Czytaj książkę: «Jan ganz groß!»

Czcionka:

Knud Meister

Carlo Andersen

Jan ganz groß!

Eine Detektivgeschichte

Saga

Jan ganz groß!

Aus dem Dänischen von Dr. Karl Hellwig

Originaltitel: Jan gør sit store kup / Jan og de forsvundne perler / Jan ved mikrofonen © 1964 Carlo Andersen, Knud Meister

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711458310

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

Erster Teil

Der Mann mit der Narbe

1.

In Höppners Hotel zu Hadersleben sassen vier Buben beim Morgenkaffee. Es waren Jan, Erling, Carl und der kleine Jesper, auch «Krümel» genannt. Sie hatten am Strande von Vejers ereignisreiche Ferientage verlebt und wollten sich jetzt im Süden des Landes etwas umsehen. Am vergangenen Tage waren sie durch Ribe gekommen, wo sie die schöne Domkirche und die alten Fachwerkhäuser bestaunt hatten, und von dort am selben Tage nach Hadersleben geradelt. Am späten Abend waren sie angelangt, hatten sich in Höppners Hotel einquartiert und sassen jetzt am reich gedeckten Frühstückstisch.

«Ich muss schon sagen, es lebt sich nicht schlecht in Hadersleben», sagte der dicke Erling mit sichtlicher Befriedigung. «Knusprige Hörnchen, geröstetes Weissbrot, Orangen- und Erdbeermarmelade, frische Butter und heisser Kaffee ... Verdanken wir dir diese beinahe üppige Mahlzeit, Jan? Hast du in Hadersleben gute Beziehungen?»

«Wenn du dich durchaus bedanken willst, Dicker», erwiderte Jan lachend, «dann bedanke dich bei Herrn Höppner persönlich. Als sich gestern abend in der Stadt das Gerücht verbreitete, dass du angekommen bist, hat er natürlich sofort Grossalarm gegeben und alle Vorräte weit über das normale Mass ergänzen lassen.»

«Teurer Freund», sagte Erling, die Stirn runzelnd, «spotte nicht! Wenn mein Magen vor Hunger knurrt, arbeitet mein Gehirn höchst mangelhaft, und dass dieser edelste Teil des zweibeinigen Wesens, das sich Mensch nennt, bald wieder mehr als genug zu tun bekommen wird, dafür wirst du wohl, wie immer, Sorge tragen. Aber wollen wir nicht zulangen?»

Die vier Buben «langten zu», und dass ihnen all die schönen Dinge, die man ihnen aufgetischt hatte, gut schmeckten, sah man an ihrem beneidenswert kräftigen Appetit. Das hinderte aber nicht, dass sie sich gleichzeitig eifrig unterhielten. Natürlich bildeten die ereignisreichen Tage in ihrem Zeltlager am Strande von Vejers den Hauptgegenstand ihrer Unterhaltunga). Alle äusserten ihre Verwunderung darüber, dass ihre drei Freunde Holger, Henning und Jack so wenig Neigung gezeigt hatten, sich der Radfahrt nach dem Süden anzuschliessen.

«Ich möchte wissen, weshalb sie noch in Vejers bleiben wollten», bemerkte Jan. «Sie taten so geheimnisvoll. Ich mache mir so meine Gedanken.»

«Wie meinst du das?» fragte Carl verwundert.

«Es sind nur ganz vage Vermutungen», erwiderte Jan. «Aber ihr kennt ja alle Holger. Man muss sich bei ihm immer auf allerlei Überraschungen gefasst machen. Die Zeit wird lehren, ob hinter ihrer Geheimnistuerei ein tieferer Sinn steckt. Aber wir wollen jetzt lieber an unsere eigenen Angelegenheiten denken. Ich hatte mir gedacht, wir fahren heute bis zur Grenze. Viel weiter werden wir kaum kommen, denn bis Alsen ist es doch ein ganz tüchtiges Stück.»

Erling meinte, wenn sie an einem Tage bis zur Grenze wollten, hätten sie wahrhaftig mehr als genug zu tun. Er habe festgestellt, dass es etwa 50 Kilometer seien. Diese lange Radfahrt bei strahlendem Sonnenschein sei nicht gerade nach seinem Geschmack.

«Nur nicht den Mut verlieren, Dicker!» lachte Jan. «Es wird dir gut tun, wenn du in den Ferien ein paar Kilo verlierst. Du kannst das, wenn du wieder zu Hause bist, leicht wettmachen.»

Erling ergab sich seufzend in sein Schicksal. Eine halbe Stunde später sassen sie alle auf ihren Rädern und verliessen die Stadt in südlicher Richtung.

Es war ein herrlicher Morgen. Die Sonne schien von einem wolkenlosen Himmel hernieder und tauchte die schöne Landschaft in ein helles Licht. Buchenwälder, gelbe Getreidefelder und saftige Wiesen lösten einander ab. Im Osten sahen sie das Meer aufblinken, als sie sich dem Knievsberg näherten. Ein grosses Schild auf der linken Seite der Landstrasse zeigte den Weg an: «Nach der Ruine.»

Jan stieg ab und schien zu überlegen. Die andern folgten seinem Beispiel, blickten ihn aber etwas verwundert an. «Ich dachte, wir wollten uns die Ruine ansehen?» sagte Carl.

«Ich weiss nicht recht, ob es sich lohnt», erwiderte Jan. «Aber da wir nun einmal hier sind, können wir uns den kleinen Abstecher ja wohl leisten. Die Aussicht von der Höhe ist wahrscheinlich interessanter als die Ruine selbst.»

Da der Weg, der zum Gipfel führte, ziemlich steil war, mussten sie die Räder führen. An der Ruine angekommen, stellten sie sie ab. Erling warf einen sehnsuchtsvollen Blick nach der Gastwirtschaft; Jan aber tat, als hätte er es nicht gemerkt.

Wenn man die Überreste des Turmes, der hier einmal gestanden hatte, aus der Nähe betrachtete, bekam man einen Begriff davon, wie gross er gewesen sein musste. Das Fundament bildete noch immer einen gewaltigen Block, von dem aus man eine herrliche Aussicht hatte. Ringsherum lagen ähnliche Blöcke, die zum Teil noch von verbogenen, rostigen Eisenstangen zusammengehalten wurden. Es war gleichzeitig ein imponierender und trostloser Anblick. An manchen Stellen war es gar nicht ungefährlich, über die verwitterten Blöcke zu klettern.

Da sich Jan durchaus nicht bewegen liess, Erlings Wunsch zu erfüllen und der Gastwirtschaft einen Besuch abzustatten, setzte die kleine Schar schon bald die Fahrt nach dem Süden fort. Als sie Apenrade hinter sich hatten, liess sich Jan endlich erweichen, eine kurze Rast einzuschalten. In einem bescheidenen, freundlichen Gasthaus an der Landstrasse kehrten sie ein und bestellten belegte Brote und Limonade.

Erling strahlte vor Zufriedenheit. Er erklärte, belegte Brote nach dänischer Art seien die beste Erfindung auf der Welt. Er hätte sicher nichts dagegen gehabt, wenn sie den Rest des Tages an dieser gastlichen Stätte zugebracht hätten. «Müssen wir unbedingt heute noch weiterfahren?» fragte er. «Was ist an der Grenze überhaupt so Besonderes zu sehen?»

«Sei nicht so faul, Dicker!» tadelte Jan. «Ich weiss wirklich nicht, ob an der Grenze etwas ‚Besonderes‘ zu sehen ist. Aber da wir nun einmal so weit gekommen sind, sollten wir unbedingt auch einen Blick über die Landesgrenze werfen.»

Da Carl und Jesper Jan beistimmten, musste Erling sich fügen. Sie nahmen aber auf ihren dicken Freund Rücksicht, indem sie bei der Weiterfahrt ein langsameres Tempo anschlugen. Daher dauerte es verhältnismässig lange, bis sie in Padburg einfuhren.

Nach ihrer Meinung sah dieser Grenzort keineswegs so aufregend aus, wie sie erwartet hatten. Das einzig auffallende an dem Strassenbild waren die Grenzwächter in ihrer schönen blauen Uniform.

Als sie eine Eisenbahnunterführung durchfahren hatten, teilte sich der Weg, und an der Abzweigung, die nach Süden führte, stand eine grosse Tafel mit der Inschrift «Zur Landesgrenze».

Fünf Minuten später standen sie an der Grenze. Rechts von der Landstrasse lag das Haus, in dem die dänische Grenzwache untergebracht war, und noch weiter rechts lag der Bahndamm, der über die Grenze führte. Die Landstrasse war durch «spanische Reiter» – gekreuzte Balken mit Stacheldraht dazwischen – versperrt. Auf der anderen Seite der Absperrung war die deutsche Zollwache.

Jan wunderte sich etwas über den Zustand der Grenzsperre. Der Stacheldraht war völlig verrostet, und auf der linken Seite, unmittelbar über einem Graben, sah er eine Öffnung, die gross genug war, dass ein Erwachsener bequem hindurchschlüpfen konnte.

Einer der dänischen Grenzwächter, der vor dem Zollhaus gestanden hatte, kam auf die Jungen zu und fragte lächelnd: «Na, Buben, ihr habt doch wohl nicht die Absicht, heimlich über die Grenze zu flitzen?»

«O nein!» antwortete Jan höflich. «Wir bleiben lieber auf dieser Seite. Aber mir scheint, es dürfte nicht schwer sein, durch das Loch dort zu kriechen.»

«Du hast recht», gab der Grenzwächter zu. «Vor ein paar Jahren sah es hier anders aus. Da war die Sperre wirksamer als heute.»

«Kommt es denn jetzt nicht mehr vor, dass einer vom Süden her über die Grenze schlüpft?» fragte Jan.

«Nicht, wenn wir es verhindern können», erwiderte der Wächter lächelnd. «Allerdings ist es nicht so leicht, eine Landesgrenze zu bewachen, wie die meisten Leute glauben. Besonders schlimm ist, dass es Organisationen gibt, die es sich zur Aufgabe machen, Flüchtlinge über die Grenze zu schmuggeln.»

«Das gibt es?» rief Jan verwundert. «Richtige Organisationen?»

«Ja. Freilich, so schlimm, wie es kurz nach dem letzten Kriege war, ist es nicht mehr. Aber es gibt noch immer Menschen, die aus diesem oder jenem Grunde Deutschland verlassen wollen, ohne dass sie ordentliche Papiere haben. Meistens sind es Verbrecher, nach denen gefahndet wird, und die sich auf der anderen Seite der Grenze in Sicherheit bringen wollen.»

«Und was tun sie, wenn ihnen das geglückt ist?» wollte Jan wissen. «Bleiben sie dann hier in Dänemark?»

«Wohl nur höchst selten», antwortete der Grenzwächter. «Die meisten versuchen, nach Schweden zu gelangen und von dort nach Südamerika.»

«Und Sie sagen, es gibt Organisationen, die den Flüchtlingen beim Überschreiten der Grenze helfen? Das ist doch richtiger Menschenschmuggel?»

«Ja, so kann man es nennen», sagte der freundliche Grenzwächter. «Aber dieser Schmuggel erfolgt zum grössten Teil auf dem Wasserwege. Oft überqueren Flüchtlinge zur Nachtzeit die Flensburger Förde und werden auf Alsen an Land gesetzt. Es ist nicht leicht, etwas Wirksames dagegen zu unternehmen ...» Er brach plötzlich ab und deutete nach der anderen Seite der Grenzsperre. «Wenn ich mich nicht sehr irre», fuhr er fort, «haben die deutschen Grenzposten gerade einen Mann erwischt, der über die Grenze schlüpfen wollte.»

Die Buben blickten hinüber. Ein grosser, kräftig aussehender Mann ging zwischen zwei deutschen Grenzwächtern nach der Zollwache. Kurz bevor die drei Männer durch die Tür verschwanden, stellte Jan fest, dass der Mann auf der linken Gesichtshälfte eine kräftige rote Narbe hatte, die sich vom Auge bis zum Halse hinzog und ihn sehr entstellte.

«Der arme Kerl!» meinte Carl, der trotz seinen Bärenkräften ein weiches Gemüt hatte.

Der Grenzwächter zuckte die Schultern. «Ob der Mann wirklich zu bedauern ist, lässt sich unmöglich sagen, wenn man die näheren Umstände nicht kennt. Vielleicht ist er ein Verbrecher, der von der Polizei gesucht wird und sein Schicksal verdient. Die Leute, die versuchen, schwarz über die Grenze zu kommen, haben selten ein reines Gewissen.»

Da es nichts weiter zu sehen gab, verabschiedeten sich die Freunde von dem netten Grenzwächter und schwangen sich wieder auf die Räder. Sie waren aber noch nicht weit gekommen, als etwas Unerwartetes geschah: Sie hörten hinter sich einen Schuss!

Jan blickte sich um und sprang vom Rad. Die drei anderen folgten seinem Beispiel. Jetzt sahen sie, was geschehen war. Der Mann mit der Narbe, den sie vor wenigen Minuten im deutschen Zollhaus hatten verschwinden sehen, war im Begriff, durch das Loch in der Stacheldrahtsperre zu schlüpfen, und rannte gleich darauf über den Eisenbahndamm. Drei deutsche Grenzwächter waren ihm nachgeeilt, machten aber an der Grenzsperre halt. Zwei dänische Grenzwächter, durch den Schuss aufmerksam gemacht, nahmen sofort die Verfolgung des Flüchtlings auf, der jedoch bereits auf der anderen Seite des Bahndamms verschwunden war.

Die Jungen waren sehr verblüfft. Carl rief vergnügt: «Das war der Mann mit der Narbe! Hoffentlich erwischen sie ihn nicht.»

Jan aber sagte ernst: «Denke an die Worte des Grenzwächters, Carl. Man kann nicht urteilen, wenn man die näheren Umstände nicht kennt.»

«Auf jeden Fall war es ein spannendes Erlebnis», bemerkte Jesper.

2.

Als die Buben auf der Landstrasse nach Sonderburg dahinradelten, erörterten sie lebhaft die Vorgänge an der Grenze. Ob es dem Flüchtling wohl gelungen war, seinen Verfolgern zu entkommen? Die deutschen Grenzwächter hatten offenbar auf ihn geschossen, ohne ihn zu treffen, und als der Flüchtling sich nicht mehr auf deutschem Boden befand, hatten sie natürlich die Verfolgung aufgeben müssen.

Unter lebhaftem Geplauder erreichten die vier Freunde den kleinen Ort Alnor, wo sie auf einer Fähre den Egernsund überquerten. Von dort ging die Fahrt weiter nach Düppel, zum Besuch der historischen Mühle, die jetzt als Museum eingerichtet ist und viele Erinnerungen an die alten Kriegszeiten enthält. Nachdem sie das Museum und die Überreste der Düppeler Schanzen zu beiden Seiten der nach Sonderburg führenden Landstrasse besichtigt hatten, erklärte Erling, er sei am Ende seiner Kräfte.

«Lieber Jan», sagte er mit kläglicher Stimme, «du kannst doch unmöglich von uns verlangen, dass wir bis Mitternacht auf den Rädern bleiben. Wir haben uns wahrhaftig abgeplagt. Ich bin so erschöpft, dass ich im Stehen schlafen könnte.»

«Merkwürdig!» lachte Jan. «Bist du denn gar nicht hungrig?»

«Hungrig?» wiederholte Erling. «Ich bin so hungrig, dass ich einen ganzen Ochsen am Spiess verzehren könnte. Wenn ich aber in diesem Augenblick zwischen einem Bett und einem Ochsen wählen müsste, würde ich ganz entschieden das Bett vorziehen.»

«Seid ihr andern auch müde?» fragte Jan.

Carl war natürlich noch bei Kräften, aber der kleine Jesper musste zugeben, es ginge ihm nicht besser als Erling.

«Bravo, Krümel!» sagte Erling anerkennend. «Viel redest du ja nicht, aber wenn du einmal etwas sagst, dann träufeln weise Worte aus deinem Munde. Ich werde dir morgen eine Tüte Rahmbonbons verehren.»

Es wurde ein kurzer «Kriegsrat» gehalten und beschlossen, an der ersten geeigneten Stelle das Zelt aufzuschlagen. Es dauerte denn auch nicht lange, so entdeckten sie in passender Entfernung vom Wege einen günstigen Lagerplatz. Es war eine Wiese mit saftigem Gras, die am Fusse eines kleinen Hügels lag. Offenbar gehörte sie zu dem Bauernhof, den sie in geringer Entfernung erblickten. Während die andern von den Rädern stiegen, fuhr Jan weiter und kehrte eine Viertelstunde später mit der Erlaubnis des Eigentümers zurück. Sie durften auf der Wiese ihr Zelt aufschlagen und ein Lagerfeuer anzünden.

Erling erklärte sich äusserst zufrieden mit dieser Ordnung der Dinge und half trotz seiner Müdigkeit beim Aufschlagen des Zeltes. Hernach sank er mit einem schweren Seufzer auf das Gras und streckte die Glieder. Jan aber versetzte ihm einen freundschaftlichen Puff: «Wenn du etwas essen willst, musst du helfen, Dicker».

«Ach nein, ach nein ... Hab doch nur ein wenig Mitleid mit mir, teurer Freund! Ich habe sonst in einem ganzen Jahr nicht so viel auf die Pedale getrampelt wie an diesem einen Tage ...»

«Steh auf! Du musst aus dem Wald dort Reisig holen.»

«Wozu in aller Welt brauchst du denn Reisig?» stöhnte Erling verzweifelt.

«Fürs Lagerfeuer natürlich. Willst du keinen Tee haben?»

«Nein, danke ...»

«Aber wir andern wollen Tee trinken. Steh auf, Dikker!»

Die drei Freunde lachten, als Erling ächzend auf die Beine kam. Bald darauf trabten er und Carl nach dem Walde. Inzwischen machten Jan und Jesper das Abendessen fertig. Jan war gespannt, was Erling dazu sagen würde, denn es war wirklich keine üppige Mahlzeit: Trockenes Schwarzbrot, Leberpastete, hartgekochte Eier und Käse. Andere Leute mochten denken, das wäre doch wahrlich genug des Guten. Erling pflegte jedoch grössere Ansprüche zu stellen.

Diesmal aber tat Jan seinem dicken Freunde unrecht. Als Erling einen guten Teil der Vorräte verzehrt hatte, erklärte er zufrieden: «Das hat herrlich geschmeckt! Und jetzt wäre es schön, wenn man eine Tasse Tee trinken könnte ...»

«Ich denke, du wolltest keinen Tee haben?» neckte ihn Jan.

«Ich habe meinen Beschluss geändert», erwiderte Erling gelassen. «Tee ist ein herrliches und erfrischendes Getränk.»

Das Lagerfeuer brannte lustig, und die vier Buben waren sich darin einig, dass das Zelten dem Übernachten in einem langweiligen Hotelbett bei weitem vorzuziehen wäre. Ausserdem war es ja viel billiger!

Die Sonne war untergegangen und die Dämmerung brach an. Hin und wieder fuhr ein Radfahrer vorüber und winkte den vier Freunden zu. Schliesslich wurde es so dunkel, dass man nur noch Schatten vorüberhuschen sah. Die Lichtkegel der Autos schnitten durch die Finsternis und tauchten die Baumstämme für eine kurze Weile in ein unnatürlich weisses Licht. Erling gähnte herzhaft und sagte: «Ihr müsst mich entschuldigen, Freunde, aber ich lege mich hin. Meiner Meinung nach hat die menschliche Leistungsfähigkeit ihre Grenzen. Gute Nacht alle miteinander!»

Erlings breite Hinterfront verschwand durch die Zeltöffnung. Wenige Minuten später folgte ihm Jesper. Jan und Carl blieben noch draussen und genossen den schönen Sommerabend. Da Tau gefallen war, benutzten sie ihre Regenmäntel als Unterlage. Eine Weile lagen sie schweigend. Dann fragte Jan: «Nun, Carl? Gefällt es dir? Freust du dich, dass du mitgekommen bist?»

«Sehr!» erwiderte Carl voller Überzeugung. «Du weisst ja, dass ich immer mächtig gern mit euch zusammen bin. Aber ...»

«Aber?»

Carl wurde verlegen und konnte sich offenbar nicht entschliessen, zu erklären, was er auf dem Herzen hatte. Jan liess ihm Zeit. Schliesslich sagte Carl mit etwas unsicherer Stimme: «Ja, siehst du ... Ich habe es nie richtig verstehen können, dass ihr ... na ja, du weisst ja, was ich meine. Ihr seid sogenannte ‚Jungen aus besserem Hause‘ und ich ... ich war ja Laufbursche in einem Milchgeschäft, als wir uns kennenlernten ...»

«Hör doch bloss mit dem Unsinn auf!» unterbrach ihn Jan ärgerlich. «Was bedeutet das denn, wenn man aus ‚besserem Hause‘ ist? Glaubst du vielleicht, man ist ein besserer Mensch, weil man einen Vater mit einem Bankguthaben oder einer Villa hat? Worauf es ankommt, ganz allein ankommt, ist, dass man als Mensch etwas wert ist. Alles übrige ist Nebensache. Und dass du etwas taugst, weisst du selbst genau so gut wie wir.»

«Ich danke dir, Jan», murmelte Carl. «Ich will nur hoffen, dass ich euch einmal für alles, was ihr für mich getan habt, durch eine Tat danken kann ...»

«Hast du ein schlechtes Gedächtnis?» fiel Jan ungeduldig ein.

«Ein schlechtes Gedächtnis? Nein. Weshalb?»

«Hast du denn schon vergessen, dass du vor wenigen Tagen einen unserer Kameraden gerettet hast, als er in Gefahr war, zu ertrinken?»

«Das ist doch wirklich nichts Besonderes.»

«Nichts Besonderes?» rief Jan. Dann fügte er lachend hinzu: «Lieber Carl, du bist grossartig! Du denkst, man ist ‚fein‘, weil man in eine höhere Schule geht. Wenn aber einer sein Leben wagt, um einen anderen zu retten, dann ist das deiner Meinung nach ‚nichts Besonderes‘. Doch wir wollen davon nicht länger reden. Bist du nicht müde?»

«O nein ... Wo soll die Fahrt morgen hingehen?»

«Nach Alsen. Wir wollen uns einmal die Karte ansehen.» Jan breitete eine Landkarte auf dem Gras aus, und die beiden studierten sie im Schein des Lagerfeuers. Jan zeigte mit dem Finger: «Erst wollen wir uns in Sonderburg etwas umschauen. Dann fahren wir nach Kegnäs. Jack sagte ja, dort sei ein schöner Badestrand. Wir werden sicher keine Mühe haben, einen guten Lagerplatz zu finden.»

«Merkwürdig, dass Jack und die andern nicht mitwollten.»

«Ja, sehr merkwürdig», stimmte Jan nachdenklich zu.

Die beiden Freunde plauderten noch eine halbe Stunde miteinander. Aus dem Zelt drangen friedliche Schnarchlaute in die Nacht heraus. Es war Erling, der nach den Strapazen des Tages den Schlaf des Gerechten schlief.

Das Lagerfeuer sank langsam zusammen. Bald musste es erlöschen. Da stand Jan auf und trat sorgfältig die letzte Glut aus. Er wusste, dass bei dem saftigen, taufeuchten Gras keine Gefahr bestand. Aber wenn es sich um Feuer handelte, konnte man nicht vorsichtig genug sein. Jahr für Jahr gingen Millionenwerte in Flammen auf, weil die Leute nicht vorsichtig waren.

Jan und Carl krochen ins Zelt. Jan konnte lange keinen Schlaf finden. Schliesslich wandte er den Kopf nach Carl herum und flüsterte: «Carl, schläfst du?» Es kam keine Antwort. Carl schlief ebenso fest wie Erling und Jesper. Durch den Spalt im Zeltvorhang konnte Jan sehen, dass der Mond aufgegangen war. Hin und wieder hörte er ein Auto auf dem Wege vorüberfahren. Aber es geschah immer seltener, während die Zeit fortschritt.

Es mochten zwei bis drei Stunden vergangen sein, als Jan sich plötzlich aufrichtete und lauschte. Täuschte er sich oder hörte er draussen tatsächlich vorsichtige Schritte? Ja, es war kein Zweifel möglich! Jetzt hielten sie plötzlich an. Wer konnte das sein? Einer von den Leuten auf dem Hof? Oder der Besitzer, der sich vielleicht überzeugen wollte, ob auch alles in Ordnung war?

Plötzlich hörte Jan ein schwaches metallisches Klirren. Und da kam ihm blitzschnell die Erkenntnis: Die Räder!

Er kroch zur Zeltöffnung, schlug den Vorhang beiseite und blickte hinaus. Was war denn das? Eine hohe, kräftige Gestalt beugte sich über die Räder und war offensichtlich im Begriff, eins zu entwenden.

Jan sauste durch die Zeltöffnung, lief auf den Mann zu und rief: «Heda! Was machen Sie da? Wollen Sie ein Rad stehlen?»

Der Mann drehte sich schnell um und liess das Rad zu Boden fallen. Jan hatte ihn schon beinahe erreicht, blieb aber plötzlich stehen und machte grosse Augen. Das Gesicht des Fahrraddiebes war im Mondlicht deutlich zu erkennen. Und was sah Jan? Vom linken Auge bis zum Hals zog sich eine breite Narbe!

«Der Flüchtling von der Grenze!» rief Jan. Weiter kam er nicht. Denn in diesem Augenblick packte der Mann ihn an der Brust, versetzte ihm einen Hieb auf den Kopf und schleuderte ihn heftig zu Boden. Jan hatte das Gefühl, als würde ihm mit einer Keule auf den Hinterkopf geschlagen. Dann wurde es ihm schwarz vor den Augen ...

Als er zu sich kam, blieb er einen Augenblick still liegen und starrte zum mondhellen Himmel empor. Im ersten Augenblick begriff er nicht, was geschehen war. Wo war er? Und weshalb hämmerte es so in seinem Hinterkopf? Er richtete sich mühsam auf, verharrte in sitzender Stellung und blickte sich verwirrt um. Allmählich erinnerte er sich. Er war von einem Fahrraddieb niedergeschlagen worden ... von dem Mann mit der Narbe ... dem Flüchtling von der Grenze ...

Stöhnend stand er auf und griff sich an den Hinterkopf. Scheusslich, dieses Hämmern und Pochen. Wie lange mochte er im Grase gelegen haben? Vielleicht einige Minuten ... vielleicht eine halbe Stunde! Und das eine Rad war verschwunden! Es war Carls Rad, wie er feststellte.

Sein Gehirn arbeitete jetzt wieder mit völliger Klarheit. Er eilte zum Zelt und rief hinein: «Wacht auf! Wacht auf!»

Die schlafenden Freunde liessen ein unwilliges Brummen vernehmen. Allmählich aber dämmerte ihnen doch, was Jan ihnen zu erklären versuchte. Carl war zuerst munter. Im nächsten Augenblick stand er schon neben Jan draussen vor dem Zelt. Seine Stimme bebte vor Erregung: «Was sagst du, Jan? Ein Strolch hat dich zu Boden geschlagen?»

«Ja, und er hat dein Rad gestohlen ...»

«Was bedeutet das Rad?» unterbrach ihn Carl. «Bist du verletzt?»

«Nicht der Rede wert! In meinem Hinterkopf hämmert es etwas. Sonst fehlt mir nichts.»

Carl ballte zornig die starken Fäuste: «Dieser Halunke! Wenn der Kerl mir in den Weg läuft, mache ich Hackfleisch aus ihm ...»

Erling und Jesper waren inzwischen ebenfalls aus dem Zelt gekrochen. Jan sagte: «Wisst ihr, wer der Mann war, der Carls Rad gestohlen hat? Der Mann mit der Narbe, der über die Grenze geflüchtet ist! Wollen wir ihn verfolgen?»

«Natürlich!» riefen die drei Freunde wie aus einem Munde.

«Gut! Ich weiss nicht, wie lange ich bewusstlos war. Vielleicht nur wenige Minuten. In diesem Fall haben wir eine Chance. Wenn ich aber länger bewusstlos war, ist der Kerl natürlich längst über alle Berge.»

«Wir versuchen es auf alle Fälle!» erklärte Carl zornig. «Aber wo sollen wir ihn suchen?»

«Wahrscheinlich ist er in Richtung Sonderburg gefahren», erwiderte Jan. «Er ist ja von Padburg gekommen und wird schwerlich Neigung haben, zur Grenze zurückzukehren. Da wir nur noch drei Räder besitzen und ich mich etwas schwindlig fühle, schlage ich vor, ihr drei fahrt im Spurttempo in Richtung Sonderburg. Wenn ihr den Ausreisser vorher nicht entdeckt habt, kehrt ihr an der Brücke um. Denn dann ist eine weitere Verfolgung aussichtslos.»

Verblüffend schnell hatten sich die drei Buben angezogen, und wenige Minuten später radelten sie, so schnell sie konnten, in Richtung Sonderburg davon. Jan konnte noch längere Zeit das helle Licht ihrer Radlaternen sehen. Er ging langsam vor dem Zelt auf und ab. Am liebsten hätte er sich hingelegt. Aber er liess es bleiben. Es war immerhin möglich, dass er eine kleine Gehirnerschütterung bekommen hatte, und es hiess ja, in einem solchen Fall dürfe man nicht schlafen, jedenfalls nicht sofort.

Jan glaubte, es wäre eine Ewigkeit vergangen, als seine Freunde endlich zurückkehrten. Leider hatten sie nichts erreicht. Sie waren, statt an der Brücke umzukehren, sogar bis Sonderburg gefahren, hatten aber von dem Fahrraddieb keine Spur entdecken können. Jan suchte sie zu trösten: «Da lässt sich nichts machen. Wir wollen uns wieder hinlegen und hoffen, dass heute nacht nicht noch mehr passiert.»

«Und Carls Rad?» fragte Jesper.

«Das werden wir kaum wiedersehen», erwiderte Jan. Lächelnd fügte er hinzu: «Carl muss eben fortan abwechselnd bei uns hinten aufsitzen.»

Carl sah ganz niedergeschlagen aus. Bis zu diesem Augenblick hatte er an das gestohlene Rad kaum gedacht. Jetzt erst kam ihm zum Bewusstsein, wie schwer der Verlust war, den er erlitten hatte. «Es ist scheusslich», sagte er stockend. «Aber es bleibt ja nichts weiter übrig. Morgen fahre ich mit der Bahn nach Hause. Selbst ein gebrauchtes Fahrrad ist ja teuer, und ... in meiner Kasse herrscht wieder einmal Ebbe ...»

«Kommt nicht in Frage!» erklärte Erling ruhig. «Das fehlte noch gerade, dass wir für den Rest der Tour auf deine Gesellschaft verzichten! Nein, mein Freund, morgen früh kaufen wir ein neues Rad für dich. Ich habe genügend Geld mitgenommen.»

«Es wird lange dauern, bis ich das Geld zurückzahlen kann», stammelte Carl verlegen. «Mein Verdienst ist leider nicht danach ...»

«Du kannst jeden Monat eine Krone abzahlen», erwiderte Erling. «Und nun wollen wir nicht mehr davon reden.»

3.

Als die Buben erwachten, stand die Sonne schon hoch am Himmel. Jan war der erste, der den Kopf durch die Zeltöffnung steckte. Die Schmerzen in seinem Hinterkopf waren verschwunden. Mit lauten Zurufen und freundschaftlichen Püffen weckte er seine Kameraden. Die grössten Schwierigkeiten hatte er, wie immer, bei Erling. Der dicke Kerl bat eindringlich und mit flehender Stimme, man solle ihn doch noch ein paar Stunden schlafen lassen. Aber Jan war unerbittlich: «Als wir beschlossen, diese Fahrt zu machen, war es sicher nicht unsere Absicht, die ganze Zeit zu verschlafen. Ermanne dich, Dicker, und mach kein so wehleidiges Gesicht! Auf mit dir!»

Carl holte zwei Eimer Wasser vom Hof, und Jesper besorgte frische Brötchen vom Bäcker. Als sie am Lagerfeuer versammelt waren und sich das Frühstück schmekken liessen, erörterten sie eifrig die Geschehnisse der Nacht. Jesper konnte es nicht lassen, Carl etwas zu nekken: «Du warst ja gestern so begeistert, weil der Mann mit der Narbe den Grenzwächtern entwischte. Bist du noch immer so froh, dass er sich auf freiem Fuss befindet?»

«Meinst du, wegen des Rades?» gab Carl bedrückt zurück. «Ich konnte doch nicht wissen, dass er stehlen würde ...»

«Wir wollen Carl damit nicht necken, Krümel!», mischte Jan sich ein. «Ich verstehe sehr gut, was gestern in ihm vorging, als er sich darüber freute, dass die Flucht geglückt war. Denken wir jetzt lieber daran, einen Plan für den heutigen Tag zu entwerfen. Zuerst und vor allem müssen wir die Polizei in Sonderburg benachrichtigen. Der Diebstahl des Fahrrads wird sie kaum sonderlich interessieren. Ich glaube aber sicher, wenn sie hören, wer das Rad gestohlen hat, werden sie die Ohren spitzen. Der Flüchtling von der Grenze wird vermutlich schon überall gesucht ...»

«Wo mag er stecken?» fragte Jesper.

«Das weiss ich natürlich ebensowenig wie du, Krümel», erwiderte Jan. «Ich halte es aber für sehr wahrscheinlich, dass er sich irgendwo auf Alsen befindet. Er hatte sicher einen ziemlich weiten Weg vor sich. Weshalb hätte er sonst das Wagnis eingehen und das Rad stehlen sollen? Es ist nicht undenkbar, dass er auf Alsen Freunde hat, die ihm auf der Flucht weiterhelfen können ...»

«Vielleicht treffen wir wieder mit ihm zusammen», unterbrach ihn Carl hoffnungsvoll.

Jan schüttelte den Kopf. «Damit rechne lieber nicht, Carl. Nach dem, was heute nacht geschehen ist, wird er sicher sehr vorsichtig sein.»

Ausnahmsweise wurde Erling erstaunlich schnell mit dem Frühstück fertig. Er erhob sich und blinzelte Jan heimlich zu. «Kannst du mit Krümel allein das Zelt abbrechen, Jan?» fragte er. «Inzwischen könnten Carl und ich uns etwas in der Umgegend umsehen.»

«Natürlich», erwiderte Jan, der sofort begriff, was Erling im Sinne hatte.

Die beiden Jungen machten sich auf den Weg, während die Zurückbleibenden aufräumten und das Zelt abbrachen. Eine halbe Stunde später waren sie fertig. Bald darauf kamen Erling und Carl zurück.

Carl stiess ein vor Neuheit funkelndes Rad. Jan rief lachend: «Jetzt besitzt du das beste Rad von uns allen, Carl! Schade, dass der Kerl nicht mein Rad gestohlen hat!»

«Es ist mir eigentlich gar nicht recht», murmelte Carl verlegen. «Erling hat 265 Kronen für das Rad bezahlt, und ich hätte genau so gut das alte Rad nehmen können, das der Mann für 85 Kronen verkaufen wollte ...»

«Ja, das sieht Erling wieder einmal ähnlich», sagte Jan, vergnügt grinsend. «Er findet das Beste gerade einigermassen gut genug. Aber nun wollen wir machen, dass wir nach Sonderburg kommen. Es ist höchste Zeit, dass die Polizei benachrichtigt wird.»

Es dauerte nicht lange, und die Buben waren wieder unterwegs. Da es nach Alsen leicht bergab ging, konnten sie ein gutes Tempo einhalten. Schliesslich beschrieb der Weg eine scharfe Kurve nach rechts, und Sonderburg lag auf der anderen Seite der Meerenge vor ihren Augen. Die Stadt machte im strahlenden Sonnenschein einen festlichen Eindruck. Am äussersten Ende rechter Hand lag das grosse Schloss, in dem Christian der Zweite sieben Jahre lang gefangen gesessen hatte. Wie Erling erzählte, war der Turm, der ihn beherbergt hatte, schon seit langer Zeit niedergerissen. Andere Teile des Schlosses aber waren gut erhalten, obwohl sie aus dem Mittelalter stammten.

Die Buben fuhren sofort nach der nächsten Polizeistation, und Jan erzählte, was sich in der Nacht begeben hatte. Der Wachtmeister machte grosse Augen, als er hörte, der Fahrraddieb wäre mit dem verschwundenen Flüchtling von der Grenze identisch. Er sagte: «Bist du deiner Sache auch sicher?»

«Durchaus!» erklärte Jan ohne Bedenken. «Ich habe ihn an der Grenze ganz deutlich gesehen, und heute nacht hatten wir hellen Mondschein. Ein Irrtum ist ganz ausgeschlossen.»

Der Wachtmeister kritzelte etwas auf einen Bogen Papier. Dann erhob er den Kopf und fragte: «Wie heisst du?»

«Jan Helmer.»

«Helmer?» wiederholte der Polizeibeamte überrascht. «Bist du mit Kriminalkommissar Helmer in Kopenhagen verwandt?»

«Er ist mein Vater.»

Der Wachtmeister schlug mit der flachen Hand auf den Schreibtisch. «Ist es möglich? Dein Vater war mein Lehrer auf der Polizeischule. Er ist ein hervorragender Beamter. Und wenn ich nicht irre, habe ich auch ab und zu von deinen Taten etwas gehört ...»

«Ach, das ist nicht der Rede wert», unterbrach Jan ihn schnell; denn er konnte es nicht leiden, dass man von seinen «Taten» sprach.

«Oho, und ob es der Rede wert ist. Es ist noch gar nicht lange her, da waren die Zeitungen voll von einer gewissen Geschichte, die sich am Vejers-Strand zugetragen hat, und bei der du eine nicht unwesentliche Rolle gespielt hast. Bist du diesmal ohne deine Kameraden unterwegs?»

«Nein, drei von ihnen warten unten auf der Strasse.»

«Es ist doch nicht zu glauben! Ich muss die Helden von Vejers unbedingt kennenlernen. Hol sie sofort herauf. Ich glaube nicht, dass sie nein sagen werden, wenn du ihnen mitteilst, sie würden Apfelmost und frischgebackene Brezeln bekommen.»

«Bei einem von ihnen bin ich jedenfalls sicher, dass er nicht nein sagt», antwortete Jan lächelnd.

Es dauerte nicht lange, so sassen die vier Buben im Amtszimmer des freundlichen Wachtmeisters und liessen sich die Brezeln und den Apfelmost schmecken. Das Gerücht von ihrer Anwesenheit hatte sich bereits auf der ganzen Polizeistation verbreitet, und so fehlte es denn nicht an interessierten Zuhörern, als Jan auf den Wunsch des Wachtmeisters seinen Bericht von den Vorfällen an der Grenze und während der Nacht wiederholte.

«Was habt ihr jetzt vor?» fragte der Wachtmeister, als Jan geendet hatte.

«Wir wollen nach Kegnäs und dort unser Zelt aufschlagen», antwortete Jan.

«Da habt ihr euch die richtige Stelle ausgesucht», sagte der Wachtmeister. «Ich wünsche euch schönes Wetter und viel Spass!»

Eine Viertelstunde später verabschiedeten sich die Knaben von den freundlichen Polizeileuten und stiegen wieder auf die Räder. Sie machten eine Rundfahrt durch die Stadt und fuhren dann nach Mommark weiter. In der kleinen Stadt Vollerup bogen sie nach Kegnäs ab.

Jan, der mit Erling an der Spitze fuhr, sagte mit gespielter Gleichgültigkeit: «Ich hätte wohl Lust, morgen nach Nordburg zu radeln».

«Wie weit ist das?» fragte Erling mit bangen Ahnungen.

«Nicht der Rede wert», lächelte Jan. «Von Kegnäs nach Nordburg und zurück dürften es kaum mehr als achtzig Kilometer sein.»

«Achtzig Kilometer?» rief Erling entsetzt. «Willst du denn durchaus, dass ich einer Vogelscheuche gleiche, wenn ich in Kopenhagen wieder meinen Einzug halte?»

«Bewegung ist gesund, Dicker. Du wirst nicht gleich sterben, wenn du in den Ferien ein paar Kilo abnimmst.»

Am Rande der kleinen Stadt Hörup stand ein grosses Zirkuszelt. Die Buben stiegen von den Rädern, um sich alles etwas näher anzusehen. Grosse farbenprächtige Plakate verkündeten die Überraschungen, die in der Abendvorstellung geboten werden sollten: Dressierte Seelöwen, tanzende Hunde, einen waschechten Neger, der sich als Feuerfresser produzierte, und zwei Clowns. Den Abschluss der Vorstellung bildete eine grosse Amateurkonkurrenz. Die stärksten Männer der Gegend wurden eingeladen, im Ringkampf ihre Kräfte zu messen. Dem Sieger winkte ein Preis von 300 Kronen. Jan meinte lächelnd, das würde ziehen. Das Zirkuszelt würde sicherlich bis auf den letzten Platz gefüllt sein.

Als die vier Freunde ihre Neugier befriedigt hatten, radelten sie auf der Landstrasse weiter, die sich in der Nähe des Meeres hinzog. Die Sonne hatte die Mittagshöhe schon überschritten. Kurz vor Sönderby beschlossen sie, haltzumachen. In der Nähe des Wassers fanden sie einen ausgezeichneten Lagerplatz. Auch gab es in dem kleinen Ort eine Handlung, einen Bäcker und ein Milchgeschäft, wo sie alles bekamen, was sie brauchten. Jesper wurde losgeschickt, um einzukaufen, während die drei anderen das Zelt aufschlugen. Die Räder wurden mit einer starken Eisenkette aneinander geschlossen.

Die Jungen verbrachten einen herrlichen Nachmittag. Nach dem Essen ruhten sie etwas und gingen dann ins Wasser. Es herrschte nur eine schwache Strömung, und der Grund war steinfrei. Den Höhepunkt bildete ein Wettschwimmen, das Jan in grossem Stile gewann. Carl wurde Zweiter. Den letzten Platz belegte Erling, da er, wie er sagte, nicht einsah, weshalb er sich hätte überanstrengen sollen. Er war nach Kegnäs gekommen, um sich «auszuruhen», nicht um ein Wettschwimmen zu gewinnen! Die anderen mochten ihn noch so sehr necken; er liess sich nicht aus der Ruhe bringen. Seine Fähigkeiten lägen auf anderem Gebiet, erklärte er mit Würde.

An Fähigkeiten fehlte es ihm tatsächlich nicht. Er war seit jeher in seiner Klasse der Beste gewesen. Nach Jans Meinung würde er sicher einmal ein höchst gelehrter Professor werden. Die beiden Jungen waren so verschieden voneinander, wie es überhaupt nur möglich war. Aber gerade dieser Gegensatz bewirkte, dass sie unzertrennliche Freunde waren und stets zusammenhielten, wo es galt.

Später am Nachmittag machte Jan allein einen Spaziergang am Strande. Er genoss die Sonne und die frische Brise, die vom Meer herüberwehte. Von Zeit zu Zeit hob er einen flachen Stein auf und liess ihn über das Wasser schnellen. Als er sich wieder einmal bückte, fiel sein Blick unwillkürlich auf eine kleine Erhöhung, die weiter landeinwärts lag. Im selben Augenblick sah er dort etwas aufblitzen, und er entdeckte einen kleinen dunklen Fleck, der gleich darauf hinter dem Hügelkamm verschwand. Einen Augenblick blieb Jan überrascht stehen. Es bestand kein Zweifel: Jemand hatte ihn durch ein Fernglas beobachtet. Die Sonne hatte sich eine Sekunde in den Gläsern gespiegelt, und als er in jene Richtung geblickt hatte, war der Kopf des Beobachters hinter dem Hügelkamm verschwunden!

Er ging schnell auf die Erhöhung zu. Als er sie erstiegen hatte, war jedoch nirgends ein menschliches Wesen zu entdecken. Wenn jemand ihn wirklich beobachtet hatte, musste der Betreffende im Erdboden versunken sein.

Jan kehrte langsam nach dem Lager zurück. Wer konnte ein Interesse daran haben, ihn durch ein Fernglas zu beobachten? Ob es ein reiner Zufall war? Das war wenig wahrscheinlich, denn im Augenblick, wo er sich in jene Richtung gewandt hatte, war der Kopf mit dem Fernglas sofort verschwunden.

Er erzählte seinen Freunden, was geschehen war, aber auch sie vermochten dafür keine Erklärung zu geben. Schliesslich meinte Erling: «Wahrscheinlich war es irgendein Tourist, der nach Schiffen Ausschau hielt.»

«Weshalb hätte er sich dann so schnell aus dem Staube gemacht, als er sich von mir entdeckt sah?»

«Vielleicht hatte er das Interesse für die See verloren, weil sich kein Schiff zeigte.»

«Das glaubst du doch selbst nicht, Dicker!»

Da die Buben einsahen, dass es keinen Zweck hatte, sich mit dieser Frage den Kopf zu zerbrechen, liessen sie den Gegenstand fallen und unterhielten sich über andere Dinge.

Nach dem Abendessen sagte Carl plötzlich, er wolle etwas spazieren fahren. «Wo willst du denn hin, Carl?» fragte Jan verwundert.

«Ach, ich habe nur etwas zu erledigen», wich Carl aus. «Fragt mich bitte nicht weiter aus.»

«Wenn du es nicht willst ... Aber wir pflegen doch sonst keine Geheimnisse voreinander zu haben.»

Es war jedoch nichts zu machen. Carl wollte nicht mit der Sprache heraus, und bald darauf bestieg er sein Rad. Die Zurückbleibenden erörterten sein merkwürdiges Verhalten. Erling seufzte: «Was es doch alles gibt! Ein Geheimnis löst das andere ab. Und das Ganze nennt man dann Ferien. Was in aller Welt mag Carl nur vorhaben?»

«Vielleicht will er herausbringen, wer Jan durchs Fernglas beobachtet hat?» meinte Jesper.

«Vielleicht», stimmte Jan zu. «Aber ich verstehe nicht, weshalb er durchaus allein fahren wollte. Wenn er sich nur nicht in irgendeine dumme Geschichte einlässt.»

Die Stunden vergingen, ohne dass Carl zurückkam. Seine Freunde wurden immer unruhiger. Die Sonne war schon im Begriff, im Meer zu versinken, aber Carl liess sich noch immer nicht sehen. Schliesslich hielt Jan es nicht länger aus.

«Wir können doch nicht mit den Händen im Schoss hier herumsitzen», erklärte er entschlossen. «Wir wollen die Räder nehmen und ihn suchen. Ich bin sehr unruhig ...»

«Da kommt er!» rief Jesper in diesem Augenblick.

Tatsächlich! Carl kam langsam angeradelt. Er sah sehr müde und erschöpft aus. Als er kaum abgestiegen war, umringten ihn seine Freunde und überschütteten ihn mit Fragen.

Carl lächelte matt, und dann tat er etwas so Unerwartetes, dass die drei andern ungläubig die Augen aufrissen. Er zog ein Bündel Geldscheine aus der Tasche und reichte Erling zwei Hundertkronenscheine, sechs Zehnkronenscheine und einen Fünfkronenschein.

«Mit Dank zurück, Erling», sagte er ruhig. «Es war nett von dir, das Geld für das neue Rad auszulegen.»

«Aber woher hast du denn das Geld?» rief Erling verblüfft.

«Ich habe es ehrlich verdient», lächelte Carl. «Aber ich spüre auch alle meine Knochen im Leib. Noch nie in meinem Leben war ich so zermürbt!»

«Du warst im Zirkus, nicht wahr?» warf Jan schnell ein.

«Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen», gestand Carl. «Es klang aber auch gar verlockend, dass man sich bei einer Ringkampfkonkurrenz dreihundert Kronen verdienen könnte. Ich dachte an das Geld, das ich dir schulde, Erling, und da ... na ja ... da mass ich meine Kräfte mit denen von mindestens zwanzig anderen ... Und jetzt bin ich so müde, dass ich mich kaum noch aufrecht halten kann. Meine Gegner sind nicht gerade sanft mit mir umgegangen.»

Jan und Erling wechselten einen schnellen Blick. Sie dachten beide dasselbe. Carl stammte aus einem armen Hause. Aber er war einer der prächtigsten Menschen, die sie jemals kennengelernt hatten.

4.

Am nächsten Morgen waren die Buben zeitig auf den Beinen. Carl taten nach dem schweren Kampf noch alle Glieder weh. Doch als er ein erfrischendes Bad genommen hatte, fühlte er sich wieder ganz auf der Höhe. Beim Frühstück war die Unterhaltung noch lebhafter als sonst, denn Carl musste natürlich erzählen. Er tat es nicht gern; aber seine Freunde liessen ihm keine Ruhe. So begann er schliesslich mit verlegener Miene: «Ich muss zugeben, dass ich noch nie in meinem Leben eine so schwere Arbeit verrichtet habe. Es hatten sich gegen fünfzig Leute zu dem Wettbewerb gemeldet. Wir kamen paarweise in die Manege. Die Leute brüllten und johlten, wenn wir uns in den Sägespänen herumwälzten. Der Zirkusdirektor war Schiedsrichter. Als ich die ersten sieben oder acht Gegner geworfen hatte, begann ich müde zu werden. Aber da ...»

«Da dachtest du an das Geld, das du Erling schuldest», half Jan ihm weiter.

«Ja. Ich fand, es war furchtbar nett von dir, Erling, dass du ohne weiteres ein neues Rad für mich kauftest, und ich wollte das Geld gern bald zurückzahlen. Es ging im Zirkus alles so schnell, dass man kaum Zeit hatte, zwischen einzelnen Kämpfen einmal richtig aufzuschnaufen. Als ich mich bis zum Schlusskampf durchgequält hatte, war ich so müde, dass ich kaum noch auf den Beinen stehen konnte. Aber mein Gegner war natürlich ebenso müde, denn er hatte ja genau so viele Kämpfe überstehen müssen wie ich. Es war ein grosser, starker Kerl, und ich kann sagen, er leistete zähen Widerstand. Aber ... na ja ... schliesslich schaffte ich es doch. Als ich seine Schultern niedergedrückt hatte, wurde es mir einen Augenblick schwarz vor den Augen. Aber es dauerte nicht lange, und ich stand wieder auf den Beinen ...»

«Das Publikum war natürlich begeistert?»

«Mächtig! Sie brüllten alle wie verrückt, und viele wollten mich durchaus ins Wirtshaus einladen. Aber aus Zechgelagen mache ich mir ja nichts. Alkohol ist ein elendes Zeug für junge Menschen ... Ich stahl mich also heimlich davon und stieg auf mein Rad. Ihr könnt glauben, ich war froh ...»

«Weshalb wolltest du nicht, dass wir mit dir in den Zirkus gingen?»

«Ich wusste ja nicht, ob ich es schaffen würde, und ihr brauchtet doch nicht zu sehen, wie ich ausgelacht wurde. Es konnte ja nur einer gewinnen. Alle, die unterlagen, wurden ausgepfiffen und ausgelacht ...»

«Da war es ja gut, dass du siegtest», sagte Jan lächelnd. «Ich gäbe viel dafür, wenn ich deine Kräfte hätte.»

«Dafür habt ihr etwas anderes», entgegnete Carl bescheiden. «Ich will Erling gern meine Kräfte abtreten, wenn er mir dafür seinen Verstand gibt.»

«Die Güter dieser Erde sind ungleich verteilt», lächelte Jan. «Auf allen Gebieten kann man nicht der Erste sein.»

Der Vormittag verging für die Buben auf die angenehmste Weise. Einen grossen Teil der Zeit hielten sie sich in dem herrlichen salzreichen Meerwasser auf. Als die Essenszeit gekommen war, fuhr Jesper nach Sönderby, um einzukaufen. Eine halbe Stunde später kehrte er in höchster Aufregung zurück.

«Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie erschrocken ich war!» erzählte er atemlos. «Als ich gerade aus dem Kaufmannsladen trat, fuhr ein grosses Auto vorbei. Und wer, glaubt ihr, sass neben dem Chauffeur? Der Mann mit der Narbe!»

Die Buben waren so überrascht, dass sie alle durcheinandersprachen. Jan fragte: «Hast du nicht etwa Gespenster am hellichten Tage gesehen, Krümel? Bist du ganz sicher, dass es der Mann mit der Narbe war?»

«Klar!» ereiferte sich Jesper. «Wenn ich es doch sage! Ich habe den Mann mit der Narbe mit meinen eigenen Augen gesehen.»

«Natürlich!» bemerkte Jan trocken. «Mit den Augen eines andern konntest du ihn nicht gut sehen. In welcher Richtung fuhr denn das Auto?»

«Es muss hier in der Nähe vorübergekommen sein ...»

«Vor etwa einer Viertelstunde sah ich auf der Landstrasse ein grosses Auto vorbeisausen», warf Carl ein. «Auf den Vordersitzen sassen zwei Männer.»

«Konntest du einen von ihnen erkennen?»

«Nein. Dazu war die Entfernung zu gross.»

«Hm, da wird wohl nichts anderes übrigbleiben, als die Polizei in Sonderburg zu unterrichten», meinte Jan nachdenklich. «Bist du bereit, deine Aussage vor der Polizei zu wiederholen, Krümel?»

«Ja ... ich ... natürlich ...» sagte Jesper etwas kleinlaut.

«Ganz sicher bist du also doch nicht?» fragte Jan.

«Das Auto fuhr ziemlich schnell, und ich konnte es nur wenige Sekunden beobachten. Aber ich glaube ganz bestimmt, dass es der Mann mit der Narbe war.»

«Wenn ich den Kerl erwische!» rief Carl. «Er soll es büssen, dass er meinen besten Freund niedergeschlagen hat ...»

«Und dass er dein Rad stahl», fügte Jesper hinzu.

«Das ist nicht so schlimm, ich habe ja jetzt ein besseres. Aber dass er sich an Jan vergriffen hat, werde ich ihm nie vergessen!»

Jan breitete die Karte aus und studierte sie eine Weile stumm. Die andern betrachteten ihn gespannt. Schliesslich fragte Erling: «Worüber grübelst du, grosser Sherlock Holmes? Mit bangen Ahnungen sehe ich neuen Verwicklungen und abenteuerlichen Begebenheiten entgegen. Können wir denn nicht den blöden Kerl mit der Narbe vergessen und uns dem wohlverdienten Genuss unserer Ferien hingeben?»

Jan antwortete nicht, sondern faltete die Karte wieder zusammen. Er sah sehr nachdenklich aus. Die andern waren natürlich neugierig, bekamen aber auf ihre vielen Fragen keine Antwort. Schliesslich sagte Jan: «Sollten wir uns nicht wieder etwas Bewegung machen? Ich schlage eine kleine Tour nach Augustenburg und Nordburg vor. Dabei bekommen wir Appetit, und das Abendessen wird um so besser schmecken.»

«Könnten wir uns nicht mit Augustenburg begnügen?» fragte Erling missmutig. «Bis Nordburg ist es scheusslich weit, und ich kann euch versichern, dass es dort überhaupt nichts zu sehen gibt.»

«Woher weisst du das, Dicker?»

«Zufälligerweise ist mir die Geschichte des Schlosses nicht unbekannt. Ursprünglich wurde es als eine Trutzburg zur Abwehr der Wenden gebaut. Aber aus jener Zeit ist natürlich kein einziger Stein mehr übrig. Das bisschen Schloss, das es noch gibt, beherbergt eine Fortbildungsschule. Was interessiert uns eine Schule? Wir wollen doch nicht vergessen, liebe Freunde, dass wir Ferien haben.»

Das Ergebnis einer kurzen Beratung war, dass man beschloss, den Abstecher nach Augustenburg zu machen. Carl fragte etwas bedenklich, ob man das Zelt ohne Bewachung lassen könnte. Aber Jan beruhigte ihn: «Mit dem Zelt wird bestimmt niemand davonlaufen. Und alles Wertvolle nehmen wir mit.»

In aufgeräumter Stimmung machten sich die vier Freunde auf den Weg. Als sie eine halbe Stunde später durch die kleine Stadt Mintebjärg fuhren, fuchtelte Jesper wild mit dem rechten Arm und rief: «Das Auto, Jan! Das Auto!»

«Welches Auto?»

«Das Auto, von dem ich euch erzählt habe. Dort hält es!»

Vor einem kleinen roten Backsteinhaus hielt ein geschlossener Wagen. Er war leer. Jan befahl schnell: «Nicht langsamer fahren! Folgt mir!»

Sie fuhren in normalem Tempo an dem Hause vorüber. Dann aber sprang Jan ab, und die andern folgten seinem Beispiel. Sie zogen ihre Räder hinter eine Hecke.

«Bist du ganz sicher, dass es dasselbe Auto ist, Krümel?» fragte Jan.

«Ein Irrtum ist ausgeschlossen!» erklärte Jesper eifrig.

Jan wusste nicht recht, was er tun sollte. Wenn der Mann mit der Narbe tatsächlich in dem Auto gesessen hatte, war es seine Pflicht, möglichst bald bei der Polizei in Sonderburg anzurufen. Anderseits war Jesper seiner Sache ja nicht völlig sicher gewesen, und er wusste aus Erfahrung, dass die Phantasie dem kleinen Krümel bisweilen einen Streich zu spielen pflegte. Es war wohl das beste, zunächst abzuwarten und nichts zu übereilen.

Er blickte vorsichtig um die Hecke herum und machte den anderen ein Zeichen, sich ganz still zu verhalten. Ein Mann war soeben aus dem Backsteinhaus gekommen und kletterte jetzt auf den Führersitz des Autos. Aber es war nicht der Mann mit der Narbe. Der Motor sprang an, und der Wagen setzte sich in Bewegung. Bald war er auf der Landstrasse in Richtung Kegnäs verschwunden. Die Jungen setzten nach einer kurzen Beratung ihre Fahrt fort. Jan war sehr schweigsam geworden. Über eins war er sich klar: Bei passender Gelegenheit musste er sich unbedingt das geheimnisvolle Backsteinhaus etwas näher ansehen.

Eine Stunde später waren sie in Augustenburg. Es war eine hübsche kleine Stadt; doch abgesehen von dem Schloss bot sie keine Sehenswürdigkeiten, und das Schloss konnten sie nicht ansehen, da es neuerdings als Irrenhaus benutzt wurde.

Am späten Nachmittag waren die Buben wieder in ihrem Lager. Sie waren erhitzt und ziemlich erschöpft. Ein erfrischendes Bad tat jedoch Wunder, und Jan hatte recht gehabt: Die Rundfahrt hatte ihnen wirklich Appetit gemacht. Als die Dunkelheit anbrach, zündeten sie ein Lagerfeuer an, frischten alte Erinnerungen auf und gaben abwechselnd drollige Geschichten zum besten. Dann machte die Müdigkeit sich geltend. Bald krochen sie ins Zelt; und es dauerte nicht lange, so schliefen sie alle friedlich.

Plötzlich wurde Jan durch ein gellendes Geschrei geweckt, das die nächtliche Stille zerriss: «Hilfe! Hilfe! Mörder!»

Jan wollte sich aufrichten. Das erwies sich aber als unmöglich. Sein ganzer Körper war in irgend etwas Weiches verwickelt. Er schlug wild mit den Armen um sich; doch das machte die Sache nur noch schlimmer. Wieder ertönte Erlings Geschrei; diesmal klang es halb erstickt: «Hilfe! Hilfe! Räuber und Banditen! Hilfe!»

Jan glaubte, dass sich in seiner unmittelbaren Nähe ein heftiger Kampf entwickelt hätte. Plötzlich war er hellwach. Er wusste, was geschehen war. Das ganze Zelt war über ihnen zusammengestürzt! Er hob schnell die Leinwand etwas und rief: «Hör mit dem Geschrei auf, Dicker! Niemand denkt daran, dich umzubringen.»

Mit grosser Mühe arbeitete er sich aus der Zeltleinwand hinaus, bis er im Freien war. Nach und nach gelang es auch den andern, hinauszuschlüpfen. Jesper war ganz benommen. «Wie ... wie konnte das Zelt ... so ... so ... ganz ... von selbst zusammenfallen? Es ... es ist doch beinahe windstill», sagte er mit unsicherer Stimme.

«Sieh dir einmal die Pflöcke an!» unterbrach ihn Jan. «Irgendein liebevolles Gemüt hat sie alle herausgezogen. Kein Zelt kann stehen bleiben, wenn man ihm jeden Halt nimmt.»

«Wahrhaftig, du hast recht!» stimmte Carl verwundert zu. «Aber wer mag sich den Spass gemacht haben, unsere Nachtruhe zu stören?»

«Der Mann mit der Narbe?» schlug Jesper vorsichtig vor.

«Unsinn!» sagte Jan. «Glaubst du, ein Flüchtling verschwendet seine Zeit mit solchen Albernheiten?»

«Vielleicht hat er hier irgend etwas vor und will uns deshalb weggraulen.»

Jan sagte ruhig: «Wir wollen das Zelt wieder aufbauen. Mir scheint, wir haben noch längst nicht ausgeschlafen.»

Erling war verdrossen über die unerwartete Störung seiner Nachtruhe, und er machte kein Hehl aus seinen Gefühlen: «Wenn das so weitergeht, spiele ich nicht mehr lange mit. Die beiden letzten Nächte waren ganz abscheulich. Was meint ihr? Wäre es nicht ein guter Gedanke, wenn wir uns morgen in Sönderby nach zwei netten Doppelzimmern umsähen?»

«Kommt gar nicht in Frage!» erwiderte Jan mit grosser Bestimmtheit. «In einem Hotelzimmer schlafen ist kein Sport. Das kann jeder. Deshalb haben wir ja das Zelt mitgenommen. Nun wollen wir uns an die Arbeit machen und die Pflöcke wieder einschlagen.»

Erling seufzte, geruhte aber, sich an der Arbeit des Zeltaufrichtens zu beteiligen. Es dauerte nur wenige Minuten, und alles war wieder in bester Ordnung. Erling, Carl und Jesper krochen ins Zelt, Jan aber blieb unentschlossen draussen stehen. Er liess seine Blicke wachsam über die dunkle Landschaft gleiten, vermochte aber nichts Verdächtiges zu entdecken. Da beschloss er, ein Stück am Strand entlangzuwandern.

Er hatte sich noch nicht weit vom Lager entfernt, als er plötzlich zusammenzuckte und mit einem Ruck stehen blieb. Ein eigentümlicher, gellender Schrei oder vielmehr ein widerwärtig klingendes schrilles Gelächter unterbrach die nächtliche Stille.

Jan fuhr blitzschnell herum und blickte in die Richtung, aus der das Gelächter zu kommen schien. Jetzt war es verstummt. Kaum aber setzte er sich wieder in Bewegung, um zu ergründen, was wohl dahinter stak, als das ekelhafte Gemecker aufs neue erklang. Nur schien es eher aus der Gegend des Zeltes zu kommen. Jan änderte daher die Richtung seines Laufs.

Vor dem Zelt standen Jesper und Erling. Der kleine Krümel schien etwas Angst zu haben. Erling hingegen kochte vor gerechtem Zorn, weil er zum zweitenmal aufgeschreckt worden war. Auf ergiebigen Schlaf legte er beinahe ebensoviel Wert wie auf reichliches und nahrhaftes Essen.

«Was soll denn das heissen?» rief er. «Ich habe noch nie einen Schakal heulen gehört; aber nach allem, was ich darüber gelesen habe, muss es etwa so klingen wie das Gelächter, das wir soeben gehört haben.»

«Ist Carl nicht da?» unterbrach ihn Jan.

«Nein. Er wollte feststellen, wer sich das Vergnügen macht, die Nachtruhe anständiger Menschen zu stören.»

Jan wartete nicht auf weitere Erklärungen, sondern rannte davon, um Carl zu suchen. Als er gerade einen kleinen Hügel erstieg, kam der Mond hinter den Wolken hervor, und da gewahrte er Carl. Unwillkürlich musste er lächeln, als er die grimmige Miene des Freundes sah. «Hast du etwas entdeckt, Carl?» fragte er.

«Nein. Mir war so, als käme das widerliche Lachen aus dieser Richtung. Als ich aber die Gegend um den Hügel absuchte, war niemand zu sehen. Hast du etwas entdeckt?»

Jan musste zugeben, dass er ebensowenig Erfolg gehabt hatte. Carl sagte ärgerlich: «Ich glaube nicht an Gespenster und dergleichen Unfug. Ich esse meinen alten Hut, wenn es kein ganz gewöhnlicher Mensch ist, der uns einen Schrecken einjagen möchte. Was machen wir nun, Jan?»

«Ins Lager zurückkehren und schlafen», erwiderte Jan ruhig.

«Schlafen?» brummte Carl. «Und wenn der ekelhafte Kerl sein albernes Spiel wiederholt?»

«Hoffen wir, dass er uns ruhig schlafen lässt», erwiderte Jan, die Schultern zuckend.

5.

Die Nacht verlief ohne weitere Störung. Nach dem Frühstück stieg Jan aufs Rad. Er tat sehr geheimnisvoll und antwortete auf die Fragen seiner Freunde nur: «Vielleicht habe ich eine Überraschung für euch, wenn ich zurückkomme.»

Daraus war nicht viel zu entnehmen, und so war es kein Wunder, dass die Zurückbleibenden ein gespanntes Gesicht machten, als Jan nach ein paar Stunden zurückkehrte. Jan musste jedoch mit etwas enttäuschter Miene einräumen, er habe keine Überraschung für sie mitgebracht.

«Du tust ja mächtig geheimnisvoll», sagte Erling. «Könntest du nicht wenigstens andeuten, was für eine ‚Überraschung‘ du uns zugedacht hattest?»

«Noch nicht», erwiderte Jan. «Offen gestanden ist es nämlich durchaus möglich, dass ich auf einer falschen Spur bin.»

«Das kommt selten vor», bemerkte Erling ironisch. «Aber natürlich kann sich selbst der grosse Sherlock Holmes einmal irren. Können deine geringen Diener dir irgendwie behilflich sein?»

«Wenn du mir wirklich einen Dienst erweisen willst, Dicker, dann halte den Mund», lachte Jan. «Nach dem Mittagessen werde ich mich wieder auf den Weg machen, und ihr müsst sehen, wie ihr euch inzwischen die Zeit vertreibt.»

Jan beeilte sich mit dem Essen und schwang sich dann wieder auf den Sattel. Diesmal gedachte er länger fortzubleiben als am Vormittag. Er hatte nämlich im Sinn, sich das rote Backsteinhaus in Mintebjärg etwas näher anzusehen.

Als er in der Stadt angelangt war, stieg er in der Nähe des Hauses ab. Schnell liess er die Luft aus dem hinteren Schlauch entweichen und begann das Rad mit grossem Interesse zu studieren. Dann stellte er es «auf den Kopf» und packte das Flickzeug aus. Jeder, der ihn beobachtete, musste den Eindruck gewinnen, dass er den Schlauch des Hinterrads flickte. Er liess sich gut Zeit, und sein Gehirn arbeitete unter Hochdruck. Wie konnte er sich das Haus aus der Nähe ansehen, ohne Verdacht zu erregen? Und was konnte er vielleicht erreichen? Diese Fragen waren kaum zu beantworten. Es blieb nichts weiter übrig, als abzuwarten, wie sich die Dinge entwickelten.

Er hatte sich so aufgestellt, dass das Haus in seiner Blickrichtung lag. Drinnen schien alles still zu sein. Von Zeit zu Zeit warf er einen Blick auf die Fenster, während er dem Anschein nach eifrig damit beschäftigt war, seinen Schlauch zu flicken. Natürlich war ihm klar, dass er unmöglich den ganzen Nachmittag hier stehenbleiben konnte. Das hätte doch gar zu merkwürdig ausgesehen. Wenn nicht bald etwas geschah, musste er seinen Beobachtungsposten aufgeben, ohne etwas erreicht zu haben.

Plötzlich ging die Haustür auf, und ein Mann trat heraus. Er wechselte ein paar Worte mit jemand, der im Vorraum des Hauses zurückgeblieben war. Dann grüsste er kurz, und obwohl er deutsch sprach, hörte Jan deutlich, was er sagte: «Gut. Um vier Uhr komme ich wieder ...»

Jan blickte auf seine Armbanduhr. Es war kurz vor halb drei. Er hatte also anderthalb Stunden Zeit, um die Sachlage zu überdenken.

Vorsichtig kehrte er sein Rad wieder um. Dabei warf er einen schnellen Blick auf die Fenster des Hauses. Er zuckte leicht zusammen. Denn er hätte wetten können, dass jemand zu ihm herübergestarrt hatte und jetzt blitzschnell verschwand.

Er stieg wieder in den Sattel und setzte seine Fahrt fort. Nach einer Weile hielt er an und begann ein Gespräch mit einem jungen Mann, der am Wegrand stand. Er sah nicht sehr intelligent aus. Jan glaubte deshalb, er brauche nicht gar zu diplomatisch vorzugehen. Zuerst erkundigte er sich nach dem nächsten Weg nach Momark. Als diese Frage beantwortet war, sagte er: «Hoffentlich ist mein Hinterreifen jetzt dicht. Ich hatte eine Panne ... dort hinten ... unmittelbar vor dem roten Haus ...»

Da der junge Mann darauf nichts bemerkte, sondern nur gleichgültig nickte, fuhr Jan unverdrossen fort: «Übrigens ein schönes Haus ... das rote.»

«Ja, das Haus ist nicht übel», stimmte der junge Mann zu. «Von dem Besitzer kann man leider nicht dasselbe sagen.»

«Warum denn nicht?» fragte Jan, der sich alle Mühe gab, sein Interesse nicht zu verraten. «Was ist mit ihm los?»

«Er ist ein Schurke. Kein Geschäft ist ihm zu schmutzig, wenn es nur etwas einbringt. Und während des Krieges hat er sich aufgeführt, als ob ganz Alsen ihm allein gehörte. Übrigens scheint er auch jetzt wieder krumme Wege zu gehen.»

«Krumme Wege?» wiederholte Jan voller Spannung. «Was macht er denn?»

«Man sagt, er helfe Leuten, die ein schlechtes Gewissen haben, über die Grenze. Etwas Bestimmtes weiss ich nicht, aber es wird schon wahr sein.»

«Merkwürdig, dass die Polizei noch nicht eingegriffen hat», meinte Jan.

«Wahrscheinlich hat die Polizei noch nichts davon gehört», erwiderte der andere. «Sie hätte ja auch viel zu tun, wenn sie allen Gerüchten, die hier in der Nähe der Grenze umlaufen, nachgehen wollte.»

Jan war mit den Aufklärungen, die er von dem jungen Mann erhalten hatte, überaus zufrieden. Um keinen Verdacht zu erregen, lenkte er das Gespräch auf harmlosere Gegenstände. Ein paar Minuten unterhielten sie sich noch über dieses und jenes. Dann verabschiedete er sich von dem jungen Mann und fuhr weiter. Eins stand fest: Um vier Uhr musste er sich wieder bei dem roten Haus einfinden.

Eine Stunde streifte er in der Gegend herum. Als die bedeutungsvolle Stunde näher rückte, kehrte er nach Mintebjärg zurück und stellte sein Rad in angemessener Entfernung von dem roten Haus unter. Dann schlenderte er den schmalen Weg hinunter, der an der Hinterseite des Hauses entlang führte. Jetzt galt es!

Hinter dem Hause befand sich ein kleiner Hofplatz mit einem Schuppen. Jan schaute ringsum, konnte aber nichts Verdächtiges entdecken. Leise und gewandt wie eine Katze schlich er zu dem Schuppen und öffnete vorsichtig die Tür. Er blickte ins Innere und stellte fest, dass der Schuppen mit Torf angefüllt war. Das war günstig. Bei dieser Backofenhitze kam sicher niemand auf den Gedanken, Torf zu holen. Gleich darauf stand er in dem halbdunklen Raum. Die Tür liess er angelehnt, um die Hinterseite des Hauses beobachten zu können. Alle nach dem Hof gehenden Fenster standen offen.

Während er darauf wartete, dass etwas «geschehen» würde, kamen ihm schwere Bedenken. Er hatte das Gesicht nicht vergessen, das bei seinem ersten Besuch zu ihm herübergestarrt hatte und dann blitzschnell verschwunden war. Es war kein angenehmer Gedanke, dass die Leute im Hause vielleicht Verdacht geschöpft hatten und auf der Hut waren. Wenn ihn jemand in den Schuppen hatte schlüpfen sehen? Dann war er wie eine Maus in der Falle gefangen!

Plötzlich spitzte er die Ohren. Durch die offenen Fenster drang schwaches Stimmengewirr heraus. Jan konnte jedoch kein Wort verstehen. Es gab daher keine andere Möglichkeit: Wenn er jetzt etwas in Erfahrung bringen wollte, durfte er ein gewisses Wagnis nicht scheuen.

Mit äusserster Vorsicht schob er die Schuppentür so weit auf, dass er sich durch die Öffnung hindurchzwängen konnte. Als sich die Tür in ihren rostigen Angeln drehte, quietschte sie leise. Er wagte kaum zu atmen. Da die Stimmen im Hause nicht verstummten, wagte er es, sich näher heranzuschleichen und unter einem geöffneten Fenster Posten zu fassen. Jetzt konnte er deutlich die Worte vernehmen. Drei Männer unterhielten sich auf deutsch. Jan lauschte geduckt mit angehaltenem Atem. Das meiste von dem, was gesprochen wurde, verstand er. Der Schweiss trat ihm auf die Stirn, und die Knie taten ihm weh, da er sich nicht aufrichten durfte.

Plötzlich brach die Unterhaltung ab. Im selben Augenblick verliess Jan seinen Horchposten. Ohne sich die Zeit zu nehmen, sich erst umzublicken, rannte er zu seinem Rade, schwang sich hinauf und spurtete davon. Erst als die Stadt ein gutes Stück hinter ihm lag, verlangsamte er das Tempo etwas. Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Sie war ganz nass vom Schweiss.

Während er die Fahrt fortsetzte, suchte er über das, was er erlauscht hatte, klar zu werden, um es in einen Zusammenhang zu bringen. Es war von einem Fischerboot die Rede gewesen ... der Name Gelting war gefallen ... morgen nacht zwischen eins und zwei ... irgendwo am Strande westlich vom Leuchtfeuer ... Die drei Männer hatten auch etwas von tausend Kronen gesagt, die bar ausgezahlt werden sollten. Schade, dass er im Deutschen nicht so tüchtig war wie Erling! Was mochte Gelting bedeuten? Es war wohl eine Stadt oder eine Insel. Aber wo lag sie?

Als Jan nach dem Lager zurückkehrte, wurde er mit einem Wasserfall von Fragen überschüttet. Er lachte und hob abwehrend die Hände: «Immer mit der Ruhe, liebe Freunde! Lasst mir doch etwas Zeit! Zuerst und vor allem eins: Weisst du, Erling, was Gelting bedeutet?»

«Gelting?» wiederholte Erling verwundert. «Wie sollte ich das wissen?»

«Wie komisch!» lachte Jan. «Der allwissende Erling muss die Waffen strecken. Es gibt also wirklich Fragen, die du nicht beantworten kannst?»

«Bin ich ein Lexikon?» brummte Erling. «Was ist denn los mit Gelting?»

«Das müssen wir gleich einmal untersuchen», erwiderte Jan. «Ich habe einen Verdacht.»

Er holte die Landkarte und breitete sie schnell aus. Es dauerte nur wenige Sekunden, so rief er frohlockend: «Da haben wir Gelting! Es ist eine kleine Stadt auf der anderen Seite der Förde ...»

«Ungeheuer interessant!» bemerkte Erling spöttisch. «Aber wenn es auch niemals schadet, dass man seine Geographiekenntnisse erweitert, so kann ich doch mit dem besten Willen nicht einsehen, warum dieses Gelting uns ganz besonders interessieren sollte. Deshalb vermag ich deine Begeisterung leider nicht zu teilen.»

«Ich will euch nicht länger in Spannung halten», sagte Jan lächelnd und faltete die Karte zusammen.

Mit knappen Worten erzählte er seinen Freunden, was er im Laufe des Nachmittags erlebt hatte. Dann schloss er: «Ich zweifle nicht mehr, dass der Mann, den Jesper im Auto gesehen hat, tatsächlich der Mann mit der Narbe war. Ausserdem bin ich überzeugt, dass er mit einer Organisation zu tun hat, die Flüchtlinge aus Deutschland über die Grenze schmuggelt. Morgen nacht haben sie etwas vor. Ein Fischerboot wird von Gelting aus vier Flüchtlinge über die Förde bringen. Sie werden westlich vom Leuchtfeuer landen. Die Frage ist nur, was wir tun sollen.»

«Wir müssen die Polizei in Sonderburg benachrichtigen», erklärte Jesper.

«Können wir nicht selbst mit der Bande fertig werden?» fragte Carl. «Es juckt mir in den Fäusten, wenn ich daran denke, dass ich mit dem Narbenmann Abrechnung halten kann.»

«Was meinst du, Erling?» fragte Jan.

«Ich bin derselben Meinung wie Jesper. Diese Sache geht die Polizei an.»

«Ich füge mich der Mehrheit», entschied Jan. «Morgen rufe ich in Sonderburg an und spreche mit dem Wachtmeister.»

Als die Buben einige Stunden später um das Lagerfeuer herumlagen, brachte Jan eine unerwartete Frage vor: «Habt ihr Lust, heute nacht auf Jagd zu gehen?»

«Auf Jagd?» wiederholten die drei andern wie aus einem Munde. «Was meinst du damit?»

«Ich möchte gern den Schakal fangen, der uns aus dem Schlaf aufgestört hat. Vermutlich wird er sich heute nacht wieder hören lassen und vielleicht noch ein paar andere Schakale mitbringen. Ich schlage vor, wir löschen das Feuer und kriechen ins Zelt. Nach einer Weile kriechen wir wieder hinaus und verstecken uns hinter dem Hügel. Dann warten wir ab.»

«Ob das nicht ... gefährlich ist?» fragte Jesper.

«Ich glaube nicht, dass der Schakal dich fressen wird, Krümel», beruhigte ihn Jan. «Halte dich nur immer in Carls Nähe. Dann wird dir sicher nichts zustossen.»

Die vier Freunde taten, wie Jan gesagt hatte. Sie schlichen zu dem Hügel und versteckten sich dort. Der Himmel war wolkenfrei, und der Mond leuchtete hell. Das schwache Plätschern der Wogen war der einzige Laut, der die Stille der Nacht unterbrach.

Als sie etwa eine halbe Stunde in ihrem Versteck gelegen hatten, flüsterte Jan plötzlich: «Schaut dort drüben hin. Seht ihr die dunklen Gestalten?»

«Ja», flüsterte Jesper. «Sie sehen ... unheimlich aus ...»

«Es sind nur drei», murmelte Carl. «Mit denen werden wir schon fertig werden!»

Die drei Gestalten hatten offensichtlich das Zelt zum Ziel. Sie bewegten sich sehr vorsichtig, kamen aber immer näher. Schliesslich waren sie nur noch etwa zwanzig Meter entfernt. Da sprang Jan auf. Die drei anderen folgten seinem Beispiel. Mit fürchterlichem Gebrüll stürzten sie sich auf die «Schakale», die sich gerade an den Zeltschnüren zu schaffen machten. Eine Weile war alles ein wildes Durcheinander. Die Luft war von Kampfgeschrei und «Schakalgeheul» erfüllt. Carl stürzte sich mit unbändigem Eifer in das Handgemenge. Jan aber rief: «Mässige dich, Carl! Du willst doch nicht etwa aus unseren Freunden Hackfleisch machen?»

Erling schüttelte sich vor Lachen. Die drei «Schakale» waren niemand anders als Henning, Holger und Jack!

6.

Als sich die erste Aufregung über das unerwartete Wiedersehen mit den am Vejers-Strand zurückgebliebenen Freunden gelegt hatte, fragte Jan: «Wo kommt ihr denn jetzt her? Und wo habt ihr euch den ganzen Tag herumgetrieben?»

«Mein Onkel hat auf der Nordseite der Insel ein Sommerhaus», antwortete Jack. «Bei ihm haben wir uns einquartiert. Wir leben nicht schlecht, kann ich dir sagen. Mein Onkel besitzt nämlich ein grosses Motorboot, mit dem wir in der Gegend herumsausen.»

Erling, der schon mehrmals eine gewisse Ungeduld verraten hatte, konnte sich nicht länger beherrschen. «Was meint ihr?» rief er. «Da unsere Nachtruhe ohnehin wieder gestört ist, könnten wir doch etwas Tee trinken und ein paar Kekse essen?»

«Du hast dich nicht verändert, seit wir uns getrennt haben», lachte Jack. «Ich finde deinen Vorschlag gar nicht so dumm. Was hältst du davon, Jan?»

Auch Jan fand Erlings Anregung ausgezeichnet. Es dauerte nicht lange, so sassen sie alle um das lustig lodernde Lagerfeuer. Der heisse Tee und die Kekse mit Marmelade schmeckten vortrefflich, und an Gesprächsstoff fehlte es wahrhaftig nicht. Die Begegnung mit dem Narbenmann und alles, was damit zusammenhing, bildete natürlich den Hauptgegenstand des Gespräches. Die Neuankömmlinge lauschten gespannt.

Schliesslich sagte Henning: «Es ist so, wie ich immer gesagt habe. Wenn du dabei bist, Jan, kann man sicher sein, dass irgend etwas geschieht. Aber ist es wirklich notwendig, die Polizei zuzuziehen?»

«Unbedingt!» erklärte Jan. «Wir dürfen nie vergessen, dass wir wohl der Behörde helfen können, wenn sich eine Gelegenheit bietet, dass wir aber kein Recht haben, selbst Polizei zu spielen. Im übrigen habe ich meinen Eltern fest versprochen, mich unter keinen Umständen unnötig in Gefahr zu begeben.»

«Unnötig ist gut gesagt», lachte Jack. «Was verstehst du eigentlich darunter? Ich vermute wohl recht, wenn ich annehme, dass ihr auch in diesem Falle der Polizei ein wenig helfen wollt?»

«Darauf kannst du dich verlassen! Da wir durch Zufall in dieses Abenteuer verwickelt wurden, möchten wir nicht gern den Schluss versäumen. Wie gesagt, morgen nacht soll es losgehen.»

«Könnten wir nicht mit dem Motorboot in die Entwicklung der Dinge eingreifen?» fragte Jack.

Jan überlegte einen Augenblick. Dann antwortete er: «Ich weiss nicht recht. Das Fischerboot aus Gelting wird vielleicht Verdacht schöpfen, wenn ein Motorboot im Fahrwasser herumkreuzt.»

«Wir könnten ja bei Sönderby anlegen. Das erregt sicher keinen Verdacht. Mir scheint, es ist ein beruhigender Gedanke, wenn wir wissen, dass wir ein schnelles Motorboot bei der Hand haben. Wer weiss, wozu man es brauchen kann.»

«Das klingt sehr vernünftig», sagte Jan, mit dem Kopf nickend. «Wir wollen es also so machen.»

Die drei Gäste blieben noch etwa eine halbe Stunde. Dann nahmen sie Abschied, und die Zeltbewohner legten sich schlafen, nachdem sie die letzten Funken des Lagerfeuers ausgetreten hatten.

Am nächsten Morgen waren die Jungen früh auf den Beinen und nahmen vor dem Frühstück ein erfrischendes Bad. Dann fuhr Jan nach Sönderby, um sich mit der Polizei telephonisch in Verbindung zu setzen. Der Wachtmeister in Sonderburg war anfangs etwas skeptisch; doch dann gelang es Jan, ihn davon zu überzeugen, dass die Sache ernst war. Es wurde vereinbart, dass vier Polizisten gegen Mitternacht mit dem Polizeiauto zum Lager kommen sollten. Auf dem Rückweg machte sich Jan seine Gedanken. Nach dem, was der Wachtmeister gesagt hatte, konnte es zu einer Schiesserei kommen. Er musste deshalb seine Freunde warnen, dass das Abenteuer keineswegs gefahrlos war. Carl und Erling würden sicher keine Bedenken tragen, dieses Wagnis auf sich zu nehmen. Jesper hingegen war von Natur etwas ängstlich. Er durfte sich auf keinen Fall verpflichtet fühlen, gegen seinen Wunsch mitzumachen. Es kam nur darauf an, es ihm so zu sagen, dass er den Vorschlag, zurückzutreten, nicht als Kränkung empfand.

Im Laufe des Vormittags kam Jan auf diese Frage zu sprechen. Er schloss: «Natürlich sind die Polizisten in erster Linie gefährdet; doch es kann ja sein, dass wir unvermutet in die ‚Schusslinie‘ geraten. Wie ich schon sagte, habe ich meinen Eltern versprochen, mich nicht unnötig einer Gefahr auszusetzen. Ihr habt ein solches Versprechen nicht abgegeben; aber ich darf wohl annehmen, dass auch ihr euch entsprechend verhalten werdet ...»

Der sonst so ruhige Carl brauste zornig auf: «Ich glaube nicht, dass die Banditen es wagen werden, zu schiessen. Aber selbst wenn sie es tun, soll mich das nicht hindern, mit dem Halunken abzurechnen, der mein Rad gestohlen und dich niedergeschlagen hat.»

«Und was sagst du, Erling?»

«Lieber Freund», antwortete Erling, «das ist wohl eine überflüssige Frage. Ich bin sicher, dass du, wenn es soweit ist, wieder einmal in der vordersten Reihe zu finden sein wirst, und bis heute habe ich dich noch nie im Stich gelassen. Natürlich kämpfen wir Schulter an Schulter.»

Jan lachte herzlich: «Dramatisiere die Sache nicht gar zu sehr, Dicker! Wahrscheinlich verläuft alles höchst friedlich, obwohl ein gewisses Wagnis natürlich besteht. Im übrigen können wir ja hinter dem breiten Rücken der Polizeileute Deckung nehmen. Wie denkst du darüber, Jesper?»

«Ich denke ebenso wie Carl und Erling», erwiderte Jesper. Seine Stimme klang jedoch nicht ganz fest. «Als Kameraden müssen wir einander beistehen, nicht wahr?»

Das konnte Jan natürlich nicht bestreiten. Aber ihm war bei der Sache nicht ganz wohl. Es war ja ganz klar, dass der kleine Jesper am liebsten zurückgeblieben wäre, und dass er sich nur mutig zeigte, weil er sich nicht blamieren wollte. Aber was liess sich da machen? Vielleicht fand sich im Laufe des Tages Rat.

Am Nachmittag kamen Holger, Henning und Jack von Sönderby anmarschiert. Das Motorboot lag sicher verankert im Hafen.

Obgleich die Jungen badeten, Gymnastik trieben und ihre Mahlzeiten nach Möglichkeit ausdehnten, hatten sie den Eindruck, als stünde die Zeit still. Als es endlich dunkel geworden war, schlug Jan vor, lieber kein Lagerfeuer anzuzünden. Es war immerhin möglich, dass ihr Lager beobachtet wurde. In diesem Fall war es gut, wenn der Anschein erweckt wurde, als wären die Bewohner zeitig zur Ruhe gegangen. Die Buben blieben also im Dunkeln liegen und unterhielten sich mit gedämpften Stimmen.

Mitternacht war schon vorüber, und das Polizeiauto war noch immer nicht in Sicht. Jan begann ungeduldig zu werden. «Ich kann nicht begreifen, wo die Polizisten bleiben», sagte er. «Der Wachtmeister hat mir fest versprochen, um Mitternacht hier zu sein.»

«Vielleicht können sie uns nicht finden», meinte Jack.

«Ausgeschlossen. Ich habe ihm alles genau beschrieben, und das weisse Zelt kann man vom Wege aus unmöglich übersehen.»

«Dann werden sie wohl eine Panne gehabt haben», meinte Carl.

Jan blickte auf das leuchtende Zifferblatt seiner Armbanduhr. Es war fünf Minuten nach halb eins. Weder ein Geräusch noch ein Lichtschein deutete darauf hin, dass sich ein Auto näherte. Er fühlte eine wachsende Unruhe, die auf seine Kameraden überging.

Als weitere zehn Minuten ereignislos verstrichen waren, sprang Jan auf und sagte: «Wartet alle hier auf mich! Ich will ein Stück am Strand entlanggehen und mich umsehen ...»

«Ich komme mit», erklärte Carl.

«Nein, Carl», entgegnete Jan. «Es ist mir lieber, wenn du bei den anderen bleibst. Ich bin bald wieder hier.»

Carl sah es durchaus nicht gern, dass Jan allein ging. Er wusste jedoch aus Erfahrung, dass nichts zu machen war, wenn sein Freund einmal einen Entschluss gefasst hatte.

Die Zurückbleibenden blickten Jan schweigend nach, als er in der Dunkelheit verschwand.

Jan wanderte am Strand entlang. Von Zeit zu Zeit blieb er stehen und lauschte. Die Nacht war sehr still. Man musste es zweifellos hören können, wenn sich ein Motorboot der Küste näherte. Sehen konnte man freilich nicht viel; denn der Mond war hinter Wolken verborgen und verbreitete nur ein äusserst schwaches Licht.

Als Jan in der Nähe des kleinen Hügels angelangt war, blieb er abermals stehen und strengte sein Gehör aufs äusserste an. Pochte da nicht ein Motor draussen auf dem Meer? Er lauschte gespannt. Jetzt hörte er es deutlicher. Ja, es bestand kein Zweifel, ein Boot näherte sich der Küste. Er warf einen Blick auf seine Uhr. Es war wenige Minuten vor eins. Wo, in aller Welt, blieben die Polizisten? Alles war so gut vorbereitet; aber was nützte das, wenn das Auto zu spät kam?

Jan stieg auf den kleinen Hügel und legte sich hin. Von hier oben konnte er ein Stück des Strandes überblicken. Er lauschte angespannt. Das Pochen des Motors wurde immer lauter. Was sollte er tun? Es hatte keinen Zweck, die Kameraden zu Hilfe zu rufen; das Risiko war zu gross. Nach dem, was der Wachtmeister gesagt hatte, musste man damit rechnen, dass die Banditen bewaffnet waren. Was konnten sieben unbewaffnete Jungen gegen sie ausrichten?

Plötzlich fuhr Jan zusammen. Es schien, als hätte er in der Nähe ein schwaches Knacken gehört. Er drehte langsam den Kopf herum und spähte in die Dunkelheit. Es war nichts zu sehen.

Da kam ihm ein unheimlicher Gedanke. Als er den Hügel erstiegen hatte, musste sich seine Gestalt für ein paar Sekunden von dem hellen Hintergrund abgehoben haben. Ob ihn der Mann mit der Narbe oder einer seiner Helfer gesehen hatte? Er lauschte mit angehaltenem Atem. Das Pochen des Motors draussen auf dem Meer war der einzige Laut, der die nächtliche Stille durchbrach.

Plötzlich verstummte auch dieses Geräusch. Der Motor war abgestellt worden. Es vergingen ein paar Sekunden. Da leuchtete draussen auf dem Meer ein gelbes Licht auf, verschwand aber gleich wieder. Jan spähte nach allen Seiten, um sich zu überzeugen, ob das Signal vom Lande aus beantwortet wurde. Aber nichts geschah. Jedenfalls konnte er von seinem Platz aus nichts entdecken. Auf dem Wasser wurde das Signal nicht wiederholt.

Da drang ein neues Geräusch an sein Ohr. Er hörte deutlich kräftige Ruderschläge. Eine Jolle war auf dem Wege nach dem Strande. Weshalb kamen die Polizisten nicht? Was war geschehen?

Ob der Wachtmeister ihn am Telephon falsch verstanden hatte? Nein, ausgeschlossen! Sie hatten ja unmissverständlich verabredet, dass die Polizisten um Mitternacht kommen sollten.

Plötzlich zerriss ein neuer Laut die Stille. Nein, er täuschte sich nicht! Ein Auto näherte sich in schneller Fahrt! Und jetzt flammten in einer Biegung des Weges starke Scheinwerfer auf! Hilfe nahte!

Jan schnellte in die Höhe und begann zur Landstrasse zu laufen. In seinem Eifer vergass er alle Vorsicht. Er rief mit lauter Stimme: «Halt! Polizei! Halt ...»

Mehr brachte er nicht heraus. Zwei dunkle Gestalten tauchten unversehens auf, und Jan fühlte, wie starke Arme ihn umschlangen. Er wehrte sich verzweifelt und schrie mit voller Lungenkraft: «Zu Hilfe! Zu Hilfe!»

Ihm schien, als hielte das Auto mit kreischenden Bremsen an. Aber in der nächsten Sekunde befand er sich in tiefster Finsternis. Ein Kleidungsstück, das man ihm über den Kopf geworfen hatte, erstickte seine Hilferufe. Obwohl er sich wie ein Rasender sträubte, wurde er hochgehoben und davongeschleppt. Er war halb erstickt und merkte es kaum, als er unsanft auf etwas Hartes geworfen wurde. Wie aus weiter Ferne hörte er Stimmen. Noch immer hielten starke Arme ihn umschlungen. Auf einmal spürte er eine schwache schaukelnde Bewegung. Obwohl er einer Ohnmacht nahe war, begriff er, dass er sich in einer Jolle befand, die aufs Meer hinausfuhr.

Darmowy fragment się skończył.