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Carola Schierz

Die Legende von Assan

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Die Prophezeiung

Luka

Tana

Die Legende von Assan

Rückkehr nach Hause

Das Zeichen

In den Mauern der Festung

Aufbruch

Gidon

Juno

Blicke in die Vergangenheit

Das Silamgebirge

Am Ziel

Auf dem Weg zurück

Der Wolf verlässt den Schafspelz

Tosman

Mediterra

Reise ins Ungewisse

Auf der Suche nach Taras

Rettung

Rückkehr nach Hause

Vor der Schlacht

Die Prophezeiung erfüllt sich

Antrag mit Hindernissen

Reue und Buße

Die Entscheidung

Der Tempel

Impressum neobooks

Die Prophezeiung

Irgendwo zwischen dem Silamgebirge und dem Westmeer lagen die Länder Tosman und Mediterra. Es gab wunderschöne grüne und fruchtbare Ländereien, Seen, in denen tausende Fische schwammen, Wälder voller Wild und alles, was man brauchte, um den Bewohnern ein glückliches Leben zu sichern. Doch vom Glück waren beide Länder weit entfernt. Keiner der Bewohner von Tosman und Mediterra hätte sagen können, wann und warum die Feindschaft zwischen ihnen begonnen hatte. Sicher war nur, dass sie schon seit mehreren Generationen andauerte. Immer wieder fielen sie in kriegerischer Absicht übereinander her und schon jedes Kind wusste spätestens im Alter von drei Jahren, dass man 'die Anderen' hassen musste. Doch irgendwann keimte in einigen wenigen Herzen der Wunsch nach Frieden und Erlösung, von Gewalt, Hass und Krieg. Ganz schwach nur, doch der Samen war gelegt und versuchte sich durch die versteinerten Gefühle zu bohren.

Alle, die den Samen in sich trugen, klammerten sich an die große Prophezeiung.

An jene Prophezeiung, die einst von der Hohepriesterin, des damals noch einigen Reiches namens Assan, offenbart wurde. Niemand kannte den genauen Wortlaut, doch man wusste, dass darin die Rede von einem Kind war, welches die Gabe haben sollte, Assan wieder zu vereinen und den Frieden in das geschundene Land zurückzubringen.

In einem Dorf, im Herzen von Mediterra, stand die kleine behagliche Hütte von Bahan dem Schmied und seiner liebenswerten Frau Uma. Uma war nicht von allzu großer Schönheit, doch von einem Liebreiz, mit dem sie die Menschen sofort für sich einnahm. Bahan liebte sein Weib über alles und sie dankte es ihm auf gleiche Weise. Die Schmiede warf den nötigen Unterhalt für ein einfaches Leben ab und sie mussten nie darben. Alles, was ihnen zu ihrem Glück fehlte, war ein Kind. Doch Uma kam langsam in die Jahre und schweren Herzens fanden sich beide mit ihrem Schicksal ab. Dankbar klammerten sie sich an das, was sie hatten und opferten regelmäßig Era, der Friedensgöttin, einen Teil ihrer Habe. Era war die Verschwundene Gottheit, der nur noch wenige Anhänger huldigten. Die meisten Menschen hatten sie über die Jahrhunderte hinweg völlig vergessen. In kämpferischen Zeiten wie diesen setzte man viel lieber auf Kriegsgötter, die Macht und Reichtum versprachen. Die Menschen hatten schon lange den Blick für die wesentlichen Dinge im Leben verloren: Liebe, Frieden, Nächstenliebe und Gerechtigkeit. Es gab nur noch wenige geheime Orte, an denen man der Verschwundenen Göttin huldigen konnte, ohne verfolgt und bestraft zu werden.

Die kleine Siedlung, in der Bahan und Uma lebten, war so ein Ort. Abseits von allen größeren Städten pflegten einige Bewohner ihren alten Glauben und waren darum bis zum heutigen Tag - davon waren sie überzeugt - von den andauernden kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den Ländern verschont geblieben. Doch auch nach ihnen streckte sich der Arm des Hasses und der Gewalt zuweilen aus und befiel die Herzen zumeist junger Männer. Voller Sehnsucht nach Ruhm und Ehre zogen sie los, um die Heere von König Saul bei ihren blutigen Feldzügen gegen die Tosmanen zu unterstützen.

Die Tosmanen wiederum dienten König Zerus und waren ebenso gefürchtete Krieger wie die Kämpfer von Mediterra. So folgte eine grausame Schlacht der anderen. Doch keines der beiden Heere konnte auf Dauer seinen Gegner in Schach halten. Wer gerade im Vorteil war, plünderte den anderen aus und machte die besiegten Bewohner zu Gefangenen und Sklaven. Diese mussten schwerste Arbeiten verrichten und viele der geschundenen Seelen starben dabei. Mitgefühl und Gerechtigkeit verkamen bei den meisten Menschen zu erbärmlichen Überbleibseln aus langer Vorzeit.

Doch die wenigen Gläubigen, darunter auch Bahan und Uma, gaben ihr Bestes, um diese Tugenden zu bewahren. Sie taten alles, um den Glauben an die Verschwundene Göttin zu erhalten, obwohl auch ihnen die vollständige Geschichte Assans verborgen blieb. Überliefert war nur, dass dessen Einwohner die Göttin einst so erzürnt hatten, dass diese sich im Groll von ihnen abwandte. … Und die Prophezeiung!

Eines frühen Morgens trat Uma aus dem Haus, um die Hühner zu füttern und die Kuh zu melken. Gut gelaunt begab sie sich in den Stall. Zu ihrer großen Freude hatte das Federvieh beim Eierlegen nicht gegeizt. Mit einem empörten Gackern verließen die Hennen ihr Gelege und sahen zu, wie die weiße runde Pracht in Umas Korb verschwand. Gut gelaunt gab sie der Kuh einen freundlichen Klaps auf den Hintern. „Komm Thea, jetzt bist du an der Reihe. Wenn du genauso großzügig bist wie deine gefiederten Freunde, kann ich meinem Bahan ein königliches Frühstück zubereiten.“ Mit geübten Griffen machte sie sich daran, die Kuh von ihrer schweren Last zu befreien. Am Ende waren beide zufrieden. Mit einem breiten Lächeln auf den Lippen und ihrer guten Ausbeute im Korb, kehrte Uma in die Hütte zurück. In der Feuerstelle züngelten schon begierig die Flammen und sie machte sich behände ans Werk. Gerade als sie das Frühstück auf den Tisch stellte, kam Bahan, angelockt von dem köstlichen Duft, in die Wohnküche und rieb sich den Schlaf aus den Augen.

„Na, mein Lieber, dich hat wohl deine Nase geweckt?“, begrüßte sie ihn mit einem liebevollen Lächeln.

Er erwiderte es herzlich und trat heran, um sie fest in seine Arme zu nehmen. „Nein, mein Vögelchen, natürlich trieb mich nur die Sehnsucht nach meiner wunderbaren Frau hierher“, raunte er mit seiner dunklen warmen Stimme an ihrem Ohr. Dann fiel sein Blick auf den Tisch, wo ein Teller mit dampfendem Rührei auf ihn wartete. „Aber da ich nun mal da bin, hätte ich nichts gegen eine kleine Köstlichkeit am Morgen einzuwenden.“ Unschlüssig blickte er zwischen Uma und dem Essen hin und her. „... jedoch die Entscheidung, welche der gebotenen Köstlichkeiten ich jetzt lieber mag, fällt mir schwer.“

Lachend schubste sie ihn in Richtung Tisch. „Nun, ich empfehle dir die Speisen, denn wenn du jetzt am Morgen schon deine ganze Kraft aufwendest, wie sollst du dann noch dein Tagewerk in der Schmiede erfüllen?“

Mit gespielter Enttäuschung setzte er sich an den Tisch und begann voller Appetit zu frühstücken. Lächelnd sah ihm Uma eine Weile dabei zu, bevor auch sie sich setzte. Beide waren nun schon fast zehn Jahre verheiratet, doch der Zauber zwischen ihnen war ungebrochen. Sinnend dachte sie an die Zeit zurück, in der er um sie warb. Lange hatte er dazu nicht gebraucht, denn sie fühlte sich schnell zu dem ehrlichen, hochgewachsenen Mann hingezogen. Durch seine schwere körperliche Arbeit hatte sein Körper in den letzten Jahren an Attraktivität eher noch zugenommen und sie konnte bis heute seinen Annäherungen nur schwerlich widerstehen. Um so bedauerlicher war, dass diese Bindung keine Früchte trug. Sicher, Bahan machte ihr nie einen Vorwurf daraus, doch sie wusste genau, dass er sich ebenso wie sie nach einem Kind sehnte.

Als sie sich am Abend zu Bett begeben und geliebt hatten, bat sie, wie schon so oft, die Göttin der Fruchtbarkeit darum, ihren Wunsch nach einem Baby zu erfüllen. Mit Tränen in den Augen schlief sie endlich ein und hatte bald einen seltsamen, sehr real erscheinenden Traum. Sie stand inmitten einer Halle, die in ein unbeschreiblich warmes Licht getaucht war. Dieses Licht schien von einer Frau auszugehen, die ihr in einiger Entfernung gegenüberstand. Geblendet von den Strahlen, konnte sie das Gesicht der Frau nicht erkennen, wusste aber instinktiv, dass es sich um Era, die verschwundene Friedensgöttin, handelte.

Sie sprach zu ihr: „Uma, du bist auserwählt, Assan seine Rettung zu schenken. Du sollst das Kind gebären, welches euch prophezeit worden ist. Es wird die Gaben der Verschwundenen Göttin in sich vereinen und kann den Menschen von Mediterra und Tosman den ersehnten Frieden schenken - wenn sie dazu bereit sind. Achte gut auf dieses Kind und erziehe es in meinem Sinne. Wenn die Zeit reif ist, werde ich dir erneut erscheinen und dir den weiteren Weg weisen. Bis dahin bewahre Stillschweigen!“

Dunkelheit! Mit weit aufgerissenen Augen fuhr Uma in ihrem Bett auf und blickte in die Nacht. Unsicher sah sie auf den schlafenden Bahan hinab und war versucht, ihn zu wecken. Doch sie entschied sich dagegen.

War das real gewesen oder nur ein einfacher Traum? Mit klopfendem Herzen sank sie auf ihr Kissen zurück. Ihre Gedanken kreisten wie in einem Strudel. Erst als die Sonne ihre ersten Vorboten über den Himmel sandte, verfiel sie in einen unruhigen Schlaf.

Ein paar Wochen später hatte Uma Gewissheit. Sie erwartete tatsächlich ein Kind! Nun endlich wagte sie es, Bahan die freudige Botschaft zu überbringen. Aufgeregt ging sie hinüber in die Schmiede und tänzelte eine Weile nervös um ihn herum. Der Schmied kannte seine Frau gut genug, um zu ahnen, dass sie ihm etwas Wichtiges mitteilen wollte. Doch er vermutete nicht einmal annähernd was.

Er zog sich eine schmerzhafte Verbrennung am Schmiedefeuer zu, als sie es ihm endlich erzählte. Die Freude über diese Neuigkeit ließ ihn den Schmerz kaum wahrnehmen. Er umarmte Uma so fest, dass sie ihn um Gnade anflehte.

„Was für ein Wunder!“, sprach er immer wieder leise vor sich hin. Dann erhob er sich, legte seine Schürze ab und ging zur Tür. „Lass uns der Fruchtbarkeitsgöttin ein Huhn opfern! Sie hat unsere Gebete doch noch erhört.“ Und schon eilte er in Richtung Stall.

Uma befiel ein mulmiges Gefühl, als sie ihr Opfer darbrachten, denn eine innere Stimme sagte ihr, dass das in jener Nacht kein normaler Traum gewesen war, in welchem ihr Era erschien. Sie beschloss, heimlich auch der Friedensgöttin ein Opfer zu bringen.

Als sie später vor deren Altar, in einem geheimen Winkel des Waldes stand, vernahm sie in ihrem Inneren eine Stimme. Uma hörte die Worte nicht mit ihren Ohren, sondern mit dem Herzen. Dennoch schienen sie so deutlich, als würde die Person, die sie sagte, direkt neben ihr stehen.

'Es war kein Traum, Uma! Glaube und vertraue! Tu was ich dir gesagt habe und ihr werdet endlich Frieden haben. Doch halte Stillschweigen! Einzig Bahan darf die Wahrheit erfahren.'

So schnell, wie der Zauber gekommen war, war er auch wieder verschwunden. Uma stand wie vom Blitz getroffen auf der Stelle. Langsam fuhr sie sich mit der Hand über den noch flachen Bauch. Sollte es wahr sein? Sollten sie und Bahan dazu auserkoren sein, das gepriesene Kind zu bekommen? Hatten sie darum so lange auf den ersehnten Nachwuchs warten müssen? Ihr wurde schwindlig und sie musste sich an den tief hängenden Ästen einer Linde Halt holen. Warum hatte sich die Göttin gerade sie ausgesucht. Weder Bahan noch Uma wiesen besondere Qualitäten auf, die diese Wahl begründeten. Und was bedeutete das Ganze für die Zukunft ihrer kleinen Familie? Dieses Kind würde nie ganz zu ihnen gehören. Eines Tages würde Era es auf seinen schwierigen Weg befehlen. Wie viel Zeit würden sie überhaupt haben? Ihr wurde plötzlich so übel, dass sie sich übergeben musste. Doch dann klangen in ihrem Herzen Eras Worte nach. 'Glaube und vertraue!'

Sie wollte die Göttin nicht enttäuschen. Wie ein schützender Mantel hüllte sie die Gewissheit ein, dass sie und ihr Mann nicht allein waren. Bei allem, was jetzt vor ihnen lag.

„Hast du Fieber?“, fragte Bahan zunächst, als sie ihm schließlich erzählte, wer da in ihrem Leib heranwuchs. Besorgt wollte er ihr die Hand an die Stirn legen, doch sie wies ihn ab.

„Nein! Jetzt sei doch mal still und höre mir richtig zu! Bitte!“

An dem Ausdruck ihrer Augen konnte er erkennen, dass sie ihm die Wahrheit sagte. Uma ließ ihm die Zeit, die er brauchte, um das Gehörte zu verarbeiten.

„Nun, irgendjemanden musste dieses Los schließlich treffen. Warum also nicht uns?“

Sein halbherziger Versuch sie zum Lachen zu bringen, konnte nicht darüber hinwegtäuschen, wie erschüttert er war. Schließlich erhob er sich mit einem leisen Stöhnen und kam zu ihr herüber. Zärtlich strich er ihr mit der Hand über die Wange und gab ihr einen Kuss. „Wir stehen es gemeinsam durch! Ich wusste schon immer, dass es nicht umsonst sein kann, dich an meiner Seite haben zu dürfen.“

Uma ließ sich in seine Arme ziehen und so standen sie für lange Zeit schweigend beieinander.

Die Schwangerschaft verlief ohne größere Komplikationen. Alle Nachbarn und Freunde freuten sich mit ihnen über das kleine Wunder. Auch wenn sie nicht ahnten, dass es sich eigentlich um ein recht großes handelte. Bahan hatte den Eindruck, dass Uma von Tag zu Tag schöner wurde. Sie trug ihren Bauch mit dem sichtbaren Stolz einer Frau, die sehr lange auf ein Kind hatte warten müssen. Des Nachts schliefen sie immer so ein, dass beider Hände auf dem Kind ruhten. Den Gedanken an das, was in der ferneren Zukunft auf sie wartete, schoben sie zunächst zur Seite.

Im Frühling war es dann so weit. Eines Nachts wurde Uma von heftigen Krämpfen geweckt. Stöhnend warf sie sich von einer Seite auf die andere. Bahan, der dadurch ebenfalls erwacht war, sprang rasch aus dem Bett, um nach der Hebamme zu rufen. Eine Stunde später kehrte er mit einer schon in die Jahre gekommenen Heilerin zurück.

Uma hatte es schwer bei der Geburt. Sie war kurz davor aufzugeben, als die Heilerin ihr gut zusprach. Sie sah der Alten direkt in die Augen und konnte darin jenes seltsame Licht erkennen, das sie schon damals in ihrem Traum eingehüllt hatte. Von diesem Licht ging eine unbeschreibliche Kraft aus, die Uma nun gänzlich erfüllte. Mit einem Mal erschien alles leichter. Kurze Zeit später wurde das Kind geboren. Zum großen Erstaunen der frischgebackenen Eltern, handelte es sich um ein kräftiges, kerngesundes Mädchen.

Beide waren sich sicher gewesen, dass sie einen Sohn bekommen würden, da doch solch hohe Erwartungen in dieses Kind gesetzt wurden. Erstaunt sahen sie einander an und wussten, dass der jeweils andere dasselbe dachte. Die Heilerin versorgte Mutter und Kind und legte die Kleine an Umas Brust. Als sie schließlich ging, sagte sie noch wie beiläufig: „In Nächten wie diesen sieht man, zu welch großen Taten das vermeintlich schwache Geschlecht doch fähig ist. Nicht wahr?“ Sie warf ihnen einen durchdringenden Blick zu und lächelte weise. Dann schloss sich die Tür hinter ihr und sie ließ ein glückliches Elternpaar zurück, dem einmal mehr die Worte fehlten. Ein Zufall?

Doch schon bald dachten sie nicht mehr darüber nach und richteten ihre ganze Aufmerksamkeit auf das rosige göttliche Wesen, das zwischen ihnen schlief.

Luka

Die Jahre vergingen und Laniki - die Hoffnung - wurde von allen im Dorf geliebt. Im Sturm eroberte sie jedes Herz. Mit ihren blonden Haaren und den großen blauen Augen, hatte sie etwas Engelsgleiches an sich. Nicht dass Niki, wie sie oft nur gerufen wurde, sich immer wie ein Engel benahm. Manchmal, wenn ihr die Jungen aus dem Dorf einen Streich gespielt hatten, fand man sie inmitten einer Rauferei. Doch das war alles nur ein Spaß, wie ihn Kinder sich gewöhnlich gönnen. Von Beginn an war ihr ein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn anzumerken, der sie bald zum Fürsprecher der Schwachen werden ließ.

Als Laniki vier Jahre alt war, streifte sie mit ihrer Mutter durch den Wald, um ein paar Beeren zu suchen. Dabei machten sie eine abscheuliche Beobachtung. Ein Tross Soldaten führte eine Gruppe gefangener Tosmanen in ein Arbeitslager. Darunter waren auch Frauen und Kinder. Der Krieg war jetzt schon sehr nah an ihre kleine Oase herangerückt und es glich einmal mehr einem Wunder, dass ihr Dorf noch immer verschont wurde.

Sie sahen eine Frau, die ein etwa zweijähriges Kind auf dem Arm trug. Uma nahm Laniki instinktiv fester an die Hand. Der leere Blick der Frau blieb an dem Mädchen hängen. Laniki machte sich los und berührte sie. In die Augen der Gefangenen trat ein Hoffnungsschimmer. Als sich ihre Blicke trafen, empfand Laniki einen tiefen Schmerz, der jedoch nicht ihr eigener war. Es war nicht der Schmerz, den ein vierjähriges Kind empfand. Das Gefühl nahm ihr die Luft und ruckartig löste sie den Kontakt zu der Fremden wieder. Diese schaute sich nun ängstlich nach den Soldaten um und dann wieder flehend zwischen Laniki und ihrer Mutter hin und her.

„Bitte!“, flüsterte sie kaum hörbar.

Zunächst begriff Uma nicht, doch dann sah sie, wie die Frau ihr schlafendes Kind küsste und nach einem furchtsamen kontrollierenden Blick auf ihre Bewacher, in einem Gebüsch ablegte. Noch einmal drehte sie sich vorsichtig zu den beiden um. Als Uma ihr fast unmerklich zunickte, schaute sie wieder nach vorn und ließ sich mit den anderen Gefangenen weitertreiben.

Nie würden Mutter und Tochter den Anblick der todunglücklich weinenden Frau vergessen, der sie nachsahen, bis sie aus beider Blickfeld verschwunden war.

Als sie sicher sein konnten, dass niemand außer ihnen mehr in der Nähe war, liefen sie eilig zu dem Gebüsch und nahmen den schlafenden Jungen heraus.

Das Mädchen sah sich den Knaben genau an und schloss ihn so ins Herz, wie sie noch nie zuvor einen Menschen in ihr Herz geschlossen hatte. Sie fühlte sich sofort für den Kleinen verantwortlich.

„Wir werden ihn Luka nennen“, legte Laniki fest, ohne die Mutter nach ihrer Meinung zu fragen. Doch Uma hatte nichts dagegen einzuwenden und dachte nur darüber nach, wie sie das alles ihrem Mann beibringen sollte.

„Hör mir jetzt gut zu, Niki! Du darfst nie jemandem erzählen, wo und wie wir ihn gefunden haben. Man würde uns alle schwer bestrafen, wenn es ans Licht käme und er wäre des Todes!“

„Ich weiß, Mama. Es wird keinem etwas geschehen. Ich schwöre es dir!“

Da war es wieder. Was sie jetzt in ihrem Kind sah, machte Uma einmal mehr klar, dass sie kein gewöhnliches Mädchen vor sich hatte. Aus den blauen Kinderaugen strahlte die Weisheit einer Göttin.

„Schon gut, mein Kind! Schon gut! Ich glaube dir ...“

Wie durch ein Wunder schafften sie es, den Kleinen ungesehen in ihre Hütte zu bringen und konfrontierten den überraschten Bahan mit der neuen Situation. Der reagierte unerwartet gefasst und hatte sofort eine Idee, wie sie den Jungen bei sich aufnehmen konnten, ohne den Argwohn der Nachbarn zu erregen.

Ruhig wandte er sich an Uma. „Hör zu, ich werde jetzt, für alle sichtbar, eilig mein Pferd satteln und über Nacht fortbleiben. Ihr streut im Dorf das Gerücht, ich sei auf dem Weg zu einer kranken Base. In der Nacht bringst du mir dann den Kleinen auf die Lichtung hinter dem Erlenwäldchen. Achte darauf, dass dich dabei niemand sieht. Morgen gegen Abend werde ich mit dem Jungen zurückkehren und alle Glauben machen, dass meine Base mir die Vormundschaft für das Kind übertragen und dann das Zeitliche gesegnet hätte. Sie war natürlich Witwe - was uns in diesen Zeiten jeder glauben wird.“

„Danke!“, sagte Uma, wissend was sie da von ihrem Mann verlangte und drückte den Kleinen an sich. Bahan trat an sie heran und strich dem abgemagerten, teilnahmslos wirkenden Jungen über die Wange.

„Ich wäre enttäuscht von dir gewesen, wenn du anders gehandelt hättest. Wir werden ihn lieben, als wäre er unser eigener Sohn.“

Laniki beobachtete die Szene mit einem zufriedenen Kinderlächeln.

Zunächst untersuchten sie Luka auf alles, was ihn als Tosmanen verraten konnte. Uma bereitete einen Kräutersud zu, der ihn bald wieder fest schlafen ließ. Es könnte verheerende Folgen haben, wenn er zu weinen beginnen und damit die Aufmerksamkeit der Nachbarn auf sich ziehen würde. Dann machte sich Bahan, wie besprochen, mit gespielter Eile auf den Weg.

Als es dunkel war, verließ auch Uma das Haus. Den regungslos schlummernden Jungen trug sie versteckt unter ihrem Umhang. Möglichst lautlos schlich sie die schmale Dorfstraße entlang. Sie kam an einigen Hütten vorbei, deren Fenster im Dunkeln lagen. Alles schien schon zu schlafen.

„Uma, so spät noch unterwegs?“

Unerwartet wie ein Peitschenhieb traf sie die Stimme eines Nachbarn. Sie zwang sich zur Ruhe und zog den Umhang fester zusammen. „Guten Abend, Janto! Ich muss nur noch etwas frische Luft schnappen“, antwortete sie schnell.

„So ganz allein? Zu dieser Stunde?“, fragte er ein wenig erstaunt.

„Ich kann nicht schlafen und hoffe so die nötige Müdigkeit zu erlangen.“

Er musterte sie aufmerksam und Uma betete, dass der Kleine sich nicht rühren möge und die Dunkelheit ihnen Schutz bot.

„Du hast doch sicher von der Aufregung um Bahans Base gehört. Es geht ihr sehr schlecht. Sie hat ein kleines Kind und ihr Mann ist kürzlich bei der großen Schlacht am Ratisee gefallen. Wenn sie nicht wieder gesund wird, dann bleiben nur wir, um uns ihres Kindes anzunehmen. Wir wollen ihr diesen Wunsch natürlich von Herzen gern erfüllen, aber das brächte auch einige Veränderungen und Einschränkungen mit sich. Du kannst dir sicher denken, dass mich das alles sehr beunruhigt. Aber egal wie, wir müssen ihr helfen.“

Er nickte. „Ja, ich habe schon von Bahans plötzlichem Aufbruch gehört.“

Das wunderte Uma nicht, denn jede Abweichung vom normalen Dorfalltag machte üblicherweise sofort die Runde. „Also ich werde dann mal gehen. Gute Nacht, Janto!“

Damit machte sie rasch kehrt und eilte davon, bevor ihr der Nachbar eine neue Frage stellen konnte.

Wie vereinbart traf sie Bahan auf der Lichtung.

„Hat dich jemand gesehen?“, fragte er nervös.

„Es war nur Janto. Keine Angst, ihm ist Dank der Dunkelheit nichts aufgefallen. Aber ich muss mich beeilen, denn er denkt, ich mache nur einen kleinen Spaziergang.“

Jetzt erst bemerkte Bahan, wie sehr sie außer Puste geraten war. „Oh nein! Du bist die ganze Strecke hierher gerannt? Mit dem Kleinen auf dem Arm?“ Eilig nahm er ihr den Jungen ab.

„Was blieb mir anderes übrig? Ich kehre jetzt auch sofort zurück. Denkst du, dass du mit dem Jungen allein klarkommst bis morgen früh?“, fragte Uma besorgt und zog noch das Fläschchen mit dem Kräutersud und eines mit etwas Milch aus ihrem Umhang hervor.

„Natürlich!“, antwortete Bahan und wirkte wesentlich sicherer, als er sich fühlte.

Sie war schon ein paar Schritte gegangen, als sie plötzlich noch einmal stehen blieb und sich zu ihm umdrehte. „Schmied Bahan - ich liebe dich von ganzem Herzen!“, sagte sie gerade laut genug, dass er es hören konnte.

Mit einem sinnenden Lächeln schaute er noch lange auf die Stelle, an der sie aus seinem Blick verschwunden war. Dann setzte er sich unter einen Baum und lehnte sich gegen dessen dicken Stamm. Das schlafende Kind lag in seinem Arm. Mit der Überzeugung, das Richtige zu tun, schloss er die Augen und dämmerte in einen leichten Schlaf.

Uma gelangte zur Hütte zurück, ohne jemandem zu begegnen. Erschöpft ließ sie sich auf einen Stuhl fallen und rieb ihren schmerzenden Knöchel. Kurz bevor sie aus dem Wald herausgekommen war, war sie ausgerutscht und hatte sich den Fuß vertreten.

„Tut dir etwas weh, Mama?“, fragte Laniki aus ihrem Bettchen.

„Es ist alles gut, Kleines. Ich bin nur umgeknickt. Schlaf ruhig weiter!“

Doch Laniki stand schon neben ihr. „Lass mich mal sehen.“ Sie strich mit den Fingerspitzen über das bereits anschwellende Gelenk. „Arme Mama“, flüsterte das Mädchen mit jener anrührenden Besorgnis, die Kindern so eigen ist. Die Berührung löste ein angenehmes Kribbeln in Uma aus und plötzlich ließ der Schmerz nach. Laniki schien das Besondere daran allerdings nicht bewusst zu sein. Sie gab der Mutter noch einen feuchten Kuss und ging zurück ins Bett.

Ein sorgenvolles Lächeln lag auf Umas Gesicht, wie jedes Mal, wenn ihr die Zeichen der verschwundenen Gottheit durch ihre Tochter offenbart wurden.

Am folgenden Nachmittag kehrte Bahan mit Luka zurück. Neugierig traten die Nachbarn an die Ankömmlinge heran. Wie erwartet hatte die Geschichte von der schwerkranken Base schon die Runde gemacht. Schließlich drückte man dem Schmied allgemeines Beileid aus und tätschelte dem verängstigten Kind den Kopf.

„Mein Gott, die Hälfte von ihnen hätte den Jungen wahrscheinlich zum Teufel gewünscht, wenn sie auch nur geahnt hätten, wo er herkommt“, meinte Bahan später verbittert, während er sich die Stiefel auszog.

Uma trat hinter ihn und massierte seinen verspannten Nacken. „Das wird, der Göttin sei Dank, hoffentlich bald ein Ende haben“, antwortete sie mit einem Blick auf Laniki.

Bahan wusste sofort, was sie meinte und tätschelte ihr nachdenklich die Hand.

Ihre Tochter war gerade dabei, den weinenden Jungen zu beruhigen und brauchte dazu nicht lange. Schon kurz nachdem er ihr in die Augen geblickt hatte, begann er selig zu lächeln und brabbelte leise vor sich hin.

„Ich bin jetzt deine Schwester und ich werde dich immer beschützen“, teilte sie ihm nun feierlich mit. Sie konnte in ihrer kindlichen Unschuld nicht wissen, dass sie ihm wahrscheinlich nicht zum letzten Mal das Leben gerettet hatte.

Von nun an verbrachten die neuen Geschwister viel Zeit miteinander und bald lief der Kleine Laniki überallhin nach. Ihr war das nur recht, denn mit Luka an ihrer Seite fühlte sie sich erst wie ein vollständiger Mensch. Wann immer ihm ein Unrecht geschah, stellte sie sich schützend vor ihn und bald wussten alle: Wer sich mit Luka anlegte, bekam es auch mit Laniki zu tun.

Mit der Zeit wurde allerdings die Situation im Land immer schwieriger. Mittlerweile mussten sich alle Jungen, die das fünfzehnte Lebensjahr vollendet hatten, in der Heeresschule vorstellen und einem Auswahlverfahren unterziehen. Diejenigen, bei denen man besonderes kämpferisches Potenzial sah, erhielten eine zweijährige Ausbildung und sie wurden zu künftigen Feldherren herangezüchtet. Die anderen bekamen in wenigen Monaten alles beigebracht, was ein einfacher Kämpfer können musste und durften zunächst nach Hause zurückkehren, um dort weiter ihren zivilen Pflichten nachzugehen. Inzwischen herrschte überall Mangel an männlichen Arbeitskräften. Darum warteten sie zu Hause auf den Befehl, für eine der nächsten Schlachten einberufen zu werden. Immer öfter hörte man davon, dass der Feind weit ins Land vorgestoßen sei, doch nach mehreren Wochen erbitterten Kampfes konnte man ihn wieder zurückdrängen. So ging es schon von Anfang an, als läge auch hierin ein zusätzlicher Fluch über den verfeindeten Reichen. Manchmal wünschten sich die Menschen insgeheim beinahe, dass der Feind doch endlich siegen sollte, nur damit das Kämpfen endlich ein Ende hätte. Doch dann wurden ihnen die Gräueltaten des Gegners vor Augen gehalten und mit dem dadurch entstehenden Hass kochte wieder neuer Kampfeswille auf - ganz im Sinne ihres Königs.

Mit jedem Monat wurde der männliche Teil der Dorfbewohner kleiner. Bahan konnte sich vor einem Eintritt ins königliche Heer nur schützen, indem er eine List einsetzte.

Eines Tages kamen die Häscher des Königs ins Dorf, um jeden kampffähigen Mann für die nächste Schlacht anzufordern. Auch Bahan wurde angesprochen. Geistesgegenwärtig wie immer, hatte der kluge Mann schnell einen Plan gefasst.

„Tut mir leid“, sagte er entschuldigend, „vom Kämpfen verstehe ich leider nichts. Ich bin nur ein einfacher Schmied. Aber wenn ich euch mit meiner Kunst dienen kann, dann will ich das gern tun.“

Wortlos überreichte er ihnen ein Schwert, welches er einst für den Fall geschmiedet hatte, dass er seine Familie verteidigen müsse. Es war von außergewöhnlich hoher Qualität, was den Männern von König Saul sofort ins Auge fiel. Sie betrachteten es ausgiebig und unterzogen es sogleich einem Test. Es bestand mit Bravour. Sie nahmen es an sich und schon zwei Wochen später erhielt Bahan den ersten Auftrag. Bald hatte er sich einen guten Namen als Waffenschmied gemacht und stöhnte unter einem Berg von Arbeit.

Laniki wuchs zu einem schönen jungen Mädchen heran und machte ihren Eltern nur Freude. Fast vergaßen sie, dass auf ihr geliebtes Kind eine große Aufgabe wartete, und hofften im Stillen darauf, dass die Friedensgöttin es ihnen gleichtun würde.

Doch der Tag kam, als Era Uma erneut im Traum erschien. Erneut fand sie sich in dem hellen Licht der großen Halle wieder. Die Göttin blickte auf sie herab und begann zu sprechen: „Die Zeit ist gekommen, Laniki ihrer Bestimmung zuzuführen. Zur Sommersonnenwende im nächsten Monat bringt ihr sie um Mitternacht an den Altar, den ihr zu meinen Ehren errichtet habt. Dort wird euch meine treue Dienerin Tana erwarten und das Mädchen in ihre Obhut nehmen. Sie wird Laniki alles lehren, was sie für ihre Aufgabe wissen muss.“

Uma war entsetzt. Sie hatte immer gewusst, dass der Tag kommen würde, aber jetzt, wo es so weit war, brachte sie die Angst vor der Trennung beinahe um den Verstand.

„Wann werden wir sie wiedersehen?“, fragte sie matt.

„In ein paar Jahren, wenn sie so weit ist, wird sie zu euch zurückkehren und auf den Zeitpunkt warten, an dem sie den Ruf hört.“

„Aber ...“, wollte Uma noch einwenden, doch Era fiel ihr ins Wort.

„Du hast es von Anfang an gewusst. Füge dich und habe keine Angst! Es wird ihr gut gehen.“

Bevor sie die Augen aufschlug, hörte Uma noch Eras ermahnende Stimme: „Seid zum vereinbarten Zeitpunkt vor Ort!“

Mit Tränen in den Augen und zitternden Händen, weckte sie ihren Mann.

„Es ist so weit, wir werden Laniki verlieren!“, keuchte sie ihm aufgeregt entgegen.

Er nahm seine schluchzende Frau in den Arm. „Beruhige dich! Was ist denn geschehen?“, fragte Bahan. Uma erzählte ihm alles und dann saßen sie eine Weile schweigend nebeneinander auf ihrer Bettstatt.

„Liebste, wir haben es immer gewusst. Sie ist nicht nur ein Geschenk für uns, sondern auch die Hoffnung für so viele Menschen. Wir hatten nur das Privileg, sie bis hierher zu begleiten. Lass sie gehen und alles wird ein gutes Ende nehmen. Ich fühle es in meinem Herzen.“

Sie antwortete nur mit einem schwachen Nicken, das von einem tiefen Schluchzen begleitet wurde. „Aber sie ist doch fast noch ein Kind!“

„Sie ist fünfzehn! Man muss und wird sie auf ihre Aufgabe vorbereiten. Und dies hier ist wohl eine der größten Herausforderungen, denen sich ein Mensch je stellen musste.“

Den Rest der Nacht lagen sie wach und überlegten, wie sie es Laniki am besten beibringen sollten.

Sie entschieden sich für den direkten Weg.

Eines Abends bat Uma das Mädchen, mit ihr gemeinsam Eras Altar aufzusuchen, um dieser ein paar Blumen zu bringen. Als sie vor dem Stein knieten, begann sie mit ihrer Geschichte. Sie wiederholte für Laniki zunächst die bruchstückhafte Überlieferung der Prophezeiung. Dann erzählte sie ihr von dem lange unerfüllten Kinderwunsch und der Nacht, als ihr Era das erste Mal erschienen war. Langsam und voller Ehrfurcht begriff das Mädchen das wahre Ausmaß von dem, was ihre Mutter ihr zu sagen versuchte.

Als Uma alles offenbart hatte, was sie wusste, blieben sie schweigend nebeneinander hocken.

„Ich soll das Kind aus der Prophezeiung sein? Aber das ist doch nicht möglich?“, unterbrach Laniki nach einer Weile die Stille.

Die Mutter griff nach ihrer Hand. „Doch, das ist es! Und wenn du darüber nachdenkst, erkennst du auch die Zeichen dafür. Ist dir nie aufgefallen, dass du es oft geschafft hast Schmerzen zu lindern oder Streit zu schlichten, ohne dass du etwas Besonderes dafür getan hast? Und Luka? Du hast - wie auch immer - seiner Mutter damals die Gewissheit gegeben, dass es ihm bei uns gut gehen würde. Ich bin mir sicher, dass die Göttin auch dabei ihre Hand im Spiel hatte.“

Laniki erinnerte sich zurück. Nie hatte sie dieses verzweifelte Gefühl vergessen, das sie befiel, als sie der Fremden damals in die Augen sah. Mit ihren vier Jahren konnte sie es noch nicht deuten. Jetzt war sie fünfzehn, fast schon eine Frau, und wusste, dass sie in diesem Moment das Leid einer Mutter gefühlt hatte. Nein! Es war das Leid dieser Mutter, dieser fremden, gefangenen Frau, welches sie gespürt hatte. Es war eine Art Magie gewesen, die sie beide in diesem Moment verband. Sie hatten einander in die Herzen gesehen. Ein Vorzeichen Eras? Ihre Gedanken kreisten in der Vergangenheit und Laniki stieß auf immer mehr merkwürdige Ereignisse, die sie erlebt, aber Dank ihrer kindlichen Naivität nie überdacht hatte. Sie bekam furchtbare Angst, als ihr die Größe und das Gewicht des ihr auferlegten Schicksals bewusst wurde. Doch dann legte sich die Angst wieder und eine angenehme Wärme in ihrem Inneren verschaffte ihr die Erkenntnis, dass sie nicht allein war. Sie hörte tief in sich hinein und nahm die Gegenwart von etwas wahr, das sie nicht beschreiben konnte.

„Era ist hier! Ich kann ihre Nähe spüren“, flüsterte sie ihrer Mutter zu. Sie gab sich noch eine Weile diesem seltsam angenehmen Gefühl hin und sammelte Kraft daraus.

Entschlossen stand das Mädchen auf. „Ich werde es versuchen, Mutter. Es hat keinen Zweck sich dagegen zu wehren, da es mir sowieso vorbestimmt ist.“ Sie hielt Uma die Hände entgegen und half ihr beim Aufstehen.

Langsam gingen sie zum Dorf zurück. Laniki musste an Luka denken. Er war auf sie geprägt und suchte noch immer ihre Nähe, wann immer es ging. Er war inzwischen zwölf und würde in nicht allzu langer Zeit seinen dreizehnten Geburtstag feiern. Laniki war nicht viel älter als er, aber er sah zu ihr auf. Sie hatte immer versucht, ihn von den Gesprächen der anderen Jungen fernzuhalten, die schon früh begannen, ihren Hass gegen Tosman zu entwickeln. Sie drangen früher oder später alle darauf, in Sauls Heer einzutreten und so viele Gegner zu töten, wie ihnen nur möglich war. Es fiel ihr immer schwerer Luka davon zu überzeugen, dass es sich bei den gegnerischen Kriegern auch nur um Menschen handelte, wie sie es selbst waren. Immer öfter kamen auch über seine Lippen die üblichen Hasstiraden gegen die Bewohner Tosmans. Er konnte ja nicht ahnen, dass er selbst einer von ihnen war. Sie hatten es auch ihm gegenüber bei der Geschichte mit Bahans toter Base belassen. Nun redete er ständig davon, es seinem gefallenen Vater gleichzutun und später ebenfalls ins königliche Heer einzutreten, um dessen Tod zu rächen.

Was würde nur aus ihm werden, wenn sie ihn alleinließ.

Besorgt schaute sie ihre Mutter an. „Luka! Er wird leiden, wenn ich gehe. Können wir es ihm erklären? Er braucht mich doch. Er wird denken, dass ich ihn im Stich lasse.“

„Wir können ihm nicht die Wahrheit sagen. Noch nicht. Aber er wird es überstehen, denn wir sind für ihn da.“

Laniki hatte ihre Zweifel, doch sie musste Vertrauen haben. Als sie die Hütte betraten, stand Bahan mit fragendem Gesicht an der Feuerstelle. Als Uma ihm zunickte, kam er ihnen entgegen und nahm seine Tochter wortlos in die Arme.

Tana

Die Wochen vergingen wie im Fluge und der Tag des Abschieds kam. Sie hatten Luka und allen anderen erzählt, dass sich Laniki, weit ab von zu Hause, um eine Stelle als Magd beworben habe, bei der sie sehr gut entlohnt würde. Schon einige junge Mädchen waren diesen Weg tatsächlich gegangen. Der Krieg machte die Menschen arm. Da es immer weniger heiratsfähige Burschen im Umkreis gab, die für die Zukunft der jungen Frauen gesorgt hätten, waren die Eltern gezwungen, ihren Töchtern Arbeit zu suchen. Dies nicht zuletzt in der Hoffnung, dass es in der Ferne noch potenzielle Ehegatten zu finden gab. In der Heimat blieb den Mädchen nur die Möglichkeit, die schwere Arbeit der fehlenden Männer zu übernehmen und wahrscheinlich irgendwann als alte Jungfer zu sterben.

Luka hatte heftig protestiert. Auch jetzt, als Laniki mit ihrem Bündel bereitstand, um von ihm Abschied zu nehmen, hing er an ihrem Arm. Er bat, sie möge ihn doch mitnehmen oder dableiben. Er hatte große Mühe seine Tränen zurückzuhalten, war aber auch zu stolz dazu, ihnen einfach freien Lauf zu lassen.

Liebevoll erwiderte sie seine Umarmung. „Vater und Mutter brauchen dich hier! Du wirst doch ein guter Sohn sein und sie in allem unterstützen?“

Er versicherte es ihr mit einem heftigen Kopfnicken.

„Ich verspreche dir, wenn ich zurückkomme, werden wir uns nie wieder trennen müssen.“

Im Gegensatz zu Luka hielt Laniki ihre Tränen nicht zurück. Bald brannten ihre Augen ebenso schmerzhaft wie ihr Herz. „Ich muss jetzt gehen“, sagte sie leise und schob ihn sanft, aber bestimmt von sich. Dann nahm sie ihr Bündel auf, verabschiedete sich vom Vater und folgte ihrer Mutter zur Tür hinaus.

Es war ungewöhnlich still, als sie durch den nächtlichen Wald liefen. Nur das gelegentliche Knacken eines zertretenen Zweiges und das Geräusch ihres eigenen Atems durchbrach die gespenstische Ruhe.

Als sie an Eras Altar ankamen, wurden sie sich einer Gestalt in ihrer Nähe bewusst.

„Ihr seid pünktlich. Das ist gut“, sagte eine Frauenstimme.

Uma durchfuhr die Erkenntnis wie ein Blitz. Sie kannte diese Frau. Es war die Heilerin, die ihr bei Lanikis Geburt zur Seite gestanden hatte. Als sie ihr Gesicht sah, stellte sie fest, dass sich die Frau in den vergangenen fünfzehn Jahren nicht im Geringsten verändert zu haben schien. Sie sah eher um etliche Jahre jünger aus.

„Du?“, entfuhr es Uma.

„Ja ich! Mein Name ist Tana. Ich diene Era schon seit einer Ewigkeit und das meine ich wörtlich. Glaubst du, die Göttin hätte die Geburt der Auserwählten dem Zufall überlassen?“

Mit einem freundlichen Lächeln wandte sie sich jetzt Laniki zu. „Du hast dich prächtig entwickelt, mein Kind! Hab keine Angst, ich werde dir eine gute Lehrerin sein!“

Aber Laniki hatte keine Angst. Ein Gefühl der tiefen Vertrautheit verband sie sofort mit Tana. Entschlossen, den Abschied so kurz wie möglich zu machen, drehte sie sich zu ihrer Mutter herum und gab ihr einen Kuss auf jede Wange.

„Achtet auf Luka!“, bat sie noch einmal. Dann ging sie zu Tana hinüber. Diese nahm ihre Hand, nickte Uma zuversichtlich zu und zog das Mädchen sanft mit sich fort.

Mit dem Gefühl, ihr Herz würde brechen, schaute die Mutter ihnen nach und begab sich bekümmert auf den Rückweg.

Laniki konnte weder sagen, wie lange sie unterwegs gewesen waren, noch hätte sie je allein den Weg zurückgefunden. Sie gelangten schließlich an eine kleine Hütte, am Fuße eines Berghanges. Drinnen brannte ein Feuer. Es schien fast so, als wären sie erwartet worden. Doch außer ihnen war niemand da. Die Sonne ging bereits wieder unter. Tana wies auf ein einfaches Lager in einer Ecke des einzigen Raumes der Behausung.

„Das ist für dich. Ruhe dich eine Weile aus. Es war ein anstrengender Weg bis hierher.“

Laniki blickte sich um. Es gab neben der Feuerstelle noch einen Tisch mit zwei Stühlen und ein wackliges Regal mit etwas Kochgeschirr, das an der Wand stand. Doch nirgends konnte sie eine zweite Schlafstelle ausfindig machen.

„Und du?“, fragte sie schüchtern.

Tana lächelte sie gutmütig an. „Ich schlafe nie“, sagte sie knapp.

Erstaunt musterte das Mädchen die Frau. Sie sah aus wie Ende fünfzig. Doch etwas stimmte nicht an ihrer Erscheinung. Sie hatte dunkles, mit grauen Strähnen durchwirktes Haar, das sie zu einem Knoten aufgesteckt trug. Das ovale Gesicht kündete von einstiger Schönheit. Sie war mittelgroß und recht zierlich, doch sie strotzte nur so vor Energie und ihre Augen wirkten wie die einer viel jüngeren Frau.

„Wer bist du wirklich?“, fragte Laniki mit prüfendem Blick.

Tana lächelte wieder. „Nun, das wirst du früh genug und völlig allein herausfinden“, gab sie zur Antwort. Wohl oder übel musste Laniki sich damit abfinden. Nachdem sie etwas gegessen hatte, kam sie Tanas Aufforderung nach und legte sich nieder. Schnell fiel sie in einen unruhigen Schlaf.

Im Traum sah sie zwei Männer vor sich. Sie konnte sie nicht erkennen, denn ihre Umrisse erschienen nur schemenhaft. Sie kämpften miteinander. Dann hörte Laniki das Geräusch von brechendem Glas und wachte schweißgebadet auf.

Neben ihr stand Tana und schaute ihr fragend ins Gesicht. „Hast du gut geschlafen?“

Laniki setzte sich auf und strich sich eine feuchte Haarsträhne aus der Stirn. „Ich glaube nicht ... Ich weiß nicht ... Ich hatte einen Traum. Es waren zwei Männer im Kampf miteinander. Ich hatte wahnsinnige Angst. Aber ich weiß nicht warum.“

Tana sah sie aufmerksam an. „Nun, Träume können vieles sein. Aufarbeitung von bereits Erlebtem, Vorboten auf das, was noch kommt oder Warnungen aus unserem Inneren. Was glaubst du, war dein Traum?“

Laniki schüttelte nachdenklich den Kopf. „Ich weiß es nicht.“

Tana lächelte wieder. „Siehst du, das wird ein Teil von dem sein, was ich dir beibringen werde. Erkenne die Zeichen, die dir gegeben werden!“

Das Mädchen erhob sich und machte sich etwas frisch. Dann nahm sie ein einfaches Frühstück zu sich und erwartete gespannt, was der Tag für sie bringen mochte.

Tanas erste Lektionen begannen draußen in der Natur.

„Um die Welt besser zu verstehen, musst du lernen, ihre Zusammenhänge zu erfassen und zu begreifen. Du musst die Zeichen der Natur zu deuten wissen und ihre Schätze ehren. Wenn du alles Leben um dich herum respektierst und achtest, selbst das kleinste, unscheinbare, wirst du daraus Kraft erhalten.“

Sie gingen hinaus. Tana führte sie tief in den Wald hinein und blieb an einem kleinen Bachlauf stehen. Sie beugte sich nieder und ließ das Wasser durch ihre Finger sprudeln.

„Sieh dir das Wasser an. Es entspringt aus einer kleinen Quelle und wird irgendwann zu einem großen Strom. Alles, was du tust und erlebst, kann als kleine Sache beginnen, die irgendwann zu einem gewaltigen Fluss wird, der allen Leben spendet - oder auch vernichtend sein kann. Unterschätze nie die kleinen Dinge, die du tust oder unterlässt. Sie könnten der Anstoß zu etwas sehr Großem und Wichtigem werden und das Leben von vielen Menschen beeinflussen. Ein unbedachtes Wort zum Beispiel oder eine scheinbar kleine, aber folgenreiche Verfehlung.“

Sie gingen weiter und folgten dem Lauf des Wassers. Dabei sammelten sie noch einige Heilkräuter, deren Bedeutung und Wirkungsweise Tana ausführlich erklärte.

In den folgenden Monaten erfuhr Laniki alles, was man über die Pflanzen- und Tierwelt wissen musste, um eben diese Achtung zu erlangen, von der Tana gesprochen hatte.

Eines Tages forderte die Lehrerin mit gewichtiger Miene, Laniki möge ihr folgen. Sie blieb vor dem Regal an der Wand stehen und sagte: „Jetzt werde ich dir eines der großen Geheimnisse zeigen, die ich behüte.“

Zu Lanikis Überraschung offenbarte sich hinter dem wackligen Regal eine geheime Tür. Durch diese betraten sie eine Art Höhle, in der sich eine Kräuterküche sowie einige Truhen befanden. Tana ging zu einer davon, die mit fremdartigen Inschriften und goldenen Beschlägen versehen war. Andächtig strich sie über deren Oberfläche.

„Diese Truhe enthält Schriften von großer Wichtigkeit! Vieles, was darin geschrieben steht, ist der Menschheit verloren gegangen oder sie wollten es einfach vergessen. Ich werde dir ihre Inhalte offenbaren und sie verstehen lehren.“

Rolle für Rolle nahmen sie sich vor. Laniki lernte viel über die Geschichte der Götter und der Menschen. Sie versuchte, sich alles zu merken und war eine aufmerksame Schülerin.

Die Legende von Assan

Etwa ein Jahr nach ihrer Ankunft fragte sich Laniki immer wieder, wie ihr das bisher Gelernte bei ihrer Aufgabe helfen sollte und worin diese überhaupt bestand. Sie beschloss, Tana danach zu fragen.

„Ich habe erwartet, dass du mich bald darauf ansprechen würdest. Du selbst bestimmst das Tempo deiner Ausbildung. Nun gut. Beschäftigen wir uns mit der Legende von Assan!“

Sie kramte eine Weile in den alten Schriften herum und kam bald mit der gesuchten Rolle zurück.

„Was weißt du darüber?“, fragte Tana, während sie sie öffnete.

Laniki dachte nach und erinnerte sich an die Geschichte, die ihre Mutter ihr einst unter der Auflage erzählt hatte, kein Wort darüber mit Fremden zu wechseln, da das Wissen darum nicht erwünscht war.

„Ich weiß, dass die Menschen von Assan einst glücklich und in Frieden miteinander lebten. Doch eines Tages zogen sie den Zorn der Friedensgöttin Era auf sich und sie wandte sich von ihnen ab. Laut einer Prophezeiung soll ein Kind geboren werden, das die Menschen zu ihr zurückführen soll und ihnen so den Frieden schenkt.“ Fast schüchtern setzte sie hinzu: „Ich!“

Tana lächelte sie zufrieden an. „So weit so gut! Doch du sollst die gesamte Geschichte erfahren. Die Legende besagt, dass Assan ein Ort des Glückes und der Freude war. Die Menschen lebten in Frieden und Eintracht miteinander. Sie huldigten verschiedenen Gottheiten. Eine von ihnen war Era, die Göttin des Friedens. Die Gottheiten fanden Gefallen an Assan und seinen klugen, friedlichen Bewohnern und machten ihnen ein Geschenk. In jedem der Tempel hinterlegten sie, zum Zeichen ihrer Verbundenheit, eine kristallene Amphore mit dem Elixier ihrer Gaben. Eras Gabe zum Beispiel bestand darin, die Gefühle der anderen bewusst wahrnehmen zu können und so sein Gegenüber besser zu verstehen. Menschen mit dieser Gabe waren unter anderem in der Lage Streit zu schlichten und so dem Wohle aller zu dienen. Jedes erstgeborene Kind wurde mit einem dieser Elixiere benetzt und so mit einer besonderen Gabe ausgestattet. Die Entscheidung, welche Gottheit das Neugeborene beschenkte, oblag den Eltern. Solange alles im Einklang stand, fehlte es ihnen an nichts. Doch bald verschob sich das Gleichgewicht. Eras Elixier wurde immer seltener gewählt. Andere Tugenden, wie Kampfesmut und Stärke, schienen den Menschen von größerem Nutzen zu sein.

Der Großteil von ihnen vergaß völlig, was das Wertvollste war, das sie besaßen, nämlich die Liebe und die Verbundenheit zu ihren Mitmenschen. Eines Tages wurde Eras Amphore von einer bösen Macht entwendet und an einen unbekannten Ort gebracht. Doch keiner der Einwohner Assans scherte sich darum. Era war erzürnt. Sie verwüstete den Tempel, der einst zu ihren Ehren errichtet worden war, und sprach einen Fluch über das Land aus. Sie raubte den Bewohnern die Fähigkeit, Mitgefühl zu empfinden. Zurück blieb nur die Prophezeiung ihrer Hohepriesterin. Sie erschien am Fuße des zerstörten Tempels und sprach ein letztes Mal zu den Menschen: „Ich sage Euch im Namen meiner Herrin Era Folgendes: Ihr werdet großes Leid erfahren! Ohne Mitgefühl und Nächstenliebe wird kein Leben, so wie ihr es kennt, mehr möglich sein. Der Hass wird euch befallen und entzweien. Erst wenn die Zeit reif ist, wird ein Kind geboren werden, welches unter Eras Schutz steht. Dieses Kind wird die Macht haben, eure Herzen zu heilen und euch zu vereinen. Hass und Liebe, fleischgeworden, werden sich in die Augen sehen und einander erkennen, wie zwei Teile einer Seele. Dies wird euch euren Irrweg vor Augen führen. Und nur wenn ihr euren Frevel erkennt, werdet ihr gerettet werden.“ Dann war sie für alle Zeit verschwunden.

Die eitlen Menschen sahen darin zunächst kein Problem. Sie bemerkten den Verlust kaum. Doch ihre Herzen begannen zu frieren. Freundschaften verkamen zu gefühlsarmen Verbindungen, die ihren Nutzen abzuwägen begannen. Das Böse gewann immer mehr die Oberhand. Viele der einst so edlen und furchtlosen Kämpfer Assans gierten nach Macht. Heiler setzten ihr Wissen zur Umkehr ein und brachten Krankheit über ihre vermeintlichen Gegner. Die Menschen kürten die beiden machtgierigsten Männer unter ihnen zu ihren Anführern - Tosman und Meditee, deren Nachfahren noch heute über das geteilte Land regieren. Bald kam es zu blutigen Fehden unter beiden und damit zum Bruch zwischen dem einst so einigen Volk. Es entstanden getrennte Reiche. Tosman und Mediterra.

Als die Götter sahen, wie unwürdig mit ihren Gaben umgegangen worden war, folgten einige von ihnen Eras Beispiel und wandten sich ab. Sie nahmen ihre Gaben zurück und überließen die Unwürdigen ihrem Schicksal. Die Elixiere verschwanden aus den Tempeln und damit auch die besonderen Fähigkeiten. Nur in wenigen Auserwählten bestanden sie unerkannt fort. In jenen, die den Samen des Guten und der Hoffnung noch in sich trugen. Viele von ihnen, ohne zu ahnen, dass sie auserwählt waren, die Gaben der Götter zu vererben. Verängstigt baten sie Era immer wieder um Beistand und wurden auf eine lange Probe gestellt. Bis zum heutigen Tag warten sie sehnlichst auf das verheißene Kind.“

Tana machte eine Pause und sah Laniki an. „Hast du irgendwelche Fragen?“

„Ja! Welche Götter schlossen sich Era an? Welche Gaben wurden den Menschen entzogen?“

„Nun, da war zum Beispiel Sita, die Göttin der Heilung. Sie nahm ihnen die Fähigkeit, mit ihren bloßen Händen zu heilen. Dann noch Telos, Gott der Seher. Er nahm ihnen die Gabe, Visionen zu empfangen und zu deuten.“ Wieder unterbrach sie ihre Rede und schaute erwartungsvoll auf Laniki. Deren Gedanken begannen zu kreisen.

„Was fällt dir dabei auf?“, fragte Tana schließlich.

„Ich habe zwei dieser Fähigkeiten - glaube ich. Manchmal sind Schmerzen unter meinen Händen verschwunden und ich wusste nicht warum. Und damals, als ich Lukas Mutter in die Augen geschaut habe, überkam mich ihr ganzes Leid! Aber es passierte einfach so. Wenn es eine Gabe wäre, dann könnte ich es doch sicher herbeiführen, wann immer ich will, oder?“

„Richtig! Du hast diese Gaben wirklich und auch noch weitere. Du bist obendrein in der Lage zu Sehen, Visionen zu empfangen und die Gefühle deiner Mitmenschen zu empfinden und zu beeinflussen. Ich werde dir beibringen, damit sicher und rücksichtsvoll umzugehen, denn das solltest du. Wenn du deine Gaben zum eigenen, rein egoistischem Vorteil missbrauchst, ist alles verloren.“

Mit diesen Worten hielt sie inne und blickte Laniki eindringlich an.

„Ich werde es lernen!“, sagte das Mädchen mit fester Stimme.

„Also gut. Wenn die Zeit kommt und du bereit bist, wird dich der Ruf ereilen. Du wirst dich auf den Weg machen müssen, um die verschwundene Amphore mit Eras Tugenden zu suchen.“

„Aber wie soll ich denn ...“

Doch Tana brachte sie mit einer Handbewegung zum Schweigen. „Eins nach dem anderen! Jetzt wirst du dich erst einmal auf deine Ausbildung konzentrieren müssen!“

Und das tat Laniki dann auch. In den folgenden Jahren lehrte Tana sie das Meditieren, um ihre eigenen Gefühle unter Kontrolle zu bekommen. Ihre Heilkraft erprobte sie an kranken Tieren, die sie auf ihren Streifzügen durch den Wald fanden. Dabei machte sie gute Fortschritte. Immer wieder musste sie versuchen, in Tanas Gedanken und Gefühle einzutauchen und diese zu beeinflussen. Anfangs setzten sie sich Rücken an Rücken auf den Boden und Tana konzentrierte sich auf ein bestimmtes Objekt. Laniki musste dann versuchen, das Bild aus dem Kopf ihrer Lehrerin vor ihrem eigenen inneren Auge zu sehen. Nur sehr langsam erlangte sie Kontrolle über diese Gabe und bekam bald Zweifel, es überhaupt irgendwann richtig zu erlernen. Tana erklärte ihr, wie wichtig es war, dass sie miteinander ohne Worte kommunizieren konnten, da dies später der einzige Weg sein würde, über den sie Kontakt halten könnten. Weil Laniki bei ihrer Aufgabe nicht auf Tanas Rat verzichten wollte, strengte sie sich um so mehr an.

Visionen hatte sie keine, außer diesem immer wiederkehrenden Traum von den beiden kämpfenden Männern und dem zerbrechenden Glas. Auch Tana konnte ihr dazu nichts hilfreiches sagen. „Wenn du es erkennen sollst, wird es dir schon offenbart werden.“

Die Zeit verging und Tana wurde so etwas, wie eine zweite Mutter für das Mädchen. Sie verstanden sich prächtig und immer öfter auch ohne Worte. Im wahrsten Sinne. Irgendwann schafften sie es wirklich, sich mit purer Gedankenkraft zu verständigen. Sie führten ganze Gespräche auf diese Weise. Es war am Anfang sehr anstrengend und erforderte die volle Energie und Konzentration Lanikis, doch es war auch eine gute Übung, um die Sinne des Mädchens zu schärfen. Bald jedoch hatten sie beide viel Spaß an dieser Form des Lernens.

Eines Tages kam Tana mit einem überraschenden Vorschlag. „Wir werden heute zu einer Wanderung aufbrechen und unter Menschen gehen. Nur so können wir prüfen, wie weit du inzwischen gekommen bist.“

Völlig überrascht und sogleich erfreut ob dieser Aussicht, fiel ihr das Mädchen um den Hals. Es war nun schon mehr als fünf Jahre her, dass sie ihre Familie verlassen musste. Seit jenem Tag hatte sie zu niemandem außer Tana Kontakt gehabt. Geduldig ergab sich Laniki in ihr Schicksal und versuchte das Heimweh und die Sehnsucht nach den geliebten Menschen mit sich allein auszumachen. Tana war das natürlich nicht verborgen geblieben, doch sie hatte mit Wohlgefallen beobachtet, wie das Mädchen ihre eigenen Sehnsüchte und Interessen hinter das Wohl aller anderen stellte. Ein Wesenszug, der unabdingbar war für das, was Laniki noch vor sich hatte.

Nach einem etwa zweistündigen Fußmarsch quer durch den Wald, kamen sie auf eine Weide. Unten im Tal lag eine größere Ortschaft. Zielstrebig gingen sie darauf zu und stellten erfreut fest, dass gerade Markttag war. Sie nutzten die Gelegenheit zu ein paar notwendigen Einkäufen und ließen sich mit der Menge treiben. Es gab alles, was das Herz begehrte. Stände mit gebrannten Mandeln, die verführerisch dufteten, bunte Stoffe und Tücher, Schmuck, ein breites Sortiment an verschiedenem Geschirr, Fleisch, Obst, Gemüse. Laniki konnte sich nicht sattsehen. Doch gleichzeitig zogen die Menschen ihre Aufmerksamkeit auf sich. Laniki konnte all die fremden Gefühle spüren. Es war alles nur undeutlich, brachte sie aber dennoch völlig durcheinander. Bisher war sie immer mit Tana allein gewesen und ständig bemüht, ihre Fähigkeiten diesbezüglich auszubauen. Doch mit dem, was hier auf sie einströmte, war sie vollkommen überfordert. Sie wurde nervös.

Tana, die damit wohl gerechnet hatte, zog Laniki zur Seite.

„Jetzt kommt der andere Teil der Lektion. Du musst lernen dich zu verschließen und deine Gabe nur dann einzusetzen, wenn du es für nötig hältst.“

„Ja, aber wie?“, fragte das Mädchen ratlos.

„Versuch es einfach! Nutze, was du beim Meditieren gelernt hast. Ruhe in dir. Am Anfang wird es dir noch schwerfallen, aber irgendwann übernimmt dein Unterbewusstsein automatisch die Kontrolle und du kannst es leicht steuern.“

Laniki kamen Tanas Worte vor wie blanker Hohn. Doch sie wollte es wenigstens versuchen. Und nach ein paar Stunden hatte sie mäßigen Erfolg. Mit viel Willensstärke schaffte sie es, sich gegen die äußeren Einflüsse abzuschirmen und nur noch ihre eigenen Gefühle wahrzunehmen.

„Ich glaube, du hast es begriffen“, sagte Tana nur knapp. „Dann würde ich vorschlagen, dass wir uns langsam wieder auf den Rückweg machen.“

Als sie die Ortschaft schon fast verlassen hatten, kamen sie an einer Menschenansammlung vorbei und wurden Zeuge eines üblen Vorfalls. Ein Mann war gerade damit beschäftigt, auf einen kleinen Jungen einzuschlagen, der ihm angeblich etwas gestohlen hatte. Sofort musste Laniki an Luka denken und vergaß ihren Schutz. Deutlich spürte sie die Angst des Kleinen und auch die Wut des Mannes. Ohne darüber nachzudenken, ging sie dazwischen.

„Laniki!“, hörte sie Tana noch ermahnend rufen, doch es war schon zu spät.

„Warum vergreifst du dich an dem Jungen, du Wüstling!“, schrie sie den Mann an.

„Der kleine Mistkerl hat mich bestohlen!“

Die Umstehenden, die diese grobe Bestrafung offensichtlich für angemessen hielten, pflichteten ihm verständnisvoll bei. „Er hat ihm einen seiner Äpfel entwendet! Wo kommen wir da hin, wenn man das einfach so duldet?“, polterte eine pausbäckige Frau.

Laniki blickte auf den Jungen herab. Er sah sie aus ängstlich geweiteten Augen an und versuchte erfolglos, sich aus dem Griff des Mannes zu befreien.

„Ich hatte solchen Hunger! Meine Eltern sind tot und ich habe schon seit zwei Tagen nichts mehr gegessen“, winselte er zaghaft.

„Der lügt doch!“, kam es aus mehreren Mündern gleichzeitig.

Laniki nahm den Jungen am Arm und konnte durch diese Berührung sein Wesen erkennen. Er sprach die Wahrheit.

Wütend sah sie nun in die Menge. „Nein, das glaube ich nicht!“, sagte sie.

„Mir doch egal, was ein dahergelaufenes Frauenzimmer denkt!“, schrie der Bestohlene. „Der Kerl kassiert jetzt eine Tracht Prügel, die sich gewaschen hat.“

Unter den zustimmenden Ausrufen der Menge zerrte er den Jungen wieder zu sich und holte zum Schlag aus.

Laniki sprang auf ihn zu und hielt seine Hand fest. „Hast du denn gar kein Mitgefühl?“, fragte sie ihn und blickte in seine Seele.

Nein! Das hatte er eindeutig nicht. Keiner von all denen ringsum.

Doch dann geschah es. Unter ihrem Blick entspannte sich das vor Wut verzerrte Gesicht des Mannes und er ließ langsam seine Hand sinken. „Hier, nimm den Apfel und verschwinde!“, zischte er dem Jungen zu und ließ ihn los.

Der rappelte sich auf und rannte davon.

„Komm jetzt!“, mahnte Tana erzürnt und zog Laniki eilig mit sich fort, bevor sich die überraschte Menge von ihrem Schreck erholte.

Als sie weit genug entfernt waren, polterte die sonst so ausgeglichene Lehrmeisterin los. „Du musst vorsichtiger sein! Wenn du die Aufmerksamkeit der Leute auf dich ziehst, werden bald die Falschen davon erfahren und du machst alles zunichte!“

Laniki fühlte sich zu unrecht angegriffen. „Soll ich etwa dabei zusehen, wenn schwache Kinder misshandelt werden? Wozu soll diese Gabe dann gut sein?“

Tana holte tief Luft. Sie konnte verstehen, was in dem Mädchen vor sich ging, doch hier ging es um mehr. Sie versuchte sich wieder zu beruhigen und sprach nun ohne Zorn in ihrer Stimme weiter. „Hör mir zu! Du hast im Grunde das Richtige getan, doch sie werden gespürt haben, dass hier geheime Kräfte am Werk waren. Was, wenn dich jemand beobachtet und dich verfolgt, um deine Gaben für sich zu missbrauchen. Ich werde nicht immer bei dir sein, um dich zu schützen. Hab Geduld! Die Zeit wird kommen, in der die Menschen wieder Mitgefühl ihren Nächsten gegenüber entwickeln. Doch dazu brauchen sie dich!“

Laniki begann zu begreifen was Tana ihr sagen wollte. Kleinlaut gab sie ihr recht.

„Du musst einschätzen lernen, wann und in welcher Form du dich für andere einsetzen darfst“, fügte Tana verständnisvoll hinzu und strich ihr sanft übers Haar.

Eine Weile schwiegen sie.

„Ich glaube, ich muss noch einiges lernen, nicht wahr?“, fragte das Mädchen einlenkend.

„Dazu bin ich ja da, Kindchen.“ Tana zwinkerte ihr aufmunternd zu und dann machten sie sich, Arm in Arm, auf den Rückweg.

Auch in dieser Nacht wurde Laniki von ihrem Albtraum geplagt. Jedoch immer, wenn sie meinte etwas Genaueres erkennen zu können, waren die Bilder wieder verschwunden.

Rückkehr nach Hause

Die Zeit ihrer Ausbildung ging langsam dem Ende entgegen. Als Tana eröffnete, dass sie Laniki bald zurück zu ihrer Familie bringen würde, war deren Freude groß. Doch je näher der ersehnte Tag heranrückte, um so größer wurde auch die Furcht vor der Aufgabe, die sie erwartete.

Eines Abends, als sie mit ihren täglichen Übungen fertig waren, erzählte das Mädchen ihrer Lehrerin von ihren Sorgen. „Ich weiß nicht, wie ich das ohne dich schaffen kann. Ich weiß nicht mal, wann und wo ich mit der Suche nach Eras Amphore beginnen soll.“

Tana legte ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter und sagte: „Hab keine Angst! Angst ist ein schlechter Ratgeber. Du wirst nicht allein sein auf deinem Weg. Nicht nur Era wird dich unterstützen. Auch andere Götter haben sich unserem Kampf gegen das Böse angeschlossen und einige Menschenkinder mit ihren Gaben ausgestattet. Du wirst sie zu deinen Gefährten machen und sie werden dich mit Kräften unterstützen. Folge deinen Instinkten, dann wirst du auf den rechten Weg geführt werden.“

In einer sternenklaren Nacht kamen sie zum Dorf des Mädchens zurück. Alles schien friedlich und ruhig. Laniki hatte das Gefühl, ihr Herz würde so laut schlagen, dass es jeden seiner Bewohner aus dem Schlaf rufen musste. Doch nichts geschah.

Tana blieb plötzlich stehen. „Hier trennen sich unsere Wege. Lass uns Abschied nehmen“, sagte sie mit einem schwermütigen Lächeln.

„Jetzt schon?“, fragte Laniki verwundert. „Warum kommst du nicht mit ins Haus. Du kannst die Nacht bei uns verbringen und morgen zurückkehren“, versuchte sie ihre geliebte Lehrerin aufzuhalten. Tana war inzwischen wie eine zweite Mutter für sie und sie wollte sie am liebsten nicht gehen lassen.

Doch diese schüttelte nur langsam den Kopf. „Nein. Was würde das bringen? Es würde uns den Abschied nur schwerer machen. Ich werde immer in deinem Herzen sein, also direkt bei dir.“ Dann griff sie zwischen ihre Rockfalten und holte ein Medaillon hervor. „Trage es immer bei dir! In der größten Not wird es sich öffnen und ich werde dir beistehen. Bis dahin achte auf die kleinen Signale, die es dir gibt. Du wirst schon sehen.“ Mit diesen Worten legte sie es Laniki um den Hals und küsste ihr zum Abschied die Stirn. Dann drehte sie sich um und war alsbald in der Dunkelheit verschwunden.

Mit einem Gefühlschaos aus Abschiedsschmerz von Tana und Vorfreude auf das Wiedersehen mit den Ihren, machte sich das Mädchen auf den Weg zur Hütte ihrer Eltern. Voller Aufregung klopfte Laniki an die Tür. Zunächst geschah nichts, doch dann hörte sie Geräusche.

„Wer ist da? Mitten in der Nacht!“, rief es verschlafen von drinnen.

„Ich bin es, Vater!“, antwortete sie mit zittriger Stimme. Sie hörte Schritte und das Schaben des Riegels. Dann wurde die Tür geöffnet und eine Laterne vor ihr Gesicht gehalten.

„Bei allen Göttern! Uma, sie ist es wirklich!“, ertönte der fassungslose Ausruf ihres Vaters. Er ließ die Laterne sinken und schloss Laniki fest in seine Arme. Über seine Schulter hinweg sah sie in die vor Freude weit aufgerissenen Augen ihrer Mutter. Ganz langsam löste sie sich von Bahan und umarmte Uma voller Inbrunst.

Nachdem sich die erste Aufregung gelegt hatte, saßen sie sich am Tisch gegenüber und die Eltern musterten aufmerksam ihre so lang entbehrte Tochter.

„Du bist erwachsen geworden. Und so wunderschön“, sagte Bahan voller Stolz.

Laniki war inzwischen einundzwanzig Jahre alt und zu voller Weiblichkeit erblüht. Sie errötete ein wenig und lenkte das Gespräch schnell in eine andere Richtung. „Wie ist es euch hier ergangen, seit ich wegging. Wo ist Luka? Schläft er?“

Die Eltern warfen sich einen verunsicherten Blick zu. „Uns erging es nicht schlecht. Era hat bis heute ihre schützende Hand über uns gehalten und das Treiben des Krieges ist auf wundersame Weise von uns ferngeblieben. Doch ...“

Laniki wurde unruhig. „Was ist? Ist Luka etwas zugestoßen?“ Panik stieg in ihr auf.

„Nein, es geht ihm gut. Er dient in Sauls Heer und hat sich dort schon einen großen Namen gemacht.“

Laniki sprang vor Entsetzen auf. Luka ein Handlanger des Krieges? Das durfte nicht sein. Sie hatte ihm doch immer gesagt er solle, sobald man ihn mit fünfzehn auf seine Kampfqualitäten prüfe, so tun, als ob er dazu keine Gabe hätte.

„Er hat sehr unter deinem Weggang gelitten“, begann Uma zu erzählen. „Er trieb sich mit den anderen Jungs herum, ließ sich von ihnen beeinflussen und machte schließlich die Tosmaner für alles verantwortlich. Er meinte, sie seien Schuld daran, dass überhaupt Krieg sei. Er hat doch an die Geschichte geglaubt, die wir damals für alle anderen erfunden haben, um sein Auftauchen zu rechtfertigen. Er meinte, wegen dieses Krieges sei sein Vater gestorben und du hast weggehen müssen. Er hat immer auf deine Rückkehr gewartet. Sein Kummer wurde schließlich zu Hass und wir konnten nichts dagegen tun. Es war zu spät. Wir hätten ihm nicht mehr sagen können, dass er selbst zu den Menschen gehört, denen er jeden Funken Liebe aberkennt und die er für Tiere hält. Das wäre zu viel für ihn gewesen. Als er dann mit König Sauls Männern ging, konnten wir schon erahnen was kam. Er gab sein Bestes an der Heeresschule und man erkannte in ihm ein wahres Ausnahmetalent der Kampfkunst. Er ist kürzlich zum Legionsführer ernannt worden. Zum wohl jüngsten aller Zeiten. In zwei Schlachten hat er ruhmreich gekämpft. Luka ist König Saul zutiefst ergeben.“

Laniki starrte ins Leere und Tränen rollten über ihre Wangen. „Aber das ist ja furchtbar! Wir müssen ihn da wegholen. Sie töten sein Herz!“

Bahan trat hinter sie und strich ihr übers Haar. „Das wird nicht möglich sein. Er will es so. Er ist jetzt ein Mann und trifft seine eigenen Entscheidungen.“

Lanikis Miene gab zu erkennen, dass sie ganz anderer Meinung war. Die Gedanken überschlugen sich in ihrem Kopf.

„Erzähl uns doch erst einmal, wie es dir so ergangen ist“, bat Uma jetzt schnell, um das Thema vorerst zu beenden.

Laniki kam ihrer Bitte zögerlich nach und erzählte in groben Zügen das, was Tana ihr zu erzählen erlaubt hatte. Niemand sollte das ganze Ausmaß von ihren Kräften kennen.

Nach zwei Stunden voller gegenseitiger Fragen und Antworten, begannen Lanikis Augen schwer zu werden.

„Bei den Göttern! Du musst ja völlig müde sein von der langen Reise und wir lassen dir keine Zeit, dich auszuruhen. Leg dich jetzt schlafen! Wir können morgen weitersprechen.“ Mit diesen Worten schob Uma sie zum Bett und das Mädchen ließ es sich gern gefallen. Ihre letzten Gedanken bevor sie einschlief, kreisten um Luka und wie sie ihn wieder auf den rechten Weg bringen sollte. Sie konnte ihn doch unmöglich in den Fängen dieser Kriegstreiber lassen. Sollte er sich so verändert haben? Laniki beschloss, sich am nächsten Tag weiter darüber Sorgen zu machen. Jetzt konnte sie es ja doch nicht ändern.

In dieser Nacht hatte sie wieder diesen Traum. Heftiger als je zuvor durchfuhr sie die Angst und sie schreckte hoch. Es war inzwischen hell und ihre Mutter stand am Feuer und bereitete den Haferbrei fürs Frühstück zu. Laniki atmete den Duft ihrer Kindheit ein und fühlte sich sofort besser

„Guten Morgen, Liebes! Hast du gut geschlafen?“

Laniki sammelte sich kurz und erhob sich dann mit einem herzhaften Gähnen. „Danke! Und ihr?“ Freundlich lächelnd ging sie auf ihre Mutter zu und ließ sich in deren schützende Arme schließen.

„Oh, so gut wie lange nicht mehr“, antwortete Bahan, der kurz zuvor zur Tür hereingekommen war. Gemeinsam nahmen sie das Frühstück ein und alle hatten das Gefühl, dass noch nie ein Haferbrei so gut geschmeckt hatte.

Am folgenden Abend wurde im Dorf Lanikis Rückkehr gefeiert. Man schlachtete ein Schwein und traf sich am Feuer. Sie hatte Mühe, die ganzen Fragen zu beantworten und fühlte sich schlecht dabei, die alten Freunde zu belügen. Denn jede ihrer Aussagen war frei erfunden, genau wie die Anstellung als Magd in der Ferne. Alle gaben ihrer Verwunderung Ausdruck, dass ein so schönes Mädchen in der langen Zeit noch keinen Mann gefunden hatte. Laniki schaffte es aber schnell, das Gespräch auf andere Dinge zu lenken, indem sie ihr Leben in der Ferne sehr eintönig und uninteressant schilderte. Bald erzählten alle bunt durcheinander und sie konnte sich entspannen. Interessiert ließ sie den Blick durch die Runde gleiten. Ihre Freunde aus der Kindheit waren inzwischen ebenfalls erwachsen geworden. Einige hatten schon Familien gegründet. Doch viele der Jungen von einst fehlten. Sie hatten den gleichen Weg gewählt wie Luka. Bei dem Gedanken an den Bruder zog sich Lanikis Herz erneut schmerzlich zusammen. Nach ein paar Tagen hatte sich die größte Aufregung gelegt und der normale Alltag kehrte ein.

Das Zeichen

Einige Monate geschah nichts Außergewöhnliches um das Mädchen herum. Sie half ihren Eltern bei der anfallenden Arbeit und gewöhnte sich wieder ein. Es tat gut, den alltäglichen Aufgaben nachzukommen und sich wie ein normaler Mensch zu fühlen. Den ganzen Winter über hatte Bahan alle Hände voll zu tun, um eine große Waffenbestellung des Königs anzufertigen. Es wurde gemunkelt, dass es in wenigen Monaten einen großen Angriff auf Tosman geben sollte. Im Frühjahr bepackte der Vater das Fuhrwerk, um die Bestellung auszuliefern. Laniki ging ihm dabei zur Hand. Mit jedem Schwert, das sie auf den Wagen lud, hatte sie das Gefühl, selbst zu Sauls Gehilfin zu werden. Doch sie wusste, dass ihre Eltern davon lebten und dass Bahan nur so einer Teilnahme an den Feldzügen entging. Wenn er die Waffen nicht schmiedete, würde es ein anderer tun. Es war eben, wie es war und sie hatte nicht das Recht, ein Urteil zu fällen.

Plötzlich begann das Medaillon an ihrer Brust heiß zu werden und Laniki zog es schnell heraus. Sie konnte nichts Auffälliges erkennen, außer der Hitze, die es ausstrahlte.

War dies das erwartete Zeichen? Begann jetzt ihre Reise? Nun, da sie darüber nachdachte, wurde das Schmuckstück in ihrer Hand wieder angenehm kühl. Sie traf eine Entscheidung.

„Ich werde dich begleiten, Vater!“, sagte sie entschlossen und packte ihr Bündel zusammen.

„Nein, tu das nicht!“, rief Uma hinter ihr. „Dein Vater muss durch unsichere Gegenden. Die Leute sind verbittert und voller Hass. Sie denken nur an sich und wenden schnell Gewalt an.“

Laniki ließ sich davon jedoch nicht beeindrucken.

„Deine Mutter hat recht, Kindchen! Du glaubst nicht, was für Elend ich auf diesen Reisen schon gesehen habe“, sagte Bahan streng. Damit wähnte er die Sache für erledigt und schaute später überrascht drein, als Laniki ihr Bündel dennoch auf den Wagen legte.

„Wir haben dir doch gesagt ...!“

„Ich muss gehen. Ihr wisst, dass ich die letzten Jahre nicht fort war, um mich dann hier zu verstecken. Ich fühle - ich weiß, dass heute der Tag ist, an dem meine Aufgabe beginnt.“ Sie sagte das mit einer solchen Überzeugungskraft, dass weder Uma noch Bahan an ihr zweifeln mochten. Bald schon gaben sie ihren Widerstand auf.

„Aber du bist doch gerade erst zurückgekehrt“, seufzte die Mutter beim Abschied.

Laniki antwortete ihr mit einer innigen Umarmung.

„Pass auf dich auf, mein Kind!“, flüsterte Uma.

„Das werde ich! Und vergiss nicht, Era beschützt mich! Ich bin nicht allein.“

Mit diesen Worten stieg sie zu ihrem Vater auf das Fuhrwerk und sie rollten vom Hof.

Nach zwei Tagen näherten sie sich der Festung von König Saul. Viele Menschen lebten im Umkreis des gigantischen Gemäuers. Als sie eine größere Ansiedlung durchquerten, begegnete ihnen ein Trupp Gefangener, die von Soldaten getrieben wurden. Sofort fielen Laniki die Bilder von einst wieder ein, als sie im Wald auf Luka und seine Mutter getroffen waren. Der Vater hielt an, um die Geschundenen vorbeizulassen. Die Menschen an den Straßenrändern riefen den abgemagerten kranken Gestalten wüste Beschimpfungen zu und feuerten die Bewacher an, wenn sie sie mit ihren Peitschen zur Eile trieben. Kein Funken Mitgefühl war in ihren Gesichtern zu erkennen.

„Eine Schande ist das!“, flüsterte Bahan ihr zu. Laniki versuchte sich zurückzuhalten, denn sie hatte noch immer Tanas mahnende Worte im Ohr. Doch als ein alter Mann zu Boden ging und um Wasser flehte, war sie nicht mehr aufzuhalten. Sie griff nach ihrem Wasserschlauch und sprang vom Wagen.

„Niki, nein!“, rief ihr entsetzter Vater, doch sie achtete nicht darauf. Als sie neben dem Mann niederkniete und ihm das ersehnte Nass an die Lippen hielt, wurde sie derb zur Seite gestoßen.

„Was fällt dir ein, Weib?“ Ein grobschlächtiger Kerl mit eiskalten Augen stand über ihr. Langsam erhob sie sich und stellte sich vor ihn hin.

Ohne die geringste Spur von Unsicherheit zu zeigen, erwiderte sie seinen Blick.

„Dieser Mann bittet nur um etwas Wasser. Wenn er stirbt, wird er euch nicht mehr von Nutzen sein.“ Durch eine Kopfbewegung gab sie ihrem Vater zu verstehen, dass er sich heraushalten sollte. Mit geballten Fäusten beobachtete der die Szene weiter und hielt sich nur widerwillig zurück.

„Wen interessiert das? In ein paar Monaten gibt es wieder Nachschub. Und jetzt verzieh dich!“

Seine Peitsche erhob sich in die Luft und wollte auf den Mann am Boden niederfahren, als Laniki seine Hand ergriff und ihm fest in die Augen sah. Unter ihrem Blick veränderte sich das kalte Gesicht des Mannes zusehends. Die Umstehenden wurden Zeuge einer unglaublichen Vorstellung. Der Koloss ging auf die Knie, als würde ihn eine untragbare Last zu Boden ziehen. Er vergrub sein Antlitz in den Händen und begann bitterlich zu weinen. Ein anderer Gefangener half dem Alten auf und nahm rasch den Wasserschlauch an sich. Sie warfen Laniki einen dankbaren Blick zu und machten sich schnell daran, den Mitgefangenen zu folgen. Inzwischen kamen andere Soldaten zu ihnen, um nachzusehen, was die Gruppe aufgehalten hatte.

„He, Batu, was ist mit dir?“, fragten sie den immer noch am Boden hockenden, gebrochenen Mann. Als der keine Reaktion zeigte, zogen sie ihn hoch.

Laniki und Bahan nutzten die allgemeine Verwirrung, um sich aus dem Staub zu machen.

Als sie weit genug entfernt waren, hielt der völlig entsetzte Vater sein Fuhrwerk an und polterte los. „Bist du verrückt geworden? Wir hätten jetzt tot sein können! Was, wenn dieser Schinder nicht zufällig zusammengebrochen wäre?“

Laniki blieb ruhig. Sie konnte seinen Zorn verstehen. Sie wusste, dass ihr Vater im Grunde richtig fand, was sie getan hatte. Ihm fehlte nur selbst der Mut dazu, genau wie etlichen anderen auch. Den meisten war es wirklich egal, was mit den Tosmanen geschah, aber es gab Menschen, die sich beim Anblick solcher Szenen zumindest unwohl fühlten, doch dies aus gutem Grund verbargen. Mitgefühl für den Feind, soweit es überhaupt irgendwo auftauchte, wurde hart bestraft.

„Er ist nicht zufällig zusammengebrochen“, sagte sie nur knapp.

„Wie meinst du das?“, fragte Bahan überrascht.

„Ich habe einiges bei Tana gelernt, wie du weißt. Ich habe ihn gezwungen, seine eigenen Untaten zu sehen. Sagen wir einfach, ich habe ihm mein Mitgefühl geliehen. Er hat sich dabei selbst durch meine Augen gesehen. Sein Herz hat noch nie einen solchen Schmerz und solche Scham durchlebt wie in diesen Sekunden. Ihm muss es endlos erschienen sein. Dieses Gefühl hat er nicht ausgehalten. Nur darum ist er zusammengebrochen.“ Aus ihren Worten klang keine Genugtuung. Sie empfand eher Mitleid mit diesem Mann, der sein ganzes Leben ohne Gefühl gelebt hatte.

Bahan brauchte noch eine Weile, um sich zu sammeln. Er betrachtete Laniki, als sähe er sie heute zum ersten Mal. Sie hatte sich wirklich verändert! Nur zu gern hätte er etwas von ihrem Mut gehabt. „Und wird er sich in Zukunft bessern?“, fragte er zögernd.

„Ich glaube, die Sache wird ihm in Erinnerung bleiben, aber deshalb besitzt er noch lange kein gutes Herz. Er ist allein nicht dazu in der Lage, fremdes Leid zu empfinden.“

„Wie auch immer, wir können jetzt nicht mehr zur Festung fahren. Man würde dich wiedererkennen und sofort in den Kerker werfen lassen.“

Laniki dachte einen Augenblick nach. „Verlasse dich auf deine Instinkte!“, hatte Tana ihr geraten. Ihr Instinkt sagte ihr, dass sie den Dingen ihren Lauf lassen sollte. Sie war sich plötzlich sicher, dass sie sogar zur Festung musste! Doch sie wollte den Vater nicht unnötig in Schwierigkeiten bringen. Bald kam ihr eine Idee.

„Nein! Wir werden wie geplant hinfahren. Aber wir werden nicht gemeinsam hineingehen. Wenn dich jemand mit mir in Verbindung bringt, dann behaupte, dass du mich nur auf deinem Wagen mitgenommen hast, aber nicht kennst. Dann erledige deine Geschäfte und fahre nach Hause.“

„Das kommt überhaupt nicht infrage!“, rief Bahan erzürnt aus. „Ich werde meine Tochter nicht dieser Gefahr aussetzen, und wie ein Feigling verschwinden!“

Laniki beugte sich zu ihm hin und sah ihm verschwörerisch in die Augen.

„Doch, du musst! Mein Weg hat begonnen und ich werde ihn jetzt gehen. Nur auf diese Weise kannst du mir helfen. Ich muss mir sicher sein, dass Mutter und du in Sicherheit seid.“

Langsam begriff Bahan, dass er keinerlei Chance hatte und begann sich damit abzufinden. „Also gut!“, sagte er nur knapp und das Fuhrwerk setzte sich wieder in Bewegung.

Sie warteten bis kurz vor Sonnenuntergang und verabschiedeten sich schweren Herzens, für unbekannte Zeit, voneinander. Als Laniki sah, dass der Wagen das Tor passiert hatte, wartete sie noch eine Weile und tat es ihm gleich.

Sie ließ sich durch die Gassen treiben und beobachtete, wie ein paar Männer - überwiegend Soldaten - bei einem Becher Wein Karten spielten und dabei nicht selten in Streit und wilde Raufereien ausbrachen. Laniki wusste nicht, was sie tun sollte, darum setzte sie sich an einen Brunnen und wartete einfach, bis das Schicksal sie weiterführte.

In den Mauern der Festung

Im Inneren der Festung herrschte unterdessen große Aufregung. Die unglaubliche Geschichte vom Nachmittag hatte schnell ihre Runde gemacht. Jeder redete über die schöne junge Frau, die einen Soldaten bezwungen hatte. König Saul wanderte, in höchstem Maße beunruhigt, durch die Halle.

Ihm dicht auf den Fersen sein Berater und Seher Salim, ein höchst abstoßendes hageres Männchen, mit stechenden schwarzen Augen.

„Es könnte sich durchaus um das Mädchen aus der Prophezeiung handeln, mein König. Ich sagte Euch schon des Öfteren, dass die Zeichen auf ihr baldiges Erscheinen hindeuten. Ich habe den Soldaten eindringlich befragt. Er sagte mir, dass er eine dieser Kreaturen antreiben wollte, als sich ihm dieses Weibsbild in den Weg stellte. Sie hätte etwas von Mitleid gefaselt und ihm dann einen Zauber an den Hals gehetzt, der ihn für eine Weile alles infrage stellen ließ, was er bisher für richtig hielt. Zum Glück ist er wieder der Alte. Nicht auszudenken ...!“

Saul blieb ruckartig stehen und drehte sich zu ihm herum. „Schweig! Ich werde diese Hexe finden und töten lassen!“, zischte er leise.

„Bei allem Respekt, Hoheit. Warum wollt Ihr Euch diese Gelegenheit nicht zunutze machen? Ich habe gesehen, dass sie sich auf die Suche nach Eras verschollener Amphore begeben wird. Stellt Euch vor, Ihr gelangt durch sie in ihren Besitz.“ Er machte eine Pause um dem König Zeit zu geben, seinen Gedanken zu folgen. „Ihr könntet Zerus' Armee unterwandern. Ein Tröpfchen konzentriertes Mitgefühl hier, ein Tröpfchen Liebe da. Ihre wagemutigen Krieger würden zu solch jämmerlichen Memmen mutieren wie dieser Soldat heute. Und Ihr wäret für immer Herrscher über das neu erstandene Assan! Wer sollte je dahinterkommen?“

Saul blickte ihn mit jenem Ausdruck der Anbetung an, mit dem er jeden gelungenen Vorschlag seines Beraters bedachte. Dieser wiederum sah selbstzufrieden zu, wie er den Köder schluckte.

„Das ist genial, aber du hast etwas Entscheidendes vergessen! Glaubst du etwa, sie geht das Ding für mich holen?“ Die eben noch so bewundernde Miene des Königs hatte sich in eine sarkastische Fratze verwandelt.

Doch Salim kannte ihn schon von Geburt an und ließ sich davon nicht weiter beeindrucken. „Nun, natürlich nicht, wenn Ihr sie direkt fragt. Umgarnt sie! Heuchelt ihr vor, Ihr steht auf ihrer Seite. Unterstützt sie mit allen Mitteln.“ Salim sah nun kalt lächelnd seiner Marionette entgegen.

Der König erwiderte triumphierend: „Sucht sie und bringt sie zu mir!“

Unterdessen beobachtete Laniki die Menschen ringsum. Sie hatte sich ein Tuch um den Kopf geschlungen, um nicht erkannt zu werden. In der Hand hielt sie das Medaillon und bat Tana um Hilfe. „Bitte Tana, schick mir ein Zeichen!“, flüsterte sie inständig.

Da bewegten sich zwei angetrunkene Männer auf sie zu.

„He, Kleine, was sitzt du da so allein herum?“, sagte einer der beiden und zerrte sie hoch. Dabei rutschte ihr das Tuch herunter.

Der Mann schnalzte vor Wonne mit der Zunge. „Was für eine Schönheit! Ich habe dich hier noch nie gesehen. Dabei dachte ich, inzwischen jedes Weib in der Stadt zu kennen“, raunte er ihr entgegen und sie konnte den Alkohol in seinem Atem riechen. Die Männer begannen damit, sie hin und her zu stoßen.

Da ertönte aus einiger Entfernung eine Stimme. Ein weiterer Mann eilte auf sie zu und wurde von einem Tross Wachen verfolgt. „Das ist sie! Das Weibsbild, das mich verhext hat.“

Ungläubig blickten sich Lanikis Angreifer an. „Was redest du für einen Unsinn?“, schrie einer der beiden dem Mann entgegen. Doch der wies mit der Hand auf seine bewaffneten Begleiter und brachte ihn damit zum Schweigen.

„Wir haben den Befehl des Königs, dieses Mädchen zu verhaften und direkt zu ihm zu bringen“, verkündete der Anführer der Wachen.

„Aber bei den Göttern, was soll die denn getan haben?“ Lanikis Peiniger staunten nicht schlecht.

„Das geht nur den König was an!“ Mit diesen Worten nahmen sie das Mädchen mit sich fort und die Männer machten sich eilig aus dem Staub.

Ohne ein Wort der Erklärung wurde Laniki in die Festung geführt. Sie gingen durch lange dunkle Flure, bis sie zu einem riesigen Eingangsportal gelangten. Nachdem man Meldung gemacht hatte, wurde sie hineingeschoben und die Wachen entfernten sich eilig.

Mit einem dumpfen Grollen schlossen sich die Türen der Halle hinter ihr. Der Raum war von grauer Düsternis erfüllt und Laniki begann zu frösteln. An den Wänden sah sie Bilder der grimmig dreinblickenden Ahnen des Königs. Durch die geöffneten Fenster drang ein kalter Windhauch und spielte mit den langen Vorhängen. Nicht weit von ihr entfernt stand König Saul mit seinem Berater. Das Mädchen spürte sofort, dass in diesem Raum alles andere als Aufrichtigkeit zu finden war. Ehrerbietig verneigte sie sich dennoch vor ihrem König. Sie wollte das Spiel mitspielen.

„Majestät!“, grüßte sie höflich.

„Du bist also die Auserwählte? Ein kleines zartes Geschöpf von solcher Schönheit hat die Macht, unsere Länder zum lang ersehnten Frieden zu führen?“ Ein aufgesetztes Lächeln strafte seine Worte Lüge.

Doch Laniki ließ sich nichts anmerken. „Wie kommt ihr darauf, dass ich die Auserwählte bin?“, fragte sie freundlich zurück.

„Es hat sich herumgesprochen, was heute auf der Straße geschehen ist. Daraufhin hat mein Seher die Geister befragt und der Verdacht hat sich bestätigt. Willst du es etwa abstreiten?“

Laniki fand dieses Schauspiel unwürdig und es kostete sie alle Anstrengung, sich zurückzuhalten. „Nein, das will ich nicht“, antwortete sie ruhig. „Ich weiß nicht, weshalb Eras Wahl gerade auf mich gefallen ist, aber ich will ihr mit all meinen Kräften dienen.“ Sie sah ihn mit entschlossener Miene an. „Ich bin mir jedoch bewusst, dass Ihr nicht gerade zu ihren Anhängern zählt, Majestät. Muss ich befürchten, dass Ihr mich aufhalten werdet?“ Herausfordernd blickte sie ihm ins Gesicht.

„Keineswegs, mein Kind. Ein alter Mann wie ich sehnt sich nach Ruhe und Frieden. Ich habe diese Kämpfe schon so lange satt. Doch was soll ich tun? Ich kann schlecht Zerus' Männer ungehindert in unser Land einfallen lassen, um unser Volk zu unterdrücken!“ Wieder warf er ihr ein falsches Lächeln zu.

'Und was war dann mit den Überfällen, die du auf Tosman verübt hast?', dachte Laniki bei sich. Laut sagte sie: „Es ehrt Euch, dass Ihr dem Volk Frieden wünscht. Ich darf also auf Eure Hilfe hoffen?“

Saul sah sie eine Weile aufmerksam an. „Unter einer Bedingung! Du bringst Eras Amphore zu mir, bevor du sie in den Tempel trägst. Erfüllst du einem alten Mann wie mir den Wunsch, das Wichtigste auf der Welt kurz in seinen Händen zu halten?“ Seine flehende Leidensmiene war genauso unglaubwürdig wie seine Worte.

Laniki hatte keine Wahl. Sie traute ihm in keiner Weise, doch wenn er sie in den Kerker sperrte, konnte sie gar nichts mehr ausrichten. Sollte sie die Amphore erst einmal haben, würde ihr schon etwas einfallen. „Wenn das Eure einzige Bedingung ist, kann ich sie nicht abschlagen“, entgegnete sie freundlich.

„Dann sind wir uns einig. Ich werde dir ein paar Männer zur Begleitung mitgeben und Proviant für die Reise. Mehr kann ich leider nicht für dich tun.“

Da kam ihr eine Idee und sie wagte einen großen Vorstoß. „Darf ich einen Wunsch äußern, was meine Begleitung betrifft?“

Der König hob überrascht die Brauen, ließ sie aber weitersprechen.

„Ich hörte von einem jungen Mann. Ich glaube, er heißt Luka. Er soll ein überragender Kämpfer sein, obwohl noch sehr jung an Jahren. Genau solche Männer brauche ich zu meinem Schutz, denn es wird sicher kein Spaziergang werden. Ich würde ihn gern zu meinen Begleitern zählen.“

Sauls Augen verengten sich zu Schlitzen. Er kannte den jungen Krieger. Er war überragend in seiner Art zu kämpfen. Wieso wollte sie ihn? Vielleicht, weil man ihn überall lobpreiste für seinen Heldenmut? Andererseits war es auch in seinem Sinne. Luka war ihm zutiefst ergeben und würde sich von ihr nicht auf dumme Gedanken bringen lassen.

„Einverstanden! Du sollst ihn haben“, stimmte er zu.

Laniki versuchte ihren Triumph zurückzuhalten und nickte nur dankend in Sauls Richtung. Innerlich jedoch schrie sie vor Freude. Man führte sie hinaus und brachte sie in einem einfachen Quartier unter.

Am nächsten Morgen wurde Luka zum König beordert. Ergeben ging er vor seinem Herrscher auf die Knie. „Ihr habt nach mir verlangt, Majestät?“

„Steh auf, mein Sohn! Ich habe einen Auftrag für dich, der äußerstes Stillschweigen verlangt.“

Erwartungsvoll blickte Luka auf seinen Herrn.

„Du hast sicher schon einmal von der Prophezeiung gehört? Das Menschenkind, das kommen wird, um den Bewohnern von Assan Eras Gaben zurückzubringen?“

Luka war überrascht. Er hatte einen Befehl zu einem Feldzug oder etwas Ähnliches erwartet. Was hatte das zu bedeuten? Respektvoll verbarg er seine Verwunderung.

„Ja, ich hörte schon davon. Aber ist das nicht nur eine Legende?“

„Nein, das ist es nicht. Die Auserwählte ist hier in der Festung. Ich habe ihr Geleit zugesichert.“

Wieder war Luka zutiefst überrascht. Er konnte sich nicht vorstellen, dass Saul plötzlich zu einem Anhänger Eras geworden war. Doch es oblag ihm nicht, danach zu fragen.

„Ich will diese Amphore haben, wenn das Mädchen sie wirklich finden sollte! In den Händen unserer Feinde könnte sie großen Schaden anrichten.“

Nun begann Luka zu verstehen. „Ich werde alles tun was nötig ist, um Euch nicht zu enttäuschen, mein König!“

„Das will ich hoffen! Ich werde dir meine Befehle zukommen lassen. Wähle ein paar gute Männer aus deinen Reihen! In zwei Tagen solltet ihr bereit zum Aufbruch sein.“

Luka wollte sich gerade verabschieden, da hielt Saul ihn noch einmal zurück.

„Eines noch. Sollte etwas schiefgehen, und das Mädchen sich weigern, mir die Amphore zu überbringen, dann töte sie oder zerstöre Eras Gabe. Um keinen Preis darf sie ihrer Bestimmung zugeführt werden. In ein paar Wochen soll der Feldzug gegen Tosman beginnen. Ich habe große Hoffnungen, dass wir sie diesmal endgültig schlagen können und keine der verschwundenen Gottheiten soll mich daran hindern!“ Mit diesen Worten wandte er sich ab und Luka verließ nachdenklich die Halle.

Unterdessen grübelte Laniki darüber nach, wohin sie überhaupt gehen sollte. Die Amphore konnte schließlich überall sein. Was sollte sie Luka und seinen Männern sagen, wenn sie nach dem Weg fragten? Sie beschloss zu meditieren und hoffte, so vielleicht Kontakt zu Tana herzustellen. Laniki versetzte sich in Trance und konzentrierte sich mit voller Seele auf ihre Lehrerin. Helles Licht hüllte sie ein und eine tiefe Wärme erfüllte ihr Herz. Dann konnte sie Tana spüren. Es fühlte sich an wie früher, als sie gemeinsam geübt hatten.

„Tana, ich werde mich bald auf den Weg machen. Wo soll ich hingehen? Gib mir ein Ziel!“

Nach einer schier unendlich erscheinenden Zeit, bekam sie Antwort.

„Deine Reise führt dich zum Silamgebirge. Wähle deine Route so, dass du die Dörfer Hurt und Suma durchquerst. Dort findest du deine Gefährten. Ihr werdet euch erkennen, wenn ihr euch begegnet. Hab keine Angst, du bist auf dem richtigen Weg ...“

Dann war sie schon wieder verschwunden. Laniki war enttäuscht. Sie hätte noch so viel mehr wissen wollen. Aber wenn sie ehrlich war, hatte Tana ihre Frage beantwortet. Mehr konnte sie wohl nicht erwarten. Um die Zeit sinnvoll zu nutzen, begann sie damit, die alten Übungen zu machen. Sie schärfte ihre Sinne für das Kommende. Doch immer wieder wurde sie abgelenkt von ihren eigenen Gedanken: Wie würde Luka reagieren? Würde ihr Verhältnis wieder so werden, wie es einst war? Sollte sie ihn in alles einweihen? Die Aufregung und die Vorfreude auf das Wiedersehen stieg ins Unermessliche. Doch es war wichtig, einen kühlen Kopf zu behalten. Er war kein kleiner Junge mehr. Laniki musste, nach allem was sie gehört hatte, damit rechnen, dass er einer von jenen kampfeshungrigen jungen Männern geworden war, die Saul blind vertrauten. Bei dem Gedanken begann sie zu frösteln. Was wenn sie sein reines Herz verdorben hatten? Sie beschloss ihre Identität zunächst so lange vor ihm verborgen zu halten, bis sie sich weit genug von der Festung entfernt hatten. Das würde sicher nicht einfach werden, war aber unumgänglich. Der König durfte nichts von ihrer gemeinsamen Vergangenheit erfahren, sonst würde er leicht Rückschlüsse auf Lanikis Eltern ziehen und hätte damit ein Druckmittel gegen sie beide.

Darmowy fragment się skończył.

Gatunki i tagi

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240 str. 1 ilustracja
ISBN:
9783738004953
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Bookwire
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