Czytaj książkę: «Blockadebrecher gegen Napoleon»
C. Verhein
BLOCKADEBRECHER
GEGEN NAPOLEON
Eine historische Erzählung aus der Zeit
während der napoleonischen
Fremdherrschaft auf Rügen
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2014
Carsten Verhein
Der 1938 auf Rügen geborene Autor fand erst als Pensionär mit seinen vorangegangenen Büchern »Von Peyse nach Pulitz« und »Bärenfang« den Weg zum Schreiben. Nach Beendigung des Schulbesuches verwirklichte er seinen Wunschberuf und wurde von der »Pike auf an« Dipl.-Ing. im Straßen- und Hochbau. Nach langjähriger Tätigkeit in der Bauleitung und Bauüberwachung eröffnete er 1989 ein eigenes Ingenieur-Architektenbüro und betrieb dies bis zu seiner Pensionierung 2002. In der Wende-Zeit beteiligte er sich aktiv beim Aufbau neuer demokratischer Parteien auf Rügen. Besonders gern erinnert er sich an eine Begegnung mit Willi Brandt 1989 in Rostock. Heute lebt der Fünfundsiebzigjährige mit seiner Frau in Binz auf Rügen. Auf Reisen durch die Länder Osteuropas lernte der ansonsten heimatverbundene und seiner Geburtsinsel treu gebliebene Autor Menschen kennen, deren Schicksale ihn interessierten und berührten, genau so wie das derer, die durch Flucht und Vertreibung ihre Heimat verloren hatten, wodurch er manche Anregung für seine Bücher fand. Seinen bisher erschienenen Erzählungen gab der Geschichtsinteressierte stets einen historischen Hintergrund.
Hobby und Vorliebe gelten der großen, wie der kleinen Eisenbahn. In der Musik, der Natur und seiner Imkerei schöpft er Kraft und Entspannung. Sein Traum ist es, noch zu seinen Lebzeiten den ersten Menschen auf einem andern Planeten und die politische Union Europas erleben zu dürfen.
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:
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detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Die bildlichen Darstellungen sind nicht immer unbedingt zeitgleich mit der Handlung in diesem Buch. Dabei handelt es sich um private Fotos bzw. alte Stahlstiche aus privater Sammlung. (Titelbild: Blick auf Stralsund)
Die Erzählung ist frei erfunden, Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären daher rein zufällig und unbeabsichtigt.
Copyright (2014) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Über den Autor
Impressum
Vorwort
Blockadebrecher gegen Napoleon
Wegweiser
Hinweis auf bereits erschienene Bücher
Endnoten
Vorwort
Der auf Rügen geborene und noch heute dort lebende Autor erzählt eine auf historischen Ereignissen stützende Geschichte aus der Zeit der napoleonischen Fremdherrschaft.
Obwohl die Insel Rügen zu dieser Zeit nicht zu Preußen, sondern zu Schweden gehörte, lag sie im Interessenfeld des französischen Imperators.
Um Frankreichs damaligen Hauptfeind, das Vereinigte Königreich Großbritannien, zu bekämpfen, unterwarf Napoleon die meisten Länder des europäischen Festlandes. Er glaubte, auf diese Weise den Handel des Inselreiches zu stören, um damit den Lebensnerv der Briten empfindlich zu treffen.
England erwies sich zu der Zeit unter anderem deshalb als Hauptfeind, weil es Frankreichs Kolonialpolitik im Wege stand.
Nach den verlorenen Seeschlachten 1798 bei Abukir1 und 1805 bei Trafalgar2 musste Napoleon erkennen, dass er gegen die Seemacht England auf den Meeren nichts ausrichten konnte.
Auch in der Ostsee gelang es England in der Seeschlacht von Kopenhagen 1801, die dänische Flotte auszuschalten und die Vorherrschaft zu erlangen.
Dabei hatte der englische Admiral Nelson3 endgültig über seinen französischen Konkurrenten Villeneuve4 gesiegt, selbst aber mit dem Leben bezahlt.
1806 schlug Napoleon die Preußen bei Jena und Auerstedt. Bei der Besetzung des Landes hielt er es strategisch für erforderlich, auch das damals schwedische Vorpommern und Rügen zu vereinnahmen.
Napoleon musste schließlich zwei Dinge erkennen, zum einen, dass er England zur See nicht gewachsen war und zweitens, dass er ohne eine starke Flotte nicht auf den Britischen Inseln landen konnte.
Eine dritte Möglichkeit, um England zu bekämpfen, glaubte er gefunden zu haben, indem er allen europäischen Ländern, die in seinem Machtbereich lagen, den Handel mit den Briten untersagte.
Dazu trat noch im November 1806 die von Napoleon verhängte Kontinentalsperre in Kraft.
Das stellte ihn vor die Aufgabe, außer im Mittelmeer, die Küsten von Gibraltar bis Petersburg, vom Atlantik, Kanal, Nord- und Ostsee zu kontrollieren und wenn nötig gewaltsam jeden Handel mit Großbritannien zu unterbinden.
Diese Aufgabe konnte der französische Imperator mit seinen Soldaten alleine nicht bewältigen, denn die reichten nicht einmal für seine weiteren Feldzüge. So wurden auch Truppen seiner Vasallen hinzugezogen.
Um die Blockade durchzusetzen, schickte er 1807 Soldaten aus dem von seinem Bruder Jerome regierten und neu entstandenen Königreich Westfalen, Hessen und anderen ehemaligen deutschen Kleinstaaten nach Rügen.
1810 unternahmen die Engländer mit einer gewaltigen Flotte von Kriegs-, Handels- und anderen Schiffen einen gewaltsamen Durchbruch, um die Blockade zu beenden.
Es zeigte sich schon bald, dass die Abriegelung immer wieder Schlupflöcher hatte, unter anderem auch auf Rügen, wovon dieses Buch berichten wird.
Die Akteure dieser Erzählung sind nicht nur Blockadebrecher, sondern stören den Nachschub für Napoleons Feldzüge in Osteuropa, beteiligen sich als schwedische Verbündete am Aufstand des Majors Ferdinand von Schill 1809 in Stralsund und zogen schließlich unter Bernadotte am Ende bis in die Völkerschlacht von Leipzig.
Unsere Rekrutierung lag jetzt bereits zwei Monate zurück, als man uns beide, mich Jan de Borg und Vincent Veidt aus einem kleinen Städtchen in Westfalen nahe der holländischen Grenze zu den Chasseurs a Cheval (Jäger zu Pferd) einzog. So nannte man in Frankreich die Kavallerie und in dem von Napoleons Bruder Jerome regierten Königreich Westfalen ging es nun mal französisch zu.
Wir waren beide auf dem elterlichen Bauernhof groß geworden und so war es selbstverständlich, dass wir zur Kavallerie kamen. Der Umgang mit Pferden war uns von klein auf an vertraut.
Ziemlich untätig lebten wir nun schon seit Wochen in einer Kaserne, deren Gebäude früher Mönchen als Kloster diente.
Die Mönche hatte man von heute auf morgen aus dem Kloster verjagt, dabei hatte man unter Napoleon keine Skrupel, genau so, wie man andere Gotteshäuser ohne Bedenken umfunktionierte.
Obwohl wir beide erwachsen, ich gerade achtzehn und Vincent zwei Jahre älter waren, gab es einen tränenreichen Abschied von der Familie, denn alle sorgten sich um unser ungewisses Schicksal bei dieser »Militärmission«.
Hinzu kam, dass wir jetzt als erwachsene Söhne in der bäuerlichen Familie fehlten, um bei der anstehenden Feldarbeit zu helfen.
Ganz besonders traf es Vincent, den älteren von uns beiden. Seine Verlobte Claer wollte und wollte sich nicht in das Schicksal der Trennung fügen und weinte bittere Tränen beim Abschied.
Einzig die Hoffnung auf eine baldige, gesunde Wiederkehr konnte sie schließlich beruhigen und trotzdem war sie zu tiefst unglücklich bei der Verabschiedung.
Schon seit Tagen galten alle Aktivitäten dem Aufbruch gen Osten, dafür waren umfangreiche Vorbereitungen, insbesondere für den Tross zu treffen.
Das genaue Ziel wurde immer noch geheim gehalten, aber es hatte sich herum gesprochen, dass es nicht in einen neuen Feldzug ging, sondern nach Schwedische Vorpommern um dort die im November 1806 von Napoleon verkündete Kontinentalsperre gegen England durchzusetzen und das war für alle ein wenig beruhigend, denn keiner von uns verspürte große Lust für die »Grande Nation« und Napoleons Eroberungszüge sein Leben in einem neuen Krieg aufs Spiel zu setzen.
Endlich, an einem sonnigen Apriltag war es so weit, morgens sechs Uhr war die Stunde des Aufbruchs.
Auf dem Appellplatz nahmen drei Schwadron der Chasseurs a Cheval aus dem hiesigen Regiment Aufstellung, einschließlich des dazu gehörenden Trosses.
Nach einer feierlichen Vergatterung durch den Kapitän wurde nun endlich das vorläufige Marschziel bekannt gegeben: Es hieß Güstrow in Mecklenburg.
Langsam setzte sich die Kolonne, vorweg die Obrigkeit, in Bewegung.
So zog unser Schwadron von einer Übernachtung zur anderen, von einer Ortschaft zur anderen und das Wetter meinte es gut mit uns.
Im Gefolge dieser Kolonne bewegten sich Marketenderinnen und Händler, immer darauf bedacht, dass die Kavalleristen ihren Sold »nutzbringend« verwendeten.
Oft, aber immer bevor wir in eine größere Ortschaft einzogen, ertönte der Befehl: »Attention! Ruhe im Beritt!« Dann hieß es Schnauze halten, aufrecht im Sattel sitzen und Haltung annehmen.
Die Truppe bekam dann Gelegenheit, Uniform und Ausrüstung noch einmal in Ordnung zu bringen, denn auf das äußere Erscheinungsbild wurde großer Wert gelegt.
Die Schwadron nahm Aufstellung und Leutnants ritten die Front ab um die Truppe zu inspizieren. Hier und da gab es meist Kleinigkeiten zu beanstanden.
Der Kapitän als Oberkommandierender gab sich mit solchen Lappalien nicht ab.
Solche Aufenthalte ergaben sich immer wieder zwangsläufig, weil der Tross mit der Marschgeschwindigkeit der Reiterei nicht mithalten konnte.
Pausen entstanden ohnehin für die Einnahme der Verpflegung und Pferdefütterung.
Wenn wir in eine Stadt kamen, liefen uns die Kinder in Scharen entgegen.
Die Bevölkerung nahm weniger Notiz von diesem Spektakel, aber die Mädchen und jungen Damen verbargen ihre Neugier nicht und jubelten den jungen, feschen Kavalleristen in ihren prächtigen Uniformen zu. Manche heißen Blicke wechselten zwischen den Mädchen und den »Helden zu Pferd«.
Ich konnte es nicht unterlassen, Vincent, der noch immer an die Tränen des Abschieds dachte, auf die Hübschen aufmerksam zu machen: »Siehst du, wie man auf uns wartet, um uns zu trösten, wer kann da widerstehen.«
»Ja, das sehe ich, wäre ja nicht abgeneigt, aber sieh mal da vorne reitet dein Vorgesetzter. Kannst ihn ja mal fragen, wie es mit einer außerordentlichen Übernachtung in diesem Städtchen wäre und ob du Ausgang fürs Wirtshaus bekommst«, antwortete Vincent kleinlaut.
Damit war der Traum zu Ende und der Marschbefehl regelte den weiteren Verlauf des Tages.
Im übrigen nahmen die Wagen der Marketenderinnen am Ende des Trosses ständig zu!
Wir hatten nun schon den dritten Tag im Sattel verbracht. Übernachtet wurde in Scheunen auf großen Gütern, deren Besitzer auch für die notwendige Verpflegung zu sorgen hatten.
Ein Vorauskommando hatte Tage vorher geregelt, wo die Truppe einquartiert und versorgt werden sollte.
Bei Napoleons Feldzügen oblag es immer dem besiegten Land, dem jeweiligen Bürgermeister bzw. Guts- oder Schlossherrn, die Soldaten der Besatzungsmacht zu verpflegen, bzw. angemessenes Quartier bereit zu stellen.
Nach fast einer Woche hatten wir die Stadt Güstrow in Mecklenburg erreicht, Quartier wurde wiederum auf einem großen Gutshof vor der Stadt bezogen und eine größere Pause eingelegt. Hier gab es zum ersten Mal Ausgang.
In ganzen Gruppen zogen die Angehörigen der Chasseurs a cheval in die Stadt und »eroberten« einen Kroog5 nach dem anderen.
Von Eroberung konnte man schon sprechen, denn die einheimischen Männer und Jugendlichen mussten von jetzt an auf ihre Mädchen aufpassen.
In vorgerückter Stunde entbrannte unter dem Einfluss von reichlichen Mengen Gerstensaft so manche Schlägerei.
Wie von einem Schlachtfeld bargen die noch Gehfähigen ihre angeschlagenen Kameraden und schleiften sie zu ihrem Schlafquartier. Die aber erschwerten durch lauten Protest und Gegröle eine beabsichtigte unbemerkte Rückkehr in das provisorische Quartier.
Ich hatte besonderes Talent! Bei einer hübschen Blonden aus der Stadt hatte ich alles verschlafen und kehrte erst im Morgengrauen ins Biwak zurück.
Mein Versuch, unbemerkt in meine Unterkunft zu gelangen, misslang total, als ein Leutnant mich bei seinem Rundgang hoch zog.
Beim morgendlichen Appell fing ich mir zusammen mit zwei weiteren »Leidensgenossen« drei Tage Karzer ein, verschoben bis zur Ankunft im befohlenen Marschziel. Vincent tröstete mich mit den Worten:
»Das kann noch ein paar Tage dauern und wer weiß, was bis dahin alles passiert.«
Bei dieser Gelegenheit fielen mir die Worte aus der Verabschiedung durch unseren ehemaligen Lehrer ein, als der sagte: »Hüten Sie sich vor den heißen Frauen in der Fremde. Mit jahrelangem Siechtum büßen Sie die Folgen einer einzigen, vermeintlich wonnevollen Nacht.«
Nun, soweit war es offensichtlich nicht gekommen, aber einen Vorgeschmack solcher Bekanntschaften hatte ich bereits weg.
Nach einem weiteren Tag zur Verschnaufpause wurde der Marsch fortgesetzt, jedoch mit folgender Aufteilung.
Unser Schwadron zog nach Stralsund, um dann auf die Insel Rügen überzusetzen.
Das zweite wurde nach Greifswald beordert und dort stationiert.
Das dritte Schwadron begab sich in Richtung Ribnitz und war für den Darß und Zingst bestimmt.
Als wir in Stralsund ankamen, sahen die meisten der Kavalleristen zum ersten Mal das Meer.
Gegenüber lag die Insel Rügen, die größte Insel des späteren Deutschlands, denn zur Zeit waren Rügen und Teile Vorpommerns schwedisch, was Napoleon nicht daran hinderte, diese Gebiete gleich mit zu besetzen, denn mit Schweden befand er sich noch nicht im Krieg.
Eine Brücke suchten wir vergebens, dazu war die Distanz wohl auch zu groß.
Trotzdem brauchten wir uns um das Übersetzen keine Gedanken zu machen, denn es gab eine Wagenfähre, mit der unter anderem auch die Postkutschen sowie Reisende von und zur Insel übergesetzt wurden.
Insbesondere Reisende nach Schweden nutzten diesen Weg, um dann von Sassnitz mit dem Schiff nach Skandinavien zu kommen.
Es war vollkommen ausgeschlossen, dass mit einer einmaligen Überfahrt unser gesamtes Schwadron übergesetzt werden konnte. So viel Platz bot das Fährschiff nicht. Abgesehen von den Kavalleristen, waren immerhin an die zweihundert Pferde überzusetzen. Dazu kamen die Wagen vom Tross und unserem weiteren »Gefolge«.
Der Strelasund, wie die Wasserstraße zwischen Stralsund und Rügen heißt, war in diesen Tagen nicht ganz ruhig und wir hatten Mühe die Pferde an Bord zu bekommen.
Am meisten Mühe machte das erste Pferd. Sobald die ersten Vierbeiner an Bord waren, lief der Rest wie von selbst, so lange sie ihre Artgenossen sahen und hörten, folgten sie instinktiv. Pferde sind bekanntlich sehr feinfühlig und ahnten, was ihnen bevorstand.
Einmal sträubte sich ein Tier ganz besonders und wollte partout nicht an Bord. Als wir es endlich mit vereinten Kräften geschafft hatten, nahm unser Vierbeiner Anlauf und sprang auf der gegenüber liegenden Seite wieder von Bord in den Sund.
Einer meiner Kameraden war einen Moment unachtsam gewesen. Jetzt war guter Rat teuer, aber ich zögerte nicht lange. Kurzerhand sprang auch ich über Bord in das noch recht kalte Wasser des Hafenbeckens. Schwimmend versuchte ich das Pferd zu erreichen und führte es am Halfter zu einer Stelle des Hafens, wo man Boote zu Wasser ließ und so bekamen wir beide wieder Boden unter die Füße. Jubelnd wurden Ross und Reiter begrüßt, als wir aus dem Wasser stiegen.
Dieses Pferd konnte in nächster Zeit nicht wieder verladen werden!
Ich war vor Kälte erstarrt und wurde mit heißem Rum wiederbelebt.
Der hinzueilende Leutnant schüttelte mir die Hand, sprach eine Belobigung aus und versicherte mir: »Die Sache mit dem Ausgang in Güstrow ist vergessen. Sie haben uns ein Pferd gerettet.«
Die Frühjahrsstürme hatten sich noch immer nicht ganz gelegt und die See blieb unruhig.
Trotz der beruhigenden Worte des Kapitäns »opferten« (übergaben sich aus Seekrankheit) einige unserer Kavalleristen schon kurz nach dem Ablegen.
Die größten Probleme aber bekamen wir mit den Pferden auf See. Die Ohren gespitzt, blickten sie mit weit aufgerissenen Augen um sich, bereit, jeden Moment, wenn sie nicht durch unsere Vorkehrungen daran gehindert worden wären, über Bord zu gehen. So manches Mal mussten wir eingreifen, um Schlimmeres zu verhindern.
Wegen stürmischen Wetters konnte an zwei Tagen überhaupt nicht übergesetzt werden.
Als wir endlich Mann und Ross und Wagen auf der Insel hatten, musste ein weiterer Tag Ruhepause eingelegt werden, denn die Pferde waren durch die Seefahrt total verängstigt, so dass sie erst einen Tag ausgespannt werden mussten und auf eine nahegelegene Weide kamen.
Vincent und ich hatten den Befehl erhalten, die Tiere zu beaufsichtigen. Dabei berichtete uns der Oberstallmeister, dass auf allerhöchsten Befehl im Laufe der Zeit alle unserer Rösser auf der Insel Rügen gegen einheimische Pferde ausgetauscht werden sollen.
»Und warum das?«, fragte ich neugierig.
»Die französische Generalität hat wohl festgestellt, dass die Preußen, trotz der Niederlage von Jena und Auerstedt, die bessere Kavallerie haben, was unter anderem auf den Pferdebestand zurückzuführen ist. Das sei schon bei Friedrich dem Großen so gewesen. Französische und italienische Pferde sind schon zu sehr verweichlicht.
Am widerstandsfähigsten sollen aber russische Pferde sein, was deren Kavallerie auch auszeichnet«, meinte der Stallmeister.
Aber das sollte sich erst später herausstellen.
»Sie mögen Recht haben«, antwortete ich dem Stallmeister, »aber die preußische Armee bekommt sicherlich das Beste an Pferden, was das Land zu bieten hat und das sind nun mal die Trakener aus Ostpreußen. Die werden wir hier auf Rügen wohl kaum requirieren können.«
Der Stallmeister zeigte sich über meine Pferdekenntnisse erstaunt und beeindruckt.
Von nun an hatte ich bei ihm, wie man sagt, einen Stein im Brett, was sich in nächster Zeit noch so manches Mal bestätigen sollte.
Unsere Sonderaufgabe, die Beaufsichtigung der Pferde Tag und Nacht, brachte es mit sich, dass wir etwas außerhalb der Ortschaft Altefähr gänzlich auf uns alleine gestellt waren.
Entfernen durften wir uns von den Pferden nicht, denn vor allem mein Konto hatte mit meinem nächtlichen Fortbleiben in Güstrow schon eine Hausnummer.
Am Abend besuchten uns die Schönen aus dem Dorf.
Wir begegneten hier einem sehr zurück haltenden Menschenschlag, der etwas länger braucht, bevor er auftaut, was man allgemein den Insulanern nachsagt.
Sie waren sehr zurückhaltend und es dauerte lange, bis sie uns antworteten, dann wurden sie aber Zusehens zutraulicher und wollten vieles von uns Fremden wissen.
Schade, dass unser Marsch schon am nächsten Tag wieder aufgenommen wurde.
Schon in aller Frühe formierten sich Schwadron und Tross zu einer endlosen Kolonne.
Über Poseritz, Garz und Putbus zogen wir auf der so genannten (alten) Bäderstraße bis nach Philippshagen, um dann südlich von Göhren, einem kleinen Badeort an der rügenschen Ostküste unser Quartier aufzuschlagen.
Wir befanden uns hier im Fürstentum Putbus und jetzt hatte der Fürst die »vornehme Aufgabe« für unser leibliches Wohl und das der Pferde alles Erdenkliche zu tun.
Unweit der Küste wurde Halt gemacht und unser Marsch hatte sein vorläufiges Ziel erreicht.
Müde fielen wir aus dem Sattel und ohne uns weitere Gedanken über eine passende Unterkunft zu machen, versanken wir bald in tiefen Schlaf, denn wir schliefen ein, wo wir standen. Nicht einmal für ein wärmendes Feuer reichte die Kraft.
Mit frischem Seewind wurden wir bei aufgehender Sonne geweckt. Es roch nach Seetang und Möwen umflogen kreischend unser Biwak.
Möwen blieben hier an der See unsere ständigen Begleiter, immer darauf bedacht, aus unserer Futterrage einen guten Happen zu erwischen.
Als wir uns nach »luxuriöser Morgentoilette« mit dem Frühstück beschäftigten, näherten sich Kinder im Alter zwischen sechs und zwölf Jahren vorsichtig unserem Lager.
Sie waren neugierig darauf zu erfahren, woher wir kamen und was unser Besuch auf sich hatte.
Vielleicht hatten ihre Eltern sie auch geschickt, denn Neues gab es offenbar nicht so oft an diesem entlegenen Ort der Insel.
Langsam kamen sie Schritt für Schritt näher.
Die Jungen trugen lange weiße Hosen, die in die Stiefel gesteckt waren, weiße Hemden und schwarze Westen, auf dem Kopf trugen sie schwarze Schirmmützen.
Ähnlich waren auch die Mädels gekleidet, nur dass sie einen bunt bestickten Rock und unter dem Kinn verschnürte schwarze Häubchen auf dem Kopf trugen.
Später sahen wir, dass alle, jung wie alt auf diese Weise in »Mönchguter Tracht« gekleidet waren.
Schweigend standen sie vor uns und hätten doch so gerne viel erzählt.
Um ins Gespräch zu kommen, fragte ich den, der mir am nächsten stand, wie er denn heiße und er antwortete mir nach langem zögern.
»Heiner.«
»Und weiter?«
»Looks.«
»Ich heiße Jan«, und hielt ihm meine ausgestreckte Hand entgegen, die er nach längerem Zögern auch vorsichtig ergriff. Als ich nicht wieder los ließ, bekam er es mit der Angst und befreite sich aus seiner Gefangennahme. Das erste Eis war gebrochen.
Als ich den nächsten nach dem Namen fragte, antwortete er: »Fritz.«
»Und weiter«, wollte ich wissen.
»Looks.«
»Dann seit ihr wohl Geschwister?«
»Nee, he is mien Cousin.«
»Aha.«
»Und wie heißt du?«
»Steffen Looks.«
»Was denn, heißt ihr alle Looks?«
»Nee, wegge heiten ok noch Koos, Kliesow un Brandt.«
(Nein, einige heißen auch noch Koos, Kliesow und Brandt.)
»Merkwürdig«, dachte ich so bei mir.
»Büst du enen Franzos, de dütsch versteit?« (Bist du ein Franzose, der Deutsch versteht?)
»Wir sind keine Franzosen, wir kommen aus Westfalen und dort leben auch Deutsche. Wie kommst du darauf, dass wir Franzosen sind?«
»Jih hebben sonne Uniformen as de Franzos«, erwiderte er kleinlaut. (Ihr habt solche Uniformen wie die Franzosen.)
»Ja, das stimmt. Das kommt daher, weil unser König ein Bruder von Napoleon ist.«
»Un wat willen jih hier anfangen?«, wollte er weiter wissen. (Und was wollt ihr hier anfangen?)
»Wir passen auf, falls die Engländer kommen.«
Mit dieser Antwort gab er sich scheinbar zu Frieden, denn er wandte sich ab, um in aller Eile wieder seine Spielgefährten zu erreichen, denn denen musste er schnellstens diese Neuigkeiten mitteilen. Noch mehr warteten wohl die Eltern zu Hause auf die »Neusten Nachrichten«. Offenbar hatte der Steppke jetzt alles erfahren, was die Eltern in Erfahrung bringen wollten.
Am darauf folgenden Tag bekamen Vincent, ich und vier weitere Kavalleristen unter Führung eines Leutnants den Befehl auszureiten, um Lebensmittel und Pferdefutter zu konfiszieren. Das war eine ganz einfache Prozedur.
Auf Erlass des Kaisers hatte im besetzten Gebiet jede Stadt, jeder Gutsherr oder jeder Regent für die Unterhaltung der Truppe zu sorgen.
Ein Vorauskommando hatte bereits diese Frage mit dem Herrn zu Putbus geregelt. Dazu zog der Leutnant ein Schreiben von der Obrigkeit aus dem Ärmel, das jeden Verwalter eines Gutes im Bereich des Fürstentums verpflichtete, ihnen benötigte Verpflegung, wie Fleisch, Eier, Mehl, Zucker aber vor allem Lebendvieh und für die Pferde Heu, Stroh und Hafer, so viel sie benötigten, auszuhändigen, einschließlich der Transportleistung.
Noch am selben Tag setzten sich von den Gütern Garftitz, Dumsevitz und Nistelitz die beladenen Fuhrwerke in Bewegung und brachten das Requirierte zu unserem Lager nach Göhren.
In Nistelitz gab es trotz des eindeutigen Befehls offenbar »Verständigungsschwierigkeiten«, die aber Kraft unseres Militärs und Androhung der Todesstrafe schnell aus dem Weg geräumt wurden.
In der Tat, in dieser Frage gab es im napoleonischen Herrschaftsgebiet kein Pardon.
Mir fiel auf, dass all diese Güter Namen hatten, die die gleiche Endung trugen.
Als wir einen Gutsverwalter danach befragten, antwortete er uns: Diese Namen stammen noch aus der Zeit der slawischen Besiedlung zwischen 700 und 1100 unserer Zeitrechnung.
Andere Ortsnamen sind aus der Zeit der germanischen Besiedlung vor der Slawenzeit oder nach dem Sieg der Dänen über die Slawen 1168, entstanden.
»Dann ist Göhren ein germanischer Name?«, wollte ich wissen.
»Nein, das stimmt auch nicht. Es gibt auch slawische Namen die nicht auf -sitz, -nitz oder -litz enden. Auch Göhren kommt aus dem Slawischen und ist abgeleitet von Gora (Berg), weil es auf dem Berg liegt«, erklärte uns der Gutsinspektor.
Das mit dem Berg konnten wir bereits bestätigen.
An den darauf folgenden Tagen mussten wir winterfeste Unterkünfte bauen.
Darunter verstanden wir aus Rundholz an einer Böschung in die Erde gebaute Unterstände, die ebenerdig betreten werden konnten und mit der gewonnenen Erde wieder überdeckt wurden.
Jetzt waren die Sappeure6, wie es in der französischen Armee hieß, gefragt.
Da in unserem Schwadron offiziell nicht solche Truppenteile waren, wurden alle, die einen handwerklichen Beruf hatten, zu Vorarbeitern gemacht und ihnen die Übrigen als Hilfskräfte unterstellt.
Zunächst hieß es aber mit der gesamten Truppe in den Busch ziehen, um Bauholz zu schlagen.
Die »Granitz«, ein angrenzendes größeres Waldgebiet, bot dazu die besten Voraussetzungen.
Mehrere Tage nahm diese Holzaktion in Anspruch. Die großen Güter mussten dafür Gespanndienste leisten, denn die Kavallerie hatte nicht die geeigneten Pferde da für und auch der Tross verfügte nicht über geeignete Fuhrwerke.
Ganze Wagenkolonnen mit Langholz trafen tagelang in unserem Lager ein. Von Tag zu Tag normalisierte sich unser Lagerleben. Die Verpflegung war gut und dem zur Folge auch die Stimmung. Wild und Fisch boten die beste Bereicherung unserer Speisekarte.
Der kommandierende Kapitän war mit unserer Arbeit zufrieden und jeder von uns empfand es als großes Glück, in dieser bewegten Zeit nicht an einem Brennpunkt militärischer Auseinandersetzungen zu stehen, oder Napoleon auf einem seiner Kriegszüge folgen zu müssen.
Nach und nach wurden die Chasseurs a Cheval zu ihren vorgesehen Patrouillen an der Küste eingesetzt.
Unsere Gruppe von sechs Kavalleristen mit einem Leutnant wurde an die Westküste Rügens nach Schaprode kommandiert und so ritten wir eines morgens bei regnerischem Sommerwetter in Richtung Westen, durch die waldreiche Granitz über Bergen und Trent an diesen neuen Bestimmungsort.
In Bergen machten wir im Zentrum Halt und tränkten unsere Pferde aus dem kleinen Teich auf dem Marktplatz, gegenüber von der Postkutschenstation.
Bergen war der größte Ort auf der Insel und das Verwaltungszentrum. Den Namen schien der Ort nicht umsonst bekommen zu haben, denn als wir von Osten in die Stadt einzogen, ging es tüchtig bergauf und nach Westen wieder bergab. Mächtig viele Kneipen gab es hier, aber die militärische Disziplin erlaubte kein Einkehren.
Westlich von Bergen ließ der Wald immer mehr nach und wir kamen in ein vorwiegend landwirtschaftlich genutztes Flachland.
Erst bei untergehender Sonne erreichten wir über Trent und Streu unseren Bestimmungsort Schaprode und standen wieder am Wasser. Dieses Mal aber an der Westküste Rügens.
Dieser Ort mit einem kleinen Fischereihafen, einer alten Kirche und einem Gasthof im Zentrum, oder besser am Hafen, war der ideale Ausgangspunkt zur Überwachung der Blockade, weil einerseits die Ein- und Ausfahrt nach bzw. von Stralsund und andererseits der rügenschen Bodden von hier aus kontrolliert werden konnten.
Vor dem Gasthof am Hafen machten wir Halt.
An der Giebelwand des Hauses stand:
- Gasthof und Ausspannung - - Albert Feil -
»Hier sind wir richtig«, meinte der Leutnant.
Aber erst mussten wir den Pfarrhof finden, denn hier sollten die Pferde untergestellt werden.
Der Pfarrpächter, ein kräftiger älterer Mann, empfing uns freundlich und erkundigte sich neugierig nach unserem zu Hause.
Auch hier hatte ein Meldereiter im Voraus den Stationierungsbefehl überbracht und alle Formalitäten geregelt.
Hier standen unsere Pferde nach langer Zeit wieder in einem massiven Stall und konnten auch gegebenenfalls den Winter gut überstehen.
Im Gasthof brachte der Wirt unerwartet ein üppiges Abendbrot mit Braten und Wein auf den Tisch. Das ließen wir uns gefallen, aber alt wurden wir diesen Abend nicht.
Nachdem man uns unsere Schlafquartiere zugewiesen hatte, fielen wir buchstäblich ins Bett, nach langer Zeit wieder im frisch bezogenen, weißen Bett.
Hier in Schaprode behandelte man uns von Anfang an sehr freundlich, obwohl wir ja eine Art Besatzungsmacht waren. Die Einheimischen hatten wohl Franzosen erwartet und waren angenehm überrascht, dass in den französischen Uniformen Männer steckten, die deutsch sprachen.
Am ersten Abend machte ich mir darüber keine weiteren Gedanken, später konnte ich mir die Freundlichkeit schon erklären.

Marktplatz in Bergen
Alle hatten irgendwie mit der Fischerei zu tun und dadurch mehr oder weniger auch mit der Schmuggelei und wer wollte es sich dann mit uns verderben?
Am nächsten Morgen standen wir früh auf.
Nachdem wir unsere Pferde versorgt hatten, fanden wir uns zum Frühstück im Gasthof Feil ein. Froh gelaunt nahmen wir am größten Tisch Platz und erwarteten den Wirt.
Ganz erstaunt waren wir, als aus der hinteren Küche ein hübsches, junges Fräulein den Gastraum betrat. Sie war so anmutig – da ging die Sonne auf.
»Bonjour monsieur, un petit dejeuner, une omelette a vec confiture?«
(Guten Tag die Herren, kleines Frühstück, Eierkuchen mit Konfitüre?)
»Bonjour Mademoiselle, wir möchten richtig deutsch frühstücken mit Speck und Eiern.«
»Seit ihr keine Franzosen?«
»Nein, wir sind westfälische Kavalleristen.«
»Ihr tragt aber die Uniformen der Franzosen.«
Und wieder mussten wir alles erklären, von unserem französischen König, Napoleons Bruder Jerome und den französischen Sitten und Gebräuchen.
Nachdem sie unsere Bestellung aufgenommen hatte, verschwand sie wieder in der Küche, um das Frühstück vorzubereiten.
Vielsagende Blicke machten die Runde.
»Na Vincent, habe ich dir nicht prophezeit, was hier alles auf uns wartet, auf französisch werden wir hier sogar angesprochen und du dachtest, wir kommen ans Ende der Welt.«
»Mach dir nicht zu früh Hoffnungen, wir werden sehen«, war seine ernüchternde Antwort, »die werden hier gerade noch auf dich warten.«
Es dauerte nicht lange und sie kam mit unserem Frühstück zurück.
Alles sah verlockend aus. Nicht nur das Frühstück, ich meine alles drum herum, aber vor allem unser hübsches Fräulein. Ihre Augen waren genau so dunkel wie ihr Haar. Eine wohl proportionierte Figur mit Rundungen an der richtigen Stelle bewegte sie sich auf hübschen Beinen gewandt durch den Gastraum, dazu ein Lächeln, dass ich so schnell nicht vergaß.
Wenn wir versuchten, mit ihr eine längere Unterhaltung anzufangen, war sie sehr schnell wieder verschwunden, zu mal sich die Wirtschaft jetzt auch noch mit anderen Gästen füllte und sie allmählich richtig Arbeit bekam.
Gerichte mit Eiern aux couleurs waren offenbar hier Stammessen.
Nachdem wir unser ausgiebiges Frühstück beendet hatten inspizierten wir den Hafen. Hier lag eine Zeese7 hinter der anderen.
Außer den einheimischen Booten lagen hier auch Boote von Fischern aus anderen Häfen, die entweder ihren Fang verkauften oder neuen Proviant bunkerten.
Wir benötigten ein schnelles Boot für unsere Aufgabe, es sollte das schnellste sein. Um das heraus zu finden, verwickelten wir die Fischer in Gespräche und erkundigten uns nach diesem und jenem, wobei wir nicht versäumten, das eine oder andere Zeesboot zu bestaunen.
Als wir unsere Wahl getroffen hatten, mussten wir das Boot für absehbare Zeit requirieren, sagten dem Fischer eine angemessene Entschädigung zu und auch eine entsprechende Entlohnung, denn wir benötigten auch die fachkundige Mannschaft dazu.
Wir nahmen bewusst ein Boot von außerhalb, um uns nicht von vorn herein mit den Einheimischen des Ortes anzulegen.
Jeder Protest war zwecklos, jedes Sträuben wurde erstickt, als wir den militärischen Befehl aus dem Ärmel zogen, in dem bei Zuwiderhandlung der Tod durch Erschießen angedroht wurde.
So weit kam es Gott sei Dank nicht.

Schaprode
Dem Schiffseigner trugen wir auf, dass er sich von nun an Tag und Nacht zur ständigen Verfügung halten sollte, was der zusammen mit einem Schiffsjungen auch befolgte.
Damit der Schiffer nicht in unserer Abwesenheit Reißaus nahm, belegten wir sein Ruder mit Schloss und Kette.
An den folgenden Tagen inspizierten wir die Küste im größeren Umfeld.
Unser Interesse galt auch Fuhrwerken, die zum Beispiel mit Getreide auf dem Weg zur Küste waren, fanden aber überall nichts Verdächtiges.
Regelmäßig montags und freitags unternahmen wir Kontrollfahrten entlang der Küste, sicherlich wäre es besser, diese Fahrten spontan zu unternehmen, denn man wird unser Tun ganz bestimmt genaustens verfolgen, da konnten wir sicher sein. Von Engländern keine Spur.
Sollten wir uns geirrt haben oder waren wir einfach noch nicht hinter die raffinierte Taktik gekommen? Uns sollte das egal bleiben.
Wir verlebten eine Zeit wie im Sanatorium, was auch immer so bleiben konnte. Regelmäßig wurden wir durch unsere Vorgesetzten inspiziert. An solchen Tagen kam der Kapitän mit zwei Leutnants und weiteren Kavalleristen.
Nachdem sie genügend inspiziert, kontrolliert und Dienständerungen kommandiert hatten, verbrachten sie den Rest des Tages und vor allem den Abend in der Gastwirtschaft.
An uns ging der Befehl, unsere Kontrollfahrten auf See nicht nach einem festen Plan zu gestalten und unsere Aufsicht auch auf die Nacht auszudehnen und nicht bis sieben Uhr zu schlafen und vor allem nicht die Abende im Kroog zu verbringen.
Fischer stehen früh auf, daran sollten wir denken!
Solche Inspektionen waren für den Wirt nicht die schlechtesten Tage. Der Wein floss, üppige Mahlzeiten wurden bestellt und dazwischen unsere hübsche Serviererin, von der wir inzwischen erfahren hatten, dass sie Marga Pagels hieß, hier bei ihrem Onkel, dem Wirt vom Gasthof wohnte und, ganz wichtig, noch nicht vergeben war.
Zu Hause war sie auf Voigtdey, einem kleinen Hof auf der Insel Ürkewitz zwischen dem rügenschen Festland und der Insel Ummanz.
Ein Besuch zu Hause war immer eine abenteuerliche Reise durch mehrere Furten. Ich war immer wieder verwundert und begeistert, mit welcher Gastfreundlichkeit der Wirt auch den Kapitän empfing. Langsam machte ich mir Gedanken, was wohl dahinter stecken konnte.
Vielmehr beschäftigte mich aber, ja verwirrte mich, die Nähe dieses hübschen Mädchens. Immer wenn sich unsere Blicke trafen, schlug mein Herz schneller und sie gab mir zu verstehen, dass auch ich ihr nicht gleichgültig war, als sie meine Blicke erwiderte. Wie konnte ich sie näher kennen lernen?
Langsam bemerkten auch meine Kameraden unsere schüchterne Zuneigung. Ich musste sie, ohne dass die anderen es bemerkten, sprechen können.
Eines Tages klappte es. Ich kam morgens etwas später vom Pferdefüttern über den Hof, als sie aus der Hoftür trat und sich abmühte, frisches Wasser von der Pumpe zu holen.
Jetzt nutzte ich die Chance, als Kavalier bester Erziehung nahm ich ihr die Wassereimer ab.
»Guten Morgen Mademoiselle«, mischte ich etwas französisch in die eingeleitete Unterhaltung, »darf ich Ihnen die Wassereimer abnehmen?«
»Sehr freundlich von Ihnen«, bedankte sie sich.
»Für Sie tue ich doch fast alles.«
»Ich nehme Sie beim Wort«, war ihre Antwort.
Ich setzte die Wassereimer in der Küche ab und meinte keck: »Viel lieber würde ich Sie mal an ihrem freien Tag zu einem Spaziergang einladen.«
»Das können wir Montag Nachmittag machen, da habe ich frei«, entgegnete sie überraschend schlagfertig.
»Ich habe aber erst am Abend frei.«
»Gut, sagen wir um 19 Uhr vor dem Pfarrhof?«
»Einverstanden.«
Ich schüttelte ihr die entgegengestreckte Hand und war überglücklich.
Vorsorglich verließ ich die Küche wieder in Richtung Hof, denn meine Kameraden sollten noch nichts bemerken.
Alle anderen waren schon am Frühstückstisch versammelt. Was konnte sie nur damit gemeint haben: »Ich nehme Sie beim Wort.« Diese Worte gingen mir nicht aus dem Sinn.
Etwas zurückhaltend nahm ich schweigend mein Frühstück zu mir.
»Hast du heute nicht richtig ausgeschlafen«, blubberte mich Vincent unerwartet an, »du sagst ja nicht ein Wort.«
»Es ist alles in Ordnung, ich muss ja nicht immer der Vorredner sein«, erwiderte ich.
»Sehr bescheiden«, konterte er.
Ich war froh, als dies Thema vom Tisch war. Sie hatten nichts bemerkt.
Den kommenden Montag konnte ich kaum erwarten. Die Tage wollten nicht vergehen.
Endlich war es so weit und ich wartete am vereinbarten Ort zu der vereinbarten Zeit auf sie. Warten war eigentlich die falsche Bezeichnung, denn sie kam keine fünf Minuten später.
»Für die Pünktlichkeit einer Frau nicht der Rede Wert«, schoss es mir durch den Kopf.
Wir wählten einen Weg entlang der Küste, Richtung Norden, vorbei an weidenden Schafen, immer den Wellenschlag des anlaufenden Boddens in den Ohren.
Sie erzählte mir von ihrem zu Hause und ich ihr umgekehrt aus Westfalen.
Erst als es fast schon dunkel war, kehrten wir zurück.
Ich verhielt mich völlig brav, denn ich wollte sie nicht mit abgebrühten Soldatenpraktiken überfallen, ich wollte sie Schritt für Schritt erobern.
Das hier war nicht wie in Güstrow, ihre Zuneigung zu gewinnen lag mir sehr am Herzen.
Als ich beim Verabschieden ihre Hand hielt, reckte sie sich zu mir empor und gab mir einen Kuss auf die Wange.
Der Funke hatte gezündet. Ich war glücklich über meine Eroberung.
Die darauf folgenden Begegnungen blieben aber nicht mehr nur beim »Händchen halten«. Da sprühten die Funken, es war nicht nur ein Funke, es war ein Feuer, welches entfacht war.
Es war Erntezeit und auf den Feldern standen die Hocken. Nichts lag näher, als es uns an einer der Hocken bequem zu machen, wo wir die halbe Nacht verbrachten.
Es war ein warmer Sommerabend und das nahe Wasser lockte zum Baden. Nichts konnte uns stören, wir genossen unser Glück bis wir einschliefen.
Erst bei völliger Dunkelheit kehrten wir heim, um uns müde aber glücklich auf unsere getrennten Schlafstätten zu schleichen.
Wie so oft, wenn Fremde sich im Dorfkroog nach den Schönen umschauen, erzeugt das Eifersucht bei den einheimischen jungen Burschen. So auch hier in der Gastwirtschaft bei Albert Feil in Schaprode.
Als wir alle Mann zusammen saßen und unser Bier tranken, begannen zu vorgerückter Stunde junge Burschen, die schon einige Glas Bier mehr als wir getrunken hatten, uns anzupöbeln.
Unsere Dienstvorschrift besagte, auf so etwas nicht zu reagieren.
Später verließen sie vor uns die Gastwirtschaft, offenbar um uns nicht mit den besten Absichten, aufzulauern.
Nichts ahnend verließen die ersten zwei von uns die Gaststätte, um schlafen zu gehen, als sie von den »Prügelknaben« draußen angegriffen wurden.
Durch den Lärm alarmiert eilten wir zur Hilfe und nach einigem Schlagabtausch konnten wir die Kerle überwältigen und nahmen sie in Gewahrsam, wo sie bis zum Morgen ausnüchtern konnten.
Von einer weiteren Verfolgung wegen Angriffs auf unsere militärische Präsenz nahmen wir aber Abstand.
Nachdem wir uns schon eine Weile kannten, nahm Marga mich an einem weiteren arbeitsfreien Tag mit nach Hause zu ihren Eltern.
Diese Reise konnte nur zu Pferd beziehungsweise mit Pferd und Wagen erfolgen.
Marga nahm das Pferd ihres Onkels Albert, das meinige stand immer für mich bereit und so brachen wir an ihrem arbeitsfreien Montag auf zu ihr nach Hause, um ihre Eltern zu besuchen.
Meinen Dienst konnte ich beim Leutnant entsprechend meinem Anliegen gestalten. Er hatte großes Verständnis für meine Wünsche und konnte sich ein: »Na denn Voila«, nicht verkneifen. Zu gerne hätte er wohl mit mir getauscht, das war ihm anzumerken.
Von Schaprode ging es nach Streu, um dort die Furt durch die Udarser Wiek zu nehmen nach Wokenitz und weiter über Tankow, Böschow zur Insel Ürkevitz.
Dabei mussten wir erneut eine Furt passieren und über die Nachbarinsel Mährens gelangten wir wieder durchs Wasser zu unserem Ziel Ürkevitz.
Marga fand den Weg mit solcher Sicherheit, dass ich mit geschlossenen Augen folgen konnte. Für einen ausgebildeten Kavalleristen war das überhaupt kein Problem. Mein Pferd folgte in dieser ungewohnten Umgebung treu der Vorreiterin. Ab und zu blieb sie stehen und wartete, bis ich aufgeschlossen war.
Für mein gehorsames Folgen wurde ich jedes Mal mit einem Kuss belohnt.
Vater Pagels hatte die Ankömmlinge schon von weitem beobachtet und Mutter alarmiert, so dass das Kaffeewasser bereits kochte, als wir die Insel betraten.
Schäferhund Rex kam uns schon auf Mährens entgegen, um Marga freudig zu begrüßen. Pudelnass schüttelte er sich zu unserer Freude in unmittelbarer Nähe, um darauf erneut ins Wasser zu gehen, als ob er sich neue Munition holen wollte.
Allmählich wurden wir so nass wie er selbst war.
Marga fiel ihrem Vater zur Begrüßung um den Hals.
»Nooh mien Deern«, mit diesen Worten nahm Vater seine heimkehrende Tochter in die Arme und drückte sie.
Jetzt war ich an der Reihe.
Mit den Worten: »Das ist mein deutscher Franzose ›Jan‹, nein, nein er ist Westfale und das ist mein Papa«, machte Marga uns bekannt.
»Magnus Pagels«, stellte sich der Vater nähertretend, noch einmal selbst vor, streckte mir seine kräftige Fischerhand entgegen und hieß mich willkommen.
Obwohl man hier in der Familie plattdeutsch sprach, beherrschte Margas Vater auch das Hochdeutsche.
Mir war das hiesige Platt halbwegs geläufig, weil es viel Ähnlichkeit mit der Mundart bei uns an der holländischen Grenze und selbst in Holland hatte.
Er war keineswegs erstaunt über meine Uniform der Chasseuer a Cheval.
Marga hatte bereits im voraus eine ausführliche Beschreibung meiner Person hinterlassen, bevor sie ihren Liebsten zu Hause vorstellte.
Der Vater war, obwohl Insulaner, ein weltoffener Mann und dachte vielleicht im Stillen, dass diese Bekanntschaft absolut nicht schaden könnte.
Er war ein großer, kräftiger Mann in mittleren Jahren mit von Sonne, Wind und Wetter gebräunten Gesichtszügen und scharfen, aber freundlichen Augen.
Auf dem Weg zum Haus kam uns auch Margas Mutter entgegen. Die Tochter war ihr Ebenbild, vielleicht etwas kleiner.
Nachdem ich auch von ihr sehr herzlich begrüßt worden war, ließen wir uns an einen Gartentisch vor dem Haus zum Kaffeetrinken nieder.
Ein üppiger Nussbaum spendete ausgiebigen Schatten. Um das ganze Wohnhaus wuchsen üppige gelbe und rote Kletterrosen.
Der Duft von echtem Bohnenkaffee und frisch gebackenem Apfelkuchen verliehen das Gefühl, wieder zu Hause zu sein.
Den guten Kaffee musste ich doch bei der Hausfrau loben, denn durch die Blockade tranken wir schon längere Zeit nur Kaffee aus gerösteter Gerste.
Vater Magnus beeilte sich mit der vorsichtigen Bemerkung: »Ja, die Seefahrer haben immer ihre Reserven«, wobei er leicht schmunzelte und mir zuzwinkerte.
Auch ich hatte so meine Gedanken, behielt sie aber höflicher Weise für mich.
Anschließend machten wir Männer einen Spaziergang rund um die Insel und Vater Pagels zeigte mir sein »Königreich«, während die Frauen das Abendbrot vorbereiteten.
Bei der Größe der Insel brauchten wir für diesen Rundgang nicht mal eine Stunde.
Von der höchsten Erhebung hatte man einen guten Überblick über das flache Land, die vielen Inseln und Halbinseln, die meistens von breiten Rohrplänen umsäumt waren. Dazwischen glitzernde Wasserflächen mit einer Unzahl von Wasservögeln.
»Man könnte annehmen, mitten in einem endlosen Meer mit vielen Inseln zu leben«, begann Vater Magnus seine schwärmerischen Schilderungen, »wenn man aber sieht, wie die Kraniche im Wasser stehen, begreift man, dass diese Gewässer meist nur knietief sind.«
Natürlich durfte ich es nicht versäumen, den bescheidenen Viehbestand zu besichtigen.
Bei dieser kleinen Bauernwirtschaft handelte es sich um einen sogenannten Fischerbauern, wie man sie zu dieser Zeit hier an der Küste noch häufig antraf.
Einerseits ergänzte sich die Tätigkeit als Fischer und Bauer jahreszeitlich gut, zum Anderen konnte eine Tätigkeit alleine die Familie nicht ernähren.
Die Insel war nicht viel größer als vier Hektar. Magnus Pagels besaß aber noch Ackerland auf Ummanz und begrenzt nutzbares Weideland auf den Inseln Liebes und Mährens. Begrenzt deshalb, weil auf diesen Inseln Vogelbrutkolonien waren, für die der Bewuchs auch kurz gehalten werden mussten.
Das besorgten das ganze Jahr über an die zwölf Schafe, so genannte Pommersche Rauhwollschafe mit grauer Wolle sowie schwarzen Köpfen und Beinen, eine äußerst widerstandsfähige Rasse, direkt für das Klima an der Küste geschaffen. Im Winter brauchten sie allenfalls ein Schutzdach, können aber weitgehend draußen bleiben.
»Zwei Pferde, sechs Kühe, etliche Schweine, ein paar Hühner, Enten und Gänse, das reicht zum Leben, dazu meine Fischerei«, erklärte Pagels.
Die fast baumlose Insel Ürkevitz wurde ausschließlich als Weideland genutzt.
»Ja«, meinte er, »zu dieser Jahreszeit ist es ein Paradies, aber im Winter gibt es hier nichts wie Wind, Wind und nochmals Wind. Ich glaube vierhundert Tage im Jahr.«
Als er bemerkte, dass ich ihn groß ansah schmunzelte und korrigierte er: »Jedenfalls mehr Wind, als einem Recht ist. Der einzige Vorteil besteht im Winter in den kürzeren Verbindungswegen, weil wir dann bei ausreichend Frost über das Eis fahren.«
»Ist das nicht gefährlich?«
»Im Laufe der Zeit entwickelt sich da eine gewisse Erfahrung. Leichtsinn bestraft der liebe Gott nur einmal. Wenn man viel Glück hat, vielleicht auch ein zweites Mal.«
Als wir an eine Stelle westlich der Insel kamen, an der uns das Wasser keine zwanzig Meter von Ummanz trennte, fragte ich: »Warum reiten und fahren Sie nicht hier durch und machen statt dessen den Umweg über Mährens. Das ist doch hier nur ein Sprung.«
»Hier ist aber es moorig und deshalb nicht passierbar«, war Pagels Antwort.
»Das leuchtet mir ein.«
»Nicht immer ist der kürzeste Weg auch der sicherste«, belehrte er.
»Ja, das stimmt.«
Als es draußen etwas ungemütlich wurde, gingen wir ins Haus. Es war ein mit Rohr gedeckter Backsteinbau, die Räume mit niedrigen Decken und groben, breiten Dielen.
So genannte Danebroog-Fenster8, die nach außen geöffnet und mit Sturmhaken gesichert wurden, ließen gerade so viel Licht wie benötigt ins Innere, denn jedes größere der einfachen Fenster bedeutete Wärmeverlust im Winter.
Durchdacht war auch das Öffnen der Fenster nach außen, denn dann drückte der Sturm die Fenster von selbst zu, und Sturm gab es hier genug.
In der Küche fiel sofort, der mit einer gewaltigen Rauchglocke überspannte Kohleherd auf.
In den Zimmern gaben bis an die Decke reichende Kachelöfen den Räumen eine gemütliche Atmosphäre, schon der Anblick dieser Öfen strahlte Wärme aus.
Selbstverständlich gab es zu dieser Zeit noch keinen elektrischen Strom.
Mir fielen sofort mehrere wunderschöne, sitzende Porzellanhunde in der Wohnstube auf, die alle ihre Plätze auf dem Schrank bzw. der Anrichte hatten. Es waren immer Pärchen, die zusammen gehörten. Sie hatten ausgeprägte, hübsche Köpfe und goldene Halsbänder.
Als ich danach fragte, nahm Pagels mich bei Seite, sah sich nach den Frauen um und erklärte mir mit leiser Stimme: »Das sind Souvenirs, die Vater als Seemann aus England mitgebracht hat. Was die Frauen nicht wissen ist, dass diese Porzellanhunde aus den dortigen Rotlichtgassen stammen, sonst hätte sie meine Mutter wohl schon zerdeppert. Dort stand immer ein Pärchen im Fenster. Wenn die Rotlichtdamen besetzt waren, sahen sich die beiden Hunde an, waren sie frei, guckten die Hunde in die entgegengesetzte Richtung.«
Er konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. »Aber jetzt wollen wir erst mal einen kräftigen Rum trinken.«
»O, das ist ja Fünfzigprozentiger aus Übersee.«
»Ja, was sonst?«
Er füllte die Gläser und sagte: »Prost, ich heiße Magnus.«
»Und ich Jan.«
Das Eis war gebrochen.
Gegen Abend kam auch Margas jüngerer Bruder Carl nach Hause. Er befand sich in der Zimmermannslehre und hatte aus Gingst kommend mit einem Boot übergesetzt. Er konnte es gar nicht erwarten, den angekündigten Gast in der schmucken Uniform zu sehen.
Als er sein Boot fest gemacht hatte, sprang er in wenigen Sätzen die Anhöhe zu uns hinauf und begrüßte einen nach dem anderen.
Auch ich wurde von ihm freundschaftlich begrüßt, wobei er sich ausgiebig für meine Uniform interessierte, die ich aber im Laufe des Tages schon nach und nach abgelegt hatte.
Die Mütze musste er sich gleich selbst aufsetzen, um damit vor den Spiegel zu ziehen und sich unter allgemeinem Gelächter zu präsentieren.
Die Frauen deckten den Abendbrottisch und zu meiner Überraschung gab es frisch geräucherten Spickaal (Räucheraal) und selbst gebackenes Brot.
Geräucherter Aal war etwas, was ich noch gar nicht kannte. Vater Pagels erläuterte, dass nun im Herbst der erste dickere Aal läuft und erklärte ausgiebig wie er zubereitet wird. Dabei vergaß er nicht, das zweite Mal Rum einzuschenken.
Dieses Mal tranken auch die Frauen und der Bruder ein Gläschen mit und allmählich wurde die Runde immer lustiger.
Lange saßen wir vergnügt um den Abendbrottisch und hatten viel zu erzählen.
Rex war mitten drin und lag unter dem Tisch, ihm entging nichts.
Am nächsten Morgen waren Vater und Sohn schon früh auf den Beinen. Ich schloss mich ihnen an, während Marga sich noch im Bett kuschelte und ihren freien Tag genoss.
Margas Bruder Carl musste wieder zur Arbeit nach Gingst. Ich begleitete Vater Magnus und wir ruderten zusammen auf den Bodden, um die Ringreusen zu kontrollieren.
Mit reichlichem Aalfang kehrten wir heim.
Der Fisch wurde in Gingst auf dem Markt verkauft beziehungsweise an den Schwager für die Gastwirtschaft in Schaprode geliefert.
Nach dem Mittagessen hielten wir uns nicht mehr lange auf der Insel auf. Wir wollten die mit Birkenreisig markierten Furten auf dem Nachhauseweg unbedingt bei Tageslicht passieren.
In dem seichten Wasser hatten sich hunderte Kraniche eingefunden.
Marga erklärte mir: »Zu dieser Jahreszeit sind sie, wie alle Jahre wieder, als Zugvögel von Skandinavien und Sibirien auf dem Weg in den Süden und halten sich hier mehrere Tage auf. Im knietiefen Wasser übernachten sie dann und schlafen, manchmal auf einem Bein. Kannst du das auch? Tagsüber fressen sie sich auf den Feldern satt, aber da fühlen sie sich nachts nicht sicher.«
Um die Furt zu finden, waren gute Ortskenntnisse und ein scharfes Auge gefragt.
Zwischen Streu und Ummanz kam uns ein Pferdegespann entgegen.
Erst als wir uns fast auf gleicher Höhe befanden, erkannte Marga ihre langjährige Freundin Stiene Gau aus Heide auf Ummanz. Es war ein freudiges Wiedersehen.
»Besucht uns mal«, und an mich gewandt rief sie: »Bring deinen schneidigen Kameraden mit«, gemeint war Vincent. Ich dachte so bei mir, wir sind also schon bei den Einheimischen bekannt.
Unterwegs sagte Marga plötzlich: »Ich glaube, du hast einen guten Eindruck bei meinen Eltern hinterlassen, beim Verabschieden zwinkerte Vater mir so zu, als wolle er sagen, Mädchen ich freue mich für dich.«
»Mir gefallen deine Eltern auch.«
An einem der nächsten Tage brachten wir am Südbug ein aus Richtung der rügenschen Bodengewässer kommendes Zeesboot auf.
Am Abend vorher hatten wir uns dort vor Anker gelegt und waren in aller Frühe zur Stelle.
Als der Schiffer nicht sofort seine Segel fallen lassen wollte, um seine Fahrt zu stoppen, bekam er den berühmten Schuss vor den Bug.
Es war zwar nur eine Gewehrkugel und kein Zehnpfünder, aber die Wirkung war zufriedenstellend und der Kaptän9 stoppte seine Fahrt.
Als wir näher kamen, stellten wir fest, dass der aus Breege stammende Fischer sein Schiff bis an den Rand mit Getreide beladen hatte.
Ladung und Schiff wurden konfisziert und dem Schiffsführer befohlen, uns im Kielwasser zu folgen.
Mit großem Interesse wurde unser Einlaufen in den Schaproder Hafen verfolgt und wir spürten, dass wir von nun an mit großem Respekt betrachtet wurden, Sympathie war es bestimmt nicht gerade.
Schiff und Getreide wurden beschlagnahmt und dem Schiffseigner auferlegt, die Ladung auf seine Kosten zu entladen.
Erst nach Entrichtung einer Kaution, die einer Geldstrafe gleich kam, erhielt der Kaptän sein Schiff zurück, wobei ihm die völlige Enteignung angedroht wurde, wenn er ein zweites Mal beim Schmuggeln ertappt würde.
Bei solchen Prozeduren zeigte unser Leutnant kein Pardon. Dieses Durchgreifen zeigte kurze Zeit Wirkung, wahrscheinlich wurden danach nur andere Wege beschritten.
Etwa an der gleichen Stelle »Südbug« hatten wir mittlerweile das fünfte Boot aufgebracht.
Eigenartiger Weise kamen von Süden, also aus Richtung Stralsund, keine Durchbruchsversuche. Diese Tatsache beschäftigte mich so manche Nacht, wenn ich wach lag.
Eines Abends saß ich noch lange in der Wirtschaft, um Marga Gesellschaft zu leisten, da fielen mir zwei Männer an einem der hinteren Tische auf, die jedes Mal, wenn Marga neu einschenkte, halblaut aber energisch auf sie einredeten.
Ich verabschiedete mich dann, um noch einmal zu den Pferden auf dem Pfarrhof zu sehen.
Es war langsam Mitternacht geworden und am nächsten Tag war keine Seeinspektion geplant. Als ich von den Pferden zurück kam und mich dem Wirtshaus näherte, sah ich, wie die besagten Männer gerade die Wirtschaft verließen, in Richtung Hafen gingen und mit einem Boot zur Öhe überzusetzen. Das machte mich neugierig.
Ich folgte ihnen bis zur der Stelle, wo sie mit dem Boot abgelegt hatten und suchte einen Punkt, von wo ich trotz der Dunkelheit so gut es ging, beobachten konnte.
Sie bewegten sich auf der Insel in Richtung Westküste, waren aber dann durch die Dunkelheit meinen Blicken entzogen.
Trotzdem verweilte ich noch einen Augenblick in meiner Deckung, als ich plötzlich in ziemlicher Entfernung einen Feuerschein durch das Schlehengebüsch auf der Öhe aufleuchten sah. Sollten die beiden dort ein Signalfeuer entfacht haben?
Ich verließ meine Deckung und eilte am Bollwerk entlang bis zu der Spitze, wo der Strom in den Schaproder Bodden geht und rechter Hand der Strand beginnt, zog meine Stiefel aus und ging so weit wie möglich hinaus in das flache Wasser.
Jetzt konnte ich das Feuer deutlich sehen. Zwei Gestalten liefen dort umher und legten Treibholz auf die Flammen. Sie sprangen um das Feuer wie Rumpelstilzchen im gleichnamigen Märchen.
Ich ging zurück und zog mir gerade meine Stiefel am Strand wieder an, als lautlos aus dem Dunkel drei Zeesboote hintereinander an der Küste vorbei zogen.
Sollte ich Alarm schlagen? Eine innere Stimme riet mir zur Besonnenheit, erst überlegen, dann handeln! Sollten Marga und ihre Familie darin verwickelt sein? Sollte ihre Liebe nur gespielt sein, machte sie mir etwas vor, um mich auszuspionieren?
Mein Herz schlug wie ein Hammer auf den Amboss.
Es war bereits zwei Stunden nach Mitternacht und ich hatte noch kein Auge zugemacht. Ich war immer noch aufgeregt und hellwach.
Als ich mich endlich schlafen legte, beschloss ich keinem von meiner nächtlichen Beobachtung etwas zu sagen.
Ich erwachte früh und grübelte von Neuem. Haben die Schmuggler herausgefunden, dass heute keine Inspektionsfahrt stattfindet? Deshalb haben wir aus Richtung Stralsund nie ein Boot abgefangen. War Marga die Spionin? Was hat ihr Vater vielleicht damit zu tun?
Als Blockadesicherer und mit meiner Liebe zu Marga andererseits, stand ich plötzlich zwischen zwei Fronten, was mich vor’s Kriegsgericht bringen könnte.
Heute hatte Marga wieder dienstfrei und wir trafen uns wie gewohnt.
Eine Heimfahrt war dieses Mal nicht geplant, wir nahmen unseren gewohnten Weg entlang der Küste in Richtung Seehof.
Wir gingen lange Hand in Hand schweigend nebeneinander her. Plötzlich wandte sie sich zu mir, vergrub ihr Gesicht an meiner Brust und fing an, bitterlich zu weinen.
»Nanu, was ist denn los?«
»Ich will dich nicht verlieren. Es gibt so vieles, was du nicht weißt.«
»Nun beruhige dich erst einmal. Glaubst du wirklich, ich hätte nichts bemerkt?«
Bei diesen Worten hörte sie auf zu schluchzen. »Was hast du bemerkt?«
»Ich denke, alles was dich beunruhigt.«
Ihre hübschen Augen wurden immer größer und nun sprudelte es aus ihr heraus: »Es gibt da einen Kerl aus Streu, der übrigens gestern Abend mit einem zweiten bis spät in die Nacht in der Wirtschaft saß. Fortlaufend bedrängt er mich, ich solle für ihn in Erfahrung bringen, wann ihr auf Patrouille seid, damit sie danach ihre Schmuggelfahrten organisieren können. Wenn ich das nicht mache, würde er meinen Vater …«
Darmowy fragment się skończył.