Czytaj książkę: «Hinkels Mord»

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Bisher von der Autorin bei KBV erschienen:

SOKO Marburg-Biedenkopf (Hg.)

Christina Bacher, geb. 1973 in Kaiserslautern, mischte lange Jahre in der Marburger Kulturszene mit und entdeckte dort ihre Leidenschaft für den Kriminalroman. Die Mitbegründerin des Marburger Krimifestivals und jahrelange Autorin der hr2-Ratekrimireihe Bolle und die Bolzplatzbande gab schließlich im CRIMINALE-Jahr 2016 die KBV-Anthologie SOKO Marburg-Biedenkopf heraus. Heute lebt die Journalistin und Autorin von Jugendbüchern und Kriminalromanen in Köln, wo sie vor einigen Jahren »Bachers Büro« gründete – eine Schmiede für Texte aller Art. www.bachers-buero.de

Christina Bacher

HINKELS
MORD

Kriminalroman



Originalausgabe

© 2020 KBV Verlags- und Mediengesellschaft mbH, Hillesheim

www.kbv-verlag.de

E-Mail: info@kbv-verlag.de

Telefon: 0 65 93 - 998 96-0

Umschlaggestaltung: Ralf Kramp

unter Verwendung von © Katharina Kaufmann

Lektorat: Volker Maria Neumann, Köln

Druck: CPI books, Ebner & Spiegel GmbH, Ulm

Printed in Germany

Print-ISBN 978-3-95441-522-9

E-Book-ISBN 978-3-95441-533-5

»In unmittelbarer Nähe von Marburg, westlich vom malerisch gelegenen Schlosse, erhebt sich eine mit herrlichen Eichen bewachsene Kuppe, der Dammelsberg. Es ist ein wunderbares Stückchen Erde, ein Lieblingsort der Bewohner Marburgs.

Könnten sie uns erzählen, die rauschenden Blätterkronen, viel würden sie uns erzählen von Freud und Last, die sie geschaut, von frohen Liedern, die sie vernommen.

Und doch!

Auch eine dunkle, furchtbare That ist hier geschehen, mitten auf einem der das Revier durchziehenden Pfade, nicht fern vom Saume des Waldes – ein Mord.«

Didaskalia vom 15. Juni 1864

Inhalt

9. September 1861, Dammelsberg, Dorothea Wiegand

1. Kapitel

12. September 1861, Oberstadt, Lorenz Reinhardt

2. Kapitel

12. September 1861, Medizinalrat Dr. Stadler

3. Kapitel

14. September 1861, Witwe Hilberg

4. Kapitel

Marburg, den 12.12.1861, Katherine Bald

5. Kapitel

20. Januar 1862, Gastwirtschaft Ruppersberg, Martha Mudersbach

6. Kapitel

14. Oktober 1864, Rabenstein, Regine Dörr

7. Kapitel

15. Juni 1864, Privatmann Schäfer

8. Kapitel

10. Oktober 1864, Seesen, Christian Schwarz

9. Kapitel

15. Juli 1864, Pfarrer Kolbe

10. Kapitel

13. Oktober 1864, Abschiedsbrief von Ludwig Hilberg

9. September 1861, Dammelsberg, Dorothea Wiegand

Immer weiter den steilen Berg hinauf. Trotz der ungewöhnlichen Hitze, dem Hinkefuß und dem dicken Bauch konnte es ihr heute nicht schnell genug gehen. Gleich würde sie ihm wieder nahe sein. Seine Küsse erwidern, ihn wild machen, sich liebkosen lassen. Und – ja, vor allem das! – endlich in Ruhe über die Hochzeit reden. Die immer dringlicher wurde, je schneller das Kind in ihr wuchs. Deswegen hatte sie sich heute besonders hübsch gemacht. Mit neuen Mützenbändern, die sie voller Liebe angenäht hatte. Gekauft von den vier Talern, die er ihr einst zugesteckt hatte.

Liebe. War es das, was sie in diesen frühen Morgenstunden den Dammelsberg hinauftrieb? Oder eher die Angst, dass der Ludwig doch nicht zu ihr stand?

Mit einem unehelichen Kind konnte sie nirgendwo mehr eine Stelle bekommen. Kein Haus würde sie beschäftigen wollen. Und ohne Arbeit, kein Lohn und keine Bleibe. Und doch hatte sie es, wenn sie ehrlich war, auch ein bisschen darauf angelegt. Denn jetzt musste er der Hochzeit zustimmen, unbenommen, was die Alte sagte. Diese zänkische, böse Frau. »Hinkel«, hatte sie ihr abfällig nachgerufen, »mach, dass du mir aus den Augen kommst!« Genauso hatten sie die Kinder früher in der Schule gerufen. Nicht nur wegen ihres Hinkebeins, sondern weil alle sie schon immer für dumm hielten. Dabei war sie alles andere als ein Hohlkopf. Sie würde es den Ockershäusern noch zeigen, die sie ablehnten, seit sie am 6. August 1837 ihren ersten Schrei getan und ihre unverheiratete Mutter in Misskredit gebracht hatte.

Sie hatte sich vorgenommen, das Herz des Schuhmachers Hilberg zu erobern und sich als Ehefrau im Hettche-Haus einzunisten – dort, wo er schon immer mit der Mutter lebte. Immerhin: Sie, Dorothea Wiegand, trug sein Kind unter dem Herzen. So würde er sie zur Frau nehmen müssen.

Und schlau hatte sie das eingefädelt, als sie im April ihre Arbeit dort aufgenommen und ihm schöne Augen gemacht hatte. Sobald die Mutter morgens aus dem Haus gewesen war, hatte Ludwig mit ihr gescherzt. Dieser schöne Mann mit dem dichten, schwarzen Haar und dem festen Griff. Es schauderte sie jetzt noch, wenn sie daran dachte, wie er sie an sich gedrückt hatte. Bald. Bald würde es wieder so sein wie im Frühjahr. Nur dann offiziell als Mann und Frau. Ob sie heute endlich den Heiratsantrag bekommen würde, auf den sie seit Wochen wartete? Sie wusste, dass auch er viel für sie empfand. Hätte er sie sonst heute an einen so romantischen Ort gelockt? Mitten in den Wald, wo nur ab und zu ein Forstläufer vorbeikam oder ein Student auf dem Weg zum Festplatz? Er hatte einen feinen Sinn für so was, der Ludwig. Er würde den Antrag dem Anlass gebührend feierlich gestalten.

Schnell, voran, es musste schon acht Uhr durch sein, so hoch wie die Sonne stand. Und sie würde es sich nie verzeihen, zu ihrem Antrag zu spät zu kommen. Seit sie den Ludwig heute Morgen in der Frühe gesehen hatte, schlug ihr Herz kräftig. Gleich nach dem Aufwachen war sie zu ihm gelaufen, um ihre Schuhe zum Beschlagen zu bringen. Das war nur ein Vorwand gewesen, weil sie sich nichts sehnlicher wünschte, als ihn wiederzusehen. Wie gestern schon, als er nicht zu Hause gewesen war und sie ihn zufällig auf der Barfüßer Straße mit dieser Regine Dörr gesehen hatte, die ihr hinterhergespuckt hatte. Und vorgestern, als er die Tür nicht geöffnet hatte, obwohl er ganz offensichtlich zu Hause gewesen war. Seit dem 22. August wusste er von dem Kind und hatte sich seither nicht freudig geäußert. Das tat weh. Das gab einen Stich ins Herz. Selbst als sie mit hohem Fieber im Landeskrankenhaus gelegen hatte, war er nicht vorstellig geworden. Dabei hatte er sich doch sicher auch nach ihr verzehrt. Ob er Angst vor dem Gerede der Leute hatte? Oder vor dem Groll der Mutter? Oder gab es die Verlobung wirklich, von der alle redeten? Mit dieser Regine aus Bauerbach. Dann war Eile geboten. Von wegen Hinkel. Sie, die Dorothea, fand immer Mittel und Wege, ans Ziel zu kommen. Ihr Bauch war schon stattlich, der Arzt hatte ihr bestätigt, dass sie bereits in der 20. Woche sei. Das Kind würde in weniger als fünf Monaten zur Welt kommen. Ludwig hatte die Wölbung nur entsetzt angestarrt. Dann aber das Treffen oben am Dammelsberg unter der großen Eiche vorgeschlagen.

Kurz blieb sie stehen, um Luft zu holen. Ehrfürchtig befühlte sie den Elisabeth-Taler, den sie an einer silbernen Kette um den Hals trug. Unter heißen Liebesschwüren hatte er ihr die Kette umgelegt. Und sie angefleht, das Kind wegmachen zu lassen. Darauf war sie nicht eingegangen, das Medaillon hatte sie aber natürlich behalten. Es zeigte die Heilige Elisabeth mit Krone, Heiligenschein und dem Modell einer Kirche in der rechten Hand. Es war das Einzige von Wert, das sie besaß und jemals besessen hatte, und sie würde es ihrem Kind irgendwann mal vererben. So würde es beschützt sein ein Leben lang.

Ludwig. Endlich wollte er sie alleine sehen. Unter vier Augen. Wie früher. Deutlicher konnte man nicht sagen, dass man sich sehnte. Oder?

1. Kapitel

Liva tanzte. Das Teufels-Zeug ging schnell ins Blut. Gut so. Genial, wie einfach man das Hirn mit ein paar Kräutern austricksen konnte. Ganz easy. Gib ihm Spice, und du bist frei.

Die Bässe wummerten durch ihren zierlichen Körper, fühlten sich an wie Schläge auf den Hinterkopf. Hirn raustanzen, Seele aus dem Leib treiben, die ganze Scheiße hinter sich lassen. Die Bässe waren heute ihre Freunde, der kleine Ehrenfelder Club ihr Heim. Dann war auch der Rest besser zu ertragen. Denn Tanzen half gegen Trauer. Und gegen die Wut. Wut und Angst. Tanzen war gut. So wild du kannst. Auf den Tag heute vor drei Jahren hatte sie ihren Bruder verloren, seitdem musste sie ohne ihn klarkommen. Sie hätte sich vielleicht damit abgefunden. Hätte sich der Trauer weiterhin hingegeben, wie es ihre Mutter seit Jahren tat.

Wären da nicht seit ein paar Monaten diese regelmäßigen seltsamen Anrufe in den Abendstunden gewesen. Und immer, wenn sie dranging, legte derjenige auf. Auch heute hatte sich der unbekannte Anrufer mit unterdrückter Nummer wieder gemeldet. Das konnte jeder sein, das war klar. Aber Liva bildete sich ein, dass es Alex war, der dahintersteckte. Vielleicht wollte er nur mal hören, ob es ihr gutging? Um nicht als verrückt dazustehen, hatte sie bislang niemandem von den Anrufen erzählt. Das war sicher besser so.

Heute hatte sie Alex ganz besonders vermisst. Sie hätte ihm gerne ihr Herz ausgeschüttet und ihren Kummer geklagt. Jetzt, wo es auf das Semesterende zuging, wollten alle Studierenden offenbar noch mal einen guten Eindruck machen – um sie herum nur noch Egos kurz vor dem Exitus. Ob das nur an diesen renommierten Journalistenschulen so war oder an jeder normalen Universität? Unerträglich jedenfalls. Fiese Andeutungen vom Prof in ihre Richtung. Alle verehrten den Hallermann, alle, sie ausgenommen. Und das wusste er und spielte die kleine Macht aus, die er hatte. Er saß am längeren Hebel, das wollte er beweisen.

Letzter Aufruf, Frau Lohrey. Ohne Thema, kein Abschluss, Frau Lohrey. Wenn das Thema Ihrer Reportage nicht rechtzeitig angemeldet wird, drehen Sie hier noch eine Runde, Frau Lohrey. So wird das nie etwas mit dem Journalismus, Leute.

Runden drehen. Gerne. Aber nicht an der Schule, sondern lieber hier, im Club. Sowieso: Warum sollte sie sich beeilen? Ob in Frankfurt, München, Berlin oder hier in Köln – überall freischaffende, schlecht verdienende Schreiberlinge mit lebenserhaltenden Nebenjobs. Sie schuftete jetzt schon mehrmals die Woche als Aushilfe in einer Bäckerei. Sollte sie doch noch überraschend ihren Abschluss an dieser hochehrwürdigen Schule machen – wobei sie keinen Schimmer hatte, welches Thema sie für ihre Abschlussreportage wählen sollte – würde da draußen bestimmt keine Tageszeitung, kein Hochglanzmagazin und schon gar kein Radiosender »Hier« schreien. So fing der Konkurrenzdruck schon unter den Studierenden an, die teilweise ein Praktikum nach dem anderen absolvierten.

Ihr Bruder hätte sich das alles nie gefallen lassen. Er hätte – da war sie sich sicher – seinen Platz an dieser Schmiede für Journalisten-Snobs nach kurzer Zeit aufgekündigt und sich was Neues gesucht. Wenn er etwas anpackte, dann mit voller Überzeugung. Liva erinnerte sich noch gut, wie beeindruckt sie gewesen war davon, wie er in seinem Geschichtsstudium aufgegangen war. Er hatte sogar seine Freundin vernachlässigt, wenn er an einem Thema dran gewesen war, das ihn interessierte. Und kam ihm jemand blöd, ignorierte er denjenigen einfach. Radikal. Konsequent. Auch ein bisschen verrückt. Alex eben.

War er deshalb verschwunden? Weil er nicht bereit gewesen war, ein Leben voller Kompromisse zu führen? Hatte er die Nase voll gehabt von all den Menschen, die etwas von ihm wollten – seine Mutter, die Freundin, die kleine Schwester, sein Freundeskreis? Liva hatte von solchen Leuten schon gehört, die ihr altes Leben einfach radikal abbrachen und woanders neu anfingen. So hart es war, sie konnte diese Erklärung besser ertragen als die Selbstmordtheorie ihrer Mutter. Immer und immer wieder hatte sie betont, ihr Sohn sei in den letzten Wochen vor seinem Verschwinden zerstreut gewesen, nahezu depressiv. Er habe eine Therapie begonnen, über die er aber nicht habe sprechen wollen. Obwohl Liva damals ja noch im selben Haushalt gelebt hatte, hatte sie von all dem nichts bemerkt. Vielleicht waren sich die Geschwister in diesen Jahren doch fremder gewesen als man gedacht hatte. Denn es gab wohl einiges, das sie über Alex’ Leben nicht gewusst hatte. Und auch das schmerzte sie.

Was würde sie dafür geben, zu erfahren, was tatsächlich an diesem 6. August vor drei Jahren in Marburg passiert war. Die Polizei hatte die Suche nach dem erwachsenen, jungen Mann zeitnah eingestellt, weil es keinerlei Hinweise auf ein Verbrechen gab.

Verflucht, was war nur los? Plötzlich all diese trüben Gedanken. Die Zauberkräuter wirkten nicht mehr. Dabei sollten sie doch diese Scheiß-Sorgen abschießen. Krieger, wo seid ihr? Vielleicht musste sie sich noch einen Joint genehmigen, wenigstens einen kleinen. Hier im Flore gab es kein Legal High, der Club galt als sauber. Vielleicht würde sie Konstantin doch noch überreden können, kurz mit rüber ins Fortuna zu gehen. Er hatte ihr doch selten einen Gefallen abschlagen können. Das war schon zu Schulzeiten so gewesen. Konstantin, ihr Freund und Helfer. Mit trübem Blick scannte sie die Theke ab, auf der Suche nach dem dunkelbraunen Lockenkopf. Da hinten saß er, ganz alleine mit seinem Bier und seinen Gedanken, genoss die lauten Beats und schaute hin und wieder zu ihr rüber. Sie freute sich, wenn es ihm gut ging. Das war selten in letzter Zeit, und Liva hatte das Gefühl, dass ihn etwas bedrückte. Darüber reden wollte er nicht, das hatte sie schon gemerkt.

Liva taumelte. Erst, als sie sich auf den Barhocker neben Konsti sinken ließ, fühlte sie sich wieder sicher. Seltsam, dass sie tanzen konnte, aber nicht mehr laufen. Dass sie rauchen konnte, nur nicht reden. Überhaupt: Dass man einsam sein konnte inmitten von Menschen – das war das Schlimmste.

»Wollen wir noch ins Fortuna? Auf einen Absacker?« Er wusste natürlich sofort, warum sie da hinwollte. Er kannte sie so lange, dass er ihre Bedürfnisse immer verstand. Dass man in dem Club leicht an illegale Drogen kam, wusste sie ja sogar von ihm. Einmal hatte er im Rahmen seines Praktikums der Sozialarbeit einen schwer erziehbaren Jugendlichen begleitet, der dort Drogen gekauft hatte und später bei einer Razzia festgenommen wurde. Konstantin war total fertig gewesen, Liva dagegen sehr interessiert.

Sie musste sich jetzt an ihrem Begleiter festhalten, um nicht zu fallen. Der Boden schien zu schwanken, und Konstantins Gesicht war ganz verzerrt, nicht mehr so hübsch wie sonst. Alle ihre Freundinnen waren früher in ihn vernarrt gewesen. Er aber hatte immer nur Augen für sie gehabt. Ihre Freundin Jessi hatte sie damit aufgezogen, dass er sich nur deshalb in der achten Klasse mit ihrem Bruder angefreundet hatte, um ihr nahe zu sein. Konsti und Alex waren nämlich das absolute Dream-Team gewesen, unzertrennlich, wie Brüder – bis zuletzt. Er vermisste den Freund auch schmerzlich, das wusste sie. Auch, wenn er darüber nie sprach.

»Ich bestell dir ein Taxi. Hast du deinen Schlüssel griffbereit?« So was fragte er nur, wenn er nicht mehr mit zu ihr kommen mochte. Manchmal kam er mit, nur, dass sie nicht alleine einschlafen musste. Aber auch das hatte er seit Monaten nicht mehr getan.

Liva bekam kurz Panik. Sie konnte jetzt unmöglich alleine sein. Die Bässe waren verklungen, der DJ packte seinen Kram zusammen, das Licht im Club wurde heller. Sie hasste es, wenn eine Nacht dem Ende zuging und sie noch nicht müde war. »Komm mit, Konsti. Komm mit nach Hause!« Liva schmiegte sich an den Freund. Spice, richtig dosiert, machte enorme Lust auf Sex. Konstantin war da natürlich der falsche Ansprechpartner. Er verurteilte es auf Schärfste, dass sie Männer mit nach Hause nahm, ohne sich am nächsten Morgen an deren Namen erinnern zu können. Das hatte er ihr mehrmals gesagt.

»Gute Nacht, Liv«, er schob sie raus in die kühle Nachtluft und winkte ein Taxi herbei.

Das machte sie jetzt richtig wütend. Warum sie sich nie in ihn verliebt hatte, lag doch auf der Hand: Er war eben langweilig. Was bitte war cool an einem Typen, der sich immer unter Kontrolle hatte? Der vom ersten Tag an seinen großen Traum geglaubt hatte: als Sozialarbeiter die Welt zu retten oder wenigstens ein kleines Stückchen besser zu machen. Inzwischen arbeitete er als Streetworker in einer Einrichtung für schwer erziehbare Jugendliche, nahm nie Drogen, trank selten einen über den Durst und machte täglich Sport.

»Du Spießer!« Sie wollte ihn aus der Reserve locken. Aus Verzweiflung. Und weil sie den ganzen Abend schon so eine große Wut in sich spürte, die mit ihm ja eigentlich nichts zu tun hatte. Ursprünglich hatten sie sich einfach nur treffen wollen, um an diesem besonderen Tag gemeinsam an Alex zu denken. Wie bereits im letzten und im vorletzten Jahr, als die Wunde noch ganz frisch gewesen war.

»Lieber Spießer als Junkie! Du solltest nach Hause gehen und deinen Rausch ausschlafen. Was denkst du, hätte Alex gesagt, wenn er dich so hätte sehen können?«

Das saß! Dabei sah er gerade gar nicht wütend, eher sehr traurig aus, während er sie in das Auto schob. Sie war doch keine seiner schwer erziehbaren Schützlinge, die er herumkommandieren konnte, wie er wollte. Eine Art Betreuer, der sie auf allen Wegen begleiten musste. Auch, wenn er es gut meinte, mochte sie so etwas gar nicht.

Konstantin schaute jetzt richtig enttäuscht. Liva wollte wieder was Nettes sagen. Sie war fies zu ihm gewesen, das tat ihr leid. Es ist diese Großstadt, die mich fertigmacht, wollte sie noch sagen. Quasi als Entschuldigung. Manchmal dachte sie, dass es für sie besser sei, nach Marburg zurückzugehen. In ihre Hood. Wo sie herkam. Wo ihre Familie war. Genauer: deren klägliche Überreste.

Konstantin schob sie in den Wagen und steckte der Taxifahrerin einen Schein zu. »Er wird nicht wiederkommen, Liva. Finde dich endlich damit ab«, sagte er noch, bevor er die Tür zuschlug. Dann war er schon außer Sichtweite. So deutlich hatte er noch nie gesagt, was er über Alex’ Verschwinden dachte. Auch er hatte ihn also für immer abgeschrieben?

Oder war er heute nur besonders schlecht drauf? Er war den ganzen Abend wieder so wortkarg gewesen. Ob er es irgendwann mal schaffen würde, sich ihr anzuvertrauen?

Liva glotzte durch die vernebelten Scheiben. Draußen war nur Dunkelheit.

»Wohin willste?« Die Taxifahrerin duzte sie einfach. Gut, sie war die Ältere. Vor allem aber war Liva schwächer, besoffener und augenscheinlich unglücklicher. Sie, die Frau am Steuer, war also die Überlegene. Ihr Blick ruhte im Rückspiegel auf dem neuen Fahrgast. Sie wartete auf eine Anweisung, bezahlt war ja schon.

»Ins Fortuna«, sagte Liva trotzig. »Kennen Sie die Adresse?«

Die Frau nickte. Natürlich. Jede Taxifahrerin in Köln kannte den Club.

Liva checkte ihr Handy, um zu schauen, wie spät es war. Mist, jetzt war auch noch der Akku leer.

»Es ist Viertel nach drei.« Die Rothaarige hinter dem Steuer hatte ihren Fahrgast offenbar gut im Blick.

Gut, dachte Liva. Um diese Uhrzeit ging es dort erst richtig los.


Erst mal war sie heilfroh, dass kein nackter Typ neben ihr lag. Alles schon passiert nach so einer Nacht, die aus dem Ruder gelaufen war. Als Nächstes ärgerte sie sich darüber, dass sie überhaupt wieder so versackt war, Konstantins Warnungen zum Trotz. Obwohl heute wieder dieses wichtige Reportage-Seminar stattfand, für das sie bis Ende nächster Woche ihre Abschlussarbeit anmelden musste. Tat sie das nicht, würde sie noch ein Semester dranhängen müssen. Was sie aber gerade am meisten nervte – und nur mit Mühe schaffte es Liva, sich in ihrem Bett aufzurichten – war dieses permanente Klingeln. Immer wieder, unablässig, hoch und schrill.

Mist, das war ja gar nicht in ihrem Kopf. Das musste das Telefon im Flur sein. Sie hatte diesen Ton so selten gehört, dass sie ihn zuerst gar nicht erkannte. Liva konnte sich nicht erinnern, dass überhaupt mal jemand auf ihrem Festnetz-Anschluss angerufen hatte. Ihre Freunde nutzten seit Jahren E-Mail, WhatsApp, Threema, Tellonym, Snapchat, SMS oder Insta. Wer – verflucht – besaß überhaupt diese antiquierte Festnetznummer? Die Telekom, okay. Ihr Vermieter, dieser alte Abzocker. Und ihre Mutter.

Mit einem Hechtsprung war sie im Flur und nahm umständlich den Hörer ab. »Ja?«

»Dr. Konrad Naumann, Universitäts-Klinikum Marburg. Sind Sie die Tochter?«

»Tochter?« Sie hörte, wie ihre eigene Stimme ganz seltsam hoch klang und fast kippte. Irgendwie hysterisch. Aufgescheucht. Nahezu verrückt. Was für einen Eindruck sie gerade hinterließ? Aber was Schlaueres fiel Liva gerade nicht ein. Es ging um ihre Mutter, das hatte sie kapiert. »Ist etwas mit meiner Mutter passiert? Geht es ihr gut?« Warum sagte man in solchen Momenten automatisch das, was nahezu unmöglich war? Würde ein Arzt anrufen, wenn alles in Butter war?

Der Mann am anderen Ende hustete, hörte gar nicht mehr auf. »Entschuldigung«, sagte er. »Ich habe mich gerade verschluckt.«

Liva wartete. Ihre Gedanken fuhren Karussell. Warum sprach er nicht weiter? Sie hatte ihre Mutter seit mehr als zwei Jahren nicht mehr besucht. Marburg war verbrannte Erde, Stadt ohne Bruder, Ort der Trauer. Klar. Ihre Mutter wollte sie nie ziehen lassen. Sie hatte Alex’ Stelle einnehmen sollen, den Platz des Erstgeborenen, des einzigen Sohnes. Wäre sie nicht weggezogen, wäre sie mit dieser Bürde vor die Hunde gegangen. Zurückgelassen hatte sie eine zerstörte Frau. Eine Mutter ohne Kinder.

Wie aus der Ferne hörte sie ihre eigene brüchige Stimme, panisch, voller Angst. »Was ist passiert?«

»Sie hat ein schweres Schädel-Hirn-Trauma. Es gab wohl heute Nacht im Haus Ihrer Mutter einen Einbruch. Offenbar hat sie den oder die Täter dabei überrascht. Jedenfalls wurde sie niedergeschlagen oder die Treppe hinuntergestoßen. In der Sache ermittelt die Polizei, die werden sich sicher noch mit Ihnen in Verbindung setzen.«

Die Marburger Polizei. Von der hatte Liva nun wirklich genug. Diese stundenlangen Gespräche nach Alex’ Verschwinden. Manchmal hatte sie sich wie bei einem Verhör gefühlt. Hatte die vielen unsensiblen Mutmaßungen über das Verschwinden eines 20-Jährigen über sich ergehen lassen müssen. Dabei Schuldgefühle entwickelt. Irgendwann war das nur noch durch das eine Ohr rein-, das andere wieder rausgegangen.

Liva bemerkte erst jetzt, dass der Arzt einfach weiterredete. »… Wir mussten sie in ein künstliches Koma versetzen, dass die Hirnschwellung zurückgeht.«

»Koma«, wiederholte Liva.

»Ja, der Zustand Ihrer Mutter ist sehr kritisch, Frau Lohrey.«

Liva hörte die Stimme des Arztes nur noch gedämpft. Ein Einbruch? Daheim? Was gab es dort schon zu holen – ihre Mutter hatte doch nie etwas von Wert besessen. Nicht mal eine Stereoanlage oder ein Computer befand sich in dem kleinen, windschiefen Häuschen an der Hohen Leuchte im Ortsteil Ockershausen, das ihre Vorfahren zu einer Zeit gebaut hatten, als der kleine Stadtteil noch gar nicht zu Marburg gehört hatte. Altes Fachwerk, von außen schön verputzt, innen marode.

Hatte der Arzt sie gerade etwas gefragt? »Wie bitte?«

»Können Sie schnellstmöglich nach Marburg kommen?« Pause. »Gibt es noch jemanden, den ich informieren muss? Einen Ehemann vielleicht?«

Liva zögerte und sagte dann: »Nein, gibt es nicht.« Sie notierte sich noch Station und Zimmernummer und den Namen des Arztes. Naumann.

»Ich bin schon unterwegs.« Dann legte sie auf. Es war jetzt kurz vor neun Uhr. Auch wenn sie sich sofort auf den Weg machte, würde sie erst weit nach Mittag in Marburg sein.

Liva zog den schwarzen Rollkoffer aus dem Schrank, den sie sich letztes Jahr für eine England-Rundreise gekauft hatte, die sie nie angetreten hatte. Was hatte sie in den letzten Jahren, seit sie zu Hause ausgezogen war, schon alles gewollt und nicht gemacht. Manchmal fühlte sie sich wie gelähmt in ihrem Sein. An manchen Tagen war sie einfach nur froh, wenn wieder ein Tag rum war. Aber all das war unwichtig in Momenten wie diesen. Zwei Jeans, zwei T-Shirts, einen Pullover, Kulturbeutel und Unterwäsche lagen jetzt kreuz und quer im Koffer. Ihr Laptop obenauf. Wie lange würde sie wegbleiben? Einen Tag? Eine Woche? Ihr altes und ihr neues Leben – nur drei Zugstunden voneinander entfernt – und doch waren es Lichtjahre.

Als Liva ein Geräusch aus dem Bad hörte, erschrak sie. Hatte da nicht eben jemand die Toilettenspülung betätigt? Und jetzt wurde Wasser in die Badewanne gelassen. Ein fröhliches Pfeifen drang an ihr Ohr, eine ihr völlig unbekannte Melodie. Panik ergriff sie, Scham. Jetzt fiel es ihr plötzlich wieder ein: Da war ein Junggesellenabschied im Fortuna gewesen. Und da hatte ihr dieser süße Typ erzählt, dass er am Wochenende heiraten würde. Seine besoffenen Freunde hatten genug mit sich selbst zu tun gehabt. Und dann war die unvermeidliche Frage gekommen, ob sie beide nicht lieber wohin gehen könnten, wo es ruhiger sei. Und dieser Mann befand sich offenbar gerade in ihrem Badezimmer. Was er noch nicht wusste: Er würde zu Hause baden müssen …


Sie hatte vollstes Verständnis für seine Reaktion. Wenn die Frau, mit der man die Nacht verbracht hat, plötzlich an die Tür pocht und in strengem Ton gebietet, sich vom Acker zu machen, ist das sicher nicht sehr lustig. Der Mann im Bademantel – und das hielt Liva ihm zugute – hatte es dennoch mit Fassung getragen, aber das fröhliche Pfeifen war ihm vergangen. So schnell sei er noch nie irgendwo rausgekehrt worden, hatte er vor sich hingemurmelt.

»Sehen wir uns denn mal wieder?« Nachtragend war er nicht und offenbar ein Romantiker, der in Verdrängung die Note 1+ verdient hatte. Der angehende Bräutigam hatte offenbar vergessen, dass er in 72 Stunden schon unter der Haube sein würde.

»Wenn du mich am Samstag zu deiner Hochzeit einladen möchtest, komme ich gerne«, Liva war selbst überrascht gewesen über ihre eigene Schlagfertigkeit. Erst, als sie sicher sein konnte, dass er das Haus wirklich verlassen hatte, hatte auch sie sich auf den Weg zum Bahnhof gemacht. Wobei sie – auch mit etwas zeitlichem Abstand – sagen musste, dass er auch noch am helllichten Tag ein Sahneschnittchen war. Wie er da so im Bad vor ihr gestanden und sie so lieb angeschaut hatte. Aber der Gute war ja eh bald vom Markt. Und sie musste sich jetzt erst mal um ihre Mutter kümmern.

Die Regionalbahn ab Frankfurt hielt heute gefühlt an jeder Bushaltestelle. Friedelhausen. Niederwalgern. Niederweimar. Noch zwei Stationen bis zum Marburger Hauptbahnhof. Jedes Fahrgeräusch verursachte ein lautes Dröhnen in ihrem Kopf, das Quietschen der alten Bremsen ließ sie jedes Mal zusammenzucken. Sie hatte zwar eine aktuelle Tageszeitung auf den Knien liegen, aber an Lesen war nicht zu denken. In ihrem Kopf rotierte es. Unzählige Male war sie diese Strecke von Köln über Frankfurt nach Marburg gefahren. Doch nie mit einer solchen Angst im Bauch, die sich umso mächtiger anfühlte, je näher sie ihrem Ziel kam. Was, wenn ihre Mutter, deren Leben gerade auf des Messers Schneide stand, die Augen für immer zumachte, ohne sich von ihr zu verabschieden? Das konnte, das durfte nicht passieren. Wenn Liva nicht schnell genug in der Klinik auf den Lahnbergen sein konnte, würde sie sich das nie verzeihen.

Erst als sie von Weitem das Schloss im Nebel ausmachen konnte, wurde sie innerlich ruhig. Als Kind hatte sie sich eingebildet, dass das neunhundert Jahre alte Gebäude über der Stadt alldiejenigen beschütze, die in seinem Schatten lebten. Es war in ihren Träumen immer ein freundliches Schloss gewesen, mit guten Kräften. Bis zu Alex’ rätselhaftem Verschwinden hätte sie sich nicht vorstellen können, dass in dem beschaulichen Städtchen an der Lahn überhaupt etwas Schlimmes geschehen konnte. Eins stand fest: Sie hatte sich hier viel zu lange viel zu sicher gefühlt.


Auf den ersten Blick hatte sich der Marburger Hauptbahnhof kaum verändert. Liva wurde ganz melancholisch, als sie aus dem Zug stieg. Wer hätte gedacht, dass sie doch so schnell wieder hierher zurückkehren würde? Sie erinnerte sich noch gut, wie sie – mit dem Gefühl der Trauer, aber auch einer großen Hoffnung, dass alles irgendwie wieder normal werden würde – mit ein paar Habseligkeiten nach Köln aufgebrochen war.

Während Liva mit der Menschenmasse – vor allem mit großen Rucksäcken bepackte Erstsemester – zum Ausgang drängte, schweifte ihr Blick rüber zum Ortenbergsteg, der über die Schienen führte. Sie sah hoch zum Kontrollturm, in dem ein Typ von der Bahn saß, den man über eine Sprechanlage erreichen konnte. Ein Mythos! Denn wie oft hatten Alex und sie kichernd diese Sprechtaste ausprobiert, ohne, dass sich jemals jemand gemeldet hatte. Dabei kannten sie die besten Bahnwitze und hatten eine Menge lustiger Fragen gesammelt. Aber die dort oben hatten offenbar ein gutes Fernglas und sahen, wer es ernst meinte oder wer sich einen Scherz erlaubte. In dem riesigen Bau dahinter befanden sich seit ein paar Jahren Proberäume und diese Disco, in der Alex seine große Liebe kennengelernt hatte. Melli. Ab dem Zeitpunkt, als die beiden zusammengekommen waren, hatte er dann Besseres zu tun gehabt, als mit der kleinen Schwester abzuhängen. Sogar von Zusammenziehen war nach kurzer Zeit die Rede gewesen. Da hatte es plötzlich einer ganz eilig gehabt, sich aus dem Gefängnis seiner Kindheit zu verabschieden, spotteten ein paar alte Freunde. Was er nie vernachlässigte, war sein Studium. Das hatte »Prio 1«, wie er immer gesagt hatte. Liva bewunderte das, wie konsequent er war.

Ihre Augen suchten den gesamten Bahnhofsvorplatz nach einem Taxistand ab. Das Areal hier war sehr viel größer und lichter geworden, seit man die Straßenführung verändert hatte. Ein Taxi war dennoch nicht auszumachen, stattdessen zeigte die Anzeige vorne an der Bushaltestelle einen Bus zu den Lahnbergen an. Den würde sie wohl nehmen müssen. Zehn ewige Minuten Wartezeit.

Ein Typ mit langen Rastas saß wenige Meter entfernt auf der Bahnhofstreppe und trommelte auf einer Bongo. Die wilden Haare flogen ihm dabei um den Kopf, seine schlanken Arme steckten in einem weiten, bunten Hemd. Liva betrachtete ihn genauer. Das gab es doch gar nicht. Das war doch … »Gunnar?«

In Zeitlupe drehte der Typ den Kopf, die flinken Hände weiter am Instrument. Ein unsicheres Grinsen entstand, verging, bildete sich erneut. Der Typ stand unter Drogeneinfluss, so viel war klar. »Liv! Howdy?« Er grinste jetzt schief und schien sich gar nicht zu wundern, dass er sie hier traf. Für Gunnar, der in ihrer Nachbarschaft groß geworden war, bevor er als Jugendlicher in ein besetztes Haus an der Lahn gezogen war, war sie vielleicht nie weg gewesen.

Liva schaute nervös rüber zur Bahnhofsuhr. Noch acht Minuten, bis der verflixte Bus kam. Gerade wollte sie sich verabschieden, da versuchte Gunnar erneut ihre Aufmerksamkeit mit einem Trommelwirbel zu erreichen.

»Hömma, tut mir echt leid mit Alex. Ist jetzt fast auf den Tag drei Jahre her, oder?«

Erstaunlich, dass er sich nicht nur an ihren Bruder, sondern auch noch an das Datum seines Verschwindens erinnern konnte. »Das war’n feiner Kerl. Ich hab noch nie einen getroffen, der sich so gut mit der Marburger Geschichte und dem ganzen alten Kram auskennt. Voll der Nerd. Schad drum, echt. Aber gegen bad vibration kann man nix machen.« Gunnars helle, blaue Augen standen im krassen Gegensatz zu seinen großen, schwarzen Pupillen. »Bad vibration everywhere.«

»Was, wenn er noch lebt?«, entgegnete Liva trotzig. Es klang nicht sehr überzeugt. Schnell wandte sie sich ab. Fünf Minuten bis der Bus kommen würde. Eigentlich fehlten ihr gerade die Nerven für ein solches Gespräch. Während Liva sich anschickte, die Straße rüber zur Haltestelle zu überqueren, schien Gunnar ganz versunken in seine Erinnerungen und bemerkte nichts von ihrer Eile.

»Hab ihn ja noch kurz vorher getroffen. Waren wieder mal oben im Wald spazieren, haben ein Tütchen geraucht und rumphilosophiert. Ging in unseren Gesprächen viel um Schuld und Vergebung, den ganzen big stuff. Um Hater und Love, Selbsthass und Selbstliebe und so. Mega interessante Themen, aber schon harter Tobak, wenn man grade selbst am Wanken ist. Und wenn man nicht weiß, zu wem man gehört.«

Liva verstand jetzt gar nichts mehr von dem, was der Junkie da faselte. Der Typ schien ihr wirklich komplett durch den Wind und brachte offenbar einiges durcheinander. Der sprach doch nur von sich selbst – Alex hätte nie im Leben gekifft. Und gehörte ganz sicher nicht zu der Sorte Menschen, die nicht wussten, wer sie waren und wo sie hingehörten. Ganz im Gegenteil!

»Nur, wenn wir uns unserer Wurzeln bewusst werden, haben wir eine Chance, mit uns selbst in Frieden zu leben. Hat er gesagt. Immer wieder. Hat wohl geahnt, dass da was nicht stimmt. Alter, was für eine Geschichte. Crazy stuff!«

Liva sah, wie der Bus nun in die Bahnhofsstraße einbog und auf die Haltestelle zusteuerte. Sie hatte eh genug gehört. Nichts wie weg hier.

Als sie endlich auf einem der Fensterplätze im Bus Platz genommen hatte, schaute sie noch mal rüber zu Gunnar, der immer noch an seinem angestammten Platz auf dem Asphalt saß. »It’s a crazy world!«, krächzte er und hatte die Augen dabei fest geschlossen.

Eine Passantin schüttelte verächtlich den Kopf. Jemand wie Gunnar wurde hier geduldet, klar. Es gab genug Verrückte und Grenzgänger in der kleinen Stadt. Ernstgenommen wurden sie nicht. Liva ging der Typ dennoch nicht aus dem Kopf. Was hatte er damit gemeint, dass Alex immer schon geahnt hatte, dass etwas nicht stimmte?

12. September 1861, Oberstadt, Lorenz Reinhardt

Er war so schnell gerannt, wie ihn seine Füße mit den klobigen Schuhen tragen konnten. Den ganzen Berg durch den Wald hinunter, an Lederers Garten vorbei, durchs Kalbstor, die Kugelgasse lang rüber zum Markt. Es waren nur wenige Menschen so früh schon unterwegs, manche schliefen vielleicht noch selig, andere fütterten das Vieh.

Lorenz Reinhardt betrat mit eiligen Schritten das Eckhaus an der Reitgasse und bog ganz gegen seine Gewohnheit nicht zur Wirtschaft im Erdgeschoss ab, sondern nahm die steilen Treppen ins Obergeschoss, wo sich seit Jahr und Tag die Kurfürstliche Polizei-Direktion befand. »Esch häße Reinhard«, keuchte er mit hochrotem Kopf. »Forstläufer. Mir hun e Leich obbe am Dammelsberch! Kumme se schnell!«

In der Amtsstube hatte der Regierungs-Polizeidirektor offenbar gerade seinen Dienst angetreten. Er schien sich über die überschwängliche Energie des jungen Mannes am frühen Morgen zu wundern, sicher hatte er wieder die halbe Nacht unten in der Gaststätte verbracht. Man munkelte schon länger, dass er ein Verhältnis mit dem Staatsprokurator habe und deswegen regelmäßig nach den Dienstbesprechungen noch auf ein paar Schnäpse beim Georg unten einkehrte, um später mit seinem Geliebten in einem Hinterzimmer zu verschwinden. Das passierte natürlich nicht täglich, aber schon hin und wieder. Manchmal, so unkten die Leute, lohne sich für ihn nicht mal mehr der Heimweg in sein windschiefes Häuschen zu seiner kugelrunden Frau unten an der Augustinertreppe.

»Jetzt mal langsam!« Betulich nahm der hohe Staatsbeamte erst einmal Platz und knöpfte in Ruhe seine Jacke auf. Dann suchte er gemächlich einen Stift und ein Blatt Papier auf dem zugemüllten Schreibtisch, auf dem sich Geständnisse und Zeugenaussagen stapelten.

Keiner Wunder, dachte Reinhardt, dass die Schuldigen der Massen-Schlägerei der betrunkenen Verbindungsstudenten am 1. Mai oder des Branntwein-Skandals vom Frühjahr noch nicht überführt waren. Was für eine abgründige Arbeitsmoral hier herrschte! Mitten auf allen Blättern und Kladden lag ein dickes, angebissenes Brot mit ahler Wurst. Unter anderen Umständen hätte er ihm das geneidet, heute war Reinhardt der Hunger wirklich vergangen.

»Eine Leiche also. Männlich, weiblich, tot oder lebendig?« Er lachte über seinen eigenen Witz.

Lorenz Reinhardt kratzte sich am Kopf. Er hätte es gleich wissen müssen. Der Alte war der falsche Ansprechpartner für einen solchen Notfall. Die Frau dort oben im Wald war übel zugerichtet worden. Alles blutverschmiert, und es saßen Tausende Fliegen auf ihren halbgeschlossenen Augen. Ihr Bauch hatte eine deutliche Wölbung, so als hätte sie ein Kind getragen. Reinhardt hatte sich ein ganzes Stück weiter unten im Wald gehörig übergeben müssen und stand unter Schock. Totes Wild hatte er ja schon oft geborgen. Ein totes Weib bislang noch nie.

»Es ess e Frah. Dos Gesicht is unkenndlich«, stammelte er jetzt. Er konnte die Schnapsfahne seines Gegenübers bis zur Tür riechen. »Isch kenne se nit. Esch mähn, s’ könnt ä Tagelöhnerin sain!«

»Sehr gut, Reinhardt. Das ist ein neuer Fall für die Kurfürstliche Polizeidirektion Marburg. Endlich mal was los in der Bude. Ich schreibe das jetzt alles genauestens auf, und Sie setzen Ihren Egon drunter. Dann sind wir schon einen großen Schritt weiter!«

»Egon?« Was wollte der von ihm? Der Mann dachte sicher, er sei was Feineres als er, nur, weil er kein Platt sprach.

»Na, Ihre Unterschrift, mein Lieber«, fügte der Beamte selbstgefällig hinzu. Und während er den Gerichtsdiener aus dem Vorzimmer herrief, um beim Kriminalgericht Meldung zu machen, schrieb er gleichzeitig dem Physikus Stadler eine Botschaft. »Jetzt fehlen nur noch die Männer aus der Anatomie in der Ketzerbach. Dann geht es los!«

»Häst dos, mir müsse noch wordde?«

»Eins nach dem anderen, nicht wahr? Entspannen Sie sich! Wenn schon die Fliegen da sind, liegt die Leiche eh schon ein paar Tage. Da kommt es auf ein paar Stunden jetzt auch nicht mehr an. Und wehe, wir finden dort oben nix. Sagen Sie es lieber gleich, wenn Sie heute Morgen schon einen über den Durst getrunken und sich das Ganze nur eingebildet haben.« Der Polizeidirektor brach in schallendes Gelächter aus. Dann nahm er sich das Brot vom Teller und biss herzhaft hinein. »Köstlich, Reinhardt. Es geht doch nichts über die ahle Wurst vom Liebig!«

2. Kapitel

Der weiße Verband verdeckte die langen, grauen Haare, die Theresa Lohrey sonst am Hinterkopf zum Knoten trug. Kaum sichtbar hob und senkte sich ihr Brustkorb. Sie lebte. Das war die Hautsache.

Liva starrte die Frau, ihre Mutter, einfach nur an. So fremd kam sie ihr vor, wie sie da lag, um Jahre gealtert. Jetzt nahm sie behutsam die kleine Hand der Patientin. Ob sie überhaupt etwas mitbekam? Konnten Komapatienten hören, riechen, fühlen, etwas empfinden?

»Mama.« Wie lange hatte sie dieses Wort nicht mehr gesagt. Liva kam sich seltsam vor. So klein und schutzlos, wie ein Kind, verkleidet mit einem Mundschutz und einer albernen Kopfbedeckung. Jetzt brachen sich doch die Tränen Bahn, und Liva vergrub das Gesicht in die weiße Bettdecke, die Hand auf die ihrer Mutter gelegt. »Ich habe dich so sehr vermisst.«

Eine Weile verharrte sie so. Dann richtete sie sich auf.

Ihr Blick fiel auf die silberne Kette mit dem Elisabeth-Taler, die ihre Mutter stets um den Hals trug. Jemand hatte sie ihr wohl vor der Operation abgenommen und in ein offenes Schälchen auf den Nachttisch gelegt. Nachdenklich nahm sie sie in die Hand und betrachtete das Bild, das die Marburger Heilige zeigte und die Elisabethkirche, die man über dem Grab der Landgräfin errichtet hatte.

Als kleines Mädchen hatte sie einmal unachtsam an der Kette gerissen. Da hatte es ein großes Donnerwetter gegeben, weil das gute Stück danach repariert werden musste. Das Prägejahr der Münze war auf 1509 datiert – so etwas war selten und unglaublich wertvoll. Ihre Mutter hatte nie darüber gesprochen, woher der Taler stammte. Nur einmal hatte sie angedeutet, dass sie ihn trage, um nicht zu vergessen. Was sie damit meinte, war immer im Dunkeln geblieben.

Liva legte sich die Kette um. An ihrem Hals war sie sicherer als in ihrem Geldbeutel oder in der Hosentasche. »Ich passe auf deinen Anhänger auf, so gut ich kann.« Es war weniger der weiße Verband um den Kopf, der sie beunruhigte, als dieser bittere Zug um die schmale Lippen der Frau, der ihr fremd war. Dieser Mund hatte ihr früher so oft Trost gespendet und sie zum Lachen gebracht. Verdammt, sie musste sich zusammennehmen. Auf keinen Fall wollte sie ihrer eigenen Wut und Trauer Raum geben und noch mal hier losheulen. Nicht hier, nicht jetzt. Nicht vor dem Arzt, der angekündigt hatte, mit ihr »über Wichtiges« sprechen zu wollen. Nicht vor den Schwestern, die hier nur leise miteinander redeten, sicher auch aus Respekt vor den Angehörigen auf dieser Station, in der Sterben und Hoffnung Hand in Hand gingen. Und schon gar nicht vor ihrer Mutter, die jetzt all ihre Kraft und Zuversicht brauchte.

»Gut, dass Sie da sind.« Lautlos hatte sich ein Mann im weißen Kittel hereingeschlichen und stand jetzt direkt hinter ihr. »Konrad Naumann, ich bin der behandelnde Arzt.« Er beließ seine Hände im Arztkittel. Immer wieder ein seltsamer Moment, fand Liva, dass sich die Begrüßungsrituale in Zeiten von Pandemien und weltweiten viralen Katastrophen so massiv veränderten. Aus reiner Angst vor Ansteckung verzichteten viele inzwischen darauf, sich die Hand zu geben, und selbst gute Freunde umarmten sich nicht mehr zur Begrüßung. Was verband denn Menschen noch, wenn sie sich permanent voreinander fürchteten?

Dennoch: Er hatte ja bereits am Telefon einen sympathischen Eindruck gemacht, der sich nun bestätigte.

»Was … genau ist denn überhaupt passiert?« Liva hörte sich mehr stammeln als reden. »Wer hat ihr … das angetan?«

Dr. Naumann zeigte auf die Kranke und deutete dann mit dem Kinn zur Tür. »Gehen wir lieber in mein Besprechungszimmer!«

Liva folgte dem Arzt. Während sie den langen, weißen Krankenhausflur durchquerten, erzählte ihr der Mediziner, was sich des Nachts in ihrem Elternhaus zugetragen haben musste. Es habe also einen Einbruch gegeben, das Türschloss sei unversehrt geblieben, was der Polizei wohl Rätsel aufgebe. Ihre Mutter müsse die Täter reingelassen haben oder sie hätten einen Schlüssel gehabt. Jemand müsse ihr mit einem harten Gegenstand den Hinterkopf zertrümmert haben, daraufhin sei sie die steile Treppe hinuntergestürzt und habe sich mehrere Rippenbrüche zugezogen. Eine Nachbarin habe sie am Morgen im Flur gefunden und sofort den Notarzt gerufen. Die habe auch erst mal den Hund zu sich genommen.

»Welche Nachbarin?«, fragte Liva tonlos.

»Müller heißt sie, glaube ich. Sie hat schon mehrfach heute hier angerufen, um zu fragen, was jetzt mit dem Hund passieren soll. Sie hat ihn erst einmal zu sich genommen, will ihn aber nicht behalten«, er blätterte in seinen Unterlagen. »Madeleine Müller, ja richtig.« Liva nickte. Die kannte sie natürlich. Eine unfreundliche Person, die Kinder und Haustiere gleichermaßen auf dem Kieker hatte – das war schon immer so gewesen. Der arme, kleine Wodka war also jetzt bei dieser Schreckschraube untergekommen. Sie würde ihn aus deren Klauen retten müssen.

Gemeinsam mit Alex hatte sie es damals geschafft, das Herz der Mutter für den kleinen Rehpinscher aus dem W-Wurf eines Hobbyzüchters aus dem Siegerland zu erwärmen. Ihn Wodka zu nennen, weil er auf seinen kleinen Beinchen immer so torkelte, hatten sie besonders lustig gefunden. Das war jetzt zehn Jahre her, Wodka war inzwischen ergraut und ein alter Herr geworden. Was würde mit ihm passieren, wenn die Mutter nicht mehr gesund wurde? Mit nach Köln würde sie ihn jedenfalls nicht nehmen können, Haustiere waren in ihrer Studentenbude untersagt. Sie nickte. »Ich kümmere mich!«

Mit einladender Geste bat der Arzt sie Platz zu nehmen. Medizinische Fachbücher türmten sich auf seinem Schreibtisch, das Foto eines kleinen Mädchens stand in einem goldenen Rahmen daneben. Der Typ war also Vater einer süßen Tochter und somit sicher liiert. Einen Ehering trug er jedoch nicht, das war ihr gleich aufgefallen. Im selben Moment schämte Liva sich, dass sie selbst, wenn es um Leben und Tod ging, bei attraktiven Typen auf den Familienstand achtete. Das war ja schon fast pathologisch.

»Espresso?«

Sie nickte.

Das heiße, duftende Getränk baute sie auf. Ihre Laune besserte sich schlagartig. »Und ich dachte, Ärzte hätten kaum Zeit für Gespräche mit Angehörigen. Dachte, die wären immer furchtbar gestresst und in Eile!«

»Ertappt. Sie sind einem Mythos auf den Leim gegangen«, sein Lächeln war wirklich entwaffnend. »Angeheizt durch etliche Arztserien, die man täglich im Fernsehen sehen kann.«

Veralberte er sie gerade? Und woher wusste er, dass sie mal eine ganz intensive Arztserien-Phase gehabt hatte? Noch gar nicht lange her.

Er hängte seinen weißen Kittel an die Garderobe. »Tatsächlich habe ich schon Feierabend. Aber wir müssen noch darüber reden, was passiert, wenn es Ihrer Mutter schlechter gehen sollte«. Der flunkernde Ton war jetzt weg, das fröhliche Leuchten aus seinen Augen verschwunden. Er schob ihr eine Erklärung zu, die aus mehreren Seiten Papier bestand. »Sie müssten das hier unterschreiben, damit die Kollegen handlungsfähig sind, wenn heute Nacht eine Verschlechterung eintreten sollte. Das Leben Ihrer Mutter hängt am seidenen Faden …«

Wieso sprach er es nicht einfach aus? Es ging darum, ob man sie künstlich am Leben erhalten sollte, wenn sie eigentlich tot war. Und das – da war sie sich sicher – wollte ihre Mutter nicht. Oder ging es um das Einverständnis wegen der Entnahme der Organe? Auch eine siebzig Jahre alte Niere konnte noch ein paar Jahre ihren Dienst tun und jemandem ein besseres Leben ermöglichen. Würde ihre Mutter Organe spenden wollen? Leber, Niere, Netzhaut? Was würde Alex in dieser Situation tun? Warum musste sie solche schwerwiegenden Fragen ganz alleine klären? Was hätte ihre Mutter sich jetzt gewünscht? Sie hatten nie darüber gesprochen.

»Ich bin unsicher. Ich …«, Liva zögerte. In den meisten Ländern wurde einem diese schwere Entscheidung automatisch abgenommen, nur in Deutschland galt die Widerspruchsregelung nicht. »Keine lebenserhaltenden Maßnahmen«, sagte sie.

Der Arzt reichte ihr einen Kugelschreiber und tippte mit dem Finger auf eine Zeile, die für die Unterschrift vorgesehen war. Sie bestimmte hier gerade über Leben und Tod eines anderen Menschen. Mit welchem Recht eigentlich?

12. September 1861, Medizinalrat Dr. Stadler

Jemand hatte die Frau regelrecht abgeschlachtet. Selbst für einen erfahrenen Gerichtsarzt wie Medizinalrat Dr. Stadler stellte die Leiche, die ihm da frisch auf den Tisch gelegt worden war, einen schauderhaften Anblick dar. Und ausgerechnet bei so einem besonderen Fall hatte man ihm diesen Grünspan Julius Nau zur Seite gestellt. Der machte einen so unterbelichteten Eindruck, dass man daran zweifeln musste, ob der überhaupt lesen und schreiben konnte.

»Parat, Nau?«

Er konnte den jungen Mann einfach nicht ernst nehmen. Gerade schien er zu überlegen, wie er Protokoll schreiben und das Taschentuch mit Veilchenduft weiterhin unter seine Nase pressen konnte – beides ging ja nun nicht gleichzeitig! Der Geruch der Leiche war in der Tat unerträglich. Die Fliegen hatten ganze Arbeit geleistet, und die Augen der Frau fast vollständig vertilgt. Ihr Körper war von Flecken übersät, der Leichnam bereits in Verwesung begriffen. Kein Wunder. Die Frau hatte drei Tage lang bei Höchsttemperaturen im Wald gelegen, bis man sie gefunden hatte. Die Identität des Opfers, so hatte man Stadler mitgeteilt, sei nicht bekannt.

»Schreiben Sie?«

Nau nickte.

»Also, der Tod ist am dritten Tage, höchstens vierten Tage vor Auffinden eingetreten. Der Tod wurde durch Verbluten in Folge des Durchschneidens der Gefäßstämme mit einem kräftigen Schnitt bewirkt«, er machte eine Pause, weil er sah, dass sein Gehilfe so schnell nicht mitschreiben konnte. »Mit absoluter Gewissheit handelt es sich nicht um eine Selbsttötung.« Stadler räusperte sich und nahm das Lineal zur Hand. Äußerlich tat er so, als wäre nichts. Innerlich schäumte er wegen Naus deutlichen Würgegeräuschen. Die konnte man nicht ignorieren. Der Mann war hier fehl am Platz, so viel stand fest. »Contenance, mein Lieber«, rutschte ihm ein aufmunternder Spruch heraus. Er konnte nur hoffen, dass diese Mimose sich nicht auch noch auf der Leiche erbrach und wichtige Spuren verwischte. Akribisch legte er das Lineal an die lange, klaffende Halswunde der Toten, die so tief war, dass sie die Wirbelsäule freigab.

»Weiter also: Der Körper ist kräftig und fünfeinhalb Fuß lang. Auf der Vorderseite des Halses, dicht unter dem Unterkiefer, befindet sich eine weitklaffende, fünf Zoll lange, eineinhalb Zoll tiefe, an der Grundfläche drei und ein drittel Zoll messende, scharfrandige Wunde. Die Halsadern und der Kehlkopf sind bis zu den Halswirbeln durchdrungen. Unterhalb der Wunde befinden sich noch alle drei Hautdecken durchdringende Schnittwunden. Haben Sie das, Nau?«

»Hm«, murmelte der schlaksige Jüngling, der inzwischen am Schreibtisch Platz genommen hatte, möglichst weit von der Leiche entfernt.

Stadler sehnte sich in solchen Momenten nach dem Treuerchen. Die junge, aufstrebende Medizinerin hatte ihm einige Monate assistiert, bevor sie – als Mann verkleidet – einen Studienplatz an der Universität bekommen hatte. Eine Schande, dass man Frauen mit einer solchen Begabung nicht ganz offiziell zum Studium zuließ. Sie war nicht nur wenig zimperlich und unglaublich schlau, sondern dazu noch unfassbar schön. Selbst seine Frau hatte ihn in diesen Wochen mehrfach gelobt, weil er so gut gelaunt von der Arbeit nach Hause kam. Mit einem Liedchen auf den Lippen. So ganz ohne den Leichengeruch, der ihm sonst an manchen Tagen anhaftete. Mit einem sauberen Hemd am Leib. Die Körperpflege war ihm zeitweise wichtiger als sonst gewesen. Ob das Treuerchen – eigentlich hieß sie Anna Treuer – irgendwann mal wieder zu ihm zurückkommen würde?

»Weiter, Nau, allez«, Stadler bemühte nun die Lupe. »An beiden Oberschenkeln finden sich rötliche, zum Teil der Haut beraubte Quetschungen und Eindrücke von Fingernägeln«, jetzt verharrte er kurz und dachte nach. Der Täter musste sich zunächst auf die Frau gelegt haben, um sie wehrlos zu machen. Die tödlichen Stiche hatten eindeutig im Liegen stattgefunden, bevor es zu einem Kampf gekommen war. Daran gab es keinen Zweifel. Die Frau hatte in ihrem Todeskampf keinerlei Chance gehabt, sich gegen den Täter zu wehren.

»Wichtig: Die Gebärmutter der Getöteten enthielt eine regelmäßig gebildete Frucht von sechzehn bis zwanzig Wochen.« Wer wohl der Kindsvater gewesen war? Der machte sich von vornherein verdächtig, denn die Tote trug weder einen Ehering noch die Tracht, die man von verheirateten Frauen kannte. Es war ja nicht an ihm, Schlüsse aus seinem Bericht zu ziehen. Aber die ermittelnden Kollegen würden das auch vermuten, da war er sich sicher.

In dem Moment erbrach Nau sein offenbar reichhaltiges Frühstück in das eigentlich für Leichenteile- und Gedärme-Reinigungen vorbereitete Waschbecken. Das, so dachte Stadler verächtlich, ohne sich herumzudrehen, würde er schön selbst saubermachen müssen. »Augen auf bei der Berufswahl«, murrte er nur. Die ganze Sache hier würde sich unnötig durch diesen Trottel herauszögern.

»Ein Letztes noch, dann sind Sie erlöst, Nau. Schreiben Sie, schreiben Sie: Die rechte, mit halbgeronnenem Blut ausgefüllte Hand zeigt auf der Innenseite des Mittel- und Ringfingers eine querlaufende Schnittwunde, die linke blutige Hand, in welcher das Tuch lag, auf der Innenseite des Zeigefingers zwei Hautabschürfungen, auf dem Mittelfinger nach innen eine Schnitt-, nach außen eine Schramm- oder Schnittwunde.« Stadler schaute nun rüber zu Nau, der sich wieder gefangen hatte. »Sag ich’s doch, Sie Idiot. Die hat sich bis zuletzt gewehrt. Und ihr Sterben muss sehr schmerzhaft und langwierig gewesen sein.«

In dem Moment betrat Gerichtsdiener Philipp Lyding den Raum, um sich nach den Ergebnissen des pathologischen Befunds zu erkundigen. Entsetzt starrte er auf die Leiche, die er am Morgen schon am Fundort gesehen hatte. Jetzt aber hatte man ihr das blutige Gesicht gewaschen. »Das … das …«, stotterte er.

»Was ist los, Lyding. Kommen Sie zum Punkt!« Stadler fehlte für solche Animositäten die Geduld.

»Erkennen Sie die Tote?«, fragte Nau. Und seine Stimme klang plötzlich ganz klar, und sein Gesichtsausdruck drückte deutliche Neugier aus. So hatte Stadler ihn noch nicht gesehen.

Lyding nickte nur und wandte die weit aufgerissenen Augen nicht von dem schlimm zugerichteten, aufgequollenen Gesicht der Leiche ab. »Das ist doch … das ist doch … die Dorothea Wiegand aus Ockershausen. Wird auch das Hinkel genannt, weil sie so dumm wie Brot ist. War. Und einen Hinkefuß hatte, mit Verlaub.«

Und nun falteten die drei Männer fast gleichzeitig die Hände andächtig zum Gebet und schwiegen für eine Minute. Die Tote hatte nun eine Identität – und dieser Tatsache zollten sie tiefen Respekt.

3. Kapitel

Das kleine, schräge Wohnhaus der Lohreys lag oben am Hang. Mit dem Rollkoffer und dem schweren Rucksack kein Spaziergang, stellte Liva fest. Schon zu Schulzeiten hatten sich ihre Freundinnen über diesen Anstieg beschwert. Manchmal hatte Liva den Eindruck gehabt, dass keiner aus der Klasse sie besuchen komme, weil man die Steigung so scheute. Das war natürlich Quatsch. Selbst ihre Mutter bewältigte ja noch in ihrem hohen Alter diesen Weg. Die Hohe Leuchte. Heute kamen Liva die paar Meter von der Ockershäuser Allee zum Haus ewig lang vor. Sie merkte, wie ihre Kräfte schwanden und sich der Schlafmangel der letzten Nacht bemerkbar machte. Hatte sie heute überhaupt mal was gegessen? Außer einem kleinen Keks zum Espresso in der Klinik nämlich nichts. Aber wie sie ihre Mutter kannte, war der Kühlschrank gut gefüllt.

Dass die schräge Alte von nebenan hinter den Gardinen saß und die Straße beobachtete, war dann auch keine Überraschung mehr. Manche Dinge änderten sich eben nie. Den Gefallen, sie von dem alten Hund zu erlösen, würde sie ihr trotzdem noch nicht tun. Sie musste erst mal ankommen, tatsächlich, aber auch mental. Das verlorene Schaf kehrte nun in die Herde zurück. Doch die Herde gab es nicht mehr. Das verlorene Schaf war die Herde. Da brauchte es genaugenommen gar keinen Hütehund mehr.

Liva steckte den Schlüssel in das Schloss, es war unbeschädigt. Wie waren die Einbrecher dann hineingekommen? Durch den Garten? Sie betreten hier einen Tatort, meldete sich eine Stimme in ihrem Kopf. Den ganzen Tag hatte sie mit Bauchschmerzen daran gedacht, wie es sich wohl anfühlen würde, in dem verlassenen Haus ganz alleine zu sein. Sie hatte auf Wodka gebaut, der zwar schüchtern und klein war, aber eben ein Hund. Die Einbrecher hatte er ja aber auch nicht in die Flucht schlagen können. Warum überhaupt hatte er nicht angeschlagen, um sein Frauchen zu warnen? Hatte er die Täter vielleicht sogar gekannt und war ihnen schwanzwedelnd um die Beine gelaufen?

»Okay, stay cool, Liva«, redete sie sich gut zu und betrat den dunklen Flur.

In der Diele hing dieser bestimmte Geruch, den sie noch aus ihrer Kindheit kannte. Eine Mischung aus Putzmittel und Essen, aus feuchtem Keller und dem Holz, aus dem das Fachwerkhaus vor einigen hundert Jahren maßgeblich errichtet worden war – zwischen den Balken der Lehm der Geschichte. Was diese Wände erzählen konnten, wenn sie reden könnten. Vielleicht würden sie dann auch Auskunft geben über Alex’ letzte Tage und Wochen. Warum er sich immer häufiger in das kleine Dachzimmer im Haus seiner Mutter zurückgezogen hatte? Geredet hatten die Geschwister in dieser Zeit kaum miteinander. Ob es da etwas gegeben hatte, das ihn belastet hatte?

Nur, wenn wir uns unserer Wurzeln bewusst werden, können wir mit uns selbst Frieden schließen. Was hatte Gunnar da vorhin gefaselt? Wirre Fantasien eines Junkies? Oder wusste er mehr über den jungen Mann als die Menschen, die täglich um ihn gewesen waren? War sie nicht genug für ihn da gewesen? Tagsüber hatte sie für ihr Abitur gelernt, und abends war sie mit Jessi durch die Clubs gezogen.

»Hey Süße!«

Vor Schreck fiel Liva die Jacke zu Boden, die sie gerade an den Garderobenhaken hatte hängen wollen. Da stand ein Kerl mit dunklen Locken im Türrahmen und grinste sie spitzbübisch an. »Konstantin!«

»Hab dich eigentlich schon früher erwartet.«

»Was um alles in der Welt machst du in Marburg?« Wie war der hier reingekommen? Hatte er aus früheren Zeiten noch einen Schlüssel für das Haus? Oder hatte die Tür offen gestanden? Liva starrte ihn ungläubig an. »Musstest du heute nicht arbeiten?«

»Doch. Hab mich nach Feierabend direkt ins Auto gesetzt. Ich lasse dich eben sehr ungerne alleine in die Vergangenheit reisen.« Er grinste. »Muss allerdings morgen wieder zurück nach Köln.« Ein kurzer Blick über seine Schulter reichte, um festzustellen, dass er bereits eine Flasche Rotwein geköpft hatte und offenbar gerade dabei gewesen war, sich alte Fotos anzuschauen.

»Ist das Alex’ Fotokiste?« Obwohl sie sich sehr vertraut waren, empfand sie sein Verhalten gerade als übergriffig und unangebracht. Mit welchem Recht wühlte er hier in ihrer Familiengeschichte herum? Gut, er war Alex’ bester Freund gewesen, aber auch er hatte seiner Heimatstadt den Rücken gekehrt und war nur mal an Weihnachten oder an Geburtstagen auf Stippvisite zurückgekommen. Sein Verhältnis zu seiner Mutter, die ebenfalls alleinerziehend gewesen war, war zerrüttet. Zu dem Vater hatte er nie Kontakt gehabt. Das verband sie irgendwie, auch, wenn es nie groß Thema gewesen war.

»Woher wusstest du überhaupt, dass ich hier bin?«

Liva folgte ihm zum Esstisch, wo eine üppige Brotzeit auf dem Tisch bereitstand. Er schob mehrere Stapel Fotos beiseite. Ihr fiel auf, dass er die Abzüge fein säuberlich sortiert hatte. Warum?

Konstantin machte eine einladende Geste und setzte sich selbst auf den Platz, den früher ihre Mutter eingenommen hatte. Dann griff er in die Brotschale und bediente sich am Käse – es hatte etwas ganz Selbstverständliches. So, als würden sie jeden Abend zusammen essen. Liva merkte erst jetzt, wo all die Köstlichkeiten vor ihr standen, dass sie einen Bärenhunger hatte.

»Als heute Morgen keine Nachricht von dir kam, habe ich mir Sorgen gemacht. Ich wusste ja nicht mal, ob du gut nach Hause gekommen bist. Und da ich eh in Ehrenfeld unterwegs war, habe ich so um die Mittagszeit mal bei dir zu Hause angehalten. Und da stand dieser junge, attraktive Mann mit dem Drei-Tage-Bart vor deiner Tür, halb verfroren in Jeans und einem bunten T-Shirt, und klingelte bei dir Sturm.« Er knabberte an einer Gewürzgurke. »Marcel heißt der. Und er wollte dich dringend sprechen.«

Die Beschreibung passte auf ihr nächtliches Date, den Bräutigam. Liva merkte, wie ihr eine leichte Röte übers Gesicht flog. Marcel hieß er also. Stimmt, jetzt fiel es ihr auch wieder ein. »Und?«

»Naja, er hat wohl seine Lederjacke bei dir vergessen«, Konstantin räusperte sich.

»Oh, das ist natürlich doof! Dann muss er warten, bis ich zurück bin, und solange eine andere Jacke anziehen«, sagte sie bewusst unbekümmert. Im Grunde interessierte sie dieser Marcel gerade nicht die Bohne, obwohl er ja wirklich ganz süß und aufmerksam gewesen war. Sie hatte gerade andere Sorgen. Kurz checkte sie ihr Handy, ob sie vielleicht einen Anruf aus der Klinik verpasst hatte. Keine Nachrichten waren in dieser Situation gute Nachrichten, so viel stand fest.

»Er war vor allem deswegen aufgelöst, weil sich in der Jacke die Ringe befinden, die er am Samstag benötigt! Er heiratet dann nämlich.« Vorwurfsvoller konnte man nicht gucken. Konstantin verzog pikiert den Mund. Okay, er hatte im Grunde ja Recht. Einen Bräutigam abzuschleppen, gehörte sich nun wirklich nicht. Dennoch konnte sie gerade keine moralische Keule brauchen.

»Er jedenfalls wusste zu berichten, dass du am Morgen einen Anruf aus einer Marburger Klinik erhalten hast und dass es deiner Mutter sehr schlecht geht. Dann habe ich eins und eins zusammengezählt und bin hergekommen.«

Während dieser Marcel im Bad gewesen war, hatte er also das ganze Telefonat mitgehört. Dass er dann in der Eile seine Jacke vergessen hatte, tat ihr natürlich leid. Und was nun?

»Netter Kerl«, Konstantin konnte sich die Bemerkung nicht verkneifen. »Vielleicht ein bisschen zu sehr … verlobt.«

»Kann es sein, dass du dich gerade in etwas einmischst, das dich gar nichts angeht?« Liva schüttete ein Glas von dem Bordeaux hinunter, als handelte es sich um Wasser. Sie hatte einerseits Durst und andererseits Lust, sich gnadenlos zu betrinken. Doch irgendetwas bremste sie. Sie spürte, dass sie vernünftig bleiben musste. Sie brauchte einen klaren Kopf, weil sie Entscheidungen über Leben und Tod treffen musste.

»Ja, das stimmt. Ich habe ihm nämlich versprochen, ihm deine Nummer zu geben. Irgendwie muss er ja wieder an seine Jacke kommen, nicht wahr?«

»Oh, danke dafür!«, sagte Liva spöttisch. Sie konnte es nicht fassen. Konstantin würde doch nicht einfach die Regel Nummer eins brechen: Gib nie eine Nummer raus ohne Absprache.

»Oder du händigst mir deinen Haustürschlüssel aus und ich gebe ihm seine Sachen, wenn ich morgen zurück bin. Deal?« Konstantin streckte ihr die geöffnete Hand hin.

Er meinte es offenbar ernst. Seine permanente Hilfsbereitschaft nervte sie kolossal. Was ging ihn dieser Typ an? Warum um alles in der Welt solidarisierte er sich jetzt auch noch mit diesem Fremden?

Liva suchte in den Weiten ihres Rucksacks den Schlüssel und knallte ihn auf den Tisch. »Da!« Dann sprang sie auf. »Ich muss mich jetzt um Wodka kümmern. Der arme Hund harrt seit heute Morgen bei der Müllerin drüben aus. Sicher ist er schon schwer traumatisiert.«

»Liva?«

»Was?« Sie drehte sich um.

»Kann ich heute Nacht hierbleiben? Würde es mir einfach hier im Wohnzimmer gemütlich machen. Ist das okay für dich?«

Das olle Sofa. Dort hatte er früher auch oft gepennt, wenn er mit Alex auf Piste gewesen war und den Weg in sein Elternhaus in der Nacht nicht mehr hatte bewältigen können. Sie nickte. Auch, wenn sie es nicht zugeben wollte, war sie heilfroh, dass er gerade da war. Er war der einzige Freund, den sie hatte. Vielleicht eine Art Bruderersatz. Er war derjenige, der sie zur Not auch mal zur Vernunft pfiff. Und er konnte ihr ein charmanter Begleiter sein, wenn sich sonst niemand fand, der Lust auf Kultur oder Kneipe hatte. Und jetzt rettete er auch noch die Hochzeit eines wildfremden Paares, deren Ehe von vornherein unter einem schlechten Stern stand. Für all das war sie ihm dankbar. Aber dass er sich heute auf den Weg gemacht hatte, um ihr beizustehen, das würde sie ihm nie vergessen.

»Selbstverständlich«, sagte sie und verschwand durch die Tür.

14. September 1861, Witwe Hilberg

Was ist das doch für ein verdammter, dreckijer Lügner! Hat der lumpige Geselle vom Koburger wirklich behauptet, dass mein Ludwig was mit dem Mord zu tun hat? Herr Polizeioberhauptmann, das sagt er doch nur, um von sich selbst abzulenken. Was? Daran haben Sie noch gar nicht gedacht? Muss Ihnen eine alte Frau erklären, wie Sie Ihre Arbeit zu machen haben? Das weiß doch jeder hier, dass der seine Finger nicht bei sich lassen kann. Weil er nämlich aus demselben Holz geschnitzt ist wie die Wiegand, dieses dumme Hinkel. Gleich und Gleich gesellt sich gern, heißt es doch. Was? Der war zur Tatzeit auf der Arbeit, das können alle bezeugen? Pfff. Stecken doch alle unter einer Decke. Aber wenn Sie das glauben wollen, bitteschön. Mit einem Schreiner aus Niederweimar soll sie auch rumgemacht haben, das dumme Tier. Haben Sie den schon verhört? Vermutlich hat der sie abgeschlachtet. Ziemlich sicher sogar. Denn dass da ein Braten in der Röhre war, haben die Spatzen schon lange von den Dächern gepfiffen. Hat sich nicht mal geschämt dafür. Hat den Bauch stolz vor sich hergeschoben.

Woher ich die Wiegand kenne? Na, die hat hier doch gearbeitet. Ab und zu. Das war im Frühjahr. Aber das habe ich schon Ihren Kollegen von der Polizeidirektion gesagt. Heute könnt’ ich heulen, dass wir so ein Getier überhaupt ins Haus gelassen haben. Dumm und faul ist sie gewesen. Sollte dem Ludwig zur Hand gehen. Stattdessen hat sie nur rumgesessen, uns die Vorräte weggegessen und ist vorlaut und frech gewesen. Und sobald ich das Haus frühmorgens verlassen hab, hat sie aufreizend gelacht wie ein Pferd und sich an meinen Ludwig rangeschmissen. So, dass die Nachbarin mich schon darauf angesprochen hat. Da muss man sich doch schämen. Der arme Bub wusste nicht ein noch aus mit dem Weibsstück, da hab ich sie weggejagt. Wissen Sie, wie froh ich war, dass die dann nach Argenstein in den Dienst kam? Seitdem hab ich sie nur noch selten gesehen. Die hat sich ja schon als Kind hier mutterseelenallein in Ockershausen herumgetrieben und hat gebettelt und gestohlen. Die Mutter tot, der Vater weg. Um die ist es nicht schade, das sag ich Ihnen unter vier Augen. Da trauert keiner. Die hat ihren Tod durch ihr liederliches Verhalten doch selbst verursacht, wenn man so will. Und ihr Kind hat sie noch mit ins Verderben gerissen. Was ihr meinem guten Jungen da anhängen wollt, ist in Wahrheit Hinkels Mord. Dafür müsstet ihr euch schämen. Ihr haltet ihn schon tagelang ohne irgendwelche Beweise bei Wasser und Brot fest. Da geht es doch nicht mit rechten Dingen zu. Mein Bub ist ein Sündenbock, so sieht es nämlich aus. Weil es immer die kleinen Leute trifft, die sich nicht wehren können. Dabei hat er es schon schwer genug gehabt im Leben. Ohne Vater hat er aufwachsen müssen, weil alle aus der Familie so schwach auf der Brust sind und immer früh starben. Und als er tot war, mein Mann, hab ich mit seinen zwei Bälgern hier gesessen. Wir sind fast verhungert. Die Gürtelrose hat den Ludwig fast dahingerafft, da ist er erst elf Jahre alt gewesen. Ich hätt ja noch mal heiraten wollen, aber wer nimmt schon eine alte, krumme Witwe mit zwei Fressern? Aus dem Hettche-Haus hab ich mich aber nicht vertreiben lassen, obwohl die Haddamshäuser alles versucht haben, mich hier rauszuekeln. Krumm und buckelig geschuftet haben wir uns all die Jahre, die Buben und ich, um das Haus zu halten. Dabei pfeift es hier aus jedem Loch. Das Dach ist undicht und das Mauerwerk müsst mal nachgebessert werden. Hilfe bräucht ich. Und keine Scherereien.

Und jetzt kommen Sie daher und fragen mich, wo der Ludwig am Mordtag gewesen ist? Ja, hab ich das nicht schon Ihren Kollegen erzählt? Hier im Haus ist er gewesen. Gearbeitet hat er, den ganzen Tag, rechtschaffen wie er ist. Dann hat er, und das kann der feine Herr Steuereinnehmer Burk ja bezeugen, unsere Steuern entrichtet. Wie es sich gehört. Sehen Sie.

Was? Ich kann das gar nicht wissen, ob er zur nämlichen Uhrzeit daheim war, weil ich selbst nicht da war? Ich war beim Hassenpflug, in Gottes Namen. Wäsche waschen. Ja, darf man nicht mal seine Wäsche mehr waschen? Ich sag Ihnen mal was: Sie haben den Falschen in Gewahr. Ich gehe die Tage zum Koburger, sind ja nur ein paar Schritte rüber nach Marburg in die Barfüßerstraße 23, und werde ihn warnen, wen er sich da als Gesellen ins Haus geholt hat. Einen Lügner nämlich, der unbescholtene Familien beschuldigt.

Und was? Der Bürgermeister von Ockershausen hat Sie hier hergeschickt? ›Annere‹ sollen wir sein? Nur, weil der Ludwig nicht hier geboren ist? Über den feinen Herrn Bürgermeister könnte ich Ihnen auch allerhand erzählen, was nicht ganz koscher ist. Machen Sie schnell, dass Sie hier rauskommen, sonst vergesse ich mich noch. Verschwinden Sie sofort aus unserem ehrbaren Haus. Und bestellen Sie dem Herrn Staatsprokurator Brauns einen schönen Gruß. Seine Schuhe kann er in Zukunft woanders beschlagen lassen …«

4. Kapitel

Liva hatte geschlafen wie ein Stein. Und als sie wach wurde, verstand sie erst einmal gar nicht, dass sie sich in ihrem alten Kinderzimmer befand. Wodka, der kleine Rehpinscher, stand schwanzwedelnd vor ihrem schmalen Bett. Die Zunge hing fast bis zum Boden. War es wirklich schon zehn Uhr durch? Der Hund hob bittend die rechte Pfote.

»Du musst mal raus, hm?« Liebevoll streichelte Liva ihm über das weiche Fell, das an manchen Stellen schon ergraut war. Obwohl ziemlich kurzsichtig, hatte er sie nach all der Zeit stürmisch und voller Freude begrüßt, so wie früher, wenn sie gegen Mittag aus der Schule gekommen war.

Sie hatte den Hund gerade noch rechtzeitig aus den Klauen der Nachbarin gerettet, die gerade dabei gewesen war, das Tierheim zu verständigen. So eine gehässige Alte, der zur Begrüßung nichts Besseres eingefallen war als ein dummer Spruch. »Ja, ja, sich jahrelang nicht melden und sobald es ans Erbe geht, so schnell es geht auf der Matte stehen. Das hat man gerne.«

Liva hatte sich gerade noch zurücknehmen können, ihr etwas ebenso Böses zu entgegnen. Aber das war ja vermutlich genau das, was die Müller mit ihrem Verhalten provozierte, um sich später wieder das Maul über die »Bankerte« zu zerreißen. Die Tatsache, dass sie ohne Vater aufgewachsen waren, war ihr schon immer ein Dorn im Auge gewesen.

Liva schlurfte die Treppe hinunter und öffnete die Gartentür, um Wodka rauszulassen. Wie selbstverständlich es sich anfühlte, wieder in diesem Haus zu sein – als wäre sie nie weg gewesen. Sie würde also die Blumen gießen, die Post reinholen, die Rollläden auf- und zumachen, die Mülleimer rausstellen. Sie kam sich dabei vor, als führte sie ein Doppelleben: Nachtschwärmerin und Herzensbrecherin in Köln, fürsorgliche Tochter und Hausmeisterin in Marburg.

Erst nachdem sie sich in der Küche einen Kaffee gezogen hatte, betrat sie das Wohnzimmer. Das Sofa war leer und die Decke fein säuberlich zusammengefaltet. Die Fotokiste stand wieder an ihrem alten Platz im Regal. Konstantin war verschwunden.

Sie hatten die halbe Nacht noch gequatscht. Darüber, wie schlecht es ihrer Mutter zurzeit ging, dass ihr Leben am seidenen Faden hing. Und dass sich Alex sicher noch verabschieden wollen würde, wenn er noch am Leben war. Liva brauchte nach so einem Abend ausgesprochene Ruhe. Konstantin dagegen war nie ein Langschläfer gewesen. Er hatte auf dem Tisch einen Zettel hinterlassen: Schaue heute mal kurz bei meiner Mutter vorbei, melde mich, wenn ich noch Zeit für einen Kaffee habe.

Hieß das, dass er doch heute noch in Marburg blieb? Dass sie sich weiterhin auf den Freund verlassen konnte? Liva faltete den Zettel ganz klein und steckte ihn ein.

Überhaupt wunderte sie sich, dass er sich offenbar mit seiner Mutter wieder gut verstand – eine Frau, die zeitlebens von schweren Depressionen geplagt wurde und mehrere Klinikaufenthalte hinter sich hatte. Konstantin war als kleiner Junge oft sich selbst überlassen gewesen. Später hatte er den Kontakt auf ein Minimum reduziert, damit gehe es ihm besser, sagte er immer.

Mit dem Plan, sich eine Dusche zu gönnen, um richtig wach zu werden, fiel ihr auch auf, dass sie die Zahnbürste und ihr Shampoo vergessen hatte. Liva öffnete den Badezimmerschrank und schaute alle Kisten, Tuben und Behälter durch. Ihre Mutter verwendete immer noch die gleichen Marken wie früher. Eine original abgepackte Zahnbürste lag obenauf. In der hinteren Reihe stieß sie auf ein Duschgel für Männer, das halbleer war. Reflexartig schnappte sie sich die Tube und roch daran. Dieser Geruch rief so unglaublich viele Erinnerungen hervor, dass sie es nicht verhindern konnte: Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Dass die Mutter Alex’ Duschgel aufbewahrt hatte, zeigte doch, dass sie doch irgendwo ganz tief drinnen damit rechnete, dass ihr Sohn irgendwann wiederkam. Das tat weh. Und gut gleichzeitig. Ob sie noch mehr Erinnerungsstücke im Haus finden würde? Vielleicht waren ja auch welche darunter, die über seinen Verbleib Auskunft geben konnten? Vielleicht musste man mit einem zeitlichen Abstand einfach noch mal neu suchen, denken und forschen.

Ob das Schicksal sie nach all den Jahren wieder nach Marburg geführt hatte, um das herauszufinden? Denn seit gestern ließ sie das Gefühl nicht los, dass die Erklärung für Alex’ Verschwinden in diesem alten, verwinkelten Haus zu finden war, in dem sie ihre gemeinsamen Kindheitsjahre verbracht hatten.

Die Dachkammer. Den Raum hatte Alex als Studierstube und Rückzugsraum genutzt, der Familie war Betreten quasi untersagt gewesen. Und dennoch hatte die Polizei vor drei Jahren dort oben alles auf den Kopf gestellt und nichts Auffälliges gefunden.

Trotz des warmen Schauers, der kurze Zeit später in der Dusche auf sie niederrieselte, verkrampfte sich ihr Magen. Das Gefühl, dass ihr etwas den Hals zuschnürte, wurde immer stärker. Wer war sie schon ohne den großen Bruder, der sie so oft zum Lachen gebracht hatte und der ihr ein Vorbild gewesen war? Wer war sie ohne die Mutter, die zwar nie über den Vater ihrer Kinder gesprochen hatte, aber immer für sie da gewesen war? Den unbekannten Vater hatten Alex und Liva nie vermisst. Die Mutter fehlte schon jetzt.

Sie ließ das warme Wasser noch einige Minuten über das Gesicht laufen, als wollte sie all diese Gedanken abwischen. Nichts war man ohne die Menschen, die man liebte. Das kapierte man aber offenbar immer erst, wenn es zu spät war. Und plötzlich hatte sie so verdammt große Angst davor, was sie heute in der Klinik erwarten würde. Und die würde sie ganz alleine tragen müssen.


Auf Station herrschte emsiges Treiben, sodass man Liva zunächst gar nicht beachtete. Nahezu unbemerkt gelangte sie durch die erste Schleuse, wo man die Hände desinfizieren und sich den Mundschutz umlegen musste, zum Zimmer ihrer Mutter, nachdem ihr eine nette Dame die sonst verschlossene Tür zur Intensivstation aufgehalten hatte. Die Schwestern, die Dienst hatten, waren wieder andere als am Tag zuvor. Und von Dr. Naumann war keine Spur zu sehen, was sie ausnehmend schade fand. Stattdessen huschte ein kleines, nervöses Männlein im weißen Kittel über die Flure und schaute sie hektisch über den Brillenrand an, als sie ihn ansprach. Er stellte sich als Dr. Schoner vor. Und er hatte es furchtbar eilig, das merkte man.

»Wir rufen Sie an, sollte sich der Zustand Ihrer Mutter ändern. Das habe ich Ihrem Bruder heute Morgen auch schon gesagt. Aber, machen Sie sich keine Sorgen. Momentan ist sie stabil«, war seine knappe Antwort. Prompt wendete er sich ab und blätterte schon in den Unterlagen eines anderen Patienten. Da hielt Liva ihn – vielleichte eine Spur zu grob – am Arm fest. Erstaunt schaute er sie an.

»Wollen Sie damit sagen, dass mein Bruder hier war? Alexander Lohrey?« Das konnte doch nicht sein, das war unmöglich.

»Jedenfalls hat er sich als der Sohn der Patientin Lohrey ausgegeben. Ich muss gestehen, dass wir momentan richtig Stress auf Station haben und ich seinen Ausweis nicht kontrolliert habe. In den Unterlagen stand auch was von einem Sohn …« Er blinzelte nervös durch die kleine Brille hindurch. »Haben Sie denn keinen Bruder?«

»Schon. Aber …«, Liva bremste sich, die ganze Geschichte wollte sie dem Arzt jetzt ersparen. »Wie sah der Mann denn aus?«

»Er hatte schwarze Haare, daran erinnere ich mich wohl. Und er war sehr groß und schlank. Ansonsten hatte er einen weißen Kittel an, eine blaue Haube über den Haaren und trug einen Mundschutz um. Es tut mir leid, hier sehen irgendwie alle Menschen gleich aus. Vorsichtsmaßnahmen eben.« Offenbar war ihm die Sache mehr als unangenehm. Die Station war nur den Angehörigen vorenthalten. Das wussten sie beide.

Liva saß eine lange Zeit am Bett ihrer Mutter und streichelte ihr die Hand. Sie beobachtete, wie die Kranke gelegentlich nach Luft rang. Einmal kam eine Schwester herein und erinnerte sie daran, dass die Besuchszeit bei Patienten auf der Intensivstation gleich vorbei sei. Es ging ihr nah, hier zu sitzen und nichts tun zu können. Es zerriss sie innerlich. Wenn das wirklich stimmte, dass Alex am Morgen hier gewesen war, musste ihn jemand über den Zustand seiner Mutter in Kenntnis gesetzt haben. Es war nahezu unmöglich, dass ein Mensch nach drei Jahren ganz plötzlich einfach so auftauchte, nur, um dann wieder zu verschwinden. Liva hatte einen ganz anderen Verdacht. Sie vermutete stark, dass es Konstantin gewesen war, der auf dem Weg nach Köln hier vorbeigeschaut hatte. Er hatte sich immer gut mit Theresa Lohrey verstanden, war ihr jahrelang wie ein Sohn gewesen. Und die Beschreibung passte auch auf ihn. Dennoch: Solche Momente machten etwas mit ihr. Sie feuerten eine Hoffnung an, die in ihrem Herzen einen großen Schmerz verursachte.

Als ihr Magen grummelte, fiel ihr ein, dass sie außer dem schnellen Kaffee heute Morgen nichts zu sich genommen hatte. Bevor sie den Bus runter in die Stadt nehmen würde, musste sie sich im Krankenhaus-Café nach etwas Essbarem umschauen. Und dann musste sie sich beeilen, weil Wodka auf einen ausführlichen Gassi-Gang wartete. Darauf freute sie sich schon: Sie würde mal hoch zum Heiligen Grund laufen, nahm sie sich vor. Dort, wo sie einen Garten hatten, von dem aus man einen wunderschönen Blick über die alten Apfelplantagen hatte. Alte Wege gehen. Sich auf Spurensuche begeben. Dabei Alex vermissen.


Der Cafébetrieb brummte. Es roch nach Krankenhaus, dennoch bemühte man sich hier um ein gewisses Maß an Normalität. Wer sich in dem Bistro tummelte, war entweder auf dem Weg der Besserung oder hatte Besuch. Die Fenster waren mit bunten Girlanden geschmückt, auf den Tischen standen kleine Vasen mit frischen Blumen darin. Es gab kaum freie Plätze, nur im hinteren Bereich saß eine einzelne junge Frau an einem Vierer-Tisch und hantierte mit ihrem Smartphone herum.

Liva erkannte Melli sofort. Sie trug die Haare kürzer als früher, vielleicht war ihr Gesicht etwas fülliger geworden, was ihr gut stand. Unverwechselbar waren ihre Gesten – ganz eindeutig immer noch eine sanfte Frau, die jedoch genau wusste, was sie wollte. Liva hatte sich der Freundin ihres Bruders gegenüber immer wie ein junges, unreifes Mädchen gefühlt. Die kleine Schwester eben, manchmal auch wie der Klotz am Bein.

»Ist hier noch frei?« Liva zeigte auf den Stuhl am selben Tisch.

Melli zuckte zusammen und starrte sie an wie einen Geist. Fast drei Jahre waren vergangen, seit sie sich zum letzten Mal gesehen hatten. Nur einige Wochen nach Alex’ Verschwinden hatte Theresa Lohrey ein paar Leute zum Abendessen eingeladen. Vermutlich hatte sie damals nur Zusammenhalt demonstrieren wollen, dennoch hatte man sich wie auf einer Beerdigung gefühlt. Mellis Gesicht war vor Trauer ganz grau gewesen, ihr Blick entrückt, und Liva war sich nicht sicher gewesen, ob sie überhaupt irgendetwas von den Gesprächen am Tisch verstanden hatte. Konstantin hatte sich direkt nach dem Essen höflich verabschiedet und war generell sehr schweigsam gewesen. Tante Hedwig war eigens aus Frankfurt gekommen, um ihr Beileid auszusprechen und der Schwester beizustehen. Da die Schwestern sich nie viel zu sagen gehabt hatten, war Hedwig am späten Abend wieder abgereist. Alles drehte sich um den verlorenen Sohn – dass ihre Tochter bald nach Köln ziehen würde, um ein Journalistik-Studium zu beginnen, war nur mal kurz Thema gewesen. Der Abend war Alex gewidmet gewesen, dessen Platz leer geblieben war. Keiner hatte damals weitergewusst. Keiner hatte eine Ahnung, wie man mit diesem Schmerz würde weiterleben können.

Melli streckte nun spontan den Arm aus und ergriff Livas Hand. Eine seltsam vertraute Geste für zwei sich fremd Gewordene. Doch ihr Blick war mitfühlend und aufrichtig. Sie meinte es offenbar ernst mit ihrer Anteilnahme. »Wie geht es deiner Mutter?«

Jetzt war Liva baff. Offenbar war sie bestens informiert. War sie etwa deswegen hier? Um sie zu besuchen?

»Ich wollte nach ihr sehen, man hat mich aber nicht reingelassen, weil ich keine direkte Angehörige bin.«

Liva betrachtete ihr Gegenüber. Hier hatte die Einlasskontrolle auf der Intensiv also doch funktioniert. Seltsam, ihre Mutter hatte nie erwähnt, dass sie mit Melli noch in Kontakt stand.

»Da hilft nur beten«, sagte die nun und senkte den Kopf.

»Beten?! Schadet zumindest nicht«, Liva staunte nicht schlecht. Seit wann glaubte Melli an Gott? Und überhaupt kam sie ihr total verändert vor, viel weicher und zugänglicher als früher. Bei genauem Hinsehen hatte sie sich in der Zwischenzeit auch äußerlich verändert, war fraulicher und reifer geworden. Vielleicht kam ihr das aber auch nur so wegen der schicken Bluse vor, die den bedruckten, ausgewaschenen Kapuzenpullis gewichen war.

»Woher weißt du eigentlich, dass meine Mutter auf der Intensiv liegt?«, wagte sich Liva vor. Dass ihre gehässige Nachbarin den Vorfall schadenfroh in Ockershausen herumtratschte, war klar. Doch Melli wohnte im Südviertel. Und verkehrte ganz sicher nicht in den Müller’schen Kreisen.

»Na, Konsti hat es mir erzählt«, Melli trank den Rest ihres Kaffees in einem Zug aus. »Er ist gestern kurz bei mir gewesen. Hat er es nicht erwähnt?« Melli stand auf und klopfte sich die Hose zurecht, die voller Sitzfalten war.

»Nö«, sagte Liva fast schnippisch. Die Lust auf die fett mit Butter beschmierten und spärlich mit Wurst belegten Brötchen und den dünnen Kaffee hier war ihr vergangen. Irgendetwas an Mellis Anwesenheit kam ihr seltsam vor. Und, dass Konstantin nichts von der Begegnung erwähnt hatte, hatte ebenfalls einen Beigeschmack. Andererseits war ein Krankenbesuch ja eine nette Geste. Denn ihre Mutter hatte »Mellimaus«, wie sie ihre Schwiegertochter in spe immer genannt hatte, von Anfang an ins Herz geschlossen gehabt.

»Ich werde wohl noch ein paar Tage in Marburg bleiben.« Liva musste an ihr Reportage-Seminar denken und daran, dass sie bis Donnerstag ihr Abschlussthema einzureichen hatte. Wenn sie mit den vielen unentschuldigten Fehlstunden überhaupt zugelassen wurde. Eigentlich konnte sie es sich gerade jetzt gar nicht erlauben, dem Unterricht fernzubleiben.

»Cool, dann lass uns doch morgen in Ruhe einen Kaffee zusammen trinken«, Melli umarmte sie kurz, schnappte sich ihre Handtasche und schaute auf die Uhr. »Sorry. Ich muss los. Meldest du dich? Meine Nummer ist noch die alte. Und sag mir bitte Bescheid, sobald ich Theresa besuchen kann.«

Theresa also. Nicht mehr Frau Lohrey. Dann duzten sich die beiden inzwischen. Da war dann wohl hinter ihrem Rücken eine innige Frauen-Freundschaft entstanden. Vielleicht ja auch eine Art Mutter-Tochter-Verhältnis, wo sich die eigene Tochter rargemacht hatte. Na, dann mal herzlichen Glückwunsch.

Liva beobachtete durch die Scheibe, wie Melli draußen auf dem Parkplatz in einen blauen Berlingo stieg, dessen hintere Fenster mit einem kunterbunten Biene-Maja-Sonnenschutz verdunkelt waren. Dann brauste sie in hohem Tempo vom Parkplatz, tangierte dabei beinahe einen Mann mit Krücken, der hinter einem Auto hervorgehumpelt kam. Die leidenschaftliche Fahrradfahrerin und Umweltaktivistin hatte sich in eine Tussi mit Familienkutsche verwandelt. Strange.

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212 str. 4 ilustracji
ISBN:
9783954415335
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