Czytaj książkę: «Die böse Macht»
Die Perelandra-Trilogie
Dritter Band
Die böse Macht
C. S. Lewis

Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten
sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
eISBN 9783865064301
© 2005 für diese Ausgabe by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers
Vollständige, ungekürzte Ausgabe. Übersetzung von Walter Brumm
Neubearbeitung von Nicola Volland
© der deutschen Übersetzung: Thienemann Verlag, 1990
THAT HIDEOUS STRENGTH previously published in paperback
by Voyager 2000. First published in Great Britain by John Lane
(The Bodley Head) Ltd 1945
Copyright © C. S. Lewis Pte Ltd 1945
Einbandgestaltung: BrendowCreativ, Moers
Titelmotiv: GettyImages, München
www.brendow-verlag.de
Inhalt
Cover
Titelseite
Impressum
Vorwort
1 Verkauf von Universitätsgelände
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2 Abendessen beim Vizerektor
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3 Belbury und St. Anne’s on the Hill
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4 Die Beseitigung von Anachronismen
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5 Flexibilität
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6 Nebel
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7 Der Pendragon
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8 Mondschein über Belbury
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9 Der Kopf des Sarazenen
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10 Die eroberte Stadt
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11 Der Kampf beginnt
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12 Nacht in Wind und Regen
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13 Sie haben den Zorn der Himmelstiefen
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14 Das wahre Leben ist Begegnung
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15 Die Herabkunft der Götter
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16 Bankett in Belbury
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17 Venus in St. Anne’s
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Vorwort
Ich habe dieses Buch ein Märchen genannt, damit nicht diejenigen, die keine fantastische Literatur mögen, von den ersten beiden Kapiteln zum Weiterlesen verführt werden und sich dann hinterher enttäuscht beklagen. Wenn Sie fragen, warum ich – wenn ich über Zauberer, Teufel, pantomimische Tiere und planetarische Engel schreiben will – dennoch mit ganz alltäglichen Szenen und Personen beginne, dann antworte ich, dass ich damit nur der Form des herkömmlichen Märchens folge. Wir erkennen diese Form nicht immer sogleich, weil die Hütten und Schlösser, die Holzfäller und Könige uns heute ebenso fern liegen wie die Hexen und Ungeheuer, mit denen das Märchen dann fortfährt. Doch den Menschen, die die Geschichten ersonnen und sich als Erste daran erfreut haben, waren diese Dinge ganz und gar nicht fremd. Sie waren für diese Leute sogar wirklicher und alltäglicher, als Bracton College für mich ist: denn viele deutsche Bauern hatten selbst grausame Stiefmütter, während ich an keiner Universität ein College wie Bracton angetroffen habe. Dies ist eine unglaubliche Geschichte über Teufelswerk, doch dahinter steht eine ernste Absicht, die ich in meinem Buch Die Abschaffung des Menschen darzustellen versucht habe. In der Geschichte sollte gezeigt werden, wie der äußere Rand dieses Teufelswerks das Leben eines gewöhnlichen und geachteten Berufsstandes berührt. Meinen eigenen Beruf habe ich selbstverständlich nicht deshalb gewählt, weil ich etwa dächte, Universitätslehrer erlägen einem solch verderblichen Einfluss eher als andere, sondern weil mein eigener Beruf der einzige ist, den ich gut genug kenne, um darüber schreiben zu können. Ich habe mir eine sehr kleine Universität ausgedacht, weil das für einen Roman bestimmte Vorteile bietet. Edgestow hat, abgesehen von der Größe, keinerlei Ähnlichkeit mit Durham, einer Universität, mit der ich nur Angenehmes verbinde.
Einen der zentralen Gedanken dieser Erzählung verdanke ich Gesprächen, geführt mit einem wissenschaftlichen Kollegen, einige Zeit bevor ich in Olaf Stapledons Werken auf eine ähnliche Anregung stieß. Sollte ich in diesem Punkte irren, so ist Herr Stapledon doch so reich an Einfällen, dass er ohne weiteres einen davon ausleihen kann; und ich bewundere seinen Einfallsreichtum (wenn auch nicht seine Philosophie) so sehr, dass ich mich einer Anleihe keineswegs schäme.
Wer gerne mehr über Numinor und den Wahren Westen erfahren möchte, muss (leider!) die Veröffentlichung dessen abwarten, was bislang nur in den Manuskripten meines Freundes J. R. R. Tolkien existiert.
Der vorliegende Roman spielt irgendwann in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Er beschließt die Trilogie, deren erster Band Jenseits des schweigenden Sterns und deren zweiter Band Perelandra war, kann aber auch für sich gelesen werden.
Magdalen College, Oxford
C. S. Lewis
Weihnachtsabend 1943
1 Verkauf von Universitätsgelände
»Und drittens wurde die Ehe eingesetzt«, murmelte Jane Studock vor sich hin, »damit jeder des anderen Gesellschaft, Stütze und Trost sei.« Seit ihrer Schulzeit war sie nicht mehr in der Kirche gewesen, bis sie vor einem halben Jahr dort die Ehe geschlossen hatte, und die Worte des Gottesdienstes hafteten ihr noch immer im Gedächtnis.
Durch die offene Tür konnte sie die winzige Küche der Wohnung sehen und das laute, unangenehme Ticken der Uhr hören. Sie war gerade aus der Küche gekommen und wusste, wie ordentlich es dort war. Das Frühstücksgeschirr war gespült, die Tücher hingen über dem Herd, und der Boden war aufgewischt. Die Betten waren gemacht und die Zimmer aufgeräumt. Den einzigen Einkauf, der an diesem Tag nötig war, hatte sie getätigt, und es war erst eine Minute vor elf. Sie musste sich nur noch selbst ein Mittagessen und den Tee bereiten, ansonsten hatte sie bis sechs Uhr nichts mehr zu tun, selbst wenn sie davon ausging, dass Mark zum Abendessen nach Hause käme. Aber heute war im College eine Sitzung anberaumt. Sehr wahrscheinlich würde Mark zur Teestunde anrufen und sagen, dass die Sitzung länger als erwartet dauere und er im College werde essen müssen. Die Stunden, die vor ihr lagen, waren leer wie die Wohnung. Die Sonne schien, und die Uhr tickte.
»Gesellschaft, Stütze und Trost«, sagte Jane bitter. In Wahrheit hatte die Ehe sich als eine Tür erwiesen, die aus einer Welt voller Arbeit und Kameradschaft, Frohsinn und Geschäftigkeit in eine Art Einzelhaft geführt hatte. In den Jahren vor ihrer Heirat hatte sie nie so wenig von Mark gesehen wie in den vergangenen sechs Monaten. Selbst wenn er zu Hause war, sprach er fast nie. Immer war er entweder müde oder in Gedanken. Solange sie Freunde gewesen waren, und auch später als Liebespaar, hatten sie geglaubt, das Leben sei zu kurz für all das, was sie einander zu sagen hatten. Aber nun … Warum hatte er sie überhaupt geheiratet? Liebte er sie noch? Dann musste Liebe für Männer etwas ganz anderes sein als für
Frauen. War es die bittere Wahrheit, dass all die endlosen Gespräche, die ihr selbst vor der Ehe als das eigentliche Medium der Liebe erschienen waren, für ihn nicht mehr als ein Vorspiel gewesen waren?
»Schon wieder bin ich drauf und dran, einen Tag zu vertrödeln«, tadelte sie sich. »Ich muss etwas arbeiten.« Damit meinte sie ihre Doktorarbeit über den Dichter John Donne. Sie hatte vorgehabt, auch als verheiratete Frau ihre wissenschaftliche Karriere fortzusetzen; dies war einer der Gründe, warum sie, wenigstens auf absehbare Zeit, keine Kinder haben wollten. Jane war keine sehr originelle Denkerin; sie hatte vorgehabt, besonderes Gewicht auf Donnes ›triumphale Aufwertung des Körpers‹ zu legen. Sie glaubte noch immer, ihre einstige Begeisterung für diesen Gegenstand werde wieder erwachen, wenn sie erst alle ihre Aufzeichnungen und Bücher hervorgeholt und sich ernsthaft an die Arbeit gemacht hätte. Doch zunächst einmal, vielleicht um den Arbeitsbeginn ein wenig hinauszuschieben, drehte sie eine Zeitung um, die auf dem Tisch lag, und überflog die letzte Seite.
In dem Augenblick, in dem sie das Bild sah, fiel ihr der Traum ein. Sie erinnerte sich nicht nur an den Traum, sondern auch daran, wie sie aus dem Bett gekrochen war und eine endlos lange Zeit im Sitzen auf die ersten Anzeichen des Morgens gewartet hatte; aus Angst, Mark könnte wach werden und sich unnötig aufregen, hatte sie kein Licht gemacht; dennoch kränkte sie das Geräusch seines gleichmäßigen Atems. Er hatte einen ausgezeichneten Schlaf. Nur eins schien im Stande, ihn wach zu halten, nachdem er zu Bett gegangen war, und auch das nicht lange.
Der Schrecken dieses Traums wird sich wie die Schrecken der meisten Träume mit dem Erzählen verflüchtigen, aber um der folgenden Ereignisse willen muss er festgehalten werden.
Zu Anfang hatte sie nur ein Gesicht gesehen. Es war ein fremdländisches Gesicht, bärtig und eher gelb, mit einer Hakennase. Seine Miene machte Angst, weil sie selbst Angst ausdrückte. Der Unterkiefer hing herab, und die Augen stierten wie die Augen eines Menschen, der im Augenblick unter dem Eindruck eines jähen Schockes steht. Nur schien dieses Gesicht einem stundenlangen Schock ausgesetzt. Dann sah
sie allmählich mehr. Das Gesicht gehörte einem Mann, der zusammengekauert in der Ecke eines kleinen viereckigen Raumes mit weiß getünchten Wänden hockte und offenbar darauf wartete, dass diejenigen, in deren Gewalt er sich befand, hereinkommen und ihm irgendetwas Schreckliches antun würden. Schließlich wurde die Tür geöffnet, und ein recht gut aussehender Mann mit grauem Spitzbart kam herein. Der Gefangene schien in ihm einen alten Bekannten wieder zu erkennen, und sie setzten sich zusammen und begannen zu sprechen. In allen Träumen, die Jane bisher geträumt hatte, verstand man entweder, was die Traumgestalten sagten, oder man hörte es nicht. Aber in diesem Traum – und das machte ihn außerordentlich realistisch – wurde das Gespräch auf Französisch geführt, und Jane verstand einzelne Brocken, keineswegs alles, genau wie es im wirklichen Leben gewesen wäre. Der Besucher erzählte dem Gefangenen etwas, das dieser anscheinend als gute Nachricht betrachten sollte. Und der Gefangene blickte zuerst auch mit einem Hoffnungsschimmer in den Augen auf und sagte: »Tiens … ah … ça marche«, aber dann wurde er unsicher und schien seine Meinung zu ändern. Der Besucher redete weiter mit leiser, gleichmäßiger Stimme auf ihn ein. Er war ein gut aussehender Mann von einer eher kühlen Art, er trug einen Kneifer, in dessen Gläsern sich das Licht spiegelte und seine Augen verbarg. Dies und die beinahe unnatürliche Vollkommenheit seiner Zähne mach-ten auf Jane einen irgendwie unangenehmen Eindruck. Dieser wurde noch verstärkt von der wachsenden Unruhe und schließlich dem Entsetzen des Gefangenen. Jane konnte nicht verstehen, was der Besucher dem Mann vorschlug, aber sie hörte heraus, dass der Gefangene zum Tode verurteilt worden war. Was immer der Besucher ihm anbot, es schien den anderen mehr zu ängstigen als der Gedanke an die Hinrichtung. An diesem Punkt verlor der Traum allen Anschein von Wirklichkeitsnähe und wurde zu einem gewöhnlichen Albtraum. Der Besucher rückte seinen Kneifer zurecht, lächelte weiter sein kühles Lächeln und fasste den Kopf des Gefangenen mit beiden Händen. Er drehte ihn mit einem scharfen Ruck herum und schraubte ihn ab – wie einen Taucherhelm. Der Besucher nahm den Kopf des Gefangenen mit, und dann ging alles durcheinander. Der Kopf stand zwar noch immer im Mittelpunkt des Traums, aber jetzt war es ein ganz anderer Kopf – ein Kopf mit einem wallenden weißen Bart, der über und über mit Erde bedeckt war. Er gehörte einem alten Mann, den irgendwelche Leute in einer Art Friedhof ausgruben – einem alten Briten, einer Art Druiden in einem langen Umhang. Jane dachte sich anfangs nicht viel dabei, weil sie glaubte, es sei ein Leichnam. Doch plötzlich merkte sie, dass dieses alte Ding zum Leben erwachte. »Passt auf!«, rief sie in ihrem Traum. »Er lebt. Halt! Halt! Ihr weckt ihn.« Aber die Leute kümmerten sich nicht um sie. Der ausgegrabene alte Mann richtete sich auf und begann, in einer Sprache zu reden, die ein wenig wie Spanisch klang. Und dies erschreckte Jane aus irgendeinem Grund so sehr, dass sie erwachte.
Das war der Traum, nicht schlimmer, aber auch nicht besser als viele andere Albträume. Doch es war nicht die bloße Erinnerung daran, die das Wohnzimmer vor ihren Augen verschwimmen ließ, sodass sie sich rasch setzen musste, um nicht hinzufallen. Die Anwandlung hatte einen anderen Grund. Dort, auf der Rückseite der Zeitung, war der Kopf, den sie im Albtraum gesehen hatte: der erste Kopf (wenn es überhaupt zwei gewesen waren) – der Kopf des Gefangenen. Mit äußerstem Widerwillen nahm sie die Zeitung vom Tisch. »Alcasans Hinrichtung«, lautete die Überschrift, und darunter hieß es: »Wissenschaftlicher Blaubart kommt unter die Guillotine«. Sie erinnerte sich undeutlich, den Fall verfolgt zu haben. Alcasan war ein bekannter Radiologe in einem Nachbarland – arabischer Abstammung, wie es hieß –, der seine Frau vergiftet und damit seine glänzende Karriere zerstört hatte. Daher also kam ihr Traum. Sie musste sich dieses Zeitungsfoto – der Mann hatte wirklich ein sehr unangenehmes Gesicht – angesehen haben, bevor sie zu Bett gegangen war. Aber nein, das konnte nicht sein. Die Zeitung war von diesem Morgen. Nun, dann hatte sie wohl vorher schon einmal ein Bild gesehen und es wieder vergessen – wahrscheinlich vor Wochen, als der Prozess begonnen hatte. Es war albern, sich so darüber aufzuregen. Und jetzt zu Donne. Mal sehen, wo waren wir stehen geblieben? An der zweifelhaften Stelle am Schluss der Alchimie der Liebe:
Nicht auf Verstand bei Frauen hoffe;
an Süßigkeit und Witz im besten Falle reich,
sind sie doch nur beseeltem Wachse gleich.
»Nicht auf Verstand bei Frauen hoffe.« Gab es Männer, die wirklich Frauen mit Verstand wollten? Aber darum ging es nicht. »Ich muss wieder lernen, mich zu konzentrieren«, sagte Jane zu sich selbst, und dann: »Habe ich wirklich schon früher ein Bild von diesem Alcasan gesehen? Angenommen …«
Fünf Minuten später schob sie ihre Bücher beiseite, ging zum Spiegel, setzte ihren Hut auf und verließ das Haus. Sie wusste nicht genau, wohin sie wollte. Irgendwohin, nur fort aus diesem Zimmer, dieser Wohnung, diesem ganzen Haus.
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Mark ging unterdessen zum Bracton College hinunter und dachte an ganz andere Dinge. Er bemerkte nichts von der morgendlichen Schönheit der kleinen Straße, die ihn von dem höher gelegenen Vorort, in dem er und Jane wohnten, zur Stadtmitte und zum Universitätsviertel von Edgestow hinabführte.
Obwohl ich in Oxford studiert habe und Cambridge sehr schätze, finde ich Edgestow schöner als beide. Zum einen, weil es so klein ist; kein Hersteller von Autos oder Würstchen oder Marmeladen hat die ländliche Umgebung der kleinen Stadt bisher industrialisiert. Und auch die Universität selbst ist winzig. Außer Bracton und dem auf der anderen Seite der Eisenbahnlinie gelegenen Frauencollege aus dem neunzehnten Jahrhundert gibt es nur zwei Colleges: Northumberland, das flussabwärts von Bracton am Ufer des Wynd steht, und Duke’s gegenüber dem Kloster. Bracton nimmt keine Studienanfänger auf. Es wurde um dreizehnhundert gegründet, um den Lebensunterhalt zehn gelehrter Männer zu sichern, deren Pflichten darin bestanden, für Henry de Bractons Seele zu beten und die Gesetze Englands zu studieren. Die Zahl der Dozenten ist allmählich auf vierzig angestiegen, von denen nur sechs Juristen sind und von denen vermutlich keiner mehr für Bractons Seele betet. Mark Studdock war Soziologe und vor fünf Jahren auf einen Lehrstuhl dieses Fachs berufen worden. Er begann, allmählich Fuß zu fassen. Wenn er daran gezweifelt hätte (was er nicht tat), so wäre er beruhigt gewesen, als er vor der Post mit Curry zusammentraf und sah, wie selbstverständlich Curry mit ihm zusammen zum College ging und über die Tagesordnung der bevorstehenden Sitzung diskutierte. Curry war der Vizerektor von Bracton.
»Ja«, sagte Curry. »Es wird verteufelt lange dauern; wahrscheinlich nach dem Abendessen noch weitergehen. Die Obstruktionisten werden nach Kräften Zeit vergeuden. Aber das ist zum Glück alles, was sie können.«
Dem Ton von Studdocks Antwort war nicht zu entnehmen, wie ungemein wohltuend er Currys Gebrauch des Pronomens ›wir‹ empfunden hatte. Noch bis vor kurzem war er ein Außenseiter gewesen, der die Aktivitäten von ›Curry und seiner Clique‹ mit ehrfürchtiger Scheu und ein wenig verständnislos beobachtet und bei Sitzungen kurze, nervöse Ansprachen gehalten hatte, die den Gang der Ereignisse niemals beeinflussten. Jetzt gehörte er dazu, und aus ›Curry und seiner Clique‹ waren ›wir‹ oder ›das Fortschrittliche Element‹ am College geworden. Das war alles ziemlich plötzlich gekommen und schmeckte immer noch süß.
»Sie glauben also, es wird durchgehen?«, sagte Studdock.
»Ganz sicher«, antwortete Curry. »Wir haben den Rektor, den Schatzmeister und alle Chemiker und Biochemiker auf unserer Seite. Pelham und Ted habe ich bearbeitet, von ihnen ist nichts zu befürchten. Außerdem habe ich Sancho eingeredet, er wisse, worum es gehe, und sei dafür. Bill der Blizzard wird wahrscheinlich wüten, aber wenn es zur Abstimmung kommt, wird er sich auf unsere Seite schlagen müssen. Übrigens habe ich Ihnen noch nicht gesagt, dass Dick dabei sein wird. Er ist gestern Abend gekommen und hat sich gleich an die Arbeit gemacht.«
Studdock überlegte verzweifelt, wie er verbergen könnte, dass er nicht wusste, wer Dick war. Im letzten Augenblick fiel ihm ein sehr unbedeutender Kollege mit Vornamen Richard ein.
»Telford?«, fragte er verwundert. Er wusste sehr gut, dass Telford nicht der Dick sein konnte, den Curry meinte, und darum gab er seiner Frage einen leicht belustigten und ironischen Unterton.
»Lieber Himmel! Telford!«, sagte Curry und lachte. »Nein. Ich meine Lord Feverstone – Dick Devine, wie er früher hieß.«
»Der Gedanke an Telford kam mir auch ein bisschen komisch vor«, sagte Studdock und stimmte in das Lachen ein. »Es freut mich, dass Feverstone kommt. Ich kenne ihn noch gar nicht, wissen Sie.«
»Nun, dann wird es höchste Zeit«, sagte Curry. »Hören Sie, kommen Sie heute zum Abendessen zu mir. Ich habe ihn auch eingeladen.« »Mit Vergnügen«, sagte Studdock wahrheitsgemäß. Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: »Ich nehme an, dass Feverstones Position sicher ist, oder?«
»Wie meinen Sie das?«, fragte Curry.
»Nun, Sie werden sich erinnern, dass darüber geredet wurde, ob jemand, der so viel abwesend ist, seinen Lehrstuhl hier behalten kann.« »Ach, Sie meinen Glossop und all diesen Schwindel. Das hat nichts zu bedeuten. Haben Sie es nicht für blanken Unsinn gehalten?«
»Unter uns gesagt, ja. Aber ich gebe zu, wenn ich öffentlich erklären müsste, warum jemand, der fast immer in London ist, weiterhin einen Lehrstuhl in Bracton haben sollte, würde ich mich nicht ganz leicht tun. Die wahren Gründe sind das, was Watson Imponderabilien nennen würde.«
»Da bin ich anderer Meinung. Ich hätte nichts dagegen, die wahren Gründe öffentlich zu erläutern. Ist es für ein College wie dieses nicht wichtig, einflussreiche Verbindungen zur Außenwelt zu haben? Es ist nicht ausgeschlossen, dass Dick im nächsten Kabinett sitzt. Schon bisher war Dick dem College von London aus nützlicher als Glossop und ein halbes Dutzend andere von der Sorte, die ihr ganzes Leben hier herumsitzen.« »Ja. Das ist natürlich der springende Punkt. Trotzdem wäre es schwierig, das in dieser Form bei einer Sitzung des Kollegiums vorzubringen.«
»Da ist übrigens etwas«, sagte Curry in einem etwas weniger vertraulichen Ton, »das Sie über Dick wissen sollten.«
»Was denn?« »Er hat Ihnen den Lehrstuhl verschafft.«
Mark schwieg. Er ließ sich nicht gern daran erinnern, dass er einmal nicht nur außerhalb des Progressiven Elements gestanden hatte, sondern sogar außerhalb des Colleges. Curry war ihm keineswegs immer sympathisch. Er genoss das Zusammensein mit ihm nicht auf diese Weise.
»Ja«, sagte Curry. »Denniston war Ihr Hauptrivale. Unter uns gesagt, vielen Leuten gefielen seine Arbeiten besser als die Ihren. Aber Dick bestand die ganze Zeit darauf, dass Sie der richtige Mann für uns seien. Er ging hinüber zum Duke’s College und hat alles über Sie in Erfahrung gebracht. Er war der Meinung, es komme darauf an, den Mann zu finden, den wir wirklich brauchen, zum Teufel mit den Arbeiten und der Qualifikation. Und ich muss sagen, er hat Recht gehabt.«
»Sehr freundlich von Ihnen«, sagte Studdock mit einer ironischen Verbeugung. Er war überrascht über die Wendung, die das Gespräch genommen hatte. In Bracton war es, wie vermutlich in den meisten anderen Colleges, seit jeher ein ungeschriebenes Gesetz, dass man in der Gegenwart eines Mannes niemals die Umstände erwähnte, die zu seiner Ernennung geführt hatten, und Studdock hatte bis zu diesem Augenblick nicht daran gedacht, dass auch dies eine der Traditionen sein könnte, die das Progressive Element abschaffen wollte. Auch war ihm bisher nie in den Sinn gekommen, seine Wahl könnte von etwas anderem als der Qualität seiner Arbeiten abhängig gewesen sein. Und erst recht nicht, dass sie eine so knappe Angelegenheit gewesen war. Er hatte sich inzwischen so an seine Position gewöhnt, dass der Gedanke eine seltsam zwiespältige Empfindung in ihm wachrief, etwa so, als habe er entdeckt, dass der eigene Vater einst beinahe eine andere Frau geheiratet hätte.
»Ja«, fuhr Curry fort, der inzwischen einen anderen Gedankengang verfolgte. »Heute sieht man, dass wir mit Denniston nicht gut gefahren wären. In keiner Weise. Damals war er natürlich ein brillanter Mann, aber inzwischen scheint er mit seiner Verteilungstheorie und all diesem Zeug völlig entgleist zu sein. Ich habe gehört, dass er möglicherweise in einem Kloster enden wird.«
»Ein Dummkopf ist er nicht gerade«, sagte Studdock.
»Ich bin froh, dass Sie Dick kennen lernen werden«, sagte Curry. »Wir haben jetzt keine Zeit, aber es gibt da etwas, das ihn betrifft und das ich mit Ihnen besprechen wollte.« Studdock sah ihn fragend an.
»James und ich und ein paar andere«, sagte Curry mit gedämpfter Stimme, »haben uns gedacht, dass er der neue Rektor werden sollte. Aber wir sind da.« »Es ist noch nicht zwölf«, sagte Studdock. »Wie wär’s, wenn wir auf ein Glas ins Bristol gingen?«
Also gingen sie ins Bristol. Ohne diese kleinen Aufmerksamkeiten wäre es nicht einfach gewesen, die Atmosphäre zu erhalten, in der das Progressive Element sich bewegte. Das belastete Studdock stärker als Curry, der unverheiratet war und das Gehalt eines Vizerektors bezog. Aber das Bristol war ein sehr angenehmes Lokal. Studdock bestellte einen doppelten Whisky für seinen Begleiter und ein kleines Bier für sich.
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Das einzige Mal, als ich Gast am Bracton College war, überredete ich meinen Gastgeber, mich für eine Stunde allein in den Wald gehen zu lassen. Er entschuldigte sich dafür, dass er mich dort einschließen musste.
Nur wenige Leute hatten Zutritt zum Bragdon-Wald.
Das Tor von Inigo Jones war der einzige Eingang. Eine hohe Mauer umschloss den Wald, der etwa eine viertel Meile breit und von Westen nach Osten eine Meile lang war. Wenn man von der Straße kam und sich durch das College dorthin begab, hatte man das starke Gefühl, allmählich zu einem Allerheiligsten vorzudringen. Zuerst ging man über den kahlen, kiesbedeckten Newton-Hof; überladene, aber schöne georgianische Gebäude blicken auf ihn herab.
Dann kam man durch einen kühlen, tunnelartigen Gang, der selbst zur Mittagszeit beinahe dunkel war, es sei denn, zur Rechten stand die Tür zum Speisesaal oder zur Linken die Tür zum Vorratsraum offen und gewährte flüchtige Blicke auf gedämpftes Tageslicht an dunkel getäfelten Wänden oder ließ einem den Duft nach frischem Brot um die Nase wehen. Am Ende dieses Tunnels fand man sich im mittelalterlichen College wieder: im Säulengang des viel kleineren, so genannten Hofes der Republik. Nach der Kargheit des Newton-Hofs sieht das Gras hier sehr grün aus, und selbst der Stein, aus dem die Säulen sind, wirkt weich und lebendig. Die Kapelle ist nicht weit, und von oben hört man das raue, schwerfällige Werk einer mächtigen alten Uhr. Dieser Säulengang führt vorüber an Grabplatten, Urnen und Büsten, die an verstorbene Mitglieder des Kollegiums von Bracton erinnern; dann führen flache Stufen hinab ins helle Tageslicht des Lady-Alice-Hofs. Die Gebäude links und rechts stammen aus dem siebzehnten Jahrhundert, bescheidene, fast anheimelnde Häuser mit Fenstern in den bemoosten, schiefergrauen Dächern. Eine freundliche protestantische Welt, die an Bunyan oder an Waltons Leben denken lässt. Auf der vierten Seite des Lady-Alice-Hofs, derjenigen, auf die man blickt, gibt es keine Gebäude: nur eine Reihe Ulmen und eine Mauer. Und hier hört man zum ersten Mal Wasser fließen und Wildtauben gurren. Die Straße ist mittlerweile so weit entfernt, dass keine anderen Geräusche zu hören sind. In der Mauer befindet sich eine Tür. Sie führt in einen überdachten Gang mit schmalen Fenstern auf beiden Seiten. Blickt man durch diese hinaus, so stellt man fest, dass man über eine Brücke geht und unter einem das dunkelbraune, gekräuselte Wasser des Wynd herfließt. Nun ist man dem Ziel sehr nahe. Durch eine Pforte am anderen Ende der Brücke gelangt man auf den grünen Kricketrasen der Dozenten. Dahinter erhebt sich die hohe Mauer des Waldes, und das Tor von Inigo Jones gewährt einen Blick in sonnenbeschienenes Grün und tiefe Schatten.
Ich glaube, allein schon die Einfriedung verlieh dem Wald einen Teil seiner eigenartigen Stimmung, denn sobald etwas umschlossen ist, betrachten wir es gern als etwas Besonderes. Als ich über die stillen Rasenflächen ging, hatte ich das Gefühl, erwartet zu werden. Die Bäume standen gerade so weit auseinander, dass man in der Ferne ein lückenloses Laubdach sah, doch die Stelle, an der man stand, schien immer eine kleine Lichtung zu sein; umgeben von einer Schattenwelt, ging man im milden Sonnenschein. Bis auf die Schafe, die das Gras kurz hielten und gelegentlich ihre langen, einfältigen Gesichter hoben, um mich anzustarren, war ich ganz allein; doch es war eher die Einsamkeit eines sehr großen Raumes in einem verlassenen Haus als das ganz normale Alleinsein im Freien. Ich weiß noch, dass ich dachte: »Dies ist einer der Orte, die man als Kind entweder fürchtet oder sehr liebt.« Und einen Augenblick später: »Aber allein – wirklich allein – ist jeder ein Kind. Oder niemand?« Jugend und Alter berühren nur die Oberfläche unseres Daseins.
Eine halbe Meile ist ein kurzer Spaziergang. Dennoch schien es lange zu dauern, bis ich in die Mitte des Waldes kam. Ich wusste, dass es die Mitte war, denn hier befand sich das, weswegen ich eigentlich hergekommen war. Es war eine Quelle, eine Quelle, zu der Stufen hinabführten und die eingefasst war von den Überresten eines alten, schlecht erhaltenen Steinpflasters. Ich betrat es nicht, sondern legte mich ins Gras und berührte es mit den Fingern. Denn dies war das Herz von Bracton oder vielmehr des Bragdon-Waldes. Dies war der Ursprung aller Legenden, und auf Grund dieses Ortes, so vermutete ich, war das College einst hier gegründet worden. Die Archäologen stimmen darin überein, dass das Mauerwerk der Fassung aus der späten britisch-römischen Zeit, kurz vor der angelsächsischen Invasion stammt. Wie der Wald von Bragdon mit dem Rechtsgelehrten Bracton zusammenhängt, ist ein Rätsel, aber ich denke, dass die Familie der Bradons sich eine zufällige Ähnlichkeit der Namen zu Nutze machte, um glauben zu können oder weiszumachen, sie habe etwas damit zu tun. Wenn die Legenden nur zur Hälfte der Wahrheit entsprachen, dann war der Wald viel älter als das Geschlecht der Bractons. Heute würde vermutlich niemand Strabons Geografika viel Bedeutung beimessen, aber im sechzehnten Jahrhundert veranlasste dieses Werk einen Rektor des Colleges zu der Bemerkung, dass »wir selbst in der ältesten Überlieferung von keinem Britannien ohne Bragdon wissen«. Doch es gibt ein mittelalterliches Lied, das uns ins vierzehnte Jahrhundert zurückführt:
In Bragdon, als der Abend fiel,
erlauscht’ ich Merlins Saitenspiel
und hörte Singens und Sagens viel.
Das mag genügen als Beweis, dass die Quelle mit der britisch-römischen Einfassung bereits ›Merlins Brunnen‹ war, auch wenn dieser Name erst zur Zeit der Königin Elizabeth auftaucht, zu der Zeit, da der wackere Rektor Shovel den Wald mit einer Mauer umgab, »um allem profanen und heidnischen Aberglauben zu wehren und das gemeine Volk von allerlei Lustbarkeit, Maienspiel, Tanz, Mummenschanz und dem Backen von Morganbrot abzubringen, wie es ehedem bei der voller Stolz ›Merlins Brunnen‹ genannten Quelle Brauch war und als eine Verquickung von Papismus, Heidentum, Liederlichkeit und nichtswürdiger Narretei entschieden zu verwerfen und zu verabscheuen ist«. Nicht dass das College damit sein eigenes Interesse an dem Ort aufgegeben hätte. Der alte Doktor Shovel, der beinahe hundert Jahre alt wurde, war kaum in seinem Grab erkaltet, als einer von Cromwells Generälen, der es für seine Aufgabe hielt, »Haine und heilige Stätten« zu zerstören, einige Soldaten ausschickte, um die Landbevölkerung für dieses fromme Werk zu gewinnen. Es wurde dann doch nichts daraus, aber mitten im Bragdon-Wald kam es zu einem Streit zwischen dem College und den Soldaten, wobei der höchst gelehrte und gottesfürchtige Richard Crowe auf den Stufen des Brunnens von einer Musketenkugel niedergestreckt wurde. Niemand würde Crowe des Papismus oder des Heidentums bezichtigen, doch der Überlieferung zufolge waren seine letzten Worte: »Wahrlich, ihr Herren, wenn Merlin, der Sohn des Teufels, ein treuer Gefolgsmann des Königs war, ist es dann nicht eine Schande, dass ihr, die ihr nur Hundesöhne seid, Rebellen und Königsmörder sein müsst?« Und durch alle wechselnden Zeiten hindurch hatte jeder Rektor von Bracton am Tag seiner Wahl feierlich einen Schluck Wasser aus Merlins Brunnen getrunken mit dem großen Becher, der auf Grund seiner Schönheit und seines Alters Bradons größte Kostbarkeit war.
An all dies dachte ich, als ich bei Merlins Brunnen lag, dem Brunnen, der sicherlich aus Merlins Zeit stammte, wenn es jemals einen wirklichen Merlin gegeben hatte; als ich da lag, wo Sir Kenelm Digby eine ganze Sommernacht gelegen und eine seltsame Erscheinung gehabt hatte; wo der Dichter Collins gelegen und George III. Tränen vergossen hatte; wo der brillante und viel geliebte Nathaniel Fox drei Wochen vor seinem Tod in Frankreich das berühmte Gedicht verfasst hatte. Die Luft war so still und das Laubwerk über mir bauschte sich so üppig, dass ich einschlief. Ich wurde von meinem Freund geweckt, der mich von ferne rief.
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Die umstrittenste Frage bei der Sitzung des Kollegiums war der Verkauf des Bragdon-Waldes. Käufer war das N.I.C.E., das ›National Institute of Co-ordinated Experiments‹. Diese bemerkenswerte Organisation suchte ein Grundstück für das Gebäude, das sie angemessen beherbergen sollte. Das N.I.C.E. war die erste Frucht jener konstruktiven Verbindung zwischen Staat und Wissenschaft, auf die so viele nachdenkliche Menschen ihre Hoffnungen auf eine bessere Welt setzen. Es sollte frei sein von möglichst allen lästigen Einschränkungen – Bürokratismus war der Ausdruck, den seine Anhänger gebrauchten –, die die Forschung in diesem Lande bisher gehemmt hatten. Auch war es weitgehend frei von ökonomischen Zwängen, denn ein Staat, so argumentierte man, der täglich viele Millionen für einen Krieg ausgegeben hatte, konnte sich in Friedenszeiten gewiss ein paar Millionen im Monat für produktive Forschung leisten. Das geplante Gebäude hätte eine beachtliche Bereicherung der Skyline von New York abgegeben, der Mitarbeiterstab sollte ungewöhnlich groß sein, die Gehälter fürstlich. Beharrlicher Nachdruck und endlose diplomatische Bemühungen des Senats von Edgestow hatten das neue Institut von Oxford, von Cambridge und von London fortgelockt, die nacheinander als mögliche Standorte in Betracht gezogen worden waren. Zuweilen war das Progressive Element in Edgestow der Verzweiflung nahe gewesen. Aber nun war der Erfolg so gut wie sicher. Wenn das N.I.C.E. den nötigen Grund und Boden bekäme, würde es nach Edgestow kommen. Und wäre es erst einmal da, dann – das spürte jeder – würden die Dinge endlich in Bewegung kommen. Curry hatte sogar Zweifel geäußert, ob Oxford und Cambridge überhaupt als bedeutende Universitäten überdauern könnten.
Wäre Mark Studdock vor drei Jahren zu einer Sitzung gekommen, in der eine solche Frage entschieden werden sollte, hätte er erwartet, dass gefühlsmäßige Einwände gegen den Fortschritt vorgebracht, dass Schönheit gegen Nützlichkeit abgewogen und all das offen diskutiert würde. Als er heute seinen Platz in dem langen Konferenzsaal auf der Südseite des Lady-Alice-Hofs einnahm, erwartete er nichts dergleichen. Er wusste inzwischen, dass die Dinge nicht auf diese Art und Weise angegangen wurden.
Die Fortschrittlichen Kräfte hatten ihre Sache wirklich sehr gut vorbereitet. Die meisten Mitglieder des Kollegiums wussten, als sie den Konferenzraum betraten, nicht, dass es um den Verkauf des Waldes ging. Natürlich entnahmen sie der Tagesordnung, dass es unter Punkt fünfzehn um den »Verkauf von Collegegelände« ging; da solche Pläne aber in fast jeder Sitzung zur Sprache kamen, machten sie sich darüber keine Gedanken. Und sie sahen auch, dass Punkt eins der Tagesordnung »Fragen im Zusammenhang mit dem Bragdon-Wald« aufwarf, aber diese schienen mit dem vorgeschlagenen Verkauf nichts zu tun zu haben. Curry erhob sich, um die Fragen in seiner Eigenschaft als Vizerektor zur Sprache zu bringen. Er hatte dem Kollegium einige Briefe vorzulesen. Der erste kam von einer Gesellschaft, die sich mit der Erhaltung von Kulturdenkmälern befasste. Ich denke, die Vereinigung war schlecht beraten, in einem Brief gleich zwei Beschwerden vorzubringen. Es wäre klüger gewesen, wenn sie sich darauf beschränkt hätte, die Collegeverwaltung auf den schlechten Zustand der Umfassungsmauer des Waldes hinzuweisen. Als sie jedoch drängte, ein Schutzdach über dem Brunnen selbst errichten zu lassen, und obendrein betonte, dass sie bereits früher darauf gedrängt hatte, wurde das Kollegium unruhig. Und als am Ende des Briefes gleichsam als Nachsatz der Wunsch geäußert wurde, das College möge sich ernsthaften Altertumsforschern, die den Brunnen untersuchen wollten, ein wenig entgegenkommender zeigen, wurde das Kollegium deutlich ungehalten. Ich möchte einen Mann in Currys Position nicht gern beschuldigen, einen Brief falsch zu verlesen; aber seine Wiedergabe war gewiss nicht geeignet, irgendwelche Mängel im Tonfall des Originals auszugleichen. Noch ehe er sich niedersetzte, verspürte beinahe jeder im Raum das Bedürfnis, der Außenwelt klarzumachen, dass der Bragdon-Wald Privateigentum des Bracton Colleges sei und dass die Außenwelt sich besser um ihre eigenen Angelegenheiten kümmerte. Dann verlas Curry einen zweiten Brief. Dieser kam von einer spiritistischen Vereinigung, die um Erlaubnis bat, »gewisse Phänomene« im Bragdon-Wald zu erforschen – ein Brief, der, wie Curry sagte, »in Zusammenhang stand mit dem nächsten, den ich mit der Erlaubnis des Rektors nun verlesen werde«. Dieser dritte Brief war von einer Firma, die über das Anliegen der Spiritistenvereinigung im Bilde war und einen Film drehen wollte, allerdings weniger über die Phänomene selbst als vielmehr über die Spiritisten, die nach den Phänomenen Ausschau hielten. Curry wurde beauftragt, alle drei Briefe mit knappen Absagen zu beantworten.
Dann meldete sich eine neue Stimme aus einer anderen Ecke des Raums. Lord Feverstone war aufgestanden. Er stimmte mit der Haltung des Colleges gegenüber diesen impertinenten Briefen verschiedener Wichtigtuer völlig überein. Aber war es nicht auch eine Tatsache, dass die Umfassungsmauer des Waldes in einem höchst unbefriedigenden Zustand war? Viele Kollegiumsmitglieder – Studdock allerdings nicht – meinten, dies sei ein Versuch Feverstones, sich gegen ›Curry und seine Clique‹ aufzulehnen, und begannen, sich sehr für die Vorgänge zu interessieren. Der Quästor, James Busby, sprang auf. Er begrüßte Lord Feverstones Frage. In seiner Eigenschaft als Schatzmeister hatte er erst kürzlich ein Expertengutachten über die Umfassungsmauer eingeholt. ›Unbefriedigend‹ war, fürchtete er, ein eher beschönigender Ausdruck, um ihren Zustand zu beschreiben. Nur eine völlig neue Mauer würde hier wirklich Abhilfe schaffen. Unter großen Schwierigkeiten wurde ihm eine Schätzung der wahrscheinlichen Kosten eines solchen Vorhabens entlockt; und als das Kollegium die Zahl hörte, rang es nach Atem. Lord Feverstone fragte eisig, ob der Quästor dem College ernsthaft eine solche Ausgabe vorschlage. Busby (ein sehr großer ehemaliger Geistlicher mit einem buschigen schwarzen Bart) erwiderte ein wenig gereizt, er habe überhaupt nichts vorgeschlagen: wenn er einen Vorschlag zu machen hätte, dann den, die Frage nicht losgelöst von einigen wichtigen finanziellen Überlegungen zu behandeln, die er den Kollegen pflichtgemäß im weiteren Verlauf der Sitzung vortragen werde. Auf diese Unheil verkündende Feststellung folgte eine Pause, bis nach und nach die ›Außenseiter‹ und ›Obstruktionisten‹, das heißt diejenigen, die nicht zum Progressiven Element zählten, in die Debatte eingriffen. Die meisten von ihnen konnten kaum glauben, dass nichts anderes als eine völlig neue Mauer infrage käme. Die Fortschrittlichen Kräfte ließen sie ungefähr zehn Minuten lang reden, dann ergriff Lord Feverstone wieder das Wort, und es schien, als führe er tatsächlich die Außenseiter an. Er wollte wissen, ob der Quästor und der Instandsetzungsausschuss wirklich keine andere Möglichkeit sähen, als eine neue Mauer zu errichten oder den Bragdon-Wald zu einem Stadtpark verkommen zu lassen. Er drängte auf eine Antwort. Einige der Außenseiter fanden allmählich sogar, dass er zu grob mit dem Schatzmeister umspringe. Dieser antwortete schließlich mit leiser Stimme, dass er sich tatsächlich rein theoretisch über mögliche Alternativen erkundigt habe. Ein Stacheldrahtzaun, zum Beispiel … Der Rest ging unter in einem missbilligenden Getöse, aus dem man die Worte des alten Canon Jewel heraushören konnte: er würde lieber jeden Baum im Bragdon-Wald fällen lassen, als ihn hinter Stacheldraht zu sehen. Schließlich wurde die Angelegenheit auf die nächste Sitzung vertagt.
Bei dem folgenden Punkt der Tagesordnung verstand die Mehrheit des Kollegiums kaum, worum es ging. Zunächst rekapitulierte Curry einen langen Briefwechsel zwischen dem College und dem Senat der Universität über die vorgeschlagene Eingliederung des N.I.C.E. in die Universität Edgestow. In der folgenden Debatte wurde immer wieder von einer Festlegung gesprochen. »Es scheint«, sagte Watson, »dass wir uns als College verpflichtet haben, dem neuen Institut die größtmögliche Unterstützung zu gewähren.«
»Es scheint«, sagte Feverstone, »dass uns die Hände gebunden sind und wir der Universität carte blanche erteilt haben.« Worauf das alles tatsächlich hinauslief, war keinem der Außenseiter klar. Bei der vorausgegangenen Sitzung hatten sie entschieden gegen das N.I.C.E. und seine Pläne angekämpft und waren überstimmt worden; jede Bemühung herauszufinden, was ihre Niederlage bedeutete, wurde zwar von Curry mit großer Klarheit beantwortet, führte sie aber nur noch tiefer in das undurchdringliche Dickicht der Universitätsverfassung und die noch geheimnisvolleren Beziehungen zwischen Universität und College. Am Ende der Diskussion hatten sie den Eindruck, die Ehre des Colleges sei durch die Ansiedlung des N.I.C.E. in Edgestow nicht betroffen.
Während dieser Erörterungen wanderten die Gedanken vieler Sitzungsteilnehmer zum Mittagessen, und die Aufmerksamkeit ließ nach. Als Curry sich jedoch um fünf vor eins erhob, um Punkt 3 der Tagesordnung anzukündigen, lebte das allgemeine Interesse rasch wieder auf. Es ging um die »Berichtigung von Missverhältnissen bei der Besoldung junger Kollegiumsmitglieder«. Ich möchte nicht sagen, was die meisten jungen Dozenten am Bracton College zu jener Zeit erhielten, aber ich glaube, es deckte kaum die Ausgaben für die obligatorische Unterkunft im College. Studdock, der erst vor kurzem aus dieser Gruppe aufgestiegen war, nahm großen Anteil daran. Er verstand den Ausdruck auf ihren Gesichtern. Wenn die Erhöhung ihrer Gehälter genehmigt wurde, bedeutete das für sie Kleidung und Ferien, Fleisch zum Mittagessen und die Möglichkeit, statt eines Fünftels die Hälfte der Bücher zu kaufen, die sie brauchten. Ihrer aller Augen waren auf den Schatzmeister gerichtet, als er sich erhob, um auf Currys Vorschlag zu antworten. Er gab seiner Hoffnung Ausdruck, dass niemand glaube, er billige die Regelung, die im Jahre 1910 die unterste Klasse der akademischen Lehrer von den neuen Klauseln in § 18 des Statuts 17 ausgeschlossen hatte. Er sei überzeugt, sagte er, dass alle Anwesenden eine Berichtigung dieser Regelung wünschten. Es sei jedoch seine Pflicht als Quästor, darauf hinzuweisen, dass das an diesem Morgen bereits der zweite Vorschlag sei, der erhebliche finanzielle Belastungen bedeute. Wie zu dem vorhergehenden Problem könne er auch hierzu nur sagen, dass man die Frage nicht losgelöst vom gesamten Problem der gegenwärtigen finanziellen Situation des Colleges behandeln könne, die er im Laufe des Nachmittags darlegen wolle. Es wurde noch mehr geredet, aber niemand hatte den Ausführungen des Schatzmeisters etwas entgegenzusetzen, und so wurde die Entscheidung aufgeschoben. Als das Kollegium um Viertel vor zwei aus dem Sitzungssaal zum Mittagessen strömte, hungrig, mit Kopfschmerzen und einem heftigen Verlangen nach Tabak, war es jedem der jüngeren Dozenten klar, dass eine neue Umfassungsmauer für den Wald und eine Erhöhung des eigenen Gehalts Alternativen waren, die einander strikt ausschlossen. »Dieser verdammte Wald war uns den ganzen Vormittag im Weg«, sagte einer. »Wir sind noch nicht aus ihm heraus«, antwortete ein anderer.
In dieser Stimmung kehrte das Kollegium nach dem Mittagessen in den Sitzungssaal zurück, um die finanzielle Lage des Colleges ins Auge zu fassen. Natürlich sprach vor allem Busby, der Quästor. An sonnigen Nachmittagen konnte es im Sitzungssaal sehr heiß werden; der ruhige Redefluss des Schatzmeisters und sogar das Blitzen seiner ebenmäßigen weißen Zähne über dem Bart (er hatte beachtlich schöne Zähne)
hatten eine beinahe hypnotische Wirkung. Universitätslehrer finden sich in Geldangelegenheiten nicht immer mühelos zurecht; wahrscheinlich wären sie andernfalls auch nicht Hochschullehrer geworden. Sie begriffen, dass die finanzielle Situation schlecht war, sehr schlecht sogar. Einige der jüngsten und unerfahrensten Kollegen überlegten schon nicht mehr, ob sie eine neue Umfassungsmauer oder eine Gehaltserhöhung bekommen würden, sondern fragten sich, ob der Fortbestand des Colleges überhaupt noch gewährleistet sei. Die Zeiten waren, wie der Quästor so treffend sagte, überaus schwierig. Ältere Mitglieder hatten von Dutzenden früherer Schatzmeister sehr oft von solchen Zeiten gehört und waren weniger beunruhigt. Ich will damit keineswegs andeuten, dass der Quästor des Bracton Colleges die Situation falsch darstellte. Es ist sehr selten, dass die Geschäftslage einer großen Körperschaft, die sich der Förderung von Forschung und Lehre verschrieben hat, als rundum zufrieden stellend bezeichnet werden kann. Busbys Vortrag war ausgezeichnet, jeder Satz ein Muster an Klarheit: Und wenn seine Zuhörer den Kern seiner Darlegungen weniger klar fanden als die Einzelheiten, dann lag das wohl an ihnen selbst. Einige kleinere Sparmaßnahmen und Investitionen, die er vorschlug, wurden einstimmig gebilligt, und ernüchtert vertagte sich das Kollegium bis nach der Teestunde. Studdock rief Jane an und sagte ihr, dass er zum Abendessen nicht heimkommen werde.
Erst um sechs Uhr mündeten all die verschiedenen, von den vorhergehenden Punkten aufgeworfenen Gedankengänge und Gefühle in die Frage, ob der Bragdon-Wald verkauft werden solle. Es wurde nicht direkt vom Verkauf des Bragdon-Waldes gesprochen. Der Schatzmeister sprach vom »Verkauf der rotumrandeten Fläche auf dem Plan, den ich jetzt mit
Erlaubnis des Rektors herumgehen lasse«. Er wies ganz offen darauf hin, dass dies den Verlust eines Teils des Bragdon-Waldes bedeutete. In Wirklichkeit würde dem College nach dem Verkauf lediglich ein etwa sechzehn Fuß breiter Streifen entlang der Südseite verbleiben, aber von Täuschung konnte keine Rede sein, weil jeder Gelegenheit hatte, den Plan mit eigenen Augen zu begutachten. Der Plan hatte einen kleinen Maßstab und war vielleicht nicht ganz genau – nur gedacht, um eine ungefähre Vorstellung zu vermitteln. Auf Fragen hin räumte Busby ein, dass der Brunnen selbst unglücklicherweise – oder vielleicht glücklicherweise – auf dem Gebiet liege, welches das N.I.C.E. haben wollte. Selbstverständlich würde dem College ein Zugangsrecht gewährt; Brunnen und Fassung würden überdies vom Institut in einem Zustand erhalten, der alle Archäologen der Welt zufrieden stellen dürfte. Busby enthielt sich aller Ratschläge und erwähnte nur die höchst erstaunliche Summe, die das N.I.C.E. bot. Da kam Leben in die Versammlung. Schritt für Schritt offenbarten sich die Vorteile des Verkaufs – wie reife Früchte, die einem in die Hand fallen. Der Verkauf löste das Problem mit der Mauer; er löste das Problem der Denkmalpflege; er löste die finanziellen Probleme; und er versprach das Problem der Gehaltserhöhung für die jungen Kollegen zu lösen. Ferner stellte sich heraus, dass das Institut dieses Gelände als den einzig möglichen Standort in Edgestow betrachtete. Wenn das College aus irgendeinem Grund nicht verkaufte, so fiele der ganze Plan ins Wasser, und das Institut würde wahrscheinlich nach Cambridge gehen. Die vielen Fragen entlockten dem Quästor sogar den Hinweis, dass er von einem College in Cambridge wusste, das sehr daran interessiert sei zu verkaufen.
Die wenigen wirklich Unbeugsamen unter den Anwesenden, für die der Bragdon-Wald eine Art Lebensnotwendigkeit darstellte, konnten kaum fassen, was geschah. Als sie endlich ihre Sprache wieder fanden, brachten sie einen Missklang in das allgemeine Gesumm fröhlicher Bemerkungen. Sie waren an den Rand gedrängt worden und erschienen nun als die Gruppe, die den Wald unbedingt mit Stacheldraht einzäunen wollte. Als schließlich der alte Jewel aufstand, blind, zitternd und den Tränen nahe, war seine Stimme kaum zu hören.
Einige wandten sich um und betrachteten – manche voller Bewunderung – die scharfgeschnittenen, halb kindlichen Gesichtszüge und das weiße Haar, das in dem allmählich dunkler werdenden Raum zu leuchten schien. Aber nur die in seiner Nähe konnten hören, was er sagte. In diesem Augenblick stand Lord Feverstone auf, verschränkte die Arme auf der Brust und blickte den alten Mann geradewegs an.
»Wenn der ehrenwerte Kollege Jewel wünscht«, sagte er sehr laut, »dass wir seine Ansichten nicht hören, dann erreicht er sein Ziel besser durch Schweigen.«
Jewel war schon vor dem Ersten Weltkrieg ein alter Mann gewesen, zu einer Zeit, da alte Männer noch zuvorkommend behandelt wurden, und er hatte sich nie an die moderne Welt gewöhnen können. Als er so mit vorgestrecktem Kopf dastand, dachten die anderen einen Moment lang, er werde antworten. Dann breitete er ganz plötzlich in einer Geste der Hilflosigkeit die Hände aus, zog seinen Kopf zurück und setzte sich umständlich wieder hin.
Der Antrag wurde angenommen..
5 _______
Nachdem Jane die Wohnung verlassen hatte, ging sie in die Innenstadt und kaufte sich einen Hut. Früher hatte sie abfällig von jener Sorte Frauen gesprochen, die sich zum Trost und als Anregung Hüte kauften, so wie Männer Alkohol tranken. Es kam ihr nicht in den Sinn, dass sie jetzt das Gleiche tat. Sie bevorzugte ziemlich streng geschnittene Kleider in gedeckten Farben, wie sie einem ernsthaften Geschmack entsprachen, Kleider, die jedem deutlich machen sollten, dass sie eine intelligente Erwachsene war und nicht so ein aufgedonnertes Ding wie auf den Werbeplakaten. Auf Grund dieser Vorliebe war ihr gar nicht bewusst, dass sie sich überhaupt für Kleider interessierte, und so verdross es sie ein wenig, als sie beim Verlassen des Hutladens Mrs. Dimble begegnete und mit den Worten begrüßt wurde: »Hallo, meine Liebe! Haben Sie sich einen Hut gekauft? Kommen Sie zum Mittagessen zu uns, und lassen Sie sich damit anschauen. Cecil steht mit dem Wagen gleich um die Ecke.«
Cecil Dimble, Professor am Northumberland College, war während Janes letztem Studienjahr ihr Tutor gewesen, und seine Frau (man würde sie am liebsten Mutter Dimble nennen) war allen Mädchen ihres Jahrgangs eine Art Tante gewesen. Sympathie für die Studentinnen des eigenen Mannes ist unter Professorenfrauen vielleicht weniger verbreitet, als zu wünschen wäre; aber Mrs. Dimble schien alle Studenten beiderlei Geschlechts ihres Mannes zu mögen, und das Haus der Dimbles, etwas abseits auf der anderen Seite des Flusses gelegen, war während des Semesters immer eine Art geräuschvoller Salon. Mrs. Dimble hatte Jane besonders gern gemocht und ihr jene Art von Zuneigung entgegengebracht, wie sie eine humorvolle, unkomplizierte und kinderlose Frau zuweilen für ein Mädchen empfindet, das sie hübsch und ein wenig eigenartig findet. Im letzten Jahr hatte Jane die Dimbles etwas aus den Augen verloren und hatte deswegen ein schlechtes Gewissen. Sie nahm die Einladung zum Mittagessen an.
Sie fuhren nördlich vom Bracton College über die Brücke und dann am Ufer des Wynd entlang und an kleinen Häusern vorbei nach Süden. An der normannischen Kirche bogen sie links ab und folgten der geraden Landstraße mit den Pappeln auf der einen und der Mauer des Bragdon-Waldes auf der anderen Seite Richtung Osten bis vor die Haustür der Dimbles.
»Wie schön es hier ist!«, sagte Jane spontan, als sie aus dem Wagen stieg. Die Dimbles hatten einen prächtigen Garten.
»Dann sollten Sie sich alles gut ansehen«, sagte Professor Dimble.
»Wie meinen Sie das?«, fragte Jane.
»Hast du es ihr noch nicht erzählt?«, fragte Professor Dimble seine Frau.
»Ich habe mich noch nicht dazu durchringen können«, sagte Mrs. Dimble. »Außerdem ist ihr Mann einer der Schurken in dem Stück. Armes Mädchen! Außerdem nehme ich an, dass sie es weiß.«
»Ich habe keine Ahnung, wovon Sie reden«, sagte Jane.
»Ihr College macht uns große Schwierigkeiten. Sie werfen uns hinaus. Sie wollen den Mietvertrag nicht verlängern.«
»Ach, Mrs. Dimble!«, rief Jane aus. »Und ich habe nicht einmal gewusst, dass dieses Haus dem College gehört.«
»Da haben wir es!«, sagte Mrs. Dimble. »Die eine Hälfte der Welt weiß nicht, wie die andere lebt. Und ich habe gedacht, Sie würden Ihren ganzen Einfluss aufbieten, um Ihren Mann dazu zu bewegen, uns zu helfen. In Wirklichkeit dagegen …«
»Mark spricht nie mit mir über Collegeangelegenheiten.«
»Das tun gute Ehemänner nie«, sagte Professor Dimble. »Höchstens über die Angelegenheiten anderer Colleges. Deshalb weiß Margaret alles über Bracton und nichts über Northumberland. Aber wollen wir nicht hineingehen?«
Dimble vermutete, dass Bracton den Wald und alles andere, was dem College auf dieser Seite des Flusses gehörte, verkaufen würde. Die ganze Gegend erschien ihm jetzt noch paradiesischer als bei seinem Einzug vor fünfundzwanzig Jahren, und er war über die jüngste Entwicklung viel zu bekümmert, um vor der Frau eines Bracton-Dozenten darüber zu sprechen.
»Du wirst auf dein Mittagessen warten müssen, bis ich Janes neuen Hut gesehen habe«, sagte Mutter Dimble und eilte mit Jane die Treppe hinauf. Es folgte ein im altmodischen Sinne sehr weibliches Gespräch. Doch obwohl Jane sich in gewisser Weise darüber erhaben fühlte, empfand sie es als wohltuend. Und obwohl Mrs. Dimble zu solchen Dingen wirklich eine falsche Einstellung hatte, war nicht zu leugnen, dass die eine kleine Änderung, die sie vorschlug, eine entscheidende Verbesserung war. Als der Hut wieder eingepackt war, sagte Mrs. Dimble unvermittelt: »Es ist doch nichts Unangenehmes passiert?«
»Wieso?«, sagte Jane. »Was sollte passiert sein?«
»Sie sehen so verändert aus.«
»Oh, mir fehlt nichts«, sagte Jane laut. Und in Gedanken fügte sie hinzu: »Sie platzt vor Neugierde, ob ich ein Baby erwarte. So sind Frauen wie sie nun einmal.«
»Mögen Sie nicht geküsst werden?«, fragte Mrs. Dimble unerwartet.
»Mag ich nicht geküsst werden?«, dachte Jane. »Das ist in der Tat die Frage. Mag ich nicht geküsst werden? Nicht auf Verstand bei Frauen hoffe …« Sie hatte erwidern wollen: »Natürlich nicht«, brach aber aus unerklärlichen Gründen und zu ihrem großen Verdruss stattdessen in Tränen aus. Und dann wurde Mrs. Dimble für einen Augenblick einfach eine Erwachsene, wie Erwachsene für ein sehr kleines Kind sind: große, warme, weiche Wesen, zu denen man mit aufgeschlagenen Knien oder zerbrochenem Spielzeug läuft. Wenn Jane an ihre Kindheit dachte, erinnerte sie sich gewöhnlich an Anlässe, wo die vereinnahmende Umarmung von Kindermädchen oder Mutter unerwünscht war und sie sich gegen diese Beleidigung der eigenen Reife gesträubt hatte. Nun aber dachte sie an jene vergessenen und seltenen Male, wo sie sich aus Angst oder Kummer der Umarmung willig überlassen und Trost gefunden hatte. Getätschelt und liebkost zu werden widersprach ihrer ganzen Lebensauffassung; doch als sie wieder hinuntergingen, hatte sie Mrs. Dimble erzählt, dass sie kein Kind erwarte und nur ein wenig niedergeschlagen sei, weil sie zu viel allein war und einen Albtraum gehabt hatte.
Beim Essen sprach Professor Dimble über die Artussage. »Es ist wirklich wundervoll«, sagte er, »wie alles zusammenhängt, selbst in einer späten Version wie der von Malory. Haben Sie bemerkt, dass es zwei Gruppen von Charakteren gibt? Im Mittelpunkt stehen Ginevra und Lanzelot und all diese Leute: sehr höfisch und ohne spezifisch britische Züge. Aber im Hintergrund – auf Artus’ anderer Seite sozusagen – gibt es all diese dunklen Gestalten wie Morgane und Morgause, sehr britisch und mehr oder weniger feindselig, obgleich sie seine eigenen Verwandten sind. Voller Magie. Sicherlich erinnern Sie sich an die wundervolle Wendung, wie die Königin Morgane ›mit ihren Zauberinnen das ganze Land in Brand setzte‹. Auch Merlin ist natürlich britisch, allerdings nicht feindselig. Sieht das nicht ganz nach einem Bild Britanniens aus, wie es kurz vor der Invasion gewesen sein muss?«
»Wie meinen Sie das, Mr. Dimble?«, fragte Jane.
»Nun, muss nicht ein Teil der Gesellschaft entweder römisch oder weitgehend romanisiert gewesen sein? Leute, die sich in Togen hüllten und ein keltisiertes Latein sprachen – etwas, das für uns etwa wie Spanisch klingen würde? Und die natürlich Christen waren. Aber im Landesinnern, in den abgelegenen Gegenden tief in den Wäldern wird es kleine Königshöfe gegeben haben, regiert von echten alten britischen Stammeskönigen, die eine Art Walisisch sprachen und sicherlich noch weitgehend dem alten Druidenglauben anhingen.«
»Und zu welcher Gruppe würde Artus selbst gehört haben?«, fragte Jane. Es war albern, dass ihr Herz bei den Worten »wie Spanisch« einen Schlag lang ausgesetzt hatte.
»Das ist der springende Punkt«, sagte Professor Dimble. »Man kann sich ihn als einen altbritischen Stammeskönig vorstellen, aber auch als einen christlichen und in römischer Kriegstechnik ausgebildeten Feldherrn, der diese ganze Gesellschaft zusammenzuhalten versucht, was ihm beinahe gelingt. Nun, aufseiten seiner eigenen britischen Sippe wird es Missgunst gegeben haben, und die romanisierte Schicht, die Lanzelots und Lyoneis sahen sicher auf die Briten herab. Das würde erklären, warum Key immer als ein grober, bäurischer Mensch dargestellt wird: er gehört dem bodenständigen Element an. Und immer diese unterschwellige Strömung, dieser Zug zurück zum Druidenglauben.«
»Und welchen Platz würde Merlin einnehmen?«
»Ja … er ist die eigentlich interessante Gestalt. Ist alles gescheitert, weil er so früh gestorben ist? Haben Sie sich einmal überlegt, was für ein seltsames Geschöpf Merlin ist? Er ist nicht böse, aber er ist ein Zauberer. Er ist offensichtlich ein Druide, dennoch weiß er alles über den Gral. Er ist ›des Teufels Sohn‹, aber Layamon macht sich die Mühe zu erklären, dass das Wesen, das Merlin gezeugt hat, nicht unbedingt böse gewesen sein muss. Bedenken Sie: ›Im Himmel wohnen Geschöpfe mancherlei Art. Einige sind gut, und andere tun Böses.‹«
»Ja, das ist ziemlich sonderbar. Es war mir noch nie aufgefallen.«
»Ich frage mich oft«, sagte Dimble, »ob Merlin nicht die letzte Spur von etwas darstellt, das die spätere Tradition völlig vergessen hat – etwas, das unmöglich wurde, als die einzigen Leute, die mit dem Übernatürlichen in Berührung kamen, entweder weiß oder schwarz, entweder Priester oder Hexenmeister waren.«
»Was für ein schrecklicher Gedanke«, sagte Mrs. Dimble, die bemerkt hatte, dass Jane nachdenklich schien. »Wie auch immer, Merlin hat, wenn überhaupt, vor langer Zeit gelebt, und wie jeder von uns weiß, ist er unwiderruflich tot und liegt unter dem Bragdon-Wald begraben.«
»Begraben ja, aber der Legende zufolge nicht tot«, verbesserte Professor Dimble.
»Oh!«, sagte Jane unwillkürlich, aber Professor Dimble dachte laut weiter.
»Ich frage mich, was sie wohl finden, wenn sie dort für die Fundamente ihres Instituts die Erde ausheben«, sagte er.
»Zuerst Lehm und dann Wasser«, sagte Mrs. Dimble. »Deshalb können sie dort eigentlich gar nicht bauen.«
»Sollte man meinen«, sagte ihr Mann. »Aber warum kommen sie überhaupt hierher? Ein Cockney wie Jules wird sich kaum von der poetischen Einbildung leiten lassen, Merlins Mantel habe sich um seine Schultern gelegt.«
»Was denn!«, sagte Mrs. Dimble. »Merlins Mantel!«
»Ja«, sagte der Professor. »Es ist eine Schnapsidee. Sicherlich würden manche von seinen Freunden den Umhang gern finden. Ob sie aber auch groß genug sind, ihn auszufüllen, ist eine andere Sache! Es würde ihnen wohl kaum gefallen, wenn mit dem Mantel auch der Alte selbst wieder lebendig würde.«
»Sie wird ohnmächtig!« sagte Mrs. Dimble plötzlich und sprang auf.
»Nanu, was ist mit Ihnen?«, fragte Professor Dimble und blickte verwundert in Janes blasses Gesicht. »Ist es Ihnen hier zu heiß?«
»Ach, es ist einfach lächerlich«, sagte Jane.
»Kommen Sie, wir gehen ins Wohnzimmer«, sagte der Professor. »Hier, stützen Sie sich auf meinen Arm.«
Kurz darauf saß Jane an einem Wohnzimmerfenster, das auf den mit leuchtend gelben Blättern übersäten Rasen hinausging, und versuchte ihr sonderbares Benehmen zu erklären, indem sie ihren Traum schilderte. »Wahrscheinlich habe ich mich schrecklich blamiert«, sagte sie abschließend. »Jetzt können Sie beide sich als Psychoanalytiker versuchen.«
In der Tat hätte Jane Professor Dimbles Gesicht ansehen können, dass Janes Traum ihn sehr schockiert hatte. »Höchst ungewöhnlich … höchst ungewöhnlich«, murmelte er immer wieder. »Zwei Köpfe. Und einer davon Alcasans. Könnte das eine falsche Fährte sein?« »Lass doch, Cecil«, sagte Mrs. Dimble.
»Meinen Sie, ich sollte mich analysieren lassen?«, sagte Jane.
»Analysieren?«, erwiderte Professor Dimble und blickte sie an, als habe er nicht ganz verstanden. »Oh, ich verstehe. Sie meinen, ob Sie zu Brizeacre oder so jemandem gehen sollen?« Jane merkte, dass ihre Frage ihn von einem völlig anderen Gedankengang abgebracht hatte, und es berührte sie ein wenig seltsam, dass das Problem ihrer eigenen Gesundheit ganz beiseite geschoben worden war. Die Darstellung ihres Traums hatte irgendein anderes Problem in den Vordergrund gerückt, aber sie hatte keine Ahnung, welcher Art dieses Problem war.
Professor Dimble blickte aus dem Fenster. »Da kommt mein dümmster Student«, sagte er. »Ich muss ins Arbeitszimmer und mir einen Aufsatz über Swift anhören, der mit den Worten beginnt ›Swift wurde geboren …‹ Und ich muss versuchen, bei der Sache zu bleiben; das wird nicht einfach sein.« Er stand auf, legte die Hand auf Janes Schulter und blieb einen Augenblick so stehen. »Wissen Sie«, sagte er, »ich möchte Ihnen keinen Rat geben. Sollten Sie sich aber entschließen, wegen dieses Traums jemanden aufzusuchen, so möchte ich Sie bitten, zuerst zu jemandem zu gehen, dessen Adresse Margaret oder ich Ihnen geben werden.«
»Sie halten nichts von Mr. Brizeacre?«, fragte Jane.
»Ich kann es nicht erklären«, antwortete Dimble. »Nicht jetzt. Es ist alles so kompliziert. Versuchen Sie, nicht darüber nachzudenken. Aber wenn Sie etwas unternehmen, lassen Sie es uns vorher wissen. Auf Wiedersehn.«
Kaum war er gegangen, kamen andere Besucher, sodass Jane und ihre Gastgeberin keine Gelegenheit mehr hatten, sich ungestört zu unterhalten. Etwa eine halbe Stunde später verließ Jane die Dimbles und ging nach Hause, nicht die Pappelallee entlang, sondern auf dem Fußweg über die Gemeindewiesen, vorbei an Eseln und Gänsen, mit den Türmen von Edgestow zur Linken und der alten Windmühle am Horizont zu ihrer Rechten.
2 Abendessen beim Vizerektor
So ein Mist!«, sagte Curry. Er stand vor dem Kamin in seinen prachtvollen Räumen am Newton-Hof. Er hatte die beste Wohnung im College.
»Etwas von N. O.?«, fragte James Busby. Er, Lord Feverstone und Mark tranken vor dem Abendessen bei Curry miteinander Sherry. N. O. stand für »Non Olet« und war der Spitzname des Rektors von Bracton, Charles Place. Seine Wahl auf diesen Posten, die schon etwa fünfzehn Jahre zurücklag, war einer der frühesten Triumphe des Progressiven Elementes gewesen. Mit dem Argument, das College brauche ›frisches Blut‹ und müsse die ›eingefahrenen akademischen Gleise‹ verlassen, war es ihnen gelungen, einen älteren Verwaltungsbeamten an die Spitze zu bringen, einen Mann, der sich gewiss von keiner akademischen Strömung hatte mitreißen lassen, seit er – noch im vorigen Jahrhundert – sein ziemlich obskures College an der Universität Cambridge absolviert hatte, der jedoch einen monumentalen Untersuchungsbericht über das staatliche Gesundheitswesen verfasst hatte. Das hatte ihn den Fortschrittlichen Kräften sogar eher empfohlen. Sie sahen darin einen Schlag ins Gesicht der Konservativen und Ästheten, die sich revanchierten, indem sie ihren neuen Rektor »Non Olet« tauften. Aber nach und nach hatten auch Places Anhänger den Spitznamen übernommen. Denn Place hatte ihre Erwartungen nicht erfüllt und sich als ein Eigenbrötler mit Hang zur Philatelie erwiesen, dessen Stimme man so selten hörte, dass einige der jüngeren Kollegen nicht wussten, wie sie klang.
»Ja, der Henker soll ihn holen«, sagte Curry. »Will mich gleich nach dem Abendessen in einer äußerst wichtigen Angelegenheit sprechen.«
»Das bedeutet«, sagte der Schatzmeister, »dass Jewel und Co. bei ihm gewesen sind und nach Möglichkeiten suchen, die ganze Sache rückgängig zu machen.«
»Das kümmert mich verdammt wenig«, erklärte Curry. »Wie kann man einen Mehrheitsbeschluss rückgängig machen? Nein, das ist es nicht. Aber es reicht aus, einem den ganzen Abend zu verderben.«
»Nur Ihren Abend«, erwiderte Feverstone. »Vergessen Sie nicht, uns Ihren speziellen Kognak herauszustellen, bevor Sie gehen.«
»Jewel! Lieber Himmel!«, sagte Busby und vergrub die linke Hand in seinem Bart.
»Eigentlich hat mir der alte Jewel Leid getan«, sagte Mark. Er hatte ganz unterschiedliche Beweggründe für diese Bemerkung. Der Gerechtigkeit halber muss man sagen, dass die völlig unerwartete und offensichtlich unnötige Brutalität, mit der Feverstone dem alten Mann begegnet war, ihn abgestoßen hatte. Außerdem verdross ihn die Vorstellung, seinen Lehrstuhl Feverstones Fürsprache zu verdanken und in seiner Schuld zu stehen. Wer war dieser Feverstone? Er meinte, es sei Zeit, seine Unabhängigkeit herauszustellen und zu zeigen, dass seine Zustimmung zu den Methoden des Progressiven Elements nicht als selbstverständlich angesehen werden konnte. Ein gewisses Maß an Unabhängigkeit würde ihm sogar innerhalb dieses Elements zu einer höheren Position verhelfen. Wäre der Gedanke, Feverstone werde eine umso höhere Meinung von ihm haben, wenn er ein wenig die Zähne zeige, ihm in dieser Deutlichkeit gekommen, hätte er ihn wohl als unterwürfig abgetan; aber das war nicht der Fall.
»Mitleid mit Jewel?«, fragte Curry und wandte sich um. »Das würden Sie nicht sagen, wenn Sie wüssten, wie er in seiner Glanzzeit war.«
»Ich stimme Ihnen zu«, sagte Feverstone zu Mark, »aber ich halte es mit Clausewitz. Auf lange Sicht ist der totale Krieg am menschlichsten. Ich habe ihn sofort zum Schweigen gebracht. Wenn er den Schock überwunden hat, wird er seine Freude an der Sache haben, denn ich habe ihn in all dem bestätigt, was er seit vierzig Jahren über die jüngere Generation sagt. Welche Alternative hätten wir denn gehabt? Ihn weiterfaseln zu lassen, bis er sich in einen Hustenanfall oder gar in einen Herzinfarkt hineingesteigert hätte, und ihm dazu noch die Enttäuschung einer höflichen Behandlung zu bereiten.«
»So kann man es natürlich auch sehen«, sagte Mark.
»Verdammt noch mal«, fuhr Feverstone fort, »niemand lässt sich gern sein Kapital nehmen. Was würde der arme Curry hier tun, wenn die Reaktionäre eines Tages aufhörten, reaktionär zu sein? Othello hätte nichts mehr zu tun.«
»Es ist angerichtet, Sir«, sagte Currys ›Schütze‹ – wie man in Bracton die Collegediener nannte.
»Das ist alles Unfug, Dick«, sagte Curry, als sie sich zu Tisch setzten. »Nichts wäre mir lieber, als all diese Reaktionäre und Obstruktionisten loszuwerden und mit der Arbeit voranzukommen. Sie glauben doch nicht etwa, dass es mir Spaß macht, meine ganze Zeit bloß darauf zu verwenden, den Weg freizumachen?« Mark merkte, dass sein Gastgeber über Lord Feverstones Spöttelei ein wenig verärgert war. Letzterer hatte ein männliches und sehr ansteckendes Lachen. Mark fand ihn allmählich sympathisch.
»Und die Arbeit wäre …?«, fragte Feverstone. Ohne Mark direkt anzusehen oder ihm gar zuzuzwinkern, bezog er ihn irgendwie in den Scherz mit ein.
»Nun, manche von uns haben auch noch eine eigene Arbeit«, erwiderte Curry und senkte seine Stimme, um ihr einen ernsteren Ton zu verleihen – etwa so wie manche Menschen ihre Stimmen senken, wenn sie von medizinischen oder religiösen Dingen sprechen.
»Ich wusste nicht, dass Sie so einer sind«, sagte Feverstone.
»Das ist das Schlimme an der Sache«, erwiderte Curry. »Entweder gibt man sich damit zufrieden, dass alles vor die Hunde geht – ich meine: stagniert –, oder man opfert die eigene wissenschaftliche Karriere dieser verfluchten Collegepolitik. Eines Tages werde ich den ganzen Krempel hinwer-fen und mich an mein Buch machen. Das Material habe ich alles beisammen, wissen Sie. Eine lange und ungestörte Ferienzeit, und ich glaube, ich könnte wirklich etwas daraus machen.«
Mark, der Curry noch nie in Bedrängnis gesehen hatte, begann, sich zu amüsieren.
»Verstehe«, sagte Feverstone. »Um den Betrieb des Colleges als Bildungsstätte aufrechtzuerhalten, müssen die besten Köpfe jede Beschäftigung mit ihrem eigenen Fach aufgeben.«
»Genau!«, sagte Curry. »Das ist…« Dann brach er ab, unsicher, ob er nun ernst genommen wurde oder nicht. Feverstone lachte laut los. Der Schatzmeister, der sich bisher ausschließlich dem Essen gewidmet hatte, wischte sich sorgfältig den Bart und ergriff das Wort.
»In der Theorie klingt das alles schön und gut«, sagte er, »aber ich glaube, Curry hat ganz Recht. Angenommen, er gäbe sein Amt als Vizerektor auf und zöge sich in seine Studierstube zurück. Er wäre im Stande, uns mit einem verteufelt guten Buch über Volkswirtschaft zu überraschen …«
»Volkswirtschaft?«, fragte Feverstone mit hochgezogenen Brauen.
»Ich bin zufällig Militärhistoriker, James«, sagte Curry. Er ärgerte sich häufig darüber, dass seine Kollegen anscheinend immer Schwierigkeiten hatten zu behalten, in welchem Fachgebiet er eigentlich arbeitete.
»Ich meine natürlich Militärgeschichte«, sagte Busby. »Aber wie gesagt: er wäre im Stande, uns mit einem verteufelt guten Buch über Militärgeschichte zu überraschen. Das wäre in zwanzig Jahren allerdings überholt. Dagegen wird das College für Jahrhunderte von der Arbeit profitieren, die er jetzt tut. Diese ganze Mühe, das N.I.C.E. nach Edgestow zu holen. Was ist damit, Feverstone? Ich spreche nicht nur von der finanziellen Seite, obwohl ich sie als Quästor natürlich für sehr wichtig halte. Aber denken Sie an das neue Leben, die neuen Perspektiven, die Impulse, die von so etwas ausgehen. Was würde irgendein Buch über Volkswirtschaft …«
»Militärgeschichte«, sagte Feverstone sanft, doch diesmal hörte Busby ihn nicht.
»Was würde irgendein Buch über Volkswirtschaft bewirken, verglichen mit einer solchen Sache?«, fuhr er fort. »Ich betrachte sie als den bisher größten Triumph des angewandten Idealismus in diesem Jahrhundert.«
Der gute Wein tat langsam seine Wirkung. Wir alle kennen die Art von Geistlichen, die nach dem dritten Glas dazu neigen, ihre Amtswürde zu vergessen. Bei Busby war es umgekehrt; nach dem dritten Glas begann er sich seiner geistlichen Würde zu entsinnen. Als Wein und Kerzenlicht seine Zunge lösten, gab der nach dreißig Jahren Abtrünnigkeit noch immer latent in ihm vorhandene Pfarrer seltsame Lebenszeichen von sich.
»Wie Sie wissen«, sagte er, »bin ich keineswegs strenggläubig. Aber ich würde, ohne zu zögern, sagen, dass Curry dadurch, dass er das Institut nach Edgestow gebracht hat, für die Religion in einem weiteren Sinne mehr getan hat als ein Theologe wie Jewel in seinem ganzen Leben.«
»Nun«, erwiderte Curry bescheiden, »das ist natürlich, was man sich erhofft. Ich würde es vielleicht nicht so ausdrücken wie Sie, James …«
»Nein, nein«, sagte der Schatzmeister. »Natürlich nicht. Jeder hat seine eigene Sprache, aber wir meinen wirklich alle das Gleiche.«
»Hat eigentlich schon jemand herausgefunden«, fragte Feverstone, »was das N.I.C.E. eigentlich ist und was es tun will?«
Curry sah ihn überrascht an. »Aus Ihrem Mund, Dick, klingt das merkwürdig«, sagte er. »Ich dachte, Sie gehören selbst dazu.«
»Ist es nicht ein wenig naiv«, sagte Feverstone, »anzunehmen, dass man, wenn man irgendwo dazugehört, auch das offizielle Programm genau kennt?«
»Na schön, wenn Sie Einzelheiten meinen«, sagte Curry und brach dann ab.
»Sie machen ein großes Geheimnis um nichts, Feverstone«, sagte Busby. »Ich dachte, die Zielsetzungen des N.I.C.E. wären völlig klar. Es ist der erste Versuch, die angewandte Wissenschaft auf nationaler Ebene ernst zu nehmen. Der Größenunterschied zwischen dem geplanten Institut und allem, was wir bisher hatten, ist beinahe schon ein qualitativer Unterschied. Allein die Gebäude, allein der Apparat – bedenken Sie, was das für die Industrie bedeutet. Bedenken Sie, in welchem Umfang es die Talente des Landes mobilisieren wird; und nicht nur die wissenschaftlichen Talente im engeren Sinn. Fünfzehn Abteilungsdirektoren, jeder mit einem Jahresgehalt von fünfzehntausend Pfund! Eine eigene Rechtsabteilung, eine eigene Polizei, wie ich höre! Ein eigener ständiger Stab von Architekten, Sachverständigen und Ingenieuren! Die Sache ist kolossal!«
»Karrieren für unsere Söhne«, sagte Feverstone. »Ich verstehe.«
»Was wollen Sie damit sagen, Lord Feverstone?«, fragte Busby und setzte sein Glas ab.
»Ach Gott!«, sagte Feverstone, und seine Augen lachten. »Wie taktlos von mir. Ich hatte ganz vergessen, dass Sie Familie haben, James.«
»Ich stimme James zu«, sagte Curry, der ungeduldig auf eine Gelegenheit gewartet hatte, wieder das Wort zu ergreifen. »Das Institut steht für den Beginn eines neuen Zeitalters – des wirklich wissenschaftlichen Zeitalters. Bisher war alles mehr oder weniger zufällig. Von nun an wird die Wissenschaft selbst auf eine wissenschaftliche Grundlage gestellt. Es wird vierzig ständige Ausschüsse geben, die jeden Tag zusammentreten und über ein großartiges Gerät verfügen – das Modell habe ich gesehen, als ich das letzte Mal in der Stadt war. Es ist ein Gerät, das die Arbeitsergebnisse eines jeden Ausschusses fortlaufend und selbsttätig auf eine analytische Anzeigetafel projiziert. Jeder einlaufende Bericht stellt sich selbst in seinen sachlichen Zusammenhang und weist durch kleine Pfeile auf die entsprechenden Teile der anderen Berichte hin. Ein Blick auf die Tafel, und die Arbeit des gesamten Instituts nimmt vor unseren Augen Gestalt an. Im obersten Geschoss wird ein Stab von mindestens zwanzig Fachleuten an der Anzeigetafel arbeiten – in einem Raum etwa wie die Kontrollräume der Untergrundbahn. Es ist ein großartiges Gerät. Jeder Arbeitsbereich erscheint in einer anderen farbigen Leuchtschrift. Das Gerät muss eine halbe Million gekostet haben. Sie nennen es ein Pragmatometer.«
»Und daran können Sie sehen«, sagte Busby, »was das Institut bereits für das Land tut. Die Pragmatometrie wird eine große Zukunft haben. Hunderte von Leuten spezialisieren sich darauf. Wahrscheinlich wird diese analytische Anzeigetafel schon veraltet sein, bevor das Gebäude überhaupt fertig ist!«
»Ja, bei Gott«, sagte Feverstone. »Und N. O. selbst hat mir heute Morgen erzählt, dass die sanitären Einrichtungen des Institutsgebäudes ganz außergewöhnlich sein würden.«
»Das stimmt«, sagte Busby mit Nachdruck. »Ich sehe nicht, warum man das für unwichtig halten sollte.«
»Und was halten Sie davon, Studdock?«, fragte Feverstone.
»Ich denke«, sagte Mark, »James hat bereits den wichtigsten Punkt erwähnt, dass nämlich das Institut seine eigene Rechtsabteilung und seine eigene Polizei haben wird. Ich gebe keinen Pfifferling auf Pragmatometer und Luxustoiletten. Das Wesentliche ist, dass wir diesmal wissenschaftlich an die großen sozialen Aufgaben herangehen und dabei von der ganzen Macht des Staates unterstützt werden, ebenso wie in der Vergangenheit Kriege von der ganzen Macht des Staates unterstützt wurden. Es ist natürlich zu hoffen, dass man mit diesen Mitteln weiter kommt als die alte ungebundene Wissenschaft. Auf jeden Fall wird es mehr Möglichkeiten geben.«
»Verdammt«, sagte Curry mit einem Blick auf seine Uhr. »Ich muss jetzt gehen und mit N. O. reden. Wenn Sie nach dem Wein noch Kognak möchten, die Flasche steht in diesem Schrank. Schwenker sind in dem Fach darüber. Ich werde so bald wie möglich zurückkommen. Sie wollen doch nicht schon gehen, James?«
»Doch«, erwiderte der Quästor. »Ich will früh zu Bett. Aber lasst ihr beiden euch nicht stören. Ich bin schon den ganzen Tag auf den Beinen, müssen Sie wissen. Wer an diesem College ein Amt bekleidet, ist ein Dummkopf. Ständige Sorgen. Erdrückende Verantwortung. Und dann gibt es Leute, die einem erzählen wollen, dass all die kleinen Bücherwürmer, die ihre Nasen bloß in die Bibliotheken und Labors stecken, die eigentliche Arbeit tun! Ich wüsste gern, wie Glossop und seine Freunde ein Tagespensum bewältigen würden, wie ich es heute hinter mir habe. Auch Sie, Curry, hätten ein leichteres Leben, wenn Sie bei der Volkswirtschaft geblieben wären.«
»Ich habe Ihnen schon einmal gesagt …«, begann Curry, doch der Schatzmeister hatte sich bereits erhoben, beugte sich über Lord Feverstone und erzählte ihm irgendeine lustige Anekdote.
Als die beiden Männer den Raum verlassen hatten, sah Lord Feverstone Mark einige Sekunden lang mit einem rätselhaften Ausdruck an. Dann schmunzelte er, und aus dem Schmunzeln wurde ein Lachen. Er warf seinen schlanken, kräftigen Körper in den Sessel zurück und lachte lauter und immer lauter. Sein Lachen war sehr ansteckend, und auch Mark lachte unwillkürlich – ganz aufrichtig und sogar hilflos, wie ein Kind. »Pragmatometer – Luxustoiletten – angewandter Idealismus!«, keuchte Feverstone. Außerordentliche Erleichterung überkam Mark. Alle möglichen Eigenheiten an Curry und Busby, die er in seiner Ehrfurcht vor dem Progressiven Element zuvor gar nicht oder nur flüchtig wahrgenommen hatte, fielen ihm jetzt ein. Er fragte sich, wie er die komischen Seiten an ihnen nicht hatte sehen können.
»Es ist wirklich ziemlich verheerend«, sagte Feverstone, als er sich halbwegs erholt hatte, »dass die Leute, auf die man zur Erledigung der Arbeit angewiesen ist, solchen Blödsinn reden, sobald man sie über die Arbeit selbst ausfragt.«
»Und doch sind sie in gewisser Weise das Hirn von Bracton«, sagte Mark.
»Großer Gott, nein! Glossop und Bill der Blizzard und selbst der alte Jewel sind zehnmal klüger.«
»Ich wusste nicht, dass Sie das so sehen.«
»Ich denke, dass Glossop und seine Freunde im Irrtum sind. Ich halte ihre Vorstellungen von Kultur und Wissen und so weiter für unrealistisch. Sie passen nicht mehr in die Welt, in der wir leben. Es sind reine Hirngespinste. Aber es sind immerhin klare Vorstellungen, und sie versuchen, konsequent danach zu handeln. Sie wissen, was sie wollen. Unsere beiden armen Freunde dagegen kann man zwar überreden, den richtigen Zug zu nehmen und ihn sogar zu lenken, doch sie haben nicht die leiseste Ahnung, wohin der Zug fährt oder warum. Sie werden Blut und Wasser schwitzen, um das N.I.C.E. nach Edgestow zu holen: darum sind sie unentbehrlich. Aber worum es dem Institut geht, worum es bei irgendetwas geht – fragen Sie sie besser nicht danach. Pragmatometrie! Fünfzehn Abteilungsdirektoren!«
»Nun, vielleicht bin ich genauso.«
»Ganz und gar nicht. Sie haben den entscheidenden Punkt sofort erkannt. Ich hatte es auch nicht anders von Ihnen erwartet. Ich habe alles gelesen, was Sie seit Ihrer Bewerbung um den Lehrstuhl hier geschrieben haben. Darüber wollte ich mit Ihnen reden.«
Mark schwieg. Das Schwindel erregende Gefühl, plötzlich von einer Geheimnisebene auf eine andere gewirbelt zu werden, verbunden mit der zunehmenden Wirkung von Currys ausgezeichnetem Portwein, verschlug ihm die Sprache.
»Ich möchte, dass Sie zum Institut kommen«, sagte Feverstone.
»Sie meinen – ich soll Bracton verlassen?«
»Das wäre doch denkbar, oder? Jedenfalls denke ich, dass Sie hier nichts verloren haben. Wenn N. O. in den Ruhestand geht, machen wir Curry zum Rektor und …«
»Es wurde davon gesprochen, Sie zum Rektor zu wählen.«
»O Gott!« sagte Feverstone erstaunt. Mark begriff, dass der Vorschlag sich in Feverstones Augen ausnehmen musste wie die Anregung, er solle Rektor einer kleinen Hilfsschule werden, und er war froh, dass er seine Bemerkung in einem nicht allzu ernsten Ton vorgebracht hatte. Dann lachten sie wieder.
»Sie, Mark, zum Rektor zu machen«, sagte Feverstone, »wäre absolute Verschwendung. Das ist der richtige Job für Curry. Er wird ihn sehr gut machen. Wir brauchen jemanden, der die Tagesgeschäfte und das Drahtziehen als Selbstzweck betrachtet und nicht ernsthaft fragt, wozu das alles gut ist. Wenn er das täte, würde er anfangen, seine eigenen – nun, wahrscheinlich würde er sie ›Gedanken‹ nennen – einzubringen. Wie die Dinge liegen, brauchen wir ihm nur zu sagen, er halte Soundso für einen Mann, den das College braucht, und er wird ihn dafür halten. Er wird dann keine Ruhe geben, bis dieser Soundso einen Lehrstuhl bekommt. Und genau dafür brauchen wir das College: als ein Schleppnetz, ein Rekrutierungsbüro.«
»Als ein Rekrutierungsbüro für das Institut, meinen Sie?«
»Ja, in erster Linie. Aber das ist nur ein Teilaspekt.«
»Ich bin nicht sicher, dass ich Sie verstanden habe.«
»Bald werden Sie verstehen. Die richtige Seite und all das, Sie wissen schon. Typisch Busby, zu sagen, die Menschheit stehe am Scheideweg. Aber im Moment ist die entscheidende Frage, auf welcher Seite man steht – Obskurantismus oder Ordnung. Es sieht wirklich so aus, als könnten wir als Spezies jetzt endlich für recht lange Zeit eine feste Stellung beziehen und unser Schicksal in die eigenen Hände nehmen. Wenn der Wissenschaft wirklich freie Hand gelassen wird, kann sie jetzt die menschliche Rasse beherrschen und umformen, den Menschen zu einem wirklich leistungsfähigen Tier machen. Wenn sie es nicht schafft – nun, dann sind wir erledigt.«
»Fahren Sie fort.«
»Es gibt drei Hauptprobleme. Erstens: das interplanetarische Problem.«
»Was in aller Welt wollen Sie damit sagen?«
»Nun, das tut nichts zur Sache. Hier können wir gegenwärtig nichts tun. Der einzige Mann, der uns da weiterhelfen konnte, war Weston.«
»Er kam bei einem Bombenangriff um, nicht wahr?«
»Er wurde ermordet.«
»Ermordet?«
»Ich bin ziemlich sicher, und ich denke, ich weiß sogar, wer der Mörder war.«
»Großer Gott! Und da kann man nichts machen?«
»Es gibt keine Beweise. Der Mörder ist ein angesehener Professor in Cambridge, hat schlechte Augen, ein lahmes Bein und einen blonden Bart. Er war schon hier bei uns zu Gast.«
»Und weshalb wurde Weston ermordet?«
»Weil er auf unserer Seite stand. Der Mörder ist einer von der feindlichen Seite.«
»Wollen Sie allen Ernstes behaupten, er habe ihn deshalb ermordet?«
»Jawohl!«, sagte Feverstone und schlug mit der Hand auf den Tisch. »Das ist der springende Punkt. Leute wie Curry oder James plappern über den Kampf gegen die Reaktion. Dabei kommt ihnen nie in den Sinn, dass es ein wirklicher Kampf mit wirklichen Verlusten sein könnte. Sie denken, der gewaltsame Widerstand der anderen Seite habe mit der Verfolgung Galileis und alledem aufgehört. Glauben Sie das bloß nicht. Jetzt geht es überhaupt erst richtig los. Die andere Seite weiß, dass wir endlich über tatsächliche Kräfte verfügen; dass die Frage, welchen Weg die Menschheit gehen wird, in den nächsten sechzig Jahren entschieden wird. Sie werden um jeden Zollbreit kämpfen und vor nichts zurückschrecken.«
»Sie können nicht gewinnen«, sagte Mark.
»Hoffen wir es«, sagte Lord Feverstone. »Ich glaube es auch nicht. Aber gerade darum ist es von so immenser Bedeutung für jeden von uns, die richtige Seite zu wählen. Wenn Sie versuchen, neutral zu bleiben, werden Sie einfach zu einer Schachfigur.«
»Oh, ich habe nicht den leisesten Zweifel, auf welcher Seite ich stehe«, sagte Mark. »Zum Teufel – der Fortbestand der Menschheit ist eine verdammt grundsätzliche Verpflichtung.«
»Nun, ich persönlich teile Busbys Begeisterung nicht«, sagte Feverstone. »Es ist ein bisschen versponnen, sich in seinem Handeln leiten zu lassen von der angeblichen Sorge darum, was in ein paar Millionen Jahren geschehen wird; und Sie dürfen nicht vergessen, dass auch die andere Seite behauptet, das Wohl und den Fortbestand der Menschheit zu verteidigen. Beide Haltungen lassen sich psychologisch erklären. Der praktische Aspekt ist, dass Sie und ich nicht gern anderer Leute Schachfiguren sind und lieber kämpfen – besonders auf der Seite der Gewinner.«
»Und welches ist der erste praktische Schritt?«
»Ja, das ist die eigentliche Frage. Das interplanetarische Problem muss, wie gesagt, einstweilen beiseite gelassen werden. Das zweite Problem sind unsere Konkurrenten auf diesem Planeten. Ich meine damit nicht bloß Insekten und Bakterien. Es gibt viel zu viel Leben jeglicher Art, tierisches und pflanzliches. Wir haben noch nicht richtig aufgeräumt. Zuerst konnten wir nicht, und dann hatten wir ästhetische und humanitäre Skrupel. Und wir haben die Frage des Gleichgewichts in der Natur noch immer nicht gelöst. All das muss noch untersucht werden. Das dritte Problem ist der Mensch selbst.«
»Fahren Sie fort. Dies interessiert mich sehr.«
»Der Mensch muss sich des Menschen annehmen. Das bedeutet natürlich, dass einige Menschen sich des Restes annehmen müssen – und dies ist ein weiterer Grund, so bald wie möglich einzusteigen. Schließlich wollen Sie und ich zu denen gehören, die sich der anderen annehmen, nicht zu denen, derer man sich annimmt.«
»Und was haben Sie vor?«
»Am Anfang stehen ganz einfache und nahe liegende Dinge – Sterilisierung der Untauglichen, Liquidierung rückständiger Rassen (Ballast können wir nicht gebrauchen) und Zuchtwahl. Dann richtige Erziehung, einschließlich pränataler Erziehung. Unter richtiger Erziehung verstehe ich eine, die mit dem Prinzip der Freiwilligkeit und ähnlichem Unsinn aufräumt. Eine richtige Erziehung bringt den Schüler unfehlbar dorthin, wo sie ihn haben will, was immer er oder seine Eltern auch dagegen unternehmen mögen. Natürlich wird sie zuerst hauptsächlich psychologisch sein müssen; aber am Ende werden wir mit biochemischer Konditionierung und direkter Manipulation des Gehirns arbeiten.«
»Aber das ist ja umwerfend, Feverstone.«
»Es ist das einzig Wahre: ein neuer Menschentyp. Und Leute wie Sie müssen den Anfang machen.«
»Da liegt ein Problem für mich. Bitte halten Sie es nicht für falsche Bescheidenheit, aber ich weiß nicht, was ich dazu beitragen könnte.«
»Nein, aber wir wissen es. Sie sind genau, was wir brauchen: ein ausgebildeter Soziologe mit radikal realistischen Ansichten, der sich nicht scheut, Verantwortung zu übernehmen. Außerdem ein Soziologe, der schreiben kann.«
»Sie wollen doch nicht, dass ich dies alles niederschreibe?«
»Nein. Wir wollen, dass Sie es umschreiben – es verschleiern. Natürlich nur für den Anfang. Ist die Sache erst einmal in Gang gekommen, werden wir uns um die Großherzigkeit der britischen Öffentlichkeit nicht weiter kümmern brauchen. Wir werden daraus machen, was wir wollen. Aber bis es soweit ist, kann uns nicht gleichgültig sein, wie die Dinge dargestellt werden. Würde zum Beispiel nur andeutungsweise bekannt, dass das Institut Vollmachten für Experimente an Kriminellen will, so hätten wir sofort alle alten Weiber beiderlei Geschlechts mit ihrem Gezeter über Humanität am Hals. Nennen Sie es dagegen Umerziehung der Nichtangepassten, und schon geifern sie vor Freude, dass die Zeit des vergeltenden Strafrechts endlich zu Ende ist. Ein seltsames Phänomen: Das Wort ›experimentieren‹ zum Beispiel ist unpopulär, nicht aber das Wort ›experimentell‹. Mit Kindern darf man nicht experimentieren: aber bieten Sie den lieben Kleinen kostenlose Erziehung in einer experimentellen Schule, die dem Institut angeschlossen ist, und alles ist in bester Ordnung.«
»Wollen Sie damit sagen, dass diese — hm – journalistische Tätigkeit meine Hauptaufgabe sein würde?«
»Es hat nichts mit Journalismus zu tun. Ihre Leser wären in erster Linie die Ausschüsse des Unterhauses, nicht die Öffentlichkeit. Aber das wäre in jedem Falle nur ein Nebenaspekt. Was die Stelle selbst angeht – nun, es ist unmöglich vorauszusagen, wie sich das entwickeln wird. Bei einem Mann wie Ihnen brauche ich die finanzielle Seite nicht eigens zu betonen. Sie würden in einem relativ bescheidenen Rahmen anfangen, vielleicht fünfzehnhundert Pfund im Jahr.«
»Daran habe ich noch gar nicht gedacht«, sagte Mark, der dennoch vor Aufregung ganz rot wurde.
»Natürlich muss ich Sie warnen«, sagte Feverstone. »Die Sache ist gefährlich. Vielleicht jetzt noch nicht, aber wenn die Dinge wirklich ins Rollen kommen, dann ist es durchaus möglich, dass man versuchen wird, Sie um die Ecke zu bringen, wie den armen alten Weston.«
»Ich glaube, daran habe ich auch nicht gedacht«, sagte Mark.
»Hören Sie zu«, sagte Feverstone. »Ich fahre Sie morgen zu John Wither. Er hat mir gesagt, ich solle Sie am Wochenende mitbringen, wenn Sie interessiert wären. Sie werden dort alle wichtigen Leute kennen lernen, und es wird Ihnen helfen, Ihre Entscheidung zu treffen.«
»Was hat Wither damit zu tun? Ich dachte, Jules stehe an der Spitze des N.I.C.E.« Horace Jules war ein bekannter Schriftsteller und Autor populärwissenschaftlicher Bücher, dessen Name in der Öffentlichkeit fast immer in Verbindung mit dem neuen Institut genannt wurde.
»Jules! Er ist das Aushängeschild«, sagte Feverstone. »Sie glauben doch nicht, dass dieses kleine Maskottchen im Ernst etwas zu sagen hätte! Er ist der richtige Mann, um dem britischen Publikum in den Wochenendzeitungen das Institut nahe zu bringen, und dafür bezieht er ein üppiges Gehalt. Für die eigentliche Arbeit taugt er nicht. In seinem Kopf hat er nichts als sozialistische Ideen des neunzehnten Jahrhunderts und dummes Zeug über die Menschenrechte. Er ist ungefähr so weit wie Darwin gekommen!«
»Kann ich mir denken«, sagte Mark. »Ich habe mich immer gewundert, dass er überhaupt mit von der Partie ist. Nun, da Sie so freundlich sind, werde ich Ihr Angebot annehmen und das Wochenende mit zu Wither fahren. Wann wollen Sie los?«
»Gegen Viertel vor elf. Sie wohnen draußen in Sandawn, nicht wahr? Ich könnte vorbeikommen und Sie abholen.«
»Vielen Dank. Nun erzählen Sie mir von Wither.«
»John Wither«, begann Feverstone, brach aber plötzlich ab. »Mist!«, sagte er. »Da kommt Curry. Jetzt müssen wir uns alles anhören, was N. O. gesagt hat und wie geschickt unser Obertaktiker ihn eingewickelt hat. Laufen Sie nicht weg. Ich werde Ihre moralische Unterstützung brauchen.«
2 _______
Der letzte Bus war längst fort, als Mark das College verließ, und er ging im hellen Mondlicht zu Fuß nach Hause. Sobald er die Wohnung betreten hatte, geschah etwas sehr Ungewöhnliches. Noch auf der Fußmatte hatte er plötzlich eine verängstigte, halb schluchzende Jane in den Armen – wie ein Häuflein Elend. Sie sagte: »Oh, Mark, ich habe mich so gefürchtet.«
Irgendwie fühlte sich der Körper seiner Frau ungewohnt an; eine gewisse unbestimmte Abwehrhaltung war vorübergehend von ihr gewichen. Er hatte solche Augenblicke schon früher erlebt, aber sie waren selten und wurden immer seltener. Aus Erfahrung wusste er, dass ihnen am nächsten Morgen meist unerklärliche Streitereien folgten. Das verwirrte ihn sehr, aber er hatte diese Verwirrung nie in Worte gefasst.
Es ist zweifelhaft, ob er ihre Gefühle verstanden hätte, selbst wenn man sie ihm erklärt hätte; und Jane konnte sowieso nichts erklären. Sie war völlig verwirrt. Doch die Gründe für ihr ungewöhnliches Verhalten gerade an diesem Abend waren sehr einfach. Um halb fünf war sie von den Dimbles zurückgekehrt, erfrischt und hungrig von ihrem Spaziergang und fest überzeugt, dass ihre Erlebnisse der vergangenen Nacht und beim Mittagessen ein für alle Mal vorbei wären. Bevor sie ihren Tee getrunken hatte, musste sie Licht machen und die Vorhänge zuziehen, denn die Tage wurden bereits kürzer. Während sie das tat, ging ihr der Gedanke durch den Kopf, dass ihr Entsetzen vor dem Traum und bei der bloßen Erwähnung eines Mantels, eines alten Mannes, eines begrabenen, aber nicht toten alten Mannes und einer Sprache wie Spanisch wirklich so unvernünftig war wie die Angst eines Kindes vor der Dunkelheit. Dies rief ihr die Augenblicke ihrer Kindheit in Erinnerung, als sie sich vor der Dunkelheit gefürchtet hatte. Vielleicht verweilte sie zu lange bei diesen Erinnerungen. Wie auch immer, als sie sich setzte, um ihre letzte Tasse Tee zu trinken, war der Abend irgendwie verdorben. Und es ließ sich auch nichts mehr aus ihm machen. Zuerst fand sie es ziemlich schwierig, sich auf ihr Buch zu konzentrieren; dann, als sie diese Schwierigkeit erkannt hatte, fand sie es schwierig, sich überhaupt auf irgendein Buch zu konzentrieren. Sie merkte, dass sie unruhig war. Und das Bewusstsein, unruhig zu sein, machte sie nervös. Danach hatte sie eine lange Zeit zwar nicht direkt Angst, wusste aber, dass sie sofort Angst bekommen würde, wenn sie sich nicht zusammennahm. Dann überkam sie eine merkwürdige Abneigung, in die Küche zu gehen und das Abendessen zu bereiten, und als sie sich überwunden und es doch getan hatte, konnte sie nichts essen. Es war nicht länger zu leugnen, dass sie sich fürchtete. Verzweifelt rief sie bei den Dimbles an. »Ich glaube, ich sollte vielleicht doch die Person aufsuchen, die Sie vorgeschlagen haben«, sagte sie. Nach einer seltsamen kleinen Pause antwortete Mrs. Dimbles Stimme und gab ihr die Adresse. Ironwood war der Name, anscheinend Miss Ironwood. Jane hatte angenommen, es werde ein Mann sein, und fühlte sich etwas abgestoßen. Miss Ironwood wohnte draußen in St. Anne’s on the Hill. Jane fragte, ob sie sich anmelden solle. »Nein«, sagte Mrs. Dimble, »Sie werden … Sie brauchen sich nicht anzumelden.« Jane versuchte, das Gespräch nach Kräften in die Länge zu ziehen. Sie hatte im Grunde nicht angerufen, um die Adresse zu erfahren, sondern um Mutter Dimbles Stimme zu hören. Insgeheim hatte sie darauf gehofft, dass Mutter Dimble ihre Not spüren und sagen würde: »Ich setze mich gleich in den Wagen und komme zu Ihnen.« Stattdessen bekam Jane nur schnell die gewünschte Information und ein hastiges »Gute Nacht«. Mrs. Dimbles Stimme war ihr etwas seltsam vorgekommen. Sie hatte das Gefühl, mit ihrem Anruf ein Gespräch unterbrochen zu haben, dessen Gegenstand sie selbst gewesen war – nein, nicht sie selbst, sondern etwas anderes. Wichtigeres, das in irgendeinem Zusammenhang mit ihr stand. Und was hatte Mrs. Dimble mit »Sie werden …« gemeint? »Sie werden dort erwartet?« Schreckliche, kindisch-albtraumhafte Vorstellungen von denen, die sie erwarten mochten, gingen ihr durch den Kopf. Sie sah Miss Ironwood ganz in Schwarz gekleidet dasitzen, die gefalteten Hände auf den Knien; dann führte jemand sie vor Miss Ironwood, sagte »Sie ist gekommen« und ließ sie dort allein.
»Zum Teufel mit den Dimbles!« murmelte Jane vor sich hin, und dann machte sie es in Gedanken schnell rückgängig, mehr aus Angst als aus Reue. Und nun, da der rettende Telefondraht in Anspruch genommen worden war und keinen Trost gebracht hatte, brach der Schrecken, wie ergrimmt über ihren vergeblichen Versuch, ihm zu entfliehen, mit voller Macht wieder über sie herein. Sie konnte sich später nicht erinnern, ob der grässliche alte Mann und der Mantel ihr tatsächlich in einem Traum erschienen waren oder ob sie bloß zusammengekauert dagesessen hatte, ängstliche Blicke um sich warf und inständig hoffte, ja sogar betete (obwohl sie an niemanden glaubte, zu dem sie hätte beten können), dieser schreckliche Greis möge sie verschonen.
Und so kam es, dass Mark Jane völlig unerwartet auf der Türschwelle vorfand. Äußerst schade, dachte er, dass dies ausgerechnet an einem Abend passieren musste, an dem er so spät kam und so müde und – um die Wahrheit zu sagen – nicht mehr ganz nüchtern war.
3 _______
»Fühlst du dich heute Morgen besser?«, fragte Mark. »Ja, danke«, sagte Jane kurz angebunden.
Mark lag im Bett und trank eine Tasse Tee. Jane saß halb angekleidet vor der Frisierkommode und bürstete ihr Haar. Marks Blick ruhte mit trägem, morgendlichem Vergnügen auf ihr. Wenn er von der mangelnden Übereinstimmung zwischen ihnen nur sehr wenig spürte, dann lag dies zum Teil an unserer unverbesserlichen Gewohnheit zu projizieren. Wir halten das Lamm für sanft, weil seine Wolle sich weich anfühlt. Männer nennen eine Frau sinnlich, wenn sie sinnliche Gefühle in ihnen weckt. Janes Körper, weich und doch fest, schlank und doch rund, war so sehr nach Marks Geschmack, dass es ihm nahezu unmöglich war, ihr nicht die gleichen Empfindungen zuzuschreiben, die sie in ihm erregte. »Bist du ganz sicher, dass dir nichts fehlt?«, fragte er wieder. »Absolut«, sagte Jane wortkarg.
Sie dachte, sie sei ärgerlich, weil ihr Haar so widerspenstig wäre und weil Mark so ein Getue machte. Natürlich ärgerte sie sich wegen ihres Anfalls von Schwäche am Vorabend auch über sich selbst. Er hatte sie zu dem gemacht, was sie am meisten verabscheute – zu dem zitternden, tränenreichen Frauchen sentimentaler Romane, das sich Trost suchend in männliche Arme flüchtet. Aber sie glaubte, dieser Ärger existiere nur irgendwo hinten in ihrem Kopf, und ahnte nicht, dass er durch jede Ader pulsierte und die Ungeschicklichkeit in ihren Fingern bewirkte, die ihr Haar so widerspenstig erscheinen ließ.
»Denn wenn du dich auch nur im Geringsten unwohl fühlst«, fuhr Mark fort, »könnte ich den Besuch bei diesem Wither verschieben.« Jane sagte nichts.
»Wenn ich fahre«, sagte Mark, »werde ich sicher eine Nacht fortbleiben müssen; vielleicht auch zwei.«
Jane presste die Lippen ein wenig fester zusammen und sagte noch immer nichts.
»Angenommen, ich fahre«, sagte Mark. »Willst du nicht Myrtle bitten herüberzukommen?«
»Nein, danke«, sagte Jane mit Nachdruck und fügte hinzu: »Ich bin es gewohnt, allein zu sein.«
»Ich weiß«, sagte Mark abwehrend. »Zurzeit ist im College der Teufel los. Hauptsächlich aus diesem Grund überlege ich auch, eine neue Stelle anzunehmen.«
Jane schwieg.
»Hör zu«, sagte Mark, richtete sich mit einem Ruck auf und schwang seine Beine aus dem Bett. »Es hat keinen Sinn, um den heißen Brei herumzureden. Ich gehe nicht gern fort, wenn du in diesem Zustand bist …«
»In welchem Zustand?« fragte Jane, die sich nun umwandte und ihn zum ersten Mal ansah.
»Nun – ich meine … ein bisschen nervös, wie es jeder manchmal ist.«
»Weil ich zufällig einen Albtraum hatte, als du gestern Abend – oder, besser gesagt, heute Morgen nach Haus kamst, brauchst du noch nicht so zu tun, als ob ich eine Neurasthenikerin wäre.« Das war ganz und gar nicht, was Jane hatte sagen wollen.
»Es hat doch keinen Sinn, gleich loszulegen, als ob …«, begann Mark.
»Als ob was?« fragte Jane eisig, und bevor er etwas erwidern konnte, fuhr sie fort: »Wenn du meinst, ich werde verrückt, kannst du ja Brizeacre kommen und mich einweisen lassen. Es wäre günstig, es während deiner Abwesenheit zu erledigen. Sie könnten mich ohne großes Aufhebens abtransportieren, während du bei Mr. Wither bist. Ich werde mich jetzt um das Frühstück kümmern. Wenn du dich nicht schnell rasierst und anziehst, bist du nicht fertig, wenn Lord Feverstone kommt.«
Das Ergebnis war, dass Mark sich beim Rasieren einen sehr bösen Schnitt zuzog (und sich sofort vorstellte, wie er, einen großen Wattebausch auf der Oberlippe, mit dem überaus bedeutenden Mr. Wither sprach), während Jane aus verschiedenen Gründen beschloss, Mark ein ungewöhnlich reichhaltiges Frühstück zu bereiten – lieber wäre sie gestorben, als selbst davon zu essen. Sie tat das mit den schnellen, geschickten Bewegungen einer zornigen Frau, nur um im letzten Moment alles über dem neuen Herd zu verschütten. Sie saßen noch am Frühstückstisch und taten beide so, als läsen sie Zeitung, als Lord Feverstone kam. Bedauerlicherweise traf Mrs. Maggs gleichzeitig mit ihm ein. Mrs. Maggs war jenes Element in Janes Haushalt, das sie mit der Redewendung zu umschrei-ben pflegte: »Ich habe eine Frau, die zweimal in der Woche kommt.« Zwanzig Jahre früher hätte Janes Mutter eine solche Frau einfach mit »Maggs« angeredet und wäre ihrerseits als »Madam« tituliert worden. Aber Jane und ihre Zugehfrau nannten einander Mrs. Maggs und Mrs. Studdock. Sie waren ungefähr gleichaltrig, und das Auge eines Junggesellen hätte in der Art, sich zu kleiden, keinen großen Unterschied gesehen. So war es vielleicht nicht unentschuldbar, dass Feverstone, als Mark ihn seiner Frau vorstellen wollte, Mrs. Maggs die Hand schüttelte; aber es machte die letzten Minuten, bevor die beiden Männer wegfuhren, nicht gerade angenehmer.
Unter dem Vorwand, einkaufen zu gehen, verließ Jane gleich darauf ebenfalls die Wohnung. »Ich könnte Mrs. Maggs heute wirklich nicht ertragen«, sagte sie zu sich selbst. »Sie ist furchtbar geschwätzig.« Das war auch Lord Feverstone – dieser Mann mit dem lauten, unnatürlichen Lachen, dessen Mund an einen Hai erinnerte, der offensichtlich keine Manieren hatte und zudem anscheinend ein ziemlicher Dummkopf war. Was konnte es Mark nützen, mit einem solchen Mann zu verkehren? Sein Gesicht hatte Janes Misstrauen geweckt. Sie hatte einen Blick dafür – er wirkte irgendwie verschlagen. Wahrscheinlich hielt er Mark zum Narren. Mark war so leicht hereinzulegen. Wäre er bloß nicht in Bracton! Es war ein grässliches College. Was fand Mark nur an Leuten wie Mr. Curry und dem abscheulichen alten Geistlichen mit dem Bart? Und was war mit dem Tag, der ihr bevorstand, und der Nacht, und so weiter – denn wenn Männer sagen, dass sie möglicherweise zwei Nächte ausbleiben, dann bedeutet das mindestens zwei Nächte und wahrscheinlich eine ganze Woche. Ein Telegramm (niemals ein Ferngespräch) brachte das für sie in Ordnung. Sie musste etwas tun. Sie dachte sogar daran, Marks Rat zu befolgen und Myrtle einzuladen. Aber Myrtle war ihre Schwägerin, Marks Zwillingsschwester, und sie blickte viel zu ehrfürchtig zu ihrem erfolgreichen Bruder auf. Sie würde über Marks Gesundheit und seine Hemden und Socken reden, und in allem würde eine unausgesprochene, aber unverkennbare Verwunderung über Janes Glück mitschwingen, einen solchen Mann geheiratet zu haben. Nein, bestimmt nicht Myrtle. Dann dachte sie daran, als Patientin Dr. Brizeacre aufzusuchen. Er war ein Bracton-Mann und würde ihr deshalb wahrscheinlich nichts berechnen. Aber als sie sich vorstellte, wie sie ausgerechnet Brizeacre die Art von Fragen beantworten sollte, die er mit Gewissheit stellen würde, erwies sich dieses Unterfangen als unmöglich. Aber sie musste etwas tun. Schließlich entdeckte sie gewissermaßen zu ihrer eigenen Überraschung, dass sie beschlossen hatte, nach St. Anne’s hinauszufahren und Miss Ironwood aufzusuchen. Sie kam sich ziemlich töricht vor.
4 _______
Ein Beobachter hoch über Edgestow hätte an diesem Tag weit im Süden einen Punkt sehen können, der sich auf einer Landstraße vorwärts bewegte, und später – im Osten und näher zum silbernen Band des Wynd – den viel langsamer dahinziehenden Rauch eines Zuges.
Der Punkt war der Wagen, der Mark Studdock zum Blutspendezentrum in Belbury brachte, dem vorläufigen Sitz der N.I.C.E.-Zentrale. Größe und Art des Wagens hatten vom ersten Augenblick an Eindruck auf ihn gemacht. Die Polsterung war hervorragend, weich und einladend. Und welch herrliche männliche Kraft (Mark war des weiblichen Geschlechts momentan überdrüssig) sprach aus den Gesten, mit denen Feverstone es sich hinter dem Lenkrad bequem machte, den Ellbogen lässig auflegte und die Pfeife fest zwischen die Zähne klemmte! Die Geschwindigkeit des Wagens war selbst in den schmalen Straßen von Edgestow beeindruckend, und das Gleiche galt für die lakonische Kritik, mit der Feverstone andere Fahrer und Fußgänger bedachte. Als sie den Bahnübergang und Janes altes College (St. Elizabeth’s) hinter sich gelassen hatten, zeigte er, was in seinem Wagen steckte. Sie fuhren so schnell, dass selbst auf der fast leeren Landstraße die unverzeihlich schlechten Autofahrer, die offensichtlich schwachsinnigen Fußgänger und Leute mit Pferden, die Hühner, die sie tatsächlich überfuhren, und die Hunde und Hühner, die, wie Feverstone erklärte, »noch mal verdammtes Glück gehabt hatten«, fast ununterbrochen aufeinander zu folgen schienen. Telegrafenmasten rasten vorbei, Brücken rauschten über ihnen hinweg, Dörfer blieben zurück und verschmolzen mit der bereits hinter ihnen liegenden Landschaft. Mark, trunken von der frischen Luft und von Feverstones unverschämtem Fahrstil fasziniert und abgestoßen zugleich, saß da und sagte »ja« und »ganz recht« und »sie sind selbst schuld« und warf seinem Begleiter verstohlene Seitenblicke zu. Welche Abwechslung von der geschäftigen Wichtigtuerei Currys und des Schatzmeisters! Die lange gerade Nase und die aufeinander gepressten Zähne, die harten knochigen Gesichtszüge, die Art und Weise, wie er seine Kleider trug: all das zeugte von einem großen Mann, der einen großen Wagen irgendwohin fuhr, wo große Dinge vor sich gingen. Und er, Mark, sollte dazugehören. Ein- oder zweimal blieb sein Herz beinahe stehen, und er fragte sich, ob Lord Feverstone für seine Fahrkünste nicht doch zu schnell fuhr. »Eine Kreuzung wie die braucht man nie ernst zu nehmen«, rief Feverstone, als sie, wieder um Haaresbreite einem Zusammenstoß entgangen, weiterjagten. »Ganz recht«, brüllte Mark zurück. »Hat keinen Zweck, einen Kult damit zu treiben!«
»Fahren Sie selbst?«, fragte Feverstone. »Früher ziemlich viel«, sagte Mark.
Der Rauch, den unser imaginärer Beobachter im Osten von Edgestow gesehen hätte, kam von dem Zug, in dem Jane Studdock langsam auf das Dorf St. Anne’s zufuhr. Für diejenigen, die mit der Eisenbahn aus London kamen, schien Edgestow die Endstation zu sein; aber wenn man umherblickte, konnte man auf einem Nebengleis einen kleinen Zug mit zwei oder drei Personenwagen und einem Kohlenwagen sehen – einen Zug, der zischte, unter dessen Trittbrettern Dampf hervorquoll und in dem die meisten Fahrgäste sich zu kennen schienen. An manchen Tagen wurde an Stelle des dritten Wagens ein Güterwagon angehängt, und auf dem Bahnsteig davor standen Kisten und Körbe mit toten Kaninchen oder lebendem Geflügel, beaufsichtigt von Männern mit braunen Hüten und Gamaschen und vielleicht einem Terrier oder Schäferhund, die an das Reisen gewöhnt schienen. In diesem Zug, der Edgestow täglich um halb zwei verließ, ratterte und schlingerte Jane einen Bahndamm entlang, von dem aus sie durch kahle Äste und mit roten und gelben Blättern gesprenkelte Zweige geradewegs in den Bragdon-Wald hinabsehen konnte; dann ging es weiter durch eine Schneise, über den Bahnübergang bei Bragdon-Camp, am Rand des Brawell-Parks entlang (der Landsitz war nur von einer Stelle aus kurz zu sehen) und zum ersten Halt Dukes Eaton. Hier kam der Zug wie in Woolham, Cure Hardy und Fourstones mit einem kleinen Ruck und einer Art Seufzer zum Stehen. Man hörte das Klappern leerer Milchkannen, schwere Stiefel knirschten auf dem Bahnsteig, und dann gab es eine längere Pause, während der die Herbstsonne warm durch die Zugfenster schien und die Gerüche aus den Wäldern und Feldern hinter dem winzigen Bahnhof in die Wagons drangen und die Bahn als einen Teil der Landschaft zu beanspruchen schienen. Bei jedem Halt stiegen Fahrgäste ein und aus; rotbackige Männer und Frauen mit Gummistiefeln und imitierten Früchten auf den Hüten und Schuljungen. Jane nahm kaum Notiz von ihnen; denn obgleich sie theoretisch eine extreme Demokratin war, war sie außer in Büchern noch nie mit einer anderen als ihrer eigenen sozialen Schicht in Berührung gekommen. Und zwischen den Stationen glitten Dinge vorbei, so losgelöst aus ihrem Zusammenhang, dass jedes von ihnen irgendeine unirdische Glückseligkeit zu verheißen schien, wenn man nur in genau diesem Augenblick hätte aussteigen und es ergreifen können: ein Haus, umgeben von einer Reihe von Heuhaufen und weiten braunen Feldern, zwei alte Pferde Kopf an Kopf, ein kleiner Obstgarten, in dem Wäsche auf der Leine hing, und ein Feldhase, der auf den Zug starrte und dessen steil aufgestellte Ohren mit den Augen darunter wie ein doppeltes Ausrufungszeichen aussahen. Um Viertel nach zwei traf Jane in St. Anne’s ein, der Endstation, dem Ende der Welt überhaupt. Als sie aus dem Bahnhof heraustrat, schlug ihr kalte Luft erfrischend entgegen.
Obwohl der Zug während des letzten Teils der Reise mühsam bergauf gekeucht und geschnauft war, musste Jane noch ein Stück zu Fuß aufsteigen, denn St. Anne’s war eines jener in Irland häufiger als in England anzutreffenden Dörfer, die auf einer Hügelkuppe liegen und deren Bahnstation ein gutes Stück vom Ort entfernt ist. Zwischen hohen Böschungen führte eine gewundene Straße bergauf. Sobald Jane an der Kirche vorbei war, bog sie beim sächsischen Kreuz nach links ab, wie Mutter Dimble sie angewiesen hatte. Zu ihrer Linken gab es keine Häuser, nur eine Reihe Buchen und einen nicht eingezäunten, steil abfallenden Acker. Dahinter erstreckte sich – in der Ferne blau – die bewaldete mittelenglische Ebene, so weit das Auge reichte. Jane stand auf der höchsten Erhebung dieser Gegend. Bald kam sie zu einer hohen Mauer, die den Weg zur Rechten ein gutes Stück weit säumte. In dieser Mauer befand sich eine Tür und daneben ein alter eiserner Glockenzug. Sie war ein wenig niedergeschlagen und sicher, umsonst gekommen zu sein. Dennoch läutete sie. Als das scheppernde Geräusch verklungen war, war es so lange still und so kalt auf dieser Kuppe, dass Jane sich fragte, ob das Haus überhaupt bewohnt sei. Dann, als sie gerade überlegte, ob sie noch einmal läuten oder fortgehen solle, hörte sie hinter der Mauer lebhafte Schritte näher kommen.
Unterdessen war Lord Feverstones Wagen längst in Belbury eingetroffen – einem prunkvollen Herrensitz, der für einen Millionär und Bewunderer von Versailles erbaut worden war. Zu beiden Seiten wucherten neuere, weitläufige Betongebäude, die das Blutspendezentrum beherbergten.
3 Belbury und St. Anne’s on the Hill
Als Mark Studdock die breite Treppe hinaufstieg, sah er sich und seinen Begleiter in einem Spiegel. Feverstone war wie immer Herr der Lage, selbstsicher und von lässiger Eleganz. Der Wattebausch auf Marks Oberlippe war während der Autofahrt verrutscht und sah wie die eine Hälfte eines keck aufgezwirbelten falschen Schnurrbarts aus, unter dem ein wenig schwärzliches Blut hervorschaute. Gleich darauf standen sie in einem großen Raum mit hohen Fenstern und einem lodernden Kaminfeuer, und Feverstone stellte ihn John Wither vor, dem stellvertretenden Direktor des Instituts.
Wither war ein weißhaariger alter Mann mit höflichen Manieren. Sein Gesicht war glatt rasiert und sehr groß, er hatte wässrige blaue Augen und einen unbestimmten, unruhigen Ausdruck. Er schien ihnen nicht seine ganze Aufmerksamkeit zuzuwenden, und ich denke, dieser Eindruck war den Augen zuzuschreiben, denn seine Worte und Gesten waren beinahe übertrieben höflich. Er sagte, es sei ihm ein großes, ein sehr großes Vergnügen, Mr. Studdock in ihrem Kreis willkommen zu heißen. Er fühle sich Lord Feverstone dadurch zu noch größerem Dank verpflichtet, als er ihm ohnedies schon schulde. Er hoffte, sie hätten eine angenehme Reise gehabt. Mr. Wither schien der Meinung zu sein, dass sie mit dem Flugzeug gekommen und, als dies richtig gestellt war, dass sie mit dem Zug aus London eingetroffen seien. Dann erkundigte er sich, ob Mr. Studdock sich in seinem Quartier auch wirklich wohl fühle, und musste daran erinnert werden, dass sie gerade erst angekommen waren. Mark vermutete, dass der alte Mann ihm die Befangenheit nehmen wollte, doch in Wirklichkeit hatten Mr. Withers Worte genau den gegenteiligen Effekt. Mark wünschte, er würde ihm eine Zigarette anbieten. Seine wachsende Überzeugung, dass dieser Mann in Wirklichkeit nichts über ihn wusste, und sein Gefühl, dass Feverstones scheinbar so durchdachte Pläne und Versprechungen sich hier in eine Art Nebel auflösten, waren äußerst unangenehm. Schließlich nahm er sich ein Herz und versuchte, Mr. Wither zur Sache zu bringen, indem er sagte, dass ihm noch immer nicht ganz klar sei, in welcher Eigenschaft er dem Institut nützlich sein könne.
»Ich versichere Ihnen, Mr. Studdock«, sagte der Vizedirektor mit einem ungewöhnlich geistesabwesenden Blick, »dass Sie in diesem Punkt nicht die geringsten … äh … Schwierigkeiten zu befürchten haben. Es ist nie daran gedacht worden, Ihren Aktivitäten und Ihrem allgemeinen Einfluss auf die Politik des Instituts irgendwelche Grenzen zu setzen, ohne Ihre eigenen Ansichten und Ihren eigenen Rat so weitgehend wie möglich zu berücksichtigen. Dies gilt selbstverständlich erst recht für die Beziehungen zu Ihren Kollegen und für das, was ich ganz allgemein die Richtlinien nennen möchte, unter denen Sie mit uns zusammenarbeiten würden. Sie werden feststellen, Mr. Studdock, dass wir hier in Belbury, wenn ich einmal so sagen darf, eine sehr glückliche Familie sind.«
»Oh, bitte verstehen Sie mich nicht falsch, Sir«, sagte Mark. »Das habe ich gar nicht gemeint. Ich meinte nur, dass ich gern eine Vorstellung von der Arbeit hätte, die ich tun müsste, wenn ich zu Ihnen käme.«
»Nun, wenn Sie überlegen, zu uns zu kommen«, sagte der Vizedirektor, »dann ist da ein Punkt, über den es hoffentlich kein Missverständnis geben wird. Ich denke, wir sind übereingekommen, dass die Frage des Wohnsitzes keiner Erörterung bedarf – ich meine, nicht in diesem Stadium. Wir haben gedacht, wir alle haben gedacht, dass Sie völlig frei sein sollten, in Ihrer Arbeit fortzufahren, wo immer Sie wollen. Wenn Sie in London oder Cambridge bleiben möchten …«
»Edgestow«, warf Lord Feverstone ein.
»Ach ja, Edgestow.« Der stellvertretende Direktor wandte sich zu Feverstone. »Ich erkläre Mr. … äh … Studdock gerade, und Sie werden mir sicherlich zustimmen, dass dem Aus-schuss nichts ferner liegt, als Mr. … Ihrem Freund vorzuschreiben oder auch nur anzuraten, wo er wohnen soll. Wo immer er lebt, wir werden ihm selbstverständlich Beförderungsmittel in der Luft und zu Lande zur Verfügung stellen. Ich nehme an, Lord Feverstone, Sie haben ihm bereits erläutert, dass alle Fragen dieser Art sich ohne die geringste Schwierigkeit von selbst regeln werden.«
»Wirklich, Sir«, sagte Mark, »daran habe ich überhaupt nicht gedacht. Ich habe – ich meine, ich hätte keinerlei Einwände gegen diesen oder jenen Wohnort. Ich wollte nur …«
Der stellvertretende Direktor unterbrach ihn mit so sanfter Stimme, dass man kaum von einer Unterbrechung sprechen konnte. »Aber ich versichere Ihnen, Mr. … äh … ich versichere Ihnen, Sir, Sie können Ihren Wohnsitz haben, wo immer es Ihnen angenehm erscheint. Es wurde niemals, in keinem Stadium des Projekts, die leiseste Andeutung gemacht …« Aber hier wagte Mark es beinahe verzweifelt, seinerseits den anderen zu unterbrechen.
»Ich wollte nur etwas mehr Klarheit über die genaue Art der Arbeit«, sagte er, »und über die erforderliche Qualifikation.«
»Mein lieber Freund«, sagte Wither, »auch in dieser Hinsicht brauchen Sie sich keinerlei Sorgen zu machen. Wie ich schon sagte, Sie werden eine glückliche Familie kennen lernen und können überzeugt sein, dass niemand auch nur den geringsten Zweifel an Ihrer Eignung hegt. Ich würde Ihnen keine Position bei uns anbieten, wenn auch nur die geringste Gefahr bestünde, dass Sie nicht allen von uns willkommen wären oder dass man Ihre sehr wertvollen Fähigkeiten nicht von Grund auf zu schätzen wüsste. Sie sind – Sie sind hier unter Freunden, Mr. Studdock. Ich wäre der Letzte, der Ihnen raten würde, sich mit irgendeiner Organisation zu verbinden, bei der Sie Gefahr liefen, sich unerfreulichen … äh … persönlichen Kontakten auszusetzen.«
Mark fragte nicht weiter nach, was für eine Arbeit das N.I.C.E. von ihm verlangte; teils, weil er langsam befürchtete, dass man davon ausging, dass er das bereits wisse, und teils, weil eine ganz direkte Frage in diesem Raum derb und ungehobelt klingen würde und ihn plötzlich von der warmen und beinahe betäubenden Atmosphäre unbestimmter und doch bedeutsamer Vertraulichkeit, die ihn allmählich umhüllte, hätte ausschließen können.
»Sie sind sehr freundlich«, sagte er. »Das Einzige, worüber ich gern etwas mehr Klarheit hätte, ist das genaue – nun, das eigentliche Arbeitsgebiet meiner künftigen Stellung.«
»Also«, sagte Mr. Wither so leise und weich, dass es fast wie ein Seufzer klang, »ich bin sehr froh, dass Sie diesen Punkt ganz zwanglos angesprochen haben. Natürlich läge es weder in Ihrem noch in meinem Interesse, wenn wir uns jetzt in irgendeinem Sinne festlegten, der die Machtbefugnisse des Ausschusses verletzen würde. Ich verstehe Ihre Beweggründe und … äh … respektiere sie. Selbstverständlich sprechen wir nicht von einer Stellung im gewissermaßen technischen Sinne des Worts; das wäre für uns beide unpassend, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen, oder könnte doch zu gewissen Unannehmlichkeiten führen. Aber ich denke, ich kann Ihnen mit aller Entschiedenheit versichern, dass niemand Sie in irgendeine Art von Zwangsjacke oder Prokrustesbett stecken will. Wir denken hier eigentlich nicht im Rahmen streng abgegrenzter Funktionen. Eine solche Auffassung liegt, wenn ich das richtig sehe, Männern wie Ihnen und mir eher fern. Jeder im Institut empfindet seine eigene Arbeit nicht so sehr als den Beitrag einer Abteilung zu einem bestimmten Zweck, sondern vielmehr als ein Moment oder eine Stufe in der fortschreitenden Entwicklung eines organischen Ganzen.«
Und Mark – Gott vergebe ihm, denn er war jung und schüchtern und eitel und furchtsam, alles zugleich – sagte: »Ich glaube, gerade das ist sehr wichtig. Die Flexibilität Ihrer Organisation ist eines der Dinge, die mich so reizen.« Danach hatte er keine Gelegenheit mehr, den stellvertretenden Direktor zum Kern der Sache zu bringen, und wann immer die langsame, sanfte Stimme verstummte, antwortete Mark auf dieselbe Art, anscheinend unfähig, sich anders zu verhalten, obwohl er sich immer wieder die quälende Frage stellte, worüber sie eigentlich redeten. Am Ende des Gesprächs gab es dann noch einen klaren Punkt. Mr. Wither meinte, es sei für ihn, Mark, bequemer, dem Club des Instituts beizutreten. Denn schon vom ersten Tag an habe er als Mitglied mehr Bewegungsfreiheit als ein Gast. Mark war einverstanden und errötete dann wie ein kleiner Junge, als er erfuhr, die einfachste Möglichkeit sei der Erwerb einer lebenslangen Mitgliedschaft zum Preis von zweihundert Pfund. Einen solchen Betrag hatte er gar nicht auf der Bank. Natürlich, wenn er den neuen Job mit den fünfzehnhundert im Jahr bekäme, wäre alles in Ordnung. Aber hatte er ihn? Gab es überhaupt einen Job?
»Wie dumm!«, sagte er laut. »Ich habe mein Scheckbuch nicht bei mir.«
Dann fand er sich mit Feverstone draußen auf der Treppe wieder.
»Nun?«, fragte er gespannt. Feverstone schien ihn nicht zu hören.
»Nun?«, wiederholte Mark. »Wann wird sich mein Schicksal entscheiden? Ich meine, habe ich den Job?«
»Hallo, Guy!«, rief Feverstone plötzlich einem Mann unten in der Eingangshalle zu. Im nächsten Moment war er die Treppe hinuntergelaufen, schüttelte seinem Bekannten herzlich die Hand und verschwand. Mark folgte ihm langsam und stand allein in der Eingangshalle herum, stumm und unsicher zwischen Gruppen und Paaren eifrig redender Männer, die alle nach links zu einer großen Schiebetür gingen.
2 _______
Er schien eine lange Zeit herumgestanden zu haben, ratlos, bemüht, sich natürlich zu geben und den Blick keines Fremden aufzufangen. Die Geräusche und angenehmen Düfte, die hinter der Schiebetür herkamen, zeigten an, dass die Leute dort ihr Mittagessen einnahmen. Mark zögerte, im Ungewissen über seinen Status. Schließlich sagte er sich, dass er nicht länger wie ein Trottel in der Halle herumstehen könne, und ging hinein.
Er hatte gehofft, es gebe mehrere kleine Tische, sodass er sich allein an einen von ihnen setzen konnte. Aber es gab nur eine einzige lange Tafel, die bereits so dicht besetzt war, dass er, nachdem er vergeblich nach Feverstone Ausschau gehalten hatte, sich neben einen Fremden setzen musste. »Ich nehme an, jeder setzt sich dorthin, wo er will?«, murmelte er, als er sich niederließ, doch der Fremde hörte ihn offensichtlich nicht. Er war ein geschäftiger Typ, der sehr hastig aß und gleichzeitig mit seinem Nachbarn auf der anderen Seite redete.
»Das ist es ja gerade«, sagte er. »Wie ich ihm sagte, mir ist es gleich, wie sie es regeln. Von mir aus können die IVD-Leute das Ganze übernehmen, wenn der VD es will, aber mir missfällt, dass ein Mann dafür verantwortlich sein soll, wenn die halbe Arbeit von jemand anderes getan wird. Ich habe ihm gesagt, dass er jetzt drei Abteilungsdirektoren hat, die sich nur gegenseitig auf die Füße treten und die gleiche Arbeit leisten, die ein Sachbearbeiter erledigen könnte. Es wird allmählich lächerlich. Denken Sie bloß daran, was heute Morgen passiert ist.«
Gespräche dieser Art wurden während der ganzen Mahlzeit geführt. Trotz des ausgezeichneten Essens und der hervorragenden Getränke war Mark erleichtert, als die Leute von den Tischen aufstanden. Er folgte dem allgemeinen Strom durch die Eingangshalle und kam in einen großen Gesellschaftsraum, wo Kaffee serviert wurde. Hier endlich sah er Feverstone wieder. Es wäre auch wirklich schwierig gewesen, ihn nicht zu sehen, denn er war der Mittelpunkt einer Gruppe und lachte schallend. Mark wäre gern auf ihn zugegangen, und sei es nur, um zu erfahren, ob er über Nacht bleiben solle und ob ihm ein Zimmer zugewiesen sei. Aber der Kreis um Feverstone bestand offenbar aus lauter Vertrauten, sodass Mark sich nicht einfach dazustellen wollte. Er ging zu einem der vielen Tische und blätterte in einem Hochglanzmagazin. Alle paar Sekunden blickte er auf, um zu sehen, ob es eine Gelegenheit gebe, mit Feverstone ein Wort unter vier Augen zu sprechen. Als er zum fünften Mal aufschaute, blickte er ins Gesicht eines seiner eigenen Kollegen, eines Professors vom Bracton College mit Namen William Hingest. Die Fortschrittlichen Kräfte nannten ihn unter sich Bill den Blizzard.
Hingest hatte, anders als Curry vermutet hatte, nicht an der Sitzung des Kollegiums teilgenommen. Mit Lord Feverstone sprach er kaum noch. Mark machte sich mit einer gewissen Ehrfurcht klar, dass hier ein Mann vor ihm stand, der direkte Verbindungen zum N.I.C.E. hatte – einer, der sozusagen von einem Punkt hinter Feverstone ausging. Hingest war Chemophysiker und einer der beiden Wissenschaftler am Bracton College, deren Namen auch außerhalb Englands bekannt waren. Ich hoffe, der Leser hat sich nicht zu der Annahme verleiten lassen, das Kollegium von Bracton sei eine besonders illustre Gesellschaft. Es lag gewiss nicht in der Absicht des Progressiven Elements, mittelmäßige Leute auf Lehrstühle zu berufen, aber ihre Entschlossenheit, nur »vernünftige Leute« zu wählen, engte ihre Auswahl sehr ein, und wie Busby einmal gesagt hatte: »Man kann nicht alles haben.« Bill der Blizzard hatte einen altmodisch gezwirbelten Schnurrbart, in dem das Weiß beinahe, aber noch nicht ganz, über das Gelb triumphierte, eine große Hakennase und einen kahlen Schädel.
»Welch unerwartetes Vergnügen«, sagte Mark ein wenig förmlich. Er hatte immer ein bisschen Angst vor Hingest.
»Hmm?«, brummte dieser. »Ach, Sie sind es, Studdock. Ich wusste nicht, dass man sich Ihre Dienste hier schon gesichert hat.«
»Ich habe Sie leider bei der gestrigen Sitzung des Kollegiums nicht gesehen«, sagte Mark.
Das war gelogen. Hingests Anwesenheit brachte das Progressive Element immer in Verlegenheit. Als Wissenschaftler – der einzige wirklich bedeutende Wissenschaftler, den sie hatten – gehörte er von Rechts wegen zu ihnen; aber er war eine abscheuliche Anomalie, die falsche Art von Wissenschaftler. Glossop, ein klassischer Philologe, war sein bester Freund im College. Er pflegte (was Curry »affektiert« fand) seinen eigenen bahnbrechenden Entdeckungen auf dem Gebiet der Chemie nicht viel Bedeutung beizumessen und sich viel mehr darauf zugute zu halten, ein Hingest zu sein: Sein Stammbaum reichte in nahezu mythische Zeiten zurück und war nach dem Zeugnis eines Genealogen aus dem neunzehnten Jahrhundert »niemals durch einen Verräter, Politiker oder Baron entehrt worden«. Besonderen Anstoß hatte Hingest anlässlich eines Besuchs des Herzogs von Broglie in Edgestow erregt. Der Franzose hatte seine freie Zeit ausschließlich mit Bill dem Blizzard verbracht, aber als ein übereifriger junger Dozent seine Fühler ausstreckte und wissen wollte, welches wissenschaftliche Festmahl die beiden savants denn genossen hätten, hatte Bill der Blizzard einen Augenblick überlegt und dann erwidert, dass sie auf dieses Thema gar nicht zu sprechen gekommen seien. »Wahrscheinlich«, hatte Curry hinter Hingests Rücken gespottet, »haben sie über diesen blödsinnigen Gothaischen Adelskalender geredet.«
»Wie? Was meinen Sie? Sitzung des Kollegiums?«, sagte der Blizzard. »Und worüber ist gesprochen worden?«
»Über den Verkauf des Bragdon-Waldes.« »Alles Unsinn«, knurrte der Blizzard.
»Ich hoffe, Sie hätten unserem Beschluss zugestimmt.« »Völlig einerlei, welcher Beschluss gefasst worden ist.«
»Oh!«, sagte Mark überrascht.
»Es war alles Unsinn. Das N.I.C.E. hätte den Wald in jedem Fall bekommen. Es hatte die Macht, einen Zwangsverkauf zu erwirken.«
»Sehr merkwürdig! Es sah so aus, als ginge das Institut nach Cambridge, wenn wir nicht verkauften.«
»Daran ist kein wahres Wort. Und was das Merkwürdige angeht, nun, das hängt davon ab, was Sie meinen. Es ist nichts Merkwürdiges daran, wenn das Kollegium von Bracton den ganzen Nachmittag über eine eingebildete Streitfrage diskutiert. Und es liegt nichts Merkwürdiges in der Tatsache, dass das N.I.C.E. nach Möglichkeit Bracton die Schande zuschieben möchte, das Herz Englands in eine Kreuzung zwischen einem misslungenen Wolkenkratzerhotel und einem besseren Gaswerk verwandelt zu haben. Das einzige echte Rätsel ist, warum das Institut gerade dieses Stück Land will.«
»Ich nehme an, wir werden es im weiteren Verlauf erfahren.«
»Sie vielleicht. Ich nicht.«
»Warum nicht?« fragte Mark.
»Ich habe genug«, sagte Hingest etwas leiser. »Ich reise noch heute ab. Ich weiß nicht, was Sie am College getan haben, aber wenn es was taugte, dann gebe ich Ihnen den guten Rat, zurückzugehen und dabeizubleiben.«
»Wirklich?«, sagte Mark. »Warum sagen Sie das?«
»Für einen alten Kerl wie mich spielt es keine Rolle«, sagte Hingest, »aber Ihnen könnten sie übel mitspielen. Natürlich hängt alles davon ab, wie man über die Sache denkt.«
»Um die Wahrheit zu sagen, ich habe mich noch nicht endgültig entschieden«, sagte Mark. Man hatte ihn dazu gebracht, Hingest als einen verknöcherten Reaktionär zu betrachten. »Ich weiß nicht einmal, was für eine Arbeit ich hier tun sollte, wenn ich bliebe.«
»Welches Fachgebiet haben Sie?«
»Soziologie.«
»Hm«, machte Hingest. »In diesem Fall kann ich Ihnen sagen, wem Sie unterstellt wären. Einem Burschen namens Steele. Er ist dort drüben beim Fenster, sehen Sie?«
»Vielleicht könnten Sie mich vorstellen?«
»Dann sind Sie also entschlossen zu bleiben?«
»Nun, ich denke, ich sollte wenigstens einmal mit ihm reden.«
»Von mir aus«, sagte Hingest. »Geht mich ja nichts an.« Dann fügte er mit lauter Stimme hinzu: »Steele!«
Steele wandte sich um. Er war ein großer, unfreundlicher Mann mit einem länglichen, pferdeartigen Gesicht, das nicht so recht zu den dicken, aufgeworfenen Lippen zu passen schien.
»Das ist Studdock«, sagte Hingest. »Der neue Mann für Ihre Abteilung.« Dann wandte er sich ab.
»Oh«, sagte Steele verdutzt. Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: »Hat er gesagt, meine Abteilung?«
»Ja, das hat er gesagt«, erwiderte Mark und versuchte zu lächeln. »Aber vielleicht hat er es falsch verstanden. Ich bin Soziologe, wenn Ihnen das weiterhilft.«
»Ich bin Abteilungsleiter für Soziologie, das stimmt«, sagte Steele. »Aber ich höre Ihren Namen zum ersten Mal. Wer hat Ihnen gesagt, dass Sie in dieser Abteilung arbeiten werden?«
»Nun, um die Wahrheit zu sagen«, sagte Mark, »die ganze Geschichte ist ziemlich vage. Ich hatte gerade ein Gespräch mit dem stellvertretenden Direktor, aber wir haben keine Einzelheiten besprochen.«
»Wie haben Sie es fertig gebracht, mit ihm zu sprechen?«
»Lord Feverstone hat mich vorgestellt.«
Steele pfiff leise durch die Zähne. »He, Cosser!«, rief er einem sommersprossigen Mann zu, der gerade vorbeiging. »Hören Sie sich das an. Feverstone hat gerade diesen Burschen auf unsere Abteilung abgeladen. Hat ihn gleich zum VD geführt, ohne mir ein Wort davon zu sagen. Wie finden Sie das?«
»Das ist die Höhe!«, sagte Cosser, der Mark kaum eines Blickes würdigte, aber Steele unverwandt anblickte.
»Tut mir Leid«, sagte Mark ein wenig lauter und förmlicher als bisher. »Kein Grund zur Beunruhigung. Anscheinend hat mich jemand für die falsche Position vorgeschlagen. Da muss wohl ein Missverständnis vorliegen. Außerdem bin ich vorläufig nur hier, um mich umzusehen. Ich bin keineswegs sicher, ob ich bleiben werde.«
Keiner der beiden anderen schenkte dieser letzten Bemerkung auch nur die geringste Beachtung.
»Das sieht Feverstone wieder mal ähnlich«, sagte Cosser zu Steele.
Steele wandte sich zu Mark. »Ich würde Ihnen raten, nicht allzu viel darauf zu geben, was Lord Feverstone hier sagt«, meinte er. »Das geht ihn nämlich überhaupt nichts an.«
»Ich will mich keineswegs«, sagte Mark und wurde puterrot, »auf eine falsche Stelle setzen lassen. Ich bin nur hier, um mir einen Überblick zu verschaffen. Es ist mir ziemlich gleichgültig, ob ich für das Institut arbeite oder nicht.«
»Wissen Sie«, sagte Steele zu Cosser, »in unserer Mannschaft ist gar kein Platz für einen weiteren Mann – schon gar nicht für einen, der den Betrieb nicht kennt.«
»Stimmt«, sagte Cosser.
»Mr. Studdock, glaube ich«, sagte eine neue Stimme neben Mark, eine Fistelstimme, die nicht zu dem Berg von Mann passen wollte, den Mark sah, als er den Kopf wandte. Er erkannte den Sprecher sofort. Das dunkle, glatte Gesicht und die schwarzen Haare waren so unverkennbar wie der ausländische Akzent. Es war Professor Filostrato, der bekannte Physiologe, der bei einem Abendessen vor zwei Jahren Marks Tischnachbar gewesen war. Er war fett in einem Maße, das auf der Bühne komisch gewirkt hätte, an dem aber im wirklichen Leben nichts Lustiges war. Mark fühlte sich geschmeichelt, dass ein so bekannter Mann sich seiner erinnerte.
»Es freut mich sehr, dass Sie sich uns anschließen wollen«, sagte Filostrato, nahm Mark beim Arm und zog ihn sanft mit sich, fort von Steele und Cosser.
»Um Ihnen die Wahrheit zu sagen«, sagte Mark, »ich bin mir keineswegs schlüssig, ob ich bleiben werde. Feverstone hat mich mitgebracht, aber er ist verschwunden, und Steele – anscheinend wäre ich für seine Abteilung vorgesehen – scheint überhaupt nichts von mir zu wissen.«
»Ach, Steele!«, sagte der Professor. »Alles halb so wild. Er plustert sich bloß auf. Eines Tages werden wir ihm den Kopf zurechtsetzen. Vielleicht werden Sie derjenige sein, der es tut. Ich habe alle Ihre Arbeiten gelesen, si, si. Machen Sie sich seinetwegen keine Gedanken.«
»Ich lasse mich sehr ungern auf einen falschen Stuhl set-zen …«, begann Mark.
»Hören Sie zu, mein Freund«, unterbrach ihn Filostrato. »Sie müssen sich solche Gedanken aus dem Kopf schlagen. Machen Sie sich vor allem klar, dass das Institut eine ernsthafte Angelegenheit ist. Nichts Geringeres als der Fortbestand der menschlichen Rasse hängt von unserer Arbeit ab: unserer wirklichen Arbeit, verstehen Sie? Unter dieser canaglia, diesem Pöbel gibt es immer Reibereien und Unverschämtheiten. Sie verdienen sowenig Beachtung wie die Abneigung gegen einen Waffengefährten, wenn die Schlacht ihren Höhepunkt erreicht hat.«
»Solange ich eine Arbeit habe, die der Mühe wert ist«, sagte Mark, »lasse ich mich von solchen Dingen nicht stören.«
»Ja, ja, das ist gut so. Und unsere Arbeit hier ist wichtiger, als Sie momentan verstehen können. Sie werden sehen. Diese Steeles und Feverstones – sie sind unwichtig. Solange Sie mit dem stellvertretenden Direktor gut stehen, können Sie auf die anderen pfeifen. Hören Sie auf keinen als auf ihn, verstehen Sie? Ach ja – und da ist noch etwas. Machen Sie sich die Fee nicht zur Feindin. Alle anderen brauchen Sie nicht ernst zu nehmen.«
»Die Fee?«
»Ja. Sie wird hier so genannt. O mein Gott, eine schreckliche Inglesaccia! Sie ist die Chefin unserer Polizei, der Institutspolizei. Ecco, da kommt sie. Ich werde Sie vorstellen. Miss Hardcastle, gestatten Sie, dass ich Ihnen Mr. Studdock vorstelle.«
Mark zuckte unter dem Händedruck – kräftig wie der eines Heizers oder Fuhrmanns – eines mächtigen Weibes in schwarzer Uniform mit kurzem Rock zusammen. Trotz ihres Busens, der einer viktorianischen Bardame Ehre gemacht hätte, war sie eher stämmig als fett, und ihr eisengraues Haar war kurz geschnitten. Sie hatte ein kantiges, strenges, bleiches Gesicht und eine tiefe Stimme. Als einziges Zugeständnis an die Mode hatte sie in gewaltsamer Missachtung der wirklichen Form ihres Mundes ein wenig Lippenstift mehr aufgeschmiert als aufgelegt, und zwischen ihren Zähnen rollte oder kaute sie einen langen schwarzen, nicht angezündeten Stumpen. Wenn sie sprach, nahm sie den Stumpen aus dem Mund, blickte angestrengt auf die Mischung von Lippenstift und Speichel am zerkauten Ende und klemmte ihn dann fester als zuvor zwischen die Zähne. Sie setzte sich ohne Umschweife in einen Sessel, schwang das rechte Bein über eine Armlehne und fixierte Mark mit einem Blick kalter Vertraulichkeit.
3 _______
Schritte hallten auf der anderen Seite der Mauer durch die Stille, dann wurde die Tür geöffnet, und Jane stand einer großen Frau gegenüber, die ungefähr so alt war wie sie selbst. Diese Person musterte sie mit einem durchdringenden, unverbindlichen Blick.
»Wohnt hier eine Miss Ironwood?«, fragte Jane.
»Ja«, sagte die Frau, machte die Tür aber weder weiter auf, noch trat sie zur Seite.
»Ich möchte sie bitte sprechen«, sagte Jane.
»Sind Sie angemeldet?«, fragte die große Frau.
»Nun, eigentlich nicht«, antwortete Jane. »Professor Dimble hat mich hergeschickt. Er kennt Miss Ironwood. Er hat gesagt, ich könnte unangemeldet hierher kommen.«
»Oh, Sie kommen von Professor Dimble, das ist etwas anderes«, sagte die Frau. »Kommen Sie herein. Warten Sie einen Moment, bis ich wieder zugeschlossen habe. So, das wär’s. Dieser Weg ist zu schmal für zwei, Sie müssen also entschuldigen, wenn ich vorangehe.«
Die Frau führte sie einen gepflasterten Weg an einer von Obstbäumen gesäumten Mauer entlang und dann nach links über einen bemoosten Pfad zwischen Reihen von Stachelbeersträuchern hindurch. Dann kam eine kleine Rasenfläche mit einer Schaukel in der Mitte und einem Gewächshaus dahinter. Sie befanden sich in einer Art kleinem Weiler, wie man sie zuweilen in sehr großen Gärten antrifft. Sie gingen eine richtige kleine Straße hinunter zwischen einem Stall und einer Scheune auf der einen und einem zweiten Gewächshaus, einem Schuppen und einem Schweinestall auf der anderen Seite – letzterer bewohnt, wie Jane aus dem Grunzen und dem nicht sehr angenehmen Geruch schloss. Danach führten schmale Pfade durch einen Gemüsegarten, der an einem ziemlich steilen Hang lag, und vorbei an in ihrem Winterkleid ganz starren und stacheligen Rosenstöcken. An einer Stelle gingen sie über einen Pfad, der aus einzelnen Planken bestand. Das erinnerte Jane an irgendetwas. An einen sehr großen Garten wie … wie … ja, nun hatte sie es: wie der Garten in Peter Rabbit. Oder wie der Garten im Rosenroman? Nein, in keiner Weise. Oder wie Klingsors Garten? Oder der Garten in Alice im Wunderland? Oder wie der Garten auf irgendeinem mesopotamischen Zikkurat, auf den manche Leute die Legende vom Paradies zurückführten? Oder einfach wie alle von einer Mauer umgebenen Gärten? Freud hatte gesagt, wir lieben Gärten, weil sie Symbole des weiblichen Körpers seien. Aber das musste ein männlicher Standpunkt sein. In den Träumen von Frauen bedeuteten Gärten sicherlich etwas anderes. Oder vielleicht doch nicht? War es möglich, dass Männer wie Frauen ein Interesse am weiblichen Körper hatten und sogar, auch wenn dies lächerlich klang, auf dieselbe Weise? Ein Satz kam ihr in den Sinn: »Die Schönheit des Weibes ist der Quell der Freude für Weib und Mann, und nicht zufällig ist die Göttin der Liebe älter und stärker als der Gott.« Wo in aller Welt hatte sie das gelesen? Und was für einen schrecklichen Unsinn hatte sie in den letzten paar Minuten gedacht! Sie schüttelte all diese Gedanken über Gärten ab und beschloss, sich zusammenzunehmen. Ein seltsames Gefühl sagte ihr, dass sie sich auf feindlichem oder zumindest fremdem Boden befand und gut daran täte, einen klaren Kopf zu behalten. Fast im gleichen Augenblick traten sie zwischen Rhododendron- und Lorbeerbüschen hindurch ins Freie und gelangten nach ein paar Schritten an eine Regentonne und eine kleine Seitentür in der Längsseite eines großen Hauses. Als sie stehen blieben, wurde oben ein Fenster zugeschlagen.
Minuten später saß Jane in einem großen, spärlich möblierten Raum, der von einem Ofen geheizt wurde. Die blanken Dielenbretter und die über der hüfthohen, dunklen Holztäfelung hellgrau getünchten Wände schufen eine etwas strenge und klösterliche Atmosphäre. Die Schritte der großen Frau verhallten in den Korridoren, und im Raum wurde es sehr still. Gelegentlich hörte man von draußen das raue Krächzen von Krähen. »Nun habe ich mich darauf eingelassen«, dachte Jane. »Ich werde dieser Frau meinen Traum erzählen und mir alle möglichen Fragen gefallen lassen müssen.« Sie hielt sich im Allgemeinen für einen modernen Menschen, der ohne Verlegenheit über alles sprechen konnte. Aber als sie jetzt in diesem Raum saß, sah plötzlich alles ganz anders aus. Alle möglichen geheimen Lücken in ihrem Programm der Offenheit, Dinge, die sie, wie ihr jetzt klar wurde, ausgesondert hatte, über die nicht gesprochen werden durfte, kehrten nun in ihr Bewusstsein zurück. Es war überraschend, dass nur sehr wenige davon mit Sexualität zu tun hatten. »Beim Zahnarzt«, dachte Jane, »gibt es im Wartezimmer wenigstens ein paar Illustrierte.« Sie stand auf und schlug das einzige Buch auf, das auf dem Tisch in der Mitte des Zimmers lag. Sofort fiel ihr Blick auf die Worte: »Die Schönheit des Weibes ist der Quell der Freude für Weib und Mann, und nicht zufällig ist die Göttin der Liebe älter und stärker als der Gott. Das Begehren der eigenen Schönheit zu begehren ist Liliths Eitelkeit, die Freude an der eigenen Schönheit zu begehren ist Evas Gehorsam. Und in beiden Fällen erlebt die Geliebte durch ihren Geliebten die eigene Herrlichkeit. Wie der Gehorsam die Leiter zur Freude ist, so ist die Demut …«
In diesem Augenblick ging plötzlich die Tür auf. Jane errötete, als sie das Buch schloss und aufblickte. Dasselbe Mädchen, das sie eingelassen hatte, hatte offensichtlich gerade die Tür geöffnet und stand noch immer im Türrahmen. Jane empfand für sie jetzt jene beinahe schon leidenschaftliche Bewunderung, wie Frauen sie häufiger, als man denkt, für andere Frauen empfinden, deren Schönheit von anderer Art ist als die eigene. Es wäre schön, dachte Jane, so zu sein – so gerade, so aufrichtig, so tapfer, so eine geborene Reiterin und so göttlich groß.
»Ist … ist Miss Ironwood zu Hause?«, fragte Jane.
»Sind Sie Mrs. Studdock?«, fragte das Mädchen.
»Ja«, sagte Jane.
»Ich bringe Sie sofort zu ihr. Wir haben Sie erwartet. Mein Name ist Camilla – Camilla Denniston.«
Jane folgte ihr. Die Korridore waren eng und schlicht. Daraus schloss sie, dass sie noch immer im rückwärtigen Teil des Hauses waren und dass, wenn das stimmte, dies ein sehr großes Haus sein musste. Es war ein langer Weg, bis Camilla an eine Tür klopfte und zur Seite trat, um Jane vorbeizulassen, nachdem sie mit leiser, klarer Stimme (wie eine Dienerin, dachte Jane) gesagt hatte: »Sie ist gekommen.« Jane ging hinein, und da saß Miss Ironwood, ganz in Schwarz, die Hände auf den Knien gefaltet, genauso wie Jane sie in ihrem Traum – wenn es ein Traum gewesen war – gesehen hatte.
»Setzen Sie sich, junge Frau«, sagte Miss Ironwood.
Ihre gefalteten Hände waren sehr groß und knochig, aber nicht derb, und selbst wenn sie saß, war Miss Ironwood ungemein groß. Alles an ihr war groß – die Nase, der ernste Mund und die grauen Augen. Sie war eher sechzig als fünfzig. Jane fand die Stimmung im Zimmer unbehaglich.
»Wie heißen Sie, junge Frau?«, sagte Miss Ironwood und griff zu Bleistift und Notizbuch.
»Jane Studdock.«
»Sind Sie verheiratet?«
»Ja.«
»Weiß Ihr Mann, dass Sie zu uns gekommen sind?«
»Nein.«
»Und Ihr Alter, bitte?«
»Dreiundzwanzig.«
»Nun«, sagte Miss Ironwood, »was haben Sie mir zu sagen?«
Jane holte tief Atem. »Ich hatte in letzter Zeit des Öfteren schlechte Träume und fühle mich dadurch niedergeschlagen«, sagte sie.
»Was für Träume waren das?«, fragte Miss Ironwood.
Janes etwas umständliche und unbeholfene Erzählung nahm einige Zeit in Anspruch. Beim Sprechen blickte sie unverwandt auf Miss Ironwoods große Hände, ihr schwarzes Kleid und den Bleistift mit dem Notizbuch. Und darum brach sie auch plötzlich ab. Denn sie sah, wie während ihres Berichtes Miss Ironwoods Hand aufhörte zu schreiben und die Finger den Bleistift umklammerten. Es schienen ungeheuer kräftige Finger zu sein. Sie packten immer fester zu, bis die Knöchel weiß waren und die Adern auf den Handrücken hervortraten; schließlich brachen sie, wie unter dem Einfluss irgendeiner unterdrückten Erregung, den Bleistift entzwei. Da hielt Jane inne und blickte erstaunt zu Miss Ironwood auf. Die großen grauen Augen sahen sie immer noch mit demselben Ausdruck an.
»Bitte fahren Sie fort, junge Frau«, sagte Miss Ironwood.
Jane nahm ihre Geschichte wieder auf. Als sie geendet hatte, stellte Miss Ironwood ihr eine Reihe Fragen. Danach versank sie in ein so langes Schweigen, dass Jane schließlich fragte: »Glauben Sie, dass ich ernstlich krank bin?«
»Sie sind nicht krank«, sagte Miss Ironwood.
»Sie meinen also, es wird vorübergehen?«
»Das kann ich nicht sagen. Aber wahrscheinlich nicht.«
Auf Janes Gesicht malte sich Enttäuschung.
»Dann – kann man denn nichts dagegen tun? Es waren schreckliche Träume, furchtbar lebendig, überhaupt nicht wie gewöhnliche Träume.«
»Das verstehe ich gut.«
»Ist es etwas, das nicht geheilt werden kann?«
»Der Grund, weshalb Sie nicht geheilt werden können, ist, dass Sie nicht krank sind.«
»Aber irgendetwas ist nicht in Ordnung. Es ist doch nicht natürlich, solche Träume zu haben.«
Es entstand eine Pause. »Ich denke«, sagte Miss Ironwood, »ich sage Ihnen besser die ganze Wahrheit.«
»Ja, bitte«, sagte Jane gezwungen. Die Worte der Frau hatten sie erschreckt.
»Eines möchte ich noch vorausschicken«, fuhr Miss Ironwood fort. »Sie sind eine wichtigere Person, als Sie selbst glauben.«
Jane sagte nichts, dachte aber bei sich, dass die Frau sie wohl für verrückt hielt und darum auf sie einging.
»Wie war Ihr Mädchenname?«, fragte Miss Ironwood.
»Tudor«, sagte Jane. Bei jedem anderen Anlass hätte sie es eher verlegen gesagt, denn sie war sehr darauf bedacht, sich nicht mit ihren Ahnen zu brüsten.
»Die Warwickshire-Linie der Familie?«
»Ja.«
»Haben Sie jemals das kleine Buch gelesen – es hat nur vierzig Seiten –, das einer Ihrer Vorfahren über die Schlacht von Worcester geschrieben hat?«
»Nein. Vater hatte ein Exemplar davon – ich glaube, er sagte, es sei das einzige. Aber ich habe es nie gelesen. Es ging verloren, als der Haushalt nach seinem Tod aufgelöst wurde.«
»Ihr Vater hat sich geirrt. Es gibt zumindest zwei weitere Exemplare: Eins ist in Amerika, und das andere befindet sich in diesem Haus.«
»Und?«
»Ihr Ahnherr hat eine vollständige und im Großen und Ganzen richtige Schilderung der Schlacht geliefert, und er gibt an, er habe dies noch am Tage der Schlacht niedergeschrieben. Nur war er nicht auf dem Schlachtfeld. Er war zu der Zeit in York.«
Jane konnte nicht recht folgen und sah Miss Ironwood an.
»Wenn das stimmt, was er sagt«, sagte Miss Ironwood, »und wir gehen davon aus, dann hat er das alles geträumt. Verstehen Sie?«
»Er hat von der Schlacht geträumt?«
»Ja. Aber er träumte sie richtig. Er hat in seinem Traum die wirkliche Schlacht gesehen.«
»Ich sehe den Zusammenhang nicht.«
»Das Zweite Gesicht – die Gabe, Wirklichkeit zu träumen – ist manchmal erblich«, sagte Miss Ironwood.
Etwas schien mit Janes Atem nicht zu stimmen. Sie fühlte sich irgendwie verletzt – das war genau das, was sie immer schon gehasst hatte: etwas aus der Vergangenheit, etwas Irrationales und völlig Unerwünschtes, das aus seinem Versteck hervorkroch und sie nun belästigte.
»Kann man es beweisen?«, fragte sie. »Ich meine, wir haben doch nur seine Aussage, nicht wahr?«
»Wir haben Ihre Träume«, sagte Miss Ironwood, und ihre ernste Stimme war streng geworden. War diese alte Frau vielleicht der Meinung, man sollte seine fernen Vorfahren nicht als Lügner bezeichnen?
»Meine Träume?«, fragte Jane etwas scharf.
»Ja.«
»Was soll das heißen?«
»Meiner Meinung nach haben Sie in Ihren Träumen wirkliche Ereignisse gesehen. Sie haben wirklich Alcasan in seiner Todeszelle sitzen sehen; und Sie haben einen Besucher gesehen, den er wirklich hatte.«
»Aber … aber nein, das ist lächerlich!«, sagte Jane. »Dieser Teil war bloßer Zufall. Und der ganze Rest war ein reiner Albtraum. Es war absolut unsinniges Zeug. Er hat ihm wie gesagt den Kopf abgeschraubt. Und dann haben sie diesen grässlichen alten Mann ausgegraben und zum Leben erweckt.«
»Zweifellos gibt es da einige Unklarheiten. Aber meiner Ansicht nach stehen selbst hinter diesen Episoden wirkliche Ereignisse.«
»Ich fürchte, ich glaube nicht an solche Dinge«, sagte Jane kalt.
»Das ist bei Ihrer Erziehung ganz natürlich«, antwortete Miss Ironwood. »Sofern Sie nicht bereits selbst festgestellt haben, dass Sie dazu tendieren, wirkliche Dinge zu träumen.«
Jane dachte an das Buch auf dem Tisch, das sie anscheinend gekannt hatte, ohne es je zuvor gesehen zu haben. Und dann Miss Ironwoods Erscheinung – auch die war ihr bereits bekannt, bevor sie sie mit eigenen Augen gesehen hatte. Dennoch, es war einfach widersinnig.
»Dann können Sie nichts für mich tun?«
»Ich kann Ihnen die Wahrheit sagen«, sagte Miss Ironwood. »Ich habe versucht, es zu tun.«
»Ich meine, können Sie mich nicht befreien – mich heilen?«
»Das Zweite Gesicht ist keine Krankheit.«
»Aber ich will nichts damit zu tun haben«, sagte Jane heftig. »Es muss aufhören. Ich hasse solche Dinge.«
Miss Ironwood sagte nichts.
»Kennen Sie denn nicht jemanden, der dem Einhalt gebieten könnte?« fragte Jane. »Können Sie mir niemanden empfehlen?«
»Ein normaler Psychotherapeut«, sagte Miss Ironwood, »wird davon ausgehen, dass die Albträume bloß Ihr eigenes Unterbewusstsein reflektieren. Er würde versuchen, Sie zu behandeln. Ich weiß nicht, welche Ergebnisse eine Behandlung haben würde, die auf dieser Annahme beruht, aber ich fürchte, die Folgen könnten ernst sein. Und verschwinden würden die Träume mit Sicherheit nicht.«
»Aber was hat das alles zu bedeuten?«, sagte Jane. »Ich will ein normales Leben führen. Ich will meine Arbeit tun. Es ist unerträglich! Warum sollte gerade ich für so etwas Schreckliches auserwählt sein?«
»Die Antwort darauf ist nur viel höheren Mächten als mir bekannt.«
Sie schwiegen. Jane machte eine unbestimmte Geste und sagte verdrießlich: »Nun, wenn Sie nichts für mich tun können, gehe ich wohl besser …« Dann fügte sie unvermittelt hinzu: »Aber woher wissen Sie das alles überhaupt? Ich meine … von welchen wirklichen Geschehnissen sprechen Sie?«
»Ich denke«, erwiderte Miss Ironwood, »dass Sie selbst wahrscheinlich mehr Grund haben, Ihre Träume für wahr zu halten, als Sie mir gegenüber zugeben. Wenn nicht, wird es bald so sein. Aber um Ihre Frage zu beantworten: Wir wissen, dass Ihre Träume teilweise wahr sind, weil sie Informationen entsprechen, die wir bereits haben. Professor Dimble hat Sie zu uns geschickt, weil er die Bedeutung dieser Träume erkannt hat.«
»Wollen Sie damit sagen, dass er mich hierher geschickt hat, nicht weil er mir helfen wollte, sondern damit ich Ihnen Informationen liefere?«, fragte Jane. Die Vorstellung passte gut zu Dimbles Verhalten, als sie ihm von ihren Träumen erzählt hatte.
»Genau.«
»Ich wollte, ich hätte das etwas eher gewusst«, sagte Jane kalt und stand entschlossen auf, um zu gehen. »Ich fürchte, es handelt sich um ein Missverständnis. Ich hatte gedacht, Professor Dimble wollte mir helfen.«
»Das wollte er auch. Aber er hat versucht, zugleich etwas noch Wichtigeres zu tun.«
»Wahrscheinlich sollte ich dankbar sein, dass man mich überhaupt beachtet hat«, sagte Jane trocken. »Und wie wollte er mir helfen? Vielleicht mit all diesem Zeug?« Der Versuch, beißende Ironie in ihre Stimme zu legen, misslang, als sie diese letzten Worte sagte, und heißer, unverhüllter Zorn schoss wieder in ihr Gesicht. In gewisser Hinsicht war sie sehr jung.
»Junge Frau«, sagte Miss Ironwood, »Sie sind weit davon entfernt, den Ernst dieser Angelegenheit zu begreifen. Was Sie gesehen haben, betrifft etwas, im Vergleich zu dem Ihr und mein Glück und sogar unser beider Leben keinerlei Bedeutung haben. Ich muss Sie bitten, der Situation ins Auge zu sehen. Sie können sich Ihrer Gabe nicht entledigen. Sie können versuchen, sie zu unterdrücken, aber es wird Ihnen nicht gelingen, und Sie werden sich schrecklich fürchten. Sie können Ihre Gabe aber auch uns zur Verfügung stellen. Wenn Sie das tun, werden Sie sich auf lange Sicht viel weniger fürchten müssen, und Sie werden dabei helfen, die Menschheit vor einem sehr großen Unheil zu bewahren. Die dritte Möglichkeit ist, dass Sie jemand anders davon erzählen. Wenn Sie das tun, so muss ich Sie warnen. Sie werden dann mit großer Wahrscheinlichkeit in die Hände anderer Leute fallen, die mindestens so begierig sind wie wir, aus Ihrer Fähigkeit Nutzen zu ziehen, denen Ihr Leben und Ihr Glück aber nicht mehr bedeuten als das Leben und das Glück einer Fliege. Die Menschen, die Sie in Ihren Träumen gesehen haben, sind wirkliche Menschen. Es ist keineswegs unwahrscheinlich, dass sie wissen, dass Sie ihnen unabsichtlich nachspioniert haben. Und wenn das so ist, dann werden sie nicht ruhen, bis sie Sie in ihrer Gewalt haben. Ich würde Ihnen, auch um Ihrer selbst willen, raten, sich uns anzuschließen.«
»Sie sprechen ständig von ›wir‹ und ›uns‹. Sind Sie eine Art Gesellschaft?«
»Ja. Man könnte es eine Gesellschaft nennen.« Jane war stehen geblieben; und sie hatte beinahe geglaubt, was sie hörte. Dann überkam ihr ganzer Abscheu sie plötzlich erneut – ihre ganze verletzte Eitelkeit, ihre Erbitterung über die unsinnige, verwickelte Situation, in der sie sich gefangen sah, und ihre allgemeine Abneigung gegen das Geheimnisvolle und Unvertraute. Sie wollte jetzt nur noch aus diesem Raum hinaus, fort von Miss Ironwoods ernster, geduldiger Stimme. »Sie hat es nur noch schlimmer gemacht«, dachte Jane, die sich noch immer als Patientin betrachtete. Laut sagte sie: »Ich muss jetzt gehen. Ich weiß nicht, wovon Sie reden. Ich will nichts damit zu tun haben.«
4 _______
Mark fand schließlich heraus, dass man erwartete, er werde wenigstens die eine Nacht bleiben, und als er hinaufging, um sich zum Abendessen umzukleiden, hatte sich seine Stimmung gebessert. Dies lag zum Teil an einem Whisky-Soda, den er unmittelbar zuvor mit ›Fee‹ Hardcastle getrunken hatte, und zum Teil daran, dass der Wattebausch auf der Oberlippe inzwischen entbehrlich geworden war, wie er durch einen Blick in den Spiegel feststellte. Auch das Zimmer mit seinem hellen Kaminfeuer und dem eigenen Bad hatte etwas damit zu tun. Wie gut, dass er sich von Jane hatte überreden lassen, diesen neuen Abendanzug zu kaufen! Er sah sehr gut aus, wie er da auf dem Bett lag; und Mark sah jetzt, dass der alte es nicht mehr getan hätte. Am meisten Mut aber hatte ihm das Gespräch mit der Fee gemacht.
Man konnte nicht gerade sagen, dass er sie mochte. Im Gegenteil, sie hatte in ihm die ganze Abneigung geweckt, die ein junger Mann in der Gegenwart einer übermäßigen, ja unverschämten und zugleich völlig unattraktiven Sexualität empfindet. Und etwas in ihrem kalten Blick hatte ihm gesagt, dass sie sich dieser Reaktion wohl bewusst sei und sie amüsant finde. Sie hatte ihm allerhand anstößige Geschichten erzählt. Immer schon hatte es Mark bei den ungeschickten Versuchen emanzipierter Frauen, sich in dieser Art von Humor zu ergehen, geschaudert, aber das war stets von einem Gefühl der Überlegenheit gemildert worden. Diesmal hatte er das Gefühl, selbst die Zielscheibe zu sein. Diese Frau provozierte die männliche Prüderie zu ihrer Unterhaltung. Später dann hatte sie ihm Erinnerungen aus dem Polizeidienst aufgetischt. Trotz anfänglicher Skepsis war Mark entsetzt über ihre Vermutung, dass ungefähr dreißig Prozent aller Mordverfahren damit endeten, dass ein Unschuldiger gehängt wurde. Und sie gab Einzelheiten über den Hinrichtungsraum zum Besten, die ihm bis dahin nicht bekannt gewesen waren.
All dies war wenig erfreulich. Aber es wurde durch den angenehm vertraulichen Charakter des Gesprächs mehr als ausgeglichen. Immer wieder hatte man ihn im Laufe des Tages spüren lassen, dass er ein Außenseiter war: dieses Gefühl war völlig verschwunden, solange Miss Hardcastle mit ihm sprach. Er hatte den Eindruck, aufgenommen zu sein. Miss Hardcastle hatte offenbar ein bewegtes Leben hinter sich. Sie war nacheinander Frauenrechtlerin, Pazifistin und Faschistin gewesen. Sie war von der Polizei misshandelt und eingekerkert worden. Sie hatte aber auch mit Premierministern, Diktatoren und berühmten Filmstars verkehrt. Sie hatte mit beiden Enden des Gummiknüppels Bekanntschaft gemacht und wusste, was polizeiliche Gewalt vermochte und was nicht. In ihren Augen gab es nur wenig, was sie nicht vermochte. »Besonders jetzt«, sagte sie. »Hier im Institut unterstützen wir den Kreuzzug gegen den Bürokratismus.«
Der polizeiliche Aspekt des Instituts war, wie Mark ihren Ausführungen entnahm, für die Fee das Wichtigste. Die Institutspolizei war dazu da, der Institutsleitung all das abzunehmen, was man vielleicht als Hygieneangelegenheiten bezeichnen könnte. Darunter fielen sowohl Impfungen als auch Beschuldigungen wegen widernatürlicher Verirrungen; von da, meinte die Fee, sei es nur noch ein Schritt, um auch alle Erpressungsfälle an sich zu ziehen. Was das Verbrechen im Allgemeinen betraf, so hatten sie bereits in der Presse dafür geworben, dem Institut weitgehend freie Hand bei Experimenten zu lassen, die aufzeigen sollten, inwieweit eine humane, heilende Behandlung an die Stelle der alten vergeltenden oder rächenden Strafe treten könnte. Hier stand ihnen noch viel gesetzlicher Bürokratismus im Weg. »Aber es gibt nur zwei Tageszeitungen, die wir nicht kontrollieren«, sagte die Fee. »Und die werden wir fertig machen. Man muss den Mann auf der Straße dahin bringen, dass er automatisch Sadismus sagt, wenn er das Wort Bestrafung hört.« Dann habe man freie Bahn. Mark konnte diesem Gedankengang nicht gleich folgen, doch die Fee erklärte ihm, dass es gerade der Gedanke der verdienten Strafe sei, der der britischen Polizei bis zum heutigen Tage ihre Arbeit so schwer mache. Verdiente Strafe habe nämlich immer ihre Grenzen: man könne dem Kriminellen nur soundso viel antun und nicht mehr. Bei der heilenden Behandlung dagegen gebe es keine feste Grenze; sie könne fortgesetzt werden, bis sie eine Heilung bewirke, und jene, die sie verabreichten, würden entscheiden, wann dieser Zeitpunkt gekommen sei. Und wenn Heilung human und wünschenswert war, wie viel mehr galt dies erst für die Vorbeugung? Bald werde jeder, der schon einmal mit der Polizei zu tun gehabt habe, unter die Kontrolle des N.I.C.E. kommen, und am Ende jeder Bürger. »Das ist der Punkt, wo wir beide ins Spiel kommen, Kleiner«, fügte die Fee hinzu und tippte mit dem Zeigefinger gegen Marks Brust. »Auf lange Sicht gibt es keinen Unterschied zwischen Polizeiarbeit und Soziologie. Sie und ich, wir müssen Hand in Hand arbeiten.«
Dies hatte in Mark wieder die alten Zweifel geweckt, ob man ihm wirklich einen Posten anbot, und wenn ja, was für ein Posten das war. Die Fee hatte ihn vor Steele gewarnt, er sei ein gefährlicher Mann. »Es gibt zwei Leute, auf die Sie sehr Acht geben sollten«, sagte sie. »Der eine ist Frost, und der andere ist der alte Wither.« Aber über seine allgemeinen Befürchtungen hatte sie nur gelacht. »Sie sind schon mittendrin, Kleiner«, sagte sie. »Seien Sie nur nicht zu wählerisch, was Ihre Arbeit angeht. Sie müssen die Dinge nehmen, wie sie kommen. Wither mag keine Leute, die ihn festzunageln versuchen. Es hat keinen Zweck zu sagen, Sie wären hierher gekommen, um dieses zu tun, und würden jenes nicht tun. Dafür entwickeln sich die Dinge zurzeit einfach zu schnell. Sie müssen sich nützlich machen. Und glauben Sie nicht alles, was man Ihnen erzählt.«
Beim Abendessen saß Mark neben Hingest. »Nun«, sagte Hingest, »hat man Sie also doch noch eingefangen, wie?«
»Sieht so aus, ja«, antwortete Mark.
»Sollten Sie sich nämlich eines Besseren besinnen«, sagte Hingest, »könnte ich Sie mitnehmen. Ich fahre heute Abend zurück.«
»Sie haben mir noch nicht erzählt, warum Sie selbst uns verlassen wollen«, sagte Mark.
»Ach, wissen Sie, es hängt davon ab, was einer mag oder nicht mag. Wenn Sie Gefallen an der Gesellschaft dieses italienischen Eunuchen und des verrückten Pfarrers und dieser Hardcastle finden – ihre Großmutter würde ihr die Ohren lang ziehen, wenn sie noch lebte –, dann gibt es natürlich nichts mehr zu sagen.«
»Ich glaube, man kann das Institut kaum von einem rein gesellschaftlichen Standpunkt aus beurteilen – ich meine, es ist etwas mehr als ein Club, nicht wahr?«
»Wie? Beurteilen? – Soviel ich weiß, habe ich in meinem ganzen Leben noch nie etwas beurteilt, außer auf einer Blumenausstellung. Es ist alles eine Frage des Geschmacks. Ich bin hierher gekommen, weil ich dachte, es hätte etwas mit Wissenschaft zu tun. Nun, da ich sehe, dass es eher eine politische Verschwörung ist, gehe ich nach Hause. Ich bin zu alt für solche Sachen, und wenn ich an einer Verschwörung teilnehmen wollte, dann sicher nicht an dieser.«
»Vermutlich meinen Sie damit, dass das Element der sozialen Planung Ihnen missfällt? Ich kann gut verstehen, dass es in Ihr Arbeitsgebiet nicht so gut passt wie in die Wissenschaft der Soziologie, aber …«
»Soziologie ist keine Wissenschaft. Und wenn ich merken würde, dass die Chemie mit einer Geheimpolizei zusammenarbeitet, die von einem ältlichen Mannweib geleitet wird, das keine Korsetts trägt, und Pläne ausarbeitet, jedem Engländer Heim und Hof und Kinder zu nehmen, würde ich die Chemie zur Hölle fahren lassen und zur Gärtnerei zurückkehren.«
»Ich verstehe dieses Gefühl der Zuneigung für den kleinen Mann, aber wenn man wie ich die Wirklichkeit studiert…«
»Dann würde auch ich den Wunsch verspüren, alles niederzureißen und etwas anderes an seine Stelle zu setzen. Natürlich. Genau das passiert, wenn Sie die Menschen studieren: Sie finden einen Saustall vor. Ich bin im Übrigen der Meinung, dass man Menschen nicht studieren kann, man kann sie nur kennen lernen, was etwas ganz anderes ist. Weil Sie die Menschen studieren, wollen Sie die Unterschichten das Land regieren lassen und ihnen klassische Musik vorsetzen – so ein Unsinn! Und Sie wollen ihnen alles wegnehmen, was das Leben lebenswert macht; nur ein Haufen von Spitzbuben und Professoren soll davon ausgenommen bleiben.«
»Bill!«, rief Miss Hardcastle plötzlich vom anderen Ende des Tisches herüber, so laut, dass selbst Hingest es nicht überhören konnte. Er sah sie an, und sein Gesicht wurde dunkelrot.
»Stimmt es«, schrie die Fee, »dass Sie gleich nach dem Abendessen wegfahren wollen?«
»Ja, Miss Hardcastle, das stimmt.«
»Könnten Sie mich vielleicht mitnehmen?«
»Mit Vergnügen«, sagte Hingest in einem Ton, der niemanden täuschte, »wenn wir den gleichen Weg haben.«
»Wohin fahren Sie?«
»Nach Edgestow.«
»Fahren Sie durch Brenstock?«
»Nein, ich verlasse die Umgehungsstraße bei der Kreuzung gleich hinter Lord Hollywoods Eingangstor und fahre dann die Potter’s Lane hinunter.«
»Schade! Nützt mir nichts. Dann warte ich lieber bis morgen früh.«
Danach wurde Mark von seinem Nachbarn zur Linken in ein Gespräch verwickelt und sah Bill den Blizzard erst nach dem Abendessen in der Eingangshalle wieder. Er hatte bereits den Mantel an und wollte gerade zu seinem Wagen gehen.
Als er die Tür öffnete, begann er zu reden, und Mark sah sich genötigt, ihn über den kiesbestreuten Vorplatz zum Wagen zu begleiten.
»Befolgen Sie meinen Rat, Studdock«, sagte er, »oder denken Sie wenigstens darüber nach. Ich selbst halte zwar nichts von Soziologie, aber Sie haben eine recht anständige Karriere vor sich, wenn Sie am College bleiben. Sie tun sich selbst keinen Gefallen, wenn Sie sich mit dem N.I.C.E. einlassen – und bei Gott, Sie werden auch sonst keinem damit nützen.«
»Ich denke, man kann über alles zweierlei Ansicht sein«, sagte Mark.
»Wie? Zweierlei Ansicht? Es gibt ein Dutzend Ansichten über alles, bis man die Antwort weiß. Dann gibt es niemals mehr als eine. Doch das ist nicht meine Sache. Gute Nacht.«
»Gute Nacht, Hingest«, sagte Mark. Hingest ließ den Motor an und fuhr davon.
Ein leiser Frosthauch lag in der Luft. Über den Baumwipfeln stand Orion und funkelte auf ihn herab, doch Mark kannte dieses erhabene Sternbild nicht einmal. Er zögerte, ins Haus zurückzugehen. Vielleicht erwarteten ihn dort weitere Gespräche mit interessanten und einflussreichen Leuten; vielleicht aber würde er sich auch wieder als Außenseiter fühlen, allein herumstehen und Gespräche beobachten, an denen er nicht teilnehmen konnte. Er war ohnehin müde. Als er die Vorderseite des Gebäudes entlangschlenderte, kam er bald zu einer weiteren, kleineren Tür, durch die man wahrscheinlich ins Haus gelangen konnte, ohne die Eingangshalle oder die öffentlichen Räume zu betreten. Er ging hinein, stieg die Treppe hinauf und legte sich schlafen.
5 _______
Camilla Denniston brachte Jane hinaus – nicht durch die kleine Tür in der Mauer, durch die sie hereingekommen war, sondern durch das Haupttor, das ungefähr hundert Schritte weiter auf dieselbe Straße hinausführte. Gelbes Licht ergoss sich von Westen her durch einen Spalt in der grauen Wolkendecke und tauchte die Landschaft für kurze Zeit in eine kalte Helligkeit. Jane hatte sich geniert, vor Camilla Denniston Zorn oder Furcht zu zeigen, und so war beides fast vergangen, als sie sich verabschiedete. Aber eine entschiedene Abneigung gegen das, was sie »all diesen Unsinn« nannte, blieb zurück. Sie hatte keine absolute Gewissheit, dass es Unsinn war, war aber entschlossen, es so zu behandeln. Sie wollte nicht hineingezogen, nicht vereinnahmt werden. Jeder musste sein eigenes Leben leben. Verstrickungen und Einmischungen zu vermeiden war seit langem eines ihrer wichtigsten Prinzipien. Selbst als sie entdeckt hatte, dass sie Mark heiraten würde, wenn er sie fragte, war sofort der Gedanke »aber ich muss trotzdem mein eigenes Leben weiterführen« aufgekommen und niemals länger als ein paar Minuten aus ihrem Bewusstsein geschwunden. Ein gewisser Groll gegen die Liebe selbst und darum auch gegen Mark, der auf diesem Weg in ihr Leben eingedrungen war, blieb zurück. Inzwischen wusste sie sehr genau, wie viel eine Frau durch die Heirat aufgab. Mark schien das nicht klar genug zu erkennen. Obwohl sie es nicht aussprach, war diese Furcht vor Beeinträchtigungen und Verstrickungen der tiefere Grund für ihren Entschluss, kein Kind zu bekommen – oder jedenfalls erst viel später. Jeder musste sein eigenes Leben leben.
Kaum war sie wieder in ihrer Wohnung, läutete das Telefon. »Sind Sie es, Jane?«, fragte eine Stimme. »Ich bin es, Margaret Dimble. Etwas Furchtbares ist geschehen. Ich werde es Ihnen erzählen, wenn ich komme. Im Moment bin ich zu wütend, um zu sprechen. Hätten Sie vielleicht zufällig noch ein Bett? Wie? Mr. Studdock ist gar nicht da? Nicht ein bisschen, wenn es Ihnen nichts ausmacht. Ich habe Cecil zum Schlafen ins College geschickt. Sind Sie sicher, dass ich Sie nicht störe? Tausend Dank. In einer halben Stunde bin ich bei Ihnen.«
4 Die Beseitigung von Anachronismen
Kaum hatte Jane Marks Bett frisch bezogen, als auch schon, mit vielen Paketen beladen, Mrs. Dimble eintraf. »Sie sind ein Engel, dass Sie mich für die Nacht aufnehmen«, sagte sie. »Ich glaube, wir haben es bei jedem Hotel in Edgestow versucht. Dieser Ort wird schier unerträglich. Überall die gleiche Antwort! Alles voll bis unters Dach mit der Gefolgschaft dieses abscheulichen N.I.C.E. Sekretärinnen hier, Stenotypistinnen dort, Bauingenieure, Vermessungsleute – es ist schrecklich. Hätte Cecil nicht ein Zimmer im College, so müsste er wohl tatsächlich im Wartesaal des Bahnhofs schlafen. Ich hoffe nur, dass dieser Hausdiener im College das Bett gelüftet hat.«
»Aber was in aller Welt ist geschehen?«, fragte Jane.
»Man hat uns an die Luft gesetzt, meine Liebe!«
»Aber das ist doch nicht möglich, Mrs. Dimble. Ich meine, das kann unmöglich legal sein.«
»Das hat Cecil auch gesagt … Stellen Sie sich bloß vor, Jane, als wir heute Morgen aus dem Fenster schauten, sahen wir als Erstes einen Lastwagen in unserer Einfahrt; er stand mit den Hinterrädern mitten im Rosenbeet und lud einen Haufen Leute mit Äxten und Sägen ab, Leute, die wie Kriminelle aussahen. Direkt in unserem Garten! Ein abscheulicher kleiner Mann mit Schirmmütze war dabei, der die Zigarette im Mund behielt, während er mit Cecil sprach – das heißt nicht im Mund, sie klebte an seiner Oberlippe. Und wissen Sie, was er gesagt hat? Er sagte, sie hätten nichts dagegen, wenn wir bis morgen früh um acht im Haus blieben – wohlgemerkt im Haus, nicht im Garten. Nichts dagegen!«
»Aber das muss doch – muss doch ein Irrtum sein!«
»Cecil hat natürlich gleich den Schatzmeister des Bracton Colleges angerufen. Und natürlich war ihr Schatzmeister nicht im Haus. Den ganzen Vormittag lang haben wir immer wieder versucht zu telefonieren, und während der Zeit sind alle Pflaumenbäume und die große Buche, die Sie so gern hatten, gefällt worden. Wenn ich nicht so wütend gewesen wäre, hätte ich mich hingesetzt und mir die Augen ausgeweint. So war mir zu Mute. Schließlich hat Cecil diesen Mr. Busby erreicht, der sich als völlig unbrauchbar erwies und sagte, es müsse irgendein Missverständnis vorliegen, aber er habe jetzt nichts mehr mit der Sache zu tun und wir sollten uns an das N.I.C.E. in Belbury wenden. Selbstverständlich war es völlig unmöglich, eine Verbindung mit denen zu bekommen. Und zur Mittagszeit war klar, dass wir die Nacht einfach nicht mehr zu Hause verbringen konnten, was immer auch geschehen würde.«
»Warum nicht?«
»Meine Liebe, Sie können sich keine Vorstellung davon machen. Die ganze Zeit sind riesige Lastwagen und Zugmaschinen vorbeigedonnert, und dann ein Kran auf einer Art Tieflader. Die Lieferanten kamen nicht mehr durch. Die Milch kam erst um elf. Das Fleisch kam überhaupt nicht, und am Nachmittag rief die Metzgerei an und sagte, ihr Fahrer sei nicht zu uns durchgekommen. Wir hatten selbst die größten Schwierigkeiten, in die Stadt zu kommen. Von unserem Haus bis zur Brücke haben wir eine halbe Stunde gebraucht. Es war wie ein Albtraum. Überall Lichter und Lärm, die Straße praktisch zerstört, und auf der Gemeindewiese errichten sie bereits ein riesiges Barackenlager. Und die Leute! Derart grässliche Männer. Ich wusste nicht, dass wir in England solche Arbeiter haben. Ach, grässlich, grässlich!« Mrs. Dimble fächelte sich mit dem Hut, den sie gerade abgenommen hatte, Luft zu.
»Und was wollen Sie nun tun?«, fragte Jane.
»Das weiß der Himmel!«, sagte Mrs. Dimble. »Einstweilen haben wir das Haus zugesperrt, und Cecil ist bei unserem Anwalt, Mr. Rumbold, gewesen, um zu sehen, ob wir das Haus wenigstens versiegeln lassen können, sodass niemand es betritt, bis wir unsere Sachen herausgeholt haben. Rumbold scheint nicht zu wissen, woran er ist. Er sagt ständig, das N.I.C.E. sei juristisch in einer ganz besonderen Position. Was das heißt, kann ich beim besten Willen nicht sagen. Soweit ich sehe, wird es in Edgestow überhaupt keine Privathäuser mehr geben. Zum anderen Flussufer hinüberzuziehen hat überhaupt keinen Zweck, selbst wenn sie uns ließen. Was meinen Sie? Oh, unbeschreiblich. Alle Pappeln werden gefällt. Und all diese hübschen kleinen Häuser bei der Kirche werden abgerissen. Ich habe die arme Ivy – Ihre Mrs. Maggs, wissen Sie – getroffen, und sie war in Tränen aufgelöst. Die armen Dinger! Sie sehen wirklich furchtbar aus, wenn die Tränen über das Make-up laufen. Sie ist auch auf die Straße gesetzt worden; arme Frau, als ob sie es nicht ohnedies schon schwer genug hätte. Ich war froh wegzukommen. Die Männer waren so schrecklich. Drei große Kerle sind an die Hintertür gekommen, sie wollten heißes Wasser und haben sich so aufgeführt, dass Martha vor Angst völlig den Kopf verlor und Cecil hinausgehen und mit ihnen sprechen musste. Ich dachte schon, sie würden Cecil schlagen, wirklich. Es war schrecklich unerfreulich. Irgendein besonderer Polizist schickte sie dann weg. Wie? Ach ja, überall sind dutzende von Uniformierten, die wie Polizisten aussehen, aber die haben mir auch nicht gefallen. Sie wippen ständig mit so einer Art Gummiknüppel, wie in den amerikanischen Filmen. Wissen Sie, Jane, Cecil und ich dachten beide das Gleiche: Wir dachten, es ist beinahe, als hätten wir den Krieg verloren. Oh, wunderbar, Tee! Das ist genau, was ich brauche.«
»Sie müssen hier bleiben, Mrs. Dimble, solange Sie wollen«, sagte Jane. »Mark wird einfach im College schlafen müssen.«
»Also wirklich«, sagte Mutter Dimble, »wenn es im Augenblick nach mir ginge, dann dürfte kein Mitglied des Bracton Colleges überhaupt irgendwo schlafen! Aber bei Ihrem Mann würde ich eine Ausnahme machen. Wie die Dinge liegen, werde ich ohnehin nicht Siegfrieds Schwert spielen müssen – und was wäre das auch für ein hässliches, fettes und unbeholfenes Schwert! Übrigens wissen wir bereits, wo wir unterkommen. Cecil und ich werden nach St. Anne’s in das Landhaus ziehen. Dort haben wir zurzeit sowieso oft zu tun, wissen Sie.«
»Oh«, sagte Jane beinahe erschrocken, als ihr die Erlebnisse des Tages wieder einfielen.
»Aber, wie egoistisch von mir!«, sagte Mutter Dimble. »Da plappere ich über meine eigenen Schwierigkeiten und vergesse ganz, dass Sie dort gewesen sind und sicherlich viel zu erzählen haben. Haben Sie mit Grace gesprochen? Und hat sie Ihnen gefallen?«
»›Grace‹ ist Miss Ironwood?« fragte Jane.
»Ja.«
»Ich habe mit ihr gesprochen. Ich weiß nicht, ob sie mir gefallen hat oder nicht. Aber ich möchte jetzt nicht darüber sprechen. Ich kann an nichts anderes denken als an diese empörenden Ereignisse bei Ihnen. Sie sind die Märtyrerin, nicht ich.«
»Nein, meine Liebe«, sagte Mrs. Dimble, »ich bin keine Märtyrerin. Ich bin nur eine zornige alte Frau mit schmerzenden Füßen und Kopfweh – aber das wird schon weniger –, die versucht, sich in eine bessere Stimmung hineinzureden. Schließlich haben Cecil und ich nicht wie die arme Ivy Maggs unsere Lebensgrundlage verloren. So wichtig ist uns das alte Haus nun auch wieder nicht. Wissen Sie, das Vergnügen, dort zu leben, war in mancher Hinsicht ein melancholisches Vergnügen. Ich frage mich überhaupt, ob die Menschen eigentlich gerne glücklich sind? Ein wenig melancholisch, ja. All diese großen Zimmer im Obergeschoss, die wir wollten, weil wir dachten, dass wir viele Kinder haben würden, und dann bekamen wir nicht eines. Vielleicht habe ich zu viel Gefallen daran gefunden, ihnen an den langen Nachmittagen, wenn Cecil nicht da war, nachzutrauern. Mich selbst zu bemitleiden. Es wird besser für mich sein, von dort wegzukommen, glaube ich. Am Ende wäre ich noch wie diese fürchterliche Frau bei Ibsen geworden, die immer über Puppen redet. Für Cecil ist es wirklich viel schlimmer. Er hatte so gern alle seine Studenten um sich. Jane, jetzt haben Sie schon zum dritten Mal gegähnt. Sie sind todmüde, und ich rede Ihnen ein Loch in den Bauch. Das kommt davon, wenn man dreißig Jahre verheiratet ist. Ehemänner sind dazu da, dass man auf sie einredet. Es hilft ihnen, sich auf das zu konzentrieren, was sie gerade lesen – wie das Geräusch eines Wasserfalls. Da! Nun gähnen Sie schon wieder.«
Jane empfand Mutter Dimble als eine etwas unbequeme Zimmergenossin, weil sie betete. »Sonderbar«, dachte Jane, »wie einen das verwirren kann.« Man wusste nicht, wo man hinschauen sollte, und nachdem Mrs. Dimble sich von den Knien erhoben hatte, war es mehrere Minuten lang schwierig, den natürlichen Gesprächston wieder zu finden.
2 _______
»Sind Sie jetzt wach?«, fragte Mrs. Dimbles Stimme mitten in der Nacht.
»Ja«, antwortete Jane. »Es tut mir Leid. Habe ich Sie geweckt? Habe ich geschrien?«
»Ja. Sie haben geschrien, dass jemand auf den Kopf geschlagen würde.«
»Ich habe gesehen, wie sie einen Mann umbrachten, einen Mann, der in einem großen Wagen eine Landstraße entlangfuhr. Er kam zu einer Kreuzung und bog nach rechts ab, vorbei an einigen Bäumen, und dort stand jemand mitten auf der Straße und schwenkte ein Licht, um ihn anzuhalten. Ich konnte nicht hören, was sie sagten, denn ich war zu weit entfernt. Sie müssen ihn überredet haben, aus dem Wagen zu steigen, und er sprach mit einem von ihnen. Das Licht fiel voll auf sein Gesicht. Er war nicht derselbe alte Mann, den ich in dem anderen Traum gesehen habe. Dieser hatte keinen Bart, nur einen Schnurrbart. Er wirkte irgendwie hitzig und stolz. Es gefiel ihm nicht, was der Mann zu ihm sagte, und dann nahm er seine Fäuste und schlug ihn nieder. Ein anderer Mann hinter ihm versuchte, ihn mit einem Gegenstand auf den Kopf zu schlagen, aber der alte Mann war zu schnell und drehte sich rechtzeitig um. Dann gab es einen schrecklichen Kampf, der aber auch etwas Großartiges hatte. Sie waren zu dritt, und er kämpfte gegen alle drei. Ich habe in Büchern davon gelesen, konnte mir aber nie vorstellen, wie einem dabei zu Mute ist. Natürlich haben sie ihn schließlich überwältigt. Mit den Dingern in ihren Händen schlugen sie furchtbar auf seinen Kopf ein. Sie haben ihn ganz kaltblütig erledigt und sich dann gebückt, um ihn zu untersuchen und sich zu vergewissern, dass er wirklich tot war. Das Licht der Laterne kam mir seltsam vor, wie hohe Stäbe oder Stangen aus Licht – überall. Aber vielleicht war ich da schon im Begriff aufzuwachen. Nein, danke, alles in Ordnung. Es war natürlich furchtbar, aber ich habe keine Angst … nicht so wie in den früheren Träumen. Ich habe vor allem Mitleid mit dem alten Mann.«
»Glauben Sie, dass Sie wieder einschlafen können?«
»O ja! Haben die Kopfschmerzen nachgelassen, Mrs. Dimble?«
»Sie sind ganz weg, danke. Gute Nacht.«
3 _______
»Kein Zweifel«, dachte Mark, »dies muss der verrückte Pfarrer sein, den Bill der Blizzard erwähnt hat.« Die Ausschusssitzung begann erst um halb elf in Belbury, und seit dem Frühstück war Mark trotz des rauen und nebligen Wetters mit Reverend Straik im Garten spazieren gegangen. Gleich als der Mann ihn angesprochen hatte, hatten die abgetragenen Kleider und die plumpen Schuhe, der durchgewetzte Klerikerkragen, das dunkle, hagere, tragische Gesicht, narbig, schlecht rasiert und zerfurcht, die geradezu erbitterte Aufrichtigkeit auf Mark fehl am Platze gewirkt. Er hatte nicht erwartet, im Institut einer solchen Gestalt zu begegnen.
»Denken Sie nicht«, sagte Mr. Straik, »dass ich mich der Illusion hingäbe, unser Programm könnte ohne Gewalt verwirklicht werden. Es wird Widerstand geben. Sie werden mit den Zähnen knirschen und keine Reue zeigen. Aber wir werden uns nicht abschrecken lassen. Wir werden diesen Unruhen mit einer Festigkeit begegnen, die Verleumder zu der Behauptung verleiten wird, wir hätten sie gewollt. Lassen wir sie reden. In gewissem Sinne haben wir sie gewollt. Es kann nicht unsere Sache sein, jenes System geregelter Sünde zu erhalten, das man Gesellschaft nennt. Für dieses System ist die Botschaft, die wir zu verkünden haben, eine Botschaft völliger Verzweiflung.«
»Nun, genau das habe ich gemeint«, sagte Mark, »als ich sagte, Ihr Standpunkt und der meine wären im Grunde unvereinbar. Die Erhaltung der Gesellschaft durch gründliche Planung aller Lebensbereiche ist das Ziel, das ich vor Augen habe. Ich glaube nicht, dass es ein anderes Ziel gibt oder geben kann. Für Sie stellt sich das Problem völlig anders, weil Sie auf etwas Besseres als die menschliche Gesellschaft hoffen, in einer anderen Welt.«
»Mit jedem Gedanken und jeder Faser meines Herzens, mit jedem Tropfen meines Blutes weise ich diese verwerfliche Doktrin zurück«, sagte Mr. Straik. »Genau das ist die Ausflucht, mit der die Welt, diese Organisierung und Behausung des Todes, die Lehre Jesu Christi auf den falschen Pfad geführt und entmannt und die einfache Forderung des Herrn nach Rechtschaffenheit und Gericht hier und jetzt in Pfaffentum und Mystizismus verwandelt hat. Das Königreich Gottes muss hier verwirklicht werden – in dieser Welt. Und es wird geschehen. Beim Namen Jesu soll jedes Knie sich beugen. Und in diesem Namen sage ich mich völlig los von allen Formen organisierter Religion, die diese Welt bisher gesehen hat.«
Die Erwähnung des Namens Jesu brachte Mark, der ohne weiteres vor einem Hörsaal voll junger Frauen eine Vorlesung über Abtreibung oder Perversion gehalten hätte, so aus der Fassung, dass er leicht errötete; und als er das merkte, ärgerte er sich so über sich selbst und Mr. Straik, dass seine Wangen in der Tat sehr rot wurden. Dies war genau die Art von Gespräch, die er nicht ausstehen konnte; und seit dem Elend der Religionsstunden in der Schule, an die er sich nur zu gut erinnerte, hatte er sich nie so unbehaglich gefühlt. Er murmelte etwas über seine mangelnden Kenntnisse in Theologie.
»Theologie!«, sagte Mr. Straik mit tiefer Verachtung. »Ich spreche nicht über Theologie, junger Mann, sondern über den Herrn Jesus Christus. Theologie ist Geschwätz, Augenwischerei, Schall und Rauch, ein Spiel für reiche Müßiggänger. Ich habe den Herrn Jesus nicht in Hörsälen gefunden. Ich habe ihn in den Kohlengruben gefunden und neben dem Sarg meiner Tochter. Wer meint, Theologie sei eine Art Watte, die ihn am Tag des großen und schrecklichen Gerichts sicher schützen werde, der irrt. Denken Sie an meine Worte: so wird es geschehen! Das Reich Gottes wird kommen, in dieser Welt, in diesem Land. Die Macht der Wissenschaft ist ein Werkzeug. Ein unwiderstehliches Werkzeug, wie wir alle im Institut wissen. Und warum ist sie ein unwiderstehliches Werkzeug?«
»Weil Wissenschaft auf Beobachtung beruht«, sagte Mark.
»Sie ist ein unwiderstehliches Werkzeug«, rief Straik, »weil sie ein Werkzeug in Seiner Hand ist. Richtschwert und Balsam zugleich. Das konnte ich keiner der Kirchen klarmachen. Sie sind mit Blindheit geschlagen, verblendet von den schmutzigen Fetzen des Humanismus, der Kultur, der Menschenfreundlichkeit, des Liberalismus und ihrer eigenen Sünden oder was sie dafür halten, obgleich sie wirklich das am wenigsten Sündige an ihnen sind. Darum stehe ich allein: ein armer, schwacher, unwürdiger Mann, aber der einzige lebende Prophet. Ich weiß, dass Er in Macht und Herrlichkeit kommen wird. Und darum sehen wir die Zeichen Seiner Ankunft, wo wir Macht sehen. So kommt es, dass ich mich mit Kommunisten und Materialisten und jedem anderen verbünde, der wirklich bereit ist, die Ankunft des Herrn zu beschleunigen. Noch der Geringste dieser Menschen hier begreift den tragischen Sinn des Lebens und hat die Unbarmherzigkeit, die völlige Hingabe, die Bereitschaft, alle bloß menschlichen Werte aufzuopfern, lauter Dinge, die ich unter all der widerlichen Heuchelei der organisierten Religionen nicht finden konnte.«
»Sie wollen damit also sagen«, sagte Mark, »dass es in der unmittelbaren Praxis keine Grenzen für Ihre Zusammenarbeit mit dem Institut gibt?«
»Lassen Sie die Vorstellung einer Zusammenarbeit fahren!«, sagte der andere. »Arbeitet der Ton mit dem Töpfer zusammen? Arbeitete Kyros mit dem Herrn zusammen? Diese Leute werden Werkzeuge sein. Auch ich werde ein Werkzeug sein. Ein Mittel zum Zweck. Aber hier kommen wir zu dem Punkt, der Sie angeht, junger Mann. Sie haben keine Wahl, ob Sie Werkzeug sein wollen oder nicht. Wenn Sie einmal Ihre Hand an den Pflug gelegt haben, gibt es kein Zurück mehr. Niemand kehrt dem N.I.C.E. den Rücken. Jene, die es versuchen, werden in der Wildnis umkommen. Aber die Frage ist, ob Sie sich damit zufrieden geben, eines der Werkzeuge zu sein, die zur Seite geworfen werden, wenn sie Ihm gedient haben – die gerichtet werden, nachdem sie andere gerichtet haben. Oder werden Sie unter jenen sein, die das Erbe antreten? Denn es ist alles wahr, wissen Sie. Die Heiligen werden die Erde erben – hier in England, vielleicht innerhalb der nächsten zwölf Monate –, die Heiligen und niemand sonst. Wissen Sie nicht, dass wir sogar über Engel zu Gericht sitzen werden?« Dann dämpfte Straik plötzlich seine Stimme und fügte hinzu: »Die wahre Wiederauferstehung findet schon jetzt statt. Das wirkliche Leben wird ewig währen, hier in dieser Welt. Sie werden es sehen.«
»Es ist gleich zwanzig nach«, sagte Mark. »Sollten wir nicht zur Ausschusssitzung?«
Straik machte schweigend mit ihm kehrt. Teils, um eine Fortsetzung des Gesprächs in dieser Richtung zu verhindern, und teils, weil er wirklich eine Auskunft haben wollte, sagte Mark nach einer Weile: »Mir ist etwas ziemlich Unangenehmes passiert. Ich habe meine Brieftasche verloren. Es war nicht viel Geld darin: nur etwa drei Pfund. Aber es waren Briefe und andere Dinge darin, es ist ziemlich ärgerlich. Sollte ich das irgendjemandem melden?«
»Sie können es dem Hausverwalter sagen«, meinte Straik.
4 _______
Der Ausschuss tagte ungefähr zwei Stunden, und der stellvertretende Direktor führte den Vorsitz. Seine Art, die Sitzung zu leiten, war langsam und umständlich, und Mark, der in Bracton seine Erfahrungen gesammelt hatte, gewann bald den Eindruck, dass die eigentliche Arbeit des Instituts anderswo geleistet wurde. Dies entsprach auch seinen Erwartungen, und er war zu vernünftig, um anzunehmen, dass er schon zu diesem frühen Zeitpunkt im inneren Kreis oder was immer hier in Belbury dem Progressiven Element am Bracton College entsprach, Aufnahme finden würde. Aber er hoffte, man würde ihn nicht allzu lange seine Zeit in Schattenausschüssen vergeuden lassen. An diesem Morgen wurden hauptsächlich Einzelheiten der in Edgestow bereits angelaufenen Arbeiten besprochen. Das N.I.C.E. hatte anscheinend eine Art Sieg errungen, der ihm das Recht gab, die kleine normannische Kirche abzureißen. »Natürlich wurden die üblichen Einwände auf den Tisch gebracht«, sagte Wither. Mark, der an Architektur nicht sonderlich interessiert war und die andere Seite des Wynd nicht annähernd so gut kannte wie seine Frau, ließ seine Aufmerksamkeit abschweifen. Erst am Ende der Sitzung kam Wither auf einen regelrecht sensationellen Vorfall zu sprechen. Er meinte, die meisten der Anwesenden hätten die höchst traurige Nachricht wohl bereits gehört (Mark fragte sich, warum Vorsitzende immer mit solchen Wendungen anfingen), die offiziell bekannt zu geben er nichtsdestoweniger verpflichtet sei. Er bezog sich natürlich auf die Ermordung von William Hingest. Soweit Mark dem gewundenen und anspielungsreichen Bericht des Vorsitzenden entnehmen konnte, war Bill der Blizzard gegen vier Uhr früh mit eingeschlagenem Schädel neben seinem Wagen in der Potters Lane aufgefunden worden. Der Tod war mehrere Stunden zuvor eingetreten. Mr. Wither wagte anzunehmen, es sei den Anwesenden eine melancholische Befriedigung zu erfahren, dass die N.I.C.E.-Polizei noch vor fünf Uhr am Schauplatz des Verbrechens eingetroffen sei und dass weder die lokalen Behörden noch Scotland Yard irgendwelche Einwände gegen eine weitestgehende Zusammenarbeit erhöben. Wäre der Anlass passender, so hätte er einen Antrag begrüßt, Miss Hardcastle den Dank und die Glückwünsche des Ausschusses für das reibungslose Zusammenwirken ihrer eigenen Kräfte mit denen des Staates auszusprechen. Das sei ein Lichtblick in dieser traurigen Geschichte und, wie er meine, ein gutes Omen für die Zukunft. Dezent gedämpfter Applaus ging bei diesen Worten um den Tisch. Dann begann Mr. Wither mit einiger Ausführlichkeit über den Toten zu sprechen. Sie alle hätten Mr. Hingests Beschluss, sich vom Institut zurückzuziehen, sehr bedauert, wiewohl sie seinen Beweggründen volle Anerkennung zollten; sie alle hätten empfunden, dass diese offizielle Trennung nicht im Mindesten die herzlichen Beziehungen beeinträchtigen würde, die zwischen dem Verblichenen und den meisten – er glaube sogar sagen zu dürfen, ohne Ausnahme allen seinen früheren Kollegen im Institut bestanden. Der stellvertretende Direktor war durch seine besonderen Talente sehr gut befähigt, Leichenreden zu halten, und er ließ es auch nicht an der gebotenen Ausführlichkeit fehlen. Er schloss mit der Bitte an die Versammelten, sich zu erheben und das Andenken William Hingests durch eine Schweigeminute zu ehren.
Das taten sie, und es folgte eine schier endlose Minute, während der hier und da ein Hüsteln oder Schnaufen zu hören war. Hinter all den Masken glatter Gesichter mit fest geschlossenen Lippen stahlen sich belanglose Gedanken an dies und jenes hervor, so wie Vögel und Mäuse wieder auf eine Waldlichtung herausschlüpfen, wenn die Ausflügler gegangen sind, und jeder versicherte sich im Stillen, er jedenfalls sei nicht so morbide und denke an den Tod.
Dann scharrten Füße, Stimmen wurden laut, und die Sitzung wurde aufgehoben.I
5 _______
Das Aufstehen und die morgendliche Haushaltsarbeit waren für Jane viel angenehmer, weil sie Mrs. Dimble bei sich hatte. Mark half ihr häufig, da er aber die Ansicht vertrat – und Jane spürte es immer, auch wenn er es nicht sagte –, es müsse nur »irgendwie getan« werden, Jane mache sich eine Menge unnötiger Arbeit und Männer könnten einen Haushalt mit einem Zehntel des Aufhebens in Ordnung halten, das Frauen davon machten, war Marks Hilfe häufig ein Anlass für Streitereien zwischen ihnen. Mrs. Dimble dagegen machte alles so, wie sie es wollte. Es war ein heller, sonniger Morgen, und als sie sich zum Frühstück in die Küche setzten, fühlte auch Jane sich heiter und aufgeräumt. Während der Nacht hatte sie sich eine bequeme Theorie zurechtgelegt, derzufol-ge allein die Tatsache ihres Besuchs bei Miss Ironwood und der Aussprache mit ihr die Träume wahrscheinlich zum Verschwinden bringen würde. Damit wäre die Episode abgeschlossen. Und nun dachte sie an die aufregende Möglichkeit von Marks neuer Stellung, auf die man sich freuen konnte, und begann, sich Zukunftsbilder auszumalen.
Mrs. Dimble wollte gerne wissen, was Jane in St. Anne’s erlebt hatte und wann sie wieder hinausfahren werde. Auf die erste Frage antwortete Jane ausweichend, und Mrs. Dimble war zu höflich, sie zu bedrängen. Zur zweiten Frage meinte Jane, sie werde Miss Ironwood nicht wieder behelligen und sie lasse sich auch nicht länger von den Träumen behelligen. Sie sagte, sie sei albern gewesen, aber jetzt sei alles in Ordnung. Dann blickte sie auf die Uhr und fragte sich, warum Mrs. Maggs noch nicht erschienen sei.
»Ich fürchte, meine Liebe, Sie haben Ivy Maggs verloren«, sagte Mrs. Dimble. »Habe ich Ihnen nicht erzählt, dass man auch sie auf die Straße gesetzt hat? Ich dachte, es wäre Ihnen klar, dass sie in Zukunft nicht mehr zu Ihnen kommen würde. Sie hat hier in Edgestow keine Bleibe mehr, wissen Sie.«
»Mist!«, sagte Jane und fügte ohne großes Interesse hinzu: »Wissen Sie, was sie jetzt macht?«
»Sie geht nach St. Anne’s.«
»Hat sie dort Freunde?«
»Sie ist mit Cecil und mir in das Landhaus gezogen.«
»Hat sie dort eine Stellung gefunden?«
»Nun ja, ich nehme an, man kann es so nennen.«
Mrs. Dimble ging um elf. Auch sie wollte anscheinend nach St. Anne’s, würde aber vorher noch ihren Mann treffen und mit ihm im Northumberland College zu Mittag essen. Jane ging mit ihr in die Stadt hinunter, um ein paar Einkäufe zu machen, und sie trennten sich am unteren Ende der Market Street. Kurz darauf traf Jane Mr. Curry.
»Haben Sie die Neuigkeit schon gehört, Mrs. Studdock?«, fragte Curry. Er tat immer sehr bedeutsam und hatte stets
einen etwas vertraulichen Ton. An diesem Morgen war beides noch auffälliger als sonst.
»Nein. Was ist passiert?«, sagte Jane.
Sie hielt Mr. Curry für einen aufgeblasenen Trottel und Mark für einen Dummkopf, weil er sich von ihm beeindrucken ließ. Aber sobald Curry zu sprechen begann, zeigte ihr Gesicht alle Verwunderung und Bestürzung, die er sich nur wünschen konnte. Und diesmal waren sie nicht geheuchelt. Er erzählte ihr, dass Mr. Hingest ermordet worden sei, irgendwann während der Nacht oder in den frühen Morgenstunden. Der Leichnam sei neben seinem Wagen in der Potters Lane gefunden worden, mit eingeschlagenem Schädel. Er war auf dem Weg von Belbury nach Edgestow gewesen. Er, Curry, eile gerade ins College zurück, um dem Rektor Bericht zu erstatten, er komme soeben von der Polizei. Offensichtlich hatte Curry sich den Mordfall bereits angeeignet. Die Angelegenheit lag in irgendeinem undefinierbaren Sinne in seinen Händen, und die Verantwortung lastete schwer auf ihm. Zu einem anderen Zeitpunkt hätte Jane dies alles komisch gefunden. Sie entwischte ihm so bald wie möglich und ging zu Blackies, um eine Tasse Kaffee zu trinken. Sie musste sich hinsetzen.
An sich machte Hingests Tod ihr nichts aus. Sie war ihm nur einmal begegnet und wie Mark der Ansicht, er sei ein unangenehmer alter Mann und ein ziemlicher Snob. Aber die Gewissheit, dass sie in ihrem Traum Zeugin einer wirklichen Mordtat geworden war, zertrümmerte mit einem Schlag alle tröstlichen Vorspiegelungen, mit denen dieser Tag begonnen hatte. Mit schmerzlicher Klarheit wurde ihr bewusst, dass die Sache mit ihren Träumen keineswegs beendet war, sondern gerade erst begann. Unwiderruflich war etwas in das heitere, umfriedete kleine Leben, das sie hatte führen wollen, eingebrochen. Auf allen Seiten öffneten sich Fenster in ungeheure dunkle Landschaften, und sie hatte nicht die Macht, sie zu schließen. Es würde sie um den Verstand bringen, wenn sie allein damit fertig werden müsste. Die andere Alternative war, wieder Miss Ironwood aufzusuchen. Aber dieser Weg schien nur noch tiefer in all diese Dunkelheit hineinzuführen. Das Landhaus in St. Anne’s – diese »Art Gesellschaft« – hatte auch etwas mit der Sache zu tun. Sie wollte da nicht hineingezogen werden. Es war ungerecht. Sie verlangte doch gar nicht viel vom Leben. Sie wollte nur in Ruhe gelassen werden. Und es war so widersinnig! Nach ihrer ganzen bisherigen Überzeugung konnte es solche Dinge nicht wirklich geben.
6 _______
Cosser – der sommersprossige Mann mit dem schmalen schwarzen Schnurrbart – kam auf Mark zu, als dieser die Ausschusssitzung verließ.
»Es gibt etwas zu tun für uns beide«, sagte er. »Wir müssen einen Bericht über Cure Hardy zusammenstellen.«
Mark war sehr erleichtert, etwas zu tun zu bekommen. Aber er fühlte sich ein wenig vor den Kopf gestoßen, denn er hatte Cosser nicht sehr gemocht, als er ihn am Vortag kennen gelernt hatte.
»Soll das heißen«, sagte er, »dass ich nun doch Steele zugeordnet bin?«
»Jawohl«, sagte Cosser.
»Ich frage nur«, sagte Mark, »weil weder er noch Sie besonders erpicht darauf schienen, mich zu bekommen. Ich will mich nicht aufdrängen, wissen Sie. Ich brauche überhaupt nicht im Institut zu bleiben, was das angeht.«
»Nun, wir wollen hier nicht darüber reden«, sagte Cosser. »Kommen Sie mit nach oben.«
Sie standen in der Eingangshalle, und Mark sah Wither in Gedanken versunken auf sie zukommen.
»Wäre es nicht besser, mit ihm zu reden und die ganze Sache zu klären?«, schlug Mark vor. Aber nachdem der Vizedirektor sich ihnen bis auf zehn Fuß genähert hatte, war er in eine andere Richtung abgebogen. Er summte vor sich hin und schien so tief in Gedanken versunken, dass Mark den Augenblick für eine Unterredung ungeeignet fand. Cosser sagte nichts, schien aber genauso zu denken, und so folgte Mark ihm hinauf zu einem Büro im dritten Stock.
»Es geht um das Dorf Cure Hardy«, sagte Cosser, als sie sich gesetzt hatten. »Sehen Sie, sobald die Arbeiten richtig losgehen, wird diese ganze Gegend um den Bragdon-Wald nicht viel mehr als eine Schlammwüste sein. Warum wir ausgerechnet dorthin wollen, weiß der Teufel. Wie dem auch sei, nach dem neuesten Plan soll der Wynd umgeleitet werden. Das alte Flussbett durch Edgestow soll ganz trockengelegt werden.
Sehen Sie, hier ist Shillingbridge, zehn Meilen nördlich der Stadt. Dort wird der Fluss umgeleitet und durch einen Kanal im Osten um Edgestow herumgeführt, hier, wo die blaue Linie verläuft. Dort unten mündet er dann wieder in das alte Flussbett.«
»Damit wird die Universität kaum einverstanden sein«, sagte Mark. »Was wäre Edgestow ohne den Fluss?«
»Die Universität haben wir in der Hand«, sagte Cosser. »Seien Sie unbesorgt. Und damit haben wir auch gar nichts zu tun. Die Sache ist die, dass der neue Wynd direkt durch Cure Hardy fließen wird. Nun sehen Sie sich einmal die Höhenlinien an. Cure Hardy liegt in einem engen kleinen Tal. Wie? Ach, Sie sind schon dort gewesen? Umso besser. Ich selbst kenne diese Gegend nicht. Also, der Gedanke war, am südlichen Talausgang einen Damm zu errichten und einen großen See aufzustauen. Als zweitwichtigste Stadt des Landes wird Edgestow eine neue Wasserversorgung brauchen.«
»Und was geschieht mit Cure Hardy?«
»Das ist ein weiterer Vorteil. Wir bauen vier Meilen weiter – da drüben, an der Bahnlinie – ein neues Musterdorf. Es wird Jules Hardy oder Wither Hardy heißen.«
»Wissen Sie, das wird einen höllischen Stunk geben, wenn Sie mich fragen. Cure Hardy ist berühmt. Es ist eine Sehenswürdigkeit. Da gibt es ein Spital aus dem sechzehnten Jahrhundert und eine normannische Kirche und all so was.«
»Genau. Und hier liegt unsere Aufgabe. Wir müssen einen Bericht über Cure Hardy verfassen. Morgen fahren wir hinaus und sehen uns einmal um, aber den größten Teil des Berichts können wir heute schon schreiben. Das dürfte nicht weiter schwierig sein. Wenn es eine Sehenswürdigkeit ist, können Sie sich darauf verlassen, dass es unhygienisch ist. Das ist der erste Punkt, den wir herausstreichen müssen. Dann müssen wir ein paar Tatsachen über die Bevölkerung herausfinden. Sie besteht wahrscheinlich zum überwiegenden Teil aus den beiden höchst unerwünschten Elementen – kleinen Rentnern und Landarbeitern.«
»Der kleine Rentner ist ein schlechtes Element, darin gebe ich Ihnen Recht«, sagte Mark. »Aber ich denke, über die Landarbeiter lässt sich streiten.«
»Das Institut hält nichts von ihnen. In einer durchgeplanten Gesellschaft stellen sie immer ein rückständiges und sehr widerspenstiges Element dar. Wir halten nicht viel von englischer Landwirtschaft. Sie sehen also, wir brauchen nur ein paar Fakten zu überprüfen. Davon abgesehen schreibt sich der Bericht beinahe von selbst.«
Mark schwieg einen Augenblick. »Das ist kein Problem«, sagte er, »aber bevor ich damit anfange, möchte ich gern et-was Genaueres über meine Position wissen. Sollte ich nicht mit Steele sprechen? Ich habe keine große Lust, mit der Arbeit in dieser Abteilung anzufangen, wenn er mich nicht haben will.«
»Das würde ich nicht tun«, sagte Cosser.
»Warum nicht?«
»Nun, zum einen kann Steele nichts gegen Sie machen, wenn der VD Sie unterstützt, wie er es einstweilen zu tun scheint. Zum anderen ist Steele ein ziemlich gefährlicher Mann. Wenn Sie einfach ruhig Ihre Arbeit tun, könnte er sich mit der Zeit an Sie gewöhnen. Aber wenn Sie hingehen und mit ihm reden, könnten Sie Krach bekommen. Und dann ist da noch etwas.« Cosser machte eine Pause, rieb nachdenklich seine Nase und fuhr fort: »Unter uns gesagt, ich glaube nicht, dass es in dieser Abteilung noch lange so weitergehen kann wie bisher.«
Mark hatte in Bracton bereits genug Erfahrungen gesammelt, um zu verstehen, was damit gemeint war. Cosser hoffte, Steele ganz aus der Abteilung verdrängen zu können. Mark glaubte, die ganze Situation zu durchschauen. Steele war gefährlich, solange er auf seinem Posten saß, aber das konnte sich bald ändern.
»Gestern hatte ich den Eindruck«, sagte Mark, »dass Sie und Steele ziemlich gut miteinander auskommen.«
»Hier kommt es darauf an, nie mit jemandem zu streiten«, sagte Cosser. »Auch ich selbst hasse Streitigkeiten und kann mit jedem zurechtkommen – solange die Arbeit getan wird.«
»Natürlich«, sagte Mark. »Übrigens, wenn wir morgen nach Cure Hardy fahren, könnte ich die Nacht zu Hause in Edgestow verbringen.«
Für Mark hing viel von der Antwort auf diese Bemerkung ab. Er konnte daran erkennen, ob Cosser tatsächlich sein Vorgesetzter war. Wenn Cosser sagte: »Das können Sie nicht machen«, dann wusste er wenigstens, woran er war. Wenn Cosser sagte, er könne auf Mark nicht verzichten — noch besser. Oder Cosser könnte antworten, er solle den Vizedirektor fragen. Auch dann wäre Mark sich seiner Position sicherer gewesen. Aber Cosser sagte bloß »oh« und ließ Mark im Zweifel, ob man sich gar nicht abmelden musste oder ob er als Institutsmitglied noch nicht hinreichend etabliert war, als dass seine Abwesenheit von Bedeutung gewesen wäre. Dann begannen sie mit der Arbeit an ihrem Bericht.
Er beschäftigte sie den Rest des Tages, sodass Cosser und er verspätet und ohne sich umgezogen zu haben zum Abendessen kamen. Das versetzte Mark in eine höchst angenehme Stimmung. Und auch das Essen schmeckte ihm. Obgleich er unter Männern war, die er noch nie gesehen hatte, kam es ihm nach ein paar Minuten so vor, als kenne er sie alle, und er nahm ungezwungen am Tischgespräch teil. Er geriet mit ihnen ins Fachsimpeln.
»Wie hübsch!«, dachte Mark, als der Wagen am nächsten Morgen bei Duke’s Eaton die Hauptstraße verließ und auf einer holperigen kleinen Landstraße in das lang gestreckte Tal fuhr, in dem Cure Hardy lag. Mark war im Allgemeinen nicht sehr empfänglich für Schönheit, aber Jane und seine Liebe zu ihr hatten ihn in dieser Hinsicht bereits ein wenig wachgerüttelt. Vielleicht machte der sonnige Wintermorgen einen so starken Eindruck auf ihn, weil niemand ihn gelehrt hatte, so etwas als besonders schön zu betrachten, und er daher ganz unmittelbar auf seine Sinne wirken konnte. Erde und Himmel waren wie frisch gewaschen, die braunen Felder waren richtiggehend appetitlich, und die Wiesen auf den Hügelkuppen sahen aus wie die gestutzte Mähne eines Pferdes. Der Himmel schien weiter entfernt zu sein als sonst, doch auch klarer, sodass die Ränder der langen, schmalen Wolkenstreifen (schieferfarben vor blassem Blau) so scharf waren wie auf einem Scherenschnitt. Jede kleine Baumgruppe war schwarz und struppig wie eine Bürste, und als der Wagen in Cure Hardy hielt und der Motor abgeschaltet war, war die Stille vom Krächzen der Krähen erfüllt, die zu rufen schienen: »Wart! Wart!«
»Machen einen schrecklichen Lärm, diese Vögel«, sagte Cosser. »Haben Sie die Karte? Gut, dann also los.« Er ging sofort an die Arbeit.
Zwei Stunden lang wanderten sie durch das Dorf und sahen mit eigenen Augen all die Missstände und Anachronismen, die sie zerstören wollten. Sie sahen den widerspenstigen und rückständigen Landarbeiter und hörten seine Ansichten über das Wetter. Sie begegneten dem verschwenderisch unterstützten Armen in der Gestalt eines alten Mannes, der über den Hof des Spitals schlurfte, um einen Kessel zu füllen, und beobachteten eine Rentnerin (um das Maß voll zu machen, hatte sie einen fetten alten Hund bei sich) in ernstem Gespräch mit dem Postboten. Das gab Mark das Gefühl, in den Ferien zu sein, denn nur in Ferienzeiten war er je in ein englisches Dorf gekommen. Aus diesem Grund machte es ihm Spaß. Es entging ihm nicht, dass das Gesicht des rückständigen Landarbeiters um einiges interessanter war als das Cossers und seine Stimme dem Ohr viel angenehmer. Die Ähnlichkeit zwischen der Rentnerin und Tante Gilly (wann hatte er das letzte Mal an sie gedacht? Lieber Himmel, das lag lange zurück …) machte ihm klar, wie es möglich war, eine solche Person zu mögen. All das beeinflusste jedoch nicht im Geringsten seine soziologischen Überzeugungen. Selbst wenn er nichts mit Belbury zu tun und keinerlei Ehrgeiz gehabt hätte, wäre es nicht anders gewesen, denn seine Erziehung hatte dazu geführt, dass ihm Gelesenes und Geschriebenes wirklicher vorkamen als die Dinge, die er sah. Statistiken über Landarbeiter waren das Wesentliche: jeder wirkliche Grabenmacher, Pflüger oder Melker war nur ein Schatten. Obgleich es ihm selbst niemals aufgefallen war, vermied er nach Möglichkeit in seiner Arbeit Worte wie Mann oder Frau. Er zog es vor, über Berufsgruppen, Elemente, Klassen, Populationen und dergleichen zu schreiben, denn auf seine Art glaubte er so fest wie jeder Mystiker an die übergeordnete Wirklichkeit der Dinge, die man nicht sehen kann. Dennoch konnte er nicht umhin, dieses Dorf zu mögen. Als er gegen ein Uhr Cosser überredete, im Wirtshaus einzukehren, sagte er es sogar. Sie hatten beide Sandwiches mitgebracht, aber Mark hatte Lust auf ein Bier. In der Gaststube war es sehr warm und ziemlich dunkel, denn das Fenster war klein. Zwei Arbeiter (zweifellos widerspenstig und rückständig) saßen vor irdenen Krügen und aßen dicke Stullen, und ein dritter lehnte an der Theke und unterhielt sich mit dem Wirt.
»Für mich kein Bier, danke«, sagte Cosser. »Und wir wollen lieber nicht zu lange hier herumhängen. Was haben Sie gesagt?«
»Ich habe gesagt, dass ein Ort wie dieser an einem schönen Tag doch recht reizvoll ist, trotz all seiner offensichtlichen Mängel.«
»Ja, es ist in der Tat ein schöner Tag. Ein bisschen Sonnenschein ist wirklich gut für die Gesundheit.«
»Ich dachte an den Ort.«
»Sie meinen dies hier?«, sagte Cosser mit einem Blick durch den Raum. »Ich dachte, das wäre gerade das, was wir loswerden wollen. Kein Licht, keine Luft. Ich selbst habe für Alkohol nicht viel übrig – Sie sollten mal den Miller-Report lesen –, aber wenn die Leute sich unbedingt stimulieren müssen, dann sollte das wenigstens in einer hygienischeren Form geschehen.«
»Ich glaube nicht, dass es nur um das Stimulieren geht«, sagte Mark und blickte in seinen Bierkrug. Die ganze Situation erinnerte ihn an lang zurückliegende Wirtshausge-spräche – an Gelächter und Diskussionen während seiner
Studentenzeit. Irgendwie hatte man sich damals leichter angefreundet. Er fragte sich, was aus der ganzen Truppe wohl geworden war – aus Carey und Wadsden und aus Denniston, der beinahe seinen eigenen Lehrstuhl bekommen hätte.
»Nun, dazu kann ich nicht viel sagen«, meinte Cosser, »Ernährungswissenschaft ist nicht mein Fach. Da müssen Sie Stock fragen.«
»Ich denke nicht so sehr an diesen Pub«, sagte Mark, »sondern an das ganze Dorf. Natürlich haben Sie Recht: solche Dinge müssen verschwinden. Aber es hatte auch seine angenehmen Seiten. Wir werden Acht geben müssen, dass das neue Dorf das alte wirklich in allen Bereichen übertrifft – nicht bloß in der Effizienz.«
»Ah, Architektur und so«, sagte Cosser. »Nun, das ist kaum mein Fachgebiet, wissen Sie. Das ist mehr etwas für Leute wie Wither. Sind Sie fertig?«
Ganz plötzlich überkam Mark die Erkenntnis, was für ein schrecklicher Langweiler dieser Mann war, und im selben Augenblick war er das N.I.C.E. entsetzlich leid. Aber er hielt sich vor Augen, dass man nicht erwarten könne, sofort in den interessanten Kreis aufgenommen zu werden; später würde es schon besser werden. Außerdem hatte er noch nicht alle Brücken hinter sich abgebrochen. Vielleicht würde er den ganzen Krempel hinwerfen und in ein, zwei Tagen zum College zurückkehren. Aber noch nicht sofort. Es schien nur vernünftig, noch eine Weile auszuharren und zu sehen, wie die Dinge sich entwickelten.
Auf der Rückfahrt setzte Cosser ihn in der Nähe des Bahnhofs von Edgestow ab, und während Mark zu Fuß nach Hause ging, überlegte er, was er Jane über Belbury erzählen würde. Es wäre falsch zu sagen, er denke sich bewusst eine Lüge aus. Als er sich vorstellte, wie er die Wohnung betrat und in Janes fragendes Gesicht blickte, hörte er unwillkürlich, wie seine eigene Stimme die Grundzüge von Belbury amüsant und selbstbewusst schilderte. Diese imaginäre Rede vertrieb nach und nach die wirklichen Erfahrungen, die er dort gemacht hatte, aus seinem Bewusstsein. Jene wirklichen Erfahrungen, die Befürchtungen und das Unbehagen verstärkten sogar noch sein Verlangen, in den Augen seiner Frau eine gute Figur zu machen. Beinahe unbewusst hatte er beschlossen, die Sache mit Cure Hardy nicht zu erwähnen; Jane hatte etwas übrig für alte Gebäude und dergleichen. So stand Jane – die gerade die Vorhänge zuzog –, als sie die Tür gehen hörte und sich umdrehte, einem ziemlich unbeschwerten und aufgekratzten Mark gegenüber. Ja, er sei fast sicher, dass er die Stellung bekommen habe. Die Gehaltsfrage sei noch nicht endgültig geklärt, aber er werde sich morgen darum kümmern. Es sei ein komischer Ort, aber das werde er ihr alles später erklären. Er habe auch bereits die richtigen Leute getroffen. Wither und Miss Hardcastle seien die entscheidenden Personen. »Ich muss dir von dieser Hardcastle erzählen«, sagte er. »Das ist eine unglaubliche Frau.«
Jane musste sehr viel schneller als Mark entscheiden, was sie ihm sagen würde und was nicht. Und sie beschloss, nichts von den Träumen und ihrem Besuch in St. Anne’s zu erzählen. Männer konnten Frauen, mit denen etwas nicht stimmte, nicht leiden, schon gar nicht, wenn es dabei um seltsame, ungewöhnliche Dinge ging. Es fiel ihr nicht schwer, bei ihrer Entscheidung zu bleiben, denn Mark war von seinen eigenen Geschichten so in Anspruch genommen, dass er ihr keine Fragen stellte. Was er sagte, konnte sie allerdings nicht recht überzeugen, weil alle Einzelheiten unbestimmt blieben. Sehr bald schon unterbrach sie ihn mit scharfer, ängstlicher Stimme (sie hatte keine Ahnung, wie zuwider ihm dieser Tonfall war): »Mark, du hast doch nicht etwa deinen Lehrstuhl am Bracton College aufgegeben?« Er sagte Nein, natürlich nicht, und redete weiter. Sie hörte nur mit halbem Ohr zu. Sie wusste, dass er manchmal hochfliegende Pläne hatte, und etwas in seinem Gesicht sagte ihr, dass er während seiner Abwesenheit viel mehr getrunken hatte als gewöhnlich. Und so stellte das Vogelmännchen den ganzen Abend lang sein Gefieder zur Schau, und das Vogelweibchen spielte seine Rolle, stellte Fragen, lachte und heuchelte mehr Interesse, als es empfand. Beide waren jung, und wenn auch keiner den anderen sehr innig liebte, so wollte doch jeder bewundert sein.
7 _______
Am gleichen Abend saß das Kollegium des Bracton Colleges im Speisesaal bei Wein und Dessert. Während des Krieges hatten sie aus Sparsamkeitsgründen auf das obligate Umkleiden zum Abendessen verzichtet und den traditionellen Brauch seither noch nicht wieder aufgenommen; ihre sportlichen Sakkos und Strickjacken passten nicht recht zu der dunklen Holztäfelung der Wände, dem Kerzenschein und dem Tafelsilber aus verschiedenen Epochen. Feverstone und Curry saßen beisammen. Dreihundert Jahre lang war dieser Gesellschaftsraum eine der angenehmen und stillen Stätten Englands gewesen. Er lag am Lady-Alice-Hof, im Erdgeschoss unter dem Sitzungssaal, und durch die Fenster der Ostseite sah man über eine kleine Terrasse hinweg (wo das Kollegium an warmen Sommerabenden oft das Dessert einnahm) auf den Fluss und den Bragdon-Wald. Zu dieser Jahreszeit und Stunde waren die Fenster natürlich geschlossen und die Vorhänge zugezogen. Doch von draußen drangen Geräusche herein, die in diesem Raum nie zuvor vernommen worden waren – Gebrüll und Flüche, das dumpfe Dröhnen schwerer Lastwagen, die vorbeidonnerten oder krachend die Gänge wechselten, das Rattern von Presslufthämmern, Eisengeklirr, Kettengerassel, Pfiffe, dumpfe Schläge und ein alles durchdringendes Vibrieren. »Saeva sonare verbera, turn stridor ferri tractaegue catenae«, wie Glossop am Kaminfeuer zu Jewel bemerkt hatte. Denn hinter den Fenstern, kaum dreißig Schritte entfernt am anderen Ufer des Wynd, wurde der alte Wald im Handumdrehen in ein Inferno aus Schlamm und Lärm, Stahl und Beton verwandelt. Selbst einige Mitglieder des Progressiven Elements – diejenigen, die ihre Zimmer auf dieser Seite des Colleges hatten – beschwerten sich bereits darüber. Curry selbst war einigermaßen überrascht von der Form, die sein Traum nun, da er Wirklichkeit geworden war, angenommen hatte; aber er hielt eisern daran fest, und obgleich er bei seinem Gespräch mit Feverstone aus voller Kehle schreien musste, spielte er mit keinem Wort auf diese Unannehmlichkeit an.
»Dann steht also fest«, brüllte er, »dass der junge Studdock nicht zurückkommt?«
»Absolut«, rief Feverstone. »Er hat mir durch einen hohen Funktionär eine Botschaft geschickt und mich gebeten, dem College Bescheid zu geben.«
»Wann wird er seinen Abschied formal einreichen?«
»Keine Ahnung! Wie alle jungen Leute nimmt er es mit den Formalitäten nicht so genau. Je länger er übrigens damit wartet, desto besser.«
»Sie meinen, das gibt uns Gelegenheit, uns in Ruhe umzusehen?«
»Genau. Sehen Sie, das Kollegium braucht erst davon zu erfahren, wenn er geschrieben hat. Und in der Zwischenzeit können wir die Frage seines Nachfolgers bereits regeln.«
»Sehr gut. Das ist äußerst wichtig. Wenn man all diesen Leuten, die vom Fach nichts verstehen und nicht wissen, was sie wollen, eine offene Frage vorlegt, dann ist alles möglich.«
»Richtig. Das wollen wir vermeiden. Die einzige Methode, eine Einrichtung wie diese zu leiten, besteht darin, dass man seinen Kandidaten wie ein Kaninchen aus dem Hut zaubert, gleich nachdem man das Rücktrittsgesuch bekannt gegeben hat.«
»Wir müssen uns sofort um einen Nachfolger küm-
mern.«
»Muss das ein Soziologe sein? Ich meine, ist der Lehrstuhl an dieses Fach gebunden?«
»Nein, keineswegs. Warum? Haben Sie an ein anderes Fachgebiet gedacht?«
»Wir haben schon lange keinen Politologen mehr genommen.«
»Hm … ja. Allerdings gibt es noch immer beträchtliche Widerstände gegen die Anerkennung der Politologie als wissenschaftliches Fach. Was meinen Sie, Feverstone, sollten wir nicht der neuen Disziplin in den Sattel helfen?«
»Welcher neuen Disziplin?«
»Der Pragmatometrie.«
»Nun, es ist wirklich komisch, dass Sie das sagen, denn der Mann, an den ich denke, ist ein Politikwissenschaftler, der sich auch ziemlich intensiv mit Pragmatometrie beschäftigt hat. Man könnte es Lehrstuhl für soziale Pragmatometrie nennen oder so ähnlich.«
»Wer ist der Mann?«
»Laird – vom Leicester College, Cambridge.«
Curry machte schon beinahe automatisch ein nachdenkliches Gesicht, obwohl er nie von Laird gehört hatte, und sagte: »Ach ja, Laird. Wissen Sie Genaueres über seine akademische Laufbahn?«
»Nun«, sagte Feverstone, »wie Sie sich erinnern werden, war er zur Zeit der Abschlussexamina bei schlechter Gesundheit und erlitt ziemlichen Schiffbruch. Doch die Prüfungen in Cambridge sind heutzutage so schlecht, dass das kaum etwas zu sagen hat. Jeder wusste, dass er einer der brillantesten Köpfe seines Jahrgangs war. Er war Herausgeber einer Studentenzeitschrift. David Laird, wissen Sie.«
»Ja, richtig. David Laird. Aber ich muss sagen, Dick …«
»Ja?«
»Mir gefällt sein schlechtes Examensergebnis nicht recht. Natürlich messe ich solchen Ergebnissen keine übertriebene Bedeutung bei, aber trotzdem … In letzter Zeit haben wir ein- oder zweimal eine unglückliche Wahl getroffen.« Als er das sagte, blickte Curry unwillkürlich zu Pelham hinüber – Pelham mit dem kleinen Knopfmund und dem Puddinggesicht. Pelham war ein zuverlässiger Mann, doch selbst Curry fand es schwierig, sich an irgendetwas zu erinnern, das Pelham jemals getan oder gesagt hätte.
»Ja, ich weiß«, sagte Feverstone, »aber selbst unsere schlechtesten Leute sind nicht ganz so blödsinnig wie diejenigen, die das College beruft, wenn wir es sich selbst überlassen.«
Vielleicht hatte ja der unerträgliche Lärm seine Nerven angegriffen, jedenfalls zweifelte Curry einen Augenblick lang an der ›Blödsinnigkeit‹ dieser Außenseiter. Kürzlich hatte er im Northumberland College zu Abend gegessen und hatte dort auch Telford angetroffen. Der Kontrast zwischen dem wachen und geistreichen Telford, den im Northumberland College jeder zu kennen schien und dem jeder zuhörte, und dem ›blödsinnigen‹ Telford im Gesellschaftsraum des Bracton Colleges hatte ihn verblüfft. Könnte es sein, dass es für das Schweigen all dieser ›Außenseiter‹ in seinem eigenen College, für ihre einsilbigen Antworten, wenn er sich mit ihnen einließ, und ihre ausdruckslosen Mienen, wenn er einen vertraulichen Ton anschlug, eine Erklärung gab, die ihm nie in den Sinn gekommen war? Die absurde Vorstellung, dass er, Curry, ein Langweiler sein könne, ging ihm so rasch durch den Sinn, dass er sie bereits eine Sekunde später für immer vergessen hatte. Dafür wurde die viel weniger schmerzhafte Vorstellung beibehalten, dass diese Traditionalisten und Fachidioten auf ihn herabsähen. Aber Feverstone rief ihm wieder etwas zu.
»Ich bin nächste Woche in Cambridge«, sagte er, »und werde dort ein Essen geben. Ich möchte, dass es unter uns bleibt, denn möglicherweise kommt der Premierminister und vielleicht ein paar wichtige Zeitungsleute und Tony Dew. Was? Ach, natürlich kennen Sie Tony. Dieser kleine, dunkelhaarige Mann von der Bank. Laird wird auch kommen. Er ist ein entfernter Verwandter des Premierministers. Ich habe mich gefragt, ob Sie nicht auch kommen könnten. Ich weiß, dass David Sie sehr gerne kennen lernen möchte. Er hat schon viel von Ihnen gehört von jemandem, der immer in Ihre Vorlesungen gegangen ist. Ich kann mich an den Namen nicht mehr erinnern.«
»Nun, das könnte schwierig werden. Es hängt davon ab, wann der alte Bill beerdigt wird. Dann müsste ich natürlich hier sein. Ist in den Sechsuhrnachrichten etwas über die Ermittlungen gesagt worden?«
»Ich habe die Nachrichten nicht gehört. Aber das wirft natürlich eine zweite Frage auf. Nun, da der Blizzard in einer besseren Welt stürmt, haben wir zwei freie Stellen.«
»Ich kann nichts hören!«, schrie Curry. »Wird dieses Geräusch immer lauter, oder werde ich taub?«
»Sagen Sie mal, Curry«, rief Brizeacre, der auf der anderen Seite neben Feverstone saß, »was zum Teufel tun eigentlich Ihre Freunde da draußen?«
»Können sie nicht arbeiten, ohne zu brüllen?«, fragte ein anderer.
»Ich finde, es hört sich überhaupt nicht wie Arbeit an«, sagte ein Dritter.
»Hören Sie!«, rief Glossop plötzlich. »Das hat nichts mit Arbeit zu tun! Hören Sie das Gerenne! Das ist mehr wie ein Rugbyspiel.«
»Es wird mit jeder Minute schlimmer«, sagte Raynor.
Im nächsten Augenblick sprangen fast alle Anwesenden auf. »Was war das?«, rief einer. »Sie bringen jemanden um«, sagte Glossop. »So schreit nur jemand, dem es an die Kehle geht.«
»Wohin gehen Sie?«, fragte Curry. »Nachsehen, was da passiert«, sagte Glossop. »Curry, gehen Sie und trommeln Sie alle Collegediener zusammen. Jemand muss die Polizei anrufen!«
»Ich an Ihrer Stelle würde nicht hinausgehen«, sagte Feverstone, der sitzen geblieben war und sich Wein nachschenkte. »Es hört sich an, als ob die Polizei oder so schon da wäre.«
»Was meinen Sie damit?«
»Hören Sie. Da!«
»Ich dachte, das wären diese höllischen Presslufthämmer.«
»Hören Sie genau hin!«
»Mein Gott … meinen Sie wirklich, das ist ein Maschinengewehr?«
»Vorsicht Vorsicht!«, riefen ein Dutzend Stimmen durcheinander, als Glas splitterte und klirrte und Steine auf den Boden des Gesellschaftsraums hagelten. Einige Dozenten waren sofort zu den Fenstern gestürzt und schlossen die Läden; und dann standen sie alle da und starrten einander schwer atmend an. Niemand sagte ein Wort. Glossop hatte eine Schnittwunde an der Stirn, und auf dem Boden lagen die Scherben jenes berühmten Ostfensters, in das Henrietta Maria einst mit einem Diamanten ihren Namen geritzt hatte.
5 Flexibilität
Am nächsten Morgen fuhr Mark mit dem Zug nach Belbury zurück. Er hatte seiner Frau versprochen, eine Reihe von Einzelheiten in Bezug auf sein Gehalt und den Wohnort zu klären; der Gedanke an dieses Versprechen erzeugte eine kleine Wolke des Unbehagens in seinem Bewusstsein, doch im Großen und Ganzen war er guter Stimmung. Diese Rückkehr nach Belbury – einfach hineinzuschlendern, den Hut aufzuhängen und etwas zu trinken zu bestellen – war ein angenehmer Kontrast zu seiner ersten Ankunft. Der Diener, der das Getränk brachte, kannte ihn. Filostrato nickte ihm zu. Frauen regten sich immer unnötig auf, aber dies war offensichtlich die reale Welt. Als er ausgetrunken hatte, ging er gemächlich hinauf in Cossers Büro. Er blieb nur fünf Minuten, kam aber in einer völlig verwandelten Gemütsverfassung wieder heraus.
Steele und Cosser waren beide da, und beide sahen ihn an, als wären sie von einem wildfremden Menschen bei der Arbeit gestört worden. Keiner der beiden sagte etwas.
»Eh – guten Morgen«, sagte Mark unbeholfen.
Steele schrieb mit einem Bleistift etwas auf ein großes Schriftstück, das vor ihm ausgebreitet war. »Was gibt es, Mr. Studdock?«, fragte er, ohne aufzublicken.
»Ich wollte mit Mr. Cosser sprechen«, sagte Mark und wandte sich an Cosser: »Ich habe gerade über den vorletzten Abschnitt dieses Berichts nachgedacht…«
»Was ist das für ein Bericht?«, sagte Steele zu Cosser.
»Ach, ich hatte gedacht«, antwortete Cosser und verzog einen Mundwinkel zu einem kleinen, schiefen Lächeln, »es wäre vielleicht eine gute Sache, in meiner Freizeit einen Bericht über Cure Hardy zusammenzustellen, und nachdem gestern nichts Besonderes zu tun war, habe ich ihn aufgesetzt. Mr. Studdock hat mir dabei geholfen.«
»Nun, das braucht uns jetzt wirklich nicht zu kümmern«, sagte Steele. »Sie können darüber ein andermal mit Mr. Cosser sprechen, Mr. Studdock. Ich fürchte, er hat im Moment zu tun.«
»Hören Sie«, sagte Mark, »ich denke, wir täten gut daran, klare Verhältnisse zu schaffen. Heißt das, dass der Bericht über Cure Hardy lediglich Cossers Privatvergnügen war? Wenn ja, dann hätte ich das gern gewusst, bevor ich acht Stunden Arbeit darauf verwende. Und wer ist mein Vorgesetzter?«
Steele spielte mit seinem Bleistift und blickte Cosser an.
»Ich habe Ihnen eine Frage über meine Position gestellt, Mr. Steele«, sagte Mark.
»Ich habe keine Zeit für solche Dinge«, erwiderte Steele. »Wenn Sie nichts zu tun haben, ist das Ihre Sache. Ich jedenfalls habe zu tun. Und ich weiß nichts über Ihre Position.«
Mark wollte sich an Cosser wenden; aber Cossers glattes, sommersprossiges Gesicht mit den ausdruckslosen Augen erfüllte ihn plötzlich mit solcher Verachtung, dass er auf dem Absatz kehrtmachte und das Büro verließ. Er warf die Tür hinter sich zu, entschlossen, sofort mit dem stellvertretenden Direktor zu sprechen.
Vor Withers Zimmer zögerte er, denn er hörte Stimmen durch die Tür. Aber er war zu ärgerlich, um zu warten. Er klopfte und trat ein, ohne darauf zu achten, ob auf sein Klopfen reagiert worden war.
»Mein lieber Junge«, sagte der stellvertretende Direktor und blickte auf, ohne jedoch Mark direkt ins Gesicht zu sehen, »ich bin erfreut, Sie zu sehen.« Als Mark diese Worte hörte, merkte er, dass eine dritte Person im Raum war. Es war ein Mann namens Stone, den er zwei Tage zuvor beim Abendessen kennen gelernt hatte. Stone stand vor Withers Schreibtisch. Seine Finger rollten unaufhörlich ein Blatt Löschpapier auf und wieder zusammen. Sein Mund hing offen, seine Augen blickten unverwandt den Vizedirektor an.
»Erfreut, Sie zu sehen«, wiederholte Wither. »Umso mehr, als Sie mich in einem … eh … ziemlich schmerzlichen Gespräch unterbrochen haben. Wie ich gerade zu dem armen Mr. Stone sagte, als Sie hereinkamen, nichts liegt mir mehr am Herzen als der Wunsch, dass alle Mitglieder dieses großartigen Instituts wie eine Familie zusammenarbeiten … Von meinen Kollegen, Mr. Stone, erwarte ich die größtmögliche Einigkeit in Willen und Zielsetzung, das größtmögliche gegenseitige Vertrauen. Aber wie Sie einwenden mögen, Mr. … eh … Studdock, gibt es selbst im Familienleben gelegentlich Spannungen und Reibungen und Missverständnisse. Und das ist auch der Grund, mein lieber Junge, warum ich im Moment nicht viel Muße habe – gehen Sie nicht, Mr. Stone. Ich habe Ihnen noch eine Menge zu sagen.«
»Vielleicht sollte ich später wiederkommen?«, sagte Mark.
»Nun, unter den obwaltenden Umständen … Ich denke dabei an Ihre Gefühle, Mr. Stone … vielleicht… das übliche Vorgehen, wenn Sie mit mir sprechen wollen, Mr. Studdock, ist, dass Sie bei meiner Sekretärin vorsprechen und sich einen Termin geben lassen. Nicht, verstehen Sie mich recht, dass ich auf Formalitäten bestehen wollte oder etwas anderes als erfreut sein würde, Sie zu sehen, wann immer Sie hereinschauen. Es ist die Vergeudung Ihrer Zeit, die ich gern vermeiden möchte.«
»Danke, Sir«, sagte Mark. »Dann werde ich mit Ihrer Sekretärin sprechen.«
Das Sekretariat war nebenan. Ging man hinein, so traf
man nicht die Sekretärin selbst an, sondern eine Reihe von
Angestellten, die von den Besuchern durch eine Art Schalter getrennt waren. Mark vereinbarte einen Termin für den nächsten Tag um zehn Uhr; das war der frühestmögliche Zeitpunkt, den sie ihm anbieten konnten. Als er das Büro verließ, traf er auf Miss Hardcastle.
»Hallo, Studdock«, sagte die Fee. »Sie treiben sich beim Büro des VD herum? Das geht nicht, wissen Sie.«
»Ich habe beschlossen«, sagte Mark, »dass ich genau und ein für alle Mal wissen muss, welche Position ich hier habe. Andernfalls verlasse ich das Institut.«
Sie sah ihn viel sagend und anscheinend belustigt an. Dann nahm sie ihn beim Arm.
»Hören Sie, Kleiner«, sagte sie, »Schlagen Sie sich das alles aus dem Kopf. Sie tun sich keinen Gefallen damit. Kommen Sie, ich werde das mit Ihnen besprechen.«
»Es gibt eigentlich gar nichts zu besprechen, Miss Hardcastle«, erwiderte Mark. »Ich habe meine Entscheidung getroffen. Entweder bekomme ich hier eine richtige Arbeit, oder ich gehe zurück zum Bracton College. Das ist doch ganz einfach. Es ist mir sogar ziemlich gleich, was ich mache, ich will es nur wissen.«
Darauf gab die Fee keine Antwort, und der feste Druck
ihres Arms zwang Mark, mit ihr den Korridor entlangzugehen, wenn er nicht offen Widerstand leisten wollte. Ihr Griff war auf groteske Weise zweideutig, vertraulich und autoritär zugleich, und in ihm hätte gleich gut die Beziehung zwi-schen Polizist und Gefangenem, Liebhaber und Geliebter, Gouvernante und Kind zum Ausdruck kommen können. Mark würde lächerlich aussehen, wenn ihnen jemand begegnete.
Sie führte ihn zu ihren eigenen Büros im zweiten Stock. Das Vorzimmer war voll von so genannten Wips, den Mäd-chen der weiblichen Institutspolizei. Die männlichen Sicherheitskräfte waren, obgleich sehr viel zahlreicher, im Haus nur selten anzutreffen, aber wo immer Miss Hardcastle erschien, eilten auch ständig Wips hin und her. Weit davon entfernt, die männlichen Züge ihrer Chefin zu teilen, waren sie (wie Feverstone einmal gesagt hatte) »feminin bis zum Schwachsinn« – klein und zart, flauschig und kichernd. Miss Hardcastle benahm sich ihnen gegenüber, als ob sie ein Mann wäre, und sprach mit ihnen in einem Ton halb leichtherziger und halb grimmiger Galanterie. »Cocktails, Dolly«, bellte sie, als sie das Vorzimmer betraten. In ihrem Büro ließ sie Mark Platz nehmen, blieb aber selbst breitbeinig und mit dem Rücken zum Kaminfeuer stehen. Die Getränke wurden gebracht, und Dolly zog sich zurück und schloss die Tür. Unterwegs hatte Mark murrend seine Beschwerden vorgebracht.
»Hören Sie auf damit, Studdock«, sagte Miss Hardcastle. »Und was immer Sie tun, behelligen Sie nicht den VD damit. Ich habe Ihnen schon einmal gesagt, dass Sie sich um diese Nebenfiguren aus dem dritten Stock nicht zu kümmern brauchen, vorausgesetzt, er ist auf Ihrer Seite – was gegenwärtig der Fall ist. Aber das wird nicht so bleiben, wenn Sie ständig mit Beschwerden zu ihm kommen.«
»Das wäre sicherlich ein guter Rat, Miss Hardcastle«, erwiderte Mark, »wenn ich mich verpflichtet hätte, hier zu bleiben. Aber das habe ich nicht. Und nach allem, was ich gesehen habe, gefällt es mir hier nicht. Ich bin so gut wie entschlossen, wieder nach Hause zu gehen. Ich dachte nur, dass ich zuvor mit ihm sprechen sollte, um klare Verhältnisse zu schaffen.«
»Klare Verhältnisse sind etwas, das Wither nicht ausstehen kann«, sagte Miss Hardcastle. »Das ist nicht die Art, wie er den Laden leitet. Er weiß, was er tut, und es klappt. Sie haben keine Ahnung, wie gut es klappt. – Was Ihr Fortgehen betrifft … Sie sind nicht abergläubisch, nicht wahr? – Nun, ich wohl. Ich glaube nicht, dass es Glück bringt, das N.I.C.E. zu verlassen. Sie brauchen sich über die Steeles und Cossers nicht den Kopf zu zerbrechen; das gehört zu Ihrer Lehrzeit. Das müssen Sie erst einmal hinter sich bringen, aber wenn Sie es durchstehen, werden Sie viel weiter kommen als diese Leute. Warten Sie nur ab: nicht einer von ihnen wird übrig sein, wenn wir richtig anfangen.«
»Das ist genau die Art, wie Cosser sich über Steele geäußert hat«, sagte Mark, »aber als es darauf ankam, schien es mir nicht viel zu nützen.«
»Wissen Sie, Studdock«, sagte Miss Hardcastle, »ich habe Gefallen an Ihnen gefunden. Und das ist gut so, denn sonst könnte ich Ihnen diese letzte Bemerkung leicht übel nehmen.«
»Ich will niemanden kränken«, sagte Mark. »Aber – Teufel noch mal, sehen Sie es doch einmal von meinem Standpunkt aus.«
Miss Hardcastle schüttelte den Kopf. »Zwecklos, Kleiner. Ihr Standpunkt ist keinen roten Heller wert, weil Sie noch nicht genug Tatsachen kennen. Sie haben noch nicht begriffen, worauf Sie sich eingelassen haben. Wir bieten Ihnen eine Chance, etwas viel Größeres als einen Ministerposten zu erreichen. Und es gibt nur zwei Alternativen, wissen Sie. Entweder man ist im Institut, oder man ist draußen. Und ich weiß besser als Sie, was mehr Spaß macht.«
»Das verstehe ich«, sagte Mark. »Aber alles ist besser, als nominell dabei zu sein und nichts zu tun zu haben. Geben Sie mir eine richtige Arbeit in der soziologischen Abteilung, und ich werde …«
»Unsinn! Diese ganze Abteilung wird aufgelöst. Aus Propagandagründen musste sie zu Anfang da sein. Diese Leute werden alle verschwinden.«
»Aber welche Sicherheit habe ich, dass ich einer ihrer Nachfolger sein werde?«
»Keine. Es wird keine Nachfolger geben. Die eigentliche Arbeit hat mit all diesen Abteilungen nichts zu tun. Die Art von Soziologie, an der wir interessiert sind, wird von meinen Leuten gemacht – von der Polizei.«
»Und was habe ich dann damit zu tun?«
»Wenn Sie mir vertrauen«, sagte die Fee, stellte ihr leeres Glas ab und zog eine von ihren schwarzen Zigarren hervor, »kann ich Ihnen gleich etwas von Ihrer eigentlichen Arbeit geben – der Arbeit, für die man Sie in Wirklichkeit hergeholt hat.«
»Und was ist das?«
»Alcasan«, sagte Miss Hardcastle durch die Zähne. Sie hatte wieder ihren ewigen Zigarrenstummel im Mundwinkel. Mit einem etwas geringschätzigen Blick zu Mark fügte sie hinzu: »Sie wissen, von wem ich spreche, oder?«
»Sie meinen den Radiologen – den Mann, der geköpft wurde?« fragte Mark vollkommen verwirrt. Die Fee nickte.
»Er muss rehabilitiert werden«, sagte sie. »Nach und nach. Ich habe alle Fakten in einem Dossier. Sie fangen mit einem unauffälligen kleinen Artikel an, stellen seine Schuld nicht infrage, wenigstens nicht zu Anfang, deuten aber an, dass er nun einmal der Regierung der Kollaborateure angehörte und dass es deshalb Vorurteile gegen ihn gab. Sagen Sie, dass Sie zwar nicht an der Gerechtigkeit des Schuldspruchs zweifeln, es jedoch beunruhigend fänden, dass das Urteil mit großer Wahrscheinlichkeit genauso gelautet hätte, wenn er unschuldig gewesen wäre. Dann lassen Sie einen oder zwei Tage später einen Artikel ganz anderer Art folgen. Eine populäre Darstellung seiner Verdienste. Es wird Sie höchstens einen Nachmittag kosten, die Fakten für einen solchen Artikel aufzuberei-ten. Dann verfassen Sie einen ziemlich empörten Leserbrief an die Zeitung, die den ersten Artikel gedruckt hat, und gehen darin viel weiter. Die Hinrichtung war ein Justizirrtum. Mittlerweile …«
»Aber was in aller Welt soll das alles?«
»Das habe ich Ihnen doch schon gesagt, Studdock. Alcasan muss rehabilitiert werden. Wir wollen ihn zu einem Märtyrer machen, einem unersetzlichen Verlust für die gesamte Menschheit.«
»Aber warum?«
»Da fangen Sie schon wieder an! Sie beklagen sich darüber, dass man Ihnen nichts zu tun gibt, und sowie ich Ihnen eine kleine Arbeit vorschlage, wollen Sie den Plan der gesamten Campagne wissen, bevor Sie etwas tun. So geht es nicht. So kommen Sie hier nicht weiter. Zunächst einmal müssen Sie tun, was man Ihnen sagt. Wenn Sie etwas taugen, werden Sie bald verstehen, was vorgeht. Aber Sie müssen damit anfangen, dass Sie die Arbeit tun. Sie scheinen nicht zu begreifen, was wir sind. Wir sind eine Armee.«
»Ich bin kein Journalist«, sagte Mark. »Ich bin nicht hierher gekommen, um Zeitungsartikel zu schreiben. Das habe ich Feverstone gleich zu Anfang klargemacht.«
»Je eher Sie aufhören, darüber zu reden, warum Sie überhaupt hergekommen sind, desto besser werden Sie sich hier zurechtfinden. Ich sage das zu Ihrem eigenen Besten, Studdock. Sie können schreiben. Das ist einer der Gründe, weshalb Sie gebraucht werden.«
»Dann bin ich auf Grund eines Missverständnisses hierher gekommen«, sagte Mark. Auch wenn er sich vielleicht in seiner literarischen Eitelkeit geschmeichelt fühlte, entschädigte ihn das keinesfalls für die stillschweigende Folgerung, dass seine Soziologie keine Rolle spielte. »Ich habe nicht die Absicht, mein Leben mit dem Schreiben von Zeitungsartikeln zu verbringen«, sagte er. »Und wenn ich die Absicht hätte, würde ich sehr viel mehr über die Politik des Instituts wissen wollen, bevor ich mich auf so etwas einließe.«
»Ist Ihnen nicht gesagt worden, dass das N.I.C.E. vollkommen unpolitisch ist?«
»Man hat mir so viel erzählt, dass ich nicht mehr weiß, wo mir der Kopf steht«, sagte Mark. »Aber ich sehe nicht, wie man eine Pressesensation – denn darauf läuft es hinaus – inszenieren will, ohne politisch zu sein. Sollen links oder rechts stehende Zeitungen all diesen Unfug über Alcasan drucken?«
»Beide, Süßer, beide«, sagte Miss Hardcastle. »Verstehen Sie denn überhaupt nichts? Ist es denn nicht absolut notwendig, die Linken und die Rechten in Atem zu halten und dafür zu sorgen, dass sie einander fürchten und beschimpfen? So bringen wir die Dinge voran. Jede Opposition gegen das N.I.C.E. wird in der rechten Presse als eine linke Machenschaft hingestellt und in der linken Presse als eine rechte Machenschaft. Wenn man es richtig anfasst, werden beide Seiten sich darin überbieten, uns zu unterstützen – um die Verleumdungen des Gegners zu widerlegen. Selbstverständlich sind wir unpolitisch. Die wirkliche Macht ist es immer.«
»Ich glaube nicht, dass Sie das schaffen werden«, sagte Mark. »Nicht mit den Zeitungen, die von gebildeten Menschen gelesen werden.«
»Das zeigt, dass Sie immer noch in den Kinderschuhen stecken, Kleiner«, sagte Miss Hardcastle. »Haben Sie noch nicht gemerkt, dass es genau umgekehrt ist?«
»Wie meinen Sie das?«
»Mein Gott, Sie Dummkopf, gerade die gebildeten Leser lassen sich hinters Licht führen. Schwierigkeiten haben wir nur mit den anderen. Haben Sie je einen Arbeiter gekannt, der einer Zeitung geglaubt hätte? Er geht davon aus, dass alles bloß Schwindel und Propaganda ist, und liest die Leitartikel gar nicht erst. Er kauft die Zeitung wegen der Fußballergebnisse, wegen der kleinen Meldungen über Mädchen, die aus Fenstern fallen, und über Leichen, die in herrschaftlichen Londoner Wohnungen gefunden werden. Er ist unser Problem: ihn müssen wir umpolen. Aber das gebildete Publikum, die Leser der anspruchsvollen Wochenzeitschriften brauchen nicht umgepolt zu werden. Diese Leute sind schon in Ordnung: sie glauben alles.«
»Als Angehöriger dieser Klasse«, sagte Mark lächelnd, »kann ich das einfach nicht glauben.«
»Herr im Himmel!«, sagte die Fee. »Wo haben Sie Ihre Augen? Schauen Sie sich doch an, was die Wochenzeitschriften sich alles leisten! Nehmen Sie die Weekly Question. Das ist ein Blatt für Leute wie Sie. Als ein freidenkerischer Professor aus Cambridge das Basic English propagierte, wurde es über den grünen Klee gelobt; als dann aber ein konservativer Premierminister die Idee aufgriff, wurde es plötzlich zu einer Bedrohung für die Reinheit unserer Sprache. Und galt die Monarchie nicht zehn Jahre lang als kostspielige Albernheit? Nun, als der Herzog von Windsor abdankte, da war die Weekly Question etwa vierzehn Tage lang ganz monarchistisch und legitimistisch. Hat das Blatt deswegen auch nur einen einzigen Leser verloren? Sehen Sie nicht, dass der gebildete Leser gar nicht aufhören kann, die anspruchsvollen Wochenzeitschriften zu lesen, egal, was sie schreiben? Er kann es nicht. Er ist abhängig.«
»Das ist alles sehr interessant, Miss Hardcastle«, sagte Mark, »aber es hat nichts mit mir zu tun. Ich verspüre nicht die geringste Neigung, Journalist zu werden; und wenn ich es täte, würde ich ein ehrlicher Journalist sein wollen.«
»Sehr gut«, sagte Miss Hardcastle. »Dann werden Sie eben dazu beitragen, dieses Land und vielleicht das ganze Menschengeschlecht zu Grunde zu richten. Abgesehen davon, dass Sie Ihre eigene Karriere ruinieren.«
Der vertrauliche Ton, in dem sie bisher gesprochen hatte, war verschwunden. Ihre Stimme klang drohend und entschieden. Der Bürger und aufrechte Mann, der durch das Gespräch in Mark geweckt worden war, verzagte. Sein anderes und viel stärkeres Selbst, ein Selbst, das um keinen Preis zu den Außenseitern zählen wollte, sprang alarmiert auf.
»Ich will damit nicht sagen«, versicherte er, »dass ich Ihren Standpunkt nicht verstehe. Ich frage mich bloß …«
»Mir ist es gleich, Studdock«, sagte Miss Hardcastle und setzte sich endlich an ihren Schreibtisch. »Wenn Ihnen der Job nicht gefällt, dann ist das natürlich Ihre Sache. Gehen Sie und regeln Sie es mit dem VD. Er hat es nicht gerne, wenn Leute weggehen, aber Sie können es natürlich tun. Feverstone wird einiges zu hören bekommen, weil er Sie hierher gebracht hat. Wir hatten angenommen, Sie wären im Bilde.«
Die Erwähnung Feverstones stellte Mark plötzlich deutlich seinen bisher immer eher gedanklichen Plan vor Augen, nach Edgestow zurückzukehren und sich mit der Karriere eines Professors am Bracton College zufrieden zu geben. Unter welchen Bedingungen würde er zurückgehen? Würde er in Bracton noch zum inneren Kreis gehören? Die Vorstellung, nicht länger das Vertrauen des Progressiven Elementes zu genießen und zu den Telfords und Jewels hinabgestoßen zu werden, erschien ihm unerträglich. Und das Gehalt eines einfachen Dozenten nahm sich nach den Träumen, die er während der letzten Tage genährt hatte, recht armselig aus. Das Leben eines verheirateten Mannes hatte sich bereits als unerwartet kostspielig erwiesen. Dann kamen ihm plötzlich Zweifel wegen der zweihundert Pfund Mitgliedsbeitrag für den Klub des N.I.C.E. Aber nein – das war absurd. Damit konnten sie ihn doch nicht in der Hand haben.
»Ich werde also erst einmal mit dem VD sprechen«, sagte er mit unsicherer Stimme.
»Da Sie uns nun verlassen«, sagte die Fee, »möchte ich Ihnen noch einen Rat mit auf den Weg geben. Ich habe alle Karten auf den Tisch gelegt. Sollten Sie Lust verspüren, sollte es Ihnen je in den Sinn kommen, irgendetwas von diesem Gespräch in der Öffentlichkeit zu wiederholen, tun Sie es besser nicht. Es wäre Ihrer zukünftigen Karriere ganz und gar nicht zuträglich.«
»Aber selbstverständlich …«, begann Mark.
»Sie gehen jetzt besser«, sagte Miss Hardcastle. »Unterhalten Sie sich gut mit dem VD. Und ärgern Sie den Alten nicht. Abschiede sind ihm so verhasst.«
Mark machte noch einen Versuch, das Gespräch fortzusetzen, aber die Fee ging nicht darauf ein, und ein paar Sekunden später stand er draußen vor ihrer Tür.
Den Rest des Tages verbrachte er mehr schlecht als recht. Er ging den Leuten aus dem Weg, damit sie seine Untätigkeit nicht bemerkten. Vor dem Mittagessen machte er einen jener kurzen, unbefriedigenden Spaziergänge, die man in einer fremden Umgebung unternimmt, wenn man weder alte Kleider noch einen Spazierstock bei sich hat. Nach dem Essen
erforschte er das Gelände, aber es lud nicht ein, darin herumzuspazieren. Der Millionär, der Belbury um die Jahrhundertwende erbaut hatte, hatte ungefähr zwanzig Acre Land mit einer niedrigen Ziegelmauer und einem gusseisernen Geländer einfrieden und das Ganze als Ziergarten anlegen lassen. Da und dort standen kleine Baumgruppen, und überall schlängelten sich Wege, die so dick mit runden weißen Kieseln bedeckt waren, dass man kaum auf ihnen gehen konnte. Es gab riesige Blumenbeete, manche oval, manche rautenförmig und manche kreisrund. Lorbeerbüsche, die aussahen, als seien sie aus geschickt bemaltem und lackiertem Blech, standen in Reih und Glied. Schwere, hellgrün gestrichene Bänke standen in regelmäßigen Abständen an den Spazierwegen. Insgesamt fühlte man sich an einen städtischen Friedhof erinnert. Doch so wenig anziehend der Garten auch war, Mark suchte ihn nach dem Tee abermals auf und rauchte, obgleich seine Zunge bereits brannte und der Wind seine Zigaretten schief herunterglimmen ließ. Diesmal ging er um das Haus zu den neuen Anbauten auf der Rückseite. Hier überraschten ihn Stallgerüche und ein Durcheinander von knurrenden, grunzenden und winselnden Stimmen – Anzeichen für einen regelrechten Zoo. Zuerst wurde er daraus nicht schlau, doch bald erinnerte er sich, dass zu den Projekten des Instituts ein umfangreiches, nicht mehr von Bürokratismus und kleinlicher Sparsamkeit eingeschränktes Programm mit Tierversuchen gehörte. Er hatte sich nicht sonderlich dafür interessiert und vage an Ratten, Kaninchen und gelegentlich einen Hund gedacht. Das Durcheinander von Geräuschen aus dem Innern weckte nun ganz andere Vorstellungen in ihm. Während er so dastand, erhob sich ein mächtiges, melancholisches Heulen, und dann, als sei es ein Signal gewesen, setzte ein allgemeines Trompeten, Wiehern, Kreischen und sogar Lachen ein, das für wenige Augenblicke zu chaotischem Lärm anschwoll und schließlich in Grollen und Wimmern erstarb. Mark hatte keine Bedenken gegen Tierversuche. Das Getöse zeigte ihm lediglich den Umfang und die Großartigkeit dieses ganzen Unternehmens, von dem er anscheinend ausgeschlossen sein sollte. Hinter diesen Mauern verbarg sich alles Mögliche: lebende Tiere im Wert von vielen tausend Pfund, und das Institut konnte es sich leisten, diese Versuchstiere um der bloßen Möglichkeit irgendeiner interessanten Entdeckung willen wie Papier zu zerschneiden. Er musste den Job haben: irgendwie musste das Problem mit Steele gelöst werden. Aber die Geräusche waren unangenehm, und er ging fort.
Darmowy fragment się skończył.