Czytaj książkę: «Der schöne Sommer»

Die vorliegenden drei Romane erschienen unter dem Titel Der schöne Sommer in einem Band 1949 in der Reihe »Supercoralli« bei Einaudi. Im Klappentext schrieb Pavese: »Ein Band, drei Romane. Jeder davon könnte ein eigenes Buch sein. Warum kommen Der schöne Sommer, Der Teufel auf den Hügeln und Die einsamen Frauen zusammen heraus? Es ist nicht das, was man Trilogie nennt, es geht um ein moralisches Klima, ein Zusammentreffen von Themen, um ein wiederkehrendes geistiges Klima im freien Spiel der Fantasie. Obwohl reich an landschaftlichen Bezügen – und Der Teufel auf den Hügeln fragt sich sogar im Ansatz, was denn Natur und Land sind –, sind es drei urbane Romane, drei Romane über die Entdeckung der Stadt und der Gesellschaft, drei Romane über jugendliche Begeisterung und gescheiterte Leidenschaft. In jeder der unterschiedlichen Handlungen und Milieus kehrt das Thema der Versuchung wieder, der Einfluss, dem alle Jugendlichen zwangsläufig ausgesetzt sind. Ein weiteres Thema ist die atemlose Suche nach dem Laster, das übermütige Bedürfnis, die Norm zu übertreten, an die Grenzen zu stoßen. Und noch ein gemeinsames Thema ist, dass die natürliche Strafe den Unschuldigsten und Wehrlosesten trifft, den ›Jüngsten‹.«
Im Manuskript ist Der schöne Sommer datiert 2. März – 6. Mai 1940 und trägt den Titel La tenda (Der Vorhang); Der Teufel auf den Hügeln ist datiert 20. Juni – 4. Oktober 1948; Die einsamen Frauen 17. März – 26. Mai 1949.
Cesare Pavese
Der schöne Sommer
Drei Romane
Aus dem Italienischen von Maja Pflug

Der Rotpunktverlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2021–2024 unterstützt.
Die Originalausgabe ist 1949 unter dem Titel La bella estate bei Giulio Einaudi Editore erschienen.
Maja Pflugs Übersetzung von Der schöne Sommer sowie von Einsame Frauen, 2012 bzw. 2008 erstmals erschienen, wurde für diese Ausgabe neu durchgesehen.
»Portrait eines Freundes« von Natalia Ginzburg ist dem Band Die kleinen Tugenden entnommen. Aus dem Italienischen von Maja Pflug. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags Klaus Wagenbach.
© 1989, 1996, 2001, 2016, 2020 Verlag Klaus Wagenbach, Berlin
© 2021 Edition Blau im Rotpunktverlag, Zürich
www.rotpunktverlag.ch
www.editionblau.ch
Lektorat: Daniela Koch
eISBN: 978-3-85869-904-6
1. Auflage
INHALT
Der schöne Sommer
Der Teufel auf den Hügeln
Die einsamen Frauen
Statt eines Nachworts Natalia Ginzburg, Porträt eines Freundes
Cesara Pavese Ausgewählte Daten zu Leben und Werk
Der schöne Sommer
I.
Damals war immer Festtag. Es genügte, das Haus zu verlassen und die Straße zu überqueren, schon wurden die Mädchen wie verrückt, und alles war so schön, besonders nachts, dass sie, wenn sie todmüde zurückkehrten, immer noch hofften, dass etwas geschähe, dass ein Brand ausbräche, dass zu Hause ein Kind geboren würde oder dass es womöglich plötzlich Tag würde und alle Leute auf die Straße liefen und man immer weiter und weiter gehen könnte bis zu den Wiesen und hinter die Hügel. »Ihr seid gesund, ihr seid jung«, sagten sie, »ihr seid Mädchen und habt keine Sorgen, das ist selbstverständlich.« Doch sogar Tina, eine von ihnen, die hinkend aus dem Krankenhaus gekommen war und zu Hause nichts zu essen hatte, auch sie lachte unentwegt über nichts, und eines Abends, als sie hinter den anderen hertrottete, war sie stehengeblieben und hatte zu weinen begonnen, weil Schlafen eine Dummheit war und der Fröhlichkeit die Zeit stahl.
Wenn Ginia solche Krisen überfielen, ließ sie sich nichts anmerken, sondern begleitete eine der anderen heim und redete und redete, bis sie nichts mehr zu sagen wussten. Kam dann der Augenblick, sich zu verabschieden, so waren sie schon eine ganze Weile wie allein, und Ginia ging ruhig nach Hause, ohne der Gesellschaft nachzutrauern. Die schönsten Nächte waren natürlich samstags, wenn sie zum Tanzen gingen und am nächsten Tag ausschlafen konnten. Aber es genügte auch weniger, und manchmal, wenn sich Ginia morgens auf den Weg zur Arbeit machte, war sie schon glücklich über das Stück Straße, das sie erwartete. Die anderen sagten: »Wenn ich spät heimkomme, bin ich dann müde; wenn ich spät heimkomme, kriege ich eins hinter die Ohren.« Doch Ginia war nie müde, und ihr Bruder, der nachts arbeitete, sah sie nur zum Abendessen, und tagsüber schlief er. Mittags (Severino drehte sich im Bett um, wenn sie hereinkam) deckte Ginia den Tisch und aß hungrig, kaute dabei gemächlich und lauschte den Geräuschen im Haus. Die Zeit verstrich langsam, wie es in leeren Wohnungen so ist, und Ginia hatte Zeit, das Geschirr abzuwaschen, das im Spülbecken wartete, ein wenig sauber zu machen, sich dann auf dem Sofa unter dem Fenster auszustrecken und beim Ticken des Weckers aus dem Nebenzimmer einzuschlummern. Manchmal schloss sie auch die Fensterläden, damit es dunkel wurde und sie sich noch einsamer fühlte. Rosa würde sowieso um drei die Treppe herunterkommen und leise, um Severino nicht zu wecken, an der Türe kratzen, bis sie ihr antwortete, sie sei wach. Dann verließen sie gemeinsam das Haus und verabschiedeten sich an der Straßenbahn.
Ginia und Rosa hatten nichts gemein außer diesem Stück Weg und einem Stern aus kleinen Perlen im Haar. Doch als sie einmal an einem Schaufenster vorübergingen und Rosa sagte: »Wir sehen aus wie Schwestern«, merkte Ginia, wie ordinär dieser Stern war, und begriff, dass sie einen kleinen Hut tragen musste, wenn sie nicht auch wie eine Arbeiterin wirken wollte. Umso mehr, da Rosa, die noch von Vater und Mutter abhängig war, sich erst wer weiß wann einen würde leisten können.
Wenn sie vorbeisah, um Ginia zu wecken, kam Rosa herein, falls es nicht schon zu spät war; und Ginia ließ sich beim Aufräumen helfen und lachte halblaut über Severino, der, wie alle Männer, nicht wusste, was es hieß, einen Haushalt zu führen. Zum Spaß nannte Rosa ihn dann »deinen Mann«, aber nicht selten machte Ginia ein finsteres Gesicht und erwiderte, die ganze Arbeit mit dem Haushalt zu haben, aber keinen Mann, sei gar nicht lustig. Ginia meinte es nicht ernst – denn ihr Vergnügen bestand genau darin, diese Stunde allein zu Hause zu verbringen, ganz ihre eigene Herrin –, doch ab und zu musste man Rosa zu verstehen geben, dass sie keine Kinder mehr waren. Auch auf der Straße wusste Rosa sich nicht zu benehmen und schnitt Grimassen, lachte, drehte sich um – Ginia hätte sie verprügeln mögen. Aber wenn sie zusammen tanzen gingen, war Rosa unentbehrlich, denn sie duzte alle, und ihre Verrücktheiten zeigten den anderen, dass Ginia feiner war. In diesem schönen Jahr, als sie begannen, allein zu leben, hatte Ginia bald gemerkt, was sie von den anderen Mädchen unterschied, nämlich dass sie auch zu Hause allein war – Severino zählte nicht – und mit sechzehn Jahren wie eine Frau leben konnte. Deshalb ließ sie sich, solange sie den Stern im Haar trug, von Rosa begleiten, weil sie sie lustig fand. Im ganzen Viertel gab es keine Zweite, die, wenn sie wollte, so albern war wie Rosa. Sie konnte jeden aus der Fassung bringen, indem sie lachte und in die Luft schaute, und ganze Abende war alles, was sie tat und sagte, die reine Komödie. Und sie war angriffslustig wie ein Hahn. »Was hast du, Rosa?«, fragte einer, während sie noch warteten, dass das Orchester zu spielen anfing. »Angst« – und die Augen traten ihr dabei aus dem Kopf –, »ich habe da hinten einen alten Mann gesehen, der mich anstarrt, er wartet draußen auf mich, ich fürchte mich.« Der Junge glaubte es nicht. »Das wird dein Großvater sein.« – »Dummkopf.« – »Also tanzen wir.« – »Nein, ich habe Angst.« Nach der halben Runde hörte Ginia den Jungen rufen: »Du ungezogene Göre, eine Hexe bist du, hau ab und verschwinde. Geh doch zurück in die Fabrik!« Da lachte Rosa und brachte auch alle anderen zum Lachen, aber Ginia dachte im Weitertanzen, dass es wirklich die Fabrik war, die ein Mädchen so herunterkommen ließ. Übrigens brauchte man ja nur die Mechaniker anzusehen, die eine Bekanntschaft auch immer mit solchen Scherzen begannen.
War einer von ihnen mit von der Partie, konnte man sicher sein, dass noch vor dem Dunkelwerden ein Mädchen wütend wurde oder, wenn sie dümmer war, weinte. Sie trieben genau solche Späße wie Rosa. Immer wollten sie die Mädchen mit in die Wiesen nehmen. Man konnte sich nicht mit ihnen unterhalten, sondern musste gleich auf der Hut sein. Aber schön war, dass dann an manchen Abenden gesungen wurde, und sie sangen gut, vor allem wenn Ferruccio mit der Gitarre kam, ein großer Blonder, der ständig arbeitslos war, aber noch ganz schwarze, rissige Finger hatte von der Kohle. Es schien unmöglich, dass diese groben Hände so geschickt waren, und Ginia, die sie einmal unter der Achsel gespürt hatte, als sie alle gemeinsam von den Hügeln zurückkehrten, achtete darauf, sie nicht anzusehen, während sie spielten. Rosa hatte ihr gesagt, dass sich dieser Ferruccio zwei- oder dreimal nach ihr erkundigt habe, und Ginia hatte geantwortet: »Sag ihm, er soll sich zuerst die Fingernägel sauber machen.« Beim nächsten Mal erwartete sie, dass Ferruccio lachen würde, aber er hatte sie keines Blickes gewürdigt.
Doch dann kam der Tag, an dem Ginia aus dem Schneideratelier trat und sich noch mit beiden Händen den Hut zurechtrückte, als Rosa unvermutet am Haustor auf sie zusprang. »Was ist los?« – »Ich bin aus der Fabrik fortgelaufen.« Gemeinsam gingen sie den Bürgersteig entlang bis zur Straßenbahn, aber Rosa blieb stumm. Ginia war verärgert und wusste nicht, was sie sagen sollte. Erst als sie in der Nähe ihres Hauses aus der Straßenbahn stiegen, murmelte Rosa leise, dass sie Angst habe, schwanger zu sein. Ginia nannte sie ein dummes Ding, und sie stritten sich an der Ecke. Dann ging die Sache vorüber, denn Rosa hatte sich nur vor Schreck in diesem Zustand geglaubt, aber unterdessen war Ginia aufgeregter als sie, weil sie sich vorkam, als habe man sie betrogen und wie ein Kind behandelt, während die anderen sich amüsierten, und noch dazu Rosa, die kein bisschen Ehrgeiz hatte. »Ich bin mehr wert«, sagte Ginia, »mit sechzehn ist es noch zu früh. Selber schuld, wenn sie sich so wegwerfen will.« Das sagte sie, aber sie konnte nicht ohne Demütigung daran zurückdenken, denn die Vorstellung, dass die anderen Mädchen alle schon in den Wiesen gewesen waren, ohne es je zu erwähnen, während ihr, die allein lebte, die Hand eines Mannes noch Herzklopfen verursachte, diese Vorstellung nahm ihr den Atem. »Warum bist du an dem Tag zu mir gekommen, um es mir zu sagen?«, fragte sie Rosa eines Nachmittags, während sie zusammen aus dem Haus gingen. »Wem hätte ich es denn sonst sagen sollen?« – »Warum hast du mir vorher nie was gesagt?« Rosa, die jetzt beruhigt war, lachte. »Wenn man nichts sagt, ist es schöner. Es bringt Unglück, darüber zu reden.« Ginia dachte: »Sie ist ein dummes Ding. Jetzt lacht sie, aber vorher wollte sie sich umbringen. Sie ist noch gar keine Frau, das ist es.« Auch wenn sie allein durch die Straßen ging, dachte sie nun oft, sie seien alle zu jung und man müsste sofort zwanzig sein, um zu wissen, wie man sich verhalten solle.
Einen ganzen Abend lang beobachtete sie Rosas Liebsten – Pino mit der krummen Nase, einen kleinen Kerl, der nur Billard spielen konnte und nichts tat und beim Reden die Mundwinkel verzog. Ginia verstand nicht, warum Rosa immer noch mit ihm ins Kino ging, nachdem sie erfahren hatte, wie feige er war. Ihr wollte dieser Sonntag nicht aus dem Kopf gehen, an dem sie alle zusammen Boot gefahren waren und man gesehen hatte, dass Pinos Rücken voller Sommersprossen war, wie Rost sah es aus. Jetzt, da sie alles wusste, erinnerte sie sich, dass Rosa an jenem Tag mit ihm unter den Bäumen verschwunden war. Wie dumm sie gewesen war, es nicht zu begreifen. Aber noch dümmer war Rosa, und das sagte sie ihr auch noch einmal am Eingang zum Kino.
Wenn sie daran dachte, wie oft sie Boot gefahren waren! Man scherzte, lachte, neckte die Paare. Ginia, die mehr auf die anderen Mädchen achtete, hatte Rosa und Pino nicht bemerkt. In der Mittagshitze waren sie und die hinkende Tina allein im Boot zurückgeblieben. Die anderen, einschließlich Rosa, waren an Land gegangen, wo man sie schreien hörte. Tina, die Rock und Bluse anbehalten hatte, sagte zu Ginia: »Wenn niemand kommt, ziehe ich mich aus, um mich zu sonnen.« Ginia erwiderte, sie würde aufpassen, lauschte aber stattdessen den Stimmen und dem Schweigen am Ufer. Nach einiger Zeit war es ganz still auf dem ruhigen Wasser. Tina lag in der Sonne, ein Handtuch um die Hüften. Da war Ginia ins Gras gesprungen und barfuß ein paar Schritte gegangen. Auch die Stimme von Amelia, die alle anderen hinter sich hergezogen hatte, war nicht mehr zu hören. Dumm, wie sie war, hatte Ginia sich eingebildet, sie spielten Verstecken, und nicht nach ihnen gesucht, sondern war aufs Boot zurückgekehrt.
II.
Von Amelia wusste man wenigstens, dass sie ein anderes Leben führte. Ihr Bruder war Mechaniker, doch sie tauchte an jenen Sommerabenden nur ab und zu auf und gestattete niemandem Vertraulichkeiten, lachte aber mit allen, weil sie schon neunzehn oder zwanzig war. Ginia hätte gern ihre Figur gehabt, denn an Amelias Beinen machten sich die feinen Strümpfe wirklich gut. War Amelia allerdings im Badeanzug, sah man ihre ausladenden Hüften, und ihre Gesichtszüge erinnerten ein bisschen an ein Pferd. »Ich bin arbeitslos«, sagte sie eines Abends zu Ginia, während diese ihr Kleid musterte, »ich habe den ganzen Tag Zeit, über ein Modell nachzudenken. Ich habe Zuschneiden gelernt, als ich noch wie du in der Schneiderei arbeitete, weißt du?« Ginia dachte, dass es am schönsten wäre, sich die Kleider machen zu lassen, sagte aber nichts. Vielmehr drehten sie an jenem Abend zusammen eine Runde, und Ginia begleitete Amelia bis nach Hause, denn sie fühlte sich hellwach und dachte nicht ans Schlafen. Es hatte geregnet, und der Asphalt und die Bäume waren wie frisch gewaschen: Man spürte die Kühle im Gesicht.
»Du gehst gern spazieren«, sagte Amelia lachend. »Was meint dein Bruder Severino dazu?« – »Um diese Zeit ist Severino bei der Arbeit. Alle Straßenlaternen zündet er an und überwacht sie.« – »Dann ist er es, der den Paaren Licht macht? Wie ist er angezogen? Wie ein Gasmann?« – »Aber nein«, sagte Ginia lachend, »er überwacht die Schalter in der Zentrale. Er verbringt die Nacht an einer Maschine.« – »Und lebt ihr allein? Hält er dir keine Moralpredigten?« Amelia redete fröhlich und unbefangen, wie jemand, der alle kennt, und Ginia fiel es nicht schwer, sie zu duzen. »Bist du schon lange arbeitslos?«, fragte sie sie.
»Eine Arbeit habe ich. Ich lasse mich malen.«
Nach der Stimme zu urteilen, klang es wie ein Scherz, und Ginia sah sie an. »Malen? Wie?«
»Von vorn, im Profil; angezogen, nackt. Modell stehen nennt man das.«
Ginia hörte zu und heuchelte Erstaunen, damit sie weiterredete, aber sie wusste längst, was Amelia da erzählte. Nur hätte sie nie geglaubt, dass Amelia mit ihr darüber sprechen würde, weil sie es nie einer von ihnen gesagt hatte, sondern Rosa das Geheimnis nur durch Portiersfrauen entdeckt hatte.
»Gehst du tatsächlich zu einem Maler?«
»Ich ging«, sagte Amelia. »Aber im Sommer kommt es ihn billiger, im Freien zu malen. Im Winter ist es zu kalt, um nackt zu posieren, und so arbeitet man so gut wie nie.«
»Hast du dich wirklich ausgezogen?« – »Aber ja«, sagte Amelia.
Dann hakte sie sich bei Ginia unter und fügte hinzu: »Es ist eine schöne Arbeit, weil du nichts tust und den Gesprächen zuhörst. Ich ging mal zu einem, der hatte ein wunderbares Atelier, und wenn Leute kamen, wurde Tee getrunken. Da lernt man, sich in der Welt zu bewegen, besser als im Kino.«
»Kamen sie einfach herein, während du Modell standest?«
»Sie klopften vorher an. Das Schönste sind die Frauen. Wusstest du, dass Frauen auch Bilder malen? Sie bezahlen ein Mädchen, um es nackt abzumalen. Warum stellen sie sich nicht vor den Spiegel? Wenn sie einen Mann malten, würde ich es noch verstehen.«
»Vielleicht tun sie das auch«, sagte Ginia.
»Kann gut sein«, sagte Amelia, indem sie am Haustor stehenblieb, und zwinkerte Ginia zu. »Aber manchen Modellen zahlen sie das Doppelte. Na wenn schon, die Welt ist schön, weil sie bunt ist.«
Ginia fragte, warum sie sie nicht einmal besuchen käme, und ging dann allein zurück über den schimmernden Asphalt, den die laue Wärme der Nacht schon fast getrocknet hatte. »So alt, wie sie ist, erzählt sie zu viel von sich«, dachte Ginia zufrieden. »Wenn ich ihr Leben führte, würde ich es schlauer anstellen.«
Ginia war ein wenig enttäuscht, als sie merkte, dass die Tage vergingen und Amelia sie nicht besuchte. Offenbar hatte sie an jenem Abend doch nicht versucht, Freundschaft zu schließen, aber dann – dachte Ginia – heißt das ja, dass sie diese Sachen jedem erzählt und dass sie wirklich dumm ist. Vielleicht hält sie mich für ein Kind, für eine von denen, die alles glauben. Und eines Abends erzählte Ginia den anderen Mädchen, sie habe in einem Geschäft ein Gemälde gesehen, für das Amelia Modell gestanden habe, das begreife man sofort. Alle glaubten es, aber Ginia wollte noch erklären, sie habe sie am Körper erkannt, denn wenn das Modell nackt sei, veränderten die Maler extra das Gesicht. »Glaub bloß nicht, dass die so viel Rücksicht nehmen«, sagte Rosa, und alle lachten Ginia aus wegen ihrer Naivität. »Ich wäre froh, wenn mich ein Maler porträtieren und auch noch dafür bezahlen würde«, sagte Clara. Dann diskutierten sie darüber, ob Amelia schön sei, und Claras Bruder, der mit ihnen Boot gefahren war, sagte, nackt sei er schöner. Alle Mädchen lachten, und Ginia sagte: »Wenn sie nicht gut gebaut wäre, würde kein Maler sie malen«, aber niemand hörte auf sie. An jenem Abend fühlte sie sich gedemütigt und hätte am liebsten vor Wut geweint; aber die Tage vergingen, und als sie – aus der Straßenbahn steigend – Amelia wieder einmal traf, schlenderten sie plaudernd zusammen weiter. Ginia war sogar eleganter als Amelia, die ihren Hut in der Hand trug und beim Lachen die Zähne zeigte.
Am darauffolgenden Nachmittag kam Amelia sie besuchen. In der Hitze erschien sie in der weit geöffneten Tür, und Ginia sah sie aus dem Dunkeln, ohne selbst gesehen zu werden. Sie begrüßten sich freudig, nachdem Ginia die Fensterläden aufgestoßen hatte, und Amelia blickte sich um, während sie sich mit dem Hut Luft zufächelte. »Die Idee mit der offenen Tür gefällt mir«, sagte Amelia. »Du hast Glück. Bei mir zu Haus ginge das nicht, wir wohnen im Erdgeschoss.« Dann warf sie einen Blick in das andere Zimmer, wo Severino schlief, und sagte: »Bei uns ist ständig Rummel. Wir sind zu fünft in zwei Zimmern, die Katzen nicht mitgezählt.« Als es Zeit war, machten sie sich gemeinsam auf den Weg, und Ginia sagte zu ihr: »Komm zu mir, wenn du dein Erdgeschoss satthast; hier hat man seine Ruhe.« Sie wollte Amelia zu verstehen geben, dass sie es nicht sagte, um ihre Familie schlechtzumachen, sondern weil sie sich darüber freute, wie gut sie miteinander auskamen. Und Amelia sagte weder Ja noch Nein, lud sie aber zu einem Kaffee ein, bevor sie die Straßenbahn nahm. Am nächsten Tag ließ sie sich dann nicht blicken und am übernächsten auch nicht. Sie kam vielmehr eines Abends, ohne Hut, setzte sich und bat lachend um eine Zigarette. Ginia spülte gerade die letzten Teller, und Severino rasierte sich. Er hielt Amelia eine Zigarette hin und gab ihr mit nassen Fingern Feuer, und sie scherzten alle drei über die Laternen. Severino musste sich beeilen, fand aber noch Zeit, Ginia zu sagen, sie solle nicht die ganze Nacht aufbleiben. Amelia sah ihm belustigt nach, als er hinausging.
»Willst du nicht mal in ein anderes Tanzlokal?«, fragte sie Ginia. »Diese Jungen sind ja sehr nett, aber zu anhänglich. Genau wie deine Freundinnen.«
Sie gingen ins Zentrum, alle beide ohne Hut, die kühlen Alleen entlang, und als Erstes kauften sie sich ein Eis, betrachteten, während sie es leckten, die Leute und lachten. Mit Amelia war alles einfacher, man amüsierte sich prächtig mit ihr, als wäre nichts wichtig und als könnten an diesem Abend die verschiedensten Dinge geschehen. Ginia wusste, auf Amelia, die zwanzig war, sich frech bewegte und schaute, konnte sie sich verlassen. Amelia hatte nicht einmal Strümpfe angezogen wegen der Hitze; und als sie an einem Tanzlokal vorbeikamen, einem mit gedämpft spielendem Orchester und Lämpchen auf den Tischen, fürchtete Ginia, sie müsse mit ihr hineingehen. Sie war noch nie dort gewesen und hielt den Atem an. Amelia fragte: »Du willst doch nicht etwa hier reingehen?«
»Es ist heiß, und wir sind nicht passend angezogen«, sagte Ginia. »Lass uns spazieren gehen, das ist schöner.«
»Dazu habe ich auch keine Lust«, sagte Amelia, »aber was machen wir sonst? Du willst doch nicht bloß an einer Ecke stehen und über die Leute lachen, die vorbeikommen?«
»Was möchtest du denn?«
»Wenn wir keine Frauen wären, hätten wir ein Auto und wären jetzt längst an einem See beim Baden.«
»Komm, wir bummeln und unterhalten uns ein bisschen«, sagte Ginia.
»Wir könnten auf den Hügel gehen, einen Wein trinken und was singen. Magst du Wein?«
Ginia verneinte, und Amelia betrachtete den Eingang des Lokals. »Aber ein Gläschen trinken wir. Los, komm. Wer sich langweilt, ist selber schuld.« Das Gläschen tranken sie im ersten Café, das sie fanden, und als sie wieder herauskamen, spürte Ginia eine Frische in der Luft, die vorher nicht da gewesen war, und dachte, wie schön es war, dass Likör im Sommer das Blut abkühlte. Unterdessen erklärte Amelia ihr, wer den ganzen Tag nichts tue, habe wenigstens das Recht, sich abends zu zerstreuen, doch manchmal komme der Augenblick, da fürchte man sich als Frau davor, wie die Zeit vergeht, und wisse nicht mehr, ob es sich lohne, so zu rennen. »Geht dir das nicht so?« – »Ich renne nur auf dem Weg zur Arbeit«, sagte Ginia, »ich amüsiere mich so wenig, dass ich keine Zeit habe, darüber nachzudenken.« – »Du bist jung«, sagte Amelia, »mir passiert es, dass ich nicht mal bei der Arbeit stillhalte.«
»Als du Modell gestanden hast, musstest du stillhalten«, sagte Ginia im Gehen.
Amelia begann zu lachen. »Keinesfalls. Die geschicktesten Modelle sind solche, die den Maler zur Verzweiflung treiben. Wenn du dich nicht ab und zu bewegst, vergisst er, dass du für ihn posierst, und behandelt dich wie ein Dienstmädchen. Wer sich zum Schaf macht, wird vom Wolf gefressen.«
Ginia antwortete nur mit einem Lächeln. Doch ein Wort brannte ihr auf der Zunge, noch unwiderstehlicher als der Likör. Da fragte sie Amelia, warum sie sich nicht irgendwo ins Kühle setzten und noch ein Gläschen tranken. »Aber ja«, sagte Amelia. Sie tranken es an der Bar, weil das billiger war.
Nun begann Ginia, sich erhitzt zu fühlen, und sagte im Hinausgehen mühelos zu Amelia: »Ich wollte dich etwas fragen. Ich würde dich gern mal Modell stehen sehen.«
Sie sprachen noch eine Weile darüber, und Amelia lachte, denn das Modell, ob nackt oder bekleidet, interessiere die Männer, nicht ein anderes Mädchen. Das Modell hält einfach still, was gibt es da zu sehen? Ginia sagte, sie wolle zusehen, wie der Maler sie male: Sie habe noch nie jemanden mit Farben hantieren sehen, das müsse schön sein. »Nicht heute oder morgen«, sagte sie, »jetzt bist du arbeitslos. Aber du musst mir versprechen, mich mitzunehmen, wenn du wieder hingehst.« Amelia lachte noch einmal und erklärte ihr, was die Maler angehe, das sei das wenigste: Sie wisse, wo sie wohnten, und könne sie hinbringen. »Aber pass auf, das sind Schufte.« Auch Ginia lachte.
Dann setzten sie sich auf eine Bank, und niemand kam vorbei, denn es war weder früh noch spät. Sie beendeten den Abend in einem Tanzlokal auf dem Hügel.
III.
Von da an kam Amelia sie häufig abholen, um auszugehen oder mit ihr zu plaudern. Sie trat ins Zimmer und redete laut und ließ Severino nicht schlafen. Wenn Rosa am Nachmittag erschien und nach Ginia rief, waren die beiden schon zum Ausgehen bereit. Amelia rauchte ihre Zigarette zu Ende, wenn sie eine hatte, und erteilte Rosa, die ihr die Geschichte mit ihrem Pino erzählt hatte, Ratschläge. Man merkte, dass sie sich ungern in ihrer Portiersloge aufhielt, und da sie den ganzen Tag nichts zu tun hatte, begnügte sie sich mit der Gesellschaft der Mädchen. Amelia scherzte auch mit Rosa, über die sie lästerten, wenn sie allein waren, tat, als glaube sie ihre Geschichten nicht, und lachte ihr ins Gesicht.
Ginia fasste Zutrauen zu Amelia, als ihr klar wurde, dass diese trotz aller Lebhaftigkeit ein armes Ding war. Ginia erkannte das nun, wenn sie nur ihre Augen betrachtete oder ihren schlecht geschminkten Mund. Amelia ging ohne Strümpfe, weil sie gar keine hatte; sie trug immer dieses schöne Kleid, weil sie kein anderes besaß. Ginia kam zu diesem Schluss, als sie einmal merkte, dass auch sie selbst sich verrückter fühlte, wenn sie ohne Hut ausging. Wer sie nervte, war Rosa, die das sofort durchschaut hatte. »Lohnt es sich etwa, so ein Leben zu führen«, sagte Rosa, »wenn man sich dann ins Bett legen muss, weil das Kleid einen Riss hat?« Mehrmals fragte Ginia sie, warum sie nicht wieder Modell stand, und Amelia sagte, um Arbeit zu finden, dürfe man nicht arbeitslos sein.
Es wäre schön gewesen, den ganzen Tag nichts zu tun und dann zusammen durch die Stadt zu schlendern, wenn es kühler wurde, aber so elegant zu sein, dass, während sie die Schaufenster betrachteten, die Leute sie betrachteten. »So frei zu sein, wie ich es bin, macht mich wütend«, sagte Amelia. Ginia hätte viel darum gegeben, Amelia mit Begeisterung über viele Dinge sprechen zu hören, die ihr gefielen, denn wahre Vertrautheit ist, zu wissen, was der andere sich wünscht, und wenn einem die gleichen Dinge gefallen, fühlt man sich weniger befangen. Doch Ginia war nicht sicher, ob Amelia, wenn sie gegen Abend unter den Arkaden bummelten, das ansah, was sie selbst ansah. Man konnte nie darauf schwören, dass ihr dieser Hut oder jener Stoff gefiel, und musste immer darauf gefasst sein, dass sie lachte, wie sie es mit Rosa machte. Da sie den ganzen Tag allein war, sagte sie nie, was sie gern Schönes tun würde, und wenn sie etwas sagte, meinte sie es nicht ernst. »Ist dir, wenn du auf jemanden wartest, noch nie aufgefallen, wie viele Schweinsgesichter und Hühnerbeine vorbeikommen? Ein herrlicher Zeitvertreib.« Vielleicht scherzte Amelia, aber vielleicht stimmte es, dass sie die Viertelstunden so verbrachte, und Ginia dachte jedenfalls, dass sie recht dumm gewesen war, an jenem Abend durchblicken zu lassen, wie gern sie einmal beim Malen zusähe.
Wenn sie jetzt ausgingen, war es Amelia, die den einen oder anderen Ort auswählte, und Ginia ließ sich willig führen. Als sie in das Tanzlokal jenes Abends zurückkehrten, erkannte Ginia, die sich damals so gut amüsiert hatte, weder die Lampen noch das Orchester wieder, nur die Kühle, die von den offenen Balkonen hereinwehte, gefiel ihr. Das bedeutete aber, dass sie sich nicht gut genug angezogen fühlte, um zu den Tischchen hinunterzugehen, doch Amelia hatte begonnen, sich mit einem jungen Mann zu unterhalten, der sie duzte, und als die Musik verstummte, tauchte noch einer auf, der ihnen zuwinkte, und Amelia wandte sich um und fragte: »Meint der dich?« Da freute sich Ginia, dass jemand sie wiedererkannt hatte, aber der junge Mann war verschwunden, und ein anderer, unsympathischer, der mit ihr getanzt hatte, ging rasch vorbei, ohne sie zu sehen. Ginia kam es vor, als hätten sie am ersten Abend nie an einem Tisch gesessen, außer um Atem zu schöpfen, jetzt dagegen warteten sie eine ganze Weile unter dem Fenster, und Amelia, die sich als Erste setzte, sagte laut: »Das ist auch ein Vergnügen.« Gewiss, die anderen Mädchen im Saal waren nicht besser gekleidet als Amelia, und viele trugen keine Strümpfe, aber Ginia sah vor allem die weißen Jacken der Kellner und dachte an die vielen Autos, die draußen standen. Dann begriff sie, dass es dumm von ihr war zu hoffen, da drinnen sei irgendwo Amelias Maler.
In jenem Jahr war es so heiß, dass man jeden Abend ausgehen musste, und es schien Ginia, als habe sie nie zuvor verstanden, was Sommer eigentlich bedeutete, so schön war es, jede Nacht auszugehen und durch die Alleen zu schlendern. Manchmal dachte sie, jener Sommer würde niemals enden, und zugleich, dass man sich beeilen musste, ihn zu genießen, denn wenn er zu Ende wäre, würde bestimmt etwas geschehen. Deshalb ging sie nicht mehr mit Rosa in das alte Lokal oder in ihr Kino, sondern machte sich manchmal allein auf den Weg und lief schnell in ein Kino im Zentrum. Was Amelia konnte, konnte sie auch. Amelia kam eines Abends und sagte, während sie das Haus verließen: »Gestern hab ich Arbeit gefunden.«
Ginia war nicht erstaunt. Sie hatte es erwartet. Ruhig fragte sie, ob sie sofort anfange. »Schon angefangen, heute Morgen«, sagte Amelia. »Zwei Stunden.« – »Jetzt bist du sicher froh«, sagte Ginia.
Dann fragte sie, um was für ein Bild es sich handle. »Kein Bild. Er macht Skizzen von mir. Er zeichnet mein Gesicht. Ich rede, und ab und zu wirft er ein Profil hin. Es ist keine Arbeit für länger.« – »Also stehst du gar nicht Modell?«, fragte Ginia. »Was glaubst du denn«, sagte Amelia, »dass Modellstehen nur heißt, sich auszuziehen und nackt dazustehen?«
»Gehst du morgen wieder hin?«, fragte Ginia.
Amelia ging am nächsten Tag wieder hin und dann noch mehrere Male. Am Abend danach erzählte sie lachend von dem Maler, der nie stillstand und der sie fragte, ob sie je jemand so gemalt habe, hin und her laufend, wie er es tat. »Heute Morgen hat er eine Aktzeichnung von mir gemacht. Er weiß genau, wie es geht. Zuerst tastet er sich langsam heran. Aber dann bringt er dich mit vier Strichen aufs Papier und braucht dich nicht mehr.« Ginia fragte sie, wie er sei, und Amelia sagte: »Ein kleines Männchen.« – »Wie hast du ihn gefunden?« – »Durch Zufall. – Komm mich morgen abholen«, sagte Amelia. Sie verabredeten, am Samstagnachmittag gemeinsam hinzugehen.
Den ganzen Weg über, in der Sonne, brachte Amelia sie an jenem Nachmittag zum Lachen. Über eine Wendeltreppe gelangten sie in einen großen halbdunklen Raum, in den nur ganz hinten durch einen Spalt zwischen den Vorhängen ein wenig kühles Licht fiel. Ginia war mit klopfendem Herzen auf den letzten Stufen stehengeblieben. Amelia rief laut »Guten Tag« und ging im Halbdunkel bis in die Zimmermitte, und aus den Vorhängen trat ein Mann – fett, mit grauem Bärtchen –, der mit den Händen wedelnd sagte: »Nichts zu machen, Mädchen. Heute muss ich weg.« Er trug ein langes, helles Hemd, das sich als schmutzig gelb herausstellte, als er sich umdrehte und den Vorhang ein wenig beiseite schob, um Licht hereinzulassen. »Heute wird nicht gearbeitet, Mädchen, heute muss man an die Luft.«
Ginia hatte sich nicht von der Treppenstufe gerührt. Im Gegenlicht sah sie von weitem Amelias Beine. Leise sagte sie, mehr zu sich selbst: »Amelia, lass uns gehen.«
»Wäre das die kleine Freundin, die mich kennenlernen möchte? Sie ist ja noch ein Kind. Lass dich mal im Licht anschauen.«
Unwillig stieg Ginia die letzte Treppenstufe hinauf, während sie die neugierigen grauen Augen auf sich ruhen fühlte und nicht wusste, ob Alter oder Verschlagenheit aus ihnen sprach. Gleichzeitig hörte sie Amelias Stimme – schneidend, verärgert –, die sagte: »Aber wir hatten doch einen Termin.«
»Was willst du machen?«, sagte der Maler. »Was willst du machen? Ihr seid doch auch müde. Zum Arbeiten braucht man Ruhe. Bist du nicht froh, wenn ich dir freigebe?«
Daraufhin ging Amelia zu einem Stuhl und setzte sich in den Schatten der Vorhänge, und Ginia schien es, als stünde sie schon wer weiß wie lange da, ohne zu wissen, wie sie auf die Blicke der beiden reagieren sollte, die einander und dann wieder sie musterten. Ihr war, als scherzte der Kerl, aber nicht mit ihnen; er redete noch weiter mit Amelia, sprach abgehackt, sagte ständig »Was willst du machen«. Dann sprang er unvermutet zurück, so klein und dick, wie er war, und schob die Vorhänge weiter auseinander. In dem großen leeren Raum roch es nach frischem Kalk und nach Firnis.
»Wir sind verschwitzt«, sagte Amelia. »Lassen Sie uns wenigstens im Kühlen verschnaufen. Nicht wahr, Ginia?« Als sie das sagte, drehte sich der Maler mit dem Bärtchen wieder um und öffnete die großen Scheiben, die auf den Himmel hinausgingen. Mit übergeschlagenen Beinen sah Amelia ihm zu und lachte. Am Fenster stand eine Staffelei, darauf eine Leinwand, die mit hingeworfenen und wieder abgekratzten Farbflecken bedeckt war. »Wenn man nicht jetzt arbeitet, solange Licht ist, wann wollen Sie dann arbeiten?«, fragte Amelia. »Ich wette, Sie gehen mich mit einem anderen Modell betrügen.« – »Mit der ganzen Welt betrüge ich dich«, rief der Maler gebückt. »Glaubst du, du bist mehr wert als eine Pflanze oder ein Pferd? Ich arbeite auch, wenn ich spazieren gehe, was glaubst denn du?« Und dabei stöberte er in einem Kasten unter der Staffelei und warf Zeichenblätter, Schachteln und Pinsel durcheinander. Amelia sprang vom Stuhl auf, nahm den Hut ab und zwinkerte Ginia zu. »Warum machen Sie nicht eine Skizze von meiner Freundin?«, schlug sie lachend vor. »Sie hat noch nie für jemanden Modell gestanden.«
Der Maler hatte sich umgewandt. »Genau das tue ich«, sagte er. »Ihr Ausdruck interessiert mich.«
Einen Bleistift in der Hand, begann er, mit geneigtem Kopf, sich den Bart streichend, in einem gewissen Abstand um Ginia herumzugehen, und starrte sie an wie ein Kater. Ginia, in der Zimmermitte, wagte nicht, sich zu rühren. Dann forderte er sie auf, ins Licht zu treten, und ohne sie aus den Augen zu lassen, lehnte er ein Blatt an die Leinwand auf der Staffelei und begann zu zeichnen. Am Himmel sah man eine gelbe Wolke und Dächer; mit klopfendem Herzen fixierte Ginia die Wolke und hörte Amelia irgendwo im Raum etwas sagen und hin und her gehen und schnaufen, aber sie blickte sie nicht an.
Als Amelia sie rief, damit sie sich die Zeichnung ansähe, musste Ginia die Augen schließen, um sich an das Halbdunkel zu gewöhnen. Dann beugte sie sich langsam über das Blatt und erkannte ihren Hut, doch das Gesicht schien ihr das einer anderen, ein schlafendes Gesicht, ausdruckslos, mit geöffnetem Mund, als spräche es im Schlaf. »Es ist beunruhigend«, sagte Barbetta, »hat dich wirklich noch nie jemand gezeichnet?« Er bat sie, den Hut abnehmen und sagte, sie solle sich setzen und mit Amelia reden. Im Sitzen sahen sie sich an und hatten Lust zu lachen, während der Maler weitere Blätter füllte. Amelia gestikulierte und sagte zu ihr, sie solle nicht an die Pose denken.
»Beunruhigend«, sagte Barbetta noch einmal und betrachtete sie von der Seite, »man möchte meinen, das jungfräuliche Profil hat keine Form.« Ginia fragte Amelia, ob sie nicht Modell säße, und Amelia sagte laut: »Heut hat er dich entdeckt. Da lässt er bestimmt nicht locker.« Während sie so redeten, fragte Ginia, ob sie Amelias Porträts der vergangenen Tage sehen dürfe. Da erhob sich Amelia und holte eine Mappe aus dem hinteren Teil des Raums. Sie legte sie ihr geöffnet auf die Knie und sagte: »Hier.«
Ginia wendete mehrere Blätter um, und beim vierten oder fünften war sie schweißgebadet. Sie wagte nichts zu sagen, weil sie die grauen Augen dieses Mannes auf sich fühlte. Auch Amelia sah sie wartend an und fragte schließlich: »Gefallen sie dir?«
Ginia hob das Gesicht und versuchte zu lächeln. »Ich erkenne dich nicht«, sagte sie. Dann blätterte sie alle nacheinander noch einmal durch. Danach war sie ruhiger. Schließlich saß Amelia angezogen vor ihr und lachte.
Töricht fragte sie: »Hat er die gemacht?« Amelia, die nicht begriff, erwiderte laut: »Ich ganz bestimmt nicht.«
Als Barbetta fertig war, wäre Ginia gern wieder so geblendet gewesen wie vorher, um die Augen zu schließen und zu warten. Doch Amelia rief, sie solle kommen, und vor dem großen Blatt war auch Ginia erstaunt. Es zeigte viele Male ihren Kopf, willkürlich aufs Blatt geworfen, manchmal schief, manchmal mit einer Grimasse, die sie nie gemacht hatte, aber die Haare, die Wangen, die Nasenflügel waren echt, waren ihre. Sie sah Barbetta an, der lachte, und es schien ihr unmöglich, dass dies die gleichen grauen Augen sein sollten wie zuvor.
Dann hätte sie Amelia am liebsten verprügelt, denn diese begann zu sticheln und darauf zu beharren, dass eine Stunde eine Stunde sei und dass Ginia für ihren Lebensunterhalt arbeite. Sie erwiderte, sie sei ganz zufällig mitgekommen und wolle ihr nicht ins Handwerk pfuschen. Barbetta lachte in seinen Bart und sagte, er müsse gehen. »Kommt, ich spendiere euch ein Eis. Aber dann verschwinde ich.«
IV.
Am nächsten Morgen gingen sie wieder zusammen hin, denn diesmal sollte Amelia Modell stehen. »Wehe«, sagte Amelia, »wenn du mir noch einmal den Platz wegnimmst. Dieser Halunke weiß, dass du dich mit einem Eis abspeisen lässt, und nutzt es aus, dass du noch Jungfrau bist.« Ginia war nicht mehr so zufrieden wie vorher, und gleich nach dem Aufwachen hatte sie an ihre Porträts gedacht, die noch zwischen den Aktzeichnungen von Amelia lagen, und an das schreckliche Herzklopfen, das sie bekommen hatte. Sie hegte noch die winzige Hoffnung, sie könne sich ihre Gesichter schenken lassen, nicht, weil sie sie unbedingt wollte, sondern damit sie nicht der Neugier jedes x-beliebigen ausgesetzt blieben. Sie konnte es einfach nicht fassen, dass ausgerechnet Barbetta, dieser fette alte Papi, Amelias Beine, Rücken, Bauch und Brustwarzen gezeichnet, daran radiert und herumgepfuscht hatte. Sie wagte ihr nicht ins Gesicht zu sehen. Diese grauen Augen und dieser Bleistift hatten sie fixiert, vermessen und erforscht, schamloser als ein Spiegel, und sie hatte stillgehalten oder womöglich herumgealbert und geplappert.
»Störe ich euch heute Morgen nicht?«, fragte Ginia sie, während sie in das Haustor einbogen.
»Hör zu«, antwortete Amelia, »wolltest du mich Modell stehen sehen, ja oder nein? Das nächste Mal werde ich aufpassen, mich nicht mehr mit höheren Töchtern einzulassen.«
Im Atelier waren alle Fenster aufgerissen und die Vorhänge geöffnet, und während sie auf Barbetta warteten, kam die alte Dienstmagd die Treppe herauf, um ein Auge auf sie zu haben. Ginia fragte sich, wo sich Amelia wohl zum Posieren hinstellen würde, doch Amelia stritt schon mit der Alten und ließ sie alle Fenster schließen, weil die Morgenluft den Raum auskühlte. Die Frau sprach nicht, sondern brummte und hatte ein so muffiges und behaartes Gesicht, dass Amelia sie ungeniert auslachte.
Schließlich kam Barbetta, zog sich den Kittel über und legte los, die Staffelei wurde nach hinten getragen, und die Palette kam zum Vorschein. Dort hinten im Atelier stand ein Bettsofa, und sie zogen alle Vorhänge zu bis auf den letzten, damit alles Licht auf diese Ecke fiel. Ginia fühlte sich in diesem Durcheinander überflüssig, und ihr schien, als sehe auch die Alte sie scheel an.
Als die Alte ging, zog sich Amelia neben dem Sofa aus, und Ginia beobachtete, wie Barbettas große Hand, einen Kohlestift zwischen den Fingern haltend, an der Staffelei ein weißliches Papier grundierte. Ohne sie anzusehen, sagte Barbetta zu ihr, sie solle sich setzen, und man hörte auch Amelias Stimme. Ginia blickte aus dem Fenster über die Dächer, als säße sie erneut Modell, und dachte, dass sie recht dumm war. Sie überwand sich und drehte sich um.
Ihr erster Gedanke war, Amelia müsse frieren und Barbetta sehe sie kaum an, und der wahre Störenfried sei allein sie selbst, weil sie nur aus Neugier da war. Amelia – braun, wie sie war – wirkte schmutzig, und es war peinlich, sie so zu sehen. Sie saß auf dem Sofa, die Arme auf einer Stuhllehne und das Gesicht verborgen, und zeigte deutlich das Bein von der Hüfte bis zur Ferse und die ganze Seite und die Achsel.
Nach kurzer Zeit langweilte Ginia sich. Sie beobachtete Barbetta, wie er wischte und wieder strichelte, betrachtete seine konzentrierte Miene, tauschte ein Lächeln mit Amelia, aber sie langweilte sich. Sie bekam wieder Herzklopfen, als Amelia zum ersten Mal aufstand, sich dehnte und das Höschen aufhob, das vom Sofa gefallen war, aber es war ein dummes Herzklopfen, das sie auch gespürt hätte, wenn sie allein gewesen wären, Herzklopfen, weil sie erkannte, wir Frauen sind alle gleich beschaffen, und wenn irgendwer Amelia nackt sah, war es, als sähe er auch sie, Ginia. Sie konnte nicht mehr stillsitzen.
Mit auf die Arme gelegtem Kopf sagte Amelia zu ihr: »Ciao, Ginia.« Das genügte, um sie zu erfreuen und zu beruhigen. Einen Augenblick davor hatte sie bemerkt, dass Amelias Fesseln gerötet waren, und sie überlegte, ob auch sie, hätte sie sich ausziehen müssen, solche Striemen gehabt hätte. »Meine Haut ist noch jünger«, sagte sie sich. Dann fragte sie laut: »Hat er dich je in Farbe gemalt?«
Barbetta antwortete ihr: »Mit Farben macht man keine Skizzen. Sie kommen mit der Sonne zum Fenster herein. Hier drin gibt es keine Farben.« – »Na klar«, sagte Amelia, »er ist zu geizig. Farben sind teuer.« – »Du hast ja keine Ahnung«, schrie der Alte, »die Farbe muss man achten, das ist es, und du weißt gar nicht, was das bedeutet, denn abgesehen von deinem Make-up bist du völlig farblos. Da ist an dieser kleinen Blonden schon mehr dran.« Amelia zuckte die Schultern und hob nicht einmal den Kopf.
Dann hörte man von irgendwo jenseits der Dächer eine Sirene, und Ginia begann, hin und her zu gehen, und fand auf dem Fensterbrett die Skizzen ihres Gesichts, wagte aber nicht, darum zu bitten. Als sie sie durchblätterte, sah sie auch die Zeichnungen von Amelia wieder und verglich sie im Stillen und fragte sich, ob Amelia tatsächlich diese Posen eingenommen hatte, die teilweise gymnastischen Übungen glichen. War es denn möglich, dass es einem alten Mann wie Barbetta noch Spaß machte, Mädchen abzuzeichnen und zu studieren, wie sie gebaut waren? Er war doch recht sonderbar, dachte sie.
Sie verließen das Atelier nach zwölf, und sie genossen es, wieder unter Leuten zu sein und völlig angezogen umherzugehen und die schönen Farben auf der Straße zu sehen, die, man begriff zwar nicht, wie, aber es stimmte, von der Sonne kamen, da es sie nachts nicht gab. Auch Amelias Unmut war verflogen, und sie bezahlte ihr einen Aperitif und redete nicht mehr von Malern.
Allein auf ihrem Sofa, dachte Ginia an diesem und mehreren anderen Nachmittagen noch lange darüber nach. Im Dunkeln sah sie Amelias schwarzen Bauch wieder vor sich und ihr gleichgültiges Gesicht und die hängenden Brüste. Gab es an einer bekleideten Frau nicht doch mehr zu malen? Wenn die Maler sie nackt malen wollten, mussten sie andere Ziele verfolgen. Warum malten sie keine Männer? Sogar Amelia wurde eine andere, wenn sie sich so bloßstellte. Ginia weinte beinahe.
Doch zu Amelia sagte sie nichts, es freute sie nur, dass diese jetzt etwas verdiente und lieber mit ins Kino ging, wenn sie sich trafen. Dann kaufte Amelia sich Strümpfe und frisierte sich besser, und Ginia ging wieder richtig gern mit ihr aus, weil Amelia gut ankam und sich viele nach ihnen umdrehten. So ging der Sommer zu Ende, und eines Abends sagte Amelia: »Dein Barbetta geht aufs Land, um seine Farben zu suchen und zur Weinlese. Er fing an, mich zu nerven.«
Gerade an diesem Abend hatte Amelia eine neue Handtasche, und Ginia fragte: »Hat er dir ein Abschiedsgeschenk gemacht?«
»Der?«, sagte Amelia. »Dass ich nicht lache! Der wollte, dass du wiederkommst, dir hätte er nichts bezahlen müssen.«
Dann stritten sie sich, weil Amelia es ihr nie gesagt hatte, und gingen beleidigt auseinander. »Sie hat einen Liebhaber gefunden«, dachte Ginia, allein auf dem Heimweg, »sie hat einen Liebhaber gefunden, der ihr Geschenke macht.« Sie beschloss, sich erst dann mit ihr zu versöhnen, wenn Amelia kommen und sie darum bitten würde.
Lustlos, um sich nicht zu langweilen, versuchte Ginia, die alten Freundschaften wieder aufzuwärmen. Schließlich würde sie im nächsten Sommer siebzehn Jahre alt sein, und ihr schien, sie sei nun längst so schlau wie Amelia. Umso mehr, als sie sie nicht mehr sah. An diesen schon kühlen Abenden versuchte sie, Rosa gegenüber die Amelia zu spielen. Sie lachte ihr oft ins Gesicht und ging plaudernd mit ihr spazieren. Sie redete noch einmal mit ihr über Pino. Aber sie zum Tanzen auf den Hügel zu führen, wagte sie nicht.
Amelia hatte bestimmt jemanden, denn niemand bekam sie mehr zu Gesicht. »Solange eine Frau was zum Anziehen hat«, dachte Ginia, »macht sie eine gute Figur. Man muss aufpassen, sich nicht nackt sehen zu lassen.« Doch über solche Dinge konnte man weder mit Rosa oder Clara noch mit deren Brüdern sprechen, die sofort schlecht von ihr gedacht oder versucht hätten, sie anzufassen, und das wollte Ginia nicht, weil sie begriffen hatte, dass es etwas Besseres auf der Welt gab als einen Ferruccio oder einen Pino. An den Abenden, die sie mit ihnen verbrachte, tanzten und scherzten sie – unterhielten sich auch –, aber Ginia wusste, dass es die gleiche Fröhlichkeit war wie an den Sonntagen, an denen sie Boot gefahren waren: Kindereien, ohne Folgen, eine Auswirkung der Sonne und des Singens, kaum sah man einen mit dem Handtuch um die Hüften, der eine Frau nachmachte, schon lachte man los. Jetzt dagegen bestanden die Sonntage und Abende aus Langeweile, da sich Ginia allein zu nichts mehr entschließen konnte und sich von den anderen Mädchen mitziehen ließ. Nur in der Schneiderei hatte sie manchmal Spaß, wenn die Signora sie rief, um einer Kundin mit Stecknadeln das Kleid abzustecken. Es war zum Lachen, wenn man bestimmte Geschichten hörte, die manche dummen Kundinnen erzählten, aber noch lustiger war es, wenn die Signora so tat, als glaube sie daran, und ganz ernst blieb, während die Spiegel ihr schelmisches Gesicht zeigten. Einmal kam eine Blonde, die behauptete, sie hätte ihr Auto unten vor der Tür, doch wenn das wahr gewesen wäre, dachte Ginia, hätte sie eine luxuriösere Schneiderei aufgesucht. Sie war jung und groß und trug keinen Ehering. Aber schön, fand Ginia, schön und schlank, auch als sie in Höschen und Büstenhalter und sonst nichts dastand. Wenn die Modell gestanden hätte, das wäre wirklich ein schönes Bild geworden, und vielleicht war sie tatsächlich ein Modell, denn sie spazierte in der gleichen Haltung wie Amelia vor den Spiegeln auf und ab. Tage später sah Ginia ihre Rechnung, aber es stand nur der Nachname darauf, und mehr erfuhr sie nicht. Für sie blieb die Blonde ein Modell.
Eines Abends ließ Ginia sich von einem Freund von Severino einladen, der zu ihnen nach Hause kam, um ihr eine Lampe zu bringen, und ging am nächsten Tag in seinem Geschäft vorbei. Er war ein junger Mann wie Severino und flößte ihr keine Scheu ein, denn er trug immer einen Arbeitsanzug, und ein paar Jahre zuvor hatte er sie noch an den Handgelenken gepackt und gefragt, ob sie einen elektrischen Schlag bekommen wolle. Jetzt betrachtete er sie mit der Zungenspitze zwischen den Zähnen. Ginia ging hin, weil man von dem Geschäft aus Amelias Haustor sehen konnte, aber dieser Massimo hatte bestimmt keine Ahnung, warum sie eine ganze Weile mit ihm plauderte und lachte und gleich am nächsten Tag wiederkam.
Sie betrachteten die rosafarbenen und himmelblauen Lampen, und Ginia alberte herum. Durch das Schaufenster sah man Leute vorbeigehen, und sie fragte, ob es stimme, dass Amelia weiß gekleidet herumlief. »Wer weiß«, sagte Massimo, »ihr seid so viele, ihr Mädchen. Severino wird es wissen.« – »Oh, warum Severino?« – »Severino«, antwortete Massimo, »mag kräftige Frauen. Es ist doch die, die ohne Strümpfe geht?« – »Hat er dir das gesagt?«, fragte Ginia. »Du bist seine Schwester und weißt es nicht?«, erwiderte Massimo lachend. »Lass es dir von Amelia erzählen. Kam sie nicht immer zu dir nach Hause?«
Daran hatte Ginia nie gedacht. Der Gedanke, dass Amelia Severino gefallen hatte und dass sie es sich gesagt hatten und sich womöglich trafen, verdarb ihr den Tag. Wenn das stimmte, war Amelias ganze Freundschaft nur eine Finte gewesen. »Ich bin wirklich ein Kindskopf«, dachte Ginia, und um ihre Wut zu dämpfen, erinnerte sie sich daran, dass es sie abgestoßen hatte, Amelia nackt zu sehen. »Aber stimmt es überhaupt?«, dachte sie. Severino in ein Mädchen verliebt, das konnte sie sich nicht vorstellen, sie war sich vielmehr sicher, hätte er die arme Amelia damals Modell stehen sehen, hätte sie ihm nicht mehr gefallen. »Oder vielleicht doch?« – »Aber warum sind wir nackt?«, dachte sie verzweifelt.
Gegen Abend war sie schon wieder ruhiger und überzeugt, dass Massimo nur so dahergeredet hatte. Während sie mit Severino aß, betrachtete sie seine Hände mit den kaputten Fingernägeln und begriff, dass Amelia ganz anderes gewohnt war. Dann blieb sie im gedämpften Licht allein und dachte an die schönen Abende im August, als Amelia sie abholen kam, da hörte sie hinter der Tür ihre Stimme.
V.
»Ich wollte dich besuchen«, sagte Amelia.
Ginia antwortete nicht sofort.
»Du bist immer noch böse«, sagte Amelia. »Lass es gut sein. Ist dein Bruder nicht da?«
»Er ist gerade weggegangen.«
Amelia trug das alte Kleid, hatte aber eine schöne Frisur mit Korallen. Sie setzte sich aufs Sofa und fragte sofort, ob Ginia ausgehen wolle. Ihre Stimme klang wie früher, aber tiefer, als sei sie erkältet.
»Willst du zu mir oder zu Severino?«, fragte Ginia.
»O diese Leute. Lass sie doch reden. Ich will mich nur vergnügen, wenn du auch mitkommst.«
Daraufhin wechselte Ginia die Strümpfe, und sie eilten die Treppe hinunter, und Amelia ließ sich erzählen, was im Lauf des Monats geschehen war. »Und was hast du gemacht?«, fragte Ginia. »Was soll ich schon gemacht haben«, sagte Amelia und begann wieder zu lachen, »nichts habe ich gemacht. Heute Abend habe ich mir gesagt: Gehen wir mal nachsehen, ob Ginia immer noch an Barbetta denkt.« Sonst war nichts aus ihr herauszubringen, aber Ginia gab sich damit zufrieden. »Trinken wir ein Gläschen?«, schlug sie vor.
Während sie tranken, fragte Amelia, warum Ginia sie nie besucht hatte. »Ich wusste ja nicht, wo du bist.« – »Na, wo schon. Im Café, den ganzen Tag.« – »Das hast du nie gesagt.«
Am nächsten Tag ging Ginia sie im Café suchen. Es war ein neues Café unter den Arkaden, und Ginia blickte sich um und hielt nach Amelia Ausschau. Es war Amelia, die sie rief, laut, als wäre sie hier zu Hause. Ginia sah, dass sie einen schönen grauen Mantel und einen Hut mit Schleier trug, in dem sie kaum wiederzuerkennen war. Mit übergeschlagenen Beinen saß sie da, die Faust unter dem Kinn, als säße sie Modell. »Du bist ja wirklich gekommen«, sagte sie lachend.
»Wartest du auf jemanden?«, fragte Ginia.
»Ich warte immer«, sagte Amelia und machte ihr neben sich Platz. »Das ist meine Arbeit. Um sich vor einem Maler ausziehen zu dürfen, muss man Schlange stehen.«
Amelia hatte eine Zeitung und ein Päckchen Zigaretten vor sich auf dem Tisch liegen. Also verdiente sie etwas. »Schön, dieser Hut, aber er macht dich alt«, sagte Ginia und blickte ihr in die Augen. »Ich bin alt«, sagte Amelia. »Gefällt er dir nicht?«
Amelia lehnte sich an den Spiegel, als säße sie auf einem Sofa. Sie schaute nach vorn, in den Spiegel gegenüber, in dem Ginia auch sich selbst sah, aber kleiner. Sie wirkten wie Mutter und Tochter. »Und du bist immer hier?«, fragte sie. »Kommen die Maler hierher?«
»Sie kommen, wann sie Lust haben. Heute hat sich noch keiner blicken lassen.«
Der Kronleuchter brannte, und viele Leute gingen draußen am Fenster vorbei. Der Raum war voller Rauch, aber so hell und ruhig, dass es schien, als kämen die Geräusche und Stimmen von weit her. Ginia beobachtete zwei Mädchen in einer Ecke, die sich angeregt unterhielten und mit dem Kellner sprachen. »Sind das Modelle?«, fragte sie.
»Ich kenne sie nicht«, sagte Amelia. »Nimmst du einen Kaffee oder einen Aperitif?«
Ginia hatte immer geglaubt, ins Café ginge man, um sich mit einem Mann zu treffen, als Paar, und sie konnte es kaum fassen, dass Amelia die Nachmittage allein dort verbrachte, fand es aber so schön, auf dem Heimweg von der Schneiderei durch die Bogengänge zu schlendern und dabei ein Ziel zu haben, dass sie am nächsten Tag gleich wieder hinging. Wäre sie nur ganz sicher gewesen, dass Amelia sie gerne sah, hätte sie sich prächtig amüsiert. Diesmal bemerkte Amelia sie durch die Scheibe, machte ihr ein Zeichen und kam heraus. Gemeinsam stiegen sie in die Straßenbahn.
An diesem Abend redete Amelia nicht viel. »Es gibt doch richtige Flegel«, sagte sie nur. »Hast du auf jemanden gewartet?«, fragte Ginia.
Bevor sie sich trennten, plauderten sie noch ein wenig und verabredeten sich für den nächsten Tag, sodass Ginia zu der Überzeugung kam, Amelia sehe sie gerne, und wenn sie etwas in die falsche Kehle bekommen hatte, gab es andere Gründe dafür, vielleicht irgendeine hässliche Begegnung.
»Wie geht das eigentlich? Kommt ein Maler zu dir und fragt, ob du ihm Modell stehen willst?«, fragte sie lachend.
»Es gibt auch solche, die gar nichts sagen«, erklärte Amelia ihr. »Die wollen keine Modelle.«
»Und was malen sie dann?«, sagte Ginia.
»Weißt du es? Da ist einer, der erzählt, dass er so malt, wie wir Lippenstift benutzen. ›Was malst du denn, wenn du Lippenstift benutzt? Genau so male ich.‹«
»Aber mit Lippenstift malt man sich die Lippen an.«
»Und er malt die Leinwand an. Ciao, Ginia.«
Machte Amelia solche Scherze, ohne zu lachen, fürchtete Ginia, es werde etwas geschehen, war enttäuscht und fühlte sich allein, während sie heimging. Zum Glück musste sie zu Hause schnellstens die Pasta für Severino kochen, und nach dem Essen sah alles schon anders aus, weil es Nacht wurde und Zeit, allein oder mit Rosa auszugehen. Manchmal dachte sie: »Was für ein Leben führe ich eigentlich. Keine Sekunde kann ich verschnaufen.« Aber dieses Leben gefiel ihr, denn nur so war es schön, nachmittags oder auch abends, wenn sie im Café bei Amelia vorbeiging, einen Augenblick Frieden zu finden und sich auszuruhen. Hätte sie Amelia nicht gehabt, wäre sie freier gewesen, aber wozu, jetzt, da das Wetter sich verschlechterte und es keinen Spaß mehr machte, die Straße zu überqueren? Falls in diesem Winter etwas geschehen sollte – Ginia spürte es –, so würde Amelia den Anstoß geben und nicht Dummköpfe wie Rosa oder Clara.
Im Café begann sie Bekanntschaften zu machen. Es gab einen Herrn, der Barbetta ähnelte und Amelia zuwinkte, wenn sie gingen. Er siezte sie, und Amelia sagte zu Ginia, er sei kein Maler. Ein hochgewachsener junger Mann, der vor den Arkaden mit dem Auto anhielt und eine sehr elegante Signora dabeihatte, kam manchmal an den Tresen, und Amelia kannte ihn nicht, sagte aber, er sei kein Maler. »So viele sind es nicht, was glaubst du denn«, sagte sie zu Ginia. »Wer wirklich arbeitet, geht nicht ins Café.« Alles in allem kannte Amelia die Kellner besser als die Gäste, aber Ginia, die sich durchaus amüsierte, wenn sie sie scherzen hörte, achtete darauf, niemandem zu viele Vertraulichkeiten zu gestatten. Einer, der oft bei Amelia saß und Ginia das erste Mal gegrüßt hatte, ohne sie überhaupt anzuschauen, war ein behaarter junger Mann mit weißer Krawatte und tiefschwarzen Augen, der Rodrigues hieß. In der Tat wirkte er nicht wie ein Italiener und sprach kehlig, und Amelia behandelte ihn wie einen Jungen und sagte zu ihm, wenn er diese Lira gespart hätte, anstatt sie im Café auszugeben, hätte er in zehn Tagen ein Modell bezahlen können. Ginia hörte belustigt zu, aber der junge Mann mit der unsicheren Stimme fing wieder an, Amelia bald wie eine schöne Frau, bald wie ein launisches Kind zu behandeln. Sie lachte, aber manchmal wurde sie ärgerlich und sagte, er solle verschwinden. Dann wechselte Rodrigues den Tisch, zog einen Bleistift heraus und begann zu schreiben, während er sie beide schief ansah. »Achte nicht auf ihn«, sagte Amelia, »er würde es genießen.« Nach und nach gewöhnte sich auch Ginia an, ihn links liegen zu lassen.
Eines Abends gingen sie ohne ein bestimmtes Ziel zusammen aus. Sie bummelten ein wenig, dann begann es zu regnen, und sie suchten Schutz in einem Hauseingang. Es war kalt, vor allem wenn man mit nassen Strümpfen herumstand. Amelia hatte gesagt: »Wenn Guido zu Hause ist, könnten wir zu ihm gehen, willst du?« – »Wer ist Guido?« Amelia hatte die Nase vorgestreckt und den Hals verrenkt, um zu den Fenstern am Haus gegenüber hinaufzuspähen. »Es brennt Licht; gehen wir, dann sind wir im Trockenen.« Sie waren mindestens sechs Stockwerke hinaufgestiegen und beim Dachgeschoss angelangt, als Amelia keuchend stehenblieb und sagte: »Hast du Angst?«
»Wieso Angst?«, fragte Ginia. »Kennst du ihn nicht?«
Als sie an die Tür klopften, hörten sie Gelächter im Zimmer, ein halblautes, unangenehmes Lachen, das Ginia an Rodrigues erinnerte. Sie hörten Schritte, die Tür öffnete sich, aber man sah niemanden. »Dürfen wir reinkommen?«, fragte Amelia, indem sie eintrat.
Auf einem Sofa an der Wand, unter einem grellen Licht, lümmelte tatsächlich Rodrigues. Aber daneben stand noch einer, ein Soldat in Hemdsärmeln, blond und verdreckt, der sie lachend ansah. Ginia kniff die Augen zusammen in dem Licht, es schien eine Karbidlampe zu sein. Kleine Bilder und Vorhänge bedeckten drei Wände; die vierte bestand nur aus Fenster.
Halb ernst, halb lachend sagte Amelia zu Rodrigues: »Sie sind wohl überall?« Er winkte ihr zu und brummte: »Die zweite heißt Ginia, Guido.« Da reichte der Soldat auch ihr die Hand, während er sie unverschämt lächelnd musterte.
Ginia begriff, dass sie sich ganz unbefangen geben musste, und begann, über Amelias und Guidos Köpfe hinweg die Bilder an den Wänden zu betrachten. Es schienen Landschaften mit Bäumen und Bergen zu sein, und dazwischen erkannte sie undeutlich einige Porträts. Aber die Lampe, wie in noch nicht ganz fertigen Wohnungen ohne Schirm aufgehängt, blendete, ohne Licht zu geben. Ginia sah aber doch, dass es hier nicht so viele Vorhänge gab wie bei Barbetta, sondern nur einen – einen langen roten –, der das Zimmer hinten abschloss, und sie begriff, dass es dahinter noch einen Raum geben musste.
Guido fragte, ob sie etwas trinken wollten. Auf dem großen Tisch in der Mitte des Zimmers standen Gläser und eine Flasche. »Wir sind gekommen, um uns aufzuwärmen«, sagte Amelia. »Wir sind nass bis zu den Knien.« Guido schenkte ein – einen dunklen Rotwein –, und Amelia brachte Rodrigues, der sich aufsetzte, ein Glas. Während sie tranken, sagte Amelia zu ihm: »Es tut mir leid für Guido, aber Sie stehen jetzt auf und überlassen mir das Bett, damit ich mir die Beine wärmen kann. Die Betten sind für die Frauen. Komm auch her, Ginia.« Doch Ginia wollte nicht, sie sagte, der Wein habe sie schon gewärmt, und setzte sich auf einen Stuhl. Da streifte Amelia die Schuhe ab, zog sich die Jacke aus und schlüpfte unter die Decke. Rodrigues blieb auf dem Sofarand sitzen.
»Redet ruhig weiter«, sagte Amelia. »Mich stört nur das Licht.« Damit streckte sie den Arm zur Wand und knipste es aus. »So, das hätten wir. Gebt mir eine Zigarette.«
Ginia saß entsetzt im Dunkeln. Aber sie merkte, dass Guido zum Sofa gegangen war, und hörte, wie er das Zündholz anstrich, und sah die beiden Gesichter in der Flamme zwischen tanzenden Schatten. Dann wurde es wieder dunkel, und einen Moment lang rührte sich niemand. Man hörte den Regen an die Fensterscheiben prasseln.
Jemand sagte etwas, aber Ginia, die immer noch verstört war, erfasste die Worte nicht. Sie merkte, dass auch Guido rauchte, während er ruhig im Dunkeln auf und ab wanderte. Sie sah die Zigarettenglut und hörte die Schritte. Dann begriff sie, dass Amelia und Rodrigues wieder angefangen hatten zu streiten. Doch erst, als sie sich allmählich an die Dunkelheit gewöhnt hatte und den Tisch, die Schatten der anderen und sogar einige Bilder an der Wand zu unterscheiden begann, wurde sie ruhiger. Amelia sprach mit Guido über früher, als sie einmal krank hier auf dem Sofa geschlafen hatte. »Aber damals hattest du noch nicht diesen Partner«, sagte sie, »was machst du mit ihm? Ziehst du ihn nackt aus?«
Alles war so seltsam, dass Ginia sagte: »Man kommt sich vor wie im Kino.«
»Aber hier kostet es keinen Eintritt«, erwiderte Rodrigues aus seiner Ecke.
Guido ging immer noch auf und ab, quer durch das ganze Zimmer, und brachte mit seinen Stiefeln den dünnen Boden zum Schwingen. Sie redeten alle durcheinander, doch plötzlich merkte Ginia, dass Amelia schwieg – man sah die Zigarette – und dass auch Rodrigues nichts mehr sagte. Nur Guidos Stimme erfüllte das Zimmer und erklärte etwas, das sie nicht verstand, weil sie mit einem Ohr zum Sofa hin horchte. Ein nächtliches Licht fiel durch die Scheiben, wie ein elektrischer Widerschein des Regens, und man hörte es von den Dächern und Regenrinnen tropfen, plätschern und gluckern. Jedes Mal, wenn der Regen und die Stimme zufällig gleichzeitig schwiegen, schien es kälter zu werden. Dann bemühte sich Ginia, im Dunkeln Amelias Zigarette zu erkennen.
VI.
Als sie sich auf der Straße vor der Haustür verabschiedeten, hatte es zu regnen aufgehört. Ginia sah noch das schmutzige, tropfende, von jener grellen Lampe erhellte Zimmer vor sich. Mehrmals hatte Guido das Licht angeknipst, um nachzuschenken oder etwas zu suchen, und Amelia hatte sich auf dem Sofa die Augen zugehalten und gerufen, er solle es wieder ausmachen, und man hatte sehen können, dass Rodrigues regungslos zu ihren Füßen an der Wand kauerte.
»Haben die beiden niemanden, der ihnen das Zimmer fegt?«, fragte Ginia, während sie allein nach Hause gingen.
Amelia sagte, Guido sei vertrauensselig, dass er Rodrigues den Atelierschlüssel überlasse.
»Hat Guido diese Bilder gemalt?«
»An seiner Stelle hätte ich Angst, dass dieser Portugiese sie verkauft und das Zimmer ohne Absprache untervermietet.«
»Hast du für Guido Modell gestanden?«
Im Gehen erzählte Amelia, wie sie Rodrigues kennengelernt hatte, als sie noch jünger war und für irgendwen Modell stand. Rodrigues kam, genau wie jetzt, ins Atelier hereingeschneit und setzte sich, als wäre er im Café; still hockte er da, sah von ihr zum Maler und sagte nie etwas. Schon damals trug er die weiße Krawatte. Ebenso machte er es bei einem anderen Modell, das sie kannte.
»Malt er denn nicht auch?«
»Da müsste eine schon sehr verzweifelt sein, um sich nackt vor ihn hinzustellen, glaubst du nicht?«
Ginia hätte Guidos Bilder gern noch einmal angeschaut, denn sie wusste, dass man Farben nur bei Tag richtig sieht. Wäre sie sicher gewesen, Rodrigues nicht dort anzutreffen, hätte sie all ihren Mut zusammengenommen und wäre allein hingegangen. Sie stellte sich vor, wie sie hinaufstieg, klopfte, Guido in seinen Soldatenhosen vorfand und ihn anlachte, um das Eis zu brechen. Das Schöne an diesem Maler war, dass er gar nicht wie ein Maler wirkte. Ginia erinnerte sich daran, wie er ihr mit einem aufmunternden Lächeln die Hand gedrückt hatte, und an seine Stimme im dunklen Zimmer und an sein Gesicht, wenn er das Licht anknipste und sie ansah, als wären sie beide, unabhängig von Rodrigues und Amelia, ein Paar. Aber jetzt war Guido nicht da, und man musste mit dem anderen rechnen.
Am nächsten Tag im Café fragte sie Amelia, ob Guido wenigstens am Sonntag freihabe. »Früher hätte ich es gewusst«, sagte Amelia. »Aber wir sehen uns schon länger nicht mehr.«
»Rodrigues hat zu mir gesagt, ich dürfe in sein Atelier kommen, wann ich will.«
»Sieh mal an«, erwiderte Amelia.
Aber er ließ sich mehrere Tage lang nicht im Café blicken. »Ich wette, er wartet darauf, dass wir ihn besuchen, jetzt, wo er über ein Bett verfügt, um uns gebührend zu empfangen. Das sähe ihm ähnlich.«
»Da kann er lange warten«, antwortete Ginia.
Als sie noch einmal darüber nachdachte, kam Ginia zu dem Schluss, dass Amelias Verhalten, sich in Anwesenheit anderer ins Bett zu legen und das Licht auszumachen, doch nicht so frech war, denn auch Guido und Rodrigues hatten nichts dabei gefunden. Was sie quälte, war die Vorstellung, was Amelia zu anderen Zeiten auf diesem Bett getrieben haben mochte, als das Zimmer nur Guido allein gehörte.
»Wie alt ist Guido?«, fragte sie.
»Früher war er so alt wie ich.«
Aber Rodrigues ließ sich nicht blicken, und eines Morgens kam Ginia, die einige Besorgungen erledigen musste, durch die Straße jener Nacht. Sie blickte hoch und erkannte die dreieckige Vorderfront des Ateliers. Ohne lange zu überlegen, stieg sie die Treppe hinauf, die kein Ende nahm, aber oben im letzten Flur gab es mehrere Türen, und sie konnte sich nicht entscheiden. Sie begriff, dass Guido nicht berühmt war, da er nicht einmal ein Namensschild hatte, und im Hinuntergehen dachte sie gerührt an die Lampe an jenem Abend, die für einen Maler tödlich sein musste. Als sie dann Amelia traf, sagte sie ihr nichts von dem Besuch.
Eines Tages, als sie sich unterhielten, fragte sie Amelia, warum Männer Maler wurden. »Weil es Leute gibt, die Bilder kaufen«, erwiderte Amelia. »Aber nicht von allen«, sagte Ginia, »was ist mit den Malern, denen niemand was abkauft?«
»Das ist eben Geschmackssache«, sagte Amelia, »die meisten hungern.«
»Sie malen, weil es sie befriedigt«, sagte Ginia.
»Also bitte! Würdest du dir ein Kleid schneidern, um es dann nicht zu tragen? Am schlauesten macht es Rodrigues, er behauptet, er sei Maler, aber niemand hat ihn je mit einem Pinsel in der Hand gesehen.«
An genau diesem Tag saß Rodrigues im Café und zeichnete ganz konzentriert auf einen Block. »Was machen Sie da?«, fragte Amelia und nahm ihm das Blatt weg. Auch Ginia betrachtete es neugierig, aber sie sahen nur ein Gewirr von Linien, die den Bronchien eines Menschen ähnelten. »Was ist das? Ein Kopfsalat?«, fragte Amelia. Rodrigues antwortete weder Ja noch Nein, und darauf blätterten sie den Skizzenblock durch, der viele Zeichnungen enthielt: Einige glichen Pflanzenskeletten, und manchmal waren es Gesichter, aber ohne Augen, mit schwarz schraffierten Flecken; bei manchen begriff man nicht, ob es Gesichter oder Landschaften waren. »So sehen die Sachen nachts bei Gaslicht aus«, sagte Amelia. Rodrigues lachte spöttisch, aber Ginia ärgerte sich nicht, er tat ihr eher leid.
»Da ist nichts Schönes dabei«, sagte Amelia, »wenn Sie mich so porträtieren würden, würde ich Sie nicht mehr grüßen.«
Rodrigues sah sie wortlos an.
»Ein schönes Modell ist zu schade für Sie«, fuhr Amelia fort. »Wo finden Sie Ihre Modelle? Auf dem Klo?«
»Ich brauche keine Modelle«, sagte Rodrigues. »Ich achte das Papier.«
Darauf sagte Ginia ihm, sie wolle Guidos Bilder noch einmal sehen. Rodrigues steckte den Skizzenblock in die Tasche und sagte: »Zu Ihren Diensten.«
Schließlich gingen sie alle beide hin, am folgenden Sonntag, und Ginia schwänzte einen Teil der Messe, um rechtzeitig zu kommen. Sie hatten verabredet, sich am Haustor zu treffen, aber es war niemand da, und Ginia stieg allein hinauf. Erneut stand sie unsicher vor den vier Türen im Flur, konnte sich nicht entscheiden und ging die Treppe bis zur Hälfte wieder hinunter. Doch dann fand sie sich albern, kehrte um und lauschte an der letzten Tür. Da trat aus einer anderen eine ungekämmte Frau im Morgenrock, die einen Eimer trug. Ginia richtete sich gerade noch rechtzeitig auf und fragte sie, wo der Maler wohne. Die Frau würdigte sie keines Blickes und erwiderte nichts und verschwand über den Flur. Ginia, rot und zitternd, hielt den Atem an, bis alles still war, dann rannte sie die Treppe hinunter.
Ab und zu betrat jemand das Haus oder kam heraus und betrachtete sie im Vorübergehen. Ginia begann, verzweifelt auf und ab zu laufen, vor allem auch, weil auf der Straßenseite gegenüber ein Metzgergeselle am Türrahmen lehnte und sie hämisch anstarrte. Sie überlegte, ob sie die Portiersfrau fragen sollte, wo das Atelier war, doch nun konnte sie ebenso gut auf Amelia warten. Es war beinahe Mittag.
Am schlimmsten war, dass sie für diesen Nachmittag keine Verabredung mit Amelia hatte, sie würde ihn also allein herumbringen müssen. »Alles, alles geht mir schief«, dachte sie. In diesem Augenblick erschien Rodrigues im Haustor und winkte ihr.
»Amelia ist oben«, sagte er unbekümmert, »sie sagt, Sie sollen raufkommen.«
Wortlos stieg Ginia mit ihm hinauf. Es war tatsächlich die letzte Tür, hinter der kein Mucks zu hören gewesen war. Amelia, auf dem Sofa, rauchte, als säße sie im Café. »Warum bist du nicht raufgekommen?«, fragte sie sofort ganz ruhig. Ginia schimpfte sie eine blöde Gans, aber Amelia und Rodrigues sagten so überzeugt, sie hätte doch heraufkommen sollen, dass es unmöglich war zu streiten. Und sie konnte auch nicht herausschreien, dass sie an der Tür gelauscht hatte, denn das wäre noch schlimmer gewesen. Doch es genügte zu sehen, wie still die beiden waren, um zu begreifen, dass das Sofa bestimmt etwas zu erzählen gehabt hätte. »Sie halten mich wohl für blöd«, dachte Ginia und versuchte zu erkennen, ob Amelias Haar zerzaust war und was ihr Rodrigues’ Augen verrieten.
Amelias Hut – der mit dem Schleier – lag hingeworfen auf dem Tisch, und Rodrigues stand mit dem Rücken zum Fenster und fixierte ihn mit ironischem Blick.
»Wer weiß, ob Ginia der Schleier steht«, sagte Amelia aus heiterem Himmel.
Ginia schnitt eine Grimasse, und ohne sich zu rühren, begann sie, die kleinen Bilder über Amelias Kopf zu betrachten. Aber diese armseligen Farben interessierten sie nicht mehr. Sie schnupperte und erkannte in dem kalten Mief Amelias Parfüm. Sie konnte sich nicht erinnern, wonach das Zimmer beim letzten Mal gerochen hatte.
Dann ging sie durchs Zimmer und sah sich die Bilder an den Wänden an. Eingehend betrachtete sie eine Landschaft oder einen Obstteller, blieb stehen, konnte sich nicht entschließen, die Augen abzuwenden; niemand sprach. Es gab auch einige Frauenporträts: Sie kannte keines dieser Gesichter. Am Ende des Zimmers angekommen, stand sie vor dem langen Vorhang aus schwerem, ausgefranstem Stoff, der die ganze Wand bedeckte. Ihr fiel ein, dass Guido dahinter die Gläser hervorgeholt hatte, und halblaut fragte sie: »Ist es gestattet?«, aber die beiden hörten es nicht, weil Rodrigues gerade sprach, also öffnete sie einen Spalt, um einen Blick hineinzuwerfen, sah aber nur ein zerwühltes Bett und ein Waschbecken. Auch dort drinnen roch es nach Amelia, und Ginia merkte es, als sie dachte, dass es schön sein müsse, allein in diesem Eckchen zu schlafen.
VII.
»Rodrigues ist ganz gierig drauf, dass du ihm Modell stehst«, sagte Ginia, während sie heimgingen.
»Wieso?«
»Hast du nicht bemerkt, wie er um uns herumsprang und deine Beine anstarrte?«
»Soll er doch«, sagte Amelia.
»Für Guido hast du nie Modell gestanden?«
»Nein, nie«, sagte Amelia.
Als sie die Piazza überquerten, sahen sie Rosa am Arm eines jungen Mannes vorbeikommen, aber es war nicht Pino. Sie hing an ihm, als könne sie nicht alleine gehen, und Ginia sagte: »Schau nur. Sie haben Angst, sich zu verlieren.« – »Sonntags ist alles erlaubt«, sagte Amelia. »Aber nicht in der Öffentlichkeit. Sie machen sich lächerlich.« – »Kommt ganz darauf an«, erwiderte Amelia, »wenn eine dumm ist und es darauf anlegt, macht sie alles Mögliche.«
Ginia hatte von Rodrigues erfahren, dass Guido oft am Nachmittag, wenn er Ausgang hatte, ins Atelier kam, um zu malen. »Er würde auch nachts malen«, hatte Rodrigues gesagt. »Vor einer Leinwand wird er wild wie ein Stier und muss einfach loslegen.« Dabei hatte er auf seine heisere Art gelacht.
Ohne etwas zu sagen, wartete Ginia einen Nachmittag ab, an dem Rodrigues im Café saß, und ging allein ins Atelier. Diesmal hatte sie aus anderen Gründen Herzklopfen, als sie die Treppe hinaufstieg. Doch vor der Tür zögerte sie nicht. Sie fand sie offen.
»Herein«, sagte Guido.
Vor Verlegenheit schlug sie die Tür hinter sich zu. Keuchend blieb sie unter Guidos Blicken stehen. Vielleicht lag es an der Uhrzeit, jedenfalls tauchte der große Samtvorhang, auf den ein wenig Sonne fiel, das ganze Zimmer in ein rötliches Licht. Mit gesenktem Kopf trat Guido auf sie zu und fragte: »Was ist?«
»Kennen Sie mich nicht mehr?«
Guido war wie üblich in Hemdsärmeln und trug seine graugrünen Hosen.
»Ist die andere auch da?«, fragte er.
Da erklärte Ginia ihm, dass sie allein war und dass Amelia im Café saß. »Rodrigues hat mir gesagt, ich könne kommen und mir die Bilder ansehen. Wir haben es schon einmal am Morgen probiert, aber da waren Sie nicht da.«
»Dann setz dich«, sagte Guido. »Ich mache eben eine Arbeit fertig.«
Er ging wieder ans Fenster und kratzte mit einem Messer eine Holztafel ab. Ginia setzte sich aufs Sofa und hatte das Gefühl zu fallen, so niedrig war es. Sie war verwirrt von dem Du und musste lachen bei dem Gedanken, dass alle, ob Mechaniker oder Maler, auf diese Weise anfingen. Doch die Augen in dem weichen Licht halb zu schließen, war schön.
Guido sagte etwas über Amelia. »Wir sind Freundinnen«, antwortete Ginia, »aber ich arbeite in der Schneiderei.«
Allmählich wurde es dämmrig im Zimmer, deshalb stand Ginia auf und drehte den Hals, um ein kleines Bild zu betrachten. Es war das mit den Melonenscheiben, die durchsichtig, ganz aus Wasser zu sein schienen. Ginia bemerkte einen rosigen, aber gemalten Lichtreflex auf dem Bild, der sie an den roten Widerschein des Samtvorhangs erinnerte, vorhin, als sie eingetreten war. Da begriff sie, dass man beim Malen solche Dinge wissen muss, wagte aber nicht, es Guido zu sagen. Guido ging hinter ihr her und betrachtete mit ihr die Bilder.
»Altes Zeug«, sagte er ab und zu.
»Aber schön«, sagte Ginia, und das Herz klopfte ihr bis zum Hals, denn sie erwartete, gleich seine Hand auf sich zu spüren. »Schön sind sie«, sagte sie und trat einen Schritt zur Seite. Guido sah die Bilder an und rührte sich nicht.
Während Guido sich eine Zigarette anzündete, begann Ginia, an den Tisch gelehnt, ihn zu fragen, wen die Porträts darstellten und ob er noch nie Amelia gemalt habe. »Sie arbeitet als Modell«, sagte sie. Doch Guido fiel aus allen Wolken und sagte, das habe er nicht gewusst. »Ich hab’ sie doch selbst Modell stehen sehen«, erwiderte Ginia. »Das ist mir neu. Bei welchem Maler?« – »Den Namen weiß ich nicht, aber sie stand Modell.« – »Nackt?«, fragte Guido. »Ja.«
Guido fing an zu lachen. »Da hat sie ja den richtigen Beruf gefunden, sie hat schon immer gern ihre Beine gezeigt. Bist du auch Modell?« – »O nein, ich arbeite«, sagte Ginia hastig, »ich arbeite in einer Schneiderei.«
Und doch war sie ein wenig beleidigt, dass Guido gar nicht auf die Idee kam, ein Bild von ihr zu malen. Wenn ihr Profil Barbetta gefallen hatte, warum gefiel es dann Guido nicht? »Amelia erzählt eine Menge Geschichten«, sagte sie dann, »und schlägt gern über die Stränge. Man versteht nicht, was sie will.«
»Früher war es ein Vergnügen, mit ihr zusammen zu sein«, sagte Guido gut gelaunt. »Dieses Atelier hat schon allerhand mitgemacht.«
»Macht es noch«, sagte Ginia, »Amelia und Rodrigues verlieren keine Zeit.«
Guido sah sie halb ernst, halb lachend an. Es wurde schon dunkel, und sein Ausdruck war kaum zu erahnen. Ginia wartete auf eine Antwort, die nicht kam. Nach langem Schweigen sagte Guido: »Du gefällst mir, Ginetta, weißt du, du gefällst mir, weil du nicht rauchst. Die Mädchen, die rauchen, haben alle irgendwelche Schwierigkeiten.«
»Hier riecht es nicht so nach Firnis wie sonst bei Malern«, sagte Ginia dann.
Guido stand auf und zog seine Jacke an. »Das ist Terpentin. Es ist ein guter Geruch.« Ginia wusste nicht wie, aber plötzlich sah sie ihn vor sich und fühlte, wie eine Hand ihren Nacken streifte, während sie wie ein dummes Ding die Augen aufriss und mit der Hüfte gegen den Tisch stieß. Rot wie glühende Kohle spürte sie Guido über sich, als er sagte: »Der Geruch, den du unter den Achseln hast, ist besser als der von Terpentin.«
Ginia stieß ihn weg, fand die Tür und lief davon. Erst an der Straßenbahnhaltestelle blieb sie stehen. Nach dem Abendessen ging sie ins Kino, um nicht mehr an diesen Nachmittag zu denken.
Doch je länger sie darüber nachdachte, desto klarer wurde ihr, dass sie bestimmt dorthin zurückkehren würde. Und sie war verzweifelt, weil sie wusste, dass sie sich lächerlich benommen hatte, wie es eine Frau in ihrem Alter nicht mehr tun sollte. Sie hoffte nur, dass Guido nun beleidigt war und nicht mehr versuchen würde, sie zu umarmen. Sie hätte sich ohrfeigen können, weil sie, als Guido ihr auf der Treppe etwas nachrief, nicht hingehört hatte, ob er meinte, sie solle zurückkommen. Den ganzen Abend dachte sie mit wundem Herzen, dass sie ja doch zurückkehren würde, was immer sie im Augenblick beschloss. Sie wusste, die Lust, ihn wiederzusehen, ihn um Entschuldigung zu bitten und ihm zu sagen, dass sie sich albern benommen hatte, würde sie wahnsinnig machen.
Am nächsten Tag ging Ginia nicht hin, wusch sich aber unter den Achseln und parfümierte sich ganz. Sie kam zu der Überzeugung, dass es ihre Schuld war, wenn sie ihn erregt hatte, aber zwischendurch war sie auch froh, dass sie so viel Mut gehabt hatte, denn nun wusste sie, was Männer verliebt macht. »Das sind die Dinge, auf die Amelia sich gut versteht«, dachte sie, »aber um so weit zu kommen, hat sie sich wegwerfen müssen.«
Sie traf Amelia und Rodrigues zusammen im Café. Kaum eingetreten, fürchtete sie, dass die beiden alles wüssten, weil Amelia sie sonderbar ansah, aber schon einen Augenblick später war Ginia beruhigt und tat, als sei sie müde und gereizt, während sie, an Guidos Stimme denkend, Rodrigues die üblichen Dummheiten sagen hörte. Jetzt begriff sie vieles: warum Rodrigues sich beim Sprechen über Amelia beugte, warum er die Augen schloss wie eine Katze, warum Amelia sich mit ihm einließ. »Sie hat die gleichen Gelüste wie ein Mann«, dachte sie, »Amelia ist schlimmer als Guido.« Und sie musste lachen, wie man allein vor sich hin lacht.
Am nächsten Tag kehrte sie ins Atelier zurück. Morgens in der Schneiderei hatte Signora Bice trocken bemerkt, sie könnten am Nachmittag zu Hause bleiben, weil Feiertag sei. Zu Hause traf sie Severino, der gerade das Hemd wechselte für den Aufmarsch. Es war ein patriotisches Fest, überall war geflaggt, und Ginia fragte ihn: »Ob sie den Soldaten wohl Ausgang geben?« – »Sie sollten mich lieber schlafen lassen«, sagte Severino. Aber Ginia war glücklich und wartete nicht, bis Amelia oder Rosa sie abholte, sondern lief allein los. Unten im Hauseingang des Ateliers bereute sie dann, dass sie nicht mit Amelia hingegangen war.
Sie sagte sich: »Ich will kurz nachsehen, ob Amelia da ist«, und stieg langsam die Treppe hinauf. Sie dachte nicht wirklich, dass Amelia da sei, denn um diese Zeit pflegte sie unter den Arkaden zu sein. Aber als sie oben vor der Tür angelangt war und stehenblieb, um Atem zu holen, hörte sie Rodrigues’ Stimme.
VIII.
Die Tür stand offen, und man sah das Fenster vor dem Himmel. Rodrigues’ Stimme klang laut und eindringlich. Ginia beugte sich vor und sah Guido, der am Tisch lehnte und zuhörte.
»Darf man hereinkommen?«, fragte sie leise, aber sie hörten sie nicht. In dem graugrünen Hemd kam Guido ihr vor wie ein Arbeiter. Er richtete die Augen auf sie, ohne sie zu sehen.
»Ich suche Amelia«, sagte Ginia beinahe flüsternd.
Da schwieg Rodrigues’ Stimme, und Ginia sah, dass er auf dem Sofa saß, das Knie zwischen den Händen, und sie anschaute.
»Ist Amelia nicht da?«
»Das hier ist doch nicht das Café«, sagte Rodrigues.
Ginia blickte Guido an und blieb stehen. Sie sah, wie er die Hände hinter dem Rücken auf den Tisch stützte und ganz kleine Augen machte. »Früher kamen nicht so viele Mädchen hierher«, sagte er. »Bist du es, der sie anzieht?«
Da senkte Ginia den Kopf und merkte am Tonfall, dass er nicht böse war. »Komm herein«, sagten sie zu ihr, »sei nicht albern.«
Dieser Nachmittag war der schönste, den Ginia je erlebt hatte. Sie fürchtete nur, dass Amelia käme und ihre üblichen Bemerkungen losließe, aber die Zeit verstrich und Guido und Rodrigues diskutierten immer weiter, und ab und zu sah Guido sie lachend an und sagte, sie solle Rodrigues auch einen Dummkopf nennen. Die Diskussion drehte sich um Malerei, und Guido sprach hitzig und sagte, Farben seien eben Farben. Rodrigues hielt sein Knie umfasst, stritt hartnäckig und schwieg zwischendurch oder lachte boshaft wie ein Gockel. Worum es eigentlich ging, verstand man nicht, aber es war ein Genuss, Guido zuzuhören, wenn er etwas sagte. Er war schlagfertig, und wenn Ginia ihm in die Augen sah, stockte ihr der Atem.
Draußen auf den Dächern lag noch ein wenig Sonnenlicht, und Ginia, die am Fenster saß, wandte den Blick vom Himmel zu den beiden und sah hinten den granatroten Vorhang und dachte, wie schön es wäre, dahinter versteckt, ohne dass irgendwer davon wüsste, jemanden zu beobachten, der sich allein im Zimmer glaubte. In diesem Augenblick sagte Guido: »Es ist kalt. Gibt es noch Tee?«
»Es gibt Tee und einen Kocher. Nur das Gebäck fehlt.«
»Heute macht uns Ginetta den Tee«, sagte Guido, indem er sich umdrehte. »Der Kocher steht hinter dem Vorhang.«
»Es wäre besser, wenn sie Kekse kaufen ginge«, sagte Rodrigues.
»Von wegen«, erwiderte Ginia. »Gehen Sie selber, Sie sind ein Mann.«
Und während die beiden wieder zu reden begannen, suchte Ginia hinter dem Vorhang den Spirituskocher und die Tassen und die Teedose. Nachdem sie das Wasser aufgesetzt hatte, spülte sie am Waschbecken die Tassen, in der Dunkelheit hinter dem Vorhang, die nur das Flämmchen ein wenig erhellte. Sie hörte die beiden Stimmen im Hintergrund; ihr war, als sei sie allein in jenem Winkel, wie in einer leeren Wohnung, und als herrsche eine große Ruhe um sie her, in der sie sich sammeln und nachdenken konnte. Nur undeutlich erkannte man in jenem Licht das zerwühlte Bett in dem schmalen Raum zwischen Wand und Vorhang. Ginia stellte sich Amelia vor, wie sie darauf lag.
Als sie herauskam, merkte sie, dass die beiden Männer sie neugierig ansahen. Ginia hatte schon den Hut abgenommen, warf den Kopf zurück und nahm einen großen Teller vom Fensterbrett, der wie eine Palette ganz voller Farbflecke war. Doch Guido begriff blitzartig, stöberte zwischen den Kisten und hielt ihr einen sauberen Teller hin. Darauf stellte Ginia die noch feuchten Tassen, dann kehrte sie zu dem Kocher zurück und brühte den Tee auf.
Während sie tranken, erzählte Guido, die Tassen habe ihm ein Mädchen geschenkt, das ihn wie sie besuchen kam, um sich malen zu lassen. »Und wo ist dieses Bild?«, fragte Ginia. »Sie war doch kein Modell«, antwortete Guido lachend.
»Bleiben Sie noch lange beim Militär?«, fragte Ginia, langsam ihren Tee trinkend.
»Zu Rodrigues’ Bedauern bin ich in einem Monat fertig«, erwiderte Guido. Und dann sagte er: »Also bist du nicht mehr beleidigt?«
Ginia konnte gerade noch den Mund verziehen und leise lächelnd den Kopf schütteln.
»Dann wollen wir uns duzen«, sagte Guido.
Nach dem Abendessen zu Hause war es besonders schön. Amelia, die sie abholen kam, war ebenfalls fröhlich, »denn wenn Feiertag ist und die Leute nichts tun«, sagte sie, »bin ich glücklich«. Sie gingen zusammen spazieren und alberten herum wie zwei dumme Gören. »Wo warst du heute?«, fragte Amelia unterwegs. »Nichts Besonderes«, sagte Ginia, »gehen wir zum Tanzen auf den Hügel?« – »Es ist nicht mehr Sommer, weißt du, es ist zu matschig da oben.« Wie durch Zauberei befanden sie sich plötzlich in der Straße, in der das Atelier lag. »Ich komme nicht mit rauf«, sagte Ginia, »ich habe genug von deinen Malern.«
»Wer sagt denn, dass wir da hingehen? Heute Abend sind wir frei.« Sie kamen zur Brücke und blieben stehen, um die Kette der Lichtreflexe auf dem Wasser zu betrachten. »Ich habe Barbetta gesehen, und er hat mich nach dir gefragt«, sagte Amelia.
»Hat er es noch nicht satt, dich zu malen?«
»Ich habe ihn im Café getroffen.«
»Meinst du, er gibt mir meine Zeichnungen?«
Doch während Amelia sie ansah, dachte Ginia an etwas ganz anderes.
»Was habt ihr letztes Jahr gemacht, als du so oft bei Guido warst?«
»Was sollen wir schon gemacht haben? Man lachte und zerschlug Gläser.«
»Und dann habt ihr euch zerstritten?«
»Wie kommst du denn darauf? In einem Sommer ist er aufs Land gefahren, hat alles abgeschlossen und sich nicht mehr blicken lassen.«
»Wie hast du ihn kennengelernt?«
»Das weiß ich wirklich nicht mehr. Schließlich arbeite ich als Modell.«
Doch an diesem Abend war es unmöglich zu streiten, und während sie so am Wasser standen, war ihnen kalt geworden. Amelia hatte sich eine Zigarette angezündet und rauchte, an die steinerne Brüstung gelehnt.
»Sogar auf der Straße rauchst du?«, fragte Ginia.
»Ist das nicht das Gleiche wie im Café?«, erwiderte Amelia.
Aber sie setzten sich nicht in ein Café, weil Amelia schon genug davon hatte, die Tage dort zu verbringen. Sie machten sich vielmehr auf den Heimweg und blieben vor dem Kino stehen. Für den Film war es zu spät. Während sie die Fotos betrachteten, kam Severino heraus, missmutig, mit verärgertem Gesicht. Er grüßte Amelia mit einem Heben des Kinns, dann kehrte er um und begann, mit ihnen zu plaudern, und Ginia hatte ihn noch nie so ritterlich erlebt. Er sagte sogar ein paar Worte über Amelias Schleier. Um sie zum Lachen zu bringen, erzählte er ihnen den Film, und Amelia lachte, aber nicht wie im Café, wenn die Kellner etwas zu ihr sagten: Sie lachte mit geöffneten Lippen und ließ die Zähne sehen, wie man es unter Mädchen macht und wie sie es schon lange nicht mehr machte. Ihre Stimme klang recht rau: Das muss vom Rauchen kommen, dachte Ginia. Severino ging mit ihnen in die Bar und spendierte beiden einen Kaffee und sagte zu Amelia, sie sollten sich einmal für einen Sonntag verabreden. »Zum Tanzen?« – »Sicher.« – »Dann kommt Ginia auch mit«, sagte Amelia. Ginia kicherte.
Sie begleiteten Amelia bis vor die Haustür, und als die Tür zufiel, gingen sie zusammen heim. »Guido ist fast so alt wie Severino«, dachte Ginia, »er könnte mein Bruder sein.« – »Wie seltsam das Leben ist«, dachte sie, »Guido, den ich gar nicht kenne, würde sich bei mir einhaken, wir würden an den Ecken stehenbleiben, er würde mir sagen, dass ich eine Frau bin, und wir würden uns ansehen. Für ihn bin ich Ginetta. Man muss sich nicht kennen, um sich zu mögen.« Und nachdenklich trottete sie neben Severino her, kam sich dabei vor, als sei sie noch ein Kind, und fragte ihn auf einmal, ob ihm Amelia gefalle, merkte aber, dass sie etwas gesagt hatte, was er nicht erwartete.
»Was macht sie tagsüber?«, erwiderte Severino.
»Sie steht Modell.«
Severino begriff nicht, denn er fing an zu erklären, wie gut sie die Kleider zur Geltung bringe, und daraufhin wechselte Ginia das Thema und fragte ihn, ob es schon Mitternacht sei.
»Gib acht«, sagte Severino, »Amelia ist auf Draht, und du wirkst neben ihr wie ein dummes Ding.«
Ginia sagte ihm, sie sähen sich nur selten, und Severino schwieg, dann zündete er sich im Gehen eine Zigarette an, und sie kamen vor der Haustür an, als sei jeder für sich allein.
Ginia schlief in jener Nacht wenig, und die Decken lasteten schwer auf ihr, aber sie malte sich viele Dinge aus, die immer überspannter wurden, je mehr die Zeit verging. Sie stellte sich vor, dass sie allein in dem zerwühlten Bett in jenem Winkel des Ateliers läge und hörte, wie Guido sich auf der anderen Seite des Vorhangs bewegte, dass sie mit ihm zusammenlebte, ihn küsste und für ihn kochte. Wer weiß, wo Guido zu essen pflegte, als er noch nicht Soldat war. Dann dachte sie, dass sie nie geglaubt hätte, sie könne sich mit einem Soldaten befreunden, aber in Zivil war Guido bestimmt ein sehr schöner Mann, so blond und stark, und sie versuchte, sich an seine Stimme zu erinnern, die sie schon vergessen hatte, während ihr die von Rodrigues noch genau im Ohr klang. Sie musste ihn wiedersehen, und sei es auch nur, um ihn reden zu hören. Je länger sie darüber nachdachte, umso weniger begriff sie, warum Amelia sich mit Rodrigues eingelassen hatte anstatt mit ihm. Sie war froh, dass sie nicht wusste, was Amelia und Guido miteinander gemacht hatten zu der Zeit, als sie die Gläser zerschlugen.
Als der Wecker klingelte, schlief sie nicht und dachte in der wohligen Wärme des Bettes an viele Dinge. Beim ersten Licht bedauerte sie, dass nun schon Winter war und man nicht mehr in der Sonne die schönen Farben sehen konnte. Wer weiß, ob Guido auch daran dachte, da er doch behauptete, die Farben seien alles. »Wie schön«, sagte Ginia und stand auf.
IX.
Am nächsten Tag um die Mittagszeit erschien Amelia bei ihr zu Hause, aber da sie gerade mit Severino bei Tisch saß, plauderten sie nur über Belanglosigkeiten. Als sie auf der Straße standen, sagte Amelia zu ihr, sie sei an diesem Morgen bei einer Malerin gewesen, die Arbeit für sie hätte. Warum Ginia nicht mitkomme. Diese blöde Kuh wolle ein Bild von zwei Frauen malen, die sich umarmten, und so könnten sie gemeinsam Modell stehen. »Warum malt sie sich nicht selber vor dem Spiegel?«, erwiderte Ginia. »Soll sie sich zum Malen etwa nackt ausziehen?«, fragte Amelia lachend.
Ginia antwortete, sie könne die Schneiderei nicht verlassen, wie es ihr passe.
»Aber die bezahlt uns, weißt du?«, sagte Amelia. »Es ist ein Bild, für das sie lange brauchen wird. Wenn du nicht mitkommst, nimmt sie mich auch nicht.«
»Genügst du ihr allein nicht?«
»Sie will zwei Frauen darstellen, die miteinander ringen, verstehst du. Es müssen zwei sein. Es wird ein großes Bild. Wir brauchen uns nur hinzustellen, als tanzten wir.«
»Ich will nicht Modell stehen«, sagte Ginia.
»Wovor hast du Angst? Sie ist doch auch eine Frau.«
»Ich will nicht.«
Sie diskutierten bis zur Straßenbahn, und Amelia fing an, sie zu fragen, was sie eigentlich unter den Kleidern zu haben glaube, dass sie es hüten müsse wie das Allerheiligste. Sie sprach wütend, ohne Ginia anzusehen. Ginia antwortete nicht. Doch als Amelia zu ihr sagte, für Barbetta hätte sie bestimmt eingewilligt, sich auszuziehen, lachte Ginia ihr ins Gesicht.
Sie trennten sich so zerstritten, dass klar war, dass Amelia ihr nicht verzeihen würde. Aber Ginia, die anfangs die Achseln zuckte, bekam auf einmal Angst bei der Vorstellung, Amelia könne sie vor Guido und Rodrigues bloßstellen, und sie war nicht sicher, ob Guido nicht so leichtgläubig wäre, sie auch auszulachen. »Für ihn würde ich Modell stehen, wenn er es wollte«, dachte sie. Aber sie wusste genau, dass Amelia besser gebaut war als sie und dass ein Maler sie vorziehen musste. Amelia war mehr Frau.
Später ging sie auf einen Sprung im Atelier vorbei, um Amelia zuvorzukommen. Es war um die Zeit, zu der auch Guido, wie er ihr gesagt hatte, immer dort war. Sie fand die Tür verschlossen. Ihr fiel ein, dass Guido mit den anderen beiden im Café sitzen könnte. Sie ging am Café vorbei und schaute kurz durch die Scheiben, sah aber nur Amelia, die das Kinn auf die Faust stützte und rauchte. »Die Ärmste«, dachte sie, während sie nach Hause ging.
Nach dem Abendessen sah sie von der Straße aus Licht im Atelier und lief zufrieden hinauf; aber Guido war nicht da. Rodrigues öffnete ihr, ließ sie eintreten und sagte, sie müsse entschuldigen, doch er habe Hunger und esse gerade. Er aß Salami von einem Stück Papier, im Stehen an den Tisch gelehnt, in dem gleichen melancholischen Licht wie beim ersten Mal. Wie ein Junge biss er ins Brot, und wäre seine Gesichtshaut nicht so dunkel und sein Blick nicht so falsch gewesen, hätte Ginia ihn vielleicht sogar aufgezogen. Er fragte sie, ob sie etwas wolle, aber Ginia erkundigte sich nur nach Guido.
»Wenn er nicht kommt, hat er Ausgangssperre«, antwortete Rodrigues. »Dann muss er in der Kaserne bleiben.«
»Ich gehe wieder«, dachte Ginia, wagte es aber nicht zu sagen, weil Rodrigues sie mit diesen Augen anstarrte und sonst gemerkt hätte, dass sie nur Guidos wegen gekommen war. Unentschlossen betrachtete sie das Zimmer, das in diesem Licht wirklich armselig wirkte, und die auf dem Boden herumliegenden Papiertüten und Zigarettenstummel und fragte Rodrigues, ob er jemanden erwarte.
»Ja«, sagte Rodrigues und hörte auf zu kauen.
Nicht einmal da war Ginia fähig zu gehen. Sie fragte ihn, ob er Amelia gesehen habe.
»Ihr lauft ja ständig hintereinanderher«, sagte Rodrigues und sah sie an. »Warum eigentlich? Ihr seid doch beide Frauen.«
»Warum?«, fragte Ginia zurück.
Rodrigues grinste höhnisch. »Warum? Das müsst ihr doch selber wissen. Aus Intuition. Macht man das nicht so unter Frauen?«
Da kämpfte Ginia einen Augenblick mit sich und sagte: »Hat Amelia mich gesucht?«
»Nicht nur das«, sagte Rodrigues. »Sie will dich sprechen.«
Der Vorhang hinten im Zimmer öffnete sich, und heraus trat Amelia. Ungestüm kam sie näher, und Rodrigues biss in sein Brot und lief dabei um den Tisch, als spielten sie Fangen. Amelia trug keinen Hut und blieb wütend, wie sie zu sein schien, lachend mitten im Raum stehen. Aber ihr Lachen klang ungut. Sie sagte: »Wir wussten nicht, dass du es bist.«
»Ah, ihr wart gerade beim Abendessen«, sagte Ginia trocken.
»Ein kleines intimes Essen«, sagte Rodrigues. »Aber zu dritt wird es noch intimer.«
»Du suchst Guido«, sagte Amelia.
»Ich wollte nur kurz vorbeischauen, aber Rosa wartet auf mich. Es ist schon spät.«
»Bleib da, du dummes Ding«, rief Amelia hinter ihr her, aber Ginia sagte: »Ich bin kein dummes Ding«, und rannte die Treppe hinunter.
Als sie um die Ecke bog, glaubte sie, allein zu sein, doch sie hörte, wie jemand mit hastigen kleinen Schritten hinter ihr hereilte. Es war Amelia, ohne Hut. »Warum läufst du weg? Du wirst doch Rodrigues nicht geglaubt haben?«
Ohne stehenzubleiben, sagte Ginia: »Lass mich in Ruhe.«
Sie verbrachte mehrere Tage mit Herzklopfen, als liefe sie noch immer davon. Wenn sie an die beiden da oben im Atelier dachte, ballte sie die Fäuste. An Guido wagte sie nicht zu denken und wusste nicht, wie sie es anstellen sollte, ihn wiederzusehen. Sie war überzeugt, dass sie auch ihn verloren hatte.
»Ich bin ein dummes Ding«, dachte Ginia zuletzt, »warum laufe ich dauernd davon? Ich habe immer noch nicht gelernt, allein zu sein. Sollen sie doch herkommen, wenn sie was von mir wollen.«
Von dem Tag an war sie gelassener, dachte ohne Aufregung an Guido und begann Severino zu beobachten, der zu Boden blickte, bevor er antwortete, wenn jemand etwas zu ihm sagte, und dem, der gesprochen hatte, niemals recht gab: Eher schwieg er. Er war gar nicht so dumm, obwohl er ein Mann war. Sie hatte sich bisher wie Rosa verhalten. Klar, dass die Leute mit ihr genauso umsprangen wie mit Rosa.
Sie ging nicht mehr ins Kino oder in das Tanzlokal, um die anderen zu suchen. Sie begnügte sich damit, ganz allein durch die Straßen zu wandern, gelegentlich bis ins Zentrum. Es war November, und an manchen Abenden nahm sie die Straßenbahn, stieg an den Bogengängen aus, drehte eine Runde und kehrte wieder heim. Immer hoffte sie, Guido zu begegnen, und blickte allen Soldaten unauffällig ins Gesicht. Nur aus Neugier wagte sie sich eines Abends mit klopfendem Herzen bis zu Amelias Café vor und sah undeutlich viele Leute, doch Amelia war nicht darunter.
Die Tage vergingen langsam, aber die Kälte half Ginia, zu Hause zu bleiben, und in all dem Trübsinn dachte sie, einen Sommer wie den letzten werde sie nie wieder erleben. »Ich war eine andere«, dachte sie, »ich kann unmöglich so verrückt gewesen sein. Nur durch ein Wunder habe ich das gut überstanden.« Dass es im nächsten Jahr wieder Sommer würde, kam ihr unglaublich vor. Und sie sah sich schon abends die Alleen entlanggehen, allein und mit geröteten Augen, von zu Hause zur Arbeit, von der Arbeit nach Hause, in der lauen Luft, wie ein Mädchen von dreißig Jahren. Am schlimmsten war, dass es ihr gar nicht mehr so viel Spaß machte wie früher, die halbe Stunde in der Dunkelheit auf dem Bett zu liegen. Auch wenn sie in der Küche hantierte, dachte sie an das Atelier, und ihr blieb immer Zeit, in die Luft zu schauen.
Später merkte sie, dass sie nicht mehr als vierzehn Tage auf diese Weise verbracht hatte. Immer wenn sie aus der Schneiderei kam, hoffte sie, an der Tür etwas Neues zu erfahren, und dass nie jemand dort stand und auf sie wartete, gab ihr das Gefühl, der Tag sei vergeudet, als sei es schon morgen, übermorgen und als warte sie auf etwas, das nie kommen würde. »Ich bin noch nicht einmal siebzehn«, dachte sie, »ich habe noch so viel Zeit.« Aber sie verstand nicht, warum Amelia, die ihr ohne Hut nachgelaufen war, sich nicht mehr blicken ließ. Vielleicht hatte sie nur Angst gehabt, sie würde reden.
Eines Nachmittags kam Signora Bice und sagte, sie werde am Telefon verlangt. »Es ist eine Frau mit Männerstimme«, sagte sie zu ihr. Es war Amelia. »Hör zu, Ginia, erzähl doch, Severino sei krank, und komm zu uns. Guido ist auch da. Wir essen zusammen zu Abend.« – »Und Severino?« – »Lauf nach Hause, koch ihm die Pasta und komm dann her. Wir warten auf dich.«
Ginia gehorchte, lief nach Hause und sagte zu Severino, sie esse mit Amelia zu Abend; sie kämmte sich und ging. Draußen regnete es. »Amelias Stimme klingt wirklich, als hätte sie die Schwindsucht, die Ärmste«, dachte sie.
Sie war entschlossen, falls Guido nicht da wäre, sofort wieder zu gehen. Amelia und Rodrigues zündeten im Halbdunkel einen Petroleumofen an. »Und Guido?«, fragte Ginia. Amelia erhob sich, wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn und deutete auf den Vorhang. Guido streckte den Kopf heraus und rief ihr »Ciao« zu, und daraufhin lächelte Ginia ihm zu. Der Tisch war ein Durcheinander von Papptellern und Vorräten. In dem Augenblick leuchtete an der Decke der kreisförmige Widerschein des Ofens auf. »Knipst das Licht an«, rief Guido. »Nein, wir bleiben so, ist doch schön«, sagte Amelia.
Warm war es nicht, und man musste den Mantel anbehalten. Ginia ging zum Waschbecken, den Vorhang beiseite schiebend, und fragte von dort laut: »Was feiern wir heute Abend?« – »Dich, wenn du willst«, erwiderte Guido leise, während er sich die Hände abtrocknete. »Warum bist du nicht mehr gekommen?«
»Ich bin gekommen, aber Sie waren nicht da«, flüsterte Ginia.
»Sag Du zu mir«, sagte Guido, »heute Abend duzen wir uns alle.«
»Hatten Sie Ausgangssperre?«
»Hattest du Ausgangssperre«, sagte Guido und strich ihr mit den Fingern übers Haar.
Da knipsten sie hinter ihnen das Licht an, und Ginia ließ den Vorhang fallen und betrachtete das Bild mit der Melone.
Mit dem Essen warteten sie, bis der Raum sich aufwärmte. So im Mantel, die Hände in den Taschen, kam man sich vor wie im Café. Rodrigues goss sich zu trinken ein und füllte noch drei weitere Gläser. »Fang nicht jetzt schon an«, sagte Amelia. Rodrigues erwiderte, irgendwann müsse man anfangen. Dann trugen sie den Tisch zum Sofa, vorsichtig, um nichts zu verschütten, und Ginia gelang es, sich neben Amelia aufs Sofa zu setzen.
Es gab Salami, Obst, Süßigkeiten und zwei Fiaschi. Ginia überlegte, ob das wohl die Feste waren, die Amelia früher mit Guido gefeiert hatte, und als sie ein Glas Wein getrunken hatte, fragte sie ihn danach. Lachend begannen die beiden, sich all das Theater zu erzählen, das sie dort drin schon veranstaltet hatten. Neiderfüllt hörte Ginia zu, ihr war, als sei sie zu spät geboren, und sie fand sich albern. Sie begriff, dass man mit Malern unbefangen umgehen musste, weil sie ein anderes Leben führten als die übrigen Menschen, denn sogar Rodrigues, der nicht malte, schwieg und kaute, und wenn er etwas sagte, so nur, um sich lustig zu machen. Verstohlen sah er Ginia boshaft an, und ihre ganze Wut darüber, dass Guido sich mit Amelia amüsiert hatte, richtete sich gegen ihn.
»Es ist gemein«, sagte sie weinerlich, »mir diese Sachen zu erzählen, bei denen ich nicht dabei war.«
»Aber heute Abend bist du dabei«, erwiderte Amelia, »also amüsier dich.«
Da bekam Ginia Lust, eine schreckliche Lust, mit Guido allein zu sein. Und doch wusste sie, dass sie diesen Mut nur hatte, weil Amelia neben ihr saß. Sonst wäre sie davongelaufen.
»Ich habe immer noch nicht gelernt, ruhig zu bleiben«, dachte sie. »Ich darf mich nicht verunsichern lassen.«
Dann zündeten sich die anderen Zigaretten an und gaben ihr auch eine. Ginia wollte nicht rauchen, aber Guido setzte sich neben sie, gab ihr Feuer und sagte, sie solle nicht einatmen. Die anderen beiden kämpften auf der Sofaecke miteinander.
Da sprang Ginia auf, schob Guidos Hände weg, legte die Zigarette ab und durchquerte wortlos das Atelier. Sie hob den Vorhang und blieb im Dunkeln stehen. Hinter ihr redeten sie, aber es klang wie ein fernes Summen. »Guido«, flüsterte sie, ohne sich umzudrehen, und warf sich mit dem Gesicht nach unten aufs Bett.
X.
Sie verließen alle vier gemeinsam das Haus, und Guido und Rodrigues begleiteten die Mädchen zur Straßenbahn. Mit der Mütze über den Augen war Guido ihr fremd, aber er drückte ihr die Hand und sagte: »Ginetta, Liebling.« Im Gehen schien es, als gebe der Bürgersteig unter ihr nach. Amelia hakte sich bei Ginia ein.
Während sie auf die Straßenbahn warteten, unterhielten sie sich über Fahrräder. Aber Guido stellte sich neben sie und sagte leise: »Wehe, wenn du es dir anders überlegst. Ich würde dich nicht mehr porträtieren.« Ginia lächelte ihn an und hielt seine Hand.
In der Straßenbahn starrte Ginia auf den Rücken des Fahrers und schwieg. »Geh nach Hause und leg dich ins Bett«, sagte Amelia. »Es ist vor allem der Wein, weiter nichts.« – »Ich bin nicht betrunken«, sagte Ginia, »glaub das bloß nicht.« – »Soll ich bei dir bleiben?«, fragte Amelia. – »Lass mich in Ruhe.« Da erzählte ihr Amelia vom letzten Mal, um ihr zu erklären, was los gewesen war, und Ginia lauschte auf das Rattern der Straßenbahn.
Als sie zu Hause allein war, begann sie sich besser zu fühlen, weil sie niemandes Blicke mehr auf sich spürte. Sie setzte sich aufs Bett und schaute eine Stunde lang auf den Boden. Dann zog sie sich rasch aus, schlüpfte unter die Decke und löschte das Licht.
Am nächsten Tag schien die Sonne, und während Ginia sich ankleidete, kam es ihr vor, als sei sie krank gewesen. Sie dachte, dass Guido schon seit drei Stunden auf den Beinen war, lächelte sich im Spiegel zu und gab sich einen Kuss. Dann verließ sie das Haus, bevor Severino zurückkehrte.
Sie staunte, dass sie ging wie immer und Hunger hatte, und dachte nur eines: dass sie Guido von nun an ohne die beiden anderen treffen wollte. Doch Guido hatte ihr nur gesagt, sie solle ins Atelier kommen; von Verabredungen außerhalb war nicht die Rede gewesen. »Ich muss ihn ganz arg lieb haben«, dachte Ginia, »sonst geht es mir schlecht.« Plötzlich war der Sommer zurückgekehrt und damit die Lust, auszugehen, zu lachen und zu feiern. Sie konnte kaum glauben, was geschehen war. Bei dem Gedanken, dass sie im Dunkeln auch Amelia hätte sein können und es für Guido gleich gewesen wäre, musste sie lachen. »Ich gefalle ihm eben so, wie ich bin, wie ich rede, wie ich schaue; ich gefalle ihm als Freundin, er liebt mich. Er hat nicht geglaubt, dass ich siebzehn bin, er hat mich auf die Augen geküsst; ich bin wirklich eine Frau.«
Jetzt war es schön, den ganzen Tag zu arbeiten und dabei an das Atelier zu denken und auf den Abend zu warten. »Ich bin mehr als ein Modell«, sagte sich Ginia, »wir sind Freunde.« Amelia tat ihr leid, weil sie gar nicht begriff, was an Guidos Bildern so schön war. Doch um zwei, als Amelia sie abholte, wollte Ginia sie etwas fragen und wusste nicht wie. Guido direkt zu fragen, traute sie sich nicht.
»Hast du schon jemanden gesehen?«, fragte sie sie.
Amelia zuckte die Achseln.
»Gestern, als du das Licht ausgemacht hast, ist mir schwindlig geworden, ich glaube, ich habe geschrien. Hast du mich schreien gehört?«
Amelia sah sie sehr ernst an. »Ich habe das Licht nicht ausgemacht«, sagte sie langsam, »ich weiß nur, dass du verschwunden bist. Es klang, als würde Guido dich abschlachten. Hat es wenigstens Spaß gemacht?«
Ginia schnitt eine Grimasse und blickte geradeaus vor sich hin. Sie gingen noch zu Fuß bis zur nächsten Haltestelle.
»Liebst du Rodrigues?«, fragte Ginia.
Amelia seufzte und sagte dann: »Keine Angst. Blonde Männer gefallen mir nicht. Höchstens blonde Frauen.«
Da lächelte Ginia und sagte nichts mehr. Sie war froh, so neben Amelia herzugehen und zu wissen, dass sie sich verstanden. Friedlich trennten sie sich unter den Arkaden, und Ginia sah ihr an der Ecke nach und fragte sich, ob sie wohl zu jener Malerin Modell stehen ging.
Sie dagegen kehrte um sieben Uhr zum Atelier zurück und stieg die fünf Stockwerke hinauf, langsam, um nicht rot zu werden. Sie machte langsam, nahm aber immer zwei Stufen auf einmal. Auch falls Guido nicht da war, dachte sie dabei, war es doch nicht seine Schuld. Aber die Tür stand offen. Guido hörte ihre Schritte und kam ihr auf dem Flur entgegen. Jetzt war Ginia wirklich glücklich.
Sie hätte sich gern mit ihm unterhalten und ihm viele Dinge gesagt, aber Guido schloss die Tür und umarmte sie als Erstes. Durch die Scheiben fiel noch ein wenig Licht, und Ginia verbarg ihr Gesicht an seiner Schulter. Durch das Hemd spürte sie die Wärme seiner Haut. Sie setzten sich aufs Sofa, und Ginia weinte, ohne zu sprechen.
Weinend dachte sie: »Wenn Guido doch auch weinte«, und fühlte einen glühenden Stich im Herzen, der ihren ganzen Körper schier zum Schmelzen brachte – ihr war, als würde sie ohnmächtig. Aber auf einmal fehlte ihr der Halt; sie merkte, dass Guido sich erhob, und öffnete die Augen. Guido stand vor ihr und betrachtete sie neugierig. Da hörte sie zu weinen auf, denn ihr schien, als weinte sie in der Öffentlichkeit. Unter diesem Blick spürte Ginia, die kaum etwas sah, wie ihr erneut die Tränen in die Augen traten. »He«, sagte Guido wie zum Scherz, »man kommt für so kurze Zeit auf die Welt, da braucht man doch nicht zu weinen.«
»Ich habe geweint, weil ich froh bin«, sagte Ginia leise.
»Dann ist es gut«, erwiderte Guido, »aber sag es das nächste Mal bitte gleich.«
So verging diese halbe Stunde, in der Ginia ihn so viel fragen wollte, nach Amelia, nach ihm, nach seinen Bildern, was er am Abend machte und ob er sie lieb hatte, ohne dass sie den Mut dazu fand. Sie erreichte nur, dass sie hinter den Vorhang gingen, weil ihr bei Licht schien, alle sähen ihnen zu. Hier, während sie sich küssten, sagte Ginia ihm leise, gestern habe er ihr so wehgetan, dass sie hätte schreien mögen, und da wurde Guido zärtlicher, machte ihr Mut und streichelte sie lange und flüsterte ihr ins Ohr: »Du wirst sehen, das geht vorbei. Tu ich dir weh?« Dann, während sie in dem bisschen Wärme lagen und sich aneinanderschmiegten, erklärte er ihr viele Dinge und sagte, auf ein Mädchen wie sie nehme er Rücksicht, da könne sie sicher sein. Daraufhin ergriff Ginia im Dunkeln seine Hand und küsste sie.
Jetzt, nachdem sie wusste, dass Guido so lieb war, wurde sie mutiger und sagte ihm, den Kopf an seine Schulter gelehnt, dass sie ihn immer allein sehen wolle, denn mit ihm gehe es ihr gut, mit den anderen aber nicht. »Abends kommt Rodrigues zum Schlafen«, sagte Guido, »du wirst doch nicht wollen, dass ich ihn an die Luft setze. Hier wird gearbeitet, weißt du?« Doch Ginia antwortete ihm, ihr genüge eine Stunde, ein Augenblick, denn auch sie arbeite, und sie werde jeden Abend um diese Zeit vorbeischauen, wolle ihn aber allein antreffen. »Kommt Rodrigues auch noch, wenn du den Militärdienst hinter dir hast?«, fragte sie. »Ich würde dich so gern malen sehen, aber wenn niemand dabei ist.« Dann sagte sie ihm, nur unter dieser Bedingung würde sie ihm Modell stehen. Sie lagen im Dunkeln, und Ginia merkte nicht, dass es Nacht wurde. An diesem Abend musste Severino mit leerem Magen zur Arbeit gehen, aber es war nicht das erste Mal, und er hatte sich nie darüber beklagt. Ginia verließ das Atelier erst, als Rodrigues kam.
In diesen letzten Tagen vor seiner Entlassung verbrachte Guido die Abende damit, Leinwände zu grundieren und trocknen zu lassen, die Staffelei zu richten und alles wieder zu ordnen. Er ging nie aus. Es schien beschlossen, dass Rodrigues noch weiter bei ihm wohnen sollte. Aber Rodrigues verstand sich nur darauf, alles durcheinanderzuwerfen und ein Gespräch anzufangen, wenn Guido in Eile war. Ginia hätte Guido so gern beim Putzen und Aufräumen des Ateliers geholfen, doch als sie Rodrigues sah, begriff sie, dass sie die beiden nur gestört hätte, und traf sich lieber wieder mit Amelia. Sie gingen zusammen ins Kino, denn alle beide verbargen etwas in ihren Gedanken, und es war nicht leicht, den Abend im Gespräch zu verbringen. Man merkte, dass Amelia um etwas herumredete, denn sie riss spöttische Witze über blonde Frauen und blonde Männer. Doch jetzt mochte Ginia sie, und sie war nicht fähig, ein Gefühl zu verbergen. Auf dem Heimweg sprach sie mit ihr.
Sie fragte sie, ob sie sich mit jener Malerin geeinigt habe. Amelia tat überrascht und sagte, sie solle nicht mehr davon reden. »Aber nein«, sagte Ginia, »was willst du? Ich habe noch nie Modell gestanden, aber es tut mir leid, dass du diese Arbeit verloren hast.« – »Jetzt hör schon auf«, sagte Amelia, »du hast dich in diesen Tagen verliebt und pfeifst auf alle anderen. Recht hast du. Aber an deiner Stelle würde ich aufpassen.« – »Warum?«, fragte Ginia.
»Was meint Severino dazu? Gefällt ihm der Schwager?«, sagte Amelia lachend.
»Warum soll ich aufpassen?«, fragte Ginia.
»Du spannst mir meinen schönen Maler aus und fragst noch?«
Da spürte Ginia, wie ihr Herz einen Satz machte, und im Weitergehen fühlte sie Amelias Blick auf sich ruhen.
»Hast du für Guido Modell gestanden?«, fragte sie.
Amelia hakte sich bei ihr ein und sagte: »Ich habe nur Spaß gemacht.« Dann, nach einer Pause: »Ist es nicht schöner, wenn wir zwei zusammen bummeln gehen – wir sind Frauen und wissen es –, anstatt uns die Laune verderben zu lassen von ungezogenen Kerlen, die keine Ahnung haben, was ein Mädchen ist, und der erstbesten nachsteigen, die ihnen begegnet?«
»Aber du gehst doch mit Rodrigues«, sagte Ginia.
Amelia zuckte die Achsel und machte »Pf!«. – »Sag mal, passt Guido wenigstens auf?«
»Weiß ich nicht«, antwortete Ginia.
Amelia fasste sie am Kinn und zwang sie stehenzubleiben. »Schau mich an«, sagte sie. Sie standen im Schatten eines Haustors. Ginia leistete keinen Widerstand, da es um Guido ging, und Amelia gab ihr einen raschen Kuss auf den Mund.
XI.
Sie machten sich wieder auf den Weg, und Ginia lächelte erschrocken unter Amelias Blicken.
»Wisch dir den Lippenstift ab«, sagte Amelia mit ruhiger Stimme. Ohne stehenzubleiben, betrachtete sich Ginia bis zur nächsten Straßenlaterne im Spiegel und wagte nicht aufzuhören, sondern strich sich die Haare zurecht, während sie sich forschend in die Augen sah.
»Habe ich heute Abend getrunken, soweit du weißt?«, fragte Amelia, als sie an der Laterne vorbei waren.
Ginia steckte den Spiegel ein und ging voraus, ohne zu antworten. Ihre Schritte hallten auf dem Pflaster. Als sie an die Ecke kamen, wollte Amelia sich verabschieden. Ginia sagte: »Hier entlang.« Sie bogen gemeinsam in die Straße ein, und als sie vor dem Haustor standen, sagte Amelia: »Also ciao.« – »Ciao«, antwortete Ginia und ging allein weiter.
Am nächsten Tag knipste Guido das Licht an, als sie eintrat, denn draußen war Nebel, und durch die großen Scheiben wirkte es, als sei man mittendrin. »Warum zündest du nicht den Ofen an?«, fragte sie ihn. »Er ist an«, sagte Guido, der diesmal seine Jacke trug. »Hab keine Angst, im Winter heizen wir den Kamin.« Ginia wanderte durch den Raum, hob ein Stück Stoff hoch, das an die Wand genagelt war, und sah dahinter einen Kamin, voll mit Schrott und Stößen von Büchern. »Ist der schön! Und die Modelle stellen sich hier hin?« – »Wenn es jemand aushält, nackt zu posieren«, sagte Guido. Dann zogen sie unter dem Bett hinter dem Vorhang einen Koffer hervor, der Guidos Kleidung enthielt. »Hast du schon Modelle gehabt?«, fragte Ginia. »Zeig mir die Mappen mit den Zeichnungen.«
Guido ergriff ihren Arm. »Wie viel du über Maler weißt. Sag mal, kennst du denn welche?« Scherzhaft legte Ginia einen Finger auf den Mund und wand sich, um sich loszumachen. »Zeig mir lieber die Mappen. Zu Amelia hast du gesagt, dass viele Mädchen hierherkamen.« – »Natürlich«, erklärte Guido, »das ist doch mein Beruf.« Dann, um sie festzuhalten, küsste er sie. »Wen kennst du?«
»Gar niemanden.« Sie umarmte ihn und sagte: »Ich möchte nur dich kennen und dass hier nie jemand herkäme.« – »Wir würden uns langweilen«, sagte Guido.
An jenem Abend wollte Ginia fegen, aber es gab keinen Besen, und sie begnügte sich damit, das Bett hinter dem Vorhang zu machen, das schmutzig war wie eine Höhle. »Schläfst du hier?«, fragte sie ihn. Guido antwortete, er sehe gern nachts die Fenster und werde auf dem Sofa schlafen. »Dann mache ich das Bett nicht«, sagte Ginia.
Am nächsten Tag kam sie mit einem Päckchen in der Handtasche. Es war eine Krawatte für Guido. Er nahm sie und probierte sie zum Spaß zu dem graugrünen Hemd an. »Wenn du wieder in Zivil bist, wird sie gut passen«, sagte Ginia. Dann gingen sie hinter den Vorhang und umarmten sich auf dem ungemachten Bett und zogen die Decke über sich, weil es kalt war. Guido meinte, eigentlich müsse er ihr Geschenke machen, und Ginia wünschte sich mit einer Grimasse einen Besen für das Atelier.
Die Tage, an denen sie sich so flüchtig sahen, waren die schönsten, aber es blieb nie Zeit, um sich ein wenig in Ruhe zu unterhalten, da Rodrigues jeden Moment kommen konnte und Ginia nicht ohne Schuhe überrascht werden wollte. Doch an einem der letzten Abende sagte Guido, er wolle sich revanchieren, und sie verabredeten, nach dem Essen auszugehen. »Wir werden ins Kino gehen«, sagte Guido. »Warum? Lass uns lieber bummeln, es ist so schön, zusammen zu sein.« – »Aber es ist kalt«, sagte Guido. »Wir können ins Café gehen oder in ein Tanzlokal.« – »Ich tanze nicht gern«, sagte Guido.
Sie trafen sich, und es befremdete Ginia, neben einem Sergeanten herzugehen, aber sie dachte daran, dass es doch Guido war, er war es. Guido nahm sie am Arm, unter der Achsel, als wäre sie ein kleines Mädchen. Aber er musste ständig Offiziere grüßen, und daraufhin wechselte Ginia auf die andere Seite und hängte sich bei ihm ein.
So gingen sie, und die Straße war nicht mehr dieselbe.
»Wenn wir Amelia begegneten«, dachte Ginia und erzählte Guido von Signora Bice, wobei sie versuchte, nicht zu lachen. Guido sagte gut gelaunt: »In drei Tagen brauche ich sie nicht mehr zu grüßen, diese Affen. Schau nur, was für dämliche Gesichter sie haben.« – »Auch Amelia«, sagte Ginia, »bleibt gern stehen und lacht den Passanten ins Gesicht.«
»Amelia übertreibt manchmal ein bisschen. Kennst du sie schon lange?«
»Sie wohnt bei mir in der Nähe«, antwortete Ginia. »Und du?«
Da erzählte Guido ihr von jenem Jahr, in dem er das Atelier gemietet hatte und seine Studienfreunde ihn besuchten, und dass einer von ihnen später Mönch geworden war. Amelia arbeitete damals noch nicht als Modell, aber sie amüsierte sich gern, und sie kamen tagsüber und abends und lachten und tranken, während er versuchte zu arbeiten. Wie es mit Amelia genau gewesen war beim ersten Mal, wusste er nicht mehr. Dann musste einer zum Militär, ein anderer hatte Examen gemacht, einer hatte geheiratet: Vorbei war es mit dem lustigen Leben.
»Tut dir das leid?«, fragte Ginia und sah ihn durchdringend an.
»Dem Mönch tut es noch mehr leid, ab und zu schreibt er mir und fragt, ob ich arbeite und ob ich noch jemanden treffe.«
»Dürfen sie denn schreiben?«
»Sie sind ja nicht im Gefängnis«, sagte Guido. »Der war der Einzige, dem meine Bilder gefielen. Wenn du ihn sehen könntest: ein großer Mann, so stark wie ich, mit den Augen eines Mädchens. Er verstand alles, es ist schade um ihn.«
»Du wirst aber nicht Mönch, Guido?«
»Da besteht keine Gefahr.«
»Rodrigues gefallen deine Bilder nicht. Der hat wirklich ein Pfaffengesicht.«
Doch Guido nahm Rodrigues in Schutz und erklärte, er sei ein ganz außerordentlicher Maler, aber einer, der vor dem Malen lange nachdenke und nichts dem Zufall überlasse, nur die Farbe fehle ihm. »In seinem Land gibt es zu viele Farben«, sagte er. »Als Kind hat er mehr als genug davon gehabt, und jetzt möchte er ohne malen. Aber er ist wirklich begabt.«
»Lässt du mich mal zusehen, wenn du mit Farben malst?«, fragte Ginia und drückte seinen Arm.
»Falls ich es noch kann, wenn ich diese Uniform ablege. Vorher, ja, da habe ich viel gearbeitet. Ich malte ein Bild pro Woche. Das Leben damals regte mich an. Die schöne Zeit ist vorbei.«
»Bedeute ich dir gar nichts?«, fragte Ginia.
Da drückte Guido ihren Arm. »Du bist doch nicht der Sommer. Du weißt nicht, was es heißt, ein Bild zu malen. Ich müsste mich in dich verlieben, um gescheit zu werden. Und dann würde ich Zeit verlieren. Du musst wissen, dass ein Mann nur arbeiten kann, wenn er Freunde hat, die ihn verstehen.«
»Hast du dich noch nie verliebt?«, fragte Ginia, ohne ihn anzusehen.
»In eine von euch? Dazu habe ich keine Zeit.«
Als sie vom Gehen müde waren, setzten sie sich ins Café wie ein Liebespaar, und Guido zündete sich eine Zigarette an, hörte zu, was Ginia erzählte, und beobachtete dabei, wer hereinkam und wer hinausging. Dann zeichnete er, um sie zufriedenzustellen, ihr Profil mit Bleistift auf den Marmor. Als sie einen Augenblick allein waren, sagte Ginia zu ihm: »Weißt du, ich bin froh, dass du noch nie verliebt warst.«
»Wenn’s dich freut«, erwiderte Guido.
Der Abend endete melancholisch, weil herauskam, dass Guido gleich nach seiner Entlassung auf einen Sprung in sein Dorf fahren musste, um seine Mutter zu besuchen. Ginia tröstete sich, so gut sie konnte, indem sie sich nach seiner Familie und seinem Zuhause erkundigte, nach dem Beruf seines Vaters und der Zeit, als er noch klein war. Sie erfuhr, dass er eine Schwester hatte, die Luisa hieß, aber es missfiel ihr, dass Guido letztlich ein Bauer war. »Als Junge ging ich barfuß«, gestand er ihr lachend, und da begriff Ginia, woher er seine starken Hände und diese schleppende Stimme hatte, und sie glaubte nicht, dass ein Bauer Maler werden könne. Das Seltsame war, dass Guido sich dessen rühmte, und als Ginia zu ihm sagte: »Aber du lebst doch hier«, antwortete er ihr, die wahre Malerei entstehe auf dem Land. »Aber du lebst hier«, wiederholte sie, doch er sagte: »Gut geht es mir nur auf dem höchsten Punkt eines Hügels.«
Von da an dachte Ginia, wer weiß warum, viel an jene Luisa und beneidete sie darum, dass sie Guidos Schwester war, und versuchte, sich die Gespräche vorzustellen, die Guido als Junge mit ihr geführt hatte. Jetzt begriff sie, warum Amelia ihn nie gewollt hatte. »Wenn er kein Maler wäre, wäre er ein beliebiger Bauernlümmel«, und sie stellte sich ihn als Wehrpflichtigen vor, als einen der jungen Burschen, die im März, das Tuch um den Hals, singend vorbeiziehen und Soldaten werden. »Aber er lebt hier«, dachte sie, »und hat studiert, und wir haben die gleichen Haare.« Wer weiß, ob auch Luisa blond war. In jener Nacht schloss Ginia, sobald sie nach Hause kam, die Türe ab, dann zog sie sich vor dem Spiegel aus, betrachtete sich besorgt und verglich ihre Haut mit der Farbe von Guidos Nacken. Jetzt tat ihr nichts mehr weh, und es schien ihr sonderbar, dass keine Zeichen zurückgeblieben waren. Sie stellte sich vor, sie posiere für Guido, und setzte sich auf einen Stuhl, so wie Amelia an jenem Tag in Barbettas Atelier. Wer weiß, wie viele Mädchen Guido schon gesehen hatte. Die Einzige, die er noch nicht genau gesehen hatte, war sie, und Ginia bekam Herzklopfen, wenn sie nur daran dachte. Es wäre schön gewesen, plötzlich wie Amelia zu werden, braun, schlank und gleichgültig. So konnte sie sich vor Guido nicht nackt sehen lassen. Zuerst mussten sie heiraten.
Aber Ginia wusste, dass er sie niemals heiraten würde, und wenn sie ihn noch so lieb hätte. Das hatte sie schon von dem Abend an gewusst, an dem sie sich ihm hingegeben hatte. Es war nur zu freundlich von ihm, dass er immer noch zu arbeiten aufhörte, um mit ihr hinter den Vorhang zu kommen. Sie konnte ihn nur weiter treffen, wenn sie sein Modell wurde. Sonst nahm sich Guido eines schönen Tages eine andere.
Ginia fror dort vor dem Spiegel und legte sich den Mantel um die nackten Hüften, auf denen sie eine Gänsehaut bekam. »So wäre es, wenn ich Modell sitzen würde«, sagte sie sich und beneidete Amelia, die sich nicht mehr schämte.
XII.
Als sie Guido am Abend, bevor er wegfuhr, zum letzten Mal traf, fühlte Ginia, dass Liebe machen, so wie es Guido gefiel, etwas zum Sterben war, und sie lag da wie betäubt, sodass Guido den Vorhang hob, um ihr Gesicht zu sehen, aber Ginia hielt seine Hände fest und wollte nicht. Als dann Rodrigues kam und Ginia fortging, während die beiden sich unterhielten, begriff sie, was es heißt, nicht verheiratet zu sein und nicht Tag und Nacht zusammen verbringen zu können. Verwirrt stieg sie die Treppe hinunter, und diesmal war sie überzeugt, nicht mehr sie selbst zu sein, und dass alle es merken würden. »Deshalb«, dachte sie, »ist Liebe machen verboten, das ist es.« Und sie fragte sich, ob auch Amelia, auch Rosa das durchgemacht hatten. In den Schaufenstern sah sie sich wie betrunken vorwärts gehen, spürte durch jenes verschwommene Bild, das wie ein Schatten vorüberglitt, dass sie eine andere war. Jetzt verstand sie, warum alle Schauspielerinnen so müde Augen hatten. Aber das konnte es nicht sein, wovon man schwanger wurde, denn Schauspielerinnen haben keine Kinder.
Kaum hatte Severino das Haus verlassen, schloss Ginia die Türe ab und zog sich vor dem Spiegel aus. Sie fand, sie war noch immer dieselbe, und es erschien ihr unmöglich. Sie fühlte sich, als sei ihre Haut vom Körper abgelöst, und wieder überliefen sie abklingende kühle Schauer. Aber sie hatte sich nicht verändert, sie war blass und weiß wie immer. »Wenn Guido hier wäre, könnte er mich sehen«, dachte sie rasch, »ich würde zulassen, dass er mich anschaut. Ich würde ihm sagen, dass ich jetzt wirklich eine Frau bin.«
Der Sonntag kam, und es war traurig, ihn ohne Guido zu verbringen. Amelia besuchte sie, und Ginia war glücklich, denn jetzt machte sie ihr keine Angst mehr. Nun, da sie Guido hatte, an den sie denken konnte, musste sie Amelia nicht mehr so ernst nehmen. Sie ließ sie reden und dachte unterdessen an ihr Geheimnis. Amelia, die Ärmste, war einsamer als sie.
Auch Amelia wusste nicht, wohin sie gehen könnten. Es war ein kurzer, kalter, neblig feuchter Nachmittag, der einem sogar die Lust nahm, das Fußballspiel auf dem Sportplatz anzusehen. Amelia bat sie um einen Kaffee und wollte zu Hause bleiben, auf dem Sofa liegen und plaudern. Aber Ginia setzte ihren Hut auf und sagte: »Komm. Ich will auf den Hügel gehen.«
Seltsamerweise ließ Amelia sich herumkommandieren: Sie war träge an jenem Tag. Sie nahmen die Straßenbahn, damit es schneller ging, und wussten nicht, warum. Ginia bestimmte, lief los und wählte den Weg, als hätte sie ein Ziel. Als sie die Steigung in Angriff nahmen, begann es zu nieseln, und Amelia jammerte und wollte umkehren. »Es ist nur Nebel«, sagte Ginia, »es ist nichts.« Sie wanderten inzwischen unter den Bäumen des Parks entlang, auf der einsamen Straße, wo es schien, als sei man aus der Welt, und wo man nur das Gluckern im Graben und hinter sich von ferne das Rattern einer Straßenbahn hörte. Hier atmete man eine feuchte Landluft, und es war gar nicht so kalt, sondern roch nach verfaultem Laub. Amelia wachte allmählich auf, und Arm in Arm trotteten sie über den Asphalt und sagten lachend, sie müssten wohl verrückt sein, denn nicht einmal Pärchen gingen bei einem solchen Wetter auf den Hügel.
Ein schönes Auto kam heran, überholte sie und verlangsamte die Fahrt. »So eins sollten wir haben«, sagte Amelia. Ein grauer Arm streckte sich aus dem Auto und machte ihnen Zeichen. »Darf ich Sie mitnehmen?«, fragte ein Gesicht mit Monokel, als sie in Hörweite waren. »Nehmen wir das Auto, Amelia?«, flüsterte Ginia lachend. »Lieber nicht«, sagte Amelia, »der bringt uns womöglich Gott weiß wohin und lässt uns dann stehen.«
Sie gingen weiter, und der Mann fuhr im Schritttempo hinterher, redete dummes Zeug und hupte. »Ich steige ein«, sagte Amelia, »das ist immer noch besser, als sich die Sohlen abzulaufen.«
»Kommt die kleine Blonde nicht mit?«, fragte der Mann, indem er heraussprang. Er war um die vierzig und sehr mager.
Sie nahmen Platz, Amelia in der Mitte und Ginia an die Tür gequetscht. Der magere Herr klemmte sich hinter das Steuer und legte Amelia als Erstes den Arm um die Schultern. Als Ginia diese knochige, dunkle Hand so nah an ihrem Ohr sah, dachte sie: »Wenn er mich anfasst, beiße ich ihn.« Aber sie fuhren sofort los, das Profil des Mannes, der eine hässliche Narbe an der Schläfe hatte, wandte sich aufmerksam der Straße zu, und Ginia überlegte, die Wange an die Scheibe gelehnt, wie schön es wäre, die sieben Tage, die Guido nicht da war, immerzu auf Reisen zu verbringen.
Doch es war bald vorbei. Das Auto bremste auf dem großen Platz und hielt an. Hier gab es keine schönen grünen Bäume mehr, sondern eine Leere voller Nebel und Telegrafendrähte. Der Hügelrücken sah aus wie ein kahler Berg. »Wollt ihr hier aussteigen?«, fragte der Herr und drehte sich um, ohne das Monokel fallen zu lassen.
Da sagte Ginia: »Geht ihr nur ins Café. Ich laufe zurück.«
Amelia blickte sie böse an. »Das ist idiotisch«, sagte der Mann. »Ich laufe«, wiederholte Ginia. »Ihr seid zu zweit und seid euch selbst genug.«
»Dummes Ding«, flüsterte Amelia ihr beim Aussteigen zu, »kapierst du nicht, dass der nicht redet, sondern zahlt?« Doch Ginia machte auf dem Absatz kehrt und rief: »Danke für alles. Bringen Sie meine Freundin gut nach Hause.«
Als sie an der Straße angelangt war, lauschte sie einen Augenblick, ob in der Stille des Nebels der Motor wieder ansprang. Dann lachte sie in sich hinein und machte sich auf den Weg bergab. »Oh, Guido, so verzeihst du mir«, dachte sie und betrachtete die Hänge, atmete die Kälte und den Geruch der Erde. Auch Guido war mitten auf dem kahlen Land, in seinen Hügeln. Vielleicht saß er zu Hause am Feuer und rauchte eine Zigarette, wie er es im Atelier machte, um sich aufzuwärmen. Da blieb Ginia stehen, denn plötzlich sah sie den Winkel hinter dem Vorhang vor sich, so geschützt und dunkel, als wäre sie dort. »Oh, Guido, komm zurück«, sagte sie und ballte die Fäuste in den Taschen.
Sie kam früh nach Hause, aber die noch feuchten Haare, die bespritzten Strümpfe und die Müdigkeit leisteten ihr Gesellschaft. Sie zog die Schuhe aus, legte sich auf das warme Bett und unterhielt sich mit Guido. Sie dachte an das schöne Auto, freute sich für Amelia und malte sich sogar aus, die Freundin habe diesen Herrn schon vorher gekannt.
Als Severino zurückkehrte, sagte sie ihm, sie sei es leid, in der Schneiderei zu arbeiten.
»Dann such dir was anderes«, sagte er friedlich. »Aber lass nicht mehr so oft das Essen ausfallen. Teil dir die Zeit besser ein.«
»Es gibt so viel zu tun.«
»Mama hat immer gesagt, du könntest auch gleich zu Hause bleiben. Bei dem, was du verdienst.«
Ginia sprang vom Sofa auf: »Dieses Jahr sind wir nicht auf den Friedhof gegangen.«
»Ich war allein dort«, sagte Severino. »Tu nicht so, du weißt es ganz genau.«
Doch Ginia hatte es nur so dahingesagt. Ohne das bisschen, das sie verdiente, hätte sie sich nichts mehr zum Anziehen leisten und keine Gummihandschuhe kaufen können, um beim Spülen die Hände zu schonen. Und für das Parfüm, den Hut, die Cremes, die Geschenke für Guido hätte sie kein Geld mehr gehabt, sondern wäre eine Arbeiterin gewesen wie Rosa. Was ihr fehlte, war Zeit. Sie brauchte eine Arbeit, die nur den Vormittag in Anspruch nahm.
Andererseits hatte eine Beschäftigung auch ihr Gutes. Was hätte sie an den Tagen ohne Guido getan, wenn sie mit ihren Gedanken hätte zu Hause sitzen oder den ganzen Tag draußen herumstreunen müssen? Sie hätte sich nur den Kopf zerbrochen. So dagegen kehrte sie am nächsten Morgen in die Schneiderei zurück, und der Tag ging vorbei. Sie lief nach Hause, kochte Severino ein schönes Abendessen und beschloss, ihn all die Tage gut zu behandeln, denn danach würden die Mahlzeiten tatsächlich ausfallen.
Amelia ließ sich nicht blicken. Mehrmals war Ginia am Abend versucht auszugehen, erinnerte sich aber, dass sie sich selbst versprochen hatte, es nicht zu tun, und hoffte, Amelia werde sie besuchen. Einmal kam Rosa vorbei, die sich ein Kleid nähen wollte, um ihr den Schnitt zu zeigen, und Ginia wusste kaum noch, worüber sie mit ihr reden sollte. Sie sprachen über Pino, aber Rosa sagte nicht, dass sie nun einen anderen hatte. Sie beklagte sich vielmehr, dass sie sich tödlich langweile, und erklärte: »Was willst du? Wenn eine heiratet, hat sie das Nachsehen.«
Ginia merkte, dass sie nicht mehr schlafen konnte, weil sie immerzu an Guido dachte, und wurde manchmal wütend, weil er nicht begriff, dass er wiederkommen musste. »Wer weiß, ob er Montag zurückkommt«, überlegte sie, »womöglich kommt er gar nicht.« Insbesondere hasste sie Luisa, die nur seine Schwester war und das Vergnügen hatte, ihn den ganzen Tag zu sehen. Eine solche Ungeduld erfasste sie, dass sie erwog, ins Atelier zu gehen, um von Rodrigues zu erfahren, ob Guido sein Wort hielt.
Stattdessen ging sie ins Café und traf Amelia. »Wie war es am Sonntag?«, fragte sie sie. Amelia, die rauchte, lächelte nicht einmal und erwiderte langsam: »Gut.« – »Hat er dich nach Hause gefahren?« – »Natürlich«, sagte Amelia.
Dann fragte sie: »Warum bist du weggelaufen?«
»War er beleidigt?«
»Ach was«, sagte Amelia und blickte sie starr an. »Er hat nur gesagt: Sehr witzig, die Kleine. Warum bist du weggelaufen?«
Ginia fühlte, wie sie errötete: »Hör zu, er war lächerlich mit diesem Monokel.«
»Dumme Gans«, sagte Amelia.
»Und Rodrigues?«
»Er ist gerade fort.«
Sie schlenderten zusammen nach Hause, und Amelia sagte: »Heute Abend besuche ich dich.«
An jenem Abend sprach keine davon, auszugehen. Als Ginia mit dem Abspülen fertig war, setzte sie sich auf den Rand des Sofas, auf dem Amelia sich ausgestreckt hatte.
Eine Weile schwiegen sie, dann flüsterte Amelia mit ihrer rauen Stimme: »Sehr witzig, die Kleine.« Ginia schüttelte den Kopf und blickte zur anderen Seite. Amelia streckte den Arm aus und berührte ihre Haare. »Lass mich«, sagte Ginia.
Mit einem tiefen Seufzer stützte sich Amelia auf den Ellbogen.
»Ich bin in dich verliebt«, sagte sie heiser. Da drehte Ginia sich ruckartig zu ihr um. »Aber ich kann dir keinen Kuss geben. Ich habe Syphilis.«
XIII.
»Weißt du, was das ist?«
Wortlos bejahte Ginia die Frage mit den Augen.
»Ich wusste es nämlich nicht.«
»Wer hat es dir gesagt?«
»Hörst du nicht, wie ich spreche?«, fragte Amelia mit erstickter Stimme.
»Kommt das nicht vom Rauchen?«
»Das dachte ich auch«, sagte Amelia. »Aber der gute Mann vom Sonntag war Arzt. Schau.« Sie riss sich die Bluse auf und holte eine Brust heraus. Ginia sagte: »Das glaube ich nicht.«
Die Brust zwischen den Fingern, hob Amelia den Blick und sah sie an: »Dann küss mich hier«, sagte sie langsam, »hier, wo die Entzündung ist.« Einen Moment lang starrten sie sich an, dann schloss Ginia die Augen und beugte sich über die Brust.
»O nein«, sagte Amelia, »ich hab’ dich ja schon einmal geküsst.«
Ginia merkte, dass sie schweißgebadet war, lächelte töricht und wurde feuerrot. Amelia schaute sie wortlos an.
»Siehst du, wie dumm du bist«, sagte sie schließlich, »ausgerechnet jetzt hast du mich gern, wo du in Guido verliebt bist und ich dir egal bin.« Mit ihrer mageren Hand knöpfte sie sich die Bluse zu. »Sei ehrlich, dir liegt doch nichts mehr an mir.«
Ginia wusste nicht, was sie sagen sollte, weil sie selbst nicht verstand, was sie da gerade hatte tun wollen. Doch dass Amelia sie ausschimpfte, freute sie, weil sie jetzt verstand, was die Aktzeichnungen, die Posen und ihr ganzes Gerede zu bedeuten hatten. Sie ließ Amelia ihr Herz ausschütten und fühlte sich die ganze Zeit elend, wie früher als Kind, wenn sie sich zum Baden auf dem Stuhl neben dem Ofen auszog.
Doch als Amelia sagte, man erkenne die Krankheit am Blut, erschrak Ginia. »Wie wird das gemacht?«, fragte sie.
Beim Erzählen war Amelia weniger verzweifelt, als wenn sie schwieg. Sie erklärte ihr, dass einem am Arm ein schwarzes Blut abgezapft werde, mit der Nadel. Sie sagte ihr, man müsse sich ausziehen und mehr als eine halbe Stunde in der Kälte sitzen. Der Arzt sei immerzu wütend gewesen und habe gedroht, sie ins Krankenhaus zu sperren.
»Das kann er doch nicht«, sagte Ginia.
»Du bist noch jung«, erwiderte Amelia. »Er kann mich sogar ins Gefängnis stecken, wenn er will. Du weißt nicht, was Syphilis ist.«
»Aber woher hast du die bloß?«
Amelia sah sie schief an. »Die holt man sich beim Liebemachen.«
»Einer von beiden muss sie schon haben.«
»Tja«, sagte Amelia.
Da erinnerte Ginia sich an Guido und wurde so blass, dass sie kein Wort mehr herausbrachte.
Amelia hatte sich aufgesetzt und hielt unter der Bluse die Brust mit der Hand umfasst. Sie starrte ins Leere, und so, ohne Schleier und verzweifelt, sah man deutlich, wie außer sich sie war. Ab und zu knirschte sie mit den Zähnen und zeigte das Zahnfleisch. Nicht einmal ihr Parfüm wirkte beruhigend.
»Du hättest Rodrigues sehen sollen«, sagte sie plötzlich mit ihrer Stimme. »Ausgerechnet er, der gesagt hat, dass man blind wird und an Geschwüren stirbt. Er ist kreidebleich geworden bis zum Hals.« Amelia schnitt eine Grimasse, als wollte sie ausspucken. »Es ist immer das Gleiche. Er hat nichts.«
Ginia fragte sie so hastig, ob das wirklich sicher sei, dass Amelia stutzte. »Nein, sei ganz ruhig, sie haben ihm Blut abgenommen. Nichtsnutze haben ein dickes Fell. Hast du Angst wegen Guido?«
Ginia versuchte zu lächeln und schlug die Augen nieder. Amelia schwieg, schwieg eine Ewigkeit, dann sagte sie schroff: »Guido hat mich nie angerührt, sei ganz ruhig.«
Da fühlte Ginia sich glücklich. So glücklich, dass sie Amelia die Hand auf die Schulter legte. Amelia verzog das Gesicht. »Hast du keine Angst, mich anzufassen?«, fragte sie. »Wir schlafen ja nicht miteinander«, stotterte Ginia.
Ihr Herzklopfen legte sich allmählich, während Amelia von Guido sprach. Sie erzählte, dass sie und Guido sich nicht einmal geküsst hätten, denn man könne ja nicht mit jedem schlafen, Guido gefalle ihr schon, aber warum er auch Ginia gefalle, verstehe sie nicht, da sie doch beide blond seien. Ginia spürte, wie ihr wieder ganz warm wurde, und genoss es, glücklich.
»Aber wenn Rodrigues nichts hat«, sagte sie, »heißt das doch, dass du auch nichts hast. Sie haben sich geirrt.«
Da sah Amelia sie von der Seite an: »Was glaubst du eigentlich? Dass er mich angesteckt hätte?«
»Ich weiß nicht«, sagte Ginia.
»Der hat doch mehr Angst als ein kleines Kind«, presste Amelia zwischen den Zähnen heraus. »Der nicht. Aber der Herrgott straft. Die, die mir das Geschenk gemacht hat, ist schlechter dran als ich. Sie weiß es nur noch nicht, und ich lasse sie blind werden.«
»Eine Frau ist es?«, fragte Ginia leise.
»Es ist über zwei Monate her. Dieses Zeichen ist ein Geschenk von ihr«, und sie berührte ihre Bluse.
Den ganzen Abend lang versuchte Ginia, sie zu trösten, gab aber acht, sich nicht berühren zu lassen, und machte sich Mut mit dem Gedanken, dass sie nur Arm in Arm gegangen waren, mehr nicht, und übrigens erklärte Amelia ihr auch, man müsse eine Verletzung haben, um sich anzustecken, denn die Infektion sei im Blut. Außerdem war Ginia sicher, wagte aber nicht, es zu sagen, dass so etwas eben passierte, wenn man solche Sünden beging wie Amelia. Doch hier hörte sie zu denken auf, denn dann müssten ja alle krank sein.
Als sie die Treppe hinunterstiegen, sagte sie vielmehr zu ihr, sie dürfe sich nicht an jener Frau rächen, denn wenn sie nichts davon wisse, habe sie auch keine Schuld. Doch Amelia blieb auf der Treppenstufe stehen und unterbrach sie: »Soll ich ihr etwa einen Blumenstrauß schicken?« Sie verabredeten, sich am nächsten Tag im Café zu treffen, und Ginia schaute ihr mit klopfendem Herzen nach, während sie sich entfernte.
Doch am nächsten Tag hielt Ginia es nicht mehr aus. Sie verließ das Haus eine Stunde früher, als die Straßenlaternen noch brannten, und lief zum Atelier. Sie traute sich nicht, gleich hinaufzugehen, weil Rodrigues noch schlief, sondern spazierte in der Kälte unten auf und ab, sodass es ihr vorkam, als wälze sie sich noch im Bett. Doch dann stieg sie zitternd hinauf und klopfte an die Tür.
Rodrigues öffnete ihr im Schlafanzug, sah sie mit trüben Augen an, hüpfte durchs Zimmer und setzte sich wieder auf den Bettrand. Alles war schmutzig und hell wie immer, und Ginia begann zu stottern, und Rodrigues kratzte sich an den Fußgelenken, bis sie ihn schließlich fragte, ob er zum Arzt gegangen sei. Danach zogen sie gemeinsam über Amelia her, und Ginia regte sich so auf, dass ihre Stimme zitterte, während sie zur Seite blickte, um seine hässlichen Füße nicht sehen zu müssen.
Dann sagte Rodrigues: »Ich gehe wieder ins Bett, mir ist kalt«, drehte sich um und zog die Decken über sich.
Als Ginia ihm bebend gestand, dass Amelia sie geküsst hatte, fing er, im dämmrigen Licht auf den Ellbogen gestützt, zu lachen an und sagte: »Also sind wir Kollegen. Nur ein Kuss?«
»Ja«, sagte Ginia, »ist das gefährlich?«
»Was für ein Kuss?«
Ginia verstand nicht. Da erklärte er es ihr, und Ginia schwor, es sei ein Kuss unter Mädchen gewesen.
»Dummheiten«, sagte Rodrigues, »sei ganz ruhig.«
Ginia stand vor dem Vorhang und bemerkte auf dem Tisch ein schmutziges Glas und Orangenschalen. »Wann kommt Guido zurück?«, fragte sie.
»Am Montag«, antwortete Rodrigues. »Siehst du? Das ist ein Stillleben«, und er deutete auf das Glas.
Ginia lächelte und wandte sich um.
»Setz dich, Ginia. Setz dich hier aufs Bett.«
»Ich muss mich beeilen«, sagte Ginia, »ich arbeite doch.«
Doch Rodrigues beklagte sich, dass sie ihn geweckt hatte und ihm jetzt nicht einmal Guten Morgen sagen wollte. »Um zu feiern, dass wir der Gefahr entronnen sind«, sagte er.
Da setzte sich Ginia auf die Bettkante, unter den weit geöffneten Vorhang. »Ich habe Angst um Amelia«, sagte sie. »Die Ärmste. Sie ist verzweifelt. Wird man wirklich blind?«
»Aber nein«, sagte Rodrigues, »man wird wieder gesund. Sie werden sie von allen Seiten zerstechen, werden ihr ein paar Stückchen Haut herausschneiden, und du wirst sehen, zuletzt geht dieser Arzt noch mit ihr ins Bett. Glaub mir.«
Ginia unterdrückte ein Lächeln, und Rodrigues fuhr fort: »Hat er euch auf den Hügel mitgenommen?«, und streichelte beim Sprechen ihre Hand, als wäre es der Rücken einer Katze.
»Was für kalte Hände«, sagte er dann, »warum kommst du nicht und wärmst sie dir?«
Ginia ließ sich auf den Hals küssen und sagte: »Nehmen Sie sich zusammen«, dann stand sie auf, über und über rot, und lief davon.
XIV.
Am Abend kam auch Rodrigues ins Café und setzte sich an den Nebentisch, auf Ginias Seite.
»Wie geht es mit der Stimme?«, fragte er, weder ernst noch lachend.
Ginia versuchte gerade, Amelia zu trösten und ihr zu erklären, dass man wieder gesund werden könne, war aber froh, nicht weiterreden zu müssen. Rodrigues und sie sahen einander kaum an.
Auch Amelia schwieg, und Ginia wollte schon nach der Uhrzeit fragen, als Rodrigues ironisch sagte: »Tüchtig, tüchtig, du verführst also auch minderjährige Mädchen.«
Amelia verstand nicht sofort, und Ginia schloss die Augen. Als sie sie wieder öffnete, hörte sie Amelias drohende Stimme: »Was hat diese dumme Gans dir erzählt?«
Doch Rodrigues hatte Mitleid, denn er sagte: »Sie ist heute früh gekommen und hat mich geweckt, um mich zu fragen, wie es dir geht.«
»Sie hat wohl zu viel Zeit«, sagte Amelia.
Ginia bemühte sich in jenen Tagen, besonders gut zu sein, damit Guido wirklich zurückkäme, und besuchte auch Rodrigues wieder. Nicht mehr im Atelier, weil die Erinnerung sie abschreckte und Rodrigues außerdem ein Langschläfer war, sondern mittags in der Trattoria, in der er aß und in der auch Guido essen würde. Sie lag auf dem Weg, den die Straßenbahn nahm, und Ginia sah für einen Augenblick bei ihm vorbei, scherzte mit ihm und erkundigte sich, ob es Neuigkeiten gebe. Sie machte es wie Amelia und zog ihn auf. Aber Rodrigues hatte verstanden und rührte sie nicht mehr an. Sie verabredeten, dass sie am Sonntag ins Atelier kommen würde, um für Guido ein bisschen sauber zu machen. »Uns Syphilitikern«, sagte Rodrigues, »graut vor gar nichts.«
Amelia dagegen ging nicht mehr hin. Ginia verbrachte den Samstagnachmittag mit ihr und begleitete sie zu dem Arzt, der ihr die Spritzen gab. Sie blieben unentschlossen an der Tür stehen, und schließlich sagte Amelia: »Komm nicht mit hinauf, sonst findet er bei dir auch noch irgendeine Krankheit.« Dann sprang sie rasch die Stufen hoch und rief ihr noch »Ciao Ginia« zu, sodass Ginia, die vorher so fröhlich gewesen war, verzweifelt nach Hause zurückkehrte. Nicht einmal der Gedanke, dass Guido in einem Tag wieder da sein würde, konnte sie ausreichend trösten.
Auch der Sonntag verging wie im Traum. Ginia blieb den ganzen Nachmittag im Atelier und fegte, putzte, räumte auf. Rodrigues versuchte erst gar nicht, sie zu belästigen. Er half ihr, Berge von Papiertüten und Obstschalen wegzutragen. Dann klopften sie den Staub von den Büchern im Kamin ab und stellten sie in einer Reihe auf eine Kiste. Als sie die Pinsel auswuschen, hielt Ginia einen Augenblick entzückt inne: Der Terpentingeruch erinnerte sie an Guido, als stünde er neben ihr. Sie lächelte, weil Rodrigues nicht verstand.
»Er hat Glück, der Schweinehund«, sagte Rodrigues, als Ginia fertig war und mit dem Handtuch hinter dem Vorhang hervortrat. »Das hätte er nie erwartet.«
Dann tranken sie am Ofen Tee und blätterten einige Mappen von Guido durch, die sie unter den Büchern gefunden hatten, aber Ginia war enttäuscht, denn es waren nur Landschaften und der Kopf eines Alten. »Warte nur«, sagte Rodrigues, »ich weiß, was du suchst.«
Nach einer Weile begannen die Zeichnungen von Frauen. Sie sahen wie Modeskizzen aus. Ginia betrachtete sie belustigt, denn es war die Mode von vor zwei Jahren. Dann kamen weibliche Akte zum Vorschein. Dann kamen nackte Männer, und Ginia blätterte rasch um, weil Rodrigues, der an der Wand lehnte, sich vorbeugte. Zuletzt kam wieder eine angezogene Frau, ein Mädchen mit quadratischem, bäuerlichem Gesicht, Kopf und Schultern. »Wer ist das?«, fragte Ginia.
»Das wird seine Schwester sein«, sagte Rodrigues.
»Luisa?«
»Ich weiß nicht.«
Ginia studierte die großen Augen und den schmalen Mund. Sie ähnelte niemandem. »Sie ist schön«, sagte sie. »Sie hat nicht diesen verschlafenen Ausdruck, den ihr Maler sonst immer darstellt.«
»Sprich für ihn«, erwiderte Rodrigues, »ich habe nichts damit zu tun.«
Ginia war so froh, dass sie Rodrigues sogar erlaubt hätte, sie zu küssen, wenn er es nur gewusst hätte. Stattdessen kauerte er melancholisch auf dem Sofa, und wäre nicht durch die Scheiben noch ein wenig Licht gefallen, hätte Ginia sich vorgestellt, Guido säße neben ihr, und hätte ihn gestreichelt. Sie schloss die Augen, um es sich auszumalen.
»Wie schön es ist«, sagte sie laut.
Dann fragte sie Rodrigues noch einmal, ob er nicht die genaue Ankunftszeit am nächsten Tag wisse. Doch Rodrigues erwiderte, Guido komme möglicherweise mit dem Fahrrad zurück. Dann sprachen sie über Guidos Dorf, und ohne je dort gewesen zu sein, schilderte Rodrigues es ihr zum Spaß als eine Ansammlung von Schweine- und Hühnerställen, mit Straßen, die zu dieser Jahreszeit so aufgeweicht wären, dass man vielleicht gar nicht fortkommen konnte. Da zog Ginia einen Schmollmund und sagte, er solle aufhören.
Gemeinsam verließen sie das Atelier, und Rodrigues versprach, dass er keine Asche verstreuen werde. »Ich schlafe heute Nacht auf einer Parkbank. Ist dir das recht?« Sie traten lachend aus dem Haustor, und Ginia nahm die Straßenbahn und dachte an Amelia, an die Mädchen auf den Zeichnungen und verglich sich im Geist mit ihnen. Ihr war, als seien sie erst gestern auf dem Hügel gewesen, und jetzt kehrte Guido zurück.
Am nächsten Tag wachte sie niedergeschlagen auf. Im Handumdrehen war es Mittag. Sie hatte mit Rodrigues ausgemacht, dass sie sich, falls Guido kam, im Café treffen wollten. Auf Zehenspitzen schlich sie am Café vorbei und sah durch die Scheibe die beiden an der Theke stehen. Guido wirkte mager in seinem Regenmantel und stützte den Fuß auf die Stange. Wäre er allein gewesen, hätte Ginia ihn nicht erkannt. Da er den Regenmantel aufgeknöpft hatte, bemerkte sie, dass er eine graue Krawatte trug, nicht ihre. In Zivil sah Guido gar nicht mehr wie ein junger Bursche aus.
Er und Rodrigues unterhielten sich lachend. Ginia dachte: »Wäre doch Amelia da. Ich täte so, als wollte ich zu ihr.« Erst als sie sich in Erinnerung rief, dass sie ihm das Atelier geputzt hatte, konnte sie sich entschließen hineinzugehen.
Sie stand noch an der Tür, als Guido sie sah, und da trat sie auf ihn zu, als sei sie zufällig gekommen. Noch nie hatte Guido sie so eingeschüchtert wie in diesem Augenblick. Mitten zwischen all den Leuten streckte Guido ihr die Hand entgegen, während er, zu Rodrigues gewandt, weitersprach.
Sie sagten fast nichts zueinander. Guido hatte es eiliger als sie, weil jemand auf ihn wartete. Er ermunterte sie mit einem Lächeln, fragte: »Geht es dir gut?«, und rief, schon an der Tür: »Auf Wiedersehen!«
Töricht lächelnd lief Ginia zur Straßenbahn. Da nahm plötzlich jemand ihren Arm, und eine Stimme, Guidos Stimme, flüsterte ihr ins Ohr: »Ginetta!«
Sie blieben stehen, und Ginia hatte Tränen in den Augen. »Wo wolltest du hin?«, fragte Guido. – »Nach Hause.« – »Ohne mich zu begrüßen?« Guido drückte ihren Arm und sah sie mit seinen unwiderstehlichen Augen an. »Oh, Guido«, sagte Ginia, »ich habe so auf dich gewartet.«
Wortlos kehrten sie auf das Trottoir zurück, dann sagte Guido: »Geh jetzt nach Hause, und bitte nicht weinen, wenn du mich besuchen kommst.« – »Heute Abend?« – »Heute Abend.«
An jenem Abend wusch Ginia sich extra für Guido, bevor sie das Haus verließ. Sie fühlte, wie ihre Knie weich wurden, wenn sie an ihn dachte. Geplagt von tausend Ängsten stieg sie die Treppe hinauf. An der Tür zögerte sie, lauschte: Das Licht brannte, und niemand sprach. Da hustete sie, wie sie es schon einmal getan hatte, aber nichts rührte sich, und Ginia beschloss zu klopfen.
Darmowy fragment się skończył.