Czytaj książkę: «Bruno, der Schatzsucher»

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Inhaltsverzeichnis

Impressum

Zitat

Widmung

1. Kapitel

Von Berlin in die Wüste 9

2. Kapitel

Swakopmund und die Kleinsiedlung 23

3. Kapitel

Farmleben auf Krumhuk 47

4. Kapitel

Die Schafe und der Süden 60

5. Kapitel

Lehrzeit in Omaruru 89

6. Kapitel

Windhoeks Milch 94

7. Kapitel

Speedcop-Bruno 118

8. Kapitel

Leben im Straßenbau-Camp 132

9. KAPITEL

Die Claims in der Namib und ein fast verlorener Schatz 146

10. Kapitel

Diamantenfieber 166

11. Kapitel

Stadtverwaltung und Schweinezucht 184

12. Kapitel

Mein Freund Karlowa und die Skeletten-Küste 193

13. Kapitel

Spatzendreck und Fledermausmist 203

14. Kapitel

Blaue Wunder und ein Unruhestand 207

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2022 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99131-149-2

ISBN e-book: 978-3-99131-150-8

Lektorat: Susanne Schilp

Umschlagfoto: Jakub Krechowicz, Vladimir Stanišić | Dreamstime.com, Bruno Hoppe & Sybille Rückleben

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

Innenabbildungen: Bruno Hoppe & Sybille Rückleben

www.novumverlag.com

Zitat

„Habe Freude am Leben und

ärgere dich nicht.“

Erst im höheren Alter habe ich gelernt

wirklich nach diesem Motto zu leben.

Viel zu oft habe ich in meinen jungen Jahren

wertvolle Lebenszeit und -qualität geopfert,

weil ich mich über so manche Dinge geärgert habe,

die später gar nicht mehr wichtig waren.

Widmung

Meinem Schatz Heide gewidmet


Karte von Namibia


Kantine & Kasino Elisabethbucht, damals 1927


Kantine & Kasino Elisabethbucht, 2017


Wohnhaeuser Elisabethbucht, 2017


Hertha und Emil Hoppe auf Swakopaue

1. Kapitel

Von Berlin in die Wüste

Im Jahre 1924 lebten meine Eltern in Berlin. Ich war noch nicht geboren und zu dieser Zeit, nach dem ersten Weltkrieg, herrschte eine schwere Rezession in Europa. Die Arbeitslosigkeit war extrem hoch und das Geld nicht viel wert.

Hertha, meine Mutter, hatte im Stadtteil Charlottenburg einen kleinen Krämerladen, wo sie hauptsächlich Seifen verschiedenster Art sowie andere Wasch- und Reinigungsmittel verkaufte. Vater Emil arbeitete als Schlosser, während Mutters Laden mehr schlecht als recht lief. Die Leute konnten sich fast nichts mehr leisten und auch Vaters Entgelt war ziemlich karg. Zum Glück bekam er den Lohn täglich ausgezahlt und so konnten sie von der Hand in den Mund leben. In diesem Jahr kam mein älterer Bruder Horst auf die Welt. Dies machte das Leben nicht einfacher, zumal sie auch noch für die Großmutter, die zusammen mit ihnen in der kleinen Wohnung lebte, sorgen mussten.

Vater und sein Freund Hermann, ebenfalls Schlosser, arbeiteten in derselben Firma und so manches Mal träumten sie von der großen weiten Welt und von einem besseren Leben. Die beiden Freunde waren jung und steckten voller Tatendrang und Abenteuerlust. Sie hatten den furchtbaren Weltkrieg überlebt und erhofften sich noch mehr vom Leben als die Enge und die Armut, die sich ihnen in Berlin bot.

In einer gemeinsamen Mittagspause, als Vater die Tageszeitung durchblätterte, stieß er auf eine große Anzeige. Ihm klopfte plötzlich das Herz bis zum Hals und ziemlich aufgeregt las er seinem Freund vor: „Reparatur-Schlosser werden gesucht für eine Diamantengesellschaft in Afrika. Nachfragen und Bewerbungen: Lüderitzbucht, S.W.A.“

Vater überlegte nicht lange und sagte: „Du, Hermann, die suchen nach Männern wie uns! Komm wir bewerben uns, schlechter als hier kann es uns da auch nicht gehen. Aber wo genau ist S.W.A?“

„Südwestafrika? Unsere ehemalige Kolonie? Mit dem Dampfer dauert die Reise vier Wochen. Jetzt steht Südwest ja unter britischer, besser gesagt südafrikanischer Verwaltung.“

Nach einigen Überlegungen beschlossen sie, einen Bewerbungsantrag bei der genannten Adresse in Lüderitzbucht einzureichen. Um sich keinen falschen Hoffnungen hinzugeben, behielten sie die ganze Sache vorerst für sich und warteten mit Spannung auf Antwort. Dann, nach über drei Monaten, als es fast schon in Vergessenheit geraten war, fand Hermann einen Brief mit schönen, fremdländischen Briefmarken in seinem Briefkasten. Darin wurden sie beide zum Vorstellungsgespräch zu einer Berliner Adresse eingeladen. Voller Aufregung fuhren sie gemeinsam dorthin, stellten sich vor und wurden prompt eingestellt. Alle Kosten, auch die Reisekosten, wollte die Diamantengesellschaft Consolidated Diamond Mines, kurz CDM, übernehmen. Dazu sollte es noch ein gutes Taschengeld für die Überfahrt geben.

Vater sagte zu Hermann: „Du bist ledig, ich habe Frau und Kind und Hertha weiß noch gar nichts davon.“ „Ach, Emil“, sagte Hermann, „wie ich Hertha kenne, wirst du ihr das schon beibringen können!“

Nach Feierabend begleitete Hermann dann doch meinen Vater zu Mutter nach Hause, um diesen bei seiner Beichte zu unterstützen. Ganz verlegen betraten sie die Wohnung und nachdem Vater seinen Mut zusammengenommen hatte, berichtete er von der Bewerbung und dem Ergebnis. Mutter hörte gespannt zu und sagte: „Wenn es das ist, was euch Spaß macht und es uns auch noch besser gehen soll, dann ran an den Speck! Ich bleibe vorerst hier in meinem Laden, weil ja auch die Großmutter noch bei uns wohnt. Wenn es euch beiden da gefällt, verkaufe ich alles und komme nach.“

Es wurde also kurzerhand gekündigt, dann gepackt und alles Wichtige besprochen. Arbeitskameraden lachten: „Was wollt ihr beide auf dem schwarzen Kontinent, ihr seid bald wieder hier, weil bei dem unkultivierten Volk dort kann man doch nicht leben. Außerdem haben zu allem Übel die südafrikanischen Engländer und die Buren in Südwest jetzt das Sagen.“ Die beiden ließen sich, trotz aller Argumente, nicht beirren und so kam es, dass sie sich, recht unbedarft und relativ unvorbereitet, Anfang 1927 auf einem Dampfer der Woermann-Linie Richtung Südwestafrika befanden.

Nach Wochen erreichte das Schiff einen besonders kargen und völlig verlassenen Küstenstreifen. Ein Matrose, der diese Route bereits gefahren war, sagte: „Das ist jetzt die Küste Südwestafrikas.“ Kopfschüttelnd schauten sich die Freunde diese neue, nebelverhangene und sehr öde Welt an und fragten sich, was hier auf sie zukommen würde. Es wurde weder in Swakopmund, der deutschen Landebrücken-Stadt, noch in Walfischbucht, dem britischen Hafen, angelegt. Neben unglaublichen, in Fata Morgana verschwimmenden Weiten, erkannten sie, wenn die Sicht etwas klarer war, auch riesige Dünenwände vom Schiff aus. Eines späten Abends dann, es war eine mondlose, dunkle Nacht, erreichten sie endlich die kleine Bucht, ehemals Angra Pequena, mit der Stadt Lüderitz, wo sie bis zum nächsten Morgen auf Reede lagen.

Als die ersten Sonnenstrahlen langsam die Küste erhellten und als der Frühnebel sich lichtete, erblickten die Freunde von der Reling aus ein kleines Städtchen mit Kirchturm und einigen hübschen Häusern. Allerdings war das, was sie sahen, umgeben von einer sehr trostlosen Landschaft, bestehend aus nichts als Steinen, Klippen und nochmals Steinen. So weit man schauen konnte, gab es ringsherum nur Wüste.

Hermann sagte zu meinem Vater: „Emil, das sieht schlimm aus für uns beide!“

Während des Ausschiffens wurde nicht viel geredet, denn der Dampfer hatte zwei Tage Verspätung und entsprechend war die Eile groß. Ein Mitarbeiter der CDM-Gesellschaft erwartete sie am Pier. Vater wollte sich vergewissern und fragte: „Wir sind doch hier in Lüderitzbucht stationiert, oder?“ Die Antwort kam prompt: „Nein, hier sind keine Diamanten, ihr geht nach Elisabethbucht.“

„Oh Schreck, was noch?“, raunte Hermann meinem Vater zu, „und nun haben wir für zwei Jahre einen Vertrag unterschrieben.“

Am selben Tag ging es noch weiter nach Elisabethbucht, einem kleinen Minenort etwa dreißig Kilometer südlich von Lüderitz, ebenfalls direkt am rauen Atlantik gelegen. Elisabethbucht bestand gerade mal aus einer Handvoll Gebäuden und war, was sehr oft der Fall war, wie sie schnell noch feststellen sollten, in dicken Nebel gehüllt. So weit das Auge reichte, sah man entweder Wasser oder Wüste. Die Gegend war das Einsamste, was sie bisher in ihrem ganzen Leben gesehen hatten.

Die große Diamantenwaschanlage stand bereits und überall wurde noch weiter gebaut und prospektiert. Entgegen des ersten Eindruckes wurde dann doch alles noch sehr aufregend für die beiden Neuankömmlinge. Bevor sie sich weiter über ihr Schicksal Gedanken machen konnten, ging es bereits an die Arbeit. Im neunstündigen Schichtwechsel war die Diamantenförderung sehr interessant und spannend. Die riesigen Maschinen, die sie von nun an betreuen mussten, waren schweres Gerät, speziell für den Zweck der Diamantenförderung gefertigt und erforderten ihr ganzes Schlosserkönnen.

Alle Angestellten waren in kleinen, aus Zementsteinen gebauten Zimmern untergebracht. Verpflegt wurden sie von der Minengesellschaft in einem großen Kantinengebäude. Da es nirgendwo Süßwasser in der Gegend gab, hatte man, um Trinkwasser zu gewinnen, große Glasplatten aufgestellt, mit denen der Nebel eingefangen wurde. Außerdem wurden Unmengen an Getränkeflaschen angefahren, auch reichlich Bier. Sogar ein Casino gab es und so war das Leben mit Arbeit und Freizeitvergnügen doch recht ausgefüllt und gar nicht so einsam wie anfangs befürchtet.

Wenn die beiden Glück hatten und zusammen auf Nachtschicht waren, konnten sie tagsüber – vorausgesetzt, dass keiner der lästigen Sandstürme über die Bucht fegte – gemeinsam am Strand mit Leinen angeln. Angelruten, wie man sie heute benutzt, gab es damals noch nicht. Das Angeln im fischreichen Atlantik begeisterte die Freunde mehr und mehr und sie entwickelten mit der Zeit eine große Leidenschaft dafür.

Nach drei Monaten bekamen Vater und Hermann das erste Mal eine Woche Urlaub und sie fuhren mit dem Minentransport nach Lüderitzbucht, wo sie einkaufen und sich etwas amüsieren wollten. Sie stiegen vor dem Kappshotel, dem einzigen im Ort, ab. Beim Eintritt kam Frau Kapps und jagte beide wieder hinaus mit den Worten: „Raus, Capies sind im Hotel nicht zugelassen!“ Die beiden verstanden das nicht und hatten keine Ahnung, was sie verbrochen hatten. Durch den dreimonatigen Aufenthalt draußen im Seewetter waren sie so braun gebrannt, dass Frau Kapps unter dem festen Eindruck stand, es handelte sich um sogenannte Capies, Farbige aus dem Kapland, die oft auf den Straßen herumlungerten und bettelten. Zum Glück kannte ein anderer Gast Vater und Hermann und so konnte Frau Kapps überzeugt werden, dass sie aus Deutschland kamen und Angestellte der Minengesellschaft waren. Sie wurden dann eingelassen, Frau Kapps entschuldigte sich und gab zur Bereinigung des Missverständnisses einen Schnaps aus. Es wurde noch lange an dem Tag gefeiert. Die Aufnahme in die kleine, geschlossene Gesellschaft von Lüderitz war gelungen.

Mehr als zwei Jahre lebten Vater und Hermann bereits in Elisabethbucht, als sie erfuhren, dass ihr Arbeitsvertrag verlängert werden sollte, sie jedoch irgendwann nach Kolmanskuppe, östlich von Lüderitzbucht, versetzt werden sollten. Bei Kolmanskuppe wurden zwar schon seit Jahren ebenfalls Diamanten abgebaut, der Ort befand sich jedoch immer noch im weiteren Ausbau. Die Wohnhäuser für Kolmanskuppe, so auch das, was man Vater versprochen hatte, mussten erst in Deutschland vorgefertigt, dann per Schiff geliefert und vor Ort, inmitten der Sanddünen, zusammengebaut und aufgestellt werden.

Nun war es an der Zeit, dass Mutter nachkam. Sie verkaufte also ihren Krämerladen, organisierte bei der Verwandtschaft die Versorgung der Großmutter, packte das wenige Hab und Gut der Familie zusammen und schiffte sich mit meinem Bruder Horst nach Südwest ein. Die Wiedersehensfreude meiner Eltern war groß, hatten sie doch Jahre aufeinander gewartet, um eine neue und bessere Zukunft gestalten zu können. Einige Monate verbrachten sie dann noch gemeinsam in Elisabethbucht, bevor sie in das neue Holzhaus in Kolmanskuppe einziehen konnten. Die Wohnhäuser der Minenarbeiter wurden alle mit schönen, neuen Möbeln von der Diamantengesellschaft eingerichtet. Horst wurde gleich in die Schule von Kolmanskuppe eingeschult und ich wurde dort am 21. 06. 1931 im Krankenhaus geboren.

Mutter lebte sich schnell in der neuen Umgebung ein, denn aus Kolmanskuppe war ein sehr kultiviertes Minen-Städtchen mit allem Drum und Dran geworden. Zeitweise galt es sogar als die reichste Stadt Afrikas, es verfügte über Kino, Kegelbahn, Tanzsaal, Turnhalle und sogar eine Eisfabrik. Jede Familie erhielt täglich eine halbe Stange Wassereis für den Kühlschrank. Sogar die erste Röntgenanlage auf der südlichen Halbkugel wurde ins Krankenhaus nach Kolmanskuppe geliefert. Wie alle dort verdiente Vater in der Zeit recht gut und die Gemeinschaft aus fast dreihundert Erwachsenen und etwa vierzig Kindern führte trotz der widrigen Umgebung, inmitten von Sandstürmen und gnadenloser Hitze, ein recht vergnügliches und luxuriöses Leben

Für mich war es eine schöne Kindheit. Meine damaligen zwei kleinen Freunde und ich hatten den größten Sandspielplatz der Welt und wir bauten darin, was man sich als Kind nur vorstellen kann. Während mein Bruder Horst die Schulbank drücken musste, liefen wir überall herum und stellten so manchen Unfug an.

Kolmanskuppe verfügte über ein kleines Schienennetz, um Waren leichter über die Sanddünen transportieren zu können. Der Schienenkontrolleur benutzte eine Schiebetrollie, um die Schienen regelmäßig vom Sand zu befreien und zu warten. Diese Trollie stand oft unbenutzt und unbeaufsichtigt auf den Gleisen und bot uns ein gutes Klettergerüst und Spielzeug. Wir schoben die Trollie zur Zentral-Wäscherei, der Diamantenwaschanlage am Hang, dort gaben wir ihr einen Schubs, sprangen schnell auf und dann ging es in rasender Fahrt bergab. Dieses Spiel trieben wir tagelang, bis die Zeit uns eines Tages einen Streich spielte. Die Lokomotive mit Frachtwaggons aus Lüderitz kam auf den Hauptgleisen angedampft und die Weichen waren inzwischen umgestellt worden. Als ich bemerkte, dass wir nun den falschen Weg einschlugen, schnappte ich mir die Eisenstange, die wir benutzten, um uns bei der Abfahrt abzustoßen und in Fahrt zu bringen, und warf diese vor den rasenden Trollie. Alles entgleiste und wir drei flogen in hohem Bogen durch die Luft. Einer hatte den Arm gebrochen, der andere hatte ein Loch im Kopf, nur ich kam, zumindest vorerst, glimpflich davon mit ein paar Schrammen und blauen Flecken. Der Lokomotivführer, der das alles beobachtet hatte, berichtete sofort bei der Werkstatt über das Unglück und Vater versohlte mir Knirps ordentlich den Hintern. Dies war dann leider das Ende unserer Schienentrollie-Abenteuer.

Dann wurde Mutter krank und konnte sich gar nicht wieder recht erholen. Der Arzt der Gemeinde von Kolmanskuppe, Dr. Krenzel, empfahl, dass sie sich ins Sanatorium nach Deutschland begeben sollte, um sich auszukurieren.

1935 fing man langsam an, die Minenstadt Kolmanskuppe nach Oranjemund, ganz im Süden des Landes, umzusiedeln. Dort hatte man bereits 1929 noch größere Diamanten entdeckt. Auch unsere Familie sollte in absehbarer Zeit nach Oranjemund folgen. Die Eltern beschlossen, dass Mutter, Horst und ich erst einmal nach Deutschland fahren sollten, bis es auch für uns Zeit war, Kolmanskuppe zu verlassen. Vater dachte, nach nun fast acht Jahren Tätigkeit für die Diamantengesellschaft und da die Zukunft in der Branche recht ungewiss erschien, über eine Rückkehr nach Deutschland nach. Überhaupt waren die Zeiten inzwischen nicht mehr ganz so rosig und nicht zuletzt hingen diese Überlegungen auch mit Mutters angeschlagener Gesundheit zusammen. So sollte sie dann auch in der Zeit, die sie und wir Kinder in der alten Heimat verbrachten, einmal die Fühler ausstrecken, ob sie dort einen Platz und auch Arbeitsmöglichkeiten für die Familie sah.

Während Mutter mit den Reisevorbereitungen begann, hatten meine Freunde und ich noch eine schöne Spielzeit, vor allem an der Abrissstelle der Zentral-Wäscherei, wo wir prima klettern und rumturnen konnten.

Eines Vormittags spielten wir im Sand, ziemlich weit vom Haus entfernt. Ich fand einen schönen Stein. Blank blitzte er in meiner Hand und spiegelte das Sonnenlicht wider. Ich steckte ihn in meine Hosentasche und wir spielten weiter. Abends, als Vater nach Hause kam, zeigte ich ihm ganz stolz meinen Fund. Vater nahm den Stein und betrachtete ihn lange. Dann sagte er, etwas blass im Gesicht geworden: „Junge, das ist nichts, so was findest du überall!“ Er ging zum Fenster und warf meinen schönen Stein in einem hohen Bogen in den Dünensand hinaus.

Es hatte sich wohl um einen recht großen Diamanten gehandelt, aber, was ich damals nicht wusste: Niemand, der für die Gesellschaft arbeitete, durfte jemals im Besitz von Diamanten sein. Dies wurde hoch mit Gefängnis und Entlassung bestraft.

Mein Schicksal wurde wohl durch diese Begebenheit nachhaltig geprägt. Die Freunde und ich suchten noch tagelang nach dem Stein, haben ihn aber niemals wiedergefunden. Und den Rest meines Lebens sollte ich von nun an immer wieder mit dem Suchen nach Steinen, Mineralien und anderen Schätzen verbringen. Es war mir von Stunde an ins Blut übergegangen.

Die Zeit kam, um Abschied zu nehmen. Mutter, Horst und ich befanden uns auf dem Dampfer nach Deutschland. Meine liebste Beschäftigung bestand darin, den Matrosen beim Anstreichen des Schiffes zu helfen. So war meine Wäsche immer voller Farbkleckse. Damit Mutter nicht schimpfte, wuschen die Matrosen mir regelmäßig Hemd und Hose. Die lange Zeit der Überfahrt verging so wie im Fluge.

Tante Emma, Vaters Schwester, und ihr Mann Onkel Georg holten uns am Hamburger Hafen ab. Da sie keine eigenen Kinder hatten, nahmen sie uns gerne bei sich auf. Horst wurde in Berlin eingeschult und ich war die meiste Zeit mit Onkel Georg zusammen. In den zehn Monaten, die wir in Deutschland verbrachten, nahm er mich überall mit hin, während sich unsere Mutter langsam im Sanatorium erholte.

Die politische Situation, vor allem in Berlin, wurde jedoch immer angespannter. Die Nationalsozialisten hatten drei Jahre zuvor die Macht übernommen. Zwar unterstützte ein großer Teil der Bevölkerung diese neue Diktatur, aber viele andersdenkende Menschen trauten sich nicht mehr auf die Straße, da sie mit Strafe und Repressalien rechnen mussten. Abweichende politische Meinungen wurden nur noch hinter vorgehaltener Hand geäußert oder lieber gar nicht mehr. Private Briefe wurden geöffnet, kontrolliert und zensiert. Dies betraf auch besonders den Briefwechsel aus den ehemaligen deutschen Kolonien, da diese nun direkt oder indirekt unter britischer Verwaltung standen.

Trotz der damals stattfindenden Olympischen Spiele in einem Berlin voller Euphorie spürte Mutter die unterschwellig sehr bedrückte Stimmung in der Bevölkerung. Ihre Entscheidung bezüglich einer Rückkehr der Familie nach Deutschland war ein klares Nein. Nachdem sie wieder ganz gesund war, schrieb sie an Vater: „Kartoffeln schälen habe ich in Deutschland als junge Frau gelernt, das brauch ich nun nicht mehr zu erlernen.“ Vater verstand diesen Hinweis richtig und organisierte gleich für Mutter und mich die Rückfahrt nach Afrika. Nur mein Bruder Horst blieb vorerst in Deutschland bei Onkel und Tante, um die Schule zu beenden.

Nach unserer Rückkehr nach Südwestafrika Ende 1936 blieben wir nur noch kurz in Kolmanskuppe und siedelten dann über nach Oranjemund. An der Grenze zu Südafrika mündet dort der große Oranje-Fluss in den Atlantik. Im Gegensatz zu fast allen anderen Flüssen im Land führt er beständig Wasser mitten durch die Namib-Wüste und hat im Laufe vieler Jahrmillionen reiche Diamantenvorkommen ins Meer und an die südliche Küste gespült. In der Zwischenzeit waren unsere Häuser mitsamt Möbeln nach Oranjemund gebracht worden und so zogen wir neu in unser altes deutsches Holzhaus in Oranjemund ein.

Anmerkung: Kolmanskuppe und das alte Elisabethbucht sind heute Geisterstädte, die man nur noch als Tourist erleben kann. Die verlassenen Gebäude von Elisabethbucht sind durch Sandstürme und die salzige Luft des Atlantiks wabenartig zerfressen. Sie stehen zum Teil noch als bizarre Ruinen an der Küste des heutigen Namibias. Sofern sie nicht für Besichtigungen teilweise wiederhergerichtet wurden, werden die übriggebliebenen Gebäude von Kolmanskuppe und alles andere, was dort einfach von den Bewohnern zurückgelassen wurde, allmählich von den Dünen der Namib zugedeckt und begraben.

Aus Oranjemund schickten meine Eltern monatlich Geld nach Deutschland um für Kost und Logis für meinen Bruder aufzukommen. Unser südafrikanisches Geld war sehr viel mehr wert als die Deutsche Mark und so profitierten auch Onkel Georg und Tante Emma.

Es gab hier weniger Kinder, mit denen ich mich anfreunden konnte. Doch eines Tages kam ein junger Mann in die Stadt und suchte nach Arbeit. Er wurde als Aufseher bei der Minengesellschaft eingestellt und musste außerdem den Transport für die Schichtwechsel übernehmen. Um die Arbeiter hin und zurück zu transportieren, wurde ihm ein Chevrolet zur Verfügung gestellt. Der junge Mann wurde ein guter Freund meiner Eltern und so bekam ich zu Onkel Hermann noch einen zweiten väterlichen Freund dazu, Pepi Schierie-Lartz.

Da ich meistens alleine war und Mutter nicht auf die Nerven fallen wollte, dachte ich mir einen Plan aus. Wenn mein Vater Nachtschicht hatte, kam er früh morgens nach Hause, um sich schlafen zu legen. Ich wollte unbedingt mal mit zum Abbau fahren. Als Vater dann wieder eines Morgens von Onkel Pepi nach Hause gebracht wurde, wartete ich bereits am Tor, in der Hoffnung, dass Onkel Pepi sich auf meine Seite stellen würde. Ich bettelte laut vor Vater und, wie gehofft, kam dann auch prompt von Pepi der Befehl: „Bruno, steig ein!“ Bevor Vater protestieren konnte, kletterte ich schnell hinten auf die Ladefläche. „Bye-bye, Vater, sag Mutti Bescheid. Ich bin jetzt erst mal weg!“ Wir brausten davon. Das Problem, welches Vater jetzt mit Mutter hatte, war ja nicht mehr meines und von da ab fuhr ich öfter mit Onkel Pepi mit.

Irgendwann ging meine schöne Kinderfreizeit zu Ende. Ich wurde im vierhundert Kilometer entfernten Lüderitzbucht eingeschult und kam ins Schülerheim. Frau Baronin von Krauss war unsere Heimmutter und hütete uns streng, aber doch liebevoll. Wir Kinder aus Oranjemund hatten, trotz der großen Entfernung zu den Eltern, eine schöne Zeit im Schülerheim. Viele deutsche Farmerkinder waren ebenfalls mit uns dort und wir gingen gemeinsam in die Schule. In den Ferien fuhren alle Minenkinder dann mit einem großen Lastwagen den weiten Weg nach Oranjemund zu den Eltern.

Einmal, während dreiwöchiger Ferien, hatte Vater die Gelegenheit, auf Farm Eirub, der privaten Farm von Herrn Hoerlein, dem Betriebsleiter der Mine, etwas dazuzuverdienen. Er musste die Motoren und Maschinen dort warten und reparieren. Mutter und ich durften mitfahren und so lernten wir das erste Mal ein bisschen Südwester Farmleben kennen. Die Farmen im Süden des Landes waren meist Schaffarmen, die mehrere zehntausend Hektar groß sein konnten. Es regnete hier sehr wenig und die Weide bestand aus recht spärlich bewachsenen, weiten und trockenen Grassavannen. Ideale Bedingungen für die genügsamen Schafe, die zur Fell- und Fleischproduktion gezüchtet wurden. Die Farmer brauchten mitunter mehrere Tage, um ihren Besitz abzufahren und dabei hunderte Schafe zu kontrollieren. Der Absatz ihrer Produkte war zu den meisten Zeiten gut und viele von ihnen waren recht wohlhabend. Allerdings entwickelten sich durch das Einsiedlerdasein auch recht eigensinnige Charaktere unter ihnen. Eirub war eine wunderschöne Farm und ich genoss diese Ferien sehr. Leider ging es viel zu früh wieder ins Schülerheim zurück.

Onkel Pepi zog dann irgendwann auf die Nonidas-Kleinsiedlung in der Nähe von Swakopmund. Als „Kleinsiedlung“ bezeichnet man eine kleine Farm oder Bauernhof. Dort betrieb sein Vater eine Milchwirtschaft und Pepi stieg mit in den väterlichen Betrieb ein. Diese ersten Kleinsiedlungen lagen einige Kilometer vor der Mündung des Swakop Riviers, dieses großen Trockenflusses aus dem zentralen Inland. Trockenflüsse werden, nach dem afrikaansen Wort für Fluss, „Rivier“ genannt. Die fruchtbaren und grünen Uferbereiche am Swakop boten die einzige Möglichkeit, etwas Landwirtschaft in der weiten Umgebung der Wüste um Swakopmund herum zu betreiben.

Die politische Stimmung kippte auch hier plötzlich. 1938 teilte man meinem Vater mit, dass er sich naturalisieren lassen müsse, um ein „british subject“ zu werden, andernfalls würde man ihm die Kündigung nahelegen. Dies bedeutete, dass er seine deutsche Staatsbürgerschaft abgeben und dafür die südafrikanische annehmen sollte. Vater war Reichsdeutscher und sprach weder das landesübliche Afrikaans noch Englisch, auch fühlte er sich nach wie vor der deutschen Kultur eng verbunden, so dass er sich zu diesem einschneidenden Schritt nicht durchringen konnte. Wir verließen also CDM und Oranjemund.

Onkel Hermann hatte sich naturalisieren lassen und blieb bei der Mine angestellt. Trotz der nun folgenden unsicheren Zukunft stand für Mutter eines fest und sie sagte zu Vater: „Alles kann ich mir vorstellen, nur nach Deutschland gehen wir nicht!“ Während des Sanatorium-Aufenthaltes in Berlin war ihr nämlich unmissverständlich klar geworden, dass bald Krieg in Europa kommen würde.

Vater kaufte uns in Keetmanshoop ein Auto, einen Nash Lafayette, der uns noch über viele Jahre gute Dienste leisten sollte. Möbel hatten wir keine, da diese ja der Minengesellschaft gehörten. Ohnehin durfte man als Angestellter bei CDM keine eigenen Möbel besitzen, da man ja sonst darin, bei einem Umzug, gut ein paar Steinchen hätte verstecken können.

Zunächst reparierte mein Vater bei einem Herrn Doktor Mehl auf Farm Guinas bei Maltahöhe Motoren und Pumpen. Dann, obwohl wir Deutsche waren und Vater die Landessprache nicht beherrschte, bekam er eine Anstellung als Reparaturschlosser bei der Eisenbahn in Usakos. Usakos lag an der Bahnstrecke Richtung Swakopmund und ich ging dann dort zur Schule. Wir wohnten in einem schönen, großen Steinhaus, welches meine Eltern von einem Herrn Hoffmann mieteten. Herr Hoffmann war der Tischlermeister von Usakos und fertigte uns endlich eigene Möbel an.

Das erste Jahr in Usakos ging schnell vorüber. Mitte 1939, während der Ferien, als wir Onkel Pepi auf Nonidas besuchten, kehrte auch endlich mein Bruder Horst wieder heim und wir holten ihn vom Schiff in Walfischbucht ab. Gerade noch rechtzeitig, denn kurz darauf brach der Zweite Weltkrieg in Europa aus, er hätte eine Rückkehr für ihn unmöglich gemacht. Und Vater musste nun schon wieder kündigen, weil er Reichsdeutscher war.

2. Kapitel

Swakopmund und die Kleinsiedlung

Wir zogen erst mal zu Onkel Pepi nach Nonidas, zehn Kilometer außerhalb von Swakopmund, wo heute die gleichnamige Burg steht.

Vater bekam dann eine Anstellung in Swakopmund bei der Firma Woermann & Brock, die zu der Zeit auch das Elektrizitätswerk betrieb. Sie suchten einen Maschinisten, der die Generatoren zur Stromerzeugung wartete. Dies bedeutete wieder Schichtdienst für Vater. Ich wurde nun nach Swakopmund umgeschult, bekam ein Fahrrad und musste von der Kleinsiedlung zur Schule in die Stadt radeln.

Inzwischen schrieben wir das Jahr 1940, ich war neun Jahre alt geworden und täglich fuhr ich mit meinem Rad zehn Kilometer zur Schule hin und auch wieder zurück. Die Fahrstraße nach Swakopmund war eine gehobelte Schotterpiste. Da sie nicht ganz gerade verlief, fuhr ich mir einen eigenen Radweg ein, um so viele Meter wie möglich abzukürzen. Horst bekam eine Klempner-Lehrstelle bei Franz Boost in Swakopmund. Zunächst fuhr auch er noch mit dem Fahrrad, bis er ein Zimmer in der Stadt mieten konnte. Vater kaufte sich ein Miele-Motorrad, um zur Arbeit zu fahren. Seine Schichteinteilung war von morgens um sieben bis um drei Uhr nachmittags, von drei Uhr nachmittags bis um elf Uhr am Abend oder von elf Uhr abends bis um sieben Uhr morgens.

Nachdem wir etwa ein halbes Jahr auf Nonidas gewohnt hatten, wurde westlich davon eine Kleinsiedlung privat zum Kauf angeboten. Es war eine ehemalige Hühnerfarm, die Eier produziert hatte. Der Betrieb war inzwischen stillgelegt worden und so stand dort nur ein kleines Wohnhaus mit nichts weiter, kein Wasser, keine Einzäunung. Die Siedlung war offiziell auf den Namen „Farm Eier“ eingetragen, was natürlich etwas albern klang und als Vater sie dann kaufte, benannte er sie gleich in „Swakopaue“ um, weil das Ufer des Swakop Riviers dort ganz üppig bewachsen war mit Eukalyptusbäumen und Tamarisken-Hainen. Wir hatten zum ersten Mal einen eigenen Besitz in Südwestafrika und zogen ganz stolz in das alte Haus ein.

Zu meiner Freude waren es jetzt „nur“ noch neun Kilometer zur Schule. Was ich nicht ahnen konnte, war, dass Vater mich, neben den täglichen Hausaufgaben und erst recht in den Ferien, auch für den Aufbau der neuen Kleinsiedlung eingeplant hatte.

Zu Anfang der Ferien montierte er immer das hintere Teil unseres Nash Lavayette ab und nietete das Rückfenster und das Dachteil hinter den Vordersitzen fest, so dass wir dann einen sogenannten Bakkie (Pick-up) mit Ladefläche hatten. Seitlich wurden noch Holzplanken zum Runterklappen angebracht. Wir waren ganz stolz auf unser Patent.

Damals war das stehende Wasser im Swakop noch trinkbar und es befand sich ein großer offener Teich in der Mitte des Riviers, wo wir zunächst Wasser schöpfen konnten. Auch unsere Gänse flogen täglich zum Teich zum Baden und dann wieder zurück in den Stall.

Fünfzig Meter vom Ufer entfernt bauten wir dann zuerst einen Brunnen, von dem aus das Wasser angetragen wurde. Ich bekam ein Joch mit Eimern auf jeder Seite über die Schulter und musste nachmittags jeweils fünf Mal Wasser holen und den Haustank auffüllen. Zugegebenermaßen stank mir diese Arbeit manchmal sehr, was ich auch öfter kundtat, aber jeder hatte seine Aufgabe, die es zu erfüllen galt. Vormittags, wenn ich in der Schule war und Vater bei der Arbeit, trug Mutter oft das Wasser. Sie versuchte, mich zu entlasten und füllte so manches Mal den Tank für mich. Ich schämte mich dann, wenn der Tank mittags bereits voll war. Es ist mir bis heute ein Rätsel, wie sie so viel laufen konnte. Ihre Eimer waren dazu auch noch größer und entsprechend schwerer. In den Ferien machte ich es wieder gut und sorgte dafür, dass der Tank immer voll war.

Vater besorgte eine Flügel-Handpumpe. Auf der Müllkippe holten wir Fünfundzwanzig-Millimeter-Stahlrohre, die die Hansa-Brauerei ausrangiert hatte. Wir bogen die Rohre gerade und so wurde endlich eine Wasserleitung gelegt. Man musste also fortan nur noch zum Brunnen gehen und pumpen. Die lästige Tragerei hatte zum Glück ein Ende. Vater stellte noch einen kleinen Windmotor über der Pumpe auf. Wenn der Wind blies, lief der Tank sogar über. Mutter legte nun einen Garten an und pflanzte Gemüse für den Hausgebrauch.

Mein Schulfreund Kurt war in Otavi zu Hause, im Nordosten des Landes. Seine Eltern hatten dort eine Farm. Kurt war in Swakopmund im Schülerheim, aber auch in den zehntägigen Ferien konnte er aufgrund der Entfernung nicht nach Hause. Er wohnte dann immer, bis zum Ende der Ferienzeit, bei uns. Schnell erledigten wir unsere tägliche Ferienarbeit auf der Kleinsiedlung und dann stromerten wir in der Gegend herum, vor allem gingen wir Onkel Pepi auf die Nerven.

1941, inzwischen herrschte seit fast zwei Jahren Krieg auf der Welt, kam plötzlich die britisch-südafrikanische Polizei und verhaftete Onkel Pepi. Sie nahmen ihn gleich mit, um ihn zu internieren. Später hörten wir dann, dass Pepi und einige seiner Freunde unvorsichtigerweise bei einer Feierlichkeit in Swakopmund nationalsozialistische Lieder gesungen hatten. Er kam, wie viele andere Deutsche aus Südwest, in das Internierungslager Andalusia in Südafrika und wir sahen ihn erst viele Jahre später wieder. Welch ein Schock das für mich und alle anderen aus dem Umfeld war! Sein Vater musste wieder selbst die Milchwirtschaft übernehmen. In dieser Zeit hielten sich meine Eltern auch mit Bekanntschaften in der Nachbarschaft sehr zurück. Es gab damals nur wenige Siedler am Rivier und man musste wirklich sehr vorsichtig sein, was man sagte, um nicht irgendwie angeschwärzt zu werden. Die Zeiten waren schlecht und zwischen den Kleinbauern herrschte große Konkurrenz. So manch einer gönnte dem anderen nicht die Butter auf dem Brot.

Nur ein Nachbar aus der Umgebung östlich von uns kam oft vorbei. Gustav war jedoch bei der „Home Guard“ und man hatte uns ohnehin gewarnt, dass er immer auf seinen Vorteil bedacht war und außerdem eine sehr eigene Rechtsauffassung besaß. Also mussten wir auch ihm gegenüber vorsichtig sein. Später haben wir ihn dann noch viel besser kennengelernt und es hat sich bestätigt, dass „Onkel“ Gustav es nicht immer so genau nahm mit dem Recht und der Wahrheit.

Er baute größere Mengen Gemüse an und schickte diese unter anderem auch nach Oranjemund, per Zugwaggon. Beim Transport ihrer Erzeugnisse von den beiden Eisenbahnstationen Nonidas und Rössing aus mussten die Siedler dann doch zusammenarbeiten, um die hohen Frachtkosten zu teilen.

Ich machte Bekanntschaft mit einem jungen Mann namens Billy King. Er war Mechaniker bei der Eisenbahn und pumpte das Wasser per Zentrifugalpumpe mit einem Petter-Motor nach Nonidas, wo es dann in großen Tanks gechlort und in die Dampflokomotiven gefüllt wurde. Billy war ein Engländer, wie er im Buche stand und sprach auch ausschließlich Englisch. Außerdem war er Junggeselle und fast zwanzig Jahre älter als ich, aber wir wurden die besten Freunde oder „Pellies“, wie man in Südwest sagt.

Herr Schieri-Lartz, Pepis Vater, verkaufte meinen Eltern zwei Kühe, Auguste und Louise. So hatten wir nun auch immer eigene Milch, Quark und Butter. Auch Vaters Qualifikationen als Schlosser hatten sich rumgesprochen und nach und nach fingen die Siedler an, ihre kaputten Motoren und Geräte zu ihm zu bringen, damit er diese nach Feierabend reparierte. Bezahlt wurde meist mit Gemüse, Eiern oder anderen nützlichen Dingen.

Ich bekam auch ein neues Fahrrad, ein Phillips, und Vater erwartete, dass dieses bis zum Ende der Schulzeit hielt. Wenn etwas kaputt ging, was aufgrund der strapaziösen Fahrten, die ich machen musste, nicht gerade selten vorkam, musste ich auf irgendeine Art einen Plan machen. Es war sehr schwierig, während des Krieges Ersatzteile zu bekommen. Wann immer ich einen neuen Mantel, Schlauch oder eine Kette für mein Fahrrad brauchte, half mir Herbert, ein Damara, der bei der Woermann & Brock-Handelskette Transportfahrer war. Er war berufsbedingt im ganzen Land unterwegs und konnte mir meistens das Nötigste besorgen. Da Südwest ja unter südafrikanischer Verwaltung stand, Südafrika wiederum britisch war, hatten wir natürlich auch deren Währung. Ich bezahlte Herbert also zehn Schilling für ein Ersatzteil und ein Pfund Kommission ging dann jeweils in seine Tasche. Wie und woher die Teile kamen, wurde lieber nicht gefragt. Auch Benzin war inzwischen rationiert und gab es nur noch über zugeteilte Coupons. Vater war froh, dass er das sparsame Miele-Motorrad hatte. Mit den Benzincoupons und auch mit Öl wurden in der Zeit die schönsten Tauschgeschäfte gemacht.

Im Oktober und November 1941, immer wenn ich von der Schule kam, konnte ich beobachten, wie sich prächtige Kumuluswolken im Inland aufbauten. Riesige Wolkentürme, die sich scharf vom blauen Wüstenhimmel abgrenzten, sah man am fernen Horizont. Dann, Anfang Dezember, kam eines Tages das Swakop Rivier ab. So heisst es, wenn sich die Trockenflüsse mit Wasser füllen, meist in Form von reissenden Fluten. Dass der Fluss wirklich vorstieß bis ins Meer, war ein sehr seltenes Schauspiel und höchstens alle paar Jahre oder sogar Jahrzehnte mal zu beobachten. Meistens war das Spektakel dann auch nach wenigen Tagen wieder vorbei. Das Flussbett des Swakop ist in der Nähe der Mündung sehr breit und das Wasser lief zuerst auf der gegenüberliegenden Seite der Kleinsiedlungen. Wir dachten, dass es eigentlich nichts zu befürchten gab, vor allem was unseren Brunnen, der viel tiefer als das Haus lag, betraf. In diesem Jahr jedoch führte der Fluss schon einige Wochen Wasser und der Pegel stieg langsam höher und höher. Der Strom wurde immer breiter und dann waren es nur noch wenige Meter bis zum Brunnen. Den Windmotor bauten Vater und ich vorsorglich ab und so wurde in den nächsten Wochen wieder mit der Hand gepumpt, Mutter vormittags und ich nachmittags, und auch Vater – je nachdem, wie er Schicht hatte.

Wir hielten den Haustank immer ganz voll und stellten weitere Fässer auf, die wir ebenfalls immer füllten, für den Fall, dass wir auch die Pumpe noch abbauen mussten.

Dann, am ersten März 1942, Vater hatte Nachtschicht gehabt und schlief, sah ich wieder, während ich von der Schule kam, ganz dicke, bedrohliche Wolkenberge am Horizont. Die Strömung hatte allerdings etwas nachgelassen. Ich ging zur Pumpe, pumpte alles voll und hörte, wie Mutter mich zum Essen rief. Irgendein Gefühl sagte mir: „Nimm die Pumpe mit!“ So schleppte ich sie mit zum Haus, woraufhin Mutter schimpfte: „Was machst du uns für unnötige Arbeit?“ Ich sagte: „Ach, morgen kann ich sie ja wieder mit runternehmen.“

Dann kam Billy mit dem Motorrad und erzählte aufgeregt, dass das Kahn Rivier sehr hoch bei Usakos stand und auch das Swakop Rivier. Der Kahn mündete in den Swakop. Billy hatte, per Telefon der Nonidas-Station, den Auftrag erhalten, die Pumpe der Bahn im Auge zu behalten. Er war noch keine fünf Minuten weg, Mutter und ich standen noch draußen, da kam eine unglaubliche Flutwelle an. Mutter rannte ins Haus, um Vater zu wecken. Ich erschrak ganz fürchterlich, aber der etwas höhergelegte große Garten von Mutter rettete uns. Durch ihn wurde ein Teil der Woge umgeleitet und diese spülte einen Hohlraum davor aus. Ein Teil des Wassers wurde so zurück zur Riviermitte geleitet. Überall um uns war Wasser, Vater wollte das Auto rausfahren – musste zu allem Übel aber erst noch einen Reifen wechseln. Er stand dabei schon bis über die Knöchel im Wasser, schaffte es aber in letzter Minute, das Auto rauszuholen und auf einen nahen Hügel zu fahren. Wir konnten nichts weiter unternehmen, alles, auch unser Haus, stand im Nu unter Wasser. Das Swakop Rivier war weit über die Ufer getreten. Nach nur zwanzig Minuten war der Höchststand erreicht und der Pegel senkte sich wieder.

Später hörten wir, dass zwei Dämme am Oberlauf des Swakop gebrochen waren, daher die große Flutwelle, die uns überrascht hatte. So gegen halb sieben kam mein Bruder mit ein paar Freunden aus Swakopmund angefahren. Wir räumten das Haus fast leer und stellten alles zum Trocknen in die Fläche. Es wurde bereits dunkel, als alles leergeräumt war. Aber nun wurde die Strömung des Swakop wieder stärker, das Rivier fing an, am Ufer zu sägen. Viel Sand wurde weggeschwemmt und wir befürchteten das Schlimmste. Vorsorglich kampierten wir bei unseren Möbeln in einiger Entfernung. Um halb eins in der Nacht war dann das Haus an der Reihe. Das Rivier nahm die Küche, das Wohnzimmer und ein Schlafzimmer mit. Ich werde niemals den nächsten Morgen vergessen, als wir vor einem halben Haus standen. Das Wasser war jedoch dort, wo sich die Reste des Gebäudes befanden, nicht mehr ganz so reißend. Mehr konnte nicht weggespült werden, da sich unterhalb der verbliebenen Mauern Granitklippen befanden.

An dem Tag ging ich natürlich nicht zur Schule und auch mein Freund Kurt sagte zum Klassenlehrer: „Entschuldigen Sie mich, aber ich muss weg, ich muss Bruno helfen.“ Er lieh sich ein Fahrrad und kam um neun Uhr bei uns an. Das, was übrig geblieben war von unserem Haus, wurde saubergemacht. Wir putzten also die Garage und die drei restlichen Zimmer. Komischerweise stand dort, wo mal die Küche gewesen war, noch der Sendling-Holzofen auf drei Beinen. Er wurde zurechtgeschoben und so konnten wir wenigstens kochen.

Billy kam vorbei und bot uns an, erst mal das Eisenbahnhaus zu nutzen. Aber Vater lehnte dankend ab, weil wir ja noch ausreichend Platz übrighatten. Die Garage wurde als Allgemeinzimmer eingerichtet und diente als Küche, Wohn- und Abstellraum und die Eltern und ich hatten noch ein Schlafzimmer. Kurt blieb über Nacht und am nächsten Morgen mussten wir zur Schule. Damals hatten wir auch samstags Schule bis um zwölf Uhr. Wir schwänzten allerdings und ließen den Lehrer glauben, dass wir noch helfen mussten.

Was wir noch besaßen, wurde nach und nach wieder eingeräumt. Vieles war jedoch der Flut zum Opfer gefallen, der Garten und alle Gartengeräte waren weg, Amboss und Schraubstock, Eimer, Wassertank und sogar die Wasserleitung, alles war weg. Später fanden wir lediglich noch eine Harke und einen Spaten. Billy sagte, wir sollten bei ihm auf der Station mal schauen kommen, wie schief der Wasserturm seiner Pumpanlage stand. Die Flut hatte alles auf einer Seite ausgewaschen und nun sackte der Turm stark ab. In ihm befanden sich der Putter-Motor und die Stufenpumpe, zum Glück unversehrt. Herr Utech, der Eisenbahnmechaniker, kam und setzte die Maschinen mit Baken und Eisenbahnschienen gerade, so dass wenigstens Wasser nach Nonidas-Station gepumpt werden konnte. Bis heute steht der schiefe Turm noch an derselben Stelle.

Kühe, Gänse und Hühner hatten wir, im Gegensatz zu anderen Siedlern zum Glück nicht verloren – es gab aber kein Futter mehr im Rivier und so musste Vater für viel Geld trockene Luzerne bei Woermann & Brock kaufen. Der Swakop floss noch bis Ende April, die letzten zwei Wochen weniger, so dass man vorsichtig darin waten konnte. Man musste nur aufpassen, dass man im schwammigen Sand nicht wegsackte. Viele Kühe und Schweine von Onkel Gustav mussten ausgebuddelt und rausgezogen werden. Einige der Tiere verreckten auch. In der Mitte vom Rivier war eine schmale Insel übrig geblieben. Da entdeckte ich noch viel Schilf, was ich zu meinem eigenen Leid Vater berichtete. Es wurde sofort eine Sichel gekauft und Bruno musste fortan nachmittags Schilf schneiden und nach Hause bringen, da die Kühe zu ihrer eigenen Sicherheit im Stall bleiben mussten. Vater sagte: „Da du ja jetzt nicht mehr pumpen musst, kannst du auch Schilf holen.“ Nun ja, die Kühe waren dankbar, nur ich nicht so sehr.

Unterhalb unserer Wohn-Ruine wurde ein Fass als Brunnen eingebuddelt, die Pumpe aufgestellt und das Wasser unter das verbliebene halbe Dach der nicht mehr existierenden Küche gepumpt. So ging dann alles wieder langsam seinen Gang, Vater musste wieder ins E-Werk, ich zur Schule und Mutter legte einen neuen, allerdings viel kleineren Garten an.

Eines Tages, Anfang 1943, erzählte uns Billy, dass zwischen Schieri/Nonidas und Onkel Gustavs Grundstück Land von der Stadtverwaltung angeboten wurde, welches keiner bewirtschaftete. Mein Vater und ich kannten das Gelände und gingen daraufhin zum Magistrat, um einen Kaufantrag zu stellen. Der Magistrat füllte mit uns alle Formulare aus und schickte den Antrag nach Windhoek zum Tintenpalast, dem Sitz des Parlaments. Die Magistrats-Sekretärin war sehr freundlich und uns Deutschen gut gesinnt. Sie fragte immer wieder nach bei der Obrigkeit und legte ein gutes Wort ein. Die Antwort lautete dann aber doch: Da wir Reichsdeutsche waren, hatten wir nicht das Recht, Land zu erwerben. Man bot uns jedoch an, das Stück über einen Zeitraum von zwanzig Jahren zu pachten und zu bewirtschaften. Meine Eltern stimmten sofort zu und beauftragten einen Landvermesser mit der Vermessung. Wir bezahlten fünf Pfund Pacht im Jahr.

Jetzt ging es erneut an die Arbeit, Vater wünschelte nach Wasser und wir stellten einen Arbeiter vom Owambo-Stamm ein. Der musste zunächst ein großes Loch graben. Ich half nachmittags dabei und nach ungefähr drei Metern Tiefe erreichten wir Wasser. Dieses war süß, gut und trinkbar. In den zehntägigen Ferien kam, wie üblich, Kurt mit auf die Kleinsiedlung und wir schufteten nun zusammen an dem neuen Brunnen. Vater besorgte alte Blechplatten, ein Ring wurde gebaut, Zement und zwei Schubkarren gekauft. Als der erste Ring endlich gegossen war, waren die Ferien schon wieder um. So ging es nun nachmittags weiter – Vater, der Owambo und ich. Ringe wurden gegossen, dann wurde wieder geschaufelt und allmählich sackte der Brunnen in die Tiefe. Eine alte Zentrifugalpumpe wurde bei der Salzkompanie von Herrn Klein abgesahnt und ein alter Schlüter-Motor musste dann die Pumpe antreiben.

Mutter benutzte nun meines Bruders Fahrrad, da dieser es nach seinem Umzug nach Swakopmund nicht mehr brauchte. Sie fuhr jeden Tag von unserer alten Siedlung zur neuen, um Zementsteine zu gießen. Vater hatte dafür eine Form gebaut, so dass man jeweils drei Steine am Stück formen konnte. Mit diesen Steinen sollte ein neues Haus gebaut werden.

Wie schon erwähnt, wurde Benzin durch die Vergabe von Coupons rationiert. Wir bekamen pro Monat zehn Gallonen Benzin für das Auto und drei für das Motorrad. Da dies sehr wenig war, wurde viel mit Benzincoupons geschmuggelt und gehandelt. Onkel Gustav war hier ganz in seinem Metier. Er hatte sich den Transportauftrag ergattert, Diesel für den Pumpmotor von Nonidas-Station zur Pumpe zu fahren. Für die Fahrten bekam er Diesel-Coupons, nur dass er gar kein Fahrzeug hatte, stattdessen transportierte er die Dieselfässer mit dem Eselskarren. So hatte er die begehrten Coupons zum Handeln zur Verfügung, wovon auch wir profitierten. Und auch die Füllmenge der Dieselfässer, die Onkel Gustav bei der Pumpe ablud, entsprach selten der ursprünglich geladenen Menge. Unterwegs gab es immer Schwund.

Vater kaufte für fünf Pfund einen Eineinhalbtonner-Pick-up der Marke Whippet bei Herrn Wenk, der Maurerarbeiten in Swakopmund verrichtete und einen größeren Laster brauchte. Mit diesem Whippet lernte ich schon mit elf Jahren Auto fahren. Das viele Holz, welches der Swakop vom Inland hergespült hatte, fuhr ich damit zur Siedlung. Wir benutzten das Holz zum Anfeuern des Küchenherdes und zum Bau der Einzäunung der neuen Siedlung.

Mit Mutters Zementsteinen wurden drei Zimmer gebaut, gleich neben dem Brunnen. Später wurde vergrößert und ein Badezimmer angebaut. Ende 1943 konnten wir dann endlich in das neue Haus umziehen. Onkel Gustav, der jetzt unser direkter Nachbar war, kam nun noch öfter zu Besuch, wobei wir beim Abschied immer darauf achteten, dass er nichts mitgehen ließ, da er sich ganz gerne Dinge aneignete, die er selbst gut gebrauchen konnte.

Zu meinem Leidwesen war mein Schulweg jetzt wieder zwei Kilometer weiter. Um sechs Uhr dreißig fuhr ich morgens mit dem Rad los. Meistens war dicker Nebel und so kam ich dann pitschnass in Swakopmund an. Wenn der Ostwind allerdings von hinten blies, raste ich mit dem Wind im schnellen Tempo zur Stadt, aber wehe, wenn er mittags immer noch wehte. Dann musste ich das Fahrrad im Gegenwind schieben und kam halb verdurstet erst um drei oder halb vier zu Hause an.

Die Schule selbst war eigentlich recht vergnüglich. Kurt und ich heckten oft Streiche aus. Einmal fing ich auf dem Schulweg eine große Maus ein, die ich in meine Frühstücksbox sperrte. In der Schule angekommen dachten sich Kurt und ich sofort einen Plan aus. Als dann Fräulein Storm die Lehrstunde führte, ging ich zur Tafel und putzte diese, in meiner Tasche befand sich die Maus. Kurt ging zur Ablenkung mit einem Buch zum Lehrerpult und fragte Fräulein Storm etwas. Ihre Handtasche stand zwischen Pult und Tafel auf dem Boden und schnell landete die Maus darin. Die ganze Klasse wartete nun gespannt auf die weiteren Geschehnisse, aber leider passierte gar nichts. Fräulein Storm nahm nach der Unterrichtsstunde ihre Bücher in den Arm, schloss ihre Handtasche und verließ den Klassenraum. Sie unterrichtete die nächste Stunde nun im Nachbarzimmer. Es verging eine ganze Weile, wir waren bereits in den nächsten Lehrstoff vertieft, da gab es plötzlich einen lauten Schrei nebenan, gefolgt von Gepolter und aufgeregten Rufen. Fräulein Storm hatte ein Taschentuch aus der Handtasche nehmen wollen, als die Maus heraussprang und durch das ganze Klassenzimmer rannte. So war es uns gelungen, nicht nur eine Lehrerin, sondern gleich ein ganzes Klassenzimmer zu erschrecken. Natürlich kam heraus, wer dahintersteckte und ich bekam mal wieder eine Verwarnung.

Trotz der Arbeit auf der Kleinsiedlung waren die Ferien am schönsten. Und zumindest den Sonntag hielten die Eltern frei. Mutter pflanzte Gemüse an und Vater nahm die Ernte im Rucksack mit zur Stadt, wo er sie an Privatkundschaft verkaufte. Da es jedoch immer mehr Abnehmer für das Gemüse gab, musste er bald immer mit dem Auto fahren. Das Hansa-Hotel und Woermann & Brock-Einzelhandel wurden ebenfalls ständige Abnehmer. Auch das Hotel Europahof und Eggers-Hotel kauften von uns Gemüse. Inzwischen hatten wir noch zwei weitere Owambo-Männer eingestellt, die sehr fleißig waren. In den dreiwöchigen Juniferien schaufelte ich mit dem einen Owambo ein Wasserloch. Wir mussten nun einen zweiten Brunnen bauen, weil Mutter einen zusätzlichen Garten anlegte.

In einigen Jahren wuchsen Zucker- und Wassermelonen im Überfluss und im nächsten Jahr gab es wieder ganz wenig Ernte. Ich erinnere mich noch gut, dass wir einmal so viele Zuckermelonen ernteten, dass wir nach Walfischbucht fahren mussten, um sie dort einfach auf der Straße zu verkaufen. Abends bin ich mit dem Whippet nach Nonidas-Station gefahren, wenn ein Personenzug unterwegs war und verkaufte Melonen während der Haltezeit im Zug. Der Lokführer hupte dann schon, wenn er fast bei der Station war, ich sprang schnell in den Laster und raste hin. Der Zug stand dann etwas länger, damit jeder kaufen konnte. Der Lokführer bekam immer einige Melonen umsonst und auch Billy erhielt seinen Teil. Die Verspätung des Zuges konnte der Lokführer trotzdem wieder ganz gut aufholen, so dass der Zug pünktlich in Usakos ankam.

Herr Lindau von der Siedlung Brockenfels erntete in einem Jahr so viele Tomaten, dass er einen großen Vertag mit der Fischfabrik in Walfischbucht schließen wollte, um Fisch in Tomatensoße in Dosen einzumachen. Der Vertrag kam aber nicht zustande, worüber Herr Lindau dann heilfroh war, da im nächsten Jahr die Tomatenernte sehr kläglich ausfiel.

So gab es gute und schlechte Jahre und man konnte nie wissen, wie die Ernte ausfallen würde.

In den Juniferien half ich auch oft bei Onkel Gustav. Er hatte von der Regierung die Farm Jakkalswater gepachtet, wo sein Trockenvieh auf Weide stand. Die Milchkühe, die „trocken“ waren, wurden hierhergebracht und die, die frisch gekalbt hatten und gemolken werden sollten, wurden zur Siedlung getrieben, von wo aus er Butter, Milch und Sahne verkaufte. Außerdem schlachtete er auch selbst und verkaufte Frischfleisch. Seine Frau, Tante Sofie, fuhr drei Mal in der Woche mit dem Eselskarren nach Swakopmund, um die Produkte zu verkaufen. Sie konnten jede helfende Hand gebrauchen und ich verdiente mir so ein schönes Ferientaschengeld, mit dem ich mir ein Francis-Barnett-Motorrad kaufte. Es war alt und verrostet, dafür aber billig. Billy half mir, es zu überholen und wieder fahrtüchtig zu machen. Anmelden konnte ich es nicht, da ich ja unter sechzehn war und noch keinen Führerschein besaß. Sonntags fuhren Billy und ich meist mit dem Motorrad zum Angeln. Den Fisch verkaufte Billy dann an das EggersHotel. Er kaufte sich von dem Entgelt meistens eine Flasche Brandy und ich bekam den Rest bar in die Hand. Es war ein gutes Zusatzgeld und ich sparte alles, damit ich mir eines Tages ein größeres Motorrad leisten konnte. Ersatzteile bestellte Billy für mich in Johannesburg bei Motor Cycle Works. Alles kam per Post und wir hatten zumindest keine Ersatzteilprobleme.

Die Ferienarbeit bei Onkel Gustav war vielseitig. So musste ich unter anderem auch mit der Sense Luzerne für die Kühe schneiden. Eines Nachmittags fuhr ich wieder um vier Uhr zu seiner Siedlung und schnitt das Futter. Als Onkel Gustav von Jakkalswater zurückkehrte, bekam ich meinen Lohn: zwei Schilling und sechs Penny, dazu einen vier Wochen alten Welpen. Tante Sofie brannte gerade Schnaps von Pfefferminze, die bei ihnen im Garten wuchs. Ein großer Kupferkessel stand auf dem Holzofen, von dem aus durch ein kleines Rohr das Destillat in ein großes Glas tröpfelte. Zur weiteren Belohnung bekam ich ein Schnapsglas von dem warmen Gebräu. Es schmeckte herrlich und sogleich bekam ich noch ein Gläschen. Das Resultat war, dass die Erde etwas schwankte, während ich, meinen Welpen unter dem einen Arm, das Fahrrad über dem anderen, singend zu Hause ankam. Zum Entsetzen der Mutter war ihr Bub mit dreizehn Jahren betrunken. Onkel Gustav musste sich eine Predigt anhören, die sich gewaschen hatte. Zu Mutters weiteren Ärger war sein einziger Kommentar: „Früh übt sich, wer ein Meister werden will.“ In meinem späteren Leben war ich dann tatsächlich bei so mancher Gelegenheit ein Meister.

Auch während weiterer Ferien bat mich Onkel Gustav immer wieder um Hilfe. Wenn meine Eltern mich entbehren konnten, nahm ich die Arbeit gerne an. Immer wenn wir das Trockenvieh nach Jakkalswater hin- und die Milchkühe zurückbrachten, mussten wir alles, was im Weg stand, zum Beispiel Esel, einfach mitnehmen, egal wem sie gehörten. Onkel Gustavs These war, dass es ja schließlich nicht unsere Schuld war, wenn diese Tiere sich uns einfach anschlossen.

Als ich eine nagelneue Schubkarre für die Arbeit vorfand, erklärte er mir, dass er sie sich bei Woermann & Brock als Entgelt mitgenommen hätte. Er hatte am Vortag dort fünf Sack Zement gekauft. Da gerade keine Hilfskraft zur Verfügung stand, um ihm die Säcke auf seinen Eselskarren zu laden, fuhr er sie mit der Schubkarre selbst aus dem Laden. Da sei es doch nur recht und billig gewesen, dass er die Karre gleich mit aufgeladen habe. So war er, der Onkel Gustav, liebenswert, aber trotzdem ein Gauner durch und durch.

Auf der elterlichen Siedlung waren für die beiden Owambo-Arbeiter inzwischen auch Unterkünfte aus Zementsteinen gebaut worden. Da Milchprodukte sehr begehrt in Swakopmund waren und oft Mangel herrschte, hatte Vater eines Tages eine brillante Idee. In den Juniferien rief er mich zu sich und sagte: „Bruno, jetzt sind Ferien, du bist nun schon vierzehn Jahre alt und damit groß genug. Am Montag bringe ich dich mit dem Owambo Lukas in die Nähe von Karibib, ich möchte dort auf der Farm Ababis drei Kühe bei dem Farmer Gladis kaufen. Du und Lukas bringt die Kühe mit den zwei Kälbern dann zu Fuß, entlang des Swakop, zurück zur Siedlung.“

Ich hatte keine Ahnung was „in der Nähe von Karibib“ hieß und auch nicht, wo der Lauf des Swakop Riviers verlief. Vater sagte: „Es ist recht einfach: Von der Farm bis zum Rivier ist noch gute Weide, danach finden die Kühe im Flussbett genug Grün. Den Weg solltet ihr in etwa fünf Tagen schaffen.“ Der Owambo Lukas und ich bekamen jeder einen alten, geflickten Rucksack. Dann wurde gepackt: ein gusseiserner Dreibeintopf, Streichhölzer, Maismehl, ganz wenig Zucker, denn zu viel davon machte, laut Vater, nur schlapp, Kaffee, Corned Meat aus südafrikanischen Armeebeständen und ein paar Pakete Trockenfleisch. Milch sollten wir unterwegs direkt von den Kühen melken. Billy lieh mir noch sein Tesching-Gewehr und gab mir viele Patronen mit, damit ich unterwegs Perlhühner schießen konnte. Er riet mir außerdem: „Wenn die zäh sind, koch sie einfach die ganze Nacht, im Revier gibt es ja genug Holz.“ Vater füllte noch zwei große alte Wassersäcke, made in Germany, noch aus Oranjemund stammend, und ab ging es mit dem Nash-Bakkie Richtung Wüste.

Mittags kamen wir auf Ababis an. Vater schloss mit dem Farmer Gladis den Handel mit den Kühen ab und verabschiedete sich mit den Worten: „Ihr beide habt alles, was man braucht. Schöne Ferien, Bruno!“ Dann fuhr er in einer großen Staubwolke davon.

Am nächsten Morgen sollte es losgehen. Während ich bei Gladis im Farmhaus übernachtete, hatte Lukas auf der Werft bei den Farmangestellten geschlafen. Er hatte die Gelegenheit genutzt und sich bei den Leuten schlaugemacht, wo genau wir trecken mussten. Die Damara-Arbeiter kannten die Gegend gut und so war Lukas schon etwas besser über die Route im Bilde. Frau Gladis gab mir auch noch ein Päckchen mit selbstgebackenem Biskuit und ein Farmerbrot mit. Voll bepackt machten wir uns dann auf den Weg, die Kühe mit zwei Kälbern vor uns hertreibend.

Lukas sagte, dass unser Treck einen Monat dauern würde, dies zumindest hatten die Arbeiter behauptet. Das waren keine guten Nachrichten und obwohl ich sehr gespannt war auf die Dinge, die auf uns zukommen würden, machte ich mir auch entsprechend Sorgen.

Am ersten Tag ging alles gut. Wir waren stundenlang durch die wogenden Grasflächen der endlosen Namib-Wüste gelaufen. Gegen Abend trafen wir dann auf ein einsam gelegenes Gehöft. Es war die Farm Ubib von einem Herrn Kruger.

„Wo kommt ihr denn her, seid ihr wahnsinnig, zu Fuß nach Swakopmund?“, war seine erste Frage.

„Ja, Herr Kruger, es muss halt sein, sonst bekommen wir unsere Kühe nicht zu unserer Siedlung“, antwortete ich.

Wir wurden mit gutem Essen versorgt und im Haus untergebracht. Am nächsten Morgen gab Herr Kruger uns noch mehr Vorräte mit. Außerdem zeichnete er uns eine Skizze von seiner Landkarte ab. Jetzt planten wir neu, der Weg, den Lukas auf der Werft besprochen hatte, wurde korrigiert. Herr Kruger sprach gut Herero, was auch Lukas beherrschte und so konnte er ihm alles noch mal deutlich erklären. Er verfasste auch einen Brief in Herero, da weiter draußen auf dem einen Viehposten Herero-Arbeiter stationiert waren. Sie sollten uns von dort aus weiter die Richtung weisen.

Dank dieser Hilfe gelangten wir schließlich am nächsten Abend bei Ukuib endlich an den Swakop. Hier war die Landschaft viel zerklüfteter. Der Fluss hatte sich über Jahrtausende tief in die Schichten der Wüste gefressen und dabei die verschiedenen Gesteinslagen freigelegt. In der Abendsonne leuchteten die Felswände in allen Braun-, Grau- und auch Rosatönen. Als wir schließlich unten im Flussbett angekommen waren, bereiteten wir uns auf dem Feuer schnell unsere Mahlzeit zu, rollten unsere dünnen Matten im weichen Sand aus und legten uns dann erschöpft unter dem südlichen Sternenhimmel schlafen. Das Feuer brannte die ganze Nacht und die Kühe, die wir angebunden hatten, blieben ganz in der Nähe, damit herumstreunendes Raubwild sie nicht attackieren konnte.

Am Morgen waren wir ganz zeitig wieder auf den Beinen und treckten am und im Swakop, je nachdem, wie das Gelände es zuließ, vorbei an der Farm Dieptal und dann erreichten wir Salem, wo ein Herr Bertram siedelte. Er kannte mich noch von Oranjemund her. Herr Bertram besaß ein BMW-Motorrad und wollte damit am nächsten Tag nach Swakopmund fahren. Er versprach, bei meinen Eltern vorbeizufahren und ihnen zu berichten, dass alles gut ging und wir wohlauf waren. Am nächsten Tag erreichten wir Gaub, wo einige Mischlinge wohnten. Sie nahmen uns sehr gastfreundlich auf und auch sie reichten uns allerhand zu essen.

Der fünfte Treck-Tag brach an und mittags waren wir bei Riet, wo die Familie Brockerhof siedelte. Herr Brockerhof, der selbst nicht da war – seine Familie bewirtete uns jedoch köstlich – war ein alter Schutztruppler, den ich auch kannte. Er lief nämlich einmal im Monat zu Fuß nach Swakopmund, um Post zu holen und Besorgungen zu machen. Dabei kam er regelmäßig an unserer Siedlung vorbei und trank bei den Eltern immer einen Kaffee. Nun wusste ich, dass es nicht mehr allzu weit war und dass die Damara mit ihrem Monat deutlich übertrieben hatten.

Nach dem Mittagessen bei Brockerhofs zogen wir weiter. An dem Abend, wir lagerten gerade zwischen Arcadia-Siedlung und Husab, bekam die dritte Kuh plötzlich Wehen. Mitten in der Nacht kam dann ein gesundes Kälbchen zur Welt. Husab war ein Trockenposten von „Oubaas“ Schieri-Lartz, Pepis Vater. Dort mussten wir dann zwei Tage Rast einlegen, bis das neugeborene Kälbchen kräftig genug war, um den Treck zu begleiten. Trotzdem mussten wir es abwechselnd immer wieder ein Stück weit tragen. Inzwischen waren wir bereits sieben Tage unterwegs und als wir bei der Siedlung von Familie Poser vorbeitreckten, bat ich Frau Poser, im Hansa-Hotel anzurufen und meinem Vater, wenn er dort das Gemüse ablieferte, ausrichten zu lassen, dass wir bald kommen würden. Am Abend des achten Tages erreichen wir dann endlich die elterliche Siedlung – wohlauf mit drei Kühen und drei Kälbern.

Vater war erleichtert und freute sich. Dass er stolz auf mich war, zeigte er, indem er mich immer wieder damit aufzog, dass ich drei Tage länger gebraucht hatte, als er berechnet hatte. Zwei Jahre später kaufte er vier neue Kühe bei Herrn Kruger auf Ubib und schickte mich und Lukas wieder los. Diesmal brauchten wir nur ganze drei Tage, um die Strecke zu schaffen.

Nach dem ersten Treck hatten wir dank der neuen Kühe natürlich viel Milch, die wir an die Milchwirtschaft Nonidas zu „Oubaas“ Schieri-Lartz lieferten. Ich stand also morgens eine Stunde früher auf, melkte drei Kühe und gab die Milchkannen, die ich mir an die Lenkstange hängte, dort ab. Mittags, auf dem Rückweg, nahm ich dann die leeren Kannen wieder mit. So gab es also noch mehr für mich zu tun als ohnehin schon. Aber die Eltern brauchten jeden Penny. Der Gemüseanbau wurde mehr und mehr, die Nachfrage war groß. Mutter konnte das alleine nicht mehr schaffen und so kündigte Vater schließlich bei dem Elektrizitäts-Werk, um sich ganz auf der Siedlung einzubringen. Er fuhr jeden Dienstag und auch freitags mit dem umgebauten Nash-Bakkie nach Swakopmund und lieferte die Bestellungen ab.

Jeder Tag war ausgefüllt. Neben den Arbeiten auf der Siedlung mussten täglich die Schulaufgaben erledigt werden. Dann kam noch der Konfirmandenunterricht bei Pastor Schmidt dazu. Zusätzlich einmal in der Woche nachmittags zwei Stunden und dann musste ich auch noch am Sonntag zur Kirche gehen, an dem ich bisher meinen Ruhe- und Fischfangtag gehabt hatte. Meist hatte ich das Glück, dass eine benachbarte Siedlerfrau am Sonntag Milch ablieferte und so konnte ich oft mit ihr mit dem Auto mitfahren. Sie hatte so auch einen Grund, private Besuche zu machen, bis ich aus der Kirche kam. Wenn das Wetter gut war, wartete Billy schon auf mich, damit wir wenigstens am Nachmittag noch zum Angeln fahren konnten.

An einem dieser Angeltage erzählte mir Billy von einem seiner Eisenbahnkollegen, der kürzlich verstorben war. Kurz vor dessen Pensionierung fuhr er mit seinem Motorrad am Strand entlang, um zu angeln. Er war etwas kränklich, hatte Asthma, fuhr aber trotzdem regelmäßig an diesen Strandabschnitt. Eines Tages, auf der Rückfahrt, sah er ein Stück von einem hölzernen Schiffsrumpf aus den strandnahen Wogen ragen, darauf einen Schiffsnamen eingebrannt. Er schrieb diesen Namen auf seine Zigarettenschachtel und fuhr heimwärts. Zu Hause berichtete er seiner Frau davon und gab ihr die Schachtel zur Aufbewahrung. Kurz darauf verstarb er und seine Frau hatte Billy nach der Beerdigung die Schachtel gegeben. Die Ehefrau war gleich wieder zurück nach Südafrika gegangen, wo die Familie ursprünglich hergekommen war. Billy gab mir dann die leere Schachtel mit der Aufschrift und ich verstaute sie zu Hause in meinem Kleiderschrank.

Meistens kam ich spät nach Hause, wenn ich mit Billy angeln war. Aber es gab dann immer frischen Fisch und auch das Kleingeld stimmte.

Anmerkung: Viele Jahre später fand ich bei irgendeiner Sucherei den abgerissenen Deckel der alten Zigarettenschachtel wieder und erzählte einem befreundeten Anwalt von dieser Geschichte. Wir gingen nicht weiter auf die Sache ein, aber es ließ ihm doch wohl keine Ruhe und am nächsten Morgen rief er mich an und sagte: „Bruno, bring mir den Deckel doch mal ins Büro, wir sollten vielleicht einige Nachforschungen anstellen.“ Ich brachte den Deckel also zu ihm. Da der Name, der auf dem alten Stück Schiffsrumpf gestanden hatte, portugiesisch klang, beauftragte er seine Sekretärin zunächst einmal, einen Brief an das portugiesische National-Archiv in Lissabon zu schreiben. Sie sollten uns informieren, ob sie Kenntnis von einem Schiff mit diesem Namen hatten. Wir hatten den Vorfall längst vergessen, als viele Monate später die Antwort aus Portugal eintraf. Mein Freund rief mich eiligst in sein Büro. Das Segelschiff war tatsächlich unter der Flagge Portugals, sie teilten uns das genaue Jahr Ende des achtzehnten Jahrhunderts mit, auf Handelsreise nach Indien gefahren. Auf der Rückreise muss es zwischen Angra Pequena und Cape Frio untergegangen sein. Die letzte Rollenmeldung war nachweislich in Angra Pequena abgegeben worden, das Schiff war aber nie am nächsten Stützpunkt, Cape Frio, angekommen. Das Archiv Lissabon hatte eine Liste der Ladung beigelegt. Diese bestand aus sechshundert Kilogramm Elfenbein, vierhundert Kilogramm Goldbarren und noch sehr vielen anderen Edelsachen. Immer wieder habe ich daraufhin an der von Billys Kollegen beschriebenen Stelle nach weiteren Hinweisen am Strand gesucht, leider ohne Erfolg. Meine Suche war allerdings aus Zeit- und Geldmangel auch nie besonders intensiv gewesen.

Eines Tages in den Ferien kam Pastor Schmidt auf seinem Motorrad zu Besuch. Er blieb zu Mittag und wie gewöhnlich fing dann gegen eins der Südwest-Wind zu wehen an. Gegen drei Uhr blies er dann aber so heftig, dass der Pastor unmöglich mit dem Motorrad fahren konnte. Vater sagte: „Bruno, lade das Motorrad auf den Nash und bringe den Pastor heim.“ Ich gab zu bedenken, dass ich ja noch keinen Führerschein besaß. Vater sagte: „Wenn der Pastor nicht heimkommt, hat er ganz andere Sorgen, also lasst euch nicht erwischen und bringe bitte noch die Post mit.“ So fuhr ich mit Pastors Segen das erste Mal selbständig in die Stadt hinein. Zuerst lud ich den Pastor bei der Kirche ab, danach fuhr ich zur Post, die in derselben Straße lag wie das Magistratsgebäude und die Polizeistation. Angeberisch, wie ich mich fühlte, fuhr ich dann auch noch zu Kurt und besuchte ihn im Schülerheim. Alles ging gut und ich kam ohne Probleme wieder zu Hause an. Von da ab fuhr ich auch oft allein mit dem Motorrad in die Stadt. Führerscheinlos, wie ich war, verließ ich mich dabei immer „auf Pastors Segen“. Bald war es die normalste Sache der Welt und es war allseits bekannt, dass Bruno in Swakopmund herumfuhr. Ich wurde niemals erwischt.

Das Problem kam dann erst, als ich sechzehn Jahre alt wurde und nun tatsächlich den Führerschein machen musste. Zuerst musste man einen Lehrschein beantragen, den man ohne Fahrprüfung bekam. Mit Lehrschein durfte man dann in Begleitung eines erwachsenen Führerscheininhabers das Fahren üben. Wenn man das gut genug konnte, prüfte die Polizei die Fahrtüchtigkeit. Erst dann erhielt man den eigentlichen Führerschein.

Ich fuhr also mit dem Auto in die Stadt, parkte vor der Post und ging zu Fuß rüber zur Polizei, um zunächst einmal meinen Lehrschein zu organisieren. Sergeant Venter war der oberste Polizeiwachtmeister. Er kannte meine Eltern gut und mich natürlich auch.

„Guten Morgen Sergeant“, sagte ich freundlich.

„Kann ich dir helfen, Bruno?“, fragte er.

„Sergeant, die Zeit ist gekommen, ich bin jetzt sechzehn und brauche nun einen Führerschein.“

Sergeant Venter fiel der Stift aus der Hand: „Du hast gar keinen Führerschein? Und fährst schon seit zwei Jahren hier mit dem Auto herum? Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich dich eingesperrt!“

„Sergeant, Sie haben ja nie gefragt und ich hatte einfach Glück.“

„Geh sofort rüber zum Magistrat Maritz und hole dir dort den Lehrschein!“

„Sergeant, der Herr Maritz ist nicht besonders freundlich, der macht bestimmt Probleme.“

Sergeant Venter verdrehte die Augen und stöhnte: „Ich komme mit!“

So marschierten wir zum Magistrat. Er entnervt vorneweg und ich hinterher. Und schon tratschten die Leute auf der Straße, dass der Bruno Hoppe wohl eingelocht werden solle.

Beim Magistrat Maritz angekommen, sagte der Sergeant barsch: „Gib Bruno einen Lehrschein!“

„Was, der hat gar keinen Führerschein?“

Der Sergeant antwortete, dass dies nicht sein Problem sein sollte und so stellte mir Magistrat Maritz widerwillig einen Lehrschein aus. Zum Glück war ich dort nicht alleine anmarschiert, das wäre mit Sicherheit nicht gut gegangen.

Der Sergeant fragte mich: „Wie bist du hergekommen?“

„Natürlich mit dem Auto, das steht bei der Post.“

„Nun ja, dann kannst du mich jetzt prüfungshalber auch gleich zum Eggers-Hotel fahren!“

Ich tat wie geheißen und Sergeant Venter setzte sich an die Bar im Hotel und unterschrieb auf dem Lehrschein, dass ich die Fahrprüfung bestanden hatte. Er sagte: „So, nun kannst du deinen Führerschein holen und danach holst du mich hier wieder ab.“

Eine halbe Stunde später war ich wieder beim Magistrat und gab den offiziell von der Polizei unterschriebenen Lehrschein wieder ab, um nun den Führerschein zu erhalten. Der Blick von Magistrat Maritz sprach Bände, als er mir ein Pfund Gebühr abrechnete, den Führerschein ausstellte und dann „raus!“ brüllte.

Inzwischen war Billy im Hotel zum Sergeanten an die Bar gestoßen und die beiden tranken gemütlich ein Bier zusammen. Ich sagte: „Ich habe den Führerschein, Sergeant, und kann Sie nun zurück zur Polizeistation fahren.“

„Du bezahlst die Rechnung hier zur Strafe“, sagte er und stand auf. Als ich vor der Polizeistation hielt und der Sergeant ausgestiegen war, rief ich noch: „Danke und bis Morgen dann!“

„Du Lump, ich will dich hier nicht wiedersehen“, war die Antwort.

Diesen Gefallen konnte ich dem Sergeanten jedoch leider nicht tun. Am nächsten Morgen lieh ich vorsorglich das Motorrad von Billy und erschien wieder auf dem Polizeirevier.

„Guten Morgen!“, rief ich fröhlich. Grimmig fragte er: „Was willst du schon wieder hier?“

Als ich sagte „Sergeant, ich brauche doch nun auch noch einen Motorradführerschein“, dachte ich, dass er gleich platzen würde.

Die ganze Prozedur vom Vortag wiederholte sich also. Zum Glück fanden wir anstelle des Herrn Magistrat Maritz nur eine freundliche Dame vor, die keinerlei Probleme bereitete. Sergeant Venter war inzwischen darauf gekommen, dass mein Motorrad ja nicht angemeldet, also nicht lizensiert sein konnte, da ich bisher noch keinen Führerschein besessen hatte. Schlau und voller Vorfreude fragte er mich, wo ich denn heute parke und ich solle doch einmal vorfahren. Als ich dann mit Billys angemeldeten Motorrad vorfuhr, ärgerte er sich gewaltig: „Seit wann stecken die Engländer mit den Deutschen unter einer Decke?“

Den Kommentar überhörte ich und sagte: „Bedauerlicherweise kann ich heute nicht beim Eggers-Hotel vorfahren, da Billy sein Motorrad dringend zurück braucht, außerdem habe ich nach den ganzen Ausgaben jetzt kein Taschengeld mehr übrig, um Drinks zu bezahlen.“

Nachdem ich dann endlich den Motorradführerschein in der Tasche hatte, fuhr ich schnell zurück zur Nonidas-Station und brachte Billy seine Maschine zurück.

Am nächsten Tag fuhr Vater Gemüse in die Stadt und wurde von allen möglichen Leuten angesprochen, was sein Sohn denn ausgefressen hätte, da er ja mehrmals in den vergangenen Tagen im Schlepptau von einem wütenden Polizisten ins Magistratsgebäude musste.

Sergeant Venter und ich waren noch lange Stadtgespräch und -gelächter.

3. Kapitel

Farmleben auf Krumhuk

Nach der Schulzeit blieb ich vorerst auf der Kleinsiedlung und half Vater. Er hatte als gelernter Schlosser viele Aufträge in der Nachbarschaft. Ich erhielt dadurch viel Kenntnis über Motoren.

Pastor Schmidt kam ein bis zwei Mal wöchentlich zu uns. Er hatte Magenprobleme und sein Arzt hatte ihm verschrieben, viel Buttermilch zu trinken. Da wir selbst absahnten und butterten, hatten wir immer Buttermilch übrig. Manchmal lieferten wir sie auch direkt in der Kanzlei ab.

Bei einer dieser Ablieferungen sagte Pastor Schmidt, dass er ernsthaft mit mir sprechen wolle. Ich setzte mich also gespannt ihm gegenüber. „Bruno, du kannst melken, mit Vieh umgehen, du kannst Motoren reparieren und vieles mehr. Ich habe einen Vorschlag. Zufällig habe ich gehört, dass Herr Dieter Voigts von der Farm Krumhuk bei Windhoek einen Mitarbeiter sucht. Sie haben dort eine Rinderzucht mit Milchwirtschaft, auch eine kleine Schafherde und zur Farm gehört sogar das Hotel Aris und ein Store, wo die Leute aus der Umgebung einkaufen. Das wäre was für dich.“

Meine Eltern fanden den Vorschlag auch gut und der Pastor kontaktierte Herrn Voigts, der dann wollte, dass ich mich so schnell wie möglich auf den Weg nach Krumhuk machte. An dem darauffolgenden Sonntag ging ich das letzte Mal mit Billy angeln und traurig nahmen wir Abschied voneinander. Mutter organisierte mir die Wäsche, sie packte selbstgestrickte Strümpfe ein, dazu neue Arbeitskleidung, ein paar neue Hemden, Hosen und eine gute Jacke.

Nachdem ich mich am Vorabend von allen Nachbarn und von den Eltern verabschiedet hatte, brauste ich in aller Früh mit meinem Motorrad in eine mir bis dahin völlig fremde Gegend und in ein neues Leben. Die gesamte Strecke bestand aus Schotterpisten, trotzdem erreichte ich um zwei am Nachmittag die Hauptstadt Windhoek. Mit staubtrockener Kehle hielt ich beim Hansa-Hotel an und bei einem Bierchen an der Theke erkundigte ich mich nach dem Weg zum Hotel Aris.

Das Hotel lag einige Kilometer südlich von Windhoek und, dort angekommen, teilte mir der Geschäftsführer mit, dass ich an der Farm Krumhuk bereits vorbeigefahren sei und dass das Ehepaar Voigts gar nicht da sei, da sie auf ihrer Süden-Farm weilten, wo sie Schafe hielten. Der Verwalter sollte aber auf Krumhuk sein und mich empfangen. Ich machte mich sogleich auf den Weg, da es inzwischen schon später Nachmittag war und erreichte dann das schöne Steinhaus der Farm Krumhuk. Der Verwalter stand auf der Veranda und begrüßte mich. Er zeigte mir mein Zimmer, mit eigenem Bad und Toilette in einem der schönen, großen Nebengebäude. Er bat mich, zum Abendbrot ins Haupthaus zu kommen. Ich parkte mein Motorrad vor meinem Zimmer und packte meine Sachen ab. Dann ging ich rüber zum Haupthaus.

Katrina, die Köchin, servierte das Abendessen. Alles ging recht vornehm zu, was ich nicht gewohnt war. Der Verwalter erzählte, dass er aus persönlichen Gründen Krumhuk in einigen Tagen verlassen und nach Windhoek ziehen würde. Zum Abschluss des Mahls servierte Katrina jedem noch einen Teller Dickmilch, dazu eine große heiße Schokolade. Damit wir besser schlafen konnten, wie sie sagte. Als ich schließlich erschöpft ins Bett fiel, war ich voller Neugier auf den kommenden Tag.

Morgens, es war noch halb dunkel, war ich bereits aus den Federn. Alles war still. Ich lief über den Hof zu den Ställen. Außer vier Pferden, die dort standen, waren diese jedoch leer. Die Pferde beäugten mich neugierig und wunderten sich wohl, was der hier so früh machte. Ich lief zu den Garagen und sah mich auch hier um, plötzlich kam jemand um die Ecke: „Guten Morgen, Mister“, sagte Katrina, die Köchin, Kaffee ist gleich fertig.“ Sie sauste in die Küche und klapperte mit Geschirr.

Der Verwalter kam und schnauzte mit Katrina: „Was polterst du immer so laut rum? Guten Morgen, Bruno, Frühstück gibt es um halb acht.“ Zwei Arbeiter kamen, grüßten und gingen zu den Pferdeställen. Wir folgten ihnen und der Verwalter stellte mich als den neuen Mister vor, der seinen Platz bald einnehmen würde. Sie beäugten mich mit unergründlichem Blick und fuhren fort, zwei Pferde zu satteln, stiegen auf und preschten davon. Der Verwalter erklärte mir, dass sie die Milchkühe zum Melken vom Feld hertreiben würden. Es dauerte nicht lange und der ganze Farmhof war voller Leben. Die Kälber waren über Nacht im Gehege oder „Kraal“, wie wir sagten, gewesen. Auch sie fingen nun an zu blöken, um ihre Mütter zu rufen. Ich kannte das von zu Hause nicht, da wir die Kälber nicht bei den Kühen saugen ließen, sondern ihnen aus Eimern Milch gaben. Mir war klar, dass ich noch viel lernen und auch umlernen musste. Nach einem Rundgang gingen wir ins Haus und frühstückten erst einmal reichlich.

Mit riesigem Gemuhe waren inzwischen auch die Milchkühe aufgetaucht, dazu alle anderen Arbeiter. Ich war überrascht, wie hier gemolken wurde. Vier Kühe kamen in den „Melkkraal“ zu den Kälbern. Diese rannten gleich auf ihre Mütter zu und begannen, an den Eutern zu saugen. Zur gleichen Zeit wurden bei den Kühen die Hinterbeine mit einem Riemen zusammengebunden. Dann gab der Melker dem Kalb mit einem Stock einen Klaps auf die Nase, so dass es vom Euter abließ. Nun konnte er mit dem Melken beginnen. Nachdem in etwa das halbe Euter ausgemolken war, wurde dies wieder dem Kalb überlassen, damit es sich satt trinken konnte. Ich konnte beobachten, dass die Kälber von Kühen, die sich nur schwer hantieren ließen, fetter und runder waren, da sie am Ende immer mehr Milch abbekamen als diejenigen von Kühen, die sich problemlos melken ließen.

Dann fuhren wir zum Viehposten und sahen nach der Wasseranlage. Hier standen ein Windmotor und ein Dieselmotor. Wenn kein oder zu wenig Wind wehte, musste mit Dieselmotor und Pumpenbock gepumpt werden, was wohl ziemlich oft vorkam. Nachdem wir noch weitere Teile der Farm abgefahren waren, kamen wir gegen Mittag wieder zum Farmhaus zurück. Krumhuk war wunderschön gelegen, die Landschaft war teils leicht hügelig, teils auch richtig gebirgig mit schönen Ausblicken in die weiten Täler der Dornbuschsavanne. Es standen viele alte, knorrige Kameldorn-Bäume an den kleinen Trockenfluss-Läufen, die sich überall ihren Weg in die Ebene suchten.

Inzwischen war es halb zwölf und die Melker waren nun fertig mit dem Melken der vielen Kühe. Wenn die Milch abgekühlt war und in Kannen abgeseiht, wurde sie in den großen Kühlraum gestellt. Gegen zwei Uhr wurde die Milch dann von einem Kühlwagen abgeholt und zur Molkerei nach Windhoek gebracht.

Am Nachmittag fuhren wir wieder hinaus zu einem anderen Posten, wo Arbeiter damit beschäftigt waren, Draht für einen neuen Zaun zu spannen. Diese Arbeiten mussten kontrolliert werden und schon war der erste aufregende Tag vorbei und es wurde Abend. Ich war sehr angetan von meinem neuen Arbeitsplatz – Krumhuk war gut organisiert und eine richtige Vorzeigefarm.

Der zweite Morgen war dann meine Generalprobe als neuer Verwalter. Dieser war nämlich bereits im Dunkeln nach Windhoek gefahren, weil er dort wichtige Besorgungen zu erledigen hatte. Als ich zu Arbeitsbeginn in den Kraal kam, waren nur zwei Melker anwesend. Der Vorarbeiter aus Rehoboth erzählte mir, mit einem Grinsen im Gesicht: „Mister, heute Probleme, zwei Melker sind nicht da. Der eine krank und anderer weiß ich nicht.“

Ich überlegte kurz und sagte dann: „Hör zu, Petrus, du spannst die Kühe und bringst die Kälber raus und ich melke.“

„Ei, Mister, denkst du, das geht?“

„Los, fang an!“, befahl ich und Petrus brachte die erste Kuh.

Die beiden glotzten erstaunt, dass ein Weißer so gut und schnell melken konnte und das sprach sich wie ein Lauffeuer herum. Katrina kam aus der Küche und brachte mir in einer Thermoskanne den Kaffee und ein paar Schnitten Brot. „Atata, Mister, du melkst besser als die ganze faule Bande zusammen!“, sagte sie und ging strahlend zurück zur Küche. Sogar der „Weiß nicht“-Melker eilte plötzlich doch noch zur Arbeit, um sich das Schauspiel anzuschauen. Ich schickte ihn zurück nach Hause und sagte: „Du ruhst dich besser noch aus heute und kommst erst morgen wieder. Dieser Tag wird dir aber vom Lohn abgezogen!“

An dem Tag waren wir eine ganze Stunde früher fertig als am Vortag und mehr Milch hatten wir auch noch in den Kannen. Als der Verwalter mittags aus Windhoek zurückkam, nahm er mich schmunzelnd zur Seite und sagte: „Nun hast du einen Vorsprung, Katrina hat mir vom Melken erzählt und hat gesagt, alles ging so gut, dass man mich hier gar nicht mehr brauchen würde.“

In den nächsten Tagen war es meine Aufgabe, den Melkbetrieb zu beaufsichtigen. Meist packte ich mit an, da es mir bis zum heutigen Tag schwerfällt anderen beim Arbeiten nur zuzusehen. Gerade melkte ich eine der schönsten Friesenkühe, die besonders viel Milch gab, als ich hörte, wie der Vorarbeiter am Tor mit jemandem sprach: „Ja, Mister, wir haben neuen Melkjungen eingestellt und der kann das viel besser als wir.“

Ich melkte die Kuh fertig, goss die Milch in die Kanne und stellte mich dann meinem neuen Arbeitgeber, Herrn Dieter Voigts, vor.

Wir gingen zum Haus, wo ich mich auch Frau Ursula vorstellte, die bereits von Katrina alles von dem neuen, komischen Mister berichtet bekommen hatte. Natürlich hatte sie dabei maßlos übertrieben.

Herr Dieter brachte mir als Erstes bei, wie man die Jungbullen kastrieren und die Schaffelle richtig aufspannen musste. An dem einen Viehposten weideten zu der Zeit fünfhundert schwarze Karakulschafe. Die Lammfelle waren für die Pelzindustrie bestimmt und mussten sorgfältig behandelt werden, damit sie vor der Verarbeitung keinen Schaden nahmen. Diese Felle waren das Gold des Südens. Viele Groß-Schaffarmer wurden richtig reich mit der Produktion dieser wertvollen Lammfelle.

Nur das Schlachten habe ich nie richtig gelernt. Es widerstrebte mir ein Leben lang, auch das Verarbeiten der geschlachteten Tiere fiel mir immer schwer und ich drückte mich davor, wenn ich nur irgendwie konnte.

Manchmal fragte ich mich, warum Herr Dieter eigentlich nicht Tierarzt geworden war, so wie er die Tiere auf Krumhuk medizinisch versorgte. Er konnte operieren, holte zum Beispiel auch mal Drahtstücke aus zwei Rindermägen, die die Tiere beim schnellen Fressen aus Versehen verschluckt hatten. Er impfte und spritzte wie ein Spezialist. Ich guckte mir viel ab bei ihm und er brachte mir eine Menge über Tiermedizin bei.

Ich hatte dann auch alle Pumpmotoren auf der gesamten Farm gewartet, mit neuem Öl versorgt und teilweise repariert, so wie den alten Lister-Motor beim äußeren Aris-Posten. Petrus staunte, dass der neue Mister, neben dem Melken, dies auch noch alles konnte. So ging er davon aus, dass ich auch mit Sicherheit gut reiten könne: „Mister Bruno, nächste Woche müssen wir das Vieh zusammentreiben. Du musst mit uns reiten.“ Nun steckte ich in der Klemme, wollte mir keine Blöße geben und sagte zaghaft: „Ja, ja, natürlich …“ Auf dem Esel war ich bereits bei Onkel Gustav geritten, fiel dabei viele Male runter, lernte dann aber mich ganz gut zu halten. Einmal war ich mit einer Siedlertochter nach Brockenfels geritten, aber das war sehr lange her. Was sollte ich nur tun? Auch meinem Chef, Herrn Dieter, mochte ich nichts sagen. In meiner Not wandte ich mich an Frau Ursula. „Das bekommen wir schon hin, Bruno, machen Sie sich keine Sorgen.“

Am Abend vor dem Viehtrieb brachte man alle Pferde, die zu reiten waren, in den Stall. Frau Ursula rief Petrus zu sich und sagte: „Petrus, meinen Fuchs darf ja niemand außer mir reiten, aber du weißt doch, dass ich zurzeit nicht reiten darf. Bringe ihn bitte in einen separaten Stall, Mister Bruno wird ihn morgen reiten beim Viehtrieb. Der Fuchs muss auch mal bewegt werden.“

Als der Fuchs dann im Stall stand, rief Frau Ursula mich. Es war ein prächtiges Pferd. Er kam sofort schnaubend zu Frau Ursula angetrabt, sie stellte mich „Fuchs“, der tatsächlich auch so hieß, vor und ich gab ihm eine Extraportion Hafer. Dann zeigte sie mir, wie ich ihn zu putzen hatte und gab mir noch weitere Ratschläge. Am nächsten Morgen trafen wir uns zeitig vor allen anderen in der Küche und gingen gleich darauf in den Stall. Fuchs wieherte freudig, als wenn er sich auf den Tag mit dem Viehtrieb freute. Frau Ursula legte das Geschirr an und gab mir den Sattel von Herrn Dieter. Ihr Sattel war speziell für sie angefertigt und den durfte kein anderer benutzen. Fuchs wurde gesattelt und ich musste aufsitzen. Angesichts meiner Unbeholfenheit konnte Frau Ursula dann doch ein Schmunzeln nicht verkneifen. Aber ich war oben und Fuchs spitzte die Ohren. So ritt ich in früher Dämmerung über den Hof, Trab, Galopp und wieder Schritt, dann alles nochmal und nochmal. Dann wieder zurück in den Stall. Keiner hatte etwas bemerkt, auch Herr Dieter nicht.

Die geschwätzige Katrina kam erst, als ich bereits wieder abgesattelt hatte. Alle trafen sich zu einem frühen Frühstück. Die Pferde wurden gesattelt und als keiner auf mich achtete, saß ich schnell auf und dann ging es los zu den Posten. Die Rinder wurden von den verschiedenen Weiden in die Kraale an den Posten getrieben. Zum Glück kannte Fuchs die Arbeit, ich brauchte nicht viel zu tun, außer darauf zu achten, dass ich den Anschluss nicht verpasste und nicht runterfiel. Gegen zwölf am Mittag machten wir bei einem Posten Rast. Es wurde abgesattelt und Herr Dieter brachte uns mit dem Auto Essen und Tee. Nach einer Stunde Rast ging es weiter, bis wir erschöpft am Abend zu Hause ankamen. Fuchs bekam von mir Extrahafer und trockene Luzerne. Das hatte er sich wahrlich verdient, nachdem er es mit mir den ganzen Tag über ausgehalten hatte.

Insgesamt dauerte der Viehtrieb vier Tage, da wir in Aris und auch auf der benachbarten Farm Mittelhof, die ebenfalls zum Familienbesitz gehörte, die Rinder zählen und sortieren mussten. Herr Dieter hatte einen sehr durchdachten und gut organisierten Betrieb.

In der nächsten Woche kam ein Herr Schwermer mit seiner Frau aus Deutschland zu Besuch. Er hatte mal vor dem Krieg, Ende der dreißiger Jahre, auf Krumhuk gearbeitet. Zur Kaiserzeit war er kaiserlicher Rittmeister gewesen und inzwischen ein älterer, aber immer noch sehr stattlicher Herr. Petrus hatte mir bereits von diesem großen Herrn erzählt, der auf wundersame Weise mit Pferden umgehen konnte und, wie er sagte, den Tieren sogar das Tanzen beibringen konnte.

Inzwischen ritt ich auch mit den anderen Pferden von Krumhuk, suchte mir aber immer die fügsamsten aus und verwöhnte diese dann heimlich mit Sonderrationen Futter und Streicheleinheiten. Selten noch fuhr ich mit dem Laster zu den Posten, außer wenn Reparaturen gemacht oder Futter und Salz gefahren werden mussten. Es gab auch eine schöne Pferdekutsche mit zwei ausgebildeten Kutschpferden. Mit der Kutsche fuhren wir dann regelmäßig nach Aris zum Hotel und zum Laden dort, um einzukaufen und die Post zu holen.

Als ich eines Tages zum Posten wollte und an der Veranda des Haupthauses vorbeikam, stand Herr Rittmeister Schwermer dort. Ich ritt ganz stolz vorbei und grüßte höflich. Als ich zwei Stunden später zurückkehrte, ließ er mich wissen, dass er mich sprechen wollte.

Er fragte: „Sag mal, Junge, willst du richtig reiten lernen und lernen, etwas von Pferden zu verstehen?“

Ganz kleinlaut stammelte ich: „A … aber ich kann doch reiten, zumindest bilde ich mir das ein.“

„Ja, ja, die Antwort habe ich erwartet, aber so wie ihr hier alle reitet und mit Pferden umgeht, das ist katastrophal.“

„Also, wenn das so ist und ich genügend Zeit dafür von der Arbeit freimachen kann, will ich das gerne lernen“, sagte ich. Ich wusste ja nicht, was auf mich zukommen würde.

Darmowy fragment się skończył.

Gatunki i tagi

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0+
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247 str. 13 ilustracji
ISBN:
9783991311508
Właściciel praw:
Bookwire
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