Czytaj książkę: «Morgoth Uncursed»

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1. Auflage März 2015

Copyright © 2015 by Edition Roter Drache

Edition Roter Drache, Haufeld 1, 07407 Remda-Teichel

eMail: edition@roterdrache.org; www.roterdrache.org

Buchgestaltung: Holger Kliemannel

Titelbild: Costin-Alexandru Chioreanu

Umschlaggestaltung: Edition Roter Drache

© Fotos liegen beim jeweiligen Fotorafen (siehe Bildquellenverzeichnis)

Korrektorat: Sarah Bräunlich

Gesamtherstellung: Jelgavas typografia

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015

Alle Rechte der Verbreitung in deutscher Sprache und der Übersetzung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Ton- und Datenträger jeder Art und auszugsweisen Nachdrucks sind vorbehalten.

ISBN 978-3-944180-62-5


Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

Vorwort des Verlags

Intro 20.05.2011

1985 - 1989

Kapitel 1 „Golden Age“

Kapitel 2 „Isolated“

Kapitel 3 „From Dusk To Dawn“

Kapitel 4 „The Art Of Sinking“

1989 - 1991

Kapitel 5 „This Fantastic Decade“

Kapitel 6 „Souls On A Pleasuretrip“

Kapitel 7 „Unreal Imagination“

Kapitel 8 „The Travel“

Kapitel 9 „Cursed“

1991 - 1997

Kapitel 10 „The Beyond“

Kapitel 11 „Odium“

Kapitel 12 „Exit To Temptation“

Kapitel 13 „Feel Sorry“?

Kapitel 14 „Being Boiled“

2010 - 2014

Kapitel 15 „A New Start“

Kapitel 16 „… and its amazing consequences“

Anhang

Veröffentlichungen

Die Band

Der Autor

Bildquellen


Vorwort des Verlags

1989: Schallplatten von Bands wie Napalm Death, Godflesh und Carcass aus Großbritannien oder Morbid Angel und Obituary aus USA drehen sich Tag und Nacht auf dem schwarzen Teller. Bis auf diverse Thrash-Metal-Bands, die zum Teil aus dem heimatlichen Ruhrpott kamen und mehr oder weniger Erfolge aufweisen konnten, war die lokale Beteiligung in der härteren Musik eher bescheiden. Dann betraten Morgoth aus dem benachbarten Sauerland die Szene. Als mein Bruder mit der ‚Ressurection Absurd’ Mini-LP nach Hause kam, war ich sofort hin und weg: Die Brutalität und Intensivität in diesen rohen Sound verpackt, das kannte ich bis dato nur von Death und ihrem ‚Scream Bloody Gore’-Album.

Von diesem Tag an hörte ich die EP rauf und runter und bis heute zählt sie zu meinen absoluten Lieblingsveröffentlichungen aus dem Death-Metal-Bereich. Als dann ‚The Eternal Fall’ veröffentlicht wurde, kaufte ich sie mir am gleichen Tag direkt nach der Schule. Zu diesem Zeitpunkt besaß ich keinen eigenen Plattenspieler, also enterte ich das Zimmer meines Bruders und legte die Scheibe auf. Sie enttäuschte mich etwas, da mir der Sound zu poliert war. Das, was ‚Resurrection Absurd’ ausmacht, fehlt mir hier, ich fand nie einen richtigen Zugang zu dieser EP, obwohl die Songs allesamt überzeugen und ich sie live gerne höre.

1990: Ein knappes Jahr war seit dem ersten Lauschangriff von Morgoth vergangen und endlich war es soweit: Morgoth spielten mit Obituary und Demolition Hammer zusammen im Dortmunder Live Station. Endlich konnte ich meine Helden live erleben. Also fuhren wir mit dem Zug von Hagen, dem ‚Tor zum Sauerland‘ wie die Stadt sich selbst nennt, nach Dortmund. Bedauerlicherweise war der ganze Abend nicht von Glück gesegnet: ein Stromausfall mitten im Gig sorgte für Verspätungen, und kaum ging die Show weiter, riss bei Marc Grewe eine Basssaite und vom Ersatzbass fehlte jede Spur. „Nach der Show trat ich vor Wut in eine Tür und verstauchte mir den Fuß dabei“, so erinnert sich Marc anno 2014 an diesen Abend. Morgoth kürzten ihre Setlist um einen Song, damit Obituary fairerweise vor Mitternacht die Bühne entern konnten und zum Trost spielten sie ‚Oppurtunity Is Gone’ als Vorgeschmack auf ihr neues Album ‚Cursed’.

Bis 2014 war dies bedauerlicher Weise aus Zeitgründen meine letzte Live-Erfahrung mit Morgoth.

Selbstredend kaufte ich mir 1991 die ‚Cursed’ auf Schallplatte (die heute signiert im Büro hängt, direkt neben dem von Away bemalten und von Voivod signierten Trommelfell) und auch ‚Odium’ fand den Weg in meine junge CD-Sammlung. Von ‚Feel Sorry For The Fanatic’ jedoch erfuhr ich zufälligerweise erst drei Jahre nach der Veröffentlichung, als ich seinerzeit bei Therion im Hagener Woodhouse-Studio war. Siggi, der Besitzer des legendären Studios, erwähnte diese Scheibe im Nebensatz. Wie alle ‚Cursed’-Fans fand ich nur schwer einen Zugang zu diesem vorerst letzten Morgoth Album. „Würde ein anderer Bandname darauf stehen, fände ich sie von vorne rein klasse.“ Ein Satz, den die Band öfters zu hören bekommen hat.

Aufgrund des Internets und den ganzen Social Media Outlets wie Facebook ist es heute bei weitem leichter, in Kontakt mit den Helden seiner Jugend zu kommen als Anfang der 90er Jahre. Im Herbst 2013 nahm ich mit Marc Grewe Kontakt auf, sendete ihm die Voivod-Biographie ‚Worlds Away’ zu und wir sprachen locker über eine mögliche Morgoth-Biographie.

Im Mai 2014 war es schließlich soweit, ein Treffen mit der Band in ihrem Proberaum in Berlin stand an. Wir besprachen die Optionen und kamen in einem Sushi-Restaurant schnell zum Entschluss, das Projekt umzusetzen. Es fehlte nur noch ein geeigneter Autor, der unsere Idee umsetzen könnte. Schon im Vorfeld bei den ersten Mails zum Buch brachte Marc Christian Krumm ins Spiel, der berteits 2 Sachbücher geschrieben hat.

Überglücklich von diesem beeindruckenden Treffen mit den ‚Helden meiner Jugend‘ vor ich wieder von Berlin nach Haufeld zurück und nahm umgehend Kontakt mit Christian auf. Nach einer kurzen Bedenkzeit sagte er zu, dass Projekt stand somit. Ich muss sagen, dass wir keinen besseren Autor für dieses Buch hätten finden können.

Kurz vor Abgabe des Manuskripts überraschte uns die Nachricht, dass Marc Grewe nicht länger ein Teil der Band sei. Der Aufschrei war groß, Fans verlangten sogar die Auflösung der Band. Nachdem der erste Teaser mit neuer Musik online gestellt wurde, verstummten jedoch die meisten Schreie. Die seitdem am häufigsten gestellte Frage lautet „Was ist passiert?“ und genau zu diesem Punkt schweigen alle Beteiligten. Wer erwartet, in diesem Buch Hintergründe oder Klatsch zu erfahren, der wird enttäuscht werden. Es war nie unsere Absicht, dies in Erfahrung zu bringen und publik zu machen. Morgoth lives – und nur das zählt.

Als Fan, der diese Band seit nunmehr über 25 Jahre lang begleitet, und als Verleger ihrer Biographie, möchte ich an dieser Stelle allen Beteiligten meinen ganz großen Dank aussprechen:

- Marc Grewe, der die Idee in den Raum geworfen hat, eine Bio zu machen,

- Sebastian und Harry, die von Anfang an diese Idee unterstützten,

- an alle ehemaligen und aktuellen Mitglieder für ihre Hilfe beim Zusammentragen der Informationen,

- Christian Krumm, der eine erstklassige Arbeit geleistet hat und sich in die Materie hinein gekniet hat, obwohl er kein „Sachbuch“ mehr machen wollte,

- Leif Jensen von Clandestine Music, dem Management der Band

- Evelyn Steinweg für das umfangreiche Bildmaterial

- Rock Hard, sowie Frank Albrecht und Rüdiger Hennecke, dass sie uns die Erlaubnis zum Abdruck der Tourtagebücher erteilt haben,

- Jagger, der ein fleißiger Rock Hard-Sammler ist und aus seinem Archiv die Tourtagebücher von 1991 ausgegraben hat

- und an alle Menschen, die uns Fotos, Eintrittskarten und diverse andere Bildmaterialien zugesendet und uns mit Informationen versorgt haben.

Haufeld, im Februar 2015

Holger Kliemannel


Intro

20.05.2011


Der 20. Mai 2011 ist für die meisten Metaller ein ganz gewöhnlicher Freitag. In Berlin, Hamburg, Köln, Frankfurt, Stuttgart oder München geht man in die Kneipen oder auf Konzerte; im Ruhrgebiet fiebern nicht wenige dem Pokalfinal-Derby zwischen Schalke und Duisburg am folgenden Tag entgegen. Doch auch in das AJZ Bahndamm in Wermelskirchen zieht es einige. Dort spielt neben The Very End, Debt of Nature und Reckless Manslaughter eine Band, deren Gig für viele Besucher eine Reise in ihre eigene Jugend bedeutet.

Der Bahndamm ist seit über 20 Jahren ein Tempel der Punk- und Metal-Szene: klein, stickig, genau so, wie man sich einen zünftigen Klub vorstellt. Abseits des Konzertraums führt eine Treppe hinauf in eine Küche, wo die Bands das Essen mittels einer Durchreiche in den Cateringraum gestellt bekommen. Diverse langhaarige Gestalten haben es sich hier zwischen zweistöckigen Hochbetten, Sesseln, Sofas, Gitarrentaschen, Snare-Drums, Bass-Verstärkern und Kabelkoffern bequem gemacht.

Auf den Sesseln sitzen drei Gestalten beieinander, deren Namen Marc, Harry und Sebi sind. Keiner von ihnen hätte gedacht, dass sie je wieder an so einem Ort und in genau solch einer Situation zusammen sitzen würden. Über Jahre hinweg haben sie ein mehr oder weniger normales Leben geführt. Marc ist als Erzieher berufstätig, hat aber auch als Promoter und Aufnahmeleiter für das Fernsehen gearbeitet, Sebi kümmert sich um das Marketing für eine Online-Poker-Firma und hat eine Tochter, die in Köln als Krankenschwester arbeitet. Harry hat zwei kleine Kinder und arbeitet als Bodenleger. Was machen sie also hier in diesem kleinen Ort irgendwo zwischen Leverkusen und Wuppertal? Als Teenager haben sie zusammen Musik gemacht und hatten große Pläne wie die meisten Jugendlichen. Doch einen Unterschied gab es: Sie haben sie durchgezogen bis zum bitteren, nun, sagen wir besser stillen, Ende.

„Wie lange ist das jetzt her?“

„14 Jahre. Das war in Paris im ‚La Locomotive‘.“

„Oh Mann, war das ein Scheiß.“

„Kann ich mich gar nicht so dran erinnern.“

„Doch ich schon. Ich weiß noch, wie ich ins ‚Moulin Rouge‘ gedackelt bin, um dem Roadie in den Arsch zu treten. Der hat sich da vergnügt, während wir das Equipment selbst über die Straße geschleppt haben. Das ging ja mal gar nicht.“

„Wieso? Das war doch fast immer so.“

„Immer? Ne, also bei den Touren vorher war das noch anders!“

„Wir waren eben auch verwöhnt.“

„Hat doch mit verwöhnt nichts zu tun, wenn einer seinen Job nicht macht. Wir haben doch auch unseren Job gemacht.“

„Ja, das war genau das Problem.“

„Was meinst Du?“

„Es war ein Job. Wir haben unsere Ärsche von A nach B karren lassen, um unseren Job zu machen.“

„Jetzt übertreib mal nicht. Es war doch weiß Gott nicht immer nur ein Job!“

„Nein, früher nicht. Als wir noch in Meschede geprobt haben.“

„Auch hinterher nicht. Nur zuletzt, aber da haben wir dann auch aufgehört.“

„Das war schon einmalig. Ein paar bekloppte Teenager aus dem Sauerland, die sich in den Kopf gesetzt haben, eine Death Metal Band zu gründen, obwohl sie anfangs nicht einmal Instrumente spielen konnten. Aber wir waren eben Kumpels.“

„Wir haben es durchgezogen. Vertrag bei einem Minilabel, Wochen und Monate in Bussen auf Pritschen oder in irgendwelchen Billighotels übernachtet; irrsinnig, wenn man sich das heute vorstellt.“

„Ja, das war schon krass. Unglaublich, wie das gelaufen ist. Eigentlich sollte das mal einer aufschreiben.“

„Und jetzt, seit 14 Jahren, endlich wieder auf der Bühne. Die deutsche Death Metal Legende: MORGOTH!!!!!“

Dem letzten Gedanken gehen wir noch einmal kurz nach. Während sich die Jungs ihre Instrumente schnappen und die Bühne für ihr erstes Konzert nach anderthalb Dekaden entern, stellen wir uns einmal vor, was dabei herauskommenwürde. Wenn man alle noch einmal einzeln befragen und bitten würde, ihre Erinnerungen Revue passieren zu lassen. Wenn man sie sogar noch einmal zusammenbrächte, für einen Grillabend zum Beispiel, und wenn man all das Gesagte zusammenfügen würde zu einer Geschichte, einer Erzählung über fünf Leute aus einem kleinen Städtchen im Sauerland, die eine Band gründen, um damit mal eben Death-Metal-Geschichte zu schreiben. Ja, wenn man das tun würde …


1985 - 1989


Kapitel 1

„Golden Age“

Irgendwo in einem ruhigen Dortmunder Vorort steht die Tür eines Hauses weit offen, als ich ankomme. Einen Rucksack mit Würstchen und Steaks auf dem Buckel, der rechte Arm schmerzt von dem Gewicht des Bierkastens. Es ist Mitte August 2014 und die Temperaturen haben bereits ein bedenklich herbstliches Niveau erreicht, aber das sollte nicht abschrecken.

Als ich hereinkomme, sitzen bereits vier maßgebliche Personen an einem Tisch und plaudern. Harry, Rüdiger, Marc und Carsten tauschen geflissentlich Alltägliches aus oder philosophieren über Gott und die Welt. Es hat in der Tat etwas von einem Klassentreffen, nur dass keiner mit den Erfolgen seiner letzten Jahre prahlt. Ich begrüße alle und setze mich dazu, schließlich ist hier bereits die Gründungsbesetzung von Morgoth versammelt. Da sich die Herren zunächst in ihren Gesprächen nicht stören lassen, schaue ich in die Runde und versuche mir vorzustellen, wie sie vor dreißig Jahren genauso zusammen gesessen und über die Musik und ihre großen Pläne philosophiert haben. Obwohl mir einige Minuten lang jegliche Idee fehlt, wie ich mich nun in diese Gespräche einmischen und das Thema der Bandgeschichte zur Sprache bringen kann, genieße ich den Anblick. Diese Jungs sind alles andere als besessen von ihrer Vergangenheit. Segen und Fluch ihrer Laufbahn ist, dass sie als verschworene Clique sich nie großartig in etwas haben hineinreden lassen und der Genuss des miteinander Abhängens immer die entscheidende Triebkraft war.

Aber dennoch, so langsam müssen wir anfangen. Schließlich gilt es, in der Summe fünfzehn bewegte Jahre zu resümieren. Bringen wir also ein wenig Licht ins Dunkel der Anfänge von Morgoth.

Rüdiger: „Carsten und ich haben uns Anfang der 80er durch unsere Eltern kennen gelernt. Beim ersten Treffen gab es erst einmal ordentlich auf‘s Maul, aber danach sind wir lange durch dick und dünn gegangen. Dann bin ich sitzen geblieben und kam in die Klasse von Harry. Wenig später ist er sitzen geblieben und kam in die Klasse von Marc – eine Geschichte des Versagens.“

Er lacht. Das macht er ohnehin sehr häufig. In einem Interview sollte man eigentlich immer die Fragen offen stellen, damit dem Gegenüber möglichst schnell etwas einfällt. Bei Rüdiger ist das nicht nötig. Ihm kann man sagen: „Erzähl mal!“, und er legt los:

Rüdiger: „Carsten und ich haben mit Musik angefangen, weil wir unbedingt eine Band haben wollten, aber das war dann doch eher ‚Zwölftonmusik‘. Ohne Harry hätten wir das nicht geschafft. Er hat die Musikalität reingebracht. In einer ganz frühen Phase haben Carsten und ich ja einmal bei Kreator im Proberaum vorgespielt – das war ein frühes Trauma. Als wir fertig waren, herrschte Schweigen unter den Anwesenden. Aber dann wurde Bier gereicht und alles war vergessen. Später bei Despair hatten wir dann eine Art Deja-Vu.“

Carsten: „Am Anfang habe ich noch einige Riffs geschrieben. Es stellte sich schnell heraus, dass Harry das sehr viel besser kann. Rüdiger hat dann als Schlagzeuger, was selten genug ist, die Riffs sortiert und die guten zu Songs weiterentwickelt.“

So viel ist jetzt schon klar. Nach einhelliger Meinung der drei übrigen Beteiligten war es Harry, der die Band auf ein kompositorisch ansprechendes Niveau gehoben hat. Er selbst relativiert das ein wenig:

Harry: „In der ersten Zeit waren Carsten und Rüdiger sicher die treibende Kraft der Band. Der Name und erste handgezeichnete Logos stammten von ihnen, außerdem hatten sie bereits erste Riffs und Songfragmente herausgearbeitet. Meine musikalische Vorbildung ist sicher durch meinen zehn Jahre währenden Klavierunterricht geprägt worden. Und da mir dann der Umstieg auf ein Saiteninstrument relativ leicht fiel, bin ich immer mehr in die Rolle des Songwriters und ‚Rifflieferanten‘ hineingerutscht.“

Auch Rüdiger formuliert seine eigene Rolle etwas anders:

Rüdiger: „Ich habe mich nie als Musiker gesehen, eher als jemanden innerhalb eines Stammes von vier Gleichgesinnten, die in der Musik ein Ventil gefunden haben. Nach Morgoth wollte ich auch keine andere Band haben. Für mich war es das Beste, im Proberaum mit den anderen zu jammen und Dinge zu entwickeln. Ideen zu haben hat mich immer mehr interessiert, als technisch besser zu werden. Das kam mit den Konzerten.“

Eines funktioniert bei ihnen auch nach dreißig Jahren noch perfekt. Niemand stellt seinen eigenen Beitrag in den Vordergrund, lobt vielmehr den jeweils anderen. Auch Marcs Einstieg als Sänger wird von allen gelobt, während er es selbst mehr als Notwendigkeit darstellt:

Marc: „Als Harry und ich dazukamen, war ich noch gar nicht eingeplant. Sie haben einfach jemanden gesucht, der schreien konnte und ohne Gesangsanlage gegen Gitarre und Schlagzeug ankam.“

Harry: „Eigentlich war es eine logische Konsequenz, dass Marc und ich Rüdiger und Carsten kennengelernt haben. Mitte der 80er Jahre gab es im Sauerland kaum Kids, die unsere musikalischen Vorlieben teilten. Als wir Rüdiger und Carsten über den Weg liefen, waren wir schwer beeindruckt von ihren Lederkutten, kamen sofort mit den beiden ins Gespräch und freundeten uns sehr schnell an. Sowas nennt man wohl ‚Liebe auf den ersten Blick‘, haha.“

Das alles geschah Mitte der 1980er Jahre in der sauerländischen Stadt Meschede. Sie ist umzingelt von kleinen Ortschaften, die meistens auf -burg, -heim, -feld oder -hausen enden. Zwischendurch ein -tal, -berg oder ein -see. Ein einsames Teilstück der A 46 befindet sich hier, darüber hinaus gibt es nur Landschaft und Landstraßen, Wälder und Serpentinen. Auf den Gleisen verkehren kleine Regionalbahnen in die östlichen Ausläufer des Ruhrgebiets. Als nächste Großstadt ist Dortmund eine mehrstündige Zugreise entfernt. Die Dörfer umgibt die Romantik alter Fachwerkhäuser und kleiner, rustikaler Ortskerne inmitten der Hügellandschaft. Viele der Einwohner leben dort und fahren nur zum Arbeiten oder Einkaufen nach Meschede. Die Stadt selbst hat ihre Fachwerkhäuser fast gänzlich bei Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg eingebüßt und befindet sich seit Jahren im baulichen Umbruch: Straßen, Brücken, ein Karstadt-Einkaufszentrum, eine Fußgängerzone, ein neues Industriegebiet, das das Großgewerbe aus der Innenstadt aussiedeln soll. Denn durch die Haupteinkaufsstraße quält sich der Industrieverkehr, LKWs mit Schlachtabfällen zum Beispiel, die liebevoll ‚Knochenlaster‘ genannt werden und die nahe gelegene städtische Knochenmühle zum Ziel haben. Dort werden die Abfälle zu Seife verarbeitet und regelmäßig hängt der Geruch verrottenden Fleisches noch lange in der Luft.

Harry Busse und Marc Grewe sind zwei ganz normale Teenager, die in dieser ländlichen Umgebung aufwachsen. Sie lernen sich kennen, als Harry nach seinem Wechsel auf die Realschule zu Marc in die 7. Klasse kommt. Ihnen gemeinsam ist die Vorliebe für harte Musik, oder das, was man zu dieser Zeit als harte Musik bezeichnet. Harry stöbert regelmäßig in der Plattensammlung seines älteren Bruders und findet Bands wie Iron Maiden, Scorpions, AC/​DC, Rainbow, Deep Purple. Neben dieser Gemeinsamkeit verbinden sie weiteregleiche Interessen, wie Mofa fahren ohne Führerschein und Angeln gehen, was bedeutet, kleine Bomben aus mit Unkraut Ex und Schwarzpulver gefüllten Kupferröhren zu bauen, sie in die Ruhr zu werfen und zu schauen, was so an die Oberfläche treibt. Harry spielt seit seinem dritten Lebensjahr Klavier und besitzt eine Akustikgitarre. Da er und Marc, wie viele ihrer Altersgenossen in dieser Zeit, ihren Idolen nacheifern wollen, treffen sie sich nachmittags zu gemeinsamen Sessions mit einem weiteren Kumpel. Die E-Gitarre wird simuliert, indem Harry ein an einen Kassettenrecorder angeschlossenes Mikrofon in den Korpus der Gitarre legt und auf Aufnahme drückt, der Kumpel rhythmisiert alte Persiltrommeln und Marc, nun, der brüllt.

Am Schulzentrum des städtischen Gymnasiums Meschede gibt es, wie damals noch in fast allen Schulen, eine Raucherecke. Den Schülern ab 16 ist es erlaubt, dort qualmend ihre Zeit zu verbringen. Unter ihnen befinden sich zwei, die die Aufmerksamkeit von Harry und Marc reizen, denn beide sehen so aus, als frönten sie derselben Musikrichtung wie sie. Ihre Namen sind Carsten Otterbach und Rüdiger Hennecke, zwei Jahre älter und für sie muss, genau wie für Harry und Marc, Musik vor allem eins sein: laut, hart und schnell.

Diese Leidenschaft ist in dieser Gegend nicht gerade verbreitet. Meschedes damals bekanntestes Musikerzeugnis ist die New Wave Band Short Romans, deren Songs immerhin im WDR und bei Ingolf Lücks ‚Formel 1‘ gespielt werden. Darüber hinaus bietet die Stadt nur einen einzigen Plattenladen, einen von jener Sorte, in dem Stilbezeichnungen wie ‚Pop‘, ‚Jazz‘, ‚Reggae‘ und ‚Klassik‘ etliche Regalmeter füllen und irgendwo ganz hinten am Rand, vielleicht unter ‚Hardrock‘ oder ‚Punk‘, ein paar interessante Platten zu finden sind. Einer jener Läden, der beim Eintreten braun schimmert, mit weichem Teppichboden, der einmal pro Woche geschäumt wird und nicht ein verdammtes Antikreuz auf den Plakaten an der Wand hat. Dorthin zu gehen und nach Heavy Metal zu suchen gleicht dem wöchentlichen Gang zum Briefkasten, um nachzusehen, ob man einen Sechser im Lotto hat – man tut es, aber es passiert einfach nicht. Natürlich kann man Platten bestellen und auch im neuen Karstadt gibt es eine Plattenabteilung. Nur ist das teurer als die üblichen 20 D-Mark, die ohnehin schon das halbe Monatsgehalt eines durchschnittlichen 15-jährigen bedeuten.

So finden sich Harry und Marc regelmäßig in der Raucherecke ein, zum Fachsimpeln und natürlich auch zum Tauschen, beladen mit dem explosivsten Vinylstoff, das schwarze Rillengold, das heiligste: Es gleicht einem zeremoniellen Akt, wenn Rüdiger mit der geschickten Vorsicht eines Juweliers in die Alditüte greift und unter den großen Augen der anderen eine viereckige Papphülle mit umgedrehtem Pentagramm und Teufel mit Schwert zum Vorschein bringt.

Ehrfürchtig, nur mit den Fingerspitzen berührt, wird es von einem zum anderen gereicht wie ein Artefakt aus einem fernen Land. Im Umkreis von einer halben Tagesreise wird es kaum einen Menschen geben, der ‚Show No Mercy‘ sein Eigen nennt. Rüdiger hält die Platte hoch, die neueste Errungenschaft. Oh Gott, wehe, wenn das Album scheiße ist! Jeder wird in den nächsten Tagen ein Tape davon erhalten. So geht es die nächsten Wochen, Monate und es etabliert sich unter den vier einzigen Metallern in Meschede ein System: Einer kauft sich eine Platte, die wird rumgereicht und sorgt in der Regel bei allen für ungeteilte Begeisterung.

Zum Glück ist auf die Thrash-Bands in den achtziger Jahren Verlass. Für ‚Seven Churches‘ lohnt es sich, sobald das Geld zusammen gekratzt ist, den halben Tag nach Dortmund zu fahren, wo es die Plattenläden gibt, die schon von außen wie ein Metal-Tempel aussehen. Natürlich nur für den Initiierten, den Eingeweihten, der dort, wo andere nur Horrorgestalten und Teufelsanbetung sehen, seine Heiligtümer erblickt. Marc erwarb dort seine erste Platte, ‚Killers‘ von Iron Maiden, die er sich nur zulegte, weil er das Cover so geil fand. Neben den unerreichbaren Ikonen reicht Rüdiger eines Tages auch ‚Pleasure To Kill‘ herum, das zweite Album einer aufstrebenden Essener Band namens Kreator um den Sänger Miland ‚Mille‘ Petrozza.


Mille ist ein 17-jähriger Musikbesessener, der mit seiner Band tatsächlich schon eigenes Vinyl fabriziert hat. Im Unterschied zu vielen anderen Idolen wohnt er in Essen. Das ist gefühlt nicht unbedingt sehr viel näher als Los Angeles und San Francisco, aber immerhin muss man dafür nicht in ein Flugzeug steigen. Da auf dem Plattencover in diesen Tagen noch die Telefonnummer von Milles Eltern als Kontakt steht, lässt Carsten sich nicht lumpen und ruft eines Tages dort an:

„Petrozza?“

„Ja, hallo, ist Mille zu sprechen?“

„Wer ist denn da?“

„Carsten und Rüdiger. Wir sind Fans von, äh, Ihrem Sohn.“

„[der Hörer wird zur Seite gelegt, im Hintergrund] Miland? Hier ist ein Fan für Dich dran!“

Kleine Pause

„Hallo?“

„Hallo Mille?“

„Wer ist da?“

„Carsten, aus Meschede. Sag mal, kann man Euch eigentlich mal besuchen?“

So schnell geht das. Wie sich bald herausstellt, ist Carsten ein Kontaktmann allererster Güte. Wo andere sich tagelang den Kopf darüber zerbrechen, wie man mit dem einen oder anderen Kontakt aufnehmen könnte, ist seine Antwort stets: Einfach machen. Also ab nach Altenessen.

Kreator im Proberaum zu treffen, läuft nicht ohne familiäre Unterstützung. Eine Übernachtungsmöglichkeit gibt es bei der Tante, die Eltern dienen als Chauffeure ins Ruhrgebiet und um nicht als Hinterwäldler dazustehen, putzen sich Carsten und Rüdiger in bester Metallermanier heraus: Kutte, Shirt, Nieten; alles, was dazugehört. Derart aufgebrezelt kaufen sie sich am Dortmunder Hauptbahnhof Tickets, setzen sich in die S-Bahn Richtung Essen und harren der Dinge. Der Uniformierte, der mit strengem Gefängniswärterblick die Fahrscheine kontrolliert, mustert sie einige Sekunden.

„Fahrscheine! [strenger Blick über die silberne Lesebrille] Mmh, okay, ihr kommt gleich mal mit!“

„Was ist los? Wir haben Tickets!“

„Das hier ist die erste Klasse. Die Tickets sind nur für die zweite Klasse.“

So geht es im Essener Hauptbahnhof erst einmal zum Polizeirevier. Während die beiden auf den zuständigen Vollzugsbeamten warten, wird ihnen der Blick des Schaffners etwas klarer. Vor ihnen hängt ein Plakat, auf dem in Drohposition einige Gestalten abgebildet sind, die ihnen nicht unähnlich erscheinen. Darüber prangt der Satz: „Sind Sie sicher vor Gewalt?“ – Willkommen im Ruhrgebiet. Man hat das Gefühl, in Abschiebehaft zu sitzen, als müsse man gleich den nächsten Zug zurück in die Heimat nehmen.

Zum Glück ergeht es Rüdiger und Carsten nicht so. Mit erheblicher Verzögerung entern sie endlich Altenessen, wo Mille, Rob und Jülle bereits vor dem Proberaum auf sie warten. Ja, Carsten und Rüdiger sind nervös, die Strapazen der Bahnfahrt und nun auf der Couch mit drei Typen, die sowohl Proberaum als auch eine eigene Scheibe draußen haben. Aber es geht locker zu. Man redet über die Musik und findet schnell Gemeinsamkeiten. Immerhin läuft auch in Altenessen zu dieser Zeit ‚Seven Churches‘ und ‚Hell Awaits‘ rauf und runter. Einfach machen! So landet man im Proberaum von Kreator und genauso muss man seine Visionen angehen.

Diese Vision gibt es tatsächlich: eine Band. Carsten besitzt eine E-Gitarre, was ihn in den Augen der anderen zu einem Profi werden lässt, Rüdiger spielt Schlagzeug. Sie proben zunächst im Fotolabor der Schule, dann ziehen sie in den Werkraum, wo sich auch der christliche Schulchor regelmäßig versammelt. Da gibt es Instrumente, also zumindest ein Schlagzeug, Carsten schleppt dazu seine Gitarre an. Der erste Bandname lautet ‚Cadaverous Smell‘ – danach heißen sie ‚Exterminator‘ und schließlich ‚Minas Morgul‘, nachdem Rüdiger bei seinem Vater dessen Tolkien-Sammlung entdeckt hat.

‚Minas Morgul‘ hat in den Köpfen von Rüdiger und Carsten bereits sehr konkrete Formen angenommen. Die Cover der ersten vier Alben stehen bereits fest. Dass die Lärmerzeugung noch alles andere als systematisch ist, fällt bei ihren Plänen nicht weiter ins Gewicht. Tag und Nacht wühlen sie in Magazinen herum, tauschen sich aus, wollen alles wissen. Das einzige, was ihnen fehlt, sind die Mitmusiker.

Also marschieren Marc und Harry eines Tages in den Werkraum, in dem Carsten seiner E-Gitarre gnadenlos die schrägsten Töne entlockt und Rüdiger dazu auf dem mit Flammen verzierten Schlagzeug eindrischt. Harry mit seinem musikalischen Hintergrund ist schnell als zweiter Gitarrist ins Auge gefasst. Marc ist erst einmal nur dabei. Was allerdings sehr beeindruckt, ist seine Performance als Sänger, als er eines Tages Kreators ‚Flag Of Hate‘ in der brutalstmöglichen Version intoniert. So ist auch der letzte vakante Posten bald besetzt. Die Rolle als Bassist bekommt Marc als Sahnehäubchen oben drauf. Niemand außer ihnen ist Zeuge dieses historischen Moments und auch wenn, angefangen bei der Instrumentenbeschaffung hin bis zum Songwriting, noch einiges fehlt, ist doch jedem hinterher klar: Sollen doch Slayer ruhig ‚Reign In Blood‘ herausbringen oder Kreator ‚Pleasure To Kill‘ – finden wir cool, aber juckt uns nicht. Diese Musik wird härter sein als alles andere, etwas Härteres soll es einfach nicht geben!


Kapitel 2

„Isolated“

Die Band in ihrer Urbesetzung hatte zunächst nicht viel mehr als den Wunsch, Musik zu machen. Sie waren eine Horde glühender Metalfans, die ihre Vorstellungen ohne geeigneten Ort und ohne geeignete Instrumente für geraume Zeit nur in ihren Köpfen wachsen lassen mussten. Der Einzug in den Proberaum bei ‚Westfleisch‘ im Jahr 1987 war so sicher der entscheidende Schritt in der frühen Phase von Morgoth. Marc, der gemeinhin als das Gedächtnis der Band gilt, erzählt:

Marc: „Der Proberaum war viel mehr als nur ein Ort, um Musik zu machen. Wir haben ihn uns richtig häuslich eingerichtet und wenn wir nicht geprobt haben, saßen wir da und haben Monty-Python-Videos geschaut. Es war fast so eine Art WG und fiel passenderweise in die Zeit, in der man sich gewöhnlich vom Elternhaus abnabelt.“

Nur wie man letztlich an dieses Schatzkästchen gekommen ist, darüber herrscht keine Einigkeit. Marcs Erinnerungen zufolge lief das so:

Marc: „Franz Stahlmecke, der damalige Bürgermeister von Meschede, hat uns unseren ersten Proberaum besorgt. Er war ein typischer Sauerländer, der für jeden ein offenes Ohr hatte. Er kam auch mal zu meinen Eltern oder Großeltern, wenn sie Geburtstag hatten.“

Rüdiger interveniert:

Rüdiger: „Ach, das wäre schön, wenn der konservative Bürgermeister von Meschede uns den ersten Proberaum besorgt hätte. Aber es war vielmehr der Stadtrat Herr Wacker. Er hatte irgendeine kulturelle Position inne. Carsten hat ihn sehr lange belatschert, bis wir endlich den Raum bekommen haben. Wir haben Herrn Wacker sogar auf unserem zweiten Demo gedankt, das ja dann letztlich nie erschienen ist, weil es unsere erste EP wurde. Nebenan haben die Short Romans mit Dirk Draeger geprobt und wenn das nicht gewesen wäre, wären die Dinge wohl nie so passiert.“

So muss man sich wohl eine Mischung beider Versionen vorstellen, wobei sicher ohne Carstens Hartnäckigkeit der Proberaum letztlich nicht an die Band gegangen wäre. Da war die Einrichtung und Renovierung die kleinere von beiden Herausforderungen, auch wenn das nicht ganz ohne Entbehrungen vonstatten ging.

Harry: „Unsere erste Handlung bestand darin, die Wände und Decken des Proberaums mühevoll mit Eierkartons akustisch zu ‚optimieren‘. Zu deren Beschaffung hatten wir im Vorfeld Eltern, Großeltern und Verwandte zum Sammeln von Eierkartons verdonnert und so hat der Eierkonsum in dieser Zeit gesundheitlich höchst bedenkliche Ausmaße angenommen. Aber sobald wir wussten, die Band wird Morgoth heißen, wussten wir auch genau, wohin wir wollen und haben uns durch nichts beirren lassen.“

Keine Band ohne Instrumente. Keine Instrumente ohne Geld. Bei allem Enthusiasmus sind Morgoth in den frühen Tagen gerade solche praktischen Probleme stets angegangen. Während viele andere Musiker sich langsam ihr Equipment ersparen, haben sie sich Ferienjobs genommen und so lange geackert, bis das Geld für einen kompletten Satz zusammen war. Und das ging im Sommer 1987 sehr schnell, wenn auch unter äußersten Entbehrungen. Daran können sie sich bis heute erinnern.

Carsten: „Die Eltern anzupumpen hat nicht funktioniert, aber mein Vater hat mir einen Job verschafft, wo richtig Geld verdient wird. Ich habe in einer Fabrik LKW-Motorgehäuse durch die Gegend gehievt. Jeden Tag nach der Arbeit war ich total fertig und nur noch froh, bis morgens um sechs im Bett liegen zu können. Es war nicht schlecht bezahlt, aber da habe ich auch verstanden, dass ich mein Geld in Zukunft lieber mit dem Kopf verdienen will.“

Marc: „Das war die Firma Honsel, in der habe ich auch mal gearbeitet. Insgesamt waren es immer Knochenjobs. Straßenbau, vier Wochen in den Sommerferien oder samstags, Steine schleppen, auch Straßenschilder an der Stanze abrunden. Man wusste immer, dass es hart wurde, aber hinterher konnte man sich eben die Gitarre auch kaufen.“

Rüdiger: „Mein Ferienjob war der beschissenste. Der Typ meinte zu mir: ‚Sie haben es besonders gut, denn sie haben tausend Leute unter sich. Sie arbeiten auf dem Friedhof‘. Das habe ich dann gemacht und wochenlang Hecken geschnitten und bei irgendwelchen Umbettungen knietief im brakigen Leichenwasser gestanden.“

Zu diesem Zeitpunkt wussten sie bereits, welches Equipment sie kaufen mussten, um den Sound zu haben, den sie sich vorstellten. Der Besuch bei Kreator im Proberaum hatte unter anderem darüber Aufschluss gegeben. Harry, der seinen Teil vom Azubigehalt abgespart hatte, erinnert sich an den erhebenden Moment noch gut, als die Instrumente endlich da waren.

Harry: „Wir wussten bei dem Equipment schon genau, was wir wollten. Für den Sound, den wir uns vorstellten, gab es damals auch wenig Alternativen. So haben wir uns unser Gespartes geschnappt und dann im Laden tatsächlich einige 1000 Mark auf den Tisch gelegt. Wir konnten zwar noch nicht richtig spielen, fanden uns aber wahnsinnig cool.“

Bei dem letzten Satz muss er lachen. Man möchte sagen, dass er der ruhigste der vier Morgoth-Urgesteine ist, weil er gemeinhin immer ein wenig länger über seine Antworten nachdenkt als Rüdiger oder Marc. Am deutlichsten merkt man ihm jedoch an, dass die Band seine absolute Wohlfühlzone ist, in der er für das geschätzt wird, was er am liebsten ist: ein akribischer Musiker.

Im Kauf des Equipments sehen alle den ultimativen Startschuss für die Band und Carsten versteht es in seiner Eigenart als praktisch veranlagter Visionär wie üblich, die Dinge auf einen einfach Nenner zur bringen:

Carsten: „Wir hatten das ganze Equipment gekauft, also mussten wir dann auch loslegen. Sonst hätten wir es ja nicht kaufen müssen.“

Im Rathaus in Meschede regiert seit den frühen 50er Jahren durchgängig die CDU. Franz Stahlmecke ist im Jahr 1987 bereits seit zwölf Jahren Bürgermeister und wird es bis zu seinem Tod, zehn Jahre später, auch weiterhin bleiben. Die Bürger der Stadt engagieren sich in Schützen- und Sportvereinen und in entsprechenden jährlichen Festen. Franz Stahlmecke, der selbst aus dem kleinen Nachbarort Wennemen stammt, hält guten Kontakt zu den Einwohnern, beehrt sie regelmäßig zu Geburtstagen und auf Festen. Er ist allenthalben recht beliebt, kommt sogar aus demselben Dorf wie Harry und kennt seine Großeltern.

Natürlich ist der ‚ewige‘ Franz als CDU-Mann keine Identifikationsfigur für Carsten, Rüdiger, Marc und Harry. Im schwarzen Sauerland reagieren die meisten Menschen nicht enthusiastisch, wenn ein langhaariger Teenager von seinen Ambitionen als Metalmusiker erzählt. So muss er irgendwann raus, der Frust, der sich anstaut; verursacht durch ewiges Hin- und Herwandeln in dem Freilichtgehege, das sich Heimat nennt. Mit der langen Mähne zu provozieren, das funktioniert im Sauerland leicht. Da wechselt das gesittete Bürgertum gerne schon einmal die Straßenseite. Amüsant. Weniger lustig ist es da schon, auf dem Schützenfest von besoffenen Jungschützen angemacht zu werden, man solle zum Friseur gehen. Ganz zu schweigen von den Abenden in der Disko, bei denen man mit dem Musikwunsch ‚Fast As A Shark‘ von Accept mit dem immer gleichen und nie eingehaltenen „Jaja, gleich“ hingehalten wird.

Eines der wenigen Rückzugsgebiete ist der Werkraum in der Schule, den sie weiterhin zu nutzen, um ihre Instrumente zu zersägen. Ein richtiger Proberaum ist in Meschede ein Ding der Unmöglichkeit. Jeder weiß das. Doch kommt man im Werkraum auf die Dauer nicht richtig in Stimmung, wenn nach drei Stunden die ersten Mitglieder des christlichen Schulchores vor der Türe stehen, die sie streng begutachten. Da könnte selbst Satan persönlich nicht im Stehen pinkeln.

So fristen die vier von „Minas Morgul“ von solcherlei Aktivitäten inspiriert ihren kleinstädtischen Alltag. Natürlich wird das Schulequipment, Federmäppchen, Rücksacke, reichlich mit den Namen und Zeichen ihrer Ikonen verziert. Metal in der Schule, Metal im sonstigen Leben. Wenn der Werkraum gerade nicht frei ist, gehen sie häufiger zum Karstadtplatz, wo sich zum Ärgernis der örtlichen Bürger und Behörden die Mescheder Punkszene breit gemacht hat. Klar, das Ding ist gerade neu, was haben die Penner da zu suchen? Mit dem Dutzend Punks und den vier Metallern fusionieren an diesem Ort gewissermaßen beide komplette Szenen. Man kennt sich aus der Schule. Und oft wird nur ein Thema diskutiert: Welche Musik ist die härtere? Natürlich gibt es keine Einigung. Selbst während des täglichen Bildungsmatyriums wird dieser Streit fortgesetzt. Zückt Rüdiger an einem Tag seinen Edding um das rustikal braune Tischdesign mit einem zünftigen „Slayer“ zu verzieren, ist es am nächsten Tag schon durchgestrichen und es steht „Negazione“ darunter. Gute Argumente bekommt die Thrash-Fraktion aus der Szene geliefert. Allein das von Chuck Schuldiner und Chris Reifert im Alleingang eingespielte Death-Debüt „Scream Bloody Goore“ haut den hartgesottenen Metaller die Matten nach hinten.

Von außen betrachtet kann man es zu dieser Zeit niemandem richtig verübeln, wenn er nicht sein ganzes Geld auf den durchschlagenden Erfolg von ‚Minas Morgul‘ setzt. Im Werkraum entsteht nichts Brauchbares. Das Equipment ist Mist, die Songideen unbrauchbar, denn nichts inspiriert mit Ausnahme der Vorstellung, dass daraus vielleicht irgendwann einmal eine Band werden könnte. Aber wie? Mit einer kleinen, aber einschneidenden Idee kommt Rüdiger eines Tages um die Ecke:

„Jungs, lasst uns den Bandnamen ändern. ‚Minas Morgul‘ ist scheiße, ich hab einen besseren: ‚Morgoth‘!“

Im Silmarillion, der Sagensammlung von J.R.R. Tolkien, die dem Hobbit und dem Herrn der Ringe als Vorgeschichte dient, ist Morgoth der große Antagonist. Er ist der mächtigste der von dem göttlichen Wesen Ilúvatar geschaffenen Ainu, die eine Art Götterzirkel in der Arda bilden. Das ist die Welt, in der sich sämtliche Geschichten abspielen. Sein ursprünglicher Name ist Melkor. Morgoth, was so viel bedeutet wie ‚der Dunkle‘, ‚der Schwarze‘ oder auch ‚Feind der Welt‘, wird er von dem Elb Feanor genannt, nachdem er die Silmiarilli gestohlen hatte. Die Silmarilli sind drei von Feanor geschaffene Edelsteine, die ein Überbleibsel göttlicher Macht enthielten und die Morgoth fortan in seiner Krone zu tragen pflegte. Die Geschichten des ‚Quenta Silmarillion‘, die des Hauptbuchs von Tolkins Sagensammlung, handeln letztlich immer um den Versuch der Elben, die Edelsteine von Melkor zurückzubekommen.

Morgoth – dieser Name ist der Startschuss. Minas Morgul dauert zu lang, ist zu verquer, klingt nach Teenagern, die irgendwie etwas versuchen. Morgoth ist brachial, bedrohlich, eine Urgewalt, auch für jene, die Herr der Ringe gar nicht kennen. Es ist der Name einer Band, die man sich auf jeden Fall anschauen wird, weil man wissen will, wie ‚Morgoth‘ klingt. Er fügt alles zusammen, was in den Köpfen herumspukt. Alles ergibt auf einmal einen Sinn und hat ein Ziel. Es ist der perfekte Bandname.

Ob es nun an dem neuen Bandnamen lag, weiß man nicht. Auf jeden Fall setzt er Energien frei und das Jahr 1987 wird nach langer Wartezeit das Jahr, in dem sich endlich etwas bewegt. Carsten quatscht regelmäßig seinen Nachbarn Dirk Draeger an und fragt, ob er einen guten Proberaum kennt. Er ist Profimusiker, einer der erfolgreichen Short Romans, und repräsentiert dementsprechend die musikalische Prominenz des Ortes. Ihre Proben absolviert die Band in der oberen Etage des örtlichen Schlachthofes, gewissermaßen die Crème der Proberäume in Meschede.

Natürlich hat Dirk keine brauchbaren Informationen, aber es ist ein Ansatz. Nun wird es auf ewig ein Geheimnis bleiben, ob Franz Stahlmecke oder Herr Wacker letztlich der Band den Raum besorgt hat. Klar ist, es bedarf wiederum eine gewisse Zeit und Carstens unermüdliches Überzeugungstalent bis jener Stadtrat endlich seine Kontakte zum Schlachthof spielen lässt, wo die Jungs schließlich ein kleines Kabuff in einer der oberen Etagen besichtigen können.

„Sieht gar nicht schlecht aus. Müssen wir aber noch eine Menge Arbeit reinstecken.“

„Guck Dir die Tapete an. Die ist wohl noch aus den Sechzigern.“

„Wir müssen das eh alles schalldicht machen.“

„Habt ihr das gehört? Dieses schrille Quieken. Was war das?“

„Da ist wohl gerade ein Schwein geschlachtet worden.“

„Da läuft‘s einem aber schon kalt den Rücken runter.“

„Um das schalldicht zu machen, brauchen wir Eierkartons. Also Leute, ihr wisst, was in Zukunft auf dem Speiseplan steht!“


In den folgenden Wochen steigt der Cholesterinspiegel bei Morgoth und Umgebung besorgniserregend an. Für die Karriere muss man eben ab und zu auch mal ein paar Dutzend Eier pro Woche verspeisen. Aber es lohnt sich und die Einrichtung des Proberaums schreitet voran. An alle vier Wände, plus Decke, werden Styroporplatten geklebt und dann mit Eierkartons versehen. Als alles fertig ist, geht es daran, das neue Domizil noch ein wenig heimisch zu gestalten. Ein Fernseher und ein Kühlschrank werden organisiert. Ein wunderschönes Blümchensofa rundet die Atmosphäre, in der der härteste Metal aller Zeiten entstehen sollte, perfekt ab. Allerdings haben sie es mit den Eierkartons an den Proberaumwänden etwas übertrieben. In dieser Gummizelle aus Weichpappe erstirbt jeder Ton und jeder Hall. Also reißen sie an einer Seite der Wand die Kartons wieder ab, malen die Wand schwarz an und pinselten das von Rüdiger entworfene, und seitdem nicht veränderte, Bandlogo darauf.

Im Sommer steht eine weitere Aufgabe an: Geld für richtiges Equipment verdienen. Sie haben sich Ferienjobs genommen, Sparkonten aufgelöst und das Geld zusammen gespart. Nach entbehrungsreichen Wochen des Schuftens ladensie an einem Spätsommerabend endlich zwei Marschalltürme, ein nagelneues Schlagzeug, Bass- und Gesangsanlage aus einem Hänger und schleppen alles in die obere Etage der Schlachterei. Dabei wird der ‚Grave Digger‘ Rüdiger an diesem Tag noch Pech erleiden müssen: Während die anderen drei selig vor ihren neuen Türmen posieren, hat er das falsche Drumkit geliefert bekommen. Dennoch, mit dem Equipment und einem Holzregal für Bierdosen, die Trophäen der Trinkerfolge, ist der Proberaum endlich fertig. Eine Coverversion von Black Sabbath‘s ‚Sign Of The Southern Cross‘ wird als Einweihungslied gespielt. Und natürlich wird an diesem Abend zünftig angestoßen.

So hört die Welt, oder besser die unmittelbare Umgebung, in diesen Tagen die ersten musikalischen Gehversuche von Morgoth. Es fehlt nur noch ein Name für die Musik. Zu dieser Zeit kennt man zwar die Band Death und den Song ‚Death Metal‘ von Possessed, doch als Genrebezeichnung ist er nicht geläufig. So nennen sie ihre Musik zunächst einmal ‚Ultra-Thrash‘.

Während der Arbeiten merken sie bereits, dass im Proberaum nebenan regelmäßig was los ist. Die Short Romans sind fast jeden Tag anwesend, Besuche und gelegentliche Parties inbegriffen. Als die Renovierungsarbeiten erledigt sind, schleppen die Jungs zuletzt das Equipment, das ihnen bereits zur Verfügung steht, in die oberen Etagen, Gitarrenverstärker und ein Schlagzeug, das aus Standtom, Snare und einigen Becken besteht. Das bleibt nebenan nicht unbemerkt und Dirk Draeger, der mit Thrash Metal eigentlich nichts anfangen kann, bekommt von einer Freundin gesteckt: „Das sind Eure neuen Nachbarn? Na dann, viel Spaß!“


Kapitel 3

„From Dusk To Dawn“

Als die ersten Würstchen und Steaks auf dem Rost brutzeln, steht plötzlich eine hagere, hoch gewachsene Gestalt im Zimmer. Obwohl das kurze Haar schon leicht angegraut ist, wirkt er nicht alt. Der Mann ist Dirk Draeger, seines Zeichens Produzent aller Morgoth-Alben bis 1996 und Proberaumnachbar aus alten Tagen. Schon bei den ersten Sätzen bemerkt man den Papa-Faktor von Dirk im Verhältnis zur Band. Er hatte bereits ein paar Jahre als Profimusiker auf dem Buckel, als sie sich kennen lernten. Natürlich will ich erst einmal etwas über seine eigene musikalische Vorgeschichte wissen:

„1983 habe ich mit zwei Freunden die Band ‚Short Romans‘ gegründet. Wir bekamen einen Plattenvertrag bei einem Wave-Indi-Label namens JA! Music in Hagen. Das war ein kleines Label und wir haben nach einem Auftritt auf einem Festival ein 8-Spur-Demo aufgenommen, das als Platte rauskam. Davon haben sich vielleicht 1000 Stück verkauft, aber trotzdem waren wir auf einmal im Fernsehen: Formel 1, Musikkonvoi, WDR. Das war so 1984/​85. Der WDR hat uns ziemlich gefördert. Wir liefen im normalen Radio, waren mit den Toten Hosen auf Tour, die damals sehr jung waren. Daraus entstanden viele Kontakte. Das Interesse großer Plattenfirmen war da und so sind wir schließlich zu Teldec gewechselt. Unser Album hieß ‚Short Romans‘ und war wesentlich kommerzieller. Aber wir haben uns ohnehin nie als harte Band verstanden, strebten eher nach Perfektion, obwohl wir auch auf vielen echten Pogo-Events gespielt haben. Bei Teldec konnte ich dann mit vielen renommierten Leuten zusammen arbeiten.“

Dirk erzählt dies ohne rührige Nostalgie. Das ist wirklich spannend, denn Bands wie seine gab es viele in den 80ern. Also lasse ich ihn gerne fortfahren:

„Wir waren in den Rüssl Studios in Hamburg von Otto Waalkes. Als junge Leute haben wir mit den älteren zusammengearbeitet. Damals hattest du als junge Band eigentlich immer einen Mentor, das ist heute verloren gegangen. Es waren Leute, die von sich erzählten, sie hätten noch mit den Beatles auf der Bühne gestanden, Leute, die schon mehrere Riesenerfolge miterlebt hatten und entsprechend abgebrüht waren. Wir waren noch recht unbedarft, wir waren die, die produziert wurden, aber dennoch hat man mitbekommen, wie es so läuft. Außerdem gab es, verglichen mit heute, ein Riesenbudget. Promo-Leute der Plattenfirmen wurden eingeflogen, das war kein Problem. Das waren die goldenen Zeiten, die CD kam gerade auf, und es wurde viel Geld verpulvert, das war unglaublich. Unser Album war nicht der Riesenerfolg, aber wir waren mit dabei.“

Seine erste Bekanntschaft mit Morgoth schildert er so:

Dirk: „Wir hatten im Westfleisch-Gebäude den besten Proberaum, den man sich vorstellen konnte, von einer Jazzband geerbt. Er gehörte der Stadt und da gab es auch immer mal Probleme. Man flog so im Schnitt einmal im Jahr raus, aber wir haben es dann doch geschafft, zehn Jahre dort zu bleiben. Daneben gab es so ein kleines Kabuff, in dem ab und zu mal Leute waren. Meistens stand es jedoch leer. Dann kamen die vier und nahmen es in Beschlag. Carsten und Rüdiger waren totale Metalfans. Sie lebten das alles, es war ihre Religion. Sie saßen auf dem Sofa, lasen Musikzeitschriften und hatten diesen Plan. Das hat mich von Anfang an fasziniert. Diese Band existierte eigentlich nur im Kopf. Sie hatten noch kein vollständiges Equipment, konnten noch nicht richtig spielen, aber sie wussten schon genau, was sie machen wollten.“

An den Tag, als sie mit ihrem neuen Equipment vorfuhren, erinnert er sich besonders:

Dirk: „So etwas hatte ich noch nicht gesehen. Als Musiker kannte ich es so, dass man sich jedes Teil einzeln vom Teller abspart. Aber die haben das ganze Geld auf einmal organisiert und waren plötzlich fetter ausgerüstet als wir. Da, wo die meisten Musiker schwächeln, in der Organisation, war besonders Carsten ziemlich gut. Er war schon damals ein Typ, der unheimlich viel auf die Beine stellen konnte. Wir haben oft zusammen gesessen. Wir waren eben die großen, die auf Tour gingen. Sie haben uns viel gefragt, wie man dieses und jenes macht. Wir haben ihnen viele Tipps gegeben. Wir haben uns angefreundet, viele Parties gemacht bei denen und bei uns und wurden so eine Gang im Laufe der Zeit.“

Carsten: „Short Romans waren musikalisch um Längen besser als wir, aber davon haben wir eben auch viel gelernt.“

Es gab nicht den einen Tag, an dem es hieß: „Hey, ich bin ab heute Eurer Produzent.“ Vielmehr merkten Morgoth früh, dass sie einen Nachbarn hatten, der ihnen von der Profimusik gewissermaßen aus dem Auge des Sturms berichten konnte. Im täglichen Umgang war es dann irgendwann nur noch Formsache, als sie Dirk fragten, ob er sie bei der Produktion des ersten Demos unterstützen würde. So bekamen sie ihren Stammproduzenten, der seine Erfahrungen gerne an sie weitergab:

Dirk: „Jeder Produzent muss eine Mischung aus fünf Aspekten haben: Geschäftsmann, Techniker, Lehrer, Musiker und Kumpel. Aber die sind unterschiedlich verteilt, deswegen wählt man ja auch unterschiedliche aus. Ich habe schon mal einen etwas pädagogischen Ansatz, ich gebe gerne etwas weiter an die Bands.“

Das erste Demo ‚Pits Of Utumno‘ ist kürzlich neu aufgelegt worden und präsentiert Morgoth noch als reine Proberaum-Band, die ihren Idolen nacheifern. Die Bezeichnung ‚Ultra Thrash‘, die sie am Anfang noch für ihre Musik gewählt haben hört man deutlich heraus.

Carsten: „‚Pleasure To Kill‘ hatte definitiv einen großen Einfluss am Anfang, was man auch auf dem Demo hört. Danach war es dann nicht mehr so.“

Dirk Draeger half ihnen bei der Aufnahme der ersten musikalischen Gehversuche. Im Unterschied zur Band selbst, die sich als eher durchschnittlich talentiert beschreibt, hebt er die Qualitäten der damaligen Teenager hervor.

Dirk: „Sie hatten sich schon einige Songs ausgedacht, Carsten und Rüdiger vor allem. Harry schleppte permanent Sachen an, aber auch Carsten hat absolute Killerriffs geschrieben. Rüdiger hatte die Lieder im Kopf. Er ist ein super Drum-Komponist, war aber technisch noch nicht soweit. Ich finde seine Kompositionen bis heute irre. Er hatte ein sehr hohes Niveau, was die Ideen anging, aber sie waren fast unspielbar, das war für ihn die Herausforderung. Ich kenne kaum einen Drummer, der so kompositorisch veranlagt ist wie Rüdiger. Dann saßen sie gemeinsam vor dem Gettoblaster und hörten sich Metallica und Death und andere an. In dieser Phase kann man eigentlich sagen, dass man alle drei Monate eine neue Band gehabt hat, weil sie sich so schnell entwickelt haben.“

Eventuelle Gemeinsamkeiten im Musikgeschmack sind zunächst in der Tat kein Grund zum Brüderschaft trinken zwischen den Short Romans und Morgoth. Aber die Zielstrebigkeit dieser angeblichen Krawallmacher ist durchaus etwas, das Dirk schon zu Beginn beeindruckt. Immerhin haben sie es überhaupt geschafft, diesen Proberaum zu bekommen. Sie treffen sich täglich während der Proben, machen Party zusammen und tauschen sich aus. Die vier Jugendlichen wissen, dass Dirk bereits einige Erfahrungen im Musikgeschäft hat und so erzählen sie ihm von ihren Visionen, spielen ihm Musik vor und zeigen ihm in Metalzeitschriften, wie so etwas auszusehen hat.

Morgoth proben und proben und proben, fünfmal pro Woche, jeweils ab 7 Uhr abends, und so dauert es nicht lange, bis sich die Frage nach dem ersten Demo stellt. Carsten spricht daraufhin im örtlichen Musikgeschäft vor und organisiert tatsächlich ein Mischpult inklusive einer stattlichen Anzahl von Mikrofonen, denn die ersten Songs sollen im Proberaum aufgenommen werden. Der Sound ist etwas problematisch. Für ‚Ultra-Thrash‘, wie sich die Morgother ihn vorstellen, gibt es wenige Vorbilder, lediglich die Alben der bekannten Thrash-Bands und besonders die von allen verehrten ersten beiden Alben von Death, ‚Scream Bloody Gore‘ und ‚Leprosy‘. Natürlich beratschlagen sie sich mit Dirk über die Möglichkeit, den Sound möglichst gut auf ein Tape zu bannen und er zögert nicht lange, als man ihn zum Produzenten ernennt.

„Hey Dirk, hör Dir das an. So einen Sound brauchen wir. Randy Burns im Music Grinder in Hollywood und Scott Burns im Morrissound in Tampa. Das sind die Besten und so wollen wir klingen! Besonders wie der Sound von Leprosy.“

„Naja, so einen Sound, den werden wir in Eurem Proberaum nicht hinbekommen. Aber man kann es versuchen.“

„Super! Dann kriegst Du einen Turm Bierkästen und wir nennen Dich ab heute Produzent!“

„Gemacht, aber lasst mir auch was von dem Bier übrig.“

Dirk ist zu diesem Zeitpunkt zwar weit davon entfernt, sich als Produzent zu betrachten, aber immerhin verfügt er über die Erfahrung, für die Short Romans sämtliche Demos aufgenommen zu haben. Außerdem hat er bereits mit renommierten Produzenten zusammen gearbeitet, mit Leuten, die schon an mehreren kommerziellen Riesenerfolgen beteiligt waren. Er weiß, wie im Musikgeschäft Bands so produziert werden, dass ihre Stärken hervortreten und wie sie im Studio agieren müssen, damit sie hinterher auf dem Band richtig glänzen. Außerdem weiß er inzwischen, dank der unzähligen Gespräche, was die Band will, und genießt ihr Vertrauen.


Einige Tage später sind die Spuren für sechs Songs im Kasten: ‚From Dusk To Dawn‘, ‚Being Boiled‘, ‚Eternal Sanctity‘, ‚Pits Of Utumno‘, ‚The Beyond‘ und ‚Dance Their Dance‘. Während Dirk die Regler des Mischpults bedient, verfestigen sich zwei Eindrücke, die er bereits früh von der Band hatte: Zum einen werden sie in der Tat Woche für Woche besser an ihren Instrumenten und darüber hinaus verstehen sie es, ihre Songideen zu arrangieren. Die Musik ist im wahren Wortsinne noch ‚Ultra-Thrash‘, aber zwischen dem unvermeidlichen Geknüppel gibt es durchaus gedrosselte Passagen, die das Material dynamisieren. Marc ist, wohl in Erinnerung an seine ‚Flag Of Hate‘-Performance, in stimmlicher Hinsicht Mille noch sehr nahe. Die tieferen Gefilde hat er noch nicht entdeckt.

Die im Proberaum aufgenommenen Songs werden in Marcs Zimmer, also in seinem Elternhaus, gemischt. Sein Kumpel Jörg, der später bei der Combo Dark Millennium als Bassist einsteigen wird, zeichnet Gevatter Tod als Geiger auf das Cover; ‚Demo 88‘ steht als kleiner Hinweis darauf. Das ist das erste wirkliche Lebenszeichen von Morgoth. Dem Namen, der schließlich unter dem Bandnamen prangt, wird immer mehr Bedeutung zuteil: „Pits of Utumno“ – die Gruben von Utumno – die Festungsstadt Melkors, wo er unzählige Monster züchtete und sie auf die Völker der Arda losließ, und der finsterste Ort in der gesamten Tolkin-Saga. Ja, genau so sollte die Musik klingen!

Kurz darauf, als es sich alle mit Bier versorgt auf der Blümchencouch bequem gemacht haben und ‚From Dusk To Dawn‘ durch den Proberaum schallt, kommt Carsten herein und wedelt mit einem handgeschriebenen Zettel.

„Okay, ich habe die Liste der Firmen. Sind alle, die ich auftreiben konnte. Hab auch die Adressen. Da schickten wir das Teil hin!“

„Ja, würde mich wundern, wenn da keine Antwort drauf käme.“

„Leute, macht Euch mal keine Illusionen. Die meisten hören sich solche Tapes gar nicht erst an. Aber bei denen hier könnte es klappen.“

Carsten hält den Zettel hin und tippt auf die Stelle, auf der er ‚Noise‘ notiert hat.

‚Das ist das Label von Kreator. Die machen fast nur Metal. Deshalb werden wir da auch persönlich antanzen und ihnen das Tape in die Hand drücken.‘

„Die sind in Berlin! Da brauchen wir ein Transitvisum und eine Karre haben wir auch nicht.“

„Ja und?“

Einfach machen. Carsten organisiert alles und wenige Tage später rollt ein alter Mercedes über die Transitstrecke durch die DDR in Richtung Berlin, an Bord ein Pulk langhaarige Teenager, die den Argwohn der Beamten prompt auf sich ziehen. Am Checkpoint Alpha des Grenzübergangs Helmstedt-Marienborn geht noch alles glatt. Dann führt eine von dicken Betonmauern gesicherte Straße zur GÜSt, der Grenzübergangsstelle. Alle müssen ihre Reisepässe abgeben, dann lassen die Beamten sie aussteigen und filzen das Auto. Mit Argusaugen und Taschenlampen suchen sie nach Schmuggelware oder was sonst noch den Siegeszug des Sozialismus aufhalten könnte. Endlich bekommt jeder einen Transitvisumsstempel in seinen Reisepass und die Fahrt kann weitergehen. Pausen sind nur im Notfall gestattet, Umwege gar nicht. Der Stempel mit der Einreisezeit zeigt außerdem, ob man sich auch angemessen beeilt und diese Gastfreundschaft nicht über Gebühr genossen hat. Nach ungefähr 200 Kilometern haben sie es hinter sich: West-Berlin. Nun geht es zu Noise, das Demo abgeben.

„So, wie ist nochmal die Adresse? Wer hat sie aufgeschrieben?“

„Ich nicht.“

„Ich auch nicht.“

„Nö, ich dachte Du.“

„Das gibt’s doch nicht! Hat keiner die Adresse aufgeschrieben?“

„Nein, aber das war Kurfürsten irgendwas 100.“

„Ja, Kurfürstendamm wahrscheinlich. Also fahren wir dahin. So‘n Sitz von ner Plattenfirma wird man ja nicht übersehen können!“

So tuckert das 56 PS starke Mobil über die einstige Prachtmeile West-Berlins, die sich seit Jahren in stetigem Verfall befindet. Am Lehniner Platz gibt es eine Hausnummer 100, aber keine Spur von einer Plattenfirma. Also wenden an der Gedächtniskirche und zurückfahren, am Kaufhaus des Westens vorbei, nichts. Schließlich steigen sie aus und machen sich zu Fuß auf die Suche. Während die anderen spekulieren, wo sich die Firma dieses gewissen Karl Walterbach befinden könnte, erspäht Marc einen Rumänen, der die Passanten mit einem Hütchenspiel unterhält.

„Ey, guckt mal! Habt ihr den Typen mit der Kugel gesehen? Du musst nur raten, unter welchen Hütchen sie ist, dann verdoppelt er den Einsatz! Ist total einfach!“

„Marc, lass doch den Scheiß, wir müssen diese Firma finden.“

„Ach was, ich hab 100 Mark dabei für Platten. Wenn ich 200 habe, dann können wir wenigstens so richtig einen draufmachen!“

Es ist einer dieser jugendlichen Momente, an die man sich sein Leben lang erinnert. Wie in einer fremden Stadt in ein Striplokal zu gehen und zu erfahren, dass die kleine Flasche Picollo, die man gerade der leicht bekleideten Frau ausgeben hat, weil sie meinte, man sei süß, 100 Mark kostet. Oder dass auf dem Ziffernblatt der goldenen Uhr, die man gerade auf einem Basar für sagenhafte 100 Mark erstanden hat, ‚Rollex‘ statt ‚Rolex‘ steht. Oder dass die Typen, die um den Hütchenspieler herumstehen und ständig gewinnen, die Brüder des Spielleiters sind und sich unter dem Hütchen, an das man seine 100 Mark gelegt hat, eben nicht die Kugel befindet. Dumm, naiv, gutgläubig; ebenso, wie zu glauben, dass man einfach so nach West-Berlin fahren und sein Demo bei der Plattenfirma abgeben kann, abends in der Herberge ankommen und zwei weitere Tage in Berlin verweilen – ohne Geld – und zuletzt schließlich die Heimfahrt, das ganze Transitprozedere noch einmal, nur dieses Mal unter veränderten Vorzeichen. Zuhause angekommen, niedergeschlagen, denn man sieht jetzt, dass die Adresse die Kurfürstenstraße 100 war, nicht der Kurfürstendamm und natürlich ist der Briefkasten leer, keine Antwort von einer Plattenfirma. Der ungezügelte Ehrgeiz erhält zum ersten Mal einen richtigen Dämpfer. Es geht halt nicht von selbst.

Bei Morgoth ist der Ehrgeiz trotz des Berlin-Desasters ungebrochen. Die Antworten der anderen Plattenfirmen bleiben zwar weiterhin aus, aber tatsächlich melden sich erste Fanzines, die Interviews machen wollen und Kontakte nach Südamerika entstehen, wohin ‚Pits Of Utumno‘ ebenfalls verschickt wird. Sogar Autogrammkarten wollen einige. Zum Glück gibt es seit Anfang 1987 in Dortmund einen neuen Szenetreffpunkt. ‚Sir‘ Hannes Schmidt, Sänger von den Idiots, hat seinen eigenen Plattenladen inklusive Vertrieb gegründet. Der Name ist natürlich: IdiotsRecords. Seitdem trifft sich alles, was in der Stadt irgendwie ein Instrument in der Hand hält, auch regelmäßig dort, insbesondere die Bands, die im Proberaumkomplex des Ceag-Gebäudes proben. Das sind neben den Idiots selbst auch Metalbands wie Angel Dust, Liar, Risk oder Crows. Auch der Herausgeber des örtlichen Fanzines Rock Hard, Holger Stratmann, verkehrt dort regelmäßig. So schnappen sie sich die ‚Pits Of Utumno‘-Tapes und fahren nach Dortmund. Dort, in diesem Plattenladen, soll zumindest schon einmal das erste Demo ausliegen.

Im Laden herrscht wie üblich jene ehrfürchtige Stimmung, die einem mit Vinylfutter gespickten Heiligtum entspricht. Einmal mehr bestaunen die Jungs diese bis zur Decke gefüllte Schatzkammer. Nur Carsten nicht. Der geht schnurstracks zur Theke, hält ‚Sir‘ Hannes das Tape unter die Nase und fragt, ob er ‚Pits Of Utumno‘ in Kommission nehmen würde. Er schmeißt daraufhin das Teil sofort in die Anlage und die ersten Töne von ‚From Dusk To Dawn‘ schallen durch den Raum. Gutes Gefühl. Nach zwei Minuten geht Hannes zu einem Plattenregal und zieht unter dem Buchstaben ‚D‘ eine Platte hervor.

„Hier, hört Euch das mal an.“

„Despair? Nie gehört. Warum?“

„Der Sänger von denen hat gerade ein Label gegründet. Die sind im Moment mit Death auf Tour, kommen demnächst auch ins Tor 3 nach Düsseldorf.“

„Klar, nehme ich, höre ich mal rein.“

Das Album, das Marc sich an diesem Tag kauft, heißt ‚History Of Hate‘ und ist das Debüt der Dortmunder Band Despair. Was ihm wenig später um die Ohren fliegt, ist die erste kreative Explosion des Gitarristen und Songschreibers Waldemar Sorychta, der später noch reichlich Furore mit seiner Band Grip Inc. und besonders seinen Produktionen machen sollte. Progressiv veredelter Thrash-Metal könnte eine Bezeichnung dafür sein, nicht so hart wie Morgoth, aber inspirierend und voller kompositorischer Finessen technisch extrem versierter Musiker wie Sorychta, Gitarrist Marek Grzeszek oder Schlagzeuger Markus Freiwald. Aufgenommen im Berliner Music Lab von einem der Metal-Produzenten der Zeit, Harris Johns, der schon für Helloween, Sodom, Kreator, Voivod und weiß Gott noch welche Bands hinter den Reglern gesessen hat und der sogar mit Death auf Europa-Tour war. Und dann auch noch ein eigenes Label. Despair haben alles, was ambitionierten jugendlichen Musikern einen Riesenklos in den Hals treiben kann.

Aber immerhin ist ein kleines Label eine Möglichkeit. Man hört ja über die etablierten Plattenfirmen so einiges. Die wollen alles bestimmen, die Musik, das Artwork, selbst das Outfit der Musiker und zu allem Überfluss streichen sie das meiste Geld ein und ehe man sich versieht, sitzt man wieder auf der Straße, sobald der Erfolg ausbleibt. Bei einem Label, bei dem der Betreiber selbst Musiker ist und eine Band hat, könnte das anders aussehen. Also ab nach Düsseldorf zum Konzert!

Death sind mit ‚Leprosy‘ auf ihrer ersten Europatour und somit ist das Konzert ohnehin schon fest eingeplant. Ist nicht so viel los, 50 oder 60 Leute, die dem, was inzwischen von immer mehr Leuten ‚Death Metal‘ genannt wird, lauschen. Nach dem Gig halten die Morgother an den Tresen und Ständen des Tor 3 nach dem 20-jährigen Sänger von Despair Ausschau, den sie bisher nur vom Albumfoto her kennen. Doch an diesem Abend suchen sie vergeblich. So hängt sich Carsten am nächsten Tag über das Dortmunder Telefonbuch, sucht jenen Robert Kampf, wohnhaft in der Harnackstraße, und seine Telefonnummer heraus und ruft an. Einfach machen: „Bist Du Robert?“

Man versteht sich. Die bandeigene Firma, der Robert den völlig unmetallischen Namen ‚Century Media‘ gegeben hat, betreut bereits neben Despair eine Schweizer Band namens Poltergeist, Rumble Militia aus Bremen und Liar aus Dortmund. ‚Pits Of Utumno‘ ist allerdings noch nicht das, was Robert nachhaltig überzeugt, aber er ist interessiert. So rät er Morgoth noch ein Demo aufzunehmen und es wieder an ihn zu senden.















Kapitel 4

„The Art Of Sinking“

Das erste Demo war die Eintrittskarte in die Szene außerhalb von Meschede, wo sie im Prinzip die einzigen Metaller waren. Wie üblich zu dieser Zeit hatten sie auch vorher schon Kontakt mit anderen Tape-Tradern, doch nun konnten sie sich selbst als Band präsentieren. Tatsächlich gab es schon Kontakte nach Südamerika, wo die Metalszene fast ausschließlich aus Tape-Tradern bestand und ein Demo ebenso viel Verbreitung finden konnte, wie ein regulär veröffentlichtes Album. Dann kam der Kontakt mit Robert Kampf zustande. Aber was passierte weiter? Marc überlegt:

Marc: „Ob wir Despair auf dem Konzert wirklich getroffen haben, kann ich nicht mehr sagen. Ich weiß noch, dass ich mir damals von allen Death Leuten Autogramme habe geben lassen. Ich stand da mit zitternden Knien am Bus. War ziemlich kalt an dem Tag. Death haben ihre Instrumente verladen und waren ziemlich angepisst. Nach dem Konzert wurde die Tour ja abgebrochen.“

In jedem Fall folgte mit dem zweiten Demo die Einladung zu Despair in den Proberaum und damit ein Moment, an den sich jeder der Beteiligten noch allzu gut erinnert. Darauf angesprochen, bricht erst einmal ein reges Gemurmel unter den Anwesenden am Tisch aus, Erinnerungsfetzen von Hinfahrt, Vorspielen und Rückfahrt, bis sich Harry gegen den Rest durchsetzt.

Harry: „Stell Dir das so vor: Wie blamiere ich mich als unerfahrene Band so richtig?

1 Man vereinbart ein Treffen mit dem Chef der Plattenfirma in dessen Proberaum. Wichtig ist, dass vor Ort viele Zuhörer zugegen sind, am besten technisch versierte Musiker aus der lokalen Metal-Szene mit ihren Kumpels und Freundinnen.

2 Um sich auf ein eventuelles ‚Vorspielen‘ vorzubereiten, ist es unerlässlich, schon auf der Hinfahrt einige Sixpacks Bier zu leeren.

3 Auch wenn die individuellen Eigenheiten der Instrumente, die für die eigenen Zwecke ungeeignet erscheinende Sound-Charakteristik der Backline des Gastgebers und nicht zuletzt der fortgeschrittene Alkoholkonsum dringend von einem Vorspielen abraten, sollte man alle Bedenken beiseite wischen und sich frohen Mutes an die musikalische Präsentation seines eigenen Materials wagen.

4 Um die Blamage perfekt zu machen, wird empfohlen, einen Song anzuspielen, diesen dann nach einigen Sekunden (gezwungenermaßen) abzubrechen, um dann nach dem dritten Versuch den Song irgendwo im Niemandsland zwischen Selbstüberschätzung und Unvermögen langsam versickern zu lassen.

5 Abschließend empfiehlt es sich, das eigene Versagen auf den schlechten Sound und die Unzulänglichkeit der Instrumente zu schieben. Fertig ist das totale Desaster.“

Darunter kann ich mir etwas vorstellen. Natürlich habe ich auch Robert Kampf und den damaligen Despair- und jetzigen Sodom-Schlagzeuger Makka Freiwald nach diesem Erlebnis befragt. Der Labelchef relativierte dies sofort, indem er darauf hinwies, dass die Session zwar nicht so toll gespielt war, es ihm aber auch nicht zwingend darauf ankam. Es sei eher aus der Sicht eines Musikers katastrophal gewesen, da es viele Spielfehler gab und er mehr Wert auf den allgemeinen Ausdruck legte. Zudem waren Despair allesamt versierte Musiker, was die Band zusätzlich nervös gemacht hat. Makka bestätigte, dass sie ‚wie die Musikerpolizei‘ da gesessen und tatsächlich nur darauf geachtet haben, ob sie sauber spielen. Carsten sieht das ähnlich.

Carsten: „Es war eine Testsituation. Im dem Proberaum klang alles auch ein wenig anders. Wir waren damals noch nicht so gut und von dem Potential haben wir ungefähr null Prozent abgerufen.“

Rüdiger: „Als wir dorthin gefahren sind, hatten wir richtig Schiss. Wir wollten denen eigentlich zeigen, dass wir nicht irgendwelche Pfeifen sind, haben aber dann genau das Gegenteil gemacht.“

Was Robert Kampf auch heute noch bei Musikern besonders wichtig ist, ist der Einsatz für die Musik. Eine Band sollte gut organisiert sein und die Energie haben, es weit bringen zu wollen. In dieser Hinsicht waren Morgoth sicher schon damals sehr weit. Sie hatten den Willen, sich weiter zu entwickeln und schon damals kristallisierte sich so etwas wie eine Arbeitsteilung heraus.

Dirk: „Die Energie würde ich bei Rüdiger verorten und dieses ‚Wir machen das jetzt!‘ bei Carsten. Harry hat immer Input geliefert und Marc ist in die Frontmannrolle reingewachsen. Das ging schnell und so hat es funktioniert, außerdem waren sie gut und Century Media der ideale Partner, weil sie an dem gleichen Punkt waren.“

Robert sagte im Interview, dass man bei ihrem ersten Gig in Werl schon sehen konnte, wie fantastisch die Band war. Makka erinnert sich noch, wie sich hinterher keiner mehr für Despair interessiert hatte und sie deswegen einmal mehr ziemlich angepisst waren. Aber daraus hat sich letztlich auch eine Freundschaft entwickelt. So kam es dann doch zur Unterschrift des Vertrages und ‚Resurrection Absurd‘ stand plötzlich in den Läden.

Marc: „In Meschede waren wir die einzigen, die in eine bestimmte Szene gehörten. Ohne es zu wissen, haben wir die Musik gemacht, auf die die Leute Bock hatten. Alle im Dorf haben gesagt, ihr macht ja nur Krach und seht scheiße aus. Tja, und dann hat man plötzlich einen Plattenvertrag.“

Rüdiger: „Ich mähte bei meinen Eltern den Rasen, als Marc mit der Platte ankam. Mir wäre fast der Rasenmäher aus der Hand gerutscht: Eine Platte von uns, wir hatten selbst etwas auf Vinyl herausgebracht, ein unbeschreibliches Gefühl. Alles, was darüber hinausging, konnte ich nicht ermessen. Besser konnte es nicht mehr werden.“

Nach den ersten Gehversuchen im Musikgeschäft proben sie weiter, schreiben Songs, trinken Bier, grillen, schauen Monty-Python-Filme und ziemlich schnell wird klar: Ein zweites Demo muss aufgenommen werden. Denn es sind weitere Songs hinzugekommen, bessere, die das, was Morgoth eigentlich repräsentieren wollen, genauer auf den Punkt bringen. Die Songs von ‚Pits Of Utumno‘ sind Ende 1988 bereits veraltet.

Zwei Dinge stehen fest: Dirk soll sie auch bei dem neuen Demo wieder unterstützen und dieses Mal um Gottes willen nicht mehr im Proberaum aufnehmen. Ein Studio muss her! So wird alles verfügbare Geld zusammen gekratzt und Carsten treibt ein Studio auf, in dem man zu günstigen Konditionen zwei Tage verweilen kann. Es ist das D+S-Studio, eigentlich ein Kellerraum in einem Wohnhaus in Hattingen, wo ein Typ namens Michael Jesch hauptsächlich Produktionen für Indie-Bands aus der Umgebung macht, die allerdings innerhalb der Szene schon Aufsehen erregen konnten. In die Räumlichkeiten gelangt man nur durch das Wohnzimmer, so dass die Morgother zusammen mit Dirk im Frühjahr 1989 ihr Equipment am elterlichen Fernsehabend vorbei in den Keller schleppen.

Das zweite Demo erhält den Titel ‚Resurrection Absurd‘ und hier ist nichts mehr vom anfänglichen ‚Ultra-Thrash‘ zu hören. Besonders Marc hat als Sänger eine beachtliche Entwicklung hingelegt. Seine Stimme, mit der er in Zukunft noch etliche Größen der Szene zu beeindrucken wissen wird, hat hier zum ersten Mal den grunzenden, agonalen Ausdruck, für den er bekannt werden wird. Und kompositorisch wissen Morgoth spätestens jetzt, was sie wollen. ‚Dictated Deliverance‘, ‚The Travel‘, ‚The Afterthought‘, ‚Selected Killing‘ und ‚Lies Of Distrust‘ werden den Death Metal Fans später als Teil der Ursuppe dieses Genres in Erinnerung sein.

Also zurück in die große Stadt, Adresse dieses Mal aufgeschrieben (zum Glück braucht man hier kein Transitvisum), wo der Sänger von Despair mit seiner Freundin in einer kleinen Wohnung lebt, deren Hinterzimmer gleichzeitig das Firmenbüro ist. Das Gespräch läuft tatsächlich gut. Da ist nur diese Sache, dass Robert mit seinen Bandkollegen abgemacht hat, sie würden mitbestimmen, welche Bands unter Vertrag genommen werden. Also werden Morgoth in den Proberaum von Despair eingeladen. Schon auf der Rückfahrt scheint klar, dass das nur noch eine Formsache ist.

„Mann, der scheint tatsächlich interessiert. Bei Despair im Proberaum!“

„Was meint ihr? Was will der von uns? Wir müssen doch nicht vorspielen, oder?“

„Nein, dann müssten wir ja den ganzen Kram mitschleppen. Wahrscheinlich will der nur quatschen.“

„Da können wir aber nicht mit dem Zug hinfahren. Wenn der Verspätung hat, sind wir im Arsch.“

„Am besten ein Auto mieten.“

„Und auch direkt noch eine Palette Warsteiner mitbringen. Kann für die Stimmung nichts schaden.“

Ein Plattenvertrag ist zu diesem Zeitpunkt noch viel mehr das Synonym für Erfolg einer Band als zu späteren Zeiten. Er bedeutet, dass die eigene Musik auf Vinyl herauskommt, das man eben nicht einfach zuhause pressen kann. Man kann es auch nicht aufnehmen wie Tapes. Es heißt, dass man sein ureigenes Heiligtum besitzt, das wiederum andere ehrfürchtig herumreichen können. Ein Plattenvertrag ist etwas Mystisches, etwas Märchenhaftes, das Objekt der Begierde für jeden Musiker. Die reale Möglichkeit, so etwas zu bekommen, stößt eine Wolke von Vorstellungen und Visionen aus, wie es sein wird, wie es sein könnte.

Als sie am Tag der Tage im Ceag-Gebäude ankommen, wo auch Despair ihren Proberaum haben, werden sie erst einmal höflich gebeten Platz zu nehmen und die Band legt mit ihrer Probe los. Keiner der Gäste wagt zu reden oder sich unnötig zu bewegen. Carsten und Rüdiger fühlen sich an die Episode im Kreator-Proberaum erinnert. Da war es nett, aber hinterher hatten sie vorspielen müssen. Die Typen, die da gerade zocken, sind nicht nur eine Band mit eigenem Vinyl und auf Tour mit Death gewesen, die sind auch noch wahre Virtuosen an ihren Instrumenten. Ihr Sänger ist obendrein der Mann, der ihnen einen Plattenvertrag verschaffen soll. Die Palette Bier steht zwischen ihnen und sie trinken eine Dose nach der anderen. Als das Bier seine Wirkung zu entfalten beginnt, kommt Robert auf sie zu.

„So Jungs, jetzt seid ihr dran.“

„Wie jetzt?“

„Spielt ein paar von euren Songs!“

„Jetzt sofort? Auf eurem Equipment?“

„Ja, wir wollen was hören.“

Ob es nun Bier oder Panik ist, die von den Köpfen in die Beine steigt, ist nicht zu erfassen. Carsten, Harry und Marc, der selbstbewusst und leicht schwankend ein „Na dann wollen wir das gute Stück mal umschnallen“ loslässt, schnappen sich die Äxte, Rüdiger setzt sich hinter die Drums. Als erstes müssen die Instrumente runtergestimmt werden.

„Komische Gitarre hier, damit komm ich nicht klar.“

„Ey, was machst du da?“

„Ich brauch den Bass auf D.“

„Oh Mann, muss das sein? Lass mich mal!“

Famoser Start. Als sie alles gestimmt haben und noch bevor der erste Ton gespielt wird, sind Despair schon ziemlich genervt. Halb besoffen, aber immer noch voll motiviert, legen Morgoth los. Stöcke klacken, eins, zwo, drei, vier und los geht ‚The Travel‘ – zumindest dreißig Sekunden lang. Abbruch, verspielt, von Neuem, eins, zwo, drei, vier, zweiter Versuch, kam jetzt schon der Refrain? Uneinigkeit, Abbruch, erneuter Versuch. Einer der Drumsticks wird von Rüdiger verholzt. Stumme Gesichter, große Augen der Musiker von Despair. Auch Robert scheint sein Enthusiasmus verlassen zu haben. Das war es! Die Tür des Despair-Proberaums schließt sich hinter ihnen und in das fassungslose Schweigen hinein sagt Rüdiger das, was alle denken: „Können wir jetzt bitte implodieren?“

Die Rückfahrt nach Meschede ist Schweigen. Keiner hätte etwas dagegen, wenn Carsten den Wagen gegen einen Baum lenkt. Dann ist es wenigstens vorbei. Bei dem kurzen Ausklang des eigentlich so bedeutenden Tages fließt die Schockstarre über in Depression. Um acht Uhr sind alle im Bett, Jalousien runter, einfach, einfach, einfach nur Vergessen, Träume begraben, Einsehen, dass man es nicht bringt, dass man es total versenkt hat, Proberaum auflösen, Instrumente in die Tonne, am besten jeden vergessen machen, dass man überhaupt jemals welche besaß.

Ein paar Tage nach dem katastrophalen Vorspielen gibt es aber tatsächlich wieder ein Treffen mit Robert in der Dortmunder Live Station, wo an diesem Abend Rage zusammen mit Watchtower spielen. Rüdiger nennt inzwischen einen alten Ford Fiesta sein Eigen, der zwar in seinem Leben wohl keine neue TÜV-Plakette mehr sehen wird, dafür aber mit einer famosen Stereoanlage ausgestattet ist. Die Investition macht sich bezahlt. Hier, auf dem Parkplatz vor der Live Station, klingt ‚Resurrection Absurd‘ noch brachialer, brutaler, besser als im Proberaum. Da ist es wieder, das Glänzen in den Augen und Robert eröffnet ihnen ein Angebot.

„Wir spielen mit Despair im Kult in Werl. Ihr macht den Support, da könnt ihr zeigen, was ihr drauf habt.“

„Was ein Gig? Naja, aber wir haben bisher nicht so wirklich einen … “

„Klar, machen wir!“

„Aber ich dachte, wir wären im Proberaum so scheiße gewesen?“

„Naja, das war, geht so.“

Die Musiker von Despair finden sie tatsächlich scheiße. Heute weiß man, dass sie Robert mit großen Augen angesehen haben, als er ihnen eröffnete, er wolle Morgoth als Support für Despair haben. Die Sauerländer selbst wollen sich diese Chance nicht noch einmal entgehen lassen. Nach der Enttäuschung der Proberaumsession üben sie, was das Zeug hält: über drei Wochen, jeden Abend. Am Konzerttag, dem 2. Juli 1989, tritt Rüdiger seinen Zivildienst an und wartet direkt mit einem Anliegen auf: „Hi, ich bin Rüdiger, der neue Zivi. Kann ich heute früher gehen?“

Das Kult in Werl ist eine Mischung aus Club und Jugendheim. Zunächst muss die Bühne mittels einiger Bierkästen vergrößert werden. Dieses Mal gibt‘s das eigene Equipment, außer für Rüdiger, der spielt wieder auf dem Schlagzeug von Makka. Also bloß nichts zerdeppern. Während Aufbau und Soundcheck wirkt der Raum noch klein, dann, nach dem Einlass, scheint er mit jedem neu eintretenden Zuschauer größer zu werden, bis er tatsächlich gerammelt voll ist. Natürlich geht allen Morgothern die Düse, dem einen mehr, dem anderen weniger. Aber jetzt gilt‘s: Auf die Bühne und Durchdrehen. Zum ersten Mal.

Es ist vom ersten Ton an wie ein Rausch. Die ersten Songs erobern die vorderen Reihen und beim letzten bebt der Klub bis in den hintersten Winkel. Literweise Adrenalin schießt durch die Körper der vier auf der Bühne, die, geblendet vom Scheinwerferlicht, hauptsächlich die unsagbare Welle von Energie spüren, die in jeder Sekunde auf sie zurollt. Sie alle erleben dieses einmalige Gefühl, dass sich jeder Tropfen Schweiß, jeder noch so weite Weg und jede noch so schwere Arbeit als Musiker gelohnt hat. Als sie nach dem letzten Song ihre Instrumente weglegen wollen, hören sie den ganzen Saal nach Zugaben schreien. Marc geht ans Mikro: „Tut mir Leid, Leute, das ist alles. Mehr können wir nicht.“

Dem Publikum ist das egal. Also nochmal die sechs Songs. Die Leute rasten nun vollends aus und will die Band nicht mehr von der Bühne lassen. Morgoth haben, ohne es vorher gewusst zu haben, den Sound, den alle wollen: brutal, hart, wie ein Virus der Tote aus ihren Gräbern jagt. Sie pumpen die Meute im Kult bis zum Bersten auf und es ist tatsächlich wie auf den Konzerten der Idole. An die Party danach kann sich selbstverständlich keiner mehr erinnern. Nur eins muss in jedem Fall passiert sein: Irgendwann zwischen Mitternacht und Morgengrauen kommt Robert auf sie zu.

„Leute, das war sensationell. Bei anderen Bands hättet ihr schon längst die Regler runtergedreht bekommen, weil ihr zu gut ward. Wir machen das Ding! Ich will Euer Demo als EP rausbringen. ‚Resurrection Absurd‘ mit nem geilen Blut- und Gedärm-Cover. Ich habe da schon jemanden im Kopf, ist ein Kumpel von mir. Der hat gerade die Cover für Liar und Poltergeist gemacht.“

Es ist tatsächlich fast wie im Roman. Vergessen ist die Fahrt nach Berlin, die sinnlosen Wege zum leeren Briefkasten, selbst die desaströse Proberaumsession. Vergessen ist auch die Existenz in Meschede als einzige Metaller weit und breit, denen man skeptische, gar feindselige Blicke zuwirft. Nun sind sie unter Hundertschaften von Menschen gleichen Gemüts und irgendwie ist das auch das wichtigste. Schließlich sind sie in erster Linie Fans, lokalisiert in der Metal-Wüstenei Sauerland und endlich auf eine Oase gestoßen.

Das Konzert im Kult und die Aussicht, eine Platte herauszubringen, setzt ungekannte Energien frei. Carsten telefoniert fleißig weiter, unter anderem mit einem alten Bekannten, der für den ‚Werkkreis Kultur Meschede‘ regelmäßig Rock-Cover-Bands für Gigs im örtlichen Kolpinghaus bucht. Es wird das erste Heimspiel für die Morgoth, die jetzt offiziell eine Century-Media-Band sind. Daher werden die hauseigenen Rumble Militia und Poltergeist hinzugezogen und so kann man ebenfalls vom ersten offiziellen Headliner-Gig sprechen, im Kolpinghaus in Meschede. Das fixt letztlich auch die Lokalpresse an. Holger Stratmann macht für sein Rock-Hard-Magazin vor Ort Fotos und die Westfalenpost fragt nach einem Interview inklusive Fotosession im Proberaum. Wenig später liegt das Tagespressedebüt vor.


„Zeig mal her! Ach du scheiße!“

„Was ist los? Bandname falsch geschrieben?“

„Ne, guck dir das mal an! Morgoth – Death Metal aus dem Sauerland.“

„Ist doch okay.“

„Aber sie haben das Foto von uns auf dem Blümchensofa genommen. So ein Mist! Wir sehen aus wie die letzten Deppen!“

Death Metal auf dem Blümchensofa. Mag sein, dass dieses Bild noch im Kopf herumschwirrt, als sie einige Zeit später die Treppe in ein finsteres Souterrain-Zimmer irgendwo in Dortmund hinabsteigen. Zwischen Plakaten von Christian Death, H.R. Giger und umgedrehten Kreuzen sitzt ein hagerer langhaariger Typ, der finster dreinblickt, als sie ihr Anliegen vortragen.

„Der Sound ist extrem brutal und so soll auch das Cover aussehen. So etwas wie Giger nur mit mehr Gedärmen und Blut, am besten mit Airbrush.“

„Airbrush hab ich noch nie gemacht.“

Der Typ auf dem Stuhl ihnen gegenüber heißt Axel Herrmann, er ist ein Freund von Robert Kampf und hat seine ersten Gehversuche im Coverzeichnen gerade hinter sich. Robert hatte ihn angerufen und gesagt, da sei eine Death-Metal-Band, die ein Cover für ihre erste EP benötigt. Später wird der ambitionierte junge Künstler besonders im Death-Metal-Bereich für Aufsehen sorgen, indem er Cover der ersten Unleashed-, Asphyx-, Iced Earth- und Samael-Alben kreiert, aber auch für Sodom, Edguy und Moonspell tätig ist. Als er den Sauerländern gegenübersitzt, hat Axel Herrmann bislang nur die eher im Comic-Stil gehaltenen Cover von Liar und Poltergeist gezeichnet. Die Cover, die er in den nächsten Wochen für Morgoth schaffen wird, werden auch der Beginn seiner persönlichen Karriere.


Auch Bandfotos müssen aufgenommen werden. Die derzeitige Verpflichtung eines Musikers, dem Land an der Waffe zu dienen, erzwingt den Einsatz eines Haarteils. Die Fotos von Tom Angelripper mit der legendären Topfschnittfrisur sind noch in lebhafter Erinnerung und solche Lacher will man sich nicht auf die Biografie drucken. Allerdings ist auch mit dieser Aktion eine Anekdote geboren, die die Morgother noch lange verfolgen wird.


Auf dem Weg zu der Fotosession werden sie selbst Zeuge der unbestrittenen Qualitäten ihres Labelchefs. Robert Kampf nimmt mit seinem Wagen einer Polizeistreife die Vorfahrt, der TÜV ist abgelaufen und seinen Führerschein hat er auch nicht dabei. Robert steigt aus und redet ungefähr zwanzig Sekunden, dann wird er von den Beamten mit den Worten „Herr Kampf, wir wünschen Ihnen noch einen schönen Tag“ entlassen. Rüdiger schaut zu Carsten und sagt: „Hier sind wir genau richtig!“


Der finale Mix des Demos ‚Resurrection Absurd‘ ist allerdings noch nicht von der Qualität, wie es eine Vinylpressung verlangt. Da trifft es sich gut, dass Robert in diesen Tagen auch Dirk Draeger kennen lernt, denn Despair sollen im kommenden Jahr ihr zweites Album ‚Decay Of Humanity‘, das erste ohne Robert als Sänger, aufnehmen. Hierfür hat er das Studio des renommierten Produzenten Detlef Mohrmann angemietet, der allerdings in Sachen Metal noch keine ausgewiesene Expertise besitzt. Klar ist schon seit den Aufnahmen des ersten Albums im Berliner MusicLab bei Harris Johns, dass Waldemar Sorychta nicht nur Musiker ist, sondern sich auch sehr stark am Produktionsprozess beteiligt – allerdings hat er noch keinerlei Erfahrung als Produzent. So wird Dirk von Robert beauftragt, Waldemar bei der Produktion des neuen Despair-Albums ein wenig zu unterstützen. Im Gegenzug kann er das Mohrmann-Studio bekommen, um „Resurrection Absurd“ noch einmal final zu mischen.

So ist auf dem zweiten Despair-Album ‚Decay Of Humanity‘ zu lesen, dass es von Waldemar Sorychta produziert ist, mit ‚additional help on production‘ von Dirk Draeger. Im Gegenzug hat das Booklet von ‚Resurrection Absurd‘ nun den Satz ‚Mixed at Mohrmann Studios‘ zu verweisen. Am 11. November 1989, genau am Tag des Falls der Berliner Mauer, erscheint es: Das erste Vinyl! Das schwarze Rillengold! Nur dieses Mal mit dem eigenen Namen drauf! Ab sofort herumgereicht in den Zirkeln der Szene, in Schatzkammern wie Idiots-Records, wo man ab jetzt zuerst immer zum Buchstaben ‚M‘ pilgert, nur um zu sehen, ach was, zu fühlen, dass die eigene Platte auch da ist.


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Ograniczenie wiekowe:
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Data wydania na Litres:
22 grudnia 2023
Objętość:
300 str. 134 ilustracji
ISBN:
9783944180625
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