Czytaj książkę: «Seewölfe Paket 24»
Impressum
© 1976/2019 Pabel-Moewig Verlag KG,
Pabel ebook, Rastatt.
eISBN: 978-3-95439-992-5
Internet: www.vpm.de und E-Mail: info@vpm.de
Inhalt
Nr. 461
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 462
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 463
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 464
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Nr. 465
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Nr. 466
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 467
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 468
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 469
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 470
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Nr. 471
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 472
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 473
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 474
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Nr. 475
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 476
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 477
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 478
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 479
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 480
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7

1.
19. April 1595 – Great Abaco.
Nur noch Spuren im Sand deuteten darauf hin, daß sich an der Eight Miles Bay an der Ostküste von Great Abaco Schnapphähne übelster Sorte aufgehalten hatten.
Von den algerischen Piraten unter ihrem Oberschnapphahn Mubarak fand sich jedoch keine Spur mehr. Seit sie in der letzten Nacht versucht hatten, die Schiffe vom Bund der Korsaren zu entern, gab es die „Alis“ nicht mehr. Ihre Flöße waren vernichtet und sie selbst zu den Fischen geschickt worden.
Jetzt lag die Insel wieder wie unberührt im Sonnenlicht da. Leise glucksend liefen kleine Wellen an den Strand – ein Bild des Friedens und der Beschaulichkeit.
In der Bay ankerten die „Empress“, die „Golden Hen“, die „Wappen von Kolberg“ und die „Pommern“ unter dem Deutschen Renke Eggens.
Erwartet wurden noch die restlichen drei Schiffe des Korsarenbundes, die „Isabella“, der Schwarze Segler und Siri-Tongs düsterer Zweidecker „Caribian Queen“.
Die drei hatten zwischen den Caicos-Inseln einen Verband aus drei spanischen Kriegsgaleonen abgefangen und vernichtet. Inzwischen befanden sie sich auf dem Weg nach Great Abaco, wie es zuvor vereinbart worden war.
Ein Problem hatten die Männer allerdings noch, und das war der Ruderschaden an der „Golden Hen“. Ein auf den ersten Blick lächerlich erscheinender Schaden, denn sie war „nur“ von einem Hai gerammt worden.
Diesen Blauhai hatten Tümmler gejagt, attackiert und gerammt, bis der Blauhai, blind vor Schmerz, in das Ruderblatt der „Golden Hen“ gekracht war. Das Ruderblatt war geborsten und nicht mehr zu gebrauchen. Das war die augenblickliche Lage an diesem Morgen in der Eight Miles Bay von Great Abaco.
Der grauhaarige Schiffsbaumeister Hesekiel Ramsgate wollte sich noch einmal persönlich den Ruderschaden ansehen. Mulligan hatte das neue Ruderblatt einschließlich der Beschläge bereits in Arbeit.
Als er von der „Wappen“ auf die „Golden Hen“ überstieg, erwarteten ihn die Männer bereits.
Jean Ribault schien etwas nervös zu sein, wie Hesekiel nach einem schnellen Blick feststellte. Aber auch die anderen Le Vengeurs fühlten sich ohne Ruder gar nicht wohl. Kein Wunder, dachte Hesekiel, ein Schiff ohne Ruder ist nicht mal mehr ein halbes Schiff.
„Bin gespannt“, sagte Jean Ribault nach der Begrüßung, „ob du auch der Ansicht bist, daß wir irgendwo aufslippen müssen. Mulligan meinte, das könne nicht unter Wasser repariert werden. Himmel, ich werde schon ganz kribbelig bei dem Gedanken, wir müßten jetzt mit dem Notruder ins Gefecht ziehen. Dann sind wir völlig wehrlos.“
„Sind ja auch noch ein paar andere Schiffe da“, sagte Hesekiel trocken. „Die nehmen dich dann schützend in die Mitte.“
„Wie die Herde ihr Junges, was?“
„So ähnlich“, sagte Hesekiel lächelnd. „Das kriegen wir schon wieder hin. Wie sieht es denn aus?“
Er betrachtete sich das Ruderblatt, mit dem Mulligan emsig beschäftigt war und das jetzt an Deck der „Golden Hen“ lag.
„Eine recht üble Sache“, meinte Mulligan. „Aber das betrachten wir uns besser von der Jolle aus.“
Sie enterten in die Jolle ab und verholten sie nach achtern zum Heck. Auch Jean Ribault war dabei. Sein Gesicht war immer noch kummervoll verzogen.
„Hier ist der Bursche wie ein Irrer hineingerast“, erklärte Mulligan. „Das Blatt ist total zerschmettert worden. Ich habe mir den Schaden auch weiter unterhalb angesehen, als ich tauchte. Die Ruderbeschläge und Ruderösen, einschließlich der Fingerlinge, sind teilweise aus dem Holz gebrochen oder total verbogen.“
Hesekiel lehnte sich weiter vor und tastete die Stelle ab. Durch das klare Wasser erkannte er etwas verzerrt, aber eindeutig den Schaden.
„Ja, die Fingerlinge, die die Beschläge und Ösen miteinander verbinden, sind tatsächlich stark in Mitleidenschaft gezogen. Das läßt sich unter Wasser nicht reparieren, beim besten Willen nicht.“
Ramsgate strich über seinen grauweißen Bart und sah noch einmal nachdenklich auf die Ösen und Fingerlinge. Dann schüttelte er nachdrücklich den Kopf.
„Er hat recht“, sagte er zu Ribault. „Ich bin auch der Ansicht, daß die ‚Golden Hen‘ gekielholt werden muß, wenn wir ihr ein neues Ruder einsetzen.“
„Hast du nicht einen anderen Trick auf Lager?“ fragte Jean.
„Nein, leider nicht. Das ist unumgänglich, Jean. Glaube mir, ich habe einen Blick dafür. Du kannst aber auch noch warten, bis Ferris Tucker hier ist, und dir dann seine Ansicht anhören. Sie wird mit Sicherheit nicht anders ausfallen.“
„Nein, ich glaube euch selbstverständlich. Ich dachte nur an die bevorstehende Heidenarbeit, wenn wir aufslippen.“
„Die ist leider damit verbunden.“
Ribault fand sich damit ab, aber es paßte ihm nicht. Die Karavelle mußte geleichtert werden, denn sie hatte noch die Schätze der Caspicara-Flores-Halunken an Bord, außerdem Pulver- und Weinfässer sowie zwölf Culverinen. Bis das alles von Bord ist, dachte er schaudernd, vergeht eine Ewigkeit.
„Die anderen packen ja mit an“, sagte Ramsgate, als hätte er Ribaults Gedanken erraten. „Es sind genügend Leute da, und es treffen auch noch etliche ein.“
„Na schön. Jetzt stellt sich nur die Frage, wo wir das Schiffchen flachlegen.“
„Auch dafür werden wir einen Platz finden. Kehren wir erst einmal an Bord zurück.“
Nach einem letzten Blick auf den Ruderschaft zogen sie sich mit der Jolle wieder an die Backbordseite zurück und enterten auf.
Hesekiel Ramsgate betrachtete lange Zeit nachdenklich den weißen, makellosen Strand der Bucht. Er warf dem in Gedanken versunkenen Franzosen einen schnellen Blick zu.
„Ich glaube, hier bietet sich einiges an“, sagte er bedächtig.
Jean Ribault nickte, griff zum Kieker und musterte ebenfalls den Strand der Eight Miles Bay, die im Nordosten vom Cherokee Sound begrenzt wurde.
Der Strand war von hinreißender Schönheit, mit Palmengruppen durchsetzt und teilweise dichtem Baumbestand der Abakoskiefern. Landeinwärts stieg das Land sanft an.
Interessiert ließ er seinen Blick weiterwandern, bis er den Kieker in die nordöstliche Richtung hielt.
Hesekiel musterte ihn von der Seite.
„Die Bay bildet dort oben offenbar eine hakenförmige Halbinsel“, murmelte Jean Ribault, „und der Haken wiederum scheint nach Südwesten umgekrümmt zu sein.“
„Scheint sich um ein geschütztes und fast lauschiges Plätzchen zu handeln“, sagte Ramsgate. „Vielleicht sollten wir uns das einmal aus der Nähe ansehen, um uns ein Urteil bilden zu können.“
„Ja, das sehen wir uns an – jetzt gleich.“
Jean Ribault setzte den Kieker ab und blickte in die Bucht. Neben ihm war Don Juan de Alcazar aufgetaucht. Auch der Spanier, der seit kurzer Zeit dem Bund der Korsaren angehörte, sah lange dorthin.
„Kann ich euch begleiten?“ fragte er. „Ich würde mir das auch gern einmal ansehen.“
„Selbstverständlich.“
Auch Roger Lutz wollte mit.
Ribault sah zu der „Empress“ hinüber, auf der Old O’Flynn und Martin Correa hockten. Während Martin etwas ausbesserte, hockte der alte O’Flynn völlig selbstvergessen da und starrte Löcher in die Luft. Er blickte so angestrengt in den Himmel, als würden die Englein dort einen lieblichen Reigen tanzen. Ganz verzückt sah der Alte aus, fast verträumt.
Er schaute auch nicht auf, als Mary O’Flynn an Deck erschien und ihn etwas fragte. Er nahm die drei Frauen, Gotlinde, Gunnhild und seine eigene, überhaupt nicht zur Kenntnis. Auch als Gotlinde und Mary in die Jolle stiegen, blickte er nicht auf.
„Wir segeln mal zur Nordostseite hinüber“, sagte Ribault zu Old O’Flynn. „In zwei Stunden sind wir wieder zurück. Wir suchen nach einem Platz zum Aufslippen.“
Old O’Flynn stierte weiterhin Löcher in den blauen Himmel. Offenbar tanzten die unsichtbaren Englein immer noch Reigen.
„He, Donegal!“ rief Jean Ribault.
Die resolute Mary O’Flynn, geborene Snugglemouse, rothaarig, langmähnig und mit einer prächtigen Reibeisenstimme ausgestattet, winkte lächelnd ab.
„Der hört heute nichts, Jean!“ rief sie hinüber. „Er sitzt offenbar auf seinen Ohren oder ist taub geworden. Ich verklare ihm schon seit einer Weile, daß wir ein paar Langusten fangen wollen, aber das hat er auch nicht kapiert.“
Ribaults bemerkte, daß Mary O’Flynn heute von einer selten gesehenen Fröhlichkeit und Aufgekratztheit war. Sie strahlte vor Lebenslust, und in ihren Augen stand ein eigenartiges Funkeln, wie Jean es noch nie an ihr gesehen hatte. Sie war ganz anders als sonst – vielleicht, weil Old Donegal heute auf seinen Ohren saß?
Na ja, ein bißchen merkwürdig ist der alte Kauz manchmal, dachte Ribault. Eigenartig und sonderbar, so daß man aus ihm nicht mehr schlau wurde. Vermutlich peilte er wieder ein bißchen hinter die Kimm und sah etwas, das anderen verborgen blieb.
Mary und Gotlinde, die Frau des Wikingers, enterten in die kleine Jolle ab und pullten näher zum Ufer, um Langusten zu fangen.
Auch das entging Old O’Flynn. Selbstvergessen und total in sich versunken hockte er auf der Gräting. Dann endlich bewegte er sich, aber nur, um einen Finger nachdenklich an die Nase zu legen und weiterzugrübeln.
„Er sitzt da wie ein nordischer Troll, der etwas ausheckt“, meinte Roger Lutz grinsend. „Jetzt hat er auch noch mehr Runzeln im Gesicht.“
„Das sind keine Runzeln“, widersprach Don Juan lächelnd, „das ist nur eine ganz besonders detailreiche Gesichtshaut, wie er sie immer beim Nachdenken hat.“
Als auch der zweite Anruf auf kein Echo traf, winkte Jean Ribault ab. Aber Martin Correa hatte verstanden und zeigte klar. Dabei grinste er über das ganze Gesicht.
Jean Ribault nahm noch das Lot mit, um an der Krümmung der Bucht die Wassertiefe zu loten.
Gleich darauf setzten sie Fock und Großsegel der Jolle und glitten über die Bucht.
Renke Eggens und Oliver O’Brien standen an Deck ihrer Schiffe und blickten ihnen nach.
Dicht unter Land segelten sie nordostwärts. Palmen säumten den langen Strand, die ihre kokosbehangenen Wipfel sanft im Wind wiegten. Hin und wieder war in großer Höhe ein Vogel zu sehen. Sonst sah alles wie unberührt aus, obwohl Mubaraks Schnapphähne hier lange Zeit gehaust hatten.
Von einem der zerstörten Flöße fanden sich noch ein paar Trümmer, die die Wellen an den Strand geworfen hatten. Backbord voraus stob ein Schwarm rosafarbener Flamingos hoch und entschwand in den Lüften.
„Herrlich“, sagte Ramsgate, der die Ruderpinne übernommen hatte und dicht unter Land ging. „Die Bucht da oben sieht sehr vertrauenerweckend aus.“
Roger Lutz lotete ein paarmal Tiefe, aber es gab genügend Wasser unter dem Kiel selbst für größere Schiffe.
Dann segelten sie in die Bucht hinein.
„Tatsächlich so, wie ich das durch den Kieker gesehen habe“, sagte Jean Ribault. „Die Eight Miles Bay bildet hier oben eine Bucht, die von einer von Nordosten nach Südwesten verlaufenden Halbinsel gegen Sicht von See her abgeschirmt wird. Seht euch das nur an.“
Sie merkten kaum, daß die Fock schlaff in sich zusammenfiel und die Jolle träge auf dem Wasser zu schaukeln begann. Sie saßen auf den Duchten und blickten nach Backbord hinüber.
Der Strand war hier immer noch schneeweiß, breit und sauber. Dort, wo er aufhörte, wuchsen die Abakoskiefern. Ein kleiner Wald begann. Der Kiefernbestand ging allmählich wieder in Palmengruppen und Buschwerk über. Auf den Dünenkämmen wuchs haferähnliches Gras, das sich wellenförmig vor dem leise säuselnden Wind beugte und wie sanft fließendes Wasser wirkte.
„Wir haben Nordostwind“, sagte Don Juan in die Stille hinein, „aber in der Bucht ist davon nichts zu spüren. Hier bläst wohl nur ganz selten der Wind hinein.“
„Und wenn – dann bestenfalls aus Westen oder Südwesten“, sagte Ribault nachdenklich. „Von See aus kann man hier jedenfalls nicht gesehen werden, und wenn eine ganze Flotte vorbeisegelt. Wie steht es mit der Tiefe, Roger?“
„Zwölf Faden fast konstant. Der Ankergrund ist reiner Sand.“
„Dann pullen wir mal ein Stückchen näher heran. Auf der Ostseite scheint es ein ziemlich großes Korallenriff zu geben.“
Wenn sie nach Steuerbord blickten, sahen sie die Schaumwirbel und Untiefen des Riffs. Immer wieder schäumte es dort auf, und kleine Wellen erschienen wie aus dem Nichts.
Diese korallengespickte Bank der Insel zog sich bis zur südwestlichen Spitze der Halbinsel hin. Hier kam niemand durch, bestenfalls bei Flut eine Jolle. Das langgestreckte Korallenriff verhinderte auf natürliche Weise, daß Schiffe näher an das Land herangehen konnten. Es war eine unüberwindliche Barriere aus rasiermesserscharfen Dolchen und Sägezähnen.
Sie pullten ein paar Schläge nordwärts und sahen sich um. Roger Lutz lotete erneut Tiefe. Diesmal waren es elf Faden mit immer noch sandigem Untergrund.
An der Nordseite der Bucht war der Strand flach, während er auf der Südseite, gebildet durch die Halbinsel, etwas steiler war. Auch die Ostseite, die sich der See zukehrte, war steiler.
Hier wehte nur noch ein kaum spürbares Lüftchen, das nicht einmal das Focksegel zum Killen brachte. Immer noch hing es faltig und fast unbeweglich am Mast.
Die Männer sahen sich an und grinsten. Sekundenlang herrschte eine fast andächtige Stille. Jeder begutachtete das Plätzchen, das so verlockend schien.
Hesekiel Ramsgate rieb sich die Hände. Sinnend sah er über das Wasser zum Strand.
„Das wäre doch etwas für uns, meint ihr nicht auch?“ fragte er. „Die Bucht bietet Platz für alle Schiffe des Bundes, die Wassertiefe ist mehr als ausreichend, und als Ankergrund haben wir feinen Sand, den man sogar von der Jolle aus erkennen kann.“
Hesekiel Ramsgate sprach damit genau das an, was Hasard schon geplant hatte: nämlich hier oben nach einem Stützpunkt zu suchen, einem Ersatz für die untergegangene Schlangen-Insel.
„Ja, das wäre ein feiner und idealer Platz“, meinte Ribault nachdenklich, wobei er immer noch in die Runde blickte.
„Hier ließe sich auch gut aufslippen“, sagte Old Ramsgate mit einem feinen Lächeln. „An den mächtigen Kiefern könnte man zum Beispiel schwere Taljen anschlagen. Das Schiff dann auf den Nordstrand zu ziehen und abzupallen ist ebenfalls kein Problem.“
Don Juan und Roger Lutz waren von diesem „Plätzchen“ ebenfalls total begeistert. Roger Lutz stierte ins Wasser und zeigte immer wieder auf Langusten, die sich verzerrt durch das Wasser spiegelten.
„Hier sitzen die Viecher massenweise“, sagte er, „da brauchen die Frauen erst gar nicht lange zu suchen. Man kann sie einfach mit Keschern vom Grund holen.“
„Kehren wir um und erzählen es den anderen“, sagte Don Juan. „Ich denke, sie werden ebenso begeistert sein wie wir. Auch Hasard wird später angenehm überrascht von unserer Entdeckung sein.“
„Dann laßt uns mal zum Wind pullen, damit wir die Neuigkeit verbreiten können“, sagte Ribault, der es jetzt plötzlich sehr eilig hatte.
Sie pullten bis zu jener Stelle, wo der Nordostwind wieder einsetzte.
Der Wind fuhr in die beiden Segel und blähte sie. Mit rascher Fahrt ging es zurück, bis sie wieder bei den anderen waren.
Ribault und Don Juan berichteten dem interessiert lauschenden Renke Eggens und dem ebenfalls neugierig zuhörenden Oliver O’Brien von der Abgeschiedenheit und Ruhe der Bucht. Da läge man auch nicht wie hier auf dem Präsentierteller, sondern sei vor allen neugierigen Blicken absolut geschützt.
„Dann sollten wir sofort in jene Bucht verholen“, schlug Renke Eggens vor.
O’Brien, der kein Freund vieler Worte war, nickte ebenfalls.
„Verholen wir“, sagte er, „es ist ja nicht weit.“
Noch am Vormittag war alles erledigt. Innerhalb kurzer Zeit hatten alle Schiffe in die schützende Cherokee-Bucht verholt und gingen vor Anker.
Die „Golden Hen“ ankerte dicht unter dem Nordufer, an jener Stelle, wo sie auf den flachen Strand gezogen werden sollte.
Der Platz war gut zum Aufslippen, daran gab es nichts zu bemängeln. Er war geradezu ideal. Aber Jean Ribault war von der ganzen Angelegenheit trotzdem nicht sehr begeistert. Das alles würde einige Tage dauern.
„Halb so schlimm“, sagte Hesekiel wieder, der Jean Ribaults unmutiges Gesicht sah. „Bis heute nachmittag sind wir mit den gröbsten Arbeiten fertig. Ich denke, daß wir morgen etwa um die gleiche Zeit das Schiff auf den Strand ziehen können.“
„Dein Wort in Gottes Ohr“, brummte Jean. „Schließlich müssen wir die Karavelle auch noch abpallen, und dazu brauchen wir Pallhölzer. Bis wir die gesägt haben …“
„Haben wir doch alles an Bord, Jean. Wir haben zwei Holzladungen nach Deutschland in Havanna gestaut. Die angeblich nach Deutschland gehen sollen“, sagte Hesekiel sanft. „Wir schlagen ein paar schwere Taljen am Bug der Karavelle an und ziehen sie zu den breitstämmigsten Kiefern Hinüber. Aber vorerst leichtern wir das Schiff und nehmen alles von Bord. Die anderen haben ihre Beiboote schon abgefiert und werden alle kräftig mit anpacken.“
Jean Ribault sah zu den Kiefern hinüber. Da gab es eine, die ganz besonders ins Auge fiel, eine sehr hohe Kiefer, die auf einem Hügel der Halbinsel stand. Sie hatte eine dichte und breit gefächerte Krone.
„Bevor wir anfangen“, sagte Jean, „sollten wir einen Ausguck einrichten. Ich denke dabei an die Kiefer dort drüben. Dort kann ein Mann bequem in der Krone sitzen und Ausschau halten, ohne daß er selbst gesehen wird. Das könntest du für die ersten paar Stunden übernehmen, Roger“, sagte er. „Grand Couteau kann dich später ablösen, aber der Ausguck ist wichtig, dafür müssen wir zuallererst sorgen.“
„Ich möchte wetten“, sagte Roger nachdenklich, „daß uns die anderen Kameraden nicht einmal sehen, wenn sie hier vorbeisegeln, so gut geschützt sind wir von der Halbinsel.“
Kurz darauf brachte ihn eine Jolle zum Strand. Er war mit einem Spektiv bewaffnet und stieg in die Kiefer, wo er es sich in der breiten Krone gemütlich einrichtete und seinen Posten bezog. Von hier aus konnte er alles überblicken und war selbst vor den Blicken anderer vorzüglich geschützt.
Mit den Arbeiten wurde auf der „Golden Hen“ auch sogleich begonnen, nachdem alle Schiffe ihre Jollen abgefiert hatten.
Als Roger Lutz seinen Ausguck bezogen hatte, begann man damit, die Schatzbeute der beiden Schnapphähne Caspicara und Flores auszuladen und an Land zu bringen. Die Männer von O’Brien und Renke Eggens kamen mit den Jollen längsseits und brachten Truhen, Kisten und Fässer an Land.
Mit einer anderen Jolle wurden ebenfalls Pallhölzer zum Strand gebracht und gestapelt.
Danach begann die Plackerei mit den schweren Geschützen, die mühsam abgefiert wurden. Den Männern lief bereits der Schweiß in Bächen über die Körper.
Von den Schiffen des Geleitzuges, der nach Porto Bello unterwegs gewesen war, hatten sie noch Fässer voller Schießpulver und Wein, die ebenfalls an Land gebracht werden mußten.
Eine Stunde nach der anderen verrann mit harter Arbeit. Und noch war kein Ende abzusehen.
2.
Der einzige, den die emsige Betriebsamkeit überhaupt nicht zu stören schien, war Old O’Flynn. Er hatte die „Empress“ in die Bucht verholt und aus den Augenwinkeln wahrgenommen, daß es hier „ganz herrlich“ war, aber damit hatte es sich auch schon.
Na fein, dann lagen sie eben in einer geschützten Bucht und nicht mehr auf dem Präsentierteller. Auf der „Golden Hen“ kamen sie auch ohne ihn aus, Leute waren ja genug da, und so hockte Old Donegal an diesem herrlichen Vormittag an Bord seines Schiffes und grübelte, wie er schon zuvor gegrübelt hatte.
Er sah und hörte nicht, was um ihn herum vorging, denn durch seinen Schädel geisterten pausenlos Ideen, eine immer besser als die andere. Allerdings plagten ihn mitunter auch ganz abstruse Ideen, aber das entsprach eben der O’Flynnschen Persönlichkeit. Schließlich mußte man alle Möglichkeiten durchgehen.
Was den alten Knurrhahn beschäftigte und woran er sich in Gedanken so ergötzte, war der Bau einer neuen Kneipe.
Kneipe? Gott bewahre, eine „Rutsche“ mußte es sein, ähnlich wie jene auf der untergegangenen Schlangen-Insel, der er immer noch lebhaft nachtrauerte.
Hm, allerdings war das hier ziemlich schlecht, überlegte er und räusperte sich ärgerlich. Am Nordufer war ja wohl nichts mit der Errichtung einer Rutsche, das hatten die anderen Kerle bereits mit der „Golden Hen“ vereinnahmt. Außerdem war es da ziemlich flach. Wie, zum Teufel, sollte man da eine Rutsche bauen?
Der Alte hockte neben der Pantry, stierte auf die Planken und merkte nicht, daß sein Bootsmann Martin Correa schon die ganze Zeit über am Grinsen war. Heute spinnt O’Flynn wieder mal einen unsichtbaren Faden, dachte Martin. Da war er nicht ansprechbar, nicht einmal seine liebe Mary konnte ihm da ein Wort entlocken, obschon sie offenbar etwas auf dem Herzen hatte.
Ein paar Male hatte sie schon zum Sprechen angesetzt, um Old O’Flynn mit leuchtenden Augen etwas zu verklaren. Doch der hockte da und stierte weiterhin Löcher in die Luft.
„Wirklich herrlich hier“, sagte Martin, wobei er versuchte, den Alten ein wenig aus der Reserve zu locken.
„Hm, ja“, war alles, was er zu hören kriegte.
O’Flynn nahm ein Stückchen Holzkohle und zeichnete ein paar Striche auf die sauberen Planken. Nachdem er das Gekraxel ausgiebig betrachtet hatte, wischte er es wieder weg. Und weil die Holzkohle ein bißchen schmierte, gab es einen entsprechend dunklen Fleck auf den Planken.
Wieder erschien die rothaarige Mary. Sie lächelte und blickte auf ihren alten Brummbär. Ihre Zähne blitzten, doch gerade als sie etwas sagen wollte, zog Old Donegal voller Andacht und Emsigkeit neue Striche.
Auf Marys Stirn erschien eine steile Falte des Unmuts.
„Was schmierst du da ständig auf den Planken herum?“ fragte sie. „Ist das eine neue Art, den Tag zu vertrödeln? He, ich habe dich etwas gefragt, Mister O’Flynn!“
„Ja, herrlich hier“, knurrte der Alte, der überhaupt nicht zugehört hatte, „und auch schön warm.“
Sie redeten aneinander vorbei, denn Old O’Flynn hörte wieder nicht zu. Er gab lediglich nichtssagende und banale Antworten, um seine Ruhe zu haben.
„Herrlich hier und auch schön warm!“ fauchte Mary. „Was sind denn das für dämliche Antworten?“
„Ja, genau“, brummte Old O’Flynn freundlich.
Martin Correa feixte noch mehr, als Mary kopfschüttelnd mit dem Finger an die Stirn tippte. Aber es sah ganz so aus, als bahne sich bald ein handfester Ehekrach an, denn die resolute Mary ließ sich auf die Dauer nicht mit faulen Antworten abspeisen. Martin kannte das, denn die Snugglemouse konnte ziemlich heftig explodieren, und mitunter ging ihr Temperament mit ihr durch.
Aber noch beherrschte sie sich, wenn auch kopfschüttelnd. Zähneknirschend enterte sie wieder in die Pantry ab, wo sie mit Pfannen und Töpfen hantierte.
Old O’Flynn brabbelte etwas, wischte erneut die Striche aus und vergrößerte den Fleck zu einem schwarzen Gebilde. Nicht einmal die Sauerei auf den Planken störte ihn.
Etwas später lehnte er sich ein wenig zurück, starrte zuerst geistesabwesend in den Himmel und kratzte sich dann ausgiebig das Kinn.
Dann schien er aus einem Traum zu erwachen und sah sich um. Das tat er ziemlich lange und wirkte dabei erstaunt, als sei er total überrascht, in dieser Bucht zu liegen.
„Sieht ja alles ganz anders aus“, murmelte er.
„Wie meinst du das?“ fragte Martin verwirrt.
„Na – diese komische Halbinsel.“
„Aber – wir haben doch vor einer halben Stunde verholt.“
„Ach ja, richtig“, brummte Old Donegal. „Hatte ich fast schon vergessen. Klar, wir haben zur Rutsche verholt.“
„Zur Rutsche?“ fragte Martin fassungslos. Jetzt geht es bei Old Donegal wohl endgültig los, dachte er, jetzt fängt es im Gebälk an zu bröseln und zu bröckeln.
„Äh, zur Bucht natürlich. Laß mich Joch mit deinem Scheiß in Ruhe, ich habe zu tun.“
„Ich habe ja auch nichts gesagt“, brummte Martin, der mit den Schrullen und Marotten des Alten bestens vertraut war. Aber heute schien er im Kopf nicht ganz richtig zu sein.
Old Donegal sah sich jetzt aufmerksam um. Klar, sie hatten verholt, er hatte gar nicht mehr daran gedacht. Er dachte nur noch an seine Rutsche und wo und wie man sie am besten bauen konnte. Denn es war klar, daß eine Pinte her mußte. Schließlich ging es um das Wohl aller, und da durfte eine Pinte nicht fehlen. Das hatte er ja auch schon mit Hasard besprochen.
Er stierte zu der Kiefer hinüber und schrak heftig zusammen, als sich in der Krone etwas bewegte. Da tauchte eine Hand aus dem Gast auf und verschwand gleich wieder. Dann bewegten sich die Zweige, gleich darauf war alles wieder still und bewegungslos. Sekundenlang vergaß er die Rutsche.
„Wir werden beobachtet“, sagte er heiser zu Martin. „Offenbar hockt dort ein Kerl in der Kiefer. Bring mir mal die Muskete! Den knall’ ich da runter wie einen faulen Fisch.“
Martin Correa seufzte. Heute war das schon ein ganz besonderes Kreuz mit dem Alten, der blickte überhaupt nicht mehr durch und sah wieder mal Gespenster.
„Erstens einmal“, sagte er, „pflegen Fische nur in Ausnahmefällen auf Bäumen zu hocken und faule Fische schon gar nicht. Und zweitens ist das unser Ausguck, der Franzose Roger Lutz, den Jean an Land geschickt hat.“
„Und wenn es einer von den Schnapphähnen ist, der vielleicht überlebt hat?“ fragte Old O’Flynn beharrlich weiter.
„Es hat aber niemand überlebt, und ich weiß genau, daß es Roger ist, der da hockt.“
„Na schön“, brummte Old O’Flynn, „und jetzt laß mich gefälligst in Ruhe und frage mir nicht dauernd Löcher in den Bauch. Ich hab’ schwerwiegende Entscheidungen zu treffen.“
„Na, dann gut Treff, Admiral“, sagte Martin ergeben. Der Alte ging ihm heute langsam, aber sicher auf den Geist, und das wollte bei einem Mann wie Martin Correa schon viel heißen.
Old O’Flynn war wieder bei seiner Pinte, und diesen Gedanken spann er jetzt gründlich und sehr ausgiebig weiter. Erneut versank die Welt um ihn herum. Die Gesichter verblaßten zu Schemen, nur der Strand rückte klar und scharf heran.
Hm, der Südhang dieser Bucht, der kam schon eher in Frage. Sieht gar nicht so übel aus, überlegte er. Der Strand war steiler. Da bot sich eine Rutsche schon eher an.
Klar, da könnte man ein festes Pfahlhaus ins Wasser bauen, ein schönes Ding mit starken Pfählen, die man in den Grund rammen müßte.
Natürlich müßte es eine getarnte Luke im Boden haben, falls jemand wieder Stunk anfing, Carberry zum Beispiel oder der Wikinger, die schon durch die alte Rutsche auf der Schlangen-Insel gesaust waren.
Ha, da würden die Krakeeler – schwuppdiwupp – mit einem Affentempo ins Wasser sausen und konnten sich abkühlen!
Old O’Flynn lachte laut auf und rieb sich die Hände. Diese Vorstellung amüsierte ihn köstlich. Sollte der Profos nur anfangen, überlegte er, dem würde er schon zeigen, wo es langging. Wie ein Amboß würde der ins Wasser fliegen.
Er lachte so laut und meckernd, daß Martin verstört zusammenfuhr und ihm einen besorgten Blick zuwarf.
„Der wird sich noch wundern“, sagte Old Donegal laut.
Im Geiste sah er bereits einen nach dem anderen von den Banausen durch die Rutsche flitzen.
„Wer wird sich wundern?“ fragte Martin.
„Na, der Profos. Ganz große Klüsen wird der kriegen.“
Martin hatte nicht die geringste Ahnung, warum sich der Profos wundern und vor allem weshalb er „ganz große Klüsen“ kriegen würde, aber er hakte nicht mehr nach. Außerdem war der Profos auch gar nicht hier, sondern auf der „Isabella“, und die war noch unterwegs und nicht einmal in Sicht.
Er sah Old O’Flynn lange und sehr nachdenklich an.
Ist wohl besser, ihm heute aus dem Weg zu gehen, dachte er. Reden konnte man mit ihm nur Unsinn, und vielleicht kriegte er bei seinen krausen Gedankengängen etwas in den falschen Hals.
„Jaja, der Profos wird sich noch wundern“, sagte Martin beschwichtigend und verzog sich weiter nach vorn.
„Der Wikinger auch!“ brüllte Old O’Flynn und ließ wieder dieses schreckliche meckernde Lachen vom Stapel.
„Jaja, der auch“, murmelte Martin.
Old O’Flynn spann seine Überlegungen weiter. Er war gerade dabei, auszurechnen, wie tief die Pfähle seiner Pinte ins Wasser gerammt werden mußten, damit die Kneipe nicht umfiel. Natürlich durfte sie bei Hochwasser auch nicht unter Wasser stehen. Da war verdammt viel zu überlegen und zu berücksichtigen.
Wenn er dort vorn die Pfähle …
Ein Schatten fiel über die Planken und deckte gnädig den Schmierfleck zu, den Old Donegal auf den hellen Planken hinterlassen hatte.
„Donegal!“ flötete Mary leise. Diesmal klang ihre Stimme gar nicht so wie ein Reibeisen, sie klang eher samtig und weich. „Du hörst heute überhaupt nicht zu. Aber ich muß dir etwas ganz Wichtiges sagen, ja, ich muß dir etwas verkünden.“
Erwartungsvoll sah sie ihn an. Sie stand neben der Pantry und lächelte geheimnisvoll.
Wenn er dort vorn die Pfähle – mindestens sechs mußten es sein – ins Wasser rammte …
„Ich muß dir etwas ganz Wichtiges sagen“, wiederholte Mary. Ein ganz klein bißchen Reibeisen war jetzt wieder in der Stimme und auch ein wenig Ungeduld.
„Wie?“ fragte Donegal zerstreut. „Ist was?“
Mary hatte jetzt die Arme in die Hüften gestemmt. Ihre Augen blitzten, ihre Lippen wurden etwas schmaler.
Dieser Kerl hört nicht einmal zu, dachte sie erbost, der nimmt mich überhaupt nicht zur Kenntnis. Dabei hatte sie ihm wirklich etwas Wichtiges zu sagen. Da half kein Gurren, kein zartes Wort und auch kein Säuseln. Old O’Flynn mußte man auf den Amboß legen und ihm den Scheitel mit dem Vorschlaghammer nachziehen. Diese rauhe Tour verstand er vielleicht.
Er hockte immer noch desinteressiert und scheinbar dröselig herum und war am Rechnen. Ja, mindestens sechs Pfähle mußten dort ins Wasser …
„Du wirst Vater!“ brüllte Mary.
Vorn am Bug der „Empress“ zuckte Martin Correa verstört zusammen. Er zog das Genick ein und schluckte.
„Jaja, bin ich schon“, sagte Old O’Flynn lakonisch. „Sechs Pfähle“, fügte er geistesabwesend hinzu, „ich meine, achtmal bin ich schon Vater. Sieben Söhne, eine Tochter, aber die …“
Der ansonsten liebevollen Snugglemouse ging fast der Gaul durch. Dieser sture Bock! Sie hätte sich die Haare raufen können über sein verdammtes Desinteresse. Jetzt wurde ihre Stimme schrill und lauter, denn sie hatte sich vorgestellt, daß Donegal sie ob dieser erfreulichen Nachricht liebevoll in die Arme nehmen würde. Statt dessen hockte er da und faselte Unsinn.
„Jetzt wirst du zum neunten Male Vater!“ schrie sie, außer sich vor Ärger.
„Du meinst, neun Pfähle?“ fragte Donegal. „Es muß aber immer eine gerade Zahl sein, sonst kann der Bau nicht stehen.“
„Himmel noch mal!“ schrie Mary fuchtig. „Ich rede davon, daß du Vater wirst, Mister O’Flynn. Geht das nicht in deinen verdammten Holzkopf hinein?“
„Was werd’ ich?“
„Vater!“ brüllte Mary. „Du wirst Vater, Mister O’Flynn, und zwar zum neunten Male!“
Old O’Flynn merkte, daß in seinem Schädel etwas klickerte.
„Vater, was?“ brabbelte er. Erst jetzt sah er Mary an, und nun ging ihm offenbar auch ein Licht auf. Aber statt ihr um den Hals zu fallen, begann dieser sture Bock doch wahrhaftig zu rechnen, wobei er die Finger zu Hilfe nahm.
„Was soll das?“ fauchte sie gereizt.
„Ich rechne gerade nach.“
Martin Correa hockte ganz vorn am Bug und grinste still vor sich hin. Er kapierte nicht so genau, um was es ging, aber die beiden hatten sich offenbar ganz schön in der Wolle. Schien sich zu einem handfesten Krach zu entwickeln, wenn Old O’Flynn nicht bald einlenkte. Aber der war noch weit davon entfernt.
„Was, bei allen O’Flynnschen Geistern, rechnest du denn?“ rief sie empört. „Da gibt’s überhaupt nichts zu rechnen, Mister O’Flynn. Schließlich weiß ich, daß ich guter Hoffnung bin.“
„Bin ich auch“, sagte Donegal, „ich hoffe, daß alles klappt mit der neuen Rutsche.“
„Himmel, ist das ein Kreuz mit dir. Du bist ja total verrückt mit deiner Rechnerei.“
Old O’Flynn fiel ein, daß er auf diese Art und Weise mit seiner Rechnerei nicht weiterkam. Schließlich hatte ihm Mary ja etwas Wichtiges verschwiegen.
„Äh, wann, ich meine, wann soll denn das passiert sein mit uns und so?“ stotterte er. „Ich meine – wann …“
„Genau vor zwei Monaten“, sagte Mary. „Seit zwei Monaten habe ich nichts mehr gehabt.“
„Was hast du nicht gehabt?“
Die rothaarige Snugglemouse war fast den Tränen nahe.
„Kein Dingsbums!“ schrie sie. „Stell dich nicht so dämlich an, du alter Bock, du weißt genau, was ich meine!“
„Was für ’n Dingsbums denn?“ stammelte der Alte verwirrt. „Was ist denn das schon wieder?“
„Bist du so dämlich, oder tust du nur so, Mister O’Flynn? Ich habe das seit zwei Monaten nicht gehabt, was eine Frau sonst immer einmal im Monat hat. Kapierst du das endlich?“
„Äh, langsam“, brummelte der Alte, „das ist alles so verwirrend. Du hast zweimal das nicht gehabt, was einmal im Monat – oder umgekehrt? Äh, verdammt, das soll einer kapieren. Da ist ja die Rechnung mit dem Pfahlhaus einfacher. Du mußt nämlich wissen, daß ich mindestens sechs Pfähle …“
Diesmal funkelten die Augen der Snugglemouse so intensiv und gefährlich, daß Old O’Flynn vorsichtshalber das Genick einzog. Seine bessere Hälfte war mächtig empört und so in Braß, wie er sie seit langem nicht mehr erlebt hatte. Ihre Stimme wurde zu einem schrillen Diskant, vor dessen Intensität Donegal zurückwich.
„Deine Pfähle interessieren mich einen Dreck, du Holzklotz! Seit zwei Monaten war nichts mehr, und du faselst dummes Zeug durch die Gegend. Finde dich, verflucht noch mal, endlich damit ab, Vaterfreuden entgegenzusehen.“
„Kann nicht sein“, behauptete Donegal stur. „Außerdem ist das ganz natürlich, wenn das mal ausbleibt. Das lag nämlich an den vielen Aufregungen der letzten Tage und Wochen.“
Und dann begann er aufzuzählen, wobei er erneut die Finger zu Hilfe nahm.
„Da war Arauas Tod, dann der Untergang der Schlangen-Insel, dann der Untergang von Coral Island, dann die Schnapphähne, und dann war da noch …“
„Gar nichts war!“ brüllte Mary wild. „Du faselst Quatsch, Mister O’Flynn!“ Immer wenn sie in Braß war, redete sie Donegal mit Mister O’Flynn an.
„Und du faselst auch Quatsch“, fuhr Old O’Flynn auf. „Ich kann das einfach nicht glauben, Miß Snugglemouse.“
Jetzt ging es los, wie Martin verstört feststellte.
„Was heißt hier Miß Snugglemouse?“ schrie sie empört. „Ich bin eine O’Flynn und ganz legal mit einem dämlichen Ochsen wie dir verheiratet, mit einem sturen Bock, der an nichts weiter denkt als an seine verdammte Pinte. Bau sie doch aus dem Holz, das du in deinem Schädel hast, Mister O’Flynn! Das reicht aus, um noch ein ganzes Dorf zu bauen – und noch ein paar Schiffe dazu.“
Sie zitterte vor Empörung und Ärger, aber Old O’Flynn war mit seinen Nerven auch schon fast auf den Planken, und jetzt wurde er gallig und giftig. Zum einen sah er sich bei seinem „Rutschenbau“ ernsthaft gestört, und zum zweiten sollte er einfach so übergangslos Vater werden. Väterchen Old O’Flynn, was? Das mußte er erst einmal durch den Hals kriegen.
„Ich bin viel zu alt dazu, um Vater zu werden!“ brüllte er fuchtig. „Jawoll, verdammt noch mal, ich bin nicht mehr der Jüngste.“
Er wollte es partout nicht wahrhaben, daß er noch einmal Vater wurde, wie Mary verzweifelt feststellte. Der eigensinnige Kerl stritt einfach alles ab. Es war zum Verzweifeln mit ihm. Da fiel kein liebes Wort, da war kein stolzes Lächeln. Stur und eigensinnig beharrte er darauf, daß er nicht Vater wurde.
Mary schniefte ein wenig. Sie ging nach unten in die Pantry, ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen, und ließ ihn allein neben der Pantry stehen.
Voller Wut nahm sie einen Kochtopf vom Haken und knallte ihn auf die Planken der kleinen Anrichte. Es schepperte und dröhnte.
Old O’Flynn blieb auf beiden Ohren taub. Er war schon wieder am Rechnen, wie viele Pfähle er brauchte.
3.
Als Mary nach einer Weile wieder an Deck erschien, hatte sie die große Bratpfanne in der Hand, hievte eine Pütz Wasser hoch und begann die Pfanne zu schrubben. Old O’Flynn kriegte nur einen äußerst giftigen Blick ab.
Während sie emsig an der Pfanne herumschrubbte, blickte Old Donegal mißmutig über das Wasser. Seine Laune war dahin, er brummelte etwas in seine Bartstoppeln.
„Na, hast du jetzt alles überdacht?“ fragte Mary leise. „Kann man wieder mit dir reden?“
„Mit mir kann man überhaupt nicht reden“, knirschte Donegal sauer. „Schon gar nicht über Vaterfreuden und so ’n Scheiß, weil ich nämlich zu alt dazu bin.“
Mary nahm einen neuen Anlauf, aber der alte Zausel hatte jetzt ausgesprochen schlechte Laune.
Mit sanft klingender Stimme sagte sie: „Es ist aber so, Donegal. Das kommt für dich vielleicht unerwartet, und du mußt damit erst fertig werden.“
„Ich bin schon fertig!“ brüllte Old O’Flynn. „Nämlich mit Gott, der Welt und allem anderen.“
„Kann ich verstehen, überhaupt wenn ich dein Gesicht betrachte. Das sieht aus wie der erste Wagen einer Geisterbahn!“
Vorn am Bug bedauerte der Bootsmann Martin lebhaft, daß er nicht mehr weiterkonnte. Am liebsten hätte er sich verdrückt, denn jetzt ging der Zirkus offenbar wieder von vorn los. So nahm er den Schwabber und benäßte hingebungsvoll und grinsend die Galionsfigur am Bug.
Das mit der Geisterbahn ging dem Alten doch merklich auf die Nerven. Er war stocksauer, denn damit hatte ihm die Snugglemouse ein hartes Ding verpaßt.
„Vielleicht wird das auch ein Geist, von dem du dauernd quatschst!“ schrie er mit knallrotem Schädel. „Ein heiliger Geist, was? Aber was immer das auch wird, ich bin jedenfalls nicht der Vater. Weiß der Satan, wer das war!“
Mary glaubte, sich verhört zu haben. Ihr Gesicht wurde hart und wild. Jetzt verstieg sich Donegal sogar noch dazu, seine Vaterschaft zu leugnen oder anzuzweifeln. Das war zuviel des Guten. Das hätte er nie und nimmer sagen dürfen. Ihr Temperament ging mit ihr durch. Auch sie war jetzt knallrot angelaufen.
„Sag das noch einmal!“ fauchte sie wild.
„Das sag’ ich noch hundertmal!“ keifte Old O’Flynn. „Tausendmal sag’ ich das sogar – und noch mehr, wenn’s sein muß!“
„Und das ist dein voller Ernst, Mister O’Flynn?“
„Mein voller Ernst ist das.“
Da explodierte die rothaarige Frau mit der Reibeisenstimme. In wilder jäher Wut hob sie die Eisenpfanne und knallte sie Old O’Flynn kraftvoll über den Schädel.
Es donnerte so laut, als sei ein Gong geschlagen worden. Martin Correa zuckte so heftig zusammen, als hätte das Ding ihn getroffen.
„So, das ist dein Geist!“ schrie Mary.
Aber das hörte Old O’Flynn kaum noch. In seinem Schädel fand eine bestialisch laute Detonation statt, und dann flogen Millionen bunter Sternchen an ihm vorbei, eins feuriger und farbiger als das andere.
Er wankte und wackelte und setzte sich dann total benommen auf die Planken. Die Welt bestand nur noch aus einem vielfältigen Reigen buntschillernder Dinger, die ihn pausenlos umkreisten.
Mary schmiß wütend die Bratpfanne hin, schluchzte laut auf und verschwand schniefend in der Pantry. Hinter sich donnerte sie das Schott zu, daß es durch die ganze Karavelle dröhnte. Dann schloß sie auch noch ab, wobei sie wieder laut schluchzte.
Old O’Flynn hockte inzwischen wie benebelt auf den Planken und konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Er hörte immer noch das laute Dröhnen der Bratpfanne, und ihm war, als schlage seine bessere Ehehälfte erneut damit zu. Die ganze Welt wackelte und wankte, als er versuchte aufzustehen. Aber das war nicht ganz einfach, er griff ständig haltsuchend um sich.
Martin wollte ihm zuerst zu Hilfe eilen, aber dann ließ er es lieber bleiben. Er hatte da so seine Erfahrungen mit den O’Flynns.
Die faßten das vielleicht als Einmischung in ihr Eheleben auf, und dann donnerte ihm die resolute Mary vielleicht auch noch eine Bratpfanne auf den Schädel.
Am besten war, er tat so, als hätte er von dem ganzen Drama nichts mitgekriegt. Dann war ihm auch die Peinlichkeit erspart, als Zeuge dabeigewesen zu sein. Aber das Grinsen konnte er sich trotzdem nicht verkneifen.
War ja mal wieder ein feiner Ehekrach, dachte er, und die rothaarige Mary hatte es dem alten Rauhbein höllisch gegeben. Er hatte nur nicht genau gehört, um was es eigentlich gegangen war. Nur von „Vater“ hatte er etwas verstanden und daß alle beide außerordentlich giftig waren.
Old O’Flynn war jetzt endlich auf den Beinen. Er schwankte wie ein Rohr im Wind und griff an seinen Schädel.
Ah, da wuchs etwas unter seiner Hand, das so groß wurde wie der in seiner Phantasie wachsende Pfahlbau der Pinte. Himmel, tat das weh! Sein ganzes Gesicht war zerknittert – und dann diese Sterne! Gerade raste wieder ein Komet vorbei, der zischend ins Meer schlug.
Der Alte wackelte ächzend und wie betrunken über Deck und schwankte von einer Seite zur anderen. Er sah wirklich aus, als hätte er randvoll geladen.
Nur weg, dachte er mühsam, sonst flog ihm noch so ein Ding an den Schädel. Mary war darin recht großzügig. Auf Tortuga hatte sie ihm in Diegos Kneipe auch einen Bierhumpen auf den Schädel gedonnert, als er mit ihr anbändeln wollte.
Verflixt, die hatte vielleicht einen Schlag drauf!
Mit glasigen Augen wackelte er weiter. Er wußte kaum noch, was er tat, er wollte nur fort, zum Auslüften, damit er wieder einen klaren Gedanken fassen konnte.
Schnaufend astete er sich voran, wo längsseits die Jolle vertäut lag. Sie verschwamm ständig vor seinen dösigen Blicken und tanzte auf und nieder.
„Halt doch mal an“, brummte er.
Er warf keinen Blick mehr zurück, aber er war immer noch stocksauer. Und wenn er mit schmerzverzerrtem Gesicht nach seinem Schädel tastete, dann wurde ihm angst und bange. Da wuchs ein Horn in die Höhe, das bis in den Himmel zu streben schien. Meilenweit mußte man das Horn sehen können.
„Verdammt, verdammt“, brummte er torkelnd. „Das hat aber gesessen. Väterchen, was?“ brabbelte er weiter. „Daß mich dieser und jener hole, zum Teufel.“
Leise ächzend und vor sich hin schimpfend, enterte er total dösig in die Jolle, ergriff die Riemen und paddelte los wie einer, der zum ersten Male eine Jolle durchs Wasser karrt.
Etwas später erreichte er das Land. Ohne rechts oder links zu blicken, verschwand Old O’Flynn im Ufergestrüpp auf der Südseite der Insel.
Seitdem blieb er für längere Zeit verschollen.
In der Pantry aber stand Mary. Sie schluchzte leise und vergoß ein paar Tränen, aber es waren Tränen der Wut und des Ärgers.
„Dieser Scheißkerl!“ schluchzte sie vor sich hin. „Der begreift überhaupt nichts. Der freut sich nicht einmal und spuckt gleich Gift und Galle, weil er Vater wird.“
Mit dem Handrücken wischte sie sich die Tränen ab.
„Na warte, Mister O’Flynn“, flüsterte sie, „dich werde ich schon hoch auf Trab bringen, bis du jubelst, daß deine Sippe um ein weiteres O’Flynnchen vermehrt wird. Das bringe ich dir noch bei, Mister!“
Mary O’Flynn war hart im Nehmen, und sie hatte Erfahrungen in ihrem Leben gesammelt. Sie hörte auf zu weinen und sah sinnend an das Schott der Pantry.
Männer, dachte sie, zeigten ja mitunter die merkwürdigsten Reaktionen, wenn sie erfuhren, daß sie Vater wurden. Manche reagierten darauf gelassen und friedfertig, andere regten sich furchtbar auf. O’Flynn war eben einer von der Sorte, die sich aufregte und das einfach nicht kapieren konnte oder wollte. Ein altes Ekel war dieser Mister O’Flynn. Aber auch in seinem Herzen würde sich noch eine Wandlung vollziehen, da war sie sich ihrer Sache ganz sicher.
Als sie das alles überdacht hatte, war sie wieder ganz die alte Mary mit dem goldenen Herzen.
Sie entriegelte das Schott und ging an Deck, wo Martin Correa verlegen grinsend herumstand. Man sah ihr auch nicht mehr an, daß sie eben noch geweint hatte.
„Wo ist denn dieser Mister O’Flynn geblieben, Martin?“ fragte sie mit etwas rauher Stimme. Sie sah sich nach allen Seiten um, aber von „Mister O’Flynn“ war weit und breit nichts zu sehen.
Martin räusperte sich verlegen und trat dabei unruhig von einem Bein auf das andere.
„Er – er hat die Jolle genommen und ist an Land gepullt. Er ist da drüben ins Gebüsch gerannt.“
„Gerannt?“ fragte Mary.
„Ja, er hatte es ziemlich eilig. Seitdem habe ich ihn nicht mehr gesehen.“
„Soll er“, sagte Mary grimmig. „Da kann der Kapitän auslüften und darüber nachdenken, was er falsch gemacht hat.“ Und was für ein altes Ekel er ist, fügte sie in Gedanken hinzu.
„Soll ich nach ihm rufen?“ fragte Martin.
„Der findet von allein zurück, Martin. Und wenn er wieder an Bord ist, hat er hoffentlich auch Vernunft angenommen. Sonst soll ihn der Teufel holen.“
„Aye, aye“, sagte Martin. „Soll ich nicht doch lieber …?“
„Nein, er soll nachdenken. Schließlich ist er alt genug, um zu wissen, was er tut.“
Martin bezweifelte das zwar manchmal, aber das behielt er doch lieber für sich. Der Kapitän würde erst mal seinen dösigen Schädel auslüften und dann brav zu Kreuze kriechen. War ja nicht das erste Mal, daß es einen handfesten Krach gab. Danach war Old O’Flynn immer ruhig und bescheiden zurückgekehrt.
In der Cherokee-Bucht gingen die Arbeiten unermüdlich weiter.
Die Schatzbeute war längst an Land gebracht worden, auch die Kanonen standen jetzt an Deck der „Wappen“ und der „Pommern“. Ein paar weitere waren mit den Jollen zum Land gebracht worden.
Die Wein- und Pulverfässer waren ebenfalls ausgeladen und am nahen Strand gestapelt worden.
Am Bug der „Golden Hen“ waren inzwischen unter Hesekiel Ramsgates sachkundiger Anleitung schwere Taljen angeschlagen worden.
Jetzt waren die Männer dabei, Leinen zum Land zu bringen und ebenfalls Taljen an den stämmigsten Kiefern anzuschlagen. Es war kurz nach Mittag.
„Du hast recht gehabt, Hesekiel“, sagte Jean Ribault. „Bis zum späten Nachmittag dürften wir mit dem Anschlagen fertig sein. Ich habe nicht geglaubt, daß wir es so schnell schaffen. Immerhin ist es eine Heidenarbeit.“
Der alte Schiffbaumeister nickte lächelnd.
„Vor Einbruch der Dämmerung sind wir fertig. Ich schlage vor, daß wir dann morgen früh damit beginnen, die Karavelle mit allen Mann auf den Strand zu ziehen und abzupallen. Es ist besser, wenn wir das bei Tageslicht tun. Morgen sind die Männer auch wieder frisch und ausgeruht.“
„Vorschlag angenommen“, sagte der Franzose.
Inzwischen ging Mary O’Flynn nach achtern, wo sich Gotlinde und Gunnhild mit den Kindern aufhielten.
„Hier in der Bucht wimmelt es von Langusten“, sagte sie. „Ein paar haben wir ja heute morgen schon an der Bay gefangen. Aber hier gibt es viel mehr. Die Männer werden hungrig sein, wenn sie mit der Arbeit fertig sind. Wenn wir ihnen dann Langusten, Brot und Wein zum Essen anbieten, wird das für alle ein Festmahl. Wollt ihr mit, weitere Langusten fangen?“
Die Frau des Wikingers nickte begeistert. Auch Gunnhild war sofort eifrig bei der Sache.
„Und wer paßt inzwischen auf die Kinderchen auf?“ fragte sie.
„Martin ist ja an Bord“, sagte Mary, „der kann mal hin und wieder nach den Kleinen sehen. Außerdem sind wir ganz in der Nähe. Da kann nichts passieren.“
Sie nahmen große geflochtene Körbe für die Langusten mit und gingen von Bord.
Martin sah ihnen grinsend nach, wie sie im flachen Strandwasser auf Langustenfang zogen.
Es wimmelte hier wirklich von den Tieren. Alle drei Frauen sammelten mit Feuereifer Langusten ein, die in Strandnähe herumkrebsten.
Mary war so eifrig bei der Sache, daß sie darüber ihren alten Brummbär ganz vergaß.
Innerhalb einer knappen Stunde hatten sie drei Körbe voll.
„Ob das reicht?“ fragte Gotlinde. „Ich kenne doch den Bärenhunger der Kerle.“ Sie sah zweifelnd auf die Masse krabbelnder Leiber, die ihre Fühler nach allen Seiten streckten.
„Wir sammeln noch mehr“, entschied Mary, „es gibt ja genügend. Außerdem haben wir noch reichlich Zeit bis zum Abend. Dann entzünden wir am Südufer der Bucht ein Feuer und bereiten sie zu.“
Erneut herrschte Betriebsamkeit in der Bucht. Während die Männer hart arbeiteten, fingen die drei Frauen weiterhin Langusten, bis kein Zweifel mehr daran bestand, daß sie reichen würden, selbst wenn der Hunger noch so groß war.
4.
Old O’Flynn hatte allen Grimm der Welt in sich. Grollend und vor sich hin brabbelnd, wackelte er aus der Jolle und gab ihr noch einen wütenden Fußtritt.
Dann befühlte er voller Zorn seinen Schädel und erschrak. Himmel, er rannte ja wie ein Einhorn durch die Gegend. Die Beule mußte mindestens zehnmal größer als sein Schädel sein. Er schielte ein bißchen nach oben in der Erwartung, ein recht großes Gebilde zu sehen, aber da war nichts, was ihn mächtig erstaunte.
„Scheißtag“, knurrte er, „die Welt kann mich mal. Die werden mich noch kennenlernen, und zwar gründlich.“
Old O’Flynn stapfte weiter, einfach aufs Geratewohl zog er los und nahm Kurs Nordost quer über die Halbinsel.
So bemerkte ihn auch der Ausguck in der Kiefer nicht, denn Old O’Flynn entzog sich allen Blicken auf seinem eigenwilligen Kurs.
Ein warmer Wind wehte ihm um die Ohren. Über ihm spannte sich ein seidiger Himmel, und aus Osten war leise das Rauschen des Meeres zu hören. Auch das leise Tosen der Wogen, die sich über dem Korallenriff brachen, drang an seine Ohren.
Er hörte es nicht in seinem Zorn. Er sah auch nicht die liebliche Landschaft mit den Palmen, die Dünen, die sanften Täler und das dichte Strandgestrüpp. Er wollte auch gar nichts sehen, er wollte einfach nur mal ein Stück laufen, um diese verdammte Bratpfanne und alles, was dazugehörte, zu vergessen.
Je weiter er rannte, desto mehr kroch der Zorn in ihm hoch. Er kniff die Lippen zusammen und schimpfte leise vor sich hin. Manchmal lachte er auch gallebitter und höhnisch auf.
„Ha, Vater, was?“ schrie er in den blauen Himmel. „Wenn das jedesmal mit der Bratpfanne eingeläutet wird, kann ich darauf verzichten. Außerdem hab’ ich genug Krakeeler in die Welt gesetzt. Bin ich vielleicht der Kalif von Bagdad?“
Fuchtig, gallig und giftig ging er weiter, humpelte durch ein Dünental und griff wieder nach seinem Schädel. Der brummte immer noch wie ein aufgescheuchter Bienenstock. Und von der Beule hatte er das Gefühl, sie würde bis an die Kimm reichen, wenn er sich nur bückte.
Nach einer Weile riß er beide Arme hoch. Da ihn ohnehin keiner hörte, führte er lauthals Selbstgespräche und beklagte sich maulend.
Die Vorstellung, Vater zu werden, lud seinen Zorn immer mehr auf, bis er zum Bersten angefüllt war.
„So ein Quatsch!“ rief er laut. „Da sind ja meine Enkel Hasard und Philip wesentlich älter als mein Sohn, wenn der in sieben Monaten das Licht der Welt erblickt!“
Daß es ein Sohn werden würde, stand für Old O’Flynn natürlich völlig außer Zweifel. Es gab gar keine andere Möglichkeit. Sieben Söhne hatte er schließlich in die Welt gesetzt. Die eine Tochter Gwendolyn war da nur eine Ausnahme gewesen, sozusagen ein Ausrutscher, ein Irrtum.
Er kicherte boshaft und stieß mit seinem Holzbein so heftig in den Sand, daß eine große Wolke vor ihm aufstob.
„Ha, die sind dann schon fast fünfzehn Jahre alt, meine Enkelchen! Und ich bin dann mein eigener Urgroßvater. Das ist verwandtschaftlich gar nicht zu lösen.“
Dann fiel ihm siedendheiß etwas anderes ein, und das entflammte seinen Zorn noch mehr und stachelte ihn wieder mächtig an.
„Verdammt!“ murmelte er betroffen. „Was werden nur die anderen denken? Das spricht sich doch schnell herum, die erstaunliche Tatsache, daß ich wieder Vater werde. Der Profos“, rief er wild, „der wird sich doch halb totlachen, was, wie? Und die anderen erst!“
Er glaubte schon jetzt, das homerische Gelächter Edwin Carberrys in seinen Ohren gellen zu hören. Diese Vorstellung trieb ihn fast zur Weißglut.
„Lach du nur!“ schrie er. „Dir werd’ ich’s schon geigen, und zwar mit dem Holzbein, du Hurensohn! Du bist der erste, der durch die Rutsche geht, wenn sie fertig ist.“
So schrie, rief oder fluchte er vor sich hin. Dann mußte er sich erst einmal in den Sand setzen, um zu verschnaufen. Das alles regte ihn doch mächtig auf – hauptsächlich das selten dämliche Lachen des Profos’.
Er fand, daß seine Beule noch mehr angeschwollen war. Wie der Himmelsdom wölbte sie sich auf seinem Schädel.
Vater – hm – hm. Er dachte an den Wikinger Thorfin Njal. Der war ja auch nicht mehr der Jüngste, der graurotbärtige Riese. Dieser behelmte Nordpolaffe hatte aber immerhin gleich ein Pärchen auf Stapel gelegt. Alle Achtung – Donnerwetter!
Vielleicht wurde es bei Mary auch ein Pärchen – oder vielleicht sogar Drillinge!
Bei dieser Vorstellung brach Old Donegal der Schweiß aus. Um Himmels willen, möglich war schließlich alles.
Zwillinge oder Drillinge, dachte er wie betäubt. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und überlegte krampfhaft, was sein Sohn Dan wohl dazu sagen würde. Nicht zu den Zwillingen oder Drillingen – überhaupt und so! Das war auch noch ein Kapitel für sich. Der „Bengel“ würde ganz sicher auch noch ein paar dämliche Sprüche ablassen, und dann würden sie gemeinsam wie kranke Hengste wiehern, diese Rabauken.
Sehr verdrießlich starrte er grübelnd vor sich hin. Aber das half auch nichts, und so setzte er seinen Marsch ins Blaue wutgeladen fort.
Jetzt war er richtig in Braß, denn hinter jeder Düne, hinter jedem Strauch und Gestrüpp sah er im Geiste Carberry hocken, der sich über ihn halb totlachte.
„Na, du alter Zausel“, würde er höhnen, „hast noch mal was auf Kiel gelegt, was, wie? Wer hätte das von dir gedacht, wo du doch schon älter als Methusalem bist.“
„Verflucht noch mal!“ knurrte der Alte erbittert. „Du gehst sowieso durch die Rutsche, aber vorher wickel’ ich dir noch mein Holzbein achtmal um den Hals.“
Es ging jetzt etwas bergan, eine bewachsene Düne hoch. Eine dichte Gruppe aus Gestrüpp versperrte ihm den Weg.
Aber das focht Old Donegal nicht an. Er war ohnehin in Braßfahrt und rammte blindwütig alles, was ihm im Weg war.
Auch hier durchstieß er voller Zorn wie ein wutschnaubender Bulle das Gestrüpp, doch diesmal erlebte er eine höllische Überraschung.
Übergangslos und ganz überraschend gab der Boden unter ihm nach. Old O’Flynn schnappte hörbar nach Luft. Dann griff er mit einem wilden Schrei um sich.
Aber da war nichts mehr. Höchstens ein großes Loch, in das er hineinfiel und das mitten bis ins Erdinnere zu führen schien.
Er strampelte und schrie, aber der Boden unter seinen Beinen gab ständig nach.
Dieses lausige Gefühl des Fallens kannte er allerdings nur zu gut. Er hatte wieder mal seine „Rutsche“ beschworen, und jetzt war er selbst das Opfer geworden. So war das auch damals auf der Schlangen-Insel gewesen, als er sich im Geist mit dem Bau einer Kneipe beschäftigt hatte und auf die Suche nach einem idealen Plätzchen gegangen war. Damals hatte auch der Boden auf so ähnliche Art nachgegeben, und er hatte eine Höllenreise begonnen, von der er heute noch träumte.
Sein gellender Schreckensschrei riß ab, denn jetzt begann für den geplagten Old O’Flynn ein neuerliches Martyrium, das er sich nicht hätte träumen lassen.
Um ihn herum wurde es dunkel, gleich darauf stockfinster. Seine Gedanken überschlugen sich, denn es ging in höllischer Fahrt abwärts, und das war eine Art Schlittenfahrt, die er auf dem Hintern absolvierte.
Er hatte ja schon einmal davon gehört, daß es geheimnisvolle Löcher in der Erde gab. Fiel man in die hinein, dann blieb man mitten in der Erde stecken. Es hatte aber auch schon Fälle gegeben, bei denen man auf der anderen Seite der Erde wieder herausfiel.
Das nahm Old O’Flynn jetzt allen Ernstes an. Und ausgerechnet ihm mußte das passieren. Er hatte Angst davor, mitten in der Erde steckenzubleiben, aber noch mehr Angst hatte er davor, auf der anderen Seite wieder hinauszufliegen. Denn dann hatte er mit Sicherheit so ein Tempo drauf, daß er ohne weiteres bis zum Mond fliegen würde. Und dann konnte er da mutterseelenallein hocken, und kein Mensch wüßte, was mit ihm passiert war. Und überhaupt – wie sollten sie ihn auf dem Mond jemals finden? Nicht mal der Profos würde ihn da vermuten.
„Ich will nicht zum Mond!“ brüllte er heiser vor Angst.
Aber ob er wollte oder nicht – die Reise ging weiter, vielleicht doch dem geheimnisvollen Mittelpunkt der Erde entgegen, von dem er schon ein paarmal gehört hatte.
Sicher würde er dort ersticken, oder die Erdmännchen würden ihn dabehalten und den Rest seines Lebens nach Herzenslust piesacken.
Er bedauerte sich selbst, wieder völlig unschuldig in eine so mißliche Lage geraten zu sein. Hätte Mary ihm die Bratpfanne nicht auf den Schädel gedroschen, wäre er auch nicht von Bord gegangen.
Jetzt war sie schon fast Witwe, und das bedauernswerte Söhnchen hatte keinen Vater, der es liebevoll aufzog. Logischerweise würde es dann genauso ein Rabauke werden wie der Profos, der ja nichts anderes zu tun haben würde, als ihm faule Sprüche beizubringen.
In seinen Ohren sauste und brauste es. Er zog das Genick ein, streckte abwehrend die Hände vor – und schrie wieder.
Die Fahrt in die Erde wurde noch schneller, noch verrückter. Kühle Luft pfiff jaulend an seinem Schädel vorbei. Er zog das Genick tiefer ein.
Aber da war auch noch etwas anderes, was ihn mächtig plagte – nämlich ein wilder, heißer Schmerz. Der rührte daher, daß er auf dem, Hosenboden rutschte. Weil er höllisch schnell rutschte, erzeugte das auch eine höllische Reibung, und die setzte sich in Wärme um. Das wiederum merkte er an seinem Achtersteven, der offenbar in hellen Flammen zu stehen schien.
Ah verflixt, war das eine Höllenfahrt!
Er sauste wie eine Kanonenkugel durch rabenschwarze Finsternis. Kalte Luft flatterte ihm oben um die Ohren, und weiter südlich war es so heiß, daß er wieder laut losbrüllte. Das war ein Gefühl, als hocke er auf einem Faß glühenden Schießpulvers.
Diese bestialische Sturzfahrt in eine unbekannte Tiefe nahm kein Ende. Old O’Flynn kam es so vor, als würde er schon jahrelang durch diese Vorkammer zur Hölle rasen.
Hölle? Vorkammer zur Hölle?
Ein neuer Gedanke plagte ihn. Mit Schaudern und Schrecken malte er sich aus, daß er auch in der Hölle landen konnte. Warum auch nicht! Sie befand sich ja bekanntlich unter der Erde, wo die geschwänzten Teufelchen ihre Feuersuppe kochten und die armen Seelen zwackten und plagten. Man mußte ja nicht unbedingt gestorben sein, um in die Hölle zu gelangen.
In seiner krausen Vorstellung und seiner abstrusen Gedankenwelt sah Old Donegal alle Schrecknisse dieser Welt auf sich zukommen.
Jetzt sah er schon Sterne, streifte einmal etwas und schrie wieder gellend laut.
„Hilfe!“ brüllte er.
Da war irgendwo ein Poltern und ein Krachen. Vielleicht war das schon der Satan, der mit einer Eisenstange das Feuer schürte. Ein weiteres Krachen ertönte, erneut streifte ihn etwas, diesmal hart am Arm.
Seine Nerven flatterten, er bereute schnell noch alle seine Sünden und bat mit kreischender Stimme um Vergebung. Und man möge ihn doch, bitte sehr, lieber in Ruhe lassen, damit er sein armes Söhnchen versorgen könne.
Es wurde immer heißer. Brüllend heiß war es, kaum noch zum Aushalten. Das Fleisch mußte ihm schon in Fetzen vom Körper hängen und total verbrannt sein.
Old O’Flynn war so genervt wie noch nie in seinem Leben. Aber es sollte alles noch schlimmer werden.
Da war irgendwo ein fahles, unheimliches Licht, das geisterhaft seine Umgebung erhellte. Er spürte auch, daß sich seine rasende Rutschfahrt ein wenig verlangsamt hatte.
In dem diffusen Dämmerlicht erkannte er voller Entsetzen einen leuchtendgrünen, schenkelstarken Arm. Allerdings hatte der Arm keine Hand und keine Finger, aber er war auch so schaurig und unheimlich, besonders weil er in einem giftigen Grün leuchtete. Der Arm hing von irgendwo herab und wurde vor Old Donegals Gesicht immer größer.
Außerdem war das monströse Gebilde mit kleinen, ebenfalls leuchtenden Warzen bedeckt, die in allen Farben schillerten.
Old O’Flynn war so schaurig erschrocken, daß er fast vergaß, den Schädel einzuziehen, als der Arm direkt auf sein Gesicht zufuhr. Etliche Yards war das Monstrum lang, und da zog er doch ängstlich den Schädel ein und schrumpfte in sich zusammen.
Er spürte eine eisige Berührung, wie ein Hauch aus einer eisigkalten Gruft. Feucht war es auch noch, und es roch so eigentümlich.
Total verängstigt rutschte er weiter, immer noch umgeben von diffusem Halbdämmer, einem so fahlen Licht, daß er sich überhaupt nicht orientieren konnte.
Da waren sehr seltsame Gebilde um ihn herum. Rotleuchtende Fackeln, grüne und blaue Schlangen, silberne und golden schimmernde Kerzen mit riesigen Dochten.
Mehr oder minder führte er diese wundersamen Gebilde auf seine überreizte Phantasie zurück, denn so etwas gab es ja schließlich nicht. Oder doch?
Sah es vielleicht in der Hölle so ähnlich aus?
Mal schloß er krampfhaft die Augen, dann öffnete er sie wieder scheu und zaghaft, und immer wenn er diese farbigen Kegel und Stempel sah, überfiel ihn das nackte Entsetzen.
Dämonen und Geister mußten das sein, Totengeister, die ihm die Haare zu Berge stehen ließen. Total verkrampft rutschte er weiter, nachdem er noch einen Einblick in diese grausige Welt erhalten hatte.
Jetzt wurde es dämmriger, fast dunkel, und die Gebilde veränderten sich auf erschreckende Art und Weise. Sie wechselten ihre Farben, bis sie grau oder totenblaß wirkten.
Wieder ging es schneller in die Tiefe. Die Rutsche war jetzt naß und schlüpfrig, und Old O’Flynn sah sich verängstigt nach weiteren Armen oder Fingern um, die aus der Finsternis wuchsen. Vielleicht hatte ihm der Satan nur mal kurz eine Fackel entzündet, damit er einen Einblick in das Höllenreich hatte.
Er war allein, der einsamste Mensch auf der Welt, verlassen auf dem Weg zum Fürsten der Hölle, der ihn sicher gleich mit glühenden Gabeln empfangen würde.
Er wußte auch nicht, wie lange er schon durch diese Finsternis rutschte, er hatte jegliches Zeitgefühl verloren.
Über sein Granitgesicht rann der Schweiß in Strömen. Seine Augen waren zusammengekniffen, die Lippen hart aufeinandergepreßt, und sein Herz schlug wie ein großes Hammerwerk in seiner Brust.
Er stieß gleichzeitig Gebete und Flüche aus, denn die jetzt wieder herrschende Finsternis ließ ihn fast rasend werden. Er wußte auch nicht mehr, was um ihn herum war. Sicher wieder diese glühenden Arme oder unheimliche Teufelsfinger, die nach ihm griffen.
Old O’Flynn war zwar ein eisenharter Kerl, der vor sichtbaren Gegnern nicht die geringste Angst hatte. Aber hier war das alles ganz anders. Hier glich er einem schlotternden Nervenbündel, denn die Geister, die um ihn herum waren, konnte er nicht fassen. Sie lauerten unsichtbar und versteckt auf ihn. Das war es, was ihn so nervte.
Wieder sah er übergangslos schummrige Helligkeit. Ihm war, als befände er sich tief unter Wasser, wo alles verzerrt wirkte.
Da hingen kreuz und quer farbige leuchtende Zapfen von einer unsichtbaren Decke herab, da wuchsen Säulen und Wülste von unten nach oben, und da blitzte und funkelte es grell.
Dann war wieder Nacht, und er schloß erneut krampfhaft und leise fluchend die Augen.
Seine Rutschpartie wurde jählings beendet. Irgendwo in der Dunkelheit wuchs wieder eine dieser schimmernden Säulen auf, und die beendete seine unglückliche Reise abrupt.
Mit dem Holzbein voran landete er unter ohrenbetäubendem Krachen und Poltern an einem dieser bizarren Gebilde. Es gab einen heftigen Ruck, ein Krachen und Splittern folgte. Old O’Flynns rechtes Holzbein zersplitterte und flog auseinander.
Aber das war noch nicht alles. Irgendwo in der Dunkelheit stand da noch eine weitere Säule, und an die stieß er voller Wucht mit seinem ohnehin geplagten Schädel.
Ein wilder Schmerzensschrei entfuhr ihm. Da war die Bratpfanne seiner lieben Mary aber wesentlich sanfter gewesen. Vor seinen Augen zerplatzte die Welt in einem farbigen Reigen. Wieder sah er Sterne, die explosionsartig nach allen Seiten davonstoben.
„Hölle und Teufel“, krächzte er, doch die Worte wurden nur noch ein hilfloses Lallen.
Für Old O’Flynn gingen nach dem Feuerzauber sämtliche Lichter aus. Er fiel in eine bodenlose Finsternis und verlor das Bewußtsein. Er merkte auch nicht mehr, daß er in einer flachen, muldenartigen Wanne lag, in der sich Tropfwasser aus der Kalksteinhöhle sammelte.
5.
Als Old Donegal wieder zu sich kam, war er noch dösiger als vorher und begriff nicht gleich, was eigentlich vorgefallen war.
Er glaubte, grelle Lichter zu sehen, Feuerschweife, die auf ihn zurasten, dann brach wieder Finsternis herein, und eine entsetzliche Stille herrschte.
Tropf-tropf, hörte er, und nach jedem Tropfen vernahm er ein leises Platschen. Monoton und unheimlich klang das. Es hörte sich jedesmal an, als kichere jemand unsichtbar im Hintergrund oder lache ihn aus.
Es dauerte nochmals eine ganze Weile, bis ihm einfiel, daß er farbige Säulen gesehen hatte und jetzt eigentlich im Mittelpunkt der Erde sein müsse.
Er zuckte heftig zusammen, als ihm etwas auf den Schädel fiel. Kalt und naß war es wie eine ins Wasser gefallene Kakerlake, die nun langsam über seinen Schädel kroch. Es schüttelte den Alten richtig.
Ein zweiter Wassertropfen landete auf seinem Schädel, genau auf der empfindsamen „Bratpfannenbeule“. Und wieder glaubte er, das hämische Kichern in der einsamen Stille zu hören.
Schwatzten da nicht ein paar unsichtbare Männchen miteinander?
Unter ihm war es ebenfalls naß, feucht und kalt. Als ihm der dritte Tropfen auf den Schädel klatschte, fuhr der Alte entnervt zusammen.
„Himmel, Arsch!“ brüllte er wild. „Bei allen Heiligen …“
„Heiligen“, tönte es flüsternd zurück. Das Flüstern verstärkte sich und wurde immer lauter. Von überall her riefen Geisterstimmen das letzte seiner Worte pausenlos zurück. Dann war ein Schmatzen und Gurgeln zu hören, das ihm fast den Verstand raubte.
Schaurig und hohl klang es. Jetzt wanderte die Stimme weiter und verlor sich in endloser Ferne erneut zu einem Wispern.
Ihm gefror vor Angst das Blut in den Adern. Er sah sich noch etwas rammdösig und benommen um, konnte jedoch absolut nichts von seiner Umgebung erkennen. Da war alles schwarz, rabenfinster wie in einem Holzkohlensack.
Endlich war auch die Geisterstimme verklungen, vor der er sich so fürchtete. An ihrer Stelle war da ein leises Wispern und Raunen, das aus der Unendlichkeit zu stammen schien.
Jetzt schlichen sie heran, die geschwänzten Beelzebuben, die kleinen Teufelchen, bei denen er zwangsläufig zu Gast war. Sie kamen, um ihn zu holen und in den großen Kessel zu werfen, wo sie seine Seele so lange kochten, bis sie pechschwarz war.
„Nein!“ brüllte er.
Augenblicklich bereute er, daß er den Mund aufgetan hatte. Denn nun setzte wieder dieser schaurige Effekt ein, der seine Worte verzerrte, sie verstärkte und zu einem lauten Dröhnen werden ließ.
„Nein – nein – nein“, ertönte es von allen Seiten zu seinem Entsetzen. Sie verhöhnten ihn, die Gnomen, Trolle oder Erdmänner, die sich hier ein unsichtbares Stelldichein gaben. Oder die Teufel waren es, die so schaurig und schrecklich all seine Worte nachäfften.
Aus dem abwehrenden „Nein“ wurde ein Konzert, eine Kakophonie schaurig klingender Töne, die wie in einer riesigen Kathedrale widerhallten. Mal wurden sie lauter, dann leiser, dann kehrten sie zurück, bis die gesamte Umgebung heftig vibrierte.
Am liebsten wäre er wieder in eine wohltuende Ohnmacht gefallen, aber wie es aussah, mußte er wohl all die Schrecken bei vollem Bewußtsein durchstehen und erleben.
Reglos blieb er noch eine Weile in der Nässe liegen. Er fluchte jetzt auch nur noch lautlos, damit ihn die Geister nicht hörten.
Wo bin ich bloß? fragte er sich immer wieder beklommen. Was befindet sich um mich herum?
Er fand darauf keine Antwort. Er verhielt sich jetzt absolut still und ruhig. Wenn er sich nicht bemerkbar machte – so seine abstrusen Vorstellungen –, dann würden ihn „die anderen“ vielleicht auch gnädigerweise in Ruhe lassen und das Interesse an ihm verlieren.
Aber selbst das hielt er nicht lange in dieser fürchterlichen Umgebung aus. Zudem konnte er nicht auf ewig in der Finsternis liegen und auf ein Wunder warten.
Nach endlos langer Zeit erhob er sich und wollte aufstehen.
Da merkte er, daß es nicht ging. Sein Holzbein war beim Teufel und zersplittert. Richtig, vorhin hatte es auch so entsetzlich laut gekracht und gesplittert.
Auch das noch! dachte er verbiestert. Jetzt konnte er nicht einmal mehr laufen. Völlig hilflos war er.
Verdammt, verdammt, warum hatte ihm Mary auch diese lausige Bratpfanne auf den Schädel hauen müssen! Daß er die Reaktion selbst herausgefordert hatte, kam ihm überhaupt nicht in den Sinn. Jetzt war seine bessere Ehehälfte an allem schuld. Jetzt konnte sie auch sehen, wie sie mit den Drillingen fertig wurde. Ja, ganz sicher würden es Drillinge werden. Zwei Söhnchen kamen selten allein.
Mit einem Ruck richtete er sich auf. Schließlich war er ein O’Flynn, und die waren hart im Nehmen und Austeilen.
Daß über ihm ein riesiger Stalaktit von der Decke hing, konnte er nicht ahnen. Er hatte auch noch nie etwas von Stalaktiten oder Stalagmiten gehört.
Jetzt schloß er erneut ihre Bekanntschaft.
Ein gewaltiger Gong begann zu hallen, als wenn in Old O’Flynns malträtiertem Schädel eine riesige Glocke geschlagen würde. Ein spürbares Schwingen und Vibrieren pflanzte sich nach allen Seiten fort, und wieder klang es geisterhaft hohl von allen Ecken zurück.
Diesmal war der Alte so benebelt und rammdösig, daß er nahe daran war, seinen Geist aufzugeben.
Ein wilder, furchtbarer Schmerz durchzuckte seinen Schädel, und zum dritten Male brannte ein Feuerwerk vor ihm ab, das ihn bis ins Mark seiner Knochen erschütterte. Der heilige Bimbam selbst schien mit einem funkensprühenden Hammer zugeschlagen zu haben.
Ächzend sank Old O’Flynn in die muldenähnliche Vertiefung zurück.
Nein, dachte er entsagungsvoll, an diesem höllischen Tag hatte sich alles gegen ihn verschworen. Er war aus der Liste der Begünstigten endgültig gestrichen worden, und nicht einmal ein Hund würde mehr einen Knochen von ihm nehmen. Gott und die Welt hatte er gegen sich und ein Schicksal, das es ausgesprochen bösartig mit ihm meinte.
Von wegen – Vater werden ist nicht schwer! Ein Martyrium war das. Achtmal war alles glattgegangen, doch jetzt hatte der Satan persönlich die Sache in die Hand genommen und zahlte es ihm heim.
Eine glühende Sonne raste auf ihn zu, ein feuriger Ball aus Glut und greller Lohe. Dicht vor seinen Augen flog sie auseinander, berstend und krachend, zersplitternd und dröhnend, als würde die gesamte Welt in Fetzen gerissen.
Das mußte jetzt die dritte oder vierte Beule auf seinem Schädel sein, schätzte er. Mindestens drei riesige Hörner wuchsen ihm.
Die Dösigkeit übermannte ihn fast. Er fühlte sich wie einer, der viel zuviel gesoffen hatte und jetzt mit einem riesigen schmerzenden Schädel herumrannte.
Ein feiner Tag war das heute! Wenn er davon nur die geringste Ahnung gehabt hätte, dann wäre er gar nicht erst aus der Koje gestiegen.
Old O’Flynn bemitleidete sich selbst. Er hatte die Nase voll von den bunten feurigen Sternchen, die ihn dauernd umkreisten. Er konnte einfach nicht mehr.
Ha! Aber die Heiligen konnten ihm vielleicht noch helfen. Er hatte sie nur selten gebraucht, weil er sich immer selbst geholfen hatte. Aber für was waren die Burschen schließlich da!
Er versuchte es erst mit dem guten Sankt Elmo, weil der schon öfter mal auf dem Schiff gehockt und sie erschreckt hatte.
„Hol mich raus aus der Hölle!“ flüsterte der Alte so leise, daß es keinen Widerhall gab.
Doch Sankt Elmo ließ nichts von sich hören, jedenfalls unternahm er nicht das geringste, um den geplagten Alten aus seiner mißlichen Lage zu befreien. Vielleicht aber war er auch gerade anderweitig beschäftigt.
Old O’Flynn lauerte noch ein bißchen, doch Sankt Elmo schwieg sich sehr gründlich aus.
Na, es gibt ja noch mehr, dachte er unwirsch. Einer von ihnen würde ihm wohl aus seiner brenzligen Situation helfen.
Ziemlich ungeduldig wandte er sich an den heiligen Nothelfer Antonius. Der war eigentlich für Wind und Wetter verantwortlich, so daß Old O’Flynn bezweifelte, daß er hier etwas ausrichten konnte.
„Hilf mir, wenn du so ein Mann bist, wie man von dir sagt“, murmelte er vor sich hin.
Das Murmeln klang nun schon etwas lauter als das Flüstern. Daher bestand die Antwort des heiligen Antonius auch nur aus einem hohl klingenden Gemurmel, das sich eine ganze Weile fortsetzte. Damit ließ es der Patron aber auch bewenden.
Old O’Flynn überlegte angestrengt. Klar, er konnte sich noch an den vornehmsten Patron der See wenden, und das war der heilige Nikolaus, aber der gehörte den Franzosen und hatte im fernen Frankreich offenbar genügend zu tun. Oder er war nicht bereit, einem in der Klemme sitzenden Engländer zu helfen.
„Wenn du mir nicht hilfst“, knurrte Old Donegal erbittert, „dann sei darauf gefaßt, daß dein Ansehen bei mir arg leiden kann. Genauer gesagt, dann hast du bei mir endgültig Verschissen!“
So haderte und schimpfte er mit den Heiligen, die partout nicht auf sein Anliegen eingehen wollten.
Hm, überlegte er, wenn die Kerle zu faul zum Helfen waren, konnte man es ja mit der Santa Barbara versuchen. Die war die Patronin der Artillerie und hatte gewissermaßen ja auch mit ihnen zu tun.
War wohl nichts, dachte er nach einer Weile. Dann griff er sich gedanklich den heiligen Sankt Michael heraus.
Als der sich auch nicht meldete, wurde Old O’Flynn giftig.
Was, zum Teufel, bildeten sich diese Kerle eigentlich ein, ihn hier unten hocken und vergammeln zu lassen! Brauchte man sie nicht, dann waren sie gleich scharenweise zur Stelle, erflehte man aber ihre Hilfe, dann versteckten sie sich.
Jetzt überlegte er ernsthaft, ob er sich nicht an Old Nick persönlich wenden sollte. Den Höllenfürsten hatten ja schon viele Seeleute überlistet, und da Old O’Flynn ein geriebenes Schlitzohr war, konnte er Old Nick vielleicht auch auf irgendeine Weise austricksen.
Er mußte ihm dann allerdings schon seine Seele verschreiben, darauf würde dieser Schwefelstinker ganz sicher bestehen. Aber den Zeitpunkt konnte er ziemlich lange hinausschieben, und bis dahin fiel ihm sicherlich noch ein ganz mieser Trick ein.
„Old Nick“, hauchte er zaghaft, „ich will hier raus, verdammt!“
Old Nick hatte natürlich ein Einsehen. Der war immer gleich zur Stelle, wenn es etwas abzustauben gab. Der Teufel ließ sich kein Geschäft entgehen.
Wie üblich kündigte er sich mit so lautem Getöse an, daß Old O’Flynn fast zu Tode erschrak.
Es polterte und rumpelte, und dann schien die Welt einzustürzen.
In seinen Ohren kreischte es, Gegenstände flogen umher und rollten mit wahnwitzigem Tempo an ihm vorbei.
Der vom Aberglauben geplagte Old O’Flynn war einem Zusammenbruch nahe. Er hatte den Teufel beschworen, dachte er ängstlich, und der pfiff ihm was, der kassierte gleich seine Seele, ohne irgendeine Vorleistung zu geben.
Schnell und bedenkenlos wandte er sich erneut an Sankt Elmo, und der hatte glücklicherweise ein Einsehen. Das Poltern hörte auf, aber erst, nachdem Old O’Flynn noch ein kräftiges „Misericordio!“ dazugebrüllt hatte. Die Sache mit Old Nick konnte er vergessen, die war viel zu gefährlich.
Aber Sankt Elmo hatte diesmal rechtzeitig geholfen, oder es war sein Talisman, den er ständig um den Hals trug. So genau ließ sich das nicht unterscheiden.
Old Donegal wußte nicht, daß ein paar Yards entfernt oberhalb von ihm ein Stalaktit aus der Decke gebrochen war, ein jahrhundertealter Kalkzapfen, der die Erschütterungen nicht überstanden hatte. Das Gepolter des zerbrechenden Zapfens hatte er für die Annäherung Old Nicks gehalten.
Aber jetzt herrschte endlich wieder Ruhe, wenn er von dem nachrollenden Echo absah, das noch eine Weile lang grummelte.
Old O’Flynn hatte sich so in seine Geisterwelt und Phantasie eingesponnen, daß er alles für bare Münze nahm. Er hätte Stein und Bein darauf geschworen, daß Old Nick hiergewesen war, und er hielt jetzt noch jede Wette, daß er sich im Vorhof zur Hölle befand, ziemlich dicht am Mittelpunkt der Erde. Dabei hatte er noch das unvorstellbare Glück gehabt, nicht tiefer zu fallen oder auf der anderen Seite einfach hinauszufliegen. Dann würde er jetzt vielleicht auf dem Mond hocken und konnte seine „Empress“ von dort oben aus betrachten.
Krampfhaft überlegte er wieder, was jetzt zu tun sei. Er konnte jedenfalls nicht hier hocken und bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag warten. Andererseits konnte er sich mit dem zersplitterten Holzbein aber auch in dieser unbekannten Umgebung nicht richtig bewegen. Bestenfalls konnte er auf den Knien rutschen.
Und wohin? In die Finsternis, wo er sich vielleicht zum zehnten Male den Schädel stieß?
Er tastete mit den Händen vorsichtig um sich und zuckte heftig zusammen, als ihm erneut ein Wassertropfen auf den Schädel fiel.
Verdammt naß und kühl ist es in diesem Backtrog, dachte er angewidert. Wie in einer Gruft lag er darin.
Dann fiel ihm ein, daß er Feuerstahl, Flint und Zunder in seinen Taschen bei sich hatte. Das hatte er immer dabei, denn es war oft erforderlich, ein Feuer oder eine Fackel zu entzünden. Jeder Seemann trug so etwas mit sich herum, genau wie sein Messer.
Unendlich vorsichtig, um nicht wieder anzuecken, schob er sich aus der nassen Mulde und hockte sich etwas abseits auf den Boden, der grob und uneben war. Da wuchsen überall kleine Hörner und Zacken. Manche Stellen waren aber auch glatt und wie poliert.
Sein Holzbein war zwar nur noch ein zersplitterter Stecken, aber es konnte ihm noch gute Dienste leisten, wenn er sich hier orientieren wollte. Er mußte herausfinden, wo er gelandet war, sonst wurde er am Ende noch wahnsinnig. Ganz dicht davor, den Verstand zu verlieren, war er ja schon.
Er schnallte das Holzbein ab, hielt aber immer wieder bei seinem Tun inne und lauschte angstvoll nach allen Richtungen. Sobald sich die Geräusche vervielfältigten oder zu laut wurden, hörte er auf und wartete, bis das geheimnisvolle Raunen und Flüstern beendet war.
Dann tastete er nach dem Messer im Versteck des Holzbeines. Ferris Tucker baute ihm in jedes neue Holzbein immer gleich eine Hohlkammer ein, in die ein scharfes Messer hineinpaßte.
Diesmal grinste er diabolisch, als er das Messer in der Faust hielt. Wenn sich jetzt ein kleiner Beelzebub anschlich, dann würde er ihn mit dem Ding erst einmal gehörig kitzeln.
Wieder lauschte er nach allen Seiten. Irgendwo, sehr weit entfernt, murmelte etwas. Hörte sich nach einem Bächlein an oder einem Rinnsal, das da floß. Himmel, wo mochte er sich nur befinden?
Er hockte jetzt auf dem Achtersteven und säbelte hingebungsvoll ein paar Späne von dem nutzlos gewordenen Holzbein ab. Die legte er ebenso vorsichtig vor sich auf den Boden, packte das Holzbein daneben und fummelte in seinen Taschen nach den Utensilien, um ein kleines Feuer zu entzünden oder sich zumindest eine kleine Behelfsfackel herzustellen, daß er mit deren Licht seine unheimliche Umgebung erkunden konnte.
Das alles ging sehr umständlich in einer unbequemen Lage vor sich. Aber Old O’Flynn hatte Zeit und Ausdauer. Außerdem war es ihm gar nicht so sehr eilig. Wenn erst einmal die Späne brannten, wurde er vor Angst vielleicht ohnmächtig, denn er hatte nicht die geringste Vorstellung, wie es in seiner unmittelbaren Umgebung aussah.
Als er alles beisammenhatte, schlug er ein paar Funken. Im kurzen Lichtblitz der kleinen Funken sah er es überall aufblitzen, und das stachelte ihn nicht gerade zu sonderlicher Eile an. Da blitzte es in allen möglichen und unmöglichen Farben, und er fühlte sich immer unbehaglicher.
Teufel auch, das hier mußte eine ganz eigentümliche Umgebung sein, etwas, das er sicher noch nie in seinem Leben gesehen hatte. Oder war das vielleicht eine Schatzhöhle, angefüllt mit Gold und Edelsteinen, die im schwachen Licht so funkelten?
Nach ein paar weiteren Versuchen begann der Zunderschwamm zu glimmen. Bevor er ihn anblies, sah er sich noch einmal nach allen Seiten um. Vielleicht stand da jemand unmittelbar neben ihm, denn er hatte ständig das Gefühl, als streife ihn ein eisiger Hauch.
Mit einer Gänsehaut auf dem Rücken blies er in den Zunder, bis der kräftig zu glimmen begann. An der Glut entzündete er dann den langen dünnen Span, den er von seinem Holzbein abgesäbelt hatte.
Er hob die provisorische Fackel hoch, blies noch ein bißchen kräftiger und sah, daß sie jetzt brannte. Dann hielt er sie hoch über seinen Kopf und sah sich um. In der anderen Hand hielt er das scharfe Messer, und so stand er einbeinig da.
6.
Dann traf ihn fast der Schlag, als das Licht seine Umgebung schwach erhellte. Der Anblick war so furchtbar, daß Old O’Flynn stolperte, auf einem Bein herumhüpfte und sich prompt auf den Boden setzte. Dort blieb er mit verzerrtem Gesicht und weit aufgerissenen Augen hocken.
Wenn er daran dachte, was er im Laufe seines langen Lebens schon alles gehört und gesehen hatte, dann war das hier die übelste und schlimmste Schreckenskammer der ganzen Welt.
Ein heiseres Krächzen drang über seine Lippen. Sein Blut rieselte wie Pulver durch seine Adern, und auf der Stirn stand ihm der Schweiß in dicken großen Perlen.
Nein, das gibt es nicht, dachte er schaudernd. Das durfte einfach nicht wahr sein.
Jetzt ging seine Phantasie erst richtig mit ihm durch, und er sah Dinge, die es gar nicht gab und nur in seinem Schädel existierten und dort Gestalt annahmen.
Er befand sich im bizarren und total perspektivisch verzerrten Vorgarten eines Hexenmeisters. Da gab es riesige Drachenzähne, furchterregende Kalbsköpfe mit wulstigen Lippen, glühenden Augen und aufgerissenen Mäulern, die ihn höhnisch angrinsten. Männchen mit riesigen Quellköpfen und bis zum Boden wuchernden roten Bärten standen schweigend da und grinsten höhnisch. Da drüben stand eine alte Hexe mit einer riesigen Kiepe auf dem Rücken. Sie hatte sich gerade umgedreht und starrte ihn hämisch kichernd an.
Der Alte war wie vom Donner gerührt. Er erstarrte buchstäblich zur Säule und konnte sich vor Angst und Schrecken nicht bewegen. Er verdrehte nur die Augen, bis er schielte.
Das hier war die bizarre Wunderweit aus frühen Kindertagen, die er nur vom Hörensagen kannte. Hier gab es alles das, was sie ihm in seiner Kindheit schon erzählt hatten und Jung O’Flynn damals gierig wie ein Schwamm in sich aufgesogen hatte. Da hatte es ihn ganz schön gegruselt, und jetzt war er selbst in eines dieser bizarren Geisterreiche eingedrungen.
Dort schliefen eingetrocknete Mumien auf einer langen Bank, mit verdorrten langen Händen, die wie Wurzeln aussahen. Eine von ihnen schlief jedoch nicht, denn sie blinzelte aus grünlichen Augen ständig zu ihm herüber.
Aber da gab es auch eine Gruppe furchterregender Kerle mit langen steinernen Bärten. Und an einem runden Tisch hockte ein alter Mummelgreis, dessen feuerfarbener Bart mitten durch die Platte gewachsen war.
Old O’Flynn hielt sich bei diesem Anblick nur noch mühsam aufrecht. Er wollte schreien, ächzen, stöhnen, aber seine Kehle war wie zugeschnürt, als hätten sich die verdorrten Finger der Mumien um seinen Hals gewickelt.
Er hockte nur da, schnatterte, bibberte und wackelte wie ein Pudding. Alles schlotterte an ihm. Aber immer noch brachte er keinen einzigen Ton heraus.
Da drüben, an einer endlos hohen Wand, stand der Hexenmeister vor seinen Drachenzähnen. Ein giftiges Maul schien nach ihm zu schnappen. Der Kerl stand da in einer feuerroten Robe mit einem grünen Schal und kohlschwarzen Augen. Und einen weißen, bis zum Boden wallenden Bart hatte er, in dem ein Spalt klaffte. Zwei Hauer wie bei einem wilden Keiler schauten heraus. Der Kerl grinste gemein und abfällig, und sein großes Maul mit den Hauern öffnete sich langsam.
Old O’Flynn glaubte jetzt ganz deutlich Stimmen zu hören, leise wispernde Stimmen, aber auch keifende oder murmelnde.
„Was tust du in meinem Zaubergarten?“ fragte der Hexenmeister mit drohender Stimme.
„Ich – ich will ja gar nichts“, jammerte Old O’Flynn, dem ein eisiger Schauer nach dem anderen über den Rücken lief.
Die Hexe an der anderen Seite kicherte boshaft.
„Er will die Drachenzähne stehlen!“ keifte sie.
„Will ich nicht“, sagte Old O’Flynn, aber das bildete er sich nur ein, denn in Wirklichkeit sagte er nichts. Er wollte es zwar sagen, doch die Stimme versagte ihm den Dienst.
Als er noch einmal hinsah, war der Hexenmeister spurlos verschwunden. An seiner Stelle saß da ein fettes Männchen mit einem riesigen Kalbskopf und langen, spitzen Giftzähnen.
Old O’Flynn geriet von einem Extrem in das andere. Total verstört und erledigt hockte er da und hielt den brennenden Span über sich.
Die Umgebung veränderte sich immer wieder auf furchteinflößende Art und Weise. Auch das wundersame Spiel der Farben wechselte ebenso wie die schaurigen Gestalten.
Längst am Ende seiner Nerven, sah Old O’Flynn die eigentümlichen und bizarren Figuren langsam verblassen. Alle schienen sich lautlos auf ihn zuzubewegen, bis sie ihn von allen Seiten eingekreist hatten. Alles wurde jetzt grau und fast gegenstandslos.
Mit einem Schlag verschwand der Geisterreigen aus Mumien, Hexen und Giftzwergen.
Erst jetzt bemerkte Old O’Flynn, daß seine provisorische Fackel erloschen war. Er hatte schon geglaubt, er müsse jetzt sterben und würde in den bizarren Figuren aufgehen und mit ihnen verschmelzen.
Von namenlosem Grauen geschüttelt, entzündete er mit zitternden und flatternden Händen den nächsten Span. Seine Zähne schlugen bretthart aufeinander, seine Hände flatterten so, daß er kaum in der Lage war, den nächsten Span zu entzünden.
Als der Schein zögernd aufflackerte und gespenstische Schatten warf, veränderte sich auch das Schreckenslabyrinth in beängstigender Weise.
Er war offenbar wieder in einen anderen Hexen- oder Geistergarten versetzt worden. Auch die Farben waren ganz anders.
Daß das auf einen ganz natürlichen Lichtbrechungseffekt in der Tropfsteinhöhle zurückzuführen war, konnte Old O’Flynn nicht wissen. Er hatte noch nie eine Tropf- oder Kalksteinhöhle gesehen und schon gar nicht betreten. Und weil er eine ausgeprägte Phantasie hatte, wurde das alles nur noch schlimmer, pittoresker und bizarrer.
Eine neue Scheinwelt mit Ausgeburten der Hölle tat sich vor seinen entsetzten Augen auf.
Der Alte fühlte sich wieder in seine Kindheit zurückversetzt und lauschte den Schauermärchen, die am Kamin um Mitternacht erzählt wurden. Da war nur von Geistern, Toten, Hexen, Teufeln, Dämonen und Unholden die Rede. Und das alles hatte er immer gierig in sich hineingefressen und sein Leben lang bewahrt.
Jetzt kehrten die abnormen Gestalten zurück und offenbarten sich ihm, als seien sie aus Fleisch und Blut.
Sobald Old O’Flynns zitternde Hände die provisorische Fackel auch nur um eine Kleinigkeit bewegten, kehrte neues Leben in die Gnomen, Trolle und Zwerge.
Da war an einem steinernen Brunnen der Triefgurker mit der fürchterlich langen Nase, der auf einem großen Rentier hockte und ihn grimmig und feindlich anstarrte.
Aber auch andere Geschöpfe gab es da. Um einen hünenhaften bärtigen Gesellen mit großen Tränen in den Augen hatten sich Elfen und Gnomen, Kobolde und Uldras versammelt, die ihm wie gebannt zu lauschen schienen.
Der grausame Hexenmeister stand jetzt ganz im Hintergrund und schien sich an seiner Angst zu ergötzen. Die Hexe sah er nicht. Offenbar hielt sie sich zwischen buntschimmernden riesigen Orgelpfeifen versteckt. Stimmen flüsterten und raunten. Hämisches Kichern war zu hören, und merkwürdig glucksende Laute erklangen. Von etlichen der Orgelpfeifen rannen Blutstropfen herab, die auf den schimmernden Boden fielen. Von unten wuchsen wieder andere Orgelpfeifen nach oben, und manche hingen einfach so von einer sehr hohen und unsichtbaren Decke nieder, als würden sie gleich abstürzen.
Old O’Flynn war immer noch steckensteif vor Angst. Sein Genick schmerzte, die Augen quollen ihm fast aus den Höhlen, und er spürte eine jämmerliche Angst von den Zehenspitzen bis in den Kopf.
Er war hier eingedrungen, und jetzt erhielt er die Quittung, denn diese Zauberwelt durfte kein menschliches Auge sehen. Deshalb lag sie auch so unendlich tief unter der Erde, jedem menschlichen Blick entzogen.
Aber er war hier nicht eingedrungen, er war nur versehentlich hineingeraten, durch einen Unfall sozusagen, und daraus konnte man ihm schließlich keinen Vorwurf machen.
Er war völlig schuldlos, und er hätte alles darum gegeben, von hier so schnell wie möglich wieder verschwinden zu können.
Doch offenbar gab es keinen Weg aus der Finsternis zurück.
Wie gebannt starrte er auf die vielen Gesichter, die ihn aus allen Ecken belauerten. Dämonische Augen funkelten ihn an, verkrüppelte Hände waren erhoben, als wollten sie nach seinem Hals greifen, um ihn umzubringen.
Er hatte jedoch noch die Nerven, schnell einen neuen Span zu entzünden, bevor der andere verglühte. Das geschah aber mehr instinktiv, denn die Finsternis ängstigte ihn noch mehr. Bei Licht konnte er die Gestalten wenigstens sehen, in der Dunkelheit jedoch nicht, und dann konnte es passieren, daß sie sich ihm lautlos näherten.
Stumm und starr vor Schreck starrte er weiter um sich. In dieser Zauberwelt gab es immer neue Überraschungen zu entdecken, dabei hatte er bisher nur einen winzigen Bruchteil gesehen.
Wem mag das hier alles gehören? fragte er sich bibbernd. Jenem rotbetuchten Hexenmeister, der alten Hexe selbst oder jenem Greis, dessen Bart durch den steinernen Tisch gewachsen ist?
Er warf einen furchtsamen Blick in die Höhe. Von dort ragten riesige buntschillernde Zapfen nach unten, von denen es in bestimmten Abständen langsam tropfte. Mal waren die Tropfen rot, dann wieder grün oder von gelblicher Farbe.
Etliche Zapfen waren dünn wie Finger, andere schenkelstark, und einige hatten den Umfang von ausgewachsenen Bäumen. Manche wuchsen aufeinander zu und berührten sich. Das gab dann jeweils ganz besonders bizarre Gebilde. An ihren unteren Wülsten befanden sich gigantische Aufwerfungen, die wie erstarrtes Wasser aussahen.
Überhaupt schien hier alles seit Tausenden von Jahren erstarrt zu sein. War es nicht möglich, daß diese unheimliche Gesellschaft schon seit Ewigkeiten schlief und nur darauf wartete, endlich erlöst zu werden?
Solche und ähnliche Fragen stellte er sich immer wieder, aber er fand keine Antwort darauf.
Bewegte er sich nur ein wenig mit seiner Behelfsfackel, dann bewegten sich auch die unheimlichen Gnomen, Trolle, die Männchen mit den Schafsköpfen oder die Uldras. Also belauerten sie ihn doch und gaben nur vor, erstarrt zu sein.
Hin und wieder war die Stille entsetzlich und fast mit den Händen greifbar. Aber dann platschte es irgendwo leise, und sofort wurde das Geräusch in alle Richtungen verstärkt. Old O’Flynn zuckte dann jedesmal heftig zusammen.
Ein neuer Span war fällig, den er mit flatternden Händen entzündete.
Diesmal hielt er seine schwach brennende Fackel so, daß er auch erkennen konnte, was sich hinter ihm befand. Vorsichtig drehte er sich um und hielt das Licht hoch.
Da stand eine riesige Orgel, so gewaltig, daß sie nur von einem Riesen bedient werden konnte. Die Pfeifen waren gewaltige Stämme, die in eine riesige Kathedrale eingebettet waren, deren Decke er immer noch nicht erkennen konnte. Sie mußte so hoch wie der Himmel sein.
Mitten in der Orgel gab es ein riesiges dunkles Loch, Dahinter begann eine Galerie, und da sah Old O’Flynn ebenfalls hünenhafte Männer mit endlos lang wuchernden Bärten, die unbeweglich in Reih und Glied standen.
Es hätte ihn nicht mehr gewundert, wenn die Orgel jetzt plötzlich gespielt hätte. Er glaubte schon, die ersten zarten Töne zu hören, die dann immer mehr anschwollen.
Er riskierte noch einen Blick und war nahe am Überschnappen.
Ja, das hier mußte das Reich der Toten und Verwunschenen sein. Hier lebten die „Ünnererdschen“, die Hexenmeister und Geister, die nur nachts an die Oberfläche stiegen, um die Leute zu erschrecken.
Er sah einen Mann an der Orgel sitzen, und dieser Anblick warf ihn fast um.
Das war kein Mann. Das war ein Herkules, ein Gigant, gegen den selbst der Profos nur wie ein Säugling wirkte. Dieser Riese hatte seine gewaltigen Arme auf eine Tastatur gelegt, die aus bärtigen und tangähnlichen Fäden bestand. Die Register dieser Orgel waren knorzige Stämme von undefinierbarer Farbe.
Aber das Gesicht des Giganten war es, was Old O’Flynn vor Schreck fast die Stiefel auszog.
Das begann schon bei den Haaren, die wie steinerne Wogen sein Gesicht überfluteten. Die Augenbrauen waren schenkelstark und von grünlich wäßriger Farbe, und das Maul Gebilde wie ein Rüssel, und das Maul des Riesen war so weit geöffnet, daß Old O’Flynn bequem mit der Jolle hätte hineinsegeln können.
Die Augen erinnerten ihn lebhaft an Mühlräder, die ihn furchtbar mörderisch ansahen. Der Riese sah aus, als würde er jeden Augenblick aufspringen, um ihm an die Gurgel zu gehen.
Old O’Flynns Hand mit der Fackel zitterte stark. Das hatte zur Folge, daß sich der Lichtschein bewegte und alles verzerrte.
Offenbar irritierte das auch den orgelspielenden Riesen, denn jetzt stützte er voller Wut die Arme auf die Knie und erhob sich.
Da war Old Donegal mit seinen Nerven am Ende. Denn jetzt erhob sich auch der schweigende Chor der Bärtigen und reckte sich. Auch das waren Riesen, die immer größer und gewaltiger wurden. Was sie wollten, war dem Alten absolut klar: Umbringen wollten sie ihn – oder ihn zwischen die Männchen mit den Kalbsköpfen und langen Giftzähnen werfen, damit die ihn verspeisen konnten.
„Hilfe!“ brüllte er, so laut er nur konnte. „Hilfe – helft mir doch! Die bringen mich um!“
In seiner Panik und dicht davor, endgültig überzuschnappen, sprang er auf und vergaß ganz, daß sein Holzbein vor ihm auf dem Boden lag.
Er griff haltsuchend um sich, doch da war nur ein langer großer Zapfen, der von der Decke hing.
Glück zu, das ist die Rettung, dachte er. Er packte den Zapfen mit aller Kraft und klammerte sich daran fest. Der Zapfen wackelte ein bißchen, dann knirschte es in großer Höhe, und Old O’Flynn hielt ein tonnenschweres Ding in den Armen, dessen Gewicht naturgemäß seine Kräfte überstieg.
Der Zapfen donnerte auf den Boden, stand da für einen Augenblick und fiel dann um wie ein gefällter Baum. Was Old O’Flynn dann an Geräuschen zu hören kriegte, vergaß er sein ganzes Leben lang nicht.
Zuerst war da ein Singen in der Luft, dann ein urweltliches Knirschen, als würde die Welt aus den Angeln gehoben. Danach splitterte es, und durch den fürchterlichen Krach schienen auch die anderen Schläfer aufgeschreckt zu sein, denn jetzt brüllten, tobten, keiften und schrien sie alle wüst durcheinander.
Die Riesen unter ihnen brüllten mit Donnerstimme ihre Empörung hinaus, daß es ein Frechling wage, sie zu stören. Die Trolle und Gnomen schimpften mit schrillen Stimmen, die Wichtelmänner und Zwerge keiften wild, die Hexe kreischte, und der Kerl in der roten Robe, dem der Zaubergarten gehörte, gebärdete sich am tollsten. Er stieß Flüche aus, die in seinem Mund explodierten wie Fässer voller Schießpulver.
Dann war da nur noch ein Krachen und Bersten, ein fürchterliches Splittern, als würde eine ganze Armada in Klump geschossen.
Old O’Flynn hatte die Unterwelt aufgescheucht und die Weltesche aus den Angeln gehoben.
Das war einfach zuviel für seine strapazierten Nerven. Das hielt kein Mensch aus, mochte er auch noch so hart im Nehmen sein.
Über dem Schreck, dieses Chaos verursacht zu haben, fiel er wieder in Ohnmacht. Diesmal verlor er vor Angst die Besinnung, denn was er angerichtet hatte, war einfach zu schrecklich.
Um ihn herum splitterte und barst es, als sich der Stalaktit in einem Trümmerregen auflöste und brockenweise davonflog.
In Wirklichkeit war es nur ein kleiner Stalaktit, nicht mal so groß wie Old O’Flynn selbst. Und sein Fall hob auch nicht die Welt aus den Angeln. Es war nur das Echo in der gewaltigen Tropfsteinhöhle, das alles verstärkte, verzerrte und viel schlimmer klingen ließ, als es war.
Aber das wußte Old O’Flynn nicht. Für ihn war die ganze Unterwelt schlagartig zusammengebrochen.
7.
Old Donegal hatte überhaupt kein Zeitgefühl mehr, als er das zweitemal erwachte. Er wußte nur, daß es einer der lausigsten Tage in seinem Leben war, der kein Ende zu nehmen schien.
Er hatte sich bereits entsagungsvoll von der Welt abgenabelt, doch jetzt war er wieder da.
Allerdings war er jetzt auch etwas nüchterner geworden und sah das alles in einem etwas anderen Licht. Zurückzuführen war das hauptsächlich auf die Erfahrungstatsache, daß ihn weder die Männchen mit den Kalbsköpfen gefressen noch der orgelspielende Riese erschlagen hatte.
In der riesigen Höhle war auch wieder Ruhe eingekehrt, bis auf das leise, monotone Plätschern.
Aber deswegen war ihm das noch lange nicht geheuer. Immerhin befand er sich in einer anderen Welt, wie sie – seiner Meinung nach – noch nie ein Mensch vor ihm gesehen hatte, Äußerste Vorsicht war also immer noch angebracht.
Einigermaßen gefaßt, überlegte er, daß es langsam Zeit wurde, von hier zu verschwinden. Er konnte nicht ewig hier hocken bleiben und warten, bis etwas geschah. Folglich mußte er selbst die Initiative ergreifen, und zwar so bald wie möglich.
Mit wachen Sinnen lauschte er in die Dunkelheit. Dann riskierte er, sich leise zu räuspern. Er lauerte darauf, daß sich jetzt auch jemand räuspern oder irgendwie bemerkbar machen würde. Da das nicht der Fall war, wurde er etwas mutiger. Das begann meist damit, daß er seine Selbstgespräche wiederaufnahm, die mitunter in recht kuriosen Sätzen gipfelten.
„Da fallen mir doch glatt die Schindeln vom Dach“, brummte er, während er mit der rechten Hand nach den Trümmern seines Holzbeines suchte. Flint, Stahl und Zunder hatte er vorsorglich wieder in die Taschen gestopft. Jetzt holte er das Zeug heraus.
„Ah, da ist es ja“, brabbelte er. „So, jetzt geht’s wieder hinaus aus diesem Medusengarten. Mir langt es. War ja mal fein, das alles gesehen zu haben.“
Er fuhr verstört hoch, als ein Wassertropfen eiskalt auf seiner Nase landete.
Diesmal klang sein Räuspern schon etwas zaghafter. Aber es war nur ein Wassertropfen, wie er feststellte.
Endlich erwischte er auch die Überreste seines Holzbeines. Auch das Messer hatte er noch.
Er hockte sich etwas bequemer hin und säbelte in der Finsternis weitere lange Späne ab. Dabei überlegte er immer wieder, wie spät es wohl sein mochte. Wie lange war er besinnungslos gewesen?
Waren inzwischen schon Tage vergangen oder erst ein paar Stunden?
Seinem Hunger und Durst nach zu urteilen, mußte doch schon etliche Zeit verstrichen sein. Am Vormittag hatte er die Bratpfanne auf den Schädel gekriegt, und dann war er losgestiefelt. In den Zaubergarten war er höchstens eine halbe Stunde später gefallen.
Da half alles nichts, er fand sich in der Zeit einfach nicht zurecht. Ein bißchen müde war er von den vielen Anstrengungen, und Durst hatte er auch. Doch darin sah er kein Problem. Hier war es feucht und plätscherte es auch ständig, infolgedessen würde es sicher irgendwo eine kleine Quelle oder ein Rinnsal geben.
Seine Zuversicht stieg wieder, denn noch immer unternahm niemand Anstalten, ihn zu fressen, zu erwürgen oder zu erschlagen. Vielleicht schliefen die Riesen hier unten wirklich, oder sie waren im Laufe der Zeit zu Stein erstarrt.
Das gab es ja, beruhigte er sich. Pater David hatte da mal ein Beispiel erzählt, und das stammte schließlich aus dem Alten Testament.
Da war Lot, der Neffe Abrahams, der den Untergang von Sodom überlebt hatte und mit seinem Weib auszog. Hm, der Herr hatte ihnen ausdrücklich verboten, sich nach Sodom umzuwenden. Aber neugierig, wie Lots bessere Ehehälfte nun mal war, konnte sie ihre Neugier nicht mehr bezähmen und drehte sich um.
„Peng“, sagte Old O’Flynn nachdenklich, „und schon war sie zur Salzsäule erstarrt. So schnell ging das. Ei, orgelspielender Riesenhirsch! Ob das hier vielleicht genauso ist? Ha, da hätte ich ja die Entdeckung des Jahrtausends gemacht.“
Er wurde richtig rappelig und fuchtig, als er den Faden weiterspann.
Salzsäulen, was? Erstarrte Riesen, Zwerge, Gnomen. Gab es ja früher alles mal, und er sah sie ja selbst vor sich. Ob das hier vielleicht gar die Stadt Sodom selbst war, über die es Feuer und Schwefel geregnet hatte?
Natürlich war sie im Laufe der Zeit ein bißchen abgesackt, aber diese wundersamen Gestalten gaben ihm doch zu denken. Er beschloß, das alles sehr ausführlich mal Pater David zu erzählen oder zu zeigen. Der Bibelmann mochte dann selbst entscheiden, ob es sich um die besagte Stadt handelte.
Sehr aufgeregt über seinen archäologischen Funde, entzündete er jetzt mit Eifer den nächsten Span, hielt ihn hoch und äugte mißtrauisch in alle Richtungen.
Da hockte immer noch der Riese an der Orgel. Und die steinernen bärtigen Gesellen standen im Hintergrund und warteten geduldig darauf, daß er endlich anfing zu orgeln. Aber dann mußten Feuer und Schwefel über die Bande gekommen sein, und sie waren erstarrt. Klar, daß sie dann nicht mehr singen konnten.
Da drüben an der Wand stand auch so ein Kerl, der ein so verderbtes Gesicht wie ein Rübenschwein hatte. Das schien früher mal ein ganz spezieller Rabauke gewesen zu sein, und so hatte der Herr ihn in seinem Zorn zur Säule erstarren lassen.
Old O’Flynn rutschte auf den Knien weiter, vergaß aber nicht, die Überreste seines Holzbeines sorgfältig aufzulesen und mitzunehmen. Ganz kribblig war er jetzt über seine Entdeckung.
Da hingen unglaublich mächtige Säulen von der Decke, die er immer noch nicht sah.
Er drehte sich um, betupfte sie mit dem Finger und fuhr zusammen, als die Säule einen singenden Ton von sich gab, der sich geisterhaft im Zaubergarten fortpflanzte.
Ein zweiter Versuch verlief ähnlich. Wieder gab es einen klingenden Ton, hohl und geisterhaft. Es war wie eine Stimme, die anfangen wollte zu singen, doch sie erstarb gleich wieder.
„Geschieht euch Kerlen recht“, sagte Old Donegal, „warum habt ihr auch so in Sodom gehaust! Jetzt seid ihr steinalt und könnt trotzdem nichts mehr anfangen.“
Mit dem Zeigefinger betupfte er seine Zunge, dann rieb er ihn an der Säule und führte ihn wieder zurück.
Jetzt war für ihn alles klar. Einwandfrei waren das Salzsäulen, zumindest diese hier. Eklig salzig schmeckte der Stein. Muß schon ein paar tausend Jahre alt sein, der Bursche, überlegte er. Na, da konnte Pater David aber Studien treiben. Die ganze Welt würde diese Entdeckung umwerfen. Vielleicht mußte er später sogar zum Papst, um einen Augenzeugenbericht vorzulegen.
Wie benommen rutschte er weiter, den Span hochhaltend und sich nach allen Seiten umblickend.
Hin und wieder fuhr er heftig zusammen, wenn Gestalten in den Wänden erschienen, versteinerte Figuren mit traurigen, gramvollen oder wütenden Gesichtern. Eine war dabei, die ähnelte fast verblüffend ein bißchen dem guten Mac Pellew. Ein richtiger Trauerkloß war das, der alles Leid der Welt gepachtet hatte. Er schaute so grämlich drein, daß Old O’Flynn schon versucht war, ihm tröstend zuzureden.
Aber das ist vielleicht Frevel, dachte er, denn der Herr hat diese Rabauken ja nicht umsonst zur Räson gebracht. Die mußten allerlei auf dem Kerbholz haben.
Solche und ähnliche Gedanken bewegten ihn, als er auf den Knien weiterrutschte, mal heftig erschrak, hin und wieder aber vor Staunen nicht mehr den Mund zubrachte.
Als er an einem alten Zausel vorbeikam, der ihn aus der Wand grimmig anstarrte, verhielt Old O’Flynn. Der Kerl sah richtig gemein aus. Seine Augen hatten sich verschoben, und er glotzte böse. Sogar seine Faust war noch in der Wand verkrallt. Er sah aus, als wollte er nach Old O’Flynn schnappen.
„Ha, du nicht mehr, du Hurenbock! Hättest du ein anständiges Leben geführt, aber so …“
Die Leute von Sodom müssen ein recht sündiges Völkchen gewesen sein, überlegte er. Die hatten von Moral und so überhaupt nichts gehalten. Deshalb war auch der Zorn des Herrn durchaus verständlich.
Vor ihm tauchte eine weitere Grotte auf, eine riesige Höhle, in der es prachtvoll schimmerte. Von einem großen Tropfen rann pausenlos das Wasser zu Boden und versickerte in einer Spalte.
Er verspürte wieder Durst, hielt die Hand darunter und sammelte ein paar Wassertropfen. Er trank sie gierig, spie sie dann aber in hohem Bogen aus. Krächzend und hustend schüttelte er sich.
Teufel, Teufel auch, das Zeug schmeckte wie Galle mit Salz, so ekelhaft, daß es ihn würgte.
Er rutschte weiter an riesigen farbigen Wülsten vorbei, bewegte sich durch einen Vorhang aus schillernden langen Steinen und fand sich eingeklemmt zwischen mächtigen Säulen, riesigen Bärten, fackelähnlichen Gebilden und langen Zapfen, die aus dem Nichts nach unten wuchsen.
Wenn er schnaufte, dann hörte er es gleich darauf aus allen Ecken und Winkeln der großen Grotte fürchterlich zurückschnaufen. Dann schienen die erstarrten Gestalten zu leben und sich zu bewegen.
Aber auch daran gewöhnte er sich nach und nach. Nur einmal erschrak er noch heftig, als ihn eine Ansammlung dicker Köpfe anstarrte, Ferkelgesichter, Kalbsköpfe, Fischgesichter oder ein gebückt dastehender Greis, dem Wurzelmuck wie aus dem Gesicht geschnitten.
Verdammt, es begann wieder recht unheimlich zu werden. Hier mußte es doch aber irgendwo einen Ausgang geben. Oder wenn es den nicht gab, dann mußte er eben jene Rutsche suchen, durch die er hinabgesaust war.
„Haha, verdammte Rutsche“, sagte er leise. Das schien bei ihm schon eine Veranlagung zu sein, auf solche Dinge zu stoßen. Das war jetzt das zweite Mal, daß er eine „Rutsche“ entdeckte. Nach der ersten hatte er auf der Schlangen-Insel seine Kneipe benannt. Jetzt war er wieder durch eine Rutsche gesaust. Er fand solche Höhlen schon fast mit traumwandlerischer Sicherheit. Wie ein Spürhund, der extra darauf abgerichtet ist.
Unermüdlich arbeitete er sich weiter voran, immer wieder einen Span entzündend, sobald der eine erloschen war. Sehr lange wird das Holzbein nicht mehr halten, dachte er besorgt. Ehe das Holz verbraucht war, mußte er einen Ausgang gefunden haben. Ging ihm erst das Licht aus, dann fand er sich in diesem Irrgarten überhaupt nicht mehr zurecht.
Ständig hatte er das Gefühl, sich in einer riesigen Kathedrale zu befinden, einem gewaltigen gewölbten Dom, der ein einziges Labyrinth voller Schrecknisse war.
Einmal blieb er hocken und starrte auf eine Wand, aus der riesige Bärte quollen, Brüstungen, Säulen und Wülste. Zwischen zwei Wänden verengte sich der Gang und wurde zu einem schmalen Steig. Aber gleich darauf erweiterte er sich wieder. Hinter ihm verschwanden dicke Säulen in der Dunkelheit, vor ihm flackerte es gespenstisch.
Hatte er diesen Weg schon einmal zurückgelegt? Er überlegte krampfhaft, dann schüttelte er den Kopf. Schwer zu sagen zwischen all diesen aufwuchtenden Säulen oder herabhängenden Tropfen.
Kopfschüttelnd stieß er weiter vor.
Mary wird staunen, wenn sie hört, was ich alles erlebt habe, dachte er. Dann zuckte er zusammen, denn seine „Drillinge“ fielen ihm ein. Die armen, bedauernswerten Kleinen! Wenn ihr Vater hier aus dieser verdammten Höhle nicht mehr herausfand, dann mußte er elend verhungern oder verdursten.
So ein Witz – da es hier doch Wasser gab! Aber das war wie auf dem Meer, wo man inmitten riesiger Wassermassen auch hilflos verdursten konnte.
Wieder landete er in einem Irrgarten voller Monster, die, aus ihrem jahrtausendealten Schlaf geschreckt, ihn neugierig anstarrten. Lange gekrümmte Giftzähne glaubte er zu erkennen, monströse Gebilde mit abscheulichen Köpfen, die Rachen aufgerissen, aus denen gierig der Geifer tropfte.
Bewegungslos starrte er sie eine Weile an, dann suchte er weiter.
Hm, er war durch eine Art Rutsche gesaust, auf der es ziemlich schnell bergab gegangen war. Er entsann sich noch seiner Rutschpartie. Demzufolge müßte er auf dem gleichen Weg auch wieder zurückkehren können. Also mußte er aufwärts, empor. Aber hier ließ sich nicht mal richtig feststellen, ob der Boden anstieg oder sich senkte. Mal schien es bergan zu gehen, dann wieder unmerklich tiefer in den Berg hinein, oder was immer diese Kathedrale auch war.
„Verdammt noch mal“, brummte er heiser, „hier soll sich einer zurechtfinden.“
Wo war denn der Hexenmeister, den er anfangs gesehen hatte, und wo die abscheulichen Kalbsköpfe oder der orgelspielende Riese?
Er hielt die Fackel hoch über seinen Kopf und sah sich sehr genau nach allen Seiten um. Er hätte fast resigniert, denn er stellte fest, daß er sich in diesem Geisterbau wohl doch hoffnungslos verirrt hatte.
Bei jedem Stück, das er weiterrutschte, veränderte sich auch seine Umgebung. Selbst die Farben veränderten sich ständig und wechselten von Blau zu Grün oder Gold zu Rot. Hin und wieder war auch ein silbriger Schein in den Wänden zu sehen.
Wenn Old O’Flynn sich etwas vorgenommen hatte, dann zog er das auch bis zur letzten Konsequenz durch. Die O’Flynns waren für ihre unglaubliche Zähigkeit und Ausdauer bekannt.
8.
Er rutschte weiter, immer noch etwas Angst im Herzen, weil er mit der Umgebung absolut nicht vertraut war. Seine Fackel erhellte immer nur ein winziges Stück, einen Ausschnitt. Er sah von dieser riesigen Höhle meist nur einen Teil der unglaublich verzogenen und verschachtelten Wände und verzog jedesmal das Gesicht, wenn ihn übergangslos eine Höllenfratze anblickte oder glühende Augen aus der Finsternis belauerten.
Er hatte ohnehin immer das Gefühl, auch von unsichtbaren Augen bewacht zu werden, die jeden seiner Schritte sorgfältig registrierten.
Als es einmal dicht neben seinem Ohr knisterte und ein paar Funken an seinem Schädel vorbeiflogen, da rutschte ihm sekundenlang wieder das Herz in die Hosen. Verdammt, es war gar nicht so einfach, sich durch diesen Irrgarten zu bewegen.
Das Knistern rührte aus dem Gestein her, und die Funken hatten sich von dem Eichenholz seiner Fackel gelöst. Erleichtert setzte er seinen einsamen Weg fort. Aus zusammengekniffenen Augen spähte er scharf nach vorn in die Dunkelheit. Ihm war so, als steige der Boden jetzt leicht an. Oder irrte er sich?
Bevor seine Fackel ausging, hockte er sich auf den Boden und begann fluchend damit, neue lange Späne mit dem Messer zu schnitzen. Noch gab das Holzbein einiges her, aber einmal würde damit Schluß sein.
Er ahnte, daß dann auch für ihn Schluß war, denn dann gab es keinerlei Orientierung mehr.
Als er einige Späne abgehobelt hatte, entzündete er den nächsten Span, klemmte sich den Rest unter den Arm und leuchtete weiter sein Umfeld ab.
Zurück oder voraus? fragte er sich verzweifelt. Wo befand sich die Rutsche, der Einstieg oder Ausgang? Er hatte das Gefühl, als bewege er sich ewig im Kreis und finde nie ein Ende.
Er mußte seinen zurückgelegten Weg markieren, sonst lief er hoffnungslos in die Irre.
Markieren, dachte er bitter – womit? Mit den Splittern von seinem Holzbein? Die brauchte er notwendiger denn je. Steine zum Sammeln gab es hier auch nicht, hier lagen keine herum.
Hm, die hohlklingenden Zapfen, die von der Decke hingen. Das wäre eine Möglichkeit. Er würde nur die kleinen nehmen, die wie Eiszapfen aussahen. Damit konnte er eine Strecke markieren. Sie würden auch nicht so ein fürchterliches Getöse verursachen, wenn er sie abschlug.
Er setzte seinen Gedanken sogleich in die Tat um. Mit dem Rest des Holzbeines holte er kraftvoll aus und schlug es an einen Zapfen, der über ihm baumelte.
Es war, als würden zarte Glocken geschlagen. Ein hellklingender Ton war zu hören, aber dann folgte das dicke Ende. Als der Zapfen herunterpolterte, begann es zu dröhnen und zu splittern. Eine Kakophonie von grellen Tönen pflanzte sich durch die Höhle fort.
Old O’Flynn war von diesen „Weltuntergangsgeräuschen“ nicht gerade entzückt. Er hatte immer das Gefühl, als würden nach dem Radau sämtliche versteinerten Geister erwachen und Jagd auf ihn veranstalten, weil er ständig ihre jahrtausendealte Ruhe störte.
Eine Welle noch war das klingende Echo zu hören, dann verlor es sich in dem Labyrinth.
Dieser zersplitterte Zapfen aber hatte ihm eine Menge Steinchen beschert, die alle schön glitzerten. Die Bruchstellen schimmerten weißlich. So legte er sie sorgfältig hinter sich aus und vergewisserte sich auch, daß er sie auf Anhieb wiederfand.
Na, das Problem war zumindest gelöst. Jetzt konnte er weitersuchen, bis er einen Ausgang entdeckte. Er war jetzt wieder voller Zuversicht und Selbstvertrauen.
Er schätzte, daß er wohl mindestens eine halbe Stunde auf allen „dreien“ gekrochen war und ständig neue Gärten und Landschaften entdeckt hatte. Aber er sah den Kerl in der roten Robe nicht wieder und fand auch den riesigen Zapfen nicht mehr, der bei seiner Umklammerung von der Decke gestürzt war.
Hieß das, er bewegte sich immer tiefer in diese Höhle ohne Ende hinein? Entfernte er sich von der „Rutsche“? Oder näherte er sich ihr?
Dieser Gedanke stimmte ihn wieder verdrießlich, und so hielt er inne, um in Ruhe zu überlegen. Er fand keine Lösung.
Voller Wut knallte er wieder einen Zapfen ab, der in kleine Teile zersplitterte. Ein paar fielen ihm ins Genick, und ausgerechnet der größte Brocken landete ziemlich unangenehm auf seinem Schädel.
„Verdammt, was hab’ ich denn verbrochen, daß mir dauernd was auf die Rübe fällt?“ zeterte er los. „Die ist sowieso schon matschig geworden von den vielen Treffern.“
Vor sich hin schimpfend, legte er wieder die weißlichen Trümmer aus. Das alles strengte doch sehr an. Da mußte er die Fackel halten, da mußte er Zapfen abschlagen und sorgfältig auslegen, dann Späne schnitzen und schließlich höllisch aufpassen. Dazu hüpfte er meist einbeinig herum oder kroch auf dem Boden. Schweißtreibend war das, eine höllische Sache, die übermenschliche Anstrengung erforderte.
Sein Durst wurde stärker, und auch den Hunger spürte er als unangenehmen Begleiter. Das ließ ihn grantig und fuchtig werden, und weil er immer noch keinen Ausgang fand, wurde er langsam wild.
Als ihn unvermittelt wieder ein Männchen mit einem Wasserkopf und einer langen Triefnase angrinste, nahm er voller Wut sein Holzbein und drosch ihm was auf die lange Nase.
Der Riechkolben des häßlichen Männchens flog davon, und weil es immer noch hämisch grinste, zog ihm Old O’Flynn auch noch eins über den dicken Wasserkopf.
Das Männchen gab ein knirschendes Geräusch von sich. Sein Schädel zersplitterte und zersprang, und Old O’Flynn glaubte, ein leises Jaulen zu hören. Ob das vielleicht auch ein versteinerter Kerl aus der sündigen Stadt Sodom war? Na egal, er hätte ihn ja auch nicht erschrecken und vor allem nicht so dämlich angrinsen sollen. Das hatte er jetzt davon.
Einmal entdeckte er eine Formation, die aus grellroten Stalagmiten bestand. Sie standen dicht an dicht wie die Orgelpfeifen aufgereiht und strebten nach oben. Als er den Kopf in den Nacken legte und die Fackel höher hob, sah er, daß eine Unmasse grüner Zapfen von der Decke den roten entgegenwuchsen. Zwei hatten sich schon so weit genähert, daß kaum noch ein Finger zwischen sie paßte. Drei oder vier andere waren bereits zusammengewachsen.
Er bestaunte sie ausgiebig und sah auch weiter unten einen muldenförmigen Trog, in den ständig von der Decke Wasser tropfte.
Da grinste er zum ersten Male seit langer Zeit wieder.
„Dann muß hier auch der Hexenmeister stehen“, folgerte er, „und das ist die Badewanne, in der ich gelegen habe. Dem heiligen Elmo sei Dank! Er hat mich wieder zurückgeführt.“
Aber da war keine Rutsche, wie er entsetzt feststellte. Zwar stand da ein ähnlicher Kerl wie der in der roten Robe, aber doch war alles ganz anders. Verzweifelt sah er sich nach einem Ausgang um, untersuchte die Wände, klopfte überall herum, leuchtete – nichts!
Das war ein harter Schlag unter die Gürtellinie. Er nahm auch sofort erbittert fluchend seinen voreiligen Dank an St. Elmo zurück und bezeichnete ihn schimpfend als den größten Affenarsch aller Meere, und er solle sich, verflucht und zugenäht, nie wieder auf der „Empress“ blicken lassen, wenn er keine Prügel beziehen wolle.
So war Old O’Flynns Stimmung heute: himmelhoch jauchzend, dann wieder zu Tode betrübt und verbiestert.
Dieser Sankt Elmo scheint ohnehin eine heimtückischer Geselle zu sein, überlegte Old O’Flynn etwas abstrus. Erst ließ der Kerl sich nicht blicken, wenn man dringend seiner Hilfe bedurfte, und wenn er dann doch erschien, versteckte er die „Rutsche“ und ließ sie unsichtbar werden, damit er nicht mehr hinausfand.
Beim nächsten Gewitter würde er wieder auf der Gaffelrute hocken und sein blaues Wunder erleben. Mit der Muskete würde er diesen Bastard abknallen, jawohl!
Jetzt hatte er schon zentnerweise Markierungen ausgelegt und war trotzdem nicht weiter oder schlauer als zuvor. Die Höhle schien tatsächlich keinen Anfang und kein Ende zu haben.
Dennoch stapfte er wütend weiter und fluchte in Gedanken allen Heiligen die Knochen ab. Nichtsnutziges Pack war das, das sich teure Kerzen stiften ließ und dafür keinen Finger rührte.
„Schmarotzer, Parasiten!“ wetterte er laut.
Immer weiter ging es, mitunter recht mühsam, dann wieder über eine ziemlich glatte Fläche. Die Höhle nahm und nahm kein Ende, es war zum Verzweifeln.
Jetzt mußte mindestens nach seiner Schätzung eine weitere Stunde vergangen sein, eine qualvolle Stunde voller Angst und Schrecken.
Die Angst trieb ihn dennoch immer weiter, denn wenn er nicht bald einen Ausgang fand, war er verloren. Es wußte ja auch niemand, wohin er gegangen war. Hals über Kopf war er losmarschiert und hatte die Jolle am Strand einfach liegenlassen. Das ging ihm jetzt durch den Kopf, und er bereute, daß er so voreilig gehandelt hatte.
Zu ändern war das jedoch nicht mehr, er mußte sich damit abfinden. Da half alles Bedauern nichts.
Ob es draußen schon dunkel war? Oder war es noch heller Tag? Auch diese Frage, die er sich immer wieder stellte, ließ sich nicht beantworten, weil jeder Orientierungspunkt fehlte.
Sicher war es schon dunkel da draußen in der warmen, gemütlichen Welt. Und sicher würden sie jetzt um ein Feuerchen hocken, Wein trinken und zu Abend essen. Langusten vielleicht, wie er so nebenbei mitgekriegt hatte.
Das Wasser lief ihm im Mund zusammen, wenn er nur daran dachte. Und er hockte in dieser lausigen Höhle, kämpfte ums nackte Überleben und hatte nichts zu beißen, ganz zu schweigen von einem erfrischenden Getränk.
Das verbitterte ihn, und er preßte wütend die Lippen zusammen, bis sie nur noch schmale Striche waren. Kein Mensch kümmerte sich um ihn, sie vermißten ihn vielleicht nicht einmal, was ihn wiederum mit heillosem Zorn erfüllte.
Wer war er denn, daß man ihn einfach so überging!
Nach einer weiteren Ewigkeit ahnte er, daß er doch wohl den falschen Weg eingeschlagen hatte und sich immer tiefer in das Höhlensystem verirrte.
Erbittert verhielt er und sah sich zum hundertsten Male um. Nein, das war der falsche Weg, da war er sich ganz sicher. Hier ging es nur noch tiefer in das endlos scheinende Labyrinth hinein. Wenn er sich in diese Richtung weiterbewegte, fand er nie mehr heraus.
Er schlug einen letzten dünnen Stalaktiten ab und bildete ein Kreuz mit den Zapfen. Verdammt, sein Holzbein nahm auch ganz rapide ab, da war nicht mehr viel übrig. Den größten Teil der Späne hatte er bereits verbrannt.
„So, Schluß jetzt“, knurrte er. „Hier ist die Fahnenstange zu Ende. Jetzt geht’s achteraus.“
Anhand der Bruchstücke orientierte er sich jetzt und begab sich auf den Rückweg. Er beglückwünschte sich insgeheim zu der Idee mit den Stalaktiten, die für ihn einfach „Zapfen“ waren. Wenn er sich hier umsah, hätte er den Rückweg nie gefunden, denn immer wieder gab es Nischen, Kammern und Irrgärten in verwirrender Zahl.
So kroch er zurück, stundenlang, wie ihm schien, bis er das Ende oder den Anfang seiner Markierungen erreicht hatte. Da blieb er und zerschlug einen weiteren Stalaktiten. Aus den Bruchstücken und Splittern baute er ein Zapfenhäufchen, sozusagen als das Zentrum seiner Erkundungsgänge.
Er merkte sich alles gut, nickte wie zur Bestätigung und unternahm den nächsten Vorstoß in eine andere Richtung.
Old O’Flynn gab nicht auf, hartnäckig und zäh suchte er weiter nach dem Ausgang. Wieder kam er an Gestalten aus Alpträumen vorbei, die ihn angrinsten oder zu verschlingen drohten. Aber den vertrackten Hexenmeister fand er nicht mehr, oder der hatte sich heimlich in Luft aufgelöst, um ihn an der Nase herumzuführen. Auch der orgelspielende Riese mit dem versteinerten Chor war nirgendwo zu entdecken, sosehr er auch suchte.
Einmal, es mußte jetzt schon sehr spät sein, landete er in einer weiteren Kathedrale. Da konnte er auch hoch über sich an einer unerreichbar fernen Decke die seltsamsten Gebilde sehen. Wie Eiszapfen hingen sie da zu Hunderten von der Decke.
Er zog vorsichtshalber das Genick ein, denn dieser Bau war ihm nicht geheuer. Wenn ein paar der „Zapfen“ dort herabfielen, konnten sie ihn glattweg erschlagen.
Mal richtete er sich zu voller Größe auf, drückte das Kreuz durch und entspannte seine verkrampften Muskeln.
Langusten gibt es jetzt, Wein oder Bier, dachte er sehnsüchtig, und er konnte sich die Langusten in seiner Phantasie ausmalen. Da gab es ja wahrhaftig ein paar Dinger, die so ähnlich aussahen und auch so lange Fühler hatten. Auch farblich stimmten sie überein.
Aber das alles nutzte ihm nichts, denn die Höhle gab nichts zu beißen her, und Trinkwasser fand er auch nicht. Er hatte es noch einmal an einem winzigen Becken versucht, aber das Zeug war wirklich nicht zu genießen und brannte ihm höchstens ein paar Löcher in den hungrigen Magen.
Dann begann sein Herz plötzlich wie wild zu schlagen, denn jetzt sah er im schwachen Licht, daß der Boden in der Höhle sanft anstieg.
Noch schneller bewegte er sich vorwärts und wollte schon seinen Triumph wild hinausbrüllen. Der Boden stieg noch mehr an.
Ha, das war der Ausgang – die Rutsche! Es kann gar nicht anders sein, dachte er freudig.
Als er übergangslos vor einer bizarr gemusterten Wand stand, blickte er verwirrt hoch. Es war tatsächlich eine Wand, und die versperrte ihm den weiteren Weg. Er sah nach rechts und nach links. Auch dort ragten die Wände steil in die Höhe.
Aus! Es ging nicht mehr weiter. Die Höhle war zu Ende. Da war auch keine Rutsche, da war nur der Fels mit den Zapfen, Nischen und Spalten.
Der Alte nahm die Überreste seines Holzbeines und kriegte fast einen Tobsuchtsanfall. Wütend Warf er den ganzen Krempel auf den Boden und fluchte wie ein Rohrspatz.
„Himmel, Arsch und Zapfenscheiß!“ tobte er. „Jetzt langt es aber endgültig!“
Als er sich ein wenig beruhigt hatte, kehrte er wutgeladen zu seinem „Zapfenzentrum“ zurück und starrte mißmutig auf den Boden.
Eine feine Höhle war das! Die hatte zwar einen Eingang, aber der verschloß sich auf sehr mysteriöse Weise, sobald man wieder hinauswollte. Jetzt hielt ihn die Höhle gefangen, wahrscheinlich für den Rest seines Lebens. Vielleicht existierte er auch gar nicht mehr und war verwunschen. Bis hier wieder jemand in die Höhle fiel, konnten tausend Jahre oder mehr vergehen, überlegte er grimmig.
Was jetzt? Er war hungrig, durstig und spürte auch eine bleierne Müdigkeit in den Knochen. Sollte er hier herumhocken und womöglich noch Wurzeln schlagen wie jene geheimnisvollen Gestalten mit ihren langen steinernen Bärten?
No, Sir, er würde sich hinlegen und ein paar Runden schlafen. Wenn er dann erwachte, konnte es noch einmal losgehen. Er hatte nur das lausige Gefühl, daß er nie mehr aufwachen würde, sobald er erst einmal schlief. Ganz sicher eilte dann der verdammte Hexenmeister lautlos herbei und ließ ihn ebenfalls zu Stein erstarren.
Wenn ihn dann jemand fand, konnten sie ihn mitnehmen und im fernen England im Garten aufstellen. Dann würden die lieben Kleinen ihren Vater gebührend bestaunen können. Und auch seine Enkelchen konnten später mal stolz verkünden, daß sie einen Opa aus Stein hätten. Aber für die Ewigkeit würde er erhalten bleiben, Jahrtausende, wenn nicht noch länger.
Mit diesen krausen Gedanken schlief er ein. Neben ihm verlosch der Span mit einem letzten Glimmen.
Aber offenbar versteinerte Old O’Flynn nicht, sonst hätte sein fürchterliches Schnarchen mit Sicherheit aufgehört.
9.
Hoch über ihm ging es weitaus lustiger zu. Es war auch noch nicht so spät, wie Old O’Flynn geschätzt hatte. Aber hier oben gab es auch keine Wurzelmänner und Kalbsköpfe.
Alles war bis zum späten Nachmittag fertig geworden. Die Männer hatten Enormes an Arbeit geleistet, und jetzt sollte das auch gebührend gefeiert werden.
Gunnhild, Gotlinde und Mary O’Flynn hatten auf der Südseite der Bucht ein großes Feuer entzündet und die Langusten zubereitet.
Jetzt wurde „getafelt“, als sich alle um das Feuerchen versammelt hatten.
Sie hatten auch frisches Brot gebacken, dazu gab es Wein, der noch aus den requirierten Fässern der spanischen Galeonen stammte, die sie aufgebracht hatten.
Jean Ribault war zufrieden, daß unter der fachmännischen Beratung des alten Hesekiel alles so prächtig geklappt hatte. Morgen konnte die „Golden Hen“ aufgeslippt und ihr das neue Ruder verpaßt werden. Dann war die Welt auch wieder in Ordnung.
In der Bucht plätscherten kleine Wellen an den Strand. Der Abend war lau und samtig, und es herrschte Stille bis auf die Unterhaltungen der Männer.
Bisher hatte noch niemand Old O’Flynn vermißt, denn bei der ganzen Hektik war sein Verschwinden nicht weiter aufgefallen.
Jetzt, da man um das flackernde Feuer saß, fiel es immer noch nicht auf, selbst Mary nicht. Sie nahm an, daß das „alte Ekel“ irgendwo zwischen den anderen Männern hockte und schmollte.
„Nun langt mal kräftig zu“, forderte sie die Männer auf. „Es sind genügend Langusten für alle da, und wer keinen Wein mag, für den haben wir dort drüben unter der Palme ein Faß kaltes Bier stehen.“
„Sieht ja unheimlich appetitlich aus“, lobte Jean Ribault. „Ganz phantastisch, wie ihr das Essen hingezaubert habt.“
Mary O’Flynn fühlte sich geschmeichelt. Gotlinde lächelte ein wenig, und Gunnhild errötete hold ob des Lobes, das mit einem charmanten Lächeln des Franzosen serviert wurde.
Er hielt schon die erste Languste in der Hand und griff nach dem aufgeschnittenen Brot.
Auch die anderen langten kräftig zu und aßen. Die meisten tranken spanischen Rotwein dazu, ein paar bedienten sich an dem Bierfaß unter der Palme.
Hesekiel Ramsgate fiel als erstem auf, daß der Alte nicht dabei war. Ein paarmal schon hatte er sich umgedreht und ihn unter den Männern gesucht. Manche Gesichter befanden sich im Schatten und waren daher nicht zu erkennen.
Hesekiel Ramsgate stieß den neben ihm sitzenden Martin Correa an und fragte: „Wo ist denn Donegal geblieben? Ich habe ihn heute nur einmal gesehen, und das war am Vormittag. Ist er etwa krank?“
Der Bootsmann der „Empress“ beschäftigte sich gerade mit seiner Languste und hatte den Humpen mit Bier neben sich in den immer noch warmen Sand gestellt. Jetzt verschluckte er sich fast.
Himmel, der Kapitän! Wo war er denn? Der war doch heute gegen Mittag mit der Jolle an Land gepullt, und höllisch in Braßfahrt war er auch gewesen.
„Keine Ahnung“, sagte er kopfschüttelnd und besorgt. „Aber krank ist er nicht.“
Er grinste dabei ein bißchen, wenn er an die vormittägliche Szene dachte. Das hatte ganz schön gerumst, als Mary ihm die Pfanne auf den alten Querkopf gehauen hatte.
„Seltsam ist das“, meinte Hesekiel, der von dem Vorfall nicht die geringste Ahnung hatte. „Sonst ist er doch immer gleich dabei, wenn es etwas zu feiern gibt.“
Martin räusperte sich beziehungsreich und tippte lächelnd die rothaarige Mary an.
„Hesekiel fragt nach dem Kapitän“, sagte er. „Wo ist er denn? Ich habe ihn seit Stunden nicht mehr gesehen.“
Diesmal verschluckte sich fast auch die Snugglemouse. Ihre Augenbrauen schoben sich ein wenig zusammen. Ihre Augen wurden sekundenlang starr.
„Ja, wo ist er eigentlich?“ fragte sie zurück. „Ich war so beschäftigt, daß ich mich nicht mehr um ihn gekümmert habe. Laß gefälligst das Grinsen, Martin“, sagte sie leiser.
Tatsächlich hatte sie Donegal kurz vor Mittag das letztemal gesehen.
Als er stocksauer abgehauen war, hatte sie sich in der Pantry eingeschlossen und ein bißchen geheult, weil der sture Bock so biestig gewesen war und sogar seine Vaterschaft abgestritten oder angezweifelt hatte. Dann hatte Martin gesagt, Donegal wäre an Land gepullt.
Na ja, sein Zorn würde mittlerweile verraucht sein. Vielleicht hatte er es sich doch überlegt und war einsichtig geworden. Aber sie hatte wirklich mit dem Suchen und Zubereiten der Langusten so viel zu tun gehabt, daß sie den alten Brummbär glatt vergessen hatte.
Jetzt sah sie die Männer der Reihe nach an. Nein, Donegal war nicht darunter, der fehlte wahrhaftig. Vielleicht hockte er doch noch irgendwo in einem Winkel und schmollte vor sich hin.
Das sagte sie auch Martin.
„Sicher hat er sich auf die ‚Empress‘ verkrochen und pflegt seine Flausen. Mich will er damit strafen, daß er sich nicht mehr blicken läßt. Aber da kann er lange schmollen.“
Den beiden anderen Frauen war ebenfalls nicht entgangen, was gesprochen wurde. Sie hörten zu und wunderten sich insgeheim. Sie hatten zwar am Tage auch einen Streit an Deck mitgekriegt, aber das war bei den O’Flynns nicht so ungewöhnlich. Die beiden lagen sich öfter mal in den Haaren.
„Soll ich mal nachsehen?“ fragte Martin.
Mary zögerte erst mit der Antwort, dann schüttelte sie entschieden den Kopf mit den langen roten Haaren.
„Nein, laß ihn schmollen. Wenn der große Admiral sich entschlossen hat, den Beleidigten zu spielen, dann soll er so lange an Bord hocken, bis ihm ein langer Bart wächst. Ich sehe gar nicht ein, daß ich zu Kreuze kriechen soll. Er wird sich schon melden, wenn er Hunger und Durst hat.“
Niemand ahnte, daß Old O’Flynn quasi unter ihnen hockte und Hunger und Durst hatte. Wenn sich ein Spalt im Boden geöffnet hätte, wären ihm die Langusten gleich pfundweise auf den Schädel gefallen – und der Wein dazu. Aber es öffnete sich kein Spalt im Boden, und deshalb geisterte Old O’Flynn im wahrsten Sinne des Wortes unter ihnen umher.
Martin hielt unschlüssig die Languste in der Hand. Sie sah so verdammt appetitlich aus. Aber das Schalentier schien ihm nicht mehr so richtig zu schmecken. Er hatte doch Sorgen um den Alten. Vielleicht war der in seinem Schmollwinkel umgekippt. Konnte alles sein, so was gab es ja. Unschlüssig starrte er vor sich hin.
Marys Stimme riß ihn aus seinen Betrachtungen. Sie klang rauh.
„Was ist mit dir, Martin – schmeckt es nicht?“
„O doch. Aber die Sache mit dem Kapitän läßt mir keine Ruhe. Ich werde doch lieber einmal nachsehen, wenn es recht ist.“
Mary wollte sich eigentlich um diesen „schmollenden Bastard“ nicht mehr kümmern, aber schließlich nickte sie.
„Gut, dann sieh einmal nach. Aber lade ihn nicht ausdrücklich ein, sonst kriegt er wieder Oberwasser und tönt groß herum.“
„Ich werde ihm nur erzählen, wie prächtig das Essen ist“, sagte der Bootsmann grinsend.
Dann verschwand er aus dem Kreis der Männer, stieg am Strand in die Jolle und pullte zur „Empress“ hinüber, wo er aufenterte.
Er polterte ein bißchen an Deck. Vielleicht würde das den alten Burschen herauslocken. Aber auf dem Schiff rührte sich nichts. Alles blieb still und ruhig.
Martin nahm sich eine Kammer nach der anderen vor. Dabei wurde er immer nachdenklicher. Offenbar war Old O’Flynn wirklich nicht zurückgekehrt, denn die Jolle hatten sie gegen Mittag vom Strand geholt, wo der Alte sie hatte liegenlassen. Aber unbemerkt war er auch nicht an Bord gegangen.
Als alles Suchen erfolglos blieb, rief Martin noch ein paarmal seinen Namen, doch auch darauf erfolgte keine Reaktion.
Kopfschüttelnd überlegte er. Der Alte war zwar ein schrulliger und eigenartiger Mann, aber so lange blieb er nicht fort, ohne den anderen etwas zu sagen. Außerdem – was tat er ganz allein irgendwo bei Dunkelheit auf der Insel? Das ergab keinen rechten Sinn.
Er rief ein letztes Mal und sah auch im Laderaum nach. Old Donegal war und blieb verschwunden.
Martin kehrte wieder zu dem Feuerchen zurück und hob hilflos die Schultern, als er Marys forschenden Blick sah.
„An Bord ist er nicht.“
„Hast du überall nachgesehen?“
„Überall“, versicherte Martin. „So groß ist das Schiff ja auch nicht, daß er sich vor mir verstecken kann.“
„Das ist aber merkwürdig“, sagte Mary und zog die Stirn kraus.
„Was ist denn passiert?“ wollte Smokys Frau Gunnhild wissen. „Wo ist Donegal denn?“
„Das wissen wir nicht“, erwiderte Martin. „Er ist heute vormittag an Land gepullt und in dem Buschwerk da drüben verschwunden. Seitdem hat ihn keiner mehr gesehen.“
„Seit heute vormittag?“ fragte Gunnhild entsetzt. „Ihm wird doch hoffentlich nichts passiert sein.“
Mary O’Flynn schluckte hart. Etwas ratlos sah sie von einem zum anderen.
Jetzt wurde auch Jean Ribault hellhörig und unruhig. Er musterte Mary, dann Gunnhild und schließlich Martin. Ihm war, als wüßten sie etwas, das sie ihm verheimlichen wollten.
„Wenn er seit dem Vormittag weg ist, dann müßte er jetzt längst zurück sein“, sagte er. „Inzwischen ist es dunkel geworden. Da kann doch etwas nicht stimmen. Wo soll er sich denn hier herumtreiben? Kann ja verstehen, wenn es hier eine Pinte gäbe, aber so …“
„Von seiner Pinte hat er schon den ganzen Tag gefaselt. Er denkt an nichts anderes mehr, seit er hier ist. Aber auf sein bloßes Wunschdenken hin wird niemand eine Kneipe gebaut haben, in der er jetzt hockt.“
„Trotzdem ist das, besorgniserregend“, sagte Jean Ribault. „Er kann gestolpert, hingefallen sein oder sich sonstwie verletzt haben. Vielleicht ist er völlig hilflos.“
„Hilflos – Donegal Daniel O’Flynn?“ fragte Mary spöttisch. „Den habe ich noch nie hilflos gesehen. Der sitzt herum und ärgert sich. Aber jetzt wird erst gegessen“, entschied sie resolut. „Deshalb lasse ich mir den Appetit nicht verderben, nur weil Mister O’Flynn im Schmollwinkel hockt. Danach werde ich den alten Querkopf suchen.“
Mary wandte sich den beiden anderen Frauen zu, während der Franzose sehr nachdenklich ins flackernde Feuer sah. Er drehte sich zu Martin um und stieß ihn leicht an.
„Warum sitzt Mister O’Flynn denn im Schmollwinkel?“ fragte er. „Was hat es da gegeben? Hat Donegal wieder gesponnen?“
Martin vergewisserte sich erst, daß Mary auch nichts hörte. Zur Sicherheit senkte er seine Stimme noch zu einem Flüstern.
„Die beiden hatten heute vormittag einen Mordskrach, Jean. Ich habe nicht so genau mitgekriegt, um was es ging, aber sie hatten sich ganz schön am Wickel. Nach dem Krach war Donegal mordsmäßig in Fahrt, du kennst ihn ja. Wenn er sauer ist, kann man mit ihm nicht mehr vernünftig reden.“
„Und dann?“
„Er schnappte sich die Jolle und haute ab zum Land. Da verschwand er wie ein angestochener Büffel im Buschwerk.“
Jean Ribault verbiß sich das Grinsen. Na, das war mal wieder was mit den O’Flynns. Ehekrach, Radau und Rabatz, was? Kein Wunder, daß der Alte dann fluchtartig und verbiestert das Weite gesucht hatte.
„Wir werden ihn zusammen suchen“, sagte Jean Ribault zu Mary, wobei er erneut sein Grinsen unterdrückte. Er zwinkerte Mary zu und lächelte galant und harmlos. „Hat es ein kleines Mißverständnis zwischen euch gegeben?“ fragte er dann sanft.
Auch alle anderen spitzten die Ohren und sahen Mary erwartungsvoll an. Scheint sich etwas Pikantes anzubahnen, dachte Renke Eggens, der sich eins grinste.
Mary stand da, sah die Männer an, hatte die Fäuste in die Seiten gestemmt und das energische Kinn trotzig gereckt. Ihr langes rotes Haar flatterte wie eine Fahne aus Kupfer im Wind. Sie war ein Prachtweib, vollbusig und kernig, um das jeder den alten Zumsel O’Flynn lebhaft beneidete.
„Ja, wir hatten ein Mißverständnis“, sagte sie offen und ehrlich und mit kratziger Rauchstimme. „Ich habe meinem lieben Mister O’Flynn nämlich mitgeteilt, daß er Vaterfreuden entgegensähe. Und diese Mitteilung muß ihm wohl den Verstand geraubt haben.“
Ribault hatte gerade einen riesigen Schluck Wein genommen. Jetzt zuckte er so heftig zusammen, daß er den Wein in einer gewaltigen Gischtwolke ausstieß. Er blies wie ein Wal und erstickte fast. Dann schüttelte ihn ein krampfartiger Husten.
Renke Eggens fiel die Languste aus der Hand und landete im Sand. Und damit sie nicht so trocken dalag, stieß er auch noch seinen Bierhumpen vor Überraschung um.
Die anderen waren von dieser Mitteilung total überrascht und hockten da wie die steinernen Männchen in der Tropfsteinhöhle.
Sieh mal an, Old Donegal hat was auf Kiel gelegt, dachten die meisten. Stumm starrten sie Mary an, die immer noch wie eine Siegesgöttin dastand.
„Das – das ist doch kein Grund, einfach abzuhauen“, sagte Jean Ribault fassungslos. „Er hätte sich doch freuen müssen.“
„Er hat sich auch sehr gefreut“, sagte Mary spöttisch, „vor Freude kriegte er sich selbst nicht mehr ein. Als ich ihm das sagte, faselte er nur von seiner Pinte, alles andere interessierte ihn nicht. Und darauf hatte dieser sture Holzkopf die Stirn, einfach seine Vaterschaft anzuzweifeln. Das war dann wirklich die Höhe“, sagte Mary empört.
„Allerdings“, gab Gotlinde zu. „So hat sich ja nicht einmal Thorfin benommen, als er das erfuhr. Der hat nicht mal seinen Helm abgesetzt, sondern sich nur daran gekratzt.“
„Das ist doch immer noch kein Grund, einfach zu verschwinden“, sagte der Franzose erstaunt. „Was hast du ihm denn erwidert, als er das bezweifelte?“
„Ich habe die Bratpfanne genommen“, erklärte Mary in schönster Offenheit, „und sie ihm über seinen verdammten Schädel gehauen. Daraufhin ist er voller Wut ausgerissen.“
Nur einen Lidschlag lang herrschte Totenstille. Dann wurde es am Strand lebendig und so laut, daß fast Old O’Flynn in seiner unterirdischen Grotte erwacht wäre.
Die Kerle brüllten los, daß sich die Palmen bogen. Ribault lachte so entsetzlich laut, daß er kaum noch Luft kriegte. Renke Eggens bog sich, und dann dröhnte ein Gelächter zum Abendhimmel, wie es über die Cherokee-Bucht noch nie gehallt war. Das Gelächter nahm kein Ende, denn jeder stellte sich lebhaft vor, wie Mary ihrem kauzigen Alten kurzerhand die Bratpfanne auf den Schädel gedonnert hatte.
Da war vielleicht was los!
„Vielleicht hockt er jetzt kummervoll auf einer Palme und pflegt seine Beule“, sagte Jean, der sich immer noch nicht beruhigen konnte. Bei dieser Vorstellung ging das Gelächter erneut los. Auch Gunnhild und Gotlinde amüsierten sich köstlich.
Mary kicherte, aber da war Jean Ribault schon heran, riß sie an sich, schwenkte sie einmal im Kreis und gab ihr einen herzhaften Kuß.
„Das ist die schönste Nachricht seit dem Untergang der Schlangen-Insel!“ brüllte er und schwenkte Mary noch einmal herum. „Wirklich, wir freuen uns alle mit dir, das ist auch eine gelungene Überraschung. Und Old Donegal ist ein muffliger Riesenhirsch, das sei hier auch gleich gesagt. Abe dem werde ich seine Flausen schon noch austreiben.“
Die Gratulanten überstürzten sich fast, drückten Mary die Hände und freuten sich aufrichtig. Auch die beiden Frauen fielen Mary voller Freude um den Hals.
Die geborene Snugglemouse wurde so rot wie ihr Haar und ganz verlegen. Sie spürte deutlich, daß ihr hier echte Freude und Zuneigung entgegenschlug, und das entschädigte sie doch etwas für die Muffeleien des alten O’Flynn, der kurzerhand abstritt, demnächst Vater zu werden, und selbst nicht daran glauben wollte.
„Ich danke euch“, sagte sie bewegt. „Aber jetzt sollten wir vielleicht doch nach dem neugebackenen Väterchen in spe suchen und ihm seine Grummeleien austreiben. Der Kerl muß ja auch schon halb verhungert und verdurstet sein.“
Womit sie allerdings recht hatte – aber auf eine andere Art.
10.
Etwas später waren die Langusten verspeist, und jetzt brannten alle darauf, „Väterchen“ O’Flynn zu suchen. Einige hatten sich schon ernsthaft vorgenommen, dem alten Zumsel gehörig die Leviten zu lesen, denn wo gab es denn so was, daß dieser Brummbär erst beleidigend wurde und dann auskniff, nur weil ihn wegen seiner Frechheiten mal eine Bratpfanne gestreift hatte. Geschah ihm recht, dachten sie schadenfroh, das hatte er nun davon. Sie alle standen wie ein Mann in dieser Hinsicht auf Marys Seite. Die beiden Frauen natürlich auch.
Gotlinde behauptete sogar, sie hätte ihrem nordischen Hirsch den Helm so platt geklopft, daß er ihn nie mehr vom Schädel gekriegt hätte.
Daraufhin brach noch einmal ein wildes Gelächter los, und die Kerle konnten sich kaum beruhigen.
„Weißt du genau die Stelle, wo dieser Büffel an Land gegangen ist?“ fragte Jean Ribault den Bootsmann der „Empress“. „Dann nehmen wir Fackeln mit und gehen seinen Spuren nach.“
„Ja, ich habe genau gesehen, wie er durch das Gestrüpp flitzte. Es wird nicht schwer sein, den Spuren zu folgen.“
Die Männer und Frauen waren alle mächtig aufgekratzt, einmal durch das herrliche Essen und zum anderen durch den Wein oder das Bier, das sie genossen hatten. Der Einfachheit halber wurde Marys freudige Nachricht gleich kräftig mitbegossen.
Dann wurden Fackeln geholt und entzündet.
„Es reicht, wenn wir zu dritt oder viert gehen“, sagte Jean. „Die anderen sollen sich ruhig mit den Langusten beschäftigen.“
Schließlich gingen Mary, Jean Ribault, Don Juan de Alcazar und Martin Correa los, um den Spuren Old O’Flynns zu folgen.
Als sie an dem Gebüsch waren, entzündete Ribault eine weitere Fackel an einer anderen. Martin deutete in den Sand.
„Da vorn lag die Jolle. Er hat ihr noch einen wütenden Fußtritt gegeben, bevor er verschwand. Hier, ganz in der Nähe, ist er durch das Gestrüpp gerast.“
„Das ist vielleicht ein alter Elch“, sagte Jean Ribault, womit er den alten O’Flynn meinte. „So einen Querkopf habe ich noch nicht gesehen. Der spinnt doch, der Bursche.“
„Der spinnt wirklich“, sagte Mary. „Ich bin nur gespannt, wo er sich jetzt aufhält. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, daß er bei der Finsternis allein irgendwo im Sand sitzt. Hoffentlich ist ihm nichts passiert“, fügte sie besorgt hinzu.
Martin entdeckte gleich darauf die Spuren im Sand, die sie mit der Fackel ableuchteten. Da war der Abdruck eines Stiefels und daneben der kleine Abdruck von dem Holzbein. Die O’Flynnschen Fußspuren waren einmalig und unverkennbar.
Die Fackeln dicht am Boden haltend, gingen sie den Spuren nach. Mitunter waren die Abstände recht groß.
„Der muß wahrhaftig wie ein Büffel losgestürmt sein“, meinte Don Juan amüsiert. „Solche gewaltigen Sprünge bringt man normalerweise nicht zustande. Da muß man schon rennen.“
Es ging durch Dünenfelder querbeet durch die Insel.
Martin blieb stehen und deutete mit der rauchenden Fackel in den hellen Sand.
„Hier hat er eine Pause eingelegt, da ist deutlich der Abdruck von seinem Achtersteven zu erkennen.“
Danach war Old O’Flynn weitergestakst, immer noch voller Zorn, wie die Spuren eindeutig bewiesen.
„Der ist ja höllisch weit gerannt“, sagte Mary staunend, „als wollte er die gesamte Insel durchqueren.“
Vor einem dichten Gestrüpp endeten eine Weile später die Spuren. Hier war der Alte wie ein Hirsch durchgewalzt.
Jean Ribault betrat vorsichtig das Gestrüpp und blieb stehen. Die anderen folgten ihm.
„Donnerwetter“, sagte der Franzose erstaunt und deutete auf ein Loch im Boden, das ziemlich steil in den Sand hineinführte. Überrascht blieben sie davor stehen.
Hier endeten die Spuren, wie Martin feststellte. Und hier hatte der Erdboden den kauzigen Alten buchstäblich verschluckt.
„Eine Art Rutsche“, meinte Jean Ribault, der sich neugierig vorbeugte. „Donegal hat so seine ganz bestimmte Art, immer in Erdlöcher zu sausen, das ist ihm offenbar angeboren.“
Die Höhle war mehr ein schmaler Gang, aber der führte sehr steil in die Tiefe, wie sie besorgt feststellten. Wie es weiter unten aussah, erkannten sie nicht. Da war alles pechschwarz und finster.
„Donegal!“ rief Mary mit lauter Stimme.
Keine Antwort. Auch als Martin laut hinunterblökte, meldete sich der Alte nicht. Besorgt sahen sie sich an.
„Er muß da unten sein“, sagte Don Juan. „Es gibt keine andere Möglichkeit, aber das können wir erst feststellen, wenn wir uns in die Tiefe abseilen. Der Teufel mag wissen, wie lang dieser Gang ist. Und Donegal spaziert vermutlich irgendwo dort unten herum und kann uns nicht hören.“
„Der spaziert ganz sicher nicht in totaler Finsternis herum“, widersprach Mary, „dazu hat er viel zuviel Angst vor Geistern, die in der Tiefe lauern.“
„Ich laufe zurück und hole Seile“, sagte Martin. „Die Fackel könnt ihr hierbehalten, ich finde den Weg auch so.“
Und schon war er weg.
Jean Ribault nahm eine Fackel, beugte sich tief zu dem Gang hinunter und warf sie schwungvoll hinein. Funken sprühten, die Fackel begann zu rollen und überschlug sich holpernd, einen längeren Licht- und Rauchschweif hinter sich lassend.
Das Licht wurde immer schwächer, bis es nicht mehr zu sehen war.
Jean Ribault schluckte. Ganz sicher war die Fackel nicht erloschen, aber der Gang war so tief, daß sie sich ihren Blicken entzog.
Er sah Mary an, sagte aber nichts, damit die sich nicht noch mehr sorgte. Aber Mary dachte das gleiche wie Jean.
Hier war der Zorngockel übergangslos hineingefallen, und wahrscheinlich hatte er eine Höllenfahrt hinter sich. Möglicherweise hatte er sich vielleicht das Bein gebrochen und konnte nicht mehr laufen, denn auf dem Holzbein allein konnte er sich nicht halten.
Sie überlegte krampfhaft, wohin der Gang führen mochte, denn er war wirklich sehr lang. Jetzt drang nur noch ein wenig dunstiger Rauch aus dem steilen Schacht.
Nach überraschend kurzer Zeit kehrte Martin mit zwei langen Leinen zurück. Er hatte auch noch zwei weitere Fackeln mitgebracht.
„Das übernehmen Martin und ich“, sagte Jean. „Wenn ihr die Leinen haltet, seilen wir uns ab.“
Es wurde nicht lange diskutiert, denn Eile war geboten, und so widersprach niemand, als Martin und Jean sich die Leinen umbanden.
Mit Fackeln bewaffnet ließen sie sich vorsichtig in den Gang abseilen.
Eine schweigende Welt nahm sie auf, als ihre Fackeln die seltsame Umgebung erhellten. Anfangs sahen sie sich nur stumm um und staunten über die Tropfsteine, die überall bizarr aufwuchsen und mitunter den Weg versperrten.
„Gar nicht so steil, wie ich dachte“, sagte Jean, „aber wenn man hier unversehens hineinfällt, saust man doch wahrhaftig ab wie in einer Rutsche.“
Der Boden wurde nach einer Weile eben. Dann standen sie in einer riesigen Höhle und sahen sich nach allen Seiten um.
„Donnerwetter“, murmelte Martin beeindruckt. „Das ist ja hier wie in einem riesigen Dom.“
Seine Worte verdoppelten und verdreifachten sich. Aus dem Flüstern wurde ein Knurren, dann ein Grollen. Martin Correa war das nicht ganz geheuer.
„Eine Kalkstein- oder Tropfsteinhöhle“, sagte Jean Ribault. „Ich war mal in Frankreich in so einem unterirdischen Gewölbe, fast einen ganzen Tag lang, weil ich mich einfach nicht satt sehen konnte.“
Die Wunderwelt der Tropfsteine nahm sie auf. Martin starrte auf versteinerte Zaubergärten, blickte zur Decke und sah die riesigen Stalaktiten, die von dort herabwuchsen. Im Licht ihrer Fackeln schien diese wundersame Welt zu leben. Und sie schillerte in den unglaublichsten Farben.
Martin blieb stehen und starrte in eine Ecke, die wie ein vielfarbiger Korallengarten aussah. Auch er konnte sich an dem Anblick nicht satt sehen, doch Jean Ribault drängte zur Eile.
„Später können wir alles erkunden“, sagte er. „Jetzt müssen wir den Admiral suchen, denn der hat sich hier gründlich verirrt. Er hatte nämlich keine Fackel dabei.“
„Vielleicht hat er den Zunderschwamm ein bißchen glimmen lassen. Dann muß ihn der Anblick umgehauen haben, denn er sah nur noch Geister um sich herum.“
Bei dieser Vorstellung grinsten sie beide, denn sie kannten die Furcht des Alten vor solchen Dingen. Wenn er wirklich etwas gesehen hatte, dann war er hier sicher schreiend und entnervt herumgesprungen.
Sie drangen weiter vor und konnten sich mit den hellen Fackeln auch viel besser orientieren als Old O’Flynn mit seinen dünnen Spänen.
Diesmal war es Jean Ribault, der plötzlich stehenblieb, so daß Martin gegen ihn prallte.
„Was ist?“ fragte er heiser.
Da war irgendwo in dieser riesigen und weitverzweigten Höhle ein Geräusch, das sich nicht definieren ließ. Es hörte sich nach einem Brummen an, doch das Echo verzerrte alles.
Martin Correa griff nach seiner Pistole.
„Hört sich nach einem Bären an“, hauchte er, „vielleicht ist das eine Bärenhöhle.“
„Das ist mir neu, daß es auf den Inseln Bären gibt“, sagte Jean Ribault. „Das muß was anderes sein. Folgen wir dem Geräusch.“
Sie brauchten dem Geräusch nicht lange zu folgen. Es wurde auch immer lauter.
Dann standen sie grinsend vor Old Donegal, der tief und fest schlief und so gewaltig und laut schnarchte, daß die Tropfsteine wackelten.
Neben ihm lagen die kümmerlichen Überreste des Holzbeines, und sie sahen auch, daß er seinen Weg markiert hatte, um aus diesem Labyrinth herauszufinden.
Beide Männer sahen sich grinsend an. Da war er ja, der alte Wüterich, und ihm fehlte offenbar nichts weiter als sein Holzbein, das vermutlich bei seiner Rutschfahrt in Trümmer gegangen war. Mit den Resten davon hatte er versucht, behelfsmäßige Fackeln zu entzünden.
Aber jetzt war er total abgeschlafft und erledigt. Das Umherirren hatte ihn maßlos erschöpft.
„Kerngesund“, stellte auch Martin fest, „aber total erledigt. Der muß hier fast verrückt geworden sein vor Angst.“
Er bückte sich, um den „Admiral“ zu wecken. Doch auch als er ihn etwas gröber anstieß, reagierte der Alte nicht. Mit halboffenem Mund schnarchte er unverdrossen weiter.
„Was jetzt? Der Bursche schläft so tief und fest wie noch nie in seinem Leben.“
„Wir lassen ihn schlafen. Ich trage ihn, er ist ja nicht schwer. Halt du mal die Fackeln.“
Jean Ribault lud sich den Schnarchsack kurzerhand auf den Rücken. Auch das merkte Old O’Flynn nicht, er ratzte weiter wie ein alter Biber.
„Für die Höhle bleibt uns noch genügend Zeit“, sagte Jean, „jetzt müssen wir ihn erst einmal nach oben hieven.“
Sie schafften es wesentlich schneller als Old O’Flynn, den Ausgang zu finden. Es wurde nur noch einmal problematisch, ihn durch den steilen Gang zu bringen. Aber nach einer endlos scheinenden Kraxelei war er endlich oben.
Ribault legte ihn schnaufend in den Sand.
„Da ist dein gutes Stück, Mary“, sagte er trocken. „Ihm fehlt nichts, nur sein Holzbein ist zertrümmert.“
„Wir haben an Bord noch eins. Ferris Tucker hat ja immer gleich Ersatz hergestellt, weil das auch so eine Macke von ihm ist, mit dem Ding überall anzuecken, oder Haifische damit zu verprügeln. Aber ich bin heilfroh, daß ihm weiter nichts fehlt. Nur Väterchen O’Flynn schläft so fest, als hätte er einen Vollrausch.“
Sie erzählten in knappen Worten, wie es da unten aussah. Dann begann Mary O’Flynn, den alten Zorngockel mit dem Finger zu pieksen, damit er aufwachte.
„Das gibt es gar nicht“, sagte sie erstaunt. „Oder hat er doch eine Buddel dabeigehabt und einen gegluckert? Wundern würde mich das nicht.“
„Er hatte jedenfalls nichts dabei. Aber die Geister da unten werden ihm recht übel zugesetzt haben.“
„Hoffentlich“, sagte Mary inbrünstig, „kann sein, daß er dadurch etwas vernünftiger geworden ist.“
„Oder noch bestußter“, fügte Martin respektlos hinzu. „Man kennt das ja zur Genüge.“
„Gehen wir“, sagte Ribault und wollte sich wieder bücken. Doch diesmal kam ihm Don Juan zuvor.
„Jetzt bin ich an der Reihe“, sagte er. Er schnappte sich den Ratzemann, nahm ihn huckepack und marschierte in die Richtung zurück, wo von ferne schwach das Feuerchen brannte und die anderen immer noch hockten und den restlichen Wein tranken.
Als Don Juan ihn an den Stamm einer Palme lehnte und in den Sand setzte, ging das große Grinsen um. Old O’Flynn schlief immer noch, nur sein Schnarchen hatte er eingestellt.
Staunend vernahmen die anderen, wo und unter welchen Umständen sie den Alten gefunden hatten und daß es eine riesige Höhle auf der Insel gab.
„Wo ist denn sein Holzbein?“ fragte Hesekiel verwundert.
„Das ist wieder mal in die Binsen gegangen“, sagte Jean. „Offenbar hat er es zertrümmert, als er auf seiner Rutschfahrt in die Unterwelt einen Kalkstein rammte. Aus den Überresten hat er sich Späne geschnitzt und Fackeln hergestellt.“
„Und es sieht da wirklich wie in einer Geisterhöhle aus?“ erkundigte sich Gotlinde erstaunt.
„Ja“, gab Jean Ribault zu, „auch für einen, der nicht an Geister glaubt, kann es da bei Dämmerlicht ganz unheimlich werden. Bei ihm muß regelrecht was ausgehakt haben.“
„Wenn er erst morgen früh wach werden sollte, könnte man ihm ja noch eine kleine Lektion erteilen“, meinte Martin. „Vielleicht schläft er ja durch, und dann wird er sehr erstaunt sein, sich an Bord seines Schiffes wiederzufinden.“
Ein paar Männer grinsten bereits, als sie sich das vorstellten.
„Laßt ihn doch lieber in Ruhe“, meinte Hesekiel. „Er hat sehr viel durchgemacht. Es war bestimmt kein angenehmer Tag für ihn.“
„Für mich auch nicht“, sagte Mary trocken und betrachtete die schillernden Beulen auf Donegals Schädel.
Nanu! Soweit sie sich entsann, hatte sie dem alten Krakeeler doch nur einmal die Bratpfanne auf den Schädel gehauen, aber jetzt wuchsen dort wesentlich mehr Beulen. Hatten es ihm die Erdmännchen da unten auch noch einmal besorgt?
„Wir bringen ihn an Bord“, sagte Mary, „und stecken ihn in die Koje. Er wacht ja doch nicht mehr auf.“
So geschah es auch. Martin trug den Alten zur Jolle hinüber und setzte ihn zwischen die Duchten. Zur Überraschung aller schlief er immer noch, so daß Mary sich besorgt fragte, ob sein Schädel vielleicht doch etwas zu heftig erschüttert worden war.
Am Strand gingen die Männer auseinander. Die Feier war für den heutigen Tag beendet.
Als sie auf der „Empress“ waren, betteten sie Old Donegal in die Koje.
„Wo ist das Ersatzholzbein?“ fragte Martin. „Das können wir ihm doch gleich anziehen.“
„Es liegt unter seiner Koje in dem schmalen Schapp.“
Das neue Holzbein wurde hervorgeholt. Es unterschied sich in nichts von dem anderen. Es hatte auch ein Geheimfach, in dem ein scharfes Stilett verborgen war.
Sie banden ihm das Holzbein um und befestigten es. Old O’Flynn lag jetzt auf dem Rücken. Auch diese Behandlung entging ihm, er kriegte absolut nichts mit. Er schnarchte weiter, und als Gotlinde und Gunnhild nach ihm sahen, da rührte er sich immer noch nicht.
Leise gingen sie aus der Kammer. Offenbar war Old O’Flynn ganz gesund, nur eben total erschöpft.
„Der wird morgen früh aber Glubschaugen kriegen“, meinte Martin, „da ist bestimmt noch was los.“
„Hoffentlich übernimmt er sich dabei nicht“, murmelte Mary besorgt.
Am anderen Morgen lauerten die Kerle bereits unauffällig in Booten um die „Empress“ herum, damit ihnen ja nicht entging, wenn Donegal an Deck schlurfte. Mary hatte bereits verkündet, daß er bald erwachen würde, denn er drehte sich pausenlos in der Koje um.
Jean Ribault war grinsend an Deck erschienen, um die Reaktion des Alten zu sehen. Auch Martin war angeblich „beschäftigt“ und spitzte schon neugierig die Ohren.
Dann endlich erschien Old O’Flynn an Deck. Zerknautscht und zerknittert sah er aus. Auf seinem Schädel schillerten ein paar bunte Hörner, die Jean Ribault lebhaft an die farbigen Tropfsteine in der riesigen Höhle erinnerten.
Old O’Flynn wirkte auch noch recht bestußt und wußte offenbar nicht, wo er sich befand. Er törnte über Deck, blieb alle Augenblicke stehen und sah sich in der lauernden Haltung eines Verfolgten um. Mißtrauisch beäugte er die Umgebung.
Die Kerle in den Booten, die sich alle eins grinsten, sah er nicht. Er nahm auch Jean Ribault nicht zur Kenntnis, der ihn aufmerksam ansah.
Mary stand in der offenen Pantry und briet Speckscheiben. Aber selbst der liebliche Duft reizte den Alten nicht.
Ja, Old O’Flynn war offenbar noch nicht ganz da. Er schien mehr als verwirrt zu sein, wenn er sich ruckhaft umwandte, als würde ihm gleich jemand ins Kreuz springen.
Als er an der Pantry vorbeitörnte, sah er seine bessere Ehehälfte brummig und knatschig an.
„Wo bin ich hier?“ knurrte er unfreundlich.
„Soviel ich weiß, befindest du dich an Bord der ‚Empress‘, deines Schiffes“, sagte sie kühl.
„Kann nicht stimmen“, giftete Donegal. „Ich bin nicht an Bord meines Schiffes. Das weiß ich ganz genau.“
Na, der Morgen fängt ja wieder reizend an, dachte Mary. Kaum kreuzte der alte Brummbär auf, schon ging der Affenzirkus los.
Neben der „Empress“ spitzten die Kerle die Lauscher und grinsten hinterhältig. Auch Jean Ribault grinste heimlich, und Martin drehte sich um, damit der Alte sein Lachen nicht sah.
„Wo bin ich?“ fragte er stur.
„An Bord!“ schrie Mary. „Wo denn sonst?“
„Ich bin nicht an Bord, verdammt noch mal!“
„Ach – und wo bist du dann?“
Da brauchte Donegal nicht lange zu überlegen. Fuchtig stand er da und griff sich an den Schädel.
„Ich bin in einer Geisterhöhle, kapiert? Jawohl, in einer Höhle voller unheimlicher Geister.“
Mary blieb immer noch kühl und gefaßt. Sie sah ihn nur von der Seite her an und sagte spitz: „Du mußt es ja wissen, schließlich bist du der Kapitän. Und wenn du glaubst, in einer Geisterhöhle zu sein, dann ist das deine Meinung. Vielleicht klopfen aber auch ein paar Geister in deinem Hirn.“
„Da klopfen keine!“ brüllte O’Flynn mit rotem Schädel.
Jean Ribault trat einen Schritt vor und wünschte dem Knurrhahn einen guten Morgen. Gleichzeitig fragte er: „Wieso ist die ‚Empress‘ plötzlich eine Geisterhöhle? Hast du vielleicht schlecht geschlafen, Donegal?“
„Ich war in einer Geisterhöhle“, behauptete Old O’Flynn stur. „Da waren kleine Männchen mit dicken Kalbsköpfen und langen spitzen Giftzähnen, die mich fressen wollten. Und da war auch ein Hexenmeister in einem Zaubergarten, verdammt noch mal. Ich weiß das, denn ich war da. Und ein orgelspielender Riese ist mir begegnet, der saß auf einem Hirsch und war aus Sodom.“
„Was ist das denn?“
„Eine alte biblische Stadt!“ schrie Old O’Flynn. „Da sind alle zu steinernen Säulen geworden, weil sie gehurt und gesoffen haben. Und die Kerle hocken alle in der Höhle.“
„Interessant“, sagte Jean Ribault lächelnd. „Zaubergarten, Hexenmeister und orgelspielende Hirsche. Manchmal träume ich auch so einen Blödsinn wie du, aber nur sehr selten.“
Dem Alten ging fast der Gaul durch. Er sah sich verzweifelt um, konnte aber keinerlei Geister irgendwelcher Art entdecken, und das verwirrte ihn total.
„Ich war da“, beharrte er, „und nicht im Traum. Ich habe das alles ganz bewußt und wirklich erlebt.“
„Wie willst du das denn beweisen?“ fragte Jean hinterhältig.
„Ha, mit meinem Holzbein natürlich. Das ist bei der Rutschfahrt in Trümmer gegangen, und zwar restlos. Ich hab’ Späne daraus geschnitzt und sie als Fackeln verwendet. Die Kerle wollten mich nämlich umbringen und fressen.“
„Und dein Holzbein ist total kaputt?“
„Na klar doch.“
„Ja, man sieht es“, sagte Jean sarkastisch. „Ein einziger Trümmerhaufen. Ein Wunder, daß du trotzdem damit laufen kannst, wenn es doch total kaputt ist.“
Old O’Flynn starrte an sich hinunter. Da war sein Holzbein, heil und ganz. Da war nichts kaputt.
Jetzt begriff er die Welt nicht mehr und starrte die anderen aus rötlichen Augen total verdattert an.
„Aber ich war doch …“, stammelte er entnervt. „Ich begreife das alles nicht.“
Mary grinste, die anderen Kerle neben der „Empress“ brachen in wildes Gelächter aus, und der Alte kapierte jetzt überhaupt nichts mehr. Bin ich nicht mehr ganz richtig im Kopf? fragte er sich ängstlich.
„Ein Hirsch bist du“, sagte Jean, „ein Riesenhirsch von der sturen Sorte. Aber ich will dir erklären, wie es war. Du bist bestußt und wütend an Land getobt und in eine Höhle eingebrochen, in eine Höhle voller Tropfsteine, du Esel. Und du bist davongelaufen, weil Mary dir gesagt hat, daß du Vater wirst. Eine Sauerei ist das, so einfach davonzurennen. Und dann hast du auch noch daran gezweifelt, daß du der künftige Vater bist, Mister O’Flynn. Mary hätte dir die Bratpfanne besser gleich zehnmal auf deinen verdammten Holzkopf schlagen sollen.“
Old O’Flynn schrumpfte sichtlich zusammen.
„Ihr wißt alles?“ fragte er kläglich.
„Ja, wir wissen alles. Du hältst es offenbar auch nicht für nötig, dich abzumelden, wenn du einsame Alleingänge unternimmst. Natürlich haben wir dich dann gesucht und auch in der Höhle gefunden und abgeborgen. Dein Holzbein war in Trümmer, und wir haben dir ein neues angezogen. Jetzt weißt du alles, du Riesenelch.“
Old O’Flynn sackte noch mehr in sich zusammen.
„Tut mir leid“, sagte er kleinlaut, „dann habe ich das alles wohl verschlafen. Äh, und ich glaube, ich muß mich wohl auch bei allen entschuldigen.“
„Das glaube ich auch“, sagte Mary mit blitzenden Augen. „Du kannst es aber auch bleibenlassen, aber dann knall’ ich dir noch einmal die Bratpfanne auf den Schädel. Sie ist gerade so schön heiß.“
„Nein, nein!“ rief Old O’Flynn hastig. „Ich entschuldige mich bei allen und ganz besonders bei dir, liebste Mary. Und laß bloß die heiße Pfanne auf dem Herd stehen. Ich war ganz durch den Wind, denn schließlich wird man ja nicht jeden Tag Vater, besonders nicht in meinem Alter.“
„Dann nehmen wir ihn wieder in den Bund der Korsaren auf“, sagte Jean Ribault grinsend. „Aber er muß uns noch genau erzählen, was er bei den Kalbsköpfen erlebt hat.“
Das tat Old Donegal dann auch so ausgiebig und voller Phantasie, daß die anderen sich kaum noch trauten, jemals diese unheimliche Höhle zu besichtigen …
ENDE

1.
In den etwas späteren Morgenstunden des 20. April 1595 schlug Old Donegal Daniel O’Flynns Stimmung um. Nach dem „Schreckenserlebnis“ in der Tropfsteinhöhle war er an Bord der „Empress of Sea II.“ wieder „ins Reich der Lebenden“ zurückgekehrt, sprich, er hatte das Bewußtsein wiedererlangt.
Wenn die Freunde nicht mit Fackeln nach ihm gesucht hätten, hätte er noch jetzt in der „Geisterhöhle“ gelegen. Statt sich aber für die Rettung zu bedanken, hatte er sich knurrig und verbiestert gezeigt. Er war eben total „durch den Wind“ gewesen – wegen der Tatsache, daß Mary O’Flynn, geborene Snugglemouse, ihm am Vortag die freudige Nachricht mitgeteilt hatte, daß sie ein Kind von ihm erwarte.
Da mußte erst ein Jean Ribault an Bord der „Empress“ entern und dem alten Knurrhahn „was zwischen die Hörner“ geben – von wegen, was das für eine Art sei, einfach wegzulaufen, wenn man Vater werde, und daß auch ein Old O’Flynn sich gefälligst abzumelden habe, wenn er seine Alleingänge unternähme.
Das saß. Old O’Flynn war jetzt einigermaßen geläutert – und zerknirscht. Er übte gewissermaßen Selbstkritik und überlegte sich, wie er die Sache wieder ausbügeln oder geradebiegen konnte. Bei Mary um gut Wetter anhalten? Sicher, das war der beste und direkteste Weg. Warum, zur Hölle, war er aber auch so brummig und verbiestert gewesen? Hätte er nicht anders reagieren können?
Hätte, wenn und aber – es nutzte nicht viel, sich selbst Vorwürfe zu machen. Er mußte die Sache anders anpacken. Wieder marschierte er auf die Pantry der „Empress“ zu, verharrte im offenen Schott und blickte zu Mary, die nach dem Frühstück mit dem Aufklaren beschäftigt war.
Die „Empress of Sea II.“, die „Golden Hen“, die „Wappen von Kolberg“ und die „Pommern“ ankerten in der Cherokee-Bucht an der südlichen Ostseite der Insel Great Abaco. Bei der Ankunft der Schiffe hatte es einigen Wirbel mit den Piraten des Mubarak gegeben, doch bei einem Nachtangriff der „Alis“ hatten die Männer des Bundes der Korsaren sich erfolgreich zu verteidigen gewußt. Inzwischen war keiner der algerischen Freibeuter mehr am Leben.
Jetzt warteten die Männer auf das Eintreffen der „Isabella IX.“, der „Caribian Queen“ und des Schwarzen Seglers. Der Seewolf, die Rote Korsarin und der Wikinger waren hierher unterwegs. Es konnte nicht mehr lange dauern, und auch sie hatten den gemeinsamen Treffpunkt erreicht.
Probleme gab es derweil – außer mit dem alten O’Flynn – mit der Dreimastkaravelle „Golden Hen“. Ihr Ruder war auf der Fahrt nach Great Abaco von einem Hai gerammt worden und zu Bruch gegangen.
Jean Ribault hatte einen der Langriemen, mit denen das Schiff ausgerüstet war, als Notruder benutzt, doch natürlich war dies keine Dauerlösung. Damit man das Ruder reparieren konnte, mußte die „Golden Hen“ jedoch gekielholt werden. Das war eine langwierige, schweißtreibende Arbeit.
Old O’Flynn schaute seine Mary an, und der Wunsch nach Versöhnung wurde in ihm übermächtig. Was für ein Prachtweib war sie doch! Jetzt würde sie sogar Nachwuchs auf die Welt bringen, was erstens ein Beweis für ihre Gesundheit und Fruchtbarkeit und zweitens für seine Mannes- und Zeugungskraft war. Das mußte man sich mal vor Augen halten! Der Alte tat’s und war jetzt versessen darauf, sich mit der werdenden Mutter auszusöhnen.
Er räusperte sich, aber Mary schien es nicht zu hören. Sie war mit den Töpfen und Pfannen beschäftigt und hantierte ziemlich laut herum.
„Na, Mary“, sagte der Alte. „Wie geht’s uns denn heute morgen so?“
Sie antwortete nicht. Eigentlich nahm sie ihn überhaupt nicht zur Kenntnis. Beim Wassermann, dachte der Alte, das geschieht mir wohl ganz recht.
Was war der richtige Weg, erfolgreich Abbitte zu leisten? Old O’Flynn scharrte ein bißchen mit dem Holzbein herum und sann angestrengt darüber nach. Er kam sich idiotisch vor, wußte aber gleichzeitig auch, daß er die Sache nicht einfach auf sich beruhen lassen konnte.
„Ja“, sagte er, „wenn ich mir das recht überlege, ist heute doch ein feiner Tag, nicht? Wäre das nicht ein Grund zum Feiern?“
Mary sah ihn plötzlich an. Sie hielt mit ihrer derzeitigen Tätigkeit, dem Scheuern der Pfannen, inne. „Sag mal, bist du immer noch in deiner verdammten Geisterhöhle, Mister O’Flynn?“
„Ich? Nein, wieso?“
„Weil du Selbstgespräche führst.“
„Ich bin doch hier an Bord der ‚Empress‘“, sagte er und versuchte es mit einem Grinsen, das ihm allerdings mißlang und zu einer Grimasse geriet.
„Und du hast nichts zu tun?“
„Doch, ja, jede Menge.“
„Dann tu deine Pflicht“, sagte sie frostig. „Und halte hier keine dummen Reden.“
Am liebsten wäre er gleich wieder „aus der Haut gefahren“, wie er das nannte – aber nein, er hatte ja beschlossen, sich mit Mary wieder zu versöhnen. Doch, sie hatte allen Grund, gekränkt zu sein. Das mußte wieder ins rechte Lot gebracht werden. Und so fuhr der Alte fort, um seine „Miß Snugglemouse“, sein trautes Weib, herumzuscharwenzeln. Er war hartnäckig, aber sie ließ ihn zappeln.
Schließlich brach ihm der Schweiß aus. Er war froh, als Jean Ribault erschien und zum Alle-Mann-Manöver aufrief.
„Versammelt euch am Strand!“ rief er. „Wir brauchen jede Hand!“
„Beim Donner!“ stieß Old O’Flynn hervor. „Das hätte ich fast vergessen! Hölle, die ‚Golden Hen‘ soll kielgeholt werden!“
Mary schwieg wieder und bemühte sich, der Pantry so viel Glanz zu verleihen, daß man von ihren Planken essen konnte. Old O’Flynn warf ihr noch einen Schmachtblick zu, dann wandte er sich ab und stiefelte über das Deck der „Empress“ zum Schanzkleid.
Er verharrte dort, stützte die Hände auf und rief: „Ich komme! Es kann gleich losgehen!“
Mary konnte sich ein Lächeln jetzt doch nicht verkneifen. Sie lächelte auch noch, als Gotlinde die Pantry betrat und sie ansah.
„Was ist denn mit dir los?“ fragte Gotlinde.
„Ach, ich denke nur über dieses und jenes nach. Ob’s wohl ein Junge oder ein Mädchen wird beispielsweise.“
„Ich wollte eben nicht stören, weil du wohl eine Aussprache mit deinem Knurrhahn hattest.“
Mary schüttelte den Kopf. „Wir hatten keine Aussprache. Ich lasse den alten Dickschädel noch ein wenig in der Luft hängen, das hat er verdient.“
Gotlinde lachte. „Ihr seid wirklich ein herziges Pärchen, ihr beiden.“
„Ja, aber auf unsere Weise haben wir uns gern“, sagte Mary. „Und was sich liebt, das neckt sich. Ist es nicht so?“
„Sicher.“ Gotlinde trat zu ihr und half ihr beim Aufräumen und Saubermachen. Dabei dachte sie an den Wikinger. Mit dem hatte sie auch nicht immer leichtes Spiel. Wenn sie an die Eifersuchtsszenen dachte, die er manchmal wegen des Störs anzettelte – nicht zu fassen! Man hatte es eben nicht leicht mit den Männern. Doch die Hauptsache war, daß in ihrer rauhen Schale ein guter Kern steckte – und ein Herz.
Old O’Flynn war unterdessen in sein Beiboot geklettert. Martin Correa und Ray Hoback gingen mit ihm von Bord der „Empress“. Sie pullten mit der Jolle an Land. Mulligan, der vormals mit zur Crew der „Empress“ gehört hatte, befand sich seit der Ramming an Bord der „Golden Hen“. Dort hatte er genug Holz und Material gefunden, um ein neues Ruder für die Karavelle herzustellen. Inzwischen war das Ruder fertig. Jetzt mußte die „Golden Hen“ am Nordstrand der Bucht kielgeholt werden, damit das neue Ruder eingepaßt werden konnte.
Die Männer versammelten sich am Strand. Hesekiel Ramsgate leitete die Arbeiten und verteilte sie an die verschiedenen Taljen, die bereits am Vortag von der „Golden Hen“ zum Land geschoren worden waren.
Auch Old O’Flynn, Hoback und Correa reihten sich ein. Die „Golden Hen“, mußte auf den flachen Strand gezogen werden – das kostete Ausdauer und Muskelkraft.
„Es kann losgehen!“ rief Ramsgate. „Alles hört auf mein Kommando!“
„Aye, Sir!“ schrien die Männer.
„Klar bei Taljen?“
„Klar bei Taljen!“ brüllten die Männer.
„Paßt auf mit den Pallhölzern!“ mahnte Ramsgate.
„Klar bei Pallhölzern!“ rief Jean Ribault, der die Gruppe leitete, die für das seitliche Abstützen des Rumpfes eingeteilt war.
Es waren Ramsgates Männer, die mit den Pallhölzern zu beiden Seiten bereitstanden. Sie würden die Hölzer im richtigen Moment gegen die Bordwände der „Hen“ stemmen, damit sie auf ebenem Kiel blieb, sobald sie nicht mehr aufschwamm.
„Los!“ schrie Ramsgate.
Die Männer packten die Läufer der Taljen, holten die Lose durch, bis die Leinen straff standen, und dann setzte das eigentliche Manöver ein: Mit Hauruck wurde die Karavelle Zug um Zug an Land gezogen. Kräftig packten die Männer zu, und ihren Gesichtern war die Anstrengung nach den ersten energischen Zügen deutlich anzusehen.
„Hauruck!“ rief Ramsgate, der nun selbst mit anfaßte. „Willig!“
„Vorwärts!“ schrie Jean Ribault, und Ramsgates Männer, die ins Wasser gewatet waren, begannen mit den Pallhölzern zu hantieren. Die ersten Hölzer wurden gegen die Bordwand gestemmt und auf dem Grund abgestützt.
Die Männer mußten auf der Hut sein, denn durch die Bewegung des Schiffes wurden die im steilen Winkel zur Bordwand stehenden Hölzer in Zugrichtung gekantet. So wechselten sich die Männer umschichtig ab: Die „ausgebrauchten“ Stämme wurden vorn weggenommen und achtern wieder angesetzt. Es herrschte ständig Bewegung.
Jean Ribault achtete darauf, daß nirgends eine „Schwachstelle“ auftrat. Wo ein Holz fehlte, gab er sofort den Befehl, es anzusetzen.
Die „Golden Hen“ glitt mit ihrem Vorschiff auf das Ufer. Jean Ribault löste Ramsgate ab, und der Schiffsbaumeister überwachte die Arbeiten mit den Pallhölzern.
„Hauruck!“ riefen die Männer wieder, und die Karavelle rutschte noch ein Stück näher auf den Sand.
Insgesamt war es Kraftarbeit, aber mittels der mehrfach geschorenen Taljen verminderte sich der Kraftaufwand doch so, daß sie mit genügend Ausdauer in einem einzigen Arbeitsgang das Schiff aufs Ufer ziehen konnten. Unter Ramsgates Anweisungen gelang das Manöver perfekt – die „Golden Hen“ befand sich mit ihrem Vorsteven bereits auf dem Trockenen.
Die Karavelle brauchte auch nur etwa bis zur Hälfte ihrer Rumpflänge auf den Strand gezogen zu werden. Das genügte, um das neue Ruder achtern am Steven einhängen zu können. Mulligan begab sich ans Werk. Das neue Ruder war fertig. Er brauchte die Trümmerreste des alten nur abzunehmen. Dann brachte er neue Ruderösen am Achtersteven an und erneuerte auch die Fingerlinge, die nicht mehr brauchbar waren.
Beim Einhängen des Ruders standen ihm Tom Coogan und Jonny hilfreich zur Seite. So klappte auch diese Arbeit reibungslos – die „Hen“ hatte ihr nagelneues, solides Ruder.
„So“, sagte Old O’Flynn. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Jetzt könnt ihr zur nächsten Hai-Ramming auslaufen, Leute.“ Er sah Jean Ribault an und grinste.
Jean Ribault grinste nicht mit. „Findest du das witzig?“
„Ach, es ist mir nur so eingefallen.“
„Du mußt wohl immer schwarzmalen, wie?“ fragte Jean Ribault. „Aber kümmre dich lieber um deine Angelegenheiten. Paß auf, daß du nicht aus Versehen wieder in dein Geisterloch fällst, wenn du über die Insel tigerst.“
Old O’Flynn schwieg mit verkniffenem Gesicht. Es brachte nichts ein, den Franzosen herauszufordern. Der war viel zu schlagfertig. Außerdem: Welchen Sinn hatte es? Viel wichtiger war, daß er so schnell wie möglich wieder mit Mary ins reine kam. Mißstimmungen konnten Schwangerschaften negativ beeinflussen, hatte ihm mal jemand erzählt. Wer? Der Kutscher – oder? Verdammt und zugenäht, warum war der Kutscher jetzt nicht hier?
Die Männer nahmen die Gelegenheit wahr: Die eine Arbeit konnte mit einer anderen sinnvoll verbunden werden. Nachdem das Ruder eingehängt war, fingen sie an, auch gleich den Muschelbewuchs am Unterwasserrumpf zu beseitigen. Im übrigen untersuchte Ramsgate den Rumpf eingehend und entdeckte ein paar Stellen, die frisch kalfatert und geteert werden mußten.
Da auch die Männer der „Wappen von Kolberg“ und der „Pommern“ mithalfen, ging die Arbeit zügig voran. Die einen kratzten die Muscheln und Algen von der Karavelle ab, die anderen stopften mit Kalfateisen geteertes Werg in die Ritzen des Rumpfes.
Als das erledigt war, strich Mulligan mit einem dicken Pinsel Teer auf die Flächen. Damit war die „Golden Hen“ wieder einwandfrei in Schuß. Der Teer brauchte nur noch zu trocknen, dann konnte sie wieder ins Wasser der Bucht befördert werden.
Noch am Nachmittag dieses Tages wurden die Taljen umgeschoren und dieses Mal vom Heck hinüber zum steileren Südstrand der Bucht verfahren. Am Abend, im Einsetzen der Dunkelheit, war es dann soweit: Alle Männer packten wieder mit an und zogen die „Golden Hen“ übers Heck ins Wasser.
Dieses Mal ging es leichter. Unter kräftigem „Hauruck“ wurde gezerrt und geruckst, und die Männer mit den Pallhölzern hinderten das Schiff wieder am Krängen. Es knirschte, als die „Hen“ vom Sand des Ufers ins seichte Wasser glitt. Bald darauf schwamm sie frei.
Die Männer johlten und pfiffen. Besonders Jean Ribault und seine Männer waren erleichtert. Sie waren um eine Sorge befreit.
Die Pallhölzer wurden geborgen, ebenso die Taljen und die Leinen.
„Der Rest wird morgen erledigt!“ verkündete Ribault dann mit lauter Stimme. „Jetzt gibt es erst mal eine Extraration Rum!“
Nachdem der Anker der „Golden Hen“ geworfen war, ließ Ribault ein ganzes Fäßchen Rum an Land schaffen. Zwei Männer der „Pommern“-Crew entfachten ein Feuer, und wenig später hockten sie alle im Kreis zusammen, und es wurde tüchtig gefeiert.
Old O’Flynn brachte seiner Mary, die noch an Bord der „Empress“ geblieben war, eine Muck Rum. Mary hockte bei Gotlinde und Gunnhild. Klein David war fest eingeschlafen, aber Thyra und Thurgil waren unruhig. Thyra weinte, Thurgil strampelte mit den Beinchen und gab seufzende Laute von sich.
Um alle beide konnte sich Gotlinde nicht gleichzeitig kümmern. Mary nahm ihr Thyra ab und wiegte sie auf dem Schoß. Gotlinde summte ihrem Söhnchen ein Lied in ihrer Muttersprache vor, und bald nickte der Kleine ein. Aber auch Thyra verstummte jetzt.
Thyra schlief ein, als der alte O’Flynn mit der Muck Rum an Bord enterte. Er sah das Kind auf Marys Schoß und blieb stehen. Irgendwie war er gerührt – oder ergriffen. Wenn er an den Nachwuchs dachte, wurde ihm ganz schwummrig ums Herz.
„Na, übst du schon, Mary?“ fragte er mit etwas kratziger Stimme.
Sie warf ihm einen vernichtenden Blick zu. „Still. Sie ist gerade erst eingeschlafen. Willst du sie wieder aufwecken?“
„Ich?“ brummelte er. „Nee.“
„Was willst du, Mister O’Flynn?“ zischte Mary.
Er schlich auf die Frauen zu und hielt Mary die Muck hin. „Da, trink einen Schluck. Es ist ein guter Tropfen.“
„Rum?“ ihre Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. „Dir geht’s wohl nicht gut? Eine werdende Mutter darf keinen Schnaps trinken. Willst du mich vergiften? Und das Kind?“
Old O’Flynn begriff die Welt nicht mehr. Was war los? War denn alles verdreht? Vor lauter Verwirrung hätte er die Muck am liebsten selbst geleert, bezwang sich aber im letzten Moment. Der Henker mochte wissen, wie Mary darauf reagierte.
„Mary“, schaltete sich Gotlinde schlichtend ein. „Ich habe den Eindruck, Donegal will so etwas wie einen Versöhnungsschluck mit dir trinken.“
„So?“ Wieder musterte Mary ihren „Alten“. „Ist das der Grund für dein blödes Grinsen, Mister O’Flynn?“
„Es ist kein blödes Grinsen, sondern ein fröhliches Lächeln, Miß Snugglemouse.“
„Und darf man wissen, warum du so fröhlich bist?“
„Weil wir Nachwuchs erwarten.“
„Ich dachte, das paßt dir nicht“, sagte sie herausfordernd.
„Ach, Unsinn, ich war nur – äh – völlig durcheinander“, sagte er. „So was passiert schließlich nicht alle Tage. Aber es wird ein kerniges Bürschchen, das weiß ich schon jetzt. Oder Zwillinge.“
„Wer sagt dir, daß es ein Junge wird?“ fragte Mary. „Was ist, wenn es ein Mädchen wird?“
„Auch gut“, erwiderte er. „Wichtig ist nur, daß es Nachwuchs gibt, sonst sterben die O’Flynns eines Tages noch aus. Dan, dieser Lümmel, denkt ja nicht daran, also muß jemand anderes für die Erhaltung der Sippe sorgen.“
„Aha.“
„Mary Snugglemouse“, sagte Old O’Flynn. „Ich freue mich auf unsere Kinder. Ehrlich.“
Sie gab Thyra an Gunnhild ab, stand auf und drückte ihrem „Alten“ einen lauten Kuß auf.
„Na, dann ist ja alles klar“, sagte sie ein bißchen rauh, aber glücklich. „Und nun hör endlich auf, so schief dreinzuschauen. Trink endlich deinen Rum, sonst wird er schlecht.“
Old O’Flynn strahlte.
„Prost, Ladys“, sagte er, dann leerte er die Muck in einem Zug.
Am nächsten Tag, dem 21. April, wurden die Kanonen, die Pulverfässer, der Proviant und die übrige Ladung der „Golden Hen“ wieder an Bord der Karavelle gemannt. Die acht Legehennen blieben in einem Gehege an Land. Auch diese Arbeit nahm wieder einige Zeit in Anspruch, doch es waren nicht alle Männer dazu erforderlich.
Jean Ribault, Old O’Flynn, Oliver O’Brien, Don Juan de Alcazar und Renke Eggens hatten sich abgesondert. Mit Leinen, Fackeln und Laternen ausgerüstet, begaben sie sich unter der Führung des Alten zu der Tropfsteinhöhle. Sie wollten sie jetzt gründlich inspizieren.
Als auslösender Impuls für dieses Vorhaben hatte Jean Ribaults Idee gewirkt. Am Abend hatte er sie am Lagerfeuer verkündet. Die Höhle war riesig und weit verzweigt wie ein gigantisches Labyrinth. War sie nicht der ideale Platz für die Schatzbeute des Bundes der Korsaren?
Schon jetzt bot sich an, dort die Schätze der Caspicara-Flores-Bande zu verstecken, die sich an Bord der „Golden Hen“ befanden. Und spätere Beute würde hier ebenfalls an einem sicheren Platz liegen, den niemand außer ihnen kannte.
Die Männer waren sich darüber einig, daß diese Idee wirklich nicht schlecht war. Man mußte ja bedenken, daß Old O’Flynn aus reinem Zufall in eine Art Loch getreten und in die Höhle hinuntergesaust war.
Old O’Flynn fand das Loch als erster wieder. Es war von Buschwerk getarnt und zum Teil von Flugsand verweht gewesen.
„Aber ausgerechnet ich mußte in das Loch treten“, sagte er mit einem schiefen Grinsen. „Das liegt daran, daß die Geister hinter mir her sind.“
„Was wollen die denn von dir?“ fragte O’Brien.
„Na, mich abmurksen natürlich.“
„Seilen wir uns erst mal ab“, schlug Jean Ribault vor. „Dann können wir immer noch über Geister, Kobolde und ähnliche Kameraden diskutieren.“
Wenig später sahen sie sich in dem Höhlenlabyrinth um.
„Wo sind denn die Männchen mit den Kalbsköpfen und den langen Giftzähnen?“ wollte Renke Eggens wissen. „Ich sehe sie nicht.“
„Paß auf, daß sie dir nicht in den Hals beißen“, brummte der Alte.
Don Juan hielt eine der Fackeln in der Hand, die sie entfacht hatten. Er sah sich aufmerksam nach allen Seiten um und gab sich keine Mühe, sein Staunen zu verhüllen.
„Das ist wirklich faszinierend“, sagte er. „Eine unterirdische Welt! Wer hätte das gedacht?“
„Ich bestimmt nicht“, erwiderte Old O’Flynn. „Und ich möchte hier nicht noch mal allein herumirren, das schwöre ich euch.“
„Das verlangt auch niemand von dir“, sagte O’Brien trocken.
„Kein Fremder wird unter den Dünen dieser Halbinsel, die die Cherokee-Bucht abschirmt, eine Höhle vermuten“, sagte Jean Ribault nach eingehender Untersuchung ihrer bizarren, rätselhaft anmutenden Umgebung.
„Vorausgesetzt, man hinterläßt keine Spuren und der Eingang bleibt hervorragend getarnt“, sagte Renke Eggens. „Das ist das Allerwichtigste.“
„Ja“, pflichtete Don Juan ihnen bei. „Doch dafür werden wir schon sorgen, nicht wahr?“ Er ging ein Stück weiter und beugte sich über einen der Tropfsteine, der die Form eines gewaltigen Kegels hatte. Das Licht der Fackel wurde von dem Gebilde in verschiedenen Farbtönen reflektiert: rosa, orange und milchig-rot. In anderen Bereichen der Kaverne wiederum schimmerten violette, blaue und grüne Töne. Es war ein verwirrendes Kaleidoskop.
2.
Von beeindruckender Schönheit war die Tropfsteinhöhle im Licht der Laternen und Fackeln, auch für Jean Ribault und Old Donegal, die sie ja bereits kannten.
Ribault trat zu Don Juan und sagte: „Die Welt ist voller Wunder, nicht wahr?“
„Ja“, erwiderte Don Juan und schaute ihn nachdenklich an. „Aber was weißt du über die Entstehung dieser eigenartigen Gebilde?“
„Sicher nicht mehr als du, Juan.“
„Die Wissenschaft ist sich noch nicht schlüssig, wie das seltsame Gestein entsteht“, entgegnete der Spanier. „Aber ich glaube, unsere Gelehrten vergleichen sie mit Eiszapfen.“
„So kalt ist es hier doch gar nicht“, sagte Old O’Flynn. „Da komme ich nicht ganz mit. Das Zeug müßte doch längst geschmolzen sein.“
„Nein, das trifft nicht zu“, sagte O’Brien. „Die Tropfen fallen von oben herunter und müssen Kalk oder winziges Gestein oder so was Ähnliches enthalten, das sich allmählich auf dem Boden aufschichtet.“ Er deutete zunächst auf die Stalaktiten, die von der Höhlendecke herunterhingen, dann auf die Stalagmiten, die den oberen Zapfen entgegenwuchsen.
„Genau das meinte ich eben“, sagte Don Juan. „Es gibt Abtropfsteine und Auftropfsteine. Sie sind Gestein, kein Eis, Donegal, aber das Prinzip entspricht im Grunde dem von Eiszapfen.“
„Na ja, meinetwegen“, brummte der Alte. „Mir ist das ziemlich egal, ich will Mary schließlich keinen Vortrag darüber halten.“
„Dazu würde ich dir auch nicht raten“, sagte Ribault mit dem süffisantesten Grinsen, das er aufzusetzen vermochte. „Mary ist jetzt ein bißchen nervös. Ich glaube, sie verträgt es nicht, wenn man ihr mit komischen Sprüchen kommt.“
„Fängst du schon wieder an?“ fragte der Alte giftig.
„Nein. Ich habe nur etwas festgestellt.“
Old O’Flynn sah ihn drohend an. „Um meine Privatangelegenheiten kümmere ich mich selbst, verstanden? Ich habe es nicht gern, wenn man sich da einmischt.“
„Hör doch auf, Donegal“, sagte O’Brien. „Sei lieber froh, daß Jean und Martin dich aus der Höhle hier abgeborgen haben. Du würdest sonst wohl immer noch hier liegen.“
„Oder die Geister hätten dich aufgefressen“, sagte Renke Eggens.
„Schon gut, schon gut“, sagte Old O’Flynn. „Das genügt. Sind wir hier, um die Scheißhöhle zu untersuchen oder um dummes Zeug zu reden?“
„Bleiben wir bei der wissenschaftlichen Seite“, sagte Don Juan. Er wies auf die mächtigen Säulen ganz am Ende der Kaverne, die wie eine phantastische Orgel wirkten. „Die Kegel wachsen sich also entgegen“, fuhr er fort. „Und nach unendlich langer Zeit verbinden sie sich zu Säulen. Ich stimme mit dir überein, Oliver – die Tropfen enthalten einen Stoff, der sich ablagert und verfestigt.“
„Ja“, sagte Ribault. „Und wie wäre es, wenn wir jetzt ein Stück weiter vordringen würden?“
„Einverstanden“, erwiderte Renke Eggens. „Aber wir müssen ein Zeichen zurücklassen, um den Eingang wiederzufinden, sonst verlieren wir uns in dem Irrgarten.“
„Daran habe ich gedacht“, sagte Old O’Flynn. Er brachte eine Fadenrolle zum Vorschein, die er mitgenommen hatte. „Wir spulen den Faden ab. Auf dem Rückweg brauchen wir ihm nur zu folgen, und wir finden das Loch wieder.“ Er schaute zu dem Eingangsloch auf. „Verdammt steil übrigens, das Ganze. Aber bequemer geht’s eben nicht.“
„Ausgezeichnet, Donegal“, sagte O’Brien. „Du weißt ja selbst am besten, wie leicht man sich hier unten verirren kann.“
„Ja. Also, was ist? Gehen wir nun weiter oder nicht?“ Old Donegal wurde allmählich ungeduldig.
Täuschte er sich, oder war da wirklich das feine Wispern von Geistern zu hören, die sich kichernd über ihn unterhielten? Er hütete sich, darüber zu sprechen. Die anderen hätten ihn ja doch nur ausgelacht. Aber ein unbehagliches Gefühl beschlich ihn doch, wie so oft, wenn er es mit „übersinnlichen Erscheinungen“ zu tun hatte.
Jean Ribault setzte sich mit einer Laterne an die Spitze des kleinen Trupps. Don Juan folgte ihm mit der einen Fackel, dann schlossen die anderen auf, ebenfalls mit Fackeln und Öllampen ausgerüstet. Old O’Flynn ging am Schluß. Immer wieder schaute er sich besorgt um. Doch von den Gespenstern, die er überall vermutete, ließ sich kein einziges blicken.
Jetzt, bei Licht, wurde erst richtig offenbar, wie umfangreich das Höhlensystem von Great Abaco war. Es wirkte schier endlos. Immer wieder taten sich auch links und rechts der Männer Seitengrotten und kleinere Kavernen auf. Doch sie folgten nur dem Verlauf der großen Höhlen und ließen die Nebenzweige des Labyrinths außer acht.
Schließlich war es aber doch eine der Nebenhöhlen, die eine Überraschung besonderer Art für sie bereithielt. Diese Entdeckung sollte eine Bemerkung widerlegen, die Jean Ribault während ihres Erkundungsganges traf.
„Ich glaube, hier ist vor uns noch kein anderer Mensch gewesen“, sagte er. „Wir sind die ersten, die diesen Irrgarten betreten.“
Don Juan stimmte ihm zu. „Ja, da bin ich ebenfalls sicher. Ich werde unsere Expedition später schriftlich festhalten. Was wir hier sehen, erscheint mir zu wichtig. Vielleicht werde ich auch eine Zeichnung von dem Höhlensystem anfertigen.“
Der Lichtschein von Ribaults Laterne streifte eine der kleineren Höhlen linker Hand. Der Franzose warf einen flüchtigen Blick in das Innere, aber plötzlich stutzte er. Er blieb stehen.
Auch die anderen verharrten.
„Was ist los?“ fragte Old O’Flynn von hinten. „Stimmt was nicht?“
„Da liegt was“, sagte Ribault.
„Hölle“, sagte Renke Eggens. „Das sind ja – Knochen.“
„Ein Gerippe mit Totenkopf“, präzisierte der Franzose. „Das Skelett eines Menschen.“
„Heiliger Strohsack und Nepomuk!“ stieß Old Donegal hervor. „Los, laßt uns schnell wieder von hier verschwinden! Ich hab’s ja gewußt, es geht nicht mit rechten Dingen zu!“
Jean Ribault schien nicht auf ihn zu hören. Er bückte sich ein wenig und drang in die Nebenhöhle ein. Der rötlichgelbe Schein seiner Laterne huschte zuckend über die Steinwände und die Decke der Grotte und bildete einen Lichtflecken auf dem Boden, in dessen Zentrum der „Knochenmann“ lag.
Old O’Flynn sah das Skelett jetzt ebenfalls in aller Deutlichkeit. Fast stieß er ein Stöhnen aus, bezwang sich aber noch rechtzeitig. Heftig gruselte es ihn, und sein Kopf ruckte hin und her. Wo nisteten sie, die Dämonen der Finsternis? Hatten sie ihre Klauen schon nach ihm ausgestreckt? Lauerten sie nicht darauf, ihrer aller Blut zu saufen?
Am liebsten hätte der Alte die Flucht ergriffen. Wäre er in der vorletzten Nacht auf diese Höhle gestoßen, hätte er sicherlich vollends durchgedreht. Warum, bei allen guten Geistern, drehten sie nicht einfach wieder um und verzogen sich aus dieser Höhle des Teufels? Mußten sie unbedingt das Grauen und die Mächte der Dunkelheit herausfordern?
Jean Ribault war in diesem Punkt ein bedeutend härteres Kaliber als der alte O’Flynn. Vor Knochenmännern lief er noch lange nicht weg. Interessiert stand er in der Höhle und leuchtete sie voll aus.
So entdeckte er neben dem Gerippe einige Kleinigkeiten, die seine Aufmerksamkeit und sein Interesse erregten.
„Seht euch das mal an“, sagte er zu seinen Freunden. „Ist das nicht erstaunlich?“
Don Juan de Alcazar schlüpfte zu ihm in die Höhle.
„Tatsächlich“, entgegnete er. „Das sind steinerne Pfeilspitzen, knöcherne Angelhaken, Steinmesser und etwas Muschelschmuck.“
„So was“, sagte O’Brien. „Da liegt ja wohl die Vermutung nahe, daß diese kleineren Höhlenkammern Totenkammern sind, oder?“
„Untersuchen wir doch mal die anderen Nebenhöhlen“, schlug Jean Ribault vor. „Dann sehen wir ja, ob es noch mehr Skelette gibt.“
„Seid ihr wahnsinnig?“ fragte Old O’Flynn erschaudernd. „Das kann doch nicht euer Ernst sein! Was kümmern euch die Knochenmänner?“
„Das Labyrinth könnte ein Indianergrab sein“, erwiderte Don Juan. „Oder eine Kultstätte.“
„Das ist mir völlig egal“, sagte der Alte aufgebracht. „Von mir aus kann’s auch eine Kirche sein. Egal. Knochenmänner bringen Unglück. Nehmt euch in acht! Ihr braucht gar nicht so dämlich zu grinsen.“
Renke lachte leise. „Ich grinse nicht dämlich, ich wundere mich nur, daß du so abergläubisch bist, Donegal.“
„Du kennst mich wohl noch nicht richtig, was?“ zischte der Alte. „Aber ich will dir etwas verraten, du Klugscheißer. Was du Aberglauben nennst, ist bei mir Klugheit und Verstand. Ich habe ein bißchen mehr Instinkt als ihr alle zusammen, und ich habe schon manche Katastrophe verhindert, wenn ich eins meiner Gesichter gehabt habe. Stimmt’s, oder habe ich recht?“
„Beides“, erwiderte Jean Ribault. Er verließ die Nebenhöhle und forschte die anderen Seitenkammern ab. Doch hier gab es keine Skelette, auch keine Grabbeigaben oder wie immer man die Fundsachen nennen wollte, die bei dem Gerippe lagen.
„Alles leer“, sagte Jean Ribault nach Abschluß seiner Suche. „Also gibt es nur den einen Toten.“
„Oder das, was von ihm übriggeblieben ist“, sagte Old O’Flynn. „Ein elendes Gerippe. Wie wäre es, wenn wir uns wieder weiterbewegen würden? Wollt ihr ewig hier rumstehen und den Knochenkerl anstarren?“
„Vielleicht erging es ihm, wie es fast unserem Donegal ergangen wäre“, sagte Don Juan.
„Der?“ stieß Old O’Flynn hervor und deutete auf das Skelett. „Was soll das jetzt wieder heißen?“
„Daß du aus dem Irrgarten nicht mehr herausgefunden hast“, erwiderte O’Brien nüchtern. „Ist denn das so schwer zu begreifen? Mit anderen Worten, du hättest hier verrecken können. Und dann wäre von dir auch nur ein Skelett übriggeblieben, dem allerdings ein Bein gefehlt hätte.“
„Euch bereitet es wohl Spaß, mich zu verspotten“, sagte der Alte wütend. „Aber ich habe jetzt die Schnauze voll.“
„Das muß vor vielen hundert Jahren gewesen sein“, meinte Jean Ribault. „Der arme Teufel verirrte sich hier und starb vor Hunger und Durst. Den primitiven Pfeilspitzen und den Angelhaken nach zu urteilen, stammt der Mann aus Urzeiten.“
„Du und ich, wir waren noch nicht geboren, als der Kerl ins Gras biß“, sagte Old O’Flynn hämisch. „Also, warum sollen wir uns aufregen? Lebendig wird er sowieso nicht mehr.“
„Manchmal hast du eine umwerfende Logik“, sagte Jean Ribault zu dem Alten.
Dann schritten sie weiter – tiefer in das Labyrinth, obwohl es Old O’Flynn immer mulmiger zumute wurde.
Der Grund, warum Jean Ribault so großen Wert darauf legte, das Höhlensystem in seiner gesamten Länge zu untersuchen, war seinen Männern bewußt – selbst Old O’Flynn, der beim weiteren Voranschreiten damit fortfuhr, die Fadenrolle abzuspulen. Es ging darum, ob das Labyrinth noch einen anderen Zugang hatte – oder vielleicht auch nur ein winziges Loch, das die Luftzufuhr sicherte.
So waren Ribault, Renke Eggens, O’Brien, Don Juan und Old O’Flynn noch gut anderthalb Stunden in der unterirdischen „Geisterhöhle“ unterwegs. Jean Ribault gab sich erst zufrieden, als sie eine Stelle erreichten, an der es offensichtlich nicht mehr weiterging.
Er leuchtete mit seiner Laterne auch wieder die Seitenhöhlen ab. Aber auch von ihnen aus führte kein Verbindungsstollen weiter, der möglicherweise wieder in einen der imposanten Tropfsteinsäle mündete, in denen sich das Licht an den bizarren Säulen brach.
Jean Ribault drehte sich zu seinen Kameraden um. „So, das wäre es dann wohl. Kann hier einer von euch ein Ausstiegsloch erkennen?“
Don Juan hatte auch die ganze Umgebung abgeleuchtet.
„Nicht die Spur“, entgegnete er. „Es scheint nur den einen Eingang zum Labyrinth zu geben.“
„Eine echte Falle“, brummte Old Donegal mit finsterer Miene. „Wer sich hier einmal verläuft, der verreckt auch.“
„Für uns sind die Höhlen aber auf jeden Fall von Vorteil“, sagte Ribault. „Wir haben hier unzählige Möglichkeiten, unsere Schatzbeute zu lagern.“
„Für mich ist der Fall klar“, sagte Renke Eggens. „Ich finde das Labyrinth gut. Geeignet für unsere Zwecke. Trotz des Knochenmannes.“
„Wer schert sich schon um den?“ fragte O’Brien. „Für uns ist es wichtig, daß wir wieder ein gutes und brauchbares Versteck für unsere Kisten und Truhen haben, nachdem die Schlangen-Insel nicht mehr existiert.“
„Nur wegen der Feuchtigkeit müssen wir aufpassen“, sagte Don Juan. „Wir dürfen die Beute nicht zu flach lagern, sonst ziehen die Kisten und Truhen Wasser.“
„Da weiß ich Abhilfe“, sagte Jean Ribault. „Wir haben ja die kleineren Nebenhöhlen gesehen, von denen einige etwas höher gelegen sind. Dort ist es trocken.“
„Ja, knochentrocken“, sagte Renke, handelte sich aber von Old O’Flynn dafür einen giftigen Seitenblick ein.
„Wir können umkehren“, sagte Ribault. „Wir werden Hasard, wenn er eintrifft, von dem Irrgarten berichten, und er wird sich ihn ansehen. Ich bin ziemlich sicher, daß auch er meiner Meinung ist.“
Sie schritten zurück zu dem Punkt, an dem sie die Wanderung begonnen hatten. Old O’Flynn spulte den Faden auf. Hin und wieder warf er den Tropfsteinen Blicke zu, und immer wieder mußte er daran denken, daß es genausogut riesige Drachenzähne sein konnten. Daß es sich bei der Höhle um einen Vorort der Hölle handelte, stand für ihn außer Zweifel.
Dennoch: Als Schatzversteck war er tatsächlich geeignet. Gerade die Tatsache, daß es sich um einen schwer zugänglichen und unheimlichen Platz handelte, war ein positiver Punkt. Wer immer sich per Zufall in diese Grotten verirrte – er würde zusehen, daß er schnell wieder ans Tageslicht zurückkehrte. Oder aber er fand hier unten sein Ende, weil er nicht mehr herausfand.
Sie erreichten das Einstiegsloch. Old O’Flynn verstaute die Fadenrolle. Sie schauten sich noch einmal aufmerksam um, dann begannen sie mit dem Aufstieg.
Don Juan hangelte als erster an dem Tau nach oben. Ihm folgte O’Brien. Dann war Old O’Flynn an der Reihe. Schließlich erschien Renke neben ihnen, und als letzter verließ Jean Ribault das unterirdische Labyrinth, nachdem er seine Laterne gelöscht hatte.
Gemeinsam tarnten sie das Einstiegsloch mit Sand und Buschwerk.
„Eigentlich ist das überflüssig“, sagte Jean Ribault. „Es befindet sich außer uns niemand mehr auf der Insel. Aber es ist eine Vorsichtsmaßnahme, die wir von jetzt an immer einhalten sollten.“
„Sehr richtig“, pflichtete O’Brien ihm bei. „Es könnte ja auch sein, daß noch ein paar Alis hier herumkriechen.“
„Ausgeschlossen“, entgegnete Don Juan. „Wir haben alles untersucht. Außerdem waren es zwanzig Kerle, die mit den Flößen die ‚Wappen‘ und die ‚Pommern‘ zu entern versuchten, und ihr habt sie alle zum Teufel geschickt. Als ich die Kerle damals hier aussetzte, waren sie knapp mehr als zwanzig, aber in den zehn Monaten ihres Aufenthalts sind vier oder fünf von ihnen sicherlich gestorben.“
„Oder sie haben sich gegenseitig die Kehlen durchgeschnitten“, sagte Old O’Flynn. „Das würde solchen Kerlen ähnlich sehen.“
Er konnte sich noch sehr gut an die Abenteuer erinnern, die sie seinerzeit in Nordafrika erlebt hatten. Sein Gedächtnis ließ ihn fast nie im Stich. Damals hatte er erfahren, wie grausam algerische Küstenhaie, Berber und Sarazenen sein konnten.
„Wir setzen voraus, daß die Insel sonst keine heimlichen Bewohner mehr hat“, sagte Jean Ribault. „Doch das hat mit der Tarnung des Höhlenloches nichts zu tun. Wir sollten immer darauf achten, daß es keiner entdecken kann.“
Sie kehrten zur Bucht zurück und berichteten den Freunden, was sie bei ihrer Höhlen-Inspektion entdeckt hatten. Auch Hein Ropers, Karl von Hutten, Mary und alle anderen waren überrascht, wie groß das Höhlensystem war, das sich unter den Dünen von Great Abaco verbarg.
„Deine Idee war also richtig, Jean“, sagte von Hutten zu dem Franzosen. „Das wird durch das Ergebnis eurer Erkundung bestätigt.“
„Klarer Fall“, sagte Hein Ropers. „Daß das Labyrinth eine hervorragende Versteckmöglichkeit für unsere Schätze ist, dürfte damit außer Zweifel stehen.“
„Und das ist ein sehr wesentlicher Punkt bei unserem Plan, einen Ersatz für die Schlangen-Insel zu suchen“, sagte Jean Ribault. „Ich bin wirklich gespannt, was Hasard davon hält.“
„Was meint ihr, wann trifft er hier ein?“ fragte Mary.
„In zwei, drei Tagen“, entgegnete Jean Ribault. „Dann können wir alles gründlich durchsprechen. Ich denke, es lohnt sich wirklich, wenn wir uns mit der Geisterhöhle etwas eingehender befassen.“
„Ja“, sagte Old O’Flynn. „Aber beschwert euch nicht bei mir, wenn der Knochenmann plötzlich zu laufen anfängt und euch den Hals umdrehen will.“
Renke Eggens lachte. „Ich glaube, das überstehen wir. Wir sind ja auch nicht gerade die Schwächsten.“
„Ob diese Insel aber als ständiger Stützpunkt geeignet ist?“ meinte O’Brien. „Die Unterbringung der Beute ist eine Sache, die Wahl eines neuen Schlupfwinkels eine andere, findet ihr nicht auch?“
„Wir können darüber noch diskutieren, wenn Hasard und die anderen eintreffen“, erwiderte Don Juan.
Dem schlossen sich die anderen an. Sie konnten jetzt nur noch eins tun – auf die „Isabella IX.“, die „Caribian Queen“ und den Schwarzen Segler zu warten.
3.
Natürlich mußten die Männer und die „Ladys“ der vier Schiffe, die in der Cherokee-Bucht ankerten, auch ständig darauf gefaßt sein, daß sich unerwünschte Besucher der Insel Great Abaco näherten. Spanier konnten unverhofft und unversehens auftauchen, Piraten und Galgenstricke oder aber auch Eingeborene.
Zwar hatte Mubaraks Horde zehn Monate lang auf Schiffe warten müssen, doch das war keine Garantie dafür, daß man sich hier sicher fühlen durfte.
Gleich nach der Ankunft hatten die Männer einen Ausguck eingerichtet – in einer hohen Kiefer, die auf einem Hügel der Halbinsel stand, welche die Cherokee-Bucht abschirmte. Es handelte sich um eine Abakoskiefer, deren Holz nach Hesekiel Ramsgates Urteil hervorragend für den Schiffbau geeignet war. In der Krone konnte man bequem sitzen und hatte von hier aus einen hervorragenden Rundblick.
Am Nachmittag des 24. April hatte Pierre Puchan, der Mann mit der Perücke aus Jean Ribaults Crew, Ausguckdienst auf der Kiefer. Er hatte es sich so gemütlich wie möglich eingerichtet, saß in einer Astgabel und lehnte sich mit dem Rücken gegen einen beindicken Ast. Aufmerksam hielt er mit dem Spektiv Ausschau. Doch es tat sich nichts. Es war ein ruhiger Tag, der genauso ereignislos zu enden schien wie die vergangenen.
Kein Schiff hatte sich in den Tagen gezeigt, die sie hier nun verbrachten. Eigentlich hatten sie alle fest damit gerechnet, daß heute die „Isabella“, die „Caribian Queen“ und Thorfin Njals „Eiliger Drache“ erschienen, doch sie hatten sich getäuscht. Ihre Geduld wurde nun doch auf die Probe gestellt.
Pierre hatte das linke Bein ausgestreckt. Das rechte hielt er angewinkelt. Im Grunde war es kein schlechter Dienst – nur eben langweilig. Die Kimm war wie leergefegt. Graublau schimmerte das Wasser, hellblau war der wolkenlose Himmel.
Hin und wieder beobachtete Pierre ein paar Seevögel, die ihre Kreise zogen. Sie stiegen von Great Abaco auf, flogen ein Stück über das Wasser hinaus, kurvten und senkten sich auf die Oberfläche hinunter. Dann stießen sie zu. Sie fingen kleine Fische. Einige fraßen sie gleich auf, wie der Franzose verfolgen konnte, andere trugen sie zur Insel.
Wieder warf Pierre einen prüfenden Blick zur Kimm. Langsam bewegte er das Spektiv von links nach rechts. Dann, ganz plötzlich, stutzte er. Er hielt in der Bewegung inne und richtete den Oberkörper auf. Seine Haltung versteifte sich.
„Potzblitz“, sagte er. „Na, das nenne ich mal eine Überraschung.“
Er schob den Daumen und Zeigefinger der linken Hand in den Mund und stieß einen gellenden Pfiff aus. Donald Swift, der etwas entfernt Wache ging, horchte sofort auf.
„Was ist los?“ rief er. „Schiffe?“
„Ja“, erwiderte Pierre. „Mastspitzen an der südlichen Kimm.“
„Soll ich das melden?“
„Warte!“ rief Pierre. Aufmerksam spähte er durch sein Spektiv. „Vielleicht kann ich erkennen, was für Schiffe es sind!“
An der Bucht war der Pfiff auch gehört worden. Jean Ribault, der gerade an Land war, fuhr herum. Er lief zur Halbinsel, um nach der Ursache des Pfiffes zu forschen. Karl von Hutten, Don Juan und Renke Eggens schlossen sich ihm an.
„Na, hör mal!“ rief Donald Swift gerade, als sie bei ihm eintrafen. „Es ist doch wohl klar, daß es die ‚Isa‘, die ‚Queen‘ und der Schwarze Segler sind!“
„Klar ist bei mir nur, was ich genau sehe“, entgegnete Pierre von der Krone der Abakoskiefer. „Es können genausogut Dons sein. Nun sei mal nicht so zappelig.“
Ribault mußte unwillkürlich grinsen. Pierre Puchan war ein ruhiger Mensch, er wurde nur grantig, wenn man ihn wegen seiner Perücke aufzog. Nichts konnte ihn so leicht aus der Fassung bringen. Er versah seine Aufgabe ernst und mit der erforderlichen Gründlichkeit.
„Wartet hier auf mich“, sagte Ribault zu seinen Begleitern. „Ich sehe selbst mal nach, von wem wir offenbar Besuch erhalten.“ Er kletterte am Stamm der Kiefer hoch und gesellte sich zu Pierre.
„Drei Schiffe“, brummte dieser. „Aber ich kann sie immer noch nicht genau erkennen.“
Er reichte seinem Kapitän das Spektiv, und dieser sah ebenfalls zu den Mastspitzen, die sich über die südliche Kimm schoben.
„Sie könnten es sein“, sagte Jean Ribault. „Ja, jetzt kann ich es erkennen: Eins der Schiffe ist ein Viermaster.“
Kurz darauf stand es fest. Die Schiffe waren die „Isabella IX.“, die „Caribian Queen“ und der Schwarze Segler.
Jean Ribault händigte das Spektiv wieder seinem Ausguck aus und sagte: „Pierre, wir erlauben uns einen kleinen Spaß mit ihnen. Wir spannen sie ein bißchen auf die Folter. Wir zeigen uns nicht und warten ab, ob sie uns hier entdecken.“
Pierre Puchan entblößte seine weißen Zähne zu einem Grinsen. „Ob Hasard, Siri-Tong und der Wikinger das so witzig finden, weiß ich aber nicht.“
„Humor muß der Mensch haben“, sagte Jean Ribault leise lachend. „Außerdem will ich wissen, wie gut unsere Schiffe hier versteckt sind.“
Er enterte wieder ab und trat zu den Freunden. Sie sahen ihn erwartungsvoll an.
Don Juan fragte: „Sie sind es wirklich, nicht wahr?“
„Ja“, erwiderte der Franzose. „Aber ich schlage vor, wir spielen ihnen einen kleinen Streich. Wir melden uns vorerst nicht, sondern halten uns versteckt. Ich bin gespannt, wie weit unsere Schiffe in dieser Bucht nach außen hin abgeschirmt sind.“
„Einverstanden“, sagte Renke Eggens. „Aber ich kann mir schon jetzt vorstellen, wie Carberry fluchen wird.“
„Ich auch“, sagte Karl von Hutten. „Aber sein Gepolter fehlt mir. Ich bin richtig versessen darauf, den guten, alten Ed mal wieder tüchtig losröhren zu hören.“
Sie lachten, dann liefen sie zur Bucht zurück. Donald Swift blickte ihnen ein wenig irritiert nach. Verrückte Bande, dachte er.
Auch Old O’Flynn, Ramsgate und die anderen hatten keine Einwände: Der Seewolf, die Rote Korsarin und der Wikinger sollten ruhig mal ein bißchen nach ihnen suchen. Hier würde sich herausstellen, wie gut die Cherokee-Bucht als versteckter Ankerplatz geeignet war. Gewiß, nach Süden hin wurde die Bucht durch ihre hakenförmige Halbinsel samt dem Baumbestand abgeschirmt. Reichten diese Bäume als Tarnung aber wirklich aus?
Die Männer verteilten sich auf die Halbinsel und verfolgten das Heransegeln der drei Schiffe.
Old O’Flynn kicherte und rieb sich die Hände. Die Sache war ganz nach seinem Geschmack. Er stellte sich bereits vor, wie betroffen die Kerle dreinschauen würden, besonders Carberry, Shane und Ferris Tucker. Aber auch sein Sohn Dan, dieser Schlauberger, würde dieses Mal keinen Rat wissen. Und Hasard? Na, der würde auch Augen machen!
Mary, Gotlinde und Gunnhild waren bei den Kindern an Bord der „Empress of Sea II.“ zurückgeblieben. An Bord der „Wappen von Kolberg“, der „Pommern“ und der „Golden Hen“ befanden sich die Männer, die als Ankerwachen eingeteilt waren – beispielsweise Tom Coogan, Eric Winlow und Gordon McLinn, die ihren Dienst auf der Karavelle versahen.
„Ich versteh’ das nicht ganz“, sagte Gordon McLinn. Er blickte zu den Gestalten, die zwischen den Kiefern der Halbinsel verschwanden. „Was soll denn das? So ein Quatsch.“
Er gehörte wie Dave Trooper und Paddy Rogers von der „Isabella“ zu den „Schnellmerkern“ des Bundes und brauchte immer etwas mehr Zeit als die anderen, um die simpelsten Zusammenhänge zu begreifen.
„Mach dir darüber keine Gedanken“, sagte Winlow. „Die Hauptsache ist, daß unsere Freunde endlich da sind.“
„Ja. Aber warum lotsen wir sie nicht gleich in unsere Bucht?“
Tom Coogan seufzte. Eric Winlow legte Gordon die Hand auf die Schulter und entgegnete: „Komm mit in die Kombüse, Gordon. Wir heizen schon mal kräftig die Feuer für die Suppe an, die es heute abend gibt. Dabei erkläre ich dir noch mal genau, was es mit dem Späßchen auf sich hat.“
Sie verschwanden in der Kombüse der „Golden Hen“. Winlow schürte das Feuer unter den Kesseln, dann schickte er Gordon in den Proviantraum, wo er noch eine Speckseite holen sollte. Als Gordon wieder die Kombüse betrat, hatte er bereits vergessen, welches das Problem war, über das er sich die ganze Zeit den Kopf zerbrochen hatte.
Währenddessen hatten sich die „Isabella“, die „Caribian Queen“ und „Eiliger Drache über den Wassern“ so weit Great Abaco genähert, daß die Gestalten an Bord bereits mit dem bloßen Auge zu erkennen waren.
Old O’Flynn stand neben Jean Ribault, Renke Eggens, Don Juan und Oliver O’Brien. Sie hatten in einem Gebüsch Stellung bezogen, von dem aus sie die See beobachten, selbst aber nicht gesehen werden konnten.
Old O’Flynn spähte mit dem Spektiv zur „Isabella“ und sagte: „Sie scheinen schon ziemlich unruhig zu sein.“
„Und gleich sind sie ganz aus dem Häuschen“, sagte Ribault.
„Lassen wir sie zappeln“, sagte Oliver O’Brien grinsend. Er warf ebenfalls einen Blick durch seinen Kieker und glaubte sehen zu können, wie der Wikinger bereits ratlos an seinem Kupferhelm kratzte. Aber das war natürlich vorerst noch eine reine Einbildung.
Philip Hasard Killigrew, der Seewolf, stand auf dem Achterdeck der „Isabella IX.“ und beobachtete durch sein Spektiv unausgesetzt Great Abaco. Ein Irrtum war ausgeschlossen: Sie hatten den Treffpunkt erreicht. Doch von der „Golden Hen“, der „Empress of Sea II.“, der „Wappen von Kolberg“ und der „Pommern“ war nirgends etwas zu entdecken.
„Vielleicht sind sie an der anderen Seite vor Anker gegangen“, sagte Ben Brighton, der unmittelbar neben seinem Kapitän Posten bezogen hatte.
„Nein, das kann nicht sein“, widersprach der Seewolf. „Wir haben vereinbart, daß wir uns in der großen Bucht an der südlichen Ostseite treffen. Daran hätten die Freunde sich auf jeden Fall gehalten.“
„Du meinst, es ist was passiert?“ fragte Big Old Shane. Er stand etwas weiter achtern neben Pete Ballie, dem Rudergänger. „Aber was sollte ihnen zugestoßen sein?“
„Hölle und Teufel!“ brüllte Carberry, der jedes Wort mitgehört hatte, auf der Kuhl. „Hoffentlich hängt das nicht mit den verfluchten Alis zusammen!“
„Dir gehen die Alis wohl nicht aus dem Kopf, was?“ rief Blacky. „Aber da liegst du falsch. Eine Handvoll verlauster Piraten kann doch vier Schiffen nichts anhaben. Entweder sind die Alis längst krepiert, oder sie sind seit einiger Zeit weg von der Insel. Eine dritte Möglichkeit ist, daß unsere Leute ihnen mit den Kanonen den Marsch geblasen haben, als sie eingetroffen sind.“
„Na schön“, sagte der Profos grimmig. „Und wo sind sie jetzt?“
Darauf wußte keiner eine Antwort. Die Schiffe segelten auf Great Abaco zu. An Bord der „Caribian Queen“ und des Schwarzen Seglers herrschte genauso großes Rätselraten wie auf der „Isabella“.
Siri-Tong betrachtete die Insel mit mißtrauischer Miene. Sie vermutete eine Falle.
Ähnlich dachte auch der Wikinger, und er begann jetzt wirklich, an seinem Kupferhelm zu kratzen, vor allem auch deshalb, weil er sich wegen Gotlinde, seinem angetrauten Weib, und seinen Kinderchen Thyra und Thurgil zu sorgen begann.
Ja, und auch Smoky, der Decksälteste der „Isabella“, war schon ganz zappelig. Wo war Gunnhild, seine Frau, mitsamt Klein David abgeblieben?
Geradezu zögernd gingen die drei Schiffe wenig später vor der Küste der Eight Miles Bay vor Anker.
„He!“ brüllte Thorfin Njal. „Was wird hier gespielt, bei Odin und seinen schwarzen Raben?“
„Weiß ich das?“ schrie die Rote Korsarin zurück. „Die Schiffe sind jedenfalls nicht da!“
„Dann spukt es!“ brüllte Carberry.
„Es wird schon alles mit rechten Dingen zugehen“, sagte Hasard. „Jean, Renke, Oliver und Donegal haben aus irgendeinem Grund wieder auslaufen müssen.“
„Es hätte wenigstens einer zurückbleiben können, der uns Bescheid gibt“, sagte Ben. „Ich finde das ziemlich merkwürdig.“
„Also, wo sind die Kerle?“ brüllte Thorfin Njal mit Donnerstimme. „Wir haben doch diesen Treffpunkt vereinbart, verdammt noch mal!“
„Kannst du nicht mal mit dem Gebrüll aufhören?“ rief Siri-Tong. „Du machst noch die Quallen im Wasser verrückt! Und die Kariben, die in den Dünen lauern könnten!“
„Wer brüllt denn?“ brummte der Wikinger.
„Ja, wer brüllt denn?“ echote der Stör, der die dumme Angewohnheit hatte, immer die letzten Worte seines Kapitäns nachzusprechen.
Prompt fuhr der Wikinger zu ihm herum und stemmte die Fäuste in die Seiten. „Hör mal zu, du Wurm! Sollten auf der verfluchten Insel da tatsächlich Kariben in den Dünen lauern, schicke ich dich als ersten vor, damit sie dich anfallen und auffressen!“
„Warum denn auffressen?“
„Weil ich sie darum bitten werde.“
„Oh, ich verstehe.“
„Hältst du endlich das Maul?“ fuhr der Wikinger ihn an.
„Ja.“ Aber auch der Stör war äußerst verwirrt. Er wandte sich ab und trat an das Schanzkleid zu Eike, Oleg, Arne und den anderen, die sich die Augen ausstarrten. Wo waren die Freunde? Ob da was passiert war?
Hasard hatte unterdessen die große Jolle der „Isabella“ abfieren lassen. Rasch stellte er die Besatzung zusammen.
„Ed, du begleitest mich“, sagte er. „Wir sehen nach, ob es an Land irgendwelche Spuren von unseren Leuten gibt. Ferris, Batuti, Roger, Dan, Luke und Gary – nehmt eure Feuerwaffen und entert in die Jolle ab.“
Die Männer holten ihre Musketen und Blunderbusses. Der Gambia-Mann hängte sich seinen Pfeilköcher um und nahm seinen Langbogen, aber auch einen Morgenstern mit. Hasard holte aus der Kapitänskammer seinen mehrschüssigen Radschloß-Drehling. Dann enterte er mit den Männern in die Jolle ab.
„Sir, nimm mich bitte mit!“ rief Smoky.
„Nein, du bleibst hier.“
„Aber Gunnhild und …“
„Das ist ein Befehl“, unterbrach ihn Hasard. „Wir sehen jetzt erst mal nach dem Rechten. Anschließend beraten wir, was wir unternehmen.“
Es war einleuchtend: Was immer an der Eight Miles Bay vorgefallen sein mochte, der Seewolf wollte nicht, daß Smoky mit dabei war, wenn sie etwas entdeckten. Doch eigentlich war es schon übertriebene Vorsicht, denn Hasard konnte sich nicht vorstellen, daß irgendein Gegner gleich vier Schiffsmannschaften überwältigte und dann auch noch die Schiffe verschwinden ließ. Die plausibelste Erklärung schien zu sein, daß ihre Freunde – aus welchen Gründen auch immer – sich von Great Abaco wieder zurückgezogen hatten.
Der Wikinger und die Rote Korsarin hatten ebenfalls die Beiboote abgefiert. Aber Hasard bedeutete ihnen, noch abzuwarten. Erst wollte er sich ein Bild von dem verschaffen, was sie auf Great Abaco erwartete. Er nahm auf der achteren Ducht der Jolle Platz und griff nach der Ruderpinne. Das Boot legte ab, die Männer begannen zu pullen.
Carberrys Miene war finster.
„Eine Scheißsituation ist das“, murmelte er. „Gefällt mir gar nicht. Was steckt dahinter?“
„Vielleicht nicht sehr viel“, erwiderte Dan. „Ich könnte mir vorstellen, daß ein paar Alis in den Dünen herumlungern. Renke, Oliver, Jean und mein Alter haben es daraufhin vorgezogen, an der Westseite vor Anker zu gehen.“
„Das paßt nicht zusammen“, wandte Ferris ein. „Das mußt du selbst einsehen. Unsere Leute hätten mindestens einen Ausguck zurückgelassen, der uns ein Zeichen gibt.“
„Und die Alis?“ fragte Dan.
„Mann, mit den paar dämlichen Alis hätte Jean doch im Alleingang aufgeräumt“, sagte Roger. „Nein, die sind nicht der Grund.“
„Trotzdem müssen wir höllisch aufpassen“, sagte Hasard. „Wenn es einen Gegner gibt, könnte er oben hinter den Dünenkämmen in Deckung liegen. Es brauchen nicht unbedingt die algerischen Piraten zu sein. Es können auch andere bewaffnete Schnapphähne sein.“
„Sehr richtig“, sagte der Profos grimmig. „Aber dem ersten, der seine Nasenspitze zeigt, brate ich was über, daß ihm Hören und Sehen vergeht.“
Das Boot glitt durch die Brandung, der Bug schob sich knirschend in den Ufersand. Die Männer vertauschten die Riemen mit den Musketen und Blunderbusses, die sie zwischen die Duchten gelegt hatten. Hasard hielt den Radschloß-Drehling schußbereit. Sollte ein Gegner auftauchen, der ihnen einen heißen Empfang zu bereiten gedachte, dann würden sie seinen Gruß gebührend erwidern.
Carberry war mit einem Satz als erster auf dem Strand. Er tat ein paar Schritte, schaute sich aufmerksam um und entdeckte einen flachen Dünenkamm nicht weit entfernt. Es waren höchstens vier, fünf Yards bis dorthin, eine Distanz, die er mit drei Sätzen überbrückte. Er verharrte abrupt und hob die Muskete. Etwas Sand stob von seinen Stiefeln hoch.
Hasard und die anderen Männer rückten nach. Verblüfft und alarmiert zugleich blickten sie zu dem Profos auf, als dieser plötzlich die Muskete sinken ließ, die Fäuste in die Seiten stemmte und brüllende Laute von sich gab.
„Hölle, was ist denn jetzt in den gefahren?“ stieß Ferris betroffen aus.
„Er röhrt wie ein Hirsch“, sagte Dan. „Das kennst du doch.“
Batuti grinste breit. Irgendwie spürte er, daß das Profos-Röhren kein Zeichen für Gefahr war – sondern etwas anderes. Und auch Hasard glaubte dem Verhalten Carberrys zu entnehmen, daß alles jetzt eine einleuchtende Erklärung fand, die aber nichts mit Piratenüberfällen zu tun hatte. Wie es schien, nahmen die Dinge eine eher glückliche Wende.
Carberry vermochte von seinem Standort aus in etwa in die Bucht zu sehen, wo die vier Schiffe ankerten. Erst war er wie vom Donner gerührt, dann fing er an zu röhren. Zum Henker, war denn das die Möglichkeit? Wie zum Greifen nahe lagen sie da vor Anker – die „Golden Hen“, die „Empress of Sea II.“, die „Wappen von Kolberg“ und die „Pommern“. Aber warum hatten sie die Schiffe von See her nicht sehen können?
Die verdammten Kiefern waren schuld, jawohl. Ihre Wipfel waren so dicht, daß sie die Schiffe zur Meeresseite hin perfekt abschirmten. Von hier aus aber, vom Kamm der Düne, konnte man zwischen den Stämmen hindurchschauen. Und da lagen sie friedlich und einträchtig beieinander, diese höllischen Kähne, um die sie sich eben so gesorgt hatten.
„Da sind sie!“ brüllte er. „He, ihr Affenärsche! Ihr Satansbraten! Seid ihr total verrückt?“
Hasard wußte Bescheid, bevor er Carberry erreichte: Die Eight Miles Bay wurde ja, wie ihm bereits bekannt war, in ihrem nördlichen Bereich von der kleineren Cherokee-Bucht begrenzt. Nur dort konnten die vier Schiffe der Freunde ankern!
„Haben sich versteckt vor uns, die Rübenschweine!“ brüllte der Profos. „Wollen uns ärgern, diese Komiker!“
Hasard traf neben seinem Profos ein, und sie sahen gleichzeitig, wie im Wald Bewegung entstand. Da waren sie mit einemmal, die „Rübenschweine“: Ribault, Old O’Flynn, Renke Eggens, Hein Ropers, O’Brien und Don Juan de Alcazar zeigten sich als erste und winkten ihnen lachend zu.
„So eine Sauerei!“ wetterte Carberry. „Was Dämlicheres ist euch wohl nicht eingefallen, was, wie?“
„Nein!“ schrie Ribault zurück. „Aber es kommt noch dicker! Wir haben euch einiges zu berichten!“
Carberry fluchte immer noch. „Hölle und Teufel, jetzt müssen wir noch mal den Anker hieven und verholen!“
„Was ist eigentlich los?“ brüllte der Wikinger mit einer Stimme, die geradewegs aus dem eisigen Nordland herüberzuwehen schien, von Bord des Schwarzen Seglers. Aber dann sah er ja selbst, was geschah: Ribault und die anderen „Rübenschweine“ liefen am Strand entlang auf Hasard und dessen Bootscrew zu. Man begrüßte sich stürmisch. Carberry hieb Old O’Flynn derart kräftig auf die Schulter, daß der mit seinem Holzbein umknickte und in die Düne stürzte.
„Fein ausgedacht, was?“ brüllte der Profos dazu. „Und wie du gekichert hast, wie? Haha, jetzt führen wir die Blödmänner mal ein wenig an der Nase rum, oder?“
Old O’Flynn begrüßte ihn seinerseits mit einer Serie von Flüchen, die aber zum Glück Marys, Gotlindes und Gunnhilds Ohren nicht erreichten. Sie waren zu weit entfernt. Andernfalls wären sie sicherlich errötet, auch Mary.
Carberry half dem Alten auf die Beine, und sie grinsten sich wölfisch an. Wie schön, daß sie sich wiederhatten!
„Ferris“, sagte Hasard. „Du pullst mit den anderen zur ‚Isabella‘ zurück. Verholt mit den Schiffen in die kleine Bucht. Jean, haben die Schiffe dort überhaupt alle Platz?“
„Ja. Bequem. Und die Wassertiefe reicht allemal aus“, erwiderte der Franzose.
Ferris, der Gambia-Mann, Roger, Luke und Gary kehrten mit der Jolle zur „Isabella IX.“ zurück. Carberry und Dan O’Flynn hingegen blieben mit Hasard bei Ribault und dem „Empfangskomitee“.
„Kommt“, sagte O’Brien. „Wir zeigen euch jetzt die Bucht. Es ist eine der feinsten Buchten, die ich je gesehen habe.“
Während sie am Strand entlang zu der Ankerbucht marschierten, warf Dan seinem Erzeuger immer wieder fragende Seitenblicke zu.
„He!“ sagte er schließlich. „Ist was nicht in Ordnung mit dir?“
„Mit mir? Was soll nicht in Ordnung sein?“
„Du machst irgendwie einen merkwürdigen Eindruck.“
„Ich hab’ ein neues Holzbein“, brummte der Alte.
„Wo ist denn das alte?“
„Das erzähl’ ich dir gleich“, entgegnete Old O’Flynn. „Aber laß mich mit deiner Fragerei in Ruhe.“
„Meinetwegen. Aber du siehst aus wie – na ja.“
„Wie denn?“ fragte der Alte gereizt.
„Wie ein aufgeblasener, eitler Pfau, wenn ich ehrlich sein soll“, erwiderte Dan ungerührt.
Old O’Flynn zog es vor, zu schweigen. Aber Jean Ribault und die anderen Männer, die Bescheid wußten, grinsten. Ihnen war klar, daß es der Vaterstolz war, der das alte Rauhbein so aufblähte.
4.
Die „Isabella IX.“, die „Caribian Queen“ und der Schwarze Segler liefen in die Cherokee-Bucht ein. Jetzt war der Teufel los. Es wurde gepfiffen und gejohlt, und die Männer an Bord der Schiffe und an Land warfen ihre Hüte und Mützen hoch. Man begrüßte sich mit schmetternden „Arwenack“-Rufen, und auch die Frauen lachten und winkten. Sie schienen alle völlig aus dem Häuschen zu sein.
Smoky kippte um ein Haar über das Schanzkleid der „Isabella“ ins Wasser, als er seine Gunnhild mit Klein David auf dem Arm entdeckte. Kaum anders erging es dem Wikinger. Er röhrte noch etwas lauter als Carberry kurz zuvor, und er wackelte dabei so wild und heftig mit dem Kopf, daß der Kupferhelm ein paarmal herunterzufallen drohte.
Als dann die „Isabella“, die „Caribian Queen“ und „Eiliger Drache“ bei den vier anderen Seglern ankerten, blieb der Seewolf am Strand stehen und betrachtete sie in aller Zufriedenheit.
„Ja, das ist ein feines, geschütztes Plätzchen, Freunde“, sagte er, „von der Idylle ganz abgesehen.“
„Handige Bucht“, brummte auch der Profos. „Aber was sollte das ganze Theater? Mußtet ihr wirklich so tun, als ob ihr nicht hier wäret?“
„Das hatte seinen Sinn und Zweck“, entgegnete Jean Ribault.
„Natürlich“, sagte Hasard. „Die Tatsache, daß wir eure Schiffe nicht gleich entdeckt haben, ist der beste Beweis dafür, wie sicher die Bucht ist.“
„Wie wär’s denn, wenn wir unseren neuen Stützpunkt hier einrichten?“ fragte Dan.
„Darüber wollten wir mit euch diskutieren“, entgegnete Jean Ribault.
„Das werden wir tun“, sagte der Seewolf. „Nachher, am Lagerfeuer. Aber jetzt spannt uns nicht länger auf die Folter. Was gibt es Neues? Wo sind die algerischen Piraten?“
„Mubaraks wilde Horde?“ Don Juan, der inzwischen ebenfalls erschienen war, sah Hasard ernst an. „Die Kerle waren wirklich noch hier. Sie versuchten, die ‚Wappen‘ und die ‚Pommern‘ von der Seeseite mit Flößen anzugreifen, aber da tauchten wir auf.“
„Hat es einen Kampf gegeben?“ fragte Hasard.
„Klar“, erwiderte Old O’Flynn. „Die Alis waren total verrückt. Es muß an dem langen Inselaufenthalt gelegen haben. Jedenfalls nahmen sie mit ihren Flößen Kurs auf uns. Na, und wir haben es ihnen mit den Drehbassen besorgt.“
„Und den Rest haben die Haie erledigt“, fügte O’Brien hinzu.
„Das müßt ihr uns heute abend noch ausführlich berichten“, sagte der Seewolf. „Unsere Befürchtung, daß sie sich noch hier befinden könnten, war also gerechtfertigt.“
„Zehn Monate haben sie hier festgesessen“, sagte Renke Eggens. „Aber die Sonne hatte nicht nur ihre Gesichter verbrannt. Sie muß sie auch um den Verstand gebracht haben. Wie konnten sie es wagen, uns nahezu unbewaffnet anzugreifen?“
„Das war Mut“, sagte Old O’Flynn. „Sie haben alles auf eine Karte gesetzt.“
„Trotzdem haben sie es falsch angepackt“, sagte Jean Ribault. „Sie hätten sich als Schiffbrüchige ausgeben sollen.“
„Das haben sie ja getan“, sagte O’Brien. „Der eine hüpfte wie ein Irrer am Strand herum. Aber wir haben ihn durchschaut. Weil Renke sich rechtzeitig genug daran erinnert hat, was hier im letzten Jahr vorgefallen war.“
„Hallo, Mary!“ rief Dan plötzlich. Er winkte zur „Empress“ hinüber. „Wie geht’s denn so?“
„Ich bin bester Dinge!“ rief Mary. „Und guter Hoffnung für eure Sippe!“
„Wie soll ich das denn verstehen?“
„So, wie ich’s gesagt habe!“ rief sie und lachte amüsiert, als sie sein Gesicht sah.
„Augenblick mal, Miß Snugglemouse!“ schrie Old O’Flynn. „Das wollte ich doch – schön langsam und deutlich, meine ich – äh, erklären!“
„Fängst du schon wieder an?“ stieß sie drohend hervor. „Nimm dich ja in acht, Mister O’Flynn! Ich bin ganz schön nervös!“
Old O’Flynn schnappte nach Luft. Dan wandte den Kopf und sah seinen Alten völlig entgeistert an.
„Sag mal!“ stieß er hervor. „Ist das dein Ernst?“
„Mach’ ich vielleicht Witze?“ fragte Old O’Flynn unwirsch zurück.
„Das kann nicht sein“, sagte Dan. Er mußte sich erst mal hinsetzen und ließ sich einfach in den Sand sinken.
„Sei doch froh“, sagte Carberry grinsend. „Es gibt wieder Nachwuchs. Donnerwetter, Donegal, das hätte ich dir gar nicht zugetraut.“
Der Alte legte den Kopf ein wenig schief und musterte den Profos grimmig. „Wie meinst du das, Mister Carberry!“
„So, wie ich’s sage. Eine tolle Überraschung!“
„Wirklich toll“, pflichtete Hasard ihm bei. Dann drückte er dem Alten kräftig die Hand. „Meinen Glückwunsch, Donegal.“
„Langsam, langsam“, sagte der verlegen. „Noch ist ja nichts da. Wird wohl auch noch ’ne Weile dauern. Äh, sieben Monate, schätze ich.“
„Mann, Mann“, sagte Dan. Er war immer noch erschüttert. „Da ist man mal ein paar Tage weg, und schon passiert so was. Ein Ding ist das! Ein schwerer Hammer!“
„Ach was!“ rief Carberry. „Es ist das beste Stück, das Old Donegal seit langem zustande gebracht hat, sage ich! He!“ Er winkte zur „Isabella“, zur „Caribian Queen“ und zum Schwarzen Segler hinüber. „Habt ihr das gehört? Mary wird Mutter! Und Donegal Vater!“
Die Kunde wurde mit Pfeifen, Johlen und Gebrüll quittiert. Hasard schüttelte nur lächelnd den Kopf und trat mit Jean Ribault und Don Juan ein wenig zur Seite.
„Erstaunlich“, sagte er. „Das hätte ich kaum für möglich gehalten.“
„Ja, unser alter Poltergeist steckt nun mal voller Überraschungen“, sagte Jean Ribault.
Dan teilte die allgemeine Freude weniger. Er war immer noch ziemlich schockiert. Am liebsten hätte er sich die Haare gerauft. Ja, es stimmte: Sein „Alter“ war für jede Art von Überraschung gut. Daß er „was Kleines“ auf Stapel legen würde, hätte Dan nun wahrhaftig nicht erwartet.
Er rappelte sich auf und musterte den Alten fassungslos. „Träum’ ich oder spinn’ ich?“
„Hör auf“, sagte Old O’Flynn brummig. „Übertreib’s nicht. Du hast nun gehört, was los ist, und damit hat sich der Fall.“ Frostig fügte er hinzu: „Wenn du nicht für Nachwuchs sorgst, muß ich das eben tun, klar? Schließlich muß die Sippe der O’Flynns vor dem Aussterben bewahrt werden.“
„Ach, deswegen ist die gute Mary schwanger?“ fragte Dan entgeistert.
„Weswegen denn wohl sonst?“
Dan gab es auf, weiter mit ihm herumzudebattieren. Es hatte keinen Sinn. Der Alte mußte immer das letzte Wort haben, auch wenn seine Argumente einem die Stiefel auszogen. Dagegen war kein Kraut gewachsen. Aber Dan brauchte eine gute Stunde, um die Nachricht zu verdauen.
Es wurde allmählich dunkel. Am Strand wurde ein großes Feuer entfacht. Das Backen und Banken fand noch an Bord der Schiffe statt, aber dann begaben sich die Crews mit den Jollen an Land, und alle versammelten sich um das Lagerfeuer.
Hasard hatte zwei Fässer Wein aus den Vorräten der „Isabella“ an Land schaffen lassen. Der Kutscher und Mac Pellew stachen das erste Faß an, und der dunkelrote Wein lief in die Mucks und Becher, die herumgereicht wurden.
Hasard hob seine Muck. „Auf das Wohl des Bundes der Korsaren!“
„Auf unseren Bund!“ riefen die Männer im Chor.
„Und auf den Nachwuchs!“ rief Jean Ribault.
„Auf den Nachwuchs!“ ertönte es. Und dann riefen alle: „Prost!“
Renke Eggens, Oliver O’Brien, Jean Ribault, Old O’Flynn und Don Juan de Alcazar schilderten nun, was sich zugetragen hatte, als sie mit ihren Schiffen Great Abaco erreicht hatten. Hasard, Siri-Tong und der Wikinger sowie die Besatzungen der neu eingetroffenen Schiffe erfuhren, wie sich der Kampf gegen Mubaraks Horde abgespielt hatte, in allen Einzelheiten.
Danach war noch einmal die Rede vom O’Flynnschen Nachwuchs – und wie der Alte seinen „Rappel“ gekriegt hätte, als er von Mary über das freudige Ereignis aufgeklärt worden wäre.
„Plötzlich war er weg“, sagte Ribault. „Einfach auf und davon und spurlos verschwunden.“
„Ich fiel in ein Geisterloch“, erklärte Old O’Flynn mit dumpfer Stimme, und er berichtete, wie er Bekanntschaft mit der Tropfsteinhöhle geschlossen hätte. Danach war wieder Ribault an der Reihe. Er erzählte, wie sie den Alten wiedergefunden hätten. Als letztes war dann die Schilderung fällig, wie es in dem Höhlenlabyrinth aussah.
„Auch das ist wichtig für uns“, sagte der Seewolf. „Ihr habt ganze Arbeit geleistet.“
„Die Höhle wäre also als Versteck für die Schatzbeute geeignet?“ fragte Don Juan.
„Gewiß“, erwiderte Hasard. Er blickte zu Siri-Tong und Thorfin Njal. „Was haltet ihr davon?“
„Wir werden uns die Höhle ansehen“, entgegnete die Rote Korsarin. „Aber nach allem, was ich vernommen habe, scheint sie als Schatzlager der ideale Platz zu sein.“
„Abgesehen von dem Knochenmann“, sagte Old O’Flynn. „Vor dem habe ich euch gewarnt.“
Carberry grinste. „Bleib ganz ruhig. Heute nacht steigt er noch nicht aus der Erde. Aber vielleicht morgen, und dann werden wir hören, wie seine Knochen klappern.“
„Weißt du, daß du ein Witzbold bist?“ zischte der Alte.
„Ich weiß, Donegal.“
Old O’Flynn wußte so schnell nicht, was er darauf erwidern sollte. Hasard nutzte die Gelegenheit und ergriff erneut das Wort. „Aber ich bin nicht nur von der Tropfsteinhöhle angetan. Mir gefällt auch die Bucht. Ich will damit sagen – der Platz erscheint mir gut für einen Neuanfang.“
„Ganz meine Meinung“, sagte der Wikinger. „Hier haben wir doch alles, was wir brauchen. Eine Bucht, die außer uns keiner findet, und eine Grotte, in die wir die gesammelten Schätze verfrachten können.“
„Gibt es auch Trinkwasser?“ fragte Siri-Tong.
„Eine Quelle“, erwiderte Jean Ribault. „Sie ist gar nicht weit von hier entfernt.“
„Aber das Proviantproblem müßte gelöst werden“, gab Pater David zu bedenken. „Mehr als Fisch, Kokosnüsse und ein paar Papayas gibt es hier sicherlich nicht.“
„Wir werden uns damit noch befassen“, sagte der Seewolf. „Also, wir sind uns einig: Great Abaco ist unsere Insel, die Cherokee Bay unsere Bucht. Hat jemand Einwände?“
Niemand meldete sich zu Wort. „Trotzdem schlage ich vor, die Inseln und Keys um Abaco genau zu erkunden und weiter Ausschau zu halten“, fuhr Hasard fort. „Die Schlangen-Insel hat uns einiges an Erfahrung gelehrt. Wir müssen uns die Möglichkeit schaffen, bei Gefahr im Verzug auszuweichen. Ich will auf jeden Fall beweglich sein.“
„Richtig“, sagte die Rote Korsarin. „Und dieses Mal dürfen uns keine Fehler unterlaufen.“
„Welche Fehler haben wir denn gemacht?“ fragte Ramsgate. „Ja, ich gebe zu, die Schlangen-Insel hatte ein paar Nachteile. Aber die positiven Seiten überwogen.“
„Es soll aber nicht noch einmal passieren, daß wir in der Falle sitzen“, führte Hasard weiter aus. „Das war im gewissen Sinne bei der Schlangen-Insel der kritische Punkt. Dort waren dem Ein- oder Auslaufen unserer Schiffe wegen des Mahlstroms Schranken gesetzt. Und der Zugang durch den Felsendom konnte vom Gegner blockiert werden.“
Er schwieg. Niemand erwiderte etwas auf seine letzten Worte. Es herrschte eine nahezu andächtige Stille. Alle dachten an die Schlangen-Insel und Coral Island, an das Ende von Arkana, Shawano und deren Stammesbrüdern und -schwestern. Zu kurz war die Zeit, die verstrichen war, seitdem der Vulkanausbruch die Schlangen-Insel in die Luft gesprengt und Coral Island hatte untergehen müssen.
Obwohl sich Hasard und die Männer Mühe gaben, darüber hinwegzukommen, hatten sie immer noch Schwierigkeiten, das zu verkraften, was geschehen war. Doch allen war bewußt, daß sie es irgendwie verarbeiten mußten. Nichts ließ sich rückgängig machen. Man mußte die Tatsachen so hinnehmen, wie sie waren. Jeder mußte die Vergangenheit auf seine Art bewältigen.
Hasard sprach weiter. „Wir müssen selbst entscheiden können, ob wir einen Angriff annehmen oder nicht“, sagte er. „Die Entscheidungsfreiheit aber bedingt wiederum Rückzugsmöglichkeiten.“
„Sehr richtig“, stimmte die Rote Korsarin ihm zu. „Aber die muß man erst mal kennen.“
„Beziehungsweise in Erfahrung bringen, ob es solche Rückzugsmöglichkeiten überhaupt gibt“, fügte Jean Ribault hinzu.
„Ja“, sagte der Seewolf. „Unter Rückzug verstehe ich zum Beispiel die Möglichkeit, einen Gegner auf Korallenbänke zu locken. Daher müssen wir unsere Umgebung ganz genau erkunden. Ich meine damit die Inselwelt von den Grand Keys oben im Norden über Grand Bahama, Andros, Babuca, also New Providence, bis hinüber nach Guateao.“
„Eleuthera“, sagte Ribault. „Es lohnt sich bestimmt, die Inseln abzuforschen. Meiner Ansicht nach gibt es dort viele Versteckmöglichkeiten, aber auch Riffs und Sandbänke.“
„Bei der Erkundung müssen Karten angefertigt und Lotungen vorgenommen werden“, sagte der Seewolf. „Weiter: Wo befinden sich eventuell versteckte Buchten, wo gefährliche Korallenbänke? Auf welcher Insel gibt es Trinkwasserquellen? Wo sind gefährliche Strömungen?“
„Und so weiter und so fort“, sagte der Wikinger mit seiner grollenden Baßstimme. „Auch das Proviantproblem muß irgendwie geregelt werden. Wovon sollen wir uns ernähren?“
„Coral Island ist ebenfalls ein großer Verlust für uns“, sagte Hasard. „Dort haben die Timucuas Ackerbau betrieben und die Schlangen-Insel mit ihren Produkten versorgt.“
„Vielleicht ist auf einer der umliegenden Inseln der Boden fruchtbar genug“, sagte Mary O’Flynn. „Mal sehen, ob wir dort ein paar Gemüsefelder anlegen können.“
„Und wer soll die bestellen?“ fragte Old O’Flynn brummig. „Und das Unkraut jäten?“
„Du bestimmt nicht, du alter Faulpelz“, antwortete sie, aber es klang eher gutmütig, also erhob der Alte auch keine weiteren Einwände.
Hasard lächelte. „Donegal, dir fallen andere Aufgaben zu. Weil sich die ‚Empress‘ bewährt hat, schlage ich vor, daß Hesekiel und seine Mannen an den beschleunigten Bau von zwei oder drei Schiffen dieses Typs gehen – wobei du ihnen mit Ratschlägen zur Seite stehst. Schließlich hast du die ‚Empress‘ zur Genüge ausprobiert und weißt, auf was es ankommt. Auch Verbesserungen lassen sich bestimmt durchführen.“
„Ein paar Kleinigkeiten“, erwiderte Old O’Flynn.
„Und die ‚Empress‘ wird auch zu den Schiffen gehören, die die Nachbarinseln erkunden“, sagte der Seewolf.
Das war Musik in Old O’Flynns Ohren. Er setzte sich auf und trank schnell noch einen Schluck von dem ausgezeichnet schmeckenden Rotwein. Dann grinste er. „Das laß ich mir gefallen. Endlich gibt es wieder was Ordentliches zu tun. Wann geht’s los?“
„Morgen“, antwortete Hasard. „Aber jetzt noch mal zurück zur ‚Empress‘. Hesekiel, was hältst du von meinem Vorschlag?“
„Ich halte ihn für eine gute Idee. Und Holzprobleme haben wir ja nicht.“ Ramsgate grinste ebenfalls. „Wie gut, daß wir uns in Havanna schon mal reichlich eingedeckt haben. Wir können gleich anfangen – sobald wir eine kleine Werft errichtet haben. Ja, ich halte die ‚Empress‘ für den idealen Schiffstyp in dieser Gegend. Sie hat nur geringen Tiefgang und ist daher bestens geeignet für die flacheren Gewässer zwischen den Inseln und Keys.“
„Natürlich brauchen wir auch Unterkünfte“, sagte der Seewolf. „Aber für den Hüttenbau sollten wir das Schiffbauholz nicht verschwenden. Wie beurteilt ihr die Bäume auf Great Abaco? Taugen sie was?“
„Sicher“, erwiderte Ramsgate. „Sieh dir doch mal die Abakoskiefern an. Das ist ein prächtiges Hölzchen, eignet sich sogar für den Schiffbau.“
„Und auch die Sumpfzypressen sind nicht schlecht“, fügte Mulligan hinzu. „Und Pinien habe ich auch entdeckt. Gute Balken lassen sich daraus anfertigen.“
Ferris Tucker sagte: „Schilf und Rohr für das Abdecken der Hüttendächer sind auch reichlich vorhanden, schätze ich.“
„Ja, das stimmt“, erwiderte Mulligan. „Und es schadet dem Inseldschungel nicht, wenn er ein bißchen abgeholzt wird.“
„Nur auf der Halbinsel müssen wir aufpassen“, warf O’Brien ein. „Dort sollten wir nach Möglichkeit keinen Baum fällen, wegen der Deckung.“
„Auch das ist klar“, sagte der Seewolf. „Aber immerhin scheint an Baumaterialien kein Mangel zu bestehen – was für uns fast genauso wichtig wie die Nahrungsfrage ist.“
„Arbeit über Arbeit also“, sagte Carberry. „Na gut. Da rosten die Muskeln wenigstens nicht ein. Aber was wird mit der Rutsche?“
„Die Rutsche ist bereits entdeckt“, entgegnete Ribault lachend. „Sie führt von dem versteckten Höhlenloch runter in die Tropfsteinhöhle, und Donegal hat sie als erster ausprobiert.“
„Er meint was anderes“, sagte Old O’Brien mit schiefem Blick. „Er meint meine neue Kneipe, in der Bier und Wein in Bächen fließen werden und Mary wieder ihr Calaloo herrichten wird – äh, soweit die Schwangerschaft es zuläßt.“
„Mach dir darüber keine Sorgen“, sagte Mary. „Calaloo bereite ich auch noch, wenn ich im neunten Monat bin.“
„Etwas anderes“, sagte Renke Eggens. „Wir müssen auch Arne über den neuen Standort in Kenntnis setzen.“
„Aber wie?“ fragte Hein Ropers. „Die Brieftaubenpost funktioniert ja nicht mehr.“
Hasard sann darüber nach. Wie sollte man Arne von Manteuffel am besten verständigen? Er saß in Havanna und wußte von nichts. Ihm war lediglich bekannt, daß sich die „Wappen von Kolberg“ und die „Pommern“ vor Great Abaco mit den anderen Schiffen treffen sollten. Es gab nur einen Weg, ihn zu unterrichten: Eins der Schiffe mußte nach Havanna auslaufen. Aber welches?
5.
„Es ist wichtig, daß Arne so schnell wie möglich von unseren neuesten Entscheidungen erfährt“, sagte der Seewolf. „Erstens hat er ein Recht darauf, zweitens sollte Jussuf die Brieftauben auf die neue Flugroute eintrimmen können – Nordosten-zum-Osten beziehungsweise Südwesten-zum-Westen. Also müssen wir ein Schiff nach Havanna schicken.“
„Aber doch nicht die ‚Wappen‘ oder die ‚Pommern‘“, sagte Oliver O’Brien. „Wie sollen wir den Dons erklären, daß eine unserer beiden Galeonen umkehren mußte?“
„Sie würden sofort mißtrauisch werden“, erwiderte Hasard. „Die ‚Wappen‘ und die ‚Pommern‘ scheiden also aus.“
„Und die anderen Schiffe auch“, sagte der Wikinger. „Wenn wir mit denen im Hafen von Havanna aufkreuzen, gibt es Mord und Totschlag.“
„Das stimmt nicht ganz“, widersprach Jean Ribault. „Ich meine, die ‚Golden Hen‘ kennen die Hafenbehörden von Havanna nicht. Wir könnten sie also als deutsches Handelsschiff ‚klarieren‘, nicht wahr?“
„Daran habe auch ich gedacht“, sagte der Seewolf. „Die Karavelle wird unter den beiden Flaggen segeln, die auch die ‚Wappen‘ und die ‚Pommern‘ bisher in Havanna gezeigt haben.“
„Im Topp des Großmastes also die Flagge mit dem roten Greif auf silbernem Feld“, sagte Renke Eggens. „Das Wappen Pommerns. Und an der Besanrute die Flagge von Kolberg mit der Bischofsmütze, den drei Stadttürmen und den beiden Schwänen. Ja, so getarnt geht die ‚Hen‘ bestimmt als deutsches Schiff durch.“
„Auch mit den Hühnern an Bord“, sagte Mac Pellew plötzlich.
Alle sahen ihn betroffen und ratlos an. „Was haben denn die Hühner damit zu tun?“ fragte Blacky.
„Na, es sind doch spanische Hühner. Und sie legen goldene Eier. Aber man braucht sie den Dons ja nicht zu zeigen“, sagte Mac.
„Mac“, sagte der Profos. „Weißt du, was du von mir aus mit den dämlichen Hennen machen kannst?“
„Ich weiß es“, antwortete Mac mit todtraurigem Gesicht. „Aber wenn sie als Suppenhühner in den Kochtopf wandern, legen sie keine Eier mehr, keine gol…“
„He!“ fuhr Eric Winlow dazwischen. „Da habe ich ja wohl ein Wörtchen mitzureden!“
„Wenn man sie nicht mit Goldkrümeln füttert, legen sie auch keine goldenen Eier“, sagte der Profos barsch. „Hast du das vergessen, Mac?“
„Ja“, gab Mac zu. „Daran habe ich gar nicht mehr gedacht.“
„Sie legen ganz normale Eier“, sagte Winlow aufgebracht. „Aber es sind erstklassige Eier. Gute Ware. Schmecken hervorragend. Warum, zur Hölle, sollen wir den Viechern den Hals umdrehen? Außerdem gehören sie jetzt uns. Wir haben die ‚Hen‘ übernommen.“
„Eric, reg dich nicht auf“, sagte Ribault. „Die Hennen werden nicht geschlachtet. So, und nachdem das geklärt ist, sollten wir uns auch darüber unterhalten, mit welcher Besatzung die ‚Golden Hen‘ nach Kuba segelt.“
„Ich habe folgenden Vorschlag“, sagte der Seewolf. „Renke Eggens und fünf Mann der deutschen ‚Wappen‘-Crew werden deine Crew vervollständigen, Jean. Renke wird auf dem Kurs nach Havanna als Navigator eingesetzt. Bist du damit einverstanden?“
„Ja, bin ich.“
„Renke?“
„Der Vorschlag ist richtig“, erwiderte Renke. „Und fünf Mann, mit mir sechs, dürften genügen, um die Dons davon zu überzeugen, daß die ganze Mannschaft aus echten Deutschen besteht.“
„Oliver?“ fragte der Seewolf.
„Ich gebe euch gern meine besten Leute mit“, antwortete O’Brien. „Wichtig ist, daß die ‚Golden Hen‘ so schnell wie möglich ausläuft.“
„Morgen früh“, sagte Hasard. „So, und jetzt stimmen wir noch mal über alle Vorschläge ab, die ich euch gemacht habe.“
„Warum abstimmen?“ fragte der Wikinger. „Wir sind uns doch alle einig.“
„Vielleicht hat jemand Gegenvorschläge zu unterbreiten, die besser sind“, sagte Hasard. „Ich bin schließlich nicht unfehlbar. Also? Siri-Tong?“
„Ich bin mit allem einverstanden“, entgegnete die Rote Korsarin. „Mit der Wahl der Insel, dem Bau der Schiffe und Hütten und dem Rest. Wir müssen nur zusehen, daß wir alles gleichzeitig betreiben.“
„Ja“, sagte Barba, ihr Steuermann. „Aber wir sind ja genug Kerle, und ans Zupacken sind wir auch gewöhnt.“ Er grinste und leerte seinen Becher. Dann stand er auf und ging zu dem zweiten Weinfaß, das inzwischen angestochen worden war, um ihn wieder zu füllen.
Hasards Vorschläge wurden einstimmig angenommen – und allmählich verblaßte das Geschehen mit dem Untergang der Schlangen-Insel, dem Verschwinden von Coral Island und ihrer Bewohner. Es gab eine Menge zu tun.
Am nächsten Morgen, dem 25. April 1595, begab sich die Crew Jean Ribaults, verstärkt von Renke Eggens und fünf deutschen Seeleuten der „Wappen von Kolberg“, an Bord der „Golden Hen“. Es wurden nur noch wenige Worte gewechselt. Was besprochen werden mußte, war geregelt. Ribault ließ den Anker lichten und die Segel setzen, und die „Golden Hen“ ging in See. Der Abschied von den Kameraden, die auf Great Abaco zurückblieben, fiel nur kurz aus. Jeder widmete sich der Tätigkeit, die ihm zufiel – es wurde ein arbeitsreicher Tag.
Ray Hoback hatte an diesem frühen Morgen den Ausguckposten im „Kiefern-Nest“ übernommen. Er blickte der „Golden Hen“ nach, bis sie sich seinem Blick entzog, und dachte noch: Viel Glück, Freunde, und auf ein baldiges Wiedersehen! Dann begann er, mit dem Spektiv systematisch die Kimm abzuforschen. Doch den ganzen Tag über und auch in den nächsten Tagen zeigte sich kein fremdes Schiff. Alles blieb ruhig. Der Bund der Korsaren konnte seine neuen Pläne ungestört in die Tat umsetzen.
Jean Ribault nahm mit der „Golden Hen“ Kurs auf Havanna. Er wollte durch die Providence-Straße – den Nordwest-Providence-Kanal – westwärts entlang der Großen-Bahama-Bank segeln und erst in der Florida-Straße auf südlichen Kurs gehen. Bei der Rückkehr würde es dann seine Aufgabe sein, eine Direktroute über die Große-Bahama-Bank auszuloten – jene Route, die später auch die Brieftauben auf der NOzO-SWzW-Achse und umgekehrt fliegen würden, wenn sie die Nachrichten überbrachten. Es würde Jussufs Auftrag sein, seine gefiederten Lieblinge auf den neuen Kurs „einzutrimmen“.
Die Schatzbeute der Flores-Caspicara-Bande war auf Great Abaco zurückgeblieben. Kisten und Truhen voll Gold, Goldschmuck und Diamanten, die am Strand der Cherokee-Bucht lagerten, hinzu kam die Beute von der „Caribian Queen“, die jetzt ebenfalls in dem neuen Versteck verstaut werden konnte.
Old O’Flynn zeigte den Freunden die Tropfsteinhöhle. Auch auf Hasard verfehlte der unterirdische Irrgarten seine Wirkung nicht. Er war beeindruckt. Old O’Flynns Hinweise hingegen, der „Knochenkerl“, der in der einen Seitenhöhle lag, könne irgendwann zu wandeln und zu spuken beginnen, ließen ihn kalt. Diese Art von Prophezeiungen kannte er von Donegal ja zur Genüge.
Siri-Tong übernahm es mit ihrer Crew, die Schatzbeute in die Tropfsteinhöhle zu verfrachten. Zügig wurden die Kisten und Truhen vom Strand der Bucht abgeräumt und fortgetragen. Mit Tauen fierten sie die Kisten in das Einstiegsloch der Höhle ab, und unten standen Männer bereit, um die Ladung in Empfang zu nehmen.
Hasard und die Rote Korsarin hatten einige trockene Nebenhöhlen als Lagerplatz für ihre Reichtümer ausgewählt. Hier wurden die Güter gestapelt – vorsichtshalber auf Hölzern, die sie von unten her gegen Feuchtigkeit schützen sollten.
An der Cherokee-Bucht begannen Hesekiel Ramsgate und dessen Männer unterdessen mit dem Ausbau einer kleinen Werft. Zunächst wurden die Hölzer, die sich in den Laderäumen der „Wappen von Kolberg“ und der „Pommern“ befanden, gelöscht und an Land geschafft, dann auch die Bedarfsgüter für den Schiffbau wie Werkzeuge, Nägel, Leim, Pech, Teer, Werg, Taue und Segeltuch.
Die Männer errichteten Schutzdächer, unter denen das Material vor Feuchtigkeit und Regen sicher lag, dann erst fingen sie an, die Fundamente der Werft zu bauen. Ramsgate hatte eine Zeichnung angefertigt, nach der sie zügig konstruieren konnten.
Mulligan ging mit einem anderen Trupp Männern an die Errichtung der Hütten am Ostende der Cherokee-Bucht. Zunächst zogen sie mit Äxten und Beilen, Sägen, Keilen und Vorschlaghämmern ins Inselinnere und schlugen Kiefern, Zypressen und Pinien. Sie befreiten sie von Ästen und Zweigen, transportierten sie zur Bucht und rammten die halbierten Stämme tief in den Grund. Sie würden als Halt für die Querbalken der Hüttenwände dienen.
Es waren recht zeitraubende Arbeiten, über denen der Vormittag schnell verstrich. Zur selben Zeit bereiteten sich auch die „Patrouillen“-Crews, deren Aufgabe die Erkundung der umliegenden Inselwelt war, auf ihre Fahrten vor.
„Wir laufen mit drei Schiffen aus“, sagte Hasard. „Mit der ‚Empress‘, der ‚Isabella‘ und dem Schwarzen Segler. Die ‚Isabella‘ und der Schwarze Segler werden nach Norden und Nordwesten erkunden. Donegal, du segelst hinunter zu den Andros-Inseln und nach Eleuthera.“
Der Wikinger und Old O’Flynn, die bei ihm am Wasser standen, nickten. Dann aber fragte der Alte: „Und was wird mit Mary? Soll ich sie mitnehmen? Bei ihrem Zustand?“
„Nein“, erwiderte der Seewolf. „Mary, Gotlinde und Gunnhild bleiben hier, beim neuen Stützpunkt. Sie werden die Männer versorgen und bekochen.“
„Das ist auch besser so“, sagte Thorfin Njal. „Wir wissen ja nicht, wem wir unterwegs begegnen. Es könnte Ärger mit Spaniern, Piraten oder Kannibalen geben.“
„Mit Kannibalen wohl am allerwenigsten“, sagte der Seewolf grinsend. „Aber wir müssen selbstverständlich immer auf alles gefaßt und vorbereitet sein.“
Don Juan de Alcazar war – logischerweise – nicht mehr an Bord der „Golden Hen“. Die Gefahr, in Havanna an Bord der Karavelle entdeckt zu werden, war viel zu groß. Don Juan half beim Bau der Hütten mit. Er blickte überrascht auf, als Hasard, Thorfin Njal und Old O’Flynn zu ihm traten.
„Juan“, sagte Hasard. „Ich möchte dich darum bitten, mit an Bord der ‚Isabella‘ zu kommen. Ich hoffe, du hast nichts dagegen.“
„Dagegen?“ Der Spanier lachte. „Ich bin froh darüber. Es interessiert mich ja selbst sehr, wie die anderen Inseln aussehen.“
„Gut.“ Hasard bedeutete ihm, ihn zu begleiten, dann versammelte er die Mitglieder seiner Crew, die sich an Land befand, in unmittelbarer Nähe der Werft.
„Ed“, sagte er. „Du gehst mit an Bord der ‚Empress‘. Donegals Crew ist zu klein, eigentlich hat er ja nur Martin Correa als festen Bootsmann. Die Frauen bleiben hier.“
„Aye, Sir“, erwiderte der Profos. „Wie wär’s, wenn wir auch die Zwillinge mitnehmen?“
„Daran habe ich auch schon gedacht“, entgegnete der Seewolf. „Also, Donegal, du nimmst Ed und die Zwillinge mit – außerdem den Kutscher, Nils Larsen und Sven Nyberg. Ist dir das recht?“
„Und ob“, erwiderte der Alte. „Das gibt eine feine Crew ab.“
„Nicht so voreilig“, erklärte Carberry. „Sag das nicht zu früh.“ Er setzte ein gleichsam teuflisches Grinsen auf.
„Fünf Mann als Verstärkung genügen mir“, sagte der Alte, ohne auf die Bemerkung einzugehen.
„Sechs Mann“, berichtigte Hasard junior, der mit seinem Bruder Philip junior hinzugetreten war. Aber sie wußten beide schon, was jetzt folgte.
„Ihr Burschen zählt nur als ein Mann“, brummte der Alte.
„Donegal, du solltest dich daran gewöhnen, daß sie jetzt erwachsen sind“, sagte Hasard.
„Die Kerlchen? Daß ich nicht lache!“
„Wir werden dir schon beweisen, was wir können“, sagte Philip junior. „Ich merke schon, du hast eine völlig falsche Meinung von uns.“
„Im Moment meine ich nur, daß ihr verdammt kiebig seid“, sagte Old O’Flynn.
Hasard unterbrach die Diskussion, indem er zum Aufbruch drängte. Wenig später begaben sich die Crews an Bord der Schiffe. Es blieb dabei nicht aus, daß Sir John, der karmesinrote Aracanga, und Plymmie, die Wolfshündin, mit an Bord der „Empress of Sea II.“ genommen wurden – ein Umstand, an den Old O’Flynn allerdings nicht gedacht hatte.
„Auch das noch“, sagte er mit gallebitterer Miene. „Jetzt haben wir das ganze Viehzeug an Bord.“
„Magst du meinen Sir John nicht?“ fragte Carberry drohend.
„Weiß ich nicht, hab’ ihn ja noch nicht probiert“, erwiderte der Alte frostig.
Plymmie setzte sich neben ihm auf die Planken der „Empress“ und blickte fragend zu ihm auf. Sie gab einen leisen, winselnden Laut von sich, dann stupste sie ihn mit ihrer Nase an.
„Na ja“, brummte Old O’Flynn. „Ist ja schon gut. Meinetwegen. Wir werden uns schon verstehen.“
An Bord der „Isabella IX.“, des Schwarzen Seglers und der „Empress of Sea II.“ wurden alle Vorkehrungen für das bevorstehende Auslaufen getroffen. Gegen Mittag gingen die Schiffe in See. Zurück blieben die „Caribian Queen“, die „Wappen von Kolberg“ und die „Pommern“.
6.
Die „Empress of Sea II.“ lief auf ihrem südlichen Kurs gute Fahrt – bei handigem bis frischem Wind aus Nordosten. Rasch stellten sich Carberry, Nils Larsen und Sven Nyberg sowie der Kutscher auf die Besonderheiten des Schiffes ein. Die Zwillinge kannten sich ebenfalls bereits aus, sie fuhren ja nicht zum ersten Male auf der „Empress“.
Plymmie richtete es sich in der Nähe des Bugs gemütlich ein – nicht allzuweit von der Pantry entfernt. Sir John schien der einzige zu sein, der sich mit der neuen Umgebung noch nicht richtig zurechtfand. Er verließ die schützende Profos-Schulter vorläufig nicht und nervte Carberry mit seinen englischen und spanischen Flüchen und hektischer Ohr-Zwackerei.
In einem Punkt aber behagte die „Empress“ dem Profos doch nicht ganz.
„Hör mal zu, Donegal“, sagte er zu dem Alten, der selbst die Ruderpinne übernommen hatte. „Die Räume unter Deck sind verdammt eng. Ich fürchte, da stoße ich mir irgendwo den Kopf oder sonst was.“
„Sonst was wäre schlecht“, sagte Old O’Flynn mit fröhlichem Grinsen. „Aber mach’s wie ich. Schlaf an Deck.“
„Das werde ich auch tun. Es ist ja warm genug, und regnen wird es wohl auch nicht.“
„Heute nacht nicht“, sagte der Alte. „Sonst würde ich den Wetterumschwung schon in meinem Beinstumpf spüren.“ Seine Augen verengten sich etwas. Er fixierte Sir John, der immer noch krächzte und fluchte und am Profos-Ohr herumknabberte. „Aber was wird aus deinem Vogel? Wenn er weiter herummeckert, kriegen wir heute nacht kein Auge zu.“
„Ich sperre ihn unter Deck ein“, sagte Carberry.
„Ach? Und da kleckert er dann alles voll, wie?“
Der Profos rückte etwas näher auf den Alten zu. „Du verwechselst da was. Sir John ist keine Legehenne, sondern ein Papagei, und zwar ein wohlerzogener. Ich hab’ ihm schon früh beigebracht, daß man anderer Leute Schiffe nicht einfach vollkackt.“
„Soso“, sagte Old O’Flynn mit listigem Grinsen. „Und darauf kann ich mich verlassen?“
„Das kannst du.“
„Jede Zuwiderhandlung wird geahndet“, sagte der Alte. „Auf diesem Schiff führe ich das Kommando, und ich dulde keine Disziplinlosigkeit und Insubordination.“
„Na, dir muß das mit dem Nachwuchs zu Kopf gestiegen sein“, sagte Carberry respektlos. „Jedenfalls hast du solche Sprüche sonst nicht geführt. Aber keine Sorge, was Sir John betrifft, achte ich selbst darauf, daß er keinen Mist baut. So wahr ich Carberry heiße.“
Während sich die beiden die üblichen Freundlichkeiten sagten und die anderen den normalen Decksdienst versahen, leisteten die Zwillinge dem Kutscher in der Pantry Gesellschaft. Der Kutscher hantierte mit Töpfen und Pfannen, heizte das Feuer ein wenig an und setzte einen Kessel mit Wasser auf. Es war dunkel geworden. Bald wurde es Zeit zum Backen und Banken.
„Im Gegensatz zu der Kombüse der ‚Isabella‘ ist die Pantry ganz schön klein, was, Kutscher?“ fragte Philip junior.
„Ja. Aber sie ist aufgeräumt und sauber“, erwiderte der Kutscher.
Hasard junior lachte leise. „Das ist bestimmt nicht Old Donegals Verdienst. Er redet zwar viel von Ordnung und Disziplin, aber selbst nimmt er’s nicht so genau.“
Der Kutscher wies eine der blitzblanken Pfannen vor, dann deutete er auf das mustergültig saubere Hackbrett, die Anrichte und die staubfreien Schapps.
„Das hier trägt die Handschrift von Mary, Gotlinde und Gunnhild“, erklärte er. „Unverkennbar. Ich nehme auch an, daß sie die kleine Crew gut versorgt haben.“
„Ja“, erwiderte Philip junior. „Aber Mister O’Flynn hat immer was zu meckern. Jedenfalls hat er lieber dich als Koch an Bord als Mary.“
„Warum denn das?“
„Wir haben gehört, wie er mit Dad gesprochen hat“, entgegnete Hasard junior. „Von wegen, er könne Mary wegen ihrer anderen Umstände nicht mit an Bord nehmen – und so. Aber er hat auch schon vorher darüber geredet.“
„Über was denn?“ fragte der Kutscher. „Ich kann euch jetzt nicht ganz folgen.“
„Können wir dir nicht helfen?“ fragte Philip junior.
Der Kutscher grinste. „Klar. Hier, das Gemüse muß in Stücke geschnitten werden.“
„Das übernehme ich“, sagte Philip. Schon stand er an der Anrichte und häufelte das gewaschene Gemüse auf dem Brett an. Der Kutscher drückte ihm ein Messer in die Hand.
„Anschließend wirfst du das Zeug einfach in den Kessel“, sagte der Kutscher. „Wir haben noch eine Stunde Zeit, bis dahin ist es gar.“ Er holte ein paar ansehnliche Fische hervor. Es waren zwei Zackenbarsche, ein Umber und ein Sankt-Peters-Fisch. „Hier, seht mal. Die hat Martin Correa heute früh von der Halbinsel aus geangelt. Sie sind groß genug, um uns acht Mann für heute abend satt zu kriegen. Sie müssen nur noch ausgenommen, abgeschuppt und gewaschen werden.“
„Das kann ich“, sagte Hasard junior. Er stellte sich neben den Kutscher, und gemeinsam weideten sie die frischen Fische aus. Dabei unterhielten sie sich weiter.
„Also, das ist so“, sagte Philip junior. „Old Donegal hat die ganze Weiberwirtschaft, wie er sie nennt, an Bord der ‚Empress‘ satt. Zumindest für unser Andros-Unternehmen hat er wieder ’ne richtige Männercrew haben wollen. Und er hat auch herumgenörgelt, er brauche einen guten Koch.“
„Das ehrt mich aber“, sagte der Kutscher lachend. „Ich fühle mich geschmeichelt.“
„Carberry hat das kräftig unterstützt“, fügte Hasard junior den Worten seines Bruders hinzu.
„Erstaunlich“, sagte der Kutscher. „Aber Gegensätze ziehen sich an.“
„Willst du die Fische kochen?“ fragte Philip.
„Nein, braten“, entgegnete der Kutscher. „Ich zeige euch gleich, wie.“
„Dad hat aber noch einen anderen Grund, warum er dich mitgeschickt hat“, sagte Hasard. „Du kennst dich aus, Kutscher, und du hast wohl einen alten Schinken über Andros gelesen.“
„Ach so“, sagte der Kutscher. „Ja, das stimmt. Es war ein richtiger Foliant, und darin war Erstaunliches über die Insel aufgezeichnet. An das meiste kann ich mich noch erinnern.“
„Eben“, sagte Philip. „Folglich gibt es zwei Gründe, warum du an unserer Expedition teilnimmst.“
„Der erste geht geradewegs durch den Magen“, sagte der Kutscher. „Der zweite ist theoretischwissenschaftlicher Art. Aber so ein Experte bin ich nun auch wieder nicht. Vor allem kein studierter Mann.“
„Stell dein Licht nicht unter den Scheffel“, sagte Hasard junior. „Du mit deiner klugen und besonnenen Art wirst das schon meistern. Und Dad meinte auch, unter den Hitzköpfen müsse sich einer befinden, der immer klar bei Verstand ist.“ Er grinste von einem Ohr zum anderen.
„Laßt das bloß nicht Old Donegal und Carberry wissen“, sagte der Kutscher. „Die gehen gleich in die Luft, wenn sie so was hören. Von wegen Hitzköpfe.“
„Aber recht hat Dad“, sagte Philip junior. Er grinste genauso breit wie sein Bruder.
Nachdem das Gemüse im Kessel gelandet und die Fische fertig ausgenommen, abgeschuppt und gewaschen waren, zeigte der Kutscher den Zwillingen, wie sein Bratfisch-Rezept aussah: Er zerkleinerte Zwiebeln, Knoblauch und Petersilie auf dem Hackbrett, streute die Mischung in die größte Pfanne und dünstete sie auf der Holzkohlenglut vor.
Als die Zwiebeln glasig wurden, warf er den ersten halbierten Fisch in die Pfanne und briet ihn. Er streute etwas Salz über ihn, wendete ihn und wartete, bis er gar war. Dann legte er ihn in eine andere Pfanne, die er über der Glut warm hielt. Nun kam der nächste Fisch an die Reihe.
Wenig später trat die Crew zum Backen und Banken an, und heißhungrig fielen die Männer und die beiden Jungen über die Gemüsesuppe und die gebratenen Fische her. Dazu gab es Rotwein und eine von Old O’Flynn großzügig spendierte Extraration Rum.
Old O’Flynn wischte sich den Mund mit dem Handrücken ab, als er seine Mahlzeit beendet hatte.
„So laß ich’s mir gefallen!“ rief er. „Gut gekocht, Kutscher! Nur weiter so!“
„Danke für die Blumen“, erwiderte der Kutscher lachend. „Aber Mary hat das sicher noch besser als ich verstanden.“
„Unsinn“, sagte der Alte. „Auf Mary lasse ich nichts kommen, aber richtig gut ist bei ihr nur Calaloo. Der Rest läßt zu wünschen übrig.“
Carberry wandte ihm sein narbiges Gesicht zu. „Das kannst du mir nicht erzählen, Donegal. Sag lieber, daß du sie auf Great Abaco zurückgelassen hast, damit sie dir nicht dauernd auf die Zehen tritt.“
Gespannt warteten die anderen auf Old O’Flynns Erwiderung. Zuerst sah es so aus, als wolle er wie ein Pulverfaß explodieren. Es fehlte nur noch die Lunte, die das Pulver in die Luft jagte. Dann aber bezwang er sich.
„Mister Carberry“, sagte er sehr beherrscht. „Bist du jemals verheiratet gewesen?“
„Nicht, daß ich wüßte.“ Carberry grinste wieder.
„Dann kannst du auch nicht beurteilen, was so eine Ehe bedeutet“, sagte der Alte.
„Nur Gemecker?“ fragte der Profos. Er griff nach Sir John, der immer noch auf seiner linken Schulter herumturnte, aber der Papagei zwackte ihm kräftig in den Finger.
„Das Gemecker gehört mit dazu“, erklärte Old O’Flynn. „Aber das Schönste ist, wenn du erfährst, daß Nachwuchs unterwegs ist. Und nun mal genauer: Welcher Hundesohn würde seine Frau Gefahren aussetzen und sie mit auf eine Fahrt mit ungewissem Ausgang nehmen? Und noch was. Allein die Schwankungen eines Schiffes können sich störend auf eine Schwangerschaft auswirken, aber davon hast du natürlich keine Ahnung.“
„Ach?“
„Es wird keinen Stammhalter geben, der das Fortbestehen der Carberry-Sippe garantiert“, sagte Old O’Flynn. „Aber die O’Flynns werden niemals aussterben, dafür hab’ ich gesorgt. Und damit es keine Schwierigkeiten gibt, ist Miß Snugglemouse auf Great Abaco geblieben. Klar?“
„Klar“, erwiderte Carberry. Er war jetzt viel zu verdutzt, um etwas Schlagfertiges zu äußern. Carberry-Sippe? Ja, wer hatte denn daran jemals gedacht?
Die anderen lachten. Ehe es Streit zwischen Old O’Flynn und Carberry gab, rief Sven Nyberg: „Kutscher! Was weißt du eigentlich über die Insel Andros? Raus mit der Sprache! Wir sind schon neugierig! Es hat sich herumgesprochen, daß du ein dickes Buch darüber gelesen hast!“
Der Kutscher trank noch einen Schluck Wein, dann sagte er: „Andros ist eine von Geheimnissen umwitterte Insel. Die Spanier nennen sie ‚Isla del Espiritu Santo‘.“
„Insel des Heiligen Geistes“, sagte Martin Correa. „Ja, so wurde sie von meinen Landsleuten getauft. Sie ist sehr groß, nicht wahr?“
„Der Koloß unter den Bahamas“, erwiderte der Kutscher. „Soviel ist bekannt. Im Schnitt soll die Insel an die fünfundzwanzig Meilen breit und über hundert Meilen lang sein. Und von der Ost- zur Westküste ist sie von kräftigen Meeresarmen durchzogen. Das sind die sogenannten Creeks oder Bights.“
„Aber das sind doch englische Ausdrücke“, warf Martin Correa ein.
Der Kutscher lächelte. „Es war ja auch ein englischer Foliant, in dem ich herumgeschmökert habe. Also, diese Creeks oder Bights sollen ein wahres Verwirrspiel für Nautiker sein.“
„Wie schön“, sagte Old O’Flynn ironisch. „Da haben wir ja was Feines vor uns.“
„Die drei Bights heißen Nord-, Mittel- und Süd-Bight“, fuhr der Kutscher unbeirrt fort. „Sie unterteilen die Insel in natürliche Regionen, nämlich Nord-Andros, Mittel-Andros, Mangrove-Cay und das zersplitterte Süd-Andros. Wenn ich mich recht entsinne, soll der Urwald im Inneren der Insel ziemlich dicht sein. Fast undurchdringlich.“
„Das wird ja immer schöner“, sagte Old O’Flynn. „Ach, wie schade, daß Mary nicht mit dabei ist. Sie hätte sicherlich gern ein paar bunte Blumen gepflückt.“
„Ein Tropenwald aus Pinien und Palmetto“, sagte der Kutscher. „Ja, so stand es in meinem Wälzer. Und natürlich mangelt es auch am Mangrovengestrüpp und am Spanischen Moos nicht.“
Carberry stieß einen dumpfen, grunzenden Laut aus. „Ha, wie sollte es auch! Ich hätte es glatt vermißt, das Moos, meine ich.“
„Ihr seid unvorstellbar witzig“, sagte der Kutscher. Er schoß einen Blick auf Old O’Flynn und den Profos ab, dann sprach er weiter. „Auf Andros gibt es eine Menge Binnenseen. Unzählige, stand in meinem Buch. Weiter Wasseradern, die in die Seen fließen, und überall Inselchen.“
„Ein feuchtes Paradies“, sagte Nils Larsen. „Und überall lauert das Wechselfieber, was? Nun mal ehrlich, Kutscher, hältst du das für einen besonders positiven Bericht?“
„Es soll keine positive Darstellung sein“, erwiderte der Kutscher. „Denn Andros ist eine abweisende Insel. Die Westküste wird ‚Schlammküste‘ genannt. Andros, die dunkle Insel. Ach ja, richtig, das hätte ich fast vergessen – Geister soll es dort auch geben.“
„Potzblitz!“ stieß Old O’Flynn hervor. „Das habe ich mir gedacht! Und ausgerechnet wir müssen zu der verfluchten Schlamm-Insel segeln? Das hat sich Hasard ja fein ausgedacht!“
Carberry atmete tief durch. „Wir haben unseren Auftrag, und den führen wir auch aus. Wir erkunden diese Andros-Insel, und die Geister scheren mich einen Dreck.“
„Habe ich gesagt, daß ich vorher umkehren will?“ fragte der Alte brummig. „Ich melde nur meine Bedenken wegen der Geister an. Die Dämonen und Gespenster in dieser Gegend sind nicht zu unterschätzen, laß dir das gesagt sein.“
„Ach, dir liegt nur der Bratfisch zu schwer im Magen“, sagte Carberry, dann leerte er seine Muck Wein in einem Zug.
Die Unterhaltung schlief allmählich ein. Old O’Flynn teilte Martin Correa und Sven Nyberg noch als Deckswachen ein, dann begab er sich zur Ruhe. Ihm folgten Carberry und Nils Larsen und machten es sich auf dem Deck, unter freiem Himmel, bequem.
Die Zwillinge halfen dem Kutscher noch, die Pantry aufzuklaren.
„Erzähl uns noch mehr über die Andros-Geister“, bat Philip junior.
„Die Indianer nennen sie Chickcharnies“, erwiderte der Kutscher. „Rotäugige Buschgeister. Sie turnen durch das Geäst und ärgern jeden Besucher, der sich nach Andros verirrt. Auch soll es im Inneren der Insel einen unentdeckten Indianerstamm geben. Kurz, auf Andros geht es nicht mit rechten Dingen zu. Aber all das sind natürlich reine Legenden. Märchen für Erwachsene.“
„Glaubst du nicht an Übersinnliches?“ fragte Hasard junior.
„Nein, das weißt du doch“, erwiderte der Kutscher.
„Könnte nicht etwas Wahres an den Gerüchten dran sein?“
„Ach wo“, versetzte der Kutscher. „Du darfst nur das glauben, was du mit deinen Sinnen wahrnimmst. Hast du jemals ein richtiges Gespenst gesehen?“
„Im Traum“, erwiderte Hasard junior.
„Das zählt nicht“, sagte sein Bruder. „Träume sind Schäume. Ich habe schon geträumt, ich sei der König von England.“
„Träume sind Visionen“, sagte der Kutscher. „Viele Menschen haben Tagträume, und je abergläubischer sie sind, desto mehr Unfaßbares glauben sie zu sehen.“
„Wie Granddad“, sagte Philip junior.
„Das ist nun mal sein Spleen“, sagte der Kutscher. „Aber ich finde, so schlimm ist es nicht. Jeder von uns hat nun mal sein persönliches Steckenpferd. Er lebt mit seinen Geistern und Kobolden, aber seine Unkereien haben uns auch schon vor mancher Falle bewahrt.“ Eben: Old O’Flynn war ein uriges, wunderliches Rauhbein, doch auf seine ausgeprägten Sinne konnte man sich verlassen.
Am Morgen des neuen Tages, des 26. April, stand die „Empress of Sea II.“ vor der Nordspitze von Andros. Mit einiger Skepsis, aber auch mit großem Interesse blickten die Männer und die beiden Jungen auf die Strände und das tiefgrüne Dickicht. Mehr war vorläufig nicht zu erspähen, auch durch das Spektiv nicht.
Der Kutscher wies plötzlich auf einen Vogelschwarm, der im Inneren der Insel aufstieg. Durch das Spektiv erkannte er, um welche Art von Tieren es sich handelte.
„Flamingos“, sagte er. „Sie bevölkern die Binnenseen.“
„Sehr hübsch“, sagte Old O’Flynn nach einem Blick durch den Kieker. „Aber kann man die Viecher auch essen?“
„Nein“, antwortete der Kutscher. „Ihr Fleisch ist nicht genießbar.“
„Dann haben sie für uns keinen Wert, diese Flamingos“, sagte der Alte. Die Logik, die er anwendete, war wieder einmal unwiderlegbar.
„Vielleicht helfen sie uns aber bei der Orientierung“, sagte der Kutscher. „Mal sehen.“ Er holte eine Karte zum Vorschein. Diese Karte hatte ihm der Seewolf mitgegeben. Er hatte sie ihm anvertraut, weil er überzeugt war, daß der Kutscher der richtige Mann für das Erkunden dieser neuen Insel war.
Hasard hatte absolut nichts dagegen, daß sich der Kutscher auf der „Empress“ einschiffte. Er schätzte ihn als scharfen und dabei nüchternen Beobachter – ein guter Gegenpol bei Old Donegals wuchernder Phantasie. Im übrigen war Mac Pellew als zweiter Koch auf der „Isabella“. Die Meinungen der Männer über Macs Küchenkünste gingen zwar stark auseinander, aber sie waren sich zumindest einig, daß er sie nicht vergiften würde.
Der Kutscher sollte Bürge für das Auskundschaften der neuen Ufer sein. Martin sollte ihm dabei als Navigator und Steuermann behilflich sein. Die Karte würde ihnen gute Dienste erweisen, und alles, was bemerkenswert erschien, sollte der Kutscher entsprechend auf ihr aufzeichnen.
Anhand dieser Karte törnte die kleine Crew mit der „Empress“ entlang der Ostküste von Andros südwärts. Den Zwillingen fiel dabei die Aufgabe des Auslotens der Wassertiefe zu. Alle Viertelstunde sangen sie die Tiefe aus, und der Kutscher trug die Werte sorgfältig und gewissenhaft samt Kurs und Abstand von der Küste auf der Karte ein.
Der Wind wehte nach wie vor aus Nordosten. Oben in den Backbordwanten des Fockmastes stand Nils Larsen als aufmerksamer Beobachter. Immer, wenn er Verfärbungen des klaren Wassers erkannte, gab er dies an die Männer an Deck weiter. Wo es heller wurde, kündeten sich Untiefen und Riffs an. Rechtzeitig wichen sie diesen Untiefen aus und verhinderten, irgendwo aufzulaufen.
An Steuerbord wechselten weiße Sandstrände mit bis ins Wasser reichenden Waldstücken ab. Scharen von Seevögeln hatten sich inzwischen eingefunden und begleiteten kreischend die kleine Karavelle.
Carberry hatte Sir John vorsichtshalber unter Deck gebracht. Aus Erfahrung wußte er, daß es mit dem Papagei Ärger geben konnte. Entweder legte sich Sir John mit den Seevögeln an, oder aber er freundete sich mit irgendeinem Weibchen an, flatterte zur Insel und ward nicht mehr gesehen. Dann begann die lange, zeitraubende Prozedur des Wiedereinfangens. All das wollte der Profos vermeiden.
In dem klaren, türkisfarbenen Wasser sahen die sechs Männer und die beiden Jungen Dornhaie, blaue Speerfische und Meeräschen – sogenannte Bonefishs. Riesige Schildkröten paddelten vor ihnen davon.
„Eine tolle Fauna“, sagte der Kutscher. „Und irgendwie erinnert mich hier alles an Florida.“
„Hör mit Florida auf“, sagte Carberry. „Davon habe ich noch jetzt die Nase voll. Hoffentlich kriechen hier nicht auch Indianer und Schnapphähne in den Sümpfen herum.“
„Rechnen muß man mit allem“, sagte Old O’Flynn. „Aber wir haben ja unsere Drehbassen. Und unsere Handfeuerwaffen. Vor Piraten habe ich keinen Bammel, vor Indianern schon gar nicht. Höchstens vor Geistern.“
„Wenn wir auf Indianer stoßen, kann es sich nur um friedliche Leute handeln“, sagte der Kutscher. „Hier leben keine kriegerischen Stämme.“
„Das sagst du“, brummte der Profos. „Aber hoffentlich wissen das auch die Wilden. Der Busch da sieht mir verdammt nach Kannibalen aus.“
Der Kutscher lachte. „Das wird ja immer schöner. Jetzt sind es schon Menschenfresser. Du übertreibst maßlos.“
„Wir werden ja sehen“, sagte der Profos. „Wir sprechen uns in dem Punkt noch wieder, Kutscher.“
„Kutscher“, sagte Sven Nyberg. „Wie ist das nun mit den Geistern? Wo sind die rotäugigen Ungeheuer?“
„Beschwör es nicht“, sagte Old O’Flynn mit wildem Gesichtsausdruck. „Sonst fallen sie heute nacht über dich als ersten her.“
Es wurden wieder einige Vermutungen über die Inselgespenster aufgestellt, und Old O’Flynn sträubten sich die Nackenhaare. Aber er äußerte sich nicht mehr dazu und hüllte sich in finsteres Schweigen. Ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt, dachte er.
So verstrichen die Stunden. Der Kutscher hatte die Größe der Insel richtig angegeben: Sie war riesig und schien nie enden zu wollen. Am Nachmittag öffnete sich an Steuerbord ein großer Meeresarm. Sie hatten den nördlichen Hauptwasserweg North Bight erreicht, der die Durchfahrt zur Westseite der Insel ermöglichte.
„Gut“, sagte der Kutscher. „Dieser Wasserweg ist auf unserer Karte eingezeichnet. Aber die Skizze ist doch höchst ungenau und entspricht kaum der Wirklichkeit.“
„Ich will’s wissen“, sagte Old Donegal. „Kann man hier nun durchsegeln oder nicht?“
„Man muß es ausprobieren“, sagte der Profos.
„Das tun wir auch“, sagte der Alte. „Abfallen vom Wind, Männer! Kurs Westen!“
„Abfallen und Kurs Westen!“ wiederholte Martin Correa. Er drückte die Ruderpinne herum, und die „Empress of Sea II.“ legte sich vor den Wind. Die Schoten wurden weggefiert, der Wind griff in die Segel und drückte das Schiff in den Meeresarm.
„Der Kompaßkurs ist etwa Südwest“, sagte Old Donegal, als sie dem Verlauf des Armes folgten. „Mir soll’s recht sein.“ Mißtrauisch blickte er nach Backbord. Dort erstreckten sich Inseln über Inseln. Er richtete seinen Blick nach Steuerbord. Dort zog sich buchtenreich und auch mit Inselchen bestückt die Südküste von Nordandros entlang. „Na, was haltet ihr davon?“ fragte er dumpf.
„Nicht allzuviel“, erwiderte Carberry. „Es stimmt schon, was der Kutscher erzählt hat. Hier kann man sich leicht verirren, wenn man zwischen den Inseln herumlaviert. Und hier gibt es keinen Faden wie im Höhlenlabyrinth, der einem wieder raushilft.“
„Genau das meine ich auch“, sagte der Alte. „Aber jetzt sind wir schon mal drin und segeln hindurch.“
Der Kutscher befaßte sich wieder mit der Karte und zeichnete die Inselchen ein. Die Zwillinge hatten unterdessen nicht aufgehört, die Wassertiefe auszuloten.
„Hier wird’s flach!“ rief Hasard junior plötzlich. „Zweieinhalb Faden!“
Martin Correa wich der Untiefe durch rasches Ruderlegen aus, aber dann wurde es ihm mulmig zumute.
„He!“ rief er. „Hier ist eine starke Strömung, verdammt noch mal!“
In der Tat: ein starker Strom setzte in Südwest-Richtung. Das ging ziemlich schnell – die „Empress“ wurde voll von ihm erfaßt und mitgenommen. Allen wurde es jetzt ungemütlich. Das sind die verfluchten Geister, dachte Old O’Flynn, aber er sprach es diesmal nicht offen aus.
„Fock und Besan bergen!“ befahl er.
Die Männer packten zu und tuchten die Fock und das Besansegel auf. Gerade noch rechtzeitig genug. Der Strom nahm zu und gewann immer mehr Macht über die kleine Karavelle. Sie schoß jetzt fast dahin. Aber das Bergen der beiden Segel verringerte ihre Fahrt wieder.
Die Lotungen ergaben inzwischen widersprüchliche Tiefen. Mal wurde es beängstigend flach, mal erreichte das Lot keinen Grund.
„Achtung!“ rief Nils Larsen. „Inseln voraus!“
Alle richteten ihre Blicke voraus. Inseln und Inselchen tauchten vor der „Empress“ auf, eine nicht zu überschauende Anzahl. Old Donegal wurde es schwül, er mußte sich den Schweiß von der Stirn wischen.
„Großsegel bergen!“ rief er.
So schnell sie konnten, tuchten die Männer auch das Großsegel auf. Jetzt war es nicht mehr der Wind, der dem Schiff die Vortriebskraft verlieh. Nur noch der Strom schob. Er drückte die „Empress“ auf die vielen kleinen Inseln zu, bemächtigte sich ihrer, führte sie dorthin, wohin er wollte. Martin Correa vermochte den Kurs mit der Pinne kaum noch zu beeinflussen.
Eine Stunde später lief die „Empress of Sea II.“ auf – ganz sanft. Die Männer und die Zwillinge merkten es eigentlich erst daran, daß das Land – oder die Inseln an Backbord und Steuerbord – nicht mehr vorbeiglitt.
„Dreck!“ rief Martin Correa. „Ich habe keine Ruderwirkung mehr!“
Die Männer beugten sich über die Reling. „Da haben wir die Bescherung“, sagte der Kutscher. „Seht mal, wie an Backbord und Steuerbord das Wasser vorbeigluckert.“
„Ist ja deutlich zu sehen“, fügte Sven Nyberg hinzu, aber eigentlich war die Bemerkung überflüssig.
„Mahlzeit“, sagte Carberry. Er fühlte sich unangenehm an die Abenteuer auf dem Nil erinnert. Er versuchte aber, die Gedanken sofort zu verdrängen.
Der Kutscher, der mitgekoppelt hatte, setzte ein dickes Kreuz auf die Karte – dorthin, wo sie nach seinen Berechnungen aufgelaufen waren.
Er ging mit der Karte zu Martin Correa, und dieser konnte nur grimmig bestätigen: „Stimmt, ja, genau hier sind wir aufgebrummt.“
Gewissenhaft, wie er war, nahm der Kutscher eine Peilung nach beiden Seiten vor. An Backbord war es eine kleine Insel, auf der ein knorriger und großer, aber von einem Blitzschlag gespaltener Baum aufragte, an Steuerbord an der Südküste von Nordandros ein Creek, der sich in das Fahrwasser ergoß. Die beiden Peilungen mit ihren markanten Punkten trug er auf der Karte ein. Im Schnittpunkt der Peilungen saß die „Empress of Sea II.“ fest.
Schweigen herrschte an Bord. Old O’Flynn und seine sieben Begleiter waren konsterniert und wütend. Was sollten sie jetzt unternehmen? Noch wußte es keiner.
7.
Was die kleine Crew der „Empress“ nicht wissen konnte: Dunkle Augenpaare beobachteten sie schon seit Stunden aus dem dichten, verfilzten Buschwerk der Insel Nordandros. Halbnackte Gestalten huschten durch den Dschungel, getuschelte Worte wurden gewechselt. Kanus glitten lautlos durch das Wasser der Creeks.
Nordandros war nicht unbewohnt. Indianer lebten hier. Am Morgen hatte ein Späher das fremde Schiff gesichtet und seine Entdeckung dem Häuptling des Stammes mitgeteilt.
Coanabo, der Häuptling, hatte seine Männer ausgeschickt. Sie sollten das Schiff auf seinem Kurs verfolgen und nicht mehr aus den Augen lassen. Er wollte wissen, was die Männer, die sich an Bord befanden, taten. Er traute ihnen nicht. Keinem Weißen durfte man trauen, hatte ihn die Erfahrung gelehrt, und die Gestalten an Bord des seltsamen Dreimasters hatten sich den scharfen Augen seiner Späher bereits als weiße Männer entpuppt.
Coanabo saß vor seiner Hütte und verarbeitete innerlich die Nachrichten, die ihm von seinen Spähern überbracht wurden. Acht Fremde waren auf dem kleinen Schiff: ein alter Kerl mit weißem Haar, der sich humpelnd bewegte, ein Riese mit einem großen Kinn, zwei Jungen, die sich wie ein Vogelei dem anderen ähnelten, ein sehr schlanker, fast hagerer Mann sowie drei andere Männer, die die Späher nicht genauer zu beschreiben wußten. Es waren eben ausgewachsene Männer – der eine blond, der andere dunkelblond, der dritte dunkelhaarig. Ja, und einen großen Hund hatten sie auch an Bord.
Spanier, dachte Coanabo, und sein Gesicht verfinsterte sich.
Das Schiff segelte von Norden her an der Ostküste von Nordandros entlang, dann bog es in den großen Meeresarm ein. Auch diese Botschaften wurden Coanabo übermittelt. Schließlich traf ein Kanu ein, dessen Späher ihm berichtete, das Schiff mit den drei Masten säße jetzt fest.
Gut so, dachte Coanabo. Dann beschloß er, sich das Schiff selbst anzusehen. Er kletterte in das Kanu und ließ sich von dem Späher zum Südufer bringen. Dort kauerten drei Posten im Dickicht, die das Schiff und seine Besatzung keinen Moment aus den Augen ließen.
Coanabo war ein reinblütiger Arawak-Indianer – genauer gesagt ein Lucayaner. Dieses Wort bedeutete soviel wie „Insel-Leute“ und bezeichnete einen bestimmten Stamm der Arawaks. Über sechzig Jahre alt war Coanabo, doch man sah ihm sein Alter nicht an. Er war schlank und drahtig und außerordentlich zäh. Sein Gesicht war von Wind, Wetter und mannigfachen Erfahrungen gezeichnet. Pechschwarz waren seine Augen, leicht gekrümmt die Nase, etwas aufgeworfen seine Lippen. In seiner Jugend war er ein sehr gutaussehender Mann gewesen, doch auch jetzt vermittelten seine Züge noch den Ausdruck von Stolz, Kühnheit, Klugheit und Würde. Er war ein Mann, der dazu auserkoren zu sein schien, Häuptling eines Stammes zu sein.
Vor über dreißig Jahren war es ihm mit ein paar Stammesbrüdern gelungen, von Bord eines spanischen Sklavenseglers zu fliehen. Sie riskierten ihr Leben. Sie setzten alles aufs Spiel. Doch die Götter, so war Coanabo überzeugt, waren ihnen damals wohlgesonnen gewesen. Sie hatten sie gerettet und sicher an Land geführt. Die Kerle des Sklavenfängers hatten sie nicht wiedergefunden, und auch die Haie hatten sie nicht verschlungen.
Doch die Arawaks gerieten vom Regen in die Traufe. Auf Cat Island – Gigatio Gatas Gotas – wurden sie von den Spaniern gefangengenommen und verschleppt. Nun waren sie wieder Sklaven, zur Zwangsarbeit verurteilt. Man brachte sie nach Hispaniola, und dort mußten sie in einem Bergwerk schuften.
Nie würde Coanabo diese Zeit vergessen. Er war ein an Leib und Seele gebrochener Mann gewesen, hatte sich nur noch dahinschleppen können. Seinerzeit war er überzeugt gewesen, sein Leben in der Mine zu beenden. Zwei. Jahre brachte er dort zu, war dem Tode näher als dem Leben und lernte die Spanier hassen.
Aber noch einmal meinte das Schicksal – oder der oberste Gott der Arawaks – es gut mit Coanabo. Als die Mine auf Hispaniola unergiebig wurde, sollten die überlebenden Sklaven nach Kuba verschifft werden. Auf dieser Fahrt konnte Coanabo mit seinen Stammesbrüdern noch einmal fliehen. Dieses Mal gelang es ihnen sogar, eine Jolle mitzunehmen.
Sie erreichten Cat Island und fanden dort noch Frauen und Kinder ihres Stammes vor. Mit ihnen siedelten sie nach Andros über, wo sie sich sicher fühlten – vor Spaniern, Sklavenjägern und anderen Weißen.
Auf Nordandros fanden die Lucayaner eine neue Heimat. Hier bauten sie ihre Pfahlhütten und lebten vom Fischfang und Ackerbau, unbelästigt von den Spaniern. Der Stamm mehrte sich. Coanabo wurde ihr Häuptling.
Das Kanu war am Ziel. Coanabo stieg aus und schlich mit dem Späher zu den drei Posten. Sie bewegten sich geräuschlos. Die Männer an Bord des Schiffes konnten sie weder sehen noch hören.
Vorsichtig teilte Coanabo mit seinen Händen die Zweige und sah durch die entstehende winzige Lücke die „Empress of Sea II.“. Er hörte die Stimmen der Männer, doch sie waren zu weit entfernt. Er konnte nichts von dem, was sie sagten, verstehen. Dabei beherrschte er die spanische Sprache einigermaßen gut und hätte sie belauschen können, wenn er dichter bei ihnen gewesen wäre.
„Sie sitzen fest“, murmelte einer der Posten.
„Und sie kommen nicht wieder frei“, raunte Coanabo. „Recht so.“
„Sind es Spanier?“ fragte ein anderer Indianer flüsternd.
„Noch weiß ich es nicht“, wisperte der Häuptling. „Aber bald erfahren wir es. Wir besuchen sie. Wir warten nur die Dunkelheit ab. Heute nacht kriegen wir sie.“
Carberry fluchte vor sich hin und stocherte mit einem langen Bootshaken den Grund seitlich der „Empress“ ab.
„Weich“, sagte er plötzlich. „Na, so was!“
Hasard junior hatte sich bis auf eine kurze Hose entkleidet. Er lief zum Schanzkleid, sprang über Bord, landete im Wasser und tauchte. Sein Bruder und die Männer konnten verfolgen, wie er den Rumpf der „Empress“ genau untersuchte.
Hasard junior tauchte wieder auf, hob seine rechte Hand und ließ nassen weißen Sand ins Wasser rieseln. An Bord der „Empress“ war ein allgemeiner Seufzer der Erleichterung zu vernehmen.
„Hölle und Teufel“, sagte Old O’Flynn. „Wenn das ein Korallenriff gewesen wäre, hätten wir den Kahn abschreiben können.“
„Ja, wir haben noch mal Glück gehabt“, sagte der Profos.
„Das muß gefeiert werden“, sagte der Alte. „He, Mister Larsen, hol mal die Rumbuddel aus der Pantry!“
Nils Larsen verschwand in der Pantry.
„Was feiern wir denn?“ fragte Sven Nyberg.
„Na, die Tatsache, daß es kein Riff ist“, erwiderte Old Donegal. „Hast du das nicht kapiert?“
Nils war wieder zur Stelle. Old Donegal nahm die „Buddel“ von ihm entgegen, entkorkte sie und nahm einen tüchtigen Schluck zu sich. Dann reichte er die Flasche weiter.
Der Kutscher verkniff sich ein Räuspern. Daß an der „Empress of Sea II.“ andere Sitten und Bräuche herrschten als auf der „Isabella IX.“ hatte sich ja auch bis zu ihm herumgesprochen.
Carberry trank auch einen ordentlichen Schluck, gab die Flasche an Martin Correa weiter und wischte sich den Mund mit dem Handrücken ab.
„So“, sagte er. „Das hat gutgetan. Und was unternehmen wir jetzt?“
„Laß mich mal scharf nachdenken“, sagte der Alte. „Das weiß ich selber noch nicht.“
Die Rumflasche hatte über Nils und Sven den Kutscher erreicht. Der trank ebenfalls, aber nur einen kleinen Schluck. Ja, und Philip junior und Hasard junior durften „auch mal nuckeln“. Nur Plymmie und Sir John empfingen keinen Rum, das wäre Verschwendung gewesen.
„Wo bleibt denn die Buddel?“ sagte der Alte. „Ich muß nachdenken. Das kann ich nur, wenn ich mein Hirn ein bißchen schmiere.“ Hasard junior brachte ihm die Flasche wieder, und Old O’Flynn hob sie erneut an den Mund. Er trank gluckernd und versuchte, der Sache auf den Grund zu gelangen, schaffte es aber nicht ganz. Er setzte die Flasche wieder ab, gab einen satten Laut der Zufriedenheit von sich, trank noch einmal und leerte die Flasche ganz.
„He, warum läßt du nicht für uns noch was drin?“ fragte Carberry.
„Weil ich nachdenken muß“, entgegnete Old O’Flynn noch einmal. „Aber in der Pantry ist noch eine Buddel.“
Nils Larsen verschwand bereits wieder in der Pantry. Man konnte hören, wie er herumhantierte, aber auch der Fluch, den er ausstieß, war deutlich zu vernehmen. Der Kutscher folgte ihm, trat seelenruhig an eins der Schapps, öffnete es und entnahm ihm die volle Flasche.
„So“, sagte er. „Und von nun an wirtschaftet nur noch einer in der Pantry herum – der Kutscher. Klar? Alle anderen brauchen eine Sondergenehmigung.“
Nils blickte ihn überrascht an. „Aber Donegal ist der Kapitän.“
„Und ich bin der Koch und Feldscher.“
„Aye, Sir“, erwiderte Nils. „Verstanden.“
„He, was ist denn los?“ rief der alte O’Flynn. „Warum dauert das so lange mit euch? Her mit der Buddel, wir wollen noch einen gluckern!“
Nils brachte ihm die Flasche und sagte: „Der Kutscher wünscht nicht, daß alle Männer in der Pantry rumbiestern.“
Old O’Flynn blickte zum Kutscher, der einen sehr entschlossenen und energischen Eindruck erweckte. Plötzlich lachte der Alte meckernd. „Recht hat er! Die nächste Buddel holst du, Kutscher!“ Er entkorkte die Flasche, sah sie mit einem Ausdruck der Genugtuung an und nahm einen Schluck von dem scharfen, brennenden Rum zu sich. „Hoppla“, sagte er dann. „Der ist noch besser als der andere.“
Carberry nahm die Flasche entgegen. Auch er hatte gegen einen weiteren Schluck nichts einzuwenden. Ehe er aber trank, fragte er: „Na, wie ist das nun mit deiner Nachdenkerei, Donegal?“
„Mit … Ach, richtig!“ stieß Old O’Flynn hervor. Er schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. „Fast hätte ich es vergessen. Ich hab’s!“
„Na, endlich“, brummte Martin Correa. „Das wurde aber auch Zeit.“
„Spann uns nicht auf die Folter“, sagte Sven Nyberg. „Wir spucken jetzt in die Hände und wuchten die ‚Empress‘ von der Sandbank, nicht wahr?“
„Nein“, erwiderte der Alte freimütig. „Ich hab’ was anderes beschlossen. Wir machen für heute Feierabend. Morgen ist auch noch ein Tag. Und auf einer Sandbank ist gut ruhen. Man spart den Anker.“
Der Kutscher setzte sich auf die Segellast.
„Mann, das halte ich im Kopf nicht aus“, sagte er. Er mußte wiederum an sich halten, um nicht aufzubegehren. Ihm wäre wohler gewesen, wenn sie die „Empress“ wieder flottgekriegt hätten.
Philip junior lachte leise. „Du hast wohl vergessen, was für Sprüche er auf Lager hat? Aber das ist mal wieder echt Old Donegal.“
„Ganz unrecht hat er aber nicht“, sagte sein Bruder. „Es wird doch schon dunkel.“
Old O’Flynn hatte es gehört. „Richtig“, sagte er. „Bald ist es hier stockfinster, und keiner kann mehr die Hand vor Augen sehen. Da schaffen wir es schon rein zeitlich nicht mehr, den Kahn wieder flottzumachen. Und wir riskieren, daß uns ein paar dämliche Kaimane in den Achtersteven beißen, wenn wir im Wasser arbeiten. Ja, schon gut, ich weiß, was du sagen willst, Kutscher: Wir brauchen nur zwei Trossen zum Ufer zu verfahren und um Bäume zu belegen, dann ziehen wir uns mit der Winsch selbst wieder runter von der Untiefe. Aber das braucht seine Zeit. Und nach Möglichkeit sollte man nicht mit Hast arbeiten.“
„Morgen in aller Herrgottsfrühe fangen wir an“, sagte Carberry. Er hob die Rumflasche. „Prost! Laßt uns darauf anstoßen.“
Ja, der Kutscher sah es ein: Es ging auf den Abend zu, und aller Wahrscheinlichkeit nach würden sie die „Empress“ verwarpen müssen, um sie von der Sandbank zu ziehen. Das sollte man tunlichst bei Tageslicht durchführen. Sonst saß man, sobald die „Empress“ wieder flott war, in der Dunkelheit zu schnell auf der nächsten Untiefe.
„Ist ja schon gut“, sagte der Kutscher deshalb. „Uns hetzt ja auch keiner.“ Er erhob sich von der Last und schritt auf das Schott der Pantry zu. „Aber ich schätze, gegen ein gutes Abendbrot hat keiner was einzuwenden, wie?“
„Her damit!“ rief Old O’Flynn. „Mir knurrt schon der Magen!“
„Ja, einen Happen könnte ich jetzt auch vertragen“, sagte Nils Larsen.
Carberry gab gerade die Flasche an Sven Nyberg weiter.
„Hölle, von dem Zeug kriegt man wirklich einen Mordshunger“, sagte er.
Der Kutscher arbeitete schnell und präzise. Aus der Pantry drangen himmlische Düfte – diesmal briet er kleingeschnittenes Gemüse in einer der Pfannen. Er gab ein paar Eier hinzu – Geschenke von Eric Winlow, der ihm vor der Abreise von Great Abaco im Vertrauen mitgeteilt hatte, daß die Legehennen der „Golden Hen“ zur Zeit beinah zu viele Eier produzierten.
Zu dem Gemüse-Rührei gab es Brot, Schiffszwieback, Schinken, Hartwurst, Speck und andere Leckereien. Die Zwillinge trugen alles auf, und die Männer machten sich mit Begeisterung auch über diese Mahlzeit her.
Old O’Flynn stieß zwischen dem Rührei-Gang und der „kalten Platte“ ein wohlwollendes Grunzen aus.
„Das schmeckt“, sagte er. „Und wie schnell du das hingekriegt hast, Kutscher. Alle Achtung.“
„Wenn man daran gewöhnt ist, eine große Crew zu versorgen, geht so was aus dem Handgelenk“, erklärte der Kutscher. „Aber das weißt du doch auch selbst, Donegal.“
„Ja, stimmt“, sagte der Alte. „Aber ich hatte vergessen, wie gut die Sachen sind, die aus deiner Kombüse stammen.“
„Ach, übertreib nicht“, sagte der Kutscher.
„Los, trink noch einen Schluck Rum!“ rief der Alte fröhlich. „He, Martin!“
Martin Correa reichte dem Kutscher grinsend die „Buddel“, aber der Kutscher genehmigte sich nur einen ganz normalen Schluck, nicht mehr.
„So, jetzt sind die Jungs dran!“
Der Kutscher beschloß insgeheim, sich ein bißchen an dem Alten zu rächen – wegen des besonderen „Stils“, mit dem er die Geschicke der „Empress“ und ihrer Crew zu lenken pflegte. Es würde sich schon noch eine entsprechende Gelegenheit ergeben. Natürlich noch heute abend.
Es war die richtige Stunde, um über Geister und Elfen zu plaudern. Die Dunkelheit senkte sich über das Schiff. Aus dem Dickicht von Nordandros ertönte das Quaken von Fröschen und das Zirpen von Zikaden.
Eine gute Geräuschkulisse, dachte der Kutscher, dann grinste er.
8.
Auch nach dem Essen saßen sie noch an Deck zusammen und palaverten, während die Rumflasche von Hand zu Hand ging. Die Zwillinge durften – fingerhutweise – mitziehen. Das war Old O’Flynns Order. Er vertrat die Ansicht, die Junioren müßten sich frühzeitig daran gewöhnen, ihre Kehlen zu benetzen.
Jetzt, bei Dunkelheit, warf nur noch eine Bordlampe, die sie entfacht hatten, einen gelblichen Lichtschein über das Deck. Es wurde ein bißchen gruselig. Genau das war die Atmosphäre, die der Kutscher für seine Geschichtchen brauchte.
Hin und wieder mischte sich in die Geräusche, die aus dem Urwald herübertönten, das Kreischen eines Vogels. Und den Männern und den beiden „Junioren“ entgingen auch die Schatten nicht, die über die „Empress“ hinwegsegelten.
„He, was ist denn das?“ fragte Sven Nyberg.
„Na, Fledermäuse“, erwiderte Nils Larsen. „Ist doch logisch.“
„Ist es nicht“, brummte Carberry. „Kannst du etwa erkennen, daß es Fledermäuse sind?“
„Nein“, erwiderte Nils.
„Na bitte. Was man nicht genau weiß, soll man nicht behaupten“, sagte der Profos. Der Rum hatte sein Hirn schon ein wenig umnebelt – aber wirklich nur ein ganz kleines bißchen.
„Es könnten auch Vampire sein“, sagte der Kutscher.
„Was für Dinger?“ fragte Old O’Flynn.
„Hast du noch nie etwas von den berüchtigten Blutsaugern gehört?“ fragte der Kutscher.
„Doch“, entgegnete der Alte. Er nahm schnell noch einen Schluck aus der Flasche, die gerade wieder zu ihm zurückkehrte. „Du meinst – die gibt es hier?“
„Auf Andros ist alles möglich“, erwiderte der Kutscher. „Hier geht es nicht mit rechten Dingen zu. Vielleicht sind es auch die Chickcharnies, die durch die Nacht geistern.“
Old O’Flynn sah sich unwillkürlich nach allen Seiten um.
„Red doch keinen Quatsch“, sagte er.
Wieder überrieselte es ihn eiskalt. Er konnte nichts dagegen tun, er war für solche Spuksachen nun mal sehr empfänglich.
„Die Chickcharnies sind bahamische Elfen“, sagte der Kutscher seelenruhig. „In den Erzählungen der Eingeborenen heißt es, daß sie mit den Menschen gern ihren Schabernack treiben. Sie sollen drei Finger, drei Zehen, furchtbare rote Augen, Federn und Bärte haben.“
„Schockschwerenot“, sagte Old O’Flynn. Sein Blick huschte wieder hin und her. „Ich hab’s geahnt. Ich kenne das doch. Sie sind überall. Aber hoffentlich greifen sie die ‚Empress‘ nicht an. Jetzt, da wir hier festsitzen.“
„Kobolde“, sagte der Kutscher. „Drachen und polypenähnliche Ungeheuer – all das soll es auf Andros geben.“
„Nord-, Mittel- oder Südandros?“ fragte Martin Correa vorsichtshalber.
„Ach, einfach überall.“
„Das stand in deinem dicken Wälzer?“ fragte Carberry.
„Ja“, entgegnete der Kutscher. „Das und noch mehr. Und denkt mal an den Namen der Insel, die die Spanier ihr gegeben haben. Insel des Heiligen Geistes.“
Martin erhob einen Einwand. „Damit ist aber doch der Heilige Geist aus der Bibel gemeint.“ Er sah, daß die anderen grinsten, begriff, grinste selbst und schwieg.
Old O’Flynn hatte überhaupt nicht zur Kenntnis genommen, was Martin gesagt hatte. Er nahm nur die Worte des Kutschers auf. Elfen, Kobolde, Geister und Dämonen, grausige Hexen und gräßliche Zerberusse, Polypen und Drachen, er sah sie überall. Sie krochen durch den Dschungel, glitten in die Fluten, segelten durch die Lüfte. Entsetzlich! Wieder schaute er sich hastig nach allen Seiten um.
Irgendwo stieß ein Nachtvogel jaulende Laute aus. Unter Deck der „Empress“ waren rätselhafte Laute zu vernehmen. Jetzt verging auch Carberry das Grinsen. Richtig unbehaglich wurde ihm zumute.
„Was, zum Teufel, ist das?“ fragte er.
„Das unter Deck ist Sir. John“, erwiderte Hasard junior. Er hatte Mühe, sich ein Lachen zu verkneifen. „Du hast ihn selbst nach unten verbannt, Ed, hast du das vergessen?“
„Gar nichts habe ich vergessen“, brummte der Profos. Er ging nach unten und holte den Papagei. Sir John flatterte sofort zu ihm auf die Schulter und kniff ihn mit dem Schnabel ins Ohr.
„Entenärsche, lausige!“ schnarrte er. „Anbrassen und hoch an den Wind!“
„Sag mal, mußt du hier unten herumkrakeelen?“ fragte ihn sein Herrchen. „Immer mußt du für Ärger sorgen. Das nächste Mal laß ich dich gleich in den Urwald fliegen, du Rabenaas.“ Carberry ging wieder an Oberdeck. Einmal blieb er stehen und blickte sich um. War da nicht was hinter ihm? Ein Schatten? Nein, er hatte sich getäuscht. Aber unheimlich war es doch, verdammt unheimlich sogar.
Nils, Sven und Martin grinsten sich immer noch eins, weil die Zwillinge gerade mehr vom Kutscher wissen wollten. Verständlich – sie waren geradezu süchtig auf alles, was den Schleier des Geheimnisvollen hatte.
„Kutscher, erzähl uns mehr“, drängte Hasard junior. „Alles, was du über die Insel-Geister weißt.“
Da legte der Kutscher so richtig los und packte an eigener Phantasie einiges dazu. „Ach, wißt ihr, ich habe ja nicht nur den einen dicken Wälzer gelesen. Es gibt noch mehr Bücher, die sich mit den Gespenstern und den Mächten der Finsternis in der Neuen Welt befassen. Beispielsweise habe ich in einem lateinischen Werk, das ein spanischer Geistlicher verfaßt hat, höchst Erstaunliches gelesen.“
„Was, du kannst Latein?“ fragte Martin Correa. „Was kannst du eigentlich noch alles, Kutscher?“
„Dies und jenes“, erwiderte der Kutscher bescheiden. „Aber ich habe ja bei Doc Freemont so einiges gelernt. Das zahlt sich manchmal aus.“
„Der Geistliche“, sagte Philip junior. „Was war mit dem Geistlichen und seinem lateinischen Buch?“
„Der Geistliche segelte seinerzeit mit Kolumbus in der Karibik herum“, erklärte der Kutscher. Er registrierte Old O’Flynns betroffene Miene und Carberrys irritiertes Gesicht und wußte, daß er mit seinen Anekdoten auf dem richtigen Kurs lag. „Und da hat er natürlich einiges gesehen, unter anderem auch Andros. Na ja, und er schreibt eben, daß es hier Geister gäbe: Flugdrachen mit feurigen Augen, Elfen mit Bärten, drei Zehen und drei Fingern, die mit ihren Schwänzen an den Bäumen hingen und boshafte Streiche verübten.“
„Toll“, sagte Hasard junior. „Was für Streiche denn?“
„Dem Menschen, der sie auslacht, drehen sie den Hals um“, erwiderte der Kutscher. „Oder sie ziehen ihm die Ohren so lang, daß der Betreffende sie als Schal um den Hals tragen kann. Jawohl, das stand in dem lateinischen Wälzer.“
Old Donegal begann zu ächzen. Er trank noch einen Schluck Rum, aber die Flasche war schon wieder leer. Außerdem nutzte der Rum gegen das Gruseln wenig.
„Rum her“, sagte Carberry. „Kutscher, die Flasche ist leer.“
„Hasard“, sagte der Kutscher. „Würdest du die Güte haben, noch eine Flasche zu holen?“
„Klar, Sir, ich weiß auch, wo sie ist“, sagte Hasard junior. „Aber warte mit dem Weitererzählen, bis ich wieder hier bin.“
„Ja, das geht in Ordnung“, sagte der Kutscher.
Hasard junior lief zur Pantry. Old O’Flynn stieß indessen noch einen Ächzer aus. Dann legte er los: „Kutscher, halt jetzt die Klappe, verflucht noch mal, das genügt!“
„Ich berichte doch nur, was ich …“
„Davon will ich nichts mehr hören!“ tobte der Alte. „Schnickschnack! Warum hast du mir das mit den Geistern nicht schon auf Great Abaco gesagt?“
„Ich wußte ja nicht, ob es dich interessiert“, sagte der Kutscher gelassen.
Old O’Flynn stieß einen schnaufenden Laut aus. „Du wußtest es ganz genau, du Halunke! Du kennst mich lange genug, um es zu wissen! Wenn ich von diesen Chickcharnie-Dingern rechtzeitig was vernommen hätte, hätte ich mich geweigert, hierherzusegeln!“
„Man muß den Dingen wie ein Mann ins Auge sehen“, sagte der Kutscher ungerührt. „Was sollen uns ein paar Schattenwesen anhaben können? Wir sind erwachsene Männer. Und keiner von uns glaubt, daß die Biester richtig angriffslustig sind, nicht wahr?“
„Ach was“, entgegnete der Profos. „Wer glaubt schon sowas?“
„Ich“, sagte Old O’Flynn. „Und ihr habt alle keine Ahnung. Aber ihr werdet euch noch wundern. Ganz gehörig werdet ihr euch wundern.“
„Ist ja gut, Donegal“, sagte Nils Larsen. „Wir gehen eben gewissenhaft Wache und passen auf.“
„Nichts ist gut“, brummte der Alte. Er war nun doch zutiefst erschüttert. Daß die „Empress“ auf einer Sandbank saß, kratzte ihn nicht weiter, aber vor Geistern hatte er einen heillosen Respekt. Einen Heidenrespekt, wie man sagt. Und wenn schon ein Geistlicher solche Sachen über Chickcharnies und Flugdämonen verfaßt hatte, hatte die ganze Geschichte noch mehr Gewicht.
„Die Frage ist nur, wer die zweite Nachtwache übernimmt“, sagte Martin Correa. „Um Mitternacht ist schließlich Geisterstunde.“
„Ich melde mich freiwillig“, sagte der Kutscher.
„Und ich übernehme freiwillig die erste Wache“, sagte Old O’Flynn. Daß die anderen amüsiert grinsten – bis auf Carberry – störte ihn nicht weiter.
Eine Stunde vor Mitternacht setzten die Lucayaner vom Stamm der Arawaks in ihren Kanus zur „Empress of Sea II.“ über. Coanabo leitete das Unternehmen selbst, er saß in dem vordersten der fünf Kanus. Er hatte vor, das fremde Schiff auszuschlachten und die Weißen seinerseits als Sklaven zu nehmen – als Rache für das, was man ihm zugefügt hatte. Er war immer noch überzeugt, daß es sich um Spanier handelte. Wer sonst konnte wagen, mit einer Karavelle in das Inselreich von Andros einzudringen?
Das erste, was Coanabo an Bord der „Empress“ vernahm, als er mit seinem Kanu längsseits ging, war ein tiefes, sattes Schnarchen. Etwas verwundert hob er den Kopf. Dann stand er auf und spähte über das Schanzkleid. Eigentlich hatte er erwartet, daß der Wachtposten Alarm schlug und sie das Schiff im Kampf nehmen müßten. Doch der Wachtposten schlief. Es war der alte Kerl mit dem weißen Haar.
Old Donegal Daniel O’Flynn war auf Wache eingenickt. Das Mahl war zu üppig gewesen, und der Rum trug natürlich erheblich zur Müdigkeit bei. Schließlich war er nicht mehr der Jüngste – auch als werdender Vater. So schlief er denn und träumte von Elfen und Dämonen. Er sah nicht die Gestalten, die über das Schanzkleid an Bord stiegen, und er hörte auch nicht Plymmies Knurren.
Coanabo kniete sich neben den Alten und hielt ihm das Messer an die Gurgel. Die anderen Indianer huschten zu den schlafenden Gestalten, die sie nach und nach entdeckten. Plymmie sprang auf. Ihr Kopf war gesenkt, ihr Nackenhaar sträubte sich. Sie knurrte lauter, dann gab sie ein kurzes, scharfes Bellen von sich.
Old O’Flynn fuhr, unsanft geweckt, aus seinen Geisterträumen hoch. Er sah die Gestalt des Indianers neben sich und grunzte: „O Hölle, ein Chickcharnie!“
Daß es aber doch kein Chickcharnie, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut war, begriff er erst beim nächsten Lidschlag, so benommen und verbiestert war er noch.
Im Handumdrehen hatten die Indianer auch die anderen Schläfer überwältigt. Sie bedrohten sie mit Messern, Speeren, Pfeil und Bogen.
Carberry wollte aufspringen und seine Gegner packen, doch Coanabo stieß einen zischenden Warnlaut aus. Da sah der Profos, daß er Old O’Flynn als Geisel bedrohte, und er konnte nur noch „Ach, du dicke Eiche“, sagen.
Plymmie wollte sich auf die Indianer stürzen.
„Achtung!“ sagte Hasard junior, aber sowohl er als auch sein Bruder waren zu weit von der Wolfshündin entfernt.
Der Kutscher war es, der Plymmie gerade noch rechtzeitig genug packen konnte. Er hielt sie am Halsband zurück. Wäre sie vorgestürmt, hätte es zweifellos ein Blutbad gegeben. Sie knurrte immer noch und fletschte die Zähne. Schließlich aber näherten sich auch die Zwillinge – bedroht von den Arawaks – und halfen ihm, das wütende Tier festzuhalten.
Sir John flatterte hin und her und krakeelte, daß es nur so hagelte. „Hurensöhne“ und „matschäugige Seegurken“ gehörten noch zu den nettesten Ausdrücken, mit denen er die Arawaks bedachte.
„He!“ rief Nils Larsen. „Was ist los? Warum werfen wir diese Kerle nicht einfach über Bord, Donegal?“
„Ich hab’ ein Messer am Hals“, sagte Old O’Flynn.
„Ja, leider“, sagte der Kutscher. Er behielt die Nerven und ließ sich nicht aus der Fassung bringen. „Laßt uns lieber die Flagge streichen. Es hat keinen Zweck, daß wir jetzt um uns schlagen. Bevor wir an unsere Waffen gelangen, haben sie mindestens zwei oder drei von uns umgebracht.“
„Keinen Kampf“, sagte Sven Nyberg. „Es ist wohl besser so. Wir wissen ja auch gar nicht, was sie von uns wollen.“
„Dreimal darfst du raten“, sagte Carberry grimmig. „Entweder hauen sie uns in ihre Kochtöpfe – oder sie braten uns am Spieß.“
Coanabo hörte die Worte der Fremden und war ein wenig verwirrt. Er konnte nichts verstehen. Welcher Sprache bedienten sie sich? Das war kein Spanisch. Auch kein spanischer Dialekt. Er hätte ihn verstanden. Also waren dies keine Spanier? Aber wer dann?
Interessiert beugte sich Coanabo über Old O’Flynn.
„Hau ab“, knurrte dieser. „Solange es noch nicht zu spät ist. Du weißt nicht, was du riskierst, du Laus! Ich bin Old Donegal Daniel O’Flynn, und das hier ist mein Schiff, die ‚Empress of Sea II.‘, verstanden?“
Coanabo betrachtete im Schein der Bordlampe, die jetzt fast ganz heruntergebrannt war, Old O’Flynns Holzbein.
„Du brauchst keine großen Sprüche zu klopfen“, sagte Carberry aufgebracht. „Du hast gepennt, Mister O’Flynn, das ist ja wohl klar. Sonst hätten diese Menschenfresser sich gar nicht erst nähern können, was, wie?“
„Sie sind keine Menschenfresser“, sagte der Kutscher.
Coanabo klopfte mit seinem Messer gegen das Holzbein.
„Ein Bein aus Holz“, sagte er verblüfft.
Die anderen Indianer umringten ihren Häuptling und Old O’Flynn. Jeder von ihnen wollte jetzt das Bein aus Holz betrachten. Sie staunten, denn nie zuvor hatten sie eine solche Prothese gesehen.
„Jetzt können wir sie erledigen“, sagte Carberry.
„Nicht“, sagte der Kutscher. „Sie wollen uns nicht töten.“
„Nein“, sagte der Profos wild. „Sie wollen nur mal eben guten Tag sagen. Oder gute Nacht.“
Old O’Flynn lief zur großen Form auf. Er erhob sich, zog sich die Hose aus und schnallte das Bein ab. Er zeigte seinen Beinstumpf.
„Das ist was, nicht?“ sagte er. „Und mit dem Bein kann ich euch alle verprügeln, wenn ich will.“
„Donegal“, sagte der Kutscher. „Sei vernünftig. Es hat keinen Sinn, daß wir uns grundlos mit diesen Eingeborenen herumschlagen.“
„Na, dann eben nicht“, sagte der Alte. Er schnallte das Holzbein wieder an. Die Indianer gaben beeindruckte, anerkennende Laute von sich.
„Das ist großer Zauber“, sagte Coanabo. „Eine große Medizin.“
„Was für Männer sind das?“ fragte einer seiner Stammesbrüder ratlos.
„Ich weiß es nicht“, erwiderte Coanabo. „Aber wir bekommen es noch heraus, woher sie stammen und was sie hier wollen. Wir nehmen sie mit.“
„Reicht das als Vorführung?“ fragte Old O’Flynn. „Oder soll ich’s noch mal abschnallen?“
„Sie können dich nicht verstehen“, sagte Martin Correa. „Gib dir keine Mühe.“
Old O’Flynn reichte Coanabo die Hand. „Also dann – auf Wiedersehen, Kamerad. Hat mich gefreut, dich kennenzulernen.“
Coanabo wies auf die Kanus. „Dort hinein! Wir nehmen euch mit!“
„Was sagt er?“ fragte der Alte.
„Daß er dich zu einem Umtrunk einlädt“, erwiderte der Profos wütend. „Was denn sonst? Er will ganz groß mit dir feiern, bei sich zu Hause.“
Den Mannen der „Empress“ blieb keine andere Wahl. Sie mußten in die Kanus steigen. Auch Plymmie mußten sie mitnehmen. Die Kanus legten ab, die Indianer paddelten zum südlichen Ufer von Nordandros. Sir John begleitete sie schimpfend, doch von ihm waren die Arawaks keineswegs so beeindruckt wie von Old O’Flynns hölzerner Beinprothese.
Die Kanus stießen in den Creek vor, den der Kutscher am Nachmittag als Peilpunkt genommen hatte, und den ging es nun mit kräftigem Paddelschlag aufwärts.
In dem Gewirr der nun folgenden, weiteren Flußläufe verloren Old O’Flynn und seine kleine Crew die Übersicht. Das hatte Andros mit der Tropfsteinhöhle von Great Abaco gemeinsam: Auch hier war man in einem richtigen Irrgarten gelandet, aus dem man nicht wieder herausfand – nicht ohne Hilfe.
Die Zeit verstrich, es wurde Mitternacht. Die Kanus landeten in einem versteckten Pfahlbaudorf. Coanabo sprang als erster an Land, es war erstaunlich, wie gewandt und gelenkig er war. Seine Befehle waren kurz. Die Arawaks ließen ihre Gefangenen aussteigen, dann führten sie sie zu einer der Hütten.
„Stämmige Hütte“, sagte Carberry. „Wir sind schnell drin und kommen nicht wieder raus. Na, das war’s dann wohl.“
Ein Indianer öffnete die Tür der Hütte. Die anderen halbnackten Gestalten dirigierten die sechs Männer und die Zwillinge ins Innere. Dann rammten sie die Tür hinter ihnen zu. Deutlich war zu hören, wie von außen ein Riegel vorgeschoben wurde.
„So“, sagte der Profos. „Ende der Feier. Heute nacht oder morgen früh landen wir in den Fleischtöpfen der Indianer.“
„Unsinn“, sagte der Kutscher. „Das sind doch keine Kannibalen.“
„Ach? Haben sie dir das gesagt?“
„Nein. Aber sie sind Arawaks, schätze ich.“
„Schätzen ist nicht wissen“, sagte Carberry.
„Hölle und Satan“, sagte Old O’Flynn. „Die verdammten Geister! Ich hab’s ja gewußt. Geahnt hab’ ich’s! Sie haben mich betäubt! Deswegen habe ich es nicht gemerkt, als sich die Indianer mit ihren Kanus angeschlichen haben!“
„Die Chickcharnies haben dich benebelt, was?“ zischte Carberry.
„Ja.“
„Seit wann verstecken die sich in Rumflaschen?“
„Wie meinst du das?“ fragte Old O’Flynn den Profos.
„Das weißt du ganz genau!“ stieß Carberry hervor. „Bei dem vielen Rum, den du gesoffen hast, konntest du ja nichts merken!“
„Wer ist hier der Kapitän, du oder ich?“
„Das spielt keine Rolle mehr“, entgegnete Carberry. „Wir sitzen alle in einem Boot. Und im Schlick. Es geht uns an den Kragen. Macht euch bloß keine falschen Hoffnungen. Du am allerwenigsten, Mister O’Flynn!“
„Du willst dich wohl unbedingt mit mir anlegen, was?“ fragte der Alte gereizt.
„Jawohl“, erwiderte der Profos. „Denn du hast eisern gepennt, du alte Seegurke …“
ENDE

1.
27. April 1595 – Bahama-Insel Nord-Andros.
Verbiestert und verärgert waren die sechs Männer und die beiden Killigrew-Söhne Hasard und Philip.
Am meisten ärgerten sie sich über Old O’Flynn, den Geisterseher, der das alles durch seine Dösigkeit verbockt hatte. Man konnte auch sagen, der Rum war schuld – oder die angeblichen Geister, doch im Grund war es das gleiche und änderte nichts an den Tatsachen.
Sie hockten gefangen in einer stabilen Pfahlbauhütte der Arawaks an einem Creek der Insel Nord-Andros.
Es war jetzt zwei Stunden nach Mitternacht, doch an Schlaf dachte keiner der Männer, denn die Ereignisse hatten sich buchstäblich überschlagen.
Sie waren dem Arawak-Häuptling Coanabo und seinen Kriegern in die Hände gefallen, nachdem sie mit der „Empress“ aufgebrummt waren und festsaßen. Die Indianer hatten sie vor Mitternacht im Handstreich überwältigt, in Kanus verfrachtet und zu der versteckt gelegenen kleinen Pfahlbausiedlung gebracht. Coanabo hielt sie für Spanier – für seine Todfeinde. Daher sah es für die sechs Männer und die Zwillinge nicht besonders rosig aus.
Auch die Wolfshündin Plymmie war dabei. Nur Sir John hatte sich schimpfend und krakeelend verzogen. Unsichtbar hockte er jetzt nach Mitternacht irgendwo auf einem Baum in der Nähe.
„Alles deine Schuld, Donegal“, knurrte der Profos Edwin Carberry gereizt. „Wenn du nicht gepennt hättest, als du die erste Wache gingst, dann hättest du die Indianer rechtzeitig gesehen, und wir hätten ihnen was an die Ohren gegeben. Dann säßen wir jetzt nicht hier in dieser dämlichen Misthütte.“
Old O’Flynns Stimmung war auch nicht viel besser, aber er konnte und wollte nicht zugeben, daß er am Abend ein bißchen zuviel an der Buddel genuckelt hatte und deshalb eingedöst war. Außerdem war das Essen sehr reichhaltig und gut gewesen. Zudem war er auch noch werdender Vater!
Bißchen viel auf einmal. Schließlich und endlich war er ja auch nicht mehr der Jüngste.
„Es war nicht meine Schuld“, beharrte er stur und dickköpfig.
„Klar! Du hast einwandfrei auf Wache gepennt, du Schnarchsack. Wenn du den Rum nicht mehr verträgst, dann sauf besser Wasser.“
„Es war nicht der Rum“, knurrte Old O’Flynn erbost. „Verflucht noch mal, wie oft soll ich das denn noch sagen! Das habe ich dir schon vorhin verklart.“
„Da warst du Trantüte doch noch vom Rum bestußt und hast gar nicht durchgeblickt.“
Die einzigen, die heimlich grinsten, waren die Zwillinge Hasard und Philip. Jetzt hatte sich Großväterchen mal wieder mit dem Profos in der Wolle, und da wurde an gutgemeinten Ausdrücken und Ratschlägen nicht gespart. Daß sie in der Finsternis ganz niederträchtig grinsten, sah ohnehin keiner.
„Der Heilige Geist der Insel hat mich betäubt, da bin ich ganz sicher“, murmelte Old O’Flynn. „Richtig schaurig war das.“
„Old O’Flynn mit eingebautem Geisterfühler, was wie?“ höhnte der Profos. „Dein Gefasel ist ja nicht mehr logisch, das ist schon – äh – na, wie sagt man doch gleich?“
„Biologisch“, sagte der Kutscher lustlos in die Dunkelheit hinein.
„Genau – biologisch“, tönte Carberry. „Biologische Salbaderei ist das, Mister O’Flynn. Dir sollte man die Ohren um den Hals wickeln und dich zum Lüften raushängen.“
„Und ich sage dir, es war der Heilige Geist der Insel“, wiederholte Old O’Flynn wütend. „Ohne diese verdammten Geister wäre das nie und nimmer passiert. Ich war wirklich stocknüchtern …“
„Haha“, sagte Carberry, „hört – hört! Er war stocknüchtern!“
„Der Kutscher weiß das auch“, knurrte Old O’Flynn. „Das lag einfach an der Stimmung, als wir auf der Sandbank saßen. Richtig gruselig war das, die Vogelschreie, die Geräusche aus dem Urwald, das Quaken von Fröschen und die Schatten, die über das Schiff segelten. Auf Andros geht es nicht mit rechten Dingen zu. Deshalb haben die Spanier die Insel ja auch auf den Namen ‚Insel des Heiligen Geistes‘ getauft. Und der Kutscher hat selbst gesagt, daß es hier Flugdrachen mit feurigen Augen, Elfen mit langen Bärten, drei Zehen und drei Fingern gibt. Das waren die Geister, die mich betäubt haben.“
Da keiner eine Antwort gab, räusperte sich Old O’Flynn heiser. Offenbar brauchte er jetzt die Unterstützung des Kutschers.
„He! Sag doch auch mal was, Kutscher“, maulte er.
Der Kutscher hockte still in seiner Ecke und bereute insgeheim, gestern abend so dick aufgetragen zu haben. Er hatte wahre Schauergeschichten über die Insel erzählt und dabei noch kräftig übertrieben. Aber schuld daran war Old O’Flynn, der hatte begierig zugehört und alles über Geister in sich aufgesogen wie ein Schwamm. Und weil der Alte so schön mitgegangen war, hatte der Kutscher es immer ärger getrieben.
Jetzt reute ihn das. Andererseits konnte er seine Schauermärchen aber auch nicht widerrufen, ohne seine Glaubwürdigkeit einzubüßen. Zugleich ärgerte ihn aber auch, daß Old O’Flynn die Geister zum Vorwand nahm, um sich aus der Sache herauszuschwindeln. Der behauptete jetzt mit der größten Unverfrorenheit, ihn träfe keine Schuld. Er schob einfach alles auf die Geister ab, ganz besonders auf den „Heiligen Geist“ dieser Insel.
Wenn der Alte nicht Kapitän der „Empress“ wäre, dann würde er ihm jetzt allerlei sagen, bis hin zu dem Vorschlag, ihm ein wenig zum „Tampentänzchen“ aufzuspielen, diesem verrückten alten Hecht.
Daher fiel die Antwort des Kutschers auch knapp und hart aus.
„Der Heilige Geist hat wohl eher in der Rumbuddel gesteckt, an der du dich gestern abend ausgiebig und lange festgehalten hast. Deine Fahne stinkt bis zu mir herüber.“
„Das ist ungerecht“, maulte Old O’Flynn. „Ich habe die Flugdrachen mit den roten Feueraugen genau gesehen. Einer von ihnen hat mich blitzartig betäubt. Vielleicht war’s auch eine der bärtigen Elfen. Wenn du das vorher gesagt hättest, Kutscher, wäre ich niemals diesen verdammten Kurs gesegelt. Ich hätte diese Insel wie die Pest gemieden.“
Ausreden, dachte der Kutscher, alles faule Ausreden. Mit den Geistern versuchte der alte Heuchler jetzt sein Ansehen aufzumöbeln. Sie sollten ihn entschuldigen.
„Laß dich doch einsargen, Mister O’Flynn“, sagte Carberry in der Finsternis der Pfahlhütte. „Am besten gleich mit deinem Holzbein. Aber das werden die Indianer wahrscheinlich unter den Kesseln verheizen, in denen sie uns morgen früh kochen werden, einschließlich der Hündin. Die fressen nämlich nicht nur Menschenfleisch, da ist so ein Hundchen gerade recht – als Vorspeise. Ihr werdet schon sehen, daß sie morgen die Kessel anheizen. Bei denen kannst du dann als Kesselheizer auf ’nem Auslegerboot anheuern, du Rumkapitän.“
Der Alte schwieg eingeschüchtert, als er das hörte. Aber der Kutscher empörte sich über Carberrys Gefasel von den Menschenfressern.
„So ein blöder Quatsch!“ fauchte der Kutscher. „Wenn ich das schon höre! Die werden die Kessel anheizen, um uns zu kochen! Du hast die Indianer doch vorhin gesehen. Das sind keine Kariben, die Menschenfleisch fressen. Diese Indianer sind mit Sicherheit Arawaks, und von denen habe ich in dem Folianten gelesen, daß sie kein Menschenfleisch verspeisen und folglich auch keine Kannibalen sind.“
Old O’Flynn hatte auch bei der gestrigen Erzählung des Kutschers wieder mal was in den falschen Hals gekriegt, und jetzt fragte er: „Wieso heißen die eigentlich Arwenacks? Die stammen doch nicht aus Cornwall! Oder waren die früher mal da? Vielleicht sollten wir sie beim Hellwerden einfach mit unserem Schlachtruf ‚Ar-we-nack‘ begrüßen. Das freut sie sicher.“
„Du gehörst achtmal gefaltet und gebündelt in den See geworfen“, sagte der Kutscher seufzend. „Manchmal ist es wirklich ein Kreuz mit dir, Donegal. Die haben doch nichts mit der Feste Arwenack zu tun, diese Indianer.“
„Und warum nennen sie sich dann so?“
„Warum kann man nicht nach Potosi segeln?“ fragte der Profos hämisch dazwischen. „Weil das Ruder in den Bergen klemmt, nicht wahr? Hast du immer noch nicht kapiert, daß der Kutscher Arawaks und nicht Arwenacks gesagt hat? Mann, schnall dir bloß dein Holzbein ab, und klopf dir damit kräftig auf den Schädel. Holz an Holz, das gibt so zarte Töne.“
Jetzt wurde auch der Alte fuchtig.
„Wenn ich mein Holzbein abschnalle, dann werde ich es, auf deinem verdammten Schädel tanzen lassen, Mister Carberry. Das klingt dann noch viel lieblicher, nämlich wie Holz an Sägespäne, du quergehobelter Hauklotz.“
Die Zwillinge amüsierten sich köstlich. Martin Correa, Nils Larsen und Sven Nyberg, die ebenfalls gefangen waren, hörten schweigend und interessiert zu, was die drei anderen sich so gegenseitig an die Köpfe warfen. Sie hatten bisher kaum ein Wort gesprochen.
„Jedenfalls hat das nichts mit uns Arwenacks zu tun“, erklärte der Kutscher noch einmal nachdrücklich.
„Klar hat das was mit uns zu tun“, motzte Old O’Flynn. „Sonst hätten sie uns ja nicht gefangengenommen.“
Himmel, ist das wieder eine Logik, dachte der Kutscher. Wenn der Alte verbohrt war, dann konnte man mit ihm kein vernünftiges Wort mehr reden.
„Hör bloß auf“, sagte er. „Wir haben weiß Gott etwas anderes zu tun, als uns gegenseitig mit solchen dämlichen Sprüchen anzumosern. Wir sitzen in der Klemme …“
„… und wandern in die Fleischtöpfe der Indianer“, setzte Carberry hinzu. „Wobei Donegal noch die besten Aussichten hat, nicht gleich gefressen zu werden, weil sie zuerst sein Holzbein für das Feuerchen brauchen. Außerdem dürfte der alte Knochen ziemlich zäh sein. Vielleicht kochen sie aus ihm nur ’ne labbrige Geisterbrühe mit Holzbeineinlage und so.“
Der Kutscher gab es auf, die Kerle weiter belehren zu wollen. Die faselten doch immer nur dasselbe. Der Alte quatschte von den Arwenacks, und Carberry ließ sich über Menschenfresser aus. Leise vor sich hin fluchend, lehnte er sich an die stabile Wand der Hütte zurück. Sollen sie sich gegenseitig anpflaumen, bis sie müde werden, dachte er. Ihm ging das allmählich auf die Nerven.
„An werdenden Vätern vergreifen sie sich nicht“, murmelte Old O’Flynn verdrossen. „Ich werde gleich morgen mit dem Häuptling der Arwenacks sprechen und ihm das verklaren. Wer soll denn sonst meine Drillinge aufziehen?“
„Wer sagt denn, daß es Drillinge werden?“ fragte Carberry höhnisch. „Du bringst doch höchstens noch ’ne halbe Kakerlake zustande.“
„Dafür bringst du gar nichts zuwege, nicht mal einen lausigen Bilgenfloh, und wenn, dann ist der bestenfalls noch quergeriggt und triefäugig! Ich habe jedenfalls schon acht Stapelläufe hinter mir!“
„Du verschweigst bloß, wie oft du schon aufgebrummt bist“, spottete Carberry. „Du bist ja schon dafür berüchtigt, daß du jedesmal mit deinem oder einem anderen Kahn auf die Korallen oder Sandbänke aufsegelst.“
Jetzt lassen sie ihren Ärger aufeinander dahin gehend ab, daß sie sich menschliche Schwächen vorwerfen, dachte der Kutscher. Die Motzerei würde in dieser Nacht wohl so schnell kein Ende nehmen. Aber verdammt ärgerlich war das schon, was sich Old Donegal wieder mal geleistet hatte. Da verstand er schon den Profos, wenn der vor Hohn nur so triefte.
„Sollten wir nicht lieber unsere augenblickliche Situation besprechen?“ fragte Martin Correa leise. „Wir wissen nicht einmal genau, wie es um uns herum aussieht, wie groß dieses Pfahldorf ist, wie viele Indianer es gibt und was der Dinge mehr sind.“
„Klar! Ich denke dauernd darüber nach“, sagte Old O’Flynn, „aber dieser Mister Carberry muß ja ständig rumstänkern.“
„Kein Wunder“, sagte der Profos, „dir haben wir ja diesen ganzen Affenzirkus zu verdanken. Da wird wohl mal ein leiser und freundlicher Vorwurf angebracht sein.“
„Ha! Leise – freundlich! Du beleidigst mich am laufenden Band. Und das nennst du freundliche Vorwürfe, was? Verklar deine blöden Sprüche doch dem heiligen Inselgeist, der ist dafür zuständig! Davon sind selbst meine Enkelchen überzeugt. Oder was meint ihr?“
Old O’Flynn suchte wieder mal nach hilfreichem Beistand.
Aber wovon seine „Enkelchen“ überzeugt waren, das verklarte ihm Hasard junior auf reichlich trockene Art, denn den beiden ging es jetzt langsam auch auf die Nerven. Hier mußte etwas geschehen, hier mußte gehandelt und durften keine Sprüche geklopft werden.
„Ich sehe das noch ganz anders“, sagte er trocken. „Die Indianer haben uns sämtliche Waffen abgenommen und uns nichts mehr gelassen. Ist das richtig?“
„Natürlich ist das richtig“, sagte Old O’Flynn, „oder hast du vielleicht noch eine verstecken können?“
„Ich nicht, aber du, Granddad. Dein Stilett in der Hohlkammer vom Holzbein haben sie nicht gefunden, obwohl du das Holzbein so großzügig herumgezeigt hast. Die Kerle haben es auch noch neugierig beklopft und bestaunt. Ich schätze, das Messer dürfte sich noch darin befinden, also sind wir nicht ganz waffenlos.“
„Natürlich“, sagte Old Donegal verblüfft. Ferris Tucker hatte ja schon vorsorglich ein zweites Holzbein gezimmert, das stets griffbereit auf der „Empress“ lag. Da war, wie im anderen, wieder eine Hohlkammer hineingebohrt worden, in der sich das Stilett befand. Sein anderes Holzbein war ja in der „Geisterhöhle“ restlos in Trümmer gegangen, in die er so übergangslos hineingefallen oder gerutscht war.
Jetzt begann Old O’Flynn leise zu kichern.
„Ja, das Stilett! Das habe ich. Damit könnte man den Häuptling Arwenack ein bißchen am Hals kitzeln. Eine feine Idee ist das.“
Old O’Flynn kicherte erneut und rieb sich in der Dunkelheit die Hände, daß es sich anhörte, als würden Termiten durch den Pfahlbau geistern!
„Der Häuptling heißt nicht Arwenack, verdammt!“ zischte Carberry erbost. „Merk dir das endlich, du mißratene Seegurke!“
„Wie heißt er denn?“
Der Profos fuhr fast aus der Haut wegen der dämlichen Fragerei.
„Weiß ich doch nicht. Vielleicht ist das Häuptling Graue Salbe oder Geisterwolke. Frag ihn doch selbst!“
„Ich habe eigentlich nicht daran gedacht, den Häuptling mit dem Stilett zu kitzeln“, bemerkte Jung Hasard bescheiden. „Davon werden wir nicht viel haben.“
„Aber er hat was davon“, sagte Old Donegal voller Eifer.
Hasard junior schüttelte in der Dunkelheit den Kopf.
„Ich meine etwas anderes. Wir haben doch die Möglichkeit, mit dem Stilett das Dach der Hütte zu bearbeiten und ein Loch hineinzuschneiden. Durch dieses Loch könnten wir dann hinausklettern. Das Dach ist nicht so stabil wie die Wände. Es ist mit Längs- und Querstreben versehen, so einer Art Gitterwerk, und gedeckt ist es mit schweren Palmwedeln. Sehr schwer kann das Ausbrechen nicht sein.“
Der Profos klatschte sich die Hand vor die Stirn.
„Himmel, sind wir Idioten“, sagte er verhalten. „Da öden wir uns gegenseitig an, und inzwischen denkt dieses Rübenschweinchen prächtig nach, wie man von hier flüchten kann. Der hat im Handumdrehen eine Lösung zur Flucht gefunden. Fein ausgedacht, mein Junge“, lobte er.
„Bleibt noch die Frage offen, wie wir die ungastliche Stätte hier verlassen können“, meinte Nils Larsen. „Das Pfahlhaus scheint mitten im See zu stehen. Vielleicht gibt es hier Krokodile, Schlangen oder andere feine Viecher.“
„Das können wir leider nicht ändern“, sagte Carberry. „Ich glaube aber, ich habe im Mondschein etliche Kanus an einer anderen Hütte gesehen. Außerdem hat man uns ja auch im Kanu hergebracht, also müssen hier welche in der Nähe sein. Vielleicht liegt auch unter unserer Hütte so ein Ding. Mir ist es lieber, auf Krokodile zu stoßen, als in den Fleischtöpfen dieser Kerle zu landen und gesotten zu werden.“
Der Profos war nicht davon abzubringen, bei den Kannibalen gelandet zu sein. Mittlerweile war das bei ihm zur fixen Idee geworden.
„Das sind keine Menschenfresser“, betonte der Kutscher noch einmal ausdrücklich.
Carberry schüttelte nur grimmig den Kopf.
„Darauf kann man sich nicht verlassen. Wenn wir erst in einem solchen Kessel schmoren, ist es zu spät. Dann werfen die etwas Kraut und Sellerie mit Mohrrüben hinein, und der Oberfresser schmeckt die Suppe ab. Dann kann ich mit deiner Ansicht überhaupt nichts mehr anfangen.“
Der schmalbrüstige Kutscher rang die Hände.
„Hier gibt es keinen Oberfresser, der die Suppe abschmeckt, und hier wachsen weder Sellerie noch Mohrrüben“, sagte er erbittert.
„Wenn du keine gesehen hast, heißt das noch lange nicht, daß hier auch keine wachsen. Ich verlasse mich auf meinen gesunden Menschenverstand.“
„Dann bist du ja sehr verlassen“, knurrte der Kutscher, „der einsamste Mann der Welt sozusagen.“
Der „einsamste Mann der Welt“ fluchte verhalten.
„Fangen wir nun endlich an“, fragte er, „oder halten wir erst weitere Palaver ab?“
Der Kutscher gab keine Antwort. Er schien von der bevorstehenden Flucht nicht sonderlich begeistert zu sein. Aber dafür waren die anderen alle Feuer und Flamme.
2.
„Wenn bei der Hütte kein Kanu liegt“, sagte Hasard junior, „dann schwimmen Philip und ich zur nächsten Hütte und leihen uns eins aus.“
„Das hast du sehr gut gesagt“, lobte der Profos. „Ausleihen – ein feines Wort. Schließlich können wir die Indianer ja nicht mitten in der Nacht wecken und sie fragen. Sie haben bestimmt einen sehr anstrengenden Tag hinter sich.“
Die Stimme des Kutschers klang ernst, als er etwas sagte.
„Ich halte das nicht für richtig, Männer, daß wir hier so sang- und klanglos verschwinden. Ich sehe auch keineswegs unser Leben bedroht. Wenn wir fliehen, finden sie uns wieder. Unser Schiffchen liegt ja noch immer auf der Sandbank fest, und das kriegen wir nicht in einer Stunde vom Schlick herunter.“
„Muß ja auch nicht sein“, erwiderte Carberry. „Aber an Bord haben wir Waffen, und damit können wir den Burschen kräftig einheizen, wenn sie antanzen. Diesmal wird ja wohl keiner an der Rumbuddel hängen und dabei auch noch pennen.“
„Gewalt ist nicht unbedingt ein Argument. Ich halte diese Leutchen für friedlich. Wir müssen uns nur mit ihnen verständigen und ihnen verklaren, daß wir auf ihrer Seite stehen und gegen die Spanier kämpfen. Die Arawaks werden uns weder fressen noch umbringen. Wir müssen nur eine gemeinsame Basis finden.“
„Soso“, sagte Carberry höhnisch. „Friedliche Leutchen, was, wie? Halsabschneider und Kesselkocher sind das. Wenn die Kerle so friedliche Leutchen wären, wie du sagst, dann hätten sie uns in Ruhe gelassen und uns nicht nachts überfallen und verschleppt. Oder zeugt das etwa von friedlichen Leutchen? Wenn ich ein friedfertiger Mensch bin, dann bedrohe ich andere nicht und überfalle sie auch nicht. Ich tue das schon gar nicht aus dem Hinterhalt. Wenn du erst zwischen Mohrrüben und Sellerie und Petersilie im Kessel kochst, in dem du hockst, dann kannst du meinetwegen mit den Kerlen über Friedfertigkeit salbadern, bis sie dir die Haut in Streifen von deinem Kutscherarsch ziehen.“
Leises Lachen erklang von allen Seiten.
„Ed hat recht“, sagte Old O’Flynn, „auch wenn er seine dämliche Bemerkung mit der Rumbuddel und dem Pennen nicht lassen konnte. Aber ich bleibe hier auch nicht sitzen und warte, bis ich in den Kessel gesteckt werde.“
„Und wie denkt ihr darüber?“ fragte der Kutscher.
„Ich denke genauso“, sagte Martin Correa. „Wenn sie uns überfallen und verschleppt haben, dann haben sie auch etwas mit uns vor. Ich bin aber nicht scharf darauf, es unbedingt in Erfahrung zu bringen.“
Die Zwillinge stimmten unisono für Flucht.
Auch Sven Nyberg und Nils Larsen waren dafür, so schnell wie möglich zu verschwinden.
„Allerdings muß das völlig lautlos geschehen“, meinte der dunkelblonde Sven. „Der Hund darf nicht knurren, und der Papagei muß seinen Schnabel halten. Möglicherweise haben die Indianer auch nachts eine Wache aufgestellt. Sie sind uns in dieser Gegend weit überlegen, weil sie das Gelände und seine Tücken ganz genau kennen. Trotzdem sollten wir es wagen.“
„Plymmie wird nicht knurren“, versicherte Philip. „Aber für Sir John kann ich nicht garantieren.“
„Aber ich“, behauptete Carberry. „Sir John spürt ganz genau, wann er den Schnabel halten muß.“
Damit war der Kutscher restlos überstimmt.
„Es wird sich herausstellen, daß diese Leutchen harmlos sind und wir ihnen unrecht tun“, sagte er.
Jetzt war der Profos fast empört.
„Wer tut hier wem ein Unrecht an“, begann er zu motzen. „Du hast vielleicht eine Einstellung! Es ist doch wohl unser gutes Recht, abzuhauen, wenn man uns überfallen und eingesperrt hat. Willst du dich bei den Fleischkochern vielleicht noch bedanken, daß sie uns nicht gleich die Hälse durchgeschnitten oder in die Kessel gesteckt haben? Vielleicht hatten sie gerade keinen Hunger. Aber wenn du nicht willst, kannst du ja hierbleiben. Wenn die erfahren, daß du Koch bist, mußt du dich gleich selber schmoren und abschmecken.“
Old O’Flynn hockte auf dem Boden. Den Geräuschen nach zu urteilen, schnallte er sein Holzbein ab. Dann fummelte er in dem Hohlraum herum, aber das. Messer steckte so tief drin, daß er es nicht erreichte. Schließlich schüttelte er das Ding heraus. Dann begann die umgekehrte Prozedur. Als er das Holzbein wieder zurechtgefummelt hatte, grapschte er nach dem Messer und gab es Jung Hasard.
„So eine Geheimwaffe ist was Feines“, lobte er, „das Messerchen hat mir schon oft in brenzligen Situationen geholfen.“
Der Profos stand auf und ging zu den Zwillingen hinüber.
„Steig auf mein Kreuz“, sagte er zu Hasard junior, „dann reichst du oben an das Dach heran und kannst lossäbeln.“
Als Jung Hasard auf das Riesenkreuz des Profos gestiegen war, sagte er grinsend: „Da steht man wie auf dem Achterdeck einer Kriegsgaleone.“
Er griff nach oben und begann, mit dem Messer ein Loch in das blattgedeckte Dach zu schneiden. Es ging ziemlich rasch, und bald hatte er so viel herausgeschnitten, daß er hindurchsteigen konnte.
Carberry ließ ihn jetzt auf seine breiten Pranken steigen, nahm das Messer in Empfang und stemmte den Bengel mühelos hoch. Das geschah so spielerisch leicht, als würde er sich recken.
„Schön leise jetzt“, murmelte er. „Wie sieht es draußen aus?“
„Dunkel“, war die lakonische Antwort. „Man sieht kaum die Hand vor Augen.“
Als Hasard durch das Loch verschwunden war, raschelte es nur ganz leise. Aber derartige Geräusche fielen überhaupt nicht auf. Im nahen Dschungel rief und krächzte es, und viele andere Geräusche waren ständig zu hören.
„He, gib mir das Messer wieder“, sagte O’Flynn, „das ist bei mir besser aufgehoben als bei dir. Später fummle ich das Ding wieder in den Hohlraum zurück.“
Sie sahen durch das Loch zum Himmel hinauf. Da waren nur langgestreckte Wolkenbänke zu sehen. Sie zogen ziemlich schnell dahin, doch der leichte Wind brachte keine Abkühlung. Heiß und feucht war es in dem Raum, und alle Augenblicke wischten sie sich den Schweiß von den Gesichtern.
Ein paar Augenblicke vergingen. Dann wurde draußen der hölzerne Riegel zurückgeschoben und die Tür geöffnet. Jung Hasard war nur als dunkler Umriß zu erkennen. Er war von der Außenwand des Daches nach unten auf die Plattform gestiegen und um die ganze Hütte herumgeschlichen.
Einer nach dem anderen trat hinaus und sah sich um. Mit der Orientierung war es allerdings schlecht bestellt. Wie hingeduckte Schemen standen die anderen Pfahlbauten mitten im Wasser. Keine hatte eine direkte Verbindung zum Land. Die Umgebung wirkte wie ein verlassenes Geisterdorf.
„Wird nicht leicht sein, von hier zu türmen“, raunte Carberry. „Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie es in unmittelbarer Umgebung aussieht. Oder hat einer von euch heute nacht etwas erkennen können?“
Das wurde allgemein verneint, denn als man sie hergebracht hatte, war es schon finster gewesen.
Der Profos zuckte heftig zusammen, als dicht vor seinem Gesicht Flügel schlugen. Abwehrend hob er die Hände hoch, dann erkannte er undeutlich, daß es Sir John war, der offenbar die Stimme seines Herrn und Meisters vernommen hatte und nun herangeflattert war. Er ließ sich auf Carberrys Schulter nieder.
Seltsamerweise sagte er kein Wort. Er hockte ganz still da wie ein pechschwarzer Rabe. Auch die Wolfshündin gab keinen Ton von sich, als wüßten beide, was auf dem Spiel stand.
In den anderen Pfahlbauten war alles ruhig. Wenn da wirklich ein Indianer auf nächtlichem Wachtposten war, dann hätten sie ihn ohnehin nicht gesehen. Sie rechneten auch kaum mit einem Ausbruch der Gefangenen, die sich hier nicht auskannten und vermutlich nicht das Wagnis einer nächtlichen Flucht eingehen würden.
Der einzige, dem mal wieder alles nicht geheuer war, war Old O’Flynn, der sich unbehaglich nach allen Seiten umsah. Er dachte wieder daran, was der Kutscher am gestrigen Tag über die Insel gesagt hatte.
Chickcharnies, dachte er. Hier lungerten irgendwo in der Finsternis die bahamischen Elfen mit den drei Fingern, drei Zehen und den feuerroten Augen herum, die mit den Menschen so gern Schabernack trieben. Wenn sie keine boshaften Streiche verübten, dann hingen sie mit ihren langen Schwänzen an den Cottonwoodbäumen und grinsten teuflisch.
Er blickte immer wieder zu den anderen Hütten hinüber, um festzustellen, ob an einer vielleicht die bärtigen Elfen herumtobten. Er achtete auch auf feuerrote Punkte in der Dunkelheit, aber zum Glück sah er keine, was natürlich nicht hieß, daß es hier keine gab. Möglicherweise hielten sie die Augen ja gerade geschlossen.
Jung Hasards flüsternde Stimme riß ihn aus seinen geisterlichen Betrachtungen.
„Geht zur anderen Seite der Plattform hinüber“, sagte er. „Philip und ich holen inzwischen ein Kanu. Gleich drüben bei der nächsten Hütte liegt eins.“
Die beiden Junioren fackelten nicht lange. Während die Männer zur anderen Seite hinübergingen, glitten sie lautlos ins Wasser. Dann begannen sie zu schwimmen, ebenfalls sehr ruhig und ohne sonderliche Hast.
Das Wasser war warm und erfrischte kaum. Sie dachten auch daran, daß es hier sicher Krokodile gab. Das war zwar nicht angenehm, ließ aber trotzdem keine Angst in ihnen aufsteigen. Während sie zu der nächsten Pfahlhütte schwammen, blickten sie aufmerksam voraus. Niemand war zu sehen, in den Hütten bewegte sich auch nichts.
Nach einer Weile hatten sie die Hütte erreicht. Sie war auf hohen Stelzen gebaut und befand sich hoch über ihren Köpfen. Von oben aus konnten sie jetzt nicht mehr gesehen werden.
Gleichzeitig erreichten sie das Kanu. Daneben hingen noch zwei weitere, lose angebunden mit dicken Lianen.
„Wir nehmen das große“, sagte Hasard leise. „Sieh mal nach, wie viele Paddel darin sind.“
„Vier“, sagte Philip, als er das Kanu abgetastet hatte.
„Dann bleib hier, ich hole noch zwei aus dem anderen.“
Er hangelte sich zu dem kleinen Kanu, tastete hinein und „lieh“ sich zwei weitere Paddel aus, die er lautlos ins große Kanu legte.
Inzwischen löste Philip die Liane, mit der das Kanu an einem der Stämme vertäut war.
„Wir ziehen es hinter uns her“, raunte er, „hier geht eine ganz leichte Strömung.“
Einmal war ein Mondstrahl zu sehen, der einen silbrigen Reflex auf das Wasser warf. In diesem Augenblick sah alles unwirklich und geisterhaft aus. Doch der Mondstrahl verschwand gleich wieder. Erneut wurde der Himmel von dunklen Wolken verdeckt.
Sie zogen das große Kanu an der Liane hinter sich her, bis sie ihre Hütte erreichten. Dort banden sie es neben der Plattform fest.
Es wurde kaum gesprochen. Das wollte man sich für später aufheben, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Selbst die Wolfshündin verhielt sich mäuschenstill. Sir John hockte bei Carberry auf der Schulter und döste vor sich hin.
Einer nach dem anderen stieg in das Kanu und nahm Platz. Zwei Minuten später befand sich die gesamte Crew an Bord, einschließlich der beiden Tiere.
„Wir brauchen nicht zu paddeln“, flüsterte Hasard junior, „wenigstens vorerst nicht. Eine ganz sanfte Strömung treibt uns.“
„Schon gemerkt“, sagte Carberry, „wir lassen uns so lange treiben, bis die Hütten nicht mehr zu sehen sind.“
Die Strömung trug sie jedoch nur sehr langsam fort. Der Profos wurde schon ungeduldig, aber er beherrschte sich. Immer wieder hielten sie Ausschau, doch offenbar hatten die Indianer nichts bemerkt, was den Profos zu einem hinterhältigen Grinsen veranlaßte.
„Die Knaben werden sich wundern, wenn sie morgen in leere Fleischtöpfe gucken“, sagte er grinsend. „Da haben sie dann nur ihre Mohrrüben und Sellerie drin und ein bißchen Wasser. Ich verstehe nicht, daß diese ausgekochten Naturburschen nichts gemerkt haben.“
Der Kutscher räusperte sich, sagte dann aber doch nichts.
„Du willst doch sicher etwas sagen“, murmelte Carberry. „Freu dich lieber, daß wir die Kerle überlistet haben.“
„Es ist mir nicht ganz geheuer“, sagte der Kutscher schließlich. „Das ging mir alles viel zu glatt. Ich habe ständig das Gefühl, von hundert unsichtbaren Augen belauert zu werden.“
„Dann hätten sie längst etwas unternommen. Greift jetzt zu den Paddeln, Männer, damit wir diese Runde hinter uns bringen.“
Mit den sechs Paddeln ging es jetzt rascher. Als der Profos sich einmal umdrehte, waren die Pfahlbauten der Arawak-Indianer in der Dunkelheit verschwunden.
Sie grinsten vor sich hin. Bald hatten sie es geschafft.
3.
Immer noch war der Himmel von schnelljagenden Wolken bedeckt. Um sie herum waren undefinierbare Geräusche. Da kreischte und sägte es, da war ein leises Pfeifen oder ein Jaulen zu hören.
Der Kutscher nahm an, daß es sich um Indianer handelte, die sich über Tierlaute verständigten. Old O’Flynn hielt die Geräusche für die geheimnisvollen Laute der Chickcharnies, die irgendwo durchs Geäst turnten, um sie mit ihren Tönen zu erschrecken. Der Profos fühlte sich auch nicht ganz wohl, dachte aber nicht mehr an Indianer. Aber etwas anderes beunruhigte ihn augenblicklich, und das sagte er auch.
„Verflixt, daß wir ausgerechnet heute nichts sehen können, ist schon mehr als übel. Wir können nicht einmal die Richtung bestimmen. Ich sehe nur pechschwarzes Wasser und ein paar Schatten. Wie war das denn nur, als uns die Kerle in das Dorf brachten?“
„Da haben wir auch nicht viel mehr gesehen“, sagte der Kutscher. „Mir fehlt die Orientierung ebenfalls. Ich weiß nur, daß ich von der ‚Empress‘ aus den Creek gesehen habe, den ich als Peilpunkt gewählt hatte.“
„Das weiß ich auch noch“, brummte Carberry. „An Backbord war es eine kleine Insel, auf der ein knorriger Baum stand, der so aussah, als hätte ihn ein Blitzschlag gespalten. An Steuerbord an der Südküste war es ein Creek, der sich in das Fahrwasser ergoß. In dem Peilpunkt saßen wir fest.“
„Sitzen wir noch immer fest, nehme ich jedenfalls an“, korrigierte der Kutscher. „In diesen Creek haben uns die Kanus gebracht, und da ging es mit kräftigem Paddelschlag aufwärts. Doch dann begann ein Gewirr von Flußläufen, und da haben wir den Überblick verloren.“
Niemand wußte genau, wo sie sich befanden. Alles war fremd, dunkel oder schwarz und geheimnisvoll.
Etwas später gab der Profos sich allerdings sehr gelassen.
„Navigieren wir frei nach Schnauze weiter“, meinte er. „Uns kann gar nichts passieren, denn schließlich fließt jeder Bach auch einmal ins Meer. Sogar kleine Flußläufe pflegen das zu tun. Sind wir aber erst einmal im Meer, dann sieht alles ganz anders aus.“
„Das ist richtig“, sagte Martin. „Einmal müssen uns die Flußläufe irgendwo abladen, und das kann am Meer sein.“
Die Luft war immer noch schwül und stickig. Aus der Dunkelheit schwirrten winzige Stechmücken heran, die ihnen hart zusetzten. Unter dem großen Kanu gluckerte leise das schwarze Wasser, während über ihnen der Himmel noch schwärzer und die Wolkenbänke noch dicker wurden.
Sie kannten das schon. Gleich würde wieder ein Platzregen niedergehen.
Sie starrten in die Dunkelheit, paddelten weiter und unterhielten sich dabei. Sie trieben auf dem Creek dahin und lauschten den vielfältigen Geräuschen des nächtlichen Dschungels.
Dann kam der Regen. Er kündigte sich mit einem leisen, fast klagenden Singen an. Gleich darauf begann es zu rauschen.
Riesige Tropfen klatschten nieder. Aus den Tropfen wurde ein Guß, der ihnen fast den Atem nahm und sie völlig durchnäßte. Sir John schrumpfte immer mehr auf Carberrys Schulter zusammen. Der große Aracanga hockte da wie ein nasser Sperling.
Der Vorhang aus Regen war so dicht, daß sie nicht einmal mehr die Umrisse ihrer Gestalten erkennen konnten. Aber der Regenschauer war kühl und wirkte ungemein erfrischend.
Als er vorbei war, paddelten sie in einer Suppe aus dickem Nebel, umgeben von wallenden Schleiern, die über dem Fluß hingen. Der Nebel verflüchtigte sich nur sehr zögernd. Immer wieder griffen spinnige Arme nach dem Kanu und hüllten es ein.
„Wenigstens ist es etwas kühler geworden“, sagte Nils Larsen. „Ich hätte nichts gegen einen zweiten Schauer einzuwenden. Und auch die verdammten Moskitos sind endlich verschwunden.“
Eine Stunde verging, dann eine weitere, wie sie schätzten. In dieser nächtlichen Monotonie auf dem einsamen Fluß hatten sie außer der Orientierung auch noch das Zeitgefühl verloren.
„Etwa zwei Stunden dürften wir schätzungsweise unterwegs sein“, meinte der Kutscher nach einer Weile. „Eine halbe Stunde hat etwa unsere Abreise gedauert. Dann dürfte es spätestens in einer Stunde zu dämmern beginnen. Dann wird uns auch die Orientierung etwas leichter fallen.“
„Richtig“, sagte der Profos sarkastisch, „und spätestens dann werden die Kesselkocher etwas gerochen haben und die Verfolgung aufnehmen. Aber bis dahin sind wir längst in Sicherheit.“
„Wenn wir erst auf der ‚Empress‘ sind“, sagte Old O’Flynn, „dann sollen sie nur antanzen in ihren Kanus. Ich werde es ihnen schon besorgen.“
„Klar, mit leergesoffenen Rumbuddeln“, sagte Carberry, „damit hast du es ihnen ja schon einmal besorgt – oder sie uns, wenn man das ganz genau ausdrücken will.“
„Hört endlich mit eurer läppischen Streiterei auf“, bat der Kutscher, „das ist ja nun alles hinlänglich bekannt. Daran ist auch nichts mehr zu ändern. Es ist aber durchaus möglich, daß uns die Arawaks bei Beginn der Dämmerung folgen werden.“
„Wir können ja einen Schlag zulegen“, sagte Martin. „Das Kanu bewegt sich leicht und schnell. Auf die Art können wir noch einen Vorsprung herausschinden.“
Das fand auch der Profos gut, und so hieben sie die Paddel wie die Wilden ins Wasser. Das Kanu jagte nur so über den Creek dahin.
Doch schon nach einigen Minuten wurde die schnelle Paddelei sehr schweißtreibend, denn die stickige Hitze legte sich wieder wie ein feuchter Schwamm über sie und wirkte ermattend. Daher paddelten sie im vorherigen Rhythmus etwas langsamer weiter.
Ein neuer Schauer brachte nochmals eine halbe Stunde später weitere und willkommene Erfrischung. Er zog über sie hin wie eine Wand aus Wasser. Dann rauschte der Schauer weiter und regnete über den Wäldern ab. Ein einziger hallender Donnerschlag begleitete ihn – und ein lilafarbener Blitz, der im Zickzack über den Himmel jagte.
Bei dem lilafarbenen Blitz zuckte Old O’Flynn so heftig zusammen, als hätte der ihn selbst getroffen. Er war gerade wieder in die Geisterwelt der Chickcharnies abgeentert und fuhr mit einem leisen Schrei hoch.
Martin kriegte ihn gerade noch am Arm zu fassen, sonst wäre der Alte über Stag gegangen.
„Was ist denn los?“ fragte der Bootsmann.
„Da waren leuchtende Augen“, stammelte Old Donegal entsetzt. „Sie haben mich ganz scharf angeglotzt. Das war ein Vampir oder ein anderer Drache, wie der Kutscher gestern gesagt hat. Und gedonnert hat er auch.“
„Das war ein Blitz“, sagte der Kutscher, „und kein Geist oder gar Vampir. Und gewöhnlich folgt dem Blitz auch der Donner, das ist ganz normal. Aber du hast sicher gerade gedöst und wieder alles in den falschen Hals gekriegt.“
Old O’Flynn wischte sich mit der Hand das Wasser aus dem Gesicht und starrte mit brennenden Augen dorthin, wo ihn die „leuchtenden Augen“ angeglotzt hatten. Wieder spürte er das Unheimliche dieser Nacht, die einsame Fahrt, hörte das Quaken von Fröschen, die anderen Geräusche und sah die Schatten um sich herum.
„Aber er hat gedonnert“, behauptete er.
„War vielleicht ein Drache, der ’ne Blähung hatte“, meinte der Profos grinsend. „So wie mein Eselchen auch, der Diego, der donnerte öfter mal. Mann, das war ein ganz normaler Blitz.“
„Na, ich weiß nicht“, sagte Old Donegal unbehaglich. So richtig wollte er das nicht glauben, dazu war diese Insel zu unheimlich. Da gab man sich nicht mit einem normalen Blitz zufrieden, wenn es vor Geistern nur so wimmelte.
Er war jetzt hellwach und versuchte, mit seinen Blicken die Finsternis zu durchdringen. Und alle Augenblicke glaubte er, es irgendwo am Land rötlich aufblitzen zu sehen.
Der Kutscher bedauerte erneut lebhaft, so viel über die Inselgeister erzählt zu haben, denn das war für den abergläubischen Kerl jedesmal Wasser auf seine Mühle. Der zog sich richtig daran hoch und kriegte es fertig, noch ein paar Geister zu erfinden.
Doch auch diese Flußfahrt hatte einmal ein Ende. Die Dunkelheit wich einem tristen Grau.
Sie befanden sich gerade unter einem gewaltigen Blätterdach, wo der Creek nur ganz schmal war. Auf ihre Köpfe tropfte es noch, und sie zogen das Genick ein, als die Blätter sie streiften.
„Ha, wir haben es geschafft“, sagte der Profos, „wir sind da!“
Was er als „da“ definierte, war allerdings nur kurze Zeit ein Anlaß zum Jubeln.
„Das Meer“, sagte Nils Larsen andächtig. „Jetzt finden wir auch bald unser Schiffchen wieder.“
Alle starrten sich jetzt die Augen aus, um auf das Meer zu blicken. Eine bleigraue, noch immer etwas finstere Wasserfläche lag vor ihnen. Der Creek spie sie aus, aber nicht ins Meer, denn das war eine durch die Dämmerung hervorgerufene optische Täuschung, sondern in einen See von allerdings beachtlichen Ausmaßen. So schien es jedenfalls.
Die Strömung wurde immer schwächer, als sie das Paddeln einstellten und sich treiben ließen. Es ging kaum noch vorwärts.
Der Profos blickte sich aus zusammengekniffenen Lidern um, als könne er so besser das Dämmerlicht durchdringen. Auch der Kutscher wandte langsam den Kopf, um die Umgebung erkennen zu können.
Da war ein Kreischen und Schnattern zu hören, ein Zetern und Krakeelen, als würden sich ganze Vogelschwärme gestört fühlen.
„Flamingos“, sagte der Kutscher leise und enttäuscht, „und da vorn ist das ‚Meer‘ zu Ende.“
Old O’Flynn sah natürlich keine Flamingos, sondern rosafarbene Elfen, die auf endlos langen Beinen durch sumpfiges Wasser stelzten, aus feuerroten Augen blickten und dabei hämisch kicherten.
Er wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, aber da entzog sich alles ihren Blicken und wurde dunkelgrau.
Ein neuer Platzregen prasselte mit aller Macht nieder und durchnäßte sie erneut von oben bis unten. Alles verschwamm vor ihren Blicken, und nach jedem Schauer stiegen wieder Nebel aus dem Wasser auf.
Bei dem Regen hörte auch das Kreischen und Schnattern auf. Als dann die Sicht etwas besser wurde, lag vor ihren Blicken ein fast undurchdringlich scheinender Tropenwald, aus dem es dampfte. Dieser Dschungel begrenzte den See von allen Seiten.
Rechts von ihnen standen immer noch die rosafarbenen Flamingos vor einer total verfilzten Kulisse aus Mangroven. Es war eine riesige Kolonie, so viele, wie sie noch nie auf einmal gesehen hatten.
Das Gekreische und Geschnatter nahm an Heftigkeit zu und wurde zu einer wilden Kakophonie aus Tönen.
Dann erhob sich kreischend eine bunte Wolke aus Hunderten von Vögeln und strich über den Dschungel ab. Auch der Rest rannte flügelschlagend durchs Wasser und schwang sich unter nervtötendem Kreischen in den Himmel.
Sie starrten den Flamingos nach, blickten sich gegenseitig an und sahen dann wieder zu der üppig wuchernden Vegetation.
„Ein Binnensee“, sagte Martin Correa, „mehr ist das nicht. Umwuchert von allen Seiten durch Wälder, Dickicht und Mangroven. Und ich dachte, der Creek führe direkt ins Meer.“
„Das ist allerdings sehr enttäuschend“, gab der Kutscher zu, „obwohl es sehr malerisch aussieht.“
„Darauf kann ich verzichten“, brummte der Profos. „Malerisch oder nicht, wir befinden uns immer noch in der Nähe der Fleischtöpfe und haben uns gehörig verfranzt. Der Tag fängt lieblich an.“
Im Osten begann es blutrot zu leuchten, ein Anblick, der sie – bis auf den Profos – alle in Bann schlug. Da war über dem Dschungel die zarte pastellfarbene Andeutung eines gewaltigen Regenbogens. Er schien die Feuchtigkeit aus dem Wald zu saugen und ließ die Luft flimmern.
Ein paar Wolkenbänke verwehten fast übergangslos zu langen Strichen, die sich nach und nach auflösten. Irgendwo in weiter Ferne war noch das Kreischen der Flamingos zu hören.
Von den Mangroven mit ihren langen Stelzwurzeln wehte fauliger Modergeruch herüber, den allerdings die aufgehende Sonne vertrieb. Ein leiser Windhauch fuhr über den See und kräuselte das Wasser.
„Man muß einer derartigen Lage auch die guten Seiten abgewinnen“, sinnierte der Kutscher. „Der Anblick ist wirklich mehr als faszinierend.“
„Der Anblick eines Ausweges wäre noch faszinierender“, meinte Carberry. „Schließlich sehe ich einen Sonnenaufgang ja nicht zum erstenmal.“
„Es kann aber immer der letzte sein“, widersprach der Kutscher. „Daher sollte man sich ein paar Augenblicke Zeit nehmen, ihn zu genießen. So sehe ich das jedenfalls.“
„Irgendwo achteraus stehen diese Burschen klar bei Kessel, Mohrrüben, Sellerie und kochendem Wasser, und du bist wieder mal am Schwärmen“, sagte Carberry ungehalten. „Ich freue mich ja auch über den Sonnenaufgang, aber wir sind waffenlos und in einer miesen Situation. Deshalb sollten wir die Betrachtungen auf später verschieben und einen Ausweg suchen. Hinzu kommt, daß mich langsam Hunger und Durst plagen. Den Indianern mag es ja ähnlich gehen, aber die sind gewohnt, Menschenknochen abzunagen. Ich mag auch keine Indianer, jedenfalls keine gekochten, sonst hätten wir uns einen mitgenommen.“
„Am Profosfleisch würden die sich eh die Zähne ausbeißen“, meinte der Kutscher ungerührt. „Muskeln und Sehnen – da könnten sie auch auf Shanes Amboß kauen. Das einzige, was bei dir weich ist, ist vermutlich das Gehirn, aber so winzige Kessel haben sie wiederum nicht.“
Der Kutscher grinste den finster blickenden Profos freundlich an.
„Spaß muß sein, Ed. Aber bei meinen Betrachtungen habe ich entdeckt, daß es etwa in südlicher Richtung einen weiteren Creek gibt. Man sieht ihn kaum, er ist durch Dickicht verborgen. Paddeln wir doch mal hin.“
Carberry warf dem Kutscher noch einen wilden Blick zu. Dann nickte er grimmig.
„Na gut. Hoffentlich hast du richtig gesehen, dann vergesse ich die dämliche Bemerkung mit dem weichen Gehirn. Wenn du dich aber geirrt hast, Kutscherlein, dann wird es Zeit, daß ich dich mal wieder kräftig zur Brust nehme, um dein Geschnatter abzustellen.“
„Keine Sorge. Ich bin sicher, daß es hier nicht nur die eine Abzweigung gibt. Man muß nur richtig suchen.“
Wieder wurden die Paddel ins Wasser getaucht. Nils Larsen und sein Freund Sven hielten immer wieder scharfäugig Ausschau nach allen Seiten. Doch es blieb still und ruhig bis auf das Quaken aus den Sümpfen oder weit entferntes Kreischen, das immer noch von den Flamingos stammen mochte.
Die Sonne stieg langsam höher. Der See lag wie erstarrt da, und der faulige Geruch aus den Mangrovenwäldern verstärkte sich. Es wurde auch wieder drückend heiß und schwül.
Ja, da war ein Creek, ein schmaler Wasserlauf in einem undurchdringlich scheinenden Irrgarten.
Auf Carberrys Schulter zuckte Sir John zusammen, als zwei Papageien kreischend aufstoben und zur anderen Seite des Sees flogen.
„Aasgeier!“ kreischte Sir John laut.
„Sei still, du Schreihals“, sagte Ed.
Sir John schwieg und ging daran, sein klatschnasses Gefieder zu putzen. Er erinnerte immer noch lebhaft an einen armseligen Sperling, der ins Wasser gefallen war.
Der kleine Wasserlauf war so verborgen, daß man ihn erst sah, wenn man sich dicht davor befand. Der Kutscher hatte es im Sonnenlicht auch nur einmal glitzern sehen und daraus geschlossen, daß es ein weiteres Rinnsal gab. Es war teilweise zugewuchert. Dicht nebeneinander standen die Wurzeln der Mangroven. Auf den Mutterpflanzen hockten dicht an dicht die bereits ausgekeimten Jungpflanzen. Etliche Mangroven blühten. Andere trugen die langen schotenähnlichen Früchte. Der Geruch wurde immer aufdringlicher und intensiver.
„Stinkt wie im Saustall“, stellte Old Donegal naserümpfend fest.
„Wenn du dein Holzbein abnimmst und es zwischen die Mangroven steckst, treibt es schon einen Tag später Blüten und neue Wurzeln“, versicherte der Profos. „Hier kann man auf billige und leichte Art die Holzbeine vermehren.“
„Glaub’ ich nie im Leben“, versicherte Old Donegal. „Das sind wieder so Spinnereien von dir.“
„Versuch’s doch mal. Aber du hast ja bloß Angst, daß die Chickcharnies aufkreuzen und dein Holzbein klauen.“
Sie duckten sich, denn erneut schlugen Blätter, Zweige und große Wedel in ihre Gesichter.
„Ich weiß nicht, ob das der richtige Weg ist“, meinte Martin Correa. „Der Bach wird immer enger und wächst fast zu. Diese Strecke haben wir doch mit Sicherheit heute nacht nicht zurückgelegt.“
Daran zweifelten auch die anderen. Sogar der Kutscher hob die Schultern, als er das zugewucherte Wässerchen sah.
„Wir müssen es versuchen. Heute nacht haben wir nicht viel gesehen, fuhren aber oftmals haarscharf an Blättern und Ästen vorbei.“
Sven richtete sich im Kanu auf und blickte nach vorn. Direkt neben dem Boot wuchsen riesige Blüten aus dem Wasser. Ihre Blätter waren so groß, daß ein ausgewachsener Mann darauf Platz gehabt hätte. Hin und wieder war ein Vogel zu sehen, der über die Blätter rannte und ständig mit dem Schnabel nach irgendwelchem Getier fischte.
„Weiter vorn wird der Flußlauf etwas breiter“, sagte Sven. „Vielleicht sind wir doch auf dem richtigen Kurs.“
Tatsächlich verbreiterte sich das Bächlein nach knapp fünfzig Yards.
Carberry ließ nach einer Weile das Kanu stoppen, bis es bewegungslos im Wasser lag.
„Was soll das?“ fragte Martin Correa.
„Keine Strömung“, stellte Carberry fest. „Das gefällt mir schon überhaupt nicht. Sieht nach einem stehenden Gewässer aus.“
„Eine ganz winzige Strömung gibt es doch“, widersprach der Kutscher nach einer Weile. „Man spürt sie aber kaum. Trotzdem sollten wir weiterpaddeln.“
„Und wenn wir wieder in einem See landen?“
„Kehren wir um und suchen nach einem anderen Weg.“ Der Kutscher war anscheinend durch nichts zu erschüttern. Er schwitzte auch kaum, wie Carberry erstaunt feststellte. Er hockte paddelnd im Kanu und erweckte ganz den Eindruck, als sei er der Leiter einer großangelegten Expedition, die unbekanntes Gelände erkundet.
4.
Der Creek mochte jetzt etwa acht Yards breit sein. Sein Ufer ging in Brackwasser über, das offenbar durch den Einfluß der Mangroven immer weiter versandete. Überall faßten die Stelzwurzeln immer wieder Fuß und setzten ihre unzähligen Ableger in den Boden.
Die Sonne brannte jetzt noch kräftiger und schien ihnen heiß in die Gesichter, in denen der Schweiß perlte. Zum Glück zog etwas später wieder eine dunkle Wolke vorüber, die Erfrischung brachte.
Der übliche Platschregen durchnäßte sie noch einmal, aber sie empfanden diese kühlenden Schauer als herrlich.
„Ohne diese Güsse würde man hier glatt verrückt“, meinte Nils Larsen. „Das ist die einzige Erfrischung, und wenn man rechtzeitig die Futterluke aufklappt, kriegt man auch noch etwas zu trinken.“
„Himmel, diese Mangrovenröhre muß doch bald mal ein Ende haben“, schimpfte Carberry. „Die Sonne steigt und steigt, und wir paddeln wie die Verrückten. Wir befinden uns doch schon mindestens zwei oder drei Stunden in diesem stinkenden Nebenarm.“
„Höchstens eine Stunde“, schätzte der Kutscher. „Das Zeitgefühl trügt hier oft, wegen der Eintönigkeit.“
„Du weißt natürlich mal wieder alles besser.“
„Ich orientiere mich am Stand der Sonne, und demnach ist bestenfalls eine Stunde vergangen. Du solltest das auch tun, Ed.“
„Ich orientiere mich nach meinem Hunger, da weiß ich ganz genau, was anliegt. Und der ist mittlerweile sehr mächtig.“
„Bei der stickigen Hitze ist es gar nicht gut, viel zu essen. Das ermüdet nur schneller.“
Carberry holte tief Luft. Er wollte dem Kutscher gerade mal kräftig seine Meinung sagen, doch da unterbrach ihn Sven.
„Da vorn wird es jetzt ganz breit.“
Der Bach beschrieb einen kleinen Knick, und dann wurde es wirklich ganz breit dahinter. Der Profos nahm das Paddel und knallte es gereizt aufs Wasser.
„Mist, verfluchter!“ rief er.
Wieder stob ein Schwarm Flamingos hoch. Kreischend und schnatternd flogen sie aufgestört davon.
„Das ist doch wieder derselbe Saftladen“, sagte Carberry verärgert. „Und da paddelt man wie ein Beknackter.“
„Nein, das ist nicht derselbe See, der hier ist viel kleiner“, sagte Martin, „aber letztlich doch nur ein See. Hier geht es nicht mehr weiter, wir müssen wohl oder übel zurück.“
Sie blickten sich um, zornig, verärgert oder wütend, weil sie wieder in einem stehenden Gewässer gelandet waren. Das übliche Bild bot sich ihren Blicken. Der See war von dichtem Tropenwald begrenzt. Riesige Schwärme von Moskitos tanzten am südlichen Ufer auf und ab. Dann folgte der sandige Teil mit Mangroven und vermodernden anderen Pflanzen, dann der verfilzte Dschungel.
Hoch über ihnen flogen die aufgescheuchten Flamingos in einer rosafarbenen Wolke davon. Da, wo sie ihre Kolonie hatten, war alles mit weißen Exkrementen überzogen. Außerdem war der See so flach, daß man ihn überqueren konnte und nicht einmal nasse Knie kriegte.
Jetzt stieß auch der Kutscher tief und seufzend die Luft aus.
„Das bügelt einen ganz schön“, sagte er heiser. „Demnach scheint es ja doch nicht zu stimmen, daß alle Flüsse ins Meer fließen. Diese hier tun es jedenfalls nicht, die gehorchen anderen Gesetzen.“
„Das sind auch keine Flüsse, das sind Pißrinnen für Flamingos“, wetterte der Profos. Er sah sich hilfesuchend um und schüttelte den Kopf darüber, daß sie so völlig die Orientierung verloren hatten.
Nur Old O’Flynn wuchs noch einmal zu heroischer Größe auf.
„Die Insel des Heiligen Geistes“, verkündete er mit Grabesstimme. „Kein Wunder, daß wir nicht mehr herausfinden. Die Chickcharnies haben uns an der Nase herumgeführt.“
„Genau“, sagte Carberry hinterhältig. „Ich habe vorhin zwei gesehen, wollte dich aber nicht erschrecken, weil sie neben dir aus dem Wasser blinzelten. Eine der Elfen hatte ein Tüllgardine auf dem Schädel und knallrote Augen. Die andere hat dir die Zunge rausgestreckt und eine lange Nase gemacht.“
Da schwieg Donegal erst einmal gründlich und rückte etwas näher zur Mitte hin. Die Worte hatten ihn mächtig eingeschüchtert. Vor diesen unheimlichen Chickcharnies hatte er mächtigen Bammel. Hockten hier als Kobolde im Wasser und streckten ihm die Zunge raus. Unbehaglich rieb er sich das Genick.
„Wieder zurück“, sagte Carberry erbittert. „In dem anderen Stinksee gab es sicher noch mehr Nebenarme, die wir übersehen haben. Wenn wir aus dieser Pißrinne heraus sind, markieren wir ihren Anfang, damit uns dasselbe nicht noch einmal passiert.“
„Uns wird nichts anderes übrigbleiben, als den gesamten See genau abzusuchen“, meinte Martin. „So, wie es aussieht, werden wir uns wohl noch ein paarmal verfranzen, bevor wir den Creek finden, der zur North Bight führt.“
„Und was essen wir inzwischen?“
„Kannst ja mal bei den angeblichen Kannibalen nachfragen“, sagte der Kutscher mit süß-saurer Stimme. „Vielleicht haben sie irgendwo noch einen geräucherten Missionar rumhängen. Wenn wir dageblieben und nicht getürmt wären, hätte sich jetzt bestimmt alles aufgeklärt. Wir hätten etwas zu essen und zu trinken erhalten und vielleicht ein paar neue Freunde gewonnen.“
Der Profos begann ungeniert aus vollem Hals zu lachen. Aber es war ein grimmiges Lachen.
„Das ist nicht die Insel des Heiligen Geistes“, sagte er, „das ist die Insel der Heiligen Einfalt, und du bist der Heilige Pinsel, wenn du immer noch an den Stuß von den Freunden glaubst die uns umhegt und umsorgt hätten. Einen Scheiß hätten die! Du würdest jetzt nicht mal mehr mit der Nase aus dem Kessel rausgucken, und deine Haut würde jetzt wahrscheinlich in Streifen am nächsten Baum zum Trocknen hängen und so.“
„Und was, bitte, sollten die Indianer mit Menschenhäuten anfangen, falls die Frage gestattet ist?“
Es sah wieder einmal nach einem Nahkampf zwischen Kutscher und Carberry aus, weil der eine hartnäckig das leugnete, wovon der andere restlos überzeugt war.
„Weiß ich nicht. Vielleicht gibt das Sehnen für ihre Bogen. Oder sie hängen ihre Wäsche daran auf.“
„Du hast ja sehr merkwürdige Ansichten.“
„Du auch!“ schnappte Carberry. „Du freust dich offenbar noch darüber, wenn du den Kerlen als Futter dienen kannst.“
Sven, Nils und Martin hieben die Paddel ins Wasser. Alle grinsten, auch die Zwillinge, aber jetzt war keine Zeit, um sich gegenseitig anzustänkern. Sie mußten hier heraus, so schnell wie möglich, denn hier konnten sie verhungern oder verdursten, obwohl letzteres der häufigen Regenfälle wegen ziemlich unwahrscheinlich war.
Es ging wieder denselben Weg zurück, bis sie nach einer Ewigkeit erneut in dem größeren See waren.
Kaum hatten sie denkleinen Nebenarm verlassen, da flogen wieder ganze Scharen von rosaroten Flamingos auf. Nur ein paar von ihnen blieben auf ihren Schlammnestern hocken, um ihre Eier auszubrüten. Die anderen flogen als riesige Wolke davon.
„Paddeln wir mal zu den Mangroven hinüber“, schlug der Kutscher vor. „Da scheint es nochmals einen Creek zu geben.“
Im See, der glatt und still vor ihnen lag, spiegelten sich die Wolken. Genau wie am Himmel zogen sie dahin. Die Mangroven, Dickichte, Palmen und Bäume spiegelten sich in allen Farben im Wasser.
Dicht vor dem Schlamm der Mangroven brummte das Kanu sanft auf.
„Auch das noch!“ fluchte der Profos. Er sah den Kutscher an, der angelegentlich und ungerührt die seltsamen Pflanzen betrachtete.
„Mangroven sind sozusagen Selbstmörder-Pflanzen“, dozierte er, „obwohl sie Pioniere der Landgewinnung sind. Sie gedeihen vorzüglich in den Übergangszonen zwischen Land und Salzwasser. Seht nur, wie sich in ihren Wurzeln der Schlick fängt. Andere Blätter werden herübergeweht, fallen dazwischen und vermodern. Gleichzeitig fügen sie Nährstoffe hinzu, bis fruchtbarer Boden entsteht. Diese Keimlinge da fallen ab und bohren sich wie ein Speer in den Untergrund. Das geschieht immer direkt vor den alten Pflanzen.“
„Und das nennst du Selbstmörder-Pflanzen?“ fragte Carberry.
„Ja, letztendlich bringen sie sich selbst um. Manche Sämlinge fallen auch ins Wasser, treiben davon und streifen so lange über den Boden, bis sie hängenbleiben. Kurze Zeit später wurzeln sie und bilden wenig später eine neue Kolonie. Damit beginnt gleichzeitig der erneute Landgewinnungsprozeß.“
„Wie fein“, höhnte Carberry. „Und was haben wir davon, wenn wir das jetzt wissen?“
Der Kutscher, ein feinsinniger Mann, der immer sehr genau überlegte, ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.
„Wir haben auch etwas davon. Diese Mangroven also sammeln so lange Boden an, bis sie in der Trockenheit und Höhe gefangen sind, denn dann fehlt ihnen das lebensnotwendige Wasser. Sie sterben wieder ab, und andere Sträucher und Pflanzen nehmen ihren Platz ein. Ist doch ganz interessant, oder?“
Der Profos riß die Klappe auf und gähnte demonstrativ, um auszudrücken, wie sehr ihn das alles faszinierte.
„Sehr interessant, um damit die Zeit zu vertrödeln“, sagte er. „Die Ausführungen Euer Hochwohlgeboren haben mich sehr beeindruckt, obwohl es mich wesentlich mehr beeindruckt hätte, einen neuen Creek zu finden. Statt dessen hält der Entenarsch hier Vorträge ab.“
„Entenarsch!“ krächzte Sir John sofort. Oft plapperte er die Schimpfworte sofort nach, viele vergaß er auch wieder.
„Der sogenannte neue Creek befindet sich da drüben, wo keine Mangroven wachsen“, sagte der Kutscher kühl. „Ich habe nämlich, ausgerechnet, welchen Weg die Sämlinge übers Wasser nehmen. Infolgedessen geht da auch eine ganz seichte Strömung. Später einmal wird dieser Teil restlos versanden, aber da drüben stecken ganz junge Mangroven im Boden. Dort zieht die Strömung hin, und in ein paar Jahren ist der Teil ein einziger Mangrovenhain. Dann kann man in den Creek auch nicht mehr hineinpaddeln. Das, mein lieber Ed, werden wir jetzt feststellen. Sollte meine Annahme nicht zutreffen, bin ich selbstverständlich bereit, dir recht zu geben.“
„Da ist aber, verdammt noch mal, kein Bach zu sehen.“
Sie paddelten aber trotzdem dorthin, wo die jungen Sämlinge im Wasser standen.
Diesmal klappte dem Profos glatt der Unterkiefer weg, denn hinter einem wie getarnt aussehenden Gestrüpp zog sich ein neuer Creek dahin.
„Jaja“, sagte der Kutscher grinsend, als er Carberrys knallrot angelaufenen Schädel sah, „ne ventis verba profundam.“
„Genau“, sagte Carberry sehr bescheiden. „Und was heißt das?“
„Das heißt: Gib, daß ich nicht in den Wind spreche.“
„Ah ja.“ Carberry kratzte sich am linken Ohr und blickte sehr unbehaglich drein. Dieser Lümmel von einem Kutscher hatte es ihm wieder mal gesteckt, aber das zahlte er irgendwann einmal zurück. Immerhin hat er durch seine tiefsinnigen Betrachtungen wieder einen Flußlauf entdeckt, und das soll ihm erst mal einer nachmachen, sinnierte der Profos. Ein verdammt gescheites Bürschlein war dieser schmalbrüstige Kutscher, auch wenn ihn seine verflixten Sprüche manchmal auf die Palme trieben und er seine Überlegenheit mit einem Grinsen abtat.
„Leider kann ich keine Garantie dafür übernehmen, wo wir landen“, sagte der Kutscher. „Aber vorerst ging es ja nur darum, in dieser Wildnis ein neues Bächlein zu entdecken. Das haben wir.“
„Ja, das haben wir“, murmelte Carberry und merkte verärgert, daß es ihm fast so ging wie dem Stör, der immer die letzten Worte des Wikingers Thorfin Njal nachquatschte.
Auch dieser Creek war nicht sehr ergiebig, wie sie bereits nach einer Viertelstunde feststellten. Auch hier brummten sie plötzlich ganz sanft auf, wie das vorhin der Fall gewesen war. Aber durch eine einfache Gewichtsverlagerung wurde das Kanu wieder flott.
„Hier ist der Fahnenmast zu Ende“, verkündete Old O’Flynn, als ob das noch einer Feststellung bedurfte. Vor ihnen war alles zugewachsen und ging in morastigen Brei über. Noch weiter vorn wurde es sumpfig und matschig, das Wasser des Creeks teilte sich in unzählige kleine Rinnsale. Aber überall wuchsen die Sämlinge der Mangroven.
Es war zum Haareausraufen – sie mußten wieder zurück.
Jetzt allerdings war es mit der Laune des Profos endgültig zu Ende. Er fluchte erbittert und wurde immer biestiger.
„Das gibt es doch nicht!“ wetterte er. „Wenn dieses Pfahldorf einen Zufluß hat, dann muß es auch wieder zurückgehen. Das ist völlig absurd und widersinnig.“
„Es hat auch einen“, meinte Martin, „aber den müssen wir erst einmal finden. Das ist hier sehr schwierig.“
„Vielleicht finden wir den richtigen, wenn der Kutscher erneut ein paar kluge Sprüche abläßt“, sagte Carberry. „Aber dann laß bitte solche klugen Sprüche los, daß wir auch im Meer landen.“
„So kluge Sprüche gibt’s gar nicht“, erklärte der Kutscher. „Das hier ist ein einziges Labyrinth aus Tropenwald, Seen, Sümpfen, Flußläufen und kleinen Bächen. Wenn man da mitten hineingesetzt wird, ist es wohl etwas viel verlangt, sich auf Anhieb zurechtzufinden.“
„Kluge Sprüche fallen dir wohl keine mehr ein, was, wie? Jetzt bist du auch mit deiner Weisheit am Ende.“
„Nehmt es nicht so schwer“, meinte der Kutscher, „bisher haben wir noch aus jeder Lage herausgefunden. Genießt den Anblick des herrlichen Sees und der lieblichen Tiere. Ille terrarum mihi praeter omnis angulus ridet, was soviel bedeutet wie: Lacht mir doch kein Fleckchen Erde wie dieses.“
„Jetzt ist er übergeschnappt“, sagte Carberry. „Das sind die Hitze und die stickige Luft. Mein Gott, ausgerechnet der Kutscher, und wir können ihm nicht mal helfen.“
Ziemlich besorgt, aber auch mißmutig sah er den Kutscher an, der wieder aufmerksam über den See spähte. Er entdeckte auch noch vor den Zwillingen einen Flußlauf.
Was den Profos so ärgerte, war die Gelassenheit des Kutschers. Der schien das als einen Spaziergang zu betrachten, glaubte nicht an Menschenfresser, schien keinen Bammel zu haben und gab sich ganz gelassen großen Sprüchen hin. Und er schien diese lausige Irrfahrt durch den Modder und Dreck regelrecht zu genießen.
Noch einmal paddelten sie in einen Flußlauf, der seiner Breite wegen einiges versprach. Doch auch diese Hoffnung erwies sich recht bald als trügerisch und endete wiederum in einer Sackgasse.
Ein winziger Brackwassersee tat sich auf, dem sich das übliche und sattsam bekannte Bild anschloß: ein paar Mangroven, undurchdringliches Dickicht, verfilzter Urwald und ein paar Reiher, die sich an den Anblick der Menschen nicht gewöhnen konnten. Kreischend und flatternd verschwanden sie.
Der Profos sah direkt gefährlich aus, als sie wieder umkehrten. Wenn ihn jetzt einer anmosert, dann frißt er das Kanu, überlegte der Kutscher. Der war so in Braß, daß er alle Augenblicke aufgeregt und tief Luft holte, die er dann schnaubend ausstieß.
„Scheißsee, mistiger!“ fauchte er. „Ich sauf ihn aus, und dann sehen wir ja, wo das Wasser nachfließt. Was jetzt?“ brüllte er.
„Weitersuchen“, erklärte der. Kutscher lakonisch. „Wir haben ja noch den ganzen Tag vor uns.“
„Unser ganzes Leben, meinst du wohl. Hier finden wir doch nie mehr heraus. Aber ich habe jetzt eine Idee, und die werden wir auch gleich in die Tat umsetzen, dann hat die Sucherei ein Ende.“
Ein ganz sanfter Regenschauer zog vorüber und brachte zum Glück etwas Erfrischung. Diesmal rissen sie alle die Klappen auf, um ein paar Tropfen der kühlen Flüssigkeit abzukriegen. Danach sah der Profos etwas friedlicher aus.
„Was für eine Idee hast du?“ wurde gefragt.
„Sir John wird uns helfen“, sagte Carberry zur Verblüffung der anderen.
„Und wie soll das geschehen?“
„Ich setze ihn sozusagen als Pfadfinder ein“, verkündete der Profos mit leisem Triumph in der Stimme. „Sir John kann fliegen und hat von oben einen besseren Überblick. Der kann alles mit einem Blick übersehen. Und dann folgen wir ihm einfach. Ja, daran hast du auch nicht gedacht, Kutscherlein. Ich hab’s auch hier oben, ohne lateinische Sprüche, die sowieso nicht weiterhelfen. Das ist die Idee des Jahres.“
Der Kutscher blickte den Profos fast mitleidig an, dann Sir John, der durch den Regen wieder auf Spatzengröße geschrumpft war und ziemlich zauselig und zerpliesert auf Carberrys Schulter saß.
„Idee des Jahres!“ spottete der Kutscher. „Das ist bestenfalls der Witz des Jahres. Wie willst du das tun? Glaubst du etwa, die Krachente wird dir von oben den Kurs winken? Dafür ist Sir John viel zu dämlich. Der kann zwar hervorragend die rüdesten und ordinärsten Profos-Sprüche nachplappern, aber damit hat sich’s auch. Zum Mitdenken reicht sein Gehirn nicht aus, das ist nicht viel größer als eine lausige Mücke.“
„Von wegen!“ brüllte Carberry. „Der hat Verstand, vielleicht mehr als wir alle zusammen.“
„Der hat keinen Verstand, der Schreihals!“ wetterte der Kutscher erbost zurück. „Du willst mir doch wohl nicht verklaren, daß dieser Piepmatz, der wegen seiner klatschnassen Federn ohnehin nicht fliegen kann, Verstand und Geistesgröße habe. Jetzt langt’s aber, Mann! Erzähl das deiner Großmutter, die lacht vielleicht darüber.“
Sir John reckte den Hals. Da die Federn klatschnaß waren, sah er aus wie ein hungriger Geier, bei dem der Hals nur ein Strich war.
Er krächzte ein paarmal heiser, um sich in Form zu bringen, denn er kreischte gern mit, wenn der Profos brüllte, und da mitunter auch mal passende Bemerkungen fielen, hielt Carberry das für Verstand.
„Erzähl du das deiner Großmutter, du Knödel-Admiral!“ schrie der Profos. „Dir paßt bloß nicht, daß einer mal bessere Ideen hat als du Klugscheißer.“
Die anderen hörten gespannt und wieder grinsend zu, denn die Wortgefechte zwischen Profos und Kutscher feierten wieder mal Auferstehung.
Jetzt kreischte aber auch der Papagei lauthals mit. Schrie der Profos, dann wetterte er ebenfalls los, als stünde er auf seiner Seite. Auch das hielt Carberry für reingeistigen Verstand.
„Haha, Kutscherlein!“ kreischte Sir John. „Rübenschwein!“
Der Kutscher wurde jetzt auch grantig, denn daß das schillernde Vieh so treffliche Worte wußte, paßte ihm nicht. Prompt begann natürlich auch der Profos verschwörerisch zu grinsen. Er und Sir John waren ein Herz und eine Seele. Dem Papagei gefiel es außerordentlich, wenn sein Herr und Meister in Braß war. Das spornte ihn mächtig an.
„Wenn das kein Beweis für Verstand ist“, sagte Carberry großmäulig, „dann weiß ich nicht mehr weiter. Kutscherlein – Rübenschwein, das reimt sich sogar! Er hätte ja auch einen anderen Namen nennen können, aber er weiß genau, was anliegt.“
Der Kutscher tippte sich mit dem Finger kopfschüttelnd an die Stirn.
„Das beweist nur, daß dein Mangrovenbehälter da oben ebenfalls bald zugewachsen sein wird, sobald die letzte Feuchtigkeit verschwindet. Kutscherlein hat er nur nachgequasselt, und das andere liebliche Wort kennt er seit Jahren und quatscht es bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit. Und nun laß deinen Geier doch mal aufsteigen, damit er den Stern von Bethlehem spielen kann. Dann sehen wir ja, was mit ihm los ist.“
„Was heißt hier Stern von Bethlehem?“ fragte Carberry empört. „Das hat doch damit gar nichts zu tun.“
„Der hat auch gewissen Leutchen den Weg gewiesen, und nachts hat er sogar geleuchtet. Vielleicht kann Sir John ja auch leuchten oder irgendwie Signale geben.“
„Sir John gibt keine Signale, der fliegt einfach los, und wir folgen ihm.“
„Mitten durch die Mangroven? Oder den Dschungel oder barfuß durch die Sümpfe? Laß dich nicht auslachen, Ed, das ist völlig ausgeschlossen und undurchführbar.“
„Ist es nicht!“ brüllte Carberry, dem immer mehr der Kamm schwoll. Bei ihrem Wortgefecht hatten sie gar nicht mitgekriegt, daß die Zwillinge, Martin Correa und Old O’Flynn langsam die Paddel bewegten, denn Sven Nyberg hatte Wasser schimmern sehen, und so nahmen sie Kurs auf eine andere Stelle.
Inzwischen warfen sich Kutscher und Profos lauthals noch ein paar Nettigkeiten an die Köpfe. Der Kutscher lachte und deutete auf Sir John, der nicht aufsteigen wollte oder konnte.
Aber Sir John bezog das abfällige Gelächter wohl auf sich selbst, oder er nahm es sehr ernst. Er sträubte sein Gefieder, hielt den Kopf schief und beäugte den Kutscher.
Dann sagte er deutlich und klar, zur Verblüffung der anderen: „Verlauster Entenarsch!“
Der Profos kriegte sich nicht mehr ein. Er begann laut zu lachen und hieb sich auf die Schenkel, während der Kutscher überrascht und fassungslos den bunten Vogel anstarrte. Der Kreischgeier hatte ihn genau angeblickt, als er das gesagt hatte.
„Wie hat die Krachente mich genannt?“ fragte er verdattert.
„Einen verlausten Entenarsch“, sagte der Profos mit satter Zufriedenheit. „Das war doch wohl deutlich genug zu hören. Und das zeugt nun mal einwandfrei von einer gewissen Intelligenz.“
„Intelligenz!“ ächzte der Kutscher. „Das kann man wohl sagen. Ein sehr intelligenter Vogel ist das.“
„Sag’ ich doch die ganze Zeit. Und er hat keineswegs mich gemeint, Kutscher, sondern einwandfrei dich angeblickt. Aber ich glaube kaum, daß er sich dafür entschuldigen wird. War ja auch nur ’ne ganz normale Feststellung, nicht wahr, Sir Jöhnchen?“
Fehlt nur noch, daß „Sir Jöhnchen“ jetzt den Krummschnabel aufreißt und grinst dachte der Kutscher. Dann wäre er glatt über Bord gefallen.
Der Geier gab ein Kreischen von sich, als würde er sich durch den Profos bestätigt fühlen. Er reckte den Achtersteven zurück, zog das Genick ein und ließ dem Profos was aufs Kreuz fallen.
„So wird man von den Intellektuellen beschissen“, sagte der Kutscher hämisch grinsend.
Damit endete vorerst die geistreiche Unterhaltung, denn als sie sich umsahen, bemerkten sie, daß sie wieder einen Creek erreicht hatten. Das war ihnen während ihres aufschlußreichen Gesprächs ganz entgangen.
Hier erlebten sie allerdings eine totale Überraschung.
„Donnerwetter“, sagte Carberry, „und den haben wir erst jetzt entdeckt. Der ist ja sagenhaft breit. Ich glaube, jetzt haben wir es endlich hinter uns. Das sei getrommelt und gepfiffen.“
Old O’Flynn richtete sich im Kanu auf und peilte scharf nach vorn, weil der Creek eine sanfte Krümmung beschrieb. Vielleicht sah er ja gleich die „Empress“ auf der Sandbank.
„Oh, da sind ja wieder Hütten“, sagte er, „ein Pfahldorf. Richtig malerisch sieht das aus. Und kein Mensch zu sehen. Da können wir Studien treiben, wie ich meine Rutsche bauen soll. Das müssen wir uns unbedingt mal ansehen.“
Während Old O’Flynn noch brabbelte, war den anderen zumute, als hätte man ihnen einen Hammer auf die Schädel gehauen.
Gerade paddelten sie um die Biegung herum – da sahen sie das Pfahldorf im Wasser stehen.
Selbst der Kutscher war so fassungslos, daß er die Maulsperre kriegte und sekundenlang zu keiner Reaktion fähig war.
Carberry kriegte Augen wie Siebzehnpfünder. Die anderen blickten fassungslos auf die Hütten. Die Zwillinge ächzten leise.
Nach der Schrecksekunde fing sich der Kutscher als erster wieder. Nur Old O’Flynn kapierte noch nicht ganz und sah sich die Vorbilder für seine „Rutsche“ an, die er auf Abaco zu bauen gedachte.
„Na, bitte sehr“, sagte der Kutscher etwas gefaßter. „Da sind wir ja wieder. Da hätten wir auch gleich hierbleiben können, statt sinn- und planlos in der Gegend herumzupaddeln. Ich glaube, mich trifft der Schlag.“
„Oh, Himmelkreuzdonnerwetter!“ fluchte der Profos. „Das ist doch alles nur ein Traum, verdammt! Ich könnte mir in die Ohren beißen! Jetzt stehen wir wieder vor unseren Kochtöpfen, und alles war umsonst! Das halte ich nicht aus!“
Old Donegal war so in den Anblick der verlassen wirkenden Pfahlhütten versunken, daß er immer noch nichts kapierte. Hm, so ähnlich sollte einmal seine Kneipe aussehen, mit schönen stabilen Stämmen, sicher vor allem Ungeziefer im Wasser gebaut. Der malerische Anblick der Hütten gefiel ihm außerordentlich. Im Geiste sah er sich schon über dem Wasserspiegel hocken und kühles Bier trinken. Und er sah auch schon den Profos durch die Rutsche sausen und Vierkant im Wasser landen. Diese Vorstellung zauberte sogar ein Grinsen auf sein wettergegerbtes Gesicht.
„Seht mal“, sagte er, „so ungefähr stelle ich mir … He! Was ist denn mit dir los?“
Aber da hatte ihn schon eine harte Hand ins Kanu gerissen, und er hörte den Profos jetzt ganz bewußt und sehr gotteslästerlich fluchen.
„Da waren wir doch heute nacht!“ brüllte Carberry.
Sir John kreischte wieder begeistert mit und gab Laute von sich, die sich nach Ziegengemecker anhörten.
„Los, nichts wie zurück“, sagte Martin, „noch haben sie uns offenbar nicht gesehen.“
Das dachten die anderen auch, denn das Dorf im See lag wie ausgestorben da, als sei es nicht bewohnt oder längst verlassen worden.
In aller Eile drehten sie das Kanu, um durch den Creek wieder ungesehen in den See zu gelangen und türmen zu können.
Doch dazu war es viel zu spät. Fassungslos sahen sie, daß überall um sie herum Kanus aufgetaucht waren und sie eingekreist hatten.
Sie waren wie aus dem Nichts erschienen, urplötzlich waren sie da. Natürlich hatten sie sich geschickt in dem undurchdringlichen Gestrüpp verborgen und waren dann aufgetaucht doch diese Erkenntnis nutzte ihnen nicht viel.
In den zahlreichen Kanus, die sie von allen Seiten umgaben, standen Arawaks, und die schauten recht grimmig drein. In den Fäusten hielten sie ihre Bogen. Die Bogen waren schußbereit und gespannt, gefiederte Pfeile lagen auf den Sehnen.
Da gibt es nichts mehr zu türmen, dachte der Profos. Auch jeglicher Widerstand war zwecklos und wäre absolut unsinnig gewesen.
Kerzengerade blieben sie in ihrem Kanu hocken und blickten die Indianer an. Deren Gesichter verhießen allerdings nichts Gutes.
5.
In einem der Kanus stand aufrecht der Häuptling Coanabo. Er blickte noch finsterer als seine Krieger und starrte düster und drohend zu dem Kanu hinüber.
Coanabo war ein reinblütiger Arawak-Indianer, genauer gesagt ein Lucayaner vom Inselstamm. Er war bereits über sechzig Jahre alt, aber er sah schlank und drahtig aus, und er war zäh. Vor etwa dreißig Jahren war es ihm gelungen, von Bord eines spanischen Sklavenseglers zu fliehen, nachdem er jahrelang bei den Dons in einem Bergwerk auf Hispaniola geschuftet und gelitten hatte. Von dieser Zeit rührte auch sein Haß auf die Spanier her.
Aber sie hatten seine flüchtige Bekanntschaft ja schon in der Nacht genossen.
Jetzt blickte er sie finster an, und seine Krieger warteten nur auf einen Befehl von ihm.
Sehr harmlos sind die alle, dachte der Profos voller Zorn. Diesen Kutscher mit seinen Verharmlosungen mußte man wohl mal kräftig unter Wasser tunken, damit sich sein Verstand schärfte. Die Kerle lauerten doch nur darauf, ihnen die Haut abzuziehen und sie in den Töpfen zu schmoren.
Old Donegal wiederum ärgerte sich mächtig, daß er nicht sofort durchgeblickt hatte, weil er so in den Anblick der Hütten versunken gewesen war. Dabei hatte er doch nur an seine Rutsche gedacht und gar nicht mitgekriegt, daß sie wieder an ihrem Ausgangspunkt angelangt waren.
Er brachte aber doch noch so etwas wie ein lahmes Grinsen zustande und wandte sich – äußerlich sehr freundlich – an den Häuptling. Dabei bediente er sich der englischen Sprache.
„Ho, wir sind sehr erfreut, euch wiederzusehen, Häuptling“, sagte er grinsend. „Wir haben heute nur mal eine kleine Spazierfahrt unternommen, verstehst du? Wir wollten mal die Umgebung kennenlernen. War wirklich sehr hübsch da draußen. Aber jetzt reicht es, ist ja auch fürchterlich heiß geworden. Ja, und dann wollten wir natürlich das Kanu wieder zurückbringen, falls es noch gebraucht wird!“
Coanabo starrte den Alten unverwandt an. Kein Muskel zuckte in seinem scharfgeschnittenen Gesicht. Aber seine Blicke bohrten sich in die von Old O’Flynn und erdolchten ihn fast.
Doch so was beeindruckte den Alten nicht im mindesten. Wenn es ein Chickcharnie gewesen wäre – ja dann! Er machte weiterhin freundliche Nasenlöcher und grinste wie ein alter Kobold.
„Habt ihr dazu nichts zu sagen?“ fragte er erstaunt. „Oder seid ihr nicht froh, daß wir wieder zurück sind?“
Der Kutscher schüttelte unmerklich den Kopf.
„Was faselst du denn da für einen Unsinn, Donegal? Der Häuptling versteht doch von dem Geseire kein Wort.“
„Wenn er ein echter Arwenack ist, versteht er Englisch“, sagte der Alte, der sich wieder mal zu den unmöglichsten Behauptungen verstieg.
„Das sind Arawaks und keine Arwenacks, Mann! Das habe ich dir schon ein paarmal verklart und verklickert, aber du nimmst das ja nicht zur Kenntnis.“
„Diese alte Spillspake kapiert überhaupt nichts mehr“, brummte der Profos, „der hat in England wohl an jeder Straßenecke nur noch Indianer gesehen. Es ist schon ein Kreuz mit ihm.“
„Na gut“, murrte Old Donegal, „dann kann er mich mal. Ist ja nicht meine Schuld, wenn er noch nicht in England war. Soll er doch in seinen verdammten Sumpflöchern Eier ausbrüten.“
Jetzt war er wieder richtig gallig und giftig und gab den Blick des Häuptlings auch keineswegs freundlich zurück.
„Arsch mit Ohren“, sagte er zu dem Häuptling, aber das verstand der genausowenig wie den anderen Quatsch, den Old O’Flynn hin und wieder zu verzapfen pflegte.
„Hör auf damit!“ sagte der Kutscher. „Ihnen dumme Reden zu halten oder sie zu beleidigen bringt ebenfalls nichts ein.“
Sir John, inzwischen wieder knochentrocken, plusterte sich auf, sagte laut, kurz und völlig zutreffend: „Hummerarsch“ und flog davon, dicht an dem verdutzten Profos vorbei. Er strich ab und segelte in langem Bogen zu den Pfahlbauten. Dort ließ er sich irgendwo im Geäst eines Baumes nieder.
Jetzt war es mit der Unterhaltung allerdings vorbei, denn nun waren die Indianer an der Reihe, die den Worten stumm gelauscht hatten.
Coanabo stieß einen scharfen Befehl aus.
Die Zwillinge hielten schon die Luft an, denn sie glaubten, daß die Arawaks jetzt mit Pfeilen auf sie schießen würden. Auch der Profos sah sich schon mit diesen gefiederten Dingern gespickt und wollte mit einem verzweifelten Satz in das Kanu des Häuptlings hechten, um ihm wenigstens noch die Faust an den Schädel zu knallen.
Der Kutscher hingegen blieb wieder völlig ruhig und musterte die Indianer so gelassen, wie sie ihn oder die anderen musterten.
Kaum hatte Coanabo die Worte hervorgestoßen, da drängten drei, vier Kanus blitzartig vor. Die Indianer hielten ihre Bogen auf die Männer gerichtet und forderten sie durch Kopfbewegungen und Zeichen der Bogen auf, in Richtung Land zu paddeln, ganz in die Nähe der Stelle, wo die Pfahlhütten standen.
„Nur keine Aufregung“, sagte der Kutscher gelassen. „Wir sollen dort zu dem Strand hinüberpaddeln. Also tun wir, was sie wollen, damit es keinen Ärger gibt.“
„Ärger ist gut“, brummte Carberry. „Sieht auch gar nicht danach aus. Sie wollen uns nur verhätscheln.“
„Sie tun uns nichts“, versicherte der Kutscher. Aber daran glaubte längst niemand mehr, denn die Arawaks sahen augenblicklich alles andere als friedlich aus.
Sie folgten jedoch der Aufforderung und zogen die Paddel durchs Wasser.
Die anderen Kanus folgten dichtauf. Coanabo ließ die Weißen keinen Augenblick aus den Augen.
Der Profos schielte nach Sir John, doch der war nicht zu sehen. Er hockte immer noch irgendwo im Geäst der Bäume und ließ sich nicht blicken.
Im Gegensatz zu den meist vorherrschenden Mangrovenufern befand sich auf der linken Seite des Sees ein langer Sandstrand. Dorthin paddelten sie jetzt, scharf bewacht von den anderen Kanus. Hinter dem Strand wuchsen Bäume, ein paar Palmen, Buschwerk, und danach begann undurchdringliches Gestrüpp.
Aus den Hütten blickten Indianer, neugierig, verstohlen starrten sie auf die weißen Männer.
Als das Kanu auf den Strand lief, wurde ihnen bedeutet auszusteigen. Das alles geschah durch schnelle Kopfbewegungen oder Handzeichen.
„Immer schön folgsam bleiben“, sagte der Kutscher mit unerschütterlicher Ruhe. „Keine Gegenwehr, es hätte keinen Zweck, denn hier gelangen wir allein nicht heraus.“
Kaum befanden sie sich auf dem Streifen Sandstrand, da wurden sie auch schon von allen Seiten von Indianern umringt. Wie durch Zauberei tauchten Lianenseile in den Händen der Arawaks auf.
Der Kutscher wurde blitzschnell gefesselt, über den Strand geschleppt und an einen Baum gebunden.
Carberry war bereits von vier, fünf Kerlen umringt und knirschte vor Wut mit den Zähnen, als sie ihn fesselten und ebenfalls über den Strand zu einem Baum schleppten. Dort banden sie den Profos fest, der nur noch sehr mühsam seine Wut unterdrückte.
Dann waren auch die Zwillinge an der Reihe, die beiden Dänen, Martin Correa und schließlich Old O’Flynn, der grimmige Flüche ausstieß und alle zur Hölle wünschte.
Innerhalb kürzester Zeit standen alle gefesselt an den Bäumen.
Drei Indianer wandten sich jetzt der Wolfshündin Plymmie zu, welche die Zähne fletschte und bedrohlich knurrte. Die Indianer zögerten, denn sobald sie näher herantraten, drang aus der Kehle der Wolfshündin ein gefährliches Knurren, und sie zeigte ihr scharfes Gebiß.
„Hau ab, Plymmie, verschwinde!“ rief Hasard junior. „Los, los, verzieh dich!“
Einer der Arawaks hob den Bogen und spannte ihn. Da verschwand die Hündin mit ein paar langen Sätzen im Gestrüpp. Ein Rascheln, nochmals ein heiseres Knurren, dann war sie verschwunden.
Die Zwillinge atmeten auf, denn es hatte ganz so ausgesehen, als wollte der Indianer sie töten. Jetzt ließ er den Bogen sinken, als Coanabo zwei Worte ausstieß.
„Das hat sie ja kapiert“, sagte Philip erleichtert.
Niemand unternahm Anstalten, der Hündin zu folgen.
Über Carberry war ein leiser Flügelschlag zu hören. Sir John hatte seinen Standort gewechselt und flog ins Geäst des Baumes, an den der Profos gefesselt war. Dort blickte der Papagei mit schiefgeneigtem Kopf hinunter und stieß schnalzende Laute aus.
Die Indianer schenkten ihm keine Beachtung, was der Profos ebenfalls mit einem erleichterten Aufatmen zur Kenntnis nahm.
„Immer schön folgsam bleiben“, höhnte er biestig, „dann tun sie uns auch nichts.“
Er kam einfach nicht darüber hinweg, daß sie ihn wie einen Hund angebunden hatten und er sich nicht einmal zur Wehr setzen konnte. Aus den Augenwinkeln hielt er Ausschau nach den Fleischtöpfen und Kochkesseln, aber er sah keine. Die haben sie vielleicht in den Hütten, dachte er, wo immer wieder hungrige Gesichter auftauchten und die Szenerie am Strand beäugten.
„Das hätten wir uns alles ersparen können“, sagte der Kutscher ungehalten. „Wenn man auf mich gehört hätte, wäre das alles nicht passiert. Jetzt, da wir geflüchtet sind und wieder eingefangen wurden, sind die Indianer natürlich sauer.“
„Ich bin auch sauer“, sagte der Profos. „Wir haben lediglich noch eine Galgenfrist. Wenn es nach dir gegangen wäre, dann hätten uns diese Kerle schon am frühen Morgen massakriert.“
„Deshalb riet ich ja auch, den Sonnenaufgang zu genießen“, bemerkte der Kutscher verärgert. „Man weiß leider nie, wann es der letzte sein wird.“
Carberry warf einen Blick auf Old O’Flynn, der gefesselt am Baum stand und ein wüstes Grinsen im Gesicht hatte. Sieht so aus, als habe der Alte etwas vor, dachte er, doch das war bloßes Wunschdenken. Old Donegal konnte überhaupt nichts unternehmen.
„Was grinst du denn so dämlich?“ fragte Carberry. „Dir haben wir doch den ganzen Mist zu verdanken. Du hast das alles vermurkst.“
„Ha!“ tönte der Alte grimmig. „Das ist alles halb so schlimm. Heute nacht werde ich wieder mein Stilett aus dem Holzbein zaubern.“
„Und dann?“
„Dann befreie ich euch. Wir schnappen uns ein Kanu und türmen erneut damit.“
„Sehr lustig“, meinte Carberry, „aber das haben wir schon mal versucht, falls du dich erinnerst. Das kannst du dir aus deinem Querkopf schlagen. Die Kerle haben uns im Nu wieder eingefangen.“
„Nicht, wenn ich das in die Hand nehme“, versicherte Old Donegal. „Wir werden türmen, aber wir nehmen eine Geisel mit. Außerdem versenken wir die anderen Kanus. Und diese Geisel wird uns gefälligst zur ‚Empress‘ lotsen, sonst werden diese räudigen Bastarde mich mal von einer recht üblen Seite kennenlernen.“
„Dann haben wir ja noch mindestens zwölf Stunden Zeit“, sagte Carberry höhnisch. „Jetzt ist erst Mittag, und bis deine Befreiungsaktion anläuft, sind wir verhungert.“
„Ich krieg’ das schon hin, auch wenn ich gefesselt bin.“
Das hörte sich zwar gut an, überlegte Ed, aber es würde wahrscheinlich nicht viel einbringen, denn in dieser Nacht würde man sie sicher scharf bewachen, und da konnten sie jeden Gedanken an Flucht gleich aufgeben.
Der Häuptling ließ sich Zeit er schien überhaupt keine Eile zu haben, denn erst jetzt landete er mit seinem Kanu auf dem Strand. Noch sechs andere Arawaks waren bei ihm – Unterhäuptlinge offenbar, wie der Kutscher annahm, denn sie waren anders herausgeputzt als die Indianer mit den Bogen.
Coanabo musterte die Gefesselten. Er sah in grimmige Gesichter, wandte sich dann ab und hockte sich mit den Unterhäuptlingen etwas abseits von den Gefangenen auf den Boden.
Ein ziemlich lautes und erregtes Palaver begann. Coanabo blickte starr über den See und hörte zu. Hin und wieder nickte er zustimmend.
Der Kutscher beobachtete alles sehr aufmerksam und gespannt. Ihm fiel auf, daß einer der Unterhäuptlinge sehr erregt war und ständig auf das Kanu deutete, mit dem sie geflohen waren. Offenbar gehörte es ihm, und er war sehr empört, daß man es entwendet hatte.
„Der soll sich bloß nicht ins Hemd kacken wegen seines alten Torfkahns“, flüsterte Carberry. „Der tut ja geradeso, als hätten wir eine ganze Kriegsgaleone geklaut.“
„Das dürfte hier ungefähr das gleiche bedeuten“, sagte der Kutscher. „Sie sind jedenfalls sehr ungehalten.“
„Ich auch“, sagte der Profos trocken. „Die Hundesöhne nicken alle so eifrig. Die Stimmung ist unverkennbar feindlich. Die Kerle können es gar nicht erwarten, uns abzuschlachten.“
„Nun mal langsam. Ihre Erregung ist verständlich. Ein Kanu bedeutet hier anscheinend eine ganze Menge und ist ein persönlicher Besitz, an dem man sich nicht vergreifen darf.“
Der Kutscher wollte noch etwas sagen, doch Coanabo erhob sich, sah die Gefangenen der Reihe nach an und trat dann vor den überraschten Old Donegal, den er genau musterte.
Er deutete auf sich und sagte: „Häuptling Coanabo. Ihr Spanier?“
Old Donegal runzelte verblüfft die Stirn, denn der Häuptling hatte einwandfreies Spanisch gesprochen. Er war so verdattert, daß er eine Weile mit der Antwort brauchte.
Doch der Kutscher kam ihm schnell zuvor.
„Nein, wir sind keine Spanier“, sagte er ebenfalls auf spanisch. „Wir sind Engländer und Feinde der Spanier.“
Coanabo sah den Kutscher lange und nachdenklich an. Dann schüttelte er unmerklich den Kopf.
„Was ist Engländer? Ihr seid Spanier, denn ihr sprecht Spanisch, und so müßt ihr Spanier sein.“
Für Coanabo waren das durchaus logische Gedankengänge. Dieser schmalbrüstige Mann sprach Spanisch, also mußte er auch ein Spanier sein.
„Das stimmt nicht“, sagte der Kutscher ruhig. „Wir sind wirklich keine Spanier, aber wenn man einen Feind bekämpft, dann muß man unter anderem auch seine Sprache beherrschen und sprechen. Nur so kann man ihn besser bekämpfen.“
Der Häuptling sagte nichts, er musterte den Kutscher nur schweigend, der gleich ein weiteres Argument zur Hand hatte.
„Du sprichst auch die Sprache der Spanier, Häuptling Coanabo. Und trotzdem bist du kein Spanier.“
Coanabo wurde unschlüssig. Er krauste die Stirn und nickte unentschlossen. Was dieser Mann sagte, das stimmte. Er sprach Spanisch und war kein Spanier, und das behauptete dieser schmalbrüstige Mann ebenfalls von sich und den anderen. Sehr merkwürdig war das.
Während er die anderen ansah, erklang von den Pfahlhütten im See ein Ruf. Drei, vier Indianer standen auf der Plattform einer Hütte und deuteten auf den Creek. Coanabo drehte sich um. Die „Empress“-Leute wandten ebenfalls die Köpfe und blickten in die Richtung.
Dort wurde gerade ein Kanu herangepaddelt, besetzt mit acht Indianern. Einer stand aufrecht im Boot und winkte.
Der Häuptling drehte sich um und rief etwas über das Wasser. Daraufhin änderte das Kanu den Kurs und näherte sich dem Strand.
„Was hat das zu bedeuten?“ fragte Martin Correa.
„Abwarten, ich weiß es nicht“, murmelte der Kutscher. „Aber ich glaube, wir haben schon einen Pluspunkt verbuchen können. Sie scheinen nicht mehr so feindlich zu sein.“
„Der sieht immer nur das Gute im Menschen“, murrte der Profos, „selbst wenn es die größten Menschenfresser sind.“
Das Kanu wurde auf den Strand gepaddelt. Aus der Nähe sahen sie, daß es mit allerlei Dingen beladen war.
Dem Kutscher schwante schon etwas. Er kniff die Lippen zusammen und linste aufmerksam hinüber.
Die Arawaks begannen jetzt aufgeregt zu schnattern, deuteten auf das Kanu, dann auf die gefesselten Männer. Ein paar der angekommenen Indianer grinsten und schienen sich köstlich zu amüsieren. Einer von ihnen deutete mit ausgestreckter Hand auf Old O’Flynn und lachte laut.
„Witzbolde“, knurrte Old Donegal verärgert. „Möchte wissen, was es da so dämlich zu lachen gibt.“
„Vielleicht grinsen sie über dein Holzbein, Granddad“, sagte Philip, „das hat sie doch gestern so beeindruckt. Sie kamen aus dem Staunen gar nicht mehr heraus.“
„Ein Holzbein ist keine lächerliche Sache“, schnaubte Old Donegal.
„Heiliger Strohsack“, sagte Martin, „das sind ja unsere Sachen. Die Halunken haben unser Schiff ausgemistet.“
Mit knirschenden Zähnen sahen die Männer zu, wie das Kanu entladen wurde. Waffen kamen zum Vorschein, Pistolen und Musketen, und wurden in den Sand gelegt. Dann folgten Messer, Taue, Segeltuch, schließlich Kochtöpfe und Pfannen aus der Pantry. Auch eine größere Kiste war dabei.
Als das alles am Strand lag, wurde es ausgiebig bestaunt und begutachtet. Auch der Häuptling nahm sich davon nicht aus. Er stierte hier herum, sah dort nach und nickte.
Offenbar hatten die Arawaks jetzt gute Laune, denn sie begannen, Späße auf Kosten der anderen zu treiben, und die anderen waren diesmal die Gefangenen.
Der eine Arawak, der lachend auf Old O’Flynn gezeigt hatte, war hier anscheinend der Witzbold vom Dienst. Er ging zu dem Kanu hinüber und holte etwas heraus.
Die Männer linsten jetzt noch aufmerksamer, ganz besonders Old O’Flynn, der noch nicht wußte, daß er jetzt kräftig veräppelt werden sollte.
Der Kerl hielt einen Ölhut hoch und lachte wieder.
„Das ist ja meiner“, sagte Old Donegal wütend. „Die machen sich gleich ins Hemd, wenn wir ihr Kanu klauen, aber die Halunken haben bei uns noch viel mehr geklaut.“
Eine merkwürdige Prozedur folgte. Der Indianer sagte etwas zu einem anderen, woraufhin der das rechte Bein nach hinten anwinkelte. Ein anderer band es ihm mit einer Leine fest. Ein weiterer befestigte am Oberschenkel einen dicken Holzprügel und band ihn ebenfalls fest. Es sah aus, als hätte er jetzt ebenfalls ein Holzbein. Dann stülpte er sich den Ölhut auf und begann mit seinem nachgeahmten Holzbein herumzuhüpfen.
Er imitierte Old O’Flynn, lachte immer wieder schrecklich, deutete auf Donegal und hüpfte im Sonnenlicht mit Holzbein und Ölhut über den Sand.
Der indianische Clown erregte jede Menge Heiterkeit. Die Arawaks lachten und hielten sich die Bäuche, wenn der Witzbold mit verzerrtem Gesicht herumhüpfte.
Einmal fiel er dicht vor Old Donegal in den Sand, weil er das Hüpfen nicht so gewohnt war. Die anderen halfen ihm wieder auf, und dann ging das lustige Holzbeintänzchen munter weiter.
Old O’Flynn selbst lief fast die Galle über. Mit zornverzerrtem Gesicht stand er am Baum und war knallrot als dieser Kerl an ihm vorübersprang, Faxen machte und schrecklich lachte. Dabei zeigte er immer wieder auf das Holzbein und den Ölhut.
„Dieser Indianerarsch!“ brüllte er voller Wut. „Hoffentlich fällt er ordentlich aufs Maul, dieser lausige Bastard!“
Das Tänzchen ging aber lustig weiter, weil sich die anderen Arawaks an den Verrenkungen nicht satt sehen konnten. Schließlich mußte auch der Profos grinsen, aber Old O’Flynn sah es und wurde noch biestiger.
„Mußt du dämlicher Ochse auch noch darüber lachen?“ schrie er. „Nur weil so ein indianischer Hanswurst hier herumhüpft und meinen wasserdichten Hut aufhat? Hoffentlich äffen sie deine fürchterliche Visage auch mal nach, dann werde ich lachen.“
„Meine Visage ist einmalig“, sagte der Profos, „die kann man nicht nachäffen.“
Nach einer Weile hatten sie von der Parodie genug und feuerten Holzbein und Ölhaut in den Sand. Damit war die Scherzeinlage beendet, denn jetzt erregte die Holzkiste, die sie aus dem Kanu geschleppt hatten, ihre ganze Aufmerksamkeit.
Diesmal wurde der Kutscher rabiat, ein Umstand, der nur selten auftrat. Aber wenn er rabiat wurde, dann gleich richtig.
„Mein Besteck!“ brüllte er. „Laßt die Finger von meinem Arztbesteck, sonst holt euch verlauste Hurenböcke der Teufel! Das ist nicht für eure Griffel, verdammt noch mal. Haut ab!“ brüllte er noch lauter. „Ihr könnt damit nichts anfangen!“
Vor ohnmächtiger Wut knirschte er mit den Zähnen. Dann begann er sich in den Fesseln zu winden und lief rot an. In diesem Augenblick sah er völlig unbeherrscht aus.
Zu Recht allerdings, obwohl Carberry nur noch staunte. Denn jetzt hatten die Arawaks die Kiste geöffnet und holten alles heraus, was sich darin befand.
Einer hielt staunend eine funkelnde Schere hoch, ein anderer hantierte unwissend mit einem scharfen Skalpell, während ein dritter völlig verständnislos eine Knochensäge betrachtete und damit in der Luft herumfuchtelte.
„Saubande!“ brüllte der Kutscher, außer sich vor Wut. „Leg das Verbandszeug in die Kiste zurück, du aufgetuchtes Rübenschwein! Und du nimm die Griffel von der Salbe, du Jauchetreter!“
Der Profos schluckte trocken, als er das hörte. Er starrte den Kutscher an und kriegte das Maul vor Staunen nicht mehr zu. Das waren ja ganz liebliche, aber vom Kutscher nur selten gehörte Töne. Der legte vielleicht los, der beleidigte die ganze Ahnenreihe der Arawaks mit den übelsten Schimpfnamen und wünschte ihnen allen die Pest an den Hals.
Als er so lostobte, drehte sich der Häuptling erstaunt um.
„Laß das Zeug liegen, du Oberschnapphahn!“ brüllte der Kutscher. „Ihr kapiert doch nicht, was das ist. Mann, wenn ich hier loskomme, dann gibt’s Senge nach allen Seiten! Und in deinen Indianerhals schlag’ ich fünf Knoten!“
Dem Profos stand immer noch die Futterklappe offen. So zornig hatte er den Kutscher noch nie gesehen. Wenn der so weitertobte, dann riß er glatt den Baum aus, an den er gefesselt war.
Sogar Sir John war ganz verstört, als der Kutscher brüllte. Erschrocken flatterte er höher in die Astkrone des Baumes.
„Junge, Junge“, murmelte Carberry heiser, „wer hätte das von dem lieben Kutscherlein gedacht!“
Aber dem war jetzt alles egal. Es ging um sein Besteck, und da war ihm alles gleich. Erneut begann er loszubrüllen und zu toben, daß die Indianer erschrocken zusammenfuhren. Völlig perplex starrten sie auf den krebsrot angelaufenen Mann, der ihren ehrwürdigen Ahnen mitleidlos die Knochen abfluchte.
6.
Coanabo war sehr beeindruckt von dem, was der schmalbrüstige Mann hier zum besten gab: Gerade eben war er doch noch von beeindruckender Freundlichkeit gewesen, und jetzt legte er los, daß er nicht mehr wiederzuerkennen war.
Völlig unberechenbar sind diese Weißen, dachte Coanabo. Erst sind sie friedlich, gleich darauf gebärden sie sich wie toll.
Was war nur in den freundlichen Mann gefahren – ein Geist oder Dämon?
Coanabo trat näher an den Kutscher heran und blickte forschend in das wutverzerrte Gesicht. Er sprach wieder Spanisch.
„Was erregt dich so, weißer Mann?“
„Was mich erregt?“ brüllte der Kutscher. „Diese verfluchten Kerle regen mich auf! Sie sollen ihre dreckigen Pfoten gefälligst von meinem Besteck lassen, sonst schneide ich ihnen die Hälse durch. Verklar ihnen das, sonst ist hier der Teufel los.“
„Besteck?“ fragte Coanabo verwirrt. „Was ist Besteck?“
„Ich bin Arzt!“ brüllte der Kutscher in der alten Lautstärke, als hätte er einen Schwerhörigen vor sich. „Ich Arzt, verstanden? Kapiert? Medizinmann! Ich Medizinmann! Und deine Kerle haben nicht das Recht, mit den kostbaren Geräten herumzuspielen, verdammt noch mal. Sie sollen die Sägen, Messer und Scheren liegen lassen und nicht damit wie die Blödmänner herumfuchteln.“
Coanabo trat wieder einen Schritt zurück.
„Der wird dir jetzt den Hals durchschneiden“, raunte Carberry, „du hast ihn schwer beleidigt.“
„Einen Scheiß habe ich!“ tobte der Kutscher. „Und wenn, dann ist es mir auch egal.“
Carberry schwieg beeindruckt und fassungslos. Aber er hatte das Gefühl, als bahne sich hier etwas Schreckliches an.
Der Häuptling wurde hellhörig. Er blickte den Kutscher nachdenklich an und musterte ihn. Kurz darauf kräuselten sich seine Lippen verächtlich nach unten.
Arzt, Medizinmann, überlegte er. Sicher war das ein Medizinmann für die Minen der Spanier, in denen er als Sklave hatte schuften müssen. Da war auch ein weißer Medizinmann zuständig gewesen, doch das war einer, der die Indianer nicht heilte, sondern umbrachte, wenn sie krank und geschwächt waren. Dieser weiße Medizinmann in den Minen hatte sich nur um seine eigenen Landsleute gekümmert. Die wurden bei dem kleinsten Wehwehchen umhätschelt und versorgt, während sich der Halunke um die Sklaven überhaupt nicht gekümmert hatte.
Dreißig Jahre war das jetzt schon her, aber Coanabo hatte das nicht vergessen, und er würde es auch sein Lebtag nicht vergessen, wie man sie damals behandelt hatte – wie das letzte Vieh.
Bitterkeit stieg in ihm auf, aber da war auch etwas, was ihn an diesem Mann beeindruckte. Schön, dann sollte er unter Beweis stellen, was für ein großer Medizinmann er war. Coanabo hatte einen schwerkranken Enkel, einen kleinen Jungen.
Aus harten Augen sah er den Kutscher an, aber der gab den Blick wutentflammt zurück und maß zornig die Kerle, die immer noch Scheren, Knochensägen und andere Instrumente in den Händen hielten und damit Löcher in die Luft stachen.
Ruckartig wandte sich der Häuptling ab. Er blickte in Richtung der Pfahlbauten und rief mit lauter Stimme ein paar Worte über das Wasser.
Aus einer der Hütten trat eine junge Frau auf die Plattform hinaus. Sie hielt einen kleinen braunhäutigen und schmalen Jungen an der Hand, der leise vor sich hin wimmerte. Das leise Klagen war bis an den Strand zu hören.
Coanabo sagte wieder etwas zu einem der Arawaks. Der nickte hastig, stieg in ein Kanu und paddelte schnell hinüber.
Die Männer der „Empress“ sahen sich an und wußten nicht, was sie von der Sache halten sollten.
„Was haben die vor?“ fragte Sven Nyberg leise.
„Frag mich was Leichteres“, maulte der Kutscher, „bin ich vielleicht ein Indianer?“
„Nein, aber großes weißes Medizinmännchen“, sagte Sven grinsend.
Gespannt verfolgten sie, was weiter geschah. Nur der Kutscher warf immer noch zornige und empörte Blicke auf die Kerle, die mit seinem kostbaren Besteck spielten. Es wurmte ihn auch mächtig, daß der Häuptling sie mit keinem Wort aufgefordert hatte, die Sachen wegzulegen. Sie staunten die blitzenden Instrumente immer noch an.
Die Frau und der Junge stiegen Hand in Hand in das Kanu. Das kleine Kerlchen wimmerte immer noch leise vor sich hin, während die Mutter ihm offenbar beruhigend zuredete. Schon von hier aus war zu erkennen, daß die Frau ausnehmend hübsch war.
Als das Kanu auf den Strand lief, sprang die Frau leichtfüßig heraus. Dann nahm sie wieder den Jungen an der Hand und ging zu Coanabo, der den beiden entgegensah.
Carberry starrte auf die Frau, dann auf den Jungen. Dann wechselte seine Blickrichtung vom Häuptling auf den Kutscher, dessen heiliger Zorn immer noch nicht verraucht war.
Die Indianerin war gut gebaut, hatte ein sanftes, weiches Gesicht und kohlschwarze Augen. Sie schenkte den Männern an den Bäumen nur einen flüchtigen Blick. Ihre ganze Aufmerksamkeit galt dem Jungen, der wie ein Häufchen Elend am Strand stand und den Kopf tief gesenkt hielt.
Coanabo musterte den Kleinen mitleidig, strich ihm über die Haare und sagte etwas zu ihm. Der Kleine wimmerte jetzt etwas leiser.
Dann drehte der Häuptling sich um, sah sich die Messer an, die immer noch im Sand lagen, hob eins auf und näherte sich dem Kutscher. Seine Augen glitzerten kalt.
Der Profos hat anscheinend doch recht, dachte der Kutscher. Sieht so aus, als will der Kerl mir den Hals durchschneiden. Aber das ergab wiederum keinen Sinn, und etwas völlig Sinnloses tat ein Häuptling wie dieser Coanabo nicht.
Der Profos wand sich in seinen Fesseln. Er sah seine Theorie bestätigt und glaubte, daß es dem Kutscher wegen seiner üblen Flucherei jetzt ernsthaft an den Kragen gehe. Aber sosehr er auch zerrte und sich wand – die Stricke hielten eisern. Trotz seiner Bärenkräfte konnte er sie nicht einmal lockern.
Coanabo trat einen schnellen Schritt vor. Das Entermesser blitzte im Sonnenlicht, als es auf den Kutscher zufuhr. Der verzog keine Miene und schloß nicht einmal vor Entsetzen die Augen.
Zwei rasche Schnitte, und schon fielen die Fesseln, die den Kutscher am Baumstamm hielten.
Die anderen stießen tief die Luft aus und sogen sie gleich darauf wieder gierig ein.
Der Kutscher lebte noch und erfreute sich bester Gesundheit. Trotzdem lag eine unheilschwangere Atmosphäre über dem Strand. Jeder spürte das überdeutlich, als sei die Luft wie vor einem Gewitter geladen.
„Sieh dir den Jungen an!“ befahl Coanabo dem Kutscher. Er schob das wimmernde Kerlchen einen Schritt auf den Kutscher zu.
Der Kutscher rieb sich erst einmal die Hände und massierte seine Gelenke, damit das Blut wieder besser zirkulierte.
Jeder andere hätte den Befehl sofort befolgt, aber der Kutscher konnte auch eigensinnig und sehr bockig sein, wenn ihm etwas gegen den Strich ging. Und das war immer noch der Fall. Es ging ihm verdammt gegen den Strich, daß die Instrumente noch nicht in der Kiste lagen und die Kerle auch weiter damit spielten.
Er wußte, daß er sehr hoch reizte, trotzdem setzte er alles auf eine Karte. Er war nicht nur ein guter Feldscher, er war auch ein guter Psychologe, wie sich noch herausstellen sollte.
Daher schüttelte er zum Entsetzen der anderen Männer den Kopf.
Der Profos stöhnte unterdrückt. Himmel, was fiel dem Kerl eigentlich ein, sich ausgerechnet jetzt wie ein störrischer Esel aufzuführen, jetzt, da alles auf der Kippe stand!
Er warf dem Kutscher einen erbitterten Blick zu, aber der Kerl zuckte nur mit den Schultern und blieb kalt bis in die Knochen.
„Nein“, sagte er klar und fest. „Erst sollen die Kerle mein kostbares Besteck sauber und vorsichtig in die Kiste legen. Wenn sie das getan haben, werde ich mir den Jungen anschauen. Sonst läuft hier überhaupt nichts.“
Der Häuptling sah aus, als habe ihn der Schlag getroffen. Er wurde aus diesem Mann einfach nicht mehr schlau. Kaum war er von den Fesseln befreit, da stellte er Ansprüche. Vielleicht war er wirklich ein so guter Medizinmann, daß er sich das erlauben konnte.
Der Kutscher blieb stocksteif stehen und sah Coanabo fest und unnachgiebig in die Augen.
Carberry hätte sich jetzt gar zu gern den Schweiß von der Stirn gewischt, doch die Fesseln verhinderten das. So blies er sich nur eine Haarsträhne aus der Stirn, und auch die blieb kleben, weil auf seiner Stirn Schweißperlen standen.
Einen Moment verharrte der Häuptling unentschlossen. Dann fiel sein Blick auf den wimmernden Jungen, und er schluckte trocken.
Er drehte sich erneut um und bellte zwei, drei Worte in die Gegend.
Die Autorität, die er hier genoß, zeigte sich sofort. Jene Arawaks, die noch das Besteck des Kutschers in den Händen hielten und sich kaum von den glitzernden Sachen trennen konnten, gehorchten augenblicklich.
Einer nach dem anderen trat an die Kiste und legte Messer, Schere, Säge oder Skalpell sehr behutsam hinein. Auch der Kerl mit den Salbentöpfen hatte es verdammt eilig, Töpfe und Pinzetten loszuwerden.
Der letzte, der das Verbandszeug in den Pranken hielt, überschlug sich fast vor Eifer. Auch er packte alles fein säuberlich und sehr vorsichtig hinein und schloß sogar noch den Deckel der Kiste.
„Zufrieden?“ fragte der Häuptling knapp.
„Sehr zufrieden“, erwiderte der Kutscher höflich. In seine Mundwinkel hatte sich ein Grinsen eingegraben, aber das sahen nur die, die ihn ganz genau kannten. Die Indianer bemerkten es nicht.
„Dann sieh dir jetzt den Jungen an.“
Diesmal klingt der Ton schon anders, dachte der Kutscher. Das waren fast die lieblichen Klänge von Schalmeien, es klang auch mehr bittend und nicht mehr so fordernd.
„Du bist ein weiser Mann, Coanabo“, sagte der Kutscher noch. „Auf dieser Basis werden wir uns sicher gut verständigen.“
Dem Profos gingen ob solcher Töne fast die Haare aus. Am liebsten hätte er sie sich gerauft, doch auch das war unmöglich.
Verdammt, dem Kutscher müßte man direkt einen Orden verleihen, dachte er, der hat wirklich einen verdient. Vielleicht den Orden vom großen Medizinmann mit der übergroßen Klappe, der demnächst noch hier im Urwald regieren würde.
Der Kutscher hätte jedenfalls seine Grenzen genau abgesteckt und war eiskalt dabei geblieben. Beklommen dachten die anderen, daß es auch anders hätte laufen können.
Jetzt beugte sich der Kutscher mitleidig zu dem kleinen Jungen hinunter, legte ihm freundlich die Hand auf die schmale Schulter und sah ihn an.
Das Kerlchen stand bibbernd vor ihm, als es berührt wurde. Es hatte zwar keine Angst aber die Berührung durch den fremden, so ganz andersfarbigen Mann machte ihn doch beklommen.
Der Kutscher blieb ruhig und redete auf den Kleinen ein, obwohl der kein Wort verstand. Darauf kam es aber auch nicht an – seine Stimme allein wirkte beruhigend.
Das Kerlchen hörte auf zu bibbern und sah den Kutscher aus großen, fiebrig wirkenden Augen an. Der Kutscher ahnte bereits etwas, als er das verquollene Gesicht sah.
Durch Gesten bedeutete er dem Kleinen, den Mund zu öffnen, wobei er eine Hand liebevoll auf den fiebrigen Kopf legte.
Ja, der Kleine hatte Fieber, auch fiebrige, glanzlose und matt scheinende Augen, die wie verschleiert wirkten.
Dann öffnete er vorsichtig den Mund, und der Kutscher drückte ihm ebenso vorsichtig die Zunge nach unten. Dann sah er in den Rachen.
Heiliger Himmel, dachte er. Das kleine Kerlchen hatte einen eitrigen Abszeß im Hals. Da war alles dick, verquollen, entzündet. Kein Wunder, daß der Junge ständig wimmerte. Er konnte auch nicht mehr essen und kaum noch schlucken. Selbst das Trinken mußte für ihn eine Qual sein.
Er dachte im Bruchteil einer Sekunde an seine Zeit bei Doc Freemont in England zurück. Sehr lange war er nicht mehr mit einem eitrigen Abszeß im Rachenraum konfrontiert worden. Etliche Jahre lag das schon zurück. Aber er wußte noch genau, was in diesem Fall getan werden mußte. Aufstechen, den Eiter abfließen lassen, sonst erstickte das arme Kerlchen bald.
„Was ist los?“ fragte Old O’Flynn neugierig. „Was hat er?“
„Einen eitrigen Abszeß im Hals“, erklärte der Kutscher gelassen. „Da hilft alles nichts – ich muß schneiden.“
Old O’Flynn wurde sichtlich blaß und rang nach Fassung. Er spürte, daß ihm eine Gänsehaut über den Rücken kroch.
„Himmel, wenn das nur gutgeht“, murmelte er beklommen. „Wenn nicht, dann läßt uns der Kerl die Köpfe absäbeln.“
„Damit rechne ich auch. Es muß eben gutgehen. Du kannst mir ja den Daumen halten.“
„Sicher, sicher“, versprach Old O’Flynn, „alles, was du willst. Bau bloß keinen Mist, Kutscher.“
„Verschlimmert wird die Sache dadurch, daß der Kleine ein Enkelchen vom Häuptling ist“, sagte der Kutscher lässig. „Das zählt natürlich gleich zehnfach.“
Old O’Flynn begann noch mehr zu bibbern. Teufel, Teufel auch, dachte er, da hatten sie sich ja was Feines eingebrockt.
Laß den alten Rutschensauser nur ein bißchen zittern, überlegte der Kutscher. Schließlich hatten sie das alles seiner Dösigkeit zu verdanken.
Der Kutscher drehte sich zu Coanabo um, zeigte in den Hals des Jungen und erklärte ihm kühl und lässig, was ihm fehlte.
„Ist das sehr schlimm?“ fragte der Häuptling.
„Sehr schlimm“, bestätigte der Kutscher. „Und dazu brauche ich die Instrumente, mit denen die Kerle herumgespielt haben. Du siehst also, daß so etwas über Leben und Tod entscheiden kann. Daher war meine Wut auch berechtigt.“
„Kannst du ihn heilen?“
„Ich werde es versuchen. Natürlich ist das sehr kompliziert. Ich frage mich nur, warum euer Medizinmann das nicht tut. Oder habt ihr etwa keinen?“
Der Kutscher registrierte kühl, daß Coanabo etwas verlegen wurde.
„Er hat es versucht, aber es ist nicht besser geworden. Außerdem ist der Medizinmann zur Zeit selbst sehr krank.“
„Aha“, sagte der Kutscher höflich. Der Kerl wollte nur nicht zugeben, daß er nicht helfen konnte, und so spielte er vorsichtshalber den kranken Mann.
„Da ist noch etwas“, meinte der Kutscher so nebenbei. „Eine Hilfe ist die andere wert, wie man so schön sagt. Da es ein äußerst komplizierter Fall ist, verlange ich, daß meine Kameraden befreit werden, wenn es mir gelingt, den Kleinen zu heilen.“
„Deine Kameraden werden befreit werden“, versprach Coanabo feierlich und nickend.
„Die geklauten Sachen müssen aber auch zurückgegeben werden. Das gehört sich so.“
„Ich verspreche auch das.“ Diesmal klang die Stimme nicht mehr so feierlich, eher etwas säuerlich.
„Und noch etwas, Häuptling: Wenn mir das alles gelingt, dann möchte ich dich bitten, daß du uns mit deinen Leuten hilfst, das aufgelaufene Schiff von der Sandbank abzubergen.“
Coanabo schluckte hart. Er sah sein Enkelchen an und nickte wieder.
„Was ist, wenn es dir nicht gelingt?“ fragte er dann.
„Dann weiß ich auch nicht weiter“, sagte der Kutscher. „Aber ich werde mir die größte Mühe geben.“
„Falls es nicht gelingt“, sagte Coanabo drohend, „wird keiner deiner Wünsche erfüllt werden. Ich hoffe, du hast mich verstanden.“
„Ich hoffe, wir haben uns verstanden“, erwiderte der Kutscher, wobei er auf das Wörtchen „wir“ eine ganz besondere Betonung legte.
Coanabo gab keine Antwort. Aber er nickte zustimmend.
7.
Von nun an umgab sich der Kutscher mit einer geheimnisvollen Atmosphäre. Ein bißchen Brimborium gehörte nun einmal zu einem solchen Ritual, das wurde fast erwartet. Der Medizinmann der Arawaks war sicher auch einer von der geheimnisvollen Sorte, warum sollte er da als weißer Medizinmann nicht nachziehen?
In diesem Fall war der Kutscher ein guter Psychologe. Von ihm erwartete man große Medizin. Sollen sie haben, dachte er.
Natürlich würde er nicht einbeinig herumhüpfen und beschwörende Lieder singen oder Zaubersprüche aufsagen. Er würde die Burschen ganz anders beeindrucken.
„Zunächst einmal“, sagte er, „müssen die Gaffer verschwinden, die stören mich bei der Arbeit nur. Ich mag keine Zuschauer. Selbstverständlich schließt das dich und die Mutter des Jungen aus.“
Als der Kleine wieder halb erstickt zu wimmern anfing, scheuchte Coanabo die Gaffer weg und schickte sie zu jener Stelle, wo die Mangrovenwälder begannen. Von dort aus konnten sie zusehen.
Ausnahmslos alle gehorchten sofort und verschwanden.
„Jetzt brauche ich meine beiden Assistenten“, sagte der Kutscher.
„Was sind Assistenten?“ fragte der Häuptling unsicher.
„Meine Helfer, die jungen Medizinmänner.“ Der Kutscher deutete auf Philip und Hasard, die sich eisern das Grinsen verbissen, als sie zu „jungen Medizinmännern“ ernannt wurden.
Was der Kutscher damit bezweckte, war auch den anderen klar. Wenn Hasards Söhne, jung, wie sie waren, ihm zur Hand gingen und assistierten, wurde der Häuptling sehr erstaunt sein.
Aber der Kutscher bezweckte auch noch etwas anderes damit. Die beiden waren pfiffig und bewahrten kühle Köpfe, auch in sehr heiklen Situationen, wie diese eine war. Oft genug auch hatten sie ihm assistiert, wenn er Verletzungen versorgt hatte. Die Burschen kannten keine Angst, und sie rannten auch nicht weg, wenn einmal Blut floß. Sie waren genau die richtigen für ihn.
Coanabo glaubte tatsächlich, sich verhört zu haben, als der Kutscher auf die Zwillinge deutete. Diese jungen Burschen hatten schon vorhin sein Interesse erregt, denn einer sah aus wie der andere. Zudem hatten sie solche eisblauen Augen, wie er sie noch nie an einem Menschen gesehen hatte.
„Das sind deine Helfer?“ fragte er ungläubig.
„Ja, sie lernen noch, aber ohne sie komme ich nicht aus, denn es wird sehr schwierig werden.“
Die Worte brachten Coanabo erstaunlich schnell in die Wirklichkeit zurück. Hier ging es um das Leben seines Enkelkindes, und da durfte er nicht länger zögern, wenn der weiße Medizinmann seine Helfer dringend brauchte.
Ohne zu zögern, nahm Coanabo das Messer, schritt auf die Bäume zu und zerschnitt die Fesseln von Philip, wobei er ihn neugierig musterte.
Dann war Hasard an der Reihe, und alle beide rieben sich die Handgelenke. Sie waren noch nicht richtig frei, als sie auch schon die Holzkiste mit den Instrumenten holten.
Die junge Frau hielt immer noch den Jungen. Weit im Hintergrund standen reglos die Indianer und sahen aus der Ferne zu, was da am Strand geschah. Auch Coanabo stand da, hoch aufgerichtet überblickte er mit einer gewissen Neugier die Szene. Auf den Zwillingen blieb sein Blick immer wieder hängen.
Aber er ließ auch den Kutscher nicht aus den Augen, den schmalbrüstigen, energischen Mann, der ein so sicheres Auftreten hatte. Das beeindruckte ihn am meisten. Dieser Mann war nicht hitzig, sondern blieb meist kühl, bis auf das Gebrüll, das er veranstaltet hatte, als ihm seine Instrumente entwendet worden waren. Da hatte er einen Tobsuchtsanfall gekriegt.
Coanabo sah das jetzt jedoch ganz anders. Der weiße Medizinmann brauchte diese funkelnden Geräte, um damit das Leben seines Enkels zu retten und das vieler anderer Menschen. Das war etwa so, als würde man seinem Medizinmann das Rauchpulver, die Knochenstücke oder die anderen – Gerätschaften wegnehmen, um damit zu spielen.
„Das hier ist eine verdammt ernste Sache“, erklärte der Kutscher, „und auf euch beide kommt es wesentlich an, das habe ich nicht nur so zum Spaß gesagt. Entzündet jetzt zuallererst einmal ein Feuerchen. Das brauche ich, um das lange Skalpell zu erhitzen, damit es sauber ist. Flint und alles andere findet ihr bei dem Zeug, das die Burschen uns geklaut haben. Holz liegt auch genügend herum. Es soll nur ein kleines Feuerchen werden. Alles klar?“
„Alles klar, Kutscher, Sir“, sagten beide.
Dann holten sie das Zeug und sammelten ein paar Holzstücke zusammen.
Coanabo stand da und beobachtete mit großen Augen, wie flink die Jungen zu Werke gingen.
Aber auch die anderen sahen zu, alle mit besorgten Gesichtern.
„Weißt du, was uns blüht, wenn der Kutscher es nicht schafft?“ raunte Old O’Flynn dem Profos zu.
„Sicher. Sie werden zuerst dich in den Boden rammen und warten bis dein Holzbein ausschlägt und Blumen darauf wachsen. Rosen vielleicht oder Orchideen, können auch Mangroven sein. Dann siehst du selbst wie ein vertrockneter Busch aus.“
„Die schneiden uns die Hälse durch“, wisperte der Alte, „oder sie schicken uns zu den Chickcharnies in die Sümpfe.“
„Dich vielleicht, an dir ist ja nicht viel dran. Die anderen wandern in die Fleischtöpfe.“
„Mir ist verdammt mulmig zumute“, sagte Old Donegal.
„Mir überhaupt nicht, ich habe mich selten so gefreut und amüsiert, hauptsächlich über deine Dusseligkeit.“
„Dir werden die blöden Witze schon noch vergehen.“
Das glaubte der Profos unbesehen. Er hatte schließlich gehört, was der Häuptling gesagt hatte. Er hatte nicht offen gedroht, nur dem Kutscher verklart, daß im Falle eines Mißlingens die Wünsche oder Forderungen nicht erfüllt werden würden. Mehr hätte der Häuptling auch gar nicht zu sagen brauchen, das sagte eh alles.
Inzwischen flackerte am Strand ein kleines Feuerchen, das die Zwillinge in erstaunlich kurzer Zeit angezündet hatten. Auch darüber war der Häuptling verblüfft.
„Feuer brennt, Sir“, meldete Philip.
„Sehr gut. Jetzt müßt ihr ein paar Tupfer bereitlegen, ebenfalls die Tinktur in der braunen Flasche. Damit werden die Tupfer getränkt und der Abszeß bepinselt. Das ist eine Lösung, die zugleich heilt und auch entzündungshemmend wirkt. Dazu brauche ich noch die große Pinzette. Bringt das alles hierher und breitet es auf dem Stück Segeltuch aus. Danach wird es dann etwas schwieriger.“
Die Zwillinge flitzten, kramten in der Kiste, brachten das Segelleinen und breiteten darauf alles das aus, was der Kutscher angefordert hatte.
Viele Augenpaare musterten sie bei ihrem geschäftigen Treiben.
„Jetzt hört mir gut zu“, sagte der Kutscher. „Wir setzen das Kerlchen da drüben an den Baumstamm. Ihr baut euch rechts und links von ihm auf und haltet seinen Kopf fest. Unter fest verstehe ich, daß ihr ihn so in die Klemme nehmt, daß der Kleine sich absolut nicht rühren und bewegen kann. Er darf auf keinen Fall zucken, wenn ich die Eiterbeule aufschneide. Es liegt also viel an euch, ob alles gut verläuft.“ Sehr freundlich fügte er noch hinzu: „Falls das Kerlchen doch mit dem Kopf ruckt, wenn ich das Messer in seinem Hals habe, dann sind wir alle im Arsch. Das hört sich drastisch an, aber die Sprache versteht ihr ja. Alles klar, Leute?“
„Aye, aye, Sir, du kannst dich auf uns verlassen. Das Kerlchen wird denken, es stecke in einer Schraubzwinge.“
Die beiden blieben äußerst kühl und gelassen, als sie das sagten. Nicht die geringste Erregung war ihnen anzumerken.
Jetzt wandte sich der Kutscher freundlich lächelnd an den Häuptling und die Mutter des Jungen.
„Erschreckt nicht, wenn gleich etwas Blut fließen wird. Der Kleine wird Blut und Eiter spucken, aber das gehört nun mal dazu. Er wird euch aber auch bestätigen, daß es ihm danach sofort wieder bessergeht. Er kann dann wieder schlucken und wird Erleichterung verspüren. Die Mutter soll auch dem Kleinen sagen, er möge keine Angst haben und es werde alles gut, weil der große Medizinmann aus dem Land sehr weit im Osten extra angereist ist, um ihn zu heilen. Würdest du das der Mutter bitte übersetzen, Häuptling?“
Coanabo hörte genau zu, und er nickte immer wieder, als der Kutscher ihm das sagte.
Die Zwillinge blickten zum Mangrovengestrüpp hinüber, weil sich da etwas bewegt hatte. Dort schob sich gerade ganz gemächlich ein Kaiman aus dem Wasser und kroch an Land, um sich zu sonnen. Er platschte sich in den seichten Morast und riß weit den Rachen auf.
Keiner der Krieger kümmerte sich um das Tier, obwohl es sich in ihrer unmittelbaren Nähe befand. Aber auch die Riesenechse ließ sich durch die Männer nicht stören.
Hasard und Philip sahen sich an. Beide dachten daran, daß sie heute nacht in diesem See geschwommen waren, um das Kanu zu holen. Also gab es hier doch Krokodile, und sie fühlten sich etwas unbehaglich.
Inzwischen übersetzte Coanabo der Mutter alles das, was der Kutscher ihm erzählt hatte. Auch sie hörte sehr aufmerksam zu, bückte sich dann zu dem Kleinen, zeigte auf den Kutscher und sprach längere Zeit mit ihm.
Der Kleine blickte den Kutscher aus seinen schwarzen Knopfaugen ziemlich ernst an und nickte zaghaft.
„Sag ihm auch, es wird für einen kleinen Augenblick etwas weh tun, aber danach ist es auch schon vorbei. Es ist besser, wenn der Junge das vorher weiß.“
Auch das wurde wieder sofort übersetzt. Der Kleine nickte tapfer.
Inzwischen hatte Hasard das Skalpell ins Feuer gehalten. Die anderen brachten den Jungen zum Baum hinüber, wo er auf dem Boden Platz nahm.
Hasard kehrte zurück und überreichte dem Kutscher das scharfe und lange Skalpell so, daß es der Kleine nicht mitkriegte. Dann bauten sie sich rechts und links vor dem Kerlchen auf und hielten ganz behutsam seinen Kopf fest. Der Druck wurde immer stärker, bis der Kleine sich nicht mehr rühren konnte.
„Fertig?“ fragte der Kutscher. „Habt ihr ihn absolut fest?“
„Absolut, Sir. Es kann losgehen.“ Die beiden zeigten immer noch Gelassenheit und blickten das Kerlchen freundlich an.
Dem Kutscher standen ganz feine Schweißperlen auf der Stirn, als er sich auf den Boden kniete und in den offenen Mund des Kleinen sah.
Himmel, ist das ein Ding, dachte er.
Vorsichtig führte er das Skalpell ein. Seine Hände zitterten nicht, er blieb ganz ruhig, denn er wußte, was von diesem Eingriff abhing, nämlich ihr Leben und das Leben des Jungen. Er mochte sich nicht vorstellen, daß etwas schiefgehen könnte.
Der eisenharte Profos blickte zur Seite, während Old Donegal vorsichtshalber die Augen schloß. Martin, Nils und Sven stand der Schweiß in dicken Tropfen auf der Stirn.
Die Mutter des Jungen hatte sich abgewandt, nur der Häuptling stand aufrecht da und sah mit ernstem Gesicht der Prozedur zu.
Das Kerlchen selbst hielt die Augen krampfhaft geschlossen und den Mund weit geöffnet. Es zuckte nicht einmal, und es bewegte den Kopf um keinen Deut, denn die Zwillinge hielten es eisern fest.
Die Prozedur dauerte nur wenige Minuten, dann spuckte der Kleine Eiter und Blut.
Du meine Güte, dachte der Kutscher, das schießt ja nur so heraus! Er ließ den Kleinen spucken, bis er aufhörte, erst dann betupfte er sehr vorsichtig die Wunde.
Innerhalb von drei Minuten war alles vorbei. Dem Bürschchen rann eine Träne aus dem Auge. Jetzt öffnete er sie langsam, sah den Kutscher an und grinste zaghaft und etwas scheu.
Der Kutscher legte ihm die Hand auf die Schulter und grinste ebenfalls sehr erleichtert. Die Zwillinge ließen los, und da konnte das Kerlchen wieder aufstehen.
Der Kleine schluckte einmal kräftig und sah dann seine Mutter mit strahlenden Augen an. Dann schnatterte er etwas mühsam drauflos.
Coanabo lachte plötzlich. Über sein Gesicht glitt ein Schimmer der Freude. Auch die Mutter strahlte.
„Er sagt“, übersetzte der Häuptling, „er kann jetzt wieder schlucken und es tut auch nicht mehr so weh. Es kratzt nur ein wenig im Hals.“
„Das gibt sich bald. Der Kleine darf jetzt aber bis morgen mittag nichts essen, damit alles gut verheilt. Das ist sehr wichtig. Und er soll auch nicht herumtollen, sondern ruhig bleiben.“
Auch das wurde der überglücklichen Mutter übersetzt. Daraufhin griff der Kleine nach der Hand des Kutschers und grinste wieder.
„Großer Medizinmann“, lobte der Häuptling. „Du bist ein sehr guter Medizinmann. Wir alle danken dir aus ganzem Herzen.“
Verlegen grinsend wehrte der Kutscher den Dank ab und sah sich um. Er hatte gar nicht gewußt, daß er so viele Zuschauer bei seinem Eingriff gehabt hatte. Jetzt erst sah er sie ganz bewußt. Auf den Plattformen der Hütten standen sie – junge und alte, Frauen und Kinder, die jetzt die Arme hochrissen und jubelten, als Coanabo verkündete, daß der große Medizinmann aus dem fernen weiten Land den Jungen geheilt hätte.
Da strömten auch die Krieger herbei, die der Kutscher vorhin weggescheucht hatte. Kutscher und Zwillinge wurden umringt und angestaunt. Ein unglaubliches Palaver und Geschnatter setzte ein.
„Ich werde ab und zu nach dem Jungen sehen und mich um ihn kümmern“, versprach der Kutscher, doch das hörte Coanabo schon gar nicht mehr. Er nahm sein Enkelkind in die Arme, setzte es dann wieder auf den Boden, ging zu den Gefangenen hinüber und schnitt ihnen die Fesseln durch. Augenblicke später waren alle frei.
„Ihr seid keine Feinde“, verkündete Coanabo. „Ihr seid Freunde, die anderen helfen!“
Damit war der Kutscher der Mann des Tages. Er mußte ein endloses Händeschütteln über sich ergehen lassen und wehrte immer wieder sehr verlegen ab.
Auch der Profos rückte an, strahlend, über das ganze narbige Gesicht grinsend. Er griff mit seinen riesigen Pranken nach den schmalen Händen des Kutschers und drückte sie herzhaft.
„Prächtig hast du das hingekriegt“, tönte er. „Ich habe doch immer gewußt, daß du ein prachtvoller Kerl bist, auf den man sich in jeder Lage verlassen kann. Du bist wirklich ein großer Medizinmann.“
„Kein verlauster Entenarsch?“ fragte der Kutscher trocken.
Der Profos rieb sich etwas verlegen die Hände.
„Keine Rede davon, um Himmels willen! Einen verlausten Entenarsch hat dich doch nur Sir John genannt, und der hat doch keinen …“
„… Verstand, nicht wahr?“
„Der Geier hat wirklich keine Manieren, was, wie? Jetzt hockt er da oben und traut sich nicht herunter. Gelobt sei der große Medizinmann. Ohne dich wären wir ziemlich beschissen dran.“
Auch die anderen bedankten sich bei dem Kutscher. Old O’Flynn setzte ihm gerührt sein Holzbein auf den Stiefel und umarmte ihn.
„Kann ich Plymmie wieder holen?“ fragte Philip.
Das wurde ausdrücklich erlaubt, und so stieß Philip drei kurze scharfe Pfiffe aus. Für Plymmie war das das Zeichen, daß die Welt wieder in Ordnung sei.
Irgendwo aus dem Mangrovengestrüpp brach die Hündin hervor, ganz in der Nähe des Kaimans. Der Riesenechse klappte das Maul vor Schreck zu, als die Hündin an ihr vorbeifegte und laut bellte. Da der Kaiman solche Töne offenbar noch nie gehört hatte, floh er verstört und rasend schnell ins Wasser und tauchte ab.
Niemand kümmerte sich hier um die Echse. Sie gehörte ganz einfach zum täglichen Leben.
Inzwischen legten weitere Kanus von den Hütten ab, und immer mehr Indianer kamen herüber. Auch etliche Kinder waren dabei, die aufgeregt mit dem Kleinen palaverten. Der stand jetzt auch im Mittelpunkt und fühlte sich sichtlich wohl dabei.
Die Frauen schürten das Feuer und schleppten Früchte herbei. Als der Profos das sah, lief ihm das Wasser im Mund zusammen, und der Magen rutschte ihm bis in die Kniekehlen.
Coanabo ließ durch einen Krieger kühles Wasser an die durstigen Männer verteilen.
„Wir veranstalten einen Festschmaus“, sagte er zum Kutscher. „Ihr seid alle herzlich eingeladen. Sicher habt ihr Hunger.“
„Allerdings“, gab der Kutscher zu. „Seit unserer überstürzten Abreise haben wir nichts mehr gegessen. Vielen Dank.“
Immer mehr Frauen erschienen jetzt. Sie brachten noch mehr leckere Sachen, auch Geflügel wurde gerupft, Langusten, Krabben, Muscheln, Bananen, Kokosnüsse und Papayas wurden in die Nähe des Feuers getragen und dort ausgebreitet.
„Sie scheinen völlig unabhängig zu sein“, sagte der Kutscher erstaunt. „Und sie haben offenbar alles im Überfluß. Aber wo bringen sie das Zeug nur her?“
„Das weiß ich auch nicht“, sagte Carberry ratlos. „Sie tauchen wie aus dem Nichts auf und schleppen Zeug herbei. Aber wenn ich das so sehe, wird mein Hunger immer schlimmer.“
„Keine Sorge, für dich wird schon genügend abfallen, wir sind ja eingeladen worden. Ich werde mich mal ein bißchen umsehen und den Frauen in die Töpfe gucken. Man lernt immer etwas dazu.“
Die indianischen Frauen waren regelrecht entzückt, daß sich der große Medizinmann für ihre Kochkünste interessierte. Ein bißchen stolz waren sie auch, einen so weitgereisten Mann bei sich zu haben, und so war der Kutscher bald Hahn im Korb bei allen.
Schildkrötensuppe wurde zubereitet, Krabben, Langusten und Muscheln gekocht, Jams- und Kassavewurzeln wanderten in die Töpfe, und schon bald hing ein lieblicher Duft über dem Strand.
Hier scheint die Welt in Ordnung zu sein, dachte der Kutscher, denn diese Leutchen lebten zufrieden und anscheinend sorglos.
Eine knappe Stunde später begann der Festschmaus.
Der Profos sah wie ein hungriger Wolf in die Runde und konnte es kaum noch erwarten. Er ließ sich auch nicht lange bitten, als er zum Essen aufgefordert wurde. Er zeigte den staunenden Indianern, was so ein Profosmagen mengenmäßig alles vertrug.
Der Kutscher war neugierig darauf, die Geschichte dieses Stammes zu erfahren, und fragte Coanabo danach, der auch sofort bereitwillig erzählte.
„Diese Gegend hier war früher nicht besiedelt, es gab keine Menschen auf dieser Insel.“
„Aber man nennt euch Inselleute, genauer gesagt – Lucayaner.“
„Weil wir immer auf den Inseln lebten. Daher rührt der Name. Wir sind ein Stamm der reinblütigen Arawak-Indianer.“
„Dann habt ihr vorher auf einer anderen Insel gelebt?“
„Ja, auf Gigatio Gatas Gotas, wie die Spanier es nennen. Wir haben dort friedlich gelebt, bis die Spanier uns entdeckten. Sie nahmen uns gefangen und verschleppten uns nach Hispaniola. Dort mußten wir wie Tiere in einem Bergwerk für sie schuften. Zwei Jahre lang haben wir es ausgehalten. In dieser Zeit lernte ich die Spanier hassen, denn sie behandelten uns wie den letzten Dreck. Sie versorgten uns kaum, und kein Medizinmann kümmerte sich um uns, wenn wir krank waren. Viele meiner Brüder fanden in dem spanischen Bergwerk den Tod, viele andere kümmerten dahin.“
Obwohl das jetzt dreißig Jahre zurücklag, funkelte wieder Zorn in den Augen des Häuptlings auf, wenn er an die Schmach dachte, die man ihm und seinen Brüdern angetan hatte.
„Wir kämpfen gegen die Spanier“, sagte der Kutscher, „und wir fügen ihnen Verluste zu, wo immer es geht. Es ist ein jahrelanger und harter Kampf. Auf den Kopf unseres Kapitäns hat der spanische König eine hohe Summe ausgesetzt. Ihr hieltet uns also für Spanier, als ihr uns auf der Sandbank entdecktet. Mich würde interessieren, was ihr mit uns vorhattet.“
Der Zorn aus den Augen des Häuptlings verschwand wieder. Jetzt lächelte er unmerklich.
„Das will ich euch ehrlich sagen. Wir wollten euer Schiff ausschlachten und euch als Sklaven nehmen. Ich dachte mir, daß es mir Genugtuung bereiten würde, einmal umgekehrt zu verfahren. Wir haben für die Dons geschuftet, jetzt sollten sie einmal für uns schuften.“
Er kennt auch den Ausdruck „Dons“, dachte der Kutscher amüsiert.
Der Profos lachte und hieb sich auf die Schenkel.
„Das ist gut“, röhrte er, „das ist wirklich gut! Aber was hätten die Dons denn bei euch arbeiten sollen?“
„Wir hätten gute Verwendung für sie gehabt. Wir haben im Innern des nördlichen Inselteils große Felder angelegt, wo wir Mais, Gemüse, Jams und Früchte anbauen. Da gibt es immer Arbeit.“
„Dann seid ihr völlig unabhängig?“ fragte der Kutscher.
„So ist es. Es weiß kaum jemand, daß wir existieren. Wir haben so gut wie keine Kontakte zur Außenwelt. Alles, was wir zum Leben brauchen, bauen wir selbst an oder stellen es her.“
„Ihr betreibt keinerlei Tauschhandel?“
„Nein, mit den Spaniern wollen wir nichts zu tun haben, obwohl uns Werkzeuge, Stoffe, Waffen oder Töpfe fehlen. Das können wir leider nicht selbst herstellen.“
„Wir haben jahrelang Tauschhandel mit einem Stamm der Timucuas getrieben und uns immer prächtig verstanden“, erzählte der Kutscher. „Aber leider ging dieser Stamm bei einem Seebeben unter. Wir haben vor, uns auf einer der Inseln anzusiedeln, weil auch unsere vorherige Insel bei der Katastrophe zerstört wurde.“
Da wurde nicht nur der Häuptling hellhörig, auch die Arwenacks spielten bereits mit dem Gedanken, hier Kontakte anzuknüpfen, falls die Arawaks das wünschten. Der Kutscher traute sich nur noch nicht so richtig mit der Sprache heraus.
Doch Coanabo nahm den Gedanken sofort auf, als er hörte, daß sich die weißen Männer auf einer der Inseln ansiedeln wollten.
„Wir sind Freunde geworden“, sagte er ernst, „obwohl das vor ein paar Stunden noch nicht so aussah. Aber jetzt hat sich alles grundlegend geändert. Wenn ihr einverstanden seid, können auch wir Tauschhandel betreiben. Wir geben euch das, was ihr braucht, und ihr gebt uns das, was uns fehlt. So ist jedem geholfen.“
Alle waren von dieser Idee begeistert, und so wurde das gleich per Handschlag bekräftigt und besiegelt.
„Da wird Hasard staunen, wenn er das erfährt.“
„Da ist noch etwas“, meldete sich Old O’Flynn etwas zaghaft. „Ich wollte doch eine Kneipe bauen, und hier könnte man genau studieren, wie so eine Pfahlhütte richtig ins Wasser gesetzt wird. Wenn ich mir das mal anschauen könnte, hätte ich es später viel leichter.“
Coanabo verstand zwar anfangs nicht, was es mit der „Rutsche“ auf sich hatte, aber dann begriff er und versprach dem Alten, ihm genau zu erklären, wie so eine Hütte gebaut würde.
„Wie seid ihr den Spaniern entkommen?“ fragte der Kutscher nach einer Weile gespannt.
„Das Bergwerk, in dem wir uns fast zu Tode schufteten, war eines Tages nicht mehr ergiebig. Daher trieb man uns an Bord eines spanischen Sklavenseglers, der uns nach Kuba bringen sollte. Von Bord dieses Schiffes gelang es mir mit ein paar Stammesbrüdern zu fliehen. Wir haben eins der spanischen Beiboote gestohlen und sind damit nach Gigatio geflohen.“
„Und wir haben ein indianisches Kanu geklaut“, sagte der Profos lachend, „und wollten ebenfalls damit fliehen. Aber uns ist es nicht gelungen.“
Der Häuptling lachte ebenfalls und schüttelte den Kopf. Offenbar schien er sich sehr zu amüsieren.
„Die Flucht konnte auch nicht gelingen“, sagte er. „Ich werde euch nachher sagen, weshalb das unmöglich war. Aber zunächst möchte ich das andere zu Ende erzählen. Als wir mit der Jolle oder dem Beiboot die Insel erreichten, fanden wir dort noch ein paar Überlebende unseres Stammes, die den Spaniern entkommen waren. Es waren hauptsächlich Frauen und Kinder. Wir hatten aber Angst daß die Dons wieder auftauchten. Daher beschlossen wir, eine andere Insel zu suchen. So gelangten wir nach Andros und fanden im Norden dieser Insel eine neue Heimat. Der Stamm der Arawaks vermehrte sich langsam wieder, und ich wurde der Häuptling. Das ist jetzt dreißig Jahre her.“
„Und die Spanier haben euch nicht mehr belästigt?“
„Nein, sie haben sich hier nie blicken lassen. Sie nennen dieses Land die ‚Insel des Heiligen Geistes‘ und meiden es. Vielleicht sind sie abergläubisch oder haben Angst, in die Mangrovenwälder und Dschungel vorzudringen. Ich weiß es nicht. Es gibt viele und auch schreckliche Geschichten über diese Insel.“
Old O’Flynn nickte eifrig. O ja, da konnte er mitreden. Chickcharnies, kleine bärtige Elfen, Feuerteufelchen und was hier noch alles heimlich herumkrebste. Aber das mit den Chickcharnies wollte er doch genau wissen, und so fragte er den Häuptling danach.
„Viele meiner Brüder haben Elfen gesehen“, sagte er, „auch Chickcharnies haben schon ihren Schabernack mit ihnen getrieben. Aber mir selbst sind noch keine begegnet.“
„Vermutlich, weil du der Häuptling bist“, sagte Old O’Flynn. „Vor dir haben sie mehr Respekt, und deshalb zeigen sie sich nicht.“
„Mag sein“, sagte Coanabo. Dann erzählte er noch mehr über die Insel, die immer interessanter zu werden schien.
Zwischendurch wurde immer wieder gegessen und getrunken. Den herrlichen Speisen konnte niemand widerstehen, ganz besonders der Profos nicht, der einen gewaltigen Appetit entwickelte.
Der Kutscher kam noch einmal auf die Spanier zurück.
„Es ist auch möglich“, sagte er, „daß die Dons hier auf Andros bereits Landeversuche unternommen haben. Aber sie konnten nicht weiter vordringen, weil sie sich in dem Labyrinth aus Bächen, Flüssen und Seen nicht zurechtfanden. Da sie nichts Ergiebiges vermuteten, zogen sie wieder ab und erzählten den anderen, daß hier absolut nichts zu holen sei.“
„Das mag der Fall gewesen sein“, sagte Coanabo nachdenklich, „und daher können wir uns glücklich schätzen, dieses Fleckchen gefunden und besiedelt zu haben.“
Martin Correa hatte nun auch die Neugier gepackt, warum ihnen die Flucht nicht gelungen war, und so fragte er jetzt: „Du sprachst vorhin davon, daß es für uns ganz unmöglich wäre, zu fliehen. Warum war das ausgeschlossen? Wir haben uns zwar ein paarmal verirrt, aber vielleicht hätten wir doch einen Weg zum Meer und damit zur North Bight gefunden.“
Coanabo schüttelte amüsiert den Kopf. Sein Lächeln wirkte fast etwas schadenfroh.
„Das wäre möglich gewesen. Einen Weg hättet ihr sicherlich gefunden. Aber zu dem Zeitpunkt war die Bight bereits abgeriegelt, denn ich habe am frühen Morgen, als eure Flucht entdeckt wurde, sofort vier Kanus an die Mündung des Creeks geschickt. Und diese Krieger hätten euch erwartet und umzingelt.“
„Wir haben keine Kanus gesehen“, sagte der Kutscher erstaunt. „Wir haben auch nichts gehört.“
Das Lächeln in dem schmalen Gesicht verstärkte sich noch. Coanabo lachte leise.
„Wir kannten zu jeder Zeit euren genauen Standort“, erklärte er.
„Dann habt ihr uns Späher nachgeschickt.“
„Nein, wir haben keine Späher ausgeschickt. Aber wir haben unsere Wächter, die für uns pausenlos im Einsatz sind.“
Die Männer sahen sich verwundert an. Carberry kratzte sich das Kinn. Das Gesicht des Kutschers war nachdenklich geworden.
„Wächter?“ sagte er überlegend. „Ich versuche schon die ganze Zeit das zu erraten, aber ich komme nicht dahinter.“
Als Coanabo etwas zu seinen Unterhäuptlingen sagte, lachten auch die sehr amüsiert und freuten sich, daß die weißen Männer die Wächter nicht gesehen hatten.
Schließlich gab der Kutscher die Raterei auf.
„Unsere Wächter sind die Vögel, die Reiher und Flamingos“, erklärte der Häuptling. „Wir brauchten nur dahin zu schauen, wo auf einmal Vogelschwärme aufstiegen. Diese Tiere fliegen sofort auf, wenn sich Menschen zeigen. So konnten wir in aller Ruhe euren Weg genau verfolgen, ohne daß wir jemanden ausschickten. Ihr seid den Wächtern ständig begegnet, ohne es zu ahnen.“
„Himmel“, sagte der Kutscher und schlug sich gegen die Stirn. „Daran hat keiner von uns gedacht. Natürlich flogen die Tiere sofort auf, wenn sie uns sahen. Grandios! Demnach kündigen sie auch sofort an, falls jemand in die Gewässer eindringt.“
„Deshalb sind sie unsere verläßlichen Wächter.“
„Dann habt ihr ja ganz schön über uns gelacht“, meinte der Kutscher kläglich.
Die Kerle lachten auch jetzt noch, denn sie fanden es einfach köstlich, daß sie immer wußten, wo sich die nichtsahnenden Flüchtlinge befanden. Das freute sie wie kleine Kinder, denen eine Überraschung gelungen war.
Das üppige Mahl war beendet. Es ging jetzt auf den Spätnachmittag zu. Die Frauen räumten die Essensreste ab, und einige Indianer verschwanden, um noch einmal nach den Feldern zu sehen.
„Wann immer ihr uns verlassen wollt“, sagte Coanabo, „es steht euch frei. Ihr könnt so lange bleiben, wie ihr wollt.“
„Wir wollten morgen früh aufbrechen“, sagte der Kutscher, „denn wir wollen die Gewässer um die Inseln noch genauer erkunden, damit wir nicht wieder auflaufen.“
„Das war ein Rumbuddelauflauf“, sagte der Profos trocken und warf Old O’Flynn einen bezeichnenden Blick zu, der darauf allerdings nicht reagierte.
„Wir werden euch Hilfe leisten“, versprach Coanabo, „wie ich es versprochen habe. Wir weisen euch in die Gewässer um diese Insel genau ein. Aber jetzt werde ich dir die Hütten zeigen“, sagte er zu Old O’Flynn.
Der Alte war von der Idee begeistert und nahm auch noch die Zwillinge mit, weil sechs Augen mehr sähen als zwei, wie er sagte. Dann fuhren sie mit dem Häuptling und einem weiteren Indianer im Kanu auf den See hinaus, wo Old O’Flynn alles bestaunen, beklopfen und betasten konnte.
Der Kutscher wandte sich jetzt mit einem süffisanten Grinsen an den Profos, der gedankenverloren auf den See starrte.
„Wie war denn das Essen, Ed?“
„Himmlisch, ganz phantastisch“, schwärmte der Profos. „Das Geflügel war ganz besonders knusprig und herrlich gewürzt.“
„Geflügel?“ Der Kutscher tat erstaunt. „Ich habe das für Menschenfleisch gehalten.“
„Na, hör mal“, brauste Carberry auf, „du wirst doch wohl Geflügel- von Menschenfleisch unterscheiden können.“
„Letzteres habe ich noch nicht versucht“, sagte der Kutscher, „aber bei diesen Kannibalen habe ich nicht damit gerechnet, Hühnerfleisch vorgesetzt zu kriegen.“
„Kannibalen? Wie kannst du diese liebenswerten Leute als Kannibalen bezeichnen? Die tun doch keiner Fliege etwas zuleide.“
„Dann muß ich mich geirrt haben“, sagte der Kutscher. „Mir war immer so, als hätte ich etwas von Kesselkochern, Fleischhackern oder Oberfressern gehört. Hm, daß die uns nicht geschmort haben, was?“
„Na ja, das war ein bißchen voreilig von mir“, gab Carberry zu, „aber jetzt habe ich meine Meinung geändert.“
„Das freut mich aber wirklich. Dann sei in Zukunft nicht wieder so voreilig.“
„Aye, aye, Sir“, brummte der Profos.
„Gehst du mit – ich will mal nach dem Kleinen sehen. Es muß ihm ja wieder bessergehen.“
Als ein Kanu sie zu der Pfahlhütte hinüberbrachte, war die junge Mutter ganz entzückt. Der Kleine hatte allen erzählt, daß ihn der weiße Medizinmann geheilt hätte und er morgen auch wieder richtig essen könne.
Der Junge schlummerte friedlich und hatte wieder eine gesunde Gesichtsfarbe. Der Kutscher legte ihm die Hand auf die Stirn.
„Kein Fieber mehr“, stellte er fest. „Bis morgen abend hat er das alles wieder vergessen.“
Später, bevor es auf den Abend zuging, zeigte der Häuptling ihnen auch noch die Felder, die sie bewirtschafteten. Alles war sauber angelegt und grünte. Der Mais trug Früchte, zwei andere Felder standen in voller Blüte. Da gab es ganze Haine, in denen Papayas wuchsen, dann Felder, auf denen die Jamswurzel gepflanzt wurde, und andere, auf denen Gemüse aller Art angebaut wurde.
„Davon haben wir im Überfluß“, sagte Coanabo. „Diese Insel hat sich fast als ein Paradies erwiesen. Wir leben unbehelligt von den Spaniern und können gut existieren. Es wäre wünschenswert, wenn wir untereinander handeln und tauschen könnten. Erzählt mir von euren Problemen.“
Das tat der Kutscher lange und ausführlich, und er hatte in Coanabo einen sehr aufmerksamen Zuhörer.
Sie hatten wirklich neue Freunde gewonnen.
In dieser Nacht schliefen sie im Pfahlbaudorf der Arawaks und genossen ihre Gastfreundschaft. Diesmal waren sie keine Gefangenen mehr. Vor vierundzwanzig Stunden hatte das noch ganz anders ausgesehen.
8.
Am anderen Morgen war der Profos sehr angenehm berührt, als sie gleich zu einem reichhaltigen Frühstück gebeten wurden.
„Fängt ja bestens an, der Tag“, sagte er zufrieden, „kaum ist man aus der Hütte, schon wird man freundlich zum Essen gebeten. Hier kannst du eine ganze Menge lernen, Kutscher. Das wäre doch was, wenn man auf der ‚Isabella‘ von hübschen Frauen schon zum Frühstück verwöhnt würde. Hm, notfalls könntest du mir ja das Frühstück an die Koje bringen.“
„Sicher“, versprach der Kutscher, „ab sofort werde ich das jeden Montag tun.“
„Ist das dein Ernst?“
„Mein voller Ernst – jeden Ostermontag.“
Da verzog der Profos nur grämlich das Gesicht und winkte ab.
Dem Kutscher war schon am Vortag ein Indianer aufgefallen, der etwas abseits der Gruppe saß, sich nicht an der Unterhaltung beteiligte und auch kaum etwas aß. Er sah richtig unglücklich aus.
„Was hat er denn?“ fragte der Kutscher.
„Etwas Ähnliches wie der Junge“, erwiderte Coanabo. „Sein Mund ist stark geschwollen. Er traut sich aber nicht, den großen Medizinmann zu fragen.“
Noch ein Abszeß, dachte der Kutscher. Das fing ja lustig an, da konnte er gleich wieder schneiden.
Nach dem Essen nahm sich der Kutscher den unglücklich dreinblickenden jungen Mann vor.
„Das ist nicht das gleiche“, sagte er. „Der Mann hat einen stark vereiterten Zahn. Wenn der nicht gezogen wird, kann es schlimm werden. Aber das werden wir gleich haben.“
Der Kutscher ließ durch seine beiden „Assistenten“ die Kiste holen, um den Zahn zu ziehen. Inzwischen kam auch der Kleine angelaufen, der immer wieder nach der Hand des Kutschers griff und nicht mehr von seiner Seite wich. Fröhlich plappernd redete der Kleine dauernd auf den Kutscher ein.
Er habe keine Schmerzen mehr, übersetzte Coanabo, und es gehe ihm prächtig.
Wieder strömten die Indianer zusammen, um sich das Schauspiel anzusehen. Diesmal ließ sie der Kutscher nicht vertreiben, und so sahen alle gespannt zu.
Der Indianer öffnete den Mund. Der Kutscher blickte auf einen riesigen, total vereiterten Backenzahn. Auch die Wange des Mannes war stark angeschwollen und heiß. Der Mann hatte starke Schmerzen, aber er versuchte, sie mannhaft zu unterdrücken, denn Schmerz zu zeigen galt bei den Arawaks als ein Zeichen der Schwäche.
Der Kutscher nahm die Zange, fuhr in den Mund hinein und drehte sie hin und her, wobei der Indianer keine Miene verzog.
Es knirschte leise, und dann hielt der Kutscher einen mächtigen Zahn hoch. Anschließend wurde gepinselt.
Damit hatten sie sich weitere Wertschätzung errungen, denn die Indianer brachen in Jubel aus und feierten erneut den großen Medizinmann.
Weitere Dankbarkeit erwarb sich der Kutscher eine knappe halbe Stunde später, als sie einen Indianer von den Feldern brachten, der in einen Graben gefallen war und sich den rechten Knöchel gebrochen hatte. Sie trugen ihn, weil er nicht mehr laufen konnte.
„Hier gibt’s ja Arbeit in Hülle und Fülle für dich“, sagte Martin. „Du könntest dich hier glatt als Arzt niederlassen. Drei Behandlungen in nur zwei Tagen.“
„Ich freue mich, wenn ich den Leuten helfen kann“, sagte der Kutscher schlicht und einfach.
Diesmal verlief die Prozedur anders, denn jetzt mußte der Knöchel genau untersucht und geschient werden. Das tat der Kutscher mit der ihm eigenen Akribie.
Aus der Kiste wurden Brettchen geholt, dann wurde das Bein gerichtet und geschient. Auch dieser Indianer verbiß den Schmerz und zeigte ihn nicht, obwohl es höllisch weh tat.
Der Kutscher erklärte dem Häuptling, daß der Mann längere Zeit ruhig liegenbleiben müsse. Dann zeigte er ihm noch, wie die Brettchen sachgemäß entfernt wurden.
Danach wollten sie aufbrechen. Coanabo holte das große Häuptlingskanu, in dem seine neuen Freunde Platz nehmen sollten. Er wollte sie persönlich zur Bight begleiten.
Doch noch einmal gab es einen Zwischenfall, der alle in Angst und Schrecken versetzte.
Etwas abseits vom Strand hockte ein Bürschchen am Wasser in der Nähe der Mangroven und angelte. Der Kleine hatte schon zwei Fische an Land gezogen und ging jetzt voller Eifer bis an die Hüften ins Wasser.
Nils Larsen schaute gerade in die Richtung und sah etwas durch das Wasser treiben. Es sah wie ein Ast aus, aber da hier nur eine sehr schwache Strömung ging, konnte der Ast verständlicherweise keine „Bugwelle“ vor sich herschieben. Das tat er aber.
Nils sah jetzt zwei Augen aus dem Wasser ragen und eine Schnauze, die sich unmerklich höher hob.
„Ein Kaiman!“ brüllte er entsetzt. „Er schwimmt auf den Jungen zu.“
Er hatte spanisch gesprochen, damit auch Coanabo ihn verstand.
Der Häuptling fuhr herum und starrte zu der Stelle, wo der ahnungslose Junge angelte. Der war so in die Angelei vertieft, daß er die Gefahr gar nicht bemerkte.
Coanabo rief etwas mit lauter Stimme. Der Junge zuckte zusammen, warf die Angel weg und wollte türmen.
In diesem Augenblick schlug die große Echse peitschend mit dem Schwanz durchs Wasser. Ein kochender Wirbel entstand. Der Druck riß den Jungen um, der jetzt zu brüllen begann.
Nils Larsen raste in langen Sätzen zu dem Kanu. Zum Glück hatten die Indianer nicht nur Kochtöpfe gemaust, sondern auch Musketen und Pistolen.
Im selben Augenblick reagierte auch der Profos. Er sah einen dicken Knüppel unter einem Baum liegen, hob ihn hoch und stürmte unter lautem Gebrüll zum Wasser. Auch Plymmie fegte los, als Philip ihr etwas zurief.
Inzwischen hatte Nils die Muskete in der Hand und rannte weiter. Das Bürschchen im Wasser brüllte in Todesangst, als die Panzerechse wild zuschnappte. Offenbar ist es dieselbe, die sich gestern noch hier gesonnt hat, dachte der Profos, und der man weiter keine Beachtung geschenkt hatte. Jetzt versprach sich das Vieh fette Beute.
Auch ein paar Indianer waren inzwischen losgerannt, allen voran der Häuptling.
Carberry erreichte die Stelle als erster. Mit ein paar Sätzen lief er ins flache Wasser. Das Riesenvieh riß gerade wieder den fürchterlichen Rachen auf. Der Junge lag auf der Seite im Wasser und war vor Angst wie gelähmt.
Der Profos zögerte keine Sekunden. Als das klaffende Maul sich öffnete, rammte er voller Wut und mit aller Kraft den schenkelstarken Ast in den Rachen.
Die Echse schnappte zu. Krachen und Splittern. Der Knüppel zerbrach wie ein dünnes Hölzchen. Der Kaiman begann zu toben und wild mit dem Schwanz zu schlagen.
Da war auch Nils Larsen heran. Er hob die Muskete an die Schulter, zielte kurz und drückte ab, als er den Schädel vor sich sah.
Der Schuß brach sich überlaut im Dschungel, wo plötzlich jedes Geräusch schlagartig erstarb.
„Treffer!“ brüllte Carberry.
Der Riesenkörper des Kaimans begann zu zucken und zu toben und schob sich höher auf den Morast hinauf.
Das seichte Wasser färbte sich rot und schaumig. Noch ein paar zuckende Bewegungen, und die Echse lag still da. Die Kugel hatte ihr den Schädel zertrümmert.
Schnaufend holte der Profos das stocksteife Bürschchen aus dem Wasser, noch ehe die anderen heran waren. Am Strand zitterte der Kleine so stark, daß sie ihn festhalten mußten.
Mit dieser Tat hatten sie sich weitere Dankbarkeit erworben und waren wieder einmal die Helden des Tages.
Eine verstörte Mutter kam angerannt und warf sich vor dem Profos schluchzend zu Boden. Ein paar andere Männer sahen Nils und den Profos bewundernd an.
„Ohne euch würde der Junge nicht mehr leben“, sagte Coanabo. „Es passiert hier nur selten, daß einer von einem Kaiman angegriffen wird, aber es passiert eben doch hin und wieder. Das letztemal war es eine Frau, die spurlos verschwand.“
„Jetzt ist ja wieder alles gut“, sagte Carberry. „Das Biest ist erledigt.“
Eine halbe Stunde später brachen sie auf. Es war jetzt Vormittag, und vom Himmel knallte erbarmungslos heiß die Sonne. Etwas später, als sie im großen Kanu des Häuptlings saßen, ging mit der üblichen Heftigkeit ein kurzer Wolkenbruch nieder.
Die Indianer hatten alle gemopsten Sachen wieder in das Kanu gepackt. Es fehlte nichts.
Old O’Flynn packte die Schiffshauer und Messer auf die andere Seite und trennte sie von den übrigen Sachen. Auch einen großen Kochtopf packte er noch dazu.
„Die Sachen gehören euch“, erklärte er dem Häuptling. „Ihr könnt sie behalten, und wenn wir uns wiedersehen, werden wir noch mehr und andere Dinge mitbringen.“
Coanabo bedankte sich überschwenglich. Ja, eiserne Werkzeuge konnten sie gut gebrauchen, das Geschenk freute ihn ganz besonders, und das sagte er den Mannen auch.
„Ich hoffe, wir sehen uns recht bald wieder“, sagte er. „Ich möchte auch eure anderen Brüder und euren Kapitän kennenlernen. Vielleicht könnt ihr uns auch genau erklären, wo ihr euch niedergelassen habt, für den Fall, daß wir den großen Medizinmann einmal ganz dringend brauchen.“
„Wir haben Karten an Bord“, erwiderte der Kutscher. „Mit ihrer Hilfe werden wir dir die Lage genau erklären. Aber wie wollt ihr zu unserer Insel gelangen?“
„Für den Besuch der umliegenden Inseln haben wir kleine Auslegerboote mit Mattensegeln“, erklärte Coanabo. „Aber wir segeln die Strecken nur nachts, um fremden Schiffen ausweichen zu können. Wir wollen ja nicht zur See fahren.“
Die Abfahrt begann. Auf den Plattformen der Hütten standen winkende Gestalten, die ihnen fröhliche Worte nachriefen. Der kleine Junge winkte und schrie so lange, bis sie ihn aus den Augen verloren. Hasard und Philip hatten ihn vorhin noch auf Plymmie reiten lassen, zum großen Gaudium der anderen Zuschauer.
Dann war das Pfahldorf ihren Blicken entschwunden, und es ging in den Creek hinein, wo die Arawaks ihnen unvermutet aufgelauert hatten.
„Jetzt bin ich gespannt, wie es weitergeht“, sagte Sven Nyberg. „Gestern um die Zeit haben wir uns ganz schön abgezappelt.“
Coanabo lachte leise, als er das hörte. Er konnte sich lebhaft vorstellen, wie ratlos sie gewesen sein mußten.
„Ja, es ist sehr schwierig, sich hier zurechtzufinden. Selbst wenn man die Strecke schon ein paarmal gefahren ist, kennt man sich noch nicht genau aus.“
Zur Verblüffung der Männer ging es nach knapp hundert Yards creekabwärts auf der linken Seite in eine schmale und enge Einfahrt hinein. Sie war so gut getarnt, daß man sie übersah.
Es war ein kleiner natürlicher Kanal, der sich mitten durch ein Mangrovendickicht schlängelte. Sie befanden sich kaum darin, als die Einfahrt auch schon wieder unsichtbar wurde.
„Den hätten wir selbst bei intensiver Suche kaum gefunden“, sagte Martin, „so vorzüglich getarnt ist er.“
Die Indianer paddelten zielsicher und sehr geschickt durch das Mangrovengestrüpp. Es sah so aus, als sei die Fahrt jeden Augenblick zu Ende, aber das war nicht der Fall.
Das winzige Bächlein mündete in einen größeren Creek.
„Wir paddeln jetzt in südlicher Richtung“, sagte Coanabo, „ihr aber seid fast in die entgegengesetzte Richtung gepaddelt. Aber dort versanden viele Creeks oder münden in kleinere Seen.“
„Stimmt genau“, sagte der Kutscher beeindruckt. „Hier findet sich kein Fremder mehr zurecht. Falls die Spanier das mal irgendwann versucht haben, dann sind sie steckengeblieben oder haben sich hoffnungslos in dem Labyrinth verirrt.“
Der Kutscher nahm an, daß es auf diesem breiteren Creek längere Zeit geradeaus ging, doch auch darin sah er sich getäuscht. Schon bald darauf verließen die Kanus – weitere neun folgten dem großen Häuptlingskanu – den Creek und bogen nach links ab. Auch diesen winzigen Kanal hätten die Arwenacks glatt übersehen, denn er war ebenfalls auf ganz natürliche Weise getarnt.
„Jetzt geht’s nach Norden, was, wie?“ fragte der Profos erstaunt.
„Ja, aber nur ein kurzes Stück. Dieser Kanal holt etwas nach Norden aus, schwenkt dann aber ganz plötzlich wieder südwärts.“
Der Narbenmann grinste über das ganze Gesicht.
„Da hätten wir ja tage- und wochenlang unseren Spaß gehabt“, gab er unumwunden zu. „Inzwischen wären wir glatt verhungert.“
„Das wäre sehr wahrscheinlich gewesen. Das Wasser ist kaum trinkbar, weil es meist Brackwasser ist. Ihr hättet ein paar Fische fangen können, die Vögel hättet ihr nicht gekriegt, denn die streichen sofort ab, wenn sie jemanden sehen.“
Das bestätigte sich kurze Zeit darauf. Aber sie hatten es ja selbst schon erlebt.
Bald darauf begann eine langgezogene Krümmung. Der kleine Kanal schwenkte nach Süden und mündete in einen See, in dem es eine kleinere Insel gab.
„Paßt jetzt auf“, sagte der Häuptling. „Gleich werden unsere Wächter in großen Scharen aufsteigen.“
Sie hatten den flachen See kaum erreicht, als auch schon wieder riesige Vogelschwärme hochflatterten. Da war ein Kreischen und ein Geschnatter und Krächzen zu hören, das über weite Entfernungen schallte. Eine Wolke von rosafarbenen Flamingos flatterte auf. Die Tiere rannten über das Wasser und erhoben sich verschreckt in die Luft.
Auf der Insel gab es Reiher, und die folgten augenblicklich dem Beispiel der Flamingos. Auch sie stiegen unter nervtötendem Gekreische und Krächzen auf.
Der Papagei, der auf Carberrys Schulter hockte, schrumpfte regelrecht zusammen, als das Kreischen begann.
Die Luft war brühwarm und stickig, und jeder sehnte sich insgeheim danach, wieder frischen Seewind zu spüren.
Zielstrebig glitt das große Kanu über den See. Die anderen folgten in Kiellinie. Jetzt lag Südostkurs an, wie der Profos nach einem Blick auf die Sonne feststellte. Die Reiherinsel blieb an Steuerbord zurück, und dann ging es wieder in eine kaum sichtbare Einfahrt hinein. Sie war so eng und schmal, daß die Kanus nur hintereinander fahren konnten.
Dieser Kanal war scheinbar fast zugewachsen. Er war von Mangrovenästen so überwuchert, daß sie sich alle bücken mußten.
„In den wären wir nicht hineingepaddelt“, sagte Hasard junior, „weil das von vornherein aussichtslos erschienen wäre.“
Die Männer wunderten sich nur noch, als es durch unzählige Windungen weiterging. Manchmal waren die Kanus achteraus nicht mehr zu sehen.
Es war wirklich kein Wunder, daß sie ständig in die Irre gepaddelt oder in toten Gewässern gelandet waren, wo sie immer wieder umkehren mußten.
Dieser Stamm der Arawaks hatte sich eine Siedlung geschaffen, die kein Fremder jemals erreichen würde.
Der Kutscher war fast ein bißchen neidisch auf dieses grandiose Versteck, aber für sie selbst hatte es den Nachteil, daß es nicht mit Dreimastern oder Karavellen zu befahren war. Auf diesen Bachläufen, Kanälen und Seen konnte man sich nur mit kleinen Booten bewegen.
Am frühen Nachmittag war die Reise beendet. Sie befanden sich jetzt auf jenem Creek, der nördlich der Sandbank, wo die „Empress“ aufsaß, in die North Bight mündete.
Als sie die Stelle erreicht hatten, stießen wie aus dem Nichts drei weitere Kanus zu ihnen.
„Diese Männer bewachen die Einfahrt in den Creek“, erklärte Coanabo. „Es ist die einzige Einfahrt, die unter vielen Umwegen zu unserem Dorf führt. Außerdem ist diese Einfahrt immer bewacht, und die Männer lösen sich regelmäßig ab. Ihr seht also, daß uns kein Fremder beehren kann, ohne daß wir es sofort erfahren.“
Die Männer nickten beeindruckt. Ihre Blicke richteten sich auf die „Empress“, die still und einsam auf der Sandbank ruhte.
„Das gute alte Stück“, murmelte Old O’Flynn. „Hoffentlich haben sich in der Zwischenzeit keine Chickcharnies eingenistet.“
„Und wenn, dann sind sie in die Rumbuddel gekrochen“, meinte der Profos grinsend.
Coanabo grinste ebenfalls ein bißchen. Er hatte schon mitgekriegt, daß dieser holzbeinige und kauzige Alte vor Geistern Furcht empfand und sehr abergläubisch war. Aber viele seiner Leute glaubten ja auch an die Chickcharnies und Flugdrachen, da konnte man es einem Fremden nicht verübeln, der zum erstenmal auf Andros war.
„Wenn ihr uns wieder besucht“, sagte Coanabo, „dann könnt ihr mit eurem Schiff etwa hundert metros in den Creek lavieren und dort hinter der Biegung ankern. Dann sieht niemand das Schiff.“
„Können wir von der North Bight bis zur Westseite der Insel durchsegeln?“ fragte der Kutscher.
„Ja, aber nur im mittleren Fahrwasser. Dann müßt ihr allerdings gut aufpassen, denn diese Strecke ist sehr tückisch und kann nur lotend durchquert werden. Ich werde euch das auf der Karte noch genauer zeigen und erklären.“
Die Kanus legten an. Die Mannen enterten auf, auch Coanabo und einige seiner Leute.
Der Kutscher holte die Karte, die sie hatten, auf der aber viele Untiefen und Tücken nicht eingezeichnet waren.
Diese Karte interessierte den Häuptling, und er beugte sich gespannt darüber, als der Kutscher sie ihm erklärte.
„Ja, ich finde mich schon zurecht“, sagte Coanabo. Sehr sorgfältig studierte er nochmals die Karte.
Der Kutscher holte Feder und Papier, denn das wollte er gleich und endgültig festlegen. Diese Karte war Gold wert denn sie hatten ja selbst erlebt wie schnell man hier aufbrummen konnte, auch ohne daß Old Donegal an der Buddel hing.
„Das und das hier“, sagte Coanabo, „sind ganz besonders gefährliche und tückische Stellen – hier um Andros herum, einschließlich der North, Middle und South Bight.“
Der Kutscher hatte die Zunge zwischen die Zähne geklemmt, die Feder ergriffen und machte sich eifrig Notizen. Sehr genau und sorgfältig zeichnete er alles auf, was Coanabo erklärte.
„Hier bei den Korallenriffen müßt ihr ganz besonders vorsichtig sein“, sagte er, wobei er auf eine Stelle der Karte zeigte, die der Kutscher ebenfalls gleich markierte.
„Diese Korallenriffe ziehen sich entlang der Ostküste von Süd-Andros. Von der Südspitze verlaufen sie viele Meilen weiter und setzen sich bis zu den Wolf Rocks fort. Wer hier strandet, ist verloren und hat keine Aussicht mehr, jemals freizukommen.“
„Ich habe alles notiert und aufgezeichnet“, sagte der Kutscher. „Ich danke dir für deine Hilfe, Coanabo.“
Der Häuptling nickte und deutete auf die „Empress“.
„Ihr habt unwahrscheinliches Glück gehabt, daß ihr nur auf einer Sandbank aufsitzt. Es hätte euch sonst mit Sicherheit an einer anderen Stelle erwischt, und da wäret ihr in die Korallen gelaufen, die so scharf sind, daß sie den Rumpf zerfetzt und aufgeschlitzt hätten.“
Old O’Flynn grinste ein bißchen. Das hörte er gern.
„Da war die Rumbuddel doch was wert“, meinte er schlitzohrig. „Wenn ich nicht daran genuckelt hätte, säßen wir jetzt in den Korallen, und mein schönes Schiffchen wäre ein Wrack.“
„Womit du wieder mal eine feine Ausrede hast“, sagte der Profos sarkastisch. „Old Donegal hat uns alle vor Schiffbruch bewahrt. Er ist wirklich ein einsamer Held.“
„Habe ich auch“, erklärte der Alte schlicht, „das ist schon so gut wie bewiesen. Ohne mich und die Rumbuddel würden wir mit Sicherheit als Leichen in der See treiben, und die Haie hätten uns längst gefressen und dicke Bäuche gekriegt.“
„Mit absoluter Sicherheit“, bestätigte der Profos. „Du hast ein sagenhaftes Talent, deine Dösigkeit in eine Heldentat umzufummeln, wobei du wieder mal den glorreichen Lebensretter gespielt hast.“
„Ich hol’ vorsichtshalber mal die Rumbuddel“, sagte Old O’Flynn eifrig. „Hauptsächlich, damit der Häuptling und seine Leute das Zeug mal kennenlernen.“
„Wir kennen Rum“, sagte Coanabo lächelnd.
Aber das hielt Old O’Flynn nicht davon ab, doch die Rumbuddel zu holen. Mochte ja sein, daß der Häuptling diesen Rum noch nicht kannte. Na ja, und er selbst wollte natürlich auch einen Kleinen weggluckern, sozusagen zur Feier des Tages und weil sie nicht mit der „Empress“ in die Korallen gedonnert waren.
Als er mit einer vollen Buddel zurückkehrte, nahm der Profos sie ihm aus der Hand und grinste. Dann hielt er sie hoch und musterte sie neugierig von allen Seiten.
„Was gibt’s da zu glotzen?“ fragte Old Donegal erstaunt.
„Hier muß man immer in die Rumbuddel glotzen“, erklärte der Profos.
„Und warum?“
„Kann ja sein, daß sich da wirklich ein paar Chickcharnies eingeschlichen haben. Vor denen ist man ja bekanntlicherweise nirgendwo sicher.“
„Du meinst wirklich?“ fragte Old O’Flynn entsetzt.
Der Profos nickte ernsthaft.
„Du hast ja selber welche gesehen, nachdem du kräftig die Buddel gelenzt hast. Oder nicht?“
„Das stimmt“, sagte Old O’Flynn unsicher. „Klar, ich habe sie sogar ganz deutlich gesehen.“
„Na also! Dann laß mal erst die anderen trinken, damit du kein Risiko eingehst.“
Carberry reichte dem Häuptling die Flasche. Der nahm auch ungeniert einen langen Zug und leckte sich die Lippen. Dann ging die Buddel reihum weiter.
„Daran solltet ihr bei eurem nächsten Besuch vielleicht auch denken“, sagte Coanabo lächelnd. „Bei den Spaniern half es immer gegen Schmerzen aller Art. Und falls bei uns mal jemand krank wird und der große Medizinmann nicht da ist, können wir uns solange mit dem Rum behelfen.“
„Richtig“, sagte Old Donegal begeistert. „Eine feine Idee ist das. Deshalb bin ich auch noch nie krank gewesen.“
„Nur öfter mal stockbesoffen“, kommentierte der Profos leise.
„Das mußt gerade du sagen“, knurrte Old O’Flynn. „Du mußt es ja auch am besten wissen.“
Er mußte noch eine zweite Flasche holen, denn von der ersten hatte er nichts abgekriegt, die gleich leer war.
Inzwischen deutete der Kutscher wieder auf die Karte. Er malte ein paar kleine Kreuze auf und zeigte sie Coanabo.
„Hier haben wir uns niedergelassen“, sagte er. „Dann wißt ihr immer, wo ihr uns finden könnt. Geniert euch nicht, falls ihr Hilfe braucht. Wir sind immer für euch da.“
Coanabo nickte dankend. Er hatte sich die Stelle sehr gut gemerkt und würde sie auch nicht mehr vergessen.
„Jetzt sollten wir mal langsam damit beginnen, unser Schiffchen von der Sandbank zu ziehen“, meinte Old Donegal. „Das kann noch ein hartes Stück Arbeit werden.“
„Wir spannen alle dreizehn Kanus davor“, sagte der Häuptling, „dann wird es nicht so schwierig werden.“
„Und wir bringen zusätzlich den Anker aus und holen ihn über die Winsch wieder ein“, sagte Martin. „Mit ein bißchen Hauruck und allen Kräften schaffen wir es bald.“
Das war etwas später der Fall. Die Arawaks halfen fleißig mit, den Anker weit vor der „Empress“ auszubringen und in den Sand zu setzen.
Dann wurden die Kanus vorgespannt.
„Setzt auch gleich die Segel“, sagte Old O’Flynn. „Der Wind steht günstig, und dann kriegen wir mehr Druck.“
Auch die Segel wurden gesetzt und ausgebaumt.
Der Profos spuckte in die Hände, und unter Hauruckgebrüll ging es an die Arbeit. Das Ankertau straffte sich, die Männer begannen um das Spill zu traben. Gleichzeitig zogen die Kanus. Die Indianer begannen mit allen Kräften zu paddeln.
Nach einer Weile ging ein unmerklich sanfter Ruck durch die Karavelle, und der Schiffsrumpf begann leise zu ächzen.
„Sie bewegt sich!“ rief Philip.
Sie bewegte sich tatsächlich, wenn auch nur sehr langsam. Die Kanus zerrten weiter an ihr, die Männer legten sich mit allen Kräften ins Spill, bis ein erneuter Ruck erfolgte.
Dann kam sie übergangslos frei und schwamm auf.
„Hurra, wir segeln!“ brüllte Old O’Flynn. „Wir haben es geschafft.“
Auch die Indianer brüllten ihre Freude hinaus, als sich die Karavelle vom sandigen Untergrund löste.
Die Leinen wurden gelöst. Die Kanus verteilten sich rings um die „Empress“ wie Küken um eine Glucke.
„Bis bald!“ rief Old O’Flynn. „Und nehmt unseren Dank. Beim nächstenmal bringen wir alles mit, was ihr braucht.“
Coanabo stand aufrecht in dem großen Kanu und hob die Hand zum Gruß. Die anderen winkten.
„Auch wir danken euch und freuen uns auf euren Besuch!“ rief er herüber.
Die „Empress“ kreuzte aus der North Bight und ging auf Ostkurs.
Die Kanus begleiteten sie bis zur See und drehten dann ab.
Ein letztes Winken, ein paar freundliche Worte, dann trennten sie sich.
Aber es würde keine sehr lange Trennung sein, denn alle beide hatten neue Freunde gefunden …
ENDE

1.
Der 26. April 1595 war wieder ein langweiliger Tag – wie die vergangenen Tage und Wochen: ständiger Patrouillendienst in der Floridastraße, und nie geschah etwas! Die Männer an Bord des kleinen Verbandes hatten die Nase voll. Das Bordleben war eintönig und monoton, ohne Abwechslung. Das zehrte an ihren Nerven.
Aus drei Schiffen bestand der kleine Verband. Eine große Kriegsgaleone führte ihn als Flaggschiff an, die beiden anderen Segler waren eine etwas kleinere Galeone, ebenfalls mit drei Masten, und eine Dreimastkaravelle gut armierte Schiffe mit starken Besatzungen, die es mit jedem möglichen Gegner aufnehmen konnten.
Doch ein Gegner zeigte sich nicht. Nur ein Konvoi spanischer Galeonen hatte in den letzten Tagen die Floridastraße passiert. Er befand sich auf dem Kurs von Havanna in die Alte Welt, eine Reise, die stets an den Bahamas vorbeiführte.
Sonst hatten sich keine Segelschiffe gezeigt, weder Galeonen oder Karavellen anderer Länder noch Freibeuterschiffe, die entweder gar keine oder irgendwelche Phantasieflaggen führten.
Nichts. Keine ausländischen Schnapphähne, keine Karibikpiraten, die in diesen Gewässern nach Beute suchten, nicht einmal ein paar armselige Indianer in Kanus oder Pirogen. Doch die drei Kriegsschiffe waren in Fort St. Augustine stationiert, und in St. Augustine ging man von der Ansicht aus, daß es jederzeit eine Bedrohung für den wichtigen Hafen geben konnte, den die Spanier an der Ostküste der Florida-Halbinsel erbaut hatten.
Mit verdrossenen Mienen hockten an diesem Vormittag die Männer der Freiwache im Logis des Führungsschiffes zusammen. Einige hatten sich auf dem Rand ihrer Koje niedergelassen, die anderen bildeten auf den Planken eine Runde und vertrieben sich die Zeit mit Würfeln.
Pedro Tores, ein großer, bärenstarker Mann von der Insel Mallorca, der schon auf vielen Schiffen vor dem Mast gefahren war, war an der Reihe. Er schüttelte die drei Würfel in den Händen, dann ließ er sie auf die Planken kullern.
„Zweimal die drei, einmal die eins“, sagte Lombardez, sein Nebenmann.
Lombardez war der Decksälteste, ein ruhiger und besonnener Mann. Er war seit vier Jahren in St. Augustine, hatte seither die Heimat nicht wiedergesehen.
Männer wie Tores hingegen waren noch nicht lange in Florida. Sie gehörten zu der Verstärkung, die die Admiralität aus „zwingenden Gründen“ nach St. Augustine geschickt hatte. St. Augustine war ein wichtiger Stützpunkt und durfte auf keinen Fall dem Feind in die Hände fallen. Dieser Feind war keine fiktive Vorstellung, er hatte einen Namen: England.
„Das seh’ ich selbst“, brummte Tores. „Mist, verdammter.“
Der nächste Spieler nahm die Würfel auf. Er wurde von allen nur „El Rojo“ genannt, der „Rote“, wegen seiner Hautfarbe. Er stammte aus Santander im Baskenland. Sein Grinsen wirkte öde, aber auch ein wenig aufreizend. Er ließ die Würfel in seinen hohlen Händen klappern und hielt die Hände ans Ohr.
„Diesmal schmeiß’ ich drei Sechsen“, sagte er und kicherte. „Ich spür’s.“
„Halt keine Volksreden“, sagte Tores. „Wirf!“
„He, was ist heute los mit dir?“ zischte El Rojo. „Hast du ’ne Spinne zum Frühstück gefressen?“
„Der Dienst geht mir auf den Geist“, sagte Tores. „Das ist ja zum Einschlafen.“
„Wärst du denn lieber in St. Augustine?“ fragte Lombardez. „Beim Ausschachten neuer Gräben zum Beispiel?“
„Nein“, erwiderte Tores.
„Siehst du, wir haben es hier viel besser“, sagte der Decksälteste. „Keine Schufterei. Ein ruhiger Posten. Ihr solltet froh sein, laßt euch das von mir gesagt sein.“
Pedro Tores warf ihm einen feindseligen Blick zu. „Ich will dir mal was verraten, du Schlauberger. Ich bin Seemann. Ich will was erleben und nicht faul auf meinem Hintern rumhocken.“
El Rojo hielt die Würfel immer noch in den Händen. Er lachte. „Ja, du hast recht, Mann. Wir wollen hier nicht vergammeln. Wir wollen was haben vom Leben. Wein und Rum, Bier in großen Humpen und Weiber zum Anfassen. Was ist das hier bloß für ein Scheißzustand?“
„Ihr dürft nicht vergessen, daß wir uns an Bord eines Kriegsschiffes befinden“, sagte einer der anderen Männer.
Tores wandte den Kopf und spuckte wütend aus. „Ich denke dauernd daran. Wir sind auf einem höllischen Kriegsschiff mit einem Kommandanten, der sich einen Dreck um die Mannschaft und seine Soldaten kümmert und alles dem elenden Teniente überläßt.“
„Nicht so laut“, sagte Lombardez. „Er könnte es hören.“
„Ist mir doch egal“, entgegnete Tores. „Der soll mal wagen, mir was zu sagen.“
„Dazu hat er gar nicht das Recht“, warf El Rojo ein. „Er kann seine Seesoldaten rumkommandieren, aber nicht uns.“
„Ihr wißt, daß es nicht so ist“, sagte ein Seemann, dem der linke Arm fehlte. „De Zavallo hat freie Hand. Er kann tun und lassen, was er will. Legt euch nicht mit ihm an.“
Tores stieß einen verächtlichen Laut aus. „Die meisten von euch haben die Hosen voll, was? Ich möchte mal wissen, wo ihr abbleibt, wenn uns wirklich die Kanonenkugeln um die Ohren fliegen.“
„Achte darauf, was du sagst“, warnte Lombardez. „Ich war dabei, als St. Augustine überfallen wurde.“
„Ja, das hast du oft genug erzählt“, sagte El Rojo. „Wir können’s schon nicht mehr hören.“
„Wer weiß, ob es alles stimmt“, sagte Tores. „Gib’s zu, du hast ganz schön übertrieben, was, Lombardez?“
Lombardez schnitt eine ärgerliche Miene. „Denk doch, was du willst. Und macht, was ihr wollt – aber ohne mich.“ Er stand auf, ging zu seiner Koje und setzte sich auf den Rand.
„Oh, der Herr ist beleidigt!“ El Rojo kicherte wieder. „Beim Donner, er ist empfindlich! He, man darf ihm nicht zu nahetreten!“
„Laßt Lombardez in Ruhe, ihr beiden“, sagte der Einarmige drohend. „Und tragt nicht so dick auf. Ich habe mehr Seegefechte miterlebt als ihr. Was meint ihr, wo ich meinen Arm gelassen habe?“
„Ja, schon gut“, sagte Pedro Tores. „Das ist auch bekannt.“
„Zur Zeit ist es hier ruhig“, fuhr der Einarmige fort. „Aber das täuscht. Es kann ganz plötzlich anders werden. Hier finden sonst die meisten Überfälle auf spanische Schiffe statt, ob ihr’s nun glaubt oder nicht.“
„Herrgott, es ist ja gut“, sagte Tores. „Aber mir stinkt’s trotzdem.“ Er griff nach der kleinen Flasche Rum, die herumgereicht wurde, hob sie an den Mund und nahm einen Schluck daraus. Er setzte sie wieder ab, gab einen schmatzenden Laut von sich und fuhr El Rojo an: „Los! Hast du keine Lust mehr?“
El Rojo warf die Würfel auf die Planken. Sie rollten auseinander und blieben liegen. Der Einarmige stieß einen Pfiff aus.
„Drei Sechsen“, sagte er.
„Ich hab’s ja gewußt!“ jubelte El Rojo.
„Augenblick mal“, sagte Tores. „Du hast sie so hingelegt.“
„Ich habe was?“ fragte der Baske. Seine Augen verengten sich.
„He!“ sagte Lombardez. „Fangt jetzt keinen Streit an, ihr beiden.“
„Du hast gemogelt“, sagte Tores. „Ich hab’s gesehen.“
„Was redest du denn da für einen Quatsch?“ zischte El Rojo.
Tores stieß einen saftigen Fluch aus. „Mit deinen miesen Tricks kommst du bei mir nicht durch, Rojo. Nimm die Würfel wieder auf und wirf sie noch einmal!“
„Nein! Was liegt, das liegt!“
„Ruhig bleiben“, sagte der Einarmige. „Tores, du beschuldigst Rojo zu unrecht. Er hat ordentlich gewürfelt, ich habe es gesehen.“
„Nein! Er hat sie so hingelegt!“
„Beweise das!“ schrie El Rojo.
„Du bist ein Betrüger!“ brüllte Tores, dann stürzte er sich unvermittelt auf ihn. Die Rumflasche, die auf den Planken stand, kippte um. Die Würfel rollten unter eine der Kojen. Tores packte El Rojo und schüttelte ihn kräftig durch. Er rammte ihm die Faust gegen die Brust und brüllte wieder: „Du Betrüger! Falschspieler!“
El Rojo versuchte, sein Messer zu zücken, doch Tores war auf der Hut. Er hieb wieder zu. El Rojo stieß einen Fluch aus. Tores’ Faust hatte sein Gesicht getroffen. Blut lief dem Basken aus der Nase.
Lombardez, der Einarmige und ein dritter Seemann versuchten, die Streithähne zu trennen, doch Tores und El Rojo wälzten sich inzwischen auf den Planken herum.
„Du Hurensohn!“ brüllte Tores. „Betrüger!“
„Dich bring’ ich um!“ schrie der Baske. Wieder versuchte er, sein Messer zu ziehen.
In diesem Moment betrat der Teniente Don José de Zavallo das Mannschaftslogis. Keiner hatte ihn gehört. Er blieb breitbeinig direkt vor den Kämpfenden stehen. Die Fäuste hatte er in die Seiten gestemmt. Am Gurt trug er eine neunschwänzige Katze. Er griff danach und rollte sie auseinander.
Lombardez, der Einarmige und die anderen Seeleute wichen zurück. Tores und El Rojo schienen de Zavallo immer noch nicht bemerkt zu haben. Sie droschen weiterhin mit den Fäusten aufeinander ein.
De Zavallo ließ die Neunschwänzige durch die Luft pfeifen. Die Lederriemen trafen zuerst Pedro Tores, dann den Basken.
„Aufhören!“ stieß de Zavallo mit schneidender Stimme hervor.
Schritte näherten sich trappelnd durch den Mittelgang des Vordecks. Drei Seesoldaten rückten an. Der Teniente hatte sie zu sich beordert, als er den Lärm aus dem Logis vernommen hatte. Dann war er sehr schnell im Vordecksschott verschwunden.
Die Soldaten verharrten im offenen Schott des Logis’. De Zavallo holte zu einem neuen Schlag mit der Neunschwänzigen aus. Tores ließ von El Rojo ab und fuhr zu ihm herum. De Zavallo schlug zu, die Peitsche traf den großen Mann mitten ins Gesicht. Doch Tores verzog keine Miene.
El Rojo setzte sich auf, wischte sich das Blut aus dem Gesicht und sah den Teniente an.
„Was ist los?“ fragte er. „Zur Hölle, was soll das?“
„Wer hat angefangen?“ fragte de Zavallo scharf.
„Keiner“, erwiderte Lombardez. „Es ist ein Mißverständnis, Señor Teniente, und …“
„Ich habe Sie nicht gefragt!“ zischte der Teniente. Er war ein sehr junger, sehr karrierebewußter Mann, arrogant und kaltschnäuzig. Er sah Pedro Tores an. „Noch einmal: Wer hat angefangen?“
„Ich“, erwiderte Tores.
„Warum der Streit?“
„Nur eine kleine Meinungsverschiedenheit“, entgegnete Tores.
Der Teniente deutete auf die Würfel. „Beim Spiel? Spiel ist Gift. Eine Sünde.“ Er wies mit dem Griff der Neunschwänzigen auf die Rumflasche. „Alkohol und Glücksspiel sind verboten, sie ruinieren Körper und Geist.“
„Na so was!“ Tores erhob sich langsam. „Wir haben Freiwache.“
„Das ist mir bekannt“, sagte de Zavallo. „Aber es verstößt gegen die Bordregeln, sich zu prügeln und mit dem Messer aufeinander loszugehen.“
„Wir haben uns nur geschlagen“, sagte El Rojo. „Nicht mit Messern gekämpft. Ich werde doch nicht mit dem Messer auf meinen Kumpel Tores losgehen. Was, Tores?“
„Ach, halt’s Maul!“
„Verdammtes Pack“, sagte der Teniente. „Ohne Disziplin. Es wird Zeit, daß ich hier hart durchgreife.“
Tores tat einen Schritt auf Don José de Zavallo zu. „Es steht in keiner Dienstvorschrift, daß ich mich von Ihnen beleidigen lassen muß, Teniente.“
„Stehenbleiben!“ fuhr de Zavallo ihn an.
„Ich habe von Ihnen keine Befehle entgegenzunehmen“, sagte Tores barsch. „Und ich brauche mich schon gar nicht von Ihnen schlagen zu lassen, Sie Laffe!“
De Zavallo hob die Neunschwänzige und hieb noch einmal zu. Tores nahm auch das hin, aber er duckte sich. Es sah aus, als wolle er sich auf de Zavallo stürzen. Doch da traten die Seesoldaten auf einen Wink des Teniente heran.
„Abführen, den Mann“, sagte de Zavallo. „Er empfängt zehn Hiebe mit der Neunschwänzigen! Das wird ihm eine Lehre sein!“
Kurze Zeit darauf verfolgte der Capitán vom Achterdeck der Kriegsgaleone aus, wie Tores an einer hochgestellten Gräting festgebunden wurde. De Zavallo selbst nahm die Züchtigung vor. Die Neunschwänzige knallte hart auf Tores’ nackten Rücken. Er sank nicht zusammen, als die Soldaten ihn wieder losbanden, doch in dem Blick, den er dem Teniente zuwarf, flackerte Mordlust.
Don José de Zavallo enterte aufs Achterdeck. Bevor der Capitán ihm eine Frage stellte, sagte er: „Insubordination. Der Kerl ist frech geworden. Hat sich mit einem anderen Kerl geprügelt. Sie spielen und saufen und haben schlechte Laune, wenn sie Freiwache haben. Es wurde Zeit, ein Exempel zu statuieren.“
„Sehr gut, Teniente“, sagte der Capitán und Verbandsführer. „Passen Sie auf diese Hunde auf. Wenn die nichts um die Ohren haben, steht ihnen der Sinn nach Meuterei. Ich kenne das.“
„Die Faulpelze sollten weniger Freiwache haben“, sagte der Teniente.
„Verdoppeln Sie die Deckswachen.“
„Ja, und ich werde das Schiff von oben bis unten aufklaren lassen“, sagte Don José de Zavallo. Er verließ das Achterdeck wieder und gab entsprechende Anweisungen. Er benahm sich, als sei er der Kapitän. Und so empfand er auch. Eines Tages, dessen war er sicher, würde er ein eigenes Schiff kommandieren. Noch waren Schiffe knapp in St. Augustine, doch auch das würde sich ändern. Sobald sich die Gelegenheit dazu bot, würde er, de Zavallo, dafür sorgen, daß der „Schiffsraum“, wie er es nannte, vergrößert wurde – auf die eine oder andere Art.
Die wenigen Kriegsschiffe, die in Fort St. Augustine verfügbar waren, überwachten derzeit die Floridastraße. Es herrschte zwar Ruhe, doch das konnte sich von einer Stunde zur anderen ändern. Die verstärkten Patrouillen der Kriegssegler hingen mit jenen Geschehnissen zusammen, bei denen im vergangenen Jahr überraschend – meist in der nördlichen Floridastraße – englische Freibeuter aufgetaucht waren und die nach Spanien heimsegelnden Schatzschiffe ausgenommen hatten.
Den letzten Bericht brachte Don Gregorio de la Cuesta nach St. Augustine. Eine abenteuerliche Geschichte: De la Cuesta war es gelungen, mit einer Jolle von den Grand Cays aus St. Augustine zu erreichen und die englischen Gefangenen samt der Mannschaften der beiden versenkten Kriegsgaleonen von der Grand-Cay-Insel Mitte Oktober 1594 abzubergen.
Die englischen Gefangenen waren achtundzwanzig Kerle von Sir John Killigrews „Lady Anne“, darunter der Bootsmann O’Leary und die beiden John-Killigrew-Söhne Simon Llewellyn und Thomas Lionel sowie sieben adlige Nichtstuer aus dem Kreis des Sir Henry, darunter auch Sir James Sandwich.
Natürlich waren sie in Fort St. Augustine scharf verhört worden, und zwar von dem Festungskommandanten, Don Lope de Sanamonte, persönlich. Allerdings hatte sich der entrüstete Sir James darauf hinausgeredet, der englische Verband, zu dem er und die anderen gehörten, wäre von der englischen Königin ausschließlich zu dem Zweck in die Neue Welt geschickt worden, um dem berüchtigten „El Lobo del Mar“, dem Seewolf also, das Handwerk zu legen.
Die englische Königin, so hatte Sir James ausgeführt, wäre empört darüber gewesen, daß der verbrecherische Pirat Philip Hasard Killigrew, ein hundertfacher Mörder und Schnapphahn sondergleichen, immer wieder ihren Versuch guter Beziehungen zu Spanien mit seinen Beutezügen zerstöre und untergrabe.
Mit dieser Verschleierungstaktik hatte Sir James es immerhin geschafft, daß er und die anderen Gefangenen nicht sofort zur Zwangsarbeit in eine spanische Mine gesteckt wurden. Don Lope de Sanamonte hatte sie in St. Augustine behalten und in den Kerker der Festung gepfercht. Bei Gelegenheit wollte er sie nach Spanien abschieben – zwecks Austausches mit in England gefangenen Spaniern oder aber Freikaufes gegen Lösegeld.
Wegen dieser Aktivitäten englischer Piraten, die Don Lope de Sanamonte ja sozusagen am eigenen Leib zu spüren bekommen hatte, wurde die Floridastraße überwacht. Was sich seinerzeit in St. Augustine zugetragen hatte, durfte sich auf keinen Fall wiederholen. Die Patrouillen kontrollierten die Straße bis hinunter auf die Höhe der Bimini-Inseln. Vorerst zeigte sich kein fremdes Schiff. Doch das sollte sich rasch ändern, und zwar noch an diesem 26. April.
Am 25. April morgens hatte die Dreimastkaravelle „Golden Hen“ die Cherokee-Bucht auf Great Abaco verlassen. Jean Ribault hatte von Hasard den Auftrag erhalten, nach Havanna zu segeln und Arne von Manteuffel, Jörgen Bruhn und Jussuf von der neuen Sachlage zu unterrichten: Die Cherokeebucht sollte fortan der neue Stützpunkt des Bundes der Korsaren sein, die Tropfsteinhöhle das Schatzversteck.
Aber auch die umliegenden Inseln wollte der Seewolf erkunden, um beweglich zu sein und auch das Nahrungsproblem zu lösen. Aus diesem Grund war auch Old O’Flynn mit seiner „Empress of Sea II.“ in See gegangen. Er segelte nach Andros.
Die „Golden Hen“ passierte nach der Westdurchquerung des Nordwest-Providence-Kanals am Vormittag des 26. April die kleinen Inseln der Isaacgruppe. Sie wurden an Backbord gelassen. Der Wind wehte stetig aus Nordost. Jean Ribault traf die an und für sich richtige Entscheidung, zunächst weiter etwa Westsüdwest zu steuern, um unter die Ostküste von Florida zu gelangen.
„Sehr richtig“, sagte Renke Eggens, der Ribault, Karl von Hutten und Pierre Puchan, der gerade am Ruder stand, auf dem Achterdeck Gesellschaft leistete. „An der Ostküste steht der Golfstrom weniger stark gegenan als mitten in der Floridastraße.“
„Allerdings sitzen in St. Augustine die Dons“, gab von Hutten zu bedenken.
„Mit denen werden wir wohl kaum Ärger kriegen“, sagte Jean Ribault. „Erstens können sie nicht ständig die Floridastraße kontrollieren, zweitens haben wir als deutsche Kauffahrer nichts zu befürchten.“
Natürlich konnte er nicht ahnen, daß die Floridastraße von den Spaniern stark überwacht wurde. Und er fühlte sich sicher. Die „Golden Hen“ war hinreichend als deutsches Handelsschiff getarnt. „Blondschöpfe“ hatte sie auch genug an Bord: Renke Eggens, Hein Ropers, Hanno Harms und weitere zwei Männer aus der Besatzung der „Wappen von Kolberg“. Sie würden bei einer direkten Konfrontation mit Spaniern – auch in Havanna – den Schein perfekt aufrechterhalten. Renke Eggens, das hatten die Männer bereits vereinbart, würde in einem solchen Fall den Posten des Kapitäns übernehmen.
In Havanna war die „Golden Hen“, die vormals der Piratenbande des Isidro Flores und Caspicara gehört hatte, nicht bekannt. Dort würde man also keinerlei Verdacht schöpfen, es könne mit dem Schiff etwas nicht stimmen. Der Plan war ideal: Die „Goldene Henne“ war von Kolberg kommend über den Atlantik gesegelt und brachte Ware für das Handelshaus von Manteuffel.
Jedes andere Schiff des Bundes der Korsaren hätte Aufsehen und Mißtrauen auf Kuba erregt. Undenkbar wäre es gewesen, die „Caribian Queen“ von Siri-Tong zu schicken – oder den Schwarzen Segler des Wikingers. Das gleiche galt für die „Isabella IX.“ und für die „Empress of Sea II.“.
Die „Wappen von Kolberg“ und die „Pommern“ schieden ebenfalls aus, weil sie gerade in Havanna gewesen waren und Bauhölzer und Zubehör für den Schiffsbau geladen hatten. Offiziell waren sie nach Deutschland unterwegs, es hätte also für ihr neuerliches Auftauchen keinerlei plausible Erklärung gegeben.
Bereitwillig hatte Jean Ribault den Auftrag angenommen. Arne von Manteuffel mußte so schnell wie möglich unterrichtet werden. Unter anderem ging es auch darum, daß die Brieftauben auf die neue Position der Insel Great Abaco getrimmt werden mußten.
Sie waren nach wie vor auf die nicht mehr existierende Schlangen-Insel ausgerichtet und mußten nun von Jussuf entsprechend umgeschult werden. Die Brieftauben waren die einzige Verständigungsmöglichkeit zwischen dem Handelshaus von Manteuffel in Havanna und dem Stützpunkt des Bundes der Korsaren.
Bisher war die Fahrt der „Golden Hen“ ruhig und ohne Zwischenfälle verlaufen. Am frühen Nachmittag dieses Tages jedoch war es Jonny, der als Ausguck im Großmars der Karavelle stand und Backbord voraus etwas sichtete.
„Mastspitzen!“ rief er. „Drei Schiffe!“
„Spanier?“ fragte Jean Ribault.
„Es sieht so aus! Drei Dreimaster!“ erwiderte Jonny.
Wenig später konnten die Männer die Schiffe durch den Kieker klar erkennen.
„Fein“, sagte Karl von Hutten. „Es sind spanische Kriegsschiffe. Zwei Galeonen und eine mit Lateinersegeln getakelte Karavelle. An denen können wir uns bestimmt nicht so einfach vorbeimogeln.“
„Damit rechne ich auch nicht“, sagte Jean Ribault. „Trotzdem haben wir keinen Grund, uns zu sorgen. Das weißt du.“
Renke Eggens grinste. „Wie gut, daß wir ein paar ordentliche Papiere für unsere ‚Goldene Henne‘ vorbereitet haben.“
„Ja, das war eine gute Idee“, pflichtete Jean Ribault ihm bei.
Renke hatte sich bei der „Ausfertigung“ der Papiere große Mühe gegeben. Aus diesen „Frachtbriefen“ und „Zertifikaten“ ging eindeutig hervor, daß die „Henne“ samt ihrer Besatzung zum Handelshaus von Manteuffel in Kolberg gehörte.
Begegnungen mit spanischen Schiffen, deren Kapitäne neugierig und argwöhnisch waren, hatten sie also von vornherein mit eingeplant. Aus diesem Grund hatte Renke Eggens nicht nur die Papiere gefälscht, sondern auch ein Schiffstagebuch geführt, das bewies, daß die „Goldene Henne“ Anfang März ihren Heimathafen Kolberg mit Ziel Havanna verlassen und die Nordroute über die Bermudas genommen hatte.
Die „Goldene Henne“ führte im Großmasttopp die Flagge mit dem roten Greif auf silbernem Feld – das Wappen Pommerns – und an der Besanroute die Flagge von Kolberg mit der Bischofsmütze, den drei Stadttürmen und den beiden Schwänen. Man mimte also nach Kräften auf gut Deutsch. Dazu gehörte natürlich auch korrekte, biedere Handelsfahrerkleidung. Und die Pistolen und Entermesser hatten Jean Ribault und seine Mannen abgelegt.
Man gab sich als braver Handelsfahrer mit „sauberer“ Crew aus. Dieser Tarnung entsprechend hatten die Männer keine Veranlassung, den drei Kriegsschiffen auszuweichen oder gar die Flucht zu ergreifen – was wiederum das Mißtrauen der Spanier erregen würde.
Jean Ribault ließ den bisherigen Kurs beibehalten. Sie segelten auf die beiden Kriegsgaleonen und die Kriegskaravelle zu. Karl von Hutten war trotzdem skeptisch. Er traute dem Ganzen nicht. Daß seine Bedenken nicht unbegründet waren, sollte sich bald herausstellen.
2.
Die Kurse der „Golden Hen“ und des Kriegsschiffverbandes kreuzten sich. Als nur noch etwa eine Meile beide Seiten voneinander trennte, wurde aus den Masttoppen der größten Kriegsgaleone signalisiert.
„Sollen wir das jetzt verstehen?“ fragte Renke Eggens. „Wir sind ja Deutsche und haben unsere eigenen Signale, nicht wahr?“
Jean Ribault grinste. „Klar, aber wir haben auch genug Erfahrung, um ausländische Zeichen zu verstehen. Die Dons fordern uns zum Beidrehen auf. Na, dann mal los.“
„Die haben sonst nichts anderes zu tun“, brummte Hein Ropers, der mit Hanno Harms, dem Mann aus Hinterpommern, auf dem achteren Bereich der Kuhl stand. „Die sagen sich, na, diesen komischen Vogel mit den unbekannten Flaggen sehen wir uns mal näher an.“
„Von mir aus“, sagte Renke Eggens lachend. „Wir sind doch harmlose Menschen.“
Jean Ribault deutete eine Verbeugung zu Renke hin an. „Mein Herr, würden Sie bitte geruhen, das Kommando zu übernehmen?“
„Gern, mein Herr“, erwiderte Renke. „Es wird mir eine Ehre sein.“
„Karl, komm, wir mischen uns unters Schiffsvolk“, sagte Jean Ribault.
Er verließ das Achterdeck, gefolgt von Karl von Hutten. Grinsend gesellten sie sich zu den Männern auf der Kuhl. Hanno Harms enterte auf einen Wink von Renke hin aufs Achterdeck. Pierre Puchan überließ ihm das Ruder und stieg ebenfalls zur Crew hinunter.
„Na schön“, sagte Renke. „Dann wollen wir mal beidrehen, bevor sie uns einen Schuß vor den Bug setzen.“
Kurze Zeit darauf lag die „Golden Hen“ beigedreht im Wind nur noch etwa eine Kabellänge von den spanischen Kriegsschiffen entfernt, die inzwischen ebenfalls beigedreht und die Segel aufgegeit hatten. Renke ließ eine Jakobsleiter ausbringen, dann wartete er ab.
„Bitte sehr“, sagte er. „Wir haben nichts zu verbergen.“
„Man zu“, brummte Hanno Harms. „Wir verlieren bloß Zeit wegen dem Kram.“
Die Männer beobachteten, wie von der größeren Kriegsgaleone eine Jolle zu Wasser gelassen wurde. Uniformierte Männer enterten in das Boot ab – sieben Mann. Ihre Helme und Brustpanzer funkelten in der Sonne. Renke glaubte zu erkennen, daß einer von ihnen den Rang eines Teniente hatte.
Die Jolle legte von der Bordwand der Kriegsgaleone ab. Die Riemen tauchten ein und hoben sich wieder aus dem Wasser, immer schneller. Der Teniente trieb die Soldaten zur Eile an.
„Ein schneidiges Bürschchen“, sagte Jean Ribault. „Der weiß, was er will.“
„Ich frage mich, was er will“, murmelte Karl von Hutten.
„Na, er wird schon klare Anweisungen von seinem Capitán haben“, sagte Ribault. „Das fremde Schiff kontrollieren. Wenn sie sich davon überzeugt haben, daß wir keine Piraten sind, werden sie uns weitersegeln lassen.“
Der Teniente Don José de Zavallo saß auf der achteren Ducht der Jolle und musterte aus schmalen Augen das fremde Schiff. Welche Nationalität hatte es? Auch der Kommandant hatte es nicht gewußt. Hatte man in diesen Breiten jemals einen solchen Kahn gesehen? Seiner Bauart nach hätte er durchaus auch ein spanisches Schiff sein können. Aber seine Flaggen gaben den Spaniern ein Rätsel auf.
De Zavallo ließ mit der Jolle bei der Karavelle längsseits gehen, dann enterte er mit seinen Soldaten auf. Er trat als erster auf die Kuhl, warf dem „Schiffsvolk“ nur einen geringschätzigen Blick zu und schritt sofort auf den Niedergang des Achterdecks zu. Die Soldaten blieben am Schanzkleid der Kuhl stehen.
Jean Ribault und Karl von Hutten tauschten heimlich einen Blick. Ja, das war ein Kerlchen, dieser Teniente! Schneidig und stramm, arrogant und blasiert. Von Hutten spürte schon jetzt, daß es Ärger mit ihm geben würde.
De Zavallo stieg die Stufen des Niederganges hoch und trat auf dem Achterdeck auf Renke Eggens zu.
„Willkommen an Bord der ‚Goldenen Henne‘“, sagte Renke – zuerst auf Deutsch, dann auf Spanisch. Er musterte den Spanier. Aufgeputzter Bursche, dachte er, fühlt sich mächtig stark und unerhört wichtig. „Mit wem habe ich die Ehre?“ fragte er.
„Don José de Zavallo“, entgegnete der Teniente.
„Renke Eggens“, sagte Renke. „Kapitän der ‚Goldenen Henne‘.“
„Ein seltsamer Name für ein Schiff“, sagte de Zavallo schroff. Er gab sich keine Mühe, sein Mißtrauen zu verbergen.
„Eine Anekdote gab der ‚Henne‘ ihren Namen“, erklärte Renke.
„Eine was?“
„Sagen wir – eine Geschichte.“
„Aha“, sagte de Zavallo. „Woher kommen Sie? Zu welchem Land gehört Ihr Schiff?“
„Deutschland.“
„An der Nordsee?“
„Deutschland an der Nord- und Ostsee“, entgegnete Renke geduldig.
„Welcher Hafen?“ wollte de Zavallo wissen.
„Kolberg.“
„Kolberg? Nie gehört“, sagte der Teniente unwirsch.
„Kolberg an der Ostsee“, erklärte Renke so ruhig wie möglich. „Ein sehr alter Hafen, der schon zu Zeiten der Hanse existierte.“
„Von dieser Hanse ist mir nichts bekannt“, sagte de Zavallo. „Was ist Ihr Ziel, Señor Ecke?“
„Eggens.“
„Eckens. Welchen Hafen laufen Sie an?“
„Havanna auf Kuba“, erwiderte Renke, obwohl er die Fragen allmählich anmaßend fand.
„Warum Havanna?“ fragte de Zavallo.
„Dort befindet sich das Handelshaus des deutschen Kaufherrn Arne von Manteuffel“, sagte Renke.
De Zavallo lachte verächtlich. „Ein deutsches Handelshaus? In Havanna? Unmöglich, so was gibt es nicht!“
„Eine Niederlassung des Stammhauses in Kolberg, zu dem wir gehören“, versuchte Renke ihm auseinanderzusetzen. „Unser Kaufherr hat sie mit der Genehmigung des Gouverneurs von Kuba, Don Antonio de Quintanilla, errichtet.“
„In Havanna?“
„Das sagte ich bereits.“
„Das kann ich nicht glauben“, sagte der Teniente. „Da stimmt was nicht. Welchen Grund sollte Spanien haben, einem Deutschen so etwas zu genehmigen?“
„Das müssen Sie schon Ihren Gouverneur fragen, Señor“, erwiderte Renke. „Ich nehme an, es hängt mit internationalen Handelsbeziehungen zusammen. Geschäfte kennen keine Grenzen, meine ich.“
„Welche Ladung haben Sie?“ fragte Don José de Zavallo.
„Keine. Wir wollen erst in Havanna Ladung übernehmen“, erwiderte Renke.
„Welcher Art von Ladung?“
„Exotische Hölzer und Spezereien.“
„Was für Hölzer?“
„Hölzer für den Schiffsbau“, entgegnete Renke.
„Was will man in Deutschland mit Spezereien?“ fragte der Teniente.
„Das gleiche wie überall, nämlich Speisen würzen“, antwortete Renke.
„Gewürze finden nur in der spanischen Küche Verwendung“, sagte de Zavallo arrogant. „Ich habe gehört, daß nicht mal die Franzosen richtig kochen können, geschweige denn die Nordeuropäer.“
„Sie müssen es schon uns überlassen, was wir mit den Waren tun, die wir in Havanna kaufen“, sagte Renke, dem die Galle hochstieg.
„Ja, ja“, sagte de Zavallo, aber er schien gar nicht zuzuhören. Er schaute sich wieder um, dann trat er an die Schmuckbalustrade des Achterdecks und gab seinen Soldaten einen Wink. „Durchsucht das Schiff!“
„Ja, Teniente“, sagten die sechs Soldaten. Dann marschierten sie auf die Schotts von Vor- und Achterdeck zu, rissen sie auf und begannen mit der Inspektion. Ihre Schritte polterten durch das Schiff. Sie sahen in jeden Raum und schnüffelten in jeder Ecke und jedem Winkel herum.
Don José de Zavallo drehte sich wieder zu Renke Eggens um. Sein Blick wanderte zu Hanno Harms, dessen Miene unbeweglich und verschlossen war.
„Ist das der Rudergänger?“ fragte de Zavallo.
„Ja“, erwiderte Renke.
„Deutscher?“
„Ja.“
De Zavallo wies auf die Crew. „Das sind auch alles Deutsche, nicht wahr?“
„Ja“, entgegnete Renke. „Was wollen Sie noch wissen?“
„Keine Mischlinge darunter?“
„Wie bitte?“ fragte Renke verdutzt.
„Kerle, die nicht reinrassig sind“, sagte der Teniente.
„Was geht Sie das eigentlich an?“ fragte Renke. Er hatte die Nase voll. „Wenn Sie Zweifel an unserer Herkunft haben, können Sie die Schiffspapiere prüfen. Sie geben klar Auskunft. Hier hat alles seine Ordnung, Señor.“
„Von einem Hafen namens Kolberg habe ich nie was gehört.“
„Dann sollten Sie Ihre Karten zu Rate ziehen“, sagte Renke.
„Der König von Spanien würde es nicht zulassen, daß ein Deutscher in Havanna ein Handelshaus eröffnet“, sagte de Zavallo hochnäsig und kalt.
„Sagen Sie das dem Gouverneur von Kuba“, sagte Renke. „Haben Sie sonst noch Fragen?“
Der Teniente wies zu den Masttoppen. „Was sind das für merkwürdige Flaggen?“
„Die Flaggen von Kolberg und von Pommern.“
„Soso.“ Der Teniente blickte zu den Soldaten, die inzwischen wieder an Oberdeck erschienen waren. „Irgend etwas Verdächtiges entdeckt?“ fragte er sie.
„Nichts, Señor“, meldete der dienstälteste Soldat, der den kleinen Trupp anführte.
„Keine Ladung?“
„Keine Ladung, Señor.“
„Das sagte ich bereits“, erklärte Renke Eggens frostig. „Die Durchsuchung hätten Sie sich sparen können.“
De Zavallo sah ihn feindselig an. „Señor, ich empfehle Ihnen, nicht frech zu werden. Sie befinden sich hier in spanischem Herrschaftsbereich, vergessen Sie das nicht.“
„Ich denke die ganze Zeit daran“, sagte Renke. „Wir befinden uns mitten im spanischen Weltreich. Es ist nicht unsere erste Reise dieser Art, und wir sind bisher mit unseren spanischen Handelspartnern bestens ausgekommen.“
De Zavallo schien über diese Äußerung nachzudenken. Eigentlich war ja alles in Ordnung. Es schien auch wenig empfehlenswert zu sein, irgendwie die Geschäfte des Gouverneurs von Kuba zu durchkreuzen. Dennoch: Dieses schöne Schiff wieder davonsegeln zu lassen, mißfiel de Zavallo. Er mußte es irgendwie festhalten. Aber wie?
Sein Blick fiel auf die Crew. Plötzlich entdeckte er den Mann, der wie ein Indianer aussah. Er streckte die Hand aus und deutete auf ihn.
„Sie haben gelogen, Kapitän!“ sagte er scharf. „Sie haben nicht nur Deutsche an Bord! Wer ist dieser Bastard?“ Er wies auf Karl von Hutten.
„Das ist mein Lotse“, erklärte Renke Eggens frostig. Die penetrante Fragerei ließ ihm restlos die Galle hochsteigen, ganz abgesehen davon, daß dieser Kerl es gewagt hatte, Karl von Hutten einen Bastard zu nennen.
De Zavallos Argwohn war wieder da. „Lotse? Wieso Lotse?“
„Ich brauche in diesen Gewässern einen Führer“, entgegnete Renke nur mühsam beherrscht.
Der Teniente sagte: „Das gibt es doch überhaupt nicht – daß dreckige Indianermischlinge etwas von Navigation verstehen. Und überhaupt – es ist ungeheuerlich, daß so ein halbfarbener Strolch an Bord eines Schiffes fährt, das mit weißen Seeleuten besetzt ist!“
Da platzte dem geduldigen Renke nun doch der Kragen.
„Señor!“ fuhr er de Zavallo an. „Sie müssen es schon mir, dem Kapitän der ‚Goldenen Henne‘ überlassen, wen ich anheuere und wen nicht!“
„Aber keine Indianerbastarde!“
„Der Lotse hat hervorragende Revierkenntnisse, und die sind wichtiger als eine Hautfarbe, die mich nicht im mindesten interessiert, Señor!“ schrie Renke.
Jetzt wurde der Teniente ebenfalls hitzig. „Ich verbitte mir diese Belehrungen!“ stieß er aus.
„An Bord meines Schiffes bestimme ich, was geschieht!“ rief Renke zornig.
De Zavallo stand an der Schmuckbalustrade und blickte voll Haß und Wut auf den vermeintlichen Kapitän der Karavelle. Alle warteten gespannt auf seine Reaktion, auch die Spanier an Bord der beiden Kriegsgaleonen und der Kriegskaravelle. Würde sich de Zavallo von dem Deutschen zurechtweisen lassen? Oder holte er zum Gegenschlag aus? Fast wirkte es so, als wolle er die Neunschwänzige von seinem Gurt lösen und damit auf Renke Eggens einschlagen. Dann aber schien er es sich anders zu überlegen.
Noch einmal zeigte er mit dem Finger auf Karl von Hutten.
„Der Kerl ist verhaftet“, sagte er.
„Wie bitte?“ fragte Renke verblüfft.
„Der Indianerbastard wird abgeführt.“
Renke sagte: „Ich verlange, den Grund für diese absurde Verhaftung zu erfahren.“
De Zavallo musterte ihn wieder. „Burschen wie dieser Mischling sind grundsätzlich gefährliche und aufrührerische Elemente, die wir im spanischen Herrschaftsbereich nicht dulden.“
„Sondern?“
„Wir sperren sie hinter Schloß und Riegel, damit sie keinen Schaden stiften“, erklärte de Zavallo.
Sie sind ja verrückt! wollte Renke dem Teniente entgegenschleudern, aber noch einmal beherrschte er sich.
„Was Sie da behaupten, ist völlig aus der Luft gegriffen“, sagte er nur.
„Der Kerl braucht nur in Havanna von Bord Ihres Schiffes zu verschwinden, und schon gibt es Mord und Totschlag“, sagte Don José de Zavallo. „Das kennt man ja. Wollen Sie das riskieren? Sie wissen nicht, auf was Sie sich da eingelassen haben. Ich kann das besser beurteilen als Sie. Der Bastard ist eine Gefahr für die Allgemeinheit, ein Parasit, der kaltgestellt werden muß.“
Renke Eggens kochte vor Wut. Am liebsten hätte er dem aufgeblasenen Kerl ein paar Ohrfeigen verpaßt und ihn mitsamt seinen sechs Seesoldaten überwältigt, doch das konnte und wollte er nicht riskieren. Aber das ganze Benehmen dieses Teniente sah verdammt nach Schikane aus, und dieser Art von gemeinem, hinterhältigem Spiel gedachte er, Renke, sich nicht zu beugen. Es war ihm auch zu dumm, mit dem Kerl zu debattieren.
Du Würstchen, dachte er aufgebracht.
Laut sagte Renke: „Jetzt reicht’s mir aber, Teniente. Ich verlange, den Verbandsführer zu sprechen. Sofort.“
De Zavallo hob den Kopf und zog die Augenbrauen hoch. „Das ist nicht erforderlich. Ich habe Handlungsvollmacht.“
„Trotzdem will ich Ihren Kommandanten sprechen!“ stieß Renke wütend hervor.
„Nein! Ich bin der Vertreter des Verbandsführers! Daher ist es unnötig, diesen zu belästigen!“
„So?“ rief Renke wutschnaubend. „Dann nehmen Sie zur Kenntnis, daß Sie schon das ganze Schiff beschlagnahmen müssen!“
„Ist das Ihr Ernst?“ fragte der Teniente lauernd.
„Ja! Der Lotse bleibt an Bord!“
Innerlich triumphierte de Zavallo. Das Spielchen nahm genau die Richtung, die er gewünscht hatte.
„Überlegen Sie sich, was Sie da sagen!“ erklärte er barsch.
„Der Lotse bleibt“, sagte Renke noch einmal. „Ich denke gar nicht daran, in diesen navigatorisch schwierigen Gewässern ohne ihn weiterzusegeln.“
„Die Konsequenzen haben Sie sich selbst zuzuschreiben, Señor“, sagte der Teniente.
„Das werden wir ja sehen! Ich werde über meinen Handelsherrn, Señor de Manteuffel, eine geharnischte Beschwerde beim Gouverneur von Kuba einreichen, darauf können Sie sich verlassen!“
Kühl erwiderte de Zavallo: „Tun Sie, was Sie nicht lassen können. Mich interessiert das nicht.“
„Diese Verhaftung ist ein ungeheuerlicher Willkürakt gegenüber einem friedlichen Handelsfahrer!“ fuhr Renke aufgebracht fort. „Das lasse ich mir nicht bieten.“
Aber Don José de Zavallo blieb stur und ließ sich nicht beeinflussen. So passierte, was an Bord der „Goldenen Henne“ niemand für möglich gehalten hätte. Der Teniente schlug mit der flachen Hand auf die Schmuckbalustrade.
„Hiermit erkläre ich das Schiff für beschlagnahmt“, verkündete er. „Das bedeutet, daß sich Kapitän und Mannschaft als Gefangene zu betrachten haben.“
Renke lachte höhnisch auf. „Und weiter?“
„Sie werden unserem Verband zur näheren Untersuchung des Falles nach St. Augustine folgen, Señor“, erwiderte de Zavallo.
Karl von Hutten hatte lange genug geschwiegen. Er stand auf der Kuhl inmitten der Männer und blickte zum Achterdeck hoch. Als de Zavallo ihn beschimpft und beleidigt hatte, hätte er sich am liebsten auf ihn gestürzt, aber Jean Ribault hatte ihn zurückgehalten. Es wäre Wahnsinn gewesen, wegen der aberwitzigen Anschuldigungen dieses Teniente alles aufs Spiel zu setzen. Das sah auch von Hutten ein. Aber er mußte etwas tun, um die Situation zu retten. Er wandte sich an Renke Eggens.
„Ich bin bereit, mich verhaften zu lassen“, sagte er auf Deutsch. Er war eiskalt und völlig beherrscht. „Viel wichtiger ist, daß die ‚Goldene Henne‘ nach Havanna segelt. Ich selbst werde schon Mittel und Wege finden, den Spaniern wieder zu entwischen.“
„Was sagt der Kerl?“ rief Don José de Zavallo.
„Etwas, das nur für mich bestimmt ist“, entgegnete Renke.
„Was ist das für eine Sprache?“
„Deutsch.“
„Was, der Bastard kann Deutsch?“
„Ja“, sagte Renke. „Was ist daran so erstaunlich? Bastarde sind manchmal gescheiter als Männer, die sich für Übermenschen halten.“
„Übersetzen Sie, was der Hund sagt!“ stieß de Zavallo hervor.
Renke wandte sich an von Hutten. „Damit bin ich nicht einverstanden“, sagte er in deutscher Sprache. „Ich danke dir für deinen Vorschlag, aber wir werden dich nicht im Stich lassen.“
Auch Jean Ribault schüttelte unmerklich den Kopf. Immerhin konnte er so viel Deutsch, daß er von Huttens Vorschlag verstanden hatte.
„Hölle“, brummte Hein Ropers. „Wir sind bisher durch dick und dünn gegangen, wir tun’s auch diesmal.“
„Klar, wir liefern dich doch diesen Scheißdons nicht einfach so aus“, sagte Hanno Harms.
Das war es eben: Keiner ließ den anderen im Stich.
„Dann sollen die verdammten Spanier gleich alle mitgehen lassen“, sagte Hein Ropers.
Don José de Zavallo legte seine rechte Hand auf den Kolben seiner Pistole. Es war eine unmißverständliche, drohende Geste.
„Ich will wissen, was hier gesprochen wird!“ sagte er.
„Meine Männer stehen voll hinter mir“, erwiderte Renke. „Keiner läßt sich diese Behandlung gefallen.“
„Widerstand?“ Der Teniente gab seinen Soldaten ein Zeichen, und sie nahmen die Musketen hoch. Es knackte, als sie die Hähne spannten. „Wer auch nur eine Hand gegen uns hebt, wird erschossen!“ rief de Zavallo.
Jean Ribault und Renke Eggens tauschten einen raschen Blick miteinander. Nein, es hatte keinen Sinn. Zwar wären sie mit den sechs Soldaten wahrscheinlich im Handumdrehen fertig geworden. Doch da waren die Kriegsschiffe.
Die Männer der „Goldenen Henne“ konnten sicher sein, daß hinter den geschlossenen Stückpforten die Geschütze klar zum Gefecht waren. Im Handumdrehen konnten die Spanier das Feuer eröffnen – und dann hatte die Karavelle kaum eine Chance, gegen sie zu bestehen. Zwei Kriegsgaleonen und eine Kriegskaravelle, alle gut bestückt, waren ein zu starker Gegner.
Folglich mußten die Männer davon absehen, den bornierten Teniente samt seiner Gefolgschaft ins Wasser zu werfen. Es hatte keinen Zweck. Sie mußten sich ihrem Schicksal fügen.
Zwar hatte Renke Eggens nur geblufft, als er de Zavallo entgegengehalten hatte, er müsse schon das ganze Schiff beschlagnahmen, um den „Indianer-Bastard“ verhaften zu können, doch er hatte nicht damit gerechnet, daß der Teniente darauf eingehen würde. Tatsächlich stieg in Renke erst jetzt der Verdacht auf, daß die Spanier auf jeden Fall die „Goldene Henne“ beschlagnahmen wollten und der „Bastard“ nur ein vorgeschobener Grund war.
Renke konnte es selbst kaum fassen, aber sein Verdacht schien sich zu bestätigen. Auch Jean Ribault, Karl von Hutten und den anderen Männern der Karavelle ging es nach und nach auf: Die Spanier – darauf deutete alles hin – waren jetzt bereits darauf angewiesen, Schiffe auf diese miese Tour zu beschlagnahmen. Ihr eigener Schiffsraum wurde zu knapp, ihre Werften produzierten zu langsam.
Sie brauchten dringend neue Schiffe, um ihre Stützpunkte in der Neuen Welt zu halten und zu festigen. Das also war der wahre Grund, der hinter Don José de Zavallos dreistem Auftreten und der sinnlosen, absurden Verhaftung von Karl von Hutten stand: Er wollte ihnen die „Goldene Henne“ wegnehmen.
3.
Nichts ließ sich mehr rückgängig machen oder aufhalten, die Dinge nahmen ihren fatalen Verlauf. Don José de Zavallo verständigte sich nur kurz mit seinem Kommandanten an Bord der Führungsgaleone. Dem schien wieder einmal alles recht zu sein.
Und es war keineswegs falsch, die beschlagnahmte Karavelle nach St. Augustine zu bringen. Der Festungskommandant würde es begrüßen, ein weiteres Schiff als Verstärkung seiner Patrouillen zu erhalten. Und dies wiederum warf ein günstiges Licht auf den Verbandsführer.
Noch zehn Seesoldaten setzten sich mit einer zweiten Jolle zur „Goldenen Henne“ in Bewegung. Sie enterten an Bord, um mit den anderen zusammen die Deutschen zu „bewachen“. De Zavallo blieb gleich an Bord des requirierten Schiffes, die überrumpelten „Handelsfahrer“ mußten sich zähneknirschend seinen Befehlen beugen.
Die Seeleute der Führungsgaleone beobachteten genau, was sich an Bord der „Goldenen Henne“ abspielte.
„So“, sagte Lombardez gedämpft. „Jetzt sind wir den Hund von einem Teniente erst mal los. Ihr solltet froh darüber sein.“
„Bist du’s vielleicht nicht?“ zischte El Rojo ihm zu.
„Doch, natürlich.“
„Ich wünsche ihm nur das eine“, sagte Pedro Tores mit finsterer Miene. „Daß die Kerle dort drüben, wer immer sie auch sind, ihm die Gurgel durchschneiden.“
„Den Gefallen werden sie dir nicht tun“, raunte der Decksälteste. „So dumm können sie nicht sein. Wenn sie sich zur Wehr setzen, eröffnen wir das Feuer auf sie.“
„Mit unseren Leuten an Bord der Karavelle?“ fragte der Einarmige. „Das glaube ich aber nicht.“
„Wenn die Männer der Karavelle was unternehmen, werden sie den Teniente und die Soldaten höchstwahrscheinlich zu den Fischen befördern“, erklärte Lombardez ruhig. „Das wiederum bedeutet für uns, daß wir das Schiff in Stücke schießen können.“
„Und wenn sie den Schweinehund als Geisel nehmen?“ fragte Tores. „Was dann?“
Lombardez lächelte ein wenig. „Dann liegt die Bewertung bei unserem Kommandanten. Was ist ihm wichtiger, de Zavallos Leben oder das Schiff?“
„Für das Schiff würde er de Zavallo hopsgehen lassen“, sagte El Rojo leise. „Ganz klar. Hoffen wir, daß es soweit kommt.“
Doch so gespannt sie auch darauf warteten – an Bord der „Goldenen Henne“ geschah nichts dergleichen. De Zavallo führte den Befehl, das Schiff schien bereits ihm zu gehören oder seinem Kommando zu unterstehen. Alles beugte sich seiner Gewalt.
Insgeheim schalt sich Renke Eggens einen kompletten Narren und Anfänger. Welcher Teufel hatte ihn geritten, diesem Hundesohn von einem Teniente die Karavelle gewissermaßen anzubieten? War er verrückt?
Nein. Es hatte ja wirklich niemand ahnen können, was passieren würde. Renke traf keine eigentliche Schuld. Er hatte nicht wissen können, daß ein Mann wie dieser de Zavallo an Bord erschien. Und daß die Spanier zu solchen Mitteln wie diesem griffen, um sich Schiffe anzueignen.
Hinterher war man immer klüger.
„Wir hätten ausreißen können“, murmelte Hein Ropers. „Gleich, als wir die drei Kriegsschiffe sichteten.“
„Irgendwie war mir das Ganze gleich nicht geheuer“, sagte Karl von Hutten leise. „Aber ich habe auch nicht ahnen können, was kommt.“
„Scheiße“, sagte Jean Ribault nur.
Zur Hölle mit den Spaniern! Die „Goldene Henne“ war ein schnelles Schiff, sie hätte den Verband mit einiger Sicherheit abgehängt, wenn die Spanier nicht sehr reaktionsschnell gehandelt hätten. Aber genau das hatte Ribault ja vermeiden wollen – daß man vor den Dons Reißaus nahm. Das hatte er nun davon!
Die „Goldene Henne“ wurde von den Schiffen des Dreierverbandes eskortiert. Als sie wieder Fahrt aufnahmen, segelte die Kriegskaravelle im Kielwasser der „Goldenen Henne“, und je eine der Galeonen befand sich an Backbord und Steuerbord. Der Kurs führte nordwärts, St Augustine entgegen.
De Zavallo hatte Renke Eggens unterdessen mit neuen Fragen überhäuft. Renke mußte auf alles antworten, es blieb ihm keine andere Wahl. Ja, Kolberg existierte wirklich. Es lag an der Ostsee. Und es gab auch das Handelshaus von Manteuffel mit einer Niederlassung in Havanna.
Renke mußte die Papiere vorzeigen – und das Logbuch. Ja, die Crew bestand ausschließlich aus Deutschen, von dem „Bastard“ Karl von Hutten abgesehen. Jean Ribault hieß jetzt Jan Rebauer und war der Erste Offizier der „Goldenen Henne“. So einfach war das.
Aber was nutzte es, daß de Zavallo zumindest darauf hereinfiel? Überhaupt nichts – sie waren ihm ausgeliefert.
Als de Zavallo begann, persönlich die „Henne“ zu inspizieren, hatten Renke Eggens, Jean Ribault und Karl von Hutten Gelegenheit, sich miteinander zu unterhalten. Zwar hatte de Zavallo den „Indianerbastard“ unter Arrest gestellt, doch das beschränkte sich vorläufig darauf, daß die Soldaten von Hutten im Auge behielten, wie sie auch die anderen Männer bewachten.
Ribault und von Hutten konnten immerhin unbehelligt das Achterdeck betreten. Dort standen zwei Soldaten mit den Musketen in den Fäusten, aber sie konnten nicht verstehen, was Renke mit den beiden Männern besprach.
„So“, flüsterte Renke. „Jetzt sitzen wir im Schlamassel. Tut mir leid, aber das ist meine Schuld.“
„Unsinn“, sagte Jean Ribault. „Dir wirft keiner etwas vor.“
„Es wäre besser gewesen, wenn ich mich unter Deck zurückgezogen hätte“, sagte von Hutten. „Dann wäre dieser Drecksack nicht auf mich aufmerksam geworden.“
„Er hat doch nur einen Vorwand gesucht, um die ‚Hen‘ zu beschlagnahmen“, murmelte Renke. „Er hätte schon was anderes gefunden, keine Sorge. Vielleicht hätte ihm meine Nase nicht gepaßt, weil sie spanienfeindlich ist.“
„So ungefähr“, sagte Jean Ribault. „Aber was passiert ist, ist nun mal passiert. Laßt uns lieber überlegen, was wir unternehmen können, statt Trübsal zu blasen.“
„Wie stehen unsere Chancen?“ fragte von Hutten. „Wenn wir die Dons jetzt aus ihren Brustpanzern stoßen, haben wir die drei Kriegssegler am Hals.“
„Man könnte zum Beispiel den Teniente als Geisel nehmen“, schlug Jean Ribault leise vor. „Wäre das nicht eine Idee?“
„Wir halten ihm eine Pistole an die Schläfe und erpressen auf diese Weise freie Fahrt“, sagte Renke. „Warum nicht?“
„Oder wir brechen nachts aus dem Verband aus“, flüsterte von Hutten.
Jean Ribault schüttelte den Kopf. „Alles Mist. Witzlos. Die Dons kennen ja unser Ziel. Sie können uns nach Havanna folgen.“
„Was ist, wenn wir nicht nach Havanna segeln?“ fragte von Hutten.
„Darüber habe ich auch schon nachgedacht“, erwiderte Jean Ribault. „Aber welchen Sinn hätte es? Wenn wir zur Cherokee-Bucht segeln, schaffen wir uns mit Hilfe unserer Freunde zwar die Dons vom Hals, aber Arne bleibt in Havanna weiterhin im Ungewissen, wo wir unseren neuen Stützpunkt anlegen.“
„Und das geht nicht“, sagte Renke. „Da gebe ich dir recht. Wenn Arnes Beobachtertätigkeit in Havanna überhaupt einen Zweck haben soll, dann muß er schleunigst wissen, wo er uns per Brieftauben erreichen kann.“
„Logisch“, sagte von Hutten. „Und die Brieftauben müssen sowieso erst auf die neue Flugroute eingetrimmt werden.“
„Pech auf der ganzen Linie“, sagte Jean Ribault. „Fatal in diesem Zusammenhang ist eben auch, daß wir nur mit der ‚Golden Hen‘ nach Havanna segeln können, mit keinem anderen Schiff.“
„Weil niemand unsere ‚Henne‘ kennt“, brummte Renke. „Ja, das war alles so schön ausgedacht und eingefädelt, und die Tarnung als deutsches Handelsschiff war perfekt. Beim Donner, warum mußte das schiefgehen?“
„Wegen dieses idiotischen Teniente“, sagte von Hutten. „Wir können es drehen und wenden, wie wir wollen. Wir sind die einzigen, die Arne unterrichten können. Und wir müssen es tun, so schnell wie möglich. Die ‚Wappen von Kolberg‘ und die ‚Pommern‘ können Havanna ja erst etwa im August wieder anlaufen, weil sie offiziell am 13. Februar Kuba mit Kurs Kolberg verlassen haben.“
„Da haben wir nun das Problem“, sagte Jean Ribault wütend. „Wie sollen wir es lösen?“ Er ärgerte sich auch über sich selbst. Er hätte dem spanischen Kriegsschiffverband wohl doch besser ausweichen sollen. Doch was nutzte es jetzt noch, sich Vorwürfe zu machen?
Von Hutten sagte: „Vielleicht wäre es aus dieser Sicht doch besser gewesen, wenn ihr auf meinen Vorschlag eingegangen wäret.“
Renke blockte diesen Einwand sofort ab. „Nein! Ich habe das doch schon mal gesagt: Die Dons wollen das Schiff, nicht dich. Die haben nur einen fadenscheinigen Grund gesucht, unsere ‚Henne‘ zu beschlagnahmen. So, und jetzt nimm sie ihnen mal wieder weg.“
„Diese Hundesöhne“, sagte Jean Ribault. „Aber es ist klar – sie brauchen dringend Schiffe. Wie viele eigentlich? Wollen sie sich in St. Augustine eine Flotte zulegen? Na, wir werden ja sehen.“
„Besser wär’s, wenn wir St. Augustine gar nicht erst sehen würden“, sagte Renke. „Wenn es uns vorher gelänge, abzuhauen.“
„Wir hauen auf jeden Fall ab“, murmelte Jean Ribault.
„Aber wie?“ raunte von Hutten.
„Uns wird schon was einfallen“, brummte Renke.
Don José de Zavallo war mit sich selbst und der Welt zufrieden. „Goldene Henne“ war zwar ein verdammt komischer Name für ein Segelschiff, aber was kümmerte ihn das? Viel wichtiger war, daß es sich um eine solide Karavelle neuer Bauart handelte. Sehr alt konnte sie noch nicht sein, höchstens vier, fünf Jahre. Das zählte. Nichts war morsch und wurmstichig, nirgends war ein Leck zu entdecken. Das Schiff war gut in Schuß, das mußte man diesen deutschen Tölpeln lassen.
Als erstes nahm sich de Zavallo das Vordeck vor. Ein Blick in die Kombüse verriet ihm, wie die Deutschen es mit der Sauberkeit hielten: alles bestens in Ordnung, keine Fettflecken auf der Anrichte, keine schmutzigen Töpfe und Pfannen, keine schmierigen Planken, auf denen man ausrutschen konnte.
Alle Achtung, dachte der Teniente insgeheim. Irgendwie empfand er sogar etwas Respekt vor diesen seltsamen Teutonen, auch, wenn sie einen Indianerbastard als Lotsen an Bord hatten. Von der Seefahrt und ordentlicher Seemannschaft schienen sie was zu verstehen, das bewies auch das Rigg des Schiffes, das tadellos in Schuß war.
Bis in den untersten Schiffsraum stieg de Zavallo hinunter und untersuchte auch hier alles eingehend. Kein Leck, nur das übliche bißchen Wasser in der Bilge. Ein schmuckes, sauberes Schiffchen, das nicht einmal einer Überholung bedurfte. Er konnte es sofort übernehmen.
Nicht einmal keimte in de Zavallo der Verdacht auf, daß es sich bei der „Goldenen Henne“ gar nicht um ein deutsches Schiff handelte. Wie sollte er das auch ahnen? Er wußte ja nichts von den Umständen, unter denen der Seewolf und sein Potosi-Trupp das Schiff der Schnapphahn-Bande Flores-Caspicara am Golf von San Blas abgenommen hatten. Und noch weniger konnte er wissen, daß wiederum Flores und Caspicara die Karavelle von Spaniern erobert hatten.
Seine Überlegungen gingen in eine andere Richtung. Für ihn war es wichtig, so schnell wie möglich St Augustine zu erreichen und dafür zu sorgen, daß man ihm die „Goldene Henne“ unterstellte. Da er das Schiff besetzt hatte, würde man es sicherlich auch seinem Kommando übergeben, sobald die Deutschen in das Festungsgefängnis gesteckt worden waren.
Im Prinzip handelte es sich nur darum, dem Festungskommandanten Don Lope de Sanamonte anschaulich genug darzustellen, wie sich alles zugetragen hatte. Und der Verbandsführer würde natürlich alles genau bestätigen.
Don Lope würde doppelt erfreut sein – erstens, weil er ein neuwertiges, gutes und wendiges Schiff als „Geschenk“ erhielt, zweitens, weil er die Gefangenen zur Zwangsarbeit einsetzen konnte.
De Zavallo würde es ihm empfehlen. Was sollte man sonst mit diesen Kerlen anfangen? Sie auf freien Fuß setzen? Damit sie beim Gouverneur von Kuba Protest erhoben? Auf keinen Fall. Außerdem waren sie ordentlich und fleißig, sie eigneten sich also hervorragend als Sklaven.
All das beschäftigte Don José de Zavallos Geist. Er malte sich bereits alles aus – die Ankunft im Hafen von Fort St. Augustine, die Begeisterung seiner Landsleute über den „Fang“, die Folgen, die sich daraus ergaben. Sicherlich würde man ihn befördern.
Der Teniente beendete seine Inspektion in der Kapitänskammer. Noch einmal befaßte er sich mit dem Schiffstagebuch und den Papieren. Sie waren in Deutsch geschrieben, er konnte kein einziges Wort entziffern. Aber welche Rolle spielte das schon? Dieser „Kram“ würde ohnehin verschwinden. Wer wollte ihn schon lesen?
Und das Handelshaus in Havanna? Würde dieser deutsche Kaufherr Arne von Manteuffel keine Nachforschungen anstellen, wenn seine „Goldene Henne“ überfällig wurde und schließlich überhaupt nicht erschien? Gewiß doch, aber das Schiff konnte ja gesunken sein. Untergegangen mit Mann und Maus.
De Zavallo grinste unwillkürlich. Wenn er der Kommandant von St. Augustine gewesen wäre, hätte er schon gewußt, wie man die Mannschaft für ewige Zeiten in die Versenkung verschwinden ließ. Der Zweck heiligte die Mittel.
Nun, das mußte er Don Lope de Sanamonte überlassen. Noch war er der Kommandant in St. Augustine, und es oblag ihm, über das Schicksal dieser Gefangenen zu entscheiden. Doch eines Tages würde ein anderer Mann seinen Posten übernehmen – er, Don José de Zavallo. Dieses Ziel hatte er ständig vor Augen.
Wer war für das Amt des Nachfolgers von de Sanamonte geeigneter als er? Niemand. Es gab keinen besseren Mann in St. Augustine als ihn, de Zavallo. Er war davon fest überzeugt. Und er war sicher, daß der Tag nicht fern war, an dem er das Kommando über St. Augustine übernehmen würde.
Wer denn wohl sonst? Etwa der Verbandsführer? Über den konnte er nur lachen. Der tat ohnehin, was sein Teniente ihm empfahl, und war froh, wenn ihm jemand die Entscheidung und Verantwortung abnahm.
Don José de Zavallo kehrte auf das Achterdeck der „Goldenen Henne“ zurück und sah, daß der deutsche Kapitän mit zwei anderen Kerlen tuschelte. Ausgerechnet der Mischling war dabei!
Sofort fuhr de Zavallo dazwischen. „Was gibt es hier zu besprechen – noch dazu mit dem Indianerbastard?“
Renke Eggens’ Erwiderung war nicht minder rabiat. „Auf meinem Schiff kann ich Besprechungen abhalten, mit wem ich will! Und was ich bespreche, geht Sie, Señor Teniente, einen feuchten Kehricht an!“
„Sie irren sich!“ rief de Zavallo.
„Und Sie scheinen zu verkennen, daß Sie sich auf einem deutschen Schiff befinden, auch wenn Sie sich anmaßen, es zu beschlagnahmen!“
„Irrtum“, sagte de Zavallo noch einmal, und dieses Mal grinste er höhnisch. „Sie haben wohl immer noch nicht begriffen, daß Ihre Karavelle nunmehr in spanischen Besitz übergegangen ist.“
„Wie bitte?“ stieß Renke hervor. „Ich habe mich wohl verhört!“
„Künftig wird die Karavelle unter spanischer Flagge segeln“, sagte Don José de Zavallo von oben herab.
„So, jetzt wissen wir es“, sagte Ribault. „Jetzt hat er die Katze aus dem Sack gelassen.“
De Zavallo gab einem der Soldaten einen Wink. „Die deutschen Flaggen niederholen, Sargento!“
„Jawohl, Señor“, entgegnete der Sargento und beeilte sich, dem Befehl Folge zu leisten.
„Señor!“ schrie Renke Eggens. „Unterstehen Sie sich, das zu tun!“
Aber der Teniente beachtete ihn nicht mehr. Er schaute dem Sargento zu und verfolgte, wie dieser zum Besan trat, um die Flagge von Kolberg von der Besanrute niederzuholen.
„Gut so“, sagte er. „Dann die andere. Dies ist ein spanisches Schiff.“
„Nein!“ brüllten die Männer der Crew plötzlich wie aus einem Mund.
Renke konnte nicht länger an sich halten. Seine Gegenreaktion war spontan und außerhalb jeglicher Vernunft, aber sie entsprach dem, was Ribaults Männer und die vier anderen Deutschen in diesem Moment einmütig empfanden.
Mit einem Satz stürzte sich Renke auf den Teniente und rammte ihm die Faust unters Kinn.
De Zavallo geriet ins Taumeln und stöhnte auf. Renke war vor ihm und hieb noch einmal mit der Faust zu. De Zavallo flog den Backbordniedergang hinunter und krachte auf die Kuhl.
Jean Ribault griff den Sargento an, der bereits die Besanflaggleine in der Wand hatte. Der Mann wollte seine Pistole zücken, aber Ribault war schneller. Seine Faust prallte unter das Kinn des Mannes.
Der Sargento gab nur noch einen ächzenden Laut von sich, dann kippte er rücklings auf die Planken und blieb bewußtlos liegen.
Die „Vengeurs“ und die vier Deutschen stürzten sich auf die restlichen Soldaten. Ein Spanier hatte sich bereits der Flaggleine des Großmastes genähert, doch Hein Ropers verpaßte ihm eine schallende Ohrfeige.
Dem Spanier flog der Helm vom Kopf. Scheppernd landete er auf den Planken. Fast wirkte es so, als hätte Hein Ropers dem Soldaten auch den Kopf versetzt. Der Kopf stand bedenklich nach rechts. Hein Ropers gab ihm noch eine gepfefferte Maulschelle, diesmal von der anderen Seite, und der Kopf flog wieder herum.
Dann knallte Ropers dem entsetzten Mann die Faust unters Kinn, und auch er brach zusammen.
Hanno Harms fällte einen Soldaten, der seine Muskete auf ihn richten wollte, mit einem einzigen, gewaltigen Hieb. Aber dann krachten doch Schüsse – und Kugeln pfiffen wie wütende Hornissen über die Decks der „Goldenen Henne“.
Jean Ribault, Renke Eggens und die anderen Männer mußten sich in Deckung werfen. Fluchend registrierten sie, daß die Kugeln von den Begleitschiffen abgefeuert worden waren. An Bord der beiden Kriegsgaleonen standen die Seesoldaten aufgereiht am Schanzkleid und hatten ihre Musketen auf die Karavelle angeschlagen. Drehbassen wurden auf die „Goldene Henne“ gerichtet.
Jetzt ertönte auch eine scharfe Stimme vom Achterdeck der Galeone an Backbord. „Ergebt euch!“
„Was tun wir?“ zischte Karl von Hutten. „Ergeben wir uns wirklich?“
„Wir feuern zurück“, sagte Renke Eggens.
„Nein“, entschied Jean Ribault.
„Streicht die Flagge!“ schrie der Mann auf dem Achterdeck der spanischen Kriegsgaleone. „Ihr habt keine Chance!“ Es war der Verbandsführer. „Ergebt euch, oder wir eröffnen das gezielte Feuer auf euch – ohne Rücksicht auf unsere eigenen Leute!“
„Da haben wir’s“, sagte Jean Ribault. Er blickte zu Renke. „Zwecklos, mein Freund, wir haben die schlechteren Karten.“
Renke begriff, richtete sich halb auf und rief: „Männer, es hat keinen Sinn! Wir sind den Spaniern ausgeliefert! Ergebt euch!“
Don José de Zavallo rappelte sich in diesem Augenblick wieder auf. Sein Kinn schmerzte höllisch, es schien verschoben zu sein. Fluchend trat er zu seinen Seesoldaten und gab ihnen Befehle. Er schien vor Haß und Wut zu kochen und hätte die „Deutschen“ wohl am liebsten der Reihe nach erschossen, konnte es aber nicht tun.
Die „Deutschen“ richteten sich auf und hoben die Hände. Kapitulation – es blieb ihnen nichts anderes übrig. Es war heller Wahnsinn gewesen, den Teniente und seine Leute anzugreifen, aber sie hatten nicht anders handeln können.
„Abführen, die Kerle!“ stieß de Zavallo mit gequetschter Stimme hervor. „Einsperren!“
Der Sargento hatte auch das Bewußtsein wiedererlangt.
„Wohin einsperren, Señor?“ fragte er.
„In die Vorpiek!“
„Dort wird es eng werden.“
„Je enger, desto besser!“ schrie de Zavallo, obwohl das Schreien seinem Kinn gar nicht gut tat. „Sie sollen für ihre Unverschämtheit büßen, diese Hunde!“
Nur fünf Gefangene suchte er heraus, die er noch als Besatzung an Deck brauchte: Jean Ribault, Hein Ropers, Hanno Harms, Jan Ranse und Mel Ferrow.
„Ihr bleibt hier!“ gab er ihnen barsch zu verstehen. „Kapiert ihr, was ich sage?“
„Ja“, erwiderte Jean Ribault.
„Ja, Señor, heißt das!“
„Ja, Señor.“
„Ihr fünf Bastarde schnappt euch die Jolle und holt weitere Soldaten von einem unserer Schiffe herüber!“ brüllte de Zavallo. Er griff sich ans Kinn. Das Brüllen verursachte noch schlimmere Schmerzen als das Schreien.
Kurz darauf lagen die vier Schiffe beigedreht im Wind, und Jean Ribault, Hein Ropers, Hanno Harms, Jan Ranse und Mel Ferrow mußten zu der zweiten, etwas kleineren Kriegsgaleone des Verbandes hinüberpullen. Seesoldaten enterten in die Jolle ab.
Die Männer mußten sie zur „Goldenen Henne“ befördern, und hier stiegen die Spanier als Verstärkung an Bord. Noch zwei Fahrten mußten Jean Ribault und seine Mannen mit dem Boot unternehmen, dann befanden sich nach de Zavallos Meinung endlich genügend Seesoldaten an Bord der Karavelle.
Somit war die „Goldene Henne“ endgültig besetzt, und Renke und die Crew waren in der Vorpiek zusammengepfercht. Alles Fluchen nutzte nichts – sie steckten in der Klemme, tiefer als vorher.
Die Jolle wurde achtern an eine Schleppleine gehängt, dann nahmen die Schiffe wieder Fahrt auf – Kurs St. Augustine. Don José de Zavallo behandelte sein schmerzendes Kinn. Früher oder später würde er den Deutschen diesen Bubenstreich heimzahlen, das schwor er sich.
4.
Die Zeit verstrich zähflüssig, die Stunden schienen endlos lang zu sein. Wie weit war St. Augustine noch entfernt? Jean Ribault wußte, daß die Reise noch mindestens anderthalb Tage dauern würde.
Genauere Berechnungen konnte er jetzt aber nicht anstellen. Er hatte weder seine Karten noch seine Navigationsinstrumente zur Verfügung. Die hatte Don José de Zavallo gleich mit „beschlagnahmt“, und er hatte sich inzwischen in der Kapitänskammer der „Goldenen Henne“ häuslich eingerichtet.
Er betrachtete diese Kammer bereits als sein Reich und begann nach dem Dunkelwerden, sich mit der neuen Umgebung eingehend vertraut zu machen. Ein feines Schiff, dachte er immer wieder. Lange saß er am Pult des Kapitäns und legte seine Hände mit einem Ausdruck grimmiger Zufriedenheit flach auf die Platte. Er genoß seinen Erfolg und malte sich wieder aus, wie die Ankunft in St. Augustine verlaufen würde.
Renke Eggens und die anderen Männer, die in die Vorpiek gesperrt worden waren, brüteten finster vor sich hin. Sie wechselten kaum Worte. Was sollten sie auch sagen? Das, was ihnen zugestoßen war, war schon mehr als Pech. Fast hätte man meinen können, es sei der 13., nicht der 26. April. Gefangene der Spanier – keiner von ihnen hätte es erwartet. Kaum hatte die Fahrt nach Havanna begonnen, war sie auch schon beendet. Und über das, was ihnen in St. Augustine blühte, brauchten sie sich keinen großen Illusionen hinzugeben. Der Teniente würde schon dafür sorgen, daß sie das Schiff nicht zurückerhielten.
„So eine Blamage“, brummte Renke Eggens schließlich. „Wenn das die Freunde wüßten! Mann, Mann.“
„Wenn sie es wüßten, würden sie uns helfen“, sagte von Hutten. Plötzlich richtete er sich kerzengerade auf. „He, da fällt mir was ein! Haben wir nicht bald Grand Bahama erreicht?“
„Ich denke schon“, erwiderte Renke.
„Na, da wollten doch Hasard und der Wikinger hinsegeln, um die Inseln zu erkunden.“
„Stimmt“, sagte Roger Lutz. „Zur Hölle, wenn einer von uns sie wenigstens benachrichtigen könnte.“
„Vielleicht läßt Jean sich was einfallen“, sagte Karl von Hutten.
„Du meinst, einer von unseren fünfen oben an Deck könnte abhauen?“ fragte Grand Couteau.
„Genau das“, entgegnete von Hutten. „Mit der Jolle.“
„Die im Schlepp hängt“, sagte Renke. Mit einemmal begann auch er wieder zu hoffen. „Donnerkeil, das wäre was! Im Dunkeln könnte Jean es riskieren. Oder einer der anderen!“
„Zwei Mann wären besser“, warf Fred Finley ein.
„Ja“, sagte Karl von Hutten. „Jean wird schon wissen, was er tut. Die Hauptsache ist, er versucht es.“
An Bord der drei spanischen Kriegsschiffe waren für die Nacht doppelte Wachen eingeteilt worden, die die requirierte Karavelle ständig im Auge behielten. Gefechtsbereitschaft herrschte an Bord der beiden Kriegsgaleonen und der Kriegskaravelle. Die Besatzungen waren ständig darauf gefaßt, daß es zu neuen Zwischenfällen kam, obgleich die fünf „Deutschen“, die Don José de Zavallo an Oberdeck der „Goldenen Henne“ belassen hatte, sicherlich gegen die jetzt auf der Karavelle anwesenden Seesoldaten herzlich wenig ausrichten konnten.
Pedro Tores, Lombardez, El Rojo und der Einarmige hatten auf der Führungsgaleone zusammen mit zehn anderen Männern die erste Nachtwache übernehmen müssen. Tores und El Rojo würden auch noch die Mitternachtswache gehen, dafür hatte der Teniente gesorgt, bevor er von Bord gegangen war und das beschlagnahmte Schiff übernommen hatte. An Arbeit, so hatte de Zavallo zynisch bemerkt, solle es dem Schiffsvolk nicht mangeln, da es sich sonst langweile und auf dumme Gedanken verfalle.
Tores verfluchte den Teniente wieder bis in die tiefsten Höllenschlünde. El Rojo hingegen hatte er vergeben. Es mußte wohl doch am Rum gelegen haben, daß sie sich in die Haare geraten waren. Und alle Kameraden hatten es bezeugt: El Rojo hatte nicht falschgespielt. Sein Glückswurf war ein reiner Zufall gewesen.
Tores und El Rojo waren auf der Back der Kriegsgaleone und blickten zu der „Goldenen Henne“ hinüber.
„Weißt du was?“ murmelte Tores. „Mir können diese Deutschen leid tun. Ich würde es meinem ärgsten Feind nicht wünschen, unter die Fuchtel dieses Schweinehundes zu geraten.“
„Nicht so laut“, zischte El Rojo.
„Uns hört ja keiner.“
„Hast du gesehen, wie dieser deutsche Kapitän dem Teniente die Faust zu schmecken gegeben hat?“ El Rojo kicherte. „Das war mal ein feiner Hieb.“
„Das hat auch mir gefallen“, sagte Tores. „Und deshalb habe ich an diesem deutschen Kapitän nichts auszusetzen.“
„Und an den anderen auch nicht, wie?“
„Ja.“
„Am liebsten würdest du ihnen helfen, de Zavallo in die See zu befördern, was?“ El Rojo kicherte wieder.
„Natürlich.“ Tores warf ihm einen Blick zu. „Aber laß dein blödes Gekicher.“
El Rojo wurde sofort wieder ernst. „Klar. Ich will nicht schon wieder Streit mit dir.“
Lombardez kletterte über den Niedergang zu ihnen herauf.
„Was habt ihr zu quasseln?“ fragte er.
„Fängst du jetzt schon an wie de Zavallo?“ fragte Tores angriffslustig.
Lombardez blieb dicht vor ihm stehen. „Nein. Aber der Profos will wissen, was los sei.“
Tores und El Rojo sahen ein, daß es klüger war, den Mund zu halten. Sie durften nicht schon wieder anecken. An Bord der Kriegsgaleone und der beiden anderen Kriegsschiffe hatten Ordnung und Gehorsam zu herrschen. Keiner hatte aufzumucken oder zu murren, und wenn es nicht ruhig genug war, wurde hart durchgegriffen.
De Zavallo hatte dem Profos entsprechende Anweisungen hinterlassen. Der Profos konnte mit der Neunschwänzigen genausogut umgehen wie der Teniente, deshalb war es ratsam, sich friedlich zu verhalten.
Im übrigen hatte das Erscheinen dieses „deutschen Kauffahrers“ ja für Abwechslung gesorgt. Die Langeweile der spanischen Seeleute war vergessen. Sie beobachteten die „Goldene Henne“ und fragten sich insgeheim, wie das alles weitergehen und enden würde.
Darüber zerbrach sich auch Jean Ribault gerade wieder den Kopf. Es galt, eine Kriegslist zu ersinnen, es mit einem Trick zu versuchen. Nach seinen überschlagsmäßigen Berechnungen mußten der Kriegsschiffverband und die „Goldene Henne“, inzwischen querab von Grand Bahama stehen.
Natürlich entsann sich Jean Ribault, daß Hasard und die Männer der „Isabella IX.“ sowie Thorfin Njal mit seinem Schwarzen Segler ebenfalls Great Abaco hatten verlassen wollen, um hier oben die Inseln zu erkunden. Folglich mußten sie jetzt hier sein – irgendwo in der Nacht. Durfte man sich diese Chance entgehen lassen?
Auf keinen Fall, dachte Jean Ribault. Immer wieder blickte er zu den Seesoldaten, die auf den Decks der „Henne“ Wache hielten. Was immer er tat, es würde ein höllisches Risiko sein. Aber er mußte alles auf eine Karte setzen. Die Freunde mußten verständigt werden. Andernfalls verschwanden die „Goldene Henne“ und ihre Besatzung möglicherweise spurlos. Diesem de Zavallo war absolut nicht zu trauen, er war zu jeder Schandtat fähig.
Allerdings hielt es Jean Ribault für seine Pflicht, bei seinen Männern zu bleiben. Deshalb konnte nicht er der Mann sein, der die „Henne“ verließ und sich in einem günstigen Moment absetzte. Zwei Männer mußten es außerdem sein, einer allein würde es nicht schaffen, zu entkommen und im Dunkeln draußen auf See zu bestehen.
In einem unbeobachteten Moment näherte sich Jean Ribault Jan Ranse und Mel Ferrow.
„Hört mal zu“, murmelte er. „Wir müssen was auf die Beine stellen.“
„Denkst du, was wir denken?“ flüsterte Jean. „Grand Bahama ist nicht weit, oder?“
„Richtig.“
„Wir müssen Hasard und den Wikinger benachrichtigen“, raunte Mel Ferrow. „Auf Teufel komm raus!“
„Traut ihr euch das zu?“ fragte Jean Ribault.
„Na klar“, erwiderte Jan gedämpft. „Aber du? Was machst du?“
„Ich bleibe“, wisperte der Franzose. „Versucht, es zu verstehen. Ich habe das Kommando und fühle mich für die Crew verantwortlich.“
„Das ist logisch“, raunte Mel. „Aber was wird, wenn dich dieser Drecksteniente für unsere Flucht zur Verantwortung zieht?“
„Das überstehe ich schon“, erwiderte Jean Ribault verhalten. „Im übrigen kann er denken, daß ihr auf eigene Faust entwischt seid.“
Jan nickte. „Ja, das klingt gut. Wir schnappen uns also die Jolle, die achtern angehängt ist, und hauen ab?“
„Ja“, erwiderte Ribault. „Und dann versucht ihr, entweder auf Hasard oder auf den Wikinger zu stoßen, die rund um Grand Bahama und bei den nördlicher liegenden Keys erkunden.“
„Und wenn uns das nicht gelingt?“ fragte Mel.
„Dann müßt ihr nach Great Abaco“, flüsterte Ribault. „Seht zu, daß ihr die Cherokee-Bucht erreicht. Irgendwie muß es klappen.“
„Du kannst dich auf uns verlassen“, wisperte Jan. „Irgendwie kriegen wir das hin. Aber wie verschwinden wir, ohne daß uns die Dons mit ihren Musketen oder Drehbassen in Stücke schießen?“
„Mal sehen“, erwiderte Jean Ribault. „Ich schätze, wir werden ein kleines Ablenkungsmanöver in Szene setzen.“ Er blickte dabei zu Hein Ropers und Hanno Harms.
Mel grinste. „Schon verstanden. Aber wir brauchen noch ein Messer. Besser wären zwei Messer.“
„Mann“, murmelte Jan. „Die besorgst du doch, oder?“
„Aus der Kombüse?“ flüsterte Mel.
„Aus der Kombüse“, bestätigte Jean Ribault. „Nachdem die technischen Fragen geklärt wären, gehen wir zur Strategie und Taktik über.“
„Ich verschwinde gleich in Richtung Kombüse“, brummelte Mel. „Das fällt mir nicht allzu schwer. Im übrigen ist dort auch kein Wachtposten, wenn mich nicht alles täuscht.“
„Du irrst dich nicht“, entgegnete Jean Ribault so leise wie möglich. „Sie halten vor dem Schott der Vorpiek und hier oben Wache. De Zavallo scheint in die Kapitänskammer verliebt zu sein. Er ist dort verschwunden und nicht wieder aufgetaucht.“
„Der Hund fühlt sich schon als Kapitän!“ zischte Jan. „Aber er wird sich noch wundern.“
„Wann steigt die Aktion?“ wollte Mel wissen.
„Nach Mitternacht“, erwiderte Jean Ribault.
„Dann ist noch ein bißchen Zeit“, brummte Mel. „Wir können uns in aller Ruhe vorbereiten.“
„Nur keine Hast“, murmelte Jan. „Und vor allem keine Panik.“ Er grinste Jean Ribault zu und sah dann zu seinem „Komplizen“ Mel. Dann grinsten sie alle drei wie die Teufel.
Jan Ranse als Steuermann der früheren „Le Vengeur“ hatte die nördlichen Bahama-Inseln von den Karten her genau im Kopf. Wo die derzeitige Position der „Goldenen Henne“ und ihrer Bewacher war, konnte er – wie Jean Ribault – ebenfalls nur schätzen. Deshalb war er ziemlich sicher, daß es keine Orientierungsschwierigkeiten geben würde, wenn sie mit der Jolle verschwanden.
Im übrigen war die Jolle mit Bootskompaß, Steckmast und aufgerolltem Gaffelsegel ausgerüstet. Die Spanier hatten nichts entfernt. Das war ein Fehler von Don José de Zavallo. Er hätte entweder die Jolle an Bord hieven oder zumindest den Mast entfernen lassen müssen.
Immerhin mußte er damit rechnen, daß die „Deutschen“ nach ihrer überraschenden Attacke verwegen genug waren, noch einmal den Aufstand zu proben. Nichts schien ihren Widerstand brechen zu können, ständig mußte man auf sie aufpassen.
Aber das taten die Seesoldaten ja auch. Die fünf „Deutschen“, denen de Zavallo gnädigerweise gestattet hatte, an Oberdeck zu bleiben, hatten nicht die geringste Chance, etwas zu unternehmen – so dachte der Teniente. Im Prinzip traf dies, von seiner Warte aus gesehen, auch zu.
Wenn auch nur einer der Gefangenen ins Wasser sprang – was praktisch unmöglich war –, wohin sollte er schwimmen? Die Haie würden ihn zerreißen, bevor er eine der Bahama-Inseln erreichte. Und mit der Jolle konnte er auch nicht viel anfangen. Ganz abgesehen davon war es ausgeschlossen, daß einer dieser Kerle den Soldaten entwischte, die den Befehl hatten, sofort zu feuern, falls auch nur der kleinste Zwischenfall passierte.
De Zavallo durfte sich also sicher fühlen, was die verordneten Maßnahmen betraf. Er ahnte ja auch nicht, daß die „Teutonen“ keine biederen Handelsfahrer waren, sondern dem Bund der Korsaren angehörten. Somit lag ihm auch jegliche Vermutung fern, es könnten sich etwaige Verbündete dieser Kerle in der Umgebung befinden.
Don José de Zavallo hatte sich wieder etwas beruhigt. Die Schmerzen in seinem Unterkiefer hatten nachgelassen. Seine Wut war zum größten Teil verraucht. Nicht etwa, weil er dem verrückten deutschen Kapitän und dessen Kerlen verzieh – o nein!
Es war vielmehr der Aufenthalt in der Kapitänskammer, der ihn ablenkte und ihm ein neues Gefühl der Überlegenheit und Selbstherrlichkeit verlieh. Zudem hatte er ein Fläschchen Portwein entdeckt, von dem er jetzt ein Glas zu sich nahm.
Er war kein Trinker, er verachtete eher Alkohol. Aber seinen Sieg mußte er jetzt feiern, für sich allein. Zum Wohl, dachte er, hob das Glas an den Mund und nahm einen Schluck von dem süffigen Wein.
Vorzüglich, dachte er und grinste. Er spürte die Wirkung sofort. Die Schmerzen ließen noch mehr nach, das Hochgefühl wuchs. Fast war er versucht, ein Liedchen zu trällern, aber das erschien ihm denn doch etwas zu übertrieben.
Hätte er geahnt, was sich an Oberdeck zusammenbraute, dann hätte er schleunigst die Kapitänskammer verlassen und persönlich die Leitung der Nachtwache übernommen. Aber nicht die Spur von einem Verdacht keimte in ihm. Alles friedlich, dachte er, eine ruhige Nacht.
Mel Ferrow war es unterdessen gelungen, heimlich das Vordeck aufzusuchen. Daß die Deckswachen es nicht bemerkten, hing bereits mit dem Ablenkungsmanöver zusammen, das Hein Ropers und Hanno Harms vorn auf der Back begonnen hatten.
Jean Ribault hatte sich vor einer halben Stunde mit ihnen abgestimmt – auf Deutsch. Es hatte nur weniger Worte bedurft. Sie hatten sofort begriffen und wußten, was sie zu tun hatten.
Als Hein Ropers registrierte, daß Mel sich anschickte, die Kuhl zu verlassen, deutete er auf einen der Soldaten, die bei ihnen auf der Back standen und sie bewachten.
„Sieh mal, Hanno“, sagte er. „Findest du nicht auch, daß er eine reichlich dicke Nase hat?“
Hanno Harms, der Mann aus Hinterpommern, betrachtete den Spanier auf seine bedächtige Art. „Stimmt schon. Ich schätze, er hat eine feine Knollennase.“
„Nee“, sagte Hein Ropers, „’ne Rübennase.“
Der Soldat verstand zwar kein Wort, begriff aber natürlich, daß sie über ihn redeten. Seine Augen wurden schmal, und er senkte etwas seinen behelmten Kopf.
„He“, brummte er. „Was ist los?“
Hanno musterte ihn und schüttelte den Kopf. „Ob Knollen- oder Rübennase, ist doch egal. Ich finde, es ist eine Zumutung, mit so ’ner Nase durch die Gegend zu laufen.“
„Ja, wirklich, ein starkes Stück“, pflichtete Hein Ropers ihm grinsend bei.
„Verdammt“, sagte der Soldat und rückte ein Stück auf sie zu. „Was habt ihr da zu grinsen?“ Der Schein der Bordlaterne fiel jetzt direkt auf sein Gesicht.
Hanno lachte. „O Mann, was für ein Zinken. So was sollte verboten werden, finde ich.“
„Was reden die?“ fragte der Soldat einen seiner Kameraden.
„Bin ich Hellseher?“ fragte ein anderer Soldat zurück. „Wer versteht das Kauderwelsch schon?“
„Du da“, sagte der erste Soldat zu Hanno. „Red gefälligst Spanisch.“
„Was sagt er?“ fragte Hanno Hein Ropers.
„Du sollst Spanisch sprechen“, erwiderte Hein Ropers.
„Kann doch kein Spanisch“, sagte Hanno. „Nicht ein einziges Wort. Mann, was für ’ne dicke, dicke Nase.“
Der Soldat mit der großen Nase wurde wütend. Aber sein Kamerad trat zu ihm und hielt ihn am Arm fest.
„Laß dich doch nicht verulken“, sagte er. „Merkst du nicht, daß die dich bloß herausfordern wollen?“
„Ich laß mich nicht auslachen.“
„Darauf legen sie es ja nur an.“
„Wenn sie nicht aufhören, melde ich sie dem Teniente“, sagte der Soldat mit der großen Nase aufgebracht.
Mel Ferrow war inzwischen in die Kombüse eingedrungen. Es war stockdunkel, aber er kannte sich gut genug aus. Oft besuchte er Eric Winlow, den Koch, und schaute aus reiner Neugier bei ihm in die Töpfe. Deshalb wußte Mel auch, wo die Messer waren.
Im Handumdrehen hatte er sich zwei Fleischermesser zugesteckt, verließ die Kombüse wieder und kehrte auf die Kuhl zurück. Keiner der Spanier schien sein kurzes Verschwinden bemerkt zu haben. Die Soldaten richteten ihr Augenmerk auf die Back.
„Ha“, sagte dort gerade Hanno Harms. „Wenn ich so eine Gurke im Gesicht hätte, würde ich mich verstecken.“
„Er zieht mich wegen meiner Nase auf!“ stieß der Soldat erbost hervor.
„Ach, hör auf“, sagte sein Kamerad beschwichtigend. „Das bildest du dir nur ein.“
Jean Ribault war mit wenigen Schritten neben Mel Ferrow.
„Hast du die Messer?“ fragte er gedämpft.
„Ja, alles klar.“
„Dann los. Setzt euch nach achtern ab.“
Mel warf Jan Ranse einen Blick zu. Jan wich unmerklich weiter noch achtern zurück und näherte sich dem Backbordniedergang des Achterdecks. Mel bewegte sich auch – mehr wie zufällig – nach achtern.
Jean Ribault verharrte auf seinem bisherigen Platz am Großmast und blickte wie die Spanier zur Back hoch, wo sich der schönste Streit zu entwickeln schien.
„Hanno“, sagte Hein Ropers in diesem Moment. „Ich glaube, der Don will, daß du deine Klappe hältst.“
Hanno grinste breit. „Wer so einen Mordszinken hat, hat gar nichts zu wollen.“
Der Soldat traf Anstalten, sich auf ihn zu stürzen.
„Don? Wer ist ein Don?“ schrie er. „Halt dein Maul, Kerl!“
Inzwischen steuerte auch die Kriegskaravelle von achtern etwas näher heran und segelte zwischen der „Goldenen Henne“ und der Kriegsgaleone an Backbord auf.
„Was ist da los?“ rief der Mann, der das Kommando über die Deckswache hatte.
„Ach, nichts“, erwiderte einer der Wachtposten auf der Kriegsgaleone. „Die Deutschen quatschen nur blöd herum!“
„Was sagen die?“ wollte Hanno von Ropers wissen.
„Daß wir nur blödes Zeug quatschen.“
Hanno tippte sich mit dem Zeigefinger gegen die Schläfe. „Ihr seid ja selber blöd.“ Dabei sah er wieder provozierend den Soldaten mit der großen Nase an. Eigentlich hatte er nichts gegen ihn, aber jemand mußte ja das Ablenkungsmanöver durchführen.
„Dir stopf ich das Maul!“ schrie der Soldat.
„He“, sagte sein Kamerad. „Jetzt hör aber endlich auf.“
Zwei andere rückten näher.
„Deutscher, halt die Klappe, oder du fliegst zu den anderen in die Vorpiek“, sagte der eine.
„Was heißt das jetzt wieder?“ fragte Hanno, obwohl er selbst genug Spanisch verstand.
„Daß es gleich losgeht“, brummte Hein Ropers.
Unmerklich warf er einen Blick nach achtern. Mel und Jan hatten das Achterdeck erreicht, aber auch auf dem Achterdeck waren vier Seesoldaten.
Hanno beschloß, den Ablauf der Dinge zu beschleunigen.
„Da“, sagte er und trat direkt vor den Soldaten mit der großen Nase hin. Sein Zeigefinger richtete sich auf die Nase und schien ein Loch hineinbohren zu wollen. „Hast du dich schon mal im Spiegel gesehen?“
„Was sagt er?“ brüllte der Soldat Hein Ropers an.
Der zuckte nur mit den Schultern. „Ach, ich verstehe ihn selber nicht recht. Er spricht Plattdeutsch.“
Der Soldat war im Gesicht hochrot angelaufen. „Was für’n Ding?“
„Es ist ’ne Steckrübennase“, brummte Hanno. Dann grinste er wieder derart frech, daß der Spanier nicht mehr länger an sich halten konnte.
Der Soldat hob seine Muskete, drehte sie um und wollte Hanno den Kolben gegen die Schulter rammen. Darauf hatte Hanno nur gewartet. Er duckte sich und wich dem Stoß um Haaresbreite aus.
„Du Dreckskerl!“ schrie der Soldat.
Hanno unterlief ihn und warf sich gegen seinen Brustpanzer. Der Soldat stieß einen Laut aus, der wie eine Mischung aus Verblüffung und Entsetzen klang, dann verlor er das Gleichgewicht. Er kippte um, krachte auf die Planken und verlor seinen Helm. Hanno beugte sich über ihn und knallte ihm die Faust unters Kinn.
Der zweite Soldat wollte seinem Kameraden zu Hilfe eilen, achtete aber nicht auf Hein Ropers. Der riß ihm den Helm vom Kopf und hieb damit zu. Es gab einen dröhnenden Laut, der Soldat sank besinnungslos zusammen.
Auch der erste sank aufseufzend zurück und rührte sich nicht mehr. Hannos Hieb hatte gesessen. Doch jetzt stürmten die anderen Seesoldaten heran und stürzten sich fluchend auf die beiden Deutschen.
Darmowy fragment się skończył.