Czytaj książkę: «Die Vögelfarm»
Carrie Fox
Die Vögelfarm
erotischer Roman

www.Elysion-Books.com
Im Jahr 1964 wurde Carrie Fox in Dinslaken, Nordrheinwestfalen geboren und verbrachte ihre Jugend in Duisburg.
Außer einer Eins in Deutsch und Kunst zeichnete sich nie ab, dass sie einmal Romane schreiben würde. Ihr beruflicher Lebenslauf führte sie über eine handwerkliche Ausbildung zur Verkaufsberaterin.
Seit vielen Jahren arbeitet sie für denselben Arbeitgeber und schafft sich ihren Ausgleich mit ihrem Hobby, dem Schreiben erotischer Romane. Sie publizierte in früheren Jahren über 50 wissenschaftliche Artikel für eine historische Fachzeitschrift und wechselte 2010 zum Thema Erotik.
Bisher von ihr erschienen sind:
2011 »Dauergeil«, Juicy-Books
2012 »Beobachte mich!«, Juicy-Books
2013 »Entfessle mich!«, Juicy-Books
2014 »Der Duft von Heu«, Juicy-Books (»Die VögelFarm«, Elysion-Books)
2015 »Die Vögelinsel«, Elysion-Books
2016 »Die Vögelfarm«, Elysion-Books
2017 »Anstandsfesseln«, Elysion-Books

Carrie Fox
Die Vögelfarm
erotischer Roman

www.Elysion-Books.com
Überarbeitete Auflage: November 2016
(Erste Auflage 2014 Juicy-Books)
VOLLSTÄNDIGE AUSGABE
ORIGINALAUSGABE
© 2016 BY ELYSION BOOKS GMBH, LEIPZIG
ALL RIGHTS RESERVED
UMSCHLAGGESTALTUNG: Ulrike Kleinert
www.dreamaddiction.de
FOTO: © Bigstockphoto
LAYOUT &WERKSATZ: Hanspeter Ludwig
www.imaginary-world.de
ISBN 978-3-96000-0563
www.Elysion-Books.com

Inhalt
Der magische Mann
Einsamer Jonathan
Furrylady Kim
Der bayrische Beckenbrecher
Ein nasses Ereignis
Verzauberung am See
Die Melkmaschine
Die Liebeslinde
Bauer sucht Frau
Ein Wunder geschieht

Der magische Mann
Nervös tippelte Marie-Claire mit roten Fingernägeln auf der Glasplatte des Schreibtisches. Es musste eine Lösung geben, so konnte es nicht weitergehen. Sie starrte auf den Bildschirm des Laptops, aber ihre Gedanken waren bei ihrer Freundin Susanna. Seit einem Jahr war sie ohne einen Lover und auf dem besten Weg, in ein seelisches Loch zu fallen. Sie tat ihr leid, und darum hatte sich Marie-Claire entschlossen, ihr zu helfen. Marie-Claire hatte vor gut einem halben Jahr schon einmal versucht, Susanna mit einem guten Bekannten zu verkuppeln, doch Susanna hatte bemerkt, dass die Situation fingiert war, und sich nicht darauf eingelassen.
Was war jetzt zu tun? Marie-Claire lehnte sich zurück und überlegte. Sie wippte mit dem Bürosessel, schlang ihre Beine übereinander und sah aus dem bodentiefen Fenster auf das rege Treiben in München hinunter. Sie wollte die alte Susanna zurückhaben, die früher glücklich und spaßig war. Es wäre schade, wenn sie sich weiterhin wie eine Auster verschließen würde. Schließlich hatte sie ihr Leben noch vor sich und es würde ihr mit Sicherheit noch schöne Stunden bieten. Marie-Claires Hilfsbereitschaft ihr gegenüber war groß und sie fühlte sich dazu bewegt, alles Mögliche für Susanna zu tun.
Marie-Claire hatte Ricardo Foresee in einem Lokal in München kennengelernt. Sie brauchte nicht darum zu kämpfen, diesen überaus attraktiven Mann zu erobern. Seine Augen hatten es ihr angetan und Ricardo gefiel es, wie elegant und sexy sie sich bewegte. Die magische Anziehungskraft kam nicht von ungefähr, denn später fand sie heraus, dass die Wahrsagekunst seine Aufgabe und Berufung war. In ihrem Kopf formte sich eine neue Strategie der Verkupplung. Ihr neuer Freund war also hauptberuflich Magier, das kam ihr gelegen. Genau das würde Susanna wahrscheinlich helfen. Sie musste versuchen, ihn für ihre Pläne anzuheuern.
Es wäre leicht, alles in die Wege zu leiten, damit Ricardo mit Susanna zusammentraf. Drei Tage zwischen der Abmachung und dem Termin würden reichen, um nicht auffliegen zu lassen, dass sie hinter dieser Verbindung stand. Susanna glaubte an das Schicksal und war den unerklärlichen Dingen auf dieser Welt zugetan, darum würde es wie eine göttliche Fügung klingen, dass Ricardo zur richtigen Zeit da war.
Marie-Claire wollte Susanna helfen, aus der einsamen Lage herauszukommen und sie dazu bringen, das Leben in vollen Zügen zu genießen. Offenbar gab es bloß eine Lösung, ihr zu zeigen, wie der Hase lief und wie schön das Leben und die Liebe sein konnten: das Schicksal.
Marie-Claire zog sich die Lippen mit einem roten Lippenstift nach und betrachtete das Ergebnis in einem Handspiegel, den sie unter dem Schreibtisch liegen hatte. Des Öfteren musste sie sich vergewissern, gut auszusehen, bevor der nächste Kunde ihr Büro betrat. Ein seriöses Unternehmen duldet keine Schlampigkeiten. Sie stand auf und strich den schwarzen, eng anliegenden Rock, der ihre schlanken Hüften und ihren runden Po betonte, glatt. Dann schüttelte sie ihr blondes Haar auf, das beinahe bis zum Po reichte, als wollte sie zum Angriff übergehen. In gewisser Weise tat sie das wirklich. Sie griff zum Telefon und tippte Ricardos Nummer ein. Marie-Claire hieß mit bürgerlichem Namen Maria Klarissa von Moosberg. Um ihren Namen aufzupeppen und jung und dynamisch zu wirken, nannte sie sich selbst Marie-Claire. Dieser Name klang weitaus melodischer als der echte und zerschmolz beim Aussprechen auf der Zunge, fand sie. Ihr spezieller Beruf brachte die seriöse Idee mit sich, einen einprägsamen Namen zu besitzen. Auch ihre angestellten Ladys trugen Pseudonyme. Um Stalkern vorzubeugen, die in die Privatsphäre der Angestellten eingreifen könnten, sah sie es als sie beste Lösung an, die Vornamen zu verändern.
Erst seit zwei Jahren hatte Marie-Claire sich ihre eigene Agentur für den speziellen Begleitservice aufgebaut, das entsprach ihrer offenen Art und ihrem Lebensstil. Sie hatte sozusagen ihr Hobby mit dem Beruf kombiniert, Menschen zusammenzubringen, indem sie Begleiterinnen für wohlhabende Herren anbot. Ihr Job bestand nicht nur aus eintönigen Vermittlungen, manchmal musste sie sich kluge Strategien einfallen lassen, damit den Herren etwas geboten wurde. Ihre Handlungen waren stets diskret. Es war sozusagen ihr spezielles Erfolgsgeheimnis, unter verdeckter Hand die besten und aufregendsten Verbindungen zu schaffen.
Und genauso wandte sie sich erneut ihrer Aufgabe zu, in der Datei nach einer passenden Begleitung zu suchen. Es sollte eine attraktive, junge Frau sein, die Englisch oder Französisch sprach. Ein Amerikaner hatte sich telefonisch gemeldet. Er war auf der Durchreise von Genf nach Wien und suchte für einen Messebesuch in Landsberg eine hübsche Frau zum Vorzeigen. Schlank, schwarzhaarig und gebildet waren seine Wünsche und Marie-Claire fand sogleich eine Dame, die diese Anforderungen erfüllte. Bella-Lolita war genau die Richtige. Alle Herren, die eine Begleit-Lady suchten, wollten Eindruck machen. Meist waren die Abende und die Nächte lang und Marie-Claire wusste genau, was dann abging. Sie selbst hielt sich zurück und begleitete niemanden beruflich. Privat angelte sie sich hin und wieder einen knackigen Kerl. So wie Ricardo. Ob es ihr gelingen würde, Susanna in dieselbe Richtung zu bringen, oder zumindest ihre Lust auf Männer zu wecken? Sie musste behutsam vorgehen, andernfalls würde Susanna wieder einen Rückzieher machen.

Susanna Ammerland schlenderte gut gelaunt durch die Stadt. Sie trug ihre halblangen, blonden Haare offen. Der Wind blies sie sanft in leichten Wellen nach hinten. Ihre Erscheinung war durchschnittlich bei einer unauffälligen Größe von einssechzig. Sie hatte keine Modelmaße, wie ihre Freundin Marie-Claire, besaß jedoch ein anziehendes Wesen, das nicht zuletzt wegen ihres strahlenden Lächelns jedermann sympathisch war. Ihre blauen Augen waren scheu und groß, wie die eines Rehs. Ihre süßen Grübchen auf den Wangen arrangierten sich perfekt mit ihrer Gestalt. Ihre angenehmen Rundungen saßen an der richtigen Stelle und ihre Gangart war gemütlich. Sie trug flache Sneakers, eine weit schwingende, hellgelbe Tunika und Jeans. Susanna begab sich nicht jedes Wochenende auf nächtliche Touren und Diskothekenbesuche. Wenn schon, dann besuchte sie ruhigere Lokalitäten, wie Restaurants oder Museen. Neben ihrem Job in einem Großraumbüro pflegte sie ihre Wohnung und ging in Hausarbeiten auf. Kochen war ihre Leidenschaft und Ordnung lag ihr im Blut. Die fast schon übertriebene Hausarbeit hatte sie sich während ihrer letzten Beziehung angewöhnt. Auf Dauer bot sich ihr jedoch keinerlei Abwechslung und brachte ihr keinen Ausgleich. Es fehlte etwas Neues, ein gewisser Kick. Sollte sie in ihrer Arbeit und in ihrem Haushalt etwa versauern?
Tief in ihrem Inneren spürte sie, dass sie ihr Leben ändern musste. Vielleicht reichte der Tipp ihrer Freundin aus, um Türen zu öffnen, die ihr bisher verschlossen geblieben waren? Susanna hatte vor drei Tagen einen Anruf von Marie-Claire bekommen, die ihr vorschlug, sich von einem Wahrsager beraten zu lassen. Und nun hatte sie sich auf den Weg gemacht, um eine spannende Sache zu erleben. Sie ging durch die größte von Münchens Einkaufsmeilen, bevor sie hinter der Kirche abbiegen musste. Während sie über ihre Lebenssituation nachdachte, war sie am Ziel angekommen. Einmal noch musste sie die lebhafte Straße im Münchner Stadtkern überqueren. Sie stand an der Fußgängerampel und wartete auf das grüne Zeichen, während sie ihre Umgebung als laut und unerträglich wahrnahm. Das ständige Vorbeirauschen der Autos und die vielen Menschen nervten sie. Vor dem Haus des Wahrsagers legte sie einen Finger auf den Klingelknopf. Er sei aus London nach München gezogen, um mit seinen seherischen Kräften den Menschen zu helfen und sein eigenes mystisches Label samt den dazugehörigen Räumen zu organisieren und aufzubauen, hatte Marie-Claire erzählt. Inzwischen sei er in der Szene bekannt. In Susannas Augen hatten solche Leute etwas Geheimnisvolles und Verruchtes an sich. Sie hatte von Scharlatanerie gehört, von Betrug und Abzocke, aber auch von Geschichten, die in einem Happy-End gipfelten.
Ob er ihr helfen konnte? Ein fremder Mann? Ihm sollte sie vertrauen? Marie-Claire hatte begeistert berichtet, was er alles über sie herausgefunden hatte, obwohl er sie am Anfang nicht kannte. Susanna war skeptisch, doch sie sah es als ihre Chance an, herauszufinden, ob sie in Zukunft die große Liebe finden würde. Ein Jahr ohne Freund und ohne Liebe war bitter genug. Es hatte sich der Wunsch gefestigt, eine neue Beziehung zu beginnen. Mit einer gemeinsamen Wohnung, Interessen, die man teilen würde und mit viel Sex. Susanna hatte in verschiedenen Cafés versucht neuen Anschluss zu finden. Bisher waren ihre Bemühungen umsonst gewesen. Sex hatte im vergangenen Jahr nicht stattgefunden und sie fühlte sich regelrecht ausgehungert. Sie hatte sich des Öfteren ertappt, Männern hinterher zu sehen und Fantasien zu genießen. Jemanden anzusprechen hatte sie sich nicht getraut. Obwohl sie sicher war, dass es Männer geben musste, die ihre fraulichen Kurven zu schätzen wussten, war ihr ein solches Exemplar bisher nicht über den Weg gelaufen. Mit dem Kontakt zu Männern haperte es, weil sie schüchtern war und sich distanziert benahm. Wie eine unsichtbare Schranke verhinderte ihre Angst, dass einer sie ansprach. Sie vergrub sich in ihrer Arbeit. Sie war Sekretärin in einem Großraumbüro und wohnte mitten in der großen, lauten Stadt. Eigenartig, dass man unter dermaßen vielen Menschen einsam sein konnte. München hatte Flair und versprach viel, was auf Susannas Leben aber nicht zutraf. Irgendwo musste es ihn doch geben, den Mann ihrer Träume.
Ricardo Foresee stand auf einem Emaille-Schild mit silbernen Sternchen. Foresee … hieß das nicht Vorsehung?
Susanna nahm all ihren Mut zusammen und klingelte. Schritte waren zu hören, ein leises Knacksen in der Tür. Sie öffnete sich. Ricardo Foresee stand vor ihr. Er war einen Kopf größer als sie, hatte schulterlanges, schwarz glänzendes Haar und einen durchdringenden Blick wie der Schauspieler Sky Dumont. Den graugrünen Augen nach würde ihm die Rolle eines Ganoven gut stehen. Susanna empfand seinen Blick als Provokation. Trotzdem wirkte er mit seinen weichen Gesichtszügen vertrauenswürdig. Seine Lippen waren zu einem angedeuteten Lächeln verzogen. Diese seltsame Mischung beeindruckte Susanna. Die unergründlichen Augen, die geheimnisvoll blickten, passten perfekt in sein Gesicht, das männliche Züge hatte. Als Ricardo zu sprechen begann, war Susanna fasziniert von den Bewegungen seiner vollen Lippen. Was er für einen schönen Kussmund besaß. Er lächelte, während er sie freundlich und bestimmend ansah. Je länger Sie ihm ins Gesicht sah, desto mehr verlor sie von ihrer Scheu und der Skepsis. Es fühlte sich an, als wollte er sie hypnotisieren.
»Sie sind sicher Susanna Ammerland?«, fragte er und gab ihr zum Gruß die Hand.
Er sprach gut Deutsch, nur ein Hauch von einem englischen Akzent war hörbar. Susanna griff zu und spürte den Bruchteil einer Sekunde etwas, das sie wie einen elektrischen Sog bezeichnen würde. Kurz und doch sehr intensiv. Ihre Hand zuckte zurück. Eigenartig, es fühlte sich wie ein kleiner Stromschlag an.
»Äh ja«, stammelte sie, ballte die Faust und rieb die Fingerkuppen am Daumenballen, um das eigenartige Gefühl von der Handfläche zu verbannen.
»Kommen Sie rein.« Er deutete in den Raum hinter sich und ging vor. Susanna betrachtete ihn von hinten. Er war schlank, trug ein blütenweißes, durchscheinendes Hemd, das sich an seine Taille schmiegte und die muskulöse Schulterpartie betonte. Was für ein kräftiger Rücken, er trainierte bestimmt, um so toll auszusehen. Er trug eine schwarze, eng anliegende Lederhose, die seinen knackigen Hintern betonte. Bei jedem seiner Schritte sah Susanna seine Muskeln spielen. Was für eine Erscheinung. Dieses Aussehen passte in Susannas Schema, was Männer betraf. Foresee war ein Traum aus Knackigkeit und Freundlichkeit. Die Kombination war perfekt. Die schlanken Seiten des Hinterns animierten zum Anfassen. Wie gern hätte Susanna gefühlt, wie sich seine prallen Muskeln unter ihren Fingern bewegten. Im Geiste sah sie, wie Foresee auf dem Bett lag und sie ihn mit ihren Fingerspitzen erkundete. Sie würde über den wohlgeformten Körper streicheln und die Festigkeit des Fleisches spüren. Ob er behaart war? Sie stellte sich seidig weiche Haut am Rücken und eine gepflegte Brustbehaarung vor. Und weiter unten? War er rasiert? Bei dem Gedanken, rasierte Haut an den Eiern zu fühlen und einen glatten Schaft in der Hand zu halten, wurde Susanna erregt. Sie stellte sich vor, wie er sich mit Streicheleinheiten revanchieren würde und wie sie sich gegenseitig berühren würden. Sie stellte sich seine weichen Finger und die damit verbundene zärtliche Berührung vor. Eine Hitzewelle erfasste sie und sie spürte, wie ihr Höschen bei der Vorstellung, ihn zu verführen, feucht wurde.
Es verwirrte sie, dass sie plötzlich von ihren Gefühlen übermannt wurde. Trotzdem war Susanna gespannt, was sie erwarten würde. Schade, dass der Weg in den Wahrsageraum so kurz war! Dieser Typ bescherte ihr die tollsten Fantasien. Gern hätte sie noch weitergeträumt.
»Marie-Claire hat gesagt, dass Sie mich besuchen werden. Sie dürfen mich Ricardo nennen«, riss er sie aus den Gedanken.
Sein Arbeitsplatz bestand aus einem runden Tisch aus weißem, polierten Marmor. Typische Utensilien befanden sich am Rand des Tisches. Eine Kristallkugel in einem Ständer, ein goldenes Pendel an einem verschnörkelten Silberstab, Tarot-Karten. Zwei prunkvolle, dunkle Stühle mit fantasievollem, barocken Schnitzwerk und waldgrünen, samtbezogenen Sitze standen sich gegenüber.
Das Zimmer wirkte dunkel, aber nicht unheimlich. Es hatte einen magischen, historischen Stil. Kerzen auf verschlungenen Kerzenständern ließen die Atmosphäre romantisch und gleichzeitig geheimnisvoll erscheinen. Die Decke war in einem dunklen Lila gestrichen und die Wände des kleinen Raums mit roten und silbernen Organza-Stoffen verhängt. Es gab keine Fenster, nur die Tür, durch die sie hereingekommen waren. Das Ganze hatte einen orientalischen Touch und unterstützte das Flair von Magie. Susanna konnte den Zauber spüren. Oder war es Ricardo, der ihr den Eindruck vermittelte, sich in einem Zauberland zu befinden? Waren es seine Augen? Sein anziehender Blick? Oder führte die leise Meditationsmusik zu diesen Gefühlen?
»Bitte nehmen Sie Platz.«
Susanna setzte sich auf den Stuhl und legte die Hände auf den Schoß. Gespannt erwartete sie die geheimnisvolle Wahrsagekunst. Ricardo nahm die Karten und gab sie ihr in die Hand. Wieder war der hauchzarte Sog zu spüren. Er berührte ihre Hand bei der Kartenübergabe und ließ seine Finger zurückgleiten, als er den Kartenstapel ihren Händen übergab, was ein leises Prickeln hinterließ.
»Mischen Sie die Karten und denken Sie an eine Frage.«
Da war dieses gerollte R, ganz schwach nur, aber sehr sexy. Und angenehm sympathisch. Sie konzentrierte sich auf die Frage nach der Liebe und blätterte die Karten verdeckt untereinander. Ricardo beobachtete sie und Susanna ließ ihren Blick nicht von seinen Augen. Ob er bereits in ihrem Gesicht lesen konnte? Neugier? Angst? Erregung? Unsicherheit? Oder wusste er sogar, was sie beim Hereinkommen über ihn gedacht hatte? Konnte er von ihren Fantasien wissen? Wie peinlich wäre das …
Susanna versuchte, ihre Mimik zu beherrschen, wie ein Pokerspieler. Sie senkte ihren Blick und glaubte, dass schon ihr Lächeln ihm Anlass zu irgendwelchen Deutungen geben könnte. Sie wollte prüfen, ob ihre Freundin recht hatte, Ricardo sollte in ihr ein unbeschriebenes Blatt sehen und sie wollte keinen verräterischen Gesichtsausdruck zeigen.
Langsam und bedächtig mischte sie den Kartenstapel und gab ihn erst an ihn zurück, als er sie dazu aufforderte. Er legte die Karten in Reihen aus. Symbole und Zeichnungen waren darauf zu sehen.
»Es sind französische Tarot-Karten«, sagte Ricardo, als hätte er gehört, was Susanna dachte.
»Interessant. Da sind Bilder drauf.«
»Das sind die sogenannten hohen Arkanen.«
»Wie geheimnisvoll«, erwiderte Susanna und fühlte sich, als ob sie langsam der Welt entrücken würde. Die Umgebung wurde schemenhaft und ihre Augen fokussierten die Tischmitte mit den Karten.
»Die hohen Arkanen sind die Mysterien des Lebens. Es gibt zweiundzwanzig und sie lassen erkennen, was in der Vergangenheit war, wie es Ihnen im Moment geht und was die Zukunft bringen wird. Ich mache heute die Kurzversion und deute die vier Hauptkarten.«
»Eine liegt auf dem Kopf. Wollen Sie sie nicht umdrehen?«
Susanna streckte ihre Hand aus. Hastig wehrte Ricardo ab, indem er schützend seine Hand hob, als ob er nichts in die Kartenaura gelangen lassen durfte. Seine Nasenflügel bebten leicht, er sah angestrengt auf das Kartenbild und seine Hände schwebten darüber. Susanna ahnte nichts Gutes.
»Diese Karte hat eine besondere Bedeutung, sie liegt nicht verkehrt herum, sie zeigt den Gehängten.«
Der Gehängte! Das war sicher kein gutes Omen.
»Vertrauen Sie dem Kartenbild, es legt Ihre Situation offen. Ich lese die entsprechenden Informationen heraus und sage Ihnen, was dort steht. Sie selbst müssen das Ergebnis auf Ihre Situation umsetzen.«
Das klang einleuchtend! Außerdem hatte Marie-Claire Riccardo empfohlen, es würde schon alles gut gehen.
Susanna konzentrierte sich auf ihre innerlich gestellte Frage nach der großen Liebe und hörte fasziniert zu.
»Die vier außen liegenden Karten geben ein Hauptbild Ihrer Situation ab. Der Wagen, der Gehängte, der Stern und das Gericht.« Ricardo hielt Zeigefinger und Daumen unter sein Kinn. Misstrauisch beobachtete sie seinen Gesichtsausdruck. Er schien ernsthaft bei der Sache zu sein. »Der Wagen symbolisiert Ihre Gewohnheiten, von denen Sie sich verabschieden müssen. Die Karte deutet auf eine große Veränderung. Sie werden viel zum Nachdenken haben und Sie sollten akzeptieren, dass es nichts Perfektes gibt. Ihr Leben brachte bisher nichts Vollkommenes, umso besser müssen Sie sich vorbereiten.«
Der englische Akzent war so gut wie verschwunden, trotzdem belustigte Susanna die Tatsache, dass er pörfekt sagte und dabei das R rollte. Spielte Ricardo auf ihr Liebesleben an? Woher konnte er wissen, dass die Männer, die in ihrem Leben eine Rolle gespielt hatten, nicht von Bestand waren, nicht wie sie es sich wünschte, nicht perfekt? Susanna hatte ebenfalls bemerkt, dass sie nicht perfekt war. Rein äußerlich gäbe es einiges, was sie verändern müsste. Sie fand sich zu dick, trug einen unauffälligen Kleidungsstil und hatte sich in der Zeit des Alleinseins gehen lassen. Ganz klar, das musste sie ablegen. Sollte das etwa der Anfang der prophezeiten Lethargie sein? Susanna fühlte sich berührt und nahm sich vor, diesen Wandel, von dem er sprach, rasch in Angriff zu nehmen.
Ricardo tippte mit seinem schlanken Zeigefinger auf den Gehängten. Sie zuckte zusammen. Sie fand diese Karte ganz und gar nicht positiv. Das Bild sah abscheulich aus.
»Der Gehängte zeigt Ihnen, wie Sie mit Ihrem Schicksal umgehen sollten«, deutete Ricardo.
Er sah Susanna intensiv in die Augen. Sie konnte sich diesem unheimlichen Blick nicht entziehen und war zum Bersten gespannt auf das, was folgen würde.
»Wenn Sie diese Karte liegen haben, erwarten Sie Intrigen und Hinterhältigkeit. Sehen Sie die negativen Elemente als Teil Ihres Lebens, dann können Sie in Ihrer zukünftigen Situation Glück und Zufriedenheit erlangen. In Zusammenhang mit dem Wagen, der als Nächstes liegt, können Sie vor Ihrer vermeintlich aussichtslosen Situation fliehen.«
Sie hatte den Eindruck, dass er tief in sie hineinsehen konnte. Als wüsste er, dass sie aus ihrer Haut steigen wollte, es aber nicht konnte. Intrigen? Vielleicht sollte sie an ihrem Arbeitsplatz auf der Hut sein? Fliehen? Das hing bestimmt mit der Veränderung zusammen. Sie war in der Tat unzufrieden mit ihrer Umgebung. Die Arbeit, die Nachbarn, die spießige Gesellschaft, alles um sie herum schien unerträglich. Sollte sie den Wohnort wechseln? Wäre es besser, einen neuen Anfang zu wagen? Vielleicht hatten ihre Überlegungen in diesem Moment begonnen und hielten den ganzen Tag an? War es das, was Ricardo mit viel nachdenken meinte? Susanna musste ihr Leben ändern, das stand jedenfalls fest.
»Die nächste Karte zeigt Ihr Wesen.« Ricardo legte einen Finger auf das Bild der hohen Arkane, die den Stern zeigte.
»Sie werden im Einklang mit Ihrer Umgebung sein. Harmonie ist für Sie wichtig. Die Sterne, die Sie auf dieser Karte sehen, symbolisieren Ihre Träume. Passen Sie gut auf Ihre Träume auf! Der weiße Ritter im Hintergrund steht für Liebeswünsche. Es ist an Ihnen, wie schnell er sich nähern kann. Sie werden durch Ihre guten Gedanken sorglos sein. Das hängt wiederum mit dem Gehängten zusammen, der Sie warnt. Sie dürfen keine schlechten Eigenschaften zulassen. Gehen Sie einfach, wenn Ihnen eine Situation unangenehm vorkommt.«
»Okay«, sagte Susanna und war baff, wie nahe Ricardo an der Wahrheit war. Sie begriff, dass die heutige Sitzung sie in eine andere Spur lenken würde. Es war wie eine Bestätigung ihrer Gedanken. Sie fand ihre Überlegungen, was den Ortswechsel betraf, richtig und fühlte eine Kraft in sich aufsteigen, die sie glauben ließ, alles erreichen zu können, was sie sich wünschte.
»Der Baum des Gehängten spielt eine Rolle. Die Karte grenzt an die Lebenskarte, das heißt, dass eine Überraschung auf Sie wartet. Der Baum des Gehängten sagt ein persönliches Schicksal voraus. Es könnte ein Stammbaum sein, oder die Kraft ihres Rückgrates symbolisieren.« Ricardo grübelte Sekundenlang und schüttelte vage seinen Kopf, als könne er selbst nicht verstehen, was da vor ihm lag. »Die letzte Karte des Quadrats ist das Gericht. Diese Karte bedeutet Entscheidung, Befreiung und Erlösung. In Kürze werden Sie von Ihren Zweifeln, Ängsten und Sorgen befreit werden. Dies ist die Voraussetzung, dass Sie Ihren eigenen Weg gehen und sich frei entfalten können. Ihre Entscheidungen werden klug sein und mit der Zeit Früchte tragen.«
»Alles wird gut«, seufzte Susanna und fand, dass die Wahrsagerei tief in ihrem Unterbewusstsein einen Denkanstoß verursacht hatte, dem zu folgen es nun galt. Sie verstand, was sie tun sollte.
»Ich fasse noch einmal zusammen: Sie haben eine Änderung vor sich, ein bestimmtes Ereignis treibt Sie nach vorn und am Ende werden Sie Ihr Glück finden.«
»Haben Sie vielen Dank, Ricardo.«
»Denken Sie an meine Worte in jeder befremdlichen oder eigenartigen Situation, dann werden Sie schnell herausfinden, was auf Sie zukommt.« Sein Blick drang tief in sie hinein, als wollte er etwas Wichtiges in ihr Unterbewusstsein pflanzen. Dieser Typ könnte ihr gefallen.
Sie spürte nicht nur seine Magie, sondern etwas Faszinierendes, was sie nicht beschreiben konnte. Es wäre schön, wenn sie ihn wiedersehen könnte, doch das würde nur ihr Schicksal entscheiden können. Wer weiß, am Ende käme sie noch mit einem Wahrsager zusammen und nicht mit dem weißen Ritter ihrer Träume, der auf der Hohen Arkane zu sehen war.
Susanna atmete tief durch, als ihr bewusst wurde, dass die große Änderung, von der Ricardo gesprochen hatte, an ihr lag. Sie stand auf, zog die Strickjacke an, die sie über die Stuhllehne gehängt hatte, und gab Ricardo zum Abschied die Hand. Ihre Finger prickelten leicht, als sie seine Hand berührte. Irgendwie als stünde Ricardo ständig unter Strom. Bei jeder Berührung ihrer Hände funkte es.
»Ich wünsche Ihnen alles Glück der Welt«, sagte Ricardo mit Nachdruck. Susanna war ihm dankbar und ließ ihre Grübchen funkeln, als sie ihren Mund zu einem strahlenden Lächeln formte. Sie versprühte neue Lebensfreude, das war ihr in diesem Augenblick bewusst. Sie drückte ihm die vereinbarten fünfzig Euro in die Hand. Marie-Claire hatte ihr gesagt, das wäre ein Freundschaftspreis.
»Danke. Ich glaube, Sie haben etwas in mir ausgelöst. Ich fühle mich auf einmal so anders.«
»Wie meinen Sie das?«
»Irgendwie stärker, entschlossener. Haben Sie vielen Dank.«
Als Susanna die Räumlichkeiten verließ, war ihr, als beträte sie eine andere Welt. Das Sonnenlicht empfing sie, als wäre sie aus den stockfinsteren Tiefen der Erde nach oben aufgefahren. Sie blinzelte, bis sie sich an die Helligkeit gewöhnt hatte. Auch die lauten Geräusche der lebhaften Straße waren wieder da. Was für ein krasser Gegensatz zu dieser entspannenden Ruhe in Ricardos Räumen!
Marie-Claire … Susanna musste mit ihr sprechen. Vielleicht könnte sie ihr noch mehr Ratschläge geben, damit sie ihrem Ziel näher kam. Sie war schließlich ihre beste Freundin und hatte ihr schon oft geholfen.

Einsamer Jonathan
Die Julisonne schien auf das kleine Örtchen in Bayern. Unterpfaffenhofen gehörte zu München und lag weit von der Innenstadt entfernt. Die Landschaft war hügelig und geprägt von verstreuten Bauernhöfen. Das satte Grün der Wiesen und die vielen Wildblumen erfüllten die Frühsommerluft mit einem süßlichen Duft. Vogelgezwitscher begleitete Jonathans Weg. Er streifte durch die Wiesen, hielt seine Handflächen vom Körper abgespreizt nach unten, ließ sie von den Grashalmen kitzeln, und lauschte der Feldlärche. Es war warm, sodass Jonathan beschlossen hatte, ohne Shirt, nur mit langen Hosen und Gummistiefeln bekleidet, zu den Wiesen zu gehen. Dadurch würde sein Oberkörper bald eine knackige Bräune erhalten. Das passte zu seinem naturburschenhaften Aussehen, fand er. Er hatte sein braunes Haar bis in den Nacken wachsen lassen und sich seit Längerem nicht rasiert, sodass es an dichten Barthaaren nicht mangelte. Der plätschernde Wiesenbach faszinierte ihn, er floss über eine Natursteinstufe und das spritzige Wasser glitzerte in der Mittagssonne. Über den Bach spannte sich eine breite Holzbrücke, die bei jedem Schritt knarzte. Als er über die Brücke ging, hörten sich seine schweren Gummistiefel an, wie dumpfe Schläge auf eine Holztruhe. Der Bach teilte zwei große Wiesen voneinander, die Jonathan abwechselnd von seinen Rindern beweiden ließ. Heute war er unterwegs, um nach dem Rechten zu sehen. Ob die Zäune dicht waren, ob es den Tieren gut ging und ob der Unterstand intakt war, falls es ein Gewitter gäbe. Hier und da rüttelte er prüfend an einem Zaunpfahl. Alle Tiere standen zufrieden grasend in der Sonne, alles war normal, es gab anscheinend keine besonderen Vorkommnisse.
Jonathan stieß einen grellen Pfiff aus und alle Rinder hoben den Kopf oder wackelten mit den Ohren. Zenzi, seine Lieblingskuh kam sogleich gemächlich schaukelnd auf ihn zu, wurde jedoch am Stacheldrahtzaun gestoppt. Jonathan streichelte und kraulte ihre breite Stirn, dass seine Finger in den dicken weißen Locken versanken und bewunderte die Anhänglichkeit dieser Kuh. Sie sah ihn mit großen Kulleraugen an. Wunderbar geschwungene, weiße Wimpern verdeckten das halbe Auge. Jonathan hatte diese Rasse zur Zucht gewählt, weil sie für überdurchschnittlich gute Fleischerträge und einer hohen Milchleistung bekannt war. Zenzi und die anderen wurden als Original Simmertaler Fleckvieh bezeichnet und Jonathan war stolz darauf, aus eigener Zucht schon über zwanzig Rinder großgezogen zu haben.
»Wenn ein Mädel so treu wäre, wie meine Kuh …« Verträumt strich er seinen Vollbart mit den Fingern der rechten Hand glatt und dachte daran, wie schön es wäre, eine Frau zum Kuscheln und Reden zu haben, die an seiner Seite die leichten landwirtschaftlichen Arbeiten erledigte oder den Haushalt schmeißen könnte. Eine Frau wäre eine himmlische Gabe, die sein Leben komplettieren würde. Er würde alles mit ihr teilen, das Frühstück und die Gefühle. Selbst die Lust am Sex würde sich in Sekundenschnelle entfalten.
Ein unerklärliches Gefühl der Sehnsucht übermannte ihn und ihm wurde bewusst, dass er endlich mit dem Suchen anfangen musste.
Er kehrte zu der Brücke zurück. Das Wasser hatte einen besonderen Klang, wenn es unter der Holzbrücke hindurchfloss. Es gluckerte dumpf unter dem Holz und rauschte hell und spritzig auf der anderen Seite heraus. Jonathan liebte diese Geräusche. Er verweilte auf der Brücke und dachte nach.
Er war achtundzwanzig, der einzige Sohn eines senil werdenden Großbauern und auf der Suche nach einer Frau. Es wurde Zeit, dass Jonathan echte Liebe und von Herzen kommende Zärtlichkeit kennenlernen sollte. Zwar hatte er Versuch unternommen, die Richtige zu finden, ab und zu ergab sich auch ein One-Night-Stand, aber ansonsten war alles ergebnislos geblieben. Jonathan war naturverbunden, passte sich seiner Umwelt an und war einer, der wusste, was es bedeutete, mit der Natur und ihren unvorhersehbaren Ereignissen zu leben.
Vielleicht war das der Grund: sein Leben war typisch ländlich.
Die Hoffnung stirbt zuletzt, dachte er. Irgendwo da draußen, wo das Leben der Stadt pulsierte, wartete sie vielleicht auf ihn. Er lehnte sich auf das breite Geländer der Holzbrücke, kaute auf einem dürren Grashalm und blickte in den blauen Himmel. Hinter dem Hügel, etliche Kilometer entfernt, hörte das Landleben auf. Dort musste er suchen. Es wurde ihm bewusster, je länger er darüber nachdachte. Sein Vater hatte ihm des Öfteren die Frau vom Nachbarhof ans Herz gelegt, doch sie war eine unsympathische Bohnenstange, ohne Form, ohne Stil und von einer unordentlichen Art. Und erst ihr Name. Elisabeth Genswürger. Jonathan musste unwillkürlich lachen, bei der Vorstellung, wie dieser Name vermutlich entstanden war. Die hätte ihm gerade noch gefehlt. Sie passte nicht zu ihm und hatte sicher keinen Sinn für die schönen Dinge im Leben. Überdies war sie mit ihren vierzig Jahren viel zu alt für ihn. Was sie wohl arbeitete? Jonathan wusste nichts über sie, außer was sein Vater und die Leute im Dorf erzählten.
Er dachte eine Weile über diese Frau nach, hob die Hand und winkte kopfschüttelnd ab. Lieber würde er noch einige Jahre suchen, bevor er sich auf Elisabeth einlassen würde. Er spuckte den Grashalm aus und ging weiter. Es war ein Juliwochenende, nicht zu heiß, nicht verregnet und Jonathans Lust auf eine neue Bekanntschaft stieg.
Heute Abend wollte er sich auf den Weg machen, beschloss er spontan. Samstagabend, da traf sich das halbe Dorf in der Stadt.
Er betrat das Haus.
»Wo warst du so lange?« Eine alte Stimme erklang aus dem hinteren Raum. Jonathans Vater war voller Sorge. Das war er immer, wenn Jonathan sich nicht abmeldete.
»Auf dem Feld. Ich habe die Zäune überprüft.«
»Sind sie in Ordnung?«
»Klar.«
»Ich habe heute Elisabeth getroffen.«
»Die Genswürger. Bitte fang nicht schon wieder damit an, Vater.« Jonathan wandte sich genervt ab. »Ich geh heute Abend aus.«
»Mit Elisabeth?« Der Alte neckte seinen Sohn bei jeder Gelegenheit.
»Vater!« Es würde noch in einem Streit enden, wenn er nicht aufhörte.
»Jaja, schon gut«, grummelte der Alte und schlurfte zu dem abgewetzten Ohrensessel, in dem er am liebsten saß. »Ich weiß nicht, was du an ihr so schrecklich findest. Es wäre hundertprozentig eine gute Verbindung, wenn sich die Höfe zweier Großbauern zusammenschließen würden. Die Grundstückegrenzen aneinander, es wäre perfekt, mein Junge!«
»Du denkst nur an den Reibach. Geld, Geld, Geld. Als wenn es das einzig Wichtige im Leben wäre.«
»Wieso? An was denkst du?«
»An Liebe. An aufrichtige Liebe und Zusammengehörigkeit. Dafür würde ich auf Reichtum verzichten.«
»Ach was!« Unwirsch wedelte der Alte mit der Hand. »Das gibt es heutzutage nicht mehr.«
»Für dich wahrscheinlich nicht mehr, aber ich glaube fest daran.«
»Glaub, was du willst. Ich hab mehr Lebenserfahrung, du wirst noch an mich denken.«
Jonathan bemerkte, dass auch dessen Laune sank. Bevor ihm der Vater seine Meinung geigen würde, sollte er lieber verschwinden.
»Das werden wir sehen. Ich geh jetzt in die Stadt und sehe mich um«, erklärte Jonathan und konnte einen leicht erbosten Gesichtsausdruck nicht zurückhalten.
»Viel Spaß und treib es nicht zu doll!« Ein raues Lachen drang aus dem faltigen Hals des alten Herrn.
Jonathan lächelte gespielt und verließ das Zimmer, um sich im Bad fertigzumachen.

»Marie-Claire, bist du da?«, rief Susanna in den langen Flur des alten Jugendstilhauses.
Ihre Stimme hallte in dem hohen Korridor wider. Sie hielt den Messingtürknauf in der Hand und wartete eine Antwort ab. Wenn Marie-Claire Besuch erwartete, ließ sie die Tür meist offen stehen. Sie kannten sich seit der Schulzeit und waren ein Herz und eine Seele, wenn es darum ging, dieselbe Musik zu hören oder am Wochenende essen zu gehen. Beim Italiener waren sie am liebsten. Sie hatten ziemlich gleiche Ansichten und das war es, was diese Freundschaft für Susanna besonders wertvoll machte, obwohl sie sich äußerlich deutlich voneinander unterschieden. Marie-Claire war im Vergleich zu Susanna hibbeliger, lauter und direkter. Sie nahm kein Blatt vor den Mund. Sie war rastlos, wie ein Hai, der das Wasser mit seiner spatenartigen Flosse zerpflügt. Susanna dagegen war wie ein Manta in der Weite des Stillen Ozeans, ruhig und beharrlich. Kaum etwas konnte sie aus der Ruhe bringen. Zusätzlich war sie kleinlaut und schüchtern. Sie hatte es schwer, aus sich herauszugehen und sich an allem zu beteiligen. Sie war eher das Mäuschen, das bei kleinster Gefahr davonhuschte und sich versteckte. Gut, dass Marie-Claire ihre beste Freundin war, durch sie fand sie den Ansporn, den sie brauchte. Sie war ihr Anschubser, wenn sie sich nicht traute.
Marie-Claire wohnte allein in dem alten Jugendstilhaus. Für ihre sechsundzwanzig Jahre war sie äußerst selbstbewusst. Ihr langes blondes Haar hatte eine rote Strähne an der Seite, was ihr einen teuflischen, sexy Touch verlieh. Wenn Marie-Claire ausging, sah sie elegant aus und ihre schlanke Figur ließ sie ständig von Männern umringt sein. Dann drehte sie besonders betonend ihre Hüften und fuhr sich provokant mit den Fingern durchs volle Haar, als sei sie mit Marilyn Monroe verwandt. Nicht selten wurde um sie geworben, als wären die Männer aufgeblasene Truthähne, die gurrend um sie herumschwänzelten. Susanna wünschte sich eine Portion von Marie-Claires Selbstbewusstsein und auf ihre Attraktivität war sie neidisch. Sie konnte nichts daran ändern, Marie-Claire war nun mal schlanker und begehrenswerter als sie. Insgeheim hatte sie beschlossen, möglichst viel von Marie-Claire abzugucken und zu lernen, wie man Männer um sich scharte.
»Komm rein, ich bin im Bad.«
Susanna machte sich auf den Weg über den langen Flur durch das gemütliche Wohnzimmer. Am anderen Ende des Raumes war das Bad. Marie-Claire lugte um den Türpfosten herum und hielt eine Lockenbürste in der Hand, die sich anscheinend in ihren goldblonden Haaren verfangen hatte. In der anderen Hand hielt sie einen Fön.
»Oh, du bist noch beschäftigt?« Susanna sah zur Seite und beschloss, auf dem bequemen Sofa Platz zu nehmen und zu warten.
»Ich bin gleich fertig«, rief Marie-Claire und ließ den Fön blasen.
Hatte Susanna richtig gesehen? Marie-Claire hatte nichts an. Nackt und ungeniert stellte sie sich erneut in den Türrahmen und lächelte Susanna zu. Das war typisch für sie. Marie-Claires Wesen war offenherzig und unverblümt. Sie sagte, was sie meinte und tat, wonach ihr war. Es gab kaum eine Situation, derer sie sich schämte. Ihre Art, sich zu zeigen, schien ohne moralische Grenzen zu sein. Zumindest in ihrem Freundeskreis. Sie war wie ein Wirbelwind, ständig unterwegs, hatte den Terminplaner stets griffbereit. Es schien, als bräuchte sie keine Ruhepausen und gleich nach Feierabend ging es erst richtig los. So ein Leben wäre für Susanna zu stressig, sie brauchte ihre Tasse Kaffee nach Feierabend und eine Ruhepause, bevor sie wieder loslegen konnte. Heute Abend erhoffte sich Susanna ein gutes Gespräch, aus dem hervorging, was sie tun könnte, um ebenfalls bei den Männern erfolgreich zu sein. Susanna lehnte sich zur Seite und beobachtete, wie Marie-Claire ihre üppigen Haare in den kräftigen Wind des Föns hielt. Sie neigte ihren Kopf, dass der Fön ihre blonde Mähne nach oben blies. Was für ein Bild!
Die Haare sahen aus, wie ein Fächer aus goldblonden Fäden, die sich zu einer flauschigen Matte vereinten und in kunstvollen Luftwirbeln tanzten. Die rote Strähne zuckte wie eine Feuerflamme. Susanna hatte ebenfalls blondes Haar, aber nicht dermaßen goldblond, füllig und schön über die Schultern fallend. Ihre Haare waren von dunklerem Blond und ziemlich dünn. Sie hatte es schwer, aus diesen Fransen eine Frisur zu machen, doch das machten ihre großen blauen Augen wieder wett. Sie betrachtete Marie-Claires makellosen, schlanken Körper. Ihre Schultern waren leicht muskulös. Ihre Rundungen waren optimal, sie hatte eine schmale Taille, die nach unten hin in einem wohlgeformten runden Hintern endete. Warum gab es so eine ungerechte Verteilung? Susanna kam sich neben Marie-Claire vor, wie eine Passantin, die durch ein Schaufenster auf die Modepuppen starrt. Marie-Claires Brüste waren prall und wesentlich größer als eine Handvoll. Es schien der einzige Aspekt zu sein, bei dem Susanna punkten konnte, ihr Busen war noch größer. Unwillkürlich musste sie grinsen und freute sich, dass sie auch Vorzüge besaß. Es war sogar schon einmal vorgekommen, dass sie einen gierigen Männerblick bemerkt und insgeheim genossen hatte. Sie traute sich nur nicht, so offen wie Marie-Claire zu sein. Aber in ihrer Fantasie streckte sie oft ihre Brust nach vorn, dass sie sich selber auf den Ausschnitt sehen konnte. Ihre straffen 90DD konnten sich sehen lassen. Niemand aus ihrem Bekanntenkreis konnte mit ihr konkurrieren. Susannas Rundungen passten optisch gut zusammen und darauf war sie stolz.
Sie ließ ihren Blick weiter über Marie-Claires Körper gleiten. Ihre Beine waren schlank und unendlich lang. Wenn sie High Heels trug, sah es aus, als wollten die Beine kein Ende nehmen.
Die wohlgeformten Waden und die sportlichen Füße sahen perfekt aus. Kein Wunder, dass sie ständig von Männern umschwärmt wurde. Sie hatte das Aussehen einer Barbie und Susanna fand sie wunderschön. Sie seufzte, als sie daran dachte, dass sie nicht zu der Sorte Frau zählte, die nur mit dem Finger schnippen brauchten, um scharenweise Männer anzuziehen, die sich hinterher gern verführen ließen. Ob sie es irgendwann schaffen würde, sich so geben zu können wie Marie-Claire?
Marie-Claire stellte den Fön aus und legte ihn im Bad beiseite. Was kam jetzt? Das Gegenteil von einem Strip? Ein Anzieh-Augenschmaus? Das gehörte sich doch nicht! Susanna hielt sich eine Hand über das halbe Gesicht, um ihre Augen sofort verdecken zu können, wenn Marie-Claire sie als Voyeur erwischen sollte. Sie schämte sich, ihr zuzusehen, konnte aber den Blick nicht von ihr abwenden.
Marie-Claire zog sich an, statt aus. Lasziv forderte sie Susanna mit Blicken auf, ihr zuzusehen. Zuerst legte sie einen schwarzen Spitzen-BH an, den sie mit verrenkten Armen auf dem Rücken verschloss. Sie stieg in den passenden Spitzenstring und kehrte mehr als aufreizend Susanna den Rücken zu. Erst mit dem letzten Schulterblick ließ sie Susanna aus den Augen. Sie drehte locker und auffallend langsam ihre Hüften, um den String näher an den Po zu ziehen. Sie fasste ihn jeweils links und rechts mit den Fingerspitzen an und reckte ihren Po in Susannas Richtung. Ab den Knien rutschte das dünne Stöffchen höher, bis es die Po-Hälften erreicht hatte. Es sah überaus aufreizend aus, als der Faden in der Ritze verschwand.
Als sich Marie-Claire die schwarzen Nylonstrümpfe überzog, stellte sie einen Fuß auf den Badehocker, schlüpfte in den Anfang des zusammengerafften Strumpfes und streifte ihn sich mit langsamen Bewegungen über das Bein. Die Strümpfe hielten von selbst auf der Haut, eine Gummibeschichtung auf den Halterlosen verhinderte das Heruntergleiten. Das Gleiche machte sie mit dem anderen Bein, bis beide Beine am Ende des Oberschenkels perfekt in den schwarzen Nylons steckten.
Dann machte sie eine aufreizende Umdrehung und stieg in einen schwarzen Minirock, den sie mit windenden Bewegungen ihres Beckens in die richtige Position zog. Sie bückte sich und ließ einen minimalen Einblick zur Pobacke zu, der String blitzte kurz hervor. Wie geil war das denn? Die Beine ließ sie kerzengerade durchgestreckt.
Susanna wusste nicht, ob sie die Szene wirklich beobachten sollte, obwohl Marie-Claire sie am Anfang mit ihrem Blick gefangen genommen hatte.
Anschließend war die neckische rote Spitzenbluse an der Reihe, die mit ihrem halbtransparenten Stoff total sexy aussah.
Marie-Claire hatte sich auf den Badehocker gesetzt und knöpfte ihre Bluse von unten angefangen zu, bis kurz über ihrem Busenansatz. Der schwarze BH schimmerte durch den Stoff. Ihr runder und wohlgeformter Busen füllte die Bluse und Marie-Claire sah filmreif aus. Ihr Blick traf auf Susanna, die sofort die Hand über ihrem Gesicht ausbreitete und Marie-Claire zwischen zwei Fingern weiter zusah.
Marie-Claire lachte.
Susanna konnte nicht mit Bestimmtheit sagen, ob Marie-Claire sie ausgelacht hatte, oder ob es Teil der Show war. Sie beobachtete weiter fasziniert, wie sich die schöne Marie-Claire herausputzte. Am Schluss zog sie sich schwarz glänzende High Heels an, hob ein Bein in die Höhe, sodass sie akrobatisch in den Schuh steigen konnte und das schmale Riemchen seitlich der schlanken Fessel schloss.
Susanna hatte ihre Hand heruntergenommen und starrte fasziniert auf die unendlich langen Beine. Marie-Claire erhob sich vom Badehocker. Sie war fertig gestylt, bis auf ihr Gesicht. Das bekam ein samtenes Make-up mit dunklem Rouge. Ihre Augen strahlten durch grünen Lidschatten und geschwungen gezogenen Kajal. Zum Abschluss nebelte sie eine Portion Haarspray über ihre Frisur und betonte die rote Strähne. Der ferrari-rote Lippenstift durfte nicht fehlen.
Nach dem Schminken kam Marie-Claire auf Susanna zu. »Na? Hat es dir gefallen?«
»Du solltest in einem Striplokal arbeiten, das war echt unterhaltsam.«
Marie-Claire lachte lauthals. »Ich wollte wissen, ob du es gut fandest. Den Männern gefällt es, ich habe es letzte Woche ausprobiert. Ich sollte es vielleicht meinen Mädels beibringen.«
»Bei wem hast du es ausprobiert?«
»Stell dir vor, bei Ricardo Foresee.«
»Nein, im Ernst? Seid ihr denn zusammen? Ich meine, ein Paar?«, stammelte Susanna irritiert.
»Na klar, was denkst du denn? Meinst du, ich könnte solch geheimnisvollen Augen widerstehen?«
Es fühlte sich an, wie ein Stich ins Herz. »Wann hast du ihn kennengelernt?«, fragte sie enttäuscht und mit gedämpfter Stimme.
»Letzte Woche.« Marie-Claire sah anscheinend nicht, was in Susanna vorging.
Susanna fand es unendlich schade, sie erinnerte sich, wie sie von seinen Verführungskünsten geträumt hatte, nachdem sie zu ihm gegangen war. Doch wie hätte es sonst kommen sollen? Es wäre zu schön gewesen, wenn sich für Susanna gleich beim ersten Kontakt mit einem Mann ein Traum erfüllt und sie ihn bekommen hätte. Wehmütig tat sie es als verpasste Chance ab.
Wenn sie ihn nur früher kennengelernt hätte! Wenn sie Marie-Claire zuvorgekommen wäre … Sie schüttelte innerlich den Kopf und drückte die große Enttäuschung hinunter, die in ihr aufstieg und sich als Kloß in ihrem Hals festsetzen wollte. Am besten nichts anmerken lassen. Aber Moment mal! Susanna spürte einen Verdacht aufkeimen, erst durch Marie-Claire hatte sie Ricardo kennengelernt. Hatte Marie-Claire etwas mit dem Date zu tun?
»Sag nicht, du steckst dahinter. Marie-Claire?« Susannas Stimme hatte einen leicht drohenden Unterton bekommen.
»Hast du ihm von mir erzählt?«, fragte Susanna.
»Ö, nein. Ich äh … habe ihn ungefähr zur gleichen Zeit entdeckt. Ich weiß von nichts.«
»Schwöre es!«
»Im Ernst«, verteidigte sich Marie-Claire und hob die rechte Hand zum Ehrenwort.
»Da hast du bedenkenlos einen Strip hingelegt?«
»Nach dem Kartenlegen sind wir noch in ein gemütliches Lokal namens Irish Love gefahren und haben uns einen schönen Abend gemacht«, versuchte Marie-Claire abzulenken. »Es kam, wie es kommen musste, du weißt schon, was ich meine. Erst später in seiner Wohnung habe ich mein Bestes gegeben. Ich hab mich vor ihm ausgezogen und dann sind wir in der Kiste gelandet.«
Marie-Claire lächelte zwinkernd und Susanna stieg Hitze ins Gesicht.
»Du brauchst nicht rot zu werden.« Marie-Claire grinste.
War ihre Freundin wirklich so blind? Konnte sie nicht sehen, wie Susanna litt?
»Wie war das eigentlich mit der Sitzung und dem Kartenlegen?
Hat es dir gefallen? Hat Ricardo gut erklärt, was dich erwartet?«
»O ja, er hat mir mystische Dinge erzählt. Viele Sachen haben gestimmt, einiges war rätselhaft und er empfahl mir eine Veränderung. Ich wollte mit dir darüber reden. Was denkst du, soll ich machen? Soll ich woanders hinziehen? Soll ich mein Aussehen verändern?«
»Erzähl mir genauer, was du meinst.«
»Diese Unruhe, weißt du? Etwas nervt mich schon lange, ich wusste nicht, was es war. Durch Ricardo bin ich drauf gekommen. Die Arbeit, die ewig dasselbe ist. Die lebhafte Straße mit dem ständigen Straßenverkehr und der quietschenden Tram, meine lauten, spießigen Nachbarn mit den Kindern. Ich finde kaum noch Ruhe. Es würde mir viel besser gefallen, wenn meine Umgebung ruhiger wäre. Meine Wohnung sperrt mich irgendwie ein, ich kann nicht frei denken. Ich will hier raus. Ich muss hier weg!«
In diesem Moment wollte Susanna auch von Marie-Claire getrennt sein. Aus Neid, aus Scham oder vor Misstrauen. Sie konnte immer noch nicht verstehen, warum Ricardo nicht sie gewollt hatte, sondern Marie-Claire. Aber sie war ihre Freundin und sie wollte sich nicht mit ihr streiten. Schon gar nicht um einen Mann. Da würde Susanna den Kürzeren ziehen.
»Nimm dir nicht zu viel auf einmal vor. Ich würde dir ein Fitnessstudio empfehlen, dort wirst du dich kräftigen können, im körperlichen wie im psychologischen Sinn. Dein Körper wird es dir danken und du fühlst dich nachher viel besser. Du wirst mutiger und hast viel mehr Energie. Danach kannst du dir ein größeres Ziel stecken.«
»Ja, neue Energie, das könnte ich jetzt gut gebrauchen. Zeigst du mir, wie das geht?«
»Nein, das zeigen dir die Trainer, aber ich kann gern mitkommen, wenn du willst.«
Susanna nickte erleichtert. Ein anderes Thema würde sie schnell vergessen lassen, was sie vorhin noch gedacht hatte. Auf einmal hatte sie das Gefühl, ihr Ego würde größer werden. Ab jetzt ging es um ihre Zukunft. Das Fitnessstudio war ein Anfang, der eventuell ihr ganzes Lebensbild verändern würde.
Morgen ging Marie-Claire zum Training, wie sie es jeden zweiten Tag tat. Sie würde Susanna mitnehmen. Sie war neugierig auf das, was kommen würde. Bestimmt würde sie vor Aufregung heute Nacht nicht schlafen können.
»Darauf müssen wir anstoßen! Lass uns noch weggehen. Komm, schlag ein!« Marie-Claire hob die Handfläche und Susanna klatschte die ihre dagegen.
Marie-Claire sollte heute der nach vorn treibende Peitschenknall sein, falls Susanna sich wieder wie ein Esel benehmen würde.

Furrylady Kim
Jonathan parkte in einer Seitenstraße.
Zwei Straßen weiter sah das Bild der Stadt anders aus, die Straße war doppelspurig, Geschäft reihte sich an Geschäft und tagsüber herrschte ein reges Treiben. Am Ende der Straße befand sich ein Lokal namens Irish Love. Schon auf der Straße hörte Jonathan irische Klänge, die ihn hinein lockten. Jonathan hatte gehört, dass sich Paare hier gefunden hatten, und er legte seine ganze Hoffnung darauf, dass auch er jemanden kennenlernen könnte, der in sein Weltbild passte und mit dem er eine Partnerschaft aufbauen könnte. Er setzte sich auf die Couch am Fenster und wartete auf die Bedienung.
»Hey, Jonathan, was darf es heute sein?«
»Hallo, Sandy. Einen Latte Macchiato mit Sahne.«
Jonathan beobachtete viele Frauen. Einige interessierten ihn, aber meist waren sie schon verabredet. Er sah, wie sich am anderen Ende des Raumes eine gutaussehende Frau in seinem Alter niederließ. Sie hatte kurzes, rotes Haar, das keck in die Höhe stand und war sexy angezogen. Sie trug eng anliegende Leggins und ein Kurz-Shirt in Knallorange, das ihre Hüfte nicht bedeckte. Wenn sie sich umdrehte, sah Jonathan ihren Bauchnabel, der Stoff des T-Shirts begann erst darüber. Er fand diese Aufmachung sehr sexy. Sie hatte eine tolle Figur, soweit Jonathan es erkennen konnte. Sie sah sich suchend um.
Ob sie verabredet war? Jonathan reckte sich, um die Frau besser sehen zu können. Er stand auf und überlegte, ob er zu ihr hinübergehen sollte. Was sollte er sagen? Kannst du mir deine Nummer geben? Ich habe meine vergessen. Nein, das war nicht witzig, es würde höchstens nerven, so einen billigen Spruch anzubringen. Meistens würden solche Baggersprüche eh nicht funktionieren, hatte er gehört. Ob er überhaupt mit irgendeinem Spruch bei ihr landen könnte? Die schöne Unbekannte sah zwar danach aus, aber Jonathan wusste, dass man keine Frau nach dem Aussehen beurteilen konnte. Sie könnte ihm genauso gut eine Ohrfeige geben, und dann? Jonathan zögerte kurz, fasste sich ein Herz und ging auf sie zu.
»Ich weiß zwar nicht, wer du bist, aber ich würde es gern wissen.« Jonathans Herz pochte. Was würde sie antworten? Nicht auszudenken, wenn sie ihm jetzt eine Abfuhr geben würde. Sie drehte sich um und lächelte ihn an. »Gern, ich heiße Kim.«
Jonathan fiel ein Stein vom Herzen. »Hey Kim, wollen wir an den Fensterplatz gehen?« Er deutete auf seinen Platz. Kim ging voraus und Jonathan ging gentlemanlike hinterher. Sie setzten sich auf die Couch.
»Wo kommst du her, ich hab dich hier noch nie gesehen.«
»Aus Freising, das ist nicht weit weg. Und du?«, fragte Kim.
»Aus Unterpfaffenhofen. Kennst du das?«
»Nein.«
»Kannst du auch nicht, es ist ein Dorf am anderen Ende der Welt.« Jonathan hatte die Hübsche zum Lachen gebracht. Sie warf ihren Kopf in den Nacken und ließ ihre weiße Zahnreihe blitzen.
Die Zeit verging wie im Flug. Jonathan und Kim saßen zwei Stunden an dem sonnenbeschienenen Tisch und tranken abwechselnd Latte Macchiato und Wasser. Das interessante Thema des frühen Abends waren sogenannte Furrys, die sich heute in der Innenstadt in einem Einkaufscenter getroffen hatten. Als geschlossene Gruppe von zehn kuscheligen Tieren hatten sie die Menschen belustigt und den Kindern Luftballons geschenkt.
»Ich bin eine davon«, sagte Kim schmunzelnd.
»Das muss ein großartiges Hobby sein«, vermutete Jonathan.
»Vor allem ein teures, so ein Tierkostüm kann bis zu dreitausend Euro kosten.«
»Was? Das ist ja unglaublich.«
»Solche Versammlungen gibt es noch nicht so lange und ab und zu fahr ich viele Kilometer, um bei einem Event dabei zu sein.«
»Ist das nicht wie Fasching im Dauerzustand?«
»Nein, das hat damit nichts zu tun. Furry sein heißt, in eine andere Person und in eine andere Welt zu schlüpfen. In dem Kostüm fühle ich mich wohl und unerkannt.«
»Das würde ich gern mal sehen.«
Am Schluss spendierte Jonathan noch ein Glas Sekt. Kim war eine interessante und ausgeflippte Erscheinung. Sie hatte ihn beeindruckt und seinen Ansichten meist zugestimmt. Sie hatte ihm zwischendurch zugezwinkert und mit spitzen Lippen Küsse angedeutet. Mit ihr könnte es etwas werden, oder nicht?
»Heute Abend bin ich eingeladen. Ich hatte zwar abgesagt, weil ich keine Begleitung hatte, aber ich denke, ich kann noch zusagen. Die Zeit reicht noch aus. Hättest du Lust, mich zu begleiten?«, wollte Kim nach einer Weile wissen. Sie zückte ihr Handy, bereit eine SMS zur Anmeldung abzusenden.
»Wohin?« Jonathan war neugierig und gespannt, endlich eröffnete sich ihm ein Abenteuer, das interessant zu werden schien.
»Zu einer Furry-Party hier in München.«
»Was ist eine Furry-Party?« Jonathan hob staunend die Augenbrauen. Er hatte diesen Ausdruck schon mal gehört. Es wurde gemunkelt, Furry-Partys seien versteckte Swinger-Zusammenkünfte. Gab es das im wirklichen Leben? Oder wollte sie ihm einen Bären aufbinden? Es war kein Traum? Erzählte Kim tatsächlich von einer Furry-Party?
»Die Furrys kommen in ihrer Tierverkleidung und daraus macht ein ausgesuchter Veranstalter eine Fete. Manche sagen Kuschelparty oder Pet-Party. Ich war mehrmals auf so einer Feier, aber ich möchte dir nicht zu viel verraten.«
Sie sah Jonathan lasziv an und schlang elegant ihre Beine übereinander. Sie wippte mit ihrem Fuß, als könne sie die Antwort nicht abwarten.
Eine Kuschelparty, aha. Die engen Leggins ließen erahnen, wie sich die Haut an ihren Beinen anfühlen würde. Kim sah sexy aus, wie sie da saß. Geradezu verlockend. Er hatte das Gefühl, sie küssen zu müssen. In seinen Gedanken malte er sich aus, wie er sie an die Wand drängte und ihre vollen Lippen mit seinen liebkoste. Er spürte, wie sich sein Schwanz in seiner Hose regte, und musste sich beherrschen, nicht sofort über sie herzufallen. Das gehörte sich nicht. Er vertiefte das Gespräch, damit es ihn von seiner Erregung ablenken sollte. »Okay. Das will ich sehen. Wo bekomme ich ein Kostüm her?«
»Ich habe noch ein Hundekostüm für einen Mann im Auto. Wie ich schon sagte, meine Begleitung hatte keine Zeit.«
Einen Hund? Mit hängenden Ohren vielleicht? Hauptsache, bei Jonathan würde nichts anderes hängen, wenn er Kim näherkommen würde.
Bald darauf erhoben sie sich. Jonathan bot Kim die Jacke, sie schlüpfte mit nach hinten gerichteten Armen hinein.
»Ich muss noch bezahlen. Sandy hat sehr viel zu tun, es ist ganz schön voll geworden«, meinte Jonathan und ging mit Kim an die Theke. Er zückte seine Brieftasche und wartete geduldig, bis Sandy erschien. So lang ließ er seinen Blick durch den Raum schweifen.
Die Eingangstür ging auf und zwei blonde Frauen erschienen im Lokal. Sie kamen auf die Theke zu, um zu bestellen, bevor sie einen Platz ergattern konnten. Eine davon, die nicht solche Designerklamotten trug wie die andere, sah Jonathan in die Augen. Ohne von ihren Augen abzulassen, wollte er seinen Geldbeutel auf den Tresen legen und berührte dabei zufällig ihre Hand.
Plötzlich stand die Welt still.
»Oh, Verzeihung, ich wollte Sie nicht … Entschuldigung«, stotterte er. Jonathan nahm ihr Gesicht wahr. Wie ein sonniges Leuchten kam es ihm vor, als stünde ein Engel vor ihm. Er fühlte sich wie in Trance versetzt und hatte wie durch einen Tunnelblick nur ihr Gesicht vor Augen.
Diese Frau hatte ein bezauberndes Lächeln und lustige Grübchen auf den Wangen. Sie besaß eine rundliche Gestalt, die von einer Normalität war, wie Jonathan es sich wünschte.
Sie stand plötzlich vor ihm, sah ihn in einer nicht enden wollenden Sekunde an, und dann war es vorbei. Der Blickkontakt riss ab, als Kim ihn am Ärmel zog. Die unbekannte Frau sah ihm nach und setzte sich neben die andere Blondine auf die Couch. Die andere hatte einen guten Platz erwischt und flüsterte ihr kichernd etwas ins Ohr. Wenn sich Jonathan nicht ausgiebig mit Kim unterhalten hätte, wäre er sofort zu dieser anziehenden Person gegangen, aber nun war es zu spät. Er konnte Kim jetzt nicht mehr hängen lassen!

Susanna traf es wie ein Blitz. Eine plötzliche Helligkeit umgab das Gesicht des Mannes. Ein fremdartiges, vertrautes Gefühl durchströmte sie warm.
»Oh, Verzeihung … ich wollte Sie nicht … Entschuldigung«, sagte er, als er seine Brieftasche auf die Theke legen wollte und sie dabei aus Versehen berührte.
Diese Stimme! Sie klang markant männlich und zugleich melodisch.
Er ließ den Blick nicht von Susanna und sie sah ihn lächelnd an. Sie war hin und weg. Er war kräftig, gut angezogen, ansprechend und wirkte nett. Sein Lächeln war von einer sympathischen Natürlichkeit und die Stimme war das Tüpfelchen auf dem i, wahnsinnig anziehend. Am liebsten hätte sie ihn auf der Stelle geküsst.
Der Blickkontakt brach ab, als die rothaarige Frau ihn am Ärmel zog. Sie gingen hinaus. Schade, es war ein so schönes Gefühl, das sie am liebsten auf Dauer behalten hätte. Aber Gefühle ließen sich nicht halten, es entglitt ihr, sobald der Typ die Frau hinausbegleitete. Susanna musste sich setzen. Was war das eben? Sie fühlte sich, als hätte etwas sie getroffen. Unfassbar, dass sie solche Gefühle in einem einzigen Augenblick entwickeln konnte.
»Hast du seine Stiefel gesehen?«, sagte Marie-Claire mit vorgehaltener Hand und kicherte.
»Stiefel? Wer? Was?«
»Wo siehst du denn hin, du hast ihn doch die ganze Zeit angestarrt.«
»Was?«
»Er trug Cowboystiefel, hast du nicht gesehen?« Marie-Claire lachte.
»Nein, ich hab nur sein Gesicht gesehen.«
»Der hat dir gefallen?«, fragte Marie-Claire ungläubig und machte ein Gesicht, als hätte sie in eine Zitrone gebissen.
»Und wie!«
»Was hast du denn für einen Geschmack? Stehst du auf Bärte?«
»Es kommt doch nicht darauf an, ob er einen Bart hat, oder nicht. Der Typ im Ganzen war so perfekt.«
Marie-Claire knuffte sie mit der Faust auf den Oberarm. »Wetten, dass du hier noch mehr geile Typen findest?«
Susanna lächelte enttäuscht und dachte, dass sie nicht viele solcher Typen kennenlernen wollte. Nur diesen einen!
Im Irish Love hatte Marie-Claire auch Ricardo kennengelernt.
»Erzähl, wie hast du das gemacht, dass Ricardo gleich auf dich angesprungen ist?«, fragte Susanna.
Sandy kam und nahm die Bestellung auf. Marie-Claire bestellte einen Pikkolo Sekt rosè und Susanna einen Latte Macchiato.
»Als ich ihn gesehen hatte, fühlte ich einen unheimlichen Sog. Ich musste aufstehen und zu ihm gehen«, erzählte Marie-Claire.
»Ein unheimlicher Sog? Das kenne ich. Als er mir die Karten gelegt hat, hab ich es auch gespürt. Als er mir seine Hand reichte, hat es ganz komisch geknistert, wie elektrisch.« Susanna erinnerte sich an dieses Gefühl, als sei es vorhin passiert und betrachtete ihre Hand.
»Das gleiche Gefühl hatte ich auch. Es hat richtig laut geknistert.«
»Ob der elektrisch geladen ist?« Susanna lachte.
Marie-Claire schmunzelte. »Ich bin zu ihm hin, hab mich dazugestellt und ihn gefragt, wie der Drink heißt, den er bestellt hatte. Er hat mich von oben bis unten angesehen.«
»Und dann?«
»Wir sind spät am Abend zu ihm nach Hause gefahren. Klar hab ich es darauf angelegt, ihn ins Bett zu kriegen.«
Marie-Claire legte es immer darauf an, neue Eroberungen zu vögeln. Sie machte das vorzugsweise unentdeckt, im Geheimen sozusagen, wie sich eine Spinne an ihre Beute macht. Langsam begann Susanna zu zweifeln, ob es richtig war, Marie-Claire nachzueifern. In dieser Beziehung fand sie sie einen kleinen Tick zu bitchy. Susanna musste nicht werden, wie Marie-Claire, aber ein kleines Stückchen von ihrem Lifestyle würde die Ausstrahlung verbessern.
»Ach, Susanna. Versuch nicht, alles zu verstehen, manches wird keinen Sinn ergeben. Ich weiß, dass du anders bist. Trotzdem schäm dich nie, deine Gefühle zu zeigen, das ist sehr wichtig. Du willst gesehen werden in der Männerwelt? Du willst die graue Maus hinter dir lassen?«
Susanna hörte zu und nickte. Sie musste sich sammeln, um vernünftig überlegen zu können. Der Mann von vorhin ging ihr nicht aus Kopf.
»Lass dich nicht von der Zukunft einschüchtern, lebe einen Tag nach dem anderen und halte die Augen auf. Der Richtige wird schon noch kommen. Ricardo hat es gesagt.«
»Ja, stimmt.«
Susanna setzte sich in Pose und beobachtete die Leute. Männer gab es hier genug, aber leider auch Frauen, sodass Susanna nicht erkennen konnte, wer frei und suchend war. Unmerklich zog sie ihr Shirt ein kleines Stückchen tiefer, setzte sich aufrecht und zeigte, was sie zu bieten hatte. Vielleicht würde einer darauf anspringen.
»Prost, Süße!«, sagte Marie-Claire.
Susanna stieß ihr Glas Latte Macchiato vorsichtig an den Rand des schlanken Sektglases.
Marie-Claire hatte großes Glück mit Ricardo. Ob Susanna im selben Lokal auch eine Chance auf einen guten Mann hatte?
Der Bärtige kam ihr erneut in den Sinn. Sie wünschte sich sehr, ihn wieder zu sehen, aber er war vorerst verschwunden und sie wusste nichts von ihm. Ob er morgen wieder hier sein würde?
Still und in sehnsüchtigen Gedanken versunken, nippte sie am Latte Macchiatto. Oder würde der Unbekannte gar nicht kommen?
Hatte er das Gefühl, das sie befallen hatte, in dem winzigen Moment wahrgenommen oder nicht? Vielleicht würde ihr Wunsch in Erfüllung gehen und er würde morgen zur gleichen Uhrzeit herkommen. Sie beschloss spontan, nach dem Sport nachzusehen. Das Irish Love könnte ihr Glückslokal sein!

Kim bog rasant in die Einfahrt eines privaten Einfamilienhauses, das im Stil einer italienischen Villa erbaut war. Verzierte klassizistische Säulen standen links und rechts des Eingangs.
Die großen Fenster waren von innen mit schweren, dunklen Vorhängen verhängt. Jonathan ließ seinen Blick über die Fassade gleiten und war beeindruckt von so viel Stil und Wohlstand.
Er stand neben Kim am Kofferraum. Als sie ihn öffnete, sah Jonathan einen Karton mit herausquellendem, weißem und braunem Plüschstoff.
»Schau, ich habe ein Häschen-Kostüm und du bekommst das Hundekostüm. Damit gehen wir jetzt rein.«
Jonathan lachte. War das wahrhaftig der Beginn einer abenteuerlichen Furry-Party? Das dürfte lustig werden.
Er packte den großen Karton mit beiden Händen und überließ Kim den Vortritt. Sie führte ihn in das Haus und zeigte ihre Einladung dem steif dastehenden, älteren Herrn, der ein silbernes Tablett mit zwei Gläsern Sekt zum Empfang in den Händen hielt. Er sah in seinem französischen Frack wie ein Diener aus vergangenen Zeiten aus.
In einem der Nebenzimmer konnten sie sich umziehen.
Jonathan sah zu, wie Kim zuerst das knappe T-Shirt auszog, sich dann aus den Leggings schälte und in das Häschenkostüm zwängte. Kim zeigte keine Scham, sich vor Jonathan auszuziehen und es gefiel ihm, wie sich ihr Körper drehte und wendete.
Zwischendurch erhaschte er einen Blick zwischen ihre Beine, als sie sich bückte und in das Kostüm stieg. Bestimmt hatte sie ein kleines, enges … Erregung erfasste Jonathan.
Kims Kostüm bestand aus einer weißen Hülle aus feinem Plüsch. Die großen, innen rosa ausgelegten Hasenohren konnte Kim durch ein Drahtgestell im Inneren hoch oder herunterhängend einstellen.
»Meine Antennen lasse ich aufgestellt, das wird von den anderen als Aufforderung verstanden«, sagte sie.
»Aufforderung zu was?«, fragte Jonathan. Er konnte sich denken, dass hier die Post abgehen würde, nur in welcher Art und Weise wusste er noch nicht. Drogen? Sex? Beides?
»Wir fassen uns an, eigentlich ist es mehr ein Streicheln.«
Kims Stimme klang unter der Hasenmaske gedämpft. Sie war komplett angezogen und wartete darauf, dass Jonathan in sein Kostüm stieg. Sie hatte die Pfoten verschränkt und tappte mit einem ihrer übergroßen Hasenfüße auf den Boden.
»Und meine Ohren? Kann ich die auch aufrecht stellen?«
Noch hielt Jonathan sein Kostüm in der Hand und dachte an seinen eigenen Schwanz, den er ebenfalls bald aufrecht stellen würde.
»Kannst du, das funktioniert mit Draht. Also, was ist? Steig ein.« Kim nickte auffordernd mit ihrem großen weißen Hasenkopf und tapste auf Jonathan zu.
»Soll ich dir helfen?«, klang es dumpf unter ihrer Maskerade hervor.
Jonathan suchte die Öffnung und stieg in das Kostüm. Mit den Füßen zuerst fand er durch das Loch im Rückenteil den Eingang zu den Armen. Den Hundekopf musste er separat am Schluss aufsetzen. Als er es fertiggebracht hatte, im Hundeoutfit vor Kim zu stehen, musterten sie sich gegenseitig. Jonathan lachte unter der Maske, etwas annähernd Albernes hatte er noch nicht erlebt. Es war etwas völlig anderes als das, was er bis dahin in Sachen Sexspielchen erfahren hatte. Es machte ihn neugierig. Wie weit es wohl führen würde? Das würde mit Sicherheit ein außergewöhnliches Erlebnis werden. Er genoss die eigenartige Idee des besonderen Vorspiels und malte sich aus, wie ein Rammler sich auf Kim, die niedliche Häsin stürzen würde. Er betrachtete Kims süßes Stummelschwänzchen.
»Kannst du das bewegen?«
»Nein, dazu muss ich …« Sie streckte ihren Plüsch-Po heraus und schaukelte mit den Hüften.
»Mit dem Hintern wackeln«, fügte Jonathan hinzu. Und wie sah sein Hundeschwanz aus? Er fühlte hinter sich. Am unteren Rücken ertastete er einen langen Schwanz, der ihm bis über die Kniekehlen hing. Zum Glück hatte er diesen nicht vorn. Seine Maskierung sah aus, wie ein Bluthund mit langen, mattenartigen Ohren, großen Comic-Augen und langer Schnauze. Die Augen lagen in Falten versunken und glänzten. Die Lefzen waren zu einem Lächeln verzogen.
»Komm, wir müssen nach oben, in die Halle. Da sind die anderen versammelt.«
Kim nahm ihn an der Hand und sie verließen den Umkleideraum.
Sie führte ihn nach oben. Mindestens zwanzig Leute in Tiergestalt hatte Jonathan gezählt. Viele hatten vorteilhaft aussehende, verführerische Verkleidungen an. Heiße Kätzchen und süße Mäuse waren bei den Damen in der Überzahl. Einige hatten nur einen Hasenkopf auf und ihr weiteres Kostüm bestand aus einer Netzstrumpfhose und einem Plüschschwanz.
Oben herum waren sie ohne, oder mit einem knappen, feinplüschigen Bikinioberteil bedeckt. Heiß. Sie sahen nach Playboy-Häschen aus. Gern hätte Jonathan sie angefasst. Und da hinten, wie geil war das denn?
Dort hatte ein Mann in einem schwarzen Hengstkostüm klappernde Hufe an, die aussahen wie Plateau-Highheels ohne Absätze. Ein großer, edler Pferdekopf überragte seine Partnerin, die sich in ein glitzerndes Fischkostüm geworfen hatte und sich wegen des Fischschwanzes nur trippelnd fortbewegen konnte. Sie hatte viel Glamour zu bieten und erschien aufreizend und elegant. Er fragte sich, wo die alle herkamen und beschloss, später auf dem Parkplatz nach Autokennzeichen zu sehen. Es war schließlich ein außergewöhnliches Treffen, das nicht jedes Wochenende stattfand und es interessierte ihn, welche Strecken die Teilnehmer in Kauf nahmen.
Furrys in der Stadt zu sehen, war schon aufsehenerregend genug und jetzt stand er hier und beobachtete, wie viele verkleidete Menschen sich in der Halle tummelten. Jonathan kam sich vor, wie im Zoo. Zum Glück machten diese Menschen nicht die tierischen Laute nach, die zu ihrer Verkleidung passten.
Jonathan grinste und amüsierte sich köstlich, was niemand unter dem Hundekopf bemerken konnte.
Die Halle war groß und zur Hälfte mit weichen, silbergrauen Trainingsmatten ausgelegt. An der Längsseite des Saales standen Stühle und andere Sitzgelegenheiten. Ein langer Tisch, der einem Buffet ähnelte, stand daneben. Auf ihm befanden sich Snacks. Weintrauben auf Käsehäppchen, Eier in Salatschalen und Kräcker mit verschiedenen Dip-Soßen machten Appetit.
Jonathan war angespannt, er wusste immer noch nicht, was ihn erwartete. Es wurde schnell warm unter der Hundemaske. Er war es nicht gewöhnt, einen Plastikkopf zu tragen und bald hatte er den Eindruck, dass ihm gleich die Luft ausging.
»Gibt’s auch was zu trinken? Ich habe einen trockenen Hals«, fragte er Kim.
»Ich werde dem Butler Bescheid geben, was hättest du gern?« Sie hob die Hand und gab dem Butler ein Zeichen.
»Cola.«
»Sehr wohl der Herr, ganz wie Sie wünschen.«
Er verneigte sich und ging zwei Schritte rückwärts, bevor er sich entfernte.
»Wie geht es jetzt weiter, Kim? Das ist Neuland für mich.
Setzen wir uns und du erzählst mir mehr darüber?« Jonathan wusste nichts vom Ablauf einer solchen Furry-Party. Das erregte ihn. Nicht zu wissen, was da kommt und trotzdem zu ahnen, dass es geil werden würde, war eine Erwartung, die seine innerliche Spannung steigerte.
»Na klar, komm.«
Sie nahm ihn wie ein kleines Kind an der Hand und führte ihn zu einem breiten Sessel. Wie das aussehen musste! Er setzte sich und Kim nahm auf seinem Schoß Platz. Jonathan war verwundert über ihre plötzliche Aktion und freute sich über das geile Häschen auf seinen Oberschenkeln. Ihre Ohren wackelten und der Gesichtsausdruck der Maske sah sexy aus, oder kam es ihm nur so vor? Vielleicht weil die großen, schwarzen Plastikaugen leicht schräg gestellt waren. Als Kim sich auf seinem Schoß hin und her bewegte, konnte Jonathan seine Erregung nicht mehr verbergen. Was sollte das Ganze werden? Ein Rudelbums am Ende der Party? Seine Erregung stieg noch weiter, als sein Kopf-Kino begann, einen fantasievollen Porno zu entwickeln. Jedes Tier würde sich einen Partner suchen und sich ‚kreuzen‘. Jonathan konnte sich vorstellen, dass dieses Wort eine Art Geheimzeichen zum Ficken wäre. Wenn das Pony den schwarzen Panther bespringen würde, oder der Habicht sich auf den bunten Schmetterling da hinten stürzen wollte. Es würde ein Plüschgerammel entstehen. Sein Schwanz zuckte bei dem Gedanken.
»Was ist das eigentlich genau, eine Pet-Party?«
»Zuerst muss ich dir sagen, dass Pets und Furrys nichts mit den Promotionstypen zu tun haben, die in billigen Kostümen auf der Straße stehen und irgendwas verkaufen müssen. Unsere Kostüme sind weitaus wertvoller und detailgenauer und auch das Material ist besser. Sie sind atmungsaktiv. In geschlossenen Räumen zählt das nicht, aber auf Outdoor-Events ist das wichtig. Soviel ich weiß, ist das hier eine organisierte Veranstaltung.
Ursprünglich war das eine Erfindung aus New York.«
»Aha. Wann wurde es erfunden?«
»Ich glaube es war 2004. Da hat ein Sexualtherapeut diese Kuschelpartys als Therapie entdeckt und ausgebaut. Allerdings ohne die Verkleidung, wie wir sie heute tragen. Er wollte neuen Schwung in die eingefahrenen Beziehungen seiner lang miteinander verheirateten Paare bringen, indem er den körperlichen Kontakt erklärte und ihn stundenlang vollziehen ließ. Mit dieser ersten Kuschelparty wurde eine regelrechte Fangemeinde gebildet. Jeder wollte zu diesen Feten. Später kamen die Furrys aus Amerika dazu, sie hatten das gleiche Ziel. Kuscheln, Streicheln und mehr.«
»Ursprünglich meinte der Kuschelerfinder also eine Pettingparty? Und ihr habt eine Pet-Party daraus gemacht? Zur Verschleierung des Wortsinns?«
»Gut kombiniert, Hund! Es hat nicht lange gedauert, bis die Welle der Pets in München landete und bald kamen die Kostüme hinzu, damit der anstößige Name Petting nicht auffällt und die echten, fanatischen Furrys, die Aktivisten in Einkaufscentern sind, gesellten sich zu uns.«
»Wird es beim Petting bleiben?« Kim antwortete nicht, sondern blickte in den Pulk der bunten Gesellschaft. Jonathan erinnerte es an den Karneval in Venedig oder Rio de Janeiro. Die Leute hatten sich große Mühe mit ihren Kostümierungen gegeben und er erkannte, dass einige Plüschverkleidungen sehr gepflegt und sicher teuer waren. Er sah eine Maus mit einem süßen, spitzen Maskengesicht. Sie hatte kugelige Knopfaugen. Weiter hinten stand ein Paar im Hamsterkostüm mit goldbraunem Fell und einem Hamsterkopf mit dicken Backen. Es wurde ihm bewusst, warum diese Verkleidung nötig war. Wenn es zum Sex kam, war niemand zu erkennen. Alle waren maskiert und diese Veranstaltung war wie ein Massen-One-Night-Stand.
Man konnte ficken und unerkannt auseinandergehen. Ob es so ablief? Oder ging seine Fantasie mit ihm durch?
Kim rutschte auf seinem Schoß auf und ab. Wenn sie sich bewegte, steigerte das seine Neugier und seine Geilheit. Er hatte sofort das Bild ihres nackten Hinterns im Kopf. Wie gern wäre er jetzt unbekleidet und würde in Kims heiße Spalte einfahren.
Er konnte sich gut vorstellen, warum die vielen Matten und Matratzen auf dem Boden lagen. Seine Erregung stieg enorm, deutlich spürte er, wie sein Schwanz weiter anschwoll.
Ob Kim das bemerkte? Oder war es hier nicht erwünscht? Wie peinlich. Er spürte, wie ihm Schamesröte ins Gesicht schoss, zum Glück konnte es niemand sehen.
Der Butler kam, neigte seinen Kopf. »Bitteschön, der Herr.«
Er stellte das Glas Cola auf den Beistelltisch neben dem Sessel und blieb stehen. Die Abkühlung kam genau richtig. Wie sollte Jonathan trinken? Mit einem Häschen auf dem Schoß und Plüschpranken?
Der Butler zog einen langen Trinkhalm aus seiner Gürteltasche und löste das Problem. »Wenn es genehm ist, bedient euch dieses Hilfsmittels.«
Er steckte ihn in das Glas, verbeugte sich und ging zurück an seinen Platz. Jonathan nahm den Halm mit seinen Plüschpfoten, was sich als schwierig herausstellte. Doch es gelang, einen Schluck Cola zu schlürfen.
»Komm, wir gehen kuscheln«, forderte Kim ihn auf.
Er stellte sein Getränk beiseite und folgte ihr. Er verdeckte mit den Pfoten seinen aufrecht stehenden Schwanz, was wäre, wenn die anderen es bemerkten? Schnell landeten sie auf den Matten. Es waren mehrere Paare bereit, es sich auf den Matratzen gemütlich zu machen. Im Grunde genommen war es keine schlechte Idee, Kuscheln und Nähe mit der Möglichkeit zu verbinden, Gefühle und Erfahrungen zu teilen. Dazu noch anonym. Diese gesellige Runde hatte einen besonderen Touch.
Es gefiel Jonathan, nicht zu wissen, welche Personen in den Kostümen steckten. Das Ganze war spannungsgeladen und hatte etwas Voyeuristisches. Jonathan hatte sich hingelegt und Kim ging auf die Knie.
»Du musst dich wie ein Hase hinhocken, Kim.«
Sie wusste genau, dass sie sich auf die Unterschenkel und die Unterarme legen sollte. Dabei streckte sie ihren Po in die Luft und wackelte verführerisch mit dem Schwänzchen. Sie drehte ihren großen Hasenkopf in Jonathans Richtung und bog ihren Körper. Es sah sexy aus, wie ihre Maskerade ihn anstarrte.
Dann legte sie sich seitlich und streichelte Jonathans weiches Fell. Das Gefühl ging durch den Stoff. Es prickelte auf seiner Haut und fühlte sich erregend an. Wenn sie weitermachte, müsste er sie in einem Hinterzimmer packen und vögeln, es war kaum auszuhalten.
»Wusstest du, dass das gegenseitige Berühren das Immunsystem stärkt und die Ausschüttung des Stresshormons verhindert?«, fragte Kim.
»Wusstest du, dass es mich ordentlich geil macht?«, entgegnete Jonathan. Seine Stimme klang hohl unter der Maske. Er musste laut sprechen, damit Kim ihn verstand.
»Ja, ich kann deine Erregung spüren, die ganze Zeit schon.«
»Was glaubst du, wie lange ich das aushalten kann? Sollen wir nicht nach hinten gehen?« Jonathan deutete mit dem Kopf auf die Treppe, die nach unten führte, in den Raum, in dem sie sich umgezogen hatten.
»Wir dürfen den Saal nicht verlassen, es gibt Regeln.«
»Probieren wir es, bitte.« Bemerkte sie nicht seinen flehenden Blick? Nein, das konnte sie nicht. Es war ein Nachteil an den Tiermasken, Gesichtsausdrücke waren nicht mehr erkennbar.
Sie machte es ihm ganz schön schwer. Oder gehörte das zum Spielplan? Machte sie ihn mit diesen Regeln extra heiß?
»Wenn du da durchgehst, darfst du nicht mehr zurück. Du bist dann raus aus dem Spiel.« Sie zeigte mit ihrer Hasenpfote auf eine Absperrung, die mit einem dicken Seil gezogen war.
Jonathan fand, dass es hier streng zuging und überhaupt … Der Butler, die Regeln und die Absperrung. War er womöglich in ein verdecktes SM-Milieu mit strengen Spielen geraten, aus dem er später nicht mehr herauskam?
Gehen wollte er auf keinen Fall, er würde vielleicht Einiges verpassen. Er musste es abwarten. Er sah die süße Kim an und grinste unter seiner Maske.
Du geiles Rammel-Häschen, dich krieg ich heute! Während er das dachte, stemmte sich sein Schwanz gegen den Stoff des Kostüms und seine Eichel begann zu glühen, wie ein Tauchsieder in einem Wassertopf. Bald würde er sie bespringen.
Der Gedanke ließ seine Schwellkörper auf Hochtouren arbeiten.
»Wenn es ausartet, kann es niemand mehr verhindern und glaube mir, es wird ausarten!«, wusste Kim zu bestätigen.
Sie wackelte mit dem Hasenkopf.
Jonathan lachte, weil es lustig aussah.
Kim lüftete ihre Maske. »Es ist heiß hier.«
»Stimmt, es ist heiß. Dürfen wir die große Tür öffnen?«
»Ja, die Raucher gehen auch vor die Tür.«
Jonathan hob seine Maske ebenfalls an, um Luft hineinzulassen. »Lass uns an die frische Luft gehen, sonst platze ich vor Geilheit.«
Kim ging vor und wackelte kokett mit dem Hasenschwänzchen. Von hinten sah sie heiß aus. Jonathan ging hinter ihr her, auf den Balkon. Er lüftete den Hundekopf, setzte ihn für einen Moment ab und sog die frische Luft ein. Er versuchte, an etwas anderes zu denken, um sich von seiner Geilheit abzulenken.
Sein Schwanz war immer noch kurz davor, das Kostüm zu sprengen. Nur eine Berührung mit Kims Hasenpfote und er könnte für nichts mehr garantieren.
Kim setzte ihren Hasenkopf ab. Sie begannen, sich ausgiebig zu küssen. Sie ließ ihn ihre Leidenschaft spüren, doch etwas fehlte. Etwas, das Jonathan nicht beschreiben konnte. Er küsste sie, war geil auf sie, aber der Funke zu wahrer Leidenschaft wollte nicht überspringen. Eigenartig, wenn er bloß wüsste, woran es lag.
Darmowy fragment się skończył.