Czytaj książkę: «Seewölfe Paket 17»
Impressum
© 1976/2017 Pabel-Moewig Verlag KG,
Pabel ebook, Rastatt.
eISBN: 978-3-95439-775-4
Internet: www.vpm.de und E-Mail: info@vpm.de
Inhalt
Nr. 321
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 322
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 323
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 324
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 325
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 326
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 327
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 328
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 329
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 330
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 331
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 332
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 333
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 334
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 335
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 336
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 337
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 338
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 339
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 340
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10

1.
„Verdammte Milchsuppe!“ stieß Edwin Carberry mit einem leisen Knurren in der Stimme hervor. „Bei diesem Nebel findet man ja seinen eigenen Hinterkopf nicht mehr, wenn man sich mal kratzen muß!“
Damit übertrieb der bullige Profos der „Isabella IX.“ zwar gewaltig, dennoch herrschte an jenem frühen Morgen des 31. März 1593 ziemlich schlechte Sicht, weil dichte Nebelschwaden die Ostsee überlagerten und sich träge auf die Küstengebiete zwischen Kurland und Ostpreußen zuschoben.
Die große, ranke Galeone aus dem fernen England wurde von Philip Hasard Killigrew, dem Seewolf, befehligt. Die „Wappen von Kolberg“, ein ehemaliges polnisches Flaggschiff, fuhr unter dem Kommando seines Vetters, Arne von Manteuffel.
Beide Schiffe segelten Kurs Südsüdwest, der auf Brüsterort, die nördliche Landspitze der Bernsteinküste im ostpreußischen Samland, zuführte.
Jetzt, in der ersten Morgendämmerung, lagen die Galeonen auf der Höhe von Windau. Der Wind wehte mäßig aus Westen, die „Isabella“ segelte vor der „Wappen von Kolberg“, die ihr wegen des Nebels dichtauf folgte.
Die beiden Kapitäne, unter deren Führung am Vorabend ein polnischer Viererverband versenkt worden war, hatten beschlossen, in Küstennähe zu bleiben, weil sie davon ausgingen, daß sich etwaige Verfolger weiter draußen auf See befanden.
Edwin Carberry sollte jedoch bald noch mehr Grund zum Fluchen haben, denn das, was jetzt plötzlich und völlig überraschend geschah, purrte selbst jene Seewölfe hoch, die sich während ihrer Freiwache in die Kojen gehauen hatten. Ja, das Ganze wirkte wie ein böser Spuk im Morgengrauen.
Blacky, der wegen der schlechten Sicht auf der Back der „Isabella“ nach voraus Ausguck ging, brüllte plötzlich laut los und deutete auf die graue Nebelwand.
„Wahrschau! Da ist etwas Längliches Backbord voraus!“
„Was heißt da, was Längliches, was, wie?“ fragte der Profos mit Donnerstimme. „Schielst du vielleicht und siehst deine eigene Nasenspitze, he?“
Blacky ging nicht darauf ein. Er begann vielmehr, heftig mit den Armen zu fuchteln.
„Das ist eine Galeere!“ brüllte er erregt. „Jetzt sehe ich ganz deutlich die beiden Pfahlmasten! Und sie hält direkt auf uns zu. Mein Gott, wenn das nur gutgeht!“
Jetzt sahen auch die anderen Männer, einschließlich des Seewolfs, der sich auf dem Achterdeck der „Isabella“ befand, die Galeere aus den Dunstschwaden auftauchen. Ihre Segel waren nicht gesetzt, sie wurde durch kräftige Riemenschläge vorangetrieben. Ihr weit hervorragender Rammsporn zeigte genau in die Richtung, in der sich die Backbordseite der „Isabella“ in wenigen Augenblicken befinden mußte.
Ein durch den Nebel bedingtes Aufeinanderprallen der beiden Schiffe schien unvermeidbar zu sein.
„Rasch, Pete! Ruder hart Steuerbord!“ brüllte Philip Hasard Killigrew zu dem kleinen, stämmigen Rudergänger hinüber.
Pete Ballie ließ das fortschrittliche Steuerrad, das Hesekiel Ramsgate auch auf der neuen „Isabella“ anstelle des herkömmlichen Kolderstocks eingebaut hatte, in rascher Reaktion durch die Fäuste wirbeln.
Der Rumpf der großen Galeone fiel etwas nach Steuerbord ab, aber für ein erfolgreiches Ausweichmanöver war es bereits zu spät.
Auch auf der Galeere mußte man inzwischen das aus dem Nebel auftauchende englische Schiff gesichtet haben. Zunächst waren laute Rufe zu hören, dann drangen schrille Entsetzensschreie zu den Seewölfen herüber.
Doch das fürchterliche Krachen und Splittern, das Sekunden später über die Wasserfläche dröhnte, erstickte für kurze Zeit alle menschlichen Laute.
Als die „Isabella“ mit ihrem Steven den gefährlichen Rammsporn erwischte und ihn vom Bug der Galeere wegfetzte, ging ein heftiger Ruck durch den Schiffsrumpf, dem ein häßliches Knirschen und Knacken folgte.
Der Aufprall riß die Galeere, die fast rechtwinklig auf das Schiff der Seewölfe zugelaufen war, ein Stück herum, dann donnerte sie mit Wucht gegen die Backbordseite der „Isabella“ und schurrte an ihr entlang nach achtern.
Das Splittern und Bersten hielt an, weil die Steuerbordriemen der Galeere durch die Kollision der beiden Schiffsrümpfe zerbrochen wurden. Überall barst Holz, Teile der Riemen klatschten ins Wasser, begleitet von erschreckten Schreien und dem Gebrüll verletzter Rudergasten, die durch die eigenen Riemen von den Bänken gefegt wurden.
„Himmel, Arsch und Sonnenschein!“ fluchte Edwin Carberry lauthals und hielt sich gleichzeitig an der Nagelbank des Großmastes fest, um nicht durch die Schlingerbewegungen des Schiffes über die Kuhl gefegt zu werden. „Können die Affenärsche ihre Klüsen denn nicht besser aufreißen, was, wie? Man meint, die hätten nicht genug Platz auf diesem Ententeich! Es ist, verdammt noch mal, eine Unverschämtheit, anständige Christenmenschen, die sich auf einer Pilgerreise befinden, einfach über den Haufen rennen zu wollen!“
Der Profos hatte sein klotziges Rammkinn vorgeschoben. Zusammen mit dem zernarbten Gesicht und der prächtigen Glatze, die er seit seiner Wette mit Luke Morgan zur Schau trug, verlieh es ihm das Aussehen eines Monsters aus grauer Vorzeit. Nur diejenigen, die Edwin Carberry kannten, wußten, daß er trotz seines furchterregenden Aussehens und seines kernigen Wortschatzes das Herz auf dem rechten Fleck hatte.
Doch jetzt blieb ihm nicht die Zeit, einige freundliche Worte auf die Galeere hinüberzubrüllen. Das Zusammenprallen der beiden Schiffe hatte sich in einer sehr kurzen Zeitspanne abgespielt, und das fremde Schiff verschwand, nachdem es sämtliche Steuerbordriemen verloren hatte, wie ein Geisterschiff achteraus.
Aber damit begann das Unglück erst richtig.
Die „Wappen von Kolberg“, die im Kielwasser der „Isabella“ segelte, schloß ebenfalls Bekanntschaft mit der Galeere. Auch Arne von Manteuffel schaffte es nicht mehr rechtzeitig, dem angeschlagenen Schiff auszuweichen. Er hatte zwar trotz des dichten Nebels mitgekriegt, wie die Galeere mit der „Isabella“ kollidierte, aber in der kurzen Zeit hatte er nicht mehr abwägen können, wie sich die Sache weiterentwickeln würde.
Und nun war es bereits zu spät dafür, einen Aufprall auf die fremde Galeere zu vermeiden.
Arne brüllte zwar noch einen entsprechenden Befehl zu seinem Rudergänger hinüber, aber bevor dieser darauf reagieren konnte, geschah es.
Die „Wappen von Kolberg“ nahm die Galeere voll auf die Hörner. Mit ihrem Steven rannte sie Steuerbord achtern voll in die Plattform der Galeere. Das Krachen und Bersten, das gerade erst verstummt war, begann erneut. Von der Masse und dem „Schwung“ der Galeone, die Arne von Manteuffel dem polnischen Generalkapitän Witold Woyda als Ersatz für sein versenktes Schiff abgejagt hatte, wurde die Galeere noch ein ganzes Stück weitergeschoben, bis sich die Verklammerung löste und das vom Unheil verfolgte Schiff mit seinem Heck herumgedrückt wurde. Das allerdings hatte zur Folge, daß es nun mit seiner Steuerbordseite gegen die Steuerbordseite der neuen „Wappen von Kolberg“ krachte.
Auf beiden Schiffen herrschte im Handumdrehen Zustand, hauptsächlich jedoch auf der Galeere, die achtern Wasser zog. Der Steven von Arnes Beutegaleone hatte riesige Lecks hinterlassen, durch die das Wasser mit beängstigender Geschwindigkeit in den Schiffsraum strömte. Die Achterlastigkeit der Galeere war bereits jetzt schon deutlich sichtbar.
An Bord der sinkenden Galeere verstärkte sich das Gebrüll. Flüche, Verwünschungen, Schreckensschreie und Kommandos dröhnten durch den wallenden Nebel.
„Das sind Polen“, sagte Arne von Manteuffel. Der große, breitschultrige Mann mit den eisblauen Augen glich dem Seewolf auf eine verblüffende Weise. Nur seine Haare waren im Gegensatz zur schwarzen Mähne des Seewolfs blond. „Die Galeerenbesatzung braucht jetzt unsere Hilfe“, fuhr er fort, „auch wenn die Polen nicht gerade zu unseren Freunden zählen. Der Kahn geht unverkennbar auf Tiefe.“
Renke Eggens, der Erste Offizier der „Wappen von Kolberg“, nickte.
„Bisher haben wir Schiffbrüchigen immer geholfen, gleich auf welcher Seite sie standen.“
Beide Männer eilten zum Steuerbordschanzkleid des Achterkastells hinüber, um das Ausmaß des Unglücks besser beurteilen zu können.
Doch was sie sahen, verwandelte ihre Hilfsbereitschaft in jähen Zorn.
Die Polen, einschließlich der Ruderknechte, die nicht angekettet waren, griffen zu den Waffen. Dabei rafften sie in der Eile alles zusammen, was ihnen in die Finger geriet: Musketen und Pistolen, hauptsächlich jedoch Blankwaffen aller Art. Dann drängten sie mit lautem Gebrüll zum Schanzkleid.
„Die wollen entern“, sagte Arne kurz. Da er die polnische Sprache verstand, wußte er auch die Kommandos, die auf der Galeere gebrüllt wurden, richtig zu deuten. „Gewissermaßen wollen die aus der Not eine Tugend machen“, fügte er grimmig hinzu.
„Dann sollten wir ihnen was auf die Köpfe geben“, sagte der schlanke und drahtige Renke Eggens. „Ich sehe ja ein, daß die Burschen ein neues Schiff brauchen, aber auf eine so einfache Tour geht das nicht.“
„Ganz gewiß nicht“, erwiderte Arne von Manteuffel. „Wir werden uns zu wehren wissen.“
Die Kommandos des Kapitäns der „Wappen von Kolberg“ waren kurz und präzise. Seine Männer eilten, ohne in Panik zu geraten, an die Waffen. Und in dieser Hinsicht war tatsächlich Eile geboten, denn die ersten Enterhaken der Polen verkrallten sich bereits im Schanzkleid der Galeone.
„Kappt die Taue!“ befahl Arne, der die Gefahr, die von den Enterhaken und ihren Wurfleinen ausging, sofort erkannte. Schließlich war die Galeere am Sinken und konnte sein Schiff erheblich in Gefahr bringen, wenn man es nicht schnell von seinem „Anhängsel“ befreite.
Einige seiner Männer gingen sofort daran, seinen Befehl auszuführen. Doch das erwies sich als ein hartes und gefährliches Stück Arbeit, zumal sich die ersten Polen bereits mit lautem Geschrei über das Schanzkleid schwangen.
Auf beiden Seiten wurden Pistolen und Musketen abgefeuert, dann klirrte das Metall der Blankwaffen – der Säbel, Degen, Messer und Cutlasse – gegeneinander. Innerhalb von wenigen Augenblicken tobte ein erbitterter Enterkampf.
Die Polen wollten aus der gegebenen Situation ganz offensichtlich Kapital schlagen, aber da stießen sie bei Arne und seinen Mannen auf erbitterten Widerstand. Wegen der Vorkommnisse der vergangenen Tage hegten diese gegenüber den Soldaten des polnischen Königs Sigismund III. ohnehin keine besonders freundschaftlichen Gefühle. Und der Verlust ihrer alten „Wappen von Kolberg“ saß den Deutschen noch immer ziemlich in den Knochen. Dennoch würden sie sich ihrer Haut zu wehren wissen, auch wenn die Polen in der Überzahl waren.
Arne von Manteuffel stand mit gespreizten Beinen auf dem Achterdeck seiner Galeone und riß die Radschloßpistole hoch. Ein polnischer Soldat, der gerade an Bord geentert war, hatte seine Muskete auf ihn in Anschlag gebracht und gefeuert. Die Kugel war haarscharf an seiner linken Schulter vorbeigepfiffen.
Jetzt krachte Arnes Pistole, eine grelle Mündungsflamme stach aus dem Lauf hervor, und der Soldat ließ seine leergeschossene Muskete fallen. Dann griff er sich mit beiden Händen an die Brust und kippte mit einem Aufstöhnen zur Seite.
Die Polen kämpften zäh und verbissen, und immer mehr von ihnen drängten auf die Galeone herüber. Da ihnen das Schiff unter den Füßen absoff, standen sie gewissermaßen unter Erfolgszwang. Sie hatten nur die Möglichkeit, diese Galeone in ihren Besitz zu bringen oder aber im kalten Wasser der Ostsee zu ertrinken. Die Chance, als Schiffbrüchige gerettet zu werden, hatten sie durch ihren heimtückischen Angriff vertan.
Außerdem war da noch die Galeone der Engländer, mit der sie zuerst zusammengeprallt waren. Der große Segler war durch die überraschende Kollision aus dem Kurs gelaufen und gleich darauf im dichten Nebel verschwunden. Die Polen hofften deshalb inbrünstig, daß die Engländer die Orientierung verloren hatten. Wenn nicht, dann würden sie sich auch diesem Schiff zum Kampf stellen, sobald sie das ehemalige Flaggschiff ihres Generalkapitäns in ihre Gewalt gebracht hatten.
Arne von Manteuffel und seine kleine Mannschaft erwiesen sich als harte Kämpfer. Viele der Polen schafften es gar nicht erst, die Planken der „Wappen von Kolberg“ zu betreten. Entweder wurden sie durch gezielte Schüsse daran gehindert oder aber im Kampf Mann gegen Mann zurückgedrängt. Eine ganze Reihe der Angreifer schwamm bereits im Wasser, einigen drohte das furchtbare Schicksal, von den beiden Schiffsleibern zermalmt zu werden.
Arne hatte zum Degen gegriffen und trieb damit einen polnischen Offizier, der zum Achterdeck auf entern wollte, die Stufen des Niedergangs hinunter. Dabei erwies er sich als äußerst geschickter Degenkämpfer, der es verstand, die plötzlichen Ausfälle seines Gegners mit ungeheurer Schnelligkeit zu parieren.
Auch Renke Eggens kämpfte wie ein Berserker. Es gelang ihm nach mehreren Versuchen, auch noch die letzte Wurfleine zu kappen, die die „Wappen von Kolberg“ mit der polnischen Galeere verband. Zwei Soldaten, die sich daran hochhangeln wollten, stürzten mit wilden Schreien in die Galeere zurück.
Während sich Renke zwei weiteren Kerlen zuwandte, die sich einige Schritte rechts von ihm über das Schanzkleid schwingen wollten, tönte eine laute Stimme von der Galeere herüber.
„Im Namen des polnischen Königs! Gebt auf, ihr Bastarde, sonst verarbeiten wir euch zu Fischfutter!“
Die Stimme kam von einem untersetzten Mann in Offiziersuniform, der sich ebenfalls anschickte, das Schiff der Deutschen zu entern. Er hatte polnisch gesprochen, aber der dunkelblonde Renke hatte ihn gut verstanden.
„Du verwechselst die Tatsachen, Freundchen!“ brüllte er zornig zurück. „Ganz davon abgesehen, daß euren habgierigen König nicht mal die Heringe fressen würden, wird sich ja bald zeigen, wer als erster nasse Füße kriegt!“
Mit wuchtigen Hieben trieb Renke Eggens die beiden Kerle, die auf die Planken der Kuhl gesprungen waren, auf die Back zu. Dort nahm sie Hein Ropers, der flachsblonde Bootsmann, in Empfang.
„Vielen Dank für das nette Geschenk!“ rief er Renke zu und lachte dabei, daß seine weißen Zähne blitzten. Dann packten seine eisernen Fäuste erbarmungslos zu.
Nachdem er dem ersten Polen die Waffe aus der Hand geschlagen hatte, wuchtete er ihn seinem nachfolgenden Kumpan entgegen. Und da dieser gerade mit seinem Degen zu einem voreiligen Stoß ausgeholt hatte, fuhr die Klinge seinem Landsmann voll in die Brust.
Verblüfft und entsetzt registrierte der Soldat sein eigenes Werk. Hein Ropers hingegen nutzte die Schrecksekunde, packte ihn am Kragen und Hosenboden und hievte ihn schwungvoll über Bord.
Es wurde auch höchste Zeit, daß der Bootsmann seine Fäuste wieder frei kriegte, denn ein kleiner, dürrer Bursche mit spitzem Rattengesicht, hatte sich von hinten an ihn herangepirscht, um ihm das Messer in den Rücken zu stoßen.
„Vorsicht, Hein!“ rief ein Mann aus der eigenen Crew, der selber alle Hände voll zu tun hatte.
Der Bootsmann wirbelte geistesgegenwärtig herum, blockte den heimtükkischen Stoß ab und schlug dem Polen das Messer aus der Hand. Dann riß er ihn herum und verpaßte ihm einen so fürchterlichen Tritt gegen den Achtersteven, daß der Bursche mit ausgebreiteten Armen Renke Eggens entgegensegelte.
„Das ist mein Gegengeschenk!“ brüllt Hein Ropers.
„Danke!“ rief Renke zurück und setzte dem rattengesichtigen Kerl die Faust aufs Haupt. Dieser verdrehte die Augen und ging mit einem schicksalsergebenen Seufzer auf die Planken.
Duckmäuser waren Arne und seine Mannen noch nie gewesen. Auch jetzt schlugen sie sich so, daß den Polen die Augen übergingen. Dennoch war die Übermacht der Angreifer ständig größer geworden, denn auch die Ruderknechte mischten kräftig mit.
Arne und seine dreizehn Männer, die ihm von der alten „Wappen von Kolberg“ geblieben waren, würden die Stellung nicht auf Dauer halten können. Obwohl sie wie die Teufel kämpften, wurde die Lage immer bedrohlicher für sie.
Außerdem waren einige Männer bereits verletzt worden. Die Blessuren waren zwar nicht ernster Art, aber sie reichten aus, die Kampfkraft des einen oder anderen zu schwächen.
Schließlich sah sich Arne von Manteuffel genötigt, den Rückzug zum Achterkastell zu befehlen, das auch gegen eine Übermacht durchaus verteidigt werden konnte.
„Jetzt könnten wir deinen Vetter gut gebrauchen!“ rief Renke Eggens, der gerade mit einem Belegnagel zugeschlagen hatte.
Arne nickte, ohne dabei seinen Gegner, einen mindestens sechs Fuß großen, bulligen Soldaten, aus den Augen zu lassen.
„Ich kann nur hoffen, daß Hasard den Lärm hört“, stieß er hervor, „und daß er uns in diesem verdammten Nebel wiederfindet!“ Sein Degen zuckte hoch, um einen Ausfall seines Gegners abzuwehren. Dann entdeckte er eine winzige Blöße bei dem grobschlächtigen Kerl, der seine Waffe wie einen Zahnstocher handhabte, und stieß blitzschnell zu.
Der Pole sank auf die Planken.
2.
Die Seewölfe hatten längst begriffen, was sich auf der „Wappen von Kolberg“ abspielte. Obwohl sie das Schiff nicht sehen konnten, sagte ihnen das laute Gebrüll genug. Auch waren sie sich darüber im klaren, daß es sich bei der Galeerenbesatzung um Polen handeln mußte. Nils Larsen und Stenmark hatten das schon mitgekriegt, als die Galeere an der Bordwand der „Isabella“ entlanggeschrammt war.
Die dichten Nebelschwaden begannen sich stellenweise aufzulösen, wodurch die Sicht langsam etwas besser wurde. Dennoch konnten weder der Seewolf noch Ben Brighton etwas durch ihre Spektive erkennen. Selbst Dan O’Flynn, der die schärfsten Augen an Bord hatte, mußte kapitulieren.
„Hast wohl heute nicht deinen Adlerblick drauf, was, wie?“ fragte der Profos grinsend. „Aber tröste dich, wir haben ja immer noch Paddy mit seiner prächtigen Knollennase. Wenn er mit diesem Zinken hoch genug an den Wind geht, wird er die Rübenschweine sofort riechen!“
Bevor Dan O’Flynn eine geharnischte Antwort vom Stapel lassen konnte, mischte sich der Seewolf ein.
„Zum Glück sind wir jetzt weder auf Adleraugen noch auf Knollennasen angewiesen“, sagte er. „Allein der Lärm wird alle Schiffe im Umkreis auf den richtigen Kurs lotsen. Außerdem können wir nicht weit vom Schauplatz entfernt sein.“
Das Gebrüll, das von der „Wappen von Kolberg“ herüberdröhnte, war in der Tat nicht zu überhören.
Edwin Carberry rieb sich in Erwartung der bevorstehenden Ereignisse tatendurstig die Pranken.
„Man hört’s ganz deutlich“, sagte er, obwohl durch den Lärm kein einziges Wort zu verstehen war, „das sind die Lümmel des Königs Siegermund …“
„Sigismund!“ unterbrach ihn Dan.
„Ach was“, fuhr Ed fort, „ist mir egal, wie sich diese beutelüsterne Majestät nennt! Hört ihr nicht, daß das Geschrei dieser plattfüßigen Strolche so richtig gierig klingt, he? Ich sage euch, die wollen die hübschen Klunkerchen unter sich aufteilen, die Arne an Bord hat, jawohl!“
„Du hast es erfaßt“, pflichtete ihm Old Donegal Daniel O’Flynn bei, der trotz seines Holzbeins und der Krükke gewandt zum Achterdeck aufgeentert war. „Die wissen bestimmt, daß sich noch die vierzehn Kisten mit Bernsteinen und Halbedelsteinen an Bord befinden, die Witold Woyda in Hopsal geklaut hat. Da wird Arne aber gut auf das Zeug aufpassen müssen!“
Edwin Carberry nickte mit grimmigem Gesicht.
„Wir hätten die Kisten zu uns an Bord nehmen sollen“, meinte er.
„Hä? Warum das denn?“ fragte Old Donegal.
„Ich hätte sie zusammen mit dem Mister Generalkapitän in der Vorpiek eingeschlossen“, fuhr Ed fort. „Dann hätte ich dem habgierigen Rübenschwein einen alten Lumpen in die Hände gedrückt und ihn beauftragt, jedes einzelne Steinchen schön zu polieren. Was glaubt ihr, was dieser Räucherhering für einen Spaß an dieser Arbeit gehabt hätte! So aber sitzt der Kerl da unten in unserer Piek und ruht sich aus. Vielleicht freut er sich sogar über den Lärm und wartet schon darauf, daß ihm seine Befreier das Schott öffnen. Ich wette, daß dieser Affenarsch …“
„Ha!“ entfuhr es dem alten O’Flynn. „Hör bloß auf zu wetten! Aus dem letzten Reinfall müßtest du eigentlich was gelernt haben. Wenn ich mir so deinen vierkantigen Glatzkopf ansehe, dann muß ich an eine verbeulte Kokosnuß denken.“
„Mach bloß die Luke dicht, du Holzgerippe!“ stieß der Profos hervor. „Und kümmere dich gefälligst nicht um meinen Charakterkopf! Vielleicht sprießen dort schon in wenigen Tagen hübsche Löckchen, wer weiß.“
Die Männer wollten in lautes Gelächter ausbrechen, aber da schaltete sich der Seewolf ein, der gerade einige Worte mit Ben Brighton gewechselt hatte.
„Wir dürfen keine Zeit verlieren“, sagte Hasard. „Was immer die Polen auch für Motive haben, über Arne und seine Männer herzufallen, sie spielen im Moment eine untergeordnete Rolle. Arne braucht unsere Hilfe, und zwar dringend. Mit seinen wenigen Leuten kann er das Schiff nicht auf Dauer gegen die Übermacht der Polen halten. Also mischen wir ein bißchen mit, und zwar so rasch es geht. Andererseits müssen wir natürlich damit rechnen, daß die Galeere zu einem polnischen Verband gehört, vielleicht sogar zu jenen Gruppen, die nach illegalen Bernsteinladungen fahnden. Somit besteht die Möglichkeit, daß jederzeit weitere Schiffe hier auftauchen.“
Die Seewölfe setzten sich in Bewegung.
Noch während die „Isabella“ vor den Wind ging, wurde die Gefechtsbereitschaft überprüft. Hasard ließ halsen, und schon wenig später lief die Galeone über Steuerbordbug auf die „Wappen von Kolberg“ zu. Das ständig lauter werdende Gebrüll sowie die Konturen des Schiffes, die sich jetzt deutlich im Nebel abzeichneten, zeigten an, daß man die richtige Richtung eingeschlagen hatten.
Alles Weitere lief rasch.
Hasard ließ die Segel ins Gei hängen, dann manövrierte Pete Ballie die „Isabella“ so an das Schiff der Deutschen heran, daß sich die Backbordseiten der beiden Schiffe berührten.
Und dann hielt die Seewölfe nichts mehr zurück.
„Auf ins Getümmel, ihr frommen Pilgerscharen!“ brüllte Edwin Carberry. „Jetzt wollen wir diesen triefäugigen Nebelböcken mal das Tanzen beibringen, was, wie?“
Mit einem donnernden „Ar-we-nack!“, dem Kampfruf der Seewölfe, stürmten die Männer auf die „Wappen von Kolberg“ hinüber, auf der noch immer ein heftiger Kampf tobte. Sie hatten rasch bemerkt, daß sich Arne mit seinen Leuten zum Achterkastell zurückgezogen hatte. Demnach war es höchste Zeit, daß die Deutschen etwas Unterstützung kriegten.
Philip Hasard Killigrew war schlau genug, nicht alle seine Männer auf Arnes Galeone überentern zu lassen. Wie richtig diese Entscheidung war, sollte sich schon wenig später herausstellen.
Der Seewolf blieb zusammen mit seinen zwölfjährigen Zwillingssöhnchen, Philip und Hasard, sowie mit Old O’Flynn, Al Conroy, Will Thorne und Gary Andrews an Bord der „Isabella“. Die beiden „Rübenschweinchen“, wie der Profos die Zwillinge meist nannte, hatten die Aufgabe, scharf Ausguck zu halten, zumal niemand wußte, welche Überraschungen der Nebel an diesem Morgen noch bereithielt.
Die restliche Crew begann auf der „Wappen von Kolberg“ mit dem großen Aufräumen.
Die Polen, die sich seit dem Rückzug der Deutschen aufs Achterkastell ihrem Sieg schon ziemlich nahe glaubten, hatten mit Entsetzen festgestellt, daß die große englische Galeone längsseits gegangen war. Daß dies keine Stärkung ihrer eigenen Reihen bedeutete, war ihnen klar.
So blieb ihnen nichts weiter übrig, als eine neue Front zur Backbordseite des Schiffes hin zu bilden. Doch bevor das gelang, befanden sich die meisten Seewölfe schon an Bord.
„Jetzt wird Reinschiff gemacht, Leute!“ rief der sonst so ruhige und besonnene Ben Brighton. „Und daß ihr mir ja das Deck schön sauber aufwischt!“ Er donnerte dem ersten Soldaten, der ihm in die Quere geriet, mit solcher Wucht die Faust unter das Kinn, daß dieser fast aus den Stiefeln gehoben wurde.
Auch die anderen Seewölfe hatten keine „Kontaktschwierigkeiten“, und im Handumdrehen war auf der „Wappen von Kolberg“ erst richtig der Teufel los. Der Kampf wurde teils mit Blankwaffen, teils mit nackten Fäusten oder Schlaginstrumenten geführt.
Arne von Manteuffel und seinen dreizehn Männern gelang es vom Achterdeck aus, die Polen zurückzudrängen, so daß sich das Getümmel mehr und mehr zur Kuhl hin verlagerte, wo die Seewölfe für Ordnung sorgten.
Sie alle kämpften wie die Löwen – Bill, Jeff Bowie, Matt Davies, Big Old Shane, Bob Grey, Batuti und all die anderen. Und die Polen begriffen sehr rasch, daß sie es mit eisenharten Männern zu tun hatten, die sich nicht einschüchtern ließen, am allerwenigsten durch lautes Gebrüll oder wüste Drohungen.
Big Old Shane, der schon als Schmied von Arwenack Castle in Falmouth gelernt hatte, kräftig zuzupacken, hielt eine Radschloßpistole am Lauf, und wer mit dem harten Kolben der Waffe Bekanntschaft schloß, brauchte sich hernach über mangelnde Beulen nicht zu beklagen.
Batuti, der schwarze Riese aus Gambia, ließ seinen gefürchteten Morgenstern kreisen, und Dan O’Flynn war in ein hartes Degenduell mit einem Soldaten verwickelt. Bill hieb mit einem Belegnagel drein und Ferris Tucker, dessen Kreuz so breit wie ein Rahsegel war, ließ das stumpfe Ende seiner gefürchteten Zimmermannsaxt durch die Luft zischen.
Edwin Carberry schien seinen entdeckungsreichen Tag zu haben. Irgendwo in der Nähe der Nagelbank des Großmastes stieß er auf die herumliegenden Utensilien, mit denen für gewöhnlich Reinschiff gemacht wurde. Dazu gehörte eine Pütz, die halb mit Sand gefüllt war, außerdem ein sogenannter „Holystone“ – ein weißer Sandstein, mit dem sich auch grobe Verunreinigungen der Planken wegscheuern ließen –, und einen Dweil, bei dem es sich um ein schrubberartiges Gebilde mit langem Stiel handelte.
„Ho!“ rief Ed, sichtlich erfreut über seinen Fund. „Kommt nur herbei, ihr Läuseknacker! Ich werde euch hübsch aufpolieren, damit eure Affenärsche glänzen wie Speckschwarten!“
Da er gerade mit einigen Ruderknechten beschäftigt gewesen war, schüttelte er mit Schwung den Sand in die Menge, was ein lautes Aufheulen derer zur Folge hatte, die die Sandkörner in die Augen kriegten.
Dem Kerl, der ihm am nächsten war, stülpte er die leere Pütz über den Schädel und setzte dann eine Faust obendrauf. Das hohle Geräusch, das er damit erzeugte, erinnerte an eine Trommel, mit der man auf Galeeren den Takt für die Ruderknechte vorgab.
Einem vierschrötigen Burschen, der mit einer Spake auf ihn losgehen wollte, schleuderte der Profos den „Holystone“ entgegen. Der kantige Sandstein traf den Polen voll am linken Fuß und verfehlte trotz der festen Lederstiefel seine Wirkung nicht.
Der Kerl stimmte ein markerschütterndes Geschrei an und hüpfte auf dem heilgebliebenen rechten Fuß im Kreis herum, wie einer jener tanzenden Derwische des Ibrahim Salih, die die Seewölfe einst an der türkischen Südküste kennengelernt hatten.
Um dem Geheule ein Ende zu bereiten, hieb Ed noch mit dem Dweil zu. Da dieses Putzwerkzeug, an dem noch einige Scheuertücher befestigt waren, naß war, gab es ein klatschendes Geräusch, dann krachte der Ruderknecht mit verdrehten Augen gegen die Nagelbank.
„Merk dir das, du Rübenschwein“, stieß Ed hervor, „am frühen Morgen wird noch nicht gesungen und getanzt, so was gehört sich nicht!“
„Recht so!“ rief der bullige Paddy Rogers. „Außerdem gehören Kanalratten ins Wasser!“ Er sammelte die Kerle auf, die ihm vor die Füße gepurzelt waren und beförderte sie – schön einen nach dem anderen – über Bord.
Edwin Carberry trennte sich vorerst nicht von dem Dweil, mit dem man so richtig schön zulangen konnte. Und so mußte sich noch so mancher Pole die nassen Lumpen mit lauten Klatschen um die Ohren hauen lassen.
Auch die beiden „Hakenmänner“ unter den Seewölfen waren voll in ihrem Element. Matt Davies räumte vor der Back auf, und Jeff Bowie, der stämmige Liverpooler, fegte gerade wie ein Wirbelwind über die Kuhlgräting hinweg. Sein linker Arm, dessen Hand durch eine Hakenprothese ersetzt worden war, weil er einst unliebsame Bekanntschaft mit Piranhas geschlossen hatte, zuckte vor – direkt auf einen polnischen Offizier zu. Sekunden später hing die Uniform des Mannes in Fetzen. Nachdem Jeff ein weiteres Mal zugelangt hatte, stand der Kerl fast nackt auf den Planken. Er vergaß vor Entsetzen, seinen Degen zu gebrauchen, deshalb prellte ihm Jeff Bowie mit einem dritten Hieb die Waffe aus der Hand.
Der Profos, der das gesehen hatte, grinste von einem Ohr zum anderen.
„Mach langsam, Jeff!“ brüllte er. „Sonst kämpfen wir am Ende nur noch mit einer Horde nackter Affen!“
Der Kutscher, der gerade einem Messerstich ausgewichen war, bedankte sich bei seinem Gegner, indem er ihm einen Belegnagel über den Scheitel zog. Dann deutete er plötzlich nach Steuerbord.
Die Blicke der anderen Männer folgten seinem Zeigefinger. Und selbst die Polen hielten einen Moment inne und starrten wie gebannt auf das Bild, das sich ihnen bot.
Die Galeere, die ein Stück von der „Wappen von Kolberg“ weggetrieben war, ging über das Heck auf Tiefe. Mit einem lauten Gurgeln, Schmatzen und Zischen versank das wracke Schiff der Polen in den Fluten. Kurze Zeit später erinnerten nur noch treibende Planken, Holzstücke und Wasserfässer an die Galeere.
Der Untergang ihres Schiffes ließ blanken Haß in den Polen auflodern. Mit lautem Wutgeheul und verzerrten Gesichtern stürzten sie sich erneut auf die kleine Mannschaft Arnes und die Seewölfe.
Wie es aussah, strebte das Kampfgetümmel seinem Höhepunkt zu.
„Das Rübenschwein veranstaltet Krawall“, meldete Philip junior, der gerade das Achterdeck der „Isabella“ betrat.
Der Seewolf blickte seinen Sprößling verständnislos an.
„Wen meinst du damit?“
„Na, den plattfüßigen Räucherhering!“
Hasard schüttelte den Kopf.
„Zum Donnerwetter, kannst du dich nicht etwas deutlicher ausdrükken? Außerdem habe ich dir und deinem Bruder schon hundertmal gesagt, daß ihr solche Ausdrücke nicht benutzen sollt!“
„Na ja, Sir“, erklärte Philip ungerührt. „Ich hab dieser Miesmuschel von einem Generalkapitän gleich gesagt, daß Mister Carberry ihm die Haut in klitzekleinen Streifchen von seinem verlausten …“
„Jetzt reicht’s aber!“ sagte der Seewolf mit schneidender Stimme. „Wenn du dich nicht sofort in einer gesitteten Sprache ausdrückst, ziehe ich dir den Hosenboden stramm, aber so, daß du die nächsten drei Tage auf dem Bauch schläfst, mein Sohn!“
„Dann müßte der Profos schon seit Jahren auf dem Bauch schlafen, Sir“, sagte Philip mit unschuldigem Gesicht.
„Willst du dich etwa mit dem Profos vergleichen?“ fuhr ihn Hasard an. „Mister Carberry und sein Wortschatz – nun ja, die gehören ganz einfach zusammen, die bilden, wie man so sagt, eine geschlossene Einheit. Deshalb braucht ihr euch diesen Wortschatz noch lange nicht anzueignen, verstanden?“
„Ja, Sir!“ Philip junior schlug züchtig die Augen nieder, aber wer genau hinsah, bemerkte deutlich, daß der Bengel innerlich lachte und kicherte. Dennoch hätte er es nicht gewagt, in seinem anfänglichen Tonfall fortzufahren.
„Was war also?“ fragte Hasard.
„Mister Witold Woyda tobt unten in der Vorpiek herum“, berichtete Philip. „Er hat wie ein Verrückter mit den Fäusten gegen das Schott getrommelt und immerzu was Unanständiges gebrüllt!“
„Woher willst du das wissen? Du verstehst doch nicht polnisch?“
„Das war deutlich herauszuhören!“
Hasard gab es auf. Er konnte sich durchaus vorstellen, daß der gefangene Generalkapitän in der Vorpiek herumtobte. Der Lärm, der von der „Wappen von Kolberg“ herüberdröhnte, konnte ihm unmöglich verborgen geblieben sein. Außerdem schwebte Witold Woyda im Ungewissen. Er hatte keine Ahnung, was hier vor sich ging.
Hasard und seine Männer hatten die ganze Zeit über das Geschehen auf Arnes Galeone mitverfolgt. Und den wenigen Seewölfen, die mit ihrem Kapitän auf der „Isabella“ verblieben waren, war deutlich anzusehen, daß es ihnen in den Fäusten juckte.
Old Donegal fuhr sich immer wieder mit einer nervösen Handbewegung durch die Bartstoppeln.
„Es ist einem aber auch nichts vergönnt“, sagte er brummelnd, „dabei soll Körperbewegung so gesund sein. Bei allen Wassermännern, ich gäbe was drum, wenn ich da drüben dabeisein könnte. Ich würde sogar mein Holzbein abschnallen und es diesen Kerlen um die Ohren schlagen!“
„Laß es lieber dran, Donegal“, sagte der Seewolf. „Du wirst es noch anderweitig gebrauchen.“
Das hatte fast wie eine Prophezeiung geklungen.
In der Tat vergingen nur noch wenige Augenblicke, bis die helle Stimme Hasard juniors erklang.
„Steuerbord voraus ein dunkler Schatten!“
Die Blicke der Männer wandten sich sofort in die angegebene Richtung. Der Nebel löste sich mehr und mehr auf, deshalb konnten sie recht bald erkennen, was sich hinter den Dunstschwaden verbarg.
„Noch eine Galeere!“ stellte der Seewolf nach wenigen Augenblicken fest. „Offenbar liege ich doch nicht falsch mit meinen Vermutungen, unsere Freunde da drüben scheinen Verstärkung zu kriegen. Ich fresse einen Besen, wenn das nicht auch ein polnisches Schiff ist.“
Die Galeere lief schräg von Nordosten her auf die „Isabella“ zu.
„Gute Freunde sollte man entsprechend empfangen, Sir“, bemerkte Al Conroy. Der stämmige, schwarzhaarige Stückmeister deutete mit einer Kopfbewegung auf die ausgerannten Geschütze der „Isabella“, die er unter ständiger Kontrolle hielt.
„Wenn es sich tatsächlich um Polen handelt, wird uns gar nichts anderes übrigbleiben“, erwiderte Hasard. „Dafür werden die Burschen schon selber sorgen.“ Mit einem Augenzwinkern wandte er sich Old O’Flynn zu. „Nun sei froh, Donegal, daß du dein Holzbein noch nicht abgeschnallt hast. Gleich wird hier jede Hand gebraucht, und wenn das nicht ausreicht, müssen wir die Beine und Füße dazunehmen.“
„In Ordnung, Sir“, sagte der Alte mit dem wettergegerbten Gesicht. „Wenn’s dann immer noch nicht langt, habe ich auch noch einen verdammt harten Schädel.“
Obwohl es sich bei Old Donegal Daniel O’Flynn – von der Mutterseite her – um den Großvater der Zwillinge handelte, war er doch noch lange nicht alt genug, um sich als solcher zu fühlen. Ganz im Gegenteil – trotz seiner Beinprothese war er nach wie vor ein rechter Haudegen, der vor keiner Aufgabe zurückschreckte und an jeder Stelle voll seinen Mann stand.
Die Galeere, die bereits deutlich zu erkennen war, änderte ihren Kurs nicht, sie hielt nach wie vor auf die „Isabella“ zu. Hasard konnte durch den Kieker sehen, wie zahlreiche Männer über die Decks hasteten.
„Die haben was vor“, sagte er und setzte das Spektiv ab. „Alle Mann auf Stationen! Al und Gary, ihr übernehmt die vorderen Drehbassen, Donegal und Will, ihr kümmert euch um die achteren!“
„Aye, aye, Sir!“
Al Conroy und Gary Andrews eilten zur Back, während sich Old O’Flynn und der grauhaarige Segelmacher Will Thorne zum Heck verzogen, wo ebenfalls zwei der schwenkbaren Geschütze montiert waren.
„Und wir, Sir?“ fragten die Zwillinge wie aus einem Munde. „Wir könnten zum Beispiel …“
Der Seewolf vollführte eine Geste, die keinen Widerspruch zuließ.
„Ihr verschwindet schleunigst unter Deck und schaut nach den Tieren. Darum muß sich schließlich auch jemand kümmern.“
Die beiden „Rübenschweinchen“ verzogen sich ob dieser „Beschäftigungstherapie“ mit enttäuschten Gesichtern, während ihr Vater nach einem Tromblon griff.
Es blieb Hasard und seinen vier Männern gar nichts anderes übrig, als sich zunächst den leichteren Waffen zuzuwenden. Die schweren Geschütze waren durch die Schräglinie, in der die Galeere herangerudert wurde, noch nicht einsetzbar.
Hasard warf einen raschen Blick zur „Wappen von Kolberg“, aber dort schien noch niemand das Schiff bemerkt zu haben. Der Kampf war nach wie vor in vollem Gange.
Kaum waren die vier Männer des Seewolfs auf Stationen, da gaben die Polen auch schon ihre Absichten zu erkennen. Daß es sich um Polen handelte, daran zweifelte inzwischen niemand mehr.
Im Vorschiff der Galeere blitzte es zweimal hintereinander auf, und die beiden Buggeschütze stießen ihre Kugeln auf die „Isabella“ zu. Für einen Augenblick überlagerte das Donnern der Kanonen das Gebrüll auf der „Wappen von Kolberg“, dichter Pulverdampf verhüllte den Steven des polnischen Schiffes, das mit diesem Angriff die Feindseligkeiten eröffnete.
Beide Kugeln schlugen ungefähr eine halbe Kabellänge von der „Isabella“ entfernt ins Wasser und rissen gischtende Säulen hoch.
„Die Dummköpfe haben sich in der Entfernung verschätzt!“ brüllte Old Donegal. „Außerdem haben sie gleich beide Buggeschütze abgefeuert. Mit Löffeln haben die die Weisheit auch nicht gerade gefressen!“
„Es können ja nicht alle Menschen so schlau sein wie du!“ rief Will Thorne grinsend. „Ein bißchen Dummheit ist mitunter ganz nützlich, besonders wenn es die anderen sind, die darunter leiden.“
Die Galeere setzte ihren Kurs trotz der beiden Fehlschüsse fort, und wie Hasard durch das Spektiv feststellte, waren die Polen eifrig damit beschäftigt, die Geschütze nachzuladen.
Um die Lippen des Seewolfs spielte ein grimmiges Lächeln. Dann gab er Al Conroy, der an der Steuerbord-Drehbasse der Back stand, einen kurzen Wink, zumal dieses Geschütz strategisch am günstigsten postiert war.
„Feuer, Al! Vertreib die Kerle von den Buggeschützen!“
„Aye, Sir!“
Der Stückmeister senkte die brennende Lunte auf das Zündkraut der Drehbasse, Sekunden später wummerte das Geschütz los.
Die Schußweite stimmte, und daß er ein Meister im Zielnehmen war, das hatte Al Conroy schon oft genug unter Beweis gestellt.
Ein dumpfes Krachen verriet, daß auf der Galeere die Fetzen flogen. Al hatte das Vorkastell voll erwischt. Gerade wollte er sich mit grinsendem Gesicht dem Seewolf zuwenden, da verwandelte sich die Galeere innerhalb von Sekunden in einen Hexenkessel.
Eine höllische Explosion erschütterte das Schiff bis in seine letzten Verbände, dann schien plötzlich eine unsichtbare, gigantische Faust den Leib der Galeere zerschmettern zu wollen. Das Vorschiff, das Al Conroy getroffen hatte, brach mit infernalischem Getöse auseinander.
Kaum war wieder Stille eingekehrt, begannen die Polen mit einem ohrenbetäubenden Geschrei. Doch das war kein Angriffsgebrüll, kein sogenanntes Imponiergehabe, mit dem man den Gegner einschüchtern wollte, o nein! Was da an die Ohren der Seewölfe drang, das waren Schreie der Angst, des Grauens und der ohnmächtigen Wut.
Durch ihre Kumpane auf der „Wappen von Kolberg“ kriegten die Polen augenblicklich Unterstützung – jedoch nur mittels der Stimmbänder.
Hasard und seine vier Männer reagierten verblüfft. Eine solche Wirkung des Drehbassenschusses hatte niemand erwartet – auch Al Conroy nicht.
„Verdammt, ich muß ein Pulverfaß getroffen haben!“ stieß er hervor. „Oder aber etliche Kartuschen!“
Dann wurde der Stückmeister der „Isabella“ jäh aus seinen Überlegungen gerissen, denn die Galeere, deren Besatzung fluchtartig über Bord gesprungen war, ging in kürzester Zeit steil auf Tiefe.
Die Seewölfe, die drüben auf der „Wappen von Kolberg“ kämpften, quittierten das mit einem lauten „Ar-we-nack!“ Doch Hasard hatte den Faden gedanklich längst weitergesponnen. Wenn bis jetzt schon zwei Galeeren aus dem Nebel aufgetaucht waren, dann konnten auch noch weitere folgen, denn die Polen waren oft in Verbänden unterwegs. Also mußte der Kampf auf Arnes Galeone jetzt so rasch wie möglich entschieden werden, denn mit insgesamt fünf Männern und zwei Jungen war die „Isabella“ kaum manövrierfähig und erst recht nicht voll gefechtsfähig.
Der Seewolf wandte sich an seine Männer, die das große Aufräumen längst fortsetzten.
„Was ist los mit euch?“ brüllte er. „Beeilt euch gefälligst! Früher habt ihr zu so was nicht mal die Hälfte der Zeit gebraucht!“
Wumm – das saß, und zwar direkt in der moralischen „Wasserlinie“!
„Schinkenspeck und Rübensuppe!“ fluchte Edwin Carberry und schnaubte dabei wie ein wildgewordener Büffel. „Jetzt fängt unser Kapitän auch noch an zu motzen! Der versenkt da drüben Schiffe, indem er Al mal kurz husten läßt, und wir wischen immer noch mit diesen Rübenschweinen hier die Decks auf!“
„Recht hat er!“ brüllte Ferris Tukker zurück. „Wir müssen jetzt auch mal ein bißchen Dampf dahinter machen. Es können ja noch mehr von diesen Torfkähnen auftauchen!“ Erneut mähte er mit dem Stumpfteil seiner langen Axt um sich.
Auch Carberry und die anderen Männer explodierten in jähen Ausfällen. Gerade jetzt wollten sie ihrem Kapitän zeigen, was in ihnen steckte.
„Lahmärsche sind wir noch lange nicht!“ rief Matt Davies und ließ seinen spitzgeschliffenen Eisenhaken, der ihm die fehlende rechte Hand ersetzte, durch die Luft zischen.
Wie entfesselte Teufel räumten sie die Decks der „Wappen von Kolberg“ leer – mit voller Unterstützung Arnes und seiner Männer. Kein Wunder, wenn der Kampf bis jetzt angedauert hatte, denn die Polen hatten Arne und den Seewölfen nahezu die doppelte Anzahl an Soldaten und Ruderknechten entgegenzusetzen gehabt. Bis zu diesem Zeitpunkt aber hatte sich die Zahl der Kampftüchtigen gewaltig vermindert.
Ed Carberry hatte eine Spake aufgelesen und raste damit von Backbord nach Steuerbord und von vorn nach achtern. Wer ihm in die Quere geriet, bezog Dresche.
Stenmark, Luke Morgan und Jan Ranse waren in üble Messerkämpfe verwickelt. Auch Blacky hatte gerade einen solchen Kampf siegreich beendet, aber er blutete aus einer Fleischwunde am rechten Unterarm.
„Bist du verletzt?“ rief der Kutscher, der immer noch mit einem Belegnagel wütete.
„Nur ein Mückenschiß!“ rief Blakky zurück. „Das kannst du später noch in Ordnung bringen.“
„In Ordnung“, sagte der Kutscher, der jetzt ohnehin keine Gelegenheit gehabt hätte, seines Amtes als Feldscher zu walten, denn er hatte sich mit einem breitschultrigen Ruderknecht angelegt. Niemand hätte dem blonden und etwas schmalbrüstigen Mann die Schlagkraft und Gewandtheit zugetraut, die er dabei an den Tag legte. Überall dort, wo er seinen Belegnagel hinsetzte, war gewiß, daß es Arbeit für den Feldscher der Gegenseite geben würde.
Bob Grey, ein flinker und drahtiger Bursche, hatte bis jetzt mit den Fäusten gekämpft und gerade einen polnischen Soldaten ins Reich der Träume befördert. Da registrierte er zu seiner Rechten einen Ruderknecht, der gerade zum Messerwurf auf ihn ausholte.
Doch da hätte sich der Pole besser nicht mit Bob Grey angelegt, der selber als Experte auf diesem Gebiet galt.
Bob warf sich blitzschnell zur Seite, so daß das Messer drei Handbreiten entfernt an ihm vorbeizischte und irgendwo hinter ihm auf die Planken polterte.
„So was Mieses!“ maulte er. „Der hat sich eingebildet, ich würde seinen Angriff nicht bemerken.“
Mit einer fließenden Bewegung zauberte Bob sein eigenes Messer aus dem Gürtel, und einen Lidschlag später raste es durch die Luft und fuhr dem heimtückischen Angreifer in die Brust.
Der Mann stieß einen gurgelnden Laut aus, preßte beide Hände gegen den Leib und sank langsam in sich zusammen.
Die Decks der deutschen Galeone leerten sich zusehends, zumal Hein Ropers, Arnes Bootsmann, und Paddy Rogers wieder einmal damit beschäftigt waren, eine ganze Reihe von Polen über das Schanzkleid zu hieven.
„Man stolpert ja sonst darüber“, sagte Paddy beinahe entschuldigend.
Die Polen hatten längst keine Chance mehr. Seit sie miterlebt hatten, wie die Engländer mit einem einzigen Drehbassenschuß eine ihrer Galeeren versenkt hatten, lag keine Kraft und keine Motivation mehr in ihrer Gegenwehr. Normalerweise hätten sie längst die Flucht ergriffen, aber wohin sollten sie jetzt noch ausweichen? Ihre eigene Galeere war bereits auf Tiefe gegangen und einfach im eiskalten Wasser davonschwimmen – darauf waren sie auch nicht gerade scharf.
Der eine oder andere von ihnen hatte längst eingesehen, daß es verkehrt gewesen war, dieses Schiff entern zu wollen. Sie hätten von Anfang an mit dem Eingreifen der englischen Galeone rechnen müssen. Aber jetzt war es zu spät, es blieb ihnen nur noch die Möglichkeit, mit dem Mut der Verzweiflung zu kämpfen – bis zur bitteren Neige.
Philip Hasard Killigrew, der sehr wohl bemerkt hatte, welche Reaktion seine „motzige“ Bemerkung ausgelöst hatte, konnte ein Grinsen nicht mehr unterdrücken. Schließlich kannte er seine Pappenheimer und wußte nur zu gut, wie er sie richtig in Fahrt bringen konnte. Doch er hatte es aus einer zwingenden Notwendigkeit heraus getan.
Jetzt winkte er kurz zu seinem Vetter hinüber, und der winkte mit einem breiten Grinsen zurück.
Nach weiteren zehn Minuten war der Kampf endgültig entschieden. Die „Wappen von Kolberg“ war freigeräumt, rings um beide Schiffe strampelten die Polen im Wasser.
„Wenn es den Kerlen nur um ein erfrischendes Bad ging“, sagte Jack Finnegan, „dann hätten sie das auch gleich haben können.“
Von dem Dank Arnes und seiner Mannen wollten die Seewölfe nichts wissen.
„Das war selbstverständlich“, sagte Ben Brighton. „Ihr könnt dafür an der nächsten Tanzveranstaltung bei uns teilnehmen.“
Auch Edwin Carberry steuerte schon wieder völlig andere Gedankenkurse. Er stemmte die mächtigen Fäuste in die Hüften und sah den Kutscher und Mac Pellew strafend an.
„Ihr beide“, knurrte er, „habt wohl auch nichts anderes zu tun, als euch herumzuprügeln, was, wie? Daß es längst Zeit ist zum Backen und Banken – das interessiert euch wohl nicht, he? Uns hängt der Magen schon bis auf die Stiefelspitze!“
„Dann paß bloß auf, daß du nicht drüberstolperst und auf die Futterluke fällst“, sagte Mac bissig. „Sonst könnte es nämlich sein, daß du die Räucherheringe, die es heute wieder einmal gibt, nicht samt Köpfen herunterschlingen kannst!“
Die Arwenacks wechselten wieder auf die „Isabella“ über. Während sich der Kutscher und Mac Pellew, die für den Inhalt der Kochtöpfe zuständig waren, in die Kombüse verzogen, gingen beide Schiffe wieder auf ihren alten Kurs.
Der Nebel riß auf, und die ersten spärlichen Sonnenstrahlen versuchten, die Reste der wabernden, dunstigen Masse zu durchdringen.
Zum morgendlichen Backen und Banken sollte es jedoch vorerst nicht kommen. Dafür sorgten fünf weitere Galeeren, die aus Nordosten herangerudert wurden. Ihre Riemen erinnerten an riesige Spinnenbeine, aber die Männer auf der „Isabella“ und der „Wappen von Kolberg“ wußten nur zu genau, daß diese Schiffe weit gefährlicher waren als bissige oder giftige Insekten.
3.
Der Profos der „Isabella“ fluchte fürchterlich.
„Alles nur wegen dieser verdammten Klunkerchen! Himmel, Arsch und Knoblauchduft, die schicken eine ganze Armada los, nur weil sie Angst haben, daß ihnen irgendwer sämtliche Bernsteinchen vor der Nase wegschnappt! Ob rechtschaffene Seeleute noch zu ihrem Frühstück kommen, das juckt die nicht im geringsten! Nicht einmal der Teufel ist so wild auf eine arme Seele, wie diese Rübenschweine auf das Steinzeug. Dabei kann man nicht mal ein Haus damit bauen!“
Mac Pellew, der gerade den Kopf aus dem Kombüsenschott streckte und sein gewohnt griesgrämige Gesicht aufgesetzt hatte, nickte beifällig.
„Man sollte diesen Burschen beim Backen und Banken die Mucks mit ihrem Steinkram füllen, damit sie sich die letzten faulen Zähne daran ausbeißen!“
Auch die übrigen Männer der Seewölfe-Crew waren nicht eben begeistert über das Auftauchen der fünf Galeeren. Aber sie hatten sich längst daran gewöhnt, daß die Polen ständig auf Patrouille waren, um rigoros jeden Segler nach „geschmuggeltem“ Bernstein zu durchsuchen.
Der Seewolf und sein Vetter, Arne von Manteuffel, hatten sich aus diesem Grund mit den Polen angelegt und sich dadurch deren besondere Aufmerksamkeit erworben – nicht zuletzt deshalb, weil sie ihren Generalkapitän Witold Woyda und dessen ehemaliges Flaggschiff mit sich führten – ersteren als Gefangenen und das Schiff als Schadenersatz für die versenkte alte „Wappen von Kolberg“.
Der Generalkapitän, der sich in der Vorpiek der „Isabella“ befand, hatte sich schon mehrmals mit Erfolg als Geisel verwenden lassen, dennoch gaben die Polen, wie die bisherigen Ereignisse gezeigt hatten, nicht auf. Sie wollten Woyda zurück, außerdem dessen Flaggschiff sowie die zwölf Kisten mit Bernsteinen und zwei Kisten mit Halbedelsteinen.
Da die „Wappen von Kolberg“ noch immer den Entführer der Freiin von Lankwitz, nämlich den gerissenen Hugo von Saxingen als Gefangenen an Bord hatte, war Witold Woyda auf der „Isabella“ untergebracht worden. Seine Schätze hatte man jedoch auf seinem ehemaligen Flaggschiff belassen.
Arne von Manteuffel fühlte sich fast ein wenig peinlich berührt. Er konnte schon gar nicht mehr zusammenzählen, was sein Vetter alles für ihn getan hatte – und das stets selbstlos und ohne zu zögern. Und seine Crew war genauso. Mein Gott, dachte Arne, was sind das nur für Kerle! Schon jetzt stand für ihn fest, daß er ihnen die vierzehn Kisten, die er an Bord hatte, überlassen würde. Das war seiner Meinung nach das Mindeste an Dank, den er Hasard und seinen Mannen schuldig war.
Bei den Seewölfen war die gesamte Crew bereits wieder klar zum Gefecht, schließlich wollte auch der Fünferverband der Polen in „alter Freundschaft“ empfangen werden.
„Das gibt bösen Stunk“, prophezeite Old Donegal. „Das sind immerhin fünf Schiffe.“
„Du merkst aber auch alles, Donegal“, sagte Ferris Tucker und kniff dabei ein Auge zu. „Haben dir die Wassermänner oder Seejungfrauen wieder was zugeflüstert?“
Der Alte reagierte bissig.
„Willst du vielleicht deinen Spott mit feststehenden Tatsachen treiben, du Holzwurm?“ schimpfte er. „Achte lieber darauf, daß du genug Flaschenbomben bereit hast, um sie den Kerlen anzubieten!“
„Dann laß sie nur erst mal näher heran, Donegal“, sagte der Schiffszimmermann grinsend. „Ich bin ja schließlich keine Hexe, die auf einem Besen durch die Luft reiten kann, um genau über den niedlichen Schiffchen die Flaschen fallen zu lassen.“
„Manchmal würde dir ein lodernder Scheiterhaufen unter dem Hintern auch nicht schaden“, sagte Old Donegal fuchtig. Dann stelzte er auf seinem Holzbein zum Niedergang, der von der Kuhl zum Quarterdeck führte.
Hasard stand neben Ben Brighton am Schanzkleid des Achterdecks. Die Gefechtsbereitschaft hatte er wohlweislich gar nicht erst aufheben lassen, seit Al Conroy die Galeere zu den Fischen geschickt hatte.
„Das scheint heute ein arbeitsreicher Tag für uns zu werden“, sagte er. „Die Burschen lassen jedenfalls nicht locker. Wie es aussieht, werden wir uns noch ein bißchen mit ihnen beschäftigen müssen.“
Ben grinste.
„Dabei haben wir immer gedacht, die Ostsee sei nur ein kleiner Ententeich, oder wie Mister Carberry meinte, eine Pißrinne für Kakerlaken. Bis jetzt hat uns dieser Teil der Welt, wie ich immer wieder feststellen muß, ganz schön in Trab gehalten.“
Hasard nickte und begann Arwenack, dem Bordschimpansen, der aufs Achterdeck geentert war, den Kopf zu kraulen. Dann gab er dem Affen einen freundschaftlichen Klaps.
„Verschwinde, Arwenack, hier gibt’s gleich Ärger!“
Der Schimpanse keckerte, als habe er den gutgemeinten Ratschlag verstanden und trollte sich in Richtung Quarterdeck.
Hasard setzte den Kieker ans Auge.
„Die kriegen wir so schnell nicht mehr los“, sagte er. „Soviel ich erkennen kann, wimmelt es auch auf diesen Galeeren von Soldaten.“
Der Abstand zwischen der „Isabella“ und dem polnischen Verband verringerte sich rasch. Die Polen schienen sich den beiden Galeonen haushoch überlegen zu fühlen. Während die vorderste Galeere vorwitzig versuchte, mit erhöhtem Riemenschlag zum Jagdschuß auf die „Isabella“ aufzulaufen, drehte die letzte Galeere der Fünfergruppe ab, um die Überlebenden der beiden gesunkenen Schiffe aufzusammeln, die immer noch im Wasser strampelten oder sich an treibenden Holzstücken festklammerten.
Mittlerweile war deutlich zu erkennen, wie Soldaten an den Bugkanonen der Galeere herumhantierten.
Da die schweren Geschütze der „Isabella“, die Siebzehn- und Fünfundzwanzigpfünder, im Hinblick auf das achteraus schräg auflaufende Schiff nicht einsetzbar waren, versuchte sich Al Conroy auf das Geheiß des Seewolfs hin erneut an einer Drehbasse, diesmal jedoch am Heck.
„Sei nicht enttäuscht, Al, wenn du den Kahn nicht gleich wieder mit einem einzigen Schuß versenkst“, sagte Hasard lächelnd. „Wir sind auch zufrieden, wenn du die Kerle von ihren Bugkanonen verjagst.“
„Worauf du dich verlassen kannst“, erwiderte Al Conroy.
Sekunden später krachte die Drehbasse an der Steuerbordseite des Hecks los, und in der Tat, die Gegend um die Bugkanonen der pfeilschnell heranschießenden Galeere war im Nu wie leergefegt. Das Splittern und Bersten von Holz war zu hören, irgendwo im Vorschiff mußte die Galeere einen Treffer empfangen haben. Das bewies auch die Reaktion der Polen, die den Schuß mit lauten Gebrüll quittierten. Wie es aussah, würden sie noch eine Weile auf die Gelegenheit zu ihrem geplanten „Fangschuß“ warten müssen.
Fast gleichzeitig mit Al Conroy traten Big Old Shane und Batuti in Aktion. Seit einer Weile schon hatten sie ihre riesigen Langbogen gespannt, um deren Funktionstüchtigkeit zu überprüfen. Auch die gefürchteten Brand- und Pulverpfeile lagen griffbereit, mit denen sie eine Distanz von 500 Yards und mehr zu überbrücken vermochten. Beide Männer galten als Meister des Bogenschießens. Was das hieß, sollten die Polen gleich erfahren.
„Shane, Batuti!“ rief der Seewolf.
Beide legten die ersten Brandpfeile auf und spannten die Bogen
Dann ein kurzes Nicken Hasards, und die Geschosse pfiffen durch die Luft. Augenblicke später bohrten sich die Pfeilspitzen in das Holz der vordersten Galeere, die sich so zuversichtlich an die „Isabella“ herangewagt hatte.
Kaum hatten die ersten Pfeile ihre Ziele gefunden, waren schon die nächsten unterwegs.
Die Treffer ließen die heranrudernden Polen laut aufbrüllen, zumal ihnen die Pfeile, deren Schäfte mit wohldosierten Pulverladungen gefüllt waren, das Blut in den Adern erstarren ließ. Einige von ihnen glaubten sogar an Teufelsspuk, als die Pfeile nach ihrem Aufprall explodierten und ihr Schiff an allen Ekken in Brand setzten.
Vor allem die Ruderknechte brachen in Panik aus, als sich die brennenden Pfeile in ihrer unmittelbaren Nähe ins Holz bohrten. Genau das hatten Shane und Batuti beabsichtigt.
Batuti strahlte, seine perlweißen Zähne blitzten.
„Den Kerlen wird es warm, wenn Feuerchen unter Ruderbänken brennen!“ rief er in seinem holprigen Englisch. „Wenigstens brauchen Affenärsche nicht wegzufrieren!“ Erneut schnellte ein Pfeil von der Sehne seines Bogens und fuhr zwischen die Ruderknechte.
Was beabsichtigt war, trat ein. Die Männer sprangen laut schreiend und fluchend von den Ruderbänken hoch und versuchten, sich auf das Hauptdeck der Galeere zu retten. Nur wenige taten ihre Arbeit verbissen weiter. Die Folge war, daß prompt mit den Riemen gekrebst wurde und der Gleichtakt augenblicklich zum Teufel ging.
Hinzu kam, daß sich das Feuer in Windeseile ausbreitete, weil die frische Morgenbrise die Flammen hoch auflodern ließ.
Die Wuhling war unbeschreiblich. Nur wenige Soldaten feuerten noch ihre Musketen auf die „Isabella“ ab, aber Treffer erzielten sie nicht bei dem Zustand auf der Galeere. Da das Schiff bereits aus dem Kurs gelaufen war, war auch an einen Einsatz der Bugkanonen nicht mehr zu denken.
Ben Brighton lachte und rieb sich erfreut die Hände.
„Die haben sich im wahrsten Sinne des Wortes die Finger an uns verbrannt!“ rief er.
Die Galeere sackte rauchend und brennend achteraus, an einen Angriff auf die „Isabella“ dachte an Bord dieses Schiffes wohl niemand mehr. Alle Mann hatten vollauf damit zu tun, Wasser an Bord zu hieven, um die Flammen zu löschen. Inwieweit das überhaupt noch gelingen würde, war zur Zeit eine offene Frage.
Die zweite Galeere verhielt sich etwas vorsichtiger als die erste. Ihr Kapitän war offensichtlich entschlossen, die Sache etwas schlauer anzupacken als sein Vorgänger. Er ließ sein Schiff genau ins Kielwasser der „Isabella“ steuern, dann brachte er die Ruderknechte auf Vordermann. Er schien den Seewölfen unbedingt zuvorkommen zu wollen, denn auf der ersten Galeere hatte man es nicht einmal geschafft, einen einzigen Kanonenschuß abzufeuern.
Sobald sich der polnische Kapitän einigen Erfolg davon versprach, gab er den Feuerbefehl, und zwar mit der Absicht, der englischen Galeone ein hartes Ding ins Heck zu schmettern.
Aber sein Handeln sollte sich ebenfalls als voreilig erweisen. Eine Schußweite, die Treffer zuließ, war noch nicht erreicht, und die Kanonenkugel, die eins der beiden Buggeschütze ausgespien hatte, klatschte ein Stück von der „Isabella“ entfernt ins Wasser.
Für den polnischen Kapitän war das Grund genug, die Ruderknechte zu noch größerer Eile anzutreiben. Mit wilder Hast vorangejagt, hielt die Galeere nach wie vor auf das Heck der „Isabella“ zu. Diesmal wollte man sich Zeit lassen mit einem Schuß, denn der nächste sollte, ja mußte unbedingt den erhofften Erfolg bringen.
Die Polen ließen sich jedoch etwas zulange Zeit.
„Ich bin feuerbereit, Sir“, erinnerte Ferris Tucker und deutete vielsagend auf sein katapultartiges Abschußgerät für die selbstgefertigten Flaschenbomben.
„Dafür ist es zu früh, Ferris“, erwiderte der Seewolf. „Die Erfolgschancen sind sehr gering.“
Doch Ferris Tucker war vom Ehrgeiz gepackt worden.
„Ich werde es trotzdem versuchen“, sagte er mit grimmigem Gesicht. Er wußte zwar, daß die Galeere noch zu weit von der „Isabella“ entfernt war, aber er wollte es dennoch mit genau berechneten Zündschnüren probieren. Schließlich hatte er auf diesem Gebiet bereits eine Menge Erfahrung.
„Meinetwegen“, sagte Hasard. „Probieren geht über Studieren.“
Die Heckdrehbassen der „Isabella“ konnten noch nicht eingesetzt werden, weil sich die Galeere außerhalb ihrer Schußweite befand.
Big Old Shane und Batuti schickten inzwischen weitere Brandpfeile auf die Reise.
Ferris legte die erste Höllenflasche auf die Abschußrampe. Das Ding war mit Pulver, gehacktem Eisen und Blei gefüllt und hatte eine Zündschnur, die genau den Berechnungen des rothaarigen Schiffszimmermanns entsprach.
Während Hasard nickte, stieß er einen Knurrlaut aus und löste die Schleudervorrichtung aus. Die erste Flaschenbombe segelte in hohem Bogen durch die Luft und klatschte ein ganzes Stück von der „Isabella“ entfernt in das Kielwasser.
Ferris hatte, bedingt durch die Entfernung, von vornherein nicht damit gerechnet, die Galeere zu treffen. Aber auch im Wasser treibend und sogar unter Wasser konnten die Dinger noch losgehen, wenn man es richtig anstellte. Und genau darauf hatte er spekuliert.
Die zweite Flasche folgte der ersten, eine dritte und vierte flogen hinterher – immer hinein in das schäumende Kielwasser, das die Galeere wenig später passieren würde.
Die Seewölfe hielten einen Augenblick den Atem an, und Ferris Tukker wollte schon einen ellenlangen Fluch vom Stapel lassen, weil sich anscheinend nichts tat. Da krepierte plötzlich eine der Höllenflaschen. Und gleich darauf noch eine. Sie explodierten genau zu dem Zeitpunkt, in dem die Galeere über sie hinweglief und sie untermangelte. Die übrigen Flaschenbomben buddelten ab, ohne zu zünden. Aber immerhin – die Detonationen unter Wasser schienen nicht ohne Wirkung zu bleiben.
Durch den Rumpf der Galeere ging ein heftiges Rütteln, gleich darauf tönten erneut laute Schreie über die Decks. Unterhalb der Wasserlinie schienen einige Planken eingedrückt worden zu sein. Es entstand Wuhling, die Riemen gerieten durcheinander, und die Galeere sackte deutlich tiefer.
Der Kapitän brüllte laute Kommandos, während sein Schiff achteraus zurückblieb.
„Bravo, Ferris!“ rief Edwin Carberry und hieb dem Schiffszimmermann die Pranken auf die Schulter. „Jetzt können sich die Seegurken die Seelen aus dem Leib lenzen. Hoffentlich kriegen sie nasse Füße bis hoch zum Hals!“
Auch der Seewolf klopfte Ferris Tucker anerkennend auf die Schulter, zumal bereits die ersten Polen über Bord sprangen. Offenbar wurde man der Lecks doch nicht mehr Herr.
„Schon gut“, brummte der rothaarige Riese und schnitt ein verbiestertes Gesicht. „Ich kann mir trotzdem nicht erklären, warum nur zwei Flaschen gezündet haben. Genaugenommen hätte es diesen Torfkahn in Stücke reißen müssen.“
„Jetzt halte aber die Luft an“, sagte Hasard. „Zwei Treffer sind schließlich auch was. Oder vielleicht nicht?“
„Hh“, stieß Ferris hervor und kratzte sich nachdenklich am Hinterkopf. „Die Blindgänger wurmen mich trotzdem.“
Der Seewolf grinste.
„Hoffentlich hebt sich deine Laune wieder, wenn der Kasten auf Grund geht.
Was die Blindgänger betrifft, gibt es eigentlich nur zwei Möglichkeiten, die die Zündung verhindert haben.“
„Welche?“ fragte Ferris interessiert.
„Nun“, fuhr Hasard fort, „entweder befand sich bei ihnen der Zündfunke noch außerhalb der Flasche und wurde daher beim Eintauchen gelöscht, oder der Flaschenhals war nicht dicht genug, so daß Wasser eindringen konnte, das gleichfalls den Funken in der Lunte erstickte und die Pulverladung unter Wasser setzte. Vielleicht sollten wir auf diesem Gebiet noch etwas experimentieren. Aber Grund zur Zufriedenheit haben wir auf alle Fälle.“
„Experimente sind immer gut“, mischte sich Old Donegal ein. „Man könnte ja dem Kutscher mal eine Flasche in die Suppe stecken. Wenn sie zündet, kann er die Erbsen hinterher von der Decke schaben.“
„Was anderes fällt dir wohl auch nicht ein, wie?“ fragte Ferris und warf dem Alten einen finsteren Blick zu.
Doch Old Donegal kicherte.
„Wenigstens weißt du dann, daß der Flaschenhals dicht war, und der Funke nicht in der Erbsensuppe ersoffen ist.“
Nun wurde die Aufmerksamkeit der Männer wieder auf die Galeere gelenkt. Dort waren mittlerweile auch noch die letzten Polen von Bord gegangen, und zwar in panikartiger Hast. Dazu hatten sie auch allen Grund.
Die Galeere krängte stark nach Backbord und ging langsam auf Tiefe. Verschiedene Brände, die durch die Pfeile der Seewölfe aufgeflackert waren, erloschen mit lauten Zischen, als die Decks vom Wasser überspült wurden.
„Alles hat auch seine Vorteile“, stellte der Profos sachkundig fest. „Die Kerle brauchen jetzt nicht mehr zu lenzen, und das Löschen der Feuerchen können sie sich ebenfalls sparen. Und dafür sagen die nicht einmal dankeschön!“
Den restlichen drei Galeeren des ehemaligen Fünferverbandes schien jegliche Angriffslust verlorengegangen zu sein. Vielleicht hielten auch sie die merkwürdigen Explosionen unter Wasser für Teufelswerk. Jedenfalls stellten sie die Verfolgung der beiden Galeonen ein und verschwanden bald darauf hinter der achteren Kimm.
4.
Langsam, Schritt für Schritt, stapfte der ärmlich gekleidete Mann durch den mit Tang überhäuften Sand. Dabei hielt er sich immer dicht ans Wasser, seine Füße wurden mitunter durch die Ausläufer der Brandung überspült.
Das kantige und wettergegerbte Gesicht des Mannes wirkte ernst und angespannt. In seinem Gang lag ein Anflug von Nervosität. Von Zeit zu Zeit verharrte er und sicherte scheu wie ein Tier, dem der Jäger auf der Spur ist, nach allen Seiten. Hin und wieder bückte er sich und hob etwas auf. Nachdem er es kurz in Augenschein genommen hatte, ließ er es in dem derben Jutesack verschwinden, den er über der linken Schulter trug.
Jetzt, im Morgengrauen des 2. April 1593, erinnerte nicht mehr viel an den heftigen, auflandigen Sturm, der während der Nacht getobt hatte und wie ein Inferno über die samländische Westküste hinweggebraust war.
Vorbei war das Heulen und Pfeifen des Windes, vorbei das Tosen der Brandung und das Aufspritzen der Gischt. Die See hatte sich wieder beruhigt, die schwarzen Sturmwolken waren verschwunden, als hätte es sie nie gegeben. Die Sonne schob sich wie ein riesiger roter Ball am Horizont hoch und schickte sich an, die letzten grauen Dunstschwaden, die wie zerfetzte Tücher über der Wasserfläche schwebten, aufzulösen.
Fritz Strakuweit, so hieß der Mann, der den Strand absuchte, stammte aus dem kleinen Küstenort Palmnicken. Und er war auf der Suche nach Bernstein, jenem versteinerten Harz von Nadelbäumen längst vergangener Zeiten, das man auch das Gold der Ostsee nannte.
Der Sturm der vergangenen Nacht hatte ihn veranlaßt, schon im ersten Morgengrauen auf Bernsteinsuche zu gehen, denn gerade nach solchen auflandigen Stürmen gab es oft reiche Beute. Die Brandung hatte erhebliche Mengen „Kraut“, wie der Tang von den Einheimischen genannt wurde, von dem verhältnismäßig flachen Meeresgrund losgerissen und auf die Küste zugetrieben.
Ganze Tanginseln schwabberten an der Küste oder lagen bereits am Strand – bereit zum „Abernten“, denn man brauchte den Bernstein nur aus dem Seetang zu lesen.
Strakuweit war sich dennoch im klaren darüber, daß es eine recht gefährliche Arbeit war, die er da tat, denn die Bernsteine waren nach Meinung der Obrigkeit nicht zur Bereicherung des gewöhnlichen Volkes bestimmt. Sie standen ausschließlich dem Landesherrn zu, der seinerseits wiederum dem polnischen König abgabepflichtig war. Also führte man überall scharfe Kontrollen durch.
Wurde ein Einheimischer beim Abernten von Bernstein erwischt, dann war ihm das Bernsteingericht in Fischhausen sicher. Ein Sack voll genügte, um an einem der zahlreichen Galgen, die man für diesen Zweck an der Küste aufgestellt hatte, gehängt zu werden.
Der Morgenwind pfiff kalt über die flachen Küstenstriche. Der Mann fröstelte in seiner dünnen, an zahlreichen Stellen geflickten Kleidung. Aber seine graublauen Augen glänzten erregt, wenn er das „Gold der Ostsee“ im Tang schimmern sah.
Trotz seiner Wachsamkeit hatte Fritz Strakuweit noch nicht bemerkt, daß er bereits seit einer Weile beobachtet wurde. Drei Augenpaare verfolgten jede seiner Bewegungen, und zwar von der Deckung des dornigen Strauchwerks aus, das sich oberhalb der Küste hinzog.
Die drei Soldaten, die dort kauerten, ließen sich Zeit für ihren Zugriff. Sie konnten von ihrem Versteck aus einen weiten Teil der Küste überblicken, der Bernsteindieb konnte ihnen nicht entwischen. Sollte er nur erst seinen Sack vollsammeln, dann würde sich ihr Zupacken wenigstens lohnen.
Jedesmal, wenn sich die einsame Gestalt am Strand bückte, um etwas aufzuheben, grinsten sich die drei Burschen an. Es würde nicht mehr lange dauern, bis der Sack, den der Mann mit sich herumschleppte, prall gefüllt war. Sie hatten Zeit, und immer, wenn der Bernsteinsammler weiterstapfte, zogen sie in der Dekkung der kahlen Sträucher und Sanddünen mit ihm – wie unsichtbare Schatten.
Dabei paßten sie genau jene Momente ab, in denen der Mann verhielt, um seine Blicke prüfend über den Strand wandern zu lassen. Sie zogen stets rechtzeitig die Köpfe ein und rührten sich nicht. Der Kerl in den zerschlissenen Hosen sollte ruhig das Gefühl haben, der einzige Mensch weit und breit zu sein.
Fritz Strakuweit bemerkte tatsächlich nicht, wie sich langsam, aber sicher, das Unheil über ihm zusammenbraute.
Als er nach Ablauf einer guten halben Stunde eine kleine Bucht erreichte, war der Jutesack so gut wie voll. Die Steine lasteten schwer auf seiner Schulter. Eigentlich wollte Strakuweit seine Sammlertätigkeit jetzt einstellen, um sich so rasch wie möglich über Schleichwege nach Palmnicken zurückzuziehen. Doch da wurde er von neuen Funden abgelenkt.
Die drei Soldaten, bei denen es sich unverkennbar um Polen handelte, registrierten das mit einer gewissen Genugtuung.
„Jetzt greifen wir zu!“ entschied der Anführer. Er war ein hagerer Bursche mit einem Raubvogelgesicht und einer rötlichen Messernarbe über der linken Wange. „Der verdammte Bernsteinräuber hat seinen Sack bis obenhin voll. Noch mehr von dem Zeug kann er nicht mehr unterbringen.“
„Dann schnappen wir ihn“, bemerkte ein anderer. „Solange er sich noch in Strandnähe aufhält, kann er uns nicht entwischen.“
Die drei Soldaten verteilten sich rasch, um Strakuweit von Norden, Osten und Süden her in die Zange zu nehmen. Einen Fluchtweg nach Westen gab es nicht, weil dort die See lag. Das Schicksal des Mannes schien besiegelt zu sein.
Mit schußbereiten Musketen pirschten sich die Soldaten an Strakuweit heran. Dabei half ihnen ein Zufall, der den Bernsteinsammler jegliche Wachsamkeit vergessen ließ.
Strakuweit stieß einen überraschten Laut aus, als er ein fast faustgroßes, glattgeschliffenes Stück im Seetang entdeckte – ohne Zweifel der größte und schönste Stein, den ihm der heutige Tag beschert hatte.
Entzückt starrte er seinen Fund an. Sein Herz schlug höher, als er bemerkte, daß es eine Anzahl von eingeschlossenen Insekten aufzuweisen hatte. Er wußte, daß gerade solche Stücke bei den Händlern und Aufkäufern besonders begehrt waren und einen dementsprechenden Preis brachten.
Noch immer blickte er wie gebannt auf den Stein und drehte und wendete ihn, um ihn von allen Seiten zu begutachten. Dabei war Strakuweit der See zugewandt, so daß er die drei Soldaten, die bereits ziemlich nahe an ihn herangelangt waren, nicht sah.
Erst das metallische Knacken der Musketenhähne riß ihn in die Wirklichkeit zurück.
Fritz Strakuweit erschrak fürchterlich. Er zuckte zusammen, als habe ihn ein Blitz getroffen. Sein Gesicht wirkte plötzlich verzerrt, als er – immer noch den Stein in der Hand haltend – die drei Soldaten erblickte, die ihre Musketenläufe drohend auf ihn gerichtet hatten. Die Augen des Mannes flackerten, und sein Atem ging rascher als sonst. Er wirkte in diesem Augenblick wie ein gejagtes Tier, das in die Falle seiner Häscher getappt ist.
Strakuweit begriff augenblicklich, daß seine Lage so gut wie aussichtslos war. Man hatte ihn umzingelt, so daß ihm von vornherein jeglicher Fluchtweg abgeschnitten war. Innerlich verfluchte er sich, weil er nicht wachsam genug gewesen war.
Er hatte sich zu sehr durch den fast faustgroßen Bernstein ablenken lassen, sonst hätte er die Soldaten zumindest früher bemerkt. Jetzt aber saß er in der Patsche, und zwar ganz gewaltig. Er konnte sich in allen Farben ausmalen, was ihm blühte: Man würde ihn in Fischhausen, das an der Nordbucht des Frischen Haffs lag, zum Tode verurteilen und an einen der Galgen hängen, die man zur Abschreckung an der Küste aufgestellt hatte.
Strakuweit stand wie angewurzelt und blickte in die grinsenden Gesichter der drei Soldaten. In ihren Zügen lagen Spott, Hohn und Triumph, dennoch entging ihm nicht, daß ihre Blicke begehrlich auf den Sack gerichtet waren.
„Her mit dem Zeug!“ befahl der hagere Bursche mit dem Raubvogelgesicht in hartem Deutsch.
Strakuweit reagierte mit Zorn und Trotz. Er riß den schweren Jutesack von der Schulter und warf ihn dem Polen vor die Füße.
„Nehmt die Steine!“ rief er mit zornbebender Stimme. „Euer sattgefressener König wird sich freuen, wenn er dadurch noch ein bißchen reicher wird!“
Der Hagere grinste unverschämt.
„Bei ihm ist das Zeug jedenfalls besser aufgehoben als bei Lumpenkerlen wie dir! Wie heißt es so schön? Man soll Perlen nicht vor die Säue werfen!“ Er lachte brüllend, und seine Kumpane stimmten in das Gelächter ein.
Aus Strakuweits Augen leuchtete plötzlich blanker Haß.
„Ich habe diese Steine nicht in Polen aufgesammelt, sondern in meiner eigenen Heimat!“ rief er. „Sie gehören den Menschen, die hier wohnen und darben und oft nicht wissen, wie sie ihre Frauen und Kinder ernähren sollen. Ihr aber würdet am liebsten noch den Nackten die Kleider ausziehen!“
Die Kerle lachten erneut.
„Hört, hört!“ rief der Hagere. „Der Kerl spuckt Töne, als wäre er selber ein König. Ich bin mal gespannt, ob er auch noch so eine große Lippe riskiert, wenn er erst in Fischhausen am Galgen zappelt. Hoffentlich zieht man ihm dort den Hals hübsch lang, damit er die Früchte seiner Arbeit auch richtig genießen kann!“
Fritz Strakuweit sah plötzlich rot.
„Ihr verdammten Schweinehunde!“ brüllte er. Dann senkte er den Kopf und warf sich dem Hageren entgegen. Seine Rechte umklammerte noch immer den großen Bernstein, den er jetzt als Waffe einzusetzen gedachte. Schließlich hatte er nichts mehr zu verlieren – außer seinem Leben, und das war ohnehin verwirkt.
Die Polen ließen ihm jedoch keine Chance.
Noch bevor er den Hageren erreichte, versetzte ihm der Soldat, der rechts von ihm gestanden hatte, einen brutalen Kolbenstoß in den Nakken.
Er brach mit einem Aufstöhnen zusammen und fiel bäuchlings auf den nassen und glitschigen Seetang. Vor seinen Augen begann sich ein Rad aus feurigen Sternen zu drehen, unter seiner Schädeldecke klopfte und hämmerte es, als würde man ihn mit Schmiedehämmern bearbeiten. Doch er wurde nicht besinnungslos, sondern blieb wie gelähmt auf dem Gemisch von Tang und Sand liegen.
Die Stimmen der Polen drangen wie aus weiter Ferne an Strakuweits Ohren. Die Kerle unterhielten sich in ihrer Muttersprache, doch der niedergeschlagene Deutsche konnte sie verstehen. Trotz seiner Benommenheit registrierte er jedes Wort.
„Der hält uns tatsächlich für so blöd und glaubt, daß wir die Steine abliefern“, hörte er den Hageren sagen.
„Soll er doch glauben, was er will“, entgegnete ein anderer. „Ich für meinen Teil denke nicht daran, das Zeug der Krone in den Rachen zu stopfen. Fetten Gänsen soll man schließlich nicht die Ärsche schmieren!“ Er lachte meckernd.
„Der Meinung bin ich auch“, ließ sich der dritte im Bunde vernehmen. „Am besten, wir teilen das Zeug und pusten dem Kerl eine Kugel zwischen die Rippen. So haben wir wenigstens etwas davon. Wenn sie ihn in Fischhausen aufhängen, nutzt uns das wenig.“
„Wir sind uns also nach wie vor einig“, sagte der Hagere. „Auf was warten wir dann noch? Los, laßt uns die hübschen Steinchen brüderlich teilen, danach servieren wir den Lumpenkerl ab. Wir sind hier allein auf weiter Flur, es gibt keine Zeugen, und niemand kann uns was anhaben.“
Fritz Strakuweit krampfte die Fäuste zusammen. So langsam fühlte er, wie seine Bewegungsfähigkeit in ihn zurückkehrte. Sein Nacken schmerzte nach wie vor, aber das dumpfe Hämmern im Kopf hatte merklich nachgelassen.
Diese verdammten Schweinehunde! dachte er. Die hatten von Anfang an vor, sich selbst zu bereichern!
Eine ohnmächtige Wut strömte durch seinen Körper. Was konnte er tun? Die Kerle waren zu dritt und außerdem schwer bewaffnet. Er aber lag mit heftigen Schmerzen am Boden, fast so wehrlos wie ein neugeborenes Kind. Daß er nun doch nicht am Galgen enden sollte, war nur ein schwacher Trost für ihn, wenn er dafür eine Musketenkugel in Kauf nehmen sollte. Das Sterben bereitete weder auf die eine noch auf die andere Weise Spaß.
Hinter Strakuweits Stirn jagten sich die Gedanken. Er mußte auf jeden Fall versuchen, sein Leben zu retten, auch wenn seine Chancen sehr gering waren. Er wollte nicht einfach hilflos von den Halunken abgeschossen werden. Vielleicht gelang es ihm, sich wenigstens einen dieser Kerle zu schnappen und ihm die Muskete zu entreißen, während sich die anderen damit beschäftigten, den Sack voller Bernsteine unter sich aufzuteilen.
Ja, er mußte es versuchen, und zwar sofort.
Vorsichtig öffnete er die Augen eine Spaltbreite, um die Lage zu peilen.
Einer der Polen stand nur wenige Schritte von ihm entfernt. Es war derjenige, der ihn niedergeschlagen hatte. Die beiden anderen, darunter der Hagere, stützten sich, auf ihre Musketen und schickten sich gerade an, den Sack auszuleeren.
Jetzt oder nie! sagte sich Fritz Strakuweit und warf sich trotz der aussichtslosen Lage und der stechenden Nackenschmerzen blitzschnell herum. Es gelang ihm, aufzuspringen. Dann warf er sich mit dem Mut der Verzweiflung auf den Soldaten, der ihm am nächsten stand.
Dieser bemerkte den überraschenden Angriff des Deutschen verhältnismäßig früh und versuchte, seine Muskete herumzureißen und abzufeuern. Doch Strakuweits Hände hatten die Waffe bereits gepackt.
Während ein erbittertes „Tauziehen“ begann, wirbelten die beiden anderen Soldaten herum und brachten ihre Musketen in Anschlag. Aber sie konnten nicht schießen, ohne dabei ihren Genossen zu treffen.
Der Hagere schätzte die Lage sofort richtig ein. Er drehte seine Waffe um und packte sie am Lauf.
„Wir schlagen den Hund tot!“ zischte er wütend. Gleichzeitig stürmte er auf Strakuweit zu, der seinem Gegner gerade einen heftigen Tritt gegen das Schienbein verpasste.
Der Soldat stieß einen lauten Schmerzensschrei aus, verzog sein Gesicht zu einer haßvollen Grimasse und ließ die Muskete reflexartig los.
Doch dieser Sieg nutzte dem Deutschen nichts mehr.
Die beiden anderen Polen erreichten ihn fast gleichzeitig. Dann schlugen sie hart mit den Kolben ihrer Waffen zu.
Strakuweits Hände wurden schlaff und ließen die erbeutete Muskete in den Sand fallen. Aus seinem Mund drang ein gurgelnder Laut, dann sank er blutüberströmt zu Boden. Die beiden Soldaten hatten ihn mit mehreren wuchtigen Hieben am Schädel erwischt, aus einer Platzwunde schoß Blut.
Fritz Strakuweit rührte sich nicht mehr. Sein Körper lag seltsam verkrümmt im Sand, die Augen waren geschlossen.
„Der hat genug“, sagte der Hagere. „Hätte gar nicht gedacht, daß der Kerl so gefährlich ist. Am besten, wir schnappen uns jetzt den Sack und verschwinden von hier. Teilen können wir auch noch woanders.“
„Soll ich ihm noch eine Kugel verpassen?“ fragte derjenige, der von Strakuweit angegriffen worden war.
„Nicht nötig“, erwiderte der Hagere, der noch einen raschen Blick auf den blutüberströmten Deutschen warf. „Der ist mausetot und klaut bestimmt keine Bernsteine mehr!“
Diese Feststellung des beutelüsternen Halunken sollte sich jedoch schon recht bald als folgenschwerer Irrtum erweisen.
5.
Die Ausläufer des nächtlichen Sturms hatten die „Isabella IX.“ und die „Wappen von Kolberg“ stark an die Küste versetzt. Ein Beidrehen der Galeonen war jedoch nicht notwendig geworden, weil man die Segel stark verkürzt hatte, damit sie nicht von den tobenden Naturgewalten in Fetzen gerissen wurden.
Jetzt, am Morgen des 2. April, klüsten die beiden Schiffe wieder unter vollem Zeug an der Küste südwärts und entschieden sich schließlich dafür, bei dem herrschenden Westwind auf Kreuzkurs zu gehen, um quer über die Danziger Bucht zu segeln.
In der Höhe von Palmnicken, einem kleinen, gottverlassenen Küstennest, gingen die Segler auf ihren ersten Kreuzschlag.
Die „Isabella“ hatte gerade mit dem Anluven begonnen und drehte das Heck dem Land zu, da begann sich Gary Andrews, der im Hauptmars Ausguck hielt, zu rühren.
„Deck!“ rief er und drehte mit hastigen Bewegungen an der Optik seines Spektivs. „Am Strand liegt jemand! Sieht aus wie eine Leiche, die angetrieben worden ist. Um ein Haar hätte ich die Gestalt nicht gesehen.“
„Täuschst du dich auch nicht?“ fragte Ben Brighton zurück. „Vielleicht siehst du auch nur einige Tangbündel. Davon dürfte in der vergangenen Nacht genug angeschwemmt worden sein.“
„Nein, es ist eine menschliche Gestalt“, beharrte Gary. „Und ich verschlucke einen Holystone, ohne nachzuspülen, wenn sie sich nicht schwach bewegt! Da – der rechte Arm hat seine Lage verändert! Kein Zweifel, Sir, da ist jemand verletzt!“
Ben Brighton blickte den Seewolf fragend an.
Hasard zuckte mit den Schultern und griff selber nach seinem Spektiv. Wortlos sah er hindurch, dann nickte er.
„Da liegt tatsächlich jemand. Und Bewegungen glaube ich auch erkennen zu können.“
Old Donegal, der alles mitangehört hatte, zog die Stirn in Falten.
„Sir“, sagte er ahnungsvoll, „du wirst doch wohl nicht …?“
„Es wird uns nichts anderes übrigbleiben, Donegal“, antwortete der Seewolf, „das gebietet uns schon die Christenpflicht. Wer immer das auch sein mag, der halbtot dort drüben liegt – er braucht unsere Hilfe!“
„Aber Sir!“ begehrte Old O’Flynn auf. „Du weißt so gut wie ich, daß das ein Trick sein kann. Es wäre nicht das erste Mal, daß man uns mit List und Tücke an einen Strand lockt, um dann über uns herzufallen.“
„Ich weiß, Donegal“, sagte Hasard. „Man hat unsere Hilfsbereitschaft schon oft genug auszunutzen versucht, aber dennoch können wir es nicht verantworten, einen Menschen, der wirklich Hilfe braucht, einfach liegen zu lassen – das geht gegen unsere Prinzipien. Außerdem: Wer soll uns zu dieser Zeit schon am Strand auflauern wollen? Es kann ja niemand gewußt haben, daß uns der Sturm hierher verschlägt. Und zu sehen ist auch niemand.“
Old O’Flynn zeigte ein mißtrauisches Gesicht und fuhr sich durch die Bartstoppeln.
„Ich weiß nicht recht“, murmelte er. „Da könnten beispielsweise Polen hinter den Sanddünen auf der Lauer liegen. Es wäre ja immerhin möglich, daß sie jetzt ihr Glück an Land versuchen, nachdem wir ihnen auf See kräftig die Hucke vollgegeben haben.“
„Diesmal irrst du dich bestimmt“, erwiderte Hasard. „Die Polen konnten nun wirklich nicht wissen, daß wir hier auftauchen. Und wenn die Gestalt dort drüben ein Lockvogel wäre, würde sie sich wesentlich auffälliger benehmen. Es war ohnehin schon reiner Zufall, daß Gary sie überhaupt bemerkt hat.“
Der Alte wiegte zweifelnd den Kopf hin und her.
Da verzog Edwin Carberry das zernarbte Gesicht zu einem freundlichen Lächeln, das freilich nur Eingeweihte als solches zu erkennen vermochten.
„Soll ich dir einen Hocker bringen, Mister O’Flynn, was, wie? Oder vielleicht ein leeres Wasserfaß?“
Old Donegal sah ihn verständnislos an.
„Was, zum Teufel, soll ich damit?“
„Wenn du da draufsteigst“, fuhr der Profos fort, „kannst du besser hinter die Kimm schauen – zumindest aber hinter die Sanddünen! Und wenn du dich dabei noch anstrengst, kannst du den Rübenschweinen, die dort lauern, auf die Köpfe spucken.“
Der alte O’Flynn stieß ein verärgertes Knurren aus.
„Solche Spinnereien sehen dir wieder ähnlich, du quergestreifter Kinderschreck! Aber wenn die Kerle erst einmal über dich herfallen und dir …“
„Laßt es gut sein“, mischte sich Hasard in die sich anbahnende hitzige Diskussion. „Wir wollen den Teufel lieber nicht an die Wand malen und die Zeit mit geistreichen Debatten verbringen, während dort vielleicht ein Mensch hilflos zugrunde geht. Gebt Arne einige Signale – dann wird die kleine Jolle ausgesetzt! Das Kommando übernehme ich. Batuti, Nils, Jan und Ed, ihr begleitet mich. Außerdem soll der Kutscher mit dabeisein, er kann den Zustand des Mannes am besten beurteilen.“
Das war eine klare Entscheidung, und niemand lehnte sich dagegen auf, zumal außer Old Donegal sowieso alle einer Meinung mit Hasard waren, zumindest, was die einsame Gestalt dort drüben am Strand der sogenannten Bernsteinküste betraf.
Die Befehle des Seewolfs wurden sofort weitergegeben. Beide Galeonen geiten die Segel auf und warfen Anker. Kurze Zeit später hielt die kleine Jolle der „Isabella“ bereits auf den Strand zu.
Auf der „Isabella“ hatte Ben Brighton das Kommando übernommen. Er würde den Männern – falls sich die düsteren Ahnungen des alten O’Flynn wider Erwarten bewahrheiten sollten – entsprechenden Feuerschutz geben.
Auch auf der „Wappen von Kolberg“ hatte man aufgrund der Signale die Gestalt bemerkt, die sich erfolglos bemühte, aufzustehen. Arne von Manteuffel ließ ebenfalls ein Boot abfieren und zum Strand hinüberpullen.
Bald konnten die Seewölfe die Gestalt als einen Mann in zerschlissener Kleidung identifizieren. Sie waren höchstens noch eine Kabellänge vom Strand entfernt.
„Er rührt sich nicht mehr“, sagte Hasard, der den Kieker ans Auge gesetzt hatte. „Wahrscheinlich ist er wieder ohnmächtig geworden. Kopf und Kleidung sind blutverschmiert.“
Wenig später gingen die Seewölfe an Land. Der Kutscher ging sofort daran, den besinnungslosen Mann zu untersuchen.
„Er hat eine schlimme Schädelverletzung“, stellte er fest. „Ein Wunder, daß der überhaupt noch am Leben ist. Es muß sich um einen außerordentlich zähen Burschen handeln.“
„Ist es eine Schußverletzung?“ fragte Hasard.
Der Kutscher schüttelte den Kopf.
„Danach sieht es nicht aus. Ich vermute eher, daß man ihn mit einem schweren Schlaginstrument bearbeitet hat. Er muß viel Blut verloren haben. Hier kann ich kaum etwas für ihn tun. Wenn er am Leben bleiben soll, müßten wir ihn schon mit an Bord nehmen.“
„Das geht in Ordnung“, sagte Hasard. „Wir können ihn ja hier nicht liegen lassen.“ Gleichzeitig bückte er sich und hob ein faustgroßes, abgeschliffenes Stück Bernstein auf. Nachdenklich betrachtete er den wertvollen Fund, der zudem noch zahlreiche Insekteneinschlüsse aufwies.
„Hat man ihn damit niedergeschlagen?“ fragte Nils Larsen.
„Mit Sicherheit nicht“, erwiderte Hasard. „Sonst würde man zumindest Blutspuren an dem Stein finden. Ich vermute eher, daß dieses Stück während des Kampfes, der hier ohne Zweifel stattgefunden hat, verlorenging. Wie der Sand hier umgewühlt ist, muß sich einiges getan haben.“
Nun traf Batuti, der den Strand ein Stück abgegangen war, wieder bei der kleinen Gruppe ein.
„Es gibt Spuren“, berichtete er. „Ein Mann muß eine ziemlich weite Strecke den Strand entlanggegangen sein. Zwischendurch ist er immer wieder stehengeblieben, besonders bei den Tanginseln. Dort ist nämlich gewühlt worden, das hat Batuti deutlich gesehen.“
„Vielleicht hat er nach Bernstein gesucht“, sagte der Kutscher. „Das soll ja mit dem Tang an Land treiben.“
„Das ist möglich“, sagte Hasard. „Und er hat zumindest diesen einen Brokken hier gefunden.“
„Batuti sieht noch weitere Spuren“, fuhr der Gambia-Mann fort. Dabei deutete er auf Eindrücke, die sich bis zum Fundort des Schwerverletzten hinzogen. „Es müssen drei andere Männer hiergewesen sein. Einer näherte sich aus Norden, einer aus Osten und einer aus Süden. Aber alle drei müssen sich nach Osten entfernt haben, und zwar gemeinsam. Vorher aber ist hier gekämpft worden.“
Hasard war der Meinung, daß Batuti die Vorgänge ziemlich klar umrissen hatte. Schließlich war der schwarze Herkules ein hervorragender Spurenleser.
„Damit steht zumindest fest“, sagte der Seewolf, „daß man diesen Mann hier überfallen und zusammengeschlagen hat.“
Arne von Manteuffel und vier seiner Männer sprangen in das seichte Wasser und zogen ihr Boot auf den Sand. Mit raschen Schritten näherten sie sich der kleinen Seewölfe-Crew.
Arne machte eine entschuldigende Geste.
„Gut, daß ihr den armen Teufel bemerkt habt“, sagte er. „Unser Ausguck hat ihn nicht gesehen.“
„Bei uns wurde er auch nur durch Zufall entdeckt“, erwiderte Hasard. „Wir werden ihn mit an Bord nehmen, damit ihn der Kutscher richtig verarzten kann.“
„Demnach lebt er noch“, sagte der große, breitschultrige Deutsche, der dem Seewolf bis auf die Haarfarbe so ähnlich war. Er trat näher und ging in die Hocke, um sich den Verletzten etwas genauer anzusehen.
Kaum hatten seine Blicke die ärmlich gekleidete Gestalt mit dem blutverkrusteten Gesicht gestreift, fuhr er wieder hoch.
„Das gibt es doch nicht!“ stieß er hervor. „So viele Zufälle auf einem Haufen kann es doch gar nicht geben!“
Hasard und die übrigen Männer sahen ihn verwundert an.
„Kennst du den Mann etwa?“ fragte der Seewolf.
Arne fuhr sich mit der Hand durch die blonde Haarmähne.
„Ja und nein“, erwiderte er. „Ich kenne zwar seinen Namen nicht, aber ich habe ihn vor etwa einem Jahr in Pillau gesehen, und zwar bei einem Bernsteinhändler, der die Steine auch drechselt und schleift. Der Händler sagte mir damals im Vertrauen, dieser Mann wäre einer seiner besten Zulieferer. Sonst aber würde er sein Dasein als Fischer in Palmnicken fristen.“
„Das ist ja interessant!“ entfuhr es Hasard. „Dann liegen wir mit unseren bisherigen Vermutungen und Feststellungen gar nicht so verkehrt.“ Mit wenigen Worten schilderte er Arne die verschiedenen Fußspuren, die Batuti ausgewertet hatte, und erläuterte ihm die Schlußfolgerungen, die sich daraus ergaben.
„Das paßt alles genau zusammen“, meinte Arne von Manteuffel. „Der Sturm der vergangenen Nacht hat viel Tang hier angeschwemmt und damit auch Bernstein. Aus diesem Grund wohl war der Fischer hier unterwegs gewesen. Man hat ihn überfallen, halbtot geschlagen und ihm den gesammelten Bernstein geraubt, denn außer dem einen Stück, das man wahrscheinlich übersehen hat, ist ja nichts da.“
Hasard nickte.
„Die Räuber müssen ihn für tot gehalten haben, und das war sein Glück – je nachdem, wie man das sieht. Wie stehen seine Chancen, Kutscher?“
„Die Verletzungen sind ernst, aber nicht hoffnungslos“, antwortete der Feldscher der „Isabella“. „Ich nehme an, daß ich ihn durchkriege, aber versprechen kann ich das natürlich nicht.“
Hasard und Arne beschlossen, vorerst noch vor Anker zu bleiben und abzuwarten, was der Mann zu berichten hatte, wenn er ins Bewußtsein zurückkehrte. Dann würde man weitersehen.
Zunächst aber brachte man den Schwerverletzten vorsichtig in die Jolle der Seewölfe und bettete ihn zwischen die Duchten. Dann wurde das Boot eilig zurückgepullt.
6.
Old O’Flynn zog ein griesgrämiges Gesicht, als die Jollen-Crew an Bord zurückkehrte und den Verletzten in den Krankenraum transportierte.
„Dir paßt es wohl nicht, daß keine Rübenschweine hinter den Sanddünen gelauert haben, was, wie?“ fragte der Profos. „Es wäre dir wohl lieber gewesen, wenn uns irgendwelche Kerle ins Genick gesprungen wären. Dann könntest du wenigstens sagen: ‚Ich, Mister Donegal Daniel O’Flynn, habe es ja gleich gewußt, aber ihr Hurenböcke habt ja nicht auf mich gehört!‘ Gib’s doch zu, Donegal, ich kenne dich!“
„Ha!“ sagte der Alte verbiestert. „Du und mich kennen, daß ich nicht lache! Und bilde dir nur nicht ein, daß ich mich geirrt habe! Auch wenn bis jetzt noch nichts geschehen ist – es ist noch lange nicht aller Tage Abend. Das dicke Ende folgt schon noch, darauf kannst du dich verlassen!“
„Juckt dich vielleicht das Holzbein?“ fragte Ed treuherzig.
„Heute nicht“, sagte Old Donegal beinahe würdevoll. „Aber ich werde dennoch das verdammte Gefühl nicht los, daß es in dieser Gegend Ärger gibt. Und zwar im Zusammenhang mit diesem – äh – mit diesem Fremden, den ihr an Bord gebracht habt.“
„Du bist heute wieder ein richtiger Schwarzmaler“, sagte der Profos. „Der arme Wicht, an dem sich jetzt der Kutscher und Mac Pellew austoben, wird uns bestimmt keinen Ärger bereiten. Der ist froh, wenn er dem Sensemann noch mal von der Schippe springen kann. Irgendwelche Rübenschweine haben ihm wegen der Klunkerchen, die angeblich mit dem Tang an den Strand gespült werden, was über den Scheitel gegeben.“
„Ja, ja“, sinnierte Old O’Flynn. „Die Gier nach Gold und Geld, nach Macht und Reichtum hat schon immer Ärger und Unglück gebracht. Darüber war ich mir schon damals auf der alten ‚Empress of Sea‘ im klaren, und ich kann dir nur sagen …“
„Schon gut, Donegal“, sagte der Profos. „Jetzt fang nur nicht wieder bei der Arche Noahs und der Sintflut an. Ich weiß schon, daß du damals als Erster Offizier auf der Arche gefahren bist. Und die Sintflut hat Noah nur überlebt, weil er auf dich gehört hat!“
„Witzbold!“ knurrte Old Donegal und marschierte beleidigt über die Kuhl. Bis zum Ablauf des Stundenglases war der Profos Luft für ihn, das stand jetzt schon fest. Aber spätestens dann würden sie wieder ein Herz und eine Seele sein und zusammenhalten wie Pech und Schwefel.
Zu allem Überfluß landete jetzt auch noch Sir John auf dem Handlauf des Schanzkleides.
„Ziegenkäse, Hafenratten, Töpfegucker!“ krakeelte er zusammenhanglos.
Der alte O’Flynn drehte sich um und warf dem Papagei einen wütenden Blick zu.
„Jetzt fang du nur auch noch an, du Mistvieh!“ rief er. „Aber bei einem solchen Holzkopf von einem Herrchen kann man ja nichts anderes erwarten, nicht wahr?“
Wieder war es Gary Andrews, der hagere Fockmastgast, der die Männer auf den Decks auf eine merkwürdige Begebenheit hinwies.
„Am Strand tauchen eine Menge Leute auf!“ rief er. „Alle aus südlicher Richtung!“
Gleich darauf sahen auch die übrigen Seewölfe jene seltsame Prozession, die sich dicht am Wasser entlangbewegte. Bei dem, was sich in der nächsten Zeit ihren Augen darbot, kamen sie aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus.
Die morgendlichen Dunstschwaden hatten sich verzogen, die Sonnenstrahlen ließen die kabbeligen Küstengewässer silbrig aufglänzen. Der Wind wehte noch immer aus Westen und ließ die beiden Galeonen an den Ankertrossen schwojen. Alles in allem bot dieser Morgen an der samländischen Bernsteinküste ein Bild des Friedens.
Dieser Eindruck wurde jedoch durch das, was am Strand geschah, jäh zerstört.
Eine Schar von Menschen zog langsam durch den weichen Sand, und zwar so, als müßte sie Tausende von Erbsen aufsammeln, die jemand in der Nacht ausgestreut hatte. Wie die Seewölfe rasch feststellten, befanden sich auch Frauen und Kinder bei jener morgendlichen Prozession. Und sie brauchten natürlich nicht lange herumzurätseln, um zu wissen, was dort geschah.
Die Menschen sammelten Bernstein, besser gesagt, sie mußten Bernstein sammeln, denn die ärmlich gekleideten Männer, Frauen und Kinder waren nicht allein, sondern wurden von einer doppelten Anzahl Uniformierter umgeben, die, wie deutlich zu erkennen war, sogar Peitschen schwangen. Von ihren Pferden aus hielten sie die Menge auf Trab.
Das Bernsteinsammeln erfolgte demnach unter Zwang und Bewachung, und der Erlös floß logischerweise nicht in die Taschen der armen Küstenbevölkerung, sondern in die Kassen jener Leute, die niemals kennengelernt hatten, was Hunger bedeutete.
„Das dürften schätzungsweise fünfundzwanzig Leute sein“, sagte Hasard. „Hinzu kommen ungefähr sechzig Soldaten. Das ist nicht zu fassen!“
Edwin Carberry warf dem alten O’Flynn einen verstohlenen Blick zu, doch der hob würdevoll die Nase, als müsse er mit ihr die Windrichtung feststellen.
„Die Leute sind ja wirklich beschissen dran“, meinte der Profos dann. „Dabei könnten diese Rübenschweine von Soldaten doppelt soviel Arbeit leisten als diese Schar zerlumpter Gestalten, wenn sie sich nur erst von ihren verlausten Ziegenbökken schwingen würden. Aber das haben diese im Suff gezeugten Hurensöhne natürlich nicht nötig. Das Schwingen der Peitschen ist da viel bequemer.“ Zu Hasard gewandt, fuhr er fort: „Sir, ich kann mir nicht helfen, aber wenn ich das sehe, da kribbelt es mir so merkwürdig in den Händen.“
Hasard zuckte mit den Schultern.
„Zu deiner Beruhigung, Ed, bei mir kribbelt es da auch, aber daran ist meines Wissens noch niemand gestorben. Das legt sich auch wieder.“
„Bei mir aber nicht, Sir“, sagte Carberry. „Ich brauche da meistens ein bißchen Bewegung, um dieses elende Gefühl wieder loszukriegen. Ob das eine Krankheit ist, was, wie?“
„Wie man’s nimmt, Ed“, entgegnete Hasard hinterhältig. „Die stinkende, schwarze Salbe, die der Kutscher zubereitet hat, soll dagegen schon geholfen haben. Man muß nur beide Hände bis an die Ellbogen hineinstecken.“
„Gott bewahre mich!“ entfuhr es dem Profos. „Von dieser Stinkschmiere dampft mir jetzt noch die Nase, wenn ich nur an die Zeit in der Krankenkammer zurückdenke. Du wirst mich doch nicht dem Kutscher ausliefern wollen, was, wie?“
„Das hängt ganz davon ab, wie lange das Kribbeln anhält, Ed. Aber vielleicht finden wir auch noch eine andere Möglichkeit, es wieder loszuwerden.“
Edwin Carberry atmete auf.
„Ganz bestimmt, Sir, davon bin ich überzeugt!“ Er rieb sich unternehmungslustig die riesigen Pranken.
Der Seewolf hatte durchaus Verständnis dafür, daß seinen Männern die Wut hochstieg, wenn sie das brutale, menschenunwürdige Treiben am Strand beobachteten. Schließlich empfand er das auch nicht anders. Aber sie konnten deshalb nicht einfach die Kanonen ausrennen und einige Kugeln in die Menge donnern. Das würde mit Sicherheit unschuldige Menschen, Frauen und Kinder erwischen. Also mußte zunächst die weitere Entwicklung der Dinge abgewartet werden. Zum Glück wurde ja niemand umgebracht, sondern man trieb die Menschenmenge lediglich zur Arbeit an. Zur Zwangsarbeit, versteht sich.
Von der „Wappen von Kolberg“ löste sich ein Boot, Arne von Manteuffel ließ sich zur „Isabella“ übersetzen. Offenbar hatte auch er angesichts dieser Machenschaften das Bedürfnis, sich mit seinem Vetter zu besprechen.
Kurze Zeit später enterte er an Bord und eilte zum Achterdeck. Sein Gesicht wirkte kantig vor Wut.
„Mir juckt es gewaltig in den Fingern“, sagte er und Nils übersetzte.
„So was Ähnliches habe ich heute schon mal gehört“, erwiderte Hasard und warf einen vielsagenden Blick auf seinen Profos.
Dieser nickte eifrig.
„Siehst du, Sir“, sagte er, „diese Krankheit ist sogar ansteckend!“
Arne deutete zum Strand hinüber.
„Das sind polnische Soldaten“, erklärte er, „und der Bernstein, der dort gefunden wird, wandert in die Schatzkammer der polnischen Krone. Die armen Küstenbewohner kriegen nicht den geringsten Lohn für das Einsammeln, sondern werden mit Fußtritten, Peitschenhieben und Knüffen abgespeist.“
Damit übertrieb Arne von Manteuffel nicht, denn auch die Seewölfe beobachteten, wie die Frauen sogar ins Wasser waten mußten, um die noch schwimmenden Tanginseln mit langen Haken an Land zu ziehen. Der Strand wurde regelrecht abgegrast. Bei den Bewachern handelte es sich offensichtlich um brutale, verrohte Kerle, denen es eine sadistische Freude bereitete, Gewalt auszuüben und die ihnen hilflos ausgelieferten Leute zu schikanieren.
Zwei Offiziere ritten lässig hinter dem Haufen her. Ihre Aufgabe war es, darüber zu wachen, daß keiner der armen Menschen heimlich ein Stück Bernstein verschwinden ließ. Die Funde wanderten fein säuberlich in Ledersäcke, mit denen Lastpferde behangen waren.
„Das Bild ist typisch“, knurrte Arne. „Was ihr hier seht, ist ein Teil des sogenannten Bernsteinregals, das der polnische König Sigismund III. für sich beansprucht.“
„Ich verstehe das nicht ganz“, sagte Hasard. „Dieses Land ist doch nicht polnisch, was haben also die Polen hier zu suchen?“
Arne lächelte erbittert.
„Deine Frage ist berechtigt“, erwiderte er. „Doch es gibt da einige Zusammenhänge und Hintergründe, die uns das Treiben dort drüben zumindest in politischer Hinsicht erklären. Das Herzogtum Preußen, zu dem auch das Samland gehört, ist ein Lehen der polnischen Krone an die Herzöge von Preußen. Demnach hat Sigismund III. das Sagen, und wenn er das Bernsteinregal für sich beansprucht, dann hat der Markgraf Georg Friedrich von Brandenburg, der das Herzogtum zur Zeit anstelle seines blödsinnig gewordenen Vetters Albrecht Friedrich von Preußen regiert, nichts dagegen zu vermelden. Würde er gegen diese Machenschaften aufmucken, könnte er schnell das Lehen verlieren. Und das wird er wegen des Bernsteins wohl kaum riskieren wollen.“
„So ist es überall“, sagte Hasard. „Wer die Macht hat, kann die Puppen tanzen lassen!“
Arne nickte. Die Wut in seinem Gesicht war unverkennbar. Er hatte beide Hände zur Fäusten geballt.
„Am liebsten würde ich das Soldatenpack in Grund und Boden schießen!“ stieß er hervor. „Aber leider geht das nicht, wenn wir die Samländer nicht in Gefahr bringen wollen.“
Die beiden Galeonen, die in Strandnähe vor Anker lagen, waren natürlich längst von den polnischen Soldaten gesichtet worden. Nur konnte sich offenbar noch niemand einen Reim darauf bilden, was die fremden Schiffe hier wollten. Waren die Besatzungen vielleicht auch hinter dem kostbaren Bernstein her? Was anderes gab es hier schließlich nicht zu holen.
Einer der beiden Offiziere jagte nach kurzer Besprechung voraus. Er schien es plötzlich sehr eilig zu haben, denn er dachte nicht daran, seine Richtung zu ändern, als es ein älterer Mann nicht mehr schaffte, ihm rechtzeitig auszuweichen. Er ritt ihn einfach über den Haufen und zügelte sein Pferd erst in der Nähe jener Stelle, wo die Seewölfe den schwerverletzten Mann gefunden hatten.
Der Offizier dirigierte sein Pferd sogar noch einige Schritte ins seichte Wasser, dann stellte er sich in die Steigbügel.
„Was wollt ihr hier?“ brüllte er zu den beiden Galeonen hinüber. „Seht zu, daß ihr verschwindet, und das ein bißchen plötzlich!“
Ein richtiger Schreihals war das – aufgeblasen, wichtigtuerisch und arrogant.
Die Seewölfe spuckten ob des lächerlichen Reiterleins verächtlich ins Wasser.
„Dieser Eierkopf bildet sich wohl ein, daß wir vor lauter Angst über Bord springen und davonschwimmen, was, wie?“ sagte Carberry. „Der soll lieber aufpassen, daß niemand von uns husten muß, sonst wird er von seinem verlausten Ziegenbock geblasen!“
„Eine Flaschenbombe sollte man diesem Kerl vor die Füße werfen“, meinte Ferris Tucker. „Nur so zum Erschrecken!“
Edwin Carberry grinste.
„Dem geht doch der Schreck glatt in die Hose“, sagte er sachkundig. „Dann stinkt sein alter Ackergaul noch mehr!“
Bis jetzt hatte sich niemand bequemt, dem gespreizten Gockel von einem Offizier eine offizielle Antwort zu geben. Das schien ihn erst richtig in Fahrt zu bringen.
„Wollt ihr endlich eure verdammten Mäuler aufreißen?“ brüllte er. „Ich habe euch gefragt, was ihr hier zu suchen habt!“
Nun ergriff Arne von Manteuffel, der die polnische Sprache beherrschte, das Wort.
„Warum so neugierig, Freund?“ brüllte er zurück. „Wir haben hier nur geankert, weil der Kapitän dieses Schiffes den plötzlichen Drang verspürte, an dieser wunderschönen Küste Eier zu legen!“
Infernalisches Gelächter donnerte über das Wasser. Die Seewölfe hieben sich auf die Schenkel, und Arnes Männer auf der „Wappen von Kolberg“ hingen lachend am Schanzkleid.
Der polnische Offizier fiel vor Wut fast vom Pferd, als er merkte, daß er verulkt wurde. Das Tier begann zu tänzeln, bis das Wasser an seine Stiefel hochspritzte. Der arrogante Kerl stieß einige Flüche aus, schwang drohend eine Faust und gab dann seinem Pferd die Hacken.
Er jagte südwärts – vorbei an dem jämmerlichen Haufen, aus dessen Reihen trotz der Peitschenhiebe einiger Soldaten ebenfalls Gelächter drang. Nicht einmal bei seinem Offizierskollegen zügelte er sein Pferd. Die Wut über die schmachvolle Abfuhr, die man ihm erteilt hatte, ließ ihn wie ein Wilder davonpreschen.
„Das wird noch ein Nachspiel haben“, sagte Hasard. „Aber bitte sehr – wir sind darauf eingerichtet, unseren Standpunkt zu vertreten!“
7.
Die Morgensonne schob sich höher an den Himmel. Ihr Licht, das sich in den vergangenen Wochen als winterlich kraftlos erwiesen hatte, wurde von Tag zu Tag durchdringender und ließ erkennen, daß auch an der deutschen Ostseeküste der Frühling bereits Einzug gehalten hatte.
Den Seewölfen, die das rauhe Klima der Ostseeländer mehr als einmal verwünscht hatten, war das nur recht, denn die Verbesserung der Witterungsverhältnisse konnten der Ausführung ihres Auftrages nur förderlich sein. Schließlich mußten sie mit Ergebnissen aufwarten können, wenn sie nach England zurückkehrten. Teilweise war es ihnen auch schon gelungen, der königlichen Order gemäß neue Handelsbeziehungen mit den Ostseeanliegern anzuknüpfen – unter Ausschluß der Hanse, versteht sich, wie Elisabeth I. das gewünscht hatte.
Dennoch hatten Philip Hasard Killigrew und seine Männer auch in diesem Teil der Erde die Erfahrung gesammelt, daß jeder Weg, ob zu Land oder zur See, seine Hindernisse aufzuweisen hat.
Auch die Ereignisse dieses frühen Morgens bestätigten die bisherigen Erfahrungen der Seewölfe. Und sie würden sich noch zuspitzen, das war jetzt schon abzusehen.
Kaum hatten die spöttischen Bemerkungen Arne von Manteuffels den polnischen Offizier wutentbrannt verschwinden lassen, tauchte der Kutscher aus dem Krankenraum auf und eilte zu Hasard.
„Unser Gast ist bei Besinnung“, meldete er nicht ohne Stolz, denn schließlich hatten er und Mac Pellew sich entsprechend um den Fremden gekümmert.
„Wie steht es um ihn?“ fragte der Seewolf.
„Er wird es überstehen“, antwortete der Kutscher. „Die Schädelverletzungen sind nicht so schlimm, wie sie zunächst ausgesehen haben. Aber er wird trotzdem eine Weile daran zu knacken haben.“
„Ist er ansprechbar?“
Der Kutscher nickte. „Er scheint ein ziemlich zäher Brocken zu sein.“
Hasard und Arne begleiteten den Kutscher zum Krankenraum, der sich unter der Back, gleich neben der Kombüse, befand. Nils Larsen folgte ihnen als Dolmetscher.
Der Seewolf war im stillen froh darüber, Nils und Stenmark an Bord zu haben. Beide, der Däne und der Schwede, hatten als Dolmetscher wertvolle Dienste geleistet. Ohne Nils Larsen zum Beispiel würde selbst zwischen ihm und seinem Vetter Arne eine nur schwer überwindbare Sprachbarriere bestehen. Doch mit Nils’ Hilfe, der auch die deutsche Sprache beherrschte, gab es keine Verständigungsprobleme.
Arne und Hasard waren überrascht, als sie den Mann erblickten. Jetzt, nachdem der Kutscher und Mac ihm das Blut vom Gesicht gewachen hatten, sah er weit weniger hilfsbedürftig aus als drüben am Strand. Seine Züge ließen sich etwas genauer studieren.
Der Fremde hatte ein kantiges, offenes Gesicht, das jetzt etwas fahl wirkte. Seine Augen tasteten sich über die Gestalten der Männer, die vor seiner Koje standen.
Als sein Blick auf Arne fiel, huschte ein überraschter Ausdruck über sein Gesicht. Reflexartig versuchte er, den Kopf etwas anzuheben, ließ ihn aber mit einem Aufstöhnen zurücksinken.
„Wir kennen uns flüchtig, nicht wahr?“ fragte Arne in seiner Muttersprache.
Der Fremde verzog den Mund zu einem Lächeln.
„Ja, ich habe Sie schon einmal gesehen. Es war in Pillau und ist vielleicht ein Jahr her.“ Seine Stimme klang noch etwas schwach. „Ich bin sehr froh darüber“, fuhr er fort, „daß Sie mich am Strand gefunden haben. Als ich zu mir kam, glaubte ich zunächst, ich sei auf einem polnischen Schiff gelandet. Ich muß mich bei Ihnen für die Hilfe bedanken, Ihre Männer haben sich sehr um mich bemüht.“
Arne lächelte.
„In erster Linie haben Sie nicht mir zu danken, sondern meinem Vetter aus England.“ Er deutete auf den Seewolf. „Er heißt Philip Hasard Killigrew, und seine Leute waren es, die Sie am Strand entdeckt haben. Außerdem befinden Sie sich auf seinem Schiff. Ich selber heiße Arne von Manteuffel und stamme aus Kolberg.“
Die Blicke des Mannes wanderten zu Hasard.
„Ich weiß gar nicht, wie ich mich bei Ihnen bedanken kann“, sagte er dann, während Nils Larsen übersetzte. „Mein Name ist Fritz Strakuweit. Ich lebe als Fischer in Palmnicken, das ist nicht weit von hier.“
„Unsere Hilfe war selbstverständlich“, sagte Hasard lächelnd. „Darüber brauchen Sie sich keine Gedanken zu machen, und schuldig sind Sie uns dafür auch nichts. Sie haben großes Glück gehabt, daß mein Ausguck Sie gesehen hat, sonst wäre die Sache wohl übel für Sie ausgegangen.“
„Das kann man mit Gewißheit sagen“, erwiderte Fritz Strakuweit mit ernstem Gesicht. „Die Kerle, die mich überfallen haben, hielten mich wahrscheinlich für tot, sonst hätten sie bestimmt noch etwas nachgeholfen.“
„Wenn Sie das Sprechen nicht zu sehr anstrengt, würden wir gerne erfahren, was eigentlich geschehen ist“, sagte Hasard. „Wer hat Sie denn so übel zugerichtet?“
„Drei polnische Soldaten“, antwortete Strakuweit. „Sie hatten es auf mein Bernstein abgesehen. Zuerst dachte ich, sie wollten mich verhaften und vor das Gericht in Fischhausen bringen, dann aber merkte ich, daß sie sich nur persönlich bereichern wollten.“
Der Fischer aus Palmnicken gab einen umfassenden Bericht von dem, was sich im ersten Morgengrauen drüben am Strand zugetragen hatte. Seine Ausführungen stimmten mit dem überein, was Arne bereits über das sogenannte Bernsteinregal des polnischen Königs Sigismund III. erzählt hatte.
„Drüben am Strand befinden sich ungefähr sechzig polnische Soldaten, die eine Schar Einheimischer zum Bernsteinsammeln zwingen“, sagte Hasard. „Würden Sie die drei Kerle, sofern sie dabei sind, wiedererkennen?“
„Mit Sicherheit“, erwiderte Strakuweit. „Ich werde die Visagen dieser Halunken mein Lebtag lang nicht mehr vergessen. Ich hatte ja Zeit genug, mir ihr Aussehen einzuprägen.“
„Sehr gut“, sagte Hasard, „dann wollen wir uns die Burschen mal etwas näher betrachten. Können Sie es verkraften, wenn wir Sie kurz hinaus auf die Kuhl bringen?“
„Ich denke schon“, sagte Strakuweit.
Die Männer hoben den Verletzten vorsichtig in einen bequemen Lehnstuhl, nachdem sie ihn in eine warme Decke gepackt hatten. Dann trugen sie ihn samt Stuhl nach draußen. Hasard drückte ihm ein Spektiv in die Hand, mit dem er eifrig den Strand absuchte.
Edwin Carberry konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, als er das merkwürdige Bild sah. Seiner Meinung nach glich der deutsche Bernsteinsammler, der mit seinem Kopfverband und der Decke um den Leib auf einem Lehnstuhl saß, einem orientalischen Scheich, der mit Turban und Gewand auf seinem Thron hockt und mit dem Kieker Ausschau nach seinen Haremsdamen hält.
Das Treiben am Strand war noch immer in vollem Gange. Die Männer, Frauen und Kinder durchstöberten den angeschwemmten Tang nach Bernstein, und wenn sie es nicht eifrig genug taten, wurden sie von den Soldaten roh angetrieben.
Einige Minuten schwieg Fritz Strakuweit. Dann aber platzte es plötzlich aus ihm heraus: „Da sind sie, ja, zum Teufel, sie sind dabei!“ Er beschrieb die drei Soldaten dem Seewolf, der nun ebenfalls durch ein Spektiv blickte.
Hasard erkannte die Kerle aufgrund der exakten Beschreibung sofort. Sie hatten sich zwar von den anderen Soldaten nicht abgesondert, waren aber zusammengeblieben.
„Na, sehr vertrauenserweckend sehen die auch nicht aus“, stellte er fest. „Daß Sie gegen diese drei Burschen, die zudem noch bewaffnet waren, keine Chance hatten, leuchtet mir ein.“
Der Seewolf prägte sich die Visagen der drei Bernsteinräuber gut ein. Ebenso eine Reihe von anderen Erkennungsmerkmalen. Der eine hielt sich etwas krumm, der zweite hatte eine Messernarbe über der linken Wange, die weithin sichtbar war, und der dritte, ein hagerer Bursche, hatte deutliche Säbelbeine.
„Jetzt haben wir Sie lange genug strapaziert“, sagte Hasard zu Fritz Strakuweit. „Am besten, Sie sehen zu, daß Sie im Krankenraum wieder zu Kräften kommen. Während sich unsere Feldschere um Sie kümmern, werden wir den drei Gentlemen da drüben einen netten guten Morgen wünschen.“
„Ich möchte aber nicht, daß Sie wegen mir in Schwierigkeiten geraten“, sagte Strakuweit. „Ich lebe auch ohne den Sack mit Bernstein, den man mir geraubt hat. Hauptsache, ich bin mit einigermaßen heiler Haut davongekommen. Von mir aus lassen Sie es gutsein, Mister Killigrew. Ich kann notfalls auf eine Vergeltung verzichten. Bis jetzt habe ich Sie ohnehin schon lange genug aufgehalten, und weitere Unannehmlichkeiten möchte ich Ihnen gern ersparen. Bedenken Sie, daß sich fast sechzig Soldaten da drüben befinden!“
„Darüber bereiten Sie sich mal keine Gedanken“, sagte Hasard. „Wir sind vorsichtig, außerdem wissen wir, wie man mit Schnapphähnen umzugehen hat. Schließlich muß auch verhindert werden, daß sich gemeine Raubüberfälle dieser Art wiederholen.“
Fritz Strakuweit wurde wieder in die Krankenkammer der „Isabella“ zurückgebracht, wo Mac Pellew mit einer dampfenden Kumme und einer Muck Rum auf ihn wartete.
Der Seewolf und Arne stiegen zusammen mit Nils Larsen, Batuti, Edwin Carberry, Stenmark sowie mit Jeff Bowie und Ferris Tucker in die Jolle und pullten zum Strand hinüber.
8.
Obwohl Hasard angesichts der Übermacht polnischer Soldaten entschlossen war, die Angelegenheit mit „Köpfchen“ zu erledigen, hatte er doch eine ausreichende Bewaffnung der kleinen Jollen-Crew angeordnet. Niemand konnte absehen, ob sich der eine Offizier, der jetzt noch die Soldaten befehligte, so leicht überlisten ließ.
Außerdem hatte der Seewolf noch vor Verlassen der „Isabella“ befohlen, scharf nach Süden Ausguck zu halten und ihn sofort zu alarmieren, falls etwas gesichtet wurde. Er war sich nach wie vor darüber im klaren, daß das plötzliche Verschwinden des anderen Offiziers einen Grund haben mußte. Der Kerl war mit Sicherheit nicht wie der Teufel in südlicher Richtung davongeritten, um sich aus Wut irgendwo zu verstecken.
So waren Hasard und seine Mannen, die nun die Jolle an Land zogen, auf alle Eventualitäten eingestellt.
In der Tat sah es zunächst nicht danach aus, als wollten ihnen die Polen einen herzlichen Empfang bereiten. Die kleine Gruppe wurde sofort von einer Anzahl Soldaten umringt, die drohend ihre Musketen auf sie richteten.
Doch die Seewölfe ließen sich davon nicht beeindrucken und setzten auf das Geheiß Hasards hin freundliche Gesichter auf. Sogar Edwin Carberry brachte ein solches zustande, auch wenn es bei ihm wie ein herausforderndes Grinsen wirkte.
Die Fremden wurden mit mißtrauischen Blicken abgetastet. Hasard gab sich jedoch unbefangen, als er zusammen mit Arne, den er wegen seiner polnischen Sprachkenntnisse als Dolmetscher brauchte, auf den Offizier zutrat.
Bei diesem handelte es sich um einen ziemlich jungen Burschen, dem man deutlich anmerkte, daß er nicht so richtig wußte, wie er die fremden Männer einschätzen sollte. Da diese jedoch nur in kleiner Anzahl an Land gegangen waren und sich freundlich und friedlich verhielten, schob er seine anfänglichen Befürchtungen beiseite. Trotzdem wußte er, daß der kleine Trupp gar nicht so hilflos war, wie es den Anschein hatte. Wenn es Ärger gab, würden die beiden Galeonen höchstwahrscheinlich den Strand unter Beschuß nehmen. Also hielt er es für angebracht, ebenfalls friedlich und freundlich aufzutreten.
„Wer sind Sie, und was suchen Sie hier?“ fragte er.
„Wir sind friedliche Handelsfahrer“, ließ Hasard durch Arne antworten. „Aber wir betrachten es als unsere Pflicht, Sie auf eine Sache hinzuweisen, um die Sie sich als Kommandant dieser Soldaten unbedingt kümmern sollten.“
„Ich verstehe nicht, was Sie damit meinen“, sagte der Offizier erstaunt.
Hasard lächelte.
„Im Gegensatz zu Ihrem Kollegen kann man mit Ihnen vernünftig reden“, fuhr er fort. „Ich habe nämlich Beweise dafür, daß sich drei der hier anwesenden Soldaten in den ersten Morgenstunden an dem Bernstein bereichert haben, den der Sturm hier angeschwemmt hat. Das dürfte doch wohl nicht im Sinne Seiner Majestät, des polnischen Königs sein.“
Der Offizier rutschte erregt aus dem Sattel.
„Was sagen Sie da? Das ist eine ungeheuerliche Anschuldigung, und ich hoffe sehr, daß Sie dafür wirklich stichhaltige Beweise erbringen können.“
„Das kann ich“, sagte Hasard mit fester Stimme. Er trat, ohne zu zögern, einige Schritte zur Seite und deutete auf die drei Soldaten, die ihm Fritz Strakuweit als Täter bezeichnet hatte. „Diese drei Männer“, sagte er, „sollten Sie einmal durchsuchen lassen. Finden Sie nicht auch, daß ihre Taschen ziemlich ausgebeult sind?“
Die drei Kerle wurden blaß, während der Offizier sie mit durchdringenden Blicken musterte.
Edwin Carberry konnte eine liebenswürdige Bemerkung nicht länger unterdrücken.
„Jetzt sehen die Rübenschweine aus wie Braunbier mit Spucke“, sagte er. Und damit hatte er nicht einmal unrecht.
Der Hagere mit den Säbelbeinen fand als erster die Sprache wieder. Seine Blicke hetzten zwischen Hasard und dem Offizier hin und her.
„Das ist eine hundsgemeine Lüge!“ schrie er plötzlich los.
„Jawohl“, bestätigte sein Kumpan mit der Messernarbe. „Dieser Mann schadet durch seine Verleumdungen dem Ansehen des polnischen Heeres!“
„Warum diese Aufregung, wenn Sie wirklich nichts zu verbergen haben?“ fragte der Seewolf spitz.
„So ist es“, bestätigte der Offizier, dann schnarrte er einige Befehle.
Augenblicklich sprangen je vier Soldaten auf jeden Kerl des Räuber-Trios zu. Man entwaffnete sie und riß ihnen die Arme auf den Rükken.
Dann begann die Durchsuchung.
Dem jungen Offizier fielen nahezu die Augen aus dem Kopf, als er sah, welche Mengen von Bernstein da zutage befördert wurden. Selbst durch die Reihen der Soldaten und der Einheimischen, die jetzt eine Zwangspause eingelegt hatten, ging ein erstauntes Raunen und Murmeln.
Trotz der offensichtlichen Beweise begannen die drei Kerle zu zetern und zu fluchen. Sie überhäuften Hasard und seine Männer mit den unflätigsten Drohungen und Verwünschungen. Aber das alles nutzte ihnen nichts. Das, was da aus ihren prallgefüllten Taschen hervorgeholt wurde, füllte ohne weiteres einen ganzen Sack.
Die Bernsteindiebe wurden sofort gefesselt. Selbst die Füße band man ihnen zusammen, und zwar so, daß sie noch kleine Schritte tun, nicht aber davonlaufen konnten. Ihre lauten Proteste und die Behauptungen, alles erklären zu können, beachtete niemand. Ihr Wutgeschrei erhielt schon sehr rasch einen gehörigen Dämpfer, als der Offizier – nun selber blaß vor Wut –, einen bulligen Soldaten herbeiwinkte, der noch vor wenigen Minuten die Bernsteinsammler mit seiner Peitsche angetrieben hatte.
„Diese Männer haben gegen das Gesetz unseres Königs verstoßen!“ brüllte der Offizier. „Sie werden deshalb ihrer angemessenen Bestrafung nicht entgehen. Vorab aber ist es nötig, sie zur Räson zu bringen. Sergeant, verabreichen Sie jedem dieser Verbrecher auf der Stelle zwölf Peitschenhiebe!“
Der bullige Kerl ließ sich das nicht zweimal sagen. Als ersten knöpfte er sich den Burschen mit der Messernarbe vor. Nachdem er ihm die Uniformjacke und das Hemd vom Leib gerissen hatte, schlug er erbarmungslos zu.
In Sekundenschnelle waren Rükken und Brust des Bernsteinräubers mit blutigen Striemen übersät. Sein anfängliches Geschrei ging bereits nach dem sechsten Hieb in ein Jammern und Winseln über, und nach dem zehnten Schlag brach er mit einem Stöhnen zusammen. Den Sergeanten, der offenbar so eine Art Profos war, rührte das nicht im geringsten. Er zählte laut bis zwölf und hieb zu, bis das Soll erfüllt war.
Bei den beiden anderen verlief die Bestrafung ähnlich. Der Hagere mit den Säbelbeinen fiel schon nach dem siebten Hieb um. Da er als letzter von dem Sergeant vorgenommen wurde, hatte er die Auspeitschung seiner beiden Kumpane mitansehen müssen, und allein das hatte ihm schon die Beine im voraus schlottern lassen.
An dem versteckten Mundzucken der Samländer konnte Hasard erkennen, daß es für sie eine äußerst erbauliche Sache war, einmal mitzuerleben, wie drei ihrer Quälgeister selbst ordentlich Dresche bezogen.
Edwin Carberry kleidete diese Tatsache in die passenden Worte.
„Ich habe den Eindruck, Sir“, sagte er, „daß die armen Leute hier das Ganze als Kuß auf den Bauchnabel empfinden!“
Und damit hatte der Profos der „Isabella“ den Nagel wieder einmal auf den Kopf getroffen.
Der Offizier sorgte dafür, daß sich die drei Ausgepeitschten schnell wieder aufrappelten. Das eiskalte Wasser der Ostsee vermochte in dieser Hinsicht wahre Wunder zu wirken.
Mit Gesichtern, die von Wut und Schmerz verzerrt waren, starrten die drei Kerle den Seewolf an.
„Das wirst du mir büßen, du Bastard!“ zischte der Hagere. „Ich schwöre es bei der heiligen Madonna!“
„Halt’ den Mund!“ herrschte ihn der Offizier an. „Halunken, die die Ehre des Königs beschmutzen, haben nichts zu schwören. Oder willst du noch mal die Peitsche schmecken?“
Nein, das wollte der Bernsteinräuber nicht. Deshalb beschränkte er sich zunächst auf ein wütendes Zähneknirschen.
Der Offizier wandte sich Hasard zu.
„Ich muß mich bei Ihnen bedanken“, sagte er. „Sie haben uns einen wertvollen Dienst erwiesen, denn diese drei Hunde hätten ihr schändliches Treiben mit Sicherheit bei nächster Gelegenheit fortgesetzt. Nur würde mich noch interessieren, wie Sie von dieser Sache erfahren haben.“
Hasard war um eine listige Antwort nicht verlegen.
„Oh“, sagte er, „das ist rasch erklärt. Wir sind wegen des Sturms in der vergangenen Nacht hier vor Anker gegangen. Dabei konnten wir am frühen Morgen beobachten, wie diese drei Soldaten Bernstein aufsammelten.“
„Das ist eine Lüge!“ schrie der Kerl mit der Messernarbe. „Wir haben hier einen dreckigen Fischer beim Bernsteinraub gestellt. Da er sich der Verhaftung widersetzte, mußten wir ihn totschlagen. Den geraubten Bernstein aber haben wir beschlagnahmt, um ihn heute abend auf der Kommandantur abzuliefern. So war das, und nicht anders! Dieser Mann hier ist ein infamer Lügner!“
Hasard schaute sich stirnrunzelnd um. Dann zuckte er mit den Schultern.
„Es tut mir leid“, sagte er, „aber ich kann hier beim besten Willen keinen totgeschlagenen Fischer entdecken. Ich sehe nur lebendige Menschen.“
„Und ein Toter kann ja wohl kaum noch weglaufen“, ergänzte Arne von Manteuffel. „Damit steht fest, daß dieser Halunke da lügt, um die Schuld von sich abzuwälzen.“
„Das ist ganz offensichtlich“, sagte der Offizier. „Sergeant, verpassen Sie diesem Gauner zwei weitere Hiebe, weil er einen ehrbaren Mann beleidigt hat!“
Die Peitsche des bulligen Soldaten zischte sofort durch die Luft und klatschte auf den Körper des Messernarbigen. Der jaulte laut auf. Und da seine beiden Kumpane angesichts des rigorosen Durchgreifens ihres Vorgesetzten laut Zeter und Mordio schrien, bediente sie der bullige Sergeant ebenfalls ein zweites Mal. Am Ende weilten alle drei im schmerzfreien Jenseits der Besinnungslosigkeit.
„Ich hoffe“, sagte der Offizier laut, „daß dies für alle eine Lehre ist. Die Hiebe, die diese Halunken empfangen haben, waren nur eine Vorabbestrafung. Was weiter mit ihnen geschieht, wird das Gericht entscheiden.“ Er warf dabei den übrigen Soldaten warnende Blicke zu. Offenbar wußte er sehr genau, welchen Reiz das sogenannte „Gold der Ostsee“ ausstrahlte.
Der Offizier, dem der hochgewachsene Fremde mit den eisblauen Augen stark imponiert hatte, bedankte sich ein weiteres Mal und versicherte, daß die Bernsteinräuber ihrer gerechten Bestrafung nicht entgehen würden.
Hasard verabschiedete sich, und wenig später wurde die Jolle zur „Isabella“ zurückgepullt.
9.
Kaum hatten die Männer die Decksplanken der „Isabella“ betreten, konnten sie das Lachen, das sie sich bis jetzt mühsam verbissen hatten, nicht mehr zurückhalten.
„Ich muß schon sagen, Sir“, erklärte der Profos prustend, „es war wirklich großartig, wie du die Kerle aufs Kreuz gelegt hast. Du hättest ein Gaukler oder Schauspieler werden können, jawohl!“
„Da hätte nicht mehr viel gefehlt, und der Offizier hätte dir zur Belohnung noch ein Trinkgeld in die Hand gedrückt“, sagte Ferris Tucker lachend.
Hasard winkte ab.
„Hört schon auf“, sagte er lächelnd. „Mir hat das gar nicht einen so großen Spaß bereitet, wie ihr vielleicht glaubt. Den Leuten solche Geschichten aufzutischen, das liegt mir nicht. Aber in diesem Falle blieb mir gar nichts anderes übrig. Es durfte niemand erfahren, was mit Fritz Strakuweit geschehen ist, sonst wäre er seines Lebens nicht mehr sicher. Also mußte ich dieses blödsinnige Theater spielen. Und – Hand aufs Herz –, die Senge, die die drei Strolche empfangen haben, hatten sie auch verdient! Schließlich haben wir nicht die Falschen in die Pfanne gehauen.“
„Die Sache war völlig in Ordnung“, pflichtete ihm Arne bei. „Wenn man bedenkt, daß es die ursprüngliche Absicht dieser Kerle war, Strakuweit zu ermorden, dann ist an diesem Mörderpack auch nichts verloren, wenn man ihnen die Hälse langzieht.“
In der Tat hatte der Seewolf ein sehr riskantes Unternehmen erfolgreich zu Ende gebracht. Ohne sich mit der polnischen Übermacht anlegen zu müssen, hatte er erreicht, daß die drei gefährlichen Spitzbuben zur Rechenschaft gezogen wurden. Dabei hatte niemand – am allerwenigsten der Offizier – eine Ahnung gehabt, mit wem er es in Wirklichkeit zu tun hatte.
Daß Sir Philip Hasard Killigrew, der von der englischen Königin zum Ritter geschlagen worden war, in deren Geheimauftrag fuhr, war den Polen voll und ganz verborgen geblieben. Ebenso wie die Tatsache, daß es sich bei diesem imponierenden Mann nicht um einen gewöhnlichen Handelsfahrer, sondern um einen der bekanntesten Korsaren der Weltmeere handelte, der sogar einen Kaperbrief Ihrer Majestät, Elisabeth I., besaß. Und das war auch gut so, denn der Seewolf wollte auf seinem ereignisreichen Ostseetörn nicht mehr Schwierigkeiten heraufbeschwören, als unbedingt notwendig Waren.
Einige Zeit später war die Schar der Bernsteinsammler und Soldaten ein ganzes Stück weiter nordwärts gezogen. Die drei Gefangenen hatte man über drei Pferde gebunden. Wie Edwin Carberry erklärte, würden sie unterwegs mindestens die Hälfte aller ihrer Sünden abbüßen.
Als sie außer Sicht waren, sagte der Seewolf zu Ben Brighton gewandt: „Wenn der Kutscher meint, daß es vertretbar sei, könnten wir Strakuweit jetzt an Land bringen. Von den Polen droht ihm keine Gefahr mehr, von den drei Gaunern schon gar nicht.“
Ben Brighton nickte.
„Das ist ein guter Vorschlag, zumal wir ja nicht ewig hier vor Anker bleiben können. Ich glaube bestimmt, daß der Samländer zäh genug ist, in seinen nahegelegenen Heimatort zurückzukehren.“ Lächelnd fügte er hinzu: „Kaum wart ihr an Land gegangen, hat er sich abermals vom Kutscher und Mac auf die Kuhl bringen lassen, um die Vorgänge durch ein Spektiv zu beobachten. Er ist gewiß kein rachelüsterner Mensch, aber dennoch hat er mit Genuß zugesehen, wie die drei Kerle ihre Senge bezogen haben.“
Hasard lachte.
„Na, dann wird er ja wohl zufrieden sein. Aber davon abgesehen – der Mann hat unverschämtes Glück gehabt. Wie sich drüben am Strand herausgestellt hat, hatten die Gauner die Absicht, ihn totzuschlagen. Hätten sie ihn nicht für tot gehalten, dann wäre er es jetzt bestimmt.“
Der Kutscher hatte keine großen Bedenken, als Hasard mit seinem Vorschlag aufwartete.
„Der Bursche hat einen enorm harten Schädel“, sagte er. „Wir haben seine Wunden noch einmal gut versorgt und ihm ordentlich was zwischen die Zähne gegeben. Er wird es schaffen, davon ist er selber überzeugt.“
Kurz bevor man Fritz Strakuweit in die Jolle verfrachtete, kehrte Arne von Manteuffel, der zwischenzeitlich zu seinem Schiff zurückgepullt worden war, auf die „Isabella“ zurück. Er schleppte einen prall gefüllten Sack mit sich.
„Der ist für Sie“, sagte er zu Strakuweit. „Es handelt sich zwar nicht um jene Bernsteinstücke, die Sie selber dort drüben aufgesammelt haben, aber sie sind bestimmt nicht weniger wertvoll.“
Fritz Strakuweit starrte ihn verblüfft an.
„Sie meinen – Sie schenken mir diese Steine?“
„So ist es“, erwiderte Arne. „Ich kenne die Küstenorte dieser Gegend und weiß, daß ihre Bewohner kaum überleben könnten, wenn sie nicht ab und zu einige dieser Steinchen aufsammeln und verkaufen würden.“
Arne hatte den Sack aus den Beständen des Tyndallschen Bernsteins gefüllt. Weder ihm noch Hasard würde der Verlust dieses einen Sackes wehtun, für Strakuweit aber würde er sehr viel bedeuten.
In den Augen des Samländers schimmerte es feucht. Verstohlen wischte er sich mit dem Handrücken über das Gesicht.
„Ich – ich weiß wirklich nicht, wie ich Ihnen allen danken soll“, stammelte er mit gepreßter Stimme.
„Schon gut“, sagte der Seewolf. „Sehen Sie lieber zu, daß Sie ungefährdet mit dem Zeug nach Hause gelangen. Und sollten wir jemals mit blutigem Schädel dort drüben im Sand liegen, dann dürfen Sie sich gerne revanchieren.“
„Worauf Sie sich verlassen können“, sagte Strakuweit, dann schüttelte er eine ganze Reihe von Händen.
Glücklich und dankbar verließ er die „Isabella“. Ferris, Nils, Jan, Roger und Jack pullten ihn zum Strand und halfen ihm an Land. Er kannte hier Weg und Steg, deshalb war es kein besonders großes Problem für ihn, ungesehen nach Palmnicken zurückzukehren.
Die Sonne eilte ihrem höchsten Stand entgegen, die Mittagszeit war nicht mehr fern. So manch einer der Seewölfe wurde durch seinen knurrenden Magen daran erinnert, daß er heute noch nichts Vernünftiges zwischen die Zähne gekriegt hatte.
Der Seewolf beschloß deshalb in Abstimmung mit seinem Vetter Arne, noch bis nach dem Backen und Banken vor der samländischen Küste zu bleiben. Dann würde man auf den ursprünglichen Kurs gehen.
An Bord der „Isabella“ ging jeder seiner gewohnten Arbeit nach, während der Kutscher, Mac und die Zwillinge auf Hochtouren in der Kombüse werkten, um die zahlreichen Kummen und Mucks zu füllen.
Old Donegal Daniel O’Flynn lehnte an der Nagelbank des Steuerbord-Schanzkleides und kraulte Plymmie, der jungen Wolfshündin, die ihre Vorderpfoten gegen seinen Bauch gestemmt hatte, den Kopf. Dabei sah er Ferris Tucker zu, wie er an einem armlangen Holzstück herumschnitzte, das er für eine Verbesserung seiner Abschußvorrichtung für Flaschenbomben benötigte.
Von Zeit zu Zeit hob Old O’Flynn schnuppernd die Nase und leckte sich genießerisch über die Lippen.
„Bin mal gespannt, was es heute gibt“, sagte er. „Nach Räucherheringen riecht es jedenfalls nicht. Vielleicht haben unsere Töpferschwenker mal wieder eine ordentliche Erbsensuppe mit Speck auf dem Feuer. Ha, die könnte mich echt reizen!“
„Tu nicht so verfressen, Donegal“, sagte Ferris grinsend. „Zu viele Erbsen sind auch nicht gut, du weißt schon warum.“
„Bah“, erwiderte der Alte, „wenn wir mal in eine Kalme geraten, haben wir wenigstens etwas Wind in Reserve.“ Er drehte ab. um zur Kombüse zu marschieren. Man mußte ja, wenn es was gab, nicht immer der Letzte sein, nicht wahr?
Kaum war er einige Schritte von Ferris entfernt, ließ ihn ein lauter Fluch herumfahren.
Der Schiffszimmermann steckte sich gerade den blutenden Daumen in den Mund und zog dabei ein wütendes Gesicht.
„Was ist?“ fragte Old Donegal. „Hast du ihn mit dem Schnitzmesser ein Stück verkürzt?“
Ferris zog den Daumen heraus.
„Blödsinn!“ knurrte er. „Ich habe mir einen langen Holzsplitter eingefangen.“
„Selber schuld“, sagte der alte O’Flynn, der bei dem Schiffszimmermann noch einige Rechnungen zu begleichen hatte. „Ich hab dir ja schon immer gesagt, du sollst dir nicht ständig an deinem Holzkopf herumkratzen.“ Er setzte seinen Weg zur Kombüse ungerührt fort. Die geharnischten Bemerkungen Ferris Tuckers prallten dabei völlig an ihm ab.
Doch das Backen und Banken sollte sich für einige von den Seewölfen noch etwas verzögern, denn Bill, der zusammen mit Bob Grey unten vor der Vorpiek Wache geschoben hatte, begab sich zum Kapitän.
„Vielleicht sollte der Kutscher mal nach Woyda sehen“, erklärte er. „Der Kerl jammert schon eine Weile ganz fürchterlich. Wir konnten ihn zwar nicht verstehen, aber seinem Gestöhne nach hat er zumindest ein ordentliches Bauchzwicken.“
Hasards Gesicht wirkte skeptisch.
„Bis jetzt hat Woyda ganz gesund ausgesehen. Na gut, wir sind ja keine Unmenschen.“
Edwin Carberry, der das hörte, grinste spöttisch.
„Jawohl, Sir, laß den Kutscher nur nach unten gehen. Ich gönne dem Rübenschwein von einem Generalkapitän seinen Besuch. Und sag unserem Quacksalber, er soll die stinkende schwarze Salbe mitnehmen, mit der er mich immer eingeschmiert hat. Damit soll er den Kerl von Kopf bis Fuß einkleistern. Wenn er davon nicht gesund wird, Sir, bin ich gern bereit, mich voller Hingabe um sein Wohlergehen zu kümmern.“ Der Profos rieb beinahe liebkosend seine mächtigen Pranken.
Der Seewolf lächelte.
„Vielleicht haben Bill und Bob das Stöhnen Woydas auch nur mißverstanden. Es könnte ja sein, daß er nur mal dringend zur Galion muß.“
„Auch gut“, sagte Ed. „Bei dieser Gelegenheit könnte ich ihm gleich die Haut von seinem vornehmen Affenarsch abziehen. Das ist sowieso längst überfällig.“
„Wie dem auch sei“, meinte Hasard. „Der Kutscher soll mal nachsehen.“
Augenblicke später begleiteten der Feldscher und Stenmark Bill zur Vorpiek. Stenmark sollte als Dolmetscher fungieren, da der Pole Witold Woyda die schwedische Sprache beherrschte.
Schon von weitem hörten sie den Generalkapitän jammern.
Bob Grey, der noch auf der Holzbank vor dem vordersten und dunkelsten Raum des Schiffes hockte und gelangweilt in das blakende Licht seiner Tranlampe starrte, hielt sich beide Ohren zu.
„Gib ihm was zur Beruhigung!“ rief er dem Kutscher entgegen. „Ich kann’s schon nicht mehr hören. Man meint, der Kerl hätte Wehen und wollte ein Kind zur Welt bringen!“
„Es wäre schlimm, wenn sich solche Halunken auch noch vermehren würden“, sagte der Kutscher. „Ist er noch gefesselt?“
„Seit dem letzten Gang zur Galion nicht mehr“, erwiderte Bob Grey. „Wir sind ja keine Menschenschinder, und da er aus unserer Vorpiek niemals von selber heraus kann, haben wir ihm auf Befehl des Kapitäns die Fesseln abgenommen. Er kann bestenfalls versuchen, mit dem Schädel das Schott einzurennen – sofern er daran Spaß hat.“
„Na, dann paßt gut auf, wenn ich da reingehe“, sagte der Kutscher. „Weiß der Teufel, was für eine Krankheit sich dieser Halunke ausgesucht hat.“ Zu Stenmark gewandt, fuhr er fort: „Frag ihn doch mal, wo es zwickt und zwackt!“
Stenmark preite den Gefangenen auf Schwedisch an.
„Was ist los? Was soll das Theater?“ rief er.
Die Antwort bestand zunächst aus einem langgezogenen Stöhnen. „Der Madonna sei Dank“, erwiderte der Generalkapitän dann ebenfalls auf Schwedisch. „Endlich ein barmherziger Mensch, mit dem man reden kann, und der einen nicht wie ein Tier krepieren läßt!“
„So schnell gibt man nicht den Löffel ab, wenn man noch vor wenigen Stunden einen gesunden Appetit hatte“, sagte Stenmark spöttisch. „Unser Feldscher ist hier. Er will wissen, was los ist. Hast du plötzlich Pestbeulen gekriegt?“
Der Pole stöhnte erneut.
„Viel Schlimmeres!“ jammerte er. „Vielleicht hat mir jemand Gift ins Essen getan. Ich habe fürchterliche, krampfartige Schmerzen im ganzen Leib, so daß ich mich nicht mehr vom Boden erheben kann. Außerdem bin ich schweißgebadet und habe Fieber. Wenn mir nicht sofort jemand hilft, dann sterbe ich!“
Jetzt legte sich eine steile Falte über die Stirn des Kutschers.
„Stenmark, sag dem Miststück, daß bei uns an Bord noch niemand vergiftet worden ist. Ich selbst habe sein Frühstück hergerichtet, und wenn er noch ein einziges Mal behauptet, es habe ihm jemand Gift reingetan, dann kriegt er die nächsten acht Tage keinen Bissen mehr und kann meinetwegen die Planken annagen.“
Der Kutscher war fuchtig geworden. Schließlich ließ er sich nicht einfach unterstellen, ein Giftmischer zu sein. Das klang ja gerade so, als würde die „Isabella“ von einer heimtückischen Mörderbande bevölkert.
Stenmark übersetzte seine Worte, doch Witold Woyda jammerte lauthals weiter.
„So war das doch nicht gemeint!“ rief er schließlich. „Es war nur eine Vermutung. Es kann ja auch eine andere schlimme Krankheit sein. So helft mir doch!“ Ein lautes Ächzen und Gurgeln rundete seine Worte ab.
„Nun ja“, meinte der Kutscher, „ich will nicht dran schuld sein, wenn der Bursche tatsächlich das Zeitliche segnet, obwohl das für die Welt auch nicht gerade ein schwerer Verlust wäre. Macht auf, ich schaue mal rein. Du, Bob, begleitest mich mit deiner Funzel, damit ich mir den Kerl bei Licht ansehen kann.“
Bill schloß das Schott zur Vorpiek auf und schob den schweren Eisenriegel zurück.
Bob Grey, der in einer Hand eine schußbereite Pistole hielt, hob mit der anderen die Tranlampe hoch. Die Gestalt, die sich auf den Planken krümmte, wurde in trübes Licht getaucht.
Stenmark und Bill postierten sich am Eingang.
„Hilfe, Hilfe!“ wimmerte Witold Woyda, der immer noch seine schmucke Uniform und seine Perükke trug, wie sie meist nur von hochstehenden Offizieren aufgesetzt wurde. Er hatte die Beine angewinkelt und preßte beide Hände gegen den Leib.
Die beiden Männer traten näher. Während sich der Feldscher neben dem Gefangenen niederkniete, um ihn zu untersuchen, hielt Bob die Tranlampe hoch, um die Szene zu beleuchten.
Witold Woyda verzog schmerzlich das Gesicht und rollte mit den Augen, als stehe sein letztes Stündlein bevor.
„Diese Krämpfe bringen mich noch um“, stieß er mit gequälter Stimme hervor. Wie es auf den ersten Blick aussah, hatte es ihn tatsächlich übel erwischt.
Der Kutscher beugte sich über ihn, um zunächst einmal durch Abdrücke festzustellen, wo das Schmerzzentrum lag. Beim ersten Druck seiner Fingerspitzen zuckte der polnische Generalkapitän heftig zusammen und stieß einen kurzen Schrei aus.
Der zweite Druck hingegen schien ihm keineswegs mehr Schmerzen zu bereiten. Im Gegenteil. Sein Oberkörper ruckte schlagartig hoch, und seine rechte Hand fuhr blitzschnell zum Gürtel des Kutschers, in dem ein Messer steckte. Während er den Feldscher mit der anderen Hand am Hemdkragen packte, riß er das Messer heraus und setzte es ihm an die Kehle.
„Laßt eure Waffen fallen!“ brüllte er gleichzeitig. „Wenn ihr nicht gehorcht, ist euer Quacksalber ein toter Mann!“
Stenmark vergaß zunächst vor lauter Verblüffung, die Aufforderung des Polen zu übersetzen. Dennoch wußte jeder auf Anhieb, was mit dem Befehl gemeint war.
Auch Bob Grey war völlig überrascht worden. Woyda hatte unglaublich schnell gehandelt und zudem noch den richtigen Augenblick abgepaßt, so daß es ihm unmöglich geworden war, seine Pistole abzufeuern. Er hätte damit unweigerlich den Kutscher erwischt, da dieser sich über den Polen gebeugt hatte.
„Du Hundesohn!“ rief Stenmark nun wutentbrannt. „Damit wirst du keinen Erfolg haben. Das einzige, was du mit diesem heimtückischen Trick erreichst, ist, daß dir unser Kapitän den Hals an der Rah langziehen läßt!“
Witold Woyda stieß ein heiseres Lachen aus.
„Niemand hängt mich an die Rah, solange dieser Mann hier in meiner Gewalt ist. Gleich, was ihr unternehmt, ich zögere nicht, sofort zuzustoßen! Los, laßt eure Waffen fallen, sonst ist es soweit!“
Zähneknirschend gehorchten die Seewölfe.
Zuerst polterte Bobs Pistole auf die Planken der Piek, sein Messer, mit dem er so meisterhaft umzugehen verstand, folgte. Auch Stenmark und Bill, die mit verkniffenen Gesichtern am Schott standen, warfen ihre Waffen auf den Boden.
„Aufstehen!“ befahl Woyda, und dem Kutscher blieb nichts anderes übrig, als der Aufforderung Folge zu leisten. Langsam erhob er sich von den Planken, und der Pole folgte ihm.
Der Kutscher kochte innerlich vor Wut. Verdammt, warum war er nur auf diesen Kerl hereingefallen? Was würde Hasard dazu sagen? Es war noch gar nicht lange her, seit der räuberische Finne Matti Hakulinen Mac und den Profos durch einen üblen Trick als Geiseln genommen hatte. Sollte sich das jetzt in ähnlicher Form wiederholen? Dem Kutscher wurde abwechselnd heiß und kalt. Er empfand seine Situation als schreckliche Blamage, jawohl! Schließlich waren sie in der Überzahl gewesen, trotzdem waren sie auf diesen Gauner hereingefallen.
„Eins schwöre ich dir, Woyda“, sagte er mit gepreßter Stimme und ohne den Kopf zu bewegen. „Wenn ich dir jemals wieder eine Muck oder Kumme zu füllen habe, dann kannst du dessen sicher sein, daß ich mir ein hochwirksames Gift besorgen werde, aber eins, das dich langsam zu einer Kakerlake zusammenschrumpfen läßt. Und dann zertrete ich dich mit meinem Stiefelabsatz!“
Stenmark übersetzte diese Worte, doch Woyda stieß abermals ein trokkenes Lachen aus.
„Dazu wirst du keine Gelegenheit mehr haben, du Bastard! Im übrigen folgt ihr mir jetzt an Deck, und dann wollen wir mal sehen, wer hier am längeren Hebel sitzt. Wenn euer Kapitän kein Feigling ist, läßt er sich sogar gegen diesen Hund hier austauschen.“
Die Seewölfe hatten längst begriffen, was dieses Schlitzohr von Generalkapitän beabsichtigte. Wie er den Seewolf einschätzte, würde der keinen von seinen Männern über die Klinge springen lassen, sondern sich notfalls selber als Geisel zur Verfügung stellen. Damit hätte sich das Blatt für ihn entscheidend gewendet. Ohne Zweifel wollte Woyda sein ehemaliges Flaggschiff, die jetzige „Wappen von Kolberg“ zurückhaben und ebenso seine geraubten Schätze, die sich noch immer an Bord befanden.
„Ihr geht jetzt schön brav vor mir und eurem Quacksalber her!“ befahl der Pole. „Und vergeßt nicht: eine falsche Bewegung, und er stirbt!“
Bob, Bill und Stenmark blieb nichts anderes übrig, als dem Generalkapitän zu gehorchen. Keiner von ihnen wollte den Kutscher unnötig gefährden, also setzten sie sich in Bewegung.
Witold Woyda schob den Kutscher vor sich her, das Messer direkt an dessen Hals.
„Du hältst dich mit der Lampe direkt vor uns“, forderte er Bob Grey auf, der die Tranfunzel noch immer in Händen hielt.
Bob gehorchte.
Der kleine Trupp gelangte jedoch nicht weit. Bereits nach wenigen Schritten trat ein Umstand ein, mit dem niemand gerechnet hatte.
Der Kutscher, der durch die Umklammerung Woydas den Blick geradeaus gerichtet hielt, stolperte über die schwere Pistole Bob Greys, die dieser auf die Planken geworfen hatte.
„Verdammt!“ stieß er hervor und geriet im selben Moment samt Woyda, der ihm den linken Arm unters Kinn gelegt hatte, ins Straucheln.
Der Pole, der von diesem Umstand genauso überrascht wurde wie der Kutscher, ließ seine Geisel für den Bruchteil einer Sekunde los. Und damit beging er einen schwerwiegenden Fehler.
Der Kutscher, der ein sehr flinker Mann war, reagierte geistesgegenwärtig. Er ging blitzschnell in die Hocke, so daß die Faust mit dem Messer über seinen Kopf hinwegzuckte. Dann sprang er hoch, packte Woyda mit einer Kraft, die man ihm gar nicht zugetraut hätte, am Unterarm und wuchtete ihn mit Schwung über seine Schultern.
Mit einem Ächzen, das diesmal sehr echt klang, krachte der Generalkapitän auf die Planken vor dem Schott.
Damit war sein Schicksal besiegelt, denn jetzt warfen sich auch die anderen Seewölfe mit Hurra auf ihn. Ein Hagel von eisenharten Fäusten prasselte auf ihn nieder. Wuchtige Hiebe trieben ihn hoch und schmetterten ihn erneut auf die Planken.
Witold Woyda bezog die härteste Tracht Prügel seines Lebens, und als ihn die Seewölfe schließlich wieder gefesselt in der Vorpiek zurückließen, sah er tatsächlich aus, als sei er von schweren Krankheiten, beispielsweise der Beulenpest, befallen worden.
Der Kutscher drehte sich noch einmal um.
„Denk daran, Freundchen!“ zischte er wütend. „Ich pflege meine Versprechen zu halten. Bereits beim nächsten Backen und Banken füttere ich dich mit Rattengift, bis es dir zu den Ohren herauskommt!“
Woydas zerschundenes Gesicht verfärbte sich grün, als ihm Stenmark diese wüste Drohung des Kutschers übersetzte. Als der schwere Riegel des Schotts vorgeschoben wurde, schickte er den Seewölfen einen langen polnischen Fluch hinterher.
„Da haben wir echt Glück gehabt“, meinte Bob Grey. „Das hätte genausogut anders ausgehen können.“
Der Kutscher zuckte mit den Schultern.
„Was kann ich dafür, wenn du deine Pistole im Dunkeln herumliegen läßt?“
Bill und Bob nahmen ihre Posten wieder ein, als sei überhaupt nichts vorgefallen. Stenmark und der Kutscher kehrten an Deck zurück.
„Na, lebt unser Gast noch?“ fragte Hasard lächelnd, als er die beiden Männer sah.
„Wir haben ihn am Leben gelassen, Sir“, sagte der Kutscher. „Und gesund ist er auch wieder, wir haben dazu lediglich die Fäuste gebraucht.“
„Soll das heißen …?“ Hasard war erstaunt.
„Genau das soll es, Sir“, erwiderte der Kutscher und grinste. „Der Kerl hat uns was vorgespielt, und wir Idioten wären auch beinahe noch darauf reingefallen. Das heißt – äh – genaugenommen sind wir das sogar. Nur als er mich dann mit meinem eigenen Messer kitzeln wollte, da mußten wir ihn etwas beruhigen!“
Der Seewolf ließ sich die Einzelheiten berichten. Als der Kutscher in Richtung Kombüse verschwand, um nach der Erbsensuppe zu sehen, atmete Hasard fast hörbar auf.
10.
Die Seewölfe fühlten sich satt und rund wie lange nicht mehr. Niemand hätte für möglich gehalten, daß eine kräftige Erbsensuppe mit Speck nach so vielen Räucherheringen so gut schmecken konnte.
Jeder war mit sich und der Welt zufrieden. Selbst Old Donegal lächelte verzückt und rieb sich gedankenverloren den Bauch.
„Die Kerls in der Kombüse haben schon was los, das muß man ihnen lassen“, sagte er. „Wer ein Wort gegen dieses Essen sagt, der gehört tatsächlich an die Rah gehängt, jawohl!“
„Dann kannst du den Generalkapitän gleich dran hochziehen, Opa“, sagte Philip junior.
„Hä? Was willst du damit sagen?“
„Er hat sich strikt geweigert, die Suppe anzurühren“, berichtete Philip. „Er sagte etwas von Rattengift.“
„Na so was!“ Die Stimme des alten O’Flynn klang empört. „Da habt ihr die Suppe doch wohl wieder mitgenommen, wie?“
„Natürlich!“
„So ist’s in Ordnung“, sagte der rauhbeinige Alte. „Dann kann man notfalls später noch einen Schlag kriegen.“
Jung-Philip starrte ihn verblüfft an.
„Aber Opa …!“
Doch Old O’Flynn stolzierte bereits davon. Er drehte sich lediglich noch einmal kurz um.
„Und noch was!“ rief er. „Du Hosentrompeter sollst mich nicht ständig Opa nennen, ist das klar?“
„Klar, Op …, ich meine, aye, aye, Sir!“
Ein Ruf aus dem Ausguck unterbrach die Mittagsidylle. Will Thorne, der grauhaarige Segelmacher, war es, der vom Großmars aus die Kimm mit einem Spektiv abgetastet hatte. Und seine Augen erwiesen sich noch als bemerkenswert gut.
Die übrige Crew brauchte noch eine Weile, bis sie die Galeeren erkennen konnte, die aus südlicher Richtung herankrebsten.
„Also doch“, sagte Hasard. „Umsonst ist der Schnösel von einem Offizier nicht nach Süden geritten. Es ist durchaus möglich, daß wir ihm diesen Besuch zu verdanken haben.“
Arne von Manteuffel, der gerade sein Boot besteigen wollte, um auf die „Wappen von Kolberg“ zurückzukehren, enterte noch einmal rasch an Bord der „Isabella“, um eine kurze Lagebesprechung mit dem Seewolf abzuhalten.
„Ich finde, wir sollten einem Gefecht nicht ausweichen“, meinte Hasard, „zumal sich die Galeeren sowieso an unsere Fersen heften würden. Und beim Kreuzkurs nach Westen wären sie sogar schneller als wir.“
„Da hast du recht“, sagte Arne. „Wir könnten zwar nach Norden ausweichen, aber da würden wir gewissermaßen auf dem alten Kurs zurücksegeln.“
Ben Brighton vollführte eine abwehrende Geste.
„Und das ist nicht im Sinne des Erfinders“, sagte er. „Außerdem würde es die rachelüsternen Polen kaum besänftigen. Ich bin ebenfalls dafür, daß wir uns zum Kampf stellen, damit die ständigen Querelen endlich einmal aufhören.“
„Sollten wir nicht Woyda wieder als Geisel benutzen?“ fragte Big Old Shane. „Ich meine, die Masche hat ja schon einmal gewirkt.“
Hasard legte die Stirn in Falten.
„Davon halte ich nicht mehr viel. Wir können die Galeeren damit vielleicht für kurze Zeit auf Distanz halten, aber irgendwann haben wir sie wieder am Hals, das haben die Erfahrungen der letzten Tage deutlich gezeigt. Es muß endlich einmal ein Schlußpunkt hinter dieses Tauziehen gesetzt werden.“
Das leuchtete allen an Bord ein. Die ganze Crew war einstimmig dafür, daß den unablässigen Verfolgungsjagden und Angriffen der polnischen Soldaten endgültig Einhalt geboten wurde.
Der Profos schob das gewaltige Rammkinn vor, zupfte sich am ersten Haarflaum, der auf seiner bislang so kahlen Schädeldecke sproß, und wandte den grimmigen Blick südwärts.
„Vier Galeeren sind nicht eben wenig“, meinte er, „aber ich sehe trotzdem keinen Grund, aus dem wir vor diesen plattfüßigen Wasserspinnen kneifen sollten. Gerade nach einer so kräftigen Erbsensuppe können wir alle etwas Bewegung brauchen.“
Während Arne von Manteuffel auf die „Wappen von Kolberg“ überwechselte, wurde die Gefechtsbereitschaft der „Isabella“ überprüft. Aber da gab es nur wenig zu ergänzen, man hatte sich auf dem Schiff der Seewölfe in den letzten Tagen daran gewöhnt, ständig auf der Hut zu sein. Außerdem hatte man die bestehende Gefechtsbereitschaft nach dem Abzug der Polen drüben am Strand nicht völlig aufgehoben.
Will Thorne blieb im Großmars und erhielt Unterstützung durch Bill. Beide schauten sich fast die Augen aus dem Kopf, um die Crew ständig mit neuen Meldungen versorgen zu können.
Die Zwillinge sorgten in Windeseile dafür, daß an allen Stellen, wo es nötig war, Sand ausgestreut wurde, um den Füßen der Männer bei einem Kampf festeren Halt zu vermitteln. Anschließend halfen sie dem Kutscher und Mac dabei, die Kupferbekken mit den glühenden Holzkohlen aus der Kombüse zu holen, wohin man sie vor dem Backen und Banken zurückgebracht hatte. Sie wurden rasch auf alle Geschütze verteilt.
Edwin Carberry und Old O’Flynn gingen an den achteren Drehbassen auf Station, während sich Gary Andrews und Dan O’Flynn zum gleichen Zweck auf die Back begaben.
Pete Ballie stand bereits am Ruder und Al Conroy überwachte die erneute Ausgabe der Pistolen, Musketen, Tromblons und Flaschenbomben. Gleichzeitig achtete er darauf, daß die Stückpforten geöffnet und die schweren Geschütze ausgerannt wurden.
Das alles ging reibungslos und äußerst schnell vor sich, denn die Seewölfe waren eine perfekt aufeinander eingespielte Crew, die sich auch durch eine Übermacht nicht aus dem Gleichgewicht bringen ließ.
Auch drüben auf der „Wappen von Kolberg“ hatte man sich auf den ungebetenen „Besuch“ eingestellt. Arne und seine Mannen signalisierten ihre Gefechtsbereitschaft.
Dann gingen beide Galeonen ankerauf und liefen etwas von der samländischen Küste ab, um die Luvposition zu gewinnen.
Die vier polnischen Galeeren hielten in unmißverständlicher Absicht auf die beiden Segler zu. Es gab nicht den geringsten Zweifel daran, daß sie ohne Umschweife angreifen würden. Während sich eine etwas größere Galeere, offenbar das Flaggschiff, nach vorn schob, bildeten die anderen eine breite Linie.
„Die tun ja gerade so, als bräuchten sie nur einen Dweil zu nehmen, um uns von der Wasseroberfläche wegzuwischen“, sagte Ben Brighton, der an seinem Spektiv drehte.
Der Seewolf lächelte.
„Es sieht tatsächlich nicht danach aus, als ob sie uns anpreien und zur Kapitulation auffordern wollten. Im Viererverband fühlen sie sich offenbar stark genug, um uns zu den Fischen schicken zu können.“
In der Tat boten die vier Galeeren ein groteskes Bild, zumal sie nicht nur durch die rhythmischen Riemenschläge der Ruderknechte vorangetrieben wurden, sondern auch unter Segeln standen. Das Flaggschiff hob sich deutlich von den anderen ab. Die Seewölfe schätzten das Schiff auf eine Länge von 30 bis 35 Yards. Auf dem schlanken Schiffskörper lagen große, rechteckige Holzaufbauten, die als Aus- und Auflieger für die Riemen der Ruderer dienten. Vorn lief der Schiffskörper in einen langen Oberwasser-Sporn aus, der einerseits als Rammwaffe, andererseits aber auch als Enter- und Landebrücke diente. Außerdem konnte er bei der Segelbedienung benutzt werden. Auf dem Vorderteil des Gerüstes befand sich ein Backaufbau, von dem aus man das Segel des Fockmastes bedienen konnte. Am Heck befand sich eine Hütte für die Schiffsführung.
Auch die Armierung des Flaggschiffes war etwas besser als bei den anderen Galeeren. Außer den Bug- und Heckgeschützen waren auf beiden Seiten mittschiffs unter der Back sechspfündige Minions zu erkennen.
„Wir werden uns zunächst um das Flaggschiff kümmern müssen“, sagte Hasard. „Es ist den anderen ein beträchtliches Stück vorausgeeilt, aber Vorwitz hat sich noch nie ausgezahlt. Später werden wir versuchen, in eine Lücke einzubrechen, denn die drei anderen haben ihre Linie ziemlich weit auseinandergezogen.“
Die letzten Worte des Seewolfs gingen im Krachen eines Kanonenschusses unter. Aus einem Buggeschütz der großen Galeere leckte eine Feuerzunge hervor, und die ausgestoßene Kugel klatschte Sekunden später etwa eine Kabellänge von der „Isabella“ entfernt ins Wasser.
„Das war wohl die offizielle Kriegserklärung“, sagte Ben Brighton, „denn noch liegen sie außerhalb jeder Schußweite.“
„Pah, Angabe war das, nichts als Angabe!“ rief Edwin Carberry, der an einer Heckdrehbasse auf Station war. „Die wollen uns imponieren und spielen sich deshalb auf wie ein Sack voller Flöhe! Wenn ihnen erst unsere harten Nüsse um die Ohren fliegen, kneifen sie schnell den Hintern zu!“
Das Flaggschiff, auf dem sich nach Schätzung des Seewolfs einschließlich der Ruderknechte mindestens sechzig bis siebzig Mann befanden, schien sich als erstes die „Isabella“ ausgesucht zu haben, weil von der großen Galeone die Hauptgefahr ausging.
„Wir fallen nach Backbord ab und gehen auf Gegenkurs“, entschied Hasard und gab dem Rudergänger, Pete Ballie, eine entsprechende Anweisung. „Wenn wir auf gleicher Höhe mit der Galeere sind“, fuhr er fort, „begrüßen wir sie mit einer Breitseite, daß sie die Englein singen hören.“
Während man auf dem Flaggschiff der Polen die Segel einholte, um die Manövrierfähigkeit zu verbessern, fiel Pete Ballie hart nach Backbord ab, und die „Isabella“ lief über Backbordbug liegend auf Gegenkurs.
Die Polen jedoch schienen die Absicht der Engländer erraten zu haben, denn sie korrigierten, so schnell es nur ging, ebenfalls den Kurs und liefen schräg von vorn auf die Steuerbordseite der Galeone zu. Der gewaltige Rammsporn war wie ein riesiger Zeigefinger auf die „Isabella“ gerichtet.
„Die wollen uns ihren Piekser in den Bauch jagen“, sagte Ben Brighton.
„Das werden wir eben verhindern müssen“, erwiderte Hasard. Seine Wangenmuskeln zuckten, was bei ihm auf äußerste Konzentration und Entschlossenheit hindeutete.
Der Abstand zwischen den feindlichen Linien verringerte sich rasch. Jetzt waren bereits das Stimmengewirr, die gebrüllten Kommandos, die Drohungen und Verwünschungen zu hören, mit denen sich die Polen auf das Gefecht vorbereiteten. Hastig eilten Männer der Besatzung und Seesoldaten auf den Decks hin und her, um die Befehle des Kommandanten auszuführen.
Da plötzlich donnerte erneut ein Buggeschütz der Galeere los. Diesmal plumpste die Kugel nur noch höchstens dreißig Yards vor dem Bug der „Isabella“ ins Wasser und ließ eine Wassersäule aufsteigen, die sich spaltete und dann wieder in sich zusammenfiel. Auch eine Salve von Musketenschüssen krachte.
Die Seewölfe konnten jedoch ihre Culverinen noch nicht einsetzen, denn die Galeere befand sich nicht in deren Schußwinkel. Also mußte man ihnen zunächst mit anderen Mitteln beikommen.
„Dan!“ rief der Seewolf. „Gib den Burschen Zunder und halte auf den Bug!“
„Aye, aye, Sir!“ rief Dan O’Flynn zurück, der vorn an der Steuerbord-Drehbasse auf Station war. Gleich darauf senkte er die Lunte nieder.
Einen Lidschlag später stieß das schwenkbare Geschütz wummernd und fauchend seine Ladung aus. Dan hatte sein Möglichstes getan, um die Reichweite zu erhöhen, und siehe da, es klappte.
Die Ladung, die aus gehacktem Eisen und Blei bestand, prasselte der Galeere voll ins Vorschiff. Berstendes Holz und laute Schreie bestätigten den Treffer. Von den Soldaten, die das Buggeschütz hatten nachladen wollen, war plötzlich nichts mehr zu sehen. Einer von ihnen wälzte sich auf den Planken.
Für die Seewölfe war dieser Treffer das Startsignal. Ein lautes „Arwe-nack!“ tönte aus rauhen Männerkehlen, und das war die Kampferklärung der Männer von der „Isabella“. Das Tor, das dieser uralte Schlachtruf aufstieß, war das Tor zur Hölle, wie sich das noch innerhalb der nächsten knappen Stunde erweisen sollte.
„Diese Wasserspinne ist verdammt schnell!“ brüllte Carberry. „Wenn die ihren Kurs nicht ändert, tut sie mit ihrem Rammsporn unserer Lady glatt Gewalt an!“
„Laß sie ruhig näher ran, Ed!“ rief Hasard. „Wenn sie unserer Steuerbordseite den Bug zudreht, bietet sie uns zwar eine kleinere Angriffsfläche, aber wir können ihr dennoch ganz ordentlich einheizen.“
Der Seewolf warf einen Blick zur „Wappen von Kolberg“, gleich darauf huschte ein Grinsen über sein Gesicht, seine eisblauen Augen blitzten.
Ben, Ed und die anderen Männer auf dem Achterdeck folgten seinem Blick, da sahen auch sie, was geschah.
Arne von Manteuffel hatte das Vorhaben seines Vetters rechtzeitig erkannt. Deshalb hatte auch er abdrehen lassen und ging nun ebenfalls auf Gegenkurs zu dem Flaggschiff.
Die „Wappen von Kolberg“ lag nahezu auf gleicher Höhe mit der „Isabella“, und bereits in wenigen Augenblicken würde die Galeere genau zwischen den beiden Seglern stehen. Man konnte sie dann von zwei Seiten aus in die Mangel nehmen, und die Polen mußten sich entscheiden, auf welches Schiff sie sich mit ihrem Rammsporn konzentrieren wollten. Wahrscheinlich würden sie weiter auf die „Isabella“ zuhalten, doch in diesem Falle hatten sie die „Wappen von Kolberg“ im Rücken.
Jetzt krachte auf Arnes Galeone ein Drehbassenschuß, der dem Flaggschiff der Polen riesige Holzstücke aus dem Backaufbau fetzte. Der Galeeren-Kommandant ließ mit Musketenfeuer antworten und wenig später krachte das Minion auf der Steuerbordseite.
Die sechspfündige Kugel orgelte jedoch knapp am Bug der „Wappen“ vorbei, weil der Schußwinkel sehr ungünstig lag.
Der Kommandant brüllte mit wütender Stimme weitere Befehle, die jedoch das Durcheinander an Bord der Galeere nur noch verstärkten. Offenbar hatte man erkannt, daß es ein Fehler gewesen war, den anderen Galeeren zu weit vorauszueilen. Doch es blieb den Polen nicht die Zeit, über diese Fehlentscheidung lange nachzudenken. Die beiden Segler befanden sich jetzt auf gleicher Höhe, und die Galeere lag schräg dazwischen.
Die Besatzung des Flaggschiffs erkannte die Gefahr und begann aus allen Rohren zu feuern, aber sie wurde durch das Drehbassen-, Musketen- und Tromblonfeuer der beiden Galeonen in ihre Grenzen verwiesen.
„Sir?“ rief Ferris Tucker, der an seiner Schleudervorrichtung wartete.
Hasard nickte. „Gib ihnen eine Flasche Brandy, Ferris!“
Sekunden später flog die Flasche in hohem Bogen durch die Luft und senkte sich auf die Bugpartie der Galeere nieder. Die ohrenbetäubende Explosion, die dann alle anderen Geräusche übertönte, löste bei den Polen Wuhling aus. Kein Wunder, denn es flogen ihnen buchstäblich die Fetzen um die Ohren. Der gefährliche Rammsporn war plötzlich verschwunden, und von dem gesamten Backaufbau waren nur noch Bruchstücke zu erkennen.
Die Galeere geriet augenblicklich aus dem Kurs, denn die Ruderknechte dachten nicht mehr daran, als Kugelfang zu dienen. Sie ließen die Riemen fahren und versuchten, in Dekkung zu gehen.
„Und jetzt geben wir ihnen den Rest!“ befahl der Seewolf. „Paßt auf, daß die Schüsse nicht zu hoch liegen, sonst blasen wir am Ende noch Arne einige Pfunde Eisen zwischen die Rippen. Steuerbordseite Kuhl – Feuer!“
Sofort senkten die Männer an den vier 25pfündern die Zündschnüre auf die Bodenstücke der Geschütze, dann drückten sie die Luntenstöcke fest auf die Öffnungen der Zündkanäle. Mit einem gewaltigen Fauchen rasten die Kugeln aus den Rohren, die Kanonen rollten in den Holzlafetten zurück und wurden von den Brooktauen abgebremst.
Das Inferno ließ das ganze Schiff erzittern. Dunkler, fetter Qualm stieg auf, während die Kugeln über die See orgelten und wie Blitzschläge in die Galeere hieben.
Kaum war der Donner verstummt, mischte sich die „Wappen von Kolberg“ ein. Die Mündungsflammen ihrer Backbordgeschütze stachen grell aus den Rohren und jagten ihre Kugeln von der anderen Seite her in den Leib der Galeere.
Das höllische Bersten und Krachen dauerte nur einen Augenblick. Das Flaggschiff war buchstäblich in Stücke gerissen worden. Trümmer flogen durch die Luft, Masten splitterten und stürzten ins Wasser, Planken wirbelten durch die Gegend. Das Gebrüll der Besatzung verriet totale Panik. Wer noch konnte, sprang über Bord, um wie vom Teufel gejagt davonzuschwimmen. Niemand wollte von dem sinkenden Wrack in die Tiefe gerissen werden.
„Die haben ihr Fett!“ stellte der Profos überflüssigerweise fest. „Sie wollten es ja nicht anders haben.“
Inzwischen waren die drei anderen Galeeren ziemlich nahe heran und begannen, aus ihren Buggeschützen zu feuern. Eine Kugel raste gefährlich dicht über die Galion der „Isabella“ weg und schlug in die sinkenden Trümmer des ehemaligen Flaggschiffs. Ein weiteres Geschoß streifte die Querbalustrade, die die Back zur Galion hin abgrenzte.
Dan und Gary, die sich wegen der Drehbassen in unmittelbarer Nähe befanden, kriegten einige Splitter um die Ohren. Aber sie hatten Glück, die Sache war mit einigen Kratzern abgetan. Auch am Schiff entstand kein größerer Schaden.
Die Galeeren griffen mit dem Mut der Verzweiflung an, denn für einen Rückzug war es jetzt zu spät. Außerdem fühlten sie sich ja immer noch in der Überzahl – trotz der Vernichtung ihres Flaggschiffs.
„Die Lücken sind noch immer groß genug!“ rief der Seewolf. „Los, wir segeln hinein, und dann feuern wir aus allen Knopflöchern!“
Rasch winkte Hasard zu Arne hinüber. Seine Geste wurde sofort beantwortet. Beide Galeonen liefen direkt auf die Linie der herankrebsenden Galeeren zu, auf denen man in Windeseile die Segel barg.
Die Kommandanten der polnischen Schiffe durchschauten die Absicht der Galeonen-Kapitäne und versuchten eilig, ihren Kurs zu ändern. Aber es war bereits zu spät dazu, die beiden Schiffe auf die „Hörner“ zu nehmen. Die Polen hatten, wie der Seewolf schon einmal festgestellt hatte, ihre Linie zu weit ineinandergezogen.
Bevor die Galeeren mit ihren Rammsporen irgendwelchen Schaden anrichten konnten, befanden sich die Galeonen auf gleicher Höhe mit ihnen.
Das Donnern der Drehbassen, Musketen und Tromblons, die auch auf der „Isabella“ und der „Wappen von Kolberg“ voll im Einsatz waren, rollte wie ein Gewitter über die Wasserfläche.
Dann schien sich urplötzlich erneut der Schlund der Hölle zu öffnen und alles an Feuer, Tod und Verwüstung auszuspeien, was in ihm war.
Auf beiden Seiten der „Isabella“ brüllten je drei 17pfünder des Vordecks und vier 25pfünder der Kuhl auf. Von Steuerbord und Backbord aus rasten je sieben schwere Kanonenkugeln fauchend und zischend auf die Galeeren zu und verwandelten sie in Wracks. Dabei hatte die „Isabella“ ihre Culverinen oberhalb und unterhalb des Quarterdecks noch gar nicht zum Einsatz gebracht. Wie es schien, war dies auch nicht mehr nötig, denn das Schiff der Seewölfe hatte sich auch mit einem Teil seiner Stücke schon in eine feuerspeiende Festung verwandelt.
Auf der „Wappen von Kolberg“ wummerten die Culverinen ebenfalls. Die Galeone hatte sich zur selben Zeit wie die „Isabella“ in die feindliche Linie geschoben.
Naturgemäß erwischte es die mittlere der drei Galeeren am härtesten, da sie je eine Breitseite von beiden Galeonen empfing. Die Treffer hieben sie in Stükke, der Besatzung blieb nur noch der Sprung über Bord.
Von den beiden letzten polnischen Schiffen stand eins in Flammen und sackte über das Heck weg, das andere krängte durch die Einschläge unterhalb der Wasserlinie so stark nach Steuerbord, daß sein Sinken nur eine Zeitfrage war.
Überall sprangen Soldaten, Ruderknechte und Besatzungsmitglieder über Bord. Niemand dachte mehr daran, die beiden Segler zu beschießen.
„Die Küste ist nicht weit entfernt, sie werden sie schwimmend erreichen können“, sagte Ben. Seine Blikke wanderten über das Bild der Verwüstung. Wohin man blickte, sah man Menschen, die um ihr Leben schwammen, dazwischen trieben Planken, Maststücke, Segelfetzen, Stengen, Fässer und Holzteile.
Old O’Flynn räusperte sich.
„Ich schätze, die Bernsteinjäger haben vorerst die Nase voll.“
„Das ist anzunehmen“, sagte Hasard. „Wir haben schließlich auch noch eine andere Aufgabe, als uns ständig mit polnischen Verbänden herumzuschlagen.“
Der alte O’Flynn rieb sich zufrieden die Hände.
„Weißt du, auf was ich jetzt Lust habe, Sir?“
Der Seewolf sah ihn abwartend an.
„Zwei Wünsche habe ich“, fuhr Old Donegal fort. „Zuerst einmal möchte ich zur Vorpiek gehen, um dem Generalkapitän zu berichten, warum es hier so gewaltig gekracht und gedonnert hat. Sein Gesicht würde mich schon im voraus für allen zukünftigen Ärger entschädigen. Und dann – äh – möchte ich mir noch einen Schlag Erbsensuppe aus der Kombüse holen.“
Die Seewölfe brachen in schallendes Gelächter aus ob der seltsamen Gelüste des alten O’Flynn. Die Mittagszeit war zwar erreicht, aber das Backen und Banken hatte heute, bedingt durch die turbulenten Ereignisse, etwas früher stattgefunden. Alle fühlten sich noch satt, nur Old Donegal schien dieses Mal ein Loch im Magen zu haben.
Die Lage an Bord der „Isabella“ normalisierte sich rasch wieder, und beide Galeonen verließen schon kurze Zeit nach dem Gefecht die samländischen Küstengewässer mit Kreuzschlägen westwärts …

1.
Hundewache!
Beliebt war sie nicht an Bord der „Isabella“, aber ebenso zwingend notwendig wie alle anderen Wachen.
Damit es dem Decksältesten Smoky nicht so schwerfiel, aus der Koje zu klettern, purrte ihn der belesene Kutscher mit einem aus Wismar überlieferten, aber humorvoll abgewandelten Text hoch. Der Kutscher stellte sich vor Smokys Koje und sang getreu nach der alten Überlieferung:
„Reise, Quartier, in Gottesnaam, Kain hett sien Broder Abel dootslahn,
Wenn ji nich ut de Koj rutkam, dann ward ji dat nich bäter gahn.“
Smoky erhob sich gähnend und sah den Kutscher mißmutig an.
„Darüber soll ich wohl auch noch lachen, was?“ brummte er etwas schlaftrunken.
„Mußt du nicht, das überlasse ich dir.“
„Ah, verdammt, Hundewache. Wie spät ist es, Kutscher?“
„Logischerweise kurz vor Mitternacht, du Rechengenie. Wenn deine Wache von Mitternacht bis vier Uhr …“
„Jaja“, knurrte Smoky, „logischerweise liege ich in vier Stunden wieder in der Koje. Wie ist das Wetter, welcher Kurs liegt an?“
Smoky kleidete sich brummig an, sah hin und wieder den Kutscher an und wartete auf eine Antwort.
„Eh, ich hab dich was gefragt, Kutscher.“
„Bin ich hier vielleicht als Wettergast an Bord? Das wirst du ja gleich selbst sehen, aber offenbar bist du noch leicht vernagelt. Wir haben bösartigen Wind aus West, haben die Danziger Bucht überquert und befinden uns in Höhe der Halbinsel Hela. Vor uns segelt die ‚Wappen von Kolberg‘, und wir müssen kreuzen. Polnische Bernsteinjäger haben wir nicht mehr gesichtet. Zum Frühstück gibt es Pfannkuchen mit Marmelade oder Sirup und Dünnbier. Carberrys Haare wachsen prächtig nach, die Mannschaft erfreut sich bester Gesundheit, und auf dem Achterdeck befinden sich zur Zeit Ben, Blacky, Bill, Matt und Gary. Die Tiefe beträgt etwa sechzig Yards. Wir segeln nach Rügenwalde und später nach Kolberg. Irgendwo auf der Halbinsel Hela habe ich vorhin einen Kauz schreien hören. Langt das, oder soll ich dir noch mehr aufzählen?“
„Du bist vielleicht ’ne komische Nudel“, brummte der Decksälteste. „Ist es kalt an Deck?“ wollte er dann noch wissen.
„Das hängt davon ab, wie man es betrachtet“, sagte der Kutscher grinsend. „Aus der Sicht eines Eskimos nicht. Aus Batutis Sicht ist es ziemlich kühl, und ein Eisbär würde transpirieren.“
„Ein Eisbär würde frieren?“
„Transpirieren“, verbesserte der Kutscher.
Aber das kapierte Smoky nicht.
„Dann muß es ja lausig kalt sein“, meinte er. Er gähnte noch einmal ausgiebig und schlurfte aus dem Quartier an Deck.
Bevor er nach achtern ging, hievte er erst einmal eine Pütz Wasser an Deck, tunkte den Finger hinein und putzte sich mit der Adamsbürste die Zähne, genau gesagt also mit dem Zeigefinger. Danach steckte er den Schädel in die Pütz und prustete erschrocken wie ein Wasserbüffel.
Die See war rauh und kabbelig. Der Wind heulte, und immer wieder jagte ein Bö heran, die die „Isabella“ hart überkrängen ließ.
Nichts erhellte die Nacht, nur helle Katzenköpfe waren auf den Wellen zu sehen und das Licht der Hecklaterne der voraussegelnden „Wappen von Kolberg“ unter dem Kapitän Arne von Manteuffel.
Es war die Nacht zum dritten April. Eine mondlose Nacht voller Wolken, die eilig unbekannten Zielen zustrebten, die wogten und durcheinanderquirlten, sich ballten und wie eilige Reiterscharen davonjagten.
Smoky sollte Gary Andrews am Ruder ablösen. Der Gefechtsrudergänger Pete Ballie lag in der Koje und schlief seine wohlverdiente Runde ab.
Smoky durchquerte die Kuhl zum Achterdeck. So kalt war es gar nicht, fand er, und er war jetzt auch wieder völlig klar. Weit voraus war in der Dunkelheit die Hecklaterne der „Wappen von Kolberg“ als heller Lichtpunkt zu sehen. Sie warf milchigen Schein durch die Finsternis. Smoky verlor fast den Halt, als wieder ganz überraschend eine Bö einfiel und das Meer wütend hochstiebte.
Zur Zeit segelte die „Isabella“ über Backbordbug auf die Küste zu, in Richtung auf Rixhöft, und folgte dem Kurs der anderen Galeone, deren Männer sich in den Gewässern bestens auskannten.
Bei Rixhöft würden sie durch den Wind auf den anderen Bug gehen müssen und dann mit Backbordhalsen über Steuerbordbug segeln.
Doch bis dahin hatten sie noch eine gute Viertelstunde Zeit.
„Endlich“, sagte Gary Andrews, als Smoky auf dem Achterdeck erschien. „Mann, ich kann kaum noch aus den Klüsen gucken und könnte im Stehen einschlafen. Andauernd Böen abfangen, anluven, auf den Kompaß stieren und dann noch Kurs nach Vordermann segeln, das haut einen restlos zusammen.“
„Um die Hundewache von zwölf bis vier bin ich auch nicht gerade zu beneiden“, meinte Smoky.
„Aber du hast wenigstens gepennt.“
„Und du kannst jetzt pennen, das ist noch besser“, erwiderte Smoky. „Liegt noch irgend etwas an?“
„Alles klar. Du mußt nur verdammt auf die Böen achten. Die fallen so schnell ein, daß du meist zu spät reagierst.“
„Das habe ich gerade eben gemerkt. Mir hat es fast die Beine unter dem Leib weggerissen.“
Innerhalb kurzer Zeit trudelten auch die anderen ein, die zur Hundewache eingeteilt waren. Auch Dan O’Flynn erschien, um Ben Brighton abzulösen. Die beiden sprachen leise miteinander, aber dafür hatte Gary kein Ohr mehr. Er war hundemüde und sah nur noch die Koje vor sich. In Gedanken schlief er schon fast.
Smoky peilte auf den Kompaß, dann blickte er zu den Segeln, und schließlich sah er nach der Hecklaterne der „Wappen von Kolberg“, die, über Backbordbug rollend, durch die See zog.
„Dort bei Rixhöft wenden“, sagte Ben Brighton gerade zu Dan. „Ihr könnt euch ganz nach Manteuffels Galeone orientieren, der kennt hier alles wie seine Hosentasche. Unser Ziel ist Rügenwalde, wo die Freiin von Lankwitz zu Hause ist. Danach geht es nach Kolberg.“
„Hat mir Hasard schon gesagt“, erwiderte Dan.
Ben Brighton enterte ab, um seine Kammer aufzusuchen. Auch die anderen verschwanden. Der letzte, der das Achterdeck der alten Wache verließ, war Gary Andrews. Er schlief tatsächlich schon halb im Stehen.
„Ich denke, du bist so hundemüde“, lästerte Smoky, „dann hau dich doch endlich auf die Matte und horch die Koje ab.“
„Das tue ich jetzt auch. Macht’s gut.“
Er gähnte so ausgiebig wie Smoky zuvor, dachte nur noch an seine Koje und enterte ganz langsam ab zum Quarterdeck. Nur noch ein paar Yards, dann konnte er sich langlegen, ein wenig das Geschaukel der Wellen genießen, ohne am Ruder stehen zu müssen, und dann schlafen, nichts als schlafen.
Ist doch verdammt hart, so ein Törn, dachte er. Pete Ballie stand immer wie selbstverständlich da achtern, als hätte er zeit seines Lebens nichts anderes getan.
Aber für einen, der das nicht so oft tat, war das wahrhaftig kein Spaß, den man mit links erledigte.
Er reckte die Arme, drückte die Brust heraus und gähnte wieder. Seine Augen waren vor Müdigkeit schon halb geschlossen.
Er hielt sich auch nicht am Geländer des Backbordniederganges fest, als er abenterte.
In diesem Augenblick holte der Wind kurz Luft. Dann hielt er eine Sekunde lang den Atem an und blies ihn unter fürchterlichem Getöse schlagartig aus. Die einfallende Bö ließ die „Isabella“ von oben bis unten hart erzittern. Gleichzeitig holte sie stark nach Lee über, und über das Schanzkleid der Kuhl stieg an Backbord wild und brüllend die See ein. Für Augenblicke war es durch Schaum und Gischt fast hell an Deck.
Dann erreichte das Wasser Gary Andrews und hob ihn hoch. Durch die starke Krängung des Schiffes verlor er augenblicklich den Halt.
Er war so überrascht, daß es ihm den Mund verschloß und kein einziger Ton über seine Lippen drang. Wild suchte er nach einem Halt, doch da war nichts, er griff nur in die Luft und spürte, daß er über die Backbordseite in die See flog.
Es ging alles so schnell, daß Gary Andrews im ersten Moment regelrecht verblüfft war und es noch gar nicht fassen konnte, was ihm da widerfuhr.
Er fühlte mehr, als er sah, daß er mit dem Körper fast auf der Backbord-Besanrüste landete, und streckte erneut abwehrend die Hände aus, um sich nicht die Knochen zu brechen.
Dann wollte er überrascht schreien, doch auch dazu blieb ihm keine Zeit mehr. Er klatschte in die See und ging sofort unter. In seinen weit geöffneten Mund drang ein Schwall kalten Salzwassers, das er vor Schreck prompt schluckte.
Er wußte nicht mehr, ob er oben oder unten war, ob er dem Meeresgrund entgegenschwamm oder an die Oberfläche geriet. Der „Hinauswurf“ war so überraschend erfolgt, daß er sich nicht orientieren konnte.
Um ihn herum war ein Wirbel aus schaumigem Wasser, ein Sog, der ihn mitriß, und ein Kochen und Brodeln, das ihn weiter in einen Strudel schleuderte.
Zum zweitenmal schluckte er Wasser und begann wie ein Irrer nach oben zu paddeln. Er hustete, würgte und spie Wasser aus, das ihm teuflisch in den Lungen brannte.
Aber seine Müdigkeit war schlagartig verflogen, denn was ihm nun bevorstand, das wußte er. Gary verfiel nicht in Panik – er hatte tausend gefährliche Situationen heil überstanden —, er versuchte nur, sich blitzschnell zu orientieren, was ihm ungemein schwer fiel.
Als er den Schädel über Wasser hatte, drückte ihn eine zweite Welle augenblicklich wieder nach unten, und erneut begann er aufgeregt zu paddeln und wollte durch einen Schrei auf seine Lage hinweisen. Die Männer auf dem Achterdeck mußten ihn doch noch hören.
Aber sie hörten ihn nicht, denn auch dieser Schrei wurde durch das kalte Salzwasser erstickt.
Zum zweiten Male tauchte er auf, und dann sah er die schreckliche Wahrheit deutlich und plastisch.
Die Heckpartie der „Isabella“ zog davon wie ein gigantischer drohender Schemen, riesig groß und mächtig wie ein Ungeheuer.
Ein milchiger Schein ergoß sich über das Wasser, ein Anflug von schützender und anheimelnder Helligkeit, der rasch verflog und in der Finsternis der Nacht gleich darauf unsichtbar wurde.
Entsetzt starrte Gary Andrews dem dunklen Gebilde nach, und in einer Art von Galgenhumor dachte er: Aus der Traum von der Koje, endgültig aus! Jetzt geht es ums nackte Überleben. Er versuchte, ganz ruhig zu bleiben, und diesmal gelang es ihm auch, einen Schrei auszustoßen, doch den drückte der Wind zurück, und er verhallte wiederum ungehört.
Jetzt schwamm er allein in der Ostsee, dem Meer, das sie immer so verächtlich als Pißrinne für Schwäne und Enten bezeichnet hatten.
Er wußte, daß ihm ein harter Kampf bevorstand, der letzte und längste vermutlich in seinem Leben, es sei denn, sie hätten auf der „Isabella“ seinen Schrei noch gehört.
In diesen höllischen Augenblicken war er der einsamste Mann auf der ganzen Welt. Er rechnete sich auch keine große Chance zum Überleben aus.
Aus, dachte er nüchtern, das ist das Ende!
Ein paar Augenblicke vorher:
Als die „Isabella“ hart überkrängte, griff Smoky zwar noch blitzschnell und hart nach den Ruderspeichen, um anzuluven, doch der Griff erfolgte zu spät. Zu schnell war die Bö eingefallen, und so konnte er sich am Ruder nur noch festhalten.
Sam Roskill, der ebenfalls auf dem Achterdeck erschienen war, bemerkte auch nichts. Beim plötzlichen Wegkrängen knallte er gegen das Ruderhaus und fluchte erbittert.
Dan O’Flynn beugte sich im Ruderhaus hinter Smoky gerade über eine Seekarte und versuchte beim schwachen Licht der Öllampe etwas zu entziffern, als ihn der Schlag an die Innenwand warf. Sein lästerlicher Fluch galt dem Rudergänger und Decksältesten Smoky.
„Himmel Herrgott noch mal!“ brüllte er den selbst überraschten Smoky an. „Kannst du Affenarsch denn nicht aufpassen! Du weißt doch, daß wir mit Böen rechnen müssen, verflucht noch mal!“
„Tut mir leid“, brummte Smoky, „aber die haute so schnell rein, daß ich nichts mehr tun konnte.“
„Wenn man dich schon mal ans Ruder stellt“, brummte Dan zurück, „dann gibt’s gleich Kleinholz. Du solltest mal bei Pete wieder in die Lehre gehen und ein paar Stunden Unterricht nehmen.“
„Verdammt, ich konnte nichts mehr tun“, verteidigte sich Smoky. „Die anderen flogen auch alle durcheinander.“
Das stimmte allerdings, wie Dan zugeben mußte, denn die anderen Männer der Hundewache griffen wahllos zu und klammerten sich an alles, was sie packen konnten. Die See war wie eine riesige weiße Wand hochgestiegen, hatte das Schiff auf die Seite gelegt und lief nun zischend und rauschend durch die Speigatten ab. Der Gischt stäubte bis an die Hecklaterne.
So hatte also niemand etwas gehört oder gesehen, als Gary Andrews über Bord ging. Jeder der Arwenacks wähnte ihn jetzt im Quartier und damit in der Koje.
Die abgelöste Wache befand sich auch gerade dort, und beim harten Wegkrängen flogen Blacky, Matt Davies und Bill durcheinander und landeten bei den anderen Schläfern in den Kojen.
Entsprechend laut war das Gebrüll und Gefluche, das nun auch die letzten Mitternachtsschläfer unsanft aus ihrem Schlummer riß.
Matt Davies konnte sich nicht halten und sauste auf Blacky zu, und als der auszuweichen versuchte, schlitzte ihm der scharfe Haken von Matts Prothese die Hose auf. Auch ein Stückchen Fleisch nahm der Haken vom Oberschenkel noch mit.
„Paß doch auf, du Meisenarsch!“ brüllte Blacky. „Wenn du deinen Haken ausprobieren willst, dann tu das am Holz und nicht an meinen Knochen. Du hast mich von oben bis unten aufgeschlitzt.“
„Und du Blödmann mußt mir gerade in den Weg rennen!“ schrie Matt erbost zurück. „Auf meinem Schädel wächst eine Beule, und die tut auch verdammt weh.“
„Eine Beule!“ rief Blacky verächtich. „Eine scheißkleine Beule, he? So was zählt man nicht als Verletzung. Dein Haken …“
Aus einer der Kojen fuhr Luke Morgan hoch, aus der anderen Jeff Bowie, und in der dritten setzte sich Jack Finnegan auf und knallte prompt mit dem Schädel ans Holz.
„Was schreit ihr Affen hier herum?“ brüllte Luke Morgan. „Wenn da nicht gleich Ruhe herrscht, dann stopf ich dem nächsten Schreihals meine Faust in den Rachen, das verspreche ich euch, ihr Saftsäcke.“
„Halt du doch die Schnauze, und brüll nicht noch lauter als die anderen, du aufgebraßter Klotzkopf!“ schrie Jeff Bowie. „Das ist ja hier schlimmer als im Affenzirkus!“
Nach und nach wurden auch die anderen wach, und jetzt begannen sie sich gleichzeitig gegenseitig zu beleidigen. Die Bö war längst vorbei und vergessen, aber die Gemüter der aufgeschreckten Schläfer erhitzten sich jetzt daran, daß die anderen fluchten.
Pete Ballie war ebenfalls wach und sah in die Runde. Da waren nur schattige Gesichter zu sehen, dunkle oder helle Flecken, die im Rhythmus der See an den Wänden tanzten und mal größer oder mal kleiner wurden.
Der einzige, der mit unerschütterlicher Ruhe auf dem Rand seiner Koje hockte, war der Kutscher, der Smoky hochgepurrt hatte. Als er die Kerle fluchen hörte, grinste er nur, gab aber keinen Kommentar.
Daß Gary Andrews fehlte, bemerkte ebenfalls keiner. Dafür ödeten sie sich weiter an und stritten sich herum.
Auch Pete Ballie sparte nicht mit höhnischen Bemerkungen.
„Smoky steht natürlich am Ruder“, verkündete er, „das merke ich schon am Segeln. Der alte Decksknüppel segelt wohl unter Wasser, statt obendrüber. Der Kerl ist doch blöder als Schifferscheiße, und als Rudergänger ist er so geeignet wie ein alter Ziegenbock zum Eierlegen. Knurrt jetzt nicht länger rum, ich will meine Ruhe haben. Beschwert euch bei Smoky, und seht lieber mal nach, ob der wirklich das Ruder in der Hand hat. Oder ob er sich nicht bäuchlings achteraus gehängt hat und das Ruderblatt mit den Fingern bewegt.“
„Jawohl, Smoky ist schuld“, pflichtete ihm Blacky bei. „Aber Matt hat auch schuld, der hat mir mit seinem Haken …“
„Gleich zieh ich dir Zähne mit dem Haken, du Vollidiot!“ brüllte Matt. „Nimm doch deinen Arsch zur Seite!“
„Nimm du doch deinen Eierkopf ab!“ rief Blacky sauer. „Wenn der fehlt, hat die Welt nichts verloren.“
Der Kutscher hockte immer noch da und grinste still vor sich hin. Jetzt fehlt nur noch Carberry in dem allgemeinen Gemotze, dachte er, doch der schlief achtern in der Kammer.
Die Motzerei ging weiter. Lediglich Paddy Rogers hörte und sah nichts und grunzte zufrieden in seiner Koje. Paddy ließ sich weder beim Schlafen noch beim Essen stören.
Auf Smoky hackten sie jedoch weiter herum, und der konnte von Glück sagen, daß er auf dem Achterdeck stand, denn im Quartier hätte er sich eine Menge unflätiger Sachen anhören müssen.
Als Matt Davies dachte, daß der Streit zwischen ihnen jetzt beigelegt wäre, sah er sich getäuscht, denn Blacky hatte eine Stinkwut im Bauch.
Matt zog sich gerade aus, um sich in die Koje zu hauen, als Blacky ihn an der Schulter berührte.
„Eh“, knurrte er gallig, „von wegen auf die Matte hauen, Mister Davies, und klar bei allen Klüsen. Sieh dir mal meine Hose an, die ist von oben bis unten aufgeschlitzt. Glaubst du vielleicht, ich hole mir bei Will ’ne Rolle Kabelgarn und näh sie wieder zusammen? Das wirst du tun. Du flickst das Ding, und wenn du das nicht tust, dann besorgst du mir gefälligst ’ne neue Hose.“
Der Kutscher grinste, schüttelte den Kopf, stand auf und verließ immer noch kopfschüttelnd das Quartier, um in der Kombüse für die Achterdecksgasten heiße Brühe zu kochen.
Matt Davies lief ebenfalls die Galle über. Luke Morgan drohte aus seiner Koje, daß er jedem das Maul stopfen würde, wenn nicht gleich Stille wie auf dem Friedhof einkehren würde. Doch daran dachten die beiden überhaupt nicht.
„Ich deine Hose nähen?“ schrie Matt. „Du bist ja besoffen, Mister Blacky, stockbesoffen, sage ich. Bei dir dröseln ja die Gehirnbändsel langsam auf. Du kannst mich mal! Deine verdammte Pflicht wäre es, meine Beule am Schädel zu massieren, die du mir mit deinem dämlichen Holzkopf verpaßt hast.“
„Na gut, Mister Davies, ich massiere deine verdammte Beule. Aber dazu borg ich mir vom Profos die großen Stiefel, und dann kann’s losgehen. Oder ich hol mir ein paar Belegnägel, dann kriegst du deine Massage.“
„Jedenfalls ist Smoky schuld!“ rief Jack Finnegan aus seiner Koje.
„Halt’s Maul, schlaf weiter!“ brüllte Luke.
„Du kannst mir mal den Heckanker klarieren!“ schrie Matt sauer. Dann haute er sich wütend in die Koje, während Blacky fluchend nach dem Kutscher rief.
„Der ist weg“, sagte Bill. „Was willst du denn von ihm?“
„Die Schramme, die mir der Blödmann Davies verpaßt hat, die blutet jetzt!“ schrie Blacky. „Soll ich hier etwa wie ein abgestochenes Schwein herumlaufen? Die Wunde muß behandelt werden. Wer weiß, was Mister Davies wieder für Dreck an seinem Haken hatte.“
„Halb so schlimm“, sagte Bill abschwächend.
„Halb so schlimm?“ grollte Blacky. „Das kennt man ja. Ich hau mich in die Koje, kriege ’ne Blutvergiftung, und wenn ich wieder aufwache, dann …“
„Bist du tot“, sagte Jack Finnegan dumpf.
„Richtig. Dann bin ich vielleicht tot. Ich will aber keine Blutvergiftung kriegen, und deshalb muß der Kutscher her.“
„Der ist weg“, sagte Bill noch einmal. „Weck doch Mac Pellew auf, der kann das auch.“
Auf Mac Pellew hatte keiner geachtet. Der schlief ganz hinten im Quartier und ebenso unerschütterlich wie Paddy Rogers.
Blacky nahm fluchend die Lampe und leuchtete Mac Pellew ins Gesicht.
„Mein Gott, was träumt der denn!“ sagte er entsetzt.
Mac Pellew sah schon tagsüber grämlich, verdrossen und unendlich traurig aus, aber jetzt im Schlaf gesellte sich noch ein deutlich melancholischer Zug hinzu, und Blacky hörte ihn entsagungsvoll leise seufzen. Dieses Gesicht war so leidend und von innerer Trauer überzogen, daß Blacky glaubte, Mac Pellew liege auf dem Totenbett und erhalte gerade seine Letzte Ölung. Und es schien Mac selbst furchtbar leid zu tun, diese Welt verlassen zu müssen.
Seinen theoretischen Abgang aus diesem Jammertal begleitete er daher mit einem beständigen, kaum hörbaren Seufzen.
„Vielleicht träumt er von Svanhild Detlevson“, meinte Bill, „oder von den Räucherheringen.“
Blacky rüttelte den traurigen Schläfer an der Schulter.
Mac Pellew tauchte aus der Traurigkeit auf, und dabei verwandelte sich sein Gesicht auf erstaunliche Weise. Der klagende Jammer darin verschwand, ein paar düstere Falten erschienen, dann Zorn und Trauer gemischt und schließlich eine grämliche Empörung, daß man es wagte, ihn zu wecken. Er blinzelte total verdrießlich in die Lampe und versuchte, die Gestalt dahinter zu erkennen.
„Ich hab ’ne Blutvergiftung!“ schrie Blacky. „Du mußt mich retten, Mac, ganz schnell!“
„Er hat ’ne Blutvergiftung“, höhnte Matt aus seiner Koje. „Am besten amputierst du ihm gleich seinen dämlichen Quatschkopf, Mac.“
„So ’n Scheiß“, sagte Mac vernehmlich und stand erbittert auf. „Laß mal sehen.“
Etwas schlaftrunken starrte er auf die leicht blutende Schramme.
„Wo ist die Blutvergiftung?“ fragte er grämlich.
„Na hier, Mann, das sieht man doch.“
„Ich seh gar nichts“, knurrte Mac übellaunig. „Ich seh nur ’nen läppischen kleinen Ritzer, wie ihn sich jeder Rotzbengel mal beim Spielen holt, aber ich seh keine Blutvergiftung.“
„Aber es wird eine werden“, behauptete Blacky. „Mister Davies hat mich mit seinem dreckigen Haken aufgespießt.“
„Haha!“ tönte es verächtlich aus Matts Koje. „Meine Beule ist inzwischen so groß, daß ich zwei Kojen zum Schlafen brauche.“
„Ihr spinnt ja“, sagte Mac sauer. „Aber gut, damit mir keiner nachsagt, ich hätte die Mannschaft sterben lassen. Ich hole dir was zum Verbinden.“
„Aber beeil dich, Mac.“
„Sonst muß Blacky sterben“, sagte Matt höhnisch. „Du mußt wie der Blitz zurück sein, Mac.“
„Ihr seid ja bescheuert“, grollte Mac. Als er aus dem Krankenraum wieder zurückkehrte, säuberte er den Kratzer und fuhr den besorgten Blacky an: „Stell dich bloß nicht so an mit deinem blöden Kratzer. Einmal hattest du ein Messer zwischen den Rippen stecken und hast es nicht bemerkt, und heute heulst du rum wie ein altes Weib.“
„Jedenfalls will ich wegen Matts blödem Haken nicht gleich abnippeln. Man weiß ja nie.“
Inzwischen verging die Zeit, und immer bemerkte noch keiner das Fehlen von Gary Andrews. Garys Koje lag im Dunkeln, und so schaute auch niemand hinein.
Mac verband den Kratzer und sah Blacky an.
„Einen wegen so ’m Scheiß zu wekken“, sagte er. „Wenn du mich noch mal hochpurrst, klopfe ich dir eins mit der Bratpfanne auf den Schädel. Und jetzt hau dich in deine Koje. Du wirst ganz sicher hohes Fieber kriegen und ein paar Wochen im Krankenraum verbringen müssen. Vielleicht überlebst du es auch nicht. Aber ich sage dann Will Thorne Bescheid, damit er dir einen schönen Segelsack näht. Und die Fahne werden wir natürlich auch halbstocks setzen.“
Blacky wurde immer kleinlauter, bedankte sich schließlich etwas mürrisch und haute sich in die Koje. Mittlerweile war es im Quartier wieder ruhiger geworden.
Die „Isabella“ lag inzwischen längst über Steuerbordbug und segelte den Kreuzschlag, der von der Küste weg auf die See hinausführte, um wieder Höhe zu gewinnen. Den Holebug nannte man das.
In der Koje drehte Blacky sich noch einmal um, und rein zufällig streifte sein Blick dabei auch Garys Koje, die der seinen gegenüber auf Steuerbord lag.
Er stutzte und blickte über den Mittelgang noch einmal hin. Da lagen nur die Decken in der Koje, aber kein Gary Andrews. Erneut vergewisserte er sich, daß die Koje leer war.
Sehr merkwürdig war das!
„He, Matt“, raunte er, „weißt du, wo Gary ist? Seine Koje ist leer, aber Gary ist doch gleich nach uns auch nach vorn gegangen. Glaube ich jedenfalls.“
Der Hakenmann war schon halb im Tran und im ersten unruhigen Schlaf und wälzte sich ärgerlich herum.
„Hör bloß mit deinen dämlichen Fragen auf, du Blutvergifter. Vielleicht kannst du dir denken, wo Gary ist. Nämlich da, wo du auch hin und wieder mal hingehst, wenn du mußt.“
„Du meinst, auf dem Abtritt des Galions?“
„Kackst du vielleicht auf die Kuhlgräting, du Hering?“ schrie Matt verärgert zurück. „Oder ins Steuerhaus, he?“
Die Antwort war ein unfreundliches Brummen. Blacky sagte dem Hakenmann noch, was er ihn könne, dann zog er sich die Decke über die Ohren und war kurz darauf eingeschlafen.
Er träumte ziemlich wirres Zeug, hatte im Traum wieder Streit mit Matt Davies und starb schließlich an einer Blutvergiftung.
Will Thorne nähte ihm einen großen Segelsack, und dann feuerten sie Blakky unter höllischem Gelächter in die See.
Im Schlaf begann er zu schwitzen und wälzte sich unruhig von einer Seite auf die andere.
2.
Die Böen fielen immer noch unregelmäßig und hart ein, und am Ruder schwitzte Smoky Blut und Wasser, um jeden Drücker sogleich abzufangen.
Das gelang ihm nicht immer, es war ohnehin eine höllische Schinderei, und es passierte noch einmal, gerade als sich Blacky in seiner Koje – von Alpträumen geplagt – herumwälzte.
Diesmal holte die „Isabella“ stark über, die See tobte über die Decks, und die Luft war mit Zischen und Brodeln erfüllt.
Blacky rutschte durch seine Koje, stieß irgendwo an und hieb wild um sich. Der Schmerz ließ ihn schlagartig wach werden. Genau an der verbundenen Schramme hatte er sich gestoßen.
Mit einem Fluch auf den Lippen sichtete er sich auf.
„Dieser Anfänger!“ brüllte er. „Dem Smoky hau ich die Klüsen dicht, wenn sein Törn rum ist. Dieser verdammte Nachttopfsegler! Wer soll denn dabei noch schlafen!“
Zornerfüllt sah er sich um. Aus dem Quartier drang das Schnarchen der Arwenacks, die der plötzliche Drücker nicht hatte wach werden lassen, und darum beneidete sie Blacky.
Er wußte nicht, wie lange er geschlafen hatte. Im Quartier war alles zeitlos, da schaukelte nur die Ölfunzel vom Deckenbalken und schwang wild und unbändig hin und her.
Wieder blickte er rein zufällig zu der anderen Koje hinüber, doch die war immer noch leer. Nichts hatte sich da verändert.
„Verdammt“, murmelte Blacky leise und starrte in die Koje.
Angestrengt überlegte er, wieviel Zeit wohl vergangen sein mochte, seit er eingeschlafen war und diesen Quatsch geträumt hatte.
Waren es nur Augenblicke gewesen, Minuten oder Stunden?
Er stieg aus der Koje, um sich ganz genau zu vergewissern, daß Gary wirklich nicht gegenüber lag. Die Decken lagen unberührt in der Koje, und nun beschlich Blacky doch ein dumpfes und verdammt mulmiges Gefühl. Ihm wurde unheimlich.
Ohne Rücksicht zerrte er Matt Davies aus der Koje, der auch erst eine Weile brauchte, bis er klar denken konnte.
„Gary ist weg“, sagte Blacky heiser.
Der Hakenmann war über die erneute Störung nicht gerade erfreut und bedachte Blacky mit üblen Flüchen.
„Das hast du doch gerade eben gesagt!“ schimpfte er. „Oder ist das schon länger her?“
„Bestimmt schon viel länger.“
„Glaubst du etwa, daß er über Bord …“ Matt Davies traute sich kaum weiterzureden. Er sah nur, daß Blacky hart und fassungslos schluckte und mit fast irrem Blick immer wieder in die leere Koje stierte, als könne er Gary dort mit seinen Blicken hineinwünschen.
„Los, wir purren die Kerle hoch!“ schrie Blacky. „Und wir durchsuchen gleich das ganze Schiff.“
Auf der friedlich dahinsegelnden „Isabella“ herrschte gleich darauf der gefürchtete Zustand, eine Wuhling, die sich darin äußerte, daß zunächst alle Männer aus den Kojen flitzten und anfingen, das Schiff von vorn bis achtern abzusuchen.
„Der kann doch nicht über Bord sein“, sagte Blacky immer wieder.
Inzwischen waren Hasard, Ben, Carberry und Ferris Tucker auf dem Achterdeck erschienen. Alle waren jetzt auf den Beinen, und zuerst suchten sie das Galion ab.
Aber Gary Andrews war spurlos verschwunden. Es stand mit absoluter Sicherheit fest, daß er sich nicht mehr an Bord des Schiffes befand.
Diese Erkenntnis war so niederschmetternd und erdrückend, daß sie alle die Köpfe hängenließen.
Aber jetzt griff der Seewolf ein und traf in aller Eile die notwendigen Maßnahmen.
Zunächst wurde das Achterdeck hell erleuchtet, und im Schein der vielen Lampen sahen sie sein hartes, kantiges und verbissen wirkendes Gesicht. Die Augen waren gnadenlos und kalt, und seine Stimme hatte einen eisigen, fast metallischen Klang, der ihnen durch und durch ging.
„Bewahrt zunächst einmal Ruhe“, sagte er gepreßt. „Wir werden nicht wie kopflose Hühner handeln. Es steht fest, daß Gary über Bord gegangen ist und niemand sein Verschwinden bemerkte. Darüber wird noch zu sprechen sein. Werft jetzt Holz und Grätings ins Wasser. Gebt der ‚Wappen von Kolberg‘ das vereinbarte Zeichen, daß wir zurücksegeln. Sie werden zwar nicht wissen, warum wir das tun, aber sie werden sich denken können, daß wir gute Gründe dazu haben. Und jetzt zu Gary: Smoky sagt, er hätte ihn als letzter noch einmal gesehen. Das war nach dem Wachwechsel um Mitternacht. Ins Quartier ist er nicht mehr gegangen, sonst hätte ihn da wenigstens einer sehen müssen. Seine Koje ist unberührt, wie wir festgestellt haben. Gary muß also in dem Augenblick außenbords gegangen sein, als wir diese Bö voll nahmen und hart überkrängten. Inzwischen hat es viermal geglast, es sind also zwei Stunden vergangen.“
Dieser letzte Satz hing unheilschwer über ihren Köpfen.
Hasard sah in bleiche und entsetzte Gesichter, in Augen, die fassungslos auf das Meer blickten, in Augen, die wohl wußten, daß es unwahrscheinlich war, einen Mann nach zwei Stunden noch einmal im Meer zu entdecken. Ganz zu schweigen von den zwei Stunden, die sie bis zum vermeintlichen Punkt brauchten.
Das war härter als eins mit dem Knüppel, und er sah ihnen an, daß es jeden schockte und ihnen allen durch die Knochen fuhr.
Smoky stand wie ein Häufchen Elend am Ruder. Ihm war schlecht, und das sagte er auch.
„Ich bin daran schuld, Sir“, sagte er heiser. „Wenn Gary etwas passiert, ist es meine Schuld. Ich habe die Lady viel zu spät abgefangen, weil ich nicht schnell genug angeluvt habe. Ich habe das einfach nicht richtig erkannt.“
Hasard schwieg zu den Selbstvorwürfen. Sein Gesicht verschloß sich noch mehr.
Auf allen Decks brannten jetzt Lampen. Die „Isabella“ war in helles Licht getaucht, das mit seinem Schein auch die See ringsum erhellte.
Der Profos scheuchte die Männer mit Donnerstimme und harten Worten auf die Stationen, und diesmal fluchte er nicht, wie es sonst seiner Art entsprach. Auch packte er gleich mit an.
Den anderen war der Schock so in die Knochen gefahren, daß sie sich wie gelähmt fühlten. Smoky hatte so ein Gefühl im Magen, daß er sich am liebsten übergeben hätte.
Hasard sah, daß das Licht auf der „Wappen von Kolberg“ sofort bemerkt worden war und sie jetzt ebenfalls Anstalten trafen, den Kurs wieder zurückzusegeln.
Gary Andrews ist über Bord gegangen, dachte er wie betäubt. Und das schon vor zwei Stunden!
Gary! Wie lange kannten sie ihn schon? Seit der ersten Stunde, schon von der „Marygold“ her. Matt, Blakky, Smoky und Gary waren die Männer der Stammcrew, der Kern der Seewölfe, zu denen später auch der Profos Edwin Carberry und einige andere gehörten.
Was mußte in diesem von Gott und der Welt verlassenen Mann jetzt wohl vorgehen, überlegte Hasard, wenn er irgendwo zwischen den Wellen einsam um sein Leben kämpfte. Mit Sicherheit verließ er sich darauf, daß man sein Verschwinden sehr bald bemerken würde. Und an diese Hoffnung klammerte er sich auch. Das gab ihm neuen Lebensmut und Auftrieb, das ließ ihn ausharren.
Aber sie hatten sein Verschwinden nicht bemerkt, nichts war ihnen aufgefallen, statt dessen hatten sie sich im Quartier gegenseitig angeödet, nur weil einer eine Schramme und der andere eine Beule hatte.
In Hasard stieg ein nie gekannter Zorn hoch.
„Warum hast du nicht gleich Krach geschlagen, als du merktest, daß Gary nicht in seiner Koje war?“ fragte er Blacky mit harter Stimme.
„Wir – wir dachten, Sir – Gary sei vielleicht auf den Abtritt des Galions gegangen.“
„Das wundert mich, daß ihr sogar gedacht habt“, sagte der Seewolf eisig. „Und dabei blieb es. Ihr mußtet ja um des Kaisers Bart streiten, das war wichtiger. Inzwischen ging wertvolle Zeit verloren.“
„Ich bitte um Entschuldigung, Sir“, murmelte Matt Davies verstört, „keiner hat auch nur entfernt daran gedacht, daß Gary über Bord gehen könnte.“
„Die Entschuldigung lasse ich nicht gelten, sie ist nichts weiter als Geschwätz.“
„Aber Sir …“
„Halt den Mund, Mister Davies, oder ich vergesse mich. Ihr seid zu gleichgültig geworden, euch ist alles egal. Was kümmert euch schon der Nebenmann! Ihr hängt in letzter Zeit etwas im Schlendrian, ihr laßt nach. Aber ich werde euch wieder auf Trab bringen, und wenn wir Gary nicht mehr finden, dann wird sich hier vieles ändern, verlaßt euch drauf! Ich nehme das nicht so hin!“
„Ich habe wirklich geglaubt, Gary sei auf den Abtritt gegangen“, murmelte Blacky heiser und mit gesenktem Kopf. „Jeder verschwindet mal für kurze Augenblicke, und keiner denkt sich was dabei.“
„Du brauchst dich weder zu entschuldigen noch zu verteidigen“, peitschte Hasards harte Stimme auf. „Ihr seid dickfellig geworden, nachlässig und schludrig. Ihr seht nur noch euch selbst.“
Die Männer zuckten zusammen. Hasard sprach zu ihnen mit selten gehörter Schärfe. Erbarmungslos kanzelte er sie ab, bis sich die Köpfe noch tiefer senkten und Beschämung in den Gesichtern stand.
„Sir …“, murmelte Matt Davies.
„Ich will nichts mehr hören!“ brüllte der Seewolf. „Sucht die Schuld gefälligst nicht bei anderen, sucht sie bei euch, und faselt mir nicht ständig die Ohren voll, daß es euch leid tut. Ihr hättet euch früher darum kümmern müssen.“
Wieder zuckten sie zusammen. Jeder hing seinen Gedanken nach, die Gary Andrews galten. Besonders Matt Davies kroch in sich zusammen, denn er hatte eine derartige Situation bereits einmal in aller Härte durchlebt. Auch er war einmal über Bord gegangen und hatte nie geglaubt, daß er es überleben würde. Davon waren über Nacht auch seine Haare grau geworden.
Jeder versuchte, sich in Garys verteufelte Lage zu versetzen. Die Frage, die nicht ausgesprochen wurde, hing ihnen allen auf den Lippen.
Wie lange konnte er durchhalten? Schaffte er es, oder war er längst ertrunken?
Sie sahen dem Seewolf beschämt nach, der erregt auf dem Achterdeck auf und ab ging, den Blick immer wieder auf die See gerichtet. Manchmal streifte er auch ihre Gesichter, und dann spürten sie, wie es ihnen heiß wurde. Immer wieder äußerte er sich mit einer Schärfe, die sie nicht mehr gewohnt waren.
Irgendwo, weit zurück, trieb jetzt ein einsamer Mann im Wasser. Er war allein auf dem Meer, er sah keine Sterne, er konnte sich nicht orientieren und hielt sich vermutlich in der Hoffnung über Wasser, daß sie ihn bald fanden.
Wenn er überhaupt noch schwamm …
Es ging ihnen allen schwer an die Nieren, und vor ihrem geistigen Auge tauchte immer wieder das Gesicht Gary Andrews’ auf, unbekümmert und offen, freundlich und hilfsbereit. Ein Kampfgefährte, der nicht mehr aus ihren Gedanken zu verbannen war.
Gleichzeitig schockte sie das Wissen um die geringe Chance, ihn wiederzufinden. Zwei Stunden waren vergangen, seit er verschwunden war, zwei weitere Stunden würden vergehen, bis sie die Stelle erreichten, wo er über Bord gefallen war. Das hieß aber noch lange nicht, daß sie ihn dann auch fanden.
Ben Brighton und Dan O’Flynn rechneten noch immer fieberhaft aufgrund des zurückgelegten Kurses, welche Position die „Isabella“ hatte, als Gary über Bord gewaschen wurde. Hasard rechnete auch mit. Sein Gesicht war von Trauer und Sorge überschattet. Nach einer Weile deutete er auf die Karte.
„Wir werden das Gebiet um Rixhöft absuchen“, sagte er leise. „Dort muß es passiert sein. Wir setzen jetzt jeden Fetzen Tuch, damit wir so schnell wie möglich dort eintreffen. Ich warte nur noch, bis die ‚Wappen von Kolberg‘ bis auf Rufweite heran ist.“
Dan O’Flynn nickte bestätigend.
„Die Stelle haben wir in etwa“, meinte er. „Es fragt sich nur, wie weit Gary inzwischen abgetrieben worden ist. Ob er in der Finsternis weiter auf See hinausschwamm oder ob es ihm gelang, das Festland zu erkennen. Anhaltspunkte hat er ja keine“, setzte er erbittert hinzu.
Hasard stieß tief die Luft aus und wandte sich ab. Etwas später war die „Wappen von Kolberg“ auf Rufweite heran und segelte fast in gleicher Höhe den alten Kurs zurück.
„Was ist passiert?“ erklang von drüben die vertraute Stimme von Hasards Vetter Arne von Manteuffel.
„Mann über Bord!“ rief Hasard und legte die Hände vor die Lippen, weil der Wind die Worte gleich wieder fortriß. „Es muß etwa auf der Höhe von Rixhöft passiert sein.“
Ein paar Sekunden herrschte Stille, dann fragte Arne von Manteuffel verblüfft zurück: „Das ist ja schon zwei Stunden her. Habt ihr das jetzt erst bemerkt?“
„Leider jetzt erst!“ rief Hasard. Er wollte noch etwas hinzufügen, schwieg dann aber und verkniff sich die harte Bemerkung gerade noch. Später konnte er mit Arne darüber reden.
„Das tut mir leid!“ brüllte Arne. „Gebe Gott, daß wir ihn noch finden. Wir werden die ganze Küste auf den Kopf stellen.“
„Ja, das werden wir“, sagte auch Hasard. Er schien wie von einer schweren Last gebeugt und hoffte inständig, daß Gary es noch eine Weile aushalten würde.
„Jeden Fetzen Tuch hoch!“ befahl er hart. „Danach die Boote klarmachen, daß wir nach dem Ankern sofort suchen können.“
„Aye, aye, Sir!“ schrie der Profos. Auch er war in dieser Nacht ein anderer als sonst. Kein noch so lahmer Scherz kam über seine Lippen, nicht mal ein Wort der Aufmunterung.
Kurz darauf lief die „Isabella“ unter vollem Preß, gefolgt von der ebenfalls voll aufgetuchten „Wappen von Kolberg“.
Blacky und Matt Davies klarierten gerade die Nagelbank. Sie sahen sich mit bitteren Gesichtern an. Blacky heulte fast, so ging ihm das Verschwinden Garys an die Nieren. Aber dem Hakenmann Matt Davies erging es nicht anders. Sie gaben sich immer wieder gegenseitig die Schuld.
„Ich bete für ihn“, sagte Matt schniefend. „Verdammt, hätte ich nur auf dich gehört, als du nach Gary fragtest, Blacky.“
„Und hätte ich nur gleich nachgesehen“, sagte Blacky niedergeschlagen.
Mit dem „Wenn“ und „Hätte“ hatten sie es die ganze Zeit. Aber das ließ sich nicht mehr korrigieren, und so standen sie traurig und mit suchenden Augen an der Nagelbank und blickten immer wieder über die See.
Jeder kannte des anderen Gedanken, aber keiner wagte, ihn offen auszusprechen.
Der Himmel war schwarz und verhangen. Hin und wieder jagte eine Bö heran. Vom Mond war kein Zipfelchen zu sehen, auch kein einziger Stern lugte durch die finstere Wolkendecke. Dazu kam die kabbelige See mit den weißen Schaumköpfen auf den Wellen.
Die starrten sie an wie hypnotisiert und stellten sich vor, daß Gary irgendwo im Dunkel der Nacht, weit weg von hier, seinen aussichtslosen Kampf gegen die Elemente kämpfte. Allein die bloße Vorstellung war schon furchtbar genug. Wie mußte ihm da erst selbst zumute sein, wenn er um sein Leben schwamm. Ohne Ziel und ohne Hoffnung. Niemand hielt das lange durch, da war nicht nur die körperliche Belastung zu stark, das zerrte auch an den Nerven, weil kaum Hoffnung bestand.
Selbst wenn sie die Stelle erreichten, hatten sie ihn noch lange nicht, denn einen Mann in dieser See und dazu bei Nacht und totaler Finsternis zu suchen und auch zu finden, das grenzte schon an ein Wunder.
Eher fand man die verdammte Stecknadel im Heuhaufen.
3.
Gary Andrews war ein Seewolf, und das hieß nichts weiter, als daß er sich nicht einfach verloren gab.
Den Schock, so plötzlich über Bord gegangen zu sein, hatte er inzwischen verkraftet, und er begrub auch gleich darauf die heimliche Hoffnung, daß man sein Überbordgehen bemerkt hatte.
Aus, Ende, das hatte er gerade eben noch gedacht, doch nun nahm er den Kampf ums Überleben auf, wenn es auch wenig sinnvoll erschien. Er war nicht der Kerl, der sich jetzt heulend und zähneklappernd selbst bemitleidete, er war aus Hartholz, aus guter englischer Eiche, und die war hart, knorrig und fest.
Einfach absaufen, und dann war alles aus? No, Sir, dachte er. Ich bin ein guter Schwimmer, und solange ich nur einen Arm bewegen kann, werde ich schwimmen. Wenn es sein muß, bis in alle Ewigkeit.
So sprach er sich selbst Mut zu. Als er durch die Finsternis blickte, glaubte er trotz der Schwärze den Schatten der „Isabella“ doch noch als unförmigen Umriß zu erkennen.
Sie entfernt sich mit einer geradezu unglaublichen Geschwindigkeit, dachte er.
Er sah den Schatten längst nicht mehr, doch in seiner Einbildung existierte er weiter, und er starrte sich die Augen aus. Den Lichtkranz vom Achterdeck glaubte er jedoch noch deutlich erkennen zu können, der von der Hecklaterne herrührte, milchig und verwaschen schien wie der Hof des Mondes an einem diesigen Tag.
Übergangslos fiel er in ein tiefes Tal und begann mit den Armen um sich zu schlagen. Etwas zischte laut, wälzte sich dann heran und hob ihn auf einer schaumigen Woge hoch.
Der ewige Rhythmus der See erfaßte ihn und warf ihn hin und her. Immer wieder schlug das Wasser über ihm zusammen. Wirbel entstanden vor seinem Gesicht, hoben ihn hoch, drückten ihn nach unten. Er sah sie nicht, er fühlte sie nur, wenn sie ihn bereits erreicht hatten. Deshalb fiel es ihm auch schwer, immer rechtzeitig Luft zu holen.
Da war doch noch die Hoffnung, daß auf der entschwindenden „Isabella“ jetzt plötzlich Lichter aufflammten, daß Kommandos gebrüllt wurden, der riesige Schatten herumschwang und auf den anderen Kurs ging.
Einbildung ist das, dachte er nüchtern, bloßes Wunschdenken, denn er hatte die Orientierung verloren und wußte überhaupt nicht mehr, in welche Richtung sich das Schiff entfernte.
Die „Wappen von Kolberg“ war noch lange vor der „Isabella“ verschwunden und damit auch das Licht ihrer Achterdeckslampe.
Es ließ sich nicht leugnen, daß er die Hoffnung jetzt endgültig begraben mußte. Nichts mehr war zu sehen außer den schaumigen Kronen wildbewegter See, die mit tausend Salzarmen nach ihm griff.
Sein anfängliches Drauflospaddeln entsprach seiner ersten Panik, die sich jetzt immer mehr legte. Das Wasser war zwar lausig kalt, fast eisig, doch er war abgehärtet genug, um es eine ganze Weile zu ertragen.
Kühl und überlegt rechnete er sich jetzt eine Chance aus, eine lächerlich einzige nur, aber sie war da. Er mußte es schaffen, Land zu erreichen.
Das einzige, was er wußte, war, daß das Land im Süden lag, und so rief er sich ins Gedächtnis zurück, wie sie gesegelt waren, bevor die Wachablösung erfolgte, und wie die See stand.
Demnach mußte Süden im rechten Winkel zur Wind- und Wellenrichtung liegen. Als er Smoky das Ruder übergab, hatte der Wind aus Westen geweht. Von West her wurde auch das Wellenbild bestimmt.
Also lag er auf dem falschen Kurs“, denn er kriegte die See hart, von der Seite, von der falschen allerdings.
Wieder schluckte er überraschend Wasser, als er sich herumdrehte. verdammt schwierig war das, sich in er Finsternis zu orientieren, denn auch die See spielte ihm einen Streich. Mitunter hatte er das Gefühl, sie würde von allen Seiten gegen ihn anrennen.
Nach und nach drehte er sich so weit im Wasser, bis seine Beine nach Norden zeigten. Er blickte jetzt nach Süden, doch da gab es nichts anderes zu sehen als in den anderen Himmelsrichtungen auch — nur Wasser, Schaum und Finsternis.
Jetzt kriegte er die Wellen von der anderen Seite, und diesmal war es die richtige. Erneut brauchte er eine ganze Weile, um festzustellen, daß er sich auch nicht irrte, denn der kleinste Irrtum in seiner Situation war absolut tödlich. Da würde er nicht zum Land schwimmen, sondern immer weiter auf See hinaus — so lange, bis ihn die Kräfte verließen und er jämmerlich absoff und sein Grab im Baltischen Meer fand.
Im Ententümpel, dachte er, im Heringsteich und wie sie die Ostsee noch bezeichnet hatten. No, Sir, sagte er sich, ein Gary Andrews, der ersoff nicht in einem Heringsteich, der suchte sich sein Seemannsgrab zwischen Korallen, wie es sich gehörte, aber nicht im Baltischen Meer, wo einen die Heringe und Dorsche verwundert anstarrten und wo man mehr auf Grund stand, als man lag.
Er grinste verkniffen und dachte diesen Gedanken zu Ende. War doch ganz lustig, von ein paar Miesmuscheln angestarrt zu werden und sich nach dem Tode vielleicht in der Aalreuse eines knorrigen Fischers wiederzufinden.
Erneut überschwemmte ihn ein hoher, harter Brecher und trug ihn ein ganzes Stück fort.
Verflucht lausig kalt wurde es nun. Die Beine waren schwer wie Blei, die Arme klamm und steif, und nachdem er sich daran gewöhnt hatte, im Wasser zu treiben, kehrte auch die Müdigkeit langsam wieder zurück.
Was mochten sie wohl jetzt auf der „Isabella“ tun? Na klar, die meisten lagen in ihren Kojen und grunzten zufrieden vor sich hin.
Aber Matt und Blacky mußte es doch, verdammt noch mal, eigentlich auffallen, daß seine Koje leer war. Oder waren sie so müde, daß sie sich einfach hinhauten, ohne nach links oder rechts zu sehen?
War ihm ja auch schon passiert, überlegte er. Man knautschte sein „Gute Nacht“ durch die Zähne, zog sich die Decke über die Ohren und war gleich weg. Besonders dann, wenn man die Lady ein paar Stunden bei Nacht durch die See gejagt hatte.
Verdammt merkwürdige Gedanken gingen ihm durch den Sinn. Ernsthaft fragte er sich, was es wohl zum Frühstück geben würde.
Pfannkuchen mit Sirup vielleicht? Vielleicht hielten sie für ihn eine Extraration zurück, weil sie wußten, daß er höllisch ausgehungert zurückkehren würde.
Quatsch war das, ausgemachter Blödsinn. Er dachte an dämliche Pfannkuchen mit Sirup, und dabei kämpfte er um sein Leben, schluckte immer wieder diese kalte, salzige Brühe und versuchte ständig, nicht vom Kurs abzuweichen. Wenn der Wind jetzt unmerklich drehte, fand er sich ohnehin nicht mehr zurecht, denn dann hatte er keinen Bezugspunkt mehr.
Aber diese Gedanken, mochten sie auch noch so verrückt sein, taten ihm wohl und lenkten ihn oft genug ab. Er gähnte mit geschlossenem Mund, bis seine Wangenmuskeln schmerzten.
Dann konzentrierte er sich mit aller Gewalt darauf, das Land im Süden zu erreichen, das noch in so weiter Ferne lag. Wieder rief er sich die Wache auf dem Achterdeck ins Gedächtnis zurück. Zehn oder fünfzehn Minuten nach dem Wachwechsel mußte die „Isabella“ auf den Steuerbordbug gehen, um nicht zu dicht unter Land zu geraten. Demnach konnte das Land eigentlich gar nicht so unendlich weit entfernt sein, redete er sich immer wieder ein. Vielleicht befand es sich schon ganz dicht vor ihm. Er sah es wegen der totalen Finsternis nur noch nicht.
Gary Andrews spürte, daß seine Arme immer schwerer wurden. Seine nach Norden gerichteten Beine lagen nicht mehr waagrecht im Wasser, sondern hingen durch. In den Kniekehlen hockte die Kälte wie Eis, die seine Bewegungen lahmer werden ließ. Bei jedem zweiten Atemzug geriet ihm Wasser in den Mund. Es brannte in den Augen, biß in der Nase und beizte seine Lippen. Hustend und Wasser spuckend schwamm er weiter. Eine Welle hinauf, dann wieder hinunter. Die dritte schlug wirbelnd und schaumig über ihm zusammen und drückte ihn dem Grund entgegen.
Jetzt schmerzte auch sein Nacken von der Kälte, und seine Glieder wurden immer schwerer.
„Da vorn ist die Küste!“ ächzte er. „Nur noch ein paar Kabellängen, dann bin ich an Land!“
Nach einer Weile verlor er auch das Zeitgefühl und wußte nicht mehr, wie lange er nun schon im Wasser schwamm. Es konnten Minuten, aber auch schon Stunden sein – eine Ewigkeit womöglich.
Vom Land war immer noch nichts zu bemerken, und als er sich einmal sinken ließ, fand er unter sich keinen Grund. Danach legte er sich auf den Rücken und ließ sich von den Wellen schieben.
Nach und nach erlahmten durch die Kälte seine Kräfte. Die Arme waren noch schwerer geworden, die Beine bewegte er mitunter kaum noch.
Dann kam die Zeit, da er glaubte, er würde es doch nicht mehr schaffen. Das Land war viel zu weit weg. Er verspürte wieder diese unheimliche Mattigkeit und hatte nur noch den Wunsch, endlos lange zu schlafen, sich auszuruhen. Gleichzeitig wurde auch der Fluß seiner Gedanken träger. Er dachte kaum noch etwas. Alles rückte wie in geisterhafte neblige Fernen. Gleichgültigkeit kam auf, und er hatte den Wunsch, sich einfach sinken zu lassen, aufzugeben, sich nicht mehr abzustrampeln, weil es ja doch nichts mehr einbrachte und keinen Sinn hatte.
Die Zeit tropfte endlos dahin. Eine Woge überrannte ihn. Er Verlor die Orientierung und schloß müde die Augen. Man kann sogar beim Schwimmen schlafen, dachte er schwach.
Aber das war dann auch gleichzeitig das Ende. Noch einmal riß er sich zusammen, stellte entsetzt fest, daß er unwillkürlich die Richtung gewechselt hatte, und verfiel fast in Panik, als er sich nicht gleich zurechtfand.
Ein verrücktes Ding war das. Augenblicklich war er munter und dachte in seiner ausweglosen Situation wieder an Pfannkuchen mit Sirup, als gäbe es nichts Wichtigeres auf der Welt. Dabei aß er sie gar nicht einmal so besonders gern, nur jetzt verspürte er seltsamerweise einen regelrechten Heißhunger darauf.
Solche verrückten Gedanken gingen einem wohl durch den Kopf, wenn man gleich jämmerlich ersoff.
Er schwamm weiter, bewegte sich aber kaum noch. Die Wellen stießen und schoben ihn, hoben ihn hoch, drückten ihn runter, spielten ihr tödliches Spiel mit ihm.
Gary kämpfte gegen sich selbst. Da war schon wieder diese abgrundtiefe Müdigkeit, die Kälte, die Schwäche, die aussichtslose Lage, doch noch das Land zu erreichen, und die geheime Angst, ausgerechnet vielleicht in eine tief ins Land schneidende Bucht zu schwimmen, die kein Ende nahm.
Einmal glaubte er das feine Klingen von weit entfernten Glocken zu vernehmen. Da war auch gleichzeitig ein ständiges Summen, das einschläfernd wirkte. Die Glocken klangen lauter, ihre Schläge waren dumpf und nachhallend, und in seinen Ohren war ein dunkles Brausen.
Er spürte, daß er unterging. Er konnte nicht mehr. Die Kraft fehlte ihm, um Arme und Beine zu bewegen. Es war, als hielte ihn jemand erbarmungslos fest und ließe ihn nicht mehr weiterschwimmen. Oder zog ihn jemand ganz bewußt in die Tiefe?
Er holte tief Luft, denn der Druck auf seinen Lungen wurde immer unerträglicher. In diesem Augenblick schien er von innen her zu explodieren. Statt der Luft sog er Salzwasser in seine Lungen, und ein höllisch brennender Schmerz weckte ihn augenblicklich.
Wie ein Wilder schlug er um sich, hustete, krächzte und spie das brennende Salzwasser aus. Ein rasender Kopfschmerz plagte ihn, und er schnappte mit einem irren Schrei erneut nach Luft, strampelte und begann, wie ein ertrinkender Hund zu paddeln.
Schlagartig erwachten seine Lebensgeister wieder. So deutlich wie eben hatte er den Tod durch Ertrinken noch nie gespürt. Nur noch ein weiterer falscher Atemzug, Wasser anstelle von Luft, und er hätte es nicht mehr durchgestanden.
Verflucht, wo war denn die Küste? Er schwamm doch schon die ganze Nacht. Er konnte jetzt wirklich nicht mehr. Das Leben, das in ihn zurückfloß, hielt nicht lange an, es war nur das Aufbegehren eines Körpers, über den er keine Kontrolle mehr hatte.
Er zitterte wie im Fieber, schüttelte sich, klapperte mit den. Zähnen und riß sich wieder zusammen.
Noch hundert Yards, sagte er sich, dann habe ich es geschafft. Wenn ich dann immer noch kein Land vor mir habe, schaffe ich es nicht mehr, dann laß ich mich in die Tiefe sinken.
Idiotisch, dachte er, als sei er gar nicht er selbst, aber der Kutscher würde die Pfannkuchen mit Sirup dann vielleicht dem Bordhund Plymmie geben, oder der dicke Paddy Rogers fraß sie. Der fraß sowieso am liebsten den ganzen Tag. Und jetzt lag er behäbig in der Koje und fror ganz bestimmt nicht.
Dan O’Flynn müßte ihn doch eigentlich vermissen, überlegte er. Oder Smoky oder …
Keiner vermißte ihn. Sie waren froh, daß er über Bord gegangen war, dann konnten sie ihre Pfannkuchen endlich in Ruhe allein mampfen, und vielleicht warfen sie noch ein paar Kerle über Bord, damit sie alles für sich allein hatten.
In diesem Augenblick sah Gary Andrews ganz klar und erkannte, daß sich sein Geist zu verwirren begann. Eine merkwürdige Situation. Er wußte, daß er jetzt zu spinnen anfing, daß irgend etwas bei ihm aushakte.
Klar und scharf gezeichnet sah er die Gesichter seiner Kameraden vor sich. Er sah das besorgte Gesicht Hasards und hörte ihn überlaut und deutlich fragen: „Wo, zum Teufel, kann Gary denn nur sein? Durchsucht noch einmal das ganze Schiff!“
„Gary hat abgemustert, Sir“, sagte der Profos mit Grabesstimme. „Der große Kapitän hat ihn zur letzten Reise angeheuert.“
„Bist du sicher, Profos?“
„Wenn ich es doch sage, Sir, ganz sicher. Gary kommt nie wieder!“
Gary kommt nie wieder! hämmerte es wie mit riesigen Gongs durch seinen Schädel. Nie wieder, nie wieder …
Er ließ sich sinken, immer tiefer. Es ging langsam und doch schnell. Da war ein Schweben in einen endlosen Abgrund, der sich wohltuend vor ihm auftat, da war ein sanftes Dahingleiten in unbekannte und warme Sphären. Und da war die Stadt mit den vielen hellen Lichtern. Die Leute liefen am Strand zusammen, zeigten auf ihn, lachten und zogen ihn aus dem Wasser, und sie sagten ihm, jetzt hätte er keine Sorgen mehr.
Aber da war auch noch etwas anderes, etwas Hartes, das ihn berührte, etwas, das nicht nachgab und das seinen zusammensinkenden Körper abfederte. Es ging einfach nicht mehr weiter.
Sein Kopf schaute immer noch aus dem Wasser, seine Hände vollführten sinnlose Paddelbewegungen. Nur seine Beine standen ruhig, wenn auch etwas zitternd auf einem merkwürdigen Untergrund.
Gary Andrews konnte es nicht glauben. Er lachte und schniefte gleichzeitig. Dann lachte er lauter, und er fühlte, daß er Grund unter den Füßen hatte, daß er stand.
Er tat einen unbeholfen wirkenden Schritt vorwärts. Dann schüttelte es ihn vor Lachen. Gleichzeitig schlugen seine Zähne klappernd aufeinander.
„Ich habe es geschafft“, lallte er. „Ich bin endlich an der Küste angelangt.“
Diese Erkenntnis gab ihm wieder neue Kraft und peitschte seinen erschöpften Körper vorwärts. Es war ein unendlich beglückendes Gefühl, als er mit den Armen durchs Wasser ruderte und es immer flacher wurde. Schultern und Brust waren jetzt frei. Er wankte und taumelte, war glücklich und hätte am liebsten laut gebrüllt vor neuer Lebensfreude.
Dann blickte er voraus und erkannte zum ersten Male seit langer Zeit auch wieder schwache Umrisse. Er erblickte die Grenzscheide zwischen See und Land, einen Streifen hellen Sandes mit hohen Dünen dahinter, über die heulend der Wind pfiff. Mit übermenschlicher Anstrengung schleppte er sich weiter, mit zitternden Knien, fast bewegungslosen Armen, schnatternd und frierend.
Den Kampf gegen das Element Wasser hatte er gewonnen, aber er forderte auch seine allerletzte Kraftreserve. Stöhnend torkelte Gary auf den hellen Streifen zu. Das Wasser bedeckte jetzt nicht einmal mehr seine Knie, schließlich nur noch seine Waden.
Das war der Augenblick, in dem sein ausgelaugter, unterkühlter Körper endgültig streikte und alles verweigerte. Es ging nicht mehr weiter.
Aufstöhnend brach er auf dem hellen Sand zusammen und streckte sich der Länge nach aus. Ein paar neugierige Wellen spielten mit seinem Körper, und eine schaumig anrollende Woge trug ihn mit lautem Schmatzen weiter den Strand hinauf.
Aber da schlief Gary Andrews bereits einen totenähnlichen Schlaf, sah und hörte nichts mehr.
Etwas später weckte ihn die Kälte. Er wußte nicht, wie lange er dagelegen hatte. Er wußte nur, daß er sich am Strand befand und gerettet war. Alles andere zählte vorerst nicht.
Die Kälte brachte jeden Nerv in ihm zum Klingen. Er zitterte, und seine Zähne schlugen hörbar aufeinander. Er mußte weiter auf den Strand hinauf, denn hier blies der Wind zu kalt, hier stäubte pausenlos der Gischt über seinen Körper. Dort in den Dünen konnte er sich verkriechen, da war er einigermaßen geschützt.
Mühsam kroch er auf allen vieren über den Sand, schleppte sich zwischen die Dünen, zog sich an Sanddorn und Strandhafer weiter und erreichte schließlich eine Mulde, die ihn vor dem kalten Wind schützte. Ein dichter Vorhang aus Strandgras bot ihm zusätzlichen Schutz.
Er klapperte zwar immer noch mit den Zähnen und fror entsetzlich, doch das war nichts im Vergleich zum Wasser. Er brauchte seine Kräfte nicht mehr weiter zu verausgaben, er konnte es ohnehin nicht. So ließ er sich in die Mulde fallen und rollte sich zusammen wie ein Igel.
Jetzt habe ich wieder eine Koje, dachte er noch, dann schwanden ihm auch schon die Sinne, und er war übergangslos weg.
Von dem, was sich praktisch in unmittelbarer Nähe abspielte, sah und hörte er nichts mehr.
Es war gut eine Viertelstunde vergangen, als die „Wappen von Kolberg“ und die „Isabella“ die Stelle passierten und weiter Kurs Ost segelten. An jener Stelle war die See fast taghell erleuchtet, denn auf beiden Schiffen brannten überall Lampen. Gerade passierten sie jene Stelle, wo Gary Andrews total erschöpft an Land gewankt und zusammengebrochen war.
4.
Über der riesigen halbmondförmigen Bucht von Danzig war der Himmel verhangen und hatte die Farbe von kaltem Haferbrei. Kühler Wind strich über die Halbinsel Hela. Die Dämmerung kroch nur zögernd über den Horizont.
Das war die Zeit, in der der verrückte Stanislaus seine Strandbehausung verließ und an den Stränden herumstreunte, um nach Treibgut zu suchen oder sich an den ausgelegten Aalreusen der Fischer zu vergreifen.
Von Rixhöft bis Hela und über Putzig, Gdingen bis Danzig kannten sie ihn alle, den verrückten Stanislaus. Im Dialekt redeten sie vom „schuckernen Stanis“. Das bedeutete das gleiche wie verrückt.
Ein Engländer hätte ihn als heruntergekommenen Beachcomber bezeichnet, als nichtstuerischen Herumstreuner, der er auch war.
Sein „Strandpalast“ war ein drekkiges, in die Dünen gegrabenes und mehr als schmuddeliges Erdloch, das er mit Brettern und angeschwemmtem Treibholz abgedichtet und ausgebaut hatte. Hin und wieder rieselte der Sand in sein Erdloch, den Stanislaus dann mit den Händen wieder hinauskehrte.
Als er an diesem grauen Morgen aus dem stickigen Dünenloch hervorkroch, sah er ungewaschen und total verdreckt aus. Seine Haare waren strähnig und verfilzt. Sein Bart ähnelte einer Matte aus vertrocknetem Seetang, und er verbreitete einen Duft um sich, daß selbst ein alter Ziegenbock die Flucht ergriffen hätte.
Der schuckerne Stanis begann den Tag meist mit einem kräftigen Schluck Rübenschnaps zu begrüßen, dann rülpste er laut und vernehmlich, verrichtete sein Geschäft in den Dünen und stromerte am Strand entlang.
Seine Kleidung bestand aus einer schmierigen, fetzigen Hose und einem schwarzgrauen Hemd. Das Hemd hatte er sich aus angeschwemmtem Segeltuch selbst genäht. Daß in dem Segeltuch noch ein Toter steckte, hatte Stanislaus nicht gestört. Er brauchte ein Hemd, der eingenähte Seemann nicht mehr, und so hatte er dem Toten bedenkenlos die letzte Hülle geklaut und ihn wieder treiben lassen.
Heute hatte er keinen Schnaps und auch kein Geld, um sich welchen zu kaufen. Hin und wieder lebte er von Gelegenheitsarbeit, aber dazu hatte er heute ebenfalls keine Lust.
Er starrte nach Westen und sah in weiter Ferne zwei Segelschiffe am Horizont immer kleiner werden. Ihre Segel leuchteten in dem trüben Morgen.
Sein Magen knurrte, und so schlich er sich erst einmal an die in der Nähe von Rixhöft ausgelegten Reusen heran. Vorsichtig sah er sich nach allen Seiten um, um nicht wieder an die erbosten Fischer zu geraten. Sie hatten ihn schon zweimal erwischt und kräftig durchgeprügelt, damit ihm das Räubern verging. Doch das hielt Stanislaus nicht von weiteren heimlichen Aktivitäten ab.
Aus den Dünen stieg gerade eine Möwe auf, und sofort änderte Stanislaus seine Richtung. Etwas später fand er auch das Nest mit zwei Eiern.
Er kickte sie leicht an und soff sie grinsend aus. Und weil er ein boshafter und hinterhältiger Kerl war, füllte er die Möweneier wieder mit Sand auf und legte sie in das Nest zurück, daß sie wie unbeschädigt aussahen. Solche kleinen Lumpereien bereiteten ihm eine diebische Freude.
Als er sich diesmal den Reusen zuwandte und am Strand entlangpilgerte, blieb er plötzlich wie erstarrt stehen und blickte ungläubig in den Sand. Deutlich erkennbar sah er den Abdruck zweier Stiefel. Nach ein paar Schritten verschwand der Abdruck, und es sah so aus, als sei hier einer auf allen vieren durch den Sand gekrochen, denn er sah auch die Abdrücke von Händen.
Eine Weile blieb er reglos stehen und starrte die Spuren an. Dann drehte er sich um und suchte alle Himmelsrichtungen ab.
Niemand war weit und breit zu sehen. Ostwärts lagen im Wasser zwei kleine Fischerboote, zum Westen hin lag sein eigener vergammelter und ewig suppender Kahn vor einem Steinanker.
Wenn die Leute auch immer sagten, Stanislaus sei ein rappeliger Wirrkopf, der vom vielen Dösen einen Sonnenstich gekriegt hätte, so stimmte das nicht ganz. Stanislaus war zwar schucker, wie die Leute von Hela und Umgebung sagten, aber er war ein bauernschlaues durchtriebenes Schlitzohr und durchaus in der Lage, logische Rückschlüsse zu ziehen. Manchmal stellte er sich auch nur dumm, und durch sein dämliches Grinsen verstärkte sich daher der Eindruck, einen Verrückten vor sich zu haben.
Sofort begann er zu überlegen. Dort hinten sah er noch die beiden Schiffe auf Westkurs, hier im Sand war die Spur eines Mannes, die in die Dünen führte. Folglich war der Kerl von einem dieser Schiffe über Bord gefallen, zur Küste geschwommen und hatte sich total erschöpft in den Dünen verkrochen.
Den Kerl wollte er sich unbedingt ansehen. Vielleicht war er schon tot, aber dann konnte er ihn noch ein bißchen fleddern. Ein Paar Stiefel, Hemd und Hose fielen dabei zumindest für ihn ab.
Lautlos schlich er der Spur nach. Als er die Dünen erreichte, kroch er ebenfalls auf allen vieren weiter und folgte der Schleifspur.
Sie führte zu einer Senke, einer Mulde zwischen den Dünen, die mit Strandhafer und Sanddorn dicht bewachsen war.
Stanislaus arbeitete sich heran, lauschte, hörte nichts und schlich weiter, bis er den Rand der Mulde erreichte und einen Blick hineinwerfen konnte.
„Deibel, Deibel auch“, sagte er leise.
In der Mulde lag ein Mann wie tot auf dem Rücken, die Arme seitwärts ausgebreitet, den Kopf zur Seite gedreht. Der Mann war dürr und hager, schien aber sehr stark und zäh zu sein. Das Hemd klaffte offen über seiner Brust, und über der behaarten Brust zog sich quer eine lange Narbe hin. Die Haare des Mannes waren hellblond, der Kopf von länglicher Form mit schmalem Gesicht. Der Kerl trug sehr gute Stiefel, ein sauberes Hemd und eine starke Leinenhose, an deren Seite ein Messer steckte. Er schien schon ein paar Stunden hier zu liegen, denn seine Kleidung begann zu trocknen.
Stanislaus schielte auf die Brust des Schläfers, wo die große Narbe unter den Haaren sichtbar war. Hatte der Kerl sein Leben bereits ausgehaucht?
Nein, der lebte noch, der war entweder bewußtlos oder so erschöpft, daß er noch weitere Stunden schlafen würde. Das Schwimmen in dem kalten Aprilwasser mußte ihn ganz schön geschlaucht haben.
Stanislaus robbte weiter in die Mulde und fixierte den Schläfer, dessen Brust sich regelmäßig hob und senkte. Da er ein vorsichtiger Mann war, gewitzt durch recht üble Erfahrungen, zog er dem Kerl erst einmal das Messer vorsichtig aus dem Hosenbund, an dem die Lederscheide befestigt war. Dann setzte er ihm das Messer so auf die Brust, daß nur noch eine Daumenbreite Abstand bestand.
„He, du!“ rief Stanislaus. „Wach auf, du!“
Keine Reaktion, kein Seufzen, nichts. Der Mann blieb absolut reglos auf dem Rücken liegen.
„Peronnje, wach auf!“ brüllte Stanislaus.
Der Schläfer dachte gar nicht daran, zu erwachen. Er war in eine Welt abgetreten, wo Worte ungehört verhallten.
„Auch gut“, sagte Stanislaus heiser und grinste habgierig. „Wollen wir das Vögelchen doch mal ins Nestchen bringen.“
Zuerst jedoch steckte er das Messer ein. Dann drehte er den Schläfer in eine Art Hockstellung, schob sich halb unter ihn und lud sich die Last auf den Rücken. Taumelnd stand er dann auf den Beinen und fluchte leise.
Verdammt, so hager der Kerl auch war, er schien Knochen aus Eisen zu haben und war verflucht schwer. Der bestand nur aus Muskeln und Sehnen. Kein Gramm Fett war an ihm, aber seine Muskeln waren hart wie Stein.
Stanislaus torkelte mit seiner Last durch den Sand, seinem „Palast“ entgegen, den er nachts schon am Geruch orten konnte, wenn er, total besoffen vom Rübenschnaps, seine Behausung suchte.
Ächzend ließ er den Mann fallen, der immer noch nicht erwachte und sich wieder der Länge nach ausstreckte.
Danach peilte Stanislaus noch einmal die Lage, um den Mann ungestört filzen zu können. Leute ließen sich bei seiner Behausung sowieso nur selten sehen, weil sie immer befürchteten, von dem verlotterten Beachcomber angebettelt oder beklaut zu werden. Und auch diesmal sah er weit und breit niemanden.
Schnell huschte er wieder in sein Erdloch zurück, fand den Schläfer unverändert daliegen und filzte ihm erst einmal die Taschen. Das Messer hatte er schon. Jetzt fand er eine Rolle Kabelgarn in der rechten Tasche. Enttäuscht legte er sie auf ein vergammeltes, aus Treibholz hergestelltes Bord, an dem ein dreckiger Schlapphut und eine ausgefranste, schmierige Jacke hingen.
Die andere Hosentasche war wesentlich ergiebiger. Es klimperte hell, als Stanislaus mit der Hand hineinfuhr.
Münzen! Das war ein klingender Begriff. Münzen ließen sich in Rübenschnaps umsetzen.
Fünf Münzen waren es, aus Silber, die er auf seine ausgestreckte Handfläche legte und gierig betrachtete. Dazu kicherte er, und über sein verwittertes, bärtiges Gesicht zog ein heller Schimmer der Freude. Soviel Münzen auf einem Haufen hatte er schon lange nicht mehr gesehen.
Allerdings sagten ihm diese Münzen nichts, er kannte sie nicht, aber der dicke Pjontek, dem die Kneipe in Rixhöft gehörte, der nahm sie ganz sicher. Der nahm alles, was nach Silber oder Gold aussah.
Und Stanislaus selbst nahm alles, was nach Schnaps aussah oder so ähnlich roch. Er kicherte wieder und sah sich im Geiste bereits mit einer Schnapskruke bewaffnet in seiner Hütte sitzen. Und weil diese Vorstellung immer plastischer wurde und ihm bereits das Wasser im Mund zusammenlief, faßte er den Entschluß, wenigstens eine der Münzen in Fusel umzusetzen. Der dicke Pjontek mußte die Kruke aber dafür bis an den Rand füllen.
Hastig steckte er die Münzen ein, warf noch einen Blick auf den Schläfer und sah sich in seinem Erdloch um. Falls der Kerl erwachte, konnte er kaum etwas klauen, außer vielleicht die alte Jacke oder den Schlapphut. Mehr war bei ihm nicht zu holen, nur noch ein Stückchen Speck und ein paar Möweneier.
Gleich darauf zog er los, grinsend und voller Vorfreude. Die Münzen hatte er so verteilt, daß sie nicht klimperten und keiner mißtrauisch wurde, wenn man ihn mit soviel Geld sah.
Zehn Minuten lief er, dann war er in Rixhöft und steuerte auf die Kneipe zu. Er flitzte sabbernd hinein und wartete ungeduldig, bis der dicke Pjontek aus der Küche erschien und ihn stirnrunzelnd musterte.
„Kannst du Schwein dich nicht wenigstens einmal waschen?“ fuhr er Stanislaus an. „Du verstinkst mir ja die ganze Schenke. Wenn du hier bist, traut sich stundenlang niemand mehr rein.“
„Geld ist Geld“, sagte Stanislaus grinsend, „und wenn einer stinkt und Geld hat, dann ist er dir doch lieber, als wenn er nicht stinkt und dafür kein Geld hat.“
Das konnte der schwammgesichtige dicke Pjontek allerdings nicht abstreiten.
Stanislaus tat so, als suche er endlos lange in seinen Taschen, dann brachte er die Silbermünze heraus und legte sie auf den Tresen. „Kriege ich dafür eine Kruke Rübenschnaps? Aber eine große, bis an den Rand gefüllte!“
Pjontek nahm die Münze, blickte lange darauf und sah dann den schuckernen Stanis an.
„Na gut“, sagte er endlich, „obwohl sie ja eigentlich nicht soviel wert ist.“
„Die ist viel wert, die ist aus Silber“, widersprach Stanislaus.
„Das ist eine englische Münze, verstehst du? Und die sind nicht soviel wert“, log der Dicke. „Aber wenn du mir nicht glaubst, dann kauf deinen Schnaps doch woanders.“
„Ich glaub dir ja, Pjontek, aber ich will trotzdem eine ganz volle Kruke dafür.“
Zehn Kruken Rübenschnaps dürfte sie wert sein, überlegte der Wirt. Ein feines Geschäftchen für ihn. Aber da brannte ihm noch eine Frage auf der Seele.
„Wo hast du die Münze denn her?“ fragte er lauernd.
„Gefunden.“
„Und wo?“
„Unten am Strand“, sagte Stanislaus kichernd.
„Das ist aber merkwürdig“, meinte Pjontek. „Ich habe gerade gehört, daß man einen englischen Segler in der Danziger Bucht gesichtet hat. Wahrscheinlich ist das ein Piratenschiff. Und du findest gleich darauf diese Münze! Hinter dem Piratenschiff sind unsere Leute wie die Wilden her. Und ein zweiter Segler ist auch noch dabei, und den hat man von den Polen gekapert. Sehr merkwürdig ist das. Hat der Silberling vielleicht noch ein paar kleine Brüderchen?“
Stanislaus sah zu, wie der Wirt die Kruke füllte, hörte selig, wie es glukkerte, und war mit seinen Gedanken nur noch bei dem Fusel.
Er grinste dämlich und begriff offenbar nicht; was der dicke Pjontek meinte.
„Schnaps“, sagte er kichernd, „hei, wie das riecht! Machst du die Kruke auch wirklich ganz voll?“
„Jaja, natürlich“, knurrte der Wirt ungeduldig. Seine Frage wiederholte er nicht, denn der verrückte Stanislaus würde ihm doch keine vernünftige Antwort mehr geben. So war er froh, daß der alte Stinker endlich beseligt abzog und dabei die Kruke wie ein Wickelkind umklammerte.
Stanislaus hatte es jetzt furchtbar eilig, denn mittlerweile war dem verlausten Beachcomber ein Licht aufgegangen, und das brannte so hell wie eine Fackel. Er überlegte angestrengt, und er glaubte, seine Gedankengänge knistern zu hören.
Ein polnischer Soldat hatte einmal über Stanislaus gesagt, falls man durch seine tiefsten Gedanken und Überlegungen waten würde, dann kriegte man nicht einmal feuchte Schuhe.
Sollten sie von ihm denken, was sie wollten. Er gestattete sich einen schnellen Schluck aus der Kruke, leckte sich die Lippen und rannte weiter, bis er bei seiner Behausung war.
Dort hätten sich die Schwätzer allerdings über den verrückten Stanislaus gewundert, denn der ging ganz systematisch vor. Vorsichtig stellte er die Kruke auf den Boden, überlegte es sich dann aber anders und stellte sie auf das Bord. Von dort nahm er auch ein faseriges Tau und schlang es dem immer noch Bewußtlosen blitzschnell um die Arme. An den Handgelenken verknotete er das Tau und verfuhr dann genauso mit den Beinen des Mannes.
So, das ist erst einmal erledigt, dachte er zufrieden. Jetzt konnte er einen kleinen gurgeln.
Genußvoll setzte er die Kruke an und spülte einen weg, ließ gluckern, holte Luft, soff weiter und würzte den stinkenden Rübenschnaps mit wohligen „Ahhs“ und „Ohhhs“.
Noch einmal schaute er sich die Münzen an. Vier Stück hatte er jetzt noch, das waren vier volle Kruken Rübenschnaps.
Ja, es waren alles englische Münzen, und sie sahen eine wie die andere aus.
Sein Blick fiel auf den Schläfer. Demnach schien dieser Kerl also ein Engländer zu sein. England, was, zum Teufel, war das, und wo mochte das wohl liegen? Stanislaus hatte davon noch nie gehört.
Aber soviel anders sahen diese Engländer anscheinend nicht aus. Na ja, hellblond und hager, ein bißchen dürr, aber solche gab es auch in Polen.
Dieser Mann schien jedenfalls sehr wichtig zu sein und eine große Rolle zu spielen, denn seine Landsleute waren wie wild hinter den Kerlen her. Und Piraten waren sie!
Stanislaus kicherte verhalten. Wenn die Polen so scharf auf die Engländer waren, dann konnte er ihnen diesen Kerl ja regelrecht verkaufen. Er brauchte ihn nur auszuliefern, denn von nun an betrachtete er den englischen Piraten als seinen Gefangenen. Ha, da war ihm endlich mal der große Wurf gelungen. Und wenn sie ihm nicht glaubten, dann würde er einfach behaupten, daß dieser Mann von dem englischen Schiff stamme. Er selbst habe gesehen, daß der Kerl über Bord gefallen und dann an Land geschwommen sei. Jawohl, und das würde er jederzeit auf seinen Eid nehmen. Sollte der Kerl mal was dagegen sagen. Kein Mensch würde ihm glauben.
Zufrieden griff er nach seiner Kruke und gurgelte einen langen Zug hinunter. Seine Augen begannen zu leuchten. Stanislaus malte sich seine Zukunft in schillernden Farben aus, und die verhieß nichts anderes als eine Riesenkruke Rübenschnaps, aus der er bis ans Ende aller Tage saufen konnte.
Einen Vorrat würde er sich anlegen, überlegte er, oder sich selbst einen Apparat bauen, um den Schnaps zu gewinnen. Die Rüben dazu konnte er sich ja nachts bei den Bauern auf den Feldern klauen.
Dieser Tag war so ganz nach seinem Herzen, ein Feiertag war das, ein Glückstag, doppelter Sonntag. Er mußte nur verdammt vorsichtig zu Werke gehen.
Die Spuren mußten verwischt werden, das überlegte er noch, bevor er sich wieder mit der Kruke beschäftigte, deren Inhalt jetzt doch merklich abnahm.
Wieder warf er einen Blick auf seinen Gefangenen. Er konnte ihn über die Putziger Wiek mit dem kleinen Boot hinüber nach Gdingen bringen, wo die polnischen Soldaten waren – seine Landsleute.
Daß sie ihn kaufen würden, stand außer Zweifel. Er mußte jedoch einen guten Preis herausschlagen.
Als er wieder zur Kruke griff, war sein Gehirn schon leicht umnebelt, doch er hatte noch so viel Verstand, daß er die Kruke gleich wieder absetzte.
Die Spuren am Strand durfte er nicht vergessen, denn die waren wichtig. Es war nicht nötig, daß jemand sie entdeckte.
Er torkelte aus seinem dreckigen Erdloch und ging durch die Dünen zum Strand. Dabei blickte er nach Westen und sah wieder die beiden Schiffe, die er längst hinter der Kimm glaubte.
Jetzt lagen sie vor Anker und setzten gerade Boote aus, die bemannt wurden.
Stanislaus murmelte etwas, dann begann er damit, die Fuß- und Schleifspuren am Strand sorgfältig zu verwischen. Auch seine eigenen ließ er nicht aus, damit niemand Rückschlüsse ziehen konnte. Als er damit fertig war, legte er sich zwischen die Dünen in sichere Deckung und beobachtete, was die Kerle mit den Booten taten.
Sein „gefangener Pirat“ war gut versorgt, um den brauchte er sich vorerst nicht zu kümmern.
5.
Die „Isabella“ und die „Wappen von Kolberg“ lagen um diese Zeit zwischen Rixhöft und Karwen vor Anker.
Hasard hatte die Suche nach Gary Andrews noch lange nicht aufgegeben. Er konnte und wollte sich nicht vorstellen, daß Gary ertrunken war. Er klammerte sich immer noch an ein kleines Zipfelchen Hoffnung, ihn doch noch zu finden.
Die Stimmung war so gedrückt, daß nur wenig gesprochen wurde. Nur hin und wieder fiel mal ein Wort. Selbst der Profos Edwin Carberry schwieg beharrlich.
Smoky, Matt Davies und Blacky schlichen mit hängenden Ohren an Deck umher und fühlten sich schuldig. Insgeheim hoffte zwar jeder von ihnen auch noch, Gary zu finden, doch es sah nicht mehr danach aus. Viel zuviel Zeit war inzwischen vergangen.
Drei Boote waren jetzt auf dem Wasser, eins von der „Wappen“, die beiden anderen von der „Isabella“.
Hasard hatte gerechnet und gerechnet, Dan und Ben hatten ihn dabei unterstützt. Es mußte hier ganz in der Nähe passiert sein, als Gary über Bord ging. Auch die Abdriften und den Wind hatten sie mit in ihre Rechnung bezogen. Nach menschlichem Ermessen gab es keine andere Stelle.
In der großen Jolle saßen Hasard und Dan O’Flynn neben den anderen schweigenden Seewölfen. Pausenlos suchten ihre Blicke die See und den Strand ab.
„Wir segeln von hier aus in langen Suchstreifen nach Osten“, sagte Hasard. „Wir gehen unter Land, um jede Möglichkeit auszuschöpfen.“
„Hoffentlich ist er irgendwo an Land gegangen und hat es geschafft“, meinte Dan inbrünstig.
Auch die Jolle Arne von Manteuffels setzte jetzt Segel, um den Küstenstreifen ostwärts abzusuchen. Die zweite Jolle bewegte sich unter Ferris Tucker weiter draußen auf See. Es blieb nur so viel Platz zwischen ihnen, daß ihren Augen nichts entging, was eventuell in der See trieb.
Hasard sah das ebenfalls besorgte Gesicht seines Vetters, der persönlich an der Suche teilnahm. Die beiden Männer nickten sich schweigend zu.
Die Jollen segelten los. Unzählige Augenpaare blickten angestrengt über das Wasser. Alle Kieker, die es an Bord gab, waren mitgenommen worden.
„Noch weiter unter Land“, sagte Hasard nach einer Weile. „Dort vorn gehen wir an den Strand. Wenn er es geschafft hat, dann müssen im Sand auch Spuren sein.“
„Wir werden ihn finden“, sagte der Profos zuversichtlich. „Gary ist ein guter Schwimmer, der hat es geschafft.“
Er sagte nicht, wie es ihm gerade auf der Zunge lag: Gary war ein guter Schwimmer, aber man hörte doch heraus, daß der Profos trotz aller Zuversicht selbst kaum noch daran glaubte, daß Gary es geschafft hatte. Insgeheim befürchtete er, daß sie bald seine Leiche auf dem Wasser finden würden – wenn überhaupt.
Die große Jolle lief auf den Strand zu. Hasard und Dan sprangen heraus und wateten durch das flache Wasser dem Strand entgegen.
„Segelt langsam weiter!“ rief er den anderen zu. „Wir steigen später wieder ein, wenn wir den Strand abgesucht haben.“
Dan O’Flynn blickte zuerst zurück nach Westen. Aber da war der Strand glatt und ohne Spuren. Hin und wieder fand sich etwas angeschwemmter Seetang, ein paar Muscheln, halbvertrocknete Quallen und ein paar kleine Krebse. Auch kleinere Holzstücke und Angeschwemmtes fanden sich, Dreck, eine verweste Möwe.
Menschliche Spuren jedoch, wie sie ein aus dem Wasser gestiegener Mann hinterließ, fanden sich nicht. Der Strand war glatt, nur mit ein paar kleinen Steinen besät.
„Ich kann es nicht glauben“, sagte Hasard. „Es erscheint mir einfach unwahrscheinlich, daß Gary ertrunken sein soll.“
„Noch haben wir nicht alles abgesucht, Sir“, sagte Dan voller Zuversicht, doch auch die war gespielt.
„Du glaubst doch auch nicht mehr daran“, sagte Hasard.
Dan O’Flynn gab keine Antwort. Starr blickte er in den Sand. Seinen scharfen Augen entging nichts, selbst wenn sich die Spuren weit voraus befunden hätten.
Niemand ahnte, daß sie gerade jetzt die Stelle passierten, wo Gary Andrews an Land gewatet war. Stanislaus hatte die Spuren so sorgfältig verwischt, daß man nichts mehr sah.
Und er hockte in seinem Versteck zwischen den Dünen in nur ein paar Yards Abstand von ihnen, und auch Gary befand sich in unmittelbarer Nähe.
Der Pole lag im Sand, verborgen zwischen Strandhafer und yardhohem Gras, und belauerte sie. Fasziniert starrte er auf die Boote, die dicht unter der Küste ostwärts segelten, aber noch mehr faszinierten ihn diese beiden Männer.
Da kann ich mich nur beglückwünschen, die Spuren rechtzeitig verwischt zu haben, dachte er, denn sonst hätten sie mein Versteck gefunden und natürlich meinen Gefangenen.
Piraten waren das also, englische Piraten. Er hörte, daß sie miteinander in einer Sprache redeten, von der er noch nie ein einziges Wort gehört hatte.
Er starrte ihnen mit großen Augen nach, als sie weitergingen und immer wieder den Strand absuchten. Dann kicherte er leise vor sich hin, weil sie die kritische Stelle längst überschritten und nichts entdeckt hatten.
Ein paar Augenblicke spielte er mit dem verrückten Gedanken, diese beiden Männer ebenfalls gefangenzunehmen. Die Belohnung der polnischen Behörden würde so großzügig ausfallen, daß er bis an sein Lebensende von morgens bis abends Schnaps trinken konnte.
Diese Vorstellung erregte ihn immer mehr, aber er sah auch ein, daß sie bloßes Wunschdenken war. Die beiden Kerle waren groß und sehr kräftig, und selbst wenn er mit ihnen fertig werden sollte, dann waren da immer noch die anderen in den Booten, denen das nicht entgehen würde.
Aber herrlich auszuspinnen war dieser Gedanke, und er stellte sich vor, wie er mit drei gefangenen englischen Piraten nach Gdingen segelte und sie dort bei der polnischen Kommandantur der Miliz auslieferte.
Wie einen Helden würden sie ihn feiern, und sein Name würde in aller Munde sein. Und der Schnaps würde überreichlich fließen. Natürlich nicht der einfache Rübenschnaps, das müßte dann schon ein erlesenes Wässerchen sein, etwa aus Roggen gebrannt, eins, das er sich sonst nicht leisten konnte und das immer nur die hohen Herren soffen.
Berauschend war diese Vorstellung, aber leider undurchführbar, denn so verrückt, die Männer anzugreifen, war er dann doch nicht.
Er verwarf diesen prächtigen Gedanken widerwillig, eben weil er nicht in die Tat umzusetzen war. Er hatte nicht einmal eine Waffe, jedenfalls keine richtige, mit der man etwas anfangen konnte.
Ein paar Wortfetzen, die der Wind herüberwehte, vernahm er noch, ohne etwas davon zu verstehen.
Peronnje, ein Jammer war das. Aber eins stand für ihn fest:
Dieser Pirat, der jetzt gefesselt in seinem Erdloch lag, gehörte zu den suchenden Kerlen. Er war einer von ihnen, und er würde ihn hüten wie seinen Augapfel.
Er blieb reglos liegen und kroch erst auf allen vieren wieder zu seiner Behausung zurück, als er die Männer nur noch ganz klein und sehr weit entfernt am Strand sah.
Hasard ließ immer noch weitersegeln. Während er mit Dan am Strand verzweifelt weitersuchte, segelten die Boote die gesamte Nordküste der Halbinsel Hela und das dazugehörende Seegebiet ab.
Die Suche wurde immer verzweifelter, immer angestrengter, doch von Gary Andrews fand sich keine Spur.
Mittlerweile war es Mittag geworden, die letzte Hoffnung war zunichte.
Hasard setzte sich in den Sand, stützte das Kinn in beide Hände und starrte über das Meer. So blieb er schweigend eine ganze Weile sitzen. In seinem Gesicht erschienen Falten, die sonst nicht dagewesen waren. Seine Lippen waren hart verkniffen.
Nach einer Ewigkeit stand er auf und wischte sich mit einer resignierenden Bewegung über die Augen. Seine Stimme klang rauh und heiser.
„Wir kehren um, Dan. Sage das den anderen. Wir segeln zurück und grasen noch einmal in langen und weiten Kreuzschlägen das Gebiet ab. Weiter östlich werden wir nichts finden, wir sind längst über den Punkt hinaus.“
Dan O’Flynn schluckte hart, seine Antwort bestand ebenfalls nur aus einem unverständlichen Gemurmel.
Er hob müde den Arm und gab den Booten Handzeichen. In allen saßen Männer, deren harte Gesichter Trauer ausdrückten, die aufs Wasser starrten und wie benommen wirkten.
Etwas später segelten sie in langen Schlägen den Törn an der Küste zurück, diesmal weiter auseinandergezogen, bis sie schließlich wieder bei der „Isabella“ waren.
Arne von Manteuffel sah seinen Vetter Hasard besorgt an. Schließlich legte er ihm die Hand auf die Schulter.
„Ein schlimmer Tag“, sagte er leise. „Es läßt sich mit Worten allein nicht ausdrücken.“
„Nein“, erwiderte Hasard, „es läßt sich nicht mit Worten sagen. Ich danke dir für deine Mithilfe, Arne.“
„Die war selbstverständlich. Ich wünschte euch, es wäre anders ausgegangen.“
Auf der „Wappen von Kolberg“ wurde die Jolle etwas später an Bord genommen. Auf der „Isabella“ hievten sie ebenfalls schweigend und in sich gekehrt die Boote an Deck.
Matt, Blacky und Smoky standen mit käsigen Gesichtern an Deck und wußten nicht, wo sie ihre Hände lassen sollten. Sie wagten nicht aufzublicken.
„Was jetzt, Sir?“ fragte Ben Brighton niedergeschlagen.
Er mußte die Frage zweimal wiederholen, ehe der Seewolf antwortete. Sein Blick war leicht verschleiert, getrübt. Er schloß sekundenlang die Augen und stieß die Luft aus.
„Es hofft der Mensch, solang er lebt“, sagte er leise. „Wir haben alles getan, alles versucht. Ich habe keine Hoffnung mehr.“
Sie umstanden ihn schweigend, husteten oder krächzten unterdrückt und wußten nicht, was sie sagen sollten. Das Wissen um den Verlust ihres Kameraden bedrückte sie, Trauer stand in den Gesichtern, in den Augen schimmerte es feucht.
Einmal, im Nildelta, im Kanal der Pharaonen, hatten sie den Verlust ihrer alten „Isabella“ beklagt und fast resigniert. Aber die war nur ein großes Stück Holz gewesen, auf jeder Werft ersetzbar, von jedem Schiffbaumeister wieder neu anzufertigen.
Gary Andrews hingegen war ein Mensch und ein sehr harter Verlust, ein Kamerad, auf den absolut Verlaß war und der jetzt eine riesige Lücke hinterließ. Diese Lücke war nicht ersetzbar, niemand vermochte sie auszufüllen.
Auch auf der „Wappen von Kolberg“ senkten sie die Köpfe, scharrten mit den Füßen und standen schweigend da, denn mittlerweile kannten sie jeden der Seewölfe und konnten mit ihnen fühlen.
Es war einer der schwärzesten Tage in der Geschichte der Seewölfe.
„Wir segeln weiter nach Rügenwalde“, sagte Hasard tonlos und mit steinernem Gesicht.
Dann nahm er seinen Platz auf dem Achterdeck ein, aber er sah und hörte nichts von den Manövern wie Ankerlichten und Segelsetzen. Er war nicht daran beteiligt und fühlte sich wie ein Fremder auf seinem eigenen Schiff. Auf seinen Brustkorb drückten unsichtbare Gewalten, die ihm die Luft nahmen.
Er drehte sich um und starrte nach achtern, nach Osten, dorthin, wo die See Gary Andrews zu sich genommen hatte. Er sprach kein Wort mehr, und die Männer, die scheu zu ihm hinblickten, bemerkten, daß sein Rücken gebeugt war.
Auf allen Decks herrschte Totenstille. Marionetten standen dort herum, leblose Puppen, denen man die Fäden durchgeschnitten hatte.
Ein Tag zum Verzweifeln.
6.
Der vermeintlich Ertrunkene war wieder bei Bewußtsein. Er fühlte sich ausgeruht, frisch und den Umständen nach ziemlich munter. Seine Lebensgeister waren wieder voll da, und auch an die zurückliegende Zeit vermochte er sich zu erinnern, bis er an den Strand gespült wurde.
Mit wachen Augen sah er sich um und erkannte, daß jemand ihn gefesselt hatte und er in einem merkwürdigen Bau lag.
Ein dämmeriges Erdloch war das, eine stinkende Fuchshöhle, deren Wände und Decke mit fauligem Holz abgedichtet und mit Seegras und trockenem Strandhafer gepolstert waren, damit der Sand nicht zwischen den Ritzen hindurchrieselte.
Ein Geräusch drang ihm in die Ohren. Da war das leise Rauschen, Gurgeln und Knistern, als liefen kleine Wellen gegen einen flachen Strand an, ein unverkennbares Geräusch, das ihm sagte, daß er sich in unmittelbarer Nähe des Strandes befand.
In dem erbärmlichen Loch gab es ein kleines Holzbord. Darauf lag ein zerfledderter Schlapphut, da hing eine alte Jacke, und da lagen auch ein Kanten Brot, ein Stück Salzspeck und ein paar runde Gegenstände, die er schließlich als Eier identifizierte. Möweneier dem Aussehen nach.
Das übelste in dieser stinkenden Behausung war ein merkwürdiges Individuum, das ständig aus einer Kruke soff und beim Ausatmen und Rülpsen einen pestilenzartigen Gestank verbreitete.
Erheitert entsann sich Gary an das Lieblingswort des Profos Edwin Carberry. „Rübenschwein“, sagte der von morgens bis abends.
Natürlich ist ein Rübenschwein ein recht vager Begriff, überlegte Gary, er hatte auch nie darüber nachgedacht, wie so ein Rübenschwein wohl aussehen mochte.
Jetzt wurde ihm der Begriff mehr als verdeutlicht, denn dieses schnapssaufende, rülpsende und mattäugige Individuum, das war ein Rübenschwein, das war der Urbegriff dafür. Genauso und nicht anders hatte man es sich vorzustellen.
Ein Rübenschwein also! So taufte Gary den Kerl in Gedanken dann auch gleich.
Aber was, zum Teufel, fiel diesem verdammten Rübenschwein ein, ihn in diese Rattenhöhle zu schleppen und zu fesseln! Er hatte Hunger und Durst, und er hatte sein Schiff verloren, und nun lag er hier und konnte sich kaum bewegen. Und neben ihm hockte das Rübenschwein mit glasigen Augen, kicherte hin und wieder dämlich und soff diesen stinkenden Fusel aus der Kruke, als wäre es Himbeersirup.
In Gary Andrews stieg die Wut hoch.
Er zerrte wild an seinen Fesseln und brüllte los: „He, was soll das, du Rübenschwein? Warum hast du mich gefesselt? Verdammt, binde mich gefälligst los!“
Stanislaus kicherte verhalten. Er war so betrunken, daß er Gary Andrews bereits doppelt sah. Er verstand auch kein Wort von dem Gebrüll.
Er nuckelte noch einmal an der Kruke, nahm dann ein Entermesser, das Gary erbost als sein eigenes kannte, und zog es in einer international unmißverständlichen Geste quer über seinen Hals.
„Du bist ein Pirat, mein Gefangener, peronnje“, sagte er, immer noch blöde kichernd und lallend. Sein Gesichtsausdruck sprach Bände, der sagte Gary alles. Natürlich verstand auch er kein Wort von dem Gefasel.
„Ah, du bist bescheuert, Rübenschwein“, murmelte Gary, „du hast offenbar nicht alle Mucks im Schapp. Du hast einen doofen Opa, und das hat abgefärbt.“
Der Kerl wedelte wieder mit dem Messer und ließ es dicht an Garys Gesicht vorbeizischen.
Der Bursche ist unberechenbar, besoffen und gefährlich, dachte Gary und verhielt sich vorerst still. Der war nicht ganz dicht im Dachstübchen, und vor solchen Kerlen mußte man sich in acht nehmen.
Stanislaus stierte Gary weiter an, wackelte mit dem Oberkörper und grinste fortwährend, bis es Gary unheimlich wurde. Der Kerl wollte ihn doch nicht etwa abstechen?
Der schuckerne Stanis hatte die Augen schon halb geschlossen. Sein Blick war trübe, verschleiert und glasig. Er quasselte etwas und zeigte dann auf ihn.
Gary wurde hellhörig. Hatte er eben was von „englisch“ oder von „England“ verstanden? Oder hatte er sich verhört?
Er nickte schnell, denn vielleicht ließ sich mit dem Kerl doch noch eine Verständigung arrangieren.
„Ich bin Engländer“, sagte er klar und deutlich und deutete mit dem Kinn auf seine Brust. „Ich heiße Gary Andrews.“
Das schien den Kerl unverständlicherweise kolossal zu belustigen. Er lachte laut und riß das Maul auf, daß Gary hinter seiner Seetangmatte die braunen Zahnstummel sah. Schlimmer als im Leichenschauhaus sah das darin aus, zumal etliche Zähne wirklich nur noch angefaulte Fragmente waren.
Stanislaus lachte noch immer, dann nahm er den nächsten Zug aus der Kruke, die höchstens noch zu einem Drittel gefüllt war.
Durst hatte Gary ja auch, aber nicht auf diesen fürchterlich stinkenden Fusel. Und sein Magen knurrte vor Hunger. Aber der Kerl dachte gar nicht daran, ihm etwas zu geben.
Dafür sprach er wieder ein paar unverständliche Worte.
Gary wurde mißtrauisch. Der Sprache nach war das Rübenschwein ein Pole, und mit denen hatten sie sich gerade in letzter Zeit oft genug herumgeschlagen und Ärger gehabt.
Was konnte der Kerl mit ihm vorhaben? Was wollte er? Etwas Gutes steckte nicht dahinter, sonst hätte ihn der Pole ja nicht gefesselt.
Der Kerl lehnte sich an die Bretterwand zurück, aus der leise feiner Sand in die Höhle rieselte. Er brabbelte jetzt mit sich selbst, hob immer wieder die Kruke hoch und ließ den Inhalt leise gluckern, als wolle er prüfen, ob sich der nächste Schluck überhaupt noch lohnte.
Weil das Rübenschwein jetzt mit sich selbst beschäftigt war, probierte Gary heimlich seine Fesseln. Unmerklich zerrte er daran, doch die Stricke gaben nicht nach. Davon verstand der Kerl etwas.
Die Handfesseln waren hinter seinem Rücken zusammengebunden, da konnte er im Augenblick absolut nichts tun, denn das Rübenschwein fummelte immer noch mit dem Messer herum.
Gary blieb still liegen und starrte in die mit Unrat und Dreck durchsetzte Höhle. Der Fuselgestank begann unerträglich zu werden.
Das Rübenschwein rülpste wieder, lehnte sich halb zur Seite und war jetzt so voll, daß es sich aus eigenen Kräften ganz bestimmt nicht mehr aufrappeln konnte.
Auch sein unverständliches Gebrabbel verstummte. Der Kerl hielt die Kruke in der halb ausgestreckten Hand, das Messer in der anderen und kippte leicht zur Seite. Die Kruke war jetzt leer und Stanislaus bis oben hin voll.
„Kipp doch endlich um“, sagte Gary flüsternd.
Stanislaus tat ihm nach weiteren Minuten den Gefallen. Erst stierte er ausdruckslos zu dem schmutzstarrenden Vorhang am Eingang, dann entrollte ihm die Kruke, und er kippte seitlich weg. Sein Körper drehte sich halb zur Seite. Er versuchte noch einmal, seine vorherige Stellung einzunehmen, doch das klappte ebenfalls nicht mehr, der Fusel hatte ihn umgehauen. Nur das Messer hielt er noch krampfhaft in der Faust.
Gary wartete weiterhin geduldig, bis der versoffene Kerl sich nicht mehr rührte. Dafür begann er zu schnarchen, daß der Sand wieder durch die Bretter rieselte.
Gary wälzte sich vorsichtig herum, um den Schläfer nicht zu wecken. Dann fletschte er die Zähne, drehte sich mit seitlich langgestrecktem Hals zu der Hand hin und packte sein Entermesser mit den Zähnen. Ganz sacht zog er es aus der Faust, während das Rübenschwein weiterschnarchte.
Er richtete sich in Sitzstellung auf, schlenkerte sein Messer mit den Zähnen hinter sich und fummelte dann so lange mit den gefesselten Händen herum, bis er es erreichen konnte. Als er es in der Hand hatte, rutschte er sitzend weiter bis zur Bretterwand, wo der verlauste Kerl schnarchte, daß die Wände wackelten.
Es dauerte endlos lange, bis es Gary gelang, das Entermesser so zwischen die klaffenden Ritzen zu zwängen, daß es einigermaßen festen Halt hatte. Aber er schaffte es nach mehreren Anläufen.
Dann ging er an die Arbeit, hielt die gefesselten Hände über die Klinge und bewegte sie hin und her. Er brauchte sehr viel Geduld und Ausdauer, bis ein Erfolg eintrat, denn immer wieder rutschte die Klinge ab und schnitt ihm in die Handgelenke.
Er fluchte nicht, säbelte weiter und warf immer wieder einen Blick auf das Rübenschwein. Stanislaus lag jetzt der Länge nach ausgestreckt auf dem Boden, den Mund weit geöffnet. Sein verfilzter Bart zitterte und wackelte bei jedem Schnarcher, und die Luft, die er ausstieß, war schlimmer als der Geruch des Fusels, den er in sich hineingekippt hatte.
Plötzlich gaben die Fesseln nach. Seine Hände waren zwar noch nicht frei, doch das schaffte er mit einer letzten Kraftanstrengung. Die Fesseln zersprangen.
Aufatmend lehnte sich Gary zurück, holte ein paarmal tief Luft, packte dann das Messer und zerschnitt die Fußfesseln. Das war nur noch ein Klacks, dann war er frei.
Ruhig und überlegt ließ er erst einmal das Blut durch seine Finger zirkulieren. Den Schläfer behielt er dabei scharf im Auge.
„So, jetzt bist du dran, Freundchen“, knurrte Gary, „jetzt halten wir es einmal umgekehrt.“
Als er sich bückte, öffnete Stanislaus ein Auge. Er schloß es jedoch sofort wieder, denn Garys Jagdhieb an die Schläfe beförderte ihn augenblicklich ins Schnarchland zurück.
Gary drehte ihn auf den Rücken, nahm die Stricke und fesselte dem Kerl die Hände, und das verstand er noch besser als Stanislaus.
Dann waren die Beine an der Reihe, bis Stanislaus wie ein Paket aussah. Er schnarchte jetzt nur noch leise.
Gary sah sich erleichtert um. Der Magen hing ihm bis in die Knie. Er hatte entsetzlichen Hunger und hätte einen halben Ochsen verspeisen können. Der Speck lockte, der Kanten Brot und die Möweneier. Aber zuerst griff er in die Tasche des Kerls, denn er vermißte seine Münzen. Vier fand er noch und steckte sie grinsend wieder ein.
Danach fiel er über die „Vorräte“ des Rübenschweins her, säbelte den Speck ab, schnitt sich Brot mit dem Entermesser und trank die Möweneier aus.
Jetzt kehrten seine Lebensgeister noch nachdrücklicher zurück, und er hätte wieder Bäume ausreißen können. Das war ihm die eine Silbermünze wert, die der Kerl ihm geklaut und vermutlich in Schnaps umgesetzt hatte. Und dafür, daß er ihn gefesselt hatte, mußte er ebenfalls noch ein Opfer bringen.
Gary fand das Knäuel Takelgarn, das der verluderte Gauner ebenfalls an sich genommen hatte, und steckte es wieder ein. Hinter dem Bord fand er eine etwas angerostete Pistole, aber keine Munition dazu. Für einen Bluff war sie aber immer noch gut, und so schob er sie ebenfalls in seinen Gürtel.
Seine Klamotten waren inzwischen so von der eigenen Körperwärme getrocknet, daß sie nur noch etwas klamm wirkten. Daher nahm er auch die alte zerschlissene und wattierte Jacke mit, ebenso den Schlapphut, der auf dem Bord lag.
Als er gehen wollte, entdeckte er noch einen Ledersack, den er ebenfalls mitnahm. Das alles zusammen glich vielleicht die englische Silbermünze wieder aus, dazu gesellte sich noch der Ärger über diesen verlausten Kerl.
So ausgerüstet, pirschte Gary bis an den schmutzigen Vorhang und warf einen Blick ins Freie. Er befand sich in einem Erdloch zwischen den Dünen, einer gut getarnten Behausung.
Sorgfältig sah er sich um, ob niemand in der Nähe war. Alles war still und ruhig, bis auf ein paar kreischende Möwen.
Am Strand blieb er erneut stehen und überlegte. Die „Isabella“ und die „Wappen von Kolberg“ segelten nach Westen, denn sie wollten nach Rügenwalde. Also stand sein Kurs ebenfalls fest. Auch er würde westwärts marschieren, immer am Strand entlang. Das würde zwar eine verdammte Weile dauern, aber einmal würde auch er dort eintreffen.
Auch der längste Weg führte zum Ziel.
Die Sachen hatte er inzwischen angezogen und den Schlapphut aufgesetzt. Als er sich in Marsch setzte, hätte ihn niemand seiner Kameraden erkannt, denn er sah aus wie ein abgefledderter Pennbruder. Zumindest war er eine recht merkwürdige Gestalt.
7.
Unverdrossen marschierte der einsame Mann weiter, doch schon nach zehn Minuten Marsch tauchte der kleine Ort Rixhöft auf, und da wurde Gary stutzig. Er hatte gerade noch so viel Zeit, sich seitwärts in Büsche und Dünen zu schleichen, um nicht gesehen zu werden.
Mißtrauisch beobachtete er die Männer. Es waren Uniformierte, die vor einer Schenke mit einem dicken Zivilisten sprachen.
Kein Zweifel, das waren polnische Soldaten, und denen wollte er nun nicht gerade begegnen. So blieb er in seinem Versteck und beobachtete die Männer, ganz besonders den Dicken, der sehr aufgeregt wirkte und gestenreich immer wieder nach Osten auf die See deutete.
Ihre Stimmen waren für Gary nur ein unverständliches fernes Gemurmel, von dem er absolut nichts verstand.
Geduldig wartete er. Dabei war es sehr interessant, was die Soldaten mit dem Dicken besprachen.
Der Dicke war niemand anders als Pjontek. Er hatte die Soldaten gerufen, nachdem der verrückte Stanislaus den Schnaps mit einer englischen Münze bezahlt hatte.
„Zeige uns mal die Münze“, sagte einer der Soldaten. Er nahm sie Pjontek aus der Hand und betrachtete sie.
„Ja, das ist eine englische Münze“, sagte der Soldat nickend. „Ich habe schon einmal eine solche gesehen.“
„Hier geht etwas Geheimnisvolles vor“, behauptete der Wirt kühn. „Den ganzen Vormittag bis zum frühen Nachmittag lagen zwei Galeonen vor der Küste vor Anker. Ich habe alles deutlich beobachtet. Sie haben drei Boote zu Wasser gelassen und sind pausenlos dicht unter der Küste gesegelt.“
„Und was suchten sie?“
„Das weiß ich nicht, keine Ahnung. Zwei Männer sind an den Strand gesegelt und dort entlanggegangen. Eine lange Strecke sogar, während ihnen das eine Boot ganz dicht folgte.“
Der Dicke schwitzte vor Aufregung, außerdem stand auch er jetzt einmal im Mittelpunkt und wußte allerlei zu berichten, denn die fünf Soldaten hörten interessiert und gespannt zu. Sie gaben ihm sogar die Münze wieder zurück.
„Haben sie Bernstein gesucht?“ fragte der Soldat.
„Das glaube ich nicht. Es muß wohl etwas anderes gewesen sein. Jedenfalls war das eine Schiff ziemlich groß, das andere etwas kleiner. Ich habe so ein Schiff auch noch nie gesehen, aber ich bin sicher, daß das größere das englische Piratenschiff war, das ihr so dringend sucht.“
„Wie sahen die Kerle denn aus?“
„Oh – wilde Gestalten, schwarzhaarig und groß. Einer trug einen Degen, die anderen lange Piratenmesser und Pistolen. Sie sahen so aus, als wollten sie die Dörfer plündern“, erzählte der dicke Pjontek übereifrig. „Und viele Kanonen waren auf den beiden Seglern zu erkennen.“
„Und wo sind sie jetzt?“
„Leider sind sie kurz nach Mittag weitergesegelt, in westlicher Richtung, und die Boote haben sie auch wieder mitgenommen. Aber ist es nicht merkwürdig, daß der verrückte Stanislaus ausgerechnet heute mit einer englischen Münze bezahlt hat? Das muß doch genau untersucht werden!“ ereiferte sich der Wirt.
„Das werden wir auch genau untersuchen, Pjontek. Hast du den schuckernen Stanis gefragt, woher er die Münze hat?“
„Klar, das habe ich sofort gefragt. Ich fragte: ‚Wo hast du die Münze denn her?‘“
„Und was sagte er dann?“
„‚Gefunden, unten am Strand‘, so sagte er wörtlich. Ich fragte ihn noch, ob die Münze vielleicht ein paar Brüderchen hätte, aber ihr kennt ihn ja: Wenn der nichts sagen will, dann lacht er nur immer dämlich und gibt keine Antwort.“
„Vielleicht hat sie einer der Piraten wirklich am Strand verloren“, meinte der eine Soldat nachdenklich.
Pjontek schüttelte schnell den Kopf.
„Verloren kann sie von den Piraten keiner haben“, sagte er schlau, „denn da waren die beiden Piratensegler mit ihren Booten ja noch gar nicht in unserer Nähe. Also muß er sie woanders herhaben.“
Das leuchtete den Soldaten ein. Alle nickten unisono.
„Wo ist der schuckerne Stanis jetzt?“
„In seiner Höhle. Ich habe ihm eine Kruke Schnaps verkauft, und da ist er gleich abgehauen. Wenn er Schnaps hat, dann hockt er sich in die Ecke und säuft so lange, bis die Kruke leer ist. Danach ist er dann total besoffen und pennt seinen Rausch aus.“
Die Soldaten sprachen miteinander, blickten auf das Meer hinaus und fanden alles sehr merkwürdig.
„Kannst du uns seine Behausung zeigen? Wir werden ihm mal einen kleinen Besuch abstatten.“
„Es wird mir eine Ehre sein, euch dort hinzuführen.“ Pjontek dienerte. „Schließlich muß das ja geklärt werden. Vielleicht steckt er mit den Brüdern unter einer Decke.“
„Alles ist möglich“, sagte der Anführer der Fünfmanngruppe. „Dann also los.“
„Ich gehe vor“, sagte Pjontek eifrig. „Hier müssen wir quer durch die Dünen, dann sind wir gleich da.“
Von alledem verstand Gary absolut nichts. Er sah nur, daß die Kerle alle sehr aufgeregt wirkten, daß der dicke Zivilist immer noch mit den Händen fuchtelte und auf die Kerle einredete.
Aber Gary Andrews schwante nichts Gutes. Weil er den Sinn der Gespräche nicht begriff, nahm er an, der verrückte Säufer hätte die Soldaten alarmiert.
Er kauerte sich in seinem Versteck zusammen und kroch fast in den Boden hinein, denn die fünf Soldaten und der Zivilist schlugen seine Richtung ein und hielten fast genau auf ihn zu.
Verdammt, dachte er, ich muß hier weg, ich muß so schnell wie möglich verschwinden, sonst geht es mir an den Kragen.
Sehr dicht gingen sie jetzt an seinem Versteck vorbei. Gary schwitzte Blut und Wasser, doch dann atmete er erleichtert auf, denn der Dicke wechselte den Kurs etwas nach rechts, und so marschierten sie in knapp fünf Yards an ihm vorbei, ohne ihn zu entdecken.
Auffallend eilig hatten sie es, um von dem verrückten Stanislaus zu erfahren, woher die Münze stammte. Aber der Kerl war für die nächste Zeit ganz sicher nicht ansprechbar. Bis der seinen Rausch ausgeschlafen hatte, würde sicher eine Ewigkeit vergehen.
Während er den Kerlen nachblickte, blieb er immer noch reglos in seiner Deckung liegen. Dann wandte er den Blick nach vorn und sah sich die Kneipe an.
Ein paar Leute verschwanden ins Innere der Schenke. An einem langen Holm sah Gary fünf angebundene Pferde, die den Soldaten gehörten. Neben den Gäulen stand ein Posten, den sie als Bewachung zurückgelassen hatten.
Gary Andrews grinste ein bißchen. Es sah verwegen aus, denn in seinem Schädel reifte ein Plan. Wenn er sich auf einen der Gäule schwingen könnte, dann waren seine Probleme der langen Wanderung gelöst, und er war vielleicht noch eher in Rügenwalde als die „Isabella“ und die „Wappen von Kolberg“.
Vorsichtig richtete er sich auf und marschierte zwischen die Dünen. Der Wirt und die Soldaten marschierten immer noch in Strandrichtung. Hin und wieder sah er durch die Dünen nur ihre Köpfe. Dann tauchten sie wieder weg.
Ein Posten, dachte er, ein Mann. Das war für einen Kerl wie ihn zu schaffen, vorausgesetzt, er konnte sich nahe genug an den Mann heranpirschen, damit der nicht ganz Rixhöft alarmierte.
Er sah sich den Kerl genauer an und stellte fest, daß er fast im Stehen schlief und vor sich hin döste. Er hatte sich an den Holm zurückgelehnt und starrte zu Boden, die Augen dabei halb geschlossen.
Die Soldaten konnten ihn jetzt nicht mehr sehen, selbst wenn er sich zu voller Größe erhob.
Neben der Schenke befand sich ein Stall mit offener Tür. Von der Seite her mußte er den Posten umgehen, dann hatte er die besten Aussichten nicht vorzeitig entdeckt zu werden.
Wie eine Schlange bewegte er sich durch den Sand, bis er ein paar Schlehenbüsche erreichte, die ihm weiter Deckung boten.
In diesem Augenblick blickte der Posten hoch und starrte genau in seine Richtung.
Gary blieb stocksteif stehen, als sei er erstarrt. Wahrscheinlich hatte er ein wenig die Äste bewegt. Aber dieser Kerl war mißtrauisch, dem entging so schnell nichts. Erst nach einer Ewigkeit wandte er endlich den Blick ab.
Gary schlich weiter und umging die Schenke in einem riesigen Bogen, bis er sie von der anderen Seite im Blickfeld hatte. Auch dort gab es direkt neben der Schenke eine angelehnte Stalltür.
Wenn er durch den Stall ging und ihn durchquerte, mußte er direkt vor dem Posten stehen und konnte ihn überraschen.
Im Halbdämmer des Stalles befanden sich nur ein halbes Dutzend Schweine, die seinen Eintritt mit Grunzen begrüßten. Schnell glitt er weiter, bis er die offene Tür der anderen Seite erreichte.
Der Posten lehnte immer noch träge an dem Holm neben den Pferden. Aus der Schenke vernahm Gary Stimmen in polnischer Sprache. Auch zwei Frauenstimmen unterschied er.
Er drückte seinen Schlapphut fester ins Gesicht, trat dann lautlos aus dem Halbdämmer und wollte den Posten anspringen, als eins der Pferde hochstieg und laut wieherte, als sei es durch Gary erschreckt worden.
Ihm blieb nichts anderes mehr übrig, als blitzschnell zu handeln, sonst ging alles schief.
Mit einem mächtigen Satz sprang er den Posten an. Der war jetzt aufmerksam geworden, sah den Schatten und duckte sich instinktiv.
Da war Gary heran und schlug zu. Sein Hieb erwischte den Posten jedoch nur an der Schulter, und so entstand ein kurzes, heftiges Gerangel, bis Gary seine Hände wieder frei hatte.
Der nächste Hieb erwischte den Uniformierten an der Schläfe. Der Pole knickte in den Knien ein und brach zusammen. Er fiel auf die Seite und blieb reglos liegen.
Hoffentlich haben sie in der Kneipe nichts bemerkt, dachte Gary und warf einen schnellen Blick zum Strand.
Die Soldaten waren nicht zu sehen, sie beschäftigten sich wohl gerade mit dem verrückten Säufer.
Schnell nahm sich Gary die Waffen aus dem Bandelier des Postens und steckte ihm seine erbeutete rostige Pistole dafür hinein. Er vergaß auch nicht die Pulverflasche und das Säckchen mit den Bleikugeln, das er ebenfalls hastig einsteckte.
Fünf Pferde, dachte er. Nahm er eins, dann würden sie ihn verfolgen, nahm er aber gleich alle fünf, dann konnten sie bestenfalls hinter ihm herlaufen. Bis sie sich neue Pferde besorgt hatten, würde eine ganze Weile vergehen.
Der Posten murmelte etwas und bewegte sich. In der Kneipe rief eine tiefe Männerstimme unverständliche Worte. Für Gary Andrews wurde es allerhöchste Zeit.
Er entschloß sich, alle fünf Pferde zu nehmen, um kein unnötiges Risiko einzugehen. Sie waren mit Satteltaschen behängt und anscheinend gut ausgerüstet.
In rasender Eile band er die Zügel zusammen, schwang sich auf den erstbesten Gaul und knotete die Zügel an das Pferd, auf dem er saß.
Es war wirklich allerhöchste Zeit, denn jetzt öffnete sich die Tür der Schenke, und zwei Männer rannten ins Freie. Eine dicke Frau, wahrscheinlich die Frau des Wirtes, rannte hinterher und schrie laut und gellend. Noch weitere Männer stürmten aus der Schenke und rannten brüllend und schreiend hinter dem flüchtigen Reiter her.
Über die Schulter blickend sah Gary, daß sie die Fäuste schüttelten. Einer hob einen Knüppel auf und warf ihn voller Wut hinter Gary her. Und die Frau zeterte und schrie wie eine Furie, rannte mal hierhin, mal dorthin und benahm sich wie eine Verrückte.
Aber zu diesem Zeitpunkt hatte Gary Andrews bereits die ersten dreißig Yards hinter sich und war nicht mehr einzuholen.
Er sah auch, daß sich der Posten wieder aufrappelte und nach seinem Bandelier tastete. Doch dort steckte nur die verrostete Pistole, die er jetzt herauszog und abdrückte.
Da kannst du lange drücken, Junge, dachte Gary belustigt. Aus der wird sich nie wieder ein Schuß lösen.
Die Hufe donnerten über den Boden. Die Rosse schnaubten und rannten, als sei der Teufel hinter ihnen her.
Gary Andrews drehte sich grinsend im Sattel um. Die Freiheit winkte, er fühlte sich wie neugeboren.
„Arwenack!“ brüllte er aus voller Lunge. „Arwenack!“
Wie ein Gewittersturm fegte er durch die Dünen, daß der Sand nach allen Seiten hoch aufspritzte, zum Strand hinunter und galoppierte weiter am Wasser entlang westwärts.
Es sollte doch mit dem Teufel zugehen, wenn er seine Kameraden nicht wiederfand.
Von alledem hatten die Soldaten und der dicke Wirt nichts bemerkt. Das Geschrei und Gezeter drang nicht mehr an ihre Ohren. Sie waren schon zu weit vom Ort des Geschehens entfernt.
Pjontek blieb stehen und deutete auf einen Hügel zwischen den Dünen, der sich von den anderen nur dadurch unterschied, daß er dreckiger war und in der Nähe Unrat herumlag.
„Hier ist es“, sagte er und deutete unter einen Überhang aus Strandhafer und scharfem Gras.
Die Soldaten umstellten das schmutzstarrende Loch. Einer ging vor und fetzte angewidert den schmutzigen Vorhang zur Seite. Dahinter war es dunkel wie im Kohlensack.
Aus dem Erdloch drang ein Schnarchen, so entsetzlich laut, daß der Soldat verdattert stehenblieb, sich bückte und in der Finsternis etwas zu erkennen versuchte.
„Rauskommen!“ brüllte er mit Donnerstimme. „Sofort raus aus dem Loch, oder wir schießen!“
Durch das Gebrüll wurde das Schnarchen abrupt unterbrochen. Doch einen Lidschlag später setzte es wieder mit unverminderter Heftigkeit ein und wurde sogar noch schlimmer.
„Eine Frechheit ist das!“ schrie der eine der vier Soldaten.
Noch einmal brüllten sie in das Erdloch hinunter, und nach jedem Schrei wurde das Geschnarche unterbrochen, setzte aber gleich darauf mit urweltlichem Getöse wieder ein.
Einer der Soldaten hielt die Muskete in das Erdloch und fetzte die Reste des Vorhangs endgültig herab. Dann gewöhnte er seine Augen an das Halbdämmer und sprang einen Schritt vor.
Auf dem Boden lag zusammengekrümmt eine schmutzige Gestalt.
Angewidert deutete der Soldat auf den Säufer und fragte: „Ist er das, Pjontek?“
Pjontek schob sich in den stinkenden Bau und nickte.
„Aber der Kerl ist ja gefesselt“, sagte er verwundert. „Wie hat er das denn fertiggekriegt?“
„Das war bestimmt nicht er selbst, du Blödmann. Aber das werden wir gleich erfahren.“
An den Fesseln schleifte er das schnarchende Bündel hart nach oben. Dann warf er den verrückten Stanislaus in den Sand und knotete die Fesseln auf. Während der ganzen Prozedur schlief Stanislaus immer noch, murmelte nur etwas und schnarchte weiter.
„Den kriegen wir nicht wach“, sagte ein anderer Soldat. „Da werden wir wohl Geduld aufbringen müssen.“
„Wir können ihn ja so lange wässern, bis er wieder wach wird“, schlug der dritte Soldat vor. „Entweder er ersäuft dabei, oder er wird reden.“
„Gute Idee.“
Sie lachten roh, krempelten Stanislaus dann die Taschen um und suchten nach weiteren Münzen. Der vierte Soldat durchsuchte inzwischen den stinkenden Strandbau. Auch er fand nichts.
„Keine Münzen mehr“, meldete er, „oder aber er hat sie irgendwo vergraben.“
„Das werden wir gleich wissen.“
Zu zweit schleppten sie den schukkernen Stanis an den Beinen zum Wasser hinunter, stießen und knufften ihn und versuchten, ihn wach zu kriegen. Doch Stanislaus hatte einen Schlaf wie tausend Tote. Er zuckte nicht einmal mit der Wimper.
Da warfen sie ihn lachend in hohem Bogen in die Ostsee. Zwei Soldaten sprangen hinterher und tunkten ihn, bis er zum erstenmal zu prusten begann.
„Langsam wird er wach“, sagte der eine.
Stanis kriegte ein paar saftige Ohrfeigen, wurde wieder gewässert und kriegte keine Luft mehr. Da begann er zu zappeln und wachte endlich auf. Seine Augen waren blutrot, sein Schädel dröhnte wie eine Glokke, und er konnte nicht stehen. Immer wieder kippte er ihnen weg.
„He, du Säufer!“ schrien sie. „Bist du jetzt endlich wach, oder sollen wir dich absaufen lassen?“
Die Reaktion war ein lautes Rülpsen.
Die zweite und dritte Ohrfeige warfen Stanislaus von den Beinen, und er landete erneut aufklatschend @ Wasser. Sie gingen nicht gerade rücksichtsvoll mit ihm um, und sie wasserten ihn so lange, bis er taumelnd auf den Beinen stand und kaum noch atmen konnte.
Ein Fußtritt warf ihn wieder in den Sand. Der erste Soldat riß ihn gleich darauf hart auf die Beine und schnauzte ihn an.
„Du wirst jetzt reden, Stanis, und du wirst alles sagen, was wir wissen wollen. Und spiel nicht den Verrückten. Wenn du unsere Fragen nicht beantwortest oder nur dämlich grinst, dann wird die Ostsee hier dein Friedhof. Wir werden dich wie eine Katze ersäufen, wenn du uns anlügst.“
Stanislaus stand schwankend da. Die Gesichter um ihn herum waren doppelte Scheiben, die er nicht unterscheiden konnte. Auch die Uniformen sah er in allen Farben schillern. Er wußte aber, was die Glocke geschlagen hatte, denn die Soldaten fackelten nicht lange, und sie würden ihre Drohung ohne weiteres augenblicklich in die Tat umsetzen.
Damit er noch nüchterner wurde, erhielt er gleich wieder ein paar Tritte und Ohrfeigen, bis er endgültig wußte, wo es langging.
„Wo hast du die englische Münze her?“
„Ich – ich fand sie.“
Weil sie mit der Antwort durchaus nicht zufrieden waren, stellten sie Stanislaus auf den Kopf und tunkten ihn wieder. Danach setzte es auch noch ein paar Maulschellen.
Diesmal war er so geschafft, daß er kaum noch antworten konnte. Der Fusel war jedoch aus seinem Gehirn gewaschen, denn jetzt hatte er sich kräftig mit Salzwasser vermischt.
„Denk daran, daß du gleich ein toter Mann bist, wenn du nur noch ein einziges Mal lügst“, drohten sie.
„Ich will alles sagen.“
„Beginnen wir mit der Münze.“
„Ich fand einen Kerl am Strand, einen Piraten“, erzählte Stanislaus stammelnd. „Und der hatte die Münze in der Tasche. Ich hab sie ihm weggenommen. Und dann nahm ich ihn gefangen.“
„Ein englischer Pirat läßt sich von dir gefangennehmen?“ höhnten sie und klebten ihm wieder eine, daß er in den Sand flog.
„Er war bewußtlos“, jammerte Stanislaus. „Dann habe ich ihn gefesselt und in die Höhle gebracht.“
„Und warum hast du das nicht den Behörden gemeldet?“
„Das wollte ich ja. Ich wollte ihn abliefern.“
„Und warum hast du ihn nicht abgeliefert?“
Hart und kalt prasselten die Fragen auf ihn ein.
„Ich – ich wollte doch …“
„Du wolltest für den Gefangenen kassieren, nicht wahr? Du dachtest, der bringt dir ein hübsches Sümmchen und das kannst du dann später in Schnaps umsetzen. War es so?“
Stanislaus schluckte hart. Seine Augen waren immer noch knallrot. Eine zweite Ohrfeige warf ihn wieder um.
Im Sand liegend, nickte er kläglich.
„Aber ich wollte doch nur …“
„Also kassieren. Das haben wir gar nicht gern, du Säufer, und das wirst du auch gleich noch bereuen. Du unterschlägst den Behörden einen so wichtigen Mann, nur um Geld zu kassieren. Dafür wird niemand Verständnis aufbringen. Vielleicht werden wir dich dafür erschießen.“
„Nein, nein!“ kreischte der Säufer. „Ich habe es doch nicht gewußt, ich wollte ihn wirklich abliefern, ihr Herren. Ganz ehrlich wollte ich das.“
„Weiter!“ rief der Anführer ungeduldig. „Was ist weiter passiert?“
Stanislaus zitterte am ganzen Körper und schüttelte sich.
„Ich ging mit der Münze zu Pjontek, um Schnaps zu kaufen. Und dann habe ich getrunken und bin eingeschlafen. Da muß sich der Spitzbube von seinen Fesseln befreit haben. Und dann hat er mich gefesselt und ist verschwunden.“
„Und du verdammter Säufer hast nichts gemerkt. Dir war der Schnaps wichtiger als alles andere. Daß sich hier englische Piraten vor der Küste tummeln, das interessiert dich nicht.“
Pjontek und die Soldaten warfen sich Blicke zu, die Stanislaus bis ins Mark gingen. Er sah die Kerle hinterhältig grinsen und war ihnen hilflos ausgeliefert. Eine Abreibung ist das mindeste, was ich zu erwarten habe, dachte er, aber vielleicht erschießen sie mich jetzt tatsächlich!
Er fiel auf die Knie und winselte um Gnade. Angeekelt und verärgert darüber, daß ihnen der „Pirat“ durch die Lappen gegangen war, betrachteten sie Stanislaus wie einen großen Mistkäfer.
„Kennst du die Mazurka, Stanislaus?“ fragte einer hinterhältig.
Stanislaus schüttelte nur den Kopf.
„Das ist ein alter Tanz für vier oder neun Personen“, erklärten sie ihm grinsend. „Pjontek wird das Ballett durch Klatschen begleiten, wir stellen uns im Kreis auf, und du wirst von einem zum anderen tanzen. An jedem mußt du vorbei, immer innen durch den Kreis. Hast du das verstanden? Du hebst ein Bein hoch und hüpfst einfach durch den Sand. Wir fangen jetzt gleich damit an.“
Der dicke Wirt war solchen Späßen auch nicht abgeneigt, und so begann er zu klatschen, während die vier Soldaten Aufstellung nahmen, zwar nicht im Kreis, sondern im Viereck, und an jedem mußte Stanislaus vorbeihüpfen.
Er tat es heulend und kreischend. Und dann bleuten sie ihm die polnische Mazurka ein. Sobald er sich einem näherte, holte der aus und klebte dem hüpfenden und greinenden Stanislaus eine an die Ohren, daß er zum nächsten Soldaten flog, der das Spiel wiederholte und ihn zum übernächsten schickte. Dabei hagelte es pausenlos Tritte und Püffe, und mehr als einmal fraß Stanislaus trockenen Sand.
Dann war das polnische Tänzchen beendet, denn Stanislaus konnte nicht mehr stehen und hatte überall blaue Flecke und Blutergüsse.
„Das nächstemal tanzen wir mit dir die Musketen-Mazurka“, versprachen sie ihm, hoben ihn noch einmal hoch und walkten ihn nach Kräften durch.
Anschließend fühlte sich Stanislaus von harten Fäusten hochgehoben und mit Schwung in seine Höhle gefeuert. Ein Teil der Bretterwand brach hinter ihm zusammen, und eine Wolke aus hellem Sand stob durch das dreckige Erdloch.
Benommen, geschunden und elend verprügelt blieb er eine Weile so liegen und atmete schwer. Dann stand er humpelnd auf und begann jämmerlich zu fluchen.
Die Prügel vergaß er ziemlich schnell. Daß sein Körper mal weh tat, war für ihn schon fast Gewohnheit. Blaue Flecke hatte er von seinen Sauftouren oft genug mitgebracht.
Er war nur verärgert und gekränkt, aber richtig empört war er erst, als er seine Unterkunft einer Inspektion unterzog. Da fehlten die Möweneier, der Speck und der Kanten Brot. Das Messer war weg, seine Jacke, sein Schlapphut, die Rolle Kabelgarn und der Ledersack. Und natürlich fehlten auch die Münzen, „seine“ Münzen, versteht sich, wie er das auslegte.
Er hockte sich wütend und verärgert auf den Boden und schlug mit der Faust auf das kleine Holzregal.
„Dieser Spitzbube!“ keifte er. „Dieser verdammte Pirat! Der hat mir sogar meine Münzen geklaut, alles hat er mir geklaut, dieser englische Halunke. Der Teufel soll ihn holen, verfaulen soll der Hund, peronnje!“
Er erhob sich und brüllte noch lauter.
„Gauner sind das alles, Halsabschneider, Piraten, Lumpenpack und Spitzbuben! Nicht nur, daß er mich beklaut hat wie ein Rabe, er hat mir auch noch alles weggefressen. Und was habe ich nun davon? Nichts als Ärger mit diesem Gesindel!“
So zeterte und geiferte er in seiner Höhle herum, verfluchte Gott und die Welt und war erbost darüber, daß sein Rausch vorzeitig verflogen war und er nicht einmal davon etwas hatte. Und wie es aussah, bestand wenig Aussicht, wieder an Geld zu gelangen.
Inzwischen waren die Soldaten zur Kneipe gestürmt und blieben entsetzt stehen, als sie den Auflauf sahen. Die Wirtin und die Gäste schrien und brüllten aufgeregt durcheinander, der Posten war immer noch bewußtlos und konnte keine Auskunft geben. Ein heilloses Durcheinander war das.
Fünf Pferde waren weg, samt Satteltaschen, Proviant, Munition und Hafer für die Gäule.
Zwei Soldaten rannten in wilder Wut zum Strand hinunter und suchten nach Spuren, die sie auch auf Anhieb fanden.
„Das darf nicht wahr sein!“ brüllte der eine enttäuscht. „Der Kerl hat alle Pferde mitgenommen, alles! Aber den kriegen wir noch, und wenn wir ihn durch die ganze Welt jagen!“
Überstürzt kehrten sie wieder zurück und erstatteten Meldung. Der Anführer war so sauer, wie sie ihn nie erlebt hatten.
„Alles wegen dieses Stanislaus, dieses Irren!“ schrie er. „Den bringe ich doch noch um. Aber zuerst geht es um diesen Piraten. Der darf uns nicht mehr entwischen.“
„Und wo kriegen wir Pferde her?“
„Ich hab meine auf der Koppel“, sagte der Wirt, „aber nur einen Sattel. Ihr müßt sie erst holen.“
„Die sind hiermit beschlagnahmt!“ brüllte der Anführer. „Los, zeig uns den Weg, Pjontek, wir dürfen keine Zeit mehr verlieren, sonst entwischt uns dieser Hund doch noch.“
Bevor sie auf der Koppel waren und die Pferde eingefangen hatten, verging wiederum eine ganze Weile. Inzwischen hatte die Wirtin den Soldaten etwas Proviant eingepackt.
Den immer noch bewußtlosen Soldaten ließen sie zurück und jagten dann wutentbrannt dem Flüchtigen nach. Sie mußten ihn fassen, um jeden Preis.
8.
Die ersten paar Meilen jagte Gary über Stock und Stein, ohne sich umzusehen, denn die Verfolger waren sicher noch weit weg und mußten sich erst neue Pferde beschaffen.
Am späten Nachmittag, als es schon zu dämmern begann, rastete er kurz und untersuchte die Satteltaschen der Pferde.
Bisher hatte er noch nicht nachgesehen, aber jetzt stellte er hoch erfreut fest, daß die Soldaten gut ausgerüstet waren. In den Satteltaschen fanden sich Speck und Brot, ein paar Zwiebeln, Wurst und Ziegenkäse. Das Wasser lief ihm im Mund zusammen, er hatte Hunger und Durst.
Auch Wasser war genügend vorhanden und Hafer in drei Satteltaschen. Aus der fellüberzogenen Flasche trank er durstig, dann hockte er sich auf den Boden bei den Dünen, säbelte sich Speckstücke ab, nahm Brot und Wurst und kaute zwischendurch eine Zwiebel.
Aber immer hielt er dabei Ausschau nach seinen Verfolgern. Weit und breit gab es keine menschlichen Behausungen. Leer, verlassen und einsam lag die weite Fläche des Strandes vor ihm.
Den Pferden gab er etwas Hafer aus den Satteltaschen, schüttete Wasser in den Ledersack vom alten Säufer und tränkte sie etwas umständlich.
Sein Blick war zur See gerichtet, doch da zeigte sich in weiter Ferne nur ein einsames Fischerboot weit draußen vor der Küste, so weit entfernt, daß er es nur noch mit Mühe erkennen konnte.
Eine halbe Stunde ruhte er aus. Sehr müde war er nicht, wenn auch das Reiten eine ungewohnte Sache war.
Später erhob er sich und verstaute das Zeug wieder in den Satteltaschen. Mit ein paar Grasbüscheln rieb er das Pferd ab, das er geritten hatte.
Dann wollte er sich in den Sattel schwingen und in die anbrechende Nacht reiten.
Da sah er sie in weiter Ferne als winzig kleine Punkte. Vier Reiter, die dicht am Wasser entlangritten. Inzwischen war der Mond aufgegangen und lugte zwischen zwei langgestreckten Wolkenbänken neugierig hervor.
Gary gesellte das gerittene Pferd zu den anderen. Es wirkte abgeschlafft und etwas müde, und nun konnte es sich erholen, denn die vier anderen Pferde waren noch frisch und ausgeruht. Sie hatten keine Last tragen müssen.
Gary Andrews war auch nicht sonderlich aufgeregt. Die vier Soldaten mochten noch gut drei Meilen entfernt sein, und sie hatten ihre Pferde sicher hart und scharf geritten.
Kühl und überlegt handelte er. Er würde weiter am Strand entlangreiten und öfter die Pferde wechseln. Nach menschlichem Ermessen hielten die anderen das nicht sehr lange durch.
„Auf geht’s, Freunde“, sagte er und schwang sich in den Sattel.
Nach einer Weile – Gary ritt nicht sonderlich scharf – verschwand der Mond wieder zwischen den Wolken. Auflandiger Wind blies ihm ins Gesicht. Die Pferde schnaubten und folgten locker. Von den anderen Reitern war augenblicklich nichts zu sehen. Er war sich auch nicht sicher, ob sie ihn entdeckt hatten. Seiner Spur folgten sie jedenfalls mühelos, denn die zeichnete sich klar und unübersehbar im Sand ab.
Die Kerle mußten eine unbeschreibliche Wut im Bauch haben, überlegte er. Wenn sie ihn schnappten, dann hatte er nichts mehr zu lachen. Sie würden ihn alle Qualen der Hölle durchleben lassen.
Immer öfter blickte er über die Schulter zurück, und als der Mond wieder schien, sah er weit achteraus immer noch die vier kleinen Punkte, die sich wie schwarze Käfer über den Strand bewegten.
Der Abstand blieb jedoch gleich, und als Gary eine etwas schärfere Gangart zulegte, verschwanden die vier Punkte hinter einer kleinen Landzunge und tauchten erst sehr viel später wieder auf.
Eine Stunde nach der anderen verging. Garys Vorsprung auf dem frischen, ausgeruhten Pferden vergrößerte sich weiter.
Schließlich war es Mitternacht, und er glaubte, sich und den Pferden erneut eine Pause gönnen zu dürfen.
Als er diesmal Ausschau hielt, sah er keinen der vier Punkte mehr, aber er spielte eine Weile mit dem Gedanken, ob sie ihn vielleicht in einem großen Bogen umritten und sich ihm dann ganz überraschend in den Weg stellen würden.
Diesen Gedanken verwarf er gleich darauf wieder. Er war ziemlich scharf geritten, hatte die Pferde gewechselt und einen riesigen Vorsprung. Das konnten die anderen nicht schaffen, ohne die Pferde restlos zuschanden zu reiten.
Etwas beruhigt nach dieser Überlegung, ritt er quer ins Land hinein. Vor ihm lagen Wiesen, unbebaute Felder, immer noch gab es kein Haus weit und breit.
Es war, als befände er sich allein auf der Welt.
Nach kurzem Ritt entdeckte er einen Tümpel und eine Wiese, auf der das Gras um diese Jahreszeit schon ziemlich hoch stand. Auch erster Löwenzahn wuchs dort bereits.
Die Pferde stürmten an den Tümpel, tauchten die Nüstern ein und soffen gierig. Danach ließ er sie grasen, während er selbst sich in die Nähe eines mit Erlen bewachsenen Knicks hockte und seine zweite Mahlzeit begann.
Es war die Nacht zum vierten April. Der Wind wehte von See her immer noch kühl und scharf. Der Himmel war jetzt verhangen, und der Dreiviertelmond lugte nur noch selten durch die schnell dahinjagenden Wolkenbänke.
Ein bißchen müde war er jetzt schon, doch eine längere Schlafpause durfte er sich nicht gönnen. Nicht mal eine kurze, denn wenn er erst einmal schlief, wachte er vielleicht erst etliche Stunden später wieder auf oder dann, wenn die Verfolger ihn endlich hatten.
Fast zwei Stunden gönnte er sich Ruhe, legte sich am Knick auf den Boden, starrte in den Himmel, wo die Heerscharen wild dahinjagten, und hielt die Augen krampfhaft geöffnet, damit er ja nicht einschlief.
Die Pferde standen ganz in seiner Nähe, als er sich wieder erhob, den Proviant verstaute und die Satteltaschen zurechtrückte. Da einige der Feldflaschen leer waren, füllte er sie an dem Tümpel wieder auf. Er wußte nicht, wann und ob er unterwegs noch einmal einen Teich mit Süßwasser fand. In Strandnähe war das Wasser meist salzig, zumindest aber sauer vom Torf und schmeckte nicht.
Als er sich in den Sattel schwang – diesmal nahm er wieder einen anderen Gaul –, hielt er lange Ausschau, während er langsam zum Strand hinunterritt.
Er nahm sich auch noch die Zeit, zu warten, bis der Mond einmal kurz den Strand beschien.
Nichts war zu sehen. Im Osten ließ sich keine Bewegung erkennen, keiner der Punkte zeigte sich. Entweder hatten die Reiter aufgegeben, was er nicht glauben wollte, oder ihre Tiere waren so ausgelaugt, daß sie fast zusammenbrachen und sich ein Weiterreiten von selbst verbot.
Ihm konnte das nur recht sein.
Diesmal ritt er im Schritt weiter, um auf dem Rücken des Pferdes ein wenig vor sich hin zu dösen. Immer wieder nickte er kurz ein, erwachte aber schon meist eine halbe Minute später und schrak dann hoch in der Annahme, er hätte mindestens eine Stunde oder länger geschlafen.
Der Strand zog sich endlos in die Länge. Manchmal schnurgerade, dann wieder durch kleine Buchten unterbrochen. Hin und wieder erblickte er landeinwärts große Seen, und einmal bewegte er sich auf einem schmalen Streifen Land zwischen Ostsee und einem, riesigen Gewässer entlang und verlor fast die Orientierung.
Sein Blick ging auch immer wieder suchend über die See, als könnte er die „Isabella“ entdecken. Doch auf dem Wasser war kein Segel zu sehen. Er hörte nur schwach die Brandung rauschen, wenn Wellen an den Strand liefen.
Was mochten sie an Bord jetzt wohl denken? Das hatte er sich schon ständig gefragt und beschäftigte sich mit dieser Frage auch jetzt noch.
Sie hatten ihn gesucht, das nahm er mit Sicherheit an. Sie waren umgekehrt, als sie sein Verschwinden bemerkten. Sie hatten Boote ausgesetzt, Suchstreifen gebildet. Die „Wappen von Kolberg“ hatte sich höchstwahrscheinlich ebenfalls an der Suche beteiligt.
Und dann hatten sie es aufgegeben, irgendwann, als sie merkten, daß alles Suchen nutzlos und er vermutlich irgendwo ertrunken war.
In der Vorfreude, die Kerle bald wiederzusehen, grinste er vor sich hin. O ja, und die verrückten Pfannkuchen mit Sirup hatte er auch noch nicht vergessen. Er spürte einen so extremen Heißhunger darauf, daß er über sich selbst lachte. Seit er in der See gepaddelt war, ohne Hoffnung auf Rettung, da hatten sich ihm diese albernen Dinger fest und unauslöschlich in die Seele gebrannt und so eingeprägt, daß er ständig daran dachte.
Weiter ging der Ritt durch eine monotone Küstenlandschaft.
Er schlief wieder ein paar Minuten, träumte wirres Zeug, wurde weitergeschaukelt und erwachte aufschreckend.
Nichts hatte sich verändert, wie er feststellte, gar nichts. Ruhig, wie von aller Welt verlassen, lagen linker Hand die Dünen, und auf der rechten Seite murmelte das Meer. Die Pferde trabten mit gesenkten Köpfen dahin.
Nach einer Ewigkeit begann es zu dämmern. Gary fühlte sich zwar noch ein wenig übermüdet, und er fröstelte auch, doch das verging nach einer Weile wieder, und er begrüßte freudig den Sonnenaufgang und die leichte Brise, die die Wolken zum größten Teil weggewischt hatte.
Verdammt, wie lang zieht sich denn diese Strecke bis Rügenwalde eigentlich hin? dachte er immer wieder. Einmal muß sie doch wohl ein Ende haben.
Er drehte sich um und suchte den Strand nach dunklen Punkten ab. Es gab nur zwei, und das waren vermutlich Steinadler, die sich dicht über der See bewegten.
Keine Spur mehr von den Soldaten. Er war sich sicher, daß sie es jetzt auch nicht mehr schafften, nicht, wenn sie dieselben Pferde ritten, denn die brauchten unbedingt Ruhe. Und wo sollten sie an diesen einsamen, langgezogenen Stränden Pferde herkriegen? Das war ganz ausgeschlossen.
Ein paar Stunden später erreichte er eine Ortschaft. Daß sie Stolpmünde hieß, wußte er nicht, aber er sah schon aus der Ferne, daß dort ein Fluß ins Meer rauschte und man nur mit einer Fähre hinübergelangte.
Etwa zwei Stunden vor Mittag mußte es sein, schätzte er. Bald darauf entdeckte er auch die Fähre und den Mann, der am Ufer auf einem Poller hockte und ebenfalls den Sonnenschein genoß.
Als der Fährmann das Klappern der Hufe hörte, schreckte er hoch und blickte dem seltsamen, fast wie eine Vogelscheuche gekleideten Mann mißtrauisch entgegen.
„Ich möchte dort hinüber“, sagte Gary, obwohl er wußte, daß der Fährmann kein Wort verstand.
Seine Worte unterstrich er mit Gesten, und nach einer Weile nickte der Fährmann, als er sah, daß von dem merkwürdig gekleideten Kerl offenbar nichts zu befürchten war.
Linker Hand sah Gary ein paar kleine Häuser, ein paar Schafe auf der Wiese, einige Ziegen, Hühner, Gänse und eine Entenschar.
Außer dem Fährmann war jedoch kein menschliches Wesen zu sehen. Die paar Leute waren vermutlich auf den Feldern bei der Arbeit. Weiter zum Landesinnern entdeckte Gary noch mehr Häuser und einen winzigen Kirchturm.
Er zeigte dem Fährmann eine Silbermünze. Der starrte sie zwar an, zuckte dann aber mit den Schultern. Mit dem Geld konnte er offenbar nichts anfangen. Nach einem mißglückten Grinsen lehnte er das Geld ab.
„Verdammt, womit soll ich denn bezahlen?“ knurrte Gary. Er nahm die Münze, die ihm der Fährmann kopfschüttelnd zurückgab, und steckte sie wieder in die Tasche zurück.
Inzwischen setzte sich die Fähre langsam vom Ufer ab und überquerte den Fluß Stolpe. Auch drüben waren wieder ein paar kleine Häuser zu sehen.
Gary gab dem Fährmann als Bezahlung eins der Pferde. Damit hatte er immer noch vier, und das Pferd war dem Mann lieber als alle unbekannten Silbermünzen, nach deren Herkunft man sicher unangenehme Fragen stellen würde. Nach einem Gaul fragte jedoch kein Mensch.
Der Fährmann bedankte sich auf polnisch überschwenglich, bis Gary lachend abwinkte.
„Rügenwalde“, erklärte er und deutete dabei auf sich, die Pferde und weiter voraus. „Rügenwalde“, sagte er klar und deutlich.
Der Fährmann begriff erst etwas später, was Gary wollte.
Umständlich, aber ausgesprochen freundlich zeigte er auf das Flüßchen, dann auf den kleinen Ort.
„Stolpe“, sagte er, „Stolpmünde.“
„Ich verstehe, aber ich will nach Rügenwalde. Bin ich hier auf dem richtigen Kurs? Rügen-wal-de?“
Der Fährmann nickte, zeigte dann mit seiner schwieligen Hand zum Strand und wiederholte den Namen der Ortschaft.
„Wie lange?“ brüllte Gary. „Wie viele Meilen?“
Durch sein Brüllen wurde die Verständigung zwar auch nicht besser, doch zum Glück begriff der Fährmann, was er wollte.
„Rügenwalde“, sagte er, hob dann die Hand, spreizte die Finger auseinander, überlegte es sich dann aber anders und zeigte noch einen Finger der anderen Hand vor. Zusammen also sechs.
„Sechs Stunden noch?“
Die Antwort bestand aus einem heftigen Nicken, als Gary ebenfalls die Finger hob, zum Strand und damit nach Westen deutete.
Nun ist alles klar, dachte er zufrieden. In etwa sechs Stunden konnte er Rügenwalde erreichen.
„So übel seid ihr Burschen gar nicht“, sagte Gary grinsend. „Auch wenn ihr uns schon eine Menge Ärger bereitet habt.“
Der Fährmann nickte und grinste mit, als hätte er alles verstanden.
Gary verließ die Fähre, schwang sich auf eins der Pferde und führte die drei restlichen wieder mit sich. Jetzt hatte er es immer eiliger, nach Rügenwalde zu gelangen, und er ritt erneut am Wasser entlang. Überall gab es Seen dicht am Strand, und hin und wieder watete er durch knietiefes Wasser flacher Tümpel, die sich bis an den Strand zogen.
Drei Stunden später tauchte direkt am Wasser wieder eine kleine Ortschaft auf. Gary sah zwei Männer, die das erste saftige Gras auf einer Wiese mähten. Auf der anderen Wiese standen und lagen wiederkäuende fette Kühe.
Die Männer stellten ihre Arbeit ein, als sich der einsame Reiter ihnen näherte.
Das komplizierte Frage-und-Antwort-Spiel begann erneut, als sich Gary nach Rügenwalde durchfragte. Es dauerte eine Ewigkeit, bis er ein paar handfeste Fakten zusammenhatte.
Da müsse er erneut über einen Fluß, wurde ihm beschieden, über die Wipper nämlich, auch mit einer Fähre. Den Gesten entnahm er, daß der Hafen von Rügenwalde auf der anderen Seite läge also nicht direkt an der See. Von Rügenwaldermünde aus müsse er dort hinreiten, das sei der eigentliche Hafen.
Die Bauern waren ausnehmend freundlich, und ihr anfängliches Mißtrauen verschwand auch sehr rasch. Nur hin und wieder musterten sie seine abgerissene und schmutzige Jacke, den seltsamen Schlapphut und die Pferde.
Gary verabschiedete sich freundlich von ihnen und ritt weiter. Sein Ziel rückte jetzt immer näher, und er spürte, wie die Freude über das bevorstehende Wiedersehen in ihm hochstieg.
Er brauchte gut eine Stunde weniger als errechnet, als er die nächste Fähre erreichte. Da war es nachmittags und ungefähr drei Uhr. Er fühlte sich verdreckt, übermüdet, schmutzig und staubig, und so wollte er seinen Kameraden denn doch nicht unter die Augen treten, dachte er. Deshalb nahm er in einem der Seen noch schnell ein Bad und fühlte sich augenblicklich frischer.
Der Fährmann, der ihn über die Wipper setzte, erwies sich als aufgeschlossener Mann, und er nahm auch grinsend das Silberstück, das Gary ihm als Passage über den Fluß bot.
Was für ein Landsmann er sei, wollte der Fährmann gestenreich wissen, als er auf das Silberstück blickte.
„Engländer“, sagte Gary, „von einer großen Insel.“
Der Mann nickte, obwohl er sich unter England absolut nichts vorstellen konnte. Er palaverte drauflos und war sehr geschwätzig. Gary nickte immer wieder lächelnd, bis sie endlich drüben waren und er sich wieder unter Menschen befand.
Jetzt wurde er ganz offen angestarrt. Sie sahen ihm nach und tuschelten, denn er war unrasiert, mit zwei Tage alten Bartstoppeln, und wirkte wie ein seltsamer Heiliger. Und dazu hatte er noch vier Pferde, was den Argwohn der Leute nur noch mehr erregte.
Gary Andrews kümmerte das nicht. Er war am Ziel und ritt weiter durch die Gassen, bis er in einem großen Bogen an den Hafen gelangte. Dort sah er sich neugierig um, aber von den beiden Schiffen war noch nichts zu sehen. Sie befanden sich für ihn noch in einer Art totem Winkel durch den Bogen, den er geschlagen hatte und der ihn von See zuerst ins Landesinnere und dann wieder zurückgeführt hatte.
Er ritt weiter bis an die Pier, wo ein paar Fischerboote und ein kleiner Handelsfahrer lagen.
Jetzt war er richtig müde, der lange Ritt und das bißchen Schlaf wirkten sich aus. Er beachtete die Leute nicht, die ihn neugierig anstarrten, sich immer wieder um ihn scharten und ihn von allen Seiten argwöhnisch musterten.
Mit dem Gaul lehnte er sich gegen einen alten Schuppen. Die drei anderen Pferde standen an den Zügeln zusammengebunden daneben und dösten ebenfalls vor sich hin.
Diese allgemeine Döserei wirkte ansteckend. Dazu gesellten sich noch das verhältnismäßig warme Wetter und Garys große Müdigkeit. Immer mehr sank er im Sattel in sich zusammen, bis er schließlich einnickte.
Hin und wieder schreckte er auf, aber er wich um keinen Inch von seinem Platz, blickte hoch, starrte auf die See hinaus und wartete wie einer, der alle Zeit der Welt gepachtet hat.
Dann, am späten Nachmittag, sah er sie endlich, und die Freude fuhr ihm so durch die Knochen, daß es ihn fast vom Gaul gehauen hätte.
Stolz segelten sie heran, die neue „Wappen von Kolberg“, die vormals ein polnisches Flaggschiff gewesen war, und die „Isabella“ in ihrer ganzen Pracht.
Gary konnte nicht anders. Er schluckte ein paarmal hart und war so gerührt, daß ihm zwei Tränen aus den Augen kullerten, im Gesicht eine kleine Spur hinterließen und im Bart versickerten.
Mann, ist das ein Gefühl, wieder zu den Lebenden zu gehören, dachte er selig.
Dann wartete er weiter.
9.
Gesprochen wurde auf der „Isabella“ immer nur noch das Nötigste, denn an der traurigen Stimmung hatte sich nichts geändert.
Die Seewölfe ließen die Köpfe hängen, bis auf den alten O’Flynn, der „mal wieder was an der Kimm sah“, wie er sich ausdrückte.
„Ein Gary Andrews ersäuft nicht in so einem Ententeich wie der Ostsee“, sagte er zum Profos, der geknickt und mit gesenktem Schädel auf dem Quarterdeck stand.
Für das Hafenstädtchen, das sie gerade anliefen, hatte er keinen Blick übrig.
„Ich wünschte, du hättest recht“, sagte Ed niedergeschlagen. „Aber diesmal trügt dich wohl dein Zweites Gesicht. Wir alle wollen es einfach nicht wahrhaben, daß Gary ertrunken ist.“
„Ich spür das“, sagte Donegal eindringlich. „Für so was hab ich einfach ein Gefühl.“
„Dann hätten wir ihn längst gefunden.“
„Man findet nicht immer das, was man sucht. Mitunter gibt es widrige Umstände“, deutete der Alte geheimnisvoll an.
„Du tust so, als wüßtest du es ganz genau“, sagte Stenmark, der sich zu den beiden Männern gesellte.
Old O’Flynn schüttelte nachdrücklich den Kopf.
„Ich habe doch gesagt, daß ich es nicht genau weiß, ich spüre das eben, es liegt mir im Blut. Gary ist irgendwo, der lebt und ist ganz munter.“
Donegal, das alte Rauhbein, hatte schon oft bewiesen, daß er über eine Art sechsten Sinn verfügte. Das konnte niemand an Bord abstreiten. Er übertrieb dabei manchmal nur ein wenig, und das rief dann meist die Skeptiker auf den Plan.
„Dein Wort in Gottes Ohr“, sagte der Profos. „Wenn das stimmt, dann werde ich dir wieder mal eine Menge abbitten müssen.“
„Das versprichst du jedesmal“, erwiderte Donegal trocken.
Der Profos enterte vom Quarterdeck zum Achterdeck auf und schaute den Seewolf an, dessen Gesicht so ganz anders aussah als sonst. Er schien auch mit seinen Gedanken weit weg zu sein, und so mußte der Profos seine Frage noch einmal wiederholen.
„Wo legen wir an, Sir?“
„An der freien Pier an Backbord.“
„Dann lasse ich jetzt Segel wegnehmen?“ sagte Ed fragend. Er fragte in letzter Zeit überhaupt wegen jeder Kleinigkeit nach.
„Ja“, erwiderte Hasard knapp.
Carberry gab mit ruhiger Stimme seine Anordnungen. Ebenso schweigend gingen die Arwenacks daran, den Großteil der Segel aufzutuchen.
Old O’Flynn wiederholte seine Ansicht diesmal bei dem rothaarigen Schiffszimmermann Ferris Tucker, der sehr unglücklich dreinblickte.
Aber auch Ferris war ziemlich skeptisch.
„Das ist doch bloßes Wunschdenken von dir, Donegal“, sagte er etwas nachsichtig.
„Ist dir denn nichts aufgefallen?“ fragte der Alte.
„Was sollte mir denn aufgefallen sein?“
„Wenn man nach einer Wasserleiche sucht“, sagte Donegal leise, „und sie dann nicht findet, was tut man dann?“
Darauf wußte Ferris allerdings keine Antwort, und so zuckte er nur mit den Schultern.
„Man schießt mit Kanonen über das Wasser, um dem Toten Auftrieb zu geben“, erläuterte der Alte fast flüsternd. „Durch den Donner treibt die Leiche auf. Das hält man schon seit Ewigkeiten so, und genauso tun es auch die Chinesen.“
„Wir haben es aber nicht getan“, sagte Ferris.
„Eben, eben“, ereiferte sich der Alte, „wir haben es nicht getan, und zwar aus gutem Grund. Ganz tief in seinem Innern glaubt nämlich keiner daran, daß Gary ertrunken ist. Es will nur niemand zugeben, aber ich weiß es besser. Und weil es insgeheim doch alle glauben, haben wir auch die Kanonen nicht abgefeuert.“
„Weck nur keine falschen Hoffnungen. Das sind doch bloße Hirngespinste und Wunschträume, Donegal. Manchmal übertreibst du wirklich ein bißchen.“
„Ich weiß, ich weiß“, sagte der Alte gleichmütig, „ich bin ja immer der Spinner an Bord, über den man heimlich lacht und den keiner für voll nimmt. Aber ich sage nur: Ihr alle werdet euch noch verdammt wundern.“
Damit ließ er Ferris nachdenklich stehen und kehrte auf das Achterdeck zurück. Tucker sah ihm lange nach, dann schüttelte er unmerklich den Kopf.
Der Hafen war jetzt klar zu erkennen. Auch Menschen unterschied man schon, die an der Pier standen und den beiden heransegelnden Schiffen entgegenblickten. Auf der „Wappen von Kolberg“ wurden jetzt ebenfalls die Segel ins Gei gehängt, und beide Galeonen trieben langsam auf den Hafen zu. Je zwei Segel standen noch an den Rahen.
Dan O’Flynn griff zum Spektiv und blickte hindurch. Das war reine Gewohnheitssache, und auch diesmal streifte sein Blick durch die Optik die Leute an der Pier und die Boote im Hafen.
Ganz flüchtig zog die Optik auch an dem Reiter mit den vier Pferden vorbei, und Dan wollte das Spektiv gerade an Ben Brighton weitergeben.
„Was ist?“ fragte Ben, als die Hand wieder zurückzuckte.
Dan O’Flynn gab keine Antwort. Erneut nahm er das Spektiv hoch und sah auf die Pier. Der Reiter wanderte in die Optik, aber er hatte sein Gesicht leicht zur Seite gedreht und blickte in diesem Augenblick zu den Schuppen hin.
Dan sah seine schmuddelige Jacke, darüber einen Schlapphut. Aber die Gestalt erschien ihm doch vertraut, wenn sie durch die Kleidung auch fast unkenntlich wirkte.
Da drehte der Mann auf dem Pferd sein Gesicht wieder und blickte genau zur „Isabella“ herüber.
„Verdammt!“ rief Dan O’Flynn verdattert. Er setzte den Kieker ab, rieb sich die Augen und hatte ihn gleich darauf wieder am rechten Auge.
„Was ist denn?“ fragte Ben erneut, und wieder erhielt er zu seiner Verwunderung keine Antwort.
Dan O’Flynn schluckte hart. Das Gesicht des Mannes! Verdammt, dachte er schluckend, das gibt es doch gar nicht. Ihm klappte glatt der Unterkiefer weg vor Verblüffung.
„Ich werd verrückt!“ schrie er. „Ich seh Geister!“
Dann schien Dan O’Flynn tatsächlich verrückt zu werden, jedenfalls benahm er sich so, als sei er jetzt durchgedreht.
Er warf dem verdutzten Ben Brighton den Kieker zu, riß die Arme hoch und vollführte zum Erstaunen aller eine Art Wildentanz auf.
Er schlug Hasard auf die Schulter, riß dem schweigend dastehenden Ben wieder den Kieker aus der Hand, linste hindurch und ließ das Ding einfach auf die Planken fallen.
„Ein Sonnenstich kann es nicht sein“, sagte Big Old Shane. „Vielleicht hat ihn was anderes gestochen.“
Auch der Seewolf blickte Dan an, als sei der von allen guten Geistern verlassen.
Dan setzte ein paarmal zum Sprechen an, brachte aber vor wilder Freude, Verblüffung und Staunen keinen Ton heraus. Dafür vollführte er wieder seinen verrückten Tanz.
„Gary!“ brüllte er dann. „Gary steht auf der Pier! Seht euch den Kerl mit den vier Pferden an! Das ist Gary Andrews!“
Ein paar der Seewölfe blickten erst peinlich berührt auf Dan, dann schluckten sie kräftig, und gleich darauf ging auf dem Achterdeck fast eine Prügelei um den Kieker los.
Hasard vergaß für Augenblicke das Schiff, riß den Kieker hoch und merkte, daß seine Hände zitterten. Die anderen standen ungeduldig und erwartungsvoll daneben.
Als er zur Pier hinübersah, da traf auch den Seewolf fast der Schlag, denn jetzt winkte der Reiter wie ein Wilder, riß die Arme hoch und begann zu brüllen.
„Gary!“ brüllte Hasard wild. „Es ist Gary, Leute!“
Was dann geschah, ließ den ganzen Hafen zittern. Auf der „Isabella“ war von einer Sekunde zur anderen der Teufel los.
Die Kerle hüpften auf dem Deck herum, brüllten so laut: „Arwenack!“, daß die Hafengebäude zitterten und einige Leute verstört aus den Häusern liefen, um nachzusehen, was da passiert sei.
Die meisten wollten es immer noch nicht glauben, rannten aufs Achterdeck, starrten hinüber und brüllten dann los.
„Gary ist wieder da!“ schrie Luke Morgan. „Den bringt wirklich nichts um! Der hat es geschafft!“
Gegenseitig hauten sie sich auf die Schultern, daß es nur so krachte. Ein Alptraum war von ihnen gewichen, und nun ging es keinem schnell genug, bis sie endlich anlegen konnten.
Matt Davies und Blacky, die die ganze Zeit mit verbiesterten und traurigen Gesichtern herumgelaufen waren, horchten ungläubig auf und rannten ebenfalls nach achtern.
„Stimmt das wirklich?“ fragte Blacky aufgeregt und mit knallrotem Schädel.
„Er ist es wirklich“, sagte Hasard lachend. „Es ist unser Gary, er hat es wirklich geschafft.“
„Kein Gespenst?“ vergewisserte sich Blacky noch einmal.
„Schau selbst durch den Kieker.“
Das tat Blacky auch, doch kaum hatte er einen Blick auf Gary Andrews erhascht, da riß ihm Matt Davies das Spektiv weg, blickte zum Land und riß jubelnd die Arme hoch.
So schnell war an Bord der „Isabella“ noch nie die Stimmung umgeschlagen. Erst zu Tode betrübt, jetzt himmelhoch jauchzend.
Aber es wurde noch verrückter, denn nun begann Blacky plötzlich zu spinnen und hatte es furchtbar eilig. Er hatte es so eilig, daß er in seiner Aufregung sogar vergaß, sich vorschriftsmäßig abzumelden.
Alle, die auf dem Achterdeck standen, waren vor Verblüffung starr, als Blakky mit einem lauten Freudengeheul einfach Anlauf nahm und mit einem wilden Satz über Bord hechtete. Im Wasser schlug er auf wie eine riesige Kanonenkugel und begann sofort wie ein Irrer zu paddeln.
Hasard starrte ihm nach, Old O’Flynn kratzte sich vor Verblüffung das Kinn und blickte ungläubig ins Wasser, wo Blacky mit wilden Schwimmbewegüngen zur Pier schwamm, im Wasser die Arme hochriß und vor Freude fast ersoff, weil er dauernd winkte und brüllte.
„Jetzt hat’s bei dem restlos ausgehakt“, meinte Carberry grinsend. „Der ist total verrückt geworden.“
„Laß ihn“, sagte Hasard lachend. „Ich kann es ihm wirklich nicht verübeln, er glaubt, er hat etwas gutzumachen.“
„Das glaube ich nämlich auch, Sir“, sagte der Hakenmann Matt Davies und nickte dem Seewolf grinsend zu.
Noch bevor ihn jemand daran hindern konnte, nahm er ebenfalls Anlauf und hechtete über Bord.
Big Old Shane schlug kopfschüttelnd die Hände vor das Gesicht.
„Die sind wirklich übergeschnappt“, murmelte er. „In ein paar Minuten legen wir doch sowieso an.“
„Die beiden haben wirklich gute Gründe“, sagte Hasard.
Er war jetzt wie ausgewechselt. Die Traurigkeit war aus seinen Zügen verschwunden, sein Rücken war nicht mehr gebeugt, er konnte endlich wieder lachen, und den anderen erging es ebenso. In den Gesichtern stand eine überschwengliche Fröhlichkeit.
Smoky trat nervös von einem Bein auf das andere und blickte mal ins Wasser, mal zur Pier hinüber. Dort rannte Gary aufgeregt hin und her, im Bach paddelte Blacky, der schon fast die Pier erreicht hatte, und ihm folgte Matt, der der langsam driftenden „Isabella“ ebenfalls vorausschwamm.
„Wage es ja nicht, jetzt auch noch über Bord zu gehen, du Quakfrosch“, sagte der Profos freundlich. „Wenn wir alle außenbords springen, wer macht dann das Schiff fest, was, wie?“
„Aber …“, sagte Smoky.
„Hier gibt’s kein Aber!“ blaffte ihn der Profos an. „Du bleibst an Bord, verstanden?“
Smoky grinste. „Verstanden“, sagte er und blieb an Bord.
Inzwischen hatte Blacky die Pier erreicht und zog sich an einer Eisenleiter hoch. Triefnaß enterte er auf, stürmte los und sauste in seinem Eifer prompt über einen der Hafenpolier. Er überschlug sich und war schon wieder auf den Beinen.
Dann begrüßten sich die beiden, hauten sich auf die Schultern und brüllten sich vor Freude an. Auf die anderen Leute nahmen sie keine Rücksicht. Wie zwei Irre tanzten sie über die Pier und lachten.
Auch Matt Davies enterte jetzt tropfnaß auf und wetzte los. Gleich darauf lagen sie sich zu dritt in den Armen.
Der sauertöpfische Mac Pellew grinste ebenfalls, und wenn er sein trauriges Gesicht zu einem Lachen verzog, dann sah er meist noch trauriger und melancholischer aus.
„Statt da rumzuschwimmen“, meinte er, „sollte man für den armen Kerl lieber was kochen, damit er was zwischen die Zähne kriegt. Muß ja halb verhungert sein, der Junge. He, was meinst du dazu, Kutscher?“
Der Kutscher nickte strahlend.
„Klar, damit er nicht gleich aus den Stiefeln kippt. Er kriegt natürlich was ganz Besonderes zur Feier des Tages. Was können wir ihm denn zubereiten?“
„Er ißt gern Pfannkuchen mit Sirup“, sagte Mac überlegend. „Jedenfalls sind wir ihm noch eine große Portion schuldig, weil es die am Tag nach seinem Verschwinden ja gab.“
„Dann hauen wir ihm welche in die Pfanne“, sagte der Kutscher.
Sie nickten sich beide zu und verschwanden gemeinsam in der großen Kombüse, um Pfannkuchen zu bakken.
„Wir backen ihm einen ganzen Laderaum voll“, sagte Mac.
„Und dazu kriegt er ein ganzes Faß Sirup.“
„Hopp auf, ihr Lahmärsche!“ motzte der Profos unterdessen an Deck herum. „Warum dauert das Anlegen denn ausgerechnet heute so lange?“
„Weil wir noch nicht an der Pier sind!“ rief Smoky zurück. „Schließlich können wir den Kahn ja nicht schieben.“
Alle fieberten dem Augenblick des Anlegens entgegen. Sie standen klar bei Leinen und schimpften verhalten, weil das Schiff ihrer Meinung nach zu langsam an die Pier lief.
Die „Wappen von Kolberg“ war noch hinter ihnen und hatte ihre Fahrt absichtlich verzögert. Auch Arne von Manteuffel war nicht entgangen, was da passiert war und daß der Totgeglaubte und Ertrunkene wieder fröhlich durch die Gegend ritt, als wäre nichts gewesen.
Deshalb ließ er den Seewölfen den Vortritt beim Anlegen und freute sich mit ihnen, die ganz aus dem Häuschen waren und sich so benahmen, wie er sie noch nie erlebt hatte.
„Unter den Burschen ist der Zusammenhalt einmalig“, sagte er zu Hein Ropers. „Da geht jeder für jeden durch die Hölle, ohne erst lange zu fragen. Auf die Kerle kann man stolz sein.“
Hein nickte versonnen. Ein ähnlicher Geist herrschte unter Arne von Manteuffel bereits auf der „Wappen von Kolberg“. Nur war er noch nicht so ausgeprägt wie bei den Seewölfen.
„Das werden sie heute feiern“, meinte er, „und wir haben allen Grund, kräftig mitzuhalten.“
Das war der Augenblick, in dem die „Isabella“ anlegte.
Niemanden hielt es mehr an Bord, obwohl es vernünftiger gewesen wäre, wenn Gary über die Stelling marschiert wäre. Aber von Vernunft war in diesem Augenblick keine Rede mehr.
Sie rannten Gary fast über den Haufen und schrien sich dabei die Kehlen heiser vor lauter Freude.
Inzwischen hatten sich eine Menge Zuschauer eingefunden, und nun, als das Gebrüll noch lauter wurde und die Kerle einen seltsam gekleideten Mann feierten und hochleben ließen, als sei der der liebe Gott persönlich, da kriegten es einige doch mit der Angst.
Aus den umliegenden Häusern strömten neugierige Leute heraus und starrten auf die seltsame Prozession. Einige andere schlugen die Fensterläden zu in der Meinung, eine Piratenhorde hätte den Hafen überfallen und säbele alles nieder.
So sah es von weitem auch tatsächlich aus. Da balgte sich eine ganze Horde auf der Pier, stob auseinander, lief wieder zusammen und schrie und heulte zum Gotterbarmen.
Gary Andrews befand sich plötzlich in der Waagrechten, als viele Hände ihn hochhoben und in die Luft warfen.
„Wir tragen dich aufs Schiff!“ brüllte Smoky. „Du kannst ja allein gar nicht mehr laufen!“
„Ich kann noch laufen“, protestierte Gary schwach.
Aber seine Worte gingen im Hurragebrüll der Arwenacks unter, und so fingen sie ihn auf und trugen ihn an Bord, wo sie ihn auf der Kuhl vorsichtig auf die Beine stellten.
Plymmie begann wie rasend zu kläffen. Arwenack flitzte von einer Ecke zur anderen, hockte sich vor Gary hin und schnitt Grimassen, als wolle er ihn aufheitern.
Angesteckt von dem wilden Gebrüll, sauste auch Sir John von der Großrah herunter und strich flatternd über das Deck. Dabei verhunzte er die menschliche Sprache wieder in allen Tonarten und ließ lästerliche Flüche vom Stapel, die er vom Profos gelernt hatte.
„Jetzt erdrückt ihn doch nicht!“ rief Ben Brighton. „Laßt ihn doch erst einmal verschnaufen!“
Jeff Bowie hatte Gary inzwischen den Schlapphut vom Kopf gerissen, ihn sich selbst auf den Kopf gesetzt und tanzte vor Freude wie ein Irrer herum.
Hasard schob sich mit energischen Handbewegungen durch das Gewühl seiner Männer. Er wirkte direkt ausgelassen. Kein Wunder, sie hatten ja auch einen Totgeglaubten wieder zurück, einen Mann, von dem sie angenommen hatten, daß er ertrunken wäre. Da war die Wiedersehensfreude ganz verständlich.
Und dann stand er vor dem hellblonden, hageren Gary Andrews, dessen schmales Gesicht von den zurückliegenden Strapazen gezeichnet war. Aber zäh und verbissen hatte er sich bis hierher nach Rügenwalde durchgeschlagen – noch dazu mit vier Pferden. Wo er die nur herhatte, dieser Kanonensohn!
„Gary“, sagte Hasard leise und verstummte wieder, weil er nicht weitersprechen konnte. Irgend etwas würgte ihm die Kehle zu.
Gary Andrews richtete sich etwas auf.
„Melde mich zurück an Bord, Sir“, sagte er heiser.
Und dann sackte er zusammen. Hasard konnte ihn gerade noch auffangen. Es war wohl doch alles ein bißchen viel für Gary gewesen.
Und darum trug der Kapitän seinen Fockmastgasten selber in den Krankenraum unter der Back …

Roy Palmer
Meuchelmord
1.
Mit finsterem Blick musterte Erich von Saxingen von seinem Eckplatz in der Schenke aus die fünf anderen Gäste, die sich an diesem Nachmittag an den klobigen Eichenholztischen niedergelassen hatten.
Man schrieb den 4. April 1593, und es schien ein völlig ereignisloser Tag zu bleiben, der seinen Abschluß in grenzenloser Langeweile fand, hier, im Hafen Rügenwaldermünde, wie drüben in der Stadt Rügenwalde, die auf der anderen Seite der Wipper lag. Die Männer wechselten nur wenige Worte, keiner lachte. Der Wirt sah ihnen mit unbewegter Miene zu, er stand hinter seiner Theke und hatte die Ellenbogen auf der Kante der blankgewetzten Platte aufgestützt. Die einsilbig geführte Unterhaltung schlief ein und wich wieder einem anhaltenden Schweigen, das nur durch das Gluckern unterbrochen wurde, mit dem die Bierkrüge gefüllt wurden.
Auch von Saxingen stellte fest, daß sein Humpen leer war. So griff er nach der Kruke und schenkte nach, trank und wischte sich den Schaum mit dem Handrücken vom Mund. Er war schon leicht angetrunken, seine Augen waren gerötet. Doch die Zecherei bereitete ihm weitaus weniger Spaß als daheim auf dem Gut der von Saxingens in Estland. Es mangelte an der nötigen Stimmung, daran vermochte auch Bruno von Kreye nichts zu ändern, der soeben wieder die Gaststube betrat.
Erich von Saxingen leerte seinen Humpen, setzte ihn hart auf dem Tisch ab und füllte für Bruno von Kreye und für sich nach. Von Kreye ließ sich bei ihm nieder, ergriff den Humpen und trank mit konzentrierter Miene.
Dann sagte er: »Mit den Pferden ist alles in Ordnung. Ich habe ihnen eben nochmal zu saufen gegeben und ihre Futtersäcke neu gefüllt.«
»Gut«, sagte von Saxingen, aber seine Miene blieb mürrisch. »Zum Teufel, wir sind wohl dazu verdammt, noch Tage in diesem elenden Nest auszuhalten. So ein Mist. Hier ist nichts los, es scheint nicht einmal ein paar hübsche Weiber zu geben.«
Bruno von Kreye warf rasch einen Blick zu den anderen Anwesenden. Die hatten sich behäbig zu ihnen umgewandt und musterten sie scheinbar gleichgültig und ohne erkennbare Gemütsbewegungen. Doch von Kreye wußte, daß man sich vor ihnen in acht nehmen mußte.
»Sprich nicht so laut«, sagte er deshalb gedämpft zu seinem Freund. »Vergiß nicht, daß wir nicht auffallen wollen.«
»Diesen blöden Ochsen würde ich am liebsten was in die Fresse hauen«, murmelte von Saxingen und gab dadurch wieder einmal zu verstehen, daß er weder über die Ausdrucksweise noch über die Erziehung noch über die Haltung verfügte, die man von einem Adligen eigentlich erwartete. Er leistete sich die Allüren eines Junkers, wie es im übrigen auch sein Bruder Hugo tat, der seit einiger Zeit verschollen war und nach dem er suchte.
Auch von Kreye war da nicht anders. Und die anderen Großgrundbesitzer, die hoch oben zwischen Estland und Ingermanland nicht weit von der Narwa-Bucht entfernt ansässig waren und zu den Freunden der von Saxingens gehörten – die von Rammsteins, die von Berlepschs, Wolfraths und wie sie alle hießen! Keiner von ihnen erwies sich als rühmliche Ausnahme. Sie waren fast alle mies und verdorben und hatten nichts anderes zu tun, als der Jagd zu frönen, sich Saufgelagen und der Völlerei hinzugeben, ihr Gesinde zu kujonieren und den Frauen nachzusteigen.
Die beiden Männer hatten ihre Güter für einige Zeit im Stich gelassen, weil sie einen selbstgesetzten Auftrag durchzuführen hatten. Oder anders ausgedrückt: Es war eine Schandtat, die sie planten. Von Saxingen wußte mit Sicherheit, daß sein älterer Bruder verschwunden war, weil Arne von Manteuffel ihn verschleppt hatte.
In Reval hatten Arne und die Männer der »Wappen von Kolberg« am Pranger gestanden, doch es war ihnen geglückt, sich zu befreien, und zwar genau zu dem Zeitpunkt, als auch Hugo von Saxingen und der polnische Generalkapitän Witold Woyda anwesend gewesen waren. Erich von Saxingen und Bruno von Kreye hatten ebenfalls in Reval geweilt, waren aber zu spät erschienen, um für den Junker Hugo noch irgend etwas tun zu können. Er war bereits verschwunden gewesen.
Erich von Saxingen und Bruno von Kreye waren auf der Reise nach Reval Hugo von Saxingens Begleiter gewesen. Gleich am Morgen nach der Entführung der Freiin Gisela von Lankwitz durch die Männer der »Isabella IX.« – sie hatten sie während eines Gelages einfach von dem Gut der von Saxingens weggeholt, und zwar nach einer harten Schlägerei – waren sie aufgebrochen, um bei dem polnischen Generalkapitän Woyda, der sich ihres Wissens in Reval aufhielt, Alarm zu schlagen.
Da Hugo nicht wieder aufgetaucht war, hatten sich die beiden Junker nach Rügenwalde gewandt. Sie wußten, daß die Freiin von Lankwitz aus dieser Stadt stammte, und sie waren sicher, daß Arne von Manteuffel den Hafen so schnell wie möglich anlaufen würde, um seiner Verlobten die Möglichkeit zu geben, ihre besorgten Eltern wiederzusehen.
Daß die Seewölfe und Arne von Manteuffels Mannschaft unterdessen auch Witold Woyda in Hapsal gefangengenommen hatten, war Erich und Bruno allerdings nicht bekannt. Sie waren nach Hugos Entführung sogleich aufgebrochen und nach Pommern geritten. Tage hatten sie gebraucht, doch jetzt waren sie hier und wollten nicht mehr von der Stelle weichen, bis Philip Hasard Killigrew und Arne von Manteuffel auftauchten. Zumindest aber wollten sie versuchen, etwas über das Schicksal Hugos zu erfahren.
»Übrigens«, sagte Bruno von Kreye, nachdem er seinen Humpen geleert und einen genüßlichen Laut von sich gegeben hatte. »Wenn wir schon dazu verdammt sind, ein paar Nächte hier zu verbringen, sollten wir uns wenigstens um ein ordentliches Quartier ohne Wanzen und Läuse kümmern. Ich meine, ich halte es nicht für richtig, daß wir uns aufs Geratewohl irgendeine Herberge aussuchen. Wir sollten wählerisch sein.«
»Genau das.« Erich von Saxingen trank noch den letzten Rest Bier aus, der in der Kruke war, dann knallte er ein paar Münzen auf den Tisch und erhob sich mit einem Ruck. Grußlos verließ er die Schenke. Bruno von Kreye folgte ihm. Die anderen Gäste sahen sich untereinander an, und als die Tür hinter den beiden Junkern ins Schloß gefallen war, schüttelten sie die Köpfe.
Der Wirt sah rasch nach, ob die Bezahlung auch stimmte, doch in diesem Punkt hatten sich die beiden nicht lumpen lassen. Von Saxingen hatte reichlich Silberlinge auf den Tisch gezählt, es sprang sogar noch ein tüchtiges Trinkgeld dabei heraus. Das genügte dem Wirt, er räumte die Kruke und die Humpen ab, unterzog den Tisch einer symbolischen Reinigung und begab sich hinter die Theke zurück.
Die beiden Junker hatten inzwischen noch einmal nach ihren Pferden gesehen und schlenderten zu der nächsten Herberge, die sie einer gründlichen Inspektion unterziehen wollten. Hierbei fiel ihr Blick jedoch auf die Wipper, und sie gewahrten zu ihrem Erstaunen einen Mann mit vier Pferden, der von dem Fährmann ans diesseitige Ufer übergesetzt wurde. Sie blieben stehen und beobachteten ihn.
»Was will ein einzelner Kerl mit vier Gäulen?« fragte von Kreye. »Das ist doch wohl mehr als merkwürdig.«
»Vielleicht führt er sie zur Tränke«, sagte von Saxingen.
»Nein. Er hätte sie nur am Fluß zu tränken brauchen, dazu braucht er doch keine Fähre.«
Von Saxingen grinste. »Dann führt er sie wohl zum Schlachthof. Oder sie sollen auf irgendein Schiff.«
»Es liegt kein größeres Schiff im Hafen«, sagte von Kreye mit einem neuerlichen, diesmal argwöhnischen Blick zu der Fähre.
Die Fähre legte an, der Mann schwang sich in den Sattel eines Pferdes, ritt von Bord und führte die drei anderen Tiere mit sich fort. Er erreichte die Hafenpier, hielt an und begann, auf die See hinauszusehen, als erwarte er ein Schiff.
Von Saxingen lachte hämisch. »Der Bursche gefällt mir, der hat Humor. Wenn er glaubt, da kommt ein Schiff, hat er sich wohl getäuscht. Es wird ja gleich dunkel, da tut sich nichts mehr. Und wir haben uns ja auch schon die Augen nach einer Galeone aus dem Kopf geglotzt, nicht wahr?«
»Vielleicht weiß er mehr als wir«, gab von Kreye zu bedenken. »Vielleicht gehört er sogar zu ihnen.«
»Zu wem?« Das viele Bier zeigte nun doch einige Wirkung, mit von Saxingens Begriffsvermögen war es nicht mehr weit her.
»Zu den englischen Hurensöhnen und ihrem Teufelskapitän«, erwiderte Bruno von Kreye. »Oder aber zu der von Manteuffel-Bande.«
»Warum ist er dann hier und nicht auf seinem Schiff?« fragte von Saxingen. Ungeniert gab er einen heftigen Rülpser von sich.
»Ihn selbst können wir das nicht fragen«, erwiderte Bruno von Kreye. »Laß uns zu dem Fährmann gehen, vielleicht weiß der uns was zu erzählen.«
»Meinetwegen«, brummte von Saxingen. »Aber so kommen wir doch nicht weiter, das sag ich dir gleich.«
Ohne von dem Mann mit den vier Pferden bemerkt zu werden, gingen sie zur Wipper hinunter und traten zu dem Fährmann, der sich gerade anschickte, sich am Heck seines Fahrzeugs niederzulassen und ein Schläfchen zu halten.
»Auf ein Wort, Mann«, sagte Bruno von Kreye. »Ich hätte gern eine Auskunft von dir.«
»Das Übersetzen kostet einen halben Pfennig«, sagte der Fährmann. Ohne Hast schritt er auf die beiden Männer zu und musterte sie. Von weitem betrachtet, erweckten sie wegen ihrer teuren Kleidung den Eindruck hochwohlgeborener Persönlichkeiten, vor denen man sich zu verneigen hatte. Doch aus der Nähe stellte sich die Lage anders dar. Der Fährmann sah einen ferkelgesichtigen jungen Kerl und einen etwas älteren Mann mit vierschrötigem, unfreundlichem Gesicht vor sich. Seine Menschenkenntnis und Erfahrung sagten ihm, daß sie nichts Gutes im Schilde führen konnten. Vorsicht war geboten.
»Wir wollen nicht rüber«, sagte Erich von Saxingen unwirsch. »Wir wollen was anderes. Wer ist der Kerl mit den Pferden?«
»Der seltsame Mann, der eben den Fluß überquert hat«, fügte Bruno von Kreye hinzu, als müsse er noch etwas präzisieren. »Wer mag das sein?«
»Tja«, sagte der Fährmann. »Wer mag das wohl sein?«
Von Kreye zeigte ihm eine Silbermünze. Der Mann betrachtete sie interessiert, wurde aber erst richtig auskunftsbereit, als sie in seiner Hand verschwand.
»Ich habe seine Sprache nicht verstanden«, sagte er. »Aber eins habe ich doch mitgekriegt – er ist ein Engländer. Er scheint, wenn ich seine Gesten richtig deute, auf der Pier auf zwei Schiffe zu warten.«
Die beiden Junker tauschten einen Blick. Was von Kreye bereits vermutet hatte, schien sich zu bestätigen – der Mann mit den vier Pferden gehörte zur Crew der Seewölfe. Sie kannten ihn nicht, denn er war in der Bucht von Narwa nicht mit an Land gegangen und hatte das Gut der von Saxingens nicht aufgesucht.
Sie wußten also nicht, daß er Gary Andrews hieß, daß er mitten in der Nacht von Bord der »Isabella« gestürzt und in der See verschwunden war. Nach einem haarsträubenden Abenteuer, das ihn um ein Haar das Leben gekostet hätte, und nach einem beschwerlichen Ritt hatte er es nun endlich geschafft, Rügenwalde zu erreichen.
All dies war den beiden unbekannt. Sie wußten nur das eine – daß sie sich von jetzt an noch vorsichtiger verhalten mußten.
Sie schärften dem Fährmann ein, daß er kein Wort von dem, was sie gesprochen hatten, verlauten lassen dürfe, dann verschwanden sie in dem fahlen Dämmerlicht, das sich über Rügenwalde und seinen Hafen gesenkt hatte.
Nicht weit von der Pier entfernt, auf der Gary Andrews stand und wartete, wählten sie ihren Beobachtungsposten hinter einer Jolle aus, die kieloben neben einem Geräteschuppen lag und offensichtlich frisch gepönt und kalfatert werden sollte. Hier gingen sie in Deckung. Erich von Saxingen war inzwischen wieder stocknüchtern.
Im letzten verblassenden Büchsenlicht erspähten sie wenig später die beiden Schiffe, die sich dem Hafen näherten.
»Mich laust der Affe«, sagte Bruno von Kreye. »Der eine Kahn ist doch tatsächlich die Galeone dieses Killigrew.«
»Ich hole die Waffen«, zischte Erich von Saxingen. Mit diesen Worten war er auch schon in der Dunkelheit verschwunden.
Mit gemischten Gefühlen verfolgte Bruno von Kreye, wie die beiden Segler in den Hafen einliefen. Deutlich genug waren immer noch die hohen Masten, die langen Rahruten und die flachen Aufbauten der »Isabella« zu erkennen, aber auch die Umrisse des zweiten Schiffes. Es handelte sich um eine etwas kleinere Dreimast-Galeone. Von Kreye glaubte seinen Augen nicht zu trauen, als er auf dem Achterdeck die Gestalten zweier Menschen entdeckte, die ihm sehr wohl bekannt waren. Unwillkürlich hielt er den Atem an.
Erich von Saxingen kehrte zu ihm zurück und kauerte sich neben ihn. Er hatte die Musketen mitgebracht, die sie an den Sätteln ihrer Pferde befestigt hatten.
»Die Pferde habe ich auch vom Hof der Schenke geholt«, raunte er seinem Begleiter zu. »Ich habe sie drüben, in der Nähe der Hafenmeisterei, angebunden.«
»Gut«, sagte von Kreye gedämpft. »Sieh mal, wer da auf dem Achterdeck der kleineren Galeone steht.«
Von Saxingen spähte aus schmalen Augen über den Bootsrumpf.
»Hol's der Henker«, murmelte er entgeistert. »Das sind ja – Arne von Manteuffel und die Freiin von Lankwitz. Hölle, jetzt wird mir einiges klar. Und auch der Kerl bei den vier Pferden ist mir nicht ganz fremd, wenn ich's mir recht überlege. Haben wir den nicht doch bei der Crew von dem Bastard Killigrew gesehen, als wir ihnen in der Bucht von Narwa begegneten?«
»Mag sein«, flüsterte von Kreye. »Aber das ist jetzt doch egal, oder?«
»Allerdings. Wichtiger ist, wo Hugo steckt.«
»Das kriegen wir heraus«, zischte von Kreye. »Warte nur ab.«
An Bord der »Isabella« brach der Jubel los.
»Gary – Gary!« schrie jemand, und die anderen Männer stimmten mit ein. Auch an Bord der zweiten Galeone – der »Wappen von Kolberg« – wurde gejohlt und gebrüllt, und aus den Häusern am Hafen stürzten die Menschen, weil sie glaubten, irgendein völlig verrückt gewordener Gegner habe sich in den Kopf gesetzt, Rügenwaldermünde anzugreifen.
Sehr schnell legten die Schiffe an, und die Männer bildeten Spalier, als der hagere, übernächtigte, schmutzstarrende Mann aus dem Sattel seines Pferdes glitt, über die Stelling der »Isabella« marschierte und sich bei seinem Kapitän zurück an Bord meldete.
Hasard nahm Gary in die Arme. Er mußte es tun, denn Gary wurde jetzt von der Erschöpfung übermannt und sank zusammen. Was er erlebt hatte, war doch ein bißchen zu viel für ihn gewesen. Aber der Jubel wollte kein Ende nehmen. Hasard trug Gary zum Vorschiff, um ihn im Krankenraum unterzubringen. Keiner zweifelte daran, daß es nicht lange dauern würde, bis er sich erholt hatte und wieder auf den Beinen war. Sie hatten ihn schon für tot gehalten, und aus diesem Grund war die Überraschung, ihn in Rügenwalde anzutreffen, doppelt groß.
Die beiden Junker vermochten all das in jeder Einzelheit zu verfolgen, denn auf beiden Schiffen waren inzwischen die Deckslaternen entfacht worden. Es entging ihnen auch nicht, wie Arne von Manteuffel galant nach der Hand seiner Verlobten griff und sie vom Achterdeck auf das Hauptdeck der »Wappen von Kolberg« hinunterführte. Dann geleitete er sie zur Stelling, und sie verließen das Schiff, um sich zur »Isabella« zu begeben.
»Drecksgesindel«, zischte Erich von Saxingen außer sich vor Wut. »Galgenstricke, Blutsäufer, Hurenbande! Vielleicht haben sie Hugo bereits umgebracht und in die See geworfen. Oh, das sollen sie mir büßen!«
Genau das war der Moment, in dem der Zorn, der Haß und die Rachegelüste wie eine lodernde Flamme in ihm hochstiegen. Er konnte sich nicht mehr beherrschen und war außerstande, sich auch nur etwas zu bezwingen. Sein Blick war auf Gisela von Lankwitz gerichtet, seine Augen weiteten sich. Wie in Trance griff er nach seiner Muskete, zog sie zu sich heran, schob den Lauf auf den Bootsrumpf und spannte den Hahn des Schlosses, während er auf die junge Frau anlegte.
»Du verdammte pommersche Kuh«, sagte er mit bebender Stimme. »Mit dir hat alles angefangen. Wenn du nicht gewesen wärest, hätte es keinen Kampf auf unserem Gut gegeben, und Hugo und ich hätten nicht nach Reval zu reiten brauchen. Du Miststück, warte, das zahle ich dir heim.«
»Erich«, raunte von Kreye. »Nun warte doch mal. So einfach geht das nicht. Wir sind zu zweit gegen diese Übermacht von Hundesöhnen. Wir müssen uns in acht nehmen. Außerdem wissen wir nicht, ob sie Hugo wirklich …«
»Sei still!« zischte von Saxingen und schob den Waffenlauf noch etwas weiter vor.
Gisela von Lankwitz und Arne von Manteuffel hatten inzwischen das Ende der Stelling und die Pier fast erreicht. Unbeherrscht und hemmungslos, wie von Saxingen war, zielte er, ohne lange zu überlegen. Er war überzeugt, daß sich ihm keine größere Chance bieten würde, Rache zu nehmen.
Und deshalb drückte er ab.
Der Hahn schlug auf die Pfanne des Steinschlosses, Funken sprühten, die Pulverladung detonierte mit einem scharfen Knall. Der Rückstoß rammte den Kolben der Muskete gegen seine rechte Schulter, er lachte auf. Der Mündungsblitz raste aus dem Lauf, für einen Lidschlag stand ein grellgelber Blitz in der Dunkelheit.
Eine Frau, die unweit der Hafenmeisterei stand, schrie im Krachen des Schusses entsetzt auf. Gisela von Lankwitz aber, die eben ihren Fuß auf die Pier gesetzt hatte, fuhr nicht einmal erschrocken zusammen. Sie schaute nur überrascht auf und drehte sich zu Arne um.
Arne versuchte noch, sich über sie zu werfen, um sie gegen die Kugel abzuschirmen, doch seine Reaktion erfolgte zu spät. Der Schuß erreichte die junge Frau, sie taumelte, prallte gegen ihren Verlobten, gab nur einen schwachen Laut des Schmerzes und der grenzenlosen Verwunderung von sich und brach vor der Stelling zusammen. Die Kugel hatte ihren Rücken getroffen.
»Alarm!« schrie Carberry an Bord der »Isabella«. »Ein Überfall! Alle Mann an die Waffen!«
Doch es fiel kein weiterer Schuß, es fand kein Kampf statt. Wo der Mündungsblitz aufgezuckt war, hatten fast alle gesehen, doch noch hatte niemand die Gestalten der beiden Junker entdeckt, die in diesem Moment bereits zu ihren Pferden flüchteten.
Sie erreichten die Hafenmeisterei, schwangen sich in die Sättel ihrer Pferde und jagten davon, ehe sie jemand daran zu hindern vermochte.
Schockiert blickten die Bürger von Rügenwalde ihnen nach. Alle hatten die junge Frau zusammenbrechen sehen – Gisela von Lankwitz, die hier alle kannten. Doch keiner hatte die Geistesgegenwart, sofort zu handeln und die Verfolgung der Attentäter aufzunehmen.
Wie gelähmt sahen die Menschen zu Gisela von Lankwitz. Sie lag in Arnes Armen, langsam ließ er sie auf die Pier sinken.
»Gisela!« stieß er immer wieder hervor. »Gisela, mein Gott – so sag doch etwas!«
Doch sie antwortete ihm nicht.
2.
Der Schuß hatte auf die Männer an Bord der »Isabella« und der »Wappen von Kolberg« wie ein Schock gewirkt – wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Eben noch hatte der Jubel um Garys Rückkehr die Szene bestimmt, jetzt aber breitete sich tiefste Betroffenheit aus, die in Empörung umschlug.
Hasard stürzte aus der Krankenkammer, in die er den ohnmächtigen Gary getragen hatte. Mit einem einzigen Blick erfaßte er die Situation, sah Gisela von Lankwitz vor der Stelling liegen und begriff, was passiert war.
Arne von Manteuffel hatte sich tief über seine Verlobte gebeugt und schützte sie jetzt mit seinem Leib. Doch es fiel kein Schuß mehr, wie er es in seinem Unterbewußtsein erwartet hatte. Er war wie von Sinnen und registrierte nur oberflächlich die dumpfen Hufschläge, die sich entfernten.
»Los!« schrie Dan O'Flynn. »Ich habe die Kerle gesehen!«
Piet Straaten schloß sich ihm an, und gemeinsam stürmten sie über die Stelling der »Isabella« von Bord. Ohne zu Zögern, liefen sie zu Garys Pferden, schwangen sich in die Sättel zweier Tiere und trieben sie an. Aus dem Stand sprangen die Pferde in den Galopp und jagten mit ihren Reitern davon.
Dan, der von allen Männern der »Isabella« die besten Augen hatte, glaubte, die Konturen von zwei Reitern in der Dunkelheit untertauchen zu sehen. Er preschte auf die Hafenmeisterei zu und an ihr vorbei, Piet hielt sich dicht hinter ihm. Im Nu waren auch sie verschwunden.
Arne von Manteuffel drehte Gisela von Lankwitz vorsichtig zu sich herum.
»Gisela«, flüsterte er zu Tode erschrocken.
Sie schaute zu ihm auf und lächelte. Ihre Lippen versuchten noch, Worte zu formen, doch es gelang ihr nicht mehr. Ihre Augen brachen, schlaff sank ihr schlanker Körper in sich zusammen.
»Gisela«, sagte Arne noch einmal. Er begriff nicht mehr, was um ihn herum vorging. Er verstand überhaupt nichts mehr und fuhr fort, auf sie einzureden. »Liebste«, flüsterte er. »Hab keine Angst, ich bin ja bei dir. Hast du Schmerzen? Nein, sag jetzt nichts. Es wird alles wieder gut, glaube es mir. Hörst du mich nicht? Allmächtiger Gott im Himmel, steh mir bei. Gisela – so antworte doch!«
Hasard tauchte neben ihm auf, und jetzt war auch der Kutscher zur Stelle. Beide waren kreideweiß im Gesicht. Der Kutscher kniete bei Arne und der Freiin nieder, und er sah sofort, daß sie tot war. Sein Blick hob sich und richtete sich in unsagbarer Erschütterung auf das Gesicht seines Kapitäns.
Auch Hasard wußte, daß es keine Hoffnung mehr gab. Der Schuß in den Rücken der Freiin hatte ihr Herz tödlich getroffen. Er spürte ein würgendes Gefühl in der Kehle, das ihm den Atem raubte. Langsam ballten sich seine Hände zu Fäusten, weiß traten die Knöchel hervor.
Der Kutscher schüttelte den Kopf, dann drückte er Gisela von Lankwitz behutsam und sanft die Augen zu. Schweigen hatte sich ausgebreitet. Keiner der Männer an Bord der Schiffe vermochte auch nur ein Wort zu sagen.
Erst jetzt begriff Arne. Er stöhnte auf und fuhr sich mit beiden Händen durch das Gesicht. Er ließ die Hände wieder sinken und blickte ins Leere, seine Züge verhärteten sich, als wären sie aus Stein gemeißelt. So verstrichen Augenblicke.
Dann aber schien Arne von Manteuffel den Verstand zu verlieren. Er sprang unvermittelt auf und wollte zu einem der beiden Pferde stürzen, die auf der Pier zurückgeblieben waren.
Hasard war jedoch mit einem Satz neben ihm und stoppte ihn, indem er ihn an der rechten Schulter festhielt.
»Arne!« sagte er laut. »Bleib hier. Es hat keinen Zweck. Du kannst nichts tun. Dan und Piet haben bereits die Verfolgung der Kerle aufgenommen.«
Doch Arne verstand nicht, was er sagte, er konnte es nicht, denn Hasard war der deutschen Sprache nicht mächtig. Arne wollte aber auch kein Wort verstehen. Er gebärdete sich wie rasend. Plötzlich fuhr er zu seinem Vetter herum und versetzte ihm einen Stoß.
Hasard war darauf nicht vorbereitet. Er geriet ins Taumeln und strauchelte. Fast stürzte er zu Boden, erlangte das Gleichgewicht im letzten Augenblick aber doch wieder und lief Arne nach.
Dieser hatte das Pferd inzwischen erreicht. Doch als er seinen Fuß in den linken Steigbügel setzte, war der Seewolf wieder bei ihm und brachte ihn durch einen Jagdhieb zu Fall. Arne brach bewußtlos zusammen und blieb zu seinen Füßen liegen.
Ben Brighton hatte die »Isabella« ebenfalls verlassen und eilte zu seinem Kapitän. Sie blieben in der Dunkelheit nebeneinander stehen und blickten auf den reglosen Mann hinunter.
»Glaub nicht, daß ich es gern getan habe«, sagte Hasard verbissen.
»Ich weiß, daß du gezwungen warst, ihn niederzuschlagen«, sagte Ben. Er hatte selbst die größte Mühe, sich unter Kontrolle zu halten. Der jähe, völlig unerwartete Tod von Gisela von Lankwitz hatte ihn wie alle anderen zutiefst getroffen.
»Arne hat einen Schock erlitten«, sagte Hasard. »Ich will nicht, daß er in diesem verzweifelten Zustand losreitet und womöglich Amok läuft.«
Sie bückten sich nach Arne von Manteuffel, hoben ihn von der Pier auf und trugen ihn hinüber auf die »Wappen von Kolberg«. Hier wurden sie von einem erschütterten Renke Eggens und einem nicht minder betroffenen Hein Ropers erwartet, dem Ersten Offizier und dem Bootsmann Arnes. Sie waren beide nicht dazu in der Lage, auch nur ein einziges Wort zu sprechen.
Schweigend nahmen sie ihren Kapitän in Empfang und brachten ihn in den Achterdecksraum, der von ihm als Kapitänskammer übernommen worden war, nachdem sie das Flaggschiff Witold Woydas aus Reval entführt hatten.
Hasard und Ben folgten ihnen, hohl klangen die Schritte der Männer im Mittelgang des Achterkastells. Renke öffnete mit dem Ellenbogen die Tür zur Kammer, und sie betraten gemeinsam den Raum, der durch ein paar Streifen blassen Mondlichts erhellt wurde, die durch die Bleiglasfenster der achteren Wand fielen. Renke und Hein betteten Arnes immer noch bewegungslose Gestalt auf die Koje, dann zogen sie sich langsam zurück und drehten sich zu Hasard und Ben um.
Immer noch schweigend kehrten sie auf das Hauptdeck der Galeone zurück. Hier war inzwischen Nils Larsen eingetroffen. Er räusperte sich und stotterte fast, als er sprach.
»Ich – ich dachte mir – ihr könntet mich vielleicht als Dolmetscher gebrauchen«, sagte er.
»Ja«, sagte der Seewolf. »Ich will, daß du Renke und Hein erklärst, warum ich Arne niedergeschlagen habe.«
Nils wollte es Eggens und Ropers auseinandersetzen, doch der Erste winkte nur traurig ab.
»Wir haben alles genau gesehen«, sagte er. »Wir selbst hätten nicht anders gehandelt. In dem Zustand, in dem sich Arne jetzt befindet, schadet er nur sich selbst.«
»Paßt gut auf ihn auf«, sagte Hasard.
»Das werden wir tun«, versprach Hein Ropers. »Wir lassen ihn nicht aus den Augen.«
Auf einen Wink von Renke Eggens hin wurde die tote Gisela von Lankwitz von der Pier geholt. Vier Männer trugen sie über die Stelling an Bord der »Wappen von Kolberg« und ließen sie so behutsam auf der Kuhl nieder, als bestünde noch die Gefahr, sie könnte Schmerzen erleiden.
Wachen zogen auf. Es war eine beinah gespenstische Szene, erfüllt von tiefer Trauer und betretenem Schweigen. Alle Männer an Bord der beiden Schiffe stellten sich insgeheim die Frage, ob sie diese Tragödie nicht hätten verhindern können.
Jeder quälte sich mit Selbstvorwürfen, es gab keinen, der nicht bereit gewesen wäre, sein Leben für das von Gisela von Lankwitz zu opfern. Denn sowohl die Seewölfe als auch die Männer Arne von Manteuffels hatten sie in ihr Herz geschlossen. Sie hatte ihnen bewiesen, daß sie nicht nur schön, sondern auch liebenswert gewesen war, klug und bezaubernd zugleich. Jeder Mann wünschte sich solch eine Frau, doch für die meisten blieb sie ein Wunschtraum.
Doch jetzt war sie tot, die gemeine Tat hatte ihr Leben für immer ausgelöscht. Noch wollten viele, Männer die schreckliche Wahrheit nicht akzeptieren, noch war die Härte des Schlages so groß, daß sie wie gelähmt waren. Doch allmählich würden sie die bittere Realität annehmen müssen. Für keinen von ihnen würde es leicht sein, sie zu verarbeiten.
Selbst Carberry, Ferris Tucker, Shane und Old O'Flynn, die mit zu den härtesten Kerlen an Bord der »Isabella« zählten, konnten sich nicht mit dem grausamen Ende der Freiin abfinden. Sie hatten sich auf die vordere Gräting des Quarterdecks sinken lassen, gleich vor dem achteren Gangspill. Old O'Flynn zog eine so grämliche Miene, als wolle er jeden Moment losheulen – und er war auch tatsächlich kurz davor.
»O Himmel«, sagte er heiser. »Warum mußte das passieren? Sagt mir, daß es nicht wahr ist.«
Carberry blickte nur starr vor sich hin und murmelte etwas Unverständliches. Wie sehr hatte er Gisela von Lankwitz verehrt! Durch die Hölle wäre er für sie gegangen – und jetzt das! Er konnte es nicht fassen.
Ferris hatte den Kopf in die Hände gestützt und hüllte sich in dumpfes Schweigen. Big Old Shane schlug sich immer wieder in ohnmächtiger Wut mit den Fäusten auf die Knie, daß es ihm weh tat.
»Warum stellen wir kein Aufgebot zusammen?« stieß er hervor. »Warum nicht? Warum hetzen wir diese dreckigen Hunde nicht mit dreißig Mann? Ich will ihnen die Knochen brechen. Ich will sie töten!«
»Dan und Piet werden sie fassen«, sagte Roger Brighton, der sich eben zu ihnen gesellte, leise. »Wir können uns fest auf sie verlassen, es gibt keine besseren Männer für die Verfolgung der Mörder. Sie bringen sie hierher zurück – und dann ziehen wir die Hundesöhne langsam an der Großrah hoch.«
»Ja«, sagte Old O'Flynn. »Aber was nutzt das noch? Davon wird die Freiin auch nicht wieder lebendig.«
So dachten auch die anderen Männer an Bord der »Isabella«, von Smoky, dem Decksältesten, bis hin zu Hasard junior und Philip junior, den Zwillingen, die sich in die Kombüse gehockt hatten und ihre Tränen nicht mehr zurückhielten.
Auch die Männer der »Wappen von Kolberg«, die abwechselnd bei Gisela von Lankwitz Totenwache hielten, wußten, daß die Bestrafung der Meuchelmörder nicht das wiederherstellen konnte, was gewesen war: das Glück von Arne und Gisela, die Pläne für die Zukunft, die sie gemeinsam geschmiedet hatten, die Heiterkeit und die Zufriedenheit, die allein ihre Anwesenheit überall verbreitet hatte. Damit war es aus. Das schwarze Antlitz des Todes hatte jede Hoffnung aus ihren Herzen verbannt.
Hasard und Renke Eggens berieten miteinander, Nils Larsen blieb als Übersetzer bei ihnen. Sie mußten rasch beschließen, was zu tun war, sie konnten nicht einfach nur dastehen und sich in ihre finsteren Rachegedanken verstricken.
»Wir müssen einen Boten zu den Eltern der Freiin schicken«, sagte Hasard. »Es ist unsere Pflicht, sie sofort von dem zu unterrichten, was passiert ist. Ich glaube, es ist das beste, wenn ich diese Aufgabe übernehme.«
Renke hob abwehrend die Hand. »Nein, nein. Ich kenne die Lankwitzens persönlich, und als Erster Offizier Arnes fällt es selbstverständlich mir zu, sie aufzusuchen. Es ist ein trauriger Botengang, aber je eher ich aufbreche, desto besser ist es.«
»Sicherlich werden die Eltern wünschen, daß ihre Tochter in dem Familiengrab beigesetzt wird«, sagte der Seewolf. Wieder war dieses Würgen in seiner Kehle, er konnte kaum noch sprechen. Er hustete und wandte sich dann noch einmal an Renke Eggens, bevor dieser die »Wappen von Kolberg« verließ.
»Während deiner Abwesenheit fange ich mit den Ermittlungen an, Renke«, sagte er. »Wir müssen wissen, wer die Attentäter waren. Und ich kriege es heraus, noch ehe Dan und Piet mit ihnen zurückkehren.«
Renke verließ das Schiff. Er mußte sich einen Weg durch die Menschenmenge bahnen, die sich inzwischen stumm auf der Pier eingefunden hatte. Hasard blickte ihm nach und überlegte sich, ob er die Leute fortschicken sollte. Doch er konnte es nicht tun. Sie schienen nicht nur neugierig zu sein. Echte Trauer zeichnete sich auch auf ihren Mienen ab, die meisten von ihnen hatten die Freiin von Lankwitz sicherlich gekannt.
Hasard ging zu Ben, der an der Stelling der »Wappen von Kolberg« auf ihn wartete.
»Wer war der hinterhältige Schütze?« fragte er ihn. »Hast du eine Ahnung, Ben?«
»Nicht die geringste. Ich überlege schon dauernd, aber es will mir nicht einfallen, wer es gewesen sein könnte. Hatte die Freiin in Rügenwalde Feinde? Ich glaube es nicht.«
»Ben«, sagte der Seewolf. »Ich denke an etwas ganz anderes. Wer immer den Schuß abfeuerte, wollte uns strafen. Er ist unser Gegner, nicht der der Freiin. Vielleicht gehört er zu Witold Woydas Leuten.«
»Ein Pole, hier? Nein, unmöglich.«
»Nichts ist unmöglich«, sagte der Seewolf, dann sprach er mit Arnes Leuten. Anschließend ging er auf die »Isabella« hinüber und unterhielt sich eingehend mit seiner Crew. Doch keiner wußte, wer der Meuchelmörder sein konnte. Bei dem Jubel über das unerwartete Auftauchen von Gary Andrews, den die meisten von ihnen bereits aufgegeben hatten, hatte keiner darauf geachtet, was an Land vor sich ging.
Offenbar waren Dan und Piet, die dem flüchtenden Mörder jetzt auf den Fersen saßen, die einzigen, die etwas beobachtet hatten. Mit finsteren und verschlossenen Mienen warteten die Männer auf ihre Rückkehr. Es herrschten Ratlosigkeit, Empörung und Erschütterung, keiner wußte so recht, was er tun sollte.
Dann aber erschien ein Mann auf der Pier, der sich dem Seewolf als der Hafenmeister von Rügenwaldermünde vorstellte. Er war aufgeregt, ja, so durcheinander, daß er kaum zusammenhängend sprechen konnte.
»Sie sind doch der Kapitän, nicht wahr?« stieß er hervor. »Also, passen Sie auf. Es ist ungeheuerlich, was vorgefallen ist. Ich kann es noch gar nicht fassen. Mein Gott, das arme Fräulein von Lankwitz – sie war immer so gut, so freundlich zu allen.«
»Bitte«, sagte Hasard. »Haben Sie etwas Verdächtiges bemerkt? Etwas, das uns bei der Suche nach den Tätern weiterhilft?«
»Allerdings. Es haben sich zwei Fremde in Rügenwaldermünde aufgehalten. Schon den ganzen Nachmittag über. Zwei Herren.«
»Herren?« wiederholte Hasard verdutzt.
»Ihrer Kleidung nach waren sie es. Ich habe sie nicht nach ihren Namen gefragt. Das ist ja auch nicht meine Aufgabe. Sie sind mit Pferden erschienen, nicht mit einem Schiff. Offenbar haben sie auf etwas gewartet.«
»Auf etwas?« wiederholte der Seewolf. »Auf ein Schiff? Auf unsere Schiffe?«
»Vielleicht«, erwiderte der Hafenmeister. »Ich weiß es aber wirklich nicht genau.«
Nils Larsen dolmetschte die ganze Zeit über wieder eifrig, und er übersetzte auch sofort die Worte des Mannes, der jetzt als nächster aus der Menge hervortrat. Seine nicht ganz weiße Schürze zeichnete ihn als das aus, was er war: der Wirt einer Schenke.
»Sie haben bei mir gegessen und Bier getrunken, zwei Kruken voll«, berichtete er. »Sie haben auch gut bezahlt und mir ein Trinkgeld dagelassen. Trotzdem haben sie keinem von uns gefallen.«
»Nein, keinem«, bestätigte ein Mann aus den Reihen der Zuschauer. »Wir waren froh, als sie wieder gingen.«
»Sie gingen wohl zum Hafen«, sagte ein vierter Mann.
Darauf trat der Fährmann vor, der auf den Schuß und das Geschrei hin ebenfalls zur Pier gelaufen war. Er berichtete, was er wußte – daß die beiden fremden Männer mit ihm gesprochen und ihn über Gary Andrews ausgehorcht, ihn bezahlt und zum Schweigen verpflichtet hätten.
Jetzt war wieder der Hafenmeister an der Reihe.
»Nachdem der Schuß gefallen war, habe ich sie zufällig an der Hafenmeistern vorbeilaufen sehen«, erklärte er hastig. »Sie hatten wohl an der Rückwand des Hauses ihre Pferde angebunden, denn dort sind sechs Eisenringe in die Mauer eingelassen. Sie saßen auf und jagten davon. Der eine hatte eine Muskete in der Hand – nein, zwei. Oder hatte der andere auch eine? Ich weiß es nicht genau.«
»Können Sie die Kerle beschreiben?« fragte Hasard.
»Nein. Dazu war es zu dunkel. Und am Nachmittag habe ich sie nur von weitem gesehen. Der eine war aber dicker als der andere«, entgegnete der Hafenmeister.
Damit konnte Hasard nicht viel anfangen. Doch es war der Fährmann, der sich wieder zu Wort meldete.
»Der eine hatte so ein richtiges Ferkelgesicht«, sagte er. »Und der andere hatte Pockennarben.«
»Welche Sprache benutzten sie?« wollte Hasard wissen.
»Deutsch natürlich«, erwiderte der Mann verblüfft.
»So natürlich ist das nicht«, sagte Hasard. »Sie hätten auch Polen sein können.«
»Ja«, sagte der Mann verächtlich. »Aber mit denen will ich nichts zu tun haben, zum Henker. Denen hätte ich gar nichts gesagt, auch nicht für eine Goldmünze.«
»Es gibt auch bei uns genug Schweinehunde«, sagte der Schenkenwirt. »Man darf nicht alle Menschen über einen Kamm scheren. Im übrigen hatte ich nach der Aussprache dieser beiden Kerle den Eindruck, als wären sie keine Pommern.«
»Sondern? Woher stammen sie?« fragte Hasard.
Der Wirt hob die Schultern und ließ sie wieder sinken. »Schwer zu sagen. Die Beschreibung stimmt aber. Der eine hat so ein dämliches Ferkelgesicht, und der andere ist vierschrötig mit Blatternarben im Gesicht.«
»Hätte ich doch aufgepaßt«, sagte der Fährmann mit Verzweiflung in der Stimme. »Ich habe gleich geahnt, daß sie nicht erschienen waren, um den schönen Ausblick auf die See zu genießen. O Herr Jesus, wie schrecklich ist das alles.«
Hasard versuchte, noch mehr von den Männern zu erfahren, doch sie wußten keine weiteren Einzelheiten. Mit den Beschreibungen der beiden Fremden war nicht viel anzufangen, es hätte weiterer Details bedurft, um sie zu identifizieren.
»Wir müssen abwarten, was Dan und Piet zu berichten haben, wenn sie zurückkehren«, sagte er zu Ben Brighton, zu Roger, Ferris, Shane, Old O'Flynn und den anderen, die sich unterdessen bei ihm eingefunden hatten.
Inzwischen hatte sich noch ein Mann aus der Menge vorgedrängt. Er trat ein paar Schritte über die Pier auf Hasard zu und blieb dicht vor ihm stehen.
»Mein Name ist Heinrich Paleske«, sagte er. »Ich bin der Stadthauptmann von Rügenwalde. Man hat mich soeben alarmiert. Ist es wahr, daß das Fräulein von Lankwitz tot ist? Können Sie mir berichten, was vorgefallen ist?«
Hasard schilderte die traurige Begebenheit, obgleich es ihm schwerfiel. Er musterte dabei Heinrich Paleske, ohne es ihn merken zu lassen. Dieser Mann war von stämmiger Statur und hatte ein offenes, ehrliches Gesicht. Auf seinen Beistand konnte man sich gewiß verlassen – doch was konnte er schon tun?
Paleske war erschüttert. »Natürlich kannte ich Gisela von Lankwitz persönlich«, sagte er mit bebender Stimme, als Hasard geendet hatte. »Und natürlich kenne ich auch die Familie von Lankwitz – und Arne von Manteuffel. Kapitän Killigrew – ich lasse sofort die Verfolgung der Mörder aufnehmen.«
Hasard schüttelte den Kopf. »Das ist nicht nötig, Hauptmann. Zwei Männer meiner Besatzung sind ihnen bereits auf den Fersen. Warten Sie, bis die beiden zurück sind. Ich bin davon überzeugt, daß es ihnen nicht nur gelingt, die Spur der Kerle im Auge zu behalten, sondern die beiden Unbekannten auch zu stellen und hierherzubringen.«
»Sind Sie ganz sicher, daß sie es schaffen, Kapitän Killigrew?«
»Ja.«
»Gut, dann warte ich ab«, sagte Paleske.
Hasards Annahme sollte sich jedoch bald als ein folgenschwerer Irrtum herausstellen. Er beging einen Fehler – er hätte Paleske mit einem Aufgebot von Männern aufbrechen lassen sollen, damit sie nach den Mördern suchten. Damit hätte er das neue Unglück, das sich anbahnte, aller Wahrscheinlichkeit nach verhindern können. So aber nahmen die Dinge wieder unaufhaltsam ihren unheilvollen Lauf.
3.
Dan O'Flynn und Piet Straaten jagten auf ihren Pferden durch die Nacht, hielten hin und wieder aber an, um den Boden vor ihnen auf Spuren zu untersuchen. Das Mondlicht, das fahl über der Landschaft lag, ließ diese Art von Nachforschungen zu. Und so gelang es den Männern, die Fährte zu halten und nicht mehr aus den Augen zu verlieren.
Die Abdrücke der beiden Pferde, auf denen die Mörder flüchteten, waren deutlich genug. Sie führten zur Grabow, einem Flüßchen, das unterhalb von Rügenwaldermünde von Süden her in die Wipper mündete, verliefen hindurch und zeichneten sich am anderen Ufer wieder ab. Die Fährte war nicht verwischt worden, fast mühelos vermochten Dan und Piet ihrem Verlauf zu folgen. Sie preschten weiter voran, trieben ihre Tiere zu größerer Geschwindigkeit an und tauchten in einem kleinen Erlengehölz unter, durch das die Spur führte.
Da geschah es.
Vor ihnen schnellte urplötzlich ein Seil vom Boden hoch. Es war unter altem Laub getarnt gewesen und wurde von der einen Seite jäh gespannt. Dan und Piet hatten keine Chance mehr, der Falle auszuweichen.
Sie sahen nur noch, wie zwei Gestalten in der Dunkelheit hochfuhren und rechts von ihnen das Seil blitzschnell an einem Baum belegten, hinter dem sie gelauert hatten. Das andere Ende des Seiles war bereits um einen anderen Baum an der linken Seite des Waldpfades geschlungen und dort verknotet worden.
Diese Einzelheiten nahmen Dan und Piet noch wahr, aber sie hatten weder die Gelegenheit, ihre Tiere aus dem vollen Galopp heraus zu stoppen noch eine Möglichkeit der Gegenwehr. Es ging alles viel zu schnell.
Ihre Pferde prallten gegen das gespannte Seil und stießen ein entsetztes Wiehern aus. Das eine Tier bäumte sich auf, das andere strauchelte und stürzte. Dan und Piet flogen wie von einem Katapult abgeschossen aus den Sätteln, und Dan konnte dabei sogar noch von Glück sagen, daß er nicht den Tod fand. Das stürzende Pferd überrollte sich auf dem Waldboden und hätte ihn unter sich zerquetscht, wenn er nicht weit von ihm fort befördert worden wäre.
Dan und Piet landeten aber dennoch unsanft. Piet streifte mit seinem Hinterkopf einen Baumstamm, schlug zu Boden und blieb reglos liegen. Der Anprall hatte ihm das Bewußtsein geraubt. Dan knallte mit dem Rücken auf den Boden und gab einen keuchenden Laut von sich.
Durch die harte Landung blieb ihm die Luft weg. Während er noch verzweifelt Atem zu holen betrachtete, kroch Bruno von Kreye aus dem Hinterhalt auf ihn zu und hob seine Pistole.
Dan war zu benommen und bemerkte den Gegner nicht. Und nach seinen Waffen tastete er rein instinktiv erst in diesem Moment, doch auch diese Reaktion erfolgte bereits zu spät. Von Kreye war heran und nahm die Pistole noch ein Stück höher. Dann ließ er sie auf Dans Kopf niedersausen. Der Knauf am Kolbenende traf, Dan verlor die Besinnung.
Von Kreye grinste höhnisch. »Das hast du nun davon, du Esel«, sagte er. »Du und dein Kumpan, ihr wäret wohl besser in Rügenwalde geblieben.«
Erich von Saxingen war unterdessen ebenfalls aufgesprungen und kümmerte sich um die beiden Pferde. Es war ihnen nichts zugestoßen, das gestrauchelte Tier hatte sich wieder erhoben und tänzelte zwar noch nervös auf der Stelle, wurde von Erich von Saxingen aber sogleich durch besänftigende Worte zur Ruhe gebracht. So auch das andere Tier – er verstand es, sie zu beschwichtigen und ihr Vertrauen zu gewinnen.
Schon immer hatte er sich dem Umgang mit Pferden und Hunden besser zu widmen gewußt als dem mit den Menschen. Menschen gegenüber kannte er wie sein Bruder Hugo weder Liebe noch Freundschaft, nur jene derbe Art von Jovialität, wie sie auf dem Gut der Saxingens üblich war.
Mit der Leutseligkeit und der Gönnermiene war es aber immer dann sehr schnell vorbei, wenn ihnen ein Besucher aus irgendeinem Grunde nicht mehr paßte. Dann konnte die auf Bier und Schnaps gegründete rohe Kumpanei sehr schnell in offenen Haß umschlagen.
»Den Pferden ist nichts passiert«, sagte Erich von Saxingen.
»Gut«, raunte von Kreye ihm zu. »Soll ich die zwei Narren hier fesseln und knebeln? Oder erledigen wir sie gleich?«
Von Saxingen näherte sich mit den Pferden und verharrte dicht bei den bewußtlosen Gefangenen. Er sah auf sie hinunter und konnte im Mondlicht, das durch die Wipfel der Erlen fiel, ihre Gesichter recht gut erkennen.
»Hurensöhne!« zischte er wütend. »Sie waren bei dem Überfall auf unser Gut dabei. Ich sehe sie noch vor mir, wie sie auf uns einschlugen und alles zu Bruch hauten.«
»Ich kann mich nur an diesen Killigrew und an den graubärtigen Bastard erinnern, der mich außer Gefecht gesetzt hat«, sagte von Kreye. »Und an den Kerl, der dir mit seinem eisernen Haken zugesetzt hat.« Vor seinem geistigen Auge erschienen die Gesichter von Big Old Shane und Matt Davies, die unter Hasards Führung der Orgie auf Gut Saxingen zu einem abrupten Ende verholfen hatten.
»Ja, schon gut«, sagte von Saxingen aufgebracht. »Hör auf, ich will das jetzt nicht mehr wissen. Die zwei hier waren dabei, daran gibt es keinen Zweifel.« Er trat zweimal mit dem rechten Fuß zu und traf Dan in die Seite. Piet erwischte er hingegen an der Schulter. Doch sie stöhnten nicht, zu tief war ihre Bewußtlosigkeit.
»Was ist nun?« fragte Bruno von Kreye ungeduldig und griff nach seinem Messer. »Soll ich sie abstechen oder nicht?«
»Nein«, erwiderte Erich von Saxingen. »Vielleicht brauchen wir sie noch als Geiseln.«
»Weil noch mehr Verfolger in der Nähe sein könnten? Zum Teufel, auf was haben wir uns bloß eingelassen!«
»Langsam, das meine ich nicht«, zischte von Saxingen. »Was ist los mit dir? Hast du vergessen, daß wir Hugo suchen? Ich bin davon überzeugt, daß er noch am Leben ist.«
»Wie kannst du da so sicher sein?«
»Ich habe es mir während unserer Flucht überlegt. Besonders für diesen Killigrew ist mein Bruder ein viel zu wichtiger Gefangener, den er nicht kurzerhand aufhängen oder ersäufen wird. Ja, und auch Manteuffel ist nicht versessen darauf, Hugo umzubringen. Sonst hätte er das nämlich schon in Reval getan.«
»Warum hast du dann die Frau erschossen?«
»Die hatte es sowieso verdient!« stieß von Saxingen mit verzerrtem Gesicht hervor. »Los jetzt, hilf mir. Wir fesseln und knebeln die Hurensöhne, dann schaffen wir sie von hier weg. Hier sind wir noch nicht sicher. Wir müssen zusehen, daß wir uns irgendwo verkriechen.«
Bruno von Kreye hielt es für wichtig, vorerst nichts mehr zu äußern. Er konnte sich mit den anderen immer noch herumstreiten, obwohl dabei sowieso nichts herauskam. Dennoch hielt er es nicht für richtig, daß Erich von Saxingen aus dem Hinterhalt auf Gisela von Lankwitz geschossen hatte. Es war eine brutale, frevelhafte Tat gewesen, die selbst er, von Kreye, für verabscheuungswürdig hielt.
Sie legten den beiden Gefangenen, die nach wie vor bewußtlos waren, Stricke an, banden ihnen die Hände auf dem Rücken fest und schlangen die Fesseln auch um ihre Fußknöchel so stramm zusammen, daß sie sich nicht mehr um einen Deut rühren konnten. Danach stopften sie ihnen ein paar Fetzen Stoff, die sie ihrem Sattelgepäck entnahmen, als Knebel in die Münder und vergewisserten sich, daß sie sich nicht lockern konnten.
Dann hoben sie zuerst Dan und anschließend Piet vom Waldboden auf und legten sie über die Rücken ihrer Pferde. Sie banden sie fest, so daß sie nicht von den Sätteln rutschen konnten, prüften den Sitz der Stricke, zupften noch mal hier und noch mal da herum und waren endlich davon überzeugt, daß sie ihnen nicht entwischen konnten und sie die beiden auch nicht verlieren würden.
Bruno von Kreye hob das Seil vom Boden auf und rollte es zusammen. Sie hatten gewußt, daß sie Verfolger im Nacken gehabt hatten. In Rügenwaldermünde hatten sie das Hufgeräusch noch deutlich genug hinter sich vernommen. Statt jedoch mit den Musketen auf sie zu schießen – von Saxingens Waffe hätte ohnehin erst nachgeladen werden müssen –, hatten sie beschlossen, ihnen eine Falle zu stellen.
Das hatte prächtig geklappt und sie konnten zufrieden mit sich sein. Sie verwischten sorgfältig alle Spuren, erst dann stiegen sie in die Sättel ihrer Pferde und zogen die Tiere mit Dan O'Flynn und Piet Straaten hinter sich her.
Die beiden Junker verschwanden mit ihren Gefangenen in der Dunkelheit. Es würde so leicht keinem Verfolger gelingen, ihre Fährte wiederaufzunehmen.
Etwa eine Stunde später zügelte Erich von Saxingen plötzlich sein Pferd. Von Kreye folgte seinem Beispiel, wußte aber nicht so recht, warum sein Kumpan angehalten hatte.
»Da vorn«, flüsterte Erich von Saxingen. »Siehst du es nicht?«
»Was ist da – eine Behausung?«
»Ja, eine Hütte, wenn mich nicht alles täuscht. Eine Hütte am Rande eines Waldes. Für uns könnte sie das ideale Versteck sein.«
»Zuerst müssen wir uns davon überzeugen, daß sie nicht bewohnt ist«, sagte Bruno von Kreye. »Licht brennt ja nicht, aber das ist noch kein sicheres Zeichen dafür, ob die Hütte verlassen ist.«
»Wir sehen nach«, flüsterte Erich von Saxingen. »Los, wir verlieren sonst nur unnötig Zeit.«
Sie trieben die Pferde durch leichten Schenkeldruck voran und näherten sich der Hütte, indem sie einen Bogen schlugen und sich am Saum des Waldes entlang anschlichen.
Als die Distanz nur noch höchstens zwanzig Yards betrug, bedeutete von Saxingen seinem Begleiter durch eine Gebärde, auf ihn zu warten. Von Kreye blieb also bei den Gefangenen zurück, die sich inzwischen zu regen begannen. Er zog seine Pistole, ließ sie nicht aus den Augen und war bereit, jeden Fluchtversuch der beiden sofort mit einer Kugel zu ahnden.
Erich von Saxingen glitt aus dem Sattel und pirschte auf das Gebäude zu. Es war, wie sich beim näheren Hinsehen herausstellte, ganz aus groben Steinen errichtet, die ohne Mörtel aufeinandergeschichtet worden waren. Das Dach schien aus Schiefer zu sein.
Hinter diesem winzigen Wohnhaus erhob sich eine andere, eigentümlichere Konstruktion, wie er erst jetzt registrierte. Interessiert schlich er an der Rückwand der Steinhütte entlang darauf zu. Das Gebilde, das große Ähnlichkeit mit einem sich nach oben hin verjüngenden Turm aufwies, entpuppte sich als der Ofen eines Köhlers.
Dann stieß er auch auf ein schlichtes Holzkreuz, das nah am Waldrand in den Boden gerammt war. Es trug keinerlei Aufschrift, doch für Erich von Saxingen war der Sachverhalt klar: Der Köhler, der hier gelebt hatte, war verstorben. Irgend jemand hatte ihn beerdigt. Wer? Seine Familie? Falls er Angehörige gehabt hatte, waren sie zweifellos weggezogen und hatten das bescheidene Anwesen dem Verfall überlassen.
Er umrundete die Steinhütte, öffnete die Tür, die sich quietschend in rostigen Eisenangeln bewegte, und warf einen Blick ins Innere. Allmählich gewöhnten sich seine Augen an das Dunkel, das in dem einzigen Raum herrschte. Das Mondlicht fiel durch die quadratischen Fensterlöcher und ermöglichte es ihm, sich weiterzubewegen, ohne zu riskieren, irgendwo anzustoßen.
So blieb er auch rechtzeitig genug stehen, nachdem er den Raum durchquert hatte. Er gewahrte eine Stiege, die in einen Kellerraum hinunterführte. Bei völliger Finsternis wäre er in das Kellerloch gestürzt und hätte sich wahrscheinlich einige Knochen im Leib gebrochen.
Er grinste.
»Na, das ist ja großartig«, sagte er mit etwas heiserer Stimme. »Hier können wir getrost unser Lager aufschlagen.«
Er kehrte ins Freie zurück, ging zu den Pferden und gab von Kreye ein Zeichen.
»Alles in Ordnung«, sagte er. »Wir können in dem Gemäuer bleiben, hier sucht uns kein Mensch. Der Köhler, der hier gehaust hat, ist verreckt, sein Grab ist hinten auf dem Hof.« Er lachte leise.
»Ich habe auch das Rauschen eines Baches im Wald gehört«, sagte Bruno von Kreye. »Wir werden also keinen Durst leiden müssen.«
Von Saxingen lachte wieder, aber es klang gekünstelt. »Wasser ist schlechter als Bier, aber immer noch besser als gar nichts. Na, was ist mit unseren Gefangenen? Sind die endlich aufgewacht? Herrgott, was sind das doch für elende Schlafmützen!«
»Und du?« sagte Piet Straaten. Er war jetzt wie Dan O'Flynn voll bei Bewußtsein. Als Holländer verstand er so viel Deutsch, daß er den Sinn von Erichs Worten zu deuten wußte – und er war auch in der Lage, darauf zu antworten. »Du bist ein dreckiger Hurensohn!«
Erich von Saxingen blieb ihm seinerseits eine Erwiderung nicht schuldig. Er trat neben das Pferd, über dessen Sattel Piet bäuchlings lag, holte mit der Faust aus und schmetterte sie ihm gegen die linke Wange. Piet nahm den Schlag hin, ohne auch nur einen Laut von sich zu geben oder mit der Wimper zu zucken.
»Hör auf«, sagte Bruno von Kreye. »Das hat doch jetzt keinen Zweck, Erich. Spar dir das für später auf.«
»Glaubst du, ich lasse mich beleidigen?« fuhr der andere ihn an.
»Nein, natürlich nicht.«
»Dann halt's Maul«, sagte von Saxingen grob. »Vorschriften lasse ich mir von keinem machen, verstehst du? Wenn dir irgendwas nicht paßt, kannst du von mir aus abhauen.«
Von Kreye brachte es fertig, zu grinsen. »Red keinen Unsinn. So war das nicht gemeint. Ich glaube, wir sind beide müde. Wir sollten uns erst mal ausruhen.« Er saß ab, und sie führten die Pferde an den Zügeln zu der Hütte.
Sie banden die Gefangenen von den Sätteln los und schleppten sie in die Hütte. Unsanft ließen sie sie zu Boden fallen. Von Saxingen lachte roh, als Dan sich dabei den Kopf stieß.
Von Kreye brachte die Pferde zu einem Verschlag, der als Anbau zwischen der Hütte und dem Köhlerofen stand, sattelte und zäumte sie ab und versorgte sie, so gut es ging. Das nahm einige Zeit in Anspruch. Erich unterzog unterdessen die Hütte einer genaueren Untersuchung. Er stieg sogar in den Keller hinunter, entfachte einen Kienspan und sah sich eingehend um.
Der Keller war mit aufgeschichteten Feldsteinen umwandet. Er lag ganz unter der Erde und hatte nicht einmal ein Luftloch, durch das eine Maus hätte kriechen können.
Sehr gut, dachte von Saxingen und grinste wieder, ein feines Gefängnis. Es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn sie hier wieder rauskämen.
Er kehrte nach oben zurück und vergewisserte sich sogleich, ob die Gefangenen noch am selben Platz lagen. So entging ihm auch nicht der haßerfüllte Blick, den Dan O'Flynn ihm zuwarf.
»Du dreckiger Mörder!« stieß Dan hervor. »Du kriegst noch dein Fett, verlaß dich drauf!«
»Was hast du gesagt?« schrie von Saxingen ihn an. »Sprich Deutsch, du englischer Bastard!«
»Er kann kein Deutsch«, sagte Piet Straaten.
»Aber du!« Von Saxingen trat Piet mit dem Stiefel in die linke Körperseite. »Was hat er gesagt? Raus damit!«
Piet biß die Zähne zusammen, der Schmerz flutete wie eine heiße Woge durch seinen Körper. Doch bevor der Kerl wieder zutreten konnte, antwortete er ihm: »Er hat gesagt, daß der Herr deiner armen Seele gnädig sein möge.«
»Warum?« schrie Erich von Saxingen.
»Weil du nicht mehr lange zu leben hast.«
Von Saxingen trat nun doch wieder zu, und zwar mit voller Wucht. Er ließ von Piet ab und wollte Dan traktieren, doch in diesem Moment wurde die Tür geöffnet, und Bruno von Kreye trat zu ihnen ins Innere der Hütte.
»Erich«, sagte er. »Wenn du weiter so herumschreist, kann es uns passieren, daß wir doch noch Besuch kriegen. Du weckst ja die ganze Gegend auf.«
»Willst du mich schon wieder maßregeln?« fragte Erich von Saxingen lauernd.
»Keineswegs.«
Erich von Saxingen schien zu überlegen, ob er seinem Spießgesellen noch trauen durfte. Nach einigem Nachdenken, das von Bruno von Kreyes Schweigen und Dans und Piets zornigen Blicken begleitet war, gelangte er jedoch zu dem Schluß, daß er auf von Kreye angewiesen war – genauso, wie dieser auf ihn. Es hatte wirklich keinen Zweck, sich zu streiten.
»Ist mit den Pferden alles in Ordnung?« fragte Erich von Saxingen.
»Alles«, erwiderte von Kreye. »Ich habe sogar ein wenig Heu gefunden, das ich ihnen zu fressen gegeben habe.«
»Gut. Dann hilf mir mal, die Kerle in den Keller zu tragen.« Von Saxingen kicherte plötzlich. »Du wirst staunen, was für ein feines Kellerchen das ist. Sie könnten, selbst wenn sie Schaufeln wie ein Maulwurf hätten, nicht raus, und wenn es uns zu bunt mit ihnen wird, brauchen wir nur das Loch zu schließen, dann ersticken sie.«
»Was hat er gesagt?« wollte Dan von Piet wissen.
»Ich glaube, er meint, daß er uns in dem Keller elendig verrecken lassen könnte«, entgegnete Piet.
»Er ist ein Sadist, ein perverses Schwein«, sagte Dan.
Erich von Saxingen trat wie verrückt mit dem Fuß nach ihnen und schrie sie an: »Noch ein Wort, ihr Bastarde, und ich stopfe euch wieder die Knebel zwischen die Zähne, die wir euch gnädigerweise abgenommen haben. Verstanden?«
»Verstanden«, sagte Piet gepreßt, dann wandte er sich auf englisch an Dan. »Wir sollen den Mund halten, sonst kriegen wir wieder die Knebel verpaßt.«
Sie schwiegen also. Es hatte keinen Zweck, Erich von Saxingen noch länger zu reizen. Sie mußten die Möglichkeit haben, sich untereinander zu verständigen, wenn sie erst unten im Keller lagen. Sie mußten nach einer Fluchtmöglichkeit suchen, koste es, was es wolle. Trotz ihrer Wut und ihres Hasses auf die zwei Kerle durften sie sich jetzt keinen Fehler erlauben, es war unklug, sich auch nur den Hauch einer Chance zu verscherzen.
Deshalb ließen Dan und Piet es sich widerstandslos gefallen, von den beiden Kerlen hochgehoben und über die schmale Stiege in den Keller getragen zu werden. Warum sollten sie sich auch wehren? Sie erreichten dadurch höchstens, daß die Junker allenfalls stürzten, mehr nicht. Es lohnte sich nicht. Sie mußten auf eine spätere, günstigere Gelegenheit warten, etwas zu unternehmen. Sie hofften beide inständig, daß sich diese Möglichkeit bieten würde. Wenn nicht, waren sie verloren, dann brauchten sie sich über ihre Zukunft keinen Illusionen mehr hinzugeben.
4.
Die Stufen der Stiege knarrten und ächzten, doch sie hielten dem Gewicht der Männer stand. Morsch und brüchig mochten sie zum Teil schon sein, aber doch nicht so, daß sie unter der ersten größeren Belastung nach langer Zeit der Nichtbenutzung sofort krachend zusammenbrachen. Dazu war das Holz zu hart. Es handelte sich, wie Dan im Licht des Kienspans zu erkennen glaubte, um gutes Eichenholz.
Erich von Saxingen rammte den Kienspan, den er wieder entfacht hatte, in einem Eisenhalter fest, den er in der Kellerwand entdeckt hatte. Somit war für Licht gesorgt, und er hatte doch die Hände frei, um die Gefangenen mit von Kreyes Hilfe in das Verlies hinunterzubefördern.
Unter wüsten Flüchen trugen sie zuerst Dan und dann Piet in den Keller, Piet aber entglitt ihren Händen, als sie sich auf den unteren Stufen der steilen Leiter befanden, und stürzte so hart und unglücklich, daß er sich um ein Haar den Hinterkopf an der Steinmauer aufgeschlagen hätte.
Erich von Saxingen glitt auf den Stufen aus und stieß mit dem rechten Knie gegen die Mauer. Die Verwünschungen, die er ausstieß, waren mit das Lästerlichste und Gemeinste, was Piet jemals in der deutschen Sprache vernommen hatte.
»Bruno, zur Hölle mit dir!« fuhr von Saxingen auch seinen Kumpan an. »Kannst du nicht aufpassen? Wenn uns die Kerle jetzt schon krepieren, können wir mit ihnen nichts mehr anfangen. Und wenn ich mich verletze und nicht mehr laufen kann, ist das ebenfalls schlecht für uns.«
»Es ist nicht meine Schuld, daß wir gestolpert sind und er uns weggerutscht ist«, verteidigte sich Bruno von Kreye.
»Nein? Ist es vielleicht meine Schuld?«
»Das habe ich nicht gesagt.«
»Aber du gibst es mir zu verstehen!« stieß von Saxingen aufbrausend hervor. »Langsam habe ich das Gefühl, hier stimmt was nicht!«
»Du übertreibst«, sagte von Kreye mit mürrischem Gesichtsausdruck. »Hör endlich mit dem Geschrei auf.«
Der andere sah ihn aus wütend funkelnden Augen an. »Ich schreie, so viel und so oft es mir paßt, klar? Es gibt weit und breit kein anderes Haus, also können wir gar nicht gehört werden.«
»Und was ist, wenn sich noch mehr Verfolger in der Umgebung befinden?« fragte Bruno von Kreye.
»Fängst du jetzt wieder damit an?«
»Es könnte ein Aufgebot aus Rügenwalde unterwegs sein.«
»Unmöglich«, sagte Erich von Saxingen. »Nur die beiden Idioten hier haben uns verschwinden sehen und waren schnell genug in den Sätteln, um uns verfolgen zu können. Es gibt sonst niemanden, der uns auf den Fersen sitzt, wie oft soll ich dir das noch sagen? Wir sind hier völlig sicher.«
»Schon gut«, sagte Bruno von Kreye.
Von Saxingen nahm den Kienspan wieder aus der Wandhalterung und kehrte nach oben zurück. Bruno von Kreye folgte ihm. Der Kellerraum wurde in tiefe Finsternis gehüllt.
Dan und Piet lauschten den Schritten, die über ihnen auf den Holzbohlen polterten. Die Bohlen wurden von dicken Balken getragen, aber sie bogen sich doch etwas durch und knarrten dabei. Staub rieselte zu Boden. Etwas wurde oben zurechtgerückt, offenbar handelte es sich um einen Tisch oder einen Stuhl.
In der Tat hatten die beiden in einer Ecke des Hüttenraumes einen wackligen Tisch entdeckt, der erst im Licht des Kienspans zu sehen gewesen war. Bruno von Kreye säuberte ihn vom Schmutz und von den Spinngeweben, die ihn überzogen, dann plazierten sie ihn gemeinsam in der Mitte des Raumes. Der Span verbreitete nach wie vor sein flackerndes rötliches Licht. Erich hatte ihn in eine Lücke zwischen zwei Mauersteinen gesteckt.
»So«, sagte Erich von Saxingen. »Jetzt brauchen wir bloß noch zwei Sitzgelegenheiten, dann haben wir es so richtig gemütlich. Steht da drüben nicht ein Hackklotz?«
»Richtig.« Bruno von Kreye holte den Klotz und setzte ihn vor dem Tisch mit einem krachenden Laut auf dem Boden ab. Die Bohlen erzitterten, es fiel wieder Staub in den Keller.
Dan und Piet husteten jedoch nicht. Sie waren bemüht, jedes Geräusch zu vermeiden. Sie preßten die Lippen zusammen und atmeten durch die Nasenlöcher ein und aus. Piet hatte die Benommenheit, die ihn nach seinem Sturz erfaßt hatte, rasch wieder abgeschüttelt und schob sich ganz vorsichtig auf seinen Kameraden zu.
»Ich sehe mich draußen nach einem zweiten Klotz um«, sagte von Saxingen gerade. »Außerdem will ich Wasser von dem Bach holen, ich habe nämlich eine ganz trockene Kehle.«
»Ich auch«, sagte Bruno von Kreye. »Ein tüchtiger Schluck Wasser ist jetzt genau das richtige für uns.«
»Bier wäre besser«, brummte von Saxingen, dann verließ er die Hütte und rammte die quietschende Tür hinter sich zu.
Piet lag jetzt dicht neben Dan.
»Weißt du was?« wisperte er. »Ich könnte mich selbst ohrfeigen.«
»Weil wir diesen beiden Hurensöhnen auf den Leim gegangen sind?« flüsterte Dan. »Ich mich auch. Aber das würde uns wenig nutzen.«
»Wir hätten die beiden bei unserem Besuch auf dem Saxingen-Gut tüchtiger versohlen sollen«, raunte Piet. »Sie haben die Jacke nicht voll genug gekriegt. – Der eine ist doch dieser Erich von Saxingen, nicht wahr?«
»Ja, und der andere heißt Bruno von Kreye. Ich war bei der Befreiung von Gisela von Lankwitz ja auch mit dabei und konnte genau verfolgen, wie sich Shane und Matt mit den Kerlen befaßten. Mein Gott, Piet, sag mir, daß es nicht wahr ist. Sag mir, daß sie noch lebt.«
»Sie ist tot«, sagte Piet mit kaum wahrnehmbarer Stimme. »Und keiner kann sie wieder auferstehen lassen.«
»Wer hat deiner Meinung nach den Schuß auf sie abgegeben?«
»Von Saxingen«, entgegnete Piet. »Aber von Kreye scheint damit nicht ganz einverstanden zu sein, wenn ich das richtig mitgekriegt habe.«
»Der Teufel soll die beiden holen«, zischte Dan. »So ein Mist, daß wir ausgerechnet ihnen in die Hände fallen mußten. Die warten doch nur darauf, sich an uns rächen zu können.«
»Aber sie müssen erst Hugo von Saxingen befreien, und dazu brauchen sie uns – als Geiseln.«
»Piet«, flüsterte Dan. »Ich weiß noch nicht, wie ich es anstellen soll, aber das eine schwöre ich dir – ich befreie mich von diesen Fesseln. Und dann helfe ich auch dir. Ich schaffe es.«
»Still jetzt«, wisperte Piet. »Sonst hören sie uns noch.«
Sie schwiegen und konnten aus den Geräuschen, die sich der Hütte näherten, schließen, daß von Saxingen zurückgekehrt war. Die Tür öffnete sich, und er sagte: »Hier, hilf mir mal, Bruno, ich hab einen zweiten Klotz gefunden. Wasser habe ich auch. Und sieh mal, was ich noch gefunden habe.«
Bruno von Kreye trat in die offene Tür und nahm ihm den schweren Holzklotz ab, den er wieder zum Tisch schleppte und dort auf dem Boden absetzte. Er wandte sich um und sah im Schein des blakenden Kienspans, wie von Saxingen einen vollen Wasserschlauch und eine dickbauchige grüne Flasche hereintrug.
Von Saxingen kicherte. »Ich habe den Schlauch von meinem Pferd losgebunden und bin dabei auf die Flasche gestoßen«, erklärte er. »Hölle und Teufel, ich hatte doch glatt vergessen, daß ich sie mir in Reval in die Satteltasche gesteckt hatte, bevor wir losritten. Nun rate mal, was für ein edler Tropfen da drin ist?«
»Korn, nehme ich an?«
»Nein. Es ist Beerwurz, echter samländischer Beerwurz. So ein Tröpfchen haben wir uns jetzt wirklich verdient.«
Erich von Saxingen war von dem Umtrunk, der sie erwartete, völlig hingerissen und dachte an nichts anderes mehr, nur noch daran. Er erweckte nicht den Eindruck eines Mannes, der vor kurzem eine junge Frau getötet hatte und damit zum Mörder geworden war. Er schien die Untat bereits vergessen zu haben.
Umständlich ließ er sich auf einem der beiden Hackklötze nieder. Von Kreye nahm ihm gegenüber Platz. Sie hatten keine Becher oder Krüge zum Trinken, doch das störte sie nicht. Das frische Bachwasser ließen sie sich direkt aus dem Schlauch in die Kehlen rinnen. Den Beerwurz tranken sie abwechselnd aus der klobigen grünen Flasche. Er war angenehm kühl und hatte genau die richtige Temperatur. Von Saxingen schnalzte nach dem ersten Schluck genießerisch mit der Zunge, wischte sich den Mund ab – und nahm gleich noch einen Schluck zu sich.
Im Keller verfolgten Dan und Piet alles, was die beiden Kerle sprachen, und Piet gab sich die allergrößte Mühe, wenigstens die wichtigsten Sätze zu verstehen und sie Dan zu übersetzen. Was sie hörten, versetzte sie in noch größere Wut und steigerte ihren Haß gegen Erich von Saxingen und Bruno von Kreye.
Die beiden Junker tranken jetzt weniger Wasser und immer mehr Schnaps. Die Flasche war bereits halb geleert, sie hatten beide einen kräftigen Zug. Da sie überdies seit den Mittagsstunden nichts mehr gegessen hatten, tat der hochprozentige Alkohol sehr rasch seine Wirkung. Ihre Sauferei sollte zu einem erbitterten Streitgespräch führen.
»Ist das nicht herrlich?« fragte von Saxingen begeistert. »Wir hocken hier gemütlich zusammen und saufen uns einen an, und in Rügenwalde heulen Killigrew und von Manteuffel und ihre Kerls sich die Augen darüber aus, daß die Lankwitz, die dumme Kuh, ins Gras gebissen hat.«
»Bist du ganz sicher, daß sie nur heulen?«
Von Saxingen war viel zu begeistert von seinem Beerwurz-Fund, um jetzt auf von Kreyes Bedenken einzugehen.
»Ja, ja«, antwortete er ihm nur. »Die verlassen sich ganz auf die beiden Narren hier unten. Bestimmt denken sie, daß die dummen Hunde uns gestellt und eingefangen haben. Aber denen husten wir was.«
»Der Schnaps reicht aber nur für heute nacht. Und zu beißen haben wir auch nichts bei uns.«
»Wie war das? Ach, du meinst, wir sitzen bald auf dem Trockenen? Herrgott, ein paar Tage können wir auch vom Wasser leben. Und was die Verpflegung betrifft: Da ist der Wald, wir haben unsere Musketen und ausreichend Munition. Wir können uns was jagen, hast du das vergessen?« Von Saxingen lachte.
Von Kreye schüttelte den Kopf. »Wenn wir erst in der Gegend herumballern, wird irgend jemand nachsehen, was hier los ist. Dann hat man uns bald entdeckt, und wir sitzen wirklich in der Falle.«
»Nein!« Erich von Saxingen schrie es fast, sein Jähzorn brach wieder durch. »Hör mit dieser blöden Schwarzmalerei auf! Auch in Pommern wird überall gejagt, landauf und landab! Es fragt keiner danach, wer die Rehe und die Hasen abknallt und woher er kommt!« Schnell nahm er einen Schluck aus der Flasche, um den aufkeimenden Zorn herunterzuspülen.
»Erich«, sagte Bruno von Kreye in eindringlichem Tonfall. »Überlege doch mal. Die beiden da unten kehren nicht an Bord ihres Schiffes zurück. Spätestens im Morgengrauen fangen Killigrew und von Manteuffel an, nach ihnen zu suchen. Vielleicht schaltet sich auch der Stadthauptmann von Rügenwalde noch mit ein. Sie kriegen dann bestimmt eine Meute von fünfzig Mann zusammen, die überall nach uns sucht. Dann bleibt uns nur eine Möglichkeit, uns nämlich in dieser Hütte zu verkriechen, mucksmäuschenstill zu verhalten und darauf zu hoffen, daß sie uns nicht finden.«
Von Saxingen umklammerte die grüne Flasche mit beiden Händen. Er hatte sie jetzt sozusagen beschlagnahmt und sah es als sein Vorrecht an, allein daraus zu trinken. Rasch hob er sie an den Mund und ließ noch einen kräftigen Schluck Beerwurz durch seine Kehle rinnen.
»Bist du verrückt?« sagte er dann mit etwas schwerer Zunge. »Das glaubst du doch wohl nicht im Ernst, oder?«
»Es ist mein voller Ernst«, entgegnete Bruno von Kreye.
»Aber wir haben die Geiseln!«
»Die nutzen uns wenig, wenn sie uns erst umzingelt haben.«
»Wir bringen als ersten den großen Blonden um!« brüllte von Saxingen seinen Kumpan über den Tisch hinweg an. »Wir schmeißen ihn aus der Hütte raus und diesem Killigrew-Bastard vor die Füße! Dann wagt es keiner mehr, hier noch in der Gegend herumzuschleichen!«
»Und danach?«
»Danach befreien wir Hugo, meinen Bruder«, sagte von Saxingen wütend. »Du gehst mir mit deinem Gefasel auf den Geist, Bruno. Hör endlich auf damit.«
»Sie warten nur darauf, daß wir nach Rügenwalde zurückkehren«, sagte von Kreye unbeirrt. »Dort lassen sie uns in eine Falle laufen.«
»Du Trauerkloß«, sagte von Saxingen und beugte sich mit verzerrter Miene vor. »Jetzt weiß ich, was mit dir los ist. Angst hast du – und was für welche. Ich wette, du hast die Hosen schon voll.«
Bruno von Kreye richtete sich kerzengerade auf. Er griff nach der Flasche, doch der andere zog sie noch ein Stück weiter zu sich heran.
»Ich habe die Hosen noch nie voll gehabt«, sagte Bruno von Kreye erbost. »Und ich bin kein Feigling, mein Junge. Das lasse ich mir von dir nicht in die Stiefel schieben.«
»Und ich bin nicht dein Junge, verdammt noch mal!«
»Können wir jetzt vernünftig miteinander reden?«
»Was – was willst du denn noch?« fragte Erich von Saxingen, der sein Lallen nicht mehr unterdrücken konnte. Die Flasche war fast leer, der Beerwurz stieg ihm in erheblichem Maße zu Kopf. »Halt j-jetzt endlich d-deinen Mund, zum Teufel!«
Bruno von Kreye hieb mit der Faust auf den Tisch. »Schluß! Von dir lasse ich mir den Mund nicht verbieten! Ich bin mein eigener Herr, merk dir das! Ich hab mein eigenes Land und Gut und lasse mir von dir nicht auf der Nase 'rumtanzen!«
»V-verstanden«, sagte Erich von Saxingen höhnisch. Wieder trank er aus der Flasche. »Der f-feine Herr pocht auf seinen R-r-rechten rum, n-nicht wahr? Na g-gut. Was w-willst du mir eigentlich er-erklären, B-bruno, du blödes A-arschloch?«
»Daß du unüberlegt gehandelt hast!«
»Ich? Wo denn?«
»In Rügenwaldermünde, als du auf die Freiin von Lankwitz geschossen hast! Ich wollte dich ja zurückhalten, aber du …«
»Ich?« brüllte Erich von Saxingen. »Was ist mit mir? Du hast mir g-gar nichts vorzuwerfen, du H-hammel! Was ich tue, ist im-immer ri-richtig!«
»Nein!«
Diesmal war es von Saxingen, der mit der Faust auf den Tisch hieb. Der Tisch wackelte, die Flasche drohte umzufallen, doch er packte sie wieder mit beiden Händen. Dann sprang er auf. »Doch! Der Schuß auf diese pommersche Kuh war eine grandiose Idee!« Sein Lallen war wie weggewischt, es war die grenzenlose Wut, die ihn wieder normal sprechen ließ. »Denn er hat uns zwei Gefangene eingebracht, die wir jetzt als Geiseln benutzen können …«
»Das klappt nie!«
»… um meinen Bruder freizupressen!« brüllte Erich von Saxingen. »Ich beweise dir, wie das klappt!«
»Und wir enden beide am Pranger von Rügenwalde, werden angespuckt und mit Füßen getreten!« schrie Bruno von Kreye, der sich nun ebenfalls erhoben hatte. »Anschließend hängt man uns am Galgen auf, wo wir dann im Wind baumeln und vorbeisegelnde Seeleute grüßen! Oder? Ist es nicht so? Hölle, wann gehen dir endlich die Augen auf? Wir stecken bis zum Hals im Schlamassel!«
Erich von Saxingen leerte die Flasche Beerwurz bis auf den Grund, fluchte und umrundete den Tisch.
»Ich hab keine Lust, mich von dir anöden zu lassen, du Sack«, sagte er. »Lieber schlage ich dir gleich den Schädel ein.« Drohend hob er die Flasche.
Bruno von Kreye blieb stehen und wich um keinen Deut vor ihm zurück.
»Versuch's doch mal!« schrie er.
»Halt's Maul!«
»Einen Dreck werde ich tun!«
Erich von Saxingen war drauf und dran, sich auf ihn zu stürzen, doch im letzten Moment siegte in einem verborgenen Winkel seines Hirns doch wieder die Vernunft. Er ließ die Flasche sinken.
»Verdammt«, sagte er. »Was sind wir doch für blöde Hunde. Wir gehen aufeinander los, dabei sollten wir zusammenhalten.« Seine Augen deuteten an, daß er zur Versöhnung bereit war. »Tut mir echt l-leid, Bruno.« Er streckte ihm die Hand ihn, die leere Flasche polterte zu Boden. »Laß uns die S-sache vergessen, wie?«
Bruno von Kreye ergriff seine Hand und drückte sie. »In Ordnung. Wir sollten lieber einen Plan schmieden. Wir haben uns gemeinsam in die Sache hineingeritten, und gemeinsam müssen wir uns auch wieder rauswinden. Aber von dem Beerwurz hättest du mir wirklich etwas übriglassen können.«
Von Saxingen grinste. »Ich habe noch eine volle Flasche in meiner Satteltasche. Na, was sagst du jetzt?«
»Du bist ein Teufelskerl«, antwortete Bruno von Kreye.
Sie lachten und hieben sich gegenseitig auf die Schultern. Die Freundschaft war wiederhergestellt, nun konnten sie weitersehen. Sie hockten sich wieder an den Tisch, steckten die Köpfe zusammen und begannen wie zwei Verschwörer zu flüstern.
5.
Halblaut teilte Piet Straaten Dan O'Flynn mit, was er vernommen hatte. Beiden war klar, daß die Kerle mit ihnen als Geiseln ein beachtliches Druckmittel hatten, um von Saxingens Plan in die Tat umzusetzen.
Hasard würde nämlich ohne jeden Zweifel der Erpressung nachgeben, um ihr Leben nicht zu gefährden. Sie wußten es schon jetzt, sie kannten seine Prinzipien. Er ließ sich auf nichts ein, was auf Kosten seiner Männer gehen konnte, und vermied jedes Risiko. Er war fair und ehrenhaft bis zur letzten Konsequenz.
»Das ist eine verdammte Situation«, flüsterte Dan. »Und sie geht zu unseren Lasten, weil wir wie die Verrückten hinter den Hunden hergejagt sind.«
»Stimmt«, murmelte Piet. »Wir haben uns wie die Anfänger im wahrsten Sinne des Wortes aufs Kreuz legen lassen. Tut dir der Schädel noch weh?«
»Das wollte ich dich gerade fragen.«
»Na, es geht so«, raunte Piet. »Das Vogelgezwitscher, das ich vorhin vernommen habe, ist jetzt vorbei.« Er verzog den Mund zu einem schiefen Grinsen, das Dan in der Dunkelheit aber nicht sehen konnte.
Aber Dan war ohnehin nicht zum Lachen zumute.
»Die Waffen haben sie uns natürlich abgenommen«, murmelte er. »Wie sieht es bei dir aus? Haben sie auch dein Messer entdeckt?«
»Ja, leider. Sonst wären wir längst frei.«
»Ein Glück, daß sie uns wenigstens die Knebel aus dem Mund genommen haben.« Dan zerrte wütend an seinen Fesseln, doch es wollte ihm nicht gelingen, sie auch nur um einen Deut zu lockern. Tief schnitten die Stricke in seine Handgelenke und Fußknöchel, seine Arme und Beine drohten steif zu werden, denn der Blutkreislauf wurde unterbrochen.
Piet erging es nicht anders. Er tat alles, um sich wenigstens etwas mehr Bewegungsfreiheit zu verschaffen, hatte aber keinen Erfolg. Entmutigt blieb er schließlich liegen. Und auch Dan rührte sich nicht mehr, denn jetzt ertönten über ihnen Schritte, die sich der Stiege näherten.
Die beiden Junker hatten ihren Wortwechsel beendet und begaben sich über die knarrende Stiege in den Keller hinunter. Wieder war es von Saxingen, der den Kienspan in der Hand hielt. Das flackernde Licht zeichnete huschende, gespenstische Muster auf die Wände und ließ die Gesichter der beiden Kerle wie Fratzen erscheinen.
»So«, sagte Erich von Saxingen. »Jetzt wollen wir uns mal eingehender mit euch unterhalten. Zuerst wollen wir eure Namen wissen. Du da!« Er war neben Piet stehengeblieben und stieß ihm die Spitze seines Stiefels gegen die Schulter. »Du kannst ja ein bißchen Deutsch und verstehst mich. Wie heißt du?«
»Hein Mück«, antwortete Piet.
Erich von Saxingens Fuß schwang zurück und zuckte wieder vor. Er traf Piet hart in die Seite. Piet war ein rauher Mann, der viel einstecken konnte, doch bei diesem gemeinen Tritt stöhnte er fast auf.
»Das ist nur ein Vorgeschmack auf die Behandlung, die euch noch erwartet«, sagte Erich von Saxingen. »Raus mit der Sprache – wie heißt du?«
Piet schwieg. Dan blieb ebenfalls stumm.
Erich von Saxingen teilte wieder Tritte aus, die mal Piet und mal Dan trafen, doch wieder kriegte er kein Wort aus ihnen heraus. Die beiden warfen sich nur rasch einen Blick zu, mit dem sie sich verständigten. Nein, sie würden nichts verraten. Was der Kerl mit ihnen anstellte, erschütterte sie nicht weiter. Sie hatten schon in schlimmeren Situationen gesteckt und fürchteten auch die Folter nicht.
Nur ein Gedanke beschäftigte sie unaufhörlich: Irgendwie mußten sie es schaffen, sich zu befreien und den Spieß umzudrehen. Sie mußten nur abwarten und die Zähne zusammenbeißen, die Chance würde sich schon ergeben.
»Eure Namen!« brüllte Erich von Saxingen. »Heraus damit, oder ich bringe euch einen nach dem anderen um!«
»Hör auf«, sagte Bruno von Kreye. »So kommst du nicht weiter.«
Erich von Saxingen fuhr zu ihm herum. »Fängst du jetzt wieder an?«
»Nein. Ich halte es nur für ratsam, sie nach Hugo zu fragen. Ihre Namen können uns doch egal sein.«
Von Saxingen nickte und beugte sich zu Dan hinunter. »Nun paß mal gut auf, du Lumpenhund! Ich nehme dir nicht ab, daß du kein Deutsch kannst. Ich bin sicher, daß du mich verstehst. Also: Auf welchem der beiden Schiffe befindet sich mein Bruder? Wie geht es ihm? In welchen Raum habt ihr ihn gesteckt? Rede!«
»Ich verstehe kein Wort«, erklärte Dan und zuckte mit den Schultern. »Ich bin Engländer. Für mich ist das, was ihr sagt, ein einziges Kauderwelsch.«
Von Saxingen trat Piet noch einmal in die Seite. »Übersetze ihm, was ich gesagt habe! Du kapierst mich doch, oder? Wo ist Hugo? Wo ist mein Bruder? Was habt ihr mit ihm angestellt?«
»Hugo?« wiederholte Piet mit vorgetäuschter Verblüffung. »Einen Hugo haben wir nicht an Bord unseres Schiffes.« Auf englisch wandte er sich an Dan. »Hast du eine Ahnung, wer dieser Bursche ist, der Hugo heißt?«
»Ja!« schrie Dan. »Meiner Meinung nach wäre es besser für ihn, wenn er noch an dem Elchgeweih zappeln würde, an das wir ihn auf Gut Saxingen gehängt haben! Übersetz das diesem triefäugigen Hurensohn!«
Piet tat es unverzüglich, und die Antwort der beiden Junker bestand aus kräftigen Fußtritten, mit denen sie ihre Gefangenen immer wieder traktierten.
Jetzt aber wurde es Piet Straaten zu bunt. Plötzlich schnellte er sich im Liegen herum. Es gelang ihm, mit den gefesselten Füßen auszuholen und nach Bruno von Kreye zu treten. Er traf ihn an den Waden – Bruno stürzte zu Boden, als sei er von einer Sense umgelegt worden. Er brüllte vor Wut auf.
Dan hingegen zog seine Beine dicht an den Leib. Das schmerzte, aber er biß wieder die Zähne zusammen. Dann trat er von Saxingen gegen die Schienbeine, und auch der kippte um. Er flog ein Stück zurück und verlor dabei den Kienspan aus der Hand, den er dieses Mal dummerweise nicht an der Wand befestigt hatte.
Die Flammen leckten über Bruno von Kreyes Gesicht. Von Kreye wurde versengt, brüllte noch lauter und vollführte mit beiden Händen abwehrende, wischende Bewegungen vor seinem Gesicht, die irgendwie grotesk wirkten. Der Span lag jetzt am Boden, das Licht flackerte heftiger, die Flamme drohte zu erlöschen.
Von Saxingen rappelte sich hoch, bückte sich nach der Fackel und hob sie wieder auf. Noch einmal trat er mit dem Fuß nach seinen Gefangenen, doch dann zog er sich zurück. Er sah ein, daß ihn diese Art von Verhör nicht weiterbrachte. Außerdem war er jetzt sicher, daß sein Bruder am Leben war und sich an Bord einer der beiden Galeonen im Hafen von Rügenwalde befand. Gerade die Weigerung von Dan O'Flynn und Piet Straaten, etwas zu verraten, schien dies zu bestätigen.
Es galt, den Plan zur Durchführung zu bringen, den er sich gemeinsam mit dem Kumpan zurechtgelegt hatte. Er half ihm vom Boden hoch, und sie zogen sich fluchend und schimpfend wieder nach oben zurück. Immerhin hatten sie gemerkt, daß ihre Gefangenen auch gefesselt noch die Zähne zeigen konnten. Sie zogen es vor, sie in dem düsteren Keller schmoren zu lassen.
»Ich hätte große Lust, sie mit dem Messer zu bearbeiten«, zischte von Saxingen, als sie oben angelangt waren. »Aber wir verlieren nur Zeit mit diesen Hunden. Die lassen sich glatt abstechen, ohne auch nur noch ein Sterbenswörtchen zu sagen.«
»Ganz meine Meinung«, sagte Bruno von Kreye. »Hol lieber die zweite Flasche Beerwurz. Eine Stärkung können wir jetzt brauchen.« Ihm war elend zumute. Zum erstenmal begriff er richtig, was sie wirklich waren, nämlich niederträchtige, jämmerliche, erbarmungswürdige Feiglinge, deren einzige große Tat darin bestanden hatte, eine wehrlose Frau meuchlings aus dem Hinterhalt niederzuschießen und zu töten.
Mitternacht war längst vorbei, die Deckswachen der »Isabella« und der »Wappen von Kolberg« hatten inzwischen zweimal gewechselt. Die Menge der Schaulustigen hatte sich verlaufen, fast alle waren in ihre Häuser zurückgekehrt, weil es nichts mehr zu sehen und nichts mehr zu tun gab. Nur wenige Männer hatten sich vor der Hafenmeisterei auf Bänken und auf Pollern niedergelassen, blickten hin und wieder mal zu den Schiffen und fragten sich insgeheim, was wohl noch geschehen würde.
Der Seewolf hatte furchtbare Stunden hinter sich. Er hatte sich mit den schwersten Vorwürfen geplagt. Wenn alles nur etwas anders verlaufen wäre, hätte er die Tragödie vielleicht verhindern können. Er gönnte sich keine Ruhe und verfiel immer wieder ins Grübeln.
Schlimmer noch hatte sich Gary Andrews verhalten, als er wieder bei Besinnung war und erfahren hatte, was sich zugetragen hatte.
»Es ist meine Schuld«, hatte er immer wieder verzweifelt gesagt. »Wäre ich nicht aufgetaucht, wäret ihr nicht abgelenkt gewesen. Hätte ich mich doch bloß zurückgehalten, bis wenigstens ein paar von euch als Wachen an Land gingen. Es ist alles meine Schuld, daß dies passiert ist.«
Es kostete Hasards ganze Überzeugungskraft, Gary umzustimmen und ihm auseinanderzusetzen, daß er nichts mit alledem zu tun hatte. Die beiden Heckenschützen hatten ja nicht seinetwegen an der Pier gelauert. Sie hatten auf die Schiffe gewartet. Sie hätten auch dann auf Gisela von Lankwitz geschossen, wenn er, Gary, nicht erschienen wäre.
Quälend langsam verstrich die Zeit, und die Seewölfe und die Männer der »Wappen von Kolberg« begannen sich allmählich zu fragen, wo Dan O'Flynn und Piet Straaten blieben. Hatten sie mit ihrer Verfolgung etwas erreicht? Oder hatten sie die Spur der Mörder verloren und streiften ziel- und ratlos durch die Nacht?
»Warten wir bis zum Morgengrauen«, sagte Hasard. »Wenn sie dann nicht wieder da sind, unternehmen wir etwas.«
Arne von Manteuffel war ebenfalls wieder bei Bewußtsein und hatte seine Kammer im Achterdeck der »Wappen von Kolberg« verlassen. Aber seine Männer brauchten nicht mehr zu befürchten, daß er etwas Unüberlegtes unternahm. Er hielt bei der Freiin von Lankwitz, seiner Braut, Totenwache und rührte sich nicht mehr von der Kuhlgräting fort, auf der er sich niedergelassen hatte. Wie versteinert saß er da und nahm seinen Blick nicht von ihrer leblosen Gestalt.
Eine Kutsche rollte heran, gezogen von vier Pferden. Auf der Pier hielt sie vor der Stelling der »Wappen von Kolberg« an, und der Schlag wurde von innen geöffnet, während der Kutscher mit entsetzter Miene von seinem Platz zu der erleuchteten Kuhl der Galeone blickte und Gisela von Lankwitz daliegen sah.
Erschüttert nahm er seinen Zylinder vom Kopf und murmelte: »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.« Dann schlug er das Zeichen des Kreuzes.
Renke Eggens und ein zweiter Mann entstiegen der Kutsche. Hasard hatte keinen Zweifel daran, daß es sich bei diesem um den Vater der Toten handelte.
Stumm ging Gunther Freiherr von Lankwitz über die Stelling an Bord der »Wappen von Kolberg«. Er war ein schlanker und hochgewachsener Mann, weißhaarig und von beeindruckender Erscheinung. Seine edlen Gesichtszüge waren von tiefem Schmerz gezeichnet. Er blieb nur zwei Schritte von seiner Tochter entfernt auf der Kuhl des Schiffes stehen und bekreuzigte sich ebenfalls.
»Gisela«, sagte er leise, mehr nicht. Es gab nichts zu sagen.
Arne von Manteuffel erwachte aus seiner starren Haltung, erhob sich und trat auf seinen Schwiegervater zu. Sie blickten sich an, dann umarmten sie sich stumm. Der Freiherr stellte keine Fragen, Renke Eggens hatte ihm alles erzählt. Jedes Wort war überflüssig.
Hasard verließ sein Schiff und begab sich an Bord der »Wappen von Kolberg«. Der Freiherr begrüßte ihn mit einem Händedruck. Er wußte bereits durch Eggens, wen er vor sich hatte.
Eine Weile standen sie schweigend und in ohnmächtiger Machtlosigkeit bei Gisela von Lankwitz. Dann bückte sich Arne von Manteuffel, hob die Tote von den Planken auf und trug sie von Bord des Schiffes zur Kutsche.
»Arne wird mit mir zu meinem Gut fahren«, sagte Gunther von Lankwitz, »und dort bleiben, bis Gisela beerdigt ist. Verstehen Sie, was ich sage, Kapitän Killigrew?«
Hasard schüttelte den Kopf. Doch inzwischen war auch wieder Nils Larsen aufgetaucht, der ihm die Worte des Freiherrn übersetzte.
»Ich würde Arne und Sie gern begleiten«, sagte Hasard. »Aber ich muß hierbleiben und warten. Meine Anwesenheit hier ist jetzt wichtiger, denn wenn meine beiden Männer zurückkehren, muß ich wahrscheinlich Entscheidungen treffen, die je nachdem, was sie erreicht haben und mir berichten, sehr unterschiedlich ausfallen können.«
»Ich verstehe Sie sehr gut, Kapitän Killigrew.«
»Doch bei der Beisetzung werde ich dabei sein«, versicherte ihm der Seewolf. »Ihre Tochter war mir zur Freundin geworden. Mein Schmerz über ihren Tod kennt keine Grenzen. Ich bin zutiefst betroffen von dem, was geschehen ist, und ich werde nicht ruhen, bis die Mörder ihre gerechte Strafe gefunden haben.«
»Ich danke Ihnen«, sagte Gunther von Lankwitz.
Hasard begleitete ihn bis zur Kutsche, dann verabschiedete er sich von Arne und von ihm. Arne war seinem Vetter jetzt sehr dankbar. Zu der Fahndung nach dem Mörder gehörte ein kühler Kopf – Arne hatte ihn nicht. Hasard aber vermochte seine Gefühle zu beherrschen und Distanz zu dem Geschehen zu gewinnen. Er brauchte diesen Abstand, um sein Vorhaben vorantreiben zu können, die Mörder zu fassen und zu bestrafen.
So wendete die Kutsche und rollte davon. Hasard und die anderen Männer blickten ihr nach, bis sie in der Dunkelheit verschwunden war. Dann kehrte jeder auf seinen Posten zurück und hing seinen Gedanken nach. Renke Eggens hatte das Kommando an Bord der »Wappen von Kolberg« übernommen und teilte die nächsten Wachschichten ein. Danach gab es aber auch für ihn nichts mehr zu tun. Sie alle waren dazu verdammt, zu warten.
Hasard wurde von Stunde zu Stunde unruhiger. Seinen Männern erging es nicht anders, und auch die Männer der »Wappen von Kolberg« begannen sich über den Verbleib von Dan und Piet zu sorgen. Sie alle standen unter Druck, ihre Nerven waren bis zum Zerreißen gespannt.
Der neue Tag – der fünfte April 1593 – brach an.
Jetzt schien es mit einiger Wahrscheinlichkeit festzustehen: Dan und Piet mußte etwas passiert sein. Anders war nicht zu erklären, warum sie noch nicht zurückgekehrt waren.
»Sir«, sagte Ben Brighton, der sich zu seinem Kapitän auf das Achterdeck der »Isabella« gesellt hatte. »Wollen wir nicht endlich etwas unternehmen?«
»Doch«, erwiderte Hasard. »Wir besorgen uns Pferde. Wir brechen mit zehn, zwölf Männern auf, um nach Dan und Piet zu suchen.«
Doch es kam anders.
Ein Reiter tauchte aus den Schleiern des Morgennebels auf, die über dem Hafen lagen. Mit klappernden Hufen schritt das Pferd auf die Pier und hielt auf der Höhe der »Isabella« von seinem Herrn gezügelt an.
»Erich von Saxingen«, sagte der Seewolf gepreßt. Plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. »Jetzt wird mir alles klar. Die Personenbeschreibungen der beiden Fremden – ja, mein Gott noch mal, war ich denn taub und blind? Der andere Kerl muß Bruno von Kreye sein, daran gibt es keinen Zweifel.«
Ben ließ Nils Larsen holen, damit ein Dolmetscher bereitstand. Nils erschien auf dem Quarterdeck, verharrte und blickte genauso haßerfüllt zu von Saxingen hinüber wie auch die anderen Männer an Bord beider Schiffe.
»Da bin ich!« rief Erich von Saxingen. »Das ist eine Überraschung, was? Habt ihr mich wiedererkannt? Um so besser. Ich will mit Killigrew sprechen! Wo ist er?«
»Hier bin ich«, sagte Hasard und trat noch einen Schritt vor, so daß er dicht am Schanzkleid stand. »Was willst du von uns?«
»Das kannst du dir doch denken!« schrie Erich. »So dumm, wie du tust, bist du nämlich nicht, Killigrew!«
Es bedurfte Hasards ganzer Beherrschung, jetzt nicht von Bord zu stürzen und sich auf den Kerl zu werfen. Shane, Ferris, Old O'Flynn, Carberry, Blacky, Smoky und die meisten anderen Männer allerdings schickten sich bereits an, auf die Pier zu stürmen und den Mann von seinem Pferd zu zerren.
»Zurück!« rief der Seewolf ihnen zu. »Hören wir uns erst an, was der Kerl uns zu sagen hat!«
»Wir wollen sein widerliches Gekläff nicht hören!« brüllte Batuti, der schwarze Herkules aus Gambia, außer sich vor Wut. Er hatte seinen Bogen bereits angehoben, um von Saxingen mit einem gezielten Pfeilschuß aus dem Sattel zu holen.
Erich von Saxingen wurde von Angst befallen, seine Augen weiteten sich. Auch das Pferd begann auf der Stelle zu tänzeln. Er fluchte und zerrte wild an den Zügeln, damit es wieder stillstand.
»Herhören!« rief er mit greller, verzerrter Stimme. »Bevor ihr etwas Unüberlegtes tut, will ich euch etwas erklären, ihr Bastarde! Eure beiden Leute sind meine Gefangenen! Sie befinden sich in meiner Obhut!«
Nils übersetzte sehr schnell, was von Saxingen gesagt hatte. Die Wirkung seiner Worte war durchschlagend. Die Männer blieben stehen und wagten nicht mehr, den Kerl anzugreifen.
»So ist es besser«, sagte von Saxingen höhnisch. Er hatte seine Fassung wiedererlangt.
»Er lügt!« schrie Smoky. »Er macht uns nur was vor! Dan und Piet hätten sich niemals von diesem Mistkerl schnappen lassen!«
»Ruhe«, sagte der Seewolf, dann wandte er sein Gesicht wieder Erich von Saxingen zu. »Nenn mir die Namen der beiden Männer. Du hast keinen Beweis dafür, daß deine Worte der Wahrheit entsprechen.«
»Doch«, sagte Erich von Saxingen triumphierend. »Wie sie heißen, haben sie mir nicht verraten wollen, aber ich habe ihre Pistolen mitgebracht. Hier sind sie.« Er griff in die Satteltasche, zog etwas daraus hervor und schleuderte zuerst Dans und dann Piets Steinschloßpistole auf die Kuhl der »Isabella«, wo beide Waffen polternd landeten.
Carberry untersuchte die Pistolen sofort. Sie waren nicht geladen, aber es schien auch nicht aus ihnen geschossen worden zu sein, sonst wären nämlich die Schmauchspuren an ihren Mündungen zu sehen gewesen. Durch ein Kopfnicken bestätigte der Profos, daß es sich um Dans und Piets Waffen handelte.
»Also?« fragte von Saxingen herausfordernd. »Glaubt ihr mir nun? Killigrew, hat es dir die Sprache verschlagen?«
»Durchaus nicht«, entgegnete Hasard kalt. »Und ich weiß auch, daß ich einem Mörder gegenüberstehe. Du hast den Schuß auf die Freiin von Lankwitz abgegeben, Saxingen, und dafür wirst du büßen.«
»Ich habe sie doch gut getroffen, oder? Sie ist tot, nicht wahr?« schrie von Saxingen. »Wagt keine falsche Bewegung, ihr Drecksäcke! Mein Freund Bruno von Kreye paßt auf eure Kerle auf, und sie sterben auf grausame Weise, wenn ich nicht rechtzeitig genug zu ihnen zurückkehre!«
»Gisela von Lankwitz ist tot«, bestätigte Hasard.
»Das kann mich nicht erschüttern«, sagte der Junker höhnisch. »Sie hat es verdient. Sie hat sich von Manteuffel an den Hals geworfen, und der ist ein Pirat, ein Blutsäufer, ein Galgenstrick, ein Schlagetot, – wer sich mit ihm einläßt, hat mit Konsequenzen zu rechnen, klar?«
»Ich jage dir eine Kugel durch den Kopf!« brüllte Hein Ropers von Bord der »Wappen von Kolberg«. »Noch ein Wort dieser Art, du dreckiges Schwein, und ich blase dir das Hirn aus dem Schädel! Es ist mir scheißegal, was danach passiert!«
»Killigrew!« schrie Erich von Saxingen mit sich überschlagender Stimme. »Pfeif diesen dummen Hund zurück! Er weiß nicht, was er anrichtet!«
»Keiner unternimmt etwas ohne meinen ausdrücklichen Befehl!« rief der Seewolf. »Renke Eggens, ist das klar?«
»Klar!« erwiderte der Erste Offizier der »Wappen von Kolberg«. Er wußte, daß er sich dem Kommando des Seewolfes zu fügen hatte, Arne hatte es ihm immer wieder eingeschärft, daß Hasard auch über sein Schiff die absolute Befehlsgewalt hatte, was besonders für den Fall von Arnes Abwesenheit galt.
Keiner konnte etwas tun. Der Mörder saß keine zehn Schritte von ihnen entfernt im Sattel seines Pferdes und grinste sie höhnisch an, doch sie konnten ihn nicht greifen. Das war absurd und aberwitzig – aber sie durften das Leben von Dan und Piet nicht gefährden.
6.
»Ich verlange, daß mein Bruder Hugo freigelassen wird!« schrie Erich von Saxingen jetzt. »Ich weiß, daß er sich bei euch an Bord befindet! Ich will, daß ihr ihn mir im Austausch gegen meine beiden Gefangenen übergebt! Killigrew – ich erwarte eine Antwort!«
»Ich kann darauf nicht eingehen«, entgegnete der Seewolf. »Hugo von Saxingen befindet sich nicht an Bord meines Schiffes. Er ist Arne von Manteuffels Gefangener.«
»So ist das«, sagte von Saxingen wütend. »Nun, dann erleben die beiden Schnapphähne von eurer Bande den nächsten Tag nicht mehr.« Sicherheitshalber fügte er gleich mit hinzu: »Selbst wenn ihr mich festhaltet, springen die Kerle zu einer von mir bestimmten Uhrzeit über die Klinge. Diese Anweisung habe ich Bruno gegeben, und er wird sich strikt daran halten.«
Immer noch versuchte der Seewolf, die Ruhe zu bewahren, doch es fiel ihm nicht leicht. Immer wieder hielt er sich vor Augen, daß er mit einer Festnahme Erich von Saxingens wirklich nichts erreichte, aber der Drang, den Kerl zu überwältigen und auf der Stelle abzuurteilen, war fast übermächtig.
»Sollte das wirklich passieren, kannst du deinen Bruder Hugo ebenfalls in Empfang nehmen!« rief Hasard. »Dann aber als Toten, den du von der Rah abfieren mußt, an der er baumeln wird!«
»Ich will Hugo jetzt. Sofort. Auf der Stelle«, sagte von Saxingen forsch und drängend. »Es ist mir gleich, auf welchem Schiff er ist. Holt ihn. Ich will ihn sehen.«
Hasard schüttelte nur den Kopf. »Selbst wenn ich es könnte und wollte – ich denke gar nicht daran, Hugo von Saxingen im voraus freizugeben, ohne gleichzeitig meine beiden Männer im Austausch zurückzuerhalten.«
Erich von Saxingen befeuchtete seine spröde gewordenen Lippen mit der Zungenspitze.
»Ich gebe dir mein Wort, daß ich sie freilasse, Killigrew!« rief er.
»Wann soll das geschehen?« fragte Hasard.
»Sobald ich mit meinem Bruder zu dem Versteck zurückgekehrt bin, in dem wir deine Leute gefangenhalten.«
»Ich halte nichts von dem Wort eines Meuchelmörders«, sagte der Seewolf kalt. »Ein Tausch läßt sich nur Zug um Zug abwickeln, auf der einen Seite will ich dann meine Männer Dan O'Flynn und Piet Straaten sehen, auf der anderen halte ich Hugo bereit.«
»Unmöglich!« schrie Erich von Saxingen.
»Dann sind wir geschiedene Leute«, sagte Hasard.
»Dieser O'Flynn und dieser Straaten sind schon jetzt so gut wie tot!« brüllte von Saxingen außer sich.
Hasard hob die Schultern und ließ sie wieder sinken. »Daran kann ich dann leider auch nichts ändern. Wir alle müssen das Risiko eingehen, eines Tages zu sterben.« In Wirklichkeit dachte er natürlich anders. Er bangte um Dan und Piet und würde alles tun, um sie zu befreien. Doch von Saxingen gegenüber war es nur klug, ein wenig zu schauspielern. »Allerdings sehe ich auch Hugo von Saxingen schon an der Großrah der ›Wappen von Kolberg‹ baumeln«, fügte er hinzu und deutete zu Arne von Manteuffels Galeone hinüber.
Erich von Saxingen spürte, daß er hier auf Granit biß. Er änderte seine Taktik.
»Also gut, dann drehen wir das eben anders«, sagte er. »Laß mich wenigstens mit meinem Bruder sprechen. Ich muß mich mit ihm beraten.«
»Abgelehnt«, erwiderte Hasard. »Mit dem gleichen Recht will ich dann mit Dan O'Flynn und Piet Straaten reden, vor allen Dingen deshalb, weil ich mich davon überzeugen möchte, ob sie auch wirklich noch am Leben sind. Wer sagt mir, daß sie nicht bereits tot sind?«
»Sie leben«, beeilte sich von Saxingen zu versichern.
»Wie gesagt, den Versicherungen und dem Wort eines Meuchelmörders traue ich nicht«, erklärte der Seewolf. »An meinen beiden Männern führt kein Weg vorbei, ich verlange eine Gegenüberstellung.«
»Ich lasse mich darauf nicht ein!« schrie der Junker mit schriller Stimme.
»Dann sehe ich unser Gespräch als beendet an«, sagte Hasard. Er wurde jetzt wieder ganz ruhig. Er spürte, daß er Erfolg haben würde, wenn er weiterhin kühl und gelassen vorging. Dann hatte Erich von Saxingen nicht ihn in der Hand, sondern es war genau umgekehrt.
»Hau ab, Saxingen«, sagte er. »Oder willst du, daß ich deinem Gaul Beine mache? Meine Männer warten nur darauf, ein Zielschießen auf dich zu veranstalten.«
»Ihr Hunde!« schrie von Saxingen. »Ihr Ratten! Ich ziehe mich auch so zurück, freiwillig! Aber ich warne euch: Wenn ich verfolgt werde, müssen die beiden Banditen dran glauben!«
»Ja«, sagte Hasard. »Das gleiche gilt dann aber auch für deinen Bruder, vergiß das nicht. Vielleicht lasse ich ihn auspeitschen und Spießruten laufen, bevor ich ihn hänge.«
Das Pferd begann wieder zu tänzeln, von Saxingen hatte seine Mühe, es zur Ruhe zu bringen. Er richtete sich hoch in den Steigbügeln auf, streckte die Hand aus und ballte sie zur Faust, dann schüttelte er sie. »Untersteht euch, Hugo etwas anzutun! Meine Rache würde furchtbar sein! Ich schlage dir aber etwas vor, Killigrew!«
»Gut, ich höre!«
»Ich gebe dir einen ganzen Tag Zeit, damit du dir alles gründlich überlegen kannst! Wir treffen uns morgen früh um diese Stunde an einem Platz, dessen Lage ich dir noch mitteilen lasse! Dort erfolgt der Austausch der Gefangenen!«
»Einverstanden!« rief Hasard, doch die Mienen seiner Männer verrieten ihm, daß sie ganz anderer Meinung waren. »Ich erwarte deine Nachricht, Saxingen!« fügte er laut hinzu.
Von Saxingen warf sein Pferd unter der Hand herum und trieb es an. Im Galopp verließ er die Pier und war bald darauf hinter den Häusern von Rügenwaldermünde verschwunden.
Wenig später erschienen der Stadthauptmann Heinrich Paleske und der Hafenmeister mit einem Trupp von bewaffneten Männern. Sie hatten alles mitgehört und boten Hasard ihre Hilfe an.
»Ich danke Ihnen von ganzem Herzen«, sagte Hasard zu Paleske. »Aber ich muß auf Ihre Unterstützung verzichten. Wir müssen Erich von Saxingen verfolgen, doch wir dürfen es nicht mit einem großen Aufgebot tun. Nur ein kleiner Trupp hat die Chance, ungesehen seine Fährte aufzunehmen und bis zu dem Versteck der Kerle zu gelangen, ohne Dan O'Flynn und Piet Straaten zu gefährden.«
»Das verstehe ich«, sagte Paleske. »Aber was haben Sie vor? Haben Sie schon einen Plan?«
»Ja, ich habe ihn mir eben zurechtgelegt«, erwiderte Hasard. Er winkte seine Männer zu sich heran und versammelte sie um sich. »Hört alle gut zu. Wir gehen überlegt vor. Wir müssen Dan und Piet heraushauen, koste es, was es wolle. Ich bin nicht bereit, Hugo von Saxingen herauszugeben.«
Ben Brighton atmete unwillkürlich auf. »Hölle, und wir dachten schon, du wolltest tatsächlich auf die Bedingungen dieses Schweinehundes eingehen.«
Hasard musterte ihn streng. »Eigentlich solltet ihr mich besser kennen.«
»Doch, da hast du recht.« Ben wurde fast verlegen. »Es muß wohl so sein, daß der Tod der Freiin von Lankwitz uns alle ziemlich durcheinandergebracht hat.«
Hasard setzte den Männern seinen Plan auseinander und sprach jede Einzelheit mit ihnen durch. Er war bei aller Sorge um Dan und Piet froh darüber, daß er eine Aufgabe hatte, durch die er sich hindurchbeißen konnte. Alles war ihm recht, damit er sich nur von dem Meuchelmord an Gisela von Lankwitz ablenken konnte – und von dem Anblick, den sie geboten hatte, als sie tot auf der Kuhl der »Wappen von Kolberg« gelegen hatte.
Es waren mit die schrecklichsten Stunden gewesen, die er je durchgestanden hatte. Er fühlte sich schmerzlich an den Tag erinnert, an dem er seine Frau, Gwendolyn Bernice O'Flynn, für immer verloren hatte.
Dan und Piet war hundeelend zumute, sie hatten eine schlimme Nacht hinter sich. Die Fesseln bereiteten ihnen Schmerzen und schienen immer tiefer in ihr Fleisch zu schneiden. Sie hatten nicht geschlafen. Zu essen und zu trinken hatten sie auch nichts erhalten. Erich von Saxingen und Bruno von Kreye hatten sich nicht dazu bequemt, ihnen auch nur einen Schluck frisches Wasser zu bringen.
Sie hatten mitgehört, wie einer der beiden Kerle in aller Frühe davongeritten war. Doch sie wußten nicht, wer es von den beiden gewesen war. Fest stand, daß zur Zeit nur noch ein Wächter über ihnen in dem einzigen Raum der Hütte saß, der obendrein ziemlich müde sein mußte. Auch Erich und Bruno hatten nicht sehr viel Schlaf gefunden, und der viele Beerwurz, den sie getrunken hatten, hatte zwar ihren Mut ins Unendliche gehoben, aber ihr Reaktionsvermögen mußte unter der Wirkung des Alkohols stark nachgelassen haben.
Dies konnte die Chance sein, auf die Dan und Piet gewartet hatten. Dan wälzte sich zu Piet herum, und Piet rollte sich ebenfalls so, daß sie schließlich Rücken an Rücken lagen. Dan bewegte seine steif gewordenen Finger, so gut es ging, und zupfte an den Knoten von Piets Handfesseln herum. Es war eine langwierige, anstrengende, schweißtreibende Tätigkeit. Er biß die Zähne zusammen, sein Gesicht war leicht verzerrt. Noch wußte er nicht, ob er überhaupt Erfolg haben würde.
Sie sprachen kein Wort. Es war immer noch stockdunkel in ihrem Kellerverlies, sie konnten nichts um sich herum sehen. Dan war bei seiner Arbeit auf den reinen Tastsinn angewiesen. Er setzte kurz aus, krümmte die Finger und streckte sie wieder. Das tat er mehrmals, um die Blutzirkulation zu steigern. Tatsächlich ließen sie sich nun etwas besser bewegen, doch die Schmerzen in seinen Handgelenken ließen wegen der strammen Fesseln nicht nach.
Über ihren Köpfen rumorte der Mann herum, der allein in dem Raum der Hütte zurückgeblieben war. Noch war ihm nicht eingefallen, nach seinen Gefangenen zu schauen. Dan und Piet hofften inständig, daß er auch während der nächsten Minuten nicht zu ihnen heruntersteigen würde.
Die Schrittgeräusche verstummten. Dem Ächzen nach zu urteilen, das der Kerl von sich gab, hatte er sich am Tisch niedergelassen. Kurz darauf waren Schnarchlaute zu vernehmen. Er war tatsächlich eingeschlafen.
»Los jetzt«, zischte Piet. »Schaffst du es, Dan? Soll ich, es mal bei dir versuchen?«
»Laß nur«, flüsterte Dan. »Ich habe angefangen, und ich führe die Sache auch zu Ende. Hölle, warum sitzen diese Scheiß-Stricke nur so stramm? Mist, verdammter! Wenn ich längere Fingernägel hätte, hätte ich den Knoten bestimmt schon aufgekriegt.«
»Still«, raunte Piet ihm zu.
Oben hatte das Schnarchen aufgehört. War der Mann aufgewacht? Würde er sich jetzt in Bewegung setzen und zu ihnen herunterkommen? Sein Auftauchen hätte ihr Werk zerstört und ihre Hoffnung, sich durch zähe, langwierige Arbeit zu befreien, wieder in weite Ferne gerückt.
Doch Bruno von Kreye, der oben am Tisch saß und den Kopf auf seinen rechten Ellenbogen gebettet hatte, dachte nicht daran, sich zu erheben. Er blinzelte nur leicht in das graue Morgenlicht, das durch die Fensterlöcher hereinfiel, dann ließ er den Kopf wieder sinken, schloß die Augen und setzte seinen soeben unterbrochenen Schlummer wieder fort.
Erich würde nicht erfahren, daß er geschlafen hatte. Es ging ihn im Grunde ja auch nichts an. Er, Bruno, ruhte sich nur von den Strapazen der vergangenen Stunden aus, das war sein gutes Recht. Die Gefangenen waren verschnürt wie Pakete, es konnte ihnen nicht gelingen, sich zu befreien. Davon, daß nach wie vor alles seine Ordnung hatte, brauchte er sich also nicht persönlich zu überzeugen.
Hätte er jedoch sehen können, was Dan und Piet in diesem Augenblick taten, dann hätten sich ihm im wahrsten Sinne des Wortes die Haare gesträubt. Dan hatte seine Tätigkeit wieder aufgenommen. Er löste den ersten Knoten, zerrte an dem zweiten und knüpfte auch diesen in nunmehr relativ kurzer Zeit auf, da er durch seine Bemühungen zuvor auch schon um einiges gelockert war.
Piets Handfesseln fielen. Das Ganze hatte fast eine Stunde Zeit gekostet. Der Rest jedoch war innerhalb weniger Minuten erledigt. Piet befreite Dan von den Stricken, dann setzte er sich auf, beugte sich vor und löste auch die Fesseln von seinen Fußknöcheln. Sie hockten beide da und massierten ihre Gliedmaßen, bis der Blutkreislauf wieder richtig in Gang gebracht war.
Dann legten sie sich wieder so auf den feuchten Kellerboden, daß es so aussah, als wären sie noch gefesselt. Die Hände hielten sie auf dem Rücken fest. Die Füße hatten sie zum Schein wieder zusammengebunden, doch sie konnten sie sofort wieder abstreifen, wenn es erforderlich wurde.
Dan hatte sich leise mit Piet abgesprochen. Sie hielten es beide für falsch, jetzt nach oben zu schleichen. Die Stufen der Stiege knarrten und ächzten, sie würden sich zwangsläufig dadurch verraten und den Kerl am Tisch aufwecken. Er mußte es hören, denn so tief war sein Schlaf nicht. Er würde aufspringen, nach der Muskete oder der Pistole greifen und auf sie feuern. Dann hatten sie ihre große Chance verspielt, denn es gab keine Deckungsmöglichkeiten.
Nein, sie mußten es auf andere Weise versuchen, ihn zu überraschen und zu überwältigen. Er durfte nicht frühzeitig gewarnt werden. Wenn sie noch eine Weile aushielten, wurde ihre Geduld vielleicht belohnt.
Bruno von Kreye schreckte plötzlich aus seinem Schlummer hoch. Etwas verwirrt blickte er sich im Raum um und schien zunächst nicht zu wissen, wo er war. Dann gab er ein undeutliches Brummeln von sich, stand auf und ging zur Tür. Er öffnete sie und atmete die frische Morgenluft ein.
Die schlimmsten Nachwirkungen des Beerwurz-Rausches der Nacht waren verflogen. Er konnte wieder völlig klar denken. Und er verspürte Hunger. Er entsann sich der Tatsache, daß er noch eine halbe Speckseite in seinem Sattelgepäck hatte – der einzige Proviant.
Er ging zu dem Verschlag, in dem die Pferde untergebracht waren, durchsuchte das Gepäck und fand, was er suchte. Eine kleine Eisenpfanne, die zu seiner Ausrüstung gehörte, nahm er ebenfalls mit, und so kehrte er wieder in die Hütte zurück, rammte die Tür hinter sich zu und kniete sich vor den alten Kamin hin. Mit den trockenen Holzresten, die herumlagen, gelang es ihm, innerhalb kurzer Zeit ein Feuer zu entfachen. Feuerstahl und einen Flint hatte er bei sich. Bald darauf briet er den Speck in der Pfanne und freute sich schon auf das einfache, aber magenfüllende und stärkende Frühstück, das er sich zubereitete.
Daß es die letzte Mahlzeit sein sollte, die er zu sich nahm, konnte er nicht ahnen.
7.
Speckbratenduft zog durch das Gemäuer und drang bis in den Keller hinunter.
»Mein Gott«, flüsterte Piet. »Mein Magen knurrt wie verrückt. Wie wäre es, wenn wir jetzt nach oben gingen?«
»Das wäre der größte Fehler, den wir begehen könnten«, antwortete Dan mit kaum hörbarer Stimme. »Wir müssen den längeren Atem haben. Warten wir noch ab.«
Er blickte zu der Kellerluke auf, deren Umrisse sich mit dünnen Ritzen über ihren Köpfen abzeichneten. Am Vorabend war die Luke geöffnet und mit einem Eisenring an einem in die obere Wand eingelassenen Haken befestigt gewesen. Während der Nacht hatte Erich von Saxingen die Luke geschlossen, und aus diesem Grund drang jetzt immer noch kein Licht in den Keller, obwohl es draußen hell war und das Licht den oberen Rand bereits ausfüllte.
Es vergingen noch gut fünfzehn, zwanzig Minuten. Dan schätzte die Zeit, indem er sich suggerierte, wie lange ein Stundenglas dazu brauchte, um ganz abzulaufen. Ihre Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt.
Doch dann war es endlich soweit. Schritte polterten über ihnen durch den Raum und verharrten an der Luke. Die Luke wurde geöffnet, der Kerl reckte den Kopf vor und blickte prüfend zu ihnen hinunter. Das war aber auch alles, er dachte nicht daran, in den Keller zu steigen.
Undeutlich erkannten Dan und Piet im Halbdunkel, daß es sich bei dem Mann um Bruno von Kreye handelte. Er sprach kein Wort, sondern sah sie nur an. Dann wollte er die Luke wieder schließen.
»He, du blöder Sack!« schrie Dan ihn an. »Du bist der größte Bastard, dem ich je begegnet bin! Verstehst du das? Auf Deutsch bedeutet das Wort dasselbe wie auf Englisch – Ba-stard! Ich sehe dich schon am Galgen baumeln!«
»Wir sehen dich schon in Rügenwalde am Galgen hängen!« brüllte nun auch Piet Straaten, und zwar auf deutsch. »Deine Stunden sind gezählt! Du bist so gut wie tot!«
»Ihr könnt mich mal«, sagte Bruno von Kreye. Er ließ sich nicht reizen, seine Reaktion war eher träge. Er ließ die Luke einfach fallen, sie krachte zu. Er trat mit dem Fuß gegen den schweren Eisenriegel, den er eben erst entdeckt hatte, und grinste. Die Luke ließ sich sogar verschließen! Das hatten sie in der Nacht glatt übersehen. Erich würde staunen, wenn er ihm den Riegel zeigte. Ein besseres Gefängnis für die Geiseln gab es nicht!
Bruno von Kreye wandte sich dem Tisch zu. Er wollte einen Schluck Wasser zu sich nehmen, doch er stellte fest, daß der Schlauch leer war. In der Flasche war zwar noch etwas Beerwurz, doch nach Schnaps verlangte es ihn jetzt nicht. Sein Gaumen war wie ausgedörrt, er sehnte sich nach frischem Bachwasser.
Deshalb nahm er den Schlauch an sich, verließ die Hütte und ging dem nahen Wald entgegen. Bis zu dem kleinen Gewässer war es nicht weit, und es dauerte auch nicht lange, den Schlauch einzutauchen und zu füllen. Die Gefangenen waren nach wie vor einwandfrei gefesselt, außerdem hatte die Luke ja einen Riegel. Nein, es bestand absolut nicht die Gefahr, daß etwas Unvorhergesehenes geschah. Die beiden waren da unten so sicher eingepfercht, als säßen sie im Kerker des Königs von Polen.
Von Kreye mußte über diesen Vergleich unwillkürlich grinsen. Wenn weiterhin alles so gut klappt und Erich Hugo auslösen kann, dann wird ein Fest gefeiert, dachte er, und was für eins!
Dan und Piet lauschten noch eine Weile, nachdem Bruno von Kreye die Hütte verlassen hatte. Dann setzten sie alles auf eine Karte.
»Los jetzt«, zischte Dan. »Packen wir's. Er ist zum zweitenmal raus. Den Gefallen, uns noch ein drittes Mal allein zu lassen, tut er uns bestimmt nicht. Wir müssen was unternehmen.«
Er sprang auf und warf die Fußfesseln ab, Piet folgte seinem Beispiel. Sie schlichen zur Stiege und kletterten vorsichtig die Stufen hinauf. Dan erreichte die Luke als erster und versuchte, sie zu öffnen. Plötzlich stieß er einen leisen Fluch aus.
»Was ist los?« zischte Piet.
»Die verdammte Luke ist von außen verriegelt«, entgegnete Dan.
»Dann müssen wir uns dagegenstemmen«, sagte Piet.
Er schob sich neben Dan, und gemeinsam drückten sie ihre Schultern gegen die Bohlen der Luke, so kräftig, daß ihr Kreuz zu schmerzen begann.
Doch der Erfolg blieb aus. Dafür gab plötzlich die Stufe unter ihnen nach, auf der sie standen. Dan fluchte erbittert, sie stürzten eine Stufe tiefer, wieder zerbrach das Holz. Dann krachten sie mit sämtlichen Stufen durch, und die ganze Stiege brach mit ihnen zusammen. Unsanft landeten sie wieder auf dem Kellerboden, Staub wirbelte auf.
»So ein Mist«, sagte Piet in ohnmächtiger Wut. »Wie konnte das bloß passieren? He, Dan, hast du was abgekriegt?«
»Nein, es hat doch keiner einen ausgegeben«, brummte Dan und erhob sich wieder. »Ich habe nur ein paar Schrammen von den Holzsplittern, aber die sind nicht weiter der Rede wert. Ist mit dir auch alles in Ordnung?«
»Alles klar.« Piet rappelte sich auf, denn draußen waren Schritte zu vernehmen, die sich der Hüttentür näherten. Die Tür wurde aufgestoßen, über ihren Köpfen polterte es, als wäre eine ganze Horde von Kerlen eingedrungen. Doch es war Bruno von Kreye, der, als er sich bereits auf dem Rückweg zu der Behausung befunden hatte, durch die Geräusche aus dem Keller alarmiert worden war.
Er warf den gefüllten Wasserschlauch auf den Tisch, der Schlauch rutschte von der Platte und fiel zu Boden. Von Kreye blieb verwirrt stehen, fuhr zum Tisch herum, fluchte und wandte sich wieder der Luke zu. Er stieß mit dem Fuß gegen den Riegel und griff zur Pistole.
Unter ihm verständigten sich Dan und Piet durch Zeichen, dann zischte Dan: »Schnell jetzt!«
Er ließ sich von Piet auf dessen Rücken helfen, sie standen direkt unter der Luke.
Bruno von Kreye bückte sich, griff nach dem Eisenring der Luke und zog sie hoch. Im selben Augenblick richtete Dan sich auf und fuhr wie ein Kastenteufel hoch. Er stieß sich von Piets Schultern ab und bewegte sich wie von der Sehne geschnellt. Piet duckte sich unter der Belastung. Dan warf sich in den oberen Raum, rollte herum und war wieder auf den Beinen, als von Kreye die Pistole aus dem Waffengurt riß.
Von Kreye war verdutzt. Mit dieser Überraschung hatte er wahrhaftig nicht gerechnet. Er wollte die Pistole auf Dan anschlagen, doch der war bereits an ihm dran und packte ihn. Ein Hieb traf von Kreyes Arm, die Pistole entglitt seiner Hand, weil seine Finger plötzlich kraftlos waren. Sie polterte zu Boden. Dan riß den Kerl zu Boden, und sie rollten ineinander verkrallt bis zum Tisch.
Von Kreye brüllte vor Wut und Entsetzen auf, Dan fluchte. Sie schlugen mit den Fäusten aufeinander ein und kämpften verbissen wie zwei große, zornige Raubkatzen.
Piet kauerte sich tief auf den Kellerboden, dann stieß er sich ab und federte zu der Luke hoch. Er versuchte, ihren Rand zu erwischen, um sich daran hochzuziehen. Aber nicht nur die Stiege war morsch gewesen, auch die Umrandung brach unter seinen Fingern weg. Er stürzte wieder ab, landete aber sicher auf den Füßen. Dann versuchte er es noch einmal – wieder mit dem gleichen Ergebnis. Das Holz gab unter seinem Griff nach, er fand keinen Halt. Wieder landete er auf dem Kellerboden.
Zur Hölle, dachte er erbost, das ist vielleicht eine Bruchbude! Er fluchte laut, wußte sich keinen Rat mehr und mußte in ohnmächtiger Hilflosigkeit dem Ringen der beiden Männer lauschen. Verzweifelt blickte er sich nach einem Hilfsmittel um, fand aber keins. Er verfluchte seine Hilflosigkeit.
Der Kampf ging unterdessen weiter. Bruno von Kreye rammte Dan die Faust gegen das Brustbein, und für einen Augenblick sah es so aus, als würde er die Oberhand gewinnen. Er stieß einen wilden Schrei aus, sein Gesicht nahm einen triumphierenden Ausdruck an. Doch Dan warf sich blitzschnell herum, drückte den Mann ein Stück von sich weg, stemmte sich hoch und verpaßte ihm einen schweren Hieb gegen die Kinnlade.
Von Kreye keuchte entsetzt. Dan nutzte von Kreyes vorübergehende Schwäche aus und warf sich auf ihn. Der Kerl kämpfte mit Haken und Ösen, doch er konnte den Vorteil, den Dan jetzt gewann, nicht mehr ausgleichen.
Dan kniete über ihm und schlug ihm die Stirn ins Gesicht. Von Kreye war einige Atemzüge lang vor Schmerzen gelähmt. Diese Zeit genügte Dan, um sich aufzurichten und ihm die Faust gegen die Schläfe zu hämmern.
Der Kerl sank bewußtlos zusammen und regte sich nicht mehr. Dan sprang auf. Hufschlag näherte sich plötzlich der Hütte. Dan duckte sich unwillkürlich und schlich auf eins der Fenster zu, um ins Freie zu spähen.
»Dan!« schrie Piet Straaten aus dem Keller. »Was ist los, zum Teufel? Kannst du mir aus diesem Loch nicht heraushelfen?«
»Leise, Piet«, sagte Dan scharf, aber da war es bereits zu spät.
Erich von Saxingen, der mit seinem Pferd in diesem Augenblick vor der Hütte eintraf, hörte Piets Ausruf und witterte sofort die Gefahr.
»Bruno!« rief er. »Was ist los? Ist was nicht in Ordnung? Zur Hölle, so antworte doch!«
Bruno von Kreye konnte jedoch nichts erwidern, weil er immer noch in tiefer Ohnmacht dalag. So schnell würde er nicht wieder in die Wirklichkeit zurückkehren. Dan hatte fest genug zugeschlagen.
Von Saxingen rutschte aus dem Sattel, nahm die Muskete mit und hetzte zum nächsten Baum, hinter dessen Stamm er in Deckung ging. Er legte die Muskete neben sich auf den Boden und zog auch die Pistole. Sein Blick war auf die Fensterhöhlen der Steinhütte gerichtet.
Er glaubte, eine Bewegung im Inneren wahrzunehmen, hob die Pistole und spannte den Hahn. Bevor er jedoch schoß, zielt er sehr sorgfältig, um die Kugel auf keinen Fall zu vergeuden.
Ihr Hunde, dachte er, was habt ihr mit Bruno getan? Habt ihr ihn getötet? Wartet, das zahle ich euch heim. Bald könnt ihr der Lankwitz-Kuh auf dem Friedhof Gesellschaft leisten.
Dan sah sich nach der Pistole um, sie mußte irgendwo auf dem Boden liegen. Er entdeckte sie, kroch zu ihr und hob sie auf. Er legte den Daumen auf den Hahn und spannte ihn, es gab ein metallisches Knacken.
»Dan«, sagte Piet. »Was geht da oben vor?«
»Der Bastard ist zurück«, flüsterte Dan. »Ich muß versuchen, ihn zu überrumpeln.«
»Dan, zu zweit können wir das besser.«
»Ich kann dir jetzt nicht helfen, es ist keine Zeit dazu.«
»Elender Mist!« zischte Piet. »Mann, womit habe ich das bloß verdient – daß ich in so eine Lage stecke?«
Dan robbte mit der Pistole in der Hand zu einem der Fenster, richtete sich vorsichtig auf und trachtete danach, wenigstens über den Sims zu spähen. Doch er hatte den Kopf kaum ein Stück angehoben, da peitschte draußen Erich von Saxingens Pistolenschuß auf. Die Kugel strich heran und flog durchs Fenster. Nur ganz knapp raste sie über Dans Kopf hinweg, er verspürte ein scharfes Brennen in seinem Haarschopf und ließ sich sofort wieder fallen.
Teufel, dachte er, da hat nicht mehr viel gefehlt. Fast hätte er mir einen Scheitel gezogen.
Er schob sich zur Tür, kroch daran vorbei und langte bei dem anderen Fenster an, das nach vorn hinaus wies. Er erhob sich ganz langsam, nahm die Pistole hoch, streckte sie vor und zielte auf den Baum, hinter dem der Feind in Deckung liegen mußte. Er drückte ab. Krachend brach der Schuß, eine kleine Wolke Pulverrauch stob hoch. Die Kugel pfiff auf Erich von Saxingen zu, der seinen Kopf rasch hinter den Baum zurückzog. Dann traf die Kugel den Stamm.
Von Saxingen war jetzt davon überzeugt, daß die Gefangenen sich nicht nur befreit hatten – sie mußten auch im Besitz von Brunos Pistole und Muskete und sämtlichen Pulvervorräten sein, die sich in dem Sattelgepäck befunden hatten. Er hatte keine Chance gegen sie, wenn sie ein richtiges Feuergefecht gegen ihn begannen, hatte er nichts mehr zu melden.
Sein Entschluß stand fest. Er mußte fliehen und Abstand zu der Hütte gewinnen. Erst dann konnte er versuchen, den Gegner zu täuschen, indem er sich durch den Wald wieder anschlich und die Männer aus dem Hinterhalt zu erledigen versuchte. Der offene Kampf war ohnehin nicht seine Stärke, er betätigte sich lieber als heimlicher Heckenschütze, oder aber er ließ seinen Gegner in eine Falle laufen.
Er fluchte, drehte sich um, sprang auf und hastete gebückt zu seinem Pferd. Mit einem Satz war er im Sattel und trommelte mit den Stiefelhacken gegen die Flanken des Tieres. Im Galopp jagte er davon.
Dan O'Flynn aber hatte keinen Schuß mehr, um von Saxingen zu stoppen. Auch die Gelegenheit zum Nachladen erhielt er nicht. Plötzlich vernahm er ein Geräusch hinter sich. Er war vollauf mit der Beobachtung von Saxingens beschäftigt gewesen und hatte sich um Bruno von Kreye nicht mehr gekümmert. Das stellte sich jetzt als fataler Fehler heraus.
Bruno von Kreye kam früher wieder zu sich, als Dan erwartet hatte. Plötzlich rappelte er sich auf, erblickte Dan vor sich und warf sich mit einer lästerlichen Verwünschung auf ihn.
Dan reagierte und nahm den Kopf zur Seite. Der Hieb, der auf Dans Nacken gezielt war, ging fehl, die Wucht der eigenen Bewegung riß von Kreye nach vorn und ließ ihn gegen die Mauer neben dem Fenster prallen. Doch er schlug sofort auch mit der anderen Faust zu und traf Dans linke Schulter.
Dan fuhr zusammen. Seine Schulter war wie gelähmt. Er wirbelte jedoch herum, schlug mit der leergefeuerten Pistole zu und traf den Gegner am Hals. Bruno von Kreye gab einen würgenden Laut von sich. Er blieb aber auf den Füßen und griff von neuem an.
Dan warf sich gegen ihn und ließ den Lauf der Pistole noch einmal auf seinen Hals niedersausen. Er traf, Bruno von Kreye stöhnte und gurgelte, ließ von ihm ab und taumelte zurück. Dabei trat er in die offene Luke und stürzte in den Keller hinunter. Dan vernahm den dumpfen Laut, mit dem er auf dem Boden aufprallte.
Piet Straaten bückte sich, um den Mann hochzureißen und mit den Fäusten zu bearbeiten, doch er hielt in der Bewegung inne, als er spürte, wie schlaff die Gestalt von Kreyes geworden war.
Dan war an der Luke und blickte in den Keller.
»Ist er wieder bewußtlos?« fragte er. »Wir müssen ihn fesseln.«
»Er ist nicht bewußtlos«, erwiderte Piet. »Er ist tot. Er hat sich das Genick gebrochen.«
»Sag bloß, du hast Mitleid mit ihm.«
»Nicht die Spur«, erwiderte Piet hart. »Er hat es verdient. Es ist bloß schade, daß wir nicht auch von Saxingen erwischt haben.«
»Weit kann er noch nicht gelangt sein!« stieß Dan hervor. »Warte!«
Er lief zu dem Verschlag neben der Hütte. Hier brauchte er nicht lange zu suchen. Er fand im Sattelgepäck der beiden Junker ein Seil, das die richtige Länge hatte, kehrte damit in die Hütte zurück, rollte es auseinander und half Piet endlich aus dem Gefängnis heraus.
»Den Kerl lassen wir da unten liegen«, sagte Dan. »Wir haben jetzt keine Zeit, um ihn zu beerdigen. Los, wir satteln und zäumen zwei von den drei Pferden, die in dem Verschlag stehen. Wir haben als Waffen eine Pistole und eine Muskete – und unsere Entermesser, die drüben bei den Pferden liegen. Munition ist auch genügend vorhanden.«
»Gut so«, sagte Piet grimmig. »Mehr brauchen wir auch nicht. Beeilen wir uns.«
Sie stürmten aus der Hütte, ließen die Tür offen und eilten zu den Pferden. Sie wählten wieder die beiden Tiere aus, mit denen sie von Rügenwaldermünde aus die Verfolgung der Kerle aufgenommen hatten. So schnell es ging, warfen sie ihnen die Sättel über, zurrten die Gurte fest, legten ihnen das Zaumzeug an und überprüften noch einmal, ob alles seinen festen Sitz hatte.
Dann saßen sie auf und preschten aus dem Verschlag. Dan hatte die Pistole nachgeladen. Die Muskete war ebenfalls geladen, wie Piet feststellte. Sie konnten Erich von Saxingen nachjagen.
Im Morgenlicht vermochte Dan die Spuren, die von dem Baum wegführten, deutlich zu erkennen. Sie hatten keine Schwierigkeiten, der Fährte zu folgen. Sie führte in den Wald.
Mit trommelnden Hufen drangen die Pferde in den Wald ein. Dan und Piet duckten sich unter niedrighängenden Baumästen und verharrten in dieser Haltung. Sie stemmten sich leicht in den Steigbügeln hoch, um die Tiere ihr Gewicht so wenig wie möglich spüren zu lassen. So ging die wilde Jagd nach Süden, und sie erreichten einen Pfad, dessen Verlauf sie mühelos folgen konnten.
Die Pferde waren ausgeruht und liefen sehr schnell. Erich von Saxingens Tier hingegen hatte schon den Weg hinter sich, den es in aller Frühe hatte zurücklegen müssen. Dan und Piet setzten darauf, daß es bald die ersten Erschöpfungserscheinungen zeigen würde. Diesen Vorteil mußten sie ausnutzen. Gleichzeitig aber mußten sie darauf achten, daß sie nicht wieder in eine Falle rasten, wie es am Vortag der Fall gewesen war. Wenn von Saxingen ihnen irgendwo auflauerte und sie es nicht rechtzeitig genug bemerkten, konnte es wieder eine böse Überraschung für sie geben.
Doch das Risiko nahmen sie auf sich. Sie mußten ihn fassen, um jeden Preis. Er durfte ihnen nicht entwischen. Sie wollten Vergeltung für den Tod der Freiin von Lankwitz. Wenn Erich von Saxingen jetzt vor ihnen auftauchte, dann hing sein Leben nur noch an einem seidenen Faden.
8.
Plymmie, die Wolfshündin, hatte ihre Nase auf den feuchten Boden gesenkt. Aufgeregt schnuppernd eilte sie auf und ab und suchte nach der Spur. Plötzlich blieb sie stehen. Ihr Schwanz zitterte.
»Sie hat was gefunden!« stieß Hasard junior hervor.
»Sei still«, sagte sein Bruder Philip. »Du störst sie nur.«
Von ihren Pferden aus beobachteten sie die Arbeit der Hündin, die jetzt tatsächlich eine Witterung aufgenommen zu haben schien. Sie würde ihnen, so wußten sie, einen unschätzbaren Dienst erweisen, wenn sie sie wirklich bis zu dem Versteck Erich von Saxingens und Bruno von Kreyes führte.
Schweigend verfolgte der Seewolf vom Sattel seines Pferdes aus, wie Plymmie mit fast verzweifeltem Eifer dabei war, die Richtung zu finden, die sie einschlagen mußten. Die kleine Gruppe befand sich etwa eine halbe Meile südlich von Rügenwalde, die Gebäude waren noch zu sehen. Nils Larsen war mit bei der Gruppe, weil Hasard ihn möglicherweise als Dolmetscher brauchte, außerdem Batuti – als Spurenleser – und Matt Davies, der sich mit mehreren Musketen und Tromblons behängt hatte, um im Falle eines Kampfes ein schweres Feuer auf die Gegner eröffnen zu können.
Die Zwillinge wurden gebraucht, weil Plymmie auf ihren Befehl hörte. Schließlich waren sie es gewesen, die das Tier in Abo vor einer Horde von Gassenjungen gerettet hatten. Seitdem befand Plymmie sich an Bord der »Isabella« – als drittes Tier neben Arwenack, dem Schimpansen, und Sir John, dem karmesinroten Aracanga – und gehorchte den Jungen aufs Wort.
Plymmie wandte sich nach Süden und schien ihrer Sache sicher zu sein. Bald begann sie zu laufen – wie ein Jagdhund, der die Fährte eines Wildes entdeckt hat. Die vier Männer und die Jungen folgten ihr.
Knapp eine Stunde nach dem Verschwinden Erich von Saxingens von der Pier in Rügenwaldermünde waren sie aufgebrochen, um sich an seine Fersen zu heften. Doch natürlich durften sie sich ihm nicht zeigen und mußten mit äußerster Vorsicht auf Distanz bedacht sein.
Alles hing jetzt von Plymmie ab, und selbstverständlich auch von Batuti, der sich schon in vielen Fällen als ausgezeichneter Spurenleser erwiesen hatte.
Nach einem etwa viertelstündigen Ritt stießen sie auf den kleinen Fluß Grabow. Hufabdrücke führten zum Wasser hinunter. Plymmie folgte ihrem Verlauf. Die Männer und die beiden Jungen ritten in das Wasser. Es war nicht sehr hoch und reichte den Pferden knapp über die Fesseln.
Plymmie war bereits auf der anderen Seite angelangt, blieb stehen und knurrte. Sie schien die Witterung verloren zu haben und war darüber erbost. Geschäftig lief sie auf und ab und hielt die Nase wieder dicht über dem Boden.
»Vielleicht ist er dem Fluß gefolgt, um uns irrezuführen«, sagte Hasard. »Er könnte sich ausgerechnet haben, daß wir uns an seine Fersen heften.«
»Nein«, sagte Nils. »Das glaube ich nicht. Viel wahrscheinlicher ist, daß es zwei Fährten gibt – die von gestern abend, als Dan und Piet den Kerlen nachgejagt sind, und die von heute morgen.«
Plymmie verharrte, schnüffelte und gab einen winselnden Laut von sich. Sie wandte sich nach Süden und begann wieder in dem Tempo zu laufen, das sie auch zuvor beibehalten hatte.
»Dad«, sagte Philip junior. »Das ist das untrügliche Zeichen dafür, daß sie ihrer Sache wieder sicher ist. Sie hat von Saxingens Geruch in der Nase.«
»Den Gestank, wolltest du wohl sagen«, korrigierte ihn Batuti mit grimmiger Miene.
Sie trieben ihre Pferde wieder an, verließen den Grabowfluß und ritten nach Süden. Plymmie blieb weiter auf der Spur und schien von dem, was sie tat, wirklich überzeugt zu sein. Sie stoppte jetzt nicht mehr ab.
Erst in dem Erlengehölz, in dem Dan und Piet in die Falle gegangen waren, hielt sie wieder an. Hasard, Batuti, Nils, Matt und die Zwillinge zügelten ihre Pferde und verfolgten gespannt, was weiter geschah.
Plymmie begann anhaltend zu winseln. Sie schaute zu den Jungen auf, sprang hoch, lief auf und ab und gebärdete sich wie verrückt.
Die Männer blickten sich untereinander an. Hasard gab dem Gambia-Mann ein Zeichen, und dieser saß ab, bückte sich über den Boden und untersuchte jeden Zollbreit.
»Hier muß es passiert sein«, sagte er dumpf. »Plymmie wittert Dan und Piet. Jawohl, so muß es sein. Ein Tau wurde gespannt, der Abdruck ist zu sehen. Dan und Piet prallten dagegen, stürzten und wurden niedergeschlagen.«
»Gut, Batuti«, sagte der Seewolf. »Jetzt wissen wir also auch, wie es von Saxingen und seinem Kumpan gelang, die beiden zu überwältigen. Auf die übliche gemeine Tour – sie haben ihnen eine Falle gestellt.«
Philip junior war ebenfalls aus dem Sattel gerutscht. Er beruhigte Plymmie, streichelte sie und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Die Hündin schnürte wieder auf dem Untergrund hin und her, nahm die Spur von neuem auf und lief weiter – wieder in die südliche Richtung.
Batuti und der Junge saßen auf, der Ritt ging weiter. Kein Wort wurde gewechselt, die Spannung wuchs von Minute zu Minute. Hasard, Nils und Matt hielten aufmerksam nach allen Seiten Ausschau. Wo mochte der Gegner stecken? Beobachtete er sie bereits? Matt hielt eine seiner Musketen schußbereit.
Batuti und die Zwillinge ließen Plymmie nicht aus den Augen. Es ging wieder sehr schnell voran. Dumpf trommelten die Hufe der Pferde auf dem Boden, ihre Reiter beugten sich tiefer über ihre flatternden Mähnen.
Hasard dachte an den Stadthauptmann Paleske, der ihm kurz vor dem Aufbruch noch einmal angeboten hatte, ihm eine Gruppe von bewaffneten Männern mitzugeben. Vielleicht wäre es doch besser gewesen, die Unterstützung anzunehmen? Paleske und seine Männer kannten sich in dieser Gegend aus, sie wären jetzt wirklich eine Hilfe gewesen.
Andererseits aber wäre das große Aufgebot schon von weitem aufgefallen, sobald es sich dem Versteck der beiden Kerle näherte, und eben das wollte Hasard um jeden Preis vermeiden.
Er durfte nichts tun, was Dan und Piets Leben zusätzlich in Gefahr brachte. Er mußte höllisch aufpassen, daß er keinen Fehler beging. Sollten sie den Schlupfwinkel wirklich finden, mußten sie sich unter Einhaltung aller Vorsichtsmaßregeln anschleichen und in einem Handstreich die Gefangenen zu befreien versuchen.
Ein dunkler Waldstreifen tauchte vor ihnen auf. Plymmie hielt genau darauf zu und lief noch schneller als vorher. Hasard und seine Gruppe hatten fast Mühe, ihr zu folgen.
Als die Entfernung zum Waldrand nur noch drei- bis vierhundert Yards betrug, gab der Seewolf das Zeichen zum Halten. Sie zügelten die Pferde, die wieder schnaubend verhielten. Hasard holte sein Spektiv hervor, zog es auseinander und hob es ans Auge. In der Optik zeichneten sich die Bäume des Waldes in ihrem tiefen, ernst wirkenden Grün ab. Hasard schwenkte das Rohr etwas weiter nach links und fing die Umrisse von Gebäuden ein. Unwillkürlich straffte sich seine Gestalt.
»Da ist eine Hütte«, sagte er. »Hinter ihr kann ich ein höheres Gebäude erkennen, ebenfalls aus Steinen errichtet. Es könnte sich um das Anwesen eines Köhlers handeln.«
»Ja«, bestätigte Nils, der ebenfalls zum Kieker gegriffen hatte. »Und der Teufel soll mich holen, wenn wir hier nicht am richtigen Platz sind.«
Plymmie hatte die Hütte erreicht und lief einmal um sie herum. Sie hütete sich aber, auf eigene Faust etwas zu unternehmen, etwa, ins Innere einzudringen. Bevor sie von den Zwillingen keine näheren Anweisungen empfing, hielt sie sich zurück. Sie war ein kluges Tier, mit einer ausgezeichneten Spürnase und großem Scharfsinn. Sie würde – das wurde Hasard in diesem Moment erst richtig bewußt – noch erstaunlichere Leistungen zeigen, wenn sie ein paar Jahre älter war.
Die Hündin verschwand im Wald. Wer immer sich in der Hütte aufhielt, er mußte das Auftauchen des Tieres für einen Zufall halten. Streunende Hunde oder junge Wölfe, die auf der Suche nach Beute durch die Gegend streiften, gab es in dieser Gegend sicherlich genug. Da Plymmie gleich wieder fortgelaufen war, bestand für den oder die Bewohner der Hütte – Erich von Saxingen oder Bruno von Kreye oder beide zusammen – nicht der geringste Anlaß zu Argwohn.
»Plymmie wird im Wald auf uns warten«, sagte Hasard junior. »Sie hat begriffen, auf was es uns ankommt.«
»Ja«, sagte sein Bruder. »Vorläufig läßt sie sich nicht wieder blicken.«
Ihr Vater nickte, schob das Spektiv zusammen und verstaute es wieder in seiner Tasche. »Gut. Wir schlagen einen weiten Bogen nach Osten.« Er wies nach links. »Seht ihr die Senke dort drüben? Sie wird uns als Deckung dienen. Wir folgen ihrem Verlauf, schwenken dann nach Süden ein und schließlich nach Westen, arbeiten uns durch den Wald und schleichen uns an die Hütte heran.«
»Sollten wir nicht lieber von zwei Seiten angreifen?« fragte Matt.
»Das tun wir«, erwiderte der Seewolf. »Wenn wir den Wald verlassen, nehmen wir die Hütte in die Zange. Das scheint mir die beste Taktik zu sein. Es hat keinen Zweck, wenn zwei von uns hierbleiben und auf ein vereinbartes Zeichen hin vordringen. Das Gelände ist an dieser Seite offen, es bietet keine Deckungsmöglichkeiten.«
»Das sehe ich ein«, sagte Matt. »Es geht mir ja auch nur darum, daß die beiden Hundesöhne nicht entwischen. Wir wollen gründlich mit ihnen abrechnen.« Demonstrativ hielt er seinen scharfgeschliffenen Eisenhaken hoch, der in der Morgensonne blinkte.
Hasard gab ein Zeichen, und sie brachen wieder auf. Die Senke erwies sich tatsächlich als tief genug, um sie dem Blick etwaiger Beobachter zu entziehen. Hasard war ziemlich sicher, daß von Saxingen und von Kreye sie noch nicht entdeckt hatten – falls sie tatsächlich in der Hütte waren. Aber wo sonst sollten sie sich aufhalten?
Plymmie hatte durch ihr Verhalten zu erkennen gegeben, daß das Ziel erreicht war. Dan und Piet mußten in der Hütte sein, ihre Gegner hatten sie nach dem Überfall im Erlengehölz hierher verschleppt. Von Saxingen war von Rügenwaldermünde zurückgekehrt, er mußte Bruno von Kreye Bericht erstatten über das, was er erreicht, oder nicht erreicht hatte. Gemeinsam mußten sie darauf aufpassen, daß die Geiseln sich nicht aus eigener Kraft befreiten und ihnen entwischten.
Aus all diesen Erwägungen ergab sich der Schluß, daß der Gegner noch auf dem Anwesen anzutreffen sein mußte. Selbst wenn von Saxingen etwas von der Gefahr spürte, die ihm drohte, hatte er innerhalb einer Stunde bestimmt nicht ein neues Versteck gefunden, in das er mit seinem Begleiter und den beiden Gefangenen überwechseln konnte. Das war unwahrscheinlich.
Hasard führte seinen kleinen Trupp durch die Senke nach Süden, dann, wie beabsichtigt, nach Westen. Das Halbdunkel des Waldes schluckte die Konturen der sechs Reiter. Das Risiko, entdeckt zu werden, war so ziemlich ausgeschlossen.
Sie legten ungefähr zweihundert Yards im Wald zurück, dann saßen sie auf ein Zeichen des Seewolfs hin ab. Sie umwickelten die Hufe der Pferde mit Lappen, die sie vorsorglich mitgebracht hatten. Dann schritten sie weiter und führten die Tiere am Zügel hinter sich her, um so wenig Geräusche wie möglich zu verursachen.
Es war später Vormittag geworden. Hasard schätzte, daß es in gut einer Stunde Mittag sein würde. Es wurde etwas wärmer, Sonnenstrahlen durchbrachen die Wolkendecke über Pommern. Der April setzte sein freundliches Gesicht auf.
Aber nichts konnte die Gemüter der vier Männer und der beiden Jungen erheitern. Sie dachten an Gisela von Lankwitz' grausamen Tod. Alles in ihnen schrie nach Rache, nach Bestrafung. Jetzt, da sie wußten, wer der Attentäter gewesen war, waren der Zorn und der Haß noch größer als zuvor.
Systematisch schoben sie sich auf das Köhleranwesen zu. Plymmie fanden sie auf einer winzigen Lichtung wieder, wo sie geduldig auf sie gewartet hatte. Bei dem Anblick der Gruppe hob sie den Kopf, hechelte und schlug freudig erregt mit dem Schwanz auf den Boden.
Philip junior trat zu ihr und streichelte sie.
»Brave Plymmie«, flüsterte er. »Bist wirklich ein schlaues Tierchen. Was meinst du wohl, ob wir Dan und Piet jetzt endlich finden?«
Sie wandte den Kopf und blickte in Richtung der Hütte. Fast schien es, als wollte sie ihre Leute dadurch zum Handeln drängen.
Hasard bedeutete seinen Männern, die Pferde an Baumstämmen festzubinden. Matt verteilte die Musketen und die Tromblons, und mit entschlossenen Mienen schritten alle sechs durch das Unterholz auf die Steinhütte mit dem Anbau und dem Köhlerofen zu.
Plymmie folgte ihnen.
Als nur noch wenige Schritte zwischen ihnen und dem Anwesen lagen, ließen sie sich zu Boden sinken und legten den Rest der Strecke kriechend zurück, wobei sie die Flinten vor sich her schoben. Hasard teilte rasch die zwei Gruppen ein. Er wollte mit Nils und Philip junior von der Hofseite aus zur vorderen Seite der Hütte schleichen. Batuti, Matt und Hasard junior sollten sich die andere Seite vornehmen.
So schoben sie sich durch das letzte Dickicht, erreichten die rückwärtige Seite des Anwesens und trennten sich. Plymmie blieb bei Hasard, Nils und Philip junior. Sie legte sich auf den Bauch und kroch hinter ihnen her.
Hasard gelangte mit seinen Begleitern zu dem Baum, hinter dem sich Erich von Saxingen vor nicht mehr als einer Stunde verschanzt hatte. Die beiden Schüsse, die gefallen waren, hatten der Seewolf und sein Trupp nicht vernehmen können, sie waren noch zu weit entfernt gewesen. Wären sie von ihnen gehört worden, hätten sie sich jetzt bereits in etwa ausmalen können, was geschehen war.
Batuti, Matt und Hasard junior robbten an dem Köhlerofen vorbei, entdeckten das Holzkreuz, blickten sich an und pirschten weiter. Sie arbeiteten sich an dem Verschlag vorbei, in dem die Pferde gestanden hatten, und dann langten sie an der hinteren Gebäudeseite an, die über ein einziges winziges quadratisches Fenster verfügte.
Hasard beobachtete die Fenster der Front. Er konnte weder eine Bewegung registrieren noch ein Geräusch wahrnehmen. Alles war still – zu still.
Er verließ die Deckung hinter dem Baumstamm, schlug einen Haken, lief zur Hütte und ließ sich fallen. Mit der Muskete im Anschlag überrollte er sich zweimal, dann lag er unmittelbar an der Mauer. Jetzt kroch er unter dem einen Fenster vorbei und erreichte die Tür. Er drehte sich zu Nils und zu Philip junior um, bedeutete ihnen durch eine Geste, daß noch alles in Ordnung sei, und drückte gegen die Tür.
Zu seinem Erstaunen war sie nicht verriegelt. Er konnte sie mit den ausgestreckten Fingern seiner rechten Hand aufstoßen. Sie quietschte in ihren rostigen Angeln – spätestens jetzt hätten die beiden Kerle alarmiert sein müssen.
Hasard federte vor, rammte die Tür mit der Schulter auf und warf sich in den Baum. Er ging zu Boden, rollte sich ab, sprang wieder auf und riß die Muskete hoch. Dann stieß er einen scharfen Pfiff aus.
Nils, Philip junior und Plymmie hatten sich bereits in Bewegung gesetzt und stürmten auf die Front der Hütte zu. Nils hielt eine Muskete, der Junge hatte ein Tromblon in den Fäusten. Plymmie raste an ihnen vorbei, sprang ins Innere der Hütte und langte bei Hasard an, der jedoch keine Unterstützung brauchte. Es blieb immer noch alles ruhig.
Batuti, Matt und Hasard junior, denen der Pfiff in erster Linie gegolten hatte, waren an dem rückwärtigen Fenster und streckten ihre Waffen in den Raum. Knackend spannten sich die Waffenhähne.
Hasard blickte zu der offenen Kellerluke. Ein furchtbarer Verdacht stieg in ihm auf. Sollten die beiden Kerle von Panik erfaßt worden sein? Hatten sie sich ihrer Geiseln entledigt, um anschließend zu fliehen?
Die leeren Schnapsflaschen, die auf dem Boden lagen, entgingen ihm nicht. Im betrunkenen Zustand konnten die beiden Kerle die Beherrschung und die Kontrolle über ihre Reaktionen verloren haben. Sie waren zu allem fähig. Vielleicht hatten sie sich einen Spaß daraus bereitet, Dan und Piet niederzuschießen.
Entschlossen trat Hasard auf die Luke zu. Er blickte nach unten und konnte im Halbdunkel die Umrisse einer Gestalt erkennen, die reglos auf dem Boden des Kellers lag. Sein Herz schlug schneller und heftiger, der Atem drohte ihm zu stocken.
Mit einem Satz landete er im Keller, beugte sich über den Mann und drehte ihn auf den Rücken. Dann atmete er auf. Er untersuchte ihn genau, sah sich im Keller um, fand die Überreste von Stricken und begriff.
»Was ist?« rief Nils. »Hölle, so sag doch was, Sir!«
»Ich habe Bruno von Kreye gefunden«, sagte der Seewolf.
»Sehr gut«, sagte Matt Davies grimmig. »Er wird als erster hängen.«
»Das glaube ich nicht«, erwiderte Hasard ruhig. »Es wäre auch eine überflüssige Mühe. Sein Genick ist bereits gebrochen.«
»Das geschieht ihm recht«, sagte Batuti. »Ob es wohl Dan war, der ihn erledigt hat?«
»Batuti, versuche doch mal, die Spuren zu lesen und den Fall zu rekonstruieren«, sagte Hasard.
Der Gambia-Mann ging an die Arbeit. Auch die anderen forschten überall nach Spuren. Und die gab es reichlich: Schon nach kurzer Zeit hatten sie alles untersucht und konnten sich zusammenreimen, was geschehen war.
»Dan und Piet haben sich von ihren Fesseln befreit«, sagte der Seewolf. »Es muß eine, verzwickte Arbeit gewesen sein, aber sie haben es dank ihrer Ausdauer geschafft. Und dann?«
»Dann überwältigten sie Bruno von Kreye, während Erich noch weg war«, erwiderte Nils. »Dabei muß die Kellerstiege zu Bruch gegangen sein.«
»Ja«, sagte der Gambia-Mann, der inzwischen draußen gewesen war und jetzt in die Hütte zurückkehrte. »Saxingen, der Schweinehund, traf auch ein und gab einen Schuß auf die Hütte ab. Dan oder Piet feuerte zurück. Dann haute von Saxingen ab in Richtung Wald, und Dan und Piet ritten ebenfalls mit zwei Pferden los: So muß es gewesen sein.«
»Na gut«, sagte der Seewolf, und seine Miene verhärtete sich wieder. »Dann wissen wir ja, was wir jetzt zu tun haben.«
»Soll ich die Pferde aus dem Wald holen, Dad?« fragte Philip junior.
»Ja, und zwar sofort. Wir dürfen keine Zeit verlieren. Wir brechen sofort wieder auf und folgen der Fährte.« Hasard trat zu Plymmie und tätschelte ihren Hals. »Wenn wir nicht mehr weiter wissen, wird unsere junge Lady uns schon helfen, nicht wahr?«
Plymmie blickte zu ihm auf und winselte. Sie war sich der Bedeutung ihrer Aufgabe bewußt, ihr geschärfter Instinkt verriet ihr, daß es um Leben und Tod ging.
9.
Wie Schatten huschten die Bäume des Waldes an Dan O'Flynn und Piet Straaten vorbei. Der Pfad, auf den sie gestoßen waren, führte sie nach Süden, sie hatten keinerlei Mühe, seinem Verlauf zu folgen. Manchmal schob sich das Dickicht von links und rechts dicht zusammen und ließ nur noch einen schmalen Spalt als Öffnung frei. Doch Dan und Piet ritten hintereinander, kamen immer wieder durch und behinderten sich gegenseitig nicht.
Ganz unvermittelt öffnete sich der Wald, und sie preschten auf freies Gelände hinaus. Es ging eine Anhöhe hinauf, deren Kuppe mit Büschen bestanden war. Dan hatte die Kuppe kaum erreicht, da sah er Erich von Saxingen auch schon vor sich. Er trieb sein Pferd nach Süden, war nur knapp eine halbe Meile entfernt und schickte sich eben an, von einer Senke aus einen flachen Hang hinaufzureiten, der wiederum einen Hügel bildete.
Dann winkte er Piet zu, sich zu beeilen. Piet traf ein, sie jagten in die Senke hinunter und versuchten, den Abstand zwischen sich und Erich weiter zu verringern. Sie dachten noch nicht daran, auf ihn zu schießen. Es war zu früh. Erst wenn die Entfernung auf weniger als hundert Yards zusammengeschrumpft war, konnten sie es versuchen, dann bestand die Aussicht, ihn mit einer gut gezielten Kugel aus dem Sattel zu holen.
Von Saxingen wandte sich zu ihnen um, mit einem Blick über seine rechte Schulter entdeckte er sie. Er hätte eine Reitpeitsche in der Hand und hieb auf die Hinterhand seines Tieres ein. Doch schneller vermochte das Pferd nicht zu laufen. Er hatte schon das Äußerste an Energie aus ihm herausgeholt, das Tier war erschöpft, sein Leib war schweißbedeckt, und erste Schaumflocken traten ihm vor das Maul und flogen an Erich vorbei.
Er fluchte, schrie und prügelte, aber er konnte das Schicksal nicht mehr beeinflussen. Zug um Zug holten die Verfolger auf. Als er sich wieder zu ihnen umdrehte, konnte er ihre Gesichter bereits in aller Deutlichkeit erkennen.
Sie saßen ihm jetzt hart auf den Fersen. Die Jagd führte quer durch das Gelände, weiter südwärts und dann, als Erich plötzlich einen Haken schlug, um sie abzuhängen, nach Osten.
Dan und Piet hatten den Vorteil, ausgeruhte Pferde unter sich zu haben. Sie konnten noch einiges an Kraft aus ihnen herausholen, aber sie warteten damit.
Das Ende der Jagd schien unmittelbar bevorzustehen. Von Saxingen stöhnte vor Panik und Entsetzen auf. Er konnte sich ausrechnen, was sie mit ihm tun würden. Er ritt durch Büsche und an Bäumen vorbei, schlug noch einen Haken, hatte aber wieder keinen Erfolg damit – sie blieben ihm hartnäckig auf den Fersen und ließen sich nicht irreführen.
Eine Falle konnte er ihnen nicht mehr stellen. Er hätte vorher daran denken sollen, als er noch im Wald gewesen war. Doch sein einziges Bestreben war darauf gerichtet gewesen, zunächst so viel Distanz wie möglich zwischen sich und die Hütte zu legen. Danach hatte er den Wald umrunden und von Norden her zu dem Köhleranwesen zurückkehren wollen.
Erst jetzt ging ihm richtig auf, wie falsch er sich verhalten hatte. Er verfluchte sich selbst, aber auch das nützte ihm wenig. Er jagte durch einen Bach und durchfurtete ihn, doch Dan und Piet blieben wieder dicht hinter ihm und verloren ihn nicht aus den Augen. Er tauchte in einem Gehölz unter, ritt im Schutz der Bäume und des Unterholzes nach Süden, stoppte ab, warf das Pferd herum und preschte in östlicher Richtung aus dem Wäldchen hervor, aber wieder waren sie auf der Hut gewesen, hatten das Gehölz von zwei Seiten umrundet und fingen ihn nun beinahe ab.
»Fahrt zur Hölle!« brüllte von Saxingen.
»Bleib stehen!« schrie Dan ihm zu. »Du hast keine Chance mehr!«
Von Saxingen aber ritt weiter. Er duckte sich tief über den Hals seines Tieres und gab nicht auf. Nichts konnte ihn dazu bewegen, zu kapitulieren und sich dem Gegner auszuliefern.
Piet Straaten legte mit der Muskete auf ihn an, aber der Kerl bot ein zu stark bewegtes, unstetes Ziel, es hatte keinen Zweck. Piet ließ die Waffe wieder sinken. Es hatte keinen Sinn, jetzt auch nur eine Kugel zu vergeuden.
Von Saxingen hatte in einiger Entfernung eine größere Anhöhe entdeckt, die mit Felsen bedeckt war. Darauf hielt er jetzt zu und hoffte, den Unterschlupf zu finden, den er brauchte, um seinen Todfeinden Widerstand leisten zu können. Er hieb mit der Peitsche auf das Pferd ein, trommelte ihm mit den Stiefelhacken in die Weichen, stieß Flüche aus und nahm nicht zur Notiz, daß das Tier jetzt unter ihm zu zittern begann. Flocken von Schaum trieben im Mittagswind an ihm vorbei, doch auch darauf achtete er nicht.
Dan und Piet erkannten, welche Absicht von Saxingen hatte. Sie versuchten, ihn einzuholen und ihm den Weg abzuschneiden, doch das Pferd Erich von Saxingens schien zu einer letzten gewaltigen Anstrengung auszuholen. Es jagte in gestrecktem Galopp auf die Anhöhe zu, tauchte in eine Senke, preschte durch einen winzigen Bachlauf, daß das Wasser hoch aufspritzte, setzte über eine Knickhecke und hatte den Fuß des aufstrebenden Hanges erreicht, als Dan und Piet noch vor der Hecke waren.
Erich von Saxingen schöpfte neue Hoffnung. Er lenkte das Pferd die Anhöhe hinauf, zuletzt kletterte es mit dicht untergesetzten Läufen. Dann waren die Felsen erreicht, die sich über die gesamte Kuppe zogen und viele Versteckmöglichkeiten boten. Von Saxingen sprang von dem abgehetzten Pferd, es blieb am ganzen Leib zitternd stehen und atmete schwer und unregelmäßig.
Von Saxingen verschanzte sich hinter einer Gruppe mannshoher Felsen, legte die Muskete neben sich ab und hob die Pistole. Er hatte das Pulverhorn und eine ausreichende Anzahl von Kugeln bei sich und konnte sich jetzt ganz auf Verteidigung einrichten.
Sein Pistolenschuß krachte und die Kugel pfiff haarscharf an Dan O'Flynn vorbei, der noch vor Piet mit seinem Pferd zur Kuppe hochjagte. Dan wich aus, doch er wußte, daß er geliefert gewesen wäre, wenn von Saxingen etwas besser gezielt hätte. Er ließ sich aus dem Sattel gleiten, warf sich von dem noch laufenden Pferd zu Boden, überrollte sich und ging hinter einem Gesträuch in Deckung.
Piet saß ebenfalls ab, huschte ein Stück den Hang hoch und legte sich etwa zehn, zwölf Schritte von Dan entfernt hinter einem flachen Stein in Deckung!
Sie verständigten sich durch Gesten. Dan gab Piet zu verstehen, daß er die Anhöhe nach Möglichkeit umrunden und sich vom nördlichen Hang aus zu von Saxingen hocharbeiten sollte. Piet erklärte durch eine Gebärde, daß er verstanden hatte.
»Ihr Schweine!« brüllte Erich von Saxingen. »Haut ab! Verschwindet, ehe es zu spät für euch ist! Ich blase euch Löcher in den Kopf!«
Dan und Piet gaben keine Antwort. Piet glitt davon. Dan hob die Pistole und legte auf von Saxingens Deckung an. Er drückte ab, als der Kerl den Kopf leicht anhob.
Donnernd löste sich der Schuß, und der Gegner zog den Kopf schleunigst wieder ein. Dan lud nach und feuerte erneut. Piet war verschwunden, und von Saxingen hatte davon wahrscheinlich nichts bemerkt.
So erreichte Piet unbehelligt den Nordhang. Er konnte sich mit Dan nicht mehr verständigen, doch gemeinsam hatten sie auch die Ost- und die Westseite der Anhöhe unter Kontrolle, so daß Erich nicht mehr fliehen konnte. Sie konnten ihn belagern, so lange sie wollten. Wenn er keine Munition mehr hatte, war die Situation reif für einen Sturmangriff, und dann wurde mit den Blankwaffen gekämpft.
Dan gab wieder einen Pistolenschuß ab, von Saxingen antwortete sofort mit der Muskete. Piet arbeitete sich noch ein Stück weiter hoch, war fast bei den Felsen angelangt und brachte seine Muskete in Anschlag. Jetzt schoß auch er.
Erich von Saxingen fuhr erschrocken zu ihm herum.
»Du gemeiner Hund!« brüllte er, riß die Pistole hoch und feuerte auch auf Piet. Er traf ihn aber nicht, Piet hatte sich geistesgegenwärtig hinter einen dicken Quaderstein geduckt.
Von Saxingen mußte nachladen. Dan nutzte die Gelegenheit, kroch den Südhang höher hinauf, fand hinter einem Stein Deckung und schoß mit der Pistole, die er inzwischen wieder nachgeladen hatte.
Zäh blieben Dan und Piet am Gegner. Immer dann, wenn er nachladen mußte, krochen sie um Yards näher an ihn heran. Er war schon jetzt in der von ihm selbst gewählten Deckung gefangen – doch die eigentliche Überraschung sollte erst noch erfolgen.
Plötzlich näherten sich aus nördlicher Richtung Reiter. Dan und Piet sichteten sie zur selben Zeit, und Dan erkannte mit seinen scharfen Augen, wer es war.
»Piet!« schrie er. »Wir kriegen Verstärkung! Hasard ist da! Er hat Nils, Matt, Batuti und die Zwillinge mitgebracht!«
Spätestens jetzt mußte Erich von Saxingen begreifen, daß er verloren war. Aber er gab sich immer noch nicht geschlagen. Als er Hasard unten am Hang auftauchen sah, schoß er mit der Muskete auf ihn.
Hasard wich dem heransirrenden Schuß aus, duckte sich und lief geduckt zu Dan hinauf. Er ließ sich neben ihm fallen und sagte: »Wir waren bei der Hütte und haben Bruno von Kreye gefunden.«
»Ich verstehe«, sagte Dan. »Wir sind wie die Narren in die Falle getappt. Ich hoffe, du kannst uns noch mal verzeihen.«
»Das spielt jetzt keine Rolle mehr«, sagte der Seewolf. »Viel wichtiger ist, daß wir den Schweinehund erwischen.«
Nils stieß zu ihnen. Matt und Batuti umrundeten die Anhöhe und arbeiteten sich zu Piet Straaten hinauf. Die Zwillinge mußten unterdessen Plymmie zurückhalten, die sich mit gefletschten Zähnen und bösartigem Knurren auf Erich von Saxingen stürzen wollte.
»Saxingen!« schrie Nils auf deutsch, nachdem Hasard ihm knappe Anweisungen gegeben hatte. »Ergib dich! Du bist umzingelt!«
Von Saxingen hatte sich ein Stück in die Felsen zurückgezogen und wägte seine Chancen ab. Es gab nur noch eine Möglichkeit, um gegen die Übermacht von Männern zu bestehen: Er mußte den Durchbruch wagen.
Er lief zu seinem Pferd, warf sich in den Sattel und trieb es den Osthang hinunter. Doch das übermüdete, strapazierte Tier stolperte schon nach den ersten Schritten. Es stürzte schwer und warf seinen Reiter aus dem Sattel. Von Saxingen flog in hohem Bogen durch die Luft.
Das Pferd rutschte den Hang hinunter und wieherte erschrocken. Von Saxingen landete mitten zwischen den Felsen, die auch an dieser Seite des Hügels aufragten.
Hasard, Dan, Piet und die anderen stürmten die Anhöhe hinauf. Hasard war als erster bei dem verunglückten Mann. Er beugte sich über ihn, blickte ihn nur kurz an, richtete sich dann wieder auf und wandte sich zu seinen Männern um.
»Es hat ihm glatt den Schädel zerschmettert«, sagte er. »So hat auch er sein verdientes Ende gefunden. Helft mir, wir wollen ihn hier an Ort und Stelle begraben.«
Schweigend verrichteten sie dieses Werk. Sie verscharrten den Toten, doch sie sprachen kein Gebet für den Meuchelmörder und setzten auch kein noch so schlichtes Kreuz auf sein Grab. Sie verließen den Hügel und kehrten zu der Köhlerhütte am Rande des Waldes zurück. Hier bestatteten sie auch Bruno von Kreye auf die gleiche Weise. Dann stiegen sie wieder in die Sättel und brachen mit allen Pferden zurück nach Rügenwaldermünde auf.
Zu dieser Zeit schlug das Schicksal auch an Bord der »Wappen von Kolberg« zu. Hugo von Saxingen hatte verzweifelt darum gebeten, doch wenigstens etwas frische Luft schnappen zu können. Immer wieder hatte er den Wachtposten vor dem Schott der Vorpiek angefleht, ihm diese winzige Vergünstigung zuzugestehen. Schließlich konnte der Seemann nicht anders, er mußte Renke Eggens eine entsprechende Meldung erstatten.
»Meinetwegen«, sagte Renke nach kurzem Überlegen. »Wir lassen ihn raus, aber nicht länger als zehn Minuten, und er wird dabei von vier Männern bewacht.« Er ging mit dem Wächter in das Vordeck der »Wappen«, und gemeinsam stiegen sie zur Vorpiek hinunter, wo Hugo von Saxingen nun schon seit Tagen gefangengehalten wurde.
Renke Eggens öffnete selbst das Schott. Der Gefangene war nur noch ein Schatten seiner selbst. Die zermürbenden Tage und Nächte in dem engen, vom Bilgenwasser durchfluteten Raum hatten seine Arroganz und Überheblichkeit zerstört. Er war ein gebrochener Mann, sowohl an Leib als auch an Seele, jedenfalls hatte es den Anschein. Er war schmutzig und unrasiert, seine Kleidung war zerrissen.
Renke Eggens empfand nicht das geringste Mitleid mit ihm.
»Von Saxingen«, sagte er. »Vielleicht hast du alles verfolgen können. Dein Bruder hat die Verlobte unseres Kapitäns erschossen. Dafür wird er teuer bezahlen. Auch Bruno von Kreye erhält seine Strafe. Es wird nichts ungesühnt bleiben.«
»Und ich?« Hugo sah den Ersten Offizier aus geröteten, stark geränderten Augen an. »Was ist mit mir? Wollt ihr mich aufhängen?«
»Nein. Du wirst am Nachmittag ins Stadtgefängnis abtransportiert, vor ein Gericht gestellt und abgeurteilt, wie es dir zusteht.«
»Ich bin unschuldig.«
»Darüber wird das Gericht urteilen«, sagte Renke kalt. »Es wird keine Gnade für dich geben. Man wird dich allein wegen der Entführung der Freiin von Lankwitz zum Tode verurteilen.«
»Ja, ja. Darf ich jetzt an die frische Luft? Nur ein Weilchen. Bitte.«
Renke ließ den Mann auf die Back führen. Er war froh, nicht mehr mit ihm sprechen zu müssen. Alles an diesem Kerl war ihm zuwider, er verspürte Ekel vor ihm.
Hugo von Saxingen stieg zur Back der »Wappen von Kolberg« hoch. Tief atmete er die salzige Meeresluft ein und schien es wirklich zu genießen, nicht mehr in der Piek hocken zu müssen. Doch das war alles nur ein Vorwand. Er dachte an nichts anderes als an Flucht.
Vier Männer bewachten ihn mit Musketen, unter ihnen auch Georg, ein tapferer, aufrichtiger Seemann, der in Reval mit am Pranger gestanden hatte.
Von Saxingen lauerte nur auf eine Gelegenheit, seinen Bewachern zu entwischen. Während er die Luft tief einsog, blickte er aus halb gesenkten Augenlidern nach links und nach rechts. Georg stand ihm am nächsten, also beschloß er, ihn anzugreifen und ihm die Muskete zu entreißen, einen zweiten Posten niederzuschießen, die entstehende Verwirrung auszunutzen und auf die Kuhl hinunterzuspringen, um über die Stelling an Land zu gelangen. Oder aber er konnte auch von der Back aus direkt auf die Pier hinübersetzen. Wenn er sich kräftig genug vom Schanzkleid abstieß, mußte er es schaffen.
Diesen Plan legte Hugo sich zurecht. Dann handelte er.
Plötzlich fuhr er zu Georg herum und packte dessen Muskete. Doch Georg war auf der Hut. Er hielt die Waffe fest, duckte sich, zerrte sie zu sich heran. Dabei krümmte sich sein Zeigefinger ungewollt um den Abzug. Der Hahn des Steinschlosses war gespannt, der Schuß löste sich. Von Saxingen empfing die Kugel genau in den Kopf.
Er prallte zurück, stolperte, fiel und schlug mit dem Rücken gegen den Fockmast. In grotesker Haltung blieb er auf der Back sitzen und stierte in einer Mischung aus Unglauben und Wut zu Georg hoch, der überrascht und entsetzt zugleich war.
Renke Eggens und Hein Ropers stürmten über das Hauptdeck zur Back, gefolgt von den Männern der Crew. Renke war als erster bei Hugo von Saxingen und beugte sich über ihn. Er konnte nur noch den Tod des Mannes feststellen, der sowohl der Mannschaft Arne von Manteuffels als auch dem Seewolf und dessen Männern so sehr zugesetzt hatte.
Hugo von Saxingens Augen waren gebrochen, blicklos richteten sie sich gen Himmel. Renke drückte ihm die Augen zu, dann richtete er sich von ihm auf.
»So hat ein Teufel sein gerechtes Ende gefunden«, sagte er.
Wenig später trafen Hasard und seine Gruppe ein, und so erfuhren die Männer der »Wappen von Kolberg« und der »Isabella« auch von dem Tod Erich von Saxingens und Bruno von Kreyes.
»Somit ist Gisela von Lankwitz gerächt«, sagte Ben Brighton. »Aber keiner kann ihr das Leben zurückgeben.«
»Keine Macht der Welt kann den Schmerz beseitigen, den wir alle empfinden«, sagte der Kutscher stellvertretend für die Crew der »Isabella«. »Sir – wir bitten darum, bei der Beisetzung der Freiin dabeisein zu dürfen.«
»Selbstverständlich«, sagte Hasard. »Ihr sollt sogar dabeisein. Ich hätte euch ohnehin dazu aufgefordert. Bereitet euch darauf vor, wir brechen bald zum Gut von Lankwitz auf.«
Er stand immer noch auf der Pier, während er diese Worte sprach. Vom Ort aus hatten sich inzwischen wieder Männer und Frauen genähert, die den Schuß vernommen hatten, unter ihnen auch der Hafenmeister und der Stadthauptmann.
Hasard trat vor sie hin und sagte: »Hauptmann, wir können Ihnen Hugo von Saxingen leider nur noch tot übergeben.«
»Das ist nicht so schlimm«, sagte der Hauptmann ernst.
»Es war ein Unfall, keine Absicht«, fügte Renke Eggens hinzu.
»Der Mann, der den Schuß abgegeben hat, hat dem Richter nur eine Arbeit abgenommen«, erklärte Paleske. »Hugo von Saxingen wäre mit Sicherheit zum Tod durch Erhängen verurteilt worden.«
»Ja. Etwas anderes hätten wir auch nicht erwartet«, sagte der Seewolf. Dann begab er sich mit seinen Söhnen und seinen Männern an Bord seines Schiffes.
ENDE

1.
Dünn und klagend wehte der Glockenklang. Lebensbäume standen groß und düster, das dichte Zweigwerk von Böen zerzaust. Die vielköpfige Schar der Menschen harrte unter peitschenden Regenschwaden aus.
„Asche zu Asche, Staub zu Staub …“ Die Worte des Geistlichen wurden vom Wind davongetragen.
Das Gesicht Arne von Manteuffels war wie aus Stein. Starr haftete sein Blick auf dem Sarg, der nun ins Grab gesenkt wurde. Eine heulende Bö zerrte an dem Blumenschmuck, als sollte der Toten auch dieses nicht mehr gegönnt werden.
Philip Hasard Killigrew spürte einen Druck in der Kehle, von dem er sich nicht befreien konnte. Mit jeder Faser seiner Gedanken konnte er nachempfinden, wie grausam der Schmerz für Arne sein mußte. Das Liebste auf der Welt war ihm genommen worden. Für Arne gab es keine Hoffnung mehr an diesem grauen Aprilmorgen. Und nur der letzte Rest seiner inneren Kraft hielt ihn aufrecht.
Die Männer, die ihre Schiffe im Hafen von Rügenwalde zurückgelassen hatten, standen stumm und ergriffen. Sie alle, die salzgewässerten Rauhbeine von der „Isabella IX.“ und der „Wappen von Kolberg“ erschauerten noch immer bei der Erinnerung an das furchtbare Geschehen – jenen Moment des Entsetzens, in dem Gisela Freiin von Lankwitz von der Kugel des Meuchelmörders getroffen wurde.
Gewiß, der Mörder hatte dafür mit dem eigenen Leben bezahlt, ebenso wie seine niederträchtigen Kumpane. Doch niemals konnte das den Schmerz Arne von Manteuffels tilgen und niemals; die Trauer der Männer, die mit ihm fühlten.
Nach der Beisetzung führte der Weg der Trauergemeinde vorbei an der Kirche von Rügenwalde. Dort hatten Arne und Gisela noch in diesem Monat vor den Traualtar treten wollen.
Dieser 7. April des Jahres 1593 sollte in bitterer Erinnerung bleiben, durch den Schmerz unauslöschlich eingeprägt in das Gedächtnis der Menschen, denen die Freiin von Lankwitz etwas bedeutet hatte.
Am Abend dieses grauen, wolkenverhangenen Tages kehrte Arne von Manteuffel nach Rügenwaldermünde zurück. Eine einspännige Kutsche des Gutes derer von Lankwitz brachte ihn bis zum Liegeplatz der Schiffe. Es war bereits fast dunkel geworden. Die Hecklaterne der „Isabella“ streute matte Helligkeit aus, auf den Planken und Verschanzungen schimmerte die Nässe des Regens. Anheimelndes Licht fiel aus den kleinen Fenstern der Achterdeckskammern.
Arne von Manteuffel wollte seine Schritte der „Wappen von Kolberg“ zuwenden, als er seinen Vetter erblickte. Hasard, der am Schanzkleid der Kuhl stand, hob die Hand zu einem stummen Gruß. Arne verharrte am Fuß der Stelling. Der Kutscher wendete und trieb das Pferd zurück in den trüben Abend.
„Ich will dich nicht bedrängen“, sagte der Seewolf, „aber ich würde dich jetzt gern bei mir an Bord sehen.“ Er wußte, daß er für diese Worte keinen Übersetzer brauchte und sein Cousin ihn auch so verstand. Ohnehin hatten sie seit ihrer ersten Begegnung in Wisby auf Gotland schon viel von der sprachlichen Barriere abgebaut, die sie trennte. Auch menschlich waren sie einander näher. In der kurzen Zeit ihres Zusammenseins hatten sie immer häufiger feststellen können, daß sie aus dem gleichen harten Holz geschnitzt waren.
„Woher wußtest du …?“ Arne sprach den Satz nicht zu Ende, während er zu seinem Vetter aufblickte. Da war etwas, das seine Stimme erstickte, und sein Gesicht hatte noch immer diesen wie versteinerten Ausdruck.
„Ich habe die Kutsche gehört“, entgegnete Hasard. „Komm an Bord. Ich will nicht, daß du dich verkriechst.“
Arne nickte mit zusammengepreßten Lippen. Dann enterte er über die Stelling auf. Seine Bewegungen waren müde wie die eines alten Mannes, der den größten Teil seines Lebens hinter sich hat.
Hasard gab Gary Andrews einen Wink. Gary war als Bordwache eingeteilt, und er verstand, daß Nils Larsen nun doch als Dolmetscher gebraucht wurde. Hasard legte seinem Vetter den Arm auf die Schulter und führte ihn in die Behaglichkeit der Kapitänskammer. Wenig später war Nils zur Stelle, der seit jenem denkwürdigen Zusammentreffen in Wisby ein besonderes Vertrauensverhältnis in der Beziehung der beiden Vettern erworben hatte.
Der Seewolf nahm eine Flasche Rotwein aus dem Schapp, stellte Gläser auf den Tisch und hängte den regenfeuchten Umhang seines Vetters weg. Dann setzte er sich Arne gegenüber. Nils schenkte ein. Der Wein funkelte rubinrot im geschliffenen Kristall.
„Ich fühle mich elend“, sagte Arne leise, „weil ich Giselas Familie alleingelassen habe. Einerseits glaubte ich mich verpflichtet, in ihrer Nähe zu bleiben. Andererseits hatte ich aber auch das Gefühl, daß sie in ihrer Trauer unter sich bleiben möchten, obwohl sie das natürlich nicht gesagt haben.“ Arne atmete tief durch, wie nach einer schweren Anstrengung.
Nils übersetzte so zügig und lückenlos, wie die Männer es schon seit vielen Gelegenheiten gewohnt waren. Es entstanden keine störenden Gesprächspausen, und für die beiden Vettern war es fast so, als sprächen sie die gleiche Sprache. Hasard hob das Glas und nickte Arne zu.
„Ich, meine, du hast richtig entschieden“, sagte der Seewolf, „die Eltern Giselas betrachten dich sicher nicht als einen Fremden. Trotzdem werden sie ihre Trauer in erster Linie als eine Familienangelegenheit empfinden. Sie haben Erinnerungen an ihre Tochter, die du mit ihnen nicht teilen kannst.“
Arne nickte mit starrer Miene und drehte das Glas zwischen seinen Fingern. Dann hob er den Kopf und sah Hasard fragend an.
„Ich weiß ein wenig über dein Schicksal, aber …“
Hasard lächelte kaum merklich.
„Du hast recht. Was ich gesagt habe, klingt schulmeisterhaft. Das ist es aber nicht.“ Er zögerte einen Moment, preßte die Fingerspitzen gegeneinander, und schließlich gab er sich einen Ruck. Mit wenigen Worten, um nicht seine eigenen Belange in den Vordergrund zu rücken, berichtete er über den tragischen Tod seiner Frau Gwendolyn, der Mutter seiner Söhne Philip und Hasard. Die Naturgewalten hatten ihm Gwen entrissen, damals, im Sturm bei der Flucht nach Calais.
In Arnes Augen entstand deutliche Betroffenheit.
„Das habe ich nicht gewußt. Es tut mir leid, daß ich an deinen Feststellungen gezweifelt habe. Dann ist Dan O’Flynn dein Schwager? Und Old Donegal dein Schwiegervater?“
„So ist es. Aber diese Zeit liegt hinter uns. Der alte Donegal und sein Sohn waren zumindestens genauso betroffen wie ich. Doch wenn die Erinnerung einmal wach werden sollte, verzweifeln wir nicht mehr an uns selbst. Das ist es, was ich zu sagen versuche. Der Schmerz, der einem zugefügt wird, läßt sich niemals ganz auslöschen. Aber die Zeit deckt die Wunden zu. Du wirst es selbst erfahren, Arne. Nur – es dauert lange. Von heute auf morgen kannst du es nicht überwinden.“
„Mein Gott“, flüsterte Arne von Manteuffel kaum hörbar, „ich fange an zu begreifen, welche Kraft du aufgebracht haben mußt. Erst der Tod deiner Mutter, dann das schreckliche Ende deines Vaters, meines Onkels. Und schließlich, als du geglaubt hast, ein kleines persönliches Glück erlangt zu haben …“ Abermals versiegte seine Stimme.
Hasard schüttelte den Kopf.
„Du bist in der Stimmung, die Dinge düster zu sehen. Das ist mehr als verständlich. Auch ich habe damals nicht daran geglaubt, daß das Leben noch einen Sinn haben könnte. Aber du bist nicht so schwach, daß du daran zerbrechen würdest.“
„Wenn ich mir diese Frage stelle, weiß ich im Augenblick keine Antwort darauf.“ Arne atmete schwer. „Es ist nicht allein die Trauer. Was vielleicht noch schwerer wiegt, sind die Selbstvorwürfe. Hätte ich nicht Giselas Tod verhindern können? Trifft mich nicht eine gewisse Schuld?“
Hasard und Nils Larsen wechselten einen Blick.
„Dann sind wir alle mitschuldig“, sagte Nils, der sich sonst nicht in das Gespräch einmischte.
„Allerdings.“ Der Seewolf nickte. „Warum hat keiner von uns daran gedacht, daß Erich von Saxingen und Bruno von Kreye uns auflauern könnten? Der Gedanke lag schließlich nahe, da wir Hugo von Saxingen als Gefangenen bei uns hatten.“
„Um Himmels willen, nein!“ rief Arne erschrocken. „Das habe ich damit nicht sagen wollen. Ich stehe tief in deiner Schuld, Hasard – nach allem, was du für mich getan hast. Das gilt ebenso für deine Männer. Und schließlich wart ihr es, die Erich von Saxingen zur gerechten Strafe für den Mord verholfen habt.“
Der Seewolf beugte sich vor und blickte Arne eindringlich an.
„Was für meine Männer und mich gilt, gilt ebenso für dich. Keiner von uns hat einen Grund, sich mit Vorwürfen zu plagen. Die Schicksalsschläge des Lebens kann man nicht überwinden, indem man sich selbst zerfleischt. Du mußt das begreifen. Und du wirst es begreifen. So gut habe ich dich mittlerweile kennengelernt.“
Arne senkte den Kopf. Minutenlang schwieg er. Dann hob er das Glas, nahm einen Schluck und setzte es mit einem entschlossenen Ruck wieder ab.
„Ich danke dir, Hasard. Ich verstehe alles, was du mir erklärt hast. Ich bin auch sicher, daß ich mich danach richten werde. Nur mußt du Geduld mit mir haben. Denn auch damit hast du recht: Von heute auf morgen läßt sich das alles nicht überwinden.“
„Aber du bist auf dem besten Weg dazu“, entgegnete der Seewolf. „Laß uns jetzt nicht mehr darüber reden. Ich habe etwas anderes zu sagen: Du brauchst Abstand von den Dingen, die dich belasten. Räumlichen und auch zeitlichen Abstand. Wie wäre es, wenn du uns begleitest?“
„Oh, es ist meine Pflicht, dir bei der Erfüllung deines Auftrags im Ostseeraum zu helfen. Bislang hast du immer nur etwas für mich getan. Es wird Zeit, daß ich mich auch ein wenig revanchieren kann.“
Hasard schüttelte den Kopf.
„Davon rede ich nicht. Ich meine die Zeit nach diesem Auftrag. Wir werden nach England zurückkehren und dann in die Neue Welt aufbrechen. Die Karibik wird unser Ziel sein. Und dann die Schlangen-Insel.“ Hasard konnte sich eines leisen Gefühls von Sehnsucht nicht erwehren, als er seinem Vetter von jener Insel berichtete, auf der freie Menschen wirklich noch frei sein konnten.
Tief in den Augen Arne von Manteuffels entstand ein Leuchten, kaum erkennbar noch, doch es war vorhanden. Hasard wußte, daß sein Vetter trotz des Schmerzes härter werden würde. Aber diese Härte würde sich nicht in Bitterkeit äußern.
„Du meinst“, sagte Arne schließlich, „ich sollte dich auf deinen Reisen begleiten?“
„Warum nicht? Du bist ein freier Mann.“
Arne zog die Schultern hoch und sog die Luft tief ein.
„Ich muß gestehen, der Gedanke ist verlockend. Und er trifft mich überraschend. Ich muß darüber nachdenken.“
„Natürlich. Ich will dich nicht überreden und dir nicht irgendwelche Träume vorgaukeln. Aber bedenke, daß du auch Nutzen für dein Kolberger Handelshaus ziehen könntest. Die Neue Welt ist in weiten Gebieten noch unerforscht. Da gibt es unbegrenzte Möglichkeiten. Du könntest Beziehungen anknüpfen und Bezugsquellen erschließen für Güter, die es in Deutschland bislang kaum gibt – Edelmetalle, Perlen und Edelsteine, Gewürze und Tabak, Zucker, Kakao, Indigo und vieles mehr.“
„Ich habe von diesen Gütern gehört“, sagte Arne und nickte, „aber der Handel damit wird doch von den Spaniern beansprucht.“
Hasard und Nils Larsen lächelten.
„Dieser Machtanspruch besteht für uns als Engländer nicht“, entgegnete Hasard, „das Recht, auf das sich die Spanier berufen, ist das Recht der Gewalt. Denke an Polens König Sigismund und sein Bernsteinmonopol. Nichts anderes treiben die Spanier auf ihre Weise. Diesem Machtstreben haben wir seit Jahren den Kampf angesagt. Mit Erfolg.“
„Daran zweifele ich nicht“, sagte Arne. Er leerte sein Glas. „Ich werde über deine Worte nachdenken. Im Augenblick habe ich das Gefühl, ein neues Ziel vor Augen zu sehen. Aber ich weiß auch, daß man nicht aus einer anfänglichen Begeisterung heraus entscheiden sollte.“
Kurze Zeit später verabschiedete Hasard seinen Vetter. Eine bleierne Müdigkeit hatte Arne ergriffen. Die seelischen Qualen, die er an diesem Tag durchgestanden hatte, blieben auch für einen Mann wie ihn nicht ohne Folgen.
Schon bei Sonnenaufgang setzten die „Isabella“ und die „Wappen von Kolberg“ Segel und verließen den Hafen von Rügenwaldermünde. Der 8. April zeigte sich von einer freundlicheren Seite. Die Wolkendecke war aufgerissen und ließ weite Flächen blauen Himmels durchscheinen. Der Wind blies handig aus Nordwest. Die dünnen Schaumkronen der Wellen glitzerten im frühen Sonnenlicht. Beide Galeonen liefen rauschende Fahrt über Backbordbug.
Etwa zwei Stunden nach dem Auslaufen aus Rügenwaldermünde wurden die Männer auf dem Achterdeck der „Isabella“ von der „Wappen von Kolberg“ angepreit. Der Seewolf folgte dem Beispiel seines Vetters und ließ die Segel ins Gei hängen. Arne ließ die Jolle abfieren und enterte Minuten später über die Jakobsleiter der „Isabella“ auf. Hasard begrüßte ihn an der Pforte im Schanzkleid.
„Mir ist verschiedenes durch den Kopf gegangen“, sagte Arne, „ich muß es mir von der Seele reden.“
„Dafür habe ich Verständnis“, erwiderte der Seewolf. Abermals zog er Nils Larsen hinzu, als er sich gemeinsam mit seinem Vetter in die Kapitänskammer begab.
Währenddessen wurde die Jolle zur „Wappen von Kolberg“ zurückgerudert. Dort hatte Renke Eggens, Arnes Erster Offizier, das Kommando übernommen. Auf dem Achterdeck der „Isabella“ war es Ben Brighton, der Erste Offizier, der die erforderlichen Kommandos gab. Befehle hallten über die Decks der beiden Galeonen, und sehr bald füllte der Wind wieder das Tuch.
„Es ist gut, wenn man die Dinge überschläft“, sagte Arne, „ich werde dieses Ziel ins Auge fassen, das du für mich umrissen hast. Vor allem muß ich mit meinem Vater und meinen Brüdern darüber reden. Schließlich gibt es das Handelshaus unserer Familie in Kolberg und außerdem …“ Er unterbrach sich, und es gelang ihm, zu lächeln. „Nun, da ist noch etwas, das mir erst nach unserem Gespräch von gestern abend eingefallen ist. Es handelt sich um unser Gut in Alt-Quetzin. Das ist östlich von Kolberg, ein alter Familienbesitz. Dein Vater, Godefroy von Manteuffel, sollte dieses Gut damals übernehmen.“
Hasard verspürte einen Stich. Er mußte an seine eigenen Worte vom vergangenen Abend denken. Der Schmerz blieb für alle Zeiten. Und selbst wenn man glaubte, ihn vergessen zu haben, drang er doch gelegentlich wieder an die Oberfläche.
„Sprich weiter“, bat er leise.
„Ein Gutshof und ein Handelshaus, das klingt nach einer merkwürdigen Zusammenstellung. Aber die von Manteuffels waren in vielen Generationen Seefahrer und Bauern, und sie haben beides geschickt miteinander verknüpft. Wie dem auch sei, genaugenommen bist du der rechtmäßige Erbe von Alt-Quetzin. Denn nach dem alten Familiengesetz muß immer der Erstgeborene das Gut übernehmen.“
Hasard blinzelte verblüfft. Es verschlug ihm glatt die Sprache.
„Die rechtliche Lage ist folgendermaßen“, fuhr Arne lächelnd fort, „damals war dein Vater, Godefroy, der Erstgeborene. Wenn dieser nun aus irgendwelchen Gründen das Erbe nicht antreten kann, geht das Erbrecht auf den Zweitgeborenen über. Das war in diesem Fall Hasso von Manteuffel, mein Vater.“
„Ein bißchen kompliziert“, sagte Hasard mit einem staunenden Kopfschütteln.
„Das muß es wohl sein. Aber es geht noch weiter. Hat nun der Erstgeborene einen männlichen Erben – das wärst in unserem Falle du –, dann geht der Familienbesitz Alt-Quetzin wiederum auf ihn über. Vorausgesetzt, daß er alt genug ist, das Gut zu übernehmen, so heißt es in den Regularien. Aber diese Frage stellt sich bei dir natürlich nicht.“ Arne lächelte erneut. „Nun muß der Zweitgeborene zurücktreten oder das Gut solange verwalten, bis der rechtmäßige Erbe es übernehmen kann. Kurzum: Das Recht über Alt-Quetzin bleibt also gewissermaßen in einer Familienlinie, bis diese ausstirbt oder zugunsten der Nebenlinie verzichtet. Es ist nicht schön, davon zu reden, jedoch – nach deinem Tod wäre also Hasard junior, der ältere deiner beiden Söhne, der rechtmäßige Erbe von Alt-Quetzin.“ Arne lehnte sich zurück und sah Hasard erwartungsvoll an.
„Du lieber Himmel!“ rief der Seewolf. „Das muß ich erst einmal verdauen.“
Die Eröffnungen Arnes waren mehr als überraschend. Nicht etwa deshalb, weil Hasard vorhatte, auf sein Recht zu pochen und das Gut zu übernehmen. Nein, dies weckte Erinnerungen an seine Kindheit und an jene Jahre, die vor seinem Erinnerungsvermögen lagen.
Da hatte es die Hansekogge „Wappen von Wismar“ gegeben. Auf ihr hatten ihn die Brüder seiner Mutter damals als Säugling nach Deutschland abschieben wollen. Und wäre nicht die raffgierige Lady Killigrew gewesen, die die Kogge im Hafen von Falmouth überfallen und ausplündern ließ, so hätte sein Leben einen völlig anderen Verlauf genommen. Das stand unumstößlich fest. Und noch eins stand fest. Hasard sagte es laut.
„Ich werde dieses Erbe nicht antreten, Arne.“
Arne beugte sich verblüfft vor.
„Warum nicht? Es ist nicht etwa so, daß meine Familie davon abhängig wäre. Außerdem – in diesen paar Minuten kannst du das doch noch gar nicht richtig überlegt haben.“
„Doch, ich denke schon. Die Dinge liegen für mich völlig klar. Ich kann nicht etwas beanspruchen, was mir meinem Gefühl nach nicht zusteht. Sicher bin ich von der Blutsverwandtschaft her ein von Manteuffel.“ Hasard schüttelte den Kopf. „Ein Gedanke, der für mich immer noch merkwürdig ist. Das mußt du verstehen.“
Arne nickte schweigend.
„Ich bin in England bei den Killigrews aufgewachsen“, fuhr Hasard fort, „und diese Kinder- und Jugendjahre sind nicht wegzuwischen. Ich bin dadurch zum Engländer geworden. Mein ganzes Leben wurde dadurch geprägt.“
Arne von Manteuffel schwieg noch eine Weile.
„Ich habe mit dieser Antwort gerechnet“, sagte er dann, „weil ich selbst nicht anders reagiert hätte.“
2.
Man schrieb den 9. April anno 1593.
Mit rauschender Fahrt, bei halbem Wind über Backbordbug segelnd, liefen die „Isabella“ und die „Wappen von Kolberg“ auf die Küste von Hinterpommern zu. Die Mittagsstunde war eben vorüber, der Himmel über der Baltischen See versteckte sich hinter schweren grauen Wolken. Der Monat April, soviel hatten die Arwenacks zur Genüge feststellen können, zeigte, daß er in diesem Teil Europas zu Recht als launisch bezeichnet wurde. Mit einem baldigen Regenguß war jedenfalls zu rechnen.
Die beiden Galeonen erreichten die Mündung der Persante, und nach und nach schälten sich die Umrisse der Hafen- und Handelsstadt Kolberg aus dem Dunst. Den Männern, die zum Aufgeien der Segel in die Wanten gescheucht wurden, bot sich zum Lohn für die harte Arbeit der schönste Überblick.
Die Mauern und Türme der Stadt zeugten vom Reichtum ihrer Einwohner, aber auch von der Kraft und Entschlossenheit, das Erworbene zu verteidigen. Trutzige Mauern waren es, die auch vermuten ließen, wie sich diese Ansiedlung zu immer mehr Wohlstand entwickelt hatte.
Die Hafenanlagen, vor den entfesselten Naturgewalten der See hervorragend geschützt, beherbergten einen Mastenwald von beträchtlichen Ausmaßen. Die Frachtsegler, die an Piers und Duckdalben vertäut hatten, stammten überwiegend aus den Ländern rings um die Ostsee. Neben den Skandinaviern gab es etliche polnische und auch holländische Schiffe. Von den letzteren wußte der Seewolf, daß sie in jüngster Zeit mit ziemlichen Anstrengungen in den Tuchhandel eingestiegen waren. In der Mehrzahl waren hier in Kolberg naturgemäß die deutschen Schiffe vertreten, wobei dies wiederum für die meisten von ihnen der Heimathafen war.
Neugierige scharten sich vor den Lagerhäusern und Kontoren am Kai zusammen, nachdem der „Isabella“ und der „Wappen von Kolberg“ ihre Liegeplätze zugewiesen worden waren. Aber auch von den anderen Schiffen waren interessierte Blicke festzustellen, zum Teil nicht ohne einen gewissen Neid. Denn die schlanke englische Galeone war schon allein von ihrem äußeren Bild her ungewöhnlich. Den fast ausnahmslos fachmännischen Blicken blieb nicht verborgen, daß dieser Segler aus dem fernen Britannien über Eigenschaften verfügen mußte, die man nur ahnen konnte. Denn soviel stand fest: einen Dreimaster von dieser neuzeitlichen Bauart hatte man hier in Kolberg noch nicht gesehen.
Eindeutig auch, daß die „Isabella“ nicht allein für friedliche kaufmännische Zwecke gebaut worden war. Bei einem Registergewicht von runden 550 tons und einer Länge von 52 Yards verfügte die Galeone über eine beachtenswerte Armierung. Hinter den jetzt geschlossenen Stückpforten verbargen sich drei 25-Pfünder auf beiden Seiten des Quarterdecks, drei 17-Pfünder je Seite auf dem darunterliegenden Deck, vier 25-Pfünder auf beiden Seiten der Kuhl und drei weitere 17-Pfünder pro Seite unter der Back. Außerdem gab es je zwei Drehbassen auf der Back und auf dem Achterdeck.
Nachdem die Segel aufgetucht und die „Isabella“ und die „Wappen von Kolberg“ vertäut worden waren, hatten die Männer an Deck Gelegenheit, sich in der näheren Umgebung umzusehen.
Auf der Kuhl der englischen Galeone wandten sich unvermittelt alle Augenpaare nach Backbord, als die Zwillinge lebhaft zu gestikulieren begannen.
„Schon wieder so ein lausiger Don!“ rief Hasard junior, der seine Zunge nicht im Zaum halten konnte.
„Jetzt treiben sie sich sogar hier schon herum!“ fügte Philip junior prompt hinzu.
Auf dem Achterdeck griffen der Seewolf und Ben Brighton zu den Spektiven. Hasard beschloß, sich seine beiden Söhne später vorzuknöpfen. Die beiden gerieten in jene Jahre, die man auch als „Flegelalter“ bezeichnete. Hinzu gesellte sich ihr Temperament, und so fiel es ihnen manchmal höllisch schwer, gründlich über das nachzudenken, was sie von sich gaben. Wie oft hatte er ihnen bereits eingebleut, daß man auch einem Gegner gegenüber Fairneß zu üben hatte – in Taten und in Worten. Sie wußten das verdammt genau. Er würde sie gehörig daran erinnern müssen.
Auf dem Hauptdeck stemmte Ed Carberry die Fäuste in die Hüften, schob das Rammkinn vor und starrte der Crew nach, die sich samt und sonders der Neugier hingab.
„Welcher Wurm ist euch ins Hirn gekrochen?“ brüllte er. „Ihr glaubt wohl, ihr seid schon fertig mit dem Aufklaren, was, wie? Wenn ihr nicht auf der Stelle …“
Smoky, der breitschultrige Decksälteste, drehte sich um und unterbrach ihn mit einem Grinsen.
„Sei nicht so pingelig, Mister Carberry. Hier liegt was in der Luft, sage ich dir. Da wird man doch mal einen Blick riskieren dürfen.“
Der Profos der „Isabella“ kratzte sich am Hinterkopf. Seine Haarpracht, die er in Wiborg nach einer Wette mit Luke Morgan verloren hatte, begann neu zu sprießen. Dichte Stoppeln bedeckten bereits seinen Schädel, und er verzichtete deshalb seit ein paar Tagen auf die Pelzmütze, die er bisher zur Tarnung getragen hatte.
Smokys Wort hatte Gewicht. Also schluckte Edwin Carberry seinen Groll hinunter, bevor er sich richtig entwickeln konnte. Er schnaufte, gab sich einen Ruck und wandte sich ebenfalls nach Backbord.
Etwa dreihundert Yards entfernt, an einer der Piers, lag eine spanische Galeone. Der Dreimaster, gedrungener und wesentlich massiger gebaut als die „Isabella“, hob sich in prunkvollster Weise von den anderen Schiffen ab. Vorn und achtern war der Spanier mit reichlich Schnitzwerk verziert. Auch die Armierung war allem Anschein nach recht beachtlich. Über der Heckgalerie prangte in riesigen goldenen Lettern der Name des Schiffes: „Santissima Madre“.
„Heiligste Mutter“, übersetzte Ferris Tucker mit einem Seufzer, „das kann man wohl laut sagen.“
Damit sprach er allen Arwenacks aus der Seele. Das alte Mißtrauen meldete sich bei ihnen mit schrillen Alarmtönen. Zwar wurde die Ostsee wahrhaft nicht von den Spaniern beherrscht, die Dons hatten hier eher kleine Brötchen zu backen. Aber der Zwischenfall mit dem spanischen Kapitän Juan de Gravina in Wisby auf Gotland steckte den Männern unter dem Kommando von Hasard und Arne noch mächtig in den Knochen.
Dort auf Gotland hatte der Seewolf seinen Vetter kennengelernt – ausgerechnet in jenem Moment, als sie die Leiche des Kaufmanns Jens Johansen entdeckten. Johansen hatte mit Bernstein gehandelt, was er als sein gutes Recht betrachtete. Doch König Sigismund von Polen beanspruchte dieses Recht für sich allein, und er hatte seine Schergen überall. De Gravina war einer von ihnen gewesen, bis Hasard ihn des Mordes an Johansen überführt hatte.
Ähnlich hatte er sich mit dem dänischen Kaufmann Thorsten Tyndall in Hapsal verhalten. Auch dieser war wegen des Bernsteinhandels umgebracht worden. Dafür hatten Hasard und Arne den polnischen Generalkapitän Witold Woyda als Täter entlarvt, der jetzt in der Vorpiek der „Isabella“ als Gefangener eingesperrt war und den dänischen Behörden zur Verurteilung übergeben werden sollte.
So wurden sie allesamt von bösen Vorahnungen beschlichen, als sie die spanische Galeone erblickten – ausgerechnet hier, im Hafen von Kolberg.
Die Söhne des Seewolfs sonnten sich unterdessen in dem Gefühl, den Spanier im Hafengewirr entdeckt zu haben. Mit stolzem Lächeln verfolgten sie die Bemerkungen der Männer, die nun begannen, sich in düstere Ahnungen zu ergehen. Und noch mehr Stolz erfüllte die Jungen angesichts der Tatsache, daß sie ihren Vater und Ben Brighton immerhin veranlaßt hatten, zum Spektiv zu greifen.
Äußerlich ähnelten sich die beiden Jungen wie ein Ei dem anderen. Schlank und schwarzhaarig, hatten sie den unverwechselbar gleichen Gesichtsschnitt wie der Seewolf. In ihren Bewegungen waren sie geschmeidig wie Katzen. Und schon jetzt, in ihren jugendlichen Jahren, ließen sie erkennen, daß sie als erwachsene Männer einmal alle überragenden Eigenschaften und Fähigkeiten ihres Vaters haben würden.
Ein heranhuschender grauer Schatten unterbrach die Männer in ihren Mutmaßungen. Plymmie, die Bordhündin, hatte ihren Freßplatz vor der Kombüse im Stich gelassen und eilte schwanzwedelnd auf die Zwillinge zu. Federnd richtete sie sich auf, legte ihre Vorderpfoten auf das Schanzkleid, und im selben Moment sträubten sich ihre Nackenhaare. Ein heiseres Knurren drang tief aus ihrer Kehle, und dieses Knurren ging sofort in ein rauhes, zorniges Bellen über.
„Ruhig, Plymmie, ruhig!“ mahnte Hasard junior, und gemeinsam mit seinem Bruder streichelte er die Wolfshündin, die sich jedoch nur dazu bewegen ließ, das Bellen einzustellen. Ihr Knurren hielt an.
„Als ob ich mir das nicht gedacht hätte“, brummte Ed Carberry kopfschüttelnd. „Wenn das Vieh nicht zu jeder Sache seinen Senf dazugeben kann, ist es nicht zufrieden.“
„Sir, du tust ihr wieder mal unrecht“, sagte Philip junior empört. „Plymmie bellt den Spanier an. Sie merkt eben, daß da drüben an Bord unsympathische Leute sind.“
„Womit sie den richtigen Riecher hat“, sagte Old Donegal Daniel O’Flynn. „Hunde haben in der Beziehung einen sehr feinen Instinkt. Da hat es schon Ereignisse gegeben, die hinterher kein Mensch für möglich gehalten hat. Ich erinnere mich an eine bestimmte Geschichte in …“
„Schon gut, Donegal, schon gut“, fiel ihm Smoky eilig ins Wort, und die anderen nickten beifällig. Im Augenblick hatten sie keine Neigung, eine der endlosen Garne des alten O’Flynn anzuhören. Denn was die spanische Galeone dort drüben an der Pier betraf, war jeder mit seinen eigenen Überlegungen hinreichend beschäftigt.
Auch auf dem Achterdeck der „Santissima Madre“ schimmerten Spektive im trüben Tageslicht. Den Señores war die „Isabella“ offenbar ebenso aufgefallen wie den meisten anderen Leuten im Hafen von Kolberg.
Ben Brighton ließ den Kieker kopfschüttelnd sinken.
„Die sehen allesamt aus, als ob sie einer piekfeinen Gesellschaft entsprungen seien.“
„Wundert dich das?“ Hasard grinste, setzte das Spektiv aber nicht ab. „Tu bloß nicht so, als ob du die erste spanische Galeone deines Lebens siehst.“
„Hm.“ Auch Ben mußte grinsen. „Vielleicht liegt es daran, daß die Dons hier in der Ostsee so selten sind.“
„Ben, dies ist jetzt schon der zweite. Und das sind genau zwei zuviel.“
Der Seewolf ließ seinen Blick wandern. Die Optik des Spektivs lieferte ein klares Bild, so nah, als könnte er hinübergucken. Ben Brighton hatte mit seiner Bemerkung den Nagel auf den Kopf getroffen. Die Offiziere der „Santissima Madre“ waren herausgeputzt wie Gecken. Da blitzten Knöpfe, Schnallen und Paspelierungen, als veranstalteten sie gerade einen Wettbewerb um die schönste Uniform. Selbst das wäre vielleicht weniger aufgefallen, wenn es sich um eine allgemein geltende Linie auf der spanischen Galeone gehandelt hätte.
Aber zwischen dem Achterdeck und den übrigen Decks des Spaniers lag eine Grenze wie zwischen zwei Welten. Die übertriebene Eleganz der Offiziere war wie ein schriller Mißklang angesichts der erbärmlichen Kleidung des normalen Schiffsvolks. Es war die übliche Distanz zwischen Achterdeck und Vordeck. Bei den Spaniern galt das als normal. So normal, wie es für sie immer noch war, im Mittelmeerraum Galeeren mit Rudersklaven einzusetzen. Methoden, an die englische Seeleute nur mit Abscheu denken konnten.
Diese verschnörkelte „Santissima Madre“ mit ihren herausgeputzten Offizieren war wieder einmal ein Beispiel dafür, wie sehr bei den Spaniern der Unterschied zwischen Knechten und Herren gepflegt wurde.
Hasard wollte seinen Kieker bereits absetzen, als ihm einer der Spanier auf dem Achterdeck auffiel. Der Mann ließ eben sein Spektiv sinken, ein hagerer, älterer Geck mit verlebten Gesichtszügen. Deutlich waren die Ränder unter den Augen und die tiefen Furchen seiner Haut zu erkennen. Über dem faltigen dünnen Hals hob sich ein schwarzer Knebelbart ab. Dazu trug der Mann eine schwarze Lockenperücke.
Nachdenklich betrachtete der Seewolf dieses Gesicht, das ihm ganz und gar nicht gefallen wollte. Nach der besonders prunkvollen Uniform zu urteilen, konnte es sich um den Kapitän der „Santissima Madre“ handeln.
Abrupt drehte sich der Spanier um, als spürte er, daß er beobachtet wurde.
Hasard zuckte mit den Schultern. Irgendwie hatte er das Gefühl, diese verlebten Gesichtszüge zu kennen. Aber so angestrengt er auch nachdachte, es gelang ihm nicht, sie einzuordnen.
Lautere Stimmen waren jetzt vom Kai zu hören – Lachen und freudige Rufe in deutscher Sprache. Dies war der Heimathafen der von-Manteuffel-Crew, das zeigte sich jetzt. Hasard und Ben Brighton gingen zur anderen Seite und blickten auf den Kai hinunter.
Eine große Schar von winkenden Menschen hatte sich dort gebildet. Kein Zweifel, man hatte Arne von Manteuffel und seine Männer erkannt, was nicht selbstverständlich war. Denn die altvertraute „Wappen von Kolberg“ gab es nicht mehr. Jenes Schiff, das Arne und seine Männer jetzt ihr eigen nannten, war noch bis vor kurzem das Flaggschiff des polnischen Generalkapitäns Witold Woyda gewesen. Jetzt betrachteten sie es als ihr rechtmäßiges Eigentum. Denn Woyda und seine Schergen hatten die alte „Wappen von Kolberg“ versenkt.
Also konnte es sich nur so verhalten, daß dieser Liegeplatz am Kai den von Manteuffels vorbehalten war.
Hasards Vermutung bestätigte sich kurz darauf. Vor einem der Kontor- und Lagerhäuser bildete die Schar der lachenden und winkenden Menschen eine Gasse. Aus einem mehrstöckigen Giebelhaus, das aus schwerem Backstein gebaut und ganz oben mit einem Kranbalken versehen war, trat ein hochgewachsener Mann.
Der Mann hatte weißes Haar und ein scharfgeschnittenes Gesicht. Einen Moment stutzte er beim Anblick des Schiffes, das jetzt den Namen „Wappen von Kolberg“ trug. Dann jedoch eilte er freudestrahlend auf die Galeone zu.
Ein schmerzliches Gefühl beschlich doch den Seewolf, und es drängten sich Bilder aus der Vergangenheit in sein Bewußtsein. Bilder, die sich jetzt, in diesem Moment, nicht wegwischen ließen. Denn es war offenkundig: Die Ähnlichkeit dieses hochgewachsenen weißhaarigen Mannes mit seinem Vater war schon auf den ersten Blick überdeutlich. Bei dem Gebäude, das er soeben verlassen hatte, mußte es sich um das Handelshaus der von Manteuffels handeln.
Arne lief die Stelling hinunter zum Kai. Der weißhaarige Mann, der niemand anders als sein Vater war, umarmte ihn und lächelte dabei voller Freude. Die Menschen, die die Szene miterlebten, stimmten erneute Willkommensrufe an.
Ben Brighton stand schweigend neben seinem Kapitän. Er spürte, welche Empfindungen Hasard jetzt bewegten. Auch auf dem Hauptdeck waren die Männer ruhiger geworden und hatten sich fürs erste mit dem Anblick des Spaniers abgefunden.
Philip Hasard Killigrew empfand eine Wehmut, die sein Innerstes aufwühlte. Er selbst hatte seinen Vater nur ein einziges Mal in seinem Leben begrüßen können. Und zu jener Zeit war Godefroy von Manteuffel bereits ein Sterbender gewesen.
Es widerstrebte dem Seewolf, jetzt sein Schiff zu verlassen und sich zu den Männern zu begeben, die seine Verwandten waren. Das Gefühl, nicht dazuzugehören, ließ sich nicht verscheuchen. Für sich selbst fand er den Vorwand, daß er Sohn und Vater in ihrer Begrüßung nicht stören wollte.
Dann jedoch sah er an Arnes Gesten, wie dieser berichtete. Die Wiedersehensfreude des Weißhaarigen erlosch jäh. Betroffenheit grub sich in sein Gesicht. Arne sprach weiter, und Sekunden darauf deutete er zur „Isabella“. Er wandte sich um, sah seinen Vetter und winkte.
Auch der Weißhaarige blickte jetzt herüber. Überdeutlich war die Überraschung in seinen Zügen zu erkennen. Das Staunen, das sich dazugesellte, wich sehr schnell der Freude.
Arne winkte abermals.
Hasard schalt sich einen Narren, daß er zögerte. Er gab sich einen Ruck und verständigte sich durch ein Handzeichen mit seinem Vetter. Dann wandte er sich seinem Ersten Offizier zu.
„Ben, übernimm das Kommando an Bord.“
Ben Brighton nickte, und damit war alles gesagt.
„Aye, aye, Sir.“
3.
Gemeinsam mit seinen beiden Söhnen enterte der Seewolf über die Stelling ab. Nils Larsen folgte ihnen, ohne daß Hasard ihn ausdrücklich aufforderte. Nils wußte, daß seine Dolmetscherdienste wieder gebraucht wurden. Und Hasard vergaß unterdessen die Standpauke, die er den Junioren wegen ihrer Bemerkung über den Spanier hatte halten wollen.
Denn dies war ein Moment, in dem nur noch das wirklich Wesentliche eine Rolle spielte.
Nie würde Hasard das Leuchten in den Augen des großen weißhaarigen Mannes vergessen, als dieser ihm und seinen Söhnen entgegensah. Und dann, nachdem Arne sie einander vorgestellt hatte, wurde es Gewißheit, was schon längst mehr als eine Vermutung gewesen war. Ja, der Weißhaarige war niemand anders als Hasso von Manteuffel, Arnes Vater und jüngerer Bruder Godefroy von Manteuffels.
„Mein Neffe“, sagte Hasso von Manteuffel freudig und erschüttert zugleich. Seine Stimme klang leise und vibrierend, und Tränen standen in seinen Augen, als er Hasard in die Arme schloß.
Dann wandte er sich den Zwillingen zu und begrüßte sie mit der gleichen spontanen Herzlichkeit. Er drückte sie an sich, und sie ließen es geschehen, ein wenig verlegen zwar, doch von ihrem Vater wußten sie, welche verwandtschaftlichen Bande zu Arne und seiner Familie bestanden.
Hasso von Manteuffel konnte nur immer wieder die Jungen und ihren Vater ansehen.
„Mein Gott“, sagte der große weißhaarige Mann tonlos, „es ist, als ob man um Ewigkeiten zurückversetzt wird. Plötzlich wird die eigene Kindheit und Jugendzeit wieder lebendig, weil – weil ich durch euch meinen Bruder Godefroy vor Augen habe, als wäre er noch hier …“ Seine Stimme erstickte, und er strich den Jungen schweigend über die Haare.
Es war das erste Mal für Nils Larsen, daß ihm das Übersetzen schwerfiel. Und Hasard empfand jene Art von Schmerz, über die er in seinen Gesprächen mit Arne philosophiert hatte. Einen endgültigen Abstand von den bedrückenden Erinnerungen würde es niemals geben. Augenblicken wie diesem konnte man nicht aus dem Weg gehen.
Arne war es, der das Beklemmende der Situation überwinden half. Dabei begünstigten ihn einige dicke Regentropfen, die auf das Steinpflaster des Kais klatschten. Die Menschenschar begann sich aufzulösen, die ersten liefen fluchtartig davon.
„Laßt uns ins Haus gehen“, sagte Arne, „da haben wir es trockener und gemütlicher.“
„Aber ja, natürlich!“ Hasso von Manteuffel blinzelte verwirrt, als fände er erst jetzt in die Wirklichkeit zurück. Er mußte sich zwingen, seine Blicke von den Zwillingen und ihrem Vater loszureißen. „Entschuldigt meine Gedankenlosigkeit. Bitte seid meine Gäste.“ Er sah Nils Larsen an. „Das gilt selbstverständlich auch für Sie, Herr Dolmetscher.“
Nils lächelte geschmeichelt angesichts der neuen Dienstbezeichnung, die ihm damit verpaßt worden war.
Die letzten Schritte zum Haus mußten sie laufen. Denn der Himmel über Kolberg öffnete jetzt seine Schleusen, und von einer Sekunde zur anderen rauschte der Regen bindfadenstark nieder. Schlagartig war der Kai wie leergefegt. Die Willkommensschar – Handelsleute, Lagerhalter, Schiffsausrüster und deren Mitarbeiter – hatte sich in ihre Behausungen zurückgezogen.
Die von Manteuffels und ihre Besucher stürzten in das Halbdunkel des Hausflurs und schüttelten sich die Regentropfen aus der Kleidung. Nils Larsen schloß die Tür und legte den Innenriegel vor, nachdem Arne auf seinen fragenden Blick genickt hatte.
„Ich bitte vielmals um Entschuldigung“, sagte Hasso von Manteuffel lächelnd, „das Wetter ist wieder einmal nicht den Konditionen entsprechend geliefert worden. Aber immerhin – der April darf machen, was er will.“
„Wir haben ein ähnliches Sprichwort in England“, entgegnete Hasard und nickte.
Auf eine einladende Geste des großen weißhaarigen Mannes begaben sie sich in einen Wohnraum im Erdgeschoß des Hauses. In einem eisernen Ofen bullerte ein kleines Feuer, das den Raum mit behaglicher Wärme ausfüllte. Gegen die Fensterscheiben, zum Kai hin, trommelte der Regen, als fühle er sich ausgesperrt. Die Männer setzten sich in wuchtige Polstermöbel, und Hasso von Manteuffel bestand darauf, daß die Söhne des Seewolfs an seiner Seite Platz nahmen. Eine Bedienstete mit gestärkter weißer Schürze und einer blonden Haarkrone schaute herein. Der Hausherr bat sie, Tee zu bringen.
Arne entsprach dem Wunsch seines Vaters und berichtete noch einmal über die verhängnisvollen Einzelheiten, die zum Tod seiner Verlobten geführt hatten.
„Wenn Hasard und seine Männer nicht gewesen wären“, schloß Arne, „wären der Mörder und seine Helfershelfer allerdings entflohen. Nicht nur deswegen bin ich meinem Vetter – deinem Neffen, Vater – zu tiefstem Dank verpflichtet.“
Hasard winkte lächelnd ab.
„Arne übertreibt. Er ist genauso bedenkenlos auch für mich eingesprungen. Ich denke nur an unsere erste Begegnung in Wisby auf Gotland.“
Nach Hasso von Manteuffels fragendem Blick berichteten die beiden Vettern gemeinsam darüber, wie sie sich aus traurigem Anlaß im Kontorhaus des ermordeten Kaufmanns Jens Johansen kennengelernt hatten.
„Ich habe davon gehört“, sagte Hasso von Manteuffel mit sorgenzerfurchter Miene, „die Nachricht von Johansens und auch von Tyndalls Tod hat sich in den Häfen des Baltikums wie ein Lauffeuer verbreitet. Aber“, er sah Hasard einen Moment nachdenklich an, „sprechen wir lieber von den Dingen, die uns persönlich betreffen. Natürlich nur, wenn du dazu bereit bist, Hasard. Du weißt, was ich meine.“
Der Seewolf nickte, nachdem Nils Larsen in der gewohnt zügigen Art übersetzt hatte. Eine kleine Pause ergab sich, als die Hausangestellte den Tee servierte. Dann jedoch gab es für Hasard keinen Grund mehr, mit seinem Bericht zu zögern. Und es fiel ihm leichter, als er sah, wie der weißhaarige Mann, der sein Onkel war, seine Söhne in den Armen hielt. Und der Blick Hasso von Manteuffels klebte buchstäblich an den Lippen seines Neffen.
Hasard schilderte jene Jahre, in denen er begonnen hatte, zu begreifen. Jene Zeit, die er damit verbracht hatte, die Spuren seiner eigenen Vergangenheit zu verfolgen, bis er in Spanien erfahren hatte, welches unglückselige Schicksal seinen Eltern zugedacht war. Stück für Stück hatte er von dem Verhängnis erfahren, das dem spanischen Edelfräulein Graciela de Coria wegen ihrer Liebe zu Godefroy von Manteuffel vorbestimmt gewesen war.
Arnes Vater zog die Augenbrauen hoch. Interesse und Trauer in seinen Augen wichen einer hellwachen Gespanntheit. Hasard schrieb dies dem Umstand zu, daß es sich letzten Endes um das Schicksal von Hasso von Manteuffels Bruder handelte. Was sich hier, an diesem regnerischen Apriltag in Kolberg, zusammenbraute, konnte der Seewolf nicht im entferntesten ahnen.
So berichtete er weiter über seine Nachforschungen, die im Jahre 1580 zu schicksalsschweren Erkenntnissen geführt hatten. Hatte er zunächst vom Tod seiner Mutter erfahren, die von ihrer Familie wegen der Beziehung zu dem unerwünschten Deutschen tyrannisiert worden war, so war ein Hoffnungsschimmer aufgeflackert, als sich herausstellte, daß sein Vater noch am Leben sein mußte. Diese Hoffnung war jäh erloschen, als Hasard und seine gesamte damalige Crew miterleben mußten, wie Godefroy von Manteuffel auf gemeinste Weise ermordet wurde.
Hasard schilderte auch das tragische Geschehen um seine junge Frau Gwendolyn, die beim Übersetzen von England nach Calais im Sturm umgekommen war. Und er erinnerte daran, wie er seine Söhne bei einer Gauklertruppe in Nordafrika nach langen Wirrungen gefunden hatte.
„Eigentlich sollten wir mal wieder ein paar von den alten Kunststücken üben“, sagte Philip junior.
„Dann hätten wir in jedem Hafen eine Menge Zuschauer“, fügte Hasard junior begeistert hinzu.
Hasso von Manteuffel strich ihnen abermals über das Haar, nachdem Nils Larsen übersetzt hatte.
„Darauf solltet ihr lieber verzichten“, sagte der weißhaarige Mann mit gütigem Lächeln, „vergeßt nicht, daß euer Vater im Auftrag der englischen Krone segelt.“ Mit großen Augen blickten die Jungen beinahe andächtig zu ihm auf.
Hasso von Manteuffel wandte sich wieder dem Seewolf zu. „Nachdem ich dies alles von dir gehört habe …“ Er hielt inne und schüttelte fassungslos den Kopf.
Hasard beugte sich verdutzt vor. Doch Arne kam ihm zuvor.
„Was ist, Vater?“ fragte er stirnrunzelnd. „Was ist passiert?“
„Ein unglaublicher Zufall“, sagte Hasso von Manteuffel mühsam, „ich scheue mich fast, es auszusprechen. Aber es muß wohl sein. Man kann vor den Dingen nicht weglaufen.“
Eine jähe Ahnung stieg in Hasard auf. Seine Gedanken waren plötzlich bei der spanischen Galeone, die im Hafen von Kolberg lag. Damit mußte es zusammenhängen, was Arnes Vater so schwer über die Lippen dringen wollte.
„Ich will es wissen“, sagte der Seewolf rauh, „es hat mit unserer Familie zu tun, nicht wahr?“
„So ist es“, entgegnete Hasso von Manteuffel. Er räusperte sich, bevor er weitersprach. „Es war vor zwei Tagen. Ich erhielt unangemeldeten Besuch – unangemeldeten und überraschenden Besuch, kann man wohl sagen. Ein Spanier namens Rodriguez de Coria.“
„De Coria?“ rief Hasard ungläubig.
„Ja.“ Hasso von Manteuffel nickte und sah ihn mit ernster Miene an. „Die Zusammenhänge, die du vermutest, gibt es. Doch was jetzt folgt, kannst du nicht ahnen. Dieser de Coria stellte sich als Gesandter des spanischen Königs vor. Er sagte, er besuche die deutschen Hansestädte, um Handelsbeziehungen aufzunehmen. Bis zu diesem Punkt ahnte ich noch nichts Böses. Aber dann traf es mich wie ein Schlag. De Coria erklärte ziemlich geschwollen, wie peinlich ihm das Ganze sei, aber er müsse es sich von der Seele reden. Er sei nämlich im Namen und im Auftrag meines Bruders Godefroy hier in Kolberg – meines Bruders, der gleichzeitig sein Schwager, sei, denn er habe seine Schwester, Graciela de Coria, geheiratet.“
Hasard konnte nur fassungslos den Kopf schütteln. Er fand beim besten Willen keine Worte.
„Ich fiel natürlich aus allen Wolken“, fuhr Hasso von Manteuffel fort, „und ich sagte diesem Spanier auch, daß ich ihm kaum glauben könne, weil mein Bruder schon seit Jahrzehnten verschollen sei. Er zog daraufhin ein blasiertes Gesicht und erklärte, daß ich schon gezwungen sein würde, ihm zu glauben. Und dann rückte er damit heraus: Sein Schwager Godefroy von Manteuffel habe höchst leichtsinnigerweise in Spanien hohe Spielschulden gemacht, insgesamt die stattliche Summe von zehntausend Goldtalern.“
„Eine unglaubliche Geschichte!“ rief Arne.
„Weiter“, bat Hasard atemlos, „ich glaube, das dicke Ende kommt erst noch.“
„Erraten“, sagte Hasso von Manteuffel. „Ich war mächtig aufgebracht und fuhr dazwischen, daß mein Bruder kein Spieler sei und sich niemals mit einer solchen Summe verschulden würde. Aber dieser de Coria grinste nur zynisch und behauptete, er sei selbstverständlich sofort eingesprungen und habe die zehntausend Goldtaler bezahlt, um die Familienehre zu retten. Nun hört euch das Folgende an: Godefroy habe seine Spielleidenschaft zutiefst bereut und ihm, Rodriguez de Coria, seinen gesamten Kolberger Besitz überschrieben, einschließlich des Gutes Alt-Quetzin.“
„Völlig ausgeschlossen“, sagte Arne im Brustton der Überzeugung, „ein von Manteuffel würde so etwas niemals tun.“
Sein Vater hob nur kurz die Hand und sprach dann weiter. „Mein ehrenwerter Besuch gab sich ganz von oben herab und ließ gnädiglichst vernehmen, daß er auf eine Überschreibung des Besitzes verzichten wolle, wenn ihm unsere Familie die verauslagten zehntausend Goldtaler zurückerstatte. Dann glaubte ich, meinen Augen nicht zu trauen, als de Coria ein Schriftstück vorlegte, in Spanisch und Deutsch verfaßt und – unterschrieben von meinem Bruder! Ich sehe es noch deutlich vor mir. Die Übereignung des Besitzes wird dokumentiert, gegeben zu Madrid am 2. November anno 1592 und außerdem noch beglaubigt von einem königlichen Notar.“
Schweratmend hielt Hasso von Manteuffel inne. Beklemmende Stille lastete plötzlich in dem Wohnraum, nur unterbrochen vom Bullern des Ofenfeuers.
Hasard war starr. Er hatte das Gefühl, explodieren zu müssen, um seinem Zorn Luft zu verschaffen. Aber derjenige, dem dieser Zorn galt, war weit entfernt, in der Sicherheit einer prunkvoll verschnörkelten Galeone im Hafen von Kolberg.
Und die Worte des Seewolfs tropften in die Stille.
„Was dieser de Coria behauptet, ist erstunken und erlogen. Das Schriftstück ist eine Fälschung.“
„Mit dem Bestätigungsvermerk eines Notars?“ wandte Arne behutsam ein.
Hasard blies die Luft durch die Nase.
„Einer Familie de Coria in Spanien ist es möglich, alles und jeden zu kaufen. Es war der 4. Oktober 1580, als mein Vater hinterrücks erstochen wurde, und zwar von Salvador de Coria, der damals Generalleutnant und vom spanischen König Beauftragter für das Festungswesen war. Wie gesagt, ich habe Zeugen dafür. Meine gesamte Crew war dabei, als wir meinen Vater von einer Galeere befreit hatten und den Mord nicht verhindern konnten.“
„Dann ist es eindeutig“, sagte Hasso von Manteuffel, „Godefroy kann nicht zwölf Jahre nach seinem Tod in Madrid eine Urkunde unterzeichnet haben. Dieser Rodriguez de Coria hat auch von Godefroys Tod kein Wort erwähnt. Wohlweislich, wie mir jetzt einleuchtet.“
„Ich entsinne mich“, fuhr Hasard fort, „daß meine Mutter drei Brüder hatte. Einer von ihnen war Salvador de Coria, der Mörder meines Vaters.“
„Rodriguez de Coria ist also einer der beiden anderen Brüder“, folgerte Arne, „unglaublich, daß er es wagt, hier in Kolberg aufzutauchen.“
Der Seewolf nickte grimmig.
„Das ist der besondere Familiensinn der de Corias. In betrügerischer Absicht und mit infamen Behauptungen will Rodriguez zehntausend Goldtaler einsacken. Ich werde ihn daran erinnern, wie er und seine beiden sauberen Brüder die eigene Schwester in den Tod getrieben haben, als sie ihr das Kind abnahmen, um es nach Deutschland abzuschieben.“
„Was dazu führte, daß du bei den Killigrews in Cornwall aufgewachsen bist“, sagte Arne, um es für seinen Vater noch einmal zu verdeutlichen.
„Die Tatsache als solche ist noch zu ertragen“, sagte Hasard grimmig, „aber ich darf nicht daran denken, was sich diese sauberen de Coria-Brüder noch alles geleistet haben. Da war beispielsweise das Lösegeld, das meine Mutter gezahlt hatte, um meinen Vater als Galeerensklaven aus dem Dienst eines gewissen Uluch Ali freizukaufen. Ihre drei ehrenwerten Brüder haben dafür gesorgt, daß das Geld nie den Empfänger erreichte, sondern in die Taschen eines Dunkelmannes in Cadiz wanderte.“
„Diesem angeblichen Gesandten des spanischen Königs haftet der Gestank von Schmutz und Verleumdung an“, sagte Hasso von Manteuffel angewidert, „mein Gott, wenn ich das alles gewußt hätte, ich hätte ihn sofort mit einem Fußtritt vor die Tür befördert.“
„Es hat sich nichts geändert“, sagte Hasard erbittert. „In all den Jahren ist es geblieben, wie es war: Ein de Coria bleibt ein de Coria. Ihre niederträchtigen Geschäfte wollen sie jetzt hier fortsetzen.“ Er erinnerte sich an den Blick durch das Spektiv. Jetzt wurde ihm klar, warum ihm dieser alte hagere Geck auf der spanischen Galeone so bekannt erschienen war. Die Ähnlichkeit mit Salvador de Coria! Hasard wandte sich wieder an seinen Onkel und fragte, was er auf die unverschämte Forderung des höchst ehrenwerten Besuchers geantwortet habe.
„Natürlich habe ich mich nicht entschieden“, erwiderte Hasso von Manteuffel, „ich habe diesem Betrüger nur erklärt, daß die ganze Angelegenheit im Familienrat besprochen werden müsse. Und dazu gehöre nun einmal mein ältester Sohn, der in Kürze zurückerwartet werde. Ich hatte sowieso starke Bedenken. Nur erschien mir die Unterschrift auf der Urkunde echt. Ich habe sie eigens noch mit einer alten Signatur meines Bruders verglichen.“
„Die Unterschrift ist gefälscht“, sagte Hasard mit Bestimmtheit, „daran gibt es nichts zu rütteln. Es ist einfach ungeheuerlich, was sich dieser de Coria hier leistet.“
Die Vorstellung, daß dieser Mann auch sein Onkel war, jagte dem Seewolf einen Schauer über den Rücken. Welch ein Unterschied zwischen Hasso von Manteuffel und diesem spanischen Geck! Eine Welt trennte diese beiden Männer.
„Nun“, sagte Hasso von Manteuffel nach kurzem Nachdenken, „wir müssen uns jetzt darüber klarwerden, wie wir weiter vorgehen wollen.“ Er sah seinen Neffen besorgt an. Wie sehr die Empörung in Hasard brodelte, war leicht zu erkennen. Und auch Arne war nicht minder aufgebracht.
„Schicken wir einen Boten zu den Spaniern“, schlug Hasard kurzerhand vor, „und bitten wir den ehrenwerten Señor de Coria hierher zu einer Unterredung.“
Es gab keinen Einwand.
4.
„Zurück!“ brüllte Mac Pellew. „Willst du wohl abhauen, du Mistvieh!“
Big Old Shane, schon im Begriff, durch die Grätingsluke abzuentern, grinste breit. Plymmie ließ sich nicht abschütteln. In Ermangelung der Zwillinge, die sonst ihre ständigen Begleiter waren, hatte sie sich dem Mann aus der Kombüse angeschlossen, zumal auch Arwenack und Sir John nicht verfügbar waren. Denn der Schimpanse und der karmesinrote Arara-Papagei turnten wieder einmal hoch oben in den Wanten herum.
„Laß sie in Ruhe“, sagte Shane und winkte ab, „ein Hund ist nicht gern allein.“
„Weiß ich doch.“ Mac Pellew zog hilflos die Schultern hoch. Mit Trinkwasserkanne in der einen und Henkeltopf in der anderen Hand war er ohnehin nicht in der Lage, sich die Wolfshündin vom Hals zu halten. „Aber ich entsinne mich, daß es mit dem Knilch da unten schon mal Schwierigkeiten gegeben hat. Ihretwegen.“ Er hob die Kanne und deutete auf den grauen Vierbeiner, der auf einstimmigen Beschluß der Seewölfe zum Bordhund ernannt worden war.
„Hunde sind manchmal wie Menschen“, entgegnete Shane, „an unsympathische Zeitgenossen müssen sie sich erst gewöhnen.“
„Zeit genug hatte sie dazu allerdings.“ Mac Pellew bewegte sich in Richtung Grätingsluke und gab seinen Widerstand endgültig auf, als Plymmie prompt hinter ihm herhechelte.
„Sie wird ihn nicht gleich auffressen.“ Big Old Shane setzte seinen Weg in den Bauch des Schiffes fort. „Wie auch immer, unser Freund Woyda wird langsam zum Klotz am Bein. Wie lange haben wir ihn jetzt an Bord?“
„Mindestens zehn Tage. So lange kochen der Kutscher und ich nun schon zusätzliche Rationen.“
„Stimmt. Das war am Abend des 29. März, als Woyda in Hapsal eins auf den Schädel gekriegt hat.“
In der späteren Auseinandersetzung mit Kriegsschiffen der polnischen Krone hatte Witold Woyda, seines Zeichens Generalkapitän im Dienst des Polenkönigs Sigismund, Hasard und Arne und ihren Männern als Geisel gedient.
Big Old Shane hatte eine Öllaterne angezündet. Nach dem Weg durch die Unterdecksräume öffnete er das Schott zur Vorpiek und hielt die Laterne in den engen Raum.
Witold Woyda sah ganz und gar nicht mehr eindrucksvoll aus. Seine goldbetreßte Uniform war schmutzig und zerknittert, die vornehme Lockenperücke saß nicht mehr richtig, denn das ehedem kurzgeschorene Haar des Generalkapitäns war bereits zu sehr nachgewachsen. Sein Gesicht war eingefallen und bleich, die Augen waren flackernd auf den bärtigen Hünen gerichtet.
„Kein Grund zur Panik“, sagte Big Old Shane beruhigend, obwohl Woyda ihn nicht verstehen konnte. „Zeit zum Essenfassen, sonst nichts.“
Der Pole reagierte nicht. Er schien nicht einmal wahrgenommen zu haben, daß der hünenhafte Schmied von Arwenack etwas gesagt hatte. Big Old Shane zuckte mit den Schultern und wich zur Seite, um Mac Pellew hereinzulassen.
Woydas unruhiger Blick wanderte an dem Mann aus der Kombüse vorbei, als dieser die Kanne und den Topf vor ihm auf die Planken stellte. Jäh zuckte der Generalkapitän zusammen, seine Gesichtsmuskeln bewegten sich krampfartig. Abwehrend hob er die Hände. Die Fesseln hatte der Seewolf ihm abnehmen lassen, da er längst nicht mehr in der Lage war, Widerstand zu leisten.
„Fang nicht an, verrückt zu spielen, du Stint“, sagte Mac Pellew knurrend, „ich sorge dafür, daß du was zwischen die Kiemen kriegst, und du tust so, als ob ich dir Böses will!“
Woyda stieß einen schrillen Angstschrei aus.
Erst jetzt begriff Mac Pellew. Er mußte grinsen, als er sich umdrehte und Plymmie zwischen den Beinen Big Old Shanes stehen sah. Die Wolfshündin fletschte das Gebiß, nichts weiter. Und es schien ihr mächtig zu gefallen, daß sie allein dadurch einen ausgewachsenen Mann zum Zittern bringen konnte.
Der Schrei des Generalkapitäns wollte nicht enden.
Mac Pellew machte kurzen Prozeß. Er packte ihn am Kragen und versetzte ihm eine Ohrfeige, daß es klatschte. Es wurde still.
„Hier!“ brüllte Mac. Er stieß den Schlotternden von sich und deutete auf die Kanne und den Topf. „Essen! Kapiert? Von Heulen hat keiner was gesagt. Das kannst du Plymmie überlassen, die kann’s nämlich besser.“
Woyda schluckte, holte tief Luft, und dann antwortete er mit einem Wortschwall, der ebensowenig abreißen wollte wie sein Geschrei. Mac Pellew und Big Old Shane wechselten einen Blick. Das einzige Wort, das sie verstanden, war „Stenmark“. Und der Pole dachte nicht daran, seine Litanei zu beenden.
„Sieht so aus, als ob er uns einen Vortrag halten will.“ Big Old Shane blies die Luft durch die Nase. „Holen wir also unseren Dolmetscher.“
„Das bleibt natürlich an mir hängen“, sagte Mac Pellew ärgerlich.
„Erraten.“ Shane grinste. „Für die Bewachung des Gefangenen bin ich zuständig. Also los, tu unserem hochwohlgeborenen Generalkapitän den Gefallen.“
Mac Pellew begab sich seufzend auf den Weg. Während der Wartezeit forderte Shane den Polen mehrmals mit Gesten auf, sich um sein leibliches Wohl zu kümmern. Doch Woyda rührte keinen Bissen an.
„Will der Bastard etwa in den Hungerstreik treten?“ sagte Shane, als Mac Pellew mit Stenmark, dem blonden Schweden, zurückkehrte.
„Das werden wir gleich haben.“ Stenmark wandte sich in seiner Muttersprache an den Generalkapitän. Woyda war es bereits gewohnt, sich an Bord der „Isabella“ auf Schwedisch zu verständigen – seit dem Verhör durch den Seewolf, das Stenmark übersetzt hatte.
Wieder ergoß sich ein Wortschwall aus der engen Vorpiek.
Stenmark drehte sich schließlich, und er mußte an sich halten, um nicht in Gelächter auszubrechen.
„Er bittet mich in aller Form, Kapitän Killigrew seinen Protest zu übermitteln.“
„Protest?“ Big Old Shane rieb sich das Kinn. „Gegen was?“
„Gegen die schlechte Behandlung. Er fühlt sich als Kriegsgefangener und möchte als solcher behandelt werden. Er sagt, er brauche sich nicht gefallen zu lassen, ständig von einem reißenden Wolf bedroht zu werden.“
Die Männer starrten sich sekundenlang stumm an. Dann prusteten sie los. Mac Pellew kniete nieder und kraulte der Hündin das Fell.
„Hast du das gehört, Lady? Du bist soeben zum reißenden Wolf befördert worden.“
Plymmie hatte längst aufgehört, die Zähne zu fletschen. Statt dessen schloß sie die Augen und genoß es, gestreichelt zu werden.
Big Old Shane hatte sich von seinem Heiterkeitsausbruch erholt.
„Sag ihm, wir werden künftig auf seine zarten Nerven Rücksicht nehmen und den bösen Wolf an die Leine legen, solange der Mister Generalkapitän seine kärglichen Mahlzeiten einnimmt.“
Stenmark übersetzte wortgetreu.
Witold Woyda verstand den Spott sehr gut. Beleidigt riß er den Topf an sich und begann, Bohnen und Speck in sich hineinzustopfen. Die Männer würdigte er keines Blickes mehr.
Rodriguez de Coria legte die Hände auf den Rücken und durchmaß den Kapitänssalon mit kurzen, gestelzten Schritten. Die blütenweißen Rüschen seines Hemdes wippten auf und ab und bildeten einen grellen Kontrast zum öligen Schwarz seiner Lockenperücke.
„Wollen Sie sich nicht setzen, Don Rodriguez?“ fragte Kapitän de Frias. Er verharrte unschlüssig vor dem Tisch, auf dem eine Weinkaraffe und funkelnde Kristallgläser wie immer bereitstanden.
De Coria drehte sich um und wedelte fahrig mit der rechten Hand.
„Nein, nein, schon gut.“ In der Furchenlandschaft seines hageren Gesichts zuckte es. „Ich verzichte. Aber tun Sie sich keinen Zwang an.“
Der Kapitän der „Santissima Madre“ zog irritiert die Augenbrauen hoch. Er war um etliches jünger als de Coria, doch ebenso gepflegt und gepudert.
„Fühlen Sie sich nicht wohl, Don Rodriguez? Sie sind doch sonst nicht abgeneigt.“
„Was nehmen Sie sich heraus!“ De Corias Gesicht rötete sich in aufbrausender Wut. „Unterlassen Sie solche Andeutungen, de Frias. Wenn wir gelegentlich zusammen trinken, bedeutet das noch lange nicht, daß ich Ihnen solche primitiven Vertraulichkeiten gestatte. Ich bin keineswegs auf Sie angewiesen.“
Wenn du dich da nur nicht täuschst, alter Halunke, dachte de Frias, doch er hütete sich, seine Gedanken auszusprechen. Ohne mich wärst du hier in fremden Gewässern ziemlich hilflos. Aber das ist noch das Nebensächlichste. Wenn ich wollte, könnte ich dich auffliegen lassen, und du wärst für alle Zeiten erledigt. Madre mia, was bist du doch für ein alter Narr, de Coria! Der Heimweg nach Spanien ist noch verdammt lang. Ich denke, ich werde dich erst dein sauberes Geschäft abschließen lassen. Dann habe ich immer noch Zeit genug, den Gewinn einzustreichen. Ärgere mich nur weiter, de Coria, und deine Chancen, Spanien lebend wiederzusehen, werden immer geringer!
Laut sagte de Frias: „Verzeihen Sie vielmals, Don Rodriguez. Es war nicht meine Absicht, Sie zu beleidigen. Wenn Sie erlauben, werde ich einen aufmunternden Schluck zu mir nehmen.“
„Bitte“, sagte de Coria steif. Er wandte sich abrupt ab, blieb vor dem Fenster an Backbord stehen und starrte durch die Bleiglasscheiben, als könne er auf diese Weise die Lösung eines Rätsels finden, das nur ihm selbst bekannt war.
Kapitän de Frias setzte sich und ließ den Wein in eins der Gläser perlen. Nach dem ersten Schluck gab er einen wohligen Laut von sich und lehnte sich zurück.
„Ein elendes Wetter ist das, nicht wahr, Don Rodriguez? Ehrlich gesagt, an solchen Tagen kriegt selbst ein alter Seefahrer wie ich eine Ahnung davon, was Heimweh ist. Was für ein gottverlassenes Land dies doch ist! Die Menschen hier müssen mit Schwimmhäuten zwischen den Zehen und den Fingern geboren werden.“
Rodriguez de Coria antwortete nicht sofort. Immer noch starrte er hinaus. Der andauernde Regen war wie ein trübgrauer Vorhang, der sich über den Mastenwald der Schiffe im Hafen von Kolberg gelegt hatte. Selbst die Frachtsegler in unmittelbarer Nähe der spanischen Galeone waren nur schemenhaft zu erkennen. Schließlich wandte de Coria sich um.
„Sie reden zuviel, de Frias, besonders heute. Ich überlege, ob ich mich nicht in meinen eigenen Salon zurückziehe.“
„Oh, ich bitte abermals um Vergebung, Don Rodriguez.“ De Frias erhob sich halb, deutete eine Verbeugung an und setzte sich wieder. Er bemühte sich, seinen Spott nicht herausklingen zu lassen. „Aber, mit Verlaub gesagt, was schadet es Ihnen, solange ich belangloses Zeug rede?“
De Corias Augen verengten sich.
„Was wollen Sie damit andeuten?“
„Nichts, absolut nichts.“
„Halten Sie mich nicht zum Narren.“ Die Stimme de Corias war wie ein Zischen. „Sie glauben, Sie haben mich in der Hand, weil ich Sie in meine Pläne eingeweiht habe.“
„Ich habe das als eine Ehre aufgefaßt, Don Rodriguez. Im übrigen denke ich, daß Sie mich einweihen mußten. Denn ohne meine Hilfe stehen Sie hier in der Ostsee auf verlorenem Posten.“
„Allerdings“, entgegnete de Coria verächtlich, „erwähnen Sie es nur oft genug, damit ich es nicht vergesse.“
Kapitän de Frias hob sein Glas und nahm einen langen Schluck.
„Don Rodriguez“, sagte er besänftigend, „warum hören wir nicht auf, uns gegenseitig anzustacheln? Ich denke, Sie sind ein wenig nervös. Liegt das am Wetter?“
Einen Moment schien es, als wollte de Coria erneut aufbrausen. Doch er besann sich, zog die Schultern hoch und ließ sie wieder sinken. Dann gab er sich einen Ruck und setzte sich zu de Frias an den Tisch.
„Geben Sie mir ein Glas. Sie haben recht. Ich fange an, mich selbst verrückt zu machen.“
De Frias nickte, lächelte und schenkte ein.
„So gefallen Sie mir schon besser. Ehrlich gesagt, ich fing an, mich zu wundern. Denn ich hatte nie einen angenehmeren Trinkgenossen als Sie.“
„Dabei soll es auch bleiben.“ De Coria hob sein Glas. Nachdem sie sich zugeprostet hatten, fuhr er fort: „Irgend etwas ist mir auf den Magen geschlagen. Bestimmt nicht das Wetter. Vielleicht hängt es mit dieser englischen Galeone zusammen.“
„Dem muß ich zustimmen. Der Anblick eines Engländers kann einem die beste Laune verderben. Aber mit unserer Angelegenheit sollte das doch nichts zu tun haben, oder?“
„Nein, überhaupt nicht. Nur – wenn ich richtig gesehen habe, haben der Engländer und die andere Galeone am Liegeplatz der von Manteuffels vertäut. Es scheint so, als unterhalte das Handelshaus von Manteuffel Beziehungen zur englischen Krone. Ein Umstand, der zumindest Unwohlsein hervorruft.“
„Zugegeben. Aber ich beharre darauf, daß dies Ihr Vorhaben in keiner Weise beeinträchtigen wird, Don Rodriguez. Der alte von Manteuffel hat keine Möglichkeit, die Wahrheit herauszufinden. Spanien ist weit. Und in England gibt es niemanden, der uns gefährlich werden könnte.“
Rodriguez de Coria sah sein Gegenüber stumm und sinnierend an. Er war noch nicht imstande, jenes Unbehagen in Worte zu kleiden, das ihn befallen hatte.
Aber, verdammt, es ließ sich nicht wegwischen.
5.
Es goß noch immer in Strömen, als Schritte im Korridor des Handelshauses von Manteuffel den erwarteten Besuch ankündigten. Der Bedienstete, der als Bote zur „Santissima Madre“ geschickt worden war, klopfte und öffnete die Tür. Der Geruch regenfeuchter Kleidung wehte herein.
„Herr de Coria und sein Dolmetscher.“
„Ich bitte die Herren herein.“ Hasso von Manteuffel erhob sich, und ihm war anzusehen, wie schwer es ihm fiel, die Formen zu wahren.
Den Seewolf durchzuckte ein Stich, als er den Mann sah, mit dem er auf widersinnige Weise verwandt war. Rodriguez de Coria begrüßte Hasso von Manteuffel mit schleimiger Höflichkeit. Der Spanier sah aus der Nähe noch verlebter und aufgeputzter aus, als es der Blick durch das Spektiv ermöglicht hatte. Er war ein alter Mann, gewiß. Doch die dunklen Ränder unter seinen Augen und die kalkige Farbe seines Furchengesichts rührten nicht allein vom Alter her.
Hasso von Manteuffel stellte Arne als seinen ältesten Sohn und Hasard als einen entfernten Verwandten vor, der mit seinen Zwillingssöhnen und einem Decksmann eingetroffen sei, um Familiäres zu besprechen. Hasard hatte das Gefühl, sich schütteln zu müssen, als er de Coria gezwungenermaßen die Hand reichte. Der Dolmetscher war ein dicklicher Zwerg namens Esteban Romero.
„Nun?“ fragte de Coria, nachdem sie sich gesetzt hatten. Er blickte den Hausherrn an und faltete die mageren Finger. „Ist der Familienrat bereits zu einem Ergebnis gelangt?“ Romero übersetzte es ins Deutsche, mit einem harten, rollenden Akzent.
Hasard dachte nicht daran, sich auch nur eine Sekunde zurückzuhalten.
„Darf ich dieses famose Schriftstück sehen, Señor de Coria?“
Der Spanier riß die Augen auf.
„Oh! Sie sprechen meine Sprache besser als mancher Landsmann. Woher stammen Ihre hervorragenden Kenntnisse, Señor von Manteuffel?“
Der Seewolf lächelte kalt.
„Deutsche Kaufleute haben sich schon immer durch ihr besonderes sprachliches Talent ausgezeichnet.“
„Nun, da haben Sie zweifellos recht.“
„Ich erinnere an das Schriftstück.“
Rodriguez de Coria verzog das Gesicht in einem Anflug von Ärger. Dieser Spanisch sprechende von Manteuffel wollte ihm ganz und gar nicht gefallen, einer von der hartnäckigen Sorte. De Coria witterte Verdruß, und dieser Verdruß würde von diesem Mann ausgehen, der dem ältesten Sohn des Firmeninhabers wie ein Bruder ähnlich war.
„Aber bitte, natürlich.“ De Coria ließ sich von seinem Dolmetscher eine lederne Mappe geben und zog das Papier heraus.
Hasard nahm es mit einer scheinbar dankenden Geste entgegen. Er warf nur einen flüchtigen Blick auf die Schrift.
„Sehen Sie her“, sagte er kühl und hob das Dokument mit spitzen Fingern empor.
Rodriguez de Coria blinzelte irritiert.
Im nächsten Moment zuckte er zusammen.
Das Geräusch reißenden Papiers drang überlaut in die Stille des Raumes. Hasard zerfetzte das sogenannte Schriftstück seelenruhig in kleine Stücke und ließ sie zu Boden regnen.
De Coria sperrte den Mund auf und bewegte die dünnen Lippen. Doch in seiner Fassungslosigkeit brachte er keinen Ton heraus.
Die Stimme des Seewolfs war wie klirrender Frost.
„Dieses Schriftstück ist eine Fälschung. Oder können Sie mir erklären, de Coria, wie ein Toter noch eine Unterschrift leisten kann?“
Der Spanier schnappte heftiger nach Luft. Im nächsten Moment sprang er auf.
„Was nehmen Sie sich heraus!“ brüllte er, wobei sich sein Gesicht krebsrot färbte. „Sie wagen es, einem Gesandten des spanischen Königs in einem solchen unverschämten Ton zu begegnen?“ Sein hagerer Kopf ruckte herum. Anklagend sah er Hasso von Manteuffel an. „Ich muß Sie dringend ersuchen, Ihren Verwandten zu maßregeln. Ich denke nicht daran, das Gespräch auf dieser Basis fortzusetzen.“
Esteban Romero fand keine Zeit mehr, zu übersetzen. Denn der Seewolf stieß den sehr ehrenwerten Señor de Coria kurzerhand in seinen Sessel zurück.
„Sie werden jetzt zuhören“, sagte Hasard kalt, „meine Verwandten sind über alle Zusammenhänge informiert. Eine Übersetzung können wir uns daher schenken. Punkt eins: Godefroy von Manteuffel, der Ihre Urkunde unterschrieben haben soll, ist am vierten Oktober des Jahres 1580 durch Mörderhand aus dem Leben geschieden. Punkt zwei: Der Mörder hat seine Untat allerdings auch nicht überlebt. Genau vier Sekunden nach dem Mord ist er mit einer Axt geköpft worden. Der Name dieses Schurken lautete Salvador de Coria.“
Hasard hielt inne, und der Nachhall seiner Worte klang wie Hammerschläge.
Rodriguez de Coria war schneeweiß geworden. Sein Atem ging jetzt stoßweise, und fast schien es, als würde er ohnmächtig werden und aus dem Sessel kippen. Doch diesmal hatte er sich erstaunlich schnell wieder in der Gewalt.
„Das ist erlogen“, keuchte er wutentbrannt, „woher wollen Sie diese Information haben, Señor von Manteuffel?“
Der Seewolf konterte unbarmherzig und mit beißender Schärfe.
„Dazu brauche ich keine Information, werter Señor de Coria. Ich bin nämlich selbst dabeigewesen. In Spanien kennt man mich unter dem Namen Philip Hasard Killigrew, man nennt mich auch den Seewolf. Zufällig bin ich auch der Sohn Godefroy von Manteuffels. Ich war kaum ein Jahr alt, als ich von den sauberen drei Brüdern de Coria der Mutter geraubt wurde.“
„Das ist nicht wahr!“ De Coria röchelte, griff sich an den Hals.
Hasards Stimme peitschte gnadenlos weiter. Hasso von Manteuffel und die anderen hielten den Atem an.
„Einem Betrüger und Verbrecher tut die Wahrheit immer weh. Das wundert mich überhaupt nicht. Aber die Geschichte geht noch weiter, de Coria. Und wenn es sein muß, werde ich den Rest der Wahrheit in Sie hineinprügeln. Erinnern Sie sich an die deutsche Hansekogge ‚Wappen von Wismar‘! Auf dieses Schiff wurde ich damals in Cadiz im Säuglingsalter gebracht. Das unerwünschte Balg sollte nach Deutschland abgeschoben werden, nicht wahr? Der Mittelsmann dieser niederträchtigen Tat war ein gewisser Handelsherr namens Romeronde Zumarraga in Cadiz. Derselbe Halunke übrigens, der auch das Lösegeld für Godefroy von Manteuffel auf Betreiben der drei sauberen Brüder de Coria in die eigene Tasche gesteckt hat, statt es Uluch Ali zu überbringen.“
Rodriguez de Coria verdrehte die Augen. Er war jetzt offensichtlich einer Ohnmacht nahe. Hasard packte ihn kurzentschlossen am Rüschenkragen, schüttelte ihn in die Wirklichkeit zurück und ließ ihn wieder in den Sessel fallen.
„Das war eine gemeine Unterschlagung“, fuhr Hasard mit unverhohlenem Zorn fort, „wegen der Godefroy von Manteuffel mehr als zwanzig Jahre als Galeerensklave Uluch Alis erleiden mußte. Zwanzig Jahre! Ist Ihnen überhaupt klar, was das bedeutet? Und dann, als ich meinen Vater befreit habe, wird er hinterrücks von Ihrem Bruder niedergestochen.“ Hasard schüttelte voller Abscheu den Kopf und preßte sekundenlang die Lippen aufeinander. Grenzenlose Verachtung lag in seiner Stimme, als er fortfuhr: „Diese Verbrechen, die Sie und Ihre Brüder sich geleistet haben, waren schon abscheulich genug – von der Anmaßung her, sich als Moralapostel über Ihre Schwester aufzuspielen, über Kindesraub und Unterschlagung bis hin zum Mord. Aber das Bubenstück, zu dem Sie sich jetzt erdreisten, ist der Gipfel. Zehntausend Goldtaler wollen Sie erschwindeln, indem Sie eine Urkunde fälschen und einen aufrechten, anständigen, ehrlichen Mann, der seit mehr als zwölf Jahren tot ist, als Spieler und Schuldenmacher diffamieren. Das ist noch infamer und hinterhältiger als Ihre bisherigen Schandtaten. Für mich sind Sie nichts weiter als ein elender, dreckiger Leichenfledderer!“ Hasard hatte sich in Rage geredet. Ihm kribbelte es in den Fingern, den Spanier zu packen und ihm auf der Stelle eine Lektion zu erteilen, die er so schnell nicht vergaß.
Doch dies erledigte sich gewissermaßen von selbst.
Hasards zornige Anklage wirkte im wahrsten Sinne des Wortes niederschmetternd auf Rodriguez de Coria.
Der noble Gesandte des spanischen Königs war aschgrau im Gesicht, das krampfartig zuckte. Mit einem vernehmlichen Röcheln kippte er zur Seite aus dem Sessel.
Der Dolmetscher sprang auf und wollte ihm zu Hilfe eilen.
„Finger weg!“ fuhr ihn der Seewolf an.
Mit zwei Schritten war er bei dem Ohnmächtigen, packte ihn, hob ihn mühelos auf und schleifte ihn auf den Korridor hinaus.
Esteban Romero folgte ihm zeternd.
„Señor, ich ersuche Sie dringendst – nicht diese Behandlung! Sie haben es mit einem Gesandten des spanischen Königshauses zu …“
Er verschluckte sich an seinen eigenen Worten, als der Seewolf, schon an der Haustür, ruckartig herumfuhr. In den eisblauen Augen des hochgewachsenen schwarzhaarigen Engländers glomm ein gefährliches Feuer.
„Schweigen Sie, Mann! Nehmen Sie Ihre Sachen, und verschwinden Sie!“
Romero beeilte sich, der Anordnung Folge zu leisten. Erschauernd sah er, wie der Seewolf die Tür aufstieß und den Ohnmächtigen in die Gosse hinauswarf.
Romero zuckte zusammen, als ihn der nächste Befehl Hasards wie ein Peitschenhieb traf.
„Räumen Sie dieses Stück Dreck weg, bevor ganz Kolberg zu stinken anfängt!“
Esteban Romero zitterte vor Aufregung und Empörung. In fieberhafter Eile versuchte er, der für ihn entwürdigenden Situation Herr zu werden. Daß es ihm nicht gelang, lag in erster Linie an dem noch immer in Strömen herabrauschenden Regen.
Wie zum Hohn fiel die schwere Eichentür des Handelshauses von Manteuffel vor ihm ins Schloß. Romero fühlte sich mutterseelenallein und so verlassen wie nie zuvor in seinem Leben, allein mit dem von ihm verehrten Gesandten, den dieser englische Teufel nach seiner Meinung auf demütigende Art und Weise in die Ohnmacht getrieben hatte.
Romero verhedderte sich in seinem eigenen Umhang und dem goldbestickten Mantel de Corias. Verzweifelt versuchte er, den Ohnmächtigen mit dessen Mantel zu bedecken, um ihn wenigstens einigermaßen vor der Nässe zu schützen. Doch je mehr er sich bemühte, desto mehr verfing er sich in dem schweren Tuch. Schon spürte er, wie ihm der Regen bis auf die Haut drang. Die schweren Tropfen, die auf das Steinpflaster klatschten, riefen kleine Fontänen hervor. Keine Menschenseele war ringsherum zu sehen, und dennoch hatte Romero das bohrende Gefühl, aus allen Fenstern von höhnischen Blicken beobachtet zu werden.
Er wollte de Coria unter den Armen fassen und geriet mit den Füßen auf den eigenen Mantelsaum. Mit einem spitzen Schrei stürzte Romero über den Bewußtlosen und landete mit dem ganzen Gewicht seines kurzen, rundlichen Körpers in einer knöcheltiefen Pfütze.
Heulend vor Wut rappelte er sich wieder auf. Kurzerhand schleuderte er de Corias Mantel beiseite, und jetzt gelang es ihm endlich, den Reglosen unter den Achseln zu packen. Romero war kein sehr kräftiger Mann. So blieb ihm nichts anderes übrig, als seinen hilflosen Herrn am Kai entlangzuschleifen. Daß die kostbaren Schnallenschuhe des hochwohlgeborenen Gesandten dabei arg in Mitleidenschaft gezogen wurden, war noch das kleinste Übel. Viel schlimmer war, daß der Mantel zurückbleiben mußte. Oh, wenn diese von Manteuffels einen Funken Anstand im Leib hatten, dann würden sie das teure Kleidungsstück schleunigst zurückgeben.
Esteban Romero schwitzte unter dem Regen, und das lag nicht nur an der Anstrengung. Seine Empörung steigerte sich mit jedem Schritt, den er rückwärts keuchend zurücklegte. Er fand sich damit ab, daß er vor Nässe triefte. Er fand sich damit ab, daß er nicht der Mann war, der Señor de Coria hätte schützen können. Aber er würde sich niemals damit abfinden, daß ein spanischer Edelmann so gedemütigt worden war.
Er erreichte die Pier, an der die „Santissima Madre“ vertäut lag. Nur noch hundert Yards waren jetzt zurückzulegen. Hundert Yards durch die rauschenden Schleusen des Himmels. Romero hatte das Gefühl, daß die Schmach noch eine Ewigkeit andauern würde.
Er passierte einen offenen Schuppen an der Landseite der Pier. Schauerleute hatten unter dem Bretterdach Zuflucht gesucht.
„Nun seht euch das an!“ grölte eine rauhe deutsche Stimme. „Früh am Tag – und schon stinkbesoffen!“
„Tja, die feinen Leute können sich das leisten!“ rief ein anderer.
„Keiner von den unseren“, fügte ein dritter dröhnend hinzu, „das ist einer der feinen Pinkel von dem spanischen Schnörkelkahn!“
„Ah, kein Wunder“, ließ sich wieder der erste vernehmen, „die Offiziere auf diesen Feudalschiffen sollen ja nichts Besseres zu tun haben, als von morgens bis abends ihren stinkigen Rotwein in sich hineinzukippen.“
Esteban Romero wünschte sich ein Loch im Erdboden, in das er am liebsten versunken wäre. Daß er den Kerls in ihrer eigenen Sprache mit einer passenden Bemerkung hätte antworten können, fiel ihm nicht einmal ein.
Dann, nach endlosen Minuten, hörte er vertraute spanische Stimmen, aufgeregte Stimmen. Und eilige Schritte näherten sich. Als die Decksleute ihm die schwere Last abnahmen, empfand er keine Erleichterung – eher den Drang, nun seinerseits in Ohnmacht zu fallen.
Wie er an Bord gelangte und mit trockenen Sachen versorgt wurde, wußte er später nicht mehr. Als Kapitän de Frias ihn dann in seinen Salon zitierte, spürte Romero, daß sein Kopf glühte, und er wünschte sich abermals jenes Loch im Erdboden.
Rodriguez de Coria, mit bleichem und eingefallenem Gesicht, lag auf der Koje und hielt sich ein Fläschchen Riechsalz unter die Nase.
„Niemand wirft Ihnen etwas vor, Romero“, sagte de Frias, „ich habe von Señor de Coria bereits erfahren, was sich im Hause von Manteuffel abgespielt hat. Es handelt sich lediglich darum, daß wir Sie als Zeugen brauchen. Denn wir werden diesen unerhörten Vorfall keineswegs auf sich beruhen lassen.“
Unendliche Erleichterung befiel den Dolmetscher. Und wieder war es die Empörung, die ihn zittern ließ, als er in allen Einzelheiten über das unerhörte Geschehen berichtete.
Kapitän de Frias entließ ihn mit einer gnädigen Geste. Er wandte sich an de Coria, der unter einem Deckenstapel ruhte.
„Ein Branntwein könnte Ihnen jetzt nicht schaden, Don Rodriguez.“
„Her damit“, entgegnete de Coria, und er konnte nicht verhindern, daß seine Zähne klapperten.
De Frias schenkte ein und brachte ihm das Glas.
„Eins ist ja wohl klar“, sagte er grinsend. „Ihre Felle schwimmen davon, Don Rodriguez. Wenn Sie jetzt noch etwas beschicken wollen, gibt es nur eins.“
„Und das wäre?“ De Coria stellte das Riechsalzfläschchen beiseite und leerte das Branntweinglas in einem Zug.
„Die Flucht nach vorn. Was denn sonst? Am besten verteidigt man sich, indem man angreift.“
Darmowy fragment się skończył.