Czytaj książkę: «Tuvalu»
Über das Buch
Mitten im Südpazifik liegt die Inselgruppe Tuvalu. Dort lebt die 15-jährige Tahnee mit ihrer Familie. Sie ernähren sich von den Fischen aus der Lagune und von den Kokosnüssen, die vor dem Haus wachsen. Doch nun ist ihr Leben auf der Insel bedroht. Jedes Jahr von November bis April fegen Taifune über das Meer, die meterhohe Wellen verursachen. Sie zerstören die Häuser und lassen die Erde salzig und unbrauchbar werden. Eines Tages beschließt der Vater, mit der Familie auszuwandern. Tahnee hingegen möchte lieber bleiben …
Ein spannender Klima-Roman!

Inhalt
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Anhang
1
Er kam am Abend, plötzlich und ohne Vorwarnung. Es gab nichts, was auf einen Sturm oder gar Monsterwellen hingedeutet hatte. Nicht einmal die talaalikis, die Rußseeschwalben, die beim Herannahen eines Zyklons über die Dörfer flogen und alle mit ihrem schrillen Schrei warnten, waren gesehen oder gehört worden. Auch das von der Regierung installierte Frühwarnsystem, das die Bewohner auf dem kleinen Atoll mitten im Südpazifik warnen sollte, war wieder einmal ausgefallen.
Urplötzlich war sie da: die erste der Monsterwellen, die jeden Sturm begleiteten. Aus einer Höhe von acht Metern trafen die Wassermassen auf die Palmen am Strand, die wie trockene Zweige umknickten, und überschwemmten die kleinen Wohnhäuser, die keine zwei Meter über dem Meeresspiegel lagen. Die Menschen schrien, stolperten und rannten durcheinander nach allen Seiten davon. Mütter und Väter umklammerten die Hände ihrer Kinder und zerrten sie mit sich fort. Wer stürzte, wurde vom Wasser überspült.
Welle auf Welle schwappte durch Fenster und Türen in die Häuser und dann weiter bis zur Lagune auf der anderen Seite der an vielen Stellen nur zehn Meter breiten Insel Nanumea. Häuser, Dächer, Bäume, alles flog durch die Luft oder wurde im Wasserstrudel davongerissen.
Tahnee saß eng aneinandergedrängt neben ihren Eltern, ihrer Schwester Nouma und ihren zwei jüngeren Brüdern in der Kirche. Sie waren rechtzeitig vor dem immer stärker werdenden Sturm geflüchtet, nachdem ein umherfliegendes Wellblechdach auf der Terrasse ihres Hauses gelandet war.
Tahnee hörte von draußen das laute Knacken der Bäume, die der Sturm zu Boden warf. Immer wieder wehte der Wind auch die verzweifelten Schreie der Menschen herein, die es nicht mehr geschafft hatten, sich in der Kirche in Sicherheit zu bringen. Ängstlich schaute sich Tahnee um und seufzte dann erleichtert auf, als sie ihren älteren Bruder Petala hinten in der Kirche neben seinen Freunden stehen sah.
Stürme und Monsterwellen gehörten zu Tahnees Leben dazu wie der Regen und die Sonne. Und doch war es jedes Mal aufs Neue schrecklich, weil es jedes Mal Verletzte oder sogar Tote durch umfallende Bäume und zusammenstürzende Häuser gab und Freunde, Nachbarn oder Verwandte mit einer Welle ins Meer gespült wurden und manchmal für immer verschwanden.
Tahnee drückte ihren weinenden kleinen Bruder Tupou an sich. »Du brauchst keine Angst zu haben«, flüsterte sie ihm ins Ohr. »Hier kann uns nichts passieren. Hier sind wir in Sicherheit.« Hoffentlich, dachte sie. Aber bislang hatte die Kirche, die das einzige Gebäude aus Stein auf dem Atoll war, noch jeden Sturm überstanden.
Die Regentropfen schlugen auf das Dach wie harte Trommelschläge. In der Kirche war es dunkel. Wahrscheinlich hatte das Wasser auch die Solaranlage der Insel überschwemmt. Es würde wieder Tage oder sogar Wochen dauern, bis die Anlage repariert werden konnte und sie wieder Strom und damit Licht hatten.
Die Erwachsenen flüsterten leise, einige Kinder waren erschöpft eingeschlafen, andere weinten.
Die Stimme des Pastors, der vorne auf der Kanzel einige Kerzen angezündet hatte, hallte durch den Raum. »Gott sandte die Flut zur Erde, weil die Menschen seine Gebote nicht befolgt hatten. Alle ertranken. Nur Noah und seine Familie wurden gerettet, weil er rechtschaffen war.« Tahnee lauschte wie alle anderen den tröstenden Worten des Pastors so aufmerksam, als würde er etwas Neues verkünden. Dabei kannten sie alle die Geschichte aus der Bibel über Noah, die große Flut und die Arche auswendig. Es war diese Geschichte, die ihnen den Mut gab, nicht zu verzweifeln: Wer die Gebote Gottes beachtete, musste sich keine Sorgen machen.
»Als Gott sah, was er angerichtet hatte«, fuhr der Pastor fort, »versprach er Noah und durch ihn allen Menschen, dass nie wieder eine Flut alles zerstören würde. Und zum Zeichen dafür schickte er einen Regenbogen. Darum fürchtet euch nicht. Gott wird helfen … Gott wird helfen …«
Die Menschen in den Bänken fielen in seinen Sprechgesang ein: »Gott wird helfen!« Immer schneller, immer lauter wurden sie, bis die Worte den Regen und das Sausen des Windes übertönten, den ganzen Kirchenraum ausfüllten und dann plötzlich abbrachen.
In die Stille hinein begann Tahnees Mutter zu singen, andere Frauen aus ihrem Kirchenchor fielen ein. Schließlich sangen alle, Stunde um Stunde gegen die Angst. Auch Tahnee sang, bis sie heiser war. Tupou schlief friedlich auf ihrem Schoß.
Irgendwann wurde es ruhig in der Kirche. Auch Tahnee war eingeschlafen und wachte erst wieder auf, als ihre Mutter sie an der Schulter schüttelte. »Es ist vorbei!«, sagte sie.
Draußen schien die Sonne, ein leichter Wind wehte winzig kleine Wellen ans Ufer und der Himmel war wolkenfrei, so als hätte es die letzte Nacht nicht gegeben.
Gemeinsam mit den anderen machte Tahnee sich auf den Weg nach Hause durch kniehoch stehende Pfützen, in denen das Meerwasser in schlammigen Blasen aus dem Boden quoll, vorbei an umgestürzten Kokospalmen, die einige der Häuser beim Fallen zerdrückt hatten.
Ihr Haus stand noch, aber das Wellblechdach war davongeflogen, die Regentonne mit dem kostbaren Wasser umgekippt. Der Vorrat an getrockneten Kokosnussschalen an der Feuerstelle vor dem Kochhaus war durchgeweicht, sodass sie mit dem Kochen warten mussten, bis die Sonne die Schalen getrocknet hatte. Im Haus war alles nass und durcheinandergewirbelt worden.
Tahnee seufzte. Die Aufräumarbeiten würden wieder mehrere Tage dauern. Während ihr großer Bruder Petala und der Vater sich auf die Suche nach dem Wellblechdach machten, half Tahnee der Mutter im Haus.
Sie arbeiteten schweigend, jede wusste genau, was zu tun war. Es war nach jedem Sturm dasselbe. Auch ihre Gedanken gingen in die gleiche Richtung: Wie ging es den anderen aus der Familie? Den Großeltern, Onkeln und Tanten, Cousins und Cousinen und ihren Familien, die in den Dörfern auf den drei anderen bewohnbaren Inseln des Atolls lebten. Das Telefonnetz war kaum ausgebaut, kaum einer der sechshundert Einwohner von Nanumea besaß einen Anschluss und so gab es keine Möglichkeit, sie schnell zu erreichen.
»Hoffentlich ist niemand schwer verletzt«, meinte die Mutter leise und seufzte. Das einzige Krankenhaus des gesamten Inselstaates Tuvalu, zu dem Nanumea gehörte, befand sich in in der Hauptstadt auf dem vierhundertsechzig Kilometer entfernten Atoll Funafuti. Eine Flugverbindung gab es nicht und das nächste reguläre Schiff lief Nanumea erst in drei Wochen an. So blieb nur die kleine Krankenstation, die aber Schwerverletzte nicht versorgen konnte.
»Sie hätten Boten geschickt, wenn einer von ihnen verletzt wäre.« Tahnee umarmte ihre Mutter. Sie wusste genau, woran sie dachte. Es waren diese Bilder im Kopf, die nach jedem Sturm wie ein immer wiederkehrender Albtraum zurückkamen: Kurz nach Tahnees Geburt hatte eine Monsterwelle die jüngste Schwester ihrer Mutter gegen einen Baum geschleudert. Das Rettungsschiff konnte wegen des Sturms und des hohen Seegangs nicht aus dem Hafen der Hauptstadt auslaufen, doch es wäre ohnehin zu spät gekommen.
Auf Nanumea, der Hauptinsel des Atolls, auf der Tahnees Dorf lag, hatte es zum Glück diesmal keine Toten gegeben, nur einige leicht Verletzte. Sie hatten es alle überlebt, aber die Angst vor dem nächsten Sturm, der so sicher kommen würde wie Ebbe und Flut, blieb und wurde mit jedem Sturm größer.
2
»Der große Kokosnussbaum ist auf Großmutters Haus gefallen!« Mit dieser Nachricht kam Petala am Tag nach dem Sturm aus Lakena zurück. Der Vater hatte ihn auf die kleine Insel am Rande der Lagune geschickt, um zu sehen, wie es den Eltern von Tahnees Mutter und der Familie ihres Bruders ergangen war.
Die Mutter schrie erschrocken auf.
»Sie lebt«, beruhigte Petala sie, »Onkel Wawe hat vorgeschlagen, dass Großmutter zu ihm zieht, aber sie will einfach nicht.«
»Das verstehe ich nicht!«, sagte Tahnee. »Warum soll sie denn zu Onkel Wawe ziehen? Warum baut ihr das Haus nicht einfach wieder auf? Das habt ihr sonst auch immer gemacht! Was sagt Großvater denn dazu? Soll der auch umziehen? Das wird er bestimmt nicht machen!«
Petala schwieg und schaute erst die Mutter, dann den Vater an. »Großvater ist vor zwei Tagen zum Fischen aufs Meer gefahren …«
Entsetzt starrten ihn alle an.
»Er … er ist nicht zurückgekommen … noch nicht. Ich meine … er ist vielleicht auf einer Insel gestrandet …« Petala versuchte verzweifelt, seiner Nachricht das Schreckliche zu nehmen. »Vielleicht hat er den Sturm kommen sehen und hat sich in Sicherheit gebracht …«
»Hoffen wir das Beste!«, meinte der Vater. »Aber wir alle wissen doch, dass es da draußen weit und breit keine Inseln gibt!«
Tahnee hatte mit weit aufgerissenen Augen und starr vor Entsetzen zugehört. Doch plötzlich schob sie ihren Bruder beiseite und rannte aus dem Haus, die Treppe hinunter mitten in eine Riesenpfütze hinein.
Das Wasser spritzte nach allen Seiten. Um sie herum kreischten ihre beiden jüngeren Brüder mit ihren Freunden vor Freude, hüpften in der Pfütze herum und bespritzten sie. Sie schubste sie aus dem Weg und rannte weiter bis zu einem kleinen Seitenpfad, der zur Lagune führte. Hier am Ufer lag ihr Kanu.
Tahnee stieg ein und paddelte, so schnell sie konnte, in die Mitte der Lagune. Dort setzte sie ihr Segel. Sie musste sich beeilen. Wenn die Sonne unterging, würde es schlagartig dunkel werden. Dann war es zu gefährlich, noch bis zur Großmutter nach Lakena zu segeln. Außerdem hatte die Ebbe schon eingesetzt und bald würden überall in der Lagune kleine Felsen aus Korallen herausragen, die man bei Nacht leicht übersah.
Der Wind war günstig und sie kam gut voran. Trotzdem ging die Sonne unter, bevor sie auch nur die halbe Strecke geschafft hatte. Sie holte aus ihrem Boot eine Lampe, band sie sich um den Kopf und segelte vorsichtig weiter, angestrengt auf das dunkle Wasser blickend.
Wenn der Lichtschein auf einen Schwarm fliegender Fische traf, flogen sie erschrocken hoch. Einige der silbrigen Fische landeten sogar in ihrem Boot.
Tahnee musste an ihren Großvater denken, der ihr das Auslegerkanu mit Segel vor sieben Jahren zu ihrem achten Geburtstag aus einem Brotfruchtbaum geschnitzt und ihr das Segeln beigebracht hatte.
Mädchen bekamen eigentlich kein Boot, sie fuhren auch nicht zum Fischen aufs Meer. Aber dem Großvater war das egal. Er nahm sie sogar manchmal mit zu seinen Nachtfahrten, bei denen er auf die andere Seite des Korallenriffs fuhr, um fliegende Fische zu fangen.
In diesen Nächten musste es stockdunkel sein, auch der Mond durfte nicht scheinen. Auf dem Motorboot befanden sich dann neben Tahnee und ihrem Großvater meist noch zwei weitere Männer aus dem Dorf. Großvater steuerte, während ein anderer am vorderen Ende des Bootes hockte – ausgestattet mit einem großen Netz und einem Helm mit einer starken Lampe. Der dritte saß in der Mitte des Bootes, ebenfalls mit einem Netz in der Hand.
Tahnee kauerte auf dem Boden des Bootes und klammerte sich fest, während das Boot durch das Wasser flog. Die Lampe erschreckte die Fische, sodass sie in Scharen aus dem Wasser flogen, um dem Lichtkegel auszuweichen.
Mit den Netzen wurden die fliegenden Fische eingefangen und auf den Boden des Bootes geworfen. Schon nach kurzer Zeit war Tahnee von zappelnden silbrigen Fischen umgeben. Manchmal landete auch einer mitten in ihrem Gesicht. Die schönsten Momente waren die, wenn Delfine auftauchten, um mitzujagen. Große, graue Schatten, die leise durch das Wasser flogen, dann in die Luft sprangen und dabei laut pusteten.
Großmutter aber sah es nicht gerne, wenn Großvater sie mitnahm. Bei hohen Wellen konnten auch die besten Fischer leicht die Orientierung verlieren, da die Inseln sehr flach waren und nur wenige Meter aus dem Meer herausragten. Oder wenn dichte Wolken die Sonne oder die Sterne versteckten, mit deren Hilfe schon ihre Vorfahren über Tausende Kilometer ihren Weg durch das Meer gefunden hatten.
Tahnee hatte das Lachen ihres Großvaters noch in den Ohren, mit dem er jedes Mal auf die Ängste seiner Frau antwortete. »Was soll schon passieren?«, sagte er. »Es gibt keinen auf der Insel, der das Meer besser kennt.«
»Aber das Meer hat sich verändert«, erwiderte Großmutter dann. »Die Natur ist nicht mehr unser Freund. Wir verstehen sie nicht mehr so wie früher.«
Großvater nickte dann immer. Er wusste, dass sie recht hatte. »Aber was soll ich machen? Wir brauchen den Fisch zum Leben. Ich fahre ja nicht zum Vergnügen hinaus. Und Tahnee fährt zum Lernen mit, damit sie mir später helfen kann. So etwas lernt sie nicht in der Schule.«
Tahnee hatte keine Angst. Sie vertraute ihrem Großvater, der der beste Bootsführer auf dem ganzen Atoll war. Doch nicht nur das: Neben ihrer Großmutter war es der Großvater, zu dem sie die engste Beziehung hatte. Nach dem Tod von Tahnees Tante hatten die Eltern Tahnee, die gerade erst ein Jahr alt war, nach Lakena gebracht, damit sie, wie es Tradition war, ihre Großeltern über den Verlust ihrer eigenen Tochter hinwegtrösten sollte. Sie war bei ihnen aufgewachsen, bis sie wie viele Schüler Nanumeas mit 14 Jahren auf die Internatsschule nach Vaitupu kam, einer 345 Kilometer entfernten Insel, um dort die weiteren Klassen zu besuchen.
Und jetzt war der Großvater irgendwo da draußen auf dem weiten Meer verschwunden. Tränen liefen Tahnee über das Gesicht. Sie wollte so gerne glauben, was Petala gesagt hatte, aber sie wusste auch, dass es nach einem solchen Sturm mit Monsterwellen keine große Hoffnung mehr gab.
Endlich hatte sie Lakena erreicht. Sie zog ihr Boot ein Stück den Strand hinauf, in sicherer Entfernung zum Haus ihres Onkels Wawe, das am Rande des Dorfes lag. Sonst führte ihr erster Weg immer dorthin. Sie wusste, dass sie willkommen wäre und zum Essen eingeladen würde. Aber sie wusste auch, dass er sie dann im Dunkeln nicht mehr zu ihrer Großmutter lassen würde, die eine halbe Stunde Fußweg entfernt am anderen Ende der Insel lebte.
Der einzige Weg dorthin verlief mitten durch das Dorf und dann weiter durch den Dschungel. Überall vor den Häusern flackerten die Holzkohlefeuer, sie hörte die lachenden Stimmen von Menschen, die beim Essen zusammensaßen. Nur einige Hühner und Schweine liefen noch herum.
Eine Straßenbeleuchtung gab es auf Lakena nicht und zum Glück schien auch der Mond nicht, sodass Tahnee unbemerkt durch das Dorf schleichen konnte.
Nachdem sie das letzte Haus passiert hatte, schaltete sie ihre Lampe wieder ein. Vorbei an Brotfrucht-, Pandanusbäumen und Kokosnusspalmen führte der Sandweg ins Innere der Insel. Etwas weiter Richtung Südstrand stand das Haus der Großeltern, das noch ganz im traditionellen Stil auf Pfählen und mit einem Dach aus Pandanusblättern gebaut war. Es war nach allen Seiten offen, sodass der Wind hindurchwehen konnte. Das machte das Leben bei großer Hitze angenehmer als in dem Haus aus Zement und Wellblech, das der Vater vor einigen Jahren für die Familie auf Nanumea gebaut hatte. Am Dach waren kunstvoll geflochtene Matten befestigt, die man herunterlassen konnte, um Schatten zu bekommen und den Regen abzuhalten.
So hatte das Haus zumindest bei ihrem letzten Besuch vor einer Woche noch ausgesehen. Jetzt lag einer der großen Kokosnussbäume, die das Haus umgaben, quer über dem Dach und hatte es unter seinem Gewicht zerdrückt. Die dicken Holzbalken waren zersplittert, als wären sie dünne Zweige, die Plattform, auf der das Haus gebaut war, lag in mehrere Teile zerbrochen darunter.
Tahnee stand für einen Moment regungslos da. Es war alles noch schlimmer als erwartet. Von dem Haus, in dem sie ihre Kindheit verbracht hatte, war nicht viel übrig geblieben. Es würde ein neues Haus gebaut werden, vielleicht sogar größer und schöner als das alte, nur ohne die vielen Erinnerungen, die in jeder Ecke des alten Hauses gewohnt hatten.
3
Die Großmutter stand allein an der Feuerstelle vor der Kochhütte und rührte in einem ihrer großen Töpfe. Als sie Tahnee sah, lächelte sie. »Ich wusste, dass du kommen würdest«, sagte sie und umarmte Tahnee.
Früher hatte es Tahnee manchmal erschreckt, wenn die Großmutter Dinge zu wissen schien, die sie eigentlich gar nicht wissen konnte. Sie besaß die Kraft ihrer Vorfahren, in die Zukunft zu sehen.
Tahnee klammerte sich an ihre Großmutter und fing an zu weinen. Lange standen sie da, fest umschlungen, bis Tahnee sich losmachte. Schließlich war sie hergekommen, um die Großmutter zu trösten. »Morgen kommen sicher auch Vater und Petala, um dein Haus wieder aufzubauen«, sagte sie, während sie sich die Tränen aus dem Gesicht rieb.
Großmutter nickte. »Gut so. Ich hoffe, auch dein Onkel Wawe und die Leute vom Dorf werden kommen, damit es schneller geht. Denn ich werde hierbleiben. Hier ist mein Zuhause, auch wenn Großvater nicht mehr zurückkommt.«
Tahnee schluckte. Dann riss sie sich zusammen und versuchte, sich und ihrer Großmutter Mut zu machen. »Er kennt das Meer und vielleicht befindet er sich längst an Bord eines dieser großen Fischfangboote. Er …«
Die Großmutter schaute sie an. »Wir wissen doch beide, dass sein Boot nur eine winzige Kokosnussschale war, mitten in den Wellen, so hoch wie der Kirchturm in eurem Dorf«, sagte sie leise. »Aber du hast recht, man soll die Hoffnung nie aufgeben.«
Schweigend saßen sie anschließend am Feuer und aßen Großmutters paw paw, ein Bananenbrei, der hier bei ihr am besten schmeckte.
»Lass uns schlafen gehen«, meinte die Großmutter nach dem Essen. »Die Männer werden morgen sehr früh hier sein und wir müssen die Mahlzeiten für sie vorbereiten.«
Sie hatte bereits einige der Schlafmatten aus dem zerstörten Haus in die Kochhütte getragen und so schliefen sie eng aneinander gekuschelt auf dem Boden ein.
Am nächsten Morgen wachte Tahnee vom Gegacker der Hühner auf, die draußen frei herumliefen. Die Großmutter bereitete vor der Kochhütte das Frühstück vor und graue Rauchwolken zogen zu Tahnee herüber. Tahnee sprang auf, schöpfte Wasser aus dem Eimer neben der Regentonne und wusch sich das Gesicht.
Dann nahm sie eine der leeren Kokosnussschalen und kletterte auf den Kokosnussbaum neben dem Haus, so wie sie das seit Jahren jeden Morgen machte, wenn sie hier war. Großvater hatte Stufen eingeschnitzt, sodass Tahnee schnell vorankam bis zur Spitze in zehn Metern Höhe. Dort hing eine ausgehöhlte Kokosnussschale, die den toddy genannten weißen, dickflüssigen Saft aus der eingeritzten Rinde auffing. Großmutter machte daraus Marmelade oder, wenn er gegoren war, Palmwein für die Erwachsenen.
Nach einem schnellen Frühstück, zu dem es neben den Resten vom gestrigen Abendessen Großmutters neuen Lieblingssalat aus Tomaten und Zucchini gab, machten sie sich auf den Weg zum Grundstück der Familie.
Jede Familie auf dem Atoll besaß hier auf Lakena ein Grundstück mit Obstbäumen und pits, riesigen mit kompostierter Erde aufgefüllten Gruben. Sie waren über Generationen ausgeschachtet worden bis zur Süßwasserlinse hinunter, die unterhalb der Insel lag, und waren der kostbarste Besitz einer Familie. In diesen pits wurden Taro und Pulakaknollen angepflanzt, die zu jeder Mahlzeit gehörten.
Als Tahnee und ihre Großmutter die pits erreichten, trafen sie auf Tahnees Urgroßonkel, der mit seinem Sohn Malaki gekommen war, um ebenfalls beim Hausbau zu helfen.
Tahnee zuckte zusammen, als Malaki so plötzlich vor ihr stand. Seit dem Sturm war nicht eine Minute vergangen, in der sie nicht an ihn gedacht hatte. Ging es ihm gut? Hatte er sich rechtzeitig in Sicherheit bringen können? Und nun stand Malaki da und lächelte sie an. Am liebsten wäre sie zu ihm gelaufen und hätte ihn in den Arm genommen. Malaki, der das wohl ahnte, schüttelte warnend seinen Kopf. Darum nickte sie ihm nur kurz zu und begrüßte dann ihren Urgroßonkel, der aufgeregt auf die Großmutter einredete und sie kaum beachtete.
»Das Wasser in den pits ist salzig geworden. Salzig wie das Meer!«, sagte er.
»Es ist immer ein bisschen salzig. Die Pulakas vertragen das«, meinte Großmutter.
Aber er schüttelte den Kopf. »Es ist zu viel Salz. Das Meerwasser steigt jetzt schon durch den Boden bis nach oben. Wenn das so weitergeht, werden alle Pflanzen sterben. Und was essen wir dann? Schau dir die Bananen an!« Er zeigte auf eine große Staude, bei der sich die Spitzen der Blätter bereits braun gefärbt hatten. »Man kann ihnen beim Sterben zusehen, so schnell geht es.«
»Ich bin froh, dass ich meinen neuen Gemüsegarten habe«, sagte die Großmutter und lächelte Tahnee zu. Tahnee hatte ihr schon in den letzten Ferien aus dem Schulgarten Setzlinge von Tomaten, Bohnen, Salat und Zucchinis mitgebracht. Gemeinsam mit Onkel Wawe hatten sie ein Hochbeet gebaut, wo Großmutter ihr Gemüse nun salzfrei mit Regenwasser aus der Tonne züchten konnte.
Während der Urgroßonkel Großmutters kleinen Handwagen mit frischen Pulakaknollen füllte, lief Tahnee zu den Brotfruchtbäumen, um mithilfe einer langen Stange die Früchte abzuschlagen, die Großmutter zu Gemüsemus verarbeiten wollte.
Malaki folgte ihr, ebenfalls mit einer Stange in der Hand. Als sie ihn erschrocken ansah, meinte er nur: »Keine Angst! Deine Großmutter hat gesagt, ich soll dir helfen, weil sie eine Menge Früchte für die nächsten Tage braucht. Es werden viele Helfer für den Wiederaufbau ihres Hauses kommen …« Er zögerte kurz, dann fügte er leise hinzu: »Wann fährst du zurück?«
Tahnee zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es noch nicht. Wenn Großmutters Haus fertig ist. Ich kann sie jetzt nicht allein lassen.«
Sie schaute sich etwas ängstlich nach ihrer Großmutter und Malakis Vater um. Aber die beiden waren in ihr Gespräch über die Versalzung der pits vertieft und beachteten sie gar nicht.
»Wir müssen vorsichtig sein«, sagte sie leise.
»Mach dir keine Sorgen. Niemand hat bis jetzt etwas bemerkt und das wird auch so bleiben.«
Die lauten Stimmen hinter ihnen hatten aufgehört. Als Tahnee sich umdrehte, sah sie, wie die beiden zu ihnen herüberschauten. Sie bückte sich hastig und fing an, die Brotfrüchte aufzusammeln.
Auf dem Rückweg zum Haus gingen Malaki und sein Vater vorweg, schwer bepackt mit Bananen und Brotfrüchten, während Tahnee und die Großmutter den Handwagen mit den Pulakaknollen zogen.
Tahnee war froh, dass die Großmutter keine Fragen stellte, denn sie wollte ihr keine Lügen erzählen. Vielleicht machte sie sich auch zu viele Gedanken, dass sie und Malaki aufgeflogen sein könnten. Mehr als ihre Rücken hatten die beiden nicht gesehen. Wenn sie in ihren Gesichtern hätten lesen können – ja, dann hätten sie jetzt ein großes Problem.
Als sie zurück zu Großmutters Haus kamen, waren bereits viele Helfer aus dem Dorf dabei, das alte Haus auseinanderzunehmen und alles, was noch zu gebrauchen war, auf einen Haufen zu legen.
Viel war es nicht. Daher mussten mehrere Bäume für neue Balken gefällt und Palmblätter für das Dach geschnitten werden, die von den Frauen dann zu dichten Matten zusammengeflochten wurden.
Auch ihre Eltern, ihr großer Bruder und andere Verwandte von den übrigen Inseln waren gekommen. Es war selbstverständlich, dass man nach einem Sturm den anderen half, sobald man mit der Reparatur seines eigenen Hauses fertig war.
Onkel Wawe und die Männer aus dem Dorf waren schon am frühen Morgen fischen gegangen und brachten Körbe mit frischem Fisch und Krebsen mit. Tahnee setzte sich zu den anderen Frauen, die dabei waren, neue Fuß- und Fenstermatten aus Palmwedeln zu flechten.
Sie unterhielten sich leise über Großvaters Verschwinden und die Hoffnung, dass er lebendig wiederkommen würde. Tante Haufia erzählte gerade von einem Mann, der nach vier Wochen in seinem Boot auf der Insel Samoa mehr als Tausend Seemeilen entfernt angeschwemmt worden war. Halb verhungert und verdurstet, aber lebendig.
Solange Großvater vermisst wurde, konnte man sich vorstellen, dass er noch lebte. Alles andere wurde ausgeblendet. Es machte keinen Sinn, sich Sorgen zu machen, solange auch nur eine Spur Hoffnung bestand. »Stellt euch nur vor, wie er sich freuen wird, wenn er sein neues Haus sieht!«, meinte Tante Haufia, die wie immer fröhliche Stimmung zu verbreiten versuchte, was ihr an diesem Tag aber nicht so ganz gelang.
Am Abend standen bereits die Grundpfeiler des neuen Hauses, und die ersten Bretter für die Plattform waren auch schon genagelt. Da die Kochhütte mit Lebensmitteln gefüllt und kein Platz zum Schlafen übrig war, gingen auch Tahnee und ihre Großmutter mit ins Dorf zurück, wo alle Helfer in den verschiedenen Häusern unterkamen, Tahnee und ihre Eltern im Haus von Onkel Wawe.
Als Tahnee am nächsten Morgen aufwachte, hörte sie lautes Rufen und Lachen von draußen. Einige Männer waren dabei, Fische für den neuen Tag zu fangen. Auch Malaki half mit. Während zwei Männer das riesige Netz im flachen Wasser quer zum Strand gespannt im Wasser hielten, trieben andere mit lautem Geschrei und viel Lärm die Fische ins Netz, indem sie mit den Händen auf das Wasser schlugen.
Tahnee setzte sich in den warmen Sand und schaute ihnen zu. Am liebsten hätte sie mitgemacht, aber ihre Mutter und ihre Tante sahen es gar nicht gerne. Fischefangen war Männersache.
Sie schaute auf das kristallklare, blaue Wasser, das in der Sonne geheimnisvoll glitzerte, die Palmen am Ufer, deren Wedel im Wind tanzten. Ein Paradies. Sie konnte sich nicht vorstellen, woanders zu leben.
Und doch konnte sich dieses Paradies innerhalb von Minuten in einen Albtraum verwandeln. Aus den kleinen Wellen wurden Monsterwellen, vom Sturm getrieben, die alles überschwemmten und mit sich rissen. Die das Trinkwasser in den Brunnen versalzten und die Ernte vernichteten.
»Gott ist böse auf uns«, hatte die Mutter ihr früher erklärt, als Tahnee fragte, warum auf einmal die Monsterwellen kamen. »Wir haben ihn verärgert.«
»Und was können wir machen?«
»Wir müssen noch mehr beten. Er wird uns erhören, wenn wir unsere Taten bereuen, und dann wird die Natur wieder unser Freund wie früher«, hatte die Mutter gesagt.
Tahnee war sich sicher gewesen, dass sie nichts getan hatte, was Gott so sehr verärgern konnte, dass er Monsterwellen schickte.
Der Vater hingegen hatte eine ganz andere Geschichte erzählt. Er fuhr damals noch auf den großen Containerschiffen als Seemann durch die Welt und brachte jedes Mal, wenn er Urlaub hatte, nicht nur unbekannte Dosennahrung und Süßigkeiten, sondern auch spannende Geschichten mit, von denen Tahnee nicht genug hören konnte.
Nur eine Geschichte machte ihr Angst. Sie handelte von dem riesigen Eisberg, der eines Tages vor seinem Schiff aufgetaucht war. Der Vater erzählte, dass das Eis im Süden der Erde am Schmelzen war und viele solcher Eisberge durch das Meer schwammen, langsam schmolzen und als Wasser ins Meer flossen. Und weil das eine unfassbar große Menge Wasser war, stieg der Meeresspiegel an. Und dann wurde es gefährlich für Inseln, die nur knapp über dem Meeresspiegel lagen wie Nanumea.
Es war damals nur eine Geschichte, die Angst machte, aber mit ihrem Leben auf Nanumea nicht viel zu tun hatte.
Doch als Tahnee in die Schule kam, erzählte die Lehrerin die gleiche Geschichte. Sie zeigte sogar Bilder von Eskimos, die im Eis lebten, und den Rissen im Eis, sodass sie keine Eisbären mehr jagen konnten und die Fische wegblieben, weil es zu warm wurde. Als Tahnee fragte, warum das Meer auf einmal anfing zu schmelzen, erzählte die Lehrerin von Ländern, die Tausende Seemeilen entfernt waren. Dort gab es Autos und Fabriken, die heiße, verschmutzte Luft in den Himmel pusteten und dadurch das Eis zum Schmelzen brachten.
Als Tahnee ihrer Mutter davon erzählte, die genau wie sie weder Autos noch Fabriken kannte, war ihre Antwort: »Warum auch immer die Monsterwellen kommen, nur Gott kann sie besiegen und darum müssen wir ihn bitten. Gott wird nicht zulassen, dass unsere Heimat von den Monsterwellen verschlungen wird. Er lässt uns nicht im Stich!«
Wie sehr wünschte sich Tahnee, sie könnte das immer noch wie früher glauben. Leider wusste sie selbst inzwischen, dass die Geschichten des Vaters und der Lehrerin keine Märchen waren, sondern im Gegenteil längst Teil ihres täglichen Lebens.
4
Drei Tage später war das Haus der Großmutter fertig, was mit einem großen Festessen für alle Helfer am letzten Abend gefeiert werden sollte. Onkel Wawe schlachtete ein Schwein, Großmutter ließ drei Hühner grillen, Fische wurden gefangen und gebraten. Die Frauen waren den ganzen Tag mit Kochen beschäftigt, und die Pulakaknollen, die bereits seit Tagen auf dem Feuer köchelten, damit sie essbar wurden, verarbeiteten sie zu Mus. Großmutter setzte frischen Palmwein an.
Vor dem Essen bedankte sie sich bei allen Helfern. Den Großvater erwähnte sie dabei mit keinem Wort. Nur Tahnee, die sie nachts oft leise weinen hörte, wusste, wie sehr sie ihn vermisste. Und solange es kein sichtbares Zeichen gab, dass er ertrunken war, würde sie wie Tahnee den letzten Rest an Hoffnung ganz tief in sich bewahren, auch wenn sie immer so tat, als würde sie nicht daran glauben.
Wie meistens in den letzten Monaten drehten sich auch während des Essens die Gespräche um die Stürme, die immer häufiger und heftiger auf die Insel trafen.
»Manchmal gehen die Sirenen. Und ich schaue zum Himmel und es gibt keine Wolke, keinen Wind, nichts bewegt sich. Und dann kommt ganz plötzlich der Sturm und dann die Wellen«, meinte Tolise, einer der ältesten Bewohner des Atolls. »Als mein Enkel das erste Mal aus der Schule kam und vom Klimawandel erzählte, habe ich es nicht geglaubt. Aber jetzt kann ich es sehen, jeden Tag. Es macht mir Angst! Wie lange können wir hier noch leben? Was wird aus meiner Familie, wenn unser Atoll im Meer versinkt? Wo werden wir hingehen?«
»Es sind unsichere Zeiten. Aber auf eines ist Verlass: auf unsere Gemeinschaft. Niemand wird alleinegelassen, wenn er in Not ist«, meinte Tahnees Vater und alle nickten.
Tahnee hörte nur mit halbem Ohr zu. Ihre Augen wanderten immer wieder zu Malaki hinüber. Obwohl sie den ganzen Tag so nahe beinander gearbeitet hatten, hatten sie kaum ein Wort miteinander sprechen können. Er war ihr Cousin dritten Grades und eine Freundschaft zwischen Cousin und Cousine war bis in den 3. Verwandtschaftsgrad verboten.
Nur einmal war es ihnen gelungen, sich davonzuschleichen. Tahnee, die sich auf Lakena sehr gut auskannte, hatte ihn auf einem kleinen Pfad durch den Dschungel auf eine Lichtung geführt. In der Mitte lag ein Hügel, der von Schlingpflanzen und Büschen überwuchert war.
Auf diesen Hügel steuerte Tahnee zu und fegte mit einem Palmwedel eine kleine Fläche frei, auf der die Blätter und Äste nicht fest verwurzelt, sondern nur aufgelegt waren. Darunter kamen runde Steine zum Vorschein, Stufen, die auf eine Art Terrasse führten.
Malaki streichelte andächtig über die Steine und traute sich kaum zu atmen. Er hatte sofort erkannt, was es war: ein marae, einer der heiligen Orte ihrer Vorfahren. Hier hatten die Priester den Göttern Opfer gebracht, um für einen Sieg im Kampf gegen die Feinde zu bitten oder um Schutz vor dem Aufbruch zu weit entfernten Inseln.
»Wie hast du diesen Platz gefunden?«, fragte er.
»Es war Großmutter. Sie ist darüber gestolpert, als sie auf der Suche nach Heilkräutern war. Die Götter haben ihren Fuß geführt, hat sie gesagt«, erzählte Tahnee. »Es gibt niemanden auf Lakena, der diesen Ort kennt.«
Sie zeigte ihm die fast drei Meter hohe und zwei Meter breite Korallenplatte, die die Großmutter vor Jahren unter den Dschungelpflanzen entdeckt hatte. »Es ist ein Schrein für einen unserer alten Götter«, erklärte sie. »Wahrscheinlich für Maui. Ursprünglich stand er mal aufrecht.«
Tahnee liebte diesen Ort, an dem sie schon so oft mit ihren Großeltern gewesen war. Und sie war glücklich, dass auch Malaki die besondere Stimmung spürte. Die meisten Nanumeaer wollten von den alten Göttern nichts mehr wissen, seitdem die Missionare die Tempel und Schreine als Teufelswerk beschimpft und zerstört hatten.
Eng umschlungen saßen sie auf den Stufen des marae. Aber irgendwie fühlte es sich eigenartig an, zusammen hier zu sein, an einem Ort, an dem die Geister der Vorfahren noch zu spüren waren. Der Vorfahren, die auch die Freundschaften zwischen Cousins und Cousinen verboten hatten. Und so waren sie kurz darauf schon wieder von dort aufgebrochen und auf getrennten Wegen zum Haus der Großmutter zurückgekehrt. Niemand schien ihre Abwesenheit bemerkt zu haben.
Am nächsten Tag fuhren die Helfer wieder nach Hause und auch Tahnee machte sich auf den Rückweg. In zwei Tagen kam das Schulboot, das sie und alle anderen Jugendlichen, die eine Secondary School besuchten, auf die 350 Kilometer entfernte Insel Vaitupu bringen würde, da es auf Nanumea nur eine Grundschule gab.
Die Großmutter begleitete Tahnee an den Strand, wo ihr Kanu lag. Sie umarmte Tahnee, nahm ihre beiden Hände und sagte: »Pass auf dich auf! Und vergiss nicht, dass es Regeln gibt, die man nicht übertreten darf, ohne es hinterher zu bereuen, wenn es zu spät dafür ist. Regeln, die das Leben schützen und nur darum von unseren Vorfahren aufgestellt wurden.«
Tahnee schaute sie erschrocken an, wollte etwas sagen, aber die Großmutter schüttelte nur leicht den Kopf und ging davon, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Tahnee stieg in ihr Boot, paddelte einige Meter vom Ufer weg und setzte dann ihr Segel. An der kleinen unbewohnten Insel Lefogaki in der Mitte der Lagune hielt sie an, zog ihr Boot zwischen die Mangrovenwurzeln und setzte sich dann in den Schatten unter den großen Pandanusbaum, um auf Malaki zu warten. Immer wieder hatten sie sich in den letzten zwei Ferienwochen davongeschlichen, waren in ihre Kanus gestiegen, um sich hier zu treffen.
Nur sehr selten kamen andere Boote vorbei. Außerdem gab es viele Kokospalmen und Mangrovenbäume, zwischen denen man sich verstecken konnte, sodass man vom Wasser her nicht zu sehen war.
Aber diesmal wartete Tahnee umsonst, Stunde um Stunde. Malaki kam nicht. Das war noch nie passiert. Irgendwie hatten sie es immer geschafft, sich beide davonzuschleichen.
Als die Sonne am Horizont tiefer sank, gab sie auf und segelte nach Hause. Sie zog ihr Boot an Land, machte noch einen Umweg an seinem Haus vorbei, dann zur Kirche, wo er sich meist mit seinen Freunden zum Volleyballspielen traf, in der Hoffnung, ihm zu begegnen.
Vergeblich.
Er war wie vom Erdboden verschluckt.
5
Am nächsten Abend fand wie immer zum Ende der Ferien ein großes Abschiedsfest, eine faatele, statt. Es war der letzte Abend, bevor die Schüler zurück ins Internat nach Vaitupu fuhren. In der großen Versammlungshalle war das Essen aufgebaut worden, zu dem jede Familie etwas beigetragen hatte: gegrillter und geräucherter Fisch, Krabben aus dem Ozean, geräucherte Vögel und ein im umu, im Erdofen, gebackenes Schwein, das in frische Bananenblätter eingewickelt wurde. Außerdem gab es reichlich Bananen, frisch und in toddy gedünstet, Papayas, pi, frischer Kokossaft, und in Kokosmilch gekochte Pulakaknollen und jede Menge Palmwein.
Als Tahnee mit ihrer besten Freundin Salesi in die Halle kam, waren fast alle Bewohner des Atolls bereits dort und unterhielten sich, Kinder liefen herum, die Stimmung war fröhlich wie immer bei einer faatele. Zu ihrer Erleichterung sah Tahnee Malaki bei seinen Freunden sitzen.
Nach dem Essen gruppierten sich einige Männer in der Mitte der Halle im Kreis um eine große Trommel. Die übrigen saßen auf den ausgelegten geflochtenen Matten auf dem Boden. Die Männer stimmten einen Gesang an und schlugen dabei mit den Händen auf der Trommel einen immer schneller werdenden Rhythmus. Sie wurden lauter und noch schneller, bis sie einen Höhepunkt erreichten und plötzlich abbrachen.
Dann begrüßte Tahnees Urgroßvater als ulu aliki, als Vorsitzender der Gemeinschaft, die Schüler und betonte, wie wichtig es sei, nicht nur das Wissen der westlichen Länder zu kennen, sondern auch die Traditionen der Nanumeaer. Das Wissen der Vorfahren dürfe nicht verloren gehen.
Schließlich kam der Teil des Abends, auf den vor allem Tahnee und ihre Freundinnen gewartet hatten. Sie trugen Kränze aus Blumen auf dem Kopf, bunte Kleider und darüber die traditionellen Grasröcke, die titi. Auch Arme und Beine waren durch Blumenbänder geschmückt, um den Hals trugen sie Muschelketten und Ringe aus Muscheln an den Ohren. Zum Gesang der Versammlung ließen sie ihre Hände, Arme und die Hüften kreisen.
Als Nächstes war Malakis Tanzgruppe an der Reihe. Mit ihren nackten Oberkörpern, auf denen die mit Kokosöl eingeriebenen schwarzen Tattoos glänzten, unterbrachen sie den Tanz der Mädchen, indem sie immer wieder dazwischensprangen, wilde Schreie von sich gaben und zur Freude der Zuschauer einen wilden Kriegstanz aufführten.
Tahnee hatte nur Augen für Malaki. Und er tanzte nur für sie. Für kurze Zeit vergaßen sie die vielen anderen Augen im Saal, die sie beobachteten.
Zur großen Verwunderung aller stand nach der Vorführung der ulu aliki erneut auf, hob seine Hand, und als alle ruhig waren, begann er mit ernster Stimme: »Wir leben seit Jahrhunderten auf diesem Atoll. Isoliert vom Rest der Welt. Unsere Vorfahren haben daher Regeln aufgestellt, damit unser Volk überleben kann. Diese Traditionen betreffen das Pflanzen von Pulakaknollen genauso wie den Schutz und die Aufteilung des Landes, von dem wir hier auf dem Atoll nur wenig zur Verfügung haben. Und sie betreffen das Zusammenleben der Familien und die Regeln und tapus, was die Heirat untereinander betrifft. Wir sind nur wenige Bewohner. Schon unsere Vorfahren wussten, dass ein Volk krank wird, wenn ein Mann und eine Frau, die zu eng miteinander verwandt sind, heiraten und Kinder bekommen. Dadurch werden Krankheiten viel häufiger in die nächste Generation vererbt. Darum haben unsere weisen Vorfahren ein tapu verhängt, das bis heute gilt und unser Volk stark gemacht hat: So wie Bruder und Schwester nicht heiraten dürfen, dürfen das bei uns auch nicht Cousin und Cousine bis in den dritten Grad. Darum sollen Cousin und Cousinen nur, wenn es nötig ist, miteinander reden und sich sonst aus dem Weg gehen, damit keine zu große Nähe entsteht. Und wenn sich jemand nicht an die Regeln hält, muss die Gemeinschaft sie durchsetzen zum Schutz für uns alle.«
Der ulu aliki schwieg und sah sich in der Halle um.
Alle nickten. Und wunderten sich, warum er etwas erzählte, was doch alle wussten und auch beachteten.
Tahnee warf Malaki, der ihr gegenüber am anderen Ende der Halle saß, einen entsetzten Blick zu. Aber der zuckte nur ratlos mit den Schultern.
Einer nach dem anderen standen die alten Männer auf. Sie sagten nichts Neues, betonten nur in endlos langen Reden, wie wichtig die alten Traditionen für den Fortbestand des Volkes waren.
Alle hörten schweigend zu. Die Älteren nickten wieder, die meisten der Jüngeren sahen zu Boden. Für sie waren solche tapus längst nicht mehr selbstverständlich. Viele von ihnen waren jahrelang nur zu den Schulferien nach Hause gekommen oder arbeiteten und lebten in der Hauptstadt auf dem Atoll Funafuti und waren jetzt nur zum Weihnachtsfest auf ihre Heimatinsel zurückgekommen.
Aber sobald sie hier waren, galten die alten Regeln. Wer Teil der Gemeinschaft bleiben wollte, musste die neuen Gewohnheiten an Bord des Fährschiffes lassen, bevor er den Boden von Nanumea betrat.
Auch Tahnee hatte schweigend und mit gesenktem Kopf auf ihrer Matte gesessen und gehofft, dass die Versammlung bald zu Ende ging. Sie schaute zu Malaki, er wollte aufstehen, sie schüttelte den Kopf. Vielleicht täuschten sie sich ja und das Thema war ganz zufällig gewählt worden und hatte nichts mit ihnen zu tun.
Während Tahnee immer mehr in sich zusammenkroch und sich ganz weit weg wünschte, wurde Malaki immer unruhiger. Tahnee beobachtete mit Sorge, wie er auf seiner Matte hin und her rutschte, die Faust ballte und sich kaum noch beherrschen konnte. Und dann hielt er es nicht länger aus. Niemand hatte damit gerechnet, dass er aufstehen würde, um selbst eine Rede zu halten. Denn nur die alten Männer durften reden.
Er versuchte zu erklären, dass Tahnee und er die Regeln kannten und respektierten. Aber sie hätten sich einfach nur verliebt. »Und in anderen Ländern dürfen sogar Cousin und Cousine 1. Grades heiraten und Kinder bekommen!«, schloss er, bevor der ulu aliki ihn unterbrechen konnte.
Tahnee wäre beinahe im Boden versunken, als Malaki seine Worte wütend durch den Raum geschleudert hatte. Und auch die meisten Dorfbewohner, die auf dem Boden saßen und zuhörten, sahen sich betroffen an. Jugendliche durften nicht reden. Das war respektlos.
Tahnee sah, wie Malaki sich mit gesenktem Kopf wieder hinsetzte und sprang nun selbst auf. Auch das war ein tapu-Bruch. Frauen durften erst recht nicht bei einer Versammlung reden.
Aber bevor Tahnee etwas sagen konnte, fingen die Männer auf ein Zeichen des ulu aliki an, mit ihren Händen auf die große Trommel einzuschlagen, schneller und immer schneller, bis der Rhythmus sich fast überschlug und dann plötzlich abbrach.
Tahnee setzte sich mit zittrigen Beinen wieder auf ihre Matte. Sie blieb wie erstarrt sitzen, während alle anderen auffallend leise aufstanden und davongingen.
Plötzlich hockte sich Malaki vor sie hin. Er legte seine Hand auf ihren Arm und flüsterte: »Mach dir keine Sorgen! Es wird alles gut. Sie werden sich schon beruhigen.«
Tahnee nickte, traute sich aber nicht, ihn anzusehen. Als sie es schließlich wagte, den Blick zu heben, waren alle anderen schon gegangen. Nur der ulu aliki, der nicht nur ihr Urgroßvater, sondern auch der Onkel von Malaki war, stand noch lange mit ihrer Mutter beisammen und redete auf sie ein. Dann kamen beide auf sie zu.
Ohne lange Vorrede verkündete er, was die Ältesten beschlossen hatten: Tahnee durfte nicht zurück an die Schule. Malaki oder Tahnee. Nur einer von ihnen konnte fahren. Und da Malaki kurz vor seiner Abschlussprüfung stand und das Dorf eine Menge Geld in seine Ausbildung gesteckt hatte, fiel die Wahl auf ihn.
Tahnee wollte protestieren, wollte sogar versprechen, Malaki nie wieder alleine zu treffen.
Aber ihr Urgroßvater schaute ihr nur fest in die Augen und meinte: »Versprich nichts, was du nicht halten kannst. Ende des Schuljahres macht Malaki seinen Abschluss und geht nach Amatuku auf die Seemannsschule. Dann kannst du zurück nach Vaitupu.«
Wie betäubt ging Tahnee neben ihrer Mutter, die den ganzen Weg über kein Wort sagte, nach Hause. Sie war sich so sicher gewesen, dass niemand etwas bemerkt hatte.
Vielleicht zu sicher? Auf Nanumea kannte jeder jeden und niemand konnte etwas tun, ohne dass es nicht kurze Zeit später zum Dorfgespräch wurde. Waren sie beobachtet worden, wenn sie sich heimlich auf Lefogaki trafen?
Oder war es doch ihre Freundin Laisa gewesen, die sie zusammen mit Malaki vor ein paar Wochen am Strand in der Nähe der Schule erwischt hatte? Hatte sie ihrer Mutter oder einer Tante oder sogar dem ulu aliki davon berichtet? Tahnee wusste, dass Laisa selbst in Malaki verliebt war. Aber würde sie so weit gehen und sie verraten?
6
Als Tahnee am nächsten Morgen durch das Krähen der Hähne aufwachte und den vertrauten Geruch des Feuers roch, auf dem die Mutter das Frühstück kochte, schien für einen kurzen Moment der vorige Abend nur Teil eines schrecklichen Albtraums zu sein.
Sie stand auf, um wie jeden Morgen der Mutter zu helfen. Aber statt einer fröhlichen Begrüßung drückte ihr die Mutter nur wortlos die Schale mit paw paw und einigen Stücken gegrilltem Hühnerfleisch vom Vortag in die Hand.
»Petala, Nouma, aufstehen!«, rief sie dann. »Ihr müsst eure Sachen für die Schule noch packen!«
Tahnee biss die Zähne zusammen. Sie setzte sich mit ihrer Schale vor dem Haus auf die Treppe, damit die Mutter ihre Tränen nicht sah. Es war kein Albtraum gewesen: Das Boot würde ohne sie ablegen!
Als die Mutter zwei Stunden später mit Petala, ihrer Schwester und ihren kleinen Brüdern zum Hafen ging, saß Tahnee immer noch regungslos auf der Treppe und starrte vor sich hin.
Sie schaute ihnen nach, bis sie hinter den Bäumen verschwunden waren.
Dann lief sie hinter ihnen her, bis zu dem Seitenweg, der zu ihrem Kanu führte. Sie setzte sich hinein und holte aus einem Kasten ein Fernrohr hervor, ein Geschenk ihres Vaters von einer seiner Reisen.
Von ihrem Versteck aus konnte sie die vielen Menschen am Bootssteg sehen. Das Ende der Weihnachtsferien und der damit verbundene Abschied von den Kindern war für alle eines der wichtigsten Ereignisse des Jahres, sodass sich ein großer Teil der Einwohner am Steg versammelt hatte. Jeder kannte jeden und nahm am Leben der anderen Familien teil, als wäre es das eigene. Auf einem Atoll mitten im Südpazifik 3.900 Kilometer nordöstlich von Australien und Hunderte Kilometer von der nächsten bewohnten Insel entfernt, waren alle aufeinander angewiesen in guten und in schlechten Zeiten.
Es flossen viele Tränen, denn es würde Monate dauern, bis die Kinder am Schuljahresende zurückkamen. Besuche der Eltern auf der Schulinsel waren kaum möglich, das Fährboot, die einzige Verbindung zu den übrigen neun Atollen von Tuvalu, lief Nanumea nur alle paar Wochen an.
Tahnee kannte sie alle, die dort standen: ihre Mutter, ihre Tanten, einige Onkel, Cousinen, Cousins. Auf irgendeine Weise war sie mit jedem verwandt. Mit ihrem Fernglas wanderte sie durch die Gruppe der Schüler, die an Deck der Nivaga standen und ihren Verwandten zuwinkten.
Malaki hatte die Hand über die Augen gelegt und schaute zum Bootssteg hinüber. Tahnee wusste, dass er nach ihr Ausschau hielt. Er hatte ja keine Ahnung, dass sie heute nicht kommen würde.
Tränen liefen über ihr Gesicht. Durch das Fernglas war er ihr so nah, als müsste sie nur die Hand ausstrecken, um ihn zu berühren.
Sie sah, wie ihr Bruder Petala sich neben ihn stellte. Er war Malakis bester Freund und sofort redete Malaki auf ihn ein. Für einen Moment hoffte Tahnee, dass Petala ihm erklärte, warum sie nicht mitfuhr. Aber ihr Bruder zuckte nur mit den Achseln und drehte sich um. Mutter hatte ihm verboten, darüber zu reden, bevor das Boot abgelegt hatte. Tahnee hatte gehört, wie sie zu Petala sagte: »Der ulu aliki fürchtet, dass Malaki nicht fahren wird, wenn er zu früh erfährt, dass Tahnee zu Hause bleiben muss.«
Malaki stand immer noch dort und schaute suchend zum Ufer. Und da fasste Tahnee einen Entschluss, der ihr mit Sicherheit neuen Ärger einbringen würde. Sehr großen Ärger sogar. Aber schlimmer als jetzt konnte es nicht werden.
Sie setzte ihr Segel und fuhr so schnell der Wind es erlaubte, zur Fahrrinne, dorthin, wo die Nivaga sie auf ihrem Weg durch die Passage, die zum offenen Meer führte, kreuzen musste. In der Fahrrinne angekommen, holte Tahnee ihr Segel ein und wartete.
Sie beobachtete, wie das Fährboot den Anker hochzog, wie ihre Freunde an Bord ihren Eltern und Verwandten ein letztes Mal zuwinkten.
Die Nivaga kam näher, hinter sich eine schäumende Heckwelle. Tahnee entdeckte Malaki ganz vorne am Bug. Zuerst schien er sie nicht zu bemerken, aber plötzlich hob er beide Arme und winkte ihr zu. Tahnee sprang auf, sodass ihr Boot gefährlich zu schlingern begann. Sie umklammerte mit der einen Hand den Mast, mit der anderen winkte sie zurück.
Dann straffte sie ihr Segel und folgte der Nivaga, bis sie in die breite Passage einbog, die die Amerikaner während des Zweiten Weltkrieges für ihre Kriegsschiffe vom Ozean durch das Korallenriff bis in die innere Lagune gestochen hatten.
In diesem Moment sah sie das Patrouillenboot ihres Vaters, das vom Meer kommend langsam in die Lagune einbog. Ein letztes Mal winkte sie Malaki zu, dann riss sie ihr Segel herum und segelte weiter auf die Lagune hinaus.
Hoffentlich hatte ihr Vater sie nicht gesehen!
Nachdem, was gestern auf dem Abschiedsfest passiert war, war Tahnee sehr erleichtert gewesen, dass ihr Vater nicht hatte dabei sein können.
Ihr Vater war lange Zeit auf Containerschiffen unterwegs gewesen. Und als er schließlich nach zwanzig Jahren, in denen er immer nur für wenige Wochen im Jahr zu Hause war, zurückkam, hatte er es nicht lange in der Enge der Gemeinschaft von Nanumea ausgehalten. Und so hatte er schon wenige Wochen später als Offizier auf einem der Patrouillenboote der Regierung angeheuert.
Was würde er sagen, wenn er erfuhr, dass sie das Schuljahr nun nicht beenden konnte? Bisher war er immer so stolz auf sie gewesen. Sie könnte die Erste aus der Familie sein, die eines der Stipendien für die Universität erhielt.
Tahnee wusste, dass das Patrouillenboot ihres Vaters morgen schon wieder auslaufen würde. Sie beschloss daher, an diesem Abend nicht nach Hause zu gehen, sondern nach Lakena zu ihrer Großmutter zu segeln. Und wenn ihr Vater das nächste Mal zurückkam, würde die größte Aufregung vorbei sein. So hoffte Tahnee zumindest.
In der Lagune waren viele Boote unterwegs. Eltern, die ihre Kinder zum Schiff gebracht, Geschwister und Verwandte, die Abschied genommen hatten und auf dem Rückweg zu ihren Dörfern auf den anderen Inseln des Atolls waren. Ihnen wollte sie auch nicht begegnen. Sie fürchtete sich vor ihren Blicken, denn inzwischen, da war Tahnee ganz sicher, wussten alle, was der ulu aliki mit den Ältesten beschlossen hatte.
Daher steuerte Tahnee zunächst Lefogaki in der Mitte der Lagune an, um dort zu warten, bis alle zurückgekehrt waren. Sie setzte sich in den warmen Sand und schaute auf die Wellen. Ihre Gedanken aber waren bei Malaki, der sich mit jeder Minute weiter von ihr entfernte. Wann würde sie ihn wiedersehen? Vielleicht überhaupt nie mehr.
Tahnee wusste nicht, wie lange sie so in Gedanken versunken auf Lefogaki verharrt hatte, als sie plötzlich Motorgeräusche hörte, die näher kamen. Sie erkannte das Boot ihres Onkels Wawe.
»Tahnee, was machst du hier?«, rief er ihr zu.
»Ich will zu Großmutter.«
»Hast du zu Hause Bescheid gesagt?«
Tahnee schüttelte den Kopf. »Ich habe Vaters Boot gesehen. Da habe ich mich nicht getraut … Er wird sehr enttäuscht sein!«
Ihr Onkel nickte. »Das hättest du dir vorher überlegen sollen. Du kennst doch die Regeln!« Dann holte er ein Seil aus seinem Boot und befestigte Tahnees Kanu am Heck. »Bis zum Wochenende kannst du auf Lakena bleiben. Dann musst du aber zurück«, sagte er. »Davonlaufen hilft nicht!«
Tahnee nickte erleichtert. Ihr Onkel hatte ihr und ihren Geschwistern schon oft geholfen, gerade in den Jahren, als ihr Vater noch monatelang auf den Weltmeeren als Seemann unterwegs gewesen war. Er war der Bruder ihrer Mutter, in der Tradition ihres Volkes ihr tuatina, der sie beschützte, wann immer sie in Schwierigkeiten war.
»Festhalten!«, rief er ihr zu und gab Gas. Tahnee klammerte sich an den Rand ihres Bootes, während sie über die Lagune flogen.
Als sie die Insel erreichten, war es bereits dunkel geworden. Sie zogen die Boote an Land und machten sich auf den Weg zum Haus von Onkel Wawe. Es war, anders als die Häuser in Tahnees Dorf, noch mit Palmwedeln bedeckt. Aber vor dem Haus lagen schon die Wellblechplatten, durch die er die Wedel ersetzen wollte. Auch auf Lakena waren die Dürreperioden in den letzten Jahren länger geworden. Und mithilfe des Wellblechdaches ließ sich Regenwasser auffangen, das dringend zum Trinken und Kochen benötigt wurde.
Als sie eintraten, saß die Familie ihres Onkels beim Essen. Ihre beiden Cousins kreischten begeistert auf, als sie Tahnee sahen, und umarmten sie fröhlich. Anders als sonst begrüßte Tante Haufia sie nur mit einem kurzen Kopfnicken. Offenbar wusste auch sie schon, was gestern Abend in der Versammlung passiert war.
»Wie lange bleibst du?«, fragte sie.
»Die nächsten Monate!«, wollte Tahnee am liebsten rufen, aber sie wusste selbst, dass das nicht möglich sein würde.
»Sie bleibt nur bis zum Wochenende. Dann bringe ich sie zurück. Morgen geht sie zu Großmutter«, erklärte Onkel Wawe und setzte sich auf seine Matte, auf der die Tante schon die gefüllten Schalen und Teller hingestellt hatte.
Tahnee hockte sich neben ihre beiden Cousins und griff mit den Händen nach dem Fisch. Die Kinder plapperten fröhlich weiter, ihre Tante und Onkel Wawe waren ungewohnt schweigsam. Obwohl sie sehr hungrig war, bekam sie kaum etwas hinunter und wünschte sich, sie wäre ihrem Onkel nicht begegnet.
Nach dem Essen legte sie sich mit den Kindern auf die Schlafmatten in einer Ecke des Hauses. Die Kleinen waren sofort eingeschlafen, während Tahnee wach lag und hörte, wie ihre Tante und ihr Onkel miteinander flüsterten. Auch wenn sie nicht alles verstand, wusste sie, dass sie über sie sprachen.
Als alle eingeschlafen waren, stand Tahnee auf, nahm ihre Matte, setzte sich an den Strand und schaute hinaus auf das Meer, das im Schein des Mondes leuchtete. Es war ganz still, nur die Wellen plätscherten leise ans Ufer.
Und irgendwo da draußen war ihr Großvater in seinem Boot, falls er noch lebte. Was ihr Sorgen machte, war der Mond. In drei Tagen war Vollmond. Darauf hatte sie als Kind immer gewartet. Sie liebte diese große gelbe Kugel am Himmel, die die dunkle Nacht erleuchtete. Aber seit einiger Zeit fürchtete sie sich davor. Denn der Sturm und die Monsterwellen kamen immer mit dem Vollmond. Und jede neue Flut brachte ihren Großvater in neue Gefahr.
Aber vielleicht war er ja längst von einem dieser großen Fischfangschiffe, die regelmäßig in den Gewässern um Tuvalu unterwegs waren, gerettet worden.
Solange sie denken konnte, war er immer da gewesen, wenn sie kam. Und sie wollte weiter daran glauben, dass es nur eine Frage der Zeit war, dass er sich von irgendwo meldete, fröhlich lachend: »Du weißt doch, es gibt keinen auf der Insel, der das Meer besser kennt.«
Darmowy fragment się skończył.