieder mit deinem Segen ziehen lassen? Und wirst du auch erlauben, dass er diesmal sogar deinen Enkel mitnimmt? Dass er ihn mit hineinzieht in diesen Spleen, die Welt zu verbessern, der offensichtlich niemals enden will?“
Amy sah herausfordernd in die Runde am Tisch, sah die tiefen dunklen Augen ihrer Schwiegermutter, die unruhig suchenden Augen ihres Mannes. Dem irritierten Blick ihres Sohnes wich sie schnell aus, schüttelte den Kopf und setzte sich auf ihren Platz. In der rechten Hand hielt sie die kleine Kaffeetasse, mit der linken strich sie sich die Haare aus dem Gesicht, steckte eine Strähne hinter das linke Ohr, zuckte die Schultern, griff wieder nach der Zeitung, begann zu lesen und atmete dann, wie um das Ganze abzuschließen, hörbar aus. Wieder einmal fragte sich Anne, wie ein Mensch so viel Verachtung in so ein kleines Geräusch wie ein Schnauben legen konnte. Eine Weile sagte niemand etwas. Angespannt warteten alle darauf, wie dieses Gespräch wohl weitergehen würde. Von Amy würde sicherlich nicht der nächste Impuls ausgehen, sie las betont interessiert den Artikel.
Anne blickte ruhig vom einen zum anderen, räusperte sich, nahm einen Schluck aus ihrer Tasse und sagte dann: „Ich bitte dich, Amy, lass ihn gehen.“ Und dann, an ihren Sohn gewandt: „Und dich bitte ich, in Indien einen Auftrag für mich zu erfüllen. Ich wünschte, ich könnte selbst reisen, aber ich bin zu alt. Deshalb musst du jemanden für mich finden und etwas für mich erledigen.“
Damit stand sie auf, nickte in die Runde, scheinbar ohne jemanden besonders zu meinen, und sagte in einem Ton, der kein Nachfragen und erst recht keine Diskussion erlaubte: „Ich habe noch eine Menge zu erledigen, bevor du abreist.“ Und damit verließ sie die Küche.
Sie ging und ließ die Tür leise hinter sich ins Schloss fallen. Am Fuß der Treppe blieb sie kurz stehen, als müsse sie innerlich für sich klären, ob dieses Gespräch ihr Kraft gegeben oder ob es sie Kraft gekostet hatte. Sollte sie mit dieser überraschenden neuen Aussicht, dass ihr Sohn nach Indien reisen würde, die Treppe hinauflaufen wie ein junges Mädchen und zwei Stufen auf einmal nehmen wie früher, weil diese Wende, die sich mit diesem Morgen andeutete, sie beschwingte? Sie entschied sich, der anderen Stimmung zu folgen, und ging bedächtig Stufe für Stufe nach oben, das Tempo nicht nur angemessen für eine ältere Dame, sondern sie würdigte damit auch die Aufgabe, die vor ihr lag, und den teuren Gedanken, dies könne die letzte große Tat in ihrem Leben sein.
Oben angekommen merkte sie, wie ihr Herz klopfte, und der Takt schien sich mit Hämmern in ihrem Kopf, hinter ihren Schläfen, fortzusetzen. Eine Flut von Bildern und Worten, Erinnerungen, geflüsterten Versprechen, Geräuschen, Farben und Gerüchen wollten all ihre Aufmerksamkeit, wie die Kinder einer ihrer Schulklassen früher, die sie umringten, ihr etwas zuriefen, an ihrem Rock zupften, ihre Hand nahmen. Sie war zu alt für dieses Durcheinander im Kopf. Im Herz, dachte sie. Es ist das Herz, das noch einmal gefordert ist, wenn alte Geschichten, die begraben waren, neu zum Leben erweckt werden. Mit diesem Gedanken setzte sie sich in ihren großen alten Sessel am Fenster, legte die orangefarbene Wolldecke auf ihre Knie, nahm ihr Tagebuch zur Hand und begann zu schreiben.
In der Küche war Tom der Erste, der die Stille unterbrach, allerdings nur mit einem fragenden Wort, das dann allein im Raum stand: „Indien?“ In seiner Stimme lag dabei etwas Ungläubiges, ein Staunen. Und jetzt schien es, als würden sie alle drei vorsichtig um dieses eine Wort schleichen, würden sich anpirschen, um sich sehr behutsam zu nähern.
„Indien“, wiederholte Tom nach einer Weile schließlich, aber bevor er noch sagen konnte, was dieses Wort in ihm auslöste, unterbrach seine Mutter ihn schon und meinte: „Seid ihr jetzt alle verrückt? Indien liegt am anderen Ende der Welt. Was haben wir mit diesem Land zu tun? Aber das hat dich ja noch nie gehindert, hier alles im Stich zu lassen. Gibt es in unserem eigenen Land nicht genug zu tun? Was ist so schlimm an Amerika, dass du ihm ständig den Rücken kehren musst? Brasilien, Israel, Südafrika - du bist fast fünfzig und immer noch auf der Reise? Findest du das nicht lächerlich? Was suchst du eigentlich? Was ist so toll daran, weit weg zu reisen? Langweile ich dich? Ist es das?“
Amys Stimme war immer schriller geworden und als Matt beruhigend sagte: „Amy, Schatz, jetzt mach doch nicht gleich wieder etwas Persönliches daraus“, fing sie an zu weinen und meinte unter Tränen und mit kalter leiser Stimme: „Wie soll ich das nicht persönlich nehmen, wenn immer alles reizvoller ist als das Leben an meiner Seite?“
Anne saß oben in ihrem Sessel. Obwohl sie keines der Worte hörte, die unten in der Küche ihrer Kinder gewechselt wurden, ahnte sie, wie sich das Gespräch entwickelte. Amy würde Matt anfahren, mit lauten und scharfen Worten, ihm Vorwürfe machen, ihn zum zigsten Mal einen Weltverbesserer nennen und sich dann zurückziehen, verletzt und unerreichbar für ihn. Matt würde immer stiller werden, würde erst noch eine Weile versuchen, um sie zu werben, und es dann müde aufgeben und sich ebenfalls in seine Welt zurückziehen. Tom würde dabeisitzen und nicht verstehen, wie zwei erwachsene Menschen so aneinander vorbeireden können. Aneinander vorbeileben, dachte sie.
Es kam ihr vor, als würden ihr Sohn und seine Frau tatsächlich in zwei völlig verschiedenen Welten leben. Matt in einer Welt, die aus Nationen und Mächten, Geschichte, Wirtschaftsinteressen und Systemen, Ideologien und großen Zusammenhängen bestand. Er hatte sich nie damit abfinden können, wie diese Welt tickte. Er hatte immer versucht, zu verstehen. Zu hinterfragen. Den Konflikten auf den Grund zu gehen. Hinter die Kulissen von Wahlergebnissen und Reden zu blicken. Er hatte immer betont, dass jede Stimme zählt. Dass jeder Mensch einen Beitrag leisten konnte. Leisten musste. Dass man sich nicht gewöhnen durfte an die Gewalt. Dass Gleichgültigkeit die unmenschlichste Regung von allen war und Desinteresse eigentlich nicht zu verzeihen. Er hatte die unmöglichsten Fälle vor Gericht durchgefochten, angeklagt, verteidigt, um Gerechtigkeit gekämpft.
Amy lebte in einer Welt, die aus Tanz, Musik, Ballett und Theater bestand. Sie trainierte hart und der Erfolg gab ihr recht, zumindest innerhalb ihres Wirkungsbereichs.
Als die zwei sich kennengelernt hatten, damals an der Universität, waren sie beide rebellisch gewesen und hatten sich gegenseitig inspiriert mit Ideen, das Establishment aufzurütteln. Amy hatte die Bühne nutzen wollen, um die allzu Sesshaften mit ihren Tanz-Inszenierungen aus den Sitzen zu holen und wachzurütteln. Mit der Zeit aber, so dachte Anne, hatte sie diese Ziele und Ideale aus den Augen verloren und war selbst immer mehr Teil einer künstlichen Theaterwelt geworden. Ihre jetzige Protesthaltung wirkte zu gewollt. Und wenn sie das Publikum auch animierte, aufzustehen, konnte sie ihm doch nicht genau sagen, wofür oder wogegen eigentlich. Matt hatte ihr ihren Erfolg immer gegönnt, sie unterstützt. Aber er hatte sie gleichzeitig auch beständig dazu herausgefordert, sich treu zu bleiben. Bis er ihr irgendwann vorwarf, ihre gemeinsamen Ideale verraten zu haben. Nur um im Gegenzug von ihr zu hören, dass er nie wirklich erwachsen geworden sei und auf dem Niveau eines Träumers lebte.
Anne wurde traurig bei dem Gedanken, wie wenig sich die beiden inzwischen noch zu sagen hatten. Sie dachte an eine kleine Szene, die ihr offenbart hatte, wie es um ihren Sohn und seine Frau stand: Amy war schweißgebadet vom Training oder vom Joggen, sie konnte sich nicht mehr genau erinnern, nach Hause gekommen und war in die Küche gegangen, um sich eine Flasche Wasser zu holen. Matt hatte sie vom Treppenabsatz aus gesehen und einen kleinen Kommentar abgegeben: „Was für ein Luxus, in einer Welt zu leben, in der einen sonst nichts mehr zum Schwitzen bringt.“
Ob er gewollt hatte, dass Amy diesen spitzen Satz hörte, war Anne nicht klar. Aber sie hatte ihn gehört. Und seit diesem Tag war sie immer seltener zu Hause, blieb immer häufiger im Theater, auch über Nacht, wie, um seinem Zynismus auszuweichen. Anne wusste, dass hinter den bissigen Worten eine tiefe Unruhe lag, eine Sehnsucht, wirklich etwas zu verändern. Und sie wusste, dass sie selber ihrem Sohn diese Haltung vererbt hatte, anerzogen, weitergegeben. Wenn diese Sehnsucht ihn jetzt nach Indien bringen würde, könnte er vielleicht sein Glück finden, dachte sie. Aber er musste seinen eigenen Weg dorthin finden, sie würde sich nicht zu sehr einmischen dürfen. Wie sie sich wünschte, er würde Priya sehen! Und Priya würde ihn sehen - und sie würden das alte Versprechen einlösen können, das sie sich gegeben hatten. Sie merkte, wie unruhig sie bei dem Gedanken wurde. So war es immer schon gewesen: Wenn ihr etwas wirklich am Herzen lag, wollte sie unbedingt, dass Matt es mit ihr teilte. Aber er sollte es freiwillig tun, selbstständig.
Sie kreuzte die Arme vor dem Oberkörper, schloss die Augen und begann sich selbst hin und her zu wiegen. Dazu summte sie ein Kinderlied, aus einer anderen Welt.

Kapitel 3
Priya stand vor der Tür ihres Hauses. Gleich würde Jaya kommen und sie wollte ihn heute direkt hier empfangen. Der Himmel war den ganzen Tag über schon strahlend blau gewesen, die Sonne heiß. Die Mangos am Baum waren reif, auch heute Abend würden sie wieder eine Frucht essen können.
Ein Geräusch ließ sie aufhorchen und zum Nachbargrundstück hinüberschauen. Erst auf den zweiten Blick bemerkte sie die Tochter ihrer Nachbarin, die auf dem Boden vor dem Eingang zu ihrem Haus kniete und traditionelle Ornamente auf den Boden malte. Sie grüßten einander freundlich, die jüngere Frau verbeugte sich, aber Priya gab ihr mit einem Lachen und einem Wink zu verstehen, dass sie es nicht übertreiben solle mit diesen Gesten des Respekts, weil sie sich lieber unterhalten wollte.
Shanti war gerade einmal sechzehn Jahre alt. Sie würde wahrscheinlich demnächst verheiratet werden. Dass ihre Mutter es ihr überließ, die althergebrachten Verzierungen zu malen, sprach dafür, dass sie wie eine erwachsene Frau angesehen wurde. „Was malst du?“, wollte Priya wissen. Shanti trat einen Schritt zur Seite und gab den Blick frei auf das Muster. Es zeigte eine Lotusblüte, ganz nach herkömmlichem Vorbild. Priya nickte anerkennend, die junge Frau hatte sehr sorgfältig und ebenmäßig gearbeitet. Die Blüte wirkte sehr symmetrisch; ihre Mutter würde zufrieden sein. Priya schaute noch genauer hin und musste sich dafür auf die Zehenspitzen stellen, um über die Hecke sehen zu können.
„Aber womit malst du denn da?“, fragte sie und Shanti zeigte ihr ein Stück Kreide. Priya schüttelte ärgerlich den Kopf. „Warum nimmst du nicht gemahlenen Reis?“
Aber Shanti konnte nur mit den Schultern zucken. Priya wollte gerade anheben, die junge Frau zu belehren, entschied sich dann aber dagegen. Sie behielt ihre Gedanken für sich. Aufmunternd und zum Abschied nickte Priya ihr zu, lobte sie noch einmal für die Genauigkeit, mit der sie gearbeitet hatte, und ließ einen Gruß an ihre Mutter bestellen. Sie wandte sich wieder ihrem Haus zu, drehte sich dann aber im Gehen doch noch einmal um und forderte Shanti auf, ihre Mutter danach zu fragen, seit wann die Ornamente mit Kreide gemalt wurden statt mit zermahlenem Reis.
Priya setzte sich auf die Stufen vor ihrer Haustür. Der Reis gäbe den Ameisen Futter und würde so verhindern, dass sie ins Haus kämen. Über diesen praktischen Nutzen hinaus war es aber auch eine religiöse Handlung, auf diese Weise Reis zu opfern. Priya selbst hatte sich von den hinduistischen Traditionen ihres Landes gelöst, aber sie dachte doch, dass Bräuche, wenn man sie denn ausübte, auch ihren Sinn behalten müssten und dass Eltern ihren Kindern diesen Sinn begreiflich machen sollten. Sonst sähen die Kinder eines Tages nicht mehr ein, warum sie eine Tradition bewahren sollten. Warum Rituale pflegen, deren Bedeutung man nicht mehr verstand? Von solchen Bräuchen würde man sich über kurz oder lang lösen.
Sie setzte sich auf ihren Lieblingsplatz, die Treppen vor ihrem Haus. Ornamente und gemahlenen Reis gab es hier nicht. Aber sie hatte einige Niemblätter auf den Stufen ausgebreitet, grüne und einige junge kleine Blätter, die bei diesem Baum rötlich, pink waren. Mit dem Niembaum verbanden sich viele alte Geschichten, dem Baum, seinen Blättern, seinen weißen Blüten und dem Öl seiner Früchte wurden magische Kräfte zugeschrieben, ja manche meinten auch, dass im Niembaum ein Gott wohne. Früher hatte sie gesehen, wie ihre Tante und die anderen Frauen Niemblätter in ihre Kleider nähten und sich davon eine Art übermenschlichen Schutz versprachen. Für Priya war ein Baum ein Baum, kein Gott. Aber sie wusste auch, dass hinter den alten Riten oft nicht einfach ein naiver Aberglaube steckte, sondern etwas Wahres oder eine alte Weisheit. Sie wusste, dass sie nicht wie ihre Tante mit einer unbestimmten Angst vor den Göttern leben wollte, ständig darum bemüht, Geister und Kräfte zu beruhigen oder durch bestimmte Riten für sich zu gewinnen. Dennoch, sie wollte immer gerne herausfinden, ob mit einem Ritual eine hilfreiche Erkenntnis verbunden war, und war immer bereit, zu glauben, dass hinter einer Tradition etwas zum Vorschein kam, das dem Leben diente. Und wenn diese Entdeckung ihren eigenen spirituellen Auffassungen nicht widersprach, würde sie die Erkenntnisse, ihre tiefe Weisheit, vielleicht sogar die Rituale dann auch gerne bewahren.
So hatte sie als Erstes entdeckt, dass der Niem gegen Bakterien und Viren wirkte, und sie hatte schon damals, als ihre Kinder noch klein waren, ihren Husten damit gelindert. Oder einmal hatten ihre Kinder und die des weißen Missionars auch alle miteinander Kopfläuse gehabt und sie hatte ein bestimmtes Gemisch aus den Blättern und dem Öl des Niems genommen und die kleinen Insekten damit besiegt.
Ihr Sohn Jaya war ein echter Gärtner. Hier, rund um ihr kleines Haus und auch in dem Garten hinter dem Kinderheim, erst recht aber auf dem großen Gelände in den Bergen, wo das Kinderhilfswerk ein Camp führte, hatte er schon oft bewiesen, dass er geschickt war im Umgang mit Grün, im Aufziehen von Bäumen und im Züchten von verschiedenen nützlichen Pflanzen. In den Bergen gab es Obstbäume, Orangen, Mangos, Feigen und Granatäpfel, es gab Bohnen, Erbsen, Okra, Kartoffeln, Kräuter wie Petersilie, Thymian, Salbei, Koriander, kleine Beeren, rote und schwarze Johannisbeeren, sogar Kaffee und ein Meer aus Blumen, die jeweils zu ihrer Zeit dem Camp seine Farbe verliehen. Jaya hatte ihr erklärt, dass er das Öl aus dem Niemsamen zur Schädlingsbekämpfung nutzte und als Dünger. Er hatte sie aufgefordert, die alte Tradition, Niemblätter um das Haus zu verteilen, weiter fortzusetzen.
Auf ihre ängstliche Frage, ob er glaube, dass der Niembaum göttliche Macht habe, hatte er sie kurz umarmt und dann geantwortet: „Gott hat göttliche Macht - und ist ein weiser Schöpfer aller Bäume und ein großzügiger Erfinder vieler wunderbarer Geheimnisse, die das Leben unterstützen. Und es ist sehr aufregend, wenigstens einige von ihnen zu entdecken.“ Sie stimmte ihm zu.
Jetzt wartete sie auf ihn. Sie nahm eins der kleinen rosafarbenen Blätter in die Hand und zupfte daran, roch den Geruch an ihren Fingern, legte es wieder aus der Hand. Sie freute sich darauf, die Gedanken dieses Tages mit Jaya zu teilen. Wie, um sich besser auf ihn vorzubereiten, überlegte sie schon einmal, was er wohl an diesem Tag erlebt hatte, welchen Menschen er begegnet und an welchen Orten er gewesen war.

Kapitel 4
Wie verabredet hatte Jaya seine Gäste an diesem Morgen direkt vor dem Eingang des großen Krankenhauses in Vellore getroffen. Die Einrichtung war keine normale Touristenattraktion, diese Klinik war ein Zeugnis wahrer Liebe und Jaya kam gerne hierhin, um Besucherinnen und Besuchern aus Europa oder Amerika die Geschichte ihrer Entstehung zu erzählen. Jaya grüßte in die Runde. Die eigentlichen Freunde und Unterstützer der Pattu-Stiftung, die das Kinderheim trug und darüber hinaus mehrere hundert andere Kinder im Süden Indiens unterstützte und soziale Projekte initiierte, kamen aus Singapur, wo er studiert hatte, und aus Deutschland, eine Verbindung, die auf ganz eigenen Wegen zustande gekommen war. Diese vier Männer waren Amerikaner, ein Arzt, ein Lehrer, ein Journalist und ein Pfarrer, eigentlich Freunde seiner Freunde aus Singapur. Er hatte sie vor drei Tagen am Flughafen in Chennai in Empfang genommen, hatte sie gestern Abend in seinem Zuhause empfangen, bot ihnen für eine Woche seine Gastfreundschaft an. Einer von ihnen, der Lehrer, war bereits vor zwei Jahren einmal hier bei ihnen zu Besuch gewesen. Für drei von ihnen war es der erste Besuch in Indien. Sie wohnten im Kinderheim, in den Gästezimmern, die genau für solche Gelegenheiten gebaut worden waren, in der zweiten Etage des Hauses, jeweils mit eigenem Bad und westlicher Toilette.
Er selber hatte keine Pläne mit diesen Besuchern, verband keine Ambitionen oder Wünsche mit ihnen, hatte sich aber seinen Freunden aus Singapur zuliebe dazu bereit erklärt, sie für eine Woche zu empfangen, ihnen die Arbeit der Stiftung vorzustellen und daneben auch etwas von Indien zu zeigen. Die vier hatten sich gestern ausgeruht, hatten versucht, sich an die Wärme zu gewöhnen, an die Zeitumstellung und das ungewohnte Essen. Heute waren sie wohl bereit, sich weiteren Herausforderungen Indiens zu stellen.
Jaya zeigte hinter sich auf das große, eindrucksvolle Gebäude und sagte: „Willkommen in einem der größten Krankenhäuser Indiens. Ich nenne diese Klinik und alles, was dazugehört, einen Ort des Segens, denn das ist sie. Es ist ein Ort des Heils und der Inspiration. Sie hat vor inzwischen mehr als hundert Jahren einmal klein begonnen, wie so manche Initiative, aber sie entwickelt sich ständig weiter, bis heute. Kommt bitte und seht selbst.“
Jaya ging der Gruppe voran, um aber nach ein paar Metern direkt wieder stehen zu bleiben, vor einem Bild der Gründerin des Krankenhauses, Doktor Ida Scudder. Hier begann er zu erzählen: „Ida Scudder hatte als junge Frau eigentlich nur einen Traum. Sie wollte glücklich sein, ein schönes Leben in Amerika führen, Indien so schnell wie möglich den Rücken kehren und einen Millionär heiraten.“
Jaya lächelte und fragte sich, wie viele junge Menschen auf dieser Welt, ob in Amerika oder Indien, wohl diesem Traum nachhingen, und fuhr dann fort: „Idas Eltern lebten als Missionare hier in Tamil Nadu. Ihr Vater engagierte sich als Arzt und so war sie dazu gezwungen, das indische Leben zu teilen. Sie aber war es leid, Missionarstochter zu sein. Wahrscheinlich“, sagte er mit einem Grinsen, „machte ihr auch die Hitze zu schaffen.“
Dieser letzte Satz war nur ein Zugeständnis an seine Gäste, die schon jetzt, am frühen Morgen, wieder schwitzten. Jaya lächelte sie an, er war die Wärme gewohnt. Die drei lächelten, solidarisch mit der jungen Ida, die die Hitze vielleicht genauso wenig hatte leiden können, wie sie selbst es offensichtlich taten.
Jaya nahm den Faden wieder auf: „Ida hatte damals wohl einfach das Gefühl, das Leben zu verpassen. Sie muss ihren Vater sehr bewundert haben, war aber davon überzeugt, niemals selber so leben zu können wie er.“ Jaya löste sich von dem Anblick des Bildes, ging weiter und betrat die Eingangshalle der Klinik, blieb einen Moment stehen, um die Größe, die Hektik, das Vorbeieilen der vielen Menschen auf sie alle wirken zu lassen, und ging dann geradeaus auf die Kapelle zu.
Aus den Augenwinkeln nahm er einen kleinen Jungen wahr, der die Kerzen vor der Eingangstür zur Kapelle sortierte. Er sah ihm einen Moment lang fasziniert zu, wie er die Reste flüssigen Wachses aus mehreren heruntergebrannten Teelichten in einem der kleinen Becher aus Aluminiumfolie sammelte. Wie konzentriert er arbeitete. Ob ihm jemand aufgetragen hatte, das zu tun, oder ob er von sich aus auf die Idee gekommen war? Er nahm sich vor, später im Gespräch mit jemandem vom Klinikpersonal danach zu fragen.
Jetzt zog Jaya seine Sandalen aus und bedeutete seinen Begleitern, es ihm gleichzutun. Dann betraten sie alle zusammen die Kapelle der Klinik.
Die Kapelle war in ein helles sanftes Licht getaucht, durch ein Oberlicht fiel Sonne in den Raum, und das verlieh ihm einen besonderen Charakter. Immer wieder sagten die Menschen, die hier hinkamen, um zu beten und Frieden zu finden, dass man den Eindruck habe, selber in Licht getaucht zu werden, wenn man diesen heiligen Raum betrat. Wie in vielen Kirchen auch standen hier an einem Gang entlang und in Reihen aufgestellt einige Bänke, etwa zehn, ausgerichtet auf einen schlichten Altar, vorne im etwas höheren Raum der Kapelle. Einzelne Menschen saßen da oder knieten, einige beteten flüsternd, leise, aber hörbar. Jaya bat seine Gäste, in der ersten Reihe Platz zu nehmen, und fuhr damit fort, ihnen die Lebensgeschichte von Ida Scudder zu erzählen.
„Wie gesagt - Ida wollte nicht in Indien leben, geschweige denn die Arbeit ihres Vaters tun. Ihr müsst wissen, dass aus Familie Scudder in vier Generationen zweiundvierzig Missionarinnen und Missionare nach Indien und in andere Länder gegangen waren.“ Jaya zögerte kurz und wagte, zu sagen: „Die Geschichte, die ich euch an diesem Morgen erzähle, ist gut, sie inspiriert mich. Aber längst nicht immer war die Geschichte der Mission so positiv; manches Mal haben die Missionare die Menschen nicht beschenkt, so wie es sein sollte, sondern sie haben sie bestohlen, betrogen, eingeengt. Ida dagegen war eine ganz große Schenkerin.“
Er erzählte weiter: „Eigentlich sah Ida sich selbst überhaupt nicht in der Rolle, diese Familientradition der Mission mit ihrem Leben fortzusetzen. Wenn sie betete, sagte sie zu ihrem Gott, dass sie nicht in Indien bleiben, sondern in Amerika leben wolle, dass ihre Freunde schon auf sie warteten und mit ihr das Leben entdecken und feiern wollten. Nun - ihre Einstellung und ihre Gebete änderten sich ganz plötzlich, im Jahr 1890, innerhalb von einer Nacht.
Ida war allein zu Hause in ihrem Zimmer und las ein Buch, als ein Mann, ein Brahmane, zum Haus ihrer Eltern kam und sie bat, mitzukommen zu seiner Frau, die in Wehen lag und ein Kind zur Welt brachte. Die Hebammen hatten alles versucht, aber es gab Komplikationen und niemand wusste weiter. Ida musste dem Mann mitteilen, dass sie nur die Tochter des Arztes war und keinerlei Erfahrung mit Geburtshilfe hätte, dass sie aber ihren Vater gerne benachrichtigen würde. Der Mann lehnte das strikt ab, denn die Vorstellung, dass ein Mann seine Frau berühren würde, war für ihn undenkbar. Ida war hilflos, die schwangere Frau tat ihr leid, aber sie konnte nichts für sie tun.
So wandte sich Ida wieder ihrem Buch zu. Noch einmal hörte sie Schritte auf der Veranda. War der Brahmane etwa noch einmal zurückgekommen? Hatte er es sich anders überlegt? Diesmal stand ein Muslim vor der Tür. Er sagte:, Bitte, kommen Sie schnell. Bei meiner Frau haben die Wehen eingesetzt und es scheint Schwierigkeiten zu geben.` Diesmal war Idas Vater zu Hause und bot selber an, den Mann zu begleiten. Der aber lehnte das Angebot ab. Niemand außerhalb seiner Familie hatte jemals das Gesicht seiner Frau gesehen. Er würde nicht zulassen können, dass ein weißer Ausländer zu seiner Frau käme. Ida und ihr Vater konnten seine Meinung nicht ändern und Ida ging wieder zurück in ihr Zimmer. Die Lust, zu lesen, war ihr mittlerweile allerdings vergangen.
Erneut hörte sie Schritte auf der Veranda. Zu ihrem Schrecken erschien ein dritter Mann, ein Hindu, ein Angehöriger einer höheren Kaste, und auch er hatte eine junge Frau, die bei der Geburt ihres Kindes in Lebensgefahr schwebte.“
Jaya legte eine Pause ein und sah aufmerksam in die Gesichter seiner Zuhörer. Sie waren seine Gäste, vom anderen Ende der Welt, aus Amerika, wie Ida Scudder. Sie waren hier, um die Arbeit seines Kinderhilfswerkes zu unterstützen. Sie würden Geld spenden, damit mehr Kinder zur Schule gehen und eine Ausbildung machen konnten, und sie würden Pateneltern suchen, die sich dann jeweils für ein Kind verantwortlich zeigen würden. Er selbst hatte von dieser einfachen Idee profitiert und sie überzeugte ihn immer noch. Er war ein Patenkind deutscher Geber, die ihn über ein großes Kinderhilfswerk, die Kindernothilfe, unterstützt hatten. So war es ihm ermöglicht worden, zur Schule zu gehen und zu studieren. Er war ihnen dankbar. Jetzt versuchte er, dieses Prinzip weiter zu verbreiten. Familie Mensch, davon war er überzeugt, musste sich insgesamt für ihre Kinder verantwortlich zeigen. Weltweit.
Nach dieser Unterbrechung, in der er seinen Zuhörern erlaubt hatte, ihren eigenen Gedanken nachzugehen, erzählte er weiter, wie die Erfahrung dieser einen Nacht, in der drei Männer Ida um Hilfe gebeten hatten, ihr Leben für immer veränderte. „Ida“, so sagte er, „war in dieser Nacht nicht mehr eingeschlafen, sondern hatte nachgedacht, gegrübelt, Notizen in ihrem Tagebuch festgehalten und gebetet. Sie schrieb unter anderem:, Eine Frau hatte nicht helfen können und ein Mann, der hätte helfen können, der die nötige Ausbildung und das Engagement mitbrachte, hatte nicht helfen dürfen.`“
Jaya überlegte, wie er die spirituelle Dimension dieser Erfahrung vermitteln konnte, und entschied, es einfach genau so zu erzählen, wie Ida selbst es erlebt haben musste und wie er es in ihren Tagebüchern, die inzwischen veröffentlicht worden waren, nachgelesen hatte. Er wünschte sich sehr, dass Ida für sie lebendig wurde, nicht einfach ein totes Vorbild blieb, und wohl noch mehr wünschte er sich, dass seine Gäste selber auch Zugang zu dieser Kraft aus einer anderen Welt fanden. Und so erzählte er: „Ida hatte in dieser Nacht den Eindruck gehabt, als sei sie Gott begegnet, als hätte er sie berührt, wie mit einem Flügel, wie mit einem Schwung für ihr Herz, sodass sie auf einmal doch bewegt war von der Idee, Medizin zu studieren, um nach Indien zu kommen und hier insbesondere den Frauen, den Kindern und den Ärmsten zu helfen.
Am Morgen nach dieser besonderen Nacht erschrak Ida, als sie aus dem Dorf das Geräusch bestimmter Trommeln hörte. Sie wusste, das war ein Zeichen dafür, dass jemand gestorben war. Ida schickte eine der Hausangestellten, um herausfinden zu lassen, was passiert war, und auch, um sich danach zu erkundigen, was aus den drei jungen gebärenden Frauen geworden war. Sie kam zurück und musste Ida sagen, dass alle drei in der Nacht gestorben waren.
Ida schloss sich für einige Stunden in ihrem Zimmer ein. Sie dachte über die Bedingungen nach, unter denen die Frauen Indiens leben mussten, und nach vielen Gedanken und Gebeten ging sie zu ihren Eltern und teilte ihnen ihre Entscheidung mit: Sie würde nach Amerika gehen, um Medizin zu studieren, und dann zurück nach Indien kommen, um den Frauen zu helfen. Ihr Entschluss stand fest.
Als Ida im Jahr 1900 schließlich zurück nach Indien kam, war sie eine gut ausgebildete Ärztin. Ihr Vater starb nur einige Monate, nachdem Ida zurück in Indien war, sodass sie von Anfang an auf sich gestellt und allein verantwortlich für die Arbeit war. Und die Not in Indien war überwältigend. Auf zehntausend Menschen kam ein Arzt. Außerdem hatte sie keine Räumlichkeiten, in denen sie hätte arbeiten können. Sie ließ ein erstes Gebäude errichten, in dem Platz für zehn bis zwölf Patienten war. Die Veranda diente als Wartezimmer, ein kleines Zimmer als Behandlungsraum. Heute ist in diesem Krankenhaus hier Platz für mehr als zweitausend Patienten.“ Jaya konnte sehen, dass seine Gäste beeindruckt waren.
„Am Anfang hatte Ida gegen das Misstrauen der Bevölkerung anzukämpfen. Ihr erster Patient war ein Mann, der todkrank war, dem sie nicht mehr hatte helfen können und der wenig später starb, sodass das Misstrauen in der Bevölkerung nur noch zunahm.
Eines Tages aber kam ein Hindu, Angehöriger einer höheren Kaste, und ließ seine Augen von ihr untersuchen. Ida konnte ihn erfolgreich behandeln und von diesem Moment an nahm die Zahl ihrer Patientinnen und Patienten beständig zu. Aus Mitleid nahm sie immer mehr und mehr Arbeit an, sie behandelte pro Tag hundert Kranke, zweihundert, ja manchmal dreihundert. Bis heute ist es so, dass Patienten, die zu arm sind und sich keine Behandlung leisten und keine Medikamente bezahlen können, umsonst behandelt werden. Spenden von außerhalb machen es möglich, diesem Ideal nachzukommen.
Manchmal kam es vor, dass Menschen vor Ida niederknieten, denn sie hielten sie für die Inkarnation einer Göttin. Sie selbst empfand diese Huldigung als total unangemessen und furchtbar unangenehm und flüchtete jedes Mal, wenn sie in eine solche Situation kam.
Sie merkte, dass sie dringend Unterstützung brauchte, weil die Arbeit ihr über den Kopf wuchs und die Not einfach zu groß war. Denn auch wenn ein paar Dutzend Doktoren und Schwestern aus Europa und Amerika kamen, war deren Hilfe doch nur ein Tropfen auf den heißen Stein.
Da hatte Ida eines Tages die Idee, Inderinnen selbst auszubilden, um sich der speziellen Nöte indischer Frauen anzunehmen. Sie begann damit, Krankenschwestern anzulernen, um schließlich noch einen mutigen Schritt weiterzugehen und Frauen auch als Ärztinnen auszubilden. Die Ärzte, die den Medizinstudenten das Examen abnahmen, behaupteten anfänglich doch tatsächlich, dass Idas Mädchen es niemals mit den männlichen Studierenden würden aufnehmen können. Aber bei der offiziellen Verlesung der Examensergebnisse sollten alle eine Überraschung erleben. Achtzig Prozent der Studenten hatten nicht bestanden, von den vierzehn jungen Frauen aber jede einzelne. Ida sorgte dafür, dass hohe Standards in der medizinischen Ausbildung gesetzt wurden.“
Jaya hielt inne. „Noch heute ist es überaus attraktiv, eine Ausbildung an diesem College zu machen. Auch die Kinder, die wir unterstützen, haben oft den eifrigen Wunsch, hier zu studieren, und sie wissen, dass sie dafür allerbeste Leistungen in der Schule nachweisen müssen. Krankenschwester zu werden oder sogar Ärztin oder Arzt, bedeutet, eine ausgezeichnete Ausbildung zu bekommen, in der man zwei Dinge großartig miteinander vereinbaren kann: ein eigenes Auskommen zu haben und anderen zu helfen.“
Jaya atmete tief durch und wies mit beiden Händen auf seine Umgebung. „So entstanden hier an diesem Ort, wo wir jetzt sitzen, ein Krankenhaus und eine Ausbildungsstätte, das CMC, das Christliche Medizinische College. Es steht allen Menschen offen, sowohl unter dem Personal und erst recht selbstverständlich unter den Patienten sind Angehörige aller Religionen. Und das alles hat mit einem einzelnen Menschen begonnen. Das wollte ich euch an diesem Morgen erzählen.“ Sie nickten. Ob sie verstanden hatten? Ob sie bereit wären, auf ihre Art selbst eine Ida zu werden?
Um seine Geschichte abzuschließen, sagte er: „Eine Frau, die einmal den Staub Indiens von ihren Füßen hatte schütteln wollen, begann, Indien zu lieben. Eine schreckliche Nacht hat ihr Leben verändert. Der Tod von drei Frauen hatte sie tief berührt und bewegt, das zu tun, was sie konnte. Und so entstand etwas Großes. Man ehrte sie, Gandhi besuchte sie, sie kam zu internationalem Ruhm und wir ehren sie bis heute.“ Er blickte in die Runde. „Es ist mir wichtig, meine Freude über einen Menschen wie Ida zu teilen und meine Dankbarkeit, die ich immer empfinde, wenn ich an diesen Ort komme, denn ihre Geschichte inspiriert mich, selbst das zu tun, was ich kann. Ich denke, sie ist eine Herausforderung für uns alle.“
Jaya war glücklich, weil seine Gäste ihm sehr aufmerksam zugehört hatten. Jetzt würden sie mit dem seit einigen Jahren extra dafür angestellten Public-Relations-Manager der Klinik oder mit jemand aus seinem Team eine Führung durch die wichtigsten Bereiche des Krankenhauses machen. Man würde ihnen einen Überblick geben und immer wieder staunten Gäste aus der westlichen Welt über das medizinische Know-how, modernste Operationstechnik, innovative Therapiemethoden. Man würde sie teilhaben lassen an den aktuellen Entwicklungen in der Behandlung Leprakranker. Und auch über die immer noch neue und unkontrollierbare Krankheit, über Aids, würde man sprechen.
Er selbst wollte den Rundgang nicht mitmachen, sondern die Zeit nutzen, um einige Besuche zu machen. Eine seiner Nichten arbeitete hier, er würde sie gerne kurz sehen. Und ein junger Mann, der Bruder eines der älteren Jungen aus dem Kinderheim, lag hier als Patient; auch ihn würde er besuchen.
Sie verließen alle zusammen die Kapelle, zogen ihre Sandalen wieder an und Jaya ging voran zu den Büros der Klinikleitung. Man grüßte einander und eine junge Frau nahm sich auf charmante und zielstrebige Art der Besuchergruppe an.
Jaya sah ihnen einen kleinen Augenblick lang nach und sprach ein kurzes Gebet für seine Gäste. Schon im Weitergehen fügte er dann noch ein kleines Dankgebet für Ida Scudder an und bat seinen Gott um Segen für die Menschen hier in dieser Klinik, Kranke und Gesunde, Patienten und Personal.
Er ging den Gang hinunter, der ihn zum Krankenzimmertrakt bringen würde. Plötzlich kam ihm ein kleiner Junge entgegengerannt. Er wich ihm aus und sah ihm hinterher. Nur einen kurzen Moment später kam eine Frau um die Ecke gelaufen, sie gehörte wohl zum Personal, denn sie trug einen weißen Sari, der sie irgendwie beeindruckend aussehen ließ, sie jetzt aber daran hinderte, schnell laufen zu können.
Als sie Jaya sah, blieb sie stehen, ihr Atem ging schnell. „Langsam“, sagte er freundlich. Allmählich beruhigte sie sich. Sie sah den Gang hinunter und dann zu ihm.
„Dieser kleine Dieb“, seufzte sie tief und schüttelte den Kopf. „Steht neben der Kapelle, sammelt Wachs und verkauft dann die Teelichte.“
Jaya lächelte.
„Was gibt es denn da zu lachen?“, fragte sie, halb entsetzt, halb belustigt - Jaya konnte nicht so recht einschätzen, was sie wirklich dachte und empfand. Er sagte:
„Ich habe ihn am Morgen kurz beobachtet, er ist sehr geschickt.“
Erstaunt fragte sie nach: „Wo? Hier? Sie waren hier in unserer Kapelle?“
Jaya nickte. Und als fühlte er sich von ihren Besitzansprüchen ausgegrenzt oder angegriffen, fügte er hinzu: „Eine Kapelle ist ein öffentlicher Ort des Gebetes und der Andacht. Eine Kirche spricht von Gnade, also von allergrößter göttlicher Zugänglichkeit, da sollte sie doch allen Menschen gehören, jedem offenstehen, meinen Sie nicht?“
Jetzt musste sie lachen. „Sie haben recht. So war es nicht gemeint. Ich habe mich nur gewundert.“
Jaya erklärte: „Ich habe einige Gäste, Amerikaner, zu einer Klinikführung hierhin gebracht.“ Sie verdrehte die Augen. Er ahnte, warum. „Nun“, fuhr er scheinbar streng fort, „auch Ida Scudder war Amerikanerin, nicht wahr? Und noch heute lebt das CMC doch von der Unterstützung aus der ganzen Welt, insbesondere von Spenden aus Amerika und Europa. Man könnte hier sonst wohl nie dem Ideal nachkommen, die ärmsten Patienten unentgeltlich zu behandeln. Aber mit ihrer Unterstützung ist es möglich.“
Sie schaute jetzt interessiert: „Haben Sie noch nie den Wunsch gespürt, unabhängig zu sein? Wäre es nicht wunderbar, das CMC könnte mittlerweile ganz auf eigenen Füßen stehen? Auf indischen Füßen?“ Er nickte. „Weil ausländische Füße manchmal stolzieren, trampeln, treten?“
„Ja, so in etwa“, sagte sie zustimmend, nachdenklich.
Jaya überlegte kurz, ob er sagen sollte, was er wirklich dachte, und weil er das Gespräch zu genießen begann, beschloss er, ehrlich zu sein. Diese Frau - Schwester oder Ärztin? - er sah flüchtig auf ihr Namensschild und las ihren Namen, „Dr. Kala Ranjini“ -, diese Frau machte den Eindruck, als wisse sie Aufrichtigkeit mehr zu schätzen als oberflächliche Zustimmung, und so sagte er: „Ich wünschte, und so habe ich es heute Morgen meinen Gästen gesagt, Familie Mensch fühlte sich insgesamt verantwortlich für ihre Kinder. Unabhängigkeit ist meiner Ansicht nach ein sehr merkwürdiges Konzept. Ich glaube, die Wahrheit liegt genau in der umgekehrten Richtung und es wäre wichtig, die Zusammenhänge zu sehen, das Ganze nicht immer weiter aufzuteilen, sich nicht immer mehr voneinander abzugrenzen und nur an sich zu denken.“
Er stockte, fragte sich, ob er vermitteln könnte, was ihm wichtig war. Sie sagte etwas spöttisch: „Sie sind also ein Globalisierungsbefürworter.“
Er war kurz irritiert, wollte schnell widersprechen, etwas entgegnen, aber da sah er sie lächeln, mit einem ironischen, frechen Schmunzeln, was ihn vollkommen aus dem Konzept brachte.
Mit einer wegwerfenden Handbewegung sagte er: „Ist ja auch egal.“ Er sah ihren Sari, nahm wahr, dass er nicht weiß war, wie er zuerst gedacht hatte, sondern von einem sehr hellen Grün, sah die passenden grünen Perlen in ihren langen schwarzen Haaren, die zu einem Zopf zusammengebunden waren, sah ihre klugen Augen, die ihn anfunkelten, und erinnerte sich nicht mehr daran, was er eigentlich hatte sagen wollen. Sie hatte es doch tatsächlich geschafft, ihn zu verwirren. Mit freundlicher Stimme sagte sie: „Es ist nicht egal, es ist wichtig, über diese Themen zu sprechen.“
Bevor sie aber weitersprechen oder beide auf die Idee kommen konnten, in der Cafeteria einen Tee miteinander zu trinken, stand plötzlich der kleine Kerzenwachsdieb an einen Türpfosten gelehnt ihnen gegenüber, ganz in ihrer Nähe.
Jaya hatte Sorge, er würde direkt wieder weglaufen, deshalb ging er nicht auf ihn zu, sondern fragte ihn von dort aus, wo er stand, nach seinem Namen. „Raja“, sagte der Junge. Einem inneren Impuls folgend, fragte er weiter: „Du bist allein?“ Der Junge nickte. Um sicherzugehen, dass er die Frage auch richtig verstanden hatte, fragte er noch einmal anders nach: „Wo ist deine Mutter?“ Der Kleine sagte leise: „Sie ist tot.“ Und setzte noch hinzu: „Die anderen auch.“ Jaya spürte, dass er die Wahrheit sagte. Wer sich hinter „die anderen“ verbarg, würde er vielleicht später herausfinden. „Und wo lebst du?“ Es war eine riskante Frage, denn der Kleine brauchte sein Versteck noch und würde es ihm sicher nicht verraten. Jaya wartete gespannt und nickte anerkennend, als Raja eine Antwort gab, die wohl gleichzeitig der Wahrheit entsprach als auch klug war: „Hier“, sagte er, „auf dem Gelände.“ Jaya nickte. Das Gelände war sehr weitläufig, die Gebäude verwinkelt und der Junge war klein, er rollte sich vermutlich nachts in einer Ecke zusammen und schlief unentdeckt hinter irgendeiner der vielen Türen. Er sah aus wie fünf oder sechs, aber Jaya wollte es genau wissen und fragte: „Wie alt bist du?“
„Ich bin neun Jahre alt“, sagte der Junge. Und etwas selbstbewusster fügte er hinzu: „Ich habe am 30.Januar Geburtstag.“
Jaya betrachtete ihn aufmerksam. Er hatte also einen Jungen vor sich, der nicht genug zu essen gehabt hatte und mit seiner körperlichen Entwicklung hinter seinem Alter zurückgeblieben war, der aber wohl wusste, dass er an einem historischen Tag geboren worden war, am Todestag Gandhis.
„Was ist mit der Schule?“, fragte er offen.
Raja sah auf den Boden und sagte traurig: „Ein Jahr. Ich bin nur ein Jahr lang hingegangen. Als meine Mutter noch da war. Danach ging es nicht mehr.“
Jaya verstand. „Bist du gerne hingegangen?“
Der Junge sah ihn an und strahlte: „Ja, sehr, sehr gerne.“
Er konnte später nicht sagen, in welchem Moment genau er gewusst hatte, dass er dem Jungen einen Platz in seinem Kinderheim anbieten würde, aber als er es tat, war er sich sicher, dass Raja das Angebot annehmen würde. Und so war es auch. Er stellte sich ihm kurz vor, erzählte ihm von dem Kinderheim und lud ihn ein, sich das Haus selber anzusehen und dort zu entscheiden, ob es ein Platz sein könnte, an dem er leben wollte. Es war jetzt Mittag und die jüngeren Kinder würden gleich aus der Schule nach Hause kommen. Er könnte sie kennenlernen, mit ihnen spielen und am Abend entscheiden, ob er länger bleiben wollte.
Doktor Ranjini dachte, dass dieser Mann absolut vertrauenswürdig wirkte und dass auch der Junge das zu merken schien. Er lehnte jetzt nicht mehr an dem Türrahmen, sondern war näher gekommen und hörte dem Leiter des Kinderheims zu. Wie oft dieser wohl schon enttäuscht worden war, weil ein Kind seine Chance nicht erkannte? Wie oft so eine Begegnung vielleicht zwar zunächst vielversprechend weiterging, dann aber doch im Leeren verlief, weil ein Kind, das einmal auf der Straße und auf sich gestellt gelebt hatte, sich schwer in so ein System wie ein Kinderheim eingliedern ließ? Wie oft dieser Mann wohl schon diese Art von Gespräch mit einem Kind geführt hatte?
Jaya selbst stellte sich in diesem Moment ganz ähnliche Fragen: Wie oft bin ich schon auf diese Weise meiner Intuition gefolgt? Warum habe ich den Kleinen heute Morgen wahrgenommen, als er bei den Kerzen vor der Kapelle stand? Und warum habe ich andere Kinder dagegen wohl übersehen? Ist es Gott, der mich leitet? Wird dieser Junge seine Chance erkennen? Wird er irgendwann sagen können, dass es Glück war, ihn heute getroffen zu haben? Wird er zu den anderen Kindern passen, wird er gerne zur Schule gehen, gut lernen, fleißig sein?
Er fragte: „Kommst du mit, um dir das Ganze anzusehen?“
Raja willigte, ohne zu zögern, ein.
Jaya merkte, dass die Zeit weggelaufen war und er es nicht mehr schaffen würde, seine geplanten Besuche zu machen. Er erklärte Raja, dass sie in wenigen Minuten einige ausländische Besucher vor dem Haupteingang treffen würden, um dann gemeinsam mit dem Auto zum Heim in der Karishma-Straße zu fahren. Raja nickte und Jaya wandte sich Doktor Ranjini zu.
Sie war jetzt nachdenklich und erklärte ihm, bevor er noch etwas sagen konnte: „Ich arbeite hier als Kinderärztin in der Kinderklinik.“ Gerade hatte sie noch den Eindruck gehabt, als habe er es eilig, aber als er jetzt nicht signalisierte, dass er sich schnell verabschieden wollte, sprach sie weiter: „Wussten Sie, dass Doktor Scudder ihrer Zeit weit voraus war, auch was die Behandlung von Kindern angeht? Als sie ihre Arbeit hier begann, starb noch jedes vierte Baby bei der Geburt. Eine ihrer ersten Taten war, ein kleines Haus zu bauen für die Neugeborenen der Ärmsten, wo sie in wohnlicher Atmosphäre besondere Pflege bekamen. Eine Kinderklinik entstand und ein besonderer Trakt für Kinder mit ansteckenden Krankheiten und für Frühgeborene kam hinzu, außerdem das Therapiezentrum für behinderte Kinder.“ Sie hielt inne. „Ich wollte damit eigentlich nur sagen, dass Sie sich jederzeit an mich wenden können, wenn Sie im Kinderheim medizinische Hilfe brauchen, ich eins Ihrer Kinder untersuchen soll oder Sie irgendwie spezielle Unterstützung brauchen. Ich könnte dann natürlich auch zu Ihnen kommen, in die Karishma-Straße, um Ihnen und den Kindern den Weg zu ersparen.“
Sie hoffte inständig, dass dieses Angebot nicht zu gewagt war und er ihr nicht anmerkte, wie neugierig er sie gemacht hatte und wie gerne sie das Kinderheim sehen und ihn wiedertreffen würde. Sie wusste, sie hatte ihm Unrecht getan, als sie ihn als Globalisierungsbefürworter bezeichnet hatte. Warum hatte sie ihn so provozieren müssen? Sie wollte sich entschuldigen, das Gespräch fortsetzen, es wiedergutmachen. Sie wollte ihn kennenlernen.
Jaya bedankte sich bei ihr für das großzügige Angebot. Er überlegte, mit welchem Argument er sie überzeugen könnte, doch möglichst bald einmal vorbeizukommen, am liebsten gleich heute, als ihm eine Idee kam und er sagte: „Sie haben den Jungen ja gesehen, Raja. Er wirkt wie ein Fünfjähriger, höchstens wie sechs, ist aber schon neun Jahre alt. Wahrscheinlich ist er aus Mangelernährung nicht gewachsen. Ich wäre ihnen sehr dankbar, wenn Sie ihn sich einmal ansehen könnten.“
„Und wäre es nicht gut, ich würde ihn mir gleich heute ansehen“, fragte sie, „bevor Sie ihn aufnehmen? Nur, um zu wissen, wie es wirklich um ihn steht.“
„Wenn das möglich wäre, so spontan, wäre das wunderbar.“
Sie nickte. „Also abgemacht. Dann komme ich gegen Abend vorbei“, sagte sie. „Auf Wiedersehen.“ Sie gaben sich die Hand und sie wandte sich zum Gehen.
„Karishma-Straße Nummer sieben“, rief er hinter ihr her. „Das hellblaue Haus mit dem blühenden Oleander vor dem Tor.“
Sie drehte sich zu ihm um und sagte: „Ich werde Sie finden.“ Und damit war sie um die Ecke verschwunden.
„Ich werde Sie finden“, wiederholte Jaya für sich. Was bedeutete dieser letzte Satz jetzt genau? Und was bedeutete er in Verbindung mit diesem schelmischen Funkeln? Jaya musste lachen und schüttelte den Kopf. Mit neuen leichten Schritten ging er in Richtung Eingangshalle.
Seine Gäste waren so sehr ins Gespräch vertieft, dass sie ihn zunächst gar nicht bemerkten. Das war sicher ein gutes Zeichen; der Besuch im Krankenhaus hatte ihnen Stoff zum Nachdenken gegeben. Er stellte sich zu ihnen und hörte mit halber Aufmerksamkeit zu, wie sie über Krankenversicherungen und das Gesundheitssystem Amerikas diskutierten. Die andere Hälfte war bei Raja, der mit etwas Abstand bei ihm stand und geduldig wartete, wie es weitergehen würde. Jaya merkte, dass er ihn jetzt schon in sein Herz geschlossen hatte. Er erinnerte ihn an sich selbst und er fragte sich, ob es am Ende immer wieder seine eigene Lebensgeschichte war, die ihn mit jedem neuen Jungen einholte.

Kapitel 5
Matt saß in seinem Arbeitszimmer am Schreibtisch und starrte jetzt schon seit einer halben Stunde vor sich auf die Wand. Er wusste, dass er bald nach Indien reisen würde, im Mai, wenn Tom mit der Schule fertig sein würde. Ja, er war sich sicher, dass er Tom mitnehmen würde und diese Zeit für ihre Vater-Sohn-Beziehung von großer Bedeutung sein würde. Er war sich inzwischen auch darüber im Klaren, dass seine Mutter in Verbindung mit dieser Reise irgendeine Bitte an ihn hatte und es ihr aus irgendeinem Grund sehr viel bedeutete, dass er dorthin reisen würde. Sie würde es ihm sicher bald erklären, noch aber, das spürte er, war sie nicht so weit. Sie blieb in diesen Tagen oft allein in ihrem Zimmer, saß in ihrem Sessel am Fenster und schrieb, wirkte nachdenklich, in sich gekehrt und doch alles andere als schwermütig, eher euphorisch. Blieb nur noch Amy. Er verstand nicht, warum seine Frau sich seiner Idee, zu reisen, so total versperrte, und es machte ihn traurig und hilflos, dass es scheinbar keinen Schlüssel gab, damit sie sich seinen Plänen mehr öffnen könnte. Er rieb sich mit beiden Händen über sein Gesicht, verdrängte das Gefühl der aufkommenden Kopfschmerzen und machte seinen Laptop an.
In den nächsten zwei Stunden surfte er durch das weltweite Netz. Dank verschiedener Suchmaschinen fand er auf Anhieb einige Seiten mit genau den Informationen, die er suchte. Er las gebannt. Die Berichte über die Staudammprojekte fielen sehr unterschiedlich aus, je nachdem, ob sie von Regierungskreisen, Baufirmen, Ingenieuren oder Umweltorganisationen geschrieben waren. Er las alles, bis er nach einer Weile zunehmend den Eindruck bekam, jetzt zwar eine Menge Wissen angesammelt zu haben, aber noch lange keine Weisheit, wie mit diesen Informationen umzugehen sei. Als er gerade aufgeben wollte, stieß er auf einige Berichte über Arundhati Roy, eine indische Schriftstellerin und Aktivistin, die mit ihrem Buch „Der Gott der kleinen Dinge“ einen Bestseller geschrieben hatte, der inzwischen in mehrere Sprachen übersetzt worden war und internationale Beachtung erhalten hatte. Eine Frau, die für die Rechte der Armen kämpfte, sich dabei schon mit den Allergrößten angelegt hatte, die immer wieder mal im Gefängnis landete und unter Druck geriet, weil sie zum Beispiel die Methoden der Staudammfirmen entlarvte und nicht müde wurde, darauf hinzuweisen, dass weder die weggeschwemmten Dörfer im Norden noch die Trockenheit im Süden des Landes Schicksal, Karma, waren, sondern hausgemacht.
Das war, was er suchte. Ohne lange nachzudenken, bestellte er einige Bücher von ihr und fand, bevor er sich dann ausloggte, ein Zitat, das ihn sehr berührte und das gleich auf mehreren Ebenen in seine Situation hineinzusprechen schien. Er kopierte die klaren, herausfordernden Worte der jungen Aktivistin, druckte das Zitat auf einem weißen DIN-A4-Blatt aus, hängte es gut sichtbar über seinem Schreibtisch auf und las es wieder und wieder durch, bis er sich sicher war, dass er es auswendig konnte:
„Liebe. Und lass dich lieben. Vergiss niemals deine eigene Bedeutung. Gewöhn dich nie an die unsagbare Gewalt, die Gemeinheit und Verzweiflung um dich herum. Such Freude und Schönheit noch in den dunkelsten Orten. Vereinfache nicht, was komplex ist, und verkompliziere nicht, was einfach ist. Respektiere Stärke, aber nicht bloße Macht. Beobachte. Und versuch zu verstehen. Sieh nicht weg.“
Er surfte weiter. Bald merkte er, dass die Staudämme zwar ein großes Thema waren, dass es aber eine ganze Reihe anderer dringender Herausforderungen gab, denen sich Indien gegenübersah oder denen es ausgeliefert war - so wirkte es manchmal. Die schlimmste Bedrohung ging vielleicht von der schnellen Verbreitung von Aids aus.
HIV ist in Indien außer Kontrolle. Nach Angaben von Experten hat Indien Südafrika als das Land mit den meisten Aidskranken oder HIV-positiven Patienten überholt. Die Epidemie habe sich so rasch ausgebreitet, dass Indien „aufwachen“ und das Problem ernst nehmen müsse. Anderenfalls würden Millionen Menschen sterben.
Er las, dass Indien auf Druck der Welthandelsorganisation wohl seine Gesetze zum Patentrecht für Medikamente würde ändern müssen. Tja, dachte er, ganz der Anwalt, ein Patentrecht macht natürlich Sinn, es schützt die Ansprüche derjenigen, die etwas erfinden und zum Beispiel viel Zeit und Energie in die Forschung investiert haben. Aber im Zusammenhang mit Aids kam doch die Frage auf, ob man mit der Behandlung dieser Krankheit überhaupt noch Geld verdienen durfte. Er schüttelte den Kopf: Multikonzerne wachen über ihre Patentrechte. Wer überwachte eigentlich die Wächter? Hatte der Markt seine Grenzen? Und wer dürfte die festlegen?
Matt reiste durchs Internet, vor seinen Augen entstanden Bilder, er las sich in das Land hinein, das er bald besuchen würde. Er versuchte, sich vorzubereiten, heranzutasten, und fragte sich: Was bedeutet es, wenn man als Nation größte Armut erlebt und technischen Fortschritt? Den Tsunami erlebt und Dürrekatastrophen, Hungertote? Was, wenn man das HI-Virus nicht unter Kontrolle bekommen würde? Und wer würde sich dafür eigentlich verantwortlich zeigen? Welche Rolle spielten die Religion und die Religionskonflikte, Terror und Gewalt, die Auseinandersetzungen mit Pakistan? Wie lebte eine Atommacht mit unzähligen Slums wie Kalkutta? Wie hielt man die Gegensätze aus und den täglichen Kampf der vielen ums Überleben? Das Zitat von Arundhati Roy gab ihm irgendwie Kraft, vielleicht weil die Worte so stark waren oder die Frau, die sie sagte.
Er hatte großen Respekt vor Menschen wie ihr. Vor Frauen und Männern, die sich nicht einschüchtern ließen. Die wussten, warum sie morgens aufstanden. Die eine tiefere Ahnung von Sinn und von Frieden gefunden hatten. Die etwas Bedeutendes taten, und wenn es auch noch so anstrengend war. Die Widerstand auslösten und damit etwas schafften, was zunächst einmal das System störte und auf Dauer die Chance hatte, echte Veränderung, etwas Gutes für diese Welt, zu bewirken.
Er fragte sich, was diesen Menschen die Kraft gab, durchzuhalten? Bei dieser Frage dachte er an eine E-Mail, die er vor einigen Tagen von einer Bekannten bekommen hatte, die als Ärztin für verschiedene Hilfsorganisationen arbeitete; sie hatte viel von der Welt gesehen, meistens die kaputten, umkämpften Regionen. Er wusste, dass sie zuletzt in Afghanistan gewesen war. Ihre letzten Mails hatten aufgewühlt, traurig, überarbeitet und müde geklungen. Aber ihre letzte Nachricht hatte ganz überraschend einen vollkommen anderen, neuen Ton gehabt.
Total verzweifelt war sie in ihre Heimat nach Deutschland zurückgekommen. Afghanistan war eine Erfahrung, die sie innerlich fast ausgehöhlt hatte. Das vom Krieg zerstörte Land, die Angst auf allen Seiten, die Begegnungen mit Kindern, Soldaten, Kranken verfolgten sie bis in ihre Träume. Diesmal wollte sie aufgeben, sie konnte nicht mehr. Sie beriet sich mit ihrem Mann. Mit ihren Freunden, viele davon selbst Ärztinnen und Ärzte. Sie alle sagten: Was wir brauchen, ist ein Zeichen! Eine kleine Bestätigung, dass richtig ist, was wir tun. Einen Wink von Gott, einen Fingerzeig.
Sie trafen sich, um zu diskutieren und irgendwann, zu müde zum Reden, um zusammen zu schweigen. Und dann fingen sie an zu beten. Acht Leute, Freundinnen und Freunde. Sie beteten sich alles von der Seele, die Ohnmacht, die Wut, die vielen kleinen Geschichten. Alles. Und dann war etwas Merkwürdiges passiert. In dem Moment, als sie ihre Gebete beendet hatten und gerade ihre Köpfe hoben, sahen sie auf der Brüstung des Balkons, direkt vor ihnen, eine weiße Taube sitzen. Sie hatten wohl alle ungläubig geguckt und den Atem angehalten, um sie ja nicht verschrecken. Sie fragten sich: Wo kommt die denn her? Irgendwo in der Stadt gab es graue Tauben auf dem Marktplatz. Aber weiße?
Die Taube war das erhoffte Zeichen. Sie bedeutete alles: Frieden. Durchhalten. Kraft. Erhörte Gebete. Neue Freude. Wunder. Matt verstand, dass der neue lebensfrohe Ton, die neue Leichtigkeit von dieser Erfahrung genährt wurden. Diese Taube hatte ihr Kraft gegeben, neue Hoffnung. Für sie war das kein Zufall, es war eine Antwort auf ihr Gebet. Klein, heilig und nicht wegzudiskutieren. Es bedeutete, sie würde weitermachen. Das freute ihn sehr für sie und er spürte die Energie, über Meilen hinweg, über Kontinente, kam sie bei ihm an.
Er selbst tat sich schwer damit, zu beten und darauf zu vertrauen, dass ein Gott seine Worte hörte oder sogar irgendwie darauf reagieren sollte. Aber seine Mutter war ein zutiefst gläubiger Mensch. Vielleicht müsste man sagen, dass sie eigentlich an die Menschen glaubte und darauf vertraute, dass Gott es auch tat. Einige seiner besten Freunde waren religiös und auch viele der Weltverbesserer - das Wort hatte für ihn seinen positiven starken Klang behalten, auch wenn es über die Jahre Amys spöttischer Spitzname für ihn geworden war - waren offensichtlich motiviert von großen Ideen wie Gerechtigkeit, Frieden, Liebe und Gütekraft, Ideen, die so heilig waren, dass Gott scheinbar fast unweigerlich darin mitschwang. Er wusste, dass er mit dieser Frage noch nicht endgültig abgeschlossen hatte. Gott, dachte er, wie sollte man mit Gott fertig werden, dem Größten, was ein Mensch wohl überhaupt sagen konnte?

Kapitel 6
Sie machten sich alle gemeinsam auf den Weg zum Kinderheim. Der Wagen war voll klimatisiert, was die Gäste sehr zu schätzen wussten. Jaya aber sah, dass Raja schon nach ein paar Minuten zu frieren begann. Sie kamen nur sehr langsam vorwärts. Jaya sah aus dem Fenster. Die Straßen, in anderen Ländern den Autos vorbehalten, wurden hier mit allen geteilt und waren voller Menschen. Alte, Erwachsene, Kinder, Babys, Kranke an Krücken. Sandalen, Saris, Turbane. Rufen, Hupen, Winken, Betteln. Mittendrin immer wieder mal eine Kuh. Es roch nach Hitze, nach Schweiß, Knoblauch, reifen Mangos, die am Straßenrand verkauft wurden, frisch geschält. Indien war ein volles Land. Ihr Auto kam immer wieder zum Stehen.
Die Gespräche waren verstummt. Alle sahen jetzt aus dem Fenster und konnten sich nicht losreißen von den vielen Eindrücken. Am Rand der Straße befanden sich kleine Läden, Blechhütten, die vor die Häuserfront gesetzt waren und in denen Lebensmittel verkauft wurden und Drogerieartikel, ein buntes Gemisch aus Bananen, Avocados, Kokosnüssen, Kaugummi, Blumengirlanden, Hautcreme, Zahnpulver, Schuhputzcreme, Bonbons, Kuchen, kleinen Tüten mit Kräutermischungen oder Tabak, Kaffee und Tee. Frisch geschlachtete Hühner hingen an Haken von der Decke eines muslimischen Ladens. Die Gemüsestände führten zurzeit nur Kartoffeln, Mais und Zwiebeln und Gewürze wie Chili, Pfeffer, Ingwer, Koriander und Zimt. Dazwischen fand sich auch der ein oder andere Shop, in dem Videokassetten verkauft wurden, CDs, kleine Radios und Filme für die Kameras der Touristen. Direkt daneben Stoffe und Sandalen. Nur auf dem Bazar und dem Markt ging es noch bunter und hektischer zu.
Raja war der Einzige im Wagen, der nicht aus dem Fenster sah. Sein Blick ging von einem zum anderen und blieb dabei immer wieder an kleinen Details hängen. Interessiert betrachtete er die weißen Ausländer. Die schwarzen festen Schuhe, die auf ihn, der sein Leben lang barfuß gelaufen war, wie Särge für die Füße wirkten. Die Uhr am Arm des einen, von der er nicht so ganz genau wusste, wie man sie entziffern konnte, der aber sogar er ansehen konnte, dass sie viel Geld gekostet haben musste. Die Hosen, die sie trugen, ohne jede Bügelfalte und mit vielen kleinen Taschen besetzt, die ein komisches Geräusch machten, wenn man sie öffnete, wie ein hartes Rascheln. Ihre Haut und die Farbe ihrer Augen, ihrer Wimpern, ihrer Lippen, ihrer Fingerkuppen. Besonders der eine wirkte auf ihn, als sei die Farbe aus ihm ausgelaufen, so hell waren seine Haut und seine Haare. Raja sah sich seine eigenen Hände an, die Innenflächen waren etwas heller, ansonsten war er überall dunkel.
Er sah zu dem Mann hinüber, zu dem Inder, der ihn angesprochen und eingeladen hatte. Er hatte bemerkt, man nannte ihn Jaya, aber er wusste noch nicht, wie er ihn ansprechen sollte. Er war sehr dunkelhäutig, klein und hatte einen Bauch. Er lachte viel, und auch wenn sein Mund einmal nicht lächelte, dann strahlten doch immer noch seine Augen. Er mochte ihn. Er wusste nicht genau, was gerade mit ihm passierte, aber er ahnte, dass dieser Mann ihm Glück brachte.
Er hatte ihn am Morgen gesehen, als er mit den Weißen zusammen in die Kapelle der Klinik kam. Der Andachtsraum, sein Zuhause. Er schlief unter dem großen Tisch, über dem immer eine Decke hing, die bis auf den Boden reichte, sodass niemand sehen konnte, dass sich jemand darunter verbarg. Die Kapelle roch gut und sie war ruhig. Nachts wurde die Tür verschlossen, sodass er sich wirklich sicher wusste, wie in einem eigenen Haus.
Tagsüber sortierte er die kleinen Kerzen in ihren Aluminiumbechern, die man am Eingang der Kapelle kaufen und aufstellen konnte. Die meisten Lichter brannten aus, bevor ihr Wachs ganz verbraucht war, oder wenn er ganz viel Glück hatte, ertrank die Flamme, weil der Docht zu kurz war. Von solchen Kerzen sammelte er das Wachs, goss es, solange es noch flüssig war, in einen der leeren Becher, wartete, bis die Kerzen trocken waren, und verkaufte sie dann. Das war doch eigentlich kein Diebstahl, sagte er sich, sondern eine ganz vernünftige Verwertung von Resten, von dem, was die Schwester, die die Kapelle säuberte, sonst ohnehin nur wegwerfen würde. Er aber konnte sich mit den Kerzen ein bisschen Geld verdienen, meistens gerade genug für einen Tag. So jedenfalls hatte er die letzten Jahre irgendwie überlebt.
Sie hielten an einer Kreuzung an. Ein Polizist regelte den Verkehr und winkte jetzt eifrig, damit sich die Linksabbieger in Bewegung setzten. Er trug ein Tuch vor dem Mund, um sich vor den Abgasen zu schützen, darunter blies er immer wieder in seine Trillerpfeife, die ein schrilles Geräusch von sich gab, aber für so einen Ordnungshüter, eine Staatsautorität, zu sehr an Kindergeburtstag erinnerte. Niemand wollte mit ihm tauschen.
Rechts am Straßenrand - nur die eine Hälfte derer, die im Auto saßen, konnten die Szene sehen, aber die konnten nicht daran vorbeischauen - saß ein Mann, nur mit einem Lunghi bekleidet, der nackte Oberkörper ausgezehrt, man konnte jede einzelne seiner Rippen sehen. In seinem linken Arm hielt er ein ganz junges Baby, auf dessen Augen Fliegen saßen. Der Mann versuchte, die Fliegen mit seiner rechten, freien Hand zu verjagen, aber man sah ihm an, dass seine Muskeln zu müde waren. Die Fliegen hatten mehr Ausdauer als er, er war schwächer. Er wirkte wie betäubt, übermüdet, erschöpft. Hin und wieder hob er seine Hand hoch, mit einer bettelnden Geste, aber niemand legte eine Münze in die offene Handfläche. Dann wieder ging seine Hand zum Gesicht des Babys.
Jaya sah auf die Gesichter seiner Gäste und konnte ihre Fragen dort lesen: Was wird aus den beiden? Wer stirbt zuerst? Wie lange wird der Vater sich noch um sich selbst und das Kind kümmern können? Wo ist die Mutter? Wie viele solcher Menschen gibt es in diesem Land? Wo soll man anfangen? Wie könnte man helfen? Eingreifen in ein Rad aus Armut und Chancenlosigkeit? Den Teufelskreis unterbrechen? Wie? Da fuhr der Wagen an und sie wurden weggebracht von diesem Anblick, einem Augenblick voller Fliegen, die stärker waren als ein Vater.
Der Fahrer lenkte sie sicher und mit viel Hupen durch die Straßen, bis sie in ein Viertel kamen, in dem es ruhiger wurde. Auf der rechten Seite lag das große Gelände der Don-Bosco-Schule. Für die meisten Jungen war der Unterricht zu Ende und man sah jede Menge Kinder, die in unterschiedliche Richtungen auseinandergingen, sich Bälle zuwarfen, um die Wette liefen, sich voneinander verabschiedeten und winkten. Die unterschiedlichen Jahrgänge, je nach Alter und Klasse, waren für jeden an der jeweiligen Farbe des T-Shirts zu erkennen, Rot, Gelb, Blau und Grün, immer mit weißem Kragen, das neben der schwarzen Hose die Schuluniform ausmachte. Jetzt sah auch Raja aus dem Fenster, mit großen, neugierigen und neidischen Augen.
Jaya erklärte an seine Gäste gewandt: „Die meisten unserer Kinder besuchen diese Schule. Sie ist recht groß, aber sehr gut. Die Lehrerinnen und Lehrer sind engagiert, geleitet von der Pädagogik von Don Bosco. Ja, die Schule überzeugt mich. Unsere Kinder lernen gerne und sie bringen gute Ergebnisse mit nach Hause, nicht nur in Mathematik oder Englisch, auch in Sport und Musik. Wenn ich die Entwicklung unserer Kinder betrachte, bin ich froh, so eine renommierte Schule in der Nähe zu haben und sie hierhin schicken zu können.“
Die Gäste nickten und einer, der Lehrer, meinte: „Don Bosco in allen Ehren, aber die Entwicklung der Kinder im Pattu-Heim hat ganz sicher noch viel mehr mit dir zu tun, mit deiner Art, mit der Atmosphäre, die du dort schaffst, mit der Liebe, die du schenkst, du und das ganze Team.“
Jaya hörte die Anerkennung in diesen Worten und bedankte sich auf eine so einfache Art und mit der für Inder typischen kleinen Verbeugung, dass klar war, er würde die Komplimente zulassen, aber niemals irgendeine Form von Verehrung. Das aber schien den Lehrer geradezu herauszufordern, doch noch weiterzureden, und Jaya hörte in seiner Stimme diese Spur von Aggressivität, so typisch für Gäste aus dem Westen. Einer von ihnen, ein Deutscher, hatte ihm einmal erklärt, dass echte Bescheidenheit sie unglaublich provozierte.
Das Gespräch konnte nicht fortgesetzt werden, denn in diesem Moment bogen sie in die Karishma-Straße ein. Sofort öffnete sich das Tor zu Haus Nummer sieben und mehrere Kinder sprangen auf die Straße, um das ankommende Auto zu begrüßen. Jaya wusste, sie waren aufgeregt, sie mochten es, Besuch zu haben, das brachte Abwechslung in ihren Tagesablauf, neue Geschichten, erweiterte ihren Horizont, machte das Leben spannend. Die Jungen öffneten die Türen des Autos und halfen den Gästen, auszusteigen, nahmen ihnen die kleinen Taschen und Rucksäcke ab und begleiteten sie mit ihren fröhlichen Grüßen ins Haus. „Uncle! Uncle!“ Überall waren ihre Stimmen, die Kinder wünschten sich Aufmerksamkeit. Sie holten Stühle und platzierten sie im Eingang, bedeuteten den Gästen, sich zu setzen, und brachten innerhalb kürzester Zeit Tassen, frischen Tee und Kekse. Dann begannen sie, den Gästen ihre Bücher und Schulhefte zu zeigen, und die hatten keine andere Wahl, wurden mitgerissen von ihrem Eifer und fanden sich ein paar Minuten später alle mitten in der konzentrierten Stimmung von Kindern, die tatsächlich gerne ihre Hausaufgaben machten.
Raja war in der Eingangstür stehen geblieben und wartete auf ein Zeichen, wie es weitergehen würde mit ihm. Er beobachtete die anderen Jungen, die ganze Szene. Alles wirkte natürlich und gleichzeitig eingespielt. Er hatte so ein Haus noch nie erlebt. Er konnte nur ahnen, dass es hier bestimmte Spielregeln gab, und er war neugierig, sie kennenzulernen, und fragte sich, ob er sie verstehen und einhalten könnte. Aber weil alle so ausgelassen wirkten, wurde er allmählich ruhiger.
„Raja!“ Die warme Stimme von Jaya riss ihn aus seinen Gedanken und er ging zu ihm, folgte ihm eine Treppe hinauf in die erste Etage in ein Büro. Jaya bot ihm einen Stuhl an, aber bevor sie anfingen, miteinander zu sprechen, kam einer der Jungen mit einem Tablett mit zwei Bechern, einer Teekanne und einem Teller mit Keksen und in Scheiben geschnittenem Apfel. Er stellte das alles auf dem Tisch ab und reichte Raja dann die Hand. „Ich bin Muthu“, sagte er und schenkte ihm ein breites Lächeln. Raja ergriff die Hand und sagte ebenfalls lächelnd: „Ich bin Raja.“
Jaya bedankte sich für den Tee und bat Muthu, später, in einer Stunde etwa, wiederzukommen und Raja dann das Haus zu zeigen. Muthu nickte und verließ das Zimmer. Raja sah ihm hinterher und musste plötzlich ganz unerwartet und heftig weinen. Er kämpfte gar nicht erst gegen die Tränen an, denn er merkte, sie überwältigten ihn. Er fragte sich auch nicht, warum er weinte oder ob er hier überhaupt weinen dürfe, er weinte einfach. Die Traurigkeit war auf einmal so groß, gleichzeitig war es hier endlich möglich, sie loszulassen. Auch Jaya fragte sich nicht, warum der Kleine weinte, es war nicht das erste Mal, dass er genau diese Reaktion erlebte. Er ließ ihn eine Weile für sich, reichte ihm dann die Pappbox mit den Papiertüchern hinüber und berührte ihn dabei kurz am Arm. Raja spürte, dass alles in Ordnung war, putzte sich die Nase und sah Jaya an. Der sagte mit ruhiger Stimme: „Weinen ist nicht schlimm, ist auch nicht peinlich, weinen ist manchmal einfach angemessen.“ Raja nickte, er verstand und er wusste sich verstanden.
Die beiden begannen, sich zu unterhalten. Diesmal aber folgten sie nicht mehr dem Frage-Antwort-Schema wie bei ihrer Unterhaltung im Krankenhaus, sondern Raja erzählte seine Geschichte. Jaya fragte sich wieder, wie viele solcher Gespräche er jetzt im Laufe der Zeit wohl schon geführt hatte? Damals bei der Kindernothilfe hatte er zunächst zugehört, wenn sein Lehrer, sein Mentor Lüder Lürs, mit den Kindern sprach. Er hatte sehr genau beobachtet, sich einiges von ihm abgeschaut und dann gemerkt, dass er selbst eine gute Art hatte, mit den Kindern umzugehen. Ja, es waren viele Kinder, aber von Routine konnte man nicht sprechen, weil sich die Geschichten zwar ähnelten, aber vor allem der Schmerz, den ein Mensch erlebte, immer seinen eigenen Respekt forderte. So sah er Raja an, ein besonderes Kind mit einer eigenen Geschichte.
Er erzählte tapfer, Satz für Satz: Seinen Vater hatte er kaum gekannt, er war die meiste Zeit des Jahres in Sri Lanka, arbeitete dort, trank aber auch sehr viel. Wenn er nach Hause kam, wurde das Leben in der kleinen Hütte anstrengender, er hatte nicht gelernt, sich seinen Kindern zuzuwenden, und auch seiner Frau gegenüber kannte er nur einen kommandierenden Ton. Als er den Unfall und den Tod seines Vaters erwähnte, kam er kurz ins Stocken.
Sie waren von Chennai aus nach Vellore gekommen, denn seine Mutter meinte, hier eine Verwandte, eine ältere Schwester, zu finden. Aber sie konnten diese Frau nicht finden. Als Raja erzählte, dass nur wenige Wochen nach dem Tod seines Vaters auch seine Mutter gestorben war, musste er wieder weinen, berichtete dann aber weiter von den näheren Umständen. Seine Mutter war seit dem Tod des Vaters nicht mehr dieselbe wie vorher, sie war verzweifelt, schlief kaum. Zunächst hatte sie ihre Hoffnung auf ihre Schwester gesetzt und hatte sich mit ihren drei Kindern auf den Weg nach Vellore gemacht, über hundert Kilometer zu Fuß. Als sie hier ankamen und sie sich hatte eingestehen müssen, dass sie seine Tante nicht finden würden und nicht wussten, wohin, war sie irgendwie ganz komisch geworden, wie verrückt, und dann ganz plötzlich schwer krank. Sie hatte sich vor Schmerzen gewunden, irgendwelche Fremden hatten sie ins Krankenhaus gebracht, ins CMC, und man hatte sich um sie gekümmert, aber nichts mehr für sie tun können. Drei Tage später war sie tot.
Da war er auf dem Gelände geblieben, sein älterer Bruder aber war schon Tage vorher weggegangen und hatte den Tod der Mutter nicht miterlebt, er wusste nicht, wo er jetzt war. Seine jüngere Schwester war bei seiner Mutter geblieben, weil sie noch so jung war, er nahm an, dass sich die Schwestern um sie gekümmert hatten und sie vielleicht in einem Kinderheim untergebracht worden war, auch sie hatte er nicht wiedergesehen, machte sich um sie aber nicht so große Sorgen. Das alles war jetzt schon über zwei Jahre her. Als er Muthu gerade hatte weggehen sehen, hatte er sich an seinen Bruder erinnert gefühlt und merkte, wie sehr er sich danach sehnte, Freunde zu haben, Geschwister, eine Familie, ein Zuhause.
Jaya ließ ihn in aller Ruhe erzählen, fragte zwischendurch ein paar Mal genauer nach, auch um zu wissen, wie Raja generell mit Erinnerungen umging, wie viel er verdrängt hatte, welche Erklärungen er für sich gefunden hatte. Dann brachte er seinerseits auch seine eigene Geschichte mit in das Gespräch ein, erzählte ebenfalls vom Tod seines Vaters.
Irgendwann kamen sie an den Punkt, wo Jaya ihm von der Idee, der Gründung und dem Bau des Kinderheims erzählte und wie ihr Zusammenleben hier organisiert war. Jetzt stellte Raja ein paar Fragen und Jaya merkte, dass er einen sehr aufgeweckten Jungen vor sich sitzen hatte. Er war zwar noch nie gefördert worden, aber sobald man einmal etwas Zeit in ihn investieren würde, er lesen lernen würde, genug zu essen bekam und sich sicher und angenommen fühlen konnte, würde er schnell große Fortschritte machen. Jaya erklärte ihm ein paar organisatorische Einzelheiten. Dass er, wenn Raja sich entscheiden würde, zu bleiben, morgen mit ihm zur Schule gehen würde, um ein paar Tests mit ihm zu machen. Dann würde Raja, je nachdem wie das Ergebnis dieser Tests ausfiel, für ein paar Wochen zusätzlichen Unterricht bekommen, Unterstützung bei seinen Hausaufgaben, und einer der älteren Jungen, vielleicht Muthu - bei dem Gedanken strahlte Raja über das ganze Gesicht - würde ihm helfen, den Alltag im Kinderheim zu verstehen und mit den anderen gemeinsam einige Aufgaben zu erledigen, Wäsche zu waschen, den Tisch zu decken, zu fegen, zu spülen, den Rasen zu schneiden, Tee zu kochen.
Was man außerdem erledigen müsste, wäre, ihn untersuchen zu lassen, um sicherzugehen, dass er gesund war, oder sich andernfalls um eine etwaige Krankheit zu kümmern. Raja schaute angespannt, fast ein bisschen ängstlich, aber als Jaya sagte: „Eine Ärztin aus dem CMC, Doktor Ranjini, du hast sie heute gesehen, wird das übernehmen“, entspannte er sich wieder.
Jaya stockte für einen Moment und sagte: „Du bist klein für dein Alter. Das kann daran liegen, dass du nicht viel zu essen hattest, aber bist du dir wirklich sicher, dass du schon neun Jahre alt bist?“ Raja nickte. Es war sich sicher. Und noch sicherer war er sich, dass er gerne größer wäre.
Jaya merkte, dass ihm das Thema unangenehm war, und fragte: „Hast du Mohankumar gesehen? Den allerkleinsten der Jungen?“ Raja nickte. Dieser Junge war wirklich auffällig klein. Jaya fuhr fort: „Mohan ist kleiner als du und gleichzeitig ist er doch ein Jahr älter. Er war total unterernährt, als er zu uns kam, und es fällt ihm immer noch schwer, zu essen, er hat oft keinen Appetit; aber er wächst, langsam, und er schreibt mit die besten Noten.“
Wie um zu beweisen, dass er dabei sein wollte, nahm Raja einen ersten Keks und eine Apfelscheibe, stopfte beides in den Mund, kaute und nahm einen großen Schluck aus seinem Teebecher. Beide mussten lachen.
Auch um das Thema zu wechseln, sagte Jaya, dass man ihn nach dem Test in der Schule und der Untersuchung durch die Ärztin ganz offiziell und mit seinem vollen Namen und Geburtstag bei der Stadtbehörde unter der Adresse des Kinderheims anmelden würde. Er wäre dann kein Straßenkind mehr, sondern sesshaft und würde später ohne Schwierigkeiten einen Pass ausgestellt bekommen. „Wenn du das möchtest, können wir versuchen, Familienangehörige von dir zu finden und Kontakt herzustellen zu Geschwistern deiner Eltern oder auch zu deinen eigenen Geschwistern. Vielleicht werden wir bei so einer Suche keinen Erfolg haben, aber wir könnten es probieren. Nun, das hat allerdings Zeit, du musst es nicht heute entscheiden.
Zum Tagesablauf hier im Haus kann dir Muthu gleich Näheres erklären. Am Morgen vor der Schule treffen wir uns zum Frühstück und zum Morgengebet. Am Nachmittag nach der Schule machen alle zuallererst ihre Hausaufgaben, erledigen ihre anderen Arbeiten im Haus, dann ist freie Zeit zum Spielen. Wenn Gäste da sind, werden sie von uns allen mit in den Tagesablauf hineingenommen. Nach dem Abendessen sehen wir zusammen die Nachrichten im Fernsehen und wenn es Fragen gibt, besprechen wir sie. Und vor dem Zubettgehen treffen wir uns noch einmal alle zum Abendgebet, ich erzähle eine Geschichte und bete um Gottes Segen. Dies ist ein christliches Kinderheim. Wir leben hier in Frieden zusammen, damit meinen wir nicht nur Waffenstillstand, sondern mehr eine Art entwaffnendes ganzes Glück. Lern es einfach kennen.“
Jaya hatte jetzt alle eher formalen, äußerlichen Angelegenheiten mit ihm besprochen und hatte den Eindruck, Raja habe alles soweit verstanden. Ein letzter Punkt aber musste noch offen angesprochen werden, und der betraf die Grundregeln für ihr Zusammenleben.
„Raja, du musst wissen, dass das Kastensystem in diesem Haus nicht akzeptiert ist. Kasten haben hier keine Bedeutung. Wir fragen nicht, aus welcher Kaste jemand kommt, wir teilen niemals die Jungen in niedrigere oder höhere Kasten ein und wir wollen auch nicht, dass ihr einander einteilt. Auch die Hautfarbe macht keinen Unterschied. Es ist nicht wichtig, ob jemand hellere oder dunklere Haut hat. Alle sind gleich viel wert und alle verdienen Respekt, alle können Freunde sein. Wir haben außerdem die Verabredung, dass wir einander nicht belügen, nicht bestehlen und nicht schlagen. Und dass wir uns entschuldigen und verzeihen, wenn wir etwas falsch machen und es einsehen. Es gibt keine Strafen, bisher haben wir keine gebraucht. Mit diesen Regeln kann Vertrauen entstehen, und das bedeutet mir sehr viel.“
Er sah Raja offen an und fragte: „Bist du einverstanden? Können wir verabreden, dass du dich auf diese Regeln einlässt?“
Raja nickte mehrmals ernsthaft.
Die Stunde war schnell umgegangen und Muthu klopfte an die Tür und betrat das Büro. „Wenn du erst mal keine Fragen mehr hast, zeigt dir Muthu jetzt das Haus. Guck dir alles genau an, die Küche, den Gemeinschaftsraum, die Zimmer, den Garten. Nimm am Abendessen teil und am Abendgebet und sag, wie es dir geht, frag, wenn du etwas nicht verstehst, und teil mir irgendwann heute oder morgen deine Entscheidung mit. Danke, Muthu. Viel Spaß, euch beiden.“
Fröhlich zogen die beiden ab.
Jaya blieb an seinem Schreibtisch sitzen, das Gesicht in den Händen vergraben, dachte über die unglaubliche Ähnlichkeit zwischen Rajas und seiner eigenen Geschichte nach und begann, leise zu beten.
Das Telefon klingelte unten in der Halle. Sunda, einer der beiden Erzieher, rannte, um den Hörer abzunehmen und zu antworten.
„Jaya“, rief er durch das ganze Haus, „es ist für dich.“ Jaya fragte sich, wer das sein könnte, verließ schnell sein Büro und kam zum Telefon gelaufen.
„Hallo, Jaya.“
Die Stimme hätte nicht sagen müssen, zu welcher Person sie gehörte, welchen Namen sie trug, er hätte sie wiedererkannt. Jaya räusperte sich: „Danke, dass Sie anrufen, Doktor Ranjini.“
„Bitte, nennen Sie mich doch Kala. Ich rufe an, um Ihnen zu sagen, dass ich es heute leider doch nicht schaffe, zu Ihnen in das Kinderheim zu kommen. Ich werde mich aber morgen im Laufe des Tages noch einmal bei Ihnen melden, um einen Termin zu vereinbaren, damit ich mir den kleinen Raja ansehen kann.“
Jaya nickte und erst als er merkte, dass es am anderen Ende der Leitung still wurde, realisierte er, dass sie sein Nicken nicht sehen konnte. „Ja“, sagte er. „Ja, vielen Dank. Bis morgen also.“
Kala sagte: „Ja, bis morgen.“
„Doktor Ranjini?“ Jayas Frage kam schnell und unüberlegt. „Ist alles in Ordnung? Oder habe ich mich in irgendeiner Weise falsch benommen Ihnen gegenüber?“
Er höre ihr feines Lachen. „Nein, nichts dergleichen. Aber auf der Säuglingsstation herrscht das Chaos, ein paar unvorhergesehene Problemfälle sind eingetroffen und ein paar Engpässe im Personalplan tun ihr Übriges. Ich kann hier gerade einfach nicht weg.“
Erleichtert sagte er: „Sie scheinen Ihren Beruf sehr zu lieben. Wird Ihr Mann da nicht manchmal eifersüchtig?“ Er hatte es fragen müssen, um sicherzugehen, um zu erfahren, ob sie verheiratet war und nur unverheiratet wirkte, und wartete angespannt auf ihre Antwort. „Ich bin nicht verheiratet“, kam es vom anderen Ende der Leitung. Ihre Gegenfrage stand unausgesprochen im Raum und er ersparte es ihr, sie formulieren zu müssen. „Ich bin selbst auch unverheiratet“, sagte er von sich aus.
Sie lachte wieder und fragte scherzhaft: „Und warum hat man für einen Mann wie Sie keine Ehe arrangiert?“
Er überlegte kurz, was und wie er es sagen sollte, und entschied sich für einen kurzen Satz: „Die Menschen scheinen schon immer gedacht zu haben, dass ich ein Typ bin, der allein zurechtkommt.“ Jaya selbst merkte erst in der abwartenden Stille zwischen ihnen, dass seine Antwort nicht eindeutig gewesen war und in zwei Richtungen interpretiert werden konnte. Er ärgerte sich über seine Formulierung, sie kam ihm unfair vor, als wolle er ihr Rätsel aufgeben, und sagte schnell: „Ich meinte damit, dass ich mich, entgegen allen Traditionen, wohl auch um diese Frage selbst kümmern muss.“
Sie spürte, dass in dieser Antwort viel Humor und gleichzeitig die Wahrheit lag, viel Einsamkeit wahrscheinlich obendrein. Sie entdeckte sich selbst in seiner Antwort wieder. Eine neue Art der Nähe zwischen ihnen war spürbar. Sie gaben beide einen zustimmenden Seufzer von sich und verabschiedeten sich voneinander.
„Bis morgen“, sagte Jaya und wiederholte noch ein paar Mal, auch als sie schon längst aufgelegt hatte, ihren Namen.
„Bis morgen, Kala.“
Am Abend, nach dem Essen, alle Hausaufgaben waren erledigt, das Geschirr wieder gespült und die Tische wieder sauber, der Boden gefegt, spielten die Jungen in ihren Zimmern. Die Gäste hatten ihnen mehrere Sets Mikado mitgebracht und jetzt saßen sie jeweils zu viert oder fünft auf dem Boden und übten sich in Geschicklichkeit.
Raja spielte mit und als er eine Spielrunde gewann, strahlte er über das ganze Gesicht. Das Großartige an diesem Moment des Erfolgs aber war, dass sich, wie bei jedem anderen auch, die anderen Jungen alle mitfreuten, ihm auf die Schulter schlugen, gratulierten, ihn lobten. So ging das jetzt seit über einer Stunde und einer der Gäste, der Journalist, der die Kinder beim Spielen beobachtete, traute schon die ganze Zeit über seinen Augen nicht. Er verstand nicht, wie man so eifrig spielen konnte, sich so ins Zeug legen, um zu beweisen, dass man es schaffen konnte, und dann trotzdem den anderen so von Herzen ihren Erfolg gönnte. Irgendetwas war hier völlig anders, als er es sonst kannte.
Gegen neun Uhr gingen die beiden Erzieher durch die Zimmer und riefen alle Kinder zum Abendgebet zusammen. Sie setzten sich im Gemeinschaftsraum, in dem auch gegessen wurde, in einem großen Kreis auf Matten auf den Boden, einige hatten Trommeln mitgebracht, alle ihre selbst gestalteten Liederbücher, und dann begannen sie laut zu singen. Raja setzte sich mit in den Kreis und hörte fasziniert zu. Die Gäste hatten sich außerhalb des Kreises auf Stühle gesetzt und waren auf ihre Weise ebenso begeistert von dem Gesang der Kinder.
Nach ein paar Liedern sagte Jaya: „Heute erzähle ich euch eine Geschichte, die mir eine schwarze Freundin aus Amerika einmal erzählt hat. Unsere Gäste haben weiße Haut, aber auch in ihrem Land gibt es Menschen, die dunkelhäutig sind. Ihr könnt sie gerne danach fragen, wie es dazu gekommen ist, nicht wahr?“ Er wandte sich fragend an die vier Männer, die sofort bereitwillig nickten.
Jaya sagte: „Ich bin der Dunkelste in meiner Familie, aber meine Mutter hat mir immer gesagt, dass ich schön bin und liebenswert. Und ich habe mich entschieden, ihr zu glauben. Sie hat uns Kinder immer alle gleich behandelt. Sie war darin ein großes Vorbild, finde ich. Andere würden zum Beispiel die Jungen vorziehen, aber meine kleine Schwester bekam genauso viel zu essen wie wir Brüder. Aber jetzt Schluss damit, kommen wir zur Geschichte.“
Jaya hatte für diesen Abend eine Geschichte ausgewählt, die die Kinder verstehen würden und die die Gäste an seinen Gedanken teilhaben lassen konnte. Und so begann er zu erzählen:
„Es war zu der Zeit, als Schwarze zum allerersten Mal Land kaufen durften, ein kleines Grundstück und ein eigenes Haus bauen; leicht, aus Holzbrettern; Kälte hielt das nicht ab, aber den Regen. Joanne wohnte zusammen mit ihren Eltern und vielen Geschwistern, ihren Tanten und Onkels und vielen Cousinen und Cousins, insgesamt an die zwanzig Kinder, in der Farmgegend. Hier arbeiteten die Erwachsenen auf dem Feld.
Eines Tages spielten die Kinder zusammen, als es plötzlich anfing zu regnen. Ein Sturm zog auf, der Himmel wurde dunkel, Tante Serena war die Einzige, die da war, und sie rief die Kinder ins Haus.
Ein Gewitter krachte und blitzte. Es regnete wie aus Eimern und der Sturm rüttelte an dem kleinen Haus.
Und dann traute Joanne ihren Augen nicht. Sie saßen alle zusammen in ihrem Holzhäuschen und plötzlich wurde eine Ecke des Hauses hochgehoben; es war einfach zu leicht. Da sagte ihre Tante Serena:
,Kinder, haltet euch an den Händen und geht mit mir zu der Ecke, wo das Haus wegfliegt, der Stelle, wo das Haus am leichtesten ist, und stellt euch mit eurem ganzen Gewicht gegen das Wetter.`
Sie taten sofort, was sie sagte. Alle blieben, niemand rannte weg und ließ das Haus im Stich. Sie waren eine Gruppe wie wir, an die zwanzig Kinder, Verbündete, die sich an den Händen hielten und die dann mal da und mal dort in die nächste Ecke gingen, sich an die Wand lehnten und wieder zurück in die Ecke gingen. Der Sturm zog vorbei und das Haus war stehen geblieben.“
Jaya schwieg für einen Moment und sagte dann: „Ich sage euch, warum ich diese Geschichte mag und was sie mir sagt. Dieses Erlebnis von Joanne ist eine Erfahrung, die ich auch immer wieder mache. Das Leben nimmt uns an die Hand. Wir stehen zusammen auf. Jeder einzelne Mensch hat Gewicht. Wir sollen uns gegen das Wetter stellen. Wir müssen zusammen in die Ecken gehen, wo diese Welt am schwächsten ist, wo das Lebenshaus von Familie Mensch am leichtesten auseinanderfliegen kann.“
Und damit stand er auf und sagte: „Kommt, lasst uns einen großen Kreis bilden und auch unsere Gäste und Raja mit hineinnehmen. Lasst uns einander an den Händen fassen und beten.“ Mit ein paar wenigen Worten bat Jaya seinen Gott um Segen und Schutz für die Nacht. Sie sangen ihr Gutenachtlied, ein Kinderlied, untermalt von Trommeln:
Segensreiche Nacht.
Die Engel singen.
Denn das Licht des Himmels kam zur Welt, liegt in seinem Bett, in einer Krippe.
Seine Mutter gibt ihm einen Kuss und singt ihm ein Schlaflied.
Segensreiche Nacht.

Kapitel 7
Das Geräusch des Motorrollers unterbrach Priya in ihren Gedanken. Sie lief, um das kleine Tor zu öffnen, aber als sie dort ankam, war Ganesh bereits vor ihr angekommen und ließ Jaya in den Hof fahren. Wo war der Kleine denn plötzlich hergekommen? Er war so leise und so unauffällig wie ein Chamäleon, das sich seiner Umgebung anpasste, um nicht entdeckt zu werden. Er schien jahrelange Übung darin zu haben, nicht aufzufallen, man musste das schon fast als eine besondere Fähigkeit betrachten.
Jaya war um das Haus herumgefahren, hatte geparkt und kam jetzt auf sie zugelaufen. Er grüßte mit einem Lachen und hielt eine kleine Tüte in der Hand, die er, als er näher kam, schwenkte, um sie neugierig zu machen. Sie erkannte das Papier, rosafarbene Servietten, in die der Bäcker in der Nähe des Kinderheims die köstlichen Süßigkeiten einwickelte.
Jaya hatte ihr schon früher häufiger Süßigkeiten gekauft, aber in letzter Zeit brachte er ihr immer öfter solche kleinen Aufmerksamkeiten mit. Vielleicht, weil er es sich jetzt leisten konnte, wie um die früheren Jahre des Verzichts ein wenig auszugleichen. Vielleicht, weil auch er ahnte, dass sie nicht mehr lange da sein würde, und man die Lebenden mit Aufmerksamkeiten bedenken sollte, denn die Toten zu beschenken, würde nicht viel Sinn machen.
Sie nahm die Papiertüte entgegen, öffnete sie, zog den süßen Duft von Mandeln, Kokos und Zucker ein und griff sofort mit zwei Fingern nach einer Makrone, schob sie sich in den Mund, verspielt, wie ein junges Mädchen, und kaute genussvoll auf der klebrigen Masse herum. Sie strahlte. Sie bot auch ihm davon an, aber er lehnte dankend ab, wie sie es schon vermutet hatte. Sie reichte die Papiertüte weiter an Ganesh, der sich erst nach einer weiteren Aufforderung traute, eins der leckeren Plätzchen für sich zu nehmen. Alle miteinander gingen sie ins Haus.
Kaum hatte sich Jaya in seinen Sessel gesetzt, brachte Ganesh ihm eine Tasse frischen Tee: geriebener Ingwer, Zitrone und Zucker mit ein paar Blättern Schwarztee in einer großen Kanne mit heißem Wasser aufgegossen. Jaya lehnte sich zurück und wartete, dass seine Mutter anfangen würde, zu reden. Er konnte ihr ansehen, dass sie sich kaum noch zurückhalten konnte, wusste aber auch, dass sie aus Rücksicht auf ihn noch einen Moment wartete, bis er sich etwas entspannt hatte und zu Hause angekommen war. Er nickte ihr zu.
Priya gab sich gar nicht erst die Mühe, ihre Gedanken zu ordnen, sondern überließ es Jaya, sich aus dem bunten Angebot ein Thema herauszusuchen, dem er zuerst nachgehen wollte. Und so sprach sie ohne Pause, in einem Fluss, schnappte nur hin und wieder kurz nach Luft und erzählte von ihren Beobachtungen gestern Abend, fragte nach den Gästen und ob er ihnen auch die Geschichte von Doktor Ida erzählt habe, wie er es oft mit Gästen tat, erwähnte kurz die Saatgut-Satyagraha der Reisbauern in Chattisgarh, die sie im Fernsehen gesehen hatte, brachte ganz beiläufig ins Spiel, dass sie bemerkt hatte, dass die Gäste ihn angestrengt hatten, fragte nach, ob ihm die Mango geschmeckt hatte und das Essen, sagte ein paar wohlwollende Worte über Ganesh, hielt nicht zurück, dass sie sich über Shantis Mutter ärgerte, die ihre Tochter Ornamente mit Kreide malen ließ statt mit zermahlenem Reis, warf kurz ein, dass sie wirklich froh sei über die guten Niemblätter, sagte, dass ihr wieder eingefallen war, dass der Palar früher, als sie noch ein kleines Mädchen war, nie ganz ausgetrocknet gewesen war, und fragte, ob er ihr eine Erklärung dafür liefern könnte.
Sie sprudelte nur so. Sie wollte ihre Gedanken mit ihm teilen, erwartete Antworten von ihm auf ihre Fragen und wollte ihrerseits hören, was ihn bewegte, wie sein Tag gewesen war, was er erlebt hatte. Es war wunderbar, ihm erzählen zu können, was sie bewegte, aber das Größte für sie war, wenn er sie umgekehrt mit hineinnahm in seine Welt, in seine Überlegungen und Entscheidungen. Sie lehnte sich zurück und wartete, was er sagen würde.
Jaya fing langsam und mit ausgesuchten Worten an, von seinem Tag zu erzählen, und begann mit einem Satz, der eher ungewöhnlich für ihn war: „Heute habe ich oft an dich gedacht, Ma.“
Sie zog fragend die Stirn in Falten. Der kleine Satz klang ernst. Gleich würde er ihr sicher sagen, warum.
Jaya erzählte, und was er zu berichten hatte, klang zunächst nach einem ganz normalen Tag. Er erwähnte kurz, dass er mit seinen amerikanischen Gästen im CMC gewesen war und eine Klinikführung für sie organisiert hatte, beschloss, Dr. Ranjinis Namen nicht zu nennen, sondern von dem zu erzählen, was ihn tatsächlich am meisten beschäftigte, Raja. Dass ein neuer Junge in das Kinderheim aufgenommen worden war, war, wenn auch keine alltägliche Zeremonie, doch nicht so außergewöhnlich. Aber etwas war besonders an Raja, sie spürte es. Und dann, als sie die Geschichte dieses neuen Jungen hörte, wurde ihr auch schnell klar, warum Jaya an sie hatte denken müssen. Denn die Geschichte des Neuen war Jayas eigener und damit ihrer verblüffend ähnlich.
Jaya erzählte. Leiser als sonst. Während er von Raja berichtete, lief ein Film in seinem Kopf ab, der aus Bildern der Vergangenheit bestand und ihm seine eigene Entwicklung in Erinnerung rief und sehr konkret vor Augen malte. Ja, er meinte, selbst die Gerüche dieser Jahre wahrnehmen zu können, das brackige Wasser in den Pfützen auf der Straße, wo er gekniet hatte und kleine Palmkörbchen verkauft hatte, die Mischung aus Schweiß und saurer Milch, die in der Kleidung seiner Mutter hing, die staubige alte Matratze in der kleinen Hütte, in der sie wohnten. So roch der Hunger, so roch die Armut. Er führte den Becher mit Tee zum Mund, nahm einen großen Schluck und verjagte die Gerüche. Er versuchte, sich der Gegenwart zuzuwenden, dem Jungen, dem er heute ein Zuhause geschenkt hatte, und fuhr bewusst fröhlicher fort: „Raja ist ein aufgeweckter Junge.“ So wie du damals, dachte Priya. „Er ist in der Stadt aufgewachsen, in den Slums, in Chennai. Sein Vater hat in Sri Lanka Stoffe verkauft.“ Genau wie deiner, dachte Priya. Wie viele Inder es in der Vergangenheit gemacht haben, um Geld zu verdienen. „Seine Mutter hat keine Ausbildung machen können.“ Wie ich, dachte Priya. Jaya sah sie an; beiden war die Parallele deutlich bewusst. Er wusste nicht, ob er wirklich weitererzählen sollte.
Priya sah ihn fragend an und Jaya sah darin eine Aufforderung, weiterzumachen. „Rajas Vater verlor seine Anstellung und kam zurück nach Indien. Er hatte auch in Sri Lanka schon zu viel getrunken, wohl aus Einsamkeit, fand hier keinen neuen Job und starb, als er betrunken auf die Straße lief und auf einer viel befahrenen Kreuzung unter einen Wagen kam. Rajas Mutter starb nur ein paar Wochen später.“ Priya seufzte: „Der arme Kleine, das ist zu viel.“
Jaya sagte nachdenklich: „Er hat nicht genau gesagt, was mit seiner Mutter geschehen ist. Aber ich denke, dass sie lebensmüde war, zu verzweifelt. Der Verlauf ihrer Krankengeschichte hört sich so an, als habe sie vielleicht Gift geschluckt. Man hat ihr nicht mehr helfen können. Ihre Jüngste war wohl die ganze Zeit bei ihr, die beiden Älteren, die Söhne, waren auf sich gestellt. Der Älteste ist weggelaufen, Raja ist in der Nähe des Krankenhauses geblieben und hat es irgendwie und mit viel Geschick geschafft, hier zu überleben. Irgendwo in der Stadt könnte es eine Tante geben, sie war der Grund, warum die Familie nach dem Tod des Vaters überhaupt nach Vellore gekommen ist. Vielleicht können wir sie ausfindig machen. Rajas kleine Schwester hat man sicher in eins der Mädchenheime gebracht und wir können ihre Spur verfolgen. Die Mutter“, Jaya schüttelte den Kopf, „wie verzweifelt sie gewesen sein muss, dass sie sogar riskierte, ihre Kinder im Stich zu lassen!“
Und genau hier hört die Ähnlichkeit auf, dachte Priya und setzte sich ein bisschen aufrechter in ihren Sessel. Hatte sie jemals den Gedanken gehabt, aufzugeben? Es hatte wohl Momente gegeben, in denen sie müde war, sehr müde. Tage, an denen schon das Aufstehen am Morgen unendlich schwerfiel. Tage, an denen sie verzweifelt zusehen musste, wie ihre Kinder sich vor Hunger den Bauch hielten, und sie einfach nicht wusste, wie sie ihnen helfen sollte. Das Gefühl, dass ihre Brüste nicht genug Milch hatten, um ihr Neugeborenes zu stillen, war herzzerreißend gewesen. Und doch hatte sie weitergelebt. Gekämpft. Gebetet. Hatte Maria ihr Kind nicht in einer Hütte zur Welt bringen müssen? Und doch war es heilig gewesen. Hatte sie nicht auch fliehen müssen? Sie hatte immer gehofft. Nein, ihre vier Kinder hatten sie Kraft gekostet und doch gleichzeitig auch immer wieder Kräfte in ihr geweckt. Sie hatte leben wollen. Alle gemeinsam hatten sie kleine Körbe aus Palmblättern geflochten und sie am Straßenrand verkauft, bis spät in die Nacht hinein. So hatten sie es irgendwie geschafft, zu überleben. Allein und völlig auf sich gestellt. Eine Witwe und vier kleine Kinder. Nein, lebensmüde war sie zum Glück nie gewesen.
Jaya sah seine Mutter an. Sie hatte nie viel über diese Jahre gesprochen. Aber er hatte Fragen. Und in letzter Zeit drängte es ihn, sie zu stellen. Aber er war dabei immer unsicher, ob er ihr zumuten dürfe, sich mit den dunklen schweren Bildern von gestern auseinanderzusetzen. Er wusste, sie war stark und zäh, und deshalb wagte er es, eine erste, sehr direkte Frage zu stellen, von der er nicht wusste, wie man sie umschreiben sollte: Wie ist Papa gestorben?
Priya atmete langsam weiter. Sie kniff den Mund zusammen und für einen Moment dachte Jaya, sie wolle ihm signalisieren, dass die Antwort verschlossen sei und nicht über ihre Lippen käme. Aber dann redete sie doch.
„Deine Geschichte ist der von Raja sehr ähnlich. Auch dein Vater hat getrunken. Der Alkohol hat ihm wohl geholfen, seinen Misserfolg zu vergessen. Als er krank wurde - eigentlich war es eine einfache Grippe -, hatte er keine Abwehrkräfte und wurde nicht wieder gesund. Ich habe ihn am Morgen gefunden. Vor der Tür unserer Hütte, mit einer Flasche in der Hand, tot.“
Jaya spürte, dass er wohl nicht mehr Einzelheiten erfahren würde, zumindest nicht heute, und gab sich zufrieden. Stattdessen erzählte er, wie er Raja kennengelernt hatte.
„Ich habe ihn eingeladen, sich das Haus anzusehen und die anderen Jungen kennenzulernen. Er ist ohne zu zögern mitgekommen.“
Priya nickte: „Du hast das Richtige getan. Wir müssen teilen, was wir haben.“
„Ja“, sagte Jaya, „das stimmt. Und weißt du, das ist immer das Beste, was passieren kann. Es gibt mir das untrügliche Gefühl, dass hier ein Kind ist, das seine Chance erkennt und deshalb nicht wegwerfen wird. Raja wird uns nicht enttäuschen.“
Priya nickte zustimmend und sagte: „So wie du damals den weißen Missionar nicht enttäuscht hast. Erinnerst du dich noch?“
Oh ja, das tat er. Er schob die Gedanken an den kleinen Raja beiseite, hoffte, dass sein Besuch in den Gästezimmern des Kinderheims gut versorgt war, sah für einen Moment die funkelnden Augen von Dr. Kala Ranjini vor sich und tauchte dann vollkommen ein in die Erinnerung an den Tag, der zum ersten Mal alles in seinem Leben wirklich zum Guten verändern sollte. Nicht, dass er an Einzelheiten zurückdenken konnte, dafür war er wohl noch zu jung gewesen, gerade erst fünf. Die konkreten Bilder stammten aus den Erzählungen seiner Mutter, er selber verband mit dem Tag der wunderbaren Wendung, wie Priya ihn nannte, nur ein unbestimmtes, aber starkes Gefühl von Glück.

Kapitel 8
Madras/Chennai 1958
Es war Ende September. Der Sommermonsun hatte eine volle Regenzeit lang das Land mit Wasser versorgt. Alles war grün. Die warme Feuchtigkeit steckte in den Kleidern, auch die Matratze, auf der sie jede Nacht zu fünft nebeneinanderlagen, war ganz klamm. Priya stillte ihr Neugeborenes, ihr viertes Kind, Parveen, ihre erste Tochter. Gleich würden sie alle zusammen wie jeden Tag zur Arbeit gehen, versuchen, etwas Geld zu verdienen. Sie setzte Jaya, Kumar und Sajan nebeneinander auf die Matratze und las ihnen wie jeden Morgen aus ihrer alten Bibel vor, eine Geschichte und einen Psalm, ein uraltes Gebet. Jaya war jetzt fünf Jahre alt und sie dachte, es wäre gut für ihn, einige der Verse auswendig zu lernen. Sie selber hatte Tamil zu lesen und zu schreiben gelernt, besaß aber nur ein einziges Buch, eben ihre Bibel, aber sie würde versuchen, ihren Kindern wenigstens das beizubringen, was sie selber wusste; auch wenn das nicht gerade viel war.
Priya hatte noch etwas Reis gekocht und jetzt gingen sie alle fünf zusammen weg von ihrer Hütte hin zu der Stelle an der Straße, wo sie jeden Tag saßen und die Palmkörbchen verkauften. Priya sorgte immer dafür, dass sie vorher eine Kleinigkeit aßen, damit sie nicht mit leerem Magen an den Gerüchen der Straße vorbeigehen mussten. Die drei Brüder hielten sich an den Händen, gingen eng nebeneinander in einer Reihe, Priya trug die kleine Parveen in einem Tuch vor ihrem Bauch. Es war ein Tag wie jeder andere, aber es lag Hoffnung in der Luft, denn man spürte, dass die Regenzeit bald vorbei sein würde, und sah das Land aufblühen. In der Linken hielt Priya zwei große Palmblätter. Eins, um ihre Waren, die verschiedenen Körbe, darauf auszubreiten. Das andere, um sich selbst daraufzusetzen und nicht direkt auf der Straße, dem dreckigen Asphalt zu knien und, falls es doch noch dazu käme, einen Schutz vor dem nächsten Regenschauer zu haben. Mit der Rechten balancierte sie einen Karton mit den geflochtenen Palmkörbchen auf der Schulter.
Priya war tapfer und ihr Lebenswille war ungebrochen. Aber ihr Herz war schwer. Ihr Mann war von ein paar Monaten gestorben, als sie noch schwanger mit ihrem vierten Kind war. Er war in den letzten Jahren nicht viel bei ihnen gewesen, aber jetzt waren sie keine ganze Familie mehr, jemand fehlte und die Lücke tat weh. Ihre größte Sorge galt der Zukunft der Kinder. Mit ihrem Mann zusammen hatte sie manchmal noch träumen können, aber so, allein, als Witwe, hatte sie aufgehört, Pläne zu schmieden. Sie hatte kein Geld, keine Möglichkeiten, keine Alternativen. Sie musste um ihr Überleben kämpfen. Der größte Wunsch, wenigstens eines von ihnen, wenn nicht alle, zur Schule schicken zu können, war reinste Fantasie. Die Aussicht, in einem Haus zu leben statt in einer Hütte, gab es nicht. Und die Hoffnung, irgendwann einmal etwas anderes zu tun, als selbst geflochtene Palmkörbchen zu verkaufen, war ganz weit weg.
Aber an diesem Tag sollte sich das alles mit einem Mal ändern.
Sie hatten drei kleine und einen größeren Korb verkauft, als ein Mann vor ihnen stehen blieb und die Körbe aufmerksam betrachtete. Er war ein Weißer und sprach Tamil mit einem eigenartigen Akzent und fragte, ob er die Körbe einmal genauer ansehen dürfe. Priya nickte. Er ging jetzt in die Knie, um nicht so von oben herab mit ihr zu sprechen, sein Blick glitt von ihr zu dem Baby, das an ihren Bauch gedrückt schlief, und zu ihren anderen Kindern und wieder zu ihr. Die Kinder saßen ruhig da und blickten ihm offen ins Gesicht. Er lächelte freundlich und kaufte zwei Körbe, einen großen und einen kleinen. Ob sie mehr erhofft hatte? Sie wusste, dass die meisten Weißen, die in Indien lebten, Geld hatten, aber sie hatte sich abgewöhnt, Hoffnungen in einzelne Käufer zu setzen, sie wünschte sich nur, dass ein Tag insgesamt genug Umsatz mit sich brachte.
Der Weiße stand wieder auf, bedankte sich und sagte schon im Weitergehen: „Gott segne Sie.“
Jaya hörte die vertrauten Worte, die er noch am Morgen von seiner Mutter vorgesagt bekommen hatte, und sagte mit Kinderstimme, aber sicher und stolz darüber, dass er den Vers behalten hatte: „Es segne uns Gott, unser Gott.“
Der Weiße blieb stehen und drehte sich zu ihnen um. Was Jaya sagte, musste sich in seinen Ohren wie eine Antwort angehört haben, die sich an ihn richtete. Er kam zurück und kniete sich noch einmal vor Priya hin und fragte: „Haben Sie das gehört? Ihr Sohn hat soeben ein Bibelwort zitiert, den siebenundsechzigsten Psalm. Woher hat er das? Geht er sonst zur Schule?“
Hätte er diese letzte Frage nicht auch noch gestellt, wäre Priyas Antwort vielleicht nüchterner ausgefallen, aber so kamen ihre Worte mit Leidenschaft heraus: „Zur Schule? Es ist mein größter Wunsch, wenigstens eins von ihnen zur Schule schicken zu können, aber davon kann keine Rede sein. Ich habe das Geld nicht. Ich habe nichts außer diesen Palmkörbchen und den vier Kindern.“ In diesem Moment begann das Baby zu weinen und Priya war für einen Moment abgelenkt.
Sie dachte schon, der Weiße habe genug gehört und würde weitergehen, aber er blieb und wartete geduldig, bis Parveen sich wieder beruhigt hatte. Dann fragte er: „Und Sie bringen Ihren Kindern Bibelworte bei?“
Priya nickte jetzt eifrig, überzeugt von ihrem Konzept: „Es ist das einzige Buch, das ich habe, ich erzähle ihnen die Geschichten und lese ihnen die Texte vor. So werde ich meinen Kindern auch ohne Schule etwas beibringen, das Lesen, vielleicht auch etwas das Schreiben. Und ihnen etwas weitergeben, das tröstet“, setzte sie noch hinzu.
Der Weiße hörte das alles, er sah die fünf und ihm kam eine Idee. Er stellte sich vor: „Ich bin Benjamin Franz und ich arbeite bei einem deutschen Kinderhilfswerk. Wir haben mehrere Kinderheime hier in der Stadt und in ganz Indien.“
Priya legte automatisch den Arm um ihre drei Jungen und drückte mit dem anderen Parveen enger an sich.
„Nein“, sagt sie. „Es ist nett, dass Sie helfen wollen, aber Sie werden mich nicht von meinen Kindern trennen.“
Der Weiße versuchte, sie zu beruhigen, und sagte: „Nein, nein. Mir kam eine ganz andere Idee. Mein Chef, ebenfalls ein Deutscher, sucht eine Hausangestellte, ein Kindermädchen für seine Familie. Könnten Sie sich vorstellen, ihn kennenzulernen? Gleich dortzubleiben? Sie müssten dazu aber in eine ganz andere Gegend der Stadt mitkommen.“
Priya sah ihn an, merkte, dass er überzeugt war, mit ihr genau die richtige Person gefunden zu haben. Wie konnte das sein? Sie sah ihre Kinder an. Die drei waren abgelenkt, spielten zusammen Fingerknoten. Für sie müsste sie es riskieren und diese Chance wahrnehmen, oder? Sie dachte an den Psalmvers. Es segne uns Gott, unser Gott. Ja, warum nicht? Vielleicht war dieser Mann ja ein Segen. Eine Antwort auf ihre Gebete. Vielleicht hatte ihn Gott in ihr Leben geschickt. Warum nicht?
Sie verabredeten miteinander, sich in zwei Stunden an derselben Stelle wieder zu treffen. Priya würde in ihre Unterkunft eilen und ihre Sachen zusammenpacken, er würde mit einem Auto wiederkommen und sie abholen.
Und so kam es. Priya packte ihre zwei Decken, ihre Bibel, zwei Töpfe, eine Öllampe, eine alte Postkarte mit dem Bild von Mutter Teresa und die andere, die eine schwarze Ikone zeigte, eine Maria, die ihr neugeborenes Kind auf die Stirn küsste, zusammen in einen Karton, packte ihren zweiten Sari, die paar Windeln, Kleidungsstücke der Kinder und ein paar restliche Palmblätter und ein kleines Päckchen Reis in eine Leinentasche und entfernte das Schloss von ihrer Tür aus Wellblech. Sie verschenkte die Matratze an eine Nachbarin, die sich unermesslich freute und gar nicht aufhören wollte, ihr zu danken. Dann ging sie zurück zur Straße.
Hattest du keine Zweifel, ob er sein Versprechen wirklich wahr machen würde? Immer wieder wurde sie das später gefragt. Aber sie hatte dem Weißen vertraut. Wohl wegen des Bibelwortes, das sie verband. Wenn er sie betrügen sollte, dann würde der Segensvers sich zu einem Fluch umdrehen. Aber ganz sicher nicht nur für sie, sondern für sie beide.

Kapitel 9
Jaya sah seine Mutter an. Er musste sich an jenem Tag damals so gefühlt haben wie der kleine Raja heute. Denn Benjamin Franz hielt sein Versprechen und holte sie ab. Ja, er wartete schon auf sie, als sie mit ihrem Karton und der einen Tasche um die Ecke kamen, und brachte sie nach Tenampet, einem ruhigen Stadtteil von Chennai, stellte sie seinem Chef Lüder Lürs vor und von diesem Moment an wurde das Leben leichter.
Jaya war überglücklich, weil er nur wenige Wochen später, noch vor Weihnachten, zur Schule gehen und endlich lernen konnte. Er tat es mit großem Eifer, schnell und überaus gerne. Familie Lürs schenkte ihnen ein Zuhause und Priya tat das Ihre, um sich als Kindermädchen, Köchin und Haushälterin nicht nur nützlich zu machen, sondern das Haus, ihre eigenen und die deutschen Kinder, das Missionarsehepaar selbst und dessen Gäste mit Liebe und Mütterlichkeit zu beschenken.
Jaya stand auf, ging in sein Zimmer und kam einen Moment später mit einem alten Brief zurück. Priya sagte: „Du hast ihn aufbewahrt, natürlich hast du das.“
Sie erkannte sofort den Brief, den ersten, den Jaya von seinen deutschen Pateneltern bekommen hatte, weil er jetzt von dem Kinderhilfswerk, für das Benjamin Franz und Lüder Lürs arbeiteten, der Kindernothilfe, unterstützt wurde. Wie ihre drei anderen Kinder auch alle.
Am Ende hatten sie tatsächlich alle zur Schule gehen und studieren können. Sie bekamen weitere Stipendien und Empfehlungen aufgrund ihrer guten Noten. Und Jaya bekam, schon als er dreizehn war, einen allerersten kleinen Ferienjob im Büro von Lüder Lürs. So hatte er sich nicht nur ein eigenes Taschengeld verdienen können, von dem er sich meistens Bücher kaufte und süßen Kuchen für Priya, sondern hatte auch schon sehr früh Einblick bekommen in die Leitung des großen Kinderhilfswerkes. Anfänglich hatte er einfache Jobs erledigt, den Papierkorb geleert, die Post sortiert, Unterlagen abgeheftet. Er war als Hilfskraft eingearbeitet worden, hatte aber schnell eigene Ideen mit eingebracht, die dankbar aufgenommen wurden. Immer wieder sagte Lüder Lürs: „Der Junge hat sehr originelle Vorschläge.“
Jaya merkte selbst, dass sein neu erworbenes Wissen aus dem Studium, seine indische Art, zu denken, seine Lebenserfahrung eine Mischung ergaben, die seinen Mentor veranlasste, ihm mehr Verantwortung zu übertragen. Er hatte gelernt, Briefe zu schreiben und Menschen außerhalb von Indien die besonderen Nöte und Herausforderungen seines Landes zu vermitteln. Er hatte eine Leidenschaft entwickelt dafür, dass Kinder eine Chance bekommen und die Ärmsten echte Hilfe. Er hatte über die Jahre die Organisation einer Vision kennengelernt.
Er hatte Bücher gelesen über die Geschichte Indiens, über die Kolonialzeit, über Gandhi und den Weg zur Unabhängigkeit. Zu seinen besten Lehrern gehörten Hindus, Muslime, Buddhisten, Sikhs und Christen.
Er hatte immer wieder das Gespräch mit seiner Mutter gesucht, die ihm über die Jahre zunehmend wie eine wirklich weise Frau erschien, wenn sie auch nie eine Ausbildung im eigentlichen Sinne gemacht hatte. Das Leben hatte sie klug gemacht, ihre heiligen Texte ließen sie träumen, formten in ihr sehr konkrete Vorstellungen davon, was wichtig war. Seine Liebe an Kinder zu verschenken, war für sie das Größte. Und der Wunsch, dass diese Kinder stark wurden und sanft, teilen konnten und spielen, kühne Ideen entwickeln, selbstbewusst und sich im Klaren darüber, dass sie nicht allein auf dieser Welt waren. Dass andere Menschen sie brauchten und dass es einen Gott gab, der an sie glaubte. Jaya wusste, dass seine Mutter sich mit einer amerikanischen Freundin über diese Themen austauschte. Er übersetzte ihr die Briefe, die sie regelmäßig schrieb. Die beiden mochten dieselbe Idee, die sie „die Seidenkinder“ nannten. Diese Werte seiner Mutter hatten ihn begleitet und er hatte sich gerne von ihnen umwerben und beschenken lassen.
Und er hatte sich in diesen Jahren mit Lüder Lürs unterhalten, nächtelang, ihm seine vielen unruhigen Fragen gestellt. Er wusste es wirklich zu schätzen, dass sich der Missionar so viel Zeit für ihn genommen hatte und auch den kritischen Fragen nie ausgewichen war. Er war ein Mentor, der sein, Jayas, Potenzial gesehen und ihn gefordert und gefördert hatte, ihm Vertrauen geschenkt und Verantwortung übertragen hatte. Er hatte viel von ihm gelernt und er wollte das Prinzip, das er hier erlebt, von dem er so profitiert hatte, jetzt auch selber umsetzen. Ja, er merkte, wie glücklich er war, wenn es ihm gelang, andere zu unterstützen, und wie sehr er sich freute, wenn zum Beispiel ein Junge das Vertrauen, das man in ihn setzte, zu schätzen wusste und dann Fortschritte machte, lernte, erwachsen wurde und dabei manchmal sogar über sich hinauswuchs.
Er hatte damals erst überlegt, Arzt zu werden, diese Art zu helfen schien so direkt anzukommen, das erschien ihm sehr attraktiv. Aber dann hatte er sich doch dafür entschieden, Lehrer zu werden, und er hatte es nie bereut - obwohl er heute nicht an einer Schule Unterricht erteilte, sondern sein Weg sich dann anders entwickelt hatte. Es war die Faszination am Lernen und der Wunsch, Kindern, wie er eins gewesen war, etwas beizubringen, sie zu entdecken und zu fördern. Er hatte eine leitende Position in dem großen Kinderhilfswerk ausgefüllt, Seite an Seite mit Lüder Lürs, und war glücklich gewesen. Bis es dann eine weitere Wende in seinem Leben gab, die ihn auf den Weg führte, auf dem er heute ging.
Am Anfang hatte er noch, gespeist von den Bildern einer anderen Generation von Leitern, die Haltung gehabt, dass es in dieser Welt eben arme und reiche Nationen gab und dass es zu seinen Aufgaben gehörte, die Reichen zu bitten, den Armen etwas abzugeben.Naiv hätte er als Zwanzigjähriger sicherlich gesagt, dass Sonne und Regen und damit Armut und Reichtum eben leider einfach ungleich verteilt waren, man mit einigen Tricks und ein paar zumutbaren kleinen Projekten aber wenigstens ein bisschen Ausgleich schaffen könnte. Mit der Zeit war er misstrauisch geworden und hatte gemerkt, dass es so einfach nicht war.
Den entscheidenden Impuls, umzudenken, es noch einmal neu zu betrachten, hatten ihm die Leute auf der Straße gegeben. Er war durch die überfüllten Straßen Chennais gegangen, hatte die Gerüche und den Lärm wahrgenommen, die vielen Gesichter, die unendlich vielen bettelnden, hungrigen Hände, die sich ihm an diesem Tag entgegenstreckten. Er hatte dabei, mehr unterbewusst als schon wirklich reflektiert, wahrgenommen, dass die Kinder noch Energie ausstrahlten, die Älteren aber aufgegeben hatten. Da hatte er verstanden, dass sie niemals kämpfen würden, weil sie ihr Schicksal akzeptierten, und diese Erkenntnis hatte eine unglaublich große Wut in ihm ausgelöst. Er hätte sie am liebsten alle geschüttelt und angeschrien: Steht auf! Findet euch nicht ab mit dem, wie es ist! Tut was!
Aber diese Welt gab einem so schnell das Gefühl, dass man sowieso nichts ändern könne, und so gewöhnte man sich schnell an die Ungerechtigkeit, das Elend und die Gewalt; das war wohl überall so. In Indien aber konnte diese Haltung noch von der Religion unterstützt werden: Das Leben war ein festgeschriebenes Schicksal. Zu erdulden war im Hinduismus eine Tugend, die im nächsten Leben belohnt wurde. Gegen sein Karma anzukämpfen aber würde bestraft werden. Und so fand er sich umgeben von Menschen, die sich in den Lauf ihrer Geschichte fügten, deren Ende jetzt schon feststand.
An diesem Tag war er unendlich müde nach Hause gekommen und hatte sich für ein paar Tage in sein Zimmer zurückgezogen. Er hatte gezweifelt, gesucht, gebetet und gefastet. Und dann hatte er still für sich eine Art Gelübde getan: Auch wenn ich selber kein unbeschriebenes Blatt bin und meine Lebensgeschichte davon erzählt, dass ich als Halbwaise in einem Slum gelebt habe - es gibt noch weiße Stellen auf dem Papier meiner Geschichte und ich habe schreiben gelernt, ich kann sie weiterschreiben, ich werde sie mitgestalten. Wenn es stimmte - und dieses Bild war niemals ein Beweis, hatte sich aber in diesem Moment doch irgendwie in seine Seele gelegt -, dass der arme Jesus der Liebe der auferstandene Christus von Ostern war, dann war es möglich, aufzustehen, dazwischenzutreten, die tödliche Geschichte, die Routine, die Gewohnheit zu unterbrechen, mit dem Leben selbst. Dann war alles möglich. Danach hatte er eine neue Gewissheit gehabt und wusste, dass er die Energie der Kinder suchen würde.
Er rief nach Ganesh und weckte damit seine Mutter. „Und“, fragte er, „haben uns die Gäste von gestern Abend noch etwas übrig gelassen, das wir heute essen können?“ Priya lachte ihn an: „Reis, es ist noch jede Menge Reis da.“ Auch er musste lachen. „Dann essen wir Reis“, sagte er. „Und beim Essen werden wir uns über Reis unterhalten, über den ausgetrockneten Palar und die Satyagraha der Reisbauern. Was hältst du davon?“ Priya strahlte.
Sie aßen für eine Weile schweigend, alle drei einen großen Berg Reis vor sich auf dem Teller, dazu etwas scharfe Sauce mit Okra und Chilischoten, und genossen das einfache, sättigende Essen. Zwischen den einzelnen Happen, die sie zum Mund führten, blickten sie sich immer wieder lachend an, verschwörerisch.
Irgendwann lehnte sich Jaya zurück und begann mit ein paar Erläuterungen: „Unsere Regierung möchte, dass Indien genug Getreide anbauen kann, um nie mehr hungern zu müssen. Das ist ja eigentlich ein sehr ehrenwertes Ziel, nicht wahr?“ Priya nickte, auch Ganesh gab ihm recht. Jaya überlegte, wie er seiner Mutter dieses sehr komplexe Problem erklären könnte, und beschloss, es einfach zu versuchen: „Weißt du, unsere traditionellen Reissorten sind in den letzten Jahren immer mehr verdrängt worden. Dafür wurden neuere Sorten bevorzugt, die ergiebiger sein sollen. Man nennt sie auch Hybridsorten. Ihr Anbau wurde vom Staat bezuschusst. Zunächst waren die Erfolge dieser Maßnahmen dann tatsächlich sehr beeindruckend. Indien konnte nach langen Jahren, in denen wir immer Reis importieren mussten, sogar einen Vorrat an Reis anlegen.“
Priya nickte. „Das hört sich gut an, was unsere Regierung da gemacht hat. Aber du klingst, als würde es ein Problem geben?“
Jaya musste schmunzeln. „Ja, Ma. Ein erstes Problem ist, dass das in staatlichen Speichern gelagerte Getreide zum Teil nicht verkauft wurde und die Speicher so schlecht und unpassend waren, dass am Ende immer wieder Reis vernichtet werden musste.“ Leiser, mit Bitterkeit in der Stimme, fügte er hinzu: „Weil die Ratten kamen.“ Er wollte nicht zynisch werden, aber er merkte, dass sein Ton spöttisch wurde, wenn er sich die Katastrophe in ihrem Ausmaß vor Augen malte: „Also, Indien hat einen ganzen Katalog an Maßnahmen, schafft Bewässerungssysteme, baut riesige Staudämme, holzt dafür Wälder ab und überflutet ganze Dörfer, subventioniert Dünger und Hybridsorten und am Ende geht das Ergebnis an die Ratten. Während fast vierhundert Millionen Menschen unter der Armutsgrenze leben.“ Er schüttelte den Kopf. „Das darf man gar nicht laut sagen, so peinlich ist das.“
„Das muss man laut sagen, so schlimm ist das“, sagte Priya. Jaya sah sie an und nickte. „Ja, sicher, du hast natürlich recht. Denn das ist ja noch nicht alles.“
„Was noch?“, fragte Priya überrascht. „Was kann noch schlimmer sein, als dass unser Reis an die Ratten geht?“
„Na ja“, sagte Jaya langsam, „manche Auswirkungen zeigen sich erst nach einer Weile. Allmählich werden noch ganz andere Nachteile dieser Politik deutlich. Nach einer ersten Phase, in der die Erträge der Reisernten stark zugenommen hatten, nehmen sie jetzt deutlich ab. Und zwar, weil man zum Beispiel die ökologischen Folgen des einseitigen Reisanbaus, Wasserhaushalt und Bodenbeschaffenheit nicht bedacht hatte. Und, auch das kommt noch hinzu, diese Reispolitik hat soziale Konflikte zwischen moderneren Groß- und traditionelleren Kleinbauern ausgelöst. Chattisgarh ist ja ein sehr fruchtbarer Bundesstaat.“
Er sah Ganesh an und dann wieder seine Mutter: „Ihr wisst doch, früher nannte man ihn eine der, Reisschüsseln des Landes`. Aber heutzutage muss die Region wieder Reis importieren und die Ergiebigkeit ihrer Landwirtschaft ist erschreckend schnell gesunken.“
„Ach“, seufzte Priya. „Was für große Herausforderungen und wie viel Leid dahintersteckt. Aber“, fragte sie dann mit mehr Energie in ihrer Stimme, „was hat es denn jetzt mit der Satyagraha auf sich?“
„Bei dem Konflikt“, sagte Jaya langsam, „geht es noch einmal um einen ganz anderen Gesichtspunkt. Stell dir vor, dass es große internationale Agrarkonzerne gibt, die ein Interesse an der genetischen Vielfalt indischer Kulturpflanzen haben. Sie entwickeln neue Sorten und lassen sich die dann patentieren. Und da werden die Bauern nervös, ihre Sorge ist, dass sie am Ende nicht nur kein Geld für ihr Saatgut mehr bekommen, sondern sogar noch selber dafür zahlen müssten. Eine berechtigte Sorge, glaube ich. Und deshalb kämpfen sie mit der Saatgut-Satyagraha darum, sich vor der Plünderung ihrer Artenvielfalt zu schützen. Vor dem Diebstahl ihres Erbes, könnte man auch sagen.“
„Das sind große, große Sorgen“, sagte Priya.
Jaya lächelte sie an. „Ja, da hast du recht. Klein sind sie nicht.“
Sie schauten sich an, sehr nachdenklich, warfen einen Blick auf ihre leeren Teller und sahen sich wieder in die Augen. Ganesh hatte aufmerksam zugehört und besann sich jetzt auf seine Rolle im Haus und fragte: „Möchte noch jemand ein Stück Mango? Am Baum ist eine reife, die euch sicher gut schmecken würde.“
Priya winkte ab und erklärte, sie würde sie morgen essen und jetzt zu Bett gehen, die Gespräche hatten sie angestrengt. Jaya lehnte ebenfalls dankend ab und sagte, er werde noch etwas lesen und dann ebenfalls zu Bett gehen. Morgen früh würde er schon sehr früh ins Kinderheim fahren und dann Raja zur Schule begleiten.
Darmowy fragment się skończył.