Czytaj książkę: «Die Geliebte des Mörders»

Czcionka:

Christian Macharski

Die Geliebte des Mörders

DORFKRIMI

Das Buch

Drei Jahre sind vergangen, seit ein schreckliches Verbrechen das kleine Dorf Saffelen heimgesucht hat. Mittlerweile ist wieder Ruhe eingekehrt in diesem idyllischen Dorf an der holländischen Grenze. Landwirt und Ortsvorsteher Hastenraths Will steht gerade vor einer privaten Herausforderung, als ihn die Schatten der Vergangenheit einholen. Wie aus dem Nichts taucht Hauptkommissar Peter Kleinheinz mit einer jungen Dame auf, für die er im Rahmen eines Zeugenschutzprogramms vorübergehend eine sichere Unterkunft sucht. Die Kronzeugin hat gegen eine gefürchtete Unterweltgröße ausgesagt und befindet sich in Lebensgefahr. Schon bald geraten die Dinge außer Kontrolle und die Mafia bekommt Wind von dem ländlichen Versteck. Schwer bewaffnet machen sich die Killer auf den Weg nach Saffelen. Doch sie haben die Rechnung ohne Hastenraths Will, Richard Borowka und Fredi Jaspers gemacht. Und so stehen sich am Ende Gut und Böse in einem blutigen Showdown gegenüber.

Der Autor

Christian Macharski wurde 1969 in Wegberg geboren. Seit 1991 ist er als Kabarettist und Autor tätig und entwickelte diverse Programme mit dem Comedyduo „Rurtal Trio“ sowie mehrere Soloprogramme. Darüber hinaus arbeitete Macharski als Autor für verschiedene Fernsehsender (WDR, SAT1, RTL) und war zehn Jahre lang Kolumnist bei den Aachener Nachrichten. Aktuell glossiert er für die Rheinische Post. Die Kunstfigur des Hastenraths Will verkörpert Macharski auch auf der Bühne, im Radio und im Fernsehen. „Die Geliebte des Mörders“ ist der siebte Teil der beliebten Dorfkrimi-Reihe um den ermittelnden Landwirt.

Außerdem als Taschenbuch erhältlich:

Das Schweigen der Kühe (ISBN 978-3-9807844-4-3)

Die Königin der Tulpen (ISBN 978-3-9807844-5-0)

Das Auge des Tigers (ISBN 978-3-9807844-7-4)

Die Rache des Waschbären (ISBN 978-3-9816638-4-6)

Der Tango des Todes (ISBN 978-3-9807844-8-1)

Die Höhle des Löwen (ISBN 978-3-9816638-0-8)

© 2016 by paperback Verlag

Alle Rechte vorbehalten. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlags

Umschlaggestaltung: kursiv, Oliver Forsbach

Fotos: Wilfried Venedey, Marcus Müller

Lektorat: Kristina Raub

Satz & Layout: media190, Wilfried Venedey

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017

ISBN 978-3-9816638-7-7

Die Personen und Handlungen der Geschichte sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden und verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt. Die Protagonisten des Romans basieren auf Bühnenfiguren des Comedy-Duos Rurtal Trio.

Für Claudia

Inhalt

Cover

Titel

Das Buch/Der Autor

Impressum

Widmung

Prolog

1. Veränderungen

2. Der Fremde

3. Freunde fürs Leben

4. Ein alter Bekannter

5. Der Preis der Freiheit

6. Dunkle Schatten

7. Das Attentat

8. Das Geheimnis

9. Der Gänsehautkrimi

10. Das Wiedersehen

11. Großstadtlichter

12. Plan B

13. Kopfkino

14. Die Schlangengrube

15. Planänderungen

16. Der Hinterhalt

17. Katerstimmung

18. Der Krisenstab

19. Das Paket

20. Das Gesetz der Prärie

21. In der Falle

22. Die Explosion

23. Zwei Welten

24. Die Hütte im Wald

25. Der Strohhalm

26. Das Geschenk

27. Der einsame Held

28. Bittere Wahrheiten

29. Der Austausch

30. Nebelschwaden

31. Der Showdown

32. Das Versprechen

33. Der leise Tod

34. Auf des Messers Schneide

35. Das Plädoyer

36. Der Abschied

37. Ohrenbetäubende Stille

Epilog

Danksagung

Die Dorfkrimi-Reihe mit Hastenraths Will

Prolog

Big Bongo verschränkte die Hände hinter seinem Stiernacken und blickte zufrieden an die stuckverzierte Decke des Schlafzimmers. Big Bongos bürgerlicher Name war Karl-Heinz „Kalle“ Kretzschmar, aber so nannte ihn hier in Frankfurt schon seit über 30 Jahren niemand mehr. Angefangen hatte er Ende der 80er Jahre als Türsteher im „Mon Ami“, aber der kleine Kalle aus Offenbach hatte sich schon früh Respekt verschafft, vor allem mit seinen gefürchteten Rechts-Links-Kombinationen. Diese Gabe verhalf ihm auch zum Nulltarif zu seinem ersten Mädchen. Die Abstecke, also die Ablösegebühr, sparte er sich durch einen einzigen spektakulären Schlag, der seinem Kontrahenten einen Schädelbasisbruch bescherte. Schnell wuchs die Zahl der Mädchen und „Bongo“, wie er sich zu dieser Zeit noch nannte, eröffnete sein erstes Laufhaus auf der Taunusstraße. Gefürchtet wegen seiner Brutalität, wurde er bald immer mächtiger. Natürlich wehrten sich in dieser Zeit einige Etablierte und versuchten, dem Emporkömmling das Licht auszublasen. Doch Bongo überlebte Schlägereien, Messerstiche und sogar einen Bauchschuss. Den Zusatz „Big“ erhielt er schließlich nach einer legendären Straßenschlacht auf der Elbestraße, von der noch lange ehrfürchtig gesprochen wurde. Ab da war er der König des Kiez. Und so war es bis heute geblieben, auch wenn der Job rauer wurde. Aber Big Bongo war clever. Er hatte als einer der Ersten gespürt, dass die Zeit der klassischen Rotlichtgrößen zu Ende ging. Nach und nach verschwanden Legenden wie „Der schöne Dieter“, „Neger-Nobby“ oder „Knockout-Charlie“ von der Bildfläche und Albaner und Russen übernahmen die Geschäfte. Brutale und skrupellose Banden und Großfamilien, die mit alter Kiez-Romantik nichts am Hut hatten. Aber skrupellos war Big Bongo auch und er hattefrühzeitig Allianzen mit den Hells Angels und anderen einflussreichen Gangs geschlossen, um sein Revier zu verteidigen. Dass ihm dies bis heute gelungen war, erfüllte ihn mit Stolz. Er hatte sich eine kleine Entourage von Vertrauten geschaffen, die ihm treu ergeben war und auf die er sich blind verlassen konnte. Und dann war da noch Mariella Romano, die sich vor zehn Jahren bei ihm vorgestellt hatte. Big Bongo, der alle seine Mädchen persönlich aussuchte, hatte gleich erkannt, dass Mariella nicht ins Bordell gehörte, auch wenn sie aufgrund ihrer italienischen Wurzeln mit ihrem Exotenfaktor gut fürs Geschäft gewesen wäre. Doch noch bevor er sie wieder wegschicken konnte, hatte er sich schon heillos in sie verliebt. Sie war so anders als jede Frau, die er vorher hatte. Und er hatte viele gehabt, sich aber nicht in eine davon verliebt. Mariella dagegen strahlte unter der Schminke, die sie viel zu dick aufgetragen hatte. Ihrer eigentümlichen Würde konnte er sich nicht entziehen. Ausgerechnet er, der Abgebrühteste von allen, fing Feuer für eine Frau von gerade mal 25 Jahren, die ihm mit ihrer gefährlichen Mischung aus Unschuld und Unnahbarkeit gegenübersaß. Vielleicht waren es zu Beginn auch nur ihr schöner Körper und ihre leichten Bewegungen, doch schon nach wenigen Wochen wusste er, dass sie die Frau seines Lebens war. Mit so etwas hatte er gar nicht mehr gerechnet. Schon gar nicht in seiner Branche und erst recht nicht mit seinem kaputten Lebenslauf.

Big Bongo beugte sich hinüber zum Nachttisch und fischte sich eine Zigarette aus der Packung. Durch die Bewegung erwachte Mariella, die mit dem Kopf auf seiner von eindrucksvollen Narben übersäten Brust gelegen hatte. „Was ist?“, fragte sie im Halbschlaf.

„Alles gut“, antwortete Big Bongo, „schlaf weiter.“

Es war noch sehr früh am Morgen. Er zündete sich eine Zigarette an und blies den Rauch in den Raum. Heute stand ihm ein anstrengender Tag bevor. Er wollte sich persönlich um den Portier eines seiner Etablissements kümmern, den er im Verdacht hatte, krumme Geschäfte hinter seinem Rücken abzuwickeln. Bei so was kannte Big Bongo keine Gnade. Er hatte schon einige, die Ähnliches versucht hatten, spurlos verschwinden lassen. Er kommentierte das im kleinen Kreis gerne damit, dass er für einen „Interessenausgleich“ gesorgt hatte. Big Bongo musste grinsen, als er darüber nachdachte. Er hatte sich auch schon was Schönes überlegt für den bald ehemaligen Portier seines „Wonderland Clubs“.

Ein lautes Geräusch aus dem Flur ließ ihn aus seinen Gedanken hochfahren. Mariellas Kopf wurde zur Seite geschleudert und sie erwachte mit einem Schrei. Big Bongo riss die Nachttischschublade auf, aber noch bevor er seine Beretta herausziehen konnte, flog die Schlafzimmertür auf und vier schwer bewaffnete und vermummte SEK-Beamte standen mit auf ihn gerichteten Maschinenpistolen vor ihm. „Hände hoch. Umdrehen auf den Bauch!“, brüllte jemand.

Während ein Beamter sich auf seinen Rücken setzte, um ihm Handschellen anzulegen, trat ein groß gewachsener Mann mit Helm und hochgeklapptem Visier ins Zimmer. Seinem Auftreten nach tippte Big Bongo darauf, dass es sich um den Einsatzleiter handeln musste. Jetzt war er aber mal gespannt. Was sollten sie schon gegen ihn in der Hand haben? Big Bongo gehörte nicht umsonst zu den wenigen Milieugrößen, die noch nie im Knast gesessen hatten. Selbst für seine Beretta besaß er einen Waffenschein. Ganz abgesehen von seinen Geschäften. Die Verbindungen waren so geschickt gesponnen, dass ihm niemand etwas nachweisen konnte, und von der Handvoll Menschen, die Bescheid wussten, wie es läuft, würde ihn keiner verraten. Jedenfalls keiner, dem sein Leben noch etwas wert war. Aber irgendeiner hatte gesungen, anders war dieser Einsatz nicht zu erklären. Big Bongo schwor sich: Sollte er einfahren, würde der Verräter dafür mit einem qualvollen Tod büßen. Der SEK-Mann riss ihn hoch. Direkt vor dem Einsatzleiter kam er auf die Beine. Ein Lächeln umspielte dessen Mund, während er in sein Kopfmikrofon sprach: „Aktion beendet. Zielobjekt wurde festgenommen.“ Big Bongo schnaubte wütend und drehte sich zu seiner Mariella um, die neben dem Bett stand und ihn traurig ansah. Tränen liefen über ihr Gesicht, aber ihre Stimme klang ungewöhnlich gefasst, als sie sagte: „Es tut mir leid.“

Im ersten Moment wusste Big Bongo nicht, was sie damit meinte. Aber dann verstand er und der Satz explodierte in seinem Kopf wie eine Handgranate.

Veränderungen
1

Freitag, 5. Juni, 9.10 Uhr

Hastenraths Will stiefelte schwer atmend die Treppenstufen hoch. Seine Knochen knackten und auf seiner Stirn bildete sich kalter Schweiß. Er hob den Kopf. Der Flur des ersten Stocks schien ihm so weit entfernt wie die Spitze des Mount Everests. Unfassbar! Damals, vor über 30 Jahren, als er sein Elternhaus zusammen mit seiner frisch angetrauten Frau Marlene übernommen hatte, war er diese Treppe stets leichtfüßig und zwei Stufen auf einmal nehmend hochgejagt. Vor allem, wenn seine Frau zuvor im Wohnzimmer eindeutige Signale ausgesendet hatte, bevor sie sich mit einem geheimnisvollen Lächeln nach oben zurückgezogen hatte. Doch diese Art von Signalen war ebenso versiegt wie Wills Körperkraft, die von jahrzehntelanger harter Arbeit in der Landwirtschaft aufgezehrt war. Der Spätsommer des Lebens verlangte seinen Tribut. Die Leichtigkeit der jungen, wilden Jahre war längst dahin. Zwar hatte Will es schon am Tag der Hochzeit trotz verzweifelter Versuche nicht geschafft, Marlene in den ersten Stock zu tragen, aber das hatte nicht an ihm gelegen, sondern daran, dass seine Frau schon damals kein Leichtgewicht war. Heute würde ihm ohnehin jeder verantwortungsvolle Orthopäde von solchen Aktionen abraten.

Keuchend erreichte Will den oberen Treppenabsatz. Als er in das Zimmer sah, in dem Richard Borowka gerade einen neuen Bohrer in die Bohrmaschine einspannte, fragte er sich, warum er sich diesen Stress auf seine alten Tage überhaupt noch antat. Den ersten Stock hatte er in den letzten Wochen mithilfe von Freunden und Bekannten zu Pensionszimmern umgebaut. Mit Ausnahme des eigenen Schlafzimmers waren nun alle Räume in Gästezimmer verwandelt worden. Tochter Sabine hatte gleich zwei Kinderzimmer mit Verbindungstür besessen, es gab das alte Bügelzimmer und auch Wills Großeltern hatten bis zu ihrem Tod im großzügigen Obergeschoss gelebt. Wenn es in diesem Bauernhof an einem nicht mangelte, dann an Wohnraum. Erst recht, wenn man sich, wie Will, um lästige Formalitäten wie Baugenehmigungen wenig scherte.

Der Umwidmung der Räumlichkeiten in Hotelzimmer waren intensive Gespräche vorausgegangen, in denen Marlene Hastenrath ihren Mann davon überzeugt hatte, dass die Landwirtschaft in der Form, in der sie sie betrieben, auf lange Sicht nicht mehr zum Leben reichen würde. Gegen die industrielle Landwirtschaft war als kleiner bäuerlicher Familienbetrieb mit ein bisschen Viehwirtschaft und einem kleinen Kartoffel-ab-Hof-Verkauf einfach nicht anzukommen. Und so waren, dank intensiver Nachbarschaftshilfe, innerhalb kürzester Zeit vier rustikale Gästezimmer entstanden, mit allem, was nötig war, um eine Anerkennung als Hotel Garni zu erhalten. Um den Papierkram hatte Marlene sich gekümmert. Sie würde später auch die Leitung der Frühstückspension übernehmen, während Will für die Bespaßung der jüngeren Gäste eingeplant war. Seiner Frau schwebten dabei zwar Dinge wie Schweinefüttern oder Stallausmisten vor, aber Will hatte noch weit mehr auf Lager. Seinen Vorschlag, als besonderen Freizeitspaß ein Bananenboot hinter seinen Hanomag zu hängen und mit den Kindern darauf über die Felder zu rasen, hatte seine Frau zwar aus Sicherheitsgründen verworfen, aber er hatte noch viele andere gute Ideen. Die Kleinen könnten ihm zum Beispiel helfen, Kälbchen aus der Kuh zu ziehen, oder sie könnten ihm bei der Handbesamung assistieren oder heimlich die Spritzen mit den Wachstumshormonen aufziehen. Es gab so viel zu entdecken auf einem Bauernhof. Will hatte sogar darüber nachgedacht, als besondere Attraktion wieder Hühner anzuschaffen. Nicht nur das Eiersuchen hatte seinen Enkelkindern immer große Freude bereitet, sondern auch das Schlachten der Tiere. Wie oft war ein geköpftes Huhn noch sekundenlang herumgelaufen? Manche waren sogar noch bis aufs Dach geflattert. Für seine beiden Enkelkinder, Kevin-Marcel und Justin-Dustin, die früher fast täglich auf dem Hof gespielt hatten, war das immer wieder ein Heidenspaß gewesen.

Die Eröffnung von „Wills Wald- und Wiesenparadies“ stand unmittelbar bevor, wobei Marlene noch Bedenken hatte, es bei diesem Namen zu belassen. Sie wollte lieber bescheidener und im Stillen starten, um sich langsam an ihre neue Aufgabe heranzutasten. Will hingegen plante eine große Eröffnungsparty, zu der er sogar versuchen wollte, den Landrat als Festredner einzuladen. Kein leichtes Unterfangen, hatte sich doch das ohnehin belastete Verhältnis zum obersten Kommunalbeamten des Kreises Heinsberg noch weiter verschlechtert durch die unglücklichen Vorfälle bei der Verleihung des Verdienstordens nach dem letzten erfolgreich gelösten Kriminalfall, bei der Will den Spitzenpolitiker aus Versehen in eine peinliche Situation und damit auf sämtliche Titelseiten des Landes gebracht hatte. Aber auch für den Fall, dass der Landrat ihm immer noch böse sein sollte, obwohl dieser nicht nur sein Parteikollege, sondern Will als Ortsvorsteher von Saffelen sogar fast eine Art Amtskollege war, hatte der Landwirt vorgesorgt. Festredner hatte er genug andere in petto, dazu plante er ein großes Feuerwerk und eine Hoffete, auf der er zum großen Finale die Cover-Rockband „Top Sound“ auftreten lassen wollte. Für die hatte Will sich entschieden, weil sie mit Abstand die Billigste war und ihre eigene Anlage mitbrachte.

Doch bevor es so weit war, galt es noch, die letzten Restarbeiten zu erledigen. Richard Borowka hatte sich extra, um Will zu helfen, bei seinem Arbeitgeber Auto Oellers für zwei Wochen krankschreiben lassen. Die Zeit drängte, da er ab Montag wieder würde arbeiten müssen. Leider hatte Saffelens bester Schwarzarbeiter keinen guten Tag erwischt. Schon zweimal hatte er im Lauf des Vormittags eine Stromleitung angebohrt, woraufhin der FI-Schalter im Keller herausgeflogen war. Entsprechend außer Atem war Will, nachdem er zum wiederholten Mal die Treppe rauf- und runtergegangen war. Abgekämpft lehnte der Landwirt nun im Türrahmen und beobachtete, wie Borowka den Bohrer mit dem Bohrfutterschlüssel fest anzog, um die Haken für den Badezimmerschrank anzubringen. „Ich hoffe, diesmal triffst du besser. Ich wollte nämlich irgendswann mal fertig werden“, sagte Will.

„Keine Panik“, antwortete Borowka gelassen, „so doof kann ja keiner sein, dreimal hintereinander eine Stromleitung zu erwischen. Hör mal, Will, ich hab gesehen, dass in das Haus, wo der Kommissar Kleinheinz damals gewohnt hat, neue Leute eingezogen sind. Ist das verkauft?“

Will zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Marlene versucht gerade, das rauszufinden. Es hat ja jetzt lange leer gestanden und leicht ist das bestimmt nicht zu verkaufen mit die tragische Vorgeschichte.“

„Das Mordhaus!“, murmelte Borowka und seine Nackenhaare stellten sich auf, als er an die dramatischen Ereignisse dachte, die sich vor nunmehr drei Jahren dort zugetragen hatten. Er sah Will an. „Hast du eigentlich jemals wieder was von der Kleinheinz gehört?“

„Nee, nix. Nach die schlimme Sache mit seine Verlobte war der total verändert. Ich hab dem danach nur noch zweimal getroffen, bevor der weggezogen ist. Und das auch nur zufällig, wie der seine Sachen aus dem Haus am Holen war. Ein Bekannter von mir, beziehungsweise der Kegelbruder von dem sein Schwager, der ist auch bei der Polizei in Heinsberg beschäftigt und der hat erzählt, dass Kleinheinz zum LKA Hessen gegangen wär. Aber bei mir hat der sich nie mehr gemeldet.“

„Der war ja immer was komisch. Typisch Zugezogener“, konstatierte Borowka und hakte das Thema damit für sich ab.

Wills Gedanken jedoch kreisten noch etwas länger um die Vergangenheit. Obwohl er sich nie viel aus Gefühlen gemacht hatte, war ihm die Geschichte mit Peter Kleinheinz sehr nahe gegangen. Gemeinsam hatten sie viele schwierige und lebensgefährliche Situationen erlebt und waren am Ende sogar Freunde geworden. Der grußlose Abschied des Kommissars hatte den Landwirt getroffen. Mittlerweile waren zwar schon drei Jahre vergangen und in das kleine Dorf Saffelen war zum Glück längst wieder Ruhe eingekehrt, aber Will hing der verrückten Zeit gedanklich noch oft nach. Schließlich war es auch die aufregendste Zeit seines Lebens gewesen. Um sich abzulenken, fragte er: „Wie geht es eigentlich Rita und der kleine Jerome? Die sind doch jetzt bestimmt schon anderthalb Wochen weg, oder?“

Rita war die Frau von Borowka und Jerome der zweieinhalbjährige Sohn. Die Beiden befanden sich in Mutter-Kind-Kur, weil die ungeplante, späte Elternschaft zu Spannungen und Überforderungen geführt hatte. Insbesondere Borowka hatte sich mit seiner neuen Rolle als Vater schwergetan. Verantwortung lag ihm nicht besonders. Rita hingegen ging zwar in ihrer Rolle als Mutter auf, aber auch sie hatte die Veränderungen, die die Geburt mit sich brachte, unterschätzt. „Sieben Tage sind die jetzt weg“, sagte Borowka. „Wir telefonieren aber jeden Tag und Rita geht es schon viel besser. Und – ganz ehrlich – mir auch. Es hat sich die ganze Zeit immer nur noch alles um der Jerome gedreht. Ich konnte gucken, wo ich bleib. Aber das Schlimmste war, dass ich mit der Verlust von mein Ford Capri ganz alleine fertig werden musste. Und jetzt? Was ist nur aus mir geworden? Ich fahr jetzt ein VW Passat.“

Tränen stiegen ihm in die Augen, während Will ihm väterlich die Hand auf die Schulter legte. „Das wird schon wieder. Ich weiß genau, wie du dich fühlst. Ich bin damals auch ganz unerwartet Vater geworden. Gut, nicht so unerwartet wie Josef von Josef und Maria“, er lachte über seinen spontanen Scherz, wurde aber gleich wieder ernst, „aber trotzdem. Ich weiß, was das für eine Umstellung ist. Du musst dir vorstellen, damals, wie die Marlene mir eröffnet hat, dass sie schwanger ist, da war ich ja noch wie ein wilder, ungesattelter Hengst auf der Koppel. Und auf einmal war alles vorbei. Ich kann mich noch gut erinnern, wie die Marlene für mich sagte: ‚Wir sind bald zu dritt.‘ Da war mein erster Gedanke: ‚Ach du Scheiße – Schwiegermutter zieht bei uns ein.‘ Aber zum Glück war Marlene nur schwanger … Auf jeden Fall, was ich damit sagen will: Es könnte immer noch schlimmer kommen.“

Borowka nickte: „Ja, du hast recht. Rita hätte schließlich auch auf ein Volvo bestehen können.“

„Siehst du. Komm, ich hol uns mal ein Stützbier.“ Während Will das Badezimmer verließ, setzte Borowka die Hilti an und ohrenbetäubender Lärm ließ die Grundmauern erzittern. Als Will gerade den Treppenabsatz erreicht hatte, erstarb das Bohrgeräusch und Borowka schrie entsetzt: „Ach du Scheiße!“

Will riss den Kopf herum und rief erschrocken: „Was ist passiert? Schon wieder die Stromleitung?“

„Nein. Ich bin doch nicht bescheuert …“, antwortete Borowka, „… diesmal ist es die Wasserleitung.“

Der Fremde
2

Freitag, 5. Juni, 9.30 Uhr

Der Regenschauer hatte Marlene Hastenrath voll erwischt, als sie sich auf halber Strecke zwischen Parkplatz und dem Eingang der Kreisverwaltung befand. Der Regen war so plötzlich und heftig auf sie niedergeprasselt, dass sie nicht mal mehr die Chance gehabt hatte, ihre Regenhaube aus der Handtasche zu ziehen. Nun stand sie triefend im Foyer des Kreishauses und sah sich um. Auf einer halbrunden Theke erblickte sie ein Schild mit der Aufschrift „Information“ und gleich daneben ein weiteres, auf dem stand: „Bin auf dem Klo“. Marlene seufzte und ging zum Ständer mit den Prospekten, der sich gegenüber der Theke befand. Sie zog ein dünnes Heftchen aus dem Ständer, auf dem in riesigen Lettern zu lesen war: „Herzlich willkommen in der Freizeitregion Heinsberg“. Doch noch bevor sie es aufschlagen konnte, rief eine rauchige Stimme hinter ihr: „Kann ich Ihnen helfen?“

Marlene fuhr herum. Die Stimme gehörte nicht, wie erwartet, einem Mann, sondern einer stark geschminkten Mittfünfzigerin, die zwar lächelte, aber das ohne jede Mimik. Ihre Stirn war glatt wie ein Babypopo und der Mund mit den sehr roten Lippen erinnerte Marlene unwillkürlich an den Joker aus Batman. Während die Frau das „Bin auf dem Klo“-Schild mit einer schnellen Bewegung unter der Theke verschwinden ließ, trat Marlene an die Theke und nestelte an ihrer Handtasche, in der sich die Unterlagen befanden. Noch bevor sie den Hefter aus dem Gewirr von Taschentüchern, Labellos mit und ohne Deckel, Bürstchen, Nagelfeile, Kopfschmerztabletten und klebrigem Bonbonpapier herausgefischt hatte, betrat ein ebenfalls vom überraschenden Regenschauer heimgesuchter Mann das Foyer und zog ob seines außergewöhnlichen Kleidungsstils sofort alle Aufmerksamkeit auf sich. Er trug eine graue, gewagt enge Anzughose, einen der Jahreszeit nicht angepassten Rollkragenpullover, glänzende Lederschuhe und um den Hals einen Kaschmirschal. Mit seiner geraden Körperhaltung machte er einen fast schon aristokratischen Eindruck. Marlene, die wie die Frau hinter der Theke zu ihm hinübersah, hätte sich nicht gewundert, wenn er auch noch einen Zylinder auf dem Kopf gehabt hätte.

Offenbar hatte sie ihn etwas zu lange gemustert, denn plötzlich sah der Mann auf und kam auf sie zu. Marlene grinste verlegen und der Mann grüßte mit einem kurzen, aber freundlichen Nicken zurück, bevor er ebenfalls an den Informationsschalter trat. Der Mann verströmte einen markanten Duft. Es musste sich um ein sehr exklusives Parfüm handeln, mutmaßte Marlene, denn es war ein exotischer Geruchsmix aus Moschus, Weihrauch und Vanille. Marlene fand das recht ungewöhnlich für einen normalen Mann und es erinnerte sie daran, später noch bei dm oder Aldi vorbeizufahren, um für Will einen neuen Deoroller zu kaufen. Die Frau hinter der Theke hustete laut ab.

Sie nahm ein Glas Wasser, in das sie aber auch hineinhusten musste, nachdem sie es angesetzt hatte. Das Wasser spritzte in alle Richtungen. Marlene war das egal, sie war sowieso nass. Der Mann hingegen schaute pikiert. Mit einer freundlichen Geste ließ er Marlene den Vortritt und zog sich an den Ständer mit den Broschüren zurück. Mittlerweile hatte die Frau hinter der Theke abgehustet. Mit einem Lächeln, das man als verlegen interpretieren konnte, entschuldigte die Frau sich: „Tut mir leid, ich bin ein bisschen erkältet. Aber jetzt bin ich für Sie da. Mein Name ist Gaby Frings, was kann ich für Sie tun?“

„Guten Tag, mein Name ist Marlene Hastenrath. Ich bin aus Saffelen. Ich bin die Frau von Hastenraths Will, dem Ortsvorsteher von Saffelen und ich wollte frägen …“

„Der Bauer, der immer die Kriminalfälle löst?“, fiel Frau Frings ihr ins Wort. „Das gibt’s doch gar nicht! Meine Schwägerin ist eine geborene Hermsmeier. Und der ihre Cousine hat einen Bekannten, der mal Fußball gespielt hat zusammen mit einem gewissen Herbert Frentzen. Und dieser Herbert Frentzen ist ein Schwippschwager von Schlömer Karl-Heinz aus Saffelen. Und der hat mal Geschichten erzählt von Hastenraths Will.“

Marlene nickte stolz. „Das ist richtig. Schlömer Karl-Heinz ist ein guter Freund von mein Mann.“

Frau Frings schüttelte ungläubig den Kopf. „Wie klein doch manchmal die Welt ist.“ „Das stimmt wohl. Na ja, auf jeden Fall wollen wir demnächst eine kleine Frühstückspension auf unser Bauernhof eröffnen und da wollte ich Sie fragen, ob Sie die vielleicht in Ihr Programm mit aufnehmen könnten?! Sie haben doch bestimmt so eine Liste mit Hotelzimmer im Kreis Heinsberg.“

„Aber natürlich“, sagte Frau Frings, „das machen wir gerne.“ Sie nahm ein Formular aus der Schublade und erfragte ein paar Daten zu „Wills Wald- und Wiesenparadies“, die sie fein säuberlich notierte.

Marlene betonte mehrmals, dass dies jedoch noch nicht der endgültige Name sei, und zog ein engbeschriebenes DIN-A4-Blatt aus dem Schnellhefter, das sie Frau Frings über die Theke reichte. „Dann hätte ich noch eine Bitte“, sagte Marlene. „Ich hab hier mal zusammen mit mein Mann ein Textentwurf gemacht für ein Prospekt, das wir drucken lassen wollen. Wir sind aber nicht sicher, ob das alles gut ist. Vielleicht können Sie mir da noch ein paar Tipps geben.“

Frau Frings nahm das Blatt und überflog es mit zusammengekniffenen Augen. Dann begann sie halblaut vorzulesen: „Genießen Sie Urlaub auf der Bauernhof, mit alles, was dazugehört: muhende Kühe, dampfende Misthaufen und Trecker-Rundfahrten durchs Neubaugebiet. Erholung pur – fernab von jede Zivelesation und trotzdem weit genug weg von Holland. Erleben Sie Saffelen, der pulsierende Hotspot im Selfkant, günstig gelegen, für alle, die die Einsamkeit lieben. Bekannt geworden ist der kleine Ort am Saffelbach durch seine spektakulären Kriminalfälle, wovon Sie der berühmte Hobbydetektiv Hastenraths Will gerne höchstpersönlich abends am Lagerfeuer erzählen wird, Bluthochdrucktabletten inklusive. Falls Sie nach diese spannenden Geschichten überhaupt noch schlafen können, erwarten Sie komfortabel eingerichtete Gästezimmer mit schalldichte Klos.“

Frau Frings stockte. „Tschuldigung, was heißt das hier? Das kann ich nicht lesen.“

Marlenes Augen irrlichterten über das Blatt, bis sie die Stelle gefunden hatte, auf die Frau Frings zeigte. „Ach so, das. Ja, mein Mann neigt ein bisschen zu Übertreibungen. Der wollte, dass das was internationaler klingt. Das Wort heißt ‚Specials‘.“

„Ach so. ‚Specials‘ schreibt man nicht mit zweimal ‚S‘ ‚C‘ ‚H‘. Aber das ist egal. Über die Rechtschreibung lass ich am besten sowieso noch mal meine Kollegin drübergucken, die hat ein abgebrochenes Germanistikstudium. Kann ja nicht schaden. Sooo, was haben wir denn hier für ‚Specials‘? Kinder und Hunde sind herzlich willkommen, solang die sich benehmen. Genug Aschenbecher in jedes Zimmer. Langschläferfrühstück bis acht Uhr morgens. Einmal am Tag besteht die Möglichkeit, aus sichere Entfernung bei die Fütterung von Hofhund Attila zuzugucken. Und als besonderes Special – doppelt unterstrichen: billiger als ‚Pension Gansweidt‘ in Süsterseel und erst recht als ‚Bauer Hajos Erlebniswelt‘ in Brüggelchen.“

Frau Frings legte das Blatt zur Seite und runzelte die Stirn. „Ja, das hört sich doch schon mal sehr … interessant an. Ein paar Dinge sollte man vielleicht anders formulieren, aber ich hab ja jetzt Ihre Kontaktdaten. Ich würde vorschlagen, dass wir Sie anrufen, sobald wir den neuen Prospekt drucken. Da würde ich Sie dann auf jeden Fall mit reinnehmen. Toll wäre noch, wenn wir ein paar Fotos bekämen vom Hof und von den Zimmern.“

„Ach so ja, natürlich“, sagte Marlene. „Um die Fotos wollte Schwiegersohn sich kümmern, sobald der WLAN verlegt hat in die Gästezimmer. Der hat eine sehr gute Kamera … in sein Handy. Die lass ich Sie dann sofort zukommen. Also, die Fotos, nicht die Kamera. Dann bedanke ich mich und wünsch Sie noch ein schöner Tag.“

Marlene drehte sich um und ging erleichtert in Richtung Ausgang. Sie hätte niemals gedacht, dass es so aufregend sein würde, eine kleine Pension zu eröffnen. Schon die Gewerbeanmeldung in der Gemeindeverwaltung war reichlich kompliziert gewesen. Statt von einer „Pension“ hatte der Beamte die ganze Zeit von einem „Beherbergungsbetrieb mit Verpflegungsangebot“ gesprochen. Gut, dass Will nicht mit dabei gewesen war, dachte Marlene, der regt sich nämlich immer furchtbar auf über Behördendeutsch. Spätestens, seit er mal ein Schreiben erhalten hatte, in dem stand: „Bitte teilen Sie uns die Anzahl Ihrer Raufutter verzehrenden Großvieheinheiten mit.“ Es dauerte Tage, bis Will herausgefunden hatte, dass damit Kühe gemeint waren. Marlene stoppte. Vor der Drehtür, die ins Freie führte, standen jede Menge Leute und warteten. Draußen regnete es immer noch in Strömen. Marlene sah auf die Uhr und seufzte. Mit einem Mal stieg ihr wieder dieses betörende Parfüm in die Nase. Wie aus dem Nichts stand plötzlich der elegante Herr von vorhin neben ihr und sprach sie an: „Entschuldigen Sie bitte. Ich habe eben zufällig mitbekommen, dass Sie Fremdenzimmer vermieten. Kann das sein, dass ich Ihre Pension im Internet gesehen habe? ‚Wills Wald- und Wiesenparadies‘ in Saffelen?“

„Ja, das kann sein“, holte Marlene aus, „Schwiegersohn hat vor drei Wochen einfach eine Homepage angelegt, obwohl ich dem gesagt hatte, der soll damit noch warten. Vor allem, bis wir uns endgültig einig sind mit der Name für unsere kleine Pension. Ich fände ja viel passender so was wie ‚Westzipfelperle‘ oder ‚Haus Marlene‘ oder ‚Zum reißenden Saffelbach‘ oder so.“

Der Mann nickte interessiert. „Wie ist es denn in Saffelen so? Wissen Sie, ich suche einen einsamen Ort, wo ich in Ruhe arbeiten kann. Ich bin Schriftsteller.“

Marlene war entzückt. Konnte es sein, dass sie soeben von ihrem ersten Urlaubsgast angesprochen worden war? Und dann auch noch von einem echten Schriftsteller! Wie spannend! Dann konnte der Prospekttext ja so schlecht nicht sein. Sie sagte: „Ein einsamerer Ort wie Saffelen werden Sie nirgendswo finden.“

Freunde fürs Leben
3

Freitag, 5. Juni, 21.10 Uhr

Die dampfende Schüssel Spaghetti stand mitten auf dem Tisch und Sabrina schöpfte Borowka den Teller voll. „Lang zu, Richard. Jetzt, wo Rita weg ist, gibt es bestimmt nicht viel zu essen bei dir, oder?“, sagte sie.

Borowka schaufelte sich reichlich Hackfleischsoße aus dem danebenstehenden Topf über die Nudeln. „Doch, doch. Ich krieg genug. Ich helf der Will ja beim Renovieren und die Marlene kocht immer ordentlich. Ich mein, ich hätt sogar schon was zugenommen.“

„Apropos Renovieren“, warf Fredi Jaspers kauend ein. „Der alte Oellers ist stinksauer, weil du dich schon wieder wegen Husten zwei Wochen hast krankschreiben lassen. Der ist doch auch nicht doof. Der kriegt doch mit, dass du nebenbei bei der Will arbeitest.“

Fredi war wie sein bester Kumpel beim Autohaus Oellers beschäftigt. Während Borowka in der Werkstatt malochte, wenn er dann mal da war, hatte Fredi sich bereits zum Büroleiter hochgearbeitet. Darauf war er stolz, auch wenn neben ihm nur noch Fräulein Wallraven im Büro saß. Und deren Aufgabe bestand in Ermangelung anderer Qualitäten darin, an der Rezeption zu sitzen und die Kunden anzulächeln, die den Verkaufsraum betraten. Aber das war Fredi egal, er war zufrieden mit seiner beruflichen Situation. Und mit seiner privaten sowieso. Die Beziehung mit Sabrina, die er vor einigen Jahren in Berlin kennengelernt hatte bei einer Art Sabbatical und die sofort sein Leben auf den Kopf gestellt hatte, hatte ihn zu einem glücklichen und ausgeglichenen Menschen gemacht. Der einzige Wermutstropfen ihrer Liebe war, dass trotz schweißtreibender Bemühungen noch immer nicht Sabrinas sehnlicher Babywunsch in Erfüllung gegangen war. Das tat Fredi einerseits leid und kratzte auch ein wenig an seiner Mannesehre, andererseits war er sich aber auch alles andere als sicher, ob er überhaupt zum Vater taugen würde. Am Beispiel seines besten Kumpels erlebte er ja gerade hautnah, dass ein Kind auch eine große Belastung für eine Beziehung darstellen konnte.

„Der Oellers kann mich mal“, polterte Borowka, „der alte Sklaventreiber. Der wollte doch allen Ernstes, dass ich der Freitag nach Vatertag arbeiten komm! Wie soll das denn gehen mit drei Promille? Da darf der sich nicht wundern, wenn ich mir der gelbe Urlaubsschein hol.“ Borowka verschluckte sich vor Aufregung, fuhr dann aber etwas ruhiger fort: „Sag mal Fredi, warum bist du eigentlich Vatertag schon wieder nicht mitgekommen? Tonne und Spargel waren dabei, der bekloppte Richterich und selbst der Klosterbach auf seine alten Tage. Der hat sogar fast die ganze Strecke der Bollerwagen allein gezogen.“

Bevor Fredi antworten konnte, warf Sabrina spitz ein: „Weil der noch kein Vater ist!“

„Moment mal, Sabrina“, Borowka legte das Besteck beiseite, „da hast du aber was falsch verstanden. Es gibt Muttertag und es gibt Vatertag und an Vatertag …“

„Bei uns im Osten nicht.“

„Was? Wie, ihr hattet im Osten kein Vatertag? Das ist doch mit der wichtigste deutsche Feiertag.“

Sabrina verdrehte die Augen, weil sie eigentlich keine Lust auf eine solche Diskussion hatte. Da sie aber wusste, wie hartnäckig Borowka sein konnte, antwortete sie. „Bei uns wurde der Muttertag nicht gefeiert, weil der von den Amis erfunden worden war. Stattdessen hatten wir den Internationalen Frauentag. Und deshalb gab es auch keinen Vatertag, sondern einen sogenannten Herrentag. Da wurde zwar auch nur gesoffen, aber man musste dafür kein Vater sein – so wie hier.“

„Muss man ja hier bei uns auch nicht“, verteidigte Borowka seinen Standpunkt voller Inbrunst. „Das ist anders als wie bei Muttertag. Da dürfen wirklich nur Mütter dran teilnehmen, aber an Vatertag darf jeder Mann mitmachen, unabhängig von irgendseine Vaterschaft. Bei uns hier im Westen gilt nämlich das gleiche Prinzip wie bei der GEZ: Es ist nicht entscheidend, ob man Fernsehen guckt, sondern ob man ein Gerät besitzt, mit dem es theoretisch möglich wär, Fernseh zu gucken. Verstehst du?“ Borowka lachte dreckig.

Sabrina verzog das Gesicht. Um die Diskussion zu beenden, antwortete sie knapp: „Ich geh mal eben in den Keller, gucken, ob der Trockner schon fertig ist.“

Nachdem sie den Raum verlassen hatte, raunte Borowka seinem Kumpel zu: „Wie hältst du diese Besserwisserei bloß immer aus?“

Fredi wischte sich den Mund mit der Serviette ab und erwiderte: „Dass ihr euch immer streiten müsst. Du weißt doch genau, dass die Sabrina deine Witze nicht versteht. Aber was anderes. Du gefällst mir im Moment überhaupt nicht, Borowka. Du bist in letzter Zeit immer so nachdenklich. So kenn ich dich gar nicht. Der Tonne erzählte, dass du letztens nach dem Fußballtraining an der Theke sogar plötzlich angefangen hättest, über der Sinn vom Leben zu erzählen.“

Borowka putzte sich den Mund mit dem Ärmel ab. „Ja gut, da ging es sich aber um die Frage, ob das Leben mit ein Passat-Kombi überhaupt noch ein Sinn hat.“

Fredi sah ihm direkt in die Augen. „Richard, wenn ich dir irgendswie helfen kann, dann sag mir das bitte.“

„Echt jetzt?“

„Ja logisch, du bist mein bester Freund – und mein einzigster.“

Borowka atmete tief durch und sagte mit ernster Stimme: „Es gibt da wirklich was, wobei du mich unterstützen könntest. Das wär sehr wichtig für mich. Aber es könnte sein, dass du Ärger kriegst mit Sabrina, wenn die das rausbekommt.“

Fredi blickte sich verstohlen um, aber seine Freundin war noch im Keller. Er flüsterte: „Lass das mal meine Sorge sein. Raus damit. Wobei kann ich dich unterstützen?“

„Ich weiß nicht, ob ich das von dir verlangen kann.“

„Doch, natürlich!“

„Hoch und heilig versprochen?“

„Versprochen. Hoch und heilig!“

Fredi saß schlecht gelaunt auf dem Beifahrersitz, während Borowka mit Schwung rückwärts aus dessen Einfahrt zurücksetzte. „Das find ich super, dass du heute Abend spontan mit mir nach Himmerich, in die Disko fährst, und das, obwohl Sabrina extra eine DVD für ein romantischer Videoabend besorgt hat. Ich glaub, die war stinksauer, oder? Wieso schmeißt man sonst ein Teller gegen die Wand?“

Fredi hielt die Arme verschränkt vor der Brust und antwortete: „Halt die Fresse und fahr.“

„Fredi, jetzt stell dich nicht so an. Das wird super“, rief Borowka euphorisiert. „In Himmerich ist heute 90er-Party. Das war unser Jahrzehnt. Da lassen wir es nochmal richtig krachen! Die Jungs vom Fußball sind auch alle da.“

Borowka setzte mit dem Auspuff auf, als er über den Bürgersteig auf die Straße fuhr. Dann drückte er das Gaspedal voll durch, ließ die Reifen quietschen und jagte durch das abendliche Saffelen. Nachdem sie das Ortsschild passiert hatten, musste er wegen der dahinterliegenden Schikanen noch mal kurz abbremsen. Er umkurvte sie mit schlafwandlerischer Sicherheit und beschleunigte sofort wieder. Nach der nächsten Kurve musste er allerdings schon wieder vom Gas gehen, weil ihm in einiger Entfernung auf der Gegenfahrbahn ein dunkler Mercedes C-Klasse entgegenkam. „Oh, Mann“, entfuhr es Borowka, „was für eine piefige Karre. Kackbraun und dann allen Ernstes Stahlräder. Von Kronprinz. Ich kack ab. Das ist garantiert kein Saffelener. Wer so ein Hausfrauenpanzer käuft, müsste erschlagen werden.“

„Ich find der Auto gar nicht so schlecht“, widersprach Fredi, der sich wieder beruhigt hatte und sich insgeheim auch schon auf Himmerich freute. „Der hat ein Kompressor-Vierzylinder. Der macht richtig Druck im sechsten Gang. Und trotzdem ist der sparsam. Tolle Schaltung, super Sitze, 1A Federkomfort. Das ist, wie wenns du zu Hause auf dem Sofa sitzt. Ich würde sagen, der ist bequem und sportlich.“

Borowka blickte zweifelnd zu seinem Kumpel hinüber. „Sag mal, hast du Schmieröl gesoffen oder was? Ich glaub, du hast zu oft danebengestanden, wenn der alte Oellers wieder ahnungslose Kunden Schrottkarren angedreht hat. Kein normaler Mensch setzt sich in so eine Oppa-Karre … außer Oppas.“

„Ist ja gut“, lenkte Fredi ein. „In eins geb ich dir recht: Das kann kein Saffelener sein.“

Neugierig geworden, drosselte Borowka sein Tempo, um den Mercedes langsam zu passieren. Als die beiden Autos auf gleicher Höhe waren, reckte er den Kopf, um einen Blick in den Innenraum zu werfen. Er erspähte zwei Personen. Der Beifahrer war zwar von einem Schatten verdeckt, aber dafür erkannte er den Fahrer umso deutlicher. Es handelte sich um ein vertrautes Gesicht aus alten, aber nicht unbedingt besseren Zeiten.

Fredi, der von seinem Platz aus nichts hatte sehen können, fragte neugierig: „Und? Konntest du der Typ erkennen?“

„Allerdings“, antwortete Borowka mit tonloser Stimme, „und dass der nach Saffelen kommt, bedeutet nix Gutes.“

Ein alter Bekannter
4

Freitag, 5. Juni, 21.40 Uhr

Der wohltemperierte Weinbrand rann Wills Kehle hinunter. „Es geht doch nix über ein Glas Dujardeng nach ein getanes Tagwerk“, sprach der Landwirt zu sich selbst, während er seine Beine auf dem Hocker vor seinem Ohrensessel lang ausstreckte. Heute hatte er die Arbeiten an den Gästezimmern offiziell beendet. Die Betten waren aufgebaut, die Fernseher installiert und der Wasserschaden behoben. Zur Belohnung hatte sich Will diesmal sogar einen „Dujardin Fine Cognac“ aufgemacht, die edle Cognac-Ausführung seines Lieblingsweinbrands Dujardin Imperial. Er strich mit dem Daumen über das „V.S.O.P.“-Siegel am Flaschenhals. Wofür die Abkürzung genau stand, wusste Will nicht. Schlömer Karl-Heinz behauptete immer, das hieße „very super old Plörre“, aber das glaubte der Landwirt nicht. Denn Plörre war sein Lieblingsgetränk nun wahrlich nicht. Im Gegenteil, Dujardin Fine wurde aus französischen Weinen aus der Charente gebrannt. Und nur ein Weinbrand, der aus dieser Region stammt, durfte sich auch Cognac nennen. Will nahm einen weiteren Schluck aus seinem Schwenker, der erst durch das korrekte, leichte Anwärmen in der Handfläche seinen ganz speziellen rund-milden Geschmack entfaltete. Nicht so wie Anfänger-Weinbrände, die vor allem durch ihr süßlich-seifiges Nachbrennen unangenehm auffielen. Eine leichte Schärfe fand man beim Dujardin allenfalls vorn an der Zungenspitze, aber nicht wie bei anderen Vergleichs-Spirituosen lange nachbrennend im Abgang. Will verstand gar nicht, dass dieser edle Feierabendtropfen ein bisschen aus der Mode gekommen war und teilweise sogar als Altherrengetränk verspottet wurde – oft sogar von selbst ernannten Hipstern, die sich für die Coolsten hielten, um sich dann am Wochenende mit Jägermeister zuzuschütten. Ausgerechnet Jägermeister! Das Gesöff, mit dem die Omma früher nach dem üppigen Weihnachtsessen immer ihre Verdauung angeregt hatte und mit dem alte Männer am Kiosk ihr verpfuschtes Leben zu ertränken versuchten. Nein, Will ließ sich sein Lieblingsgetränk nicht schlechtreden. Das flüssige Gold schlängelte sich wie ein kleiner, ruhiger Fluss durch seinen Hals, als er noch einen Schluck nahm. Es war so bekömmlich, dass man es auch in großen Schlucken wie ein Bier oder einen Kaffee nebenher trinken konnte, wenn man denn ein unkultivierter Bauer wäre. Will stellte das Glas auf seinem Wohnzimmer-Kacheltisch ab und grunzte vor Vergnügen. Die Fernbedienung zappelte erwartungsfroh in seiner Hand, seine Frau machte im Keller die Wäsche und die Flasche Dujardin war noch drei viertel voll. Nichts würde jetzt noch seine Entspannung stören können. Dachte er! Doch plötzlich bimmelte es an der Haustür, wobei diese Formulierung nicht annähernd das ohrenbetäubende Lärmgewitter beschreiben konnte, das regelmäßig durch die Betätigung der Türklingel ausgelöst wurde. Die Lautstärke war so eingestellt, dass man sie bis auf den Hof und in die entlegenen Stallungen hören konnte. Der Nachteil daran war, dass man in unmittelbarer Nähe der Türglocke, und das Wohnzimmer lag direkt neben der Haustür, Gefahr lief, einem Herzinfarkt zu erliegen. Erschrocken fuhr Will aus seinem Sessel hoch. Nachdem er sich gesammelt und die Weinbrandspritzer aus seinem Hemd gerieben hatte, lief er auf seinen löchrigen Socken zur Tür.

„Wer zum Teufel …?“ Der Satz, den Will immer brüllte, wenn er die Haustür aufriss, sollte ungebetenen Gästen signalisieren, dass sie nicht auf allzu große Gastfreundschaft hoffen durften. Denjenigen allerdings, die dem knorrigen Landwirt nahestanden, war dieser Empfang längst zu einer Art lieb gewonnenem Begrüßungsritual geworden. So wie dem Mann, der vor der Tür stand: Peter Kleinheinz. Die Gesichtszüge des Hauptkommissars waren härter geworden, das Haar an den Schläfen grauer. Doch der entschlossene Gesichtsausdruck und der stechende Blick machten deutlich, dass er sich trotz der schlimmen Schicksalsschläge, die ihn ereilt hatten, nicht vom Leben hatte unterkriegen lassen.

In Wills Magengegend rumorte es. Zwei Seelen kämpften in seiner Brust. Einerseits freute er sich, einen Menschen wiederzusehen, mit dem er so viel durchgemacht hatte, der ihm das Leben gerettet hatte und dem er am Ende sogar das Du angeboten hatte. Auf der anderen Seite war er maßlos wütend auf Kleinheinz, weil der nach den furchtbaren Ereignissen vor drei Jahren spurlos verschwunden war, ohne ein Wort, ohne einen letzten Gruß. Einfach so. Auch wenn Will nicht viel von Freundschaften hielt, eine Art Erklärung zum „Warum“ hatte er doch erwartet nach dieser intensiven und schweren Zeit. Zumindest auf ein Lebenszeichen hatte er gehofft. Aber das bekam er ja gerade, und zwar in voller Größe. „Peter?!“ fragte er ungläubig.

„Will!“ Kleinheinz öffnete die Arme und obwohl Will sich innerlich zunächst dagegen sträubte, erwiderte er die Umarmung. Sie fiel unerwartet lang und herzlich aus. Will spürte, dass er seinen Freund vermisst hatte. Das merkte er vor allem daran, dass er sogar bereit war, ihm zu verzeihen, was normalerweise nicht zu seinen herausragenden Charaktereigenschaften gehörte. Nachdem sie sich wieder voneinander gelöst hatten und nach den richtigen Einstiegsworten suchten, war Will noch so überwältigt, dass er erst jetzt bemerkte, dass Kleinheinz nicht allein gekommen war. Neben ihm stand eine verängstigt wirkende junge Frau, die eine Sonnenbrille trug, und das, obwohl die Sonne gerade untergegangen war. Sie war in einen langen Mantel gehüllt, auch das ungewöhnlich für diese Jahreszeit, und ihr Haar war unter einem Seidentuch versteckt, sodass Will beim besten Willen nicht erkennen konnte, um wen es sich handelte.

„Ach so ja“, sagte Kleinheinz, als er Wills fragenden Blick bemerkte, „das ist Lilly Dinglmaier. Dürfen wir reinkommen?“

„Ja, ja natürlich“, antwortete Will hastig und öffnete die Tür ganz. „Ihr habt Glück. Ich habe mir gerade eine Flasche Dujardeng aufgemacht. Und zwar den Guten.“

Kleinheinz und die Frau folgten dem Landwirt ins Wohnzimmer. Nachdem Kleinheinz sich für sein plötzliches Abtauchen wortreich entschuldigt hatte und Will ihm großmütig vergeben hatte, berichtete der Kommissar, wie es ihm in der Zwischenzeit ergangen war. Kurz nach den Vorfällen vor drei Jahren hatte er aus nahe liegenden Gründen den Dienst bei der Kreispolizeibehörde Heinsberg quittiert. Er hatte nur noch weggewollt und hatte die erstbeste Stelle angenommen, die sich ihm bot. So war er beim Landeskriminalamt Hessen gelandet, wo er nun seit einem Jahr in der Dienststelle für Zeugenschutzprogramme arbeitete. Und damit war er schon mitten im Thema. Die Dame, die neben ihm auf dem Sofa saß, befinde sich aktuell in eben diesem Programm und stehe zurzeit unter seinem persönlichen Schutz. Die Frau hatte den Mantel, das Haartuch und die Sonnenbrille mittlerweile abgelegt und Will stellte fest, dass sie ausgesprochen attraktiv war.

„Was ist denn ein Zeugenschutzprogramm?“, fragte Will mit ernster Miene.

„In erster Linie streng geheim“, antwortete Kleinheinz trocken. „Frau Dinglmaier hat eine neue Identität erhalten, weil sie vor Gericht als Kronzeugin ausgesagt hat. Da wir durch diese Aussage eine große kriminelle Vereinigung sprengen konnten, befindet sie sich infolgedessen in akuter Lebensgefahr. Meine Aufgabe und die meiner Kollegen ist es nun, für Frau Dinglmaiers Sicherheit zu sorgen und sie zunächst einmal an einem ruhigen Ort unterzubringen.“

„Und da bist du natürlich als Erstes auf Saffelen gekommen“, lachte Will.

„Nicht nur auf Saffelen, sondern speziell auf euch. Ihr habt doch jetzt gerade wunderschöne Gästezimmer eingerichtet, die aber noch nicht vermietet sind.“

„Woher weißt du das denn? Ich bin doch heute erst fertig geworden.“

Kleinheinz grinste. „Ich bin Polizist. Schon vergessen? Nein, im Ernst. Die Seite mit eurer Pension ist schon seit einer Weile online. Ich vermute mal, dein Schwiegersohn war so frei. Auf jeden Fall habe ich mir gedacht, das könnte die richtige Übergangslösung sein. Ich brauch nur zwei, drei Tage, um etwas zu regeln, dann sind wir hier wieder weg. Es gab da ein paar kleinere Probleme.“

Will hob die Augenbrauen. „Kleinere Probleme?“

Kleinheinz beugte sich vor und verfiel in einen leichten Flüsterton. „Das Programm für Lilly, also Frau Dinglmaier, war nach dem üblichen Prozedere angelaufen. Wir hatten ihr neue Urkunden und Pässe besorgt, eine Wohnung, einen Job, aber die ganze Sache ist aufgeflogen und die Mafia hätte sie fast erwischt. Der Typ, den sie hinter Gitter gebracht hat, ist eine Riesennummer in Frankfurt. Der hat mächtige Freunde.“

„Sehr mächtige Freunde“, ergänzte Lilly, die bisher schweigend danebengesessen hatte. Will lief ein kalter Schauer den Rücken herunter.

Kleinheinz nickte wie zur Bestätigung und fuhr fort: „Für so ein Kaliber ist es kein Problem, seine Jungs aus dem Knast heraus zu dirigieren. Normalerweise ist so ein Zeugenschutzprogramm aber wasserdicht. Deshalb muss es in diesem Fall einen Maulwurf in unseren Reihen gegeben haben. Ich habe daraufhin als Leiter der Operation entschieden, dass wir den Schutz von Frau Dinglmaier nur noch auf einen ganz engen Kreis von Mitwissern beschränken. Außer mir gibt es nur noch drei Beamte, die in den Fall involviert sind. Und für alle drei lege ich meine Hand ins Feuer. Bis wir wissen, wo wir sie letztlich unterbringen, würde ich gerne mit ihr hierbleiben.

Ich habe alle Spuren verwischt, die uns betreffen. Hier wird uns also niemand vermuten. Das Wichtigste ist jetzt: Allerhöchste Geheimhaltung! Aus diesem Haus darf nichts nach draußen dringen. Deshalb lautet die entscheidende Frage: Wo ist Marlene?“

Will verstand, worauf der Kommissar hinauswollte. „Die ist im Keller und macht die Wäsche“, sagte er. „Du hast recht. Wir sollten ihr eine andere Geschichte auftischen. Zum einen macht die sich nur wieder unnötig Sorgen und zum anderen könnten wir das sonst auch gleich in die Tageszeitung setzen. Was hältst du davon, wenn wir sagen, dass die Frau Dinglmaier deine Verlobte ist und du die der schöne Selfkant zeigen willst? Und dass du uns als alter Freund hier besuchst, dürfte ja keinen wundern im Dorf.“

Kleinheinz sah über seine Schulter und Lilly nickte ihm mit einem angedeuteten Lächeln zu. Der Kommissar rieb sich kurz übers Kinn und meinte: „Warum nicht? Außerdem fällt mir auch nichts Besseres ein.“

Will erhob sich und rief mit seinem tiefen Bass nach seiner Frau. Es dauerte nicht lang und Marlene schnaufte mit einem vollen Wäschekorb die Kellertreppe hinauf. Als sie den Kommissar erblickte, ließ sie den Korb fallen und schlug sich die Hände vor die Wangen. „Das gibbet doch gar nicht. Bist du das wirklich, Peter!“, presste sie hervor, während ihre Augen feucht wurden.

Kleinheinz ging auf sie zu und umarmte sie herzlich. „Hallo Marlene, wir wollten euch besuchen kommen.“

„Wer ist denn wir?“ fragte Marlene irritiert, bevor ihr Blick auf Lilly fiel, die auf dem Sofa sitzengeblieben war.

Kleinheinz stellte die beiden Damen einander vor. „Lilly, das ist Marlene. Marlene, das ist Lilly Dinglmaier, meine Verlobte. Wir wollten ein paar Tage bei euch bleiben, quasi als Hoteltester.“

Marlene drückte die junge Frau an ihre mächtige Brust und sagte: „Das freut mich aber. Der Peter ist ein ganz besonderer Mann. Der hat es verdient, wieder glücklich zu sein!“ Sie ließ los und Lilly holte Luft. „Dann kommen Sie doch gleich mal mit nach oben, Frau Dimpflmoser. Ich zeig Sie die Zimmer. Noch können Sie sich das Schönste aussuchen.“

„Hör mal“, rief Will ihr hinterher. „Bis auf Weiteres sind die beiden unsere einzigsten Gäste. Wir warten mit die große Eröffnung von ‚Wills Wald- und Wiesenparadies‘ noch, bis die wieder weg sind. Damit die was Ruhe haben.“

Marlene drehte sich am Treppenabsatz um und erwiderte: „Nee, das geht nicht. Morgen zieht noch ein Gast ein. Ein Schriftsteller, der hier arbeiten will. Den hab ich heute in der Kreisverwaltung getroffen und der ist ganz begeistert von ‚Haus Marlene‘.“

„Wie ‚Haus Marlene‘?“ Wills Augen zuckten nervös. „Was ist das denn für ein Name? Das hört sich ja an, wie ein unseriöses Etablissemeng! Ich denke, wir waren uns schon einig mit der Name. Und was ist das überhaupt für ein komischer Schriftsteller-Gast? Werd ich hier vielleicht auch noch mal wegen irgendswas gefragt?“

Kleinheinz, der ähnliche Eskalationen früher oft miterlebt hatte, griff sofort ein. „Beruhig dich, Will. Das ist doch überhaupt kein Problem, wenn hier noch ein Gast wohnt. Mach dir darüber keine Gedanken.“

Will schnaubte noch einmal laut, regte sich aber schnell wieder ab. Er nahm den Cognacschwenker vom Wohnzimmertisch und erhob ihn staatsmännisch. „Na dann, würde ich mal sagen: Liebe Frau Dingensmaier, lieber Peter. Herzlich willkommen in ‚Wills Wald- und Wiesenparadies‘.“

Der Preis der Freiheit
5

Sonntag, 7. Juni, 8.30 Uhr

Der mit viel Liebe gestaltete Frühstücksraum der Pension hatte es Hauptkommissar Kleinheinz besonders angetan. Will, Schlömer Karl-Heinz und dessen Schwager Horst, ein begnadeter Schreiner und Fensterbauer, hatten sich hier besonders viel Mühe gegeben. Will hatte sich dazu entschieden, den ehemaligen Vorraum zum Schweinestall, in dem früher das Futter angemischt wurde und der auf der rechten Seite an den Kuhstall grenzte, zum Speisesaal umzubauen. Das hatte den Vorteil, dass der Raum von der Küche aus gut zu erreichen war, um Marlene lange Wege zu ersparen. Zum anderen konnte mit einem einfachen Durchbruch ein Zugang zur Treppe nach oben geschaffen werden, sodass die Gäste von ihren Zimmern sofort in den Frühstücksraum gelangten. Die Einrichtung mit den vier rustikalen Eichentischen und den dazu passenden Stühlen mit Sitzkissen war weniger spektakulär als der besondere Clou, den Will sich hatte einfallen lassen. Er hatte in die Wand zum Kuhstall eine riesige Panoramascheibe einsetzen lassen, durch die man nun die Tiere beobachten konnte, quasi ein analoger Livestream aus der Welt der Landwirtschaft.

Kleinheinz stand mit einer Tasse Kaffee vor der Scheibe und sah den Kühen fasziniert beim Fressen zu. „Eine klasse Idee“, bemerkte er anerkennend, „und auch das Frühstück war 1A. Es wird nicht lange dauern, bis ihr eine Fünf-Sterne-Herberge seid. Ich hab vorhin mit Lilly gesprochen. Sie fühlt sich nicht nur sehr wohl hier, sondern sie hat auch zum ersten Mal seit Wochen durchgeschlafen. Das ist im Moment das Wichtigste. Sie muss dringend zur Ruhe kommen. Du kannst dir nicht vorstellen, was die Frau alles mitgemacht hat in den letzten Monaten.“

Will war ganz überrascht von der Leidenschaft, mit der Kleinheinz sprach. Er kannte ihn von früher eher als kühlen Analytiker, was ihn zu der Frage veranlasste: „Hör mal, Peter. Das ist mir gestern Abend schon aufgefallen. Du sagst immer Lilly für die Frau Dinglhuber. Bist du mit das Frollein am Pussieren? Ich mein, du hast dich ja auch für die beiden Zimmer mit die Verbindungstür entschieden. Wodrüber die Marlene sich übrigens gewundert hat, aber ich hab für die gesagt, dass ihr schließlich erst verlobt und noch nicht verheiratet seid.“

Kleinheinz wandte sich ihm zu und antwortete in seiner typisch nüchternen Art: „Wo denkst du hin, Will? Das ist ein rein professionelles Verhältnis, das uns verbindet. Ich bin verantwortlich für ihre Sicherheit und ich bin die einzige Person auf diesem Planeten, der sie überhaupt noch vertrauen kann. Die Frau lebt seit Wochen in ständiger Angst. Da ist nun wirklich kein Platz für romantische Gefühle. Ich glaub, du hast überhaupt keine Ahnung, wie traumatisiert Lilly ist. Ich bin froh, dass ich nach langer Zeit endlich eine Art Verbindung zu ihr hab aufbauen können.“

„Ja gut“, ließ Will nicht locker, „das ändert ja nix dadran, dass die Frau toll aussieht. Außerdem fängt die gerade ein neues Leben an. Warum denn nicht mit dir? Vielleicht wär das für dich genau das Richtige. Heiraten, eine Familie gründen …“

„Vom Heiraten bin ich geheilt“, lachte Kleinheinz bitter auf, „und mit Familie wird das bei mir nix mehr.“

„Wie jetzt?“, fragte Will überrascht.

„Vasektomie!“ antwortete Kleinheinz und grinste verschmitzt.

„Oh Gott“, erwiderte Will besorgt, „ist das eine Krankheit?“

Kleinheinz musste lachen. „Nein! Blödsinn. Ich hab mich sterilisieren lassen. Das ist alles.“

Will war sprachlos. Mehrfach versuchte er, anzusetzen, aber ihm fehlten einfach die Worte. Sterilisation! So etwas kannte er nur von Katzen. „Wie kannst du …“, begann er stotternd, „aber man kann sich doch als Mann nicht … Ich mein … Ist denn bei dir noch alles …?“

„Alles in bester Ordnung“, beruhigte Kleinheinz den konsternierten Landwirt. „Alles intakt. Keine Probleme.“

„Aber … aber“, vor lauter Scham begann Will zu flüstern, „ist das denn nicht besser, wenn die Frau wegen … also, wie soll ich sagen … sich um die Verhütung kümmert? Die können das doch viel besser.“

Kleinheinz’ Grinsen wurde immer breiter. „Will! Das ist doch heute überhaupt nix besonderes mehr. Ich sag mir einfach: Besser, man nimmt die Patronen aus dem Revolver, als dass man immer auf die Schutzweste schießt.“

Kleinheinz lachte. Will lächelte verkniffen, obwohl er den Vergleich nicht richtig verstanden hatte und das Thema generell nicht lustig fand. Dann wurde Kleinheinz wieder ernst. „Weißt du, Will, nach der Geschichte mit Bettina bin ich für immer durch mit Frauen. Eine feste Beziehung kommt für mich nicht mehr infrage. Das Feld überlass ich so Schnöseln wie diesem Schriftsteller.“

„Oh Mann“, nahm Will dankbar den Faden auf, der sie von dem unangenehmen Thema wegführte, „da hat die Marlene ja vielleicht ein Idiot angeschleppt.“

Will hatte seiner Frau am Vortag beim Check-in assistiert. Der neue Gast hieß Jesper Olsen-Meyerbrinck, was Will zu der Annahme veranlasste, dass er wahrscheinlich blutrünstige skandinavische Krimis schrieb. Auf der anderen Seite war der Mann Deutscher und stammte aus Hamm in Westfalen, wie Will dem Anmeldeformular entnehmen konnte. Ganz koscher war er ihm aber nicht. Vor allem dessen dandyhaftes Verhalten und die Tatsache, dass er bei den leicht sommerlichen Temperaturen einen Rollkragenpullover trug, hatten ihn misstrauisch gestimmt. „Ich hab dafür gesorgt, dass der eitle Fatzke das Zimmer ganz am Ende vom Flur bekommt, damit der euch nicht allzu oft überm Weg läuft“, sagte Will und nahm einen Schluck aus seiner Kaffeetasse. „So aufgeblasene Typen kann ich nämlich überhaupt nicht leiden. Gestern hat der sich der ganze Tag nicht sehen lassen und heute Morgen turnt der in aller Herrgottsfrühe hier unten rum. Ich hatte überhaupt keine Ruhe, wie ich mit der Zeitung auf dem Klo saß.“

„Ach, das wird sich schon alles einspielen“, sagte Kleinheinz. „Ich bin auf jeden Fall dankbar, dass du uns hier aufgenommen hast. Ich hatte wirklich ein furchtbar schlechtes Gewissen dir gegenüber, weil ich mich nie bei dir gemeldet habe.“

„Schwamm drüber“, sagte Will und erhob sich ächzend von seinem Stuhl, „Von mein Oppa stammt der Satz: ‚Verzeihen ist eine Eigenschaft der Starken‘.“

„Klingt gut, aber ist das nicht von Gandhi?“

Will runzelte die Stirn. „Gandhi? Kenn ich nicht. Aber viele Leute haben die Sprüche von mein Oppa geklaut. Zum Beispiel auch: ‚Zwischen Leber und Milz passt immer noch ein Pils.‘ Das hat mein Oppa erfunden, heute sagt das jeder.“

Lilly Dinglmaier stand vor dem großen Spiegel, der neben dem Kleiderschrank angebracht war, und betrachtete sich darin. Bis auf die Augenringe gefiel sie sich ganz gut. Durch den Stress der letzten Monate hatte sie zwar fünf Kilo abgenommen, aber das war optisch eher zu ihrem Vorteil, wie sie fand, als sie sich in ihrem leichten Sommerkleid drehte. Nur mit ihrem neuen Namen fremdelte sie noch ein wenig. Lilly Dinglmaier. Klingt irgendwie bayrisch, dachte sie. Dabei hatte sie doch so einen schönen Geburtsnamen: Mariella Romano! Leider ging es beim Zeugenschutz aber um die vollständige Aufgabe der alten Identität. Bloß nicht auffallen, abtauchen, in der grauen Masse verschwinden. Nun gut, es war, wie es war. Sie hatte sich entschieden, aus ihrem alten Leben auszubrechen, und das war auch gut so. Sie war längst schon wieder dabei, Pläne für die Zukunft zu schmieden. Und hier in diesem bei diesem seltsamen Bauernehepaar gefiel es ihr wider Erwarten richtig gut. Es erinnerte sie an ihre Kindheit, die sie auch auf dem Land verbracht hatte. Zwar in der Toskana, die diesem platten Landstrich nicht allzu ähnlich war, aber trotzdem. Und Kommissar Kleinheinz gefiel ihr auch. Ein interessanter Mann. So geheimnisvoll, so tiefgründig, so distanziert. Ein gut aussehender Mittvierziger mit einer dunklen Seele. Auf solche Typen stand sie.

Es klopfte an der Tür. Wenn man vom Teufel spricht, dachte sie und rief beschwingt: „Herein!“

Die Tür öffnete sich und ein ihr gänzlich unbekannter Mann betrat das Zimmer. Ihre Kehle schnürte sich zu und ihre Augen weiteten sich vor Angst. Als der Mann das bemerkte, sagte er schnell: „Entschuldigung, ich wollte Sie nicht erschrecken. Ich wollte mich nur kurz vorstellen. Jesper Olsen-Meyerbrinck mein Name. Ich wohne hinten am Ende des Flurs.“

Lillys Puls beruhigte sich wieder. Der Schriftsteller, dachte sie. Sie atmete einmal tief durch und reichte ihm die Hand. „Lilly Dinglmaier.“

Der Mann ergriff ihre Hand und hielt sie fest. „Sie haben wunderschöne Hände, wenn ich das sagen darf. So zart und feingliedrig. Hände sind unsere Visitenkarte.“

Lilly versuchte sich erfolglos aus seinem Griff zu lösen, während er unbeirrt weitersprach: „Ich habe Sie gestern kurz auf dem Flur gesehen, aber dann leider den ganzen Tag nicht mehr. Da dachte ich mir, dass Sie vielleicht der gleichen Profession frönen wie ich, der ich auch die Tage am Schreibtisch verbringe. Ich bin Schriftsteller, wissen Sie.“ Er ließ ihre Hand wieder los.

„Schriftsteller? Das ist ja interessant“, erwiderte sie und hoffte, die Konversation in eine unverfängliche Richtung zu lenken. „Was schreiben Sie denn so?“

Er antwortete mit einem Augenzwinkern: „Früher habe ich Krimis geschrieben, aber mittlerweile bin ich ein Meister der erotischen Literatur. Von mir sind die ‚Madame Cuisse‘-Romane. Davon haben sie doch sicher schon gehört. Eine so sinnliche Frau wie Sie.“

Na, das hatte ja spitzenmäßig geklappt mit der unverfänglichen Richtung. Unvermittelt machte der Mann einen Schritt auf Lilly zu. Sie wich instinktiv zurück. Ein dünner Schweißfilm bildete sich auf ihrer Stirn. Sie betastete ihr rechtes Bein und spürte unter ihrem Kleid die kleine Pistole, die in einem Oberschenkelholster steckte. Die Zeit im Milieu hatte sie vorsichtig werden lassen. Nicht einmal Kleinheinz wusste von der Waffe. Und wenn der Schriftsteller-Typ ihr zu nahe kommen würde, würde sie nicht eine Sekunde zögern, ihn umzulegen. Ihr Herz raste.

Olsen-Meyerbrinck lächelte schief. „Sie müssen doch keine Angst vor mir haben. Glauben Sie mir, ich bin ein Gentleman.“

Als er einen weiteren Schritt auf sie zumachte, gab es einen lauten Knall. Die Zimmertür war aufgeflogen und mit Wucht gegen die Wand geschlagen. Kommissar Kleinheinz stürmte hinein und warf sich auf den überraschten Mann. Mit einem blitzschnellen Polizeigriff drehte er ihm den Arm auf den Rücken und kniete sich auf ihn. Besorgt sah er auf und fragte Lilly: „Alles okay?“

Sie nickte und strich sich ihr Kleid glatt. Kleinheinz wandte sich wieder dem Mann zu. „Was machen Sie hier im Zimmer … meiner Verlobten?“, brüllte er ihn an.

Der Mann stöhnte vor Schmerzen. „Ihre Verlobte?“, presste er hervor. „Ich hatte ja keine Ahnung. Das ist alles ein großes Missverständnis. Ich dachte, die Dame wär alleine hier und da wollte ich …“

„Inspirationen sammeln für Ihre Schweinkram-Bücher?“ schrie Lilly ihn an und brach unvermittelt in Tränen aus. Warum sahen Männer immer nur das eine in ihr?

Kleinheinz riss Olsen-Meyerbrinck unsanft vom Boden hoch und führte ihn im Polizeigriff auf den Flur. Dort schubste er ihn von sich weg und sagte: „Wenn so was noch einmal vorkommt, dann werde ich dir solche Schmerzen zufügen, wie du sie noch nie erlebt hast. Ist das klar?“

Der Mann hatte sich wieder gesammelt und wischte sich demonstrativ den Staub von seinem Pullover. „Bleib mal locker, Cowboy. Ich hab’s verstanden.“

Als Kleinheinz ins Zimmer zurückkehrte, saß Lilly zusammengekauert auf dem Bett und weinte. Er schloss die Tür und setzte sich zu ihr. „Vergiss das ganz schnell. Der Typ ist ein harmloser Spinner. Mach dir keine Sorgen, hier kann dir nichts passieren. Ich pass auf dich auf.“ Sie sah ihn an und musste noch einmal laut schluchzen. Dann wischte sie sich mit den Händen die Tränen aus dem Gesicht und sagte mit einem trotzigen Lächeln: „Das erwarte ich aber auch von meinem Verlobten.“

Kleinheinz wurde rot.

Dunkle Schatten
6

Sonntag, 7. Juni, 21.46 Uhr

„Kannst du der letzte Satz mit die dicke Frau noch mal wiederholen?“, brüllte Borowka in die Freisprechanlage seines Autos, während er wütend auf sein Armaturenbrett trommelte, wohl wissend, dass das nichts bringen würde. Er befand sich auf dem Rückweg von einem Kumpel aus Porselen, dem er gelegentlich half, einen Oldtimer wieder flottzubekommen. Auf der langen Geraden kurz vor Saffelen gab es ein hartnäckiges Funkloch, das Ritas Stimme wie einen geisteskranken Roboter klingen ließ: „Gestern … knack … Gruppenge … knirk … Apfelmus … schsch … haha … knack … gelacht.“

Mit besonders deutlicher Akzentuierung rief Borowka: „Moment Rita. Warte noch ein paar Sekunden, dann kann ich dich wieder verstehen. Ich bin in dieses Scheiß-Funkloch direkt vor Saffelen.“

Es rauschte noch einmal unangenehm, dann war seine Frau wieder klar und deutlich zu verstehen. „Kommst du etwa schon wieder von der bekloppte Richterich mit seine alte Karre?“

„Der Ralle ist nicht bekloppt. Und der Auto wird immer schöner. Wir haben heute der Vergaser gereinigt.“

„Ihr immer mit die alten Autos. Ich bin so froh, dass wir jetzt ein vernünftiges Auto haben und nicht mehr der komische Ford Capri mit die albernen Rallyestreifen.“

Borowka biss sich auf die Lippe. Es fiel ihm schwer, nichts darauf zu entgegnen, aber sein Hausarzt, der die Mutter-Kind-Kur empfohlen hatte, hatte ihm geraten, unnötige familiäre Konflikte so gut es ging zu vermeiden.

„Ja, bin ich auch“, log er stattdessen. „Und der Passat fährt sich auch sehr angenehm. Wie geht es euch zwei denn? Wie ist die Luft am Biggesee?“

Borowka hörte, wie seine Frau an einer Zigarette zog, bevor sie hustend antwortete: „Die Luft ist super. Überhaupt das ganze Klima. Das tut der Jerome richtig gut, der ist schon viel ruhiger geworden. Und die Platzwunde von dem sein Spielkamerad verheilt auch gut.“

„Ach ja, stimmt, das wollte ich auch noch fragen. Ich hab ein Schreiben von unsere Haftpflichtversicherung bekommen. Die wollen wissen, ob der Jerome aus Notwehr gehandelt hat?“

„Natürlich“, echauffierte sich Rita und nahm einen weiteren tiefen Lungenzug. „Der Paul-Emil wollte dem der Negerkuss wegnehmen.“

„Oh, ich glaub, das Wort darf man nicht mehr sagen. Das ist verboten.“

„Ja, aber wenn der Junge doch so heißt.“

Borowka nahm den Fuß vom Gas. Das Neubaugebiet, in das er einbog, war seit einiger Zeit eine 30er-Zone und er war schon zweimal geblitzt worden. Zum Glück sah er seinem Vater recht ähnlich, sodass der für ihn den Führerschein abgeben konnte. Mit Schrittgeschwindigkeit passierte er das Mordhaus und die unheimliche Begegnung von Freitagabend kam ihm wieder in den Sinn. „Du glaubst nicht, wen ich gestern Abend im Auto durch Saffelen hab fahren sehen, wie ich gerade mit der Fredi nach Himmer … äh, nach Hause wollte!“

Nachdem Rita dreimal falsch geraten hatte, platzte es aus ihm heraus: „Kommissar Kleinheinz!“

„Ist nicht wahr?! Wo kommt der denn auf einmal wieder her? Der war doch die letzten Jahre wie vom Erdboden verschluckt.“

„Keine Ahnung. Der fuhr auf jeden Fall so ein kackbrauner Oppa-Mercedes mit Stahlfelgen und …“

„War der allein oder mit eine Frau unterwegs?“

Borowka überlegte kurz. „Keine Ahnung. Auf jeden Fall, die Felgen waren von Kronprinz. Ich mein, wer käuft denn heutzutage noch …“

Rita unterbrach ihn erneut: „Meinst du, der hat wieder eine Neue? Und was macht der überhaupt in Saffelen? Ich denk, der arbeitet gar nicht mehr in Heinsberg bei der Polizei.“

Borowka verließ das Neubaugebiet und konnte wieder Gas geben. „Ja, keine Ahnung. Der hat bestimmt der Will besucht. So, ich bin jetzt gleich zu Hause, mein Spatzelbär. Was macht ihr heute Abend noch?“

„Wie, was machen wir noch? Es ist viertel vor zehn, der Jerome schläft schon lange. Ich geh auch gleich im Bett. Die anderen Frauen sind zwar unten noch Karten am spielen, aber das sind alles so komische Tanten. So esoterische Vegetarier, die immer rumnörgeln, wenn ich mir am Tisch ’ne Kippe dreh. Ich bin so froh, wenn ich hier weg bin. Außerdem fehlst du mir. Freust du dich denn auch, wenn wir wieder da sind?“

„Boah, super! Das funktioniert“, entfuhr es Borowka. Er war zu Hause angekommen und hatte den Funksender seines neuen Garagenschwingtores bedient, während er in die Einfahrt rollte. Mit einem leisen Surren, aber mit einer Mordsgeschwindigkeit öffnete es sich wie von Geisterhand. Borowka war begeistert. „Wahnsinn. Wir haben jetzt eine Garage, die automatisch aufgeht. Ich hab im Hagebaumarkt so ein Antriebsmotor gekauft. Der war im Angebot. Weil der aber nicht genug Power hatte, hab ich dem ein bisschen frisiert.“ Borowka gluckste vor Vergnügen. „Du kannst gar nicht so schnell gucken, wie das Tor aufspringt. Das ist der Hammer. Ach so, Tschuldigung. Was hattest du gesagt?“

Rita zog wieder an ihrer Zigarette. „Nix, schon gut. Mach dir noch ein schöner Abend.“

„Ja, danke. Mach ich. Du auch. Vielleicht kannst du ja mit die anderen Frauen noch was Karten spielen. Tschööö.“

Borowka beendete das Gespräch und stieg aus. In der Einfahrt stehend, ließ er das Garagentor mit kindlicher Freude noch ein paar Mal schwungvoll auf- und zufahren, bevor er zur Tür ging. Als er den Schlüssel schon ins Schloss geschoben hatte, nahm er im Augenwinkel wahr, wie einige Hundert Meter weiter ein großer SUV parkte. Der Wagen fiel ihm auf, weil er nicht am Bordstein stehen blieb, sondern rückwärts in einen kleinen Feldweg setzte, sodass er, von einer großen Trauerweide verdeckt, aus dem Blickfeld verschwand. Borowka wurde misstrauisch und ging hinter dem wild wuchernden Rhododendronbusch in seinem Vorgarten in Deckung. Von dort beobachtete er den Weg, in dem das fremde Fahrzeug verschwunden war. Minutenlang passierte nichts und Borowka dachte schon, dass sich nur ein Liebespärchen ein ruhiges Plätzchen gesucht hatte, als plötzlich sein Herz aussetzte. Wie in einem apokalyptischen Film traten zwei muskulöse, dunkel gekleidete Personen neben dem gusseisernen Wegkreuz mit dem gekreuzigten Gottessohn aus dem Weg heraus. Ihre Gesichter konnte Borowka in der immer stärker werdenden Dämmerung nicht erkennen, wohl aber, dass jeder von ihnen eine Art Maschinenpistole in der Hand hielt, die wie eine Verlängerung ihrer Arme aussah. Mit entschlossenem Schritt marschierten die beiden die Straße hinauf. Borowkas Atem ging schwer. Was waren das für Typen? Und was wollten die? Als die beiden Männer auf der Höhe seines Hauses waren, kauerte er sich hinter dem Busch zusammen und hielt die Luft an. Der milde Abendwind wehte ein paar geflüsterte Gesprächsfetzen zu ihm herüber. „Wir gehen von hinten über den Hof, von da kommt man gut ins Gebäude. Ich hab die Karte dabei.“

„Ach du Scheiße, die wollen bei Hastenraths Will einbrechen“, schoss es Borowka durch den Kopf. Er wartete, bis die beiden Männer im Feld verschwunden waren, das links neben dem Bauernhof lag. Dann sprang er auf, um zu Wills Haustür zu laufen und ihn zu warnen. In der Hektik fiel ihm dabei jedoch der Funksender aus der Tasche und er trat darauf. In dem Moment, als er an seiner Garage vorbeilief, schwang das Tor blitzschnell auf und erwischte ihn mit voller Wucht seitlich am Kopf. Taumelnd wie ein besoffener Pinguin, ging Borowka zu Boden. Das Letzte, was ihm in den Sinn kam, bevor er sein Bewusstsein verlor, war: „Hammer, der Motor!“

Darmowy fragment się skończył.

Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
18+
Data wydania na Litres:
25 maja 2021
Objętość:
203 str. 6 ilustracji
ISBN:
9783981663877
Wydawca:
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Автор
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