Czytaj książkę: «Hungern für die Liebe»
Cassandra Light
HUNGERN FÜR DIE LIEBE
Wege aus der Essstörung aus spiritueller Sicht
Mit Do-it-yourself-Teil
Engelsdorfer Verlag
2021
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über
http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Copyright (2021) Engelsdorfer Verlag
Titelbild © Nomad_Soul [Adobe Stock]
Alle Rechte bei der Autorin
Lektorat: Birgit Rentz (www.fehlerjaegerin.de)
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Prolog
Mit Kinderaugen sehen
Ein Blick zurück
Die Zeit in der Klinik
Mein Geburtstag in der Klinik
Tränen reinigen die Seele
Mutterliebe
Ein wundervolles Leben endet nicht
Alles aus Angst
Einsamkeit
Begrenztes Sein in der Hülle des Körpers
Liebe statt Leid
Endlos wie die Weiten des Meeres
Lieblingsoma und der Blick in die Angst
Sehn-sucht
Angst
Ver-zweifel-ung
Epilog
Ein Wort zum Schluss
Danksagung
Vorwort
Schön, dass du den Weg zu diesem Buch gefunden hast.
Wundervoll, dass du dieses Buch in deinen Händen hältst. Dass du diese Zeilen liest.
Erst einmal: Herzlich willkommen! Schön, dass du bist. (Vielleicht lächelst du jetzt gerade.) Das freut mich, denn es ist wirklich schön, dass es dich gibt.
Du bist!
Sicher fragst du dich: Was erwartet mich in diesem Buch? Was kann ich hier finden? Nützt es mir?
Hier die Antworten, die ich dir dazu geben kann: In diesem Buch berichte ich von mir zu einer Zeit, in der ich an Magersucht litt. In dieser Zeit führte ich Tag für Tag Buch. Mein Tagebuch war mein ständiger Begleiter. Ich beschrieb meine Gefühle, Ängste, Empfindungen, Gedanken und all das, was in dieser Zeit meines Lebens zum Vorschein kam. Gott sein Dank, denn so kann ich jetzt auch dich daran teilhaben lassen.
Im Rahmen dieses Buches spreche ich dich mit einem persönlichen, entspannten Du an.
Um dir einen guten Überblick zu diesem Buch geben zu können, findest du an dieser Stelle einige Worte zum Aufbau und zum Nutzen.
Dieses Buch setzt sich aus drei Teilen zusammen. Du findest einen Rückblick auf frühere Situationen, die auf die Entstehung der Essstörung hinweisen und dir als erste Einführung dienen. Im Anschluss daran beginnen die Tagebucheinträge, die dir den weiteren Verlauf der Essstörung beschreiben, dich also teilhaben lassen. Diese sind optisch hervorgehoben. Es folgt eine Betrachtung aus heutiger Sicht auf die damaligen Situationen mit einem Fokus auf die Worte aus den Tagebucheinträgen. Verbunden damit gibt es einen Coaching-Teil für dich als Leser. Dieser Teil ist in hellerer Schrift abgedruckt und deshalb bei Bedarf leicht zu finden.
Im Coaching-Teil hast du die Möglichkeit, Themen für dich anzuschauen, zu hinterfragen. Dich zu ent-wickeln. Es kann »deine Ent-deckungsreise mit Platz zum Schreiben« sein. Ich gebe dir die Möglichkeit, durch Meditationen, Fragestellungen und Gedanken in dich hineinzuschauen. Für dich und den liebevollen Umgang mit dir und deinen Gefühlen. Natürlich nur, wenn du das möchtest.
Gern kannst du direkt den Platz im Buch nutzen oder dir einen Block, ein kleines Büchlein und einen Stift dazulegen, um deine Notizen, Gedanken und Erkenntnisse aufzuschreiben.
Es steht dir frei, ob du das Buch in seiner Gesamtheit liest oder den Coaching-Teil auslässt.
Dieses Buch zeigt dir Wege zu dir selbst. Wege zu deinem inneren Kern: Herzenswege. Wenn du magst, wird dich dieses Buch mit jedem seiner Worte begleiten, dir Trost, Verständnis, positive Gedanken, Momente der Ruhe, des Nachdenkens und des Fühlens schenken. Es kann dir Kraft spenden und neue Wege aufzeigen. Du hast die Möglichkeit zur Selbstreflexion. Du kannst wachsen, hinterfragen, bei dir sein. Du kannst Verständnis für dich, betroffene Essgestörte und Angehörige entwickeln.
Das Buch ist für den privaten Gebrauch sowie für Psychologen, Therapeuten, Klinikpersonal und Interessierte geeignet. Dieses Buch ist für jeden Menschen und zeigt ihm einen Weg zu mehr bewusstem Sein. Einen Weg zur Liebe. Zum Herzen. Zu dir selbst.
Nun die Antwort auf die letzte Frage hier im Vorwort: Nützt mir dieses Buch? Ja, nimm dir hier und jetzt einen Augenblick, fühle gedanklich in dein Herz, und dein Herz leitet dich. Dein Herz gibt dir die Antwort.
In diesem Sinne wünsche ich dir ein wundervolles Leseerlebnis mit vielen erleuchtenden Momenten, liebevollen Gedanken, Ge(h)fühlen und Gottes Segen.
So ist es.
Alles Liebe, Cassandra
Prolog
Die Unendlichkeit des Lebens ist der Schlüssel der Glückseligkeit
Samstagnachmittag.
Eigentlich ein Tag wie jeder andere. Aber auch nur »eigentlich«.
Es ist ein sonnig warmer, aber stürmischer Tag.
Wind, der Veränderung bringt.
Letzte Nacht lag ich wach in meinem Bett. Tränen in den Augen – Angst.
Es gewitterte heftig und anscheinend entluden sich die Energien bei mir in einer Mischung aus Tränen, Traurigkeit und Angst.
So lag ich eine Weile und beruhigte mich selbst, legte meine Hand auf mein Herz und hörte in mich hinein. Ich dachte an einen lieben Menschen, der mein Herz berührt, und schlief unter Donner und Starkregen, der an das Dachfenster über meinem Bett prasselte, wieder ein.
Nach dieser recht kurzen Nacht bin ich geschafft und ruhig.
So stürmisch, wie es im Moment um mich ist, fühle ich mich nicht. Da ist Sturm, Wärme, alles bewegt sich – doch in mir ist Stille.
Diesen Samstag nutze ich nicht wie gewöhnlich, um E-Mails zu beantworten oder in der Woche liegen gebliebene Arbeiten zu erledigen. Nein, dieses Mal ist das Schreiben einer meiner Gedanken, der mich darauf hinweist: »Schaue dir das Thema an und bringe mehr Licht in die Welt.«
So sitze ich hier bei sonnigem, windigem Wetter und wage den Schritt, nehme meine Tagebücher in die Hand, lese darin und beginne zu schreiben.
Im gleichen Atemzug ist da Angst – Angst, mich mit dem Thema zu beschäftigen, das mich jahrelang begleitet hat und mich beinahe das Leben gekostet hätte.
Doch ich weiß, die Angst ist »nur« da. Ich bin nicht diese Angst. Sie ist ein Gefühl, das mich durchfließt und das ich akzeptiere. Es ist verständlich, dass da Angst ist. Es war eine schwere Zeit, die mich geprägt hat und in der ich unendlich gelitten habe. Das tut weh, heute noch.
Es ist vorbei – und jetzt ist jetzt. Mit der Arbeit an diesem Buch möchte ich jenen vergangenen Lebensabschnitt niederschreiben, anderen zeigen, dass Angst ein Gefühl ist, das wir fühlen dürfen, das wir aber nicht selbst sind. Ich möchte, dass jeder, der dieses Buch liest oder davon hört, weiß:
»Du bist nicht allein!«
Mit Kinderaugen sehen
Solange ich mich zurückerinnern kann, war ich ein ganz normales Mädchen. Schon als ich anfing, Fahrrad zu fahren, waren meine Hand- und Fußnägel rot lackiert.
Während ich diese Zeilen schreibe, muss ich grienen.
Ja, ich hatte bunt lackierte Nägel, einen sehr zierlichen Körper, trug schicke Bikinis, Kleider und Röcke und hatte lange dunkelblonde Haare, die ich meist zu zwei Zöpfen gebunden hatte.
So ein richtiges Bild eines Mädchens eben.
Ich achtete schon als Kind auf mein Aussehen. Vielleicht ist das darauf zurückzuführen, dass in der Familie allgemein sehr viel Wert darauf gelegt wurde, was andere wohl dachten. Das »Außen« war allen sehr wichtig.
Darüber hinaus waren Jungen »mehr wert« als Mädchen, und so war es auch deutlich zu spüren, dass die Familie an meiner Stelle damals lieber einen Jungen gehabt hätte.
Dann kam jedoch »Klein Cassandra« – gut so, wie ich finde! Ich bin froh, dass ich hier sein darf, dass ich auf dieser Erde lebe, dass ich eine Frau bin und diese Zeilen schreiben kann.
Ich tat immer das, was von mir erwartet wurde, war lieb, ruhig, unkompliziert und wurde kaum bemerkt.
Im Alter von neun Monaten kam ich bereits in die Kinderkrippe, weil meine Mutter dort arbeitete. Als ich später in den Kindergarten kam, gefiel mir das nicht so. Kaum war ich dort, wurde ich krank. Wurde ich abgeholt, ging es mir besser, und im Nu war ich wieder gesund.
Da meine Mutter als Erzieherin in der Kita arbeitete, in der ich war, und sich die Kinderkrippe sowie der Kindergarten für die Älteren in getrennten Räumlichkeiten befanden, sah ich meine Mutter dort kaum. Wenn ich sie sah, wollte ich zu ihr. Noch heute ist mir in Erinnerung, wie ich vor dem bunten, hohen Kindergartenzaun stand, meine Mutter sah, rauswollte und nicht konnte. Ich weinte, bekam Fieber, mochte nichts essen.
Zwei Jahre später, als meine Schwester in den Kindergarten kam, beruhigte sich die Situation.
Aus heutiger Sicht ist es vollkommen verständlich, wie ich mich als ein so kleines Kind »hinter Gittern« fühlte. Ich stand da, sah meine Mutter. Sie war vor mir und doch so fern. So etwas muss für ein Kind, das auf seine Mutter bzw. seine Eltern angewiesen ist und sich von ihnen getrennt fühlt, enorm schmerzlich sein. Und das war es für mich.
Noch heute wird mir in der einen oder anderen Situation dieses Gefühl der Trennung – »nah und doch so fern« – bewusst. Doch weiß ich jetzt, anders als früher, wo dieses Gefühl herkommt und dass es ein Gefühl ist und keine Tatsache.
In der Schule war das nicht anders. Sie war nicht unbedingt mein Ding. Alle freuten sich, zum Unterricht gehen zu dürfen, nur ich nicht – ich wollte nicht.
Während der ersten zwei Jahre rannte ich morgens weg, wenn der Bus kam. Ich hatte sehr gute und gute Leistungen, doch wollte ich partout nicht in die Schule. Ich wollte zu meiner Oma. Nicht nach Hause und nicht in irgendeine Bildungsstätte – nur zu meiner Lieblingsoma.
Auf den ersten Blick war ich also ein ganz normales Mädchen. Doch eins war anders: Ich war überwiegend allein. Zumindest aus meiner Sicht, und anhand meiner Tagebücher ist es auch so zu deuten. Ich kann mich noch sehr genau an die folgende Situation an einem Freitagnachmittag im Jahre 1999 erinnern:
Meine Schwester und ich waren bei meiner Lieblingsoma zum Mittagessen. Anschließend ging meine Schwester zu Freunden spielen, während ich mich auf den Weg nach Hause machte. Dort hatte ich Langeweile und kam auf die Idee, einen Kuchen zu backen. Als ich nach längerem Suchen ein schönes Rezept fand, für das ich alle Zutaten zur Verfügung hatte, ging es los: »Selterskuchen backen« hieß die Mission!
Schon bald war der Kuchen im Backofen. Die Zeit, die er brauchte, um fertig zu backen, nutzte ich und räumte auf. Ich rief meine Mutter an und fragte sie, wann sie nach Hause käme. Um 14.30 Uhr wollte sie da sein. Bis dahin blieb mir nicht mehr viel Zeit. Ich schaffte es trotzdem, rechtzeitig den Tisch zu decken, aufzuräumen, Kaffee zu kochen und die Wäsche abzunehmen.
Alles war vorbereitet. Ich war so gespannt, denn ich wollte meiner Mutter und nach Feierabend auch meinem Vater eine Freude machen und sie mit meinem gemütlich gedeckten Kaffeetisch und dem selbst gebackenen Kuchen überraschen.
14.30 Uhr war vorbei, doch Mutti kam nicht. Also wartete ich, bis sie von der Arbeit zurückkehrte. Als sie endlich da war, fand ich, dass ihre Begeisterung gar nicht so groß war, wie ich es mir ausgemalt hatte. Na ja, war nicht so schlimm. Ich lobte mich selbst für meinen Kuchen.
Es ist traurig, in meinen damaligen Tagebüchern zu lesen und mich daran zu erinnern, dass ich mich selbst lobte. Aus meiner heutigen Sicht ist ein zwölfjähriges Mädchen eben nicht in der Lage, sich ausschließlich selbst zu loben. In jeder Phase des Lebens braucht ein Kind Liebe und Zuneigung, und gerade in der Zeit der Entwicklung sind liebevolle, anerkennende Worte Balsam für die kleine Kinderseele. Balsam, der mir fehlte. Diese Worte berühren mich, denn aus heutiger Sicht tut mir das Kind – also ich – leid.
Als zwölfjähriges junges Mädchen stand ich da, wollte meiner Mutter eine Freude machen und hätte gerne ein Lob gehört. Ich wollte sie entlasten – nicht nur an diesem Tag. Stets gab ich mir große Mühe und begann, um ihre Anerkennung zu kämpfen. Doch von ihr kam nie eine Reaktion. Das Gleiche gilt für meinen Vater. Meine Mühe wurde nicht gesehen und schon gar nicht gewürdigt.
Wenn ich mich heute in das Mädchen von damals hineinversetze, sehe ich, dass es für mich völlig unverständlich war und ich diese Ignoranz als Ablehnung empfand. Ich bezog die gerade beschriebene und ähnliche Situationen auf mich persönlich, fühlte mich nicht angenommen und geliebt. Heute weiß ich, dass meine Eltern nach bestem Wissen und Gewissen handelten. Ich vergebe ihnen, denn ich liebe sie so, wie sie sind. So, wie sie waren. Sie gaben ihr Bestmögliches und hatten ihre eigenen Ängste. Es gab Gründe, weshalb ihnen so wenig Zeit für mich zur Verfügung stand. Einer dieser Gründe war die Arbeit, weshalb wir es materiell immer gut hatten und für mich und meine Schwester gesorgt war.
Diese Erfahrungen der Kindheit schenkten mir jedoch schon ganz früh die Fähigkeit, ganz bei mir zu sein, in meiner Mitte. Sie ermöglichten es mir, mir selbst durch den Blick nach innen Liebe, Wärme, Lob und Aufmerksamkeit zu schenken. Aus dem Bedürfnis wurde eine Stärke.
Ein Kind ist von Natur aus offen und nicht geprägt von Ängsten und Erfahrungen. Es blickt liebevoll, voller Erwartungen, Freude und mit offenem Herzen, voller Licht in unsere Welt. Es ist zerbrechlich, verletzlich, unendlich sensibel und liebebedürftig.
Es darf immer gesehen werden: Ein Kind kommt unbefleckt auf diese Welt und weiß nicht, wie ihm geschieht. Es ist einfach da.
Ich wünsche vielen Kindern auf dieser Welt, dass sie sanft, liebevoll, voller Verständnis und vorsichtig behandelt werden. Und ich wünsche genauso den Eltern das Bewusstsein für diese Liebe. Die Fähigkeit, so lieben und ihren eigenen Eltern deren Fehler vergeben zu können. Es ist nicht unsere Pflicht, die Fehler und Ängste unserer Eltern zu übernehmen. Wir haben die Wahl.
Ein Kind bezieht alles auf sich und kann nicht verstehen, warum seine Eltern so handeln, wie sie handeln. So, wie auch ich das nicht verstehen konnte. Ich dachte, ich wäre der »Fehler im System«, den keiner lieben wollte. Der es nicht wert war, geliebt zu werden. Allein. Verloren und ohne Halt. Geboren, um sich hier auf dieser Welt durchzukämpfen und dann doch keine Liebe zu erfahren.
Auf diese Weise begann ein ablehnendes Bild meiner selbst in mir zu wachsen. Da war aus meiner damaligen Sicht nichts. Nichts, woran ich hätte festhalten können außer Schule, Leistungen, mein Ich sowie die Gedanken und Gefühle, mit denen ich allein war.
Es gab mich, mein Tagebuch und die Leidenschaft zu schreiben. Bereits mit sieben Jahren schrieb ich täglich Ereignisse, Gedanken und Gefühle nieder. Alles, was mich bedrückte, verletzte, erfreute, und das, was in mir vorging, schrieb ich in mein Tagebuch hinein. Es war mein Freund und Begleiter. Doch auch hier war ich allein, ich erfuhr keine Reaktion auf meine Gedanken.
Ein Blick zurück
Ich erinnere mich zurück und weiß, dass das Nicht-Essen schon eine Rolle spielte, seitdem ich bewusst wahrnehmen konnte, was um mich herum geschieht. Allgemein das Thema Essen hatte einen besonderen Stellenwert, insbesondere aber gemeinsame Mahlzeiten. Bei uns in der Familie gab es diese kaum. So mancher denkt vielleicht: Na was denn sonst? Gemeinsame Mahlzeiten sind doch wohl normal! Und ich sage aus meiner Sicht: Nein, das sind sie eben nicht.
Ja, bei uns gab es Mahlzeiten. Diese nahm ich zusammen mit meiner kleinen Schwester ein. Währenddessen wuselte meine Mutter in der Küche herum, erledigte Arbeiten, die ihr dort in die Hände fielen, machte sauber oder schmierte die Arbeitsbrote für meinen Vater. Alles natürlich weit weg vom Tisch und im Stehen.
In den seltensten Fällen konnten meine Schwester und ich unser Abendbrot in Gegenwart unseres Vaters genießen. Und auch hier saß meine Mutti nicht mit am Tisch. Sie bereitete lediglich das Essen für alle zu, doch sich selbst nährte sie nicht, jedenfalls nicht gemeinsam mit uns. Sie aß nebenbei.
Als Kind orientierte ich mich an meinen Eltern. Ich beobachtete, was meine Mutter aß. Immer wieder fragte ich mich: Was esse ich? Ist das normal? Sie isst anders. Esse ich zu viel?
Wenn ich das verglich, dachte ich: Ja, dann esse ich wohl zu viel. Es ist doch unnormal, wie viel ich esse.
Mich ärgerte es, denn ich wünschte mir, dass wir alle zusammen aßen. Doch das gab es nicht. Ich empfand es so, als würden wir von unserer überanstrengten, genervten Mutter etwas zu essen vorgesetzt bekommen, getreu dem Motto: »Um zu leben, gehört Essen dazu.« Und ihre Pflicht – ob sie wollte oder nicht – war es, uns Kinder zu versorgen. Das tat sie. An Essen mangelte es nicht, an einer liebevollen, gemeinsamen Mahlzeit schon.
Zu Recht stellte ich mir irgendwann die Frage: Warum soll ich denn essen? Sie isst doch auch nicht!
Ich verband mit Essen keinen Genuss, keine Liebe, sah es nicht als etwas Schönes an, vielmehr empfand ich es als Mittel zum Zweck. Für mich war es eher ein Muss. Man möchte leben, also braucht man Nahrung. Nicht mehr und nicht weniger.
Jetzt, mit vierunddreißig Jahren, bin ich an dem Punkt, an dem mir bewusst wird, was ich mit dem Essen verbunden habe und auch teilweise noch verbinde. Und zwar genau das: etwas Notwendiges. Nichts Schönes. »Das Mittel zum Zweck« – vom Genuss ganz weit entfernt.
Ich begann, mein Leben, meine Eltern und das Essen zu hassen. Ich wollte nicht mehr auf dieser Welt sein. Essen hieß Leben, und leben wollte ich nicht. Ich ließ Stück für Stück das Essen weg und entfernte mich dadurch immer weiter vom Leben. Mit jedem Hungergefühl war ich dem Leben ferner, während ich meinem Wunsch, nicht mehr auf dieser Welt zu sein, näher kam. Essen zu mir zu nehmen fiel mir immer schwerer, denn »es« arbeitete sozusagen gegen mich. Gegen das festgesetzte Ziel: Raus aus dieser Welt und endlich das Ende des Lebens erreichen! In Frieden und Liebe »da oben« leben und nicht lieblos, allein und pflichtbewusst »hier«.
Mit der Nahrungsaufnahme kam der Widerstand. Es quälte mich, wenn ich aß. Jeder Bissen erzeugte Abwehr in mir. Mit jedem Bissen kamen Wut und Verzweiflung in mir hoch. Mein Ziel war es, in Ruhe zu sein. In Frieden. In Liebe. Widerstandslos. Ohne Essen auszukommen.
Jeder, der mir Essen anbot, mich zum Essen überreden wollte, wollte mich aus meiner Sicht an meinem Ziel hindern und mich am Leben halten. Ich jedoch wollte das Leben nicht und empfand Wut, Zweifel und Abwehr gegen alles und jeden, der sich mir bei meiner Zielerreichung, aus dem Leben zu gehen und in Frieden zu sein, in den Weg stellte.
Die ersten Gedanken in diese Richtung hatte ich bereits mit neun Jahren. Wer möchte schon einen unendlichen und letztendlich erfolglosen Kampf um die Liebe führen?!
Also begann ich einen Kampf gegen mich selbst. Dafür brauchte ich niemanden, diesen Kampf konnte ich mit mir selbst ausmachen. Ich führte ihn ganz allein. Es lag in meiner Hand, wie der Kampf lief, und niemand konnte den Erfolg oder die Mühe, die ich investierte, ablehnen. Niemand konnte mich ablehnen, denn ich brauchte keinen Menschen mehr und lehnte jeden ab. In diesem Kampf war ich von niemandem außer von mir selbst abhängig. Auf keinen Fall wollte ich mehr jemanden oder eine bestimmte Reaktion brauchen und auf Liebe, Beachtung, Anerkennung oder Lob warten müssen.
Ich war unabhängig.
Scheinbar.
Ob Lob, Anerkennung, Tadel, Verurteilung, Leben oder Tod – all dies lag in meiner Hand. Es war nicht nur eine Entscheidung, sondern meine Entscheidung.
Irgendwann drang der Wunsch, nicht mehr auf dieser Welt sein zu wollen, nach außen und wurde sichtbar. Einerseits war das gut für mich, denn ich war dem Tod tatsächlich nah. Andererseits wurde es sehr schwierig, meinen Kampf ohne das Außen, ohne Eltern oder Lehrer weiterzuführen. Ich wurde immer verzweifelter, weil ich die Reaktion meiner Mitmenschen ignorierte und sie nicht mehr verstand.
Freitag, der 29.09.2000
Hallo liebes Tagebuch!
Zum Glück ist heute Freitag. Wir haben dieses Wochenende ein verlängertes Wochenende. Montag und Dienstag wird frei sein.
Ach, liebes Tagebuch, ich habe im Moment nur Sorgen. Am Mittwoch hat mich meine Klassenlehrerin in der Deutschstunde gefragt, wie tief mein Problem denn ist und ob ich breche. Sie hat mit meiner Mutter auf der Elternversammlung gesprochen und so weiter und so fort.
Na, jedenfalls glauben alle, ich bin krank.
Und ich, ich bin am Ende. Ich bekomme von allen Seiten Druck. Es heißt nur:
Esse! Esse!
Okay, am Mittwoch habe ich es eingesehen, aber jetzt sehe ich das schon wieder nicht. Ich bin nicht krank!
Ich will mir ja Mühe geben, aber irgendwie bekomme ich, wenn ich essen muss, immer schlechte Laune. Und auch so bekomme ich schnell schlechte Laune.
Das geht mir alles so auf den Keks. Ich weiß nicht, was das ist, aber eine Essstörung habe ich nun wirklich noch nicht. Mutti setzt mich so unter Druck. Da kann man auch schlechte Laune bekommen.
Ich glaube, die sollten mich einfach in Ruhe lassen, vielleicht wird es dann besser. Ich fühle mich auch so beobachtet und alle fragen so viel und schreiben mir alles vor. Zum Beispiel, was ich essen soll – dass ich keine Margarine nehmen darf, sondern Butter nehmen muss.
Ich wünschte, es wäre alles nicht so schwer. Ich will nicht immer schlecht gelaunt sein und ich will nicht so bedrängt werden. Das nervt total. Ich hoffe, ich bekomme das in den Griff mit der Laune. Ich hoffe auch, nachher beim Einkaufen nicht wütend zu werden. Das kenne ich gar nicht von mir, aber wenn es um Essen geht, dann passiert das so.
Dienstag, der 10.10.2000
Ich habe nicht viel Zeit, jetzt einzuschreiben. Ich muss noch duschen, Abendbrot essen und dann wieder pauken. Physik, Chemie und Musik zu morgen.
Wir hatten heute Sportfest. Es war eiskalt. Ich habe gedacht, ich sterbe. Alles tat mir weh vor Kälte, und dann mussten wir noch kurze Sachen anziehen. Ich bin froh, dass das jetzt vorbei ist.
Um 17.00 Uhr bin ich vom Konfirmationsunterricht gekommen.
Kaum bin ich hier, habe ich wieder Ärger mit Mutti gehabt – wegen Essen. Sie war nahe daran, mir eine zu knallen. Ich schätze, die Woche und nachher das Abendbrot wird die Hölle werden. Die ganze Woche nur Arbeiten in der Schule und Ärger mit Mutti und Vati wegen Essen.
Liebes Tagebuch, wünsche mir Glück!
Mittwoch, der 18.10.2000
Ich habe heute einen anstrengenden Tag gehabt. Auch so war die ganze Woche bis jetzt sehr anstrengend und es ist noch kein Ende zu sehen.
Heute haben wir Physik und Chemie wiederbekommen. In Physik habe ich eine 2 und in Chemie eine 1. Wir haben in dieser Woche bis jetzt nur Arbeiten geschrieben. Ich weiß schon gar nicht mehr, welche ich zurückbekommen werde. Außerdem kann ich langsam nicht mehr.
Dienstag haben wir Chemie und Russisch geschrieben, wobei wir Freitag erst die letzten Arbeiten bekommen haben. Da waren ja nur das Wochenende und der Montag zwischen. Weil nur ein Tag dazwischen lag, war ich gar nicht darauf gefasst, wieder eine Arbeit zu schreiben. In Russisch habe ich leider nicht alles gewusst. Morgen bekomme ich die Arbeit in Russisch wieder und in Englisch und Mathe schreiben wir.
Wenn ich Zeit habe, schreibe ich wieder mehr ein.
Mein Wochenende ist aber auch komplett voll.
Nächste Woche stehen schon drei Arbeiten fest: Montag Russisch Klassenarbeit, Dienstag Biologie und Freitag Englisch Klassenarbeit.
So, ich mache jetzt Schluss. Ich brauche eine Pause. Dann geht es weiter. Anschließend dann wieder Stress mit Mutti und Vati wegen Abendbrot essen, dann wieder lernen und dann ins Bett.
Irgendwer da draußen: Wünscht mir einfach nur Glück, dann bin ich beruhigter.
Ich bat irgendjemanden, wahrscheinlich Gott, mir Glück zu wünschen.
Glück – doch was hieß denn Glück in dem Moment?
Das Glück war, den Ärger zu umgehen, Ruhe zu haben und gleichzeitig nicht essen zu müssen. Ohne Essen davonzukommen.
Am liebsten würde ich nie hier gewesen sein und nicht leben.
Na ja, leider nicht zu ändern.
Der Wunsch, von dieser Welt gehen zu wollen, wurde von Tag zu Tag stärker. Ich erinnere mich noch genau daran, dass ich jeden Tag mehr spürte, wie schwach ich körperlich wurde. Das Herz schlug langsamer.
Dieser schleppende Herzschlag war spürbar. Es fühlte sich anstrengend an. Anstrengung, die das Herz aufbringen musste, um zu schlagen. Das Herz hatte im wahrsten Sinne des Wortes zu kämpfen.
Das Herz wurde langsamer und langsamer. Es ging in Richtung Stillstand. Mit der schrittweisen Verabschiedung des Herzens wuchs mein Wille, nicht mehr zu leben, von Tag zu Tag mehr. Der Wille, das, was am Leben hält, zu verweigern. Nahrung. Wuchs.
Donnerstag, der 19.10.2000
Wir haben heute die Arbeit in Mathe geschrieben.
Ich habe heute meine Schulstullen nicht gegessen.
Ich kann nur jetzt nicht so viel schreiben, muss noch lernen, Abendbrot usw.
Zusätzlich als Plus: Natürlich wieder Zoff mit Mutti und Vati, davon bekomme ich ja jeden Tag genug. Du weißt ja …
Sonntag, der 29.10.2000
Eben habe ich Abendbrot gegessen – könnte schon wieder richtig sauer werden, aber lieber nicht, sonst fange ich noch an zu heulen.
Noch heute bin ich ein Genie in Sachen Unterdrücken, und wenn in mir Wut hochkommt, neige ich dazu, sie wegdrücken zu wollen. Doch inzwischen weiß ich, woher sie kommt und dass ich mir jahrelang antrainiert habe, Gefühle wie eben Wut oder aber Traurigkeit nicht fließen zu lassen.
Aus meiner Sicht sollte es Weinen nicht geben. Wozu auch?
Wenn ich im Normalzustand – also dann, wenn alles funktionierte, wie es sollte – schon »zu viel« war. Dann ging ja Weinen überhaupt nicht.
Darüber hinaus war niemand da, der mich verstand und mich in den Arm genommen hätte. Dementsprechend suchte ich nach einem anderen Weg für mich: Gefühle unterdrücken und einfach funktionieren. Keine Rücksicht auf mich selbst. Alles andere war fehl am Platze – so meine Erfahrung zu diesem Zeitpunkt.
Morgen wollen Marleen und ich mit Oma bummeln gehen. Vorher muss ich aber noch mit Mutter zur Ärztin fahren. Ich muss Blut abnehmen lassen. Vielleicht wiegt mich ja die Ärztin wieder. Scheißegal!
Ich lese jetzt ein bisschen und dann gehe ich schnell ins Bett. Gelernt habe ich schon.
An diesem Abend lag ich im Bett und mein Herz schlug so langsam. Es fühlte sich an, als müsste es sich unglaublich anstrengen, um zu schlagen. Ich quälte mich und selbst das Liegen empfand ich als anstrengend.
Ich konnte kaum noch richtig schlafen. Ich merkte, es würde bald zu Ende gehen und mein Herz würde für immer stehen bleiben. Ich dachte, dass ich von dem Moment an frei wäre. Ich hätte keine Qualen mehr auszustehen und es gäbe keinen Kampf mehr. Nicht den Kampf gegen mein Leben, und auch nicht jenen, den ich sowieso schon längst aufgegeben hatte: den Kampf um Liebe.
Wenn mein Herz stehen bliebe, hätte endlich das Kämpfen ein Ende.
Meine Tage waren geprägt von Leistungsdruck, von Stress, Streit und den Gedanken, die sich um das Ende meines Lebens drehten.
Ein ständiger Kampf.
Nur der Wille trieb mich voran.
Mein Umfeld reagierte erst sehr spät auf meine Veränderungen. Aus heutiger Sicht viel zu spät. Ich frage mich manchmal: Hat es niemand gesehen, dass ich dünner und dünner wurde? Erst als ich dem Tod näher war als dem Leben, wurde mein Erscheinungsbild angesprochen. Das macht erschreckenderweise sehr deutlich, dass kaum jemand auf mich achtete und ich einfach »zu viel« war. Und wie vielen Menschen geht das so?
Noch heute berührt mich diese »Blindheit«, weshalb mir so viel daran liegt, die Menschen wachzurütteln und ihnen mitzuteilen: Macht eure Augen auf und achtet euer Umfeld! Lebt nicht so dahin und funktioniert wie Roboter. Erweitert euer Bewusstsein, fangt an zu fühlen, zu sehen und füreinander da zu sein. Geht mit offenen Augen und aufmerksamem Bewusstsein durch euer Leben. Seid aufmerksam gegenüber allen Menschen, mit denen ihr in Kontakt steht, sei es in der Familie, im Freundeskreis oder bei neuen Begegnungen. Seid offen und wertschätzt euch doch bitte gegenseitig.
Lehrte uns nicht Jesus, wie in der Bibel geschrieben steht: »Hebe deine Augen auf und sieh!«
In meinem Fall war dieses Bewusstsein noch nicht da – weder bei mir selbst noch bei meinem Umfeld –, und so spitzte sich die Situation immer mehr zu.
Einen Monat nach dem bisher letzten Eintrag, fünf Tage vor meinem vierzehnten Geburtstag, kam ich in ein Krankenhaus. Ich hatte laut der ärztlichen Meinung noch drei Tage zu leben, mein Herzschlag war wie der einer achtzigjährigen Dame, die kurz vor dem Einschlafen war, und die Ärzte wussten nicht, ob ich es schaffen würde.
Donnerstag, der 30.11.2000
Ich habe schon so lange nicht mehr eingeschrieben. Doch jetzt muss ich dir etwas schreiben.
Ich bin hier gerade im Krankenhaus. Ich kann nicht mehr. Ich vermisse Mutti, Vati, meine Schwester und meinen Kater. Ich darf keine Besuche, keine Anrufe und keinen Briefkontakt haben. Nichts.
Am Dienstag habe ich Geburtstag. Na toll!
Ich sollte eigentlich erst am Freitag hierher. Doch Mutti meinte, es hat keinen Zweck mehr, noch zu warten …
Nun bin ich schon heute hier.
Ich will hier raus. Ich kann nicht mehr. Liebe Engel, helft mir doch! Ich vermisse sie so sehr.
Der Arzt hat heute gesagt, es kann bis Februar dauern, bis ich hier raus bin. Er hat auch gesagt, dass ich einen Body Mass Index von 13 habe, und unter 17 ist es schon Magersucht und lebensbedrohlich. Er meinte, ich bin so dünn, dass ich jede Minute sterben könnte. Ich habe Angst und keiner ist hier, der mich tröstet. Ich vermisse sie alle so.
Mir laufen die Tränen, denn das bin ich, die da so um Hilfe schrie. Das tut weh. Ich war gerade noch dreizehn Jahre alt, saß in diesem Krankenhaus und wusste nicht, was mit mir geschah. Drum herum dachten sie, ich würde bald sterben, und ich stand mit meiner Angst ganz allein da.
Die Bestätigung: Wieder allein!
Ich bin froh, dass ich diese Zeit überstanden habe. Aber sie hat mich geprägt – und auch die Beziehung zu meinen Eltern. Denn mit dreizehn getrennt von allem zu sein, das konnte ich bis jetzt nicht vergessen. Ich verzeihe, aber es sitzt so tief, dass mir das Vergessen nicht gelingt.
Noch heute ist es bei mir so, dass Vertrauen mit Angst einhergeht. Angst davor, wieder allein gelassen zu werden. Dabei ist es vorbei und ich weiß: Diese Angst ist nicht mehr real. Wissen ist aber nicht Fühlen, und so lerne ich nur langsam, Stück für Stück, neu zu vertrauen. Noch heute.
Die größte Hilfe war damals meine Oma. Denn nachdem ich über Jahre in Behandlung und in verschiedenen Krankenhäusern gewesen war, zog ich zu ihr. Wir hatten eine wundervolle Zeit zusammen. Bei ihr durfte ich bedingungslose Liebe kennenlernen. Sie liebte mich unendlich und zeigte mir, dass ich vertrauen durfte und konnte. Dass ich wütend sein durfte und weinen konnte, dass ich in den Arm genommen wurde und ich nicht allein war. Dass ich gut bin, so wie ich bin. Dass ich immer geliebt werde – egal wie die äußeren Umstände sind.
Höre auf dein Herz! Unser innerster Kern zählt – nur der.
Alles andere ist vergänglich und nebensächlich.
Die Seele bleibt.
Die Zeit in der Klinik
Ich schrieb weiter:
Heute Morgen, als Mutti und Vati mich hergebracht haben, war kein Arzt hier. Wir sollten um 12.30 Uhr noch mal wiederkommen. In der Zeit war ich mit Mutti in der Nähe in Geschäften schauen. Wir haben was zum Lesen und zum Schreiben gekauft.
Dort waren total süße Figuren, und zwar kleine Schweinchen, die habe ich ihr gezeigt.
Später, als sie weg waren und ich alleine im Krankenhaus, hat mir die Schwester ein Schweinchen von Mutti gegeben. Das hat sie heimlich gekauft.
Ich will hier raus! Ich habe Angst und so weiter.
Morgen früh werde ich gewogen und dann wird ein Programm angefangen: 6 Mahlzeiten am Tag (2500 kcal). Ich muss jeden Tag 100 Gramm zunehmen.
Ich hoffe, das schaffe ich. Ich will hier raus.
Das Programm hieß »Grazer Modell«. Entsprechend dem Modell wurden am Aufnahmetag das Ist-Gewicht sowie der BMI (Body Mass Index) ermittelt. Des Weiteren wurde das Zielgewicht, das es zu erreichen galt, damit ich entlassen werden konnte, festgelegt. Darüber hinaus wurde ich täglich vor dem Frühstück – nach Blasenentleerung, worauf geachtet wurde – gewogen. In einem Diagramm wurde das tägliche Gewicht als Kurve festgehalten. Diese musste kontinuierlich steigen – bis zum Idealgewicht. Ich musste täglich 100 Gramm zunehmen. Wenn ich dies nicht schaffte, bekam ich Bettruhe verordnet. Das bedeutete, den ganzen Tag nicht bewegen. Nur im Bett liegen und in das alte, kalte Krankenzimmer schauen.
Hatte ich abgenommen oder bewegte sich mein Gewicht nicht entsprechend der geplanten Kurve, war vorgesehen, mich über eine Sonde künstlich zu ernähren.
Die Mahlzeiten durfte ich nicht zusammen mit anderen einnehmen, nein ich musste sie allein zu mir nehmen – im Bett. Das Essen wurde mir gebracht und ich hatte eine halbe Stunde Zeit, alles aufzuessen. Tat ich das nicht oder schaffte ich es nicht in der vorgegebenen Zeit, wurde das Essen wieder mitgenommen.
Harte Regeln für ein Kind. Meine Gefühle spielten da überhaupt keine Rolle. Es ging nur um Zahlen, um mein Gewicht und um die Pläne der Krankenhausleitung sowie meiner Eltern.
Mein Gewicht, was ich haben muss, sodass ich hier raus darf, wird morgen auch festgelegt. Es liegt zwischen 44 und 46 kg. Jetzt wiege ich aber nur maximal 35 kg. Noch nicht mal ganz.
Ich weiß nicht, wie ich das schaffen soll. Ich möchte doch so gerne Weihnachten nach Hause und nicht wieder hierher. Es soll alles wieder gut werden.
BITTE! Ich muss es schaffen. Das Schweinchen, die Engel und der liebe Gott müssen mir helfen. Ich will nach Hause. BITTE. Ich schreibe dir morgen.
Wie klein und liebesbedürftig ich war, sehr sensibel – verloren in der großen Welt.
Das geplante Entlassungsgewicht wurde mit den Eltern und den Therapeuten festgelegt. Ich konnte mir alles anhören und daneben sitzen – Einfluss auf das Gewicht, das als »Limit« festgelegt wurde, hatte ich jedoch nicht.
Freitag, der 01.12.2000
Hallo liebes Tagebuch!
Heute ist der 1. Dezember und Sonntag schon der 1. Advent.
Vorheriges Jahr um diese Zeit haben wir die Sonntage immer gemeinsam genossen. Zusammen alles schön geschmückt und dann in der Wohnstube im Kerzenschein gesessen. Wir alle vier.
Ich vermisse sie so. Ich will unbedingt nach Hause.
Heute Morgen hat Marleen bestimmt ihr Kalendertürchen aufgemacht.
Ich würde gerne sehen, was für einen Adventskalender sie hat. Ich hätte mir auch einen gewünscht – zu Hause. Wir haben heute hier auf Station einen Adventskalender bekommen.
Diese Zeilen verdeutlichen mein Heimweh, meine Traurigkeit, die kindliche Hilflosigkeit und die Verzweiflung, der ich ausgesetzt war. Das dreizehnjährige Mädchen, das ich zu diesem Zeitpunkt war, schien vielleicht auf den ersten Blick »erwachsen«, war aber im Herzen klein, kindlich, liebes- und hilfebedürftig. Und ist es denn nicht bei Erwachsenen, beispielsweise bei einem Vierzigjährigen, auch so? Im Inneren sind wir doch alle klein, verletzlich und sehnen uns danach, dass sich unsere Bedürfnisse erfüllen. Wie auch immer das aussehen mag, wenn man an die Lebenspartner, an Freunde oder das sonstige Umfeld denkt.
Zu diesem Zeitpunkt war ich jedoch in der Klinik, und die in mir wachsenden Bedürfnisse konnten nicht berücksichtigt werden. Die erste und wichtigste Priorität war meine Gewichtszunahme. Wie ich mich dabei fühlte, war unwichtig. Ich musste damit fertigwerden und allein einen Weg finden, das alles durchzustehen. Mir blieb also nichts anderes übrig, als schnell erwachsen zu werden. Gefühle und Bedürfnisse blieben dabei auf der Strecke und ich lernte sie zu verdrängen.
Heute haben wir mit dem Grazer Modell angefangen.
Ich wurde vor dem Frühstück gewogen (34,2 kg).
Das heißt, morgen früh muss ich 34,3 kg wiegen, sonst bekomme ich Bettruhe.
Liebes Tagebuch, ich klebe morgen das Grazer Modell auf einem Zettel hier rein, dann sieht man, wie hart die hier sind.
Ich musste heute Morgen ein Brötchen essen, was mir schon fertig auf den Tisch gestellt wurde. Ich sitze ganz alleine an einem kleinen Tisch. Die Marmelade, die ich auf dem Brötchen hatte, war so dick geschmiert … Oh Gott.
Ich habe das Brötchen nicht geschafft. Sie haben es mir weggenommen. Ich habe nur eine halbe Stunde Zeit zum Essen.
Na ja, dann so um 9.30 Uhr gab es Zwischenstück – einen Joghurt. Den habe ich geschafft, oder besser gesagt, den musste ich schaffen.
Um 11.30 Uhr gab es Mittag. Igitt, Pilzpfanne! Mit Fleisch und Pilzen in Soße und Reis, danach Kirschen. Das hat alles richtig künstlich geschmeckt.
Das habe ich natürlich auch nicht ganz geschafft. Die Kirschen habe ich aber noch essen können. Die sollte ich auch wenigstens noch essen. Anschließend haben sie mir mein Mittag dann auch noch weggenommen.
Um 14.30 Uhr gab es Kaffee. Ich dachte, ich gucke nicht richtig. Es gab eine Rolle mit Kirschen und Pudding. Natürlich mit viel Pudding – das war klar. Ich esse doch keinen Pudding.
Jetzt, wo ich diese Zeilen aus meinem Tagebuch abschreibe und mir das alles noch einmal in Erinnerung rufe, wird die Verzweiflung zum damaligen Zeitpunkt ganz deutlich.
Man könnte durchaus denken, dass die Lebensmittel, die es dort zu essen gab – und die ich nicht wollte! –, aufgrund der Essstörung von mir abgelehnt wurden. Dem ist jedoch nicht so.
Schon zu Zeiten, in denen ich in den Kindergarten ging, konnte ich einige Lebensmittel nicht essen, da sie mir sonst »postwendend« wieder hochgekommen wären. Dazu zählte und zählen noch heute Pudding und Produkte mit viel Milch wie beispielsweise Milchnudeln, Grießbrei oder auch Sauce Carbonara. Bei diesen Lebensmitteln sträuben sich mir die Haare. Heute sehe ich Nahrungsmittel als Heilmittel, je nach Qualität der Nahrung und der individuellen Konstitution eines jeden.
Aus diesem Thema – Lebensmittel, die einem gut bekommen, die man mag oder die einem nicht schmecken – kristallisiert sich für mich eine wichtige Sichtweise heraus. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es für viele Angehörige, Ärzte, Psychologen etc. natürlich naheliegt, gerade bei Essgestörten beziehungsweise suchtkranken Menschen von bestimmten Vorurteilen auszugehen. »Es sind immerhin Suchtkranke, und deren Glaubwürdigkeit ist oft infrage gestellt.« Zu diesem Thema wird viel gelesen, erzählt und gedacht. Wichtig ist aus meiner Sicht jedoch, vorurteilsfrei zu bleiben und jeden »kranken« Menschen individuell zu betrachten, ihm oder ihr Gehör zu schenken und ein vertretbares Maß zwischen Glauben und Hinterfragen zu finden. Aufgrund von allgemeingültigen Meinungen oder schulmedizinischen Erfahrungsberichten Essgestörte oder andere suchtkranke Menschen einzuordnen und sie zu be- oder verurteilen, halte ich für fragwürdig. Sicher finden sich Parallelen in den Krankheitsbildern, jedoch sollte dies nicht das Maß aller Dinge sein.
Vielmehr gelten Züge wie »Urteilsfreiheit, interessiertes Hinterfragen und das jeweilige individuelle Wesen für sich zu sehen« als wertvoll. Und zwar in therapeutischer Hinsicht ebenso wie im familiären Umfeld und auch für die betroffene Person selbst. All dies ist in der heutigen Zeit in viele Bereiche übertragbar. Aus meiner Sicht ist es auch sinnvoll, Menschen und Situationen individuell zu betrachten, sie zu hinterfragen und sich dann mit dem globalen Wissen einen Weg zu bahnen.
Niemand braucht schwarz-weiß zu denken – in die eine oder andere Richtung – und dann die daraus gewonnene Erkenntnis in eine geeignete »Schublade« zu drücken. Nein, denn wir haben die Freiheit, den Menschen mit seinen ganz eigenen Themen, Beweggründen und Vorlieben individuell zu sehen. Und das können wir tun!
Ich habe es probiert, es aber dann nicht gegessen. Dafür habe ich mir einfach etwas anderes genommen, was nicht erlaubt ist. Ich habe jedoch gefragt, ob ich so einen komischen anderen Kuchen mit Rosinen essen darf. Der hat ekelig süß geschmeckt, weil da purer Zucker drüber war.
Das war irgendwie alles nicht mein Fall.
Hauptsache, es gibt zum Abendbrot etwas, was man wenigstens runterbekommt.
Na ja, zu Hause schmeckt es besser.
Ich glaube, bald muss ich schon wieder Abendbrot essen. Danach dann Spätstück.
Das ist viel, was? Das sind sechs Mahlzeiten (2.500 kcal) am Tag. Schrecklich!
Hier wird klar, dass das Thema »Essen« und eine damit verbundene Angst den größten Teil meiner Gedanken einnahmen. Wann wird gegessen? Was muss gegessen werden? Ist das für mich zu schaffen?
Mich begleitete eine tiefe Abneigung gegen das Essen und im Endeffekt eine Abneigung gegen mich selbst. Eine Abneigung gegen das Leben.
Die folgenden Zeilen fühlen sich wie Widerstand, Angst und Verzweiflung an.
Morgen früh werden wir ja sehen, wie viel ich wiege. Drücke mir BITTE die Daumen für morgen früh und auch dafür, dass das Abendbrot und Spätstück erträglich sind – nicht so ekelig.
Ich will hier raus!
Ich war so jung, und ja, ich war verzweifelt und wollte mich befreien. Aber ich konnte es nicht. Das ist heute anders, jedoch hat mich diese intensive Zeit des »Eingesperrtseins« geprägt.
Heute bin ich meistens hellwach, achtsam und schaue: Komme ich hier raus? Egal wo ich bin, ich versichere mich immer wieder, dass ich irgendwo »rauskomme«.
Ich fahre weg und achte darauf, nicht in einen Stau zu geraten, bei dem es keine Umleitung gibt. Ich gehe feiern und schaue, wo der Notausgang ist. Oder ich gehe einkaufen und registriere sehr genau, wo der Ausgang ist, wo ich rausgehen darf. Egal in welcher Situation ich auch sein mag, einer der wichtigsten Gedanken für mich ist: Ich kann hier raus!
Heute bin ich, abgesehen von diesen Gedanken des Bloß-nicht-noch-maleingesperrt-Seins, bereits »frei«. Das versichere ich mir oft selbst in Form der Achtsamkeit bezüglich möglicher »Fluchtwege«.
Am folgenden Nachmittag schrieb ich folgende Zeilen:
Samstag, der 02.12.2000
Hallo liebes Tagebuch!
Als ich heute Morgen gewogen worden bin, habe ich nicht zugenommen. Jetzt habe ich den ganzen Tag Bettruhe.
Na toll. Ich bin ganz alleine hier – den ganzen Tag.
Die anderen Personen aus meinem Zimmer haben heute Tagesurlaub und dürfen nach Hause.
Mein Essen bekomme ich hier ans Bett. Das ist alles so schrecklich, ich möchte hier raus und nach Hause.
In einer Viertelstunde bekomme ich Kaffee. Hauptsache, es ist nichts mit Pudding. Hauptsache, ich esse das. Es ist wichtig, weil heute zum Mittag habe ich nicht die ganze Portion aufgegessen. Heute Morgen habe ich mein Brötchen geschafft, aber nur weil sie mich vergessen hatten und ich deshalb Zeit zum Essen hatte.
Ich hoffe, dass ich morgen keine Bettruhe habe. Morgen ist der 1. Advent und ich will nach Hause. Ich vermisse sie. Wünsche mir Glück.
Es ist erstaunlich, wie wertvoll mir mein Tagebuch war. Der einzige Gesprächspartner in dieser Zeit voller Druck, Gedanken, Ängste und Hoffen. Hoffen auf Besserung, Hoffen auf ein Wunder, das mich befreit.
1. Advent, der 03.12.2000
Heute habe ich keine Bettruhe. Als ich heute Morgen gewogen worden bin, habe ich 34,6 kg gewogen, das heißt, ich habe zugenommen. Vorher waren es 34,3 kg. Das war auch ganz schön schwer gestern. Die eine Schwester kann mich und ich sie nicht leiden.
Was Mutti, Marleen und Papa jetzt wohl machen?
Sie sitzen bestimmt mit einer Adventskerze zusammen und trinken Kaffee.
Ich bin schon fertig damit. Bei mir gab es Baumkuchen und Joghurtdrink – liegt ganz schön schwer im Bauch, aber bis zum Abendbrot ist ja noch Zeit.
Weißt du, ich habe eben wieder geweint. Ich bin hier ganz alleine und möchte so gerne nach Hause. Der Schmerz ist so groß. Ich vermisse sie so sehr und habe sie so doll lieb. Ich glaube, ich gehe hier ein. Es ist alles so schwer. Mein Herz kann bald nicht mehr.
Morgen ist Montag und am Dienstag habe ich Geburtstag. Ob sie mich besuchen kommen?
Ich habe die Regeln des Grazer Modells gelesen, dass ich 1 Mal in der Woche anrufen und 1 Mal für 2 Stunden Besuch haben darf.
Ich wünsche mir zu meinem Geburtstag, dass ich hier rauskomme.
Es tut weh und bringt ein bedrückendes Gefühl mit sich, wenn ich lese, dass ich emotional nicht mehr konnte. Wie die kleine Kinderseele von damals gelitten hat.
Wie bildlich die Worte von damals geschrieben sind: das Herz, das dann nicht mehr kann. Gott hat uns das Herz als Mittelpunkt, als Zentrale des Körpers geschenkt. Das Herz, unser zentrales Organ, ohne das kein Leben möglich ist. Wenn das Herz nicht mehr kann, dann ist es das Ende für unseren physischen Körper. Das Ende des jetzigen Lebens auf dieser Erde. Und ich schrieb damals, dass es das Ende meines Lebens wäre.
Verhungert. Verhungert an fehlender Liebe und Herzschmerz.
Das berührt mich sehr. An diesem Punkt gibt es nicht viel zu schreiben, denn egal welche Worte ich jetzt verwende, sie könnten diese Tiefe nicht widerspiegeln. Jeder, der diese Zeilen liest, kann es fühlen.
Ohne Worte …
Am selben Tag schrieb ich weiter. Mit einer Hoffnung, die mich am »Leben« hielt. Die Hoffnung, die mich an diesem Tage getragen hat.
Ich würde auch den Plan (das Grazer Modell) zu Hause durchführen. Ich weiß, dass ich das dann schaffen kann. Hier glaube ich das nicht, denn ich kann schon aus Sehnsucht und Schmerz nicht essen. Mutti und Papi müssen natürlich einstimmen. Wir können es doch probieren, jeden Morgen wiegen und so – alles nach dem Modell. Wenn irgendetwas nicht klappt, dann können sie mich doch sofort wieder herschicken.
Ich wünsche mir das zu meinem Geburtstag. Von Herzen. Hoffentlich sind Mutti und Vati dafür bereit.
Der liebe Gott, du, Diddl Maus, das Schweinchen von Mutti und alle Glücksbringer müssen mir helfen. Ich möchte es wenigstens probieren. Man kann es doch wenigstens versuchen. BITTE!
Die Weihnachtszeit ist doch jetzt, mein Geburtstag und Nikolaus, ach BITTE!
Ich glaube, es ist sehr schwer für Eltern, wenn ein Kind solche Lösungsvorschläge macht.
Ich bin keine Mutter und würde aus meinem Gefühl heraus gegen alle logischen Argumente das Kind mitnehmen und ihm eine Chance geben, das Problem zu Hause zu lösen. Eine Mutter sieht das vielleicht ganz anders. Es ist ja auch eine riesengroße Gefahr und ein Spiel mit dem Leben. Die Verantwortung der Entscheidung trägt in diesem Moment die Familie.
Es sterben circa 15 % an Magersucht, hat der Arzt zu mir gesagt, und ich bin nahe daran.
Gott ist bei uns. Bei Mami, Papi, Marleen und auch bei mir. Er hilft uns.
Ich frage mich, wie ein junges Mädchen oder auch ein erwachsener Mensch – egal wer – damit klarkommt, dass man gesagt bekommt: Du stirbst vielleicht gleich.
Ich bekomme Gänsehaut und es ist komisch ruhig. Anders.
Ich versuche nachzuvollziehen, wie man das verarbeiten kann.
Ich schätze in diesem Fall, dass da eine große kindliche Leichtigkeit war und mir das Ausmaß dessen, was Tod eigentlich bedeutet, nicht vollkommen klar war. Tod bedeutete für mich nicht zwangsläufig das Ende.
Es ist noch heute so, dass ich weiß, dass unser Körper von hier weggeht.
Das ist jedoch nicht das Lebensende. Es ist aus meiner Sicht das Ende hier in diesem Körper, aber es geht auf einer anderen Ebene weiter. Es ist völlig legitim, wenn man das anders sieht. Das hier ist die Meinung, die ich dazu vertrete.
Damals und auch heute.
Der große Unterschied zu damals ist der, dass heute Respekt vor dem Tod da ist. Achtsamkeit.
Ich kann verstehen, dass sich meine Eltern damals für diesen Weg entschieden haben. Zumindest vom Verstand her. Vom Herzen möchte ich es nicht verstehen. Ich kann nicht für sie reden, ich denke jedoch, dass die Angst um das Leben ihres Kindes, die Angst um mich, ihr Handeln bestimmte. Bestimmt fiel es ihnen alles andere als leicht.
Angesichts der Zahlen von damals – 15 Prozent! – ist es ein erschreckender Faktor und ein großes Druckmittel, wie viele Menschen aus seelischen Gründen bei uns verhungern. Verhungern in einer Gesellschaft, die alle erdenklichen Lebensmittel und Luxusgüter bereithält.
Unsere Gesellschaft hat vieles, emotional jedoch kaum etwas zu bieten. Alles Materielle ist gegeben, aber wenig von dem, was die Seele des Menschen nährt. Mit steigendem Materialismus fällt die emotionale Fürsorge. Man kann alles haben, es kann einem an nichts mangeln, und doch kann man in der Tiefe seines Geistes einsam und allein, traurig, gebrochen oder hilflos sein.
In einer Gesellschaft, in der scheinbar genügend Nahrung zur Verfügung steht, starben schon zum damaligen Zeitpunkt 15 Prozent der an Magersucht Erkrankten. Die heutige Recherche ergab, dass in den vergangenen zehn Jahren die Zahl der Menschen, die an Magersucht sterben, um 30 Prozent gestiegen ist. 1,1 Prozent der Frauen und 0,3 Prozent der Männer in den westeuropäischen Ländern sind an Magersucht erkrankt. Das sind die offiziellen Zahlen. Hinzu kommen Menschen, die nicht behandelt werden, die nicht wissen, dass sie krank sind – die Dunkelziffer. (Quelle: statista.com)
Darüber hinaus fiel mir bei der Recherche eine interessante Textstelle auf. Hier hieß es, dass die magersüchtige Person nicht das Problem beziehungsweise der Fehler im System ist. Die magersüchtige Person ist sozusagen das Symptom und »bringt etwas nach draußen«. Sie oder er deckt etwas auf. Die von der Krankheit betroffene Person ist der Ausdruck des Problems, nicht die Ursache.
Dies ist ein wichtiger Fakt, den es zu erwähnen gilt. Er mag dem Leser als Hintergrundinformation dienen. Diese Information erscheint mir plausibel und nachvollziehbar. Sie ist jedoch nicht das »Gesetz«.
Ich habe mir noch nie etwas so gewünscht wie jetzt. Mein einziger Geburtstagswunsch ist, dass ich nach Hause darf und wir es da mit dem Modell probieren.
Ich würde dann auch nicht zur Schule gehen, erst im zweiten Drittel des Modells. Bloß Mutti und Vati müssen ja sagen. Meine Chancen stehen aber kaum gut. Fast gar keine Chance besteht.
Ich hoffe nur, der liebe Gott steht mir bei und probiert es, dass sie ja sagen. Ein Versuch ist es doch wert, oder?
Ach BITTE, ich wünsche es mir so sehr.
Ich vermisse sie. Am liebsten würde ich jetzt mit allen dreien über den Weihnachtsmarkt schlendern.
Alles duftet und sieht nach Weihnachten aus. Zusammen basteln, Gestecke machen, Fenster schmücken, in der Stube sitzen. Schön weihnachtlich.
Ach wäre das schön, bei ihnen zu sein. Ich würde auch alles dafür tun, doch sie lassen mich bestimmt nicht, denn ich könnte auch schnell sterben, wenn etwas danebengeht.
Aber ich würde versprechen, dass nichts danebengeht – wirklich.
Hilf mir doch bitte, lieber Gott. Ich vermisse sie.
Es ist erstaunlich, was für eine Sicherheit hinter diesen Worten steckt. Die Sicherheit und das damalige Vertrauen in mein Leben – das Vertrauen, dass ich nicht daran sterben würde. Die Gewissheit, dass es noch nicht an der Zeit war zu gehen. Vielleicht auch gemischt mit Leichtsinn oder der gespürten Grenzenlosigkeit. Dem Körper kaum Essen zuzuführen war mehr, als nur über körperliche Grenzen zu gehen. Es war quasi selbstverständlich, die Warnsignale des Körpers zu überhören und trotzdem zu leben.
Im Gegensatz zu Zeiten vor der Klinik. Zu diesen Zeiten hatte ich, wie bereits beschrieben, des Öfteren das Gefühl, mein Herz würde bald stehen bleiben und es wäre vorbei. Daran kann ich mich sehr genau erinnern. Ich erinnere, dass ich im Bett lag und mein Herz kaum noch schlug. Kurz vor dem Ende.
Da war diese Sicherheit am Wanken.
Ich kann nicht dafür garantieren, wenn ich sage, dass ich anhand dieses Wissens den Vergleich ziehen darf, dass ich es innerlich gespürt hätte, wenn das Ende nah war. Ich glaube, ich hätte es gemerkt, denn da kann man nicht mehr drüber hinwegsehen.
Montag, der 04.12.2000
Heute hatte ich keine Bettruhe. Ich habe 100 Gramm zugenommen. Morgen habe ich Geburtstag und ich hoffe, ich bekomme keine Bettruhe. Ich hoffe auch, dass ich Besuch von Mutti, Vati und Marleen bekomme.
Ich vermisse sie so sehr. Die Schwester hat mir gerade einen schönen Gruß von Mutti und Marleen bestellt. Mutti wollte bestimmt horchen, ob alles in Ordnung ist.
Ich könnte den ganzen Tag heulen.
Das alles an meinem Geburtstag – na toll.
Ich sterbe bald vor Sehnsucht, sie fehlen mir so und mein Herz ist fast am Springen, so schmerzt alles.
Diese Worte sind direkt aus meinem Tagebuch. Nichts wurde verändert. Wie deutlich, bildlich und genau ich meine Gefühle beschrieb, finde ich wundervoll. Schmerzhaft und berührend und für mich kaum zu fassen, wie ich unbewusst die seelischen Leiden auf die körperliche Ebene brachte.
Jetzt als erwachsene Frau frage ich mich von Zeit zu Zeit: Warum stolpert denn mein Herz so? Um schließlich darauf zu kommen, dass es vielleicht Sehnsucht ist.
Man überhört so viel, je mehr Erfahrungen man im Leben gesammelt hat.
Es braucht viel Mut, weich und gefühlvoll zu bleiben oder es wieder zu werden, trotz vieler Verletzungen.
Ich hoffe so sehr, dass ich morgen keine Bettruhe bekomme und dass sie mich besuchen. Ich muss es ihnen doch sagen, mit dem Vorschlag.
Wenn nicht, dann möchte ich nur noch bis Weihnachten hierbleiben, und dann zu Hause würde ich es ihnen beweisen, dass ich essen kann.
Nach Weihnachten möchte ich hier nicht mehr her, aber ich weiß auch nicht, ob ich es bis dahin hier aushalte.
Erschreckenderweise dreht sich so vieles darum, dass ich wieder nach Hause komme. Da ist das Gefühl des Eingesperrtseins. Enge, Angst, Hoffnung, Traurigkeit. Ein lebensbedrohliches Gefühl für einen Menschen. Erst recht für ein Kind.
Wenn ich das so lese, dann möchte ich diesem Kind so gerne helfen. Dem Kind, das ich damals war.
Heute war ich zur Einzeltherapie, so um 14.00 Uhr.
Oh Gott, das war schrecklich. Ich musste danach so heulen. Auch schon während des Gespräches.
Ich habe mich danach im Spiegel angeguckt. Ich war kreidebleich und so habe ich mich auch gefühlt.
Mein Magen und mein Herz waren wie zugeschnürt. Ich dachte, ich sterbe vor Schmerz und Sehnsucht.
Ehrlich gesagt waren mir diese intensiven Gefühle und das Leid, das ich zu der Zeit erfahren musste, nicht in diesem Maße bewusst. Erst jetzt, wo ich diese Zeilen niederschreibe, bin ich sprachlos, was da für Gefühle in mir vorgingen.
Für mich erklären sich jetzt viele Ängste und Gefühle, die ich heute manchmal kaum aushalte und von denen ich nicht wusste, woher sie kamen. Doch ich sehe, sie haben ihren Ursprung genau dort. Dort, wo ich hilflos auf mich allein gestellt war. Wo ich Angst vor Tod, Bestrafungen wie Bettruhe und unendliches Heimweh hatte. Das Gefühl, allein zu sein.
Ich bin dankbar dafür, dass ich damals mein Tagebuch hatte. Das Schreiben und die damit verbundene Hoffnung hielten mich am Leben.
Kaffee habe ich aber trotz der Sehnsucht und der schrecklichen Gefühle getrunken. Danach habe ich mein Kalendertürchen geöffnet.
Als ich bei einer anderen war, die auch magersüchtig war, hat sie mich etwas gefragt und ich musste losweinen. Ich habe ein bisschen mit ihr erzählt und dann habe ich von ihr einen Schokoriegel bekommen – ich habe ihn auch gegessen, denn Mittag war heute auch nicht so gut.
Außerdem möchte ich morgen nicht im Bett liegen – ich habe Angst.
Das Mädchen hat mich ein bisschen aufgebaut und mir klargemacht, dass ich essen muss. Sie ist wegen Depressionen und so hier, Magersucht hatte sie auch – jetzt aber nicht.
Eben habe ich Abendbrot gegessen, nachher gibt es noch Spätstück. Drücke mir mal die Daumen, dass es etwas ist, was ich auch esse – es ist so oft Pudding. Hoffentlich kann ich diese Nacht schlafen. Nachts ist die Sehnsucht immer so groß.
Hauptsache, sie besuchen mich und ich habe KEINE Bettruhe.
Hilf mir doch bitte. Ich habe Angst und möchte nach Hause. Ich vermisse sie alle so sehr.
Es fällt auf, dass das Tagebuch immer mehr zum festen Ansprechpartner für mich wurde. Traurig und hart, nur noch diesen Halt gehabt zu haben. Dieses eine kleine Licht.
Mein Geburtstag in der Klinik
Dienstag, der 05.12.2000
Hallo liebes Tagebuch!
Toll. Heute ist mein Geburtstag.
Heute Morgen, als ich gewogen wurde, ist es 34,8 kg geblieben.
Das heißt eigentlich Bettruhe – die habe ich aber nicht.
Die Schwestern haben das, glaube ich, nicht bemerkt oder wegen meinem Geburtstag »übersehen«.
Ich glaube, Mutti hat heute Morgen angerufen. Weil: Eine Schwester sollte von Mutti fragen, ob sie mich besuchen dürfen. Ich habe zur Schwester gesagt: »Ja!«, und dann hat sie Mutti Bescheid gesagt.
Ich hatte doch erst am Anfang gesagt, sie sollen mich nicht besuchen, aber ich glaube, das kann ich auch nicht. Wenn ich sie gar nicht sehe, halte ich es auch nicht aus.
Nur wenn ich sie sehe, ist das Heimweh doch so groß. Ich hoffe, sie kommen, ich vermisse sie doch so. Hauptsache, mein Wunsch geht in Erfüllung. Sie sollen mich mitnehmen. BITTE.
Wenn man diese Worte liest, möchte man sich nicht vorstellen, was es für Gefühle hervorruft, wenn der Wunsch nicht in Erfüllung geht. Wenn der letzte »Strohhalm« wegbricht.
Wäre es ein Märchen, dann würde ich diesem Kind – mir früher – die Hand reichen, es umarmen und mitnehmen, ihm Liebe schenken und mit ihm das Essen üben. Ich würde es befreien.
Doch es war eben kein Märchen – es war Realität.
Sprachlos.
Ich wartete auf meine Familie und schrieb:
Bis jetzt sind sie noch nicht da. Ich werde bald verrückt. Ich vermisse sie so sehr. Vorhin war ich bei einer Therapiegruppe zur Entspannung, da habe ich heimlich geweint, weil ich so an sie denken musste. Ich weine bestimmt, wenn sie kommen.
Ich schreibe heute Abend noch mal ein. Jetzt ist es 13.20 Uhr. Wünsche mir Glück. Ich möchte nach Hause.
Ich hätte nie gedacht, dass ich meinen Geburtstag hier verbringen muss. Ich habe Angst und bin aufgeregt, sie zu sehen. Bis dann.
Nach dem Besuch meiner Familie schrieb ich wieder in mein Tagebuch.
Mutti, Papa und Marleen waren hier. Ich habe solche Angst gehabt, dass sie nicht kommen. Mitgenommen haben sie mich nicht. Sie haben gesagt, wenn es mit mir klappt, dann holen sie mich. Papa hat gesagt, wenn ich 45 kg wiege, soll ich ihm Bescheid sagen, er fährt dann sofort los und holt mich hier raus – auch wenn es in der Nacht ist.
Nach 17 Uhr sind sie gekommen. Ich war im Fernsehen und mir wurde im Fernsehen mit Foto gratuliert. Das hat meine liebe Oma für mich organisiert. Im Fernsehen …
Ich musste heute den ganzen Tag weinen. So einen schrecklichen Geburtstag hatte ich noch nie. Mutti und Vati waren zwischendurch eine Stunde weg. Sie waren zum Elterngespräch mit anderen Eltern, wo die Kinder auch magersüchtig sind.
Ich war mit Marleen alleine. Beim Abendbrotessen war sie dabei.
Als Mutti, Vati und Marleen losgegangen sind, habe ich nicht mehr geweint.
Sie haben mich aufgebaut. Jetzt will ich auch, dass ich das schaffe mit Weihnachten. Mutti und Vati haben gesagt, ich muss das jetzt hier einmal richtig durchziehen, und dann muss ich hier nicht noch mal her.
Ich schreibe morgen mehr ein, was ich heute bekommen habe und was mir noch zu heute einfällt.
Ich habe morgen bestimmt Bettruhe, weil ich heute so viel Kummer hatte und geweint habe. Das macht einem zu schaffen und da nimmt man schnell ab. Ich hoffe aber nicht!
Nachdem ich diese letzten Zeilen meines Tagebuches abgeschrieben hatte, setzte ich mich am Abend mit meiner Mutter zusammen. Mir brannte die Frage unter den Nägeln, warum sie mich damals nicht doch noch nach Hause geholt hatten. Es wurmte mich und ich wollte sie gerne fragen, wie es ihr und meinem Vater in der Zeit ging. Ich war in der Klinik und konnte nur anhand kurzer Besuche einen Einblick in deren Leben zu Hause gewinnen, weshalb mich auch die andere Seite der Medaille interessierte, um einen vollständigen Eindruck zu gewinnen.
Meine Mutti erzählte mir, dass für sie, meinen Vater und meine Schwester zu Hause die Welt zusammenbrach. Marleen verstand nicht, warum unsere Eltern mich einfach wegbrachten. Sie vermisste mich und war mehr als sauer. Sie machte auf ihre eigene Art und Weise Stress in der Hoffnung, unsere Eltern würden ihre Meinung ändern.
Wie ich nun weiß, wollten meine Eltern mir mit dem Klinikaufenthalt eine direkte Einweisung ins Krankenhaus sowie künstliche Ernährung ersparen. Sie konnten nichts mehr tun. Bei dem Gewicht war jeden Augenblick damit zu rechnen, dass ich einen Kreislaufkollaps erlitt und dass ich danach vielleicht nicht mehr wach werden würde.
Meine Mutter meinte, es sei das Schlimmste, wenn man sein Kind am vollen Essenstisch verhungern sieht. Sie und mein Vater wussten sich keinen anderen Rat und es ging einfach nicht mehr anders, als mich in eine Klinik zu geben. Wir hatten es lange genug zu Hause probiert, doch ich hatte nicht essen wollen.
Als ich schließlich in die Klinik kam, wäre die erste Maßnahme die künstliche Ernährung gewesen. Meine Eltern setzten sich jedoch immer wieder dafür ein, dass mir dies erspart blieb. Heute bin ich dankbar dafür, denn diese schlimme Zeit und die Unachtsamkeit, mit der man zunehmen musste, war schlimm genug. Meine Seele litt. Körper und Geist waren nicht im Einklang. Künstliche Ernährung wäre so schrecklich gewesen! Flüssigkeitszufuhr entgegen dem eigenen Willen. Gefühlsmäßig geht das fast gar nicht. Man wird vollkommen »gebrochen«. Die Seele schreit.
Was das Gefühl betraf, kam es in meinem Innern zu einem Bruch. Zu diesem Zeitpunkt war nicht mehr ich der Entscheider in meinem Leben. In der Klinik wurden die Entscheidungen von anderen gefällt, und daran musste ich mich halten. Sicher ging es den anderen Patienten nicht anders. Ob wir dort nun freiwillig waren oder nicht, wir mussten das vorgegebene Leben »mitspielen«. Ich glaube, dass die meisten Patienten unfreiwillig dort waren. Es war eine Notstation, so gut wie jeder akute Fall kam hierher. Von Drogenabsturz bis Psychosen, Epilepsie und vielem mehr. Alles durcheinander auf einer »Kinderstation«. Kinderstation hieß: bis 21 Jahre.
Ich fühlte mich hilflos und ausgeliefert. Wie in einem falschen Film. Und ich wusste nicht, wie lange dieser Film wohl gehen mochte. Mein Wille – mein Innerstes – wurde »gebrochen«. Ich handelte entgegen meinem Selbst.
Mir blieb nichts anderes übrig, als das Leben, das mir hier vordiktiert wurde, zu leben. In einer solchen Situation wird einem die Autonomie entzogen.
Am Tag nach meinem Geburtstag schrieb ich wieder in das Tagebuch:
Mittwoch, der 06.12.2000
Ich habe Bettruhe. Heute Morgen habe ich 34,7 kg gewogen. Ich muss jetzt hier einschreiben, denn ich bin schon wieder fast am Weinen. Ich vermisse sie so.
Ich sage mir aber jetzt, dass sie nächste Woche wiederkommen, und darauf freue ich mich schon.
So muss ich das sehen, es ist aber gar nicht so leicht. Es fällt mir sehr schwer. Ich habe sie alle lieb. Das ist mir hier drinnen alles noch mehr bewusst geworden. Jetzt sehe ich auch, dass sie sich Sorgen gemacht haben. Papa und Mama sahen gestern ganz schlecht aus. Vor allen Dingen Papa, ich habe ihn noch nie so gesehen und ich habe bemerkt, dass er geweint hat. Das habe ich erst ein einziges Mal in meinem Leben gesehen, und das war, als seine Oma gestorben ist. Papa sah auch ganz rot und irgendwie komisch im Gesicht aus.
Ach, wir leiden alle darunter, glaube ich.
Marleen auch, ich hoffe, dass sie keine bleibenden Schäden hat – psychisch oder schulisch. Das glaube ich aber nicht.
Wenn das hier alles vorbei ist, dann müssen wir alle zusammen eine Therapie machen. Das hat der Arzt gesagt, denn Marleen leidet mit. Sie hat auch gestern probiert, Mutti und Vati zu überreden, dass ich nach Hause kann. Aber das hat nicht geklappt. Sie hat auch geweint.
Sie hat mir erzählt, dass Tante Andrea geweint hat und meine Lieblingsoma. Das kann ich mir gar nicht vorstellen, dass Tante Andrea geweint hat.
Marleen hat auch erzählt, dass eine Freundin aus der Schule, mit der ich gerne Zeit verbracht habe, angerufen hat. Mutti hat ihr erzählt, dass ich zur Kur bin.
Meine andere Freundin, mit der ich am meisten zu tun hatte, hat noch nicht einmal gefragt, wie es mir geht, oder Hausaufgaben gebracht. Nichts.
Das hätte ich mir denken können, sie weiß ganz genau Bescheid.
Ich war immer schon ein sensibler Mensch, und bereits damals konnte ich feststellen, dass die Welt nicht nur aus guten Handlungen bestand.
Ich hatte eine gute Freundin, die in dem Dorf wohnte, in dem ich zur Schule ging. Ich erinnere mich, dass ich gerne mit ihr zusammen war. Als dann im Übergang von der 6. zur 7. Klasse der Schulwechsel kam, gingen auch unsere Wege teilweise auseinander. Sie kam auf eine andere Schule als ich, was es schwieriger machte, uns zu treffen.
Da ich in einem Dorf wohnte und sie in einem anderen, blieb uns nur der Schulbus, der bis 17 Uhr fuhr. Oder unsere Eltern fuhren uns, damit wir uns besuchen oder gemeinsam etwas unternehmen konnten. Mit dem Fahrrad war die Strecke zu weit. Abgesehen davon entwickelte es sich so, dass der Schulstress Zeitdruck mit sich brachte.
An der neuen Schule fühlte ich mich nicht wohl. Ich wurde gehänselt und als blöd hingestellt. Die anderen Schüler lästerten hinter meinem Rücken und machten sich lustig über mich. Zu dieser Zeit umgab ich mich mit einer Freundin, die ordentlich »mitrührte«. Sie kannte mich schon lange und wusste viel von mir, weshalb sie »Futter« hatte, das sie gegen mich verwenden konnte. Traurig, aber wahr. Junge Leute können schrecklich gemein zueinander sein.
Es waren viele unschöne Gefühle, die all dies in mir auslösten. Ich fühlte mich dumm, schlecht, hässlich, unter Druck gesetzt. Mir wurde keine Freude gegönnt und ich konnte mich niemandem anvertrauen. Die einzige Person, eine Bekannte, der ich etwas erzählte, verwendete es gegen mich. Bis ich irgendwann nichts mehr sagte und so gut es ging für mich war.
Meine Mitschüler auf dem angesehenen Gymnasium waren »scheinbar« gebildet und stellten etwas »ganz Besonderes« dar. Menschlich gesehen waren sie oberflächlich und gehässig. Tatsächlich gab es hier nur wenige Schüler, die mit herausragenden Leistungen glänzten. Bei einigen Mitschülern waren es die Kontakte der Eltern, die es ihnen ermöglichten, die Schule zu besuchen.
Bei mir waren es die Leistungen. Mein Wesen jedoch passte überhaupt nicht hierher. Der Schein trog. Guter Ruf und kaum etwas dahinter.
Aus heutiger Perspektive würde ich die Schule wechseln, mich diesem Umfeld nicht mehr aussetzen. Damals sah ich diese Möglichkeit nicht. Für mich gab es nur eines: Ich musste da durch! Musste es ertragen. Es gehörte eben dazu.
Und irgendwann begann ich zu glauben, dass ich so war, wie sie mich hinstellten: dumm, hässlich, blöd, nichts wert, einfach überflüssig. Sie wollten mich weghaben. Und ich wollte gehen. Nur für mich sein. Weg. Nur ich. Niemand sollte in meiner Nähe sein, der mir wehtat und der mich schlechtmachte. Ich wollte nichts als meine Ruhe haben.
Irgendwie glaube ich, dass ich nur für Mutti, Vati … zunehme. Ich weiß nicht genau, ob der Wille da ist. Ich weiß es einfach nicht.
Ein Teil von mir glaubt es aber doch, denn ich möchte hier zu Weihnachten raus sein.
Und genau das ist auch irgendwie der Punkt.
Ist ja jetzt auch egal, für wen ich das mache. Ich weiß nur, dass ich hier raus möchte, und dann schaffe ich das schon.
Es ist zu erkennen, dass eine Gewichtszunahme nur unter Druck möglich war. Sie geschah nicht von innen heraus.
Ich verstand nicht, so glaube ich heute, weshalb ich zunehmen sollte, außer um aus der Klinik zu kommen. Nach Hause. Zu meiner Familie.
Für mich selbst war es nicht. Ich hatte mich längst aufgegeben. Ich aß aus Liebe zu meinen Eltern und meiner Schwester.
Nicht für mich.
Ich ging sozusagen über mich selbst hinweg. Über meine Bedürfnisse, über meine Gefühle – über mich.
Die Hauptsache für mich war: Raus da, egal wie! Eine Wahl hatte ich nicht mehr außer Bettruhe und künstlicher Ernährung, und das wollte ich definitiv nicht. Lieber sterben als das!
Vielleicht kann ich mich ja überwinden und zu Hause anrufen, denn zwei Mal in der Woche darf ich, und ich habe noch nicht angerufen.
Gestern, als Mutti, Vati und Marleen losgehen wollten, habe ich ihnen gesagt, dass sie mir nächstes Mal was für zwischendurch zum Knabbern mitbringen. Schokolade oder so.
Sie haben sich gewundert, und da habe ich ihnen erzählt, dass es hier oft Pudding oder Lebensmittel mit Pudding drin gibt. Und sie wissen, dass ich Pudding schon, seit ich ein kleines Kind bin, nicht esse.
Das hat die eine Schwester mitbekommen und Papa hat sie gefragt, ob man dann etwas anderes haben kann.
Sie hat gesagt: »Ja, man muss es nur sagen.«
Papa hat zu mir gesagt, das soll ich dann immer machen. Dabei habe ich gefragt, und sie haben mir nichts anderes gegeben! Heute beim Kaffee schon wieder. Sie meinten, sie haben keinen anderen Kuchen und so weiter, dabei hatten Sie doch anderen!
Ich habe mich dann überwunden und habe den gegessen (ist doch gut). Jetzt haben die Schwestern wieder etwas Neues zum Tratschen und Hochziehen.
Immer müssen diese ollen Weiber lästern.
Das sage ich auch beim nächsten Mal Mutti und Vati.
Aus kindlicher Sicht super ausgedrückt, wie ich finde. Während ich das schreibe, kann ich mir ein Grinsen nicht verkneifen.
Ich kann mich daran erinnern, dass auch im Krankenhaus hinter dem Rücken der Patienten geredet wurde. Das war schlimm! So etwas scheint Standard geworden zu sein, ist aber absolut fehl am Platze.
Menschen in Psychiatrien, Altenheimen oder Krankenhäusern sind nicht dumm. Und sie merken mehr, als man annehmen mag. Während der Zeit, die sie dort verbringen, benötigen Sie Hilfe von außen.
Völlig legitim. Jeder von uns kann in eine solche Situation geraten. Und ich wünsche jedem, der auf Hilfe angewiesen ist, das Beste und einen wertschätzenden Umgang zwischen Helfenden und Hilfebedürftigen.
Dieses Thema regt vielleicht den ein oder anderen meiner Leser zum Nachdenken an. Oder auch nicht. Beides ist vollkommen in Ordnung, denn wir sind Menschen, und wären wir vollkommen, wären wir nicht hier.
Da war eine ganz aufmerksame Art in meinem Wesen, die mir auch heute noch innewohnt, weshalb ich es regelrecht fühlen kann, wenn andere über mich reden. Vielleicht nicht immer schön für die anderen, aber gut für mich.
Heute nehme ich es wahr und ordne es für mich ein. Ich spreche diejenigen an oder ziehe Schlüsse daraus und sehe mir an, aus welchen Gründen sie abwertende, unpersönliche Dinge sagen. Das Verstehen des anderen bringt meistens Klärung und ich kann loslassen.
Mittlerweile ist es jedoch so, dass die Menschen, mit denen ich mich umgebe, solche Verhaltensweisen nicht an den Tag legen. Bei allen anderen, also bei denjenigen, die ich mir nicht aussuchen kann, ist es eben manchmal so, dass sie negativ reden. Ich registriere das. Anschließend überlege ich mir, wie ich damit umgehe, und stelle fest, was ich fühle. Natürlich nehme ich mir auch heute noch manches zu Herzen, aber ich reflektiere es, um damit abschließen zu können.
Heute habe ich an Papas Worte gedacht und habe einfach gegessen. Egal ob es geschmeckt hat oder nicht.
Ach Mann, ich möchte nach Hause. Heute ist Nikolaus!
Wir haben von der Station einen Spekulatius, einen kleinen Weihnachtsmann, zwei Mandarinen und einmal Marzipankartoffeln bekommen. Den Spekulatius habe ich heute schon gegessen – zu dem komischen Puddingkuchen. Morgen früh werde ich ja sehen, ob sich etwas auf der Waage getan hat.
Wieder schleicht sich mir ein kleines Grinsen ins Gesicht, wenn ich lesen darf, dass ich nie den Blick für die kleinen Dinge verlor. Auch dort war ich dankbar für das Nikolausgeschenk und konnte es wahrnehmen. Trotz aller negativen Aspekte war es mir möglich, Positives zu sehen. Diese Eigenschaft konnte ich mir bis heute bewahren.
Heute darf Marleen ihr Nikolausgeschenk von mir aufmachen. Ich hoffe, sie freut sich darüber. Ich bin schon gespannt, was sie nächstes Mal dazu sagt. Es ist ein Armkettchen.
Mich berührt die Tatsache, dass ich meine Schwester schon damals sehr liebte. Sie war mir wertvoll und lag mir am Herzen. Bereits als kleines Kind dachte ich bei jeder Geburtstagsfeier meines Kumpels an sie. Laut Bericht seiner Mutti fragte ich jedes Mal: »Darf ich denn auch was für Marleen mitnehmen?« Süß, wie ich finde.
Heute ist unser Verhältnis nicht so eng. Da ist eine gewisse kühle Distanz. Schwer zu beschreiben. Wir sehen uns kaum, leben jedoch zurzeit nicht weit voneinander entfernt. Zwischen uns entstand irgendwann ein Bruch und ich glaube, das muss in genau dieser Zeit geschehen sein.
Ich kann für mich sagen, dass ich Marleen nach wie vor liebe. Egal was sie auf dem Herzen hätte, ich wäre für sie da.
Ich weiß, dass auch sie mich liebt. Nur eben anders.
Gerne möchte ich dir noch erzählen, was ich gestern zum Geburtstag bekommen habe. Mutti, Vati und Marleen haben mir einen Blumenstrauß und einen Luftballon (riesengroß) – wo »Happy Birthday« draufsteht und ganz viele kleine Luftballons, bunte Bändchen und das Geschenk drin sind – geschenkt.
Dann habe ich einen Weihnachtsmann mit einem Kalender (ohne Schokolade, extra an mich gedacht) von meiner Tante bekommen. Das Geschenk sollten Mama und Papa mitnehmen. Mutti hat mir erzählt, dass meine Tante mir den Weihnachtsmann schenkt, damit ich mich nicht so alleine fühle, zum Kuscheln. Der Weihnachtsmann ist auch total süß.
Ich habe von einer aus einem anderen Zimmer auch ein kleines Geschenk bekommen. In einer Serviette total süß verpackt. Einen Nagellack. Der ist so silber, lila-rot, weinrot. So wie ein Mantel, den ich in Krefeld bekommen habe. Na ja, wenn ich hier raus bin, mache ich ihn mir ran, das habe ich Marleen versprochen, und dazu soll ich dann auch den Mantel anziehen.
Den Luftballon, den Kalender und den kuscheligen Weihnachtsmann habe ich noch nicht ausgepackt. Den Weihnachtsmann und den Kalender packe ich vielleicht morgen oder am Wochenende, wenn ich traurig bin, aus.
Mit dem Luftballon warte ich noch, bis Mutti, Vati und Marleen kommen. Mutti hat mir auch noch neue Sachen geschenkt. Eine Trainingshose (schwarz und aus Filz) und einen grünen Pullover, auch aus Filz. Sie hat mir das nicht zum Geburtstag geschenkt, sondern jetzt, weil ich einen brauche. Ich sehe es aber als Geburtstagsgeschenk. War bestimmt teuer, denn der grüne Filzpullover ist von adidas.
Das alles ist nicht so wichtig und Nebensache. Ich möchte nichts Materielles, das wissen sie auch. Sie hätten mir nichts schenken müssen. Ich freue mich aber darüber, dass sie mir etwas geschenkt haben. Trotzdem.
Trotzdem, weil ich sie enttäuscht habe, und ich habe das nicht verdient. Ich will nur, dass ich nach Hause komme und sie mir verzeihen. Wenn sie mir verzeihen, dann bin ich froh.
Aber ICH werde es mir NIE verzeihen.
Ich habe sie enttäuscht und verletzt und alle mit reingezogen. Sogar Marleen. Und das ist nie wiedergutzumachen. Wenn ich zu Hause bin, möchte ich gerne meinen Geburtstag nachfeiern. Außerdem möchte ich dann meine Geburtstagspost lesen, denn die durften sie nicht mitbringen. Das war kein guter Geburtstag, ohne Familie – und dann noch Nikolaus. Es ist alles so schwer. Ich habe sie lieb.
Bis morgen.
Bei dir kann man sich gut das Herz ausschütten.
Hart und wie ein Stich ins Herz fühlt es sich an, wenn ich lese, dass ich mir selbst »nie« verzeihen wollte. Als ich gerade die Zeilen abschrieb, dachte ich: Oh, oh, das ist nicht gut, eine solche Schuld immer mit sich zu tragen.
Gleichzeitig weiß ich, wie gut es ist, dass ich dieses Buch schreibe. Gut, dass ich jetzt weiß, was ich mir damals selbst auferlegt habe. Es ist traurig, welche Schuld ich auf mich geladen habe.
Dieser Entschluss, mir nicht zu verzeihen, dass ich nicht essen konnte und damit den anderen wehtat, darf jetzt gelöst werden. Ich verzeihe mir, indem ich hier und jetzt dazu schreibe. Ich verzeihe mir, dass ich so mit meinem Körper umgegangen bin. Ich verzeihe mir, dass ich mir und anderen Menschen wehgetan habe.
Ich weiß, dass ich zu dieser Zeit nicht anders hätte handeln können. Vielleicht war das eine der Aufgaben für mich auf dieser Welt. Ich könnte diese Erfahrungen niemandem mitteilen, wenn ich das alles nicht so, wie ich es hier niederschreibe, erlebt hätte.
Was mir widerfuhr, war ein Hilfeschrei und sicher auch ein Warnschuss für meine Eltern, die Familie, Angehörige. Ich weiß nicht, was jeder Einzelne für sich daraus mitgenommen hat, was er oder sie gelernt hat, aber es wird einen Sinn gehabt haben.
Zumindest mussten wir alle aufwachen, in welcher Weise auch immer. Heute verzeihe ich mir und all den Menschen, die an der damaligen Situation beteiligt waren.
Meditation: Verzeihen
Um zu verzeihen, kannst du alte Glaubenssätze lösen, Dinge, die du dir auferlegt hast oder die dir auferlegt wurden. Dies kannst du in deinem Herzensraum mithilfe einer Meditation umsetzen. In deinem Herzensraum bist nur du. Du ganz allein bestimmst, wer in diesen Raum darf. Niemand kommt ohne deinen Willen hinein. Der Herzensraum ist ein geschützter Raum in dir. Dein Raum. Ein Ort, an dem du und dein Herz sich ausbreiten können. Egal wann und egal wo du bist, du kannst dich jederzeit in diesen Raum begeben. Dich fühlen und Dinge lösen.
Wenn dir alte Glaubenssätze bewusst werden, deren Zeit zu gehen gekommen ist, kannst du diese gern mit folgender Meditation lösen:
Lege oder setze dich bequem hin. Atme tief durch und schließe die Augen. Schenke dir drei ganz tiefe und bewusste Atemzüge, um hier, in dieser Position, anzukommen. Lass den Atem weiter fließen, er geht ganz regelmäßig ein und wieder aus. Fühle ihn. Fühle den Atem. Fühle, wie die Atmung einfach geschieht, wie sie ohne dein Zutun immer ein und aus geht.
Richte alle Aufmerksamkeit nach innen.
Gehe nun gedanklich in deinen Herzensraum. Wie sieht dieser Herzensraum aus?! Kannst du diesen Raum spüren?!
Angekommen im Herzensraum sage dir den entdeckten Glaubenssatz gedanklich. Sage ihn dir so lange, bis du diesen Satz fühlen kannst.
Wo fühlst du diese Worte? Fühlst du Beklemmung? Angst? Druck auf den Bauch oder den Brustkorb? Übelkeit? Unwohlsein? Fühle in dich hinein und sage dir gedanklich den Glaubenssatz, den du lösen möchtest.
Wo kannst du den Glaubenssatz spüren?
In diesen Moment, in dem du den Glaubenssatz spürst, sage dir:
»Dieser Glaubenssatz darf JETZT, hier in meinem Herzensraum, gelöst und transformiert werden. Der neue Glaubenssatz lautet (hier formulierst du den negativen Glaubenssatz so, dass er ein positiver Glaubenssatz wird – einer, der dich begleiten darf): Ich liebe mich und verzeihe mir aus tiefstem Herzen, dass ich nicht essen konnte und anderen Menschen wehgetan habe. Ich liebe mich und verzeihe mir. Dieser Glaubenssatz darf sich nun in mir ausbreiten. In tiefer Dankbarkeit.«
Gehe aus dem Herzensraum. Schließe die Tür hinter dir. Dann spüre, wie du hier sitzt oder liegst. Atme dreimal tief durch und komme ins Hier und Jetzt zurück. Öffne die Augen, und spüre in dich hinein, wie es dir nun geht.
Du bist nun ein Stück näher bei dir selbst. Fühle die Erleichterung.
Darmowy fragment się skończył.