Czytaj książkę: «Weihnachtsmärchen»
Charles Dickens
Weihnachtsmärchen
Mit 49 Zeichnungen zu den Erstausgaben
Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis
Titel
Weihnachtsmärchen
Inhalt
Vorrede
Zweite Strophe
Dritte Strophe
Vierte Strophe
Fünfte Strophe
Die Zauberglocken
Das Heimchen am Herd
Zweites Gezirp
Drittes Gezirp
Der Kampf des Lebens
Zweiter Teil
Dritter Teil
Der Verwünschte
Zweites Kapitel
Erste Strophe
Drittes Kapitel
Impressum neobooks
Weihnachtsmärchen
Neue, durchgesehene Ausgabe unter Verwendung der
Übertragungen Von Carl Kolb und Julius Seybt mit den 49
Zeichnungen zu den Erstausgaben von Richard Doyle, Edwin
Landseer, John Leech, Daniel Mclise, Clarkson Stanfiel, Frank
Stone und John Tenniel.
Orthographie und Interpunktion wurden dem heutigen Stand
Angepasst. Titel der Originalausgaben: „A christmas carol in
prose. Being a ghoststory of Christmas“ – „The chimes, a goblin
story of some bel s that rang an old year out and a new year in”
– “The cricket on the hearth” – “The battle of life” –
“The haunted man”
Sponsored
by
Santa Claus
16. Auflage
Verlag Arthur Moewig GmbH, Rastatt
September 1985
© 1976 by Verlag Arthur Moewig GmbH, Rastatt
Gesamtausstattung: Creativ Shop München
Satz: Satz + Repro Pfaff, Inning
Druck und Bindung: Salzer – Ueberreuter, Wien
Printed in Austria
ISBN 3-8118-0062-0
Inhalt
Vorrede 4
Ein Weihnachtslied in Prosa
5
Erste Strophe. Marleys Geist
6
Zweite Strophe. Der erste der drei Geister
21
Dritte Strophe. Der zweite der drei Geister
35
Vierte Strophe. Der letzte der Geister
53
Fünfte Strophe. Der Ausgang der Geschichte
65
Die Zauberglocken
71
Das erste Viertel
72
Das zweite Viertel
90
Das dritte Viertel
106
Das vierte Viertel
121
Das Heimchen am Herd
136
Erstes Gezirp
137
Zweites Gezirp
157
Drittes Gezirp
178
Der Kampf des Lebens
197
Erster Teil
198
Zweiter Teil
215
Dritter Teil
237
Der Verwünschte
255
Erstes Kapitel. Der Empfang der Gabe
256
Zweites Kapitel. Die Verbreitung der Gabe
273
Drittes Kapitel. Die Zurücknahme der Gabe
301
Vorrede
Ich habe versucht, in diesem kleinen Geisterbuch den Geist einer
Idee zu wecken, der die Leser nicht übel aunig gegen sich selbst,
gegen andere, gegen die Jahreszeit oder gegen mich machen sol .
Möge er freundlich in ihren Häusern spucken und niemand
wünschen, ihn zu vertreiben.
Ihr
Treuer Freund und Diener
C. D.
Dezember 1843
4
Ein Weihnachtslied in Prosa
Eine Geistergeschichte der Christnacht
5
Zweite Strophe
Der erste Geist
Als Scrooge wieder erwachte, war es so finster, daß er das
Fenster kaum von den Wänden seines Zimmers unterscheiden
konnte. Er bemühte sich, die Finsternis mit seinen Katzenaugen
zu durchdringen, als die Glocke eines Turmes in der
Nachbarschaft mit vier Viertelschlägen die volle Stunde
ankündigte. Er lauschte, um die Stundenschläge zu hören.
Zu seinem großen Erstaunen schlug die Glocke fort, von sechs zu
sieben, von sieben zu acht und so weiter bis zwölf; dann schwieg
sie.
Zwölf! Es war zwei vorübergewesen, als er sich zu Bett gelegt
hatte. Das Uhrwerk mußte falsch gehen.
Ein Eiszapfen mußte zwischen die Räder gekommen sein. Zwölf!
Er drückte an die Feder seiner Repetieruhr, um die verrückte
Glocke zu kontrol ieren. Ihr kleiner lebhafter Puls schlug zwölf
und schwieg.
»Was! Das ist doch nicht möglich«, sagte Scrooge. »Ich sol den
ganzen Tag und bis tief in die andere Nacht hinein geschlafen
ganzen Tag und bis tief in die andere Nacht hinein geschlafen
haben? Es kann doch nicht sein, daß der Sonne etwas passiert
und es mittags um zwölf ist?«
Mit diesen unruhigen Gedanken beschäftigt, stieg er aus dem
Bett und tappte nach dem Fenster. Er mußte das Eis erst
wegkratzen und das Fenster mit dem Ärmel seines Schlafrockes
abwischen, ehe er etwas sehen konnte; und auch nachher konnte
er nur sehr wenig sehen. Alles, was er bemerkte, war, daß es
noch sehr neblig und sehr kalt war, und daß man nicht den Lärm
hin und her eilender Leute hörte, was doch gewiß vernehmbar
gewesen wäre, wenn Nacht plötzlich den hellen Tag vertrieben
und von der Welt Besitz genommen hätte.
Das war ein großer Trost, weil Bedingungen wie »Drei Tage
nach Sicht bezahlen Sie diesen Primawechsel an Mr. Ebenezer
Scrooge oder dessen Order«
und so weiter bloße Vereinigte-Staaten-Sicherheiten wären,
wenn es keine Tage mehr gab, um danach zu zählen.
Scrooge legte sich wieder ins Bett und dachte darüber nach,
konnte aber zu keinem Schluß kommen. Je mehr er nachdachte,
desto verwirrter wurde er, und je mehr er sich bemühte nicht
nachzudenken, desto mehr dachte er nach.
Marleys Geist machte ihm viel zu schaffen. Immer, wenn er nach
reiflicher Überlegung zu dem festen Entschluß gekommen war,
das Ganze nur für einen Traum zu halten, flog sein Geist wie eine
das Ganze nur für einen Traum zu halten, flog sein Geist wie eine
starke vom Druck befreite Feder wieder in die alte Lage zurück
und legte ihm erneut dieselbe Frage vor, die er schon zehnmal
überlegt hatte: »War es ein Traum oder nicht?«
Scrooge blieb in diesem Zustand liegen, bis es wieder drei
Viertel schlug. Da besann er sich plötzlich, daß der Geist ihm
eine Erscheinung mit dem Schlag eins versprochen hatte. So
beschloß er wach zu bleiben, bis die Stunde vorüber sei, und
wenn man bedenkt, daß er ebensowenig schlafen, als in den
Himmel kommen konnte, war dies gewiß der klügste Entschluß,
den er fassen konnte.
21
Die Viertelstunde war so lang, daß es ihm mehr als einmal
vorkam, er müsse unversehens in Schlaf gefal en sein und die
Uhr überhört haben. Endlich vernahm sein lauschendes Ohr die
Glocke.
»Bim, bam!«
»Ein Viertel«, sagte Scrooge zählend.
»Bim, bam!«
»Halb«, sagte Scrooge.
»Bim, bam!«
»Bim, bam!«
»Drei Viertel«, sagte Scrooge.
»Bim, bam!« »Voll!« rief Scrooge freudig. »Und weiter nichts!«
Er sprach das, ehe die Stundenglocke schlug, was sie jetzt mit
einem tiefen, hohlen, melancholischen Klang tat. In demselben
Augenblick wurde es hel im Zimmer, und die Vorhänge seines
Bettes wurden geöffnet.
Ich sage euch, die Vorhänge seines Bettes wurden von einer
Hand weggezogen, und sich aufrichtend blickte Scrooge dem
unirdischen Gast, der sie geöffnet hatte, in das Gesicht. So dicht
stand er ihm gegenüber, wie ich jetzt im Geist neben euch stehe.
Es war eine sonderbare Gestalt, gleich einem Kind, aber doch
eigentlich nicht gleich einem Kind, sondern mehr wie ein Greis,
der durch einen wunderbaren Zauber erschien, als sei er dem
Auge entrückt und auf diese Weise so klein geworden wie ein
Kind. Sein Haar, das in langen Locken auf seine Schultern
herabwal te, war weiß, wie vom Alter, und dennoch hatte das
Gesicht keine einzige Runzel, und um das Kinn bemerkte man
den zartesten Flaum. Die Arme waren lang und muskulös, die
Hände ebenso, als läge in ihnen eine ungeheure Kraft. Seine
Füße, zart und fein geformt, waren entblößt, gleich den Armen.
Der Geist trug einen Talar vom reinsten Weiß; um seinen Leib
schlang sich ein Gürtel von wunderbarem Glanz. Er hielt einen
frisch-grünen Stechpalmenzweig in der Hand; aber in seltsamem
frisch-grünen Stechpalmenzweig in der Hand; aber in seltsamem
Widerspruch mit diesem Zeichen des Winters war das Kleid mit
Sommerblumen verziert. Das Wunderbarste aber war, daß von
seinem Scheitel ein heller Lichtstrahl in die Höhe schoß, der al es
ringsum erleuchtete, und der gewiß die Ursache war, daß der
Geist bei weniger guter Laune einen großen Löschhut, den er
jetzt unter dein Arm trug, als Mütze aufsetzte.
Aber selbst dies war nicht seine seltsamste Eigenschaft. Denn
wie der Gürtel des Geistes bald an dieser Stelle glänzte und
funkelte und bald an jener, und wie das, was im Augenblick hell
gewesen war, plötzlich dunkel wurde, so verwandelte sich auch
die Gestalt selbst, man wußte nicht wie: bald war es ein Ding mit
einem Arm, bald mit einem Bein, bald mit zwanzig Beinen, bald
sah man nur zwei Füße ohne Kopf, bald einen Kopf ohne Leib;
und wie einer dieser Teile verschwand, blieb keine Spur von ihm
in dem dichten Dunkel zurück, das ihn verschlang. Und das
größte Wunder dabei war: die Gestalt blieb immer dieselbe.
»Sind Sie der Geist, dessen Erscheinung mir vorhergesagt
wurde?« fragte Scrooge.
22
»Ich bin es.«
Die Stimme war sanft und wohlklingend und so leise, als käme
sie nicht aus dichtester Nähe, sondern aus einiger Entfernung.
»Wer und was sind Sie?« fragte Scrooge, schon etwas mehr
Mut fassend.
»Ich bin der Geist der vergangenen Weihnacht.«
»Einer lange vergangenen?« fragte Scrooge, seiner zwerghaften
Gestalt gedenkend.
»Nein, einer deiner vergangenen.«
Vielleicht hätte Scrooge, wenn ihn jemand befragt hätte, nicht
sagen können, warum, aber doch fühlte er ein ganz besonderes
Verlangen, den Geist unter seinem Hut zu sehen; und er bat ihn,
sich zu bedecken.
»Was?« rief der Geist. »Willst du so bald mit irdisch gesinnter
Hand das Licht, das ich spende, verlöschen? Ist es nicht genug,
daß du einer von denen bist, deren Leidenschaften diese Mütze
geschaffen haben und mich zwingen, durch lange, lange Jahre
meine Stirn damit zu verhüllen?«
Scrooge entschuldigte sich ehrfurchtsvoll, er habe nicht die
Absicht gehabt, ihn zu beleidigen, und behauptete, nicht zu
wissen, daß er irgend einmal in seinem Leben dem Geist Ursache
gegeben habe, sich zu bedecken. Dann war er so frei, zu fragen,
was ihn hierher führe?
»Dein Wohl«, sagte der Geist.
»Dein Wohl«, sagte der Geist.
Scrooge drückte ihm seine Dankbarkeit aus, konnte sich aber
doch nicht des Gedankens erwehren, daß ihm eine Nacht
ungestörten Schlafes mehr genützt hätte. Der Geist mußte ihn
haben denken hören, denn er sagte sogleich:
»Deine Besserung. Nimm dich in acht!«
Er streckte seine starke Hand aus, als er dies sprach, und ergriff
sanft seinen Arm.
»Steh auf und folge mir.«
Vergebens würde Scrooge eingewendet haben, Wetter und
Stunde seien schlecht geeignet zum Spazierengehen, das Bett sei
warm und das Thermometer ein gutes Stück unter dem
Gefrierpunkt, er sei nur leicht in Pantoffeln, Schlafrock und
Nachtmütze gekleidet und habe gerade jetzt den Schnupfen.
Dem Griff, war er auch sanft wie der einer Frauenhand, war
nicht zu widerstehen. Er stand auf; aber als er sah, daß der Geist
nach dem Fenster schwebte, faßte er ihn flehend bei dem
Gewand.
»Ich bin ein Sterblicher«, sagte Scrooge, »und könnte fal en.«
»Laß meine Hand dich hier berühren«, sagte der Geist, indem er
die Hand auf das Herz legte, »und du wirst größere Gefahren
die Hand auf das Herz legte, »und du wirst größere Gefahren
überwinden, als diese hier.«
Als er diese Worte gesprochen hatte, drangen die beiden durch
die Wand und standen plötzlich im Freien auf der Landstraße,
rings von Feldern umgeben. Die Stadt war ganz verschwunden.
Keine Spur war mehr davon. Die Dunkelheit und der Nebel
waren mit ihr verschwunden, denn es war jetzt ein klarer, kalter
Wintertag und der Boden mit weißem reinem Schnee bedeckt.
»Gütiger Himmel!« rief Scrooge, die Hände faltend, als er um
sich blickte.
»Hier wurde ich geboren. Hier lebte ich als Knabe.«
23
Der Geist schaute ihn mit milden Blicken an. Seine sanfte
Berührung, obgleich sie nur leise und flüchtig gewesen war, bebte
immer noch nach in dem Herzen des alten Mannes. Er fühlte, wie
tausend Düfte die Luft durchwehten, jeder mit tausend
Gedanken und Hoffnungen und Freuden und Sorgen verbunden,
die lange, lange vergessen waren.
»Deine Lippen zittern«, sagte der Geist. »Und was glänzt auf
deiner Wange?«
Scrooge murmelte mit einem ungewöhnlichen Mollton in der
Stimme, es sei ein Wärzchen, und bat den Geist, ihn zu führen,
Stimme, es sei ein Wärzchen, und bat den Geist, ihn zu führen,
wohin er wol e.
»Erinnerst du dich des Weges?« fragte der Geist.
»Ob ich mich seiner erinnere?« rief Scrooge mit Innigkeit.
»Blindlings könnte ich ihn gehen!«
»Seltsam, daß du ihn so viele Jahre hindurch vergessen hast«,
sagte der Geist.
»Komm!«
Sie schritten den Weg entlang. Scrooge erkannte jedes Tor,
jeden Pfahl, jeden Baum wieder, bis ein kleiner Marktflecken in
der Ferne mit seiner Kirche, seiner Brücke und dem hellen Fluß
erschien. jetzt kamen einige Knaben, auf zottigen Ponies reitend,
auf sie zu, die anderen Knaben in ländlichen Wagen laut zuriefen.
Al e waren gar fröhlich und laut, bis die weiten Felder so voll
heiterer Musik waren, daß die kalte, sonnige Luft lachte, sie zu
hören.
»Dies sind nur Schatten der Dinge, die da gewesen sind,« meinte
der Geist,
»sie wissen nichts von uns.«
Die fröhlichen Reisenden kamen näher, und Scrooge erkannte
sie jetzt alle und konnte sie alle beim Namen nennen. Warum
freute er sich über alle Maßen, sie zu sehen, warum wurde sein
freute er sich über alle Maßen, sie zu sehen, warum wurde sein
kaltes Auge feucht, warum frohlockte sein Herz, als sie
vorübereilten, warum wurde sein Herz weich, wie sie an den
Kreuzwegen voneinander schieden und einander fröhliche
Weihnachten wünschten?
Was gingen denn Scrooge fröhliche Weihnachten an? Der
Henker hole die fröhlichen Weihnachten! Welchen Nutzen hatte
er wohl jemals davon gehabt?
»Die Schule ist nicht ganz verlassen«, nahm der Geist wieder das
Wort. »Ein Kind, eine verlassene Waise, sitzt noch einsam dort.«
Scrooge sagte, er wisse es. Und er schluchzte.
Sie verließen nunmehr die Heerstraße auf einem wohlbekannten
Feldweg und erreichten bald ein Haus aus dunkelroten
Backsteinen mit einem kleinen Türmchen auf dem Dach und
einer Glocke drin. Es war ein großes Haus, aber jetzt
vernachlässigt und ziemlich verwahrlost, weil die geräumigen
Gemächer wenig gebraucht waren, die Wände feucht und grün,
die Fenster zerbrochen, die Türen morsch und halb zerfallen.
Hühner gluckten und scharrten in den Ställen, und der
Wagenschuppen war mit Gras überwachsen. Auch im Innern
war nichts übriggeblieben von seiner alten Pracht, denn als sie in
den verödeten Hausflur eintraten und durch die offenen Türen in
die vielen Zimmer blickten, sahen sie nur ärmlich ausgestattete,
kalte, große Räume. Ein erdiger, multriger Geruch lag in der Luft,
kalte, große Räume. Ein erdiger, multriger Geruch lag in der Luft,
eine frostige Unbehaglichkeit von allzu häufigem Aufstehen bei
Kerzenlicht und nicht al zu reichlichem Essen.
24
Der Geist ging mit Scrooge über den Hausflur nach einer Tür auf
der Rückseite des Hauses. Sie öffnete sich vor ihnen und zeigte
ihnen einen langen, kahlen, unbehaglichen Saal, den Reihen von
einfachen hölzernen Bänken noch kahler und unbehaglicher
machten.
Auf einer davon saß einsam ein Knabe neben einem schwachen
Feuer und las; und Scrooge setzte sich auf eine Bank nieder und
weinte, als er sein eigenes, vergessenes Selbst sah, wie es in
früheren Jahren war.
Kein dumpfer Widerhall in dem Haus, kein Rascheln der Mäuse
hinter dem Getäfel, kein Getröpfel des halbgefrorenen
Brunnentrogs hinten im Hof, kein Seufzer in den blattlosen
Zweigen einer verlassen trauernden Pappel, nicht das Knarren
der vom Wind hin und her bewegten Tür des Vorratshauses im
Hof, selbst nicht das Knistern des Feuers war für Scrooge
verloren. Alles fiel auf sein Herz wie erweichende Töne und löste
seine Tränen.
Der Geist berührte seinen Arm und wies auf sein jüngeres, in ein
Buch vertieftes Abbild. Plötzlich stand draußen vor dem Fenster
ein Mann in fremdartiger Tracht, mit einer Axt im Gürtel und
ein Mann in fremdartiger Tracht, mit einer Axt im Gürtel und
einen mit Holz beladenen Esel am Zaume führend.
»Was! Das ist ja Ali Baba!« rief Scrooge voller Freude aus. »Es
ist der alte, liebe, ehrliche Ali Baba. Ja, ja, ich weiß es noch.
Einst zur Weihnachtszeit geschah es, daß dieser verlassene
Knabe ganz allein hier saß, und er zum ersten Male wirklich
kam, gerade wie er dort steht. Der arme Junge! Und Valentin«,
fuhr Scrooge fort, »und auch sein wilder Bruder Orson, dort
gehen sie! Und wie heißt doch der, der mitten im Schlaf vor das
Tor von Damaskus gesetzt wurde?
Siehst du ihn nicht? Und der Stallmeister des Sultans, der von
den bösen Geistern auf den Kopf gestellt wurde, dort ist er ja
auch! Ha, ha, es geschieht ihm schon recht! Wer hieß es ihn
auch, die Prinzessin heiraten wol en!«
Scrooge mit vollem Ernst über solche Gegenstände reden zu
hören und mit einer zwischen Lachen und Weinen schwankenden
Stimme, dann auch sein vor Freude aufgeregtes Gesicht zu
sehen: das wäre für seine Geschäftsfreunde in der City gewiß
eine große Überraschung gewesen.
»Da ist ja auch der Papagei«, rief Scrooge, »der mit grünem Leib
und gelbem Schwanz, da ist er! Der arme Robinson, er rief ihn,
als er von seiner Inselumsegelung wieder nach Hause kam
›Robinson Crusoe, wo bist du gewesen?‹ Er glaubte, er träume,
aber das war der Papagei. Ha, dort läuft Freitag in der kleinen
aber das war der Papagei. Ha, dort läuft Freitag in der kleinen
Bucht. Es gilt das Leben. Hallo, hob, hal o!«
Dann sagte er mit einem schnel en Wechsel der Gefühle, der
seinem gewöhnlichen Charakter sehr fremd war: »Der arme
Knabe!«, und er weinte wieder. Dann wischte er sich mit dem
Ärmelaufschlag die Augen, steckte die Hand in die Tasche und
murmelte: »Ich wünschte - aber es ist jetzt zu spät.«
»Was willst du?« fragte der Geist.
»Nichts«, sagte Scrooge, »nichts. Gestern abend sang ein Knabe
ein Weihnachtslied vor meiner Tür. Ich wünschte, ich hätte ihm
etwas gegeben, weiter war es nichts.«
25
Der Geist lächelte gedankenvoll und winkte mit der Hand. Dann
sagte er: »Laß uns ein anderes Weihnachtsfest sehen.«
Scrooges früheres Selbst wurde bei diesen Worten größer, und
das Zimmer etwas finsterer und schwärzer, das Getäfel warf
sich, die Fensterscheiben sprangen, Stücke des Kalkbewurfs
fielen von der Decke und das bloße Lattenwerk zeigte sich: aber
wie das alles geschah, wußte Scrooge ebensowenig wie ihr. Er
wußte nur, daß alles stimmte und sich ganz so zugetragen habe,
und daß er's nun wieder sei, der dort al ein sitze, während die
andern Knaben nach Hause gereist waren zur fröhlichen
Weihnachtsfeier.
Weihnachtsfeier.
Er las nicht, sondern ging wie in Verzweiflung im Zimmer auf und
ab.
Scrooge blickte den Geist an und schaute mit einem traurigen
Kopfschütteln und in banger Erwartung nach der Tür.
Da ging sie auf und ein kleines Mädchen, viel jünger als der
Knabe, sprang herein, schlang die Arme um seinen Hals, küßte
ihn und begrüßte ihn als ihren
»lieben, lieben Bruder«.
»Ich komme, um dich mit nach Hause zu nehmen, lieber
Bruder!« sagte das Kind, fröhlich mit den Händen klatschend.
»Dich mit nach Hause zu nehmen, nach Hause, nach Hause!«
»Nach Hause, liebe Fanny?« fragte der Knabe.
»Ja!« antwortete die Kleine in überströmender Freude. »Nach
Hause und für immer! Der Vater ist so viel freundlicher als sonst,
daß es bei uns wie im Himmel ist. Eines Abends, als ich zu Bett
ging, sprach er so freundlich mit mir, daß ich mir ein Herz faßte
und ihn fragte, ob du nicht nach Hause kommen dürftest -, und
er sagte ja, und schickte mich im Wagen her, um dich zu holen.
Und du sollst jetzt dein freier Herr sein«, sagte das Kind und
blickte ihn bewundernd an, »und nicht mehr hierher
zurückkehren; aber erst sol en wir alle zusammen das
Weihnachtsfest feiern und recht lustig sein.«
»Du bist ja eine ordentliche Dame geworden, Fanny!« rief der
Knabe aus.
Sie klatschte in die Hände und lachte und versuchte, bis an
seinen Kopf zu reichen; aber sie war zu klein, und lachte wieder
und stellte sich auf die Zehen, um ihn zu umarmen. Dann zog sie
ihn in kindlicher Ungeduld zur Tür, und er begleitete sie mit
leichtem Herzen.
Eine schreckliche Stimme im Hausflur rief: »Bringt Master
Scrooges Koffer herunter!« Es war der Lehrer selbst, der
Master Scrooge mit brutal hochnäsiger Herablassung anstierte,
und ihn in großen Schrecken setzte, als er ihm die Hand drückte.
Dann führte er ihn und seine Schwester in ein feuchtes,
fröstelnerregendes Empfangszimmer, an dessen Wänden
Landkarten und in dessen Fenster die Erd- und Himmelsgloben
vor Kälte glänzten. Hier brachte er eine Flasche merkwürdig
leichten Wein und ein Stück merkwürdig schweren Kuchen
herbei und regalierte die Kinder schonend sparsam mit diesen
auserlesenen Leckerbissen. Auch schickte er eine hungrig
aussehende Magd hinaus, um dem Postillion ein Gläschen
anzubieten, wofür dieser aber mit den Worten dankte, wenn es
von demselben Faß wie das vorige sei, möchte er lieber nicht
kosten. Während dieser Zeit war Master Scrooges Koffer auf
den Wagen 26
den Wagen 26
gebunden worden, und die Kinder nahmen ohne Rührung von
dem Schulmeister Abschied, setzten sich in den Wagen und
fuhren so schnel zum Garten hinaus, daß der Reif und der
Schnee wie Schaum von den immergrünen Gebüschen
hinwegstob.
»Sie war immer ein zartes Wesen, das von einem Hauch hätte
verwelken können«, sagte der Geist. »Aber sie hatte ein großes
Herz.«
»Ja, das hatte sie«, rief Scrooge. »Ich will nicht widersprechen,
Geist. Gott verhüte es.«
»Sie starb als Frau«, sagte der Geist, »und hatte Kinder, glaube
ich.«
»Ein Kind«, antwortete Scrooge.
»Ja«, sagte der Geist. »Dein Neffe.«
Scrooge schien unruhig zu werden und antwortete kurz: »ja.«
Obgleich sie die Schule kaum einen Augenblick hinter s ich
gelassen hatten, befanden sie s ich doch plötzlich mitten in den
lebendigsten Straßen der Stadt, wo schattenhafte Fußgänger
vorübergingen, wo gespenstige Wagen und Kutschen um Platz
stritten und wo das ganze wirre Leben einer wirklichen Stadt
stritten und wo das ganze wirre Leben einer wirklichen Stadt
herrschte. Am Aufputz der Läden sah man, daß auch hier
Weihnachten war; aber es war Abend und die Straßenlaternen
brannten.
Der Geist blieb vor dem Eingang eines Lagerhauses stehen und
fragte Scrooge, ob er dies kenne.
»Ob ich es kenne?« sagte Scrooge. »Hab ich hier nicht gelernt?«
Sie traten ein. Beim Anblick eines alten Herrn in einer
Stutzperücke, der hinter einem so hohen Pult saß, daß er mit
dem Kopf hätte an die Decke stoßen müssen, wäre er zwei Zoll
größer gewesen, rief Scrooge in großer Aufregung:
»Ha, das ist ja der alte Fezziwig, Gott segne ihn, es ist Fezziwig,
wie er leibt und lebt!«
Der alte Fezziwig legte seine Feder hin und sah hinauf nach der
Uhr, deren Zeiger auf sieben stand. Er rieb die Hände, zog seine
geräumige Weste herunter, schüttelte sich vor heimlichem Lachen
von Kopf bis Fuß und rief mit einer behäbigen, voll und doch
mild tönenden heiteren Stimme: »Hallo, dort!
Ebenezer! Dick!«
Scrooges früheres Selbst, jetzt zu einem Jüngling geworden, trat
flink herein, begleitet von seinem Mitlehrling.
»Dick Wilkins, wahrhaftig!« sagte Scrooge zu dem Geist.
»Wahrhaftig, er ist es. Er war mir sehr zugetan, der Dick. Der
arme Dick! Du meine Güte!«
»Hallo, meine Burschen«, rief Fezziwig. »Feierabend heute.
Weihnachten, Dick! Weihnachten Ebenezer! Macht die Läden
zu, schnel ! Ehe einer Jack Robinson sagen kann.« So rief der
alte Fezziwig, munter die Hände zusammenschlagend.
Kaum zu glauben, wie rasch und munter die beiden Jungen
darangingen. Sie liefen mit den Läden hinaus -eins, zwei, drei -
hatten sie eingesetzt - vier, fünf, sechs - sie zugeriegelt und
zugeschraubt - sieben, acht, neun - und kamen zurück, ehe man
zwölf sagen konnte, außer Atem, wie Rennpferde.
27
»Hussahoh!« rief der alte Fezziwig, mit wunderbarer
Geschicklichkeit von seinem hohen Sessel herunterspringend.
»Aufräumen, Jungens, und macht viel Platz! Hussahoh, Dick!
Hallo, Ebenezer!«
Aufräumen! Es gab nichts, was sie nicht wegräumen wol ten
oder wegräumen konnten, wenn der alte Fezziwig zusah. Es war
in einer Minute geschehen.
Alles, was nicht niet- und nagelfest war, wurde in die Winkel
geschoben, als sei es für immer aus dem öffentlichen Dienste
geschoben, als sei es für immer aus dem öffentlichen Dienste
entlassen; der Flur wurde gekehrt und gesprengt, die Lampen
geputzt, Kohlen auf das Feuer geschüttet, und der Laden war so
behaglich, so warm und hel wie ein Ballsaal und wie man es nur
an einem Winterabend verlangen konnte.
Jetzt trat ein Fiedler mit einem Notenbuch herein, er kletterte auf
Fezziwigs hohen Stuhl, machte ihn zum Orchester und begann zu
stimmen, als hätte er fünfzigfaches Bauchweh. Dann kam Mrs.
Fezziwig, ein einziges behagliches Lächeln. Dann kamen die drei
Miss Fezziwig, freudestrahlend und liebenswürdig. Dann kamen
die sechs Jünglinge, deren Herzen s ie brachen.
Dann kamen die Burschen und Mädchen, die im Haus einen
Dienst hatten: das Hausmädchen mit ihrem Vetter, dem Bäcker,
die Köchin mit ihres Bruders vertrautem Freund, dem
Milchmann. Dann kam der Bursche von gegenüber, von dem
man sagte, er habe bei seinem Herrn knappe Kost; er versuchte,
sich hinter dem Mädchen aus dem Nachbarhaus zu verstecken,
der man nachwies, sie sei von ihrer Herrschaft an den Ohren
gezogen worden. Sie kamen alle, einer nach dem andern; einige
schüchtern, andere keck, einige mit Geschick, andere mit
Ungeschick, die zerrend und jene stoßend. Dann ging es los,
zwanzig Paare auf einmal, eine halbe Runde hin und zurück, dann
die Mitte des Zimmers hinauf und wieder herab, dann in
zärtlichen Gruppen sich drehend: das alte erste Paar immer an
der falschen Stelle, das nächste erste Paar immer zur falschen
Zeit, bis alle Paare erste waren und kein einziges mehr das letzte.
Zeit, bis alle Paare erste waren und kein einziges mehr das letzte.
Als sie so weit gekommen waren, klatschte der alte Fezziwig
zum Zeichen, daß der Tanz aus sei, in die Hände und rief
»Bravo!«, und der Fiedler senkte sein glühendes Gesicht in einen
Krug Porter, der besonders zu diesem Zweck neben ihm stand.
Aber kaum war er wieder heraus, als er, obgleich noch keine
Tänzer dastanden, wieder aufzuspielen begann, als sei der alte
Fiedler erschöpft nach Hause getragen worden und er ein ganz
frischer, entschlossen, den alten vergessen zu machen oder zu
sterben.
Dann folgten noch mehrere Tänze und Pfänderspiele und wieder
Tänze. Dann kam Kuchen und Negus und ein großes Stück
kalter Braten, und dann ein großes Stück kaltes Siedfleisch und
Fleischpasteten und viel Bier. Aber der Glanzpunkt des Abends
kam nach dem Siedfleisch, als der Fiedler (ein heller Kopf, er
kannte sein Geschäft besser, als ihr oder ich es hätte lehren
können) den Großvatertanz »Sir Roger de Coverley«zu spielen
begann. Da trat der alte Fezziwig mit Mrs. Fezziwig an, und zwar
als das erste Paar. Sie hatten ein gutes Stück Arbeit vor sich,
drei- oder vierundzwanzig Partner, Leute, mit denen nicht zu
spaßen war, Leute, die tanzen wol ten und keine Lust hatten, zu
spazieren.
28
Aber selbst wenn es zweimal, ja viermal soviel gewesen wären,
hätte es der alte Fezziwig mit ihnen aufgenommen und auch Mrs.
Fezziwig. Sie war im vollen Sinn des Wortes würdig, seine
Tänzerin zu sein. Wenn das kein großes Lob ist, so sagt mir ein
größeres und ich will es aussprechen. Von Fezziwigs Waden
schien ein eigener Glanz auszugehen. Sie leuchteten in jedem Teil
des Tanzes wie ein Paar Monde. Ihr hättet zu keiner Minute
voraussagen können, was aus ihnen in der nächsten wird. Und
als der alte Fezziwig und Mrs.
Fezziwig alle Touren des Tanzes durchgemacht hatten, sprang
Fezziwig alle Touren des Tanzes durchgemacht hatten, sprang
Fezziwig so geschickt, als zwinkere er mit den Beinen, und kam,
ohne zu wanken, wieder auf die Füße.
Mit dem Glockenschlag elf war dieser häusliche Ball zu Ende.
Mr. und Mrs.
Fezziwig stellten sich zu beiden Seiten der Tür auf, schüttelten
jedem einzelnen der Gäste die Hand zum Abschied und
wünschten ihm oder ihr fröhliche Weihnachten.
Als alles, außer den zwei Lehrlingen, fort war, wünschten sie
diesen das gleiche. So waren die heiteren Stimmen verklungen,
und die Burschen gingen in ihr Bett, das sich unter einem
Ladentisch hinten im Lagerraum befand.
Während dieser ganzen Zeit hatte sich Scrooge wie ein
Verrückter benommen.
Sein Herz und seine Seele waren bei dem Ball und seinem
früheren Selbst. Er bestätigte alles, erinnerte sich an alles, freute
sich über alles und befand sich in der seltsamsten Aufregung.
Nicht eher als bis die fröhlichen Gesichter seines früheren Selbst
und das Antlitz Dicks verschwunden waren, dachte er daran,
daß der Geist neben ihm stand und ihn anschaute, während das
Licht auf seinem Haupt in voller Klarheit brannte.
»Eine Kleinigkeit war's doch«, meinte der Geist, »diesen
närrischen Leuten solche Dankbarkeit einzuflößen.«
närrischen Leuten solche Dankbarkeit einzuflößen.«
»Eine Kleinigkeit!« gab Scrooge zurück.
Der Geist bedeutete ihm, den beiden Lehrlingen zuzuhören, die s
ich gegenseitig mit Lobpreisungen Fezziwigs überboten; und als
Scrooge das getan hatte, sprach der Geist: »Nun, ist es nicht so?
Er hat nur ein paar Pfund irdischen Mammons hingegeben;
vielleicht drei oder vier. Ist das so der Rede wert, daß er solches
Lob verdient?«
29
»Das ist's nicht«, sagte Scrooge, von dieser Bemerkung gereizt
und wie sein früheres, nicht wie sein jetziges Selbst sprechend.
»Das ist's nicht, Geist. Er hat die Macht, uns glücklich oder
unglücklich, unsern Dienst zu einer Lust oder zu einer Bürde, zu
einer Freude oder zu einer Qual zu machen. Du magst sagen,
seine Macht liege in Worten und Blicken, in so unbedeutenden
und kleinen Dingen, daß es unmöglich ist, sie herzuzählen: was
schadet das? Das Glück, das er bereitet, ist so groß, als wenn es
sein ganzes Vermögen kostete.«
Er fühlte des Geistes Blick und schwieg.
»Was gibt's?« fragte der Geist.
»Nichts, nichts«, sagte Scrooge.
»Aber doch etwas, wie?« drängte der Geist.
»Nein«, sagte Scrooge, »nein. Ich möchte nur eben jetzt ein paar
Worte mit meinem Kommis sprechen. Das ist al es.«
Sein früheres Selbst löschte gerade die Lampen aus, als er
diesen Wunsch aussprach, und Scrooge und der Geist standen
wieder im Freien.
»Meine Zeit geht zu Ende«, sagte der Geist. »Schnel !«
Dieses letzte Wort war nicht zu Scrooge oder zu jemand, den er
sehen konnte, gesprochen, aber es wirkte sofort. Denn wieder
sah Scrooge sich selbst. Er war jetzt älter geworden -. ein Mann
in der Blüte seiner Jahre. Sein Ges icht hatte noch nicht die
schroffen, rauhen Züge seiner späteren Jahre, aber schon begann
es Anzeichen der Sorge und des Geizes anzunehmen. In seinem
Auge brannte ein ruheloses, habsüchtiges Feuer, das Zeugnis gab
von der Leidenschaft, die dort Wurzeln geschlagen hatte, und
zeigte, wohin der Schatten des wachsenden Baumes fal en
würde.
Er war nicht allein, sondern saß neben einem schönen jungen
Mädchen in Trauerkleidern. In ihren Augen standen Tränen, die
in dem Licht glänzten, das von dem Geist vergangener
Weihnachten ausströmte.
»Es ist ohne Bedeutung«, sagte sie sanft, »und für Sie von gar
»Es ist ohne Bedeutung«, sagte sie sanft, »und für Sie von gar
keiner. Ein anderes Götzenbild hat mich verdrängt; und wenn es
Sie in späterer Zeit trösten und aufrecht erhalten kann, wie ich es
versucht hätte, so habe ich keine Ursache zu klagen.«
»Welches Götzenbild hätte Sie verdrängt?« erwiderte er.
»Ein goldenes.«
»Dies ist die Gerechtigkeit der Welt!« sagte er. »Gegen nichts ist
sie so hart als gegen die Armut; und nichts tadelt s ie
unnachsichtiger als das Streben nach Reichtum.«
»Sie fürchten das Urteil der Welt zu sehr«, antwortete sie sanft.
»Al e Ihre andern Hoffnungen sind in der einen aufgegangen, vor
diesem engherzigen Vorwurf gesichert zu sein. Ich habe Ihre
edleren Bestrebungen eine nach der andern verschwinden sehen,
bis Sie ganz die eine Leidenschaft, die Gier nach Gold, erfül te.
Ist es nicht so?«
»Und wenn es so wäre?« antwortete er. »Wenn ich soviel klüger
geworden wäre, was dann? Gegen Sie bin ich nie anders
geworden.«
Sie schüttelte den Kopf.
30
»Bin ich anders?«
»Unser Bund ist alt. Er wurde geschlossen, als wir beide arm und
zufrieden waren, unser Los durch ausdauernden Fleiß verbessern
zu können. Sie haben sich aber verändert! Damals, als er
geschlossen wurde, waren Sie ein anderer Mensch.«
»Ich war ein Knabe«, sagte er ungeduldig.
»Ihr eigenes Gefühl sagt Ihnen, daß Sie nicht so waren, wie Sie
jetzt s ind«, antwortete sie. »Ich bin noch dieselbe. Das, was uns
Glück versprach, als wir noch ein Herz und eine Seele waren,
muß uns Unglück bringen, da wir im Geiste nicht mehr eins sind.
Wie oft ich und wie bitter dies gefühlt habe, will ich nicht sagen;
es ist genug, daß ich es gefühlt habe und daß ich Ihnen Ihr Wort
zurückgeben kann.«
»Habe ich dies jemals verlangt?«
»In Worten? Nein. Niemals.«
»Wie dann?«
»Durch ein verändertes Wesen, durch einen andern Sinn, durch
andere Bestrebungen im Leben und durch andere Hoffnungen -
in allem, was meiner Liebe in Ihren Augen Wert gab. Wenn alles
Frühere nicht zwischen uns geschehen wäre«, sagte das
Mädchen, ihn mit sanftem, aber festem Blicke ansehend,
»würden Sie mich jetzt aufsuchen und um mich werben? Gewiß
nicht!«
nicht!«
Er schien die Wahrheit ihrer Worte wider seinen Wil en
zuzugeben. Aber er tat seinen Gefühlen Gewalt an und sagte:
»Sie glauben nicht?«
»Gern glaubte ich es, wenn ich könnte«, sagte sie, »Gott weiß es.
Wenn ich eine Wahrheit wie diese erkannt habe, weiß ich, wie
unwiderstehlich sie sein muß. Aber sol ich glauben, daß Sie ein
armes Mädchen wählen würden, wenn Sie heute oder morgen
oder gestern frei wären, Sie, der selbst in den vertrautesten
Stunden al es nach dem Gewinn mißt? Oder sol ich mir
verhehlen, daß Sie gewiß einst sich getäuscht und bittere Reue
fühlen würden, weil Sie für einen Augenblick Ihrem einzigen
leitenden Grundsatz untreu werden? Nein, und deswegen gebe
ich Ihnen Ihr Wort zurück: wil ig und um der Liebe dessentwillen
der Sie einst waren.«
Er wol te sprechen, aber mit abgewendetem Gesicht fuhr sie fort:
»Vielleicht - der Gedanke an die Vergangenheit läßt es mich fast
hoffen - wird es Sie schmerzen. Eine kurze, sehr kurze Zeit, und
Sie werden dann die Erinnerung daran fallenlassen, wie die
Gedanken an einen nichtigen Traum, aus dem zu erwachen ein
Glück für Sie war. Möge Sie alles Glück auf dem gewählten
Lebensweg begleiten!«
Sie schieden.
Sie schieden.
»Geist«, sagte Scrooge, »zeig mir nichts mehr, führ mich nach
Hause. Warum erfreust du dich daran, mich zu quälen?«
»Noch einen Schatten«, rief der Geist aus.
»Nein«, rief Scrooge. »Nein. Ich mag nichts mehr sehen. Zeig
mir nichts mehr.«
31
Aber der erbarmungslose Geist hielt ihn mit beiden Händen fest
und zwang ihn, zu betrachten, was als nächstes geschah.
Sie befanden sich an einem andern Ort, in einem Zimmer, nicht
sehr groß oder schön, aber voller Behaglichkeit. Neben dem
Kamin saß ein schönes junges Mädchen, das der, die Scrooge
soeben gesehen hatte, so ähnlich war, daß er glaubte, es sei
dieselbe, bis er diese, jetzt eine stattliche Matrone, der Tochter
gegenüber sitzen sah. In dem Zimmer war ein wahrer Aufruhr,
denn es befanden sich mehr Kinder darin, als Scrooge in seiner
Aufregung zählen konnte; und hier betrugen sich nicht vierzig
Kinder wie eins, sondern jedes Kind wie vierzig. Die Folge
davon war ein Lärm sondergleichen; aber niemand schien sich
darüber aufzuregen. im Gegenteil, Mutter und Tochter lachten
herzlich und freuten sich darüber, und die letztere, die sich bald in
die Spiele mischte, wurde von den kleinen Schelmen gar
grausam mitgenommen. Was hätte ich darum gegeben, eines
grausam mitgenommen. Was hätte ich darum gegeben, eines
dieser Kinder zu sein, obgleich ich nie so ungezogen gewesen
wäre! Nein, nein! Für al e Schätze der Welt hätte ich nicht diese
Locken zerdrückt und zerwühlt; und diesen lieben, kleinen Schuh
hätte ich nicht entwendet, selbst um mein Leben zu retten. Im
Scherz ihre Taille zu messen, wie die dreiste junge Brut tat, hätte
ich nicht gewagt aus Furcht, mein Arm würde zur Strafe krumm
und nie wieder gerade wachsen. Und doch, wie gern, ich gestehe
es, hätte ich ihre Lippen berührt; wie gern sie ausgefragt, damit
sie s ich geöffnet hätten; wie gern hätte ich die Wimpern dieser
niedergeschlagenen Augen betrachtet, ohne ein Erröten
hervorzurufen; wie gern dieses wogende Haar gelöst, von dem
eine einzige Locke ein unschätzbares Andenken gewesen wäre:
kurz, wie gern hätte ich das kleinste Vorrecht eines dieser
Kinder gehabt, mit der Bedingung, Manns genug zu bleiben, um
seinen Wert zu fühlen.
Aber jetzt wurde ein Klopfen an der Tür laut, was einen so
allgemeinen Ansturm hervorrief, daß sie mit lachendem Gesicht
und zerknülltem Kleid in der Mitte eines lärmenden Haufens nach
der Tür gedrängt wurde, dem Vater entgegen, der nach Hause
kam in Begleitung eines mit Weihnachtsgeschenken beladenen
Mannes. Aber nun das Geschrei und das Gedränge und der
Sturm auf den verteidigungslosen Träger! Wie sie an ihm auf
Stühlen hinaufstiegen, in seine Taschen guckten, die
Papierpäckchen raubten, an seiner Halsbinde zupften, an seinem
Halse hingen, ihm auf den Rücken trommelten oder an die Beine
stießen - alles in unwiderstehlicher Freude! Dann die Ausrufe der
stießen - alles in unwiderstehlicher Freude! Dann die Ausrufe der
Verwunderung und des Frohlockens, mit denen der Inhalt jedes
Päckchens begrüßt wurde! Die schreckliche Kunde, daß das
Kleinste ertappt worden sei, wie es die Puppenbratpfanne in den
Mund gesteckt und wohl gar das hölzerne Huhn samt der
Schüssel hinuntergeschluckt habe! Die große Beruhigung, als
man entdeckte, daß es falscher Alarm gewesen war! Die Freude
und die Dankbarkeit und das Entzücken! Dies alles übertrifft alle
Beschreibung. Es muß genügen, zu wissen, daß die Kinder und
ihre Freunde endlich aus dem Zimmer kamen und über eine
Treppe in den obersten Stock hinaufgingen, wo sie zu Bett
gebracht wurden und blieben.
32
Und als Scrooge jetzt sah, wie sich der Herr des Hauses, die
Tochter zärtlich an seine Seite geschmiegt, mit ihr und ihrer
Mutter an seinem eigenen Herd niedersetzte; und wie er dachte,
daß ihn ein solches Wesen ebenso lieblich und hoffnungsfroh
hätte Vater nennen und wie der Frühling im öden Winter seines
Lebens hätte sein können, da wurden seine Augen wirklich
trübe.
»Belle«, sagte der Mann, sich lächelnd zu seiner Gattin wendend,
»ich sah heut nachmittag einen alten Freund von dir.«
»Wer war es?«
»Rate mal.«
»Wie kann ich das? Ach, jetzt weiß ich schon«, fügte sie sogleich
hinzu, lachend, und auch er lachte. »Mr. Scrooge.«
»Ja, Mr. Scrooge. Ich ging an seinem Kontorfenster vorüber;
und da kein Laden davor war und Licht brannte, mußte ich ihn
sehen. Sein Kompagnon liegt im Sterben, hörte ich, und er war
sehen. Sein Kompagnon liegt im Sterben, hörte ich, und er war
allein. Ganz allein in der weiten Welt, glaube ich.«
»Geist«, rief Scrooge mit bebender Stimme, »führe mich weg
von diesem Ort.«
»Ich sagte dir, daß dies Schatten gewesener Dinge sind«, sagte
der Geist. »Gib nicht mir die Schuld, daß sie sind, wie sie sind.«
»Führe mich weg«, rief Scrooge aus. »Ich kann es nicht
ertragen.«
Er wandte sich dem Geist zu, und wie er sah, daß er ihn mit
einem Gesicht anblickte, in dem sich auf eine seltsame Weise all
die Gesichter zeigten, die er bisher gesehen hatte, rang er mit
ihm.
»Verlaß mich, führ mich weg. Verfolge mich nicht länger.«
In dem Kampf, wenn es ein Kampf genannt werden kann, wie
der Geist, ohne sichtbaren Widerstand seinerseits, von den
Angriffen seines Gegners unberührt blieb, bemerkte Scrooge,
daß das Licht auf seinem Haupt hoch und hel brannte, und in
einem dunklen instinktiven Gefühl jenes Licht sei mit des Geistes
Einfluß auf ihn verbunden, ergriff er den Löschhut und stülpte ihn
auf des Geistes Haupt.
Der Geist sank zusammen, so daß der Löschhut seine ganze
Gestalt bedeckte; aber obgleich Scrooge ihn mit seiner ganzen
Kraft niederdrückte, konnte er das 33
Licht nicht ganz verbergen, das darunter hervor- und mit hellem
Schimmer über den Boden floß.
Er fühlte sich erschöpft und von einer unüberwindlichen
Schläfrigkeit befallen und wußte, daß er in seinem eigenen
Schlafzimmer war. Er gab dem Löschhut einen letzten Druck und
fand kaum Zeit, in das Bett zu wanken, bevor er in tiefen Schlaf
sank.
34
Dritte Strophe
Der zweite Geist
Scrooge erwachte mitten in einem tüchtigen Geschnarche und
setzte sich im Bett auf; um seine Gedanken zu sammeln. Diesmal
hatte niemand nötig, ihm zu sagen, daß es gerade eins sei. Er
fühlte, daß er just zu der rechten Zeit und zu dem ausdrücklichen
Zweck erwacht sei, um eine Zusammenkunft mit dem zweiten an
ihn durch Jacob Marleys Vermittlung abgesandten Boten zu
haben.
Aber bei dem Gedanken, welche seiner Bettgardinen das neue
Gespenst wohl zurückschlüge, wurde es ihm ganz unheimlich
kalt, und so schlug er sie mit seinen eigenen Händen zurück.
Dann legte er s ich wieder zurück und beschloß, genau
aufzupassen, denn er wol te den Geist in dem Augenblick seiner
Erscheinung anrufen und wünschte nicht überrascht und
erschreckt zu werden.
Leute von keckem Mut, die sich schmeicheln, es schon mit
etwas aufnehmen zu können und immer an ihrem Platz zu sein,
drücken den weiten Bereich ihrer Fähigkeiten mit den Worten
aus: Sie wären gut für al es, vom Brotessen bis zum
Menschenverschlingen, da zwischen beiden Extremen ohne
Zweifel ziemlich viel Gelegenheit zur Betätigung ihrer Kräfte liegt.
Zweifel ziemlich viel Gelegenheit zur Betätigung ihrer Kräfte liegt.
Ohne gerade zu behaupten, daß es Scrooge so weit gebracht
hätte, muß ich doch von dem Leser den Glauben fordern, daß er
auf eine recht schöne Auswahl von Erscheinungen gefaßt war
und daß ihn nichts zwischen einem Wickelkind und einem
Rhinozeros al zusehr in Verwunderung gesetzt hätte.
Eben weil er beinahe auf alles gefaßt war, war er nicht
vorbereitet, nichts zu sehen; und daher überfiel ihn ein heftiges
Zittern, als die Glocke eins schlug und keine Gestalt erschien.
Fünf Minuten, zehn Minuten, eine Viertelstunde vergingen, aber
es kam nichts. Die ganze Zeit über lag er auf seinem Bett, dem
Kern und Mittelpunkt eines rötlichen Lichtes, das sich darüber
ergoß, als die 35
Glocke die Stunde verkündete, und das, weil es nur Licht war,
viel beunruhigender als ein Dutzend Geister war, da es ihn
unmöglich erraten ließ, was es bedeute oder was es wol e. Ja, er
fürchtete zuweilen, er könnte in diesem Augenblick ein
merkwürdiger Fall von Selbstentzündung sein, ohne den Trost zu
haben, es zu wissen. Endlich jedoch fing er an zu begreifen, daß
die Quelle dieses geisterhaften Lichtes wohl in dem anliegenden
Zimmer sei, aus dem es bei näherer Betrachtung zu strömen
schien. Wie dieser Gedanke die Herrschaft über seine Seele
bekommen hatte, stand er leise auf und schlich in den Pantoffeln
nach der Tür.
In demselben Augenblick, wo sich Scrooges Hand auf die
In demselben Augenblick, wo sich Scrooges Hand auf die
Klinke legte, rief ihn eine fremde Stimme bei Namen und hieß ihn
eintreten. Er gehorchte.
Es war sein eigenes Zimmer. Daran ließ sich nicht zweifeln. Aber
eine wunderbare Umwandlung war mit ihm vorgegangen. Wände
und Decke waren ganz mit grünen Zweigen bedeckt, daß es
aussah wie eine Laube, in der überall glänzende Beeren
schimmerten. Die glänzenden, starren Blätter der Stechpalme,
der Mistel und des Efeus warfen das Licht zurück und erschienen
wie ebenso viele kleine Spiegel. Eine so gewaltige Flamme
loderte die Esse hinauf, wie sie dieses Spottbild eines Kamines
zu Scrooges oder Marleys Zeit seit vielen, vielen Wintern nicht
gekannt hatte. Auf dem Fußboden waren zu einer Art von Thron
Truthähne, Gänse, Wildbret, große Braten, Spanferkel, lange
Reihen von Würsten, Pasteten, Plumpuddings, Austerfäßchen,
glühende Kastanien, rotbäckige Äpfel, saftige Orangen,
appetitliche Birnen, ungeheure Stollen und siedende
Punschbowlen aufgehäuft, die das Zimmer mit köstlichem
Geruch erfül ten. Auf diesem Thron saß behaglich und mit
fröhlichem Angesicht ein Riese, gar herrlich anzuschauen. In der
Hand trug er eine brennende Fackel, fast wie ein Füllhorn
gestaltet, und hielt s ie steil in die Höhe, um Scrooge damit zu
beleuchten, wie er in das Zimmer guckte.
»Nur herein«, rief der Geist. »Nur herein, und lerne mich besser
kennen.«
Scrooge trat schüchtern ein und senkte das Haupt vor dem
Geiste. - Er war nicht mehr der hartfühlende, nichtsscheuende
Scrooge von früher, und obgleich des Geistes Augen hell und
mild glänzten, wünschte er ihnen doch nicht zu begegnen.
»Ich bin der Geist der diesjährigen Weihnachtsnacht«, sagte die
Gestalt. »Sieh mich an.«
Scrooge tat es mit ehrfurchtsvollem Blick. Der Geist war
gekleidet in ein einfaches, dunkelgrünes Gewand, mit weißem
Pelz verbrämt. Die breite Brust war entblößt, als verschmähe sie,
sich zu verstecken. Auch die Füße waren bloß und schauten
unter den weiten Falten des Gewandes hervor; und das Haupt
hatte keine andere Bedeckung, als einen Stechpalmenkranz, in
dem hie und da Eiszapfen glänzten. Seine dunkelbraunen Locken
wallten fessel os auf die Schultern. Sein munteres Gesicht, sein
glänzendes Auge, seine fröhliche Stimme, sein ungezwungenes
Benehmen, alles sprach von Offenheit und 36
heiterem Sinn. Um den Leib trug er eine alte Degenscheide
gegürtet; aber sie war von Rost zerfressen und kein Schwert
steckte darin.
»Du hast meinesgleichen nie vorher gesehen«, rief der Geist.
»Niemals«, entgegnete Scrooge.
»Hast dich nie mit den jüngern Gliedern meiner Familie
»Hast dich nie mit den jüngern Gliedern meiner Familie
abgegeben; ich meine (denn ich bin sehr jung) meine älteren
Brüder, die in den vergangenen Jahren geboren worden sind?«
fuhr das Phantom fort.
»Ich glaube nicht«, sagte Scrooge. »Doch es tut mir leid, es nicht
getan zu haben. Hast du viele Brüder gehabt, Geist?«
»Mehr als achtzehnhundert«, sagte dieser.
»Eine schrecklich große Familie, wenn man für sie zu sorgen
hat«, murmelte Scrooge.
Der Geist der diesjährigen Weihnacht erhob sich.
»Geist«, sagte Scrooge demütig, »führe mich, wohin du willst.
Gestern Nacht wurde ich durch Zwang hinausgeführt und mir
wurde eine Lehre gegeben, die jetzt Wirkung zeigt. Heute bin ich
bereit zu folgen, und wenn du mich etwas zu lehren hast, will ich
gern hören.«
»Berühre denn mein Gewand.«
Scrooge tat wie ihm geheißen und hielt es fest.
Stechpalmen, Misteln, rote Beeren, Efeu, Truthähne, Gänse,
Spanferkel, Braten, Würste, Austern, Pasteten, Puddings,
Früchte und Punsch, al es verschwand blitzschnell. Auch das
Zimmer verschwand, das Feuer, der rötliche Schimmer, die
Zimmer verschwand, das Feuer, der rötliche Schimmer, die
nächtliche Stunde, und sie standen in den Straßen der Stadt, am
Morgen des Weihnachtstages, wo die Leute - denn es war sehr
kalt - eine rauhe, aber fröhliche und nicht unangenehme Musik
machten, indem sie den Schnee von dem Straßenpflaster und
den Dächern der Häuser zusammenfegten. Und daneben standen
die Kinder und freuten sich und kreischten, wenn die
Schneelawinen von den Dächern herunterstürzten und in
künstliche Schneestürme zerstoben.
Die Häuser erschienen schwarz und die Fenster noch schwärzer,
verglichen mit der faltenlosen, weißen Schneedecke auf den
Dächern und dem schmutzigeren Schnee auf den Straßen. Dort
war er von den schweren Rädern der Wagen und Karren in tiefe
Furchen gepflügt; Furchen, die sich hundert- und aberhundertmal
kreuzten, wo eine Straße abging, und die in dem dicken, gelben
Schmutz und halberstarrten Wasser labyrinthische Gerinnsel
bildeten. Der Himmel war trübe, und selbst die kürzesten
Straßen schienen sich in einem dicken Nebel zu verlieren, dessen
schwerere Teile in einem rußigen Regen niederfielen, als hätten
alle Essen von England s ich auf einmal entzündet und qualmten
jetzt nach Herzenslust. Es war in der ganzen Umgebung nichts 37
Heiteres, und doch lag etwas in der Luft, was die klarste
Sommerluft und die hellste Sommersonne nicht hätten verbreiten
können.
Denn die Leute, die den Schnee von den Dächern schaufelten,
waren lustig und mutwilliger Laune. Sie riefen von den Dächern
waren lustig und mutwilliger Laune. Sie riefen von den Dächern
einander zu und wechselten dann und wann einen Schneeball -
ein Pfeil, der harmloser war als manches Wort - und lachten
herzlich, wenn er traf, und nicht minder herzlich, wenn er fehlging.
Die Läden der Geflügelhändler waren noch halb offen und die
der Fruchthändler strahlten in heller Freude. Da sah man - als
wären es Westen lustiger alter Herren - große runde,
dickbäuchige Körbe mit Kastanien an den Türen lehnen oder in
ihrem apoplektischen Überfluß auf die Straße rol en. Da sah man
braune, umfangreiche, spanische Zwiebeln, in ihrer Fettigkeit
spanischen Mönchen gleichend und mutwil ig den Mädchen
winkend, die vorübergingen und verschämt nach dein
Mistelzweig schielten. Da sah man Birnen und Äpfel zu
Pyramiden aufeinandergepackt: Trauben, die der Kaufmann in
seiner Gutmütigkeit recht augenfällig im Gewölbe hängen ließ,
daß den Vorübergehenden der Mund gratis wässerte, Haufen
von Haselnüssen, bemoost und braun, mit ihrem frischen Duft an
vergangene Streifzüge im Wald durch das raschelnde, fußhohe,
welke Laub erinnernd, Norfolk-Biffins, fett und kraus, mit ihrer
Bräune von den gelben Orangen abstechend und gar dringlich
bittend, daß man sie nach Hause trage und nach Tische esse. Ja,
selbst die Gold-und Silberfische, die in einem Glase mitten unter
den erlesenen Früchten standen, schienen zu wissen, daß etwas
Besonderes los sei, obgleich sie von einem dick- und kaltblütigen
Geschlecht waren, und schwammen um ihre kleine Welt in
langsamer und leidenschaftsloser Bewegung.
Ach die Kolonialwarenläden! Fast geschlossen waren sie,
Ach die Kolonialwarenläden! Fast geschlossen waren sie,
vielleicht ein oder zwei Laden vorgesetzt: aber welche
Herrlichkeiten sah man durch diese Öffnungen! Nicht al ein, daß
die Waagschalen mit fröhlichem Klingklang auf dem Ladentisch
rumorten, oder daß der Bindfaden so munter von seiner Rolle
schnurrte, oder daß die Büchsen blitzschnell hin und her fuhren
wie durch Zauberei, oder daß der Mischgeruch von Kaffee und
Tee der Nase so wohl tat, nicht daß die Rosinen so
wunderschön, die Mandeln so außerordentlich weiß, die
Zimtstengel so lang und gerade, die andern Gewürze so köstlich,
die eingemachten Früchte so dick mit geschmolzenem Zucker
belegt waren, daß der kälteste Zuschauer entzückt wurde; nicht
al ein, daß die Feigen so saftig und fleischig waren, oder daß die
Brignolen in bescheidener Koketterie in ihren verzierten Büchsen
erröteten, oder daß alles so gut zu essen oder so schön in seinem
Weihnachtskleid war: das war es nicht al ein. Die Kaufenden
waren auch alle so eifrig und eilig in der Vorfreude auf das Fest,
daß sie in der Türe gegeneinanderrannten, wie von Sinnen mit
ihren Körben zusammenstießen und ihre Einkäufe vergaßen und
wieder zurückliefen, um sie zu holen, und tausend ähnliche
Irrtümer in der bestmöglichen Laune begingen, während der
Kaufmann und seine Leute so frisch und froh waren, daß die
blanken Herzen, die ihre Schürzen hinten zusammenhielten, ihre
eigenen hätten sein können.
38
Aber bald riefen die Glocken nach den Kirchen und den
Aber bald riefen die Glocken nach den Kirchen und den
Kapellen, und die Leute gingen in ihren besten Kleidern und
ihren feiertäglichsten Gesichtern durch die Straßen. Und zu
derselben Zeit strömten aus den Nebenstraßen und Gäßchen und
namenlosen Winkeln zahllose Leute, die ihr Mittagessen in die
Backstuben trugen. Der Anblick dieser Armen und doch so
Glücklichen schien des Geistes Teilnahme am meisten zu erregen,
denn er blieb mit Scrooge neben eines Bäckers Tür stehen, und
während er die Deckel von den Schüsseln nahm, als die Träger
vorübergingen, bestreute er ihr Mahl mit Weihrauch seiner
Fackel. Und es war eine gar wunderbare Fackel, denn ein
paarmal, als einige von den Leuten zusammengerannt waren und
darüber heftige Worte fielen, besprengte er sie mit etlichen
Tropfen Tau daraus, und ihre gute Laune war augenblicklich
wiederhergestel t. Denn sie sagten, es sei eine Schande, sich am
Weihnachtstag zu zanken.
Jetzt schwiegen die Glocken, und die Läden der Bäcker wurden
geschlossen: und doch schwebte noch ein Schatten von al en
diesen Mittagessen und dem Fortgang ihrer Zubereitung in dem
getauten, nassen Fleck über jedem Ofen; und vor ihnen rauchte
das Pflaster, als kochten selbst die Steine.
»Ist eine besondere Kraft in dem, was deine Fackel ausstreut?«
fragte Scrooge.
»Ja. Meine eigene.«
»Und wirkt sie auf jedes Mittagsmahl an diesem Tag?« fragte
Scrooge.
»Auf jedes, sofern es gern gegeben wird. Auf ein ärmliches am
meisten.«
»Warum auf ein ärmliches am meisten?«
»Weil das meiner Kraft am meisten bedarf«
»Geist«, sagte Scrooge nach kurzem Nachdenken, »mich
wundert's, daß du von allen Wesen auf den vielen Welten um uns
herum wünschen sol test, diesen Leuten die Gelegenheit eines
unschuldigen Genusses zu rauben.«
»Ich?« rief der Geist.
»Du willst ihnen die Mittel nehmen, jeden siebten Tag zu Mittag
zu essen, und doch ist das der einzige Tag, wo sie überhaupt zu
Mittag essen können«, sagte Scrooge.
»Ich?« rief der Geist.
»Du willst doch Backstuben und ähnliche Plätze am siebten Tag
geschlossen halten - das kommt doch auf dasselbe heraus.«
»Ich?« rief der Geist.
»Verzeih mir, wenn ich unrecht habe. Es ist in deinem Namen
»Verzeih mir, wenn ich unrecht habe. Es ist in deinem Namen
geschehen oder wenigstens in dem deiner Familie«, sprach
Scrooge.
»Es gibt Menschen auf Eurer Erde«, entgegnete der Geist, die
uns kennen wol en und die ihre Taten des Stolzes, der Mißgunst,
des Hasses, des Neides, 39
des Fanatismus und der Selbstsucht in unserm Namen tun; die
uns in allem, was zu uns gehört, so fremd sind, als hätten sie nie
gelebt. Bedenke dies und schreibe ihre Taten ihnen selbst zu und
nicht uns.«
Scrooge versprach es, und sie gingen weiter in die Vorstadt,
unsichtbar wie bisher. Es war eine wunderbare Eigenschaft des
Geistes (Scrooge hatte sie bei dem Bäcker bemerkt), daß er, bei
seiner riesenhaften Gestalt, doch überal leicht Platz fand, und daß
er unter einem niedrigen Dach ebenso schön und gleich einem
übernatürlichen Wesen dastand, wie in einem geräumigen, hohen
Saal.
Vielleicht war es die Freude, die der gute Geist darin fühlte,
diese Macht zu zeigen, viel eicht auch seine warmherzige,
freundliche Natur und seine Teilnahme mit allen Armen, was ihn
freundliche Natur und seine Teilnahme mit allen Armen, was ihn
gerade zu Scrooges Kommis führte: denn er ging wirklich hin und
nahm Scrooge mit, der sich an seinem Gewand festhielt. Auf der
Schwel e stand der Geist lächelnd still und segnete Bob Cratchits
Wohnung mit dem Tau seiner Fackel. Denkt doch! Bob hatte
nur fünfzehn ›Bobs‹ die Woche; er steckte sonnabends nur
fünfzehn seiner Namensvettern in die Tasche, und doch segnete
der Geist der dies jährigen Weihnacht sein Haus.
Im Zimmer stand Mr. Cratchits Frau in einem ärmlichen, zweimal
gewendeten Kleid, schön aufgeputzt mit Bändern, die billig sind,
aber für sechs Pence hübsch genug aussehen. Sie deckte den
Tisch, und Belinda, ihre zweite Tochter, half ihr dabei, während
Master Peter mit der Gabel in eine Schüssel voll Kartoffeln stach
und die Spitzen seines ungeheuren Hemdkragens (Bobs
Privateigentum, seinem Sohn und Erben zu Ehren des Festes
geliehen) in den Mund nahm, voller Stolz, so schön angezogen zu
sein, und voll Sehnsucht, sein weißes Hemd in den fashionablen
Parks zur Schau zu tragen. jetzt kamen die zwei kleinen
Cratchits, ein Mädchen und ein Knabe, hereingesprungen und
schrien, daß sie an des Bäckers Tür die gebratene Gans
gerochen und gewußt hätten, es sei ihre eigene, und in freudigen
Träumen von Salbei und Zwiebeln tanzten sie um den Tisch und
erhoben Master Peter Cratchit bis in den Himmel, während er
(aber gar nicht stolz, obgleich ihn der Hemdkragen fast erstickte)
in das Feuer blies, bis die Kartoffeln hochquollen und an den
Topfdeckel klopften, daß man sie herauslassen und schälen
möge.
möge.
»Wo nur der Vater bleibt?« fragte Mrs. Cratchit.
Und dein Bruder Tiny Tim; und Martha kam vorige Weihnachten
eine halbe Stunde früher.«
»Hier ist Martha, Mutter«, sagte ein Mädchen, zur Tür
hereintretend.
»Hier ist Martha, Mutter«, riefen die beiden kleinen Cratchits.
»Hurra, so eine Gans, Martha!«
»Gott grüß dich, liebes Kind! Wie spät du kommst!« sagte Mrs.
Cratchit, sie mehrmals küssend und ihr mit zutulichem Eifer Schal
und Hut abnehmend.
40
»Wir hatten gestern abend viel zurecht zu machen«, antwortete
das Mädchen,
»und mußten heute mit al em fertig werden, Mutter.«
»Nun, es schadet nichts, da du doch da bist«, sagte Mrs.
Cratchit. »Setz dich ans Feuer, liebes Kind, und wärme dich.«
»Nein, nein, der Vater kommt«, riefen die beiden kleinen
Cratchits, die überall zu gleicher Zeit waren. »Versteck dich,
Martha, versteck dich!«
Martha, versteck dich!«
Martha versteckte sich, und jetzt trat Bob herein, der Vater.
Wenigstens drei Fuß, ungerechnet der Fransen, hing der Schal
auf seine Brust herab, und die abgetragenen Kleider waren
geflickt und gebürstet, um ihnen ein Ansehen zu geben. Tiny Tim
saß auf seiner Schulter. Der arme Tiny Tim! Er trug eine kleine
Krücke, und seine Glieder wurden von eisernen Schienen
gestützt.
»Nun, wo ist unsere Martha?« rief Bob Cratchit und schaute im
Zimmer herum.
»Sie kommt nicht«, sagte Mrs. Cratchit.
»Sie kommt nicht?« sagte Bob mit einem plötzlichen Absinken
seiner fröhlichen Laune; denn er war den ganzen Weg von der
Kirche Tims Pferd gewesen und in vollem Laufe nach Hause
gerannt. »Sie kommt nicht zum Weihnachtsabend?«
Martha wol te ihm keinen Schmerz verursachen, selbst nicht aus
Scherz, und so trat sie hinter der Tür hervor und schlang die
Arme um seinen Hals, während die beiden kleinen Cratchits sich
Tiny Tims bemächtigten und ihn nach dem Waschhaus trugen,
damit er den Pudding im Kessel singen höre.
»Und wie hat sich der kleine Tim aufgeführt?« fragte Mrs.
Cratchit, als sie Bob wegen seiner Leichtgläubigkeit geneckt und
Bob seine Tochter nach Herzens lust geküßt hatte.
Bob seine Tochter nach Herzens lust geküßt hatte.
»Wie ein Goldkind«, sagte Bob, »und noch besser. Ich weiß
nicht, wie es kommt, aber er wird jetzt so träumerisch vom
Alleinsitzen und sinnt sich die seltsamsten Dinge zurecht. Heute,
als wir nach Hause gingen, sagte er, er hoffe, die Leute sähen ihn
in der Kirche, denn er sei ein Krüppel, und es wäre vielleicht gut
für sie, sich am Christtag an den zu erinnern, der einst Lahme
gehen und Blinde sehen machte.«
Bobs Stimme zitterte, als er dies sagte, und zitterte noch mehr,
als er hinzufügte, daß Tiny Tim stärker und gesünder werden
würde.
Man hörte jetzt seine kleine Krücke auf dem Fußboden, und ehe
noch mehr gesprochen ward, war Tim wieder da und wurde von
seinem Bruder und seiner Schwester nach seinem Stuhl neben
dem Feuer geführt. Während jetzt Bob, seine Rockaufschläge
zur Schonung in die Höhe krempelnd - als ob es möglich
gewesen wäre, sie noch mehr abzutragen -, in einer Bowle aus
Gin und Zitronen eine heiße Mischung zubereitete und sie
umrührte und wieder an das Feuer setzte, damit s ie s ich warm
halte, gingen Master Peter und die zwei 41
allgegenwärtigen kleinen Cratchits die Gans holen, mit der sie
bald in feierlichem Zug zurückkehrten.
Daraufhin erhob sich ein solcher Lärm, als wäre eine Gans der
Daraufhin erhob sich ein solcher Lärm, als wäre eine Gans der
seltenste al er Vögel, ein gefiedertes Wunder, gegen das ein
schwarzer Schwan etwas ganz Gewöhnliches ist - und wirklich
war sie es auch in diesem Hause. Mrs. Cratchit ließ die
Bratenbrühe aufwallen, Master Peter schmorte die Kartoffeln mit
unglaublichem Eifer, Miß Belinda machte die Apfelsauce süß,
Martha wischte die gewärmten Tel er ab, Bob nahm Tiny Tim
neben sich in eine behagliche Ecke am Tisch, die beiden kleinen
Cratchits stellten die Stühle zurecht, wobei sie sich nicht
vergaßen, und nahmen ihren Posten ein, den Löffel in den Mund
steckend, um nicht nach Gans zu schreien, ehe die Reihe an sie
kam. Endlich wurde das Gericht aufgetragen und das Tischgebet
gesprochen. Darauf folgte eine atemlose Pause, als Mrs. Cratchit
das Vorschneidemesser langsam von der Spitze bis zum Heft
betrachtete und sich anschickte, es der Gans in die Brust zu
stoßen. Aber, als s ie es tat und sich der langerwartete Strom der
Füllung ergoß, ertönte um den ganzen Tisch ein freudiges
Gemurmel, und selbst Tiny Tim, durch die beiden kleinen
Cratchits in Feuer gebracht, schlug mit dem Heft seines Messers
auf den Tisch und rief ein schwaches Hurra.
Nie hatte es so eine Gans gegeben. Bob sagte, er glaube nicht,
daß jemals eine solche Gans gebraten worden sei. Ihre Zartheit
und ihr Fett, ihre Größe und ihre Billigkeit waren der Gegenstand
allgemeiner Bewunderung. Mit Hilfe der Apfelsauce und der
geschmorten Kartoffeln gab sie ein hinreichendes Mahl für die
ganze Familie. Und als Mrs. Cratchit einen einzigen kleinen
Knochen noch auf der Schüssel liegen sah, sagte sie mit großer
Knochen noch auf der Schüssel liegen sah, sagte sie mit großer
Freude, sie hätten doch nicht alles aufgegessen! Aber jeder von
ihnen hatte genug, und die kleinen Cratchits waren bis an die
Augenbrauen mit Salbei und Zwiebeln eingesalbt. jetzt wurden
die Teller von Miß Belinda gewechselt, und Mrs. Cratchit verließ
das Zimmer allein, denn sie war zu unruhig, Zeugen dulden zu
können, wenn sie den Pudding herausnahm und hereinbrachte.
Wenn er nicht ausgebacken wäre! Wenn er beim Herausnehmen
in Stücke zerfiele! Wenn jemand über die Mauer des
Hinterhauses geklettert wäre und ihn gestohlen hätte, während
sie sich an der Gans erquickten - ein Gedanke, bei dem die
beiden kleinen Cratchits vor Schrecken bleich wurden.
Hallo, eine Dampfwolke! Der Pudding war aus dem Kessel
genommen. Ein Geruch, wie an einem Waschtag! Das war die
Serviette. Ein Geruch wie in einem Speisehaus, mit einem
Pastetenbäcker auf der einen und einer Wäscherin auf der
andern Seite! Das war der Pudding. Nach einer halben Minute
trat Mrs.
Cratchit herein, aufgeregt, aber stolz lächelnd und vor sich den
Pudding haltend, hart und fest wie eine gefleckte Kanonenkugel,
in einem Viertelquart Rum flammend und in der Mitte mit der
festlichen Stechpalme geschmückt.
Oh, welch wunderbarer Pudding! Bob Cratchit erklärte mit
ruhiger und sicherer Stimme, er halte das für das größte
Kochkunststück, das Mrs. Cratchit 42
Kochkunststück, das Mrs. Cratchit 42
seit ihrer Heirat geliefert habe. Mrs. Cratchit meinte, da die Last
von ihrem Herzen sei, wol e sie nur gestehen, daß sie wegen der
Menge des Mehls gar sehr in Angst gewesen sei. jeder hatte
darüber etwas zu sagen, aber keiner sagte oder dachte, es sei
doch ein zu kleiner Pudding für eine so große Familie. Das wäre
offenbare Ketzerei gewesen. jeder Cratchit würde sich geschämt
haben, an so etwas nur zu denken.
Endlich waren sie mit dem Essen fertig, der Tisch war
abgedeckt, der Herd gesäubert und das Feuer geschürt. Das
Gemisch im Krug wurde gekostet und für fertig erklärt, Äpfel
und Apfelsinen auf den Tisch gesetzt und ein paar Hände voll
Kastanien auf das Feuer geschüttet. Dann setzte sich die ganze
Familie Cratchit um den Kamin in einem Kreis, wie es Bob
Cratchit nannte, obgleich es eigentlich nur ein Halbkreis war,
Bob in die Mitte und neben ihm der Gläservorrat der Familie:
zwei Paßgläser und ein Milchkännchen ohne Henkel.
Diese Gefäße aber hielten das heiße Gemisch aus dem Krug so
gut, als wären es goldene Pokale gewesen, und Bob schenkte
mit strahlenden Blicken ein, während die Kastanien auf dem
Feuer spuckten und platzten. Dann schlug Bob den Toast vor.
»Uns allen eine fröhliche Weihnacht, meine Lieben! Gott segne
uns!«
Die ganze Familie wiederholte den Toast.
»Gott segne jeden von uns!« sagte Tiny Tim, der letzte von al en.
Er saß dicht neben dem Vater auf seinem Stühlchen, Bob hielt
seine kleine welke Hand in der seinigen, als ob er das Kind liebte
und wünschte, es bei sich zu behalten, aber fürchte, es könnte
ihm bald genommen werden.
»Geist«, sprach Scrooge mit einer Teilnahme, wie er sie noch nie
empfunden hatte, »sag mir, wird Tiny Tim am Leben bleiben?«
»Ich sehe einen leeren Stuhl in der Kaminecke«, antwortete der
Geist, »und eine Krücke ohne Besitzer, sorgfältig aufbewahrt.
Wenn die Zukunft diese Schatten nicht ändert, wird das Kind
sterben.«
»Nein, nein«, drängte Scrooge. »Ach nein, guter Geist, sag, daß
es am Leben bleiben wird.«
»Wenn die Zukunft diese Schatten nicht verändert«, antwortete
der Geist abermals, »wird kein anderer meines Geschlechtes das
Kind noch hier finden.
Was tut es auch? Wenn es sterben muß, ist es besser, es tue es
gleich und vermindere die überflüssige Bevölkerung.«
Scrooge senkte das Haupt, da er seine eigenen Worte von dem
Geist hörte, und fühlte sich überwältigt von Reue und Schmerz.
Geist hörte, und fühlte sich überwältigt von Reue und Schmerz.
»Mensch«, sprach der Geist, »wenn du ein menschliches Herz
hast und kein steinernes, so hüte dich, so heuchlerisch zu reden,
bis du weißt, was und wo dieser Überfluß ist. Willst du
entscheiden, welche Menschen leben, welche 43
Menschen sterben sol en? Vielleicht bist du in den Augen des
Himmels unwürdiger und unfähiger zu leben als Millionen gleich
dieses armen Mannes Kind. O Gott! Solch Gewürm auf einem
Blättlein reden zu hören über zuviel Leben unter seinen hungrigen
Brüdern im Staub!«
Scrooge nahm des Geistes Vorwurf demütig hin und schlug die
Augen nieder, aber er blickte schnel wieder in die Höhe, als er
seinen Namen nennen hörte.
»Es lebe Mr. Scrooge!« sagte Bob, »Mr. Scrooge, der Schöpfer
dieses Festes!«
»Der Schöpfer dieses Festes, wahrhaftig!« rief Mrs. Cratchit mit
glühendem Gesicht. »Ich wol te, ich hätte ihn hier. Ich wol te ihm
ein Stück von meiner Meinung zu kosten geben, und ich hoffe,
sie würde ihm schmecken.«
»Liebe Frau«, sagte Bob beschwichtigend, »die Kinder! - Es ist
Weihnachten.«
»Freilich muß es Weihnachten sein«, sagte sie, »wenn man auf
»Freilich muß es Weihnachten sein«, sagte sie, »wenn man auf
die Gesundheit eines so niederträchtigen, geizigen, fühllosen
Menschen, wie Scrooge ist, trinken kann. Und du weißt es,
Robert, daß er so ist, niemand weiß es besser als du!«
»Liebe Frau«, antwortete Bob mild, »es ist Weihnachten.«
»Ich will auf seine Gesundheit trinken, dir und dem Feste zu
Gefallen,« sagte Mrs. Cratchit, »nicht seinetwegen. Möge er
lange leben! Ein fröhliches Weihnachten und ein glückliches
neues Jahr! - Er wird sehr fröhlich und sehr glücklich sein, das
glaub ich.«
Die Kinder tranken nach ihr. Es war das erste, was sie an
diesem Abend ohne Herzlichkeit und Wärme taten. Tiny Tim
trank zuletzt, aber er gab keinen Pfifferling darum. Scrooge war
das Schreckbild der Familie. Die Erwähnung seines Namens
warf über al e einen düsteren Schatten, der volle fünf Minuten
zum Verschwinden brauchte.
Als er weg war, waren sie zehnmal lustiger als vorher, schon weil
sie Scrooge los waren, den Schrecklichen. Bob Cratchit
erzählte, daß er eine Stelle für Peter in Aussicht habe, die diesem
ganze fünf und einen halben Shilling wöchentlich eintragen werde.
Die beiden kleinen Cratchits lachten fürchterlich bei dem
Gedanken, Peter als Geschäftsmann zu sehen; und Peter selbst
blickte gedankenvol zwischen seinen Kragenenden hervor in das
Feuer, als überlege er, in welchen Aktien wohl am besten seine
Feuer, als überlege er, in welchen Aktien wohl am besten seine
Ersparnisse anzulegen seien, wenn er in Besitz dieser
unglaublichen Summe käme. Martha, die bei einer Putzmacherin
Gehilfin war, erzählte ihnen, was für Arbeit sie jetzt mache und
wieviel Stunden sie in der guten Zeit arbeiten müsse und wie sie
morgen früh auszuschlafen gedenke; denn morgen war für sie ein
Feiertag. Auch erzählte sie, wie sie vor einigen Tagen eine Gräfin
und einen Lord gesehen, und daß der Lord fast so groß wie
Peter gewesen sei; bei diesen Worten zupfte Peter seinen
Hemdkragen so in die Höhe, daß sein Kopf darin verschwand.
Während dieser ganzen Zeit gingen Punsch und reife Kastanien
um, und dazwischen sang Tiny Tim mit 44
seiner klagenden Stimme ein Lied von einem Kind, das sich im
Schnee verlaufen: und sang es recht hübsch.
In al edem war nichts Besonderes. Es waren keine hübschen
Gesichter in der Familie; sie waren nicht schön angezogen, ihre
Schuhe waren nichts weniger als wasserdicht, ihre Kleider waren
ärmlich, und Peter mochte wohl das Innere eines
Pfandleiherladens kennen. Aber sie waren glücklich, voller Dank
für ihre bescheidenen Freuden, einig untereinander und zufrieden:
und als ihre Gestalten verblichen und in dem scheidenden Lichte
der Fackel des Geistes noch glücklicher aussahen, verweilte
Scrooges Auge immer noch auf ihnen und hing vor al em an Tiny
Tim.
Es war jetzt ganz dunkel geworden, und es fiel ein starker
Schnee; und als Scrooge und der Geist durch die Straßen
Schnee; und als Scrooge und der Geist durch die Straßen
gingen, leuchtete der Glanz der lodernden Feuer in Küchen,
Putzstuben und Gemächern al er Art über alle Maßen
wundervoll. Hier zeigte die flackernde Flamme die
Vorbereitungen zu einem traulichen Mahl, die heißen Teller, wie
sie sich vor dem Feuer durch und durch wärmten, und die
dunkelroten Gardinen, bereit, Kälte und Nacht auszuschließen.
Dort liefen alle Kinder des Hauses auf die verschneite Straße
hinaus, ihren verheirateten Schwestern, Brüdern, Vettern, Basen,
Onkeln und Tanten entgegen, um sie zuerst zu begrüßen. Hier
zeigten sich an den Fenstern Schatten versammelter Gäste; dort
eine Gruppe hübscher Mädchen in Pelzkragen und Pelzstiefeln,
alle zugleich redend und mit leichten Schritten in eines Nachbars
Haus eilend. Wehe dem Junggesel en, der sie dort strahlend
eintreten sah - und sie wußten es, die durchtriebenen kleinen
Hexen!
Wenn man nach der Zahl der Leute hätte urteilen wollen, die zu
freundschaftlichen Besuchen eilten, hätte man glauben mögen, es
sei niemand da, sie zu bewillkommnen. Aber statt dessen
erwartete jedes Haus Gäste und in jedem Kamin loderte die
Flamme. Wie s ich der Geist freute! Wie er seine breite Brust
entblößte und seine volle Hand auftat und dahinschwebte,
freigebig seine heitere und harmlose Fröhlichkeit über alles in
seinem Bereich ausschüttend!
Selbst der Laternenanzünder, der durch die dunklen Straßen
rannte, um ihre trüben Nebel mit Licht zu erhellen, und der
rannte, um ihre trüben Nebel mit Licht zu erhellen, und der
bereits herausgeputzt war, um den Abend irgendwo zuzubringen,
lachte laut auf, als er den Geist vorüberschweben fühlte.
Und jetzt, ohne daß vorher der Geist etwas gesagt hätte, standen
sie auf einer kahlen, öden Heide, wo ungeheure Felsblöcke
verstreut lagen, als wäre hier eine Begräbnisstätte von Riesen.
Und Wasser breitete sich aus, wo es nur Lust hatte -
oder es hätte sich ausgebreitet, wenn es der Frost nicht
gefangengehalten hätte; und nichts wuchs dort als Moos und
Gestrüpp und hartes, spitzes Gras. Tief im Westen hatte die
untergehende Sonne einen Streifen glühenden Rots gelassen, der
einen Augenblick auf die öde Steppe niedertauchte, wie ein
zürnendes Auge, und immer tiefer und tiefer sank, bis er sich im
Dunkel der tiefsten Nacht verlor.
»Was ist das für ein Ort?« fragte Scrooge.
45
»Ein Ort, wo Bergleute in den Tiefen der Erde arbeiten«,
antwortete der Geist.
»Aber sie kennen mich. Sieh!«
Ein Licht strahlte aus dem Fenster einer Hütte, und sie
schwebten schnel darauf zu. Hier fanden s ie eine fröhliche
Gesellschaft um ein wärmendes Feuer sitzen: ein alter, alter
Gesellschaft um ein wärmendes Feuer sitzen: ein alter, alter
Mann und eine greise Frau mit ihren Kindern und Enkeln und
Urenkeln, alle in festlichen Kleidern. Der Alte sang ein
Weihnachtslied mit einer Stimme, die nur selten das Heulen des
Windes auf der Einöde übertönte; es war schon ein sehr altes
Lied gewesen, als er noch ein Knabe war; und von Zeit zu Zeit
fielen sie alle im Chor ein. Und stets, wenn ihre Stimmen
ertönten, wurde der Alte lebendig und laut; und immer, wenn sie
aufhörten, sank seine Kraft wieder. Der Geist verweilte hier
nicht, sondern befahl Scrooge, sich an seinem Gewand zu halten.
Sie schwebten über die Öde, aber wohin? Doch nicht aufs
Meer? Aufs Meer! Zu seinem Schrecken sah Scrooge eine
Reihe graus ig steiler Klippen und hinter sich das Land
verschwinden, und sein Ohr wurde betäubt von dem Donner der
Wogen, wie sie unten in den grausenden Höhlen, die s ie genagt
hatten, heulten und brüllten und wüteten und mit wildem Grimm
die Erde zu unterwühlen trachteten.
Auf einer öden, halb im Wasser versunkenen Klippe, gewiß eine
Meile vom Land entfernt stand ein einsamer Leuchtturm. Das
ganze trostlose Jahr hindurch umschäumten und umtol ten ihn die
Wogen. Große Haufen von Seekraut umgaben seinen Fuß, und
Sturmvögel - man konnte glauben, daß sie vom Winde geboren
waren wie das Seekraut von den Wellen - Sturmvögel hoben
und senkten sich um seine Spitze, wie die wogenden Wellen
unten.
Aber selbst hier hatten die zwei Turmwächter ein Feuer
Aber selbst hier hatten die zwei Turmwächter ein Feuer
angezündet, das durch das Guckloch in der dicken, steinernen
Mauer einen hellglänzenden Streifen auf die nächtliche See warf.
Die harten Hände sich über den Tisch hinreichend, an dem sie
saßen, wünschten sie einander fröhliche Weihnachten und stießen
mit den Grogbechern darauf an. Und einer der beiden, der
Ältere noch dazu, mit einem Gesicht von Sturm und Wetter
gebräunt und gefurcht, wie die Galionsfigur eines alten Schiffes,
stimmte ein mächtiges Lied an, das wie ein Sturmwind erdröhnte.
Immer noch schwebte der Geist über die dunkelwogende See
dahin, immer weiter und weiter, bis sie, wie der Geist zu Scrooge
sagte, fern jeder Küste, sich auf einem Schiff niederließen. Sie
standen neben dem Steuermann an dem Rad, dem Ausguck
vorn, neben den Offizieren, die gerade Wache hatten. Wie
dunkle, gespenstige Gestalten standen diese auf ihrem Posten,
aber jeder von ihnen summte ein Weihnachtslied, oder hatte
einen Weihnachtsgedanken, oder sprach leise zu seinem
Kameraden von einem früheren Weihnachtsabend und
heimatlichen Hoffnungen, die s ich daran knüpften. Und jeder
einzelne an Bord, wachend oder schlafend, gut oder schlecht,
hatte an diesem Tag ein herzlicheres Wort für seine Kameraden
gehabt als an jedem andern Tag des Jahres und ihn wenigstens
einigermaßen gefeiert; und hatte an die gedacht, die sich jetzt in
der 46
Ferne seiner erinnerten, und hatte gewußt, daß sie jetzt seiner
freundlich gedächten.
freundlich gedächten.
Eine große Überraschung war es für Scrooge -während er dem
Stöhnen des Windes lauschte und darüber nachdachte, wie es
doch schauerlich sei, durch die öde Nacht über einen
unbekannten Abgrund dahinzugleiten, der Geheimnisse barg, so
tief wie der Tod - eine große Überraschung war es für Scrooge
sage ich, plötzlich ein herzliches Lachen zu vernehmen. Noch
größer war Scrooges Überraschung, als er darin das Lachen
seines eigenen Neffen erkannte und sich in einem hellen,
behaglich warmen Zimmer wiederfand, während der Geist an
seiner Seite stand und mit beifälligem, mildem Lächeln auf diesen
Neffen herabblickte.
»Haha!« lachte Scrooges Neffe. »Hahaha!«
Wenn jemand durch einen sehr unwahrscheinlichen Zufall einen
Menschen weiß, der glücklicher lachen kann als Scrooges Neffe,
so kann ich nur sagen, ich möchte ihn auch kennenlernen. Stellt
mich ihm vor, und ich werde mit ihm Freundschaft pflegen.
Es ist doch eine gerechte und schöne Anordnung, daß, wie
Krankheit und Kummer, auch in der ganzen weiten Welt nichts
so unwiderstehlich ansteckend ist wie Lachen und Fröhlichkeit.
Als Scrooges Neffe lachte und sich den Bauch hielt und mit dem
Kopf wackelte und die allermerkwürdigsten Gesichter schnitt,
lachte Scrooges Nichte so herzlich wie er. Und die versammelten
Freunde, nicht faul, fielen in den Lachchor ein.
Freunde, nicht faul, fielen in den Lachchor ein.
»Haha! Haha! Haha!«
»Er sagte, Weihnachten sei dummes Zeug, so wahr ich lebe«, rief
Scrooges Neffe. »Und er glaubt es auch.«
»Die Schande ist um so größer für ihn, Fred«, sagte Scrooges
Nichte entrüstet.
Gott segne die Frauen! Sie tun nie etwas halb. Sie sind immer in
vollem Ernst.
Sie war hübsch, sehr hübsch. Sie hatte ein liebliches,
schelmisches Gesicht, einen frischen vollen Mund, der zum
Küssen gemacht schien - wie er es ohne Zweifel auch war; al e
Arten lieber kleiner Grübchen um das Kinn, die
ineinanderflossen, wenn sie lachte, und das sonnenhel ste Paar
Augen, das je erblickt werden konnte. Ja, sie war reizend,
liebenswürdig, bezaubernd.
»Er ist ein komischer alter Herr«, sagte Scrooges Neffe, »das ist
wahr, und nicht so angenehm, wie er sein könnte. Doch seine
Fehler bestrafen nur ihn selbst, und ich habe keinen Grund,
etwas gegen ihn zu sagen.«
»Er muß doch sehr reich sein, Fred«, meinte Scrooges Nichte.
»Wenigstens sagst du es immer.«
»Und wenn schon, Liebste!« sprach Scrooges Neffe.
47
»Sein Reichtum nützt ihm nichts. Er tut nichts Gutes damit. Er
macht sich selbst nicht einmal das Leben damit angenehm. Er hat
nicht einmal das Vergnügen zu denken - hahaha -, daß er uns am
Ende damit eine Freude machen wird.«
»Ich habe keine Geduld mit ihm«, bemerkte Scrooges Nichte.
Die Schwester von Scrooges Nichte und al e die andern Damen
waren derselben Meinung.
»Oh, ich habe Geduld«, sagte Scrooges Neffe. »Mir tut er leid;
ich könnte nicht böse auf ihn werden, selbst wenn ich's
versuchte. Wer leidet unter seiner bösen Laune? Er selber allein,
sonst niemand. jetzt hat er sich's in den Kopf gesetzt, uns nicht
leiden zu können, und will unsere Einladung zum Mittagessen
nicht annehmen. Was ist die Folge davon? Er verliert nicht viel an
unserm Essen.«
»Nun, ich meine, er verliert ein sehr gutes Essen«, unterbrach ihn
Scrooges Nichte. Die andern sagten dasselbe, und man konnte
ihr Urteil darüber nicht bestreiten, weil sie eben zu essen
aufgehört hatten und jetzt mit dem Dessert bei Lampenlicht um
den Kamin saßen.
»Nun, es freut mich, das zu hören«, sagte Scrooges Neffe, »weil
»Nun, es freut mich, das zu hören«, sagte Scrooges Neffe, »weil
ich kein großes Vertrauen in diese jungen Hausfrauen setze. Was
sagen Sie dazu, Topper?«
Ganz klar war's, Topper hatte ein Auge auf eine der Schwestern
von Scrooges Nichte geworfen, denn er antwortete, ein
Junggesel e sei ein unglücklicher, heimatloser Mensch, der kein
Recht habe, eine Meinung darüber auszusprechen: Worte, bei
denen die Schwester von Scrooges Nichte - die Runde mit dem
Spitzkragen, nicht die mit der Rose im Haar - rot wurde.
»Weiter, weiter, Fred!« sagte Scrooges Nichte, in die Hände
klatschend. »Er bringt nie zu Ende, was er angefangen hat! Er ist
ein so närrisches Kerlchen.«
Scrooges Neffe schwelgte in einem andern Gelächter, und es
war unmöglich, sich von der Ansteckung fern zu halten, obgleich
es die runde Schwester sogar mit Riechsalz versuchte; sein
Beispiel wurde einstimmig nachgeahmt.
»Ich wol te nur sagen«, meinte Scrooges Neffe, »daß die Folge
seines Mißfallens an uns und seiner Weigerung, mit uns fröhlich
zu sein, die ist, daß er einige angenehme Augenblicke verliert, die
ihm nichts schaden würden. Gewiß verliert er angenehmere
Unterhaltung, als ihm seine eigenen Gedanken in seinem
dumpfigen alten Kontor oder in seiner Wohnung bereiten. Ich
versuche ihm jedes Jahr Gelegenheit dazu zu geben, mag es ihm
nun gefal en oder nicht, denn er dauert mich. Er mag auf
nun gefal en oder nicht, denn er dauert mich. Er mag auf
Weihnachten schimpfen, bis er stirbt, aber er muß doch endlich
besser davon denken, wenn er mich jedes Jahr in guter Laune zu
ihm kommen sieht, mit den Worten: ›Onkel Scrooge, wie geht es
Ihnen?‹ -
Wenn es ihm nur den Gedanken einflößt, seinem armen Kommis
fünfzig Pfund zu hinterlassen, so ist das doch wenigstens etwas:
und ich glaube, ich packte ihn gestern.«
48
Jetzt war an ihnen die Reihe zu lachen bei dem Gedanken, daß
er Scrooge gepackt hätte. Aber da er durch und durch gutmütig
war und sich nicht viel darum kümmerte, worüber sie lachten,
wenn sie überhaupt lachten, so stimmte er in ihre Fröhlichkeit mit
ein und ließ die Flasche wacker herumgehen.
Nach dem Tee kam Musik an die Reihe. Denn es war eine
musikalische Familie, und sie wußten, was sie taten, wenn sie
einen Glee oder Catch sangen, darauf könnt ihr euch verlassen,
namentlich Topper, der den Baß nach Noten brummen konnte,
ohne daß die großen Adern auf der Stirn anschwollen oder sich
sein Gesicht rötete. Scrooges Nichte spielte die Harfe recht gut,
und spielte unter anderen Stücken auch ein kleines Liedchen (ein
bloßes Nichts, ihr hättet es in zwei Minuten pfeifen gelernt), das
jenes Kind oft gesungen hatte, von dem Scrooge aus der Schule
geholt worden war, wie ihm der Geist der vergangenen
Weihnachten gezeigt hatte. Als Scrooge dies Liedchen hörte, trat
Weihnachten gezeigt hatte. Als Scrooge dies Liedchen hörte, trat
alles, was ihm der Geist gezeigt hatte, abermals vor seine Seele:
er wurde weicher und weicher und dachte, wenn er es vor
Jahren hätte oft hören können, so hätte er die freundlichen Seiten
des Lebens genießen können, ohne erst zu Marleys Geist seine
Zuflucht um Belehrung nehmen zu müssen.
Aber sie widmeten nicht den ganzen Abend der Musik. Nach
einer Welle fingen sie Pfänderspiele an, denn es ist gut, zuweilen
Kind zu sein, und vorzüglich zu Weihnachten, da der Urheber
dieses Festes selbst noch ein Kind war. Doch halt, erst spielten s
ie Blindekuh. Und ich glaube ebensowenig, daß Topper wirklich
blind war, wie ich glaube, er habe Augen in seinen Stiefeln. Ich
vermute, die Sache war zwischen ihm und Scrooges Neffen
abgekartet, und der Geist der diesjährigen Weihnachten wußte
es wohl! Die Art, wie er die runde Schwester in dem
Spitzenkragen verfolgte, war eine Beleidigung aller menschlichen
Leichtgläubigkeit. Wo sie ging, ging auch er, die Feuereisen
umstoßend, über Stühle stolpernd, an das Piano anrennend, sich
in den Gardinen verwickelnd. Immer wußte er, wo die runde
Schwester war. Wenn jemand gegen ihn gefallen wäre, wie es
einige machten, oder sich vor ihn hingestellt hätte, würde er getan
haben, als bemühe er sich, ihn zu ergreifen, wäre aber
augenblicklich umgekehrt, der runden Schwester nach. Sie rief
oft, das sei nicht ehrlich, und das war es auch in der Tat nicht.
Aber endlich hatte er sie gefunden und ungeachtet ihres
Sträubens zwängte er sie in eine Ecke, aus der keine Flucht
möglich war; und da wurde seine Aufführung ganz abscheulich.
möglich war; und da wurde seine Aufführung ganz abscheulich.
Denn sein Vorgeben, er kenne sie nicht, er müsse erst ihren
Kopfputz anfassen und, um sie zu erkennen, einen gewissen Ring
auf ihrem Finger und eine gewisse Kette um ihren Hals befühlen,
war ganz, ganz abscheulich! Und gewiß sagte sie ihm auch
tüchtig ihre Meinung darüber, denn als ein anderer Blinder an der
Reihe war, tuschelten sie hinter den Gardinen sehr vertraut
miteinander.
Scrooges Nichte nahm nicht teil an dem Blindekuhspiel, sondern
saß gemütlich in einer traulichen Ecke in einem Lehnstuhl mit
einem Fußbänkchen davor, und der Geist und Scrooge standen
dicht hinter ihr. Aber bei den Pfänderspielen tat sie mit und liebte
ihre Liebe mit allen Buchstaben des 49
Alphabets zur allgemeinen Bewunderung. Auch in dem Spiel
›Wie, Wann und Wo‹ war sie sehr tüchtig und stellte zur
geheimen Freude von Scrooges Neffen ihre Schwestern gar sehr
in den Schatten, obgleich sie auch ganz gescheite Mädchen
waren, wie es uns Topper hätte versichern können. Es mochten
ungefähr zwanzig Personen da sein, junge und alte, aber sie
spielten alle, und auch Scrooge spielte mit; denn in seiner
Teilnahme an den Vorgängen ganz vergessend, daß ihnen seine
Stimme nicht hörbar war, gab er oft seine Antwort auf die
Fragen ganz laut und riet auch oft ganz richtig.
Dem Geist gefiel es sehr gut, ihn in dieser Laune zu sehen, und er
blickte ihn so freundlich an, daß ihn Scrooge wie ein Knabe bat,
blickte ihn so freundlich an, daß ihn Scrooge wie ein Knabe bat,
noch warten zu dürfen, bis die Gäste fortgingen. Aber der Geist
sagte, dies könne nicht geschehen.
»Es fängt ein neues Spiel an«, sagte Scrooge. »Nur eine einzige
halbe Stunde, Geist.«
Es war ein Spiel, das man ›Ja und Nein‹ nennt, wo Scrooges
Neffe sich etwas zu denken hatte und die anderen erraten
mußten, was; auf ihre Fragen brauchte er dann nur mit Ja oder
Nein zu antworten. Die schnell aufeinanderfolgenden Fragen, die
ihm vorgelegt wurden, ergaben denn endlich, daß er sich ein
Geschöpf dachte -. ein lebendiges Wesen, ein häßliches, wildes
Geschöpf, das zuweilen brumme und zuweilen spreche und sich
in London aufhalte und in den Straßen herumlaufe und nicht für
Geld gezeigt und nicht herumgeführt werde und nicht in einer
Menagerie sei und nicht geschlachtet werde, und weder ein
Pferd, noch ein Esel, noch eine Kuh, noch ein Ochs, noch ein
Tiger, noch ein Hund, noch ein Schwein, noch eine Katze, noch
ein Bär sei. Bei jeder neuen Frage, die ihm gestellt wurde, brach
Scrooges Neffe aufs neue in ein Gelächter aus und konnte gar
nicht wieder herauskommen, so daß er vom Sofa aufstehen und
mit den Füßen stampfen mußte. Endlich rief die runde Schwester
mit einem ebenso unauslöschlichen Gelächter:
»Ich habe es, Fred, ich weiß es, ich weiß es.«
»Was ist es?« rief Fred.
»Es ist Onkel Scrooge.«
Und der war es auch. Verwunderung war das al gemeine Gefühl,
obgleich einige meinten, die Frage: »Ist es ein Bär?« hätte mit Ja
beantwortet werden müssen, denn eine verneinende Antwort sei
schon hinreichend gewesen, ihre Gedanken von Scrooge
abzubringen, selbst wenn sie auf dem Wege zu ihm gewesen
wären.
»Nun, er hat uns Freude genug gemacht«, sagte Fred, »und so
wäre es undankbar, nicht auf seine Gesundheit zu trinken. Hier
ist ein Glas Glühwein dazu bereit. Es lebe Onkel Scrooge!«
»Es lebe Onkel Scrooge!« stimmten alle ein.
50
»Fröhliche Weihnachten und ein glückliches Neujahr dem Alten,
sei er, wie er wol e!« sagte Scrooges Neffe. »Er wol te meinen
Wunsch nicht annehmen, aber er sol ihn dennoch haben.«
Dem Onkel Scrooge war es unmerklich so fröhlich und leicht zu
Sinne geworden, daß er der von seiner Gegenwart nichts
ahnenden Gesel schaft ihren Toast erwidert und mit einer
unhörbaren Rede gedankt haben würde, hätte ihm der Geist Zeit
dazu gelassen. Aber alles verschwand im Hauch vom letzten
Wort des Neffen, und Scrooge und der Geist waren schon
wieder unterwegs. Sie gingen weit und sahen viel und besuchten
manchen Herd, aber immer spendeten sie Glück. Der Geist
stand neben Kranken, und sie wurden heiter und hoffend; neben
Wanderern in fernen Ländern, und sie träumten von der Heimat;
neben solchen, die mit dem Leben rangen, und sie harrten
geduldig aus; neben Armen, und sie wurden reich. Im
Armenhaus und im Lazarett, im Kerker und in jedem
Zufluchtsort des Elends, wo der Mensch in seiner kurzen
Zufluchtsort des Elends, wo der Mensch in seiner kurzen
ärmlichen Herrschaft dem Geiste die Tür verschlossen hatte,
spendete er seinen Segen und lehrte Scrooge seine Weise.
Es war eine lange Nacht, wenn es nur eine Nacht war; aber
Scrooge zweifelte daran, denn die Weihnachtsfeiertage schienen
in die Zeit, in der sie miteinander verrannen, zusammengedrängt
zu sein. Es war auch sonderbar, daß der Geist offenbar älter
wurde, während Scrooge äußerlich ganz unverändert blieb.
Scrooge hatte diese Veränderung zwar bemerkt, sprach aber nie
davon, bis sie von einer Kinderweihnachtsgesel schaft
weggingen, wo er bemerkte, daß des Geistes Haar schnel grau
geworden war.
»Ist das Leben der Geister so kurz?« fragte Scrooge.
»Mein Leben ist sehr kurz auf dieser Erde«, sagte der Geist, »es
endet noch in dieser Nacht.«
»In dieser Nacht noch!« rief Scrooge.
»Heute um Mitternacht. Horch, die Zeit nahet schon.«
Die Glocke schlug drei Viertel auf zwölf
51
»Vergib mir, wenn ich nicht recht tue, zu fragen«, sagte jetzt
»Vergib mir, wenn ich nicht recht tue, zu fragen«, sagte jetzt
Scrooge, scharf auf des Geistes Gewand blickend, »aber ich
sehe etwas Seltsames unter deinem Mantel hervorblicken, was
nicht zu dir zu gehören scheint. Ist es ein Fuß oder eine Klaue?«
»Nach dem wenigen Fleisch, was darauf sitzt, könnte es schon
eine Klaue sein«, gab der Geist traurig zur Antwort, und fuhr fort:
»Sieh hier!«
Aus den weiten Falten seines Gewandes hervor erschienen jetzt
zwei Kinder, elend, abgemagert, häßlich und mitleiderregend. Sie
knieten vor dem Geiste nieder und hielten sich festgeklammert an
dem Saum seines Gewandes.
»O Mensch, sieh hier«, rief der Geist. »Sieh hier, sieh hier!«
Es war ein Knabe und ein Mädchen. Fahlen Gesichtes, elend,
zerlumpt und mit wildem, tückischem Blicke; aber doch auch
ängstlich und gedrückt in ihrer Demut. Wo die Schönheit der
Jugend ihre Züge hätte durchleuchten und mit ihren frischesten
Farben kleiden sol en, hatte s ie eine runzlige, abgelebte Hand,
gleich der des Alters, berührt und versehrt. Wo Engel hätten
thronen können, lauerten Teufel mit grimmigem, drohendem
Blick. Keine Veränderung, keine Entwürdigung der Menschheit
in allen Geheimnissen der Schöpfung hat so schreckliche und
grauenerregende Ungeheuer aufzuweisen.
Entsetzt fuhr Scrooge zurück. Da sie ihm der Geist auf solche
Weise gezeigt hatte, versuchte er zu sagen, es wären schöne
Weise gezeigt hatte, versuchte er zu sagen, es wären schöne
Kinder, aber die Worte erstickten ihm von selber, um nicht
teilzuhaben an einer so ungeheuren Lüge.
»Geist, sind das deine Kinder?« Weiter konnte Scrooge nichts
sagen.
»Es sind des Menschen Kinder«, erwiderte der Geist, auf sie
herabschauend.
»Und sie hängen sich an mich, vor mir ihre Väter anklagend.
Dieses Mädchen ist die Unwissenheit. Dieser Knabe ist der
Mangel. Schau sie beide wohl an, und vor al em diesen Knaben;
denn auf seiner Stirn seh' ich geschrieben, was Verhängnis ist,
wenn die Schrift nicht verlöscht wird. Leugnet es«, rief der Geist,
seine Hand nach der Stadt ausstreckend.
»Verleumdet alle, die es Euch sagen! Gebt es zu um Eurer
Parteizwecke willen und macht es noch schlimmer! Und erwartet
das Ende!«
»Haben sie keine Stütze, keinen Zufluchtsort?« rief Scrooge.
»Gibt es keine Gefängnisse?« sagte der Geist, das letztemal die
eigenen Worte von Scrooge gegen ihn gebrauchend. »Gibt es
keine Armenhäuser?«
Die Glocke schlug zwölf.
Scrooge sah sich um nach dem Geiste, aber er war
verschwunden. Als der letzte Schlag verklungen war, erinnerte er
sich an die Vorhersagung des alten Jacob Marley und sah, die
Augen erhebend, ein grauenerregendes, tief verhülltes Gespenst
auf sich zukommen, wie ein Nebel auf dem Boden dahinzurollen
pflegt.
52
Vierte Strophe
Der letzte Geist
Die Erscheinung kam langsam, feierlich, schweigend auf ihn zu.
Als sie herangekommen war, fiel Scrooge auf die Knie nieder,
denn selbst die Luft, durch die sich der Geist bewegte, schien
geheimnisvolles Grauen um sich zu verbreiten.
Die Erscheinung war verhüllt in einem schwarzen, weiten Mantel,
der nichts von ihr sehen ließ, als eine ausgestreckte Hand. Wäre
diese nicht gewesen, es wäre einem schwer angekommen, die
Gestalt von der Nacht zu trennen, die sie umgab!
Als sie neben ihm stand, fühlte er, daß s ie groß und stattlich war
und daß ihn ihre geheimnisvolle Gegenwart mit einem feierlichen
Grauen erfüllte. Er wußte weiter nichts, denn der Geist sprach
und bewegte sich nicht.
»Ich stehe vor dem Geist der zukünftigen Weihnacht?« fragte
Scrooge.
Der Geist antwortete nicht, sondern wies mit der Hand zur Erde
hinab.
»Du willst mir die Schatten der Dinge zeigen, die noch nicht
»Du willst mir die Schatten der Dinge zeigen, die noch nicht
geschehen sind, aber noch geschehen werden?« fuhr Scrooge
fort. »Willst du das, Geist?«
Der obere Teil der Verhüllung bauschte sich auf einen
Augenblick in Falten, als ob der Geist sein Haupt neige; dies war
die einzige Antwort, die Scrooge erhielt.
Obgleich schon so ziemlich an gespenstische Gesellschaft
gewöhnt, bangte Scrooge vor der stummen Erscheinung doch so
sehr, daß seine Knie wankten und er kaum noch stehen konnte,
als er s ich ihr zu folgen bereit machte. Der Geist stand für einen
Augenblick still, als bemerke er die Furcht seines Begleiters und
als wol e er ihm Zeit lassen, sich zu erholen.
Aber Scrooge befand sich dadurch noch schlechter. Ein
fremdes, unbestimmtes Grausen durchbebte ihn bei dem
Gedanken, daß sich hinter diesem schwarzen Schleier
gespenstische Augen fest auf ihn heften könnten, während er,
obgleich er seine Augen aufs äußerste anstrengte, doch nichts
sehen konnte als die gespenstische Hand und eine große,
schwarze Faltenmasse.
»Geist der Zukunft«, rief er, »ich fürchte dich mehr als die
Geister, die ich schon gesehen habe. Aber da ich weiß, daß es
dein Zweck ist, mir Gutes zu tun, und da ich noch zu leben hoffe,
um ein anderer Mensch zu werden, als ich bisher war, bin ich
willens, dich zu begleiten und tue es mit einem dankerfül ten
Herzen. -Willst du nicht zu mir sprechen?«
Herzen. -Willst du nicht zu mir sprechen?«
Die Gestalt gab ihm keine Antwort. Die Hand wies gerade vor
ihm hin in die Ferne.
»Führe mich«, bat Scrooge. »Führe mich, die Nacht schwindet
schnel , und die Zeit ist für mich kostbar. Führe mich, Geist.«
53
Die Erscheinung bewegte sich ebenso von ihm weg, wie sie auf
ihn zugekommen war. Scrooge folgte dem Schatten ihres
Gewandes, der ihn aufhob und von dannen trug.
Es war kaum, als ob sie in die City träten; eher schien die City
rings um sie her in die Höhe zu wachsen und sie zu umdrängen.
Aber sie waren doch mitten in ihrem Herzen, auf der Börse unter
den Kaufleuten, die geschäftig hin und her eilten, mit dem Geld in
ihren Taschen klimperten, in Gruppen miteinander sprachen,
nach der Uhr sahen und gedankenvoll mit den großen, goldenen
Petschaften an den Uhrketten spielten, wie Scrooge es schon so
oft gesehen hatte.
Der Geist blieb bei einer Gruppe von Kaufleuten stehen, und
Scrooge sah, daß die Hand der Erscheinung darauf hinwies;
daher näherte er sich ihnen, um ihr Gespräch zu belauschen.
»Nein, ich weiß nicht viel davon zu sagen«, sagte ein großer
fetter Mann mit einem ungeheuren Doppelkinn. »Ich weiß nur,
fetter Mann mit einem ungeheuren Doppelkinn. »Ich weiß nur,
daß er tot ist.«
»Wann starb er denn?« fragte ein anderer.
»Vorige Nacht, glaub' ich.«
»Mein Gott, was hat ihm denn gefehlt?« mischte sich ein Dritter
ein, der dabei eine große Prise aus einer sehr großen Dose
nahm. »Ich dachte, der würde nie sterben.«
»Weiß Gott«, sagte der erste und gähnte.
»Was hat er mit seinem Geld angefangen?« fragte ein Herr mit
einem roten Gesicht und einem Auswuchs an der Nasenspitze,
der wie der Lappen eines Truthahns wackelte.
»Ich habe nichts davon gehört«, sagte der Mann mit dem fetten
Doppelkinn, und gähnte abermals. »Hat es wahrscheinlich seiner
Firma hinterlassen. Mir hat er's nicht vermacht. Das weiß ich.«
Dieser reizende Scherz wurde mit einem allgemeinen Gelächter
begrüßt.
»Es wird wohl ein sehr billiges Begräbnis werden«, fuhr der
Dicke mit dem Doppelkinn fort; »denn so wahr ich lebe, ich
kenne niemanden, der mitgehen sol te. Wenn wir nun
zusammenträten und freiwillig mitgingen?«
»Ich tue mit, wenn für einen Lunch gesorgt wird«, bemerkte der
Herr mit dem Truthahnlappen an der Nasenspitze. »Aber ich
muß zu essen haben, wenn ich dabei sein soll.«
Ein neues Gelächter.
»Nun, da bin ich doch wohl der Uneigennützigste von euch«,
meinte der erste Sprecher, »denn ich trage nie schwarze
Handschuhe und esse nie Lunch. Aber ich gehe mit, wenn sich
noch andere finden. Wenn ich mir's recht überlege, war ich am
Ende sein vertrautester Freund; denn wir blieben stehen und
sagten einander, wenn wir uns auf der Straße trafen: ›Guten
Morgen, guten Morgen!‹«
Sprecher und Zuhörer gingen fort und mischten sich unter andere
Gruppen.
Scrooge kannte die Leute und sah den Geist mit einem fragenden
Blick an.
Die Erscheinung schwebte weiter und hinaus auf die Straße.
54
Ihre Hand wies auf zwei sich begegnende Personen. Und wieder
hörte Scrooge zu, in der Hoffnung, jetzt die Erklärung zu finden.
Denn er kannte auch diese Leute recht gut. Es waren Kaufleute,
sehr reich und von großem Ansehen. Er hatte sich immer
bestrebt, in ihrer Achtung zu bleiben, das heißt in
Geschäftssachen, rein in Geschäftssachen.
»Wie geht's?« sagte der eine.
»Wie geht's Ihnen?« der andere.
»Gut«, erwiderte der erste. »Der alte Knauser ist endlich tot,
wissen Sie es schon?«
»Ich hörte es«, antwortete der zweite. »Es ist kalt heute, nicht
wahr?«
»Wie sich's zu Weihnachten schickt. Sie sind wohl kein
Schlittschuhläufer?«
»Nein, nein. Habe an andere Sachen zu denken. Guten
Morgen!«
Kein Wort weiter. So trafen sie sich, so trennten sie sich.
Scrooge war erst zu staunen geneigt, daß der Geist auf
anscheinend so unbedeutende Gespräche ein Gewicht zu legen
schien; aber sein Gefühl sagte ihm, daß sie eine verborgene
Bedeutung haben müßten, und er zerbrach sich den Kopf,
welcher Art diese sein könnte.
Die Gespräche konnten sich nicht auf den Tod Jacobs, seines
alten Kompagnons, beziehen, denn der gehörte der
Vergangenheit an, und sein Führer war doch der Geist der
Zukunft. Auch konnte er s ich niemanden von den ihn näher
Angehenden vorstellen, auf den er sie hätte beziehen können.
Aber in der Gewißheit, daß für ihn doch eine wichtige Lehre
darin liege, auf wen sie sich auch beziehen möchten, beschloß er,
jedes Wort, das er hörte, und jede Szene, die er sah, treu in
jedes Wort, das er hörte, und jede Szene, die er sah, treu in
seinem Herzen aufzubewahren, und vorzüglich seinen Schatten zu
beobachten, wenn er erschien. Denn er erwartete von dem
Benehmen seines zukünftigen Selbst die noch fehlende
Aufklärung und die Lösung der Rätsel, die ihm jetzt so schwierig
vorkam.
Schon auf der Börse sah er sich nach seinem Selbst um; aber ein
anderer stand in seiner gewohnten Ecke, und obgleich die Uhr
die Stunde zeigte, wo er gewöhnlich dort war, bemerkte er sich
doch auch nicht unter den Scharen, die sich durch den Eingang
hereindrängten. Das überraschte ihn indessen um so 55
weniger, als er schon lange daran gedacht hatte, sein Geschäft
aufzugeben; und nun glaubte und hoffte er, in diesen
Erscheinungen schon die einstige Verwirklichung seines Planes zu
erblicken.
Regungslos und schwarz stand neben ihm das Gespenst mit
seiner starr ausgestreckten Hand. Als er wieder von seiner
nachdenklichen Stellung aufblickte, glaubte er (nach der Richtung
der Hand zu urteilen), daß sich die unsichtbaren Augen fest auf
ihn hefteten. Bei diesem Gedanken überlief ihn ein kalter
Schauer.
Sie verließen darauf die geschäftige Umgebung und gingen in
einen abgelegenen Teil der Stadt, wo Scrooge nie vorher
gewesen war, dessen Lage und schlechten Ruf er aber kannte.
Die Straßen waren schmutzig und eng, die Läden und Häuser
Die Straßen waren schmutzig und eng, die Läden und Häuser
ärmlich, die Menschen halbnackt, betrunken, barfuß, häßlich.
Gäßchen und Torwege strömten, wie ebenso viele Kloaken,
abscheuerregende Gerüche und Schmutz und Menschen in die
Straßen, und das ganze Viertel schien erfül t von Verbrechen,
Unrat und Elend.
In einem der tiefsten Winkel dieses Zufluchtsorts der Sünde und
des Verbrechens befand sich ein niedriger, dunkler Laden unter
einem Wetterdach, in dem Eisen, Lumpen, Flaschen, Knochen
und Fleischabfälle verkauft wurden.
Auf dem Fußboden lag ein Haufen verrosteter Schlüssel, Nägel,
Ketten, Türangeln, Feilen, Wagen, Gewichte und altes Eisen aller
Art. Geheimnisse, die zu enträtseln wenige verlangen würden,
entstanden und verbargen sich in Bergen widerlicher Lumpen,
Massen verdorbenen Fettes und ganzen Beinhäusern von
Knochen. Mitten unter seinen Waren saß neben einem aus alten
Kacheln zusammengesetzten Ofen ein grauhaariger, fast
siebzigjähriger Schelm, der sich vor der Kälte draußen durch
einen bauschigen Vorhang von allerlei, auf eine Leine gehängten
Lumpen geschützt hatte und seine Pfeife voll Behagen rauchte.
Scrooge und die Erscheinung traten neben diesen Mann, als eine
Frau mit einem schweren Bündel in den Laden schlich. Kaum
war sie eingetreten, als ihr eine zweite Frau, auch mit einem
Bündel, folgte, und dieser dicht auf den Fersen ein Mann in
Bündel, folgte, und dieser dicht auf den Fersen ein Mann in
einem alten, schwarzen, abgetragenen Anzug, der nicht weniger
vor dem Anblick der beiden erschrak, als diese voreinander
erschrocken waren.
Nach einigen Augenblicken wortlosen Staunens, an dem sich der
Alte mit der Pfeife beteiligt hatte, brachen sie al e drei in ein
lautes Gelächter aus.
»Schau an, die Putzfrau ist die erste«, rief die zuerst eingetreten
war. »Schau an, die Waschfrau ist die zweite, und der Sargträger
ist der dritte. He, Joe, das ist ein Glücksfal ! Wir treffen uns hier
alle drei, ohne daß wir uns verabredet haben.«
»Ihr hättet euch an keinem bessern Ort treffen können«, sagte
der alte Joe, die Pfeife aus dem Mund nehmend. »Kommt in den
Salon. Ihr habt schon lange freien Zutritt dort, das wißt Ihr ja,
und die anderen zwei sind auch keine Fremden. Wartet, bis ich
die Ladentür zugemacht habe. Oh, wie sie knarrt! Ich glaube, es
gibt kein so rostiges Stück Eisen in dem ganzen Laden, als die
56
Türangeln; und ich weiß, es gibt keine so alten Knochen hier, wie
meine. Haha, wir passen zu unserm Geschäft. Kommt in den
Salon!«
Der Salon war der Raum hinter dem Lumpenvorhang. Der Alte
kratzte das Feuer mit einem alten Rouleaustab zusammen, schob
den Docht seiner qualmigen Lampe, denn es war Abend, mit
den Docht seiner qualmigen Lampe, denn es war Abend, mit
dem Pfeifenstiel in die Höhe und steckte diese dann wieder in
den Mund.
Während er damit beschäftigt war, warf die zuerst eingetretene
Frau ihr Bündel auf den Boden und setzte sich mit kokettierender
Frechheit auf einen Stuhl; dann legte sie die Hände auf die Knie
und sah die beiden andern herausfordernd an.
»Nun, was ist dabei, was ist schon dabei, Mrs. Dilber ?jeder hat
das Recht, für sich zu sorgen. Und er tat es immer.«
»Das ist wahr«, sagte die Waschfrau. »Keiner tat es eifriger.«
»Na, warum gafft Ihr da einander an, als hättet Ihr Bange, wer
der Schlauere sei? Wir wol en doch nicht einander die Augen
aushacken, denk' ich.«
»Nein, gewiß nicht«, sagten Mrs. Dilber und der Mann wie aus
einem Munde.
»Wir wol en es nicht hoffen.«
»Na, gut denn«, rief die Frau, »das ist genug! Wem schadet's,
wenn wir so ein paar Sachen mitnehmen, wie die hier? Einer
Leiche gewiß nicht.«
»Nein, gewiß nicht«, lachte Mrs. Dilber.
»Wenn er sie noch nach dem Tode behalten wollte, wie ein alter
Geizhals«, fuhr die Frau fort, »warum war er nicht besser zu
seinen Lebzeiten? Wäre er's gewesen, dann hätte er auch
jemanden um s ich gehabt, als er starb, statt daß er
mutterseelenallein seinen letzten Atem fahren lassen mußte.«
»Es ist das wahrste Wort, das je gesprochen wurde«, bestätigte
Mrs. Dilber.
»Es ist ein Gottesgericht.«
»Ich wünschte, es wäre ein bißchen schwerer ausgefallen«,
meinte die Frau,
»und es wär's auch, verlaßt euch drauf, wenn ich hätte mehr
bekommen können.
Mach das Bündel auf, Joe, und sag mir, was es wert ist. Sprich
dreist heraus. Ich fürchte mich nicht, die erste zu sein, noch es
die hier sehen zu lassen. Wir wußten ganz gut, daß wir für uns
sorgten, ehe wir uns hier trafen. Das ist keine Sünde. Mach das
Bündel auf, Joe.«
Aber die Galanterie ihrer Freunde wollte das nicht erlauben; und
der Mann in dem abgetragenen schwarzen Rock brachte seine
Beute zuerst. Es war nicht viel los damit: ein oder zwei
Petschafte, ein silberner Bleistift, ein Paar Hemdknöpfe und eine
Brosche von geringem Wert: das war al es. Die Gegenstände
Brosche von geringem Wert: das war al es. Die Gegenstände
wurden von dem alten Joe untersucht und geschätzt, worauf er
die Summe, die er für das einzelne bezahlen wollte, an die Wand
schrieb und zusammenrechnete, als er fand, daß nichts mehr
nachkam.
»Das ist Eure Rechnung«, sagte Joe, »und ich gebe keinen
Sixpence mehr und sol te ich in Stücke gehauen werden. Wer
kommt jetzt?«
Mrs. Dilber war die nächste. Sie hatte Bett- und Handtücher,
einige Kleidungsstücke, zwei altmodische silberne Teelöffel, eine
Zuckerzange und 57
einige Paar Stiefel. Ihre Rechnung wurde von Joe auf dieselbe
Weise an die Wand geschrieben.
»Damen gebe ich immer zuviel. Es ist meine Schwäche, und ich
richte mich damit zugrunde », sagte der alte Joe. »Hier ist Eure
Rechnung. Wol tet Ihr einen Pfennig mehr dafür haben und es
darauf ankommen lassen, so täte es mir leid, so nobel gewesen
zu sein, und ich zöge Euch eine halbe Krone ab.«
»Und nun mach mein Bündel auf, Joe«, drängte die erste.
Joe kniete nieder, um bequemer das Bündel öffnen zu können,
und nachdem er viele viele Knoten aufgemacht hatte, zog er eine
große schwere Rol e von einem dunklen Stoff heraus.
»Was ist das?« staunte Joe. »Bettgardinen!«
»Ja«, rief das Weib lachend und sich vorbeugend.
»Bettgardinen!«
»Ihr wol t doch nicht sagen, Ihr hättet sie heruntergenommen,
wie er dort lag?«
sagte Joe.
»Ih, freilich«, sagte das Weib. »Warum auch nicht?«
»Ihr seid geboren, Euer Glück zu machen, und Ihr werdet's
auch.«
»Ich werde doch wahrhaftig meine Hand nicht leer einstecken,
wenn ich sie nur auszustrecken brauche, um was zu kriegen, um
so eines Mannes willen, wie der war. Wahrhaftig nicht, Joe«,
antwortete das Weib ruhig. »Laß kein Öl auf die Bettdecken
tropfen.«
»Seine Bettdecke?« fragte Joe.
»Von wem soll sie denn sonst sein?« entgegnete das Weib. »Er
wird auch ohne die nicht frieren, das behaupte ich.«
»Er starb doch nicht etwa an etwas Ansteckendem?« fragte der
alte Joe bedenklich, seine Beschäftigung unterbrechend und sie
anblickend.
anblickend.
»Das braucht Ihr nicht zu befürchten«, antwortete die Frau. »Ich
hatte ihn nicht so lieb, daß ich dann bei ihm geblieben wäre um
solcher Lumpen wil en. Ha, Ihr könnt durch das Hemd gucken,
bis Euch Eure Augen weh tun: Ihr findet kein Loch darin und
keine dünne Stelle. Es ist das beste, was er hatte, und sein ist's
auch. Sie hätten's verdorben, wenn ich nicht gewesen wäre.«
»Was meint Ihr mit Verderben?« fragte der alte Joe.
»Nun, ihm das Hemd in das Grab mitgeben, was sonst?«
erwiderte die Frau lachend. »Es war da einer dumm genug, es
ihm anzuziehen, aber ich zog's ihm wieder aus. Wenn Kattun zu
so etwas nicht gut genug ist, weiß ich nicht, zu was er sonst gut
wäre. Er steht einer Leiche ebensogut. Er kann nicht häßlicher
aussehen, als er darin aussah.«
Scrooge hörte das Gespräch mit Grausen an. Wie sie da um
ihren Raub herum in dem kärglichen Lampenlicht des Alten
saßen, betrachtete er sie mit einem Ekel und einem Abscheu, der
nicht größer hätte sein können, wenn es scheußliche Dämonen
gewesen wären, die um die Leiche selbst feilschten.
»Ha, ha!« lachte dieselbe Frau, als der alte Joe, einen alten
flanellnen Geldbeutel herauslangte und jedem den Preis des
Raubes auf den Fußboden hinzählte. »Das ist das Ende von der
Geschichte, seht Ihr! Er scheuchte jeden von sich, solange er
lebte, um uns zu nützen, da er tot ist! Hahaha!«
lebte, um uns zu nützen, da er tot ist! Hahaha!«
58
»Geist«, sagte Scrooge, vom Fuß bis zum Scheitel zitternd. »Ich
verstehe dich.
Das Los dieses Unglücklichen könnte das meinige sein. Mein
Leben geht jetzt auf dieses Ziel zu. Gnädiger Himmel, was ist
das?«
Er fuhr entsetzt zurück, denn die Szene hatte sich verändert, und
er stand dicht vor einem Bett, einem einsamen, unverhängten
Bett, in dem unter einer groben Decke etwas Verhülltes lag, das,
obgleich stumm, in einer grauenerregenden Sprache verkündete,
was es war.
Das Zimmer war sehr dunkel, zu dunkel, um etwas sicher
erkennen zu können, obgleich sich Scrooge, einem geheimen
Gefühl folgend, voll Begier umsah, um zu wissen, was für ein
Zimmer es sei. Ein bleiches Licht, das von draußen
hereinströmte, fiel gerade aufs Bett; und auf diesem, geplündert
und beraubt, unbewacht und unbeweint, lag die Leiche dieses
Mannes.
Scrooge blickte die Erscheinung an. Ihre regungslose Hand wies
auf das Haupt des Leichnams. Die Decke war so sorglos
zurechtgelegt, daß das geringste Verschieben, die leiseste
Berührung von Scrooges Fingern das Antlitz enthüllt hätte. Er
dachte daran, empfand, wie leicht es geschehen könnte, und
sehnte sich, es zu tun; aber er hatte ebensowenig die Kraft, die
Hülle wegzuziehen, wie den Geist von seiner Seite zu entlassen.
Oh, kalter, starrer, schrecklicher Tod, hier richte deinen Altar auf
und umgib ihn mit den Schrecken, über die du verfügst, denn
dies ist dein Reich! Aber dem geliebten und verehrten Haupt
kannst du kein Haar krümmen, von ihm kannst du keinen Zug
widerlich machen. Auch wenn die Hand schwer ist und
herabsinkt, wenn man sie fallen läßt, auch wenn das Herz und
der Puls schweigen; die Hand war offen und barmherzig, das
Herz war offen und warm und gut und der Puls ein menschlicher.
Töte, Schatten, töte! Und sieh, wie seine guten Taten aus der
Todeswunde hervorströmen, um in der Welt ein unsterbliches
Leben auszusäen!
Es war nicht etwa eine Stimme, die diese Worte in Scrooges
Ohren flüsterte, aber doch hörte er sie, während er auf das Bett
starrte. Er dachte, wenn dieser Mann jetzt wieder erweckt
werden könnte, was würde wohl sein erster Gedanke sein? Nur
Geiz, Hartherzigkeit, habgierige Sorge. - Ein schönes Ende
haben sie ihm bereitet!
Er lag in dem düstern leeren Haus, und kein Mann, kein Weib,
kein Kind war da, um zu sagen: »Er war gütig gegen mich in dem
und in jenem, und dieses einen gütigen Wortes gedenkend will
ich seiner warten.« Eine Katze kratzte an der Tür, und die Ratten
ich seiner warten.« Eine Katze kratzte an der Tür, und die Ratten
nagten und raschelten unter dem Kamin. Was sie in dem
Gemach des Todes wol ten und warum sie so unruhig waren,
wagte Scrooge nicht auszudenken.
»Geist«, sagte er, »dies ist ein schrecklicher Ort. Wenn ich ihn
verlasse, werde ich nicht seine Lehre vergessen, glaube mir. Laß
uns gehen.«
Immer noch wies der Geist mit regungslosem Finger auf das
Haupt der Leiche.
»Ich verstehe dich«, antwortete Scrooge, »und ich täte es, wenn
ich könnte.
Aber ich habe die Kraft nicht dazu, Geist. Ich habe die Kraft
nicht dazu.«
Wieder schien ihn der Geist anzublicken.
59
»Wenn irgend jemand in der Stadt ist, der bei dieses Mannes
Tod etwas fühlt«, bat Scrooge ganz erschüttert, »so zeige mir
ihn, Geist, ich flehe dich an.«
Die Erscheinung breitete ihren dunklen Mantel einen Augenblick
vor ihm aus wie einen Fittich; und wie s ie ihn wieder wegzog,
sah er ein taghelles Zimmer, in dem sich eine Mutter mit ihren
sah er ein taghelles Zimmer, in dem sich eine Mutter mit ihren
Kindern befand.
Sie wartete auf jemandes Kommen in ängstlicher Hoffnung, denn
sie ging im Zimmer auf und ab, erschrak bei jedem Geräusch,
sah zum Fenster hinaus, blickte nach der Uhr, versuchte
umsonst, sich zu beschäftigen und konnte kaum die Stimmen der
spielenden Kinder ertragen.
Endlich vernahm s ie das langersehnte Klopfen an der Haustür,
und als sie hinausgehen wol te, kam ihr der Gatte entgegen. Sein
Gesicht war abgehärmt und bekümmert, obgleich er noch jung
war! Es zeigte sich jetzt ein merkwürdiger Ausdruck darin: eine
Art ernster Freude, deren er sich schämte und die er zu
verbergen bestrebt war.
Er setzte sich zum Essen nieder, das man ihm am Feuer
aufgehoben hatte; und als die Gattin ihn erst nach langem
Schweigen fragte, was er für Nachrichten bringe, schien er um
Antwort verlegen zu sein.
»Sind es gute«, fragte sie, »oder schlechte?«
»Schlechte«, gab er zur Antwort.
»Sind wir ganz zugrunde gerichtet?«
»Nein, noch ist Hoffnung vorhanden, Caroline.«
»Wenn er sich erweichen läßt«, rief sie erstaunt, »dann ist noch
Hoffnung da!
Nichts ist hoffnungslos, wenn ein solches Wunder geschehen ist.«
»Für ihn ist es zu spät, Erbarmen zu zeigen«, sagte der Gatte. »Er
ist tot.«
Wenn ihr Gesicht Wahrheit sprach, so war sie ein mildes und
geduldiges Wesen; aber sie war doch dankbar dafür in ihrem
Herzen und sprach es mit gefalteten Händen aus. Doch schon im
nächsten Augenblick bat sie Gott, daß er ihr verzeihen möge,
und bereute es; aber das erste Gefühl war die Stimme ihres
Herzens gewesen.
»Was mir die halbbetrunkene Frau gestern abend meldete, als
ich ihn sprechen und um eine Woche Aufschub bitten wol te, und
was ich nur für einen bloßen Vorwand hielt, um mich
abzuweisen, erweist sich jetzt als die reine Wahrheit.
Er war nicht nur sehr krank, er lag schon im Sterben.«
»Auf wen wird unsere Schuld übergehen?«
»Ich weiß es nicht. Aber noch vor dieser Zeit werden wir das
Geld haben; und selbst, wenn dies nicht einträfe, wär' es fast
unwahrscheinlich großes Pech, in seinem Erben einen ebenso
unbarmherzigen Gläubiger zu finden. Wir können heut' nacht
leichteren Herzens schlafen, Caroline.«
Ja, sie mochten es verhehlen, wie sie wollten: ihre Herzen waren
leichter. Die Gesichter der Kinder, die s ich still um die Eltern
drängten, um zu hören, was sie so wenig verstanden, erhel ten
sich, und al e wurden glücklicher durch dieses Mannes Tod. Das
einzige von diesem Ereignis hervorgerufene Gefühl, das ihm der
Geist zeigen konnte, war also eins der Freude.
60
»Laß mich ein zärtliches, bei einem Todesfall empfundenes
Gefühl sehen«, bat Scrooge, »oder mir wird dies dunkle Zimmer,
das wir soeben verlassen haben, immer vor Augen bleiben.«
Nun führte ihn der Geist durch mehrere Straßen, die er oft
gegangen war; und indem s ie vorüberschwebten, hoffte Scrooge
sich hier und da zu erblicken, aber nirgends war er zu sehen. Sie
traten in Bob Cratchits Haus, dessen Wohnung sie schon früher
besucht hatten, und fanden dort die Mutter mit den Kindern um
das Feuer sitzen.
Alles war ruhig, alles war still, sehr still. Die lärmenden kleinen
Cratchits saßen stumm, wie steinerne Bilder, in einer Ecke und
sahen auf Peter, der ein Buch vor sich hatte. Mutter und Töchter
nähten. Aber auch sie waren stil , sehr still.
»Und er nahm ein Kind und stellte es in ihre Mitte.«
»Und er nahm ein Kind und stellte es in ihre Mitte.«
Wo hatte Scrooge diese Worte gehört? Der Knabe mußte sie
gelesen haben, als er und der Geist über die Schwel e traten.
Warum fuhr der Leser nicht fort?
Die Mutter legte ihre Arbeit auf den Tisch und führte die Hand
gegen die Augen.
»Die Farbe tut mir weh«, sagte sie.
Die Farbe? Ach, der arme Tiny Tim!
»Es geht jetzt wieder besser«, sagte Cratchits Frau.
»Die Farbe tut mir weh bei Licht, und ich möchte nicht, daß
Vater, wenn er heimkommt, meine roten Augen sieht. Es muß
bald Zeit sein.«
»Fast schon vorüber«, erwiderte Peter, das Buch schließend.
»Aber ich glaube, Mutter, er geht jetzt etwas langsamer als
früher.«
Sie waren wieder sehr still. Endlich sagte sie mit einer ruhigen,
heiteren Stimme, die nur ein einziges Mal zitterte:
»Ich weiß, daß er mit - ich weiß, daß er mit Tiny Tim auf der
Schulter sehr schnel ging.«
»Ich auch«, rief Peter. »Oft.«
»Ich auch«, rief Peter. »Oft.«
»Ich auch«, stimmten die andern ein.
»Aber er war sehr leicht zu tragen«, fing sie wieder an, den Blick
fest auf ihre Arbeit gerichtet, »und der Vater liebte ihn so, daß es
keine Last für ihn war -
keine Last. Doch horch: da kommt der Vater.«
Sie eilten ihm entgegen und Bob mit dem Schal - der arme Kerl
hatte ihn nötig
- trat herein. Sein Tee stand bereit, und sie drängten sich al e
herbei, und jeder wol te ihn am meisten bedienen. Dann
kletterten die beiden kleinen Cratchits auf seine Knie, und jedes
Kind legte eine kleine Wange an die seine, als wol ten sie sagen:
»Gräm dich nicht, lieber Vater, sei nicht traurig.«
Bob war sehr heiter und sprach sehr munter mit der ganzen
Familie. Er besah die Arbeit auf dem Tisch und lobte den Fleiß
und den Eifer seiner Frau und Töchter. Sie würden lange vor
Sonntag fertig sein, meinte er.
»Sonntag!« wiederholte die Frau. »Du warst also heute dort,
Robert?«
»Ja, meine Liebe«, antwortete Bob. »Ich wol te, du hättest auch
hingehen können. Es würde dein Herz erfreut haben, zu sehen,
hingehen können. Es würde dein Herz erfreut haben, zu sehen,
wie grün es dort ist. Aber 61
du wirst es oft sehen. Ich versprach ihm, sonntags hinzugehen.
Mein liebes, liebes Kind!«meinte Bob. »Mein liebes Kind!«
Er brach auf einmal zusammen. Er konnte nicht anders. Hätte er
anders gekonnt, so wären er und sein Kind einander wohl
weniger nahe gewesen.
Er verließ die Stube und ging die Treppe hinauf in ein Zimmer,
das hel erleuchtet und weihnachtsmäßig aufgeputzt war. Ein Stuhl
stand dicht neben dem Kind und man sah, daß vor kurzem
jemand dagewesen war. Der arme Bob setzte sich nieder, und
als er ein wenig nachgedacht und sich gefaßt hatte, küßte er das
kleine kalte Gesicht. Er war versöhnt mit dem Geschehenen und
ging wieder hinunter ganz heiter.
Sie setzten sich um das Feuer und unterhielten s ich; die
Mädchen und Mutter arbeiteten fort. Bob erzählte ihnen von
Scrooges Neffen und seiner außerordentlichen Freundlichkeit,
obwohl er ihn kaum ein einziges Mal gesehen habe. Er habe ihn
heute auf der Straße getroffen, und als er bemerkt, daß er ein
wenig niedergeschlagen aussähe, habe er ihn gefragt, was ihn
bekümmere.
»Hierauf«, sagte Bob, »erzählte ich es ihm, denn er ist der
freundlichste junge Herr, den ich kenne. ›Ich bedaure Sie
herzlich, Mr. Cratchit,‹ sagte er, ›und auch Ihre gute Frau.‹ -
herzlich, Mr. Cratchit,‹ sagte er, ›und auch Ihre gute Frau.‹ -
Übrigens, wie er das wissen kann, möchte ich wissen.«
»Was sol er wissen, mein Lieber.«
»Nun, daß du eine gute Frau bist«, antwortete Bob.
»Jedermann weiß das«, meinte Peter.
»Sehr gut bemerkt, mein Junge«, rief Bob. »Ich hoffe, es ist so.
›Herzlich bedaure ich Ihre gute Frau‹, sagte er. ›Wenn ich Ihnen
auf irgendeine Weise behilflich sein kann‹, setzte er hinzu, indem
er mir seine Karte gab, ›hier ist meine Adresse. Kommen Sie nur
zu mir.‹ Nun ist es nicht gerade darum«, sprach Bob, »weil er
etwas für uns tun könnte, sondern mehr wegen seiner herzlichen
Weise, daß ich mich darüber so freute. Es schien wirklich, als
habe er unsern Tiny Tim gekannt und fühle mit uns.«
»Er ist gewiß eine gute Seele«, sagte Mrs. Cratchit.
»Du würdest das noch eher erkennen, meine Liebe«, antwortete
Bob, »wenn du ihn sähest und mit ihm sprächest. Es sol te mich
nicht wundern, wenn er Peter eine bessere Stelle verschaffte.
Denkt an meine Worte.«
»Nun höre nur, Peter«, sagte Mrs. Cratchit.
»Und dann«, rief eines der Mädchen, »wird sich Peter nach einer
Frau umsehen.«
Frau umsehen.«
»Ach, sei still«, antwortete Peter lachend.
»Nun, das kann schon kommen«, sagte Bob, »doch bis dahin hat
er noch eine Menge Zeit. Aber wie und wann wir uns auch
voneinander trennen sollten, so bin ich doch überzeugt, daß
keiner von uns den armen Tiny Tim vergessen wird oder diese
erste Trennung, die wir erfuhren.«
»Niemals, Vater«, riefen alle.
»Und ich weiß«, sagte Bob, »ich weiß, meine Lieben, wenn wir
daran denken, wie geduldig und wie sanft er war, obgleich er nur
ein kleines Kind war, werden 62
wir uns nicht so leicht zanken und den guten Tiny Tim vergessen,
indem wir's tun.«
»Nein, niemals, Vater«, riefen wieder alle.
»Ich bin sehr glücklich«, sagte Bob, »sehr glücklich.«
Mrs. Cratchit küßte ihn, seine Töchter küßten ihn, die beiden
kleinen Cratchits küßten ihn, und Peter und er drückten sich die
Hand. Seele Tiny Tims, du warst ein Hauch von Gott.
»Geist«, sprach Scrooge, »etwas sagt mir, daß wir uns bald
trennen werden.
Ich weiß es, aber ich weiß nicht wie. Sag mir, wer war es, den
wir auf dem Totenbett sahen?«
Der Geist der zukünftigen Weihnacht führte ihn wie zuvor - doch
zu verschiedener Zeit, wie es ihm vorkam, und überhaupt schien
in den letzten abwechselnden Gesichtern keine Zeitfolge
stattzufinden - an die Zusammenkunftsorte der Geschäftsleute,
aber er sah sich selber nicht. Der Geist hielt sich nirgends auf,
sondern schwebte immer weiter, wie nach dem Ort zu, wo
Scrooge die gewünschte Lösung des Rätsels finden würde, bis
ihn dieser bat, einen Augenblick zu verweilen.
»Ja, dieser Hof, durch den wir jetzt eilen«, sagte Scrooge, »war
einst mein Geschäft und war es lange Jahre hindurch. Ich
erkenne das Haus. Laß mich sehen, was ich in den kommenden
Tagen sein werde.«
Der Geist stand still; die Hand zeigte anderswohin.
»Das Haus ist dort«, rief Scrooge. »Warum zeigst du
anderswohin?«
Der unerbittliche Finger nahm keine andere Richtung an.
Scrooge eilte nach dem Fenster seines Kontors und schaute
hinein. Es war noch ein Kontor, aber nicht das seinige. Die
Möbel waren nicht dieselben, und die Gestalt in dem Stuhl war
nicht die seine. Die Erscheinung zeigte nach derselben Richtung
nicht die seine. Die Erscheinung zeigte nach derselben Richtung
wie vorher.
Er trat wieder zu ihr hin und nachsinnend, warum und wohin sie
gingen, begleitete er sie, bis sie eine eiserne Pforte erreichten. Er
stand still, um sich vor dem Eintreten umzusehen.
Es war ein Kirchhof. Hier also lag der Unglückliche unter der
Erde, dessen Namen er noch erfahren sol te. Der Ort war seiner
würdig. Rings von hohen Häusern umgeben, überwuchert von
Unkraut, entsprossen dem Tod, nicht dem Leben der
Vegetation, vollgepfropft von zu vielen Leichen, genährt von
übersättigtem Genuß.
Der Geist stand inmitten der Gräber still und deutete auf eins
hinab. Scrooge näherte sich ihm bebend. Die Erscheinung war
noch ganz so wie früher, aber ihm war es immer, als sähe er eine
neue Bedeutung in der düsteren Gestalt.
»Ehe ich mich dem Stein nähere, den du mir zeigst«, sagte
Scrooge,
»beantworte mir eine Frage. Sind dies die Schatten der Dinge,
die sein werden, oder nur deren, die sein können ?«
Immer noch wies der Geist auf das Grab hin, vor dem sie
standen.
63
63
»Die Wege des Menschen tragen ihr Ziel in sich«, murmelte
Scrooge. »Aber schlägt er einen andern Weg ein, so ändert sich
das Ziel. Sag, ist es so mit dem, was du mir zeigen wirst?«
Der Geist blieb so unbeweglich wie immer.
Scrooge näherte sich schlotternd dem Grabe, und wie er der
Richtung des Fingers folgte, las er auf dem Stein seinen eigenen
Namen.
EBENEZER SCROOGE
»Bin ich es, der auf jenem Bett lag?« rief er, in die Knie sinkend.
Der Finger zeigte von dem Grabe fort auf ihn und wieder zurück.
»Nein, Geist, o nein!«
Der Finger wies unveränderlich dorthin.
»Geist«, rief Scrooge, sich fest an sein Gewand klammernd, »ich
bin nicht mehr der Mensch, der ich ehedem war. Ich will ein
anderer Mensch werden, als ich vor diesen Tagen gewesen bin.
Warum zeigst du mir dies, wenn al e Hoffnung geschwunden
ist?«
Zum ersten Male schien des Geistes Hand zu zittern.
»Guter Geist«, fuhr er fort, »dein eigenes Herz legt bittend für
mich ein Wort ein und bedauert mich. Sag mir, daß ich durch ein
verändertes Leben die Schattenbilder, die du mir gezeigt hast,
ändern kann!«
Die gütige Hand zitterte.
»Ich will Weihnachten in meinem Herzen ehren, ich will
versuchen, es zu feiern. Ich will in der Vergangenheit, in der
versuchen, es zu feiern. Ich will in der Vergangenheit, in der
Gegenwart und in der Zukunft leben. Die Geister von allen dreien
sollen in mir lebendig sein. Ich wil ihren Lehren mein Herz nicht
verschließen. O sage mir, daß ich die Schrift auf diesem Stein
tilgen kann!«
In seiner Angst ergriff Scrooge die gespenstige Hand. Sie
versuchte, sich von ihm loszumachen, aber er war stark in seinem
Flehen und hielt sie fest. Der Geist, noch stärker, stieß ihn
zurück.
Wie Scrooge die bebenden Hände zu einem letzten Flehen um
Änderung seines Schicksals in die Höhe hielt, sah er die
Erscheinung sich verändern. Sie wurde kleiner und kleiner und
schwand zu einem Bettpfosten zusammen.
64
Fünfte Strophe
Das Ende
Ja, und es war sein eigener Bettpfosten. Es war sein Bett und
sein Zimmer.
Und was das Glücklichste und Beste war: die Zukunft gehörte
ihm, um s ich zu bessern.
»Ich will in der Vergangenheit, in der Gegenwart und in der
»Ich will in der Vergangenheit, in der Gegenwart und in der
Zukunft leben«, wiederholte Scrooge, als er aus dem Bett
kletterte. »Die Geister von allen dreien sollen in mir lebendig sein.
Oh, Jacob Marley! Der Himmel sei dafür gepriesen und die
Weihnachtszeit! Ich sage es auf meinen Knien, alter Jacob, auf
meinen Knien.«
Er war von seinen guten Vorsätzen so durchflammt und außer
sich, daß seine bebende Stimme auf seinen Ruf kaum antworten
wol te. Während seines Ringens mit dem Geist hatte er bitterlich
geweint, und sein Ges icht war noch naß von den Tränen.
»Sie sind nicht herabgerissen«, rief Scrooge, eine der
Bettgardinen an die Brust drückend, »sie sind nicht
herabgerissen. Sie sind da, ich bin da, die Schatten der Dinge,
die da kommen, können vertrieben werden. Ja, ich weiß es, ich
weiß es gewiß.«
Während dieser ganzen Zeit beschäftigten sich seine Hände mit
den Kleidungsstücken: er zog sie verkehrt an, zerriß sie, verlegte
sie und machte damit allerhand tolle Sprünge.
»Ich weiß nicht, was ich tue«, rief Scrooge in einem Atem
weinend und lachend und mit seinen Strümpfen einen wahren
Laokoon aus sich machend. -
»Ich bin leicht wie eine Feder, selig wie ein Engel, vergnügt wie
ein Schulknabe, schwindlig wie ein Trunkener. Fröhliche
Weihnachten allen Menschen! Ein glückliches Neujahr der
Weihnachten allen Menschen! Ein glückliches Neujahr der
ganzen Welt! Hal o! Hussa! Hurra!«
Er war in das Wohnzimmer gesprungen und blieb jetzt drin ganz
außer Atem stehen.
»Da ist die Schüssel, in der der Haferschleim war!« rief Scrooge,
indem er um den Kamin herumhüpfte. »Da ist die Tür, durch die
Jacob Marleys Geist hereinkam, da ist die Ecke, wo der Geist
der diesjährigen Weihnacht saß, da ist das Fenster, wo ich die
ruhelosen Geister sah! Es ist alles richtig, es ist alles wahr, es ist
al es geschehen. Hahahaha!«
Für einen Mann, der so lange Jahre aus der Gewohnheit war,
mußte man es wirklich ein vortreffliches Lachen nennen, ein
herrliches Lachen. Es war der Vater einer langen, langen Reihe
herrlicher Lachsalven!
»Ich weiß nicht, den Wievielten wir heute haben«, rief Scrooge.
»Ich weiß nicht, wie lange ich unter den Geistern gewesen bin.
Ich weiß gar nichts. Ich bin wie ein neugeborenes Kind. Es
schadet nichts. Ist mir einerlei. Ich will lieber ein Kind sein.
Hallo! Hussa! Hurra!«
65
Er wurde in seinen Freudenausbrüchen von dem Geläut der
Kirchenglocken unterbrochen, die ihm so fröhlich zu klingen
schienen, wie nie vorher. Bimbam, kling-klang, bim-bam. Nein,
schienen, wie nie vorher. Bimbam, kling-klang, bim-bam. Nein,
es war zu herrlich, zu herrlich!
Er lief zum Fenster, öffnete es und steckte den Kopf hinaus.
Kein Nebel: ein klarer, lustig-heller, frischfroher Morgen, eine
Kälte, die dem Blut einen Tanz vorpfiff, goldenes Sonnenlicht,
ein himmlischer Himmel, lieblich-erquickende Luft, fröhliche
Glocken. O wie herrlich, wie herrlich!
»Was ist denn heute für ein Tag?« rief Scrooge einem Knaben in
Sonntagskleidern zu, der unterm Fenster stand.
»Wie?« fragte der Knabe mit der al ergrößten Verwunderung.
»Was ist heut' für ein Tag, mein Junge?« fragte Scrooge.
»Heute?« antwortete der Knabe. »Nun, Christtag.«
»Es ist Christtag«, sagte Scrooge zu sich selber. »Ich habe ihn
also nicht versäumt. Die Geister haben alles in einer Nacht
erledigt. Sie können al es, was sie wol en. Natürlich, natürlich. -
Heda, mein Junge!«
»Was denn!« antwortete der Knabe.
»Kennst du des Geflügelhändlers Laden in der zweitnächsten
Straße an der Ecke?« fragte Scrooge.
»I, warum denn nicht?« antwortete der Junge.
»I, warum denn nicht?« antwortete der Junge.
»Ein gescheiter Junge«, nickte Scrooge. »Ein merkwürdiger
Junge! Weißt du nicht, ob der Preistruthahn, der dort hing,
verkauft ist? Nicht der kleine Preistruthahn, sondern der große.«
»Was, der so groß ist wie ich?« entgegnete der Junge.
»Was für ein lieber Junge!« lächelte Scrooge. »Es ist eine
Freude, mit ihm zu sprechen. Freilich wohl, mein Prachtjunge.«
»Der hängt noch dort«, antwortete der Junge.
»Ist's wahr?« sagte Scrooge. »Na, dann lauf und kaufe ihn.«
»Hat sich was«, spottete der Junge.
»Nein, nein«, sagte Scrooge, »es ist mein Ernst. Geh hin und
kaufe ihn und sag, sie sol en ihn hierher bringen, daß ich ihnen die
Adresse geben kann, wohin sie ihn tragen sollen. Komm mit dem
Träger wieder her, und ich gebe dir einen Shil ing. Kommst du
rascher als in fünf Minuten zurück, bekommst du eine halbe
Krone.«
Der Bengel verschwand wie ein Blitz.
»Ich will ihn Bob Cratchit schicken«, flüsterte Scrooge, sich die
Hände reibend und fast vor Lachen platzend. »Er soll nicht
wissen, wer ihn schickt. Er ist zweimal so groß wie Tiny Tim.
Einen Witz wie den hat's noch nie gegeben.«
Einen Witz wie den hat's noch nie gegeben.«
Als er die Adresse schrieb, zitterte seine Hand, aber er schrieb
so gut es ging und stieg die Treppe hinab, um die Haustür zu
öffnen und den Truthahn zu erwarten. Wie er dastand, fiel sein
Auge auf den Türklopfer.
»Ich werde ihn lieb haben, solange ich lebe«, rief Scrooge, ihn
streichelnd.
»Früher habe ich ihn kaum angesehen. Was er für ein ehrliches
Gesicht hat! Es ist ein wunderbarer Türklopfer! - Da ist der
Truthahn. Hal o! Hussa! Wie geht's?
Fröhliche Weihnachten!«
66
Das war ein Truthahn! Er hätte nicht mehr lang lebendig auf
seinen Füßen stehen können. Sie wären - knix - zerbrochen wie
eine Stange Siegellack.
»Was, das ist ja fast unmöglich, den nach Camden Town zu
tragen!« sagte Scrooge. »Ihr müßt einen Wagen nehmen.«
Das Lachen, mit dem er dies sagte, und das Lachen, mit dem er
den Truthahn bezahlte, und das Lachen, mit dem er den Wagen
bezahlte, und das Lachen, mit dem er dem Jungen ein Trinkgeld
gab, wurde nur von dem Lachen übertroffen, mit dem er sich
gab, wurde nur von dem Lachen übertroffen, mit dem er sich
atemlos in seinen Stuhl niedersetzte und lachte, bis ihm die
Tränen die Backen herunterliefen.
Das Rasieren war keine Kleinigkeit, denn seine Hand zitterte
immer noch sehr, und Rasieren verlangt große Aufmerksamkeit,
auch wenn man nicht gerade währenddessen tanzt. Aber selbst
wenn er sich die Nasenspitze weggeschnitten hätte, würde er ein
Stückchen Pflaster darauf geklebt und sich damit zufrieden
gegeben haben.
Er zog seine besten Kleider an und trat endlich auf die Straße.
Die Leute strömten gerade aus ihren Häusern, wie er es gesehen
hatte, als er den Geist der diesjährigen Weihnacht begleitete; und
mit auf dem Rücken zusammengeschlagenen Händen durch die
Straßen gehend, blickte Scrooge jeden mit einem freundlichen
Lächeln an. Er sah so unwiderstehlich freundlich aus, daß drei
oder vier lustige Leute zu ihm sagten: »Guten Morgen, Sir,
fröhliche Weihnachten!«, und Scrooge sagte oft nachher, daß
von al en lieblichen Klängen, die er je gehört, dieser seinem Ohr
am lieblichsten geklungen hätte.
Er war nicht weit gegangen, als er denselben stattlichen Herrn auf
sich zukommen sah, der am Tage vorher in sein Kontor getreten
war, mit den Worten: »Scrooge und Marley, glaube ich.« Es gab
ihm förmlich einen Stich ins Herz, als er dachte, wie ihn wohl der
alte Herr beim Vorübergehen ansehen würde; aber er wußte,
welchen Weg er zu gehen hatte, und ging ihn.
»Lieber Herr«, rief Scrooge, schnel er laufend und den alten
Herrn an beiden Händen ergreifend. »Wie geht es Ihnen? Ich
hoffe, Sie hatten gestern einen guten Tag? Es war sehr freundlich
von Ihnen. Ich wünsche Ihnen fröhliche Weihnachten, Sir.«
»Mr. Scrooge?«
»Ja«, sagte Scrooge. »So ist mein Name und ich fürchte, er
klingt Ihnen nicht sehr angenehm. Erlauben Sie, daß ich Sie um
Verzeihung bitte! Und wol en Sie die Güte haben« hier flüsterte
ihm Scrooge etwas ins Ohr.
»Himmel!« rief der Herr, als ob ihm der Atem ausgeblieben
wäre. »Mein lieber Mr. Scrooge, ist das Ihr Ernst?«
»Wenn es Ihnen beliebt«, sagte Scrooge. »Keinen Penny
weniger. Es sind viele Rückstände dabei, ich versichere es Ihnen.
Wol en Sie die Güte haben?«
»Bester Herr«, sagte der andere, ihm die Hand schüttelnd. »Ich
weiß nicht, was ich zu einer solchen Freigebigkeit sagen sol .«
»Ich bitte, sagen Sie gar nichts dazu«, antwortete Scrooge.
»Besuchen Sie mich. - Wol en Sie mich besuchen?«
67
»Herzlich gern«, rief der alte Herr. Und man sah, es war ihm
Ernst mit dieser Versicherung.
»Ich danke Ihnen sehr«, sagte Scrooge. »Ich bin Ihnen sehr
verbunden. Ich danke Ihnen tausendmal. Leben Sie recht wohl!«
Er ging in die Kirche, ging durch die Straßen, sah die Leute hin
und her laufen, klopfte Kindern die Wange, sprach mit Bettlern,
spähte hinab in die Küchen und lugte hinauf zu den Fenstern der
Häuser: und er fand, daß ihm alles das Vergnügen bereiten
könne. Er hätte es sich nie träumen lassen, daß ihn ein
Spaziergang oder sonst etwas so glücklich machen könnte.
Nachmittags lenkte er seine Schritte nach der Wohnung seines
Neffen.
Er ging wohl ein dutzendmal an der Tür vorüber, ehe er den Mut
hatte anzuklopfen. Endlich faßte er sich ein Herz und klopfte.
»Ist dein Herr zu Hause, liebes Kind?« sagte Scrooge zu dem
Mädchen. Ein nettes Mädchen, wahrhaftig!
»Ja, Sir.«
»Wo ist er, liebes Kind?« sagte Scrooge.
»Er ist in dem Speisezimmer, Sir, mit Madame. Ich will Sie
hinaufführen, wenn Sie erlauben.«
»Danke, danke. Er kennt mich«, sagte Scrooge, mit der Hand
schon auf der Türklinke. »Ich will gleich eintreten, liebes Kind.«
Er machte die Tür leise auf und steckte den Kopf hinein. Sie
betrachteten gerade den Speisetisch (der mit großem Aufwand
gedeckt war); denn junge Hausfrauen sind immer sehr bedacht
darauf und sehen gern alles in hübschester Ordnung.
»Fred«, rief Scrooge.
Heiliger Himmel, wie seine Nichte erschrak! Scrooge hatte in
Heiliger Himmel, wie seine Nichte erschrak! Scrooge hatte in
dem Augenblick vergessen, daß sie mit dem Fußbänkchen in der
Ecke gesessen hatte, sonst hätte er es um keinen Preis getan.
»Potztausend!« rief Fred, »wer kommt da?«
»Ich bin's. Dein Onkel Scrooge. Ich komme zum Essen. Willst
du mich hereinlassen, Fred?«
Ihn hereinlassen! Es war nur gut, daß er ihm nicht den Arm
abriß. Er war in fünf Minuten wie zu Hause. Nichts konnte
herzlicher sein, als die Begrüßung 68
seines Neffen. Und auch seine Nichte empfing ihn nicht minder
herzlich. Auch Topper, als er kam. Auch die runde Schwester,
als sie kam. Und alle, wie sie nach der Reihe kamen.
Wundervolle Gesellschaft, wundervolle Spiele, wundervolle
Eintracht, wundervolle Glückseligkeit!
Aber am andern Morgen war Scrooge früh in seinem Kontor.
Oh, er war gar früh da. Zuerst dort zu sein und Bob Cratchit
beim Zuspätkommen zu erwischen! Das war's, worauf sein Sinn
stand. Und es gelang ihm wahrhaftig!
Die Uhr schlug neun. Kein Bob. Ein Viertel nach neun. Kein
Bob. Er kam volle achtzehn und eine halbe Minute zu spät.
Scrooge hatte seine Türe weit offen stehen lassen, damit er ihn in
das Verlies eintreten sähe.
Bobs Hut war vom Kopf, ehe er die Tür öffnete, auch der Schal
von seinem Hals. Im Nu saß er auf seinem Stuhl und jagte mit
der Feder über das Papier, als wol te er versuchen, neun Uhr
einzuholen.
»Heda«, rief Scrooge, so gut es ging seine gewohnte Stimme
nachahmend.
»Was sol das heißen, daß Sie so spät kommen?«
»Es tut mir sehr leid, Sir«, sagte Bob. »Ich habe mich verspätet.«
»So?« sagte Scrooge. »Ja. Das kommt mir auch so vor. Hier
herein, wenn's gefällig ist.«
»Es ist nur einmal im Jahr, Sir«, sagte Bob, aus dem Verlies
hereintretend. »Es sol nicht wieder vorkommen. Ich war ein
bißchen lustig gestern, Sir.«
»Nun, ich will Ihnen etwas sagen, Freundchen«, sagte Scrooge,
»ich kann das nicht länger mit ansehen. Und daher«, fuhr er fort,
von seinem Stuhl springend und Bob einen solchen Stoß vor die
Brust gebend, daß er wieder in das Verlies zurückstolperte, »und
daher will ich Ihr Salär erhöhen!«
Bob zitterte und trat dem Lineal etwas näher. Er hatte einen
kurzen Gedanken, Scrooge damit eins auf den Kopf zu geben,
ihn festzuhalten und die Leute im Hof um Beistand und um eine
ihn festzuhalten und die Leute im Hof um Beistand und um eine
Zwangsjacke anzurufen.
»Fröhliche Weihnachten, Bob!« sagte Scrooge mit einem Ernst,
der nicht mißverstanden werden konnte, indem er ihm auf die
Achsel klopfte.
»Fröhlichere Weihnachten, Bob, als ich Sie so manches Jahr
habe feiern lassen.
Ich will Ihr Salär erhöhen und mich bemühen, Ihrer Familie unter
die Arme zu greifen. Wir wollen heut' nachmittag bei einem
dampfenden Weihnachtspunsch über Ihre Angelegenheiten
sprechen, Bob! Schüren Sie das Feuer an und kaufen Sie eine
andere Kohlenschaufel, ehe Sie wieder einen Punkt auf ein i
machen, Bob Cratchit!«
Scrooge war besser als sein Wort. Er tat nicht nur alles, was er
versprochen hatte, sondern noch mehr, und für Tiny Tim, der
nicht starb, wurde er ein zweiter Vater. Er wurde ein so guter
Freund und ein so guter Mensch, wie nur die liebe alte City oder
jedes andere liebe alte Städtchen oder Dorf in der lieben alten
Welt je einen Freund und Menschen gesehen hat. Einige Leute
lachten, als sie ihn so verändert sahen; aber er ließ sie lachen und
kümmerte sich wenig darum, denn er war klug genug, zu wissen,
daß nichts Gutes in dieser Welt geschehen kann, worüber nicht
von vornherein einige Leute lachen müssen: und da er wußte,
daß solche Leute doch blind bleiben würden, so dachte er bei
sich, 69
sich, 69
es wäre besser, sie legten ihre Ges ichter durch Lachen in Falten,
als daß sie es auf weniger anziehende Weise täten. Sein eigenes
Herz lachte, und damit war er vollauf zufrieden.
Er hatte keinen ferneren Verkehr mit Geistern, sondern lebte von
jetzt an nach dem Grundsatz gänzlicher Enthaltsamkeit; und
immer sagte man von ihm, er wisse Weihnachten recht zu feiern,
wenn es überhaupt ein Mensch wisse. Möge dies auch in
Wahrheit von uns allen gesagt werden können. Und so schließen
wir mit Tiny Tims Worten: »Gott segne jeden von uns.«
70
Die Zauberglocken
Eine Geistergeschichte von einigen Glocken, die ein altes
Jahr aus-und ein neues einläuteten
71
Das erste Viertel
Es gibt nicht viele Menschen - und da es wünschenswert ist, daß
zwischen einem Erzähler und seinem Leser möglichst von
vornherein ein gegenseitiges Einverständnis bestehe, so bitte ich,
darauf zu achten, daß ich meine Bemerkung nicht auf junge oder
kleine Leute beschränke, sondern sie auf alle ausdehne, mögen
sie nun klein oder groß, jung oder alt, erst in der Entwicklung
oder bereits wieder im Abstieg ihres Lebens sein - ich sage, es
gibt nicht viele Menschen, die gern in einer Kirche schlafen
möchten. Ich meine damit nicht während der Predigt und bei
warmem Wetter, was ein- oder zweimal tatsächlich
vorgekommen ist, sondern in der Nacht und al ein. Ich weiß,
sehr viele Menschen würden am hellichten Tag über eine solche
Zumutung aufs höchste überrascht sein, aber ich habe die Nacht
im Auge, und der Fal muß bei Nacht erörtert werden. Ich will
meine Behauptung in jeder stürmischen Winternacht erfolgreich
beweisen. Es braucht nur einer aus der Menge meiner Gegner
mit mir allein auf einem alten Friedhof vor einer alten Kirchentür
zusammenzutreffen und mir im voraus die Ermächtigung zu
erteilen, ihn, falls es zu seiner Überzeugung notwendig wäre, bis
zum Morgen dort einzuschließen.
Denn der Nachtwind hat die unheimliche Gewohnheit, ein
derartiges Gebäude stöhnend zu umwandeln, mit unsichtbarer
Hand an Fenster und Türen zu rütteln und irgendeine Spalte
Hand an Fenster und Türen zu rütteln und irgendeine Spalte
aufzuspüren, durch die er eintreten kann. Ist er endlich drinnen,
so winselt und heult er, um wieder hinauszukommen, wie
jemand, der nicht gefunden hat, was er sucht, wobei er sich nicht
begnügt, durch die Gänge zu wandern, um die Säulen zu
schlüpfen und die tieftönende Orgel zu probieren, sondern sich
auch zum Dach erhebt und das Gebälk zu erschüttern strebt;
dann wirft er sich verzweifelnd auf die Steine unten und dringt
murrend in die Grüfte.
Endlich kommt er verstohlen wieder herauf, schleicht an den
Wänden hin und scheint in Flüstertönen die Inschriften, die den
Toten geweiht sind, zu lesen. Bei einigen bricht er in schril e Töne
aus, wie Gelächter, während er an ändern ächzt und klagt, als
wäre er voll Trauer. In der Nähe des Altars stimmt er einen sehr
gespenstischen Ton an und singt in seiner wilden Weise von
Unrecht und Missetaten. Er hat eine schreckliche Stimme -
dieser Wind, der um Mitternacht in einer Kirche singt!
Aber hoch oben im Turm! Dort brüllen und pfeifen unheimliche
Stöße! Hoch oben im Turm, wo sie durch manche lustige
Öffnung frei aus- und einziehen, sich um die schwindelnde
Treppe winden, den stöhnenden Wetterhahn umherwirbeln und
sogar das Gemäuer zum Erschüttern bringen! Hoch oben im
Turm, wo sich der Glockenstuhl erhebt, wo die eisernen
Geländer vom Rost zerfressen werden und die Blei- und
Kupferplatten, abgenutzt vom wechselnden Wetter, unter dem
ungewohnten Tritt krachen und seufzen; wo Vögel ihre Nester in
ungewohnten Tritt krachen und seufzen; wo Vögel ihre Nester in
die Ecken des alten Eichengebälks bauen und der Staub alt und
grau wird. Hoch oben im Turm einer alten Kirche, weit über dem
Licht und Brausen der Stadt und weit unter den fliegenden
Wolken, die sie beschatten, ist der 72
wilde, traurige, nächtliche Ort, und hoch oben im Turm einer
alten Kirche hängen die Glocken, von
alten Kirche hängen die Glocken, von
denen ich spreche.
Es sind alte Glocken,
die vor Jahrhunderten von
Bischöfen getauft wurden
- vor so vielen Jahrhunderten,
daß
ihr
Taufregister
schon vor undenklichen Zeiten
verloren ging und
niemand mehr ihre Namen
kennt. Sie hatten ihre
Paten und Patinnen gehabt und
ohne Zweifel auch ihre
silbernen Becher erhalten;
silbernen Becher erhalten;
aber die Zeit mähte die
ersteren hin, und König
Heinrich VIII. hat die
letzteren eingeschmolzen - so
daß sie jetzt ohne Namen
und ohne Patengeschenk im
Kirchturm hingen.
Doch nicht ohne
Stimme und Sprache - weit
gefehlt. Sie hatten klare, laute, luftige, volltönende Stimmen, die
der Wind weit hintrug. Dabei waren sie aber viel zu trotzige
Glocken, um sich von der Willkür des Windes abhängig zu
machen. War er ihnen grillenhaft zuwider, dann kämpften sie
kräftig gegen ihn an und ließen ihre lieblichen Klänge recht
königlich in die lauschenden Ohren dringen. Ins besonders waren
sie darauf erpicht, in stürmischen Nächten irgendeine arme
Mutter, die bei einem kranken Kind wachte, oder eine einsame
Frau, deren Mann zur See fuhr, zu grüßen, und so hatten sie
schon manches Mal einen pustenden Nordwester „ganz in
Krämpfe geschlagen", wie Toby Veck sagte; denn obwohl man
ihn Trotty Veck zu nennen pflegte, hieß er doch Toby und
niemand konnte ihn ohne ausdrückliche Parlamentsakte zu etwas
anderem machen. War er doch zu seiner Zeit ebenso gesetzlich
getauft worden wie die Glocken zu der ihrigen, obwohl nicht mit
ganz soviel Feierlichkeit oder öffentlichem Jubel.
Ich bekenne mich für meinen Teil zu Toby Vecks Auffassung,
denn ich bin überzeugt, daß er hinreichend Gelegenheit hatte,
sich eine richtige Ansicht zu bilden. Was daher Toby Veck sagte,
sage ich auch, und ich stel e mich Toby zur Seite, obwohl er den
lieben langen Tag genau vor der Kirchentür stand - was
wahrhaftig kein Vergnügen war. Er war nämlich ein Dienstmann
und wartete dort darauf, daß ihn jemand brauchte.
Freilich ein windiger, gänsehäutiger, blaunasiger, rotäugiger,
steinzehiger und zähneklappernder Warteplatz zur Winterszeit,
wie Toby Veck wohl wußte. Der Wind kam um die Ecke gerast
- besonders der Ostwind -, als sei er ausdrücklich von den
Grenzen der Erde losgestürmt, um Toby einmal tüchtig
anzuwehen. Ja, oft schien er sogar früher auf ihn zu stoßen, als er
erwartet hatte; denn er raste um die Ecke und fuhr an Toby
vorbei, drehte aber dann plötzlich wieder um, als wol te er
ausrufen: „Ei, da ist er ja!" Im nächsten Augenblick flog dann
seine kleine weiße Schürze wie das Röckchen eines wilden
Jungen über seinen Kopf, und man sah das schwache Stöcklein
vergeblich in seiner Hand ringen und kämpfen, während seine
vergeblich in seiner Hand ringen und kämpfen, während seine
Beine in furchtbare Aufregung gerieten und Toby selbst in
schräger Körperhaltung, das Ges icht bald da bald dorthin
wendend, so umhergetrieben und umhergestoßen, wohl auch von
den Füßen gehoben wurde, 73
daß es fast ein Wunder war, wenn er nicht gleich einer Kolonie
von Fröschen, Schnecken oder anderen tragbaren Geschöpfen
von Fröschen, Schnecken oder anderen tragbaren Geschöpfen
in die Luft entführt und in irgendeinem fernen Erdenwinkel, wo
Dienstmänner unbekannt sind, zum großen Erstaunen der
Eingeborenen niedergeregnet wurde.
Windiges Wetter war übrigens doch eine Art Festtag für Toby,
obwohl es ihn so rauh behandelte. Denn er schien im Wind nicht
so lange auf ein Sixpencestück warten zu müssen wie zu ändern
Zeiten. Der Kampf mit dem ungestümen Element lenkte seine
Aufmerksamkeit ab und frischte ihn auf, wenn er hungrig und
übellaunig wurde. Auch ein harter Frost oder ein Schneegestöber
wurde für ihn zu einem Ereignis und schien ihm in einer oder der
ändern Weise gutzutun, obgleich sich der eigentliche Grund nur
schwer angeben ließe. So waren Wind, Frost, Schnee und
vielleicht ein tüchtiger Hagel für Toby Veck die rotgedruckten
Tage im Kalender. Nasses Wetter war das Schlimmste - die
kalte, unfreundliche, klebrige Feuchtigkeit, die ihn wie ein nasser
Mantel einhüllte -
die einzige Art von Mantel, die Toby sein eigen nennen konnte,
die er aber um seiner Gemächlichkeit willen trotzdem gern
entbehrt hätte. Nasse Tage, wenn der Regen langsam, dicht und
hartnäckig niederfiel- wenn die Kehlen der Straßen, wie seine
eigene, von Nebel erstickt waren - wenn dampfende Schirme hin
und her gingen und wie ebensoviele Kreisel tanzten, sooft sie auf
dem gedrängt vollen Fußweg aneinanderstießen und einen
kleinen Sprühregen fataler Tröpfchen niederspritzen ließen -
wenn die Dachrinnen klatschten und die Regenabflüsse voll und
wenn die Dachrinnen klatschten und die Regenabflüsse voll und
lärmend waren - wenn das Naß von dem vorspringenden
Gestein der Kirche, tropf-tropf-tropf auf Toby niederrieselte und
den Strohwisch, auf dem er stand, im Nu in bloßen Schmutz
verwandelte - das waren für ihn Tage der Heimsuchung. Man
konnte dann unseren Toby ängstlich und mit trostlosem, langem
Gesicht unter seinem Schutzdach in einer Ecke der
Kirchenmauer hervorgucken sehen - einem so schmalen
Schutzdach freilich, daß es zur Sommerszeit nie einen breiteren
Schatten auf das sonnige Pflaster warf als ein dicker
Spazierstock. Bald aber kam er wieder heraus, um sich durch
Bewegung warm zu machen, und trabte ein paar dutzendmal auf
und ab, und da das schon genügte, um ihn
aufzuheitern, so kehrte er
dann wieder in besserer
Laune zu seiner Nische
zurück.
Man nannte ihn Trotty
wegen seines Ganges, der
Eile zumindest andeuten
sol te. Er wäre vielleicht
sol te. Er wäre vielleicht
schnel er vom Reck
gekommen, wenn er
einfach gegangen wäre;
aber würde man ihn seines
Trotts beraubt haben, so
hätte er sich zu Bett gelegt,
um zu sterben. Zwar
beschmutzte er sich
dadurch bei schlechtem
Wetter; sein Trab brachte
ihn in alle möglichen
Schwierigkeiten, und es
wäre unendlich bequemer
für ihn gewesen, zu gehen;
aber gerade das war der Grund dafür, daß er so hartnäk-kig
aber gerade das war der Grund dafür, daß er so hartnäk-kig
daran festhielt. Denn obgleich ein schwaches, schmächtiges,
kleines altes Männlein, war Toby doch 74
ein wahrer Herkules an guter Absicht. Er liebte es, sein Geld
wirklich zu verdienen. Der Gedanke, daß er seinen Lohn wert
sei, bereitete ihm Genuß, und bei seiner Armut konnte er nicht
leicht auf einen Genuß verzichten. Mit einem Auftrag, der ihm
einen Schil ing oder achtzehn Pence eintrug, oder mit einem
kleinen Päckchen in der Hand, steigerte sich sein Mut, an dem es
ihm nie gebrach, nur um so höher. Während er dahintrabte,
pflegte er schnel gehenden Briefträgern vor ihm zuzurufen, sie sol
ten ihm den Weg freigeben, weil er nicht anders glaubte, als daß
er im natürlichen Lauf der Dinge sie unausbleiblich einholen und
niederrennen müsse. Auch lebte er in der festen Überzeugung,
die freilich nicht oft auf die Probe gestellt wurde, daß er alles zu
tragen imstande sei, was ein Mensch zu heben vermöge.
Toby trabte daher auch, wenn er an einem nassen Tag aus
seinem Winkel hervorkam, um sich zu wärmen. Er trabte, wenn
er mit lecken Schuhen eine krumme Linie schlammiger
Fußstapfen in den Straßenschmutz drückte und, mit gebeugten
Knien und seinem Rohrstock unter dem Arm, in seine frostigen
Hände blies oder sie gegeneinander rieb, da sie gegen die
durchbohrende Kälte nur durch ärmliche und fadenscheinige
grauwollene Fäustlinge geschützt waren, in denen nur die
Daumen eine einzelne, die übrigen Finger aber eine
gemeinschaftliche Herberge hatten. Ebenso trabte er, wenn er in
gemeinschaftliche Herberge hatten. Ebenso trabte er, wenn er in
die Straße hinausging, um bei dem Klang der Glocken nach dem
Turm hinaufzusehen.
Diesen letzten Ausflug machte er mehrmals am Tag, denn die
Glocken gaben ihm Gesellschaft, und wenn er ihre Stimme hörte,
so blickte er gern nach ihrem Wohnplatz hinauf, sich dabei
Gedanken machend, wie sie sich bewegten und was für Hämmer
auf sie schlügen. Vielleicht hatten sie um so mehr Interesse für
ihn, weil zwischen ihnen und ihm selbst manche Übereinstimmung
bestand. Sie hingen da bei jedem Wetter, in Wind und Regen,
und betrachteten nur die Außenseite aller jener Häuser, ohne je
den lodernden Feuern nahe zu kommen, die durch die Fenster
leuchteten oder zu den Schornsteinen herauspusteten; auch
waren sie nicht imstande, an den guten Dingen teilzuhaben, die
ohne Unterlaß durch die Haustüren und Küchengeländer an
umfangreiche Köchinnen abgegeben wurden. Viele Gesichter
kamen an die Fenster und entfernten sich wieder- hübsche
Gesichter bisweilen, jugendliche Gesichter, angenehme
Gesichter, hin und wieder aber auch das Gegenteil. Doch Toby
wußte ebensowenig wie die Glocken ( wie oft er auch, wenn er
müßig in den Straßen stand, Betrachtungen über diese
Kleinigkeiten anstellte), woher sie kamen und wohin sie gingen,
oder ob im ganzen Jahr nur ein einziges freundliches Wort über
ihn gesprochen wurde, wenn sich die Lippen bewegten.
Toby war kein Kasuist — seinem Wissen nach wenigstens nicht
-, und ich will nicht behaupten, daß er derartige Betrachtungen
-, und ich will nicht behaupten, daß er derartige Betrachtungen
einzeln anstellte oder eine förmliche Heerschau über seine
Gedanken hielt, als er begann, eine Zuneigung zu den Glocken zu
fassen und seine erste oberflächliche Bekanntschaft mit ihnen zu
einem dichteren und feineren Gewebe zu verarbeiten.
Und wenn ich diese Empfindung sogar Liebe genannt hätte, so
würde ich das Wort nicht zurücknehmen, obgleich es kaum dem
vielfältigen Inhalt seines 75
Gefühls gerecht geworden wäre. Denn da er bloß ein einfacher
Mann war, so bekleidete er sie mit einem wundersamen und
feierlichen Charakter. Sie waren so geheimnisvoll - oft gehört
und doch nie gesehen -, so hoch oben, so weit weg und von so
tiefem, kräftigem Klang, daß er mit einer Art Ehrfurcht zu ihnen
aufblickte. Ja, wenn er die dunklen, gewölbten Fenster des
Turmes betrachtete, so erwartete er bisweilen halb und halb, es
werde ihm etwas zuwinken, was keine Glocke war und doch in
den Klängen ihm so oft ins Ohr getönt hatte.
Dennoch wies Toby mit Entrüstung ein unbestimmtes Gerücht
zurück, daß die Töne behext seien, weil das soviel hieß, als
ständen sie möglicherweise zu etwas Bösem in Beziehung. Mit
einem Wort, sie tönten sehr oft in seine Ohren, beschäftigten sehr
oft seine Gedanken und standen stets hoch in seiner Achtung;
auch bekam er nicht selten, wenn er lange mit weit offenem
Mund an dem Kirchturm hinaufgeschaut hatte, einen so steifen
Hals, daß er hinterdrein ein paar Extratrabe vollführen mußte, um
dieses unangenehme Übel wieder loszuwerden.
Mit dieser Tätigkeit war er eben, an einem kalten Tag
beschäftigt, als der letzte schläfrige Ton des Zwölfuhrschlages
wie eine ungeheure, melodische, wenn auch sehr träge Biene,
durch den ganzen Turm summte.
„Wie, Zeit zum Mittagessen?" sagte Toby, vor der Kirche auf
und ab trottend.
„Ah!"
Tobys Nase und Augenlider waren sehr rot, er blinzelte gewaltig,
seine Schultern waren seinen Ohren ganz nahe, und aus seinen
Beinen wollte die Steifheit nicht weichen. Er machte deutlich den
Eindruck, daß er nicht bloß kühl, sondern schon tüchtig frostig
war.
„Zeit zum Mittagessen?" wiederholte Toby, wobei er den
Fäustling seiner rechten Hand wie einen Boxhandschuh
gebrauchte und gegen seine Brust schlug.
Danach gab er sich ein paar Minuten lang einem stummen Trab
hin.
„Es gibt nichts -" sagte Toby, aufs neue losbrechend; aber mit
einem Mal machte er in seinem Trott halt und betastete mit einem
Gesicht, in dem sich Interesse mit etwa Unruhe mischte, seine
Nase sorgfältig von unten bis oben. Er war bald damit fertig,
Nase sorgfältig von unten bis oben. Er war bald damit fertig,
denn er war mit Nase nicht al zu reichlich gesegnet und so war
der Weg nur kurz.
„Ich dachte, sie wäre fort", sagte Toby, während er seinen Trab
wieder aufnahm. „Es ist aber alles in Ordnung. Übrigens könnte
ich es ihr nicht einmal übel nehmen, wenn sie sich davonmachen
wol te. Sie hat einen harten Dienst bei diesem schlechten Wetter,
und dabei hat sie herzlich wenig zu erwarten, denn ich nehme nie
eine Prise. Und selbst zu den besten Zeiten wird das gute arme
Organ viel geprüft, denn wenn es wirklich einmal ein liebliches
Düftchen erfaßt, was nicht al zuoft geschieht, so kommt's
gewöhnlich von dem Mittagessen eines ändern, das von dem
Bäcker nach Hause getragen wird."
Diese Betrachtung erinnerte ihn an die andere, die er unbeendigt
gelassen hatte.
76
„Es gibt nichts Regelmäßigeres", fuhr er fort, „als die Wiederkehr
der Mittagessenszeit, und nichts Unregelmäßigeres als das
Kommen des Mittagessens selbst. Da besteht ein großer
Unterschied, und es hat mich viel Zeit gekostet, bis ich es
herausgefunden habe. Möchte doch wissen, ob sich's nicht für
einen Gentleman der Mühe lohnte, diese Bemerkung für die
Zeitungen oder für das Parlament zu kaufen!"
Toby meinte das bloß im Scherz, denn er schüttelte in
gravitätischer Selbstverneinung den Kopf.
„Du lieber Himmel!" sagte er, „die Zeitungen sind voller
Bemerkungen, und ebenso ist's auch mit dem Parlament. Da
habe ich eine Nummer von der letzten Woche"—er zog ein sehr
schmutziges Blatt aus seiner Tasche und hielt es auf Armlänge
vor sich hin — „nichts als Bemerkungen — nichts als
Bemerkungen!
Ich möchte so gern wie irgendjemand sonst Neuigkeiten
erfahren", fügte er langsam hinzu, während er den Bogen noch
ein wenig kleiner zusammenfaltete und ihn wieder in die Tasche
steckte; „aber es geht mir fast wider den Strich, jetzt Zeitung zu
lesen. Ich habe beinahe Angst davor. Was sol noch aus uns
armen Leuten werden! Got gebe, daß das herannahende
Neujahr uns etwas Besseres bringe!"
„Vater! Vater!" rief eine angenehme Stimme in der Nähe. Aber
Toby hörte sie nicht, sondern fuhr fort, vor und zurück zu traben,
während er sich in weiteren Gedanken erging und mit sich selbst
sprach.
„Es ist, als ob mit uns nichts Rechtes werden könne", sagte
Toby. „Als ich jung war, bin ich nicht eifrig in die Schule
geschickt worden, und ich kann nicht dahinterkommen, ob wir
auf der Erde etwas zu schaffen haben oder nicht.
Bisweilen denke ich, wir hätten es, wenn auch nur ein wenig,
dann aber meine ich wieder, wir wären bloß lästig. Mitunter weiß
ich gar nicht mehr, was ich denken soll, so daß ich nicht einmal
mit nur ins Reine kommen kann, ob überhaupt etwas Gutes an
uns ist oder ob wir böse geboren wurden. Es sieht aus, als täten
wir schreckliche Dinge und seien ungeheuer lästig; man beklagte
sich immer über uns und trifft Maßnahmen, um sich vor uns zu
schützen. Irgendwie sind die Zeitungen immer voll von uns. Da
spreche man nun vom Neujahr", fuhr Toby traurig fort. „Ich kann
zu den meisten Zeiten soviel aushalten wie ein anderer - mehr
sogar als die meisten, denn ich bin stark wie ein Löwe, was sich
nicht von allen Leuten sagen läßt; aber gesetzt den Fall, es wäre
wirklich wahr, daß wir kein Recht auf ein Neujahr habengesetzt,
wir" wären wirklich bloß lästig —"
„Vater! Vater!" ließ sich die liebliche Stimme abermals
vernehmen.
Toby hörte es diesmal; er stutzte, blieb stehen, wandte seine
Augen, die er in die Ferne hatte schweifen lassen, als suche er
mitten im Herzen des herannahenden Jahres nach einer
Erleuchtung, wieder seiner Umgebung zu und fand sich seinem
eigenen Kind gegenüber, das ihn anschaute.
Und es hatte ein Paar recht hel er Augen - Augen, in die eine
ganze Welt schauen mochte, ehe sie ihre Tiefe ergründen konnte.
Dunkle Augen, die die hineinblickenden Augen widerspiegelten,
Dunkle Augen, die die hineinblickenden Augen widerspiegelten,
nicht indem sie ihnen abs ichtlich 77
entgegenblitzten, sondern mit einem klaren, ruhigen, ehrlichen,
geduldigen Glanz. Augen, schön, wahr und hoffnungsstrahlend -
mit so junger und frischer, mit so zuversichtlicher und freudiger
Hoffnung, trotz der zwanzig Jahre voller Arbeit und Armut, die
sie gesehen hatten, daß sie Trotty Veck zu sagen schienen: „Ich
glaube, wir haben auf der Erde etwas zu schaffen - ein wenig!"
Trotty küßte die Lippen, die zu den Augen gehörten, und
drückte das blühende Gesicht zwischen seine Hände.
„Ei, Herzchen", sagte Trotty, „was gibt's? Ich habe dich heute
nicht erwartet, Meg."
„Auch ich habe nicht aufs Kommen gerechnet, Vater", rief das
Mädchen, indem es lächelnd mit dem Kopf nickte. „Aber da bin
ich - und obendrein nicht allein; nicht allein!"
„Wie, du willst doch nicht sagen", bemerkte Trotty, neugierig
nach einem bedeckten Korb blickend, den sie in der Hand trug,
„daß du -"
„Riecht daran, lieber Vater", versetzte Meg. „Riecht einmal!"
Trotty war eben im Begriff, hastig den Deckel abzuheben, als
das Mädchen scherzend mit der Hand dazwischenfuhr.
„Nein, nein, nein", sagte Meg mit der Freude eines Kindes. „So
„Nein, nein, nein", sagte Meg mit der Freude eines Kindes. „So
geschwind geht's nicht. Ich will nur den Deckekand ein klein
bißchen aufheben", fügte sie hinzu, indem sie ganz sacht den
Worten die Handlung folgen ließ und dabei so leise sprach, als
fürchte sie, etwas im Korb drinnen könnte sie hören. „So. Nun,
was ist es?"
Toby schnüffelte ein klein wenig an dem Rand des Korbes und
rief entzückt:
„Ei, es ist heiß!"
„Es ist brennend heiß", versetzte Meg. „Hahaha! Es ist siedend
heiß".
„Hahaha!" brüllte Toby mit einem Luftsprung. „Es ist siedend
heiß."
„Aber was ist es, Vater?" fragte Meg. „Ihr habt noch nicht
erraten, was es ist, und das müßt Ihr jetzt tun. Ich kann nicht
daran denken, es herauszunehmen, bis Ihr's erraten habt. Nicht
so hastig — wartet eine Minute. Ich will ein bißchen mehr von
dem Deckel zurückschieben. Jetzt ratet!"
Meg war geradezu in Angst, er könnte zu bald das Richtige
erraten, und wich deshalb ein wenig zurück, während sie ihm den
Korb hinhielt. Zugleich zog sie ihre hübschen Schultern in die
Höhe und hielt s ich die Ohren mit der Hand zu, als könnte sie so
das rechte Wort von Tobys Lippen fernhalten. Dabei lachte sie
die ganze Zeit über leise vor sich hin. Toby hatte mittlerweile die
Hände auf die Knie gelegt und seine Nase zu dem Korb
niedergebeugt und sog nun den Duft, , der da herausströmte, tief
ein. Während er das tat, wurde das Grinsen auf seinem welken
Gesicht immer breiter, als atme er Lachgas ein.
„Ah, das riecht prächtig", sagte Toby. „Ist es nicht - es wer- .
den doch keine Bratwürste sein?"
„Nein, nein, nein!" rief Meg entzückt. „Nichts da von
Bratwürsten!"
Nein", fuhr Toby nach einem abermaligen Schnüffeln fort, es ist -
es ist feiner als Bratwürste. Es riecht recht gut und mit jedem
Augenblick besser. Der Geruch ist zu stark für Schweinsfüße -
nicht wahr?"
78
Meg war außer sich vor Freude. Er hätte nicht weiter vom Ziel
abschießen können als mit Schweinsfüßen - die Bratwürste
ausgenommen.
„Leber?" sagte Toby zu sich selber. „Nein. Der Geruch hat eine
Milde, die nicht zu Leber paßt. Eisbein? Nein. Er ist zu stark für
Eisbein. Auch fehlt ihm der Beigeschmack der Hahnenköpfe. Ich
will dir sagen, was drinnen ist -
will dir sagen, was drinnen ist -
Kuttemecke!" „Nein, nein", erwiderte Meg mit einem Ausbruch
des Entzückens.
„Nicht erraten!"
„Ei, an was denke ich auch!" entgegnete Toby, plötzlich eine so
aufrechte Stellung einnehmend, wie ihm möglich war. „Ich werde
zuletzt noch meinen eigenen Namen vergessen. Es ist Gekröse!"
Es war Gekröse, und Meg beteuerte in Freude, er werde gleich
sagen, es sei das beste Gekröse, das je geschmort wurde.
„Und so will ich jetzt gleich den Tisch decken, Vater", fuhr Meg
fort, indem sie sich jubelnd mit dem Korb beschäftigte; „denn ich
habe das Gekröse in einer Schüssel gebracht und die Schüssel in
ein Tuch eingebunden. Wenn ich nun einmal stolz sein und es als
Tischtuch ausbreiten will, so kann mich kein Gesetz hindern, es
Tischtuch zu nennen. Ist's nicht so, Vater?"
„Nicht daß ich wüßte, meine Liebe", sagte Toby. „Aber sie
bringen jeden Augenblick ein neues Gesetz heraus."
„Und nach dem, was ich Euch neulich aus der Zeitung vorlas,
Vater - Ihr wißt, was der Richter sagte -, glaubt man, wir armen
Leute kennten sie alle.
Haha! Welch ein Irrtum! Du meine Güte, sie halten uns für
gewaltig gescheit!"
gewaltig gescheit!"
„Ja, meine Liebe", rief Trotty, „und sie würden eine gewaltige
Freude an einem von uns haben, der sie wirklich alle wüßte. Er
würde fett werden von der Arbeit, die er kriegte, dieser Mann,
und er hätte einen Stein im Brett bei allen vornehmen Leuten in
seiner Nachbarschaft. Gewiß und wahrhaftig!"
„Wer er auch sei, er würde sein Mittagessen mit Appetit
verzehren, wenn es so gut röche wie dieses", sagte Meg heiter.
„Tummelt Euch, Vater, denn da sind außerdem auch noch ein
paar heiße Kartoffeln und eine halbe Kanne Bier frisch vom Faß.
Wo wol t Ihr essen, Vater? Auf dem Pfosten oder auf den
Stufen?
Lieber Himmel, wie gut wir's haben -zwei Plätze, zwischen
denen man wählen kann!"
„Heute auf den Stufen, mein Kind", versetzte Trot y. „Bei
trockenem Wetter auf den Stufen, bei nassem auf dem Pfosten.
Die Stufen sind immer bequemer, weil man dabei sitzen kann;
aber wenn's naß ist, kriegt man Rheumatismus."
„Hier also", sagte Meg, und klatschte bald darauf einladend in
die Hände.
„Hier ist es - al es bereit. Und wie schön es aussieht! Kommt,
Vater, kommt!"
Seit Trotty endeckt hatte, was in dem Körbchen war, stand er
da und blickte sie fortwährend, auch wenn er mit ihr sprach, in
einer merkwürdig zerstreuten Weise an. Es ließ s ich daraus
entnehmen, daß er, mochte sie auch der ausschließliche
Gegenstand seiner Gedanken und Augen sein, sogar das
Gekröse nicht ausgenommen, nicht entfernt an sie dachte, wie sie
in diesem Augenblick war, sondern irgendeinen geträumten
Entwurf ihres künftigen Lebens vor sich hatte. Durch ihre heitere
Aufforderung geweckt, unterdrückte er jetzt ein 79
melancholisches Kopfschütteln, und trabte an ihre Seite. In dem
Augenblick, in dem er sich zum Sitzen niederbeugte, erklangen
die Glocken. „Amen !"sagte Trotty, seinen Hut abnehmend und
zu ihnen raufblickend. „Amen den Glocken, Vater? rief Meg.
„Sie fielen ein wie ein Tischgebet, mein Liebes ", sagte Trotty,
während er Platz nahm. „Ich bin überzeugt, sie würden ein
schönes sprechen, wenn sie könnten. Überhaupt sagen sie mir
manche angenehmen Dinge."
„Die Glocken, Vater?" lachte Meg, während sie die Schüssel
hinstellte und Messer und Gabel dazulegte. „Ei, der Tausend!"
„Sie scheinen's zu tun, mein Herz", versetzte Trotty, während er
hungrig über das Essen herfiel. „Und wo ist da der Unterschied?
Wenn ich sie nur höre, was macht es aus, ob sie sprechen oder
nicht? Gott behüte dich, mein Kind", fügte er hinzu, indem er mit
der Gabel zum Turm deutete und unter dem Einfluß seines Mahls
der Gabel zum Turm deutete und unter dem Einfluß seines Mahls
lebhafter wurde, „wie oft habe ich jene Glocken sagen hören:
,Toby Veck, Toby Veck, sei guten Muts, Toby! Toby Veck,
Toby Veck, sei guten Muts, Toby!' Millionen Mal? Reicht nicht -
noch öfter!" „Ei, ich nie!" rief Meg.
Dennoch hatte sie es schon oft und oft gehört, denn es war
Tobys beständiger Gesprächsgegenstand. „Wenn es recht
schlecht geht", fuhr Trotty fort „ich meine, wenn es recht schlecht
geht — fast am schlechtesten, dann rufen sie:
,Toby Veck, Toby Veck, bald kommt Arbeit, Toby! Toby
Veck, Toby Veck, bald kommt Arbeit, Toby!'" „Und sie kommt
dann auch - wirklich, Vater", versetzte Meg mit einem Anflug
von Trauer in ihrer Stimme. „Immer", erwiderte der arglose
Toby. „Bleibt nie aus." Während dieses Gesprächs machte
Trotty keine Pause in seinen Angriffen auf das gute Essen vor
ihm, sondern schnitt ab und aß, schnitt ab und trank, schnitt ab
und kaute, kam von dem Gekröse zu den heißen Kartoffeln und
von den heißen Kartoffeln wieder zu dem Gekröse zurück - al es
mit einem glücklichen Wohlbehagen. Als er jedoch einmal um die
Straßenecke sah, um sich zu überzeugen, ob man nicht von
irgendeiner Tür oder einem Fenster nach einem Dienstmann
winke, begegneten seine Augen auf dem Rückweg dem
Mädchen, das mit verschlungenen Armen ihm gegenübersaß und
mit glücklichem Lächeln seiner emsigen Tätigkeit zusah.
„Ach, Gott!" rief Trotty, indem er Messer und Gabel fallen ließ.
„Ach, Gott!" rief Trotty, indem er Messer und Gabel fallen ließ.
„Meg, mein Täubchen, warum sagst du mir nicht, was ich für ein
selbstsüchtiger Kerl bin?"
„Vater!"
„Sitze ich da", fuhr Trotty in reuiger Erklärung fort, „und stopfe
mich voll, während du vor mir bist, ohne auch nur einen Bissen
zu nehmen."
„Ach, Vater, ich habe mein Mittagessen schon gehabt",
unterbrach ihn seine Tochter lachend.
„Rede keinen Unsinn", versetzte Trot y. „Zwei Mittagessen an
einem Tag?
Nicht möglich! Du könntest mir ebensogut sagen, daß zwei
Neujahrstage auf einmal kommen, oder daß ich mein ganzes
Darmowy fragment się skończył.